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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Zauberberg - Zweiter Band - -Author: Thomas Mann - -Release Date: June 21, 2021 [eBook #65662] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG *** - - Thomas Mann - - Gesammelte Werke - - - 1924 - S. Fischer / Verlag / Berlin - - Thomas Mann - - - - - Der Zauberberg - - - Roman - - Zweiter Band - - - 1924 - S. Fischer / Verlag / Berlin - - - Erste bis zehnte Auflage - Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung - Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin - - - - - Der Zauberberg - - - - - Sechstes Kapitel - - - Veränderungen - -Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig. Eine -Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt -dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, -wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur! -Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide -identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale -Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt -ist nicht damals, hier nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung. -Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich -selber beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man -fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; denn das -Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier. Da ferner -eine endliche Zeit und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten -Anstrengung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich -entschlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der -Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas -besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und Unendlichen -die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten und Endlichen, -seine verhältnismäßige Reduzierung auf null? Ist im Ewigen ein -Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen -sich mit den Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie -Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter -Körper im All? Das frage du nur immerhin! - -Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich bei seiner -Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und Quengeleien sich -aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme, aber gewaltige Lust, -die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders dafür geschärft und zum -Querulieren dreist gemacht worden war. Er fragte sich selbst danach und -den guten Joachim und das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal, -obgleich er ja von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort -ähnliches zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am -wenigsten. Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil er -keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur Teilnahme daran -fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans Castorp es eines Abends auf -französisch gesagt hatte, an nichts dachte als daran, im Flachlande -Soldat zu sein und mit der bald sich nähernden, bald foppend wieder ins -Weite schwindenden Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten -Kampfe lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings -geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz auf -Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen -Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“, jenes -Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium drunten, oder dem „Labor“, -wie man gewöhnlich sagte, der Grad erkundet und bezeichnet wurde, in -welchem ein Patient mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz -vereinzelt oder unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe -sich vorfanden, das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf diese -eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die -Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; die Zahl der -Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu verweilen haben, war -unschwer danach zu bestimmen, angefangen von der halbjährigen -Stippvisite bis hinauf zu dem Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich -genommen oft genug nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die -Gaffky-Skala denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer -Autorität den Glauben, – nicht _ganz_ offen, nicht gerade gegen die -Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. „Ich habe es -satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“, sagte er laut, und -das Blut stieg ihm in das tief gebräunte Gesicht. „Vor vierzehn Tagen -hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, die besten Aussichten, und heute -Nr. 9, bevölkert geradezu, von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll -doch der Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht -zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer -Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein Agent hat ihn -hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend bei ihm, -jeden Tag kann man den Exitus erwarten, aber nie im Leben hat der Mann -Bazillen im Sputum gehabt. Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der -gesund abging, als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so -gewimmelt hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine -Kaverne gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache Schluß, ich -reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So Joachim; und alle waren -schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten jungen Menschen in solchem -Aufruhr zu sehen. Hans Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung, -er werde alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse -Äußerungen zu denken, die er auf französisch von dritter Seite -vernommen. Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene -Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim wirklich -ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern sich in Demut zu -schicken und sich ein Beispiel an der Treue zu nehmen, mit welcher sie, -Karoline, hier oben ausharre und es sich willenszäh versage, in ihrem -Heim zu Cannstatt als Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst -ihrem Mann ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person -zurückzuerstatten? Nein, das mochte Hans Castorp denn doch nicht, zumal -er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes Gewissen hatte, – -das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie -nicht sprachen, wovon Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat, -Desertion und Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar -runder brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein -Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausgesetzt war, -vor denen er aber streng und anständig seine Augen auf den Teller -niederschlug ... Ja, noch in dem stillen Widerstreben, mit dem Joachim -seinen Spekulationen und Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte -Hans Castorp etwas von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen -Vorwurf für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das -dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von seinem -vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen Fragen -richtete, so standen seine Zinken, Kuppen, Wandlinien und -braun-grün-rötlichen Wälder schweigend in der Zeit, umwoben von still -fließender Erdenzeit bald leuchtend im tiefen Himmelsblau, bald -qualmverhüllt, bald rötlich angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne, -bald diamanthart glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee, -seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten, und -alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht mehr sehen, er widere -sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen in dieser Richtung genügt, -aber nun Schneemassen tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster, -Schneehänge, das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt. -Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl auch um -die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz. - -Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit sieben! Die Zeit -schreitet fort, während wir erzählen, – _unsere_ Zeit, die wir dieser -Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene Zeit Hans Castorps und -seiner Schicksalsgenossen dort oben im Schnee, und sie zeitigt -Veränderungen. Alles war auf dem besten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans -Castorp es am Faschingstage auf dem Heimwege von „Platz“ zum Zorne Herrn -Settembrinis mit raschen Worten vorweggenommen hatte: nicht gerade, daß -schon die Sonnenwende in unmittelbarer Aussicht gewesen wäre, aber -Ostern war durch das weiße Tal gezogen, der April schritt vor, der Blick -auf Pfingsten war frei, bald würde der Frühling anbrechen, die -Schneeschmelze, – nicht aller Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern -im Süden, in den Felsschründen der Rätikonkette im Norden blieb immerdar -welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermonatlich -einfallen, aber nicht liegen bleiben würde; doch unbedingt verhieß die -Umwälzung des Jahres entscheidende Neuerungen binnen kurzem, denn seit -jener Fastnacht, in der Hans Castorp sich von Frau Chauchat einen -Bleistift geliehen, ihr später denselben auch wieder zurückgegeben und -auf Wunsch etwas anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe, -die er in der Tasche trug, waren nun schon sechs Wochen verflossen, – -doppelt so viele, als Hans Castorp ursprünglich hatte hier oben bleiben -wollen. - -Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans Castorp die -Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte und dann so viel später -auf sein Zimmer zurückgekehrt war, als der dienstfromme Joachim auf das -seine; sechs Wochen seit dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise -gebracht hatte, ihre Abreise für diesmal, ihre _vorläufige_ Abreise nach -Daghestan, ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese Abreise -vorläufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle, daß Frau -Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, – unbestimmt wann, aber daß sie -einmal wiederkommen wolle oder auch müsse, des besaß Hans Castorp -Versicherungen, direkte und mündliche, die nicht in dem mitgeteilten -fremdsprachigen Dialog gefallen waren, sondern folglich in die -unsererseits wortlose Zwischenzeit, während welcher wir den -zeitgebundenen Fluß unserer Erzählung unterbrochen und nur sie, die -reine Zeit, haben walten lassen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene -Versicherungen und tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34 -zurückgekehrt war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort mehr mit -Frau Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal von weitem -gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem Tuchrock und weißer -Wolljacke, unter dem Schmettern der Glastür und lieblich schleichend -noch einmal zu Tische gegangen war, wobei ihm das Herz im Halse -geschlagen und nur die scharfe Bewachung, die Fräulein Engelhart ihm -zugewandt, ihn gehindert hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken; -– und dann nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich -beigewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus, das den Blick -auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte. - -Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn während seines -Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich hatte abspielen sehen: der -Schlitten oder Wagen hielt an der Rampe, Kutscher und Hausknecht -schnürten die Koffer auf, Sanatoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen -oder nicht, um zu leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland -antrat, oder auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis -auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal; ein Herr im -Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar die Ärzte stellten sich -ein, und dann kam der Abreisende heraus, – strahlenden Angesichtes meist -und huldvoll die neugierig Umstehenden und Zurückbleibenden grüßend, -mächtig belebt für den Augenblick durch das Abenteuer ... Diesmal nun -war es Frau Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd, den Arm -voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem Reisemantel und -großem Hut, begleitet von Herrn Buligin, ihrem konkaven Landsmann, der -ein Stück Weges mit ihr reiste. Auch sie schien freudig erregt, wie -jeder Abreisende es war, – nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig -davon, ob man mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus -verzweifeltem Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen -den Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte -beständig, wahrscheinlich auf russisch, während man ihre Knie mit einer -Pelzdecke umwickelte ... Nicht nur Frau Chauchats Landsleute und -Tischgenossen, sondern auch zahlreiche andere Gäste waren zur Stelle -gewesen, Dr. Krokowski hatte kernig lächelnd seine gelben Zähne im Barte -gezeigt, noch mehr Blumen hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt, -„Konfäktchen“, wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische Marmelade, -gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der Mannheimer, – dieser -in einiger Entfernung, trübe spähend, und seine leidvollen Augen waren -am Hause emporgeglitten, wo sie Hans Castorp am Korridorfenster gewahrt -und trübe auf ihm verweilt hatten ... Hofrat Behrens hatte sich nicht -gezeigt; offenbar hatte er sich von der Reisenden schon bei anderer, -privater Gelegenheit verabschiedet ... Dann hatten unter dem Winken und -Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch Frau Chauchats -schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbewegung des Schlittens -ein Zurücksinken ihres Oberkörpers gegen das Polster bewirkt hatte, noch -einmal lächelnd die Front des Berghof-Hauses überflogen und während des -Bruchteils einer Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt ... Bleich -war der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine Loggia, um den -Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen, der mit Geklingel die -Anfahrtstraße hinab gegen „Dorf“ hingeglitten war, hatte sich dann in -seinen Stuhl geworfen und aus der Brusttasche die Erinnerungsgabe -gezogen, das Pfand, das diesmal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln, -sondern in einem dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand, die -man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu finden, – Clawdias -Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber das zarte Gebein ihres -Oberkörpers, von den weichen Formen des Fleisches licht und geisterhaft -umgeben, nebst den Organen der Brusthöhle erkennen ließ ... - -Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in der Zeit, -die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung gezeitigt hatte! -Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier oben in räumlich weiter -Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte sie gezeitigt, und zwar geschwinder, -als man hätte denken sollen: die hiesige Zeit war ja besonders danach -geartet und außerdem zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen, -wenn auch nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der -klirrende Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war nicht -mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in ungeheuerer -Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen, – eine -Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit auf ähnliche Art -vermengt und verbunden war wie die Zeit mit den Körpern im Raum: -vielleicht _war_ das ihre Krankheit, und nichts weiter ... Aber war sie -unsichtbar-abwesend, so war sie doch zugleich auch unsichtbar-anwesend -für Hans Castorps Sinn, – der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in -ausschreitungsvoll süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein -friedliches kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen -hatte, und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun Monaten -so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug. - -In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder Sprache und in der -angeborenen so manches Ausschreitungsvolle halb unbewußt und halb -erstickt gestammelt: Vorschläge, Anerbietungen, tolle Entwürfe und -Willensvorsätze, denen alle Billigung mit Fug und Recht versagt -geblieben war, – so, daß er den Genius über den Kaukasus begleiten, ihm -nachreisen, ihn an dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich -zum nächsten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals -mehr von ihm zu trennen, und andere Unverantwortlichkeiten mehr. Was der -schlichte junge Mann mitgenommen hatte aus dieser Stunde tiefen -Abenteuers, war eben nur das Schattenpfand gewesen und die dem Range des -Wahrscheinlichen sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem -vierten Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später, wie -die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde. Aber ob früher oder -später, – Hans Castorp, so hatte es auch beim Abschied wieder geheißen, -werde dann unbedingt „längst weit fort“ sein; und der geringschätzige -Sinn dieser Prophezeiung wäre noch schwerer erträglich gewesen, wenn man -nicht hätte bedenken können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden, -damit sie eintreten, sondern damit sie _nicht_ eintreten, gleichsam im -Sinn der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen die Zukunft, indem -sie ihr sagen, wie sie sich gestalten werde, damit sie sich schäme, sich -wirklich so zu gestalten. Und wenn der Genius ihn, Hans Castorp, im -Laufe des mitgeteilten Gesprächs und außerhalb seiner einen „_joli -bourgeois au petit endroit humide_“ genannt hatte, was etwas wie die -Übersetzung der Redensart Settembrinis vom „Sorgenkind des Lebens“ -gewesen war, so fragte es sich eben, welcher Bestandteil dieser -Wesensmischung sich als stärker erweisen würde: der bourgeois oder das -andere ... Auch hatte der Genius nicht in Betracht gezogen, daß er -selbst ja verschiedentlich abgereist und wiedergekommen war, und daß -auch Hans Castorp im rechten Augenblick würde wiederkommen können, – -obgleich er ja freilich überhaupt nur deshalb noch immer hier oben saß, -damit er _nicht_ wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie bei -so vielen, der Sinn seines Verweilens. - -_Eine_ spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war eingetroffen: Hans -Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, in steiler Zacke, die -er mit einem Gefühl von Festlichkeit eingezeichnet, war seine Kurve -damals emporgestiegen und, nach einigem Absinken, als Hochplateau -fortgelaufen, das sich, nur leicht gewellt, dauernd über der Ebene des -bisher Gewohnten hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und -Hartnäckigkeit nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund in keinem -rechten Verhältnis stand. „Sind eben doch vergifteter, als man Ihnen -zutrauen sollte, Freundchen“, sagte er. „Na, greifen wir mal zu den -Injektionen! Das wird Ihnen anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie -wie der Fisch im Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht.“ So kam -es, daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch und Sonnabend -gleich nach der Morgenmotion, sich im „Labor“ drunten einzufinden hatte, -um seine Einspritzung entgegenzunehmen. - -Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald jener, aber -der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, indem er beim Einstich -zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte er sich nicht um die Stelle, wohin -er stach, so daß der Schmerz zuweilen des Teufels war und der Punkt noch -lange brennend verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark -angreifend auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie -eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr -innewohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmittelbar, -für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: so hatte der Hofrat es -vorausgesagt, und so geschah es denn auch, gesetzmäßig und ohne daß es -an der vorausgesagten Erscheinung etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur -war rasch abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen -hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des Schenkels oder -Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat sich eben aufgelegt und vom -Tabak nicht getrübt zeigte, kam es anläßlich der Injektion doch zu einem -kleinen Gespräch mit ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken -wußte: - -„Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde damals bei -Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, wie sich das zufällig so -machte. Gerade noch gestern, oder ist es schon etwas länger her, habe -ich meinen Vetter daran erinnert ...“ - -„Gaffky sieben“, sagte der Hofrat. „Letztes Ergebnis. Der Junge will und -will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei hat er mich noch nie so -getirrt und geplagt wie neuerdings, daß er weg will und einen -Schleppsäbel haben, der Kindskopf. Zetert mir über seine fünf -Vierteljährchen vor, als ob es Äonen wären, die er sich um die Ohren -geschlagen. Weg will er, so oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie -sollten ihm mal ins Gewissen reden, von Ihnen aus, und das mit -Nachdruck! Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig -Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser -braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der Gesetztere, -der Zivilist, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten ihm den Kopf -zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.“ - -„Tu ich, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp, ohne die Führung fahren -zu lassen. „Tu ich öfters, wenn er so aufmuckt, und denke ja auch, er -wird Räson annehmen. Aber die Beispiele, die man vor Augen hat, sind ja -nicht immer die besten, das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen -vor, – Abreisen ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis, -aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und hat -was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel neulich ... -wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame, vom Guten Russentisch, -Madame Chauchat. Nach Daghestan, wie erzählt wurde. Nun, Daghestan, ich -kenne das Klima nicht, es ist am Ende weniger ungünstig als oben am -Wasser. Aber Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht -auch gebirgig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so -beschlagen. Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo die -Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung hier oben weiß und -wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? Übrigens will sie ja -ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich mitgeteilt, – wie kamen -wir überhaupt auf sie? – Ja, damals trafen wir Sie im Garten, Herr -Hofrat, wenn Sie sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen -auf einer Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt’ ich sie Ihnen -bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich rauchte, -denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. Und Sie rauchten -auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig noch unsere Marken, wie -mir eben wieder einfällt, – Ihre Brasil hat mir ausgezeichnet -geschmeckt, aber man muß damit umgehen wie mit jungen Pferden, glaub -ich, sonst stößt einem was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen -Importen, als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es gut -gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini hab ich mir übrigens -neulich wieder einmal ein paar hundert Stück aus Bremen verschrieben, -ich hänge doch sehr an dem Erzeugnis, es ist mir nach jeder Richtung -sympathisch. Nur allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist -ziemlich empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches -zulegen, Herr Hofrat, so bin ich imstande und bekehre mich schließlich -zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den Fenstern ganz schöne Sachen. -Und dann durften wir Ihre Bilder sehen, ich weiß es wie heute und hatte -den größten Genuß davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der -Ölfarbe riskieren, ich würd es mich nie unterstehen. Da sahen wir ja -auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig gemalten Haut, – ich -darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte ich das Modell noch -nicht, nur vom Ansehen, dem Namen nach. Seitdem, ganz kurz vor ihrer -diesmaligen Abreise, habe ich sie ja noch persönlich kennen gelernt.“ - -„Was Sie sagen!“ erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die Rückbeziehung -erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp ihm vor seiner -ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens auch etwas Fieber habe. -Und weiter sagte er nichts. - -„Doch, ja, das habe ich“, bestätigte Hans Castorp. „Erfahrungsgemäß ist -es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften zu machen, aber mit -Frau Chauchat und mir hat es sich in letzter Stunde doch noch getroffen -und arrangiert, gesprächsweise sind wir uns ...“ Hans Castorp zog die -Luft durch die Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. „Fff!“ machte -er rückwärts. „Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den Sie da -zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es schmerzt -höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die Sache ... -Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen.“ - -„So! – Na?“ machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend, mit jemandes -Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet und in die Frage zugleich -die Bestätigung des zu erwartenden Lobes aus eigener Erfahrung legt. - -„Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas gehapert hat“, wich -Hans Castorp aus. „Woher soll ichs am Ende auch haben. Aber im rechten -Augenblick fliegt einen ja manches an, und so ging es denn mit der -Verständigung doch ganz leidlich.“ - -„Glaub’ ich. Na?“ wiederholte der Hofrat seine Aufforderung. Von sich -aus fügte er hinzu: „Niedlich, was?“ - -Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit gespreizten Beinen und -Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt. - -„Es ist am Ende nichts Neues“, sagte er. „An einem Badeort leben zwei -Personen oder auch Familien wochenlang unter demselben Dach, in Distanz. -Eines Tages machen sie Bekanntschaft, finden aufrichtiges Gefallen -aneinander, und zugleich stellt sich heraus, daß der eine Teil im -Begriffe ist, abzureisen. So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir -denken. Und da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im Leben, -voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau Chauchat ...“ - -„Tja, die will wohl nicht?“ lachte der Hofrat gemütlich. - -„Nein, sie wollte nichts davon wissen. Schreibt sie Ihnen denn auch nie -zwischendurch, von ihren Aufenthaltsorten?“ - -„I, Gott bewahre“, antwortete Behrens. „Das fällt doch der nicht ein. -Erstens aus Faulheit nicht, und dann, wie soll sie denn schreiben? -Russisch kann ich nicht lesen, – ich kauderwelsche es wohl mal, wenn Not -an den Mann kommt, aber lesen kann ich kein Wort. Und Sie doch auch -nicht. Na, und Französisch oder auch Neuhochdeutsch miaut das Kätzchen -ja allerliebst, aber schreiben, – da käme sie in die größte -Verlegenheit. Die Orthographie, lieber Freund! Nein, da müssen wir uns -schon trösten, mein Junge. Sie kommt ja immer mal wieder, von Zeit zu -Zeit. Frage der Technik, Temperamentssache, wie gesagt. Der eine hält -dann und wann Abreise und muß immer wiederkommen, und der andere bleibt -gleich so lange, daß er nie wiederzukommen braucht. Wenn Ihr Vetter -jetzt abreist, das sagen Sie ihm nur, so kann es leicht sein, daß Sie -seinen solennen Wiedereinzug noch hier erleben.“ - -„Aber Herr Hofrat, wie lange meinen Sie denn, daß ich ...“ - -„Daß Sie? Daß er! Daß er nicht so lange untenbleiben wird, wie er hier -oben war. Das meine ich für meine treuherzige Person, und das ist mein -Auftrag an Sie für ihn, wenn Sie so freundlich sein wollen.“ - -Ähnlich mochte wohl so ein Gespräch verlaufen, pfiffig gelenkt von Hans -Castorp, wenn das Ergebnis auch nichtig bis zweideutig gewesen war. Denn -was das betraf, wie lange man bleiben müsse, um die Wiederkehr eines vor -der Zeit Abgereisten zu erleben, war es zweideutig gewesen, in Hinsicht -auf die Entschwundene aber gleich null. Hans Castorp würde nichts von -ihr hören, solange das Geheimnis von Raum und Zeit sie trennte; sie -würde nicht schreiben, und auch ihm würde keine Gelegenheit gegeben -sein, es zu tun ... Warum denn auch übrigens, hätte es sich anders -verhalten sollen, wenn er es wohl überlegte? War es nicht eine recht -bürgerliche und pedantische Vorstellung von ihm gewesen, daß sie -einander schreiben müßten, während ihm doch ehemals zumute gewesen war, -als sei es nicht einmal nötig oder nur wünschenswert, daß sie -miteinander _sprächen_? Und hatte er denn auch etwa mit ihr -„gesprochen“, im Sinne des gebildeten Abendlandes, an ihrer Seite am -Faschingsabend, oder nicht vielmehr fremdsprachig im Traum geredet, auf -wenig zivilisierte Weise? Wozu denn also nun schreiben, auf Briefpapier -oder Ansichtskarten, wie er sie manchmal nach Hause ins Flachland -richtete, um über die Schwankungen der Untersuchungsergebnisse zu -berichten? Hatte Clawdia nicht recht, sich vom Schreiben entbunden zu -fühlen, kraft der Freiheit, welche die Krankheit ihr gab? Sprechen, -schreiben, – eine hervorragend humanistisch-republikanische -Angelegenheit in der Tat, Angelegenheit des Herrn Brunetto Latini, der -das Buch von den Tugenden und Lastern schrieb und den Florentinern -Schliff gab, sie das Sprechen lehrte und die Kunst, ihre Republik nach -den Regeln der Politik zu lenken ... - -Damit fielen Hans Castorps Gedanken denn auf Lodovico Settembrini, und -er errötete, wie er damals errötet war, als der Schriftsteller -unvermutet sein Krankenzimmer betreten hatte, unter plötzlicher -Erleuchtung desselben. An Herrn Settembrini hätte Hans Castorp ja -ebenfalls seine Fragen, die übersinnlichen Rätsel betreffend, richten -können, wenn auch nur im Sinne der Herausforderung und der Quengelei, -nicht in der Erwartung, von dem Humanisten, dessen Trachten den -irdischen Lebensinteressen galt, Antwort darauf zu erhalten. Aber seit -der Faschingsgeselligkeit und Settembrinis bewegtem Abgang aus dem -Klaviersalon waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener eine -Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des einen, sowie auf die -tiefe pädagogische Verstimmung des andern zurückzuführen war und dahin -wirkte, daß sie einander mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen -gewechselt wurde. War Hans Castorp noch ein „Sorgenkind des Lebens“ in -Herrn Settembrinis Augen? Nein, er war wohl ein Aufgegebener in den -Augen dessen, der die Moral in der Vernunft und der Tugend suchte ... -Und Hans Castorp verstockte sich gegen Herrn Settembrini, er zog die -Brauen zusammen und warf die Lippen auf, wenn sie einander begegneten, -während Herrn Settembrinis schwarz glänzender Blick mit schweigendem -Vorwurf auf ihm ruhte. Dennoch löste diese Verstocktheit sich sofort, -als der Literat nach Wochen, wie gesagt, zum erstenmal wieder das Wort -an ihn richtete, wenn auch nur im Vorüberstreifen und in Form -mythologischer Anspielungen, zu deren Verständnis abendländische Bildung -gehörte. Es war nach dem Diner; sie trafen in der nicht mehr zufallenden -Glastür zusammen. Settembrini sagte, den jungen Mann überholend und von -vornherein im Begriff, sich gleich wieder von ihm zu lösen: - -„Nun, Ingenieur, wie hat der Granatapfel gemundet?“ - -Hans Castorp lächelte erfreut und verwirrt. - -„Das heißt ... Wie meinen Sie, Herr Settembrini? Granatapfel? Es gab -doch keine? Ich habe nie im Leben ... Doch, einmal habe ich -Granatapfelsaft mit Selters getrunken. Es schmeckte zu süßlich.“ - -Der Italiener, schon vorüber, wandte den Kopf zurück und artikulierte: - -„Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich besucht und den -Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen wissen, daß, wer von den -Früchten ihres Reiches kostet, ihnen verfallen bleibt.“ - -Und er ging weiter, in seinen ewig hell gewürfelten Hosen, und ließ im -Rücken Hans Castorp, der „durchbohrt“ sein sollte von so viel Bedeutung -und es gewissermaßen auch war, obgleich er, ärgerlich erheitert über die -Zumutung, es zu sein, vor sich hin murmelte: - -„Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!“ - -Gleichwohl war er sehr glücklich bewegt über diese erste Anrede; denn -trotz der Trophäe, dem makabren Angebinde, das er auf dem Herzen trug, -hing er an Herrn Settembrini, legte großes Gewicht auf sein Dasein, und -der Gedanke, gänzlich und auf immer von ihm verworfen und aufgegeben zu -sein, wäre denn doch beschwerender und schrecklicher für seine Seele -gewesen, als das Gefühl des Knaben, der in der Schule nicht mehr in -Betracht gekommen war und die Vorteile der Schande genossen hatte, wie -Herr Albin ... Doch wagte er nicht, von seiner Seite das Wort an den -Mentor zu richten, und dieser ließ abermals Wochen vergehen, bis er sich -dem Sorgenzögling wieder einmal näherte. - -Das geschah, als auf den in ewig eintönigem Rhythmus anrollenden -Meereswogen der Zeit Ostern herangetrieben war und auf „Berghof“ -begangen wurde, wie man alle Etappen und Einschnitte dort aufmerksam -beging, um ein ungegliedertes Einerlei zu vermeiden. Beim ersten -Frühstück fand jeder Gast neben seinem Gedecke ein Veilchensträußchen, -beim zweiten Frühstück erhielt jedermann ein gefärbtes Ei, und die -festliche Mittagstafel war mit Häschen geschmückt aus Zucker und -Schokolade. - -„Haben Sie je eine Schiffsreise gemacht, Tenente, oder Sie, Ingenieur?“ -fragte Herr Settembrini, als er nach Tische in der Halle mit seinem -Zahnstocher an das Tischchen der Vettern herantrat ... Wie die Mehrzahl -der Gäste kürzten sie heute den Hauptliegedienst um eine Viertelstunde, -indem sie sich hier zu einem Kaffee mit Kognak niedergelassen hatten. -„Ich bin erinnert durch diese Häschen, diese gefärbten Eier an das Leben -auf so einem großen Dampfer, bei leerem Horizont seit Wochen, in -salziger Wüstenei, unter Umständen, deren vollkommene Bequemlichkeit -ihre Ungeheuerlichkeit nur oberflächlich vergessen läßt, während in den -tieferen Gegenden des Gemütes das Bewußtsein davon als ein geheimes -Grauen leise fortnagt ... Ich erkenne den Geist wieder, in dem man an -Bord einer solchen Arche die Feste der _terraferma_ pietätvoll andeutet. -Es ist das Gedenken von Außerweltlichen, empfindsame Erinnerung nach dem -Kalender ... Auf dem Festlande wäre heut Ostern, nicht wahr? Auf dem -Festlande begeht man heut Königs Geburtstag, – und wir tun es auch, so -gut wir können, wir sind auch Menschen ... Ist es nicht so?“ - -Die Vettern stimmten zu. Wahrhaftig, so sei es. Hans Castorp, gerührt -von der Anrede und vom schlechten Gewissen gespornt, lobte die Äußerung -in hohen Tönen, fand sie geistreich, vorzüglich und schriftstellerisch -und redete Herrn Settembrini aus allen Kräften nach dem Munde. Gewiß, -nur oberflächlich, ganz wie Herr Settembrini es so plastisch gesagt -habe, lasse der Komfort auf dem Ozean-Steamer die Umstände und ihre -Gewagtheit vergessen, und es liege, wenn er auf eigene Hand das -hinzufügen dürfe, sogar eine gewisse Frivolität und Herausforderung in -diesem vollendeten Komfort, etwas dem ähnliches, was die Alten Hybris -genannt hätten (sogar die Alten zitierte er aus Gefallsucht), oder -dergleichen, wie „Ich bin der König von Babylon!“, kurz Frevelhaftes. -Auf der anderen Seite aber involviere („involviere“!) der Luxus an Bord -doch auch einen großen Triumph des Menschengeistes und der Menschenehre, -– indem er diesen Luxus und Komfort auf die salzigen Schäume hinaustrage -und dort kühnlich aufrecht erhalte, setze der Mensch gleichsam den -Elementen den Fuß auf den Nacken, den wilden Gewalten, und das -involviere den Sieg der menschlichen Zivilisation über das Chaos, wenn -er auf eigene Hand diesen Ausdruck gebrauchen dürfe ... - -Herr Settembrini hörte ihm aufmerksam zu, die Füße gekreuzt und die Arme -ebenfalls, wobei er sich auf zierliche Art mit dem Zahnstocher den -geschwungenen Schnurrbart strich. - -„Es ist bemerkenswert“, sagte er. „Der Mensch tut keine nur einigermaßen -gesammelte Äußerung allgemeiner Natur, ohne sich ganz zu verraten, -unversehens sein ganzes Ich hineinzulegen, das Grundthema und Urproblem -seines Lebens irgendwie im Gleichnis darzustellen. So ist es Ihnen -soeben ergangen, Ingenieur. Was Sie da sagten, kam in der Tat aus dem -Grunde Ihrer Persönlichkeit, und auch den zeitlichen Zustand dieser -Persönlichkeit drückte es auf dichterische Weise aus: es ist immer noch -der Zustand des Experimentes ...“ - -„_Placet experiri!_“ sagte Hans Castorp nickend und lachend, mit -italienischem _c_. - -„_Sicuro_, – wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft der -Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit. Sie sprachen von -‚Hybris‘, Sie bedienten sich dieses Ausdrucks. Aber die Hybris der -Vernunft gegen die dunklen Gewalten ist höchste Menschlichkeit, und -beschwört sie die Rache neidischer Götter herauf, _per esempio_, indem -die Luxusarche scheitert und senkrecht in die Tiefe geht, so ist das ein -Untergang in Ehren. Auch die Tat des Prometheus war Hybris, und seine -Qual am skythischen Felsen gilt uns als heiligstes Martyrium. Wie steht -es dagegen um jene andere Hybris, um den Untergang im buhlerischen -Experiment mit den Mächten der Widervernunft und der Feindschaft gegen -das Menschengeschlecht? Hat das Ehre? Kann das Ehre haben? _Sì o no!_“ - -Hans Castorp rührte in seinem Täßchen, obgleich nichts mehr darin war. - -„Ingenieur, Ingenieur,“ sagte der Italiener mit dem Kopfe nickend, und -seine schwarzen Augen hatten sich sinnend „festgesehen“, „fürchten Sie -nicht den Wirbelsturm des zweiten Höllenkreises, der die Fleischessünder -prellt und schwenkt, die Unseligen, die die Vernunft der Lust zum Opfer -brachten? _Gran Dio_, wenn ich mir einbilde, wie Sie kopfüber, kopfunter -umhergepustet flattern werden, so möchte ich vor Kummer umfallen wie -eine Leiche fällt ...“ - -Sie lachten, froh, daß er scherzte und Poetisches redete. Aber -Settembrini setzte hinzu: - -„Am Faschingsabend beim Wein, Sie erinnern sich, Ingenieur, nahmen Sie -gewissermaßen Abschied von mir, doch, es war etwas dem ähnliches. Nun, -heute bin _ich_ an der Reihe. Wie Sie mich hier sehen, meine Herren, bin -ich im Begriff, Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich verlasse dies Haus.“ - -Beide verwunderten sich aufs höchste. - -„Nicht möglich! Das ist nur Scherz!“ rief Hans Castorp, wie er bei -anderer Gelegenheit auch gerufen hatte. Er war fast ebenso erschrocken -wie damals. Aber auch Settembrini erwiderte: - -„Durchaus nicht. Es ist, wie ich Ihnen sage. Und übrigens trifft Sie -diese Nachricht nicht unvorbereitet. Ich habe Ihnen erklärt, daß in dem -Augenblick, wo sich meine Hoffnung, in irgendwie absehbarer Zeit in die -Welt der Arbeit zurückkehren zu können, als unhaltbar erweisen werde, -ich hier meine Zelte abzubrechen und irgendwo im Orte mich für die Dauer -einzurichten entschlossen sei. Was wollen Sie nun, – dieser Augenblick -ist eingetreten. Ich kann nicht genesen, es ist ausgemacht. Ich kann -mein Leben fristen, aber nur hier. Das Urteil, das endgültige Urteil, -lautet auf lebenslänglich, – mit der ihm eigenen Aufgeräumtheit hat -Hofrat Behrens es mir verkündet. Gut denn, ich ziehe die Folgerungen. -Ein Logis ist gemietet, ich bin im Begriffe, meine geringe irdische -Habe, mein literarisches Handwerkszeug dorthin zu schaffen ... Es ist -nicht einmal weit von hier, in „Dorf“, wir werden einander begegnen, -gewiß, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, als Hausgenosse aber -habe ich die Ehre, mich von Ihnen zu verabschieden.“ - -So Settembrinis Eröffnung am Ostersonntag. Die Vettern hatten sich -außerordentlich bewegt darüber gezeigt. Des längeren noch, und -wiederholt, hatten sie mit dem Literaten über seinen Entschluß -gesprochen: darüber, wie er auch privatim den Kurdienst weiter werde -ausüben können, über die Mitnahme und Fortführung ferner der -weitläufigen enzyklopädischen Arbeit, die er auf sich genommen, jener -Übersicht aller schöngeistigen Meisterwerke, unter dem Gesichtspunkt der -Leidenskonflikte und ihrer Ausmerzung; endlich auch über sein -zukünftiges Quartier im Hause eines „Gewürzkrämers“, wie Herr -Settembrini sich ausdrückte. Der Gewürzkrämer, berichtete er, habe den -oberen Teil seines Eigentums an einen böhmischen Damenschneider -vermietet, der seinerseits Aftermieter aufnehme ... Diese Gespräche also -lagen zurück. Die Zeit schritt fort, und mehr als eine Veränderung hatte -sie bereits gezeitigt. Settembrini wohnte wirklich nicht mehr im -internationalen Sanatorium „Berghof“, sondern bei Lukaček, dem -Damenschneider, – schon seit einigen Wochen. Nicht in Form einer -Schlittenabreise hatte sein Auszug sich abgespielt, sondern zu Fuß, in -kurzem, gelbem Paletot, der am Kragen und an den Ärmeln ein wenig mit -Pelz besetzt war, und begleitet von einem Mann, der auf einem -Schubkarren das literarische und das irdische Handgepäck des -Schriftstellers beförderte, hatte man ihn stockschwingend davongehen -sehen, nachdem er noch unterm Portal eine Saaltochter mit den Rücken -zweier Finger in die Wange gezwickt ... Der April, wie wir sagten, lag -schon zu einem guten Teil, zu drei Vierteln, im Schatten der -Vergangenheit, noch war es tiefer Winter, gewiß, im Zimmer hatte man -knappe sechs Wärmegrade am Morgen, draußen war neungradige Kälte, die -Tinte im Glase, wenn man es in der Loggia ließ, gefror über Nacht noch -immer zu einem Eisklumpen, einem Stück Steinkohle. Aber der Frühling -nahte, das wußte man; am Tage, wenn die Sonne schien, spürte man hie und -da bereits eine ganz leise, ganz zarte Ahnung von ihm in der Luft; die -Periode der Schneeschmelze stand in naher Aussicht, und damit hingen die -Veränderungen zusammen, die sich auf „Berghof“ unaufhaltsam vollzogen, – -nicht aufzuhalten selbst durch die Autorität, das lebendige Wort des -Hofrats, der in Zimmer und Saal, bei jeder Untersuchung, jeder Visite, -jeder Mahlzeit das populäre Vorurteil gegen die Schneeschmelze -bekämpfte. - -Ob es Wintersportsleute seien, fragte er, mit denen er es zu tun habe, -oder Kranke, Patienten? Wozu in aller Welt sie denn Schnee, gefrorenen -Schnee brauchten? Eine ungünstige Zeit, – die Schneeschmelze? Die -allergünstigste sei es! Nachweislich gäbe es im ganzen Tal um diese Zeit -verhältnismäßig weniger Bettlägrige, als irgendwann sonst im Jahre! -Überall in der weiten Welt seien die Wetterbedingungen für Lungenkranke -zu dieser Frist schlechter als gerade hier! Wer einen Funken Verstand -habe, der harre aus und nutze die abhärtende Wirkung der hiesigen -Witterungsverhältnisse. Danach dann sei er fest gegen Hieb und Stich, -gefeit gegen jedes Klima der Welt, vorausgesetzt nur, daß der volle -Eintritt der Heilung abgewartet worden sei – und so fort. Aber der -Hofrat hatte gut reden, – die Voreingenommenheit gegen die -Schneeschmelze saß fest in den Köpfen, der Kurort leerte sich; wohl -möglich, daß es der sich nähernde Frühling war, der den Leuten im Leibe -rumorte und seßhafte Leute unruhig und veränderungssüchtig machte, – -jedenfalls mehrten die „wilden“ und „falschen“ Abreisen sich auch im -Hause Berghof bis zur Bedenklichkeit. Frau Salomon aus Amsterdam zum -Beispiel, trotz dem Vergnügen, das die Untersuchungen und das damit -verbundene Zurschaustellen feinster Spitzenwäsche ihr bereiteten, reiste -vollständig wilder- und falscherweise ab, ohne jede Erlaubnis und nicht, -weil es ihr besser, sondern weil es ihr immer schlechter ging. Ihr -Aufenthalt hier oben verlor sich weit zurück hinter Hans Castorps -Ankunft; länger als ein Jahr war es her, daß sie eingetroffen war, – mit -einer ganz leichten Affektion, für die ihr drei Monate zudiktiert worden -waren. Nach vier Monaten hatte sie „in vier Wochen sicher gesund“ sein -sollen, aber sechs Wochen später hatte von Heilung überhaupt nicht die -Rede sein können: sie müsse, hatte es geheißen, mindestens noch vier -Monate bleiben. So war es fortgegangen, und es war ja kein Bagno und -kein sibirisches Bergwerk hier, – Frau Salomon war geblieben und hatte -feinstes Unterzeug an den Tag gelegt. Da sie nun aber nach der letzten -Untersuchung, im Angesicht der Schneeschmelze, eine neue Zulage von fünf -Monaten erhalten hatte, wegen Pfeifens links oben und unverkennbarer -Mißtöne unter der linken Achsel, war ihr die Geduld gerissen, und mit -Protest, unter Schmähungen auf „Dorf“ und „Platz“, auf die berühmte -Luft, das internationale Haus Berghof und die Ärzte reiste sie ab, nach -Hause, nach Amsterdam, einer zugigen Wasserstadt. - -War das klug gehandelt? Hofrat Behrens hob Schultern und Arme auf und -ließ die letzteren geräuschvoll gegen die Schenkel zurückfallen. -Spätestens im Herbst, sagte er, werde Frau Salomon wieder da sein, – -dann aber auf immer. Würde er recht behalten? Wir werden sehen, wir sind -noch auf längere Erdenzeit an diesen Lustort gebunden. Aber der Fall -Salomon war also durchaus nicht der einzige seiner Art. Die Zeit -zeitigte Veränderungen, – sie hatte das ja immer getan, aber -allmählicher, nicht so auffallend. Der Speisesaal wies Lücken auf, -Lücken an allen sieben Tischen, am Guten Russentisch wie am Schlechten, -an den längs- wie an den querstehenden. Nicht gerade, daß dies von der -Frequenz des Hauses ein zuverlässiges Bild gegeben hätte; auch Ankünfte, -wie jederzeit, hatten stattgefunden; die Zimmer mochten besetzt sein, -aber da handelte es sich eben um Gäste, die durch finalen Zustand in -ihrer Freizügigkeit eingeschränkt waren. Im Speisesaal, wie wir sagten, -fehlte manch einer dank noch bestehender Freizügigkeit; manch einer aber -tat es sogar auf eine besonders tiefe und hohle Weise, wie Dr. -Blumenkohl, der tot war. Immer stärker hatte sein Gesicht den Ausdruck -angenommen, als habe er etwas schlecht Schmeckendes im Munde; dann war -er dauernd bettlägrig geworden und dann gestorben, – niemand wußte genau -zu sagen, wann; mit aller gewohnten Rücksicht und Diskretion war die -Sache behandelt worden. Eine Lücke. Frau Stöhr saß neben der Lücke, und -sie graute sich vor ihr. Darum siedelte sie an des jungen Ziemßen andere -Seite über, an den Platz Miß Robinsons, die als geheilt entlassen -worden, gegenüber der Lehrerin, Hans Castorps linksseitiger Nachbarin, -die fest auf ihrem Posten geblieben war. Ganz allein saß sie derzeit an -dieser Tischseite, die übrigen drei Plätze waren frei. Student -Rasmussen, der täglich dümmer und schlaffer geworden, war bettlägrig und -galt für moribund; und die Großtante war mit ihrer Nichte und der -hochbrüstigen Marusja verreist, – wir sagen „verreist“, wie alle es -sagten, weil ihre Rückkehr in naher Zeit eine ausgemachte Sache war. Zum -Herbst schon würden sie wieder eintreffen, – war das eine Abreise zu -nennen? Wie nah war nicht Sommersonnenwende, wenn erst einmal Pfingsten -gewesen war, das vor der Türe stand; und kam der längste Tag, so gings -ja rapide bergab, auf den Winter zu, – kurzum, die Großtante und Marusja -waren beinahe schon wieder da, und das war gut, denn die lachlustige -Marusja war keineswegs ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte -etwas von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja an ihrer -üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals hatten operiert -werden müssen. Hans Castorp hatte, als die Lehrerin davon sprach, hastig -auf Joachim geblickt, der sein fleckig gewordenes Gesicht über seinen -Teller geneigt hatte. - -Die muntere Großtante hatte den Tischgenossen, also den Vettern, der -Lehrerin und Frau Stöhr ein Abschiedssouper im Restaurant gegeben, eine -Schmauserei mit Kaviar, Champagner und Likören, bei der Joachim sich -sehr still verhalten, ja, nur einzelnes mit fast tonloser Stimme -gesprochen hatte, so daß die Großtante in ihrer Menschenfreundlichkeit -ihm Mut zugesprochen und ihn dabei, unter Ausschaltung zivilisierter -Sittengesetze, sogar geduzt hatte. „Hat nichts auf sich, Väterchen, mach -dir nichts draus, sondern trink, iß und sprich, wir kommen bald wieder!“ -hatte sie gesagt. „Wollen wir alle essen, trinken und schwatzen und den -Gram – Gram sein lassen, Gott läßt Herbst werden, eh wirs gedacht, -urteile selbst, ob Grund ist zum Kummer!“ Am nächsten Morgen hatte sie -zur Erinnerung bunte Schachteln mit „Konfäktchen“ an fast alle Besucher -des Speisesaales verteilt und war dann mit ihren beiden jungen Mädchen -etwas verreist. - -Und Joachim, wie stand es um ihn? War er befreit und erleichtert -seitdem, oder litt seine Seele schwere Entbehrung angesichts der leeren -Tischseite? Hing seine ungewohnte und empörerische Ungeduld, seine -Drohung, wilde Abreise halten zu wollen, wenn man ihn länger an der Nase -führe, mit der Abreise Marusjas zusammen? Oder war vielmehr die -Tatsache, daß er vorderhand eben doch noch nicht reiste, sondern der -hofrätlichen Verherrlichung der Schneeschmelze sein Ohr lieh, auf jene -andere zurückzuführen, daß die hochbusige Marusja nicht ernstlich -abgereist, sondern nur etwas verreist war und in fünf kleinsten -Teileinheiten hiesiger Zeit wieder eintreffen würde? Ach, das war wohl -alles auf einmal der Fall, alles in gleichem Maße; Hans Castorp konnte -es sich denken, auch ohne je mit Joachim über die Sache zu sprechen. -Denn dessen enthielt er sich ebenso streng, wie Joachim es vermied, den -Namen einer anderen etwas Verreisten zu nennen. - -Unterdessen aber, an Settembrinis Tisch, an des Italieners Platz, – wer -saß dort seit kurzem, in Gesellschaft holländischer Gäste, deren Appetit -so ungeheuer war, daß jeder von ihnen sich zu Anfang des täglichen -Fünf-Gänge-Diners, noch vor der Suppe, drei Spiegeleier servieren ließ? -Es war Anton Karlowitsch Ferge, er, der das höllische Abenteuer des -Pleura-Choks erprobt hatte! Ja, Herr Ferge war außer Bett; auch ohne -Pneumothorax hatte sein Zustand sich so gebessert, daß er den größten -Teil des Tages mobil und angekleidet verbrachte und mit seinem -gutmütig-bauschigen Schnurrbart und seinem ebenfalls gutmütig wirkenden -großen Kehlkopf an den Mahlzeiten teilnahm. Die Vettern plauderten -manchmal mit ihm in Saal und Halle, und auch für die Dienstpromenaden -taten sie sich dann und wann, wenn es sich eben so traf, mit ihm -zusammen, Neigung im Herzen für den schlichten Dulder, der von hohen -Dingen gar nichts zu verstehen erklärte und, dies vorausgesandt, überaus -behaglich von Gummischuhfabrikation und fernen Gebieten des russischen -Reiches, Samara, Georgien, erzählte, während sie im Nebel durch den -Schneewasserbrei stapften. - -Denn die Wege waren wirklich kaum gangbar jetzt, sie befanden sich in -voller Auflösung, und die Nebel brauten. Der Hofrat sagte zwar, es seien -keine Nebel, es seien Wolken; aber das war Wortfuchserei nach Hans -Castorps Urteil. Der Frühling focht einen schweren Kampf, der sich, -unter hundert Rückfällen ins Bitter-Winterliche, durch Monate, bis in -den Juni hinein, erstreckte. Schon im März, wenn die Sonne schien, war -es auf dem Balkon und im Liegestuhl, trotz leichtester Kleidung und -Sonnenschirm, vor Hitze kaum auszuhalten gewesen, und es gab Damen, die -schon damals Sommer gemacht und bereits beim ersten Frühstück -Musselinkleider vorgeführt hatten. Sie waren in einem Grade entschuldigt -durch die Eigenart des Klimas hier oben, das Verwirrung begünstigte, -indem es die Jahreszeiten meteorologisch durcheinander warf; aber es war -auch bei ihrem Vorwitz viel Kurzsicht und Phantasielosigkeit im Spiel, -jene Dummheit von Augenblickswesen, die nicht zu denken vermag, daß es -noch wieder anders kommen kann, sowie vor allem Gier nach Abwechslung -und zeitverschlingende Ungeduld: man schrieb März, das war Frühling, das -war so gut wie Sommer, und man zog die Musselinkleider hervor, um sich -darin zu zeigen, ehe der Herbst einfiel. Und das tat er, gewissermaßen. -Im April fielen trübe, naßkalte Tage ein, deren Dauerregen in Schnee, in -wirbelnden Neuschnee überging. Die Finger erstarrten in der Loggia, die -beiden Kamelhaardecken traten ihren Dienst wieder an, es fehlte nicht -viel, daß man zum Pelzsack gegriffen hätte, die Verwaltung entschloß -sich, zu heizen, und jedermann klagte, man werde um seinen Frühling -betrogen. Alles war dick verschneit gegen Ende des Monats; aber dann kam -Föhn auf, vorausgesagt, vorausgewittert von erfahrenen und empfindlichen -Gästen: Frau Stöhr sowohl, wie die elfenbeinfarbene Levi, wie nicht -minder die Witwe Hessenfeld spürten ihn einstimmig schon, bevor noch das -kleinste Wölkchen über dem Gipfel des Granitbergs im Süden sich zeigte. -Frau Hessenfeld neigte alsbald zu Weinkrämpfen, die Levi wurde -bettlägrig, und Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch entblößt, bekundete -stündlich die abergläubische Befürchtung, ein Blutsturz möchte sie -ereilen; denn die Rede ging, daß Föhnwind dergleichen befördere und -bewirke. Unglaubliche Wärme herrschte, die Heizung erlosch, man ließ -über Nacht die Balkontür offen und hatte trotzdem morgens elf Grad im -Zimmer; der Schnee schmolz gewaltig, er wurde eisfarben, porös und -löcherig, sackte zusammen, wo er zu Hauf lag, schien sich in die Erde zu -verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war überall, ein Tropfen -und Stürzen im Walde, und die geschaufelten Schranken an den Straßen, -die bleichen Teppiche der Wiesen verschwanden, wenn auch die Massen -allzu reichlich gelegen hatten, um rasch zu verschwinden. Da gab es -wundersame Erscheinungen, Frühlingsüberraschungen auf Dienstwegen im -Tal, märchenhaft, nie gesehen. Ein Wiesengebreite lag da, – im -Hintergrunde ragte der Schwarzhornkegel, noch ganz im Schnee, mit dem -ebenfalls noch tief verschneiten Scalettagletscher rechts in der Nähe, -und auch das Gelände mit seinem Heuschober irgendwo lag noch im Schnee, -wenn auch die Decke schon dünn und schütter war, von rauhen und dunklen -Bodenerhebungen da und dort unterbrochen, von trockenem Grase überall -durchstochen. Das war jedoch, wie die Wanderer fanden, eine -unregelmäßige Art von Verschneitheit, die diese Wiese da aufwies, – in -der Ferne, gegen die waldigen Lehnen hin, war sie dichter, im -Vordergrund aber, vor den Augen der Prüfenden, war das noch winterlich -dürre und mißfarbene Gras mit Schnee nur noch gesprenkelt, betupft, -beblümt ... Sie sahen es näher an, sie beugten sich staunend darüber, – -das war kein Schnee, es waren Blumen, Schneeblumen, Blumenschnee, -kurzstielige kleine Kelche, weiß und weißbläulich, es war Krokus, bei -ihrer Ehre, millionenweise dem sickernden Wiesengrunde entsprossen, so -dicht, daß man ihn gut und gern hatte für Schnee halten können, in den -er weiterhin denn auch ununterscheidbar überging. - -Sie lachten über ihren Irrtum, lachten vor Freude über das Wunder vor -ihren Augen, diese lieblich zaghafte und nachahmende Anpassung des -zuerst sich wieder hervorgetrauenden organischen Lebens. Sie pflückten -davon, betrachteten und untersuchten die zarten Bechergebilde, -schmückten ihre Knopflöcher damit, trugen sie heim, stellten sie in die -Wassergläser auf ihren Zimmern; denn die unorganische Starre des Tales -war lang gewesen, – lang, wenn auch kurzweilig. - -Aber der Blumenschnee wurde mit wirklichem zugedeckt, und auch den -blauen Soldanellen, den gelben und roten Primeln erging es so, die ihm -folgten. Ja, wie schwer der Frühling es hatte, sich durchzuringen und -den hiesigen Winter zu überwältigen! Zehnmal ward er zurückgeworfen, -bevor er Fuß fassen konnte hier oben, – bis zum nächsten Einbruch des -Winters, mit weißem Gestöber, Eiswind und Heizungsbetrieb. Anfang Mai -(denn nun ist es gar schon Mai geworden, während wir von den -Schneeblumen erzählten), Anfang Mai war es schlechthin eine Qual, in der -Loggia nur eine Postkarte ins Flachland zu schreiben, so schmerzten die -Finger vor rauher Novembernässe; und die fünfeinhalb Laubbäume der -Gegend waren kahl wie die Bäume der Ebene im Januar. Tagelang währte der -Regen, eine Woche lang stürzte er nieder, und ohne die versöhnenden -Eigenschaften des hiesigen Liegestuhltyps wäre es überaus hart gewesen, -im Wolkenqualm, mit nassem, starrem Gesicht, so viele Ruhestunden im -Freien zu verbringen. Insgeheim aber war es ein Frühlingsregen, um den -es sich handelte, und mehr und mehr, je länger er dauerte, gab er als -solcher sich auch zu erkennen. Fast aller Schnee schmolz unter ihm weg; -es gab kein Weiß mehr, nur hie und da noch ein schmutziges Eisgrau, und -nun begannen wahrhaftig die Wiesen zu grünen! - -Welch milde Wohltat fürs Auge, das Wiesengrün, nach dem unendlichen -Weiß! Und noch ein anderes Grün war da, an Zartheit und lieblicher -Weiche das Grün des neuen Grases noch weit übertreffend. Das waren die -jungen Nadelbüschel der Lärchen, – Hans Castorp konnte auf Dienstwegen -selten umhin, sie mit der Hand zu liebkosen und sich die Wange damit zu -streicheln, so unwiderstehlich lieblich waren sie in ihrer Weichheit und -Frische. „Man könnte zum Botaniker werden,“ sagte der junge Mann zu -seinem Begleiter, „man könnte wahr und wahrhaftig Lust bekommen zu -dieser Wissenschaft vor lauter Spaß an dem Wiedererwachen der Natur nach -einem Winter bei uns hier oben! Das ist ja Enzian, Mensch, was du da am -Abhange siehst, und dies hier ist eine gewisse Sorte von kleinen gelben -Veilchen, mir unbekannt. Aber hier haben wir Ranunkeln, sie sehen unten -ja auch nicht anders aus, aus der Familie der Ranunkulazeen, gefüllt, -wie mir auffällt, eine besonders reizende Pflanze, zwittrig übrigens, du -siehst da eine Menge Staubgefäße und eine Anzahl Fruchtknoten, ein -Andrözeum und ein Gynäzeum, soviel ich behalten habe. Ich glaube -bestimmt, ich werde mir einen oder den anderen botanischen Schmöker -zulegen, um mich etwas besser zu informieren auf diesem Lebens- und -Wissensgebiet. Ja, wie es nun bunt wird auf der Welt!“ - -„Das kommt noch besser im Juni“, sagte Joachim. „Die Wiesenblüte hier -ist ja berühmt. Aber ich glaube doch nicht, daß ich sie abwarte. – Das -hast du wohl von Krokowski, daß du Botanik studieren willst?“ - -Krokowski? Wie meinte er das? Ach so, er kam darauf, weil Dr. Krokowski -sich neulich botanisch gebärdet hatte bei einer seiner Konferenzen. Denn -der ginge freilich fehl, der meinte, die durch die Zeit gezeitigten -Veränderungen wären so weit gegangen, daß Dr. Krokowski keine Vorträge -mehr gehalten hätte! Vierzehntägig hielt er sie, nach wie vor, im -Gehrock, wenn auch nicht mehr in Sandalen, die er nur sommers trug und -also nun bald wieder tragen würde, – jeden zweiten Montag im Speisesaal, -wie damals, als Hans Castorp, mit Blut beschmiert, zu spät gekommen war, -in seinen ersten Tagen. Drei Vierteljahre lang hatte der Analytiker über -Liebe und Krankheit gesprochen, – nie viel auf einmal, in kleinen -Portionen, in halb- bis dreiviertelstündigen Plaudereien, breitete er -seine Wissens- und Gedankenschätze aus, und jedermann hatte den -Eindruck, daß er nie werde aufzuhören brauchen, daß es immer und ewig so -weitergehen könne. Das war eine Art von halbmonatlicher „Tausendundeine -Nacht“, sich hinspinnend von Mal zu Mal ins Beliebige und wohlgeeignet, -wie die Märchen der Scheherezade, einen neugierigen Fürsten zu befrieden -und von Gewalttaten abzuhalten. In seiner Uferlosigkeit erinnerte Dr. -Krokowskis Thema an das Unternehmen, dem Settembrini seine Mitarbeit -geschenkt, die Enzyklopädie der Leiden; und als wie abwandlungsfähig es -sich erwies, möge man daraus ersehen, daß der Vortragende neulich sogar -von Botanik gesprochen hatte, genauer: von Pilzen ... Übrigens hatte er -den Gegenstand vielleicht ein wenig gewechselt; es war jetzt eher die -Rede von Liebe und _Tod_, was denn zu mancher Betrachtung teils zart -poetischen, teils aber unerbittlich wissenschaftlichen Gepräges Anlaß -gab. In diesem Zusammenhang also war der Gelehrte in seinem östlich -schleppenden Tonfall und mit seinem nur einmal anschlagenden Zungen-R -auf Botanik gekommen, das heißt auf die Pilze, – diese üppigen und -phantastischen Schattengeschöpfe des organischen Lebens, fleischlich von -Natur, dem Tierreich sehr nahe stehend, – Produkte tierischen -Stoffwechsels, Eiweiß, Glykogen, animalische Stärke also, fanden sich in -ihrem Aufbau. Und Dr. Krokowski hatte von einem Pilz gesprochen, berühmt -schon seit dem klassischen Altertum seiner Form und der ihm -zugeschriebenen Kräfte wegen, – einer Morchel, in deren lateinischem -Namen das Beiwort _impudicus_ vorkam, und dessen Gestalt an die Liebe, -dessen Geruch jedoch an den Tod erinnerte. Denn das war -auffallenderweise Leichengeruch, den der _Impudicus_ verbreitete, wenn -von seinem glockenförmigen Hute der grünliche, zähe Schleim abtropfte, -der ihn bedeckte, und der Träger der Sporen war. Aber bei Unbelehrten -galt der Pilz noch heute als aphrodisisches Mittel. - -Na, etwas stark war das ja gewesen für die Damen, hatte Staatsanwalt -Paravant gefunden, der, moralisch gestützt durch des Hofrats Propaganda, -die Schneeschmelze hier überdauerte. Und auch Frau Stöhr, die ebenfalls -charaktervoll standhielt und jeder Versuchung zu wilder Abreise die -Stirne bot, hatte bei Tische geäußert, heute sei Krokowski denn aber -doch „obskur“ gewesen mit seinem klassischen Pilz. „Obskur“, sagte die -Unselige und schändete ihre Krankheit durch namenlose Bildungsschnitzer. -Worüber aber Hans Castorp sich wunderte, war, daß Joachim auf Dr. -Krokowski und seine Botanik anspielte; denn eigentlich war zwischen -ihnen von dem Analytiker ebensowenig die Rede, wie von der Person -Clawdia Chauchats oder der Marusjas, – sie erwähnten ihn nicht, sie -übergingen sein Wesen und Wirken lieber mit Stillschweigen. Jetzt aber -also hatte Joachim den Assistenten genannt, – in mißlaunigem Tone, wie -übrigens auch schon seine Bemerkung, daß er die volle Wiesenblüte nicht -abwarten wolle, recht mißlaunig geklungen hatte. Der gute Joachim, -nachgerade schien er im Begriff, sein Gleichgewicht einzubüßen; seine -Stimme schwankte beim Sprechen vor Gereiztheit, er war an Sanftmut und -Besonnenheit durchaus nicht mehr der alte. Entbehrte er das -Apfelsinenparfüm? Brachte die Fopperei mit der Gaffky-Nummer ihn zur -Verzweiflung? Konnte er nicht mit sich selber ins Reine darüber kommen, -ob er den Herbst hier erwarten oder falsche Abreise halten sollte? - -In Wirklichkeit war es noch etwas anderes, wodurch dies gereizte Beben -in Joachims Stimme kam und weshalb er des botanischen Kollegs von -neulich in fast höhnischem Tone erwähnt hatte. Von diesem Etwas wußte -Hans Castorp nichts, oder vielmehr, er wußte nicht, daß Joachim davon -wußte, denn er selbst, dieser Durchgänger, dies Sorgenkind des Lebens -und der Pädagogik, er wußte nur zu gut davon. Mit einem Worte, Joachim -war seinem Vetter auf gewisse Schliche gekommen, er hatte ihn -unversehens bei einer Verräterei belauscht, ähnlich derjenigen, deren er -sich am Faschingsdienstag schuldig gemacht, – einer neuen Treulosigkeit, -verschärft durch den Umstand, an dem nicht zu zweifeln war, daß Hans -Castorp sie dauernd verübte. - -Zum ewig eintönigen Rhythmus des Zeitablaufs, zur kurzweilig -feststehenden Gliederung des Normaltages, der immer derselbe, der sich -selbst zum Verwechseln und bis zur Verwirrung ähnlich war, identisch mit -sich, die stehende Ewigkeit, so daß schwer zu begreifen war, wie er -Veränderung zu zeitigen vermochte, – zur unverbrüchlichen Alltagsordnung -also gehörte, wie jedermann sich erinnert, der Rundgang Dr. Krokowskis -zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags durch alle Zimmer, das ist -über alle Balkons, von Liegestuhl zu Liegestuhl. Wie oft hatte nicht der -Berghof-Normaltag sich erneut, seit damals, als Hans Castorp in seiner -horizontalen Lebenslage sich geärgert hatte, weil der Assistent einen -Bogen um ihn beschrieb und ihn nicht in Betracht zog! Längst war aus dem -Gaste von damals ein Kamerad geworden, – Dr. Krokowski redete ihn sogar -häufig mit diesem Namen an bei seiner Kontrollvisite, und wenn das -militärische Wort, dessen r-Laut er auf exotische Weise durch nur -einmaliges Anschlagen der Zunge am vorderen Gaumen hervorbrachte, ihm -auch scheußlich zu Gesichte stand, wie Hans Castorp gegen Joachim -geurteilt hatte, so paßte es doch nicht schlecht zu seiner stämmigen, -mannhaft heiteren und zu fröhlichem Vertrauen auffordernden Art, die -freilich wiederum durch seine Schwarzbleichheit in gewisser Weise Lügen -gestraft wurde, und der denn doch etwas Bedenkliches jederzeit -anhaftete. - -„Nun, Kamerad, wie gehts, wie stehts!“ sagte Dr. Krokowski, indem er, -vom russischen Barbarenpaare kommend, an das Kopfende von Hans Castorps -Lager trat; und der so frischerweise Angeredete, die Hände auf der Brust -gefaltet, lächelte täglich wieder gepeinigt-freundlich über die -scheußliche Anrede, indem er des Doktors gelbe Zähne betrachtete, die -sich in seinem schwarzen Barte zeigten. „Recht wohl geruht?“ fuhr Dr. -Krokowski dann wohl fort. „Fallende Kurve? Steigende heut? Nun, hat -nichts auf sich, kommt bis zur Hochzeit schon wieder in Ordnung. Ich -grüße Sie.“ Und mit diesem Wort, das ebenfalls scheußlich klang, da er -es wie „gdieße“ sprach, ging er schon weiter, zu Joachim hinüber – es -handelte sich um einen Rundgang, einen kurzen Blick nach dem Rechten und -um nichts weiter. - -Manchmal freilich auch verweilte Dr. Krokowski sich länger, plauderte, -breitschultrig dastehend und immer mannhaft lächelnd, mit dem Kameraden -über dies und jenes, über die Witterung, über Abreisen und Ankünfte, -über des Patienten Stimmung, seine gute oder schlechte Laune, seine -persönlichen Verhältnisse auch wohl, seine Herkunft und seine -Aussichten, bis er „ich gdieße Sie“ sagte und weiterging; und Hans -Castorp, die Hände zur Abwechslung hinter dem Kopf gefaltet, antwortete -ihm, ebenfalls lächelnd, auf all das, – mit dem durchdringenden Gefühle -der Scheußlichkeit, gewiß, aber er antwortete ihm. Sie plauderten -gedämpft, – obgleich die gläserne Scheidewand die Loggien nicht völlig -trennte, konnte Joachim die Unterhaltung nebenan nicht verstehen und -machte übrigens auch nicht den leisesten Versuch dazu. Er hörte seinen -Vetter sogar vom Liegestuhl aufstehen und mit Dr. Krokowski ins Zimmer -gehen, vermutlich um ihm seine Fieberkurve zu zeigen; und dort setzte -dann das Gespräch sich wohl noch eine längere Weile fort, der -Verzögerung nach zu urteilen, womit der Assistent auf dem inneren Wege -bei Joachim eintraf. - -Worüber plauderten die Kameraden? Joachim fragte nicht; aber sollte -jemand aus unserer Mitte sich an ihm kein Beispiel nehmen und die Frage -aufwerfen, so ist allgemein darauf hinzuweisen, wieviel Stoff und Anlaß -zu geistigem Austausch vorhanden ist zwischen Männern und Kameraden, -deren Grundanschauungen idealistisches Gepräge tragen, und von denen der -eine auf seinem Bildungswege dazu gelangt ist, die Materie als den -Sündenfall des Geistes, als eine schlimme Reizwucherung desselben -aufzufassen, während der andere, als Arzt, den sekundären Charakter -organischer Krankheit zu lehren gewohnt ist. Wie manches, meinen wir, -ließ sich da nicht erörtern und austauschen über die Materie als -unehrbare Ausartung des Immateriellen, über das Leben als Impudizität -der Materie, über die Krankheit als unzüchtige Form des Lebens! Da -konnte, unter Anlehnung an laufende Konferenzen, die Rede gehen von der -Liebe als krankheitbildender Macht, vom übersinnlichen Wesen des -Merkmals, über „alte“ und „frische“ Stellen, über lösliche Gifte und -Liebestränke, über die Durchleuchtung des Unbewußten, den Segen der -Seelenzergliederung, die Rückverwandlung des Symptoms – und was wissen -_wir_, – von deren Seite dies alles nur Vorschläge und Vermutungen sind, -wenn die Frage aufgeworfen wird, was Dr. Krokowski und der junge Hans -Castorp miteinander zu plaudern hatten! - -Übrigens plauderten sie nicht mehr, das lag zurück, nur eine Weile, -einige Wochen lang war es so gewesen; in letzter Zeit hielt Dr. -Krokowski sich bei diesem Patienten wieder nicht länger auf als bei -allen anderen, – „Nun, Kamerad?“ und „Ich gdieße Sie“, darauf -beschränkte sich nun die Visite meistens wieder. Dafür hatte Joachim -eine andere Entdeckung gemacht, eben die, die er als Verräterei von -seiten Hans Castorps empfand, und gemacht hatte er sie völlig -unwillkürlich, ohne in seiner militärischen Arglosigkeit im mindesten -auf Späherwegen gegangen zu sein, das darf man glauben. Er war ganz -einfach an einem Mittwoch aus der ersten Liegekur abgerufen worden, -hinunterbeordert ins Souterrain, um sich vom Bademeister wiegen zu -lassen, – und da sah er es also. Er kam die Treppe hinunter, die -reinlich linoleumbelegte Treppe mit Aussicht auf die Tür zum -Ordinationszimmer, zu dessen beiden Seiten die Durchleuchtungskabinette -gelegen waren, links das organische und rechts um die Ecke das um eine -Stufe vertiefte psychische, mit Dr. Krokowskis Besuchskarte an der Tür. -Auf halber Höhe der Treppe aber blieb Joachim stehen, denn eben verließ -Hans Castorp, von der Injektion kommend, das Ordinationszimmer. Mit -beiden Händen schloß er die Tür, durch die er rasch getreten war, und -wandte sich, ohne um sich zu blicken, nach rechts, gegen die Tür, an der -die Karte auf Reißnägeln saß, und die er mit wenigen, lautlos -vorwärtswiegenden Schritten erreichte. Er klopfte, neigte sich hin beim -Klopfen und hielt das Ohr zu dem pochenden Finger. Und da des Bewohners -baritonales „Herein!“ mit dem exotisch anschlagenden r-Laut und dem -verzerrten Diphthong aus dem Gelasse erschollen war, sah Joachim seinen -Vetter im Halbdunkel von Dr. Krokowskis analytischer Grube verschwinden. - - - Noch jemand - -Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug auf die -Anzahl ihrer Sonnenstunden; denn ihrer Kurzweiligkeit vermochte -astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben, weder was jeden einzelnen -betraf, noch ihre einförmige Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast -drei Monate zurück, Sommersonnenwende war da. Aber das natürliche Jahr -bei uns hier oben folgte dem Kalender zurückhaltend: erst jetzt, erst -dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling noch ohne alle -Sommerschwere, würzig, dünnluftig und leicht, mit silbrig strahlender -Himmelsbläue und kindlich kunterbunter Wiesenblüte. - -Hans Castorp fand an den Hängen dieselben Blumen wieder, von denen -Joachim freundlicherweise ihm einige letzte einst zur Begrüßung ins -Zimmer gestellt: Schafsgarbe und Glockenblumen, – ein Zeichen für ihn, -daß das Jahr in sich selber lief. Allein was hatte sich nun nicht alles -aus dem jungen, smaragdenen Grase der Schrägen und Wiesengebreite des -Grundes an organischem Leben als Stern, Kelch und Glocke oder von -unregelmäßigerer Gestalt, die sonnige Luft mit trockener Würze -erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen in -ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten, Primeln in gelb und rot, viel -schöner und größer, als Hans Castorp sie im Flachlande je erblickt zu -haben meinte, soweit er dort unten darauf achtgegeben; dazu die -nickenden Soldanellen mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und -rosig, eine Spezialität dieser Sphäre. - -Er pflückte von all der Lieblichkeit, trug Sträuße heim, ernsten Sinnes -und nicht sowohl zum Schmuck seines Zimmers, als zur streng -wissenschaftlichen Bearbeitung, wie er es sich vorgesetzt. Einiges -floristische Rüstzeug war angeschafft, ein Lehrbuch der allgemeinen -Botanik, ein handlicher kleiner Spaten zum Ausheben der Pflanzen, ein -Herbarium, eine kräftige Lupe; und damit wirtschaftete der junge Mann in -seiner Loggia, – sommerlich gekleidet nun wieder, in einen der Anzüge, -die er damals gleich mit sich heraufgebracht, – auch dies ein Merkmal -der Jahresrundung. - -Frische Blumen standen in mehreren Wassergläsern auf den Möbelplatten -des inneren Zimmers, auf dem Lampentischchen zur Seite seines -vorzüglichen Liegestuhls. Blumen, halb welk, schon matt, aber noch in -Saft, fanden sich lose auf der Balkonbrüstung, am Boden der Loggia -verstreut, während andere, wohlausgebreitet, zwischen Löschpapierbogen, -die ihre Feuchtigkeit tranken, der Presse von Steinen unterlagen, damit -Hans Castorp die flachen Trockenpräparate mit gummierten Papierstreifen -in sein Album kleben könnte. Er lag, die Knie hochgezogen, dazu noch -eins über das andere geschlagen, und während der Rücken des offen -umgelegten Leitfadens auf seiner Brust einen Dachfirst bildete, hielt er -das dickgeschliffene Rund des Vergrößerungsglases zwischen seine -einfachen blauen Augen und eine Blüte, deren Krone er teilweise mit dem -Taschenmesser entfernt hatte, um besser den Fruchtboden studieren zu -können, und die hinter der starken Linse zum abenteuerlich fleischigen -Gebilde schwoll. Da schütteten die Staubbeutel, an der Spitze der -Filamente, ihren gelben Pollen aus, vom Ovarium starrte der narbige -Griffel, und legte man einen Schnitt durch ihn, so konnte man den zarten -Kanal betrachten, durch den die Pollenkörner und -schläuche von -zuckriger Ausscheidung in die Fruchtknotenhöhle geschwemmt wurden. Hans -Castorp zählte, prüfte und verglich; er untersuchte Bau und Stellung der -Kelch- und Blumenblätter wie der männlichen und weiblichen -Geschlechtsorgane, beaufsichtigte die Übereinstimmung dessen, was er -sah, mit schematischen und natürlichen Abbildungen, stellte die -wissenschaftliche Richtigkeit in dem Bau ihm bekannter Pflanzen mit -Befriedigung fest und ging dazu über, solche, die er nicht zu nennen -gewußt hätte, an der Hand des Linné nach Abteilung, Gruppe, Ordnung, -Art, Familie und Gattung zu bestimmen. Da er viel Zeit hatte, gelangen -ihm einige Fortschritte in botanischer Systematik auf Grund -vergleichender Morphologie. Unter die getrocknete Pflanze ins Herbarium -schrieb er kalligraphisch den lateinischen Namen, den die humanistische -Wissenschaft ihr galanterweise beigelegt, schrieb ihre kennzeichnenden -Eigenschaften dazu und zeigte es dem guten Joachim, der sich wunderte. - -Am Abend betrachtete er die Gestirne. Ein Interesse für das in sich -laufende Jahr hatte ihn überkommen, – der doch schon einige zwanzig -Sonnenumläufe auf Erden verbracht und sich noch niemals um dergleichen -gekümmert hatte. Wenn wir selbst uns unwillkürlich in Ausdrücken wie -„Frühlings-Nachtgleiche“ bewegten, so geschah es in seinem Geist und -schon in Hinsicht auf Gegenwärtiges. Denn dieser Art waren die Termini, -die er neuerdings um sich zu streuen liebte, und auch durch hier -einschlagende Kenntnisse setzte er seinen Vetter in Erstaunen. - -„Jetzt ist die Sonne nahe daran, ins Zeichen des Krebses zu treten,“ -mochte er auf einem Spaziergang beginnen, „bist du dir darüber im -Klaren? Das ist das erste Sommerzeichen des Tierkreises, verstehst du? -Es geht nun über den Löwen und die Jungfrau auf den Herbstpunkt zu, den -einen Äquinoktialpunkt, gegen Ende September, wenn wieder der Sonnenort -auf den Himmelsäquator fällt, wie neulich im März, als die Sonne in den -Widderpunkt trat.“ - -„Das ist mir entgangen“, sagte Joachim mürrisch. „Was redest denn du dir -da so geläufig zusammen? Widderpunkt? Tierkreis?“ - -„Allerdings, der Tierkreis; _zodiacus_. Die uralten Himmelszeichen, – -Skorpion, Schütze, Steinbock, _aquarius_ und wie sie heißen, wie soll -man sich dafür nicht interessieren! Es sind zwölf, das wirst du -wenigstens wissen, drei für jede Jahreszeit, die aufsteigenden und die -niedersteigenden, der Kreis der Sternbilder, durch die die Sonne -wandert, – großartig meiner Ansicht nach! Stelle dir vor, daß man sie in -einem ägyptischen Tempel als Deckenbild gefunden hat, – einem Tempel der -Aphrodite noch dazu, nicht weit von Theben. Die Chaldäer kannten sie -auch schon, – die Chaldäer, ich bitte dich, dies alte Zauberervolk, -arabisch-semitisch, hochgelehrt in Astrologie und Wahrsagerei. Die haben -auch schon den Himmelsgürtel studiert, in dem die Planeten laufen, und -ihn in die zwölf Sternbildzeichen eingeteilt, die Dodekatemoria, wie sie -auf uns gekommen sind. Das ist großartig. Es ist die Menschheit!“ - -„Nun sagst du ‚Menschheit‘, wie Settembrini.“ - -„Ja, wie er, oder etwas anders. Man muß sie nehmen, wie sie ist, aber -großartig ist es schon damit. Ich denke viel mit Sympathie an die -Chaldäer, wenn ich so liege und den Planeten zusehe, die sie auch schon -kannten, denn alle kannten sie nicht, so gescheit sie waren. Aber die -sie nicht kannten, kann ich auch nicht sehen, Uranus ist ja erst neulich -mit dem Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren.“ - -„Neulich?“ - -„Das nenne ich ‚neulich‘, wenn du erlaubst, im Vergleich mit den -dreitausend Jahren bis damals. Aber wenn ich so liege und mir die -Planeten besehe, dann werden die dreitausend Jahre auch zu ‚neulich‘, -und ich denke intim an die Chaldäer, die sie auch sahen und sich ihren -Vers darauf machten, und das ist die Menschheit.“ - -„Na, gut; du hast ja großzügige Entwürfe in deinem Kopf.“ - -„Du sagst ‚großzügig‘, und ich sage ‚intim‘, – wie man es nun nennen -will. Aber wenn nun also die Sonne in die Wage tritt, in zirka drei -Monaten, dann haben die Tage wieder so weit abgenommen, daß Tag und -Nacht gleich sind, und dann nehmen sie weiter ab bis gegen Weihnachten, -das ist dir bekannt. Willst du aber, bitte, bedenken, daß, während die -Sonne durch die Winterzeichen geht, den Steinbock, den Wassermann und -die Fische, die Tage schon wieder zunehmen! Denn dann kommt neuerdings -der Frühlingspunkt, zum dreitausendstenmal seit den Chaldäern, und die -Tage wachsen weiter bis übers Jahr, wenn wieder Sommersanfang ist.“ - -„Selbstverständlich.“ - -„Nein, das ist eine Eulenspiegelei! Im Winter wachsen die Tage, und wenn -der längste kommt, 21. Juni, Sommersanfang, dann geht es schon wieder -bergab, sie werden schon wieder kürzer, und es geht gegen den Winter. Du -nennst das selbstverständlich, aber wenn man einmal davon absieht, daß -es selbstverständlich ist, dann kann einem angst und bange werden, -momentweise, und man möchte krampfhaft nach etwas greifen. Es ist, als -ob Eulenspiegel es so eingerichtet hätte, daß zu Wintersanfang -eigentlich der Frühling beginnt und zu Sommersanfang eigentlich der -Herbst ... Man wird ja an der Nase herumgezogen, im Kreise herumgelockt -mit der Aussicht auf etwas, was schon wieder Wendepunkt ist ... -Wendepunkt im Kreise. Denn das sind lauter ausdehnungslose Wendepunkte, -woraus der Kreis besteht, die Biegung ist unmeßbar, es gibt keine -Richtungsdauer, und die Ewigkeit ist nicht ‚geradeaus, geradeaus‘, -sondern ‚Karussell, Karussell‘.“ - -„Hör’ auf!“ - -„Sonnwendfeier!“ sagte Hans Castorp, „Sommersonnenwende! Bergfeuer und -Ringelreihn rund um die lodernde Flamme herum mit angefaßten Händen! Ich -habe es nie gesehen, aber ich höre, so wird es gemacht von urwüchsigen -Menschen, so feiern sie die erste Sommernacht, mit der der Herbst -beginnt, die Mittagsstunde und Scheitelhöhe des Jahres, von wo es -abwärts geht, – sie tanzen und drehen sich und jauchzen. Worüber -jauchzen sie in ihrer Urwüchsigkeit, – kannst du dir das begreiflich -machen? Worüber sind sie so ausgelassen lustig? Weil es nun abwärts geht -ins Dunkel, oder vielleicht, weil es bisher aufwärts ging und nun die -Wende gekommen ist, der unhaltbare Wendepunkt, Mittsommernacht, die -volle Höhe, mit Wehmut im Übermut? Ich sage es, wie es ist, mit den -Worten, die mir dafür einfallen. Es ist melancholischer Übermut und -übermütige Melancholie, weshalb die Urwüchsigen jauchzen und um die -Flamme tanzen, sie tun es aus positiver Verzweiflung, wenn du so sagen -willst, zu Ehren der Eulenspiegelei des Kreises und der Ewigkeit ohne -Richtungsdauer, in der alles wiederkehrt.“ - -„Ich will nicht so sagen,“ murmelte Joachim, „bitte, schiebe es nicht -auf mich. Es sind ja weitläufige Dinge, mit denen du dich beschäftigst -des Abends, wenn du liegst.“ - -„Ja, ich will nicht leugnen, daß du dich nützlicher beschäftigst mit -deiner russischen Grammatik. Du mußt die Sprache nächstens ja fließend -beherrschen, Mensch, natürlich ein großer Vorteil für dich, wenn es -Krieg gibt, was Gott verhüte.“ - -„Verhüte? Du sprichst wie ein Zivilist. Krieg ist notwendig. Ohne Kriege -würde bald die Welt verfaulen, hat Moltke gesagt.“ - -„Ja, dazu hat sie wohl eine Neigung. Und so viel kann ich dir zugeben“, -setzte Hans Castorp an und wollte eben auf die Chaldäer zurückkommen, -die ebenfalls Krieg geführt und Babylonien erobert hätten, obgleich sie -Semiten und also beinahe Juden gewesen seien, – als beide gleichzeitig -gewahr wurden, daß zwei Herren, die dicht vor ihnen gingen, die Köpfe -nach ihnen wandten, aufmerksam gemacht durch ihre Reden, gestört in -eigener Unterhaltung. - -Es war auf der Hauptstraße, zwischen dem Kurhaus und dem Hotel -Belvedere, auf dem Rückweg nach Davos-Dorf. Das Tal lag im Festkleide, -in zarten, lichten und frohen Farben. Die Luft war köstlich. Eine -Sinfonie von heiteren Wiesenblumendüften erfüllte die reine, trockene, -klar durchsonnte Atmosphäre. - -Sie erkannten Lodovico Settembrini zur Seite eines Fremden; doch schien -es, als erkenne er seinerseits sie nicht oder als wünsche er kein -Zusammentreffen, denn er wandte rasch den Kopf wieder ab und vertiefte -sich gestikulierend in die Unterhaltung mit seinem Begleiter, wobei er -sogar rascher vorwärts zu kommen suchte. Als freilich die Vettern, -rechts neben ihm, durch heitere Verbeugung grüßten, stellte er sich -wunder wie angenehm überrascht, mit „Sapristi!“ und „Teufel noch -einmal!“, wollte aber nun wieder zurückhalten, die beiden vorüber- und -vorangehen lassen, was sie jedoch nicht verstanden, das heißt: nicht -bemerkten, weil sie keine Vernunft darin sahen. Ehrlich erfreut -vielmehr, ihm nach längerer Trennung wieder zu begegnen, hielten sie -sich bei ihm und schüttelten ihm die Hand, indem sie nach seinem Ergehen -fragten und in höflicher Erwartung dabei zu seinem Gefährten -hinüberblickten. So zwangen sie ihn, zu tun, was er offenbar lieber -nicht getan hätte, was aber ihnen als die natürlichste und zu -gewärtigendste Sache von der Welt erschien: nämlich sie mit jenem -bekannt zu machen, – was denn also im Gehen und halben Stehenbleiben -derart geschah, daß Settembrini, vor sich, mit verbindenden -Handbewegungen und lustigen Reden die Herren miteinander in Beziehung -setzte, sie vor seiner Brust sich die Hände reichen ließ. - -Es stellte sich heraus, daß der Fremde, der Settembrinis Jahre haben -mochte, dessen Hausgenosse war: der andere Aftermieter Lukačeks, des -Damenschneiders, Naphta mit Namen, soviel die jungen Leute verstanden. -Er war ein kleiner, magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man -möchte sagen: ätzender Häßlichkeit, daß die Vettern sich geradezu -wunderten. Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, die sein Gesicht -beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, die dickgeschliffenen -Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille, die er vor seinen -hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen, das er bewahrte, und -dem zu entnehmen war, daß seine Rede scharf und folgerecht sein werde. -Er war barhaupt, wie es sich gehörte, und im bloßen Anzug, – sehr -wohlgekleidet dabei: sein dunkelblauer Flanellanzug mit weißen Streifen -zeigte guten, gehalten modischen Schnitt, wie der weltkindlich prüfende -Blick der Vettern feststellte, die übrigens einem ebensolchen, nur -rascheren und schärferen, an ihren Personen hinabgleitenden Blick von -seiner, des kleinen Naphta Seite, begegneten. Hätte Lodovico Settembrini -seinen faserigen Flaus und seine gewürfelten Hosen nicht mit so viel -Anmut und Würde zu tragen gewußt, – seine Erscheinung hätte -unvorteilhaft abstechen müssen von der feinen Gesellschaft. Sie tat es -jedoch um so weniger, als die Gewürfelten frisch aufgebügelt waren, so -daß man sie auf den ersten Blick fast für neu hätte halten können, – ein -Werk seines Quartiergebers zweifellos, nach beiläufiger Überlegung der -jungen Leute. Wenn aber der häßliche Naphta nach der Güte und -Weltlichkeit seiner Kleidung den Vettern näher stand als seinem -Hausgenossen, so ordneten doch nicht allein seine vorgerückteren Jahre -ihn mit diesem gegen die Jünglinge zusammen, sondern entschieden noch -etwas anderes, was sich am bequemsten auf die Gesichtsfarbe der beiden -Paare zurückführen ließ, nämlich darauf, daß die einen braun und -rotgebrannt, die anderen aber bleich waren: Joachims Gesicht war im -Laufe des Winters noch bronzefarbener nachgedunkelt, und dasjenige Hans -Castorps glühte rosenrot unter seinem blonden Scheitel; aber Herrn -Settembrinis welscher Blässe, die gar edel zu seinem schwarzen -Schnurrbart stand, hatte die Strahlung nichts anzuhaben vermocht, und -sein Genosse, obgleich blonden Haares – es war übrigens aschblond, -metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden Stirn über -den ganzen Kopf zurückgestrichen –, zeigte gleichfalls die mattweiße -Gesichtshaut brünetter Rassen. Zwei von den vieren trugen Spazierstöcke, -nämlich Hans Castorp und Settembrini; denn Joachim ging aus -militärischen Gründen ohne einen solchen, und Naphta legte nach -erfolgter Vorstellung sogleich wieder die Hände auf dem Rücken zusammen. -Sie waren klein und zart, wie auch seine Füße sehr zierlich waren, -übrigens seiner Figur entsprechend. Daß er erkältet wirkte und auf eine -gewisse schwächliche und unförderliche Art hustete, fiel nicht auf. - -Jenen Anflug von Betroffenheit oder Verstimmung beim Gewahrwerden der -jungen Leute hatte Settembrini sofort mit Eleganz überwunden. Er zeigte -sich in der besten Laune und machte die drei unter Scherzreden bekannt, -– zum Beispiel bezeichnete er Naphta als „_Princeps scholasticorum_“. -Die Fröhlichkeit, sagte er, „halte glanzvoll Hof im Saale seiner Brust“, -wie Aretino sich ausgedrückt habe, und das sei des Frühlings Verdienst, -eines Frühlings, den er sich lobe. Die Herren wüßten, daß er gegen die -Welt hier oben manches auf dem Herzen habe, sooft er es sich bereits -davon heruntergeredet. Ehre jedoch dem Hochgebirgsfrühling! – -vorübergehend vermöge er ihn mit allen Greueln dieser Sphäre zu -versöhnen. Da fehle alles Verwirrende und Aufreizende des Frühlings der -Ebene. Kein Gebrodel in der Tiefe! Keine feuchten Düfte, kein schwüler -Dunst! Sondern Klarheit, Trockenheit, Heiterkeit und herbe Anmut. Es sei -nach seinem Herzen, es sei süperb! - -Sie gingen in unregelmäßiger Reihe, nebeneinander alle vier, so weit es -möglich war, aber bald, wenn Entgegenkommende vorbeigingen, mußte -Settembrini, der den rechten Flügel hielt, auf die Fahrstraße treten, -bald löste ihre Front durch das Zurückbleiben und Einlenken einzelner -Glieder, Naphtas etwa, linkerseits, oder Hans Castorps, der den Platz -zwischen dem Humanisten und Vetter Joachim hatte, sich vorübergehend -auf. Naphta lachte kurz, mit einer vom Schnupfen sordinierten Stimme, -die beim Sprechen an den Klang eines gesprungenen Tellers erinnerte, an -den man mit dem Knöchel klopft. Indem er mit dem Kopf seitlich zu dem -Italiener hinüberwies, sagte er mit schleppendem Akzent: - -„Man höre den Voltairianer, den Rationalisten. Er lobt die Natur, weil -sie uns auch bei fertilster Gelegenheit nicht mit mystischen Dämpfen -verwirrt, sondern klassische Trockenheit wahrt. Wie hieß doch die -Feuchtigkeit auf lateinisch?“ - -„Der Humor,“ rief Settembrini über die linke Schulter, „der Humor in der -Naturbetrachtung unseres Professors besteht darin, daß er, wie die -heilige Katharina von Siena, an die Wunden Christi denkt, wenn er rote -Primeln sieht.“ - -Naphta erwiderte: - -„Das wäre eher witzig als humoristisch. Aber es hieße immerhin Geist in -die Natur tragen. Sie hat es nötig.“ - -„Die Natur,“ sagte Settembrini mit gesenkter Stimme und nicht mehr -völlig über die Schulter hinweg, sondern nur noch an ihr hinunter, „hat -Ihren Geist durchaus nicht nötig. Sie ist selber Geist.“ - -„Sie langweilen sich nicht mit Ihrem Monismus?“ - -„Ah, Sie geben also zu, daß es Vergnügungssucht ist, wenn Sie die Welt -feindlich entzweien, Gott und Natur auseinanderreißen!“ - -„Es interessiert mich, daß Sie Vergnügungssucht nennen, was ich im Sinne -habe, wenn ich Passion und Geist sage.“ - -„Zu denken, daß Sie, der so große Worte für so frivole Bedürfnisse -setzt, mich manchmal einen Redner nennen!“ - -„Sie bleiben dabei, daß Geist Frivolität bedeutet. Aber er kann nichts -dafür, daß er von Hause aus dualistisch ist. Der Dualismus, die -Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche, das -dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt feindlich gespalten -sehen, das ist Geist. Aller Monismus ist langweilig. _Solet Aristoteles -quaerere pugnam._“ - -„Aristoteles? Aristoteles hat die Wirklichkeit der allgemeinen Ideen in -die Individuen verlegt. Das ist Pantheismus.“ - -„Falsch. Geben Sie den Individuen substantiellen Charakter, denken Sie -das Wesen der Dinge aus dem Allgemeinen fort in die Einzelerscheinung, -wie Thomas und Bonaventura es als Aristoteliker taten, so haben Sie die -Welt aus jeder Einheit mit der höchsten Idee gelöst, sie ist -außergöttlich und Gott transzendent. Das ist klassisches Mittelalter, -mein Herr.“ - -„Klassisches Mittelalter ist eine köstliche Wortverbindung!“ - -„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich lasse den Begriff des Klassischen -statthaben, wo er am Platze ist, das heißt, wo immer eine Idee auf ihren -Gipfel kommt. Die Antike war nicht immer klassisch. Ich stelle eine -Abneigung gegen die ... Freizügigkeit der Kategorien bei Ihnen fest, -gegen das Absolute. Sie wollen auch nicht den absoluten Geist. Sie -wollen, der Geist, das sei der demokratische Fortschritt.“ - -„Ich hoffe uns einig in der Überzeugung, daß der Geist, so absolut er -sei, niemals den Anwalt der Reaktion wird machen können.“ - -„Er ist jedoch immer der Anwalt der Freiheit!“ - -„Jedoch? Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe, nicht Nihilismus und -Bosheit.“ - -„Wovor Sie offenbar Angst haben.“ - -Settembrini warf den Arm über den Kopf. Das Geplänkel brach ab. Joachim -blickte verwundert von einem zum andern, während Hans Castorp mit -hochgezogenen Brauen auf seinen Weg niedersah. Naphta hatte scharf und -apodiktisch gesprochen, wiewohl er es gewesen war, der die weitere -Freiheit verfochten hatte. Besonders seine Art, mit „Falsch!“ zu -widersprechen, bei dem „sch“-Laut die Lippen vorzuschieben und dann den -Mund zu verkneifen, war unangenehm. Settembrini hatte ihm teils auf -heiterere Weise Widerpart gehalten, teils auch eine schöne Wärme in -seine Worte gelegt, etwa dort, wo er zur Einigkeit in gewissen -Grundgesinnungen gemahnt hatte. Jetzt, während Naphta schwieg, begann -er, den Vettern die Existenz des ihnen Fremden zu erläutern, womit er -dem Bedürfnis nach Aufklärung entgegenkam, das er nach seinem -Wortwechsel mit Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, -ohne sich darum zu kümmern. Er sei Professor der alten Sprachen in den -obersten Klassen des Fridericianums, erklärte Settembrini, indem er den -Stand des Vorzustellenden nach italienischer Art möglichst pomphaft -herausstrich. Sein Schicksal sei dem seinen, Settembrinis eigenem, -gleich. Durch seinen Gesundheitszustand vor fünf Jahren heraufgeführt, -habe er sich überzeugen müssen, daß er des Aufenthaltes für lange Frist -bedürftig sei, habe sein Sanatorium verlassen und sich privat-ansässig -gemacht, bei Lukaček, dem Damenschneider. Des hervorragenden Latinisten, -Zöglings einer Ordensschule, wie er sich etwas unbestimmt ausdrückte, -habe sich klugerweise die höhere Lehranstalt des Ortes als eines -Dozenten versichert, der ihr zur Zierde gereiche ... Kurz, Settembrini -erhob den häßlichen Naphta nicht wenig, obgleich er doch eben noch etwas -wie einen abstrakten Streit mit ihm gehabt, und obgleich dieser -streitähnliche Wortwechsel sich sogleich fortsetzen sollte. - -Settembrini ging nämlich jetzt dazu über, Herrn Naphta Erläuterungen -über die Vettern zu geben, wobei sich übrigens zeigte, daß er ihm schon -früher von ihnen erzählt hatte. Dies sei also der junge Ingenieur mit -den drei Wochen, bei dem Hofrat Behrens eine feuchte Stelle gefunden -habe, sagte er, und dies hier jene Hoffnung der preußischen -Heeresorganisation, Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims -Gemütsempörung und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur -zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht dieselbe Ungeduld -zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren. - -Naphta verzog das Gesicht. Er sagte: - -„Die Herren haben da einen beredten Vormund. Ich hüte mich, zu -bezweifeln, daß er Ihre Gedanken und Wünsche zutreffend verdolmetscht. -Arbeit, Arbeit –, ich bitte, gleich wird er mich einen Feind der -Menschheit schelten, einen _inimicus humanae naturae_, wenn ich es wage, -an Zeiten zu erinnern, wo er mit dieser Fanfare den gewohnten Effekt -durchaus nicht erzielt hätte, nämlich an Zeiten, wo das Gegenteil seines -Ideals in unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux -etwa lehrte eine andere Stufenfolge der Vollkommenheit, als Herr -Lodovico sie sich je hat träumen lassen. Wollen Sie wissen, welche? Sein -unterster Stand befindet sich in der ‚Mühle‘, der zweite auf dem -‚Acker‘, der dritte und lobenswerteste aber – hören Sie nicht zu, -Settembrini –, ‚auf dem Ruhebett‘. Die Mühle, das ist das Sinnbild des -Weltlebens, – nicht schlecht gewählt. Der Acker bedeutet die Seele des -weltlichen Menschen, darauf der Prediger und geistliche Lehrer wirkt. -Diese Stufe ist schon würdiger. Auf dem Bette aber –“ - -„Genug! Wir wissen!“ rief Settembrini. „Meine Herren, jetzt wird er -Ihnen Zweck und Gebrauch des Lotterbettes vor Augen führen!“ - -„Ich wußte nicht, daß Sie prüde sind, Lodovico. Wenn man Sie den Mädchen -zuzwinkern sieht ... Wo bleibt die heidnische Unbefangenheit? Das Bett -also ist der Ort der Beiwohnung des Minnenden mit dem Gemeinten und als -Symbolum die beschauliche Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum -Zwecke der Beiwohnung mit Gott.“ - -„Puh! _Andate, andate!_“ wehrte der Italiener fast weinend ab. Man -lachte. Dann aber fuhr Settembrini mit Würde fort: - -„Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung da ist reiner -Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. Lao-Tse lehrte, daß -Nichtstun förderlicher sei, als jedes Ding zwischen Himmel und Erde. -Wenn alle Menschen aufgehört haben würden, zu tun, werde vollkommene -Ruhe und Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre -Beiwohnung.“ - -„Was Sie nicht sagen. Und die abendländische Mystik? Und der Quietismus, -der Fénelon zu den Seinen zählen darf, und der lehrte, daß jedes Handeln -fehlerhaft sei, da tätig sein zu wollen, Gott beleidigen heiße, der -allein handeln wolle? Ich zitiere die Propositionen von Molinos. Es -scheint doch, daß die geistige Möglichkeit, das Heil in der Ruhe zu -finden, allgemeine menschliche Verbreitung besitzt.“ - -Hier griff Hans Castorp ein. Mit dem Mut der Einfalt mischte er sich ins -Gespräch und äußerte ins Leere blickend: - -„Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es läßt sich -hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, wir hier oben, das -kann man sagen. Fünftausend Fuß hoch liegen wir auf unseren Stühlen, die -auffallend bequem sind, und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und -machen uns unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die -Wahrheit sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl, -verstehen Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und mich auf -mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande all die Jahre her, -das ist nicht zu leugnen.“ - -Settembrini sah ihn mit traurig schimmernden schwarzen Augen an. -„Ingenieur,“ sagte er gepreßt, „Ingenieur!“ Und er nahm Hans Castorp am -Arm und hielt ihn ein wenig zurück, gleichsam um hinter dem Rücken der -anderen privatim auf ihn einzureden. - -„Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß man wissen sollte, was man ist, und -denken, wie es einem zukommt! Sache des Abendländers, trotz aller -Propositionen, ist die Vernunft, die Analyse, die Tat und der -Fortschritt, – nicht das Faulbett des Mönches!“ - -Naphta hatte zugehört. Er sprach nach hinten: - -„Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des europäischen Bodens! -Man dankt ihnen, daß Deutschland, Frankreich und Italien nicht mit -Wildwald und Ursümpfen bedeckt sind, sondern uns Korn, Obst und Wein -bescheren! Die Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet ...“ - -„_Ebbè_, nun also!“ - -„Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, das heißt: -Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, die Welt zu fördern oder -geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie war reine asketische Übung, -Bestandteil der Bußdisziplin, Heilsmittel. Sie gewährte Schutz gegen das -Fleisch, diente der Abtötung der Sinnlichkeit. Sie trug also – erlauben -Sie mir, das festzustellen – völlig unsozialen Charakter. Sie war -ungetrübtester religiöser Egoismus.“ - -„Ich bin Ihnen für die Aufklärung sehr verbunden und freue mich, den -Segen der Arbeit auch gegen den Willen des Menschen sich bewähren zu -sehen.“ - -„Ja, gegen seine Absicht. Wir bemerken da nichts Geringeres, als den -Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem Humanen.“ - -„Ich bemerke vor allem mit Unmut, daß Sie schon wieder Weltentzweiung -treiben.“ - -„Ich bedauere, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben, aber man muß die -Dinge scheiden und ordnen und die Idee des _Homo Dei_ von unreinen -Bestandteilen freihalten. Ihr Italiener habt das Wechslergeschäft und -die Banken erfunden; das verzeih’ euch Gott. Aber die Engländer erfanden -die ökonomistische Gesellschaftslehre, und das wird der Genius des -Menschen ihnen niemals verzeihen.“ - -„Ah, der Genius der Menschheit war auch in den großen ökonomischen -Denkern jener Inseln lebendig! – Sie wollten sprechen, Ingenieur?“ - -Das leugnete Hans Castorp, sagte aber dennoch – und Naphta sowohl wie -Settembrini hörten ihm mit einer gewissen Spannung zu: - -„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen haben, Herr -Naphta, und einverstanden sein mit seiner Ungeduld, ihn zu ergreifen ... -Ich bin ja Zivilist durch und durch, mein Vetter macht es mir öfters zum -Vorwurf. Ich habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind -des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich sehr gut -auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie meinen Vetter, ich -habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber wenn ich von meinen -persönlichen Neigungen mal absehe – und vielleicht brauch’ ich, genau -genommen, gar nicht so ganz davon abzusehen –, so habe ich eine Menge -Verständnis und Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine -verteufelt ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie -wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie zu -gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit dem Tode zu tun zu -bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch der geistliche Stand es zu tun -hat, – womit denn sonst. Daher hat der Soldatenstand die _bienséance_ -und die Rangordnung und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so -sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen -Uniformkragen trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf -dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend -sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Ihnen meinen -Gedankengang ...“ - -„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini hinüber, -der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete. - -„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die Neigungen meines -Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein müßten, nach allem, was Sie -sagen. Ich denke da nicht an ‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen, -womit manche Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß -wohlgesinnte Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen. -Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes, das heißt -der Dienst – in diesem Falle spricht man von Dienst – absolut nicht um -geschäftlicher Vorteile willen geschieht und zur ‚ökonomischen -Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten, gar keine Beziehungen hat, weshalb -denn auch die Engländer nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien -und ein paar zu Hause für die Parade ...“ - -„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach ihn -Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne unserm -Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel, denn sie -ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt, der Grundtypus des -Soldaten ist der Landsknecht, der sich für diese oder auch jene Sache -anwerben ließ, – kurzum, es gab den Soldaten der spanischen -Gegenreformation, den Soldaten der Revolutionsheere, den napoleonischen, -den Garibaldis, es gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den -Soldaten reden, wenn ich weiß, _wofür_ er sich schlägt!“ - -„_Daß_ er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin eine -greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das gut sein. Es -ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand in Ihrem Sinne -‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt ihn in eine Sphäre, -worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder Einblick verwehrt ist.“ - -„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“ entgegnete Herr -Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen, während seine Mundwinkel -unter dem geschwungenen Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und -sein Hals sich auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem -Kragen herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für die -Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen -Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen Form -einzutreten.“ - -Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen vor sich hin. -Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der Kopf und Hals wieder in -natürliche Stellung gebracht hatte: - -„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken uns oft, -aber es geschieht in aller Freundschaft und auf Grund manchen -Einverständnisses.“ - -Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini. Aber -Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das Gespräch harmlos -fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als stünde er unter irgendeinem -Druck und Zwang, und gleichsam gegen seinen Willen: - -„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich, vorhin, als wir -hinter Ihnen gingen.“ - -„Das hörte ich“, antwortete Naphta. „Ich fing das Wort auf und sah mich -um. Politisierten Sie? Erörterten Sie die Weltlage?“ - -„Oh, nein“, lachte Hans Castorp. „Wie sollten wir dazu wohl kommen! Für -meinen Vetter hier wäre es von Berufs wegen geradezu unpassend, sich um -Politik zu kümmern, und ich verzichte freiwillig darauf, verstehe -garnichts davon. Seit ich hier bin, habe ich noch nicht einmal eine -Zeitung in der Hand gehabt ...“ - -Settembrini fand das, wie früher schon einmal, tadelnswert. Er zeigte -sich sofort aufs beste unterrichtet über die großen Verhältnisse und -beurteilte sie beifällig insofern, als die Dinge einen der Zivilisation -günstigen Verlauf nähmen. Die europäische Gesamtatmosphäre sei von -Friedensgedanken, von Abrüstungsplänen erfüllt. Die demokratische Idee -marschiere. Er erklärte, vertrauliche Informationen zu besitzen, -dahingehend, das Jungtürkentum beende soeben seine Vorbereitungen zu -grundstürzenden Unternehmungen. Die Türkei als National- und -Verfassungsstaat, – welch ein Triumph der Menschlichkeit! - -„Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta. „Vorzüglich. Der -aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut. Übrigens geht das Sie an“, wandte er -sich an Joachim. „Wenn Abdul Hamid fällt, ist es mit Ihrem Einfluß in -der Türkei zu Ende, und England wirft sich zum Protektor auf ... Sie -müssen die Verbindungen und Informationen unseres Settembrini durchaus -ernst nehmen“, sagte er zu beiden Vettern, und auch dies klang -impertinent, da er sie für geneigt zu halten schien, Herrn Settembrini -nicht ernst zu nehmen. „In national-revolutionären Dingen weiß er -Bescheid. Bei ihm zu Hause unterhält man gute Beziehungen zum englischen -Balkankomitee. Was wird aber aus den Abmachungen von Reval, Lodovico, -wenn Ihre Fortschrittstürken Glück haben? Eduard der Siebente wird den -Russen die Öffnung der Dardanellen nicht mehr zugestehen können, und -wenn Österreich sich trotzdem zu einer aktiven Balkanpolitik aufrafft, -so ...“ - -„Mit Ihrer Katastrophenprophetie!“ wehrte Settembrini ab. „Nikolaus -liebt den Frieden. Man verdankt ihm die Konferenzen im Haag, die -moralische Tatsachen ersten Ranges bleiben.“ - -„Ei, Rußland mußte sich nach seinem kleinen Mißgeschick im Osten noch -etwas Erholung gönnen!“ - -„Pfui, mein Herr. Sie sollten die Sehnsucht der Menschheit nach ihrer -gesellschaftlichen Vervollkommnung nicht verhöhnen. Das Volk, das solche -Bestrebungen durchkreuzt, wird sich unzweifelhaft der moralischen -Ächtung aussetzen.“ - -„Wozu wäre die Politik auch da, als einander Gelegenheit zu geben, sich -moralisch zu kompromittieren!“ - -„Sie huldigen dem Pangermanismus?“ - -Naphta zuckte die Schultern, die nicht ganz gleichmäßig standen. Er war -wohl eigentlich etwas schief, zu seiner sonstigen Häßlichkeit. Er -verschmähte es, zu antworten. Settembrini urteilte: - -„Jedenfalls ist es zynisch, was Sie da sagen. In den hochherzigen -Anstrengungen der Demokratie, sich international durchzusetzen, wollen -Sie nichts erblicken, als politische List ...“ - -„Sie verlangen wohl, daß ich Idealismus oder gar Religiosität darin -erblicke? Es handelt sich um letzte, schwächliche Regungen des Restes -von Selbsterhaltungsinstinkt, über den ein verurteiltes Weltsystem noch -verfügt. Die Katastrophe soll und muß kommen, sie kommt auf allen Wegen -und auf alle Weise. Nehmen Sie die britische Staatskunst. Englands -Bedürfnis, das indische Glacis zu sichern, ist legitim. Aber die Folgen? -Eduard weiß so gut wie Sie und ich, daß die Machthaber von Petersburg -die mandschurische Scharte auswetzen müssen und die Ableitung der -Revolution so notwendig brauchen wie das liebe Brot. Trotzdem lenkt er – -er muß es wohl! – den russischen Ausdehnungsdrang nach Europa, weckt -eingeschlummerte Rivalitäten zwischen Petersburg und Wien –“ - -„Ach, Wien! Sie sorgen sich um dieses Welthindernis, vermutlich, weil -Sie in dem morschen Imperium, dessen Haupt es ist, die Mumie des -Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erkennen!“ - -„Und Sie finde ich russophil, vermutlich aus humanistischer Sympathie -mit dem Cäsaro-Papismus.“ - -„Mein Herr, die Demokratie hat selbst vom Kreml mehr zu hoffen, als von -der Hofburg, und es ist eine Schande für das Land Luthers und Gutenbergs -–“ - -„Es ist außerdem wahrscheinlich eine Dummheit. Aber auch diese Dummheit -ist ein Werkzeug der Fatalität –“ - -„Ach, gehen Sie mir mit der Fatalität! Die menschliche Vernunft braucht -sich nur stärker zu _wollen_ als die Fatalität, und sie _ist_ es!“ - -„Gewollt wird immer nur das Schicksal. Das kapitalistische Europa will -das seine.“ - -„Man glaubt an das Kommen des Krieges, wenn man ihn nicht hinlänglich -verabscheut!“ - -„Ihr Abscheu ist logisch abrupt, solange Sie ihn nicht beim Staate -selbst beginnen lassen.“ - -„Der nationale Staat ist das Prinzip des Diesseits, das Sie dem Teufel -zuschreiben möchten. Machen Sie aber die Nationen frei und gleich, -schützen Sie die kleinen und schwachen vor Unterdrückung, schaffen Sie -Gerechtigkeit, schaffen Sie nationale Grenzen ...“ - -„Die Brennergrenze, ich weiß. Die Liquidation Österreichs. Wenn ich nur -wüßte, wie Sie sie ohne Krieg zu bewerkstelligen gedenken!“ - -„Und ich wüßte wahrhaftig gern, wann jemals ich den nationalen Krieg -verdammt haben soll.“ - -„Ich höre doch wohl –“ - -„Nein, das muß ich Herrn Settembrini bestätigen“, mischte sich Hans -Castorp in den Disput, dem er im Gehen gefolgt war, indem er den jeweils -Sprechenden mit schrägem Kopfe aufmerksam von der Seite betrachtet -hatte. „Mein Vetter und ich haben ja schon manchmal den Vorzug gehabt, -uns mit ihm über diese und ähnliche Dinge zu unterhalten, das heißt, -natürlich lief es darauf hinaus, daß wir ihm zuhörten, wie er seine -Meinungen entwickelte und alles klarstellte. Und da kann ich denn -bestätigen, und auch mein Vetter hier wird sich daran erinnern, daß Herr -Settembrini mehr als einmal mit großer Begeisterung von dem Prinzip der -Bewegung und der Rebellion und der Weltverbesserung sprach, das ja an -sich kein so ganz friedliches Prinzip ist, sollte ich meinen, und daß -diesem Prinzip noch große Anstrengungen bevorständen, ehe es überall -gesiegt haben werde und die allgemeine glückliche Weltrepublik -stattfinden könne. Das waren seine Worte, wenn sie auch natürlich viel -plastischer und schriftstellerischer waren als meine, das versteht sich -von selbst. Was ich aber ganz genau weiß und wörtlich behalten habe, -weil ich als ausgepichter Zivilist direkt etwas darüber erschrak, das -war, daß er sagte, dieser Tag werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf -Adlerschwingen kommen (über die Adlerschwingen erschrak ich, wie ich -mich erinnere), und Wien müsse aufs Haupt geschlagen sein, wenn man das -Glück in die Wege leiten wolle. Man kann also nicht sagen, daß Herr -Settembrini den Krieg überhaupt verworfen hat. Habe ich recht, Herr -Settembrini?“ - -„Ungefähr“, sagte der Italiener kurz, indem er abgewandten Kopfes seinen -Stock schwenkte. - -„Schlimm“, lächelte Naphta häßlich. „Da sind Sie von Ihrem eigenen -Schüler kriegerischer Neigungen überführt. _Assument pennas ut aquilae -..._“ - -„Voltaire selbst hat den Zivilisationskrieg bejaht und Friedrich dem -Zweiten den Krieg gegen die Türken empfohlen.“ - -„Statt dessen verbündete er sich mit ihnen, he, he. Und dann die -Weltrepublik! Ich unterlasse es, mich zu erkundigen, was aus dem Prinzip -der Bewegung und der Rebellion wird, wenn das Glück und die Vereinigung -hergestellt sind. In diesem Augenblick würde die Rebellion zum -Verbrechen ...“ - -„Sie wissen sehr wohl, und auch diese jungen Herren wissen es, daß es -sich um einen als unendlich gedachten Fortschritt der Menschheit -handelt.“ - -„Alle Bewegung ist aber kreisförmig“, sagte Hans Castorp. „Im Raume und -in der Zeit, das lehren die Gesetze von der Erhaltung der Masse und von -der Periodizität. Mein Vetter und ich sprachen vorhin noch davon. Kann -denn bei geschlossener Bewegung ohne Richtungsdauer von Fortschritt die -Rede sein? Wenn ich abends so liege und den Zodiakus betrachte, das -heißt: die Hälfte, die zu sehen ist, und an die alten weisen Völker -denke ...“ - -„Sie sollten nicht grübeln und träumen, Ingenieur,“ unterbrach ihn -Settembrini, „sondern sich entschlossen den Instinkten Ihrer Jahre und -Ihrer Rasse anvertrauen, die Sie zur Tätigkeit drängen müssen. Auch Ihre -naturwissenschaftliche Bildung muß Sie der Fortschrittsidee verbinden. -Sie sehen in ungemessenen Zeiträumen das Leben vom Infusor zum Menschen -sich fort- und emporentwickeln, Sie können nicht zweifeln, daß dem -Menschen noch unendliche Vervollkommnungsmöglichkeiten offen stehen. -Versteifen Sie sich denn aber auf die Mathematik, so führen Sie Ihren -Kreislauf von Vollkommenheit zu Vollkommenheit und erquicken Sie sich an -der Lehre unseres achtzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch ursprünglich -gut, glücklich und vollkommen war, daß nur die gesellschaftlichen -Irrtümer ihn entstellt und verdorben haben, und daß er auf dem Wege -kritischer Arbeit am Gesellschaftsbau wieder gut, glücklich und -vollkommen werden soll, werden wird –“ - -„Herr Settembrini versäumt, hinzuzufügen,“ fiel Naphta ein, „daß das -Rousseausche Idyll eine vernünftlerische Verballhornung der kirchlichen -Doktrin von der ehemaligen Staat- und Sündlosigkeit des Menschen ist, -seiner ursprünglichen Gottesunmittelbarkeit und Gotteskindschaft, zu der -er zurückkehren soll. Die Wiederherstellung des Gottesstaates nach -Auflösung aller irdischen Formen liegt aber dort, wo Erde und Himmel, -Sinnliches und Übersinnliches sich berühren, das Heil ist transzendent, -und was Ihre kapitalistische Weltrepublik anbelangt, lieber Doktor, so -ist es recht sonderbar, Sie in diesem Zusammenhang vom „Instinkt“ reden -zu hören. Das Instinktive ist durchaus auf seiten des Nationalen, und -Gott selbst hat den Menschen den natürlichen Instinkt eingepflanzt, der -die Völker veranlaßt hat, sich in verschiedenen Staaten voneinander zu -sondern. Der Krieg ...“ - -„Der Krieg,“ rief Settembrini, „selbst der Krieg, mein Herr, hat schon -dem Fortschritt dienen müssen, wie Sie mir einräumen werden, wenn Sie -sich gewisser Ereignisse aus Ihrer Lieblingsepoche, ich meine: wenn Sie -sich der Kreuzzüge erinnern! Diese Zivilisationskriege haben die -Beziehungen der Völker im wirtschaftlichen und handelspolitischen -Verkehr aufs glücklichste begünstigt und die abendländische Menschheit -im Zeichen einer Idee vereinigt.“ - -„Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will ich Sie -dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung, die sie -zeitigten, nichts weniger als international ausgleichend gewirkt haben, -sondern im Gegenteil die Völker lehrten, sich voneinander zu -unterscheiden und die Ausbildung der nationalen Staatsidee kräftig -förderten.“ - -„Sehr zutreffend, soweit das Verhältnis der Völker zur Klerisei in Frage -kommt. Ja! damals begann das Gefühl staatlich nationaler Ehre sich gegen -hierarchische Anmaßung zu festigen ...“ - -„Und dabei ist, was Sie hierarchische Anmaßung nennen, nichts als die -Idee menschlicher Vereinigung im Zeichen des Geistes!“ - -„Man kennt diesen Geist, und man bedankt sich.“ - -„Es ist klar, daß Ihre nationale Manie den weltüberwindenden -Kosmopolitismus der Kirche verabscheut. Wenn ich nur wüßte, wie Sie den -Abscheu vor dem Kriege damit zu vereinigen gedenken. Ihr antikisierender -Staatskult muß Sie zum Verfechter positiver Rechtsauffassung machen, und -als solcher ...“ - -„Sind wir beim Recht? Im Völkerrecht, mein Herr, bleibt der Gedanke des -Naturrechtes und allmenschlicher Vernunft lebendig ...“ - -„Pah, Ihr Völkerrecht ist abermals nichts als eine Rousseausche -Verballhornung des _ius divinum_, das weder mit Natur noch Vernunft -etwas zu schaffen hat, sondern auf Offenbarung beruht ...“ - -„Streiten wir uns nicht um Namen, Professor! Nennen Sie ungehindert _ius -divinum_, was ich als Natur- und Völkerrecht verehre. Die Hauptsache -ist, daß über den positiven Rechten der Nationalstaaten ein -höher-gültiges, allgemeines sich erhebt und die Schlichtung strittiger -Interessenfragen durch Schiedsgerichte ermöglicht.“ - -„Durch Schiedsgerichte! Wenn ich das Wort höre! Durch ein bürgerliches -Schiedsgericht, das über Fragen des Lebens entscheidet, Gottes Willen -ermittelt und die Geschichte bestimmt! Gut, soviel von den Taubenfüßen. -Und wo bleiben die Adlersschwingen?“ - -„Die bürgerliche Gesittung –“ - -„Ei, die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da schreien sie -nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern, daß die Kosten der -Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung verbilligt werden. Und dabei -erstickt man im Gedränge, und alle Berufe sind so überfüllt, daß der -Kampf um den Eßnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in den -Schatten stellt. Freie Plätze und Gartenstädte! Ertüchtigung der Rasse! -Aber wozu Ertüchtigung, wenn die Zivilisation und der Fortschritt -wollen, daß kein Krieg mehr sei? Der Krieg wäre das Mittel gegen alles -und für alles. Für die Ertüchtigung und sogar gegen den -Geburtenrückgang.“ - -„Sie scherzen. Das ist nicht mehr ernst. Unser Gespräch löst sich auf -und tut es im rechten Augenblick. Wir sind zur Stelle“, sagte -Settembrini und zeigte den Vettern das Häuschen, vor dessen Zaunpforte -sie hielten, mit dem Stock. Es lag nahe dem Eingang von „Dorf“ an der -Straße, von der nur ein schmales Vorgärtchen es trennte, und war -bescheiden. Wilder Wein schwang sich aus bloßliegenden Wurzeln um die -Haustür und streckte einen gebogenen, an die Mauer geschmiegten Arm -gegen das ebenerdige Fenster zur Rechten hin, das Schaufenster eines -kleinen Kramladens. Das Erdgeschoß sei des Krämers, erklärte -Settembrini. Naphtas Logis befinde sich eine Treppe hoch in der -Schneiderei, und er selbst domiziliere im Dach. Es sei ein friedlicher -Studio. - -Mit überraschend hervorgekehrter Liebenswürdigkeit gab Naphta der -Hoffnung Ausdruck, daß weitere Begegnungen aus dieser folgen möchten. -„Besuchen Sie uns“, sagte er. „Ich würde sagen: Besuchen Sie mich, wenn -Dr. Settembrini hier nicht ältere Rechte auf Ihre Freundschaft hätte. -Kommen Sie, wann Sie wollen, sobald Sie Lust zu einem kleinen Kolloquium -haben. Ich schätze den Austausch mit der Jugend, bin auch vielleicht -nicht ohne alle pädagogische Überlieferung ... Wenn unser Meister vom -Stuhl“ (er deutete auf Settembrini) „alle pädagogische Aufgelegtheit und -Berufung dem bürgerlichen Humanismus vorbehalten will, so muß man ihm -widersprechen. Auf bald also!“ - -Settembrini machte Schwierigkeiten. Es bestünden solche, sagte er. Die -Tage des Leutnants hier oben seien gezählt, und der Ingenieur werde -seinen Eifer im Kurdienst verdoppeln wollen, um ihm sehr bald in die -Ebene nachfolgen zu können. - -Die jungen Leute stimmten beiden zu, dem einen nach dem andern. Sie -hatten Naphtas Einladung mit Verbeugungen aufgenommen und erkannten im -nächsten Augenblick die Bedenken Settembrinis mit Kopf und Schultern als -berechtigt an. So blieb alles offen. - -„Wie hat er ihn genannt?“ fragte Joachim, als sie die Wegschleife zum -„Berghof“ emporstiegen ... - -„Ich habe ‚Meister vom Stuhl‘ verstanden,“ sagte Hans Castorp, „und -denke auch eben darüber nach. Es ist wohl irgend so ein Witz; sie haben -ja sonderbare Namen füreinander. Settembrini nannte Naphta ‚_princeps -scholasticorum_‘, – auch nicht übel. Die Scholastiker, das waren ja wohl -die Schriftgelehrten des Mittelalters, dogmatische Philosophen, wenn du -willst. Hm. Vom Mittelalter war ja denn auch verschiedentlich die Rede, -– wobei mir einfiel, wie Settembrini gleich am ersten Tage sagte, es -mute manches mittelalterlich an bei uns hier oben: wir kamen darauf -durch Adriatica von Mylendonk, durch den Namen. – Wie hat _er_ dir -gefallen?“ - -„Der Kleine? Nicht gut. Er sagte manches, was mir gefiel. -Schiedsgerichte sind natürlich eine Duckmäuserei. Aber er selbst hat mir -wenig gefallen, und da kann einer noch so viel Gutes sagen, was habe ich -davon, wenn er selbst ein zweifelhafter Kerl ist. Und zweifelhaft ist -er, das kannst du nicht leugnen. Allein schon die Geschichte mit dem -‚Orte der Beiwohnung‘ war entschieden bedenklich. Und dabei hat er ja -eine Judennase, sieh ihn dir doch an! So miekrig von Figur sind auch -immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den Mann zu -besuchen?“ - -„Selbstverständlich werden wir ihn besuchen!“ erklärte Hans Castorp. -„Die Miekrigkeit, – das ist nur das Militär, das da aus dir spricht. -Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen und waren doch höllisch auf -dem Posten, nicht bloß in den Geheimwissenschaften. Naphta hat auch was -von Geheimwissenschaft, er interessiert mich nicht wenig. Ich will auch -nicht behaupten, daß ich heute schon klug aus ihm geworden bin, aber -wenn wir öfter mit ihm zusammenkommen, so werden wir es vielleicht, und -ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß wir überhaupt klüger -werden bei dieser Gelegenheit.“ - -„Ach, Mensch, du wirst ja immer klüger hier oben, mit deiner Biologie -und Botanik und deinen unhaltbaren Wendepunkten. Und mit der ‚Zeit‘ -hattest du es gleich am ersten Tage zu tun. Und dabei sind wir doch -hier, um gesünder, und nicht um gescheuter zu werden, – gesünder und -ganz gesund, damit sie uns endlich in Freiheit setzen und als geheilt -ins Flachland entlassen können!“ - -„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ sang Hans Castorp leichtsinnig. -„Sage mir erst mal, was Freiheit ist“, fuhr er sprechend fort. „Naphta -und Settembrini stritten vorhin ja auch darüber und kamen zu keiner -Einigung. ‚Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe!‘ sagt Settembrini, -und das klingt nach seinem Vorfahren, dem Carbonaro. Aber so tapfer der -Carbonaro war, und so tapfer unser Settembrini selber ist, ...“ - -„Ja, er wurde ungemütlich, als auf persönlichen Mut die Rede kam.“ - -„... so glaube ich doch, daß er vor manchem Angst hat, wovor der kleine -Naphta _nicht_ Angst hat, verstehst du, und daß seine Freiheit und -Tapferkeit ziemlich ete-pe-tete sind. Meinst du, daß er Mut genug hätte, -_de se perdre ou même de se laisser dépérir_?“ - -„Was fängst du an, französisch zu sprechen?“ - -„Nur so ... Die Atmosphäre hier ist ja so international. Ich weiß nicht, -wer mehr Gefallen daran finden müßte: Settembrini, von wegen der -bürgerlichen Weltrepublik, oder Naphta mit seinem hierarchischen -Kosmopolis. Ich habe scharf aufgepaßt, wie du siehst, aber klar ist die -Sache mir nicht geworden, ich fand im Gegenteil, die Konfusion war groß, -die herauskam bei ihren Reden.“ - -„Das ist immer so. Das wirst du immer so finden, daß bloß Konfusion -herauskommt beim Reden und Meinungen haben. Ich sage dir ja, es kommt -überhaupt nicht drauf an, was für Meinungen einer hat, sondern darauf, -ob einer ein rechter Kerl ist. Am besten ist, man hat gleich gar keine -Meinung, sondern tut seinen Dienst.“ - -„Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale Existenz, die -du bist. Bei mir ist es was andres, ich bin Zivilist, ich bin -gewissermaßen verantwortlich. Und mich regt es auf, solche Konfusion zu -sehen, wie daß der eine die internationale Weltrepublik predigt und den -Krieg grundsätzlich verabscheut, dabei aber so patriotisch ist, daß er -partout die Brennergrenze verlangt und dafür einen Zivilisationskrieg -führen will, – und daß der andere den Staat für Teufelswerk hält und von -der allgemeinen Vereinigung am Horizonte flötet, aber im nächsten -Augenblick das Recht des natürlichen Instinktes verteidigt und sich über -Friedenskonferenzen lustig macht. Unbedingt müssen wir hingehen, um klug -daraus zu werden. Du sagst zwar, wir sollen hier nicht klüger werden, -sondern gesünder. Aber das muß sich vereinigen lassen, Mann, und wenn du -das nicht glaubst, dann treibst du Weltentzweiung, und so was zu -treiben, ist immer ein großer Fehler, will ich dir mal bemerken.“ - - - Vom Gottesstaat und von übler Erlösung - -Hans Castorp bestimmte in seiner Loge ein Pflanzengewächs, das jetzt, da -der astronomische Sommer begonnen hatte und die Tage kürzer zu werden -begannen, an vielen Stellen wucherte: die Akelei oder _Aquilegia_, eine -Ranunkulazeenart, die staudenartig wuchs, hochgestielt, mit blauen und -veilchenfarbnen, auch rotbraunen Blüten und krautartigen Blättern von -geräumiger Fläche. Die Pflanze wuchs da und dort, massenweis aber -namentlich in dem stillen Grunde, wo er sie vor nun bald einem Jahre -zuerst gesehen: der abgeschiedenen, wildwasserdurchrauschten -Waldschlucht mit Steg und Ruhebank, wo sein voreilig-freizügiger und -unbekömmlicher Spaziergang von damals geendigt hatte, und die er nun -manchmal wieder besuchte. - -Es war, wenn man es weniger unternehmend anfing, als er damals getan, -nicht gar so weit dorthin. Stieg man vom Ziel der Schlittlrennen in -„Dorf“ ein wenig die Lehne hinan, so war der malerische Ort auf dem -Waldwege, dessen Holzbrücken die von der Schatzalp kommende Bobbahn -überkreuzten, ohne Umwege, Operngesang und Erschöpfungspausen in zwanzig -Minuten zu erreichen, und wenn Joachim durch dienstliche Pflichten, -durch Untersuchung, Innenphotographie, Blutprobe, Injektion oder -Gewichtsfeststellung ans Haus gefesselt war, so wanderte Hans Castorp -wohl bei heiterer Witterung nach dem zweiten Frühstück, zuweilen auch -schon nach dem ersten dorthin, und auch die Stunden zwischen Tee und -Abendessen benutzte er wohl zu einem Besuch seines Lieblingsortes, um -auf der Bank zu sitzen, wo ihn einst das mächtige Nasenbluten -überkommen, dem Geräusche des Gießbachs mit schrägem Kopfe zu lauschen -und das geschlossene Landschaftsbild um sich her zu betrachten, sowie -die Menge von blauer Akelei, die nun wieder in ihrem Grunde blühte. - -Kam er nur dazu? Nein, er saß dort, um allein zu sein, um sich zu -erinnern, die Eindrücke und Abenteuer so vieler Monate zu überschlagen -und alles zu bedenken. Es waren ihrer viele und mannigfaltige, – nicht -leicht zu ordnen dabei, denn sie erschienen ihm vielfach verschränkt und -ineinanderfließend, so daß das Handgreifliche kaum vom bloß Gedachten, -Geträumten und Vorgestellten zu sondern war. Nur abenteuerlichen Wesens -waren sie alle, in dem Grade, daß sein Herz, beweglich, wie es hier oben -vom ersten Tage an gewesen und geblieben war, stockte und hämmerte, wenn -er ihrer gedachte. Oder genügte bereits die Vernunftüberlegung, daß die -_Aquilegia_ hier, wo ihm einst in einem Zustand herabgesetzter -Lebenstätigkeit Pribislav Hippe leibhaftig erschienen war, nicht immer -noch, sondern schon wieder blühte, und daß aus den „drei Wochen“ -demallernächst ein rundes Jahr geworden sein würde, um sein bewegliches -Herz so abenteuerlich zu erschrecken? - -Übrigens bekam er kein Nasenbluten mehr auf seiner Bank am Wildwasser, -das war vorbei. Seine Akklimatisation, die Joachim ihm sogleich als -schwierig hingestellt und die ihre Schwierigkeit denn auch bewährt -hatte, war vorgeschritten, sie mußte nach elf Monaten als vollendet -gelten, und Weitergehendes in dieser Richtung war kaum zu gewärtigen. -Der Chemismus seines Magens hatte sich geregelt und angepaßt, Maria -Mancini schmeckte, die Nerven seiner ausgetrockneten Schleimhäute -kosteten längst wieder empfänglich die Blume dieses preiswerten -Fabrikats, das er sich nach wie vor, wenn der Vorrat zur Neige ging, mit -einer Art von Pietätsgefühl aus Bremen verschrieb, obgleich sehr -einladende Ware sich in den Schaufenstern des internationalen Kurortes -empfahl. Bildete Maria nicht eine Art von Verbindung zwischen ihm, dem -Entrückten, und dem Flachlande, der alten Heimat? Unterhielt und -bewahrte sie dergleichen Beziehungen nicht wirksamer, als etwa die -Postkarten, die er dann und wann nach unten an die Onkel richtete, und -deren Abstände voneinander in demselben Maße größer geworden waren, als -er sich unter Annahme hiesiger Begriffe eine großartigere -Zeitbewirtschaftung zu eigen gemacht hatte? Es waren meistens -Ansichtskarten, der größeren Gefälligkeit halber, mit hübschen Bildern -des Tales im Schnee wie in sommerlicher Verfassung, und sie boten für -Schriftliches nur eben soviel Raum, als nötig war, um die neueste -ärztliche Verlautbarung zu überliefern, das Ergebnis einer Monats- oder -Generaluntersuchung verwandtschaftlich zu melden, das heißt also: etwa -mitzuteilen, daß akustisch wie optisch eine unverkennbare Besserung zu -verzeichnen gewesen, daß er aber noch nicht entgiftet sei, und daß die -leichte Übertemperatur, in der er immer noch stehe, von den kleinen -Stellen komme, die eben noch vorhanden seien, aber bestimmt ohne Rest -verschwinden würden, wenn er Geduld übe, so daß er dann keinesfalls -wiederzukommen brauche. Er durfte sicher sein, daß darüber hinausgehende -briefstellerische Leistungen von ihm nicht verlangt und erwartet wurden; -es war keine humanistisch rednerische Sphäre, an die er sich wandte; die -Antworten, die er erhielt, waren ebensowenig ergußhafter Art. Sie -begleiteten meistens die geldlichen Subsistenzmittel, die ihm von zu -Hause zukamen, die Zinsen seines väterlichen Erbes, die sich in hiesiger -Münze so vorteilhaft ausnahmen, daß er sie niemals verzehrt hatte, wenn -eine neue Lieferung eintraf, und bestanden in einigen Zeilen -Maschinenschrift, gezeichnet James Tienappel, mit Grüßen und -Genesungswünschen vom Großonkel und manchmal auch von dem seefahrenden -Peter. - -Die Verabfolgung der Injektionen, so meldete Hans Castorp nach Hause, -hatte der Hofrat neuestens unterbrochen. Sie bekamen diesem jungen -Patienten nicht, verursachten ihm Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, -Gewichtsabnahme und Müdigkeit, hatten die „Temperatur“ zunächst erhöht -und dann nicht beseitigt. Sie glühte als trockene Hitze subjektiv fort -in seiner rosenroten Miene, als Mahnung daran, daß die Akklimatisation -für diesen Sprößling der Tiefebene und ihrer feuchtfröhlichen -Meteorologie doch eben wohl hauptsächlich in der Gewöhnung daran -bestand, daß er sich nicht gewöhnte, – was übrigens Rhadamanthys ja -selber nicht tat, der immer blaue Backen hatte. „Manche gewöhnen sich -nie“, hatte Joachim gleich gesagt, und dies schien Hans Castorps Fall. -Denn auch das Genickzittern, das ihn hier oben bald nach der Ankunft zu -belästigen begonnen, hatte sich nicht wieder verlieren wollen, sondern -stellte sich im Gehen, im Gespräch, ja selbst hier oben am blau -blühenden Orte seines Nachdenkens über den Komplex seiner Abenteuer -unvermeidlich ein, so daß ihm die würdige Kinnstütze Hans Lorenz -Castorps beinahe schon zur festen Gewohnheit geworden war, – nicht ohne -ihn selbst, wenn er sie benützte, an die Vatermörder des Alten, die -Interimsform der Ehrenkrause, an das blaßgoldene Rund der Taufschale, an -den frommen Ur-Ur-Laut und ähnliche Verwandtschaften unter der Hand zu -erinnern und ihn so zum Überdenken seines Lebenskomplexes neuerdings -hinzuleiten. - -Pribislav Hippe erschien ihm nicht mehr leibhaftig, wie vor elf Monaten. -Seine Akklimatisation war vollendet, er hatte keine Visionen mehr, lag -nicht mit stillgestelltem Leibe auf seiner Bank, während sein Ich in -ferner Gegenwart weilte – nichts mehr von solchen Zufällen. Deutlichkeit -und Lebendigkeit dieses Erinnerungsbildes, wenn es ihm denn vorschwebte, -hielten sich in normalen, gesunden Grenzen; und im Zusammenhange damit -zog dann Hans Castorp wohl aus seiner Brusttasche das gläserne -Angebinde, das er dort in einem gefütterten Briefumschlag und hierauf in -der Brieftasche verwahrt hielt: ein Täfelchen, das, wenn man es in -gleicher Ebene mit dem Erdboden hielt, schwarz-spiegelnd und -undurchsichtig schien, aber, gegen das Himmelslicht aufgehoben, sich -erhellte und humanistische Dinge vorwies: das transparente Bild des -Menschenleibes, Rippenwerk, Herzfigur, Zwerchfellbogen und -Lungengebläse, dazu das Schlüssel- und Oberarmgebein, umgeben dies alles -von blaß-dunstiger Hülle, dem Fleische, von dem Hans Castorp in der -Faschingswoche vernunftwidriger Weise gekostet hatte. Was Wunder, daß -sein bewegliches Herz stockte und stürzte, wenn er das Angebinde -betrachtete und dann fortfuhr, „alles“ zu überschlagen und zu bedenken, -gelehnt an die schlicht gezimmerte Lehne der Ruhebank, die Arme -gekreuzt, den Kopf zur Schulter geneigt, im Geräusche des Gießwassers -und angesichts der blaublühenden Akelei? - -Das Hochgebild organischen Lebens, die Menschengestalt schwebte ihm vor, -wie in jener Frost- und Sternennacht anläßlich gelehrter Studien, und an -ihre innere Anschauung knüpften sich für den jungen Hans Castorp so -manche Fragen und Unterscheidungen, mit denen sich abzugeben der gute -Joachim nicht verpflichtet sein mochte, für die aber er als Zivilist -sich verantwortlich zu fühlen begonnen hatte, obwohl auch er im -Flachlande drunten ihrer niemals ansichtig geworden war und vermutlich -nie ansichtig würde geworden sein, wohl aber hier, wo man aus der -beschaulichen Abgeschiedenheit von fünftausend Fuß auf Welt und Kreatur -hinabblickte und sich seine Gedanken machte, – vermöge einer durch -lösliche Gifte erzeugten Steigerung des Körpers auch wohl, die als -trockene Hitze im Antlitz brannte. Er dachte an Settembrini im -Zusammenhang mit jener Anschauung, an den pädagogischen Drehorgelmann, -dessen Vater in Hellas zur Welt gekommen, und der die Liebe zum -Hochgebild als Politik, Rebellion und Eloquenz erläuterte, indem er die -Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte; dachte auch an den -Kameraden Krokowski und an das, was er seit einiger Zeit im verdunkelten -Zimmergelaß mit ihm trieb, besann sich über das doppelte Wesen der -Analyse und wie weit sie der Tat und dem Fortschritte förderlich sei, -wie weit dem Grabe verwandt und seiner anrüchigen Anatomie. Er rief die -Bilder der beiden Großväter neben- und gegeneinander herauf, des -rebellischen und des getreuen, die Schwarz trugen aus unterschiedlichen -Gründen, und erwog ihre Würde; ging ferner mit sich zu Rate über so -weitläufige Komplexe wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und -Schande, Zeit und Ewigkeit, – und unterlag einem kurzen, aber -stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder blühte und -das Jahr in sich selber lief. - -Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche -Gedankenbeschäftigung am malerischen Orte seiner Zurückgezogenheit: er -nannte sie „Regieren“, – gebrauchte dies Spiel- und Knabenwort, diesen -Kinderausdruck dafür, als für eine Unterhaltung, die er liebte, obwohl -sie mit Schrecken, Schwindel und allerlei Herztumulten verbunden war und -seine Gesichtshitze übermäßig verstärkte. Doch fand er es nicht -unschicklich, daß die mit dieser Tätigkeit verbundene Anstrengung ihn -nötigte, sich der Kinnstütze zu bedienen; denn diese Haltung stimmte -wohl mit der Würde überein, die das „Regieren“ angesichts des -vorschwebenden Hochgebildes ihm innerlich verlieh. - -„_Homo Dei_“ hatte der häßliche Naphta das Hochgebild genannt, als er es -gegen die englische Gesellschaftslehre verteidigte. Was Wunder, daß Hans -Castorp um seiner zivilistischen Verantwortlichkeit willen und im -Regierungsinteresse sich gehalten fand, mit Joachim bei dem Kleinen -Besuch zu machen? Settembrini sah es ungern, – dies deutlich zu spüren, -war Hans Castorp schlau und dünnhäutig genug. Schon die erste Begegnung -war dem Humanisten unangenehm gewesen, er hatte sie offensichtlich zu -verhindern gestrebt und die jungen Leute, namentlich aber ihn selbst – -so sagte sich das durchtriebene Sorgenkind – vor der Bekanntschaft mit -Naphta pädagogisch hüten wollen, obgleich ja er für seine Person mit ihm -verkehrte und disputierte. So sind die Erzieher. Sich selber gönnen sie -das Interessante, indem sie sich ihm „gewachsen“ nennen; der Jugend aber -verbieten sie es und verlangen, daß sie sich dem Interessanten nicht -„gewachsen“ fühle. Ein Glück nur, daß es dem Drehorgelmann im Ernst -überhaupt nicht zustand, dem jungen Hans Castorp etwas zu verbieten, und -daß er ja auch gar nicht den Versuch dazu gemacht hatte. Der -Sorgenzögling brauchte seine Dünnhäutigkeit nur zu verleugnen und -Unschuld vorzuschützen, so hinderte nichts ihn, der Einladung des -kleinen Naphta freundlich zu folgen, – was er denn auch getan hatte, mit -dem wohl oder übel sich anschließenden Joachim, wenige Tage nach dem -ersten Zusammentreffen, an einem Sonntagnachmittag, nach dem -Hauptliegedienst. - -Es waren wenige Minuten Wegs vom Berghof hinunter zum Häuschen mit der -weinumkränzten Haustür. Sie traten ein, ließen den Zugang zum -Krämerladen zur Rechten liegen und erklommen die schmale braune Stiege, -die sie vor eine Etagentür führte, neben deren Klingel lediglich das -Namensschild Lukačeks, des Damenschneiders, angebracht war. Die Person, -die ihnen öffnete, war ein halbwüchsiger Knabe in einer Art von Livree, -gestreifter Jacke und Gamaschen, ein Dienerchen, kurzgeschoren und -rotbackig. Ihn fragten sie nach Herrn Professor Naphta und prägten ihm, -da sie mit Karten nicht ausgestattet waren, ihre Namen ein, die er Herrn -Naphta – er gebrauchte keinen Titel – zu nennen ging. Die dem Eingang -gegenüberliegende Zimmertür stand offen und gewährte Einblick in die -Schneiderei, wo des Feiertags ungeachtet Lukaček mit untergeschlagenen -Beinen auf einem Tische saß und nähte. Er war bleich und kahlköpfig; von -einer übergroßen, abfallenden Nase hing ihm der schwarze Schnurrbart mit -saurem Ausdruck zu seiten des Mundes herab. - -„Guten Tag!“ wünschte Hans Castorp. - -„Grütsi“, antwortete der Schneider mundartlich, obgleich das -Schweizerische weder zu seinem Namen noch zu seinem Äußeren paßte und -etwas falsch und sonderbar klang. - -„So fleißig?“ fuhr Hans Castorp nickend fort ... „Es ist ja Sonntag!“ - -„Eilige Arbeit“, versetzte Lukaček kurz und stichelte. - -„Ist wohl was Feines,“ vermutete Hans Castorp, „was rasch gebraucht -wird, für eine Reunion oder so?“ - -Der Schneider ließ diese Frage eine Weile unbeantwortet, biß den Faden -ab und fädelte neu ein. Nachträglich nickte er. - -„Wird es hübsch?“ fragte Hans Castorp noch. „Machen Sie Ärmel daran?“ - -„Ja, Ärmel, es ist für eine Olte“, antwortete Lukaček mit stark -böhmischem Akzent. Die Rückkehr des Dienerchens unterbrach dies durch -die Tür geführte Gespräch. Herr Naphta lasse bitten, näher zu treten, -meldete er und öffnete den jungen Leuten eine Tür, zwei oder drei -Schritte weiter rechts, wobei er auch noch eine zusammenfallende -Portiere vor ihnen aufzuheben hatte. Die Eintretenden empfing Naphta, in -Schleifenschuhen auf moosgrünem Teppich stehend. - -Beide Vettern waren überrascht durch den Luxus des zweifenstrigen -Arbeitszimmers, das sie aufgenommen hatte, ja geblendet durch -Überraschung; denn die Dürftigkeit des Häuschens, seiner Treppe, seines -armseligen Korridors ließ dergleichen nicht entfernt erwarten und -verlieh der Eleganz von Naphtas Einrichtung durch Kontrastwirkung etwas -Märchenhaftes, was sie an und für sich kaum besaß und auch in den Augen -Hans Castorps und Joachim Ziemßens nicht besessen hätte. Immerhin, sie -war fein, ja glänzend, und zwar so, daß sie trotz Schreibtisch und -Bücherschränken den Charakter des Herrenzimmers eigentlich nicht wahrte. -Es war zuviel Seide darin, weinrote, purpurrote Seide: die Vorhänge, die -die schlechten Türen verbargen, waren daraus, die Fenster-Überfälle und -ebenso die Bezüge der Meubles-Gruppe, die an einer Schmalseite, der -zweiten Tür gegenüber, vor einem die Wand fast ganz bespannenden Gobelin -angeordnet war. Es waren Barockarmstühle mit kleinen Polstern auf den -Seitenlehnen, um einen runden, metallbeschlagenen Tisch gruppiert, -hinter dem ein mit Seidenplüschkissen ausgestattetes Sofa desselben -Stiles stand. Die Bücherspinde nahmen die Wandpartien neben den beiden -Türen ein. Sie waren, wie der Schreibtisch, oder vielmehr der mit einem -gewölbten Rolldeckel versehene Sekretär, der zwischen den Fenstern Platz -gefunden hatte, in Mahagoni gearbeitet, mit Glastüren, hinter die grüne -Seide gespannt war. Aber in dem Winkel links von der Sofagruppe war ein -Kunstwerk zu sehen, eine große, auf rot verkleidetem Sockel erhöhte -bemalte Holzplastik, – etwas innig Schreckhaftes, eine Pietà, einfältig -und wirkungsvoll bis zum Grotesken: die Gottesmutter in der Haube, mit -zusammengezogenen Brauen und jammernd schief geöffnetem Munde, den -Schmerzensmann auf ihrem Schoß, eine im Größenverhältnis primitiv -verfehlte Figur mit kraß herausgearbeiteter Anatomie, die jedoch von -Unwissenheit zeugte, das hängende Haupt von Dornen starrend, Gesicht und -Glieder mit Blut befleckt und berieselt, dicke Trauben geronnenen Blutes -an der Seitenwunde und den Nägelmalen der Hände und Füße. Dies -Schaustück verlieh dem seidenen Zimmer nun freilich einen besonderen -Akzent. Auch die Tapete, über den Bücherschränken und an der Fensterwand -sichtbar, war übrigens offenbar eine Leistung des Mieters: das Grün -ihrer Längsstreifen war das des weichen Teppichs, der über die rote -Bodenbespannung gebreitet war. Nur der niedrigen Decke war wenig zu -helfen gewesen. Sie war kahl und rissig. Doch hing ein kleiner -venezianischer Lüster daran herab. Die Fenster waren mit cremefarbenen -Stores verhüllt, die bis zum Boden reichten. - -„Da haben wir uns zu einem Kolloquium eingefunden!“ sagte Hans Castorp, -während seine Augen mehr an dem frommen Schrecknis im Winkel, als an dem -Bewohner des überraschenden Zimmers hafteten, der es anerkannte, daß die -Vettern Wort gehalten hätten. Er wollte sie mit gastlichen Bewegungen -seiner kleinen Rechten zu den seidenen Sitzen leiten, aber Hans Castorp -ging geradeswegs und gebannt auf die Holzgruppe zu und blieb, Arme in -die Hüften gestemmt, mit seitwärts geneigtem Kopf davor stehen. - -„Was haben Sie denn da!“ sagte er leise. „Das ist ja schrecklich gut. -Hat man je so ein Leiden gesehn. Etwas Altes, natürlich?“ - -„Vierzehntes Jahrhundert“, antwortete Naphta. „Wahrscheinlich -rheinischer Herkunft. Es macht Ihnen Eindruck?“ - -„Enormen“, sagte Hans Castorp. „Das kann seinen Eindruck auf den -Beschauer denn doch wohl gar nicht verfehlen. Ich hätte nicht gedacht, -daß etwas zugleich so häßlich – entschuldigen Sie – und so schön sein -könnte.“ - -„Erzeugnisse einer Welt der Seele und des Ausdrucks,“ versetzte Naphta, -„sind immer häßlich vor Schönheit und schön vor Häßlichkeit, das ist die -Regel. Es handelt sich um geistige Schönheit, nicht um die des -Fleisches, die absolut dumm ist. Übrigens auch abstrakt ist sie“, fügte -er hinzu. „Die Schönheit des Leibes ist abstrakt. Wirklichkeit hat nur -die innere, die des religiösen Ausdrucks.“ - -„Das haben Sie dankenswert richtig unterschieden und angeordnet“, -sagte Hans Castorp. „Vierzehntes?“ versicherte er sich ... -„Dreizehnhundertsoundso? Ja, das ist das Mittelalter, wie es im Buche -steht, ich erkenne gewissermaßen die Vorstellung darin wieder, die ich -mir in letzter Zeit vom Mittelalter gemacht habe. Ich wußte eigentlich -nichts davon, ich bin ja ein Mann des technischen Fortschritts, soweit -ich überhaupt in Frage komme. Aber hier oben ist mir die Vorstellung des -Mittelalters verschiedentlich nahe gebracht worden. Die ökonomistische -Gesellschaftslehre gab es damals noch nicht, soviel ist klar. Wie hieß -der Künstler denn wohl?“ - -Naphta zuckte die Achseln. - -„Was liegt daran?“ sagte er. „Wir sollten danach nicht fragen, da man -auch damals, als es entstand, nicht danach fragte. Das hat keinen -wunderwie individuellen Monsieur zum Autor, es ist anonym und gemeinsam. -Es ist übrigens sehr vorgeschrittenes Mittelalter, Gotik, _Signum -mortificationis_. Sie finden da nichts mehr von der Schonung und -Beschönigung, mit der noch die romanische Epoche den Gekreuzigten -darstellen zu müssen glaubte, keine Königskrone, keinen majestätischen -Triumph über Welt und Martertod. Alles ist radikale Verkündigung des -Leidens und der Fleischesschwäche. Erst der gotische Geschmack ist der -eigentlich pessimistisch-asketische. Sie werden die Schrift Innozenz des -Dritten, ‚_De miseria humanae conditionis_‘, nicht kennen, – ein äußerst -witziges Stück Literatur. Sie stammt vom Ende des zwölften Jahrhunderts, -aber erst diese Kunst liefert die Illustrationen dazu.“ - -„Herr Naphta,“ sagte Hans Castorp nach einem Aufseufzen, „mich -interessiert jedes Wort von dem, was Sie da hervorheben. ‚_Signum -mortificationis_‘ sagten Sie? Das werde ich mir merken. Vorher sagten -Sie etwas von ‚anonym und gemeinsam‘, was auch der Mühe wert scheint, -darüber nachzudenken. Sie vermuten leider richtig, daß ich die Schrift -des Papstes – ich nehme an, daß Innozenz der Dritte ein Papst war – -nicht kenne. Habe ich richtig verstanden, daß sie asketisch und witzig -ist? Ich muß gestehen, ich habe mir nie vorgestellt, daß das so Hand in -Hand gehen könnte, aber wenn ich es ins Auge fasse, so leuchtet es mir -ein, natürlich, eine Abhandlung über das menschliche Elend bietet zum -Witz schon Gelegenheit, auf Kosten des Fleisches. Ist die Schrift denn -erhältlich? Wenn ich mein Latein zusammennähme, vielleicht könnte ich -sie lesen.“ - -„Ich besitze das Buch“, antwortete Naphta, mit dem Kopf nach einem der -Schränke weisend. „Es steht Ihnen zur Verfügung. Aber wollen wir uns -nicht setzen? Sie sehen die Pietà auch vom Sofa aus. Eben kommt unser -kleines Vespermahl ...“ - -Es war das Dienerchen, das Tee brachte, dazu einen hübschen -silberbeschlagenen Korb, worin in Stücke geschnittener Baumkuchen lag. -Hinter ihm aber, durch die offene Tür, wer trat beschwingten Schrittes -mit „Sapperlot!“ „_Accidenti!_“ und feinem Lächeln herein? Das war Herr -Settembrini, wohnhaft eine Treppe höher, der sich einfand, in der -Absicht, den Herren Gesellschaft zu leisten. Durch sein Fensterchen, -sagte er, habe er die Vettern kommen sehen und rasch noch eine -enzyklopädische Seite heruntergeschrieben, die er eben unter der Feder -gehabt, um sich dann ebenfalls hier zu Gaste zu bitten. Nichts war -natürlicher, als daß er kam. Seine alte Bekanntschaft mit den -Berghofbewohnern berechtigte ihn dazu, und dann war auch sein Verkehr -und Austausch mit Naphta, trotz tiefgehender Meinungsverschiedenheiten, -ja offenbar überhaupt sehr lebhaft, – wie denn der Gastgeber ihn -leichthin und ohne Überraschung als Zugehörigen begrüßte. Das hinderte -nicht, daß Hans Castorp von seinem Kommen sehr deutlich einen doppelten -Eindruck gewann. Erstens, so empfand er, stellte Herr Settembrini sich -ein, um ihn und Joachim, oder eigentlich kurzweg ihn, nicht mit dem -häßlichen kleinen Naphta allein zu lassen, sondern durch seine -Anwesenheit ein pädagogisches Gegengewicht zu schaffen; und zweitens war -klar ersichtlich, daß er gar nichts dagegen hatte, sondern die -Gelegenheit recht gern benutzte, den Aufenthalt in seinem Dach auf eine -Weile mit dem in Naphtas seidenfeinem Zimmer zu vertauschen und einen -wohlservierten Tee einzunehmen: er rieb sich die gelblichen, an der -Kleinfingerseite des Rückens mit schwarzen Haaren bewachsenen Hände, -bevor er zugriff, und speiste mit unverkennbarem, auch lobend -ausgesprochenem Genuß von dem Baumkuchen, dessen schmale, gebogene -Scheiben von Schokoladeadern durchzogen waren. - -Das Gespräch fuhr noch fort, sich mit der Pietà zu beschäftigen, da Hans -Castorp mit Blick und Wort an dem Gegenstand festhielt, wobei er sich an -Herrn Settembrini wandte und diesen gleichsam mit dem Kunstwerk in -kritischen Kontakt zu setzen suchte, – während ja der Abscheu des -Humanisten gegen diesen Zimmerschmuck deutlich genug in der Miene zu -lesen war, mit der er sich danach umwandte: denn er hatte sich mit dem -Rücken gegen jenen Winkel gesetzt. Zu höflich, um alles zu sagen, was er -dachte, beschränkte er sich darauf, Fehlerhaftigkeiten in den -Verhältnissen und den Körperformen der Gruppe zu beanstanden, Verstöße -gegen die Naturwahrheit, die weit entfernt seien, rührend auf ihn zu -wirken, da sie nicht frühzeitlichem Unvermögen, sondern bösem Willen, -einem grundfeindlichen Prinzip entsprängen, – worin Naphta ihm boshaft -zustimmte. Gewiß, von technischem Ungeschick könne nicht entfernt die -Rede sein. Es handle sich um bewußte Emanzipation des Geistes vom -Natürlichen, dessen Verächtlichkeit durch die Verweigerung jeder Demut -davor religiös verkündet werde. Als aber Settembrini die -Vernachlässigung der Natur und ihres Studiums für menschlich abwegig -erklärte und gegen die absurde Formlosigkeit, der das Mittelalter und -die ihm nachahmenden Epochen gefrönt hätten, das griechisch-römische -Erbe, den Klassizismus, Form, Schönheit, Vernunft und naturfromme -Heiterkeit, die allein die Sache des Menschen zu fördern berufen seien, -in prallen Worten zu erheben begann, mischte Hans Castorp sich ein und -fragte, was denn aber bei solcher Bewandtnis mit Plotinus los sei, der -sich nachweislich seines Körpers geschämt, und mit Voltaire, der im -Namen der Vernunft gegen das skandalöse Erdbeben von Lissabon revoltiert -habe? Absurd? Das sei auch absurd gewesen, aber wenn man alles recht -überlege, so könne man seiner Ansicht nach das Absurde recht wohl als -das geistig Ehrenhafte bezeichnen, und die absurde Naturfeindschaft der -gotischen Kunst sei am Ende ebenso ehrenhaft gewesen wie das Gebaren der -Plotinus und Voltaire, denn es drücke sich dieselbe Emanzipation von -Fatum und Faktum darin aus, derselbe unknechtische Stolz, der sich -weigere, vor der dummen Macht, nämlich vor der Natur, abzudanken ... - -Naphta brach in Lachen aus, das sehr an den bewußten Teller erinnerte -und in Husten endigte. Settembrini sagte vornehm: - -„Sie schädigen unseren Wirt, indem Sie so witzig sind und erweisen sich -also undankbar für dies köstliche Gebäck. Ist Dankbarkeit überhaupt Ihre -Sache? Wobei ich voraussetze, daß Dankbarkeit darin besteht, von -empfangenen Geschenken einen guten Gebrauch zu machen ...“ - -Da Hans Castorp sich schämte, setzte er scharmant hinzu: - -„Man kennt Sie als Schalk, Ingenieur. Ihre Art, das Gute -freundschaftlich zu necken, läßt mich keineswegs an Ihrer Liebe zu ihm -verzweifeln. Sie wissen selbstverständlich, daß nur diejenige Auflehnung -des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft zu nennen ist, die die Würde -und Schönheit des Menschen im Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn -sie seine Entwürdigung und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch -jedenfalls nach sich zieht. Sie wissen auch, welche entmenschte Greuel, -welche mordgierige Unduldsamkeit die Epoche, der das Artefakt da hinter -mir sein Dasein verdankt, gezeitigt hat. Ich brauche Sie nur an den -entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige Figur eines Konrad -von Marburg etwa, zu erinnern und an seine infame Priesterwut gegen -alles, was der Herrschaft des Übernatürlichen entgegenstand. Sie sind -weit entfernt, Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der -Menschenliebe anzuerkennen ...“ - -„In deren Dienst dagegen,“ äußerte Naphta, „arbeitete die Maschinerie, -mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern reinigte. Alle -Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, auch die Exkommunikation, -wurden verhängt, um die Seele vor ewiger Verdammnis zu retten, was man -von der Vertilgungslust der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir, -zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben an ein -Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was die Entwürdigung des -Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte exakt mit der des -bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, Aufklärung und die -Naturwissenschaft und Ökonomistik des neunzehnten Jahrhunderts haben -nichts, aber auch nichts zu lehren unterlassen, was irgend tauglich -schien, diese Entwürdigung zu fördern, angefangen mit der neuen -Astronomie, die aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo -Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten Geschöpfes -kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern machte und der -großartigen kosmischen Stellung des Menschen, auf der übrigens die -Astrologie beruhte, vorderhand ein Ende bereitete.“ - -„Vorderhand?“ Herrn Settembrinis Miene hatte, wie er es lauernd fragte, -selber etwas von der eines Ketzerrichters und Inquisitors, der darauf -wartet, daß der Aussagende sich im unzweifelhaft Sträflichen verfange. - -„Allerdings. Für ein paar hundert Jahre“, bestätigte Naphta kalt. „Eine -Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles täuscht, auch in -dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen Gange. Kopernikus wird -von Ptolemäus geschlagen werden. Die heliozentrische These begegnet -nachgerade einem geistigen Widerstand, dessen Unternehmungen -wahrscheinlich zum Ziele führen werden. Die Wissenschaft wird sich -philosophisch genötigt sehen, die Erde in alle Würden wieder -einzusetzen, die das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.“ - -„Wie? Wie? Geistiger Widerstand? Philosophisch genötigt sehen? Zum Ziele -führen? Welche Art von Voluntarismus spricht aus Ihnen? Und die -voraussetzungslose Forschung? Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein -Herr, die mit der Freiheit so innig verbunden ist, und deren Blutzeugen, -aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern vielmehr -zur ewigen Zierde gereichen??“ - -Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art, zu fragen. Hochaufgerichtet -saß er und ließ seine ehrenhaften Worte auf den kleinen Herrn Naphta -niedersausen, am Ende die Stimme so mächtig hochziehend, daß man wohl -hörte, wie sicher er war, daß des Gegners Antwort hierauf nur in -beschämtem Schweigen bestehen könne. Er hatte ein Stück Baumkuchen -zwischen den Fingern gehalten, während er sprach, legte es aber nun auf -den Teller zurück, da er nach dieser Fragestellung nicht hineinbeißen -mochte. - -Naphta erwiderte mit unangenehmer Ruhe: - -„Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit der -kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins Satz ‚Ich glaube, -damit ich erkenne‘ zusammenfassen läßt, ist völlig unbestreitbar. Der -Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär. Ihre -voraussetzungslose Wissenschaft ist eine Mythe. Ein Glaube, eine -Weltanschauung, eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und -Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft -immer und in allen Fällen auf das ‚_Quod erat demonstrandum_‘ hinaus. -Schon der Begriff des Beweises enthält, psychologisch genommen, ein -stark voluntaristisches Element. Die großen Scholastiker des zwölften -und dreizehnten Jahrhunderts waren einig in der Überzeugung, daß in der -Philosophie nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei. -Lassen wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine -Humanität, die nicht anerkennt, daß in der Naturwissenschaft nicht wahr -sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das ist keine Humanität. -Die Argumentation des heiligen Offiziums gegen Galilei lautete dahin, -daß seine Sätze philosophisch absurd seien. Eine schlagendere -Argumentation gibt es nicht.“ - -„Eh, eh, die Argumente unseres armen, großen Galilei haben sich als -stichhaltiger erwiesen! Nein, lassen Sie uns ernsthaft reden, -Professore! Beantworten Sie mir vor diesen beiden aufmerksamen jungen -Leuten die Frage: Glauben Sie an eine Wahrheit, an die objektive, die -wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben oberstes Gesetz aller -Sittlichkeit ist, und deren Triumphe über die Autorität die -Ruhmesgeschichte des Menschengeistes bilden?!“ - -Hans Castorp und Joachim wandten die Köpfe von Settembrini zu Naphta, -der erstere schneller, als der andere. Naphta antwortete: - -„Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität ist der -Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und zwischen ihr und der -Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. Sie fallen zusammen.“ - -„Die Wahrheit wäre demnach –“ - -„Wahr ist, was dem Menschen frommt. In ihm ist die Natur zusammengefaßt, -in aller Natur ist nur er geschaffen und alle Natur nur für ihn. Er ist -das Maß der Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine -theoretische Erkenntnis, die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee -des Menschen entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder -Wahrheitswert ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten ist. Die -christlichen Jahrhunderte waren völlig einig über die menschliche -Unerheblichkeit der Naturwissenschaft. Lactantius, den Konstantin der -Große zum Lehrer seines Sohnes wählte, fragte gerade heraus, welche -Seligkeit er denn gewinnen werde, wenn er wisse, wo der Nil entspringt, -oder was die Physiker vom Himmel faseln. Das beantworten Sie ihm einmal! -Wenn man die platonische Philosophie jeder anderen vorzog, so darum, -weil sie sich nicht mit Naturerkenntnis, sondern mit der Erkenntnis -Gottes abgab. Ich kann Sie versichern, die Menschheit ist im Begriff, zu -diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und einzusehen, daß es nicht Aufgabe -wahrer Wissenschaft ist, heillosen Erkenntnissen nachzulaufen, sondern -das Schädliche oder auch nur ideell Bedeutungslose grundsätzlich -auszuscheiden und mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es -ist kindisch, zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das Licht -verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein ‚voraussetzungsloses‘ -Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt: ein solches, das sich der -Rücksicht auf das Geistige, auf den Zweck der Heilserwerbung entschlägt, -für strafbar zu erklären, und was den Menschen in Finsternis geführt hat -und immer tiefer führen wird, ist vielmehr die ‚voraussetzungslose‘, die -aphilosophische Naturwissenschaft.“ - -„Sie lehren da einen Pragmatismus,“ erwiderte Settembrini, „den Sie nur -ins Politische zu übertragen brauchen, um seiner ganzen Verderblichkeit -ansichtig zu werden. Gut, wahr und gerecht ist, was dem Staate frommt. -Sein Heil, seine Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen. -Schön! Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die -menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie – -sie mögen sehen, wo sie bleiben ...“ - -„Ich bringe ein wenig Logik in Vorschlag“, versetzte Naphta. „Entweder -Ptolemäus und die Scholastik behalten recht, und die Welt ist endlich in -Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit transzendent, der Gegensatz von -Gott und Welt bleibt aufrecht, und auch der Mensch ist eine dualistische -Existenz: das Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des -Sinnlichen und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit -Abstand zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich als -konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen fanden die -Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich. Dann gibt es keine übersinnliche -Welt, keinen Dualismus; das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der -Gegensatz von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch die -menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier -feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, sondern einheitlich ist, so -beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der Einzel- und -der gesamtheitlichen Interessen, und der Zweck des Staates wird, wie es -gut heidnisch ist, zum Gesetz des Sittlichen. Eines oder das andere.“ - -„Ich protestiere!“ rief Settembrini, indem er seine Teetasse dem -Gastgeber mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt. „Ich protestiere gegen -die Unterstellung, daß der moderne Staat die Teufelsknechtschaft des -Individuums bedeute! Ich protestiere zum drittenmal, und zwar gegen die -vexatorische Alternative von Preußentum und gotischer Reaktion, vor die -Sie uns stellen wollen! Die Demokratie hat keinen anderen Sinn, als den -einer individualistischen Korrektur jedes Staatsabsolutismus. Wahrheit -und Gerechtigkeit sind Kronjuwelen individueller Sittlichkeit, und im -Falle des Konflikts mit dem Staatsinteresse mögen sie wohl sogar den -Anschein staatsfeindlicher Mächte gewinnen, während sie in der Tat das -höhere, sagen wir es doch: das überirdische Wohl des Staates im Auge -haben. Die Renaissance der Ursprung der Staatsvergottung! Welche -Afterlogik! Die Errungenschaften – ich sage mit etymologischer Betonung: -die _Errungen_schaften von Renaissance und Aufklärung, mein Herr, heißen -Persönlichkeit, Menschenrecht, Freiheit!“ - -Die Zuhörer atmeten aus, denn sie hatten die Luft angehalten bei Herrn -Settembrinis großer Replik. Hans Castorp konnte sogar nicht umhin, mit -der Hand, wenn auch zurückhaltenderweise, auf den Tischrand zu schlagen. -„Brillant!“ sagte er zwischen den Zähnen, und auch Joachim zeigte starke -Befriedigung, obgleich ein Wort gegen das Preußentum gefallen war. Dann -aber wandten sich beide dem eben zurückgeschlagenen Interlokutor zu, -Hans Castorp mit solchem Eifer, daß er den Ellbogen auf den Tisch und -das Kinn in die Faust stützte, ungefähr wie beim Schweinchen-Zeichnen, -und Herrn Naphta aus nächster Nähe gespannt ins Gesicht blickte. - -Dieser saß still und scharf, die mageren Hände im Schoß. Er sagte: - -„Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie antworten mir -mit Hochherzigkeiten. Daß die Renaissance all das zur Welt gebracht hat, -was man Liberalismus, Individualismus, humanistische Bürgerlichkeit -nennt, war mir leidlich bekannt; aber Ihre ‚etymologischen Betonungen‘ -lassen mich kühl, denn das ‚ringende‘, das heroische Lebensalter Ihrer -Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen heute zum -mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die ihnen den Garaus -machen werden, stehen schon vor der Tür. Sie nennen sich, wenn ich nicht -irre, einen Revolutionär. Aber wenn Sie glauben, daß das Ergebnis -künftiger Revolutionen – Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das -Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und -überlebt. Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung -versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des Ich, der -Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre Bildungsmittel erblickt, -– eine solche Pädagogik mag noch rhetorische Augenblickserfolge -davontragen, aber ihre Rückständigkeit ist für den Wissenden über jeden -Zweifel erhaben. Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher -gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln -kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um -Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der -Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der -Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste -Lust ist der Gehorsam.“ - -Joachim richtete sich gerade auf. Hans Castorp errötete. Herr -Settembrini drehte erregt an seinem schönen Schnurrbart. - -„Nein!“ fuhr Naphta fort. „Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind -das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie -verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist – der Terror.“ - -Er hatte das letzte Wort leiser als alles Vorhergehende gesprochen, ohne -eine Körperbewegung; nur seine Brillengläser hatten kurz aufgeblitzt. -Alle drei, die ihn hörten, waren zusammengezuckt, auch Settembrini, der -sich aber bald lächelnd wieder faßte. - -„Und darf man sich erkundigen,“ fragte er, „wen oder was – Sie sehen, -ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich fragen soll – wen -oder was Sie sich als Träger dieses – ich wiederhole ungern das Wort – -dieses Terrors denken?“ - -Naphta saß stille, scharf und blitzend. Er sagte: - -„Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich unsere -Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines idealen Urzustandes der -Menschheit, eines Zustandes der Staat- und Gewaltlosigkeit, der -unmittelbaren Gotteskindschaft, worin es weder Herrschaft noch Dienst -gab, nicht Gesetz noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche -Verbindung, keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum, -sondern Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.“ - -„Sehr gut. Ich stimme zu“, erklärte Settembrini. „Ich stimme zu bis auf -den Punkt der fleischlichen Verbindung, die offenbar jederzeit -stattgehabt haben muß, da der Mensch ein höchstentwickeltes Wirbeltier -ist und nicht anders, als andere Wesen –“ - -„Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis, -was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren -Zustand betrifft, der durch den Sündenfall verloren ging. Ich glaube, -daß wir noch ein weiteres Stück Weges Seite an Seite bleiben können, -nämlich indem wir den Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum -Schutz gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen -und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt erblicken.“ - -„Benissimo!“ rief Settembrini. „Gesellschaftsvertrag ... das ist die -Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht –“ - -„Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache, daß alle -Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke war, und daß dieses sein -Recht an der Gesetzgebung und seine ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten -übertrug, folgert Ihre Schule vor allem das revolutionäre Recht des -Volkes vor dem Königtum. Wir dagegen –“ - -„Wir?“ dachte Hans Castorp gespannt ... Wer sind „wir“? Ich muß -unbedingt nachher Settembrini danach fragen, wen er mit „wir“ meint. - -„Wir unsererseits,“ sprach Naphta, „vielleicht nicht weniger -revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster Linie den Vorrang -der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert. Denn wenn die -Ungöttlichkeit des Staates ihm nicht an der Stirn geschrieben stände, -würde ein Hinweis auf eben dieses historische Faktum, daß er auf den -Willen des Volkes und nicht, wie die Kirche, auf göttliche Stiftung -zurückzuführen ist, genügen, um ihn, wenn nicht geradezu als eine -Veranstaltung der Bosheit, so doch jedenfalls als eine solche der -Notdurft und der sündhaften Unzulänglichkeit zu erweisen.“ - -„Der Staat, mein Herr –“ - -„Ich weiß, wie Sie über den nationalen Staat denken. ‚Über alles geht -die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.‘ Das ist Vergil. Sie -korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus, und das ist die -Demokratie; aber Ihr grundsätzliches Verhältnis zum Staat bleibt dadurch -völlig unberührt. Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht -an. Oder wollen Sie es bestreiten? Die Antike war kapitalistisch, weil -sie staatsfromm war. Das christliche Mittelalter hat den immanenten -Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. ‚Das Geld wird Kaiser -sein‘, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften Jahrhundert. Leugnen -Sie, daß das wörtlich eingetroffen, und daß die Verteufelung des Lebens -damit restlos erreicht ist?“ - -„Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig, mit dem großen -Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt gemacht zu werden.“ - -„Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse, welche -Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet hat. Ich kann -auf Ihre Widerrede zur Not verzichten, denn die politische Ideologie der -Bürgerlichkeit ist mir bekannt. Ihr Ziel ist das demokratische Imperium, -die Selbstübersteigerung des nationalen Staatsprinzips ins Universelle, -der Weltstaat. Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre Utopie -ist gräßlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt gewissermaßen -wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische Weltrepublik hat etwas -Transzendentes, tatsächlich, der Weltstaat ist die Transzendenz des -weltlichen Staates, und wir stimmen überein in dem Glauben, daß einem -vollkommenen Anfangszustande der Menschheit ein in Horizontferne -liegender vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen -Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als -ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes -zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes wurde nicht um -seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende Diktatur -war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, Übergangsform vom heidnischen -Staat zum himmlischen Reich. Sie haben diesen Lernenden hier von -Bluttaten der Kirche, ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, – -höchst törichterweise, denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht -pazifistisch sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei -der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!‘ Daß die Macht böse -ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und -Diesseits, Geist und Macht muß, wenn das Reich kommen soll, -vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und -Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors -nenne.“ - -„Der Träger! Der Träger!“ - -„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz einer -Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung des -Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze und Ziele mit denen des -christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? Die Väter der Kirche -haben Mein und Dein verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation -und Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil nach -dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam sei und -daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen Gebrauch aller -hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die Habgier, eine Folge des -Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt und das Sondereigentum geschaffen -habe. Sie waren human genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche -Tätigkeit überhaupt eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die -Menschlichkeit zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte -gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des höllischen -Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß der Preis das Ergebnis -des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage ist, haben sie von ganzem -Herzen verachtet und das Ausnutzen der Konjunktur als zynische -Ausbeutung einer Notlage des Nächsten verdammt. Es gab eine noch -frevelhaftere Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich -für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich den -Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, die -Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des anderen zu mißbrauchen.“ - -„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer der -Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die Zeit ... Eine -allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig ...!“ - -„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister haben den -Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes als ekelhaft -empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte unter den Begriff des -Wuchers fallen lassen und erklärt, daß jeder Reiche entweder ein Dieb -oder eines Diebes Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten, -wie Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft, -das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines Nutzens, aber ohne -Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen Gutes, als ein -schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht geneigt, die Arbeit an und für -sich sehr hoch zu schätzen, denn sie ist nur eine ethische -Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht im Dienste des Lebens, -nicht Gottes. Und wenn es sich denn bloß um das Leben handeln sollte und -um Wirtschaft, so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als -Bedingung wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit -gelte. Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht der -Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die -Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten die -Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen Grundsätze -und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre -Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die -Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des -Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das -internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, -das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der -bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des -Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit, -hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in -Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von -Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung -durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der -Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors -aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es -seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der -Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der -staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.“ - -So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg. Die jungen -Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war es, sich irgendwie zu -verhalten. Er sagte: - -„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich hätte das -nicht erwartet. _Roma locuta._ Und wie, – und wie hat es gesprochen! Vor -unseren Augen hat er ein hieratisches Saltomortale vollführt, – wenn das -ein Widerspruch im Beiwort ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘, -ah, ja! Ich wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für -denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt der -Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen christlichen, auf der -Zweiheit von Gott und Welt beruhenden Individualismus begreiflich zu -machen und uns seinen Vorrang vor aller politisch bestimmten -Sittlichkeit zu beweisen. Wenige Minuten später treiben Sie den -Sozialismus bis zur Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“ - -„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt ist nur das -Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie ich mir schon anzumerken -erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis. Er korrigiert Ihre -heidnische Staatssittlichkeit durch ein wenig Christentum, ein wenig -‚Recht des Individuums‘, ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles. -Ein Individualismus dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen -Wichtigkeit der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern -religiöser Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit -von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und Gott, von Fleisch -und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher Individualismus verträgt -sich mit bindungsvollster Gemeinschaft recht wohl ...“ - -„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp. - -Settembrini sah ihn mit großen Augen an. - -„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge, die auf -Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen war. „Unterrichten -Sie sich, aber produzieren Sie nicht! – Das ist eine Antwort“, sagte er, -wieder zu Naphta gewandt. „Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine. -Blicken wir allen Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint -der christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt. -Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde und Geldgeschäft, das der -Antike weit höher als Landwirtschaft und Handwerk galt, verneint er die -Freiheit. Denn es ist ja klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie -im Mittelalter, alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund -und Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben ganz -leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann nur der Boden -ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht. Handwerker und -Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten mögen, – besitzen sie keinen -Boden, so sind sie Hörige dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich -bestand bis tief ins Mittelalter hinein die große Menge selbst der -Städte aus Hörigen. Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von -menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten Sie eine -Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit der -menschlichen Persönlichkeit hängt.“ - -„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta, „ließe sich reden. -Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung, wenn diese Zusammenhänge Ihnen -Veranlassung gäben, die Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn -als ein Problem zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche -Wirtschaftsmoral in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft. -Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der Städte, -wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache, höchst sittlich, wie -sie immer sei, historisch verbunden ist mit der unmenschlichsten -Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen Greueln des modernen Händler- -und Spekulantentums, mit der Satansherrschaft des Geldes, des -Geschäftes.“ - -„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel und -Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig zur -schwärzesten Reaktion bekennen!“ - -„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der -schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu entschlagen.“ - -„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender -Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens leer -waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug für heute, genug -für einen Tag, wie mir scheint. Professor, wir danken für die -schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle Gespräch. Meine Freunde -vom Berghof hier ruft die Kur, und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie -gehen, meine Klause droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio, -Padre!“ - -Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp vermerkte es mit -hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen, daß Settembrini den Aufbruch -leitete, über die Vettern verfügte und nicht in Frage kommen ließ, ob -Naphta vielleicht sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute -verabschiedeten sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen -ermutigt. Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp das -Buch „_De miseria humanae conditionis_“, einen morschen Pappband, -leihweise mit auf den Weg bekam. Noch immer saß der sauerbärtige Lukaček -auf seinem Tisch, das Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an -seiner offenen Tür vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum -Dachgeschoß zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar kein -Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk unter der -Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen Atmosphäre des -Speichers, dem Geruch warmen Holzes. Aber der Dachstuhl enthielt zwei -Kammern, und diese bewohnte der republikanische Kapitalist, sie dienten -dem schöngeistigen Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio -und Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden, -nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen die richtigen -Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum Lobe bedienen mochten, – -was sie denn einstimmig taten. Es sei ganz reizend, fanden sie beide, -separiert und traulich, genau wie er sage. Sie taten einen Blick ins -Schlafzimmerchen, wo vor der schmalen und kurzen Bettstatt im -Mansardenwinkel ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann -dem Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet -war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar frostige Ordnung -aufwies. Plumpe und altmodische Stühle, vier an der Zahl, mit -Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch zu seiten der Türen -aufgestellt, und auch der Diwan war an die Wand gerückt, so daß der -grüngedeckte Rundtisch, auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und -jedenfalls nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals -gestülptem Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher, -gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort schräg -aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig ein -leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken Bodenbelag aus -Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen zu können. Hans Castorp -nahm einen Augenblick probeweise hier Aufstellung, – an Herrn -Settembrinis Arbeitsstätte, wo er die schöne Literatur zu -enzyklopädischen Zwecken unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Leiden -behandelte, – stützte die Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte, -daß es sich hier separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte -Lodovicos Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit -seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich das -Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe, ja, auch -die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche stammten aus -dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle hatten sogar schon dem -Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand hatten sie die Wände seines -Advokatenbureaus geschmückt. Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der -Stühle gewann etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen -Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend mit -übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch und -nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber, am Stehpult Settembrinis -des Älteren, bedachte, wie nun der Sohn daran wirke, indem er die -Politik des Großvaters mit dem Humanismus des Vaters zur schönen -Literatur vereinige. Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte -sich erboten, die Vettern heimzugeleiten. - -Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte von Naphta, -und Hans Castorp konnte warten: es war gewiß, daß Herr Settembrini auf -seinen Hausgenossen zu sprechen kommen werde, ja, daß er zu diesem -Zwecke mit ihnen gegangen sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem -Aufatmen, das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener: - -„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“ - -Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich mit -falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens fragen können: „Vor -wem?“ aber er faßte sich unpersönlich, um seine ganze Unschuld zu -bekunden, während doch sogar Joachim genau Bescheid wußte. - -„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“ antwortete -Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen gegen Wunsch und Absicht -vermittelt habe. Sie wissen, der Zufall wollte es, ich konnte nicht -umhin; aber ich trage die Verantwortung und trage schwer daran. Es ist -meine Pflicht, Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren -hinzuweisen, die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens -zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu halten. Seine Form -ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“ - -„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer sei es ja wohl -gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar muteten seine Reden wohl -manchmal an; es hätte ja geradezu geklungen, als wollte er wahrhaben, -daß die Sonne sich um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie, -die Vettern, auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein, mit -einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen Verkehr zu -treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie Naphta kennengelernt, -mit ihm hätten sie ihn getroffen, er gehe mit ihm spazieren, er komme -zwanglos zu ihm zum Tee herunter; das beweise doch – - -„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme klang sanft, -resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies läßt sich mir -erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, ich verantworte mich -bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen -sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft. -Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine -diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich -mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen -Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit -... Kurz, es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir -promenieren auch miteinander. Wir streiten. Wir streiten uns aufs Blut, -fast jeden Tag, aber ich gestehe, die Gegensätzlichkeit und -Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm -zusammenzutreffen. Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht, -wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den -meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten – Sie, -Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet gegen -intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den -Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik -Schaden zu nehmen an Geist und Seele.“ - -Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und er, sie seien -wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es sei die Geschichte mit den -Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. Aber demgegenüber könne man ja -Petrarca anführen mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon, -und hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta so -vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen Zeit, für -deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen dürfe, sei vorzüglich gewesen, -und dann habe es ihn auch sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu -hören, was er ohne Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ... - -Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte sich Hans -Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich jeder Partei- und -Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert habe er es gefunden, was -Naphta über die Lust der Jugend gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun -erst einmal eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta – ich -sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht unbedingt mit -ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil innerlich höchst reserviert -verhalte –“ - -„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar. - -„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, die Seele des -Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das Eigentum, weil es -Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen Reichtum, von dem er, -glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff des höllischen Feuers – so -drückte er sich annähernd einmal aus, wenn ich nicht irre, und lobte das -mittelalterliche Zinsverbot in allen Tönen. Und dabei, er selbst ... -Entschuldigen Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung -sondergleichen, wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“ - -„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische -Geschmacksrichtung.“ - -„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp weiter, -„die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der venezianische -Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ... und beliebig viel -Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er muß doch für seine Person –“ - -„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person so wenig -Kapitalist wie ich.“ - -„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber fällig in Ihrer -Rede, Herr Settembrini.“ - -„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“ - -„Wer, ‚die dort‘?“ - -„Jene Väter.“ - -„Väter? Väter?“ - -„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“ - -Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. Hans -Castorp rief: - -„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist ein Jesuit?!“ - -„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein. - -„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf so was! Darum also -haben Sie ihn Padre tituliert?“ - -„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete Settembrini. -„Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit ist schuld daran, daß er es -vorderhand nicht soweit gebracht hat. Aber er hat das Noviziat -absolviert und die ersten Gelübde getan. Die Krankheit zwang ihn, seine -theologischen Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als -Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt: als -Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge. Das kam seinen -pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann er ihnen weiter nachhängen, -indem er am Fridericianum Lateinisch lehrt. Er ist seit fünf Jahren -hier. Es ist unsicher geworden, ob und wann er diesen Ort wird verlassen -dürfen. Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst -lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte Ihnen, daß -er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist. Natürlich, das ist -Vorschrift. Aber der Orden verfügt über ungemessene Reichtümer, und er -sorgt für die Seinen, wie Sie sahen.“ - -„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe überhaupt nicht -gewußt und gedacht, daß es sowas in allem Ernste noch gäbe! Ein Jesuit. -Ja so! ... Aber sagen Sie mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl -versorgt und versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich -will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini, Sie haben -es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert und außerdem besonders -traulich. Ich meine aber: wenn Naphta es nun doch so dicke hat, um mich -gewöhnlich auszudrücken – warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung, -statiöser, mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen -Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches, wie er da in -dem Loch mit all seiner Seide ...“ - -Settembrini zuckte die Achseln. - -„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte er, „die ihn -dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert sein antikapitalistisches -Gewissen, indem er die Zimmer eines Armen bewohnt, und sich schadlos -hält durch die Art, wie er sie bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele -sein. Man bindet es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der -Teufel von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare Fassade -vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack ...“ - -„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu und geradezu -aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir sind Ihnen wirklich zu -Dank verbunden, Herr Settembrini, für diese Bekanntschaft. Wollen Sie -glauben, daß wir noch manches liebe Mal hingehen werden und ihn -besuchen? Das ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in -ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von deren -Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger Jesuit! Und wenn -ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das Stichwort, für das, was -mir durch den Kopf geht, und was ich denn doch noch bemerken muß. Ich -frage: Ist er denn richtig? Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt -nicht richtig ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was ich -aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig _als -Jesuit_ – das geht mir im Kopf herum. Er hat da Dinge geäußert – Sie -wissen, welche ich meine – über den modernen Kommunismus und über den -Gotteseifer des Proletariats, das seine Hand nicht zurückhalten soll vom -Blute – kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr -Großvater mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen, -entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn das? Hat das die -Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt es sich mit der römischen -Lehre, für die doch der Orden in aller Welt intrigieren soll, soviel ich -weiß? Ist es nicht – wie heißt das Wort – häretisch, abweichend, -inkorrekt? Das überlege _ich_ mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was -Sie denken.“ - -Settembrini lächelte. - -„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie Jesuit, ist es -recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann von Geist – ich würde -sonst nicht seine Gesellschaft suchen –, und als solcher trachtet er -nach neuen Kombinationen, Anpassungen, Anknüpfungen, zeitgemäßen -Abwandlungen. Sie sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er -hatte sich mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die -Anregung, die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu reizen, -in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es lautete schnurrig -genug, gräßlich genug ...“ - -„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte doch wohl das -Alter dazu.“ - -„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig daran -gehindert hat.“ - -„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und zweitens ein -Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies zweite, hinzukommende, mit -der Krankheit zu tun hat?“ - -„Was wollen Sie damit sagen?“ - -„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine feuchte -Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber seine Kombinationen -hätten ihn auch wohl daran gehindert, und insofern – gewissermaßen, -gehören die Kombinationen und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf -seine Art auch so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein _joli jésuite_ -mit einem _petite tache humide_.“ - -Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm Hause blieben -sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten, traten zu einer kleinen -Gruppe zusammen, während ein paar Patienten, die am Portal -herumlungerten, ihrem Gespräche zusahen. Herr Settembrini sagte: - -„Um es zu wiederholen, meine jungen Freunde, ich warne Sie. Ich kann -Ihnen nicht verwehren, die einmal gemachte Bekanntschaft zu kultivieren, -wenn die Neugier Sie dazu treibt. Aber wappnen Sie Herz und Geist dabei -mit Mißtrauen, lassen Sie es niemals fehlen an kritischem Widerstand. -Ich werde Ihnen diesen Mann mit einem Worte kennzeichnen. Er ist ein -Wollüstiger.“ - -Die Gesichter der Vettern verzogen sich. Dann fragte Hans Castorp: - -„Ein ... wie? Erlauben Sie, er ist doch Ordensmann. Da sind ja bestimmte -Gelübde zu leisten, soviel ich weiß, und außerdem ist er so miekerig und -leibarm ...“ - -„Sie reden töricht, Ingenieur“, erwiderte Herr Settembrini. „Das hat mit -Leibarmut gar nichts zu tun, und was die Gelübde betrifft, so gibt es da -Vorbehalte. Ich sprach jedoch in einem weiteren und geistigeren Sinn, -für den ich nachgerade Verständnis bei Ihnen sollte voraussetzen dürfen. -Erinnern Sie sich wohl noch, wie ich Sie eines Tages auf Ihrem Zimmer -besuchte – es ist lange her, furchtbar lange –, Sie absolvierten eben -die Bettruhe nach erfolgter Aufnahme ...“ - -„Selbstverständlich! Sie traten in der Dämmerung ein und machten Licht, -ich weiß es wie heute ...“ - -„Gut, damals kamen wir im Plaudern, wie es gottlob des öfteren -geschieht, auf höhere Gegenstände. Ich glaube gar, wir sprachen von Tod -und Leben, von den Würden des Todes, insofern er Bedingung und Zubehör -des Lebens ist, und von der Fratzenhaftigkeit, der er verfällt, wenn der -Geist ihn abscheulicherweise als Prinzip isoliert. Meine Herren!“ fuhr -Herr Settembrini fort, indem er dicht vor die beiden jungen Leute -hintrat, Daumen und Mittelfinger der Linken gabelförmig gegen sie -spreizte, gleichsam, um sie zur Aufmerksamkeit zusammenzufassen, und den -Zeigefinger der Rechten mahnend erhob ... „Prägen Sie sich ein, daß der -Geist souverän ist, sein Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt. -Isoliert er dualistisch den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen -Willen wirklich und in der Tat, _actu_, Sie verstehen mich, zur eigenen, -dem Leben entgegengesetzten Macht, zum widersacherischen Prinzip, zur -großen Verführung, und sein Reich ist das der Wollust. Sie fragen mich, -warum der Wollust? Ich antworte Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er -die Erlösung ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble -Erlösung. Er löst Sitte und Sittlichkeit, er erlöst von Zucht und -Haltung, er macht frei zur Wollust. Wenn ich Sie warne vor dem Manne, -dessen Bekanntschaft ich Ihnen ungern vermittelte, wenn ich Sie -auffordere, im Verkehr und Diskurs mit ihm Ihre Herzen dreimal mit -Kritik zu umgürten, so geschieht es, weil alle seine Gedanken -wollüstiger Art sind, denn sie stehen unter dem Schutze des Todes, – -einer höchst liederlichen Macht, wie ich Ihnen damals sagte, Ingenieur, -– ich erinnere mich wohl meines Ausdrucks, ich behalte tüchtige und -treffliche Äußerungen, die zu tun ich Gelegenheit fand, stets im -Gedächtnis –, einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben -gerichteten Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen -des Erziehers vornehmste Pflicht ist.“ - -Man konnte nicht besser sprechen als Herr Settembrini, nicht klarer und -gerundeter. Hans Castorp und Joachim Ziemßen bedankten sich recht schön -bei ihm für das Gehörte, empfahlen sich und erstiegen das Berghofportal, -während Herr Settembrini, eine Treppe über Naphtas seidene Zelle hinaus, -an sein Humanistenpult zurückkehrte. - -Es war der erste Besuch der Vettern bei Naphta, dessen Verlauf wir hier -festhielten. Seither waren demselben zwei oder drei weitere gefolgt, -einer sogar in Abwesenheit Herrn Settembrinis; und auch sie lieferten -dem jungen Hans Castorp Stoff zur Betrachtung, wenn er, indes das -Hochgebild, genannt _Homo Dei_, seinem inneren Auge vorschwebte, an dem -blaublühenden Ort seiner Zurückgezogenheit saß und „regierte“. - - - Jähzorn. Und noch etwas ganz Peinliches - -So kam der August, und glücklich war unter seinen ersten Tagen -der Jahrestag von unseres Helden Ankunft bei uns hier oben -vorübergeschlüpft. Nur gut, daß er vorüber war, – er hatte dem jungen -Hans Castorp etwas unangenehm vorgestanden. So war es die Regel. Der Tag -der Ankunft war nicht beliebt, es wurde seiner unter den Voll- und -Mehrjährigen nicht gedacht, und während doch sonst kein Vorwand zu -Festivität und Becherklang unbenutzt blieb, die allgemeinen und großen -Betonungen im Jahresrhythmus und -pulslauf durch möglichst viele private -und irreguläre vermehrt und Geburtstage, Generaluntersuchungen, -bevorstehende wilde oder echte Abreisen und dergleichen Anlässe mehr mit -Schmaus und Pfropfenknall im Restaurant begangen wurden, – widmete man -diesem Gedenktage nichts als Stillschweigen, ließ sich darüber -hinweggleiten, vergaß auch wohl wirklich, auf ihn zu achten und durfte -vertrauen, daß die andern ihn überhaupt nicht so genau im Sinne hatten. -Auf Gliederung hielt man wohl; man beobachtete den Kalender, den Turnus, -die äußere Wiederkehr. Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem -Raum hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also zu -messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und Anfänger; die -Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Ungemessene und -Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe war, und einer setzte mit -Zartgefühl beim anderen einen Wunsch voraus, den er selber hegte. Es -hätte für ganz und gar ungeschickt und brutal gegolten, jemandem zu -sagen, heut sei er drei Jahre hier, – das kam nicht vor. Frau Stöhr -selbst, so weit es ihr sonst immer fehlen mochte, in diesem Punkt war -sie taktfest und abgeschliffen, nie wäre ein solcher Verstoß ihr -untergelaufen. Ihr Kranksein, der Fieberstand ihres Körpers war mit -großer Unbildung verbunden, gewiß. Noch kürzlich hatte sie bei Tische -von der „Affektation“ ihrer Lungenspitzen gesprochen und, als das -Gespräch auf historische Dinge gekommen war, erklärt, Geschichtszahlen -seien nun einmal ihr „Ring des Polykrates“, was ebenfalls eine gewisse -Erstarrung der Umsitzenden hervorgerufen hatte. Aber daß sie etwa im -Februar den jungen Ziemßen an sein Jubiläum hätte erinnern sollen, wäre -undenkbar gewesen, obgleich sie wahrscheinlich daran gedacht hatte. Denn -ihr unseliger Kopf war natürlich voll unnützer Daten und Dinge, und sie -liebte es, anderen nachzurechnen; aber die Sitte hielt sie im Zaum. - -So denn auch an Hans Castorps Tage. Sie hatte ihm wohl beim Essen einmal -bedeutlich zuzuzwinkern versucht, aber da er dem Zeichen mit leerer -Miene begegnet war, hatte sie sich schleunig zurückgezogen. Auch Joachim -hatte gegen den Vetter geschwiegen, und doch war er des Datums wohl -eingedenk gewesen, an dem er den Zu-Besuch-Kommenden von Station „Dorf“ -abgeholt hatte. Aber Joachim, zum Reden von Natur schon nicht sehr -geneigt, bei weitem nicht so, wie Hans Castorp es wenigstens hier oben -geworden, von Humanisten und Rabulisten ihrer Bekanntschaft ganz zu -schweigen, – Joachim hatte sich in letzter Zeit eine besondere und -auffallende Schweigsamkeit angeeignet, nur Einsilbigkeiten kamen noch -über seine Lippen, aber in seiner Miene arbeitete es. Es war klar, daß -sich für ihn mit Station „Dorf“ andere Vorstellungen verbanden als die -des Abholens und der Ankunft ... Er stand in regem Briefwechsel mit dem -Flachlande. Entschlüsse reiften in ihm. Vorbereitungen, die er traf, -näherten sich ihrem Abschluß. - -Der Juli war warm und heiter gewesen. Aber mit Anbruch des neuen Monats -fiel schlechtes Wetter ein, trübe Nässe, Schneeregen, dann -unzweideutiger Schneefall, und mit Einschaltung einzelner prangender -Sommertage dauerte das an, über das Monatsende hin, in den September -hinein. Anfangs hielten die Zimmer sich noch warm von der -vorhergegangenen Sommerperiode; man hatte zehn Grad darin, das galt für -behaglich. Aber rasch wurde es kälter und kälter, und man war froh über -den Schnee, der das Tal bedeckte, denn sein Anblick – nur dieser, der -Tiefstand der Temperatur allein wäre ohne Folge geblieben – bewog die -Verwaltung, zu heizen, zuerst nur den Speisesaal, dann auch die Zimmer, -und man konnte, wenn man, nach geleistetem Liegedienst aus seinen zwei -Decken gewickelt, von der Loggia hereinkam, mit den feuchtstarren Händen -die belebten Röhren betasten, deren trockener Hauch freilich das Brennen -der Wangen verstärkte. - -War das der Winter? Die Sinne konnten sich diesem Eindruck nicht -entziehen, und man klagte, man sei „um den Sommer betrogen“, obgleich -man, unterstützt von natürlichen und künstlichen Umständen, durch einen -innerlich wie äußerlich verschwenderischen Zeitverbrauch sich selber um -ihn betrogen hatte. Die Vernunft wollte wissen, daß noch schöne -Herbsttage folgen würden; vielleicht sogar serienweise würden sie -erscheinen und in so warmer Pracht, daß ihnen mit dem Namen des Sommers -nicht zuviel Ehre würde angetan werden, vorausgesetzt, daß man sich den -schon flacheren Tageslauf der Sonne, ihren schon zeitigen Abschied aus -dem Sinne schlug. Aber die Wirkung auf das Gemüt, die der Anblick der -Winterlandschaft draußen hervorbrachte, war stärker als solche -Tröstungen. Man stand an seiner geschlossenen Balkontür und starrte mit -Ekel hinaus in das Gestöber, – Joachim war es, der so stand, und mit -gepreßter Stimme sagte er: - -„Soll nun das wieder losgehen?“ - -Hans Castorp, hinter ihm im Zimmer, erwiderte: - -„Das wäre etwas früh, es kann nicht endgültig sein, aber es gibt sich -allerdings eine schauderhaft endgültige Miene. Wenn Winter in -Dunkelheit, Schnee und Kälte und warmen Röhren besteht, dann ist wieder -Winter, da gibt es nichts zu leugnen. Und wenn man bedenkt, daß ja eben -erst Winter war und kaum die Schneeschmelze vorüber ist – jedenfalls -_scheint_ es uns so, nicht wahr, als ob doch gerade erst Frühling -gewesen wäre, – dann kann einem momentweise schlecht werden, das gebe -ich zu. Es ist gefährlich für die menschliche Lebenslust, – laß dir -erläutern, wie ich das meine. Ich meine es so, daß die Welt normaler -Weise so eingerichtet ist, wie es den Bedürfnissen des Menschen -entspricht und der Lebenslust zukömmlich ist, das muß man anerkennen. -Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, daß die Naturordnung, zum -Beispiel also gleich mal die Größe der Erde, die Zeit, die sie zur -Umdrehung um sich selbst und um die Sonne braucht, der Wechsel der -Tages- und Jahreszeiten, der kosmische Rhythmus, wenn du willst, – nach -unserem Bedürfnis bemessen ist, – das wäre wohl frech und einfältig, es -wäre Teleologie, wie der Denker sagt. Aber die Sache ist einfach so, daß -unser Bedürfnis und die allgemeinen, grundlegenden Naturtatsachen -gottlob miteinander in Einklang stehen – gottlob, sage ich, denn es ist -wirklich ein Anlaß, Gott zu loben –, und wenn im Flachland der Sommer -kommt oder der Winter, dann ist der vorige Sommer oder Winter genau so -lange her, daß Sommer und Winter uns wieder neu und willkommen sind, und -darauf beruht die Lebenslust. Bei uns hier oben nun aber ist diese -Ordnung und dieser Einklang gestört, erstens weil es hier eigentlich gar -keine richtigen Jahreszeiten gibt, wie du selbst mal bemerktest, sondern -bloß Sommertage und Wintertage _pêle-mêle_ durcheinander, und außerdem, -weil es überhaupt keine Zeit ist, was einem hier vergeht, so daß der -neue Winter, wenn er kommt, gar nicht neu ist, sondern wieder der alte; -und daraus erklärt sich das Mißvergnügen, mit dem du da durch die -Scheibe guckst.“ - -„Danke sehr“, sagte Joachim. „Und nun, wo du es erklärt hast, da bist -du, glaub’ ich, so zufrieden, daß du unter anderm auch mit der Sache -selbst zufrieden bist, obgleich sie doch ... Nein!“ sagte Joachim. -„Schluß!“ sagte er. „Es ist eine Schweinerei. Das Ganze ist eine -ungeheuere, ekelhafte Schweinerei, und wenn du für dein Teil ... _Ich_ -...“ Und er verließ raschen Schrittes das Zimmer, zog zornig die Tür -hinter sich zu, und wenn nicht alles täuschte, so hatten Tränen in -seinen schönen, sanften Augen gestanden. - -Der andere blieb betreten zurück. Er hatte gewisse Entschlüsse des -Vetters nicht sehr ernst genommen, solange dieser sich in lauten -Ankündigungen ergangen hatte. Nun aber, da es nur noch schweigend in -Joachims Miene arbeitete und er sich benahm wie eben, erschrak Hans -Castorp, weil er begriff, daß dieser Militär der Mann war, zu Taten -überzugehen, – erschrak bis zum Erblassen und zwar für sie beide, für -sich und ihn. _Fort possible qu’il va mourir_, dachte er, und da das -sicherlich eine Wissenschaft aus dritter Hand war, so mischte sich auch -noch die Pein alten, nie gestillten Verdachtes hinein, während er -gleichzeitig dachte: Ist es möglich, daß er mich allein hier oben läßt, -– mich, der ich doch nur gekommen bin, ihn zu besuchen?! um -hinzuzufügen: das wäre doch toll und schrecklich, – es wäre dermaßen -toll und schrecklich, daß ich fühle, wie ich ganz kalt im Gesicht werde -und mein Herz sich regellos aufführt, denn wenn ich allein hier oben -zurückbleibe – und das tue ich, wenn er abreist; daß ich mit ihm fahre, -ist platterdings ausgeschlossen –, dann ist es ja – aber nun steht mein -Herz überhaupt still – dann ist es ja für immer und ewig, denn allein -finde ich nie und nimmermehr den Weg ins Flachland zurück ... - -Soweit Hans Castorps schreckhafter Gedankengang. Noch am selben -Nachmittag sollte er über den Lauf der Dinge Gewißheit erlangen: Joachim -erklärte sich, die Würfel fielen, es kam zu Schlag und Entscheidung. - -Nach dem Tee stiegen sie ins helle Souterrain hinab zur -Monatsuntersuchung. Es war Anfang September. Beim Eintritt ins trocken -durchhauchte Ordinationszimmer fanden sie Dr. Krokowski an seinem -Schreibtischplatz, während der Hofrat, sehr blau im Gesicht, mit -untergeschlagenen Armen an der Wand lehnte, in der einen Hand das -Hörrohr, mit dem er sich gegen die Schulter klopfte. Er gähnte zur Decke -empor. „Mahlzeit, Kinder!“ sagte er matt und ließ auch fernerhin eine -recht schlaffe Laune merken, Melancholie, allgemeinen Verzicht. -Wahrscheinlich hatte er geraucht. Es lagen aber auch sachliche -Ärgernisse vor, von denen die Vettern schon gehört hatten, -Anstaltsinterna von sattsam bekannter Art: ein junges Mädchen, Ammy -Nölting mit Namen, welches, eingetreten zuerst im Herbst vorvorigen -Jahres und nach neun Monaten, im August, als gesund entlassen, sich vor -Ablauf des September schon wieder eingefunden hatte, weil sie sich zu -Hause „nicht wohlgefühlt“ habe, zum Februar abermals völlig geräuschlos -befunden und dem Flachlande zurückgegeben worden war, aber seit Mitte -Juli schon wieder ihren Platz am Tische der Iltis einnahm, – diese Ammy -war 1 Uhr nachts mit einem Leidenden namens Polypraxios, demselben -Griechen, der beim Faschingsfest durch die Wohlgestalt seiner Beine -berechtigtes Aufsehen erregt hatte, einem jungen Chemiker, dessen Vater -am Piräus Farbwerke besaß, in ihrem Zimmer ertappt worden und zwar durch -eine von Eifersucht verstörte Freundin, die auf demselben Wege in Ammys -Zimmer gelangt war wie Polypraxios, nämlich über die Balkons, und, -zerrissen von Schmerz und Wut über das Wahrgenommene, ein furchtbares -Geschrei erhoben, alles in Bewegung gesetzt und die Sache an die große -Glocke gehängt hatte. Behrens hatte allen dreien, dem Athener, der -Nölting und ihrer Freundin, die vor Leidenschaft der eigenen Ehre wenig -geachtet hatte, den Laufpaß geben müssen und eben jetzt mit seinem -Assistenten, bei dem übrigens Ammy sowohl wie die Verräterin in -Privatbehandlung gestanden hatten, die widrige Sache durchgesprochen. -Auch während der Untersuchung der Vettern fuhr er noch fort, im Tone der -Schwermut und der Resignation sich darüber auszulassen; denn er war ein -so fertiger Künstler der Auskultation, daß er zugleich eines Menschen -Inneres belauschen, von etwas anderem reden und dem Assistenten das -Erhorchte diktieren konnte. - -„Ja, ja, _gentlemen_, die verfluchte _libido_!“ sagte er. „Sie haben -natürlich noch Ihr Vergnügen an der Chose, Ihnen kann’s recht sein. – -Vesikulär. – Aber so ein Anstaltschef, der hat davon die Neese _plein_, -das können Sie mir – Dämpfung – das können Sie mir glauben. Kann ich -dafür, daß die Phthise nun mal mit besonderer Konkupiszenz verbunden ist -– leichte Rauhigkeit? Ich habe es nicht so eingerichtet, aber eh’ man -sich’s versieht, steht man da wie ein Hüttchenbesitzer, – verkürzt hier -unter der linken Achsel. Wir haben die Analyse, wir haben die -Aussprache, – ja Mahlzeit! Je mehr die Rasselbande sich ausspricht, -desto lüsterner wird sie. Ich predige die Mathematik. – Besser hier, das -Geräusch ist weg. – Die Beschäftigung mit der Mathematik, sage ich, ist -das beste Mittel gegen die Kupidität. Staatsanwalt Paravant, der stark -angefochten war, hat sich drauf geworfen, er hat es jetzt mit der -Quadratur des Kreises und spürt große Erleichterung. Aber die meisten -sind ja zu dumm und zu faul dazu, daß Gott erbarm’. – Vesikulär. – Sehen -Sie, ich weiß ganz gut, daß junges Volk hier gar nicht ganz unschwer -verlumpt und verkommt, und früher habe ich manchmal einzuschreiten -versucht gegen die Debauchen. Aber dann ist es mir passiert, daß -irgendein Bruder oder Bräutigam mich ins Gesicht hinein gefragt hat, was -es mich eigentlich angehe. Seitdem bin ich nur noch Arzt – schwaches -Rasseln rechts oben.“ - -Er war fertig mit Joachim, steckte sein Hörrohr in die Kitteltasche und -rieb sich mit der riesigen Linken die beiden Augen, wie er zu tun -pflegte, wenn er „abfiel“ und melancholisch war. Halb mechanisch und -zwischendurch gähnend vor Mißlaune sagte er sein Sprüchlein her: - -„Na, Ziemßen, nur immer munter. Ist ja noch immer nicht alles genau so, -wie es im Physiologiebuche steht, hapert noch da und da, und mit Gaffky -haben Sie Ihre Angelegenheiten auch noch nicht restlos bereinigt, sind -sogar in der Skala gegen neulich um eine Nummer aufgerückt, – sechs ist -es diesmal, aber darum nur keinen Weltschmerz geblasen. Als Sie -herkamen, waren Sie kränker, das kann ich Ihnen schriftlich geben, und -wenn Sie noch fünf, sechs Manote – wissen Sie, daß man früher ‚_mânôt_‘ -sagte und nicht ‚Monat‘? War eigentlich viel volltöniger. Ich habe mir -vorgenommen, nur noch ‚Manot‘ zu sagen –“ - -„Herr Hofrat“, setzte Joachim an ... Er stand, mit bloßem Oberkörper, in -geschlossener Haltung, Brust heraus, die Absätze zusammengenommen, und -war so fleckig im Gesicht wie damals, als Hans Castorp bei bestimmter -Gelegenheit erstmals bemerkt hatte, daß dies die Art des tief Gebräunten -sei, blaß zu werden. - -„Wenn Sie,“ redete Behrens über seinen Anlauf hin, „noch rund ein halbes -Jährchen hier stramm Gamaschendienst tun, dann sind Sie ein gemachter -Mann, dann können Sie Konstantinopel erobern, dann können Sie vor lauter -Markigkeit Oberbefehlshaber in den Marken werden –“ - -Wer weiß, was er in seiner Verdüsterung noch alles gekohlt haben würde, -wenn Joachims unbeirrte Haltung, seine unverkennbare Gewilltheit, zu -sprechen, und zwar mutig zu sprechen, ihn nicht aus dem Konzept gebracht -hätte. - -„Herr Hofrat,“ sagte der junge Mann, „ich wollte gehorsamst melden, daß -ich mich entschlossen habe, zu reisen.“ - -„Nanu? Wollen Sie Reisender werden? Ich dachte, Sie wollten später mal, -als gesunder Mensch, zum Militär?“ - -„Nein, ich muß jetzt abreisen, Herr Hofrat, in acht Tagen.“ - -„Sagen Sie mal, hör’ ich recht? Sie werfen die Flinte hin, Sie wollen -durchbrennen? Wissen Sie, daß das Desertion ist?“ - -„Nein, das ist nicht meine Auffassung, Herr Hofrat. Ich muß nun zum -Regiment.“ - -„Obgleich ich Ihnen sage, daß ich Sie in einem halben Jahr bestimmt -entlassen kann, daß ich Sie aber vor einem halben Jahr nicht entlassen -kann?“ - -Joachims Haltung wurde immer dienstlicher. Er nahm den Magen herein und -sagte kurz und gepreßt: - -„Ich bin über anderthalb Jahre hier, Herr Hofrat. Ich kann nicht länger -warten. Herr Hofrat haben ursprünglich gesagt: ein Vierteljahr. Dann ist -meine Kur immer wieder viertel- und halbjahrsweise verlängert worden, -und ich bin immer noch nicht gesund.“ - -„Ist das mein Fehler?“ - -„Nein, Herr Hofrat. Aber ich kann nicht länger warten. Wenn ich nicht -ganz den Anschluß verpassen will, so kann ich meine richtige Genesung -hier oben nicht abwarten. Ich muß jetzt hinunter. Ich brauche noch etwas -Zeit für meine Equipierung und andere Vorbereitungen.“ - -„Sie handeln im Einverständnis mit Ihrer Familie?“ - -„Meine Mutter ist einverstanden. Es ist alles abgemacht. Ich trete -ersten Oktober als Fahnenjunker bei den Sechsundsiebzigern ein.“ - -„Auf jede Gefahr?“ fragte Behrens und sah ihn aus blutunterlaufenen -Augen an ... - -„Zu Befehl, Herr Hofrat“, antwortete Joachim mit zuckenden Lippen. - -„Na, dann is gut, Ziemßen.“ Der Hofrat wechselte die Miene, gab nach in -seiner Haltung und ließ in jeder Weise locker. „Is gut, Ziemßen. Rühren -Sie! Reisen Sie mit Gott. Ich sehe, Sie wissen, was Sie wollen, Sie -nehmen die Sache auf sich, und soviel stimmt, daß es Ihre Sache ist, -nicht meine, von dem Augenblick an, wo Sie sie auf sich nehmen. Selbst -ist der Mann. Sie reisen ohne Garantie, ich stehe für nichts. Aber -bewahre, es kann ganz gut gehen. Ist ja ein luftiger Beruf, den Sie -ergreifen. Kann durchaus sein, daß es Ihnen bekommt und daß Sie sich -herausbeißen.“ - -„Jawohl, Herr Hofrat.“ - -„Na, und Sie, junger Mann aus dem Zivilpublikum? Sie wallen wohl mit?“ - -Das war Hans Castorp, der antworten sollte. Er stand da, ebenso bleich -wie vor Jahresfrist bei jener Untersuchung, die seine Aufnahme -herbeigeführt hatte, stand auf demselben Fleck wie damals, und wieder -war deutlich das Pulsen seines Herzens gegen die Rippen zu sehen. Er -sagte: - -„Ich möchte es von Ihrem Votum abhängig machen, Herr Hofrat.“ - -„Meinem Votum. Schön!“ Und er zog ihn am Arme an sich, horchte und -klopfte. Er diktierte nicht. Es ging ziemlich schnell. Als er fertig -war, sagte er: - -„Sie können reisen.“ - -Hans Castorp stotterte: - -„Das heißt ... wieso. Bin ich denn gesund?“ - -„Ja, Sie sind gesund. Die Stelle links oben ist nicht mehr der Rede -wert. Ihre Temperatur paßt nicht zu der Stelle. Woher sie kommt, kann -ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, daß sie weiter nichts zu bedeuten -hat. Meinetwegen können Sie reisen.“ - -„Aber ... Herr Hofrat ... Das ist vielleicht im Augenblick nicht Ihr -voller Ernst?“ - -„Nicht mein Ernst? Wieso denn? Was denken Sie denn? Was denken Sie -überhaupt so beiläufig von mir, möchte ich wissen? Wofür halten Sie -mich? Für einen Hüttchenbesitzer?!“ - -Es war Jähzorn. Die Bläue in des Hofrats Gesicht hatte sich ins -Veilchenfarbene vertieft durch lodernden Zudrang, die einseitige -Schürzung seiner Lippe mit dem Schnurrbärtchen sich heftig verstärkt, so -daß die seitlichen Oberzähne sichtbar wurden, er schob den Kopf vor, wie -ein Stier, seine Augen quollen tränend und blutig. - -„Das verbitte ich mir!“ schrie er. „Ich bin erstens überhaupt kein -Besitzer! Ich bin ein Angestellter hier! Ich bin Arzt! Ich bin _nur_ -Arzt, verstehen Sie mich?! Ich bin kein Kuppelonkel! Ich bin kein Signor -Amoroso auf dem Toledo im schönen Neapel, verstehen Sie mich wohl?! Ich -bin ein Diener der leidenden Menschheit! Und sollten Sie sich eine -andere Auffassung gebildet haben von meiner Person, dann können Sie -beide zum Kuckuck gehen, in die Binsen oder vor die Hunde, ganz nach -beliebiger Auswahl! Glückliche Reise!“ - -Mit langen und breiten Schritten ging er zur Tür hinaus, durch die Tür, -die ins Vorzimmer des Durchleuchtungsraumes führte, und ließ sie hinter -sich zukrachen. - -Rat suchend blickten die Vettern auf Dr. Krokowski, der sich jedoch in -seine Papiere vertieft und vergraben zeigte. Sie sputeten sich, in ihre -Kleider zu kommen. Auf der Treppe sagte Hans Castorp: - -„Das war ja schrecklich. Hast du ihn schon mal so gesehen?“ - -„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle. Das einzig -Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung über sich ergehen -läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die Geschichte mit Polypraxios -und der Nölting. Aber hast du gesehen,“ fuhr Joachim fort, und man -merkte, wie die Freude darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in -ihm aufstieg und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein -beigab und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war? Man muß -nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen. Nun habe ich -sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß ich mich wahrscheinlich -herausbeißen werde, – und über acht Tage reisen ... in drei Wochen bin -ich beim Regiment“, verbesserte er sich, indem er Hans Castorp aus dem -Spiele ließ und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person -beschränkte. - -Hans Castorp schwieg. Er sagte nichts über Joachims „Erlaubnis“, noch -über seine eigene, von der ja allenfalls auch zu reden gewesen wäre. Er -machte Toilette zur Liegekur, steckte das Thermometer in den Mund, -schlug mit kurzen und sicheren Griffen, mit voll ausgebildeter Kunst, -jener geheiligten Praktik gemäß, von der im Flachlande niemand eine -Ahnung hatte, die beiden Kamelhaardecken um sich und lag dann still, als -ebenmäßige Walze, auf seinem vorzüglichen Liegestuhl in der kalten -Feuchte des Frühherbstnachmittags. - -Die Regenwolken hingen tief, die Phantasiefahne drunten war eingezogen, -Schneereste lagen auf den nassen Zweigen der Edeltanne. Aus der unteren -Liegehalle, von wo vor Jahr und Tag zuerst Herrn Albins Stimme an sein -Ohr geschlagen, drang leises Gespräch zu dem Diensttuenden herauf, -dessen Finger und Angesicht sich in Kürze naßkalt versteiften. Er war es -gewohnt und wußte der hiesigen, ihm längst zur einzig denkbaren -gewordenen Lebenshaltung Dank für die Gunst, in Geborgenheit liegen und -alles bedenken zu dürfen. - -Es war entschieden, Joachim würde reisen. Radamanth hatte ihn entlassen, -– nicht _rite_, nicht als gesund, aber mit halber Billigung entlassen -eben doch, auf Grund und in Anerkennung seiner Standhaftigkeit. Er würde -hinunterfahren, mit der Schmalspurbahn in die Tiefe nach Landquart, nach -Romanshorn, dann über den weiten, abgründigen See, über den im Gedichte -der Reiter ritt, und durch ganz Deutschland nach Hause. Er würde dort -leben, in der Welt des Flachlandes, unter lauter Menschen, die keine -Ahnung hatten, wie man leben mußte, die nichts wußten vom Thermometer, -von der Kunst des Sicheinwickelns, vom Pelzsack, vom dreimaligen -Lustwandel, von ... es war schwer zu sagen, schwer aufzuzählen, wovon -alles sie drunten nichts wußten, aber die Vorstellung, daß Joachim, -nachdem er länger als anderthalb Jahre hier oben verbracht, unter den -Unwissenden leben sollte, – diese Vorstellung, die nur Joachim betraf, -und nur ganz von fern und versuchsweise auch ihn, Hans Castorp, – -verwirrte ihn so, daß er die Augen schloß und eine abwehrende -Handbewegung machte. „Unmöglich, unmöglich“, murmelte er. - -Da es denn aber unmöglich war, so würde er also allein und ohne Joachim -hier oben weiter leben? Ja. Wie lange? Bis Behrens ihn als geheilt -entließ, und zwar im Ernst, nicht so wie heute. Aber erstens war das ein -Zeitpunkt, zu dessen Bestimmung man nur, wie Joachim einst bei -irgendeiner Gelegenheit, in die Luft hinein die Gebärde des Unabsehbaren -machen konnte, und zweitens: würde das Unmögliche dann möglicher -geworden sein? Im Gegenteil eher. Und soviel war loyalerweise zuzugeben, -daß eine Hand ihm geboten war, jetzt, wo das Unmögliche vielleicht noch -nicht ganz so unmöglich war, wie es später sein würde, – eine Stütze und -Führung für ihn, durch Joachims wilde Abreise, auf dem Wege ins -Flachland, den er von sich aus in Ewigkeit nie zurückfinden würde. Wie -würde humanistische Pädagogik ihn mahnen, die Hand zu ergreifen und die -Führung anzunehmen, wenn die humanistische Pädagogik von der Gelegenheit -erfuhr! Aber Herr Settembrini war nur ein Vertreter – von Dingen und -Mächten, die hörenswert waren, aber nicht allein, nicht unbedingt; und -auch mit Joachim stand es so. Er war Militär, jawohl. Er reiste ab – -beinahe in dem Augenblick, wo die hochbrüstige Marusja zurückkehren -sollte (am ersten Oktober kehrte sie bekanntlich zurück), während ihm, -dem zivilistischen Hans Castorp, die Abreise namentlich und abgekürzt -gesprochen darum unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten -mußte, von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete. „Das ist -nicht meine Auffassung“, hatte Joachim gesagt, als Radamanth ihm von -Desertion gesprochen hatte, was zweifellos in Hinsicht auf Joachim nur -Kohl und Geschwafel gewesen war von des verdüsterten Hofrats Seite. Aber -für ihn, den Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders. Für ihn -(ja, ganz ohne Zweifel, so war es! Um diesen entscheidenden Gedanken aus -seinem Gefühle emporzuarbeiten, hatte er sich heute hier ins Naßkalte -gelegt) – für ihn wäre es wirklich Desertion gewesen, die Gelegenheit zu -ergreifen und wilde oder halbwilde Abreise ins Flachland zu halten, -Desertion von ausgebreiteten Verantwortlichkeiten, die ihm aus der -Anschauung des Hochgebildes, genannt _Homo Dei_, hier oben erwachsen, -Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte -übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten, -denen er hier in der Loge und am blau blühenden Orte oblag. - -Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie vorher nur einmal: -nach erster Benutzung, nachdem die Oberin ihm eben das zierliche -Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher Begierde wie damals -darauf nieder. Merkurius war kräftig emporgewandert, er zeigte -siebenunddreißig-acht, fast -neun. - -Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und tat einen -schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und zurück. Dann, wieder in -horizontaler Lage, rief er leise Joachim an und fragte nach dessen -Kurve. - -„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim. - -„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort in Nachfolge Frau -Stöhrs nach Analogie von „Schampus“ behandelnd; worauf Joachim hinter -der Glaswand sich schweigend verhielt. - -Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden, forschte -mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und Entschlüssen, die sich ganz -von selbst, bei knapp gesetzter Frist, offenbaren mußten: durch -Handlungen oder das Unterlassen von Handlungen, und das taten sie, -nämlich durch letzteres. Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der -hatte wissen wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein -tun wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen Tagen sich -auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine Rücksprache, von der -Joachim wußte, und deren Verlauf und Ergebnis er sich an fünf Fingern -ausrechnen konnte. Sein Vetter hatte erklärt, er erlaube sich, auf des -Hofrats frühere vielfältige Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich -auszuheilen, damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen, -als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe 37,8, er könne -sich nicht als _rite_ entlassen fühlen, und wenn des Hofrats Äußerung -von neulich nicht etwa als Relegation zu verstehen gewesen sei, zu -welcher Maßregel Anlaß gegeben zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt -sei, so habe er, nach ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu -Joachim Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige -Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich erwidert -hatte: „_Bon_ und schön!“ und: „Nichts für ungut!“ und: das heiße er wie -ein vernünftiger Kerl reden, und: er habe es doch gleich gesehen, daß -Hans Castorp mehr Talent zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und -Haudegen da. Und so fort. - -Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation, der Hergang -des Gespräches gewesen, und so sagte er nichts und stellte eben nur -schweigend fest, daß Hans Castorp sich seinen die Abreise vorbereitenden -Schritten nicht anschloß. Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit -sich selber zu tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib -des Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner Brust, – man -kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er sich nicht mehr maß, -sondern sein Instrument, angeblich, indem er es hatte fallen lassen, -zerbrochen hatte: Messungen hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen, -– so furchtbar aufgeregt, bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude -und Spannung, wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den ganzen -Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans Castorp hörte: zu all -den Stunden, viermal am Tage, in welchen auf „Berghof“ die Horizontale -herrschte. Anderthalb Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause, -nun wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis! Das war -keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp fühlte es dem ruhelos -wandernden Vetter nach. Achtzehn Monate, den vollen Jahreszirkel und -dann die Hälfte noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt, -eingefahren in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen -Lebensgang, den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten -erprobt, – und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden! Welche -Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen? Und durfte man sich -wundern, wenn Joachims große Aufregung nicht nur aus Freude bestand, -sondern auch Bangigkeit, Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten -ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu schweigen. - -Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem guten Joachim über -davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters Zukunft auf sich beruhen. -Er sprach davon, wie neu und erfrischt alles sein werde, das Leben, er -selbst, die Zeit – jeder Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder -haben, langsam gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter, Hans -Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze Augen hatte, -wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her nicht gesehen, da sie, -hingehalten von Monat zu Monat, von Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu -einem Besuche des Sohnes sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit -begeistertem Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –: -in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen geleistet, -ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen. „Nanu?“ fragte Hans -Castorp. „Ernstlich? Der Stange? Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und -bei der Artillerie dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja -schwärmerische Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne -man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe nickte. - -Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota auf der -Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten Termin mit dem -Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug packte er ein und ließ den Pelzsack -nebst den Kamelhaardecken vom Hausdiener in Sackleinen nähen: -vielleicht, daß er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an, -Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und Settembrini -– allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei diesem Gange und -fragte auch nicht, was Settembrini zu Joachims bevorstehender Abreise -und Hans Castorps bevorstehender Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob -er nun „Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder -„_Poveretto_“, das mußte ihm gleichgültig bleiben. - -Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles zum letztenmal -absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden Lustwandel, und von den -Ärzten, der Oberin Urlaub nahm. Und es tagte der Morgen selbst: -heißäugig und mit kalten Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte -die ganze Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich -und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt, -hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu scheiden. Frau Stöhr -vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen Tränen der Ungebildeten, -beim Lebewohl und zeigte gleich darauf hinter Joachims Rücken der -Lehrerin mit Kopfschütteln und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine -faule Miene voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims -Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp sah es, -indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter auf dem Fuße zu -folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen, den amtlichen Abschiedsgruß -eines Gesandten der Verwaltung im Vestibül zu erwidern. Wie immer -standen Patienten bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem -„Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów mit -seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während der Wagen, am Hinterrad -gebremst, die Anfahrt hinabschurrte. Joachim hatte Rosen erhalten. Er -trug einen Hut auf dem Kopf. Hans Castorp nicht. - -Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer Trübe. Das -Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des Dorfberges standen -unveränderlich wahrzeichenhaft vor der Bläue, und Joachims Augen ruhten -darauf. Fast schade, meinte Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so -schönes Wetter geworden. Es läge Bosheit darin, und ein recht -unwirtlicher Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim: -der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches -Ausbildungswetter, er könne es drunten wohl brauchen. Sonst sprachen sie -wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und zwischen ihnen, gab es -freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten sie vor sich den Hinkenden -auf dem Bock neben dem Kutscher. - -Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts, hatten sie -den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen, fuhren sie hin auf -der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn gleichlaufenden Straße und -hielten auf steinigem Platz vorm Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht -viel mehr als ein Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit -Schrecken wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei -einfallender Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen. „Hier -bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise, und Joachim -antwortete nur: „Tja, das bist du“, und entlohnte den Kutscher. - -Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das Gepäck. Sie -standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge, neben dem kleinen, -grau gepolsterten Wagenabteil, worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und -Rosen einen Platz belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen -schwärmerischen Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird -gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf, Grüße an die -dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete Hans Castorp nur noch mit -seinem Stock auf dem Asphalt. Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er -auf, sah Joachim an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans -Castorp lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig -dringlich. „_Hans!_“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte sich etwas so -Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete Hans Castorp mit -Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder „Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag -gehalten hatten, sondern aller Sittensprödigkeit zum Trotz und -peinlichst überschwänglicher Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und -drückte mit dringlicher Angst dem Vetter die Hand, während dieser -bemerken mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten das -Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte er inständig, -„komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs Trittbrett. Die Tür schlug -zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander, die kleine Lokomotive zog -an, der Zug entglitt. Der Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut, -der Zurückbleibende mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch -lange, allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim ihn vor -Jahr und Tag geführt. - - - Abgewiesener Angriff - -Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und Akelei waren -verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen Sterne des Enzian, -die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten sich wieder im feuchten -Grase, und über den Waldungen lag es rötlich. Herbstnachtgleiche war -vorüber, Allerseelen in Sicht und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch -der erste Advent, der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber -reihten sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem die -Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten. - -Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am Tische der Stöhr, -nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. Blumenkohl weggestorben war, und -an dem Marusja ihre unbegründete Heiterkeit im Apfelsinentüchlein -erstickt hatte. Neue Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund -aber hatte, zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von -der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, an einem -Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter gegen die linke -Verandatür, zwischen seinem ehemaligen und dem Guten Russentisch, kurzum -am Tisch Settembrinis. Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans -Castorp jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der an -jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus zum Hospitieren -aufgespart blieb. - -Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte auf mehreren -Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus Mexiko, dessen -Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit der eines Tauben war, -und ihm zur Seite hatte das ältliche Fräulein aus Siebenbürgen ihren -Platz, das, wie schon Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse -aller Welt für ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas -von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen mit -Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden -bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten Stunden des Tages an -der Brüstung ihrer Balkonloge ihre tellerflache Brust in hygienischen -Tiefatmungen dehnen. Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man -Herr Wenzel nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen -verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin -versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der dieser -Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, sondern nur um die -vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an dem wilden Lautgestrüpp -heiter zu erproben. Obwohl feist wie ein Dachs und von einer selbst -unter Denen hier oben erstaunlich sich hervortuenden Eßlust, versicherte -der Böhme seit vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der -Abendgeselligkeit klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline -die Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage, -auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in Hans Castorps Nähe -folgten dann zu beiden Seiten des Tisches Herr und Frau Magnus, die -Bierbrauersehegatten aus Halle. Melancholie umgab dieses Paar -atmosphärisch, da beide lebenswichtige Stoffwechselprodukte, Herr Magnus -Zucker, Frau Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung, -namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages von -Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger Hauch von ihr -aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete Stöhr stellte sie -jene Vereinigung von Krankheit und Dummheit dar, an der Hans Castorp, -getadelt deswegen von Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen -hatte. Herr Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch nur in -der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld erregt hatte. -Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit Herrn Wenzel aus -politischen und sonstigen Anlässen feindlich zusammen. Denn ihn -erbitterten die nationalen Aspirationen des Böhmen, der sich überdies -zum Antialkoholismus bekannte und über den Erwerbszweig des Brauers -moralisch Absprechendes äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die -sanitäre Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine -Interessen so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte -früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; Hans Castorp -aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt und konnte nicht -hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, ihn darin zu ersetzen. - -Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A. -K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser -gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts -hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis, -dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar -zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere -aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter -anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen -Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit -schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann -seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau -Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans -Castorps Freundschaft suchte. - -Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung, -die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren -komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich -anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen -der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und -zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der -jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu -tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den -Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –, -duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war -erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe, -einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine -Liebe zu erklären – die _aussichtslose_ Liebeserklärung, was die Herren -davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung, -daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des -Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so -stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten -Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen -Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der -ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht -überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der -widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte -eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr -in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er -oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern -lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres -Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser -oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß, -als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten -in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der -nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu -vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie -der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig -Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns -davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit -verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug. - -Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner -Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang: -von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch, -Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, – -mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel. - -Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der -Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des -früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe -seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst -hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes -gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der -Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, – -was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam -wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß -keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren -Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es -sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage -umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein -zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage -Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so -war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe -vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm -überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels -kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und -sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen -war er zu erwarten. - -„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie -„Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“ -sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die -Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an -die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer -Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die -Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon -dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet, -zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach -dem Rechten sehen wollte. - -Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des -Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines -Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei -da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf -diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen -Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich -kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein -können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in -überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten -Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den -vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein -vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck -überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten -Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und -Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft, -erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und -Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte -Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person -seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar -möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort -gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher -gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse, -fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der -abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und -Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul -werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben. - -„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und -etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne -Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des -Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er -selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine -Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne -eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“, -antwortete Hans Castorp ruhig und kurz. - -Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp -erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße -von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits -beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig -dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt -durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob -es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen -Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne -von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft -ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der -andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke -Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze -der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent -in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie -zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen -organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er -möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß -der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art -Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der -Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht -Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht -auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem -Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen -habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe -gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde. - -„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans -Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier -bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er -seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die -Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens -ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an -und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er. -Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun -noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht -soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen -empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so -werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen, -bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse -schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach -Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein -interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann -wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte -beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere. - -Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp -den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben -hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert -worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde -Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein -_exodus_, sondern ein _exitus_. Und da der Onkel sich nach dem Sinn -erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er. -„Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber -mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im -behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz. -Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder -kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen -an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach -von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen -Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er -erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über -die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen -Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der -Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des -Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten -der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und -mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit. -Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den -Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im -stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans -Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener -sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern -zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten -Schläfen ab. - -Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von -persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch von -der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik und -Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des jungen Praktikanten -wartete, was aber natürlich so wenig ihre einzige Beschäftigung war, daß -man sich fragen mochte, ob sie überhaupt noch wartete. James Tienappel -hatte wohl alle diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später -berührt, aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, – -abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter -Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit oder Gefeitheit, die an -sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche Abendkühle, an sein Wort -„Uns friert nicht“, erinnerte und vielleicht Ursache war, weshalb sein -Onkel ihn manchmal so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den -Ärzten ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – es -traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn er acht Tage -blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt sei, den Vortrag zu -besuchen? Niemand. Er nahm es an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit -als ausgemacht voraus, daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht -daran teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß er -mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte zuvorzukommen -suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches geplant. Dies eben war -die Macht, deren unbestimmte, aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel -unbewußt anhielt, den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem -Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen, -obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen hatte. Er hörte -seinen Verwandten von der Krankheit sprechen, die hier das gemeinsame -Berufsinteresse aller bildete, und von der Aufnahmelustigkeit für sie; -von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem -Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen -und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und Erzeugung -löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozeß, -von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und -bindegewebige Vernarbung zu heilsamem Stillstand gelange oder zu -größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse -und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten, -galoppierenden Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja -in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats -meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie sie morgen oder -demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, einer ursprünglich -reizenden Schottin, vorgenommen werden sollte, die von _Gangraena -pulmonum_, vom Lungenbrande ergriffen worden sei, so daß eine -schwärzlich-grüne Verpestung in ihr walte und sie den ganzen Tag -zerstäubte Karbolsäurelösung einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber -den Verstand zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig -unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er -herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich -freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene -auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens zu seiner Beruhigung, -die aber neue Beunruhigung in sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich -um den Unfall, der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht -kümmerte, vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich -nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine -Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen -Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch -solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei es aber, daß der Konsul -seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich ein Mäntelchen von Vernunft und -Sinn umzuhängen wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, – -plötzlich brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing mit -hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten „Chansonette“, -einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit -in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihren temperamentgeladenen Reizen, -die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem -halte. Seine Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er -sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende -Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese Erscheinung -erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige Reisemüdigkeit, deren -Opfer er war, allmählich so deutlich, daß er schon gegen halb 11 Uhr die -Beendigung des Beisammenseins befürwortete und es innerlich wenig -begrüßte, daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach -erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der Tür eines Salons -gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn bekannt machte. Auf die -stämmig-heitere Anrede des Doktors wußte er fast nichts anderes mehr als -„Gewiß, selbstvers-tändlich“, zu erwidern und war froh, als sein Neffe -sich mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum Frühstück -abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem Zimmer in sein -eigenes begeben hatte und er mit der gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich -ins Bett des Fahnenflüchtlings fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte -er Feuersbrunst gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk -zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel. - -James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel James“ und einfach -nur „James“ anredete, war ein langbeiniger Herr von gegen Vierzig, -gekleidet in englische Stoffe und blütenhafte Wäsche, mit -kanariengelbem, gelichtetem Haar, nahe beisammenliegenden blauen Augen, -einem strohigen, gestutzten, halb wegrasierten Schnurrbärtchen und -bestens gepflegten Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne -darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten Konsuls am -Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit einer Angehörigen seines -Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert und fein, von ebenso -leiser, rascher und spitzig-höflicher Sprechweise war wie er selbst, gab -er zu Hause einen sehr energischen, umsichtigen und bei aller Eleganz -kalt sachlichen Geschäftsmann ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich, -auf Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes -Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige -Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger als -eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil das -Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst dem Wunsche, -seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren und selbst inmitten von -Lebensformen, die er unglaublich fand, nichts von Befremdung merken zu -lassen. „Natürlich, gewiß, selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu -sagen, damit niemand denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher -gekommen nun freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich -mit dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu sehen, -den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich ausdrückte, -„loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war er sich doch wohl -bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, – schon im ersten Augenblicke -empfindlich von der Ahnung berührt, daß eine Welt und Sittensphäre ihn -als Gast aufgenommen habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner -eigenen nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin -übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit seiner -Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; denn die -Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend. - -Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des Konsuls Telegramm -innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ beantwortet hatte; aber man muß -nicht denken, daß er bewußt die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen -Onkel ausgenutzt hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, und -nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern umgekehrt, so -daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von dem Augenblick an, wo -eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens den Konsul -von seines Neffen Person her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und -Ausgang, das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans Castorp -denn freilich doch nicht umhin konnte. - -Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der Eingesessene den -Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft bekannt gemacht -hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat Behrens, der lang und bunt, gefolgt -von dem schwarzbleichen Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit -seiner rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin -herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht nur, daß es -eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem vereinsamten Neveu -hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, sondern daß er auch im -ureigensten Interesse sehr recht daran tue, da er ja offenbar total -anämisch sei. – Anämisch, er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und -zog ihm mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig! -sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, wenn er es sich -für ein paar Wochen hier auf seinem Balkon der Länge nach bequem mache -und überhaupt in allen Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In -seinem Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal eine -Weile so zu leben, wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, die -übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ sagte der -Konsul rasch und blickte dem hochnackig Davonrudernden noch eine Weile -eifrig-höflich geöffneten Mundes nach, während sein Neffe gelassen und -abgebrüht neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur Bank an -der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach hielt James -Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet von Hans Castorp, der ihm -zum mitgebrachten Plaid die eine seiner Kameldecken lieh – er selbst -hatte in Anbetracht des schönen Herbstwetters an einer reichlich genug – -und ihn in der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff -getreulich unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon zur -Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um ihn auf eigene -Hand und nur unter verbessernd einspringender Beihilfe die feststehende -Prozedur wiederholen zu lassen, und lehrte ihn, den Leinenschirm am -Stuhl zu befestigen und gegen die Sonne zu richten. - -Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes stark in ihm, -und er machte sich lustig über das, was er da erlernte, wie er sich -schon über den abgemessenen Lustwandel nach dem Frühstück lustig gemacht -hatte. Aber als er das ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der -Neffe seinen Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene -Selbstgewißheit der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, er -fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das -entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen sofort, -baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, solange er noch -Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese -schwanden, daß der Geist des Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen -gefährlichen Feindesbund gegen sie bildete. - -Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm empfohlen -hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen der Kranken -anzuschließen: das ergab sich von selbst, es bestand, wie es schien, gar -keine andere Denkbarkeit, und wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und -unberührbarer Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der -Tat und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar war, das -war für einen wohlerzogenen Menschen von Anfang an nicht zu -unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender sein, als daß nach der -ersten Liegekur das ausgiebige zweite Frühstück erfolgte, aus welchem -der Lustwandel nach „Platz“ hinunter überzeugend sich ergab, – und -danach wickelte Hans Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn -ein, das war das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen -Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert war, ließ er -ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde Gong zu einem -Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, das sich als -erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, daß der sich -anschließende General-Liegedienst mehr als äußerer Brauch, daß er innere -Notwendigkeit war und aus persönlichster Überzeugung geübt wurde. So -ging es fort bis zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im -Salon mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine -Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit aufdrängte, -ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann hätte sie keine -Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht des Konsuls kritische -Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt gewesen wären, das er nicht -geradezu Übelbefinden nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und -Aufregung bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig -zusammensetzte. - -Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung mit Hofrat Behrens -war der Dienstweg beschritten worden: Hans Castorp hatte beim -Bademeister den Antrag gestellt und dieser ihn der Oberin weitergegeben, -deren eigentümliche Bekanntschaft Konsul Tienappel bei dieser -Gelegenheit machte, dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo -sie ihn liegend fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit -des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. Das geehrte -Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst ein paar Tage gedulden, -der Hofrat sei besetzt, Operationen, Generaluntersuchungen, die leidende -Menschheit gehe vor, nach christlichen Grundsätzen, und da er ja -angeblich gesund sei, so müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier -nicht Nummer Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas -anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, – worüber sie, -Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er solle sie doch mal -ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien etwas trübe und flackernd, -und wie er da so vor ihr liege, sehe es alles in allem nicht viel anders -aus, als ob auch mit ihm nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so -ganz _sauber_, er solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei -seinem Antrage um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung -handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung! -versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis er Bescheid -bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der Hofrat selten Zeit. - -Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte, und das -Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht einen nachhaltigen -Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen, dessen Einigkeit mit den -Erscheinungen hier oben aus seiner unberührbaren Ruhe deutlich -hervorging, unhöflicherweise zu sagen, wie abschreckend ihm das -Frauenzimmer dünkte, klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei -ihm an, die Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans -Castorp, nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm halbwegs -zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk ihm ein -Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir? Ist das ihre Branche?“ -entgegnete der Onkel ... Aber das Schlimme war, wie deutlich aus seines -Neffen Miene hervorging, daß er sich auch dann nicht gewundert haben -würde, wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“, stand -in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn fror andauernd -bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn die Oberin ihm tatsächlich -ein Thermometer angeboten hätte, er es gewiß zurückgewiesen haben würde, -daß dies aber am Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes, -zum Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte. - -So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des Sendboten lief -auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt waren, und daß es außerhalb -ihrer laufen könne, schien keine Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine -Erlebnisse, gewann seine Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei -belauschen. Er hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes -Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz, womit der -Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt von einer geschnitzten -Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand und sich, gegen das Licht -erhoben, als photographisches Negativ erwies. „Was ist denn das?“ fragte -der Onkel betrachtend ... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne -Kopf, es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter -Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich erkennen ließ. -„Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp. Worauf der Onkel „Pardon!“ -sagte, das Bildnis auf die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon -entfernte. Dies nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in -diesen vier oder fünf Tagen. Auch an einer _Conférence_ des Dr. -Krokowski nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen. -Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens betraf, so -bekam er am sechsten Tage seinen Willen. Er wurde bestellt und stieg -nach dem Frühstück, entschlossen, ein ernstes Wort mit dem Manne wegen -seines Neffen und dessen Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab. - -Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme: - -„Hast du so etwas schon gehört?!“ - -Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas schon gehört -haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, und so brach er ab und -antwortete auf des Neffen wenig gespannte Gegenerkundigung nur: „Nichts, -nichts“, zeigte aber von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit -zusammengezogenen Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg -aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf herumzuwerfen und -den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte Richtung zu lenken ... -War auch die Unterredung mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul -gedacht hatte? War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern -auch von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß dem -Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren gegangen war? -Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der Konsul zeigte sich stark -aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos und stieß den Neffen mit der -Faust in die Weiche, indem er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“ -Zwischendurch hatte er jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin. -Aber seine Augen gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den -Dienstwegen und bei der Abendgeselligkeit. - -Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen -Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und -des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere -Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie -eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr -die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und -lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der -Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte -messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle, -hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid, -das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß, -mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich -weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und -feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert, -so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis -damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich -lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend -schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes -Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was -er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den -Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere, -angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr -zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie -lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne -überkleidet waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen -geradezu für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann. -Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit gefallen, mit -einer Miene, als müsse es so sein. Aber die Autorität des älteren -Verwandten konnte es wenig stärken, und mit des Konsuls Sendung stimmte -es schlecht überein. - -Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase grüßte, und -zwar zweimal: beim Fischragout und später beim Sorbett, war dieselbe, -die Hofrat Behrens am Tische Hans Castorps und seines Gastes einnahm, – -er hospitierte ja immer reihum an jedem der sieben, und überall war das -Gedeck an der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände vor -seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen zwischen -Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, mit dem er spanisch sprach -– denn er beherrschte alle Sprachen, auch Türkisch und Ungarisch, – und -sah mit blau quellenden, rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul -Tienappel Frau Redisch drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte. -Später im Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag, -angefeuert dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des Tisches -hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, wenn der Mensch -verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche studiert, der Körper sei -ganz ausgesprochen seine Branche, er sei sozusagen eine Art Körperfürst, -wenn man sich so ausdrücken dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es -so zugehe, wenn der Körper sich auflöse! - -„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der Hofrat, bei -aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände gebeugt. „Sie liegen da -auf Ihren Hobelspänen und Ihrem Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie, -treiben Sie auf, sie blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit -Fröschen machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie -schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung nicht mehr -aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, Sie machen es -wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, Sie schütten sich aus. Tja, -und danach sind Sie eigentlich wieder gesellschaftsfähig. Wenn Sie -Urlaub bekämen, so könnten Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne -weiter Anstoß zu erregen. Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man -sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner Kerl, -wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen der Kapuziner vor -Porta Nuova hängen. Trocken und elegant hängen sie da und genießen die -allgemeine Achtung. Es kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“ - -„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ Und -am nächsten Morgen war er verschwunden. - -Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die Ebene -hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten geordnet zu haben: -wer käme auf andere Gedanken! Er hatte seine Rechnung bereinigt, für -eine stattgehabte Untersuchung das Honorar erlegt, hatte in aller -Stille, ohne seinem Verwandten ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine -beiden Handkoffer in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das -abends oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – und -als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks das Zimmer des -Onkels betrat, fand er es geräumt. - -Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. Hier war es, daß -ein melancholisches Lächeln sich in seinen Zügen hervorbildete. „Ach -so“, sagte er und nickte. Da hatte einer Fersengeld gegeben. Hals über -Kopf, in stummer Eile, als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks -wahrnehmen und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte -er seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, nicht zu -zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, aber heilfroh, -auch nur allein davonzukommen, der Biedermann und Flüchtling zur -Flachlandsfahne, Onkel James. Na, glückliche Reise! - -Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden -Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt hatte, besonders den -Hinkenden nicht, der den Konsul zum Bahnhof begleitet. Er bekam eine -Karte vom Bodensee, des Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das -ihn per sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den -Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen Aufenthalt -auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war es ein recht erkünstelter -Spott, fand Hans Castorp, denn dem Onkel war bestimmt nicht nach Spott -und Spaß zu Sinn gewesen, als er sich in die Abreise gestürzt hatte, -sondern er hatte wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit -blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem -Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute -Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen -werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und -sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, wagerecht ins -Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese -erschreckende Wahrnehmung war der unmittelbare Grund seiner Flucht -gewesen. - -So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen Hans Castorp -wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der -vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu -denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das -Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die -vollendete Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr -erbebte. - - - _Operationes spirituales_ - -Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der -galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung -sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade -weit genug entwachsen zu sein, um wohlwollend darüber urteilen zu -können, war dort _schochet_, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte -dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der -Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war -Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in -seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh -nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, -hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen -Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt -gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen, -eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten -von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn -Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte -zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen -Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben -dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und -zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das -gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große -Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des -Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut -in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit -jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche -dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen -gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten -waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos -zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben -war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein -Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu -sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er -der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie -so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die -Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen -Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre -erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des -Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der -der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch -sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn -er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen -Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener -jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern -geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner -Sternenaugen. - -Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein -Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift, -der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in -Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen -Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der -mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch -auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in -der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete -ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das -ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem -Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und -zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie -gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine -Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer -Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod -zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben -gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines -brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich -schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und -seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und -wehklagend, landflüchtig geworden war. - -Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene -Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau -Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie -nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die -größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen -Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von -Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den -Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter -hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der -Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt, -Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, -bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn -über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen. -Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher, -die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und -ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er -dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten, -den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten -Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im -Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen -und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und -seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht, -seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte -der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger -je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie -einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man -vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und -philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der -redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der -Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden -Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß -Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein -revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn -eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem -Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, -seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung -gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene -Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem -Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war -dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines -Studierzimmers verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als -seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag. - -Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo -die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige -saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten -Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, -von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, – -saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick, -seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom -Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz -nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid -über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine -Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos -Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann -von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und -Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten -Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete. -Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und -weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des -Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch -überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta -in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem -oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn -äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus -höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und -auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden könne, da -doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und -wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort -„Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich -nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels -Katholizität im Rechte sei. _Denn_ (diese Konjunktion liebte Naphta ganz -besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem -Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal, -wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit -dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine -Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins -Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der -Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er -hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident; -Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen -betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und -gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich -kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die -Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen. - -Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder -weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden, -als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich -nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert -weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie -zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche -Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung -hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im -Pädagogium zu besuchen. - -So hatte Naphta den Boden der _Stella matutina_ betreten dürfen, deren -wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre -vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war -ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert -worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen -und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf -Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte -Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von -Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich -besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und -gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die -Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich -sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine -Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich -vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und -gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung -war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst -auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs -Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit -der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der -Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität, -– wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche -entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die -eines Protestanten. - -Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft, -verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft, -nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war -Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht -hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein -„Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr -diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu -gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des -Paters in der „_Stella_“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige -Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine -jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit -des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ, -wie es ihrer minderen Begabung gebührte. - -Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre -Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der -Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze, -landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut -war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und -Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war -herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner -heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der -Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es -Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine -vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo -Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen -Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit -Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz -einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport -seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse -hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die -Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte -sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen -und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, -Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren. - -Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner -Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen -überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt -einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die -Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne -Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit -Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch -kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der -Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. -Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ -aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische -Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar -ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm. - -In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu -studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden -anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem -„Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, -in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert, -und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen -von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di -Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte, -getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des -Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut, -schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige -Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann. - -Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar, -durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher -Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken, -deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit -seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus. -Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen -Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, -Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit -boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, -Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch -zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit -seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die -Hölle heiß machte. „_Ad haec quid tu?_“ fragte er mit funkelnden -Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts -übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele -gelange – „_ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat_“. Allein -diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen -Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem -geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimliche äußere Merkmale Bruder -Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren -konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem -Wege körperlichen Ruins. - -Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände -und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater -Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu -sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; -und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines -Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch -die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig -angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab, -um sein theologisches Studium aufzunehmen. - -Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem -Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein -ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei -Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine -Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, -schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück. -In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als -Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und -Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur, -daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins -Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und -abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort; -Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit -den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm -vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann -das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein -Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig -unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner -Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber -brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur -Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber -nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur -hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr -– kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne -kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige -Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ... - - * * * * * - -Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp -gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle -besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und -Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem -Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“ -zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form -zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person -hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu -finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in -Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis -des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich -Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit -sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten, -die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu -stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien. - -Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit -Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger -Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen -hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans -Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum -Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er -war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte, -wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber -offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und -Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp, -wenn er dem _ci devant-_ oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und -Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von -beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als -dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren -militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: -in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und -der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas -Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches -Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der -preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in -spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen -Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. -So sprach er von den „_dos banderas_“, von den „zwei Fahnen“, um welche -die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das -geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der -„_capitan general_“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon -das andere, wo Luzifer den „_caudillo_“ oder Häuptling machte ... - -War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen, -dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischer -_bienséance_ ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von -„Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die -Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende -Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor -auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht -hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst -ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt -waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („_Insignes esse_“ hieß es -lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten -Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren -Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft -handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „_ex supererogatione_“, -über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des -Fleisches („_rebellio carnis_“) Widerstand leisteten, was eben nicht -mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, -sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der -Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die -gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „_agere -contra_“, _angreifen_ also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich -verteidigen („_resistere_“). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in -der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war -da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims _capitan general_, dem -preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem -Feind in den Hosen gesessen!“ „_Attaquez donc toujours!_“ - -Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam -war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand -nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten, -Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr -hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters -erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll -geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den -Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von -streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für -verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen -getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für -höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen -war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und -schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und -Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, -während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn -und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen -Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen -ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland -nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens -Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der -sicherste Tod der christlichen Liebe“. - -Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die -Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles -unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese -und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie -und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben -machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück -schalmeite; der Fleischesliebe, der _amor carnalis_, der Liebe zu den -körperlichen Bequemlichkeiten, _commodorum corporis_, zieh er ihn -zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche -Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht -zu legen. - -Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich -eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines -Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen -Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini, -Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, -zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum -Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig -verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur -mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so -angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine -tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe -bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die -einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das -Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen -lauschten. - -Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen -Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans -Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem -Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich -teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse -überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät -von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des -Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage -eingegangen war. _Requiem aeternam ..._ Er widmete ihrem Andenken einige -freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch -über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß, -dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem -prahlerischen Sohne _Tous-les-deux’_ und der qualvollen Natalie von -Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen -sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und -ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf -hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger -Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz -ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa -respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp, -was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe -Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen -Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter -gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der -Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger -geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die -Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das -Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt, -nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt. - -Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch -Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den -Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen -Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf, -gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen -Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen -sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen -Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte. - -Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den -Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und -zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den -Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des -eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn -durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten -Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen -Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und -Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung -bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen -Gesichtspunkt festzuhalten. - -Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine -Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei. -Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur -unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“ -geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter -Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der -Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht -steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden -gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem -Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei insofern -das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine -eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der -Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu -tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein -Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen; -die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander -auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle, -Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und -Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in -Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies -Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit -und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und -kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und -nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein -Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel -zu ernst genommen habe. - -Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok -gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst -genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein -großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und -nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals -durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender, -und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über -seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den -Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese -Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, – -dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von -Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine -Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste -Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er, -der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine – - -Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer -großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und -nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er, -Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch -erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation -sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er -unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der -Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das -habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die -Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer -seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal, -heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer -Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre -das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im -höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an -seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde, -alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben. -Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar -nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen -aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden -nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf -reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der -Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das -eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diese bedeute -die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der -Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe. - -Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der -Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch -Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist -seinerseits benutzte die erregte Laune, um die Nichtachtbarkeit der -Halluzinanten und überhaupt aller _pazzi_ des weiteren zu erörtern und -zu vertreten: diese Leute, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel -durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu -steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern -gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine, -so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und -Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet -wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen -bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie -als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen -Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu -bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen -jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und -allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung -unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend -zur Klarheit angehalten ... - -Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn -Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so -vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart gelächelt und den -Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so -verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der -Klarheit die Ehre geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn -Settembrinis Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben -werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich -eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen Hause“ einer solchen, und da hatten -Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott, -Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum -verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und -der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der -Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer -schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein -Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt -hatten ... - -„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in -Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war. - -Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte -vollständig einpacken können vor den Gesichten des Unruhigen Hauses, auf -welche der Schauder religiöser Ehrfurcht denn doch eine menschlichere -Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die -unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem -Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte. - -Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die -Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor, -der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick -aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn -Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den -Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben -und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher -Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche -Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war. -Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an -Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor -dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich -noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der -Erniedrigung – _in statu degradationis_ – befunden hätte. Denn -unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur -durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen, -sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger -der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und -Verwirrung, _pudoris et confusionis sensum_, wie der heilige Ignatius -sagte, zu erwecken. - -Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist -Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem -Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die -Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten. - -Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche -Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen -Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte. -Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit -augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der -Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – -während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende -Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit -zu verleugnen man äußerst guttat. _Quis me liberabit de corpore mortis -hujus?_ Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die -Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war. - -Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt -vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der -Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich -venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und -unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des -Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele -lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren -Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter -als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder -zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes -„Menschheit“ endgültig verbot – und so fort. - -Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff -bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend, -die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren -Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, -deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam -räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem -schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur -gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese -Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters -geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten, -dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den -Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn -zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem -einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den -Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten -Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich -höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei -umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch -eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder -auflöste. - -Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf -dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter -wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der -körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war -Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die -Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte -nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung -der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik -sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, – während es zwar ebenfalls -nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere -Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm -zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere -wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die -Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem -Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein -durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu -versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist -zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das -Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches -anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von -ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, -wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war -„bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die -zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich -im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen -gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich -unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, -barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der -Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher -Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit -nur an Komik gewann. - -Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb -des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse, -teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als -der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht -schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur -Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, -wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte. -Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den -Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel -angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas -riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr -Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn -gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine -heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ... - -Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp -rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium -war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden, -es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn -nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so -war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden, -einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und -die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich -weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich -innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor -Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort -entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in -Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie -kleine Kinder flennten. - -Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in -sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer -Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als -durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll -am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, -ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei, -verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik -betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff -derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem -Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem -aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und -neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu -machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams, -bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die -Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten -lassen. - -„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta -hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen -Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen -sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu -auf die Leichenverbrennung. - -Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen werden, sagte er -froh. Die Menschheit sei aus Gründen der Zweckmäßigkeit wie auch bewogen -durch ideelle Motive im Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich -für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß -für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein -würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten -Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und -man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon -versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – -angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die -Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die -Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges -durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini -wußte über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über -die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren -Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiesprache zu -halten. Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute, -nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und -übrigens würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm die -atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des -Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige, -ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der -elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu -überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem -neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer -verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten -dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen -dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen, und die den -Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein -begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die -Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem -Geschiedenen unvergänglich gewesen war. - -„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. Des Menschen -unvergänglicher Teil, die Asche. - -Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer -irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er -behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher der Tod ein -Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller Art umweht, daß es -sich verbot, den Blick klarer Vernunft auf dies Phänomen zu richten. -Welche Barbarei! Das Todesgrauen stammte aus Epochen niederster Kultur, -wo der gewaltsame Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das -diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf -lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde -dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre und der Festigung -der persönlichen Sicherheit der natürliche Tod zur Norm, und dem -modernen Arbeitsmenschen erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach -sachgemäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als -grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod -war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige, -vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte Erscheinung, -und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als gebührlich, in seiner -Betrachtung zu verharren. Darum war denn auch geplant, jenem -Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der „Halle des Todes“ -also, eine „Halle des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei, -Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des -Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer und -tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ... - -„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur ja nicht bis -zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der Andacht vor einer so -simplen Tatsache, ohne die es freilich weder Architektur, noch Malerei, -noch Skulptur, noch Musik, noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“ - -„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch. - -„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete ihm -Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. Das Erlebnis des -Todes muß zuletzt das Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein -Spuk.“ - -„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des Lebens‘, wie auf -manchen antiken Särgen?“ fragte Hans Castorp ernsthaft. - -Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In -Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack den Leib prangen -lassen, diesen Sündenleib, den man der Verwesung entzog, was nicht -wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal -mehr züchtigen lassen wollte ... - -Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand ihm zu Gesichte. -Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand, -hatte auf Geschäftsreisen immer gern die Gelegenheit benutzt, an alten -Kulturstätten jene verschwiegenen Orte zu besichtigen, an denen einst -diese Art von Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die -Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken hatte er -sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der -Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche -Weise. Und nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den -offenen Mund gerammt, die berühmte Birne, an sich schon kein -Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit -... - -„_Porcheria_“, murmelte Settembrini. - -Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille -Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der Pleura, habe -auch damals niemand ersinnen können. - -Das war zu seiner Heilung geschehen! - -Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten nicht -weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens war die Folter -ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen. - -Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen. - -Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, und die -mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm offenbar im -Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der Tat ein Prozeß -fortschreitender Rationalisierung und zwar so, daß allmählich, auf Grund -von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden -war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß -der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des -Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese Wahrnehmung gemacht -und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der -Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten -der Wahrheit nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom -Angeklagten das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung -ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im Volke umhören: -der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein, -die Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis -fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen, -allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie -verhehlte, verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist -böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem -man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche -Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. Wer aber den -Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini -gewesen, und also war er auch Urheber der Folter. - -Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. Es seien -diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten hätte, wie Herr Naphta -lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin des Gräßlichen gewesen -sei, so beweise das eben nur, wie bitter sie allezeit der Stütze und -Aufklärung bedürfe, wie wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache -hätten, zu befürchten, es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden! -Allein der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel -könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden, weil sein -Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man möge sich doch umsehen in -Museen und Marterkammern: dies Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen -sei ja offenbar einer kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem -Wunsche nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen Stätten -ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter wohl gar zu helfen -gemeint. Man habe angenommen, seine eigene arme Seele ringe nach dem -Bekenntnis, und nur das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem -besseren Willen entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst zu -erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das Fleisch brach. -Asketischer Irrwahn ... - -Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien. - -Die Römer? _Ma che!_ - -Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt. - -Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen, -indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache sein, ein solches -Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe in die Debatte warf. Die -Folter war abgeschafft, obgleich ja die Untersuchungsrichter noch immer -ihre Praktiken hätten, den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die -Todesstrafe schien unsterblich, nicht zu entbehren. Die -allerzivilisiertesten Völker hielten daran fest. Die Franzosen hatten -mit ihren Deportationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte -einfach nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen Wesen -anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen. - -Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn Herr -Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, und wie der -Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer einer fehlerhaften -Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwerverbrecher, einem -vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren -Plädoyers als „vertiert“, als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen -pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen bedeckt. -Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, – viel besser -als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich angefertigt wurden. - -Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber -sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert. - -Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung werde -erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, war wohl ebenso revolutionär -wie Herr Settembrini, aber er sei es im erhaltenden Sinn, ein -Revolutionär der Erhaltung. - -Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die -Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung übergehen. -Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie -auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei -lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga, -deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen -gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe -die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei -noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die -Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet -sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer -vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das -von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die -Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um -Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem -vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom -Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“ -bekämpft hatte. - -Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den -Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich -lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes, -behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten -bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich -leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der -„Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches, -Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein -menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand – -allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen -geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in -die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn -Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und -todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie -aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die -Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht -nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und -Schaudern gewönne. - -Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der -Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus -Überzeugung gehe? - -Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von -sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders -sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und -Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln -herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber -im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner -Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein -Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch. -Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe. - -Die tiefste Lust? - -Die tiefste. - -Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den -Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte -fein: - -„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand -persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“ - -„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer -humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem -natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß -der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein -miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten -Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein -Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“ - -Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und -Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen -die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen -unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein -unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo -jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin -gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer -Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und -Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder -welchen Ehren stünden. - -Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser -Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei, -daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe. -Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben -ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre, -teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum, -Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge -seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern -sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben -ausmachten, die sogenannte Gesundheit, das heiße: die Erzphilisterei und -Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales -Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er, -Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig -absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler -Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man -verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer -breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus, -die inkarnierte Irreligiosität bedeute. - -Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach -keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom -Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen -von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des -gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn -Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion -auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei -nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und -Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe -die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit, -konfus ausgedrückt. - -Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger -bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel -Zugeständnisse zu machen. - -Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert, -Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „_O Satana, o ribellione!_“ -Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem -mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja -lebensgefährlich, – ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s -Teufels Namen da durchkommen solle! - -Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini -sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in -seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen -Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng -mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In -Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, -der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das -religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten. - -„Was für ein ekelhafter Mischmasch – _che guazzabuglio proprio -stomachevole_!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat, -alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu -verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse, _was_ er -leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe -und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine! -Er leugne den _Wert_, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön, -es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete -All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern -nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den -mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ... - -Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen -Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied -von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn -Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das -Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber -hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte -Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein -Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des -Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, -zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn -Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also -unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und -glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese -Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta -betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige -Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen. - -Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene Stimme -leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, daß Herr Naphta -beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott wußte, warum, -aristokratisch wegwerfenden Tone redete, wie als ob _das Gegenteil_ – -und man wußte ja, was das Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das -Vornehmere gewesen wäre! - -Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, der -aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt und erschöpft von Frost -und Problematik, taumeligen Urteils auch in Hinsicht auf die -Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit seiner eigenen Ausdrucksweise, -bekannte mit lahmen Lippen, er habe sich den Tod von jeher mit einer -gestärkten spanischen Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner -Uniform sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem -gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak er selbst -über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige seiner Rede und -versicherte, nicht dies habe er sagen wollen. Aber ob es sich nicht so -verhalte, daß es Leute gebe, gewisse Menschen, die man sich nicht tot -vorzustellen vermöge, und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das -solle heißen: dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem -vorkomme, als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe des -Todes nicht würdig. - -Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, daß Hans -Castorp dergleichen nur sage, damit man ihm widerspreche. Der junge Mann -werde ihn immer bereit finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher -Anfechtungen zur Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche -dies Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ Dieses Wort -möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden sich ihm zu wahrer -und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: und sogleich, auf dem -Wege leichtester und rechtmäßigster Assoziation, stelle sich auch die -Idee der Liebenswürdigkeit ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß -man sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft -liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und also -Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme nenne. - -Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. Ganz gewonnen, -sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner plastischen Theorie. Denn -man möge sagen, was man wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum -Beispiel, daß Krankheit ein erhöhter Lebenszustand sei und also was -Festliches habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung des -Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen -Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur -Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper -herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich. - -Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; denn -Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch sei wesentlich -krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, und wer ihn gesund -machen, ihn veranlassen wolle, seinen Frieden mit der Natur zu -schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ (während er doch nie natürlich -gewesen sei), alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern, -Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe, -jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und -Vertierung ... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, was den -Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, in hohem Maße sich -ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben -auszeichne. Im Geist also, in der Krankheit beruhe die Würde des -Menschen und seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto -höherem Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit -sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß jemand, der -den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten der -Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini führe den -Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht der Fortschritt, so weit -dergleichen existiere, einzig der Krankheit verdankt werde, das heiße: -dem Genie, – als welches nichts anderes als eben Krankheit sei! Als ob -nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit -gelebt hätten! Es habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in -Krankheit und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse zu -gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem sie durch Wahnsinn errungen -worden, und deren Besitz und Nutznießung nach jener heroischen Opfertat -nicht länger durch Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre -Kreuzestod ... - -Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen Kombinationen -und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man sieht schon, warum du nicht -Pater geworden bist, _joli jésuite à la petite tache humide_! Nun brülle -du, Löwe! wandte er sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser -„brüllte“, indem er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk, -Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ rief er dem -Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit als -Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend gerade heraus, daß -Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, damit werden Sie sie zum Geiste -ermutigen, sie für den Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie -andererseits Krankheit und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber -für gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum -Menschheitsdienste anzuhalten! _Da vero, è criminoso!_“ Und wie ein -Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens ein, für -denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem es um Geist nicht bange -zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender -Weise: „Der Logos!“ Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte, -sagte „Die Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“ -verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, und der andere: -„Das Ich!“ Schließlich war sogar von „Kunst“ auf der einen und „Kritik“ -auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“ -und „Geist“ und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen -Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht einmal eine -zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht nur gegeneinander, -sondern auch durcheinander, und nicht nur wechselseitig widersprachen -sich die Disputanten, sondern sie lagen in Widerspruch auch mit sich -selbst. Settembrini hatte oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“ -ausgebracht, wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein -sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während Naphta -mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen Instinktes“ aufgetreten -war, gegen Settembrini, der Natur als die „dumme Macht“, als bloßes -Faktum und Fatum traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht -abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes und der -„Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu finden seien, indes -dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres Gesundheitsadels aufwarf, -uneingedenk aller Emanzipation. Nicht weniger verworren stand es mit dem -„Objekt“ und dem „Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer -dieselbe war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß niemand -mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer der Freie war. Naphta -verbot Herrn Settembrini mit scharfen Worten, sich einen -„Individualisten“ zu nennen, denn er leugne den Gegensatz von Gott und -Natur, verstehe unter der Frage des Menschen, dem innerpersönlichen -Konflikt, einzig denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen -Interessen und sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche -Sittlichkeit eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme, -unheroischerweise auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates das -moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, wohl wissend, -daß das innermenschliche Problem vielmehr auf dem Widerstreit des -Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe, den wahren, den mystischen -Individualismus vertrete und recht eigentlich der Mann der Freiheit und -des Subjektes sei. War er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt -es sich dann mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich -_eine_ Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner mit den -markanten Dingen, die er im Kolloquium mit Pater Unterpertinger über die -„Katholizität“ des Staatsphilosophen Hegel zum besten gegeben, über die -innere Verbundenheit der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die -Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten nicht -Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld von -Naphtas Orden abgegeben? Und was für eine Erziehung! Herr Settembrini -war gewiß ein eifriger Pädagog, eifrig bis zum Störenden und Lästigen; -aber in Hinsicht auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten -seine Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit wagen. -Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! Gehorsam! Der Terror! -Das mochte wohl seine Ehre haben, aber auf die kritische Würde des -Einzelwesens nahm es nur wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des -preußischen Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis -aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta eigentlich -zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen an gar keine -reine Erkenntnis und voraussetzungslose Forschung, kurz, nicht an die -Wahrheit glaubte, die objektive, wissenschaftliche Wahrheit, der -nachzustreben für Lodovico Settembrini das oberste Gesetz aller -Menschensittlichkeit bedeutete. Das war fromm und streng von Herrn -Settembrini, während es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit -auf den Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was -diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit und -Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom Interesse des -Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit war das genau genommen -nicht, es war mehr von Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr -haben wollte, – wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“ -war, wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das Gesetz -der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, wie Naphta -die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. Es war entschieden mehr -fromm als frei, und dies wiederum war ein Unterschied, der bei solchen -Bestimmungen Gefahr lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr -Settembrini! Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines -Politikers Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne -Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die Mädchen auf der -Straße an, während den scharfen, kleinen Naphta harte Gelübde banden. -Und doch war dieser beinahe ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und -jener dagegen ein Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“ -hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout auf den -demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über des militärischen -Naphta religiöse Libertinage, die Gott und Teufel, Heiligkeit und -Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf und keine Wertsetzung, kein -Vernunfturteil, keinen Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei, -wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der -Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft, -der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische -Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge -einander ins Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen -einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel, -und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit -gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden, -sondern auch nur, sie als Präparate gesondert und sauber zu halten, daß -die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes -All“ zu stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung, -die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu sehen, daß die -Streitenden weniger erbittert gewesen wären, wenn sie ihnen selbst nicht -beim Streite die Seele bedrückt hätte. - -Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; dann hatten die -drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis vor ihr Häuschen -zurückbegleitet, und dort stand man noch lange im Schnee, indes Naphta -und Settembrini sich stritten, – pädagogischerweise, wie Hans Castorp -wohl wußte, und um die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten. -Für Herrn Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt zu -verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem nicht -mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans Castorp grub gesenkten -Hauptes mit dem Stocke im Schnee und bedachte die große Konfusion. - -Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, und das -Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste wandten sich wieder ihrer -Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen Wetteiferer mußten zusammen -ins Häuschen gehen, der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um -sein Humanistenstübchen mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. Hans -Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren voll vom Wirrwarr -und Waffenlärm der beiden Heere, die von Jerusalem und Babylon -vorrückend unter den _dos banderas_ zu konfusem Schlachtgetümmel -zusammentrafen. - - - Schnee - -Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit zum -Ausdruck mit dem Witterungscharakter des diesjährigen Winters. Man -urteilte, daß er seine Verpflichtungen als Hochgebirgswinter sehr -mangelhaft erfülle, daß er die meteorologischen Kurmittel, denen die -Sphäre ihren Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle, -wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren und -Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle an Sonne waren zu -verzeichnen, an Sonnenstrahlung, diesem wichtigen Heilfaktor, ohne -dessen Mithilfe die Genesung sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun -Herr Settembrini auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die -Berggäste ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins Flachland -betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls wollten sie -auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die ihre Eltern, ihre Gatten für -sie bestritten, und so murrten sie in ihren Gesprächen bei Tisch, im -Lift und in der Halle. Auch zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen -in ihre Verpflichtung zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat -für „künstliche Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon -vorhandenen der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf -elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die jungen Mädchen -und Frauen gut kleidete und der Männerwelt trotz horizontaler -Lebensweise ein prächtig sportliches und erobererhaftes Ansehen verlieh. -Ja, dies Ansehen trug Früchte im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig -im klaren über die technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit, -waren dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen, -um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen zu lassen. -„Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine rothaarige und rotäugige Kranke -aus Berlin, abends in der Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und -eingefallener Brust, der sich auf seiner Karte als „_Aviateur diplômé et -Enseigne de la Marine allemande_“ bezeichnete und mit dem Pneumothorax -versehen war, übrigens zum Mittagessen im Smoking erschien und dies -Kleidungsstück abends wieder ablegte, behauptend, bei der Marine sei das -so Vorschrift, – „mein Gott!“ sagte sie, indem sie den _Enseigne_ gierig -betrachtete, „wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein -Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte er im -Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, „Sie werden mir -büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ Und über die Balkons, an -den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den -Weg zur Nixe ... - -Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher -Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem Himmelslicht -empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine Sonnentage im Monat – Tage, -die freilich mit tief-tiefer Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit -Diamantengeglitzer und köstlich heißem Brande in den Nacken und die -Gesichter der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem Nebelgrau -und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder drei solcher Tage im -Laufe von Wochen, das war zu wenig für das Gemüt von Leuten, deren -Schicksal außerordentliche Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die -innerlich auf einen Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die -Freuden und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, aber -ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos bis zur -Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es half dem Hofrat wenig, -wenn er daran erinnerte, wie wenig auch unter diesen Umständen noch das -Berghof-Dasein dem Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen -Bergwerk gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht -wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen Zusätzen, -an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer noch vor dem Qualm und -Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung und Protest griffen um sich, -Drohungen mit wilder Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor, -daß sie ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst -erfolgten traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht schwer, -wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen Aufenthalt -in dem nassen und zugigen Amsterdam aber lebenslänglichen Charakter -gewonnen hatte ... - -Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel -Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen. Der vorige -Winter hatte es in dieser Richtung wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch -waren seine Leistungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des -diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem -Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es -schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder in dichtem -Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege -erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden zu beiden -Seiten, alabasternen Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen -Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und -Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten, -Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen den Wänden noch -trat man stark aufgehöhten Grund, so tief auch geschaufelt war, das -merkte man an lockeren Stellen und Löchern, wo plötzlich der Fuß -einsank, tief hinab, wohl bis zum Knie: man hatte gut acht zu geben, daß -man nicht unversehens das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden, -versunken; ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen Begräbnis -hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau so seltsam verlegt, daß die -Läden im Erdgeschoß der Häuser zu Kellern geworden waren, in die man auf -Schneestufen von der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg. - -Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, tagein, still -niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn Kältegraden, die nicht -eben ans Mark gingen, – man spürte sie wenig, es hätten auch fünf oder -zwei sein können, Windstille und Lufttrockenheit nahmen ihnen den -Stachel. Es war sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen -Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten -Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in grauweiße -Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst -dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz -allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor -sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer -Überlast, schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die Sonne -als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches -Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig-unkenntliche -Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit -und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte -nachziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten, -verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und -übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte -wohl eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu -verändern, vor einer Felswand. - -Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, den Nebel -in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern vom Gelingen; doch eine Ahnung -von Himmelsblau war augenblicksweise zu erfassen, und das wenige Licht -reichte hin, die durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend -weithin diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf zu -schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick über das -Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch die wenigen -eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das Gestöber ruhte und der -unvermittelte Himmelsbrand die köstlich reine Oberfläche der Massen von -Neuschnee anzuschmelzen suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft, -kindlich und komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen -auf den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen sich -kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende, -Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das ergab eine -Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem Märchenbuch. -Mutete aber die nahe Szene, in der man sich mühselig bewegte, -phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen der Erhabenheit und -des Heiligen, die der hereinschauende fernere Hintergrund, die getürmten -Standbilder der verschneiten Alpen erweckten. - -Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp in der -Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt von der weder zu -steil noch zu flach eingestellten Lehne seines vorzüglichen Liegestuhls, -über die bepolsterte Brüstung hin auf Wald und Gebirge. Der -grünschwarze, mit Schnee beschwerte Tannenforst stieg die Lehnen hinan, -und zwischen den Bäumen war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber -erhob sich das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen, -die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen waren, -und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite still. Alles verschwamm -mehr und mehr. Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich -leicht zum Schlummer. Ein Frösteln begleitete den Augenblick des -Hinüberganges, doch gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier -in der Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl -organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren, -nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, als das -Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge völlig im -Schneenebel verschwunden, und nur Stücke davon, eine Gipfelkuppe, eine -Felsnase, traten wechselnd für einige Minuten hervor, um wieder verhüllt -zu werden. Dies leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte -scharf achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen -Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei im Dunste, -eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch Fuß zu sehen war. Aber -da man sie nur eine Minute aus den Augen gelassen, war sie entschwunden. - -Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube -überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise hereintrieb -und alles, Boden und Möbel, dickauf bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen -in dem gefriedeten Hochtal. Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr, -sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt -weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde, -treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von -der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz -durcheinander, – das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von -weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über -das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der -plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen -mochte. - -Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am -Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des -Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, -lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten -der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man -schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten -das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine -Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das -Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die -Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart -gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf, als -auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie auf dem glatten, -festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres. - -Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, die für -jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit der Bewegung im -Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge arbeiteten; aber sie hatten -Mühe, die allergebräuchlichsten Pfade und die Hauptstraße des Kurortes -notdürftig frei zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und -rasch ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden und -Kranken, von Einheimischen und internationaler Hotelgesellschaft; den -Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und -Damen, welche, zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren -Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres -Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd und kippend -die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am -Seile wieder bergan zu ziehen. - -Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er hegte zwei Wünsche: -der stärkste davon war der, mit seinen Gedanken und Regierungsgeschäften -allein zu sein, und diesen hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch -oberflächlich, gewährt. Der andere aber, verbunden mit jenem, galt -lebhaft einer inniger-freieren Berührung mit dem schneeverwüsteten -Gebirge, für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war -unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter Fußgänger es -war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte ein solcher bis über die -Brust im Elemente gesteckt, wenn er versucht hätte, über das allerorts -rasch erreichte Ende der geschaufelten Verkehrspfade hinaus -vorzudringen. - -So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem zweiten Winter -hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und ihren Gebrauch zu erlernen, -soweit sein sachliches Bedürfnis es eben erforderte. Er war kein -Sportsmann; war, mangels körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat -auch nicht, als ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem -Ortsgeist und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, – -Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, obgleich -unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen beständig blau färbte, -zum Lunch in wollener Hosentracht zu erscheinen liebte, darin sie sich -nach dem Essen mit gespreizten Knien in einem Korbsessel der Halle recht -liederlich lümmelte. Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats -Erlaubnis für sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt -abschlägig beschieden worden. Sportliche Betätigung war der Gemeinschaft -derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in ähnlichen Anstalten, -unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte die scheinbar so leicht -eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen an den Herzmuskel, und was -Hans Castorp persönlich betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der -„Gewöhnung daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft -geblieben, und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer feuchten -Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst auch hier oben -zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und Vorhaben widerspruchsvoll und -unstatthaft. Nur mußte man ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der -Ehrgeiz, es den Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die, -wäre es eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel -im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte er sich einer -anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, als dem Touristenvölkchen, -und unter einem weiteren und neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer -entfremdenden Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als sei -es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen und sich im -Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine Eskapaden im Sinn, wollte -sich schon mäßig halten, und was er plante, hätte Rhadamanthys ihm recht -wohl gestatten können. Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten -würde, beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln. - -Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr -Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja -doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und -tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s -sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen, -ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir -miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie -begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie -Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn -ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener -Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn -Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es -Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen -sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan! -Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist -gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie -drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese -Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu -dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um -sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“ - -Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den -kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte, -erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft der Hauptstraße ein Paar -schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem -Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit -Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles -selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo -mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der -Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die -Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von -dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht -weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei -das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm -zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt, -Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als -Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“ -hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer -zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht, -obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm -zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und -stapfte vorbei. - -Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man -innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was -er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen -erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und -gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der -Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine -Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben -und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, und fiel seit dem -zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit -Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie -gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines -Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief -ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch -befriedigt nach Hause. - -Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und -freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei -starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz -verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame -Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen -Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen -der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das -Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete -Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und -den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief -verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen -Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb -sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf -schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem -Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer -boten. - -Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit -sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit -erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit, -die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen -berührte. Da war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in -Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren, -zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden -Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich -selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte -Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da -war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte, -kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans -Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den -Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig -schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut. - -Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches, -sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn -nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine -Gegenwart auf eine nicht geheuere, für nichts gutstehende Weise, und -Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, -vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen. Das -Kind der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause aus, -ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, der, von -Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit mit ihr -lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, mit der jener, die -Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und die sein ganzes -Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, eine beständige -fromme Erschütterung und scheue Erregung in seiner Seele unterhält. Hans -Castorp, in seiner langärmeligen Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen -und auf seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen -der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das -Erleichterungsgefühl, das sich meldete, wenn auf dem Heimweg die ersten -menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder auftauchten, machte ihm -seinen vorherigen Zustand bewußt und lehrte ihn, daß stundenlang ein -heimlich-heiliger Schrecken sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte -er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der -mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen -Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen -schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, während ein -Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die -frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem -herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der -letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag -getroffen. Von dorther kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück -leichter Liebesberührungen mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend -sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war die Neigung, diese -begeisternde Berührung mit der tödlichen Natur so weit zu verstärken, -daß die volle Umarmung drohte, – als ein schwaches, wenn auch -bewaffnetes und von der Zivilisation leidlich ausgestattetes -Menschenkind, das er war, sich so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen, -oder doch so lange nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische -streifte und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es sich -nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern -um die Welle, den Rachen, das Meer. - -Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – wenn Mut vor den -Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im Verhältnis zu ihnen, sondern -bewußte Hingabe und aus Sympathie bezwungenen Todesschrecken bedeutet. – -Sympathie? – Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen -in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang -dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, dessen er sich beim Anblick -des schlittelnden Völkchens bewußt geworden, und das ihm eine tiefere -und größere, weniger hotelbequeme Einsamkeit als die seiner Balkonloge -hatte schicklich und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte -er das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet und sich -seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin in seiner Seele -geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei noch aus angeborner -Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer -war dort in der Größe, der schneienden Totenstille – und das war es dem -Kinde der Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht -Geheueren längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein Kolloquium -mit Naphta und Settembrini war auch nicht just das Geheuerste; ebenfalls -führte es ins Weglose und Hochgefährliche; und wenn von Sympathie mit -der großen Winterwildnis auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte, -so darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als -passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe empfand, -als geziemenden Aufenthalt für einen, der, ohne freilich recht zu -wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, betreffend Stand und -Staat des _homo Dei_ beschwert war. - -Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen -hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er -dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte. -Dieser aber hatte Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem -Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen -Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war. -„_Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!_“ Ach ja, du pädagogischer -Satana mit deiner _ragione_ und _ribellione_, dachte er. Übrigens habe -ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du -meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe -kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit -seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch -zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und -Teufel um den Menschen im Mittelalter ... - -Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan, -deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, höher und -höher, man wußte nicht wohin; es schien, daß sie nirgends hinführten; -ihre obere Region verschwamm mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war -wie sie, und von dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine -Gratlinie war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das Hans -Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die Welt, das bewohnte -Menschental, sich sehr bald schloß und den Augen abhanden kam, auch kein -Laut von dorther mehr zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja -Verlorenheit, ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte -wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes -ist. „_Praeterit figura hujus mundi_“, sagte er bei sich in einem -Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die Redensart -von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich um. Es war überall gar -nichts und nirgends etwas zu sehen, außer einzelnen ganz kleinen -Schneeflocken, die aus dem Weiß der Höhe kommend auf das Weiß des -Grundes niedersanken, und die Stille ringsumher war gewaltig -nichtssagend. Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn -blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, – -dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu -schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer, -frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung -wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem -Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im -Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel. - -Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. Manchmal stieß er -das obere Ende seines Skistockes in den Schnee und sah zu, wie blaues -Licht aus der Tiefe des Loches dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn -herauszog. Das machte ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die -kleine optische Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein -eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar und -doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte ihn an das Licht -und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender Schrägaugen, die Herr -Settembrini vom humanistischen Standpunkte aus verächtlich als -„Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ bezeichnet hatte, – an früh -erschaute und unvermeidlich wieder gefundene, an Hippes und Clawdia -Chauchats Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. „Aber -mach ihn nicht entzwei: _Il est à visser, tu sais._“ Und im Geiste hörte -er hinter sich wohllautende Mahnungen zur Vernunft. - -Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er wandte sich -dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben, statt weißlicher -Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß er im geringsten eine -Geländesenkung hatte kommen sehen. Die Blendung verhinderte jedes -Erkennen der Bodengestaltung. Man sah nichts; alles verschwamm vor den -Augen. Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich dem -Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung zu unterscheiden. - -Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der Schlucht, in die -er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem Schnee bedeckter Grund -senkte sich nach der Seite des Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn -ein Stück in dieser Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die -Seitenschrägen erhöhten sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den -Berg hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs wieder -aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand mehr zu -ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging wieder auf offener Berghalde -gegen den Himmel. - -Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte sich dorthin -und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen Tannen, die sich, -keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig vernebelnder Waldungen -ins Baumfreie vorschoben. Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine -Zigarette, in seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen -von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber stolz, -sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes auf diese -Umgebung. - -Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte er sich -aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und die Vespermahlzeit zu -schwänzen und vor Dunkelwerden zurück zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn -bei dem Gedanken, daß mehrere Stunden zum Schweifen im Freien und -Großartigen vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche -seiner Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der -Westentasche. - -Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt war sie. -Hinten, in der Gegend des Talausganges, des Gebirgswinkels, den man -nicht sah, dunkelte das Gewölk, das Gedünste tiefer und schien sich -vorzuschieben. Es sah nach Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf -abzuhelfen, – nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die -kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher. - -Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel fallen zu -lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers zu betrachten. -Sie schienen formlose Fetzchen, aber er hatte mehr als einmal -ihresgleichen unter seiner guten Linse gehabt und wußte wohl, aus was -für zierlichst genauen kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten, -Kleinodien, Ordenssternen, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier -sie nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es hatte -mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen den Wald -beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das seine Fußbretter ihn -trugen, denn doch eine andere Bewandtnis als mit dem heimischen -Meersande, an den es erinnerte: das waren bekanntlich nicht Steinkörner, -woraus es bestand, es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger -Vielfalt kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen -eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma, den -Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter den Myriaden von -Zaubersternchen in ihrer untersichtigen, dem Menschenauge nicht -zugedachten, heimlichen Kleinpracht war nicht eines dem anderen gleich; -eine endlose Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten -Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas, des -gleichseitig-gleichwinkligen Sechsecks, herrschte da; aber in sich -selbst war jedes der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und -eisiger Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische -und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die zum Leben -geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade, dem Leben schauderte -vor der genauen Richtigkeit, es empfand sie als tödlich, als das -Geheimnis des Todes selbst, und Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum -Tempelbaumeister der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine -Abweichungen von der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht -hatten. - -Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am Waldrande den -dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige hinunter und trieb sich, -steigend und gleitend, ziellos und gemächlich, weiter in dem toten -Gelände umher, das mit seinen leeren, welligen Gebreiten, seiner -Trockenvegetation, die aus einzelnen, dunkel hervorstechenden -Latschenbüschen bestand, und seiner Horizontbegrenzung von weichen -Erhebungen so auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp -nickte zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser -Ähnlichkeit weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung zum -Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung von Aufregung -und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit Sympathie, da dies alles -ihn an nah verwandte Wirkungen der ebenfalls aufpeitschenden und -zugleich mit schlafbringenden Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich -erinnerte. Er empfand mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit, -sein freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebunden war, -hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er gekommen war. Es -hatte anfangs Stangen, eingepflanzte Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber -absichtlich hatte er sich bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da -sie ihn an den Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren -Verhältnis zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen. - -Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald rechts, -bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge, dann eine Ebene, -dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte Schluchten und Pässe so -zugänglich und lockend schienen. Ja, die Lockung der Fernen und Höhen, -der immer neu sich auftuenden Einsamkeiten war stark in Hans Castorps -Gemüt, und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins -wilde Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein, – -ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit seines Inneren -zur wirklichen Furcht wurde angesichts der vorzeitig zunehmenden -Himmelsdunkelheit, die sich wie graue Schleier auf die Gegend -herabsenkte. Diese Furcht machte ihm bewußt, daß er es heimlich bisher -geradezu darauf angelegt hatte, sich um die Orientierung zu bringen und -zu vergessen, in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn -auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens durfte er -sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer bergab fuhr, das Tal, -wenn auch möglicherweise fern vom „Berghof“, rasch erreicht sein werde, -– zu rasch; er würde zu früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt -haben, während er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte, -den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde. Darum aber -vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, – die Furcht, seine -aufrichtige Furcht vor den Elementen mochte ihn beklemmen wie sie -wollte. Das war kaum sportsmännisch gehandelt; denn der Sportsmann läßt -sich mit den Elementen nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister -weiß, übt Vorsicht und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans -Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen: -Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt, auch wenn – oder -besonders wenn – das ihm entsprechende frevelhafte Gefühl mit so viel -aufrichtiger Furcht verbunden ist, so ist doch bei einigem menschlichen -Nachdenken ungefähr zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen -Menschen und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier, manches -sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur, gesagt haben -würde, „akkumuliert“, was eines Tages als ein elementares „Ach was!“ -oder ein „Komm denn an!“ von erbitterter Ungeduld, kurz eben als -Herausforderung und Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so -fuhr er denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang -hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in einiger -Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte mit -steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge zu, dessen Rücken -borstig von Tannen war, und hinter dem Hochgipfel sich nebelhaft -türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen besetzte Wand vor ihm war -schroff, aber schräg rechtshin mochte man sie in mäßiger Steigung halb -umgehen und hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde, -und an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem er vor -dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe, von rechts nach -links abfallende Schlucht hinabgefahren war. - -Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also, wie zu -erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen, daß es eine Art -hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte, war da, der lange gedroht -hatte, wenn man von „Drohung“ sprechen kann in Hinsicht auf blinde und -unwissende Elemente, die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu -vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf -die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit -unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen, als der erste -Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn traf. „Das ist eine Sorte -von Anhauch. Die geht ins Mark.“ Und wirklich war dieser Wind von ganz -gehässiger Art: die furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen -zwanzig Grad unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde -an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie -gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie mit -Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn der erste -fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –, so hätten sieben Pelze -nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem Todesschrecken zu schützen, -und Hans Castorp trug nicht sieben Pelze, sondern nur eine wollene -Weste, die ihm sonst auch vollkommen genügt hatte und ihm bei dem -geringsten Sonnenschein sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den -Wind etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren -und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung sich mit seinem -Trotz und mit dem gründlichen „Ach was!“ seiner Seele mischte, so -strebte der tolle Junge immer noch weiter, zwischen einzeln stehenden -Tannen hin, um hinter den in Angriff genommenen Berg zu kommen. - -Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts vor -Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem Wirbelgedränge -allen Raum erfüllte; die dreinfahrenden Eisböen machten die Ohren mit -scharfem Schmerze brennen, lähmten die Glieder und ließen die Hände -ertauben, so daß man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt -oder nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz ihm -den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und bedeckte seine -rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum Schneemann erstarren, -seinen Stock steif in der Hand; und all diese Unzuträglichkeit ergab -sich bei vergleichsweise günstigen Umständen: wendete er sich, so würde -es schlimmer sein; und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit -gestaltet, das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte. - -So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und stellte seine -Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort den Atem, so daß er -der unbequemen Prozedur der Umstellung sich nochmals unterzog, um zu -Luft zu kommen und mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die -Stirn zu bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem -Atemhaushalt gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich in -Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen, von den -Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich aus seiner Blindheit -und seiner Atemknappheit erwuchsen. Jeden Augenblick war er zum -Haltmachen gezwungen, erstens, um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen, -und dann auch, weil er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah -vor weißer Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem -Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken flogen ihm -massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so daß es erstarrte. Sie -flogen ihm in den Mund, wo sie mit schwach wässerigem Geschmack -zergingen, flogen gegen seine Lider, die sich krampfhaft schlossen, -überschwemmten die Augen und verhinderten jede Ausschau, – die übrigens -nutzlos gewesen wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und -die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies fast völlig -ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worein er -blickte, wenn er sich zwang, zu sehen. Und nur zuweilen tauchten -gespenstische Schatten der Erscheinungswelt darin auf: ein -Latschenbusch, eine Fichtengruppe, die schwache Silhouette des Schobers -auch, an dem er kürzlich vorübergekommen. - -Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen stand, -seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden; eine Richtung zu -halten, die ungefähre Richtung nach Hause, ins Tal, war weit mehr -Glücks- als Verstandessache, da man allenfalls die Hand vor Augen, aber -nicht einmal bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man -auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige Vorkehrungen -getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs äußerste zu erschweren: das -Gesicht voll Schnee, den Sturm als Widersacher, der die Atmung -zerstörte, sie abschnitt, das Aufnehmen von Luft wie den Aushauch -verhinderte und jeden Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da -sollte dieser und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer, -Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd das -Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von Schnee herunter, der -sich einem auf die Frontseite gelegt hatte, und empfand es als -unvernünftige Zumutung, unter solchen Umständen vorwärts zu kommen. - -Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam von der Stelle. -Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen, ein Fortkommen in rechter -Richtung war, und ob es nicht weniger falsch gewesen wäre, zu bleiben, -wo man war (was aber auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es -sprach sogar die theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch -genommen, schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und Boden -nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen unter den Füßen, -das heißt die flache Halde, die er von der Schlucht aufsteigend mit -großer Mühe wieder gewonnen, und die es vor allem wieder zurückzulegen -galt. Die Ebene war zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar -hatte der Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs kam, -mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es war ein falsches -Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er sich abmattete. Blindlings, -umhüllt von wirbelnder, weißer Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins -Gleichgültig-Bedrohliche hinein. - -„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte halt. Pathetischer -drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm einen Augenblick war, als -griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen, so daß es aufzuckte und -dann mit so raschen Schlägen gegen seine Rippen pochte wie damals, als -Rhadamanthys die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß -er kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung -sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage auf seine eigenste -Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte er und fühlte, daß seine -Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln seiner Miene, der Seele nicht mehr -gehorchten und gar nichts wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch -Wut, noch Verachtung, denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg -hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen den Wind. -Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr er keuchend und -abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend fort, indem er sich -wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen muß etwas, ich kann mich -nicht hinsetzen und warten, denn dann werde ich zugedeckt von -hexagonaler Regelmäßigkeit, und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen -kommt, um nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, eine -Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, daß er mit sich -selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum verwies er es sich, tat -es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, obgleich seine Lippen so -lahm waren, daß er auf ihre Benutzung verzichtete und ohne die -Konsonanten sprach, die mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst -an eine frühere Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war. -„Schweig still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu: -„Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das ist -schlimm in gewisser Hinsicht.“ - -Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines Davonkommens, -war eine reine Feststellung der kontrollierenden Vernunft, gewissermaßen -einer fremden, unbeteiligten, wenn auch besorgten Person. Für sein -natürliches Teil war er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen, -die mit zunehmender Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm -jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich darüber -auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, der im Gebirge in -einen Schneesturm gerät und nicht mehr heimfindet“, dachte er arbeitend -und redete abgerissene Brocken davon atemlos vor sich hin, indem er -deutlichere Ausdrücke aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört, -stellt es sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine -Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann schon so -zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. Da gibt es sensorische -Herabminderungen, Gnadennarkosen, Erleichterungsmaßnahmen der Natur, -jawohl ... Man muß jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes -Gesicht, sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt -alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und eine Wohltat, -sofern man eben nicht heimkommen soll, sind aber sehr schlimm gemeint -und äußerst bekämpfenswert, sofern von Heimkommen überhaupt noch die -Rede ist, wie bei mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem -stürmisch schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig -regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“ - -Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte die beginnende -Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und fieberhafte Art. Er -erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte erschrecken sollen, als er -gewahrte, daß er schon wieder von der ebenen Bahn abgekommen war: -diesmal offenbar nach der anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich -senkte. Denn er fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das -vorderhand nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das -Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde ich wieder -Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte es zu tun, oder glaubte es -auch selber nicht recht, oder, noch bedenklicher, es fing an, ihm -gleichgültig zu werden, ob er es tat oder nicht. So wirkten die -zweideutigen Ausfälle, die er nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus -Müdigkeit und Aufregung, die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes -bildete, dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, daß er -sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen so weit -verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten gegen die Ausfälle nicht -mehr die Rede sein konnte. Benommen und taumelig, zitterte er vor -Trunkenheit und Exzitation, sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit -Naphta und Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen, -daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle mit -betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, – trotz -seiner verächterischen Empörung gegen das Zugedecktwerden durch -hexagonale Regelmäßigkeit etwas in sich hineinfaselte, des Sinnes oder -Unsinnes: das Pflichtgefühl, das ihn anhalten wolle, die verdächtigen -Herabminderungen zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße -schäbige Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und -Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der Gestalt -seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem Sandsturm in der -Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs Gesicht zu werfen und den -Burnus über den Kopf zu ziehen. Nur eben den Umstand, daß er keinen -Burnus habe und daß man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf -ziehen könne, empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten, -obgleich er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich -genau Bescheid wußte, wie man erfriert. - -Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es nun wieder -aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht falsch zu sein, denn -zwischendurch mußte es bei dem Wege ins Tal auch wieder einmal aufwärts -gehen, und was den Wind betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht, -denn Hans Castorp hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das -dankenswert, an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder übte -die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße Schrägfläche vor -ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus, so daß er sich ihr zuneigte? -Nur um ein Hinlehnen würde es sich handeln, wenn man sich ihr überließ, -und die Versuchung dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand -und als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der -lebendig-gegenwärtigen Macht der Versuchung durchaus keinen Abbruch tat. -Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich ins allgemein Bekannte -nicht einordnen lassen, sich nicht darin wiedererkennen, erklärte sich -als einmalig und unvergleichbar in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich -leugnen zu können, daß sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war, -die Eingebung eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer, -gefälteter Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung -sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches -knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, Herrn Settembrini ein -Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber auch nur lächerlich machte, -mit seiner Drehorgel und seiner _ragione_ ... - -Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der Lockung, sich -hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und kam von der Stelle, – -zweckmäßig oder nicht, aber er tat das Seine und regte sich, den -lastenden Banden zum Trotz, in die der Froststurm immer schwerer seine -Glieder schlug. Da ihm der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich, -ohne sich viel Rechenschaft davon zu geben, und fuhr eine Weile so an -der Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, war -eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit wenig dazu ermutigte, sie -auf sich zu nehmen. Dennoch sah er zuweilen etwas: Fichten, die -zusammentraten, einen Bach oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen -überhängenden Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur -Abwechslung wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen den Sturm, -gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend gleichsam im -fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer menschlichen Baulichkeit. - -Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, trotz -aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten -erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. Vielleicht waren -Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen eintreten, um unter Dach -und Fach das Ende des Wetters abzuwarten und nötigenfalls Begleitung und -Führung zu haben, wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte -eingefallen sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel -verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden Aufstieg -gegen den Wind zu überwinden, um es zu erreichen, und überzeugte sich, -angekommen, mit Empörung, Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es -die bekannte Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den -er auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert -hatte. - -Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, unter -Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten Lippen. Er -stocherte sich zu seiner Orientierung um die Hütte herum und stellte -fest, daß er sie von hinten wieder erreicht und also eine gute Stunde -lang – seiner Schätzung nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn -getrieben hatte. Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im -Kreise herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im -Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, der in -sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. So irrte man -herum, so fand man nicht heim. Hans Castorp erkannte das überlieferte -Phänomen mit einer gewissen Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und -schlug sich auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das -Allgemeine in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen -Fall so pünktlich ereignet hatte. - -Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, man konnte -nirgends hinein. Aber Hans Castorp beschloß dennoch, vorderhand hier zu -bleiben, denn das vorstehende Dach gewährte die Illusion einer gewissen -Wirtlichkeit, und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten -Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz gegen den -Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die aus Baumstämmen -gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem Rücken, der langen Schneeschuhe -wegen, nicht füglich gehen wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er -den Skistock neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den -Taschen, den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als -Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit geschlossenen -Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur dann und wann, der Schulter -entlang, über die Schlucht hin zur jenseitigen Bergwand -hinüberblinzelte, die manchmal matt im Geschleier sichtbar wurde. - -Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich notfalls die -ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von Zeit zu Zeit das Bein -wechsle, mich sozusagen auf die andere Seite lege und mir zwischendurch -natürlich etwas Bewegung mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen -verklammt, habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, die -ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz nutzlos, wenn ich -auch umgekommen bin und von der Hütte zur Hütte geschweift ... -‚Umkommen‘, was ist denn das für ein Ausdruck? Man braucht ihn gar -nicht, er ist nicht üblich für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich -setze ich ihn dafür ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und -doch ist es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur -gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, das -Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen früh währen, und wenn es -auch nur bis zum Dunkelwerden währt, so ist das schlimm genug, denn bei -Nacht ist die Gefahr des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso -groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend sein, ungefähr -sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen vertrödelt habe. Wie spät -ist es denn?“ Und er sah nach der Uhr, obgleich es den starren Fingern -nicht leicht fiel, sie ohne Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach -seiner goldenen Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und -pflichttreu hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen, -dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme seiner Brustkammer -... - -Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe schon gewesen, -als das Wetter losgegangen war. Sollte er glauben, daß sein Herumirren -kaum eine Viertelstunde gedauert hatte? „Die Zeit ist mir lang -geworden“, dachte er. „Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber -um fünf oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen. -Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem -Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen Schluck Portwein -nehmen, zu meiner Stärkung.“ - -Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig und -allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit gehalten und -Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich nicht an solche -gedacht war, die sich unerlaubterweise bei Schnee und Frost im Gebirge -verirrten und unter solchen Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder -herabgesetzten Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem -Gesichtspunkt des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er hätte -zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem er einige -Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung zeitigten, ganz ähnlich -derjenigen des Kulmbacher Bieres am Abend seines ersten Tages hier oben, -als er durch liederlich unbeherrschte Reden von Fischsaucen und -dergleichen mehr bei Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico, -dem Pädagogen, der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem -Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen Hans -Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, der rednerische -Erzieher nähere sich in großen Märschen, um den Schmerzenszögling, das -Sorgenkind des Lebens aus seiner tollen Lage zu befreien und -heimzuführen ... Was selbstverständlich lauter Unsinn war und nur von -dem Kulmbacher herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens -hatte Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel, -die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und zu deren geläufigem -Spiel er humanistische Augen an den Häusern emporsandte; und zweitens -wußte und merkte er gar nichts von dem, was vorging, da er sich nicht -mehr im Sanatorium „Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in -seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von Naphtas -seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht und keine -Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst in der -Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso toller und schlimmer -Lage befunden, indem er der kranken Clawdia Chauchat _son crayon_, -seinen Bleistift, Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie -war das übrigens mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden, -mußte er liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und -ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. Horizontal, -das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede Derer hier oben -zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, bei Schnee und Frost im Freien -zu liegen, nachts sowohl wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich -niedersinken zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen -beim Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein -Gedankengeschwätz von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher Bieres -zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als typisch gefährlich im -Buche stehenden Lust zum Liegen und Schlafen entsprang, die ihn mit -Sophismen und Wortspielen betören wollte. - -„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der Portwein war -nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben mir den Kopf ganz -übertrieben schwer gemacht, er fällt mir ja auf die Brust, und meine -Gedanken sind unklares Zeug und fade Witzeleien, denen ich nicht trauen -darf, – nicht nur die ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern -auch die zweiten, die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das -ist das Unglück. ‚_Son crayon_‘! Das heißt ‚ihr‘ _crayon_, und nicht -seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚_son_‘, weil ‚_crayon_‘ ein -Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich mich überhaupt dabei -aufhalte! Während zum Beispiel die Tatsache viel vordringlicher ist, daß -mein linkes Bein, gegen das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne -Stelzbein von Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie -vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter das -Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das Mägdlein droben ihm -etwas hineinwirft. Und dabei zieht es mich unpersönlicherweise förmlich -mit Händen, daß ich mich in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung. -Ich muß mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und um das -Holzbein zu schmeidigen.“ - -Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von dem Schuppen -löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der Wind wie mit Sensen auf -ihn ein und trieb ihn an die schützende Wand zurück. Zweifellos war sie -der ihm gewiesene Aufenthalt, mit dem er sich vorläufig abzufinden -hatte, wobei es ihm freistand, sich zur Abwechselung mit der linken -Schulter anzulehnen und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter -einigem Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen -Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige Abwechslung ist -zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein Anbinden mit der -Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin deinen Kopf hängen, da er -nun einmal so schwer ist. Die Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine -gewisse Wärme davon auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein -kann, diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr -Stimmungssache, subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das lebendige -Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ... - -Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf dem er wohl -stand – ein weiter, üppig grünender Park von Laubbäumen, von Ulmen, -Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, leicht abgestuft in der Färbung ihres -vollen, frischen, schimmernden Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln -rauschend. Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume -balsamierte Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der Regen -war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel hinauf die Luft mit -blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! Oh, Heimatodem, Duft und -Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! Die Luft war voller Vogellaut, voll -zierlich-innigem und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und -Schluchzen, ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans -Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles sich noch -schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts über die Landschaft, -voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, feucht schimmernd -mit allen seinen Farben, die satt wie Öl ins dichte, blanke Grün -herniederflossen. Das war ja wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit -Flöten untermischt und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten -wunderbar. Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, verwandelte, -entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, wie einmal, manches Jahr -war das schon her, als Hans Castorp einen weltberühmten Sänger hatte -hören dürfen, einen italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle -Kunst und Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. Er -hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war gleich am Anfang. -Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick hatte der -leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich schwellend aufgetan, sich -immer strahlender erhellt. Schleier auf Schleier, den vorher niemand -wahrgenommen, war gleichsam davon abgesunken – ein letzter noch, der nun -denn doch, so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt -hatte, und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter, -befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder -Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, die fast wie Ein- und -Widerspruch geklungen, sich aus der Menge gelöst hatten und ihn selbst, -den jungen Hans Castorp, ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit -seiner Landschaft, die sich wandelte, sich öffnete in wachsender -Verklärung. Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da lag -das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von -Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer -Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden Bergzügen weit umfaßt, mit -Inseln zwischenein, von denen Palmen ragten oder auf denen man kleine, -weiße Häuser aus Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz -unverdient, was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer -Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp hatte das nie -gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum -genippt, kannte die rauhe, die blasse See und hing daran mit kindlichen, -schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien -etwa oder Griechenland, niemals erreicht. Dennoch _erinnerte_ er sich. -Ja, das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte. -„Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue -Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und vor sich selbst -verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und dieses „Je“ war weit, -unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel -zart veilchenfarben darauf niederging. - -Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher kam, daß -Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: Die Berge griffen um, als -Vorgebirge, buschwaldig, in die See tretend, zogen sie sich von der -Mitte der Aussicht im Halbkreis bis dorthin, wo er saß, und weiter; es -war Bergküste, wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor -ihm fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp, -zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll blauende -Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und dieses sonnige Gebiet, und -diese zugänglichen Küstenhöhen, und diese lachenden Felsenbecken, wie -auch das Meer hinaus bis zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren, -war weit und breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten -sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so -angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz öffnete sich weit, ja -schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick. - -Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter, neben ihrem -wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die Bockenden an langem -Zügel oder trieben sie, sattellos reitend, mit bloßen Fersen die Flanken -der Gäule schlagend, ins Meer hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken -unter der goldbraunen Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie -tauschten oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde -bezaubernd klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden Bucht, -die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen. Eine, von deren zum Knoten -hochgenommenem Nackenhaar besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in -einer Bodenvertiefung und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über -ihr Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang- und -weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet, und zu Paaren, -die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im Tanze schritten, während im -Rücken der Flötenden, der weiß und lang und zart und seitlich gerundet -war, infolge der Stellung der Arme, andere Schwestern saßen oder -umschlungen standen, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich -Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und freundschaftlich -zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige im Spannen der Sehne, im -Anlegen unterwiesen, mit ihnen zielten und die vom Rückschlag Taumelnden -lachend stützten, wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten. -Sie lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend, und -hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd dem Nachbarn -zugewandt, der, in schrägem Sitz den Körper reckend, seinen Köder recht -weit hinauswarf. Wieder andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot -mit Mast und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins Meer zu -fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den Wellenbrechern. Ein -junges Weib, lang hingestreckt, hintüber blickend, zog mit der einen -Hand das blumige Gewand zwischen den Brüsten hoch, indem sie mit der -andren verlangend in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die -der Schmalhüftige, zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme -spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte am Rande -des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen die eigenen Schultern -hielt und mit der Zehenspitze die Kühle des Wassers prüfte. Paare -ergingen sich das Ufer entlang, und am Ohr des Mädchens war dessen Mund, -der sie vertraulich führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu -Platte, überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der Hüfte, -mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen kleinen Hut mit -hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen Locken, am erhöhten Orte -stand. - -„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen. „Das ist ja -überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch, gesund und klug und -glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt – auch klug und -liebenswürdig von innen heraus. Das ist es, was mich so rührt und ganz -verliebt macht: der Geist und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen -zugrunde liegt, in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit -die große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht, -mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter Lächeln -verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich fast und doch -kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung und -eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt erwiesen; eine Würde und -Strenge sogar, doch ganz ins Heitere gelöst und einzig als ein -unaussprechlicher geistiger Einfluß undüsteren Ernstes, verständiger -Frömmigkeit ihr Tun und Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles -Zeremoniell. Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem -Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge Mutter und -stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte sie auf eine -besondre Art, in welcher sich alles versammelte, was in dem allgemeinen -Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll verschwieg: die Jünglinge, -indem sie, sich gegen die Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell -die Arme über der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die -Mädchen durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung, ähnlich -dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar sich leichthin -erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft, lustig und herzlich ihr -mit dem Kopfe dabei zu, – und diese Mischung von förmlicher Devotion und -heiterer Freundschaft, dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von -ihrem Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem -Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den Reverenz Erweisenden mit -einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp gänzlich mit Entzücken. Er -wurde des Schauens nicht satt und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm -das Schauen denn auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses -sonnig-gesitteten Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und -häßlich und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache. - -Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles, seitlich über -den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand und in die Schläfe -fiel, hielt sich, gerade unter seinem Sitz, mit auf der Brust -verschränkten Armen von den Genossen abseits – nicht traurig oder -trotzig, sondern eben nur gelassen abseits. Und dieser sah ihn, wandte -den Blick zu ihm hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und -den Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her. -Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins Weite, und -augenblicklich verschwand aus seinem schönen, streng geschnittenen, -halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame Lächeln höflich -geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß seine Brauen sich verfinstert -hätten, erstand in seiner Miene ein Ernst, ganz wie aus Stein, -ausdruckslos, unergründlich, eine Todesverschlossenheit, vor der den -kaum beruhigten Hans Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine -Beitat von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes. - -Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel, aus -zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos sproßte, ragten -hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf dessen in der Mitte -offenem Stufenunterbau er saß. Schweren Herzens stand er auf, stieg -seitlich die Stufen hinab und ging in den tiefen Torweg hinein, -hindurch, auf einer mit Fliesen belegten Straße fort, die ihn alsbald -vor neue Propyläen führte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm -der Tempel, massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem -Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher -gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender Säulen lag, -aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock, verschoben, seitlich -austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch der Hände und seufzend, denn -immer beengter wurde es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen -Stufen und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief, er ging -darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes am blassen Meer, -indem er absichtlich die Mitte vermied und auszuweichen suchte. Doch -schweifte er wieder zu ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen -auseinander traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen -Frauenfiguren auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die -eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit -klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher Tunika -und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel mit einem Schleier -bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich umschlungen, mit -rundem Jungfrauengesicht, Arme und Hände in die Falten ihres -Übergewandes geschlungen und darin verborgen. - -In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps Herz aus dunklen -Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller. Er getraute sich kaum -und war doch genötigt, die Gestalten zu umgehen und hinter ihnen die -nächste doppelte Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene -Tür der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen brechen vor -dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue Weiber, halbnackt, -zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüsten und fingerlangen Zitzen, -hantierten dort drinnen zwischen flackernden Feuerpfannen aufs -gräßlichste. Über einem Becken zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen -es in wilder Stille mit den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes -Haar mit Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden -Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von ihren wüsten Lippen -troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp in Bann. Er wollte die -Hände vor die Augen schlagen und konnte nicht. Er wollte fliehen und -konnte nicht. Da hatten sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen -Geschäft, sie schüttelten die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften -stimmlos, aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im -Volksdialekt von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so übel wie -noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle reißen – und so, wie -er dabei an der Säule in seinem Rücken seitlich hingestürzt, so fand er -sich, das scheußliche Flüsterkeifen noch im Ohr, von kaltem Grausen noch -ganz umklammert an seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend, -mit angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich gestreckt. - -Es war jedoch kein rechtes und eigentliches Erwachen; er blinzelte nur, -erleichtert, die Greuelweiber los zu sein, doch war es ihm sonst wenig -deutlich, noch auch sehr wichtig, ob er an einer Tempelsäule liege oder -an einem Schober, und er träumte gewissermaßen fort, – nicht mehr in -Bildern, sondern gedankenweise, aber darum nicht weniger gewagt und -kraus. - -„Dacht ich’s doch, daß das geträumt war“, faselte er in sich hinein. -„Ganz reizend und fürchterlich geträumt. Ich wußte es im Grunde die -ganze Zeit, und alles hab ich mir selbst gemacht, – den Laubpark und die -liebe Feuchtigkeit und dann das Weitere, Schönes wie Scheußliches, ich -wußte es beinahe im voraus. Wie kann man aber so was wissen und sich -machen, sich so beglücken und ängstigen? Woher hab ich den schönen -Inselgolf und dann den Tempelbezirk, wohin die Augen des einen -Angenehmen, der für sich stand, mich wiesen? Man träumt nicht nur aus -eigener Seele, möcht ich sagen, man träumt anonym und gemeinsam, wenn -auch auf eigene Art. Die große Seele, von der du nur ein Teilchen, -träumt wohl mal durch dich, auf deine Art, von Dingen, die sie heimlich -immer träumt, – von ihrer Jugend, ihrer Hoffnung, ihrem Glück und -Frieden ... und ihrem Blutmahl. Da liege ich an meiner Säule und habe im -Leibe noch die wirklichen Reste meines Traums, das eisige Grauen vor dem -Blutmahl und auch die Herzensfreude noch von vorher, die Freude an dem -Glück und an der frommen Gesittung der weißen Menschheit. Es kommt mir -zu, behaupte ich, ich habe verbriefte Rechte, hier zu liegen und -dergleichen zu träumen. Ich habe viel erfahren bei Denen hier oben von -Durchgängerei und Vernunft. Ich bin mit Naphta und Settembrini im -hochgefährlichen Gebirge umgekommen. Ich weiß alles vom Menschen. Ich -habe sein Fleisch und Blut erkannt, ich habe der kranken Clawdia -Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben. Wer aber den Körper, das Leben -erkennt, erkennt den Tod. Nur ist das nicht das Ganze, – ein Anfang -vielmehr lediglich, wenn man es pädagogisch nimmt. Man muß die andere -Hälfte dazu halten, das Gegenteil. Denn alles Interesse für Tod und -Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben, wie ja -die humanistische Fakultät der Medizin beweist, die immer so höflich auf -lateinisch zum Leben und seiner Krankheit redet und nur eine Abschattung -ist des einen großen und dringlichsten Anliegens, das ich mir nun mit -aller Sympathie bei seinem Namen nenne: Es ist das Sorgenkind des -Lebens, es ist der Mensch und ist sein Stand und Staat ... Ich verstehe -mich nicht wenig auf ihn, habe viel gelernt bei Denen hier oben, bin -hoch vom Flachlande hinaufgetrieben, so daß mir Armem fast der Atem -ausging; doch hab ich nun vom Fuße meiner Säule einen nicht schlechten -Überblick ... Mir träumte vom Stande des Menschen und seiner -höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, hinter der im -Tempel das gräßliche Blutmahl sich abspielt. Waren sie so höflich und -reizend zueinander, die Sonnenleute, im stillen Hinblick auf eben dies -Gräßliche? Das wäre eine feine und recht galante Folgerung, die sie da -zögen! Ich will es mit ihnen halten in meiner Seele und nicht mit Naphta -– übrigens auch nicht mit Settembrini, sie sind beide Schwätzer. Der -eine ist wollüstig und boshaft, und der andere bläst immer nur auf dem -Vernunfthörnchen und bildet sich ein, sogar die Tollen ernüchtern zu -können, das ist ja abgeschmackt. Es ist Philisterei und bloße Ethik, -irreligiös, so viel ist ausgemacht. Doch will ich’s auch mit des kleinen -Naphta Teil nicht halten, mit seiner Religion, die nur ein -_guazzabuglio_ von Gott und Teufel, Gut und Böse ist, eben recht, damit -das Einzelwesen sich kopfüber hineinstürze, zwecks mystischen -Unterganges im Allgemeinen. Die beiden Pädagogen! Ihr Streit und ihre -Gegensätze sind selber nur ein _guazzabuglio_ und ein verworrener -Schlachtenlärm, wovon sich niemand betäuben läßt, der nur ein bißchen -frei im Kopfe ist und fromm im Herzen. Mit ihrer aristokratischen Frage! -Mit ihrer Vornehmheit! Tod oder Leben – Krankheit, Gesundheit – Geist -und Natur. Sind das wohl Widersprüche? Ich frage: sind das Fragen? Nein, -es sind keine Fragen, und auch die Frage nach ihrer Vornehmheit ist -keine. Die Durchgängerei des Todes ist im Leben, es wäre nicht Leben -ohne sie, und in der Mitte ist des _homo Dei_ Stand – inmitten zwischen -Durchgängerei und Vernunft – wie auch sein Staat ist zwischen mystischer -Gemeinschaft und windigem Einzeltum. Das sehe ich von meiner Säule aus. -In diesem Stande soll er fein galant und freundlich ehrerbietig mit sich -selber verkehren, – denn er allein ist vornehm, und nicht die -Gegensätze. Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und -also ist er vornehmer als sie. Vornehmer als der Tod, zu vornehm für -diesen, – das ist die Freiheit seines Kopfes. Vornehmer als das Leben, -zu vornehm für dieses, – das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen. Da -habe ich einen Reim gemacht, ein Traumgedicht vom Menschen. Ich will -dran denken. Ich will gut sein. Ich will dem Tode keine Herrschaft -einräumen über meine Gedanken! Denn darin besteht die Güte und -Menschenliebe, und in nichts anderem. Der Tod ist eine große Macht. Man -nimmt den Hut ab und wiegt sich vorwärts auf Zehenspitzen in seiner -Nähe. Er trägt die Würdenkrause des Gewesenen, und selber kleidet man -sich streng und schwarz zu seinen Ehren. Vernunft steht albern vor ihm -da, denn sie ist nichts als Tugend, er aber Freiheit, Durchgängerei, -Unform und Lust. Lust, sagt mein Traum, nicht Liebe. Tod und Liebe, – -das ist ein schlechter Reim, ein abgeschmackter, ein falscher Reim! Die -Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker -als er. Nur sie, nicht die Vernunft, gibt gütige Gedanken. Auch Form ist -nur aus Liebe und Güte: Form und Gesittung verständig-freundlicher -Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – in stillem Hinblick auf das -Blutmahl. Oh, so ist es deutlich geträumt und gut regiert! Ich will dran -denken. Ich will dem Tode Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell -erinnern, daß Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere -Wollust und Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken und -Regieren. _Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine -Herrschaft einräumen über seine Gedanken._ Und damit wach ich auf ... -Denn damit hab ich zu Ende geträumt und recht zum Ziele. Schon längst -hab ich nach diesem Wort gesucht: am Orte, wo Hippe mir erschien, in -meiner Loge und überall. Ins Schneegebirge hat mich das Suchen danach -auch getrieben. Nun habe ich es. Mein Traum hat es mir deutlichst -eingegeben, daß ich’s für immer weiß. Ja, ich bin hoch entzückt und ganz -erwärmt davon. Mein Herz schlägt stark und weiß warum. Es schlägt nicht -bloß aus körperlichen Gründen, nicht so, wie einer Leiche noch die Nägel -wachsen; menschlicherweise schlägt es und recht von glücklichen Gemütes -wegen. Das ist ein Trank, mein Traumwort, – besser als Portwein und Ale, -es strömt mir durch die Adern wie Lieb’ und Leben, daß ich mich aus -meinem Schlaf und Traume reiße, von denen ich natürlich sehr wohl weiß, -daß sie meinem jungen Leben im höchsten Grade gefährlich sind ... Auf, -auf! Die Augen auf! Es sind deine Glieder, die Beine da im Schnee! -Zusammenziehn und auf! Sieh da, – gut Wetter!“ - -Sie hielt gewaltig schwer, die Befreiung aus den Banden, die ihn -umstrickten und niederhalten wollten; allein der Antrieb, den er sich zu -schaffen gewußt, war stärker. Hans Castorp warf sich auf den Ellenbogen, -zog mannhaft die Knie an, riß, stützte und turnte sich empor. Er -stampfte mit den Brettern den Schnee, schlug sich die Arme um die Rippen -und schüttelte die Schultern, indem er erregte und angestrengte Blicke -dahin und dorthin und hinauf zum Himmel sandte, wo blasses Blau sich -zwischen schleierdünnen, graublauen Wolken zeigte, die sachte zogen und -die schmale Sichel des Mondes enthüllten. Leichte Dämmerung. Kein Sturm, -kein Schneefall. Die Bergwand drüben mit dem tannenrauhen Rücken war -voll und klar zu sehen, lag in Frieden. Schatten reichte bis halb -hinauf; die obere Hälfte war aufs zarteste rosa belichtet. Was gab es -denn, und wie verhielt es sich mit der Welt? War Morgen? Und hatte er -die Nacht hindurch im Schnee gelegen, ohne zu erfrieren, wie es im Buche -stand? Kein Glied war abgestorben, keines zerbrach ihm klirrend, während -er stampfte, sich schüttelte und schlug, worin er nicht säumig war, -indem er zu gleicher Zeit die Sachlage gedanklich zu ergründen suchte. -Ohren, Fingerspitzen und Zehen waren wohl taub, allein nicht mehr, als -schon so oft beim nächtlich-winterlichen Liegen in der Loge. Es gelang, -die Uhr hervorzugraben. Sie ging. Sie war nicht stehen geblieben, wie -sie zu tun pflegte, wenn er sie abends aufzuziehen vergaß. Sie zeigte -noch nicht Fünf – bei weitem nicht. Es fehlten zwölf, dreizehn Minuten -daran. Erstaunlich! Konnte es denn sein, daß er nur zehn Minuten oder -etwas länger hier im Schnee gelegen und so vieles an Glücks- und -Schreckensbildern und waghalsigen Gedanken sich vorgefabelt hatte, -indessen das hexagonale Unwesen sich so schnell verzog, wie es gekommen? -Dann hatte er anerkennenswertes Glück gehabt, unter dem Gesichtspunkt -des Heimkommens. Denn zweimal hatte sein Träumen und Fabeln eine Wendung -genommen, daß er belebt emporgefahren war: einmal vor Grauen und das -zweitemal vor Freude. Es schien, das Leben hatte es gut gemeint mit -seinem hochverirrten Sorgenkinde ... - -Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen um sich haben -oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war es noch immer frühabendlicher -Nachmittag): auf jeden Fall lag nichts in den Umständen oder in seinem -persönlichen Zustande, was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen, -und das tat denn Hans Castorp, – großzügig, sozusagen in der Luftlinie, -fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, obgleich die -Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm unterwegs vollauf genügt -hatten. Den Brehmenbühl, am Rande des Mattenwaldes, kam er herunter und -war halb sechs in „Dorf“, wo er sein Sportgerät beim Krämer -unterstellte, in Herrn Settembrinis Speicherklause Rast machte und ihm -Bericht gab, wie er sich nun auch einmal vom Schneesturm habe betreffen -lassen. Der Humanist war höchlich erschrocken. Er warf die Hand über den -Kopf, schalt weidlich über solchen gefährlichen Leichtsinn und -entflammte stehenden Fußes die puffende Spiritusmaschine, dem recht -Erschöpften Kaffee zu machen, dessen Stärke nicht hinderte, daß Hans -Castorp noch bei ihm im Stuhle in Schlaf fiel. - -Die hochzivilisierte Atmosphäre des „Berghofs“ umschmeichelte ihn eine -Stunde später. Beim Diner griff er gewaltig zu. Was er geträumt, war im -Verbleichen begriffen. Was er gedacht, verstand er schon diesen Abend -nicht mehr so recht. - - - Als Soldat und brav - -Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem Vetter, erst gute, -übermütige, dann weniger günstige, endlich solche, die etwas recht -Trauriges matt beschönigten. Die Reihe der Postkarten fing an mit der -lustigen Meldung von Joachims Dienstantritt und von der schwärmerischen -Zeremonie, bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich -ausdrückte, Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann ging es -heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten Laufbahn, geebnet -durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und durch die Sympathie der -Oberen, wurden grüßend und winkend bezeichnet. Da Joachim ein paar -Semester studiert hatte, war er des Besuches der Kriegsschule überhoben, -vom Fähnrichsdienst befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier -befördert und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen -zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern gefügten -und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen nachgebenden -Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete aus jedem seiner knappen -Rapporte. Er gab Anekdoten von dem romantisch-verzwickten Verhalten -seines Feldwebels, eines bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm, -dem fehlbaren jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten -Vorgesetzten von morgen sah, welcher tatsächlich schon im -Offizierskasino verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war von der -Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang April war Joachim -Leutnant. - -Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, dessen -Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform reiner aufgegangen -wären. Mit einer Art von verschämter Wonne erzählte er, wie er zum -erstenmal in seiner jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem -Posten, der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger -Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten -und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger Kameradschaft, von -der verschmitzten Treue seines Burschen, komischen Zwischenfällen beim -Exerzieren und in der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und -Liebesmahlen. Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners, -Bällen, war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt -nicht. - -Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das Bett, habe sich -leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit von ein paar -Tagen. Anfang Juni tat er wieder Dienst, aber Mitte des Monats hatte er -abermals „schlapp gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die -Angst brach durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, auf -das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten sein. Unsinn, -im Juli war er kerngesund, wochenlang, so lange, bis eine Untersuchung -am Horizont erschien, die durch die vermaledeiten Schwankungen seiner -Temperatur zur Notwendigkeit geworden war, und von der viel abhängen -würde. Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp dann -lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, der ihm schrieb, -– sei es, weil er nicht in der Lage war, zu schreiben, oder weil er sich -schämte, – sondern seine Mutter, Frau Ziemßen, und sie telegraphierte. -Sie zeigte an, die Beurlaubung Joachims auf einige Wochen sei -ärztlicherseits als unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert, -alsbaldige Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. Rückantwort -bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise. - -Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche -durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit -dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den -Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“ -durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still -und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als -schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon -reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“, -nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen -hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist -gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte! -Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische -Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper -triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur -Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es -scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so -würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie -diesem. _Sapienti sat_, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die -_ich_ aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander -zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine -abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem -Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu -nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich, -wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es -möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein -grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der -Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und -zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande, -offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so -ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles -genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da -hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die -Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch -in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch -nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu -haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die -Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig -von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine -mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten, -der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte -ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das -Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“ - -Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am -selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau -Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn -im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein -Reagenzglas mißfarbenen Inhalts. - -„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ... - -„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist -Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas. -„Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und -beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit -Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so -kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie -drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit -der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man -jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und -unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“ - -„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und -Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und -strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch -noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben. -Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus -Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich -würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in -Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“ - -„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter -Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“ - -Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder -famosen Neuigkeit. - -Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen -Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn, -gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten -und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte. - -„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich Ihnen gesagt? Was habe -ich ihm und Ihnen nicht zehn-, sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da -haben Sie’s nun. Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein -Himmelreich gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich, -dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens nicht -glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen Behrens glauben, sonst -zieht man den kürzeren und kommt zu spät zu Verstand. Da hat er es nun -zum Leutnant gebracht, allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon? -Gott sieht ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen -wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ Er geriet -ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen deren Fingern er -die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun solle Hans Castorp ihm aber -für diesmal nicht länger lästig fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja -wohl faßbar, und wenn er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins -Bett stecken. Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er -halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den -Ausreißer zu schlachten. - -Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, daß sein -Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, waren betrübt und -erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn Joachims propperes, -ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung gewonnen, und manches -unausgesprochene Urteil und Gefühl ging in der Richtung, daß er der -Beste gewesen sei von allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im -Auge, glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber -empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur horizontalen Lebensweise -zurückkehren mußte und in seiner Propperkeit nun wieder einer der -Unsrigen sein würde. Frau Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre -gedacht; sie fand sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem -sie Joachims Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte -nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie habe die -Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, daß Ziemßen sie -nicht oberfaul gemacht habe mit seinem Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie -vor lauter unermeßlicher Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel -besser, man bleibe gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre -Lebensinteressen im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann -und zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar keine -Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. Hans Castorp blieb -unwissend über Tag und Stunde ihrer Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof -kam es aus diesem Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von -Hansens Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim trat mit -erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager. - -Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte sie -hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder kurz noch lang, -sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich und dennoch null und -nichtig gewesen waren, hier oben eingetroffen war, und auch die -Jahreszeit war dieselbe, sogar genau: der allerersten Augusttage einer. -Joachim, wie gesagt, trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft -freudig erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, das er -im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus und grüßte -lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. Er hatte die weite -Reise, durch mehrerer Herren Länder, über den meerartigen See und dann -auf gedrangen Pfaden hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da -stand er nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale -halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus empfangen. Seine -Farbe war lebhaft, sei es dank dem Freiluftleben, das er geführt, oder -durch Reiseerhitzung. Direkt, ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er -auf Nr. 34 geeilt, um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart -wurden, zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette beschäftigt -war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, natürlich im Restaurant. -Hans Castorp würde schon noch etwas mitessen können oder doch einen -Schluck Wein trinken. Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es -ging, wie einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim, -fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die Hände, und Hans -Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens und gewissermaßen enttäuscht, -den Vetter in Zivil zu sehen. Man merke ihm von seiner Karriere ja gar -nichts an. Er habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt, -und nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim lachte und -fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er hübsch zu Hause gelassen. -Mit der Uniform, müsse Hans Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht -jedes Lokal besuche man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte -Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden Sinnes -seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte sich nach allen -Personen und Umständen im „Berghof“ nicht nur ohne jeden Hochmut, -sondern mit der ganzen angelegentlichen Bewegtheit des Heimgekehrten. -Dann erschien Frau Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen -in der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, nämlich -als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, ein Ausdruck, der -übrigens durch Abgespanntheit und stillen Kummer, welcher sich offenbar -auf Joachim bezog, melancholisch gedämpft wurde, – und sie fuhren -hinunter. - -Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften Augen wie -Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß aber schon stark vermischtes -Haar war durch ein fast unsichtbares Schleiernetz in Form und Sitz -befestigt, und das paßte zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen, -freundlich gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei -deutlicher Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es war -klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, daß sie sich -auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner Atmung und seiner -sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, die zu seinem Verhalten zu -Hause und auf der Reise wahrscheinlich in Widerspruch standen und -tatsächlich seiner Lage widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen -Anstoß daran nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte -sich dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen Joachims, -turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im Augenblick alles -Entgegenstehende trunken überwogen und durch das Wiederatmen der Luft, -unserer unvergleichlich leichten, nichtigen und erhitzenden Luft hier -oben, wohl noch befeuert wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren -ihr undurchsichtig. „Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah sie -den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen Fröhlichkeit -hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, hundert Fragen stellen und -sich mit der Antwort lachend in den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte -sie: „Aber, Kinder!“ Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut -kommen, kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig, -so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir müßten hierher -fahren, damit du wieder wärest wie am Tag deiner Beförderung.“ Worauf es -denn freilich mit Joachims Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug -um, er kam zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es -ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm war, das -erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, obgleich seit -Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine Stunde vergangen war) und -blickte endlich überhaupt nicht mehr auf, offenbar weil er Tränen in den -Augen hatte. - -Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. Eigentlich mehr -anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten Ernst herbeiführen wollen, -unwissend, daß gerade das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur -die Wahl zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen -sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem Neffen -dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen wieder zu beleben. Ja, -was den Personalbestand angehe, sagte er, so werde Joachim manches -verändert und erneuert finden, anderes dagegen habe sich während seiner -Abwesenheit schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante -zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die Damen säßen, wie -immer, am Tische der Stöhr. Marusja lache viel und herzlich. - -Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch diese Worte an -eine Begegnung erinnert und an Grüße, die auszurichten seien, ehe sie es -vergesse, – die Begegnung mit einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch -alleinstehend und mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in -München, wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht hatte, im -Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten sei, um Joachim zu -begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, – Joachim möge ihr doch helfen -... - -„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur Zeit in einem -Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach Spanien gehen. Zum -Winter werde sie dann wahrscheinlich wieder hierher kommen. Beste Grüße -von ihr. - -Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über die Gefäßnerven, -die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten lassen können. Er sagte: - -„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter dem Kaukasus -hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“ - -Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. „Hübsche oder doch -reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme Bewegungen. Aber freie -Manieren, nachlässig“, sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie -alte Freunde, fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre, -eigentlich nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“ - -„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans Castorp. Mit -Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe man da nicht herantreten, -das sei verfehlt. Und da denke er nun darüber nach, daß Frau Chauchat -also nach Spanien zu gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege -andererseits ebensoweit von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach -der weichen, sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit, -sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung, -sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, Inquisition, -gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... Interessant, wie es Frau -Chauchat in Spanien gefallen werde. Das Türenwerfen werde ihr dort wohl -vergehen, und vielleicht könne eine gewisse Kompensation der beiden -außerhumanistischen Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne -aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, wenn der -Osten nach Spanien gehe ... - -Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, den die -unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat auf ihn gemacht, äußerte -sich in Reden, auf die denn freilich nur betretenes Schweigen die -Antwort sein konnte. Joachim war weniger erschrocken; er kannte des -Vetters Scharfköpfigkeit hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens -Augen malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, als -habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, und hob nach einer -peinlichen Pause die Tafel mit Worten taktvoller Vertuschung auf. Bevor -man sich trennte, teilte Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß -Joachim jedenfalls morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn -untersucht habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei -Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische der -Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, Hans Castorp -vornehmlich mit dem an Frau Chauchats binnen Halbjahrsfrist zu -erwartende Wiederkehr. - -Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen kleinen -Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. Dies Wort von der kleinen -Nachkur war offenbar die im Flachland ausgegebene Parole, und auch hier -oben ließ man sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an, -obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er Joachim vor -allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um das Gröbste zu reparieren, -zur neuen Akklimatisation und um seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu -regeln. Sich auf eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte -er zu vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus nicht -sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, Oktober etwa, -als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens stimmte ihr insofern zu, -als er erklärte, um diese Zeit werde man jedenfalls weiter sein als -gegenwärtig. Übrigens gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich, -sagte „meine gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen -Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch -redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. „Ich weiß ihn -in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht Tage nach ihrer Ankunft -nach Hamburg zurück, da von der Notwendigkeit irgendwelcher Pflege -nicht ernstlich die Rede sein konnte und Joachim außerdem ja -Verwandtengesellschaft hatte. - -„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er auf Nr. 28 an -seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich doch einigermaßen gebunden; -du kannst dich daran halten und damit rechnen. Oktober – das ist so die -Zeit. Da gehen manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu -deiner _bandera_ zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“ - -Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich darüber, daß -dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen mußte, das in diesen -Augusttagen begann, – denn das verwand er nicht und äußerte geradezu -Selbstverachtung der gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im -letzten Augenblick unterlegen war. - -„_Rebellio carnis_“, sagte Hans Castorp. „Was willst du da machen? Da -kann der tapferste Offizier nichts machen, und sogar der heilige -Antonius wußte ein Lied davon zu singen. In Gottes Namen, Manöver sind -jedes Jahr, und dann kennst du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar -keine, du bist nicht lange genug fort gewesen, um nicht ganz leicht -wieder ins Tempo zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine -Nachkur vorbei.“ - -Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim durch das -Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, als daß er sich vor -den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. Doch war man ihm vielfach -behilflich, sie zurückzulegen; die Sympathie, die man allgemein seiner -propperen Natur entgegenbrachte, äußerte sich in Besuchen von nahe und -ferner: Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete -Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, nun -„_Capitano_“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem Hause selbst ließen -sich nach und nach die alten Bekannten sehen, indem sie eine dienstfreie -Viertelstunde benutzten, um sich an sein Bett zu setzen, das Wort von -der kleinen Nachkur zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu -lassen: die Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge, -Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. Als die vier -Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber so weit gedämpft war, daß -er umhergehen konnte, und setzte sich im Speisesaal zu seinem Vetter, -zwischen ihn und die Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber, -an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage lang auch -Frau Ziemßen eingenommen hatten. - -So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie ehedem; ja, -damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, fiel ihm, da -Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben in Händen, den letzten Seufzer -getan, auch sein angestammtes Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder -zu, selbstverständlich nach gründlicher Entkeimung durch H₂CO. -Eigentlich und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim an -Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: dieser war nun der -Eingesessene, dessen Daseinsform der andere auf kurze Zeit und -besuchsweise teilte. Denn den Oktobertermin bemühte sich Joachim steif -und fest im Auge zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines -Zentralnervensystems sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens -wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe seiner -Haut verhinderten. - -Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die Spaziergänge mit -diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen sie wieder auf, und wenn A. -K. Ferge und Ferdinand Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so -waren sie zu sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre -unaufhörlichen Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche -Vollständigkeit nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins -Desperat-Unendliche zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor einem -stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine arme Seele als -Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites betrachten wollte. Von -Naphta hatte er erfahren, daß Settembrini Freimaurer sei, – was keinen -geringeren Eindruck auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung -über Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum war er -phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im Ernst noch -dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit Fleiß über den Ursprung -und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen -Jahren ihr zweihundertjähriges Jubiläum würde begehen können. Wenn -Settembrini über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone -pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, so machte -sich Naphta, hinter dem des anderen, über die Sphäre, die dieser -vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er zu verstehen gab, daß es sich -da um etwas recht Altmodisches und Rückständiges handle: um bürgerliche -Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter -sei, als armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung -hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er sagte: „Was -wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, zu deutsch also -Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben an die Vernunft, die -Freiheit, den Menschheitsfortschritt und diese ganze Mottenkiste -klassizistisch-bourgeoiser Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt -verwirrt, ist das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des -Geistes und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit, -Beharrungsträgheit und -kraft der Materie besteht. Man muß zugeben, daß -dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit des -Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn die Regel ist, daß die -Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit herbeiführen, ihm längst -zum Ekel geworden sind. Tatsächlich ist toter Geist dem lebendigen -widerwärtiger als irgendwelche Basalte, die wenigstens nicht den -Anspruch erheben, Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste -ehemaliger Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen -hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt noch -damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren durch ihren -plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte leidigerweise davor, -seiner Abgeschmacktheit inne zu werden. Ich spreche allgemein, aber Sie -werden die Nutzanwendung auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen -wissen, der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer in -heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen, -vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, die verspäteten -und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet und die er eines Tages zu -feiern träumt! Beim bloßen Gedanken daran könnte der lebendige Geist -sich zu Tode langweilen, wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus -solchen Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen wird, – er, -der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem zu wahrer Revolution -verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, Hans Castorp? Sie wissen, daß -ich ihm viel Sympathie entgegenbringe.“ - -„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige Sympathie -entgegen, ein so braver Junge, wie er ja offensichtlich ist. Auch Herr -Settembrini mag ihn ausgesprochen gern leiden, wenn er auch einen -gewissen schwärmerischen Terrorismus, der in Joachims Stande liegt, -natürlich mißbilligen muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe -einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. Es rückt mir -seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob -er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem -Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas -bemerkt ...“ - -„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter -Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das Logenzeremoniell -eine recht kümmerliche Anpassung an den nüchternen Staatsbürgergeist der -Zeiten erfahren hat. Man würde sich des Rituals von ehedem wohl als -eines unzivilen Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den -atheistischen Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am Ende -wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen man Herrn -Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe gestellt hat, – ob man ihn -mit verbundenen Augen durch allerlei Gänge geführt und ihn in finsteren -Gewölben hat warten lassen, bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte -Bundessaal sich ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und -angesichts eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust -mit Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber ich -fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte es auch -viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall hat er -Verschwiegenheit geloben müssen.“ - -„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“ - -„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“ - -„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt mir vor, als ob -er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei und Terrorismus im -Stande meines Vetters aufzuhalten. Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie -hätte ich gedacht, daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so -ausgemacht spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen könnte. -Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches in der Freimaurerei -...“ - -„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute zuckt -und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt ist untrennbar und schon -in der Wurzel verbunden mit der des Unbedingten. Folglich ist sie -terroristisch, das heißt: antiliberal. Sie entlastet das individuelle -Gewissen und heiligt im Namen des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch -das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in -Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde. -Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern immer und seinem Wesen -nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. Sie wissen nicht, daß -der Gründer des Illuminatenordens, der eine Zeitlang mit der Maurerei -beinahe verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu -war?“ - -„Nein, das ist mir natürlich neu.“ - -„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund ganz nach dem -Muster des Jesuitenordens durch. Er selbst war Maurer, und die -angesehensten Logenmänner der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von -der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht -zögern wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu -kennzeichnen. In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des -ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die Maurerei -wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von dem sie später durch Leute -vom Schlage unseres Menschheitsfreundes wieder gereinigt wurde, der -damals unbedingt zu denen gehört hätte, die ihr Jesuitismus und -Obskurantismus zum Vorwurf machten.“ - -„Und dafür gab es Gründe?“ - -„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte Gründe dafür. -Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund mit katholisch-hierarchischem -Leben zu erfüllen suchten, und wo zu Clermont in Frankreich eine -jesuitische Freimaurerloge blühte. Es war ferner die Zeit, wo das -Rosenkreuzertum in die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige -Brüderschaft, von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale -politisch-gesellschaftliche Verbesserungs- und Beglückungsziele mit -eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, zu indischer und -arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis verband. Damals -vollzog sich die Reform und Berichtigung vieler Freimaurerlogen im Sinne -der strikten Observanz, – einem ausgesprochen irrationalen und -geheimnisvollen, magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen -Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, die -man der alten militärischen Rangstufenordnung von Lehrling, Geselle und -Meister hinzufügte, Großmeistergrade, die ins Hieratische führten und -von rosenkreuzerischem Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um -ein Zurückgreifen auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters, -die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen von -Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams -ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der Freimaurerhierarchie den -Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“ - -„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme da unserem -Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ ist nicht -schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit scherzweise auch mal -nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich den Spitznamen ‚_Doctor -angelicus_‘ gegeben. Das fordert Rache.“ - -„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel für die Hoch- und -Templergrade der Strikten Observanz. Wir haben da einen Vollkommenen -Meister, einen Ritter vom Osten, einen Großen Oberpriester, und der -einunddreißigste Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen -Geheimnisses‘. Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen zur -morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen des Templers selbst -bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme solcher Beziehungen, -tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes in eine Ideenwelt -vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. Dadurch gewann das -Maurertum einen neuen Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es -sich damals erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der -Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit -müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. Der Erfolg des -Ordens war derart, daß die Philister klagten, er entfremde die Männer -dem häuslichen Glück und der weiblichen Würde. - -„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, daß Herr -Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines Ordens erinnert. - -„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo sein -Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei, -Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex von Kirche, -Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. Sie hörten, daß man die -Maurer des Obskurantismus zieh ...“ - -„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“ - -„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war gleichbedeutend mit -einer Vertiefung und Erweiterung der Überlieferungen des Ordens, mit -einer Zurückverlegung seiner historischen Ursprünge in die -Geheimniswelt, die sogenannte Finsternis des Mittelalters. Die -Hochmeistergrade der Logen waren Eingeweihte der _physica mystica_, -Träger magischen Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“ - -„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, was es mit der -Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr auf sich hatte. Alchimie, das -ist also Goldmacherei, Stein der Weisen, _Aurum potabile_ ...“ - -„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung, -Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, und zwar zum -Höheren, Steigerung also, – der _lapis philosophorum_, das -mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die _res bina_, die -zweigeschlechtige _prima materia_ war nichts weiter, nichts Geringeres -als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere -Einwirkungen, – magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“ - -Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg empor. - -„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta fort, „war vor -allem die Gruft.“ - -„Das Grab?“ - -„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller Hermetik, -nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte Kristallretorte, worin -der Stoff seiner letzten Wandlung und Läuterung entgegengezwängt wird.“ - -„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – das Wort hat mir -immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort mit unbestimmt -weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen Sie, aber ich muß immer dabei -an unsere Weckgläser denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen -heißt sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer -Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch -verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem möglichen darin. -Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man eines aufmacht, nach Bedarf, so -ist der Inhalt ganz frisch und unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm -was anhaben können, man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun -allerdings nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher -der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte -der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit -ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer -auf seinem Bort. Na, soviel von den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei -herausgekommen. Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter -belehren.“ - -„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig und furchtlos -sein, im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war -immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum -Wissen Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine -Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß er probeweise -in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen muß, um dann an -unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. Daher die verworrenen Gänge -und finsteren Gewölbe, durch die der Novize zu wandern hatte, das -schwarze Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz -ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- und -Versammlungszeremoniell eine so wichtige Rolle spielte. Der Weg der -Mysterien und der Läuterung war von Gefahren umlagert, er führte durch -Todesbangen, durch das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der -Neophyt, ist die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung -zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt von -Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“ - -„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das wäre also die -hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, daß mir auch von ihr mal -etwas zu Ohren gekommen ist.“ - -„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten handelt, zum -absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und damit zum Ziele. Die -alchimistische Logenobservanz hat viele edle, suchende Geister in -späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele geführt, – ich muß es nicht nennen, -denn es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der -schottischen Hochgrade nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die -alchimistische Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der -Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge ihren -Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den Gnadenmitteln -wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien des Bundeszeremoniells -in der liturgischen und baulichen Symbolik unserer heiligen katholischen -Kirche.“ - -„Ach so!“ - -„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir schon -anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus jenen handwerkerlich -ehrsamen Maurergilden nur eine historische Veräußerlichung ist. Die -Strikte Observanz wenigstens verlieh ihr weit tiefere menschliche -Fundamente. Das Geheimnis der Logen hat mit gewissen Mysterien -unserer Kirche die deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen -Verschwiegenheiten und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit -... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und Liebesmahl im -Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und Blut, in Dingen der Loge aber -–“ - -„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. Es gibt auch -in dem unbedingten Bundesleben, dem mein Vetter angehört, sogenannte -Liebesmahle. Er hat mir oft davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf -ein bißchen Betrunkenheit sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark -wie bei den Korpskneipen ...“ - -„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, auf den ich vorhin -Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden Fällen handelt es sich um eine -Symbolik des Letzten und Äußersten, um Elemente orgiastischer -Urreligiosität, gelöste und nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben -und Werden, Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, daß -die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei Nacht und in -finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der ägyptischen Erinnerungen gab -und gibt es im Maurerwesen eine Menge, und unter den geheimen -Gesellschaften waren solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab -da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen -Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, – -Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten, -und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten ...“ - -„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das ist Freimaurerei? -Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung unseren klargesinnten -Herrn Settembrini ...“ - -„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß Settembrini -durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß die Loge durch -seinesgleichen von allen Elementen höheren Lebens wieder gereinigt -worden ist. Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie -ist aus solchen Verirrungen zum Nutzen, zur Vernunft und zum -Fortschritt, zum Kampf gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu -gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt; man unterhält sich dort -jetzt wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an: -auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise Misere in -Klubgestalt ...“ - -„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini fragen, ob er -denn gar nichts mehr davon weiß.“ - -„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. „Sie müssen -bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden ist, zum Bauplatz des -Menschheitstempels zugelassen zu werden, denn er ist ja arm wie eine -Kirchenmaus, und dort wird nicht nur höhere Bildung, humanistische -Bildung, ich bitte sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten -Klasse angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und -Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, – da haben Sie -den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten der liberalen Weltrepublik!“ - -„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp und klar vor -Augen.“ - -„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte ich Ihnen -raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu leicht zu nehmen, möchte -Sie, da wir denn einmal von diesen Verhältnissen reden, geradezu -ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. Das Abgeschmackte ist noch nicht -gleichbedeutend mit dem Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht -harmlos zu sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der -zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt stark genug, -um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt Reste von fruchtbarem -Geheimnis, und es ist ebensowenig daran zu zweifeln, daß die Logen ihre -Hand im Weltspiel haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn -Settembrini mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte -hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“ - -„Ein Emissär?“ - -„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“ - -Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. Laut sagte er: - -„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink und Warnung. -Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine Etage höher, soweit da oben noch -von Etage die Rede sein kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein -bißchen auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein -... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist selbstverständlich -Vorsicht geboten.“ - -Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung ansprechen, -denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen der Diskretion nichts -vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich bedacht gewesen, aus seiner -Zugehörigkeit zu jener harmonischen Gesellschaft ein Geheimnis zu -machen. Die „_Rivista della Massoneria Italiana_“ lag offen auf seinem -Tisch; Hans Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als -er, von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst -gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr eine -Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war er nur auf -geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es Punkte, über die der Literat -sich nicht herausließ, sondern bei deren Berührung er mit einer gewissen -Ostentation die Lippen verschloß, offenbar gebunden durch jene -terroristischen Gelöbnisse, von denen Naphta gesprochen: eine -Geheimniskrämerei, die äußere Bräuche und seine eigene Stellung -innerhalb der merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar -den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes Bild von der -Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend Logen und -hundertfünfzig Großlogen fast über die ganze Welt und selbst auf -Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik Liberia erstrecke. Auch -wußte er sich nicht wenig mit allerlei großen Namen, deren Träger Maurer -gewesen waren oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und -Napoleon, Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden -sogar den König von England und außerdem eine Menge Männer, in deren -Händen die Geschäfte der europäischen Staaten lagen, Mitglieder von -Regierungen und Parlamenten. - -Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. So sei es auch -mit den studentischen Korpsverbindungen, meinte er. Die hielten auch -zusammen durchs ganze Leben und wüßten ihre Leute wohl unterzubringen, -so daß schwerlich jemand im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem -bringe, der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht -ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit jener -Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese hinstellen wolle; denn -es sei umgekehrt anzunehmen, daß die Besetzung so vieler wichtiger -Posten mit Bundesbrüdern eben nur die Macht des Bundes beweise, der -gewiß mehr, als Herr Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand -am Weltspiele habe. - -Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft der -„_Massoneria_“, das er in Händen hielt. Man meine ihm wohl eine Falle zu -stellen? fragte er. Man gedenke wohl gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen -über das politische Wesen, den wesentlich politischen Geist der Loge zu -verleiten? „Unnütze Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur -Politik, rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, das in den -Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, Ingenieur, fast -nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel verbunden ist. Der -Menschenfreund kann den Unterschied von Politik und Nichtpolitik -überhaupt nicht anerkennen. Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist -Politik.“ - -„Rundweg?“ - -„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich unpolitische -Natur des Maurergedankens hinzuweisen für gut finden. Aber diese Leute -spielen mit Worten und ziehen Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu -erkennen es längst an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die -spanischen Logen von allem Anbeginn eine politische Färbung –“ - -„Kann ich mir denken.“ - -„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie nicht, sich von -Hause aus viel denken zu können, sondern suchen Sie aufzunehmen und zu -verarbeiten – ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem -Ihres Landes und im europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens -einzuprägen im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke -niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und wenn -er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. Was sind -wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer, -das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist -dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die -Vollendung der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll da -Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, das Problem -der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch Politik, nichts -weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und den Menschennamen verdiente -nicht, wer sich dieser Weihe entzöge – gehört der Politik, der inneren -wie der äußeren, er versteht, daß die Kunst des freien Maurers -Regierungskunst ist –“ - -„Regierungs...“ - -„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad kannte ...“ - -„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, das -gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines hören: Sind Sie Christen, -Sie alle miteinander in Ihrer Loge?“ - -„_Perchè!_“ - -„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und einfacher. -Glauben Sie an Gott?“ - -„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“ - -„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da eine biblische -Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer römischen Münze versucht -und zur Antwort bekommt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers, -und Gott, was Gottes sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden -liefert den Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott, -so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer an Gott?“ - -„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen von einer -Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die aber heute zum -Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der Weltbund der Freimaurer -existiert nicht. Wird er hergestellt sein – und ich wiederhole, es wird -mit aller stillen Emsigkeit an diesem großen Werke gearbeitet – so wird -ohne Zweifel auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es -wird lauten: ‚_Écrasez l’infâme_‘.“ - -„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“ - -„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur. -Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie -dem Bösen gilt.“ - -„Gott wäre das Böse?“ - -„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, als den Fleiß -einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels zuwenden -sollen. Und so hat denn schon vor einem Menschenalter der Groß-Orient -von Frankreich ein Beispiel gegeben, indem er den Namen Gottes aus -seinen sämtlichen Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin -nachgefolgt ...“ - -„Wie katholisch!“ - -„Sie meinen –“ - -„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“ - -„Sie wollen ausdrücken –“ - -„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht besonders auf -mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment so vor, als ob Atheismus -etwas kolossal Katholisches sei, und als ob man Gott nur streiche, um -desto besser katholisch sein zu können.“ - -Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, so war klar, daß -es einzig aus pädagogischer Besonnenheit geschah. Er antwortete nach -gemessenem Stillschweigen: - -„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie in Ihrem -Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz -... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als -Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der -Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der -Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden -erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben -hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich -nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf -hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite -hat. Der Protestantismus birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres -Reformators selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der -Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die -dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen -Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm, -jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das -für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist -Asien! Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, wenn -da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn -also nicht die – wer wollte es leugnen – gewaltige Erscheinung dieses -Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem -Lande so gefährlich gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, – -ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die -westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“ - -Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor dem er gestanden, -war Herr Settembrini an den Rundtisch mit der Wasserflasche getreten, -näher zu seinem Schüler hin, der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette -saß, ohne Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand -gestützt. - -„_Caro!_“ sagte Herr Settembrini. „_Caro amico!_ Entscheidungen werden -zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für -das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Lande werden sie zufallen, -in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und -West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit -Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich -entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung -beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. Darum lassen Sie uns -das Schicksal segnen, das Sie in diese entsetzlichen Gegenden -verschlagen hat, zugleich aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht -ungeübten, nicht völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken -und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, die Ihr -Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“ - -Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum Mansardenfenster -hinaus, und in seinen einfachen blauen Augen war eine gewisse -Widerspenstigkeit zu lesen. Er schwieg. - -„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie und Ihr Land, Sie -lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, dessen Undurchsichtigkeit -kein Urteil über seine Tiefe gestattet. Sie lieben das Wort nicht oder -besitzen es nicht oder heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die -artikulierte Welt weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist. -Mein Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung selbst -... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend ... Aber -die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, Sie werden Ihre Einsamkeit -durch Taten zu brechen suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr -Settembrini pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu -nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen treten -lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern -entweichen‘ –“ - -Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, für -den Augenblick auch von dieser Wirkung seines plastischen Wortes -befriedigt. - -„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer -bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter. -Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den -Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur -Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die -namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr -Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu -sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende -Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu -verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen -Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des -schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom -dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom -Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur -Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und -schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke -in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit -Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie -standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften -zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn -denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich -überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun. - -Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen -dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in -die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die -Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während -seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach -seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies -Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei -erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil -Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben -und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen, -nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also, -die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht -erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von -Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und -groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse -unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß -das sonderbare Wort hinzufügen – _drohendem_ Ausdruck nebst jener -erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz -falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht -gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm -dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht -anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden. - -Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse zwischen -Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und -stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem -Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei -zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem -Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es -ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums -Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es _nicht_ -ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden -alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher -Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend -anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite -nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten -dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und -Zierlichkeit der Wechselrede. - -Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier -Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte -Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes -Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis -und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich -Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine -Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit -Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe -und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin -Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig -appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er -scherzte: - -„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre -Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären -des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende -Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser -Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des _medio evo_ -nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol -thomistischer Erkenntnis fehlt.“ - -Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an, -der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist -aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so -doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem -Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich -gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte -sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen -abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie -überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste -Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die -Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige -Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen -mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede -eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl -eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf -sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des -julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen -Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe, -jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, -sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei! - -Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege -wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem -Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den -schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile -mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht -nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht -geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm -gemacht hätten. - -Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt -jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre -Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe. -Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den -Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor, -sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo -wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen -tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge -denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß -er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf -jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen -_reservatio mentalis_ betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen -klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer -ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge. - -„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr -schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares -Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für -eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener -Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen -vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu -schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte -Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu -verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung -bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur -_eine_ Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die -menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des -humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn -Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter -auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde -über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen -beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen. - -Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr -Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe -als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich, -ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine -Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur -Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen -sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der -Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen, -sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im -Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde. - -Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn -Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen Konservativen -zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich -der Betroffene, der erregt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbelte -und im Suchen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu -weiteren Ausfällen gegen das klassische Bildungsideal, den -rhetorisch-literarischen Geist des europäischen Schul- und -Erziehungswesens und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als -ein Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem Volke aber -längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich -über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmandarinentum lustig -mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser -Klassendiktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte -Gelehrtenbildung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im -Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo -anders zu holen als in den obrigkeitlichen Zwangsanstalten, und -nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dächern, daß unser Schultypus -überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt -habe, einen lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand -in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, und daß -ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge, -Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht weit überlegen -sei. - -In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen -Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der -obskurantistische Beisatz in unschmackhafter Weise. Das Gefallen, das -seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße -durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte, -Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen. - -Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres -Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben, -überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig davor erblassen werde. Er, -Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu -müssen, daß die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums -ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein Prezioser, -ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des _estilo culto_ sein, um -den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene -erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß man sich einbilde, -Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini -sich erinnere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von -Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für -schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe -werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche -Verachtung der literarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer -Wesentlichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des -Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne, -was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht -könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar -nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die -Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlasse, – -weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache, -nämlich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteisprache -Radikalismus und Demokratie heiße – und so fort, und so fort. - -Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere -seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei gewisser Epochen hervor, -indem er die Liebe zur literarischen Form verhöhne, ohne die allerdings -keine Menschlichkeit möglich und denkbar sei, allerdings nicht und -nimmermehr! Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die -Wortlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen. -Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, die _generosità_, -die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt -unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der Kultus der Rede als einer Kunst -um der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisation, -welches die Humanisten, die _uomini letterati_, der Romania, ihr -wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quelle jedes weiteren und -inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, mein Herr! -Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist -nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht -bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahlfälle Literatur und -Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird.“ - -Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch gewesen war, -da die Person des anwesenden Kriegers und Vertreters vornehmer -Wesentlichkeit, oder eigentlich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn -beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis -letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein -Gesicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen „Ost -und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht also voller -Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die -Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und -haderten erbittert um äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als -ob irgendwo inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen -rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gelegen sein -müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich ansprechen -durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geister zu ärgern, -und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und -einander feindlich behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu -kommen, nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner -Virgil den Anstoß gegeben. - -Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es triumphieren. -Er warf sich zum Schützer auf des literarischen Genius, feierte die -Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick an, wo zum erstenmal ein -Mensch, um seinem Wissen und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen -in einen Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte Thot, -mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch gewesen, und -der als Erfinder der Schrift, Schutzherr der Bibliotheken und Anreger -aller geistigen Bestrebungen verehrt worden war. Er beugte redend das -Knie vor diesem Trismegist, dem humanistischen Hermes, dem Meister der -Palästra, dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes, -der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans Castorp zu der -Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter offenbar auch ein Politiker -gewesen und habe in größerem Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr -Brunetto Latini, der speziell den Florentinern Schliff verliehen und sie -das Sprechen gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der -Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini schwindle -ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos ein allzu gelecktes Bild -gegeben. Denn das sei vielmehr eine Affen-, Mond- und Seelengottheit -gewesen, ein Pavian mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem -Namen des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger -und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum Erzzauberer und dem -kabbalistischen Mittelalter zum Vater der hermetischen Alchimie geworden -sei. - -Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt ging es drunter -und drüber. Da war der blaubemantelte Tod als humanistischer Rhetor; und -wenn man den pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins -Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem Zeichen -der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte und winkte ab mit -der Hand und legte sie dann über die Augen. Aber in das Dunkel, worein -er sich vor der Verwirrung gerettet, klang Settembrinis Stimme, der -fortfuhr, die Literatur zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die -aktive Größe, rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er -nannte Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich und -weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht ihn nicht an, daß -Naphta ihn ins Chinesische heimschicken wollte, wo die skurrilste -Vergötterung des Abc herrsche, die je erreicht worden sei, und wo man -Generalfeldmarschall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen -tuschen könne, was recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse. -Eh, Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen handelte, -sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, um ihren Geist, armer -Spötter! welcher der Geist selber war, das Wunder der Verbindung von -Analyse und Form. Er war es, der das Verständnis für alles Menschliche -weckte, die Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und -Überzeugungen betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung des -Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste moralische -Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern davon, zu -fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit, zur Duldung. Die -reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der -Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg -zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der -Sprache, der literarische Geist als edelste Erscheinung des -Menschengeistes überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als -Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis -apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher war nicht auf -den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja durch schlimme, -glänzende Einwände zu stören, indem er sich zur Partei der Erhaltung und -des Lebens schlug gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter -jener seraphischen Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von -welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe auf nichts -als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form, die der literarische -Geist mit dem Prinzip der Untersuchung und Trennung zu vereinigen sich -rühme, sei nur eine Schein- und Lügenform, keine echte, gewachsene, -natürliche, keine Lebensform. Der sogenannte Verbesserer des Menschen -führe wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber sei es die -Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf er ausgehe; ja, der Geist, -die eifernde Theorie sei lebensschänderisch, und wer die Leidenschaften -zerstören wolle, der wolle das Nichts, – das reine Nichts, rein -allerdings, da „rein“ denn in der Tat das einzige Attribut sei, das -allenfalls dem Nichts noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben -zeige Herr Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei, -nämlich als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen -Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus und der liberale -Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts und des Teufels, ja, er -leugne Gott, das konservativ und positiv Absolute, indem er zum -Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre und sich mit seinem Todespazifismus -noch wunder wie fromm dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm, -sondern ein Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge -Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – _et cetera_. - -So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische zu -verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender Liebesstrenge -hinzustellen, so daß zu unterscheiden, wo Gott und wo der Teufel, wo Tod -und wo Leben war, wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird -es uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug war, ihm die -Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend war, und auf die er -wieder eine ebenso gute bekam, wonach es noch eine Weile so fortging und -das Gespräch in früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber -Hans Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert -hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben und wisse nicht -recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen hier doch nicht -„_reçu_“ seien. Die Duellanten waren darüber hinweggegangen, aber Hans -Castorp hatte, wie wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und -brach auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen -ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus Ferge und Wehsal, -ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb zur Fortsetzung des Wettstreits -ausgehen werde. - -Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in Sachen seiner -Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg einschlagen, das heißt also, -den Bademeister anstellen wolle, die Oberin zu benachrichtigen, worauf -denn für den Leidenden doch wohl etwas geschehen werde. So war es -wohlgetan. Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei -Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war, und erkundigte -sich kreischend nach den Wünschen und Klagen des jungen Offiziers. -„Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte sie. „Menschenskind, was machen -Sie für Sprünge?“ Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins -Auge zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen -ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite schweifte. Daß sie -es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun doch erfahrungsgemäß einmal -nicht gegeben war, das Unternehmen durchzuführen! Mit Hilfe einer Art -von metallenem Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie -dem Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe -leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen stehend, um Joachims -Zäpfchen herumspähte, sagte sie: - -„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich schon mal -verschluckt?“ - -Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange sie spähte, war -überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu stehen; aber auch nachdem sie von -ihm abgelassen, blieb guter Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben -schon ein und das andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch -das war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint sein. -Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal nicht erinnern. - -Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er habe sich also -erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern, da sonst das Wort -Erkältung doch hier im Hause verpönt war. Zur näheren Untersuchung des -Halses sei gegebenenfalls des Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ -Formamint zurück bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst -Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim machte -Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung zu spüren dank -diesen Anwendungen und fuhr also fort damit, zumal seine Heiserkeit sich -nicht klären wollte, ja, in den nächsten Tagen noch stärker wurde, -obgleich die Halsschmerzen zuweilen fast ganz verschwanden. - -Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen. Der -objektive Befund war der gewöhnliche, – eben der, welcher, zusammen mit -den Ergebnissen der hofrätlichen Untersuchungen, den ehrliebenden -Joachim hier zu einer kleinen Nachkur festhielt, bevor er wieder zur -Fahne würde eilen können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos -vorübergegangen. Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat, noch -die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen Augen gingen -sie darüber hinweg. Nach dem, was Behrens bei der Monatsuntersuchung dem -seelenkundigen Famulus in die Feder diktierte, und was die -photographische Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer -ganz wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch diesmal -galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht auszuharren, bis zum -Flachlanddienste, zur Eideserfüllung dort unten endgültige -Wetterfestigkeit gewonnen wäre. - -Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man stillschweigend -vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß einer vom andern nicht so ganz -sicher war, ob er in tiefster Seele an diese Parole glaubte, und wenn -man die Augen voreinander niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel, -und es geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich _getroffen_ hätten. -Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über die Literatur, -während dessen Hans Castorp zum erstenmal das neuartige Licht im -Hintergrund von Joachims Augen, sowie den eigentümlich „drohenden“ -Ausdruck darin bemerkt hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor: -als nämlich der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig -verschluckte und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also, während -Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau Magnus, seine -Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den Rücken klopfte, trafen sich -ihre Augen auf eine Art, die Hans Castorp schreckhafter bewegte, als der -Unfall selbst, der selbstverständlich jedem zustoßen konnte, und dann -schloß Joachim die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch -und Saal, um sich draußen auszuhusten. - -Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn Minuten zurück, -eine Entschuldigung wegen der verursachten Störung auf den Lippen, nahm -wie zuvor an der übergewaltigen Mahlzeit teil, und nachher vergaß man -sogar, auch nur mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall -zurückzukommen. Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim Diner, -sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe ereignete, übrigens -ohne daß die Augen sich getroffen hätten, wenigstens nicht diejenigen -der Vettern, da Hans Castorp, über seinen Teller gebeugt, scheinbar -unachtsam weiter speiste, mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch -ein Wort daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte -Frauenzimmer, die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen Frage -ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet und angehext -habe, der Teufel solle sie holen. Ja, offenbar sei es Suggestion, sagte -Hans Castorp, – amüsant zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und -Joachim, nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich fortan -mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte sich nicht -häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am Ende auch: erst neun oder zehn -Tage später einmal wieder, worüber denn weiter nichts zu sagen war. - -Jedoch war er außer der Reihe und Zeit zu Rhadamanthys bestellt. Die -Oberin hatte ihn angezeigt und wohl nicht einmal dumm daran getan; denn -da ein Kehlkopfspiegel im Hause war, so schien diese hartnäckige -Heiserkeit, die stundenweise in wirkliche Stimmlosigkeit ausartete, und -auch dies Halsweh, das wieder hervortrat, sobald Joachim versäumte, -seine Kehle durch speicheltreibende Mittel geschmeidig zu halten, ein -hinlänglicher Anlaß, das klug erdachte Instrument einmal aus dem -Schranke zu nehmen, – zu schweigen davon, daß, wenn Joachim sich jetzt -mit normaler Seltenheit verschluckte, dies nur der großen Vorsicht zu -danken war, die er beim Essen aufwandte, und die ihn bei den Mahlzeiten -fast regelmäßig in Rückstand hielt. - -Der Hofrat also spiegelte, reflektierte und äugte tief und lange in -Joachims Hals hinunter, worauf der Patient sich auf Hans Castorps -besonderen Wunsch sogleich in dessen Balkonloge einfand, um Bericht zu -erstatten. Es sei recht lästig und kitzlich gewesen, teilte er halb -flüsternd mit, da gerade Hauptliegekur und Schweigegebot waltete, und -schließlich habe Behrens allerlei von einem Reizungszustand gekohlt und -gesagt, es müßten jeden Tag Pinselungen vorgenommen werden, gleich -morgen wolle er zu ätzen anfangen, er müsse nur erst das Medikament -bereitstellen. Also Reizungszustand und Ätzungen. Hans Castorp, den Kopf -voller Gedankenverbindungen, die weit liefen und sich auf ganz -fernstehende Personen, wie den hinkenden Concierge und jene Dame -erstreckten, die sich die ganze Woche ihr Ohr gehalten und dennoch -durchaus beruhigt hatte sein können, hatte noch Fragen auf den Lippen, -brachte sie aber nicht darüber, sondern beschloß, sie dem Hofrat unter -vier Augen vorzulegen und beschränkte sich gegen Joachim auf den -Ausdruck seiner Genugtuung, daß das Ärgernis nun der Kontrolle -unterstehe und der Hofrat die Sache in die Hand genommen habe. Der sei -ein Hauptkerl und werde schon Remedur schaffen. Worauf Joachim nickte, -ohne den anderen anzusehen, sich umwandte und in seine Loge hinüberging. - -Was war es mit dem ehrliebenden Joachim? In den letzten Tagen waren -seine Augen so unsicher und scheu geworden. Noch neulich war Oberin -Mylendonk mit ihrem Durchbohrungsversuch an seinem sanften dunklen Blick -gescheitert, allein wenn sie jetzt ihr Heil noch einmal versuchte, war -man wahrhaftig nicht mehr sicher, wie die Sache ablaufen würde. -Jedenfalls vermied er solche Begegnungen, und wenn es dennoch dazu kam -(denn Hans Castorp sah ihn viel an), so wurde einem auch dabei nicht -wohler. Bedrückt blieb Hans Castorp in seinem Abteil zurück, in -treibender Versuchung, den Chef sogleich zur Rede zu stellen. Doch ging -das nicht an, da Joachim sein Aufstehen gehört hätte, und so war -Aufschub geboten und Behrens im Laufe des Nachmittags abzufangen. - -Das aber gelang nicht. Sonderbar! Es wollte durchaus nicht gelingen, des -Hofrats habhaft zu werden, und zwar weder diesen Abend, noch während der -ganzen beiden folgenden Tage. Natürlich war Joachim etwas hinderlich, da -er nichts merken sollte, aber das reichte nicht hin, zu erklären, -weshalb die Unterredung nicht zu erlangen und Radamanth auf keine Weise -dingfest zu machen war. Hans Castorp suchte und fragte nach ihm im -ganzen Hause, wurde dahin und dorthin gewiesen, wo er ihn sicher treffen -werde, und fand ihn dann eben nicht mehr dort. Bei einer Mahlzeit war -Behrens zugegen, saß aber weit fort, am Schlechten Russentisch und -verschwand vor dem Dessert. Ein paarmal glaubte Hans Castorp ihn schon -am Knopf zu halten, er sah ihn auf Treppen und Gängen im Gespräch mit -Krokowski, mit der Oberin, mit einem Patienten stehen und paßte ihm auf. -Aber da er nur eben die Augen abgewandt hatte, war Behrens weg. - -Am vierten Tage erst kam er zum Ziel. Von seinem Balkon aus sah er den -Verfolgten im Garten dem Gärtner Anweisungen geben, schlüpfte geschwind -aus der Decke und eilte hinunter. Eben ruderte der Hofrat mit rundem -Nacken gegen seine Wohnung davon. Hans Castorp trabte und erlaubte sich -sogar, zu rufen, fand aber kein Gehör. Endlich, atemlos anlangend, -brachte er seinen Mann zum Stehen. - -„Was haben Sie hier zu suchen!“ herrschte der Hofrat ihn mit quellenden -Augen an. „Soll ich Ihnen ein Extra-Exemplar der Hausordnung aushändigen -lassen? Meines Wissens ist Liegekur. Ihre Kurve und die Platte geben -Ihnen gar kein besonderes Recht, den Freiherrn zu spielen. Man sollte -hier irgendwo so eine göttliche Diebsscheuche anbringen lassen, die -Leute, die zwischen zwei und vier im Garten Libertinage treiben, mit -Aufspießung bedroht! Was wollen Sie eigentlich?“ - -„Herr Hofrat, ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen!“ - -„Das merke ich, daß Sie sich das schon lange einbilden. Sie stellen mir -ja nach, als ob ich ein Frauenzimmer und wunder was für ein Lustobjekt -wäre. Was wollen Sie von mir?“ - -„Es ist nur wegen meines Vetters, Herr Hofrat, entschuldigen Sie! Er -wird nun gepinselt ... Ich bin überzeugt, daß damit die Sache auf gutem -Wege ist. Sie ist doch harmlos, – wollte ich mir nur zu fragen -erlauben?“ - -„Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind Sie. Sie sind -gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten -einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als ob sie harmlos wären, und -damit glauben Sie sich vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Sie -sind eine Art von Feigling und Duckmäuser, Mensch, und wenn Ihr Vetter -Sie einen Zivilisten nennt, so ist das noch sehr euphemistisch -ausgedrückt.“ - -„Kann alles sein, Herr Hofrat. Natürlich, die Schwächen meines -Charakters stehen doch außer Frage. Aber das ist es eben, daß sie im -Augenblick wohl außer Frage stehen, und was ich Sie schon seit drei -Tagen bitten wollte, ist nur –“ - -„Daß ich Ihnen recht angenehm gezuckerten und gepantschten Wein -einschenke! Sie wollen mich behelligen und mich langweilen, damit ich -Sie in Ihrer verdammten Duckmäuserei befestige, und damit Sie in -Unschuld schlafen können, während andere Leute wachen und sich den Wind -um die Nase wehen lassen.“ - -„Aber, Herr Hofrat, Sie sind recht streng mit mir. Ich wollte im -Gegenteil –“ - -„Ja, Strenge, das ist nun gerade gar nicht Ihre Sache. Da ist Ihr Vetter -ein anderer Kerl, von anderem Schrot und Korn. Der weiß Bescheid. Der -weiß _schweigend_ Bescheid, verstehen Sie mich? Der hängt sich den -Leuten nicht an die Rockschöße, um sich blauen Dunst und Harmlosigkeit -vormachen zu lassen. Der wußte, was er tat und was er daransetzte, und -ist ein Mannsbild, das sich auf Haltung versteht und aufs Maulhalten, -was eine männliche Kunst ist, aber leider nicht die Sache von solchen -bipedischen Annehmlichkeiten wie Sie. Aber das sage ich Ihnen, Castorp, -wenn Sie hier Szenen aufführen und ein Geschrei erheben und sich Ihren -Zivilgefühlen überlassen, so setze ich Sie an die Luft. Denn hier wollen -Männer unter sich sein, verstehen Sie mich.“ - -Hans Castorp schwieg. Er wurde jetzt auch fleckig, wenn er sich -verfärbte. Er war zu kupferrot, um ganz blaß zu werden. Schließlich -sagte er mit zuckenden Lippen: - -„Ich danke sehr, Herr Hofrat. Ich weiß ja nun auch wohl Bescheid, denn -ich nehme an, daß Sie nicht so – wie soll ich sagen – so feierlich zu -mir sprechen würden, wenn es nicht ernst wäre mit Joachim. Ich bin auch -gar nicht für Szenen und für Geschrei, da tun Sie mir unrecht. Und wenn -es also auf Diskretion ankommt, so stehe ich auch meinen Mann, das -glaube ich zusagen zu können.“ - -„Sie hängen an Ihrem Vetter, Hans Castorp?“ fragte der Hofrat, indem er -plötzlich des jungen Mannes Hand ergriff und ihn mit seinen blauen, -weißlich bewimperten, blutunterlaufenen Quellaugen von unten anblickte -... - -„Was läßt sich da sagen, Herr Hofrat. Ein so naher Verwandter und so -guter Freund und mein Kamerad hier oben.“ Hans Castorp schluchzte kurz -und stellte den einen Fuß auf die Spitze, indem er die Ferse nach außen -wandte. - -Der Hofrat beeilte sich, seine Hand loszulassen. - -„Na, dann seien Sie nett mit ihm diese sechs, acht Wochen“, sagte er. -„Überlassen Sie sich Ihrer angeborenen Harmlosigkeit, das wird ihm das -Liebste sein. Ich bin auch noch da, und zwar dazu, die Sache so -kavaliersmäßig und komfortabel wie möglich zu gestalten.“ - -„_Larynx_, nicht wahr?“ sagte Hans Castorp, indem er dem Hofrat -zunickte. - -„_Laryngea_“, bestätigte Behrens. „Schnell fortschreitende Zerstörung. -Und mit der Luftröhrenschleimhaut sieht es auch schon böse aus. Kann -sein, daß das Kommandogeschrei im Dienst da einen _locus minoris -resistentiae_ geschaffen hat. Aber gefaßt sein müssen wir auf solche -Diversionen ja immer. Wenig Aussicht, mein Junge; eigentlich wohl gar -keine. Selbstverständlich soll alles versucht werden, was gut und teuer -ist.“ - -„Die Mutter ...“, sagte Hans Castorp. - -„Später, später. Eilt ja noch nicht. Sorgen Sie mit Takt und Geschmack -dafür, daß sie sukzessive ins Bild kommt. Und nun scheren Sie sich auf -Ihren Posten. Er merkt es ja. Und es muß ihm doch peinlich sein, sich so -hinter seinem Rücken besprochen zu wissen.“ - -– Täglich ging Joachim zum Pinseln. Es war ein schöner Herbst, in weißen -Flanellhosen zum blauen Rock kam er öfters verspätet von der Behandlung -zum Essen, propper und militärisch, grüßte knapp, freundlich und -männlich zusammengenommen, indem er seiner Säumigkeit wegen um Pardon -bat, und setzte sich zu seiner Mahlzeit nieder, die man ihm jetzt -besonders bereitete, da er bei der gewöhnlichen Kost, der -Verschluckungsgefahr wegen, nicht mitkam: er erhielt Suppen, Haschees -und Brei. Schnell hatten die Tischgenossen die Lage begriffen. Sie -erwiderten seinen Gruß mit nachdrücklicher Höflichkeit und Wärme, indem -sie ihn „Herr Leutnant“ anredeten. In seiner Abwesenheit befragten sie -Hans Castorp, und auch von den anderen Tischen kam man zu ihm und -fragte. Frau Stöhr kam mit gerungenen Händen und lamentierte ungebildet. -Aber Hans Castorp antwortete nur einsilbig, räumte den Ernst des -Zwischenfalles ein, leugnete jedoch bis zu einem gewissen Grade, tat es -ehrenhalber, aus dem Gefühle, Joachim nicht vorzeitig preisgeben zu -dürfen. - -Sie gingen zusammen spazieren, legten dreimal täglich den dienstlichen -Lustwandel zurück, auf welchen der Hofrat Joachim nun genauestens -eingeschränkt hatte, damit unnötige Kräfteausgabe vermieden werde. Links -von seinem Vetter ging Hans Castorp, – sie waren früher so oder auch -anders gegangen, wie es gerade kam, aber jetzt hielt sich Hans Castorp -vorwiegend links. Sie sprachen nicht viel, redeten die Worte, die der -Berghof-Normaltag ihnen auf die Lippen führte, sonst nichts. Über das -Thema, das zwischen ihnen stand, ist nichts zu reden, zumal zwischen -Leuten von Sittensprödigkeit, die einander nur äußerstenfalls mit -Vornamen nennen. Dennoch hob es sich zuweilen drängend und wallend auf -in Hans Castorps Zivilistenbrust, im Begriffe, sich zu ergießen. Aber es -war unmöglich. Was schmerzlich-stürmisch emporgeschwollen war, sank -zurück, und er verstummte. - -Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu Boden, als -betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: er ging hier, propper und -ordentlich, er grüßte Vorübergehende auf seine ritterliche Art, hielt -auf sein Äußeres und auf _bienséance_ wie immer – und gehörte der Erde. -Nun, der gehören wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so -gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig ihr zu -gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und unbegreiflicher für -einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, als für den Erdmann selbst, -dessen anständig verschwiegenes Wissen eigentlich recht akademischer -Natur ist, geringen Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde -weniger seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser -Sterben mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer selbst; -denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat das Wort des -witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit, daß, solange wir -sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn der Tod ist, wir nicht sind; daß -also zwischen uns und dem Tode gar keine reale Beziehung besteht und er -ein Ding ist, das uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur -etwas angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer Ruhe, -Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer Unschuld, -entgegenblicken. Von dieser Unschuld und Verantwortungslosigkeit fand -Hans Castorp viel in Joachims Wesen während dieser Wochen und verstand, -daß jener zwar wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über -dies Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren -Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder, soweit sie -praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes Schicklichkeitsgefühl -geregelt und bestimmt wurden, das die Erörterung jenes Wissens -ebensowenig zuließ wie diejenige so vieler anderer funktioneller -Unanständigkeiten, deren das Leben sich bewußt und durch die es bedingt -ist, die es aber nicht hindern, _bienséance_ zu bewahren. - -So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten der -Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt und zornig geführte Klagen über -das Versäumnis der Manöver, des militärischen Flachlanddienstes -überhaupt waren verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz -aller Unschuld so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen -zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch einmal -hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg gebracht haben -würde? War es, weil er sich überäugig und hohlwangig wußte? – Denn so -wurde er zusehends in diesen Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei -seiner Heimkehr vom Flachland gewesen war, und seine braune -Gesichtsfarbe ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine -Umgebung ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben hätte, die mit -Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf, die grenzenlosen -Vorteile der Schande zu genießen. Wovor und vor wem also duckte und -verbarg sich sein ehemals so offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham -der Kreatur, die sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, – -überzeugt, daß sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor -ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon mit Recht, -da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel den kranken Genossen nicht nur -nicht ehrt, sondern ihn in Wut und Verachtung mit Schnabelhieben -traktiert. Doch das ist gemeine Natur, und ein hochmenschliches -Liebeserbarmen schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle -Instinktscham in des armen Joachims Augen sah. Er ging links von ihm, -ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas unsicher zu Fuße -wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen kleinen Wiesenhang zu -erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit überwindend, den Arm um -ihn legte, ja, vergaß noch nachher eine Weile, seinen Arm wieder von -Joachims Schultern wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte -und sagte: - -„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir daherkommen.“ - -Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp die Trübung von -Joachims Blick noch in einem anderen Lichte erschien, und das war, als -Joachim Order erhalten hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der -Schnee lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden, auch -nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder zweite Bissen ihm -in die falsche Kehle geriet. Der Übergang zu ausschließlich flüssiger -Nahrung war indiziert, und zugleich verordnete Behrens dauernde -Bettruhe, der Kräfteersparnis wegen. Es war also am Vorabend von -Joachims dauernder Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den -Füßen war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja betraf, -der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein und der -äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach dem Diner war das, während der -Abendgeselligkeit, in der Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon -aufgehalten und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn vor -dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein Schaukelstuhl, worin -sie saß, und Joachim hielt ihn mit der Linken an der Rückenlehne nach -hinten geneigt, so daß Marusja aus liegender Stellung mit ihren braunen -Kugelaugen in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen -sprechend, über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd und -erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte. - -Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen zu -haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft auf die Szene, wie das -zu gehen pflegte, ein belustigtes Auge hatten, – unbemerkt von Joachim, -oder doch unbeachtet von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche -rücksichtslos hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so -lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges Wort mit -ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er mit strengem Ausdruck, -vernünftig und ehrliebend, die Augen niedergeschlagen hatte, obgleich er -fleckig erblaßte, wenn von ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp -mehr, als irgendein Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen -sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist verloren!“ dachte -er und setzte sich still auf einen Stuhl im Musiksalon, um Joachim Zeit -zu lassen für das, was er sich dort in der Halle an diesem letzten Abend -noch gönnte. - -Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale ein, und Hans -Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb ihr in seinem -vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren gelegentlichen -Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim bettlägerig geworden sei und daß -er zwar nichts gesagt habe, daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei -sich zu haben, von den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens -diesen unausgesprochenen Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies -fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein Wunder, daß -Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in Anspruch nahm, um zu -ihrem Sohne zu stoßen: schon drei Tage nach Abgang dieses humanen -Alarmbriefes traf sie ein, und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber -im Schlitten von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend, -bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die Mutter nicht -gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts Falsches, Munteres -mit dem ersten Blick darin lese. - -Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon ereignet haben, -wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem und angstvollem -Forschen des dem Zuge Entstiegenen in den Augen dessen, der ihn in -Empfang nahm! Frau Ziemßen erweckte den Eindruck, als sei sie von -Hamburg hierher zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans -Castorps Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich -blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich, indem -er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das sei famos, und wie -mächtig werde ihr Joachim sich freuen. Tja, der liege nun leider -vorderhand, es sei wegen der flüssigen Nahrung, die ja natürlich auf den -Kräftezustand nicht ohne Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch -mancherlei Auskünfte, zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens -werde sie ja selber sehen. - -Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu diesem Augenblick -waren ihm die Veränderungen, die sich in den letzten Wochen an Joachim -vollzogen hatten, gar nicht so bemerklich geworden, – junge Leute haben -ja nicht viel Blick für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen -kommenden Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als -hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich, was -zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß am besten von allen -dreien Joachim selber wußte, nämlich, daß er ein Moribundus war. Er -hielt Frau Ziemßens Hand in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt -war, wie sein Gesicht, von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine -Ohren, dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem und -in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber bis auf diesen -Fehler und trotz seiner durch den Stempel des Leidens und durch den -Ausdruck von Ernst und Strenge, ja Stolz, den es trug, eher noch -männlich verschönt erschien, – obgleich seine Lippen mit dem schwarzen -Bärtchen darüber jetzt gar zu voll wirkten gegen die schattigen -Wangenhöhlen. Zwei Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn -zwischen den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen -liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans Castorp sich -freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung und Unsicherheit war, seit -Joachim lag, daraus geschwunden, und nur jenes früh bemerkte Licht war -in ihrer ruhigen, dunklen Tiefe zu sehen – und freilich auch jene -„Drohung“. Er lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt -und ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei ihrem -Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese -Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles. - -Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht in Jammer auf -bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und zusammengenommen im Sinne -ihres durch das kaum sichtbare Schleiernetz befestigten Haares, -phlegmatisch und energisch, wie man bekanntlich bei ihr zulande war, -nahm sie Joachims Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade -gespornt zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß, -wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit die -Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit willen geschah es gewiß -nicht, sondern nur aus Sinn für das Stattliche, wenn sie einige Tage -später einwilligte, daß auch eine Pflegeschwester noch zu dem -Schwerkranken berufen wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit -Alfreda Schildknecht, die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims -Lager erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau Ziemßens -eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester Berta hatte eine -Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, ihr Kneiferband hinter dem -Ohre, neugierig auszuspähen. - -Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. Allein im -Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, der keineswegs schlief, -sondern offenen Auges auf dem Rücken lag, war sie imstande, zu sagen: - -„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen von den -Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“ - -Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene die Faust, -aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, und mit Recht, -von dem Gedanken, daß es angebracht sein möchte, Joachim zu schonen und -viel zu sachlich gesonnen, um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand, -und nun gar der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses -Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem sie Kölnisches -Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim unter die Nase hielt, „tun -Sie sich noch ein bißchen gütlich, Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es -zu jener Zeit wenig Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U -zu machen, – es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie Frau -Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter Stimme von seiner -Genesung sprach. Denn zweierlei war deutlich und nicht zu verkennen: daß -Joachim erstens mit klarem Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er -es zweitens in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst in -der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich bemerkbar -machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger Unklarheit -über seinen Zustand umfangen, und sprach von seiner baldigen Rückkehr -zum Regiment und seiner Beteiligung an den großen Manövern, die er sich -noch im Gange befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber -auch, daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung zu -geben und das Ende nur noch für eine Frage von Stunden erklärte. - -Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese -vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter zu einer -Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem letalen Ziele -nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen aller individuellen -Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die den Erfrierenden umstrickt, -und wie das Im-Kreise-Herumkommen des Verirrten. Hans Castorp, den -Kummer und Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit ins -Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige -Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und Settembrini, als er -ihnen über das Befinden seines Verwandten Bericht erstattete, und zog -sich einen Verweis des letzteren zu, indem er meinte, die landläufige -Auffassung, philosophische Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende -Zuversicht sei ein Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und -Weltverurteilung, aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf -Irrtum; denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand einen -Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit verglichen der -vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde Lebensäußerung erscheine. -Gottlob konnte er den Teilnehmenden gleichzeitig melden, daß -Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit der Hoffnung Raum ließ und -einen sanften, trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite. - -„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, während er -Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen hielt und sie mit -quellenden, tränenden, blutunterlaufenen Blauaugen von unten anblickte. -„Mir lieb, mir ungeheuer lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß -er das Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten braucht; -so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt rapide aus, wohl -ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst das Unsrige dagegen tun mit -unserer Kampferspritze, ohne viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten -zu verursachen. Er wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen, -glaube ich versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade -schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen Übertritt -haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie sich darauf. So ist -das übrigens im Grunde immer. Ich kenne den Tod, ich bin ein alter -Angestellter von ihm, man überschätzt ihn, glauben Sie mir! Ich kann -Ihnen sagen, es ist fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an -Schindereien _vorhergeht_, das kann man ja nicht gut zum Tode rechnen, -es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann zum Leben und zur -Genesung führen. Aber vom Tode wüßte Ihnen keiner, der wiederkäme, was -Rechtes zu erzählen, denn man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem -Dunkel und gehen ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang -und Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben keinen -subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz ins Gebiet des -Objektiven, so ist es damit.“ - -Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. Wir wollen hoffen, -daß sie der verständigen Frau Ziemßen ein bißchen wohltat; und seine -Zusicherungen trafen denn ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache -Joachim schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte auch -wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches also, -nehmen wir an; und wenn er erwachte und man ihn nach seinem Befinden -fragte, so antwortete er, wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl -und glücklich fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und -schließlich den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr -spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen und -zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits nicht mehr angegangen. - -Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große Veränderungen -mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren beschwerlich geworden war und er -es seit acht oder zehn Tagen schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs -aber sehr kräftig war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften -Augen sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem Kriegsbart, -wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, und der ihn übrigens -schön und männlich kleidete, wie alle fanden. Ja, Joachim war plötzlich -aus einem Jüngling zum reifen Manne geworden durch diesen Bart und wohl -nicht nur durch ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk, -legte im Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu -erreichen ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten -vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche brachte eine -angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes mit sich, derart, daß -Hans Castorp den Eindruck gewann, das Sterben müsse zum wenigsten eine -große Mühsal sein, wenn auch Joachim dank mancher Ausfälle und -Herabminderungen ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung -aber betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung oder -Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit zusammen, so daß -Joachim beim Sprechen mummelte wie ein ganz Alter und übrigens an dieser -Hemmung wirkliches Ärgernis nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er -lallend, so werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte -Belästigung. - -Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht so ganz klar; -– die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen trat auffallend hervor, -er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, schien zu wissen und nicht zu -wissen und erklärte einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl -durchschauert, mit Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so -grundschlecht sei er noch niemals daran gewesen. - -Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, ja unhöflich; er -ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen mehr nahe kommen, -antwortete nicht darauf, blickte fremd vor sich hin. Namentlich nachdem -der junge Pfarrer, den Luise Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps -Bedauern keine gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte, -mit ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge an, -äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte. - -Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: er fuhr -wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein goldnes -Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über die Bettdecke hin, indem -er sie auf dem Rückwege etwas erhob und dann auf der Decke in -schabender, rechender Bewegung wieder zu sich führte, so, als zöge und -sammle er etwas ein. - -Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf dem Korridor, -nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er war im Bette herabgesunken und -befahl kurz, man möge ihn höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm -um seine Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen -Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung seines Urlaubes -aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, vollzog sich der -„knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im Lichte des rotumhüllten -Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. Sein Auge brach, die unbewußte -Anstrengung seiner Züge wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand -zusehends dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete -sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s geschehen. - -Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war es Hans Castorp, -der dem Regungs- und Hauchlosen mit der Spitze des Ringfingers die Lider -schloß, ihm die Hände behutsam auf der Decke zusammenlegte. Dann stand -auch er und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den -englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare Naß, so -reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde, -daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies -alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung -durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem -Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin. - -Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. Noch vor einer -halben Stunde war er dagewesen und hatte Kampfer gespritzt; nur eben den -Augenblick des knappen Übertrittes hatte er verpaßt. „Tja, der hat es -hinter sich“, sagte er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von -Joachims stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden -Anverwandten die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand er noch -eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims unbewegliches, -kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller Junge, toller Kerl“, sagte -er über die Schulter, indem er mit dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat -es zwingen wollen, wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und -Gewaltsamkeit mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht -auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist uns aufs -Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber die Ehre, das war der -Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens nach Belieben auch umdrehen, – er -hat nun jedenfalls ‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller -Kerl.“ Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken. - -Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene Sache, und Haus -Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich war und sonst schicklich -und stattlich schien, – Mutter und Vetter brauchten sich kaum zu regen. -Am nächsten Tage, in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der -Decke, ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner -geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur der Anstrengung -war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, hatte es sich zu -reinster, schweigender Form befestigt. Kurzes Gekräusel seines dunklen -Haares fiel in die unbewegliche, gelbliche Stirn, die aus einem edlen, -aber heiklen Stoff zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem -ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll und stolz. -Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, wie mehrere der -Besucher meinten, die sich zum Abschiede einfanden. - -Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen Joachim. -„Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach und verlangte, daß an seinem -Grabe die „Erotika“ von Beethoven gespielt werden müsse. - -„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der Seite an. Er war -nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer und herzlich bewegt. Mit -beiden Händen wies er die Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur -Klage aufforderte. „_Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!_“ -rief er wiederholt. - -Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung heraus und -ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn hin zu äußern: - -„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und Fortschritt -auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“ - -Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, durch -die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit von Naphtas -Position über die seine; vielleicht war es dies augenblickliche -Übergewicht des Gegners, das er durch die Lebhaftigkeit seiner Trauer -aufzuwiegen gesucht hatte, und das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann -noch, als Leo Naphta, die unbeständigen Vorteile seiner Stellung -ausnutzend, scharf sententiös bemerkte: - -„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß nur der Geist -anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr. Nur wo _kein_ Geist -ist, gibt es Anständigkeit.“ - -„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer Spruch! -Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn hingesetzt, so herrscht -Einschüchterung für den Augenblick ...“ - -Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung in diesen -stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten Behälter wollte ein -Mann allein als seine Sache betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war: -ein Verwandter des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz -gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering an -seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe Reif sozusagen -eingewachsen, ganz davon überwuchert war. Man war geneigt, zu spüren, -daß Leichengeruch seinem Bratenrock entströme, was aber auf Vorurteil -beruhte. Doch ließ der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß -all sein Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur -pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen -auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps Mißtrauen erweckte und -keineswegs nach seinem Sinne war. Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen -sich zurückzöge, ließ sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren, -sondern blieb und legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die -Figur und half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen -Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich gebettet -wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof gestellt hatte. - -Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf, die Hans -Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu trennen und zu lösen -und tatsächlich dem Professionisten, dem üblen Hüter der Pietät, das -Feld zu überlassen. Joachim nämlich, dessen Ausdruck bisher so ernst und -ehrbar gewesen, hatte in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und -Hans Castorp verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur -Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen der -Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß die Abholung bevorstand, -der Sarg geschlossen und verschraubt werden sollte. Hans Castorp -berührte, eingeborene Sittensprödigkeit beiseite setzend, seines -ehemaligen Joachim steinkalte Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und -ging trotz allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise -Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus. - -Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch während er -niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf seiner Höhe -zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in einen feuchten -Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen, woselbst ein Degen -aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte zucken und drei Gewehrsalven, -drei schwärmerische Honneurs hinknallen über Joachim Ziemßens -wurzeldurchwachsenes Soldatengrab. - - - - - Siebentes Kapitel - - - Strandspaziergang - -Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich? -Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! Eine Erzählung, -die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, es strömte die Zeit“ und so -immer fort, – das könnte gesunden Sinnes wohl niemand eine Erzählung -nennen. Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang -ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik -ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, daß sie die Zeit -_erfüllt_, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ und macht, daß -„etwas daran“ und „etwas los damit“ ist – um mit der wehmütigen Pietät, -die man Aussprüchen Verstorbener widmet, Gelegenheitsworte des seligen -Joachim anzuführen: längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob -sich der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen. -Die Zeit ist das _Element_ der Erzählung, wie sie das Element des Lebens -ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist -auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie -kurzweilig und kostbar auf einmal macht: verwandt hierin, wie gesagt, -der Erzählung, die ebenfalls (und anders als das auf einmal leuchtend -gegenwärtige und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden -Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein Ablaufendes -sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen sollte, in jedem -Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung bedarf. - -Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied waltet, -liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik ist nur eines: ein -Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie sich ergießt, um ihn -unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die Erzählung dagegen hat zweierlei -Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre -Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch -ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der -Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich -aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück des Namens -„Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, – hierin und in nichts -anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. Eine Erzählung aber, deren -inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten betrüge, könnte ihrerseits, vermöge -außerordentlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser fünf -Minuten, das Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein, -obgleich sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig -wäre. Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung -deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, – wir -sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres oder, ganz deutlich zu -sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, das hier offenbar -einschlägig ist: sofern nämlich dieses Falls die Erzählung sich eines -hermetischen Zaubers und einer zeitlichen Überperspektive bedient, die -an gewisse anormale und deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der -wirklichen Erfahrung erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von -Opiumrauchern, die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit -seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang sich auf -zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder sogar die -Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit zurückließ, – Träume -also, deren imaginärer Zeitraum ihre eigene Dauer um ein Gewaltiges -überstieg, und in denen eine unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses -herrschte, die Vorstellungen sich mit solcher Geschwindigkeit drängten, -als wäre, wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des -Berauschten „etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder einer -verdorbenen Uhr“. - -Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung mit der Zeit zu -Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. Da sie sie aber -„behandeln“ kann, so ist klar, daß die Zeit, die das Element der -Erzählung ist, auch zu _ihrem Gegenstande_ werden kann; und wenn es -zuviel gesagt wäre, man könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, _von der -Zeit_ erzählen zu wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie -es uns anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des -„Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen könnte. -Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die Zeit erzählen könne, nur -aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir mit laufender Geschichte wirklich -dergleichen vorhaben. Und wenn wir die weitere Frage streiften, ob die -um uns Versammelten sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es -gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende Joachim -jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch flocht (die übrigens von -einer gewissen alchimistischen Steigerung seines Wesens zeugt, da solche -Bemerkungen eigentlich nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären -wir wenig erzürnt gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick -nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden -aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme an dem Erleben -unseres Helden natürlich in unserem Interesse liegt, und weil dieser, -Hans Castorp, in beregtem Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar -schon längst nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, – -so – und auch wieder so genommen. - -Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis zu seiner -wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, kalendermäßig, diese erste -trotzige Abreise stattgefunden, wie lange er weggewesen, wann wieder -eingetroffen und wie lange Hans Castorp selber schon hier gewesen, als -er wieder eingetroffen und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um -Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, seit -wann, etwa der Jahreszahl nach, sie _wieder da_ war (denn sie war wieder -da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp im „Berghof“ damals verbracht -gehabt hatte, als sie zurückgekehrt war: bei all diesen Fragen, gesetzt, -man hätte sie ihm vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht, -denn er scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit -den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden nicht recht -Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger beunruhigend als jene -vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am ersten Abend seines Hierseins -befallen hatte, nämlich Herrn Settembrini sein eigenes Alter anzugeben, -ja, eine Verschlimmerung dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen -Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei! - -Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder -unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten Bedingungen -jederzeit jedem von uns begegnen kann: nichts würde uns, solche -Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit -über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren. Die Erscheinung -ist möglich kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft -also unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und -ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu -bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung -des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen -Errettung die Zeit, die sie im Dunklen, zwischen Hoffnung und -Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn -gewesen. Man sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die -Zeit ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein -Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. Es scheint -demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die menschliche -Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu -erleben, als sie zu überschätzen. - -Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er gewollt -hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen sich rechnerisch -hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie das der Leser mit leichter -Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene und Versponnene seinem -gesunden Sinn widerstehen sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm -vielleicht nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche -Anstrengung, sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen -und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, ließ er -sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, war -eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar die schlimmste -Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten. - -Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die Umstände -seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht geradezu von seinem bösen -Willen reden will – so sehr zustatten kamen. Als Frau Chauchat -wiedergekehrt war (anders, als Hans Castorp es sich hatte träumen lassen -– aber davon an seinem Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht -und der kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in -naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer -Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, hatte man damals -Gott weiß wie lange schon wieder Winter gehabt, ja, dieser war allezeit -nur ganz vorübergehend unterbrochen gewesen, von brennenden Sommertagen -mit einer Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins -Schwärzliche spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in -den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens auch -in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans Castorp mit dem seligen -Joachim über diese große Konfusion geschwatzt, welche die Jahreszeiten -vermengte, sie durcheinander warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte -und es dadurch auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine -kurzweilige Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen und -mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt nicht die Rede -sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt wurde bei dieser -großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe oder die -Bewußtseinslagen des „Noch“ und des „Schon wieder“, – eins der -verwirrendsten, vertracktesten und verhextesten Erlebnisse überhaupt, -und ein Erlebnis dabei, das zu kosten Hans Castorp gleich an seinem -ersten Tage hier oben eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich -bei den fünf übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten -Speisesaal, wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise -unschuldig noch, ihn angewandelt hatte. - -Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren Maßstab -angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis auch abgeschwächt -oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, sofern sie tätig ist, -sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker – und nur aus -jugendlicher Anmaßung hatte also Hans Castorp sich einmal damit -eingelassen –, ob die hermetische Konserve auf ihrem Wandbort außer der -Zeit ist. Aber wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk -tut. Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das -eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, – -wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern unterdessen zum -reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders sein. Der Tote ist tot und -hat das Zeitliche gesegnet; er hat viel Zeit, das heißt: er hat gar -keine, – persönlich genommen. Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und -Haare wachsen, und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose -Redensart nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange -gebraucht, und an der Hans Castorp damals flachländischen Anstoß -genommen hatte. Auch ihm wuchsen Haare und Nägel, sie wuchsen schnell, -wie es schien, er saß so oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem -Operationsstuhl beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich -das Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet -hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn er saß und -mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, der sein Werk an -ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; oder wenn er an seiner -Balkontür stand und sich mit Scherchen und Feile, seinem schönen -Samtnecessaire entnommen, die Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer -Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt -war, jener Schwindel ihn an: ein Schwindel in des Wortes -schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige -Nicht-mehr-unterscheiden von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und -Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt. - -Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch nicht -schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen wir nicht -verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an solchen mystischen -Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und geflissentlich hervorrief, oft -doch auch durch gegenteilige Bemühungen zu sühnen suchte. Er konnte -sitzen, seine Uhr in der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr, -deren Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, – -und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen Ziffern -doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, auf der die beiden -zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger auseinander wiesen und -der dünne Sekundenzeiger den geschäftig pickenden Gang um seine -besondere kleine Sphäre tat. Hans Castorp hielt ihn im Auge, um einige -Minuten zu hemmen und zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das -Weiserchen trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es -erreichte, berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder -anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte, -Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten oder wenigstens -sonst ein winziges Zeichen geben sollen, daß hier etwas vollendet sei. -Doch an der Art, wie es sie rasch, nicht anders als jedes andere -unbezifferte Strichelchen, überschritt, erkannte man, daß ihm die ganze -Bezifferung und Gliederung seines Weges nur _unterlegt_ war, und daß -es eben nur ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein -Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit -sich selbst. - -Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen faßlich -machen, die in dem inneren Haushalt des jungen Abenteurers sich -vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen Identitäten. War es bei -einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, ein Jetzt gegen eines von gestern, -von vor- und vorvorgestern abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein -Ei dem andern, so war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine -Gegenwart mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem -Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. Sofern -jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch und Wieder und Künftig -gesondert blieben, schlich eine Versuchung sich ein, Beziehungsnamen, -mit denen das „Heute“ sich Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom -Leibe hält, das „Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern -und sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären Wesen -denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit -bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das flinke Getrippel -unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit des Stundenmessers -hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, mit deren Raum sich eine Zeit -von gewaltigem Gange verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben -noch“ und „Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem -Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das wäre, sagen wir, -nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines duldsamen Relativismus -beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, sittlich“, auch als legitim, -gesund und achtbar anzusprechen. Was aber soll man von einem Erdensohne -denken, des Alters obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein -Monat, ein Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben -so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der eines -Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen der Lust -nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ und „Morgen“ für „Übers -Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft das Urteil „Verirrung und -Verwirrung“ und damit höchste Besorgnis am Platze. - -Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände (wenn -man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns vorschwebenden -Falle), unter denen eine solche Verwirrung und Verwischung der -zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur schwindligen Einerleiheit -gewissermaßen von Natur und Rechtes wegen statthat, so daß denn ein -Untertauchen in ihrem Zauber für Ferienstunden allenfalls als statthaft -gelten möge. Wir meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein -Sichbefinden, dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, – -wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an heimatliche -Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir vertrauen, daß auch -Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns nicht im Stiche lassen werde, -wenn wir auf diese wundersame Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und -gehst ... du wirst von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause -zurückkehren, denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. O -Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere Gedanken, -unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise sollst du in -unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du es im stillen immer warst und -bist und sein wirst ... Sausende Öde, blaß hellgrau überspannt, voll -herber Feuchte, von der ein Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir -gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln -bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen, -weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum -durchfährt und eine sanfte Betäubung in unserem Kopfe erzeugt, – wir -wandern, wandern und sehen die Schaumzungen der vorgetriebenen und -wieder rückwärts wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung -siedet, hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den -flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses -wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede -Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich Vergessen ... Schließen wir -doch die Augen, geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig -graugrünen Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont -verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein Dort? Wie -weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige Weise entzieht es -sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie weit dies Schiff vom Ufer entfernt -ist, müßtest du wissen, wie groß es an sich selber als Körper ist. Klein -und nahe oder groß und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick, -denn aus dir selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid -... Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht dahin. -Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie -jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit, -Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit -regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit. - -Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine Illusion, -ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis einer -Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein der Dinge ein stehendes -Jetzt. War er am Meere spaziert, der Doktor, der diesen Gedanken zuerst -empfing, – die schwache Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir -wiederholen jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da -sprechen, Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist so -rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. An -den menschlichen Erkenntnismitteln und -formen Kritik zu üben, ihre -reine Gültigkeit fraglich zu machen, wäre absurd, ehrlos, -widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn damit verbunden wäre, als -derjenige, der Vernunft Grenzen anzuweisen, die sie nicht überschreitet, -ohne sich der Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu -machen. Wir können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein, -wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, und den -er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind des Lebens“ -angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer Entschiedenheit als -„Das Böse“ kennzeichnete. Und wir ehren das Andenken eines uns lieben -Verstorbenen am besten, indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel -des kritischen Prinzips nur eines sein kann und darf: der -Pflichtgedanke, der Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit -die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen -Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische -Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Soll man -es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto setzen und -annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen Zeitwirtschaft, seinem -schlimmen Getändel mit der Ewigkeit bestärkt, daß, was ein -melancholischer Schwadroneur seines militärischen Vetters „Biereifer“ -genannt, letalen Ausgang genommen hatte? - - - Mynheer Peeperkorn - -Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang Gast des -Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht das Beiwort „international“ in -seinem Schilde führte. Peeperkorns leicht farbige Nationalität – denn er -war ein Kolonial-Holländer, ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer – -würde uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß er, so -bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich mit einem -Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen wir, noch nicht -bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere Geschichte -einzuführen; denn du großer Gott, in was für Tinten und Abschattungen -spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts, das Hofrat -Doktor Behrens in vielzüngiger Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht -genug, daß neuerdings hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend -war, dieselbe, die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr -und die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person mit -nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem Haar, die, von den -Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in -Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt -nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld -ausschließlich einer rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht -Frau Landauer hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer Hoheit -willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit geradezu den -Narren spielte: nicht genug also mit ihr persönlich, so befand sich -unter ihrem kleinen Gefolge auch noch ein verschnittener Mohr, ein -kranker, schwacher Mensch, der aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern -gehechelten Grundverfassung am Leben mehr zu hängen schien als irgend -jemand, und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von -seinem Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet hatte -... - -Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer Peeperkorn fast -farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt unserer Erzählung, wie ein -früherer, die Überschrift „Noch jemand“ tragen könnte, so braucht -deshalb niemand zu besorgen, daß hier abermals ein Veranstalter -geistiger und pädagogischer Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer -Peeperkorn war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die Welt zu -tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir sehen werden. Daß -gleichwohl schwere Verwirrung von seiner Person auf unseren Helden -ausging, begreift sich aus folgendem. - -Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station „Dorf“ ein, -wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in demselben Schlitten nach Haus -Berghof, woselbst er mit ihr zusammen im Restaurant das Abendessen -einnahm. Es war eine mehr als gleichzeitige, es war eine _gemeinsame_ -Ankunft, und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in -der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der -Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt, gegenüber dem -Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów seine wilden -und zweideutigen Aufführungen veranstaltet hatte, – diese -Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans Castorp verstörte, da -dergleichen seiner Voraussicht entgangen war. Der Hofrat hatte ihm Tag -und Stunde von Clawdias Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp, -alter Junge,“ hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt. -Übermorgen abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s -telegraphisch.“ Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme, hatte -er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon gewußt -hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen und zusammengehörten, – -wenigstens gab er Überraschung vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach -der gemeinsamen Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte. - -„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt hat“, erklärte -er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den Pyrenäen her, nehme ich -an. Tja, den müssen Sie nun erst mal in Kauf nehmen, Sie enttäuschter -Seladon, hilft Ihnen alles nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie. -Wie es scheint, haben sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist -schwer reich, nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen -Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände. Übrigens kommt -er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer gehörigen alkoholischen -Verschleimung scheint malignes Tropenfieber vorzuliegen, Wechselfieber, -verstehen Sie, verschleppt, hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben -müssen.“ - -„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab. „Und du?“ -dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt bist du doch auch -nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses und jenes täuscht, -blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen Ölmalerei. Legst allerlei -Schadenfreude in deine Worte, wie mir scheint, und dabei sind wir doch -Leidensgenossen, gewissermaßen in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser -Mann, entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender -Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man von ihm -gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von ihm gewonnen habe. -Robust und auch wieder spärlich, mit diesen Eigenschaftswörtern muß man -ihn meiner Meinung nach kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für -vereinbar gelten. Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig -da, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind -senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht seitlich, -wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren Gesellschaftsklassen -–, und wenn er so dasteht und nach holländischer Weise am Gaumen redet, -dann hat er unleugbar was recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist -schütter, – lang, aber schütter, daß man die Haare zählen zu können -glaubt, und seine Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe -geradezu, ich kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie -immer aufzureißen sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die -erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine Stirn -laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das weiße Haar zwar -lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben doch klein und blaß, -trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste verleiht ihm was -Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert ist. Das ist mein Eindruck -von heute morgen.“ - -„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete Behrens, „und -sich den Mann gut angesehen in seiner Eigenart, was ich vernünftig -finde, denn Sie werden sich mit seinem Vorhandensein arrangieren -müssen.“ - -„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist ihm überlassen -geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten Gastes ein ungefähres -Bild zu zeichnen, und er hat seine Sache nicht schlecht gemacht, – wir -hätten sie auch nicht wesentlich besser machen können. Allerdings war -sein Beobachtungsposten der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er -während Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich -nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand – nur daß der -andere etwas weiter gegen die Verandatür sich vorschob – und Hans -Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach dem Saalinnern gelegenen -Schmalseiten einnahmen, so saßen sie sozusagen nebeneinander, Hans -Castorp etwas hinter dem Holländer, was eine unauffällige Exploration -erleichterte, – während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg -vor sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen, -daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß und fleischig und -sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger Lippenbildung, gleichsam -zerrissen war. Ferner waren seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit -langen, spitz zulaufenden Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer -beim Sprechen – bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans -Castorp dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu -auserlesenen, die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat -nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden eines -Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen zum Kreise gekrümmt oder die -flache Hand – breit, aber nagelspitz – behütend, abdämpfend, Achtsamkeit -fordernd ausgebreitet, – um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er -hervorgerufen, durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten -Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu -enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln; denn die -Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung ersetzte in hohem -Grade noch nachträglich, was ausblieb, und wirkte befriedigend, -unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst. Zuweilen erfolgte die -Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart seine Hand auf den Unterarm -seines Nachbarn zur Linken, eines jungen bulgarischen Gelehrten, oder -auf den Madame Chauchats zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg -aufwärts, Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er im -Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß die -rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln laufenden -Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so Gefesselten auf das -Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen Lippen, geöffnet, im -Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu entlassen. Nach einer Weile -jedoch atmete er aus, verzichtete, winkte gleichsam „Rührt euch“ und -wandte sich unverrichteterdinge seinem Kaffee wieder zu, den er sich -extra stark, in einer eigenen Maschine, hatte servieren lassen. - -Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte mit der Hand -die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der Dirigent, der das -Durcheinander der stimmenden Instrumente zum Schweigen bringt und sein -Orchester, kulturell gebietend, zum Beginn der Aufführung sammelt, – -denn da sein großes, vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen -Augen, den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem -bloßliegenden wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte, so fügte -alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen ihn lächelnd an, -warteten, und da und dort nickte einer ihm zur Ermunterung lächelnd zu. -Er sagte mit ziemlich leiser Stimme: - -„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen Sie jedoch ins -Auge fassen und nicht – keinen Augenblick – außer acht lassen, daß – -Doch über diesen Punkt nichts weiter. Was auszusprechen mir obliegt, ist -weniger jenes, als vor allem und einzig dies, daß wir verpflichtet sind, -– daß der unverbrüchliche – ich wiederhole und lege alle Betonung auf -diesen Ausdruck – der _unverbrüchliche_ Anspruch an uns gestellt ist – – -_Nein!_ Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich etwa – Wie -weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–_ledigt_, meine -Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß uns einig in alldem, und so -denn: zur Sache!“ - -Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft -bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen entschieden, -eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und auch der lauschende -Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen zu haben meinten oder, sofern -ihnen das Ausbleiben sachlicher und zu Ende geführter Mitteilung bewußt -geworden war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie -einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich gegrämt, weil -er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte gemacht und sich -eingebildet hätte, durch sein Gebrechen geistig zu kurz zu kommen. -Solche Leute neigen zu Mißtrauen und Bitterkeit. Ein junger Chinese -dagegen, am anderen Tischende, der des Deutschen noch wenig mächtig war -und nicht verstanden, aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine -erfreute Befriedigung durch den Ruf: „_Very well!_“ – und applaudierte -sogar. - -Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich auf, dehnte die -breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock über der geschlossenen -Weste zu, und sein weißes Haupt war königlich. Er winkte eine -Saaltochter heran – es war die Zwergin –, und obgleich sehr beschäftigt, -folgte sie sofort seinem bedeutenden Zeichen und stellte sich, Milch- -und Kaffeekanne in Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht -umhin, ihm mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd -zuzunicken, in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter den -mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren Zeigefinger sich -mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während die drei übrigen Finger -aufwärts standen, von den Lanzenspitzen der Nägel überragt. - -„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie sind klein, – -was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es positiv, ich danke Gott -dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und durch Ihre charaktervolle -Kleinheit – Nun gut denn! Auch was ich von Ihnen wünsche, ist klein, -klein und charaktervoll. Vor allem, wie heißen Sie?“ - -Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia sei. - -„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die Stuhllehne -zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte. Er rief es mit -einer Betonung, als wollte er sagen: Aber was wollen Sie denn? Alles -steht wundervoll! – „Mein Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit -Strenge fort, „– das übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie -sprechen es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung -mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten Möglichkeiten. Er -ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und alles Gefühl seiner Brust -daransetzt, um – in der Koseform – Sie verstehen mich wohl, mein Kind: -in der _Kose_form – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre -erwärmend, – für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen. -Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine Liebe. Halt! -Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! Ich sehe es deinem -verhältnismäßig großen Gesichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen, -aber nicht gebackenes Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in -allerlei Gestalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares -Brot, kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, ob -Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen, ‚Herzstärkung‘ -dafür einzusetzen, liefe hier nicht die neue Gefahr mit unter, es im -Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit – Er–ledigt, Rentia. Erledigt und -ausgeschlossen. Vielmehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen -Verbindlichkeit – Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld, -mich deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens – -Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer, -Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“ - -„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich einmal um -sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu werden, und stellte -sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben sein Besteck, offenbar, weil sie -Herrn Peeperkorn nicht damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr -Auftraggeber erhielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll -geschenkt, daß das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den -Teller benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob es gegen -das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn sich mit einem -Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut. -„Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an.“ Und er -nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und -legte sie dann zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen -ließ. - -Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher Mann. -Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich -von den Kolonialgeschäften zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins -Trockene gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und -seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen -„Geld-Magneten“ (Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei auf eine -Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit ihrer Heimkehr zum -Abendkleide trug, und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis -transkaukasischer Gattengalanterie verstanden werden durfte, sondern der -„gemeinsamen Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich -mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den -Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden, seine -Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er -verbesserte ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich -versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht, -denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehrerin -Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und ohne ihn -anzusehen befragte, wie der neue Gast ihm behage, antwortete er mit gut -bewahrtem Gleichmut. Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte -Persönlichkeit“, sagte er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die -Genauigkeit dieser Kennzeichnung bewies Objektivität und damit -Gemütsruhe; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar -Ferdinand Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten -Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt war, so bewies -hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um -kein Haar dem artikuliertesten Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte -der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß -jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal -anerkannte denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte -sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von -nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini und -Ferge Hans Castorps Paletot zu tragen. - -In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn sogar lieber -selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem Elenden dann und -wann überlassen. Das aber verkennt wohl niemand in unserer Runde, daß -Hans Castorp hart betroffen war durch jene völlig unvorhergesehenen -Umstände, die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das -Wiedersehen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich -getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und darin -lag das Beschämende. - -Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, weit entfernt -von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran, daß er Clawdia etwa vom -Bahnhof hatte abholen wollen, – und ein Glück nur, daß er diesen -Gedanken nicht hatte aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß -gewesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die -phantastischen Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen -Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie wünschen werde, -unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine Zudringlichkeit, kein -plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu der -schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer Vernunft und Gesittung -dem Wesen nach hinter sich ließ, – in der Form war vollkommenste -Zivilisation und für den Augenblick sogar der Schein der -Gedächtnislosigkeit zu wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch – -fürs erste nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer -Gelegenheit, unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden -seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner -Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben. - -All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch, daß ihm -die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit genommen war. Die -Gegenwart Mynheer Peeperkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik, -die _nicht_ in äußerster Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich -aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den -Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische -Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen auf dem -Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife heraufkommen -sehen, und zuseiten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde -gesessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen -hatte es keine Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden -Mitkömmlings zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß beide im -ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann -war das erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Platze -und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür gewartet hatte. Es war -ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn -hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß, -breit und hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den -Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt, -vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es, -unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte Hans Castorp sie -mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter -kunstreich frisiertes, sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes -Haar, es waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre -Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung der -Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der Wangen selbst bewirkte ... -Clawdia! dachte er erschauernd, – und er faßte den Unerwarteten ins -Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges Kopfaufwerfen gegen die -maskenhafte Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die -Aufforderung an sein Herz, sich lustig zu machen über die -Großmächtigkeit eines gegenwärtigen Besitzrechtes, das durch gewisse -Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt wurde: _gewisse_ -Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der -dilettantischen Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu -beunruhigen vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen -den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft -zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und Peeperkorn leistete -ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter ihr stehend die kleine -Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich danach an seinem Tischende zu -Clawdias Seite niederzulassen. - -Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch. Clawdias -Augen waren bei der „Vorstellung“ über Hans Castorps Person wie über -seinen ganzen Ort in fernere Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei -der folgenden Zusammenkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen; -und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders -begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen von -Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des Essens einmal umwandte, -desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während -der kurzen Abendgeselligkeit hielten die Reisegefährten sich in dem -kleinen Salon: Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer -Tischgenossen, und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet -gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines Kinnbartes abstach, -trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben -lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch anderthalb oder zwei, -zu schweigen von dem „Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück -begann. Offenbar war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem -Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie -sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern auch mittags -trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der Mahlzeit, sondern -während ihrer und neben dem Wein. Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen, -sei gut gegen das Fieber, – von aller labenden Wirkung ganz abgesehen, -sehr gut gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am -zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte. -Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer ungefähr -viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als ein Glühen und -dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene Milz sollte er davon -haben. - - - _Vingt et un_ - -So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis vier, von uns aus -geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil und messenden Sinn -unmöglich verlassen können. Sie glitten dahin, ohne neue Veränderung zu -zeitigen, sie zeitigten auf seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen -Trotz gegen unvorgesehene Umstände, die ihm eine verdienstlose -Zurückhaltung auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter -Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an das störende -Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen und undeutlichen Mannes, – -störend in der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini -„hier gestört“ hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben -sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen -Falten betrachtete er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin, -sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für eine -großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die -Vergangenheit auf sie warf. - -Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß einmal -geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich -reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen, -von einem ungarischen Studenten auf der Geige keck exekutiert, worauf -Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Krokowski auf eine -Viertelstunde erschienen war, irgend jemanden genötigt hatte, in der -tieferen Lage des Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen, -während er selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf -hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden -Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem Applaus, mit -wohlwollendem Kopfschütteln, das dem eigenen Übermut galt, verließ der -Hofrat danach die Konversationsräume. Die Geselligkeit aber spann sich -hin, noch wurde fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür -gefordert worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Getränken, -unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte da und dort. -Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches hatte sich unter die -Gruppen der Halle und des Klavierzimmers gemischt. Man sah Mynheer -Peeperkorn an verschiedenen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu -sehen, sein majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie -durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn -umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums mochten -angezogen worden sein, so war es doch sehr bald seine Persönlichkeit -selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd standen sie und nickten -ihm zu, ermunternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge -unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten durch die -Eindringlichkeit seiner langnägeligen Kulturgebärden und ohne über die -unverständliche Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche -Unbrauchbarkeit dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten -Enttäuschungsgefühles bewußt zu werden. - -Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp um, so finden -wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem Gesellschaftsraum, wo ihm -einst (dies Einst ist vage; Erzähler, Held und Leser sind nicht mehr -ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen -über die Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es -war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt. -Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an einem der -Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der Nase blätterte an der -Bibliothek sitzend in einem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der -Nähe des offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere -zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden -hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man ihn sehen will, -mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt -seine Zeitung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht, -sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch -durchsetzte Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen -darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, und daß -seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige Wege der Enttäuschung -durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Wartezeit auf sich -genommen, am Ende dieser Wartezeit schmählich zum Narren hielten, – -bittere Wege des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis -zu dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen -zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die nach -der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Einsamkeit der -Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen diese verpfuschte -Geselligkeit einzutauschen. - -„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem Kopf, eine -Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für sein Ohr, das nun einmal -geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung als extreme Annehmlichkeit -zu empfinden – den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel -getrieben –, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern. Aber -mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme, und -wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim gefragt. - -Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht etwas höher, -so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel an der steilen -Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen ein wenig, tat sie aber gleich -wieder auf, um sie schräg aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick -durch die Haltung seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu -richten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast etwas -Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte noch einmal fragen, -doch das geschah nicht. So war er nicht einmal sicher, ob sie noch -hinter ihm stände, als er nach geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung -und halber Stimme zur Antwort gab: - -„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“ - -Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war, das wieder -zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie aus Mangel an -Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke des Mitgefühls -wählte, als sie hinter und über ihm sagte: - -„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit wann?“ - -„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter. Es war ihm -ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei Ehrensalven über seinem Grabe -abgegeben worden.“ - -„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als andere Leute, -gewisse andere.“ - -„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem Biereifer. Aber sein -Körper wollte es anders. _Rebellio carnis_, heißt es bei den Jesuiten. -Er war immer körperlich gesinnt, auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper -hatte Unehrenhaftes eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein -Schnippchen. Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst -zu verderben, als sich zu bewahren.“ - -„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer Taugenichts. -Radamanth? Wer ist das?“ - -„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“ - -„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ... Ich liebte -ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die Stimme sprach das Wort -„mähnschlich“ aus, mit einer gewissen trägen und schwärmerischen -Dehnung.) „Er war hochmütig.“ (Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist -nicht mehr da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“ - -„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir haben weitläufig -philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta und ich.“ - -„Wer ist Naphta?“ - -„Sein Widersacher.“ - -„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft machen. – -Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr Vetter sterben würde, wenn er -versuchte, in der Ebene Soldat zu sein?“ - -„Ja, du hast es gewußt.“ - -„Was fällt Ihnen ein!“ - -Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete, den Wirbel -gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf das Wiederlautwerden -der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie noch hinter ihm sei, befürchtend, -das abgerissene Musizieren nebenan möchte das Geräusch sich entfernender -Schritte verschlungen haben. Endlich jedoch kam es wieder: - -„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters gefahren?“ - -Er antwortete: - -„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß, da er -anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine Stirne war.“ - -„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, die man kaum -kennt!“ - -„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich dehnte -auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr wie jemand, der sich -reckt und gähnt.) - -„_Quelle blague!_ – Sie waren immer hier?“ - -„Ja. Ich habe gewartet.“ - -„Worauf?“ - -„Auf dich.“ - -Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit dem Worte -„Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen haben.“ - -„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn. Aber es wäre -nur wilde Abreise gewesen. Denn außer den alten Narben von früher her, -aus meiner Schulzeit, du weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens -gefunden hat, und die mir das Fieber macht.“ - -„Immer noch Fieber?“ - -„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist kein -Wechselfieber.“ - -„_Des allusions?_“ - -Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick. Nach einer -Weile fragte er: - -„Und wo warst _du_?“ - -Eine Hand schlug auf die Stuhllehne. - -„_Mais c’est un sauvage!_ – Wo ich war? Überall. In Moskau“ (die Stimme -sagte „Muoskau“, – es war eine ähnlich träge Dehnung wie die von -„mähnschlich“), „in Baku, in deutschen Bädern, in Spanien.“ - -„O, in Spanien. Wie war es?“ - -„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren. Kastilien ist -sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das Schloß oder Kloster -dort am Fuß des Gebirges ...“ - -„Der Eskorial.“ - -„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir hat viel besser -gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana, zum Dudelsack. Ich -habe selbst mitgetanzt. Alle fassen sich an und tanzen Ringelreihn. Der -ganze Platz ist voll. _C’est charmant._ Es ist mähnschlich. Ich habe mir -eine kleine blaue Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des -Volks sie tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der -Liegekur und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“ - -„Welcher Monsieur?“ - -„Der hier im Stuhl.“ - -„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“ - -„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“ - -„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende gesprochen, daß man -ihn verstehen konnte?“ - -„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft sein, beißend. -Man versucht, sich lustig zu machen über Leute, die viel größer und -besser und mähnschlicher sind als man selber mitsamt seinem ... _avec -son ami bavard de la Méditerranée, son maître grand parleur_ ... Aber -ich werde nicht erlauben, daß man meine Freunde –“ - -„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die Stimme in -schwermütigem Tonfall. - -Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“ - -„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine Staffelei auf -meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“ - -Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte sich nach -seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere war er -hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit dem er sie -hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, und zwar dicht vor -Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch seinen Somnambulismus nicht an -der Einsicht gehindert, daß es nun aufzustehen und höflich zu sein -gelte, Mühe hatte, zwischen den beiden von seinem Stuhle emporzukommen, -– er mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die -handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in ihrer Mitte. - -Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten Abendlandes, indem -sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein Bekannter von früher her, -sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, – aus Tagen ihres vorigen -Aufenthalts. Herrn Peeperkorns Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie -nannte seinen Namen, und der Holländer, den blassen Blick unter dem -idolhaften Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und -Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die Hand, -deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, dachte -Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen beiseite ließ. Zum erstenmal -stand er unter der unmittelbaren Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger -Persönlichkeit („Persönlichkeit“ – man hatte das Wort beständig im Sinne -angesichts seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine -Persönlichkeit, wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, daß -eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen könne als er), und -seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich erdrückt von dem Gewicht -dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, weißumlohten Sechzig, mit dem -weh zerrissenen Munde und Kinnbart, der lang und schmal auf die -geistlich geschlossene Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die -Artigkeit selbst. - -„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie mir, – durchaus! -Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, – die Bekanntschaft eines -vertrauenerweckenden jungen Mannes, – ich tue es mit Bewußtsein, mein -Herr, ich bin mit ganzer Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein -Herr; ich – bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“ - -Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren allzu -peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn zog Folgerungen -daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, und die durch den Mund -seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße Ergänzung fanden. - -„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – ich bitte mich -wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser Vermögen, seinen -Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun einmal – Das sind Tatsachen, -mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. Kurzum, mein Kind, kurzum und -gut. –“ Er verharrte in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die -Verantwortung ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises -ein entscheidender Fehler begangen werden sollte. - -Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner Wünsche aufs halbe -Wort zu unterscheiden. Sie sagte: - -„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, vielleicht ein -Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. Was stehen Sie?“ wandte -sie sich an Hans Castorp. „Regen Sie sich! Wir werden nicht zu dreien -bleiben, wir müssen Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon? -Engagieren Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den -Balkons. Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“ - -Peeperkorn rieb sich die Hände. - -„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger Freund! -Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir werden spielen und -essen und trinken. Wir werden fühlen, daß wir – Absolut, junger Mann!“ - -Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er klopfte bei A. -K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal und Herrn Albin aus ihren -Stühlen in der unteren Liegehalle holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant -und das Ehepaar Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld -noch im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein geräumiger -Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen und kleinen -Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden Gast, der sich zugesellte, -blassen und höflichen Blickes, unter aufmerksam emporgezogenen -Stirnarabesken. Zu zwölf Personen ließ man sich nieder, Hans Castorp -zwischen dem majestätischen Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und -Spielmarken wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige Gänge -_Vingt et un_ geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner bedeutsamen -Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen weißen Chablis vom Jahre -06, drei Flaschen fürs erste, und Süßigkeiten dazu, was eben an -gedörrtem Südobst und Konfiserie würde aufzutreiben sein. Das -Händereiben, mit dem er die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen -wurden, war voll von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art -abrissen, suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen -in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung in Frage kam. -Er legte beide Hände auf die Unterarme seiner Nachbarn, hob den -lanzenspitzen Zeigefinger und forderte mit umfassendem Erfolge die -höchste Aufmerksamkeit für die herrliche Goldfarbe des Weins in den -Römern, für den Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine -gewisse Art kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem -er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa hätte -regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im Keime erstickte. -Er war es, der als erster die Bank übernahm; doch trat er sie bald an -Herrn Albin ab, da, wenn man ihn recht verstand, das Amt ihn am freien -Genusse der Umstände hinderte. - -Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte um nichts, seiner -Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als kleinsten Einsatz ausgerufen nach -seinem Vorschlage, doch war das sehr viel für die Mehrzahl der -Beteiligten; Staatsanwalt Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden -abwechselnd rot und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren -Kämpfen, wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen -sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter Routine eine -Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und über zuschanden machte, und -Peeperkorn lachte herzlich darüber. - -„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es klingt schrill und -lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken Sie, laben Sie Ihr Herz zu -neuen –“ Und er schenkte ihr ein, schenkte auch seinen Nachbarn und sich -selber ein, bestellte drei neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der -innerlich verödeten Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am -bedürftigsten schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und höher -von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme desjenigen Doktor -Ting-Fus, das unveränderlich gelb blieb, mit jettschwarzen -Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem Kichern sehr hohe -Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem Glück. Andere wollten nicht -zurückstehen. Staatsanwalt Paravant forderte schwimmenden Blickes das -Schicksal heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig -hoffnungsvolle Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und -gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen auf ein As, das -er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen, verdoppelt zurück. -Das waren Erschütterungen, die sich nicht auf die Person dessen -beschränkten, der sie sich bereitete. Der Kreis nahm teil daran, und -selbst Herr Albin, der an kalter Umsicht mit den Croupiers des Kasinos -von Monte Carlo wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war -seiner Erregung nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte hoch; -ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu den „Touren“ über, -spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante, deine Tante“ und das gefährliche -„Différence“. Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und -hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische -Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und -ernst, – nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des -Lebens selbst. - -Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das Spiel und -der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises, diese Erhitzung -der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden Augen oder das zeitigten, -was man die Angestrengtheit der kleinen Gesellschaft, ihr -In-Atem-gehalten-sein, ihre fast schmerzhafte Konzentration auf den -Augenblick hätte nennen können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung -einer Herrschernatur unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“ -unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen, der die -Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und alle durch das -Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen Blick unter dem -monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch sein Wort und die -Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den Bann der Stunde zwang. Was -sagte er? Höchst Undeutliches, und desto Undeutlicheres, je mehr er -trank. Aber man hing an seinen Lippen, starrte lächelnd und mit -emporgerissenen Brauen nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit -seinem Daumen bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz -aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend arbeitete, -und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst anhalten, der weit -das Maß von hingebender Leidenschaft überstieg, das diese Leute sich -sonst zuzumuten gewöhnt waren. Er ging über die Kräfte einzelner, dieser -Dienst. Frau Magnus wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht -hinzuschwinden, weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen, sondern -begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue, woselbst man ihre -Stirn mit einer nassen Serviette versah, und von wo sie nach einiger -Erholung in den Kreis zurückkehrte. - -Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr -zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit erhobenem -Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man müsse essen, -ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, so gab -er zu verstehen, und bestellte Stärkung für die Runde, eine Kollation, -Fleisch, Aufschnitt, Zunge, Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, – -Platten voll fetter Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und -Petersilie garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie, -eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen Gediegenheit -kein Wort verloren zu werden braucht, frohen Zuspruch fanden, erklärte -Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen Bissen für „Firlefanz“ – und zwar -mit einem Zorn, der die beängstigende Unberechenbarkeit seiner -Herrschernatur bekundete. Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in -Schutz zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er schlug -mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten Quark -erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, da er am Ende als -Spender und Wirt das Recht hatte, seine Gaben zu beurteilen. - -Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, ihm -vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich bekennen -mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn nicht, wirkte in -seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen Weinmengen in Beziehung -zu setzen niemand in seinem Herzen sich unterstand, so groß und -königlich, daß alle sich duckten und jedermann sich hütete, von den -Fleischwaren noch einen Bissen zu nehmen. Frau Chauchat war es, die -ihren Reisegefährten beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach -dem Schlag auf dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd, -man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht, wenn er -wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen sein werde. „Mein -Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und mühelos, in voller Würde fand er den -Übergang von schwerem Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er -Clawdias Hand küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für -jedermann eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen -gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung einen -Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal zum Unterbrechen des -Feierabends zu bestimmen. - -Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende -Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und grün gesprenkelt, -einen weichlich warmen Duft von Eiern und Butter im Zimmer verbreitend. -Man griff zu, gemeinsam mit Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm, -der mit abgerissenen Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann zu -aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe anhielt. Er -ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle Runde, und zwang -alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft nach Getreide mit einem -zarten Einschlag von Wacholder entströmte, mit gespannter Andacht zu -sich zu nehmen. - -Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den Mundstückzigaretten -zu, die sie in einer russischen, mit einer dahinsausenden Troika -geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit vor sich auf den Tisch -gelegt hatte, und Peeperkorn tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich -diesem Vergnügen überließen, rauchte aber selbst nicht, tat es niemals. -Verstand man ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum -bereits den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen Raub -an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute, jener Gaben und -Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer Gefühlskraft doch kaum -gelinge. „Junger Mann,“ sagte er zu Hans Castorp, indem er ihn mit -seinem blassen Blick und seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, – -das Einfache! Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche Wein, -ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen und genießen -wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir ihm wahrhaft Genüge, -bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt. Ich habe Personen gekannt, -Männer und Frauen, Kokainesser, Haschischraucher, Morphinisten – Gut, -lieber Freund! Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und -richten. Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, dem -Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles – Erledigt, mein -Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren ihm alles schuldig geblieben! -Wie Sie auch heißen mögen, junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt, -ich habe es wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht -im Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die nicht -vergeben werden kann, sie beruht –“ - -Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, verharrte er in -mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu verstehen zwang, den -Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig zerrissenem Munde unter der -nackten und roten, von der Rasur etwas wunden Oberlippe, angestrengt -emporgezogen das lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten -Stirn, erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp etwas -wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen Versündigung, -dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt hatte, und das in -seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit der ganzen bannenden Kraft -einer undeutlichen Herrschernatur schweigend befahl ... Entsetzen, -dachte Hans Castorp, von sachlicher Art, aber auch etwas wie -persönliches Entsetzen, ihn selbst, den königlichen Mann, betreffend, – -_Angst_ also, aber nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie -panischer Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf, -und Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, aller -Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits gegen -Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden waren, diese -Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen. - -Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die -Genugtuung des Verständnisses zu bereiten. - -„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von -Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und -natürlichen Gaben des Lebens, die so groß und heilig sind, gerecht -geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe, -Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen -ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf -hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß diesen gesunden -und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit widerfährt. -Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff und unaufmerksam und -gewissenlos und innerlich ausgeleiert, um sie ihnen widerfahren zu -lassen, so wird es wohl sein.“ - -Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte er, „– perfekt. -Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bitte Sie, mit mir zu -trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies -soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich -war eben im Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein -wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in -sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen -und darauf bestehen, daß wir sofort –“ - -Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn selbst angeregten -Aufschub. - -„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und -schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen! -Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –“ - -Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken -war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit nicht gering und beschämend, -nicht als Entwürdigungszustand, sondern verband sich mit der Majestät -seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung. -Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf -seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, und -im höchsten Grade kam es darauf an, _wer_ betrunken war, eine -Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, im -Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen, -dessen Kulturgebärden schlaff geworden waren und dessen Zunge lallte. - -„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und -stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte -ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, „– -in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, wenn auch Besonnenheit -zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein -Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten -und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit -schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen, -das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste -Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor -ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen -Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist -die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine -Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist, – -er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind -gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte -Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang -...“ - -Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper mehr und mehr -zurückgeworfen, während zugleich sein königliches Haupt sich zur Brust -neigte, als wollte er einschlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er -die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen, -so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von -der Eigentümlichkeit aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig -erschrocken auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie das Wort -ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals -aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das -war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er -kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte _das -Format_ dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte -sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und -scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort -seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische -Größe gewann. „Mein Gott – eine Persönlichkeit!“ empfand er zum -hundertstenmal. „Ich bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist -Clawdias Reisebegleiter!“ Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er -sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der -Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er -im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von -berufener Seite Donnerworte gesprochen worden? Was sollte da noch seine -spröde Stimme? Aber an Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen -Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich -sträubte, es zu sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen -Kommentare verleiten. Er sagte: - -„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das für ein Ausdruck: -Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ über den Weltuntergang?), „führen -meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster -ausgemacht wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und, -wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen -Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten -der späten und ausgepichten, der Raffinements, denen man ‚frönt‘, wie -einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen -‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. Aber hier scheint mir nun eben auch die -Entschuldigung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte -Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich -fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar -gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es nannten, beruht. -Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates -gesagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine, -der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht unempfindlich für diese -Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit -widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen -Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des -Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor -aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch- und -Erhebungsmittel darstellen, _stimulantia_, wie man sagt, Stützen und -Steigerungen der Gefühlskräfte, weshalb denn also doch das Leben ihr -Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der -Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ...“ - -Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit genug, -„einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und -um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten, -die gewisse gegenwärtige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten? -Stach ihn der Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus -unverschämte Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte er -sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er -Fürchterliches heraufbeschworen. - -Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes in seiner -zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem Kopfe verharrt, so -daß man hätte zweifeln können, ob Hans Castorps Worte in sein Bewußtsein -drangen. Jetzt aber, allmählich, während der junge Mann sich verwirrte, -begann er, sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller -Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot anschwoll, seine -Stirnarabesken sich hoben und spannten und seine kleinen Augen sich zu -blasser Drohung erweiterten. Was bereitete sich vor? Ein Koller, gegen -den der vorangegangene nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im -Anzuge. Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen die -obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben -wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in -Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend -zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwätzer, der, in -Schrecken gejagt und doch auch abenteuerlich erfreut durch das Bild -ausdrucksvoll königlichen Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe -hatte, Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig -zuvorkommend: - -„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das Ganze ist eine -Frage des Formats, nichts weiter. Man kann nicht Laster nennen, was -Format hat. Das Laster hat niemals Format. Die Raffinements haben -keines. Aber dem menschlichen Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten -her ein Hilfsmittel, ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand -gegeben, das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den -Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften trägt, -ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen darf, der Wein also, ein -göttliches Geschenk an die Menschen, wie schon die alten humanistischen -Völker behaupteten, die philanthropische Erfindung eines Gottes, mit der -sogar die Zivilisation zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn -wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und zu keltern, -die Menschen aus dem Stande der Roheit traten und Gesittung erlangten, -und noch heute gelten die Völker, bei denen Wein wächst, für gesitteter, -oder halten sich dafür, als die weinlosen, die Kimerer, was sicher -bemerkenswert ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des -Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr mit -der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem gelabten Gefühl, – ist -das nicht, wenn ich so frei sein darf, Ihnen die Frage vorzulegen, auch -Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“ - -Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini es mit -schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein „Schalk“. -Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten – und -geschickt dann auch wieder, wenn es galt, sich aus der Patsche zu -ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster Lage und aus dem Stegreif, -eine Ehrenrettung des Trunkes mit vielem Anstand vollzogen, hatte -ferner, ganz nebenbei, die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in -Mynheer Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig zu spüren -war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend gemacht, indem er -dem großartig darin Befangenen eine Frage vorgelegt hatte, die man mit -erhobener Faust unmöglich beantworten konnte. Der Holländer ließ denn -auch nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte sein -Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein Glück!“ stand in -seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich drohenden Miene zu -lesen, das Gewitter verzog sich, und überdies mischte nun Frau Chauchat -sich ein, indem sie ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall -der Geselligkeit hinwies. - -„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie auf -französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem Herrn, mit dem -Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen haben. Aber unterdessen hat -das Spiel fast aufgehört, und ich fürchte, man langweilt sich. Wollen -wir den Abend beschließen?“ - -Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war richtig: -Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich gegriffen; die -Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte Schulklasse. Mehrere -waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff sofort die schleifenden Zügel. -„Meine Herrschaften!“ rief er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser -lanzenspitze Finger war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne, -sein Ruf aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers, -der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch war der Einsatz -seiner Persönlichkeit sofort von weckender und sammelnder Wirkung. Man -raffte sich auf, straffte die schlaff gewordenen Mienen und nickte -lächelnd in des mächtigen Wirtes blasse Augen unter der idolhaften -Lineatur seiner Stirn. Er bannte alle und hielt sie aufs neue zum -Dienste an, indem er die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens -senkte und die anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete -die Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen weh -zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende Undeutlichkeit dank -ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste Macht über die Gemüter übte. - -„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften, es ist nun -einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir – ‚schwach‘, so steht es in -der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt, sich den Anforderungen – Aber -ich appelliere an Ihre – Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich -_ap–pel–liere_. Sie werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine -Herrschaften, perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich -veneriere seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den – -wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben vom -ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten, meine -Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich erinnern: Gethsemane! -‚Und nahm zu sich Petrum und die zween Söhne Zebedei. Und sprach zu -ihnen: Bleibet hie und wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu -ihnen und fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht -eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften. -Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber schlafend, und -ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu ihnen: Ach, wollt Ihr nun -schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften: -Durchbohrend, herzversehrend.“ - -Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt. Er -hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen Kinnbart gefaltet und -das Haupt schräg geneigt. Sein blasser Blick hatte sich gebrochen bei -dem, was an einsamem Todesschmerz von seinen zerrissenen Lippen -gekommen. Frau Stöhr schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer -aus. Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise, -gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte mit gesenkter -Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten, um ihn der allgemeinen -Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse ein Irrtum vorliegen. Man sei -frisch und munter, flott, fidel und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es -sei ein so schöner, festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, – -alle verständen und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran, -von dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer Peeperkorn -könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen von ihnen. - -„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf. Seine -Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts, ausgebreitet, -aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu heidnischem Gebet. Seine -großartige Physiognomie, eben noch von gotischem Schmerz beseelt, -erblühte üppig und heiter; sogar ein sybaritisches Grübchen zeigte sich -auf einmal in seiner Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die -Karte geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an der -Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen Mumm & Co., -_Cordon rouge, très sec_; dazu _petits fours_, köstliche, kegelförmige -kleine Schlemmerbissen, mit farbigem Zuckerguß überkleidet, von -zartestem Biskuitcharakter, im Innern benetzt von Schokolade- und -Pistaziencreme, und auf Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande -angeboten. Frau Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr -Albin löste mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von -Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole dem -geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren, worauf er die -Flasche nach elegantem Herkommen zum Einschenken in eine Serviette -hüllte. Der edle Schaum befeuchtete das Linnen der Anrichtetischchen. -Man ließ die Flachkelche klingen und leerte das erste Glas auf einen -Zug, elektrisierte sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel. -Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß man sich -bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische zu räumen. Die -Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, indem sie ein -zusammenhangloses Geschwätz tauschte, dessen Elemente bei jedem -einzelnen aus erhöhtem Gefühle stammten und in irgendeinem Urzustande -das Schönste versprochen hatten, aus denen aber auf dem Wege zur -Mitteilung ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils -unverständlicher Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham jedes -nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten ohne -Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen verantwortungslosen -Zustand wiegten. Frau Magnus selbst hatte rote Ohren bekommen und -gestand, sie fühle, wie Leben sie durchrinne, was aber Herrn Magnus -nicht lieb zu sein schien. Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der -Schulter Herrn Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken -vorhielt. Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden -leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen nach dem -Champagner, _Mocca double_, der wiederum von „Brot“ begleitet war und -von süßen Scharfheiten, Apricots Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille -und Maraschino für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und -Bier dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee für -solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu bleiben oder zu -einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie Mynheer selbst, der sich nach -Mitternacht zusammen mit Frau Chauchat und Hans Castorp zu einem -Schweizer Roten von naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem -er mit wirklichem Durst einen Glasbecher nach dem anderen -hinunterschüttete. - -Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten teils durch -bleierne Rauscheslähmung, teils durch das eigentümliche Vergnügen, -sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, teils durch die -Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und durch das abschreckende Beispiel -Petri und der Seinen, an deren Fleischesschwäche niemand teilhaben -wollte. Allgemein gesprochen, schien der weibliche Teil weniger -gefährdet in dieser Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl, -die Beine von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur -noch mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter -Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich tätiger. -Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte gestemmt, die -Wangen in den Händen, wies lachend dem kichernden Ting-Fu den Schmelz -ihrer Vorderzähne, indes Frau Stöhr, mit angezogenem Kinn über die -vorgebogene Schulter kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln -suchte. Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn Albins -Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen zog, was aber -Herr Magnus eher als Erleichterung zu empfinden schien. Anton -Karlowitsch Ferge ward aufgefordert, die Geschichte seines Pleura-Choks -zum besten zu geben, kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit -und erklärte ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken -einstimmig ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend bitterlich, aus -irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen Einblick zu -eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande war, wurde aber mit Kaffee -und Kognak seelisch wieder auf die Beine gebracht und erregte übrigens -durch das Gewimmer seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das -von Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit -erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine -Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch nahm. - -„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben Sie mir: -Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm meine Serviette! Oder -besser noch, nein, unterlaß es! Er selber verzichtet darauf. Meine -Herrschaften, – heilig! Heilig in jederlei Sinn, im christlichen wie im -heidnischen! Ein Urphänomen! Ein Phänomen vom ersten – vom obersten – -Nein, nein, das ist – –“ - -Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt die -leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er unter genauen, -wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen Kulturgebärden seine -Veranstaltung begleitete. Er hatte eine Art, den Ring, den sein -gekrümmter Zeigefinger mit dem Daumen bildete, über das Ohr -emporzuhalten und das Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die -Gefühle erweckte, wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie -erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher Grazie vor -dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert in seiner -Großartigkeit, den Arm um die benachbarte Stuhllehne geschlungen, zwang -er alle zu ihrer Bestürzung, sich mit ihm in die lebendige und -durchdringende Vorstellung des Morgens zu vertiefen, eines frostigen, -dunklen Wintermorgens, wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe -sich durch die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das -draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ... -Andeutungsweise wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so stark zu -machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch noch des eiskalten -Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher Frühe aus einem großen -Schwamme über den Nacken drücke, und das er heilig nannte. Das war nur -eine Abschweifung, eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der -Lebensaufmerksamkeit, ein phantastisches Impromptu, das er fallen ließ, -um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart alsbald der -festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden. Er zeigte sich verliebt -in all und jede erreichbare Weiblichkeit, wahllos und ohne Ansehen der -Person. Er machte der Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte -Wesen sein übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte, -sagte der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau ihre -Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen -Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß auf seinen -großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit der trostlosen Frau -Magnus – dies alles unbeschadet seiner zärtlichen Ergebenheit gegen -seine Reisebegleiterin, deren Hand er oft mit galanter Andacht an die -Lippen führte. „Der Wein –“ sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist -nun doch – Erlauben Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“ - -Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat Behrens also -– nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen. Panik wütete in -demselben Augenblick unter der entnervten Gästeschaft. Stühle und -Eiskübel stürzten. Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von -königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines -Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den -Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ sich aber dann -durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu einem gewissen Grade mit dem -Gedanken versöhnen, daß dies Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert -hatte, ohnehin einmal sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der -Mahnung an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte ein, -sich zu Bette geleiten zu lassen. - -„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger Mann!“ sagte -er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So waren sie seinem schweren -Körper beim Aufkommen vom Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar, -und eingehängt in beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine -seiner hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den -anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes zur Seite -drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde war es wohl ein königlicher -Luxus, den er sich leistete, indem er sich dieser Art lotsen und stützen -ließ. Wahrscheinlich hätte er, wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch -allein gehen können, – er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja -nur den kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen -Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar nicht -nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil groß und üppig -darin gefiel und sich einen königlichen Spaß daraus machte, seine -dienenden Führer schwankend nach rechts und links zu stoßen. Er selbst -äußerte unterwegs: - -„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn diesen -Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“ - -„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden Zweifel! Man -gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem man sich freimütig -schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen im Ernst ... Ich habe doch auch -mein Teil, aber trotz aller sogenannten Betrunkenheit bin ich mir klar -bewußt, daß ich die besondere Ehre habe, eine ausgesprochene -Persönlichkeit zu Bett zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über -mich, der ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in -Vergleich komme –“ - -„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn wankend gegen -das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat mit sich zog. - -Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein leerer -Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin ihn abgegeben, -um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen Umständen blieb Peeperkorn -stehen und wollte umkehren, um weiter zu trinken; aber von beiden Seiten -wurde ihm in besserem Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in -Bewegung setzen. - -Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer Krawatte und mit -schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete seinen Gebieter auf dem -Korridor, vor der Tür des Appartements, und nahm ihn mit einer -Verneigung in Empfang, zu der er eine Hand auf die Brust legte. - -„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau zum Schluß auf -die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans Castorp. „Sie wird nichts -dagegen haben und es erwidern. Tut es auf mein Wohl und mit meiner -Erlaubnis!“ sagte er; aber Hans Castorp weigerte sich dessen. - -„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das geht nicht.“ - -Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken hoch und -verlangte zu wissen, warum das nicht gehe. - -„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen kann“, -sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! Nein, das wäre, -von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“ - -Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, so ließ -Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er ihm freilich noch eine -Weile über die eigene Schulter und die des Malaien mit angezogenem -Faltenwerk nachblickte, erstaunt über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine -Herrschernatur nicht zu stoßen gewohnt sein mochte. - - - Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren) - -Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses ganzen Winters – -soviel davon noch übrig war – und bis ins Frühjahr hinein, so daß es -zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen gemeinsamen Ausflug (auch -Settembrini und Naphta waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen -Wasserfall kam ... Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger? -– Nein, länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein? -Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen. Auch -Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder ehrenhaften Tänzern -des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche Peeperkorn wurde also vom -malignen Tropenfieber dahingerafft? – Nein, das wurde er nicht, aber -wozu die Ungeduld? Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als -Bedingung des Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch -wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis nicht -auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel Ehre, wie das -Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt! Viel ist es ohnehin nicht -mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter! oder, wenn das zu -lärmend gesagt ist, es geht husch, husch! Ein Weiserchen mißt unsere -Zeit, das trippelt, als ob es Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott -weiß, was, zu bedeuten hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch -seinen Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier -oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und Haschisch, -der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch stellen wir der -schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit und logische -Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das möge anerkannt werden, haben wir -uns Köpfe wie die Herren Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt, -statt uns etwa gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und -das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht und -namentlich im Punkte des _Formats_ zugunsten dieser späten Erscheinung -ausschlagen muß, wie er es denn auch in Hans Castorps Gedanken tat, wenn -er in seiner Loge lag und sich gestand, daß die beiden überartikulierten -Erzieher, die seine arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter -Peeperkorn geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen, -wie jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte, -nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß, daß die -hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten Persönlichkeit -noch in Berührung brachte. - -Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter und also -als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein Punkt für sich, durch -den sich Hans Castorp in seinen Wertungen nicht beirren ließ. Er ließ -sich, wiederholen wir, nicht beirren in seiner aufrichtig -achtungsvollen, wenn auch zuweilen etwas kecken Teilnahme für einen Mann -von Format, – nur weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau, -von der Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift -geliehen. Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit -rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß nehmen wird an -solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber sehen würde, wenn er -Peeperkorn gehaßt und gemieden und innerlich von ihm nur als von einem -alten Esel und kaudernden Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu -besuchen, wenn er vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu -sitzen, mit ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf _seine_ -Beiträge zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen -Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden das Wesen der -Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber tat er, und wir -erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß jemand sich dadurch an -Ferdinand Wehsal erinnert finden könnte, der Hans Castorps Paletot -getragen hatte. Diese Erinnerung hat nichts zu sagen. Unser Held war -kein Wehsal. Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein -„Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen nicht durch -die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu, ihn weder besser noch -schlechter zu machen, als er war, stellen wir fest, daß er es einfach -ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich, sondern ganz naiverweise es -ablehnte, sich durch romanhafte Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das -eigene Geschlecht bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche -Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen mißfallen – wir -glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich Ärgernis daran nahm; -eine oder die andere spitze Bemerkung, die sie sich entschlüpfen ließ, -und die wir noch einrücken werden, ließ darauf schließen –, aber -vielleicht war es diese Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen -Streitobjekt der Pädagogik machte. - -Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage nach jenem -ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen. Fast alle -Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten Geselligkeit waren übel -daran, Hans Castorp nicht ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte, -sich aber durch diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von -gestern einen Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem -Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an -Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen. - -Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch einen Salon, -der es von demjenigen Frau Chauchats trennte, und fand es vor dem -Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer ausgezeichnet durch -Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung. Es gab da seidene Fauteuils -und Tische mit geschweiften Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den -Boden, und auch die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher -hygienischer Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem -Kirschholz mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen -Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur ein kleiner, schirmend -vereinigender Baldachin. - -Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher, Briefe und -Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las durch seinen -hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“. Kaffeegeschirr stand auf einem -Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte Rotweinflasche – es war der naiv -Spritzige von gestern Abend – neben Medizingläsern auf dem -Nachttischchen. Der Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem -Befremden kein weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das -an den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund -ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen Brust -des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche Großartigkeit seines -Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben, dem Bürgerlichen -entrückt durch diese Tracht, die seiner Erscheinung ein teils -volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges Gepräge -verlieh. - -„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker am hohen -Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte sehr, – keineswegs. Im -Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte sich zu ihm und verbarg seine -teilnehmende Verwunderung – wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das -Gefühl war, zu dem seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich -aufgewecktem Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten -und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut aus, -gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen hatte er einen starken -Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen sich nun mit den Nachwehen -des Rausches verbanden. - -„Wir haben es gestern arg –“, sagte er. „Nein, erlauben Sie, – schlimm -und arg! Sie sind noch – gut, da hat es nichts weiter – Allein in meinen -Jahren und bei meiner gefährdeten – Mein Kind“, wandte er sich mit -zarter, aber entschiedener Strenge an die eben vom Salon her eintretende -Frau Chauchat, „– alles gut, aber ich wiederhole Ihnen, daß besser hätte -achtgegeben, daß man mich hätte hindern müssen –.“ Fast etwas wie -aufziehender Königskoller war in seinen Mienen und seiner Stimme bei -diesen Worten. Aber man brauchte sich ja nur vorzustellen, was für ein -Wetter erst ausgebrochen wäre, wenn man ihn ernstlich im Trinken hätte -stören wollen, um die ganze Unbilligkeit und Unvernunft seines Vorwurfs -zu ermessen. Dergleichen gehört wohl zur Größe. Seine Reisebegleiterin -ging denn auch drüber hin, indem sie Hans Castorp, der sich erhoben -hatte, begrüßte, – übrigens ohne ihm die Hand zu reichen, sondern nur -mit Lächeln und Winken und der Aufforderung, „doch nur ja“ Platz zu -behalten, sich „doch nur ja nicht“ in seinem _tête à tête_ mit Mynheer -Peeperkorn stören zu lassen ... Sie machte sich dies und jenes im Zimmer -zu schaffen, wies den Kammerdiener an, das Kaffeegeschirr fortzuräumen, -verschwand auf eine Weile und kehrte auf leisen Sohlen wieder, um im -Stehen sich ein wenig an dem Gespräch zu beteiligen, oder – wenn wir -Hans Castorps unbestimmten Eindruck wiedergeben sollen – um es ein wenig -zu überwachen. Natürlich! Sie konnte in Verbindung mit einer -Persönlichkeit großen Formats wieder nach Haus Berghof zurückkehren; -aber wenn derjenige, der hier so lange auf sie gewartet hatte, dann der -Persönlichkeit die schuldige Reverenz erwies, von Mann zu Mann, so legte -sie Unruhe und selbst Spitzigkeit an den Tag, mit ihrem „doch nur ja“ -und „nur ja nicht“. Hans Castorp lächelte darüber, indem er sich über -seine Knie beugte, um das Lächeln zu verbergen, und erglühte -gleichzeitig innerlich vor Freude. - -Er bekam ein Glas Wein eingeschenkt von Peeperkorn, aus der Flasche vom -Nachttisch. Unter Umständen, wie den heutigen, meinte der Holländer, sei -es das beste, da wieder anzuschließen, wo man nachts zuvor aufgehört -habe, und dieser Spritzige tue ja dieselben Dienste wie Sodawasser. Er -stieß mit Hans Castorp an, und dieser sah trinkend zu, wie die -sommersprossig-nagelspitze Kapitänshand dort drüben, von dem Knopfbunde -des wollenen Hemdes am Gelenke umspannt, das Glas emporführte, wie die -breiten, zerrissenen Lippen seinen Rand erfaßten und der Wein durch die -auf- und niedersteigende Arbeiter- oder Büstengurgel trieb. Sie sprachen -dann noch über das Medikament auf dem Nachttisch, diesen braunen Saft, -von dem Peeperkorn auf Frau Chauchats Mahnung und aus ihrer Hand einen -Löffel voll einnahm, – es war ein Antipyretikum, Chinin im wesentlichen; -Peeperkorn gab seinem Gast ein wenig davon zu probieren, um ihn den -charaktervollen, bitter-würzigen Geschmack des Präparats erfahren zu -lassen, und äußerte dann mehreres zum Lobe des Chinins, das segensreich -nicht nur durch seine keimzerstörende Wirkung und seinen heilsamen -Einfluß auf das Wärmezentrum sei, sondern auch als Tonikum gewürdigt -werden müsse: es vermindere den Eiweißumsatz, fördere den -Ernährungszustand, kurz, sei ein echter Labetrank, ein herrliches -Stärkungs-, Erweckungs- und Belebungsmittel, – ein Rauschmittel übrigens -ebenfalls; man könne sich leicht einen kleinen Spitz oder Zopf daran -trinken, sagte er, indem er wie gestern mit Fingern und Kopf großartig -scherzte und wieder dem tanzenden Heidenpriester dabei glich. - -Ja, ein herrlicher Körper, die Fieberrinde! – es waren übrigens noch -keine dreihundert Jahre, daß die Pharmakologie unseres Erdteils Kunde -davon gewonnen, und noch kein Jahrhundert, daß die Chemie das Alkaloid, -worauf seine Tugenden eigentlich beruhten, das Chinin also, entdeckt -hatte – entdeckt und bis zu einem gewissen Grade analysiert; denn daß -sie aus seiner Konstitution bis jetzt so recht klug geworden wäre oder -imstande sei, es künstlich herzustellen, konnte die Chemie nicht -behaupten. Unsere Arzneimittelkunde tat überall gut, sich ihres Wissens -nicht lästerlich zu überheben, denn wie mit dem Chinin erging es ihr mit -so manchem: Sie wußte dies und das von der Dynamik, den Wirkungen der -Stoffe, allein die Frage, worauf denn diese Wirkungen genau genommen -zurückzuführen seien, setzte sie oft genug in Verlegenheit. Der junge -Mann mochte sich doch in der Giftkunde umsehen, – über die elementaren -Eigenschaften, die die Wirkungen der sogenannten Giftstoffe bedingten, -würde niemand ihm Auskunft geben. Da waren zum Exempel die -Schlangengifte, – über welche nicht mehr bekannt war, als daß diese -tierischen Stoffe einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten, -aus verschiedenen Eiweißkörpern bestünden, die aber nur in dieser -bestimmten – nämlich durchaus unbestimmten – Zusammensetzung ihre -fulminanten Wirkungen taten: in den Blutkreislauf gebracht, Effekte -zeitigten, über die man sich nur verwundern konnte, da man Eiweiß auf -Gift nicht zu reimen gewohnt war. Aber mit der Welt der Stoffe, sagte -Peeperkorn, indem er neben seinem blaßäugig vom Kissen aufgerichteten -Haupt mit den Stirnarabesken den Exaktheitsring und die Lanzen seiner -Finger emporhielt, – mit den Stoffen stehe es so, daß alle Leben und Tod -auf einmal bärgen: alle seien Ptisanen und Gifte zugleich, -Heilmittelkunde und Toxikologie seien ein und dasselbe, an Giften genese -man, und was für des Lebens Träger gelte, töte unter Umständen mit einem -einzigen Krampfschlage in Sekundenfrist. - -Er sprach sehr eindringlich und ungewöhnlich zusammenhängend von den -Ptisanen und Giften, und Hans Castorp hörte ihm mit schrägem Kopfe -nickend zu, beschäftigt weniger mit dem Inhalt seiner Reden, der ihm am -Herzen zu liegen schien, als mit dem stillen Erkunden seiner -Persönlichkeitswirkung, die letzten Endes ebenso unerklärlich war wie -die Wirkung der Schlangengifte. Dynamik, sagte Peeperkorn, sei alles in -der Welt der Stoffe, – das Weitere sei völlig bedingt. Auch das Chinin -sei ein Heilgift, kraftvoll in erster Linie. Vier Gramm davon machten -taub, schwindelig, kurzatmig, brächten Sehstörungen hervor wie Atropin, -berauschten wie Alkohol, und die Arbeiter in Chininfabriken hätten -entzündete Augen und geschwollene Lippen, litten an Hautausschlägen. Und -er fing an, von der Cinchona, dem Chinabaum, zu erzählen, von den -Urwäldern der Kordilleren, wo er in dreitausend Meter Höhe seine Heimat -habe, und von wo seine Rinde als „Jesuitenpulver“ so spät nach Spanien -gekommen sei, – den Eingeborenen Südamerikas in ihren Kräften seit -langem bekannt; er schilderte die gewaltigen Cinchonaplantagen der -niederländischen Regierung auf Java, von wo alljährlich viele Millionen -Pfund der rötlich zimtähnlichen Rindenröhren nach Amsterdam und London -verschifft würden ... Die Rinden überhaupt, das Rindengewebe der -Holzgewächse, von der Epidermis bis zum Cambium, – sie hätten es in -sich, sagte Peeperkorn, fast immer besäßen sie außerordentliche -dynamische Tugenden, im Guten wie im Bösen, – die Drogenkunde der -farbigen Völker sei der unsrigen da weit überlegen. Auf einigen Inseln -östlich von Neuguinea bereiteten sich die jungen Leute einen -Liebeszauber, indem sie die Rinde eines bestimmten Baumes, der -wahrscheinlich ein Giftbaum sei, wie der _Antiaris toxicaria_ von Java, -der gleich dem Manzanillabaum durch seine Ausdünstung die Luft rings um -sich her vergiften und Mensch und Tier zu Tode betäuben solle, – indem -sie also die Rinde dieses Baumes zu Pulver zerrieben, das Pulver mit -Kokosnußschnitzeln vermischten, die Mischung in ein Blatt rollten und -brieten. Sie spritzten dann den Saft des Gemengsels der Spröden, der es -gelte, im Schlaf ins Gesicht, und sie entbrenne für den, der gespritzt -habe. Zuweilen sei es die Wurzelrinde, die es in sich habe, wie -diejenige einer Schlingpflanze des Malaiischen Archipels, Strychnos -Tieuté genannt, aus der die Eingeborenen unter Beigabe von Schlangengift -das Upas-Radscha bereiteten, eine Droge, die, in die Blutbahn gebracht, -z. B. durch Pfeilschuß, aufs allerschnellste den Tod herbeiführe, ohne -daß jemand dem jungen Hans Castorp würde zu sagen wissen, wie das -eigentlich geschähe. Nur so viel sei deutlich, daß das Upas in -dynamischer Beziehung dem Strychnin nahe stehe ... Und Peeperkorn, im -Bette nun vollends aufgerichtet und dann und wann mit leicht zitternder -Kapitänshand das Weinglas zu seinen zerrissenen Lippen führend, um -große, durstige Züge zu nehmen, erzählte vom Krähenaugenbaum der -Koromandelküste, aus dessen orangegelben Beeren, den „Krähenaugen“, das -allerdynamischste Alkaloid, Strychnin geheißen, gewonnen werde, – -erzählte mit flüsternd herabgesetzter Stimme und hochgezogener -Stirnlineatur von dem aschgrauen Geäst, dem auffallend glänzenden -Blätterwerk und den gelbgrünen Blüten dieses Baumes, so daß dem jungen -Hans Castorp ein zugleich tristes und hysterisch-buntfarbiges Bild von -einem Baume vor Augen stand und ihm alles in allem etwas unheimlich -zumute wurde. - -Auch mischte denn jetzt Frau Chauchat sich ein, indem sie sagte, es sei -nicht gut, die Unterhaltung ermüde Peeperkorn, er könne aufs neue Fieber -davon haben, und wie ungern immer sie die Entrevue unterbreche, so müsse -sie Hans Castorp nun doch bitten, es für diesmal genug sein zu lassen. -Das tat er natürlich, aber noch oft, nach einem Quartananfall, saß er in -den nächsten Monaten an des königlichen Mannes Bett, während Frau -Chauchat, das Gespräch leicht überwachend oder sich auch mit einigen -Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und auch in Peeperkorns -fieberfreien Tagen verbrachte er manche Stunde mit ihm und seiner -perlengeschmückten Reisebegleiterin. Denn wenn der Holländer nicht -bettlägerig war, versäumte er selten, nach dem Diner eine kleine, -wechselnd zusammengesetzte Auswahl der Berghof-Gästeschaft zu Spiel und -Wein und allerhand weiteren Labungen um sich zu versammeln, sei es im -Konversationszimmer, wie das erstemal, oder im Restaurant, wobei denn -Hans Castorp gewohnheitsmäßig seinen Platz zwischen der lässigen Frau -und dem großartigen Manne hatte; und selbst im Freien bewegte man sich -miteinander, machte Spaziergänge zusammen, an denen etwa die Herren -Ferge und Wehsal sich beteiligten und bald auch Settembrini und Naphta, -die Widersacher im Geiste, denen zu begegnen man nicht hatte verfehlen -können, und die mit Peeperkorn, wie zugleich denn endlich auch mit -Clawdia Chauchat bekannt zu machen, Hans Castorp sich geradezu glücklich -schätzte, – vollständig unbekümmert darum, ob diese Bekanntschaft und -Verbindung den Disputanten willkommen war oder nicht und in dem stillen -Vertrauen darauf, daß sie eines pädagogischen Objektes bedurften und -lieber einen unwillkommenen Anhang in Kauf nehmen, als darauf verzichten -würden, ihre Gegensätze vor ihm auszutragen. - -Er täuschte sich denn auch nicht darin, daß die Mitglieder seines -buntscheckigen Freundeskreises sich wenigstens daran gewöhnen würden, -daß sie sich nicht aneinander gewöhnten: Spannungen, Fremdheiten, sogar -stille Feindseligkeit gab es selbstverständlich genug zwischen ihnen, -und wir wundern uns selbst, wie es unserem unbedeutenden Helden gelingen -mochte, sie um sich zusammenzuhalten, – wir erklären es uns mit einer -gewissen verschmitzten Lebensfreundlichkeit seines Wesens, die ihn alles -„hörenswert“ finden ließ, und die man Verbindlichkeit selbst in dem -Sinne nennen könnte, daß sie nicht nur ihm die ungleichartigsten -Personen und Persönlichkeiten, sondern bis zu einem gewissen Grade sogar -diese untereinander verband. - -Wunderlich hin und her laufende Beziehungen! Es reizt uns, ihre -verschlungenen Fäden einen Augenblick allgemein sichtbar zu machen, so, -wie Hans Castorp selbst sie auf diesen Spaziergängen verschmitzten und -lebensfreundlichen Auges betrachtete. Da war der elende Wehsal, der Frau -Chauchats schwelend begehrte und Peeperkorn und Hans Castorp niedrig -verehrte, den einen um der herrschenden Gegenwart, den anderen um der -Vergangenheit willen. Da war Clawdia Chauchat ihrerseits, die anmutig -weich schreitende Kranke und Reisende, die Hörige Peeperkorns, und zwar -gewiß aus Überzeugung, gleichwohl aber immer etwas beunruhigt und -innerlich spitzig, den Ritter einer fernen Faschingsnacht auf so gutem -Fuße mit ihrem Gebieter zu sehen. Erinnerte diese Irritation nicht in -etwas an diejenige, die ihr Verhältnis zu Herrn Settembrini bestimmte? -Zu diesem Schönredner und Humanisten, den sie nicht leiden konnte und -den sie hochmütig und unmenschlich nannte? Zu des jungen Hans Castorp -erzieherischem Freunde, den sie gar zu gern darüber zur Rede gestellt -hätte, was für Worte es gewesen seien, die er in seinem mediterranen -Idiom, wovon sie so wenig eine Silbe verstand wie er von dem ihren, nur -mit weniger sicherer Geringschätzung, dem konvenablen jungen Deutschen -nachgesandt hatte, diesem hübschen kleinen Bourgeois von guter Familie -und mit einer feuchten Stelle, als er damals im Begriffe gewesen war, -sich ihr zu nähern? Hans Castorp, verliebt, wie man zu sagen pflegt -„über beide Ohren“, doch nicht im vergnügten Sinn dieser Redensart, -sondern so, wie man liebt, wenn der Fall verboten und unvernünftig liegt -und sich keine friedlichen kleinen Lieder des Flachlandes darauf singen -lassen, – arg verliebt also und damit abhängig, unterworfen, leidend und -dienend, war doch der Mann, in der Sklaverei sich hinlängliche -Verschmitztheit zu bewahren, um ganz gut zu wissen, welchen Wert seine -Ergebenheit für die schleichende Kranke mit den bezaubernden -Tatarenschlitzen etwa haben und behalten mochte: einen Wert, auf den -sie, wie er bei sich in aller leidenden Unterworfenheit hinzufügte, -aufmerksam gemacht werden konnte durch das Verhalten Herrn Settembrinis -zu ihr, das ihren Argwohn nur zu offen bestätigte, nämlich so ablehnend -war, wie humanistische Höflichkeit es nur irgend gestattete. Das -Schlimme, oder, in Hans Castorps Augen, eher Vorteilhafte war, daß sie -in ihren Beziehungen zu Leo Naphta, auf die sie doch Hoffnungen gesetzt, -die rechte Entschädigung auch nicht fand. Zwar stieß sie hier nicht auf -jene grundsätzliche Verneinung, die Herr Lodovico ihrem Wesen -entgegensetzte, und die Gesprächsbedingungen lagen günstiger: sie -unterhielten sich zuweilen gesondert, Clawdia und der scharfe Kleine, -über Bücher, über Probleme der politischen Philosophie, in deren -radikaler Behandlung sie übereinstimmten; und Hans Castorp nahm -treuherzig teil daran. Aber eine gewisse aristokratische Einschränkung -des Entgegenkommens, das der Emporkömmling, vorsichtig wie alle -Emporkömmlinge, ihr bezeigte, mochte ihr doch bemerklich werden; sein -spanischer Terrorismus stimmte im Grunde mit ihrer türenwerfend -vagierenden „Mähnschlichkeit“ wenig überein; und hinzu kam als Letztes -und Feinstes eine leichte, schwer greifbare Gehässigkeit, die sie mit -weiblichem Spürsinn von seiten _beider_ Widersacher, Settembrinis und -Naphtas, sich mußte entgegenwehen fühlen (so gut, wie ihr -Faschingsritter selber sie wehen fühlte), und die ihren Grund in den -Beziehungen beider zu ihm, Hans Castorp, hatte: die Mißstimmung des -Erziehers gegen die Frau als störendes und ablenkendes Element, diese -stille und ursprüngliche Gegnerschaft, die sie vereinigte, weil ihre -pädagogisch verdichtete Zwietracht sich darin aufhob. - -Spielte nicht etwas von dieser Feindseligkeit auch in das Verhalten der -beiden Dialektiker zu Pieter Peeperkorn hinein? Hans Castorp glaubte es -zu bemerken, vielleicht weil er es boshafterweise erwartet hatte und im -ganzen nicht wenig begierig gewesen war, den königlichen Stammler mit -seinen beiden „Regierungsräten“, wie er sie bei sich manchmal witzweise -nannte, zusammenzubringen und den Effekt zu studieren. Mynheer wirkte im -Freien nicht ganz so großartig wie in geschlossenem Raum. Der weiche -Filzhut, den er tief in die Stirn gerückt trug, und der sein weißes -Flammenhaar, seine mächtige Stirnlineatur bedeckte, verkleinerte seine -Züge, ließ sie gleichsam zusammenschrumpfen und setzte selbst seine -gerötete Nase in ihrer Majestät herab. Auch war sein Gehen weniger gut -als sein Stehen: Er hatte die Gewohnheit, bei jedem seiner kurzen -Schritte den ganzen schweren Körper und sogar auch den Kopf etwas -seitwärts fallen zu lassen nach der Seite des Fußes, den er eben -vorwärts setzte, was eher gutmütig-greisenhaft als königlich anmutete; -ging auch meist nicht zu voller Größe aufgerichtet, wie er stand, -sondern etwas zusammengesunken. Aber auch so noch überragte er Herrn -Lodovico sowohl wie nun gar den kleinen Naphta um Haupteslänge, – und -das war es nicht allein, weshalb seine Gegenwart so sehr, vollkommen so -sehr, wie Hans Castorp es einbildungsweise vorweggenommen, auf die -Existenz der beiden Politiker drückte. - -Das war ein Druck, eine Herabminderung und Beeinträchtigung durch den -Vergleich, – fühlbar dem durchtriebenen Beobachter, fühlbar aber ohne -Zweifel auch den Beteiligten, sowohl den schmächtig Überartikulierten -wie dem großartig Stammelnden. Peeperkorn behandelte Naphta und -Settembrini überaus höflich und aufmerksam, mit einem Respekt, den Hans -Castorp ironisch genannt haben würde, wenn ihn nicht volle Einsicht in -die Unvereinbarkeit dieses Begriffes mit dem des großen Formats daran -gehindert hätte. Könige kennen keine Ironie, – nicht einmal im Sinn -eines geraden und klassischen Mittels der Redekunst, geschweige in einem -verwickelteren Sinn. Und so war es denn eher eine zugleich feine und -großartige Spötterei zu nennen, was, unter leicht übertriebenem Ernst -verborgen oder offen zutage liegend, des Holländers Benehmen gegen -Hansens Freunde kennzeichnete. „Ja – ja – ja –!“ konnte er wohl sagen, -indem er mit dem Finger nach ihrer Seite drohte, den Kopf mit scherzhaft -lächelnden zerrissenen Lippen abgewandt. „Das ist – Das sind –. Meine -Herrschaften, ich lenke Ihre Aufmerksamkeit – – Cerebrum, cerebral, -verstehen Sie! Nein – nein, perfekt, außerordentlich, das ist, da zeigt -sich denn doch – –.“ Sie rächten sich, indem sie Blicke tauschten, die -nach der Begegnung verzweifelt himmelwärts wanderten, und in die sie -auch Hans Castorp hineinzuziehen trachteten, was er aber ablehnte. - -Es kam vor, daß Herr Settembrini den Schüler direkt zur Rede stellte und -so seine pädagogische Unruhe bekundete. - -„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer alter Mann! Was -finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? Mir steht der Verstand still! -Alles wäre klar – ohne eben lobenswert zu sein –, wenn Sie ihn in den -Kauf nähmen, wenn Sie in seiner Gesellschaft nur die seiner -gegenwärtigen Geliebten suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen, -daß Sie sich beinahe mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie, -kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe ...“ - -Hans Castorp lachte. „Durchaus!“ sagte er. „Perfekt! Es ist nun einmal – -Erlauben Sie mir – Gut!“ Und er suchte auch Peeperkorns Kulturgebärden -zu kopieren. „Ja, ja“, lachte er weiter, „Sie finden das dumm, Herr -Settembrini, und jedenfalls ist es undeutlich, was in Ihren Augen wohl -schlimmer ist, als dumm. Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene -Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ... -Hallo! Da habe ich was geprägt, glaube ich, ein Wort, ein mot. Wie -gefällt es Ihnen?“ - -„Sehr gut. Ich sehe erwartungsvoll Ihrer ersten Aphorismensammlung -entgegen. Vielleicht ist es noch Zeit, Sie zu bitten, daß Sie darin -gewissen Betrachtungen Rechnung tragen, die wir gelegentlich über das -menschenfeindliche Wesen des Paradoxons angestellt haben.“ - -„Soll geschehen, Herr Settembrini. Soll absolut geschehen. Nein, Sie -sehen mich gar nicht auf der Jagd nach Paradoxen mit meinem _mot_. Es -war mir nur darum zu tun, auf die großen Schwierigkeiten hinzuweisen, -die die Bestimmung von ‚Dummheit‘ und ‚Gescheitheit‘ ... bereitet. Also: -bereitet, nicht wahr? Das ist so schwer auseinander zu halten, das geht -so sehr ineinander über ... Ich weiß wohl, Sie hassen das mystische -_guazzabuglio_ und sind für den Wert, das Urteil, das Werturteil, und da -gebe ich Ihnen ganz recht. Aber das mit der ‚Dummheit‘ und der -‚Gescheitheit‘, das ist zuweilen ein komplettes Mysterium, und es muß -doch erlaubt sein, sich um Mysterien zu kümmern, vorausgesetzt, daß das -ehrliche Bestreben vorhanden ist, ihnen nach Möglichkeit auf den Grund -zu kommen. Ich frage Sie folgendes. Ich frage Sie: Können Sie leugnen, -daß er uns alle in die Tasche steckt? Ich drücke es derb aus, und doch -können Sie es, soviel ich sehe, nicht leugnen. Er steckt uns in die -Tasche, und irgendwoher kommt ihm das Recht zu, sich über uns lustig zu -machen. Woher? Wieso? Inwiefern? Natürlich nicht vermöge seiner -Gescheitheit. Ich gebe zu, daß von Gescheitheit kaum die Rede sein kann. -Er ist ja vielmehr ein Mann der Undeutlichkeit und des Gefühls, -das Gefühl ist geradezu seine Puschel, – verzeihen Sie den -umgangssprachlichen Ausdruck! Ich sage also: Nicht vor Gescheitheit -steckt er uns in die Tasche, das heißt nicht aus geistigen Gründen, – -Sie würden sich das verbitten, und wirklich, es scheidet aus. Aber doch -auch nicht aus körperlichen! Doch nicht seiner Kapitänsschultern wegen, -in Hinsicht auf rohe Brachialgewalt und weil er jeden von uns mit der -Faust niederstrecken könnte, – er denkt gar nicht daran, daß er das -könnte, und wenn er mal daran denkt, so genügen ein paar zivilisierte -Worte, um ihn zu beschwichtigen ... Also auch nicht aus körperlichen. -Und doch spielt ganz ohne Zweifel das Körperliche eine Rolle dabei, – -nicht im brachialen Sinne, sondern in einem andern, im mystischen, – -sobald das Körperliche eine Rolle spielt, wird die Sache mystisch –; und -das Körperliche geht ins Geistige über, und umgekehrt, und sind nicht zu -unterscheiden, und Dummheit und Gescheitheit sind nicht zu -unterscheiden, aber die Wirkung ist da, das Dynamische, und wir werden -in die Tasche gesteckt. Und dafür ist uns nur ein Wort an die Hand -gegeben, und das heißt ‚Persönlichkeit‘. Man braucht es wohl auch -vernünftigerweise, so, wie wir alle Persönlichkeiten sind, – moralische -und juristische und was noch für Persönlichkeiten. Aber nicht so ist es -hier gemeint. Sondern als ein Mysterium, das über Dummheit und -Gescheitheit hinausliegt, und um das man sich doch muß kümmern dürfen, – -teils um ihm nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen und teils, soweit -das nicht möglich ist, um sich daran zu erbauen. Und wenn Sie für Werte -sind, so ist die Persönlichkeit am Ende doch auch ein positiver Wert, -sollte ich denken, – positiver als Dummheit und Gescheitheit, im -höchsten Grade positiv, _absolut_ positiv, wie das Leben, kurzum: ein -Lebenswert und ganz danach angetan, sich angelegentlich darum zu -kümmern. Das meinte ich Ihnen erwidern zu sollen auf das, was Sie von -Dummheit sagten.“ - -Neuerdings verwirrte und verhaspelte Hans Castorp sich nicht mehr bei -solchen Expektorationen und blieb nicht stecken. Er sprach seinen Part -zu Ende, ließ die Stimme sinken, machte Punktum und ging seines Weges -wie ein Mann, obgleich er noch immer rot dabei wurde und eigentlich -etwas Furcht hatte vor dem kritischen Schweigen, das seinem Verstummen -folgen würde, damit er Zeit habe, sich zu schämen. Herr Settembrini ließ -es walten, dieses Schweigen, und sagte dann: - -„Sie leugnen, sich auf der Jagd nach Paradoxen zu befinden. Unterdessen -wissen Sie genau, daß ich Sie ebenso ungern auf der Jagd nach Mysterien -sehe. Indem Sie aus der Persönlichkeit ein Geheimnis machen, laufen Sie -Gefahr, der Götzenanbetung zu verfallen. Sie venerieren eine Maske. Sie -sehen Mystik, wo es sich um Mystifikation handelt, um eine -jener betrügerischen Hohlformen, mit denen der Dämon des -Körperlich-Physiognomischen uns manchmal zu foppen liebt. Sie haben nie -in Schauspielerkreisen verkehrt? Sie kennen nicht diese Mimenköpfe, in -denen sich die Züge Julius Cäsars, Goethes und Beethovens vereinigen, -und deren glückliche Besitzer, sobald sie den Mund auftun, sich als die -erbärmlichsten Tröpfe unter der Sonne erweisen?“ - -„Gut, ein Naturspiel“, sagte Hans Castorp. „Aber doch nicht nur ein -Naturspiel, nicht nur Fopperei. Denn da diese Leute Schauspieler sind, -müssen sie ja Talent haben, und das Talent ist selbst über Dummheit und -Gescheitheit hinaus, es ist selbst ein Lebenswert. Mynheer Peeperkorn -hat auch Talent, sagen Sie, was Sie wollen, und damit steckt er uns in -die Tasche. Setzen Sie in eine Ecke eines Zimmers Herrn Naphta und -lassen Sie ihn einen Vortrag über Gregor den Großen und den Gottesstaat -halten, höchst hörenswert, – und in der andern Ecke steht Peeperkorn mit -seinem sonderbaren Mund und seinen hochgezogenen Stirnfalten und sagt -nichts als ‚Durchaus! Erlauben Sie mir – Erledigt!‘ – Sie werden sehen, -die Leute werden sich um Peeperkorn versammeln, alle um ihn, und Naphta -wird ganz allein dasitzen mit seiner Gescheitheit und seinem -Gottesstaat, obgleich er sich dermaßen deutlich ausdrückt, daß es einem -durch Mark und Pfennig geht, wie Behrens zu sagen pflegt ...“ - -„Schämen Sie sich der Erfolgsanbetung!“ mahnte ihn Herr Settembrini. -„_Mundus vult decipi._ Ich verlange nicht, daß man sich um Herrn Naphta -schart. Er ist ein arger Quertreiber. Aber ich bin geneigt, auf seine -Seite zu treten angesichts der imaginären Szene, die Sie mit -tadelnswertem Beifall ausmalen. Verachten Sie nur das Distinkte, Präzise -und Logische, das human zusammenhängende Wort! Verachten Sie es zu Ehren -irgendeines Hokuspokus von Andeutung und Gefühlsscharlatanerie, – und -der Teufel hat Sie schon unbedingt ...“ - -„Aber ich versichere Sie, er kann oft ganz zusammenhängend sprechen, -wenn er warm wird“, sagte Hans Castorp. „Er hat mir gelegentlich von -dynamischen Drogen und asiatischen Giftbäumen erzählt, so interessant, -daß es fast unheimlich war – das Interessante ist immer etwas unheimlich -– und interessant war es wieder nicht so sehr an und für sich, als -eigentlich nur im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeitswirkung: die -machte es zugleich unheimlich und interessant ...“ - -„Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In der Tat, -mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten“, erwiderte Herr -Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp eilig erklärte, die -Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung lägen selbstverständlich nach -einer ganz anderen Seite hin, und es komme niemandem in den Sinn, -Vergleiche anzustellen, durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde. -Doch der Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr -fort: - -„Auf jeden Fall müssen Sie erlauben, daß man Ihre Sachlichkeit und -Gemütsruhe bewundert, Ingenieur. Sie streift ein wenig das Groteske, das -werden Sie einräumen. Wie schließlich alles steht und liegt ... Dieser -Ölgötze hat Ihnen Ihre Beatrice weggenommen, – ich nenne die Dinge bei -ihrem Namen. Und Sie? Es ist beispiellos.“ - -„Temperamentsunterschiede, Herr Settembrini. Unterschiede in Hinsicht -auf Hitze und Ritterlichkeit des Geblütes. Natürlich, Sie als Mann des -Südens, Sie würden wohl Gift und Dolch zu Rate ziehen oder jedenfalls -die Sache gesellschaftlich-leidenschaftlich gestalten, kurz hahnenmäßig. -Das wäre gewiß sehr männlich, gesellschaftlich-männlich und galant. Mit -mir aber ist es was anderes. Ich bin gar nicht männlich auf die Art, daß -ich im Manne nur das nebenbuhlende Mitmännchen erblicke, – ich bin es -vielleicht überhaupt nicht, aber bestimmt nicht auf diese Art, die ich -unwillkürlich ‚gesellschaftlich‘ nenne, ich weiß nicht, warum. Ich frage -mich in meiner tranigen Brust, ob ich ihm denn was vorzuwerfen habe. Hat -er mir wissentlich etwas angetan? Aber Beleidigungen müssen mit Absicht -geschehen, sonst sind sie keine. Und was das ‚antun‘ betrifft, da müßte -ich mich schon an _sie_ halten, und dazu habe ich auch wieder kein -Recht, – überhaupt nicht und in Hinsicht auf Peeperkorn noch ganz -besonders nicht. Denn er ist erstens eine Persönlichkeit, was schon -allein etwas für Frauen ist, und zweitens ist er kein Zivilist, wie ich, -sondern eine Art von Militär, wie mein armer Vetter, das heißt: er hat -einen _point d’honneur_, eine Ehrenpuschel, und das ist das Gefühl, das -Leben ... Ich schwatze da Unsinn, aber ich will lieber ein bißchen -faseln und dabei etwas Schwieriges halbwegs ausdrücken, als immer nur -tadellose Hergebrachtheiten von mir geben, – das ist doch vielleicht -auch so etwas wie ein militärischer Zug in meinem Charakterbilde, wenn -ich so sagen darf ...“ - -„Sagen Sie immerhin so“, nickte Herr Settembrini. „Unbedingt wäre das -ein Zug, den man loben dürfte. Der Mut der Erkenntnis und des Ausdrucks, -das ist die Literatur, es ist die Humanität ...“ - -So kamen sie leidlich voneinander bei solcher Gelegenheit; Herr -Settembrini gab dem Gespräch versöhnlichen Abschluß, wozu er auch gute -Gründe hatte. Seine Position dabei war keineswegs so unverletzlich, daß -es ratsam für ihn gewesen wäre, die Strenge sehr weit zu treiben; ein -Gespräch, das von Eifersucht handelte, war etwas schlüpfriger Boden für -ihn; an einem bestimmten Punkte hätte er eigentlich antworten müssen, -daß, in Anbetracht seiner pädagogischen Ader, sein Verhältnis zum -Männlichen auch nicht durchaus gesellschaftlich-hahnenmäßiger Art sei, -weshalb der großmächtige Peeperkorn seine Kreise ebenso störe, wie -Naphta und Frau Chauchat es täten; und zum Schluß durfte er nicht -hoffen, seinem Schüler eine Persönlichkeitswirkung und natürliche -Überlegenheit auszureden, der er selbst sich so wenig, wie sein Partner -in zerebralen Angelegenheiten, zu entziehen vermochte. - -Am besten erging es ihnen, wenn geistige Lüfte wehen, wenn sie -disputieren – die Aufmerksamkeit der Spazierenden an eine ihrer zugleich -eleganten und leidenschaftlichen, ihrer akademischen und dabei in einem -Tonfall, als handele es sich um brennendste Tages- und Lebensfragen, -geführten Debatten fesseln konnten, deren Kosten sie fast allein -bestritten, und für deren Dauer das anwesende „Format“ gewissermaßen -neutralisiert war, da es sie nur mit stirnfaltigem Erstaunen und -undeutlich-spöttischen Abgerissenheiten begleiten konnte. Allein selbst -unter diesen Umständen übte es seinen Druck, beschattete das Gespräch, -so daß es an Glanz zu verlieren schien, entweste es auf irgendeine -Weise, setzte ihm, allen fühlbar, wenn auch seinerseits sicherlich -unbewußt, oder Gott weiß in welchem Grade bewußt, etwas entgegen, was -keiner der beiden Sachen zugute kam und wodurch der Zwist in seiner -entscheidenden Wichtigkeit verblaßte, ja ihm – wir nehmen Anstand, es zu -sagen – der Stempel des Müßigen aufgedrückt wurde. Oder, anders -versucht: die witzige Fehde auf Leben und Tod nahm heimlich, auf -unterirdische und unbestimmte Weise, beständig Bezug auf das ihr zur -Seite wandelnde Format und entnervte sich an diesem Magnetismus. Anders -war dieser geheimnisvolle und für die Disputanten sehr ärgerliche -Vorgang nicht zu kennzeichnen. Man kann nur sagen, daß es, wenn kein -Pieter Peeperkorn gewesen wäre, zur Parteinahme weit strenger -verpflichtet hätte, wie beispielsweise Leo Naphta das erz- und -grundrevolutionäre Wesen der Kirche gegen die Lehrmeinung Herrn -Settembrinis verteidigte, welcher in dieser geschichtlichen Macht einzig -die Schutzherrin finsterer Beharrung und Erhaltung erblicken und alle -zur Umwälzung und Erneuerung bereite Lebens- und Zukunftsfreundlichkeit -an die entgegengesetzten, einer ruhmreichen Epoche der Wiedergeburt -antiker Bildung entstammenden Prinzipien der Aufhellung, der -Wissenschaft und des Fortschritts gebunden wissen wollte und auf diesem -Bekenntnis mit schönstem Wurf des Wortes und der Gebärde bestand. Da -machte denn Naphta, kalt und scharf, sich anheischig, zu zeigen – und -zeigte es auch fast bis zu blendender Unwidersprechlichkeit –, daß die -Kirche als Verkörperung der religiös-asketischen Idee, im Innersten weit -entfernt, Parteigängerin und Stütze dessen zu sein, was bestehen wolle, -der weltlichen Bildung also, der staatlichen Rechtsordnungen, – vielmehr -von jeher den radikalsten, den Umsturz mit Stumpf und Stiel auf ihre -Fahne geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich bewahrenswert -dünke und von den Matten, den Feigen, den Konservativen, den Bürgern zu -bewahren versucht werde: Staat und Familie, weltliche Kunst und -Wissenschaft – sich immer nur in bewußtem oder unbewußtem Widerspruch -zur religiösen Idee gehalten habe, zur Kirche, deren eingeborene Tendenz -und unverbrüchliches Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen -Ordnungen und die Neugestaltung der Gesellschaft nach dem Vorbilde des -idealen, des kommunistischen Gottesstaates sei. - -Das Wort hatte danach Herr Settembrini, und beim Himmel! er wußte etwas -damit anzufangen. Eine solche Verwechslung des luziferischen -Revolutionsgedankens mit der Generalrevolte aller schlechten Instinkte, -sagte er, sei beklagenswert. Die Neuerungsliebe der Kirche habe durch -die Jahrhunderte darin bestanden, den lebenzeugenden Gedanken zu -inquirieren, zu erdrosseln, im Rauch ihrer Scheiterhaufen zu ersticken, -und heute lasse sie sich durch ihre Emissäre für umwälzungsfroh -erklären, mit der Begründung, ihr Ziel sei es, Freiheit, Bildung und -Demokratie durch Pöbeldiktatur und Barbarei zu ersetzen. Eh, in der Tat, -eine schauerliche Art widerspruchsvoller Konsequenz, konsequenten -Widerspruches ... - -An dergleichen Widerspruch und Folgerichtigkeit, entgegnete Naphta, -lasse sein Gegner es nicht fehlen. Demokrat seiner eigenen Schätzung -nach, äußere er sich wenig volks- und gleichheitsfreundlich, lege -vielmehr eine sträfliche aristokratische Hochnäsigkeit zutage, indem er -das zu stellvertretender Diktatur berufene Weltproletariat als Pöbel -bezeichne. Aber als Demokrat, in Wahrheit, verhalte er sich offenbar zur -Kirche, die allerdings, man müsse es auf stolze Art einräumen, die -vornehmste Macht der Menschheitsgeschichte darstelle, – vornehm im -letzten und höchsten Verstande, in dem des Geistes. Denn der asketische -Geist, – wenn es erlaubt sei, in Pleonasmen zu reden – der Geist der -Weltverneinung und Weltvernichtung sei die Vornehmheit selbst, das -aristokratische Prinzip in Reinkultur; er könne niemals volkstümlich -sein, und zu allen Zeiten sei die Kirche im Grunde unpopulär gewesen. -Ein wenig literarische Bemühung um die Kultur des Mittelalters werde -Herrn Settembrini dieser Tatsache ansichtig machen, – der derben -Abneigung, die das Volk – und zwar das Volk im weitesten Sinne – dem -kirchlichen Wesen entgegengebracht habe, gewisser Mönchsgestalten zum -Beispiel, die, Erfindungen volkstümlicher Dichterphantasie, dem -asketischen Gedanken auf bereits recht lutherische Weise Wein, Weib und -Gesang entgegengestellt hätten. Alle Instinkte weltlichen Heldentums, -aller Kriegergeist, dazu die höfische Dichtung habe sich in mehr oder -minder offener Gegenstellung zur religiösen Idee und damit zur -Hierarchie befunden. Denn das alles sei „Welt“ und Pöbeltum gewesen im -Vergleich mit dem durch die Kirche dargestellten Adel des Geistes. - -Herr Settembrini dankte für die Gedächtnisstärkung. Die Figur des -Mönches Ilsan aus dem „Rosengarten“ behalte viel Erquickliches gegenüber -dem hier gepriesenen Grabesaristokratismus, und wenn er, Redner, kein -Freund des deutschen Reformators sei, auf den eine Anspielung geschehen, -so finde man ihn doch glühend bereit, alles, was an demokratischem -Individualismus seiner Lehre zugrunde liege, gegen jederlei -geistlich-feudale Herrschaftsgelüste über die Persönlichkeit in Schutz -zu nehmen. - -„Ei!“ rief Naphta nun auf einmal. Man wolle der Kirche wohl gar einen -Mangel an Demokratismus, an Sinn für den Wert der menschlichen -Persönlichkeit unterstellen? Und die humane Vorurteilslosigkeit des -kanonischen Rechtes, welches, während das römische die Rechtsfähigkeit -vom Besitz des Bürgerrechtes abhängig gemacht, das germanische sie an -Volkszugehörigkeit und persönliche Freiheit gebunden habe, einzig -kirchliche Gemeinschaft und Rechtgläubigkeit verlangt, sich aller -staatlichen und gesellschaftlichen Rücksichten entschlagen und die -Testier- und Sukzessionsfähigkeit von Sklaven, Kriegsgefangenen, -Unfreien behauptet habe?! - -Diese Behauptung, bemerkte Settembrini bissig, sei wohl nicht ohne -Seitenblick auf die „kanonische Portion“ aufrecht erhalten worden, die -bei jedem Testament habe abfallen müssen. Im übrigen sprach er von -„Pfaffendemagogie“, nannte es die Leutseligkeit unbedingter Machtbegier, -die Unterwelt in Bewegung zu setzen, wenn die Götter begreiflicherweise -nichts von einem wissen wollten, und meinte, es sei der Kirche offenbar -auf die Quantität der Seelen mehr angekommen, als auf ihre Qualität, was -auf tiefe geistige Unvornehmheit schließen lasse. - -Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde auf den -unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht, welcher der Idee von -der Erblichkeit der Schande zugrunde gelegen habe: der Übertragung -schwerer Schuld auf die – demokratisch gesprochen – doch unschuldigen -Nachkommen; die lebenslange Makelhaftigkeit und Rechtlosigkeit -natürlicher Kinder zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, – -erstens, weil sein humanes Gefühl sich dagegen empöre, und zweitens, -weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der -gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen Kultus des -Nichts wiedererkenne, der Geist genannt sein wolle, und der die -eingestandene Unpopularität des asketischen Prinzips als etwas so -Legitimes, so Heiliges empfinden lasse. - -Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell herauslachen zu -dürfen. Man spreche vom Nihilismus der Kirche! Vom Nihilismus des am -meisten realistischen Herrschaftssystems der Weltgeschichte! Nie habe -Herrn Settembrini also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der -sie der Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger -Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle und den -Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Natur allzu streng zu -begegnen? Auch von dem priesterlich feinen Begriff der Indulgenz habe er -folglich nie gehört, unter den sogar ein Sakrament, nämlich das der Ehe, -falle, welches gar kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten, -sondern nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur -Einschränkung der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so daß das -asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, ohne daß -dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten werde? - -Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwahren gegen einen so -abscheulichen Begriff des „Politischen“, gegen die Gebärde dünkelhafter -Nachsicht und Klugheit, die der Geist – das, was sich hier Geist nenne – -sich anmaße gegen sein vermeintlich schuldhaftes und „politisch“ zu -behandelndes Gegenteil, welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz -durchaus nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer -Weltdeutung, die das Universum verteufele, nämlich sowohl das Leben, als -auch zugleich sein erdünkeltes Gegenteil, den Geist: denn wenn jenes -böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, es sein! Und er brach -eine Lanze für die Unschuld der Wollust, – wobei Hans Castorp an sein -Humanistenstübchen im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der -Wasserflasche denken mußte, – während Naphta, behauptend, nie könne -Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts des Geistigen -gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben, die kirchliche Politik und -Indulgenz des Geistes als „Liebe“ bestimmte, um den Nihilismus des -asketischen Prinzips zu widerlegen, – wobei Hans Castorp fand, daß das -Wort „Liebe“ dem scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu -Gesichte stehe ... - -So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp kannte es. Wir -haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um zu beobachten, wie, -beispielsweise, ein solcher peripatetischer Waffengang sich im Schatten -der nebenherwandelnden Persönlichkeit ausnahm, und auf welche Weise etwa -diese Gegenwart ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein -heimlicher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her springenden -Funken tötete und eine Erinnerung an jenes Gefühl matter Leblosigkeit -sich aufdrängte, das uns überkommt, wenn eine elektrische Leitung sich -als kontaktlos erweist. Gut! so war es. Da war kein Knistern zwischen -den Widersprüchen mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die -Gegenwart, neutralisiert durch den Geist, wie dieser meinen wollte, -neutralisierte vielmehr den Geist; Hans Castorp ward es mit Staunen und -Neugier gewahr. - -Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn, man sah ihn -daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß, mit seinem seitwärts -nickenden Tritt und den Hut in der Stirn; sah seine breiten, -unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte ihn sagen, indem er scherzhaft -mit dem Kopf auf die Disputanten deutete: „Ja – ja – ja! Cerebrum, -cerebral, verstehen Sie! Das ist – Da zeigt sich denn doch –“: und -siehe, der Steckkontakt war mausetot! Sie versuchten es zum andern, -griffen zu stärkeren Beschwörungen, kamen auf das „aristokratische -Problem“, auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch nahm -das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp sah Clawdias -Reisebegleiter unter der rotseidenen Steppdecke im Bette liegen, im -kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann, halb Königsbüste, – und -mit mattem Zucken erstarb der Nerv des Streites. Stärkere Spannungen! -Verneinung hie und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und liebende Neigung -des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom, wenn man auf -Mynheer blickte, – was unvermeidlich und kraft geheimer Anziehung -geschah? Kurzum, sie blieben _aus_, und das war, mit Hansens Wort, nicht -weniger noch mehr als ein Mysterium. Für seine Aphorismensammlung mochte -er sich notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten -ausspricht – oder es unausgesprochen läßt. Um dieses allenfalls -auszusprechen, durfte man einzig sagen, aber dies geradezu, daß Pieter -Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske und seinem bitter -zerrissenen Munde jeweils beides war, daß beides auf ihn zu passen und -in ihm sich aufzuheben schien, wenn man ihn ansah: dies und jenes, das -eine und das andre. Ja, dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche -Zero! Er lähmte den Nerv der Widersprüche nicht durch Verwirrung und -Quertreiberei, wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er war -es auf ganz entgegengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde -Mysterium, das offenkundig nicht über Dummheit und Gescheitheit allein, -das über soviel andre Oppositionen noch hinaus war, die Settembrini und -Naphta beschworen, um zu erzieherischem Behufe Hochspannung zu erzeugen. -Die Persönlichkeit, so schien es, war nicht erzieherisch, – und dennoch, -welche Chance war sie für einen Bildungsreisenden! Wie seltsam, diese -Zweideutigkeit von einem König zu betrachten, als die Streiter auf Ehe -und Sünde kamen, auf das Sakrament der Nachsicht, auf Schuld und -Unschuld der Wollust! Er neigte das Haupt zur Schulter und Brust, die -wehen Lippen taten sich voneinander, schlaff-klagend klaffte der Mund, -die Nüstern spannten und verbreiterten sich wie in Schmerzen, die Falten -der Stirne stiegen und weiteten die Augen zu blassem Leidensblick, – ein -Bild der Bitternis. Und siehe, im selben Nu erblühte die Martermiene zur -Üppigkeit! Die schräge Neigung des Hauptes deutete sich um in -Schalkheit, die Lippen, noch offen, lächelten unsittsam, das -sybaritische Grübchen, bekannt von früheren Gelegenheiten, erschien in -einer Wange, – der tanzende Heidenpriester war da, und während er mit -dem Kopfe scherzhaft in jene cerebrale Richtung deutete, hörte man ihn -sagen: „Ei, ja, ja ja – perfekt. Das ist – Das sind – Da zeigt sich nun -– Das Sakrament der Wollust, verstehen Sie – –“ - -Dennoch, wie wir sagten, am besten waren Hans Castorps herabgesetzte -Freunde und Lehrer immer noch daran, wenn sie zanken konnten. Sie waren -in ihrem Elemente alsdann, während das Format es nicht war, und immerhin -mochte man verschieden urteilen über die Rolle, die er dabei spielte. -Ganz zweifellos dagegen gestaltete die Lage sich zu ihrem Nachteil, wenn -es nicht länger um Witz und Wort und Spiritus, sondern um Sachen, um -Irden-Praktisches, kurz, um Fragen und Dinge ging, in denen -Herrschernaturen sich eigentlich bewähren: dann wars um sie geschehen, -sie traten in den Schatten, wurden unscheinbar, und Peeperkorn ergriff -das Zepter, bestimmte, entschied, beorderte, bestellte und befahl ... -Was wunder, daß er nach diesem Zustand trachtete und aus der Logomachie -in ihn hinüberstrebte? Er litt, solange sie herrschte, oder doch, wenn -sie lange herrschte; doch nicht aus Eitelkeit litt er unter ihr, – Hans -Castorp war dessen versichert. Die Eitelkeit hat kein Format, und Größe -ist nicht eitel. Nein, Peeperkorns Verlangen nach Dinglichkeit entsprang -aus anderen Gründen: aus „Angst“, ganz grob und plump gesagt, aus jenem -Pflichteifer und Ehrenraptus, dessen Hans Castorp gegen Herrn -Settembrini versuchsweise erwähnt und den er als einen gewissermaßen -militärischen Zug hatte ansprechen wollen. - -„Meine Herren –“, sagte der Holländer, indem er die Kapitänshand mit den -Nagellanzen beschwörend und gebietend erhob. „– Gut, meine Herren, -perfekt, vortrefflich! Die Askese – die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich -möchte das – Durchaus! Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben -Sie mir – Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen -uns, meine Herrschaften, wir entziehen uns in unverantwortlicher Weise -den heiligsten –“ Er atmete tief. „Diese Luft, meine Herrschaften, die -charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit ihrem zart entnervenden, -ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag von Frühlingsaroma, – wir -sollten sie nicht einatmen, um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir -sollten das nicht. Das ist eine Beleidigung. Nur ihr selbst sollten wir -unsere volle und ganze – oh, unsere höchste und geistesgegenwärtigste – -Erledigt, meine Herrschaften! Und nur als reine Lobpreisung ihrer -Eigenschaften sollten wir sie wieder aus unserer Brust – – Ich -unterbreche mich, meine Herrschaften! Ich unterbreche mich zu Ehren -dieses –“ Er war stehengeblieben, zurückgebeugt, mit dem Hut die Augen -beschattend, und alle folgten seinem Beispiel. „Ich lenke“, sagte er, -„Ihre Aufmerksamkeit in die Höhe, in große Höhe, auf jenen schwarzen, -kreisenden Punkt dort oben, unter dem außerordentlich blauen, ins -Schwärzliche spielenden – Das ist ein Raubvogel, ein großer Raubvogel. -Das ist, wenn mich nicht alles – Meine Herren und Sie, mein Kind, das -ist ein Adler. Auf ihn lenke ich mit aller Entschiedenheit – Sehen Sie! -Das ist kein Bussard und kein Geier, – wären Sie so übersichtig, wie ich -es mit zunehmenden – Ja, mein Kind, gewiß, mit zunehmenden. Mein Haar -ist bleich, gewiß. So würden Sie so deutlich, wie ich, an der stumpfen -Rundung der Schwingen – Ein Adler, meine Herrschaften. Ein Steinadler. -Er kreist gerade über uns im Blauen, schwebt ohne Flügelschlag in -großartiger Höhe zu unseren – und späht gewiß aus seinen mächtigen, -weitsichtigen Augen unter den vortretenden Brauenknochen – Der Adler, -meine Herrschaften, Jupiters Vogel, der König seines Geschlechtes, der -Leu der Lüfte! Er hat Federhosen und einen Schnabel von Eisen, nur vorne -plötzlich eisern gekrümmt, und Fänge von ungeheurer Kraft, einwärts -geschlagene Krallen, die vorderen von der langen rückwärtigen eisern -umgriffen. Sehen Sie, so!“ Und er versuchte, mit seiner langgenagelten -Kapitänshand die Adlerklaue darzustellen. „Gevatter, was kreist und -spähst du!“ wendete er sich wieder nach oben. „Stoß nieder! Schlag ihm -mit dem Eisenschnabel auf den Kopf und in die Augen, reiß ihm den Bauch -auf, dem Wesen, das dir Gott – – Perfekt! Erledigt! Deine Fänge müssen -in Eingeweide verstrickt sein und dein Schnabel triefen von Blut –“ - -Er war begeistert, und um die Teilnahme der Spaziergänger für Naphtas -und Settembrinis Antinomien war es getan. Auch wirkte die Erscheinung -des Adlers noch wortlos nach in den Beschlüssen und Unternehmungen, die -unter Mynheers Leitung darauf folgten: Es gab Einkehr, es gab ein Essen -und Trinken, ganz außer der Zeit, jedoch mit einem Appetit, der durch -das stille Gedenken an den Adler befeuert ward; ein Schmausen und -Zechen, wie Mynheer es so oft auch außerhalb des Berghofs ins Werk -setzte, wo es sich eben traf, in „Platz“ und „Dorf“, in einem Wirtshaus -zu Glaris oder Klosters, wohin man ausflugsweise mit dem Züglein -gefahren war: Klassische Gaben genoß man unter seiner Herrscherleitung: -Rahmkaffee mit ländlich Gebackenem oder saftigen Käse auf duftiger -Alpenbutter, die auch zu heißen, gerösteten Kastanien wundervoll -mundete, dazu Veltliner Roten, soviel das Herz begehrte; und Peeperkorn -begleitete das Stegreifmahl mit großen Abgerissenheiten oder forderte -Anton Karlowitsch Ferge zu reden auf, diesen gutmütigen Dulder, dem -alles Höhere völlig fremd war, der aber sehr dinghaft von der -Fabrikation russischer Gummischuhe zu erzählen wußte: Mit Schwefel und -andren Stoffen versetze man die Gummimasse, und die fertigen, lackierten -Schuhe würden in einer Hitze von über hundert Grad „vulkanisiert“. Auch -vom Polarkreis sprach er, denn selbst bis dorthin hatten seine -Dienstreisen ihn mehrfach geführt: von der Mitternachtssonne und vom -ewigen Winter am Nordkap. Da sei, sagte er aus seiner knotigen Kehle und -unter seinem überhängenden Schnurrbart hervor, der Dampfer ganz winzig -erschienen gegen den ungeheuren Felsen und die stahlgraue Fläche des -Meeres. Und gelbe Lichtflächen hätten sich am Himmel ausgebreitet, das -sei das Nordlicht gewesen. Und alles sei ihm, Anton Karlowitsch, -gespenstisch vorgekommen, die ganze Szenerie und er sich selber mit. - -Soweit Herr Ferge, der einzige in der kleinen Gesellschaft, der außer -allen hin und wieder laufenden Beziehungen stand. Was aber diese betraf, -so gibt es zwei kurze Unterredungen aufzuzeichnen, zwei wunderliche -Konversationen unter vier Augen, geführt zu jener Zeit von unserem -unheldischen Helden mit Clawdia Chauchat und ihrem Reisebegleiter: mit -jedem einzeln, die eine in der Halle, um eine Abendstunde, während die -„Störung“ droben im Fieber lag, die andre eines Nachmittags an Mynheers -Lager ... - -Es herrschte Halbdunkel in der Halle an jenem Abend. Die regelmäßige -Geselligkeit war matt und flüchtig gewesen, und früh hatte die -Gästeschaft sich zum Spätliegedienst in die Balkonlogen verzogen, soweit -sie nicht auf kurwidrigen Wegen wandelte, in die Welt hinab, zu Tanz und -Spiel. Nur eine Lampe brannte irgendwo an der Decke des ausgestorbenen -Raumes, und auch die anstoßenden Gesellschaftsräume waren kaum erhellt. -Doch wußte Hans Castorp, daß Frau Chauchat, die das Diner ohne ihren -Gebieter eingenommen hatte, noch nicht ins erste Stockwerk zurückgekehrt -war, sondern allein im Schreib- und Lesezimmer verweilte, und darum -hatte auch er gezögert, hinaufzugehen. Er saß in dem hinteren, durch -eine flache Stufe erhöhten und durch ein paar weiße Bögen mit -holzbekleideten Pfeilern vom Hauptraum abgegliederten Teil der Halle, -saß am Kachelkamin, in solchem Schaukelstuhl wie der, worin Marusja sich -damals gewiegt, als Joachim sein allereinziges Gespräch mit ihr -gepflogen, und rauchte eine Zigarette, wie es um diese Stunde hier -allenfalls statthaft war. - -Sie kam, er hörte ihre Schritte, ihr Kleid hinter sich, sie war neben -ihm, fächelte mit einem Brief, den sie an einer Ecke hielt, in der Luft -hin und her und sagte mit ihrer Pribislavstimme: - -„Der Concierge ist fort. Geben Sie schon ein _timbre poste_!“ - -Sie trug leichte dunkle Seide diesen Abend, ein Kleid mit rundem -Halsausschnitt und lockeren Ärmeln, die unten als geknöpfte Manschetten -knapp um die Handgelenke lagen. Er sah das mit Vorliebe. Sie hatte sich -mit der Perlenreihe geschmückt, die bleich in der Dämmerung schimmerte. -Er blickte hinauf in ihr Kirgisengesicht. Er wiederholte: - -„_Timbre?_ Ich habe keins.“ - -„Wie, keins? _Tant pis pour vous._ Nicht in Bereitschaft, einer Dame -gefällig zu sein?“ Sie warf die Lippen auf und zuckte die Achseln. „Das -enttäuscht mich. Präzis und zuverlässig solltet Ihr doch sein. Ich habe -mir eingebildet, Sie hätten in einem Fache Ihres Portefeuilles kleine -zusammengelegte Bögen von allen Sorten, nach der Wertstaffel geordnet.“ - -„Nein, wozu?“ sagte er. „Ich schreibe nie Briefe. An wen wohl? Höchst -selten mal eine Karte, die gleich frankiert ist. An wen sollte ich wohl -Briefe schreiben? Ich habe niemanden. Ich habe gar keine Fühlung mehr -mit dem Flachland, die ist mir abhanden gekommen. Wir haben ein Lied in -unserem Volksliederbuch, worin es heißt: ‚Ich bin der Welt abhanden -gekommen‘. So steht es mit mir.“ - -„Nun, dann geben Sie schon wenigstens eine Papyros, verlorener Mensch!“ -sagte sie, indem sie sich ihm gegenüber neben den Kamin auf die mit -einem leinenen Kissen belegte Bank setzte, ein Bein über das andere -legte und die Hand ausstreckte. „Es scheint, damit sind Sie versehen.“ -Und sie nahm nachlässig und ohne zu danken aus seiner silbernen Dose die -Zigarette, die er ihr entgegenschob, und bediente sich an dem -Taschenfeuerzeug, das er vor ihrem vorgebeugten Gesichte spielen ließ. -In diesem trägen „Geben Sie schon!“, diesem Nehmen ohne Dank lag -Üppigkeit der verwöhnten Frau, überdies aber der Sinn menschlicher, oder -besser gesagt: „mähnschlicher“ Gemeinsamkeit und Besitzgenossenschaft, -einer wilden und weichen Selbstverständlichkeit des Gebens und Nehmens. -Er kritisierte es bei sich in verliebtem Sinn. Dann sagte er: - -„Ja, damit immer. Damit bin ich allerdings immer versehen. Das muß man -haben. Wie käme man ohne das wohl aus? Nicht wahr, man nennt das eine -Leidenschaft, wenn einer so fragt. Ich bin, offen gestanden, gar kein -leidenschaftlicher Mensch, aber ich habe Leidenschaften, phlegmatische -Leidenschaften.“ - -„Es beruhigt mich außerordentlich“, sagte sie, den eingeatmeten Rauch -heraussprechend, „zu hören, daß Sie kein leidenschaftlicher Mensch sind. -Übrigens, wie denn auch wohl? Sie müßten aus der Art geschlagen sein. -Leidenschaft, das ist: um des Lebens willen leben. Aber es ist bekannt, -daß ihr um des Erlebnisses willen lebt. Leidenschaft, das ist -Selbstvergessenheit. Aber euch ist es um Selbstbereicherung zu tun. -_C’est ça._ Sie haben keine Ahnung, daß das abscheulicher Egoismus ist, -und daß ihr damit eines Tages als Feinde der Menschheit dastehen -werdet?“ - -„Hallo, hallo! Gleich Feinde der Menschheit? – Was sagst du da, Clawdia, -so allgemein? Was hast du Bestimmtes und Persönliches im Sinn, daß du -sagst, uns sei es nicht um das Leben, sondern um Bereicherung zu tun? -Ihr Frauen moralisiert doch nicht so ins Blaue hinein. Ach, die Moral, -weißt du. Die ist ein Streitfall für Naphta und Settembrini. Die fällt -ins Gebiet der großen Konfusion. Ob einer um seiner selbst willen lebt -oder um des Lebens willen, das weiß er doch selber nicht, und niemand -kann es genau und sicher wissen. Ich meine, die Grenze ist fließend. Da -gibt es egoistische Hingabe und hingebenden Egoismus ... Ich glaube, es -ist im ganzen, wie es in der Liebe ist. Natürlich ist es wohl -unmoralisch, daß ich nicht recht darauf achten kann, was du mir sagst -über Moral, sondern in erster Linie froh bin, daß wir zusammensitzen, -wie nur einmal bisher und keinmal noch, seit du zurück bist. Und daß ich -dir sagen kann, wie beispiellos gut dich diese engen Manschetten um -deine Handgelenke kleiden und diese dünne Seide weit um deine Arme -herum, – um deine Arme, die ich kenne ...“ - -„Ich gehe.“ - -„Geh, bitte, nicht! Ich werde die Umstände berücksichtigen und die -Persönlichkeiten.“ - -„Worauf man denn doch wenigstens wird rechnen dürfen bei einem Menschen -ohne Leidenschaft.“ - -„Ja, siehst du! Du spottest und schiltst mich aus, wenn ich ... Und du -willst gehen, wenn ich ...“ - -„Man ist gebeten, weniger lückenhaft zu sprechen, wenn man verstanden zu -werden wünscht.“ - -„Und ich soll also gar nicht, auch kein bißchen teilhaben an deiner -Übung im Erraten von Lückenhaftigkeiten? Das ist ungerecht, – würde ich -sagen, wenn ich nicht einsähe, daß es hier nicht um Gerechtigkeit geht -...“ - -„Ah, nein. Gerechtigkeit ist eine phlegmatische Leidenschaft. Im -Gegensatz zur Eifersucht, mit der phlegmatische Leute sich unbedingt -lächerlich machen würden.“ - -„Siehst du? Lächerlich. Gönne mir also mein Phlegma! Ich wiederhole: Wie -käme ich ohne das wohl aus? Wie hätte ich ohne das zum Beispiel das -Warten aushalten sollen?“ - -„Bitte?“ - -„Das Warten auf dich.“ - -„_Voyons, mon ami._ Ich will mich weiter nicht aufhalten über die Form, -in der Sie mit närrischer Hartnäckigkeit zu mir reden. Sie werden dessen -schon müde werden, und schließlich bin ich nicht zimperlich, keine -entrüstete Bürgersfrau ...“ - -„Nein, denn du bist krank. Die Krankheit gibt dir Freiheit. Sie macht -dich – halt, jetzt fällt mir ein Wort ein, das ich noch nie gebraucht -habe! Sie macht dich genial!“ - -„Wir wollen über Genie ein andermal reden. Nicht das wollte ich sagen. -Ich verlange eines. Sie werden nicht fingieren, daß ich mit Ihrem Warten -– wenn Sie gewartet haben – irgend etwas zu schaffen hätte, daß ich Sie -dazu ermutigt, es Ihnen auch nur erlaubt hätte. Sie werden mir sofort -ausdrücklich bestätigen, daß das Gegenteil der Fall ist ...“ - -„Gern, Clawdia, gewiß. Du hast mich zum Warten nicht aufgefordert, ich -habe aus freien Stücken gewartet. Ich verstehe vollkommen, daß du -Gewicht darauf legst ...“ - -„Sogar Ihre Zugeständnisse haben etwas Impertinentes. Überhaupt sind Sie -ein impertinenter Mensch, Gott weiß, wieso. Nicht nur im Verkehr mit -mir, sondern auch sonst. Selbst Ihre Bewunderung, Ihre Unterordnung hat -etwas Impertinentes. Glauben Sie nicht, daß ich das nicht sehe! Ich -sollte überhaupt nicht mit Ihnen sprechen deswegen und auch darum nicht, -weil Sie von Warten zu reden wagen. Es ist unverantwortlich, daß Sie -noch hier sind. Längst sollten Sie wieder bei Ihrer Arbeit sein, _sur le -chantier_, oder wo es war ...“ - -„Jetzt sprichst du ungenial und ganz konventionell, Clawdia. Das ist ja -nur eine Redensart. Wie Settembrini kannst du es nicht meinen und wie -denn sonst. Es ist nur so hingesagt, ich kann es nicht ernst nehmen. Ich -werde nicht wilde Abreise halten, wie mein armer Vetter, der, wie du -vorhersagtest, gestorben ist, als er versuchte, im Flachlande Dienst zu -tun, und der es wohl selber wußte, daß er sterben werde, aber lieber -sterben wollte, als hier weiter Kurdienst machen. Gut, dafür war er -Soldat. Aber ich bin keiner, ich bin Zivilist, für mich wäre es -Fahnenflucht, zu tun, wie er, und partout, trotz Radamanths Verbot, im -Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem Fortschritt dienen zu -wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit und Untreue gegen die -Krankheit und das Genie und gegen meine Liebe zu dir, wovon ich alte -Narben und neue Wunden trage, und gegen deine Arme, die ich kenne, – -wenn ich auch zugebe, daß es nur im Traume war, in einem genialen Traum, -daß ich sie kennen lernte, so daß dir selbstverständlich keinerlei -Konsequenzen und Verpflichtungen und Einschränkungen deiner Freiheit -daraus erwachsen ...“ - -Sie lachte, die Zigarette im Munde, daß ihre tatarischen Augen sich -zusammenzogen, und ließ, gegen die Boiserie zurückgelehnt, die Hände -neben sich auf die Bank gestützt und ein Bein über das andre geschlagen, -den Fuß im schwarzen Lackschuh wippen. - -„_Quelle générosité! Oh là, là, vraiment_, genau so habe ich mir einen -_homme de génie_ schon immer vorgestellt, mein armer Kleiner!“ - -„Laß das gut sein, Clawdia. Ich bin natürlich von Hause aus kein _homme -de génie_, so wenig wie ich ein Mann von Format bin, du lieber Gott, -nein. Aber dann bin ich durch Zufall – nenne es Zufall – so hoch -heraufgetrieben worden in diese genialen Gegenden ... Mit einem Worte, -du weißt wohl nicht, daß es etwas wie die alchimistisch-hermetische -Pädagogik gibt, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung -also, wenn du mich recht verstehen willst. Aber natürlich, ein Stoff, -der dazu taugen soll, durch äußere Einwirkungen zum Höheren -hinaufgetrieben und -gezwängt zu werden, der muß es wohl im voraus ein -bißchen in sich haben. Und was ich in mir hatte, das war, ich weiß es -genau, daß ich von langer Hand her mit der Krankheit und dem Tode auf -vertrautem Fuße stand und mir schon als Knabe unvernünftigerweise einen -Bleistift von dir lieh, wie hier in der Faschingsnacht. Aber die -unvernünftige Liebe ist genial, denn der Tod, weißt du, ist das geniale -Prinzip, die _res bina_, der _lapis philosophorum_, und er ist auch das -pädagogische Prinzip, denn die Liebe zu ihm führt zur Liebe des Lebens -und des Menschen. So ist es, in meiner Balkonloge ist es mir -aufgegangen, und ich bin entzückt, daß ich es dir sagen kann. Zum Leben -gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der -andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“ - -„Du bist ein närrischer Philosoph“, sagte sie. „Ich will nicht -behaupten, daß ich alles verstehe in deinen krausen deutschen Gedanken, -aber es klingt mähnschlich, was du sagst, und du bist zweifellos ein -guter Junge. Übrigens hast du dich tatsächlich _en philosophe_ benommen, -man muß es dir lassen ...“ - -„Zu sehr _en philosophe_ für deinen Geschmack, Clawdia, nicht?“ - -„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet hast, war -dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht böse, weil du umsonst -gewartet hast?“ - -„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen von -phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und hart von dir, daß du -mit ihm zusammen kamst, denn natürlich wußtest du durch Behrens, daß ich -hier war und auf dich wartete. Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur -als eine Traumnacht auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine -Freiheit zugestehe. Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn -du bist wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die -wunderbare Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem Ohr, -und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die ich kenne, – wenn -freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber liegt, der große -Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt hat ...“ - -„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute Freundschaft -halten.“ - -„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat mich deswegen -gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches Vorurteil. Der -Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen, er ist ja eine Persönlichkeit! -Daß er in Jahren ist, – nun ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen, -wenn du als Frau ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“ - -„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte sie, indem sie -ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht für mähnschlich -halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“ - -„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo -ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört. Laß uns doch ruhig von ihm -reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“ - -Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich in den Kamin -zu werfen und saß dann mit verschränkten Armen. - -„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz und -dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du bist der -Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein Gefühl zwang mich, -ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn wohl sonst? Urteile selbst! -Ist es denn mähnschenmöglich, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“ - -„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war selbstverständlich -ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es wohl fertigbringen, sich -über sein Gefühl hinwegzusetzen, über seine Angst um das Gefühl, ihn -sozusagen in Gethsemane im Stich zu lassen ...“ - -„Du bist nicht dumm“, sagte sie, und ihre Schrägaugen blickten starr -versonnen. „Du hast Verstand. Angst um das Gefühl ...“ - -„Es ist nicht viel Verstand nötig, um zu sehen, daß du ihm folgen -mußtest, obgleich – oder vielmehr weil – seine Liebe viel Beängstigendes -haben muß.“ - -„_C’est exact_ ... Beängstigend. Man hat viel Sorge mit ihm, du weißt, -viele Schwierigkeiten ...“ Sie hatte seine Hand genommen und spielte -unbewußt mit ihren Gelenken, blickte aber plötzlich mit -zusammengezogenen Brauen auf und fragte: - -„Halt! Ist es nicht gemein, daß wir über ihn sprechen, wie wir da tun?“ - -„Gewiß nicht, Clawdia. Nein, weit entfernt. Es ist gewiß nicht mehr als -menschlich! Du liebst das Wort, du dehnst es so schwärmerisch, ich habe -es immer mit Interesse aus deinem Munde gehört. Mein Vetter Joachim -mochte es nicht, aus soldatischen Gründen. Er meinte, es bedeute -allgemeine Schlappheit und Schlottrigkeit, und so genommen, als -uferloses guazzabuglio von Duldsamkeit, habe ich auch meine Bedenken -dagegen, das gebe ich zu. Aber wenn es den Sinn von Freiheit und -Genialität und Güte hat, dann ist es eben doch eine große Sache damit, -und wir können es ruhig anführen zugunsten unseres Gesprächs über -Peeperkorn und die Sorgen und Schwierigkeiten, die er dir macht. Sie -resultieren natürlich aus seiner Ehrenpuschel, aus seiner Angst vor dem -Versagen des Gefühls, die ihn die klassischen Hilfs- und Labungsmittel -so lieben läßt, – wir können in aller Ehrfurcht davon sprechen, denn es -hat alles Format bei ihm, großartiges Königsformat, und wir erniedrigen -weder ihn noch uns, wenn wir es menschlich zur Sprache bringen.“ - -„Es handelt sich nicht um uns“, sagte sie und hatte die Arme wieder -verschränkt. „Man wäre keine Frau, wenn man nicht um eines Mannes -willen, eines Mannes von Format, wie du sagst, für den man ein -Gegenstand des Gefühls und der Angst um das Gefühl ist, auch -Erniedrigungen in den Kauf nehmen wollte.“ - -„Unbedingt, Clawdia. Sehr wohl gesprochen. Auch die Erniedrigung hat -dann Format, und die Frau kann von der Höhe ihrer Erniedrigung herab zu -denen, die kein Königsformat haben, so geringschätzig sprechen, wie du -vorhin zu mir in betreff der _timbres poste_, in dem Ton, worin du -sagtest: ‚Präzis und zuverlässig solltet ihr doch wenigstens sein!‘“ - -„Du bist empfindlich? Laß das. Wir wollen die Empfindlichkeit zum Teufel -schicken, – bist du einverstanden? Auch ich bin zuweilen empfindlich -gewesen, ich will es zugeben, da wir heute abend so beieinander sitzen. -Ich habe mich geärgert an deinem Phlegma, und daß du dich auf so guten -Fuß mit ihm stelltest um deines egoistischen Erlebnisses willen. Dennoch -hat es mich gefreut, und ich war dir dankbar, daß du ihm Ehrfurcht -erwiesest ... Es war viel Loyalität in deinem Betragen, und wenn auch -etwas Impertinenz mit unterlief, so mußte ich sie dir am Ende zugute -halten.“ - -„Das war sehr gütig von dir.“ - -Sie sah ihn an. „Es scheint, du bist unverbesserlich. Ich werde dir -sagen: Du bist ein verschlagener Junge. Ich weiß nicht, ob du Geist -hast; aber unbedingt besitzest du Verschlagenheit. Gut übrigens, es läßt -sich damit leben. Es läßt sich Freundschaft damit halten. Wollen wir -Freundschaft halten, ein Bündnis schließen für ihn, wie man sonst gegen -jemanden ein Bündnis schließt! Gibst du mir darauf die Hand? Mir ist oft -bange ... Ich fürchte mich manchmal vor dem Alleinsein mit ihm, dem -innerlichen Alleinsein, _tu sais_ ... Er ist beängstigend ... Ich -fürchte zuweilen, es möchte nicht gut ausgehen mit ihm ... Es graut mir -zuweilen ... Ich wüßte gern einen guten Menschen an meiner Seite ... -_Enfin_, wenn du es hören willst, ich bin vielleicht deshalb mit ihm -hierhergekommen ...“ - -Sie saßen Knie an Knie, er in dem vorwärts gewiegten Stuhl, sie auf der -Bank. Sie hatte seine Hand gedrückt bei ihren letzten vor seinem Gesicht -gesprochenen Worten. Er sagte: - -„Zu mir? O, das ist schön. O, Clawdia, das ist ganz außerordentlich. Du -bist mit ihm zu mir gekommen? Und du willst sagen, mein Warten sei dumm -und unerlaubt und ganz umsonst gewesen? Das wäre im höchsten Grade -linkisch, wenn ich das Anerbieten deiner Freundschaft nicht zu schätzen -wüßte, der Freundschaft mit dir für ihn ...“ - -Da küßte sie ihn auf den Mund. Es war so ein russischer Kuß, von der Art -derer, die in diesem weiten, seelenvollen Lande getauscht werden an -hohen christlichen Festen, im Sinne der Liebesbesiegelung. Da aber ein -notorisch „verschlagener“ junger Mann und eine ebenfalls noch junge, -reizend schleichende Frau ihn tauschten, so fühlen wir uns, während wir -davon erzählen, unwillkürlich von ferne an Doktor Krokowskis -kunstreiche, wenn auch nicht einwandfreie Art erinnert, von der Liebe in -einem leise schwankenden Sinn zu sprechen, so daß niemand recht sicher -gewesen war, ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches damit auf -sich hatte. Machen wir es wie er, oder machten Hans Castorp und Clawdia -Chauchat es so bei ihrem russischen Kuß? Aber was würde man sagen, wenn -wir uns schlechthin weigerten, dieser Frage auf den Grund zu gehen? -Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber – um Hans Castorps -Redewendung zu wiederholen – „im höchsten Grade linkisch“ und geradezu -lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe zwischen Frommem und -Leidenschaftlichem „reinlich“ zu unterscheiden. Was heißt da reinlich! -Was schwankender Sinn und Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen -lustig darüber. Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur _ein_ -Wort hat für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was -man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit in der -Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich sein in der äußersten -Frömmigkeit und nicht unfromm in der äußersten Fleischlichkeit, sie ist -immer sie selbst, als verschlagene Lebensfreundlichkeit wie als höchste -Passion, sie ist die Sympathie mit dem Organischen, das rührend -wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten, – Charitas ist gewiß -noch in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft. -Schwankender Sinn? Aber man lasse in Gottes Namen den Sinn der Liebe -doch schwanken! Daß er schwankt, ist Leben und Menschlichkeit, und es -würde einen durchaus trostlosen Mangel an Verschlagenheit bedeuten, sich -um sein Schwanken Sorge zu machen. - -Während also die Lippen Hans Castorps und Frau Chauchats sich im -russischen Kusse finden, verdunkeln wir unser kleines Theater zum -Szenenwechsel. Denn nun handelt es sich um die zweite der beiden -Unterredungen, deren Mitteilung wir zusicherten, und nach -Wiederherstellung der Beleuchtung, der trüben Beleuchtung eines zur -Neige gehenden Frühlingstages, zur Zeit der Schneeschmelze, erblicken -wir unseren Helden in schon gewohnter Lebenslage am Bette des großen -Peeperkorn, in ehrerbietig-freundschaftlichem Gespräch mit ihm. Nach dem -4-Uhr-Tee im Speisesaal, zu dem Frau Chauchat, wie schon zu den drei -vorhergehenden Mahlzeiten, allein erschienen war, um unmittelbar danach -einen _shopping_-Gang nach „Platz“ hinunter anzutreten, hatte Hans -Castorp sich zu einer seiner üblichen Krankenvisiten bei dem Holländer -melden lassen, teils, um ihm Aufmerksamkeit zu bezeigen und ihn ein -wenig zu unterhalten, teils, um sich seinerseits an seiner -Persönlichkeitswirkung zu erbauen, – kurzum, aus lebensvoll schwankenden -Motiven. Peeperkorn legte den „Telegraaf“ beiseite, warf den Hornzwicker -darauf, nachdem er ihn sich am Bügel von der Nase gehoben, und reichte -dem Besucher die Kapitänshand, während seine breiten, zerrissenen Lippen -sich mit wundem Ausdruck undeutlich regten. Rotwein und Kaffee waren ihm -wie gewöhnlich zur Hand: das Kaffeegeschirr stand auf dem Stuhle am -Bett, braun benetzt vom Gebrauch, – Mynheer hatte seinen -Nachmittagstrank genommen, stark und heiß, mit Zucker und Rahm, wie -gewöhnlich, und er schwitzte davon. Sein weiß umflammtes Königsgesicht -war gerötet, und kleine Tropfen standen ihm auf Stirn und Oberlippe. - -„Ich schwitze etwas“, sagte er. „Willkommen, junger Mann. Im Gegenteil. -Nehmen Sie Platz! Das ist ein Zeichen von Schwäche, wenn einem nach -Einnahme eines warmen Getränkes sogleich – Wollen Sie mir – Ganz recht. -Das Taschentuch. Ich danke sehr.“ Übrigens verlor sich die Röte bald und -machte der gelblichen Blässe Platz, die nach einem malignen Anfall des -großartigen Mannes Gesicht zu bedecken pflegte. Das Quartanfieber war -stark gewesen diesen Vormittag, in allen drei Stadien, dem kalten, dem -glühenden und dem feuchten, und Peeperkorns kleine, blasse Augen -blickten matt unter der idolhaften Stirnlineatur. Er sagte: - -„Es ist – durchaus, junger Mann. Ich möchte durchaus das Wort -‚anerkennenswert‘ – Absolut. Es ist sehr freundlich von Ihnen, einen -kranken alten Mann –“ - -„Zu besuchen?“ fragte Hans Castorp ... „Nicht doch, Mynheer Peeperkorn. -Ich bin es, der sehr dankbar zu sein hat, daß ich ein bißchen hier -sitzen darf, ich habe ja unvergleichlich viel mehr davon, als Sie, ich -komme aus rein egoistischen Gründen. Und was ist denn das für eine -irreführende Bezeichnung für Ihre Person, – ‚ein kranker alter Mann‘. -Kein Mensch würde darauf kommen, daß _Sie_ das sein sollen. Es gibt ja -ein völlig falsches Bild.“ - -„Gut, gut“, erwiderte Mynheer und schloß für einige Sekunden die Augen, -das majestätische Haupt mit erhobenem Kinn ins Kissen zurückgelehnt, die -langgenagelten Finger auf der breiten Königsbrust gefaltet, die sich -unter dem Trikothemd abzeichnete. „Es ist gut, junger Mann, oder -vielmehr, Sie meinen es gut, ich bin überzeugt davon. Es war angenehm -gestern nachmittag – jawohl, noch gestern nachmittag – an jenem -gastlichen Ort – ich habe seinen Namen vergessen –, wo wir die -vortreffliche Salamiwurst mit Rühreiern und diesen gesunden Landwein –“ - -„Großartig war es!“ bestätigte Hans Castorp. „Wir haben es uns alle ganz -unerlaubt schmecken lassen, – der Küchenchef hier vom Berghof wäre mit -Recht beleidigt gewesen, wenn er’s gesehen hätte, – kurzum, wir waren -ohne Ausnahme intensiv bei der Sache! Das war Salami von echtem Schrot -und Korn, Herr Settembrini war ganz gerührt davon, er aß sie sozusagen -mit feuchten Augen. Er ist ja ein Patriot, wie Sie wissen werden, ein -demokratischer Patriot. Er hat seine Bürgerpike am Altar der Menschheit -geweiht, damit die Salami in Zukunft an der Brennergrenze verzollt -werde.“ - -„Das ist unwesentlich“, erklärte Peeperkorn. „Er ist ein ritterlicher -und heiter gesprächiger Mann, ein Kavalier, obgleich es ihm offenbar -nicht vergönnt ist, häufig seine Kleidung zu wechseln.“ - -„Überhaupt nicht!“ sagte Hans Castorp. „Überhaupt nicht vergönnt! Ich -kenne ihn nun schon lange Zeit und bin sehr befreundet mit ihm, das -heißt, er hat sich meiner aufs dankenswerteste angenommen, weil er -nämlich fand, ich wäre ein ‚Sorgenkind des Lebens‘ – das ist so eine -Redewendung zwischen uns, der Ausdruck ist nicht ohne weiteres -verständlich – und sich die Mühe gibt, berichtigend auf mich -einzuwirken. Aber nie habe ich ihn anders gesehen, weder im Sommer noch -im Winter, als in den gewürfelten Hosen und dem faserigen Doppelreiher, -er trägt die alten Sachen übrigens mit hervorragendem Anstand, durchaus -kavaliermäßig, da stimme ich Ihnen entschieden zu. Es ist ein Triumph -über die Ärmlichkeit, wie er sie trägt, und mir ist diese Ärmlichkeit -sogar lieber als die Eleganz des kleinen Naphta, bei der einem nie recht -geheuer ist, sie ist sozusagen des Teufels, und die Mittel dazu bezieht -er hintenherum, – ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse.“ - -„Ein ritterlicher und heiterer Mann,“ wiederholte Peeperkorn, ohne auf -die Bemerkung über Naphta einzugehen, „wenn auch – erlauben Sie mir -diese Einschränkung – wenn auch nicht ohne Vorurteile. Madame, meine -Reisebegleiterin, schätzt ihn nicht sonderlich, wie Sie vielleicht -bemerkt haben werden; sie äußert sich ohne Sympathie über ihn, -zweifellos weil sie derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie -– Kein Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini und -Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt! Ich denke -nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte jener Artigkeit, die -ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber Freund, durchaus einwandfrei! -Allein es ist da doch eine Grenze, eine Zurückhaltung, eine gewisse -Re–ku–sa–tion, die Madames Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade -–“ - -„Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade rechtfertigt. -Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigenmächtig Ihren Satz -beende. Ich kann es riskieren in dem Bewußtsein völligen -Einverständnisses mit Ihnen. Besonders wenn man in Anschlag bringt, wie -sehr die Frauen – Sie mögen lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so -allgemein von den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum -Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu ihnen, – so gibt es -da nichts zu verwundern. Die Frauen, so möchte ich mich ausdrücken, sind -reaktive Geschöpfe, ohne selbständige Initiative, lässig im Sinne von -passiv ... Lassen Sie mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter -auszuführen versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte, -betrachtet sich in Liebesangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie -läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird zum -wählenden Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des Mannes, und auch -dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen, ist ihre Wahlfreiheit – -vorausgesetzt nur eben, daß es sich nicht um eine gar zu betrübte Seele -von Mann handelt, aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung -gelten – ist also ihre Wahlfreiheit sehr beeinträchtigt und bestochen -durch die Tatsache, _daß_ sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden -Abgeschmacktheiten sein, was ich da äußere, aber wenn man jung ist, so -ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich. Sie fragen eine -Frau: ‚Liebst du ihn denn?‘ ‚Er liebt mich so sehr!‘ antwortet sie Ihnen -mit Augenaufschlag oder auch -niederschlag. Nun stellen Sie sich eine -solche Antwort im Munde von unsereinem vor – verzeihen Sie die -Zusammenziehung! Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten, -aber sie sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um -mich epigrammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von welcher -Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich zeugt. Findet die -Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Ergebenheit schuldet, der ein so -niederes Wesen wie sie mit seiner Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie -in der Liebe des Mannes zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner -Vorzüglichkeit. Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläufig -hier und da einmal gefragt.“ - -„Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann, mit Ihrem -gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenheiten“, erwiderte Peeperkorn. -„Den Mann berauscht seine Begierde, das Weib verlangt und gewärtigt, von -seiner Begierde berauscht zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum -Gefühl. Daher die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der -Ohnmacht, das Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein -mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe dieses Tages -war erheblich.“ - -„Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar nicht meine -Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken bin ich immer -bereit.“ - -„So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. Ich greife -aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man tritt diesem kleinen -Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus schlichtem Gefäße –“ Er schenkte -ein, unter Beihilfe seines Gastes, mit leicht zitternder Kapitänshand, -und goß durstig den Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine -Büstengurgel, genau, als ob es klares Wasser wäre. - -„Das labt“, sagte er. „Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben Sie, daß -ich mir noch einmal –“ Er verschüttete etwas Wein beim abermaligen -Einschenken. Das Einschlaglaken seiner Decke war dunkelrot befleckt. -„Ich wiederhole“, sagte er mit erhobener Fingerlanze, während in seiner -anderen Hand das Weinglas zitterte, „ich wiederhole: daher unsere -Verpflichtung, unsere _religiöse_ Verpflichtung zum Gefühl. Unser -Gefühl, verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt. Das -Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit mit dem -göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann, ist göttlich. Der -Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das Gefühl Gottes. Gott -schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ, -durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben -vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist -die Niederlage von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein -unausdenkbares Entsetzen –“ Er trank. - -„Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer Peeperkorn“, -sagte Hans Castorp. „Ich folge Ihrem Gedankengang zu meiner größten -Belehrung. Sie entwickeln da eine theologische Theorie, mit der Sie dem -Menschen eine höchst ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige -religiöse Funktion zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken -erlauben darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungsweise, die -ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse Strenge ist -natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates. Ich denke nicht -daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern ich möchte nur einlenkend auf -Ihre Äußerung über gewisse ‚Vorurteile‘ zurückkommen, die nach Ihrer -Beobachtung Herr Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin, -entgegenbringt. Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr -und Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß seine -Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall kleinlichen -und spießbürgerlichen Charakters sind, – lächerlich, so etwas zu denken. -Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile von größerem Stil und -also unpersönlicher Art handeln, um allgemein pädagogische Prinzipien, -bei deren Geltendmachung Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner -Eigenschaft als ‚Sorgenkind des Lebens‘ – Aber das führt zu weit. Es ist -eine überaus weitläufige Angelegenheit, die ich unmöglich in zwei Worten -–“ - -„Und Sie lieben Madame?“ fragte Mynheer plötzlich und wandte dem -Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrissenen Munde und den -kleinen blassen Augen unter dem Stirnarabeskenwerk zu ... Hans Castorp -erschrak. Er stammelte: - -„Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbstverständlich -schon in ihrer Eigenschaft als –“ - -„Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurückdämmender -Kulturgebärde die Hand ausstreckte. „Lassen Sie mich,“ fuhr er fort, -nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen für das, was er zu sagen -hatte, „lassen Sie mich wiederholen, daß ich weit von dem Vorwurf -entfernt bin, dieser italienische Herr habe sich je eines wirklichen -Verstoßes gegen die Gebote der Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen -niemanden diesen Vorwurf, gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im -gegenwärtigen Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann. -Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein Zweifel; es -gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl sage ich mir – -Ich sage mir kurz und gut: Ihre Bekanntschaft mit Madame ist älter, als -die unsrige. Sie haben schon ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit -ihr geteilt. Außerdem ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften, -und ich bin nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich -unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein und ohne -Begleitung hinab in den Kurort – Kein Unglück! Bei weitem nicht! Nur -wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß der – wie sagten Sie – der -pädagogischen Prinzipien Signor Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem -ritterlichen Antriebe – Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ...“ - -„Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und gar nicht. Ich -handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat mich Herr Settembrini sogar -gelegentlich – – Ich sehe da zu meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem -Laken, Mynheer Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf -zu schütten, solange sie frisch waren –“ - -„Das ist unwesentlich“, sprach Peeperkorn, indem er seinen Gast im Auge -behielt. - -Hans Castorp verfärbte sich. - -„Die Dinge“, sagte er mit falschem Lächeln, „liegen hier doch etwas -anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken, ist -nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der Kranke, ob Mann oder -Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit treten dagegen zurück. Sie -sind vorübergehend unpäßlich, Mynheer Peeperkorn, – eine akute -Unpäßlichkeit, eine Unpäßlichkeit von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin -ist vergleichsweise gesund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu -handeln, wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen -vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha, ha: – -statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine Begleitung in den -Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch wohl dazu, Ihrer -Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen? Dazu habe ich gar -keinen Rechtstitel und kein Mandat. Ich darf sagen, daß ich viel Sinn -für positive Rechtsverhältnisse habe. Kurzum, meine Situation, finde -ich, ist korrekt, sie entspricht der allgemeinen Sachlage, sie -entspricht namentlich meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person, -Mynheer Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn Sie -richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort erteilt -zu haben.“ - -„Eine sehr angenehme“, erwiderte Peeperkorn. „Ich lausche mit -unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort, junger Mann. Es -springt über Stock und Stein und rundet die Dinge zur Annehmlichkeit. -Allein befriedigend, – nein. Ihre Antwort befriedigt mich nicht ganz, – -verzeihen Sie, wenn ich Ihnen damit eine Enttäuschung bereite. -‚Rigoros‘, lieber Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf -gewisse von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen -liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit, die mir -mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen scheint, obgleich sie mir aus -Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung bekannt ist. Ich erkenne sie -wieder. Es ist die nämliche Gezwungenheit, die Sie bei unseren -gemeinsamen Unternehmungen, unseren Spaziergängen gegen Madame – gegen -sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine Erklärung – -das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger Mann. Ich irre mich -nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu oft bestätigt, und es ist -unwahrscheinlich, daß sie sich nicht auch anderen aufgedrängt haben -sollte, mit dem Unterschiede, daß diese anderen sich möglicherweise, ja -wahrscheinlich im Besitz der Erklärung des Phänomens befinden.“ - -Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlossenem Stil heute -nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den malignen Anfall. Es -fehlte fast jede Abgerissenheit. Im Bette halb sitzend, die mächtigen -Schultern, das großartige Haupt gegen den Besucher gewandt, hielt er den -einen Arm über der Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige -Kapitänshand, aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den von -den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein Mund die Worte -so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie Herr Settembrini es nur -hätte wünschen können, mit gerolltem Kehl-r in Wörtern wie -„wahrscheinlich“ und „aufgedrängt“. - -„Sie lächeln,“ fuhr er fort, „Sie drehen blinzelnd den Kopf hin und her, -Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens zu befleißigen. -Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen, was ich meine, und um -was es sich handelt. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht zuweilen das Wort -an Madame richteten oder ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die -Unterhaltung das Umgekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es -geschieht mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen, -einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht, dem Vermeiden _einer_ -Form. Man hat, soweit Sie in Frage kommen, den Eindruck, als handelte es -sich um eine Wette, als hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen -und dürften sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen. -Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden. Sie sagen -nicht ‚Sie‘ zu ihr.“ - -„Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ...“ - -„Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst nicht unkund -sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind bis in die Lippen -hinein.“ - -Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich beschäftigte -er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. „Dahin mußte es kommen!“ -dachte er. „Darauf wollte es hinaus. Ich habe, glaube ich, selber das -meine getan, damit es darauf hinausliefe. Ich habe es in gewissem Grade -darauf angelegt, wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich -wahrhaftig so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf -Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann ich noch lügen? -Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich bleibe vorderhand bei -diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier im Laken.“ - -Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei oder drei -Minuten lang, – sie gab zu bemerken, welche Ausdehnung diese winzigen -Einheiten unter solchen Umständen gewinnen können. - -Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete. - -„Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft gebracht -hatte“, begann er in singendem Ton und ließ am Schlusse die Stimme -sinken, als sei das der erste Satz einer längeren Erzählung. „Wir hatten -ein kleines Fest gefeiert, Speise und Trank genossen, und in gehobener -Stimmung, in menschlich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu -vorgerückter Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da geschah es, hier -vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung kam, die -Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten mit den Lippen die Stirn der -Frau berühren, die Sie mir als einen guten Freund von früherem -Aufenthalte her vorgestellt hatte, und es ihr anheimzugeben, diese -feierlich-heitere Handlung zum Zeichen der erhöhten Stunde vor meinen -Augen zu erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen sie -mit der Begründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit meiner -Reisebegleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden nicht bestreiten, -daß das eine Erläuterung war, die selbst der Erklärung bedurft hätte, -einer Erklärung, die Sie mir bis zur Stunde schuldig geblieben sind. -Sind Sie gewillt, diese Schuld jetzt abzutragen?“ - -„So, das hat er also auch gemerkt“, dachte Hans Castorp und wandte sich -noch näher den Weinflecken zu, indem er mit der gekrümmten Spitze des -Mittelfingers an einem davon kratzte. „Im Grunde wollte ich wohl damals, -daß er es merkte und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber -was nun? Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller -vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach seiner Faust -umzusehen, die möglicherweise schon über mir schwebt? Eine -hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage, in der ich mich da -befinde!“ - -Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand -Peeperkorns umfaßt. - -„Jetzt faßt er mich am Handgelenk!“ dachte er. „Na, lächerlich, was -sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich schuldhaft -vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der Mann in Daghestan sich -zu beklagen. Und dann dieser und jener. Und dann ich. Und _er_ hat sich -meines Wissens überhaupt noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also -das Herz? Es ist hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und ihm frank, wenn -auch ehrerbietig in das großmächtige Antlitz blicke!“ - -So tat er. Das großmächtige Antlitz war gelb, die Augen blickten blaß -unter angezogener Stirnlineatur, der Ausdruck der zerrissenen Lippen war -bitter. Sie lasen einer in des anderen Augen, der große alte und der -unbedeutende junge Mann, indem der eine fortfuhr, den anderen am -Handgelenk zu halten. Endlich sprach Peeperkorn leise: - -„Sie waren Clawdias Geliebter bei ihrem vorigen Aufenthalt.“ - -Hans Castorp ließ noch einmal den Kopf sinken, richtete ihn aber gleich -wieder auf und sagte nach einem tiefen Atemzug: - -„Mynheer Peeperkorn! Es widersteht mir im höchsten Grade, Sie zu -belügen, und ich suche nach einer Möglichkeit, das zu vermeiden. Es ist -nicht leicht. Ich prahle, wenn ich Ihre Feststellung bestätige, und ich -lüge, wenn ich sie leugne. Das ist so zu verstehen. Ich habe lange Zeit, -sehr lange Zeit mit Clawdia – verzeihen Sie – mit Ihrer gegenwärtigen -Reisebegleiterin zusammen in diesem Hause gelebt, ohne sie -gesellschaftlich zu kennen. Das Gesellschaftliche schied aus in unseren -Beziehungen oder in meinen Beziehungen zu ihr, von denen ich sagen will, -daß ihr Ursprung im Dunklen liegt. Ich habe Clawdia in meinen Gedanken -nie anders als Du genannt und auch in Wirklichkeit nie anders. Denn der -Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln, von denen schon kurz die -Rede war, abstreifte und mich ihr näherte – unter einem Vorwand, der mir -von früher her nahe lag –, war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend, -ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in dessen Verlauf das Du -auf traumhafte und unverantwortliche Weise vollen Sinn gewann. Er war -aber zugleich der Vorabend von Clawdias Abreise.“ - -„Vollen Sinn“, wiederholte Peeperkorn. „Sie haben das sehr artig –“ Er -ließ Hans Castorp los und begann, sich mit den Flächen seiner -langnägeligen Kapitänshände beide Gesichtshälften zu massieren, -Augenhöhlen, Wangen und Kinn. Dann faltete er die Hände auf dem -weinbesudelten Laken und legte den Kopf auf die Seite, die linke Seite, -gegen den Gast hin, so daß es einem Abwenden des Gesichtes gleichkam. - -„Ich habe Ihnen so richtig wie möglich geantwortet, Mynheer Peeperkorn,“ -sagte Hans Castorp, „und mich gewissenhaft bemüht, weder zuviel noch -zuwenig zu sagen. Es kam mir vor allem darauf an, Sie bemerken zu -lassen, daß es gewissermaßen freisteht, jenen Abend des vollen Du und -des Abschieds mitzählen zu lassen oder nicht, – daß er ein aus aller -Ordnung und beinahe aus dem Kalender fallender Abend war, ein _hors -d’œuvre_, sozusagen, ein Extraabend, ein Schaltabend, der -neunundzwanzigste Februar, – und daß es also nur eine halbe Lüge gewesen -wäre, wenn ich Ihre Feststellung geleugnet hätte.“ - -Peeperkorn antwortete nicht. - -„Ich habe es vorgezogen,“ fing Hans Castorp nach einer Pause wieder an, -„Ihnen die Wahrheit zu sagen auf die Gefahr hin, dadurch Ihres -Wohlwollens verlustig zu gehen, was, ganz offen gestanden, ein -empfindlicher Verlust für mich wäre, ich kann wohl sagen: ein Schlag, -ein wirklicher Schlag, den man wohl in Vergleich stellen könnte mit dem -Schlag, den es für mich bedeutete, als Frau Chauchat nicht allein, -sondern als Ihre Reisebegleiterin hier wieder eintraf. Ich habe es auf -diese Gefahr ankommen lassen, weil es längst mein Wunsch gewesen ist, -daß Klarheit zwischen uns – zwischen Ihnen, dem ich so außerordentlich -verehrungsvolle Empfindungen entgegenbringe, und mir herrschen möge, – -das schien mir schöner und menschlicher – Sie wissen, wie Clawdia das -Wort ausspricht mit ihrer zauberhaft belegten Stimme, so reizend gedehnt -–, als Verschwiegenheit und Verstellung, und insofern ist mir ein Stein -vom Herzen gefallen, als Sie vorhin Ihre Feststellung machten.“ - -Keine Antwort. - -„Noch eins, Mynheer Peeperkorn“, fuhr Hans Castorp fort. „Noch eins ließ -mich wünschen, Ihnen reinen Wein einschenken zu dürfen, nämlich die -persönliche Erfahrung, wie irritierend die Unsicherheit, das -Angewiesensein auf halbe Vermutungen in dieser Richtung wirken kann. -_Sie_ wissen nun, wer es war, mit dem Clawdia, bevor das gegenwärtige -positive Rechtsverhältnis sich herstellte, das nicht zu respektieren -natürlich ausgemachter Wahnsinn wäre, einen – einen neunundzwanzigsten -Februar erlebt, verbracht, begangen – also begangen hat. Ich habe für -mein Teil diese Klarheit nie gewinnen können, obgleich ich mir klar -darüber war, daß jeder, der in die Lage kommt, darüber nachzudenken, mit -solchen Vorgängen, ich meine eigentlich Vorgängern, rechnen muß, und -obgleich ich ferner wußte, daß Hofrat Behrens, der, wie Sie vielleicht -wissen, in Öl dilettiert, im Laufe vieler Sitzungen ein hervorragendes -Porträt von ihr angefertigt hatte, von einer Anschaulichkeit in der -Wiedergabe der Haut, die unter uns gesagt zu starkem Stutzen Anlaß gibt. -Das hat mir viel Qual und Kopfzerbrechen verursacht und tut es noch -heute.“ - -„Sie lieben sie noch?“ fragte Peeperkorn, ohne seine Stellung zu -verändern, das heißt: mit abgewandtem Gesicht ... Das große Zimmer sank -mehr und mehr in Dämmerung. - -„Entschuldigen Sie, Mynheer Peeperkorn,“ antwortete Hans Castorp, „aber -meine Empfindungen für Sie, Empfindungen größter Hochachtung und -Bewunderung, würden es mir nicht als schicklich erscheinen lassen, Ihnen -von meinen Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin zu sprechen.“ - -„Und teilt sie“, fragte Peeperkorn mit stiller Stimme, „diese -Empfindungen auch heute noch?“ - -„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht, daß sie sie -jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir haben diesen -Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir von der reaktiven Natur -der Frauen sprachen. An mir ist natürlich nicht viel zu lieben. Was habe -denn ich für ein Format, – urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem – -einem neunundzwanzigsten Februar kommen konnte, so ist das einzig und -allein der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes -zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch und -geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen ‚Mann‘ nenne, aber Clawdia -ist jedenfalls eine Frau.“ - -„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen Lippen. - -„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte Hans Castorp, -„und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach schon manches liebe Mal -getan hat, – darüber muß jeder sich klar sein, der in die Lage kommt –“ - -„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber mit einer Gebärde -der flachen Hand gegen seinen Unterredner. „Sollte es nicht gemein sein, -daß wir so über sie sprechen?“ - -„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie völlig -beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen die Rede, – das -Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und der Genialität genommen, – -verzeihen Sie den möglicherweise etwas geschraubten Ausdruck, aber der -Bedarfsfall brachte mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“ - -„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise. - -Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles am Bette -sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt, die Hände zwischen -den Knien. - -„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der Mann hinter -dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie einen Mann hinter dem -Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit und Genialität, sei es aus -Stumpfheit, sei es aus Intelligenz, ich kenne den Burschen nicht. -Jedenfalls tut er wohl daran, sie ihr zu bewilligen, denn es ist die -Krankheit, die sie ihr verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem -sie untersteht, und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem -Beispiel zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch -vorwärts ...“ - -„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte ihm das Antlitz -zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die Augen blickten bleich und -matt unter der idolhaften Stirnlineatur, der große, zerrissene Mund -stand halb geöffnet wie bei einer tragischen Maske. - -„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden, „daß es sich um -mich handle. Meine Worte bezwecken, daß _Sie_ sich nicht beklagen, -Mynheer Peeperkorn, und mir nicht um früherer Vorkommnisse willen Ihr -Wohlwollen entziehen. Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“ - -„Dessen ungeachtet“, sagte Peeperkorn, „muß es ein großer Schmerz -gewesen sein, den ich Ihnen unwissentlich zugefügt habe.“ - -„Wenn das eine Frage ist“, versetzte Hans Castorp, „und wenn ich sie -bejahe, so soll das vor allen Dingen nicht heißen, daß ich den enormen -Vorzug Ihrer Bekanntschaft nicht zu schätzen wüßte, denn dieser Vorzug -ist ja mit der Enttäuschung, von der Sie sprechen, untrennbar -verbunden.“ - -„Ich danke, junger Mann, ich danke. Ich schätze die Artigkeit Ihres -kleinen Wortes. Allein von unserer Bekanntschaft abgesehen –“ - -„Es ist schwer, davon abzusehen,“ sagte Hans Castorp, „und es empfiehlt -sich für mich auch gar nicht, davon abzusehen, um Ihre Frage in aller -Anspruchslosigkeit zu bejahen. Denn daß es eine Persönlichkeit Ihres -Formates war, in deren Begleitung Clawdia zurückkehrte, konnte das -Ungemach, das für mich darin lag, daß sie überhaupt in Begleitung eines -anderen Mannes zurückkehrte, natürlich nur verstärken und verwickelter -gestalten. Es hat mir bedeutend zu schaffen gemacht und tut es heute -noch, das leugne ich nicht, und ich habe mich absichtlich nach Kräften -an die positive Seite der Sache gehalten, das heißt: an meine -aufrichtigen Verehrungsgefühle für Sie, Mynheer Peeperkorn, worin -übrigens nebenbei eine kleine Bosheit gegen Ihre Reisebegleiterin lag; -denn die Frauen sehen es gar nicht besonders gern, wenn ihre Liebhaber -zusammenhalten.“ - -„In der Tat –“, sagte Peeperkorn und verbarg ein Lächeln, indem er mit -der hohlen Hand über Mund und Kinn strich, als bestünde Gefahr, daß Frau -Chauchat ihn lächeln sähe. Auch Hans Castorp lächelte diskret, und dann -nickten sie beide im Einverständnis vor sich hin. - -„Diese kleine Rache“, fuhr Hans Castorp fort, „war mir am Ende zu -gönnen, denn so weit ich in Frage komme, habe ich wirklich einigen -Grund, mich zu beklagen, – nicht über Clawdia und nicht über Sie, -Mynheer Peeperkorn, aber mich allgemein zu beklagen, meines Lebens und -Schicksals wegen, und da ich die Ehre Ihres Vertrauens genieße und dies -eine so durch und durch eigentümliche Dämmerstunde ist, so will ich mich -wenigstens andeutungsweise darüber zu äußern versuchen.“ - -„Ich bitte darum“, sagte Peeperkorn höflich, worauf Hans Castorp -fortfuhr: - -„Ich bin seit langer Zeit hier oben, Mynheer Peeperkorn, seit Jahren und -Tagen, – genau weiß ich es nicht, wie lange, aber es sind Lebensjahre, -darum sprach ich von ‚Leben‘, und auch auf das ‚Schicksal‘ werde ich im -rechten Augenblick noch zurückkommen. Mein Vetter, den ich etwas zu -besuchen dachte, ein Militär, der es redlich und brav im Sinne hatte, -aber das half ihm nichts, ist mir hier weggestorben, und ich bin immer -noch da. Ich war nicht Militär, ich hatte einen Zivilberuf, wie Sie -vielleicht gehört haben, einen handfesten und vernünftigen Beruf, der -angeblich sogar in völkerverbindender Richtung wirkt, aber ich war ihm -nie sonderlich verbunden, das gebe ich zu, und zwar aus Gründen, von -denen ich nur sagen will, daß sie im Dunklen liegen: Sie liegen da -zusammen mit den Ursprüngen meiner Empfindungen für Ihre -Reisebegleiterin – ich nenne sie ausdrücklich so, um zu bekunden, daß es -mir nicht einfällt, an der positiven Rechtslage rütteln zu wollen – -meiner Empfindungen für Clawdia Chauchat und meines Duzverhältnisses zu -ihr, das ich nie verleugnet habe, seit ihre Augen mir zuerst begegneten -und es mir antaten, – es mir in unvernünftigem Sinne antaten, verstehen -Sie. Ihr zuliebe und Herrn Settembrini zum Trotz habe ich mich dem -Prinzip der Unvernunft, dem genialen Prinzip der Krankheit unterstellt, -dem ich freilich wohl von langer Hand und jeher schon unterstand, und -bin hier oben geblieben, – ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ich -habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen Verwandten und -meinem flachländischen Beruf und allen meinen Aussichten. Und als -Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, immer hier oben gewartet, -so daß ich nun dem Flachland völlig abhanden gekommen und in seinen -Augen so gut wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von ‚Schicksal‘ -sprach und mir anzudeuten erlaubte, daß es mir allenfalls zustände, mich -über die gegenwärtige Rechtslage zu beklagen. Ich habe einmal eine -Geschichte gelesen, – nein, ich habe sie im Theater gesehen, wie ein -gutmütiger Junge – er war übrigens Militär, wie mein Vetter, – es mit -einer reizenden Zigeunerin zu tun bekommt, – sie war reizend, mit einer -Blume hinter dem Ohr, ein wildes, fatales Frauenzimmer, und sie tat es -ihm dermaßen an, daß er vollständig entgleiste, ihr alles opferte, -fahnenflüchtig wurde, mit ihr zu den Schmugglern ging und sich in jeder -Richtung entehrte. Als er soweit war, hatte sie genug von ihm und kam -mit einem Matador daher, einer zwingenden Persönlichkeit mit -prachtvollem Bariton. Es endete damit, daß der kleine Soldat, kreideweiß -im Gesicht und in offenem Hemd, sie vor dem Zirkus mit seinem Messer -erstach, worauf sie es übrigens geradezu angelegt hatte. Es ist eine -ziemlich beziehungslose Geschichte, auf die ich da komme. Aber -schließlich, warum fällt sie mir ein?“ - -Mynheer Peeperkorn hatte bei Nennung des „Messers“ seine Sitzlage im -Bette etwas verändert, war kurz beiseite gerückt, indem er rasch das -Gesicht seinem Gaste zugewandt und ihm forschend ins Auge geblickt -hatte. Jetzt richtete er sich besser auf, stützte sich auf den Ellbogen -und sprach: - -„Junger Mann, ich habe gehört, und ich bin nun im Bilde. Erlauben Sie -mir auf Grund Ihrer Mitteilungen eine loyale Erklärung! Wäre mein Haar -nicht bleich und wäre ich nicht mit malignem Fieber geschlagen, so sähen -Sie mich bereit, Ihnen von Mann zu Mann, die Waffe in der Hand, -Genugtuung zu geben für die Unbill, die ich Ihnen unwissentlich angetan, -und zugleich für diejenige, die meine Reisebegleiterin Ihnen zugefügt, -und für die ich ebenfalls aufzukommen habe. Perfekt, mein Herr, – Sie -sähen mich bereit. Wie aber die Dinge liegen, so erlauben Sie mir, einen -anderen Vorschlag dafür einzusetzen. Es ist der folgende. Ich erinnere -mich eines gehobenen Augenblicks, gleich zu Anfang unserer -Bekanntschaft, – ich erinnere mich daran, obgleich ich damals dem Weine -stark zugesprochen hatte –, eines Augenblicks also, da ich, angenehm -berührt von Ihrem Naturell, im Begriffe stand, Ihnen das brüderliche Du -anzubieten, mich aber dann der Einsicht nicht entzog, daß es ein etwas -übereilter Schritt gewesen wäre. Gut, ich beziehe mich heute auf diesen -Augenblick, ich komme auf ihn zurück, ich erkläre den damals -beschlossenen Aufschub für abgelaufen. Junger Mann, wir sind Brüder, ich -erkläre uns dafür. Sie sprachen von einem Du vollen Sinnes, – auch das -unsrige wird vollen Sinn haben, den Sinn der Brüderlichkeit im Gefühl. -Die Genugtuung, die Ihnen mit der Waffe zu geben, Alter und -Unpäßlichkeit mich hindern, ich biete sie Ihnen in dieser Form, ich -biete sie Ihnen in Form eines Bruderbundes, wie man ihn sonst wohl gegen -Dritte, gegen die Welt, gegen jemanden schließt, und den wir im Gefühl -für jemanden schließen wollen. Nehmen Sie Ihr Weinglas, junger Mann, -während ich wieder zu meinem Wasserglas greife, durch das diesem -Sauserchen weiter kein Unrecht geschieht –“ - -Und mit leicht zitternder Kapitänshand füllte er die Gläser, wobei Hans -Castorp ihm in ehrerbietiger Bestürzung behilflich war. - -„Nehmen Sie!“ wiederholte Peeperkorn. „Kreuzen Sie den Arm mit mir! Und -trinken Sie auf diese Weise! Trinken Sie aus! – Perfekt, junger Mann. -Erledigt. Hier meine Hand. Bist du zufrieden?“ - -„Das ist natürlich gar kein Ausdruck, Mynheer Peeperkorn“, sagte Hans -Castorp, dem es etwas schwer gefallen war, das volle Glas in einem Zuge -auszutrinken, und trocknete seine Knie mit dem Taschentuch, da Wein -darauf hinabgeflossen war. „Ich bin hoch beglückt, will ich lieber -sagen, und kann es noch gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal -zuteil geworden, – es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist -eine gewaltige Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient -haben soll, höchstens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und man -darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich anmutet, die -neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn ich darüber stolpere, – -zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht nach Frauenart nicht ganz -einverstanden sein wird mit diesem Arrangement ...“ - -„Laß das meine Sache sein“, erwiderte Peeperkorn, „und das andere Sache -der Übung und Gewohnheit! Und nun geh, junger Mann! Verlasse mich, mein -Sohn! Es ist dunkel, der Abend ist völlig hereingebrochen, unsere -Geliebte kann jeden Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwischen -euch wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste.“ - -„Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!“ sagte Hans Castorp und stand auf. „Sie -sehen, ich überwinde meine berechtigte Scheu und übe mich schon in der -tollkühnen Anrede. Richtig, es ist ja finster geworden! Ich könnte mir -vorstellen, daß plötzlich Herr Settembrini hereinkäme und das Licht -andrehte, damit Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz griffen, – er -hat nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich gehe dermaßen vergnügt und -stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten hätte träumen -lassen. Recht gute Besserung! Es kommen nun mindestens drei fieberfreie -Tage für dich, an denen Sie allen Anforderungen gewachsen sein werden. -Das freut mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!“ - - - Mynheer Peeperkorn (Schluß) - -Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und kaum wissen -wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für fallendes Wasser -sogar eine besondere Herzensneigung hegte, die malerische Kaskade im -Walde des Flüelatals noch niemals besucht hatte. Für die Zeit seines -Zusammenlebens mit Joachim mochte er entschuldigt sein durch die strenge -Dienstlichkeit seines Vetters, der nicht zum Vergnügen hier gewesen war, -und dessen sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste -Umgebung von Haus „Berghof“ eingeschränkt hatte. Und nach seinem -Ausscheiden – nun, auch danach hatte Hans Castorps Verhältnis zur -hiesigen Landschaft, wenn man von seinen Skiunternehmungen absehen will, -den Charakter einer konservativen Einförmigkeit bewahrt, deren -Kontrast zu der Spannweite seiner inneren Erfahrungen und -„Regierungs“-obliegenheiten sogar nicht ohne einen gewissen bewußten -Reiz für den jungen Mann gewesen war. Immerhin war seine Zustimmung -lebhaft, als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise -von sieben Personen (ihn selber eingerechnet), der Plan einer Wagenfahrt -nach jener empfohlenen Örtlichkeit erwogen wurde. - -Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen kleinen Liedern des -Flachlandes zufolge, – recht frisch und wenig einschmeichelnd von -Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze konnte für -abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den letzten Tagen mehrfach -großflockig geschneit, doch das blieb nicht liegen, es ließ nur etwas -Nässe zurück; die lagernden Massen des Winters waren versickert, -verraucht, bis auf vereinzelte Reste dahingeschwunden; die grüne -Gangbarkeit der Welt bedeutete ein Anerbieten an jede Unternehmungslust. - -Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während der letzten -Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Oberhauptes, des -großartigen Pieter Peeperkorn, dessen maligne Tropenmitgift weder den -Einwirkungen des außerordentlichen Klimas, noch den Antidoten eines so -hervorragenden Mediziners, wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen. -Er war viel bettlägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das -Quartanfieber in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten ihm -zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden abseits -bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer Verfassung -befinden, und Behrens unterließ nicht, auf die auch bei einer so -mächtigen Natur unter diesen Umständen nicht ganz von der Hand zu -weisende Gefahr chronischer Entkräftung hinzudeuten. - -Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Mynheer in diesen Wochen -vorgesessen, und auch die gemeinsamen Spaziergänge waren bis auf einen -nicht sehr ausgedehnten unterblieben. Übrigens empfand Hans Castorp, -unter uns gesagt, diese Lockerung der Cliquengemeinschaft in gewisser -Hinsicht als Erleichterung, denn das mit Frau Chauchats Reisebegleiter -getrunkene Schmollis schuf ihm Beschwerden; es brachte in seine -öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe „Gezwungenheit“, -dasselbe „Ausweichen“ und gleichsam auf einer Vielliebchenwette -beruhende „Vermeiden“, das diesem an seinem Verkehr mit Clawdia -aufgefallen war: mit wunderlichen Behelfen umschrieb er die Anredeform, -soweit sie sich nicht verschlucken ließ, – aus demselben oder dem -umgekehrten Dilemma, das sein Gespräch mit Clawdia in Gegenwart anderer, -auch in alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich -dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen Doppelklemme -vervollständigt hatte. - -Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall an der -Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt, und er fühlte -sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war der dritte Tag nach einem -Quartananfall; Mynheer ließ wissen, daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar -war er zu den ersten Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal -erschienen, sondern hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen -mit Madame Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim ersten -Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge Order -empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen zu einer Spazierfahrt -bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl an die Herren Ferge und Wehsal -weiterzugeben, auch Settembrini und Naphta zu benachrichtigen, daß man -bei ihnen vorfahren werde, und endlich für die Bestellung zweier -Landauer auf drei Uhr Sorge zu tragen. - -Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus „Berghof“: Hans -Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort die Herrschaften aus den -Fürstenzimmern, indem sie sich damit unterhielten, die Pferde zu -tätscheln, die ihnen mit schwarzen, feuchten, plumpen Lippen -Zuckerstücke von der flachen Hand nahmen. Die Reisegenossen erschienen -mit nur leichter Verspätung auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen -Königshaupt schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem, -etwas abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen weichen, -runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein allgemeines -Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck mit jedem der drei -Herren, die dem Paar bis zum Fuße der Stufen entgegenkamen. - -„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er ihm die linke -Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein Sohn?“ - -„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der Gefragte ... - -Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man hatte doch -gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren würde man es -zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat trug einen warmen Gurtmantel -aus faserigem, groß kariertem Stoff und sogar ein wenig Pelz um die -Schultern. Den Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn -gebundenen olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was ihr so -reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu schmerzte, – -nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt in sie war; und diese -seine Unbefangenheit hatte zur Folge, daß ihm bei der vorläufigen -Verteilung der Plätze, bis die Externen zur Gesellschaft stoßen würden, -der Rücksitz gegenüber Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel, -während Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias -aufgefangen zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt bestieg. -Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners nahm teil an dem -Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, unter dessen Deckel die Hälse -zweier Weinflaschen hervorragten, und den er unter dem Rücksitz des -vorderen Landauers verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft -erschienen, und in dem Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die -Arme gekreuzt hatte, erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit -angezogenen Bremsen setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in -Bewegung. - -Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die verdorbenen -Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen Fahrtgenossen. - -„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig machte, -weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer den Schaden hat, -braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert und ekelt es Sie sehr, so -neben mir zu sitzen?“ - -„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht so -niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln bei jeder -Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, sich jedesmal -Gedanken darüber zu machen. Was krümmen Sie sich immer so? Sie haben, -wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr -hübsch aus dem ‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es -nächstens mal wieder tun.“ - -„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte der elende -Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit in Ihrem Trost -liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch tiefer erniedrigen. Sie haben -gut reden und trösten vom hohen Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch -ziemlich lächerlich dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und -waren im siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um -Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt mir im -Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – und sehen im -Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, auf meine bettelhaften -Qualen hinab ...“ - -„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist sogar -hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu verhehlen, da Sie -mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend soll es auch wohl sein, Sie -legen es geradezu darauf an, sich widrig zu machen und krümmen sich -unausgesetzt. Sind Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“ - -„Fürchterlich!“ antwortete Wehsal kopfschüttelnd. „Das ist nicht zu -sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst und meiner Begierde -nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es wird mein Tod sein, aber man -kann damit weder leben noch sterben. Während sie weg war, fing es an, -etwas besser zu gehen, sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem -sie wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen -derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und mir -nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht geben, aber man kann -es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann es nicht wegwünschen, man -müßte sein Leben wegwünschen, womit es sich amalgamiert hat, und das -kann man eben nicht, – was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit -Vergnügen. In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist Unsinn, -denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlangen das Leben, und -kann nicht gegen sich selber sein, das ist die gottverfluchte -Zwickmühle. Und wenn ich sage ‚gottverflucht‘, so sage ich es auch nur -redensartlich und so, als ob ich ein anderer wäre, ich selber kann es -nicht meinen. Es gibt so manche Torturen, Castorp, und wer auf einer -Tortur ist, der will davon los, will einfach und unbedingt davon los, -das ist sein Ziel. Aber von der Tortur der Fleischesbegierde kann man -einzig und allein loswollen auf dem Wege und unter der Bedingung, daß -sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen Preis! Das ist die -Einrichtung, und wen es nicht hat, der hält sich nicht weiter dabei auf, -aber wen es hat, der lernt unsern Herrn Jesum Christum kennen, dem gehen -die Augen über. Gott im Himmel, was für eine Einrichtung und -Angelegenheit ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt, -nur, weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört, – -wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder in seiner -verschämten Freundlichkeit! Man könnte sagen: Wenn es weiter nichts -will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt! Was will ich denn, Castorp? -Will ich sie morden? Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur -liebkosen! Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich winsele, -aber sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch was -Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner Art bin ich -doch auch ein Mensch! Die Fleischesbegierde gehet dahin und dorthin, sie -ist nicht gebunden und nicht fixiert, und darum so heißen wir sie -viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine Menschenperson mit einem -Angesicht, alsdann so redet unser Mund von der Liebe. Mich verlangt doch -nicht bloß nach ihrem Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres -Leibes, sondern wenn in ihrem Angesicht auch nur ein kleines Etwas -anders gestaltet wäre, siehe, so verlangte mich’s möglicherweise nach -ihrem ganzen Leibe gar nicht, und daher so zeiget sich’s, daß ich ihre -Seele liebe, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe zum -Angesicht ist Seelenliebe ...“ - -„Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich und schlagen -hier Gott weiß was für Töne an ...“ - -„Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Unglück,“ fuhr -der Arme fort, „daß sie eine Seele hat, daß sie ein Mensch ist aus Leib -und Seele! Denn ihre Seele will nichts von der meinen wissen und also -ihr Leib nichts von meinem, o Jammer und große Not, und um dessentwillen -ist mein Verlangen zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich winden -ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von mir, -Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?! Bin ich denn kein -Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein Mann? Ich bin es sogar im höchsten -Grade, ich schwöre Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn -sie mir das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie -zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust der Welt -antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte und nicht auch -um die Angesichte, wenn ihre verfluchte Seele nicht wäre, die nichts von -mir wissen will, und ohne die mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar -nicht verlangen täte, – das ist des Teufels beschissene Zwickmühle, in -der ich mich winde ewiglich!“ - -„Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er bewegt zwar -absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch seinem Rücken an, daß -er zuhört.“ - -„Er versteht und hört zu, da haben Sie’s, Castorp! Da haben Sie wieder -die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer Eigenart und ihrem Charakter! -Wenn ich von Palingenesie spräche oder von ... Hydrostatik, so würde -er’s nicht verstehen und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und -interessierte sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die -höchste und letzte und schauerlich heimlichste Angelegenheit, die -Angelegenheit vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich -die populärste Angelegenheit, und jeder versteht sie und kann sich -lustig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur Lustfolter -macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp, lieber Castorp, lassen Sie -mich etwas winseln, denn was habe ich für Nächte! Jede Nacht träume ich -von ihr, ach, was träume ich nicht alles von ihr, es brennt mir im -Schlunde und in der Magengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es -damit, daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und manchmal -auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht speit sie mich -an, und dann wache ich auf, mit Schweiß und Schmach und Lust bedeckt -...“ - -„So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vornehmen, den Mund -zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen und jemand sich zu uns setzt. -Das ist mein Vorschlag und meine Anordnung. Ich will Sie nicht kränken -und gebe zu, daß Sie in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu -Haus eine Geschichte von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr -beim Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit jedem Wort -eine Schlange oder Kröte. Es stand nicht im Buch, wie sie sich dem -gegenüber verhielt, aber ich habe immer angenommen, daß sie sich wohl -aufs Mundhalten verlegt haben wird.“ - -„Es ist aber ein Menschenbedürfnis,“ sagte Wehsal kläglich, „ein -Menschenbedürfnis, lieber Castorp, zu reden und sich das Herz zu -erleichtern, wenn man in solchen Schwulitäten sitzt wie ich.“ - -„Es ist sogar ein Menschen_recht_, Wehsal, wenn Sie wollen. Aber es gibt -Rechte, meiner Meinung nach, von denen man unter Umständen -vernünftigerweise keinen Gebrauch macht.“ - -Also waren sie still nach Hans Castorps Anordnung, und übrigens hatten -die Wagen das weinlaubbewachsene Häuschen des Gewürzkrämers rasch -erreicht, wo man denn nicht einen Augenblick zu warten hatte: Naphta und -Settembrini waren schon auf der Straße, dieser in seiner schadhaften -Pelzjacke, jener dagegen in einem weißlichgelben Frühjahrsüberzieher, -der überall gesteppt war und geckenhaft anmutete. Man winkte, man -tauschte Grüße, während die Wagen wendeten, und die Herren stiegen ein: -Naphta nahm als vierter im vorderen Landauer an Ferges Seite Platz, und -Settembrini, in glänzender Laune, von klaren Scherzen sprudelnd, -gesellte sich zu Hans Castorp und Wehsal, wobei dieser ihm seinen Sitz -im Fond des Wagens überließ, – welchen Herr Settembrini denn in der -Haltung des Korsofahrers, mit erlesener Lässigkeit, einzunehmen wußte. - -Er pries den Genuß des Fahrens, dies Bewegtwerden des Körpers in -behaglichem Ruhestande und bei wechselnder Szenerie; zeigte sich -väterlich-verbindlich gegen Hans Castorp und tätschelte sogar dem armen -Wehsal die Wange, indem er ihn aufforderte, des eigenen unsympathischen -Ich in der Bewunderung der lichten Welt zu vergessen, auf die er mit -seiner Rechten im schäbigen Lederhandschuh ausholend deutete. - -Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle vier, -gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute Straße, die -noch nicht staubte. Felsentrümmer, in deren Fugen Gras und Blumen -sprossen, traten zuweilen an ihren Rand, Telegraphenstangen flohen -zurück, Bergwälder stiegen auf, anmutige Kurven, die man anstrebte und -zurücklegte, unterhielten die Wegesneugier, und immer dämmerte teilweis -noch verschneites Gebirge in sonniger Fernsicht. Das gewohnte Talgebiet -war verlassen, die Verrückung der alltäglichen Szene erfrischte das -Gemüt. Bald hielt man am Waldesrand: Von hier aus wollte man zu Fuß den -Ausflug fortsetzen und das Ziel gewinnen, – ein Ziel, mit dem man schon -des längeren, ohne es anfangs gewahr geworden zu sein, in schwachem, -aber sich stetig verstärkendem sinnlichen Kontakte stand. Ein fernes -Geräusch wurde allen bewußt, sobald die Fahrt eingestellt war, ein -leises, zuweilen der Wahrnehmung noch wieder entkommendes Zischen, -Schüttern und Brausen, das zu unterscheiden man einander aufforderte, -und auf das man gefesselten Fußes horchte. - -„Jetzt“, sagte Settembrini, der öfters hier gewesen war, „läßt es sich -schüchtern an. Aber an Ort und Stelle ist es brutal um diese Jahreszeit, -– machen Sie sich gefaßt, wir werden unser eigen Wort nicht verstehen.“ - -So gingen sie denn waldeinwärts, auf einem Wege mit feuchter Nadelstreu, -voran Pieter Peeperkorn, auf den Arm seiner Begleiterin gestützt, den -schwarzen weichen Hut in der Stirn, mit seitwärts nickendem Tritt; -mitten hinter ihnen Hans Castorp, ohne Hut, wie alle übrigen Herren, die -Hände in den Taschen, mit schrägem Kopfe und leisem Pfeifen um sich -blickend; dann Naphta und Settembrini, dann Ferge mit Wehsal, zum Schluß -der Malaie allein, den Vesperkorb am Arm. Sie sprachen über den Wald. - -Der Wald war nicht wie andere, er bot einen malerisch eigentümlichen, ja -exotischen, doch unheimlichen Anblick. Er strotzte von einer Sorte -moosiger Flechten, war damit behangen, beladen, ganz und gar darin -eingewickelt, in langen, mißfarbenen Bärten baumelte das verfilzte -Gewirk der Schmarotzerpflanze von seinen umsponnenen, gepolsterten -Zweigen: man sah fast keine Nadeln, man sah lauter Moosgehänge, – eine -schwere, bizarre Entstellung, ein verzauberter und krankhafter Anblick. -Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, sie -drohte ihn zu ersticken, das war die allgemeine Meinung, während der -kleine Zug auf dem Nadelwege vorwärts schritt, im Ohr das Geräusch des -Zieles, dem man sich näherte, dies Rumpeln und Zischen, das allmählich -zum Getöse wurde und Settembrinis Vorhersage wahr zu machen versprach. - -Eine Wegbiegung gab den Blick auf die überbrückte Wald- und -Felsenschlucht frei, in der der Wasserfall niederging; und indem man -seiner ansichtig wurde, kam auch die Gehörswirkung auf ihren Gipfel, – -es war ein Höllenspektakel. Die Wassermassen stürzten senkrecht nur in -einer einzigen Kaskade, deren Höhe aber wohl sieben oder acht Meter -betrug, und deren Breite ebenfalls beträchtlich war, und schossen dann -weiß über Felsen weiter. Sie stürzten mit unsinnigem Lärm, in welchem -sich alle möglichen Geräuscharten und Lauthöhen zu mischen schienen, -Donnern und Zischen, Gebrüll, Gejohle, Tusch, Krach, Geprassel, Gedröhn -und Glockengeläut, – wahrhaftig wollten einem die Sinne davon vergehen. -Die Besucher waren dicht herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und -betrachteten, feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst -eingehüllt, die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu -Blicke tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd, -das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter, deren -irres und übermäßiges Brausen sie betäubte, ihnen Furcht erregte und -Gehörstäuschungen verursachte. Man glaubte hinter sich, über sich, von -allen Seiten drohende und warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe -Männerstimmen. - -Geschart hinter Mynheer Peeperkorn – Frau Chauchat unter den andern fünf -Herren – blickten sie mit ihm in den Schwall. Sie sahen nicht sein -Gesicht, sahen ihn aber das weiße Flammenhaupt entblößen und die Brust -in der Frische dehnen. Sie verständigten sich untereinander durch Blicke -und Zeichen, denn wahrscheinlich wären Worte, selbst unmittelbar ins Ohr -geschrien, vom Donner des Sturzes übertäubt worden. Ihre Lippen formten -Worte des Erstaunens und der Bewunderung, die lautlos blieben. Hans -Castorp, Settembrini und Ferge verabredeten sich durch Kopfwinke, die -Höhe der Schlucht zu ersteigen, in deren Grunde sie sich befanden, den -oberen Steg zu gewinnen und die Wasser von dort zu betrachten. Es war -nicht unbequem: Eine steile Zeile von schmalen, ins Gestein gehauenen -Stufen führte gleichsam in ein höheres Stockwerk des Waldes empor; sie -erkletterten sie hintereinander, betraten die Brücke und winkten von -ihrer Mitte aus, über der Rundung des Falles schwebend, auf das Geländer -gelehnt, den unteren Freunden. Dann gingen sie vollends hinüber, stiegen -mühselig ab an der anderen Seite und kamen jenseits des Wildwassers, -über das auch hier unten eine Brücke ging, den Zurückgebliebenen wieder -zu Gesichte. - -Die Zeichengebung betraf nun die Einnahme der Vespererfrischungen. Sie -ging von mehreren Seiten dahin, man solle sich zu diesem Behuf aus der -Lärmzone ein wenig verziehen, um mit entlastetem Gehör und nicht taub -und stumm die Freimahlzeit zu genießen. Aber man mußte erkennen, daß -Peeperkorns Willensmeinung dagegen stand. Er schüttelte das Haupt, stieß -wiederholt den Zeigefinger gegen den Grund, und seine zerrissenen -Lippen, mit Anstrengung sich auseinanderziehend, bildeten ein „Hier!“ -Was war da zu tun? In solchen Regiefragen war er Herr und Befehlshaber. -Die Wucht seiner Persönlichkeit hätte den Ausschlag gegeben, selbst wenn -er nicht, wie immer, Veranstalter und Meister des Unternehmens gewesen -wäre. Dieses Format ist tyrannisch und autokratisch von je und wird es -bleiben. Mynheer wollte angesichts des Falles, im Donner vespern, das -war sein großmächtiger Eigensinn, und wer nicht leer ausgehen wollte, -mußte hier bleiben. Die Mehrzahl war unzufrieden. Herr Settembrini, der -die Möglichkeit menschlichen Austausches, eines demokratisch-distinkten -Geplauders oder auch Disputes abgeschnitten sah, warf mit jener Gebärde -der Verzweiflung und der Resignation die Hand über den Kopf. Der Malaie -beeilte sich, die Anordnung seines Gebieters zu vollziehen. Es waren -zwei Klappsessel da, die er für Mynheer und Madame an der Felsenwand -aufschlug. Dann breitete er zu ihren Füßen auf einem Tuche den Inhalt -des Korbes aus: Kaffeegeschirr und Gläser, Thermosflaschen, Gebäck und -Wein. Man drängte sich zur Verteilung. Dann saß man auf Geröllsteinen, -auf dem Geländer des Steges, die Tasse mit heißem Kaffee in Händen, den -Teller mit Kuchen auf den Knien, und vesperte schweigend im Getöse. - -Peeperkorn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut neben sich am -Boden, trank Portwein aus einem silbernen Becher mit Monogramm, den er -mehrmals leerte. Und plötzlich begann er zu sprechen. Der wunderliche -Mann! Es war unmöglich, daß er seine eigene Stimme hörte, geschweige daß -die anderen eine Silbe hätten verstehen können von dem, was er verlauten -ließ, ohne daß es verlautete. Er aber erhob den Zeigefinger, streckte, -den Becher in der Rechten, den linken Arm aus, die flache Hand schräg -erhoben, und man sah, wie sein Königsantlitz sich redend bewegte, sein -Mund Worte formte, die tonlos blieben, als würden sie in luftleerem Raum -gesprochen. Niemand dachte anders, als daß er sein nutzloses Tun, das -man mit betretenem Lächeln betrachtete, sogleich wieder einstellen -werde, – er aber fuhr fort, sich unter bannenden, Aufmerksamkeit -erzwingenden Kulturgebärden seiner Linken in das alles verschlingende -Getöse hinein zu äußern, indem er die kleinen, müden und blassen, -gewaltsam aufgerissenen Augen unter gespannten Stirnfalten abwechselnd -auf einen und den anderen seiner Zuschauer richtete, so daß der eben -Angeredete gezwungen war, mit hochgezogenen Brauen ihm zuzunicken und -offenen Mundes die hohle Hand an die Ohrmuschel zu legen, als ob das die -Heillosigkeit der Sache irgend hätte bessern können. Jetzt stand er -sogar auf! Den Becher in der Hand, in seinem zerdrückten, fast fußlangen -Reisemantel, dessen Kragen aufgestellt war, barhäuptig, die hohe, -idolhaft gefaltete Stirn vom weißen Haar umflammt, stand er am Felsen -und regte das Antlitz, vor das er dozierend den lanzenüberragten Ring -seiner Finger hielt, die Undeutlichkeit seines tauben Toastes mit dem -bannenden Zeichen der Genauigkeit versehend. Man erkannte an seinen -Gebärden und las von seinen Lippen einzelne Wörter, die man von ihm zu -hören gewohnt war: „Perfekt“ und „Erledigt“, – nichts weiter. Man sah -sein Haupt sich schräge neigen, zerrissene Bitternis der Lippen, das -Bild des Schmerzensmannes. Dann wieder sah man das üppige Grübchen -erblühen, sybaritische Schalkheit, ein tanzendes Gewänderraffen, die -heilige Unsittsamkeit des Heidenpriesters. Er hob den Becher, führte ihn -im Halbkreis vor den Augen der Gäste hin und trank ihn in zwei, drei -Schlucken so bis zum letzten aus, daß der Boden ganz nach oben stand. -Dann reichte er ihn mit ausgestrecktem Arme dem Malaien, der das Gefäß, -Hand auf der Brust, entgegennahm, und gab das Zeichen zum Aufbruch. - -Alle verbeugten sich dankend gegen ihn, indem sie sich anschickten, nach -Geheiß zu tun. Wer am Boden kauerte, sprang auf die Füße, wer auf dem -Steggeländer saß, ließ sich herab. Der schmächtige Javaner in steifem -Hut und Pelzkragen raffte die Reste des Mahls und das Geschirr zusammen. -In derselben schmalen Ordnung, wie man gekommen, kehrte man auf dem -feuchten Nadelwege, durch den von Flechtenbehang unkenntlich gemachten -Wald zur Straße zurück, auf der die Wagen hielten. - -Hans Castorp stieg diesmal zum Meister und seiner Begleiterin. An der -Seite des guten Ferge, dem alles Höhere völlig ferne lag, saß er dem -Paare gegenüber. Es wurde fast nichts gesprochen auf dieser Heimfahrt. -Mynheer saß, die flachen Hände auf dem Plaid, das seine Knie zusammen -mit denen Clawdias umhüllte, und ließ den Unterkiefer hängen. -Settembrini und Naphta stiegen aus und verabschiedeten sich, bevor die -Wagen Geleise und Wasserlauf überschritten. Wehsal fuhr allein in der -zweiten Kutsche die Wegschleife hinan und vor das Berghofportal, wo man -sich trennte. – - -War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche innere -Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte, leicht und flüchtig -gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung vom gewohnten -nächtlichen Frieden des Berghofhauses, eine noch so gedämpfte Unruhe, -die kaum merkliche Erschütterung durch ein fernes Laufen, genügte, um -ihn hell und wach zu machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu -lassen? Tatsächlich erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür -klopfte, was kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort, -unverschlafen, geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und -ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester, die -ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich im ersten -Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie erklärte er seinen -Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider, strich mit den Fingern das -Haar aus der Stirn und ging nicht schnell und nicht langsam hinab, in -Ungewißheit mehr über das Wie, als über das Was der Stunde. - -Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen und ebenso -diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo alle Lichter brannten. Die -beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk, Madame Chauchat und der -javanische Kammerdiener waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst -gekleidet, sondern in einer Art von Nationaltracht, einer -breitgestreiften hemdartigen Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln, -einem bunten Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus -gelbem Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck von -Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt, links zu Häupten des -Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten Händen auf dem -Rücken lag. Der Eintretende überblickte bleich die Szene. Frau Chauchat -wandte ihm den Rücken zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende -des Bettes, den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der -Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das Gesicht -ihres Reisebegleiters. - -„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski und der -Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und nickte wehmütig, das -weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war im klinischen Kittel, aus dessen -Brusttasche das Hörrohr ragte, trug gestickte Morgenschuhe und keinen -Kragen. „Nichts zu machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit. -Treten Sie nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden -zugeben, daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“ - -Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die Augen des -Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung, folgten ihm ohne Drehung -des Kopfes, so daß sie ihr Weißes zeigten. Er stellte mit einem -Seitenblick fest, daß Frau Chauchat sich nicht um ihn kümmerte, und -stand in typischer Haltung am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände -auf dem Unterleibe zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in -ehrerbietig sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen -Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen. Seine -Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile seines Gesichtes -ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung, obgleich seine -königlichen Züge sonst unverändert waren. Die idolhafte Faltenlineatur -der hohen, weiß umloderten Stirn, in vier- oder fünffacher Reihe -wagerecht gezogen und dann im rechten Winkel beiderseits die Schläfen -hinablaufend, ausgeprägt durch die habituelle Anspannung eines ganzen -Lebens, trat auch bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark -hervor. Die bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der -Blaulauf deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige -Hemmung der Lebensfunktionen. - -Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über den -Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen, in -Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte, wünschte er -vorläufig nicht zu stören und sah sich nach der Gruppe der übrigen -Anwesenden in seinem Rücken um. Der Hofrat winkte mit dem Kopfe in der -Richtung des Salons. Hans Castorp folgte ihm dorthin. - -„_Suicidium?_“ fragte er gedämpft und fachlich ... - -„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und fügte hinzu: „Über -und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas in Galanterieware schon mal -gesehen?“ fragte er, indem er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig -geformtes Etui zog und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem -jungen Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert. Man -lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es ihm aus der Hand -genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was auf die Haut tropft, kriegen Sie -Brandblasen.“ - -Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern. Es war -aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr wunderlich anzusehen. Es -zeigte zwei gebogene, stahlblanke Gabelzinken mit äußerst scharfen -Spitzen, einen leicht gewundenen elfenbeinernen und mit Gold eingelegten -Mittelteil, in dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine -gewisse elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren, und -endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem schwarzem -Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll. - -„Was ist das?“ fragte Hans Castorp. - -„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze. -Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische Kopie des Beißzeugs der -Brillenschlange. Sie verstehen? – Sie scheinen nicht zu verstehen“, -sagte er, da Hans Castorp fortfuhr, benommen auf das bizarre Instrument -niederzublicken. „Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie -sind von einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen -Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich sehen -können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der Zahnwurzel offen, -und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang der Gummidrüse, der in -dem elfenbeinernen Mittelteil verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne -etwas einwärts, das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen -Druck, der den Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo -die Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn -schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat. Man muß nur -darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen persönlichen Angaben -hergestellt.“ - -„Sicher!“ sagte Hans Castorp. - -„Die Ladung kann nicht sehr groß gewesen sein“, fuhr der Hofrat fort. -„Was sie an Quantität vermissen ließ, muß sie ersetzt haben durch –“ - -„Dynamik“, ergänzte Hans Castorp. - -„Na also. Was es ist, das werden wir schon noch eruieren. Man darf dem -Ergebnis mit einiger Neugier entgegensehen, es gibt da zweifellos was zu -lernen. Wetten wir, daß der wachhabende Exot da hinten, der sich heute -nacht so fein gemacht hat, uns ganz genau Bescheid sagen könnte? Ich -nehme an, daß eine Kombination von Tierischem und Pflanzlichem vorliegt, -– vom Guten das Beste jedenfalls, denn die Wirkung muß fulminant gewesen -sein. Alles spricht dafür, daß es ihm sofort den Atem verschlagen hat, -Lähmung des Respirationszentrums, wissen Sie, rapider Erstickungstod, -wahrscheinlich ohne Zwang und Qualen.“ - -„Gott gebe es!“ sagte Hans Castorp fromm, händigte dem Hofrat das -unheimliche kleine Werkzeug seufzend wieder ein und kehrte ins -Schlafzimmer zurück. - -Nur der Malaie und Madame Chauchat waren jetzt dort noch anwesend. -Diesmal hob Clawdia den Kopf nach dem jungen Mann, als er sich dem Bett -wieder näherte. - -„Sie hatten ein Anrecht darauf, daß ich Sie rufen ließ“, sagte sie. - -„Es war sehr gütig von Ihnen“, sagte er, „und Sie haben recht. Wir waren -Duzfreunde. Ich schäme mich in tiefster Seele, daß ich mich dessen -schämte vor den Leuten und Umschweife gebrauchte. – Sie waren bei ihm in -seinen letzten Augenblicken?“ - -„Der Diener benachrichtigte mich, als alles vorüber war“, antwortete -sie. - -„Er war von solchem Format“, fing Hans Castorp wieder an, „daß er das -Versagen des Gefühls vor dem Leben als kosmische Katastrophe und als -Gottesschande empfand. Denn er betrachtete sich als Gottes -Hochzeitsorgan, müssen Sie wissen. Das war eine königliche Narretei ... -Wenn man ergriffen ist, hat man den Mut zu Ausdrücken, die kraß und -pietätlos klingen, aber feierlicher sind als konzessionierte -Andachtsworte.“ - -„_C’est une abdication_“, sagte sie. „Er wußte von unserer Torheit?“ - -„Es war mir nicht möglich, sie ihm abzustreiten, Clawdia. Er hatte sie -erraten aus meiner Weigerung, Sie in seiner Gegenwart auf die Stirn zu -küssen. Seine Gegenwart ist eher symbolisch, als real, in diesem -Augenblick, aber wollen Sie mir erlauben, es jetzt zu tun?“ - -Sie rückte kurz den Kopf gegen ihn, die Augen geschlossen, wie mit einem -kleinen Winken. Er führte die Lippen an ihre Stirn. Die braunen -Tieraugen des Malaien überwachten die Szene seitwärts gerollt, so daß -sie ihr Weißes zeigten. - - - Der große Stumpfsinn - -Noch einmal hören wir Hofrat Behrens’ Stimme – horchen wir gut hin! Wir -vernehmen sie vielleicht zum letztenmal! Einmal endigt selbst diese -Geschichte; sie hat die längste Zeit gedauert, oder vielmehr: Ihre -inhaltliche Zeit ist derart ins Rollen gekommen, daß kein Halten mehr -ist, daß auch ihre musikalische zur Neige geht, und daß vielleicht keine -Gelegenheit mehr unterkommen wird, den aufgeräumten Tonfall zu -belauschen der Sprache des redensartlichen Rhadamanthys. Er sagte zu -Hans Castorp: - -„Castorp, alter Schwede, Sie langweilen sich. Sie lassen das Maul -hängen, ich sehe es alle Tage, die Verdrossenheit steht Ihnen an der -Stirn geschrieben. Sie sind ein blasierter Balg, Castorp, Sie sind -verhätschelt mit Sensationen, und wenn Ihnen nicht alle Tage was -Erstklassiges geboten wird, so mucken und muffen Sie über die -Sauregurkenzeit. Hab ich recht oder unrecht?“ - -Hans Castorp schwieg, und da er das tat, so mußte wohl wirklich -Finsternis walten in seinem Innern. - -„Recht hab ich, wie immer“, gab Behrens sich selbst zur Antwort. „Und eh -Sie mir hier das Gift der Reichsverdrossenheit verbreiten, Sie -mißvergnügter Staatsbürger, sollen Sie doch sehen, daß Sie durchaus -nicht von Gott und Welt verlassen sind, sondern daß die Obrigkeit ein -Auge auf Sie hat, ein unverwandtes Auge, mein Lieber, und rastlos auf -Ihre Divertierung bedacht ist. Der alte Behrens ist auch noch da. Na, -nun mal ohne Spaß mein Junge! Es ist mir was eingefallen in Ihrer Sache, -ich hab mir, weiß Gott, in schlaflosen Nächten für Sie was ausgedacht. -Man könnte von einer Erleuchtung reden – tatsächlich versprech ich mir -viel von meiner Idee, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als Ihre -Entgiftung und triumphale Heimkehr in ungeahnter Bälde.“ - -„Da machen Sie Augen“, fuhr er nach einer Kunstpause fort, obgleich Hans -Castorp keinerlei Augen machte, sondern ihn ziemlich schläfrig und -zerstreut betrachtete, „und haben keine Ahnung, wie der alte Behrens es -meinen könnte. Ich meine es aber so. Mit Ihnen stimmt etwas nicht, -Castorp, das wird Ihrer werten Apperzeption ja nicht entgangen sein. Es -stimmt insofern nicht, als Ihre Vergiftungserscheinungen sich schon seit -längerem auf den zweifellos sehr gebesserten lokalen Zustand nicht mehr -recht reimen lassen – ich meditiere nicht erst seit gestern darüber. Wir -haben hier Ihr neuestes Photo ... halten wir den Zauber mal gegen das -Licht. Sie sehen, da findet der ärgste Nörgler und Schwarzseher, wie -unser kaiserlicher Herr immer sagt, nicht allzuviel mehr zu erinnern. -Ein paar Herde sind ganz resorbiert, das Nest ist kleiner geworden und -schärfer umgrenzt, was, wie Sie gelehrterweise wissen, auf Heilung -deutet. Aus diesem Befund ist die Unsolidität Ihres Wärmehaushalts nicht -recht zu erklären, Mann; der Arzt sieht sich in die Notwendigkeit -versetzt, nach neuen Ursachen zu fahnden.“ - -Hans Castorps Kopfbewegung drückte leidlich höfliche Neugier aus. - -„Nun werden Sie denken, Castorp, der olle Behrens muß zugeben, daß er -die Behandlung verfehlt hat. Da hätten Sie aber einen Bock geschossen -und wären der Sachlage nicht gerecht geworden und dem ollen Behrens auch -nicht. Ihre Behandlung war nicht verfehlt, sie war nur möglicherweise zu -einseitig orientiert. Die Möglichkeit ist mir aufgegangen, daß Ihre -Symptome von jeher nicht ausschließlich auf _tuberculosis_ -zurückzuführen gewesen sind, und ich leite diese Möglichkeit aus der -Wahrscheinlichkeit ab, daß sie heute überhaupt nicht mehr darauf -zurückzuführen sind. Es muß eine andere Störungsquelle vorhanden sein. -Nach meiner Meinung haben Sie Kokken.“ - -„Nach meiner tiefinnersten Überzeugung“, wiederholte verstärkend der -Hofrat, nachdem er die Kopfbewegung entgegengenommen, die hiernach auf -seiten Hans Castorps fällig gewesen, „haben Sie Streptos – worüber Sie -sich übrigens nicht gleich zu entsetzen brauchen.“ - -(Es konnte von Entsetzen gar nicht die Rede sein. Hans Castorps Miene -drückte vielmehr eine Art von ironischer Anerkennung, sei es des ihm -begegnenden Scharfsinns, sei es des neuen Würdenstandes aus, in den der -Hofrat ihn hypothetisch versetzte.) - -„Kein Grund zur Panik!“ variierte dieser sein Zureden. „Kokken hat -jeder. Streptos hat jeder Esel. Sie brauchen sich gar nichts -einzubilden. Wir wissen erst seit neulich, daß einer Streptokokken im -Blut haben kann, ohne irgendwie ansehnliche Infektionserscheinungen zu -produzieren. Wir stehen vor dem vielen Kollegen noch gar nicht bekannten -Ergebnis, daß auch Tuberkeln im Blute vorkommen können, ganz ohne -Konsequenzen. Wir sind keine drei Schritte mehr von der Auffassung -entfernt, daß die Tuberkulose eigentlich eine Blutkrankheit ist.“ - -Hans Castorp fand das recht bemerkenswert. - -„Wenn ich also sage: Streptos,“ fing Behrens wieder an, „so dürfen Sie -natürlich nicht an das bekannte schwere Krankheitsbild denken. Ob diese -Kleinen von den Meinen sich überhaupt bei Ihnen angesiedelt haben, muß -die baktereologische Blutuntersuchung zeigen. Aber ob Ihre Febrilität -von ihnen herrührt, gesetzt, daß sie vorhanden sind, das lehrt dann erst -die Wirkung der Streptovakzinkur, die wir diesfalls einzuleiten haben. -Das ist der Weg, lieber Freund, und ich verspreche mir, wie gesagt, das -Unvorhergesehenste davon. So langwierig Tuberkulose ist, so rasch können -Erkrankungen dieser Art heute geheilt werden, und wenn Sie überhaupt auf -die Einspritzungen reagieren, so sind Sie in sechs Wochen springgesund. -Was sagen Sie nun? Ist der olle Behrens auf seinem Posten, he?“ - -„Es ist ja vorläufig nur eine Hypothese“, sagte Hans Castorp schlaff. - -„Eine beweisbare Hypothese! Eine höchst fruchtbare Hypothese!“ versetzte -der Hofrat. „Sie werden sehen, wie fruchtbar sie ist, wenn auf unseren -Kulturen die Kokken wachsen. Morgen nachmittag zapfen wir Sie an, -Castorp; nach allen Regeln der Dorfbaderkunst lassen wir Sie zur Ader. -Das ist ein Spaß für sich und kann allein schon für Körper und Seele die -segensreichsten Effekte zeitigen ...“ - -Hans Castorp erklärte sich zu der Diversion bereit und bedankte sich -recht schön für das ihm gewidmete Augenmerk. Den Kopf gegen die Schulter -geneigt, blickte er dem davonrudernden Hofrat nach. Die Ansprache des -Chefs traf genau in einen kritischen Moment; Radamanth hatte Mienen und -Stimmung des Berggastes ziemlich richtig gedeutet, und sein neues -Unternehmen war bestimmt – ausdrücklich dazu bestimmt, die Absicht war -gar nicht geleugnet worden –, den toten Punkt zu überwinden, auf den -dieser Gast sich seit kurzem gelangt fand, wie eben aus seiner Mimik zu -schließen war, die deutlich an diejenige des seligen Joachim erinnerte, -zur Zeit, als gewisse wilde und trotzige Entschlüsse sich in ihm -vorbereitet hatten. - -Es ist mehr zu sagen. Nicht nur er selbst, Hans Castorp, schien sich auf -solchem toten Punkte angekommen, sondern ihm war, als ob es mit der -Welt, mit allem, mit „dem Ganzen“ eben diese Bewandtnis habe, oder -vielmehr: er fand, daß es schwer sei, hier das Besondere vom Allgemeinen -zu unterscheiden. Seit dem exzentrischen Ende seiner Verbindung mit -einer Persönlichkeit; seit der vielfältigen Bewegung, die dieses Ende -über das Haus gebracht, und seit Clawdia Chauchats neuerlichem -Ausscheiden aus der Gemeinschaft derer hier oben, dem Lebewohl, das, -beschattet von der Tragik großen Versagens, im Geiste ehrerbietiger -Rücksicht, zwischen ihr und dem überlebenden Duzbruder ihres Herrn -getauscht worden, – seit dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei -es mit Welt und Leben nicht ganz geheuer; als stehe es auf eine -besondere Weise und zunehmend schief und beängstigend darum; als habe -ein Dämon die Macht ergriffen, der, schlimm und närrisch, zwar lange -schon beträchtlichen Einfluß geübt, jetzt aber seine Herrschaft so -zügellos offen erklärt habe, daß es wohl geheimnisvollen Schrecken -einflößen und Fluchtgedanken nahelegen konnte, – der Dämon, des Name -Stumpfsinn war. - -Man wird urteilen, der Erzähler trage dick und romantisch auf, indem er -den Namen des Stumpfsinns mit dem des Dämonischen in Verbindung bringe -und ihm die Wirkung mystischen Grauens zuschreibe. Und dennoch fabeln -wir nicht, sondern halten uns genau an unseres schlichten Helden -persönliches Erlebnis, dessen Kenntnis uns auf eine Weise, die sich -freilich der Untersuchung entzieht, gegeben ist, und das schlechthin den -Beweis liefert, daß Stumpfsinn unter Umständen solchen Charakter -gewinnen und solche Gefühle einflößen kann. Hans Castorp blickte um sich -... Er sah durchaus Unheimliches, Bösartiges, und er wußte, was er sah: -Das Leben ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als -stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben. - -Geschäftigkeit herrschte darin, Betätigungen von allerlei Art liefen -nebeneinander her; doch dann und wann artete eine davon zur wilden -Modewut aus, der alles fanatisch unterlag. So hatte die -Liebhaberphotographie von jeher in der Berghofwelt eine bedeutende Rolle -gespielt; schon zweimal aber – denn wer lange genug hier oben verweilte, -konnte die periodische Wiederkehr solcher Epidemien erleben – war die -Leidenschaft dafür auf Wochen und Monate zur allgemeinen Narretei -geworden, so daß niemand war, der nicht, mit besorgter Miene den Kopf -über eine in die Magengrube gestützte Kamera gebeugt, die Blende hätte -blinzeln lassen, und das Herumreichen von Abzügen bei Tische kein Ende -nahm. Plötzlich war es Ehrensache, selbst zu entwickeln. Die zur -Verfügung stehende Dunkelkammer genügte der Nachfrage bei weitem nicht. -Man versah Fenster und Balkontüren der Zimmer mit schwarzen Vorhängen; -und bei Rotlicht hantierte man so lange mit chemischen Bädern, bis Feuer -auskam und der bulgarische Student vom Guten Russentisch um ein Haar zu -Asche verbrannt wäre, worauf denn ein Verbot der Anstaltsobrigkeit -erging. Bald fand man das einfache Lichtbild abgeschmackt; -Blitzlichtaufnahmen und farbige Photographien nach Lumière kamen in -Schwung. Man weidete sich an Bildern, auf denen Personen, vom -Magnesiumblitz jäh betroffen, mit stieren Augen aus fahl verkrampften -Gesichtern blickten, wie Leichen Ermordeter, die man mit offenen Augen -aufrecht hingesetzt. Und Hans Castorp bewahrte eine in Pappe gerahmte -Glasplatte, die ihn, wenn man sie gegen das Licht hielt, zwischen Frau -Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste einen -himmelblauen, die andere einen blutroten Sweater trug, mit kupferigem -Angesicht und unter blechgelben Butterblumen, deren eine ihm im -Knopfloch strahlte, auf einer giftgrünen Waldwiese zeigte. - -Es war da ferner das Briefmarkensammeln, das, alle Zeit von einzelnen -betrieben, zeitweise zu allgemeiner Besessenheit um sich griff. -Jedermann klebte, schacherte, tauschte. Philatelistische Zeitschriften -wurden gehalten, Korrespondenzen mit Spezialgeschäften des In- und -Auslandes, mit Fachvereinen und Privatliebhabern unterhalten und -erstaunliche Summen zur Gewinnung seltener Wertzeichen selbst von -solchen aufgebracht, deren häusliche Verhältnisse den monate- oder -jahrelangen Aufenthalt in der Luxusheilstätte nur knapp gestatteten. - -Das dauerte so lange, bis eine andere Geckerei zur Herrschaft gelangte -und etwa das Anhäufen und unaufhörliche Verzehren von Schokolade der -erdenklichsten Sorten zum guten Ton wurde. Alle Welt hatte braune -Münder, und die leckersten Darbietungen der Berghofküche fanden faule -und krittelnde Genießer, da die Magen mit Milka-Nut, _Chocolat à la -crème d’amandes_, Marquis-Napolitains und goldgesprenkelten Katzenzungen -gestopft und davon verstimmt waren. - -Das Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen, inauguriert von -höchster Stelle an einem verflossenen Faschingsabend und seitdem viel -gepflegt, hatte fortzeugend zu geometrischen Geduldsübungen geführt, -denen zeitweise die Geisteskraft aller Berghofgäste und selbst noch die -letzten Gedanken und Energiebezeugungen Moribunder gehörten. Wochenlang -stand das Haus im Zeichen einer verwickelten Figur, die sich aus nicht -weniger als acht großen und kleinen Kreisen und mehreren -ineinanderliegenden Dreiecken zusammensetzte. Die Aufgabe war, diese -flächige Vielgestalt freihändig in einem Zug zu beschreiben; das höchste -Ziel aber, dies endlich auch noch bei sicher verbundenen Augen zu -vollbringen, – was schließlich, über geringe Schönheitsfehler billig -hinweggesehen, denn doch nur dem Staatsanwalt Paravant gelang, der -Hauptträger dieser Scharfsinnsverbohrung war. - -Wir wissen, daß er der Mathematik oblag, wissen es vom Hofrat selbst und -kennen auch die züchtige Triebfeder dieser Hingabe, deren kühlende, den -Fleischesstachel stumpfende Wirkung wir haben preisen hören, und deren -allgemeinere Nachfolge gewisse Maßregeln, die man neuerdings zu treffen -sich gezwungen gesehen hatte, wahrscheinlich unnötig gemacht haben -würde. Sie bestanden hauptsächlich in der Abriegelung aller -Balkondurchgänge, an den nicht ganz bis zur Brüstung reichenden -Milchglasscheidewänden vorbei, durch kleine Türen, die zur Nacht durch -den Bademeister unter populärem Schmunzeln verschlossen wurden. Sehr -gesucht waren seitdem die Zimmer im ersten Stock über der Veranda, wo -man nach Übersteigung der Balustrade über das vorspringende Glasdach -hin, unter Vermeidung der Türchen, von Abteil zu Abteil gelangen konnte. -Des Staatsanwalts wegen aber hätte die disziplinäre Neuerung überhaupt -nicht eingeführt zu werden brauchen. Die schwere Anfechtung, die von der -Erscheinung jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war längst -überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem natürlichen Teil -zu schaffen gemacht. Mit verdoppelter Inbrunst hatte er sich seitdem der -klaräugigen Göttin in die Arme geworfen, von deren kalmierender Macht -der Hofrat so Sittliches zu sagen wußte, und das Problem, dem bei Tag -und Nacht all sein Sinnen gehörte, an das er all jene Persistenz, die -ganze sportliche Zähigkeit wandte, mit der er ehemals, vor seiner oft -verlängerten Beurlaubung, welche in völlige Quieszierung überzugehen -drohte, die Überführung armer Sünder betrieben hatte, – war kein anderes -als die Quadratur des Kreises. - -Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit der -Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die Wissenschaft -die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben wollte, unstichhaltig -seien, und daß die planende Vorsehung ihn, Paravant, darum aus der -unteren Welt der Lebendigen entfernt und hierher versetzt habe, weil sie -ihn dazu ausersehen, das transzendente Ziel in den Bereich irdisch -genauer Erfüllung zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und -rechnete, wo er ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit -Figuren, Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes -Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden Mannes, trug den -visionären und verbissenen Ausdruck der Manie. Sein Gespräch betraf -ausschließlich und mit furchtbarer Eintönigkeit die Verhältniszahl _pi_, -diesen verzweifelten Bruch, den das niedrige Genie eines Kopfrechners -namens Zacharias Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen -berechnet hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit -zweitausend Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das -Unerreichbar-Genaue so wenig erschöpft gewesen wären, daß man sie für -unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten Denker, -denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen gelang, der mußte glühende -Redeströme über sich ergehen lassen, bestimmt, seine humane -Empfindlichkeit zu wecken für die Schande der Verunreinigung des -Menschengeistes durch die heillose Irrationalität dieses mystischen -Verhältnisses. Die Fruchtlosigkeit ewiger Multiplikation des -Durchmessers mit pi, um den Umfang –, des Quadrats über dem Halbmesser, -um den Inhalt des Kreises zu finden, schuf dem Staatsanwalt Anfälle von -Zweifeln, ob nicht die Menschheit sich die Lösung des Problems seit -Archimedes’ Tagen viel zu schwer gemacht habe und ob diese Lösung nicht -in Wahrheit die kindlich einfachste sei. Wie, man sollte die Kreislinie -nicht rektifizieren und also auch nicht jede Gerade zum Kreise biegen -können? Zuweilen glaubte Paravant sich einer Offenbarung nahe. Man sah -ihn öfters noch spät am Abend im verödeten und schlecht erleuchteten -Speisesaal an seinem Tische sitzen, auf dessen entblößter Platte er ein -Stück Bindfaden sorgfältig in Kreisform legte, um es plötzlich, mit -überrumpelnder Gebärde, zur Geraden zu strecken, danach aber, schwer -aufgestützt, in bitteres Grübeln zu verfallen. Der Hofrat ging ihm -gelegentlich zur Hand bei solchem schwermütigen Getändel, bestärkte ihn -überhaupt in seiner Grille. Und auch an Hans Castorp wandte sich der -Leidende wohl einmal mit seinem geliebten Gram, einmal und wiederholt, -da er auf viel freundliches Verständnis, auf ein teilnehmendes Gefühl -für das Geheimnis des Kreises stieß. Er veranschaulichte dem jungen Mann -die Verzweiflung pi, indem er ihm eine haarscharfe Zeichnung vorwies, -worin mit äußerster Mühe eine Kreislinie zwischen zwei Polygonen mit -winzig-zahllosen Seiten, einem eingeschriebenen und einem umschriebenen, -bis zur letzt-menschenmöglichen Annäherung eingefangen war. Der Rest -aber, die Krümmung, die sich auf eine ätherisch-geistige Art der -Rationalisierung durch die berechenbare Umklammerung entzog, – das, -sagte der Staatsanwalt mit bebendem Unterkiefer, sei pi! Hans Castorp, -bei aller Empfänglichkeit, zeigte sich weniger reizbar gegen pi, als -sein Unterredner. Er nannte es eine Eulenspiegelei, riet Herrn Paravant, -sich bei seinem Haschespiel doch nicht zu ernstlich zu erhitzen und -sprach von den ausdehnungslosen Wendepunkten, aus denen der Kreis von -seinem nicht vorhandenen Anfang bis zu seinem nicht vorhandenen Ende -bestehe, sowie von der übermütigen Melancholie, die in der ohne -Richtungsdauer in sich selber laufenden Ewigkeit liege, mit so -gelassener Religiosität, daß vorübergehend eine begütigende Wirkung -davon auf den Staatsanwalt ausging. - -Übrigens bestimmte seine Natur den guten Hans Castorp zum Vertrauten -mehr als eines Hausgenossen, von dem irgendeine fixe Idee Besitz -ergriffen, und der darunter litt, daß er bei der leichtlebigen Mehrzahl -kein Gehör dafür fand. Ein ehemaliger Bildhauer aus der österreichischen -Provinz, ein schon älterer Mann mit weißem Schnurrbart, einer Hakennase -und blauen Augen, hatte einen Plan finanzpolitischer Art gefaßt – und -ihn, unter Markierung entscheidender Stellen durch Pinselstriche von -Sepiawasserfarbe, in Schönschrift aufgesetzt –, der darauf ausging, daß -jeder Zeitungsbezieher gehalten sein solle, eine tägliche Teilmenge von -40 Gramm Altzeitungspapier, gesammelt am ersten jeden Monats, -abzuliefern, was denn im Jahre rund 14000 Gramm, in zwanzig Jahren aber -nicht weniger als 288 Kilo ausmachen und, das Kilo zu 20 Pfennigen -berechnet, einen Wert von 57,60 deutschen Mark darstellen werde. Fünf -Millionen Abonnenten, so fuhr das Memorandum fort, würden also in -zwanzig Jahren an Altzeitungswerten die ungeheuere Summe von 288 -Millionen Mark abliefern, wovon ihnen zwei Drittel auf das Neuabonnement -möchten angerechnet werden, das sich so verbilligen werde, der Rest -aber, ein Drittel, gegen 100 Millionen Mark, für humanitäre Zwecke, zur -Finanzierung volkstümlicher Lungenheilstätten, zur Unterstützung -bedrängter Talente und so weiter, frei werden würde. Der Plan war -ausgearbeitet bis auf die zeichnerische Darstellung des -Zentimeterpreisstockes, von dem das Altpapierabholorgan allmonatlich den -Wert der gesammelten Papiermenge ablesen sollte, und der gelochten -Formulare, mit denen Vergütungsgelder quittiert werden sollten. Er war -gerechtfertigt und begründet nach allen Seiten. Die unbesonnene -Vergeudung und Vernichtung von Zeitungspapier, das von Unaufgeklärten -dem Spülwasser, dem Feuer ausgesetzt werde, bedeute Hochverrat an -unserem Walde, an unserer Volkswirtschaft. Papier schonen, Papier sparen -heiße Zellstoff, den Waldbestand, Menschenmaterial schonen und sparen, -das bei der Fabrikation von Zellstoff und Papier verbraucht werde, nicht -minder Menschenmaterial und Kapital. Da ferner Altzeitungspapier auf dem -Wege über die Packpapier- und Kartonageerzeugung leicht in vierfache -Werte gesteigert werden könne, so werde es Wirtschaftsfaktor von Belang -und Unterlage ergiebiger staatlicher und gemeindlicher Besteuerungen -werden, die Zeitungsleser als Steuersubjekte entlasten. Kurzum, der Plan -war gut, war eigentlich unwidersprechlich, und wenn ihm -Unheimlich-Müßiges, ja Finster-Närrisches anhaftete, so eben nur des -schiefen Fanatismus wegen, womit der vormalige Künstler eine ökonomische -Idee, und gerade nur diese verfolgte und verfocht, mit der es ihm -offenbar im Innersten so wenig ernst war, daß er nicht den geringsten -Versuch unternahm, sie ins Werk zu setzen ... Hans Castorp hörte dem -Mann mit schrägem Kopfe nickend zu, wenn er mit fiebrig beschwingten -Worten seinen Heilsgedanken vor ihm propagierte, und untersuchte dabei -das Wesen der Verachtung und des Widerwillens, die seine Parteinahme für -den Erfinder gegen die gedankenlose Welt beeinträchtigten. - -Einige Berghofinsassen trieben Esperanto und wußten sich etwas damit, in -dem künstlichen Kauderwelsch bei Tische zu konversieren. Hans Castorp -blickte sie finster an, indem er übrigens bei sich selber dafür hielt, -daß sie die Schlimmsten nicht seien. Es gab hier seit kurzem eine Gruppe -von Engländern, die ein Gesellschaftsspiel eingeführt hatten, welches in -nichts anderem bestand, als daß ein Teilnehmer an seinen Nachbarn im -Kreise die Frage richtete: „_Did you ever see the devil with a night-cap -on?_“, der Gefragte aber zur Antwort gab: „_No! I never saw the devil -with a night-cap on_“, worauf er die Frage andererseits weitergab – und -so immer reihum. Das war entsetzlich. Aber dem armen Hans Castorp war -doch noch schlimmer zumute beim Anblick der Patienceleger, die überall -im Hause und zu jeder Tageszeit zu beobachten waren. Denn die -Leidenschaft für diese Zerstreuung war neuestens derart eingerissen, daß -sie buchstäblich das Haus zur Lasterhöhle machte, und Hans Castorp hatte -um so mehr Ursache, sich grauenhaft davon berührt zu fühlen, als er -selber zeitweise ein Opfer – und zwar vielleicht das hingenommenste – -der Seuche war. Die Elferpatience hatte es ihm angetan: jene Form, bei -der man die Whistkarte zu je drei Blatt in drei Reihen auslegt und zwei -Karten, die zusammen elf ausmachen, sowie die drei Bildkarten, wenn sie -offen daliegen, neu bedeckt, bis bei holdem Glücke das Spiel aufgeht. -Man sollte nicht für möglich halten, daß Seelenreize, die zur Behexung -zu führen vermögen, von einem so einfachen Verfahren ausgehen könnten. -Dennoch erprobte Hans Castorp, gleich so vielen anderen, diese -Möglichkeit – erprobte sie, da die Ausschweifung niemals heiter ist, mit -finsteren Brauen. Verfallen den Launen des Kartenkobolds, berückt von -dieser phantastisch wechselnden Gunst, die zuweilen, in -leichter Glücksschwebe, von allem Anbeginn die Elferpaare, das -Bub-Dame-Königsbild sich häufen ließ, so daß das Spiel schon vergeben -war, bevor noch die dritte Staffel sich vollendet hatte (ein flüchtiger -Triumph, der die Nerven sogleich zu neuen Versuchen stachelte); dann -wieder bis zum neunten und letzten Blatt jede einzige Möglichkeit der -Neubedeckung verweigerte, oder den scheinbar schon sicheren Erfolg durch -jähe Stockung im letzten Augenblick verflattern ließ, – legte er -Patience überall und zu allen Tageszeiten, des Nachts unter den Sternen, -des Morgens im bloßen Pyjama, bei Tische und selbst im Traum. Ihm -graute, aber er tat es. Und so betraf ihn bei einem Besuche Herr -Settembrini, ihn „störend“, wie es von jeher seine Sendung gewesen. - -„_Accidenti!_“ sprach er. „Sie legen sich die Karten, Ingenieur?“ - -„So ist es nicht gerade gemeint“, erwiderte Hans Castorp. „Ich lege -einfach, ich balge mich mit dem abstrakten Zufall. Mich intrigieren -seine wetterwendischen Faxen, seine Liebedienerei und dann wieder seine -unglaubliche Widerspenstigkeit. Heute morgen gleich nach dem Aufstehen -ist die Patience dreimal hintereinander glatt ausgekommen, davon einmal -in zwei Reihen, was ein Rekord ist. Wollen Sie glauben, daß ich jetzt -zum zweiunddreißigstenmal auslege, ohne ein einziges Mal auch nur bis -zur Hälfte des Spieles gekommen zu sein?“ - -Herr Settembrini blickte ihn, wie sooft schon im Laufe der Jährchen, mit -traurigen schwarzen Augen an. - -„Jedenfalls finde ich Sie präokkupiert“, sagte er. „Es sieht nicht aus, -als ob ich hier für meine Sorgen Trost, und Balsam für den inneren -Zwiespalt finden sollte, der mich quält.“ - -„Zwiespalt?“ wiederholte Hans Castorp und legte ... - -„Die Weltlage verwirrt mich“, seufzte der Freimaurer. „Der Balkanbund -wird zustandekommen, Ingenieur, alle meine Informationen sprechen dafür. -Rußland arbeitet fieberhaft daran, und die Spitze der Kombination ist -gegen die österreichisch-ungarische Monarchie gerichtet, ohne deren -Zertrümmerung kein Punkt des russischen Programms zu verwirklichen ist. -Begreifen Sie meine Skrupel? Ich hasse Wien mit ganzer Kraft, Sie wissen -es. Aber soll ich darum die Unterstützung meiner Seele der sarmatischen -Despotie zuteil werden lassen, die im Begriffe ist, die Brandfackel an -unseren hochadeligen Erdteil zu legen? Andererseits würde ein auch nur -gelegentliches diplomatisches Zusammenwirken meines Landes mit -Österreich mich wie Entehrung treffen. Das sind Gewissensfragen, welche -–“ - -„Sieben und vier“, sagte Hans Castorp. „Acht und drei. Bub, Dame, König. -Es geht ja. Sie bringen mir Glück, Herr Settembrini.“ - -Der Italiener verstummte. Hans Castorp fühlte seine schwarzen Augen, den -Blick von Vernunft und Sittlichkeit, in tiefer Trauer auf sich ruhen, -legte indessen noch eine Weile weiter, bevor er, die Wange in die Hand -gestützt, mit der falschen und verstockten Unschuldsmiene eines bösen -Kindes zu dem vor ihm stehenden Mentor aufblickte. - -„Ihre Augen“, sprach dieser, „suchen ganz vergebens zu verhehlen, daß -Sie wissen, wie es um Sie steht.“ - -„_Placet experiri_“, hatte Hans Castorp die Frechheit zu antworten, und -Herr Settembrini verließ ihn, – worauf denn freilich der allein -Gebliebene noch längere Zeit, ohne weiterzulegen, den Kopf in die Hand -gestützt, an seinem Tische inmitten des weißen Zimmers sitzenblieb, -grübelnd und im Innersten grauenhaft berührt von dem nicht geheueren und -schiefen Zustand, worin er die Welt befangen sah, von dem Grinsen des -Dämons und Affengottes, unter dessen rat- und zügellose Herrschaft er -sie geraten fand, und des Name „Der große Stumpfsinn“ war. - -Ein schlimmer, apokalyptischer Name, ganz danach angetan, geheime -Beängstigung einzuflößen. Hans Castorp saß und rieb sich Stirn und -Herzgegend mit den flachen Händen. Er fürchtete sich. Ihm war, als könne -„das alles“ kein gutes Ende nehmen, als werde eine Katastrophe das Ende -sein, eine Empörung der geduldigen Natur, ein Donnerwetter und -aufräumender Sturmwind, der den Bann der Welt brechen, das Leben über -den „toten Punkt“ hinwegreißen und der „Sauregurkenzeit“ einen -schrecklichen Jüngsten Tag bereiten werde. Er hatte Lust zu fliehen, wir -sagten es schon, – und ein Glück denn nur, daß die Obrigkeit das -vorerwähnte „unverwandte Auge“ auf ihn hatte, daß sie in seinen Mienen -zu lesen verstand und auf seine Divertierung mit neuen, fruchtbaren -Hypothesen bedacht war! - -Korpsstudentischen Tonfalles hatte sie erklärt, den eigentlichen -Ursachen der Unsolidität von Hans Castorps Wärmehaushalt auf der Spur zu -sein, Ursachen, denen nach ihrer wissenschaftlichen Aussage so unschwer -beizukommen sein würde, daß Heilung, legitime Entlassung ins Flachland -plötzlich in nahe Aussicht gerückt schienen. Des jungen Mannes Herz -schlug hoch, von mannigfachen Empfindungen bestürmt, als er zum -Aderlasse den Arm hinstreckte. Blinzelnd und leicht erblassend -bewunderte er das herrliche Rubinrot seines Lebenssaftes, der steigend -den klaren Behälter füllte. Der Hofrat selbst, assistiert von Doktor -Krokowski und einer Barmherzigen Schwester, vollzog die kleine, aber -weittragende Operation. Danach verging eine Reihe von Tagen, beherrscht -für Hans Castorp von der Frage, wie das Hingegebene, außerhalb seiner, -unter den Augen der Wissenschaft sich bewähren werde. - -Es habe natürlich noch nichts gedeihen können, sagte der Hofrat am -Anfang. Es habe leider noch nichts gedeihen wollen, sagte er später. -Aber der Morgen kam, wo er, während des Frühstücks, zu Hans Castorp -trat, der zu dieser Zeit am Guten Russentisch seinen Platz hatte, am -oberen Ende, dort, wo dereinst sein großer Duzbruder gesessen, und ihm -unter redensartlichen Glückwünschen eröffnete, der Kettenkokkus sei nun -doch in einer der angelegten Kulturen zweifelsfrei festgestellt. Ein -Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung sei es denn nun, ob die -Vergiftungserscheinungen auf die jedenfalls bestehende kleine -Tuberkulose oder auf die Streptos, die ja auch nur in bescheidenem Maße -vorhanden, zurückzuführen seien. Er, Behrens, müsse sich die Sache näher -und länger besehen. Noch sei die Kultur nicht ausgewachsen. – Er zeigte -sie ihm im „Labor“: ein rotes Blutgelee, worin man graue Pünktchen -gewahrte. Das waren die Kokken. (Kokken jedoch hatte jeder Esel, wie -auch Tuberkeln, und hätte man nicht die Symptome gehabt, so wäre auf -diesen Befund nicht weiter Gewicht zu legen gewesen.) - -Außerhalb seiner, unter den Augen der Wissenschaft, fuhr Hans Castorps -geronnenes Herzblut fort, sich zu bewähren. Es kam der Morgen, da der -Hofrat mit redensartlich bewegten Worten berichtete: Nicht nur auf der -einen Kultur, sondern auch auf allen übrigen seien nachträglich noch -Kokken gewachsen, und zwar in großen Mengen. Ungewiß, ob es alles -Streptos seien; mehr als wahrscheinlich nun aber, daß die -Vergiftungserscheinungen daher rührten, – wenn man auch freilich nicht -wissen könne, wieviel davon auf Rechnung der zweifellos vorhanden -gewesenen und nicht ganz überwundenen Tuberkulose zu setzen sei. Die zu -ziehende Schlußfolgerung? Eine Streptovakzinkur! Die Prognose? -Außerordentlich günstig – zumal der Versuch jedes Risikos entbehre, auf -keinen Fall schaden könne. Denn da das Serum ja aus Hans Castorps -eigenem Blute hergestellt werde, so werde mit der Injektion kein -Krankheitsstoff in den Körper eingeführt, der nicht schon darin sei. -Schlimmstenfalls würde sie nutzlos sein, Null im Effekt – aber ob man -denn das, da Patient ja ohnedies bleiben müsse, als einen schlimmen Fall -bezeichnen könne! - -Nicht doch, so weit wollte Hans Castorp nicht gehen. Er unterwarf sich -der Kur, obgleich er sie ridikül und ehrlos fand. Diese Impfungen mit -sich selbst wollten ihm als eine abscheulich freudlose Diversion -erscheinen, als ein inzestuöser Greuel von Ich zu Ich, frucht- und -hoffnungslos in seinem Wesen. So urteilte seine hypochondrische -Unbelehrtheit, die nur im Punkte der Unfruchtbarkeit – und in diesem -freilich vollkommen – recht behielt. Die Diversion erstreckte sich über -Wochen. Sie schien zuweilen zu schaden – was selbstverständlich auf -Irrtum beruhen mußte –, zuweilen auch zu nützen, was sich dann aber -gleichfalls als Irrtum herausstellte. Das Ergebnis war Null, ohne bei -Namen genannt und ausdrücklich verkündigt zu werden. Die Unternehmung -verlief im Sande, und Hans Castorp fuhr fort, Patience zu legen – Aug’ -in Auge mit dem Dämon, dessen zügelloser Herrschaft für sein Gefühl ein -Ende mit Schrecken bevorstand. - - - Fülle des Wohllauts - -Welche Errungenschaft und Neueinführung des Hauses Berghof war es, die -unsern langjährigen Freund vom Kartentic erlöste und ihn einer anderen, -edleren, wenn auch im Grunde nicht weniger seltsamen Leidenschaft in die -Arme führte? Wir sind im Begriffe, es zu erzählen, erfüllt von den -geheimen Reizen des Gegenstandes und aufrichtig begierig, sie -mitzuteilen. - -Es handelte sich um eine Vermehrung der Unterhaltungsgeräte des -Hauptgesellschaftsraumes, aus nie rastender Fürsorge ersonnen und -beschlossen im Verwaltungsgremium des Hauses, beschafft mit einem -Kostenaufwand, den wir nicht berechnen wollen, den wir aber großzügig -müssen nennen dürfen, von der Oberleitung dieses unbedingt zu -empfehlenden Instituts. Ein sinnreiches Spielzeug also von der Art des -stereoskopischen Guckkastens, des fernrohrförmigen Kaleidoskops und der -kinematographischen Trommel? Allerdings – und auch wieder durchaus -nicht. Denn erstens war das keine optische Veranstaltung, die man eines -Abends – und man schlug die Hände teils über dem Kopf, teils in -gebückter Haltung vorm Schoße zusammen – im Klaviersalon aufgebaut fand, -sondern eine akustische; und ferner waren jene leichten Attraktionen -nach Klasse, Rang und Wert überhaupt nicht mit ihr zu vergleichen. Das -war kein kindliches und einförmiges Gaukelwerk, dessen man überdrüssig -war, und das man nicht mehr anrührte, sobald man auch nur drei Wochen -auf dem Buckel hatte. Es war ein strömendes Füllhorn heiteren und -seelenschweren künstlerischen Genusses. Es war ein Musikapparat. Es war -ein Grammophon. - -Unsere ernste Sorge ist, dies Wort möchte in einem unwürdigen und -überholten Sinne mißverstanden und Vorstellungen möchten daran geknüpft -werden, die einer verjährten Vorform dessen, was uns als Wahrheit -vorschwebt, nicht aber dieser in unermüdlich fortbildenden Versuchen -einer musisch gerichteten Technik zur vornehmsten Vollendung -entwickelten Wahrheit gerecht werden. Ihr Guten! Das war das armselige -Kurbelkästchen nicht, das ehemals wohl, Drehscheibe und Griffel obenauf, -Anhängsel eines unförmigen Trompetenschalltrichters aus Messing, von -einem Wirtshaustische herunter anspruchslose Ohren mit näselndem Gebrüll -erfüllte. Der mattschwarz gebeizte Schrein, der hier, ein wenig tiefer -als breit, angeschlossen mit seidenem Kabel an einen elektrischen -Steckkontakt der Wand, in schlichter Distinktion auf einem Fachtischchen -stand, zeigte mit jener rohen und vorsintflutlichen Maschinerie -überhaupt keine Ähnlichkeit mehr. Man öffnete den anmutig sich -verjüngenden Deckel, dessen innere, vom Grunde gehobene Messingstütze -ihn in schräg schirmender Lage automatisch feststellte, und man gewahrte -in flacher Vertiefung die mit grünem Tuch ausgeschlagene Drehscheibe mit -Nickelrand und dem gleichfalls vernickelten Mittelzapfen, über den das -Loch der Hartgummiplatte zu fügen war. Man bemerkte ferner, rechts -seitwärts im Vordergrunde, eine uhrähnlich bezifferte Vorrichtung zur -Regelung des Tempos, zur Linken den Hebel, mit dem das Drehwerk in Lauf -zu setzen oder zu stoppen war; links hinten aber den gewunden -keulenförmigen, in weichen Gelenken beweglichen Hohlarm aus Nickel, mit -der flachrunden Schalldose an seinem Ende, deren Schraubwerk die -ziehende Nadel zu tragen bestimmt war. Man öffnete auch die Flügel der -vorderen Doppeltür und erblickte dahinter ein jalousieartiges Gefüge -schräg stehender Leisten aus schwarz gebeiztem Holze – nichts weiter. - -„Es ist das neueste Modell“, sagte der Hofrat, der mit eingetreten war. -„Letzte Errungenschaft, Kinder, Ia, ff, was Besseres gibt es nicht in -dem Janger.“ Er sprach das Wort urkomisch-unmöglich aus, wie etwa ein -minder gebildeter Verkäufer es anpreisend getan haben würde. „Das ist -kein Apparat und keine Maschine,“ fuhr er fort, indem er aus einem der -auf dem Tischchen angeordneten buntfarbigen Blechbüchschen eine Nadel -nahm und sie befestigte, „das ist ein Instrument, das ist eine -Stradivarius, eine Guarneri, da herrschen Resonanz- und -Schwingungsverhältnisse vom ausgepichtesten Raffinemang! ‚Polyhymnia‘ -heißt die Marke, wie die Inschrift hier im inneren Deckel Sie lehrt. -Deutsches Fabrikat, wissen Sie. Wir machen das mit Abstand am besten. -Das treusinnig Musikalische in neuzeitlich-mechanischer Gestalt. Die -deutsche Seele _up to date_. Da haben Sie die Literatur!“ sagte er und -wies auf ein Wandschränkchen, worin breitrückige Alben aufgereiht -standen. „Ich übermache Ihnen den ganzen Zauber zu freier Lust, empfehle -ihn aber dem Schutze des Publikums. Wollen wir mal probeweise eine -erbrausen lassen?“ - -Die Kranken baten flehentlich darum, und Behrens zog eines der -stumm-gehaltvollen Zauberbücher hervor, wandte die schweren Blätter, zog -aus einer der Kartontaschen, deren kreisförmige Ausschnitte die farbigen -Titel erkennen ließen, eine Platte und legte sie ein. Mit einem -Handgriff gab er der Drehscheibe Strom, zögerte zwei Sekunden, bis ihr -Lauf die volle Geschwindigkeit erreicht hatte, und setzte die feine -Spitze des Stahlstiftes behutsam auf den Plattenrand. Ein leicht -wetzendes Geräusch ward hörbar. Er senkte den Deckel darüber, und in -demselben Augenblick brach durch die offene Flügeltür, zwischen den -Spalten der Jalousie hervor, nein, aus dem ganzen Körper der Truhe -Instrumentaltrubel, eine lustig lärmende und drängende Melodie, die -ersten gliederwerfenden Takte einer Ouvertüre von Offenbach. - -Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd. Man traute seinen Ohren -nicht, wie überaus rein und natürlich die Koloraturen der Holzbläser -lauteten. Eine Geige, sie ganz allein, präludierte phantastisch. Man -vernahm den Bogenstrich, das Tremolo des Griffes, das süße Gleiten von -einer Lage in die andere. Sie fand ihre Melodie, den Walzer, das „Ach, -ich habe sie verloren“. Leicht trug Orchesterharmonie die -schmeichlerische Weise, und es war zum Entzücken, wie sie, ehrenvoll vom -Ensemble aufgenommen, als rauschendes Tutti sich wiederholte. Natürlich -war es nicht so, wie wenn eine wirkliche Kapelle im Zimmer hier -konzertiert hätte. Der Klangkörper, unentstellt im übrigen, erlitt eine -perspektivische Minderung; es war, wenn es erlaubt ist, für den -Gehörsfall ein Gleichnis aus dem Gebiet des Gesichtes einzusetzen, als -ob man ein Gemälde durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete, so daß -es entrückt und verkleinert erschien, ohne an der Schärfe seiner -Zeichnung, der Leuchtkraft seiner Farben etwas einzubüßen. Das -Musikstück, talentstraff und prickelnd, spielte sich ab in allem Witz -seiner leichtsinnigen Erfindung. Den Schluß machte die Ausgelassenheit -selbst, ein drollig zögernd ansetzender Galopp, ein unverschämter -Cancan, der die Vision in der Luft geschüttelter Zylinder, schleudernder -Knie, aufstiebender Röcke erzeugte und im komisch-triumphalen Enden kein -Ende fand. Dann schnappte das Drehwerk selbsttätig ein. Es war aus. Man -applaudierte von Herzen. - -Man rief nach Weiterem und man bekam es: Menschliche Stimme entströmte -dem Schrein, männlich, weich und gewaltig auf einmal, von Orchester -begleitet, ein italienischer Bariton berühmten Namens, – und nun konnte -durchaus von keiner Verschleierung und Entfernung mehr die Rede sein: -das herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen Umfang und -Kraftinhalt, und namentlich wenn man in eines der offenen Nebenzimmer -trat und den Apparat nicht sah, so war es nicht anders, als stände dort -im Salon der Künstler in körperlicher Person, das Notenblatt in der -Hand, und sänge. Er sang eine Opernbravourarie in seiner Sprache – _eh, -il barbiere. Di qualità, di qualità! Figaro qua, Figaro là, Figaro, -Figaro, Figaro!_ Die Zuhörer wollten sterben vor Lachen über sein -falsettierendes _parlando_, über den Kontrast dieser Bärenstimme und -dieser zungenbrecherischen Sprechfertigkeit. Erfahrene mochten die -Künste seiner Phrasierung, seiner Atemtechnik verfolgen und bewundern. -Meister des Unwiderstehlichen, Virtuose des welschen _Da -capo_-Geschmacks, hielt er den vorletzten Ton, vor der Schlußtonika, zur -Rampe vordringend, wie es schien, und offenbar die Hand in der Luft, auf -eine Weise aus, daß man in gezogene Bravorufe ausbrach, bevor er -geendigt hatte. Es war vorzüglich. - -Und es gab mehr. Ein Waldhorn vollführte mit schöner Vorsicht -Variationen über ein Volkslied. Eine Sopranistin schmetterte, stakkierte -und trillerte eine Arie aus „_La Traviata_“ mit der lieblichsten Kühle -und Genauigkeit. Der Geist eines Violinisten von Weltruf spielte, wie -hinter Schleiern, zu einer Klavierbegleitung, die trocken klang, -wie Spinett, eine Romanze von Rubinstein. Aus der sacht -kochenden Wundertruhe drangen Glockenklänge, Harfenglissandos, -Trompetengeschmetter und Trommelwirbel. Schließlich wurden Tanzplatten -eingelegt. Sogar von dem neuen Import war schon ein und das andere -Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack, der Tango, -berufen, aus dem Wiener Walzer einen Großvatertanz zu machen. Zwei -Paare, des modischen Schrittes mächtig, zeigten sich darin auf dem -Teppich. Behrens hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Vermahnung -erteilt, jede Nadel nur einmal zu benutzen und die Platten „ganz ähnlich -wie rohe Eier“ zu behandeln. Hans Castorp bediente den Apparat. - -Warum gerade er? Es hatte sich so gemacht. Mit gedämpfter -Kurzangebundenheit war er denjenigen entgegengetreten, die nach des -Hofrats Weggang den Nadel- und Plattenwechsel, die Ein- und Ausschaltung -des Triebstroms hatten in die Hand nehmen wollen. „Lassen Sie mich das -tun!“ hatte er gesagt, indem er sie beiseite drängte, und sie waren ihm -gleichmütig gewichen, erstens, weil er die Miene hatte, als ob er von -längerer Hand her sich auf die Sache verstände, dann aber, weil ihnen -sehr wenig daran gelegen war, an der Quelle des Genusses tätig zu sein, -statt sich bequem und unverbindlich damit bewirten zu lassen, solange es -sie nicht langweilte. - -Nicht so Hans Castorp. Während der Vorführung der neuen Erwerbung durch -den Hofrat hatte er sich still im Hintergrunde gehalten, ohne Lachen, -ohne Beifallsrufe, aber die Darbietungen gespannt verfolgend, indes er -nach gelegentlicher Gewohnheit mit zwei Fingern an einer Augenbraue -drehte. Mit einer gewissen Unruhe hatte er im Rücken des Publikums -mehrfach den Standort gewechselt, war ins Bibliothekszimmer getreten, um -von dort zu lauschen, und hatte sich später, Hände auf dem Rücken und -mit verschlossenem Gesichtsausdruck, neben Behrens aufgestellt, den -Schrein im Auge, den einfachen Dienst daran erkundend. In ihm hieß es: -„Halt! Achtung! Epoche! Das kam zu mir.“ Die bestimmteste Ahnung neuer -Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn. Dem Jüngling im -Flachland, dem beim ersten Blick auf ein Mädchen Amors widerhakiger -Pfeil unverhofft mitten im Herzen sitzt, ist nicht gar anders zumute. -Eifersucht beherrschte sofort Hans Castorps Schritte. Öffentliches Gut? -Schlaffe Neugier hat weder Recht noch Kraft, zu besitzen. „Lassen Sie -mich das tun!“ sagte er zwischen den Zähnen, und sie waren es ganz -zufrieden. Sie tanzten noch ein bißchen nach leichtgeschürzten Piecen, -die er laufen ließ, verlangten auch noch eine Gesangsnummer, ein -Opernduett, die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, die lieblich -genug ins Ohr ging, und als er den Deckel schloß, zogen sie ab, flüchtig -angeregt und schwatzend, in die Liegekur, zur Ruhe. Darauf hatte er -gewartet. Sie ließen hinter sich alles stehen und liegen wie es mochte, -die offenen Nadelbüchschen und Albums, die zerstreuten Platten. Das sah -ihnen ähnlich. Er tat, als schlösse er sich ihnen an, verließ aber -heimlich ihren Zug auf der Treppe, kehrte in den Salon zurück, schloß -alle Türen und blieb dort die halbe Nacht, tief beschäftigt. - -Er machte sich mit der neuen Erwerbung vertraut, durchmusterte ungestört -den beigestellten Vortragsschatz, den Inhalt der schweren Alben. Es -waren deren zwölf, von zweierlei Größe, zu je zwölf Platten; und da -viele der eng kreisförmig geritzten schwarzen Scheiben doppelseitig -waren, nicht nur weil manches Stück auch die Kehrseite in Anspruch nahm, -sondern auch weil einer ganzen Reihe von Tafeln zwei verschiedene -Darbietungen eingeschrieben waren, so war das ein anfangs schwer -übersichtliches, ja verwirrendes Eroberungsgebiet schöner Möglichkeiten. -Er spielte wohl ein Viertelhundert, indem er sich, um nicht zu stören, -in der Nacht nicht gehört zu werden, gewisser sacht ziehender Nadeln -bediente, die den Klang verringerten, – aber das war kaum der achte Teil -dessen, was sich aller Enden lockend zum Versuche anbot. Für heute mußte -es genug sein, die Titel zu überfliegen und nur dann und wann, -stichprobeweise, ein Beispiel der stummen Zirkelgraphik dem Schreine -einzuverleiben, um es zum Tönen zu bringen. Sie waren unterschieden -durch das farbige Etikett ihres Zentrums, die Hartgummidisken, und durch -nichts weiter, für das Auge. Eine sah aus wie die andere, ganz oder -nicht ganz bis zur Mitte mit konzentrischen Kreisen dicht bedeckt; und -doch barg ihr feines Liniengepräge die erdenklichste Musik, glücklichste -Eingebungen aus allen Regionen der Kunst, in ausgesuchter Wiedergabe. - -Es waren da eine Menge Ouvertüren und Einzelsätze aus der Welt der -erhabenen Symphonik, gespielt von berühmten Orchestern, deren Leiter -namhaft gemacht waren. Eine lange Reihe von Liedern sodann, vorgetragen -zum Klavier, von Mitgliedern großer Opernhäuser, – und zwar sowohl -Lieder, die das hohe und bewußte Erzeugnis persönlicher Kunst waren, wie -auch schlichte Volkslieder, wie dann endlich auch noch solche, die -zwischen diesen beiden Gattungen gleichsam die Mitte hielten, insofern -sie zwar Produkte geistiger Kunst, aber im Sinn und Geist des Volkes -tiefecht und fromm empfunden und erfunden waren; künstliche Volkslieder, -wenn man so sagen durfte, ohne durch das Wort „künstlich“ ihrer -Innigkeit zu nahe zu treten: eines zumal, das Hans Castorp von -Kindesbeinen an gekannt hatte, zu dem er aber jetzt eine -geheimnisvoll-beziehungsreiche Liebe faßte, und von dem die Rede sein -wird. – Was gab es noch, oder eigentlich, was gab es nicht? Es gab Oper -die Hülle und Fülle. Ein internationaler Chor gefeierter Sänger und -Sängerinnen setzte, begleitet von diskret zurücktretendem Orchester, die -hochgeschulte Gottesgabe seiner Stimmen ein zur Ausführung von Arien, -Duetten, ganzen Ensembleszenen aus den verschiedenen Gegenden und -Epochen des musikalischen Theaters: der südlichen Schönheitssphäre einer -zugleich hoch- und leichtherzigen Hingerissenheit, einer -deutsch-volkhaften Welt von Schalkheit und Dämonie, der französischen -Großen und Komischen Oper. War damit ein Ende? O nein. Denn es folgte -die Serie der Kammermusiken, der Quartette und Trios, der -Instrumental-Solonummern für Violine, Cello, Flöte, die -Konzertgesangsnummern mit obligater Violine oder Flöte, die rein -pianistischen Nummern, – von den bloßen Belustigungen, den Couplets, den -Zweckplatten, in die kleine Aufspielorchester ihre Weisen geprägt -hatten, und die nach einer derben Nadel verlangten, nicht erst zu reden. - -Hans Castorp sichtete das, ordnete das, übergab es, einsam hantierend, -zu einem kleinen Teile dem Instrument, das es zu tönendem Leben weckte. -Er ging mit heißem Kopfe zu ähnlich vorgerückter Stunde -schlafen, wie nach dem ersten Gelage mit Pieter Peeperkorn -majestätisch-duzbrüderlichen Angedenkens, und träumte von zwei bis -sieben von dem Zauberkasten. Er sah im Traume die Drehscheibe um ihren -Zapfen kreisen, schnell bis zur Unsichtlichkeit und lautlos dabei, in -einer Bewegung, die nicht nur eben in dem wirbeligen Rundfluß, sondern -auch noch in einem eigentümlichen seitlichen Wogen bestand, dergestalt, -daß dem nadeltragenden Gelenkarm, unter dem sie hinzog, ein elastisch -atmendes Schwingen mitgeteilt wurde, – sehr dienlich, wie man glauben -mochte, dem _vibrato_ und _portamento_ der Streicher und der -menschlichen Stimmen; doch unbegreiflich blieb es, im Traum nicht -weniger als im Wachen, wie das bloße Nachziehen einer haarfeinen Linie -über einem akustischen Hohlraum und einzig mit Hilfe des -Schwingungshäutchens der Schallbüchse die reich zusammengesetzten -Klangkörper wiedererzeugen konnte, die das geistige Ohr des Schläfers -füllten. - -Er war am Morgen zeitig wieder im Salon, schon vor dem Frühstück, und -ließ, mit gefalteten Händen in einem Sessel sitzend, einen herrlichen -Bariton aus dem Schreine zur Harfe singen: „Blick’ ich umher in diesem -edlen Kreise –“. Die Harfe klang vollkommen natürlich, es war -unverfälschtes und unvermindertes Harfenspiel, was der Schrein außer der -schwellenden, hauchenden, artikulierenden menschlichen Stimme aus sich -entließ – durchaus zum Erstaunen. Und Zärtlicheres gab es auf Erden -nicht, als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen Oper, den -Hans Castorp darauf folgen ließ, – als diese bescheidene und innige -Gefühlsannäherung zwischen der weltberühmten Tenorstimme, die so -vielfach in den Alben vertreten war, und einem glashell-süßen kleinen -Sopran, – als sein „_Da mi il braccio, mia piccina_“ und die simple, -süße, gedrängt melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab ... - -Hans Castorp zuckte zusammen, da hinter ihm die Tür ging. Es war der -Hofrat, der zu ihm hereinschaute; – in seinem klinischen Kittel mit dem -Hörrohr in der Brusttasche stand er dort einen Augenblick, den Türgriff -in der Hand, und nickte dem Laboranten zu. Dieser erwiderte das Nicken -über die Schulter hin, worauf das blauwangige Gesicht des Chefs mit dem -einseitig geschürzten Schnurrbärtchen hinter der zugezogenen Tür -verschwand und Hans Castorp sich seinem unsichtbar-wohllautenden -Liebespärchen wieder zuwandte. - -Später im Lauf des Tages, nach der Mittagsmahlzeit, nach dem Diner, -hatte er Zuhörer bei seinem Treiben, wechselndes Publikum, – wenn man -ihn selbst nicht als solches, sondern als Spender des Genusses -betrachten wollte. Persönlich neigte er zu dieser Auffassung, und die -Hausgesellschaft bewilligte sie ihm in dem Sinne, daß sie seiner -entschlossenen Selbsteinsetzung als Verwalter und Kustos der -öffentlichen Einrichtung von Anfang an stillschweigend zustimmte. Das -kostete diese Leute nichts; denn ungeachtet ihres oberflächlichen -Entzückens, wenn jener tenorale Abgott in Schmelz und Glanz schwelgte, -die weltbeglückende Stimme in Kantilenen und hohen Künsten der -Leidenschaft sich verströmte, – trotz dieses laut bekundeten Entzückens -waren sie ohne Liebe und darum völlig einverstanden, jedem, der da -wollte, die Sorge zu lassen. Hans Castorp war es, der den Plattenschatz -in Ordnung hielt, den Inhalt der Alben auf die Innenseite der Deckel -schrieb, so daß ein jegliches Stück auf Wunsch und Anruf sofort zur Hand -war, und der das Instrument handhabte: Man sah es ihn mit bald geübten, -knappen und zarten Bewegungen tun. Was hätten auch die anderen gemacht? -Sie hätten die Platten geschändet, indem sie sie mit abgenutzten Nadeln -bearbeiteten, hätten sie offen auf Stühlen herumliegen lassen, mit dem -Apparat stumpfen Jux getrieben, indem sie ein edles Stück mit Tempo und -Tonhöhe hundertundzehn laufen ließen oder auch den Zeiger auf Null -einstellten, so daß es ein hysterisches Tirili oder ein versacktes -Stöhnen ergab ... Sie hatten das alles schon getan. Sie waren zwar -krank, aber roh. Und darum trug Hans Castorp nach kurzer Zeit den -Schlüssel des Schränkchens, worin die Alben und Nadeln aufbewahrt -wurden, einfach in der Tasche, so daß man ihn rufen mußte, wenn man -aufgespielt haben wollte. - -Spät, nach der Abendgeselligkeit, nach Abzug der Menge, war seine beste -Zeit. Dann blieb er im Salon oder kehrte heimlich dorthin zurück und -musizierte allein bis tief in die Nacht. Die Ruhe des Hauses damit zu -stören, brauchte er weniger zu fürchten, als er anfangs geglaubt hatte -tun zu müssen, denn die Tragkraft seiner Geistermusik hatte sich ihm als -von geringer Reichweite erwiesen: so Staunenswertes die Schwingungen -nahe ihrem Ursprung bewirkten, so bald ermatteten sie, schwach und -scheinmächtig wie alles Geisterhafte, ferner von ihm. Hans Castorp war -allein mit den Wundern der Truhe in seinen vier Wänden, – mit den -blühenden Leistungen dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz, -dieses mattschwarzen Tempelchens, vor dessen offener Flügeltür er im -Sessel saß, die Hände gefaltet, den Kopf auf der Schulter, den Mund -geöffnet, und sich von Wohllaut überströmen ließ. - -Die Sänger und Sängerinnen, die er hörte, er sah sie nicht, ihre -Menschlichkeit weilte in Amerika, in Mailand, in Wien, in Sankt -Petersburg, – sie mochte dort immerhin weilen, denn was er von ihnen -hatte, war ihr Bestes, war ihre Stimme, und er schätzte diese Reinigung -oder Abstraktion, die sinnlich genug blieb, um ihm, unter Ausschaltung -aller Nachteile zu großer persönlicher Nähe, und namentlich soweit es -sich um Landsleute, um Deutsche handelte, eine gute menschliche -Kontrolle zu gestatten. Die Aussprache, der Dialekt, die engere -Landsmannschaft der Künstler war zu unterscheiden, ihr Stimmcharakter -sagte etwas aus über des Einzelnen seelischen Wuchs, und daran, wie sie -geistige Wirkungsmöglichkeiten nutzten oder versäumten, erwies sich die -Stufe ihrer Intelligenz. Hans Castorp ärgerte sich, wenn sie es fehlen -ließen. Er litt auch und biß sich auf die Lippen vor Scham, wenn -Unvollkommenheiten der technischen Wiedergabe mit unterliefen, saß wie -auf Kohlen, wenn im Lauf einer oft zitierten Platte ein Gesangston -scharf oder gröhlend verlautete, was namentlich bei den heiklen -Frauenstimmen so leicht sich ereignete. Doch nahm er das in den Kauf, -denn Liebe muß leiden. Zuweilen beugte er sich über das Spielwerk, das -atmend kreiste, wie über einen Fliederstrauß, den Kopf in einer -Klangwolke; stand vor dem offenen Schrein, das Herrscherglück des -Dirigenten kostend, indem er mit aufgehobener Hand einer Trompete den -pünktlichen Einsatz gab. Er hatte Lieblinge in seinem Magazin, einige -Vokal- und Instrumentalnummern, die zu hören er niemals satt wurde. Wir -mögen nicht unterlassen, sie anzuführen. - -Eine kleine Gruppe von Platten bot die Schlußszenen des pompösen, von -melodiösem Genie überquellenden Opernwerks, das ein großer Landsmann des -Herrn Settembrini, der Altmeister der dramatischen Musik des Südens, in -der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus solennem Anlaß, bei -Gelegenheit der Übergabe eines Werkes der völkerverbindenden Technik an -die Menschheit, im Auftrage eines orientalischen Fürsten geschaffen -hatte. Hans Castorp wußte bildungsweise ungefähr Bescheid damit, er -kannte in großen Zügen das Schicksal des Radames, der Amneris und der -Aida, die ihm auf Italienisch aus dem Kasten sangen, und so verstand er -so ziemlich, was sie ihm sangen, – der unvergleichliche Tenor, der -fürstliche Alt mit dem herrlichen Stimmbruch in der Mitte seines -Umfanges und der silberne Sopran – verstand nicht jedes Wort, aber doch -eines hie und da mit Hilfe seiner Kenntnis der Situationen und seiner -Sympathie für diese Situationen, einer vertraulichen Anteilnahme, die -wuchs, je öfter er die vier oder fünf Platten laufen ließ, und schon zur -wirklichen Verliebtheit geworden war. - -Zuerst setzten Radames und Amneris sich auseinander: Die Königstochter -ließ den Gefesselten vor sich führen, ihn, den sie liebte und sehnlich -für sich zu retten wünschte, obgleich er um der barbarischen Sklavin -willen Vaterland und Ehre hingegeben hatte, – während allerdings, wie er -sagte, „im Herzensgrunde die Ehre unverletzt geblieben“ war. Diese -Intaktheit seines Innersten bei aller Schuldbeladenheit jedoch half ihm -wenig, denn durch sein klar zutage liegendes Verbrechen war er dem -geistlichen Gerichte verfallen, dem alles Menschliche fremd war, und das -bestimmt kein Federlesen machen würde, wenn er sich nicht im letzten -Augenblick dahin besann, der Sklavin abzuschwören und sich dem -königlichen Alt mit dem Stimmbruch in die Arme zu werfen, der dies, rein -akustisch genommen, so vollkommen verdiente. Amneris gab sich die -inbrünstigste Mühe mit dem wohllautenden, aber tragisch verblendeten und -dem Leben abgewandten Tenor, der immer nur „Ich kann nicht!“ und -„Vergebens!“ sang, wenn sie ihm mit verzweifelten Bitten anlag, der -Sklavin zu entsagen, es gelte sein Leben. „Ich kann nicht!“ – „Höre noch -einmal, entsage ihr!“ – „Vergebens!“ Todwillige Verblendung und wärmster -Liebeskummer vereinigten sich zu einem Zwiegesang, der außerordentlich -schön war, aber keine Hoffnung ließ. Und dann begleitete Amneris mit -ihren Schmerzensrufen die schauerlich-formelhaften Repliken des -geistlichen Gerichtes, die dumpf aus der Tiefe schollen, und an denen -der unselige Radames sich überhaupt nicht beteiligte. - -„Radames, Radames“, sang dringlich der Oberpriester und führte ihm in -zugespitzter Form sein Verbrechen des Verrates vor Augen. - -„Rechtfertige dich!“ forderten im Chore alle Priester. - -Und da der Oberste darauf hinweisen konnte, daß Radames schwieg, -erkannten alle in hohler Einstimmigkeit auf Felonie. - -„Radames, Radames!“ fing der Vorsitzende wieder an. „Du hast das Lager -vor der Schlacht verlassen.“ - -„Rechtfertige dich!“ hieß es abermals. „Seht, er schweiget“, durfte der -stark voreingenommene Verhandlungsleiter zum zweitenmal feststellen, und -so vereinigten auch diesmal alle Richterstimmen sich mit der seinen in -dem Wahrspruch: „Felonie!“ - -„Radames, Radames!“ hörte man den unerbittlichen Ankläger zum -drittenmal. „Dem Vaterlande, der Ehre und dem Könige brachst du deinen -Eid.“ – „Rechtfertige dich!“ scholl es aufs neue. Und: „Felonie!“ -erkannte endgültig und mit Schauder die Priesterschaft, nachdem sie -aufmerksam gemacht worden, daß Radames absolut stillschwieg. So konnte -denn das Unausbleibliche nicht ausbleiben, daß der Chor, der stimmlich -gleich beieinander geblieben war, dem Missetäter für Recht verkündete, -sein Los sei erfüllt, er sterbe den Tod der Verfluchten, unter dem -Tempel der zürnenden Gottheit habe er lebend ins Grab einzugehen. - -Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte mußte man sich -nach Kräften selber einbilden, denn hier brach die Wiedergabe ab, Hans -Castorp mußte die Platte wechseln, was er mit stillen und knappen -Bewegungen, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen, tat, und wenn er -sich wieder zum Lauschen niedergelassen hatte, war es schon des -Melodramas letzte Szene, die er vernahm: das Schlußduett des Radames und -der Aida, gesungen auf dem Grunde ihres Kellergrabes, während über ihren -Köpfen bigotte und grausame Priester im Tempel ihren Kult feierten, die -Hände spreizten, sich in dumpfem Gemurmel ergingen ... „_Tu – in questa -tomba?!_“ schmetterte die unbeschreiblich ansprechende, zugleich süße -und heldenhafte Stimme des Radames entsetzt und entzückt ... Ja, sie -hatte sich zu ihm gefunden, die Geliebte, um derentwillen er Ehre und -Leben verwirkt, sie hatte ihn hier erwartet, sich mit ihm einschließen -lassen, um mit ihm zu sterben, und die Gesänge, die sie in dieser Sache, -zuweilen unterbrochen von dem dumpfen Getön des Zeremoniells im oberen -Stockwerk, miteinander tauschten, oder zu denen sie sich vereinigten, – -sie waren es eigentlich, die es dem einsam-nächtlichen Zuhörer in -tiefster Seele angetan hatten: in Hinsicht auf die Umstände sowohl, wie -auf ihren musikalischen Ausdruck. Es war vom Himmel die Rede in diesen -Gesängen, aber sie selbst waren himmlisch, und sie wurden himmlisch -vorgetragen. Die melodische Linie, die Radames’ und Aidas Stimmen -einzeln und dann in Vereinigung unersättlich nachzogen, diese einfache -und selige, um Tonika und Dominante spielende Kurve, die vom Grundton zu -lang betontem Vorhalt, einen halben Ton vor der Oktave, aufstieg und -nach flüchtiger Berührung mit dieser sich zur Quinte wandte, erschien -dem Lauscher als das Verklärteste, Bewunderungswürdigste, was ihm je -untergekommen. Doch wäre er in das Lautliche weniger verliebt gewesen, -ohne die zum Grunde liegende Situation, die sein Gemüt für die daraus -erwachsende Süße erst recht empfänglich machte. Es war so schön, daß -Aida sich zu dem verlorenen Radames gefunden hatte, um sein -Grabesschicksal mit ihm zu teilen in Ewigkeit! Mit Recht protestierte -der Verurteilte gegen das Opfer so lieblichen Lebens, aber seinem -zärtlich verzweifelten „_No, no! troppo sei bella_“ war doch das -Entzücken endgültiger Vereinigung mit derjenigen anzumerken, die er nie -wiederzusehen gemeint hatte, und dieses Entzücken, diese Dankbarkeit ihm -deutlich nachzufühlen, bedurfte es für Hans Castorp keines Aufgebotes an -Einbildungskraft. Was er aber letztlich empfand, verstand und genoß, -während er mit gefalteten Händen auf die schwarze kleine Jalousie -blickte, zwischen deren Leisten dies alles hervorblühte, das war die -siegende Idealität der Musik, der Kunst, des menschlichen Gemüts, die -hohe und unwiderlegliche Beschönigung, die sie der gemeinen Gräßlichkeit -der wirklichen Dinge angedeihen ließ. Man mußte sich nur vor Augen -führen, was hier, nüchtern genommen, geschah! Zwei lebendig Begrabene -würden, die Lungen voll Grubengas, hier miteinander, oder, noch -schlimmer, einer nach dem anderen, an Hungerkrämpfen verenden, und dann -würde an ihren Körpern die Verwesung ihr unaussprechliches Werk tun, bis -zwei Gerippe unterm Gewölbe lagerten, deren jedem es völlig gleichgültig -und unempfindlich sein würde, ob es allein oder zu zweien lagerte. Das -war die reale und sachliche Seite der Dinge – eine Seite und Sache für -sich, die vor dem Idealismus des Herzens überhaupt nicht in Betracht -kam, vom Geiste der Schönheit und der Musik aufs Triumphalste in den -Schatten gestellt wurde. Für Radames’ und Aidas Operngemüter gab es das -sachlich Bevorstehende nicht. Ihre Stimmen schwangen sich unisono zum -seligen Oktavenvorhalt auf, versichernd, nun öffne sich der Himmel und -ihrem Sehnen erstrahle das Licht der Ewigkeit. Die tröstliche Kraft -dieser Beschönigung tat dem Zuhörer außerordentlich wohl und trug nicht -wenig dazu bei, daß diese Nummer seines Leibprogramms ihm so besonders -am Herzen lag. - -Er pflegte sich auszuruhen von ihren Schrecken und Verklärungen bei -einer zweiten Pièce, die kurzläufig, aber von konzentriertem Zauber war, -– viel friedlicher ihrem Inhalt nach, als jene erste, ein Idyll, aber -ein raffiniertes Idyll, gemalt und gestaltet mit den zugleich sparsamen -und verwickelten Mitteln neuester Kunst. Es war ein reines -Orchesterstück, ohne Gesang, ein symphonisches Präludium französischen -Ursprungs, bewerkstelligt mit einem für zeitgenössische Verhältnisse -kleinen Apparat, jedoch mit allen Wassern moderner Klangtechnik -gewaschen und klüglich danach angetan, die Seele in Traum zu spinnen. - -Der Traum, den Hans Castorp dabei träumte, war dieser: Rücklings lag er -auf einer mit bunten Sternblumen besäten, von Sonne beglänzten Wiese, -einen kleinen Erdhügel unter dem Kopf, das eine Bein etwas hochgezogen, -das andere darüber gelegt, – wobei es jedoch Bocksbeine waren, die er -kreuzte. Seine Hände fingerten, nur zu seinem eigenen Vergnügen, da die -Einsamkeit über der Wiese vollkommen war, an einem kleinen Holzgebläse, -das er im Munde hielt, einer Klarinette oder Schalmei, der er -friedlich-nasale Töne entlockte: einen nach dem anderen, wie sie eben -kommen wollten, aber doch in geglücktem Reigen, und so stieg das -sorglose Genäsel zum tiefblauen Himmel auf, unter dem das feine, leicht -vom Winde bewegte Blätterwerk einzeln stehender Birken und Eschen -in der Sonne flimmerte. Doch war sein beschauliches und -unverantwortlich-halbmelodisches Dudeln nicht lange die einzige Stimme -der Einsamkeit. Das Summen der Insekten in der sommerheißen Luft über -dem Grase, der Sonnenschein selbst, der leichte Wind, das Schwanken der -Wipfel, das Glitzern des Blätterwerks, – der ganze sanft bewegte -Sommerfriede umher wurde gemischter Klang, der seinem einfältigen -Schalmeien eine immer wechselnde und immer überraschend gewählte -harmonische Deutung gab. Die symphonische Begleitung trat manchmal -zurück und verstummte; aber Hans mit den Bocksbeinen blies fort und -lockte mit der naiven Eintönigkeit seines Spiels den ausgesucht -kolorierten Klangzauber der Natur wieder hervor, – welcher endlich nach -einem abermaligen Aussetzen, in süßer Selbstübersteigerung, durch -Hinzutritt immer neuer und höherer Instrumentalstimmen, die rasch -nacheinander einfielen, alle verfügbare, bis dahin gesparte Fülle -gewann, für einen flüchtigen Augenblick, dessen wonnevoll-vollkommenes -Genügen aber die Ewigkeit in sich trug. Der junge Faun war sehr -glücklich auf seiner Sommerwiese. Hier gab es kein „Rechtfertige dich!“, -keine Verantwortung, kein priesterliches Kriegsgericht über einen, der -der Ehre vergaß und abhanden kam. Hier herrschte das Vergessen selbst, -der selige Stillstand, die Unschuld der Zeitlosigkeit: Es war die -Liederlichkeit mit bestem Gewissen, die wunschbildhafte Apotheose all -und jeder Verneinung des abendländischen Aktivitätskommandos, und die -davon ausgehende Beschwichtigung machte dem nächtlichen Musikanten die -Platte vor vielen wert. – - -Da war eine dritte ... Es waren eigentlich wiederum mehrere, -zusammengehörig, ineinandergehend, drei oder vier, denn die Tenorarie, -die vorkam, nahm allein eine bis zur Mitte beringte Seite für sich in -Anspruch. Wieder war das etwas Französisches, aus einer Oper, die Hans -Castorp gut kannte, die er wiederholt im Theater gehört und gesehen und -auf deren Handlung er einmal sogar gesprächsweise – und zwar in einem -sehr entscheidenden Gespräch – eine Anspielung gemacht hatte ... Es war -im zweiten Akt, in der spanischen Schenke, einer geräumigen Spelunke, -dielenartig, mit Tüchern geschmückt und von defekter maurischer -Architektur. Carmens warme, ein wenig rauhe, aber durch Rassigkeit -einnehmende Stimme erklärte, tanzen zu wollen vor dem Sergeanten, und -schon hörte man ihre Kastagnetten klappern. In demselben Augenblick aber -erschollen aus einiger Entfernung Trompeten, Clairons, ein wiederholtes -militärisches Signal, das dem Kleinen nicht wenig in die Glieder fuhr. -„Halt! Einen Augenblick!“ rief er und spitzte die Ohren wie ein Pferd. -Und da Carmen „Warum?“ fragte und „was es denn gäbe?“: „Hörst du nicht?“ -rief er, ganz erstaunt, daß ihr das nicht eingehe, wie ihm. Es seien ja -die Trompeten aus der Kaserne, die das Zeichen gäben. „Zur Heimkehr naht -die Frist“, sagte er opernhaft. Aber die Zigeunerin konnte das nicht -begreifen und wollte es vor allem auch gar nicht. Desto besser, meinte -sie halb dumm, halb frech, da brauchten sie keine Kastagnetten, der -Himmel selbst schicke ihnen Musik zum Tanz und darum: Lalalala! – Er war -außer sich. Sein eigener Enttäuschungsschmerz trat ganz zurück hinter -dem Bemühen, ihr klarzumachen, um was es sich handle, und daß keine -Verliebtheit der Welt gegen dieses Signal aufkomme. Wie war es denn -möglich, daß sie etwas so Fundamentales und Unbedingtes nicht verstand! -„Ich muß nun fort, nach Haus, ins Quartier, zum Appell!“ rief er, -verzweifelt über eine Ahnungslosigkeit, die ihm das Herz doppelt so -schwer machte, als es ohnedies gewesen wäre. Da aber mußte man Carmen -hören! Sie war wütend, sie war in tiefster Seele empört, ihre Stimme war -ganz und gar betrogene und beleidigte Liebe – oder sie stellte sich so. -„Ins Quartier? Zum Appell?“ Und ihr Herz? Und ihr gutes, zärtliches -Herz, das in seiner Schwäche – ja, sie gebe es zu: in seiner Schwäche! – -bereit gewesen sei, ihm mit Gesang und Tanz die Zeit zu kürzen? -„Traterata!“ und sie hob mit wildem Hohn die gerollte Hand an den Mund, -um das Clairon nachzuahmen. „Traterata!“ Und das genüge. Da springe der -Dummkopf in die Höhe und wolle fort. Gut denn, fort mit ihm! Hier sein -Helm, sein Säbel und Gehänge! Machen, machen, machen solle er, daß er in -die Kaserne komme! – Er bat um Erbarmen. Aber sie fuhr fort in ihrem -glühenden Hohn, indem sie tat, als sei sie er, der beim Schall der -Hörner sein bißchen Verstand verloren habe. Traterata, zum Appell! -Barmherziger Himmel, er werde noch zu spät kommen! Nur fort, denn es -rufe ja zum Appelle, und da störe er selbstverständlich auf wie ein -Narr, in dem Augenblick, wo sie, Carmen, für ihn habe tanzen wollen. -Das, das, das sei seine Liebe zu ihr! – - -Qualvolle Lage! Sie verstand nicht. Das Weib, die Zigeunerin konnte und -wollte nicht verstehen. Sie wollte es nicht, – denn ohne jeden Zweifel: -in ihrer Wut, ihrem Hohn war etwas über den Augenblick und das -Persönliche Hinausgehende, ein Haß, eine Urfeindschaft gegen das -Prinzip, das durch diese französischen Clairons – oder spanischen Hörner -– nach dem verliebten kleinen Soldaten rief, und über das zu -triumphieren ihr höchster, eingeborener, überpersönlicher Ehrgeiz war. -Sie besaß ein sehr einfaches Mittel dazu: Sie behauptete, wenn er gehe, -so liebe er sie nicht; und das war genau das, was zu hören José dort -drinnen im Kasten nicht ertrug. Er beschwor sie, ihn zu Worte kommen zu -lassen. Sie wollte nicht. Da zwang er sie – es war ein verteufelt -ernster Moment. Fatale Klänge lösten sich aus dem Orchester, ein düster -drohendes Motiv, das sich, wie Hans Castorp wußte, durch die ganze Oper -bis zum katastrophalen Ausgang zog und auch die Einleitung zu des -kleinen Soldaten Arie bildete, der neuen Platte, die nun einzulegen war. - -„Hier an dem Herzen treu geborgen“ – José sang das wunderschön; Hans -Castorp ließ die Scheibe auch einzeln, außer dem vertrauten -Zusammenhange öfters laufen und lauschte stets in achtsamster Sympathie. -Es war inhaltlich nicht weit her mit der Arie, aber ihr flehender -Gefühlsausdruck war im höchsten Grade rührend. Der Soldat sang von der -Blume, die Carmen ihm am Anfang ihrer Bekanntschaft zugeworfen, und die -im schweren Arrest, worein er um ihretwillen geraten, sein ein und alles -gewesen sei. Er gestand tief erschüttert, er habe augenblicksweise dem -Schicksal geflucht, weil es zugelassen hatte, daß er Carmen je mit Augen -gesehen. Aber gleich habe er die Lästerung bitter bereut und auf den -Knien zu Gott um ein Wiedersehen gebetet. _Da_ – und dies Da war der -gleiche hohe Ton, mit dem er unmittelbar vorher sein „Ach, teures -Mädchen“ begonnen, – _da_ – und nun war in der Begleitung aller -Instrumentalzauber los, der nur irgend geeignet sein mochte, den -Schmerz, die Sehnsucht, die verlorene Zärtlichkeit, die süße -Verzweiflung des kleinen Soldaten zu malen, – _da_ hatte sie vor seinen -Blicken gestanden in all ihrem schlechthin verhängnishaften Reiz, so daß -er klar und deutlich das eine gefühlt hatte, daß es „um ihn getan“ -(„getan“ mit einem schluchzenden ganztönigen Vorschlag auf der ersten -Silbe), auf immer also um ihn getan sei. „Du meine Wonne, mein -Entzücken!“ sang er verzweifelt in einer wiederkehrenden und auch vom -Orchester noch einmal auf eigene Hand geklagten Tonfolge, die vom -Grundton zwei Stufen aufstieg und sich von dort mit Innigkeit zur -tieferen Quinte wandte. „Dein ist mein Herz“, beteuerte er -abgeschmackter, aber allerzärtlichster Weise zum Überfluß, indem er sich -eben dieser Figur bediente, ging dann die Tonleiter bis zur sechsten -Stufe durch, um hinzuzufügen: „Und ewig dir gehör ich an!“, ließ danach -die Stimme um zehn Töne sinken und bekannte erschüttert sein „Carmen, -ich liebe dich!“, dessen Ausklang von einem wechselnd harmonisierten -Vorhalt schmerzlich verzögert wurde, bevor das „dich“ mit der -vorhergehenden Silbe sich in den Grundakkord ergab. - -„Ja, ja!“ sagte Hans Castorp schwergemut und dankbar und legte auch noch -das Finale ein, wo alle den jungen José dazu beglückwünschten, daß ihm -durch das Renkontre mit dem Offizier der Rückweg abgeschnitten war, so -daß er nun fahnenflüchtig werden mußte, wie Carmen es zu seinem -Entsetzen schon vorher von ihm verlangt hatte. - - „O folg uns in felsige Klüfte, - wilder, doch rein wehen dort die Lüfte –“ - -sangen sie ihm im Chor, – man konnte sie ganz gut verstehen. - - „Offen die Welt – nicht Sorgen drücken; - unbegrenzt dein Vaterland; - und voran: das seligste Entzücken, - die Freiheit lacht! Die Freiheit lacht!“ - -„Ja, ja!“ sagte er abermals und ging zu etwas Viertem über, etwas sehr -Liebem und Gutem. - -Daß es wieder etwas Französisches war, ist so wenig unsere Schuld, wie -es auf unsere Rechnung kommt, daß auch wieder militärischer Geist -obwaltete. Es war eine Einlage, eine Solo-Gesangsnummer, ein „Gebet“ aus -der Faust-Oper von Gounod. Jemand trat auf, jemand Erz-Sympathisches, -der Valentin hieß, den aber Hans Castorp im Stillen anders nannte, mit -einem vertrauteren, wehmutsvollen Namen, dessen Träger er in hohem Grade -mit der aus dem Kasten laut werdenden Person identifizierte, obgleich -diese eine viel schönere Stimme hatte. Es war ein starker und warmer -Bariton, und sein Gesang war dreiteilig; er bestand aus zwei miteinander -nahverwandten Eckstrophen, die frommen Charakters, ja, fast im Stile des -protestantischen Chorals gehalten waren, und einer Mittelstrophe -keck-chevaleresken Mutes, kriegerisch, leichtsinnig, dabei aber -ebenfalls fromm; und das war eigentlich das Französisch-Militärische -daran. Der Unsichtbare sang: - - „Da ich nun verlassen soll - mein geliebtes Heimatland“ – - -und er wandte unter diesen Umständen sein Flehen zum Herrn des Himmels, -daß er ihm unterdessen das holde Schwesterblut schützen möge! Es ging in -den Krieg, der Rhythmus sprang um, wurde unternehmend, Gram und Sorge -mochten zum Teufel fahren, er, der Unsichtbare wollte sich dort, wo die -Schlacht am heißesten, die Gefahr am größten war, keck, fromm und -französisch dem Feinde entgegenwerfen. Wenn ihn aber Gott zu -Himmelshöhen rufe, sang er, dann wolle er schützend von dort auf „dich“ -herniedersehen. Mit diesem „dich“ war das Schwesterblut gemeint; aber es -rührte Hans Castorp trotzdem in tiefster Seele, und diese seine -Ergriffenheit ließ nicht nach bis zum Schluß, wo der Brave dort drinnen -zu mächtigen Choralakkorden sang: - - „O Herr des Himmels, hör mein Flehn, - in deinem Schutz laß Margarete stehn!“ - -Weiter war es nichts mit dieser Platte. Wir glaubten, kurz von ihr reden -zu sollen, weil Hans Castorp sie so ausnehmend gern hatte, dann aber -auch, weil sie bei späterer, seltsamer Gelegenheit noch eine gewisse -Rolle spielte. Für jetzt kommen wir auf ein fünftes und letztes Stück -aus der Gruppe der engeren Favoriten, – welches nun freilich gar nichts -Französisches mehr war, sondern etwas sogar besonders und exemplarisch -Deutsches, auch nichts Opernhaftes, sondern ein Lied, eines jener -Lieder, – Volksgut und Meisterwerk zugleich und eben durch dieses -Zugleich seinen besonderen geistig-weltbildlichen Stempel empfangend ... -Wozu die Umschweife? Es war Schuberts „Lindenbaum“, es war nichts -anderes, als dies allvertraute „Am Brunnen vor dem Tore“. - -Ein Tenorist trug es vor zum Klavier, ein Bursche von Takt und -Geschmack, der seinen zugleich simplen und gipfelhohen Gegenstand mit -vieler Klugheit, musikalischem Feingefühl und rezitatorischer Umsicht zu -behandeln wußte. Wir alle wissen, daß das herrliche Lied im Volks- und -Kindermunde etwas anders lautet, denn als Kunstgesang. Dort wird es -meist, vereinfacht, nach der Hauptmelodie strophisch durchgesungen, -während diese populäre Linie im Original schon bei der zweiten der -achtzeiligen Strophen in Moll variiert, um beim fünften Vers, überaus -schön, wieder in Dur einzulenken, bei den darauf folgenden „kalten -Winden“ aber und dem vom Kopfe fliegenden Hute dramatisch aufgelöst wird -und sich erst bei den letzten vier Versen der dritten Strophe -wiederfindet, die wiederholt werden, damit die Weise sich aussingen -könne. Die eigentlich bezwingende Wendung der Melodie erscheint dreimal -und zwar in ihrer modulierenden zweiten Hälfte, das drittemal also bei -der Reprise der letzten Halbstrophe „Nun bin ich manche Stunde“. Diese -zauberhafte Wendung, der wir mit Worten nicht zu nahe treten mögen, -liegt auf den Satzfragmenten „So manches liebe Wort“, „Als riefen sie -mir zu“, „Entfernt von jenem Ort“, und die helle und warme, atemkluge -und zu einem maßvollen Schluchzen geneigte Stimme des Tenoristen sang -sie jedesmal mit so viel intelligentem Gefühl für ihre Schönheit, daß -sie dem Zuhörer auf ungeahnte Weise ans Herz griff, zumal der Künstler -seine Wirkung durch außerordentlich innige Kopftöne bei den Zeilen „Zu -_ihm_ mich immerfort“, „Hier _findst_ du deine Ruh“ zu steigern wußte. -Beim wiederholten letzten Verse aber, diesem „Du fändest Ruhe dort!“ -sang er das „fändest“ das erstemal aus voller, sehnsüchtiger Brust und -erst das zweitemal wieder als zartestes Flageolett. - -Soviel vom Liede und seinem Vortrag. Wir mögen uns wohl schmeicheln, es -sei uns in früheren Fällen gelungen, unseren Zuhörern ein ungefähres -Verständnis für die intime Teilnahme einzuflößen, die Hans Castorp den -Vorzugs-Programmnummern seiner nächtlichen Konzerte entgegenbrachte. -Allein begreiflich zu machen, was diese letzte, dies Lied, der alte -„Lindenbaum“ ihm bedeutete, das ist nun freilich ein Unternehmen der -kitzlichsten Art, und höchste Behutsamkeit der Intonation ist vonnöten, -wenn nicht mehr verdorben, als gefördert werden soll. - -Wir wollen es so stellen: Ein geistiger, das heißt ein bedeutender -Gegenstand ist eben dadurch „bedeutend“, daß er über sich hinausweist, -daß er Ausdruck und Exponent eines Geistig-Allgemeineren ist, einer -ganzen Gefühls- und Gesinnungswelt, welche in ihm ihr mehr oder weniger -vollkommenes Sinnbild gefunden hat, – wonach sich denn der Grad seiner -Bedeutung bemißt. Ferner ist die Liebe zu einem solchen Gegenstand -ebenfalls und selbst „bedeutend“. Sie sagt etwas aus über den, der sie -hegt, sie kennzeichnet sein Verhältnis zu jenem Allgemeinen, jener Welt, -die der Gegenstand vertritt, und die in ihm, bewußt oder unbewußt, -mitgeliebt wird. - -Will man glauben, daß unser schlichter Held nach so und so vielen -Jährchen hermetisch-pädagogischer Steigerung tief genug ins geistige -Leben eingetreten war, um sich der „Bedeutsamkeit“ seiner Liebe und -ihres Objektes _bewußt_ zu sein? Wir behaupten und erzählen, daß er es -war. Das Lied bedeutete ihm viel, eine ganze Welt und zwar eine Welt, -die er wohl lieben mußte, da er sonst in ihr stellvertretendes Gleichnis -nicht so vernarrt gewesen wäre. Wir wissen, was wir sagen, wenn wir – -vielleicht etwas dunklerweise – hinzufügen, daß sein Schicksal -sich anders gestaltet hätte, wenn sein Gemüt den Reizen der -Gefühlssphäre, der allgemein geistigen Haltung, die das Lied auf so -innig-geheimnisvolle Weise zusammenfaßte, nicht im höchsten Grade -zugänglich gewesen wäre. Eben dieses Schicksal aber hatte Steigerungen, -Abenteuer, Einblicke mit sich gebracht, Regierungsprobleme in ihm -aufgeworfen, die ihn zu ahnungsvoller Kritik an dieser Welt, diesem -ihrem allerdings absolut bewunderungswürdigen Gleichnis, dieser seiner -Liebe reif gemacht hatten und danach angetan waren, sie alle drei unter -Gewissenszweifel zu stellen. - -Der müßte nun freilich von Liebesdingen rein gar nichts verstehen, der -meinte, durch solche Zweifel geschähe der Liebe Abtrag. Sie bilden im -Gegenteil ihre Würze. Sie sind es erst, die der Liebe den Stachel der -Leidenschaft verleihen, so daß man schlechthin die Leidenschaft als -zweifelnde Liebe bestimmen könnte. Worin bestanden denn aber Hans -Castorps Gewissens- und Regierungszweifel an der höheren Erlaubtheit -seiner Liebe zu dem bezaubernden Liede und seiner Welt? Welches war -diese dahinter stehende Welt, die seiner Gewissensahnung zufolge eine -Welt verbotener Liebe sein sollte? - -Es war der Tod. - -Aber das war ja erklärter Wahnsinn! Ein so wunderherrliches Lied! Reines -Meisterwerk, geboren aus letzten und heiligsten Tiefen des Volksgemüts; -ein höchster Besitz, das Urbild des Innigen, die Liebenswürdigkeit -selbst! Welch häßliche Verunglimpfung! - -Ei ja, ja, ja, das war recht schön, so mußte wohl jeder Redliche -sprechen. Und dennoch stand hinter diesem holden Produkte der Tod. Es -unterhielt Beziehungen zu ihm, die man lieben mochte, aber nicht -ohne sich von einer bestimmten Unerlaubtheit solcher Liebe -ahnungsvoll-regierungsweise Rechenschaft zu geben. Es mochte seinem -eigenen ursprünglichen Wesen nach nicht Sympathie mit dem Tode, sondern -etwas sehr Volkstümlich-Lebensvolles sein, aber die geistige Sympathie -damit war Sympathie mit dem Tode, – lautere Frömmigkeit, das Sinnige -selbst an ihrem Anfang, das sollte auch nicht aufs Leiseste bestritten -werden; aber in ihrer Folge lagen Ergebnisse der Finsternis. - -Was redete er sich da ein! – Er hätte es sich von euch nicht ausreden -lassen. Ergebnisse der Finsternis. Finstere Ergebnisse. -Folterknechtssinn und Menschenfeindlichkeit in spanischem Schwarz mit -der Tellerkrause und Lust statt Liebe – als Ergebnis treublickender -Frömmigkeit. - -Wahrhaftig, der Literat Settembrini war nicht eben der Mann seines -unbedingten Vertrauens, aber er erinnerte sich einiger Belehrung, die -der klare Mentor ihm einst, vor Zeiten, am Anfang seiner hermetischen -Laufbahn, über „Rückneigung“, die geistige „Rückneigung“ in gewisse -Welten hatte zuteil werden lassen, und er fand es ratsam, diese -Unterweisung mit Vorsicht auf seinen Gegenstand zu beziehen. Herr -Settembrini hatte das Phänomen jener Rückneigung als „Krankheit“ -bezeichnet, – das Weltbild selbst, die Geistesepoche, der die -Rückneigung galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als „krankhaft“ -erscheinen. Wie denn nun aber! Hans Castorps holdes Heimwehlied, die -Gemütssphäre, der es angehörte, und die Liebesneigung zu dieser Sphäre -sollten – „krank“ sein? Mit nichten! Sie waren das Gemütlich-Gesundeste -auf der Welt. Allein das war eine Frucht, die, frisch und prangend -gesund diesen Augenblick oder eben noch, außerordentlich zu Zersetzung -und Fäulnis neigte, und, reinste Labung des Gemütes, wenn sie im rechten -Augenblicke genossen wurde, vom nächsten unrechten Augenblicke an -Fäulnis und Verderben in der genießenden Menschheit verbreitete. Es war -eine Lebensfrucht, vom Tode gezeugt und todesträchtig. Es war ein Wunder -der Seele, – das höchste vielleicht vor dem Angesicht gewissenloser -Schönheit und gesegnet von ihr, jedoch mit Mißtrauen betrachtet -aus triftigen Gründen vom Auge verantwortlich regierender -Lebensfreundschaft, der Liebe zum Organischen, und Gegenstand der -Selbstüberwindung nach letztgültigem Gewissensspruch. - -Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der Überwindung dieser -Liebe sein, – dieses Seelenzaubers mit finsteren Konsequenzen! Hans -Castorps Gedanken oder ahndevolle Halbgedanken gingen hoch, während er -in Nacht und Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, – sie -gingen höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch -gesteigerte Gedanken. O, er war mächtig, der Seelenzauber! Wir alle -waren seine Söhne, und Mächtiges konnten wir ausrichten auf Erden, indem -wir ihm dienten. Man brauchte nicht mehr Genie, nur viel mehr Talent, -als der Autor des Lindenbaumliedes, um als Seelenzauberkünstler dem -Liede Riesenmaße zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte -wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu irdische -Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht -heimwehkrank, – in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik -verdarb. Aber sein bester Sohn mochte doch derjenige sein, der in seiner -Überwindung sein Leben verzehrte und starb, auf den Lippen das neue Wort -der Liebe, das er noch nicht zu sprechen wußte. Es war so wert, dafür zu -sterben, das Zauberlied! Aber wer dafür starb, der starb schon -eigentlich nicht mehr dafür und war ein Held nur, weil er im Grunde -schon für das Neue starb, das neue Wort der Liebe und der Zukunft in -seinem Herzen – – - -Das also waren Hans Castorps Vorzugsplatten. - - - Fragwürdigstes - -Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der Jährchen eine -unerwartete Wendung genommen. Immer hatten seine Forschungen, die der -Seelenzergliederung und dem menschlichen Traumleben galten, einen -unterirdischen und katakombenhaften Charakter getragen; neuerdings aber, -in gelindem, der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie die -Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen, und seine -vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal, Hauptattraktion des Hauses, -Stolz des Prospektes, – diese Vorträge, gehalten in Gehrock und -Sandalen, hinter gedecktem Tischchen und mit exotisch schleppenden -Akzenten vor dem unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten -nicht mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung der -Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten von den -profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus, den -Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums und des Zweiten Gesichtes, den -Wundern der Hysterie, bei deren Erörterung der philosophische Horizont -sich derart weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer -erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum Psychischen, ja -dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen auf unheimlichstem, auf -krankhaftem Wege, wie es scheinen mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem -der Gesundheit ... - -Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige -Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski habe sich nur -aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie zu bewahren, zu -rein emotionellen Zwecken also, dem Verborgenen zugewandt. So sprachen -Lästerzungen, an denen es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den -Montagskonferenzen die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um -sie hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch genauer -als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im Busen dabei glich. Aber -diese Wirkungen waren so legitim, wie die Entwicklung, die der Geist des -Gelehrten durchlaufen, und für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern -geradezu Notwendigkeit in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten -jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele sein -Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein bezeichnet, -obgleich man möglicherweise besser täte, von einem Überbewußtsein zu -reden, da aus diesen Sphären zuweilen ein Wissen emporgeistert, das das -Bewußtseinswissen des Individuums bei weitem übersteigt und den Gedanken -nahelegt, es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den -untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und einer durchaus -wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des Unterbewußtseins, „okkult“ -dem eigentlichen Wortsinne nach, erweist sich sehr bald auch als okkult -im engeren Sinn dieses Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die -Erscheinungen fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht -alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus dem bewußten -Seelenleben verbannter und hysterisierter Affekte erblickt, der -anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen im Materiellen, – eine -Macht, die man als zweite Quelle der magischen Phänomene anzusprechen -gezwungen ist. Idealist des Pathologischen, um nicht zu sagen: -pathologischer Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von -Gedankengängen sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins -überhaupt, das will sagen: in das Problem der Beziehungen von Geist und -Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie der bloßen -Robustheit, wird es sich niemals nehmen lassen, das Geistige als ein -phosphoreszierendes Produkt des Materiellen zu erklären. Der Idealist -dagegen, ausgehend vom Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt -und sehr bald entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig -umgekehrtem Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts -Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei: Das Huhn -oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die doppelte Tatsache -eine so außerordentliche Verwirrung erfährt, daß kein Ei denkbar ist, -das nicht von einem Huhn gelegt worden wäre, und kein Huhn, das nicht -sollte aus einem vorausgesetzten Ei gekrochen sein. - -Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings in seinen -Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem, auf logischem Wege war er -dazu gekommen, wir können es nicht sattsam betonen, und nur zum Überfluß -fügen wir hinzu, daß er in solche Erörterungen eingetreten war, lange -bevor durch das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in -ein empirisch-experimentelles Stadium traten. - -Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere Zuhörer es -nicht wissen, während uns natürlich der Name geläufig ist. Wer sie war? -Fast niemand auf den ersten Blick. Ein liebes Ding von neunzehn Jahren, -Elly gerufen, flachsblond, Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen, -sondern aus Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft -besaß. Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar -Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin der -Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock über -dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen hatte. Der Fall -war unerheblich, er hatte wohl eigentlich nur Verdachtscharakter, wenn -Elly auch freilich ja zart war, zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei -unbedingt sympathisch, so daß man ihr gern die Hand auf den -flachsblonden Scheitel gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig -tat, wenn er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie, -eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus -liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen und wie -ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein leicht gebrochenes -Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern, wie „Fleich“ statt „Fleisch“. -An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes. Das Kinn war zu kurz. Sie saß -am Tische der Kleefeld, die sie bemutterte. - -Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser freundlichen -kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin hatte es -Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten und zweiten Anblick ihrer -klaren Person sich etwas hätte träumen lassen, die aber schon nach ein -paar Wochen ihres Aufenthaltes hier oben anfingen sich zu entdecken, und -die in ihrer ganzen Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde. - -Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit gaben dem -Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte sich in allerlei -Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände mit Hilfe eines -Klavierspiels, das anschwoll, wenn man sich dem Verstecke näherte, -dagegen leiser wurde, wenn man Irrwege einschlug; und man ging in der -Folge dazu über, demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte -von außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter -zusammengesetzter Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier gewisser -Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen zum Tanze -aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek zu entnehmen und es -dem und dem zu überreichen und dergleichen mehr. Es ist zu bemerken, -daß Spiele dieser Art sonst nicht zu den Gewohnheiten der -Berghof-Gesellschaft gehört hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu -gegeben, war nachträglich nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly -gewesen. Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen. - -Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von uns, und auch -Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei den Versuchen mehr oder -weniger anstellig oder versagten auch gänzlich. Die Tauglichkeit Elly -Brands aber erwies sich als außerordentlich, als auffallend, als -ungebührlich. Ihre sichere Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte -unter Beifall und bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den -kombinierten Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte -aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, sobald -sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein Schwanken, auch -ohne leitende Musik. Sie holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz, -streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei -der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den -Anfang des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. Dann brachte -sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen -Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen -nieder, – genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie -ausgedacht. - -So hatte sie also gehorcht! - -Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu sehen, fing -man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte: Nein, nein, nicht -so, man möge doch das nicht glauben! Nicht draußen, nicht an der Tür -habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig nicht! - -Nicht draußen, nicht an der Tür? - -„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer, wenn sie -hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun. - -Nicht umhin? Im Zimmer? - -Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was sie zu tun -habe, leise, aber ganz scharf und deutlich. - -Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem Sinne -schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen, daß sie für ein -solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert werde. Ein -Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn einer der -Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im sportlichen Sinn war -Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf eine Weise, daß manchem der -Rücken kalt wurde bei ihrem Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal -riefen nach Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig -und kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd -mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos gemeldet, kraß Anormales -liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, eine Jungfrau mit -Stimmen. – Ei, ei, und was weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden -sehen. Es war sein Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig -für alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. Er -fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! „So steht es -also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie jeder gern tat, der -Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache zur Aufmerksamkeit, doch nicht -die geringste zum Entsetzen. Er tauchte seine braunen exotischen Augen -in die hellblauen Ellen Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem -Scheitel über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und frömmer -erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von unten, da ihr Kopf -sich langsam zur Brust und Schulter neigte. Als ihre Augen anfingen, -sich zu brechen, tat der Gelehrte eine lässige Handbewegung aufwärts vor -ihrem Gesichtchen, worauf er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und -die ganze erregte Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen -Elly Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte. - -Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war wohl bei dem Wort, -einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden Krokowski. Jedermann fühlte -sein Innerstes kalt davon angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet -seinen vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei -Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, die sie -dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt hatte, so daß eine -gewisse Übelkeit und körperliche Beängstigung, eine leichte Seekrankheit -ihn angekommen war. Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte -sich, daß damit wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens -verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen Brands -fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, die das -Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt: -das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit des Gebietes, wonach sie -tastete, und daher den Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei, -was sie aber nicht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier. -Hans Castorp hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von Dingen -der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, – der -seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, von der eine -melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. Aber niemals war diese -Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte Anerkennung nicht -versagt hatte, ihm persönlich auf den Leib gerückt, nie hatte er -praktische Erfahrungen damit gemacht, und sein Widerstreben gegen solche -Erfahrungen, ein Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben, -ein Widerstreben humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle Ausdrücke -verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus anspruchslosen Helden -– kam der Neugier, die sie ihm lebhaft erregten, fast gleich. Er fühlte -im voraus, fühlte es klar und deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie -auch fortgehen mochten, nie anders sich würden anlassen können, als -abgeschmackt, unverständlich und menschlich würdelos. Dennoch brannte er -darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, als -Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative war, sondern daß -das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit nur die -außermoralische Ausdrucksform der Verbotenheit war. Das _Placet -experiri_ aber, ihm eingepflanzt von einem, der _solche_ Versuche -freilich aufs prallste mißbilligen mußte, saß fest in Hans Castorps -Sinn; seine Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugier zusammen, -hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des -Bildungsreisenden, die vielleicht schon, als sie vom Mysterium der -Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden -Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von militärischem -Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen nicht auswich, wenn -es sich anbot. So beschloß Hans Castorp, auf dem Posten zu sein und -nicht beiseite zu stehen, wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern -kommen sollte. - -Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin -laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben anzustellen. -Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag belegt, hielt -Sitzungen mit ihr in seinem analytischen Verlies, hypnotisierte sie, wie -man hörte, war bestrebt, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu -entwickeln und zu disziplinieren, ihr seelisches Vorleben zu erforschen. -Dies tat übrigens auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und -Patronin, und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und das, -was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, bis in die -Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, daß der- oder dasjenige, -was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben zugeflüstert hatte, Holger hieß -– es war der Jüngling Holger, ein _spirit_, ihr wohlvertraut, ein -abgeschieden-ätherisch Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen -Ellen. – Er also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants -Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr, -so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr -eingeflüstert. – Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger ihr früher -in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn sie nicht vorbereitet -gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. Das habe Holger wohl -nicht gedurft, sagte sie später. In so ernste Dinge sich einzumischen, -sei ihm verwehrt, und übrigens habe er die Schulantworten wohl selber -nicht recht gewußt. - -Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch in -größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare und -unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare Erscheinungen? – -Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges Mädchen allein im -Wohnzimmer ihres Elternhauses gesessen, am runden Tisch mit einer -Handarbeit, am hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte -ihres Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit einer -bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte Frauen ihn -dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz hängenden Zipfeln -hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich hatte Ellen gesehen, wie -der Zipfel ihr gegenüber sich langsam aufgerollt hatte: still, -sorgfältig und regelmäßig war er aufgerollt worden, ein gutes Stück -gegen die Mitte der Tischplatte hin, so daß die Rolle schließlich schon -ziemlich lang gewesen war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild -auffahrend, mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem Fell sich auf -die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer gestürzt, unter das Sofa -gekrochen und dann ein volles Jahr lang nicht zu bewegen gewesen, einen -Fuß ins Wohnzimmer zu setzen. - -Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die Schaldecke -aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. – Und was sie sich -bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht habe. – Aber da es absolut -unmöglich war, sich das Allergeringste dabei zu denken, so hatte auch -Elly sich weiter nichts dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern -berichtet habe. – Nein. – Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar -nichts dabei denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem -Fall und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges, -schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn schwer daran -getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. Was denn auch an dem -Sich-Aufrollen einer Decke viel zu tragen sei. Aber an anderem habe sie -schwerer getragen. Zum Beispiel hieran: - -Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, hatte sie -frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, das im Erdgeschoß -gelegen war, und sich über die Diele die Treppe hinauf ins Eßzimmer -begeben wollen, um, wie es ihre Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor -die Eltern sich einfanden. Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich -wandte, war sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem -Podest, am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika -verheiratete ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und -wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise einen -Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen und die -Hände an der Schulter gefaltet und hatte ihr zugenickt. „Ja, aber, -Sophie, bist du da?“ hatte die angewurzelte Ellen halb freudig und halb -erschrocken gefragt. Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich -darnach verflüchtigt. Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in -dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung heißer -Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg frei gewesen war für -Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß in dieser selbigen -Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey an Herzentzündung gestorben -war. - -Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, das habe -doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung hier, der -Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser achtbarer Zusammenhang -zu ersehen. Und er willigte ein, an einem spiritistischen -Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, teilzunehmen, das man aus -Ungeduld, unter heimlicher Umgehung von Dr. Krokowskis eifersüchtigem -Verbot, mit Ellen Brand zu veranstalten beschlossen hatte. - -Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine -Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans -Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und -Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst -mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die -Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf -einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers, -ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber, -am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen, -Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte -und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren. -Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die -Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des -Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach -genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in -matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das -Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte -brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an -den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des -Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde. - -Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der -Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht -aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich -ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung -haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum -Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des -Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die -es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn -ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte -Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente, -der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches -Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen -Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines -unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an -denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein -würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies -wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art, -schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und -wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der -Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es -wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer -Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres -Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder -Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um -der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man -unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der -Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit -den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher -hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen. - -Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte, -die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken -am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen -Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen -Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des -Nachttischlämpchens gerichtet. - -Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den -Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte -bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann -geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und -verhielt sich ruhig. - -Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. Frau Stöhr -erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch wurde ihr bedeutet, -daß sie sich früher hätte prüfen müssen und sich nun still zu verhalten -habe. Die Dinge schienen in Fluß zu kommen. Man stipulierte, daß, um ja -und nein zu antworten, das Glas nicht erst die Buchstaben sollte -anlaufen müssen, sondern sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen -begnügen möge. - -„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin mit strenger -Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein Zögern folgte. Dann -kippte das Glas und bejahte. - -„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, indem er die -Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln verstärkte. - -Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack von Marke -zu Marke, indem es zwischendurch immer ein Stück gegen die Tischmitte -hin zurückkehrte; es lief zum _h_, zum _o_, zum _l_, es schien danach zu -ermatten, sich zu verwirren, nicht weiter zu wissen, aber es fand sich -wieder, fand auch das _g_, das _e_ und _r_. Hatte man’s doch gedacht! Es -war Holger persönlich, der _spirit_ Holger, der das mit der Salzprise -usw. gewußt, aber freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte. -Er war da, er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was -fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte den Kreis. -Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, was man von ihm zu -wissen begehren sollte. Herr Albin entschied sich, zu fragen, was -Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten gewesen sei. Er tat es, wie -oben, im Tone des Verhörs, streng und mit zusammengezogenen Brauen. - -Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend und stolpernd -zum _d_, rückte ab und bezeichnete das _i_. Was wollte das werden? Die -Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu befürchtete kichernd, Holger sei ein -Dieb gewesen. Frau Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch -der Arbeit des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und -klappernd, zum _c_, zum _h_ glitt, das _t_ berührte und dann, offenbar -unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem _r_ endigte. Es -hatte „Dichtr“ buchstabiert. - -Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum Überfluß und nur aus -Stolz, wie es schien, kippte das Glas und klopfte bejahend. – Ein -lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, indem sie das _y_ wie _i_ -aussprach, wie Hans Castorp unwillig bemerkte ... Zu solchen -Spezifikationen schien Holger unlustig. Er gab keine neue Antwort. Er -buchstabierte die vorige noch einmal, rasch, sicher und klar, das e -hinzufügend, das er vorhin vergessen. - -Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare -Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter Gegenden des eigenen -Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche Gegebenheit -dieser Kundgebungen doch auch wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche -erhielt. Ob Holger sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande, -wollte man wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort -„Gelassen“. Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst nicht -darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, fand man es -wahrscheinlich und gut gesagt. – Und wie lange Holger sich denn schon in -seinem gelassenen Zustande befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf -niemand verfallen wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es -lautete: „Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende Eile“ -lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch von außen, -Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine eilende Weile war -Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die Frager spruchweise -abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten mochte er freilich -zu operieren verlernt haben. – Was wollte man also noch von ihm -erfahren? Die Levi gestand ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe, -beziehungsweise einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? – -Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen -Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per du, ob _spirit_ -Holger wohl blonde Locken habe. - -„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es das Wort „braune“ -ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute Heiterkeit herrschte im -Kreise. Die Damen bekundeten offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände -schräg gegen den Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister -Holger scheine ja ziemlich eitel zu sein. - -Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und ohne Sinn auf -dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und rollte der Stöhr in den -Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten Armen darauf niederblickte. -Man führte es behutsam und unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück. -Der Chinese wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da -sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger nun im -Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten ließ? Man redete -seinem Glase aufs beste zu. Ob er denn nicht vielleicht etwas dichten -wolle! Er sei ja ein Dichter gewesen, als er noch nicht in eilender -Weile gewebt und geschwebt habe. Ach, wie sie alle nach etwas -Gedichtetem verlangten! Sie würden es so herzlich genießen. - -Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas -Gutmütig-Versöhnliches darin, wie es dies tat. Und dann begann _spirit_ -Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich und ohne -Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde er überhaupt nicht -wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es war ein durch und durch -überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch vorbrachte, während die -Umsitzenden es bewundernd mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos, -wie das Meer, von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen -Haufen entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht des -Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend grün -die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten -Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem Scheinen -die Sommersonne den Untergang verzögert! Kein Mund vermöchte zu sagen, -wann und wie des Wassers silbrig regsamer Widerglanz in lauter -Perlmutterschimmer sich wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel -blaß-bunt-opalenen Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach, -heimlich, wie er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer -entschlief. Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort -drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. Ein -halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe und läßt den -bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. Täuschender Winterwald -im Schweigen, knackend durchstreift von einer Eule schwerem Flug! Sei -unser Aufenthalt zu dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild -die Nacht! Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert -gedehnt im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt hervor zum -fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends im Weichen empor, -das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart buschig fällt das Land und steil -zum steinigen Strande ab, und immer geistern noch am Rande der -vergehenden Weite die Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande -nieder! Wie ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus -der geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein zartes -Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine Rinnen? Es ist das -lautlos schmale Strömen durch die Enge des Stundenglases, des ernsten, -gebrechlichen Geräts, das das Gehäuse des Klausners schmückt. Ein -aufgeschlagen Buch, ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten -Rahmen das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem Ewigen -entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend Wesen treibt ... - -So war _spirit_ Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in -sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und -das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf -manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten, -über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie -buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall -einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins -Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde -noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von -Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des -Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich -in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im -Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises -erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht -die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter -besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal -genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade, -daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in -Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in -Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie -Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart -bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im -Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber, -und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre, -werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm -sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche -Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er -gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit -dazu sein würde? - -„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu -fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine -Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz -müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und -verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum -Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die -linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich, -statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die -Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde. - -Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus -der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas. -Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte, -Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen -wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man -erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans -Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende -solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer -durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die -Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die -Tür. - -Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um -die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte -den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den -Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß -auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war. - -Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete -ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie -sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte -es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen -gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei -hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf -zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber, -verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln, -das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit -blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an, -doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem -Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen. - -Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie -hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war -abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete, -wenn man sie eine _fremde_ Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so -sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte -sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand -dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und -bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im -Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi -kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau -Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“ -schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man -die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken -faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in -Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der -Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß -man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu -wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans -Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als -besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen -Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter -Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als -er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das -Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans -Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte. - -Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man -war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen -Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an -ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem -Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach, -worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man -streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie -schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu -verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins -Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche, -hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf -Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß -Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist, -wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige -Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die -übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint. - -Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im -Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere -Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch -so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen -Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte. -Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften -in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte. -„Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und -kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin. - -Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte -achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur -Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug. -Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge -zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und -wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm -scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das -Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes -und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur -vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das -Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn, -wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in -unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art. - -Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch -eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an -solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte -er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und -humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen -Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? _Caro mio!_ Wo der sittliche Mut zu -Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und -Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem -Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß -moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das -Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit -und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem, -der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich -unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten -Brunnen ertränkt zu werden. - -Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen -Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen -Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte -Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die -Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die -Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst -dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer -der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten: -Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes, -weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad -Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in -wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter -möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich -gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte, -und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde -von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel, -der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der -das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte -Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem -Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur -Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren -und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach -höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte. - -Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch -selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen -„Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte -sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von -niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine -Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe -Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen -Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll -wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in -seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen, -Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von -Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation -getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen -mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war. - -In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen -unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man -die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte, -und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen -mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte, -eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit, -Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin -auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich -außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern, -Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen -Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis -Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese -Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren -Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu -haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt -verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen -gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr. -Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen -ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen -Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht -länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um -ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner -passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens -allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es -handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um -Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des -Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den -Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung -Verstorbener. - -Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit -mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu -fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine -untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein -rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen -Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu -entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu -lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner -Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet. -Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife -empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor -Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner -Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden -Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden -genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge, -dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends -ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den -Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung -festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen -des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise -entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei -zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft, -rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten -Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen, -– über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in -einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur -acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr. -Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen -Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen -Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem -Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger -habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf -sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und -so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand! - -Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers -anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen -Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen, -die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit -des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine -Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede, -seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer -schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag, -war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen. -Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so -prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal -jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde -verlangt werden. - -Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß -es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in -einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten -Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern -nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung -vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder -einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische -Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem -Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre -drängte, und der sang: - - „Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn, - Will schützend ich auf dich herniedersehn, - O Margarete!“ - -Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch gewisse -Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, große Rührung auf in -Hans Castorps Brust, und er dachte: „Müßig und sündig oder nicht, es -wäre doch herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er -damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er -erinnerte sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst, -im Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, als -er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen einkommen zu sollen -geglaubt hatte. - -Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an der abendlich -bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine halbe Stunde nach dem -Diner zu denen, die, unbeklommen plaudernd, als Habitués des -Nichtgeheueren, den Weg ins Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter -wurzelständig Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr. -Ting-Fu und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann in -Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und Wehsal also, der -Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, zu schweigen von denen, die -ihm die Erscheinung von Holgers Haupt gemeldet hatten, und von der -Mittlerin, Elly Brand. - -Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, als Hans -Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür durchschritt. An -Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem schwarzen Arbeitskittel, in -väterlichem Sinne den Arm um ihre Schulter geschlungen hielt, erwartete -sie am Fuße der Stufen, die noch von der Ebene des Souterrains in die -Wohnung des Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit -ihm. Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher -Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung von jeder -feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft sprach man -durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße und bekundete auf alle -Weise seine Unbefangenheit. In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich -beständig mit jenem kernigen und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck -seine gelben Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und -besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, der -schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, mein Freund!“ schien -die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung des Wirtes zu sagen, -während er dem jungen Mann fast derb die Hand drückte. „Wer wird die -Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei, -sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ Dem -pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler davon. Wir ließen ihn -sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums erinnern, -doch diese Ideenverbindung reicht keineswegs hin, um den Zustand seines -Gemüts zu kennzeichnen. Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft -an die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität, -Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, worin er sich -vor Jahren befunden, als er sich, etwas bekneipt, mit Kameraden zum -erstenmal angeschickt hatte, ein Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen. - -Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich mit zwei -Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und die elfenbeinfarbene -Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle des Mediums ins Nebengelaß -zurück, während Hans Castorp mit den neun verbleibenden Teilnehmern das -Ende dieses regelmäßig und stets ergebnislos wiederholten Aktes -wissenschaftlicher Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors -erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen Plauderstunden her, -die er eine Zeitlang, hinter Joachims Rücken, hier mit dem -Analytiker abgehalten. Es war, mit seinem Schreibbureau nebst -Armsessel und Besucherfauteuil links hinten am Fenster, seiner -Handbibliothek zu beiden Seiten der Nebentür, seiner von der -Schreibtischgruppe durch einen mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg -stehenden Wachstuch-Chaiselongue im rechten Hintergrunde, seinem -Instrumentenglasschrank im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste in -einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie über dem Gaskamin -an der rechten Seitenwand, alltäglich ein ärztliches Empfangszimmer wie -andere mehr; doch waren einige für den besonderen Zweck getroffene -Abänderungen in seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch, -der gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem -elektrischen Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden roten -Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel des -Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, und -exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene Hitze -ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes -Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und über dem, von der -Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit rotem und außerdem noch -mit schwarzem Schleierstoff umkleidete Birne hing. Auf und neben dem -Tischchen standen ein paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke, -oder eigentlich zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle -und eine Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl, -der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen -Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, dessen eines Ende nahe -dem Fußende der Chaiselongue und dessen anderes ziemlich genau in der -Mitte des Zimmers, unter dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe -des letzten Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der -Musikschrein seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten lag -auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. Noch waren die roten Lampen -nicht entzündet. Der Deckenkörper spendete tagweißes Licht. Das Fenster, -dem der davor stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit -einem dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener, -spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing. - -Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen aus dem Kabinett -zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich verändert. Sie zeigte -sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern in einer Art Sitzungskostüm, -einem schlafrockartigen Gewande aus weißem Crepe, das um die Taille von -einer Gürtelschnur, einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre -schmalen Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich -und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter diesem -Gewande wenig trage. - -Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie wieder -aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie lächelte über die -Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl wußte, daß er sie kleidete. -„Vorkontrolle negativ“, stellte Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk -denn, Kameraden!“ fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem -Zungen-_r_ hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war im -Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz und -Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen begannen, -irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor sich persönlich an ihn -wandte. - -„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen als -Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, möchte ich für diesen Abend -besondere Ehrenrechte zuerkennen. Ich betraue Sie mit der Kontrolle -unseres Mediums. Wir üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an -das eine Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem -Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür mit -den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, einen gewöhnlichen Rohrstuhl -eingenommen hatte, setzte sich auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber -und ergriff ihre Hände, indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen -klemmte. „Ahmen Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich -eintreten. „Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. Zum -Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein Kleefeld, darf ich -ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte gesellte sich zu der -Gruppe, indem sie mit ihren beiden Händen Ellys gebrechliche Handgelenke -umfaßte. - -Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das dem seinen so -nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen Wunderkindes -blickte. Ihre Augen begegneten sich, aber Ellys glitten ab und nieder, -zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, die nach Lage der Dinge wohl -begreiflich war, und sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem -Kopfe und leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance. -Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung ihren -Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel ihm ein, -hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim und ihr an der noch -unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs von „Dorf“ gestanden hatte ... - -Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn Personen, nicht -eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine Person zur Versorgung -Polyhymnias freizuhalten gewohnt war und neben dem Apparat, nachdem er -ihn in Bereitschaft gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin -Sitzenden einen Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich. -Unter dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte, -ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem Handgriff die -beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und mit einem zweiten das -Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht glühende Finsternis lag nun über -dem Zimmer, dessen entferntere Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt -unzugänglich geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des -Tischchens und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah -kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur langsam bequemten -die Augen sich dem Dunkel und lernten, das zugestandene Licht sich -zunutzezumachen, das durch das Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse -Verstärkung erfuhr. - -Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte ihre -wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich hüten, sie im Sinne der -Stimmungsmache und Mystifikation zu deuten. Kein Mehr an Licht sei -leider beim besten Willen vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der -hier in Frage stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal -mit sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam -zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit der man sich -vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war es zufrieden. Das Dunkel -tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten der Gesamtlage. Überdies -erinnerte er sich zur Rechtfertigung des Dunkels an dasjenige, worin man -sich im Durchleuchtungsraum fromm gesammelt und mit dem man sich die -Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“. - -Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, das er offenbar -an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe der Einschläferung durch -ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, wie der Kontrolleur schon merken -werde, von selbst in Trance, und, dies geschehen, spreche ihr -Schutzgeist, der bekannte Holger, aus ihr, an den man sich auch – und -nicht an sie – mit seinen Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es -irrtümlich und könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen -und Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. Im -Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige Aufmerksamkeit das -Gebotene. Hans Castorp möge vor allem darauf bedacht sein, die -Extremitäten des Mediums in untadeliger Obhut zu halten. - -„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat man, lachend, -wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht gleich zu finden waren. Dr. -Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst sitzend, legte seine Rechte auf ihre -Schulter und reichte die Linke Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben -dem Doktor saßen Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß, -welcher, wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der -elfenbeinfarbenen Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“ -befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors und seiner -Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ kommandierte -Krokowski wieder, während die ersten Takte einer Ouvertüre von Millöcker -erschollen; und gehorsam rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in -Gang zu setzen, die von nichts und wieder nichts, hier von den -Schneeverhältnissen dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge, -dort von einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte -und, halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, sich -künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten. - -Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte. -Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper sank nach vorn, -so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps berührte, und gleichzeitig -begannen ihre Arme mit denen der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und -rückwärts stoßende Bewegungen auszuführen. - -„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. Das -Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein hörte man des Doktors weich -schleppenden Bariton die Frage tun: - -„Ist Holger zur Stelle?“ - -Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. Dann spürte -Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und kurz die seinen -drückte. - -„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit. - -„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. Er ist -also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er mit Salbung fort. -„Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! Und laß dich erinnern! Als du -das letztemal unter uns weiltest, versprachst du, jeden beliebigen -Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder oder eine Schwester, -herbeizurufen und unseren sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir -aus unserem Kreise genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du -dich vermögend, heut dieses Versprechen einzulösen?“ - -Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. Langsam -führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer an ihre Stirn, wo sie -sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte sie dicht an Hans Castorps Ohr -ein heißes „Ja!“ - -Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem Freund -jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich als „Gänsehaut“ -bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm eines Tages erläutert hatte. -Wir sprechen von einem Gruselreiz, um das rein Körperliche vom -Seelischen zu unterscheiden; denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede -sein. Was er dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“ -Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine verwirrte -Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren aus Verwirrung, aus dem -täuschenden Umstande nämlich, daß ein junges Blut, dessen Hände er -hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ gehaucht hatte. - -„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich. - -„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen dich beim Wort. -Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine tust. Der Name des Teuren, -nach dessen Manifestation wir verlangen, wird dir sogleich genannt -werden. Kameraden“, wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der -Sprache! Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll uns -Freund Holger zeigen?“ - -Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung des anderen. -Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen geprüft, wohin, zu wem -seine Gedanken gingen; doch bleibt die Rückkunft Verstorbener, das -heißt: die Wünschbarkeit solcher Wiederkehr immer ein verwickeltes und -heikles Ding. Im Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht, -diese Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen, -genau so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, höbe -die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und was wir Trauer -nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz über die Unmöglichkeit, -unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, als darüber, dies gar nicht -wünschen zu können. - -So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine ernste und -praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein sentimentale und -theatralische Veranstaltung handelte, bei der man den Ausgeschiedenen -eben nur sehen sollte, der Fall also lebensunbedenklich war, so -fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte dessen, an den sie dachten, -und jeder hätte das Recht, einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten -zugeschoben. Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte -– bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im letzten -Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt zu lassen. Da es -ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, den Kopf gegen den -Sitzungsleiter gewandt, mit belegter Stimme: - -„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen sehen.“ - -Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden hatten nur Dr. -Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium selbst den Angeforderten -nicht gekannt. Die übrigen, Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt, -Herr und Frau Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut -und froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden, -obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, da dieser -im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen hatte. - -„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im Leben war der -Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits der Dinge und bist du -bereit, ihn uns herbeizuführen?“ - -Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und schauderte. Sie -schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, hin und her sinkend, bald -an Hans Castorps Ohr, bald an dem der Kleefeld Unverständliches -flüsterte. Endlich empfing Hans Castorp von ihren beiden Händen den -Druck, der „Ja“ bedeutete. Er erstattete Meldung, und – - -„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! Musik!“ rief er. -„Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, daß keinerlei -Gedankenkrampf und gewaltsame Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig -eine zwanglos schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge. - -Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden junges Leben -bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns sein späteres Schicksal -nicht vollkommen deutlich ist, obgleich wir ihn an einem bestimmten -Punkt unserer Geschichte aus den Augen verlieren werden, möchten wir -annehmen, daß es die überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte. - -Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine kurze -Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers oder eigentlich des -Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser Arbeit, die sich -entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich an einem Ergebnis zu -verzagen allgemein im Begriffe war und außerdem aus purem Mitleid oft -genug sich versucht fühlte, sie verzichtend abzukürzen, denn sie schien -wirklich erbarmungswürdig schwer und über die zarten Kräfte zu gehen, -denen sie auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht -ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche -Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem angenommen wird und -wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, dies empörte „Genug!“, das sich -unserer Brust entringen will, obgleich „es“ nicht genug sein will und -darf und so oder so zu Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß -wir von unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt, -dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar glich, -daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der ihn noch gar nicht -kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher also, da auch er dem Leben -nicht ausgewichen war, diesen Akt voll organischer Mystik in solcher -Gestalt kennen lernte, – in was für einer Gestalt! Und zu welchem -Behufe! Und unter welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als -skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten -Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche Person der -Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit ihren bloßen Ärmchen, -wie auch was die weiteren Verhältnisse, die unaufhörliche leichtlebige -Grammophon-Musik, das künstliche Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf -Befehl zu unterhalten suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die -aus ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! Mut! Es -wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer heraus damit, so wirst -du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen wir hier die Person und Lage des -„Gatten“ aus – wenn wir Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den -zugehörigen Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der -„Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese -Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, so -daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, damit sie ihm nicht -entglitten. - -Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte Hitze. - -Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt zu im -Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit gewöhnt hatten, -daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. Die Musik, das Rufen -erinnerten an Aufpulverungsmethoden der Heilsarmee, erinnerten auch -denjenigen daran, der, wie Hans Castorp, einem Gottesfest dieser -aufgeräumten Zeloten noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch, -geheimnisvoll, den Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene -in keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen, -organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, das -sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen wehenartig, nach -Ruhezuständen, während welcher sie seitlich schlaff vom Stuhle hing, in -einer Verfassung von Unzugänglichkeit, die Dr. Krokowski als -„Tief-Trance“ bezeichnete. Dann wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich -hin und her, drängte, rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und -Sinnloses an ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen -etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen und biß -einmal sogar in Hans Castorps Ärmel. - -Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der Sitzungsleiter es im -allseitigen Interesse geraten, eine Pause eintreten zu lassen. Der -Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung halber den Musikapparat -zuletzt geschont und sehr gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen -lassen, stellte sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die -Hände. Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten. -Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die Nachtaugen blöde -verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, das Gesicht fast in ihrem -Schoß. Man sah sie eigentümlich beschäftigt, begriffen in einem Tun, das -den anderen vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und -aufmerksam zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen Hand in -der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand von sich fort und -mit schöpfender oder rechender Bewegung wieder an sich heran, so, als -zöge und sammle sie etwas ein. – Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken -zu sich, blinzelte, auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und -lächelte. - -Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen mit ihrer -Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah nicht aus, als sei sie -besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht -daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel an der rückwärtigen -Breitseite des Schreibtisches am Fenster, zwischen ihm und der -spanischen Wand, die die Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine -Wendung gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen -konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten Blicken -gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da bedacht, schweigend -während der ganzen Pause, die fünfzehn Minuten dauerte. - -Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung im -Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die Zigarettenbüchsen -der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen und besprach da und dort -nahe beieinander stehend den Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man -an diesem Charakter verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte -ins Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut -völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten Ende des -Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten darin überein, -mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch verspürt zu haben, der -regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, von der Person des -Mediums in eine bestimmte Richtung ausgehe. Andere wollten -Lichterscheinungen bemerkt haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von -Kraft, die sich vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten. -Kurzum, kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein Wort -gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er es einlösen -werde. - -Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der Sitzung. Er selbst -geleitete Elly, während auch die übrigen ihre Plätze wieder aufsuchten, -zu ihrem Marterstuhl zurück, wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging -wie vorhin; Hans Castorp beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des -ersten Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig -beschieden. Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der den -Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, daß jede -irreführende Manipulation des Mediums praktisch ausgeschlossen sei. So -nahm Hans Castorp seine sonderbare Stellung mit Elly wieder ein. Das -Licht erlosch zum Rotdunkel. Die Musik begann wieder. Wieder folgten -nach einigen Minuten das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys, -und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die skandalöse -Niederkunft nahm ihren Fortgang. - -Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht vonstatten -gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher Wahnsinn! Woher hier -Mutterschaft? Entbindung – wie und wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das -Kind, während seine Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen -Dauerkrampf überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als -Eklampsie bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er ihr -die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die Magnetisierung, -wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu weiterem Ringen. - -Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die Gitarre -schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten Albums in den Raum -warf, dessen Lichtverhältnissen die tagentwöhnten Augen sich wieder -leidlich angepaßt hatten. Da ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans -Castorp war es, der ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen -Wunsch und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn, -gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten sollen. -Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen Händen, in „Tieftrance“, -und Herr Wenzel war im Begriffe die Platte zu wechseln oder sie -umzudrehen, als unser Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe -einen Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne seine -Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das heiße: der -Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus „Margarete“ von -Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit Orchester, sehr ansprechend. Er, -Redner, meine, daß man es einmal mit dieser Platte versuchen sollte. - -„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel ... - -„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der junge Mann. Der -Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich und speziell. Es komme auf -einen Versuch damit an. Nicht ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach, -daß dieser Geist und Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde -abkürzen können. - -„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor. - -Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne weiteres -holen. - -„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von der Hand. Wie? -Hans Castorp wollte gehen und kommen, etwas holen und dann die -unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen? Unerfahrenheit rede aus ihm. -Nein, das sei schlechthin unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von -vorn beginnen. Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch -willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei verschlossen. -Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche. Und kurz, wenn die -Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so müsse man – Er redete noch, -als der Tscheche vom Grammophon her dazwischen warf: - -„Die Platte ist hier.“ - -„Hier?“ fragte Hans Castorp ... - -Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie hatte -ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im grünen Arien-Album -Nummer II, wohin sie nach der Organisation gehörte. Sie war -zufälligerweise, außerordentlicherweise, schlampigerweise, -erfreulicherweise unter die Allotria geraten und brauchte nur eingelegt -zu werden. - -Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor war es, der -„Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es. Die Nadel wetzte, der -Deckel sank. Und männlich begann es zu choralhaften Klängen: „Da ich nun -verlassen soll –“ - -Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang begann, ihre -Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte, ächzte, pumpte und -führte wieder die gleitnassen Hände an ihre Stirn. Die Platte lief. Es -kam der mittlere Teil, mit umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf -und Gefahr, keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der -Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen Klangs: -„O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“ - -Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog durch verengte -Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend in sich zusammen und -blieb still. Besorgt beugte er sich über sie, da hörte er die Stöhr mit -piepender, winselnder Stimme sagen: - -„Ziem – ßen –!“ - -Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer Geschmack. -Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern: - -„Ich sehe ihn längst.“ - -Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. Aber -niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der Stille lief die Nadel -inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn Hans Castorp den Kopf, und -seine Augen gingen, ohne suchen zu müssen, den richtigen Weg. - -Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits von der -Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes sich fast in -Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch dahin drangen, zwischen -Schreibtisch-Breitseite und spanischer Wand, auf dem gegen das Zimmer -gedrehten Besucherstuhl des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen, -saß Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen und dem -Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so voll und stolz sich -wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein über das andere geschlagen. -Auf seinem abgezehrten Gesicht erkannte man, obgleich es von einer -Kopfbedeckung beschattet war, den Stempel des Leidens und auch den -Ausdruck von Ernst und Strenge wieder, der es so männlich verschönt -hatte. Zwei Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief -in knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die Sanftmut -des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der still und freundlich -spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, gerichtet war. Sein kleiner -Kummer von ehedem, die abstehenden Ohren waren erkennbar auch unter der -Kopfbedeckung, der sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht -verstand. Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am -übergeschlagenen Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, und -etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an seinem Gürtel -zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger Waffenrock, was er -trug. Nichts Blankes noch Farbiges war daran zu bemerken, es hatte einen -Litewkakragen und Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein -Kreuz. Die Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie -schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische -Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie sah aus, als hätte -Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf aufs Haupt gestülpt und -ihn durch Sturmband unter dem Kinn befestigt. Doch wirkte das -altertümlich und landsknechthaft und kriegerisch kleidsam, -merkwürdigerweise. - -Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. Neben sich -hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. Sonst war nichts zu -vernehmen, als das unaufhörliche wetzende Geräusch der abgelaufenen, -unter der Nadel weiter rotierenden Platte, die niemand stoppte. Er sah -sich nach keinem seiner Kumpane um, wollte nichts von ihnen sehen und -wissen. Schräg hin über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er -weit vorgebeugt durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen -Augenblick schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm die -Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen stieß ihn -innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; und dann -gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah. - -Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis -baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen nennen und die -Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, zog er seine Hände -unter Ellys Gesicht fort und stand auf. - -Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng vermahnendem -Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen Schritten bei den Stufen der -Eingangstür und schaltete mit knappem Handgriff das Weißlicht ein. - -Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie zuckte in den Armen -der Kleefeld. Jener Sessel war leer. - -Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans Castorp zu, nahe -vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von seinen Lippen kam kein Wort. -Mit brüsk heischender Kopfbewegung streckte er die Hand aus. Da er den -Schlüssel empfangen, nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht, -machte kehrt und ging aus dem Zimmer. - - - Die große Gereiztheit - -Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause Berghof, -ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung von dem Dämon, dessen -bösartigen Namen wir genannt haben, Hans Castorp ahnte. Mit der -unverantwortlichen Neugier des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon -studiert, ja, bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem -ungeheuerlichen Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig -teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff, nachdem es -übrigens, genau wie das alte, keimweise und da und dort sich andeutend -schon immer vorhanden gewesen, war er nach seiner Gemütsart wenig -geschaffen. Trotzdem bemerkte er mit Schrecken, daß auch er, sobald er -sich ein wenig gehen ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion -unterlag, der niemand in der Runde sich entzog. - -Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde -Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem -Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, -zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen -und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die -Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen -abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr -sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich -ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten -ausfällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die -eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust, -es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft -zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel -gezogen. Die müßigen Konflikte, die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem -Angesicht der schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst -erschreckend leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause -Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte nicht -wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied des Guten -Russentisches, eine recht elegante Provinzdame aus Minsk, noch jung und -nur leichtkrank – drei Monate und nicht mehr waren ihr zudiktiert – -begab sich eines Tages in den Ort hinunter zum französischen Blusenhaus, -um Einkäufe zu machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß -sie in letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt -und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten wurde eröffnet, -daß ihres Bleibens hier oben nun immer und ewig sein müsse. - -Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig führen wir weitere -an. Dieser und jener wird sich des rund bebrillten Schülers oder -ehemaligen Schülers am Tische Frau Salomons erinnern, dieses dürftigen -jungen Menschen, der die Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem -Teller zu einem Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses, -aufgestützt, in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der -Serviette hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch -ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier gesessen, -geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer mehr als -flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu geben. Jetzt jedoch, -eines Morgens, beim ersten Frühstück, ganz überraschend und sozusagen -aus heiterem Himmel, erlitt er einen Zufall und Raptus, der allgemeines -Aufsehen erregte, den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde -laut in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es -galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit sich -überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist mein Tee, den Sie -mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen Sie ihn doch selbst, -bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes Spülicht ist und von anständigen -Menschen überhaupt nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir -eiskalten Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen und -sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff vorsetzen mit auch -nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich trinke es nicht! Ich will -es nicht!“ kreischte er und fing an, mit beiden Fäusten auf den Tisch zu -trommeln, daß alles Geschirr der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will -heißen Tee! Siedeheißen Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und -den Menschen! Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der -Stelle sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter -Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem Ruck den -letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der Raserei begeistert -durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen Emerenzia und zeigte ihr -buchstäblich seine beschäumten Zähne. Dann fuhr er fort zu trommeln, zu -stampfen und sein „Ich will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es -unterdessen im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte -Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren aufgesprungen und -sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten, zusammengebissenen Zähnen und -glühenden Blicken zu. Andere saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen, -und bebten. Dies taten sie noch, als der Schüler schon längst, in -Erschöpfung versunken, vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu -trinken. - -Was war das? - -Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger Kaufmann, -dreißigjährig, schon lange febril, seit Jahren von Anstalt zu Anstalt -gewandert. Der Mann war Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und -sportsmäßig, mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung -war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann gewesen, er war -es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber ein Judenfeind war er -geblieben. Er war sehr ernstlich krank, hustete schwer beladen und tat -zwischendurch, als ob er mit der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig, -unheimlich. Jedoch war er kein Jude, und das war das Positive an ihm. -Sein Name war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt -sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte Reden -wie diese: - -„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in der Liegehalle -installieren will, – wer liegt links von mir im Stuhl? Der Herr Hirsch! -Wer liegt rechts? Der Herr Wolf! Selbstverständlich bin ich sofort -gereist“ usw. - -„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung. - -Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah tatsächlich und -unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase eine Puschel, auf die -er boshaft schielte, und hinter der er nichts mehr sah. Die Mißidee, die -ihn ritt, war zu einem juckenden Mißtrauen, einer rastlosen -Verfolgungsmanie geworden, die ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner -Nähe versteckt oder verlarvt halten mochte, hervorzuziehen und der -Schande zuzuführen. Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging -und stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens, das -nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte seine Tage aus. - -Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben befaßt sind, -verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich; und da es -nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf Leben stieß, das den Nachteil -aufwies, von dem er, Wiedemann, frei war, so kam es unter dem Einfluß -jener Umstände zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte, -und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen muß. - -Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es nichts, was ihn -betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß Sonnenschein, und da man -nicht schmutziger heißen konnte, so bildete Sonnenscheins Person vom -ersten Tage an die Puschel, die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er -kurz und boshaft schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast -weniger, um sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit -sie ihn desto besser reize. - -Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus, war ebenfalls -recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich. Ein freundlicher Mann, -nicht dumm und selbst scherzhaft von Natur, haßte er Wiedemann für seine -Sticheleien und seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum -Leiden, und eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil -Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende und -tierische Weise in die Haare geraten waren. - -Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten sich wie -kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener Männer, mit denen -es dahin gekommen ist. Sie gingen einander mit den Krallen ins Gesicht, -hielten sich an Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen, -umschlangen sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste am -Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben und -schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit Mühe die -Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd und blutend, -wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen der zu Berge stehenden -Haare. Hans Castorp hatte das noch nie gesehen und nicht geglaubt, daß -es eigentlich vorkomme. Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und -steif zu Berge, und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das -eine Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem Kranz -lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab, ins Bureau geführt -wurde, wo er sich niederließ und bitterlich in seine Hände weinte. - -So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die es sahen, bebten -noch stundenlang. Es ist vergleichsweise eine Wohltat, im Gegensatz zu -solcher Misere von einem wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls -dieser Periode angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen -Feierlichkeit wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit -verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen Phasen nicht bei, -sondern belehrte sich über den verwickelten und dramatischen Hergang nur -an der Hand von Dokumenten, Erklärungen und Protokollen, die, diese -Sache betreffend, im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht -nur am Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in Amerika -abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium zugestellt wurden, -von denen ohne weiteres sicher sein mußte, daß sie der Angelegenheit -auch nicht einen Deut von Teilnahme widmen konnten und wollten. - -Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden im -Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im Berghof -zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie, die den Guten -Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp, dies hier einzuflechten, saß -nicht mehr dort, sondern war mit der Zeit an den der Kleefeld, dann an -den der Salomon und dann an den Fräulein Levis gewandert). Die -Gesellschaft war dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur -die Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen -konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der Herren in -freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst lauter Kavaliere. Sie -hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski, Michael Lodygowski, Leo -von Asarapetian und noch anders. Im Restaurant des Berghofs nun, beim -Champagner, hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer -Kavaliere über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch über das dem -Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens Kryloff Unwiederholbares -geäußert. Hieraus ergaben sich die Schritte, Taten und Formalien, die -den Inhalt der zur Verteilung und Versendung gelangenden Schriftsätze -bildeten. Hans Castorp las: - -„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am 27. März 19.. -wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an die Herren Dr. Antoni -Cieszynski und Stefan von Rosinski mit der Bitte, sich in seinem Namen -zum Herrn Kasimir Japoll zu begeben, um von demselben auf dem durch das -Ehrenrecht angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere -Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll dessen Frau -Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche mit den Herren Janusz Teofil -Lenart und Leo von Asarapetian zugefügt hat‘. - -„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November stattgehabt -hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski mittelbar Kenntnis erhalten -hat, unternahm er sofort Schritte, um völlige Sicherheit über den -Tatbestand und das Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am -gestrigen Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn Leo -von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches, in welchem die -beleidigenden Worte und die Insinuationen gefallen sind, die Verleumdung -und Beleidigung festgestellt; hierdurch wurde Herr Stanislaw von -Zutawski veranlaßt, sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um -ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens gegen -Herrn Kasimir Japoll zu erteilen. - -„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab: - - ‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten Protokolls - vom 9. April 19.., welches in Lemberg von den Herren Zdzistaw - Zygulski und Tadeusz Kadyj in der Angelegenheit des Herrn Ladislaw - Goduleczny gegen Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner - unter Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom 18. Juni - 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit abgefaßt worden - ist, welch beide Schriftstücke in gemeinsamem Übereinklang stehend - feststellen, daß Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten - Verhaltens, welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang zu - bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden kann‘, - - ‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden - Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die absolute - Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll irgendwie noch - satisfaktionsfähig wäre. - - ‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen einen - Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht, die - Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘ - -„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten Herrn -Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es zwecklos sei, seinem -Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir -Japoll nachzugehen und raten ihm, den strafgerichtlichen Weg -einzuschlagen, um zu verhindern, daß von seiten einer Persönlichkeit, -die in dem Maße außerstande ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim -Herrn Kasimir Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. – -(Datiert und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“ - -Ferner las Hans Castorp: - -„Protokoll - -„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw von Zutawski, -Herrn Michael Lodygowski - -„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart in der Bar des -Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen 7½ und 7¾ h abends. - -„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung seiner -Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan Rosinski, in der -Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll am 28. März 19.. nach reifer -Überlegung zu der Überzeugung gekommen war, daß ihm die empfohlene -strafgerichtliche Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere -Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga keine Satisfaktion -wird geben können, da: - -1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll im -gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und seine weitere -Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer -Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern geradezu unmöglich -sein wird, - -2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir Japoll die -Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll den Namen und das Haus des -Herrn Stanislaw von Zutawski und seiner Gemahlin Jadwiga in -verleumderischer Weise zu schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte, - -hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner Überzeugung nach -gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen Verhältnisse -entsprechendsten Weg gewählt, nachdem er indirekt in Erfahrung gebracht -hat, daß Herr Kasimir Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage -zu verlassen, - -und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in Gegenwart seiner -Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael Lodygowski und Ignaz von Mellin -Herrn Kasimir Japoll, der in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart -und zweier unbekannter Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses -bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt. - -„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn Kasimir Japoll -geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für die dem Fräulein Krylow -und ihm zugefügten schweren Beleidigungen sei. - -„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn Janusz Teofil -Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski zugefügte unqualifizierbare -Unrecht, worauf noch, - -„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus von Zutawski -Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische Besudelung seiner -Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows wiederholt und mehrfach ohrfeigte. - -„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten sich -während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. (Datiert u. gezeichnet:) -Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“ - -Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über dies -Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst wohl getan -haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und der untadelige Komment -der einen –, die bübische und schlaffe Ehrlosigkeit der anderen Seite, -wie beides aus den Dokumenten dem Leser in die Augen sprang, erregten -ihn in ihrer etwas unlebendigen, aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit -aufs tiefste. So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische -Ehrenhandel leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen Zähnen -besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt des Herrn -Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski sei ganz genau bekannt -gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit in Lemberg von irgendwelchen -aufgeblasenen Laffen für satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und -alle seine sofortigen und ungesäumten Schritte seien das reine -Affentheater gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich -nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig und allein -aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu verklagen, weil, wie -jedermann und er selbst ebenfalls recht gut wisse, seine Gemahlin -Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung versehen habe, wofür er, -Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis hätte erbringen können, wie denn -auch mit der allgemeinen Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre -einzulegen gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls, -Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines -Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter die erstere -verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der Rolle, die Herr -Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, wolle er nicht reden. Was -aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar betreffe, so sei er, Japoll, ein -wenn auch mundscharfer und zum Witz geneigter, so doch äußerst -schwächlicher Mensch; von Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der -ungewöhnlich kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden, -zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und Lenarts -Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber schreckhaft wie die -Hühner gewesen seien; und so habe er, um eine wüste Schlägerei und -öffentlichen Skandal zu vermeiden, Lenart, der sich habe zur Wehr setzen -wollen, veranlaßt, sich ruhig zu verhalten und die flüchtigen -gesellschaftlichen Berührungen der Herren von Zutawski und Lodygowski in -Gottes Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den -Umsitzenden als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien. - -So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine Korrekturen -vermochten den schönen Kontrast von Ehre und Misere, wie er aus den -Feststellungen der Gegenseite hervorging, nur oberflächlich zu stören, -zumal er nicht über die Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen -Partei verfügte, sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner -Replik unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, wie -gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten sie. -Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls zugestellt bekommen, – -Hans Castorp sah sie in ihren Händen, und zu seiner Überraschung -bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen und sonderbar hingerissenen -Mienen darauf niederblickten. Den heiteren Spott, den er selbst vermöge -der herrschenden inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn -Settembrini wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den klaren -Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die Hans Castorp -beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das Lachen verschlug, ihn für -die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels ernstlich empfänglich -machte; und außerdem verdüsterte ihn, den Mann des Lebens, sein langsam -und unter foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich -verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und dessen er -sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, der ihn aber um diese -Zeit schon alle paar Tage zwang, das Bett zu hüten. - -Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es nicht besser. -Auch in seinem organischen Innern schritt die Krankheit fort, die der -physische Grund – oder muß man sagen: Vorwand gewesen, weshalb seine -Ordenslaufbahn ein so verfrühtes Ende genommen, und die hohen und dünnen -Bedingungen, unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung nicht -Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung seiner Stimme -klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach bei erhöhtem Fieber -mehr noch, schärfer und beißender als ehedem. Jene ideellen Widerstände -gegen Krankheit und Tod, deren Niederlage vor der Übergewalt einer -niederträchtigen Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem -kleinen Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines -Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer und Gram, -sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust sondergleichen, -eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, Verneinung und Verwirrung, die -die Melancholie des anderen aufs schwerste reizte und ihre -intellektuellen Streitigkeiten täglich verschärfte. Hans Castorp, -natürlich, konnte nur von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war -so ziemlich gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen -Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien zu entzünden. -Und wenn er Herrn Settembrini nicht den Kummer ersparte, Naphtas -Bosheiten hörenswert zu finden, so mußte er doch zugeben, daß sie -nachgerade alles Maß und häufig genug die Grenze des geistig Gesunden -überschritten. - -Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, sich über die -Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in ihrem Bilde und Zeichen. -Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, der den lauschenden Zögling am liebsten -aus dem Zimmer gewiesen oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er -die Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den Geist -darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine Narrheit. Was -komme dabei heraus? Eine Fratze! Das Wirklichkeitsergebnis der -gepriesenen französischen Revolution sei der kapitalistische -Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! die man in der Weise zu -verbessern hoffe, daß man den Greuel universal mache. Die Weltrepublik, -das werde das Glück sein, sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um -den berühmten Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich -Erleichterung davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich ganz -allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein Ausdruck. Er werde -kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich er anderes zeitigen -werde, als seine Veranstalter sich davon versprächen. Naphta verachtete -den bürgerlichen Sicherheitsstaat. Er nahm Veranlassung, sich darüber zu -äußern, als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei -beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle Welt Regenschirme -über die Köpfe hielt. Das war ihm ein Symbol für die Feigheit und -ordinäre Verweichlichung, die das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein -Zwischenfall und Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“ -wirke atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei -nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die größte -Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. Das sei jämmerlich -und reime sich in seiner humanitären Schlaffheit recht artig auf die -wölfische Krudität und Niedertracht des wirtschaftlichen Schlachtfeldes, -das der Bürgerstaat darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und -die allgemeine Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert. - -Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ ins Gespräch -einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes Mittel gegen innen- -und außenpolitische Katastrophen empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta, -der kürzlich noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine -irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies Geistige -selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt war. -Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher? -Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten -Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, schmückten den einen mit gefährlicher -Auszeichnung und bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und -der wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine lähmende -Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen Seite eine -Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da also der Mensch, um im -Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ in diesem Sinne durch -„Gerechtigkeit“ in jenem Sinne korrigieren mußte, – wo blieben -Unbedingtheit und Radikalismus des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“ -gegen den einen Standpunkt _oder_ gegen den anderen. Der Rest war -Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu -locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der -Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen -wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine, -oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle. - -Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel -herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft zu stören. -Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf die Wissenschaft zu sprechen -kam, – an die er nicht glaubte. Er glaube nicht an sie, sagte er, denn -es stehe dem Menschen völlig frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei -ein Glaube, wie jeder andere, nur schlechter und dümmer als jeder -andere, und das Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des -stupidesten Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen -Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare Münze zu -nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste Dogmatik daraus -zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet worden sei. Ob etwa nicht -der Begriff einer an und für sich existierenden Sinnenwelt der -lächerlichste aller Selbstwidersprüche sei? Aber die moderne -Naturwissenschaft als Dogma lebe einzig und allein von der -metaphysischen Voraussetzung, daß die Erkenntnisformen unserer -Organisation, Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt -sich abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer -Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die nackteste -Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. Raum, Zeit und -Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, – und da habe man das -Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen Afterreligion, womit man -das erste Buch Mosis außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel -aufklärendes Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der -Entstehung der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther sei wohl -exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz des „kleinsten, -unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von der Unendlichkeit des -Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf Erfahrung? In der Tat, man -werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, zu lustigen Erfahrungen und -Ergebnissen gelangen mit dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität -des Raumes und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur -Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? Aus dem -einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen Größe zum -Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe im Unendlichen und -weder Dauer noch Veränderung in der Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen -könne es, da jede Distanz dort mathematisch gleich null sei, nicht -einmal zwei Punkte nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige -denn gar Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der -Dreistigkeit zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre -astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ für -absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte Menschheit, die sich durch -ein prahlerisches Aufgebot nichtiger Zahlen ins Gefühl eigener -Nichtigkeit habe drängen, um das Pathos der eigenen Wichtigkeit habe -bringen lassen! Denn es möge noch leidlich heißen, wenn menschliche -Vernunft und Erkenntnis sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre -ihre Erlebnisse mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife sie -aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte Kosmologie, -Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und die Anmaßung komme auf den -Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. Welch ein lästerlicher Unsinn, im -Grunde, die „Entfernung“ irgendeines Sternes von der Erde nach -Trillionen Kilometern oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich -einzubilden, mit solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem -Menschengeist Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, – -während doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und -Zeitdistanzen überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten, -sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu sein, -vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was wir Natur -nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das glaube, die Sterne -seien Löcher im Himmelszelt, durch welche die ewige Klarheit scheine, -sei ihm vieltausendmal lieber, als das ganze hohle, widersinnige und -anmaßende Geschwätz, das die monistische Wissenschaft vom „Weltall“ -verübe! - -Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne jenen -Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich jede Demut und -Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder einmal zu ersehen, was er -unter „Freiheit“ verstand, und wohin ein solcher Begriff davon zu führen -vermochte. Und wenn nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu -fürchten, Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden! - -Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die Schwächen des -naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen, seinen Trägern und Pionieren -menschliche Rückfälle ins Irrationale nachzuweisen. Aviatiker, Flieger, -sagte er, seien meist recht üble und verdächtige Individuen, vor allem -sehr abergläubisch. Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an Bord, -sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die Handschuhe von -glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive Unvernunft mit der ihrem -Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung reime? – Der Widerspruch, den -er aufzeigte, ergötzte ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich -lange darüber auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her -nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur allzu -Gegenständliches zu erzählen gibt. - -Eines Nachmittags im Februar vereinigten sich die Herren, nach Monstein -auszufliegen, einem Orte, anderthalb Stunden Schlittenfahrt von der -Stätte ihres Alltags entfernt. Es waren Naphta und Settembrini, Hans -Castorp, Ferge und Wehsal. In zwei einspännigen Schlitten fuhren sie, -Hans Castorp mit dem Humanisten, Naphta mit Ferge und Wehsal, der neben -dem Kutscher saß, um 3 Uhr, gut eingehüllt, vom Domizil der Auswärtigen -ab und nahmen unter Schellengeläut, das so freundlich durch schneestille -Landschaft geht, ihren Weg an der rechten Lehne hin, vorbei an -Frauenkirch und Glaris, gegen Süden. Schneebedeckung rückte rasch aus -dieser Himmelsrichtung vor, so daß bald nur noch hinten über der -Rhätikonkette ein blaßblauer Streifen zu sehen war. Der Frost war stark, -das Gebirge nebelig. Die Straße, die sie führte, schmale, geländerlose -Plattform zwischen Wand und Abgrund, hob sich steil ins Tannenwilde. Es -ging schrittweise. Abfahrende Rodler kamen oft auf sie zu, die bei der -Begegnung absteigen mußten. Hinter Biegungen klang zart und warnend -fremdes Geläute auf, Schlitten, mit zwei Pferden hintereinander -bespannt, gingen vorbei, und das Ausweichen forderte Behutsamkeit. Nahe -dem Ziele tat ein schöner Blick auf eine felsige Partie der Zügenstraße -sich auf. Man stieg aus den Decken vor dem kleinen Gasthaus von -Monstein, das sich „Kurhaus“ nannte, und, die Schlitten zurücklassend, -ging man noch einige Schritte weiter, um gegen Südosten nach dem -„Stulsergrat“ auszuschauen. Die Riesenwand, dreitausend Meter hoch, war -nebelverhüllt. Nur irgendwo ragte eine himmelhohe Zacke, überirdisch, -walhallmäßig fern und heilig unzugänglich aus dem Gedünst hervor. Hans -Castorp bewunderte das sehr und forderte auch die andern auf, es zu tun. -Er war es, der mit Unterwerfungsgefühlen das Wort „unzugänglich“ -aussprach und damit Herrn Settembrini Anlaß gab, zu betonen, daß jener -Fels natürlich sehr wohl betreten sei. Überhaupt gäbe es das kaum noch: -Unzugänglichkeit und irgendwelche Natur, auf die der Mensch nicht schon -seinen Fuß gesetzt habe. Eine kleine Übertreibung und Dicktuerei, -erwiderte Naphta. Und er nannte den Mount Everest, der dem Vorwitz des -Menschen bis dato eisige Ablehnung entgegengesetzt habe und in dieser -Reserve dauernd verharren zu wollen scheine. Der Humanist ärgerte sich. -Die Herren kehrten zum „Kurhaus“ zurück, vor dem neben den eigenen ein -paar fremde, ausgespannte Schlitten standen. - -Man konnte hier wohnen. Im Obergeschoß gab es Hotelzimmer mit Nummern. -Dort lag auch das Eßzimmer, bäurisch und wohl geheizt. Die Ausflügler -bestellten einen Imbiß bei der dienstwilligen Wirtin: Kaffee, Honig, -Weißbrot und Birnenbrot, die Spezialität des Ortes. Den Kutschern ward -Rotwein geschickt. Schweizerische und holländische Besucher saßen an -anderen Tischen. - -Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf Freunde die -Erwärmung durch den heißen und sehr löblichen Kaffee ein höheres -Gespräch gezeitigt habe. Doch wären wir ungenau damit, denn dies -Gespräch war eigentlich ein Monolog Naphtas, der es nach wenigen Worten, -die andere beigetragen, allein bestritt, – ein Monolog, geführt auf -recht sonderbare und gesellschaftlich anstößige Art, da der Ex-Jesuit -sich nämlich, liebenswürdig instruierend, ausschließlich an Hans Castorp -damit wandte, Herrn Settembrini, der an seiner anderen Seite saß, den -Rücken zukehrte und auch die beiden anderen Herren völlig unbeachtet -ließ. - -Es wäre schwer gewesen, das Thema seiner Improvisation, der Hans Castorp -mit halb und halb zustimmendem Kopfnicken folgte, bei Namen zu nennen. -Einheitlichen Gegenstandes war sie wohl eigentlich nicht, sondern -bewegte sich locker im Geistigen, da und dort anstreifend und im -wesentlichen darauf aus, die Zweideutigkeit der geistigen -Lebenserscheinungen, die irisierende Natur und kämpferische -Unbrauchbarkeit der daraus abgezogenen großen Begriffe auf eine -entmutigende Art nachzuweisen und bemerklich zu machen, in wie -schillerndem Gewande das Absolute auf Erden erscheine. - -Allenfalls hätte man seinen Vortrag auf das Problem der Freiheit -festlegen können, das er im Sinne der Verwirrung behandelte. Unter -anderem sprach er von der Romantik und dem faszinierenden Doppelsinn -dieser europäischen Bewegung vom Anfang des 19. Jahrhunderts, vor der -die Begriffe der Reaktion und der Revolution zunichte würden, sofern sie -sich nicht zu einem höheren vereinigten. Denn es sei selbstverständlich -höchst lächerlich, den Begriff des Revolutionären ausschließlich mit dem -Fortschritt und der siegreich anrennenden Aufklärung verbinden zu -wollen. Die europäische Romantik sei vor allem eine Freiheitsbewegung -gewesen: antiklassizistisch, antiakademisch, gerichtet gegen den -altfranzösischen Geschmack, gegen die Alte Schule der Vernunft, deren -Verteidiger sie als gepuderte Perückenköpfe verhöhnt habe. - -Und Naphta fiel auf die Freiheitskriege, auf Fichte’sche Begeisterungen, -auf jene rausch- und gesangvolle völkische Erhebung gegen eine -unerträgliche Tyrannei, – als welche nur leider, he, he, die Freiheit, -das heiße: die Ideen der Revolution verkörpert habe. Sehr lustig: Laut -singend habe man ausgeholt, um die revolutionäre Tyrannei zugunsten der -reaktionären Fürstenfuchtel zu zerschlagen, und das habe man für die -Freiheit getan. - -Der jugendliche Zuhörer werde da des Unterschiedes oder auch Gegensatzes -von äußerer und innerer Freiheit gewahr – und zugleich der kitzlichen -Frage, welche Unfreiheit mit der Ehre einer Nation am ehesten, he, he, -am wenigsten verträglich sei. - -Freiheit sei wohl eigentlich mehr noch ein romantischer, als ein -aufklärerischer Begriff, denn mit der Romantik habe er die unentwirrbare -Verschränkung menschheitlicher Ausdehnungstriebe und leidenschaftlich -verengernder Ichbetonung gemeinsam. Individualistischer Freiheitstrieb -habe den historisch-romantischen Kultus der Nationalen gezeitigt, der -kriegerisch sei, und den der humanitäre Liberalismus finster nenne, -wiewohl dieser doch ebenfalls den Individualismus lehre, nur eben ein -wenig anders herum. Der Individualismus sei romantisch-mittelalterlich -in seiner Überzeugung von der unendlichen, der kosmischen Wichtigkeit -des Einzelwesens, woraus die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, -die geozentrische Lehre und die Astrologie sich ergäben. Andererseits -sei Individualismus eine Angelegenheit des liberalisierenden Humanismus, -welcher zur Anarchie neige und jedenfalls das liebe Individuum davor -schützen wolle, der Allgemeinheit geopfert zu werden. Das sei -Individualismus, eins und auch wieder das andere, ein Wort für manches. - -Aber das müsse man einräumen, daß Freiheitspathos die glänzendsten -Freiheitsfeinde, die geistreichsten Ritter des Vergangenen im Kampf mit -dem andachtslos zersetzenden Fortschritt erzeugt habe. Und Naphta nannte -Arndt, der den Industrialismus verflucht und den Adelsstand -verherrlicht, nannte Görres, der die Christliche Mystik verfaßt habe. -Und ob denn Mystik etwa nichts mit Freiheit zu tun habe? Ob sie etwa -nicht anti-scholastisch, anti-dogmatisch, anti-priesterlich gewesen sei? -Man sei freilich gezwungen, in der Hierarchie eine Freiheitsmacht zu -erblicken, denn sie habe der schrankenlosen Monarchie einen Damm -entgegengesetzt. Die Mystik des ausgehenden Mittelalters aber habe ihr -freiheitliches Wesen als Vorläuferin der Reformation bewährt, – der -Reformation, he, he, die ihrerseits ein unauflösliches Filzwerk von -Freiheit und mittelalterlichem Rückschlag gewesen sei ... - -Luthers Tat ... Ei ja, sie habe den Vorzug, mit derbster Anschaulichkeit -das fragwürdige Wesen der Tat selbst, der Tat überhaupt zu -demonstrieren. Ob Naphtas Zuhörer wisse, was eine Tat sei? Eine Tat sei -beispielsweise die Ermordung des Staatsrats Kotzebue durch den -Burschenschaftler Sand gewesen. Was habe dem jungen Sand, -kriminalistisch zu reden, „die Waffe in die Hand gedrückt“? -Freiheitsbegeisterung, selbstverständlich. Sehe man jedoch näher hin, so -sei es eigentlich nicht diese, es seien vielmehr Moralfanatismus und der -Haß auf unvölkische Frivolität gewesen. Allerdings nun wieder habe -Kotzebue in russischen Diensten, im Dienste der Heiligen Allianz also, -gestanden; und so habe Sand denn doch wohl für die Freiheit geschossen, -– was freilich aufs neue der Unwahrscheinlichkeit verfalle kraft des -Umstandes, daß sich unter seinen nächsten Freunden Jesuiten befunden -hätten. Kurzum, was immer die Tat auch sein möge, auf jeden Fall sei sie -ein schlechtes Mittel, sich deutlich zu machen, und zur Bereinigung -geistiger Probleme trage sie auch nur wenig bei. - -„Darf ich mir die Erkundigung erlauben, ob Sie mit Ihren -_Schlüpfrigkeiten_ bald zu Rande zu kommen gedenken?“ - -Herr Settembrini hatte es gefragt und zwar mit Schärfe. Er hatte -gesessen, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt und den Schnurrbart -gedreht. Jetzt war es genug. Seine Geduld war zu Ende. Aufrecht saß er, -mehr als aufrecht: – sehr bleich, hatte er sich sozusagen im Sitzen auf -die Zehen gestellt, so daß nur noch seine Schenkel den Stuhlsitz -berührten, und so begegnete er blitzenden schwarzen Auges dem Feinde, -der sich mit geheucheltem Erstaunen nach ihm umgewandt hatte. - -„_Wie_ beliebten Sie sich auszudrücken?“ lautete Naphtas Gegenfrage ... - -„Ich beliebte“, sagte der Italiener und schluckte hinunter, „– ich -beliebe mich dahin auszudrücken, daß ich entschlossen bin, Sie daran zu -hindern, eine ungeschützte Jugend noch länger mit Ihren Zweideutigkeiten -zu behelligen!“ - -„Mein Herr, ich fordere Sie auf, nach Ihren Worten zu sehen!“ - -„Einer solchen Aufforderung, mein Herr, bedarf es nicht. Ich bin -gewohnt, nach meinen Worten zu sehen, und mein Wort wird präzis den -Tatsachen gerecht, wenn ich ausspreche, daß Ihre Art, die ohnehin -schwanke Jugend geistig zu verstören, zu verführen und sittlich zu -entkräften, eine _Infamie_ und mit Worten nicht streng genug zu -züchtigen ist ...“ - -Bei dem Wort „Infamie“ schlug Settembrini mit der flachen Hand auf den -Tisch und stand, seinen Stuhl zurückschiebend, nun vollends auf, – das -Zeichen für alle übrigen, ein Gleiches zu tun. Von anderen Tischen -blickte man aufhorchend herüber, – von einem eigentlich nur, die -Schweizer Gäste waren schon aufgebrochen, und nur die Holländer -lauschten mit verdutzten Mienen auf den ausbrechenden Wortwechsel. - -Sie standen also alle steif aufrecht an unserem Tisch: Hans Castorp und -die beiden Gegner und ihnen gegenüber Ferge und Wehsal. Alle fünf waren -sie blaß, mit erweiterten Augen und zuckenden Mündern. Hätten nicht die -drei Unbeteiligten den Versuch machen können, beschwichtigend -einzuwirken, mit einem Scherzwort die Spannung zu lösen, durch irgendein -menschliches Zureden alles zum Guten zu wenden? Sie unternahmen ihn -nicht, diesen Versuch. Die inneren Umstände hinderten sie daran. Sie -standen und bebten, und unwillkürlich ballten ihre Hände sich zu -Fäusten. Selbst A. K. Ferge, dem alles Höhere erklärtermaßen völlig fern -lag und der von vornherein gänzlich darauf verzichtete, die Tragweite -des Streites zu ermessen, – auch er war überzeugt, daß es hier auf -Biegen und Brechen gehe, und daß man, selbst mit hingerissen, nichts tun -könne, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sein gutmütiger -Schnurrbartbausch wanderte heftig auf und nieder. - -Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen knirschen. Das war -für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung, wie die mit Wiedemanns -gesträubtem Haar: Er hatte gedacht, es sei nur eine Redensart und komme -in Wirklichkeit nicht vor. Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der -Stille, ein furchtbar unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch, -das sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen -Beherrschung erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und nur -mit einer Art von keuchendem Halblachen: - -„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig? Haben wir die -pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation so weit, daß sie blank -zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für den Anfang, – leicht erzielt, wie -ich mit Geringschätzung hinzufüge, denn eine wie gelinde Neckerei hat -hingereicht, den wachhabenden Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das -Weitere wird sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese. -Ich hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen, was -Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese Grundsätze durch -Mittel auf die Probe zu stellen, die –“ - -Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren: - -„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im Wege, Sie -sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag dieser kleinen Differenz -an den gehörigen Ort verlegen. Für den Augenblick nur eines. Ihre -frömmelnde Angst um den scholastischen Begriffsstaat der -Jakobiner-Revolution sieht in meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen, -die Kategorien über den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer -akademischen Tugendwürde zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen. -Diese Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre -Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan. Sie ist -schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit, -ein geistiges _Ennui_, das Gähnkrampf erzeugt, und mit dem aufzuräumen -die neue, _unsere_ Revolution, mein Herr, sich anschickt. Wenn wir als -Erzieher den Zweifel stiften, tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit -sich je hat träumen lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der -radikalen Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor, der -heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung -und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem anderen Blatt. Sie -werden von mir hören.“ - -„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini ihm nach, der den -Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte, um sich seines Pelzwerks zu -bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer sich hart auf seinen Stuhl -zurücksinken und preßte sein Herz mit den Händen. - -„_Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!_“ stieß er kurzen -Atems hervor. - -Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart fuhr fort -auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. -Hans Castorp ahmte die Kinnstütze seines Großvaters nach, denn ihm -zitterte das Genick. Alle bedachten, wie wenig man sich bei der Ausfahrt -solcher Dinge versehen habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen, -bedachten gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei -Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war. Dies erleichterte -vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was dann? - -„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen. - -„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem neben ihm Stehenden -einen Blick empor, um sich gleich danach von ihm abzuwenden und den Kopf -in die Hand zu stützen. - -„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ... - -„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch ihn einen -Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob sich vollkommen -gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres Vergnügens, allein mit solchen -Zwischenfällen muß jeder Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige -theoretisch das Duell, ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist -es eine andere Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum, -ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in meiner -Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden Übung werden mir das -Handgelenk wieder geläufig machen. Gehen wir! Das Nähere wird zu -verabreden sein. Ich vermute, daß jener Herr bereits anzuspannen -befohlen hat.“ - -Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt und nachher, wo -ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden schwindelte, -namentlich, als sich herausstellte, daß Naphta von Hieb und Stich nichts -wissen wollte, sondern auf einem Pistolenduell bestand, – und daß -tatsächlich er die Waffe zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen -Begriffen der Beleidigte war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen -Mann, wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung -durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen Grade befreien konnte -und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn sei, und daß man es verhindern -müsse. - -„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch mit -Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon auf der Rückfahrt als -Kartellträger gewonnen hatte, und der den Verkehr zwischen den Parteien -vermittelte. „Eine Beschimpfung bürgerlicher, gesellschaftlicher Art! -Wenn einer des anderen ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte, -wenn es sich um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches -Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs sieht! -Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter Ausweg da, und wenn dann -der Ehre Genüge geschehen und die Sache glimpflich abgegangen ist, und -es heißt: Die Gegner schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es -eine gute Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen -Verwicklungsfällen. Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa in -Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung getan hat. Er -hat die Kategorien über den Haufen geworfen. Er hat, wie er sich -ausdrückt, den Begriffen ihre akademische Würde geraubt. Dadurch haben -Sie sich beleidigt gefühlt, – mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“ - -„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah ihn an ... - -„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er hat Sie nicht -beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben Sie mal! Es handelt sich -um abstrakte Dinge, um geistige. Mit geistigen Dingen kann man -beleidigen, aber man kann nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime, -die jedes Ehrengericht annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott -versichern. Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und -‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung, denn auch -das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen Bezirke und hat -mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun, worin es einzig so etwas -wie Beschimpfung gibt. Das Geistige kann niemals persönlich sein, das -ist die Vervollständigung und die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“ - -„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen -Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß Geistiges nicht -persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie sollten das nicht meinen“, -sagte er und lächelte eigentümlich fein und schmerzlich. „Sie gehen -jedoch vor allem fehl in Ihrer Einschätzung des Geistigen überhaupt, das -Sie offenbar für zu schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu -zeitigen von der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt, -und die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges. _All’ -incontro!_ Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist zugleich auch -das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge, und es birgt viel -tiefere und radikalere Möglichkeiten des Hasses, der unbedingten und -unversöhnlichen Gegnerschaft, als das soziale Leben. Wundern Sie sich, -daß es sogar direkter und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des -Du oder Ich, zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des -körperlichen Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine -‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr zum -Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse Regelung -ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das Wesentliche der Lage -bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der körperliche Kampf, und es ist -Sache jedes Mannes, sich in aller Entfernung vom Natürlichen dieser Lage -gewachsen zu halten. Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle -nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag, -der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller -Vergeistigung ein Mann zu bleiben.“ - -Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es darauf zu -erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn Settembrinis Worte -taten gefaßt und logisch, und dennoch klangen sie fremd und unnatürlich -aus ihm hervor. Seine Gedanken waren nicht seine Gedanken, – wie er ja -auch auf den des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern -ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen hatte –; sie -waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen inneren Umstände, -deren Knecht und Werkzeug Herrn Settembrinis schöner Verstand geworden -war. Wie, das Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum -Tierischen, zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans -Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu tun, – um -zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht konnte. Sie waren -stark auch in ihm, die inneren Umstände, er war nicht der Mann, er auch -nicht, sich ihnen zu entwinden. Furchtbar und letztgültig wehte es ihn -an aus jener Erinnerungsgegend, wo Wiedemann und Sonnenschein sich in -ratlos tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am Ende -aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die Zähne. Ja, ja, man -mußte sich wohl schlagen, denn so war wenigstens jene Milderung des -Urstandes durch ritterliche Regelung zu retten ... Hans Castorp bot sich -Herrn Settembrini als Sekundanten an. - -Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich nicht schicken, -wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn Settembrini mit einem Lächeln, -das fein und schmerzlich war, dann auch, nach kurzer Überlegung, von -Ferge und Wehsal, die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es -gehe nicht an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft -beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit eines -solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen Milderungen des -Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz zugegen sein. Selbst Naphta ließ -sich durch den Mund seines Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne -vernehmen, und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer, -auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung -der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig erwies. - -Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen Vorschlägen. Er -verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen Kugelwechsel, falls es -nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn ließ er noch am Abend des -Zerwürfnisses durch Wehsal überbringen, der sich völlig zum Mundstück -und Vertreter seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im -Auftrage, teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit -auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini nichts daran -auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und der unparteiische Hans -Castorp waren außer sich, und dieser wurde sogar grob mit dem elenden -Wehsal. Ob er sich nicht schäme, fragte er, solche wüsten -Unannehmlichkeiten auszukramen, wo es sich um ein rein abstraktes Duell -handle, dem gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon -kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da höre die -Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers Schnupftuch -schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich feuern lassen auf -solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst wohl so leicht von den -Lippen – und so fort. Wehsal zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß -eben die radikale Situation vorliege, wodurch er denn die Gegenseite, -die dies zu vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin -gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages, vor allem den -dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen, dann aber die -Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten sich auf fünfzehn -Schritte gegenüberstehen und das Recht haben sollten, fünf Schritte -vorzugehen, bevor sie schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen -die Zusicherung, daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten. -Übrigens hatte man keine Pistolen. - -Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, mit dem er -die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch ein Zwillingspaar in den -Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter Offizierspistolen, die aus -Belgien stammten: automatische Brownings mit Griffen aus braunem Holz, -in denen sich die Magazine befanden, bläulich stählerner -Geschützmaschinerie und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen -knapp und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann -einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine -Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. So tat -er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl machte, ihn aber in -persönliches Ehrengeheimnis hüllte und mit leichtem Erfolge sich an den -Kavalierssinn des Windbeutels wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im -Laden und gab mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren -ab. - -Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein zwei -Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war von Hans Castorps -Erfindung: Es war der malerische, im Sommer blau blühende Ort seiner -Regierungs-Zurückgezogenheit, den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier -sollte am dritten Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war, -der Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich spät, -verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den Gedanken, daß es -ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz zu nehmen. - -Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig -erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen, aber unmöglich konnte -man den Chef der Anstalt um Unterstützung einer solchen Ungesetzlichkeit -angehen, zumal es sich um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum -Hoffnung, daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit -sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken die Hand -zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal sicher, ob dieser -spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der Wundbehandlung sei. - -Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich schon -geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe an jenen Ort -nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern um sich zu schlagen -und zwar sehr ernsthaft. Was nachher komme, sei ihm gleichgültig und -werde sich finden. Das schien eine finstere Kundgebung, die aber Hans -Castorp so zu deuten sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung, -ein Arzt werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den -zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen, sie -interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig, zu hoffen, die -Gegner möchten im Grunde einig sein in dem Vorsatz, es zu keinem -Blutvergießen kommen zu lassen. Man hatte zweimal geschlafen seit jenem -Wortwechsel und würde es ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem -Zuge der Stunden hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt -stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner der -Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes gewesen. -Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise, nicht nach gegenwärtigem -freien Willen würden sie handeln, wie sie damals aus Lust und -Überzeugung gehandelt hätten; und eine solche Verleugnung ihres -aktuellen Selbst zugunsten dessen, was sie einmal gewesen, mußte sich -irgendwie ja verhüten lassen! - -Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, – nicht unrecht -nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen lassen konnte. -Er hatte sogar vollkommen recht damit, soweit Herr Settembrini in Frage -kam. Hätte er aber geahnt, in welchem Sinn Leo Naphta bis zum -entscheidenden Augenblick seine Vorsätze würde geändert haben oder in -eben diesem Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren -Umstände, aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht, das -Bevorstehende zuzulassen. - -Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge hervorzukommen, -aber es tagte mühsam qualmend, als Hans Castorp nach unruhig verbrachter -Nacht Haus Berghof verließ, um sich zum Rendezvous zu begeben. -Dienstmägde, die die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach -ihm auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen: Ferge und -Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß schon passiert, der -eine, um Settembrini, der andere, um Naphta zum Kampfplatze abzuholen. -Er, Hans, ging allein, da seine Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht -gestattete, sich einer der beiden Parteien anzuschließen. - -Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck der Umstände. -Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche Notwendigkeit. -Unmöglich, sich davon auszuschließen und das Ergebnis im Bette zu -erwarten, erstens, weil – aber das Erstens führte er nicht aus, sondern -fügte gleich das Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich -selbst überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob, -und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war sogar -unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht aufstehen müssen und -mußte nun ungefrühstückt, in bitterer Frostfrühe im Freien -zusammenkommen, so war es einmal verabredet. Aber dann würde, unter der -Einwirkung von seiner, Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos -irgendwie alles zum Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die -nicht vorauszusehen war, und die erraten zu wollen, man besser -unterließ, da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang -anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen versucht -hatte. - -Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung. Flau und -übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem Zähneklappern und war -schon in geringer Tiefe seines Wesens sehr versucht, seinen -Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen. Es waren so ganz besondere Zeiten -... Die zankzerstörte Dame aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und -Sonnenschein, der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch den -Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen, wenn er -zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten würden. -Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann und Sonnenschein vor diesen -seinen Augen zur Tatsache geworden war, so mißtraute er sich und seiner -Welt und fröstelte in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und -bei alldem ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der Lage, -zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft ihn erhob und -belebte. - -Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und Gedanken stieg er -im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in „Dorf“ von der Mündung der -Bobbahn auf schmalstem Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief -verschneiten Wald, überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn -hinablief, und stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von -Fußspuren, als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er -hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge, welcher mit -einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel festhielt. Hans -Castorp nahm keinen Anstand, sich zu ihnen zu gesellen, und kaum war er -an ihrer Seite, so erblickte er auch schon Naphta und Wehsal, die -geringen Vorsprung hatten. - -„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in guter Absicht, -erschrak aber selbst über die Frivolität seiner Worte und fügte hinzu: -„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“ - -Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen Schnurrbart auf und -nieder wandern. Nach einer Weile blieb Settembrini stehen, nahm Hans -Castorps Hand, legte auch noch seine andere darauf und sprach: - -„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. Ich werde mich -seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir die Ehre gebieten kann. -Aber ich werde nicht töten, verlassen Sie sich darauf!“ - -Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, sagte -jedoch nach einigen Schritten: - -„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, nur, andererseits -... Wenn er für sein Teil ...“ - -Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans Castorp überlegte, -daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere sich dessen unmöglich -würde unterwinden können, so fand er, daß alles sich glücklich anlasse -und daß seine Annahmen sich zu bestätigen begönnen. Es wurde ihm -leichter ums Herz. - -Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, worin im -Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall niederging, und der so -sehr zu dem malerischen Charakter des Ortes beitrug. Naphta und Wehsal -gingen im Schnee vor der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf -und ab, auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen -Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten müssen. Naphta -rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp prüfte sich, ob er ebenfalls -Lust hätte, das zu tun, fand aber nicht die geringste Neigung dazu in -sich vor und schloß, daß es also bei jenem erst recht auf Affektation -beruhen müsse. Mit dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er -sich in der kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen -Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen Blüte. -Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden Fichte waren mit Schnee -beschwert. - -„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem Wunsch, einen -natürlichen Ton sofort in die Versammlung einzuführen, der Böses -zerstreuen helfen sollte, – hatte aber kein Glück damit, denn niemand -antwortete ihm. Die gewechselten Grüße bestanden in stummen -Verbeugungen, die bis zur Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er -entschlossen, seine Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines -Atems, die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm -mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und fing an: - -„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“ - -„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ schnitt Naphta -ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich bitten darf,“ fügte er mit -demselben Hochmut hinzu. Und Hans Castorp, auf den Mund geschlagen, -mußte zusehen, wie Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel -hervorholte, und wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen -von ihm empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm aus -Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, Ferge ersuchte -murmelnd darum und fing an, die Distanzen auszugehen und sichtbar zu -machen: die äußere Begrenzung, indem er mit dem Absatz kurze Linien in -den Schnee grub, die inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem -eigenen und dem Settembrinis. - -Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans Castorp traute -seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und griff gehörig aus, so daß -wenigstens die fünfzehn Schritte eine stattliche Entfernung ergaben, -wenn da auch noch die verdammten Barrieren waren, die wirklich nicht -weit voneinander lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im -Zwange welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so -ungeheuerlichen Sinnes traf? - -Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen hatte, so daß man -das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der Hand, auf einen der äußeren -Absatzstriche, sobald er nur gezogen war und während Ferge an weiteren -Markierungen noch arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini, -die schadhafte Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich -aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor. - -„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! Es ist trotz -allem meine Pflicht ...“ - -„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche das Zeichen.“ - -Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. Es sollte -wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß es Sache des Unparteiischen -sein werde, die furchtbare Aufforderung ergehen zu lassen, war nicht -bedacht und jedenfalls nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm -und niemand sprang für ihn ein. - -„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein Herr, und schießen -Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und begann selbst vorzugehen, die -Pistole mit gestrecktem Arm auf Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, – -ein unglaubwürdiger Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten -Schritt – der andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt -– hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß weckte -vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und Widerhall zu, das -Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, die Leute müßten -zusammenlaufen. - -„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit Selbstbeherrschung, -indem er die Waffe sinken ließ. - -Settembrini antwortete: - -„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“ - -„Sie werden noch einmal schießen!“ - -„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr Settembrini, -erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte sich etwas seitlich zum -anderen gestellt, nicht ganz in Front, was rührend zu sehen war. Man -merkte deutlich, daß er gehört hatte, man solle dem Gegner nicht gerade -die volle Breitseite bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte. - -„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der -Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu gehöre, zu -schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine Pistole auf eine -Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, und schoß sich in den -Kopf. - -Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte, während -die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat Fangball spielten, ein paar -Schritte rückwärts, indem er die Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem -ganzen Körper eine schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht -in den Schnee. - -Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem er sein -Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm. - -„_Infelice!_“ rief er. „_Che cosa fai per l’amor di Dio!_“ - -Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen. Sie sahen das -schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen in ein Gesicht, das man am -besten mit dem seidenen Schnupftuch bedeckte, von dem ein Zipfel aus -Naphtas Brusttasche hing. - - - Der Donnerschlag - -Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine runde Zahl -für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in -ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen, -befriedigender für das Gemüt als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er -hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem -ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen -mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er -saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte -stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmbarer -Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen -Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir -müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur -Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer -ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit -hatte aufgehört, Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der -morgentlichen Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber -rhetorischer Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat -nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica von -Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um die Zeit, von der wir -reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen wir die Dinge genauer an, so -geschah es selten oder nie. Man ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen -Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr -gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein -Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht -kommt, – eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem -wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein -könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit -fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in -seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden, -– ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte, -wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt -nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich nicht eine gewisse -Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein in der Tatsache aus, daß -er an den Schlechten Russentisch versetzt worden war? Womit übrigens -gegen den sogenannten Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste -gesagt sein soll! Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile -unter den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn -gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an diesem gereicht, -wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst faltete dort zuweilen, im -Turnus, die riesigen Hände vor seinem Teller; und die daran speisenden -Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch -kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich -benahmen. - -Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren großer -Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern eher von der -jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung überhaupt untersichtig -bleibt, oder wie das Gras, das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich -heimlich wächst, was denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist; -die Zeit, eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten -zusammensetzt (wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich -fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es anfangen, eine Linie -hervorzubringen): die Zeit also hatte in ihrer schleichend -untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen Art fortgefahren, -Veränderungen zu zeitigen. Der Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu -nennen, war eines Tages – aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern -ganz unbestimmt von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten -ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen aufstand, den -Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und herunterkam. Unmerklich hatte -das Blättchen sich gewendet, er nahm sie selbst auf den Schoß bei -solchen Gelegenheiten, und das machte beiden Teilen ebensoviel -Vergnügen, sogar noch mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht -sagen: erblüht, aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht -gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das Aufschießen -dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. Das Zeitliche -segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten Jahre starb er an der -Krankheit, für die er aufnahmelustig gewesen, und in seinem Zimmer wurde -gestöbert. Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer -Unterschied war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen. - -Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische Todesfälle, -die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals ihn näher angegangen -hätten. Wir denken an das kürzlich erfolgte Ableben des alten Konsul -Tienappel, Hansens Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er -hatte unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und es -Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der Apoplexie -hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, und die drahtlich -knapp, aber zart und schonend abgefaßte Nachricht von seinem Hintritt – -zart und schonend mehr mit Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den -Empfänger der Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps -vorzüglichen Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes -Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, die -Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist zu -betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt und verboten -sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, um dem Großonkel das -letzte Geleite zu geben. - -Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten Hans Castorps -Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, der sinnender war als -gewöhnlich. Dieser Sterbefall, dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig -gewesen wäre und durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast -nichts herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch einer -Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre gleich, gab dem, was -Hans Castorp mit Recht die Freiheit nannte, letzte Vollständigkeit. -Wirklich war in der späten Zeit, von der wir sprechen, jede Fühlung -zwischen ihm und dem Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine -Briefe dorthin und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von -dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, und der -er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein Fabrikat, das -selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten Strapazen -hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man einfach wie am Meere lag -und es aushalten konnte, – eine besonders gut gepflegte -Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, etwas gedrungener, als Maria, -mausgrau von Farbe, mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild -im Charakter und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern -des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, daß sie -dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte dienen können und -ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, denn seine Taschenuhr trug -er nicht mehr. Sie stand, sie war ihm eines Tages vom Nachttisch -gefallen, und er hatte davon abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf -setzen zu lassen, – aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den -Besitz von Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur -Vorbelehrung über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet -hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, dem -stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen Zauber, für den -der Entrückte sich aufnahmelustig erwiesen, und der das Grundabenteuer -seiner Seele gewesen, dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer -dieses schlichten Stoffes sich abgespielt hatten. - -So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der Zeit seiner -Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – das Jahr in sich selber. - -Da erdröhnte – - -Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen -von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein -Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, daß also der -Donnerschlag erdröhnte, von dem wir alle wissen, diese betäubende -Detonation lang angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und -Gereiztheit, – ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu -sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der -Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft -vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im Grase und reibt sich die -Augen, wie ein Mann, der es trotz mancher Ermahnung versäumt hat, die -Presse zu lesen. - -Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer ein wenig -abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, das Sorgenkind -seiner Erziehung über die unteren Vorgänge in großen Zügen zu -unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei einem Schüler gefunden, der sich -zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und -andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar -aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen -aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn nicht einmal allzu hart -schelten darf, da dies Verhältnis nicht letztgültig geklärt ist. - -Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem er -plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des horizontalen -Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und des Lebens berichtigend auf -ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt saß nun dieser, die Hände zwischen den -Knien, an dem Bette des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem -Tagesruhelager im separierten und traulichen Mansardenstudio mit den -Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft und -lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage, denn nicht oft mehr -war Herr Lodovico auf den Beinen. Naphtas krasses Ende, die -terroristische Tat des scharf verzweifelten Disputanten, hatte seiner -empfindsamen Natur einen harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht -davon erholen, unterlag seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine -Mitarbeit an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon aller -Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden zum Gegenstande -hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga wartete vergebens auf den -betreffenden Band ihrer Enzyklopädie, Herr Settembrini war gezwungen, -seine Mitwirkung an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu -beschränken, und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche Besuche -ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls hätte entbehren müssen. - -Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von Herzen über die -Selbstvervollkommnung der Menschheit auf gesellschaftlichem Wege. Seine -Rede ging wie auf Taubenfüßen, aber bald, wenn er etwa von der -Vereinigung der befreiten Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so -mischte sich – er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie -Rauschen von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die -Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen Erbe -des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur vereinigt hatte, – -genau wie Humanität und Politik sich vereinigten in dem Hoch- und -Toastgedanken der Zivilisation, diesem Gedanken voll Taubenmilde und -Adlerskühnheit, der seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das -Prinzip der Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige -Allianz der bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ... -Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war humanitär, -aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen, war er auch -kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen Naphta wie ein -Mensch benommen, im großen aber, wo die Menschlichkeit sich -begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges- und Herrschaftsidee der -Zivilisation verband und man die Pike des Bürgers am Altar der -Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft, ob er, unpersönlich, gemeint -blieb, seine Hand zurückzuhalten vom Blute; – ja die inneren Umstände -bewirkten, daß in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der -Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde durchschlug. - -Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen der Welt -zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen. Neulich, zwei oder -anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische Zusammenwirken -seines Landes mit Österreich in Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies -Zusammenwirken, das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien, -gegen Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte eben als -Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung und der -Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die große Leihgabe Frankreichs -an Rußland zum Zwecke des Baues eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich -widerstreitende Gefühle geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der -frankophilen Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn -man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution denjenigen -der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das Einverständnis der -erleuchteten Republik mit dem byzantinischen Skythentum schuf ihm -moralische Verlegenheit, – eine Beklemmung seiner Brust, die doch auch -wieder, beim Gedanken an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in -rasch atmende Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der -Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer, -ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu denen wir Herrn -Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans Castorp sah ihn wohl -privatmenschlich schaudern vor solcher Schreckenstat, sah aber auch -seine Brust sich heben beim Gedanken daran, daß es eine Volks- und -Befreiungstat war, die da geschehen, gerichtet gegen die Burg seines -Hasses, wenn auch hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen -Betreibens, was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die -äußerste Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen später, als -Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen zu kennzeichnen, -in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen er eingeweiht war, und die er -rasch atmend begrüßte ... - -Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach zusammengesetzt, -wie das Verhängnis, das er mit großer Schnelle sich ballen sah, und für -das er seinem Zögling mit halben Worten Augen zu machen suchte, während -doch eine Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt, -vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der ersten -Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er eine Gewohnheit -angenommen, dem Besucher beide Hände entgegenzustrecken und ihm die -seinen zu drücken, daß es dem Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht -recht zu Kopfe. „Mein Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver, -die Druckerpresse – unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn -Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden ... _Caro_ -...“ - -Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre Streckfolter die -Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp Herrn Settembrini nicht. Die -wüsten Zeitungen drangen nun unmittelbar aus der Tiefe zu seiner -Balkonloge empor, durchzuckten das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust -beklemmenden Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der -Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der Siebenschläfer -im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich langsam aufrichtete, -bevor er saß und sich die Augen rieb ... Wir wollen aber das Bild zu -Ende führen, um seiner Gemütsbewegung gerecht zu werden. Er zog die -Beine unter sich, stand auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert, -erlöst, befreit, – nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung -gestehen mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren -Außenmächten, denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief. -Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen verschwand, – -drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter und also von -göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich darin aus? Nahm das Leben sein -sündiges Sorgenkind noch einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern -eben nur so, auf diese ernste und strenge Art, im Sinn einer -Heimsuchung, die vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle -drei Ehrensalven für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen. -Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu einem -Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger die Grottendecke -des Sündenberges war. - -In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich -gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das wissen wir, -schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches Theater aus. In spröder -Wirklichkeit traf ihn der Mentor beim Kofferpacken, – denn seit dem -Augenblick seines Erwachens sah Hans Castorp sich in den Trubel und -Strudel von wilder Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im -Tale angerichtet. Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik. -Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich kopfüber -ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des gestürmten Zügleins -belastend, ohne Gepäck, wenn es sein mußte, das in Stapelreihen die -Steige des Bahnhofs bedeckte, – des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe -brenzlige Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans stürzte -mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich, er schloß ihn in -seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer (oder auch wie ein Russe) auf -beide Wangen, was unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig -genierte. Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr Settembrini -ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich „Giovanni“ nannte und -dabei die im gesitteten Abendland übliche Form der Anrede dahin fahren -und das Du walten ließ! - -„_E così in giù_,“ sagte er, – „_in giù finalmente! Addio, Giovanni -mio!_ Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht, aber sei es -darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht anders. Zur Arbeit -hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du kämpfen inmitten der Deinen. -Mein Gott, dir war es zugedacht und nicht unserm Leutnant. Wie spielt -das Leben ... Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann -jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner Kräfte -daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen, auf jener Seite, -wohin der Geist und heiliger Eigennutz es weisen. _Addio!_“ - -Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die den Rahmen -des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin. Auch Herr Settembrini -winkte mit der Rechten, während er mit der Ringfingerspitze der Linken -zart einen Augenwinkel berührte. - - * * * * * - -Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum? Dämmerung, -Regen und Schmutz, Brandröte des trüben Himmels, der unaufhörlich von -schwerem Donner brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem -Singen, wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine Bahn mit -Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet, von Stöhnen und -Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten will, und Trommeltakt, der -schleuniger, schleuniger treibt ... Dort ist ein Wald, aus dem sich -farblose Schwärme ergießen, die laufen, fallen und springen. Dort zieht -eine Hügelzeile sich vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich -manchmal zu wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland, -zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen -Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht und grundlos, -schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel hin, Baumstöcke ragen im -kalten Regen, nackt und entzweigt ... Hier ist ein Wegweiser, – unnütz -ihn zu befragen; Halbdunkel würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn -das Schild nicht von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder -West? Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue -Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und keineswegs -gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen, aber dahergeführt -vom Geist der Erzählung, um von den grauen, laufenden, stürzenden, -vorwärts getrommelten Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den -wir kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen Sünder, -dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal ins einfache Angesicht -zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen verlieren. - -Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte letzten -Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag gedauert hat, und das dem -Wiedergewinn jener Hügelstellung und der dahinterliegenden brennenden -Dörfer gilt, die vor zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein -Regiment Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im -Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der Bahn bis -zum Morgen und marschierten im Regen bis zum Nachmittag auf schlimmen -Wegen, – auf gar keinen Wegen, die Straßen waren verstopft, es ging -durch Äcker und Moor, sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel, -mit Sturmgepäck, und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht die -Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt mit dem -Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran aus dem quatschenden -Grunde ziehen. So haben sie eine Stunde gebraucht, um über eine kleine -Wiese zu kommen. Nun sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft, -ihre erregten und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in -Spannung gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf, der Nahrung -nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten, vom Sturmband -umrahmten Gesichter unter den grau bespannten, verschobenen Helmen -glühen. Sie glühen von Anstrengung und von dem Anblick der Verluste, die -sie beim Zuge durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind, -ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und -großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch den Wald -splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend, spritzend und flammend -das weite Sturzackerland peitscht. - -Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie müssen als -Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf die Gräben vor und hinter -der Hügelzeile, auf die brennenden Dörfer entscheiden und helfen, ihn -vorzutragen bis zu einem bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem -Befehl, den ihr Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend, -damit sie noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den -Dörfern anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein Körper, -darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln und siegen, den -Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra begrüßen zu können, – -ungeachtet derer, die sich vereinzelten, indem sie ausfielen. Manch -einer schon hat sich vereinzelt, fiel aus beim Gewaltmarsch, für den er -sich als zu jung und zart erwies. Er wurde blasser und wankte, forderte -verbissen Mannheit von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte -sich noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte -überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut war. Und -dann war der splitternde Wald gekommen. Aber der Hervorschwärmenden sind -immer noch viele; dreitausend können einen Aderlaß aushalten und sind -auch dann noch ein wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser -gepeitschtes Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten -Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter ihnen. Am -Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt, mit gedrillten -Griffen, das Zink ruft dringend, die Trommel klopft und rollt im -tieferen Donner, und vorwärts stürzen sie, wie es gehen will, mit -sprödem Schreien und qualtraumschwer die Füße, da die Ackerklüten sich -bleiern an ihre plumpen Stiefel hängen. - -Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um wieder -aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem Mutgeschrei, weil es -sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, sie fallen, mit den Armen -fechtend, in die Stirn, in das Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen, -die Gesichter im Kot, und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken -vom Tornister gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und greifen -krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald sendet neue, die -sich hinwerfen und springen und schreiend oder stumm zwischen den -Ausgefallenen vorwärts stolpern. - -Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren, seinen verschmutzten -Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich humanistisch-schönseliger Weise -auch andere Bilder erträumen in seiner Betrachtung. Man könnte es sich -denken: Rosse regend und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der -Geliebten am Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut, -auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß -unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß es das -freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem -Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende Sache für sich, sollte -jedoch kein Grund sein, es in die Lage zu bringen. - -Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz von weitem haben -wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er sich am Schlechten -Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt, wie alle. Er läuft -mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr in hängender Faust. Seht, er -tritt einem ausgefallenen Kameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit -seinem Nagelstiefel tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen -bedeckten Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man -in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu wissen, -so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für sich zu singen: - - „Ich schnitt in seine Rinde - So manches liebe Wort –“. - -Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund -anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut des -Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die Beine gespreizt, die -Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das Produkt einer verwilderten -Wissenschaft, geladen mit dem Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg -vor ihm wie der Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten -mit gräßlicher Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen von -Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum in die Lüfte -empor. Denn dort lagen zwei, – es waren Freunde, sie hatten sich -zusammengelegt in der Not: nun sind sie vermengt und verschwunden. - -O Scham unserer Schattensicherheit! Hinweg! Wir erzählen das nicht! Ist -unser Bekannter getroffen? Er meinte einen Augenblick, es zu sein. Ein -großer Erdklumpen fuhr ihm gegen das Schienbein, das tat wohl weh, ist -aber lächerlich. Er macht sich auf, er taumelt hinkend weiter mit -erdschweren Füßen, bewußtlos singend: - - „Und sei–ne Zweige rau–uschten, - Als rie–fen sie mir zu –“. - -Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt er uns aus den -Augen. - -Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine -Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder -kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir -haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst -simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß, -mußtest du’s irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen -nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich -gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den -Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen noch -hören werden in Zukunft. - -Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; -das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches -Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst. -Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. -Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, -ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben -sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll -und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem -Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den -regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen? - - _FINIS OPERIS_ - - - Von den Gesammelten Werken wurden 150 Exemplare auf - Hadern-Velin-Papier abgezogen, numeriert und vom Verfasser - signiert. Diese Exemplare werden nur in Subskription auf - das Gesamtwerk abgegeben. - - - Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die -Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen, sind hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 22]: - ... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einem ja ... - ... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einen ja ... - - [S. 32]: - ... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut und ... - ... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut ... - - [S. 46]: - ... Reizwucherung derselben aufzufassen, während der andere, als ... - ... Reizwucherung desselben aufzufassen, während der andere, als ... - - [S. 56]: - ... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliegenden ... - ... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden ... - - [S. 59]: - ... Naphta bei Ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, - ohne ... - ... Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, - ohne ... - - [S. 61]: - ... unvergleichlich höherem Ehrenstand. Bernhard von Clairvaux ... - ... unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux ... - - [S. 64]: - ... dem Tode zu tun bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch ... - ... dem Tode zu tun zu bekommen, – mit dem ja letzten Endes - auch ... - - [S. 102]: - ... Daß seine Seele das Geld ist, ficht sie offenbar nicht an. - Oder ... - ... Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht an. - Oder ... - - [S. 115]: - ... wie er da in dem Loch mir all seiner Seide ...“ ... - ... wie er da in dem Loch mit all seiner Seide ...“ ... - - [S. 139]: - ... sprachen Sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ... - ... sprachen sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ... - - [S. 166]: - ... es töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, - damit ... - ... sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, - damit ... - - [S. 184]: - ... übertrieben, es komme den Kranken gar nicht zu und sei - insofern ... - ... übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei - insofern ... - - [S. 186]: - ... sei; und zu glauben, für diesen bedeute die Halluzination - ein ... - ... sei; und zu glauben, für diese bedeute die Halluzination ein ... - - [S. 188]: - ... und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtut, ... - ... und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtat, ... - - [S. 218]: - ... als das Nichtatmen der Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ... - ... als das Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ... - - [S. 240]: - ... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung darin bestand, ... - ... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, ... - - [S. 274]: - ... binnen Halbjahrsfrist zu erwartender Wiederkehr. ... - ... binnen Halbjahrsfrist zu erwartende Wiederkehr. ... - - [S. 295]: - ... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor ihr Schweigen ... - ... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen ... - - [S. 296]: - ... Großmeisters, Bruders Quartier la Tente vom - dreiunddreißigsten ... - ... Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom - dreiunddreißigsten ... - - [S. 329]: - ... es Hans Castorp, der den Regungs- und Hauchlosen mit der ... - ... es Hans Castorp, der dem Regungs- und Hauchlosen mit der ... - - [S. 340]: - ... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihm - an: ... - ... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihn - an: ... - - [S. 357]: - ... seiner Erscheinung nicht, ohne die Aufforderung an sein Herz, - sich ... - ... seiner Erscheinung, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz, - sich ... - - [S. 400]: - ... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wieder ging; - und ... - ... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und ... - - [S. 405]: - ... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er sie fördern? ... - ... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? ... - - [S. 416]: - ... denn wenn jener böse sei, müsse auch dieser, als reine - Verneinung, ... - ... denn wenn jenes böse sei, müsse auch dieser, als reine - Verneinung, ... - - [S. 420]: - ... ganz groß und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und - Ehrenraptus, ... - ... ganz grob und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und - Ehrenraptus, ... - - [S. 441]: - ... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit - zurückdämmernder ... - ... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit - zurückdämmender ... - - [S. 483]: - ... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von der die erste - einen ... - ... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste - einen ... - - [S. 486]: - ... Denker, denn wem immer ihn an der Brust zu ergreifen ... - ... Denker, denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen ... - - [S. 500]: - ... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichem - Umfang ... - ... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen - Umfang ... - - [S. 507]: - ... dieses gestutzten kleines Sarges aus Geigenholz, ... - ... dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz, ... - - [S. 510]: - ... Die Entrüstung des Amneris über diese pfäffische Härte ... - ... Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte ... - - [S. 524]: - ... galt, mochte seinem pädagogischem Sinn wohl als ... - ... galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als ... - - [S. 542]: - ... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichen ... - ... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem ... - - [S. 543]: - ... in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatliche Meere auf ... - ... in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf ... - - [S. 550]: - ... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einem ... - ... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen ... - - [S. 557]: - ... fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischen Zungen-r ... - ... fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem Zungen-r ... - - [S. 560]: - ... Herrn Wehsal, der auf ihm folgte. Neben dem Doktor saßen ... - ... Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben dem Doktor saßen ... - - [S. 575]: - ... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit her - gesessen, ... - ... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier - gesessen, ... - - [S. 580]: - ... 18. Juni 19.., das zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ... - ... 18. Juni 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ... - - [S. 586]: - ... häufig genug die Grenze der geistig Gesunden überschritten. ... - ... häufig genug die Grenze des geistig Gesunden überschritten. ... - - [S. 593]: - ... Wir hatten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ... - ... Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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margin:1em 0'> -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and -most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online -at <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. 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Fischer / Verlag / Berlin</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="aut"> -Thomas Mann -</p> - -<h1 class="title"> -Der Zauberberg -</h1> - -<p class="subt"> -Roman -</p> - -<p class="vol"> -Zweiter Band -</p> - -<div class="centerpic logo"> -<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div> - -<p class="pub"> -<span class="line1">1924</span><br /> -<span class="line2">S. Fischer / Verlag / Berlin</span> -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="cop"> -Erste bis zehnte Auflage<br /> -Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung<br /> -Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="tit"> -Der Zauberberg -</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-1"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -Sechstes Kapitel -</h2> - -</div> - -<h3 class="section1" id="subchap-0-1-1"> -Veränderungen -</h3> - -<p class="first"> -Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig. -Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, -verkoppelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raum -und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, wenn keine Bewegung -wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage -nur! Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? -Oder sind beide identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit -ist tätig, sie hat verbale Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt -sie denn? Veränderung! Jetzt ist nicht damals, hier nicht -dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung. Da aber die Bewegung, -an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich selber -beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, -die man fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen -könnte; denn das Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, -das Dort im Hier. Da ferner eine endliche Zeit und ein begrenzter -Raum auch mit der verzweifeltsten Anstrengung nicht -vorgestellt werden können, so hat man sich entschlossen, Zeit -und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der Meinung -offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas -besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und -Unendlichen die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten -und Endlichen, seine verhältnismäßige Reduzierung auf -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -null? Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich, im Unendlichen -ein Nebeneinander? Wie vertragen sich mit den Notannahmen -des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie Entfernung, -Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein -begrenzter Körper im All? Das frage du nur immerhin! -</p> - -<p> -Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich -bei seiner Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und -Quengeleien sich aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme, -aber gewaltige Lust, die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders -dafür geschärft und zum Querulieren dreist gemacht worden -war. Er fragte sich selbst danach und den guten Joachim und -das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal, obgleich er ja -von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort ähnliches -zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am wenigsten. -Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil -er keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur -Teilnahme daran fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans -Castorp es eines Abends auf französisch gesagt hatte, an nichts -dachte als daran, im Flachlande Soldat zu sein und mit der -bald sich nähernden, bald foppend wieder ins Weite schwindenden -Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten Kampfe -lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings -geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz -auf Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen -Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“, -jenes Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium -drunten, oder dem „Labor“, wie man gewöhnlich sagte, der -Grad erkundet und bezeichnet wurde, in welchem ein Patient -mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz vereinzelt oder -unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe sich vorfanden, -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf -diese eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die -Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; -die Zahl der Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu -verweilen haben, war unschwer danach zu bestimmen, angefangen -von der halbjährigen Stippvisite bis hinauf zu dem -Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich genommen oft genug -nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die Gaffky-Skala -denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer Autorität -den Glauben, – nicht <em>ganz</em> offen, nicht gerade gegen die -Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. -„Ich habe es satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“, -sagte er laut, und das Blut stieg ihm in das tief gebräunte -Gesicht. „Vor vierzehn Tagen hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, -die besten Aussichten, und heute Nr. 9, bevölkert geradezu, -von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll doch der -Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht -zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer -Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein -Agent hat ihn hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend -bei ihm, jeden Tag kann man den Exitus erwarten, -aber nie im Leben hat der Mann Bazillen im Sputum gehabt. -Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der gesund abging, -als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so gewimmelt -hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine Kaverne -gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache -Schluß, ich reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So -Joachim; und alle waren schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten -jungen Menschen in solchem Aufruhr zu sehen. Hans -Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung, er werde -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse Äußerungen -zu denken, die er auf französisch von dritter Seite vernommen. -Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene -Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim -wirklich ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern -sich in Demut zu schicken und sich ein Beispiel an der Treue -zu nehmen, mit welcher sie, Karoline, hier oben ausharre und -es sich willenszäh versage, in ihrem Heim zu Cannstatt als -Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst ihrem Mann -ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person zurückzuerstatten? -Nein, das mochte Hans Castorp denn doch -nicht, zumal er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes -Gewissen hatte, – das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim -müsse in dem, worüber sie nicht sprachen, wovon Joachim -aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat, Desertion und -Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar runder -brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein -Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal -ausgesetzt war, vor denen er aber streng und anständig seine -Augen auf den Teller niederschlug ... Ja, noch in dem stillen -Widerstreben, mit dem Joachim seinen Spekulationen und -Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte Hans Castorp etwas -von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen Vorwurf -für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das -dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von -seinem vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen -Fragen richtete, so standen seine Zinken, Kuppen, -Wandlinien und braun-grün-rötlichen Wälder schweigend -in der Zeit, umwoben von still fließender Erdenzeit bald leuchtend -im tiefen Himmelsblau, bald qualmverhüllt, bald rötlich -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne, bald diamanthart -glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee, -seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten, -und alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht -mehr sehen, er widere sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen -in dieser Richtung genügt, aber nun Schneemassen -tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster, Schneehänge, -das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt. -Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl -auch um die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz. -</p> - -<p> -Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit -sieben! Die Zeit schreitet fort, während wir erzählen, – <em>unsere</em> -Zeit, die wir dieser Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene -Zeit Hans Castorps und seiner Schicksalsgenossen dort -oben im Schnee, und sie zeitigt Veränderungen. Alles war auf -dem besten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans Castorp es am -Faschingstage auf dem Heimwege von „Platz“ zum Zorne -Herrn Settembrinis mit raschen Worten vorweggenommen -hatte: nicht gerade, daß schon die Sonnenwende in unmittelbarer -Aussicht gewesen wäre, aber Ostern war durch das weiße -Tal gezogen, der April schritt vor, der Blick auf Pfingsten war -frei, bald würde der Frühling anbrechen, die Schneeschmelze, -– nicht aller Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern im -Süden, in den Felsschründen der Rätikonkette im Norden blieb -immerdar welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermonatlich -einfallen, aber nicht liegen bleiben würde; -doch unbedingt verhieß die Umwälzung des Jahres entscheidende -Neuerungen binnen kurzem, denn seit jener Fastnacht, -in der Hans Castorp sich von Frau Chauchat einen Bleistift -geliehen, ihr später denselben auch wieder zurückgegeben und -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -auf Wunsch etwas anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe, -die er in der Tasche trug, waren nun schon -sechs Wochen verflossen, – doppelt so viele, als Hans Castorp -ursprünglich hatte hier oben bleiben wollen. -</p> - -<p> -Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans -Castorp die Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte -und dann so viel später auf sein Zimmer zurückgekehrt war, -als der dienstfromme Joachim auf das seine; sechs Wochen -seit dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise gebracht -hatte, ihre Abreise für diesmal, ihre <em>vorläufige</em> Abreise nach -Daghestan, ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese -Abreise vorläufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle, -daß Frau Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, – unbestimmt -wann, aber daß sie einmal wiederkommen wolle oder auch müsse, -des besaß Hans Castorp Versicherungen, direkte und mündliche, -die nicht in dem mitgeteilten fremdsprachigen Dialog gefallen -waren, sondern folglich in die unsererseits wortlose Zwischenzeit, -während welcher wir den zeitgebundenen Fluß unserer -Erzählung unterbrochen und nur sie, die reine Zeit, haben walten -lassen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene Versicherungen -und tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34 -zurückgekehrt war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort -mehr mit Frau Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal -von weitem gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem -Tuchrock und weißer Wolljacke, unter dem Schmettern der -Glastür und lieblich schleichend noch einmal zu Tische gegangen -war, wobei ihm das Herz im Halse geschlagen und nur die -scharfe Bewachung, die Fräulein Engelhart ihm zugewandt, ihn -gehindert hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken; – und -dann nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -beigewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus, -das den Blick auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte. -</p> - -<p> -Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn -während seines Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich -hatte abspielen sehen: der Schlitten oder Wagen hielt an der -Rampe, Kutscher und Hausknecht schnürten die Koffer auf, -Sanatoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen oder nicht, um -zu leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland antrat, -oder auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis -auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal; -ein Herr im Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar -die Ärzte stellten sich ein, und dann kam der Abreisende heraus, -– strahlenden Angesichtes meist und huldvoll die neugierig -Umstehenden und Zurückbleibenden grüßend, mächtig belebt -für den Augenblick durch das Abenteuer ... Diesmal nun war -es Frau Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd, -den Arm voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem -Reisemantel und großem Hut, begleitet von Herrn Buligin, -ihrem konkaven Landsmann, der ein Stück Weges mit ihr reiste. -Auch sie schien freudig erregt, wie jeder Abreisende es war, – -nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig davon, ob man -mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus verzweifeltem -Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen den -Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte -beständig, wahrscheinlich auf russisch, während man ihre -Knie mit einer Pelzdecke umwickelte ... Nicht nur Frau Chauchats -Landsleute und Tischgenossen, sondern auch zahlreiche -andere Gäste waren zur Stelle gewesen, Dr. Krokowski hatte -kernig lächelnd seine gelben Zähne im Barte gezeigt, noch -mehr Blumen hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt, -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -„Konfäktchen“, wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische -Marmelade, gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der -Mannheimer, – dieser in einiger Entfernung, trübe spähend, -und seine leidvollen Augen waren am Hause emporgeglitten, wo -sie Hans Castorp am Korridorfenster gewahrt und trübe auf -ihm verweilt hatten ... Hofrat Behrens hatte sich nicht gezeigt; -offenbar hatte er sich von der Reisenden schon bei anderer, privater -Gelegenheit verabschiedet ... Dann hatten unter dem Winken -und Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch -Frau Chauchats schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbewegung -des Schlittens ein Zurücksinken ihres Oberkörpers -gegen das Polster bewirkt hatte, noch einmal lächelnd -die Front des Berghof-Hauses überflogen und während des -Bruchteils einer Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt ... -Bleich war der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine -Loggia, um den Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen, -der mit Geklingel die Anfahrtstraße hinab gegen „Dorf“ hingeglitten -war, hatte sich dann in seinen Stuhl geworfen und -aus der Brusttasche die Erinnerungsgabe gezogen, das Pfand, -das diesmal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln, sondern in -einem dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand, -die man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu -finden, – Clawdias Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber -das zarte Gebein ihres Oberkörpers, von den weichen Formen -des Fleisches licht und geisterhaft umgeben, nebst den Organen -der Brusthöhle erkennen ließ ... -</p> - -<p> -Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in -der Zeit, die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung -gezeitigt hatte! Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier -oben in räumlich weiter Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -sie gezeitigt, und zwar geschwinder, als man hätte denken sollen: -die hiesige Zeit war ja besonders danach geartet und außerdem -zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen, wenn auch -nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der klirrende -Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war -nicht mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in -ungeheuerer Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen, -– eine Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit -auf ähnliche Art vermengt und verbunden war wie die Zeit -mit den Körpern im Raum: vielleicht <em>war</em> das ihre Krankheit, -und nichts weiter ... Aber war sie unsichtbar-abwesend, so war -sie doch zugleich auch unsichtbar-anwesend für Hans Castorps -Sinn, – der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in ausschreitungsvoll -süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein friedliches -kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen -hatte, und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun -Monaten so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug. -</p> - -<p> -In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder -Sprache und in der angeborenen so manches Ausschreitungsvolle -halb unbewußt und halb erstickt gestammelt: Vorschläge, -Anerbietungen, tolle Entwürfe und Willensvorsätze, denen alle -Billigung mit Fug und Recht versagt geblieben war, – so, daß -er den Genius über den Kaukasus begleiten, ihm nachreisen, -ihn an dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich zum -nächsten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals -mehr von ihm zu trennen, und andere Unverantwortlichkeiten -mehr. Was der schlichte junge Mann mitgenommen -hatte aus dieser Stunde tiefen Abenteuers, war eben nur das -Schattenpfand gewesen und die dem Range des Wahrscheinlichen -sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -vierten Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später, -wie die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde. -Aber ob früher oder später, – Hans Castorp, so hatte es auch -beim Abschied wieder geheißen, werde dann unbedingt „längst -weit fort“ sein; und der geringschätzige Sinn dieser Prophezeiung -wäre noch schwerer erträglich gewesen, wenn man nicht -hätte bedenken können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden, -damit sie eintreten, sondern damit sie <em>nicht</em> eintreten, gleichsam -im Sinn der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen -die Zukunft, indem sie ihr sagen, wie sie sich gestalten -werde, damit sie sich schäme, sich wirklich so zu gestalten. Und -wenn der Genius ihn, Hans Castorp, im Laufe des mitgeteilten -Gesprächs und außerhalb seiner einen „<span class="antiqua" lang="fr">joli bourgeois au -petit endroit humide</span>“ genannt hatte, was etwas wie die Übersetzung -der Redensart Settembrinis vom „Sorgenkind des Lebens“ -gewesen war, so fragte es sich eben, welcher Bestandteil -dieser Wesensmischung sich als stärker erweisen würde: der bourgeois -oder das andere ... Auch hatte der Genius nicht in Betracht -gezogen, daß er selbst ja verschiedentlich abgereist und -wiedergekommen war, und daß auch Hans Castorp im rechten -Augenblick würde wiederkommen können, – obgleich er ja freilich -überhaupt nur deshalb noch immer hier oben saß, damit -er <em>nicht</em> wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie -bei so vielen, der Sinn seines Verweilens. -</p> - -<p> -<em>Eine</em> spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war eingetroffen: -Hans Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, -in steiler Zacke, die er mit einem Gefühl von Festlichkeit eingezeichnet, -war seine Kurve damals emporgestiegen und, nach -einigem Absinken, als Hochplateau fortgelaufen, das sich, nur -leicht gewellt, dauernd über der Ebene des bisher Gewohnten -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und Hartnäckigkeit -nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund -in keinem rechten Verhältnis stand. „Sind eben doch vergifteter, -als man Ihnen zutrauen sollte, Freundchen“, sagte er. -„Na, greifen wir mal zu den Injektionen! Das wird Ihnen -anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie wie der Fisch im -Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht.“ So kam es, -daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch -und Sonnabend gleich nach der Morgenmotion, sich im „Labor“ -drunten einzufinden hatte, um seine Einspritzung entgegenzunehmen. -</p> - -<p> -Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald -jener, aber der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, -indem er beim Einstich zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte -er sich nicht um die Stelle, wohin er stach, so daß der Schmerz -zuweilen des Teufels war und der Punkt noch lange brennend -verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark angreifend -auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie -eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr -innewohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmittelbar, -für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: -so hatte der Hofrat es vorausgesagt, und so geschah es denn -auch, gesetzmäßig und ohne daß es an der vorausgesagten Erscheinung -etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur war rasch -abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen -hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des -Schenkels oder Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat -sich eben aufgelegt und vom Tabak nicht getrübt zeigte, kam -es anläßlich der Injektion doch zu einem kleinen Gespräch mit -ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken wußte: -</p> - -<p> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -„Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde -damals bei Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, -wie sich das zufällig so machte. Gerade noch gestern, oder ist -es schon etwas länger her, habe ich meinen Vetter daran erinnert ...“ -</p> - -<p> -„Gaffky sieben“, sagte der Hofrat. „Letztes Ergebnis. Der -Junge will und will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei -hat er mich noch nie so getirrt und geplagt wie neuerdings, -daß er weg will und einen Schleppsäbel haben, der Kindskopf. -Zetert mir über seine fünf Vierteljährchen vor, als ob es Äonen -wären, die er sich um die Ohren geschlagen. Weg will er, so -oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie sollten ihm mal -ins Gewissen reden, von Ihnen aus, und das mit Nachdruck! -Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig -Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser -braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der -Gesetztere, der Zivilist, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten -ihm den Kopf zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.“ -</p> - -<p> -„Tu ich, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp, ohne die -Führung fahren zu lassen. „Tu ich öfters, wenn er so aufmuckt, -und denke ja auch, er wird Räson annehmen. Aber die -Beispiele, die man vor Augen hat, sind ja nicht immer die besten, -das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen vor, – Abreisen -ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis, -aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und -hat was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel -neulich ... wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame, -vom Guten Russentisch, Madame Chauchat. Nach Daghestan, -wie erzählt wurde. Nun, Daghestan, ich kenne das Klima nicht, -es ist am Ende weniger ungünstig als oben am Wasser. Aber -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht auch -gebirgig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so beschlagen. -Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo -die Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung -hier oben weiß und wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? -Übrigens will sie ja ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich -mitgeteilt, – wie kamen wir überhaupt auf sie? – -Ja, damals trafen wir Sie im Garten, Herr Hofrat, wenn Sie -sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen auf einer -Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt’ ich sie Ihnen -bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich -rauchte, denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. -Und Sie rauchten auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig -noch unsere Marken, wie mir eben wieder einfällt, – Ihre -Brasil hat mir ausgezeichnet geschmeckt, aber man muß damit -umgehen wie mit jungen Pferden, glaub ich, sonst stößt einem -was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen Importen, -als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es -gut gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini -hab ich mir übrigens neulich wieder einmal ein paar hundert -Stück aus Bremen verschrieben, ich hänge doch sehr an dem -Erzeugnis, es ist mir nach jeder Richtung sympathisch. Nur -allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist ziemlich -empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches -zulegen, Herr Hofrat, so bin ich imstande und bekehre -mich schließlich zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den -Fenstern ganz schöne Sachen. Und dann durften wir Ihre Bilder -sehen, ich weiß es wie heute und hatte den größten Genuß -davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der Ölfarbe -riskieren, ich würd es mich nie unterstehen. Da sahen wir ja -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig gemalten -Haut, – ich darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte -ich das Modell noch nicht, nur vom Ansehen, dem Namen nach. -Seitdem, ganz kurz vor ihrer diesmaligen Abreise, habe ich sie -ja noch persönlich kennen gelernt.“ -</p> - -<p> -„Was Sie sagen!“ erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die -Rückbeziehung erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp -ihm vor seiner ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens -auch etwas Fieber habe. Und weiter sagte er nichts. -</p> - -<p> -„Doch, ja, das habe ich“, bestätigte Hans Castorp. „Erfahrungsgemäß -ist es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften -zu machen, aber mit Frau Chauchat und mir hat es sich -in letzter Stunde doch noch getroffen und arrangiert, gesprächsweise -sind wir uns ...“ Hans Castorp zog die Luft durch die -Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. „Fff!“ machte -er rückwärts. „Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den -Sie da zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es -schmerzt höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die -Sache ... Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen.“ -</p> - -<p> -„So! – Na?“ machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend, -mit jemandes Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet -und in die Frage zugleich die Bestätigung des zu erwartenden -Lobes aus eigener Erfahrung legt. -</p> - -<p> -„Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas gehapert -hat“, wich Hans Castorp aus. „Woher soll ichs am -Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt <a id="corr-0"></a>einen ja -manches an, und so ging es denn mit der Verständigung doch -ganz leidlich.“ -</p> - -<p> -„Glaub’ ich. Na?“ wiederholte der Hofrat seine Aufforderung. -Von sich aus fügte er hinzu: „Niedlich, was?“ -</p> - -<p> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit gespreizten -Beinen und Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt. -</p> - -<p> -„Es ist am Ende nichts Neues“, sagte er. „An einem Badeort -leben zwei Personen oder auch Familien wochenlang unter -demselben Dach, in Distanz. Eines Tages machen sie Bekanntschaft, -finden aufrichtiges Gefallen aneinander, und zugleich -stellt sich heraus, daß der eine Teil im Begriffe ist, abzureisen. -So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir denken. Und -da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im -Leben, voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau -Chauchat ...“ -</p> - -<p> -„Tja, die will wohl nicht?“ lachte der Hofrat gemütlich. -</p> - -<p> -„Nein, sie wollte nichts davon wissen. Schreibt sie Ihnen -denn auch nie zwischendurch, von ihren Aufenthaltsorten?“ -</p> - -<p> -„I, Gott bewahre“, antwortete Behrens. „Das fällt doch -der nicht ein. Erstens aus Faulheit nicht, und dann, wie soll -sie denn schreiben? Russisch kann ich nicht lesen, – ich kauderwelsche -es wohl mal, wenn Not an den Mann kommt, aber -lesen kann ich kein Wort. Und Sie doch auch nicht. Na, und -Französisch oder auch Neuhochdeutsch miaut das Kätzchen ja -allerliebst, aber schreiben, – da käme sie in die größte Verlegenheit. -Die Orthographie, lieber Freund! Nein, da müssen wir -uns schon trösten, mein Junge. Sie kommt ja immer mal wieder, -von Zeit zu Zeit. Frage der Technik, Temperamentssache, -wie gesagt. Der eine hält dann und wann Abreise und muß -immer wiederkommen, und der andere bleibt gleich so lange, -daß er nie wiederzukommen braucht. Wenn Ihr Vetter jetzt -abreist, das sagen Sie ihm nur, so kann es leicht sein, daß Sie -seinen solennen Wiedereinzug noch hier erleben.“ -</p> - -<p> -„Aber Herr Hofrat, wie lange meinen Sie denn, daß ich ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -„Daß Sie? Daß er! Daß er nicht so lange untenbleiben -wird, wie er hier oben war. Das meine ich für meine treuherzige -Person, und das ist mein Auftrag an Sie für ihn, wenn -Sie so freundlich sein wollen.“ -</p> - -<p> -Ähnlich mochte wohl so ein Gespräch verlaufen, pfiffig gelenkt -von Hans Castorp, wenn das Ergebnis auch nichtig bis -zweideutig gewesen war. Denn was das betraf, wie lange man -bleiben müsse, um die Wiederkehr eines vor der Zeit Abgereisten -zu erleben, war es zweideutig gewesen, in Hinsicht auf die Entschwundene -aber gleich null. Hans Castorp würde nichts von -ihr hören, solange das Geheimnis von Raum und Zeit sie -trennte; sie würde nicht schreiben, und auch ihm würde keine -Gelegenheit gegeben sein, es zu tun ... Warum denn auch übrigens, -hätte es sich anders verhalten sollen, wenn er es wohl -überlegte? War es nicht eine recht bürgerliche und pedantische -Vorstellung von ihm gewesen, daß sie einander schreiben -müßten, während ihm doch ehemals zumute gewesen war, -als sei es nicht einmal nötig oder nur wünschenswert, daß sie -miteinander <em>sprächen</em>? Und hatte er denn auch etwa mit ihr -„gesprochen“, im Sinne des gebildeten Abendlandes, an ihrer -Seite am Faschingsabend, oder nicht vielmehr fremdsprachig -im Traum geredet, auf wenig zivilisierte Weise? Wozu denn -also nun schreiben, auf Briefpapier oder Ansichtskarten, wie -er sie manchmal nach Hause ins Flachland richtete, um über -die Schwankungen der Untersuchungsergebnisse zu berichten? -Hatte Clawdia nicht recht, sich vom Schreiben entbunden zu fühlen, -kraft der Freiheit, welche die Krankheit ihr gab? Sprechen, -schreiben, – eine hervorragend humanistisch-republikanische -Angelegenheit in der Tat, Angelegenheit des Herrn Brunetto -Latini, der das Buch von den Tugenden und Lastern schrieb -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -und den Florentinern Schliff gab, sie das Sprechen lehrte und die -Kunst, ihre Republik nach den Regeln der Politik zu lenken ... -</p> - -<p> -Damit fielen Hans Castorps Gedanken denn auf Lodovico -Settembrini, und er errötete, wie er damals errötet war, als der -Schriftsteller unvermutet sein Krankenzimmer betreten hatte, -unter plötzlicher Erleuchtung desselben. An Herrn Settembrini -hätte Hans Castorp ja ebenfalls seine Fragen, die übersinnlichen -Rätsel betreffend, richten können, wenn auch nur im Sinne -der Herausforderung und der Quengelei, nicht in der Erwartung, -von dem Humanisten, dessen Trachten den irdischen Lebensinteressen -galt, Antwort darauf zu erhalten. Aber seit der -Faschingsgeselligkeit und Settembrinis bewegtem Abgang aus -dem Klaviersalon waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener -eine Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des -einen, sowie auf die tiefe pädagogische Verstimmung des andern -zurückzuführen war und dahin wirkte, daß sie einander -mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen gewechselt -wurde. War Hans Castorp noch ein „Sorgenkind des Lebens“ -in Herrn Settembrinis Augen? Nein, er war wohl ein Aufgegebener -in den Augen dessen, der die Moral in der Vernunft -und der Tugend suchte ... Und Hans Castorp verstockte sich gegen -Herrn Settembrini, er zog die Brauen zusammen und warf -die Lippen auf, wenn sie einander begegneten, während Herrn -Settembrinis schwarz glänzender Blick mit schweigendem Vorwurf -auf ihm ruhte. Dennoch löste diese Verstocktheit sich sofort, -als der Literat nach Wochen, wie gesagt, zum erstenmal -wieder das Wort an ihn richtete, wenn auch nur im Vorüberstreifen -und in Form mythologischer Anspielungen, zu deren -Verständnis abendländische Bildung gehörte. Es war nach dem -Diner; sie trafen in der nicht mehr zufallenden Glastür zusammen. -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Settembrini sagte, den jungen Mann überholend und -von vornherein im Begriff, sich gleich wieder von ihm zu lösen: -</p> - -<p> -„Nun, Ingenieur, wie hat der Granatapfel gemundet?“ -</p> - -<p> -Hans Castorp lächelte erfreut und verwirrt. -</p> - -<p> -„Das heißt ... Wie meinen Sie, Herr Settembrini? Granatapfel? -Es gab doch keine? Ich habe nie im Leben ... Doch, -einmal habe ich Granatapfelsaft mit Selters getrunken. Es -schmeckte zu süßlich.“ -</p> - -<p> -Der Italiener, schon vorüber, wandte den Kopf zurück und -artikulierte: -</p> - -<p> -„Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich -besucht und den Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen -wissen, daß, wer von den Früchten ihres Reiches kostet, ihnen -verfallen bleibt.“ -</p> - -<p> -Und er ging weiter, in seinen ewig hell gewürfelten Hosen, -und ließ im Rücken Hans Castorp, der „durchbohrt“ sein sollte -von so viel Bedeutung und es gewissermaßen auch war, obgleich -er, ärgerlich erheitert über die Zumutung, es zu sein, vor -sich hin murmelte: -</p> - -<p> -„Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!“ -</p> - -<p> -Gleichwohl war er sehr glücklich bewegt über diese erste Anrede; -denn trotz der Trophäe, dem makabren Angebinde, das -er auf dem Herzen trug, hing er an Herrn Settembrini, legte -großes Gewicht auf sein Dasein, und der Gedanke, gänzlich -und auf immer von ihm verworfen und aufgegeben zu sein, -wäre denn doch beschwerender und schrecklicher für seine Seele -gewesen, als das Gefühl des Knaben, der in der Schule nicht -mehr in Betracht gekommen war und die Vorteile der Schande -genossen hatte, wie Herr Albin ... Doch wagte er nicht, von -seiner Seite das Wort an den Mentor zu richten, und dieser -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -ließ abermals Wochen vergehen, bis er sich dem Sorgenzögling -wieder einmal näherte. -</p> - -<p> -Das geschah, als auf den in ewig eintönigem Rhythmus anrollenden -Meereswogen der Zeit Ostern herangetrieben war -und auf „Berghof“ begangen wurde, wie man alle Etappen -und Einschnitte dort aufmerksam beging, um ein ungegliedertes -Einerlei zu vermeiden. Beim ersten Frühstück fand jeder Gast -neben seinem Gedecke ein Veilchensträußchen, beim zweiten -Frühstück erhielt jedermann ein gefärbtes Ei, und die festliche -Mittagstafel war mit Häschen geschmückt aus Zucker und -Schokolade. -</p> - -<p> -„Haben Sie je eine Schiffsreise gemacht, Tenente, oder Sie, -Ingenieur?“ fragte Herr Settembrini, als er nach Tische in -der Halle mit seinem Zahnstocher an das Tischchen der Vettern -herantrat ... Wie die Mehrzahl der Gäste kürzten sie heute den -Hauptliegedienst um eine Viertelstunde, indem sie sich hier zu -einem Kaffee mit Kognak niedergelassen hatten. „Ich bin erinnert -durch diese Häschen, diese gefärbten Eier an das Leben -auf so einem großen Dampfer, bei leerem Horizont seit Wochen, -in salziger Wüstenei, unter Umständen, deren vollkommene -Bequemlichkeit ihre Ungeheuerlichkeit nur oberflächlich vergessen -läßt, während in den tieferen Gegenden des Gemütes -das Bewußtsein davon als ein geheimes Grauen leise fortnagt ... -Ich erkenne den Geist wieder, in dem man an Bord -einer solchen Arche die Feste der <span class="antiqua" lang="la">terraferma</span> pietätvoll andeutet. -Es ist das Gedenken von Außerweltlichen, empfindsame -Erinnerung nach dem Kalender ... Auf dem Festlande wäre -heut Ostern, nicht wahr? Auf dem Festlande begeht man heut -Königs Geburtstag, – und wir tun es auch, so gut wir können, -wir sind auch Menschen ... Ist es nicht so?“ -</p> - -<p> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Die Vettern stimmten zu. Wahrhaftig, so sei es. Hans Castorp, -gerührt von der Anrede und vom schlechten Gewissen -gespornt, lobte die Äußerung in hohen Tönen, fand sie geistreich, -vorzüglich und schriftstellerisch und redete Herrn Settembrini -aus allen Kräften nach dem Munde. Gewiß, nur oberflächlich, -ganz wie Herr Settembrini es so plastisch gesagt habe, -lasse der Komfort auf dem Ozean-Steamer die Umstände und -ihre Gewagtheit vergessen, und es liege, wenn er auf eigene -Hand das hinzufügen dürfe, sogar eine gewisse Frivolität und -Herausforderung in diesem vollendeten Komfort, etwas dem -ähnliches, was die Alten Hybris genannt hätten (sogar die -Alten zitierte er aus Gefallsucht), oder dergleichen, wie „Ich -bin der König von Babylon!“, kurz Frevelhaftes. Auf der anderen -Seite aber involviere („involviere“!) der Luxus an Bord -doch auch einen großen Triumph des Menschengeistes und der -Menschenehre, – indem er diesen Luxus und Komfort auf die -salzigen Schäume hinaustrage und dort kühnlich aufrecht erhalte, -setze der Mensch gleichsam den Elementen den Fuß auf -den Nacken, den wilden Gewalten, und das involviere den Sieg -der menschlichen Zivilisation über das Chaos, wenn er auf eigene -Hand diesen Ausdruck gebrauchen dürfe ... -</p> - -<p> -Herr Settembrini hörte ihm aufmerksam zu, die Füße gekreuzt -und die Arme ebenfalls, wobei er sich auf zierliche Art -mit dem Zahnstocher den geschwungenen Schnurrbart strich. -</p> - -<p> -„Es ist bemerkenswert“, sagte er. „Der Mensch tut keine -nur einigermaßen gesammelte Äußerung allgemeiner Natur, -ohne sich ganz zu verraten, unversehens sein ganzes Ich hineinzulegen, -das Grundthema und Urproblem seines Lebens irgendwie -im Gleichnis darzustellen. So ist es Ihnen soeben ergangen, -Ingenieur. Was Sie da sagten, kam in der Tat aus dem Grunde -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Ihrer Persönlichkeit, und auch den zeitlichen Zustand dieser Persönlichkeit -drückte es auf dichterische Weise aus: es ist immer -noch der Zustand des Experimentes ...“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="la">Placet experiri!</span>“ sagte Hans Castorp nickend und lachend, -mit italienischem <span class="antiqua">c</span>. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">Sicuro</span>, – wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft -der Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit. -Sie sprachen von ‚Hybris‘, Sie bedienten sich dieses Ausdrucks. -Aber die Hybris der Vernunft gegen die dunklen Gewalten ist -höchste Menschlichkeit, und beschwört sie die Rache neidischer -Götter herauf, <span class="antiqua" lang="it">per esempio</span>, indem die Luxusarche scheitert -und senkrecht in die Tiefe geht, so ist das ein Untergang in -Ehren. Auch die Tat des Prometheus war Hybris, und seine -Qual am skythischen Felsen gilt uns als heiligstes Martyrium. -Wie steht es dagegen um jene andere Hybris, um den Untergang -im buhlerischen Experiment mit den Mächten der Widervernunft -und der Feindschaft gegen das Menschengeschlecht? -Hat das Ehre? Kann das Ehre haben? <span class="antiqua" lang="it">Sì o no!</span>“ -</p> - -<p> -Hans Castorp rührte in seinem Täßchen, obgleich nichts mehr -darin war. -</p> - -<p> -„Ingenieur, Ingenieur,“ sagte der Italiener mit dem Kopfe -nickend, und seine schwarzen Augen hatten sich sinnend „festgesehen“, -„fürchten Sie nicht den Wirbelsturm des zweiten Höllenkreises, -der die Fleischessünder prellt und schwenkt, die Unseligen, -die die Vernunft der Lust zum Opfer brachten? <span class="antiqua" lang="it">Gran -Dio</span>, wenn ich mir einbilde, wie Sie kopfüber, kopfunter umhergepustet -flattern werden, so möchte ich vor Kummer umfallen -wie eine Leiche fällt ...“ -</p> - -<p> -Sie lachten, froh, daß er scherzte und Poetisches redete. Aber -Settembrini setzte hinzu: -</p> - -<p> -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -„Am Faschingsabend beim Wein, Sie erinnern sich, Ingenieur, -nahmen Sie gewissermaßen Abschied von mir, doch, es -war etwas dem ähnliches. Nun, heute bin <em>ich</em> an der Reihe. -Wie Sie mich hier sehen, meine Herren, bin ich im Begriff, -Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich verlasse dies Haus.“ -</p> - -<p> -Beide verwunderten sich aufs höchste. -</p> - -<p> -„Nicht möglich! Das ist nur Scherz!“ rief Hans Castorp, wie -er bei anderer Gelegenheit auch gerufen hatte. Er war fast ebenso -erschrocken wie damals. Aber auch Settembrini erwiderte: -</p> - -<p> -„Durchaus nicht. Es ist, wie ich Ihnen sage. Und übrigens -trifft Sie diese Nachricht nicht unvorbereitet. Ich habe Ihnen -erklärt, daß in dem Augenblick, wo sich meine Hoffnung, in -irgendwie absehbarer Zeit in die Welt der Arbeit zurückkehren -zu können, als unhaltbar erweisen werde, ich hier meine Zelte -abzubrechen und irgendwo im Orte mich für die Dauer einzurichten -entschlossen sei. Was wollen Sie nun, – dieser Augenblick -ist eingetreten. Ich kann nicht genesen, es ist ausgemacht. -Ich kann mein Leben fristen, aber nur hier. Das Urteil, das -endgültige Urteil, lautet auf lebenslänglich, – mit der ihm eigenen -Aufgeräumtheit hat Hofrat Behrens es mir verkündet. Gut -denn, ich ziehe die Folgerungen. Ein Logis ist gemietet, ich bin -im Begriffe, meine geringe irdische Habe, mein literarisches -Handwerkszeug dorthin zu schaffen ... Es ist nicht einmal weit -von hier, in „Dorf“, wir werden einander begegnen, gewiß, -ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, als Hausgenosse -aber habe ich die Ehre, mich von Ihnen zu verabschieden.“ -</p> - -<p> -So Settembrinis Eröffnung am Ostersonntag. Die Vettern -hatten sich außerordentlich bewegt darüber gezeigt. Des längeren -noch, und wiederholt, hatten sie mit dem Literaten über -seinen Entschluß gesprochen: darüber, wie er auch privatim -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -den Kurdienst weiter werde ausüben können, über die Mitnahme -und Fortführung ferner der weitläufigen enzyklopädischen Arbeit, -die er auf sich genommen, jener Übersicht aller schöngeistigen -Meisterwerke, unter dem Gesichtspunkt der Leidenskonflikte und -ihrer Ausmerzung; endlich auch über sein zukünftiges Quartier -im Hause eines „Gewürzkrämers“, wie Herr Settembrini sich -ausdrückte. Der Gewürzkrämer, berichtete er, habe den oberen -Teil seines Eigentums an einen böhmischen Damenschneider -vermietet, der seinerseits Aftermieter aufnehme ... Diese Gespräche -also lagen zurück. Die Zeit schritt fort, und mehr als -eine Veränderung hatte sie bereits gezeitigt. Settembrini wohnte -wirklich nicht mehr im internationalen Sanatorium „Berghof“, -sondern bei Lukaček, dem Damenschneider, – schon seit -einigen Wochen. Nicht in Form einer Schlittenabreise hatte -sein Auszug sich abgespielt, sondern zu Fuß, in kurzem, gelbem -Paletot, der am Kragen und an den Ärmeln ein wenig mit Pelz -besetzt war, und begleitet von einem Mann, der auf einem -Schubkarren das literarische und das irdische Handgepäck des -Schriftstellers beförderte, hatte man ihn stockschwingend davongehen -sehen, nachdem er noch unterm Portal eine Saaltochter -mit den Rücken zweier Finger in die Wange gezwickt ... -Der April, wie wir sagten, lag schon zu einem guten Teil, zu -drei Vierteln, im Schatten der Vergangenheit, noch war es tiefer -Winter, gewiß, im Zimmer hatte man knappe sechs Wärmegrade -am Morgen, draußen war neungradige Kälte, die Tinte -im Glase, wenn man es in der Loggia ließ, gefror über Nacht -noch immer zu einem Eisklumpen, einem Stück Steinkohle. Aber -der Frühling nahte, das wußte man; am Tage, wenn die Sonne -schien, spürte man hie und da bereits eine ganz leise, ganz zarte -Ahnung von ihm in der Luft; die Periode der Schneeschmelze -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -stand in naher Aussicht, und damit hingen die Veränderungen -zusammen, die sich auf „Berghof“ unaufhaltsam vollzogen, – -nicht aufzuhalten selbst durch die Autorität, das lebendige Wort -des Hofrats, der in Zimmer und Saal, bei jeder Untersuchung, -jeder Visite, jeder Mahlzeit das populäre Vorurteil gegen die -Schneeschmelze bekämpfte. -</p> - -<p> -Ob es Wintersportsleute seien, fragte er, mit denen er es zu -tun habe, oder Kranke, Patienten? Wozu in aller Welt sie denn -Schnee, gefrorenen Schnee brauchten? Eine ungünstige Zeit, – -die Schneeschmelze? Die allergünstigste sei es! Nachweislich -gäbe es im ganzen Tal um diese Zeit verhältnismäßig weniger -Bettlägrige, als irgendwann sonst im Jahre! Überall in -der weiten Welt seien die Wetterbedingungen für Lungenkranke -zu dieser Frist schlechter als gerade hier! Wer einen Funken -Verstand habe, der harre aus und nutze die abhärtende Wirkung -der hiesigen Witterungsverhältnisse. Danach dann sei er -fest gegen Hieb und Stich, gefeit gegen jedes Klima der Welt, -vorausgesetzt nur, daß der volle Eintritt der Heilung abgewartet -worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte <a id="corr-2"></a>gut -reden, – die Voreingenommenheit gegen die Schneeschmelze -saß fest in den Köpfen, der Kurort leerte sich; wohl möglich, -daß es der sich nähernde Frühling war, der den Leuten im Leibe -rumorte und seßhafte Leute unruhig und veränderungssüchtig -machte, – jedenfalls mehrten die „wilden“ und „falschen“ Abreisen -sich auch im Hause Berghof bis zur Bedenklichkeit. Frau -Salomon aus Amsterdam zum Beispiel, trotz dem Vergnügen, -das die Untersuchungen und das damit verbundene Zurschaustellen -feinster Spitzenwäsche ihr bereiteten, reiste vollständig -wilder- und falscherweise ab, ohne jede Erlaubnis und nicht, -weil es ihr besser, sondern weil es ihr immer schlechter ging. -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -Ihr Aufenthalt hier oben verlor sich weit zurück hinter Hans -Castorps Ankunft; länger als ein Jahr war es her, daß sie eingetroffen -war, – mit einer ganz leichten Affektion, für die ihr -drei Monate zudiktiert worden waren. Nach vier Monaten -hatte sie „in vier Wochen sicher gesund“ sein sollen, aber sechs -Wochen später hatte von Heilung überhaupt nicht die Rede -sein können: sie müsse, hatte es geheißen, mindestens noch vier -Monate bleiben. So war es fortgegangen, und es war ja kein -Bagno und kein sibirisches Bergwerk hier, – Frau Salomon -war geblieben und hatte feinstes Unterzeug an den Tag gelegt. -Da sie nun aber nach der letzten Untersuchung, im Angesicht -der Schneeschmelze, eine neue Zulage von fünf Monaten -erhalten hatte, wegen Pfeifens links oben und unverkennbarer -Mißtöne unter der linken Achsel, war ihr die Geduld -gerissen, und mit Protest, unter Schmähungen auf „Dorf“ -und „Platz“, auf die berühmte Luft, das internationale Haus -Berghof und die Ärzte reiste sie ab, nach Hause, nach Amsterdam, -einer zugigen Wasserstadt. -</p> - -<p> -War das klug gehandelt? Hofrat Behrens hob Schultern -und Arme auf und ließ die letzteren geräuschvoll gegen die Schenkel -zurückfallen. Spätestens im Herbst, sagte er, werde Frau -Salomon wieder da sein, – dann aber auf immer. Würde er -recht behalten? Wir werden sehen, wir sind noch auf längere -Erdenzeit an diesen Lustort gebunden. Aber der Fall Salomon -war also durchaus nicht der einzige seiner Art. Die Zeit -zeitigte Veränderungen, – sie hatte das ja immer getan, aber -allmählicher, nicht so auffallend. Der Speisesaal wies Lücken -auf, Lücken an allen sieben Tischen, am Guten Russentisch wie -am Schlechten, an den längs- wie an den querstehenden. Nicht -gerade, daß dies von der Frequenz des Hauses ein zuverlässiges -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -Bild gegeben hätte; auch Ankünfte, wie jederzeit, hatten stattgefunden; -die Zimmer mochten besetzt sein, aber da handelte es -sich eben um Gäste, die durch finalen Zustand in ihrer Freizügigkeit -eingeschränkt waren. Im Speisesaal, wie wir sagten, fehlte -manch einer dank noch bestehender Freizügigkeit; manch einer -aber tat es sogar auf eine besonders tiefe und hohle Weise, wie -Dr. Blumenkohl, der tot war. Immer stärker hatte sein Gesicht -den Ausdruck angenommen, als habe er etwas schlecht -Schmeckendes im Munde; dann war er dauernd bettlägrig geworden -und dann gestorben, – niemand wußte genau zu sagen, -wann; mit aller gewohnten Rücksicht und Diskretion war -die Sache behandelt worden. Eine Lücke. Frau Stöhr saß neben -der Lücke, und sie graute sich vor ihr. Darum siedelte sie an des -jungen Ziemßen andere Seite über, an den Platz Miß Robinsons, -die als geheilt entlassen worden, gegenüber der Lehrerin, -Hans Castorps linksseitiger Nachbarin, die fest auf ihrem Posten -geblieben war. Ganz allein saß sie derzeit an dieser Tischseite, -die übrigen drei Plätze waren frei. Student Rasmussen, -der täglich dümmer und schlaffer geworden, war bettlägrig -und galt für moribund; und die Großtante war mit ihrer -Nichte und der hochbrüstigen Marusja verreist, – wir sagen -„verreist“, wie alle es sagten, weil ihre Rückkehr in naher Zeit -eine ausgemachte Sache war. Zum Herbst schon würden sie -wieder eintreffen, – war das eine Abreise zu nennen? Wie -nah war nicht Sommersonnenwende, wenn erst einmal Pfingsten -gewesen war, das vor der Türe stand; und kam der längste -Tag, so gings ja rapide bergab, auf den Winter zu, – kurzum, -die Großtante und Marusja waren beinahe schon wieder -da, und das war gut, denn die lachlustige Marusja war keineswegs -ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte etwas -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja -an ihrer üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals -hatten operiert werden müssen. Hans Castorp hatte, als die -Lehrerin davon sprach, hastig auf Joachim geblickt, der sein -fleckig gewordenes Gesicht über seinen Teller geneigt hatte. -</p> - -<p> -Die muntere Großtante hatte den Tischgenossen, also den -Vettern, der Lehrerin und Frau Stöhr ein Abschiedssouper im -Restaurant gegeben, eine Schmauserei mit Kaviar, Champagner -und Likören, bei der Joachim sich sehr still verhalten, ja, -nur einzelnes mit fast tonloser Stimme gesprochen hatte, so daß -die Großtante in ihrer Menschenfreundlichkeit ihm Mut zugesprochen -und ihn dabei, unter Ausschaltung zivilisierter Sittengesetze, -sogar geduzt hatte. „Hat nichts auf sich, Väterchen, -mach dir nichts draus, sondern trink, iß und sprich, wir kommen -bald wieder!“ hatte sie gesagt. „Wollen wir alle essen, -trinken und schwatzen und den Gram – Gram sein lassen, Gott -läßt Herbst werden, eh wirs gedacht, urteile selbst, ob Grund -ist zum Kummer!“ Am nächsten Morgen hatte sie zur Erinnerung -bunte Schachteln mit „Konfäktchen“ an fast alle Besucher -des Speisesaales verteilt und war dann mit ihren beiden -jungen Mädchen etwas verreist. -</p> - -<p> -Und Joachim, wie stand es um ihn? War er befreit und -erleichtert seitdem, oder litt seine Seele schwere Entbehrung angesichts -der leeren Tischseite? Hing seine ungewohnte und empörerische -Ungeduld, seine Drohung, wilde Abreise halten zu -wollen, wenn man ihn länger an der Nase führe, mit der Abreise -Marusjas zusammen? Oder war vielmehr die Tatsache, -daß er vorderhand eben doch noch nicht reiste, sondern der hofrätlichen -Verherrlichung der Schneeschmelze sein Ohr lieh, auf -jene andere zurückzuführen, daß die hochbusige Marusja nicht -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -ernstlich abgereist, sondern nur etwas verreist war und in fünf -kleinsten Teileinheiten hiesiger Zeit wieder eintreffen würde? -Ach, das war wohl alles auf einmal der Fall, alles in gleichem -Maße; Hans Castorp konnte es sich denken, auch ohne je mit -Joachim über die Sache zu sprechen. Denn dessen enthielt er -sich ebenso streng, wie Joachim es vermied, den Namen einer -anderen etwas Verreisten zu nennen. -</p> - -<p> -Unterdessen aber, an Settembrinis Tisch, an des Italieners -Platz, – wer saß dort seit kurzem, in Gesellschaft holländischer -Gäste, deren Appetit so ungeheuer war, daß jeder von ihnen -sich zu Anfang des täglichen Fünf-Gänge-Diners, noch vor der -Suppe, drei Spiegeleier servieren ließ? Es war Anton Karlowitsch -Ferge, er, der das höllische Abenteuer des Pleura-Choks -erprobt hatte! Ja, Herr Ferge war außer Bett; auch ohne -Pneumothorax hatte sein Zustand sich so gebessert, daß er den -größten Teil des Tages mobil und angekleidet verbrachte und -mit seinem gutmütig-bauschigen Schnurrbart und seinem ebenfalls -gutmütig wirkenden großen Kehlkopf an den Mahlzeiten -teilnahm. Die Vettern plauderten manchmal mit ihm in -Saal und Halle, und auch für die Dienstpromenaden taten sie -sich dann und wann, wenn es sich eben so traf, mit ihm zusammen, -Neigung im Herzen für den schlichten Dulder, der von -hohen Dingen gar nichts zu verstehen erklärte und, dies vorausgesandt, -überaus behaglich von Gummischuhfabrikation -und fernen Gebieten des russischen Reiches, Samara, Georgien, -erzählte, während sie im Nebel durch den Schneewasserbrei -stapften. -</p> - -<p> -Denn die Wege waren wirklich kaum gangbar jetzt, sie befanden -sich in voller Auflösung, und die Nebel brauten. Der -Hofrat sagte zwar, es seien keine Nebel, es seien Wolken; aber -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -das war Wortfuchserei nach Hans Castorps Urteil. Der Frühling -focht einen schweren Kampf, der sich, unter hundert Rückfällen -ins Bitter-Winterliche, durch Monate, bis in den Juni -hinein, erstreckte. Schon im März, wenn die Sonne schien, war -es auf dem Balkon und im Liegestuhl, trotz leichtester Kleidung -und Sonnenschirm, vor Hitze kaum auszuhalten gewesen, und -es gab Damen, die schon damals Sommer gemacht und bereits -beim ersten Frühstück Musselinkleider vorgeführt hatten. -Sie waren in einem Grade entschuldigt durch die Eigenart des -Klimas hier oben, das Verwirrung begünstigte, indem es die -Jahreszeiten meteorologisch durcheinander warf; aber es war -auch bei ihrem Vorwitz viel Kurzsicht und Phantasielosigkeit -im Spiel, jene Dummheit von Augenblickswesen, die nicht zu -denken vermag, daß es noch wieder anders kommen kann, sowie -vor allem Gier nach Abwechslung und zeitverschlingende -Ungeduld: man schrieb März, das war Frühling, das war so -gut wie Sommer, und man zog die Musselinkleider hervor, um -sich darin zu zeigen, ehe der Herbst einfiel. Und das tat er, gewissermaßen. -Im April fielen trübe, naßkalte Tage ein, deren -Dauerregen in Schnee, in wirbelnden Neuschnee überging. Die -Finger erstarrten in der Loggia, die beiden Kamelhaardecken -traten ihren Dienst wieder an, es fehlte nicht viel, daß man zum -Pelzsack gegriffen hätte, die Verwaltung entschloß sich, zu heizen, -und jedermann klagte, man werde um seinen Frühling betrogen. -Alles war dick verschneit gegen Ende des Monats; -aber dann kam Föhn auf, vorausgesagt, vorausgewittert von -erfahrenen und empfindlichen Gästen: Frau Stöhr sowohl, wie -die elfenbeinfarbene Levi, wie nicht minder die Witwe Hessenfeld -spürten ihn einstimmig schon, bevor noch das kleinste Wölkchen -über dem Gipfel des Granitbergs im Süden sich zeigte. -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -Frau Hessenfeld neigte alsbald zu Weinkrämpfen, die Levi -wurde bettlägrig, und Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch -entblößt, bekundete stündlich die abergläubische Befürchtung, -ein Blutsturz möchte sie ereilen; denn die Rede ging, daß Föhnwind -dergleichen befördere und bewirke. Unglaubliche Wärme -herrschte, die Heizung erlosch, man ließ über Nacht die Balkontür -offen und hatte trotzdem morgens elf Grad im Zimmer; -der Schnee schmolz gewaltig, er wurde eisfarben, porös und -löcherig, sackte zusammen, wo er zu Hauf lag, schien sich in die -Erde zu verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war -überall, ein Tropfen und Stürzen im Walde, und die geschaufelten -Schranken an den Straßen, die bleichen Teppiche der -Wiesen verschwanden, wenn auch die Massen allzu reichlich gelegen -hatten, um rasch zu verschwinden. Da gab es wundersame -Erscheinungen, Frühlingsüberraschungen auf Dienstwegen -im Tal, märchenhaft, nie gesehen. Ein Wiesengebreite lag -da, – im Hintergrunde ragte der Schwarzhornkegel, noch ganz -im Schnee, mit dem ebenfalls noch tief verschneiten Scalettagletscher -rechts in der Nähe, und auch das Gelände mit seinem -Heuschober irgendwo lag noch im Schnee, wenn auch die -Decke schon dünn und schütter war, von rauhen und dunklen -Bodenerhebungen da und dort unterbrochen, von trockenem -Grase überall durchstochen. Das war jedoch, wie die Wanderer -fanden, eine unregelmäßige Art von Verschneitheit, die diese -Wiese da aufwies, – in der Ferne, gegen die waldigen Lehnen -hin, war sie dichter, im Vordergrund aber, vor den Augen der -Prüfenden, war das noch winterlich dürre und mißfarbene -Gras mit Schnee nur noch gesprenkelt, betupft, beblümt ... -Sie sahen es näher an, sie beugten sich staunend darüber, – das -war kein Schnee, es waren Blumen, Schneeblumen, Blumenschnee, -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -kurzstielige kleine Kelche, weiß und weißbläulich, es war -Krokus, bei ihrer Ehre, millionenweise dem sickernden Wiesengrunde -entsprossen, so dicht, daß man ihn gut und gern hatte -für Schnee halten können, in den er weiterhin denn auch ununterscheidbar -überging. -</p> - -<p> -Sie lachten über ihren Irrtum, lachten vor Freude über das -Wunder vor ihren Augen, diese lieblich zaghafte und nachahmende -Anpassung des zuerst sich wieder hervorgetrauenden -organischen Lebens. Sie pflückten davon, betrachteten und untersuchten -die zarten Bechergebilde, schmückten ihre Knopflöcher -damit, trugen sie heim, stellten sie in die Wassergläser auf ihren -Zimmern; denn die unorganische Starre des Tales war lang -gewesen, – lang, wenn auch kurzweilig. -</p> - -<p> -Aber der Blumenschnee wurde mit wirklichem zugedeckt, und -auch den blauen Soldanellen, den gelben und roten Primeln -erging es so, die ihm folgten. Ja, wie schwer der Frühling es -hatte, sich durchzuringen und den hiesigen Winter zu überwältigen! -Zehnmal ward er zurückgeworfen, bevor er Fuß fassen -konnte hier oben, – bis zum nächsten Einbruch des Winters, -mit weißem Gestöber, Eiswind und Heizungsbetrieb. Anfang -Mai (denn nun ist es gar schon Mai geworden, während wir -von den Schneeblumen erzählten), Anfang Mai war es schlechthin -eine Qual, in der Loggia nur eine Postkarte ins Flachland -zu schreiben, so schmerzten die Finger vor rauher Novembernässe; -und die fünfeinhalb Laubbäume der Gegend waren kahl -wie die Bäume der Ebene im Januar. Tagelang währte der -Regen, eine Woche lang stürzte er nieder, und ohne die versöhnenden -Eigenschaften des hiesigen Liegestuhltyps wäre es -überaus hart gewesen, im Wolkenqualm, mit nassem, starrem -Gesicht, so viele Ruhestunden im Freien zu verbringen. Insgeheim -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -aber war es ein Frühlingsregen, um den es sich handelte, -und mehr und mehr, je länger er dauerte, gab er als solcher sich -auch zu erkennen. Fast aller Schnee schmolz unter ihm weg; es -gab kein Weiß mehr, nur hie und da noch ein schmutziges Eisgrau, -und nun begannen wahrhaftig die Wiesen zu grünen! -</p> - -<p> -Welch milde Wohltat fürs Auge, das Wiesengrün, nach dem -unendlichen Weiß! Und noch ein anderes Grün war da, an -Zartheit und lieblicher Weiche das Grün des neuen Grases noch -weit übertreffend. Das waren die jungen Nadelbüschel der -Lärchen, – Hans Castorp konnte auf Dienstwegen selten umhin, -sie mit der Hand zu liebkosen und sich die Wange damit -zu streicheln, so unwiderstehlich lieblich waren sie in ihrer Weichheit -und Frische. „Man könnte zum Botaniker werden,“ sagte -der junge Mann zu seinem Begleiter, „man könnte wahr und -wahrhaftig Lust bekommen zu dieser Wissenschaft vor lauter -Spaß an dem Wiedererwachen der Natur nach einem Winter -bei uns hier oben! Das ist ja Enzian, Mensch, was du da -am Abhange siehst, und dies hier ist eine gewisse Sorte von -kleinen gelben Veilchen, mir unbekannt. Aber hier haben wir -Ranunkeln, sie sehen unten ja auch nicht anders aus, aus der -Familie der Ranunkulazeen, gefüllt, wie mir auffällt, eine besonders -reizende Pflanze, zwittrig übrigens, du siehst da eine -Menge Staubgefäße und eine Anzahl Fruchtknoten, ein Andrözeum -und ein Gynäzeum, soviel ich behalten habe. Ich glaube -bestimmt, ich werde mir einen oder den anderen botanischen -Schmöker zulegen, um mich etwas besser zu informieren auf -diesem Lebens- und Wissensgebiet. Ja, wie es nun bunt wird -auf der Welt!“ -</p> - -<p> -„Das kommt noch besser im Juni“, sagte Joachim. „Die -Wiesenblüte hier ist ja berühmt. Aber ich glaube doch nicht, -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -daß ich sie abwarte. – Das hast du wohl von Krokowski, daß -du Botanik studieren willst?“ -</p> - -<p> -Krokowski? Wie meinte er das? Ach so, er kam darauf, -weil Dr. Krokowski sich neulich botanisch gebärdet hatte bei -einer seiner Konferenzen. Denn der ginge freilich fehl, der -meinte, die durch die Zeit gezeitigten Veränderungen wären -so weit gegangen, daß Dr. Krokowski keine Vorträge mehr -gehalten hätte! Vierzehntägig hielt er sie, nach wie vor, im -Gehrock, wenn auch nicht mehr in Sandalen, die er nur sommers -trug und also nun bald wieder tragen würde, – jeden -zweiten Montag im Speisesaal, wie damals, als Hans Castorp, -mit Blut beschmiert, zu spät gekommen war, in seinen -ersten Tagen. Drei Vierteljahre lang hatte der Analytiker -über Liebe und Krankheit gesprochen, – nie viel auf einmal, -in kleinen Portionen, in halb- bis dreiviertelstündigen Plaudereien, -breitete er seine Wissens- und Gedankenschätze aus, -und jedermann hatte den Eindruck, daß er nie werde aufzuhören -brauchen, daß es immer und ewig so weitergehen könne. -Das war eine Art von halbmonatlicher „Tausendundeine -Nacht“, sich hinspinnend von Mal zu Mal ins Beliebige und -wohlgeeignet, wie die Märchen der Scheherezade, einen neugierigen -Fürsten zu befrieden und von Gewalttaten abzuhalten. -In seiner Uferlosigkeit erinnerte Dr. Krokowskis Thema an -das Unternehmen, dem Settembrini seine Mitarbeit geschenkt, -die Enzyklopädie der Leiden; und als wie abwandlungsfähig -es sich erwies, möge man daraus ersehen, daß der Vortragende -neulich sogar von Botanik gesprochen hatte, genauer: von Pilzen -... Übrigens hatte er den Gegenstand vielleicht ein wenig -gewechselt; es war jetzt eher die Rede von Liebe und <em>Tod</em>, -was denn zu mancher Betrachtung teils zart poetischen, teils -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -aber unerbittlich wissenschaftlichen Gepräges Anlaß gab. In -diesem Zusammenhang also war der Gelehrte in seinem östlich -schleppenden Tonfall und mit seinem nur einmal anschlagenden -Zungen-R auf Botanik gekommen, das heißt auf die -Pilze, – diese üppigen und phantastischen Schattengeschöpfe -des organischen Lebens, fleischlich von Natur, dem Tierreich -sehr nahe stehend, – Produkte tierischen Stoffwechsels, Eiweiß, -Glykogen, animalische Stärke also, fanden sich in ihrem Aufbau. -Und Dr. Krokowski hatte von einem Pilz gesprochen, -berühmt schon seit dem klassischen Altertum seiner Form und -der ihm zugeschriebenen Kräfte wegen, – einer Morchel, in -deren lateinischem Namen das Beiwort <span class="antiqua" lang="la">impudicus</span> vorkam, -und dessen Gestalt an die Liebe, dessen Geruch jedoch an den -Tod erinnerte. Denn das war auffallenderweise Leichengeruch, -den der <span class="antiqua" lang="la">Impudicus</span> verbreitete, wenn von seinem glockenförmigen -Hute der grünliche, zähe Schleim abtropfte, der ihn bedeckte, -und der Träger der Sporen war. Aber bei Unbelehrten -galt der Pilz noch heute als aphrodisisches Mittel. -</p> - -<p> -Na, etwas stark war das ja gewesen für die Damen, hatte -Staatsanwalt Paravant gefunden, der, moralisch gestützt durch -des Hofrats Propaganda, die Schneeschmelze hier überdauerte. -Und auch Frau Stöhr, die ebenfalls charaktervoll standhielt -und jeder Versuchung zu wilder Abreise die Stirne bot, hatte -bei Tische geäußert, heute sei Krokowski denn aber doch „obskur“ -gewesen mit seinem klassischen Pilz. „Obskur“, sagte die -Unselige und schändete ihre Krankheit durch namenlose Bildungsschnitzer. -Worüber aber Hans Castorp sich wunderte, -war, daß Joachim auf Dr. Krokowski und seine Botanik anspielte; -denn eigentlich war zwischen ihnen von dem Analytiker -ebensowenig die Rede, wie von der Person Clawdia -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -Chauchats oder der Marusjas, – sie erwähnten ihn nicht, sie -übergingen sein Wesen und Wirken lieber mit Stillschweigen. -Jetzt aber also hatte Joachim den Assistenten genannt, – in -mißlaunigem Tone, wie übrigens auch schon seine Bemerkung, -daß er die volle Wiesenblüte nicht abwarten wolle, recht mißlaunig -geklungen hatte. Der gute Joachim, nachgerade schien -er im Begriff, sein Gleichgewicht einzubüßen; seine Stimme -schwankte beim Sprechen vor Gereiztheit, er war an Sanftmut -und Besonnenheit durchaus nicht mehr der alte. Entbehrte -er das Apfelsinenparfüm? Brachte die Fopperei mit -der Gaffky-Nummer ihn zur Verzweiflung? Konnte er nicht -mit sich selber ins Reine darüber kommen, ob er den Herbst -hier erwarten oder falsche Abreise halten sollte? -</p> - -<p> -In Wirklichkeit war es noch etwas anderes, wodurch dies -gereizte Beben in Joachims Stimme kam und weshalb er des -botanischen Kollegs von neulich in fast höhnischem Tone erwähnt -hatte. Von diesem Etwas wußte Hans Castorp nichts, -oder vielmehr, er wußte nicht, daß Joachim davon wußte, denn -er selbst, dieser Durchgänger, dies Sorgenkind des Lebens und -der Pädagogik, er wußte nur zu gut davon. Mit einem Worte, -Joachim war seinem Vetter auf gewisse Schliche gekommen, -er hatte ihn unversehens bei einer Verräterei belauscht, ähnlich -derjenigen, deren er sich am Faschingsdienstag schuldig gemacht, -– einer neuen Treulosigkeit, verschärft durch den Umstand, -an dem nicht zu zweifeln war, daß Hans Castorp sie -dauernd verübte. -</p> - -<p> -Zum ewig eintönigen Rhythmus des Zeitablaufs, zur kurzweilig -feststehenden Gliederung des Normaltages, der immer -derselbe, der sich selbst zum Verwechseln und bis zur Verwirrung -ähnlich war, identisch mit sich, die stehende Ewigkeit, so -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -daß schwer zu begreifen war, wie er Veränderung zu zeitigen -vermochte, – zur unverbrüchlichen Alltagsordnung also gehörte, -wie jedermann sich erinnert, der Rundgang Dr. Krokowskis -zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags durch -alle Zimmer, das ist über alle Balkons, von Liegestuhl zu Liegestuhl. -Wie oft hatte nicht der Berghof-Normaltag sich erneut, -seit damals, als Hans Castorp in seiner horizontalen Lebenslage -sich geärgert hatte, weil der Assistent einen Bogen um -ihn beschrieb und ihn nicht in Betracht zog! Längst war aus -dem Gaste von damals ein Kamerad geworden, – Dr. Krokowski -redete ihn sogar häufig mit diesem Namen an bei seiner -Kontrollvisite, und wenn das militärische Wort, dessen -r-Laut er auf exotische Weise durch nur einmaliges Anschlagen -der Zunge am vorderen Gaumen hervorbrachte, ihm auch -scheußlich zu Gesichte stand, wie Hans Castorp gegen Joachim -geurteilt hatte, so paßte es doch nicht schlecht zu seiner -stämmigen, mannhaft heiteren und zu fröhlichem Vertrauen -auffordernden Art, die freilich wiederum durch seine Schwarzbleichheit -in gewisser Weise Lügen gestraft wurde, und der -denn doch etwas Bedenkliches jederzeit anhaftete. -</p> - -<p> -„Nun, Kamerad, wie gehts, wie stehts!“ sagte Dr. Krokowski, -indem er, vom russischen Barbarenpaare kommend, -an das Kopfende von Hans Castorps Lager trat; und der so -frischerweise Angeredete, die Hände auf der Brust gefaltet, -lächelte täglich wieder gepeinigt-freundlich über die scheußliche -Anrede, indem er des Doktors gelbe Zähne betrachtete, die sich -in seinem schwarzen Barte zeigten. „Recht wohl geruht?“ -fuhr Dr. Krokowski dann wohl fort. „Fallende Kurve? Steigende -heut? Nun, hat nichts auf sich, kommt bis zur Hochzeit -schon wieder in Ordnung. Ich grüße Sie.“ Und mit diesem -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -Wort, das ebenfalls scheußlich klang, da er es wie „gdieße“ -sprach, ging er schon weiter, zu Joachim hinüber – es handelte -sich um einen Rundgang, einen kurzen Blick nach dem -Rechten und um nichts weiter. -</p> - -<p> -Manchmal freilich auch verweilte Dr. Krokowski sich länger, -plauderte, breitschultrig dastehend und immer mannhaft -lächelnd, mit dem Kameraden über dies und jenes, über die -Witterung, über Abreisen und Ankünfte, über des Patienten -Stimmung, seine gute oder schlechte Laune, seine persönlichen -Verhältnisse auch wohl, seine Herkunft und seine Aussichten, -bis er „ich gdieße Sie“ sagte und weiterging; und Hans Castorp, -die Hände zur Abwechslung hinter dem Kopf gefaltet, -antwortete ihm, ebenfalls lächelnd, auf all das, – mit dem -durchdringenden Gefühle der Scheußlichkeit, gewiß, aber er -antwortete ihm. Sie plauderten gedämpft, – obgleich die gläserne -Scheidewand die Loggien nicht völlig trennte, konnte -Joachim die Unterhaltung nebenan nicht verstehen und machte -übrigens auch nicht den leisesten Versuch dazu. Er hörte seinen -Vetter sogar vom Liegestuhl aufstehen und mit Dr. Krokowski -ins Zimmer gehen, vermutlich um ihm seine Fieberkurve -zu zeigen; und dort setzte dann das Gespräch sich wohl -noch eine längere Weile fort, der Verzögerung nach zu urteilen, -womit der Assistent auf dem inneren Wege bei Joachim eintraf. -</p> - -<p> -Worüber plauderten die Kameraden? Joachim fragte nicht; -aber sollte jemand aus unserer Mitte sich an ihm kein Beispiel -nehmen und die Frage aufwerfen, so ist allgemein darauf -hinzuweisen, wieviel Stoff und Anlaß zu geistigem Austausch -vorhanden ist zwischen Männern und Kameraden, -deren Grundanschauungen idealistisches Gepräge tragen, und -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -von denen der eine auf seinem Bildungswege dazu gelangt -ist, die Materie als den Sündenfall des Geistes, als eine schlimme -Reizwucherung <a id="corr-6"></a>desselben aufzufassen, während der andere, als -Arzt, den sekundären Charakter organischer Krankheit zu lehren -gewohnt ist. Wie manches, meinen wir, ließ sich da nicht -erörtern und austauschen über die Materie als unehrbare Ausartung -des Immateriellen, über das Leben als Impudizität -der Materie, über die Krankheit als unzüchtige Form des Lebens! -Da konnte, unter Anlehnung an laufende Konferenzen, -die Rede gehen von der Liebe als krankheitbildender Macht, -vom übersinnlichen Wesen des Merkmals, über „alte“ und -„frische“ Stellen, über lösliche Gifte und Liebestränke, über -die Durchleuchtung des Unbewußten, den Segen der Seelenzergliederung, -die Rückverwandlung des Symptoms – und -was wissen <em>wir</em>, – von deren Seite dies alles nur Vorschläge -und Vermutungen sind, wenn die Frage aufgeworfen wird, -was Dr. Krokowski und der junge Hans Castorp miteinander -zu plaudern hatten! -</p> - -<p> -Übrigens plauderten sie nicht mehr, das lag zurück, nur eine -Weile, einige Wochen lang war es so gewesen; in letzter Zeit -hielt Dr. Krokowski sich bei diesem Patienten wieder nicht -länger auf als bei allen anderen, – „Nun, Kamerad?“ und -„Ich gdieße Sie“, darauf beschränkte sich nun die Visite meistens -wieder. Dafür hatte Joachim eine andere Entdeckung -gemacht, eben die, die er als Verräterei von seiten Hans Castorps -empfand, und gemacht hatte er sie völlig unwillkürlich, -ohne in seiner militärischen Arglosigkeit im mindesten auf -Späherwegen gegangen zu sein, das darf man glauben. Er -war ganz einfach an einem Mittwoch aus der ersten Liegekur -abgerufen worden, hinunterbeordert ins Souterrain, um sich -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -vom Bademeister wiegen zu lassen, – und da sah er es also. -Er kam die Treppe hinunter, die reinlich linoleumbelegte Treppe -mit Aussicht auf die Tür zum Ordinationszimmer, zu dessen -beiden Seiten die Durchleuchtungskabinette gelegen waren, -links das organische und rechts um die Ecke das um eine Stufe -vertiefte psychische, mit Dr. Krokowskis Besuchskarte an der -Tür. Auf halber Höhe der Treppe aber blieb Joachim stehen, -denn eben verließ Hans Castorp, von der Injektion kommend, -das Ordinationszimmer. Mit beiden Händen schloß er die -Tür, durch die er rasch getreten war, und wandte sich, ohne -um sich zu blicken, nach rechts, gegen die Tür, an der die Karte -auf Reißnägeln saß, und die er mit wenigen, lautlos vorwärtswiegenden -Schritten erreichte. Er klopfte, neigte sich hin beim -Klopfen und hielt das Ohr zu dem pochenden Finger. Und -da des Bewohners baritonales „Herein!“ mit dem exotisch anschlagenden -r-Laut und dem verzerrten Diphthong aus dem -Gelasse erschollen war, sah Joachim seinen Vetter im Halbdunkel -von Dr. Krokowskis analytischer Grube verschwinden. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-1-2"> -Noch jemand -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug -auf die Anzahl ihrer Sonnenstunden; denn ihrer Kurzweiligkeit -vermochte astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben, -weder was jeden einzelnen betraf, noch ihre einförmige -Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast drei Monate zurück, -Sommersonnenwende war da. Aber das natürliche Jahr bei -uns hier oben folgte dem Kalender zurückhaltend: erst jetzt, -erst dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling -noch ohne alle Sommerschwere, würzig, dünnluftig und -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -leicht, mit silbrig strahlender Himmelsbläue und kindlich kunterbunter -Wiesenblüte. -</p> - -<p> -Hans Castorp fand an den Hängen dieselben Blumen wieder, -von denen Joachim freundlicherweise ihm einige letzte einst -zur Begrüßung ins Zimmer gestellt: Schafsgarbe und Glockenblumen, -– ein Zeichen für ihn, daß das Jahr in sich selber lief. -Allein was hatte sich nun nicht alles aus dem jungen, smaragdenen -Grase der Schrägen und Wiesengebreite des Grundes -an organischem Leben als Stern, Kelch und Glocke oder -von unregelmäßigerer Gestalt, die sonnige Luft mit trockener -Würze erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen -in ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten, -Primeln in gelb und rot, viel schöner und größer, als Hans -Castorp sie im Flachlande je erblickt zu haben meinte, soweit -er dort unten darauf achtgegeben; dazu die nickenden Soldanellen -mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und -rosig, eine Spezialität dieser Sphäre. -</p> - -<p> -Er pflückte von all der Lieblichkeit, trug Sträuße heim, ernsten -Sinnes und nicht sowohl zum Schmuck seines Zimmers, -als zur streng wissenschaftlichen Bearbeitung, wie er es sich -vorgesetzt. Einiges floristische Rüstzeug war angeschafft, ein -Lehrbuch der allgemeinen Botanik, ein handlicher kleiner Spaten -zum Ausheben der Pflanzen, ein Herbarium, eine kräftige -Lupe; und damit wirtschaftete der junge Mann in seiner Loggia, -– sommerlich gekleidet nun wieder, in einen der Anzüge, die er -damals gleich mit sich heraufgebracht, – auch dies ein Merkmal -der Jahresrundung. -</p> - -<p> -Frische Blumen standen in mehreren Wassergläsern auf den -Möbelplatten des inneren Zimmers, auf dem Lampentischchen -zur Seite seines vorzüglichen Liegestuhls. Blumen, halb -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -welk, schon matt, aber noch in Saft, fanden sich lose auf -der Balkonbrüstung, am Boden der Loggia verstreut, während -andere, wohlausgebreitet, zwischen Löschpapierbogen, -die ihre Feuchtigkeit tranken, der Presse von Steinen unterlagen, -damit Hans Castorp die flachen Trockenpräparate mit -gummierten Papierstreifen in sein Album kleben könnte. Er -lag, die Knie hochgezogen, dazu noch eins über das andere -geschlagen, und während der Rücken des offen umgelegten Leitfadens -auf seiner Brust einen Dachfirst bildete, hielt er das dickgeschliffene -Rund des Vergrößerungsglases zwischen seine einfachen -blauen Augen und eine Blüte, deren Krone er teilweise -mit dem Taschenmesser entfernt hatte, um besser den Fruchtboden -studieren zu können, und die hinter der starken Linse zum -abenteuerlich fleischigen Gebilde schwoll. Da schütteten die -Staubbeutel, an der Spitze der Filamente, ihren gelben Pollen -aus, vom Ovarium starrte der narbige Griffel, und legte -man einen Schnitt durch ihn, so konnte man den zarten Kanal -betrachten, durch den die Pollenkörner und -schläuche von -zuckriger Ausscheidung in die Fruchtknotenhöhle geschwemmt -wurden. Hans Castorp zählte, prüfte und verglich; er untersuchte -Bau und Stellung der Kelch- und Blumenblätter wie -der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, beaufsichtigte -die Übereinstimmung dessen, was er sah, mit schematischen -und natürlichen Abbildungen, stellte die wissenschaftliche -Richtigkeit in dem Bau ihm bekannter Pflanzen mit Befriedigung -fest und ging dazu über, solche, die er nicht zu nennen -gewußt hätte, an der Hand des Linné nach Abteilung, Gruppe, -Ordnung, Art, Familie und Gattung zu bestimmen. Da er viel -Zeit hatte, gelangen ihm einige Fortschritte in botanischer Systematik -auf Grund vergleichender Morphologie. Unter die -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -getrocknete Pflanze ins Herbarium schrieb er kalligraphisch den -lateinischen Namen, den die humanistische Wissenschaft ihr -galanterweise beigelegt, schrieb ihre kennzeichnenden Eigenschaften -dazu und zeigte es dem guten Joachim, der sich wunderte. -</p> - -<p> -Am Abend betrachtete er die Gestirne. Ein Interesse für das -in sich laufende Jahr hatte ihn überkommen, – der doch schon -einige zwanzig Sonnenumläufe auf Erden verbracht und sich -noch niemals um dergleichen gekümmert hatte. Wenn wir selbst -uns unwillkürlich in Ausdrücken wie „Frühlings-Nachtgleiche“ -bewegten, so geschah es in seinem Geist und schon in Hinsicht -auf Gegenwärtiges. Denn dieser Art waren die Termini, die -er neuerdings um sich zu streuen liebte, und auch durch hier -einschlagende Kenntnisse setzte er seinen Vetter in Erstaunen. -</p> - -<p> -„Jetzt ist die Sonne nahe daran, ins Zeichen des Krebses -zu treten,“ mochte er auf einem Spaziergang beginnen, „bist -du dir darüber im Klaren? Das ist das erste Sommerzeichen -des Tierkreises, verstehst du? Es geht nun über den Löwen und -die Jungfrau auf den Herbstpunkt zu, den einen Äquinoktialpunkt, -gegen Ende September, wenn wieder der Sonnenort -auf den Himmelsäquator fällt, wie neulich im März, als die -Sonne in den Widderpunkt trat.“ -</p> - -<p> -„Das ist mir entgangen“, sagte Joachim mürrisch. „Was -redest denn du dir da so geläufig zusammen? Widderpunkt? -Tierkreis?“ -</p> - -<p> -„Allerdings, der Tierkreis; <span class="antiqua" lang="la">zodiacus</span>. Die uralten Himmelszeichen, -– Skorpion, Schütze, Steinbock, <span class="antiqua" lang="la">aquarius</span> und wie sie -heißen, wie soll man sich dafür nicht interessieren! Es sind -zwölf, das wirst du wenigstens wissen, drei für jede Jahreszeit, -die aufsteigenden und die niedersteigenden, der Kreis der -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -Sternbilder, durch die die Sonne wandert, – großartig meiner -Ansicht nach! Stelle dir vor, daß man sie in einem ägyptischen -Tempel als Deckenbild gefunden hat, – einem Tempel -der Aphrodite noch dazu, nicht weit von Theben. Die Chaldäer -kannten sie auch schon, – die Chaldäer, ich bitte dich, dies -alte Zauberervolk, arabisch-semitisch, hochgelehrt in Astrologie -und Wahrsagerei. Die haben auch schon den Himmelsgürtel -studiert, in dem die Planeten laufen, und ihn in die zwölf Sternbildzeichen -eingeteilt, die Dodekatemoria, wie sie auf uns gekommen -sind. Das ist großartig. Es ist die Menschheit!“ -</p> - -<p> -„Nun sagst du ‚Menschheit‘, wie Settembrini.“ -</p> - -<p> -„Ja, wie er, oder etwas anders. Man muß sie nehmen, -wie sie ist, aber großartig ist es schon damit. Ich denke viel -mit Sympathie an die Chaldäer, wenn ich so liege und den -Planeten zusehe, die sie auch schon kannten, denn alle kannten -sie nicht, so gescheit sie waren. Aber die sie nicht kannten, -kann ich auch nicht sehen, Uranus ist ja erst neulich mit dem -Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren.“ -</p> - -<p> -„Neulich?“ -</p> - -<p> -„Das nenne ich ‚neulich‘, wenn du erlaubst, im Vergleich -mit den dreitausend Jahren bis damals. Aber wenn ich so -liege und mir die Planeten besehe, dann werden die dreitausend -Jahre auch zu ‚neulich‘, und ich denke intim an die Chaldäer, -die sie auch sahen und sich ihren Vers darauf machten, -und das ist die Menschheit.“ -</p> - -<p> -„Na, gut; du hast ja großzügige Entwürfe in deinem Kopf.“ -</p> - -<p> -„Du sagst ‚großzügig‘, und ich sage ‚intim‘, – wie man es -nun nennen will. Aber wenn nun also die Sonne in die Wage -tritt, in zirka drei Monaten, dann haben die Tage wieder so -weit abgenommen, daß Tag und Nacht gleich sind, und dann -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -nehmen sie weiter ab bis gegen Weihnachten, das ist dir bekannt. -Willst du aber, bitte, bedenken, daß, während die Sonne -durch die Winterzeichen geht, den Steinbock, den Wassermann -und die Fische, die Tage schon wieder zunehmen! Denn dann -kommt neuerdings der Frühlingspunkt, zum dreitausendstenmal -seit den Chaldäern, und die Tage wachsen weiter bis übers -Jahr, wenn wieder Sommersanfang ist.“ -</p> - -<p> -„Selbstverständlich.“ -</p> - -<p> -„Nein, das ist eine Eulenspiegelei! Im Winter wachsen -die Tage, und wenn der längste kommt, 21. Juni, Sommersanfang, -dann geht es schon wieder bergab, sie werden schon -wieder kürzer, und es geht gegen den Winter. Du nennst das -selbstverständlich, aber wenn man einmal davon absieht, daß -es selbstverständlich ist, dann kann einem angst und bange werden, -momentweise, und man möchte krampfhaft nach etwas -greifen. Es ist, als ob Eulenspiegel es so eingerichtet hätte, -daß zu Wintersanfang eigentlich der Frühling beginnt und zu -Sommersanfang eigentlich der Herbst ... Man wird ja an -der Nase herumgezogen, im Kreise herumgelockt mit der Aussicht -auf etwas, was schon wieder Wendepunkt ist ... Wendepunkt -im Kreise. Denn das sind lauter ausdehnungslose Wendepunkte, -woraus der Kreis besteht, die Biegung ist unmeßbar, -es gibt keine Richtungsdauer, und die Ewigkeit ist nicht ‚geradeaus, -geradeaus‘, sondern ‚Karussell, Karussell‘.“ -</p> - -<p> -„Hör’ auf!“ -</p> - -<p> -„Sonnwendfeier!“ sagte Hans Castorp, „Sommersonnenwende! -Bergfeuer und Ringelreihn rund um die lodernde -Flamme herum mit angefaßten Händen! Ich habe es nie gesehen, -aber ich höre, so wird es gemacht von urwüchsigen Menschen, -so feiern sie die erste Sommernacht, mit der der Herbst -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -beginnt, die Mittagsstunde und Scheitelhöhe des Jahres, von -wo es abwärts geht, – sie tanzen und drehen sich und jauchzen. -Worüber jauchzen sie in ihrer Urwüchsigkeit, – kannst du -dir das begreiflich machen? Worüber sind sie so ausgelassen -lustig? Weil es nun abwärts geht ins Dunkel, oder vielleicht, -weil es bisher aufwärts ging und nun die Wende gekommen -ist, der unhaltbare Wendepunkt, Mittsommernacht, die volle -Höhe, mit Wehmut im Übermut? Ich sage es, wie es ist, mit -den Worten, die mir dafür einfallen. Es ist melancholischer -Übermut und übermütige Melancholie, weshalb die Urwüchsigen -jauchzen und um die Flamme tanzen, sie tun es aus positiver -Verzweiflung, wenn du so sagen willst, zu Ehren der -Eulenspiegelei des Kreises und der Ewigkeit ohne Richtungsdauer, -in der alles wiederkehrt.“ -</p> - -<p> -„Ich will nicht so sagen,“ murmelte Joachim, „bitte, schiebe -es nicht auf mich. Es sind ja weitläufige Dinge, mit denen -du dich beschäftigst des Abends, wenn du liegst.“ -</p> - -<p> -„Ja, ich will nicht leugnen, daß du dich nützlicher beschäftigst -mit deiner russischen Grammatik. Du mußt die Sprache -nächstens ja fließend beherrschen, Mensch, natürlich ein großer -Vorteil für dich, wenn es Krieg gibt, was Gott verhüte.“ -</p> - -<p> -„Verhüte? Du sprichst wie ein Zivilist. Krieg ist notwendig. -Ohne Kriege würde bald die Welt verfaulen, hat -Moltke gesagt.“ -</p> - -<p> -„Ja, dazu hat sie wohl eine Neigung. Und so viel kann ich -dir zugeben“, setzte Hans Castorp an und wollte eben auf die -Chaldäer zurückkommen, die ebenfalls Krieg geführt und Babylonien -erobert hätten, obgleich sie Semiten und also beinahe -Juden gewesen seien, – als beide gleichzeitig gewahr wurden, -daß zwei Herren, die dicht vor ihnen gingen, die Köpfe nach -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -ihnen wandten, aufmerksam gemacht durch ihre Reden, gestört -in eigener Unterhaltung. -</p> - -<p> -Es war auf der Hauptstraße, zwischen dem Kurhaus und -dem Hotel Belvedere, auf dem Rückweg nach Davos-Dorf. Das -Tal lag im Festkleide, in zarten, lichten und frohen Farben. Die -Luft war köstlich. Eine Sinfonie von heiteren Wiesenblumendüften -erfüllte die reine, trockene, klar durchsonnte Atmosphäre. -</p> - -<p> -Sie erkannten Lodovico Settembrini zur Seite eines Fremden; -doch schien es, als erkenne er seinerseits sie nicht oder als -wünsche er kein Zusammentreffen, denn er wandte rasch den -Kopf wieder ab und vertiefte sich gestikulierend in die Unterhaltung -mit seinem Begleiter, wobei er sogar rascher vorwärts -zu kommen suchte. Als freilich die Vettern, rechts neben ihm, -durch heitere Verbeugung grüßten, stellte er sich wunder wie -angenehm überrascht, mit „Sapristi!“ und „Teufel noch einmal!“, -wollte aber nun wieder zurückhalten, die beiden vorüber- -und vorangehen lassen, was sie jedoch nicht verstanden, das -heißt: nicht bemerkten, weil sie keine Vernunft darin sahen. -Ehrlich erfreut vielmehr, ihm nach längerer Trennung wieder -zu begegnen, hielten sie sich bei ihm und schüttelten ihm die -Hand, indem sie nach seinem Ergehen fragten und in höflicher -Erwartung dabei zu seinem Gefährten hinüberblickten. So -zwangen sie ihn, zu tun, was er offenbar lieber nicht getan -hätte, was aber ihnen als die natürlichste und zu gewärtigendste -Sache von der Welt erschien: nämlich sie mit jenem bekannt -zu machen, – was denn also im Gehen und halben Stehenbleiben -derart geschah, daß Settembrini, vor sich, mit verbindenden -Handbewegungen und lustigen Reden die Herren -miteinander in Beziehung setzte, sie vor seiner Brust sich die -Hände reichen ließ. -</p> - -<p> -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Es stellte sich heraus, daß der Fremde, der Settembrinis -Jahre haben mochte, dessen Hausgenosse war: der andere -Aftermieter Lukačeks, des Damenschneiders, Naphta mit Namen, -soviel die jungen Leute verstanden. Er war ein kleiner, -magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man möchte sagen: -ätzender Häßlichkeit, daß die Vettern sich geradezu wunderten. -Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, die sein -Gesicht beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, -die dickgeschliffenen Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille, -die er vor seinen hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen, -das er bewahrte, und dem zu entnehmen war, daß seine -Rede scharf und folgerecht sein werde. Er war barhaupt, wie -es sich gehörte, und im bloßen Anzug, – sehr wohlgekleidet -dabei: sein dunkelblauer Flanellanzug mit weißen Streifen -zeigte guten, gehalten modischen Schnitt, wie der weltkindlich -prüfende Blick der Vettern feststellte, die übrigens einem ebensolchen, -nur rascheren und schärferen, an ihren Personen hinabgleitenden -Blick von seiner, des kleinen Naphta Seite, begegneten. -Hätte Lodovico Settembrini seinen faserigen Flaus und -seine gewürfelten Hosen nicht mit so viel Anmut und Würde -zu tragen gewußt, – seine Erscheinung hätte unvorteilhaft abstechen -müssen von der feinen Gesellschaft. Sie tat es jedoch -um so weniger, als die Gewürfelten frisch aufgebügelt waren, -so daß man sie auf den ersten Blick fast für neu hätte halten -können, – ein Werk seines Quartiergebers zweifellos, nach beiläufiger -Überlegung der jungen Leute. Wenn aber der häßliche -Naphta nach der Güte und Weltlichkeit seiner Kleidung -den Vettern näher stand als seinem Hausgenossen, so ordneten -doch nicht allein seine vorgerückteren Jahre ihn mit diesem -gegen die Jünglinge zusammen, sondern entschieden noch etwas -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -anderes, was sich am bequemsten auf die Gesichtsfarbe der -beiden Paare zurückführen ließ, nämlich darauf, daß die einen -braun und rotgebrannt, die anderen aber bleich waren: Joachims -Gesicht war im Laufe des Winters noch bronzefarbener -nachgedunkelt, und dasjenige Hans Castorps glühte rosenrot -unter seinem blonden Scheitel; aber Herrn Settembrinis -welscher Blässe, die gar edel zu seinem schwarzen Schnurrbart -stand, hatte die Strahlung nichts anzuhaben vermocht, und -sein Genosse, obgleich blonden Haares – es war übrigens aschblond, -metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der <a id="corr-8"></a>fliehenden -Stirn über den ganzen Kopf zurückgestrichen –, zeigte -gleichfalls die mattweiße Gesichtshaut brünetter Rassen. Zwei -von den vieren trugen Spazierstöcke, nämlich Hans Castorp -und Settembrini; denn Joachim ging aus militärischen Gründen -ohne einen solchen, und Naphta legte nach erfolgter Vorstellung -sogleich wieder die Hände auf dem Rücken zusammen. -Sie waren klein und zart, wie auch seine Füße sehr zierlich -waren, übrigens seiner Figur entsprechend. Daß er erkältet -wirkte und auf eine gewisse schwächliche und unförderliche Art -hustete, fiel nicht auf. -</p> - -<p> -Jenen Anflug von Betroffenheit oder Verstimmung beim -Gewahrwerden der jungen Leute hatte Settembrini sofort mit -Eleganz überwunden. Er zeigte sich in der besten Laune und -machte die drei unter Scherzreden bekannt, – zum Beispiel -bezeichnete er Naphta als „<span class="antiqua" lang="la">Princeps scholasticorum</span>“. Die -Fröhlichkeit, sagte er, „halte glanzvoll Hof im Saale seiner -Brust“, wie Aretino sich ausgedrückt habe, und das sei des -Frühlings Verdienst, eines Frühlings, den er sich lobe. Die -Herren wüßten, daß er gegen die Welt hier oben manches auf -dem Herzen habe, sooft er es sich bereits davon heruntergeredet. -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Ehre jedoch dem Hochgebirgsfrühling! – vorübergehend -vermöge er ihn mit allen Greueln dieser Sphäre zu versöhnen. -Da fehle alles Verwirrende und Aufreizende des Frühlings -der Ebene. Kein Gebrodel in der Tiefe! Keine feuchten -Düfte, kein schwüler Dunst! Sondern Klarheit, Trockenheit, -Heiterkeit und herbe Anmut. Es sei nach seinem Herzen, es sei -süperb! -</p> - -<p> -Sie gingen in unregelmäßiger Reihe, nebeneinander alle -vier, so weit es möglich war, aber bald, wenn Entgegenkommende -vorbeigingen, mußte Settembrini, der den rechten Flügel -hielt, auf die Fahrstraße treten, bald löste ihre Front durch -das Zurückbleiben und Einlenken einzelner Glieder, Naphtas -etwa, linkerseits, oder Hans Castorps, der den Platz zwischen -dem Humanisten und Vetter Joachim hatte, sich vorübergehend -auf. Naphta lachte kurz, mit einer vom Schnupfen -sordinierten Stimme, die beim Sprechen an den Klang eines -gesprungenen Tellers erinnerte, an den man mit dem Knöchel -klopft. Indem er mit dem Kopf seitlich zu dem Italiener hinüberwies, -sagte er mit schleppendem Akzent: -</p> - -<p> -„Man höre den Voltairianer, den Rationalisten. Er lobt -die Natur, weil sie uns auch bei fertilster Gelegenheit nicht mit -mystischen Dämpfen verwirrt, sondern klassische Trockenheit -wahrt. Wie hieß doch die Feuchtigkeit auf lateinisch?“ -</p> - -<p> -„Der Humor,“ rief Settembrini über die linke Schulter, -„der Humor in der Naturbetrachtung unseres Professors besteht -darin, daß er, wie die heilige Katharina von Siena, an -die Wunden Christi denkt, wenn er rote Primeln sieht.“ -</p> - -<p> -Naphta erwiderte: -</p> - -<p> -„Das wäre eher witzig als humoristisch. Aber es hieße immerhin -Geist in die Natur tragen. Sie hat es nötig.“ -</p> - -<p> -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -„Die Natur,“ sagte Settembrini mit gesenkter Stimme und -nicht mehr völlig über die Schulter hinweg, sondern nur noch -an ihr hinunter, „hat Ihren Geist durchaus nicht nötig. Sie -ist selber Geist.“ -</p> - -<p> -„Sie langweilen sich nicht mit Ihrem Monismus?“ -</p> - -<p> -„Ah, Sie geben also zu, daß es Vergnügungssucht ist, wenn -Sie die Welt feindlich entzweien, Gott und Natur auseinanderreißen!“ -</p> - -<p> -„Es interessiert mich, daß Sie Vergnügungssucht nennen, -was ich im Sinne habe, wenn ich Passion und Geist sage.“ -</p> - -<p> -„Zu denken, daß Sie, der so große Worte für so frivole -Bedürfnisse setzt, mich manchmal einen Redner nennen!“ -</p> - -<p> -„Sie bleiben dabei, daß Geist Frivolität bedeutet. Aber er -kann nichts dafür, daß er von Hause aus dualistisch ist. Der -Dualismus, die Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche, -das dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt -feindlich gespalten sehen, das ist Geist. Aller Monismus ist -langweilig. <span class="antiqua" lang="la">Solet Aristoteles quaerere pugnam.</span>“ -</p> - -<p> -„Aristoteles? Aristoteles hat die Wirklichkeit der allgemeinen -Ideen in die Individuen verlegt. Das ist Pantheismus.“ -</p> - -<p> -„Falsch. Geben Sie den Individuen substantiellen Charakter, -denken Sie das Wesen der Dinge aus dem Allgemeinen -fort in die Einzelerscheinung, wie Thomas und Bonaventura -es als Aristoteliker taten, so haben Sie die Welt aus jeder Einheit -mit der höchsten Idee gelöst, sie ist außergöttlich und Gott -transzendent. Das ist klassisches Mittelalter, mein Herr.“ -</p> - -<p> -„Klassisches Mittelalter ist eine köstliche Wortverbindung!“ -</p> - -<p> -„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich lasse den Begriff des -Klassischen statthaben, wo er am Platze ist, das heißt, wo immer -eine Idee auf ihren Gipfel kommt. Die Antike war nicht immer -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -klassisch. Ich stelle eine Abneigung gegen die ... Freizügigkeit -der Kategorien bei Ihnen fest, gegen das Absolute. Sie wollen -auch nicht den absoluten Geist. Sie wollen, der Geist, das -sei der demokratische Fortschritt.“ -</p> - -<p> -„Ich hoffe uns einig in der Überzeugung, daß der Geist, so -absolut er sei, niemals den Anwalt der Reaktion wird machen -können.“ -</p> - -<p> -„Er ist jedoch immer der Anwalt der Freiheit!“ -</p> - -<p> -„Jedoch? Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe, nicht -Nihilismus und Bosheit.“ -</p> - -<p> -„Wovor Sie offenbar Angst haben.“ -</p> - -<p> -Settembrini warf den Arm über den Kopf. Das Geplänkel -brach ab. Joachim blickte verwundert von einem zum andern, -während Hans Castorp mit hochgezogenen Brauen auf seinen -Weg niedersah. Naphta hatte scharf und apodiktisch gesprochen, -wiewohl er es gewesen war, der die weitere Freiheit verfochten -hatte. Besonders seine Art, mit „Falsch!“ zu widersprechen, -bei dem „sch“-Laut die Lippen vorzuschieben und dann -den Mund zu verkneifen, war unangenehm. Settembrini hatte -ihm teils auf heiterere Weise Widerpart gehalten, teils auch eine -schöne Wärme in seine Worte gelegt, etwa dort, wo er zur -Einigkeit in gewissen Grundgesinnungen gemahnt hatte. Jetzt, -während Naphta schwieg, begann er, den Vettern die Existenz -des ihnen Fremden zu erläutern, womit er dem Bedürfnis nach -Aufklärung entgegenkam, das er nach seinem Wortwechsel mit -Naphta bei <a id="corr-9"></a>ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, ohne -sich darum zu kümmern. Er sei Professor der alten Sprachen -in den obersten Klassen des Fridericianums, erklärte Settembrini, -indem er den Stand des Vorzustellenden nach italienischer -Art möglichst pomphaft herausstrich. Sein Schicksal sei -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -dem seinen, Settembrinis eigenem, gleich. Durch seinen Gesundheitszustand -vor fünf Jahren heraufgeführt, habe er sich überzeugen -müssen, daß er des Aufenthaltes für lange Frist bedürftig -sei, habe sein Sanatorium verlassen und sich privat-ansässig -gemacht, bei Lukaček, dem Damenschneider. Des hervorragenden -Latinisten, Zöglings einer Ordensschule, wie er sich etwas -unbestimmt ausdrückte, habe sich klugerweise die höhere Lehranstalt -des Ortes als eines Dozenten versichert, der ihr zur -Zierde gereiche ... Kurz, Settembrini erhob den häßlichen -Naphta nicht wenig, obgleich er doch eben noch etwas wie einen -abstrakten Streit mit ihm gehabt, und obgleich dieser streitähnliche -Wortwechsel sich sogleich fortsetzen sollte. -</p> - -<p> -Settembrini ging nämlich jetzt dazu über, Herrn Naphta Erläuterungen -über die Vettern zu geben, wobei sich übrigens -zeigte, daß er ihm schon früher von ihnen erzählt hatte. Dies -sei also der junge Ingenieur mit den drei Wochen, bei dem Hofrat -Behrens eine feuchte Stelle gefunden habe, sagte er, und -dies hier jene Hoffnung der preußischen Heeresorganisation, -Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims Gemütsempörung -und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur -zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht -dieselbe Ungeduld zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren. -</p> - -<p> -Naphta verzog das Gesicht. Er sagte: -</p> - -<p> -„Die Herren haben da einen beredten Vormund. Ich hüte -mich, zu bezweifeln, daß er Ihre Gedanken und Wünsche zutreffend -verdolmetscht. Arbeit, Arbeit –, ich bitte, gleich wird -er mich einen Feind der Menschheit schelten, einen <span class="antiqua" lang="la">inimicus humanae -naturae</span>, wenn ich es wage, an Zeiten zu erinnern, wo -er mit dieser Fanfare den gewohnten Effekt durchaus nicht erzielt -hätte, nämlich an Zeiten, wo das Gegenteil seines Ideals in -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -unvergleichlich <a id="corr-11"></a>höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux -etwa lehrte eine andere Stufenfolge der Vollkommenheit, als -Herr Lodovico sie sich je hat träumen lassen. Wollen Sie wissen, -welche? Sein unterster Stand befindet sich in der ‚Mühle‘, -der zweite auf dem ‚Acker‘, der dritte und lobenswerteste aber – -hören Sie nicht zu, Settembrini –, ‚auf dem Ruhebett‘. Die -Mühle, das ist das Sinnbild des Weltlebens, – nicht schlecht -gewählt. Der Acker bedeutet die Seele des weltlichen Menschen, -darauf der Prediger und geistliche Lehrer wirkt. Diese -Stufe ist schon würdiger. Auf dem Bette aber –“ -</p> - -<p> -„Genug! Wir wissen!“ rief Settembrini. „Meine Herren, -jetzt wird er Ihnen Zweck und Gebrauch des Lotterbettes vor -Augen führen!“ -</p> - -<p> -„Ich wußte nicht, daß Sie prüde sind, Lodovico. Wenn man -Sie den Mädchen zuzwinkern sieht ... Wo bleibt die heidnische -Unbefangenheit? Das Bett also ist der Ort der Beiwohnung -des Minnenden mit dem Gemeinten und als Symbolum die beschauliche -Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum Zwecke -der Beiwohnung mit Gott.“ -</p> - -<p> -„Puh! <span class="antiqua" lang="it">Andate, andate!</span>“ wehrte der Italiener fast weinend -ab. Man lachte. Dann aber fuhr Settembrini mit Würde fort: -</p> - -<p> -„Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung -da ist reiner Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. -Lao-Tse lehrte, daß Nichtstun förderlicher sei, als jedes -Ding zwischen Himmel und Erde. Wenn alle Menschen aufgehört -haben würden, zu tun, werde vollkommene Ruhe und -Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre Beiwohnung.“ -</p> - -<p> -„Was Sie nicht sagen. Und die abendländische Mystik? Und -der Quietismus, der Fénelon zu den Seinen zählen darf, und -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -der lehrte, daß jedes Handeln fehlerhaft sei, da tätig sein zu -wollen, Gott beleidigen heiße, der allein handeln wolle? Ich -zitiere die Propositionen von Molinos. Es scheint doch, daß -die geistige Möglichkeit, das Heil in der Ruhe zu finden, allgemeine -menschliche Verbreitung besitzt.“ -</p> - -<p> -Hier griff Hans Castorp ein. Mit dem Mut der Einfalt -mischte er sich ins Gespräch und äußerte ins Leere blickend: -</p> - -<p> -„Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es -läßt sich hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, -wir hier oben, das kann man sagen. Fünftausend Fuß hoch -liegen wir auf unseren Stühlen, die auffallend bequem sind, -und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und machen uns -unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die Wahrheit -sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl, verstehen -Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und -mich auf mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande -all die Jahre her, das ist nicht zu leugnen.“ -</p> - -<p> -Settembrini sah ihn mit traurig schimmernden schwarzen -Augen an. „Ingenieur,“ sagte er gepreßt, „Ingenieur!“ Und -er nahm Hans Castorp am Arm und hielt ihn ein wenig zurück, -gleichsam um hinter dem Rücken der anderen privatim -auf ihn einzureden. -</p> - -<p> -„Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß man wissen sollte, -was man ist, und denken, wie es einem zukommt! Sache des -Abendländers, trotz aller Propositionen, ist die Vernunft, die -Analyse, die Tat und der Fortschritt, – nicht das Faulbett -des Mönches!“ -</p> - -<p> -Naphta hatte zugehört. Er sprach nach hinten: -</p> - -<p> -„Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des -europäischen Bodens! Man dankt ihnen, daß Deutschland, -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Frankreich und Italien nicht mit Wildwald und Ursümpfen bedeckt -sind, sondern uns Korn, Obst und Wein bescheren! Die -Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet ...“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">Ebbè</span>, nun also!“ -</p> - -<p> -„Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, -das heißt: Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, -die Welt zu fördern oder geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie -war reine asketische Übung, Bestandteil der Bußdisziplin, Heilsmittel. -Sie gewährte Schutz gegen das Fleisch, diente der Abtötung -der Sinnlichkeit. Sie trug also – erlauben Sie mir, das -festzustellen – völlig unsozialen Charakter. Sie war ungetrübtester -religiöser Egoismus.“ -</p> - -<p> -„Ich bin Ihnen für die Aufklärung sehr verbunden und freue -mich, den Segen der Arbeit auch gegen den Willen des Menschen -sich bewähren zu sehen.“ -</p> - -<p> -„Ja, gegen seine Absicht. Wir bemerken da nichts Geringeres, -als den Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem Humanen.“ -</p> - -<p> -„Ich bemerke vor allem mit Unmut, daß Sie schon wieder -Weltentzweiung treiben.“ -</p> - -<p> -„Ich bedauere, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben, aber -man muß die Dinge scheiden und ordnen und die Idee des -<span class="antiqua" lang="la">Homo Dei</span> von unreinen Bestandteilen freihalten. Ihr Italiener -habt das Wechslergeschäft und die Banken erfunden; -das verzeih’ euch Gott. Aber die Engländer erfanden die ökonomistische -Gesellschaftslehre, und das wird der Genius des -Menschen ihnen niemals verzeihen.“ -</p> - -<p> -„Ah, der Genius der Menschheit war auch in den großen -ökonomischen Denkern jener Inseln lebendig! – Sie wollten -sprechen, Ingenieur?“ -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -Das leugnete Hans Castorp, sagte aber dennoch – und -Naphta sowohl wie Settembrini hörten ihm mit einer gewissen -Spannung zu: -</p> - -<p> -„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen -haben, Herr Naphta, und einverstanden sein mit seiner -Ungeduld, ihn zu ergreifen ... Ich bin ja Zivilist durch und -durch, mein Vetter macht es mir öfters zum Vorwurf. Ich -habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind -des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich -sehr gut auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie -meinen Vetter, ich habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber -wenn ich von meinen persönlichen Neigungen mal absehe – -und vielleicht brauch’ ich, genau genommen, gar nicht so ganz -davon abzusehen –, so habe ich eine Menge Verständnis und -Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine verteufelt -ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie -wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie -zu gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit -dem Tode zu tun <a id="corr-13"></a>zu bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch -der geistliche Stand es zu tun hat, – womit denn sonst. Daher -hat der Soldatenstand die <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span> und die Rangordnung -und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so -sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen Uniformkragen -trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf -dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend -sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, -Ihnen meinen Gedankengang ...“ -</p> - -<p> -„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini -hinüber, der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete. -</p> - -<p> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die -Neigungen meines Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein -müßten, nach allem, was Sie sagen. Ich denke da nicht an -‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen, womit manche -Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß wohlgesinnte -Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen. -Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes, -das heißt der Dienst – in diesem Falle spricht man von -Dienst – absolut nicht um geschäftlicher Vorteile willen geschieht -und zur ‚ökonomischen Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten, -gar keine Beziehungen hat, weshalb denn auch die Engländer -nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien und -ein paar zu Hause für die Parade ...“ -</p> - -<p> -„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach -ihn Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne -unserm Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel, -denn sie ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt, -der Grundtypus des Soldaten ist der Landsknecht, der sich für -diese oder auch jene Sache anwerben ließ, – kurzum, es gab -den Soldaten der spanischen Gegenreformation, den Soldaten -der Revolutionsheere, den napoleonischen, den Garibaldis, es -gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den Soldaten reden, -wenn ich weiß, <em>wofür</em> er sich schlägt!“ -</p> - -<p> -„<em>Daß</em> er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin -eine greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das -gut sein. Es ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand -in Ihrem Sinne ‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt -ihn in eine Sphäre, worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder -Einblick verwehrt ist.“ -</p> - -<p> -„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“ -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -entgegnete Herr Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen, -während seine Mundwinkel unter dem geschwungenen -Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und sein Hals sich -auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem Kragen -herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für -die Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen -Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen -Form einzutreten.“ -</p> - -<p> -Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen -vor sich hin. Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der -Kopf und Hals wieder in natürliche Stellung gebracht hatte: -</p> - -<p> -„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken -uns oft, aber es geschieht in aller Freundschaft und auf -Grund manchen Einverständnisses.“ -</p> - -<p> -Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini. -Aber Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das -Gespräch harmlos fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als -stünde er unter irgendeinem Druck und Zwang, und gleichsam -gegen seinen Willen: -</p> - -<p> -„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich, -vorhin, als wir hinter Ihnen gingen.“ -</p> - -<p> -„Das hörte ich“, antwortete Naphta. „Ich fing das Wort -auf und sah mich um. Politisierten Sie? Erörterten Sie die -Weltlage?“ -</p> - -<p> -„Oh, nein“, lachte Hans Castorp. „Wie sollten wir dazu -wohl kommen! Für meinen Vetter hier wäre es von Berufs -wegen geradezu unpassend, sich um Politik zu kümmern, und -ich verzichte freiwillig darauf, verstehe garnichts davon. Seit -ich hier bin, habe ich noch nicht einmal eine Zeitung in der Hand -gehabt ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Settembrini fand das, wie früher schon einmal, tadelnswert. -Er zeigte sich sofort aufs beste unterrichtet über die großen Verhältnisse -und beurteilte sie beifällig insofern, als die Dinge einen -der Zivilisation günstigen Verlauf nähmen. Die europäische Gesamtatmosphäre -sei von Friedensgedanken, von Abrüstungsplänen -erfüllt. Die demokratische Idee marschiere. Er erklärte, -vertrauliche Informationen zu besitzen, dahingehend, das -Jungtürkentum beende soeben seine Vorbereitungen zu grundstürzenden -Unternehmungen. Die Türkei als National- und -Verfassungsstaat, – welch ein Triumph der Menschlichkeit! -</p> - -<p> -„Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta. „Vorzüglich. -Der aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut. Übrigens geht -das Sie an“, wandte er sich an Joachim. „Wenn Abdul Hamid -fällt, ist es mit Ihrem Einfluß in der Türkei zu Ende, und -England wirft sich zum Protektor auf ... Sie müssen die Verbindungen -und Informationen unseres Settembrini durchaus -ernst nehmen“, sagte er zu beiden Vettern, und auch dies klang -impertinent, da er sie für geneigt zu halten schien, Herrn Settembrini -nicht ernst zu nehmen. „In national-revolutionären -Dingen weiß er Bescheid. Bei ihm zu Hause unterhält man -gute Beziehungen zum englischen Balkankomitee. Was wird -aber aus den Abmachungen von Reval, Lodovico, wenn Ihre -Fortschrittstürken Glück haben? Eduard der Siebente wird -den Russen die Öffnung der Dardanellen nicht mehr zugestehen -können, und wenn Österreich sich trotzdem zu einer aktiven -Balkanpolitik aufrafft, so ...“ -</p> - -<p> -„Mit Ihrer Katastrophenprophetie!“ wehrte Settembrini -ab. „Nikolaus liebt den Frieden. Man verdankt ihm die Konferenzen -im Haag, die moralische Tatsachen ersten Ranges -bleiben.“ -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -„Ei, Rußland mußte sich nach seinem kleinen Mißgeschick -im Osten noch etwas Erholung gönnen!“ -</p> - -<p> -„Pfui, mein Herr. Sie sollten die Sehnsucht der Menschheit -nach ihrer gesellschaftlichen Vervollkommnung nicht verhöhnen. -Das Volk, das solche Bestrebungen durchkreuzt, wird -sich unzweifelhaft der moralischen Ächtung aussetzen.“ -</p> - -<p> -„Wozu wäre die Politik auch da, als einander Gelegenheit -zu geben, sich moralisch zu kompromittieren!“ -</p> - -<p> -„Sie huldigen dem Pangermanismus?“ -</p> - -<p> -Naphta zuckte die Schultern, die nicht ganz gleichmäßig standen. -Er war wohl eigentlich etwas schief, zu seiner sonstigen -Häßlichkeit. Er verschmähte es, zu antworten. Settembrini -urteilte: -</p> - -<p> -„Jedenfalls ist es zynisch, was Sie da sagen. In den hochherzigen -Anstrengungen der Demokratie, sich international -durchzusetzen, wollen Sie nichts erblicken, als politische List ...“ -</p> - -<p> -„Sie verlangen wohl, daß ich Idealismus oder gar Religiosität -darin erblicke? Es handelt sich um letzte, schwächliche -Regungen des Restes von Selbsterhaltungsinstinkt, über den -ein verurteiltes Weltsystem noch verfügt. Die Katastrophe soll -und muß kommen, sie kommt auf allen Wegen und auf alle -Weise. Nehmen Sie die britische Staatskunst. Englands Bedürfnis, -das indische Glacis zu sichern, ist legitim. Aber die -Folgen? Eduard weiß so gut wie Sie und ich, daß die -Machthaber von Petersburg die mandschurische Scharte -auswetzen müssen und die Ableitung der Revolution so notwendig -brauchen wie das liebe Brot. Trotzdem lenkt er – er -muß es wohl! – den russischen Ausdehnungsdrang nach Europa, -weckt eingeschlummerte Rivalitäten zwischen Petersburg -und Wien –“ -</p> - -<p> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -„Ach, Wien! Sie sorgen sich um dieses Welthindernis, vermutlich, -weil Sie in dem morschen Imperium, dessen Haupt -es ist, die Mumie des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation -erkennen!“ -</p> - -<p> -„Und Sie finde ich russophil, vermutlich aus humanistischer -Sympathie mit dem Cäsaro-Papismus.“ -</p> - -<p> -„Mein Herr, die Demokratie hat selbst vom Kreml mehr zu -hoffen, als von der Hofburg, und es ist eine Schande für das -Land Luthers und Gutenbergs –“ -</p> - -<p> -„Es ist außerdem wahrscheinlich eine Dummheit. Aber auch -diese Dummheit ist ein Werkzeug der Fatalität –“ -</p> - -<p> -„Ach, gehen Sie mir mit der Fatalität! Die menschliche Vernunft -braucht sich nur stärker zu <em>wollen</em> als die Fatalität, -und sie <em>ist</em> es!“ -</p> - -<p> -„Gewollt wird immer nur das Schicksal. Das kapitalistische -Europa will das seine.“ -</p> - -<p> -„Man glaubt an das Kommen des Krieges, wenn man ihn -nicht hinlänglich verabscheut!“ -</p> - -<p> -„Ihr Abscheu ist logisch abrupt, solange Sie ihn nicht beim -Staate selbst beginnen lassen.“ -</p> - -<p> -„Der nationale Staat ist das Prinzip des Diesseits, das Sie -dem Teufel zuschreiben möchten. Machen Sie aber die Nationen -frei und gleich, schützen Sie die kleinen und schwachen -vor Unterdrückung, schaffen Sie Gerechtigkeit, schaffen Sie nationale -Grenzen ...“ -</p> - -<p> -„Die Brennergrenze, ich weiß. Die Liquidation Österreichs. -Wenn ich nur wüßte, wie Sie sie ohne Krieg zu bewerkstelligen -gedenken!“ -</p> - -<p> -„Und ich wüßte wahrhaftig gern, wann jemals ich den nationalen -Krieg verdammt haben soll.“ -</p> - -<p> -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -„Ich höre doch wohl –“ -</p> - -<p> -„Nein, das muß ich Herrn Settembrini bestätigen“, mischte -sich Hans Castorp in den Disput, dem er im Gehen gefolgt -war, indem er den jeweils Sprechenden mit schrägem Kopfe -aufmerksam von der Seite betrachtet hatte. „Mein Vetter und -ich haben ja schon manchmal den Vorzug gehabt, uns mit ihm -über diese und ähnliche Dinge zu unterhalten, das heißt, natürlich -lief es darauf hinaus, daß wir ihm zuhörten, wie er seine -Meinungen entwickelte und alles klarstellte. Und da kann ich -denn bestätigen, und auch mein Vetter hier wird sich daran erinnern, -daß Herr Settembrini mehr als einmal mit großer Begeisterung -von dem Prinzip der Bewegung und der Rebellion -und der Weltverbesserung sprach, das ja an sich kein so ganz -friedliches Prinzip ist, sollte ich meinen, und daß diesem Prinzip -noch große Anstrengungen bevorständen, ehe es überall gesiegt -haben werde und die allgemeine glückliche Weltrepublik -stattfinden könne. Das waren seine Worte, wenn sie auch natürlich -viel plastischer und schriftstellerischer waren als meine, das -versteht sich von selbst. Was ich aber ganz genau weiß und -wörtlich behalten habe, weil ich als ausgepichter Zivilist direkt -etwas darüber erschrak, das war, daß er sagte, dieser Tag werde, -wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf Adlerschwingen kommen -(über die Adlerschwingen erschrak ich, wie ich mich erinnere), -und Wien müsse aufs Haupt geschlagen sein, wenn man das -Glück in die Wege leiten wolle. Man kann also nicht sagen, -daß Herr Settembrini den Krieg überhaupt verworfen hat. -Habe ich recht, Herr Settembrini?“ -</p> - -<p> -„Ungefähr“, sagte der Italiener kurz, indem er abgewandten -Kopfes seinen Stock schwenkte. -</p> - -<p> -„Schlimm“, lächelte Naphta häßlich. „Da sind Sie von -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Ihrem eigenen Schüler kriegerischer Neigungen überführt. -<span class="antiqua" lang="la">Assument pennas ut aquilae ...</span>“ -</p> - -<p> -„Voltaire selbst hat den Zivilisationskrieg bejaht und Friedrich -dem Zweiten den Krieg gegen die Türken empfohlen.“ -</p> - -<p> -„Statt dessen verbündete er sich mit ihnen, he, he. Und dann -die Weltrepublik! Ich unterlasse es, mich zu erkundigen, was -aus dem Prinzip der Bewegung und der Rebellion wird, wenn -das Glück und die Vereinigung hergestellt sind. In diesem -Augenblick würde die Rebellion zum Verbrechen ...“ -</p> - -<p> -„Sie wissen sehr wohl, und auch diese jungen Herren wissen -es, daß es sich um einen als unendlich gedachten Fortschritt -der Menschheit handelt.“ -</p> - -<p> -„Alle Bewegung ist aber kreisförmig“, sagte Hans Castorp. -„Im Raume und in der Zeit, das lehren die Gesetze von der Erhaltung -der Masse und von der Periodizität. Mein Vetter und -ich sprachen vorhin noch davon. Kann denn bei geschlossener -Bewegung ohne Richtungsdauer von Fortschritt die Rede sein? -Wenn ich abends so liege und den Zodiakus betrachte, das -heißt: die Hälfte, die zu sehen ist, und an die alten weisen Völker -denke ...“ -</p> - -<p> -„Sie sollten nicht grübeln und träumen, Ingenieur,“ unterbrach -ihn Settembrini, „sondern sich entschlossen den Instinkten -Ihrer Jahre und Ihrer Rasse anvertrauen, die Sie zur -Tätigkeit drängen müssen. Auch Ihre naturwissenschaftliche -Bildung muß Sie der Fortschrittsidee verbinden. Sie sehen -in ungemessenen Zeiträumen das Leben vom Infusor zum -Menschen sich fort- und emporentwickeln, Sie können nicht -zweifeln, daß dem Menschen noch unendliche Vervollkommnungsmöglichkeiten -offen stehen. Versteifen Sie sich denn aber -auf die Mathematik, so führen Sie Ihren Kreislauf von -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Vollkommenheit zu Vollkommenheit und erquicken Sie sich an -der Lehre unseres achtzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch -ursprünglich gut, glücklich und vollkommen war, daß nur die -gesellschaftlichen Irrtümer ihn entstellt und verdorben haben, -und daß er auf dem Wege kritischer Arbeit am Gesellschaftsbau -wieder gut, glücklich und vollkommen werden soll, werden -wird –“ -</p> - -<p> -„Herr Settembrini versäumt, hinzuzufügen,“ fiel Naphta -ein, „daß das Rousseausche Idyll eine vernünftlerische Verballhornung -der kirchlichen Doktrin von der ehemaligen Staat- -und Sündlosigkeit des Menschen ist, seiner ursprünglichen Gottesunmittelbarkeit -und Gotteskindschaft, zu der er zurückkehren -soll. Die Wiederherstellung des Gottesstaates nach Auflösung -aller irdischen Formen liegt aber dort, wo Erde und Himmel, -Sinnliches und Übersinnliches sich berühren, das Heil ist transzendent, -und was Ihre kapitalistische Weltrepublik anbelangt, -lieber Doktor, so ist es recht sonderbar, Sie in diesem Zusammenhang -vom „Instinkt“ reden zu hören. Das Instinktive -ist durchaus auf seiten des Nationalen, und Gott selbst hat den -Menschen den natürlichen Instinkt eingepflanzt, der die Völker -veranlaßt hat, sich in verschiedenen Staaten voneinander -zu sondern. Der Krieg ...“ -</p> - -<p> -„Der Krieg,“ rief Settembrini, „selbst der Krieg, mein Herr, -hat schon dem Fortschritt dienen müssen, wie Sie mir einräumen -werden, wenn Sie sich gewisser Ereignisse aus Ihrer Lieblingsepoche, -ich meine: wenn Sie sich der Kreuzzüge erinnern! -Diese Zivilisationskriege haben die Beziehungen der Völker im -wirtschaftlichen und handelspolitischen Verkehr aufs glücklichste -begünstigt und die abendländische Menschheit im Zeichen einer -Idee vereinigt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -„Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will -ich Sie dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung, -die sie zeitigten, nichts weniger als international -ausgleichend gewirkt haben, sondern im Gegenteil die Völker -lehrten, sich voneinander zu unterscheiden und die Ausbildung -der nationalen Staatsidee kräftig förderten.“ -</p> - -<p> -„Sehr zutreffend, soweit das Verhältnis der Völker zur Klerisei -in Frage kommt. Ja! damals begann das Gefühl staatlich -nationaler Ehre sich gegen hierarchische Anmaßung zu -festigen ...“ -</p> - -<p> -„Und dabei ist, was Sie hierarchische Anmaßung nennen, -nichts als die Idee menschlicher Vereinigung im Zeichen des -Geistes!“ -</p> - -<p> -„Man kennt diesen Geist, und man bedankt sich.“ -</p> - -<p> -„Es ist klar, daß Ihre nationale Manie den weltüberwindenden -Kosmopolitismus der Kirche verabscheut. Wenn ich -nur wüßte, wie Sie den Abscheu vor dem Kriege damit zu -vereinigen gedenken. Ihr antikisierender Staatskult muß Sie -zum Verfechter positiver Rechtsauffassung machen, und als -solcher ...“ -</p> - -<p> -„Sind wir beim Recht? Im Völkerrecht, mein Herr, bleibt -der Gedanke des Naturrechtes und allmenschlicher Vernunft -lebendig ...“ -</p> - -<p> -„Pah, Ihr Völkerrecht ist abermals nichts als eine Rousseausche -Verballhornung des <span class="antiqua" lang="la">ius divinum</span>, das weder mit -Natur noch Vernunft etwas zu schaffen hat, sondern auf Offenbarung -beruht ...“ -</p> - -<p> -„Streiten wir uns nicht um Namen, Professor! Nennen -Sie ungehindert <span class="antiqua" lang="la">ius divinum</span>, was ich als Natur- und Völkerrecht -verehre. Die Hauptsache ist, daß über den positiven -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Rechten der Nationalstaaten ein höher-gültiges, allgemeines -sich erhebt und die Schlichtung strittiger Interessenfragen -durch Schiedsgerichte ermöglicht.“ -</p> - -<p> -„Durch Schiedsgerichte! Wenn ich das Wort höre! Durch -ein bürgerliches Schiedsgericht, das über Fragen des Lebens -entscheidet, Gottes Willen ermittelt und die Geschichte bestimmt! -Gut, soviel von den Taubenfüßen. Und wo bleiben die Adlersschwingen?“ -</p> - -<p> -„Die bürgerliche Gesittung –“ -</p> - -<p> -„Ei, die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da -schreien sie nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern, -daß die Kosten der Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung -verbilligt werden. Und dabei erstickt man im Gedränge, -und alle Berufe sind so überfüllt, daß der Kampf um -den Eßnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in -den Schatten stellt. Freie Plätze und Gartenstädte! Ertüchtigung -der Rasse! Aber wozu Ertüchtigung, wenn die Zivilisation -und der Fortschritt wollen, daß kein Krieg mehr sei? -Der Krieg wäre das Mittel gegen alles und für alles. Für -die Ertüchtigung und sogar gegen den Geburtenrückgang.“ -</p> - -<p> -„Sie scherzen. Das ist nicht mehr ernst. Unser Gespräch -löst sich auf und tut es im rechten Augenblick. Wir sind zur -Stelle“, sagte Settembrini und zeigte den Vettern das Häuschen, -vor dessen Zaunpforte sie hielten, mit dem Stock. Es -lag nahe dem Eingang von „Dorf“ an der Straße, von der -nur ein schmales Vorgärtchen es trennte, und war bescheiden. -Wilder Wein schwang sich aus bloßliegenden Wurzeln um -die Haustür und streckte einen gebogenen, an die Mauer geschmiegten -Arm gegen das ebenerdige Fenster zur Rechten hin, -das Schaufenster eines kleinen Kramladens. Das Erdgeschoß -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -sei des Krämers, erklärte Settembrini. Naphtas Logis befinde -sich eine Treppe hoch in der Schneiderei, und er selbst domiziliere -im Dach. Es sei ein friedlicher Studio. -</p> - -<p> -Mit überraschend hervorgekehrter Liebenswürdigkeit gab -Naphta der Hoffnung Ausdruck, daß weitere Begegnungen -aus dieser folgen möchten. „Besuchen Sie uns“, sagte er. -„Ich würde sagen: Besuchen Sie mich, wenn Dr. Settembrini -hier nicht ältere Rechte auf Ihre Freundschaft hätte. -Kommen Sie, wann Sie wollen, sobald Sie Lust zu einem -kleinen Kolloquium haben. Ich schätze den Austausch mit der -Jugend, bin auch vielleicht nicht ohne alle pädagogische Überlieferung ... -Wenn unser Meister vom Stuhl“ (er deutete -auf Settembrini) „alle pädagogische Aufgelegtheit und Berufung -dem bürgerlichen Humanismus vorbehalten will, so -muß man ihm widersprechen. Auf bald also!“ -</p> - -<p> -Settembrini machte Schwierigkeiten. Es bestünden solche, -sagte er. Die Tage des Leutnants hier oben seien gezählt, und -der Ingenieur werde seinen Eifer im Kurdienst verdoppeln -wollen, um ihm sehr bald in die Ebene nachfolgen zu können. -</p> - -<p> -Die jungen Leute stimmten beiden zu, dem einen nach dem -andern. Sie hatten Naphtas Einladung mit Verbeugungen -aufgenommen und erkannten im nächsten Augenblick die Bedenken -Settembrinis mit Kopf und Schultern als berechtigt -an. So blieb alles offen. -</p> - -<p> -„Wie hat er ihn genannt?“ fragte Joachim, als sie die Wegschleife -zum „Berghof“ emporstiegen ... -</p> - -<p> -„Ich habe ‚Meister vom Stuhl‘ verstanden,“ sagte Hans Castorp, -„und denke auch eben darüber nach. Es ist wohl irgend -so ein Witz; sie haben ja sonderbare Namen füreinander. -Settembrini nannte Naphta ‚<span class="antiqua" lang="la">princeps scholasticorum</span>‘, – -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -auch nicht übel. Die Scholastiker, das waren ja wohl die -Schriftgelehrten des Mittelalters, dogmatische Philosophen, -wenn du willst. Hm. Vom Mittelalter war ja denn auch verschiedentlich -die Rede, – wobei mir einfiel, wie Settembrini gleich -am ersten Tage sagte, es mute manches mittelalterlich an bei -uns hier oben: wir kamen darauf durch Adriatica von Mylendonk, -durch den Namen. – Wie hat <em>er</em> dir gefallen?“ -</p> - -<p> -„Der Kleine? Nicht gut. Er sagte manches, was mir gefiel. -Schiedsgerichte sind natürlich eine Duckmäuserei. Aber -er selbst hat mir wenig gefallen, und da kann einer noch so -viel Gutes sagen, was habe ich davon, wenn er selbst ein zweifelhafter -Kerl ist. Und zweifelhaft ist er, das kannst du nicht -leugnen. Allein schon die Geschichte mit dem ‚Orte der Beiwohnung‘ -war entschieden bedenklich. Und dabei hat er ja eine -Judennase, sieh ihn dir doch an! So miekrig von Figur sind -auch immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den -Mann zu besuchen?“ -</p> - -<p> -„Selbstverständlich werden wir ihn besuchen!“ erklärte Hans -Castorp. „Die Miekrigkeit, – das ist nur das Militär, das da -aus dir spricht. Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen -und waren doch höllisch auf dem Posten, nicht bloß in den Geheimwissenschaften. -Naphta hat auch was von Geheimwissenschaft, -er interessiert mich nicht wenig. Ich will auch nicht behaupten, -daß ich heute schon klug aus ihm geworden bin, aber -wenn wir öfter mit ihm zusammenkommen, so werden wir es -vielleicht, und ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß wir -überhaupt klüger werden bei dieser Gelegenheit.“ -</p> - -<p> -„Ach, Mensch, du wirst ja immer klüger hier oben, mit deiner -Biologie und Botanik und deinen unhaltbaren Wendepunkten. -Und mit der ‚Zeit‘ hattest du es gleich am ersten Tage -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -zu tun. Und dabei sind wir doch hier, um gesünder, und nicht -um gescheuter zu werden, – gesünder und ganz gesund, damit -sie uns endlich in Freiheit setzen und als geheilt ins Flachland -entlassen können!“ -</p> - -<p> -„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ sang Hans Castorp -leichtsinnig. „Sage mir erst mal, was Freiheit ist“, fuhr er -sprechend fort. „Naphta und Settembrini stritten vorhin ja -auch darüber und kamen zu keiner Einigung. ‚Freiheit ist das -Gesetz der Menschenliebe!‘ sagt Settembrini, und das klingt -nach seinem Vorfahren, dem Carbonaro. Aber so tapfer der -Carbonaro war, und so tapfer unser Settembrini selber ist, ...“ -</p> - -<p> -„Ja, er wurde ungemütlich, als auf persönlichen Mut die -Rede kam.“ -</p> - -<p> -„... so glaube ich doch, daß er vor manchem Angst hat, wovor -der kleine Naphta <em>nicht</em> Angst hat, verstehst du, und daß -seine Freiheit und Tapferkeit ziemlich ete-pe-tete sind. Meinst -du, daß er Mut genug hätte, <span class="antiqua" lang="fr">de se perdre ou même de se -laisser dépérir</span>?“ -</p> - -<p> -„Was fängst du an, französisch zu sprechen?“ -</p> - -<p> -„Nur so ... Die Atmosphäre hier ist ja so international. Ich -weiß nicht, wer mehr Gefallen daran finden müßte: Settembrini, -von wegen der bürgerlichen Weltrepublik, oder Naphta -mit seinem hierarchischen Kosmopolis. Ich habe scharf aufgepaßt, -wie du siehst, aber klar ist die Sache mir nicht geworden, -ich fand im Gegenteil, die Konfusion war groß, die herauskam -bei ihren Reden.“ -</p> - -<p> -„Das ist immer so. Das wirst du immer so finden, daß bloß -Konfusion herauskommt beim Reden und Meinungen haben. -Ich sage dir ja, es kommt überhaupt nicht drauf an, was für -Meinungen einer hat, sondern darauf, ob einer ein rechter Kerl -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -ist. Am besten ist, man hat gleich gar keine Meinung, sondern -tut seinen Dienst.“ -</p> - -<p> -„Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale -Existenz, die du bist. Bei mir ist es was andres, ich bin Zivilist, -ich bin gewissermaßen verantwortlich. Und mich regt es -auf, solche Konfusion zu sehen, wie daß der eine die internationale -Weltrepublik predigt und den Krieg grundsätzlich verabscheut, -dabei aber so patriotisch ist, daß er partout die Brennergrenze -verlangt und dafür einen Zivilisationskrieg führen -will, – und daß der andere den Staat für Teufelswerk hält -und von der allgemeinen Vereinigung am Horizonte flötet, aber -im nächsten Augenblick das Recht des natürlichen Instinktes -verteidigt und sich über Friedenskonferenzen lustig macht. Unbedingt -müssen wir hingehen, um klug daraus zu werden. Du -sagst zwar, wir sollen hier nicht klüger werden, sondern gesünder. -Aber das muß sich vereinigen lassen, Mann, und wenn -du das nicht glaubst, dann treibst du Weltentzweiung, und so -was zu treiben, ist immer ein großer Fehler, will ich dir mal -bemerken.“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-1-3"> -Vom Gottesstaat und von übler Erlösung -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Hans Castorp bestimmte in seiner Loge ein Pflanzengewächs, -das jetzt, da der astronomische Sommer begonnen hatte und -die Tage kürzer zu werden begannen, an vielen Stellen wucherte: -die Akelei oder <span class="antiqua" lang="la">Aquilegia</span>, eine Ranunkulazeenart, die -staudenartig wuchs, hochgestielt, mit blauen und veilchenfarbnen, -auch rotbraunen Blüten und krautartigen Blättern von -geräumiger Fläche. Die Pflanze wuchs da und dort, massenweis -aber namentlich in dem stillen Grunde, wo er sie vor nun -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -bald einem Jahre zuerst gesehen: der abgeschiedenen, wildwasserdurchrauschten -Waldschlucht mit Steg und Ruhebank, -wo sein voreilig-freizügiger und unbekömmlicher Spaziergang -von damals geendigt hatte, und die er nun manchmal wieder -besuchte. -</p> - -<p> -Es war, wenn man es weniger unternehmend anfing, als -er damals getan, nicht gar so weit dorthin. Stieg man vom -Ziel der Schlittlrennen in „Dorf“ ein wenig die Lehne hinan, -so war der malerische Ort auf dem Waldwege, dessen Holzbrücken -die von der Schatzalp kommende Bobbahn überkreuzten, -ohne Umwege, Operngesang und Erschöpfungspausen -in zwanzig Minuten zu erreichen, und wenn Joachim durch -dienstliche Pflichten, durch Untersuchung, Innenphotographie, -Blutprobe, Injektion oder Gewichtsfeststellung ans Haus gefesselt -war, so wanderte Hans Castorp wohl bei heiterer Witterung -nach dem zweiten Frühstück, zuweilen auch schon nach -dem ersten dorthin, und auch die Stunden zwischen Tee und -Abendessen benutzte er wohl zu einem Besuch seines Lieblingsortes, -um auf der Bank zu sitzen, wo ihn einst das mächtige -Nasenbluten überkommen, dem Geräusche des Gießbachs mit -schrägem Kopfe zu lauschen und das geschlossene Landschaftsbild -um sich her zu betrachten, sowie die Menge von blauer -Akelei, die nun wieder in ihrem Grunde blühte. -</p> - -<p> -Kam er nur dazu? Nein, er saß dort, um allein zu sein, um -sich zu erinnern, die Eindrücke und Abenteuer so vieler Monate -zu überschlagen und alles zu bedenken. Es waren ihrer -viele und mannigfaltige, – nicht leicht zu ordnen dabei, denn sie -erschienen ihm vielfach verschränkt und ineinanderfließend, so -daß das Handgreifliche kaum vom bloß Gedachten, Geträumten -und Vorgestellten zu sondern war. Nur abenteuerlichen -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Wesens waren sie alle, in dem Grade, daß sein Herz, beweglich, -wie es hier oben vom ersten Tage an gewesen und geblieben -war, stockte und hämmerte, wenn er ihrer gedachte. -Oder genügte bereits die Vernunftüberlegung, daß die <span class="antiqua" lang="la">Aquilegia</span> -hier, wo ihm einst in einem Zustand herabgesetzter Lebenstätigkeit -Pribislav Hippe leibhaftig erschienen war, nicht immer -noch, sondern schon wieder blühte, und daß aus den „drei -Wochen“ demallernächst ein rundes Jahr geworden sein würde, -um sein bewegliches Herz so abenteuerlich zu erschrecken? -</p> - -<p> -Übrigens bekam er kein Nasenbluten mehr auf seiner Bank -am Wildwasser, das war vorbei. Seine Akklimatisation, die -Joachim ihm sogleich als schwierig hingestellt und die ihre -Schwierigkeit denn auch bewährt hatte, war vorgeschritten, -sie mußte nach elf Monaten als vollendet gelten, und Weitergehendes -in dieser Richtung war kaum zu gewärtigen. Der -Chemismus seines Magens hatte sich geregelt und angepaßt, -Maria Mancini schmeckte, die Nerven seiner ausgetrockneten -Schleimhäute kosteten längst wieder empfänglich die Blume -dieses preiswerten Fabrikats, das er sich nach wie vor, wenn -der Vorrat zur Neige ging, mit einer Art von Pietätsgefühl -aus Bremen verschrieb, obgleich sehr einladende Ware sich in -den Schaufenstern des internationalen Kurortes empfahl. Bildete -Maria nicht eine Art von Verbindung zwischen ihm, dem -Entrückten, und dem Flachlande, der alten Heimat? Unterhielt -und bewahrte sie dergleichen Beziehungen nicht wirksamer, -als etwa die Postkarten, die er dann und wann nach unten -an die Onkel richtete, und deren Abstände voneinander in demselben -Maße größer geworden waren, als er sich unter Annahme -hiesiger Begriffe eine großartigere Zeitbewirtschaftung -zu eigen gemacht hatte? Es waren meistens Ansichtskarten, -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -der größeren Gefälligkeit halber, mit hübschen Bildern des -Tales im Schnee wie in sommerlicher Verfassung, und sie boten -für Schriftliches nur eben soviel Raum, als nötig war, -um die neueste ärztliche Verlautbarung zu überliefern, das Ergebnis -einer Monats- oder Generaluntersuchung verwandtschaftlich -zu melden, das heißt also: etwa mitzuteilen, daß akustisch -wie optisch eine unverkennbare Besserung zu verzeichnen -gewesen, daß er aber noch nicht entgiftet sei, und daß die leichte -Übertemperatur, in der er immer noch stehe, von den kleinen -Stellen komme, die eben noch vorhanden seien, aber bestimmt -ohne Rest verschwinden würden, wenn er Geduld übe, so daß -er dann keinesfalls wiederzukommen brauche. Er durfte sicher -sein, daß darüber hinausgehende briefstellerische Leistungen -von ihm nicht verlangt und erwartet wurden; es war keine -humanistisch rednerische Sphäre, an die er sich wandte; die -Antworten, die er erhielt, waren ebensowenig ergußhafter Art. -Sie begleiteten meistens die geldlichen Subsistenzmittel, die ihm -von zu Hause zukamen, die Zinsen seines väterlichen Erbes, die -sich in hiesiger Münze so vorteilhaft ausnahmen, daß er sie -niemals verzehrt hatte, wenn eine neue Lieferung eintraf, und -bestanden in einigen Zeilen Maschinenschrift, gezeichnet James -Tienappel, mit Grüßen und Genesungswünschen vom Großonkel -und manchmal auch von dem seefahrenden Peter. -</p> - -<p> -Die Verabfolgung der Injektionen, so meldete Hans Castorp -nach Hause, hatte der Hofrat neuestens unterbrochen. Sie -bekamen diesem jungen Patienten nicht, verursachten ihm Kopfschmerzen, -Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme und Müdigkeit, -hatten die „Temperatur“ zunächst erhöht und dann nicht beseitigt. -Sie glühte als trockene Hitze subjektiv fort in seiner rosenroten -Miene, als Mahnung daran, daß die Akklimatisation -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -für diesen Sprößling der Tiefebene und ihrer feuchtfröhlichen -Meteorologie doch eben wohl hauptsächlich in der Gewöhnung -daran bestand, daß er sich nicht gewöhnte, – was übrigens -Rhadamanthys ja selber nicht tat, der immer blaue -Backen hatte. „Manche gewöhnen sich nie“, hatte Joachim -gleich gesagt, und dies schien Hans Castorps Fall. Denn auch -das Genickzittern, das ihn hier oben bald nach der Ankunft zu -belästigen begonnen, hatte sich nicht wieder verlieren wollen, -sondern stellte sich im Gehen, im Gespräch, ja selbst hier oben -am blau blühenden Orte seines Nachdenkens über den Komplex -seiner Abenteuer unvermeidlich ein, so daß ihm die würdige -Kinnstütze Hans Lorenz Castorps beinahe schon zur festen -Gewohnheit geworden war, – nicht ohne ihn selbst, wenn er -sie benützte, an die Vatermörder des Alten, die Interimsform -der Ehrenkrause, an das blaßgoldene Rund der Taufschale, -an den frommen Ur-Ur-Laut und ähnliche Verwandtschaften -unter der Hand zu erinnern und ihn so zum Überdenken seines -Lebenskomplexes neuerdings hinzuleiten. -</p> - -<p> -Pribislav Hippe erschien ihm nicht mehr leibhaftig, wie vor -elf Monaten. Seine Akklimatisation war vollendet, er hatte -keine Visionen mehr, lag nicht mit stillgestelltem Leibe auf seiner -Bank, während sein Ich in ferner Gegenwart weilte – -nichts mehr von solchen Zufällen. Deutlichkeit und Lebendigkeit -dieses Erinnerungsbildes, wenn es ihm denn vorschwebte, -hielten sich in normalen, gesunden Grenzen; und im Zusammenhange -damit zog dann Hans Castorp wohl aus seiner Brusttasche -das gläserne Angebinde, das er dort in einem gefütterten -Briefumschlag und hierauf in der Brieftasche verwahrt -hielt: ein Täfelchen, das, wenn man es in gleicher Ebene mit -dem Erdboden hielt, schwarz-spiegelnd und undurchsichtig -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -schien, aber, gegen das Himmelslicht aufgehoben, sich erhellte -und humanistische Dinge vorwies: das transparente Bild des -Menschenleibes, Rippenwerk, Herzfigur, Zwerchfellbogen und -Lungengebläse, dazu das Schlüssel- und Oberarmgebein, umgeben -dies alles von blaß-dunstiger Hülle, dem Fleische, von -dem Hans Castorp in der Faschingswoche vernunftwidriger -Weise gekostet hatte. Was Wunder, daß sein bewegliches Herz -stockte und stürzte, wenn er das Angebinde betrachtete und dann -fortfuhr, „alles“ zu überschlagen und zu bedenken, gelehnt an -die schlicht gezimmerte Lehne der Ruhebank, die Arme gekreuzt, -den Kopf zur Schulter geneigt, im Geräusche des Gießwassers -und angesichts der blaublühenden Akelei? -</p> - -<p> -Das Hochgebild organischen Lebens, die Menschengestalt -schwebte ihm vor, wie in jener Frost- und Sternennacht anläßlich -gelehrter Studien, und an ihre innere Anschauung knüpften -sich für den jungen Hans Castorp so manche Fragen und -Unterscheidungen, mit denen sich abzugeben der gute Joachim -nicht verpflichtet sein mochte, für die aber er als Zivilist sich -verantwortlich zu fühlen begonnen hatte, obwohl auch er im -Flachlande drunten ihrer niemals ansichtig geworden war und -vermutlich nie ansichtig würde geworden sein, wohl aber hier, -wo man aus der beschaulichen Abgeschiedenheit von fünftausend -Fuß auf Welt und Kreatur hinabblickte und sich seine -Gedanken machte, – vermöge einer durch lösliche Gifte erzeugten -Steigerung des Körpers auch wohl, die als trockene Hitze im -Antlitz brannte. Er dachte an Settembrini im Zusammenhang -mit jener Anschauung, an den pädagogischen Drehorgelmann, -dessen Vater in Hellas zur Welt gekommen, und der die Liebe -zum Hochgebild als Politik, Rebellion und Eloquenz erläuterte, -indem er die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -weihte; dachte auch an den Kameraden Krokowski und an -das, was er seit einiger Zeit im verdunkelten Zimmergelaß -mit ihm trieb, besann sich über das doppelte Wesen der Analyse -und wie weit sie der Tat und dem Fortschritte förderlich -sei, wie weit dem Grabe verwandt und seiner anrüchigen Anatomie. -Er rief die Bilder der beiden Großväter neben- und -gegeneinander herauf, des rebellischen und des getreuen, die -Schwarz trugen aus unterschiedlichen Gründen, und erwog ihre -Würde; ging ferner mit sich zu Rate über so weitläufige Komplexe -wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und -Schande, Zeit und Ewigkeit, – und unterlag einem kurzen, aber -stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder -blühte und das Jahr in sich selber lief. -</p> - -<p> -Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche -Gedankenbeschäftigung am malerischen Orte seiner Zurückgezogenheit: -er nannte sie „Regieren“, – gebrauchte dies -Spiel- und Knabenwort, diesen Kinderausdruck dafür, als für -eine Unterhaltung, die er liebte, obwohl sie mit Schrecken, -Schwindel und allerlei Herztumulten verbunden war und seine -Gesichtshitze übermäßig verstärkte. Doch fand er es nicht unschicklich, -daß die mit dieser Tätigkeit verbundene Anstrengung -ihn nötigte, sich der Kinnstütze zu bedienen; denn diese Haltung -stimmte wohl mit der Würde überein, die das „Regieren“ angesichts -des vorschwebenden Hochgebildes ihm innerlich verlieh. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="la">Homo Dei</span>“ hatte der häßliche Naphta das Hochgebild -genannt, als er es gegen die englische Gesellschaftslehre verteidigte. -Was Wunder, daß Hans Castorp um seiner zivilistischen -Verantwortlichkeit willen und im Regierungsinteresse sich -gehalten fand, mit Joachim bei dem Kleinen Besuch zu machen? -Settembrini sah es ungern, – dies deutlich zu spüren, war Hans -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -Castorp schlau und dünnhäutig genug. Schon die erste Begegnung -war dem Humanisten unangenehm gewesen, er hatte -sie offensichtlich zu verhindern gestrebt und die jungen Leute, -namentlich aber ihn selbst – so sagte sich das durchtriebene -Sorgenkind – vor der Bekanntschaft mit Naphta pädagogisch -hüten wollen, obgleich ja er für seine Person mit ihm verkehrte -und disputierte. So sind die Erzieher. Sich selber gönnen -sie das Interessante, indem sie sich ihm „gewachsen“ nennen; -der Jugend aber verbieten sie es und verlangen, daß sie -sich dem Interessanten nicht „gewachsen“ fühle. Ein Glück nur, -daß es dem Drehorgelmann im Ernst überhaupt nicht zustand, -dem jungen Hans Castorp etwas zu verbieten, und daß er ja -auch gar nicht den Versuch dazu gemacht hatte. Der Sorgenzögling -brauchte seine Dünnhäutigkeit nur zu verleugnen und -Unschuld vorzuschützen, so hinderte nichts ihn, der Einladung -des kleinen Naphta freundlich zu folgen, – was er denn auch -getan hatte, mit dem wohl oder übel sich anschließenden Joachim, -wenige Tage nach dem ersten Zusammentreffen, an einem -Sonntagnachmittag, nach dem Hauptliegedienst. -</p> - -<p> -Es waren wenige Minuten Wegs vom Berghof hinunter -zum Häuschen mit der weinumkränzten Haustür. Sie traten -ein, ließen den Zugang zum Krämerladen zur Rechten liegen -und erklommen die schmale braune Stiege, die sie vor eine -Etagentür führte, neben deren Klingel lediglich das Namensschild -Lukačeks, des Damenschneiders, angebracht war. Die -Person, die ihnen öffnete, war ein halbwüchsiger Knabe in -einer Art von Livree, gestreifter Jacke und Gamaschen, ein -Dienerchen, kurzgeschoren und rotbackig. Ihn fragten sie nach -Herrn Professor Naphta und prägten ihm, da sie mit Karten -nicht ausgestattet waren, ihre Namen ein, die er Herrn Naphta -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -– er gebrauchte keinen Titel – zu nennen ging. Die dem Eingang -gegenüberliegende Zimmertür stand offen und gewährte -Einblick in die Schneiderei, wo des Feiertags ungeachtet Lukaček -mit untergeschlagenen Beinen auf einem Tische saß und -nähte. Er war bleich und kahlköpfig; von einer übergroßen, -abfallenden Nase hing ihm der schwarze Schnurrbart mit -saurem Ausdruck zu seiten des Mundes herab. -</p> - -<p> -„Guten Tag!“ wünschte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Grütsi“, antwortete der Schneider mundartlich, obgleich -das Schweizerische weder zu seinem Namen noch zu seinem -Äußeren paßte und etwas falsch und sonderbar klang. -</p> - -<p> -„So fleißig?“ fuhr Hans Castorp nickend fort ... „Es ist -ja Sonntag!“ -</p> - -<p> -„Eilige Arbeit“, versetzte Lukaček kurz und stichelte. -</p> - -<p> -„Ist wohl was Feines,“ vermutete Hans Castorp, „was -rasch gebraucht wird, für eine Reunion oder so?“ -</p> - -<p> -Der Schneider ließ diese Frage eine Weile unbeantwortet, -biß den Faden ab und fädelte neu ein. Nachträglich nickte er. -</p> - -<p> -„Wird es hübsch?“ fragte Hans Castorp noch. „Machen -Sie Ärmel daran?“ -</p> - -<p> -„Ja, Ärmel, es ist für eine Olte“, antwortete Lukaček mit -stark böhmischem Akzent. Die Rückkehr des Dienerchens unterbrach -dies durch die Tür geführte Gespräch. Herr Naphta -lasse bitten, näher zu treten, meldete er und öffnete den jungen -Leuten eine Tür, zwei oder drei Schritte weiter rechts, wobei -er auch noch eine zusammenfallende Portiere vor ihnen aufzuheben -hatte. Die Eintretenden empfing Naphta, in Schleifenschuhen -auf moosgrünem Teppich stehend. -</p> - -<p> -Beide Vettern waren überrascht durch den Luxus des zweifenstrigen -Arbeitszimmers, das sie aufgenommen hatte, ja -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -geblendet durch Überraschung; denn die Dürftigkeit des Häuschens, -seiner Treppe, seines armseligen Korridors ließ dergleichen -nicht entfernt erwarten und verlieh der Eleganz von Naphtas -Einrichtung durch Kontrastwirkung etwas Märchenhaftes, -was sie an und für sich kaum besaß und auch in den Augen -Hans Castorps und Joachim Ziemßens nicht besessen hätte. -Immerhin, sie war fein, ja glänzend, und zwar so, daß sie trotz -Schreibtisch und Bücherschränken den Charakter des Herrenzimmers -eigentlich nicht wahrte. Es war zuviel Seide darin, -weinrote, purpurrote Seide: die Vorhänge, die die schlechten -Türen verbargen, waren daraus, die Fenster-Überfälle und -ebenso die Bezüge der Meubles-Gruppe, die an einer Schmalseite, -der zweiten Tür gegenüber, vor einem die Wand fast -ganz bespannenden Gobelin angeordnet war. Es waren Barockarmstühle -mit kleinen Polstern auf den Seitenlehnen, um einen -runden, metallbeschlagenen Tisch gruppiert, hinter dem ein mit -Seidenplüschkissen ausgestattetes Sofa desselben Stiles stand. -Die Bücherspinde nahmen die Wandpartien neben den beiden -Türen ein. Sie waren, wie der Schreibtisch, oder vielmehr der -mit einem gewölbten Rolldeckel versehene Sekretär, der zwischen -den Fenstern Platz gefunden hatte, in Mahagoni gearbeitet, -mit Glastüren, hinter die grüne Seide gespannt war. Aber in -dem Winkel links von der Sofagruppe war ein Kunstwerk zu -sehen, eine große, auf rot verkleidetem Sockel erhöhte bemalte -Holzplastik, – etwas innig Schreckhaftes, eine Pietà, einfältig -und wirkungsvoll bis zum Grotesken: die Gottesmutter in der -Haube, mit zusammengezogenen Brauen und jammernd schief -geöffnetem Munde, den Schmerzensmann auf ihrem Schoß, -eine im Größenverhältnis primitiv verfehlte Figur mit kraß herausgearbeiteter -Anatomie, die jedoch von Unwissenheit zeugte, -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -das hängende Haupt von Dornen starrend, Gesicht und Glieder -mit Blut befleckt und berieselt, dicke Trauben geronnenen Blutes -an der Seitenwunde und den Nägelmalen der Hände und -Füße. Dies Schaustück verlieh dem seidenen Zimmer nun freilich -einen besonderen Akzent. Auch die Tapete, über den Bücherschränken -und an der Fensterwand sichtbar, war übrigens offenbar -eine Leistung des Mieters: das Grün ihrer Längsstreifen -war das des weichen Teppichs, der über die rote Bodenbespannung -gebreitet war. Nur der niedrigen Decke war wenig -zu helfen gewesen. Sie war kahl und rissig. Doch hing ein kleiner -venezianischer Lüster daran herab. Die Fenster waren mit -cremefarbenen Stores verhüllt, die bis zum Boden reichten. -</p> - -<p> -„Da haben wir uns zu einem Kolloquium eingefunden!“ -sagte Hans Castorp, während seine Augen mehr an dem frommen -Schrecknis im Winkel, als an dem Bewohner des überraschenden -Zimmers hafteten, der es anerkannte, daß die Vettern -Wort gehalten hätten. Er wollte sie mit gastlichen Bewegungen -seiner kleinen Rechten zu den seidenen Sitzen leiten, -aber Hans Castorp ging geradeswegs und gebannt auf die -Holzgruppe zu und blieb, Arme in die Hüften gestemmt, mit -seitwärts geneigtem Kopf davor stehen. -</p> - -<p> -„Was haben Sie denn da!“ sagte er leise. „Das ist ja -schrecklich gut. Hat man je so ein Leiden gesehn. Etwas Altes, -natürlich?“ -</p> - -<p> -„Vierzehntes Jahrhundert“, antwortete Naphta. „Wahrscheinlich -rheinischer Herkunft. Es macht Ihnen Eindruck?“ -</p> - -<p> -„Enormen“, sagte Hans Castorp. „Das kann seinen Eindruck -auf den Beschauer denn doch wohl gar nicht verfehlen. -Ich hätte nicht gedacht, daß etwas zugleich so häßlich – entschuldigen -Sie – und so schön sein könnte.“ -</p> - -<p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -„Erzeugnisse einer Welt der Seele und des Ausdrucks,“ versetzte -Naphta, „sind immer häßlich vor Schönheit und schön -vor Häßlichkeit, das ist die Regel. Es handelt sich um geistige -Schönheit, nicht um die des Fleisches, die absolut dumm ist. -Übrigens auch abstrakt ist sie“, fügte er hinzu. „Die Schönheit -des Leibes ist abstrakt. Wirklichkeit hat nur die innere, die -des religiösen Ausdrucks.“ -</p> - -<p> -„Das haben Sie dankenswert richtig unterschieden und angeordnet“, -sagte Hans Castorp. „Vierzehntes?“ versicherte -er sich ... „Dreizehnhundertsoundso? Ja, das ist das Mittelalter, -wie es im Buche steht, ich erkenne gewissermaßen die Vorstellung -darin wieder, die ich mir in letzter Zeit vom Mittelalter -gemacht habe. Ich wußte eigentlich nichts davon, ich bin -ja ein Mann des technischen Fortschritts, soweit ich überhaupt -in Frage komme. Aber hier oben ist mir die Vorstellung des -Mittelalters verschiedentlich nahe gebracht worden. Die ökonomistische -Gesellschaftslehre gab es damals noch nicht, soviel -ist klar. Wie hieß der Künstler denn wohl?“ -</p> - -<p> -Naphta zuckte die Achseln. -</p> - -<p> -„Was liegt daran?“ sagte er. „Wir sollten danach nicht -fragen, da man auch damals, als es entstand, nicht danach -fragte. Das hat keinen wunderwie individuellen Monsieur -zum Autor, es ist anonym und gemeinsam. Es ist übrigens -sehr vorgeschrittenes Mittelalter, Gotik, <span class="antiqua" lang="la">Signum mortificationis</span>. -Sie finden da nichts mehr von der Schonung und Beschönigung, -mit der noch die romanische Epoche den Gekreuzigten -darstellen zu müssen glaubte, keine Königskrone, keinen majestätischen -Triumph über Welt und Martertod. Alles ist radikale -Verkündigung des Leidens und der Fleischesschwäche. Erst -der gotische Geschmack ist der eigentlich pessimistisch-asketische. -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Sie werden die Schrift Innozenz des Dritten, ‚<span class="antiqua" lang="la">De miseria -humanae conditionis</span>‘, nicht kennen, – ein äußerst witziges -Stück Literatur. Sie stammt vom Ende des zwölften Jahrhunderts, -aber erst diese Kunst liefert die Illustrationen dazu.“ -</p> - -<p> -„Herr Naphta,“ sagte Hans Castorp nach einem Aufseufzen, -„mich interessiert jedes Wort von dem, was Sie da hervorheben. -‚<span class="antiqua" lang="la">Signum mortificationis</span>‘ sagten Sie? Das werde -ich mir merken. Vorher sagten Sie etwas von ‚anonym und -gemeinsam‘, was auch der Mühe wert scheint, darüber nachzudenken. -Sie vermuten leider richtig, daß ich die Schrift des -Papstes – ich nehme an, daß Innozenz der Dritte ein Papst -war – nicht kenne. Habe ich richtig verstanden, daß sie asketisch -und witzig ist? Ich muß gestehen, ich habe mir nie vorgestellt, -daß das so Hand in Hand gehen könnte, aber wenn -ich es ins Auge fasse, so leuchtet es mir ein, natürlich, eine Abhandlung -über das menschliche Elend bietet zum Witz schon -Gelegenheit, auf Kosten des Fleisches. Ist die Schrift denn -erhältlich? Wenn ich mein Latein zusammennähme, vielleicht -könnte ich sie lesen.“ -</p> - -<p> -„Ich besitze das Buch“, antwortete Naphta, mit dem Kopf -nach einem der Schränke weisend. „Es steht Ihnen zur Verfügung. -Aber wollen wir uns nicht setzen? Sie sehen die Pietà -auch vom Sofa aus. Eben kommt unser kleines Vespermahl ...“ -</p> - -<p> -Es war das Dienerchen, das Tee brachte, dazu einen hübschen -silberbeschlagenen Korb, worin in Stücke geschnittener -Baumkuchen lag. Hinter ihm aber, durch die offene Tür, wer -trat beschwingten Schrittes mit „Sapperlot!“ „<span class="antiqua" lang="it">Accidenti!</span>“ -und feinem Lächeln herein? Das war Herr Settembrini, wohnhaft -eine Treppe höher, der sich einfand, in der Absicht, den -Herren Gesellschaft zu leisten. Durch sein Fensterchen, sagte er, -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -habe er die Vettern kommen sehen und rasch noch eine enzyklopädische -Seite heruntergeschrieben, die er eben unter der -Feder gehabt, um sich dann ebenfalls hier zu Gaste zu bitten. -Nichts war natürlicher, als daß er kam. Seine alte Bekanntschaft -mit den Berghofbewohnern berechtigte ihn dazu, und -dann war auch sein Verkehr und Austausch mit Naphta, trotz -tiefgehender Meinungsverschiedenheiten, ja offenbar überhaupt -sehr lebhaft, – wie denn der Gastgeber ihn leichthin und -ohne Überraschung als Zugehörigen begrüßte. Das hinderte -nicht, daß Hans Castorp von seinem Kommen sehr deutlich -einen doppelten Eindruck gewann. Erstens, so empfand er, -stellte Herr Settembrini sich ein, um ihn und Joachim, oder -eigentlich kurzweg ihn, nicht mit dem häßlichen kleinen Naphta -allein zu lassen, sondern durch seine Anwesenheit ein pädagogisches -Gegengewicht zu schaffen; und zweitens war klar ersichtlich, -daß er gar nichts dagegen hatte, sondern die Gelegenheit -recht gern benutzte, den Aufenthalt in seinem Dach auf eine -Weile mit dem in Naphtas seidenfeinem Zimmer zu vertauschen -und einen wohlservierten Tee einzunehmen: er rieb sich die gelblichen, -an der Kleinfingerseite des Rückens mit schwarzen Haaren -bewachsenen Hände, bevor er zugriff, und speiste mit unverkennbarem, -auch lobend ausgesprochenem Genuß von dem -Baumkuchen, dessen schmale, gebogene Scheiben von Schokoladeadern -durchzogen waren. -</p> - -<p> -Das Gespräch fuhr noch fort, sich mit der Pietà zu beschäftigen, -da Hans Castorp mit Blick und Wort an dem Gegenstand -festhielt, wobei er sich an Herrn Settembrini wandte und -diesen gleichsam mit dem Kunstwerk in kritischen Kontakt zu -setzen suchte, – während ja der Abscheu des Humanisten gegen -diesen Zimmerschmuck deutlich genug in der Miene zu lesen -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -war, mit der er sich danach umwandte: denn er hatte sich mit -dem Rücken gegen jenen Winkel gesetzt. Zu höflich, um alles -zu sagen, was er dachte, beschränkte er sich darauf, Fehlerhaftigkeiten -in den Verhältnissen und den Körperformen der Gruppe -zu beanstanden, Verstöße gegen die Naturwahrheit, die weit -entfernt seien, rührend auf ihn zu wirken, da sie nicht frühzeitlichem -Unvermögen, sondern bösem Willen, einem grundfeindlichen -Prinzip entsprängen, – worin Naphta ihm boshaft zustimmte. -Gewiß, von technischem Ungeschick könne nicht entfernt -die Rede sein. Es handle sich um bewußte Emanzipation -des Geistes vom Natürlichen, dessen Verächtlichkeit durch die -Verweigerung jeder Demut davor religiös verkündet werde. -Als aber Settembrini die Vernachlässigung der Natur und ihres -Studiums für menschlich abwegig erklärte und gegen die absurde -Formlosigkeit, der das Mittelalter und die ihm nachahmenden -Epochen gefrönt hätten, das griechisch-römische -Erbe, den Klassizismus, Form, Schönheit, Vernunft und naturfromme -Heiterkeit, die allein die Sache des Menschen zu fördern -berufen seien, in prallen Worten zu erheben begann, mischte -Hans Castorp sich ein und fragte, was denn aber bei solcher -Bewandtnis mit Plotinus los sei, der sich nachweislich seines -Körpers geschämt, und mit Voltaire, der im Namen der Vernunft -gegen das skandalöse Erdbeben von Lissabon revoltiert -habe? Absurd? Das sei auch absurd gewesen, aber wenn man -alles recht überlege, so könne man seiner Ansicht nach das Absurde -recht wohl als das geistig Ehrenhafte bezeichnen, und die -absurde Naturfeindschaft der gotischen Kunst sei am Ende -ebenso ehrenhaft gewesen wie das Gebaren der Plotinus und -Voltaire, denn es drücke sich dieselbe Emanzipation von Fatum -und Faktum darin aus, derselbe unknechtische Stolz, der sich -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -weigere, vor der dummen Macht, nämlich vor der Natur, abzudanken -... -</p> - -<p> -Naphta brach in Lachen aus, das sehr an den bewußten -Teller erinnerte und in Husten endigte. Settembrini sagte -vornehm: -</p> - -<p> -„Sie schädigen unseren Wirt, indem Sie so witzig sind und -erweisen sich also undankbar für dies köstliche Gebäck. Ist -Dankbarkeit überhaupt Ihre Sache? Wobei ich voraussetze, -daß Dankbarkeit darin besteht, von empfangenen Geschenken -einen guten Gebrauch zu machen ...“ -</p> - -<p> -Da Hans Castorp sich schämte, setzte er scharmant hinzu: -</p> - -<p> -„Man kennt Sie als Schalk, Ingenieur. Ihre Art, das Gute -freundschaftlich zu necken, läßt mich keineswegs an Ihrer Liebe -zu ihm verzweifeln. Sie wissen selbstverständlich, daß nur diejenige -Auflehnung des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft -zu nennen ist, die die Würde und Schönheit des Menschen im -Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn sie seine Entwürdigung -und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch jedenfalls nach -sich zieht. Sie wissen auch, welche entmenschte Greuel, welche -mordgierige Unduldsamkeit die Epoche, der das Artefakt da -hinter mir sein Dasein verdankt, gezeitigt hat. Ich brauche -Sie nur an den entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige -Figur eines Konrad von Marburg etwa, zu erinnern und -an seine infame Priesterwut gegen alles, was der Herrschaft -des Übernatürlichen entgegenstand. Sie sind weit entfernt, -Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der Menschenliebe -anzuerkennen ...“ -</p> - -<p> -„In deren Dienst dagegen,“ äußerte Naphta, „arbeitete die -Maschinerie, mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern -reinigte. Alle Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -auch die Exkommunikation, wurden verhängt, um die Seele -vor ewiger Verdammnis zu retten, was man von der Vertilgungslust -der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir, -zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben -an ein Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was -die Entwürdigung des Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte -exakt mit der des bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, -Aufklärung und die Naturwissenschaft und Ökonomistik des -neunzehnten Jahrhunderts haben nichts, aber auch nichts zu -lehren unterlassen, was irgend tauglich schien, diese Entwürdigung -zu fördern, angefangen mit der neuen Astronomie, die -aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo -Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten -Geschöpfes kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern -machte und der großartigen kosmischen Stellung des Menschen, -auf der übrigens die Astrologie beruhte, vorderhand ein -Ende bereitete.“ -</p> - -<p> -„Vorderhand?“ Herrn Settembrinis Miene hatte, wie er -es lauernd fragte, selber etwas von der eines Ketzerrichters und -Inquisitors, der darauf wartet, daß der Aussagende sich im unzweifelhaft -Sträflichen verfange. -</p> - -<p> -„Allerdings. Für ein paar hundert Jahre“, bestätigte Naphta -kalt. „Eine Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles -täuscht, auch in dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen -Gange. Kopernikus wird von Ptolemäus geschlagen werden. -Die heliozentrische These begegnet nachgerade einem geistigen -Widerstand, dessen Unternehmungen wahrscheinlich zum Ziele -führen werden. Die Wissenschaft wird sich philosophisch genötigt -sehen, die Erde in alle Würden wieder einzusetzen, die -das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.“ -</p> - -<p> -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -„Wie? Wie? Geistiger Widerstand? Philosophisch genötigt -sehen? Zum Ziele führen? Welche Art von Voluntarismus -spricht aus Ihnen? Und die voraussetzungslose Forschung? -Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein Herr, die -mit der Freiheit so innig verbunden ist, und deren Blutzeugen, -aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern -vielmehr zur ewigen Zierde gereichen??“ -</p> - -<p> -Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art, zu fragen. Hochaufgerichtet -saß er und ließ seine ehrenhaften Worte auf den -kleinen Herrn Naphta niedersausen, am Ende die Stimme so -mächtig hochziehend, daß man wohl hörte, wie sicher er war, -daß des Gegners Antwort hierauf nur in beschämtem Schweigen -bestehen könne. Er hatte ein Stück Baumkuchen zwischen -den Fingern gehalten, während er sprach, legte es aber nun -auf den Teller zurück, da er nach dieser Fragestellung nicht -hineinbeißen mochte. -</p> - -<p> -Naphta erwiderte mit unangenehmer Ruhe: -</p> - -<p> -„Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit -der kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins -Satz ‚Ich glaube, damit ich erkenne‘ zusammenfassen läßt, ist -völlig unbestreitbar. Der Glaube ist das Organ der Erkenntnis -und der Intellekt sekundär. Ihre voraussetzungslose Wissenschaft -ist eine Mythe. Ein Glaube, eine Weltanschauung, -eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und Sache -der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft -immer und in allen Fällen auf das ‚<span class="antiqua" lang="la">Quod erat demonstrandum</span>‘ -hinaus. Schon der Begriff des Beweises enthält, psychologisch -genommen, ein stark voluntaristisches Element. Die -großen Scholastiker des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts -waren einig in der Überzeugung, daß in der Philosophie -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei. Lassen -wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine -Humanität, die nicht anerkennt, daß in der Naturwissenschaft -nicht wahr sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das -ist keine Humanität. Die Argumentation des heiligen Offiziums -gegen Galilei lautete dahin, daß seine Sätze philosophisch absurd -seien. Eine schlagendere Argumentation gibt es nicht.“ -</p> - -<p> -„Eh, eh, die Argumente unseres armen, großen Galilei haben -sich als stichhaltiger erwiesen! Nein, lassen Sie uns ernsthaft -reden, Professore! Beantworten Sie mir vor diesen beiden aufmerksamen -jungen Leuten die Frage: Glauben Sie an eine -Wahrheit, an die objektive, die wissenschaftliche Wahrheit, der -nachzustreben oberstes Gesetz aller Sittlichkeit ist, und deren -Triumphe über die Autorität die Ruhmesgeschichte des Menschengeistes -bilden?!“ -</p> - -<p> -Hans Castorp und Joachim wandten die Köpfe von Settembrini -zu Naphta, der erstere schneller, als der andere. -Naphta antwortete: -</p> - -<p> -„Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität -ist der Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und -zwischen ihr und der Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. -Sie fallen zusammen.“ -</p> - -<p> -„Die Wahrheit wäre demnach –“ -</p> - -<p> -„Wahr ist, was dem Menschen frommt. In ihm ist die Natur -zusammengefaßt, in aller Natur ist nur er geschaffen und -alle Natur nur für ihn. Er ist das Maß der Dinge und sein -Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine theoretische Erkenntnis, -die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee des Menschen -entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder Wahrheitswert -ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -ist. Die christlichen Jahrhunderte waren völlig einig über die -menschliche Unerheblichkeit der Naturwissenschaft. Lactantius, -den Konstantin der Große zum Lehrer seines Sohnes wählte, -fragte gerade heraus, welche Seligkeit er denn gewinnen werde, -wenn er wisse, wo der Nil entspringt, oder was die Physiker -vom Himmel faseln. Das beantworten Sie ihm einmal! Wenn -man die platonische Philosophie jeder anderen vorzog, so darum, -weil sie sich nicht mit Naturerkenntnis, sondern mit der -Erkenntnis Gottes abgab. Ich kann Sie versichern, die Menschheit -ist im Begriff, zu diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und -einzusehen, daß es nicht Aufgabe wahrer Wissenschaft ist, heillosen -Erkenntnissen nachzulaufen, sondern das Schädliche oder -auch nur ideell Bedeutungslose grundsätzlich auszuscheiden und -mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es ist -kindisch, zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das -Licht verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein ‚voraussetzungsloses‘ -Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt: -ein solches, das sich der Rücksicht auf das Geistige, auf den -Zweck der Heilserwerbung entschlägt, für strafbar zu erklären, -und was den Menschen in Finsternis geführt hat und immer -tiefer führen wird, ist vielmehr die ‚voraussetzungslose‘, die -aphilosophische Naturwissenschaft.“ -</p> - -<p> -„Sie lehren da einen Pragmatismus,“ erwiderte Settembrini, -„den Sie nur ins Politische zu übertragen brauchen, um -seiner ganzen Verderblichkeit ansichtig zu werden. Gut, wahr -und gerecht ist, was dem Staate frommt. Sein Heil, seine -Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen. Schön! -Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die -menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie -– sie mögen sehen, wo sie bleiben ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -„Ich bringe ein wenig Logik in Vorschlag“, versetzte Naphta. -„Entweder Ptolemäus und die Scholastik behalten recht, und -die Welt ist endlich in Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit -transzendent, der Gegensatz von Gott und Welt bleibt aufrecht, -und auch der Mensch ist eine dualistische Existenz: das -Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des Sinnlichen -und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit Abstand -zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich -als konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen -fanden die Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich. -Dann gibt es keine übersinnliche Welt, keinen Dualismus; -das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der Gegensatz -von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch -die menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier -feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, sondern einheitlich -ist, so beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der -Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen, und der Zweck des -Staates wird, wie es gut heidnisch ist, zum Gesetz des Sittlichen. -Eines oder das andere.“ -</p> - -<p> -„Ich protestiere!“ rief Settembrini, indem er seine Teetasse -dem Gastgeber mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt. „Ich -protestiere gegen die Unterstellung, daß der moderne Staat -die Teufelsknechtschaft des Individuums bedeute! Ich protestiere -zum drittenmal, und zwar gegen die vexatorische Alternative -von Preußentum und gotischer Reaktion, vor die Sie -uns stellen wollen! Die Demokratie hat keinen anderen Sinn, -als den einer individualistischen Korrektur jedes Staatsabsolutismus. -Wahrheit und Gerechtigkeit sind Kronjuwelen individueller -Sittlichkeit, und im Falle des Konflikts mit dem -Staatsinteresse mögen sie wohl sogar den Anschein staatsfeindlicher -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Mächte gewinnen, während sie in der Tat das höhere, -sagen wir es doch: das überirdische Wohl des Staates im Auge -haben. Die Renaissance der Ursprung der Staatsvergottung! -Welche Afterlogik! Die Errungenschaften – ich sage mit etymologischer -Betonung: die <em>Errungen</em>schaften von Renaissance -und Aufklärung, mein Herr, heißen Persönlichkeit, Menschenrecht, -Freiheit!“ -</p> - -<p> -Die Zuhörer atmeten aus, denn sie hatten die Luft angehalten -bei Herrn Settembrinis großer Replik. Hans Castorp -konnte sogar nicht umhin, mit der Hand, wenn auch -zurückhaltenderweise, auf den Tischrand zu schlagen. „Brillant!“ -sagte er zwischen den Zähnen, und auch Joachim zeigte -starke Befriedigung, obgleich ein Wort gegen das Preußentum -gefallen war. Dann aber wandten sich beide dem eben -zurückgeschlagenen Interlokutor zu, Hans Castorp mit solchem -Eifer, daß er den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn -in die Faust stützte, ungefähr wie beim Schweinchen-Zeichnen, -und Herrn Naphta aus nächster Nähe gespannt ins Gesicht -blickte. -</p> - -<p> -Dieser saß still und scharf, die mageren Hände im Schoß. -Er sagte: -</p> - -<p> -„Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie -antworten mir mit Hochherzigkeiten. Daß die Renaissance all -das zur Welt gebracht hat, was man Liberalismus, Individualismus, -humanistische Bürgerlichkeit nennt, war mir leidlich -bekannt; aber Ihre ‚etymologischen Betonungen‘ lassen mich -kühl, denn das ‚ringende‘, das heroische Lebensalter Ihrer -Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen heute -zum mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die -ihnen den Garaus machen werden, stehen schon vor der Tür. -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -Sie nennen sich, wenn ich nicht irre, einen Revolutionär. Aber -wenn Sie glauben, daß das Ergebnis künftiger Revolutionen -– Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das Prinzip der -Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und überlebt. -Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung -versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des -Ich, der Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre -Bildungsmittel erblickt, – eine solche Pädagogik mag noch rhetorische -Augenblickserfolge davontragen, aber ihre Rückständigkeit -ist für den Wissenden über jeden Zweifel erhaben. Alle -wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher gewußt, um -was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln -kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, -um Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung -der Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen -der Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der -Freiheit. Ihre tiefste Lust ist der Gehorsam.“ -</p> - -<p> -Joachim richtete sich gerade auf. Hans Castorp errötete. -Herr Settembrini drehte erregt an seinem schönen Schnurrbart. -</p> - -<p> -„Nein!“ fuhr Naphta fort. „Nicht Befreiung und Entfaltung -des Ich sind das Geheimnis und das Gebot der Zeit. -Was sie braucht, wonach sie verlangt, was sie sich schaffen -wird, das ist – der Terror.“ -</p> - -<p> -Er hatte das letzte Wort leiser als alles Vorhergehende gesprochen, -ohne eine Körperbewegung; nur seine Brillengläser -hatten kurz aufgeblitzt. Alle drei, die ihn hörten, waren zusammengezuckt, -auch Settembrini, der sich aber bald lächelnd -wieder faßte. -</p> - -<p> -„Und darf man sich erkundigen,“ fragte er, „wen oder was -– Sie sehen, ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -fragen soll – wen oder was Sie sich als Träger dieses – ich -wiederhole ungern das Wort – dieses Terrors denken?“ -</p> - -<p> -Naphta saß stille, scharf und blitzend. Er sagte: -</p> - -<p> -„Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn -ich unsere Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines -idealen Urzustandes der Menschheit, eines Zustandes der -Staat- und Gewaltlosigkeit, der unmittelbaren Gotteskindschaft, -worin es weder Herrschaft noch Dienst gab, nicht Gesetz -noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche Verbindung, -keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum, sondern -Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.“ -</p> - -<p> -„Sehr gut. Ich stimme zu“, erklärte Settembrini. „Ich -stimme zu bis auf den Punkt der fleischlichen Verbindung, die -offenbar jederzeit stattgehabt haben muß, da der Mensch ein -höchstentwickeltes Wirbeltier ist und nicht anders, als andere -Wesen –“ -</p> - -<p> -„Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis, -was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und -gottesunmittelbaren Zustand betrifft, der durch den Sündenfall -verloren ging. Ich glaube, daß wir noch ein weiteres Stück -Weges Seite an Seite bleiben können, nämlich indem wir den -Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum Schutz -gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen -und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt -erblicken.“ -</p> - -<p> -„Benissimo!“ rief Settembrini. „Gesellschaftsvertrag ... -das ist die Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht -–“ -</p> - -<p> -„Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache, -daß alle Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -war, und daß dieses sein Recht an der Gesetzgebung und seine -ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten übertrug, folgert Ihre -Schule vor allem das revolutionäre Recht des Volkes vor dem -Königtum. Wir dagegen –“ -</p> - -<p> -„Wir?“ dachte Hans Castorp gespannt ... Wer sind -„wir“? Ich muß unbedingt nachher Settembrini danach fragen, -wen er mit „wir“ meint. -</p> - -<p> -„Wir unsererseits,“ sprach Naphta, „vielleicht nicht weniger -revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster -Linie den Vorrang der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert. -Denn wenn die Ungöttlichkeit des Staates ihm nicht -an der Stirn geschrieben stände, würde ein Hinweis auf eben -dieses historische Faktum, daß er auf den Willen des Volkes -und nicht, wie die Kirche, auf göttliche Stiftung zurückzuführen -ist, genügen, um ihn, wenn nicht geradezu als eine Veranstaltung -der Bosheit, so doch jedenfalls als eine solche der -Notdurft und der sündhaften Unzulänglichkeit zu erweisen.“ -</p> - -<p> -„Der Staat, mein Herr –“ -</p> - -<p> -„Ich weiß, wie Sie über den nationalen Staat denken. ‚Über -alles geht die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.‘ -Das ist Vergil. Sie korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus, -und das ist die Demokratie; aber Ihr grundsätzliches -Verhältnis zum Staat bleibt dadurch völlig unberührt. -Daß seine Seele das Geld ist, ficht <a id="corr-21"></a>Sie offenbar nicht an. Oder -wollen Sie es bestreiten? Die Antike war kapitalistisch, weil -sie staatsfromm war. Das christliche Mittelalter hat den immanenten -Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. ‚Das -Geld wird Kaiser sein‘, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften -Jahrhundert. Leugnen Sie, daß das wörtlich eingetroffen, -und daß die Verteufelung des Lebens damit restlos erreicht ist?“ -</p> - -<p> -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -„Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig, -mit dem großen Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt -gemacht zu werden.“ -</p> - -<p> -„Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse, -welche Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet -hat. Ich kann auf Ihre Widerrede zur Not verzichten, -denn die politische Ideologie der Bürgerlichkeit ist mir bekannt. -Ihr Ziel ist das demokratische Imperium, die Selbstübersteigerung -des nationalen Staatsprinzips ins Universelle, der Weltstaat. -Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre -Utopie ist gräßlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt -gewissermaßen wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische -Weltrepublik hat etwas Transzendentes, tatsächlich, der Weltstaat -ist die Transzendenz des weltlichen Staates, und wir stimmen -überein in dem Glauben, daß einem vollkommenen Anfangszustande -der Menschheit ein in Horizontferne liegender -vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen -Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche -es als ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung -Gottes zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes -wurde nicht um seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende -Diktatur war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, -Übergangsform vom heidnischen Staat zum himmlischen Reich. -Sie haben diesen Lernenden hier von Bluttaten der Kirche, -ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, – höchst törichterweise, -denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht pazifistisch -sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei der -Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!‘ Daß die -Macht böse ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und -Böse, von Jenseits und Diesseits, Geist und Macht muß, wenn -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -das Reich kommen soll, vorübergehend aufgehoben werden in -einem Prinzip, das Askese und Herrschaft vereinigt. Das ist -es, was ich die Notwendigkeit des Terrors nenne.“ -</p> - -<p> -„Der Träger! Der Träger!“ -</p> - -<p> -„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz -einer Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung -des Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze -und Ziele mit denen des christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? -Die Väter der Kirche haben Mein und Dein -verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation und -Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil -nach dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam -sei und daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen -Gebrauch aller hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die -Habgier, eine Folge des Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt -und das Sondereigentum geschaffen habe. Sie waren human -genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche Tätigkeit überhaupt -eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die Menschlichkeit -zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte -gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des -höllischen Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß -der Preis das Ergebnis des Verhältnisses von Angebot und -Nachfrage ist, haben sie von ganzem Herzen verachtet und das -Ausnutzen der Konjunktur als zynische Ausbeutung einer Notlage -des Nächsten verdammt. Es gab eine noch frevelhaftere -Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich -für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich -den Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, -die Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des -anderen zu mißbrauchen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer -der Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die -Zeit ... Eine allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig -...!“ -</p> - -<p> -„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister -haben den Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes -als ekelhaft empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte -unter den Begriff des Wuchers fallen lassen und erklärt, -daß jeder Reiche entweder ein Dieb oder eines Diebes -Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten, wie -Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft, -das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines -Nutzens, aber ohne Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen -Gutes, als ein schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht -geneigt, die Arbeit an und für sich sehr hoch zu schätzen, denn -sie ist nur eine ethische Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht -im Dienste des Lebens, nicht Gottes. Und wenn es sich -denn bloß um das Leben handeln sollte und um Wirtschaft, -so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als Bedingung -wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit gelte. -Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht -der Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die -Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten -die Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen -Grundsätze und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger -Verschüttung ihre Auferstehung in der modernen Bewegung -des Kommunismus. Die Übereinstimmung ist vollkommen -bis hinein in den Sinn des Herrschaftsanspruchs, den -die internationale Arbeit gegen das internationale Händler- -und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, das heute -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der bürgerlich-kapitalistischen -Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur -des Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung -der Zeit, hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst -willen und in Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung -des Gegensatzes von Geist und Macht im Zeichen des -Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung durch das Mittel der -Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der Transzendenz, -den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors -aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig -wie er wird es seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. -Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur -Gewinnung des Erlösungsziels, der staats- und klassenlosen -Gotteskindschaft.“ -</p> - -<p> -So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg. -Die jungen Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war -es, sich irgendwie zu verhalten. Er sagte: -</p> - -<p> -„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich -hätte das nicht erwartet. <span class="antiqua" lang="la">Roma locuta.</span> Und wie, – und wie -hat es gesprochen! Vor unseren Augen hat er ein hieratisches -Saltomortale vollführt, – wenn das ein Widerspruch im Beiwort -ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘, ah, ja! Ich -wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für -denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt -der Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen -christlichen, auf der Zweiheit von Gott und Welt beruhenden -Individualismus begreiflich zu machen und uns seinen Vorrang -vor aller politisch bestimmten Sittlichkeit zu beweisen. -Wenige Minuten später treiben Sie den Sozialismus bis zur -Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“ -</p> - -<p> -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt -ist nur das Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie -ich mir schon anzumerken erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis. -Er korrigiert Ihre heidnische Staatssittlichkeit durch -ein wenig Christentum, ein wenig ‚Recht des Individuums‘, -ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles. Ein Individualismus -dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen Wichtigkeit -der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern religiöser -Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit -von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und -Gott, von Fleisch und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher -Individualismus verträgt sich mit bindungsvollster Gemeinschaft -recht wohl ...“ -</p> - -<p> -„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -Settembrini sah ihn mit großen Augen an. -</p> - -<p> -„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge, -die auf Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen -war. „Unterrichten Sie sich, aber produzieren Sie nicht! – -Das ist eine Antwort“, sagte er, wieder zu Naphta gewandt. -„Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine. Blicken wir allen -Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint der -christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt. -Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde -und Geldgeschäft, das der Antike weit höher als Landwirtschaft -und Handwerk galt, verneint er die Freiheit. Denn es ist ja -klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie im Mittelalter, -alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund und -Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben -ganz leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann -nur der Boden ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht. -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -Handwerker und Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten -mögen, – besitzen sie keinen Boden, so sind sie Hörige -dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich bestand bis tief ins -Mittelalter hinein die große Menge selbst der Städte aus Hörigen. -Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von -menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten -Sie eine Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit -der menschlichen Persönlichkeit hängt.“ -</p> - -<p> -„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta, -„ließe sich reden. Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung, -wenn diese Zusammenhänge Ihnen Veranlassung gäben, die -Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn als ein Problem -zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche Wirtschaftsmoral -in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft. -Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der -Städte, wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache, -höchst sittlich, wie sie immer sei, historisch verbunden ist mit der -unmenschlichsten Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen -Greueln des modernen Händler- und Spekulantentums, mit -der Satansherrschaft des Geldes, des Geschäftes.“ -</p> - -<p> -„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel -und Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig -zur schwärzesten Reaktion bekennen!“ -</p> - -<p> -„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, -sich der schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu -entschlagen.“ -</p> - -<p> -„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender -Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens -leer waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug -für heute, genug für einen Tag, wie mir scheint. Professor, -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -wir danken für die schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle -Gespräch. Meine Freunde vom Berghof hier ruft die Kur, -und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie gehen, meine Klause -droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio, Padre!“ -</p> - -<p> -Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp -vermerkte es mit hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen, -daß Settembrini den Aufbruch leitete, über die Vettern verfügte -und nicht in Frage kommen ließ, ob Naphta vielleicht -sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute verabschiedeten -sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen ermutigt. -Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp -das Buch „<span class="antiqua" lang="la">De miseria humanae conditionis</span>“, einen morschen -Pappband, leihweise mit auf den Weg bekam. Noch -immer saß der sauerbärtige Lukaček auf seinem Tisch, das -Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an seiner offenen Tür -vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum Dachgeschoß -zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar -kein Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk -unter der Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen -Atmosphäre des Speichers, dem Geruch warmen Holzes. -Aber der Dachstuhl enthielt zwei Kammern, und diese bewohnte -der republikanische Kapitalist, sie dienten dem schöngeistigen -Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio und -Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden, -nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen -die richtigen Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum -Lobe bedienen mochten, – was sie denn einstimmig taten. Es -sei ganz reizend, fanden sie beide, separiert und traulich, genau -wie er sage. Sie taten einen Blick ins Schlafzimmerchen, wo -vor der schmalen und kurzen Bettstatt im Mansardenwinkel -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann dem -Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet -war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar -frostige Ordnung aufwies. Plumpe und altmodische Stühle, -vier an der Zahl, mit Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch -zu seiten der Türen aufgestellt, und auch der Diwan -war an die Wand gerückt, so daß der grüngedeckte Rundtisch, -auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und jedenfalls -nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals gestülptem -Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher, -gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort -schräg aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig -ein leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken -Bodenbelag aus Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen -zu können. Hans Castorp nahm einen Augenblick probeweise -hier Aufstellung, – an Herrn Settembrinis Arbeitsstätte, wo -er die schöne Literatur zu enzyklopädischen Zwecken unter dem -Gesichtspunkt der menschlichen Leiden behandelte, – stützte die -Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte, daß es sich hier -separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte Lodovicos -Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit -seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich -das Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe, -ja, auch die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche -stammten aus dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle -hatten sogar schon dem Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand -hatten sie die Wände seines Advokatenbureaus geschmückt. -Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der Stühle gewann -etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen -Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -mit übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch -und nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber, -am Stehpult Settembrinis des Älteren, bedachte, wie nun der -Sohn daran wirke, indem er die Politik des Großvaters mit -dem Humanismus des Vaters zur schönen Literatur vereinige. -Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte sich erboten, -die Vettern heimzugeleiten. -</p> - -<p> -Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte -von Naphta, und Hans Castorp konnte warten: es war -gewiß, daß Herr Settembrini auf seinen Hausgenossen zu sprechen -kommen werde, ja, daß er zu diesem Zwecke mit ihnen gegangen -sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem Aufatmen, -das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener: -</p> - -<p> -„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“ -</p> - -<p> -Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich -mit falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens -fragen können: „Vor wem?“ aber er faßte sich unpersönlich, -um seine ganze Unschuld zu bekunden, während doch -sogar Joachim genau Bescheid wußte. -</p> - -<p> -„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“ -antwortete Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen -gegen Wunsch und Absicht vermittelt habe. Sie wissen, der -Zufall wollte es, ich konnte nicht umhin; aber ich trage die -Verantwortung und trage schwer daran. Es ist meine Pflicht, -Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren hinzuweisen, -die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens -zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu -halten. Seine Form ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“ -</p> - -<p> -„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer -sei es ja wohl gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -muteten seine Reden wohl manchmal an; es hätte ja geradezu -geklungen, als wollte er wahrhaben, daß die Sonne sich -um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie, die Vettern, -auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein, -mit einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen -Verkehr zu treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie -Naphta kennengelernt, mit ihm hätten sie ihn getroffen, er -gehe mit ihm spazieren, er komme zwanglos zu ihm zum Tee -herunter; das beweise doch – -</p> - -<p> -„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme -klang sanft, resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies -läßt sich mir erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, -ich verantworte mich bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn -unter einem Dach, Begegnungen sind unvermeidlich, ein Wort -gibt das andere, man macht Bekanntschaft. Herr Naphta ist -ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine diskursive -Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich -mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin -ebenbürtigen Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe -niemanden weit und breit ... Kurz, es ist wahr, ich komme zu -ihm, er kommt zu mir, wir promenieren auch miteinander. Wir -streiten. Wir streiten uns aufs Blut, fast jeden Tag, aber ich -gestehe, die Gegensätzlichkeit und Feindseligkeit seiner Gedanken -bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm zusammenzutreffen. -Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht, wenn -sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den -meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten -– Sie, Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet -gegen intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr -ausgesetzt, unter den Einwirkungen dieser halb fanatischen -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -und halb boshaften Rabulistik Schaden zu nehmen an Geist -und Seele.“ -</p> - -<p> -Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und -er, sie seien wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es -sei die Geschichte mit den Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. -Aber demgegenüber könne man ja Petrarca anführen -mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon, und -hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta -so vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen -Zeit, für deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen -dürfe, sei vorzüglich gewesen, und dann habe es ihn auch -sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu hören, was er ohne -Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ... -</p> - -<p> -Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte -sich Hans Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich -jeder Partei- und Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert -habe er es gefunden, was Naphta über die Lust der Jugend -gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun erst einmal -eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta – -ich sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht -unbedingt mit ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil -innerlich höchst reserviert verhalte –“ -</p> - -<p> -„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar. -</p> - -<p> -„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, -die Seele des Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das -Eigentum, weil es Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen -Reichtum, von dem er, glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff -des höllischen Feuers – so drückte er sich annähernd einmal -aus, wenn ich nicht irre, und lobte das mittelalterliche Zinsverbot -in allen Tönen. Und dabei, er selbst ... Entschuldigen -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung sondergleichen, -wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“ -</p> - -<p> -„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische -Geschmacksrichtung.“ -</p> - -<p> -„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp -weiter, „die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der -venezianische Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ... -und beliebig viel Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er -muß doch für seine Person –“ -</p> - -<p> -„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person -so wenig Kapitalist wie ich.“ -</p> - -<p> -„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber -fällig in Ihrer Rede, Herr Settembrini.“ -</p> - -<p> -„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“ -</p> - -<p> -„Wer, ‚die dort‘?“ -</p> - -<p> -„Jene Väter.“ -</p> - -<p> -„Väter? Väter?“ -</p> - -<p> -„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“ -</p> - -<p> -Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. -Hans Castorp rief: -</p> - -<p> -„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist -ein Jesuit?!“ -</p> - -<p> -„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein. -</p> - -<p> -„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf -so was! Darum also haben Sie ihn Padre tituliert?“ -</p> - -<p> -„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete -Settembrini. „Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit -ist schuld daran, daß er es vorderhand nicht soweit gebracht -hat. Aber er hat das Noviziat absolviert und die ersten Gelübde -getan. Die Krankheit zwang ihn, seine theologischen -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als -Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt: -als Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge. -Das kam seinen pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann -er ihnen weiter nachhängen, indem er am Fridericianum Lateinisch -lehrt. Er ist seit fünf Jahren hier. Es ist unsicher geworden, -ob und wann er diesen Ort wird verlassen dürfen. -Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst -lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte -Ihnen, daß er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist. -Natürlich, das ist Vorschrift. Aber der Orden verfügt über -ungemessene Reichtümer, und er sorgt für die Seinen, wie -Sie sahen.“ -</p> - -<p> -„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe -überhaupt nicht gewußt und gedacht, daß es sowas in allem -Ernste noch gäbe! Ein Jesuit. Ja so! ... Aber sagen Sie -mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl versorgt und -versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich -will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini, -Sie haben es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert -und außerdem besonders traulich. Ich meine aber: wenn Naphta -es nun doch so dicke hat, um mich gewöhnlich auszudrücken – -warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung, statiöser, -mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen -Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches, -wie er da in dem Loch <a id="corr-26"></a>mit all seiner Seide ...“ -</p> - -<p> -Settembrini zuckte die Achseln. -</p> - -<p> -„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte -er, „die ihn dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert -sein antikapitalistisches Gewissen, indem er die Zimmer eines -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Armen bewohnt, und sich schadlos hält durch die Art, wie er sie -bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele sein. Man bindet -es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der Teufel -von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare -Fassade vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack -...“ -</p> - -<p> -„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu -und geradezu aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir -sind Ihnen wirklich zu Dank verbunden, Herr Settembrini, -für diese Bekanntschaft. Wollen Sie glauben, daß wir noch -manches liebe Mal hingehen werden und ihn besuchen? Das -ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in -ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von -deren Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger -Jesuit! Und wenn ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das -Stichwort, für das, was mir durch den Kopf geht, und was -ich denn doch noch bemerken muß. Ich frage: Ist er denn richtig? -Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt nicht richtig -ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was -ich aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig -<em>als Jesuit</em> – das geht mir im Kopf herum. Er hat da -Dinge geäußert – Sie wissen, welche ich meine – über den -modernen Kommunismus und über den Gotteseifer des Proletariats, -das seine Hand nicht zurückhalten soll vom Blute – -kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr Großvater -mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen, -entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn -das? Hat das die Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt -es sich mit der römischen Lehre, für die doch der Orden in aller -Welt intrigieren soll, soviel ich weiß? Ist es nicht – wie heißt -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -das Wort – häretisch, abweichend, inkorrekt? Das überlege -<em>ich</em> mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was Sie denken.“ -</p> - -<p> -Settembrini lächelte. -</p> - -<p> -„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie -Jesuit, ist es recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann -von Geist – ich würde sonst nicht seine Gesellschaft suchen –, -und als solcher trachtet er nach neuen Kombinationen, Anpassungen, -Anknüpfungen, zeitgemäßen Abwandlungen. Sie -sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er hatte sich -mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die Anregung, -die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu -reizen, in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es -lautete schnurrig genug, gräßlich genug ...“ -</p> - -<p> -„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte -doch wohl das Alter dazu.“ -</p> - -<p> -„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig -daran gehindert hat.“ -</p> - -<p> -„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und -zweitens ein Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies -zweite, hinzukommende, mit der Krankheit zu tun hat?“ -</p> - -<p> -„Was wollen Sie damit sagen?“ -</p> - -<p> -„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine -feuchte Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber -seine Kombinationen hätten ihn auch wohl daran gehindert, -und insofern – gewissermaßen, gehören die Kombinationen -und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf seine Art auch -so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein <span class="antiqua" lang="fr">joli jésuite</span> mit -einem <span class="antiqua" lang="fr">petite tache humide</span>.“ -</p> - -<p> -Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm -Hause blieben sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten, -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -traten zu einer kleinen Gruppe zusammen, während ein paar -Patienten, die am Portal herumlungerten, ihrem Gespräche -zusahen. Herr Settembrini sagte: -</p> - -<p> -„Um es zu wiederholen, meine jungen Freunde, ich warne -Sie. Ich kann Ihnen nicht verwehren, die einmal gemachte -Bekanntschaft zu kultivieren, wenn die Neugier Sie dazu treibt. -Aber wappnen Sie Herz und Geist dabei mit Mißtrauen, lassen -Sie es niemals fehlen an kritischem Widerstand. Ich werde -Ihnen diesen Mann mit einem Worte kennzeichnen. Er ist -ein Wollüstiger.“ -</p> - -<p> -Die Gesichter der Vettern verzogen sich. Dann fragte -Hans Castorp: -</p> - -<p> -„Ein ... wie? Erlauben Sie, er ist doch Ordensmann. -Da sind ja bestimmte Gelübde zu leisten, soviel ich weiß, und -außerdem ist er so miekerig und leibarm ...“ -</p> - -<p> -„Sie reden töricht, Ingenieur“, erwiderte Herr Settembrini. -„Das hat mit Leibarmut gar nichts zu tun, und was -die Gelübde betrifft, so gibt es da Vorbehalte. Ich sprach -jedoch in einem weiteren und geistigeren Sinn, für den ich nachgerade -Verständnis bei Ihnen sollte voraussetzen dürfen. Erinnern -Sie sich wohl noch, wie ich Sie eines Tages auf Ihrem -Zimmer besuchte – es ist lange her, furchtbar lange –, Sie absolvierten -eben die Bettruhe nach erfolgter Aufnahme ...“ -</p> - -<p> -„Selbstverständlich! Sie traten in der Dämmerung ein und -machten Licht, ich weiß es wie heute ...“ -</p> - -<p> -„Gut, damals kamen wir im Plaudern, wie es gottlob des -öfteren geschieht, auf höhere Gegenstände. Ich glaube gar, -wir sprachen von Tod und Leben, von den Würden des Todes, -insofern er Bedingung und Zubehör des Lebens ist, und von -der Fratzenhaftigkeit, der er verfällt, wenn der Geist ihn abscheulicherweise -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -als Prinzip isoliert. Meine Herren!“ fuhr Herr -Settembrini fort, indem er dicht vor die beiden jungen Leute -hintrat, Daumen und Mittelfinger der Linken gabelförmig -gegen sie spreizte, gleichsam, um sie zur Aufmerksamkeit zusammenzufassen, -und den Zeigefinger der Rechten mahnend erhob -... „Prägen Sie sich ein, daß der Geist souverän ist, sein -Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt. Isoliert er dualistisch -den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen Willen -wirklich und in der Tat, <span class="antiqua" lang="la">actu</span>, Sie verstehen mich, zur eigenen, -dem Leben entgegengesetzten Macht, zum widersacherischen -Prinzip, zur großen Verführung, und sein Reich ist das der -Wollust. Sie fragen mich, warum der Wollust? Ich antworte -Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er die Erlösung -ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble Erlösung. -Er löst Sitte und Sittlichkeit, er erlöst von Zucht und -Haltung, er macht frei zur Wollust. Wenn ich Sie warne vor -dem Manne, dessen Bekanntschaft ich Ihnen ungern vermittelte, -wenn ich Sie auffordere, im Verkehr und Diskurs mit -ihm Ihre Herzen dreimal mit Kritik zu umgürten, so geschieht -es, weil alle seine Gedanken wollüstiger Art sind, denn sie stehen -unter dem Schutze des Todes, – einer höchst liederlichen Macht, -wie ich Ihnen damals sagte, Ingenieur, – ich erinnere mich -wohl meines Ausdrucks, ich behalte tüchtige und treffliche Äußerungen, -die zu tun ich Gelegenheit fand, stets im Gedächtnis –, -einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben gerichteten -Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen -des Erziehers vornehmste Pflicht ist.“ -</p> - -<p> -Man konnte nicht besser sprechen als Herr Settembrini, nicht -klarer und gerundeter. Hans Castorp und Joachim Ziemßen -bedankten sich recht schön bei ihm für das Gehörte, empfahlen -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -sich und erstiegen das Berghofportal, während Herr Settembrini, -eine Treppe über Naphtas seidene Zelle hinaus, an sein -Humanistenpult zurückkehrte. -</p> - -<p> -Es war der erste Besuch der Vettern bei Naphta, dessen -Verlauf wir hier festhielten. Seither waren demselben zwei -oder drei weitere gefolgt, einer sogar in Abwesenheit Herrn -Settembrinis; und auch sie lieferten dem jungen Hans Castorp -Stoff zur Betrachtung, wenn er, indes das Hochgebild, genannt -<span class="antiqua" lang="la">Homo Dei</span>, seinem inneren Auge vorschwebte, an dem blaublühenden -Ort seiner Zurückgezogenheit saß und „regierte“. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-1-4"> -Jähzorn. Und noch etwas ganz Peinliches -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -So kam der August, und glücklich war unter seinen ersten -Tagen der Jahrestag von unseres Helden Ankunft bei uns -hier oben vorübergeschlüpft. Nur gut, daß er vorüber war, – -er hatte dem jungen Hans Castorp etwas unangenehm vorgestanden. -So war es die Regel. Der Tag der Ankunft war -nicht beliebt, es wurde seiner unter den Voll- und Mehrjährigen -nicht gedacht, und während doch sonst kein Vorwand zu -Festivität und Becherklang unbenutzt blieb, die allgemeinen und -großen Betonungen im Jahresrhythmus und -pulslauf durch -möglichst viele private und irreguläre vermehrt und Geburtstage, -Generaluntersuchungen, bevorstehende wilde oder echte -Abreisen und dergleichen Anlässe mehr mit Schmaus und -Pfropfenknall im Restaurant begangen wurden, – widmete -man diesem Gedenktage nichts als Stillschweigen, ließ sich darüber -hinweggleiten, vergaß auch wohl wirklich, auf ihn zu achten -und durfte vertrauen, daß die andern ihn überhaupt nicht -so genau im Sinne hatten. Auf Gliederung hielt man wohl; -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -man beobachtete den Kalender, den Turnus, die äußere Wiederkehr. -Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem Raum -hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also -zu messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und Anfänger; -die Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Ungemessene -und Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe -war, und einer setzte mit Zartgefühl beim anderen einen Wunsch -voraus, den er selber hegte. Es hätte für ganz und gar ungeschickt -und brutal gegolten, jemandem zu sagen, heut sei er -drei Jahre hier, – das kam nicht vor. Frau Stöhr selbst, so -weit es ihr sonst immer fehlen mochte, in diesem Punkt war -sie taktfest und abgeschliffen, nie wäre ein solcher Verstoß ihr -untergelaufen. Ihr Kranksein, der Fieberstand ihres Körpers -war mit großer Unbildung verbunden, gewiß. Noch kürzlich -hatte sie bei Tische von der „Affektation“ ihrer Lungenspitzen -gesprochen und, als das Gespräch auf historische Dinge gekommen -war, erklärt, Geschichtszahlen seien nun einmal ihr „Ring -des Polykrates“, was ebenfalls eine gewisse Erstarrung der -Umsitzenden hervorgerufen hatte. Aber daß sie etwa im Februar -den jungen Ziemßen an sein Jubiläum hätte erinnern -sollen, wäre undenkbar gewesen, obgleich sie wahrscheinlich -daran gedacht hatte. Denn ihr unseliger Kopf war natürlich -voll unnützer Daten und Dinge, und sie liebte es, anderen -nachzurechnen; aber die Sitte hielt sie im Zaum. -</p> - -<p> -So denn auch an Hans Castorps Tage. Sie hatte ihm wohl -beim Essen einmal bedeutlich zuzuzwinkern versucht, aber da -er dem Zeichen mit leerer Miene begegnet war, hatte sie sich -schleunig zurückgezogen. Auch Joachim hatte gegen den Vetter -geschwiegen, und doch war er des Datums wohl eingedenk gewesen, -an dem er den Zu-Besuch-Kommenden von Station -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -„Dorf“ abgeholt hatte. Aber Joachim, zum Reden von Natur -schon nicht sehr geneigt, bei weitem nicht so, wie Hans Castorp -es wenigstens hier oben geworden, von Humanisten und Rabulisten -ihrer Bekanntschaft ganz zu schweigen, – Joachim -hatte sich in letzter Zeit eine besondere und auffallende Schweigsamkeit -angeeignet, nur Einsilbigkeiten kamen noch über seine -Lippen, aber in seiner Miene arbeitete es. Es war klar, daß -sich für ihn mit Station „Dorf“ andere Vorstellungen verbanden -als die des Abholens und der Ankunft ... Er stand -in regem Briefwechsel mit dem Flachlande. Entschlüsse reiften -in ihm. Vorbereitungen, die er traf, näherten sich ihrem -Abschluß. -</p> - -<p> -Der Juli war warm und heiter gewesen. Aber mit Anbruch -des neuen Monats fiel schlechtes Wetter ein, trübe Nässe, -Schneeregen, dann unzweideutiger Schneefall, und mit Einschaltung -einzelner prangender Sommertage dauerte das an, -über das Monatsende hin, in den September hinein. Anfangs -hielten die Zimmer sich noch warm von der vorhergegangenen -Sommerperiode; man hatte zehn Grad darin, das galt für behaglich. -Aber rasch wurde es kälter und kälter, und man war -froh über den Schnee, der das Tal bedeckte, denn sein Anblick -– nur dieser, der Tiefstand der Temperatur allein wäre -ohne Folge geblieben – bewog die Verwaltung, zu heizen, zuerst -nur den Speisesaal, dann auch die Zimmer, und man konnte, -wenn man, nach geleistetem Liegedienst aus seinen zwei Decken -gewickelt, von der Loggia hereinkam, mit den feuchtstarren -Händen die belebten Röhren betasten, deren trockener Hauch -freilich das Brennen der Wangen verstärkte. -</p> - -<p> -War das der Winter? Die Sinne konnten sich diesem Eindruck -nicht entziehen, und man klagte, man sei „um den Sommer -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -betrogen“, obgleich man, unterstützt von natürlichen und -künstlichen Umständen, durch einen innerlich wie äußerlich verschwenderischen -Zeitverbrauch sich selber um ihn betrogen hatte. -Die Vernunft wollte wissen, daß noch schöne Herbsttage folgen -würden; vielleicht sogar serienweise würden sie erscheinen -und in so warmer Pracht, daß ihnen mit dem Namen des -Sommers nicht zuviel Ehre würde angetan werden, vorausgesetzt, -daß man sich den schon flacheren Tageslauf der Sonne, -ihren schon zeitigen Abschied aus dem Sinne schlug. Aber die -Wirkung auf das Gemüt, die der Anblick der Winterlandschaft -draußen hervorbrachte, war stärker als solche Tröstungen. -Man stand an seiner geschlossenen Balkontür und starrte mit -Ekel hinaus in das Gestöber, – Joachim war es, der so stand, -und mit gepreßter Stimme sagte er: -</p> - -<p> -„Soll nun das wieder losgehen?“ -</p> - -<p> -Hans Castorp, hinter ihm im Zimmer, erwiderte: -</p> - -<p> -„Das wäre etwas früh, es kann nicht endgültig sein, aber -es gibt sich allerdings eine schauderhaft endgültige Miene. -Wenn Winter in Dunkelheit, Schnee und Kälte und warmen -Röhren besteht, dann ist wieder Winter, da gibt es nichts zu -leugnen. Und wenn man bedenkt, daß ja eben erst Winter -war und kaum die Schneeschmelze vorüber ist – jedenfalls -<em>scheint</em> es uns so, nicht wahr, als ob doch gerade erst Frühling -gewesen wäre, – dann kann einem momentweise schlecht -werden, das gebe ich zu. Es ist gefährlich für die menschliche -Lebenslust, – laß dir erläutern, wie ich das meine. Ich meine -es so, daß die Welt normaler Weise so eingerichtet ist, wie es -den Bedürfnissen des Menschen entspricht und der Lebenslust -zukömmlich ist, das muß man anerkennen. Ich will nicht so -weit gehen, zu sagen, daß die Naturordnung, zum Beispiel -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -also gleich mal die Größe der Erde, die Zeit, die sie zur Umdrehung -um sich selbst und um die Sonne braucht, der Wechsel -der Tages- und Jahreszeiten, der kosmische Rhythmus, wenn -du willst, – nach unserem Bedürfnis bemessen ist, – das wäre -wohl frech und einfältig, es wäre Teleologie, wie der Denker -sagt. Aber die Sache ist einfach so, daß unser Bedürfnis und -die allgemeinen, grundlegenden Naturtatsachen gottlob miteinander -in Einklang stehen – gottlob, sage ich, denn es ist -wirklich ein Anlaß, Gott zu loben –, und wenn im Flachland -der Sommer kommt oder der Winter, dann ist der vorige Sommer -oder Winter genau so lange her, daß Sommer und Winter -uns wieder neu und willkommen sind, und darauf beruht die -Lebenslust. Bei uns hier oben nun aber ist diese Ordnung und -dieser Einklang gestört, erstens weil es hier eigentlich gar keine -richtigen Jahreszeiten gibt, wie du selbst mal bemerktest, sondern -bloß Sommertage und Wintertage <span class="antiqua" lang="fr">pêle-mêle</span> durcheinander, -und außerdem, weil es überhaupt keine Zeit ist, was -einem hier vergeht, so daß der neue Winter, wenn er kommt, -gar nicht neu ist, sondern wieder der alte; und daraus erklärt -sich das Mißvergnügen, mit dem du da durch die Scheibe -guckst.“ -</p> - -<p> -„Danke sehr“, sagte Joachim. „Und nun, wo du es erklärt -hast, da bist du, glaub’ ich, so zufrieden, daß du unter anderm -auch mit der Sache selbst zufrieden bist, obgleich sie doch ... -Nein!“ sagte Joachim. „Schluß!“ sagte er. „Es ist eine Schweinerei. -Das Ganze ist eine ungeheuere, ekelhafte Schweinerei, -und wenn du für dein Teil ... <em>Ich</em> ...“ Und er verließ raschen -Schrittes das Zimmer, zog zornig die Tür hinter sich zu, und -wenn nicht alles täuschte, so hatten Tränen in seinen schönen, -sanften Augen gestanden. -</p> - -<p> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Der andere blieb betreten zurück. Er hatte gewisse Entschlüsse -des Vetters nicht sehr ernst genommen, solange dieser sich in -lauten Ankündigungen ergangen hatte. Nun aber, da es nur -noch schweigend in Joachims Miene arbeitete und er sich benahm -wie eben, erschrak Hans Castorp, weil er begriff, daß -dieser Militär der Mann war, zu Taten überzugehen, – erschrak -bis zum Erblassen und zwar für sie beide, für sich und -ihn. <span class="antiqua" lang="fr">Fort possible qu’il va mourir</span>, dachte er, und da das -sicherlich eine Wissenschaft aus dritter Hand war, so mischte -sich auch noch die Pein alten, nie gestillten Verdachtes hinein, -während er gleichzeitig dachte: Ist es möglich, daß er mich -allein hier oben läßt, – mich, der ich doch nur gekommen bin, -ihn zu besuchen?! um hinzuzufügen: das wäre doch toll und -schrecklich, – es wäre dermaßen toll und schrecklich, daß ich fühle, -wie ich ganz kalt im Gesicht werde und mein Herz sich regellos -aufführt, denn wenn ich allein hier oben zurückbleibe – und -das tue ich, wenn er abreist; daß ich mit ihm fahre, ist platterdings -ausgeschlossen –, dann ist es ja – aber nun steht mein -Herz überhaupt still – dann ist es ja für immer und ewig, denn -allein finde ich nie und nimmermehr den Weg ins Flachland -zurück ... -</p> - -<p> -Soweit Hans Castorps schreckhafter Gedankengang. Noch -am selben Nachmittag sollte er über den Lauf der Dinge Gewißheit -erlangen: Joachim erklärte sich, die Würfel fielen, es -kam zu Schlag und Entscheidung. -</p> - -<p> -Nach dem Tee stiegen sie ins helle Souterrain hinab zur -Monatsuntersuchung. Es war Anfang September. Beim Eintritt -ins trocken durchhauchte Ordinationszimmer fanden sie -Dr. Krokowski an seinem Schreibtischplatz, während der Hofrat, -sehr blau im Gesicht, mit untergeschlagenen Armen an der -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Wand lehnte, in der einen Hand das Hörrohr, mit dem er sich -gegen die Schulter klopfte. Er gähnte zur Decke empor. „Mahlzeit, -Kinder!“ sagte er matt und ließ auch fernerhin eine recht -schlaffe Laune merken, Melancholie, allgemeinen Verzicht. -Wahrscheinlich hatte er geraucht. Es lagen aber auch sachliche -Ärgernisse vor, von denen die Vettern schon gehört hatten, -Anstaltsinterna von sattsam bekannter Art: ein junges Mädchen, -Ammy Nölting mit Namen, welches, eingetreten zuerst -im Herbst vorvorigen Jahres und nach neun Monaten, im -August, als gesund entlassen, sich vor Ablauf des September -schon wieder eingefunden hatte, weil sie sich zu Hause „nicht -wohlgefühlt“ habe, zum Februar abermals völlig geräuschlos -befunden und dem Flachlande zurückgegeben worden war, aber -seit Mitte Juli schon wieder ihren Platz am Tische der Iltis -einnahm, – diese Ammy war 1 Uhr nachts mit einem Leidenden -namens Polypraxios, demselben Griechen, der beim Faschingsfest -durch die Wohlgestalt seiner Beine berechtigtes Aufsehen -erregt hatte, einem jungen Chemiker, dessen Vater am -Piräus Farbwerke besaß, in ihrem Zimmer ertappt worden -und zwar durch eine von Eifersucht verstörte Freundin, die auf -demselben Wege in Ammys Zimmer gelangt war wie Polypraxios, -nämlich über die Balkons, und, zerrissen von Schmerz -und Wut über das Wahrgenommene, ein furchtbares Geschrei -erhoben, alles in Bewegung gesetzt und die Sache an die große -Glocke gehängt hatte. Behrens hatte allen dreien, dem Athener, -der Nölting und ihrer Freundin, die vor Leidenschaft der -eigenen Ehre wenig geachtet hatte, den Laufpaß geben müssen -und eben jetzt mit seinem Assistenten, bei dem übrigens Ammy -sowohl wie die Verräterin in Privatbehandlung gestanden -hatten, die widrige Sache durchgesprochen. Auch während der -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -Untersuchung der Vettern fuhr er noch fort, im Tone der -Schwermut und der Resignation sich darüber auszulassen; -denn er war ein so fertiger Künstler der Auskultation, daß -er zugleich eines Menschen Inneres belauschen, von etwas -anderem reden und dem Assistenten das Erhorchte diktieren -konnte. -</p> - -<p> -„Ja, ja, <span class="antiqua" lang="en">gentlemen</span>, die verfluchte <span class="antiqua" lang="la">libido</span>!“ sagte er. „Sie -haben natürlich noch Ihr Vergnügen an der Chose, Ihnen -kann’s recht sein. – Vesikulär. – Aber so ein Anstaltschef, der -hat davon die Neese <span class="antiqua" lang="fr">plein</span>, das können Sie mir – Dämpfung – -das können Sie mir glauben. Kann ich dafür, daß die Phthise -nun mal mit besonderer Konkupiszenz verbunden ist – leichte -Rauhigkeit? Ich habe es nicht so eingerichtet, aber eh’ man -sich’s versieht, steht man da wie ein Hüttchenbesitzer, – verkürzt -hier unter der linken Achsel. Wir haben die Analyse, wir -haben die Aussprache, – ja Mahlzeit! Je mehr die Rasselbande -sich ausspricht, desto lüsterner wird sie. Ich predige die -Mathematik. – Besser hier, das Geräusch ist weg. – Die Beschäftigung -mit der Mathematik, sage ich, ist das beste Mittel -gegen die Kupidität. Staatsanwalt Paravant, der stark angefochten -war, hat sich drauf geworfen, er hat es jetzt mit der -Quadratur des Kreises und spürt große Erleichterung. Aber -die meisten sind ja zu dumm und zu faul dazu, daß Gott erbarm’. -– Vesikulär. – Sehen Sie, ich weiß ganz gut, daß -junges Volk hier gar nicht ganz unschwer verlumpt und verkommt, -und früher habe ich manchmal einzuschreiten versucht -gegen die Debauchen. Aber dann ist es mir passiert, daß irgendein -Bruder oder Bräutigam mich ins Gesicht hinein gefragt -hat, was es mich eigentlich angehe. Seitdem bin ich nur noch -Arzt – schwaches Rasseln rechts oben.“ -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Er war fertig mit Joachim, steckte sein Hörrohr in die Kitteltasche -und rieb sich mit der riesigen Linken die beiden Augen, -wie er zu tun pflegte, wenn er „abfiel“ und melancholisch war. -Halb mechanisch und zwischendurch gähnend vor Mißlaune -sagte er sein Sprüchlein her: -</p> - -<p> -„Na, Ziemßen, nur immer munter. Ist ja noch immer nicht -alles genau so, wie es im Physiologiebuche steht, hapert noch da -und da, und mit Gaffky haben Sie Ihre Angelegenheiten auch -noch nicht restlos bereinigt, sind sogar in der Skala gegen neulich -um eine Nummer aufgerückt, – sechs ist es diesmal, aber -darum nur keinen Weltschmerz geblasen. Als Sie herkamen, waren -Sie kränker, das kann ich Ihnen schriftlich geben, und wenn -Sie noch fünf, sechs Manote – wissen Sie, daß man früher ‚<span class="antiqua" lang="fr">mânôt</span>‘ -sagte und nicht ‚Monat‘? War eigentlich viel volltöniger. -Ich habe mir vorgenommen, nur noch ‚Manot‘ zu sagen –“ -</p> - -<p> -„Herr Hofrat“, setzte Joachim an ... Er stand, mit bloßem -Oberkörper, in geschlossener Haltung, Brust heraus, die Absätze -zusammengenommen, und war so fleckig im Gesicht wie -damals, als Hans Castorp bei bestimmter Gelegenheit erstmals -bemerkt hatte, daß dies die Art des tief Gebräunten sei, blaß -zu werden. -</p> - -<p> -„Wenn Sie,“ redete Behrens über seinen Anlauf hin, „noch -rund ein halbes Jährchen hier stramm Gamaschendienst tun, -dann sind Sie ein gemachter Mann, dann können Sie Konstantinopel -erobern, dann können Sie vor lauter Markigkeit -Oberbefehlshaber in den Marken werden –“ -</p> - -<p> -Wer weiß, was er in seiner Verdüsterung noch alles gekohlt -haben würde, wenn Joachims unbeirrte Haltung, seine unverkennbare -Gewilltheit, zu sprechen, und zwar mutig zu sprechen, -ihn nicht aus dem Konzept gebracht hätte. -</p> - -<p> -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -„Herr Hofrat,“ sagte der junge Mann, „ich wollte gehorsamst -melden, daß ich mich entschlossen habe, zu reisen.“ -</p> - -<p> -„Nanu? Wollen Sie Reisender werden? Ich dachte, Sie -wollten später mal, als gesunder Mensch, zum Militär?“ -</p> - -<p> -„Nein, ich muß jetzt abreisen, Herr Hofrat, in acht Tagen.“ -</p> - -<p> -„Sagen Sie mal, hör’ ich recht? Sie werfen die Flinte -hin, Sie wollen durchbrennen? Wissen Sie, daß das Desertion -ist?“ -</p> - -<p> -„Nein, das ist nicht meine Auffassung, Herr Hofrat. Ich -muß nun zum Regiment.“ -</p> - -<p> -„Obgleich ich Ihnen sage, daß ich Sie in einem halben Jahr -bestimmt entlassen kann, daß ich Sie aber vor einem halben -Jahr nicht entlassen kann?“ -</p> - -<p> -Joachims Haltung wurde immer dienstlicher. Er nahm den -Magen herein und sagte kurz und gepreßt: -</p> - -<p> -„Ich bin über anderthalb Jahre hier, Herr Hofrat. Ich -kann nicht länger warten. Herr Hofrat haben ursprünglich -gesagt: ein Vierteljahr. Dann ist meine Kur immer wieder -viertel- und halbjahrsweise verlängert worden, und ich bin -immer noch nicht gesund.“ -</p> - -<p> -„Ist das mein Fehler?“ -</p> - -<p> -„Nein, Herr Hofrat. Aber ich kann nicht länger warten. -Wenn ich nicht ganz den Anschluß verpassen will, so kann ich -meine richtige Genesung hier oben nicht abwarten. Ich muß -jetzt hinunter. Ich brauche noch etwas Zeit für meine Equipierung -und andere Vorbereitungen.“ -</p> - -<p> -„Sie handeln im Einverständnis mit Ihrer Familie?“ -</p> - -<p> -„Meine Mutter ist einverstanden. Es ist alles abgemacht. -Ich trete ersten Oktober als Fahnenjunker bei den Sechsundsiebzigern -ein.“ -</p> - -<p> -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -„Auf jede Gefahr?“ fragte Behrens und sah ihn aus blutunterlaufenen -Augen an ... -</p> - -<p> -„Zu Befehl, Herr Hofrat“, antwortete Joachim mit zuckenden -Lippen. -</p> - -<p> -„Na, dann is gut, Ziemßen.“ Der Hofrat wechselte die -Miene, gab nach in seiner Haltung und ließ in jeder Weise locker. -„Is gut, Ziemßen. Rühren Sie! Reisen Sie mit Gott. Ich -sehe, Sie wissen, was Sie wollen, Sie nehmen die Sache auf -sich, und soviel stimmt, daß es Ihre Sache ist, nicht meine, von -dem Augenblick an, wo Sie sie auf sich nehmen. Selbst ist -der Mann. Sie reisen ohne Garantie, ich stehe für nichts. Aber -bewahre, es kann ganz gut gehen. Ist ja ein luftiger Beruf, -den Sie ergreifen. Kann durchaus sein, daß es Ihnen bekommt -und daß Sie sich herausbeißen.“ -</p> - -<p> -„Jawohl, Herr Hofrat.“ -</p> - -<p> -„Na, und Sie, junger Mann aus dem Zivilpublikum? Sie -wallen wohl mit?“ -</p> - -<p> -Das war Hans Castorp, der antworten sollte. Er stand da, -ebenso bleich wie vor Jahresfrist bei jener Untersuchung, die -seine Aufnahme herbeigeführt hatte, stand auf demselben Fleck -wie damals, und wieder war deutlich das Pulsen seines Herzens -gegen die Rippen zu sehen. Er sagte: -</p> - -<p> -„Ich möchte es von Ihrem Votum abhängig machen, Herr -Hofrat.“ -</p> - -<p> -„Meinem Votum. Schön!“ Und er zog ihn am Arme an -sich, horchte und klopfte. Er diktierte nicht. Es ging ziemlich -schnell. Als er fertig war, sagte er: -</p> - -<p> -„Sie können reisen.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp stotterte: -</p> - -<p> -„Das heißt ... wieso. Bin ich denn gesund?“ -</p> - -<p> -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -„Ja, Sie sind gesund. Die Stelle links oben ist nicht mehr der -Rede wert. Ihre Temperatur paßt nicht zu der Stelle. Woher -sie kommt, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, daß sie -weiter nichts zu bedeuten hat. Meinetwegen können Sie reisen.“ -</p> - -<p> -„Aber ... Herr Hofrat ... Das ist vielleicht im Augenblick -nicht Ihr voller Ernst?“ -</p> - -<p> -„Nicht mein Ernst? Wieso denn? Was denken Sie denn? -Was denken Sie überhaupt so beiläufig von mir, möchte ich -wissen? Wofür halten Sie mich? Für einen Hüttchenbesitzer?!“ -</p> - -<p> -Es war Jähzorn. Die Bläue in des Hofrats Gesicht hatte -sich ins Veilchenfarbene vertieft durch lodernden Zudrang, die -einseitige Schürzung seiner Lippe mit dem Schnurrbärtchen -sich heftig verstärkt, so daß die seitlichen Oberzähne sichtbar -wurden, er schob den Kopf vor, wie ein Stier, seine Augen -quollen tränend und blutig. -</p> - -<p> -„Das verbitte ich mir!“ schrie er. „Ich bin erstens überhaupt -kein Besitzer! Ich bin ein Angestellter hier! Ich bin -Arzt! Ich bin <em>nur</em> Arzt, verstehen Sie mich?! Ich bin kein -Kuppelonkel! Ich bin kein Signor Amoroso auf dem Toledo -im schönen Neapel, verstehen Sie mich wohl?! Ich bin ein -Diener der leidenden Menschheit! Und sollten Sie sich eine -andere Auffassung gebildet haben von meiner Person, dann -können Sie beide zum Kuckuck gehen, in die Binsen oder vor -die Hunde, ganz nach beliebiger Auswahl! Glückliche Reise!“ -</p> - -<p> -Mit langen und breiten Schritten ging er zur Tür hinaus, -durch die Tür, die ins Vorzimmer des Durchleuchtungsraumes -führte, und ließ sie hinter sich zukrachen. -</p> - -<p> -Rat suchend blickten die Vettern auf Dr. Krokowski, der -sich jedoch in seine Papiere vertieft und vergraben zeigte. Sie -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -sputeten sich, in ihre Kleider zu kommen. Auf der Treppe sagte -Hans Castorp: -</p> - -<p> -„Das war ja schrecklich. Hast du ihn schon mal so gesehen?“ -</p> - -<p> -„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle. -Das einzig Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung -über sich ergehen läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die -Geschichte mit Polypraxios und der Nölting. Aber hast du gesehen,“ -fuhr Joachim fort, und man merkte, wie die Freude -darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in ihm aufstieg -und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein beigab -und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war? -Man muß nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen. -Nun habe ich sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß -ich mich wahrscheinlich herausbeißen werde, – und über acht -Tage reisen ... in drei Wochen bin ich beim Regiment“, verbesserte -er sich, indem er Hans Castorp aus dem Spiele ließ -und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person beschränkte. -</p> - -<p> -Hans Castorp schwieg. Er sagte nichts über Joachims „Erlaubnis“, -noch über seine eigene, von der ja allenfalls auch zu -reden gewesen wäre. Er machte Toilette zur Liegekur, steckte -das Thermometer in den Mund, schlug mit kurzen und sicheren -Griffen, mit voll ausgebildeter Kunst, jener geheiligten -Praktik gemäß, von der im Flachlande niemand eine Ahnung -hatte, die beiden Kamelhaardecken um sich und lag dann still, -als ebenmäßige Walze, auf seinem vorzüglichen Liegestuhl in -der kalten Feuchte des Frühherbstnachmittags. -</p> - -<p> -Die Regenwolken hingen tief, die Phantasiefahne drunten -war eingezogen, Schneereste lagen auf den nassen Zweigen -der Edeltanne. Aus der unteren Liegehalle, von wo vor Jahr -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -und Tag zuerst Herrn Albins Stimme an sein Ohr geschlagen, -drang leises Gespräch zu dem Diensttuenden herauf, dessen -Finger und Angesicht sich in Kürze naßkalt versteiften. Er war -es gewohnt und wußte der hiesigen, ihm längst zur einzig denkbaren -gewordenen Lebenshaltung Dank für die Gunst, in Geborgenheit -liegen und alles bedenken zu dürfen. -</p> - -<p> -Es war entschieden, Joachim würde reisen. Radamanth -hatte ihn entlassen, – nicht <span class="antiqua" lang="fr">rite</span>, nicht als gesund, aber mit -halber Billigung entlassen eben doch, auf Grund und in Anerkennung -seiner Standhaftigkeit. Er würde hinunterfahren, -mit der Schmalspurbahn in die Tiefe nach Landquart, nach -Romanshorn, dann über den weiten, abgründigen See, über -den im Gedichte der Reiter ritt, und durch ganz Deutschland -nach Hause. Er würde dort leben, in der Welt des Flachlandes, -unter lauter Menschen, die keine Ahnung hatten, wie man -leben mußte, die nichts wußten vom Thermometer, von der -Kunst des Sicheinwickelns, vom Pelzsack, vom dreimaligen -Lustwandel, von ... es war schwer zu sagen, schwer aufzuzählen, -wovon alles sie drunten nichts wußten, aber die Vorstellung, -daß Joachim, nachdem er länger als anderthalb Jahre -hier oben verbracht, unter den Unwissenden leben sollte, – diese -Vorstellung, die nur Joachim betraf, und nur ganz von fern -und versuchsweise auch ihn, Hans Castorp, – verwirrte ihn so, -daß er die Augen schloß und eine abwehrende Handbewegung -machte. „Unmöglich, unmöglich“, murmelte er. -</p> - -<p> -Da es denn aber unmöglich war, so würde er also allein -und ohne Joachim hier oben weiter leben? Ja. Wie lange? -Bis Behrens ihn als geheilt entließ, und zwar im Ernst, nicht -so wie heute. Aber erstens war das ein Zeitpunkt, zu dessen -Bestimmung man nur, wie Joachim einst bei irgendeiner -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -Gelegenheit, in die Luft hinein die Gebärde des Unabsehbaren -machen konnte, und zweitens: würde das Unmögliche dann -möglicher geworden sein? Im Gegenteil eher. Und soviel -war loyalerweise zuzugeben, daß eine Hand ihm geboten war, -jetzt, wo das Unmögliche vielleicht noch nicht ganz so unmöglich -war, wie es später sein würde, – eine Stütze und Führung -für ihn, durch Joachims wilde Abreise, auf dem Wege ins -Flachland, den er von sich aus in Ewigkeit nie zurückfinden -würde. Wie würde humanistische Pädagogik ihn mahnen, die -Hand zu ergreifen und die Führung anzunehmen, wenn die -humanistische Pädagogik von der Gelegenheit erfuhr! Aber -Herr Settembrini war nur ein Vertreter – von Dingen und -Mächten, die hörenswert waren, aber nicht allein, nicht unbedingt; -und auch mit Joachim stand es so. Er war Militär, -jawohl. Er reiste ab – beinahe in dem Augenblick, wo die hochbrüstige -Marusja zurückkehren sollte (am ersten Oktober kehrte -sie bekanntlich zurück), während ihm, dem zivilistischen Hans Castorp, -die Abreise namentlich und abgekürzt gesprochen darum -unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten mußte, -von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete. „Das -ist nicht meine Auffassung“, hatte Joachim gesagt, als Radamanth -ihm von Desertion gesprochen hatte, was zweifellos -in Hinsicht auf Joachim nur Kohl und Geschwafel gewesen -war von des verdüsterten Hofrats Seite. Aber für ihn, den -Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders. Für ihn -(ja, ganz ohne Zweifel, so war es! Um diesen entscheidenden -Gedanken aus seinem Gefühle emporzuarbeiten, hatte er sich -heute hier ins Naßkalte gelegt) – für ihn wäre es wirklich Desertion -gewesen, die Gelegenheit zu ergreifen und wilde oder -halbwilde Abreise ins Flachland zu halten, Desertion von ausgebreiteten -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -Verantwortlichkeiten, die ihm aus der Anschauung -des Hochgebildes, genannt <span class="antiqua" lang="la">Homo Dei</span>, hier oben erwachsen, -Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte -übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten, -denen er hier in der Loge und am blau blühenden -Orte oblag. -</p> - -<p> -Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie -vorher nur einmal: nach erster Benutzung, nachdem die Oberin -ihm eben das zierliche Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher -Begierde wie damals darauf nieder. Merkurius war -kräftig emporgewandert, er zeigte siebenunddreißig-acht, fast --neun. -</p> - -<p> -Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und -tat einen schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und -zurück. Dann, wieder in horizontaler Lage, rief er leise Joachim -an und fragte nach dessen Kurve. -</p> - -<p> -„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim. -</p> - -<p> -„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort -in Nachfolge Frau Stöhrs nach Analogie von „Schampus“ -behandelnd; worauf Joachim hinter der Glaswand sich schweigend -verhielt. -</p> - -<p> -Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden, -forschte mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und -Entschlüssen, die sich ganz von selbst, bei knapp gesetzter Frist, -offenbaren mußten: durch Handlungen oder das Unterlassen -von Handlungen, und das taten sie, nämlich durch letzteres. -Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der hatte wissen -wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein tun -wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen -Tagen sich auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -Rücksprache, von der Joachim wußte, und deren Verlauf und -Ergebnis er sich an fünf Fingern ausrechnen konnte. Sein Vetter -hatte erklärt, er erlaube sich, auf des Hofrats frühere vielfältige -Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich auszuheilen, -damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen, -als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe -37,8, er könne sich nicht als <span class="antiqua" lang="fr">rite</span> entlassen fühlen, und wenn -des Hofrats Äußerung von neulich nicht etwa als Relegation -zu verstehen gewesen sei, zu welcher Maßregel Anlaß gegeben -zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt sei, so habe er, nach -ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu Joachim -Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige -Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich -erwidert hatte: „<span class="antiqua" lang="fr">Bon</span> und schön!“ und: „Nichts für ungut!“ -und: das heiße er wie ein vernünftiger Kerl reden, und: -er habe es doch gleich gesehen, daß Hans Castorp mehr Talent -zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und Haudegen -da. Und so fort. -</p> - -<p> -Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation, -der Hergang des Gespräches gewesen, und so sagte er -nichts und stellte eben nur schweigend fest, daß Hans Castorp -sich seinen die Abreise vorbereitenden Schritten nicht anschloß. -Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit sich selber zu -tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib des -Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner -Brust, – man kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er -sich nicht mehr maß, sondern sein Instrument, angeblich, indem -er es hatte fallen lassen, zerbrochen hatte: Messungen -hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen, – so furchtbar aufgeregt, -bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude und Spannung, -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den -ganzen Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans -Castorp hörte: zu all den Stunden, viermal am Tage, in welchen -auf „Berghof“ die Horizontale herrschte. Anderthalb -Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause, nun -wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis! -Das war keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp -fühlte es dem ruhelos wandernden Vetter nach. Achtzehn -Monate, den vollen Jahreszirkel und dann die Hälfte -noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt, eingefahren -in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen Lebensgang, -den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten erprobt, -– und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden! -Welche Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen? -Und durfte man sich wundern, wenn Joachims große Aufregung -nicht nur aus Freude bestand, sondern auch Bangigkeit, -Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten -ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu -schweigen. -</p> - -<p> -Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem -guten Joachim über davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters -Zukunft auf sich beruhen. Er sprach davon, wie neu und -erfrischt alles sein werde, das Leben, er selbst, die Zeit – jeder -Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder haben, langsam -gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter, -Hans Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze -Augen hatte, wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her -nicht gesehen, da sie, hingehalten von Monat zu Monat, von -Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu einem Besuche des Sohnes -sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit begeistertem -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –: -in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen -geleistet, ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen. -„Nanu?“ fragte Hans Castorp. „Ernstlich? Der Stange? -Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und bei der Artillerie -dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja schwärmerische -Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne -man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe -nickte. -</p> - -<p> -Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota -auf der Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten -Termin mit dem Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug -packte er ein und ließ den Pelzsack nebst den Kamelhaardecken -vom Hausdiener in Sackleinen nähen: vielleicht, daß -er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an, -Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und -Settembrini – allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei -diesem Gange und fragte auch nicht, was Settembrini zu -Joachims bevorstehender Abreise und Hans Castorps bevorstehender -Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob er nun -„Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder -„<span class="antiqua" lang="it">Poveretto</span>“, das mußte ihm gleichgültig bleiben. -</p> - -<p> -Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles -zum letztenmal absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden -Lustwandel, und von den Ärzten, der Oberin Urlaub nahm. -Und es tagte der Morgen selbst: heißäugig und mit kalten -Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte die ganze -Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich -und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt, -hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -scheiden. Frau Stöhr vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen -Tränen der Ungebildeten, beim Lebewohl und zeigte gleich -darauf hinter Joachims Rücken der Lehrerin mit Kopfschütteln -und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine faule Miene -voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims -Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp -sah es, indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter -auf dem Fuße zu folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen, -den amtlichen Abschiedsgruß eines Gesandten der Verwaltung -im Vestibül zu erwidern. Wie immer standen Patienten -bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem -„Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów -mit seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während -der Wagen, am Hinterrad gebremst, die Anfahrt hinabschurrte. -Joachim hatte Rosen erhalten. Er trug einen Hut auf dem -Kopf. Hans Castorp nicht. -</p> - -<p> -Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer -Trübe. Das Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des -Dorfberges standen unveränderlich wahrzeichenhaft vor der -Bläue, und Joachims Augen ruhten darauf. Fast schade, meinte -Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so schönes Wetter geworden. -Es läge Bosheit darin, und ein recht unwirtlicher -Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim: -der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches Ausbildungswetter, -er könne es drunten wohl brauchen. Sonst -sprachen <a id="corr-30"></a>sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und -zwischen ihnen, gab es freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten -sie vor sich den Hinkenden auf dem Bock neben dem Kutscher. -</p> - -<p> -Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts, -hatten sie den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen, -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -fuhren sie hin auf der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn -gleichlaufenden Straße und hielten auf steinigem Platz vorm -Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht viel mehr als ein -Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit Schrecken -wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei einfallender -Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen. -„Hier bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise, -und Joachim antwortete nur: „Tja, das bist du“, und -entlohnte den Kutscher. -</p> - -<p> -Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das -Gepäck. Sie standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge, -neben dem kleinen, grau gepolsterten Wagenabteil, -worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und Rosen einen Platz -belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen schwärmerischen -Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird -gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf, -Grüße an die dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete -Hans Castorp nur noch mit seinem Stock auf dem Asphalt. -Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er auf, sah Joachim -an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans Castorp -lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig -dringlich. „<em>Hans!</em>“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte -sich etwas so Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete -Hans Castorp mit Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder -„Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag gehalten hatten, sondern aller -Sittensprödigkeit zum Trotz und peinlichst überschwänglicher -Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und drückte mit dringlicher -Angst dem Vetter die Hand, während dieser bemerken -mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten -das Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -er inständig, „komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs -Trittbrett. Die Tür schlug zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander, -die kleine Lokomotive zog an, der Zug entglitt. Der -Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut, der Zurückbleibende -mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch lange, -allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim -ihn vor Jahr und Tag geführt. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-1-5"> -Abgewiesener Angriff -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und -Akelei waren verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen -Sterne des Enzian, die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten -sich wieder im feuchten Grase, und über den Waldungen lag -es rötlich. Herbstnachtgleiche war vorüber, Allerseelen in Sicht -und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch der erste Advent, -der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber reihten -sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem -die Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten. -</p> - -<p> -Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am -Tische der Stöhr, nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. -Blumenkohl weggestorben war, und an dem Marusja ihre unbegründete -Heiterkeit im Apfelsinentüchlein erstickt hatte. Neue -Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund aber hatte, -zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von -der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, -an einem Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter -gegen die linke Verandatür, zwischen seinem ehemaligen -und dem Guten Russentisch, kurzum am Tisch Settembrinis. -Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans Castorp -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der -an jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus -zum Hospitieren aufgespart blieb. -</p> - -<p> -Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte -auf mehreren Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus -Mexiko, dessen Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit -der eines Tauben war, und ihm zur Seite hatte das ältliche -Fräulein aus Siebenbürgen ihren Platz, das, wie schon -Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse aller Welt für -ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas -von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen -mit Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden -bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten -Stunden des Tages an der Brüstung ihrer Balkonloge -ihre tellerflache Brust in hygienischen Tiefatmungen dehnen. -Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man Herr Wenzel -nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen -verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin -versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der -dieser Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, -sondern nur um die vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an -dem wilden Lautgestrüpp heiter zu erproben. Obwohl feist -wie ein Dachs und von einer selbst unter Denen hier oben erstaunlich -sich hervortuenden Eßlust, versicherte der Böhme seit -vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der Abendgeselligkeit -klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline die -Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage, -auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in -Hans Castorps Nähe folgten dann zu beiden Seiten des Tisches -Herr und Frau Magnus, die Bierbrauersehegatten aus Halle. -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -Melancholie umgab dieses Paar atmosphärisch, da beide lebenswichtige -Stoffwechselprodukte, Herr Magnus Zucker, Frau -Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung, -namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages -von Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger -Hauch von ihr aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete -Stöhr stellte sie jene Vereinigung von Krankheit und -Dummheit dar, an der Hans Castorp, getadelt deswegen von -Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen hatte. Herr -Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch -nur in der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld -erregt hatte. Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit -Herrn Wenzel aus politischen und sonstigen Anlässen feindlich -zusammen. Denn ihn erbitterten die nationalen Aspirationen -des Böhmen, der sich überdies zum Antialkoholismus bekannte -und über den Erwerbszweig des Brauers moralisch Absprechendes -äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die sanitäre -Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine Interessen -so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte -früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; -Hans Castorp aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt -und konnte nicht hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, -ihn darin zu ersetzen. -</p> - -<p> -Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: -A. K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur -Linken, war der eine, dieser gutmütige Dulder, der unter dem -Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts hervor von Gummischuhfabrikation -und fernen Gegenden, dem Polarkreis, dem -ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp -sogar zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam -<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a> -zurücklegte. Der andere aber, der sich ihnen dabei, so oft es -sich treffen wollte, als Dritter anschloß, und der am oberen -Tafelende, gegenüber dem mexikanischen Buckligen, seinen Platz -hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit schlechten Zähnen, -Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann -seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde -an Frau Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und -der seit Fastnacht Hans Castorps Freundschaft suchte. -</p> - -<p> -Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden -Hingebung, die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches -hatte, da er ihren komplizierten Sinn begriff, der aber -menschlich zu begegnen er sich anhielt. Ruhig blickend, da er -wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen der Brauen genügte, -um den elend Empfindenden sich ducken und zurückschrecken -zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der jede -Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm -schön zu tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim -Lustwandel den Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht -trug er ihn über dem Arm –, duldete endlich des Mannheimers -Gespräch, das trübe war. Wehsal war erpicht, Fragen -aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe, einer -Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, -seine Liebe zu erklären – die <em>aussichtslose</em> Liebeserklärung, -was die Herren davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes -davon, sei der Meinung, daß sich unendliches Glück damit -verbinde. Wenn nämlich der Akt des Geständnisses zwar -Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so stelle er doch -für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten Gegenstandes -her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der -eigenen Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -so sei der ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines -Augenblicks nicht überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, -und je größer der widerstehende Abscheu dagegen sei, desto -genußreicher –. Hier scheuchte eine Verfinsterung von Hans -Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr in Hinsicht -auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie -er oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände -völlig fern lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten -unseres Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt -bleiben, diesen besser oder schlechter machen zu wollen, als er -war, so sei mitgeteilt, daß, als der arme Wehsal eines abends -unter vier Augen mit bleichen Worten in ihn drang, ihm von -den Erlebnissen und Erfahrungen der nachgesellschaftlichen -Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu vertrauen, Hans -Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie der -Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas -niedrig Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir -Gründe, ihn und uns davon auszuschließen und fügen nur noch -an, daß Wehsal danach mit verdoppelter Hingabe den Paletot -des freundlichen Hans Castorp trug. -</p> - -<p> -Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz -zu seiner Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur -einige Tage lang: von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, -einem Verwandtenbesuch, Gast aus dem Flachlande -und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, – mit einem -Worte von Hansens Onkel James Tienappel. -</p> - -<p> -Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter -der Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, -Versunkenen, des früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ -noch frisch im Gewebe seines englischen Anzugs tragend. -<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a> -Aber es hatte kommen müssen. Längst hatte Hans Castorp -im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes gerechnet -und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der Erkundung -betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, -– was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, -der seefahrende, kam wenig dafür in Frage, und vom Großonkel -Tienappel selbst stand fest, daß keine zehn Pferde ihn je -in diese Gegenden schleppen würden, von deren Luftdruckverhältnissen -er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es -sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen -Auftrage umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit -aber Joachim allein zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis -von der hiesigen Sachlage Nachricht gegeben hatte, war -der Angriff fällig und überfällig, und so war denn Hans Castorp -nicht im geringsten verblüfft, als, knappe vierzehn Tage -nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm überhändigte, -das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels -kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer -Boden zu tun und sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens -Höhe entschlossen. Übermorgen war er zu erwarten. -</p> - -<p> -„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar -etwas wie „Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn -du eine Ahnung hättest!“ sagte er in Gedanken zu dem sich -Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die Meldung mit -großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an -die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das -Zimmer Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am -übernächsten Tage, um die Stunde seiner eigenen Ankunft, -abends gegen acht also, es war schon dunkel, mit demselben -harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet, zum Bahnhof -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -„Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der -nach dem Rechten sehen wollte. -</p> - -<p> -Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande -des Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem -Fenster seines Verwandten und forderte ihn auf, nur immer -herauszukommen, denn er sei da. Konsul Tienappel – er war -Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf diesem ehrenamtlichen -Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen Wintermantel -gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich kalt, -nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein -können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem -Abteil in überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, -sehr zivilisierten Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn -verlautbarte, begrüßte den vetterlichen Neffen unter betonten -Ausdrücken der Genugtuung über sein vorzügliches Aussehen, -sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck überhoben -und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten -Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren -sie dahin, und Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und -den Zeigefinger in der Luft, erläuterte dem Onkel-Cousin die -oberen Gefilde, faßte mit Wort und Gebärde ein und das andere -funkelnde Sternbild zusammen und nannte Planeten bei Namen, -– während jener, aufmerksam mehr auf die Person seines -Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es -zwar möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier -und sofort gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch -manches andere näher gelegen hätte. Seit wann er denn da -oben so sicher Bescheid wisse, fragte er Hans Castorp; worauf -dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der abendlichen Liegekur -auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. – -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der -Konsul werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben. -</p> - -<p> -„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend -und etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder -sprach ruhig und eintönig. Ohne Hut, ohne Paletot saß er -neben ihm in der frostnahen Frische des Herbstabends. „Dich -friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er selbst zitterte -unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine Sprechweise -hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne -eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert -nicht“, antwortete Hans Castorp ruhig und kurz. -</p> - -<p> -Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. -Hans Castorp erkundigte sich nicht nach den Verwandten -und Bekannten zu Hause. Grüße von dort, die James übermittelte, -auch diejenigen Joachims, der bereits beim Regiment -sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig dankend, -ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt -durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht -zu sagen wußte, ob es von dem Neffen ausging oder etwa in -ihm selbst, dem physischen Befinden des Reisenden, seinen Ursprung -habe, blickte James umher, ohne von der Hochtallandschaft -viel erkennen zu können, und zog tief die Luft ein, die er -ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der andere, -nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke Eigenschaften. -Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, -setze der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder -Mensch latent in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere -sie sie zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines -allgemeinen organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -Ausbruch. – Er möge erlauben, – festlich? – Allerdings. -Ob jener nie bemerkt habe, daß der Ausbruch einer Krankheit -etwas Festliches habe, eine Art Körperlustbarkeit darstelle. – -„Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der Onkel mit unbeherrschtem -Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht Tage bleiben -könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht auch -nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank -einem Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die -Länge gezogen habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, -nehme er an, daß der Neffe gleich mit ihm hinunter nach Hause -fahren werde. -</p> - -<p> -„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, -sagte Hans Castorp. Onkel James rede recht wie einer von -unten. Er solle sich hier bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen -und einleben, dann werde er seine Ideen schon ändern. -Es komme auf restlose Heilung an, die Restlosigkeit sei das Entscheidende, -und ein halbes Jahr habe Behrens ihm neulich noch -aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an und -fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte -er. Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, -und nun noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen -Gottes Namen doch nicht soviel Zeit! – Da lachte Hans -Castorp ruhig und kurz zu den Sternen empor. Ja Zeit! Was -nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so werde James -seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen, bevor -er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse -schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat -reden, versprach Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. -„Er wird dir gefallen. Ein interessanter Charakter, forsch -und melancholisch zugleich.“ Und dann wies er auf die Lichter -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte beiläufig von den -Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere. -</p> - -<p> -Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem -Hans Castorp den Gast in Joachims Zimmer eingeführt -und ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich etwas zu erfrischen. -Mit <span class="ss">H₂CO</span> sei das Zimmer geräuchert worden, sagte Hans -Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde Abreise von -dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein -<span class="antiqua" lang="la">exodus</span>, sondern ein <span class="antiqua" lang="la">exitus</span>. Und da der Onkel sich nach dem -Sinn erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ -sagte er. „Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, -das gibt es auch. Aber mach’, damit du noch warmes -Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im behaglich erwärmten -Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz. Die -Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder -kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt -wurde. Sie stießen an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. -Der Jüngere sprach von dem Leben hier oben im Wandel -der Jahreszeiten, von einzelnen Erscheinungen des Speisesaals, -vom Pneumothorax, dessen Wesen er erklärte, indem er -den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über die grasse -Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen -Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, -der Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und -des Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt -die Kosten der Unterhaltung. James aß und trank stark, -wie er es gewohnt war und mit überdies noch durch Reise und -Luftwechsel geschärftem Appetit. Dennoch unterbrach er sich -zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den Mund voller -Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im stumpfen -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans -Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne -daß jener sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene -Adern zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem -blonden Haar bedeckten Schläfen ab. -</p> - -<p> -Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von -persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch -von der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik -und Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des -jungen Praktikanten wartete, was aber natürlich so wenig ihre -einzige Beschäftigung war, daß man sich fragen mochte, ob -sie überhaupt noch wartete. James Tienappel hatte wohl alle -diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später berührt, -aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, – -abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter -Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit -oder Gefeitheit, die an sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche -Abendkühle, an sein Wort „Uns friert nicht“, erinnerte -und vielleicht Ursache war, weshalb sein Onkel ihn manchmal -so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den Ärzten -ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – -es traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn -er acht Tage blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt -sei, den Vortrag zu besuchen? Niemand. Er nahm es -an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit als ausgemacht voraus, -daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht daran -teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß -er mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte -zuvorzukommen suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches -geplant. Dies eben war die Macht, deren unbestimmte, -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel unbewußt anhielt, -den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem -Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen, -obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen -hatte. Er hörte seinen Verwandten von der Krankheit -sprechen, die hier das gemeinsame Berufsinteresse aller bildete, -und von der Aufnahmelustigkeit für sie; von Hans Castorps -eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem Reiz, den -die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen -und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und -Erzeugung löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall -und Verkäsungsprozeß, von dem dann die Frage sei, ob er durch -kalkige Petrifizierung und bindegewebige Vernarbung zu heilsamem -Stillstand gelange oder zu größeren Erweichungsherden -sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse und das Organ zerstöre. -Er hörte von der wild beschleunigten, galoppierenden -Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja -in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats -meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie -sie morgen oder demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, -einer ursprünglich reizenden Schottin, vorgenommen werden -sollte, die von <span class="antiqua" lang="la">Gangraena pulmonum</span>, vom Lungenbrande -ergriffen worden sei, so daß eine schwärzlich-grüne Verpestung -in ihr walte und sie den ganzen Tag zerstäubte Karbolsäurelösung -einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber den Verstand -zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig unerwartet -für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß -er herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte -sich freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos -Geschehene auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -zu seiner Beruhigung, die aber neue Beunruhigung in -sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich um den Unfall, -der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht kümmerte, -vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich -nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine -Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen -Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt -hätte, sich durch solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei -es aber, daß der Konsul seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich -ein Mäntelchen von Vernunft und Sinn umzuhängen -wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, – plötzlich -brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing -mit hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten -„Chansonette“, einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen -Weibsstück, das zurzeit in St. Pauli ihr Wesen treibe und -mit ihren temperamentgeladenen Reizen, die er dem Vetter schilderte, -die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem halte. Seine -Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er -sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende -Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese -Erscheinung erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige -Reisemüdigkeit, deren Opfer er war, allmählich so deutlich, -daß er schon gegen halb 11 Uhr die Beendigung des Beisammenseins -befürwortete und es innerlich wenig begrüßte, -daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach -erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der -Tür eines Salons gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn -bekannt machte. Auf die stämmig-heitere Anrede des Doktors -wußte er fast nichts anderes mehr als „Gewiß, selbstvers-tändlich“, -zu erwidern und war froh, als sein Neffe sich -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum -Frühstück abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem -Zimmer in sein eigenes begeben hatte und er mit der -gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich ins Bett des Fahnenflüchtlings -fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte er Feuersbrunst -gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk -zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel. -</p> - -<p> -James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel -James“ und einfach nur „James“ anredete, war ein langbeiniger -Herr von gegen Vierzig, gekleidet in englische Stoffe -und blütenhafte Wäsche, mit kanariengelbem, gelichtetem Haar, -nahe beisammenliegenden blauen Augen, einem strohigen, gestutzten, -halb wegrasierten Schnurrbärtchen und bestens gepflegten -Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne -darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten -Konsuls am Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit -einer Angehörigen seines Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert -und fein, von ebenso leiser, rascher und spitzig-höflicher -Sprechweise war wie er selbst, gab er zu Hause einen sehr energischen, -umsichtigen und bei aller Eleganz kalt sachlichen Geschäftsmann -ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich, auf -Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes -Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige Bereitwilligkeit -zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger -als eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil -das Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst -dem Wunsche, seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren -und selbst inmitten von Lebensformen, die er unglaublich fand, -nichts von Befremdung merken zu lassen. „Natürlich, gewiß, -selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu sagen, damit niemand -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher gekommen nun -freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich mit -dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu -sehen, den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich -ausdrückte, „loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war -er sich doch wohl bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, -– schon im ersten Augenblicke empfindlich von der Ahnung berührt, -daß eine Welt und Sittensphäre ihn als Gast aufgenommen -habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner eigenen -nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin -übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit -seiner Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; -denn die Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als -wahrhaft erdrückend. -</p> - -<p> -Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des -Konsuls Telegramm innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ -beantwortet hatte; aber man muß nicht denken, daß er bewußt -die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen Onkel ausgenutzt -hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, -und nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern -umgekehrt, so daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von -dem Augenblick an, wo eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit -seines Unternehmens den Konsul von seines Neffen Person -her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und Ausgang, -das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans -Castorp denn freilich doch nicht umhin konnte. -</p> - -<p> -Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der -Eingesessene den Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft -bekannt gemacht hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat -Behrens, der lang und bunt, gefolgt von dem schwarzbleichen -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit seiner -rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin -herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht -nur, daß es eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem -vereinsamten Neveu hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, -sondern daß er auch im ureigensten Interesse sehr recht -daran tue, da er ja offenbar total anämisch sei. – Anämisch, -er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und zog ihm -mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig! -sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, -wenn er es sich für ein paar Wochen hier auf seinem -Balkon der Länge nach bequem mache und überhaupt in allen -Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In seinem -Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal -eine Weile so zu leben, wie bei leichter <span class="antiqua" lang="la">tuberculosis pulmonum</span>, -die übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ -sagte der Konsul rasch und blickte dem hochnackig -Davonrudernden noch eine Weile eifrig-höflich geöffneten -Mundes nach, während sein Neffe gelassen und abgebrüht -neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur -Bank an der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach -hielt James Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet -von Hans Castorp, der ihm zum mitgebrachten Plaid die eine -seiner Kameldecken lieh – er selbst hatte in Anbetracht des -schönen Herbstwetters an einer reichlich genug – und ihn in -der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff getreulich -unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon -zur Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um -ihn auf eigene Hand und nur unter verbessernd einspringender -Beihilfe die feststehende Prozedur wiederholen zu lassen, -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -und lehrte ihn, den Leinenschirm am Stuhl zu befestigen und -gegen die Sonne zu richten. -</p> - -<p> -Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes -stark in ihm, und er machte sich lustig über das, was er da -erlernte, wie er sich schon über den abgemessenen Lustwandel -nach dem Frühstück lustig gemacht hatte. Aber als er das -ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der Neffe seinen -Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene Selbstgewißheit -der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, -er fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das -entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen -sofort, baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, -solange er noch Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen -hatte; denn er fühlte, daß diese schwanden, daß der Geist des -Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen gefährlichen Feindesbund -gegen sie bildete. -</p> - -<p> -Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm -empfohlen hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen -der Kranken anzuschließen: das ergab sich von selbst, -es bestand, wie es schien, gar keine andere Denkbarkeit, und -wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und unberührbarer -Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der Tat -und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar -war, das war für einen wohlerzogenen Menschen von -Anfang an nicht zu unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender -sein, als daß nach der ersten Liegekur das ausgiebige zweite -Frühstück erfolgte, aus welchem der Lustwandel nach „Platz“ -hinunter überzeugend sich ergab, – und danach wickelte Hans -Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn ein, das war -das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert -war, ließ er ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde -Gong zu einem Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, -das sich als erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, -daß der sich anschließende General-Liegedienst mehr als -äußerer Brauch, daß er innere Notwendigkeit war und aus -persönlichster Überzeugung geübt wurde. So ging es fort bis -zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im Salon -mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine -Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit -aufdrängte, ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann -hätte sie keine Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht -des Konsuls kritische Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt -gewesen wären, das er nicht geradezu Übelbefinden -nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und Aufregung -bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig zusammensetzte. -</p> - -<p> -Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung -mit Hofrat Behrens war der Dienstweg beschritten worden: -Hans Castorp hatte beim Bademeister den Antrag gestellt und -dieser ihn der Oberin weitergegeben, deren eigentümliche Bekanntschaft -Konsul Tienappel bei dieser Gelegenheit machte, -dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo sie ihn liegend -fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit -des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. -Das geehrte Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst -ein paar Tage gedulden, der Hofrat sei besetzt, Operationen, -Generaluntersuchungen, die leidende Menschheit gehe vor, nach -christlichen Grundsätzen, und da er ja angeblich gesund sei, so -müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier nicht Nummer -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas -anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, -– worüber sie, Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er -solle sie doch mal ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien -etwas trübe und flackernd, und wie er da so vor ihr liege, sehe -es alles in allem nicht viel anders aus, als ob auch mit ihm -nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so ganz <em>sauber</em>, er -solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei seinem Antrage -um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung -handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung! -versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis -er Bescheid bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der -Hofrat selten Zeit. -</p> - -<p> -Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte, -und das Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht -einen nachhaltigen Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen, -dessen Einigkeit mit den Erscheinungen hier oben aus seiner -unberührbaren Ruhe deutlich hervorging, unhöflicherweise -zu sagen, wie abschreckend ihm das Frauenzimmer dünkte, -klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei ihm an, die -Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans Castorp, -nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm -halbwegs zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk -ihm ein Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir? -Ist das ihre Branche?“ entgegnete der Onkel ... Aber das -Schlimme war, wie deutlich aus seines Neffen Miene hervorging, -daß er sich auch dann nicht gewundert haben würde, -wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“, -stand in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn -fror andauernd bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -die Oberin ihm tatsächlich ein Thermometer angeboten hätte, -er es gewiß zurückgewiesen haben würde, daß dies aber am -Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes, zum -Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte. -</p> - -<p> -So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des -Sendboten lief auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt -waren, und daß es außerhalb ihrer laufen könne, schien keine -Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine Erlebnisse, gewann seine -Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei belauschen. Er -hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes -Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz, -womit der Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt -von einer geschnitzten Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand -und sich, gegen das Licht erhoben, als photographisches Negativ -erwies. „Was ist denn das?“ fragte der Onkel betrachtend -... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne Kopf, -es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter -Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich -erkennen ließ. „Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp. -Worauf der Onkel „Pardon!“ sagte, das Bildnis auf -die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon entfernte. Dies -nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in diesen vier -oder fünf Tagen. Auch an einer <span class="antiqua" lang="fr">Conférence</span> des Dr. Krokowski -nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen. -Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens -betraf, so bekam er am sechsten Tage seinen Willen. -Er wurde bestellt und stieg nach dem Frühstück, entschlossen, ein -ernstes Wort mit dem Manne wegen seines Neffen und dessen -Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab. -</p> - -<p> -Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme: -</p> - -<p> -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -„Hast du so etwas schon gehört?!“ -</p> - -<p> -Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas -schon gehört haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, -und so brach er ab und antwortete auf des Neffen wenig gespannte -Gegenerkundigung nur: „Nichts, nichts“, zeigte aber -von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit zusammengezogenen -Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg -aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf -herumzuwerfen und den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte -Richtung zu lenken ... War auch die Unterredung -mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul gedacht hatte? -War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern auch -von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß -dem Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren -gegangen war? Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der -Konsul zeigte sich stark aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos -und stieß den Neffen mit der Faust in die Weiche, indem -er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“ Zwischendurch hatte er -jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin. Aber seine Augen -gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den Dienstwegen -und bei der Abendgeselligkeit. -</p> - -<p> -Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines -polnischen Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden -Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille -saß, anfangs keine besondere Beachtung geschenkt; und -in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie eine andere, -übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr die -Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn -und lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß -sie sich im Punkte der Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -drunten im Flachlande hätte messen können. Allein am Sonntag -Abend, nach dem Souper, in der Halle, hatte der Konsul, -dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid, das sie -trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß, -mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren -Teilung ziemlich weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung -hatte den reifen und feinen Mann bis in den Grund -seiner Seele erschüttert und begeistert, so, als habe es eine völlig -neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis damit. Er suchte -und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich lange -mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend -schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes -Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul -wußte, was er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er -suchte die Dame auf den Dienstwegen abzufangen, um sich -plaudernd, auf eine besondere, angelegentliche und charmante -Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr zu bewegen, trank -ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie lächelnd die Goldkapseln -blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne überkleidet -waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen geradezu -für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann. -Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit -gefallen, mit einer Miene, als müsse es so sein. Aber die -Autorität des älteren Verwandten konnte es wenig stärken, -und mit des Konsuls Sendung stimmte es schlecht überein. -</p> - -<p> -Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase -grüßte, und zwar zweimal: beim Fischragout und später beim -Sorbett, war dieselbe, die Hofrat Behrens am Tische Hans -Castorps und seines Gastes einnahm, – er hospitierte ja immer -reihum an jedem der sieben, und überall war das Gedeck an -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände -vor seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen -zwischen Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, -mit dem er spanisch sprach – denn er beherrschte alle Sprachen, -auch Türkisch und Ungarisch, – und sah mit blau quellenden, -rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul Tienappel Frau Redisch -drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte. Später im -Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag, angefeuert -dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des -Tisches hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, -wenn der Mensch verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche -studiert, der Körper sei ganz ausgesprochen seine Branche, -er sei sozusagen eine Art Körperfürst, wenn man sich so ausdrücken -dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es so zugehe, -wenn der Körper sich auflöse! -</p> - -<p> -„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der -Hofrat, bei aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände -gebeugt. „Sie liegen da auf Ihren Hobelspänen und Ihrem -Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie, treiben Sie auf, sie -blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit Fröschen -machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie -schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung -nicht mehr aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, -Sie machen es wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, -Sie schütten sich aus. Tja, und danach sind Sie eigentlich wieder -gesellschaftsfähig. Wenn Sie Urlaub bekämen, so könnten -Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne weiter Anstoß zu erregen. -Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man -sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner -Kerl, wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -der Kapuziner vor Porta Nuova hängen. Trocken und elegant -hängen sie da und genießen die allgemeine Achtung. Es -kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“ -</p> - -<p> -„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ -Und am nächsten Morgen war er verschwunden. -</p> - -<p> -Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die -Ebene hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten -geordnet zu haben: wer käme auf andere Gedanken! Er hatte -seine Rechnung bereinigt, für eine stattgehabte Untersuchung -das Honorar erlegt, hatte in aller Stille, ohne seinem Verwandten -ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine beiden Handkoffer -in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das abends -oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – -und als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks -das Zimmer des Onkels betrat, fand er es geräumt. -</p> - -<p> -Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. -Hier war es, daß ein melancholisches Lächeln sich in seinen -Zügen hervorbildete. „Ach so“, sagte er und nickte. Da hatte -einer Fersengeld gegeben. Hals über Kopf, in stummer Eile, -als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks wahrnehmen -und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte er -seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, -nicht zu zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, -aber heilfroh, auch nur allein davonzukommen, der Biedermann -und Flüchtling zur Flachlandsfahne, Onkel James. -Na, glückliche Reise! -</p> - -<p> -Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden -Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt -hatte, besonders den Hinkenden nicht, der den Konsul zum -Bahnhof begleitet. Er bekam eine Karte vom Bodensee, des -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das ihn per -sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den -Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen -Aufenthalt auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war -es ein recht erkünstelter Spott, fand Hans Castorp, denn dem -Onkel war bestimmt nicht nach Spott und Spaß zu Sinn gewesen, -als er sich in die Abreise gestürzt hatte, sondern er hatte -wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit blassem -Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem -Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm -eine gute Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt -scheinen werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen -Lustwandel anzutreten und sich dann nicht, auf rituelle Art -in Decken gewickelt, wagerecht ins Freie zu legen, sondern statt -dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese erschreckende Wahrnehmung -war der unmittelbare Grund seiner Flucht gewesen. -</p> - -<p> -So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen -Hans Castorp wieder einzuholen. Der junge Mann -machte sich kein Hehl daraus, daß der vollkommene Fehlschlag, -den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu denen dort unten -von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das Flachland -achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die vollendete -Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr -erbebte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-1-6"> -<span class="antiqua" lang="la">Operationes spirituales</span> -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe -der galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er -mit Achtung sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen -Welt nachgerade weit genug entwachsen zu sein, um -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -wohlwollend darüber urteilen zu können, war dort <span class="antiqua">schochet</span>, -Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Beruf sich von -dem des christlichen Fleischers unterschieden, der Handwerker -und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war -Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner -geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, -schlachtbares Vieh nach dem Gesetze Mosis, gemäß -den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte Elia Naphta, -dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen Sternenschein -ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt gewesen -waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen, -eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in -Urzeiten das Töten von Schlachttieren in der Tat eine Sache -der Priester gewesen war. Wenn Leo, oder Leib, wie er in -seiner Kindheit genannt worden war, hatte zusehen dürfen, -wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen Knechtes, -eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, -neben dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart -noch zierlicher und zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, -wie er gegen das gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte -Tier das große Schachotmesser schwang und es zu tiefem -Schnitt in die Gegend des Halswirbels traf, während der -Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut in rasch sich füllenden -Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem -Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche -dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem -Maße zu eigen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die -christlichen Fleischer gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag -einer Keule oder eines Beiles bewußtlos zu machen, bevor sie -<a id="corr-33"></a>sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein -Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu -sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, -indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt -versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. -Der Knabe Leib empfand, daß die Methode jener plumpen -Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit bestimmt -war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre erwiesen wurde -wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des Vaters, -und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit -der der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick -und Geruch sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und -Geistigen verband. Denn er sah wohl, daß der Vater sein -blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen Geschmack, den -leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener jüdischer -Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern geistigerweise -und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner -Sternenaugen. -</p> - -<p> -Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, -ein Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein -Kritiker der Schrift, der mit dem Rabbiner über ihre Sätze -disputierte und nicht selten in Streit mit ihm geriet. In der -Gegend, und zwar nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, hatte -er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der mehr wußte, -als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch -auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls -nicht in der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch -Unregelmäßiges haftete ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, -Baal-Schem oder Zaddik, das ist Wundermann, zumal -er in der Tat einmal ein Weib von bösem Ausschlage, ein -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und zwar -mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie -gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines -Gewerbes eine Rolle spielte, war sein Verderben geworden. -Denn bei Gelegenheit einer Volksbewegung und Wutpanik, -hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod zweier -Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben gekommen: -mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür -seines brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein -Weib, obgleich schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, -dem Knaben Leib und seinen vier Geschwistern, sämtlich -mit erhobenen Armen schreiend und wehklagend, landflüchtig -geworden war. -</p> - -<p> -Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war -die geschlagene Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs -zur Ruhe gekommen, wo Frau Naphta in einer Baumwollspinnerei -Arbeit gefunden hatte, der sie nachging, soweit und -solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die größeren -Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen -Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen -von Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, -was ihn selbst, den Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der -Fall gewesen. Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrankheit, -vom Vater aber, außer der Zierlichkeit der Gestalt, -einen außerordentlichen Verstand geerbt, Geistesgaben, die -sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, bohrender -Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden -und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich -hinausstreben ließen. Neben der Schule hatte der Vierzehn- -und Fünfzehnjährige durch Bücher, die er sich zu verschaffen -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -gewußt, seinen Geist auf regellose und ungeduldige Weise -fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er dachte -und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten, -den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide -abgezehrten Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine -Antworten fesselte er im Religionsunterricht die Aufmerksamkeit -des Kreisrabbiners, eines frommen und gelehrten Menschen, -der ihn zu seinem Privatschüler machte und seinen formalen -Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht, -seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür -aber hatte der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; -es stellte sich je länger je mehr heraus, daß er eine Schlange -an seinem Busen genährt hatte. Wie einst zwischen Elia -Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man vertrug -sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen -und philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, -und der redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, -der Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, -der schneidenden Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste -zu leiden. Hinzu kam, daß Leos Spitzfindigkeit und -geistiges Wühlertum neuestens ein revolutionäres Gepräge -angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn eines -sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem Massenhelden -selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, -seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung -gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem -die eigene Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen -ließen und dem Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler -den Rest gaben. Kurz, es war dahin gekommen, daß Naphta -von dem Meister verstoßen, auf immer seines Studierzimmers -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als -seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag. -</p> - -<p> -Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der -Mutter, hatte Leo die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger -gemacht. Der Sechzehnjährige saß einsam auf einer Bank in -den Parkanlagen des sogenannten Margaretenkopfes, einer -Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, von wo man -einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, -– saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein -Geschick, seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers -vom Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, -neben ihm Platz nahm, seinen Hut neben sich legte, -ein Bein unter dem Weltpriesterkleid über das andere schlug -und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine Unterhaltung -begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos Schicksal -entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener -Mann von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein -Menschenkenner und Menschenfischer, horchte auf bei den -ersten höhnisch klar artikulierten Sätzen, mit denen der armselige -Judenjüngling seine Fragen beantwortete. Eine scharfe -und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und weiterdringend -stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz -des Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen -Menschen nur noch überraschender wurde. Man sprach von -Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta in einer Volksausgabe -studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem oder über -den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über -ihn äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur -Paradoxie oder aus höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen -„katholischen“ Denker; und auf die lächelnde Frage des Paters, -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -wie das begründet werden könne, da doch Hegel als preußischer -Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und wesentlich -als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort -„Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn -auch natürlich nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner -Behauptung von Hegels Katholizität im Rechte sei. <em>Denn</em> -(diese Konjunktion liebte Naphta ganz besonders; sie gewann -etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem Munde, und -seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal, -wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen -sei mit dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten -eine Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, -Verwirklichende, ins Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber -stehe die pietistische, aus der Mystik hervorgegangene, -protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er hinzu, werde -das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident; -Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine -Domänen betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im -Pietismus wurzelnd und gewiß Protestant, eine stark katholische -Seite besessen habe, nämlich kraft seines Objektivismus -und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die Ohrenbeichte verteidigt -und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen. -</p> - -<p> -Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er -daran glaubte, oder weil er sie witzig fand, oder um seinem -Zuhörer nach dem Munde zu reden, als ein Armer, der schmeicheln -muß und wohl berechnet, wie er sich nützen, wie schaden -kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert weniger -gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie -zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche -Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -die Begegnung hatte mit der Aufforderung Unterpertingers -an Leo geschlossen, ihn im Pädagogium zu besuchen. -</p> - -<p> -So hatte Naphta den Boden der <span class="antiqua" lang="la">Stella matutina</span> betreten -dürfen, deren wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle -Atmosphäre vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt -hatte; und mehr: es war ihm durch diese Wendung der -Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert worden, weit besser -aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen und -zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, -auf Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen -er größte Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen -Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und -Aristokrat; Sozialist – und zugleich besessen von dem Traum, -an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen -Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die -Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, -war, obgleich sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben -hatte, eine Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, -die er als eine zugleich vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, -gegenwirkliche und gegen-weltliche, also revolutionäre -Macht empfand. Und diese Huldigung war echt und -stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst auseinandersetzte, -stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs -Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit -der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich -verwandter, als der Protestantismus in seiner Versenkungssucht -und mystischen Subjektivität, – wie denn also auch die -Konversion eines Juden zur römischen Kirche entschieden einen -geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die eines Protestanten. -</p> - -<p> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft, -verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen -nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf die seine -Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das gesetzliche -Unterscheidungsalter ja längst erreicht hatte, zum konfessionellen -Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein „Entdecker“ sich -jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr diesen -ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu gewinnen. -Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben -des Paters in der „<span class="antiqua" lang="la">Stella</span>“ vorläufige Unterkunft, leibliche -und geistige Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, -indem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, -mit der Unempfindlichkeit des Geistesaristokraten -der Armenpflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen -Begabung gebührte. -</p> - -<p> -Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, -wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge -boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weideland, -ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Gebäude, -Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zugleich -Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und -Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das -Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und -Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und -Wohlgepflegtheit, der Genauigkeit seiner abwechslungsreichen -Tageseinteilung schmeichelte es Leos tiefsten Instinkten. Er -war überglücklich. Er erhielt seine vortrefflichen Mahlzeiten -in einem weiten Refektorium, wo Schweigepflicht herrschte, -wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen Mitte ein -junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, -und trotz einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags -bei Spiel und Sport seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit -der er alltäglich die Frühmesse hörte und Sonntags am feierlichen -Amte teilnahm, mußte die Väter-Pädagogen erfreuen. -Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte sie nicht weniger. -An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen und -Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, -Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren. -</p> - -<p> -Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, -die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen -Verhältnissen überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz -war, den er in der Anstalt einnahm, schien niemand zu -wissen. Die Hausgesetze lenkten die Aufmerksamkeit seiner Kameraden -von der Tatsache ab, daß er ohne Familienanhang, -ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit Lebensmitteln -und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch -kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der -Kosmopolitismus der Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten -seines Rassengepräges. Es waren da junge Exoten, -portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ aussahen als -er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische Prinz, -der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war -sogar ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm. -</p> - -<p> -In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, -Theologie zu studieren, um, wenn er irgend würdig befunden -werde, dereinst dem Orden anzugehören. Dies hatte zur Folge, -daß man seinen Freiplatz aus dem „Zweiten Pensionat“, dessen -Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, in das „Erste“ -verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert, und -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen -von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines -Marquis di Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte -glänzend und vertauschte, getreu seinem Entschluß, -das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des Noviziathauses -im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut, -schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er -geistige Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann. -</p> - -<p> -Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger -unmittelbar, durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem -es an körperlicher Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. -Die Erziehungspraktiken, deren Gegenstand er war, kamen in -ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit seinen persönlichen Anlagen -entgegen und forderten sie zugleich heraus. Bei den geistigen -Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen Teil seiner -Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen, -Erwägungen und Beschauungen verstrickte er -sich mit boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, -Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung -– wenn auch zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, -dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem -Mangel an Einfalt alltäglich die Hölle heiß machte. „<span class="antiqua" lang="la">Ad haec -quid tu?</span>“ fragte er mit funkelnden Brillengläsern ... Und -dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts übrig, als ihn -zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele gelange -– „<span class="antiqua" lang="la">ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat</span>“. -Allein diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer -vollständigen Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung -zum bloßen Werkzeuge, einem geistigen Kirchhofsfrieden, dessen -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -unheimliche äußere Merkmale Bruder Naphta in mancher hohl -blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren konnte, -und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf -dem Wege körperlichen Ruins. -</p> - -<p> -Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß -diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen -Abbruch taten. Der Pater Provinzial selbst zitierte ihn -am Ende des zweijährigen Noviziates zu sich, unterhielt sich -mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; und der -junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines -Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers -empfangen, auch die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und -der Sozietät nun endgültig angehörte, ging nach dem Kollegienhause -des holländischen Falkenburg ab, um sein theologisches -Studium aufzunehmen. -</p> - -<p> -Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte -unter dem Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger -Anstrengungen sein ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, -daß sein Verbleib sich bei Lebensgefahr verbot. Ein -Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine Oberen, und nachdem -er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, schickten sie -den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück. -In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand -er als Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora -und Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung -war ohnedies Vorschrift, nur, daß man von solcher Dienstleistung -gemeinhin nach wenigen Jahren ins Kolleg zurückkehrte, -um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und -abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er -kränkelte fort; Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -Orte, in gesunder Luft mit den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher -Betätigung, sei der ihm vorläufig angemessene. Er -empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann das Recht, am -Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein Recht, -das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig unmusikalisch -war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit -seiner Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. -Über das Subdiakonat aber brachte er es nicht hinaus, – weder -zum Diakonat noch gar zur Priesterweihe; und da die Blutung -sich wiederholte, auch das Fieber nicht schwinden wollte, so hatte -er auf Ordenskosten zu längerer Kur hier oben Aufenthalt genommen, -und sie zog sich hin in das sechste Jahr – kaum noch -als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne kategorischer -Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige -Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ... -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans -Castorp gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der -seidenen Zelle besuchte, allein und auch in Begleitung seiner -Tischgenossen Ferge und Wehsal, die er dort eingeführt hatte; -oder wenn er ihm auf einem Lustwandel begegnete und in -seiner Gesellschaft gegen „Dorf“ zurückpilgerte, – erfuhr sie -gelegentlich, in Bruchstücken und in Form zusammenhängender -Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person hoch -merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie -so zu finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend -in Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern -liege (denn das Erlebnis des Pleurachoks war es allein, was -ihn je über das menschlich Anspruchsloseste hinaus gesteigert -hatte), dieser dagegen mit sichtlichem Wohlgefallen an der -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -Glückslaufbahn eines einst Gedrückten, die nun allerdings, damit -die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu stocken und -in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien. -</p> - -<p> -Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und -gedachte mit Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der -mit heldenmütiger Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes -Gewebe von Rederei zerrissen hatte und zu seiner Fahne geflohen -war, an deren Schaft er, in Hans Castorps Vorstellung, -sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum Treuschwur -erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, -auch er war unter eine solche aufgenommen worden, wie er -selbst sich ausdrückte, wenn er Hans Castorp über das Wesen -seines Ordens unterrichtete; aber offenbar war er ihr weniger -treu, mit seinen Abweichungen und Kombinationen, als Joachim -der seinen, – während freilich Hans Castorp, wenn er -dem <span class="antiqua" lang="fr">ci devant-</span> oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und -Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß -jeder von beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen -finden und ihn als dem eigenen nahe verwandt hätte -verstehen müssen. Denn das waren militärische Stände, der -eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: in dem der „Askese“ -sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und -der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob -in Naphtas Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, -und dessen geistliches Exerzierreglement, eine Art Gegenstück -zu dem, welches später der preußische Friederich für seine Infanterie -erlassen, ursprünglich in spanischer Sprache abgefaßt -worden war, weshalb denn Naphta bei seinen Erzählungen -und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. So -sprach er von den „<span class="antiqua" lang="it">dos banderas</span>“, von den „zwei Fahnen“, -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -um welche die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das -höllische und das geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, -wo Christus, der „<span class="antiqua" lang="es">capitan general</span>“ aller Guten kommandierte, -– in der Ebene von Babylon das andere, wo Luzifer den -„<span class="antiqua" lang="es">caudillo</span>“ oder Häuptling machte ... -</p> - -<p> -War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus -gewesen, dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, -zu geistlich-militärischer <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span> ehrenhaft waren angehalten -worden, – eine Verbindung von „Steifem Kragen“ -und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die -Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine -so glänzende Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, -tat sie sich hervor auch in dem, worin Naphta es leider -krankheitshalber nicht weit gebracht hatte! Hörte man ihn, so -setzte der Orden sich aus lauter höchst ehrgeizigen Offizieren -zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt waren, -sich im Dienste auszuzeichnen. („<span class="antiqua" lang="la">Insignes esse</span>“ hieß es lateinisch.) -Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und -ersten Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten -herrlicheren Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden -Vernunft handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk -„<span class="antiqua" lang="la">ex supererogatione</span>“, über Gebühr, nämlich indem sie nicht -nur schlechthin der Empörung des Fleisches („<span class="antiqua" lang="la">rebellio -carnis</span>“) Widerstand leisteten, was eben nicht mehr, als Sache -jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, sondern -dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen -der Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in -Dingen, die gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen -den Feind handeln, „<span class="antiqua" lang="la">agere contra</span>“, <em>angreifen</em> also, war -mehr und ehrenhafter, als nur sich verteidigen („<span class="antiqua" lang="la">resistere</span>“). -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -Den Feind schwächen und brechen! hieß es in der Felddienstvorschrift, -und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war da -wieder ganz eines Sinnes mit Joachims <span class="antiqua" lang="es">capitan general</span>, -dem preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! -Angriff!“ „Dem Feind in den Hosen gesessen!“ „<span class="antiqua" lang="fr">Attaquez -donc toujours!</span>“ -</p> - -<p> -Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich -gemeinsam war, das war ihr Verhältnis zum Blute -und ihr Axiom, daß man seine Hand nicht solle davon zurückhalten: -darin besonders stimmten sie als Welten, Orden und -Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es -sehr hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen -des Mittelalters erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung -und dabei voll geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten -schonen wollen, um den Gottesstaat, die Weltherrschaft -des Übernatürlichen herbeizuführen; von streitbaren Tempelherren, -die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für verdienstvoller -als den im Bette geachtet hatten und, um Christi -willen getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, -sondern für höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei -diesen Reden nicht zugegen war! Er gab sonst nur wieder den -störenden Drehorgelmann ab und schalmeite Frieden, – obgleich -da doch der heilige National- und Zivilisationskrieg gegen -Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, während freilich -Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn -und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von -solchen Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit -dagegen ins Feld, wollte jedes Land, und auch -wieder kein einziges, Vaterland nennen und wiederholte schneidend -das Wort eines Ordensgenerals namens Nickel, dahin -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der sicherste -Tod der christlichen Liebe“. -</p> - -<p> -Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta -die Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er -nicht alles unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem -Erachten der Askese und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur -die Anhänglichkeit an Familie und Heimat tat das, sondern -auch die an Gesundheit und Leben: sie eben machte er dem Humanisten -zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück schalmeite; -der Fleischesliebe, der <span class="antiqua" lang="la">amor carnalis</span>, der Liebe zu den -körperlichen Bequemlichkeiten, <span class="antiqua" lang="la">commodorum corporis</span>, zieh -er ihn zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche -Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das -geringste Gewicht zu legen. -</p> - -<p> -Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, -das sich eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, -während eines Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder -zurück aus solchen Differenzen entwickelte, und alle nahmen -sie daran teil: Settembrini, Naphta, Hans Castorp, Ferge und -Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, zugleich betäubt und erregt -vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum Zittern geneigt -ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig verhielten, wie -Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur mit -kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so angelegentlichem -Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine -tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende -Gruppe bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert -um fremde Leute, die einen Bogen um sie beschreiben mußten -und ebenfalls stehen blieben, das Ohr hinhielten und staunend -ihren ausschweifenden Erörterungen lauschten. -</p> - -<p> -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, -der armen Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben -war. Hans Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen -Verschlechterung und ihrem Exitus gewußt; sonst hätte er gern -an ihrem Begräbnis kameradschaftlich teilgenommen, – bei -seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse überhaupt. -Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät -von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den -Garten des Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig -horizontaler Lage eingegangen war. <span class="antiqua" lang="la">Requiem aeternam -...</span> Er widmete ihrem Andenken einige freundliche Worte, -was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch über Hansens -charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß, -dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem -prahlerischen Sohne <span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux’</span> und der qualvollen Natalie -von Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über -die teueren Blumen sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur -diesem ganzen trostlosen und ridikülen Gelichter Devotion erwiesen -habe. Hans Castorp hatte darauf hingewiesen, daß -die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger Ausnahme -der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja -auch ganz ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, -ob das sie etwa respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, -entgegnete Hans Castorp, was man die christliche Reverenz -vor dem Elend nennen könne. Und ehe Settembrini ihn zurechtweisen -konnte, begann Naphta von frommen Ausschreitungen -der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter gesehen, -erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in -der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden -Aussätziger geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Leprosen angesteckt und die Schwären, die sie sich zugezogen, -dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser ausgetrunken, -womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt, nie habe -ihnen etwas so gut geschmeckt. -</p> - -<p> -Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das -physisch Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte -er, kehre ihm den Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, -der sich in einer solchen Auffassung von tätiger Menschenliebe -bekunde. Und er richtete sich auf, gewann wieder heitere -Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen Formen der -humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen -sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der -medizinischen Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte. -</p> - -<p> -Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, -wäre den Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig -gedient gewesen und zwar beiden Teilen nicht: den Kranken -und Elenden so wenig wie den Gesunden und Glücklichen, -die nicht sowohl aus Mitleid, als um des eigenen Seelenheiles -willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn durch erfolgreiche -Sozialreform wären diese des wichtigsten Rechtfertigungsmittels -verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen Standes -beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von -Armut und Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, -und diese Auffassung bleibe solange möglich, als es möglich -sei, den rein religiösen Gesichtspunkt festzuhalten. -</p> - -<p> -Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine -Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu -gut sei. Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, -was der Ingenieur unselbständigerweise über die „christliche -Reverenz vor dem Elend“ geäußert habe, sei ja Schwindel, -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -beruhe auf Täuschung, fehlerhafter Einfühlung, einem psychologischen -Schnitzer. Das Mitleid, das der Gesunde dem Kranken -entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht steigere, weil -er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden gegebenenfalles -solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem Grade -übertrieben, es komme <a id="corr-37"></a>dem Kranken gar nicht zu und sei insofern -das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der -Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe -und sich vorstelle, der Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der -die Qualen eines Kranken zu tragen habe, – was völlig irrtümlich -sei. Der Kranke sei eben ein Kranker, mit der Natur -und der modifizierten Erlebnisart eines solchen; die Krankheit -richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander auskommen -könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, -Ausfälle, Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- -und Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde -naiver Weise in Rechnung zu stellen vergesse. Das beste -Beispiel sei all dies Brustkrankengesindel hier oben mit seinem -Leichtsinn, seiner Dummheit und Liederlichkeit, seinem Mangel -an gutem Willen zur Gesundheit. Und kurz, wenn der mitleidig -verehrende Gesunde nur selber krank sei und nicht mehr -gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein -Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß -er ihn viel zu ernst genommen habe. -</p> - -<p> -Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte -den Pleurachok gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. -Wie, was, zu ernst genommen sein Pleurachok? -Da danke er, und da müsse er bitten! Sein großer Kehlkopf -und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und nieder, -und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender, -und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses -Gespräch gehe weit über seinen Horizont. Aber wenn Herr -Settembrini etwa zum Beispiel auch den Pleurachok mit einbeziehen -wolle in das, was er gesagt habe, – diese Kitzelhölle -mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, -– dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da -sei von Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern -auch nicht eine Spur die Rede gewesen, sondern -das sei die größte und krasseste Hundsfötterei unter der Sonne, -und wer es nicht erfahren habe, wie er, der könne sich von -solcher Gemeinheit überhaupt keine – -</p> - -<p> -Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde -ja immer großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten -habe, und nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um -den Kopf. Er, Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf -Bewunderung Anspruch erhöben. Er sei selber krank, und nicht -leicht; aber ohne Affektation sei er eher geneigt, sich dessen zu -schämen. Übrigens spreche er unpersönlich, philosophisch, und -was er über die Unterschiede in der Natur und Erlebnisart -des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das habe schon -Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die Geisteskrankheiten -denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn -einer seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder -Herr Wehsal, heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen -Herrn Vater in einer Zimmerecke erblicken würde, der -ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre das für den betreffenden -Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im -höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das -ihn an seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -bestimmen würde, alsbald das Zimmer zu räumen und sich in -eine Nervenbehandlung zu geben. Oder etwa nicht? Aber der -Scherz sei eben der, daß den Herren das gar nicht begegnen -könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen aber begegnete, -so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden -nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, -darauf reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, -als ob sie ganz in der Ordnung sei, und sich in eine Konversation -mit ihr einlassen, wie das eben die Art der Halluzinanten -sei; und zu glauben, für <a id="corr-38"></a>diese bedeute die Halluzination ein -gesundes Schrecknis, das eben sei der Phantasiefehler, der dem -Nichtkranken unterlaufe. -</p> - -<p> -Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem -Vater in der Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich -er gekränkt war durch Geringschätzung seines infernalischen -Abenteuers. Der Humanist seinerseits benutzte die erregte Laune, -um die Nichtachtbarkeit der Halluzinanten und überhaupt aller -<span class="antiqua" lang="it">pazzi</span> des weiteren zu erörtern und zu vertreten: diese Leute, -meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel durchgehen und hätten -es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu steuern, -wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern -gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle -erscheine, so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, -sein Reden und Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange -er sich beobachtet wisse, um sich hernach wieder gehen -zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen bedeute die Narrheit zweifellos -in vielen Fällen, dergestalt, daß sie als Zuflucht vor großem -Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen Natur -gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes -zu bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -sozusagen jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen -Narren einzig und allein durch seinen Blick, dadurch, daß -er seinen Flausen eine Haltung unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt -habe, wenigstens vorübergehend zur Klarheit angehalten -... -</p> - -<p> -Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, -Herrn Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. -Wenn er sich so vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart -gelächelt und den Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft -ins Auge gefaßt habe, so verstehe er wohl, wie der arme -Kerl sich habe zusammennehmen und der Klarheit die Ehre -geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn Settembrinis -Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden -haben werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten -besucht, er entsann sich eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen -Hause“ einer solchen, und da hatten Szenen und Bilder -sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott, Herrn -Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl -kaum verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske -Bilder des Grauens und der Qual: die nackten Irren im Dauerbade -hockend, in allen Posen der Seelenangst und des Entsetzensstupors, -einige in lautem Jammer schreiend, andere mit -erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein Gelächter -ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt -hatten ... -</p> - -<p> -„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter -in Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen -entflohen war. -</p> - -<p> -Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik -hätte vollständig einpacken können vor den Gesichten des -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -Unruhigen Hauses, auf welche der Schauder religiöser Ehrfurcht -denn doch eine menschlichere Rückwirkung gewesen wäre, -als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die unser höchstleuchtender -Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem Wahnsinn -entgegenzusetzen beliebte. -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, -die Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. -Flüchtig nahm er sich vor, der Sache bei erster Gelegenheit -auf den Grund zu gehen. Im Augenblick aber verzehrte das -laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn Naphta -erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den -Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre -zu geben und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, -– in welcher Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte -und fast löbliche Selbstentäußerung sich <a id="corr-39"></a>kundtat, -da Herr Settembrini selbst ja krank war. Seine Haltung aber, -die durch ihre ungemeine Würde nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte, -ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor dem -Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib -sich noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem -der Erniedrigung – <span class="antiqua" lang="la">in statu degradationis</span> – befunden hätte. -Denn unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung -der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und -Abscheulichkeit anheimgefallen, sterblich und verweslich, nicht -anders, denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu betrachten -und nur geeignet, das Gefühl der Scham und Verwirrung, -<span class="antiqua" lang="la">pudoris et confusionis sensum</span>, wie der heilige -Ignatius sagte, zu erwecken. -</p> - -<p> -Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch -der Humanist Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -die Hand aus dem Schultergelenk über den Kopf geworfen, -forderte ihn auf, die Gesichtspunkte nicht zu vermengen -und sich lieber rezeptiv zu verhalten. -</p> - -<p> -Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche -Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen -Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers -gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers machten -nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, sondern entsprachen -auch der venenosen Verderbtheit der Seele auf eine erbauliche -und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – während Leibesblüte -eine irreführende und das Gewissen beleidigende Erscheinung -war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit -zu verleugnen man äußerst guttat. <span class="antiqua" lang="la">Quis me liberabit -de corpore mortis hujus?</span> Wer wird mich befreien aus -dem Körper dieses Todes? Das war die Stimme des Geistes, -welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war. -</p> - -<p> -Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis -bewegt vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der -die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen -war. Ja, obgleich venenos für seine leibliche Person, hatte -er seinen Geist gesund und unverpestet genug erhalten, um dem -pfäffischen Naphta in Sachen des Leibes auf schöne Art die -Spitze zu bieten und sich über die Seele lustig zu machen. Er verstieg -sich dazu, den Menschenleib als den wahren Tempel Gottes -zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter als -für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was -wieder zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des -Wortes „Menschheit“ endgültig verbot – und so fort. -</p> - -<p> -Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus -Gummistoff bald die hart knirschende und mit Asche bestreute -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -Schneedecke tretend, die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit -den Füßen durch die lockeren Schneemassen des Fahrdammes -pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, deren Biberkragen -und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam -räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta -in einem schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, -der mit Pelz nur gefüttert war und außen nichts davon -sehen ließ, stritten sie um diese Prinzipien mit der persönlichsten -Angelegentlichkeit, wobei es öfters geschah, daß sie sich -nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten, dem der -eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf -den Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. -Sie hatten ihn zwischen sich, und er, den Kopf hin und her -wendend, stimmte bald dem einen, bald dem anderen zu oder -machte, stehen bleibend, den Oberkörper schräg zurückgebeugt -und mit der Hand im gefütterten Ziegenlederhandschuh gestikulierend, -etwas Eigenes, selbstverständlich höchst Unzulängliches -geltend, indes Ferge und Wehsal die drei umkreisten, jetzt -vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch eine Reihe -mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder auflöste. -</p> - -<p> -Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die -Debatte auf dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander -und unter wachsender Anteilnahme aller die Probleme -der Feuerbestattung, der körperlichen Züchtigung, der -Folter und der Todesstrafe. Es war Ferdinand Wehsal, der -die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die Anregung -stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte -nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter -Anrufung der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren -aussprach, in der Pädagogik sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -– während es zwar ebenfalls nicht überraschend geschah, -aber doch durch eine gewisse düstere Frechheit verblüffte, -daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm zufolge -war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere -wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die -Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust -aus dem Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem -zufügte, ein durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die -Lust am Sinnlichen zu versalzen und sie gleichsam aus dem -Fleisch in den Geist zurückzutreiben, damit dieser wieder zur -Herrschaft gelange. Das Züchtigungsmittel der Schläge als -etwas besonders Schmähliches anzusehen, war ein recht alberner -Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger, -Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch -„ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden -war „bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine -arme alte Frau, die zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten -geschlagen. Wollte man sich im Ernst unterfangen, die -Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen gewisser Orden und -Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen -hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu -machen, barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche -Abschaffung der Schläge in den Ländern, die sich vornehm -dünkten, ein wirklicher Fortschritt sei, war ein Glaube, -der durch seine Unerschütterlichkeit nur an Komik gewann. -</p> - -<p> -Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, -daß innerhalb des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper -zweifellos das böse, teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, -also verkörperte, insofern als der Körper natürlich Natur war – -natürlich Natur, das war auch nicht schlecht! – und als die -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur Vernunft entschieden -böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, wenn -man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas -riskierte. Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber -nur folgerecht, den Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich -ihm Disziplinierungsmittel angedeihen zu lassen, die man -ebenfalls, wenn man noch einmal etwas riskierte, als mystisch -böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr Settembrini, wenn -er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn gehindert hatte, -zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine heilige -Elisabeth zur Seite gehabt hätte ... -</p> - -<p> -Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte -Hans Castorp rasch von Schlägen, die er selbst einst -empfangen: auf seinem Gymnasium war in den unteren Klassen -diese Strafe teilweise noch getätigt worden, es waren Retstöcke -vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn -nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht -halber, so war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal -geprügelt worden, einem großen Flegel, mit dem biegsamen -Stock auf die Oberschenkel und die nur mit Strümpfen -bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich weh -getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich -innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so -hervorgestürzt vor Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal -mochte freundlichst das Wort entschuldigen –, und Hans -Castorp hatte denn auch gelesen, daß in Zuchthäusern bei Empfang -der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie kleine -Kinder flennten. -</p> - -<p> -Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen -bedeckte, die in sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -mit staatsmännischer Kälte, wie man renitente Verbrecher denn -anders bändigen wolle, als durch Bock und Stock, die übrigens -in einem Zuchthause durchaus stilvoll am Platze seien; -ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, ein Kompromiß, -und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner -sei, verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber -gar die Pädagogik betraf, so wurzelte, wenn man Naphta -hörte, der Menschenwürde-Begriff derer, die das körperliche -Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem Liberal-Individualismus -der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem aufgeklärten -Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben -und neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen -Platz zu machen, Ideen der Bindung und Beugung, -des Zwanges und des Gehorsams, bei denen es ohne heilige -Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die Züchtigung des -Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten lassen. -</p> - -<p> -„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; -und da Naphta hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur -Strafe der Sünde der gräßlichen Schmach der Verwesung -anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen sei, wenn -derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im -Nu auf die Leichenverbrennung. -</p> - -<p> -Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen -werden, sagte er froh. Die Menschheit sei aus Gründen der -Zweckmäßigkeit wie auch bewogen durch ideelle Motive im -Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich für mitbeteiligt -an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß für -Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden -sein würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller -bisher gemachten Erfahrung eingerichteten Krematoriums -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -nebst Urnenhalle war geplant, und man durfte sich weitgreifender -Anregungen und Ermutigungen davon versehen. Was -für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – angesichts -aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der -Städte! Die Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten -Friedhöfe an die Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung -des Bestattungsvorganges durch notwendige Benutzung -der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini wußte -über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte -über die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum -Grabe der teuren Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und -Stelle mit ihr Zwiesprache zu halten. Ein solcher Idylliker -mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute, nämlich der Zeit, -sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und übrigens -würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm -die atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung -des Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische -und würdige, ja heldische Vorstellung war das, im -Vergleich mit derjenigen, ihn der elenden Selbstzersetzung und -der Assimilation durch niedere Lebewesen zu überlassen! Ja, -auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem neuen -Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn -was im Feuer verging, das waren die überhaupt veränderlichen, -die schon bei Lebzeiten dem Stoffwechsel unterworfenen -Bestandteile des Körpers; diejenigen dagegen, die am wenigsten -an diesem Strome teilnahmen, und die den Menschen fast -ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein begleiteten, -sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die Asche, -und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem -Geschiedenen unvergänglich gewesen war. -</p> - -<p> -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. -Des Menschen unvergänglicher Teil, die Asche. -</p> - -<p> -Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit -in ihrer irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, -er behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher -der Tod ein Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller -Art umweht, daß es sich verbot, den Blick klarer Vernunft -auf dies Phänomen zu richten. Welche Barbarei! Das Todesgrauen -stammte aus Epochen niederster Kultur, wo der gewaltsame -Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das diesem -in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf -lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer -mehr jedoch wurde dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre -und der Festigung der persönlichen Sicherheit der -natürliche Tod zur Norm, und dem modernen Arbeitsmenschen -erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach sachgemäßer Erschöpfung -seiner Kräfte nicht im geringsten als grauenhaft, sondern -vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod war -weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige, -vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte -Erscheinung, und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, -als gebührlich, in seiner Betrachtung zu verharren. Darum -war denn auch geplant, jenem Musterkrematorium und der zugehörigen -Urnenhalle, der „Halle des Todes“ also, eine „Halle -des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei, Skulptur, -Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des -Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer -und tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ... -</p> - -<p> -„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur -ja nicht bis zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Andacht vor einer so simplen Tatsache, ohne die es freilich -weder Architektur, noch Malerei, noch Skulptur, noch Musik, -noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“ -</p> - -<p> -„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch. -</p> - -<p> -„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete -ihm Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. -Das Erlebnis des Todes muß zuletzt das Erlebnis -des Lebens sein, oder es ist nur ein Spuk.“ -</p> - -<p> -„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des -Lebens‘, wie auf manchen antiken Särgen?“ fragte Hans -Castorp ernsthaft. -</p> - -<p> -Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta -fest. In Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack -den Leib prangen lassen, diesen Sündenleib, den man -der Verwesung entzog, was nicht wundernehmen konnte, da -man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal mehr züchtigen -lassen wollte ... -</p> - -<p> -Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand -ihm zu Gesichte. Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber -dächten. Er, Ferdinand, hatte auf Geschäftsreisen immer -gern die Gelegenheit benutzt, an alten Kulturstätten jene verschwiegenen -Orte zu besichtigen, an denen einst diese Art von -Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die -Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken -hatte er sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort -hatte man dem Leibe um der Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, -auf mancherlei sinnreiche Weise. Und nicht einmal Geschrei -hatte es gegeben. Die Birne in den offenen Mund gerammt, -die berühmte Birne, an sich schon kein Leckerbissen, – -und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit ... -</p> - -<p> -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -„<span class="antiqua" lang="it">Porcheria</span>“, murmelte Settembrini. -</p> - -<p> -Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille -Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der -Pleura, habe auch damals niemand ersinnen können. -</p> - -<p> -Das war zu seiner Heilung geschehen! -</p> - -<p> -Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten -nicht weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens -war die Folter ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen. -</p> - -<p> -Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen. -</p> - -<p> -Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, -und die mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war -ihm offenbar im Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der -Tat ein Prozeß fortschreitender Rationalisierung und zwar so, -daß allmählich, auf Grund von Vernunfterwägungen, Gott -aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden war. Das Gottesgericht -war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß -der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von -der Art des Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese -Wahrnehmung gemacht und es durchgesetzt, daß an die Stelle -des alten naiven Rechtsganges der Inquisitionsprozeß trat, -welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten der Wahrheit -nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom Angeklagten -das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung -ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im -Volke umhören: der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte -noch so geschlossen sein, die Verurteilung wurde als illegitim -empfunden, wenn das Geständnis fehlte. Wie es erwirken? -Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen, allen bloßen -Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie verhehlte, -verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, -dem man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das -unentbehrliche Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. -Wer aber den Geständnisprozeß verlangt und eingeführt -hatte, das war Herr Settembrini gewesen, und also war er -auch Urheber der Folter. -</p> - -<p> -Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. -Es seien diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten -hätte, wie Herr Naphta lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin -des Gräßlichen gewesen sei, so beweise das eben nur, -wie bitter sie allezeit der Stütze und Aufklärung bedürfe, wie -wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache hätten, zu befürchten, -es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden! Allein -der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel -könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden, -weil sein Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man -möge sich doch umsehen in Museen und Marterkammern: dies -Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen sei ja offenbar einer -kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem Wunsche -nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen -Stätten ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter -wohl gar zu helfen gemeint. Man habe angenommen, -seine eigene arme Seele ringe nach dem Bekenntnis, und nur -das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem besseren Willen -entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst -zu erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das -Fleisch brach. Asketischer Irrwahn ... -</p> - -<p> -Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien. -</p> - -<p> -Die Römer? <span class="antiqua" lang="it">Ma che!</span> -</p> - -<p> -Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt. -</p> - -<p> -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen, -indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache -sein, ein solches Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe -in die Debatte warf. Die Folter war abgeschafft, obgleich -ja die Untersuchungsrichter noch immer ihre Praktiken hätten, -den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die Todesstrafe schien -unsterblich, nicht zu entbehren. Die allerzivilisiertesten Völker -hielten daran fest. Die Franzosen hatten mit ihren Deportationen -sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte einfach -nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen -Wesen anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen. -</p> - -<p> -Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn -Herr Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, -und wie der Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer -einer fehlerhaften Gesellschaft. Und er erzählte von einem -Schwerverbrecher, einem vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, -den die Staatsanwälte in ihren Plädoyers als „vertiert“, -als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen pflegten. -Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen -bedeckt. Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, -– viel besser als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich -angefertigt wurden. -</p> - -<p> -Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte -Naphta. Aber sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert. -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung -werde erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, -war wohl ebenso revolutionär wie Herr Settembrini, aber er -sei es im erhaltenden Sinn, ein Revolutionär der Erhaltung. -</p> - -<p> -Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über -die Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -übergehen. Lieber noch verdächtige Herr Naphta die -Kunst, ehe er zugebe, daß sie auch den Verworfensten zum Menschen -weihe. Mit solchem Fanatismus sei lichtsuchende Jugend -unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga, deren Ziel -die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen gesitteten -Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe -die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses -sei noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, -zu vertrauen, daß die Redner, die sich dabei würden vernehmen -lassen, mit Argumenten gewappnet sein würden! Und -er führte die Argumente an, darunter das von der immer vorhandenen -Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, -sowie das von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf -Besserung; sogar „die Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, -daß der Staat, wenn es ihm um Veredelung und nicht um -Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem vergelten dürfe, und -verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom Boden -eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der -„Schuld“ bekämpft hatte. -</p> - -<p> -Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie -Naphta den Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals -umdrehte. Er machte sich lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung -des Menschenfreundes, behauptete, daß diese -Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten bürgerlichen -Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich leidenschaftlichen -Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die -der „Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches, -Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein -menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand -– allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -ohne Federlesen geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum -aus, unbedenklich in die Schanze geschlagen werden -würde. Die Philanthropie seines Herrn Widersachers, sagte -er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und todernsten -Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie aus, -auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. -Aber die Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den -Determinismus nicht nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar -durch ihn noch an Schwere und Schaudern gewönne. -</p> - -<p> -Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige -Opfer der Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und -den Weg zur Blutbühne aus Überzeugung gehe? -</p> - -<p> -Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen -wie von sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne -und wolle nicht anders sein, und dies eben sei die Schuld. Herr -Naphta verlegte Schuld und Verdienst aus dem Empirischen -ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln herrsche freilich Determination, -hier gebe es keine Freiheit, wohl aber im Sein. -Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner Vertilgung -sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für -sein Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben -nicht zu hoch. Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt -habe. -</p> - -<p> -Die tiefste Lust? -</p> - -<p> -Die tiefste. -</p> - -<p> -Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. -Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. -Settembrini bemerkte fein: -</p> - -<p> -„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den -Gegenstand persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“ -</p> - -<p> -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde -ich einer humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich -bis zu meinem natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es -hat keinerlei Sinn, daß der Mörder den Gemordeten überlebt. -Sie haben, unter vier Augen, allein miteinander, wie zwei Wesen -es nur bei einer zweiten, verwandten Gelegenheit noch sind, -der eine duldend, der andere handelnd, ein Geheimnis geteilt, -das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“ -</p> - -<p> -Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen -Todes- und Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht -vermisse. Nichts gegen die religiösen Talente des Herrn Naphta, -– sie seien den seinen unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere -seine Neidlosigkeit. Ein unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis -halte ihn einer Sphäre fern, wo jene Reverenz vor -dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin gesprochen, -offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer -Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft -und Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen -in wunder welchen Ehren stünden. -</p> - -<p> -Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat -kein religiöser Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, -wenn klargestellt sei, daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit -überhaupt nichts zu tun habe. Denn, fügte er hinzu, sie -habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben ruhe auf Bedingungen -und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre, teils -dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, -Raum, Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All -diese Dinge seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und -gleichgültig, sondern sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie -seien es eben, die das Leben ausmachten, die sogenannte Gesundheit, -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -das heiße: die Erzphilisterei und Urbürgerlichkeit, als -deren absolutes und zwar absolut geniales Gegenteil die religiöse -Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er, Naphta, -der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig absprechen. -Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler -Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die -man verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, -daß sie in ihrer breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf -dem Rücken und Brust heraus, die inkarnierte Irreligiosität -bedeute. -</p> - -<p> -Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er -wünsche nach keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei -offenbar vom Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, -also gewissermaßen von Politik und der beredsamen Republik -und der Zivilisation des gebildeten Westens, und da meine er -nun, daß der Unterschied, oder, wenn Herr Naphta denn durchaus -wolle, der Gegensatz von Leben und Religion auf den von -Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei nur -in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik -und Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf -zurück und schließe die Augen. Und das sei der Unterschied von -Religion und Sittlichkeit, konfus ausgedrückt. -</p> - -<p> -Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei -weniger bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine -Neigung, dem Teufel Zugeständnisse zu machen. -</p> - -<p> -Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag -diskuriert, Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „<span class="antiqua" lang="it">O Satana, -o ribellione!</span>“ Welchem Teufel er denn nun eigentlich -Zugeständnisse gemacht habe. Dem mit der Rebellion, der Arbeit -und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja lebensgefährlich, -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -– ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s Teufels -Namen da durchkommen solle! -</p> - -<p> -Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr -Settembrini sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. -Das Entscheidende in seinem Weltbilde sei, daß er Gott und -den Teufel zu zwei verschiedenen Personen oder Prinzipien mache -und „das Leben“, übrigens nach streng mittelalterlichem Vorbilde, -als Streitobjekt zwischen sie lege. In Wirklichkeit aber -seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, der Lebensbürgerlichkeit, -der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das -religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten. -</p> - -<p> -„Was für ein ekelhafter Mischmasch – <span class="antiqua" lang="it">che guazzabuglio -proprio stomachevole</span>!“ rief Settembrini. Gut und Böse, -Heiligkeit und Missetat, alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne -Willen! Ohne die Fähigkeit, zu verwerfen, was verworfen -sei! Ob Herr Naphta denn wisse, <em>was</em> er leugne, indem er -vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe -und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip -verneine! Er leugne den <em>Wert</em>, – jede Wertsetzung, – abscheulich -zu sagen. Schön, es gab also nicht Gut noch Böse, -sondern nur das sittlich ungeordnete All! Es gab auch nicht -den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern nur die alles -verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den mystischen -Untergang in ihr! Das Individuum ... -</p> - -<p> -Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen -Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den -Unterschied von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei -dem Herrn Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht -der Fall war. Wo das Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen -und nach einem darüber hinausgehenden Sinn und -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte Gattungs- und -Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein Individualismus, – -als welcher einzig und allein im Bereich des Religiösen und Mystischen, -im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, zu Hause -war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn -Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, -also unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu -da, daß man alt und glücklich, reich und gesund damit werde -und damit Punktum. Diese Vernunft- und Arbeitsphilisterei -gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta betreffe, so erlaube -er sich wiederholt, sie als schäbige Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen. -</p> - -<p> -Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene -Stimme leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, -daß Herr Naphta beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, -Gott wußte, warum, aristokratisch wegwerfenden Tone redete, -wie als ob <em>das Gegenteil</em> – und man wußte ja, was das -Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das Vornehmere gewesen -wäre! -</p> - -<p> -Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, -der aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt -und erschöpft von Frost und Problematik, taumeligen Urteils -auch in Hinsicht auf die Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit -seiner eigenen Ausdrucksweise, bekannte mit lahmen Lippen, -er habe sich den Tod von jeher mit einer gestärkten spanischen -Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner Uniform -sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem -gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak -er selbst über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige -seiner Rede und versicherte, nicht dies habe er sagen -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -wollen. Aber ob es sich nicht so verhalte, daß es Leute gebe, -gewisse Menschen, die man sich nicht tot vorzustellen vermöge, -und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das solle heißen: -dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem vorkomme, -als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe -des Todes nicht würdig. -</p> - -<p> -Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, -daß Hans Castorp dergleichen nur sage, damit man -ihm widerspreche. Der junge Mann werde ihn immer bereit -finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher Anfechtungen zur -Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche dies -Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ -Dieses Wort möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden -sich ihm zu wahrer und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: -und sogleich, auf dem Wege leichtester und rechtmäßigster -Assoziation, stelle sich auch die Idee der Liebenswürdigkeit -ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß man -sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft -liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und -also Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme -nenne. -</p> - -<p> -Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. -Ganz gewonnen, sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner -plastischen Theorie. Denn man möge sagen, was man -wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum Beispiel, daß Krankheit -ein erhöhter Lebenszustand sei und also was Festliches -habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung -des Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und -gar auf seinen Körper zurückweise und zurückwerfe und so -der Würde des Menschen bis zur Vernichtung abträglich sei, -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper herabwürdige. -Krankheit sei also unmenschlich. -</p> - -<p> -Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; -denn Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch -sei wesentlich krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, -und wer ihn gesund machen, ihn veranlassen wolle, seinen -Frieden mit der Natur zu schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ -(während er doch nie natürlich gewesen sei), alles was -sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern, Freilüftlern, Sonnenbademeistern -und so fort prophetisch umhertreibe, jede Art -Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und Vertierung -... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, -was den Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, -in hohem Maße sich ihr entgegengesetzt fühlende Wesen -vor allem übrigen organischen Leben auszeichne. Im Geist -also, in der Krankheit beruhe die Würde des Menschen und -seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto höherem -Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit -sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß -jemand, der den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten -der Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini -führe den Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht -der Fortschritt, so weit dergleichen existiere, einzig der Krankheit -verdankt werde, das heiße: dem Genie, – als welches nichts -anderes als eben Krankheit sei! Als ob nicht die Gesunden allezeit -von den Errungenschaften der Krankheit gelebt hätten! Es -habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in Krankheit -und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse -zu gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem -sie durch Wahnsinn errungen worden, und deren Besitz und -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Nutznießung nach jener heroischen Opfertat nicht länger durch -Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre Kreuzestod -... -</p> - -<p> -Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen -Kombinationen und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man -sieht schon, warum du nicht Pater geworden bist, <span class="antiqua" lang="fr">joli jésuite -à la petite tache humide</span>! Nun brülle du, Löwe! wandte er -sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser „brüllte“, indem -er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk, -Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ -rief er dem Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit -als Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend -gerade heraus, daß Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, -damit werden Sie sie zum Geiste ermutigen, sie für den -Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie andererseits Krankheit -und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber für -gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum -Menschheitsdienste anzuhalten! <span class="antiqua" lang="it">Da vero, è criminoso!</span>“ Und -wie ein Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens -ein, für denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem -es um Geist nicht bange zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte -er, und Naphta sagte hochtrabender Weise: „Der Logos!“ -Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte, sagte „Die -Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“ -verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, -und der andere: „Das Ich!“ Schließlich war sogar von -„Kunst“ auf der einen und „Kritik“ auf der anderen Seite -die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“ und „Geist“ -und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen -Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -einmal eine zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht -nur gegeneinander, sondern auch durcheinander, und nicht nur -wechselseitig widersprachen sich die Disputanten, sondern sie -lagen in Widerspruch auch mit sich selbst. Settembrini hatte -oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“ ausgebracht, -wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein -sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während -Naphta mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen -Instinktes“ aufgetreten war, gegen Settembrini, der -Natur als die „dumme Macht“, als bloßes Faktum und Fatum -traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht -abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes -und der „Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu -finden seien, indes dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres -Gesundheitsadels aufwarf, uneingedenk aller Emanzipation. -Nicht weniger verworren stand es mit dem „Objekt“ und dem -„Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer dieselbe -war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß -niemand mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer -der Freie war. Naphta verbot Herrn Settembrini mit scharfen -Worten, sich einen „Individualisten“ zu nennen, denn er -leugne den Gegensatz von Gott und Natur, verstehe unter der -Frage des Menschen, dem innerpersönlichen Konflikt, einzig -denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen und -sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche Sittlichkeit -eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme, unheroischerweise -auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates -das moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, -wohl wissend, daß das innermenschliche Problem vielmehr auf -dem Widerstreit des Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe, -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -den wahren, den mystischen Individualismus vertrete und recht -eigentlich der Mann der Freiheit und des Subjektes sei. War -er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt es sich dann -mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich -<em>eine</em> Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner -mit den markanten Dingen, die er im Kolloquium mit -Pater Unterpertinger über die „Katholizität“ des Staatsphilosophen -Hegel zum besten gegeben, über die innere Verbundenheit -der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die -Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten -nicht Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld -von Naphtas Orden abgegeben? Und was für -eine Erziehung! Herr Settembrini war gewiß ein eifriger Pädagog, -eifrig bis zum Störenden und Lästigen; aber in Hinsicht -auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten seine -Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit -wagen. Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! -Gehorsam! Der Terror! Das mochte wohl seine Ehre haben, -aber auf die kritische Würde des Einzelwesens nahm es nur -wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des preußischen -Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis -aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta -eigentlich zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen -an gar keine reine Erkenntnis und voraussetzungslose -Forschung, kurz, nicht an die Wahrheit glaubte, die objektive, -wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben für Lodovico Settembrini -das oberste Gesetz aller Menschensittlichkeit bedeutete. -Das war fromm und streng von Herrn Settembrini, während -es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit auf den -Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit -und Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom -Interesse des Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit -war das genau genommen nicht, es war mehr von -Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr haben wollte, -– wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“ war, -wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das -Gesetz der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, -wie Naphta die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. -Es war entschieden mehr fromm als frei, und dies wiederum -war ein Unterschied, der bei solchen Bestimmungen Gefahr -lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr Settembrini! -Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines Politikers -Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne -Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die -Mädchen auf der Straße an, während den scharfen, kleinen -Naphta harte Gelübde banden. Und doch war dieser beinahe -ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und jener dagegen ein -Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“ -hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout -auf den demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über -des militärischen Naphta religiöse Libertinage, die Gott und -Teufel, Heiligkeit und Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf -und keine Wertsetzung, kein Vernunfturteil, keinen -Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei, wer -fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen -aus: der Untergang in der alles verschlingenden und -ausgleichenden Gemeinschaft, der zugleich wüstlingshaft und -asketisch war, oder das „kritische Subjekt“, bei welchem -Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge einander ins -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen einander -beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein -Mangel, und so außerordentlich schwer war es zivilistischer -Verantwortlichkeit gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen -zu entscheiden, sondern auch nur, sie als Präparate -gesondert und sauber zu halten, daß die Versuchung groß -war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes All“ zu -stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung, -die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu -sehen, daß die Streitenden weniger erbittert gewesen wären, -wenn sie ihnen selbst nicht beim Streite die Seele bedrückt -hätte. -</p> - -<p> -Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; -dann hatten die drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis -vor ihr Häuschen zurückbegleitet, und dort stand man noch -lange im Schnee, indes Naphta und Settembrini sich stritten, – -pädagogischerweise, wie Hans Castorp wohl wußte, und um -die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten. Für Herrn -Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt -zu verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem -nicht mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans -Castorp grub gesenkten Hauptes mit dem Stocke im Schnee -und bedachte die große Konfusion. -</p> - -<p> -Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, -und das Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste -wandten sich wieder ihrer Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen -Wetteiferer mußten zusammen ins Häuschen gehen, -der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um sein Humanistenstübchen -mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. -Hans Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -voll vom Wirrwarr und Waffenlärm der beiden Heere, die -von Jerusalem und Babylon vorrückend unter den <span class="antiqua" lang="it">dos banderas</span> -zu konfusem Schlachtgetümmel zusammentrafen. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-1-7"> -Schnee -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit -zum Ausdruck mit dem Witterungscharakter des -diesjährigen Winters. Man urteilte, daß er seine Verpflichtungen -als Hochgebirgswinter sehr mangelhaft erfülle, daß -er die meteorologischen Kurmittel, denen die Sphäre ihren -Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle, -wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren -und Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle -an Sonne waren zu verzeichnen, an Sonnenstrahlung, -diesem wichtigen Heilfaktor, ohne dessen Mithilfe die Genesung -sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun Herr Settembrini -auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die Berggäste -ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins -Flachland betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls -wollten sie auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die -ihre Eltern, ihre Gatten für sie bestritten, und so murrten sie -in ihren Gesprächen bei Tisch, im Lift und in der Halle. Auch -zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen in ihre Verpflichtung -zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat für „künstliche -Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon vorhandenen -der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf -elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die -jungen Mädchen und Frauen gut kleidete und der Männerwelt -trotz horizontaler Lebensweise ein prächtig sportliches und -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -erobererhaftes Ansehen verlieh. Ja, dies Ansehen trug Früchte -im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig im klaren über die -technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit, waren -dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen, -um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen -zu lassen. „Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine -rothaarige und rotäugige Kranke aus Berlin, abends in der -Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und eingefallener -Brust, der sich auf seiner Karte als „<span class="antiqua" lang="fr">Aviateur diplômé et -Enseigne de la Marine allemande</span>“ bezeichnete und mit dem -Pneumothorax versehen war, übrigens zum Mittagessen im -Smoking erschien und dies Kleidungsstück abends wieder ablegte, -behauptend, bei der Marine sei das so Vorschrift, – -„mein Gott!“ sagte sie, indem sie den <span class="antiqua" lang="fr">Enseigne</span> gierig betrachtete, -„wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein -Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte -er im Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, -„Sie werden mir büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ -Und über die Balkons, an den gläsernen Scheidewänden -vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den Weg zur Nixe ... -</p> - -<p> -Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher -Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem -Himmelslicht empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine -Sonnentage im Monat – Tage, die freilich mit tief-tiefer -Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit Diamantengeglitzer -und köstlich heißem Brande in den Nacken und die Gesichter -der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem -Nebelgrau und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder -drei solcher Tage im Laufe von Wochen, das war zu wenig -für das Gemüt von Leuten, deren Schicksal außerordentliche -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die innerlich auf einen -Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die Freuden -und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, -aber ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos -bis zur Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es -half dem Hofrat wenig, wenn er daran erinnerte, wie wenig -auch unter diesen Umständen noch das Berghof-Dasein dem -Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen Bergwerk -gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht -wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen -Zusätzen, an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer -noch vor dem Qualm und Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung -und Protest griffen um sich, Drohungen mit wilder -Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor, daß sie -ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst erfolgten -traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht -schwer, wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen -Aufenthalt in dem nassen und zugigen Amsterdam -aber lebenslänglichen Charakter gewonnen hatte ... -</p> - -<p> -Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, -so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch -nicht gesehen. Der vorige Winter hatte es in dieser Richtung -wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch waren seine Leistungen -schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des diesjährigen. -Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit -dem Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser -Sphäre. Es schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, -dünn oder in dichtem Gestöber, aber es schneite. Die wenigen -gangbar gehaltenen Wege erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen -Schneewänden zu beiden Seiten, alabasternen -<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a> -Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen Geflimmer angenehm -zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben -und Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten, -Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen -den Wänden noch trat man stark aufgehöhten Grund, so tief -auch geschaufelt war, das merkte man an lockeren Stellen und -Löchern, wo plötzlich der Fuß einsank, tief hinab, wohl bis zum -Knie: man hatte gut acht zu geben, daß man nicht unversehens -das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden, versunken; -ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen -Begräbnis hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau -so seltsam verlegt, daß die Läden im Erdgeschoß der Häuser -zu Kellern geworden waren, in die man auf Schneestufen von -der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg. -</p> - -<p> -Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, -tagein, still niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn -Kältegraden, die nicht eben ans Mark gingen, – man spürte -sie wenig, es hätten auch fünf oder zwei sein können, Windstille -und Lufttrockenheit nahmen ihnen den Stachel. Es war -sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen -Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten -Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in -grauweiße Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm -und Nebeldunst dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; -vom nächsten Nadelholz allenfalls mit der Zeit ein wenig -zu sehen: beladen stand es, verlor sich rasch im Gebräu, -und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer Überlast, -schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die -Sonne als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein -matt gespenstisches Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -in die nichtig-unkenntliche Landschaft zu bringen. Doch -blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit und Blässe, bar jeder -Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte nachziehen können. -Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten, verrauchten. Bleich -beschienene Schneeflächen, die hinter- und übereinander aufstiegen, -leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte wohl -eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu -verändern, vor einer Felswand. -</p> - -<p> -Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, -den Nebel in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern -vom Gelingen; doch eine Ahnung von Himmelsblau war augenblicksweise -zu erfassen, und das wenige Licht reichte hin, die -durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend weithin -diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf -zu schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick -über das Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch -die wenigen eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das -Gestöber ruhte und der unvermittelte Himmelsbrand die köstlich -reine Oberfläche der Massen von Neuschnee anzuschmelzen -suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft, kindlich und -komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen auf -den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen -sich kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende, -Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das -ergab eine Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem -Märchenbuch. Mutete aber die nahe Szene, in der man sich -mühselig bewegte, phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen -der Erhabenheit und des Heiligen, die der hereinschauende -fernere Hintergrund, die getürmten Standbilder der -verschneiten Alpen erweckten. -</p> - -<p> -<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a> -Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp -in der Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt -von der weder zu steil noch zu flach eingestellten Lehne seines -vorzüglichen Liegestuhls, über die bepolsterte Brüstung hin auf -Wald und Gebirge. Der grünschwarze, mit Schnee beschwerte -Tannenforst stieg die Lehnen hinan, und zwischen den Bäumen -war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber erhob sich -das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen, -die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen -waren, und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite -still. Alles verschwamm mehr und mehr. Der Blick, in ein -wattiges Nichts gehend, brach sich leicht zum Schlummer. Ein -Frösteln begleitete den Augenblick des Hinüberganges, doch -gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier in der Eiseskälte, -dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl -organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren, -nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, -als das Nichtatmen <a id="corr-41"></a>den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge -völlig im Schneenebel verschwunden, und nur Stücke -davon, eine Gipfelkuppe, eine Felsnase, traten wechselnd für -einige Minuten hervor, um wieder verhüllt zu werden. Dies -leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte scharf -achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen -Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei -im Dunste, eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch -Fuß zu sehen war. Aber da man sie nur eine Minute aus den -Augen gelassen, war sie entschwunden. -</p> - -<p> -Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube -überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise -hereintrieb und alles, Boden und Möbel, dickauf -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen in dem gefriedeten Hochtal. -Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr, sie war so ausgefüllt -von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt -weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber -in wilde, treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von -unten nach oben, von der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten -es in tollem Tanz durcheinander, – das war kein Schneefall -mehr, es war ein Chaos von weißer Finsternis, ein Unwesen, -die phänomenale Ausschreitung einer über das Gemäßigte -hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, -der plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich -auskennen mochte. -</p> - -<p> -Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand -es demjenigen am Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: -die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären -gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, lockere, makellose Pulverschnee, -spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße -Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man -schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern -wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des -Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterblieb, und auf ganz -ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie -eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom -Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart -gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer -darauf, als auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie -auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden -am Saume des Meeres. -</p> - -<p> -Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, -die für jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -der Bewegung im Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge -arbeiteten; aber sie hatten Mühe, die allergebräuchlichsten -Pfade und die Hauptstraße des Kurortes notdürftig frei -zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und rasch -ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden -und Kranken, von Einheimischen und internationaler -Hotelgesellschaft; den Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer -an die Beine, Herren und Damen, welche, zurückgelehnt, -die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren Ton davon -zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres -Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd -und kippend die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, -ihr Modespielzeug am Seile wieder bergan zu ziehen. -</p> - -<p> -Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er -hegte zwei Wünsche: der stärkste davon war der, mit seinen -Gedanken und Regierungsgeschäften allein zu sein, und diesen -hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch oberflächlich, gewährt. -Der andere aber, verbunden mit jenem, galt lebhaft einer inniger-freieren -Berührung mit dem schneeverwüsteten Gebirge, -für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war -unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter -Fußgänger es war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte -ein solcher bis über die Brust im Elemente gesteckt, wenn er -versucht hätte, über das allerorts rasch erreichte Ende der geschaufelten -Verkehrspfade hinaus vorzudringen. -</p> - -<p> -So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem -zweiten Winter hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und -ihren Gebrauch zu erlernen, soweit sein sachliches Bedürfnis -es eben erforderte. Er war kein Sportsmann; war, mangels -körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat auch nicht, als -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem Ortsgeist -und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, -– Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, -obgleich unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen -beständig blau färbte, zum Lunch in wollener Hosentracht zu -erscheinen liebte, darin sie sich nach dem Essen mit gespreizten -Knien in einem Korbsessel der Halle recht liederlich lümmelte. -Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats Erlaubnis für -sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt abschlägig -beschieden worden. Sportliche Betätigung war der -Gemeinschaft derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in -ähnlichen Anstalten, unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte -die scheinbar so leicht eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen -an den Herzmuskel, und was Hans Castorp persönlich -betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der „Gewöhnung -daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft geblieben, -und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer -feuchten Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst -auch hier oben zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und -Vorhaben widerspruchsvoll und unstatthaft. Nur mußte man -ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der Ehrgeiz, es den -Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die, wäre es -eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel -im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte -er sich einer anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, -als dem Touristenvölkchen, und unter einem weiteren und -neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer entfremdenden -Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als -sei es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen -und sich im Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -Eskapaden im Sinn, wollte sich schon mäßig halten, und was er -plante, hätte Rhadamanthys ihm recht wohl gestatten können. -Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten würde, -beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln. -</p> - -<p> -Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. -Herr Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. -„Aber ja, aber ja doch, Ingenieur, um Gottes willen, -tun Sie das! Fragen Sie niemanden und tun Sie’s, – Ihr -guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s sofort, -bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen, -ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben -wir miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge -würde ich Sie begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe -an den Füßen, wie Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, -dürfen! Ich täte es schon, wenn ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber -ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener Mann. Dagegen Sie ... -es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn Sie vernünftig -sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete -es Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel -gewesen sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter -Plan! Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, -– ah, nein, Ihr Kern ist gut, man hat keinen Grund, an Ihnen -zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie drehen Ihrem Schattenfürsten -dort oben eine Nase, Sie kaufen diese Schlittschuhe, -Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu dem Gewürzkrämer -drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von -dort, um sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“ -</p> - -<p> -Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, -der den kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport -keine Ahnung hatte, erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -der Hauptstraße ein Paar schmucker Ski, hellbraun -lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem Lederzeug und -vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit Eisenspitze und -Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles selbst auf der -Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo mit -dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung -der Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung -über die Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann -er auf eigene Hand, fern von dem Gewimmel der Übungsplätze, -an einem fast baumfreien Abhang nicht weit hinter Sanatorium -Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei -das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung -ihm zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig -gekreuzt, Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. -Es lief gut ab, als Hans Castorp eines Tages, die -geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“ hinuntersteuernd, im -Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer zurückzubringen, dem -Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht, obgleich es heller -Mittag war und der Anfänger fast mit ihm zusammengestoßen -wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs -und stapfte vorbei. -</p> - -<p> -Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, -deren man innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche -auf Virtuosentum. Was er brauchte, war ohne Überhitzung -und Atemlosigkeit in ein paar Tagen erlernt. Er hielt sich an, -die Füße hübsch beieinander zu halten und gleichlaufende Spuren -zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der Abfahrt des -Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine Bodenerhebungen, -die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben -und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -und fiel seit dem zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn -er in voller Fahrt mit Telemarkschwung bremste, das eine Bein -vorgeschoben, das andere ins Knie gebeugt. Allmählich erweiterte -er den Umkreis seiner Übungen. Eines Tages sah Herr -Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief ihm -durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch -befriedigt nach Hause. -</p> - -<p> -Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf -gelinde und freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis -schön ist bei starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, -sondern in Totenstille, doch ganz verwandte Ehrfurchtsgefühle -erweckend. Hans Castorps lange, biegsame Sohlen trugen -ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen Clavadel -oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter -denen der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; -auch in das Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in -Richtung auf das bewaldete Seehorn, von dem nur die schneeige -Spitze über die Baumgrenze ragte, und den Drusatschawald, -hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief verschneiten -Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen Hölzern -von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb -sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, -auf schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die -bei sichtigem Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft -seiner Abenteuer boten. -</p> - -<p> -Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit -sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. -Sie umgab ihn mit erwünschter Einsamkeit, der erdenklich -tiefsten sogar, einer Einsamkeit, die das Herz mit Empfindungen -des menschlich Wildfremden und Kritischen berührte. Da -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in -Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren, -zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen -bildenden Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos -stehen blieb, um sich selbst nicht zu hören, war unbedingt -und vollkommen, eine wattierte Lautlosigkeit, unbekannt, nie -vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da war kein Windhauch, -der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte, -kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, -das Hans Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen -Stock gestützt, den Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem -Munde; und still und unablässig schneite es weiter darin, -ruhig hinsinkend, ohne einen Laut. -</p> - -<p> -Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts -Wirtliches, sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung -und Gefahr, sie nahm ihn nicht eigentlich an und auf, sie duldete -sein Eindringen, seine Gegenwart auf eine nicht geheuere, -für nichts gutstehende Weise, und Gefühle des still bedrohlich -Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen -waren es, die von ihr ausgingen. Das Kind -der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause -aus, ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, -der, von Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit -mit ihr lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, -mit der jener, die Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und -die sein ganzes Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, -eine beständige fromme Erschütterung und scheue Erregung -in seiner Seele unterhält. Hans Castorp, in seiner langärmeligen -Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen und auf -seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das Erleichterungsgefühl, -das sich meldete, wenn auf dem Heimweg -die ersten menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder -auftauchten, machte ihm seinen vorherigen Zustand bewußt -und lehrte ihn, daß stundenlang ein heimlich-heiliger Schrecken -sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte er, in weißen Hosen, -sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der mächtigen -Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen -Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen -schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, -während ein Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen -Gefahr zublies, die frecherweise versuchten, über die erste Welle -hinauszudringen, dem herantreibenden Ungewitter auch nur -zu nahe zu kommen, und noch der letzte Auslauf des Katarakts -hatte den Nacken wie Prankenschlag getroffen. Von dorther -kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück leichter Liebesberührungen -mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend -sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war -die Neigung, diese begeisternde Berührung mit der tödlichen -Natur so weit zu verstärken, daß die volle Umarmung drohte, -– als ein schwaches, wenn auch bewaffnetes und von der Zivilisation -leidlich ausgestattetes Menschenkind, das er war, sich -so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen, oder doch so lange -nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische streifte -und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es -sich nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag -handelte, sondern um die Welle, den Rachen, das Meer. -</p> - -<p> -Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – -wenn Mut vor den Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im -Verhältnis zu ihnen, sondern bewußte Hingabe und aus Sympathie -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -bezwungenen Todesschrecken bedeutet. – Sympathie? – -Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen -in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang -dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, -dessen er sich beim Anblick des schlittelnden Völkchens bewußt -geworden, und das ihm eine tiefere und größere, weniger hotelbequeme -Einsamkeit als die seiner Balkonloge hatte schicklich -und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte er -das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet -und sich seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin -in seiner Seele geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei -noch aus angeborner Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen -gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer war dort in der Größe, -der schneienden Totenstille – und das war es dem Kinde der -Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht Geheueren -längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein -Kolloquium mit Naphta und Settembrini war auch nicht just -das Geheuerste; ebenfalls führte es ins Weglose und Hochgefährliche; -und wenn von Sympathie mit der großen Winterwildnis -auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte, so -darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als -passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe -empfand, als geziemenden Aufenthalt für einen, der, -ohne freilich recht zu wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, -betreffend Stand und Staat des <span class="antiqua" lang="la">homo Dei</span> beschwert -war. -</p> - -<p> -Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen -Gefahr geblasen hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre -dieser Mann gewesen, als er dem entschwindenden Hans Castorp -durch die hohlen Hände zugerufen hatte. Dieser aber hatte -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem Rücken -nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen Schritten -einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen -war. „<span class="antiqua" lang="it">Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!</span>“ Ach ja, du -pädagogischer Satana mit deiner <span class="antiqua" lang="it">ragione</span> und <span class="antiqua" lang="it">ribellione</span>, -dachte er. Übrigens habe ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel -und Drehorgelmann, aber du meinst es gut, meinst es -besser und bist mir lieber als der scharfe kleine Jesuit und Terrorist, -der spanische Folter- und Prügelknecht mit seiner Blitzbrille, -obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch zankt ... -euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und -Teufel um den Menschen im Mittelalter ... -</p> - -<p> -Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen -hinan, deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, -höher und höher, man wußte nicht wohin; es schien, -daß sie nirgends hinführten; ihre obere Region verschwamm -mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war wie sie, und von -dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine Gratlinie -war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das -Hans Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die -Welt, das bewohnte Menschental, sich sehr bald schloß und -den Augen abhanden kam, auch kein Laut von dorther mehr -zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja Verlorenheit, -ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte wünschen können, -tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes -ist. „<span class="antiqua" lang="la">Praeterit figura hujus mundi</span>“, sagte er bei sich in einem -Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die -Redensart von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich -um. Es war überall gar nichts und nirgends etwas zu sehen, -außer einzelnen ganz kleinen Schneeflocken, die aus dem Weiß -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -der Höhe kommend auf das Weiß des Grundes niedersanken, -und die Stille ringsumher war gewaltig nichtssagend. Während -sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn blendete, -fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, – dies -Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu -schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer, -frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine -Art von Rührung wandelte ihn an, eine einfache und andächtige -Sympathie mit seinem Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, -so ganz allein hier oben im Eisig-Leeren mit seiner -Frage und seinem Rätsel. -</p> - -<p> -Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. -Manchmal stieß er das obere Ende seines Skistockes in den -Schnee und sah zu, wie blaues Licht aus der Tiefe des Loches -dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn herauszog. Das machte -ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die kleine optische -Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein -eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar -und doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte -ihn an das Licht und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender -Schrägaugen, die Herr Settembrini vom humanistischen -Standpunkte aus verächtlich als „Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ -bezeichnet hatte, – an früh erschaute und unvermeidlich -wieder gefundene, an Hippes und Clawdia Chauchats -Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. -„Aber mach ihn nicht entzwei: <span class="antiqua" lang="fr">Il est à visser, tu sais.</span>“ Und -im Geiste hörte er hinter sich wohllautende Mahnungen zur -Vernunft. -</p> - -<p> -Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er -wandte sich dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben, -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -statt weißlicher Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß -er im geringsten eine Geländesenkung hatte kommen sehen. -Die Blendung verhinderte jedes Erkennen der Bodengestaltung. -Man sah nichts; alles verschwamm vor den Augen. -Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich -dem Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung -zu unterscheiden. -</p> - -<p> -Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der -Schlucht, in die er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem -Schnee bedeckter Grund senkte sich nach der Seite des -Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn ein Stück in dieser -Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die Seitenschrägen erhöhten -sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den Berg -hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs -wieder aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand -mehr zu ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging -wieder auf offener Berghalde gegen den Himmel. -</p> - -<p> -Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte -sich dorthin und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen -Tannen, die sich, keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig -vernebelnder Waldungen ins Baumfreie vorschoben. -Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine Zigarette, in -seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen -von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber -stolz, sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes -auf diese Umgebung. -</p> - -<p> -Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte -er sich aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und -die Vespermahlzeit zu schwänzen und vor Dunkelwerden zurück -zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn bei dem Gedanken, daß -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -mehrere Stunden zum Schweifen im Freien und Großartigen -vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche seiner -Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der Westentasche. -</p> - -<p> -Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt -war sie. Hinten, in der Gegend des Talausganges, des -Gebirgswinkels, den man nicht sah, dunkelte das Gewölk, das -Gedünste tiefer und schien sich vorzuschieben. Es sah nach -Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf abzuhelfen, -– nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die -kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher. -</p> - -<p> -Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel -fallen zu lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers -zu betrachten. Sie schienen formlose Fetzchen, -aber er hatte mehr als einmal ihresgleichen unter seiner guten -Linse gehabt und wußte wohl, aus was für zierlichst genauen -kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten, Kleinodien, Ordenssternen, -Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier sie -nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es -hatte mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen -den Wald beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das -seine Fußbretter ihn trugen, denn doch eine andere Bewandtnis -als mit dem heimischen Meersande, an den es erinnerte: -das waren bekanntlich nicht Steinkörner, woraus es bestand, -es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger Vielfalt -kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen -eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma, -den Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter -den Myriaden von Zaubersternchen in ihrer untersichtigen, -dem Menschenauge nicht zugedachten, heimlichen Kleinpracht -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -war nicht eines dem anderen gleich; eine endlose Erfindungslust -in der Abwandlung und allerfeinsten Ausgestaltung eines -und immer desselben Grundschemas, des gleichseitig-gleichwinkligen -Sechsecks, herrschte da; aber in sich selbst war jedes -der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und eisiger -Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische -und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die -zum Leben geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade, -dem Leben schauderte vor der genauen Richtigkeit, es empfand -sie als tödlich, als das Geheimnis des Todes selbst, und -Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum Tempelbaumeister -der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine Abweichungen von -der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht hatten. -</p> - -<p> -Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am -Waldrande den dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige -hinunter und trieb sich, steigend und gleitend, ziellos und -gemächlich, weiter in dem toten Gelände umher, das mit seinen -leeren, welligen Gebreiten, seiner Trockenvegetation, die aus -einzelnen, dunkel hervorstechenden Latschenbüschen bestand, -und seiner Horizontbegrenzung von weichen Erhebungen so -auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp nickte -zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser Ähnlichkeit -weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung -zum Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung -von Aufregung und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit -Sympathie, da dies alles ihn an nah verwandte Wirkungen -der ebenfalls aufpeitschenden und zugleich mit schlafbringenden -Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich erinnerte. Er empfand -mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit, sein -freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebunden -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -war, hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er -gekommen war. Es hatte anfangs Stangen, eingepflanzte -Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber absichtlich hatte er sich -bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da sie ihn an den -Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren Verhältnis -zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen. -</p> - -<p> -Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald -rechts, bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge, -dann eine Ebene, dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte -Schluchten und Pässe so zugänglich und lockend schienen. Ja, -die Lockung der Fernen und Höhen, der immer neu sich auftuenden -Einsamkeiten war stark in Hans Castorps Gemüt, -und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins wilde -Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein, -– ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit -seines Inneren zur wirklichen Furcht wurde angesichts der -vorzeitig zunehmenden Himmelsdunkelheit, die sich wie graue -Schleier auf die Gegend herabsenkte. Diese Furcht machte -ihm bewußt, daß er es heimlich bisher geradezu darauf angelegt -hatte, sich um die Orientierung zu bringen und zu vergessen, -in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn -auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens -durfte er sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer -bergab fuhr, das Tal, wenn auch möglicherweise fern vom -„Berghof“, rasch erreicht sein werde, – zu rasch; er würde zu -früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt haben, während -er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte, -den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde. -Darum aber vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, – -die Furcht, seine aufrichtige Furcht vor den Elementen mochte -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -ihn beklemmen wie sie wollte. Das war kaum sportsmännisch -gehandelt; denn der Sportsmann läßt sich mit den Elementen -nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister weiß, übt Vorsicht -und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans -Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen: -Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt, -auch wenn – oder besonders wenn – das ihm entsprechende -frevelhafte Gefühl mit so viel aufrichtiger Furcht verbunden -ist, so ist doch bei einigem menschlichen Nachdenken ungefähr -zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen Menschen -und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier, -manches sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur, -gesagt haben würde, „akkumuliert“, was eines Tages -als ein elementares „Ach was!“ oder ein „Komm denn an!“ -von erbitterter Ungeduld, kurz eben als Herausforderung und -Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so fuhr er -denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang -hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in -einiger Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte -mit steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge -zu, dessen Rücken borstig von Tannen war, und hinter dem -Hochgipfel sich nebelhaft türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen -besetzte Wand vor ihm war schroff, aber schräg rechtshin -mochte man sie in mäßiger Steigung halb umgehen und -hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde, und -an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem -er vor dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe, -von rechts nach links abfallende Schlucht hinabgefahren war. -</p> - -<p> -Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also, -wie zu erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen, -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -daß es eine Art hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte, -war da, der lange gedroht hatte, wenn man von „Drohung“ -sprechen kann in Hinsicht auf blinde und unwissende Elemente, -die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu vernichten, was -vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf die -ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit -unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen, -als der erste Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn -traf. „Das ist eine Sorte von Anhauch. Die geht ins Mark.“ -Und wirklich war dieser Wind von ganz gehässiger Art: die -furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen zwanzig Grad -unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde -an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie -gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie -mit Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn -der erste fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –, -so hätten sieben Pelze nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem -Todesschrecken zu schützen, und Hans Castorp trug nicht sieben -Pelze, sondern nur eine wollene Weste, die ihm sonst auch vollkommen -genügt hatte und ihm bei dem geringsten Sonnenschein -sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den Wind -etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren -und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung -sich mit seinem Trotz und mit dem gründlichen „Ach -was!“ seiner Seele mischte, so strebte der tolle Junge immer -noch weiter, zwischen einzeln stehenden Tannen hin, um hinter -den in Angriff genommenen Berg zu kommen. -</p> - -<p> -Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts -vor Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem -Wirbelgedränge allen Raum erfüllte; die dreinfahrenden -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -Eisböen machten die Ohren mit scharfem Schmerze brennen, -lähmten die Glieder und ließen die Hände ertauben, so daß -man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt oder -nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz -ihm den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und -bedeckte seine rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum -Schneemann erstarren, seinen Stock steif in der Hand; und -all diese Unzuträglichkeit ergab sich bei vergleichsweise günstigen -Umständen: wendete er sich, so würde es schlimmer sein; -und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit gestaltet, -das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte. -</p> - -<p> -So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und -stellte seine Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort -den Atem, so daß er der unbequemen Prozedur der Umstellung -sich nochmals unterzog, um zu Luft zu kommen und -mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die Stirn zu -bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem Atemhaushalt -gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich -in Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen, -von den Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich -aus seiner Blindheit und seiner Atemknappheit erwuchsen. -Jeden Augenblick war er zum Haltmachen gezwungen, erstens, -um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen, und dann auch, weil -er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah vor weißer -Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem -Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken -flogen ihm massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so -daß es erstarrte. Sie flogen ihm in den Mund, wo sie mit -schwach wässerigem Geschmack zergingen, flogen gegen seine -Lider, die sich krampfhaft schlossen, überschwemmten die Augen -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -und verhinderten jede Ausschau, – die übrigens nutzlos gewesen -wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und -die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies -fast völlig ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde -Nichts, worein er blickte, wenn er sich zwang, zu sehen. -Und nur zuweilen tauchten gespenstische Schatten der Erscheinungswelt -darin auf: ein Latschenbusch, eine Fichtengruppe, -die schwache Silhouette des Schobers auch, an dem er kürzlich -vorübergekommen. -</p> - -<p> -Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen -stand, seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden; -eine Richtung zu halten, die ungefähre Richtung nach -Hause, ins Tal, war weit mehr Glücks- als Verstandessache, -da man allenfalls die Hand vor Augen, aber nicht einmal -bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man -auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige -Vorkehrungen getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs -äußerste zu erschweren: das Gesicht voll Schnee, den Sturm -als Widersacher, der die Atmung zerstörte, sie abschnitt, das -Aufnehmen von Luft wie den Aushauch verhinderte und jeden -Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da sollte dieser -und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer, -Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd -das Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von -Schnee herunter, der sich einem auf die Frontseite gelegt hatte, -und empfand es als unvernünftige Zumutung, unter solchen -Umständen vorwärts zu kommen. -</p> - -<p> -Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam -von der Stelle. Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen, -ein Fortkommen in rechter Richtung war, und ob es nicht -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -weniger falsch gewesen wäre, zu bleiben, wo man war (was aber -auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es sprach sogar die -theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch genommen, -schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und -Boden nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen -unter den Füßen, das heißt die flache Halde, die er von der -Schlucht aufsteigend mit großer Mühe wieder gewonnen, und -die es vor allem wieder zurückzulegen galt. Die Ebene war -zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar hatte der -Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs -kam, mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es -war ein falsches Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er -sich abmattete. Blindlings, umhüllt von wirbelnder, weißer -Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins Gleichgültig-Bedrohliche -hinein. -</p> - -<p> -„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte -halt. Pathetischer drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm -einen Augenblick war, als griffe eine eiskalte Hand nach seinem -Herzen, so daß es aufzuckte und dann mit so raschen Schlägen -gegen seine Rippen pochte wie damals, als Rhadamanthys -die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß er -kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung -sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage -auf seine eigenste Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte -er und fühlte, daß seine Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln -seiner Miene, der Seele nicht mehr gehorchten und gar nichts -wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch Wut, noch Verachtung, -denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg -hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen -den Wind. Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -er keuchend und abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend -fort, indem er sich wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen -muß etwas, ich kann mich nicht hinsetzen und warten, denn -dann werde ich zugedeckt von hexagonaler Regelmäßigkeit, -und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen kommt, um -nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, -eine Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, -daß er mit sich selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum -verwies er es sich, tat es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, -obgleich seine Lippen so lahm waren, daß er auf ihre -Benutzung verzichtete und ohne die Konsonanten sprach, die -mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst an eine frühere -Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war. „Schweig -still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu: -„Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das -ist schlimm in gewisser Hinsicht.“ -</p> - -<p> -Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines -Davonkommens, war eine reine Feststellung der kontrollierenden -Vernunft, gewissermaßen einer fremden, unbeteiligten, -wenn auch besorgten Person. Für sein natürliches Teil war -er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen, die mit zunehmender -Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm -jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich -darüber auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, -der im Gebirge in einen Schneesturm gerät und nicht mehr -heimfindet“, dachte er arbeitend und redete abgerissene Brocken -davon atemlos vor sich hin, indem er deutlichere Ausdrücke -aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört, stellt es -sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine -Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -schon so zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. -Da gibt es sensorische Herabminderungen, Gnadennarkosen, -Erleichterungsmaßnahmen der Natur, jawohl ... Man muß -jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes Gesicht, -sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt -alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und -eine Wohltat, sofern man eben nicht heimkommen soll, sind -aber sehr schlimm gemeint und äußerst bekämpfenswert, sofern -von Heimkommen überhaupt noch die Rede ist, wie bei -mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem stürmisch -schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig -regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“ -</p> - -<p> -Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte -die beginnende Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und -fieberhafte Art. Er erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte -erschrecken sollen, als er gewahrte, daß er schon wieder von der -ebenen Bahn abgekommen war: diesmal offenbar nach der -anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich senkte. Denn er -fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das vorderhand -nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das -Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde -ich wieder Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte -es zu tun, oder glaubte es auch selber nicht recht, oder, noch -bedenklicher, es fing an, ihm gleichgültig zu werden, ob er es -tat oder nicht. So wirkten die zweideutigen Ausfälle, die er -nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus Müdigkeit und Aufregung, -die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes bildete, -dessen Akklimatisation in der Gewöhnung <a id="corr-47"></a>daran bestand, -daß er sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen -so weit verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -gegen die Ausfälle nicht mehr die Rede sein konnte. Benommen -und taumelig, zitterte er vor Trunkenheit und Exzitation, -sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit Naphta und -Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen, -daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle -mit betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, -– trotz seiner verächterischen Empörung gegen das -Zugedecktwerden durch hexagonale Regelmäßigkeit etwas in -sich hineinfaselte, des Sinnes oder Unsinnes: das Pflichtgefühl, -das ihn anhalten wolle, die verdächtigen Herabminderungen -zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße schäbige -Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und -Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der -Gestalt seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem -Sandsturm in der Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs -Gesicht zu werfen und den Burnus über den Kopf zu ziehen. -Nur eben den Umstand, daß er keinen Burnus habe und daß -man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf ziehen könne, -empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten, obgleich -er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich -genau Bescheid wußte, wie man erfriert. -</p> - -<p> -Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es -nun wieder aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht -falsch zu sein, denn zwischendurch mußte es bei dem Wege ins -Tal auch wieder einmal aufwärts gehen, und was den Wind -betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht, denn Hans Castorp -hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das dankenswert, -an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder -übte die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße -Schrägfläche vor ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus, -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -so daß er sich ihr zuneigte? Nur um ein Hinlehnen würde es -sich handeln, wenn man sich ihr überließ, und die Versuchung -dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand und -als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der lebendig-gegenwärtigen -Macht der Versuchung durchaus keinen -Abbruch tat. Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich -ins allgemein Bekannte nicht einordnen lassen, sich nicht darin -wiedererkennen, erklärte sich als einmalig und unvergleichbar -in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich leugnen zu können, daß -sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war, die Eingebung -eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer, gefälteter -Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung -sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches -knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, -Herrn Settembrini ein Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber -auch nur lächerlich machte, mit seiner Drehorgel und seiner -<span class="antiqua" lang="it">ragione</span> ... -</p> - -<p> -Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der -Lockung, sich hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und -kam von der Stelle, – zweckmäßig oder nicht, aber er tat das -Seine und regte sich, den lastenden Banden zum Trotz, in die -der Froststurm immer schwerer seine Glieder schlug. Da ihm -der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich, ohne sich viel Rechenschaft -davon zu geben, und fuhr eine Weile so an der -Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, -war eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit -wenig dazu ermutigte, sie auf sich zu nehmen. Dennoch sah -er zuweilen etwas: Fichten, die zusammentraten, einen Bach -oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen überhängenden -Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur Abwechslung -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen -den Sturm, gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend -gleichsam im fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer -menschlichen Baulichkeit. -</p> - -<p> -Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, -trotz aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten -erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. -Vielleicht waren Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen -eintreten, um unter Dach und Fach das Ende des Wetters abzuwarten -und nötigenfalls Begleitung und Führung zu haben, -wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte eingefallen -sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel -verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden -Aufstieg gegen den Wind zu überwinden, um es zu -erreichen, und überzeugte sich, angekommen, mit Empörung, -Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es die bekannte -Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den er -auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert -hatte. -</p> - -<p> -Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, -unter Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten -Lippen. Er stocherte sich zu seiner Orientierung um die -Hütte herum und stellte fest, daß er sie von hinten wieder erreicht -und also eine gute Stunde lang – seiner Schätzung -nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn getrieben hatte. -Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im Kreise -herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im -Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, -der in sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. -So irrte man herum, so fand man nicht heim. Hans -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -Castorp erkannte das überlieferte Phänomen mit einer gewissen -Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und schlug sich -auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das Allgemeine -in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen -Fall so pünktlich ereignet hatte. -</p> - -<p> -Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, -man konnte nirgends hinein. Aber Hans Castorp -beschloß dennoch, vorderhand hier zu bleiben, denn das vorstehende -Dach gewährte die Illusion einer gewissen Wirtlichkeit, -und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten -Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz -gegen den Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die -aus Baumstämmen gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem -Rücken, der langen Schneeschuhe wegen, nicht füglich gehen -wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er den Skistock -neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den Taschen, -den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als -Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit -geschlossenen Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur -dann und wann, der Schulter entlang, über die Schlucht hin -zur jenseitigen Bergwand hinüberblinzelte, die manchmal matt -im Geschleier sichtbar wurde. -</p> - -<p> -Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich -notfalls die ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von -Zeit zu Zeit das Bein wechsle, mich sozusagen auf die andere -Seite lege und mir zwischendurch natürlich etwas Bewegung -mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen verklammt, -habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, -die ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz -nutzlos, wenn ich auch umgekommen bin und von der Hütte -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -zur Hütte geschweift ... ‚Umkommen‘, was ist denn das für -ein Ausdruck? Man braucht ihn gar nicht, er ist nicht üblich -für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich setze ich ihn dafür -ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und doch ist -es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur -gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, -das Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen -früh währen, und wenn es auch nur bis zum Dunkelwerden -währt, so ist das schlimm genug, denn bei Nacht ist die Gefahr -des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso -groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend -sein, ungefähr sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen -vertrödelt habe. Wie spät ist es denn?“ Und er sah nach der -Uhr, obgleich es den starren Fingern nicht leicht fiel, sie ohne -Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach seiner goldenen -Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und pflichttreu -hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen, -dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme -seiner Brustkammer ... -</p> - -<p> -Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe -schon gewesen, als das Wetter losgegangen war. Sollte er -glauben, daß sein Herumirren kaum eine Viertelstunde gedauert -hatte? „Die Zeit ist mir lang geworden“, dachte er. -„Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber um fünf -oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen. -Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem -Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen -Schluck Portwein nehmen, zu meiner Stärkung.“ -</p> - -<p> -Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig -und allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -gehalten und Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich -nicht an solche gedacht war, die sich unerlaubterweise -bei Schnee und Frost im Gebirge verirrten und unter solchen -Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder herabgesetzten -Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem Gesichtspunkt -des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er -hätte zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem -er einige Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung -zeitigten, ganz ähnlich derjenigen des Kulmbacher Bieres am -Abend seines ersten Tages hier oben, als er durch liederlich unbeherrschte -Reden von Fischsaucen und dergleichen mehr bei -Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico, dem Pädagogen, -der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem -Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen -Hans Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, -der rednerische Erzieher nähere sich in großen Märschen, -um den Schmerzenszögling, das Sorgenkind des Lebens aus -seiner tollen Lage zu befreien und heimzuführen ... Was selbstverständlich -lauter Unsinn war und nur von dem Kulmbacher -herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens hatte -Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel, -die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und -zu deren geläufigem Spiel er humanistische Augen an den -Häusern emporsandte; und zweitens wußte und merkte er gar -nichts von dem, was vorging, da er sich nicht mehr im Sanatorium -„Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in -seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von -Naphtas seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht -und keine Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst -in der Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -toller und schlimmer Lage befunden, indem er der kranken -Clawdia Chauchat <span class="antiqua" lang="fr">son crayon</span>, seinen Bleistift, Pribislav Hippes -Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie war das übrigens -mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden, mußte er -liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und -ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. -Horizontal, das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede -Derer hier oben zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, -bei Schnee und Frost im Freien zu liegen, nachts sowohl -wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich niedersinken -zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen beim -Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein Gedankengeschwätz -von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher -Bieres zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als -typisch gefährlich im Buche stehenden Lust zum Liegen und -Schlafen entsprang, die ihn mit Sophismen und Wortspielen -betören wollte. -</p> - -<p> -„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der -Portwein war nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben -mir den Kopf ganz übertrieben schwer gemacht, er fällt mir -ja auf die Brust, und meine Gedanken sind unklares Zeug und -fade Witzeleien, denen ich nicht trauen darf, – nicht nur die -ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern auch die zweiten, -die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das ist -das Unglück. ‚<span class="antiqua" lang="fr">Son crayon</span>‘! Das heißt ‚ihr‘ <span class="antiqua" lang="fr">crayon</span>, und -nicht seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚<span class="antiqua" lang="fr">son</span>‘, weil ‚<span class="antiqua" lang="fr">crayon</span>‘ -ein Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich -mich überhaupt dabei aufhalte! Während zum Beispiel die -Tatsache viel vordringlicher ist, daß mein linkes Bein, gegen -das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne Stelzbein von -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie -vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter -das Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das -Mägdlein droben ihm etwas hineinwirft. Und dabei zieht es -mich unpersönlicherweise förmlich mit Händen, daß ich mich -in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung. Ich muß -mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und -um das Holzbein zu schmeidigen.“ -</p> - -<p> -Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von -dem Schuppen löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der -Wind wie mit Sensen auf ihn ein und trieb ihn an die schützende -Wand zurück. Zweifellos war sie der ihm gewiesene Aufenthalt, -mit dem er sich vorläufig abzufinden hatte, wobei es ihm -freistand, sich zur Abwechselung mit der linken Schulter anzulehnen -und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter einigem -Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen -Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige -Abwechslung ist zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein -Anbinden mit der Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin -deinen Kopf hängen, da er nun einmal so schwer ist. Die -Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine gewisse Wärme davon -auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein kann, -diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr Stimmungssache, -subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das -lebendige Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ... -</p> - -<p> -Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf -dem er wohl stand – ein weiter, üppig grünender Park von -Laubbäumen, von Ulmen, Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, -leicht abgestuft in der Färbung ihres vollen, frischen, schimmernden -Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln rauschend. -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume balsamierte -Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der -Regen war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel -hinauf die Luft mit blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! -Oh, Heimatodem, Duft und Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! -Die Luft war voller Vogellaut, voll zierlich-innigem -und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und Schluchzen, -ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans -Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles -sich noch schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts -über die Landschaft, voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, -feucht schimmernd mit allen seinen Farben, die satt -wie Öl ins dichte, blanke Grün herniederflossen. Das war ja -wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit Flöten untermischt -und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten wunderbar. -Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, -verwandelte, entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, -wie einmal, manches Jahr war das schon her, als Hans Castorp -einen weltberühmten Sänger hatte hören dürfen, einen -italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle Kunst und -Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. -Er hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war -gleich am Anfang. Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick -hatte der leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich -schwellend aufgetan, sich immer strahlender erhellt. Schleier -auf Schleier, den vorher niemand wahrgenommen, war gleichsam -davon abgesunken – ein letzter noch, der nun denn doch, -so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt hatte, -und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter, -befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, -die fast wie Ein- und Widerspruch geklungen, sich aus der -Menge gelöst hatten und ihn selbst, den jungen Hans Castorp, -ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit seiner Landschaft, -die sich wandelte, sich öffnete in wachsender Verklärung. -Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da -lag das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, -von Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig -offen an einer Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden -Bergzügen weit umfaßt, mit Inseln zwischenein, von denen -Palmen ragten oder auf denen man kleine, weiße Häuser aus -Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz unverdient, -was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer -Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp -hatte das nie gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen -vom Süden kaum genippt, kannte die rauhe, die blasse -See und hing daran mit kindlichen, schwerfälligen Gefühlen, -hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien etwa oder Griechenland, -niemals erreicht. Dennoch <em>erinnerte</em> er sich. Ja, -das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte. -„Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue -Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und -vor sich selbst verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und -dieses „Je“ war weit, unendlich weit, so wie das offene Meer -zur Linken, dort, wo der Himmel zart veilchenfarben darauf -niederging. -</p> - -<p> -Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher -kam, daß Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: -Die Berge griffen um, als Vorgebirge, buschwaldig, in die -See tretend, zogen sie sich von der Mitte der Aussicht im Halbkreis -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -bis dorthin, wo er saß, und weiter; es war Bergküste, -wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor ihm -fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp, -zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll -blauende Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und -dieses sonnige Gebiet, und diese zugänglichen Küstenhöhen, und -diese lachenden Felsenbecken, wie auch das Meer hinaus bis -zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren, war weit und -breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten -sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, -so angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz -öffnete sich weit, ja schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick. -</p> - -<p> -Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter, -neben ihrem wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die -Bockenden an langem Zügel oder trieben sie, sattellos reitend, -mit bloßen Fersen die Flanken der Gäule schlagend, ins Meer -hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken unter der goldbraunen -Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie tauschten -oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde bezaubernd -klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden -Bucht, die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen. -Eine, von deren zum Knoten hochgenommenem Nackenhaar -besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in einer Bodenvertiefung -und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über ihr -Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang- -und weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet, -und zu Paaren, die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im -Tanze schritten, während im Rücken der Flötenden, der weiß -und lang und zart und seitlich gerundet war, infolge der Stellung -der Arme, andere Schwestern saßen oder umschlungen -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -standen, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich -Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und -freundschaftlich zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige -im Spannen der Sehne, im Anlegen unterwiesen, mit ihnen -zielten und die vom Rückschlag Taumelnden lachend stützten, -wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten. Sie -lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend, -und hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd -dem Nachbarn zugewandt, der, in schrägem Sitz den -Körper reckend, seinen Köder recht weit hinauswarf. Wieder -andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot mit Mast -und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins -Meer zu fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den -Wellenbrechern. Ein junges Weib, lang hingestreckt, hintüber -blickend, zog mit der einen Hand das blumige Gewand zwischen -den Brüsten hoch, indem sie mit der andren verlangend -in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die der Schmalhüftige, -zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme -spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte -am Rande des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen -die eigenen Schultern hielt und mit der Zehenspitze die Kühle -des Wassers prüfte. Paare ergingen sich das Ufer entlang, -und am Ohr des Mädchens war dessen Mund, der sie vertraulich -führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu Platte, -überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der -Hüfte, mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen -kleinen Hut mit hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen -Locken, am erhöhten Orte stand. -</p> - -<p> -„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen. -„Das ist ja überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch, -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -gesund und klug und glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt -– auch klug und liebenswürdig von innen heraus. Das -ist es, was mich so rührt und ganz verliebt macht: der Geist -und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen zugrunde liegt, -in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit die -große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht, -mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter -Lächeln verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich -fast und doch kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung -und eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt -erwiesen; eine Würde und Strenge sogar, doch ganz ins Heitere -gelöst und einzig als ein unaussprechlicher geistiger Einfluß -undüsteren Ernstes, verständiger Frömmigkeit ihr Tun und -Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles Zeremoniell. -Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem -Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge -Mutter und stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte -sie auf eine besondre Art, in welcher sich alles versammelte, -was in dem allgemeinen Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll -verschwieg: die Jünglinge, indem sie, sich gegen die -Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell die Arme über -der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die Mädchen -durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung, -ähnlich dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar -sich leichthin erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft, -lustig und herzlich ihr mit dem Kopfe dabei zu, – und -diese Mischung von förmlicher Devotion und heiterer Freundschaft, -dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von ihrem -Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem -Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den Reverenz -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -Erweisenden mit einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp -gänzlich mit Entzücken. Er wurde des Schauens nicht satt -und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm das Schauen denn -auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses sonnig-gesitteten -Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und häßlich -und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache. -</p> - -<p> -Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles, -seitlich über den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand -und in die Schläfe fiel, hielt sich, gerade unter seinem -Sitz, mit auf der Brust verschränkten Armen von den Genossen -abseits – nicht traurig oder trotzig, sondern eben nur gelassen -abseits. Und dieser sah ihn, wandte den Blick zu ihm -hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und den -Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her. -Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins -Weite, und augenblicklich verschwand aus seinem schönen, -streng geschnittenen, halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame -Lächeln höflich geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß -seine Brauen sich verfinstert hätten, erstand in seiner Miene -ein Ernst, ganz wie aus Stein, ausdruckslos, unergründlich, -eine Todesverschlossenheit, vor der den kaum beruhigten Hans -Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine Beitat -von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes. -</p> - -<p> -Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel, -aus zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos -sproßte, ragten hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf -dessen in der Mitte offenem Stufenunterbau er saß. Schweren -Herzens stand er auf, stieg seitlich die Stufen hinab und -ging in den tiefen Torweg hinein, hindurch, auf einer mit Fliesen -belegten Straße fort, die ihn alsbald vor neue Propyläen -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -führte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm der Tempel, -massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem -Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher -gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender -Säulen lag, aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock, -verschoben, seitlich austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch -der Hände und seufzend, denn immer beengter wurde -es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen Stufen -und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief, -er ging darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes -am blassen Meer, indem er absichtlich die Mitte vermied -und auszuweichen suchte. Doch schweifte er wieder zu -ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen auseinander -traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen Frauenfiguren -auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die -eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit -klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher -Tunika und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel -mit einem Schleier bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich -umschlungen, mit rundem Jungfrauengesicht, Arme und -Hände in die Falten ihres Übergewandes geschlungen und -darin verborgen. -</p> - -<p> -In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps -Herz aus dunklen Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller. -Er getraute sich kaum und war doch genötigt, die Gestalten -zu umgehen und hinter ihnen die nächste doppelte -Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene Tür -der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen -brechen vor dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue -Weiber, halbnackt, zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüsten -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -und fingerlangen Zitzen, hantierten dort drinnen zwischen -flackernden Feuerpfannen aufs gräßlichste. Über einem Becken -zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen es in wilder Stille mit -den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes Haar mit -Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden -Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von -ihren wüsten Lippen troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp -in Bann. Er wollte die Hände vor die Augen schlagen und -konnte nicht. Er wollte fliehen und konnte nicht. Da hatten -sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen Geschäft, sie schüttelten -die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften stimmlos, -aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im Volksdialekt -von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so -übel wie noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle -reißen – und so, wie er dabei an der Säule in seinem Rücken -seitlich hingestürzt, so fand er sich, das scheußliche Flüsterkeifen -noch im Ohr, von kaltem Grausen noch ganz umklammert an -seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend, mit -angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich -gestreckt. -</p> - -<p> -Es war jedoch kein rechtes und eigentliches Erwachen; er -blinzelte nur, erleichtert, die Greuelweiber los zu sein, doch war -es ihm sonst wenig deutlich, noch auch sehr wichtig, ob er an -einer Tempelsäule liege oder an einem Schober, und er träumte -gewissermaßen fort, – nicht mehr in Bildern, sondern gedankenweise, -aber darum nicht weniger gewagt und kraus. -</p> - -<p> -„Dacht ich’s doch, daß das geträumt war“, faselte er in -sich hinein. „Ganz reizend und fürchterlich geträumt. Ich -wußte es im Grunde die ganze Zeit, und alles hab ich mir selbst -gemacht, – den Laubpark und die liebe Feuchtigkeit und dann -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -das Weitere, Schönes wie Scheußliches, ich wußte es beinahe -im voraus. Wie kann man aber so was wissen und sich machen, -sich so beglücken und ängstigen? Woher hab ich den -schönen Inselgolf und dann den Tempelbezirk, wohin die Augen -des einen Angenehmen, der für sich stand, mich wiesen? Man -träumt nicht nur aus eigener Seele, möcht ich sagen, man träumt -anonym und gemeinsam, wenn auch auf eigene Art. Die große -Seele, von der du nur ein Teilchen, träumt wohl mal durch dich, -auf deine Art, von Dingen, die sie heimlich immer träumt, – von -ihrer Jugend, ihrer Hoffnung, ihrem Glück und Frieden ... und -ihrem Blutmahl. Da liege ich an meiner Säule und habe im Leibe -noch die wirklichen Reste meines Traums, das eisige Grauen -vor dem Blutmahl und auch die Herzensfreude noch von vorher, -die Freude an dem Glück und an der frommen Gesittung -der weißen Menschheit. Es kommt mir zu, behaupte ich, ich -habe verbriefte Rechte, hier zu liegen und dergleichen zu träumen. -Ich habe viel erfahren bei Denen hier oben von Durchgängerei -und Vernunft. Ich bin mit Naphta und Settembrini -im hochgefährlichen Gebirge umgekommen. Ich weiß -alles vom Menschen. Ich habe sein Fleisch und Blut erkannt, -ich habe der kranken Clawdia Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben. -Wer aber den Körper, das Leben erkennt, erkennt -den Tod. Nur ist das nicht das Ganze, – ein Anfang -vielmehr lediglich, wenn man es pädagogisch nimmt. Man -muß die andere Hälfte dazu halten, das Gegenteil. Denn alles -Interesse für Tod und Krankheit ist nichts als eine Art von -Ausdruck für das am Leben, wie ja die humanistische Fakultät -der Medizin beweist, die immer so höflich auf lateinisch -zum Leben und seiner Krankheit redet und nur eine Abschattung -ist des einen großen und dringlichsten Anliegens, das ich -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -mir nun mit aller Sympathie bei seinem Namen nenne: Es -ist das Sorgenkind des Lebens, es ist der Mensch und ist sein -Stand und Staat ... Ich verstehe mich nicht wenig auf ihn, -habe viel gelernt bei Denen hier oben, bin hoch vom Flachlande -hinaufgetrieben, so daß mir Armem fast der Atem ausging; -doch hab ich nun vom Fuße meiner Säule einen nicht schlechten -Überblick ... Mir träumte vom Stande des Menschen und -seiner höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, -hinter der im Tempel das gräßliche Blutmahl sich abspielt. -Waren sie so höflich und reizend zueinander, die Sonnenleute, -im stillen Hinblick auf eben dies Gräßliche? Das wäre eine -feine und recht galante Folgerung, die sie da zögen! Ich will -es mit ihnen halten in meiner Seele und nicht mit Naphta – -übrigens auch nicht mit Settembrini, sie sind beide Schwätzer. -Der eine ist wollüstig und boshaft, und der andere bläst immer -nur auf dem Vernunfthörnchen und bildet sich ein, sogar -die Tollen ernüchtern zu können, das ist ja abgeschmackt. Es -ist Philisterei und bloße Ethik, irreligiös, so viel ist ausgemacht. -Doch will ich’s auch mit des kleinen Naphta Teil nicht halten, mit -seiner Religion, die nur ein <span class="antiqua" lang="it">guazzabuglio</span> von Gott und Teufel, -Gut und Böse ist, eben recht, damit das Einzelwesen sich -kopfüber hineinstürze, zwecks mystischen Unterganges im Allgemeinen. -Die beiden Pädagogen! Ihr Streit und ihre Gegensätze -sind selber nur ein <span class="antiqua" lang="it">guazzabuglio</span> und ein verworrener -Schlachtenlärm, wovon sich niemand betäuben läßt, der nur -ein bißchen frei im Kopfe ist und fromm im Herzen. Mit ihrer -aristokratischen Frage! Mit ihrer Vornehmheit! Tod oder -Leben – Krankheit, Gesundheit – Geist und Natur. Sind -das wohl Widersprüche? Ich frage: sind das Fragen? Nein, -es sind keine Fragen, und auch die Frage nach ihrer Vornehmheit -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -ist keine. Die Durchgängerei des Todes ist im Leben, es -wäre nicht Leben ohne sie, und in der Mitte ist des <span class="antiqua" lang="la">homo -Dei</span> Stand – inmitten zwischen Durchgängerei und Vernunft – -wie auch sein Staat ist zwischen mystischer Gemeinschaft und -windigem Einzeltum. Das sehe ich von meiner Säule aus. -In diesem Stande soll er fein galant und freundlich ehrerbietig -mit sich selber verkehren, – denn er allein ist vornehm, und -nicht die Gegensätze. Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie -sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie. Vornehmer -als der Tod, zu vornehm für diesen, – das ist die Freiheit seines -Kopfes. Vornehmer als das Leben, zu vornehm für dieses, -– das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen. Da habe ich -einen Reim gemacht, ein Traumgedicht vom Menschen. Ich -will dran denken. Ich will gut sein. Ich will dem Tode keine -Herrschaft einräumen über meine Gedanken! Denn darin besteht -die Güte und Menschenliebe, und in nichts anderem. Der -Tod ist eine große Macht. Man nimmt den Hut ab und -wiegt sich vorwärts auf Zehenspitzen in seiner Nähe. Er trägt -die Würdenkrause des Gewesenen, und selber kleidet man sich -streng und schwarz zu seinen Ehren. Vernunft steht albern -vor ihm da, denn sie ist nichts als Tugend, er aber Freiheit, -Durchgängerei, Unform und Lust. Lust, sagt mein Traum, -nicht Liebe. Tod und Liebe, – das ist ein schlechter Reim, ein -abgeschmackter, ein falscher Reim! Die Liebe steht dem Tode -entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker als er. Nur -sie, nicht die Vernunft, gibt gütige Gedanken. Auch Form ist -nur aus Liebe und Güte: Form und Gesittung verständig-freundlicher -Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – in -stillem Hinblick auf das Blutmahl. Oh, so ist es deutlich geträumt -und gut regiert! Ich will dran denken. Ich will dem -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -Tode Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell erinnern, -daß Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere -Wollust und Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken -und Regieren. <em>Der Mensch soll um der Güte und -Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen -über seine Gedanken.</em> Und damit wach ich auf ... Denn -damit hab ich zu Ende geträumt und recht zum Ziele. Schon -längst hab ich nach diesem Wort gesucht: am Orte, wo Hippe -mir erschien, in meiner Loge und überall. Ins Schneegebirge -hat mich das Suchen danach auch getrieben. Nun habe ich -es. Mein Traum hat es mir deutlichst eingegeben, daß ich’s -für immer weiß. Ja, ich bin hoch entzückt und ganz erwärmt -davon. Mein Herz schlägt stark und weiß warum. Es schlägt -nicht bloß aus körperlichen Gründen, nicht so, wie einer Leiche -noch die Nägel wachsen; menschlicherweise schlägt es und recht -von glücklichen Gemütes wegen. Das ist ein Trank, mein -Traumwort, – besser als Portwein und Ale, es strömt mir -durch die Adern wie Lieb’ und Leben, daß ich mich aus meinem -Schlaf und Traume reiße, von denen ich natürlich sehr wohl -weiß, daß sie meinem jungen Leben im höchsten Grade gefährlich -sind ... Auf, auf! Die Augen auf! Es sind deine Glieder, -die Beine da im Schnee! Zusammenziehn und auf! Sieh -da, – gut Wetter!“ -</p> - -<p> -Sie hielt gewaltig schwer, die Befreiung aus den Banden, -die ihn umstrickten und niederhalten wollten; allein der Antrieb, -den er sich zu schaffen gewußt, war stärker. Hans Castorp -warf sich auf den Ellenbogen, zog mannhaft die Knie -an, riß, stützte und turnte sich empor. Er stampfte mit den -Brettern den Schnee, schlug sich die Arme um die Rippen und -schüttelte die Schultern, indem er erregte und angestrengte -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -Blicke dahin und dorthin und hinauf zum Himmel sandte, wo -blasses Blau sich zwischen schleierdünnen, graublauen Wolken -zeigte, die sachte zogen und die schmale Sichel des Mondes -enthüllten. Leichte Dämmerung. Kein Sturm, kein Schneefall. -Die Bergwand drüben mit dem tannenrauhen Rücken -war voll und klar zu sehen, lag in Frieden. Schatten reichte -bis halb hinauf; die obere Hälfte war aufs zarteste rosa belichtet. -Was gab es denn, und wie verhielt es sich mit der -Welt? War Morgen? Und hatte er die Nacht hindurch im -Schnee gelegen, ohne zu erfrieren, wie es im Buche stand? -Kein Glied war abgestorben, keines zerbrach ihm klirrend, während -er stampfte, sich schüttelte und schlug, worin er nicht säumig -war, indem er zu gleicher Zeit die Sachlage gedanklich zu -ergründen suchte. Ohren, Fingerspitzen und Zehen waren -wohl taub, allein nicht mehr, als schon so oft beim nächtlich-winterlichen -Liegen in der Loge. Es gelang, die Uhr hervorzugraben. -Sie ging. Sie war nicht stehen geblieben, wie sie -zu tun pflegte, wenn er sie abends aufzuziehen vergaß. Sie -zeigte noch nicht Fünf – bei weitem nicht. Es fehlten zwölf, -dreizehn Minuten daran. Erstaunlich! Konnte es denn sein, -daß er nur zehn Minuten oder etwas länger hier im Schnee -gelegen und so vieles an Glücks- und Schreckensbildern und -waghalsigen Gedanken sich vorgefabelt hatte, indessen das -hexagonale Unwesen sich so schnell verzog, wie es gekommen? -Dann hatte er anerkennenswertes Glück gehabt, unter dem -Gesichtspunkt des Heimkommens. Denn zweimal hatte sein -Träumen und Fabeln eine Wendung genommen, daß er belebt -emporgefahren war: einmal vor Grauen und das zweitemal -vor Freude. Es schien, das Leben hatte es gut gemeint -mit seinem hochverirrten Sorgenkinde ... -</p> - -<p> -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen -um sich haben oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war -es noch immer frühabendlicher Nachmittag): auf jeden Fall -lag nichts in den Umständen oder in seinem persönlichen Zustande, -was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen, und -das tat denn Hans Castorp, – großzügig, sozusagen in der -Luftlinie, fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, -obgleich die Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm -unterwegs vollauf genügt hatten. Den Brehmenbühl, am -Rande des Mattenwaldes, kam er herunter und war halb -sechs in „Dorf“, wo er sein Sportgerät beim Krämer unterstellte, -in Herrn Settembrinis Speicherklause Rast machte und -ihm Bericht gab, wie er sich nun auch einmal vom Schneesturm -habe betreffen lassen. Der Humanist war höchlich erschrocken. -Er warf die Hand über den Kopf, schalt weidlich -über solchen gefährlichen Leichtsinn und entflammte stehenden -Fußes die puffende Spiritusmaschine, dem recht Erschöpften -Kaffee zu machen, dessen Stärke nicht hinderte, daß Hans Castorp -noch bei ihm im Stuhle in Schlaf fiel. -</p> - -<p> -Die hochzivilisierte Atmosphäre des „Berghofs“ umschmeichelte -ihn eine Stunde später. Beim Diner griff er gewaltig -zu. Was er geträumt, war im Verbleichen begriffen. Was -er gedacht, verstand er schon diesen Abend nicht mehr so recht. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-1-8"> -Als Soldat und brav -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem -Vetter, erst gute, übermütige, dann weniger günstige, endlich -solche, die etwas recht Trauriges matt beschönigten. Die Reihe -der Postkarten fing an mit der lustigen Meldung von Joachims -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -Dienstantritt und von der schwärmerischen Zeremonie, -bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich ausdrückte, -Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann -ging es heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten -Laufbahn, geebnet durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und -durch die Sympathie der Oberen, wurden grüßend und winkend -bezeichnet. Da Joachim ein paar Semester studiert hatte, -war er des Besuches der Kriegsschule überhoben, vom Fähnrichsdienst -befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier befördert -und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen -zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern -gefügten und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen -nachgebenden Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete -aus jedem seiner knappen Rapporte. Er gab Anekdoten von -dem romantisch-verzwickten Verhalten seines Feldwebels, eines -bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm, dem fehlbaren -jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten Vorgesetzten -von morgen sah, welcher tatsächlich schon im Offizierskasino -verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war -von der Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang -April war Joachim Leutnant. -</p> - -<p> -Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, -dessen Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform -reiner aufgegangen wären. Mit einer Art von verschämter -Wonne erzählte er, wie er zum erstenmal in seiner -jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem Posten, -der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger -Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten -und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger -Kameradschaft, von der verschmitzten Treue seines -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Burschen, komischen Zwischenfällen beim Exerzieren und in -der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und Liebesmahlen. -Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners, Bällen, -war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt -nicht. -</p> - -<p> -Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das -Bett, habe sich leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit -von ein paar Tagen. Anfang Juni tat er wieder -Dienst, aber Mitte des Monats hatte er abermals „schlapp -gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die Angst brach -durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, -auf das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten -sein. Unsinn, im Juli war er kerngesund, wochenlang, -so lange, bis eine Untersuchung am Horizont erschien, die durch -die vermaledeiten Schwankungen seiner Temperatur zur Notwendigkeit -geworden war, und von der viel abhängen würde. -Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp -dann lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, -der ihm schrieb, – sei es, weil er nicht in der Lage war, zu -schreiben, oder weil er sich schämte, – sondern seine Mutter, -Frau Ziemßen, und sie telegraphierte. Sie zeigte an, die Beurlaubung -Joachims auf einige Wochen sei ärztlicherseits als -unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert, alsbaldige -Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. -Rückantwort bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise. -</p> - -<p> -Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge -diese Depesche durchflog, dann las und wieder las. Er nickte -leise dazu, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen -Oberkörper, und sagte zwischen den Zähnen: „Szo, szo, szo! -Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“ durchfuhr ihn -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still und -dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte -sie auch als schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das -ist schnell gegangen – schon reif für die Heimat! Die Mutter -fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“, nicht „Tante Luise“; -sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen hatte -sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist -gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute -so brannte! Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit -darin, höhnische Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches -Faktum. Der Körper triumphiert, er will es anders als die -Seele, und setzt sich durch, zur Blamage der Hochfliegenden, -die lehren, er sei der Seele untertan. Es scheint, sie wissen -nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so würfe das -ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie diesem. -<span class="antiqua" lang="la">Sapienti sat</span>, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die -<em>ich</em> aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander -zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken -und eine abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden -zu ihrem Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte -dir und deinem Biereifer zu nahe treten! Du meinst es ehrlich -– aber was ist Ehrlichkeit, frage ich, wenn Körper und Seele -nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es möglich sein, -daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein -grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische -der Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ -dachte er neuerdings und zog sich zusammen vor Freude. „Er -kommt in schlechtem Zustande, offenbar, aber wir werden wieder -zu zweien sein, ich werde nicht mehr so ganz auf eigene -Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles genau -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, -da hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich -wieder die Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf -dem Tischchen oder auch in der Hand. Aber das ist finales Stadium, -und wenn das Zimmer noch nicht wieder vorgemerkt -ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu haben sein. 28 ist -frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die Verwaltung und -namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig von -der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls -eine mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden -Kameraden warten, der gleich kommen muß, da es, wie ich -sehe, halb vier ist. Ich möchte ihn fragen, ob er auch in diesem -Falle der Meinung bleibt, daß man das Körperliche als -sekundär zu betrachten hat ...“ -</p> - -<p> -Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte -Zimmer, am selben Korridor wie seines gelegen, stand -zur Verfügung. Auch für Frau Ziemßen würde sich Unterkunft -finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn im „Labor“, -eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein Reagenzglas -mißfarbenen Inhalts. -</p> - -<p> -„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ... -</p> - -<p> -„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. -„Das ist Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies -mit der Zigarre auf das Glas. „Gaffky zehn. Und da kommt -Fabrikdirektor Schmitz und zetert und beschwert sich, daß -Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit Gaffky -zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so -kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit -Familie drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, -ich kriege es mit der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -in was für Konflikte man jeden Augenblick gerät, und wenn -man auch noch so gern still und unbefleckt seines Weges ziehen -möchte.“ -</p> - -<p> -„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht -des Intimen und Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz -ist kolossal korrekt und strebsam und Rosenheim reichlich salopp. -Vielleicht bestehen aber auch noch andere, als hygienische, -Reibungsflächen, ich möchte es glauben. Schmitz und Rosenheim -sind beide befreundet mit Doña Perez aus Barcelona, -vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. -Ich würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein -wieder in Erinnerung zu bringen und übrigens ein -Auge zuzudrücken.“ -</p> - -<p> -„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus -vor lauter Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“ -</p> - -<p> -Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und -auch wieder famosen Neuigkeit. -</p> - -<p> -Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre -es auf keinen Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil -Hans Castorp ihn, gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen -auf dem laufenden gehalten und schon im Mai Bettlägerigkeit -signalisiert hatte. -</p> - -<p> -„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich -Ihnen gesagt? Was habe ich ihm und Ihnen nicht zehn-, -sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da haben Sie’s nun. -Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein Himmelreich -gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich, -dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens -nicht glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen -Behrens glauben, sonst zieht man den kürzeren und kommt -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -zu spät zu Verstand. Da hat er es nun zum Leutnant gebracht, -allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon? Gott sieht -ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen -wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ -Er geriet ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen -deren Fingern er die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun -solle Hans Castorp ihm aber für diesmal nicht länger lästig -fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja wohl faßbar, und wenn -er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins Bett stecken. -Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er halte -die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den -Ausreißer zu schlachten. -</p> - -<p> -Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, -daß sein Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, -waren betrübt und erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn -Joachims propperes, ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung -gewonnen, und manches unausgesprochene Urteil und -Gefühl ging in der Richtung, daß er der Beste gewesen sei von -allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im Auge, -glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber -empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur -horizontalen Lebensweise zurückkehren mußte und in seiner -Propperkeit nun wieder einer der Unsrigen sein würde. Frau -Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre gedacht; sie fand -sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem sie Joachims -Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte -nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie -habe die Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, -daß Ziemßen sie nicht oberfaul gemacht habe mit seinem -Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie vor lauter unermeßlicher -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel besser, man bleibe -gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre Lebensinteressen -im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann und -zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar -keine Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. -Hans Castorp blieb unwissend über Tag und Stunde ihrer -Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof kam es aus diesem -Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von Hansens -Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim -trat mit erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager. -</p> - -<p> -Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte -sie hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder -kurz noch lang, sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich -und dennoch null und nichtig gewesen waren, hier oben -eingetroffen war, und auch die Jahreszeit war dieselbe, sogar -genau: der allerersten Augusttage einer. Joachim, wie gesagt, -trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft freudig -erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, -das er im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus -und grüßte lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. -Er hatte die weite Reise, durch mehrerer Herren Länder, -über den meerartigen See und dann auf gedrangen Pfaden -hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da stand er -nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale -halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus -empfangen. Seine Farbe war lebhaft, sei es dank dem -Freiluftleben, das er geführt, oder durch Reiseerhitzung. Direkt, -ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er auf Nr. 34 geeilt, -um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart wurden, -zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -beschäftigt war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, -natürlich im Restaurant. Hans Castorp würde schon noch -etwas mitessen können oder doch einen Schluck Wein trinken. -Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es ging, wie -einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim, -fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die -Hände, und Hans Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens -und gewissermaßen enttäuscht, den Vetter in Zivil zu sehen. -Man merke ihm von seiner Karriere ja gar nichts an. Er -habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt, und -nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim -lachte und fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er -hübsch zu Hause gelassen. Mit der Uniform, müsse Hans -Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht jedes Lokal besuche -man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte -Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden -Sinnes seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte -sich nach allen Personen und Umständen im „Berghof“ nicht -nur ohne jeden Hochmut, sondern mit der ganzen angelegentlichen -Bewegtheit des Heimgekehrten. Dann erschien Frau -Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen in -der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, -nämlich als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, -ein Ausdruck, der übrigens durch Abgespanntheit und stillen -Kummer, welcher sich offenbar auf Joachim bezog, melancholisch -gedämpft wurde, – und sie fuhren hinunter. -</p> - -<p> -Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften -Augen wie Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß -aber schon stark vermischtes Haar war durch ein fast unsichtbares -Schleiernetz in Form und Sitz befestigt, und das paßte -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen, freundlich -gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei deutlicher -Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es -war klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, -daß sie sich auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner -Atmung und seiner sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, -die zu seinem Verhalten zu Hause und auf der Reise wahrscheinlich -in Widerspruch standen und tatsächlich seiner Lage -widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen Anstoß daran -nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte sich -dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen -Joachims, turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im -Augenblick alles Entgegenstehende trunken überwogen und -durch das Wiederatmen der Luft, unserer unvergleichlich leichten, -nichtigen und erhitzenden Luft hier oben, wohl noch befeuert -wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren ihr undurchsichtig. -„Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah -sie den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen -Fröhlichkeit hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, -hundert Fragen stellen und sich mit der Antwort lachend in -den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte sie: „Aber, Kinder!“ -Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut kommen, -kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig, -so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir -müßten hierher fahren, damit du wieder wärest wie am Tag -deiner Beförderung.“ Worauf es denn freilich mit Joachims -Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug um, er kam -zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es -ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm -war, das erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, -<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a> -obgleich seit Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine -Stunde vergangen war) und blickte endlich überhaupt nicht -mehr auf, offenbar weil er Tränen in den Augen hatte. -</p> - -<p> -Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. -Eigentlich mehr anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten -Ernst herbeiführen wollen, unwissend, daß gerade -das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur die Wahl -zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen -sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem -Neffen dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen -wieder zu beleben. Ja, was den Personalbestand angehe, -sagte er, so werde Joachim manches verändert und erneuert -finden, anderes dagegen habe sich während seiner Abwesenheit -schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante -zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die -Damen säßen, wie immer, am Tische der Stöhr. Marusja -lache viel und herzlich. -</p> - -<p> -Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch -diese Worte an eine Begegnung erinnert und an Grüße, die -auszurichten seien, ehe sie es vergesse, – die Begegnung mit -einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch alleinstehend und -mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in München, -wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht -hatte, im Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten -sei, um Joachim zu begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, -– Joachim möge ihr doch helfen ... -</p> - -<p> -„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur -Zeit in einem Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach -Spanien gehen. Zum Winter werde sie dann wahrscheinlich -wieder hierher kommen. Beste Grüße von ihr. -</p> - -<p> -<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a> -Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über -die Gefäßnerven, die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten -lassen können. Er sagte: -</p> - -<p> -„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter -dem Kaukasus hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“ -</p> - -<p> -Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. -„Hübsche oder doch reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme -Bewegungen. Aber freie Manieren, nachlässig“, -sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie alte Freunde, -fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre, eigentlich -nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“ -</p> - -<p> -„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans -Castorp. Mit Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe -man da nicht herantreten, das sei verfehlt. Und da denke er -nun darüber nach, daß Frau Chauchat also nach Spanien zu -gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege andererseits ebensoweit -von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach der weichen, -sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit, -sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung, -sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, -Inquisition, gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... -Interessant, wie es Frau Chauchat in Spanien gefallen werde. -Das Türenwerfen werde ihr dort wohl vergehen, und vielleicht -könne eine gewisse Kompensation der beiden außerhumanistischen -Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne -aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, -wenn der Osten nach Spanien gehe ... -</p> - -<p> -Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, -den die unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat -auf ihn gemacht, äußerte sich in Reden, auf die denn freilich -<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a> -nur betretenes Schweigen die Antwort sein konnte. Joachim -war weniger erschrocken; er kannte des Vetters Scharfköpfigkeit -hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens Augen -malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, -als habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, -und hob nach einer peinlichen Pause die Tafel mit Worten -taktvoller Vertuschung auf. Bevor man sich trennte, teilte -Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß Joachim jedenfalls -morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn untersucht -habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei -Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische -der Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, -Hans Castorp vornehmlich mit dem an Frau Chauchats -binnen Halbjahrsfrist zu <a id="corr-51"></a>erwartende Wiederkehr. -</p> - -<p> -Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen -kleinen Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. -Dies Wort von der kleinen Nachkur war offenbar die im -Flachland ausgegebene Parole, und auch hier oben ließ man -sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an, -obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er -Joachim vor allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um -das Gröbste zu reparieren, zur neuen Akklimatisation und um -seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu regeln. Sich auf -eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte er zu -vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus -nicht sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, -Oktober etwa, als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens -stimmte ihr insofern zu, als er erklärte, um diese Zeit -werde man jedenfalls weiter sein als gegenwärtig. Übrigens -gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich, sagte „meine -<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a> -gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen -Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch -redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. -„Ich weiß ihn in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht -Tage nach ihrer Ankunft nach Hamburg zurück, da von der -Notwendigkeit irgendwelcher Pflege nicht ernstlich die Rede -sein konnte und Joachim außerdem ja Verwandtengesellschaft -hatte. -</p> - -<p> -„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er -auf Nr. 28 an seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich -doch einigermaßen gebunden; du kannst dich daran halten und -damit rechnen. Oktober – das ist so die Zeit. Da gehen -manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu deiner -<span class="antiqua" lang="it">bandera</span> zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“ -</p> - -<p> -Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich -darüber, daß dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen -mußte, das in diesen Augusttagen begann, – denn das -verwand er nicht und äußerte geradezu Selbstverachtung der -gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im letzten Augenblick -unterlegen war. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="la">Rebellio carnis</span>“, sagte Hans Castorp. „Was willst du -da machen? Da kann der tapferste Offizier nichts machen, -und sogar der heilige Antonius wußte ein Lied davon zu singen. -In Gottes Namen, Manöver sind jedes Jahr, und dann kennst -du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar keine, du bist nicht lange -genug fort gewesen, um nicht ganz leicht wieder ins Tempo -zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine Nachkur -vorbei.“ -</p> - -<p> -Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim -durch das Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, -<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a> -als daß er sich vor den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. -Doch war man ihm vielfach behilflich, sie zurückzulegen; die -Sympathie, die man allgemein seiner propperen Natur entgegenbrachte, -äußerte sich in Besuchen von nahe und ferner: -Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete -Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, -nun „<span class="antiqua" lang="it">Capitano</span>“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem -Hause selbst ließen sich nach und nach die alten Bekannten -sehen, indem sie eine dienstfreie Viertelstunde benutzten, um -sich an sein Bett zu setzen, das Wort von der kleinen Nachkur -zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu lassen: die -Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge, -Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. -Als die vier Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber -so weit gedämpft war, daß er umhergehen konnte, und setzte -sich im Speisesaal zu seinem Vetter, zwischen ihn und die -Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber, -an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage -lang auch Frau Ziemßen eingenommen hatten. -</p> - -<p> -So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie -ehedem; ja, damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, -fiel ihm, da Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben -in Händen, den letzten Seufzer getan, auch sein angestammtes -Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder zu, selbstverständlich -nach gründlicher Entkeimung durch <span class="ss">H₂CO</span>. Eigentlich -und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim -an Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: -dieser war nun der Eingesessene, dessen Daseinsform -der andere auf kurze Zeit und besuchsweise teilte. Denn den -Oktobertermin bemühte sich Joachim steif und fest im Auge -<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a> -zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines Zentralnervensystems -sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens -wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe -seiner Haut verhinderten. -</p> - -<p> -Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die -Spaziergänge mit diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen -sie wieder auf, und wenn A. K. Ferge und Ferdinand -Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so waren sie zu -sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre unaufhörlichen -Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche Vollständigkeit -nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins Desperat-Unendliche -zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor -einem stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine -arme Seele als Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites -betrachten wollte. Von Naphta hatte er erfahren, daß -Settembrini Freimaurer sei, – was keinen geringeren Eindruck -auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung über -Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum -war er phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im -Ernst noch dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit -Fleiß über den Ursprung und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung -ausgeholt, die in einigen Jahren ihr zweihundertjähriges -Jubiläum würde begehen können. Wenn Settembrini -über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone -pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, -so machte sich Naphta, hinter dem des anderen, über die -Sphäre, die dieser vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er -zu verstehen gab, daß es sich da um etwas recht Altmodisches -und Rückständiges handle: um bürgerliche Aufklärung und -eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter sei, als -<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a> -armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung -hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er -sagte: „Was wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, -zu deutsch also Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben -an die Vernunft, die Freiheit, den Menschheitsfortschritt -und diese ganze Mottenkiste klassizistisch-bourgeoiser -Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt verwirrt, ist -das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des Geistes -und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit, Beharrungsträgheit -und -kraft der Materie besteht. Man muß -zugeben, daß dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit -des Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn -die Regel ist, daß die Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit -herbeiführen, ihm längst zum Ekel geworden sind. Tatsächlich -ist toter Geist dem lebendigen widerwärtiger als irgendwelche -Basalte, die wenigstens nicht den Anspruch erheben, -Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste ehemaliger -Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen -hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt -noch damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren -durch ihren plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte -leidigerweise davor, seiner Abgeschmacktheit inne zu -werden. Ich spreche allgemein, aber Sie werden die Nutzanwendung -auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen wissen, -der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer -in heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen, -vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, -die verspäteten und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet -und die er eines Tages zu feiern träumt! Beim bloßen Gedanken -daran könnte der lebendige Geist sich zu Tode langweilen, -<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a> -wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus solchen -Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen -wird, – er, der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem -zu wahrer Revolution verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, -Hans Castorp? Sie wissen, daß ich ihm viel Sympathie -entgegenbringe.“ -</p> - -<p> -„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige -Sympathie entgegen, ein so braver Junge, wie er ja -offensichtlich ist. Auch Herr Settembrini mag ihn ausgesprochen -gern leiden, wenn er auch einen gewissen schwärmerischen -Terrorismus, der in Joachims Stande liegt, natürlich mißbilligen -muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe -einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. -Es rückt mir seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht -mir manches. Ob er gelegentlich auch seine Füße in -den rechten Winkel stellt und seinem Händedruck eine besondere -Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas bemerkt ...“ -</p> - -<p> -„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter -Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das -Logenzeremoniell eine recht kümmerliche Anpassung an den -nüchternen Staatsbürgergeist der Zeiten erfahren hat. Man -würde sich des Rituals von ehedem wohl als eines unzivilen -Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den atheistischen -Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am -Ende wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen -man Herrn Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe -gestellt hat, – ob man ihn mit verbundenen Augen durch allerlei -Gänge geführt und ihn in finsteren Gewölben hat warten lassen, -bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte Bundessaal sich -ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und angesichts -<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a> -eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust mit -Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber -ich fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte -es auch viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall -hat er Verschwiegenheit geloben müssen.“ -</p> - -<p> -„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“ -</p> - -<p> -„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“ -</p> - -<p> -„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt -mir vor, als ob er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei -und Terrorismus im Stande meines Vetters aufzuhalten. -Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie hätte ich gedacht, -daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so ausgemacht -spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen -könnte. Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches -in der Freimaurerei ...“ -</p> - -<p> -„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute -zuckt und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt -ist untrennbar und schon in der Wurzel verbunden mit der des -Unbedingten. Folglich ist sie terroristisch, das heißt: antiliberal. -Sie entlastet das individuelle Gewissen und heiligt im Namen -des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch das blutige, auch das -Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in Maurerlogen -ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt -wurde. Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern -immer und seinem Wesen nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. -Sie wissen nicht, daß der Gründer des Illuminatenordens, -der eine Zeitlang mit der Maurerei beinahe -verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu -war?“ -</p> - -<p> -„Nein, das ist mir natürlich neu.“ -</p> - -<p> -<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a> -„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund -ganz nach dem Muster des Jesuitenordens durch. -Er selbst war Maurer, und die angesehensten Logenmänner -der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von der zweiten Hälfte -des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht zögern -wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu kennzeichnen. -In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des -ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die -Maurerei wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von -dem sie später durch Leute vom Schlage unseres Menschheitsfreundes -wieder gereinigt wurde, der damals unbedingt zu denen -gehört hätte, die ihr Jesuitismus und Obskurantismus -zum Vorwurf machten.“ -</p> - -<p> -„Und dafür gab es Gründe?“ -</p> - -<p> -„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte -Gründe dafür. Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund -mit katholisch-hierarchischem Leben zu erfüllen suchten, und -wo zu Clermont in Frankreich eine jesuitische Freimaurerloge -blühte. Es war ferner die Zeit, wo das Rosenkreuzertum in -die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige Brüderschaft, -von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale politisch-gesellschaftliche -Verbesserungs- und Beglückungsziele mit -eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, -zu indischer und arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis -verband. Damals vollzog sich die Reform und Berichtigung -vieler Freimaurerlogen im Sinne der strikten Observanz, -– einem ausgesprochen irrationalen und geheimnisvollen, -magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen -Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, -die man der alten militärischen Rangstufenordnung -<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a> -von Lehrling, Geselle und Meister hinzufügte, Großmeistergrade, -die ins Hieratische führten und von rosenkreuzerischem -Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um ein Zurückgreifen -auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters, -die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen -von Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und -des Gehorsams ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der -Freimaurerhierarchie den Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“ -</p> - -<p> -„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme -da unserem Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ -ist nicht schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit -scherzweise auch mal nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich -den Spitznamen ‚<span class="antiqua" lang="la">Doctor angelicus</span>‘ gegeben. Das fordert -Rache.“ -</p> - -<p> -„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel -für die Hoch- und Templergrade der Strikten Observanz. Wir -haben da einen Vollkommenen Meister, einen Ritter vom -Osten, einen Großen Oberpriester, und der einunddreißigste -Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen Geheimnisses‘. -Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen -zur morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen -des Templers selbst bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme -solcher Beziehungen, tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes -in eine Ideenwelt vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. -Dadurch gewann das Maurertum einen neuen -Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es sich damals -erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der Vernünftelei -des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit -müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. -Der Erfolg des Ordens war derart, daß die Philister klagten, -<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a> -er entfremde die Männer dem häuslichen Glück und der weiblichen -Würde. -</p> - -<p> -„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, -daß Herr Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines -Ordens erinnert. -</p> - -<p> -„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo -sein Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei, -Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex -von Kirche, Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. -Sie hörten, daß man die Maurer des Obskurantismus zieh ...“ -</p> - -<p> -„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“ -</p> - -<p> -„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war -gleichbedeutend mit einer Vertiefung und Erweiterung der -Überlieferungen des Ordens, mit einer Zurückverlegung seiner -historischen Ursprünge in die Geheimniswelt, die sogenannte -Finsternis des Mittelalters. Die Hochmeistergrade der Logen -waren Eingeweihte der <span class="antiqua" lang="la">physica mystica</span>, Träger magischen -Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“ -</p> - -<p> -„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, -was es mit der Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr -auf sich hatte. Alchimie, das ist also Goldmacherei, Stein der -Weisen, <span class="antiqua" lang="la">Aurum potabile</span> ...“ -</p> - -<p> -„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist -sie Läuterung, Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, -und zwar zum Höheren, Steigerung also, – -der <span class="antiqua" lang="la">lapis philosophorum</span>, das mann-weibliche Produkt aus -Sulfur und Merkur, die <span class="antiqua" lang="la">res bina</span>, die zweigeschlechtige <span class="antiqua" lang="la">prima -materia</span> war nichts weiter, nichts Geringeres als das Prinzip -der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere Einwirkungen, -– magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a> -Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg -empor. -</p> - -<p> -„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta -fort, „war vor allem die Gruft.“ -</p> - -<p> -„Das Grab?“ -</p> - -<p> -„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller -Hermetik, nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte -Kristallretorte, worin der Stoff seiner letzten Wandlung und -Läuterung entgegengezwängt wird.“ -</p> - -<p> -„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – -das Wort hat mir immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort -mit unbestimmt weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen -Sie, aber ich muß immer dabei an unsere Weckgläser -denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen heißt -sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer -Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch -verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem -möglichen darin. Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man -eines aufmacht, nach Bedarf, so ist der Inhalt ganz frisch und -unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm was anhaben können, -man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun allerdings -nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher -der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das -Eingeweckte der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr -abgesperrt, die Zeit ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern -stand außerhalb ihrer auf seinem Bort. Na, soviel von -den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei herausgekommen. -Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter belehren.“ -</p> - -<p> -„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig -und furchtlos sein, im Stil unseres Gegenstandes zu -<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a> -reden. Die Gruft, das Grab war immer das hauptsächliche -Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum Wissen -Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine -Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß -er probeweise in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen -muß, um dann an unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. -Daher die verworrenen Gänge und finsteren Gewölbe, -durch die der Novize zu wandern hatte, das schwarze -Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz -ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- -und Versammlungszeremoniell eine so wichtige -Rolle spielte. Der Weg der Mysterien und der Läuterung war -von Gefahren umlagert, er führte durch Todesbangen, durch -das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der Neophyt, ist -die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung -zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt -von Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“ -</p> - -<p> -„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das -wäre also die hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, -daß mir auch von ihr mal etwas zu Ohren gekommen ist.“ -</p> - -<p> -„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten -handelt, zum absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und -damit zum Ziele. Die alchimistische Logenobservanz hat viele -edle, suchende Geister in späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele -geführt, – ich muß es nicht nennen, denn es kann Ihnen nicht -entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der schottischen Hochgrade -nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die alchimistische -Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der -Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge -ihren Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den -<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a> -Gnadenmitteln wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien -des Bundeszeremoniells in der liturgischen und baulichen Symbolik -unserer heiligen katholischen Kirche.“ -</p> - -<p> -„Ach so!“ -</p> - -<p> -„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir -schon anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus -jenen handwerkerlich ehrsamen Maurergilden nur eine historische -Veräußerlichung ist. Die Strikte Observanz wenigstens -verlieh ihr weit tiefere menschliche Fundamente. Das Geheimnis -der Logen hat mit gewissen Mysterien unserer Kirche die -deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen Verschwiegenheiten -und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit -... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und -Liebesmahl im Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und -Blut, in Dingen der Loge aber –“ -</p> - -<p> -„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. -Es gibt auch in dem unbedingten Bundesleben, dem -mein Vetter angehört, sogenannte Liebesmahle. Er hat mir oft -davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf ein bißchen Betrunkenheit -sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark wie bei -den Korpskneipen ...“ -</p> - -<p> -„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, -auf den ich vorhin Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden -Fällen handelt es sich um eine Symbolik des Letzten und Äußersten, -um Elemente orgiastischer Urreligiosität, gelöste und -nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben und Werden, -Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, -daß die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei -Nacht und in finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der -ägyptischen Erinnerungen gab und gibt es im Maurerwesen -<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a> -eine Menge, und unter den geheimen Gesellschaften waren -solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab da Logenfeste, -Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen -Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel -trat, – Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze -anspielten, und die, wie es scheint, ins Bacchantische -auszulaufen pflegten ...“ -</p> - -<p> -„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das -ist Freimaurerei? Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung -unseren klargesinnten Herrn Settembrini ...“ -</p> - -<p> -„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß -Settembrini durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß -die Loge durch seinesgleichen von allen Elementen höheren -Lebens wieder gereinigt worden ist. Sie hat sich humanisiert, -modernisiert, du lieber Gott. Sie ist aus solchen Verirrungen -zum Nutzen, zur Vernunft und zum Fortschritt, zum Kampf -gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu gesellschaftlicher Beglückung -zurückgekehrt; man unterhält sich dort jetzt wieder -über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme -an: auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise -Misere in Klubgestalt ...“ -</p> - -<p> -„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini -fragen, ob er denn gar nichts mehr davon weiß.“ -</p> - -<p> -„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. -„Sie müssen bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden -ist, zum Bauplatz des Menschheitstempels zugelassen zu werden, -denn er ist ja arm wie eine Kirchenmaus, und dort wird -nicht nur höhere Bildung, humanistische Bildung, ich bitte -sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten Klasse -angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und -<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a> -Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, -– da haben Sie den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten -der liberalen Weltrepublik!“ -</p> - -<p> -„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp -und klar vor Augen.“ -</p> - -<p> -„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte -ich Ihnen raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu -leicht zu nehmen, möchte Sie, da wir denn einmal von diesen -Verhältnissen reden, geradezu ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. -Das Abgeschmackte ist noch nicht gleichbedeutend mit dem -Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht harmlos zu -sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der -zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt -stark genug, um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt -Reste von fruchtbarem Geheimnis, und es ist ebensowenig -daran zu zweifeln, daß die Logen ihre Hand im Weltspiel -haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn Settembrini -mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte -hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“ -</p> - -<p> -„Ein Emissär?“ -</p> - -<p> -„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“ -</p> - -<p> -Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. -Laut sagte er: -</p> - -<p> -„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink -und Warnung. Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine -Etage höher, soweit da oben noch von Etage die Rede sein -kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein bißchen -auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos -sein ... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist -selbstverständlich Vorsicht geboten.“ -</p> - -<p> -<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a> -Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung -ansprechen, denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen -der Diskretion nichts vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich -bedacht gewesen, aus seiner Zugehörigkeit zu jener harmonischen -Gesellschaft ein Geheimnis zu machen. Die „<span class="antiqua" lang="it">Rivista -della Massoneria Italiana</span>“ lag offen auf seinem Tisch; Hans -Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als er, -von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst -gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr -eine Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war -er nur auf geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es -Punkte, über die der Literat sich nicht herausließ, sondern bei -deren Berührung er mit einer gewissen Ostentation die Lippen -verschloß, offenbar gebunden durch jene terroristischen Gelöbnisse, -von denen Naphta gesprochen: eine Geheimniskrämerei, -die äußere Bräuche und seine eigene Stellung innerhalb der -merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar -den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes -Bild von der Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend -Logen und hundertfünfzig Großlogen fast über die -ganze Welt und selbst auf Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik -Liberia erstrecke. Auch wußte er sich nicht wenig mit -allerlei großen Namen, deren Träger Maurer gewesen waren -oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und Napoleon, -Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden -sogar den König von England und außerdem eine Menge -Männer, in deren Händen die Geschäfte der europäischen Staaten -lagen, Mitglieder von Regierungen und Parlamenten. -</p> - -<p> -Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. -So sei es auch mit den studentischen Korpsverbindungen, -<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a> -meinte er. Die hielten auch zusammen durchs ganze Leben und -wüßten ihre Leute wohl unterzubringen, so daß schwerlich jemand -im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem bringe, -der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht -ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit -jener Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese -hinstellen wolle; denn es sei umgekehrt anzunehmen, daß die -Besetzung so vieler wichtiger Posten mit Bundesbrüdern eben -nur die Macht des Bundes beweise, der gewiß mehr, als Herr -Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand am Weltspiele -habe. -</p> - -<p> -Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft -der „<span class="antiqua" lang="it">Massoneria</span>“, das er in Händen hielt. Man meine -ihm wohl eine Falle zu stellen? fragte er. Man gedenke wohl -gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen über das politische Wesen, -den wesentlich politischen Geist der Loge zu verleiten? „Unnütze -Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur Politik, -rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, -das in den Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, -Ingenieur, fast nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel -verbunden ist. Der Menschenfreund kann den Unterschied -von Politik und Nichtpolitik überhaupt nicht anerkennen. Es -gibt keine Nichtpolitik. Alles ist Politik.“ -</p> - -<p> -„Rundweg?“ -</p> - -<p> -„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich -unpolitische Natur des Maurergedankens hinzuweisen für -gut finden. Aber diese Leute spielen mit Worten und ziehen -Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu erkennen es längst -an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die spanischen Logen -von allem Anbeginn eine politische Färbung –“ -</p> - -<p> -<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a> -„Kann ich mir denken.“ -</p> - -<p> -„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie -nicht, sich von Hause aus viel denken zu können, sondern suchen -Sie aufzunehmen und zu verarbeiten – ich bitte Sie darum -in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem Ihres Landes und im -europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens einzuprägen -im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke -niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und -wenn er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. -Was sind wir? Bauleute und Handlanger an einem -Bau. Der Zweck aller ist einer, das Beste des Ganzen das -Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist dieses Beste, dieser -Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die Vollendung -der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll -da Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, -das Problem der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch -Politik, nichts weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und -den Menschennamen verdiente nicht, wer sich dieser Weihe entzöge -– gehört der Politik, der inneren wie der äußeren, er versteht, -daß die Kunst des freien Maurers Regierungskunst ist –“ -</p> - -<p> -„Regierungs...“ -</p> - -<p> -„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad -kannte ...“ -</p> - -<p> -„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, -das gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines -hören: Sind Sie Christen, Sie alle miteinander in Ihrer -Loge?“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">Perchè!</span>“ -</p> - -<p> -„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und -einfacher. Glauben Sie an Gott?“ -</p> - -<p> -<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a> -„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“ -</p> - -<p> -„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da -eine biblische Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer -römischen Münze versucht und zur Antwort bekommt, man -solle dem Kaiser geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes -sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden liefert den -Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott, -so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer -an Gott?“ -</p> - -<p> -„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen -von einer Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die -aber heute zum Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der -Weltbund der Freimaurer existiert nicht. Wird er hergestellt -sein – und ich wiederhole, es wird mit aller stillen Emsigkeit -an diesem großen Werke gearbeitet – so wird ohne Zweifel -auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es wird -lauten: ‚<span class="antiqua" lang="fr">Écrasez l’infâme</span>‘.“ -</p> - -<p> -„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“ -</p> - -<p> -„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen -sein, Ingenieur. Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz -zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.“ -</p> - -<p> -„Gott wäre das Böse?“ -</p> - -<p> -„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, -als den Fleiß einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels -zuwenden sollen. Und so hat denn schon vor -einem Menschenalter der Groß-Orient von Frankreich ein Beispiel -gegeben, indem er den Namen Gottes aus seinen sämtlichen -Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin nachgefolgt ...“ -</p> - -<p> -„Wie katholisch!“ -</p> - -<p> -<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a> -„Sie meinen –“ -</p> - -<p> -„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“ -</p> - -<p> -„Sie wollen ausdrücken –“ -</p> - -<p> -„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht -besonders auf mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment -so vor, als ob Atheismus etwas kolossal Katholisches -sei, und als ob man Gott nur streiche, um desto besser katholisch -sein zu können.“ -</p> - -<p> -Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, -so war klar, daß es einzig aus pädagogischer Besonnenheit -geschah. Er antwortete nach gemessenem Stillschweigen: -</p> - -<p> -„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie -in Ihrem Protestantismus beirren und kränken zu wollen. -Wir sprachen von Toleranz ... Es ist überflüssig, zu betonen, -daß ich dem Protestantismus mehr als Duldung, daß ich ihm -als dem historischen Opponenten der Gewissensknebelung tiefste -Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der Buchdruckerkunst -und die Reformation sind und bleiben die beiden erhabensten -Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit -erworben hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben -äußerten, zweifle ich nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen -werden, wenn ich darauf hinweise, daß das nur eine Seite der -Sache ist, und daß sie ihre zweite hat. Der Protestantismus -birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres Reformators -selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der Ruheseligkeit -und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, -die dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich -sind. Sehen Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten -Sie Bildnisse von ihm, jugendliche und spätere! Was ist -denn das für ein Schädel, was sind das für Backenknochen, -<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a> -was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist Asien! -Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, -wenn da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen -wäre, und wenn also nicht die – wer wollte es leugnen -– gewaltige Erscheinung dieses Mannes eine verhängnisvolle -Überbelastung einer der beiden in Ihrem Lande so gefährlich -gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, – ein furchtbares -Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die westliche -Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“ -</p> - -<p> -Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor -dem er gestanden, war Herr Settembrini an den Rundtisch -mit der Wasserflasche getreten, näher zu seinem Schüler hin, -der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette saß, ohne -Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die -Hand gestützt. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">Caro!</span>“ sagte Herr Settembrini. „<span class="antiqua" lang="it">Caro amico!</span> Entscheidungen -werden zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer -Tragweite für das Glück und die Zukunft Europas, -und Ihrem Lande werden sie zufallen, in seiner Seele -werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und West -gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit -Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen -werben, sich entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden -an dieser Entscheidung beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. -Darum lassen Sie uns das Schicksal segnen, das -Sie in diese entsetzlichen Gegenden verschlagen hat, zugleich -aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht ungeübten, nicht -völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken -und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, -die Ihr Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a> -Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum -Mansardenfenster hinaus, und in seinen einfachen blauen -Augen war eine gewisse Widerspenstigkeit zu lesen. Er -schwieg. -</p> - -<p> -„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie -und Ihr Land, Sie lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, -dessen Undurchsichtigkeit kein Urteil über seine Tiefe gestattet. -Sie lieben das Wort nicht oder besitzen es nicht oder -heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die artikulierte Welt -weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist. Mein -Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung -selbst ... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend -... Aber die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, -Sie werden Ihre Einsamkeit durch Taten zu brechen -suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr Settembrini -pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu -nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor <a id="corr-56"></a>Ihr Schweigen -treten lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt -er, die andern entweichen‘ –“ -</p> - -<p> -Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, -für den Augenblick auch von dieser Wirkung seines -plastischen Wortes befriedigt. -</p> - -<p> -„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie -mich immer bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der -Seele‘, sagt ein Alter. Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, -die, wie ich zugebe, mit den Schwierigkeiten zusammenhängen, -auf die unsere Vorarbeiten zur Herstellung des maurerischen -Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die namentlich das protestantische -Europa entgegenstellt ...“ Und Herr Settembrini -fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes -<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a> -zu sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen -zu erhoffende Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei -weltentscheidende Macht zu verleihen. Er zeigte leichthin Briefe -vor, die er von auswärtigen Bundesgrößen in dieser Sache -empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des schweizerischen -Großmeisters, <a id="corr-57"></a>Bruder Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten -Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom Esperanto -zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur -Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und -dorthin und schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische -Gedanke in seiner eigenen Heimat, in Spanien, -in Portugal besitze. Auch mit Personen, die an der Spitze der -Großloge der letztgenannten Monarchie standen, wollte er -briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften zweifellos die -Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an -ihn denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse -sich überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun. -</p> - -<p> -Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, -die zwischen dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert -verliefen, noch in die Zeit vor Joachims Heimkehr zu -Denen hier oben gefallen waren. Die Auseinandersetzung, auf -die wir nun kommen, ereignete sich schon während seiner Wiederanwesenheit -und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach -seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt -dies Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in -„Platz“, bei erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau -im Gedächtnis, weil Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht -hatte, – Sorge durch Angaben und Erscheinungen, die -sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen, nämlich durch Halsschmerzen -und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also, die -<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a> -aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen -Licht erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er -in der Tiefe von Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen -Augen, die immer sanft und groß gewesen waren, heute aber, -genau erst heute, eine gewisse unbestimmbare Vergrößerung -und Vertiefung von sinnendem und – man muß das sonderbare -Wort hinzufügen – <em>drohendem</em> Ausdruck nebst jener -erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, -die ganz falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte -Hans Castorp nicht gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar -sehr gut, nur daß sie ihm dennoch Sorge machte. Und kurz, -es ist über diese Eindrücke gar nicht anders als verworren, -ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden. -</p> - -<p> -Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse -zwischen Naphta und Settembrini – angehend, so war sie -eine Sache für sich und stand mit jenen Sondererörterungen -über das Logenwesen nur in lockerem Zusammenhang. Außer -den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei zugegen, -und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem Gegenstande -gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es -ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob -es ums Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und -Schliff, als ob es <em>nicht</em> ums Leben, sondern nur um ein elegantes -Wettspiel ginge – und so wurden alle Dispute zwischen -Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher Streit ist -selbstverständlich und an und für sich unterhaltend anzuhören, -auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite -nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende -lauschten dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt -von Leidenschaft und Zierlichkeit der Wechselrede. -</p> - -<p> -<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a> -Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach -dem Tee. Die vier Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, -und von ungefähr hatte Naphta sich zugesellt. Sie -saßen alle um ein kleines metallenes Tischchen herum bei verschiedenen -mit Soda verdünnten Getränken, Anis und Wermut. -Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte -sich Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung -an seine Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete -seine leidende Kehle oft mit Naturlimonade, die er sehr stark -und sauer trank, weil das zusammenziehe und ihm Erleichterung -schaffe, und Settembrini genoß schlechthin Zuckerwasser, -jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig appetitliche -Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er scherzte: -</p> - -<p> -„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise -zu Ohren? Ihre Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch -alle neun kreisenden Sphären des Paradieses? Nun, ich will -hoffen, daß Sie auch dann die leitende Freundeshand Ihres -Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser Ekklesiast hier -wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des <span class="antiqua" lang="la">medio evo</span> nicht -komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol thomistischer -Erkenntnis fehlt.“ -</p> - -<p> -Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah -Hans Castorp an, der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das -Wermutglas entgegenhob. Es ist aber kaum zu glauben, was -alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so doch sehr harmlosen -Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem -Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich -gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff -über und machte sich über den lateinischen Dichter her, den -Settembrini bekanntermaßen abgöttisch liebte, ja, über Homer -<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a> -stellte, während Naphta ihm, wie überhaupt der lateinischen -Poesie, schon mehr als einmal die schärfste Geringschätzung -bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die Gelegenheit prompt -und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige Zeitbefangenheit -des großen Dante gewesen, sprach er, diesen mittelmäßigen -Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem -Liede eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico -dieser Rolle wohl eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. -Was es denn weiter auf sich gehabt habe mit diesem höfischen -Laureatus und Speichellecker des julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten -und Prunkrhetor ohne einen Funken von Produktivität, -dessen Seele, wenn er eine gehabt habe, jedenfalls -aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, sondern -ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei! -</p> - -<p> -Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel -und Wege wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation -mit seinem Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, -doch scheine es nötig, ihn auf den schwereren Widerspruch -hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile mit seinen eigenen -Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht nur -nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht -geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer -aus ihm gemacht hätten. -</p> - -<p> -Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini -die Einfalt jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – -die Siegerin, die ihre Schöpferkraft noch in der Dämonisierung -des Überwundenen bewährt habe. Übrigens seien die -Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den Lügen -der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor, -sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, -<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a> -und heute, wo wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals -ein proletarischer Morgen tage, sei wahrhaftig die Stunde -günstig, ihnen nachzufühlen! So möge denn, um alles zu beantworten, -Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß er, Redner, -sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf jener anzuspielen -die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen <span class="antiqua" lang="la">reservatio -mentalis</span> betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen -klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer -ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten -berechnen möge. -</p> - -<p> -„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß -ihr schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch -ihr kostbares Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material -der antiken Bauwerke für eure Bethäuser benutztet! Denn ihr -fühltet wohl, daß ihr aus eigener Kraft eurer proletarischen -Seele keine neue Kunstform hervorzubringen vermöchtet und -hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. -So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte -Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei -dem, was zu verachten ihr euch und andere bereden möchtet; -denn ohne Bildung bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der -Menschheit, und es gibt nur <em>eine</em> Bildung: diejenige, die ihr -die bürgerliche nennt, und die die menschliche ist!“ Eine Frage -von Jahrzehnten – das Ende des humanistischen Erziehungsprinzips? -Nur Höflichkeit hinderte Herrn Settembrini, in ein -ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter auszubrechen. Ein -Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde über -proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen -beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft -übergehen. -</p> - -<p> -<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a> -Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, -scheine Herr Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. -Auf der Tagesordnung eben stehe als Frage, was jener als -ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich, ob die mediterran-klassisch-humanistische -Überlieferung eine Menschheitssache -und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls -nur Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, -gewesen sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, -werde Sache der Geschichte sein, und es sei Herrn -Settembrini immerhin zu empfehlen, sich nicht allzu sehr in -Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im Sinn seines lateinischen -Konservativismus fallen werde. -</p> - -<p> -Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, -Herrn Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen -Konservativen zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer -Bitterkeit natürlich der Betroffene, der erregt seinen -geschwungenen Schnurrbart zwirbelte und im Suchen nach -einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu weiteren Ausfällen -gegen das klassische Bildungsideal, den rhetorisch-literarischen -Geist des europäischen Schul- und Erziehungswesens -und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als ein -Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem -Volke aber längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie -weidlich das Volk sich über unsere Doktortitel und unser ganzes -Bildungsmandarinentum lustig mache und über die staatliche -Volksschule, dies Instrument bourgeoiser Klassendiktatur, -gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte Gelehrtenbildung -sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das -Volk im Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse -es sich längst wo anders zu holen als in den obrigkeitlichen -<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a> -Zwangsanstalten, und nachgerade pfiffen die Spatzen es von -den Dächern, daß unser Schultypus überhaupt, wie er sich -aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt habe, einen -lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand -in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, -und daß ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge, -Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht -weit überlegen sei. -</p> - -<p> -In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, -die Naphta da seinen Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr -Settembrini, überwiege der obskurantistische Beisatz in unschmackhafter -Weise. Das Gefallen, das seine Sorge um die -Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße durch die -Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte, -Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen. -</p> - -<p> -Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun -ein wahres Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der -Gorgo vorgezeigt zu haben, überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig -davor erblassen werde. Er, Naphta, bedauere, seinem -Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu müssen, daß -die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums -ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein -Prezioser, ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des <span class="antiqua" lang="es">estilo -culto</span> sein, um den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine -so übertriebene erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß -man sich einbilde, Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis -fehle. Ob Herr Settembrini sich erinnere, daß der größte -Dichter des Mittelalters, Wolfram von Eschenbach, Analphabet -gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für schimpflich -gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe -<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a> -werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche -Verachtung der literarischen Künste sei immer das -Merkmal vornehmer Wesentlichkeit geblieben, – während der -Literat, dieser rechte Sohn des Humanismus und der Bürgerlichkeit, -allerdings lesen und schreiben könne, was der Adlige, -der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht könnten, -– aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch -gar nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, -der die Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben -überlasse, – weshalb er denn auch aus der Politik einen -Beutel voll Wind mache, nämlich voll Rhetorik und schöner -Literatur, was in der Parteisprache Radikalismus und Demokratie -heiße – und so fort, und so fort. -</p> - -<p> -Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, -kehre der andere seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei -gewisser Epochen hervor, indem er die Liebe zur literarischen -Form verhöhne, ohne die allerdings keine Menschlichkeit -möglich und denkbar sei, allerdings nicht und nimmermehr! -Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die Wortlosigkeit, -die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen -taufen. Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, -die <span class="antiqua" lang="it">generosità</span>, die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, -vom Inhalt unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der -Kultus der Rede als einer Kunst um der Kunst willen, dies -Erbe der griechisch-römischen Zivilisation, welches die Humanisten, -die <span class="antiqua" lang="it">uomini letterati</span>, der Romania, ihr wenigstens, zurückgebracht -hätten, und das die Quelle jedes weiteren und -inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, -mein Herr! Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen -möchten, ist nichts als höhere Einheit im Kronrund -<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a> -des Schönen, und mir ist nicht bange, auf welche Seite in einem -Streit, dessen Wahlfälle Literatur und Barbarei heißen, hochherzige -Jugend sich immer schlagen wird.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch -gewesen war, da die Person des anwesenden Kriegers -und Vertreters vornehmer Wesentlichkeit, oder eigentlich der -neuartige Ausdruck seiner Augen ihn beschäftigte, fuhr etwas -zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis letzte Worte -aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein Gesicht, -wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen -„Ost und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht -also voller Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. -Alles stellten sie auf die Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig -war, wenn man streiten wollte, und haderten erbittert um -äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als ob irgendwo -inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen -rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei -das gelegen sein müsse, was man als das Menschliche oder -Humane persönlich ansprechen durfte. Aber er sprach es nicht -an, um nicht beide Geister zu ärgern, und sah, eingehüllt in -Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und einander feindlich -behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, -nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner -Virgil den Anstoß gegeben. -</p> - -<p> -Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es -triumphieren. Er warf sich zum Schützer auf des literarischen -Genius, feierte die Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick -an, wo zum erstenmal ein Mensch, um seinem Wissen -und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen in einen -Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte -<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a> -Thot, mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch -gewesen, und der als Erfinder der Schrift, Schutzherr -der Bibliotheken und Anreger aller geistigen Bestrebungen verehrt -worden war. Er beugte redend das Knie vor diesem Trismegist, -dem humanistischen Hermes, dem Meister der Palästra, -dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes, -der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans -Castorp zu der Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter -offenbar auch ein Politiker gewesen und habe in größerem -Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr Brunetto Latini, der speziell -den Florentinern Schliff verliehen und sie das Sprechen -gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der -Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini -schwindle ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos -ein allzu gelecktes Bild gegeben. Denn das sei vielmehr -eine Affen-, Mond- und Seelengottheit gewesen, ein Pavian -mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem Namen -des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger -und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum -Erzzauberer und dem kabbalistischen Mittelalter zum Vater -der hermetischen Alchimie geworden sei. -</p> - -<p> -Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt -ging es drunter und drüber. Da war der blaubemantelte -Tod als humanistischer Rhetor; und wenn man den -pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins -Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem -Zeichen der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte -und winkte ab mit der Hand und legte sie dann über die Augen. -Aber in das Dunkel, worein er sich vor der Verwirrung gerettet, -klang Settembrinis Stimme, der fortfuhr, die Literatur -<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a> -zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die aktive Größe, -rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er nannte -Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich -und weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht -ihn nicht an, daß Naphta ihn ins Chinesische heimschicken -wollte, wo die skurrilste Vergötterung des Abc herrsche, die -je erreicht worden sei, und wo man Generalfeldmarschall werde, -wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen tuschen könne, was -recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse. Eh, -Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen -handelte, sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, -um ihren Geist, armer Spötter! welcher der Geist selber war, -das Wunder der Verbindung von Analyse und Form. Er war -es, der das Verständnis für alles Menschliche weckte, die -Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und Überzeugungen -betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung -des Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste -moralische Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern -davon, zu fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit, -zur Duldung. Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, -die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis -und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum -Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der Sprache, -der literarische Geist als edelste Erscheinung des Menschengeistes -überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als -Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis -apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher -war nicht auf den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja -durch schlimme, glänzende Einwände zu stören, -indem er sich zur Partei der Erhaltung und des Lebens schlug -<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a> -gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter jener seraphischen -Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von -welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe -auf nichts als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form, -die der literarische Geist mit dem Prinzip der Untersuchung -und Trennung zu vereinigen sich rühme, sei nur eine Schein- -und Lügenform, keine echte, gewachsene, natürliche, keine Lebensform. -Der sogenannte Verbesserer des Menschen führe -wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber -sei es die Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf -er ausgehe; ja, der Geist, die eifernde Theorie sei lebensschänderisch, -und wer die Leidenschaften zerstören wolle, der wolle -das Nichts, – das reine Nichts, rein allerdings, da „rein“ denn -in der Tat das einzige Attribut sei, das allenfalls dem Nichts -noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben zeige Herr -Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei, nämlich -als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen -Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus -und der liberale Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts -und des Teufels, ja, er leugne Gott, das konservativ und positiv -Absolute, indem er zum Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre -und sich mit seinem Todespazifismus noch wunder wie fromm -dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm, sondern ein -Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge -Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – <span class="antiqua" lang="la">et cetera</span>. -</p> - -<p> -So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische -zu verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender -Liebesstrenge hinzustellen, so daß zu unterscheiden, -wo Gott und wo der Teufel, wo Tod und wo Leben war, -wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird es -<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a> -uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug -war, ihm die Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend -war, und auf die er wieder eine ebenso gute bekam, -wonach es noch eine Weile so fortging und das Gespräch in -früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber Hans -Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert -hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben -und wisse nicht recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen -hier doch nicht „<span class="antiqua" lang="fr">reçu</span>“ seien. Die Duellanten waren -darüber hinweggegangen, aber Hans Castorp hatte, wie -wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und brach -auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen -ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus -Ferge und Wehsal, ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb -zur Fortsetzung des Wettstreits ausgehen werde. -</p> - -<p> -Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in -Sachen seiner Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg -einschlagen, das heißt also, den Bademeister anstellen wolle, -die Oberin zu benachrichtigen, worauf denn für den Leidenden -doch wohl etwas geschehen werde. So war es wohlgetan. -Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei -Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war, -und erkundigte sich kreischend nach den Wünschen und Klagen -des jungen Offiziers. „Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte -sie. „Menschenskind, was machen Sie für Sprünge?“ -Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins Auge -zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen -ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite -schweifte. Daß sie es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun -doch erfahrungsgemäß einmal nicht gegeben war, das Unternehmen -<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a> -durchzuführen! Mit Hilfe einer Art von metallenem -Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie dem -Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe -leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen -stehend, um Joachims Zäpfchen herumspähte, sagte sie: -</p> - -<p> -„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich -schon mal verschluckt?“ -</p> - -<p> -Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange -sie spähte, war überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu -stehen; aber auch nachdem sie von ihm abgelassen, blieb guter -Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben schon ein und das -andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch das -war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint -sein. Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal -nicht erinnern. -</p> - -<p> -Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er -habe sich also erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern, -da sonst das Wort Erkältung doch hier im Hause verpönt war. -Zur näheren Untersuchung des Halses sei gegebenenfalls des -Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ Formamint zurück -bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst -Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim -machte Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung -zu spüren dank diesen Anwendungen und fuhr also -fort damit, zumal seine Heiserkeit sich nicht klären wollte, ja, -in den nächsten Tagen noch stärker wurde, obgleich die Halsschmerzen -zuweilen fast ganz verschwanden. -</p> - -<p> -Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen. -Der objektive Befund war der gewöhnliche, – eben -der, welcher, zusammen mit den Ergebnissen der hofrätlichen -<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a> -Untersuchungen, den ehrliebenden Joachim hier zu einer kleinen -Nachkur festhielt, bevor er wieder zur Fahne würde eilen -können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos vorübergegangen. -Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat, -noch die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen -Augen gingen sie darüber hinweg. Nach dem, was -Behrens bei der Monatsuntersuchung dem seelenkundigen -Famulus in die Feder diktierte, und was die photographische -Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer ganz -wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch -diesmal galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht -auszuharren, bis zum Flachlanddienste, zur Eideserfüllung -dort unten endgültige Wetterfestigkeit gewonnen wäre. -</p> - -<p> -Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man -stillschweigend vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß -einer vom andern nicht so ganz sicher war, ob er in tiefster -Seele an diese Parole glaubte, und wenn man die Augen voreinander -niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel, und es -geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich <em>getroffen</em> hätten. -Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über -die Literatur, während dessen Hans Castorp zum erstenmal -das neuartige Licht im Hintergrund von Joachims Augen, sowie -den eigentümlich „drohenden“ Ausdruck darin bemerkt -hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor: als nämlich -der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig verschluckte -und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also, -während Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau -Magnus, seine Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den -Rücken klopfte, trafen sich ihre Augen auf eine Art, die Hans -Castorp schreckhafter bewegte, als der Unfall selbst, der selbstverständlich -<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a> -jedem zustoßen konnte, und dann schloß Joachim -die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch und -Saal, um sich draußen auszuhusten. -</p> - -<p> -Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn -Minuten zurück, eine Entschuldigung wegen der verursachten -Störung auf den Lippen, nahm wie zuvor an der übergewaltigen -Mahlzeit teil, und nachher vergaß man sogar, auch nur -mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall zurückzukommen. -Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim -Diner, sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe -ereignete, übrigens ohne daß die Augen sich getroffen hätten, -wenigstens nicht diejenigen der Vettern, da Hans Castorp, -über seinen Teller gebeugt, scheinbar unachtsam weiter speiste, -mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch ein Wort -daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte Frauenzimmer, -die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen -Frage ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet -und angehext habe, der Teufel solle sie holen. Ja, -offenbar sei es Suggestion, sagte Hans Castorp, – amüsant -zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und Joachim, -nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich -fortan mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte -sich nicht häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am -Ende auch: erst neun oder zehn Tage später einmal wieder, -worüber denn weiter nichts zu sagen war. -</p> - -<p> -Jedoch war er außer der Reihe und Zeit zu Rhadamanthys -bestellt. Die Oberin hatte ihn angezeigt und wohl nicht einmal -dumm daran getan; denn da ein Kehlkopfspiegel im Hause -war, so schien diese hartnäckige Heiserkeit, die stundenweise in -wirkliche Stimmlosigkeit ausartete, und auch dies Halsweh, -<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a> -das wieder hervortrat, sobald Joachim versäumte, seine Kehle -durch speicheltreibende Mittel geschmeidig zu halten, ein hinlänglicher -Anlaß, das klug erdachte Instrument einmal aus -dem Schranke zu nehmen, – zu schweigen davon, daß, wenn -Joachim sich jetzt mit normaler Seltenheit verschluckte, dies -nur der großen Vorsicht zu danken war, die er beim Essen -aufwandte, und die ihn bei den Mahlzeiten fast regelmäßig -in Rückstand hielt. -</p> - -<p> -Der Hofrat also spiegelte, reflektierte und äugte tief und -lange in Joachims Hals hinunter, worauf der Patient sich auf -Hans Castorps besonderen Wunsch sogleich in dessen Balkonloge -einfand, um Bericht zu erstatten. Es sei recht lästig und -kitzlich gewesen, teilte er halb flüsternd mit, da gerade Hauptliegekur -und Schweigegebot waltete, und schließlich habe Behrens -allerlei von einem Reizungszustand gekohlt und gesagt, -es müßten jeden Tag Pinselungen vorgenommen werden, -gleich morgen wolle er zu ätzen anfangen, er müsse nur erst -das Medikament bereitstellen. Also Reizungszustand und -Ätzungen. Hans Castorp, den Kopf voller Gedankenverbindungen, -die weit liefen und sich auf ganz fernstehende Personen, -wie den hinkenden Concierge und jene Dame erstreckten, -die sich die ganze Woche ihr Ohr gehalten und dennoch durchaus -beruhigt hatte sein können, hatte noch Fragen auf den -Lippen, brachte sie aber nicht darüber, sondern beschloß, sie -dem Hofrat unter vier Augen vorzulegen und beschränkte sich -gegen Joachim auf den Ausdruck seiner Genugtuung, daß das -Ärgernis nun der Kontrolle unterstehe und der Hofrat die Sache -in die Hand genommen habe. Der sei ein Hauptkerl und werde -schon Remedur schaffen. Worauf Joachim nickte, ohne den anderen -anzusehen, sich umwandte und in seine Loge hinüberging. -</p> - -<p> -<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a> -Was war es mit dem ehrliebenden Joachim? In den letzten -Tagen waren seine Augen so unsicher und scheu geworden. -Noch neulich war Oberin Mylendonk mit ihrem Durchbohrungsversuch -an seinem sanften dunklen Blick gescheitert, -allein wenn sie jetzt ihr Heil noch einmal versuchte, war man -wahrhaftig nicht mehr sicher, wie die Sache ablaufen würde. -Jedenfalls vermied er solche Begegnungen, und wenn es -dennoch dazu kam (denn Hans Castorp sah ihn viel an), so -wurde einem auch dabei nicht wohler. Bedrückt blieb Hans -Castorp in seinem Abteil zurück, in treibender Versuchung, -den Chef sogleich zur Rede zu stellen. Doch ging das nicht an, -da Joachim sein Aufstehen gehört hätte, und so war Aufschub -geboten und Behrens im Laufe des Nachmittags abzufangen. -</p> - -<p> -Das aber gelang nicht. Sonderbar! Es wollte durchaus -nicht gelingen, des Hofrats habhaft zu werden, und zwar weder -diesen Abend, noch während der ganzen beiden folgenden Tage. -Natürlich war Joachim etwas hinderlich, da er nichts merken -sollte, aber das reichte nicht hin, zu erklären, weshalb die -Unterredung nicht zu erlangen und Radamanth auf keine -Weise dingfest zu machen war. Hans Castorp suchte und -fragte nach ihm im ganzen Hause, wurde dahin und dorthin -gewiesen, wo er ihn sicher treffen werde, und fand ihn dann -eben nicht mehr dort. Bei einer Mahlzeit war Behrens zugegen, -saß aber weit fort, am Schlechten Russentisch und verschwand -vor dem Dessert. Ein paarmal glaubte Hans Castorp ihn schon -am Knopf zu halten, er sah ihn auf Treppen und Gängen im -Gespräch mit Krokowski, mit der Oberin, mit einem Patienten -stehen und paßte ihm auf. Aber da er nur eben die Augen -abgewandt hatte, war Behrens weg. -</p> - -<p> -<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a> -Am vierten Tage erst kam er zum Ziel. Von seinem Balkon -aus sah er den Verfolgten im Garten dem Gärtner Anweisungen -geben, schlüpfte geschwind aus der Decke und eilte -hinunter. Eben ruderte der Hofrat mit rundem Nacken gegen -seine Wohnung davon. Hans Castorp trabte und erlaubte -sich sogar, zu rufen, fand aber kein Gehör. Endlich, atemlos -anlangend, brachte er seinen Mann zum Stehen. -</p> - -<p> -„Was haben Sie hier zu suchen!“ herrschte der Hofrat ihn -mit quellenden Augen an. „Soll ich Ihnen ein Extra-Exemplar -der Hausordnung aushändigen lassen? Meines Wissens -ist Liegekur. Ihre Kurve und die Platte geben Ihnen gar -kein besonderes Recht, den Freiherrn zu spielen. Man sollte -hier irgendwo so eine göttliche Diebsscheuche anbringen lassen, -die Leute, die zwischen zwei und vier im Garten Libertinage -treiben, mit Aufspießung bedroht! Was wollen Sie eigentlich?“ -</p> - -<p> -„Herr Hofrat, ich muß Sie unbedingt einen Augenblick -sprechen!“ -</p> - -<p> -„Das merke ich, daß Sie sich das schon lange einbilden. Sie -stellen mir ja nach, als ob ich ein Frauenzimmer und wunder -was für ein Lustobjekt wäre. Was wollen Sie von mir?“ -</p> - -<p> -„Es ist nur wegen meines Vetters, Herr Hofrat, entschuldigen -Sie! Er wird nun gepinselt ... Ich bin überzeugt, daß -damit die Sache auf gutem Wege ist. Sie ist doch harmlos, -– wollte ich mir nur zu fragen erlauben?“ -</p> - -<p> -„Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind -Sie. Sie sind gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten -einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als -ob sie harmlos wären, und damit glauben Sie sich vor Gott -und Menschen angenehm zu machen. Sie sind eine Art von -Feigling und Duckmäuser, Mensch, und wenn Ihr Vetter Sie -<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a> -einen Zivilisten nennt, so ist das noch sehr euphemistisch ausgedrückt.“ -</p> - -<p> -„Kann alles sein, Herr Hofrat. Natürlich, die Schwächen -meines Charakters stehen doch außer Frage. Aber das ist es -eben, daß sie im Augenblick wohl außer Frage stehen, und was -ich Sie schon seit drei Tagen bitten wollte, ist nur –“ -</p> - -<p> -„Daß ich Ihnen recht angenehm gezuckerten und gepantschten -Wein einschenke! Sie wollen mich behelligen und mich -langweilen, damit ich Sie in Ihrer verdammten Duckmäuserei -befestige, und damit Sie in Unschuld schlafen können, während -andere Leute wachen und sich den Wind um die Nase -wehen lassen.“ -</p> - -<p> -„Aber, Herr Hofrat, Sie sind recht streng mit mir. Ich -wollte im Gegenteil –“ -</p> - -<p> -„Ja, Strenge, das ist nun gerade gar nicht Ihre Sache. -Da ist Ihr Vetter ein anderer Kerl, von anderem Schrot und -Korn. Der weiß Bescheid. Der weiß <em>schweigend</em> Bescheid, -verstehen Sie mich? Der hängt sich den Leuten nicht an die -Rockschöße, um sich blauen Dunst und Harmlosigkeit vormachen -zu lassen. Der wußte, was er tat und was er daransetzte, -und ist ein Mannsbild, das sich auf Haltung versteht -und aufs Maulhalten, was eine männliche Kunst ist, aber -leider nicht die Sache von solchen bipedischen Annehmlichkeiten -wie Sie. Aber das sage ich Ihnen, Castorp, wenn Sie hier -Szenen aufführen und ein Geschrei erheben und sich Ihren -Zivilgefühlen überlassen, so setze ich Sie an die Luft. Denn -hier wollen Männer unter sich sein, verstehen Sie mich.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp schwieg. Er wurde jetzt auch fleckig, wenn er -sich verfärbte. Er war zu kupferrot, um ganz blaß zu werden. -Schließlich sagte er mit zuckenden Lippen: -</p> - -<p> -<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a> -„Ich danke sehr, Herr Hofrat. Ich weiß ja nun auch wohl -Bescheid, denn ich nehme an, daß Sie nicht so – wie soll ich -sagen – so feierlich zu mir sprechen würden, wenn es nicht ernst -wäre mit Joachim. Ich bin auch gar nicht für Szenen und -für Geschrei, da tun Sie mir unrecht. Und wenn es also auf -Diskretion ankommt, so stehe ich auch meinen Mann, das -glaube ich zusagen zu können.“ -</p> - -<p> -„Sie hängen an Ihrem Vetter, Hans Castorp?“ fragte -der Hofrat, indem er plötzlich des jungen Mannes Hand ergriff -und ihn mit seinen blauen, weißlich bewimperten, blutunterlaufenen -Quellaugen von unten anblickte ... -</p> - -<p> -„Was läßt sich da sagen, Herr Hofrat. Ein so naher Verwandter -und so guter Freund und mein Kamerad hier oben.“ -Hans Castorp schluchzte kurz und stellte den einen Fuß auf die -Spitze, indem er die Ferse nach außen wandte. -</p> - -<p> -Der Hofrat beeilte sich, seine Hand loszulassen. -</p> - -<p> -„Na, dann seien Sie nett mit ihm diese sechs, acht Wochen“, -sagte er. „Überlassen Sie sich Ihrer angeborenen Harmlosigkeit, -das wird ihm das Liebste sein. Ich bin auch noch da, und -zwar dazu, die Sache so kavaliersmäßig und komfortabel wie -möglich zu gestalten.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="la">Larynx</span>, nicht wahr?“ sagte Hans Castorp, indem er dem -Hofrat zunickte. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="la">Laryngea</span>“, bestätigte Behrens. „Schnell fortschreitende -Zerstörung. Und mit der Luftröhrenschleimhaut sieht es auch -schon böse aus. Kann sein, daß das Kommandogeschrei im -Dienst da einen <span class="antiqua" lang="la">locus minoris resistentiae</span> geschaffen hat. -Aber gefaßt sein müssen wir auf solche Diversionen ja immer. -Wenig Aussicht, mein Junge; eigentlich wohl gar keine. Selbstverständlich -soll alles versucht werden, was gut und teuer ist.“ -</p> - -<p> -<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a> -„Die Mutter ...“, sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Später, später. Eilt ja noch nicht. Sorgen Sie mit Takt -und Geschmack dafür, daß sie sukzessive ins Bild kommt. Und -nun scheren Sie sich auf Ihren Posten. Er merkt es ja. Und -es muß ihm doch peinlich sein, sich so hinter seinem Rücken -besprochen zu wissen.“ -</p> - -<p> -– Täglich ging Joachim zum Pinseln. Es war ein schöner -Herbst, in weißen Flanellhosen zum blauen Rock kam er öfters -verspätet von der Behandlung zum Essen, propper und militärisch, -grüßte knapp, freundlich und männlich zusammengenommen, -indem er seiner Säumigkeit wegen um Pardon bat, -und setzte sich zu seiner Mahlzeit nieder, die man ihm jetzt besonders -bereitete, da er bei der gewöhnlichen Kost, der Verschluckungsgefahr -wegen, nicht mitkam: er erhielt Suppen, -Haschees und Brei. Schnell hatten die Tischgenossen die Lage -begriffen. Sie erwiderten seinen Gruß mit nachdrücklicher -Höflichkeit und Wärme, indem sie ihn „Herr Leutnant“ anredeten. -In seiner Abwesenheit befragten sie Hans Castorp, -und auch von den anderen Tischen kam man zu ihm und fragte. -Frau Stöhr kam mit gerungenen Händen und lamentierte ungebildet. -Aber Hans Castorp antwortete nur einsilbig, räumte -den Ernst des Zwischenfalles ein, leugnete jedoch bis zu einem -gewissen Grade, tat es ehrenhalber, aus dem Gefühle, Joachim -nicht vorzeitig preisgeben zu dürfen. -</p> - -<p> -Sie gingen zusammen spazieren, legten dreimal täglich den -dienstlichen Lustwandel zurück, auf welchen der Hofrat Joachim -nun genauestens eingeschränkt hatte, damit unnötige -Kräfteausgabe vermieden werde. Links von seinem Vetter -ging Hans Castorp, – sie waren früher so oder auch anders -gegangen, wie es gerade kam, aber jetzt hielt sich Hans Castorp -<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a> -vorwiegend links. Sie sprachen nicht viel, redeten die Worte, -die der Berghof-Normaltag ihnen auf die Lippen führte, sonst -nichts. Über das Thema, das zwischen ihnen stand, ist nichts -zu reden, zumal zwischen Leuten von Sittensprödigkeit, die einander -nur äußerstenfalls mit Vornamen nennen. Dennoch -hob es sich zuweilen drängend und wallend auf in Hans -Castorps Zivilistenbrust, im Begriffe, sich zu ergießen. Aber -es war unmöglich. Was schmerzlich-stürmisch emporgeschwollen -war, sank zurück, und er verstummte. -</p> - -<p> -Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu -Boden, als betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: -er ging hier, propper und ordentlich, er grüßte Vorübergehende -auf seine ritterliche Art, hielt auf sein Äußeres und auf <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span> -wie immer – und gehörte der Erde. Nun, der gehören -wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so -gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig -ihr zu gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und -unbegreiflicher für einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, -als für den Erdmann selbst, dessen anständig verschwiegenes -Wissen eigentlich recht akademischer Natur ist, geringen -Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde weniger -seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser Sterben -mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer -selbst; denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat -das Wort des witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit, -daß, solange wir sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn -der Tod ist, wir nicht sind; daß also zwischen uns und dem -Tode gar keine reale Beziehung besteht und er ein Ding ist, das -uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur etwas -angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer -<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a> -Ruhe, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer -Unschuld, entgegenblicken. Von dieser Unschuld und -Verantwortungslosigkeit fand Hans Castorp viel in Joachims -Wesen während dieser Wochen und verstand, daß jener zwar -wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über dies -Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren -Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder, -soweit sie praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes -Schicklichkeitsgefühl geregelt und bestimmt wurden, das die -Erörterung jenes Wissens ebensowenig zuließ wie diejenige -so vieler anderer funktioneller Unanständigkeiten, deren das -Leben sich bewußt und durch die es bedingt ist, die es aber nicht -hindern, <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span> zu bewahren. -</p> - -<p> -So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten -der Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt -und zornig geführte Klagen über das Versäumnis der Manöver, -des militärischen Flachlanddienstes überhaupt waren -verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz aller Unschuld -so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen -zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch -einmal hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg -gebracht haben würde? War es, weil er sich überäugig und -hohlwangig wußte? – Denn so wurde er zusehends in diesen -Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei seiner Heimkehr -vom Flachland gewesen war, und seine braune Gesichtsfarbe -ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine Umgebung -ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben -hätte, die mit Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf, -die grenzenlosen Vorteile der Schande zu genießen. Wovor -und vor wem also duckte und verbarg sich sein ehemals so -<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a> -offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham der Kreatur, die -sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, – überzeugt, daß -sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor -ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon -mit Recht, da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel -den kranken Genossen nicht nur nicht ehrt, sondern ihn in Wut -und Verachtung mit Schnabelhieben traktiert. Doch das ist -gemeine Natur, und ein hochmenschliches Liebeserbarmen -schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle Instinktscham -in des armen Joachims Augen sah. Er ging links -von ihm, ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas -unsicher zu Fuße wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen -kleinen Wiesenhang zu erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit -überwindend, den Arm um ihn legte, ja, vergaß noch -nachher eine Weile, seinen Arm wieder von Joachims Schultern -wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte und sagte: -</p> - -<p> -„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir -daherkommen.“ -</p> - -<p> -Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp -die Trübung von Joachims Blick noch in einem anderen -Lichte erschien, und das war, als Joachim Order erhalten -hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der Schnee -lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden, -auch nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder -zweite Bissen ihm in die falsche Kehle geriet. Der Übergang -zu ausschließlich flüssiger Nahrung war indiziert, und zugleich -verordnete Behrens dauernde Bettruhe, der Kräfteersparnis -wegen. Es war also am Vorabend von Joachims dauernder -Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den Füßen -war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja -<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a> -betraf, der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein -und der äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach -dem Diner war das, während der Abendgeselligkeit, in der -Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon aufgehalten -und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn -vor dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein -Schaukelstuhl, worin sie saß, und Joachim hielt ihn mit der -Linken an der Rückenlehne nach hinten geneigt, so daß Marusja -aus liegender Stellung mit ihren braunen Kugelaugen -in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen sprechend, -über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd -und erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte. -</p> - -<p> -Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen -zu haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft -auf die Szene, wie das zu gehen pflegte, ein belustigtes -Auge hatten, – unbemerkt von Joachim, oder doch unbeachtet -von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche rücksichtslos -hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so -lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges -Wort mit ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er -mit strengem Ausdruck, vernünftig und ehrliebend, die Augen -niedergeschlagen hatte, obgleich er fleckig erblaßte, wenn von -ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp mehr, als irgendein -Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen -sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist -verloren!“ dachte er und setzte sich still auf einen Stuhl im -Musiksalon, um Joachim Zeit zu lassen für das, was er sich -dort in der Halle an diesem letzten Abend noch gönnte. -</p> - -<p> -Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale -ein, und Hans Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb -<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a> -ihr in seinem vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren -gelegentlichen Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim -bettlägerig geworden sei und daß er zwar nichts gesagt habe, -daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei sich zu haben, von -den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens diesen unausgesprochenen -Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies -fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein -Wunder, daß Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in -Anspruch nahm, um zu ihrem Sohne zu stoßen: schon drei -Tage nach Abgang dieses humanen Alarmbriefes traf sie ein, -und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber im Schlitten -von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend, -bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die -Mutter nicht gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts -Falsches, Munteres mit dem ersten Blick darin lese. -</p> - -<p> -Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon -ereignet haben, wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem -und angstvollem Forschen des dem Zuge Entstiegenen -in den Augen dessen, der ihn in Empfang nahm! Frau Ziemßen -erweckte den Eindruck, als sei sie von Hamburg hierher -zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans Castorps -Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich -blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich, -indem er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das -sei famos, und wie mächtig werde ihr Joachim sich freuen. -Tja, der liege nun leider vorderhand, es sei wegen der flüssigen -Nahrung, die ja natürlich auf den Kräftezustand nicht ohne -Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch mancherlei Auskünfte, -zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens werde sie ja -selber sehen. -</p> - -<p> -<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a> -Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu -diesem Augenblick waren ihm die Veränderungen, die sich in -den letzten Wochen an Joachim vollzogen hatten, gar nicht -so bemerklich geworden, – junge Leute haben ja nicht viel Blick -für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen kommenden -Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als -hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich, -was zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß -am besten von allen dreien Joachim selber wußte, nämlich, -daß er ein Moribundus war. Er hielt Frau Ziemßens Hand -in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt war, wie sein Gesicht, -von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine Ohren, -dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem -und in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber -bis auf diesen Fehler und trotz seiner durch den Stempel des -Leidens und durch den Ausdruck von Ernst und Strenge, ja -Stolz, den es trug, eher noch männlich verschönt erschien, – -obgleich seine Lippen mit dem schwarzen Bärtchen darüber jetzt -gar zu voll wirkten gegen die schattigen Wangenhöhlen. Zwei -Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn zwischen -den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen -liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans -Castorp sich freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung -und Unsicherheit war, seit Joachim lag, daraus geschwunden, -und nur jenes früh bemerkte Licht war in ihrer ruhigen, dunklen -Tiefe zu sehen – und freilich auch jene „Drohung“. Er -lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt und -ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei -ihrem Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese -Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles. -</p> - -<p> -<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a> -Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht -in Jammer auf bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und -zusammengenommen im Sinne ihres durch das kaum sichtbare -Schleiernetz befestigten Haares, phlegmatisch und energisch, -wie man bekanntlich bei ihr zulande war, nahm sie Joachims -Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade gespornt -zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß, -wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit -die Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit -willen geschah es gewiß nicht, sondern nur aus Sinn für das -Stattliche, wenn sie einige Tage später einwilligte, daß auch -eine Pflegeschwester noch zu dem Schwerkranken berufen -wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit Alfreda Schildknecht, -die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims Lager -erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau -Ziemßens eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester -Berta hatte eine Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, -ihr Kneiferband hinter dem Ohre, neugierig auszuspähen. -</p> - -<p> -Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. -Allein im Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, -der keineswegs schlief, sondern offenen Auges auf dem Rücken -lag, war sie imstande, zu sagen: -</p> - -<p> -„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen -von den Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“ -</p> - -<p> -Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene -die Faust, aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, -und mit Recht, von dem Gedanken, daß es angebracht -sein möchte, Joachim zu schonen und viel zu sachlich gesonnen, -um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand, und nun gar -der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses -<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a> -Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem -sie Kölnisches Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim -unter die Nase hielt, „tun Sie sich noch ein bißchen gütlich, -Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es zu jener Zeit wenig -Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U zu machen, -– es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie -Frau Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter -Stimme von seiner Genesung sprach. Denn zweierlei war -deutlich und nicht zu verkennen: daß Joachim erstens mit klarem -Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er es zweitens -in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst -in der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich -bemerkbar machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger -Unklarheit über seinen Zustand umfangen, und sprach -von seiner baldigen Rückkehr zum Regiment und seiner Beteiligung -an den großen Manövern, die er sich noch im Gange -befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber auch, -daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung -zu geben und das Ende nur noch für eine Frage von -Stunden erklärte. -</p> - -<p> -Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese -vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter -zu einer Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem -letalen Ziele nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen -aller individuellen Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die -den Erfrierenden umstrickt, und wie das Im-Kreise-Herumkommen -des Verirrten. Hans Castorp, den Kummer und -Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit -ins Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige -Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und -<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a> -Settembrini, als er ihnen über das Befinden seines Verwandten -Bericht erstattete, und zog sich einen Verweis des letzteren -zu, indem er meinte, die landläufige Auffassung, philosophische -Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende Zuversicht sei ein -Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und Weltverurteilung, -aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf Irrtum; -denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand -einen Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit -verglichen der vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde -Lebensäußerung erscheine. Gottlob konnte er den Teilnehmenden -gleichzeitig melden, daß Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit -der Hoffnung Raum ließ und einen sanften, -trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite. -</p> - -<p> -„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, -während er Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen -hielt und sie mit quellenden, tränenden, blutunterlaufenen -Blauaugen von unten anblickte. „Mir lieb, mir ungeheuer -lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß er das -Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten -braucht; so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt -rapide aus, wohl ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst -das Unsrige dagegen tun mit unserer Kampferspritze, ohne -viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten zu verursachen. Er -wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen, glaube ich -versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade -schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen -Übertritt haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie -sich darauf. So ist das übrigens im Grunde immer. Ich kenne -den Tod, ich bin ein alter Angestellter von ihm, man überschätzt -ihn, glauben Sie mir! Ich kann Ihnen sagen, es ist -<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a> -fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an Schindereien -<em>vorhergeht</em>, das kann man ja nicht gut zum Tode -rechnen, es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann -zum Leben und zur Genesung führen. Aber vom Tode wüßte -Ihnen keiner, der wiederkäme, was Rechtes zu erzählen, denn -man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem Dunkel und gehen -ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang und -Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben -keinen subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz -ins Gebiet des Objektiven, so ist es damit.“ -</p> - -<p> -Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. -Wir wollen hoffen, daß sie der verständigen Frau Ziemßen -ein bißchen wohltat; und seine Zusicherungen trafen denn -ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache Joachim -schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte -auch wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches -also, nehmen wir an; und wenn er erwachte -und man ihn nach seinem Befinden fragte, so antwortete er, -wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl und glücklich -fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und schließlich -den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr -spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen -und zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits -nicht mehr angegangen. -</p> - -<p> -Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große -Veränderungen mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren -beschwerlich geworden war und er es seit acht oder zehn Tagen -schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs aber sehr kräftig -war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften Augen -sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem -<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a> -Kriegsbart, wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, -und der ihn übrigens schön und männlich kleidete, wie alle fanden. -Ja, Joachim war plötzlich aus einem Jüngling zum reifen -Manne geworden durch diesen Bart und wohl nicht nur durch -ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk, legte im -Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu erreichen -ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten -vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche -brachte eine angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes -mit sich, derart, daß Hans Castorp den Eindruck gewann, das -Sterben müsse zum wenigsten eine große Mühsal sein, wenn -auch Joachim dank mancher Ausfälle und Herabminderungen -ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung aber -betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung -oder Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit -zusammen, so daß Joachim beim Sprechen mummelte wie ein -ganz Alter und übrigens an dieser Hemmung wirkliches Ärgernis -nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er lallend, so -werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte Belästigung. -</p> - -<p> -Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht -so ganz klar; – die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen -trat auffallend hervor, er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, -schien zu wissen und nicht zu wissen und erklärte -einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl durchschauert, mit -Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so grundschlecht -sei er noch niemals daran gewesen. -</p> - -<p> -Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, -ja unhöflich; er ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen -mehr nahe kommen, antwortete nicht darauf, blickte fremd vor -sich hin. Namentlich nachdem der junge Pfarrer, den Luise -<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a> -Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps Bedauern keine -gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte, mit -ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge -an, äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte. -</p> - -<p> -Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: -er fuhr wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein -goldnes Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über -die Bettdecke hin, indem er sie auf dem Rückwege etwas erhob -und dann auf der Decke in schabender, rechender Bewegung -wieder zu sich führte, so, als zöge und sammle er etwas ein. -</p> - -<p> -Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf -dem Korridor, nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er -war im Bette herabgesunken und befahl kurz, man möge ihn -höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm um seine -Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen -Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung -seines Urlaubes aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, -vollzog sich der „knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im -Lichte des rotumhüllten Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. -Sein Auge brach, die unbewußte Anstrengung seiner Züge -wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand zusehends -dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete -sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s -geschehen. -</p> - -<p> -Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war -es Hans Castorp, der <a id="corr-64"></a>dem Regungs- und Hauchlosen mit der -Spitze des Ringfingers die Lider schloß, ihm die Hände behutsam -auf der Decke zusammenlegte. Dann stand auch er und -weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den -englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare -<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a> -Naß, so reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu -jeder Stunde, daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm -benannt hat; dies alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die -Nervenerschütterung durchdringenden Schmerzes, physischen -wie seelischen Schmerzes, unserem Körper entpreßt. Er wußte, -es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin. -</p> - -<p> -Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. -Noch vor einer halben Stunde war er dagewesen und hatte -Kampfer gespritzt; nur eben den Augenblick des knappen Übertrittes -hatte er verpaßt. „Tja, der hat es hinter sich“, sagte -er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von Joachims -stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden Anverwandten -die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand -er noch eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims -unbewegliches, kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller -Junge, toller Kerl“, sagte er über die Schulter, indem er mit -dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat es zwingen wollen, -wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und Gewaltsamkeit -mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht -auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist -uns aufs Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber -die Ehre, das war der Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens -nach Belieben auch umdrehen, – er hat nun jedenfalls -‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller Kerl.“ -Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken. -</p> - -<p> -Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene -Sache, und Haus Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich -war und sonst schicklich und stattlich schien, – Mutter -und Vetter brauchten sich kaum zu regen. Am nächsten Tage, -in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der Decke, -<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a> -ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner -geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur -der Anstrengung war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, -hatte es sich zu reinster, schweigender Form befestigt. -Kurzes Gekräusel seines dunklen Haares fiel in die unbewegliche, -gelbliche Stirn, die aus einem edlen, aber heiklen Stoff -zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem -ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll -und stolz. Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, -wie mehrere der Besucher meinten, die sich zum Abschiede -einfanden. -</p> - -<p> -Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen -Joachim. „Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach -und verlangte, daß an seinem Grabe die „Erotika“ von Beethoven -gespielt werden müsse. -</p> - -<p> -„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der -Seite an. Er war nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer -und herzlich bewegt. Mit beiden Händen wies er die -Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur Klage aufforderte. -„<span class="antiqua" lang="it">Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!</span>“ -rief er wiederholt. -</p> - -<p> -Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung -heraus und ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn -hin zu äußern: -</p> - -<p> -„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und -Fortschritt auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“ -</p> - -<p> -Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, -durch die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit -von Naphtas Position über die seine; vielleicht war -es dies augenblickliche Übergewicht des Gegners, das er durch -<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a> -die Lebhaftigkeit seiner Trauer aufzuwiegen gesucht hatte, und -das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann noch, als Leo Naphta, -die unbeständigen Vorteile seiner Stellung ausnutzend, scharf -sententiös bemerkte: -</p> - -<p> -„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß -nur der Geist anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr. -Nur wo <em>kein</em> Geist ist, gibt es Anständigkeit.“ -</p> - -<p> -„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer -Spruch! Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn -hingesetzt, so herrscht Einschüchterung für den Augenblick ...“ -</p> - -<p> -Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung -in diesen stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten -Behälter wollte ein Mann allein als seine Sache -betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war: ein Verwandter -des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz -gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering -an seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe -Reif sozusagen eingewachsen, ganz davon überwuchert war. -Man war geneigt, zu spüren, daß Leichengeruch seinem Bratenrock -entströme, was aber auf Vorurteil beruhte. Doch ließ -der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß all sein -Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur -pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen -auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps -Mißtrauen erweckte und keineswegs nach seinem Sinne war. -Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen sich zurückzöge, ließ -sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren, sondern blieb und -legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die Figur und -half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen -Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich -<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a> -gebettet wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof -gestellt hatte. -</p> - -<p> -Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf, -die Hans Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu -trennen und zu lösen und tatsächlich dem Professionisten, dem -üblen Hüter der Pietät, das Feld zu überlassen. Joachim nämlich, -dessen Ausdruck bisher so ernst und ehrbar gewesen, hatte -in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und Hans Castorp -verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur -Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen -der Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß -die Abholung bevorstand, der Sarg geschlossen und verschraubt -werden sollte. Hans Castorp berührte, eingeborene Sittensprödigkeit -beiseite setzend, seines ehemaligen Joachim steinkalte -Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und ging trotz -allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise -Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus. -</p> - -<p> -Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch -während er niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf -seiner Höhe zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in -einen feuchten Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen, -woselbst ein Degen aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte -zucken und drei Gewehrsalven, drei schwärmerische Honneurs -hinknallen über Joachim Ziemßens wurzeldurchwachsenes -Soldatengrab. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="chapter" id="chapter-0-2"> -<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a> -Siebentes Kapitel -</h2> - -</div> - -<h3 class="section1" id="subchap-0-2-1"> -Strandspaziergang -</h3> - -<p class="first"> -Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und -für sich? Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! -Eine Erzählung, die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, -es strömte die Zeit“ und so immer fort, – das könnte gesunden -Sinnes wohl niemand eine Erzählung nennen. Es -wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang -ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für -Musik ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, -daß sie die Zeit <em>erfüllt</em>, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ -und macht, daß „etwas daran“ und „etwas los damit“ ist -– um mit der wehmütigen Pietät, die man Aussprüchen Verstorbener -widmet, Gelegenheitsworte des seligen Joachim anzuführen: -längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob sich -der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen. -Die Zeit ist das <em>Element</em> der Erzählung, wie sie das Element -des Lebens ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern -im Raum. Sie ist auch das Element der Musik, als welche -die Zeit mißt und gliedert, sie kurzweilig und kostbar auf einmal -macht: verwandt hierin, wie gesagt, der Erzählung, die ebenfalls -(und anders als das auf einmal leuchtend gegenwärtige -und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden -Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein -Ablaufendes sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen -sollte, in jedem Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung -bedarf. -</p> - -<p> -<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a> -Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied -waltet, liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik -ist nur eines: ein Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie -sich ergießt, um ihn unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die -Erzählung dagegen hat zweierlei Zeit: ihre eigene erstens, die -musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre Erscheinung bedingt; -zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch ist, und zwar -in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der Erzählung -fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich -aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück -des Namens „Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, -– hierin und in nichts anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. -Eine Erzählung aber, deren inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten -betrüge, könnte ihrerseits, vermöge außerordentlicher Gewissenhaftigkeit -in der Erfüllung dieser fünf Minuten, das -Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein, obgleich -sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig wäre. -Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung -deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, -– wir sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres -oder, ganz deutlich zu sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, -das hier offenbar einschlägig ist: sofern nämlich dieses -Falls die Erzählung sich eines hermetischen Zaubers und einer -zeitlichen Überperspektive bedient, die an gewisse anormale und -deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der wirklichen Erfahrung -erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von Opiumrauchern, -die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit -seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang -sich auf zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder -sogar die Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit -<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a> -zurückließ, – Träume also, deren imaginärer Zeitraum ihre -eigene Dauer um ein Gewaltiges überstieg, und in denen eine -unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses herrschte, die Vorstellungen -sich mit solcher Geschwindigkeit drängten, als wäre, -wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des Berauschten -„etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder -einer verdorbenen Uhr“. -</p> - -<p> -Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung -mit der Zeit zu Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. -Da sie sie aber „behandeln“ kann, so ist klar, daß die -Zeit, die das Element der Erzählung ist, auch zu <em>ihrem Gegenstande</em> -werden kann; und wenn es zuviel gesagt wäre, man -könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, <em>von der Zeit</em> erzählen zu -wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie es uns -anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des -„Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen -könnte. Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die -Zeit erzählen könne, nur aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir -mit laufender Geschichte wirklich dergleichen vorhaben. Und -wenn wir die weitere Frage streiften, ob die um uns Versammelten -sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es -gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende -Joachim jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch -flocht (die übrigens von einer gewissen alchimistischen Steigerung -seines Wesens zeugt, da solche Bemerkungen eigentlich -nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären wir wenig erzürnt -gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick -nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden -aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme -an dem Erleben unseres Helden natürlich in unserem -<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a> -Interesse liegt, und weil dieser, Hans Castorp, in beregtem -Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar schon längst -nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, -– so – und auch wieder so genommen. -</p> - -<p> -Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis -zu seiner wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, -kalendermäßig, diese erste trotzige Abreise stattgefunden, wie -lange er weggewesen, wann wieder eingetroffen und wie lange -Hans Castorp selber schon hier gewesen, als er wieder eingetroffen -und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um -Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, -seit wann, etwa der Jahreszahl nach, sie <em>wieder da</em> war -(denn sie war wieder da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp -im „Berghof“ damals verbracht gehabt hatte, als sie zurückgekehrt -war: bei all diesen Fragen, gesetzt, man hätte sie ihm -vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht, denn er -scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit -den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden -nicht recht Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger -beunruhigend als jene vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am -ersten Abend seines Hierseins befallen hatte, nämlich Herrn -Settembrini sein eigenes Alter anzugeben, ja, eine Verschlimmerung -dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen Ernstes -und dauernd nicht mehr, wie alt er sei! -</p> - -<p> -Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört -oder unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten -Bedingungen jederzeit jedem von uns begegnen kann: -nichts würde uns, solche Bedingungen vorausgesetzt, vor dem -Versinken in tiefste Unwissenheit über den Zeitverlauf und also -über unser Alter bewahren. Die Erscheinung ist möglich kraft -<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a> -des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft also -unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns -aus und ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit -zu bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten -von jeder Beobachtung des Wechsels von Tag und Nacht, -veranschlagten bei ihrer glücklichen Errettung die Zeit, die sie -im Dunklen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung zugebracht -hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn gewesen. Man -sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die Zeit -ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als -ein Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. -Es scheint demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die -menschliche Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung -zu erleben, als sie zu überschätzen. -</p> - -<p> -Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er -gewollt hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen -sich rechnerisch hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie -das der Leser mit leichter Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene -und Versponnene seinem gesunden Sinn widerstehen -sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm vielleicht -nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche Anstrengung, -sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen -und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, -ließ er sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, -war eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar -die schlimmste Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten. -</p> - -<p> -Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die -Umstände seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht -geradezu von seinem bösen Willen reden will – so sehr zustatten -kamen. Als Frau Chauchat wiedergekehrt war (anders, als -<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a> -Hans Castorp es sich hatte träumen lassen – aber davon an seinem -Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht und der -kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in -naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer -Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, -hatte man damals Gott weiß wie lange schon wieder Winter -gehabt, ja, dieser war allezeit nur ganz vorübergehend unterbrochen -gewesen, von brennenden Sommertagen mit einer -Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins Schwärzliche -spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in -den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens -auch in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans -Castorp mit dem seligen Joachim über diese große Konfusion -geschwatzt, welche die Jahreszeiten vermengte, sie durcheinander -warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte und es dadurch -auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine kurzweilige -Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen -und mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt -nicht die Rede sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt -wurde bei dieser großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe -oder die Bewußtseinslagen des „Noch“ und des -„Schon wieder“, – eins der verwirrendsten, vertracktesten und -verhextesten Erlebnisse überhaupt, und ein Erlebnis dabei, das -zu kosten Hans Castorp gleich an seinem ersten Tage hier oben -eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich bei den fünf -übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten Speisesaal, -wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise -unschuldig noch, ihn angewandelt hatte. -</p> - -<p> -Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren -Maßstab angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis -<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a> -auch abgeschwächt oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, -sofern sie tätig ist, sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker -– und nur aus jugendlicher Anmaßung hatte also -Hans Castorp sich einmal damit eingelassen –, ob die hermetische -Konserve auf ihrem Wandbort außer der Zeit ist. Aber -wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk tut. -Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, -das eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, -– wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern -unterdessen zum reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders -sein. Der Tote ist tot und hat das Zeitliche gesegnet; er -hat viel Zeit, das heißt: er hat gar keine, – persönlich genommen. -Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und Haare wachsen, -und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose Redensart -nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange -gebraucht, und an der Hans Castorp damals -flachländischen Anstoß genommen hatte. Auch ihm wuchsen -Haare und Nägel, sie wuchsen schnell, wie es schien, er saß so -oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem Operationsstuhl -beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich das -Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet -hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn -er saß und mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, -der sein Werk an ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; -oder wenn er an seiner Balkontür stand und sich mit Scherchen -und Feile, seinem schönen Samtnecessaire entnommen, die -Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer Art von Schrecken, dem -neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel <a id="corr-67"></a>ihn an: -ein Schwindel in des Wortes schwankender Doppelbedeutung -von Taumel und Betrug, das wirbelige Nicht-mehr-unterscheiden -<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a> -von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und -Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt. -</p> - -<p> -Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch -nicht schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen -wir nicht verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an -solchen mystischen Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und -geflissentlich hervorrief, oft doch auch durch gegenteilige Bemühungen -zu sühnen suchte. Er konnte sitzen, seine Uhr in -der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr, deren -Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, -– und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen -Ziffern doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, -auf der die beiden zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger -auseinander wiesen und der dünne Sekundenzeiger den geschäftig -pickenden Gang um seine besondere kleine Sphäre tat. Hans -Castorp hielt ihn im Auge, um einige Minuten zu hemmen und -zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das Weiserchen -trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es erreichte, -berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder -anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte, -Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten -oder wenigstens sonst ein winziges Zeichen geben sollen, -daß hier etwas vollendet sei. Doch an der Art, wie es sie rasch, -nicht anders als jedes andere unbezifferte Strichelchen, überschritt, -erkannte man, daß ihm die ganze Bezifferung und Gliederung -seines Weges nur <em>unterlegt</em> war, und daß es eben nur -ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein Glashüttenerzeugnis -wieder in der Westentasche und überließ die Zeit sich selbst. -</p> - -<p> -Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen -faßlich machen, die in dem inneren Haushalt des jungen -<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a> -Abenteurers sich vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen -Identitäten. War es bei einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, -ein Jetzt gegen eines von gestern, von vor- und vorvorgestern -abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein Ei dem andern, so -war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine Gegenwart -mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem -Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. -Sofern jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch -und Wieder und Künftig gesondert blieben, schlich eine Versuchung -sich ein, Beziehungsnamen, mit denen das „Heute“ sich -Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom Leibe hält, das -„Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern und -sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären -Wesen denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit -bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das -flinke Getrippel unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit -des Stundenmessers hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, -mit deren Raum sich eine Zeit von gewaltigem Gange -verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben noch“ und -„Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem -Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das -wäre, sagen wir, nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines -duldsamen Relativismus beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, -sittlich“, auch als legitim, gesund und achtbar anzusprechen. -Was aber soll man von einem Erdensohne denken, des Alters -obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein Monat, ein -Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben -so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der -eines Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen -der Lust nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ -<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a> -und „Morgen“ für „Übers Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft -das Urteil „Verirrung und Verwirrung“ und damit -höchste Besorgnis am Platze. -</p> - -<p> -Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände -(wenn man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns -vorschwebenden Falle), unter denen eine solche Verwirrung -und Verwischung der zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur -schwindligen Einerleiheit gewissermaßen von Natur und Rechtes -wegen statthat, so daß denn ein Untertauchen in ihrem Zauber -für Ferienstunden allenfalls als statthaft gelten möge. Wir -meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein Sichbefinden, -dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, -– wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an -heimatliche Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir -vertrauen, daß auch Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns -nicht im Stiche lassen werde, wenn wir auf diese wundersame -Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und gehst ... du wirst -von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause zurückkehren, -denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. -O Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere -Gedanken, unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise -sollst du in unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du -es im stillen immer warst und bist und sein wirst ... Sausende -Öde, blaß hellgrau überspannt, voll herber Feuchte, von der ein -Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir gehen, gehen -auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln bestreutem -Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen, -weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und -ohne Tücke den Raum durchfährt und eine sanfte Betäubung -in unserem Kopfe erzeugt, – wir wandern, wandern und sehen -<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a> -die Schaumzungen der vorgetriebenen und wieder rückwärts -wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung siedet, -hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf -den flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken -draußen, und dieses wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse -sperrt unser Ohr für jede Stimme der Welt. Tiefes Genügen, -wissentlich Vergessen ... Schließen wir doch die Augen, -geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig graugrünen -Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont -verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein -Dort? Wie weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige -Weise entzieht es sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie -weit dies Schiff vom Ufer entfernt ist, müßtest du wissen, wie -groß es an sich selber als Körper ist. Klein und nahe oder groß -und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick, denn aus dir -selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid ... -Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht -dahin. Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, -vorhin wie jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des -Raumes ertrinkt die Zeit, Bewegung von Punkt zu Punkt ist -keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit regiert, und wo Bewegung -nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit. -</p> - -<p> -Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine -Illusion, ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis -einer Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein -der Dinge ein stehendes Jetzt. War er am Meere spaziert, der -Doktor, der diesen Gedanken zuerst empfing, – die schwache -Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir wiederholen -jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da sprechen, -Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist -<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a> -so rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im -warmen Sand. An den menschlichen Erkenntnismitteln und --formen Kritik zu üben, ihre reine Gültigkeit fraglich zu machen, -wäre absurd, ehrlos, widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn -damit verbunden wäre, als derjenige, der Vernunft Grenzen -anzuweisen, die sie nicht überschreitet, ohne sich der Vernachlässigung -ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu machen. Wir -können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein, -wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, -und den er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind -des Lebens“ angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer -Entschiedenheit als „Das Böse“ kennzeichnete. Und wir -ehren das Andenken eines uns lieben Verstorbenen am besten, -indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel des kritischen -Prinzips nur eines sein kann und darf: der Pflichtgedanke, der -Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit die Grenzen -der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen Grenzen -die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische -Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu -tun. Soll man es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto -setzen und annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen -Zeitwirtschaft, seinem schlimmen Getändel mit der Ewigkeit -bestärkt, daß, was ein melancholischer Schwadroneur -seines militärischen Vetters „Biereifer“ genannt, letalen Ausgang -genommen hatte? -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-2"> -Mynheer Peeperkorn -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang -Gast des Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht -<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a> -das Beiwort „international“ in seinem Schilde führte. Peeperkorns -leicht farbige Nationalität – denn er war ein Kolonial-Holländer, -ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer – würde -uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß -er, so bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich -mit einem Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen -wir, noch nicht bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere -Geschichte einzuführen; denn du großer Gott, in was für -Tinten und Abschattungen spielte nicht die Gesellschaft des bewährten -Instituts, das Hofrat Doktor Behrens in vielzüngiger -Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht genug, daß neuerdings -hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend war, dieselbe, -die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr und -die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person -mit nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem -Haar, die, von den Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie -Pariser Toiletten trug, in Herrensakko und gebügelten Hosen -umherging, übrigens von der Männerwelt nichts wissen wollte, -sondern ihre zugleich träge und heftige Huld ausschließlich einer -rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht Frau Landauer -hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer -Hoheit willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit -geradezu den Narren spielte: nicht genug also mit ihr -persönlich, so befand sich unter ihrem kleinen Gefolge auch noch -ein verschnittener Mohr, ein kranker, schwacher Mensch, der -aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern gehechelten Grundverfassung -am Leben mehr zu hängen schien als irgend jemand, -und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von seinem -Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet -hatte ... -</p> - -<p> -<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a> -Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer -Peeperkorn fast farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt -unserer Erzählung, wie ein früherer, die Überschrift „Noch jemand“ -tragen könnte, so braucht deshalb niemand zu besorgen, -daß hier abermals ein Veranstalter geistiger und pädagogischer -Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer Peeperkorn -war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die -Welt zu tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir -sehen werden. Daß gleichwohl schwere Verwirrung von seiner -Person auf unseren Helden ausging, begreift sich aus folgendem. -</p> - -<p> -Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station -„Dorf“ ein, wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in -demselben Schlitten nach Haus Berghof, woselbst er mit ihr -zusammen im Restaurant das Abendessen einnahm. Es war -eine mehr als gleichzeitige, es war eine <em>gemeinsame</em> Ankunft, -und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in -der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der -Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt, -gegenüber dem Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów -seine wilden und zweideutigen Aufführungen veranstaltet -hatte, – diese Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans -Castorp verstörte, da dergleichen seiner Voraussicht entgangen -war. Der Hofrat hatte ihm Tag und Stunde von Clawdias -Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp, alter Junge,“ -hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt. Übermorgen -abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s telegraphisch.“ -Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme, -hatte er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon -gewußt hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen -und zusammengehörten, – wenigstens gab er Überraschung -<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a> -vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach der gemeinsamen -Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte. -</p> - -<p> -„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt -hat“, erklärte er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den -Pyrenäen her, nehme ich an. Tja, den müssen Sie nun erst mal -in Kauf nehmen, Sie enttäuschter Seladon, hilft Ihnen alles -nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie. Wie es scheint, haben -sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist schwer reich, -nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen -Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände. -Übrigens kommt er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer -gehörigen alkoholischen Verschleimung scheint malignes Tropenfieber -vorzuliegen, Wechselfieber, verstehen Sie, verschleppt, -hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben müssen.“ -</p> - -<p> -„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab. -„Und du?“ dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt -bist du doch auch nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses -und jenes täuscht, blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen -Ölmalerei. Legst allerlei Schadenfreude in deine Worte, -wie mir scheint, und dabei sind wir doch Leidensgenossen, gewissermaßen -in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser Mann, -entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender -Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man -von ihm gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von -ihm gewonnen habe. Robust und auch wieder spärlich, mit diesen -Eigenschaftswörtern muß man ihn meiner Meinung nach -kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für vereinbar gelten. -Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig da, die -Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind -senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht -<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a> -seitlich, wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren -Gesellschaftsklassen –, und wenn er so dasteht und nach holländischer -Weise am Gaumen redet, dann hat er unleugbar was -recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist schütter, – lang, aber -schütter, daß man die Haare zählen zu können glaubt, und seine -Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe geradezu, ich -kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie immer aufzureißen -sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die -erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine -Stirn laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das -weiße Haar zwar lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben -doch klein und blaß, trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste -verleiht ihm was Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert -ist. Das ist mein Eindruck von heute morgen.“ -</p> - -<p> -„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete -Behrens, „und sich den Mann gut angesehen in seiner -Eigenart, was ich vernünftig finde, denn Sie werden sich mit -seinem Vorhandensein arrangieren müssen.“ -</p> - -<p> -„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist -ihm überlassen geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten -Gastes ein ungefähres Bild zu zeichnen, und er hat seine -Sache nicht schlecht gemacht, – wir hätten sie auch nicht wesentlich -besser machen können. Allerdings war sein Beobachtungsposten -der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er während -Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich -nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand -– nur daß der andere etwas weiter gegen die Verandatür sich -vorschob – und Hans Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach -dem Saalinnern gelegenen Schmalseiten einnahmen, so saßen -sie sozusagen nebeneinander, Hans Castorp etwas hinter dem -<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a> -Holländer, was eine unauffällige Exploration erleichterte, – -während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg vor -sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen, -daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß -und fleischig und sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger -Lippenbildung, gleichsam zerrissen war. Ferner waren -seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit langen, spitz zulaufenden -Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer beim Sprechen -– bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans Castorp -dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu auserlesenen, -die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat -nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden -eines Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen -zum Kreise gekrümmt oder die flache Hand – breit, aber nagelspitz -– behütend, abdämpfend, Achtsamkeit fordernd ausgebreitet, -– um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er hervorgerufen, -durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten -Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu -enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln; -denn die Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung -ersetzte in hohem Grade noch nachträglich, was ausblieb, und -wirkte befriedigend, unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst. -Zuweilen erfolgte die Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart -seine Hand auf den Unterarm seines Nachbarn zur Linken, eines -jungen bulgarischen Gelehrten, oder auf den Madame Chauchats -zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg aufwärts, -Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er -im Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß -die rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln -laufenden Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so -<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a> -Gefesselten auf das Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen -Lippen, geöffnet, im Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu -entlassen. Nach einer Weile jedoch atmete er aus, verzichtete, -winkte gleichsam „Rührt euch“ und wandte sich unverrichteterdinge -seinem Kaffee wieder zu, den er sich extra stark, in einer -eigenen Maschine, hatte servieren lassen. -</p> - -<p> -Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte -mit der Hand die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der -Dirigent, der das Durcheinander der stimmenden Instrumente -zum Schweigen bringt und sein Orchester, kulturell gebietend, -zum Beginn der Aufführung sammelt, – denn da sein großes, -vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen Augen, -den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem bloßliegenden -wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte, -so fügte alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen -ihn lächelnd an, warteten, und da und dort nickte einer ihm zur -Ermunterung lächelnd zu. Er sagte mit ziemlich leiser Stimme: -</p> - -<p> -„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen -Sie jedoch ins Auge fassen und nicht – keinen Augenblick – -außer acht lassen, daß – Doch über diesen Punkt nichts weiter. -Was auszusprechen mir obliegt, ist weniger jenes, als vor allem -und einzig dies, daß wir verpflichtet sind, – daß der unverbrüchliche -– ich wiederhole und lege alle Betonung auf diesen Ausdruck -– der <em>unverbrüchliche</em> Anspruch an uns gestellt ist – – -<em>Nein!</em> Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich -etwa – Wie weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–<em>ledigt</em>, -meine Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß -uns einig in alldem, und so denn: zur Sache!“ -</p> - -<p> -Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft -bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen -<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a> -entschieden, eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und -auch der lauschende Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen -zu haben meinten oder, sofern ihnen das Ausbleiben sachlicher -und zu Ende geführter Mitteilung bewußt geworden -war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie -einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich -gegrämt, weil er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte -gemacht und sich eingebildet hätte, durch sein Gebrechen -geistig zu kurz zu kommen. Solche Leute neigen zu Mißtrauen -und Bitterkeit. Ein junger Chinese dagegen, am anderen Tischende, -der des Deutschen noch wenig mächtig war und nicht verstanden, -aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine erfreute -Befriedigung durch den Ruf: „<span class="antiqua" lang="en">Very well!</span>“ – und applaudierte -sogar. -</p> - -<p> -Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich -auf, dehnte die breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock -über der geschlossenen Weste zu, und sein weißes Haupt war -königlich. Er winkte eine Saaltochter heran – es war die Zwergin -–, und obgleich sehr beschäftigt, folgte sie sofort seinem bedeutenden -Zeichen und stellte sich, Milch- und Kaffeekanne in -Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht umhin, ihm -mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd zuzunicken, -in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter -den mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren -Zeigefinger sich mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während -die drei übrigen Finger aufwärts standen, von den Lanzenspitzen -der Nägel überragt. -</p> - -<p> -„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie -sind klein, – was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es -positiv, ich danke Gott dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und -<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a> -durch Ihre charaktervolle Kleinheit – Nun gut denn! Auch -was ich von Ihnen wünsche, ist klein, klein und charaktervoll. -Vor allem, wie heißen Sie?“ -</p> - -<p> -Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia -sei. -</p> - -<p> -„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die -Stuhllehne zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte. -Er rief es mit einer Betonung, als wollte er sagen: -Aber was wollen Sie denn? Alles steht wundervoll! – „Mein -Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit Strenge fort, „– das -übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie sprechen -es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung -mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten -Möglichkeiten. Er ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und -alles Gefühl seiner Brust daransetzt, um – in der Koseform -– Sie verstehen mich wohl, mein Kind: in der <em>Kose</em>form – -möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre erwärmend, -– für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen. -Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine -Liebe. Halt! Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! -Ich sehe es deinem verhältnismäßig großen Gesichte -an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen, aber nicht gebackenes -Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in allerlei Gestalt. -Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares Brot, -kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, -ob Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen, -‚Herzstärkung‘ dafür einzusetzen, liefe hier nicht die -neue Gefahr mit unter, es im Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit -– Er–ledigt, Rentia. Erledigt und ausgeschlossen. Vielmehr -im Sinn unserer Pflicht und heiligen Verbindlichkeit – -<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a> -Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld, mich deiner -charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens – Einen -Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer, -Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“ -</p> - -<p> -„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich -einmal um sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu -werden, und stellte sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben -sein Besteck, offenbar, weil sie Herrn Peeperkorn nicht damit -behelligen mochte. Sie eilte, und ihr Auftraggeber erhielt sofort -das Gewünschte. Das Gläschen war so voll geschenkt, daß -das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den Teller -benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob -es gegen das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn -sich mit einem Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat, -nachdem er es kurz gekaut. „Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie -alle mit erquickten Augen an.“ Und er nahm Frau Chauchats -Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und legte sie dann -zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen ließ. -</p> - -<p> -Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher -Mann. Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil -an ihm. Er habe sich kürzlich von den Kolonialgeschäften -zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins Trockene gebracht. -Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und seiner -Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen „Geld-Magneten“ -(Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei -auf eine Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit -ihrer Heimkehr zum Abendkleide trug, und die nach Karolinens -Meinung wohl kaum als Zeugnis transkaukasischer Gattengalanterie -verstanden werden durfte, sondern der „gemeinsamen -Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich -<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a> -mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer -Betrübnis den Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch -Krankheit und Leiden, seine Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung -ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er verbesserte -ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich -versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch -nicht schlecht, denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. -Auch der Lehrerin Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel -lächelnd und ohne ihn anzusehen befragte, wie der neue Gast -ihm behage, antwortete er mit gut bewahrtem Gleichmut. -Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte Persönlichkeit“, sagte -er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die Genauigkeit dieser -Kennzeichnung bewies Objektivität und damit Gemütsruhe; sie -warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar Ferdinand -Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten -Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt -war, so bewies hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die -an präziser Eindeutigkeit um kein Haar dem artikuliertesten -Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte der Blick, mit dem -er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß jeder auch -nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal anerkannte -denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte -sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber -doch von nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit -Naphta, Settembrini und Ferge Hans Castorps Paletot zu -tragen. -</p> - -<p> -In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn -sogar lieber selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem -Elenden dann und wann überlassen. Das aber verkennt wohl -niemand in unserer Runde, daß Hans Castorp hart betroffen -<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a> -war durch jene völlig unvorhergesehenen Umstände, die alle -Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das Wiedersehen -mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich -getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und -darin lag das Beschämende. -</p> - -<p> -Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, -weit entfernt von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran, -daß er Clawdia etwa vom Bahnhof hatte abholen wollen, -– und ein Glück nur, daß er diesen Gedanken nicht hatte aufkommen -lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß gewesen, -ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die phantastischen -Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen -Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie -wünschen werde, unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine -Zudringlichkeit, kein plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß -sein Verhältnis zu der schrägäugigen Kranken die Grenzen -abendländischer Vernunft und Gesittung dem Wesen nach hinter -sich ließ, – in der Form war vollkommenste Zivilisation und -für den Augenblick sogar der Schein der Gedächtnislosigkeit zu -wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch – fürs erste -nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer Gelegenheit, -unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden -seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner -Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben. -</p> - -<p> -All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch, -daß ihm die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit -genommen war. Die Gegenwart Mynheer Peeperkorns -schaltete die Möglichkeit einer Taktik, die <em>nicht</em> in äußerster -Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich aus. Hans -Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den -<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a> -Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische -Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen -auf dem Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife -heraufkommen sehen, und zuseiten Clawdias im Fond -hatte, Hut in der Stirn, der Fremde gesessen. Diese Nacht hatte -Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen hatte es keine -Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden Mitkömmlings -zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß -beide im ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten -bezogen hätten. Dann war das erste Frühstück gekommen, bei -dem er, zeitig an seinem Platze und blaß genug, auf das Zufallen -der Glastür gewartet hatte. Es war ausgeblieben. Clawdias -Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn hinter ihr hatte -Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß, breit und -hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den -Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem -Katzentritt, vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. -Ja, sie war es, unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen -umfaßte Hans Castorp sie mit seinem übernächtigen -Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter kunstreich frisiertes, -sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes Haar, es -waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre -Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung -der Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der -Wangen selbst bewirkte ... Clawdia! dachte er erschauernd, – -und er faßte den Unerwarteten ins Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges -Kopfaufwerfen gegen die maskenhafte Großartigkeit -seiner Erscheinung<a id="corr-71"></a>, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz, sich -lustig zu machen über die Großmächtigkeit eines gegenwärtigen -Besitzrechtes, das durch gewisse Vergangenheiten in ein recht -<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a> -schiefes Licht gesetzt wurde: <em>gewisse</em> Vergangenheiten in der -Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der dilettantischen -Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu beunruhigen -vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen -den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft -zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und -Peeperkorn leistete ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter -ihr stehend die kleine Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich -danach an seinem Tischende zu Clawdias Seite niederzulassen. -</p> - -<p> -Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu -Tisch. Clawdias Augen waren bei der „Vorstellung“ über -Hans Castorps Person wie über seinen ganzen Ort in fernere -Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei der folgenden Zusammenkunft -im Speisesaal war es nicht anders gewesen; und -je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders -begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen -von Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des -Essens einmal umwandte, desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß -noch anzubringen. Während der kurzen Abendgeselligkeit -hielten die Reisegefährten sich in dem kleinen Salon: -Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer Tischgenossen, -und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet -gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines -Kinnbartes abstach, trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er -sich zum Diner hatte geben lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank -er eine, auch anderthalb oder zwei, zu schweigen von dem -„Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück begann. Offenbar -war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem -Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee -führte er sie sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, -<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a> -sondern auch mittags trank er ihn aus großer Tasse, – nicht -nach der Mahlzeit, sondern während ihrer und neben dem Wein. -Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen, sei gut gegen das Fieber, -– von aller labenden Wirkung ganz abgesehen, sehr gut -gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am -zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte. -Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer -ungefähr viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann -als ein Glühen und dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene -Milz sollte er davon haben. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-3"> -<span class="antiqua" lang="fr">Vingt et un</span> -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis -vier, von uns aus geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil -und messenden Sinn unmöglich verlassen können. Sie glitten -dahin, ohne neue Veränderung zu zeitigen, sie zeitigten auf -seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen Trotz gegen unvorgesehene -Umstände, die ihm eine verdienstlose Zurückhaltung -auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter -Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an -das störende Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen -und undeutlichen Mannes, – störend in der Tat auf viel derbere -Weise, als etwa Herr Settembrini „hier gestört“ hatte, in alten -Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben sich senkrecht zwischen -Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen Falten betrachtete -er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin, -sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für -eine großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes -Licht die Vergangenheit auf sie warf. -</p> - -<p> -<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a> -Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß -einmal geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle -und Zimmern sich reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik -gegeben, Zigeunerweisen, von einem ungarischen Studenten -auf der Geige keck exekutiert, worauf Hofrat Behrens, der ebenfalls -mit Doktor Krokowski auf eine Viertelstunde erschienen -war, irgend jemanden genötigt hatte, in der tieferen Lage des -Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen, während er -selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf -hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden -Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem -Applaus, mit wohlwollendem Kopfschütteln, das dem -eigenen Übermut galt, verließ der Hofrat danach die Konversationsräume. -Die Geselligkeit aber spann sich hin, noch wurde -fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür gefordert -worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit -Getränken, unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und -plauderte da und dort. Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches -hatte sich unter die Gruppen der Halle und des Klavierzimmers -gemischt. Man sah Mynheer Peeperkorn an verschiedenen -Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu sehen, sein -majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie durch -königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn -umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums -mochten angezogen worden sein, so war es doch sehr bald -seine Persönlichkeit selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd -standen sie und nickten ihm zu, ermunternd und selbstvergessen; -gebannt durch sein fahles Auge unter den mächtigen Stirnfalten, -in Spannung gehalten durch die Eindringlichkeit seiner langnägeligen -Kulturgebärden und ohne über die unverständliche -<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a> -Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche Unbrauchbarkeit -dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten Enttäuschungsgefühles -bewußt zu werden. -</p> - -<p> -Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp -um, so finden wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem -Gesellschaftsraum, wo ihm einst (dies Einst ist vage; Erzähler, -Held und Leser sind nicht mehr ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) -gewichtige Eröffnungen über die Organisation -des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es war -stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt. -Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an -einem der Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der -Nase blätterte an der Bibliothek sitzend in einem illustrierten -Bande. Hans Castorp saß in der Nähe des offenen Durchganges -zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere zugewandt, -mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden -hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man -ihn sehen will, mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. -Der junge Mann hielt seine Zeitung zwar so, wie man -sie hält, um zu lesen, las aber nicht, sondern lauschte mit schrägem -Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch durchsetzte -Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen -darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, -und daß seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige -Wege der Enttäuschung durch Umstände, die einen jungen -Mann, der große Wartezeit auf sich genommen, am Ende dieser -Wartezeit schmählich zum Narren hielten, – bittere Wege -des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis zu -dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen -zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, -<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a> -durch die nach der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende -Einsamkeit der Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, -gegen diese verpfuschte Geselligkeit einzutauschen. -</p> - -<p> -„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem -Kopf, eine Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme -für sein Ohr, das nun einmal geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung -als extreme Annehmlichkeit zu empfinden – den Begriff -des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel getrieben -–, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern. -Aber mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme, -und wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim -gefragt. -</p> - -<p> -Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht -etwas höher, so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel -an der steilen Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen -ein wenig, tat sie aber gleich wieder auf, um sie schräg aufwärts, -in der Richtung, die seinem Blick durch die Haltung seines -Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu richten. -Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast -etwas Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte -noch einmal fragen, doch das geschah nicht. So war er nicht -einmal sicher, ob sie noch hinter ihm stände, als er nach geraumer -Zeit, mit sonderbarer Verspätung und halber Stimme -zur Antwort gab: -</p> - -<p> -„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“ -</p> - -<p> -Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war, -das wieder zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie -aus Mangel an Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke -des Mitgefühls wählte, als sie hinter und über ihm sagte: -</p> - -<p> -<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a> -„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit -wann?“ -</p> - -<p> -„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter. -Es war ihm ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei -Ehrensalven über seinem Grabe abgegeben worden.“ -</p> - -<p> -„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als -andere Leute, gewisse andere.“ -</p> - -<p> -„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem -Biereifer. Aber sein Körper wollte es anders. <span class="antiqua" lang="la">Rebellio carnis</span>, -heißt es bei den Jesuiten. Er war immer körperlich gesinnt, -auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper hatte Unehrenhaftes -eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein Schnippchen. -Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst zu verderben, -als sich zu bewahren.“ -</p> - -<p> -„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer -Taugenichts. Radamanth? Wer ist das?“ -</p> - -<p> -„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“ -</p> - -<p> -„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ... -Ich liebte ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die -Stimme sprach das Wort „mähnschlich“ aus, mit einer gewissen -trägen und schwärmerischen Dehnung.) „Er war hochmütig.“ -(Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist nicht mehr -da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“ -</p> - -<p> -„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir -haben weitläufig philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta -und ich.“ -</p> - -<p> -„Wer ist Naphta?“ -</p> - -<p> -„Sein Widersacher.“ -</p> - -<p> -„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft -machen. – Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr -<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a> -Vetter sterben würde, wenn er versuchte, in der Ebene Soldat -zu sein?“ -</p> - -<p> -„Ja, du hast es gewußt.“ -</p> - -<p> -„Was fällt Ihnen ein!“ -</p> - -<p> -Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete, -den Wirbel gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf -das Wiederlautwerden der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie -noch hinter ihm sei, befürchtend, das abgerissene Musizieren -nebenan möchte das Geräusch sich entfernender Schritte verschlungen -haben. Endlich jedoch kam es wieder: -</p> - -<p> -„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters -gefahren?“ -</p> - -<p> -Er antwortete: -</p> - -<p> -„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß, -da er anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine -Stirne war.“ -</p> - -<p> -„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, -die man kaum kennt!“ -</p> - -<p> -„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich -dehnte auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr -wie jemand, der sich reckt und gähnt.) -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Quelle blague!</span> – Sie waren immer hier?“ -</p> - -<p> -„Ja. Ich habe gewartet.“ -</p> - -<p> -„Worauf?“ -</p> - -<p> -„Auf dich.“ -</p> - -<p> -Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit -dem Worte „Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen -haben.“ -</p> - -<p> -„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn. -Aber es wäre nur wilde Abreise gewesen. Denn außer -<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a> -den alten Narben von früher her, aus meiner Schulzeit, du -weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens gefunden hat, und -die mir das Fieber macht.“ -</p> - -<p> -„Immer noch Fieber?“ -</p> - -<p> -„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist -kein Wechselfieber.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Des allusions?</span>“ -</p> - -<p> -Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick. -Nach einer Weile fragte er: -</p> - -<p> -„Und wo warst <em>du</em>?“ -</p> - -<p> -Eine Hand schlug auf die Stuhllehne. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Mais c’est un sauvage!</span> – Wo ich war? Überall. In -Moskau“ (die Stimme sagte „Muoskau“, – es war eine -ähnlich träge Dehnung wie die von „mähnschlich“), „in Baku, -in deutschen Bädern, in Spanien.“ -</p> - -<p> -„O, in Spanien. Wie war es?“ -</p> - -<p> -„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren. -Kastilien ist sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das -Schloß oder Kloster dort am Fuß des Gebirges ...“ -</p> - -<p> -„Der Eskorial.“ -</p> - -<p> -„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir -hat viel besser gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana, -zum Dudelsack. Ich habe selbst mitgetanzt. Alle fassen -sich an und tanzen Ringelreihn. Der ganze Platz ist voll. <span class="antiqua" lang="fr">C’est -charmant.</span> Es ist mähnschlich. Ich habe mir eine kleine blaue -Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des Volks sie -tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der Liegekur -und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“ -</p> - -<p> -„Welcher Monsieur?“ -</p> - -<p> -„Der hier im Stuhl.“ -</p> - -<p> -<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a> -„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“ -</p> - -<p> -„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“ -</p> - -<p> -„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende -gesprochen, daß man ihn verstehen konnte?“ -</p> - -<p> -„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft -sein, beißend. Man versucht, sich lustig zu machen über Leute, -die viel größer und besser und mähnschlicher sind als man selber -mitsamt seinem ... <span class="antiqua" lang="fr">avec son ami bavard de la Méditerranée, -son maître grand parleur</span> ... Aber ich werde nicht erlauben, -daß man meine Freunde –“ -</p> - -<p> -„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die -Stimme in schwermütigem Tonfall. -</p> - -<p> -Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“ -</p> - -<p> -„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine -Staffelei auf meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“ -</p> - -<p> -Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte -sich nach seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere -war er hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit -dem er sie hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, -und zwar dicht vor Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch -seinen Somnambulismus nicht an der Einsicht gehindert, daß -es nun aufzustehen und höflich zu sein gelte, Mühe hatte, zwischen -den beiden von seinem Stuhle emporzukommen, – er -mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die -handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in -ihrer Mitte. -</p> - -<p> -Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten -Abendlandes, indem sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein -Bekannter von früher her, sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, -– aus Tagen ihres vorigen Aufenthalts. Herrn Peeperkorns -<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a> -Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie nannte seinen Namen, -und der Holländer, den blassen Blick unter dem idolhaften -Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und -Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die -Hand, deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, -dachte Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen -beiseite ließ. Zum erstenmal stand er unter der unmittelbaren -Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger Persönlichkeit („Persönlichkeit“ -– man hatte das Wort beständig im Sinne angesichts -seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine Persönlichkeit, -wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, -daß eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen -könne als er), und seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich -erdrückt von dem Gewicht dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, -weißumlohten Sechzig, mit dem weh zerrissenen Munde und -Kinnbart, der lang und schmal auf die geistlich geschlossene -Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die Artigkeit selbst. -</p> - -<p> -„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie -mir, – durchaus! Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, -– die Bekanntschaft eines vertrauenerweckenden jungen Mannes, -– ich tue es mit Bewußtsein, mein Herr, ich bin mit ganzer -Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein Herr; ich – bitte -sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“ -</p> - -<p> -Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren -allzu peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn -zog Folgerungen daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, -und die durch den Mund seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße -Ergänzung fanden. -</p> - -<p> -„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – -ich bitte mich wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser -<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a> -Vermögen, seinen Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun -einmal – Das sind Tatsachen, mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. -Kurzum, mein Kind, kurzum und gut. –“ Er verharrte -in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die Verantwortung -ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises ein entscheidender -Fehler begangen werden sollte. -</p> - -<p> -Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner -Wünsche aufs halbe Wort zu unterscheiden. Sie sagte: -</p> - -<p> -„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, -vielleicht ein Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. -Was stehen Sie?“ wandte sie sich an Hans Castorp. „Regen -Sie sich! Wir werden nicht zu dreien bleiben, wir müssen -Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon? Engagieren -Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den Balkons. -Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“ -</p> - -<p> -Peeperkorn rieb sich die Hände. -</p> - -<p> -„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger -Freund! Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir -werden spielen und essen und trinken. Wir werden fühlen, daß -wir – Absolut, junger Mann!“ -</p> - -<p> -Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er -klopfte bei A. K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal -und Herrn Albin aus ihren Stühlen in der unteren Liegehalle -holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant und das Ehepaar -Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld noch -im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein -geräumiger Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen -und kleinen Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden -Gast, der sich zugesellte, blassen und höflichen Blickes, unter -<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a> -aufmerksam emporgezogenen Stirnarabesken. Zu zwölf Personen -ließ man sich nieder, Hans Castorp zwischen dem majestätischen -Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und Spielmarken -wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige -Gänge <span class="antiqua" lang="fr">Vingt et un</span> geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner -bedeutsamen Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen -weißen Chablis vom Jahre 06, drei Flaschen fürs erste, und -Süßigkeiten dazu, was eben an gedörrtem Südobst und Konfiserie -würde aufzutreiben sein. Das Händereiben, mit dem er -die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen wurden, war voll -von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art abrissen, -suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen -in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung -in Frage kam. Er legte beide Hände auf die Unterarme -seiner Nachbarn, hob den lanzenspitzen Zeigefinger und forderte -mit umfassendem Erfolge die höchste Aufmerksamkeit für -die herrliche Goldfarbe des Weins in den Römern, für den -Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine gewisse Art -kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem -er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa -hätte regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im -Keime erstickte. Er war es, der als erster die Bank übernahm; -doch trat er sie bald an Herrn Albin ab, da, wenn man -ihn recht verstand, das Amt ihn am freien Genusse der Umstände -hinderte. -</p> - -<p> -Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte -um nichts, seiner Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als -kleinsten Einsatz ausgerufen nach seinem Vorschlage, doch war -das sehr viel für die Mehrzahl der Beteiligten; Staatsanwalt -Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden abwechselnd rot -<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a> -und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren Kämpfen, -wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen -sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter -Routine eine Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und -über zuschanden machte, und Peeperkorn lachte herzlich darüber. -</p> - -<p> -„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es -klingt schrill und lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken -Sie, laben Sie Ihr Herz zu neuen –“ Und er schenkte ihr ein, -schenkte auch seinen Nachbarn und sich selber ein, bestellte drei -neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der innerlich verödeten -Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am bedürftigsten -schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und -höher von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme -desjenigen Doktor Ting-Fus, das unveränderlich gelb -blieb, mit jettschwarzen Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem -Kichern sehr hohe Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem -Glück. Andere wollten nicht zurückstehen. Staatsanwalt -Paravant forderte schwimmenden Blickes das Schicksal -heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig hoffnungsvolle -Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und -gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen -auf ein As, das er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen, -verdoppelt zurück. Das waren Erschütterungen, die sich nicht -auf die Person dessen beschränkten, der sie sich bereitete. Der -Kreis nahm teil daran, und selbst Herr Albin, der an kalter -Umsicht mit den Croupiers des Kasinos von Monte Carlo -wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war seiner Erregung -nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte -hoch; ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu -<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a> -den „Touren“ über, spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante, -deine Tante“ und das gefährliche „Différence“. Jubel und -Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und hysterische -Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das -bübische Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie -waren echt und ernst, – nicht anders hätten sie lauten können -in den Wechselfällen des Lebens selbst. -</p> - -<p> -Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das -Spiel und der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises, -diese Erhitzung der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden -Augen oder das zeitigten, was man die Angestrengtheit -der kleinen Gesellschaft, ihr In-Atem-gehalten-sein, ihre fast -schmerzhafte Konzentration auf den Augenblick hätte nennen -können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung einer Herrschernatur -unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“ -unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen, -der die Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und -alle durch das Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen -Blick unter dem monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch -sein Wort und die Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den -Bann der Stunde zwang. Was sagte er? Höchst Undeutliches, -und desto Undeutlicheres, je mehr er trank. Aber man hing an -seinen Lippen, starrte lächelnd und mit emporgerissenen Brauen -nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit seinem Daumen -bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz -aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend -arbeitete, und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst -anhalten, der weit das Maß von hingebender Leidenschaft -überstieg, das diese Leute sich sonst zuzumuten gewöhnt waren. -Er ging über die Kräfte einzelner, dieser Dienst. Frau Magnus -<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a> -wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht hinzuschwinden, -weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen, -sondern begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue, -woselbst man ihre Stirn mit einer nassen Serviette versah, und -von wo sie nach einiger Erholung in den Kreis zurückkehrte. -</p> - -<p> -Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr -zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit -erhobenem Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man -müsse essen, ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht -werden zu können, so gab er zu verstehen, und bestellte Stärkung -für die Runde, eine Kollation, Fleisch, Aufschnitt, Zunge, -Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, – Platten voll fetter -Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und Petersilie -garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie, -eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen -Gediegenheit kein Wort verloren zu werden braucht, frohen -Zuspruch fanden, erklärte Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen -Bissen für „Firlefanz“ – und zwar mit einem Zorn, der -die beängstigende Unberechenbarkeit seiner Herrschernatur bekundete. -Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in Schutz -zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er -schlug mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten -Quark erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, -da er am Ende als Spender und Wirt das Recht -hatte, seine Gaben zu beurteilen. -</p> - -<p> -Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, -ihm vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich -bekennen mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn -nicht, wirkte in seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen -Weinmengen in Beziehung zu setzen niemand in seinem Herzen -<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a> -sich unterstand, so groß und königlich, daß alle sich duckten und -jedermann sich hütete, von den Fleischwaren noch einen Bissen -zu nehmen. Frau Chauchat war es, die ihren Reisegefährten -beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach dem Schlag auf -dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd, -man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht, -wenn er wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen -sein werde. „Mein Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und -mühelos, in voller Würde fand er den Übergang von schwerem -Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er Clawdias Hand -küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für jedermann -eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen -gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung -einen Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal -zum Unterbrechen des Feierabends zu bestimmen. -</p> - -<p> -Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende -Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und -grün gesprenkelt, einen weichlich warmen Duft von Eiern und -Butter im Zimmer verbreitend. Man griff zu, gemeinsam mit -Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm, der mit abgerissenen -Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann -zu aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe -anhielt. Er ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle -Runde, und zwang alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft -nach Getreide mit einem zarten Einschlag von Wacholder entströmte, -mit gespannter Andacht zu sich zu nehmen. -</p> - -<p> -Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den -Mundstückzigaretten zu, die sie in einer russischen, mit einer -dahinsausenden Troika geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit -vor sich auf den Tisch gelegt hatte, und Peeperkorn -<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a> -tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich diesem Vergnügen überließen, -rauchte aber selbst nicht, tat es niemals. Verstand man -ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum bereits -den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen -Raub an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute, -jener Gaben und Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer -Gefühlskraft doch kaum gelinge. „Junger Mann,“ sagte er -zu Hans Castorp, indem er ihn mit seinem blassen Blick und -seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, – das Einfache! -Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche -Wein, ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen -und genießen wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir -ihm wahrhaft Genüge, bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt. -Ich habe Personen gekannt, Männer und Frauen, Kokainesser, -Haschischraucher, Morphinisten – Gut, lieber Freund! -Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und richten. -Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, -dem Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles – -Erledigt, mein Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren -ihm alles schuldig geblieben! Wie Sie auch heißen mögen, -junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt, ich habe es -wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht im -Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die -nicht vergeben werden kann, sie beruht –“ -</p> - -<p> -Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, -verharrte er in mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu -verstehen zwang, den Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig -zerrissenem Munde unter der nackten und roten, von der Rasur -etwas wunden Oberlippe, angestrengt emporgezogen das -lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten Stirn, -<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a> -erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp -etwas wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen -Versündigung, dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt -hatte, und das in seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit -der ganzen bannenden Kraft einer undeutlichen Herrschernatur -schweigend befahl ... Entsetzen, dachte Hans Castorp, von -sachlicher Art, aber auch etwas wie persönliches Entsetzen, ihn -selbst, den königlichen Mann, betreffend, – <em>Angst</em> also, aber -nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie panischer -Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf, und -Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, -aller Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits -gegen Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden -waren, diese Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen. -</p> - -<p> -Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn -die Genugtuung des Verständnisses zu bereiten. -</p> - -<p> -„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und -ein Zeichen von Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, -ohne den einfachen und natürlichen Gaben des Lebens, die so -groß und heilig sind, gerecht geworden zu sein. Dies ist Ihre -Meinung, wenn ich Sie recht verstehe, Mynheer Peeperkorn, -und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen ist, kann ich -Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf -hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß -diesen gesunden und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit -widerfährt. Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff -und unaufmerksam und gewissenlos und innerlich ausgeleiert, -um sie ihnen widerfahren zu lassen, so wird es wohl sein.“ -</p> - -<p> -Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte -er, „– perfekt. Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. -<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a> -Ich bitte Sie, mit mir zu trinken, das Glas bis zum Grunde zu -leeren, und zwar Arm um Arm. Dies soll noch nicht heißen, -daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich war eben im -Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein wenig zu -überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in -sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie -aber wünschen und darauf bestehen, daß wir sofort –“ -</p> - -<p> -Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn -selbst angeregten Aufschub. -</p> - -<p> -„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. -Gut und schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – -nicht gut. Anforderungen! Heilige, weibliche Anforderungen -des Lebens an Ehre und Manneskraft –“ -</p> - -<p> -Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn -schwer betrunken war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit -nicht gering und beschämend, nicht als Entwürdigungszustand, -sondern verband sich mit der Majestät seiner Natur zu einer -großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung. Auch Bacchus -selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf seine -enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, -und im höchsten Grade kam es darauf an, <em>wer</em> betrunken war, -eine Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, -im Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten -nachzulassen, dessen Kulturgebärden schlaff geworden -waren und dessen Zunge lallte. -</p> - -<p> -„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in -freier und stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf -der Tischplatte ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust -leicht aufschlagend, „– in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, -wenn auch Besonnenheit zunächst noch – gut. Erledigt. -<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a> -Das Leben – junger Mann – es ist ein Weib, ein hingespreitet -Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten und großer, -weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit -schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen -Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforderung -unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer -Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird, – -zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die -Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzulänglichkeit, -für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde -gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen -ist, – er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach -und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, -für diese grauenhafte Blamage. Sie ist das Ende, die -höllische Verzweiflung, der Weltuntergang ...“ -</p> - -<p> -Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper -mehr und mehr zurückgeworfen, während zugleich sein königliches -Haupt sich zur Brust neigte, als wollte er einschlafen. Bei -dem letzten Worte aber ließ er die schlaffe Faust ausholend zu -schwerem Schlage auf den Tisch fallen, so daß der schmächtige -Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von der Eigentümlichkeit -aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig erschrocken -auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie -das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich -nicht, es jemals aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der -Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem -unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donnerwort -wohl zugekommen, wer hatte <em>das Format</em> dafür – um -die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner -wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und -<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a> -scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde -das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte -Wucht, kurz, biblische Größe gewann. „Mein Gott – -eine Persönlichkeit!“ empfand er zum hundertstenmal. „Ich -bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist Clawdias Reisebegleiter!“ -Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er sein -Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der -Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, -die er im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen -sollen, nachdem von berufener Seite Donnerworte gesprochen -worden? Was sollte da noch seine spröde Stimme? Aber an -Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen Erzieher – beide -von Natur demokratisch, obgleich der eine sich sträubte, es zu -sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen Kommentare verleiten. -Er sagte: -</p> - -<p> -„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das -für ein Ausdruck: Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ -über den Weltuntergang?), „führen meine Gedanken noch einmal -auf das zurück, was vorhin über das Laster ausgemacht -wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und, -wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen -Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, -zugunsten der späten und ausgepichten, der Raffinements, -denen man ‚frönt‘, wie einer von uns beiden sich ausdrückte, -während man sich den großen ‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. -Aber hier scheint mir nun eben auch die Entschuldigung -– verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte Natur, -– obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich -deutlich fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, -und zwar gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es -<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a> -nannten, beruht. Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit -Dinge solchen Formates gesagt, daß Sie mich aufrichtig -betroffen sehen davon. Aber ich meine, der Lasterhafte zeigt sich -durchaus nicht unempfindlich für diese Schrecken, sondern im -Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren, indem -das Versagen seines Gefühls vor den klassischen Lebensgaben -ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des Lebens -liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung -davor aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements -ja Rausch- und Erhebungsmittel darstellen, <span class="antiqua" lang="la">stimulantia</span>, -wie man sagt, Stützen und Steigerungen der Gefühlskräfte, -weshalb denn also doch das Leben ihr Zweck und Sinn ist, die -Liebe zum Gefühl, das Trachten der Unzulänglichkeit nach Gefühl ... -Ich meine ...“ -</p> - -<p> -Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit -genug, „einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich -um eine Persönlichkeit und um ihn handelte? Zog er den Mut -zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten, die gewisse gegenwärtige -Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten? Stach ihn der -Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus unverschämte -Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte -er sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß -er Fürchterliches heraufbeschworen. -</p> - -<p> -Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes -in seiner zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem -Kopfe verharrt, so daß man hätte zweifeln können, ob Hans -Castorps Worte in sein Bewußtsein drangen. Jetzt aber, allmählich, -während der junge Mann sich verwirrte, begann er, -sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller -Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot -<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a> -anschwoll, seine Stirnarabesken sich hoben und spannten und -seine kleinen Augen sich zu blasser Drohung erweiterten. Was -bereitete sich vor? Ein Koller, gegen den der vorangegangene -nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im Anzuge. -Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen -die obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn -vorgetrieben wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von -der Tischplatte in Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust -geballt, großartig ausholend zum Vernichtungsschlage gegen -den demokratischen Schwätzer, der, in Schrecken gejagt und doch -auch abenteuerlich erfreut durch das Bild ausdrucksvoll königlichen -Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe hatte, -Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig zuvorkommend: -</p> - -<p> -„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das -Ganze ist eine Frage des Formats, nichts weiter. Man kann -nicht Laster nennen, was Format hat. Das Laster hat niemals -Format. Die Raffinements haben keines. Aber dem menschlichen -Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten her ein Hilfsmittel, -ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand gegeben, -das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den -Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften -trägt, ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen -darf, der Wein also, ein göttliches Geschenk an die Menschen, -wie schon die alten humanistischen Völker behaupteten, die philanthropische -Erfindung eines Gottes, mit der sogar die Zivilisation -zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn -wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und -zu keltern, die Menschen aus dem Stande der Roheit traten -und Gesittung erlangten, und noch heute gelten die Völker, -<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a> -bei denen Wein wächst, für gesitteter, oder halten sich dafür, -als die weinlosen, die Kimerer, was sicher bemerkenswert -ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des -Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr -mit der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem -gelabten Gefühl, – ist das nicht, wenn ich so frei sein darf, -Ihnen die Frage vorzulegen, auch Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“ -</p> - -<p> -Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini -es mit schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein -„Schalk“. Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten -– und geschickt dann auch wieder, wenn es galt, -sich aus der Patsche zu ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster -Lage und aus dem Stegreif, eine Ehrenrettung des Trunkes -mit vielem Anstand vollzogen, hatte ferner, ganz nebenbei, -die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in Mynheer -Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig -zu spüren war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend -gemacht, indem er dem großartig darin Befangenen -eine Frage vorgelegt hatte, die man mit erhobener Faust unmöglich -beantworten konnte. Der Holländer ließ denn auch -nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte -sein Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein -Glück!“ stand in seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich -drohenden Miene zu lesen, das Gewitter verzog sich, -und überdies mischte nun Frau Chauchat sich ein, indem sie -ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall der Geselligkeit -hinwies. -</p> - -<p> -„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie -auf französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem -<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a> -Herrn, mit dem Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen -haben. Aber unterdessen hat das Spiel fast aufgehört, und -ich fürchte, man langweilt sich. Wollen wir den Abend beschließen?“ -</p> - -<p> -Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war -richtig: Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich -gegriffen; die Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte -Schulklasse. Mehrere waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff -sofort die schleifenden Zügel. „Meine Herrschaften!“ rief -er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser lanzenspitze Finger -war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne, sein Ruf -aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers, -der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch -war der Einsatz seiner Persönlichkeit sofort von weckender und -sammelnder Wirkung. Man raffte sich auf, straffte die schlaff -gewordenen Mienen und nickte lächelnd in des mächtigen Wirtes -blasse Augen unter der idolhaften Lineatur seiner Stirn. Er -bannte alle und hielt sie aufs neue zum Dienste an, indem er -die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens senkte und die -anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete die -Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen -weh zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende -Undeutlichkeit dank ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste -Macht über die Gemüter übte. -</p> - -<p> -„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften, -es ist nun einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir – -‚schwach‘, so steht es in der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt, -sich den Anforderungen – Aber ich appelliere an Ihre – -Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich <em>ap–pel–liere</em>. Sie -werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine Herrschaften, -<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a> -perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich veneriere -seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den -– wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben -vom ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten, -meine Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich -erinnern: Gethsemane! ‚Und nahm zu sich Petrum und die -zween Söhne Zebedei. Und sprach zu ihnen: Bleibet hie und -wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu ihnen und -fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht -eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften. -Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber -schlafend, und ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu -ihnen: Ach, wollt Ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die -Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften: Durchbohrend, herzversehrend.“ -</p> - -<p> -Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt. -Er hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen -Kinnbart gefaltet und das Haupt schräg geneigt. Sein blasser -Blick hatte sich gebrochen bei dem, was an einsamem Todesschmerz -von seinen zerrissenen Lippen gekommen. Frau Stöhr -schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer aus. -Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise, -gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte -mit gesenkter Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten, -um ihn der allgemeinen Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse -ein Irrtum vorliegen. Man sei frisch und munter, flott, fidel -und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es sei ein so schöner, -festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, – alle verständen -und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran, von -dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer -<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a> -Peeperkorn könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen -von ihnen. -</p> - -<p> -„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf. -Seine Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts, -ausgebreitet, aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu -heidnischem Gebet. Seine großartige Physiognomie, eben noch -von gotischem Schmerz beseelt, erblühte üppig und heiter; sogar -ein sybaritisches Grübchen zeigte sich auf einmal in seiner -Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die Karte -geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an -der Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen -Mumm & Co., <span class="antiqua" lang="fr">Cordon rouge, très sec</span>; dazu <span class="antiqua" lang="fr">petits fours</span>, -köstliche, kegelförmige kleine Schlemmerbissen, mit farbigem -Zuckerguß überkleidet, von zartestem Biskuitcharakter, im Innern -benetzt von Schokolade- und Pistaziencreme, und auf -Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande angeboten. Frau -Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr Albin löste -mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von -Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole -dem geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren, -worauf er die Flasche nach elegantem Herkommen zum -Einschenken in eine Serviette hüllte. Der edle Schaum befeuchtete -das Linnen der Anrichtetischchen. Man ließ die Flachkelche -klingen und leerte das erste Glas auf einen Zug, elektrisierte -sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel. -Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß -man sich bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische -zu räumen. Die Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, -indem sie ein zusammenhangloses Geschwätz tauschte, -dessen Elemente bei jedem einzelnen aus erhöhtem Gefühle -<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a> -stammten und in irgendeinem Urzustande das Schönste versprochen -hatten, aus denen aber auf dem Wege zur Mitteilung -ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils unverständlicher -Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham -jedes nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten -ohne Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen -verantwortungslosen Zustand wiegten. Frau Magnus selbst -hatte rote Ohren bekommen und gestand, sie fühle, wie Leben -sie durchrinne, was aber Herrn Magnus nicht lieb zu sein schien. -Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der Schulter Herrn -Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken vorhielt. -Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden -leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen -nach dem Champagner, <span class="antiqua" lang="fr">Mocca double</span>, der wiederum -von „Brot“ begleitet war und von süßen Scharfheiten, Apricots -Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille und Maraschino -für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und Bier -dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee -für solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu -bleiben oder zu einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie -Mynheer selbst, der sich nach Mitternacht zusammen mit Frau -Chauchat und Hans Castorp zu einem Schweizer Roten von -naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem er mit wirklichem -Durst einen Glasbecher nach dem anderen hinunterschüttete. -</p> - -<p> -Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten -teils durch bleierne Rauscheslähmung, teils durch das -eigentümliche Vergnügen, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, -teils durch die Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und -durch das abschreckende Beispiel Petri und der Seinen, an deren -<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a> -Fleischesschwäche niemand teilhaben wollte. Allgemein gesprochen, -schien der weibliche Teil weniger gefährdet in dieser -Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl, die Beine -von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur noch -mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter -Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich -tätiger. Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte -gestemmt, die Wangen in den Händen, wies lachend dem -kichernden Ting-Fu den Schmelz ihrer Vorderzähne, indes Frau -Stöhr, mit angezogenem Kinn über die vorgebogene Schulter -kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln suchte. -Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn -Albins Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen -zog, was aber Herr Magnus eher als Erleichterung -zu empfinden schien. Anton Karlowitsch Ferge ward aufgefordert, -die Geschichte seines Pleura-Choks zum besten zu geben, -kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit und erklärte -ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken einstimmig -ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend -bitterlich, aus irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen -Einblick zu eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande -war, wurde aber mit Kaffee und Kognak seelisch wieder -auf die Beine gebracht und erregte übrigens durch das Gewimmer -seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das von -Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit -erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine -Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch -nahm. -</p> - -<p> -„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben -Sie mir: Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm -<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a> -meine Serviette! Oder besser noch, nein, unterlaß es! Er selber -verzichtet darauf. Meine Herrschaften, – heilig! Heilig in -jederlei Sinn, im christlichen wie im heidnischen! Ein Urphänomen! -Ein Phänomen vom ersten – vom obersten – Nein, nein, -das ist – –“ -</p> - -<p> -Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt -die leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er -unter genauen, wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen -Kulturgebärden seine Veranstaltung begleitete. Er -hatte eine Art, den Ring, den sein gekrümmter Zeigefinger mit -dem Daumen bildete, über das Ohr emporzuhalten und das -Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die Gefühle erweckte, -wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie -erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher -Grazie vor dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert -in seiner Großartigkeit, den Arm um die benachbarte -Stuhllehne geschlungen, zwang er alle zu ihrer Bestürzung, sich -mit ihm in die lebendige und durchdringende Vorstellung des -Morgens zu vertiefen, eines frostigen, dunklen Wintermorgens, -wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe sich durch -die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das -draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ... Andeutungsweise -wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so -stark zu machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch -noch des eiskalten Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher -Frühe aus einem großen Schwamme über den Nacken -drücke, und das er heilig nannte. Das war nur eine Abschweifung, -eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der Lebensaufmerksamkeit, -ein phantastisches Impromptu, das er fallen -ließ, um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart -<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a> -alsbald der festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden. -Er zeigte sich verliebt in all und jede erreichbare Weiblichkeit, -wahllos und ohne Ansehen der Person. Er machte der -Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte Wesen sein -übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte, sagte -der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau -ihre Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen -Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß -auf seinen großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit -der trostlosen Frau Magnus – dies alles unbeschadet seiner -zärtlichen Ergebenheit gegen seine Reisebegleiterin, deren Hand -er oft mit galanter Andacht an die Lippen führte. „Der Wein –“ -sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist nun doch – Erlauben -Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“ -</p> - -<p> -Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat -Behrens also – nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen. -Panik wütete in demselben Augenblick unter -der entnervten Gästeschaft. Stühle und Eiskübel stürzten. -Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von -königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines -Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den -Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ -sich aber dann durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu -einem gewissen Grade mit dem Gedanken versöhnen, daß dies -Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert hatte, ohnehin einmal -sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der Mahnung -an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte -ein, sich zu Bette geleiten zu lassen. -</p> - -<p> -„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger -Mann!“ sagte er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So -<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a> -waren sie seinem schweren Körper beim Aufkommen vom -Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar, und eingehängt in -beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine seiner -hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den -anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes -zur Seite drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde -war es wohl ein königlicher Luxus, den er sich leistete, indem er -sich dieser Art lotsen und stützen ließ. Wahrscheinlich hätte er, -wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch allein gehen können, -– er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja nur den -kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen -Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar -nicht nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil -groß und üppig darin gefiel und sich einen königlichen Spaß -daraus machte, seine dienenden Führer schwankend nach rechts -und links zu stoßen. Er selbst äußerte unterwegs: -</p> - -<p> -„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn -diesen Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“ -</p> - -<p> -„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden -Zweifel! Man gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem -man sich freimütig schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen -im Ernst ... Ich habe doch auch mein Teil, aber trotz aller sogenannten -Betrunkenheit bin ich mir klar bewußt, daß ich die -besondere Ehre habe, eine ausgesprochene Persönlichkeit zu Bett -zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über mich, der -ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in Vergleich -komme –“ -</p> - -<p> -„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn -wankend gegen das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat -mit sich zog. -</p> - -<p> -<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a> -Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein -leerer Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin -ihn abgegeben, um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen -Umständen blieb Peeperkorn stehen und wollte umkehren, um -weiter zu trinken; aber von beiden Seiten wurde ihm in besserem -Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in Bewegung -setzen. -</p> - -<p> -Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer -Krawatte und mit schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete -seinen Gebieter auf dem Korridor, vor der Tür des -Appartements, und nahm ihn mit einer Verneigung in Empfang, -zu der er eine Hand auf die Brust legte. -</p> - -<p> -„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau -zum Schluß auf die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans -Castorp. „Sie wird nichts dagegen haben und es erwidern. -Tut es auf mein Wohl und mit meiner Erlaubnis!“ sagte er; -aber Hans Castorp weigerte sich dessen. -</p> - -<p> -„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das -geht nicht.“ -</p> - -<p> -Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken -hoch und verlangte zu wissen, warum das nicht gehe. -</p> - -<p> -„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen -kann“, sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! -Nein, das wäre, von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“ -</p> - -<p> -Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, -so ließ Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er -ihm freilich noch eine Weile über die eigene Schulter und die des -Malaien mit angezogenem Faltenwerk nachblickte, erstaunt -über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine Herrschernatur nicht -zu stoßen gewohnt sein mochte. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-4"> -<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a> -Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren) -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses -ganzen Winters – soviel davon noch übrig war – und bis -ins Frühjahr hinein, so daß es zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen -gemeinsamen Ausflug (auch Settembrini und Naphta -waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen Wasserfall kam ... -Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger? – Nein, -länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein? -Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen. -Auch Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder -ehrenhaften Tänzern des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche -Peeperkorn wurde also vom malignen Tropenfieber dahingerafft? -– Nein, das wurde er nicht, aber wozu die Ungeduld? -Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als Bedingung des -Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch -wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis -nicht auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel -Ehre, wie das Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt! -Viel ist es ohnehin nicht mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter! -oder, wenn das zu lärmend gesagt ist, es geht husch, -husch! Ein Weiserchen mißt unsere Zeit, das trippelt, als ob es -Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott weiß, was, zu bedeuten -hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch seinen -Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier -oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und -Haschisch, der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch -stellen wir der schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit -und logische Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das -möge anerkannt werden, haben wir uns Köpfe wie die Herren -<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a> -Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt, statt uns etwa -gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und -das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht -und namentlich im Punkte des <em>Formats</em> zugunsten dieser -späten Erscheinung ausschlagen muß, wie er es denn auch in -Hans Castorps Gedanken tat, wenn er in seiner Loge lag und -sich gestand, daß die beiden überartikulierten Erzieher, die seine -arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter Peeperkorn -geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen, wie -jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte, -nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß, -daß die hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten -Persönlichkeit noch in Berührung brachte. -</p> - -<p> -Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter -und also als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein -Punkt für sich, durch den sich Hans Castorp in seinen Wertungen -nicht beirren ließ. Er ließ sich, wiederholen wir, nicht beirren -in seiner aufrichtig achtungsvollen, wenn auch zuweilen -etwas kecken Teilnahme für einen Mann von Format, – nur -weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau, von der -Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift geliehen. -Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit -rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß -nehmen wird an solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber -sehen würde, wenn er Peeperkorn gehaßt und gemieden und -innerlich von ihm nur als von einem alten Esel und kaudernden -Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu besuchen, wenn er -vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu sitzen, mit -ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf <em>seine</em> Beiträge -zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen -<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a> -Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden -das Wesen der Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber -tat er, und wir erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß -jemand sich dadurch an Ferdinand Wehsal erinnert finden -könnte, der Hans Castorps Paletot getragen hatte. Diese Erinnerung -hat nichts zu sagen. Unser Held war kein Wehsal. -Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein -„Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen -nicht durch die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu, -ihn weder besser noch schlechter zu machen, als er war, stellen -wir fest, daß er es einfach ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich, -sondern ganz naiverweise es ablehnte, sich durch romanhafte -Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das eigene Geschlecht -bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche -Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen -mißfallen – wir glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich -Ärgernis daran nahm; eine oder die andere spitze Bemerkung, -die sie sich entschlüpfen ließ, und die wir noch einrücken -werden, ließ darauf schließen –, aber vielleicht war es diese -Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen Streitobjekt der -Pädagogik machte. -</p> - -<p> -Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage -nach jenem ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen. -Fast alle Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten -Geselligkeit waren übel daran, Hans Castorp nicht -ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte, sich aber durch -diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von gestern einen -Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem -Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an -Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen. -</p> - -<p> -<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a> -Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch -einen Salon, der es von demjenigen Frau Chauchats trennte, -und fand es vor dem Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer -ausgezeichnet durch Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung. -Es gab da seidene Fauteuils und Tische mit geschweiften -Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den Boden, und auch -die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher hygienischer -Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem Kirschholz -mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen -Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur -ein kleiner, schirmend vereinigender Baldachin. -</p> - -<p> -Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher, -Briefe und Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las -durch seinen hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“. -Kaffeegeschirr stand auf einem Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte -Rotweinflasche – es war der naiv Spritzige von gestern -Abend – neben Medizingläsern auf dem Nachttischchen. Der -Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem Befremden kein -weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das an -den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund -ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen -Brust des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche -Großartigkeit seines Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben, -dem Bürgerlichen entrückt durch diese Tracht, die seiner -Erscheinung ein teils volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges -Gepräge verlieh. -</p> - -<p> -„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker -am hohen Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte -sehr, – keineswegs. Im Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte -sich zu ihm und verbarg seine teilnehmende Verwunderung – -<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a> -wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das Gefühl war, zu dem -seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich aufgewecktem -Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten -und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut -aus, gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen -hatte er einen starken Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen -sich nun mit den Nachwehen des Rausches verbanden. -</p> - -<p> -„Wir haben es gestern arg –“, sagte er. „Nein, erlauben -Sie, – schlimm und arg! Sie sind noch – gut, da hat es nichts -weiter – Allein in meinen Jahren und bei meiner gefährdeten – -Mein Kind“, wandte er sich mit zarter, aber entschiedener -Strenge an die eben vom Salon her eintretende Frau Chauchat, -„– alles gut, aber ich wiederhole Ihnen, daß besser hätte achtgegeben, -daß man mich hätte hindern müssen –.“ Fast etwas -wie aufziehender Königskoller war in seinen Mienen und seiner -Stimme bei diesen Worten. Aber man brauchte sich ja nur -vorzustellen, was für ein Wetter erst ausgebrochen wäre, wenn -man ihn ernstlich im Trinken hätte stören wollen, um die ganze -Unbilligkeit und Unvernunft seines Vorwurfs zu ermessen. -Dergleichen gehört wohl zur Größe. Seine Reisebegleiterin -ging denn auch drüber hin, indem sie Hans Castorp, der sich erhoben -hatte, begrüßte, – übrigens ohne ihm die Hand zu reichen, -sondern nur mit Lächeln und Winken und der Aufforderung, -„doch nur ja“ Platz zu behalten, sich „doch nur ja nicht“ -in seinem <span class="antiqua" lang="fr">tête à tête</span> mit Mynheer Peeperkorn stören zu lassen -... Sie machte sich dies und jenes im Zimmer zu schaffen, -wies den Kammerdiener an, das Kaffeegeschirr fortzuräumen, -verschwand auf eine Weile und kehrte auf leisen Sohlen wieder, -um im Stehen sich ein wenig an dem Gespräch zu beteiligen, -oder – wenn wir Hans Castorps unbestimmten Eindruck -<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a> -wiedergeben sollen – um es ein wenig zu überwachen. Natürlich! -Sie konnte in Verbindung mit einer Persönlichkeit großen Formats -wieder nach Haus Berghof zurückkehren; aber wenn derjenige, -der hier so lange auf sie gewartet hatte, dann der Persönlichkeit -die schuldige Reverenz erwies, von Mann zu Mann, -so legte sie Unruhe und selbst Spitzigkeit an den Tag, mit ihrem -„doch nur ja“ und „nur ja nicht“. Hans Castorp lächelte darüber, -indem er sich über seine Knie beugte, um das Lächeln zu -verbergen, und erglühte gleichzeitig innerlich vor Freude. -</p> - -<p> -Er bekam ein Glas Wein eingeschenkt von Peeperkorn, aus -der Flasche vom Nachttisch. Unter Umständen, wie den heutigen, -meinte der Holländer, sei es das beste, da wieder anzuschließen, -wo man nachts zuvor aufgehört habe, und dieser Spritzige -tue ja dieselben Dienste wie Sodawasser. Er stieß mit Hans -Castorp an, und dieser sah trinkend zu, wie die sommersprossig-nagelspitze -Kapitänshand dort drüben, von dem Knopfbunde -des wollenen Hemdes am Gelenke umspannt, das Glas emporführte, -wie die breiten, zerrissenen Lippen seinen Rand erfaßten -und der Wein durch die auf- und niedersteigende Arbeiter- oder -Büstengurgel trieb. Sie sprachen dann noch über das Medikament -auf dem Nachttisch, diesen braunen Saft, von dem Peeperkorn -auf Frau Chauchats Mahnung und aus ihrer Hand einen -Löffel voll einnahm, – es war ein Antipyretikum, Chinin im -wesentlichen; Peeperkorn gab seinem Gast ein wenig davon zu -probieren, um ihn den charaktervollen, bitter-würzigen Geschmack -des Präparats erfahren zu lassen, und äußerte dann -mehreres zum Lobe des Chinins, das segensreich nicht nur durch -seine keimzerstörende Wirkung und seinen heilsamen Einfluß auf -das Wärmezentrum sei, sondern auch als Tonikum gewürdigt -werden müsse: es vermindere den Eiweißumsatz, fördere den -<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a> -Ernährungszustand, kurz, sei ein echter Labetrank, ein herrliches -Stärkungs-, Erweckungs- und Belebungsmittel, – ein Rauschmittel -übrigens ebenfalls; man könne sich leicht einen kleinen -Spitz oder Zopf daran trinken, sagte er, indem er wie gestern -mit Fingern und Kopf großartig scherzte und wieder dem tanzenden -Heidenpriester dabei glich. -</p> - -<p> -Ja, ein herrlicher Körper, die Fieberrinde! – es waren übrigens -noch keine dreihundert Jahre, daß die Pharmakologie -unseres Erdteils Kunde davon gewonnen, und noch kein Jahrhundert, -daß die Chemie das Alkaloid, worauf seine Tugenden -eigentlich beruhten, das Chinin also, entdeckt hatte – entdeckt -und bis zu einem gewissen Grade analysiert; denn daß sie aus -seiner Konstitution bis jetzt so recht klug geworden wäre oder -imstande sei, es künstlich herzustellen, konnte die Chemie nicht -behaupten. Unsere Arzneimittelkunde tat überall gut, sich ihres -Wissens nicht lästerlich zu überheben, denn wie mit dem Chinin -erging es ihr mit so manchem: Sie wußte dies und das von der -Dynamik, den Wirkungen der Stoffe, allein die Frage, worauf -denn diese Wirkungen genau genommen zurückzuführen seien, -setzte sie oft genug in Verlegenheit. Der junge Mann mochte -sich doch in der Giftkunde umsehen, – über die elementaren -Eigenschaften, die die Wirkungen der sogenannten Giftstoffe -bedingten, würde niemand ihm Auskunft geben. Da waren -zum Exempel die Schlangengifte, – über welche nicht mehr bekannt -war, als daß diese tierischen Stoffe einfach in die Reihe -der Eiweißverbindungen gehörten, aus verschiedenen Eiweißkörpern -bestünden, die aber nur in dieser bestimmten – nämlich -durchaus unbestimmten – Zusammensetzung ihre fulminanten -Wirkungen taten: in den Blutkreislauf gebracht, Effekte zeitigten, -über die man sich nur verwundern konnte, da man Eiweiß -<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a> -auf Gift nicht zu reimen gewohnt war. Aber mit der Welt der -Stoffe, sagte Peeperkorn, indem er neben seinem blaßäugig -vom Kissen aufgerichteten Haupt mit den Stirnarabesken den -Exaktheitsring und die Lanzen seiner Finger emporhielt, – mit -den Stoffen stehe es so, daß alle Leben und Tod auf einmal bärgen: -alle seien Ptisanen und Gifte zugleich, Heilmittelkunde und -Toxikologie seien ein und dasselbe, an Giften genese man, und -was für des Lebens Träger gelte, töte unter Umständen mit -einem einzigen Krampfschlage in Sekundenfrist. -</p> - -<p> -Er sprach sehr eindringlich und ungewöhnlich zusammenhängend -von den Ptisanen und Giften, und Hans Castorp hörte -ihm mit schrägem Kopfe nickend zu, beschäftigt weniger mit dem -Inhalt seiner Reden, der ihm am Herzen zu liegen schien, als mit -dem stillen Erkunden seiner Persönlichkeitswirkung, die letzten -Endes ebenso unerklärlich war wie die Wirkung der Schlangengifte. -Dynamik, sagte Peeperkorn, sei alles in der Welt der Stoffe, -– das Weitere sei völlig bedingt. Auch das Chinin sei ein Heilgift, -kraftvoll in erster Linie. Vier Gramm davon machten taub, -schwindelig, kurzatmig, brächten Sehstörungen hervor wie Atropin, -berauschten wie Alkohol, und die Arbeiter in Chininfabriken -hätten entzündete Augen und geschwollene Lippen, litten an -Hautausschlägen. Und er fing an, von der Cinchona, dem Chinabaum, -zu erzählen, von den Urwäldern der Kordilleren, wo er in -dreitausend Meter Höhe seine Heimat habe, und von wo seine -Rinde als „Jesuitenpulver“ so spät nach Spanien gekommen -sei, – den Eingeborenen Südamerikas in ihren Kräften seit langem -bekannt; er schilderte die gewaltigen Cinchonaplantagen -der niederländischen Regierung auf Java, von wo alljährlich -viele Millionen Pfund der rötlich zimtähnlichen Rindenröhren -nach Amsterdam und London verschifft würden ... Die -<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a> -Rinden überhaupt, das Rindengewebe der Holzgewächse, von -der Epidermis bis zum Cambium, – sie hätten es in sich, sagte -Peeperkorn, fast immer besäßen sie außerordentliche dynamische -Tugenden, im Guten wie im Bösen, – die Drogenkunde der -farbigen Völker sei der unsrigen da weit überlegen. Auf einigen -Inseln östlich von Neuguinea bereiteten sich die jungen Leute -einen Liebeszauber, indem sie die Rinde eines bestimmten Baumes, -der wahrscheinlich ein Giftbaum sei, wie der <span class="antiqua" lang="la">Antiaris toxicaria</span> -von Java, der gleich dem Manzanillabaum durch seine -Ausdünstung die Luft rings um sich her vergiften und Mensch -und Tier zu Tode betäuben solle, – indem sie also die Rinde -dieses Baumes zu Pulver zerrieben, das Pulver mit Kokosnußschnitzeln -vermischten, die Mischung in ein Blatt rollten und -brieten. Sie spritzten dann den Saft des Gemengsels der Spröden, -der es gelte, im Schlaf ins Gesicht, und sie entbrenne für -den, der gespritzt habe. Zuweilen sei es die Wurzelrinde, die es -in sich habe, wie diejenige einer Schlingpflanze des Malaiischen -Archipels, Strychnos Tieuté genannt, aus der die Eingeborenen -unter Beigabe von Schlangengift das Upas-Radscha bereiteten, -eine Droge, die, in die Blutbahn gebracht, z. B. durch -Pfeilschuß, aufs allerschnellste den Tod herbeiführe, ohne daß -jemand dem jungen Hans Castorp würde zu sagen wissen, wie -das eigentlich geschähe. Nur so viel sei deutlich, daß das Upas -in dynamischer Beziehung dem Strychnin nahe stehe ... Und -Peeperkorn, im Bette nun vollends aufgerichtet und dann und -wann mit leicht zitternder Kapitänshand das Weinglas zu seinen -zerrissenen Lippen führend, um große, durstige Züge zu -nehmen, erzählte vom Krähenaugenbaum der Koromandelküste, -aus dessen orangegelben Beeren, den „Krähenaugen“, -das allerdynamischste Alkaloid, Strychnin geheißen, gewonnen -<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a> -werde, – erzählte mit flüsternd herabgesetzter Stimme und hochgezogener -Stirnlineatur von dem aschgrauen Geäst, dem auffallend -glänzenden Blätterwerk und den gelbgrünen Blüten -dieses Baumes, so daß dem jungen Hans Castorp ein zugleich -tristes und hysterisch-buntfarbiges Bild von einem Baume vor -Augen stand und ihm alles in allem etwas unheimlich zumute -wurde. -</p> - -<p> -Auch mischte denn jetzt Frau Chauchat sich ein, indem sie -sagte, es sei nicht gut, die Unterhaltung ermüde Peeperkorn, er -könne aufs neue Fieber davon haben, und wie ungern immer -sie die Entrevue unterbreche, so müsse sie Hans Castorp nun -doch bitten, es für diesmal genug sein zu lassen. Das tat er natürlich, -aber noch oft, nach einem Quartananfall, saß er in den -nächsten Monaten an des königlichen Mannes Bett, während -Frau Chauchat, das Gespräch leicht überwachend oder sich auch -mit einigen Worten daran beteiligend, hin und <a id="corr-77"></a>wider ging; und -auch in Peeperkorns fieberfreien Tagen verbrachte er manche -Stunde mit ihm und seiner perlengeschmückten Reisebegleiterin. -Denn wenn der Holländer nicht bettlägerig war, versäumte er -selten, nach dem Diner eine kleine, wechselnd zusammengesetzte -Auswahl der Berghof-Gästeschaft zu Spiel und Wein und allerhand -weiteren Labungen um sich zu versammeln, sei es im Konversationszimmer, -wie das erstemal, oder im Restaurant, wobei -denn Hans Castorp gewohnheitsmäßig seinen Platz zwischen -der lässigen Frau und dem großartigen Manne hatte; und selbst -im Freien bewegte man sich miteinander, machte Spaziergänge -zusammen, an denen etwa die Herren Ferge und Wehsal sich -beteiligten und bald auch Settembrini und Naphta, die Widersacher -im Geiste, denen zu begegnen man nicht hatte verfehlen -können, und die mit Peeperkorn, wie zugleich denn endlich auch -<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a> -mit Clawdia Chauchat bekannt zu machen, Hans Castorp sich -geradezu glücklich schätzte, – vollständig unbekümmert darum, -ob diese Bekanntschaft und Verbindung den Disputanten willkommen -war oder nicht und in dem stillen Vertrauen darauf, -daß sie eines pädagogischen Objektes bedurften und lieber einen -unwillkommenen Anhang in Kauf nehmen, als darauf verzichten -würden, ihre Gegensätze vor ihm auszutragen. -</p> - -<p> -Er täuschte sich denn auch nicht darin, daß die Mitglieder seines -buntscheckigen Freundeskreises sich wenigstens daran gewöhnen -würden, daß sie sich nicht aneinander gewöhnten: -Spannungen, Fremdheiten, sogar stille Feindseligkeit gab es -selbstverständlich genug zwischen ihnen, und wir wundern uns -selbst, wie es unserem unbedeutenden Helden gelingen mochte, -sie um sich zusammenzuhalten, – wir erklären es uns mit einer -gewissen verschmitzten Lebensfreundlichkeit seines Wesens, die -ihn alles „hörenswert“ finden ließ, und die man Verbindlichkeit -selbst in dem Sinne nennen könnte, daß sie nicht nur ihm die ungleichartigsten -Personen und Persönlichkeiten, sondern bis zu -einem gewissen Grade sogar diese untereinander verband. -</p> - -<p> -Wunderlich hin und her laufende Beziehungen! Es reizt -uns, ihre verschlungenen Fäden einen Augenblick allgemein -sichtbar zu machen, so, wie Hans Castorp selbst sie auf diesen -Spaziergängen verschmitzten und lebensfreundlichen Auges betrachtete. -Da war der elende Wehsal, der Frau Chauchats schwelend -begehrte und Peeperkorn und Hans Castorp niedrig verehrte, -den einen um der herrschenden Gegenwart, den anderen -um der Vergangenheit willen. Da war Clawdia Chauchat -ihrerseits, die anmutig weich schreitende Kranke und Reisende, -die Hörige Peeperkorns, und zwar gewiß aus Überzeugung, -gleichwohl aber immer etwas beunruhigt und innerlich spitzig, -<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a> -den Ritter einer fernen Faschingsnacht auf so gutem Fuße mit -ihrem Gebieter zu sehen. Erinnerte diese Irritation nicht in etwas -an diejenige, die ihr Verhältnis zu Herrn Settembrini bestimmte? -Zu diesem Schönredner und Humanisten, den sie nicht -leiden konnte und den sie hochmütig und unmenschlich nannte? -Zu des jungen Hans Castorp erzieherischem Freunde, den sie gar -zu gern darüber zur Rede gestellt hätte, was für Worte es gewesen -seien, die er in seinem mediterranen Idiom, wovon sie so -wenig eine Silbe verstand wie er von dem ihren, nur mit weniger -sicherer Geringschätzung, dem konvenablen jungen Deutschen -nachgesandt hatte, diesem hübschen kleinen Bourgeois von -guter Familie und mit einer feuchten Stelle, als er damals im -Begriffe gewesen war, sich ihr zu nähern? Hans Castorp, verliebt, -wie man zu sagen pflegt „über beide Ohren“, doch nicht -im vergnügten Sinn dieser Redensart, sondern so, wie man -liebt, wenn der Fall verboten und unvernünftig liegt und sich -keine friedlichen kleinen Lieder des Flachlandes darauf singen -lassen, – arg verliebt also und damit abhängig, unterworfen, -leidend und dienend, war doch der Mann, in der Sklaverei sich -hinlängliche Verschmitztheit zu bewahren, um ganz gut zu wissen, -welchen Wert seine Ergebenheit für die schleichende Kranke -mit den bezaubernden Tatarenschlitzen etwa haben und behalten -mochte: einen Wert, auf den sie, wie er bei sich in aller leidenden -Unterworfenheit hinzufügte, aufmerksam gemacht werden -konnte durch das Verhalten Herrn Settembrinis zu ihr, das -ihren Argwohn nur zu offen bestätigte, nämlich so ablehnend -war, wie humanistische Höflichkeit es nur irgend gestattete. Das -Schlimme, oder, in Hans Castorps Augen, eher Vorteilhafte -war, daß sie in ihren Beziehungen zu Leo Naphta, auf die sie -doch Hoffnungen gesetzt, die rechte Entschädigung auch nicht -<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a> -fand. Zwar stieß sie hier nicht auf jene grundsätzliche Verneinung, -die Herr Lodovico ihrem Wesen entgegensetzte, und die -Gesprächsbedingungen lagen günstiger: sie unterhielten sich zuweilen -gesondert, Clawdia und der scharfe Kleine, über Bücher, -über Probleme der politischen Philosophie, in deren radikaler -Behandlung sie übereinstimmten; und Hans Castorp nahm -treuherzig teil daran. Aber eine gewisse aristokratische Einschränkung -des Entgegenkommens, das der Emporkömmling, vorsichtig -wie alle Emporkömmlinge, ihr bezeigte, mochte ihr doch -bemerklich werden; sein spanischer Terrorismus stimmte im -Grunde mit ihrer türenwerfend vagierenden „Mähnschlichkeit“ -wenig überein; und hinzu kam als Letztes und Feinstes eine -leichte, schwer greifbare Gehässigkeit, die sie mit weiblichem -Spürsinn von seiten <em>beider</em> Widersacher, Settembrinis und -Naphtas, sich mußte entgegenwehen fühlen (so gut, wie ihr -Faschingsritter selber sie wehen fühlte), und die ihren Grund in -den Beziehungen beider zu ihm, Hans Castorp, hatte: die Mißstimmung -des Erziehers gegen die Frau als störendes und ablenkendes -Element, diese stille und ursprüngliche Gegnerschaft, -die sie vereinigte, weil ihre pädagogisch verdichtete Zwietracht -sich darin aufhob. -</p> - -<p> -Spielte nicht etwas von dieser Feindseligkeit auch in das Verhalten -der beiden Dialektiker zu Pieter Peeperkorn hinein? Hans -Castorp glaubte es zu bemerken, vielleicht weil er es boshafterweise -erwartet hatte und im ganzen nicht wenig begierig gewesen -war, den königlichen Stammler mit seinen beiden „Regierungsräten“, -wie er sie bei sich manchmal witzweise nannte, -zusammenzubringen und den Effekt zu studieren. Mynheer -wirkte im Freien nicht ganz so großartig wie in geschlossenem -Raum. Der weiche Filzhut, den er tief in die Stirn gerückt trug, -<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a> -und der sein weißes Flammenhaar, seine mächtige Stirnlineatur -bedeckte, verkleinerte seine Züge, ließ sie gleichsam zusammenschrumpfen -und setzte selbst seine gerötete Nase in ihrer Majestät -herab. Auch war sein Gehen weniger gut als sein Stehen: -Er hatte die Gewohnheit, bei jedem seiner kurzen Schritte den -ganzen schweren Körper und sogar auch den Kopf etwas seitwärts -fallen zu lassen nach der Seite des Fußes, den er eben vorwärts -setzte, was eher gutmütig-greisenhaft als königlich anmutete; -ging auch meist nicht zu voller Größe aufgerichtet, wie -er stand, sondern etwas zusammengesunken. Aber auch so noch -überragte er Herrn Lodovico sowohl wie nun gar den kleinen -Naphta um Haupteslänge, – und das war es nicht allein, weshalb -seine Gegenwart so sehr, vollkommen so sehr, wie Hans -Castorp es einbildungsweise vorweggenommen, auf die Existenz -der beiden Politiker drückte. -</p> - -<p> -Das war ein Druck, eine Herabminderung und Beeinträchtigung -durch den Vergleich, – fühlbar dem durchtriebenen Beobachter, -fühlbar aber ohne Zweifel auch den Beteiligten, sowohl -den schmächtig Überartikulierten wie dem großartig -Stammelnden. Peeperkorn behandelte Naphta und Settembrini -überaus höflich und aufmerksam, mit einem Respekt, den -Hans Castorp ironisch genannt haben würde, wenn ihn nicht -volle Einsicht in die Unvereinbarkeit dieses Begriffes mit dem -des großen Formats daran gehindert hätte. Könige kennen keine -Ironie, – nicht einmal im Sinn eines geraden und klassischen -Mittels der Redekunst, geschweige in einem verwickelteren Sinn. -Und so war es denn eher eine zugleich feine und großartige Spötterei -zu nennen, was, unter leicht übertriebenem Ernst verborgen -oder offen zutage liegend, des Holländers Benehmen gegen -Hansens Freunde kennzeichnete. „Ja – ja – ja –!“ konnte er -<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a> -wohl sagen, indem er mit dem Finger nach ihrer Seite drohte, -den Kopf mit scherzhaft lächelnden zerrissenen Lippen abgewandt. -„Das ist – Das sind –. Meine Herrschaften, ich lenke -Ihre Aufmerksamkeit – – Cerebrum, cerebral, verstehen Sie! -Nein – nein, perfekt, außerordentlich, das ist, da zeigt sich denn -doch – –.“ Sie rächten sich, indem sie Blicke tauschten, die nach -der Begegnung verzweifelt himmelwärts wanderten, und in die -sie auch Hans Castorp hineinzuziehen trachteten, was er aber -ablehnte. -</p> - -<p> -Es kam vor, daß Herr Settembrini den Schüler direkt zur -Rede stellte und so seine pädagogische Unruhe bekundete. -</p> - -<p> -„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer -alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er <a id="corr-79"></a>Sie fördern? -Mir steht der Verstand still! Alles wäre klar – ohne eben lobenswert -zu sein –, wenn Sie ihn in den Kauf nähmen, wenn Sie -in seiner Gesellschaft nur die seiner gegenwärtigen Geliebten -suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen, daß Sie sich beinahe -mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie, -kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe ...“ -</p> - -<p> -Hans Castorp lachte. „Durchaus!“ sagte er. „Perfekt! Es ist -nun einmal – Erlauben Sie mir – Gut!“ Und er suchte auch -Peeperkorns Kulturgebärden zu kopieren. „Ja, ja“, lachte er -weiter, „Sie finden das dumm, Herr Settembrini, und jedenfalls -ist es undeutlich, was in Ihren Augen wohl schlimmer ist, -als dumm. Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene Arten -von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ... -Hallo! Da habe ich was geprägt, glaube ich, ein Wort, ein -mot. Wie gefällt es Ihnen?“ -</p> - -<p> -„Sehr gut. Ich sehe erwartungsvoll Ihrer ersten Aphorismensammlung -entgegen. Vielleicht ist es noch Zeit, Sie zu bitten, -<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a> -daß Sie darin gewissen Betrachtungen Rechnung tragen, -die wir gelegentlich über das menschenfeindliche Wesen des Paradoxons -angestellt haben.“ -</p> - -<p> -„Soll geschehen, Herr Settembrini. Soll absolut geschehen. -Nein, Sie sehen mich gar nicht auf der Jagd nach Paradoxen -mit meinem <span class="antiqua" lang="fr">mot</span>. Es war mir nur darum zu tun, auf die -großen Schwierigkeiten hinzuweisen, die die Bestimmung von -‚Dummheit‘ und ‚Gescheitheit‘ ... bereitet. Also: bereitet, nicht -wahr? Das ist so schwer auseinander zu halten, das geht so -sehr ineinander über ... Ich weiß wohl, Sie hassen das mystische -<span class="antiqua" lang="it">guazzabuglio</span> und sind für den Wert, das Urteil, das -Werturteil, und da gebe ich Ihnen ganz recht. Aber das mit der -‚Dummheit‘ und der ‚Gescheitheit‘, das ist zuweilen ein komplettes -Mysterium, und es muß doch erlaubt sein, sich um Mysterien -zu kümmern, vorausgesetzt, daß das ehrliche Bestreben -vorhanden ist, ihnen nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen. -Ich frage Sie folgendes. Ich frage Sie: Können Sie -leugnen, daß er uns alle in die Tasche steckt? Ich drücke es derb -aus, und doch können Sie es, soviel ich sehe, nicht leugnen. Er -steckt uns in die Tasche, und irgendwoher kommt ihm das Recht -zu, sich über uns lustig zu machen. Woher? Wieso? Inwiefern? -Natürlich nicht vermöge seiner Gescheitheit. Ich gebe zu, -daß von Gescheitheit kaum die Rede sein kann. Er ist ja vielmehr -ein Mann der Undeutlichkeit und des Gefühls, das Gefühl -ist geradezu seine Puschel, – verzeihen Sie den umgangssprachlichen -Ausdruck! Ich sage also: Nicht vor Gescheitheit -steckt er uns in die Tasche, das heißt nicht aus geistigen Gründen, -– Sie würden sich das verbitten, und wirklich, es scheidet -aus. Aber doch auch nicht aus körperlichen! Doch nicht seiner -Kapitänsschultern wegen, in Hinsicht auf rohe Brachialgewalt -<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a> -und weil er jeden von uns mit der Faust niederstrecken könnte, – -er denkt gar nicht daran, daß er das könnte, und wenn er mal -daran denkt, so genügen ein paar zivilisierte Worte, um ihn zu -beschwichtigen ... Also auch nicht aus körperlichen. Und doch -spielt ganz ohne Zweifel das Körperliche eine Rolle dabei, – -nicht im brachialen Sinne, sondern in einem andern, im mystischen, -– sobald das Körperliche eine Rolle spielt, wird die Sache -mystisch –; und das Körperliche geht ins Geistige über, und -umgekehrt, und sind nicht zu unterscheiden, und Dummheit -und Gescheitheit sind nicht zu unterscheiden, aber die Wirkung -ist da, das Dynamische, und wir werden in die Tasche gesteckt. -Und dafür ist uns nur ein Wort an die Hand gegeben, und das -heißt ‚Persönlichkeit‘. Man braucht es wohl auch vernünftigerweise, -so, wie wir alle Persönlichkeiten sind, – moralische und -juristische und was noch für Persönlichkeiten. Aber nicht so ist -es hier gemeint. Sondern als ein Mysterium, das über Dummheit -und Gescheitheit hinausliegt, und um das man sich doch -muß kümmern dürfen, – teils um ihm nach Möglichkeit auf den -Grund zu kommen und teils, soweit das nicht möglich ist, um -sich daran zu erbauen. Und wenn Sie für Werte sind, so ist die -Persönlichkeit am Ende doch auch ein positiver Wert, sollte ich -denken, – positiver als Dummheit und Gescheitheit, im höchsten -Grade positiv, <em>absolut</em> positiv, wie das Leben, kurzum: ein -Lebenswert und ganz danach angetan, sich angelegentlich darum -zu kümmern. Das meinte ich Ihnen erwidern zu sollen auf -das, was Sie von Dummheit sagten.“ -</p> - -<p> -Neuerdings verwirrte und verhaspelte Hans Castorp sich -nicht mehr bei solchen Expektorationen und blieb nicht stecken. -Er sprach seinen Part zu Ende, ließ die Stimme sinken, machte -Punktum und ging seines Weges wie ein Mann, obgleich er -<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a> -noch immer rot dabei wurde und eigentlich etwas Furcht hatte -vor dem kritischen Schweigen, das seinem Verstummen folgen -würde, damit er Zeit habe, sich zu schämen. Herr Settembrini -ließ es walten, dieses Schweigen, und sagte dann: -</p> - -<p> -„Sie leugnen, sich auf der Jagd nach Paradoxen zu befinden. -Unterdessen wissen Sie genau, daß ich Sie ebenso ungern -auf der Jagd nach Mysterien sehe. Indem Sie aus der Persönlichkeit -ein Geheimnis machen, laufen Sie Gefahr, der -Götzenanbetung zu verfallen. Sie venerieren eine Maske. Sie -sehen Mystik, wo es sich um Mystifikation handelt, um eine -jener betrügerischen Hohlformen, mit denen der Dämon des -Körperlich-Physiognomischen uns manchmal zu foppen liebt. -Sie haben nie in Schauspielerkreisen verkehrt? Sie kennen -nicht diese Mimenköpfe, in denen sich die Züge Julius Cäsars, -Goethes und Beethovens vereinigen, und deren glückliche Besitzer, -sobald sie den Mund auftun, sich als die erbärmlichsten -Tröpfe unter der Sonne erweisen?“ -</p> - -<p> -„Gut, ein Naturspiel“, sagte Hans Castorp. „Aber doch nicht -nur ein Naturspiel, nicht nur Fopperei. Denn da diese Leute -Schauspieler sind, müssen sie ja Talent haben, und das Talent ist -selbst über Dummheit und Gescheitheit hinaus, es ist selbst ein Lebenswert. -Mynheer Peeperkorn hat auch Talent, sagen Sie, -was Sie wollen, und damit steckt er uns in die Tasche. Setzen Sie -in eine Ecke eines Zimmers Herrn Naphta und lassen Sie ihn -einen Vortrag über Gregor den Großen und den Gottesstaat -halten, höchst hörenswert, – und in der andern Ecke steht Peeperkorn -mit seinem sonderbaren Mund und seinen hochgezogenen -Stirnfalten und sagt nichts als ‚Durchaus! Erlauben Sie -mir – Erledigt!‘ – Sie werden sehen, die Leute werden sich um -Peeperkorn versammeln, alle um ihn, und Naphta wird ganz -<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a> -allein dasitzen mit seiner Gescheitheit und seinem Gottesstaat, -obgleich er sich dermaßen deutlich ausdrückt, daß es einem durch -Mark und Pfennig geht, wie Behrens zu sagen pflegt ...“ -</p> - -<p> -„Schämen Sie sich der Erfolgsanbetung!“ mahnte ihn Herr -Settembrini. „<span class="antiqua" lang="la">Mundus vult decipi.</span> Ich verlange nicht, daß -man sich um Herrn Naphta schart. Er ist ein arger Quertreiber. -Aber ich bin geneigt, auf seine Seite zu treten angesichts der -imaginären Szene, die Sie mit tadelnswertem Beifall ausmalen. -Verachten Sie nur das Distinkte, Präzise und Logische, -das human zusammenhängende Wort! Verachten Sie es zu -Ehren irgendeines Hokuspokus von Andeutung und Gefühlsscharlatanerie, -– und der Teufel hat Sie schon unbedingt ...“ -</p> - -<p> -„Aber ich versichere Sie, er kann oft ganz zusammenhängend -sprechen, wenn er warm wird“, sagte Hans Castorp. „Er hat -mir gelegentlich von dynamischen Drogen und asiatischen -Giftbäumen erzählt, so interessant, daß es fast unheimlich war -– das Interessante ist immer etwas unheimlich – und interessant -war es wieder nicht so sehr an und für sich, als eigentlich -nur im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeitswirkung: die -machte es zugleich unheimlich und interessant ...“ -</p> - -<p> -„Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In -der Tat, mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten“, erwiderte -Herr Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp -eilig erklärte, die Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung -lägen selbstverständlich nach einer ganz anderen Seite hin, und -es komme niemandem in den Sinn, Vergleiche anzustellen, -durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde. Doch der -Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr fort: -</p> - -<p> -„Auf jeden Fall müssen Sie erlauben, daß man Ihre Sachlichkeit -und Gemütsruhe bewundert, Ingenieur. Sie streift ein -<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a> -wenig das Groteske, das werden Sie einräumen. Wie schließlich -alles steht und liegt ... Dieser Ölgötze hat Ihnen Ihre -Beatrice weggenommen, – ich nenne die Dinge bei ihrem Namen. -Und Sie? Es ist beispiellos.“ -</p> - -<p> -„Temperamentsunterschiede, Herr Settembrini. Unterschiede -in Hinsicht auf Hitze und Ritterlichkeit des Geblütes. Natürlich, -Sie als Mann des Südens, Sie würden wohl Gift und Dolch -zu Rate ziehen oder jedenfalls die Sache gesellschaftlich-leidenschaftlich -gestalten, kurz hahnenmäßig. Das wäre gewiß sehr -männlich, gesellschaftlich-männlich und galant. Mit mir aber -ist es was anderes. Ich bin gar nicht männlich auf die Art, daß -ich im Manne nur das nebenbuhlende Mitmännchen erblicke, -– ich bin es vielleicht überhaupt nicht, aber bestimmt nicht auf -diese Art, die ich unwillkürlich ‚gesellschaftlich‘ nenne, ich weiß -nicht, warum. Ich frage mich in meiner tranigen Brust, ob ich -ihm denn was vorzuwerfen habe. Hat er mir wissentlich etwas -angetan? Aber Beleidigungen müssen mit Absicht geschehen, -sonst sind sie keine. Und was das ‚antun‘ betrifft, da müßte ich -mich schon an <em>sie</em> halten, und dazu habe ich auch wieder kein -Recht, – überhaupt nicht und in Hinsicht auf Peeperkorn noch -ganz besonders nicht. Denn er ist erstens eine Persönlichkeit, -was schon allein etwas für Frauen ist, und zweitens ist er kein -Zivilist, wie ich, sondern eine Art von Militär, wie mein armer -Vetter, das heißt: er hat einen <span class="antiqua" lang="fr">point d’honneur</span>, eine Ehrenpuschel, -und das ist das Gefühl, das Leben ... Ich schwatze da -Unsinn, aber ich will lieber ein bißchen faseln und dabei etwas -Schwieriges halbwegs ausdrücken, als immer nur tadellose Hergebrachtheiten -von mir geben, – das ist doch vielleicht auch so -etwas wie ein militärischer Zug in meinem Charakterbilde, wenn -ich so sagen darf ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a> -„Sagen Sie immerhin so“, nickte Herr Settembrini. „Unbedingt -wäre das ein Zug, den man loben dürfte. Der Mut der -Erkenntnis und des Ausdrucks, das ist die Literatur, es ist die -Humanität ...“ -</p> - -<p> -So kamen sie leidlich voneinander bei solcher Gelegenheit; -Herr Settembrini gab dem Gespräch versöhnlichen Abschluß, -wozu er auch gute Gründe hatte. Seine Position dabei war -keineswegs so unverletzlich, daß es ratsam für ihn gewesen -wäre, die Strenge sehr weit zu treiben; ein Gespräch, das von -Eifersucht handelte, war etwas schlüpfriger Boden für ihn; an -einem bestimmten Punkte hätte er eigentlich antworten müssen, -daß, in Anbetracht seiner pädagogischen Ader, sein Verhältnis -zum Männlichen auch nicht durchaus gesellschaftlich-hahnenmäßiger -Art sei, weshalb der großmächtige Peeperkorn seine -Kreise ebenso störe, wie Naphta und Frau Chauchat es täten; -und zum Schluß durfte er nicht hoffen, seinem Schüler eine -Persönlichkeitswirkung und natürliche Überlegenheit auszureden, -der er selbst sich so wenig, wie sein Partner in zerebralen -Angelegenheiten, zu entziehen vermochte. -</p> - -<p> -Am besten erging es ihnen, wenn geistige Lüfte wehen, wenn -sie disputieren – die Aufmerksamkeit der Spazierenden an eine -ihrer zugleich eleganten und leidenschaftlichen, ihrer akademischen -und dabei in einem Tonfall, als handele es sich um brennendste -Tages- und Lebensfragen, geführten Debatten fesseln -konnten, deren Kosten sie fast allein bestritten, und für deren -Dauer das anwesende „Format“ gewissermaßen neutralisiert -war, da es sie nur mit stirnfaltigem Erstaunen und undeutlich-spöttischen -Abgerissenheiten begleiten konnte. Allein selbst unter -diesen Umständen übte es seinen Druck, beschattete das Gespräch, -so daß es an Glanz zu verlieren schien, entweste es auf -<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a> -irgendeine Weise, setzte ihm, allen fühlbar, wenn auch seinerseits -sicherlich unbewußt, oder Gott weiß in welchem Grade bewußt, -etwas entgegen, was keiner der beiden Sachen zugute -kam und wodurch der Zwist in seiner entscheidenden Wichtigkeit -verblaßte, ja ihm – wir nehmen Anstand, es zu sagen – der -Stempel des Müßigen aufgedrückt wurde. Oder, anders versucht: -die witzige Fehde auf Leben und Tod nahm heimlich, auf -unterirdische und unbestimmte Weise, beständig Bezug auf das -ihr zur Seite wandelnde Format und entnervte sich an diesem -Magnetismus. Anders war dieser geheimnisvolle und für die -Disputanten sehr ärgerliche Vorgang nicht zu kennzeichnen. -Man kann nur sagen, daß es, wenn kein Pieter Peeperkorn gewesen -wäre, zur Parteinahme weit strenger verpflichtet hätte, -wie beispielsweise Leo Naphta das erz- und grundrevolutionäre -Wesen der Kirche gegen die Lehrmeinung Herrn Settembrinis -verteidigte, welcher in dieser geschichtlichen Macht -einzig die Schutzherrin finsterer Beharrung und Erhaltung erblicken -und alle zur Umwälzung und Erneuerung bereite Lebens- -und Zukunftsfreundlichkeit an die entgegengesetzten, einer ruhmreichen -Epoche der Wiedergeburt antiker Bildung entstammenden -Prinzipien der Aufhellung, der Wissenschaft und des Fortschritts -gebunden wissen wollte und auf diesem Bekenntnis mit -schönstem Wurf des Wortes und der Gebärde bestand. Da -machte denn Naphta, kalt und scharf, sich anheischig, zu zeigen -– und zeigte es auch fast bis zu blendender Unwidersprechlichkeit -–, daß die Kirche als Verkörperung der religiös-asketischen -Idee, im Innersten weit entfernt, Parteigängerin und Stütze -dessen zu sein, was bestehen wolle, der weltlichen Bildung also, -der staatlichen Rechtsordnungen, – vielmehr von jeher den radikalsten, -den Umsturz mit Stumpf und Stiel auf ihre Fahne -<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a> -geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich bewahrenswert -dünke und von den Matten, den Feigen, den Konservativen, -den Bürgern zu bewahren versucht werde: Staat und -Familie, weltliche Kunst und Wissenschaft – sich immer nur in -bewußtem oder unbewußtem Widerspruch zur religiösen Idee -gehalten habe, zur Kirche, deren eingeborene Tendenz und unverbrüchliches -Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen -Ordnungen und die Neugestaltung der Gesellschaft nach dem -Vorbilde des idealen, des kommunistischen Gottesstaates sei. -</p> - -<p> -Das Wort hatte danach Herr Settembrini, und beim Himmel! -er wußte etwas damit anzufangen. Eine solche Verwechslung -des luziferischen Revolutionsgedankens mit der Generalrevolte -aller schlechten Instinkte, sagte er, sei beklagenswert. -Die Neuerungsliebe der Kirche habe durch die Jahrhunderte -darin bestanden, den lebenzeugenden Gedanken zu inquirieren, -zu erdrosseln, im Rauch ihrer Scheiterhaufen zu ersticken, und -heute lasse sie sich durch ihre Emissäre für umwälzungsfroh -erklären, mit der Begründung, ihr Ziel sei es, Freiheit, Bildung -und Demokratie durch Pöbeldiktatur und Barbarei zu ersetzen. -Eh, in der Tat, eine schauerliche Art widerspruchsvoller Konsequenz, -konsequenten Widerspruches ... -</p> - -<p> -An dergleichen Widerspruch und Folgerichtigkeit, entgegnete -Naphta, lasse sein Gegner es nicht fehlen. Demokrat seiner -eigenen Schätzung nach, äußere er sich wenig volks- und gleichheitsfreundlich, -lege vielmehr eine sträfliche aristokratische -Hochnäsigkeit zutage, indem er das zu stellvertretender Diktatur -berufene Weltproletariat als Pöbel bezeichne. Aber als Demokrat, -in Wahrheit, verhalte er sich offenbar zur Kirche, die -allerdings, man müsse es auf stolze Art einräumen, die vornehmste -Macht der Menschheitsgeschichte darstelle, – vornehm -<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a> -im letzten und höchsten Verstande, in dem des Geistes. Denn -der asketische Geist, – wenn es erlaubt sei, in Pleonasmen zu -reden – der Geist der Weltverneinung und Weltvernichtung sei -die Vornehmheit selbst, das aristokratische Prinzip in Reinkultur; -er könne niemals volkstümlich sein, und zu allen Zeiten -sei die Kirche im Grunde unpopulär gewesen. Ein wenig literarische -Bemühung um die Kultur des Mittelalters werde -Herrn Settembrini dieser Tatsache ansichtig machen, – der derben -Abneigung, die das Volk – und zwar das Volk im weitesten -Sinne – dem kirchlichen Wesen entgegengebracht habe, gewisser -Mönchsgestalten zum Beispiel, die, Erfindungen volkstümlicher -Dichterphantasie, dem asketischen Gedanken auf bereits -recht lutherische Weise Wein, Weib und Gesang entgegengestellt -hätten. Alle Instinkte weltlichen Heldentums, aller -Kriegergeist, dazu die höfische Dichtung habe sich in mehr oder -minder offener Gegenstellung zur religiösen Idee und damit zur -Hierarchie befunden. Denn das alles sei „Welt“ und Pöbeltum -gewesen im Vergleich mit dem durch die Kirche dargestellten -Adel des Geistes. -</p> - -<p> -Herr Settembrini dankte für die Gedächtnisstärkung. Die -Figur des Mönches Ilsan aus dem „Rosengarten“ behalte viel -Erquickliches gegenüber dem hier gepriesenen Grabesaristokratismus, -und wenn er, Redner, kein Freund des deutschen Reformators -sei, auf den eine Anspielung geschehen, so finde man ihn -doch glühend bereit, alles, was an demokratischem Individualismus -seiner Lehre zugrunde liege, gegen jederlei geistlich-feudale -Herrschaftsgelüste über die Persönlichkeit in Schutz zu nehmen. -</p> - -<p> -„Ei!“ rief Naphta nun auf einmal. Man wolle der Kirche -wohl gar einen Mangel an Demokratismus, an Sinn für den -Wert der menschlichen Persönlichkeit unterstellen? Und die -<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a> -humane Vorurteilslosigkeit des kanonischen Rechtes, welches, -während das römische die Rechtsfähigkeit vom Besitz des Bürgerrechtes -abhängig gemacht, das germanische sie an Volkszugehörigkeit -und persönliche Freiheit gebunden habe, einzig kirchliche -Gemeinschaft und Rechtgläubigkeit verlangt, sich aller -staatlichen und gesellschaftlichen Rücksichten entschlagen und -die Testier- und Sukzessionsfähigkeit von Sklaven, Kriegsgefangenen, -Unfreien behauptet habe?! -</p> - -<p> -Diese Behauptung, bemerkte Settembrini bissig, sei wohl -nicht ohne Seitenblick auf die „kanonische Portion“ aufrecht erhalten -worden, die bei jedem Testament habe abfallen müssen. -Im übrigen sprach er von „Pfaffendemagogie“, nannte es die -Leutseligkeit unbedingter Machtbegier, die Unterwelt in Bewegung -zu setzen, wenn die Götter begreiflicherweise nichts von -einem wissen wollten, und meinte, es sei der Kirche offenbar auf -die Quantität der Seelen mehr angekommen, als auf ihre Qualität, -was auf tiefe geistige Unvornehmheit schließen lasse. -</p> - -<p> -Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde -auf den unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht, -welcher der Idee von der Erblichkeit der Schande zugrunde -gelegen habe: der Übertragung schwerer Schuld auf die – demokratisch -gesprochen – doch unschuldigen Nachkommen; die -lebenslange Makelhaftigkeit und Rechtlosigkeit natürlicher Kinder -zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, – erstens, -weil sein humanes Gefühl sich dagegen empöre, und zweitens, -weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der -gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen -Kultus des Nichts wiedererkenne, der Geist genannt sein wolle, -und der die eingestandene Unpopularität des asketischen Prinzips -als etwas so Legitimes, so Heiliges empfinden lasse. -</p> - -<p> -<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a> -Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell -herauslachen zu dürfen. Man spreche vom Nihilismus der -Kirche! Vom Nihilismus des am meisten realistischen Herrschaftssystems -der Weltgeschichte! Nie habe Herrn Settembrini -also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der sie der -Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger -Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle -und den Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Natur -allzu streng zu begegnen? Auch von dem priesterlich feinen -Begriff der Indulgenz habe er folglich nie gehört, unter den sogar -ein Sakrament, nämlich das der Ehe, falle, welches gar -kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten, sondern -nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur Einschränkung -der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so -daß das asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, -ohne daß dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten -werde? -</p> - -<p> -Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwahren -gegen einen so abscheulichen Begriff des „Politischen“, gegen -die Gebärde dünkelhafter Nachsicht und Klugheit, die der Geist -– das, was sich hier Geist nenne – sich anmaße gegen sein vermeintlich -schuldhaftes und „politisch“ zu behandelndes Gegenteil, -welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz durchaus -nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer Weltdeutung, -die das Universum verteufele, nämlich sowohl das -Leben, als auch zugleich sein erdünkeltes Gegenteil, den Geist: -denn wenn <a id="corr-80"></a>jenes böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, -es sein! Und er brach eine Lanze für die Unschuld der -Wollust, – wobei Hans Castorp an sein Humanistenstübchen -im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der -<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a> -Wasserflasche denken mußte, – während Naphta, behauptend, -nie könne Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts -des Geistigen gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben, -die kirchliche Politik und Indulgenz des Geistes als „Liebe“ bestimmte, -um den Nihilismus des asketischen Prinzips zu widerlegen, -– wobei Hans Castorp fand, daß das Wort „Liebe“ dem -scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu Gesichte -stehe ... -</p> - -<p> -So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp -kannte es. Wir haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um -zu beobachten, wie, beispielsweise, ein solcher peripatetischer -Waffengang sich im Schatten der nebenherwandelnden Persönlichkeit -ausnahm, und auf welche Weise etwa diese Gegenwart -ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein -heimlicher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her -springenden Funken tötete und eine Erinnerung an jenes Gefühl -matter Leblosigkeit sich aufdrängte, das uns überkommt, -wenn eine elektrische Leitung sich als kontaktlos erweist. Gut! -so war es. Da war kein Knistern zwischen den Widersprüchen -mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die Gegenwart, -neutralisiert durch den Geist, wie dieser meinen wollte, neutralisierte -vielmehr den Geist; Hans Castorp ward es mit Staunen -und Neugier gewahr. -</p> - -<p> -Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn, -man sah ihn daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß, -mit seinem seitwärts nickenden Tritt und den Hut in der Stirn; -sah seine breiten, unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte -ihn sagen, indem er scherzhaft mit dem Kopf auf die Disputanten -deutete: „Ja – ja – ja! Cerebrum, cerebral, verstehen Sie! -Das ist – Da zeigt sich denn doch –“: und siehe, der Steckkontakt -<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a> -war mausetot! Sie versuchten es zum andern, griffen zu -stärkeren Beschwörungen, kamen auf das „aristokratische Problem“, -auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch -nahm das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp -sah Clawdias Reisebegleiter unter der rotseidenen Steppdecke -im Bette liegen, im kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann, -halb Königsbüste, – und mit mattem Zucken erstarb der -Nerv des Streites. Stärkere Spannungen! Verneinung hie -und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und liebende Neigung -des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom, -wenn man auf Mynheer blickte, – was unvermeidlich und kraft -geheimer Anziehung geschah? Kurzum, sie blieben <em>aus</em>, und -das war, mit Hansens Wort, nicht weniger noch mehr als ein -Mysterium. Für seine Aphorismensammlung mochte er sich -notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten -ausspricht – oder es unausgesprochen läßt. Um dieses allenfalls -auszusprechen, durfte man einzig sagen, aber dies geradezu, -daß Pieter Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske -und seinem bitter zerrissenen Munde jeweils beides war, daß -beides auf ihn zu passen und in ihm sich aufzuheben schien, wenn -man ihn ansah: dies und jenes, das eine und das andre. Ja, -dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche Zero! Er lähmte -den Nerv der Widersprüche nicht durch Verwirrung und Quertreiberei, -wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er -war es auf ganz entgegengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde -Mysterium, das offenkundig nicht über Dummheit und -Gescheitheit allein, das über soviel andre Oppositionen noch -hinaus war, die Settembrini und Naphta beschworen, um zu -erzieherischem Behufe Hochspannung zu erzeugen. Die Persönlichkeit, -so schien es, war nicht erzieherisch, – und dennoch, -<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a> -welche Chance war sie für einen Bildungsreisenden! Wie seltsam, -diese Zweideutigkeit von einem König zu betrachten, als -die Streiter auf Ehe und Sünde kamen, auf das Sakrament -der Nachsicht, auf Schuld und Unschuld der Wollust! Er neigte -das Haupt zur Schulter und Brust, die wehen Lippen taten sich -voneinander, schlaff-klagend klaffte der Mund, die Nüstern -spannten und verbreiterten sich wie in Schmerzen, die Falten -der Stirne stiegen und weiteten die Augen zu blassem Leidensblick, -– ein Bild der Bitternis. Und siehe, im selben Nu erblühte -die Martermiene zur Üppigkeit! Die schräge Neigung des -Hauptes deutete sich um in Schalkheit, die Lippen, noch offen, -lächelten unsittsam, das sybaritische Grübchen, bekannt von -früheren Gelegenheiten, erschien in einer Wange, – der tanzende -Heidenpriester war da, und während er mit dem Kopfe scherzhaft -in jene cerebrale Richtung deutete, hörte man ihn sagen: -„Ei, ja, ja ja – perfekt. Das ist – Das sind – Da zeigt sich nun -– Das Sakrament der Wollust, verstehen Sie – –“ -</p> - -<p> -Dennoch, wie wir sagten, am besten waren Hans Castorps -herabgesetzte Freunde und Lehrer immer noch daran, wenn sie -zanken konnten. Sie waren in ihrem Elemente alsdann, während -das Format es nicht war, und immerhin mochte man verschieden -urteilen über die Rolle, die er dabei spielte. Ganz zweifellos -dagegen gestaltete die Lage sich zu ihrem Nachteil, wenn -es nicht länger um Witz und Wort und Spiritus, sondern um -Sachen, um Irden-Praktisches, kurz, um Fragen und Dinge ging, -in denen Herrschernaturen sich eigentlich bewähren: dann wars -um sie geschehen, sie traten in den Schatten, wurden unscheinbar, -und Peeperkorn ergriff das Zepter, bestimmte, entschied, -beorderte, bestellte und befahl ... Was wunder, daß er nach -diesem Zustand trachtete und aus der Logomachie in ihn -<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a> -hinüberstrebte? Er litt, solange sie herrschte, oder doch, wenn sie -lange herrschte; doch nicht aus Eitelkeit litt er unter ihr, – Hans -Castorp war dessen versichert. Die Eitelkeit hat kein Format, -und Größe ist nicht eitel. Nein, Peeperkorns Verlangen nach -Dinglichkeit entsprang aus anderen Gründen: aus „Angst“, -ganz <a id="corr-81"></a>grob und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und Ehrenraptus, -dessen Hans Castorp gegen Herrn Settembrini versuchsweise -erwähnt und den er als einen gewissermaßen militärischen -Zug hatte ansprechen wollen. -</p> - -<p> -„Meine Herren –“, sagte der Holländer, indem er die Kapitänshand -mit den Nagellanzen beschwörend und gebietend erhob. -„– Gut, meine Herren, perfekt, vortrefflich! Die Askese -– die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich möchte das – Durchaus! -Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben Sie mir -– Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen -uns, meine Herrschaften, wir entziehen uns in unverantwortlicher -Weise den heiligsten –“ Er atmete tief. „Diese Luft, meine -Herrschaften, die charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit -ihrem zart entnervenden, ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag -von Frühlingsaroma, – wir sollten sie nicht einatmen, -um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir sollten das nicht. -Das ist eine Beleidigung. Nur ihr selbst sollten wir unsere volle -und ganze – oh, unsere höchste und geistesgegenwärtigste – Erledigt, -meine Herrschaften! Und nur als reine Lobpreisung ihrer -Eigenschaften sollten wir sie wieder aus unserer Brust – – Ich -unterbreche mich, meine Herrschaften! Ich unterbreche mich zu -Ehren dieses –“ Er war stehengeblieben, zurückgebeugt, mit -dem Hut die Augen beschattend, und alle folgten seinem Beispiel. -„Ich lenke“, sagte er, „Ihre Aufmerksamkeit in die Höhe, -in große Höhe, auf jenen schwarzen, kreisenden Punkt dort oben, -<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a> -unter dem außerordentlich blauen, ins Schwärzliche spielenden -– Das ist ein Raubvogel, ein großer Raubvogel. Das ist, wenn -mich nicht alles – Meine Herren und Sie, mein Kind, das ist -ein Adler. Auf ihn lenke ich mit aller Entschiedenheit – Sehen -Sie! Das ist kein Bussard und kein Geier, – wären Sie so übersichtig, -wie ich es mit zunehmenden – Ja, mein Kind, gewiß, -mit zunehmenden. Mein Haar ist bleich, gewiß. So würden -Sie so deutlich, wie ich, an der stumpfen Rundung der Schwingen -– Ein Adler, meine Herrschaften. Ein Steinadler. Er kreist -gerade über uns im Blauen, schwebt ohne Flügelschlag in großartiger -Höhe zu unseren – und späht gewiß aus seinen mächtigen, -weitsichtigen Augen unter den vortretenden Brauenknochen -– Der Adler, meine Herrschaften, Jupiters Vogel, der -König seines Geschlechtes, der Leu der Lüfte! Er hat Federhosen -und einen Schnabel von Eisen, nur vorne plötzlich eisern gekrümmt, -und Fänge von ungeheurer Kraft, einwärts geschlagene -Krallen, die vorderen von der langen rückwärtigen eisern -umgriffen. Sehen Sie, so!“ Und er versuchte, mit seiner langgenagelten -Kapitänshand die Adlerklaue darzustellen. „Gevatter, -was kreist und spähst du!“ wendete er sich wieder nach -oben. „Stoß nieder! Schlag ihm mit dem Eisenschnabel auf -den Kopf und in die Augen, reiß ihm den Bauch auf, dem Wesen, -das dir Gott – – Perfekt! Erledigt! Deine Fänge müssen -in Eingeweide verstrickt sein und dein Schnabel triefen von -Blut –“ -</p> - -<p> -Er war begeistert, und um die Teilnahme der Spaziergänger -für Naphtas und Settembrinis Antinomien war es getan. Auch -wirkte die Erscheinung des Adlers noch wortlos nach in den Beschlüssen -und Unternehmungen, die unter Mynheers Leitung -darauf folgten: Es gab Einkehr, es gab ein Essen und Trinken, -<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a> -ganz außer der Zeit, jedoch mit einem Appetit, der durch das -stille Gedenken an den Adler befeuert ward; ein Schmausen und -Zechen, wie Mynheer es so oft auch außerhalb des Berghofs -ins Werk setzte, wo es sich eben traf, in „Platz“ und „Dorf“, in -einem Wirtshaus zu Glaris oder Klosters, wohin man ausflugsweise -mit dem Züglein gefahren war: Klassische Gaben -genoß man unter seiner Herrscherleitung: Rahmkaffee mit ländlich -Gebackenem oder saftigen Käse auf duftiger Alpenbutter, -die auch zu heißen, gerösteten Kastanien wundervoll mundete, -dazu Veltliner Roten, soviel das Herz begehrte; und Peeperkorn -begleitete das Stegreifmahl mit großen Abgerissenheiten -oder forderte Anton Karlowitsch Ferge zu reden auf, diesen gutmütigen -Dulder, dem alles Höhere völlig fremd war, der aber -sehr dinghaft von der Fabrikation russischer Gummischuhe zu -erzählen wußte: Mit Schwefel und andren Stoffen versetze -man die Gummimasse, und die fertigen, lackierten Schuhe würden -in einer Hitze von über hundert Grad „vulkanisiert“. Auch -vom Polarkreis sprach er, denn selbst bis dorthin hatten seine -Dienstreisen ihn mehrfach geführt: von der Mitternachtssonne -und vom ewigen Winter am Nordkap. Da sei, sagte er aus seiner -knotigen Kehle und unter seinem überhängenden Schnurrbart -hervor, der Dampfer ganz winzig erschienen gegen den ungeheuren -Felsen und die stahlgraue Fläche des Meeres. Und -gelbe Lichtflächen hätten sich am Himmel ausgebreitet, das sei -das Nordlicht gewesen. Und alles sei ihm, Anton Karlowitsch, -gespenstisch vorgekommen, die ganze Szenerie und er sich selber -mit. -</p> - -<p> -Soweit Herr Ferge, der einzige in der kleinen Gesellschaft, -der außer allen hin und wieder laufenden Beziehungen stand. -Was aber diese betraf, so gibt es zwei kurze Unterredungen -<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a> -aufzuzeichnen, zwei wunderliche Konversationen unter vier Augen, -geführt zu jener Zeit von unserem unheldischen Helden mit -Clawdia Chauchat und ihrem Reisebegleiter: mit jedem einzeln, -die eine in der Halle, um eine Abendstunde, während die „Störung“ -droben im Fieber lag, die andre eines Nachmittags an -Mynheers Lager ... -</p> - -<p> -Es herrschte Halbdunkel in der Halle an jenem Abend. Die -regelmäßige Geselligkeit war matt und flüchtig gewesen, -und früh hatte die Gästeschaft sich zum Spätliegedienst in die -Balkonlogen verzogen, soweit sie nicht auf kurwidrigen Wegen -wandelte, in die Welt hinab, zu Tanz und Spiel. Nur eine -Lampe brannte irgendwo an der Decke des ausgestorbenen -Raumes, und auch die anstoßenden Gesellschaftsräume waren -kaum erhellt. Doch wußte Hans Castorp, daß Frau Chauchat, -die das Diner ohne ihren Gebieter eingenommen hatte, noch -nicht ins erste Stockwerk zurückgekehrt war, sondern allein im -Schreib- und Lesezimmer verweilte, und darum hatte auch er -gezögert, hinaufzugehen. Er saß in dem hinteren, durch eine -flache Stufe erhöhten und durch ein paar weiße Bögen mit holzbekleideten -Pfeilern vom Hauptraum abgegliederten Teil der -Halle, saß am Kachelkamin, in solchem Schaukelstuhl wie der, -worin Marusja sich damals gewiegt, als Joachim sein allereinziges -Gespräch mit ihr gepflogen, und rauchte eine Zigarette, -wie es um diese Stunde hier allenfalls statthaft war. -</p> - -<p> -Sie kam, er hörte ihre Schritte, ihr Kleid hinter sich, sie war -neben ihm, fächelte mit einem Brief, den sie an einer Ecke hielt, -in der Luft hin und her und sagte mit ihrer Pribislavstimme: -</p> - -<p> -„Der Concierge ist fort. Geben Sie schon ein <span class="antiqua" lang="fr">timbre poste</span>!“ -</p> - -<p> -Sie trug leichte dunkle Seide diesen Abend, ein Kleid mit rundem -Halsausschnitt und lockeren Ärmeln, die unten als -<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a> -geknöpfte Manschetten knapp um die Handgelenke lagen. Er sah -das mit Vorliebe. Sie hatte sich mit der Perlenreihe geschmückt, -die bleich in der Dämmerung schimmerte. Er blickte hinauf in -ihr Kirgisengesicht. Er wiederholte: -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Timbre?</span> Ich habe keins.“ -</p> - -<p> -„Wie, keins? <span class="antiqua" lang="fr">Tant pis pour vous.</span> Nicht in Bereitschaft, -einer Dame gefällig zu sein?“ Sie warf die Lippen auf und -zuckte die Achseln. „Das enttäuscht mich. Präzis und zuverlässig -solltet Ihr doch sein. Ich habe mir eingebildet, Sie hätten -in einem Fache Ihres Portefeuilles kleine zusammengelegte -Bögen von allen Sorten, nach der Wertstaffel geordnet.“ -</p> - -<p> -„Nein, wozu?“ sagte er. „Ich schreibe nie Briefe. An wen -wohl? Höchst selten mal eine Karte, die gleich frankiert ist. An -wen sollte ich wohl Briefe schreiben? Ich habe niemanden. -Ich habe gar keine Fühlung mehr mit dem Flachland, die ist -mir abhanden gekommen. Wir haben ein Lied in unserem Volksliederbuch, -worin es heißt: ‚Ich bin der Welt abhanden gekommen‘. -So steht es mit mir.“ -</p> - -<p> -„Nun, dann geben Sie schon wenigstens eine Papyros, verlorener -Mensch!“ sagte sie, indem sie sich ihm gegenüber neben -den Kamin auf die mit einem leinenen Kissen belegte Bank -setzte, ein Bein über das andere legte und die Hand ausstreckte. -„Es scheint, damit sind Sie versehen.“ Und sie nahm nachlässig -und ohne zu danken aus seiner silbernen Dose die Zigarette, -die er ihr entgegenschob, und bediente sich an dem Taschenfeuerzeug, -das er vor ihrem vorgebeugten Gesichte spielen ließ. -In diesem trägen „Geben Sie schon!“, diesem Nehmen ohne -Dank lag Üppigkeit der verwöhnten Frau, überdies aber der -Sinn menschlicher, oder besser gesagt: „mähnschlicher“ Gemeinsamkeit -und Besitzgenossenschaft, einer wilden und weichen -<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a> -Selbstverständlichkeit des Gebens und Nehmens. Er kritisierte -es bei sich in verliebtem Sinn. Dann sagte er: -</p> - -<p> -„Ja, damit immer. Damit bin ich allerdings immer versehen. -Das muß man haben. Wie käme man ohne das wohl aus? -Nicht wahr, man nennt das eine Leidenschaft, wenn einer so -fragt. Ich bin, offen gestanden, gar kein leidenschaftlicher -Mensch, aber ich habe Leidenschaften, phlegmatische Leidenschaften.“ -</p> - -<p> -„Es beruhigt mich außerordentlich“, sagte sie, den eingeatmeten -Rauch heraussprechend, „zu hören, daß Sie kein leidenschaftlicher -Mensch sind. Übrigens, wie denn auch wohl? Sie müßten -aus der Art geschlagen sein. Leidenschaft, das ist: um des -Lebens willen leben. Aber es ist bekannt, daß ihr um des Erlebnisses -willen lebt. Leidenschaft, das ist Selbstvergessenheit. Aber -euch ist es um Selbstbereicherung zu tun. <span class="antiqua" lang="fr">C’est ça.</span> Sie haben -keine Ahnung, daß das abscheulicher Egoismus ist, und daß -ihr damit eines Tages als Feinde der Menschheit dastehen -werdet?“ -</p> - -<p> -„Hallo, hallo! Gleich Feinde der Menschheit? – Was sagst -du da, Clawdia, so allgemein? Was hast du Bestimmtes und -Persönliches im Sinn, daß du sagst, uns sei es nicht um das -Leben, sondern um Bereicherung zu tun? Ihr Frauen moralisiert -doch nicht so ins Blaue hinein. Ach, die Moral, weißt du. -Die ist ein Streitfall für Naphta und Settembrini. Die fällt -ins Gebiet der großen Konfusion. Ob einer um seiner selbst -willen lebt oder um des Lebens willen, das weiß er doch selber -nicht, und niemand kann es genau und sicher wissen. Ich meine, -die Grenze ist fließend. Da gibt es egoistische Hingabe und hingebenden -Egoismus ... Ich glaube, es ist im ganzen, wie es -in der Liebe ist. Natürlich ist es wohl unmoralisch, daß ich nicht -<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a> -recht darauf achten kann, was du mir sagst über Moral, -sondern in erster Linie froh bin, daß wir zusammensitzen, wie -nur einmal bisher und keinmal noch, seit du zurück bist. Und -daß ich dir sagen kann, wie beispiellos gut dich diese engen -Manschetten um deine Handgelenke kleiden und diese dünne -Seide weit um deine Arme herum, – um deine Arme, die ich -kenne ...“ -</p> - -<p> -„Ich gehe.“ -</p> - -<p> -„Geh, bitte, nicht! Ich werde die Umstände berücksichtigen -und die Persönlichkeiten.“ -</p> - -<p> -„Worauf man denn doch wenigstens wird rechnen dürfen -bei einem Menschen ohne Leidenschaft.“ -</p> - -<p> -„Ja, siehst du! Du spottest und schiltst mich aus, wenn ich ... -Und du willst gehen, wenn ich ...“ -</p> - -<p> -„Man ist gebeten, weniger lückenhaft zu sprechen, wenn man -verstanden zu werden wünscht.“ -</p> - -<p> -„Und ich soll also gar nicht, auch kein bißchen teilhaben an -deiner Übung im Erraten von Lückenhaftigkeiten? Das ist ungerecht, -– würde ich sagen, wenn ich nicht einsähe, daß es hier -nicht um Gerechtigkeit geht ...“ -</p> - -<p> -„Ah, nein. Gerechtigkeit ist eine phlegmatische Leidenschaft. -Im Gegensatz zur Eifersucht, mit der phlegmatische Leute sich -unbedingt lächerlich machen würden.“ -</p> - -<p> -„Siehst du? Lächerlich. Gönne mir also mein Phlegma! Ich -wiederhole: Wie käme ich ohne das wohl aus? Wie hätte ich -ohne das zum Beispiel das Warten aushalten sollen?“ -</p> - -<p> -„Bitte?“ -</p> - -<p> -„Das Warten auf dich.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Voyons, mon ami.</span> Ich will mich weiter nicht aufhalten -über die Form, in der Sie mit närrischer Hartnäckigkeit zu mir -<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a> -reden. Sie werden dessen schon müde werden, und schließlich -bin ich nicht zimperlich, keine entrüstete Bürgersfrau ...“ -</p> - -<p> -„Nein, denn du bist krank. Die Krankheit gibt dir Freiheit. -Sie macht dich – halt, jetzt fällt mir ein Wort ein, das ich noch -nie gebraucht habe! Sie macht dich genial!“ -</p> - -<p> -„Wir wollen über Genie ein andermal reden. Nicht das -wollte ich sagen. Ich verlange eines. Sie werden nicht fingieren, -daß ich mit Ihrem Warten – wenn Sie gewartet haben – -irgend etwas zu schaffen hätte, daß ich Sie dazu ermutigt, es -Ihnen auch nur erlaubt hätte. Sie werden mir sofort ausdrücklich -bestätigen, daß das Gegenteil der Fall ist ...“ -</p> - -<p> -„Gern, Clawdia, gewiß. Du hast mich zum Warten nicht -aufgefordert, ich habe aus freien Stücken gewartet. Ich verstehe -vollkommen, daß du Gewicht darauf legst ...“ -</p> - -<p> -„Sogar Ihre Zugeständnisse haben etwas Impertinentes. -Überhaupt sind Sie ein impertinenter Mensch, Gott weiß, wieso. -Nicht nur im Verkehr mit mir, sondern auch sonst. Selbst -Ihre Bewunderung, Ihre Unterordnung hat etwas Impertinentes. -Glauben Sie nicht, daß ich das nicht sehe! Ich sollte -überhaupt nicht mit Ihnen sprechen deswegen und auch darum -nicht, weil Sie von Warten zu reden wagen. Es ist unverantwortlich, -daß Sie noch hier sind. Längst sollten Sie wieder bei Ihrer -Arbeit sein, <span class="antiqua" lang="fr">sur le chantier</span>, oder wo es war ...“ -</p> - -<p> -„Jetzt sprichst du ungenial und ganz konventionell, Clawdia. -Das ist ja nur eine Redensart. Wie Settembrini kannst du es -nicht meinen und wie denn sonst. Es ist nur so hingesagt, ich -kann es nicht ernst nehmen. Ich werde nicht wilde Abreise halten, -wie mein armer Vetter, der, wie du vorhersagtest, gestorben -ist, als er versuchte, im Flachlande Dienst zu tun, und der es -wohl selber wußte, daß er sterben werde, aber lieber sterben -<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a> -wollte, als hier weiter Kurdienst machen. Gut, dafür war er -Soldat. Aber ich bin keiner, ich bin Zivilist, für mich wäre es -Fahnenflucht, zu tun, wie er, und partout, trotz Radamanths -Verbot, im Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem -Fortschritt dienen zu wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit -und Untreue gegen die Krankheit und das Genie und gegen -meine Liebe zu dir, wovon ich alte Narben und neue Wunden -trage, und gegen deine Arme, die ich kenne, – wenn ich auch zugebe, -daß es nur im Traume war, in einem genialen Traum, -daß ich sie kennen lernte, so daß dir selbstverständlich keinerlei -Konsequenzen und Verpflichtungen und Einschränkungen deiner -Freiheit daraus erwachsen ...“ -</p> - -<p> -Sie lachte, die Zigarette im Munde, daß ihre tatarischen -Augen sich zusammenzogen, und ließ, gegen die Boiserie zurückgelehnt, -die Hände neben sich auf die Bank gestützt und ein -Bein über das andre geschlagen, den Fuß im schwarzen Lackschuh -wippen. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">Quelle générosité! Oh là, là, vraiment</span>, genau so habe -ich mir einen <span class="antiqua" lang="fr">homme de génie</span> schon immer vorgestellt, mein -armer Kleiner!“ -</p> - -<p> -„Laß das gut sein, Clawdia. Ich bin natürlich von Hause -aus kein <span class="antiqua" lang="fr">homme de génie</span>, so wenig wie ich ein Mann von -Format bin, du lieber Gott, nein. Aber dann bin ich durch Zufall -– nenne es Zufall – so hoch heraufgetrieben worden in -diese genialen Gegenden ... Mit einem Worte, du weißt wohl -nicht, daß es etwas wie die alchimistisch-hermetische Pädagogik -gibt, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung -also, wenn du mich recht verstehen willst. Aber natürlich, -ein Stoff, der dazu taugen soll, durch äußere Einwirkungen -zum Höheren hinaufgetrieben und -gezwängt zu werden, der -<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a> -muß es wohl im voraus ein bißchen in sich haben. Und was -ich in mir hatte, das war, ich weiß es genau, daß ich von langer -Hand her mit der Krankheit und dem Tode auf vertrautem Fuße -stand und mir schon als Knabe unvernünftigerweise einen Bleistift -von dir lieh, wie hier in der Faschingsnacht. Aber die unvernünftige -Liebe ist genial, denn der Tod, weißt du, ist das geniale -Prinzip, die <span class="antiqua" lang="la">res bina</span>, der <span class="antiqua" lang="la">lapis philosophorum</span>, und er -ist auch das pädagogische Prinzip, denn die Liebe zu ihm führt -zur Liebe des Lebens und des Menschen. So ist es, in meiner -Balkonloge ist es mir aufgegangen, und ich bin entzückt, daß -ich es dir sagen kann. Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine -ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, -er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“ -</p> - -<p> -„Du bist ein närrischer Philosoph“, sagte sie. „Ich will nicht -behaupten, daß ich alles verstehe in deinen krausen deutschen -Gedanken, aber es klingt mähnschlich, was du sagst, und du -bist zweifellos ein guter Junge. Übrigens hast du dich tatsächlich -<span class="antiqua" lang="fr">en philosophe</span> benommen, man muß es dir lassen ...“ -</p> - -<p> -„Zu sehr <span class="antiqua" lang="fr">en philosophe</span> für deinen Geschmack, Clawdia, -nicht?“ -</p> - -<p> -„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet -hast, war dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht -böse, weil du umsonst gewartet hast?“ -</p> - -<p> -„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen -von phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und -hart von dir, daß du mit ihm zusammen kamst, denn natürlich -wußtest du durch Behrens, daß ich hier war und auf dich wartete. -Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur als eine Traumnacht -auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine Freiheit zugestehe. -Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn du bist -<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a> -wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die wunderbare -Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem -Ohr, und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die -ich kenne, – wenn freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber -liegt, der große Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt -hat ...“ -</p> - -<p> -„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute -Freundschaft halten.“ -</p> - -<p> -„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat -mich deswegen gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches -Vorurteil. Der Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen, -er ist ja eine Persönlichkeit! Daß er in Jahren ist, – nun -ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen, wenn du als Frau -ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“ -</p> - -<p> -„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte -sie, indem sie ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht -für mähnschlich halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“ -</p> - -<p> -„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit -fängt an, wo ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört. -Laß uns doch ruhig von ihm reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“ -</p> - -<p> -Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich -in den Kamin zu werfen und saß dann mit verschränkten -Armen. -</p> - -<p> -„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz -und dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du -bist der Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein -Gefühl zwang mich, ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn -wohl sonst? Urteile selbst! Ist es denn mähnschenmöglich, -sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“ -</p> - -<p> -<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a> -„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war -selbstverständlich ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es -wohl fertigbringen, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen, über -seine Angst um das Gefühl, ihn sozusagen in Gethsemane im -Stich zu lassen ...“ -</p> - -<p> -„Du bist nicht dumm“, sagte sie, und ihre Schrägaugen -blickten starr versonnen. „Du hast Verstand. Angst um das -Gefühl ...“ -</p> - -<p> -„Es ist nicht viel Verstand nötig, um zu sehen, daß du ihm -folgen mußtest, obgleich – oder vielmehr weil – seine Liebe viel -Beängstigendes haben muß.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">C’est exact</span> ... Beängstigend. Man hat viel Sorge mit -ihm, du weißt, viele Schwierigkeiten ...“ Sie hatte seine Hand -genommen und spielte unbewußt mit ihren Gelenken, blickte -aber plötzlich mit zusammengezogenen Brauen auf und fragte: -</p> - -<p> -„Halt! Ist es nicht gemein, daß wir über ihn sprechen, wie -wir da tun?“ -</p> - -<p> -„Gewiß nicht, Clawdia. Nein, weit entfernt. Es ist gewiß -nicht mehr als menschlich! Du liebst das Wort, du dehnst es so -schwärmerisch, ich habe es immer mit Interesse aus deinem -Munde gehört. Mein Vetter Joachim mochte es nicht, aus soldatischen -Gründen. Er meinte, es bedeute allgemeine Schlappheit -und Schlottrigkeit, und so genommen, als uferloses guazzabuglio -von Duldsamkeit, habe ich auch meine Bedenken dagegen, -das gebe ich zu. Aber wenn es den Sinn von Freiheit -und Genialität und Güte hat, dann ist es eben doch eine große -Sache damit, und wir können es ruhig anführen zugunsten unseres -Gesprächs über Peeperkorn und die Sorgen und Schwierigkeiten, -die er dir macht. Sie resultieren natürlich aus seiner -Ehrenpuschel, aus seiner Angst vor dem Versagen des Gefühls, -<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a> -die ihn die klassischen Hilfs- und Labungsmittel so lieben läßt, -– wir können in aller Ehrfurcht davon sprechen, denn es hat -alles Format bei ihm, großartiges Königsformat, und wir erniedrigen -weder ihn noch uns, wenn wir es menschlich zur -Sprache bringen.“ -</p> - -<p> -„Es handelt sich nicht um uns“, sagte sie und hatte die Arme -wieder verschränkt. „Man wäre keine Frau, wenn man nicht -um eines Mannes willen, eines Mannes von Format, wie du -sagst, für den man ein Gegenstand des Gefühls und der Angst -um das Gefühl ist, auch Erniedrigungen in den Kauf nehmen -wollte.“ -</p> - -<p> -„Unbedingt, Clawdia. Sehr wohl gesprochen. Auch die Erniedrigung -hat dann Format, und die Frau kann von der Höhe -ihrer Erniedrigung herab zu denen, die kein Königsformat haben, -so geringschätzig sprechen, wie du vorhin zu mir in betreff -der <span class="antiqua" lang="fr">timbres poste</span>, in dem Ton, worin du sagtest: ‚Präzis -und zuverlässig solltet ihr doch wenigstens sein!‘“ -</p> - -<p> -„Du bist empfindlich? Laß das. Wir wollen die Empfindlichkeit -zum Teufel schicken, – bist du einverstanden? Auch ich -bin zuweilen empfindlich gewesen, ich will es zugeben, da wir -heute abend so beieinander sitzen. Ich habe mich geärgert an -deinem Phlegma, und daß du dich auf so guten Fuß mit ihm -stelltest um deines egoistischen Erlebnisses willen. Dennoch hat -es mich gefreut, und ich war dir dankbar, daß du ihm Ehrfurcht -erwiesest ... Es war viel Loyalität in deinem Betragen, und -wenn auch etwas Impertinenz mit unterlief, so mußte ich sie dir -am Ende zugute halten.“ -</p> - -<p> -„Das war sehr gütig von dir.“ -</p> - -<p> -Sie sah ihn an. „Es scheint, du bist unverbesserlich. Ich werde -dir sagen: Du bist ein verschlagener Junge. Ich weiß nicht, ob -<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a> -du Geist hast; aber unbedingt besitzest du Verschlagenheit. Gut -übrigens, es läßt sich damit leben. Es läßt sich Freundschaft -damit halten. Wollen wir Freundschaft halten, ein Bündnis -schließen für ihn, wie man sonst gegen jemanden ein Bündnis -schließt! Gibst du mir darauf die Hand? Mir ist oft bange ... -Ich fürchte mich manchmal vor dem Alleinsein mit ihm, dem -innerlichen Alleinsein, <span class="antiqua" lang="fr">tu sais</span> ... Er ist beängstigend ... Ich -fürchte zuweilen, es möchte nicht gut ausgehen mit ihm ... Es -graut mir zuweilen ... Ich wüßte gern einen guten Menschen -an meiner Seite ... <span class="antiqua" lang="fr">Enfin</span>, wenn du es hören willst, ich bin vielleicht -deshalb mit ihm hierhergekommen ...“ -</p> - -<p> -Sie saßen Knie an Knie, er in dem vorwärts gewiegten Stuhl, -sie auf der Bank. Sie hatte seine Hand gedrückt bei ihren letzten -vor seinem Gesicht gesprochenen Worten. Er sagte: -</p> - -<p> -„Zu mir? O, das ist schön. O, Clawdia, das ist ganz außerordentlich. -Du bist mit ihm zu mir gekommen? Und du willst -sagen, mein Warten sei dumm und unerlaubt und ganz umsonst -gewesen? Das wäre im höchsten Grade linkisch, wenn ich -das Anerbieten deiner Freundschaft nicht zu schätzen wüßte, der -Freundschaft mit dir für ihn ...“ -</p> - -<p> -Da küßte sie ihn auf den Mund. Es war so ein russischer -Kuß, von der Art derer, die in diesem weiten, seelenvollen Lande -getauscht werden an hohen christlichen Festen, im Sinne der -Liebesbesiegelung. Da aber ein notorisch „verschlagener“ junger -Mann und eine ebenfalls noch junge, reizend schleichende -Frau ihn tauschten, so fühlen wir uns, während wir davon erzählen, -unwillkürlich von ferne an Doktor Krokowskis kunstreiche, -wenn auch nicht einwandfreie Art erinnert, von der Liebe -in einem leise schwankenden Sinn zu sprechen, so daß niemand -recht sicher gewesen war, ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches -<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a> -damit auf sich hatte. Machen wir es wie er, oder -machten Hans Castorp und Clawdia Chauchat es so bei ihrem -russischen Kuß? Aber was würde man sagen, wenn wir uns -schlechthin weigerten, dieser Frage auf den Grund zu gehen? -Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber – um Hans -Castorps Redewendung zu wiederholen – „im höchsten Grade -linkisch“ und geradezu lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe -zwischen Frommem und Leidenschaftlichem „reinlich“ zu unterscheiden. -Was heißt da reinlich! Was schwankender Sinn und -Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen lustig darüber. -Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur <em>ein</em> Wort hat -für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was -man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit -in der Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich -sein in der äußersten Frömmigkeit und nicht unfromm in der -äußersten Fleischlichkeit, sie ist immer sie selbst, als verschlagene -Lebensfreundlichkeit wie als höchste Passion, sie ist die Sympathie -mit dem Organischen, das rührend wollüstige Umfangen -des zur Verwesung Bestimmten, – Charitas ist gewiß noch -in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft. -Schwankender Sinn? Aber man lasse in Gottes Namen den -Sinn der Liebe doch schwanken! Daß er schwankt, ist Leben und -Menschlichkeit, und es würde einen durchaus trostlosen Mangel -an Verschlagenheit bedeuten, sich um sein Schwanken Sorge -zu machen. -</p> - -<p> -Während also die Lippen Hans Castorps und Frau Chauchats -sich im russischen Kusse finden, verdunkeln wir unser kleines -Theater zum Szenenwechsel. Denn nun handelt es sich um -die zweite der beiden Unterredungen, deren Mitteilung wir zusicherten, -und nach Wiederherstellung der Beleuchtung, der -<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a> -trüben Beleuchtung eines zur Neige gehenden Frühlingstages, -zur Zeit der Schneeschmelze, erblicken wir unseren Helden in -schon gewohnter Lebenslage am Bette des großen Peeperkorn, -in ehrerbietig-freundschaftlichem Gespräch mit ihm. Nach dem -4-Uhr-Tee im Speisesaal, zu dem Frau Chauchat, wie schon -zu den drei vorhergehenden Mahlzeiten, allein erschienen war, -um unmittelbar danach einen <span class="antiqua" lang="en">shopping</span>-Gang nach „Platz“ -hinunter anzutreten, hatte Hans Castorp sich zu einer seiner üblichen -Krankenvisiten bei dem Holländer melden lassen, teils, -um ihm Aufmerksamkeit zu bezeigen und ihn ein wenig zu unterhalten, -teils, um sich seinerseits an seiner Persönlichkeitswirkung -zu erbauen, – kurzum, aus lebensvoll schwankenden Motiven. -Peeperkorn legte den „Telegraaf“ beiseite, warf den Hornzwicker -darauf, nachdem er ihn sich am Bügel von der Nase gehoben, -und reichte dem Besucher die Kapitänshand, während seine breiten, -zerrissenen Lippen sich mit wundem Ausdruck undeutlich -regten. Rotwein und Kaffee waren ihm wie gewöhnlich zur -Hand: das Kaffeegeschirr stand auf dem Stuhle am Bett, braun -benetzt vom Gebrauch, – Mynheer hatte seinen Nachmittagstrank -genommen, stark und heiß, mit Zucker und Rahm, wie -gewöhnlich, und er schwitzte davon. Sein weiß umflammtes -Königsgesicht war gerötet, und kleine Tropfen standen ihm auf -Stirn und Oberlippe. -</p> - -<p> -„Ich schwitze etwas“, sagte er. „Willkommen, junger Mann. -Im Gegenteil. Nehmen Sie Platz! Das ist ein Zeichen von -Schwäche, wenn einem nach Einnahme eines warmen Getränkes -sogleich – Wollen Sie mir – Ganz recht. Das Taschentuch. -Ich danke sehr.“ Übrigens verlor sich die Röte bald und machte -der gelblichen Blässe Platz, die nach einem malignen Anfall -des großartigen Mannes Gesicht zu bedecken pflegte. Das -<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a> -Quartanfieber war stark gewesen diesen Vormittag, in allen -drei Stadien, dem kalten, dem glühenden und dem feuchten, -und Peeperkorns kleine, blasse Augen blickten matt unter der -idolhaften Stirnlineatur. Er sagte: -</p> - -<p> -„Es ist – durchaus, junger Mann. Ich möchte durchaus das -Wort ‚anerkennenswert‘ – Absolut. Es ist sehr freundlich von -Ihnen, einen kranken alten Mann –“ -</p> - -<p> -„Zu besuchen?“ fragte Hans Castorp ... „Nicht doch, Mynheer -Peeperkorn. Ich bin es, der sehr dankbar zu sein hat, daß -ich ein bißchen hier sitzen darf, ich habe ja unvergleichlich viel -mehr davon, als Sie, ich komme aus rein egoistischen Gründen. -Und was ist denn das für eine irreführende Bezeichnung für -Ihre Person, – ‚ein kranker alter Mann‘. Kein Mensch würde -darauf kommen, daß <em>Sie</em> das sein sollen. Es gibt ja ein völlig -falsches Bild.“ -</p> - -<p> -„Gut, gut“, erwiderte Mynheer und schloß für einige Sekunden -die Augen, das majestätische Haupt mit erhobenem Kinn -ins Kissen zurückgelehnt, die langgenagelten Finger auf der -breiten Königsbrust gefaltet, die sich unter dem Trikothemd abzeichnete. -„Es ist gut, junger Mann, oder vielmehr, Sie meinen es -gut, ich bin überzeugt davon. Es war angenehm gestern nachmittag -– jawohl, noch gestern nachmittag – an jenem gastlichen Ort -– ich habe seinen Namen vergessen –, wo wir die vortreffliche -Salamiwurst mit Rühreiern und diesen gesunden Landwein –“ -</p> - -<p> -„Großartig war es!“ bestätigte Hans Castorp. „Wir haben -es uns alle ganz unerlaubt schmecken lassen, – der Küchenchef -hier vom Berghof wäre mit Recht beleidigt gewesen, wenn er’s -gesehen hätte, – kurzum, wir waren ohne Ausnahme intensiv -bei der Sache! Das war Salami von echtem Schrot und Korn, -Herr Settembrini war ganz gerührt davon, er aß sie sozusagen -<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a> -mit feuchten Augen. Er ist ja ein Patriot, wie Sie wissen werden, -ein demokratischer Patriot. Er hat seine Bürgerpike am -Altar der Menschheit geweiht, damit die Salami in Zukunft an -der Brennergrenze verzollt werde.“ -</p> - -<p> -„Das ist unwesentlich“, erklärte Peeperkorn. „Er ist ein -ritterlicher und heiter gesprächiger Mann, ein Kavalier, obgleich -es ihm offenbar nicht vergönnt ist, häufig seine Kleidung -zu wechseln.“ -</p> - -<p> -„Überhaupt nicht!“ sagte Hans Castorp. „Überhaupt nicht -vergönnt! Ich kenne ihn nun schon lange Zeit und bin sehr befreundet -mit ihm, das heißt, er hat sich meiner aufs dankenswerteste -angenommen, weil er nämlich fand, ich wäre ein ‚Sorgenkind -des Lebens‘ – das ist so eine Redewendung zwischen -uns, der Ausdruck ist nicht ohne weiteres verständlich – und sich -die Mühe gibt, berichtigend auf mich einzuwirken. Aber nie -habe ich ihn anders gesehen, weder im Sommer noch im Winter, -als in den gewürfelten Hosen und dem faserigen Doppelreiher, -er trägt die alten Sachen übrigens mit hervorragendem -Anstand, durchaus kavaliermäßig, da stimme ich Ihnen entschieden -zu. Es ist ein Triumph über die Ärmlichkeit, wie er sie -trägt, und mir ist diese Ärmlichkeit sogar lieber als die Eleganz -des kleinen Naphta, bei der einem nie recht geheuer ist, sie ist sozusagen -des Teufels, und die Mittel dazu bezieht er hintenherum, -– ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse.“ -</p> - -<p> -„Ein ritterlicher und heiterer Mann,“ wiederholte Peeperkorn, -ohne auf die Bemerkung über Naphta einzugehen, „wenn -auch – erlauben Sie mir diese Einschränkung – wenn auch nicht -ohne Vorurteile. Madame, meine Reisebegleiterin, schätzt ihn -nicht sonderlich, wie Sie vielleicht bemerkt haben werden; sie -äußert sich ohne Sympathie über ihn, zweifellos weil sie -<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a> -derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie – Kein -Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini -und Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt! -Ich denke nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte -jener Artigkeit, die ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber -Freund, durchaus einwandfrei! Allein es ist da doch eine Grenze, -eine Zurückhaltung, eine gewisse Re–ku–sa–tion, die Madames -Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade –“ -</p> - -<p> -„Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade -rechtfertigt. Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigenmächtig -Ihren Satz beende. Ich kann es riskieren in dem Bewußtsein -völligen Einverständnisses mit Ihnen. Besonders -wenn man in Anschlag bringt, wie sehr die Frauen – Sie mögen -lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so allgemein von -den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum -Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu -ihnen, – so gibt es da nichts zu verwundern. Die Frauen, so -möchte ich mich ausdrücken, sind reaktive Geschöpfe, ohne selbständige -Initiative, lässig im Sinne von passiv ... Lassen Sie -mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter auszuführen -versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte, betrachtet -sich in Liebesangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie -läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird -zum wählenden Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des -Mannes, und auch dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen, -ist ihre Wahlfreiheit – vorausgesetzt nur eben, daß es -sich nicht um eine gar zu betrübte Seele von Mann handelt, -aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung gelten – ist -also ihre Wahlfreiheit sehr beeinträchtigt und bestochen durch -die Tatsache, <em>daß</em> sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden -<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a> -Abgeschmacktheiten sein, was ich da äußere, aber wenn man -jung ist, so ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich. -Sie fragen eine Frau: ‚Liebst du ihn denn?‘ ‚Er liebt mich so -sehr!‘ antwortet sie Ihnen mit Augenaufschlag oder auch -niederschlag. -Nun stellen Sie sich eine solche Antwort im Munde -von unsereinem vor – verzeihen Sie die Zusammenziehung! -Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten, aber sie -sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um -mich epigrammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von -welcher Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich -zeugt. Findet die Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Ergebenheit -schuldet, der ein so niederes Wesen wie sie mit seiner -Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie in der Liebe des Mannes -zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner Vorzüglichkeit. -Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläufig hier und -da einmal gefragt.“ -</p> - -<p> -„Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann, -mit Ihrem gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenheiten“, -erwiderte Peeperkorn. „Den Mann berauscht seine Begierde, -das Weib verlangt und gewärtigt, von seiner Begierde berauscht -zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum Gefühl. Daher -die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der Ohnmacht, das -Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein -mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe -dieses Tages war erheblich.“ -</p> - -<p> -„Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar -nicht meine Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken -bin ich immer bereit.“ -</p> - -<p> -„So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. -Ich greife aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man -<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a> -tritt diesem kleinen Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus -schlichtem Gefäße –“ Er schenkte ein, unter Beihilfe seines Gastes, -mit leicht zitternder Kapitänshand, und goß durstig den -Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine Büstengurgel, -genau, als ob es klares Wasser wäre. -</p> - -<p> -„Das labt“, sagte er. „Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben -Sie, daß ich mir noch einmal –“ Er verschüttete etwas -Wein beim abermaligen Einschenken. Das Einschlaglaken seiner -Decke war dunkelrot befleckt. „Ich wiederhole“, sagte er -mit erhobener Fingerlanze, während in seiner anderen Hand -das Weinglas zitterte, „ich wiederhole: daher unsere Verpflichtung, -unsere <em>religiöse</em> Verpflichtung zum Gefühl. Unser Gefühl, -verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt. -Das Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit -mit dem göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann, -ist göttlich. Der Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das -Gefühl Gottes. Gott schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der -Mensch ist nichts als das Organ, durch das Gott seine Hochzeit -mit dem erweckten und berauschten Leben vollzieht. Versagt er -im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist die Niederlage -von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein unausdenkbares -Entsetzen –“ Er trank. -</p> - -<p> -„Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer -Peeperkorn“, sagte Hans Castorp. „Ich folge Ihrem Gedankengang -zu meiner größten Belehrung. Sie entwickeln da -eine theologische Theorie, mit der Sie dem Menschen eine höchst -ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige religiöse Funktion -zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken erlauben -darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungsweise, -die ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse -<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a> -Strenge ist natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates. -Ich denke nicht daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern -ich möchte nur einlenkend auf Ihre Äußerung über gewisse -‚Vorurteile‘ zurückkommen, die nach Ihrer Beobachtung Herr -Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin, entgegenbringt. -Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr und -Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß -seine Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall -kleinlichen und spießbürgerlichen Charakters sind, – lächerlich, -so etwas zu denken. Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile -von größerem Stil und also unpersönlicher Art handeln, -um allgemein pädagogische Prinzipien, bei deren Geltendmachung -Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner -Eigenschaft als ‚Sorgenkind des Lebens‘ – Aber das führt zu -weit. Es ist eine überaus weitläufige Angelegenheit, die ich unmöglich -in zwei Worten –“ -</p> - -<p> -„Und Sie lieben Madame?“ fragte Mynheer plötzlich und -wandte dem Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrissenen -Munde und den kleinen blassen Augen unter dem Stirnarabeskenwerk -zu ... Hans Castorp erschrak. Er stammelte: -</p> - -<p> -„Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbstverständlich -schon in ihrer Eigenschaft als –“ -</p> - -<p> -„Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurück<a id="corr-88"></a>dämmender -Kulturgebärde die Hand ausstreckte. „Lassen Sie -mich,“ fuhr er fort, nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen -für das, was er zu sagen hatte, „lassen Sie mich wiederholen, -daß ich weit von dem Vorwurf entfernt bin, dieser italienische -Herr habe sich je eines wirklichen Verstoßes gegen die Gebote der -Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen niemanden diesen Vorwurf, -gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im gegenwärtigen -<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a> -Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann. -Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein -Zweifel; es gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl -sage ich mir – Ich sage mir kurz und gut: Ihre Bekanntschaft -mit Madame ist älter, als die unsrige. Sie haben schon -ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit ihr geteilt. Außerdem -ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften, und ich bin -nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich -unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein -und ohne Begleitung hinab in den Kurort – Kein Unglück! Bei -weitem nicht! Nur wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß -der – wie sagten Sie – der pädagogischen Prinzipien Signor -Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem ritterlichen Antriebe -– Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ...“ -</p> - -<p> -„Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und -gar nicht. Ich handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat -mich Herr Settembrini sogar gelegentlich – – Ich sehe da zu -meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem Laken, Mynheer -Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf zu -schütten, solange sie frisch waren –“ -</p> - -<p> -„Das ist unwesentlich“, sprach Peeperkorn, indem er seinen -Gast im Auge behielt. -</p> - -<p> -Hans Castorp verfärbte sich. -</p> - -<p> -„Die Dinge“, sagte er mit falschem Lächeln, „liegen hier doch -etwas anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken, -ist nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der -Kranke, ob Mann oder Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit -treten dagegen zurück. Sie sind vorübergehend unpäßlich, -Mynheer Peeperkorn, – eine akute Unpäßlichkeit, eine Unpäßlichkeit -von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin ist vergleichsweise -<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a> -gesund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu handeln, -wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen -vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha, -ha: – statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine -Begleitung in den Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch -wohl dazu, Ihrer Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen? -Dazu habe ich gar keinen Rechtstitel und kein Mandat. -Ich darf sagen, daß ich viel Sinn für positive Rechtsverhältnisse -habe. Kurzum, meine Situation, finde ich, ist korrekt, -sie entspricht der allgemeinen Sachlage, sie entspricht namentlich -meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person, Mynheer -Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn -Sie richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort -erteilt zu haben.“ -</p> - -<p> -„Eine sehr angenehme“, erwiderte Peeperkorn. „Ich lausche -mit unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort, -junger Mann. Es springt über Stock und Stein und rundet -die Dinge zur Annehmlichkeit. Allein befriedigend, – nein. Ihre -Antwort befriedigt mich nicht ganz, – verzeihen Sie, wenn ich -Ihnen damit eine Enttäuschung bereite. ‚Rigoros‘, lieber -Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf gewisse -von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen -liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit, -die mir mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen -scheint, obgleich sie mir aus Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung -bekannt ist. Ich erkenne sie wieder. Es ist die nämliche -Gezwungenheit, die Sie bei unseren gemeinsamen Unternehmungen, -unseren Spaziergängen gegen Madame – gegen -sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine -Erklärung – das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger -<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a> -Mann. Ich irre mich nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu -oft bestätigt, und es ist unwahrscheinlich, daß sie sich nicht auch -anderen aufgedrängt haben sollte, mit dem Unterschiede, daß -diese anderen sich möglicherweise, ja wahrscheinlich im Besitz der -Erklärung des Phänomens befinden.“ -</p> - -<p> -Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlossenem -Stil heute nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den -malignen Anfall. Es fehlte fast jede Abgerissenheit. Im Bette -halb sitzend, die mächtigen Schultern, das großartige Haupt -gegen den Besucher gewandt, hielt er den einen Arm über der -Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige Kapitänshand, -aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den -von den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein -Mund die Worte so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie -Herr Settembrini es nur hätte wünschen können, mit gerolltem -Kehl-r in Wörtern wie „wahrscheinlich“ und „aufgedrängt“. -</p> - -<p> -„Sie lächeln,“ fuhr er fort, „Sie drehen blinzelnd den Kopf -hin und her, Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens -zu befleißigen. Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen, -was ich meine, und um was es sich handelt. Ich behaupte nicht, -daß Sie nicht zuweilen das Wort an Madame richteten oder -ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die Unterhaltung das -Umgekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es geschieht -mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen, -einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht, -dem Vermeiden <em>einer</em> Form. Man hat, soweit Sie in Frage -kommen, den Eindruck, als handelte es sich um eine Wette, als -hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen und dürften -sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen. -<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a> -Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden. -Sie sagen nicht ‚Sie‘ zu ihr.“ -</p> - -<p> -„Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ...“ -</p> - -<p> -„Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst -nicht unkund sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind -bis in die Lippen hinein.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich -beschäftigte er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. „Dahin -mußte es kommen!“ dachte er. „Darauf wollte es hinaus. -Ich habe, glaube ich, selber das meine getan, damit es darauf -hinausliefe. Ich habe es in gewissem Grade darauf angelegt, -wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich wahrhaftig -so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf -Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann -ich noch lügen? Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich -bleibe vorderhand bei diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier -im Laken.“ -</p> - -<p> -Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei -oder drei Minuten lang, – sie gab zu bemerken, welche Ausdehnung -diese winzigen Einheiten unter solchen Umständen gewinnen -können. -</p> - -<p> -Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete. -</p> - -<p> -„Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft -gebracht hatte“, begann er in singendem Ton und -ließ am Schlusse die Stimme sinken, als sei das der erste Satz -einer längeren Erzählung. „Wir hatten ein kleines Fest gefeiert, -Speise und Trank genossen, und in gehobener Stimmung, in -menschlich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu vorgerückter -Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da -<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a> -geschah es, hier vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung -kam, die Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten -mit den Lippen die Stirn der Frau berühren, die Sie mir als -einen guten Freund von früherem Aufenthalte her vorgestellt -hatte, und es ihr anheimzugeben, diese feierlich-heitere Handlung -zum Zeichen der erhöhten Stunde vor meinen Augen zu -erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen -sie mit der Begründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit -meiner Reisebegleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden -nicht bestreiten, daß das eine Erläuterung war, die selbst der -Erklärung bedurft hätte, einer Erklärung, die Sie mir bis zur -Stunde schuldig geblieben sind. Sind Sie gewillt, diese Schuld -jetzt abzutragen?“ -</p> - -<p> -„So, das hat er also auch gemerkt“, dachte Hans Castorp -und wandte sich noch näher den Weinflecken zu, indem er mit -der gekrümmten Spitze des Mittelfingers an einem davon -kratzte. „Im Grunde wollte ich wohl damals, daß er es merkte -und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber was nun? -Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller -vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach -seiner Faust umzusehen, die möglicherweise schon über mir -schwebt? Eine hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage, -in der ich mich da befinde!“ -</p> - -<p> -Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand -Peeperkorns umfaßt. -</p> - -<p> -„Jetzt faßt er mich am Handgelenk!“ dachte er. „Na, lächerlich, -was sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich -schuldhaft vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der -Mann in Daghestan sich zu beklagen. Und dann dieser und -jener. Und dann ich. Und <em>er</em> hat sich meines Wissens überhaupt -<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a> -noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also das Herz? Es ist -hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und ihm frank, wenn auch ehrerbietig -in das großmächtige Antlitz blicke!“ -</p> - -<p> -So tat er. Das großmächtige Antlitz war gelb, die Augen -blickten blaß unter angezogener Stirnlineatur, der Ausdruck -der zerrissenen Lippen war bitter. Sie lasen einer in des anderen -Augen, der große alte und der unbedeutende junge Mann, indem -der eine fortfuhr, den anderen am Handgelenk zu halten. -Endlich sprach Peeperkorn leise: -</p> - -<p> -„Sie waren Clawdias Geliebter bei ihrem vorigen Aufenthalt.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp ließ noch einmal den Kopf sinken, richtete ihn -aber gleich wieder auf und sagte nach einem tiefen Atemzug: -</p> - -<p> -„Mynheer Peeperkorn! Es widersteht mir im höchsten -Grade, Sie zu belügen, und ich suche nach einer Möglichkeit, -das zu vermeiden. Es ist nicht leicht. Ich prahle, wenn ich Ihre -Feststellung bestätige, und ich lüge, wenn ich sie leugne. Das ist -so zu verstehen. Ich habe lange Zeit, sehr lange Zeit mit Clawdia -– verzeihen Sie – mit Ihrer gegenwärtigen Reisebegleiterin -zusammen in diesem Hause gelebt, ohne sie gesellschaftlich zu -kennen. Das Gesellschaftliche schied aus in unseren Beziehungen -oder in meinen Beziehungen zu ihr, von denen ich sagen will, -daß ihr Ursprung im Dunklen liegt. Ich habe Clawdia in meinen -Gedanken nie anders als Du genannt und auch in Wirklichkeit -nie anders. Denn der Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln, -von denen schon kurz die Rede war, abstreifte -und mich ihr näherte – unter einem Vorwand, der mir von -früher her nahe lag –, war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend, -ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in -dessen Verlauf das Du auf traumhafte und unverantwortliche -<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a> -Weise vollen Sinn gewann. Er war aber zugleich der Vorabend -von Clawdias Abreise.“ -</p> - -<p> -„Vollen Sinn“, wiederholte Peeperkorn. „Sie haben das -sehr artig –“ Er ließ Hans Castorp los und begann, sich mit -den Flächen seiner langnägeligen Kapitänshände beide Gesichtshälften -zu massieren, Augenhöhlen, Wangen und Kinn. -Dann faltete er die Hände auf dem weinbesudelten Laken und -legte den Kopf auf die Seite, die linke Seite, gegen den Gast -hin, so daß es einem Abwenden des Gesichtes gleichkam. -</p> - -<p> -„Ich habe Ihnen so richtig wie möglich geantwortet, Mynheer -Peeperkorn,“ sagte Hans Castorp, „und mich gewissenhaft -bemüht, weder zuviel noch zuwenig zu sagen. Es kam mir -vor allem darauf an, Sie bemerken zu lassen, daß es gewissermaßen -freisteht, jenen Abend des vollen Du und des Abschieds -mitzählen zu lassen oder nicht, – daß er ein aus aller Ordnung -und beinahe aus dem Kalender fallender Abend war, ein <span class="antiqua" lang="fr">hors -d’œuvre</span>, sozusagen, ein Extraabend, ein Schaltabend, der -neunundzwanzigste Februar, – und daß es also nur eine halbe -Lüge gewesen wäre, wenn ich Ihre Feststellung geleugnet hätte.“ -</p> - -<p> -Peeperkorn antwortete nicht. -</p> - -<p> -„Ich habe es vorgezogen,“ fing Hans Castorp nach einer -Pause wieder an, „Ihnen die Wahrheit zu sagen auf die Gefahr -hin, dadurch Ihres Wohlwollens verlustig zu gehen, was, -ganz offen gestanden, ein empfindlicher Verlust für mich wäre, -ich kann wohl sagen: ein Schlag, ein wirklicher Schlag, den -man wohl in Vergleich stellen könnte mit dem Schlag, den es -für mich bedeutete, als Frau Chauchat nicht allein, sondern -als Ihre Reisebegleiterin hier wieder eintraf. Ich habe es auf -diese Gefahr ankommen lassen, weil es längst mein Wunsch gewesen -ist, daß Klarheit zwischen uns – zwischen Ihnen, dem ich -<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a> -so außerordentlich verehrungsvolle Empfindungen entgegenbringe, -und mir herrschen möge, – das schien mir schöner und -menschlicher – Sie wissen, wie Clawdia das Wort ausspricht -mit ihrer zauberhaft belegten Stimme, so reizend gedehnt –, -als Verschwiegenheit und Verstellung, und insofern ist mir ein -Stein vom Herzen gefallen, als Sie vorhin Ihre Feststellung -machten.“ -</p> - -<p> -Keine Antwort. -</p> - -<p> -„Noch eins, Mynheer Peeperkorn“, fuhr Hans Castorp -fort. „Noch eins ließ mich wünschen, Ihnen reinen Wein einschenken -zu dürfen, nämlich die persönliche Erfahrung, wie irritierend -die Unsicherheit, das Angewiesensein auf halbe Vermutungen -in dieser Richtung wirken kann. <em>Sie</em> wissen nun, -wer es war, mit dem Clawdia, bevor das gegenwärtige positive -Rechtsverhältnis sich herstellte, das nicht zu respektieren -natürlich ausgemachter Wahnsinn wäre, einen – einen neunundzwanzigsten -Februar erlebt, verbracht, begangen – also begangen -hat. Ich habe für mein Teil diese Klarheit nie gewinnen -können, obgleich ich mir klar darüber war, daß jeder, -der in die Lage kommt, darüber nachzudenken, mit solchen Vorgängen, -ich meine eigentlich Vorgängern, rechnen muß, und obgleich -ich ferner wußte, daß Hofrat Behrens, der, wie Sie vielleicht -wissen, in Öl dilettiert, im Laufe vieler Sitzungen ein hervorragendes -Porträt von ihr angefertigt hatte, von einer Anschaulichkeit -in der Wiedergabe der Haut, die unter uns gesagt -zu starkem Stutzen Anlaß gibt. Das hat mir viel Qual und -Kopfzerbrechen verursacht und tut es noch heute.“ -</p> - -<p> -„Sie lieben sie noch?“ fragte Peeperkorn, ohne seine Stellung -zu verändern, das heißt: mit abgewandtem Gesicht ... Das -große Zimmer sank mehr und mehr in Dämmerung. -</p> - -<p> -<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a> -„Entschuldigen Sie, Mynheer Peeperkorn,“ antwortete -Hans Castorp, „aber meine Empfindungen für Sie, Empfindungen -größter Hochachtung und Bewunderung, würden es -mir nicht als schicklich erscheinen lassen, Ihnen von meinen Empfindungen -für Ihre Reisebegleiterin zu sprechen.“ -</p> - -<p> -„Und teilt sie“, fragte Peeperkorn mit stiller Stimme, „diese -Empfindungen auch heute noch?“ -</p> - -<p> -„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht, -daß sie sie jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir -haben diesen Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir -von der reaktiven Natur der Frauen sprachen. An mir ist natürlich -nicht viel zu lieben. Was habe denn ich für ein Format, -– urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem – einem neunundzwanzigsten -Februar kommen konnte, so ist das einzig und allein -der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes -zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch -und geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen -‚Mann‘ nenne, aber Clawdia ist jedenfalls eine Frau.“ -</p> - -<p> -„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen -Lippen. -</p> - -<p> -„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte -Hans Castorp, „und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach -schon manches liebe Mal getan hat, – darüber muß jeder sich -klar sein, der in die Lage kommt –“ -</p> - -<p> -„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber -mit einer Gebärde der flachen Hand gegen seinen Unterredner. -„Sollte es nicht gemein sein, daß wir so über sie sprechen?“ -</p> - -<p> -„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie -völlig beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen -die Rede, – das Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und -<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a> -der Genialität genommen, – verzeihen Sie den möglicherweise -etwas geschraubten Ausdruck, aber der Bedarfsfall brachte -mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“ -</p> - -<p> -„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise. -</p> - -<p> -Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles -am Bette sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt, -die Hände zwischen den Knien. -</p> - -<p> -„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der -Mann hinter dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie -einen Mann hinter dem Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit -und Genialität, sei es aus Stumpfheit, sei es aus Intelligenz, -ich kenne den Burschen nicht. Jedenfalls tut er wohl daran, -sie ihr zu bewilligen, denn es ist die Krankheit, die sie ihr -verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem sie untersteht, -und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem Beispiel -zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch vorwärts -...“ -</p> - -<p> -„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte -ihm das Antlitz zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die -Augen blickten bleich und matt unter der idolhaften Stirnlineatur, -der große, zerrissene Mund stand halb geöffnet wie bei -einer tragischen Maske. -</p> - -<p> -„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden, -„daß es sich um mich handle. Meine Worte bezwecken, daß -<em>Sie</em> sich nicht beklagen, Mynheer Peeperkorn, und mir nicht -um früherer Vorkommnisse willen Ihr Wohlwollen entziehen. -Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“ -</p> - -<p> -„Dessen ungeachtet“, sagte Peeperkorn, „muß es ein großer -Schmerz gewesen sein, den ich Ihnen unwissentlich zugefügt -habe.“ -</p> - -<p> -<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a> -„Wenn das eine Frage ist“, versetzte Hans Castorp, „und -wenn ich sie bejahe, so soll das vor allen Dingen nicht heißen, -daß ich den enormen Vorzug Ihrer Bekanntschaft nicht zu -schätzen wüßte, denn dieser Vorzug ist ja mit der Enttäuschung, -von der Sie sprechen, untrennbar verbunden.“ -</p> - -<p> -„Ich danke, junger Mann, ich danke. Ich schätze die Artigkeit -Ihres kleinen Wortes. Allein von unserer Bekanntschaft -abgesehen –“ -</p> - -<p> -„Es ist schwer, davon abzusehen,“ sagte Hans Castorp, „und -es empfiehlt sich für mich auch gar nicht, davon abzusehen, um -Ihre Frage in aller Anspruchslosigkeit zu bejahen. Denn daß -es eine Persönlichkeit Ihres Formates war, in deren Begleitung -Clawdia zurückkehrte, konnte das Ungemach, das für mich darin -lag, daß sie überhaupt in Begleitung eines anderen Mannes -zurückkehrte, natürlich nur verstärken und verwickelter gestalten. -Es hat mir bedeutend zu schaffen gemacht und tut es heute -noch, das leugne ich nicht, und ich habe mich absichtlich nach -Kräften an die positive Seite der Sache gehalten, das heißt: an -meine aufrichtigen Verehrungsgefühle für Sie, Mynheer -Peeperkorn, worin übrigens nebenbei eine kleine Bosheit gegen -Ihre Reisebegleiterin lag; denn die Frauen sehen es gar nicht -besonders gern, wenn ihre Liebhaber zusammenhalten.“ -</p> - -<p> -„In der Tat –“, sagte Peeperkorn und verbarg ein Lächeln, -indem er mit der hohlen Hand über Mund und Kinn strich, als -bestünde Gefahr, daß Frau Chauchat ihn lächeln sähe. Auch -Hans Castorp lächelte diskret, und dann nickten sie beide im Einverständnis -vor sich hin. -</p> - -<p> -„Diese kleine Rache“, fuhr Hans Castorp fort, „war mir am -Ende zu gönnen, denn so weit ich in Frage komme, habe ich -wirklich einigen Grund, mich zu beklagen, – nicht über Clawdia -<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a> -und nicht über Sie, Mynheer Peeperkorn, aber mich allgemein -zu beklagen, meines Lebens und Schicksals wegen, und da ich -die Ehre Ihres Vertrauens genieße und dies eine so durch und -durch eigentümliche Dämmerstunde ist, so will ich mich wenigstens -andeutungsweise darüber zu äußern versuchen.“ -</p> - -<p> -„Ich bitte darum“, sagte Peeperkorn höflich, worauf Hans -Castorp fortfuhr: -</p> - -<p> -„Ich bin seit langer Zeit hier oben, Mynheer Peeperkorn, -seit Jahren und Tagen, – genau weiß ich es nicht, wie lange, -aber es sind Lebensjahre, darum sprach ich von ‚Leben‘, und -auch auf das ‚Schicksal‘ werde ich im rechten Augenblick noch -zurückkommen. Mein Vetter, den ich etwas zu besuchen dachte, -ein Militär, der es redlich und brav im Sinne hatte, aber das -half ihm nichts, ist mir hier weggestorben, und ich bin immer -noch da. Ich war nicht Militär, ich hatte einen Zivilberuf, wie -Sie vielleicht gehört haben, einen handfesten und vernünftigen -Beruf, der angeblich sogar in völkerverbindender Richtung -wirkt, aber ich war ihm nie sonderlich verbunden, das gebe ich -zu, und zwar aus Gründen, von denen ich nur sagen will, daß -sie im Dunklen liegen: Sie liegen da zusammen mit den Ursprüngen -meiner Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin – ich -nenne sie ausdrücklich so, um zu bekunden, daß es mir nicht einfällt, -an der positiven Rechtslage rütteln zu wollen – meiner -Empfindungen für Clawdia Chauchat und meines Duzverhältnisses -zu ihr, das ich nie verleugnet habe, seit ihre Augen mir zuerst -begegneten und es mir antaten, – es mir in unvernünftigem -Sinne antaten, verstehen Sie. Ihr zuliebe und Herrn -Settembrini zum Trotz habe ich mich dem Prinzip der Unvernunft, -dem genialen Prinzip der Krankheit unterstellt, dem ich -freilich wohl von langer Hand und jeher schon unterstand, und -<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a> -bin hier oben geblieben, – ich weiß nicht mehr genau, wie lange, -ich habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen -Verwandten und meinem flachländischen Beruf und allen meinen -Aussichten. Und als Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, -immer hier oben gewartet, so daß ich nun dem Flachland -völlig abhanden gekommen und in seinen Augen so gut -wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von ‚Schicksal‘ sprach -und mir anzudeuten erlaubte, daß es mir allenfalls zustände, -mich über die gegenwärtige Rechtslage zu beklagen. Ich habe -einmal eine Geschichte gelesen, – nein, ich habe sie im Theater -gesehen, wie ein gutmütiger Junge – er war übrigens Militär, -wie mein Vetter, – es mit einer reizenden Zigeunerin zu tun bekommt, -– sie war reizend, mit einer Blume hinter dem Ohr, ein -wildes, fatales Frauenzimmer, und sie tat es ihm dermaßen an, -daß er vollständig entgleiste, ihr alles opferte, fahnenflüchtig -wurde, mit ihr zu den Schmugglern ging und sich in jeder Richtung -entehrte. Als er soweit war, hatte sie genug von ihm und -kam mit einem Matador daher, einer zwingenden Persönlichkeit -mit prachtvollem Bariton. Es endete damit, daß der kleine -Soldat, kreideweiß im Gesicht und in offenem Hemd, sie vor dem -Zirkus mit seinem Messer erstach, worauf sie es übrigens geradezu -angelegt hatte. Es ist eine ziemlich beziehungslose Geschichte, -auf die ich da komme. Aber schließlich, warum fällt sie mir ein?“ -</p> - -<p> -Mynheer Peeperkorn hatte bei Nennung des „Messers“ -seine Sitzlage im Bette etwas verändert, war kurz beiseite gerückt, -indem er rasch das Gesicht seinem Gaste zugewandt und -ihm forschend ins Auge geblickt hatte. Jetzt richtete er sich besser -auf, stützte sich auf den Ellbogen und sprach: -</p> - -<p> -„Junger Mann, ich habe gehört, und ich bin nun im Bilde. -Erlauben Sie mir auf Grund Ihrer Mitteilungen eine loyale -<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a> -Erklärung! Wäre mein Haar nicht bleich und wäre ich nicht -mit malignem Fieber geschlagen, so sähen Sie mich bereit, -Ihnen von Mann zu Mann, die Waffe in der Hand, Genugtuung -zu geben für die Unbill, die ich Ihnen unwissentlich angetan, -und zugleich für diejenige, die meine Reisebegleiterin -Ihnen zugefügt, und für die ich ebenfalls aufzukommen habe. -Perfekt, mein Herr, – Sie sähen mich bereit. Wie aber die -Dinge liegen, so erlauben Sie mir, einen anderen Vorschlag -dafür einzusetzen. Es ist der folgende. Ich erinnere mich eines -gehobenen Augenblicks, gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft, -– ich erinnere mich daran, obgleich ich damals dem Weine -stark zugesprochen hatte –, eines Augenblicks also, da ich, angenehm -berührt von Ihrem Naturell, im Begriffe stand, Ihnen -das brüderliche Du anzubieten, mich aber dann der Einsicht -nicht entzog, daß es ein etwas übereilter Schritt gewesen wäre. -Gut, ich beziehe mich heute auf diesen Augenblick, ich komme -auf ihn zurück, ich erkläre den damals beschlossenen Aufschub -für abgelaufen. Junger Mann, wir sind Brüder, ich erkläre -uns dafür. Sie sprachen von einem Du vollen Sinnes, – auch -das unsrige wird vollen Sinn haben, den Sinn der Brüderlichkeit -im Gefühl. Die Genugtuung, die Ihnen mit der Waffe zu -geben, Alter und Unpäßlichkeit mich hindern, ich biete sie Ihnen -in dieser Form, ich biete sie Ihnen in Form eines Bruderbundes, -wie man ihn sonst wohl gegen Dritte, gegen die Welt, gegen -jemanden schließt, und den wir im Gefühl für jemanden schließen -wollen. Nehmen Sie Ihr Weinglas, junger Mann, während -ich wieder zu meinem Wasserglas greife, durch das diesem -Sauserchen weiter kein Unrecht geschieht –“ -</p> - -<p> -Und mit leicht zitternder Kapitänshand füllte er die Gläser, wobei -Hans Castorp ihm in ehrerbietiger Bestürzung behilflich war. -</p> - -<p> -<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a> -„Nehmen Sie!“ wiederholte Peeperkorn. „Kreuzen Sie den -Arm mit mir! Und trinken Sie auf diese Weise! Trinken Sie -aus! – Perfekt, junger Mann. Erledigt. Hier meine Hand. -Bist du zufrieden?“ -</p> - -<p> -„Das ist natürlich gar kein Ausdruck, Mynheer Peeperkorn“, -sagte Hans Castorp, dem es etwas schwer gefallen war, das -volle Glas in einem Zuge auszutrinken, und trocknete seine Knie -mit dem Taschentuch, da Wein darauf hinabgeflossen war. -„Ich bin hoch beglückt, will ich lieber sagen, und kann es noch -gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal zuteil geworden, – -es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist eine gewaltige -Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient haben -soll, höchstens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und -man darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich -anmutet, die neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn -ich darüber stolpere, – zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht -nach Frauenart nicht ganz einverstanden sein wird mit -diesem Arrangement ...“ -</p> - -<p> -„Laß das meine Sache sein“, erwiderte Peeperkorn, „und -das andere Sache der Übung und Gewohnheit! Und nun geh, -junger Mann! Verlasse mich, mein Sohn! Es ist dunkel, der -Abend ist völlig hereingebrochen, unsere Geliebte kann jeden -Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwischen euch -wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste.“ -</p> - -<p> -„Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!“ sagte Hans Castorp -und stand auf. „Sie sehen, ich überwinde meine berechtigte -Scheu und übe mich schon in der tollkühnen Anrede. Richtig, -es ist ja finster geworden! Ich könnte mir vorstellen, daß plötzlich -Herr Settembrini hereinkäme und das Licht andrehte, damit -Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz griffen, – er hat -<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a> -nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich gehe dermaßen -vergnügt und stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten -hätte träumen lassen. Recht gute Besserung! Es -kommen nun mindestens drei fieberfreie Tage für dich, an denen -Sie allen Anforderungen gewachsen sein werden. Das freut -mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!“ -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-5"> -Mynheer Peeperkorn (Schluß) -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und -kaum wissen wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für -fallendes Wasser sogar eine besondere Herzensneigung hegte, -die malerische Kaskade im Walde des Flüelatals noch niemals -besucht hatte. Für die Zeit seines Zusammenlebens mit Joachim -mochte er entschuldigt sein durch die strenge Dienstlichkeit seines -Vetters, der nicht zum Vergnügen hier gewesen war, und dessen -sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste -Umgebung von Haus „Berghof“ eingeschränkt hatte. Und -nach seinem Ausscheiden – nun, auch danach hatte Hans Castorps -Verhältnis zur hiesigen Landschaft, wenn man von seinen -Skiunternehmungen absehen will, den Charakter einer konservativen -Einförmigkeit bewahrt, deren Kontrast zu der Spannweite -seiner inneren Erfahrungen und „Regierungs“-obliegenheiten -sogar nicht ohne einen gewissen bewußten Reiz für den jungen -Mann gewesen war. Immerhin war seine Zustimmung lebhaft, -als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise -von sieben Personen (ihn selber eingerechnet), der Plan einer -Wagenfahrt nach jener empfohlenen Örtlichkeit erwogen wurde. -</p> - -<p> -Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen kleinen -Liedern des Flachlandes zufolge, – recht frisch und wenig -<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a> -einschmeichelnd von Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze -konnte für abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den -letzten Tagen mehrfach großflockig geschneit, doch das blieb -nicht liegen, es ließ nur etwas Nässe zurück; die lagernden Massen -des Winters waren versickert, verraucht, bis auf vereinzelte -Reste dahingeschwunden; die grüne Gangbarkeit der Welt bedeutete -ein Anerbieten an jede Unternehmungslust. -</p> - -<p> -Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während -der letzten Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Oberhauptes, -des großartigen Pieter Peeperkorn, dessen maligne -Tropenmitgift weder den Einwirkungen des außerordentlichen -Klimas, noch den Antidoten eines so hervorragenden Mediziners, -wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen. Er war -viel bettlägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das Quartanfieber -in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten -ihm zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden -abseits bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer -Verfassung befinden, und Behrens unterließ nicht, auf -die auch bei einer so mächtigen Natur unter diesen Umständen -nicht ganz von der Hand zu weisende Gefahr chronischer Entkräftung -hinzudeuten. -</p> - -<p> -Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Mynheer in -diesen Wochen vorgesessen, und auch die gemeinsamen Spaziergänge -waren bis auf einen nicht sehr ausgedehnten unterblieben. -Übrigens empfand Hans Castorp, unter uns gesagt, -diese Lockerung der Cliquengemeinschaft in gewisser Hinsicht -als Erleichterung, denn das mit Frau Chauchats Reisebegleiter -getrunkene Schmollis schuf ihm Beschwerden; es brachte in -seine öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe „Gezwungenheit“, -dasselbe „Ausweichen“ und gleichsam auf einer -<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a> -Vielliebchenwette beruhende „Vermeiden“, das diesem an seinem -Verkehr mit Clawdia aufgefallen war: mit wunderlichen -Behelfen umschrieb er die Anredeform, soweit sie sich nicht verschlucken -ließ, – aus demselben oder dem umgekehrten Dilemma, -das sein Gespräch mit Clawdia in Gegenwart anderer, auch in -alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich -dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen -Doppelklemme vervollständigt hatte. -</p> - -<p> -Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall -an der Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt, -und er fühlte sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war -der dritte Tag nach einem Quartananfall; Mynheer ließ wissen, -daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar war er zu den ersten -Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal erschienen, sondern -hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen mit Madame -Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim -ersten Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge -Order empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen -zu einer Spazierfahrt bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl -an die Herren Ferge und Wehsal weiterzugeben, auch Settembrini -und Naphta zu benachrichtigen, daß man bei ihnen vorfahren -werde, und endlich für die Bestellung zweier Landauer -auf drei Uhr Sorge zu tragen. -</p> - -<p> -Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus -„Berghof“: Hans Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort -die Herrschaften aus den Fürstenzimmern, indem sie sich damit -unterhielten, die Pferde zu tätscheln, die ihnen mit schwarzen, -feuchten, plumpen Lippen Zuckerstücke von der flachen Hand -nahmen. Die Reisegenossen erschienen mit nur leichter Verspätung -auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen Königshaupt -<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a> -schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem, etwas -abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen -weichen, runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein -allgemeines Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck -mit jedem der drei Herren, die dem Paar bis zum Fuße der -Stufen entgegenkamen. -</p> - -<p> -„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er -ihm die linke Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein -Sohn?“ -</p> - -<p> -„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der -Gefragte ... -</p> - -<p> -Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man -hatte doch gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren -würde man es zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat -trug einen warmen Gurtmantel aus faserigem, groß kariertem -Stoff und sogar ein wenig Pelz um die Schultern. Den -Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn gebundenen -olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was -ihr so reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu -schmerzte, – nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt -in sie war; und diese seine Unbefangenheit hatte zur Folge, -daß ihm bei der vorläufigen Verteilung der Plätze, bis die Externen -zur Gesellschaft stoßen würden, der Rücksitz gegenüber -Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel, während -Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias aufgefangen -zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt -bestieg. Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners -nahm teil an dem Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, -unter dessen Deckel die Hälse zweier Weinflaschen hervorragten, -und den er unter dem Rücksitz des vorderen Landauers -<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a> -verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft erschienen, und in dem -Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die Arme gekreuzt hatte, -erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit angezogenen Bremsen -setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in Bewegung. -</p> - -<p> -Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die -verdorbenen Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen -Fahrtgenossen. -</p> - -<p> -„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig -machte, weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer -den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert -und ekelt es Sie sehr, so neben mir zu sitzen?“ -</p> - -<p> -„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht -so niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln -bei jeder Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, -sich jedesmal Gedanken darüber zu machen. Was krümmen -Sie sich immer so? Sie haben, wie wir alle, Ihre Vorzüge und -Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr hübsch aus dem -‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es -nächstens mal wieder tun.“ -</p> - -<p> -„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte -der elende Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit -in Ihrem Trost liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch -tiefer erniedrigen. Sie haben gut reden und trösten vom hohen -Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch ziemlich lächerlich -dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und waren im -siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um -Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt -mir im Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – -und sehen im Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, -auf meine bettelhaften Qualen hinab ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a> -„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist -sogar hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu -verhehlen, da Sie mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend -soll es auch wohl sein, Sie legen es geradezu darauf an, -sich widrig zu machen und krümmen sich unausgesetzt. Sind -Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“ -</p> - -<p> -„Fürchterlich!“ antwortete Wehsal kopfschüttelnd. „Das ist -nicht zu sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst -und meiner Begierde nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es -wird mein Tod sein, aber man kann damit weder leben noch -sterben. Während sie weg war, fing es an, etwas besser zu gehen, -sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem sie -wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen -derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und -mir nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht geben, -aber man kann es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann -es nicht wegwünschen, man müßte sein Leben wegwünschen, -womit es sich amalgamiert hat, und das kann man eben nicht, -– was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit Vergnügen. -In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist -Unsinn, denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlangen -das Leben, und kann nicht gegen sich selber sein, das ist -die gottverfluchte Zwickmühle. Und wenn ich sage ‚gottverflucht‘, -so sage ich es auch nur redensartlich und so, als ob ich -ein anderer wäre, ich selber kann es nicht meinen. Es gibt so -manche Torturen, Castorp, und wer auf einer Tortur ist, der -will davon los, will einfach und unbedingt davon los, das ist -sein Ziel. Aber von der Tortur der Fleischesbegierde kann man -einzig und allein loswollen auf dem Wege und unter der Bedingung, -daß sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen -<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a> -Preis! Das ist die Einrichtung, und wen es nicht hat, der hält -sich nicht weiter dabei auf, aber wen es hat, der lernt unsern -Herrn Jesum Christum kennen, dem gehen die Augen über. -Gott im Himmel, was für eine Einrichtung und Angelegenheit -ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt, nur, -weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört, -– wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder -in seiner verschämten Freundlichkeit! Man könnte sagen: -Wenn es weiter nichts will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt! -Was will ich denn, Castorp? Will ich sie morden? -Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur liebkosen! -Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich winsele, aber -sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch -was Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner -Art bin ich doch auch ein Mensch! Die Fleischesbegierde gehet -dahin und dorthin, sie ist nicht gebunden und nicht fixiert, und -darum so heißen wir sie viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine -Menschenperson mit einem Angesicht, alsdann so redet unser -Mund von der Liebe. Mich verlangt doch nicht bloß nach ihrem -Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres Leibes, sondern -wenn in ihrem Angesicht auch nur ein kleines Etwas anders gestaltet -wäre, siehe, so verlangte mich’s möglicherweise nach ihrem -ganzen Leibe gar nicht, und daher so zeiget sich’s, daß ich ihre -Seele liebe, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe -zum Angesicht ist Seelenliebe ...“ -</p> - -<p> -„Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich -und schlagen hier Gott weiß was für Töne an ...“ -</p> - -<p> -„Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Unglück,“ -fuhr der Arme fort, „daß sie eine Seele hat, daß sie ein -Mensch ist aus Leib und Seele! Denn ihre Seele will nichts -<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a> -von der meinen wissen und also ihr Leib nichts von meinem, -o Jammer und große Not, und um dessentwillen ist mein Verlangen -zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich winden -ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von -mir, Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?! -Bin ich denn kein Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein -Mann? Ich bin es sogar im höchsten Grade, ich schwöre -Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn sie mir -das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie -zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust -der Welt antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte -und nicht auch um die Angesichte, wenn ihre verfluchte -Seele nicht wäre, die nichts von mir wissen will, und ohne die -mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar nicht verlangen -täte, – das ist des Teufels beschissene Zwickmühle, in der ich -mich winde ewiglich!“ -</p> - -<p> -„Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er -bewegt zwar absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch -seinem Rücken an, daß er zuhört.“ -</p> - -<p> -„Er versteht und hört zu, da haben Sie’s, Castorp! Da haben -Sie wieder die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer -Eigenart und ihrem Charakter! Wenn ich von Palingenesie -spräche oder von ... Hydrostatik, so würde er’s nicht verstehen -und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und interessierte -sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die höchste und -letzte und schauerlich heimlichste Angelegenheit, die Angelegenheit -vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich die -populärste Angelegenheit, und jeder versteht sie und kann sich -lustig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur -Lustfolter macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp, -<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a> -lieber Castorp, lassen Sie mich etwas winseln, denn was habe ich -für Nächte! Jede Nacht träume ich von ihr, ach, was träume -ich nicht alles von ihr, es brennt mir im Schlunde und in der -Magengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es damit, -daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und -manchmal auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht -speit sie mich an, und dann wache ich auf, mit Schweiß -und Schmach und Lust bedeckt ...“ -</p> - -<p> -„So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vornehmen, -den Mund zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen -und jemand sich zu uns setzt. Das ist mein Vorschlag und meine -Anordnung. Ich will Sie nicht kränken und gebe zu, daß Sie -in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu Haus eine Geschichte -von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr beim -Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit -jedem Wort eine Schlange oder Kröte. Es stand nicht im Buch, -wie sie sich dem gegenüber verhielt, aber ich habe immer angenommen, -daß sie sich wohl aufs Mundhalten verlegt haben -wird.“ -</p> - -<p> -„Es ist aber ein Menschenbedürfnis,“ sagte Wehsal kläglich, -„ein Menschenbedürfnis, lieber Castorp, zu reden und sich das -Herz zu erleichtern, wenn man in solchen Schwulitäten sitzt -wie ich.“ -</p> - -<p> -„Es ist sogar ein Menschen<em>recht</em>, Wehsal, wenn Sie wollen. -Aber es gibt Rechte, meiner Meinung nach, von denen man -unter Umständen vernünftigerweise keinen Gebrauch macht.“ -</p> - -<p> -Also waren sie still nach Hans Castorps Anordnung, und übrigens -hatten die Wagen das weinlaubbewachsene Häuschen -des Gewürzkrämers rasch erreicht, wo man denn nicht einen -Augenblick zu warten hatte: Naphta und Settembrini waren -<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a> -schon auf der Straße, dieser in seiner schadhaften Pelzjacke, -jener dagegen in einem weißlichgelben Frühjahrsüberzieher, -der überall gesteppt war und geckenhaft anmutete. Man winkte, -man tauschte Grüße, während die Wagen wendeten, und die -Herren stiegen ein: Naphta nahm als vierter im vorderen Landauer -an Ferges Seite Platz, und Settembrini, in glänzender -Laune, von klaren Scherzen sprudelnd, gesellte sich zu Hans -Castorp und Wehsal, wobei dieser ihm seinen Sitz im Fond des -Wagens überließ, – welchen Herr Settembrini denn in der Haltung -des Korsofahrers, mit erlesener Lässigkeit, einzunehmen -wußte. -</p> - -<p> -Er pries den Genuß des Fahrens, dies Bewegtwerden des -Körpers in behaglichem Ruhestande und bei wechselnder Szenerie; -zeigte sich väterlich-verbindlich gegen Hans Castorp und -tätschelte sogar dem armen Wehsal die Wange, indem er ihn -aufforderte, des eigenen unsympathischen Ich in der Bewunderung -der lichten Welt zu vergessen, auf die er mit seiner Rechten -im schäbigen Lederhandschuh ausholend deutete. -</p> - -<p> -Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle -vier, gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute -Straße, die noch nicht staubte. Felsentrümmer, in deren Fugen -Gras und Blumen sprossen, traten zuweilen an ihren Rand, -Telegraphenstangen flohen zurück, Bergwälder stiegen auf, anmutige -Kurven, die man anstrebte und zurücklegte, unterhielten -die Wegesneugier, und immer dämmerte teilweis noch verschneites -Gebirge in sonniger Fernsicht. Das gewohnte Talgebiet -war verlassen, die Verrückung der alltäglichen Szene erfrischte -das Gemüt. Bald hielt man am Waldesrand: Von hier -aus wollte man zu Fuß den Ausflug fortsetzen und das Ziel gewinnen, -– ein Ziel, mit dem man schon des längeren, ohne es -<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a> -anfangs gewahr geworden zu sein, in schwachem, aber sich stetig -verstärkendem sinnlichen Kontakte stand. Ein fernes Geräusch -wurde allen bewußt, sobald die Fahrt eingestellt war, ein leises, -zuweilen der Wahrnehmung noch wieder entkommendes -Zischen, Schüttern und Brausen, das zu unterscheiden man einander -aufforderte, und auf das man gefesselten Fußes horchte. -</p> - -<p> -„Jetzt“, sagte Settembrini, der öfters hier gewesen war, -„läßt es sich schüchtern an. Aber an Ort und Stelle ist es brutal -um diese Jahreszeit, – machen Sie sich gefaßt, wir werden -unser eigen Wort nicht verstehen.“ -</p> - -<p> -So gingen sie denn waldeinwärts, auf einem Wege mit feuchter -Nadelstreu, voran Pieter Peeperkorn, auf den Arm seiner -Begleiterin gestützt, den schwarzen weichen Hut in der Stirn, -mit seitwärts nickendem Tritt; mitten hinter ihnen Hans Castorp, -ohne Hut, wie alle übrigen Herren, die Hände in den -Taschen, mit schrägem Kopfe und leisem Pfeifen um sich blickend; -dann Naphta und Settembrini, dann Ferge mit Wehsal, -zum Schluß der Malaie allein, den Vesperkorb am Arm. Sie -sprachen über den Wald. -</p> - -<p> -Der Wald war nicht wie andere, er bot einen malerisch eigentümlichen, -ja exotischen, doch unheimlichen Anblick. Er strotzte -von einer Sorte moosiger Flechten, war damit behangen, beladen, -ganz und gar darin eingewickelt, in langen, mißfarbenen -Bärten baumelte das verfilzte Gewirk der Schmarotzerpflanze -von seinen umsponnenen, gepolsterten Zweigen: man sah fast -keine Nadeln, man sah lauter Moosgehänge, – eine schwere, -bizarre Entstellung, ein verzauberter und krankhafter Anblick. -Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, -sie drohte ihn zu ersticken, das war die allgemeine Meinung, -während der kleine Zug auf dem Nadelwege vorwärts schritt, -<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a> -im Ohr das Geräusch des Zieles, dem man sich näherte, dies -Rumpeln und Zischen, das allmählich zum Getöse wurde und -Settembrinis Vorhersage wahr zu machen versprach. -</p> - -<p> -Eine Wegbiegung gab den Blick auf die überbrückte Wald- -und Felsenschlucht frei, in der der Wasserfall niederging; und -indem man seiner ansichtig wurde, kam auch die Gehörswirkung -auf ihren Gipfel, – es war ein Höllenspektakel. Die Wassermassen -stürzten senkrecht nur in einer einzigen Kaskade, deren -Höhe aber wohl sieben oder acht Meter betrug, und deren -Breite ebenfalls beträchtlich war, und schossen dann weiß über -Felsen weiter. Sie stürzten mit unsinnigem Lärm, in welchem -sich alle möglichen Geräuscharten und Lauthöhen zu mischen -schienen, Donnern und Zischen, Gebrüll, Gejohle, Tusch, Krach, -Geprassel, Gedröhn und Glockengeläut, – wahrhaftig wollten -einem die Sinne davon vergehen. Die Besucher waren dicht -herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und betrachteten, -feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst eingehüllt, -die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu Blicke -tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd, -das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter, -deren irres und übermäßiges Brausen sie betäubte, -ihnen Furcht erregte und Gehörstäuschungen verursachte. Man -glaubte hinter sich, über sich, von allen Seiten drohende und -warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe Männerstimmen. -</p> - -<p> -Geschart hinter Mynheer Peeperkorn – Frau Chauchat unter -den andern fünf Herren – blickten sie mit ihm in den Schwall. -Sie sahen nicht sein Gesicht, sahen ihn aber das weiße Flammenhaupt -entblößen und die Brust in der Frische dehnen. Sie -verständigten sich untereinander durch Blicke und Zeichen, denn -wahrscheinlich wären Worte, selbst unmittelbar ins Ohr -<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a> -geschrien, vom Donner des Sturzes übertäubt worden. Ihre -Lippen formten Worte des Erstaunens und der Bewunderung, -die lautlos blieben. Hans Castorp, Settembrini und Ferge verabredeten -sich durch Kopfwinke, die Höhe der Schlucht zu ersteigen, -in deren Grunde sie sich befanden, den oberen Steg zu -gewinnen und die Wasser von dort zu betrachten. Es war nicht -unbequem: Eine steile Zeile von schmalen, ins Gestein gehauenen -Stufen führte gleichsam in ein höheres Stockwerk des Waldes -empor; sie erkletterten sie hintereinander, betraten die Brücke -und winkten von ihrer Mitte aus, über der Rundung des Falles -schwebend, auf das Geländer gelehnt, den unteren Freunden. -Dann gingen sie vollends hinüber, stiegen mühselig ab an der -anderen Seite und kamen jenseits des Wildwassers, über das -auch hier unten eine Brücke ging, den Zurückgebliebenen wieder -zu Gesichte. -</p> - -<p> -Die Zeichengebung betraf nun die Einnahme der Vespererfrischungen. -Sie ging von mehreren Seiten dahin, man solle -sich zu diesem Behuf aus der Lärmzone ein wenig verziehen, um -mit entlastetem Gehör und nicht taub und stumm die Freimahlzeit -zu genießen. Aber man mußte erkennen, daß Peeperkorns -Willensmeinung dagegen stand. Er schüttelte das Haupt, stieß -wiederholt den Zeigefinger gegen den Grund, und seine zerrissenen -Lippen, mit Anstrengung sich auseinanderziehend, bildeten -ein „Hier!“ Was war da zu tun? In solchen Regiefragen war -er Herr und Befehlshaber. Die Wucht seiner Persönlichkeit -hätte den Ausschlag gegeben, selbst wenn er nicht, wie immer, -Veranstalter und Meister des Unternehmens gewesen wäre. -Dieses Format ist tyrannisch und autokratisch von je und wird -es bleiben. Mynheer wollte angesichts des Falles, im Donner -vespern, das war sein großmächtiger Eigensinn, und wer nicht -<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a> -leer ausgehen wollte, mußte hier bleiben. Die Mehrzahl war -unzufrieden. Herr Settembrini, der die Möglichkeit menschlichen -Austausches, eines demokratisch-distinkten Geplauders -oder auch Disputes abgeschnitten sah, warf mit jener Gebärde -der Verzweiflung und der Resignation die Hand über den Kopf. -Der Malaie beeilte sich, die Anordnung seines Gebieters zu vollziehen. -Es waren zwei Klappsessel da, die er für Mynheer und -Madame an der Felsenwand aufschlug. Dann breitete er zu -ihren Füßen auf einem Tuche den Inhalt des Korbes aus: -Kaffeegeschirr und Gläser, Thermosflaschen, Gebäck und Wein. -Man drängte sich zur Verteilung. Dann saß man auf Geröllsteinen, -auf dem Geländer des Steges, die Tasse mit heißem -Kaffee in Händen, den Teller mit Kuchen auf den Knien, und -vesperte schweigend im Getöse. -</p> - -<p> -Peeperkorn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut -neben sich am Boden, trank Portwein aus einem silbernen Becher -mit Monogramm, den er mehrmals leerte. Und plötzlich -begann er zu sprechen. Der wunderliche Mann! Es war unmöglich, -daß er seine eigene Stimme hörte, geschweige daß die -anderen eine Silbe hätten verstehen können von dem, was er -verlauten ließ, ohne daß es verlautete. Er aber erhob den Zeigefinger, -streckte, den Becher in der Rechten, den linken Arm aus, -die flache Hand schräg erhoben, und man sah, wie sein Königsantlitz -sich redend bewegte, sein Mund Worte formte, die tonlos -blieben, als würden sie in luftleerem Raum gesprochen. -Niemand dachte anders, als daß er sein nutzloses Tun, das man -mit betretenem Lächeln betrachtete, sogleich wieder einstellen -werde, – er aber fuhr fort, sich unter bannenden, Aufmerksamkeit -erzwingenden Kulturgebärden seiner Linken in das alles verschlingende -Getöse hinein zu äußern, indem er die kleinen, müden -<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a> -und blassen, gewaltsam aufgerissenen Augen unter gespannten -Stirnfalten abwechselnd auf einen und den anderen seiner Zuschauer -richtete, so daß der eben Angeredete gezwungen war, -mit hochgezogenen Brauen ihm zuzunicken und offenen Mundes -die hohle Hand an die Ohrmuschel zu legen, als ob das die -Heillosigkeit der Sache irgend hätte bessern können. Jetzt stand -er sogar auf! Den Becher in der Hand, in seinem zerdrückten, -fast fußlangen Reisemantel, dessen Kragen aufgestellt war, -barhäuptig, die hohe, idolhaft gefaltete Stirn vom weißen -Haar umflammt, stand er am Felsen und regte das Antlitz, vor -das er dozierend den lanzenüberragten Ring seiner Finger hielt, -die Undeutlichkeit seines tauben Toastes mit dem bannenden -Zeichen der Genauigkeit versehend. Man erkannte an seinen -Gebärden und las von seinen Lippen einzelne Wörter, die man -von ihm zu hören gewohnt war: „Perfekt“ und „Erledigt“, – -nichts weiter. Man sah sein Haupt sich schräge neigen, zerrissene -Bitternis der Lippen, das Bild des Schmerzensmannes. -Dann wieder sah man das üppige Grübchen erblühen, sybaritische -Schalkheit, ein tanzendes Gewänderraffen, die heilige Unsittsamkeit -des Heidenpriesters. Er hob den Becher, führte ihn -im Halbkreis vor den Augen der Gäste hin und trank ihn in zwei, -drei Schlucken so bis zum letzten aus, daß der Boden ganz nach -oben stand. Dann reichte er ihn mit ausgestrecktem Arme dem -Malaien, der das Gefäß, Hand auf der Brust, entgegennahm, -und gab das Zeichen zum Aufbruch. -</p> - -<p> -Alle verbeugten sich dankend gegen ihn, indem sie sich anschickten, -nach Geheiß zu tun. Wer am Boden kauerte, sprang -auf die Füße, wer auf dem Steggeländer saß, ließ sich herab. -Der schmächtige Javaner in steifem Hut und Pelzkragen raffte -die Reste des Mahls und das Geschirr zusammen. In derselben -<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a> -schmalen Ordnung, wie man gekommen, kehrte man auf dem -feuchten Nadelwege, durch den von Flechtenbehang unkenntlich -gemachten Wald zur Straße zurück, auf der die Wagen hielten. -</p> - -<p> -Hans Castorp stieg diesmal zum Meister und seiner Begleiterin. -An der Seite des guten Ferge, dem alles Höhere völlig -ferne lag, saß er dem Paare gegenüber. Es wurde fast nichts -gesprochen auf dieser Heimfahrt. Mynheer saß, die flachen -Hände auf dem Plaid, das seine Knie zusammen mit denen -Clawdias umhüllte, und ließ den Unterkiefer hängen. Settembrini -und Naphta stiegen aus und verabschiedeten sich, bevor -die Wagen Geleise und Wasserlauf überschritten. Wehsal fuhr -allein in der zweiten Kutsche die Wegschleife hinan und vor das -Berghofportal, wo man sich trennte. – -</p> - -<p> -War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche -innere Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte, -leicht und flüchtig gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung -vom gewohnten nächtlichen Frieden des Berghofhauses, -eine noch so gedämpfte Unruhe, die kaum merkliche Erschütterung -durch ein fernes Laufen, genügte, um ihn hell und wach zu -machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu lassen? Tatsächlich -erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür klopfte, was -kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort, unverschlafen, -geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und -ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester, -die ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich -im ersten Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie -erklärte er seinen Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider, -strich mit den Fingern das Haar aus der Stirn und ging nicht -schnell und nicht langsam hinab, in Ungewißheit mehr über das -Wie, als über das Was der Stunde. -</p> - -<p> -<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a> -Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen -und ebenso diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo -alle Lichter brannten. Die beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk, -Madame Chauchat und der javanische Kammerdiener -waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst gekleidet, sondern -in einer Art von Nationaltracht, einer breitgestreiften hemdartigen -Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln, einem bunten -Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus gelbem -Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck -von Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt, -links zu Häupten des Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten -Händen auf dem Rücken lag. Der Eintretende überblickte -bleich die Szene. Frau Chauchat wandte ihm den Rücken -zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende des Bettes, -den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der -Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das -Gesicht ihres Reisebegleiters. -</p> - -<p> -„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski -und der Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und -nickte wehmütig, das weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war -im klinischen Kittel, aus dessen Brusttasche das Hörrohr ragte, -trug gestickte Morgenschuhe und keinen Kragen. „Nichts zu -machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit. Treten Sie -nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden zugeben, -daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die -Augen des Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung, -folgten ihm ohne Drehung des Kopfes, so daß sie ihr Weißes -zeigten. Er stellte mit einem Seitenblick fest, daß Frau Chauchat -sich nicht um ihn kümmerte, und stand in typischer Haltung -<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a> -am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände auf dem Unterleibe -zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in ehrerbietig -sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen -Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen. -Seine Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile -seines Gesichtes ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung, -obgleich seine königlichen Züge sonst unverändert waren. Die -idolhafte Faltenlineatur der hohen, weiß umloderten Stirn, in -vier- oder fünffacher Reihe wagerecht gezogen und dann im rechten -Winkel beiderseits die Schläfen hinablaufend, ausgeprägt -durch die habituelle Anspannung eines ganzen Lebens, trat auch -bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark hervor. Die -bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der Blaulauf -deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige -Hemmung der Lebensfunktionen. -</p> - -<p> -Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über -den Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen, -in Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte, -wünschte er vorläufig nicht zu stören und sah sich nach -der Gruppe der übrigen Anwesenden in seinem Rücken um. Der -Hofrat winkte mit dem Kopfe in der Richtung des Salons. -Hans Castorp folgte ihm dorthin. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="la">Suicidium?</span>“ fragte er gedämpft und fachlich ... -</p> - -<p> -„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und -fügte hinzu: „Über und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas -in Galanterieware schon mal gesehen?“ fragte er, indem -er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig geformtes Etui zog -und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem jungen -Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert. -Man lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es -<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a> -ihm aus der Hand genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was -auf die Haut tropft, kriegen Sie Brandblasen.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern. -Es war aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr -wunderlich anzusehen. Es zeigte zwei gebogene, stahlblanke -Gabelzinken mit äußerst scharfen Spitzen, einen leicht gewundenen -elfenbeinernen und mit Gold eingelegten Mittelteil, in -dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine gewisse -elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren, -und endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem -schwarzem Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll. -</p> - -<p> -„Was ist das?“ fragte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze. -Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische -Kopie des Beißzeugs der Brillenschlange. Sie verstehen? – -Sie scheinen nicht zu verstehen“, sagte er, da Hans Castorp fortfuhr, -benommen auf das bizarre Instrument niederzublicken. -„Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie sind von -einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen -Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich -sehen können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der -Zahnwurzel offen, und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang -der Gummidrüse, der in dem elfenbeinernen Mittelteil -verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne etwas einwärts, -das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen Druck, der den -Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo die -Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn -schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat. -Man muß nur darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen -persönlichen Angaben hergestellt.“ -</p> - -<p> -<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a> -„Sicher!“ sagte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Die Ladung kann nicht sehr groß gewesen sein“, fuhr der -Hofrat fort. „Was sie an Quantität vermissen ließ, muß sie ersetzt -haben durch –“ -</p> - -<p> -„Dynamik“, ergänzte Hans Castorp. -</p> - -<p> -„Na also. Was es ist, das werden wir schon noch eruieren. -Man darf dem Ergebnis mit einiger Neugier entgegensehen, -es gibt da zweifellos was zu lernen. Wetten wir, daß der wachhabende -Exot da hinten, der sich heute nacht so fein gemacht -hat, uns ganz genau Bescheid sagen könnte? Ich nehme an, -daß eine Kombination von Tierischem und Pflanzlichem vorliegt, -– vom Guten das Beste jedenfalls, denn die Wirkung -muß fulminant gewesen sein. Alles spricht dafür, daß es ihm -sofort den Atem verschlagen hat, Lähmung des Respirationszentrums, -wissen Sie, rapider Erstickungstod, wahrscheinlich -ohne Zwang und Qualen.“ -</p> - -<p> -„Gott gebe es!“ sagte Hans Castorp fromm, händigte dem -Hofrat das unheimliche kleine Werkzeug seufzend wieder ein -und kehrte ins Schlafzimmer zurück. -</p> - -<p> -Nur der Malaie und Madame Chauchat waren jetzt dort -noch anwesend. Diesmal hob Clawdia den Kopf nach dem jungen -Mann, als er sich dem Bett wieder näherte. -</p> - -<p> -„Sie hatten ein Anrecht darauf, daß ich Sie rufen ließ“, -sagte sie. -</p> - -<p> -„Es war sehr gütig von Ihnen“, sagte er, „und Sie haben -recht. Wir waren Duzfreunde. Ich schäme mich in tiefster Seele, -daß ich mich dessen schämte vor den Leuten und Umschweife -gebrauchte. – Sie waren bei ihm in seinen letzten Augenblicken?“ -</p> - -<p> -„Der Diener benachrichtigte mich, als alles vorüber war“, -antwortete sie. -</p> - -<p> -<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a> -„Er war von solchem Format“, fing Hans Castorp wieder -an, „daß er das Versagen des Gefühls vor dem Leben als kosmische -Katastrophe und als Gottesschande empfand. Denn er -betrachtete sich als Gottes Hochzeitsorgan, müssen Sie wissen. -Das war eine königliche Narretei ... Wenn man ergriffen ist, -hat man den Mut zu Ausdrücken, die kraß und pietätlos klingen, -aber feierlicher sind als konzessionierte Andachtsworte.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="fr">C’est une abdication</span>“, sagte sie. „Er wußte von unserer -Torheit?“ -</p> - -<p> -„Es war mir nicht möglich, sie ihm abzustreiten, Clawdia. Er -hatte sie erraten aus meiner Weigerung, Sie in seiner Gegenwart -auf die Stirn zu küssen. Seine Gegenwart ist eher symbolisch, -als real, in diesem Augenblick, aber wollen Sie mir erlauben, -es jetzt zu tun?“ -</p> - -<p> -Sie rückte kurz den Kopf gegen ihn, die Augen geschlossen, -wie mit einem kleinen Winken. Er führte die Lippen an ihre -Stirn. Die braunen Tieraugen des Malaien überwachten die -Szene seitwärts gerollt, so daß sie ihr Weißes zeigten. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-6"> -Der große Stumpfsinn -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Noch einmal hören wir Hofrat Behrens’ Stimme – horchen -wir gut hin! Wir vernehmen sie vielleicht zum letztenmal! -Einmal endigt selbst diese Geschichte; sie hat die längste Zeit -gedauert, oder vielmehr: Ihre inhaltliche Zeit ist derart ins -Rollen gekommen, daß kein Halten mehr ist, daß auch ihre -musikalische zur Neige geht, und daß vielleicht keine Gelegenheit -mehr unterkommen wird, den aufgeräumten Tonfall zu belauschen -der Sprache des redensartlichen Rhadamanthys. Er -sagte zu Hans Castorp: -</p> - -<p> -<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a> -„Castorp, alter Schwede, Sie langweilen sich. Sie lassen -das Maul hängen, ich sehe es alle Tage, die Verdrossenheit -steht Ihnen an der Stirn geschrieben. Sie sind ein blasierter -Balg, Castorp, Sie sind verhätschelt mit Sensationen, und -wenn Ihnen nicht alle Tage was Erstklassiges geboten wird, -so mucken und muffen Sie über die Sauregurkenzeit. Hab ich -recht oder unrecht?“ -</p> - -<p> -Hans Castorp schwieg, und da er das tat, so mußte wohl -wirklich Finsternis walten in seinem Innern. -</p> - -<p> -„Recht hab ich, wie immer“, gab Behrens sich selbst zur -Antwort. „Und eh Sie mir hier das Gift der Reichsverdrossenheit -verbreiten, Sie mißvergnügter Staatsbürger, sollen Sie -doch sehen, daß Sie durchaus nicht von Gott und Welt verlassen -sind, sondern daß die Obrigkeit ein Auge auf Sie hat, -ein unverwandtes Auge, mein Lieber, und rastlos auf Ihre -Divertierung bedacht ist. Der alte Behrens ist auch noch da. -Na, nun mal ohne Spaß mein Junge! Es ist mir was eingefallen -in Ihrer Sache, ich hab mir, weiß Gott, in schlaflosen -Nächten für Sie was ausgedacht. Man könnte von einer -Erleuchtung reden – tatsächlich versprech ich mir viel von -meiner Idee, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als Ihre -Entgiftung und triumphale Heimkehr in ungeahnter Bälde.“ -</p> - -<p> -„Da machen Sie Augen“, fuhr er nach einer Kunstpause -fort, obgleich Hans Castorp keinerlei Augen machte, sondern -ihn ziemlich schläfrig und zerstreut betrachtete, „und haben -keine Ahnung, wie der alte Behrens es meinen könnte. Ich -meine es aber so. Mit Ihnen stimmt etwas nicht, Castorp, das -wird Ihrer werten Apperzeption ja nicht entgangen sein. Es -stimmt insofern nicht, als Ihre Vergiftungserscheinungen sich -schon seit längerem auf den zweifellos sehr gebesserten lokalen -<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a> -Zustand nicht mehr recht reimen lassen – ich meditiere nicht erst -seit gestern darüber. Wir haben hier Ihr neuestes Photo ... -halten wir den Zauber mal gegen das Licht. Sie sehen, da -findet der ärgste Nörgler und Schwarzseher, wie unser kaiserlicher -Herr immer sagt, nicht allzuviel mehr zu erinnern. Ein -paar Herde sind ganz resorbiert, das Nest ist kleiner geworden -und schärfer umgrenzt, was, wie Sie gelehrterweise wissen, -auf Heilung deutet. Aus diesem Befund ist die Unsolidität -Ihres Wärmehaushalts nicht recht zu erklären, Mann; der -Arzt sieht sich in die Notwendigkeit versetzt, nach neuen Ursachen -zu fahnden.“ -</p> - -<p> -Hans Castorps Kopfbewegung drückte leidlich höfliche -Neugier aus. -</p> - -<p> -„Nun werden Sie denken, Castorp, der olle Behrens muß -zugeben, daß er die Behandlung verfehlt hat. Da hätten Sie -aber einen Bock geschossen und wären der Sachlage nicht gerecht -geworden und dem ollen Behrens auch nicht. Ihre Behandlung -war nicht verfehlt, sie war nur möglicherweise zu -einseitig orientiert. Die Möglichkeit ist mir aufgegangen, daß -Ihre Symptome von jeher nicht ausschließlich auf <span class="antiqua" lang="la">tuberculosis</span> -zurückzuführen gewesen sind, und ich leite diese Möglichkeit -aus der Wahrscheinlichkeit ab, daß sie heute überhaupt nicht -mehr darauf zurückzuführen sind. Es muß eine andere -Störungsquelle vorhanden sein. Nach meiner Meinung haben -Sie Kokken.“ -</p> - -<p> -„Nach meiner tiefinnersten Überzeugung“, wiederholte -verstärkend der Hofrat, nachdem er die Kopfbewegung entgegengenommen, -die hiernach auf seiten Hans Castorps fällig -gewesen, „haben Sie Streptos – worüber Sie sich übrigens -nicht gleich zu entsetzen brauchen.“ -</p> - -<p> -<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a> -(Es konnte von Entsetzen gar nicht die Rede sein. Hans -Castorps Miene drückte vielmehr eine Art von ironischer Anerkennung, -sei es des ihm begegnenden Scharfsinns, sei es des -neuen Würdenstandes aus, in den der Hofrat ihn hypothetisch -versetzte.) -</p> - -<p> -„Kein Grund zur Panik!“ variierte dieser sein Zureden. -„Kokken hat jeder. Streptos hat jeder Esel. Sie brauchen -sich gar nichts einzubilden. Wir wissen erst seit neulich, daß -einer Streptokokken im Blut haben kann, ohne irgendwie ansehnliche -Infektionserscheinungen zu produzieren. Wir stehen -vor dem vielen Kollegen noch gar nicht bekannten Ergebnis, -daß auch Tuberkeln im Blute vorkommen können, ganz ohne -Konsequenzen. Wir sind keine drei Schritte mehr von der Auffassung -entfernt, daß die Tuberkulose eigentlich eine Blutkrankheit -ist.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp fand das recht bemerkenswert. -</p> - -<p> -„Wenn ich also sage: Streptos,“ fing Behrens wieder an, -„so dürfen Sie natürlich nicht an das bekannte schwere Krankheitsbild -denken. Ob diese Kleinen von den Meinen sich überhaupt -bei Ihnen angesiedelt haben, muß die baktereologische -Blutuntersuchung zeigen. Aber ob Ihre Febrilität von ihnen -herrührt, gesetzt, daß sie vorhanden sind, das lehrt dann erst die -Wirkung der Streptovakzinkur, die wir diesfalls einzuleiten -haben. Das ist der Weg, lieber Freund, und ich verspreche -mir, wie gesagt, das Unvorhergesehenste davon. So langwierig -Tuberkulose ist, so rasch können Erkrankungen dieser -Art heute geheilt werden, und wenn Sie überhaupt auf die -Einspritzungen reagieren, so sind Sie in sechs Wochen springgesund. -Was sagen Sie nun? Ist der olle Behrens auf seinem -Posten, he?“ -</p> - -<p> -<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a> -„Es ist ja vorläufig nur eine Hypothese“, sagte Hans Castorp -schlaff. -</p> - -<p> -„Eine beweisbare Hypothese! Eine höchst fruchtbare Hypothese!“ -versetzte der Hofrat. „Sie werden sehen, wie fruchtbar -sie ist, wenn auf unseren Kulturen die Kokken wachsen. Morgen -nachmittag zapfen wir Sie an, Castorp; nach allen Regeln der -Dorfbaderkunst lassen wir Sie zur Ader. Das ist ein Spaß für -sich und kann allein schon für Körper und Seele die segensreichsten -Effekte zeitigen ...“ -</p> - -<p> -Hans Castorp erklärte sich zu der Diversion bereit und bedankte -sich recht schön für das ihm gewidmete Augenmerk. -Den Kopf gegen die Schulter geneigt, blickte er dem davonrudernden -Hofrat nach. Die Ansprache des Chefs traf genau -in einen kritischen Moment; Radamanth hatte Mienen und -Stimmung des Berggastes ziemlich richtig gedeutet, und sein -neues Unternehmen war bestimmt – ausdrücklich dazu bestimmt, -die Absicht war gar nicht geleugnet worden –, den -toten Punkt zu überwinden, auf den dieser Gast sich seit kurzem -gelangt fand, wie eben aus seiner Mimik zu schließen war, die -deutlich an diejenige des seligen Joachim erinnerte, zur Zeit, als -gewisse wilde und trotzige Entschlüsse sich in ihm vorbereitet -hatten. -</p> - -<p> -Es ist mehr zu sagen. Nicht nur er selbst, Hans Castorp, -schien sich auf solchem toten Punkte angekommen, sondern ihm -war, als ob es mit der Welt, mit allem, mit „dem Ganzen“ -eben diese Bewandtnis habe, oder vielmehr: er fand, daß es -schwer sei, hier das Besondere vom Allgemeinen zu unterscheiden. -Seit dem exzentrischen Ende seiner Verbindung mit -einer Persönlichkeit; seit der vielfältigen Bewegung, die dieses -Ende über das Haus gebracht, und seit Clawdia Chauchats -<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a> -neuerlichem Ausscheiden aus der Gemeinschaft derer hier oben, -dem Lebewohl, das, beschattet von der Tragik großen Versagens, -im Geiste ehrerbietiger Rücksicht, zwischen ihr und dem -überlebenden Duzbruder ihres Herrn getauscht worden, – seit -dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei es mit Welt -und Leben nicht ganz geheuer; als stehe es auf eine besondere -Weise und zunehmend schief und beängstigend darum; -als habe ein Dämon die Macht ergriffen, der, schlimm und -närrisch, zwar lange schon beträchtlichen Einfluß geübt, jetzt -aber seine Herrschaft so zügellos offen erklärt habe, daß es -wohl geheimnisvollen Schrecken einflößen und Fluchtgedanken -nahelegen konnte, – der Dämon, des Name Stumpfsinn war. -</p> - -<p> -Man wird urteilen, der Erzähler trage dick und romantisch -auf, indem er den Namen des Stumpfsinns mit dem des -Dämonischen in Verbindung bringe und ihm die Wirkung -mystischen Grauens zuschreibe. Und dennoch fabeln wir nicht, -sondern halten uns genau an unseres schlichten Helden persönliches -Erlebnis, dessen Kenntnis uns auf eine Weise, die sich -freilich der Untersuchung entzieht, gegeben ist, und das schlechthin -den Beweis liefert, daß Stumpfsinn unter Umständen -solchen Charakter gewinnen und solche Gefühle einflößen kann. -Hans Castorp blickte um sich ... Er sah durchaus Unheimliches, -Bösartiges, und er wußte, was er sah: Das Leben -ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als -stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben. -</p> - -<p> -Geschäftigkeit herrschte darin, Betätigungen von allerlei -Art liefen nebeneinander her; doch dann und wann artete eine -davon zur wilden Modewut aus, der alles fanatisch unterlag. -So hatte die Liebhaberphotographie von jeher in der Berghofwelt -eine bedeutende Rolle gespielt; schon zweimal aber – denn -<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a> -wer lange genug hier oben verweilte, konnte die periodische -Wiederkehr solcher Epidemien erleben – war die Leidenschaft -dafür auf Wochen und Monate zur allgemeinen Narretei geworden, -so daß niemand war, der nicht, mit besorgter Miene -den Kopf über eine in die Magengrube gestützte Kamera gebeugt, -die Blende hätte blinzeln lassen, und das Herumreichen -von Abzügen bei Tische kein Ende nahm. Plötzlich war es -Ehrensache, selbst zu entwickeln. Die zur Verfügung stehende -Dunkelkammer genügte der Nachfrage bei weitem nicht. Man -versah Fenster und Balkontüren der Zimmer mit schwarzen -Vorhängen; und bei Rotlicht hantierte man so lange mit -chemischen Bädern, bis Feuer auskam und der bulgarische -Student vom Guten Russentisch um ein Haar zu Asche verbrannt -wäre, worauf denn ein Verbot der Anstaltsobrigkeit -erging. Bald fand man das einfache Lichtbild abgeschmackt; -Blitzlichtaufnahmen und farbige Photographien nach Lumière -kamen in Schwung. Man weidete sich an Bildern, auf denen -Personen, vom Magnesiumblitz jäh betroffen, mit stieren Augen -aus fahl verkrampften Gesichtern blickten, wie Leichen Ermordeter, -die man mit offenen Augen aufrecht hingesetzt. Und -Hans Castorp bewahrte eine in Pappe gerahmte Glasplatte, -die ihn, wenn man sie gegen das Licht hielt, zwischen Frau -Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von <a id="corr-92"></a>denen die erste einen -himmelblauen, die andere einen blutroten Sweater trug, mit -kupferigem Angesicht und unter blechgelben Butterblumen, -deren eine ihm im Knopfloch strahlte, auf einer giftgrünen -Waldwiese zeigte. -</p> - -<p> -Es war da ferner das Briefmarkensammeln, das, alle Zeit -von einzelnen betrieben, zeitweise zu allgemeiner Besessenheit -um sich griff. Jedermann klebte, schacherte, tauschte. -<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a> -Philatelistische Zeitschriften wurden gehalten, Korrespondenzen -mit Spezialgeschäften des In- und Auslandes, mit Fachvereinen -und Privatliebhabern unterhalten und erstaunliche -Summen zur Gewinnung seltener Wertzeichen selbst von solchen -aufgebracht, deren häusliche Verhältnisse den monate- -oder jahrelangen Aufenthalt in der Luxusheilstätte nur knapp -gestatteten. -</p> - -<p> -Das dauerte so lange, bis eine andere Geckerei zur Herrschaft -gelangte und etwa das Anhäufen und unaufhörliche Verzehren -von Schokolade der erdenklichsten Sorten zum guten -Ton wurde. Alle Welt hatte braune Münder, und die leckersten -Darbietungen der Berghofküche fanden faule und krittelnde -Genießer, da die Magen mit Milka-Nut, <span class="antiqua" lang="fr">Chocolat à la crème -d’amandes</span>, Marquis-Napolitains und goldgesprenkelten -Katzenzungen gestopft und davon verstimmt waren. -</p> - -<p> -Das Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen, inauguriert -von höchster Stelle an einem verflossenen Faschingsabend -und seitdem viel gepflegt, hatte fortzeugend zu geometrischen -Geduldsübungen geführt, denen zeitweise die Geisteskraft -aller Berghofgäste und selbst noch die letzten Gedanken -und Energiebezeugungen Moribunder gehörten. Wochenlang -stand das Haus im Zeichen einer verwickelten Figur, die sich aus -nicht weniger als acht großen und kleinen Kreisen und mehreren -ineinanderliegenden Dreiecken zusammensetzte. Die Aufgabe -war, diese flächige Vielgestalt freihändig in einem Zug zu beschreiben; -das höchste Ziel aber, dies endlich auch noch bei sicher -verbundenen Augen zu vollbringen, – was schließlich, über geringe -Schönheitsfehler billig hinweggesehen, denn doch nur -dem Staatsanwalt Paravant gelang, der Hauptträger dieser -Scharfsinnsverbohrung war. -</p> - -<p> -<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a> -Wir wissen, daß er der Mathematik oblag, wissen es vom -Hofrat selbst und kennen auch die züchtige Triebfeder dieser -Hingabe, deren kühlende, den Fleischesstachel stumpfende -Wirkung wir haben preisen hören, und deren allgemeinere -Nachfolge gewisse Maßregeln, die man neuerdings zu treffen -sich gezwungen gesehen hatte, wahrscheinlich unnötig gemacht -haben würde. Sie bestanden hauptsächlich in der Abriegelung -aller Balkondurchgänge, an den nicht ganz bis zur Brüstung -reichenden Milchglasscheidewänden vorbei, durch kleine Türen, -die zur Nacht durch den Bademeister unter populärem -Schmunzeln verschlossen wurden. Sehr gesucht waren seitdem -die Zimmer im ersten Stock über der Veranda, wo man nach -Übersteigung der Balustrade über das vorspringende Glasdach -hin, unter Vermeidung der Türchen, von Abteil zu Abteil gelangen -konnte. Des Staatsanwalts wegen aber hätte die -disziplinäre Neuerung überhaupt nicht eingeführt zu werden -brauchen. Die schwere Anfechtung, die von der Erscheinung -jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war -längst überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem -natürlichen Teil zu schaffen gemacht. Mit verdoppelter Inbrunst -hatte er sich seitdem der klaräugigen Göttin in die Arme -geworfen, von deren kalmierender Macht der Hofrat so Sittliches -zu sagen wußte, und das Problem, dem bei Tag und -Nacht all sein Sinnen gehörte, an das er all jene Persistenz, -die ganze sportliche Zähigkeit wandte, mit der er ehemals, vor -seiner oft verlängerten Beurlaubung, welche in völlige Quieszierung -überzugehen drohte, die Überführung armer Sünder betrieben -hatte, – war kein anderes als die Quadratur des Kreises. -</p> - -<p> -Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit -der Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die -<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a> -Wissenschaft die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben -wollte, unstichhaltig seien, und daß die planende Vorsehung -ihn, Paravant, darum aus der unteren Welt der Lebendigen -entfernt und hierher versetzt habe, weil sie ihn dazu ausersehen, -das transzendente Ziel in den Bereich irdisch genauer Erfüllung -zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und rechnete, wo er -ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit Figuren, -Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes -Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden -Mannes, trug den visionären und verbissenen Ausdruck der -Manie. Sein Gespräch betraf ausschließlich und mit furchtbarer -Eintönigkeit die Verhältniszahl <span class="antiqua">pi</span>, diesen verzweifelten Bruch, -den das niedrige Genie eines Kopfrechners namens Zacharias -Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen berechnet -hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit zweitausend -Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das Unerreichbar-Genaue -so wenig erschöpft gewesen wären, daß man -sie für unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten -Denker, denn <a id="corr-93"></a>wen immer <a id="corr-94"></a>ihm an der Brust zu ergreifen -gelang, der mußte glühende Redeströme über sich ergehen -lassen, bestimmt, seine humane Empfindlichkeit zu wecken für -die Schande der Verunreinigung des Menschengeistes durch -die heillose Irrationalität dieses mystischen Verhältnisses. Die -Fruchtlosigkeit ewiger Multiplikation des Durchmessers mit -pi, um den Umfang –, des Quadrats über dem Halbmesser, um -den Inhalt des Kreises zu finden, schuf dem Staatsanwalt -Anfälle von Zweifeln, ob nicht die Menschheit sich die Lösung -des Problems seit Archimedes’ Tagen viel zu schwer gemacht -habe und ob diese Lösung nicht in Wahrheit die kindlich einfachste -sei. Wie, man sollte die Kreislinie nicht rektifizieren und -<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a> -also auch nicht jede Gerade zum Kreise biegen können? Zuweilen -glaubte Paravant sich einer Offenbarung nahe. Man -sah ihn öfters noch spät am Abend im verödeten und schlecht -erleuchteten Speisesaal an seinem Tische sitzen, auf dessen entblößter -Platte er ein Stück Bindfaden sorgfältig in Kreisform -legte, um es plötzlich, mit überrumpelnder Gebärde, zur Geraden -zu strecken, danach aber, schwer aufgestützt, in bitteres Grübeln -zu verfallen. Der Hofrat ging ihm gelegentlich zur Hand bei -solchem schwermütigen Getändel, bestärkte ihn überhaupt in -seiner Grille. Und auch an Hans Castorp wandte sich der -Leidende wohl einmal mit seinem geliebten Gram, einmal und -wiederholt, da er auf viel freundliches Verständnis, auf ein teilnehmendes -Gefühl für das Geheimnis des Kreises stieß. Er -veranschaulichte dem jungen Mann die Verzweiflung pi, indem -er ihm eine haarscharfe Zeichnung vorwies, worin mit -äußerster Mühe eine Kreislinie zwischen zwei Polygonen mit -winzig-zahllosen Seiten, einem eingeschriebenen und einem umschriebenen, -bis zur letzt-menschenmöglichen Annäherung eingefangen -war. Der Rest aber, die Krümmung, die sich auf eine -ätherisch-geistige Art der Rationalisierung durch die berechenbare -Umklammerung entzog, – das, sagte der Staatsanwalt -mit bebendem Unterkiefer, sei pi! Hans Castorp, bei aller -Empfänglichkeit, zeigte sich weniger reizbar gegen pi, als sein -Unterredner. Er nannte es eine Eulenspiegelei, riet Herrn -Paravant, sich bei seinem Haschespiel doch nicht zu ernstlich zu -erhitzen und sprach von den ausdehnungslosen Wendepunkten, -aus denen der Kreis von seinem nicht vorhandenen Anfang bis -zu seinem nicht vorhandenen Ende bestehe, sowie von der übermütigen -Melancholie, die in der ohne Richtungsdauer in sich -selber laufenden Ewigkeit liege, mit so gelassener Religiosität, -<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a> -daß vorübergehend eine begütigende Wirkung davon auf den -Staatsanwalt ausging. -</p> - -<p> -Übrigens bestimmte seine Natur den guten Hans Castorp -zum Vertrauten mehr als eines Hausgenossen, von dem -irgendeine fixe Idee Besitz ergriffen, und der darunter litt, daß -er bei der leichtlebigen Mehrzahl kein Gehör dafür fand. Ein -ehemaliger Bildhauer aus der österreichischen Provinz, ein -schon älterer Mann mit weißem Schnurrbart, einer Hakennase -und blauen Augen, hatte einen Plan finanzpolitischer Art -gefaßt – und ihn, unter Markierung entscheidender Stellen -durch Pinselstriche von Sepiawasserfarbe, in Schönschrift aufgesetzt -–, der darauf ausging, daß jeder Zeitungsbezieher gehalten -sein solle, eine tägliche Teilmenge von 40 Gramm Altzeitungspapier, -gesammelt am ersten jeden Monats, abzuliefern, -was denn im Jahre rund 14000 Gramm, in zwanzig -Jahren aber nicht weniger als 288 Kilo ausmachen und, das -Kilo zu 20 Pfennigen berechnet, einen Wert von 57,60 deutschen -Mark darstellen werde. Fünf Millionen Abonnenten, so fuhr -das Memorandum fort, würden also in zwanzig Jahren an -Altzeitungswerten die ungeheuere Summe von 288 Millionen -Mark abliefern, wovon ihnen zwei Drittel auf das Neuabonnement -möchten angerechnet werden, das sich so verbilligen -werde, der Rest aber, ein Drittel, gegen 100 Millionen Mark, -für humanitäre Zwecke, zur Finanzierung volkstümlicher -Lungenheilstätten, zur Unterstützung bedrängter Talente und -so weiter, frei werden würde. Der Plan war ausgearbeitet bis -auf die zeichnerische Darstellung des Zentimeterpreisstockes, -von dem das Altpapierabholorgan allmonatlich den Wert der -gesammelten Papiermenge ablesen sollte, und der gelochten -Formulare, mit denen Vergütungsgelder quittiert werden -<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a> -sollten. Er war gerechtfertigt und begründet nach allen Seiten. -Die unbesonnene Vergeudung und Vernichtung von Zeitungspapier, -das von Unaufgeklärten dem Spülwasser, dem Feuer -ausgesetzt werde, bedeute Hochverrat an unserem Walde, an -unserer Volkswirtschaft. Papier schonen, Papier sparen heiße -Zellstoff, den Waldbestand, Menschenmaterial schonen und -sparen, das bei der Fabrikation von Zellstoff und Papier verbraucht -werde, nicht minder Menschenmaterial und Kapital. -Da ferner Altzeitungspapier auf dem Wege über die Packpapier- -und Kartonageerzeugung leicht in vierfache Werte gesteigert -werden könne, so werde es Wirtschaftsfaktor von Belang -und Unterlage ergiebiger staatlicher und gemeindlicher -Besteuerungen werden, die Zeitungsleser als Steuersubjekte -entlasten. Kurzum, der Plan war gut, war eigentlich unwidersprechlich, -und wenn ihm Unheimlich-Müßiges, ja Finster-Närrisches -anhaftete, so eben nur des schiefen Fanatismus -wegen, womit der vormalige Künstler eine ökonomische Idee, -und gerade nur diese verfolgte und verfocht, mit der es ihm -offenbar im Innersten so wenig ernst war, daß er nicht den -geringsten Versuch unternahm, sie ins Werk zu setzen ... -Hans Castorp hörte dem Mann mit schrägem Kopfe nickend -zu, wenn er mit fiebrig beschwingten Worten seinen Heilsgedanken -vor ihm propagierte, und untersuchte dabei das Wesen -der Verachtung und des Widerwillens, die seine Parteinahme -für den Erfinder gegen die gedankenlose Welt beeinträchtigten. -</p> - -<p> -Einige Berghofinsassen trieben Esperanto und wußten -sich etwas damit, in dem künstlichen Kauderwelsch bei Tische -zu konversieren. Hans Castorp blickte sie finster an, indem -er übrigens bei sich selber dafür hielt, daß sie die Schlimmsten -nicht seien. Es gab hier seit kurzem eine Gruppe von -<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a> -Engländern, die ein Gesellschaftsspiel eingeführt hatten, welches -in nichts anderem bestand, als daß ein Teilnehmer an seinen -Nachbarn im Kreise die Frage richtete: „<span class="antiqua" lang="en">Did you ever see -the devil with a night-cap on?</span>“, der Gefragte aber zur Antwort -gab: „<span class="antiqua" lang="en">No! I never saw the devil with a night-cap on</span>“, -worauf er die Frage andererseits weitergab – und so immer -reihum. Das war entsetzlich. Aber dem armen Hans Castorp -war doch noch schlimmer zumute beim Anblick der Patienceleger, -die überall im Hause und zu jeder Tageszeit zu beobachten -waren. Denn die Leidenschaft für diese Zerstreuung war -neuestens derart eingerissen, daß sie buchstäblich das Haus zur -Lasterhöhle machte, und Hans Castorp hatte um so mehr Ursache, -sich grauenhaft davon berührt zu fühlen, als er selber -zeitweise ein Opfer – und zwar vielleicht das hingenommenste -– der Seuche war. Die Elferpatience hatte es ihm angetan: -jene Form, bei der man die Whistkarte zu je drei Blatt in drei -Reihen auslegt und zwei Karten, die zusammen elf ausmachen, -sowie die drei Bildkarten, wenn sie offen daliegen, neu bedeckt, -bis bei holdem Glücke das Spiel aufgeht. Man sollte nicht für -möglich halten, daß Seelenreize, die zur Behexung zu führen -vermögen, von einem so einfachen Verfahren ausgehen könnten. -Dennoch erprobte Hans Castorp, gleich so vielen anderen, -diese Möglichkeit – erprobte sie, da die Ausschweifung niemals -heiter ist, mit finsteren Brauen. Verfallen den Launen des -Kartenkobolds, berückt von dieser phantastisch wechselnden -Gunst, die zuweilen, in leichter Glücksschwebe, von allem Anbeginn -die Elferpaare, das Bub-Dame-Königsbild sich häufen -ließ, so daß das Spiel schon vergeben war, bevor noch die -dritte Staffel sich vollendet hatte (ein flüchtiger Triumph, der -die Nerven sogleich zu neuen Versuchen stachelte); dann wieder -<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a> -bis zum neunten und letzten Blatt jede einzige Möglichkeit der -Neubedeckung verweigerte, oder den scheinbar schon sicheren -Erfolg durch jähe Stockung im letzten Augenblick verflattern -ließ, – legte er Patience überall und zu allen Tageszeiten, des -Nachts unter den Sternen, des Morgens im bloßen Pyjama, -bei Tische und selbst im Traum. Ihm graute, aber er tat es. -Und so betraf ihn bei einem Besuche Herr Settembrini, ihn -„störend“, wie es von jeher seine Sendung gewesen. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">Accidenti!</span>“ sprach er. „Sie legen sich die Karten, Ingenieur?“ -</p> - -<p> -„So ist es nicht gerade gemeint“, erwiderte Hans Castorp. -„Ich lege einfach, ich balge mich mit dem abstrakten Zufall. -Mich intrigieren seine wetterwendischen Faxen, seine Liebedienerei -und dann wieder seine unglaubliche Widerspenstigkeit. -Heute morgen gleich nach dem Aufstehen ist die Patience dreimal -hintereinander glatt ausgekommen, davon einmal in zwei -Reihen, was ein Rekord ist. Wollen Sie glauben, daß ich jetzt -zum zweiunddreißigstenmal auslege, ohne ein einziges Mal -auch nur bis zur Hälfte des Spieles gekommen zu sein?“ -</p> - -<p> -Herr Settembrini blickte ihn, wie sooft schon im Laufe der -Jährchen, mit traurigen schwarzen Augen an. -</p> - -<p> -„Jedenfalls finde ich Sie präokkupiert“, sagte er. „Es sieht -nicht aus, als ob ich hier für meine Sorgen Trost, und Balsam -für den inneren Zwiespalt finden sollte, der mich quält.“ -</p> - -<p> -„Zwiespalt?“ wiederholte Hans Castorp und legte ... -</p> - -<p> -„Die Weltlage verwirrt mich“, seufzte der Freimaurer. -„Der Balkanbund wird zustandekommen, Ingenieur, alle -meine Informationen sprechen dafür. Rußland arbeitet fieberhaft -daran, und die Spitze der Kombination ist gegen die -österreichisch-ungarische Monarchie gerichtet, ohne deren -<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a> -Zertrümmerung kein Punkt des russischen Programms zu verwirklichen -ist. Begreifen Sie meine Skrupel? Ich hasse Wien -mit ganzer Kraft, Sie wissen es. Aber soll ich darum die Unterstützung -meiner Seele der sarmatischen Despotie zuteil werden -lassen, die im Begriffe ist, die Brandfackel an unseren hochadeligen -Erdteil zu legen? Andererseits würde ein auch nur -gelegentliches diplomatisches Zusammenwirken meines Landes -mit Österreich mich wie Entehrung treffen. Das sind Gewissensfragen, -welche –“ -</p> - -<p> -„Sieben und vier“, sagte Hans Castorp. „Acht und drei. -Bub, Dame, König. Es geht ja. Sie bringen mir Glück, Herr -Settembrini.“ -</p> - -<p> -Der Italiener verstummte. Hans Castorp fühlte seine -schwarzen Augen, den Blick von Vernunft und Sittlichkeit, in -tiefer Trauer auf sich ruhen, legte indessen noch eine Weile -weiter, bevor er, die Wange in die Hand gestützt, mit der falschen -und verstockten Unschuldsmiene eines bösen Kindes zu -dem vor ihm stehenden Mentor aufblickte. -</p> - -<p> -„Ihre Augen“, sprach dieser, „suchen ganz vergebens zu verhehlen, -daß Sie wissen, wie es um Sie steht.“ -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span>“, hatte Hans Castorp die Frechheit zu -antworten, und Herr Settembrini verließ ihn, – worauf denn -freilich der allein Gebliebene noch längere Zeit, ohne weiterzulegen, -den Kopf in die Hand gestützt, an seinem Tische inmitten -des weißen Zimmers sitzenblieb, grübelnd und im -Innersten grauenhaft berührt von dem nicht geheueren und -schiefen Zustand, worin er die Welt befangen sah, von dem -Grinsen des Dämons und Affengottes, unter dessen rat- und -zügellose Herrschaft er sie geraten fand, und des Name „Der -große Stumpfsinn“ war. -</p> - -<p> -<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a> -Ein schlimmer, apokalyptischer Name, ganz danach angetan, -geheime Beängstigung einzuflößen. Hans Castorp saß und -rieb sich Stirn und Herzgegend mit den flachen Händen. Er -fürchtete sich. Ihm war, als könne „das alles“ kein gutes Ende -nehmen, als werde eine Katastrophe das Ende sein, eine Empörung -der geduldigen Natur, ein Donnerwetter und aufräumender -Sturmwind, der den Bann der Welt brechen, das -Leben über den „toten Punkt“ hinwegreißen und der „Sauregurkenzeit“ -einen schrecklichen Jüngsten Tag bereiten werde. -Er hatte Lust zu fliehen, wir sagten es schon, – und ein Glück -denn nur, daß die Obrigkeit das vorerwähnte „unverwandte -Auge“ auf ihn hatte, daß sie in seinen Mienen zu lesen verstand -und auf seine Divertierung mit neuen, fruchtbaren Hypothesen -bedacht war! -</p> - -<p> -Korpsstudentischen Tonfalles hatte sie erklärt, den eigentlichen -Ursachen der Unsolidität von Hans Castorps Wärmehaushalt -auf der Spur zu sein, Ursachen, denen nach ihrer -wissenschaftlichen Aussage so unschwer beizukommen sein -würde, daß Heilung, legitime Entlassung ins Flachland plötzlich -in nahe Aussicht gerückt schienen. Des jungen Mannes Herz -schlug hoch, von mannigfachen Empfindungen bestürmt, als -er zum Aderlasse den Arm hinstreckte. Blinzelnd und leicht erblassend -bewunderte er das herrliche Rubinrot seines Lebenssaftes, -der steigend den klaren Behälter füllte. Der Hofrat -selbst, assistiert von Doktor Krokowski und einer Barmherzigen -Schwester, vollzog die kleine, aber weittragende Operation. -Danach verging eine Reihe von Tagen, beherrscht für -Hans Castorp von der Frage, wie das Hingegebene, außerhalb -seiner, unter den Augen der Wissenschaft sich bewähren -werde. -</p> - -<p> -<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a> -Es habe natürlich noch nichts gedeihen können, sagte der -Hofrat am Anfang. Es habe leider noch nichts gedeihen wollen, -sagte er später. Aber der Morgen kam, wo er, während des -Frühstücks, zu Hans Castorp trat, der zu dieser Zeit am Guten -Russentisch seinen Platz hatte, am oberen Ende, dort, wo dereinst -sein großer Duzbruder gesessen, und ihm unter redensartlichen -Glückwünschen eröffnete, der Kettenkokkus sei nun -doch in einer der angelegten Kulturen zweifelsfrei festgestellt. -Ein Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung sei es denn nun, -ob die Vergiftungserscheinungen auf die jedenfalls bestehende -kleine Tuberkulose oder auf die Streptos, die ja auch nur in -bescheidenem Maße vorhanden, zurückzuführen seien. Er, -Behrens, müsse sich die Sache näher und länger besehen. Noch -sei die Kultur nicht ausgewachsen. – Er zeigte sie ihm im -„Labor“: ein rotes Blutgelee, worin man graue Pünktchen -gewahrte. Das waren die Kokken. (Kokken jedoch hatte jeder -Esel, wie auch Tuberkeln, und hätte man nicht die Symptome -gehabt, so wäre auf diesen Befund nicht weiter Gewicht zu -legen gewesen.) -</p> - -<p> -Außerhalb seiner, unter den Augen der Wissenschaft, fuhr -Hans Castorps geronnenes Herzblut fort, sich zu bewähren. -Es kam der Morgen, da der Hofrat mit redensartlich bewegten -Worten berichtete: Nicht nur auf der einen Kultur, sondern auch -auf allen übrigen seien nachträglich noch Kokken gewachsen, und -zwar in großen Mengen. Ungewiß, ob es alles Streptos seien; -mehr als wahrscheinlich nun aber, daß die Vergiftungserscheinungen -daher rührten, – wenn man auch freilich nicht wissen -könne, wieviel davon auf Rechnung der zweifellos vorhanden -gewesenen und nicht ganz überwundenen Tuberkulose zu setzen -sei. Die zu ziehende Schlußfolgerung? Eine Streptovakzinkur! -<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a> -Die Prognose? Außerordentlich günstig – zumal der Versuch -jedes Risikos entbehre, auf keinen Fall schaden könne. -Denn da das Serum ja aus Hans Castorps eigenem Blute -hergestellt werde, so werde mit der Injektion kein Krankheitsstoff -in den Körper eingeführt, der nicht schon darin sei. -Schlimmstenfalls würde sie nutzlos sein, Null im Effekt – aber -ob man denn das, da Patient ja ohnedies bleiben müsse, als -einen schlimmen Fall bezeichnen könne! -</p> - -<p> -Nicht doch, so weit wollte Hans Castorp nicht gehen. Er -unterwarf sich der Kur, obgleich er sie ridikül und ehrlos fand. -Diese Impfungen mit sich selbst wollten ihm als eine abscheulich -freudlose Diversion erscheinen, als ein inzestuöser Greuel von -Ich zu Ich, frucht- und hoffnungslos in seinem Wesen. So -urteilte seine hypochondrische Unbelehrtheit, die nur im Punkte -der Unfruchtbarkeit – und in diesem freilich vollkommen – -recht behielt. Die Diversion erstreckte sich über Wochen. Sie -schien zuweilen zu schaden – was selbstverständlich auf Irrtum -beruhen mußte –, zuweilen auch zu nützen, was sich dann aber -gleichfalls als Irrtum herausstellte. Das Ergebnis war Null, -ohne bei Namen genannt und ausdrücklich verkündigt zu -werden. Die Unternehmung verlief im Sande, und Hans -Castorp fuhr fort, Patience zu legen – Aug’ in Auge mit dem -Dämon, dessen zügelloser Herrschaft für sein Gefühl ein Ende -mit Schrecken bevorstand. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-7"> -Fülle des Wohllauts -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Welche Errungenschaft und Neueinführung des Hauses -Berghof war es, die unsern langjährigen Freund vom Kartentic -erlöste und ihn einer anderen, edleren, wenn auch im Grunde -<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a> -nicht weniger seltsamen Leidenschaft in die Arme führte? Wir -sind im Begriffe, es zu erzählen, erfüllt von den geheimen Reizen -des Gegenstandes und aufrichtig begierig, sie mitzuteilen. -</p> - -<p> -Es handelte sich um eine Vermehrung der Unterhaltungsgeräte -des Hauptgesellschaftsraumes, aus nie rastender Fürsorge -ersonnen und beschlossen im Verwaltungsgremium des -Hauses, beschafft mit einem Kostenaufwand, den wir nicht berechnen -wollen, den wir aber großzügig müssen nennen dürfen, -von der Oberleitung dieses unbedingt zu empfehlenden Instituts. -Ein sinnreiches Spielzeug also von der Art des stereoskopischen -Guckkastens, des fernrohrförmigen Kaleidoskops -und der kinematographischen Trommel? Allerdings – und -auch wieder durchaus nicht. Denn erstens war das keine optische -Veranstaltung, die man eines Abends – und man schlug die -Hände teils über dem Kopf, teils in gebückter Haltung vorm -Schoße zusammen – im Klaviersalon aufgebaut fand, sondern -eine akustische; und ferner waren jene leichten Attraktionen -nach Klasse, Rang und Wert überhaupt nicht mit ihr zu vergleichen. -Das war kein kindliches und einförmiges Gaukelwerk, -dessen man überdrüssig war, und das man nicht mehr anrührte, -sobald man auch nur drei Wochen auf dem Buckel hatte. Es -war ein strömendes Füllhorn heiteren und seelenschweren -künstlerischen Genusses. Es war ein Musikapparat. Es war -ein Grammophon. -</p> - -<p> -Unsere ernste Sorge ist, dies Wort möchte in einem unwürdigen -und überholten Sinne mißverstanden und Vorstellungen -möchten daran geknüpft werden, die einer verjährten -Vorform dessen, was uns als Wahrheit vorschwebt, nicht aber -dieser in unermüdlich fortbildenden Versuchen einer musisch -gerichteten Technik zur vornehmsten Vollendung entwickelten -<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a> -Wahrheit gerecht werden. Ihr Guten! Das war das armselige -Kurbelkästchen nicht, das ehemals wohl, Drehscheibe und -Griffel obenauf, Anhängsel eines unförmigen Trompetenschalltrichters -aus Messing, von einem Wirtshaustische herunter -anspruchslose Ohren mit näselndem Gebrüll erfüllte. -Der mattschwarz gebeizte Schrein, der hier, ein wenig tiefer -als breit, angeschlossen mit seidenem Kabel an einen elektrischen -Steckkontakt der Wand, in schlichter Distinktion auf einem -Fachtischchen stand, zeigte mit jener rohen und vorsintflutlichen -Maschinerie überhaupt keine Ähnlichkeit mehr. Man öffnete -den anmutig sich verjüngenden Deckel, dessen innere, vom -Grunde gehobene Messingstütze ihn in schräg schirmender Lage -automatisch feststellte, und man gewahrte in flacher Vertiefung -die mit grünem Tuch ausgeschlagene Drehscheibe mit -Nickelrand und dem gleichfalls vernickelten Mittelzapfen, über -den das Loch der Hartgummiplatte zu fügen war. Man bemerkte -ferner, rechts seitwärts im Vordergrunde, eine uhrähnlich -bezifferte Vorrichtung zur Regelung des Tempos, zur -Linken den Hebel, mit dem das Drehwerk in Lauf zu setzen oder -zu stoppen war; links hinten aber den gewunden keulenförmigen, -in weichen Gelenken beweglichen Hohlarm aus Nickel, mit der -flachrunden Schalldose an seinem Ende, deren Schraubwerk -die ziehende Nadel zu tragen bestimmt war. Man öffnete auch -die Flügel der vorderen Doppeltür und erblickte dahinter ein -jalousieartiges Gefüge schräg stehender Leisten aus schwarz gebeiztem -Holze – nichts weiter. -</p> - -<p> -„Es ist das neueste Modell“, sagte der Hofrat, der mit eingetreten -war. „Letzte Errungenschaft, Kinder, Ia, ff, was -Besseres gibt es nicht in dem Janger.“ Er sprach das Wort -urkomisch-unmöglich aus, wie etwa ein minder gebildeter -<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a> -Verkäufer es anpreisend getan haben würde. „Das ist kein -Apparat und keine Maschine,“ fuhr er fort, indem er aus -einem der auf dem Tischchen angeordneten buntfarbigen -Blechbüchschen eine Nadel nahm und sie befestigte, „das ist -ein Instrument, das ist eine Stradivarius, eine Guarneri, da -herrschen Resonanz- und Schwingungsverhältnisse vom ausgepichtesten -Raffinemang! ‚Polyhymnia‘ heißt die Marke, -wie die Inschrift hier im inneren Deckel Sie lehrt. Deutsches -Fabrikat, wissen Sie. Wir machen das mit Abstand am besten. -Das treusinnig Musikalische in neuzeitlich-mechanischer Gestalt. -Die deutsche Seele <span class="antiqua" lang="en">up to date</span>. Da haben Sie die -Literatur!“ sagte er und wies auf ein Wandschränkchen, -worin breitrückige Alben aufgereiht standen. „Ich übermache -Ihnen den ganzen Zauber zu freier Lust, empfehle ihn aber -dem Schutze des Publikums. Wollen wir mal probeweise eine -erbrausen lassen?“ -</p> - -<p> -Die Kranken baten flehentlich darum, und Behrens zog eines -der stumm-gehaltvollen Zauberbücher hervor, wandte die -schweren Blätter, zog aus einer der Kartontaschen, deren kreisförmige -Ausschnitte die farbigen Titel erkennen ließen, eine -Platte und legte sie ein. Mit einem Handgriff gab er der Drehscheibe -Strom, zögerte zwei Sekunden, bis ihr Lauf die volle -Geschwindigkeit erreicht hatte, und setzte die feine Spitze des -Stahlstiftes behutsam auf den Plattenrand. Ein leicht wetzendes -Geräusch ward hörbar. Er senkte den Deckel darüber, und -in demselben Augenblick brach durch die offene Flügeltür, zwischen -den Spalten der Jalousie hervor, nein, aus dem ganzen -Körper der Truhe Instrumentaltrubel, eine lustig lärmende und -drängende Melodie, die ersten gliederwerfenden Takte einer -Ouvertüre von Offenbach. -</p> - -<p> -<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a> -Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd. Man traute -seinen Ohren nicht, wie überaus rein und natürlich die Koloraturen -der Holzbläser lauteten. Eine Geige, sie ganz allein, -präludierte phantastisch. Man vernahm den Bogenstrich, das -Tremolo des Griffes, das süße Gleiten von einer Lage in die -andere. Sie fand ihre Melodie, den Walzer, das „Ach, ich habe -sie verloren“. Leicht trug Orchesterharmonie die schmeichlerische -Weise, und es war zum Entzücken, wie sie, ehrenvoll vom -Ensemble aufgenommen, als rauschendes Tutti sich wiederholte. -Natürlich war es nicht so, wie wenn eine wirkliche Kapelle -im Zimmer hier konzertiert hätte. Der Klangkörper, unentstellt -im übrigen, erlitt eine perspektivische Minderung; es -war, wenn es erlaubt ist, für den Gehörsfall ein Gleichnis aus -dem Gebiet des Gesichtes einzusetzen, als ob man ein Gemälde -durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete, so daß es entrückt -und verkleinert erschien, ohne an der Schärfe seiner Zeichnung, -der Leuchtkraft seiner Farben etwas einzubüßen. Das Musikstück, -talentstraff und prickelnd, spielte sich ab in allem Witz -seiner leichtsinnigen Erfindung. Den Schluß machte die Ausgelassenheit -selbst, ein drollig zögernd ansetzender Galopp, ein -unverschämter Cancan, der die Vision in der Luft geschüttelter -Zylinder, schleudernder Knie, aufstiebender Röcke erzeugte -und im komisch-triumphalen Enden kein Ende fand. Dann -schnappte das Drehwerk selbsttätig ein. Es war aus. Man -applaudierte von Herzen. -</p> - -<p> -Man rief nach Weiterem und man bekam es: Menschliche -Stimme entströmte dem Schrein, männlich, weich und gewaltig -auf einmal, von Orchester begleitet, ein italienischer Bariton -berühmten Namens, – und nun konnte durchaus von keiner -Verschleierung und Entfernung mehr die Rede sein: das -<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a> -herrliche Organ erscholl nach seinem vollen <a id="corr-97"></a>natürlichen Umfang -und Kraftinhalt, und namentlich wenn man in eines der -offenen Nebenzimmer trat und den Apparat nicht sah, so war -es nicht anders, als stände dort im Salon der Künstler in -körperlicher Person, das Notenblatt in der Hand, und sänge. -Er sang eine Opernbravourarie in seiner Sprache – <span class="antiqua" lang="it">eh, il -barbiere. Di qualità, di qualità! Figaro qua, Figaro là, -Figaro, Figaro, Figaro!</span> Die Zuhörer wollten sterben vor -Lachen über sein falsettierendes <span class="antiqua" lang="it">parlando</span>, über den Kontrast -dieser Bärenstimme und dieser zungenbrecherischen Sprechfertigkeit. -Erfahrene mochten die Künste seiner Phrasierung, -seiner Atemtechnik verfolgen und bewundern. Meister des -Unwiderstehlichen, Virtuose des welschen <span class="antiqua" lang="it">Da capo</span>-Geschmacks, -hielt er den vorletzten Ton, vor der Schlußtonika, zur Rampe -vordringend, wie es schien, und offenbar die Hand in der Luft, -auf eine Weise aus, daß man in gezogene Bravorufe ausbrach, -bevor er geendigt hatte. Es war vorzüglich. -</p> - -<p> -Und es gab mehr. Ein Waldhorn vollführte mit schöner -Vorsicht Variationen über ein Volkslied. Eine Sopranistin -schmetterte, stakkierte und trillerte eine Arie aus „<span class="antiqua" lang="it">La Traviata</span>“ -mit der lieblichsten Kühle und Genauigkeit. Der Geist eines -Violinisten von Weltruf spielte, wie hinter Schleiern, zu einer -Klavierbegleitung, die trocken klang, wie Spinett, eine Romanze -von Rubinstein. Aus der sacht kochenden Wundertruhe -drangen Glockenklänge, Harfenglissandos, Trompetengeschmetter -und Trommelwirbel. Schließlich wurden Tanzplatten -eingelegt. Sogar von dem neuen Import war schon -ein und das andere Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack, -der Tango, berufen, aus dem Wiener Walzer -einen Großvatertanz zu machen. Zwei Paare, des modischen -<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a> -Schrittes mächtig, zeigten sich darin auf dem Teppich. Behrens -hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Vermahnung erteilt, -jede Nadel nur einmal zu benutzen und die Platten „ganz ähnlich -wie rohe Eier“ zu behandeln. Hans Castorp bediente den -Apparat. -</p> - -<p> -Warum gerade er? Es hatte sich so gemacht. Mit gedämpfter -Kurzangebundenheit war er denjenigen entgegengetreten, -die nach des Hofrats Weggang den Nadel- und -Plattenwechsel, die Ein- und Ausschaltung des Triebstroms -hatten in die Hand nehmen wollen. „Lassen Sie mich das -tun!“ hatte er gesagt, indem er sie beiseite drängte, und sie -waren ihm gleichmütig gewichen, erstens, weil er die Miene -hatte, als ob er von längerer Hand her sich auf die Sache verstände, -dann aber, weil ihnen sehr wenig daran gelegen war, -an der Quelle des Genusses tätig zu sein, statt sich bequem und -unverbindlich damit bewirten zu lassen, solange es sie nicht -langweilte. -</p> - -<p> -Nicht so Hans Castorp. Während der Vorführung der neuen -Erwerbung durch den Hofrat hatte er sich still im Hintergrunde -gehalten, ohne Lachen, ohne Beifallsrufe, aber die Darbietungen -gespannt verfolgend, indes er nach gelegentlicher -Gewohnheit mit zwei Fingern an einer Augenbraue drehte. -Mit einer gewissen Unruhe hatte er im Rücken des Publikums -mehrfach den Standort gewechselt, war ins Bibliothekszimmer -getreten, um von dort zu lauschen, und hatte sich später, Hände -auf dem Rücken und mit verschlossenem Gesichtsausdruck, -neben Behrens aufgestellt, den Schrein im Auge, den einfachen -Dienst daran erkundend. In ihm hieß es: „Halt! Achtung! -Epoche! Das kam zu mir.“ Die bestimmteste Ahnung neuer -Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn. Dem Jüngling -<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a> -im Flachland, dem beim ersten Blick auf ein Mädchen Amors -widerhakiger Pfeil unverhofft mitten im Herzen sitzt, ist nicht -gar anders zumute. Eifersucht beherrschte sofort Hans Castorps -Schritte. Öffentliches Gut? Schlaffe Neugier hat -weder Recht noch Kraft, zu besitzen. „Lassen Sie mich das -tun!“ sagte er zwischen den Zähnen, und sie waren es ganz zufrieden. -Sie tanzten noch ein bißchen nach leichtgeschürzten -Piecen, die er laufen ließ, verlangten auch noch eine Gesangsnummer, -ein Opernduett, die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, -die lieblich genug ins Ohr ging, und als er den -Deckel schloß, zogen sie ab, flüchtig angeregt und schwatzend, -in die Liegekur, zur Ruhe. Darauf hatte er gewartet. Sie ließen -hinter sich alles stehen und liegen wie es mochte, die offenen -Nadelbüchschen und Albums, die zerstreuten Platten. Das -sah ihnen ähnlich. Er tat, als schlösse er sich ihnen an, verließ -aber heimlich ihren Zug auf der Treppe, kehrte in den Salon -zurück, schloß alle Türen und blieb dort die halbe Nacht, tief -beschäftigt. -</p> - -<p> -Er machte sich mit der neuen Erwerbung vertraut, durchmusterte -ungestört den beigestellten Vortragsschatz, den Inhalt -der schweren Alben. Es waren deren zwölf, von zweierlei -Größe, zu je zwölf Platten; und da viele der eng kreisförmig -geritzten schwarzen Scheiben doppelseitig waren, nicht nur -weil manches Stück auch die Kehrseite in Anspruch nahm, sondern -auch weil einer ganzen Reihe von Tafeln zwei verschiedene -Darbietungen eingeschrieben waren, so war das ein anfangs -schwer übersichtliches, ja verwirrendes Eroberungsgebiet -schöner Möglichkeiten. Er spielte wohl ein Viertelhundert, indem -er sich, um nicht zu stören, in der Nacht nicht gehört zu -werden, gewisser sacht ziehender Nadeln bediente, die den -<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a> -Klang verringerten, – aber das war kaum der achte Teil dessen, -was sich aller Enden lockend zum Versuche anbot. Für heute -mußte es genug sein, die Titel zu überfliegen und nur dann und -wann, stichprobeweise, ein Beispiel der stummen Zirkelgraphik -dem Schreine einzuverleiben, um es zum Tönen zu bringen. -Sie waren unterschieden durch das farbige Etikett ihres Zentrums, -die Hartgummidisken, und durch nichts weiter, für das -Auge. Eine sah aus wie die andere, ganz oder nicht ganz bis -zur Mitte mit konzentrischen Kreisen dicht bedeckt; und doch -barg ihr feines Liniengepräge die erdenklichste Musik, glücklichste -Eingebungen aus allen Regionen der Kunst, in ausgesuchter -Wiedergabe. -</p> - -<p> -Es waren da eine Menge Ouvertüren und Einzelsätze aus -der Welt der erhabenen Symphonik, gespielt von berühmten -Orchestern, deren Leiter namhaft gemacht waren. Eine lange -Reihe von Liedern sodann, vorgetragen zum Klavier, von Mitgliedern -großer Opernhäuser, – und zwar sowohl Lieder, die -das hohe und bewußte Erzeugnis persönlicher Kunst waren, -wie auch schlichte Volkslieder, wie dann endlich auch noch -solche, die zwischen diesen beiden Gattungen gleichsam die -Mitte hielten, insofern sie zwar Produkte geistiger Kunst, aber -im Sinn und Geist des Volkes tiefecht und fromm empfunden -und erfunden waren; künstliche Volkslieder, wenn man so -sagen durfte, ohne durch das Wort „künstlich“ ihrer Innigkeit -zu nahe zu treten: eines zumal, das Hans Castorp von Kindesbeinen -an gekannt hatte, zu dem er aber jetzt eine geheimnisvoll-beziehungsreiche -Liebe faßte, und von dem die Rede sein -wird. – Was gab es noch, oder eigentlich, was gab es nicht? -Es gab Oper die Hülle und Fülle. Ein internationaler Chor -gefeierter Sänger und Sängerinnen setzte, begleitet von diskret -<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a> -zurücktretendem Orchester, die hochgeschulte Gottesgabe seiner -Stimmen ein zur Ausführung von Arien, Duetten, ganzen -Ensembleszenen aus den verschiedenen Gegenden und Epochen -des musikalischen Theaters: der südlichen Schönheitssphäre -einer zugleich hoch- und leichtherzigen Hingerissenheit, einer -deutsch-volkhaften Welt von Schalkheit und Dämonie, der -französischen Großen und Komischen Oper. War damit ein -Ende? O nein. Denn es folgte die Serie der Kammermusiken, -der Quartette und Trios, der Instrumental-Solonummern für -Violine, Cello, Flöte, die Konzertgesangsnummern mit obligater -Violine oder Flöte, die rein pianistischen Nummern, – von -den bloßen Belustigungen, den Couplets, den Zweckplatten, -in die kleine Aufspielorchester ihre Weisen geprägt hatten, und -die nach einer derben Nadel verlangten, nicht erst zu reden. -</p> - -<p> -Hans Castorp sichtete das, ordnete das, übergab es, einsam -hantierend, zu einem kleinen Teile dem Instrument, das es zu -tönendem Leben weckte. Er ging mit heißem Kopfe zu ähnlich -vorgerückter Stunde schlafen, wie nach dem ersten Gelage mit -Pieter Peeperkorn majestätisch-duzbrüderlichen Angedenkens, -und träumte von zwei bis sieben von dem Zauberkasten. Er -sah im Traume die Drehscheibe um ihren Zapfen kreisen, -schnell bis zur Unsichtlichkeit und lautlos dabei, in einer Bewegung, -die nicht nur eben in dem wirbeligen Rundfluß, sondern -auch noch in einem eigentümlichen seitlichen Wogen bestand, -dergestalt, daß dem nadeltragenden Gelenkarm, unter -dem sie hinzog, ein elastisch atmendes Schwingen mitgeteilt -wurde, – sehr dienlich, wie man glauben mochte, dem <span class="antiqua" lang="it">vibrato</span> -und <span class="antiqua" lang="it">portamento</span> der Streicher und der menschlichen Stimmen; -doch unbegreiflich blieb es, im Traum nicht weniger als im -Wachen, wie das bloße Nachziehen einer haarfeinen Linie über -<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a> -einem akustischen Hohlraum und einzig mit Hilfe des Schwingungshäutchens -der Schallbüchse die reich zusammengesetzten -Klangkörper wiedererzeugen konnte, die das geistige Ohr des -Schläfers füllten. -</p> - -<p> -Er war am Morgen zeitig wieder im Salon, schon vor dem -Frühstück, und ließ, mit gefalteten Händen in einem Sessel -sitzend, einen herrlichen Bariton aus dem Schreine zur Harfe -singen: „Blick’ ich umher in diesem edlen Kreise –“. Die Harfe -klang vollkommen natürlich, es war unverfälschtes und unvermindertes -Harfenspiel, was der Schrein außer der schwellenden, -hauchenden, artikulierenden menschlichen Stimme aus sich -entließ – durchaus zum Erstaunen. Und Zärtlicheres gab es -auf Erden nicht, als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen -Oper, den Hans Castorp darauf folgen ließ, – als -diese bescheidene und innige Gefühlsannäherung zwischen der -weltberühmten Tenorstimme, die so vielfach in den Alben vertreten -war, und einem glashell-süßen kleinen Sopran, – als -sein „<span class="antiqua" lang="it">Da mi il braccio, mia piccina</span>“ und die simple, süße, gedrängt -melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab ... -</p> - -<p> -Hans Castorp zuckte zusammen, da hinter ihm die Tür ging. -Es war der Hofrat, der zu ihm hereinschaute; – in seinem klinischen -Kittel mit dem Hörrohr in der Brusttasche stand er dort -einen Augenblick, den Türgriff in der Hand, und nickte dem -Laboranten zu. Dieser erwiderte das Nicken über die Schulter -hin, worauf das blauwangige Gesicht des Chefs mit dem einseitig -geschürzten Schnurrbärtchen hinter der zugezogenen Tür -verschwand und Hans Castorp sich seinem unsichtbar-wohllautenden -Liebespärchen wieder zuwandte. -</p> - -<p> -Später im Lauf des Tages, nach der Mittagsmahlzeit, nach -dem Diner, hatte er Zuhörer bei seinem Treiben, wechselndes -<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a> -Publikum, – wenn man ihn selbst nicht als solches, sondern -als Spender des Genusses betrachten wollte. Persönlich neigte -er zu dieser Auffassung, und die Hausgesellschaft bewilligte sie -ihm in dem Sinne, daß sie seiner entschlossenen Selbsteinsetzung -als Verwalter und Kustos der öffentlichen Einrichtung von -Anfang an stillschweigend zustimmte. Das kostete diese Leute -nichts; denn ungeachtet ihres oberflächlichen Entzückens, wenn -jener tenorale Abgott in Schmelz und Glanz schwelgte, die -weltbeglückende Stimme in Kantilenen und hohen Künsten -der Leidenschaft sich verströmte, – trotz dieses laut bekundeten -Entzückens waren sie ohne Liebe und darum völlig einverstanden, -jedem, der da wollte, die Sorge zu lassen. Hans Castorp war -es, der den Plattenschatz in Ordnung hielt, den Inhalt der -Alben auf die Innenseite der Deckel schrieb, so daß ein jegliches -Stück auf Wunsch und Anruf sofort zur Hand war, -und der das Instrument handhabte: Man sah es ihn mit bald -geübten, knappen und zarten Bewegungen tun. Was hätten -auch die anderen gemacht? Sie hätten die Platten geschändet, -indem sie sie mit abgenutzten Nadeln bearbeiteten, hätten sie -offen auf Stühlen herumliegen lassen, mit dem Apparat stumpfen -Jux getrieben, indem sie ein edles Stück mit Tempo und -Tonhöhe hundertundzehn laufen ließen oder auch den Zeiger -auf Null einstellten, so daß es ein hysterisches Tirili oder ein versacktes -Stöhnen ergab ... Sie hatten das alles schon getan. Sie -waren zwar krank, aber roh. Und darum trug Hans Castorp -nach kurzer Zeit den Schlüssel des Schränkchens, worin die Alben -und Nadeln aufbewahrt wurden, einfach in der Tasche, so -daß man ihn rufen mußte, wenn man aufgespielt haben wollte. -</p> - -<p> -Spät, nach der Abendgeselligkeit, nach Abzug der Menge, -war seine beste Zeit. Dann blieb er im Salon oder kehrte -<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a> -heimlich dorthin zurück und musizierte allein bis tief in die -Nacht. Die Ruhe des Hauses damit zu stören, brauchte er weniger -zu fürchten, als er anfangs geglaubt hatte tun zu müssen, -denn die Tragkraft seiner Geistermusik hatte sich ihm als -von geringer Reichweite erwiesen: so Staunenswertes die -Schwingungen nahe ihrem Ursprung bewirkten, so bald ermatteten -sie, schwach und scheinmächtig wie alles Geisterhafte, -ferner von ihm. Hans Castorp war allein mit den Wundern -der Truhe in seinen vier Wänden, – mit den blühenden Leistungen -dieses gestutzten <a id="corr-98"></a>kleinen Sarges aus Geigenholz, -dieses mattschwarzen Tempelchens, vor dessen offener Flügeltür -er im Sessel saß, die Hände gefaltet, den Kopf auf der -Schulter, den Mund geöffnet, und sich von Wohllaut überströmen -ließ. -</p> - -<p> -Die Sänger und Sängerinnen, die er hörte, er sah sie nicht, -ihre Menschlichkeit weilte in Amerika, in Mailand, in Wien, in -Sankt Petersburg, – sie mochte dort immerhin weilen, denn -was er von ihnen hatte, war ihr Bestes, war ihre Stimme, und -er schätzte diese Reinigung oder Abstraktion, die sinnlich genug -blieb, um ihm, unter Ausschaltung aller Nachteile zu großer persönlicher -Nähe, und namentlich soweit es sich um Landsleute, -um Deutsche handelte, eine gute menschliche Kontrolle zu gestatten. -Die Aussprache, der Dialekt, die engere Landsmannschaft -der Künstler war zu unterscheiden, ihr Stimmcharakter -sagte etwas aus über des Einzelnen seelischen Wuchs, und -daran, wie sie geistige Wirkungsmöglichkeiten nutzten oder versäumten, -erwies sich die Stufe ihrer Intelligenz. Hans Castorp -ärgerte sich, wenn sie es fehlen ließen. Er litt auch und biß sich -auf die Lippen vor Scham, wenn Unvollkommenheiten der -technischen Wiedergabe mit unterliefen, saß wie auf Kohlen, -<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a> -wenn im Lauf einer oft zitierten Platte ein Gesangston scharf -oder gröhlend verlautete, was namentlich bei den heiklen -Frauenstimmen so leicht sich ereignete. Doch nahm er das in -den Kauf, denn Liebe muß leiden. Zuweilen beugte er sich über -das Spielwerk, das atmend kreiste, wie über einen Fliederstrauß, -den Kopf in einer Klangwolke; stand vor dem offenen Schrein, -das Herrscherglück des Dirigenten kostend, indem er mit aufgehobener -Hand einer Trompete den pünktlichen Einsatz gab. -Er hatte Lieblinge in seinem Magazin, einige Vokal- und Instrumentalnummern, -die zu hören er niemals satt wurde. Wir -mögen nicht unterlassen, sie anzuführen. -</p> - -<p> -Eine kleine Gruppe von Platten bot die Schlußszenen des -pompösen, von melodiösem Genie überquellenden Opernwerks, -das ein großer Landsmann des Herrn Settembrini, der -Altmeister der dramatischen Musik des Südens, in der zweiten -Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus solennem Anlaß, bei Gelegenheit -der Übergabe eines Werkes der völkerverbindenden -Technik an die Menschheit, im Auftrage eines orientalischen -Fürsten geschaffen hatte. Hans Castorp wußte bildungsweise -ungefähr Bescheid damit, er kannte in großen Zügen das -Schicksal des Radames, der Amneris und der Aida, die ihm auf -Italienisch aus dem Kasten sangen, und so verstand er so ziemlich, -was sie ihm sangen, – der unvergleichliche Tenor, der fürstliche -Alt mit dem herrlichen Stimmbruch in der Mitte seines -Umfanges und der silberne Sopran – verstand nicht jedes -Wort, aber doch eines hie und da mit Hilfe seiner Kenntnis -der Situationen und seiner Sympathie für diese Situationen, -einer vertraulichen Anteilnahme, die wuchs, je öfter er die vier -oder fünf Platten laufen ließ, und schon zur wirklichen Verliebtheit -geworden war. -</p> - -<p> -<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a> -Zuerst setzten Radames und Amneris sich auseinander: Die -Königstochter ließ den Gefesselten vor sich führen, ihn, den sie -liebte und sehnlich für sich zu retten wünschte, obgleich er um -der barbarischen Sklavin willen Vaterland und Ehre hingegeben -hatte, – während allerdings, wie er sagte, „im Herzensgrunde -die Ehre unverletzt geblieben“ war. Diese Intaktheit -seines Innersten bei aller Schuldbeladenheit jedoch half ihm -wenig, denn durch sein klar zutage liegendes Verbrechen war -er dem geistlichen Gerichte verfallen, dem alles Menschliche -fremd war, und das bestimmt kein Federlesen machen würde, -wenn er sich nicht im letzten Augenblick dahin besann, der -Sklavin abzuschwören und sich dem königlichen Alt mit dem -Stimmbruch in die Arme zu werfen, der dies, rein akustisch genommen, -so vollkommen verdiente. Amneris gab sich die inbrünstigste -Mühe mit dem wohllautenden, aber tragisch verblendeten -und dem Leben abgewandten Tenor, der immer nur -„Ich kann nicht!“ und „Vergebens!“ sang, wenn sie ihm mit -verzweifelten Bitten anlag, der Sklavin zu entsagen, es gelte -sein Leben. „Ich kann nicht!“ – „Höre noch einmal, entsage -ihr!“ – „Vergebens!“ Todwillige Verblendung und wärmster -Liebeskummer vereinigten sich zu einem Zwiegesang, der -außerordentlich schön war, aber keine Hoffnung ließ. Und -dann begleitete Amneris mit ihren Schmerzensrufen die -schauerlich-formelhaften Repliken des geistlichen Gerichtes, die -dumpf aus der Tiefe schollen, und an denen der unselige Radames -sich überhaupt nicht beteiligte. -</p> - -<p> -„Radames, Radames“, sang dringlich der Oberpriester und -führte ihm in zugespitzter Form sein Verbrechen des Verrates -vor Augen. -</p> - -<p> -„Rechtfertige dich!“ forderten im Chore alle Priester. -</p> - -<p> -<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a> -Und da der Oberste darauf hinweisen konnte, daß Radames -schwieg, erkannten alle in hohler Einstimmigkeit auf Felonie. -</p> - -<p> -„Radames, Radames!“ fing der Vorsitzende wieder an. -„Du hast das Lager vor der Schlacht verlassen.“ -</p> - -<p> -„Rechtfertige dich!“ hieß es abermals. „Seht, er schweiget“, -durfte der stark voreingenommene Verhandlungsleiter zum -zweitenmal feststellen, und so vereinigten auch diesmal alle -Richterstimmen sich mit der seinen in dem Wahrspruch: „Felonie!“ -</p> - -<p> -„Radames, Radames!“ hörte man den unerbittlichen Ankläger -zum drittenmal. „Dem Vaterlande, der Ehre und -dem Könige brachst du deinen Eid.“ – „Rechtfertige dich!“ -scholl es aufs neue. Und: „Felonie!“ erkannte endgültig und -mit Schauder die Priesterschaft, nachdem sie aufmerksam gemacht -worden, daß Radames absolut stillschwieg. So konnte -denn das Unausbleibliche nicht ausbleiben, daß der Chor, der -stimmlich gleich beieinander geblieben war, dem Missetäter für -Recht verkündete, sein Los sei erfüllt, er sterbe den Tod der -Verfluchten, unter dem Tempel der zürnenden Gottheit habe -er lebend ins Grab einzugehen. -</p> - -<p> -Die Entrüstung <a id="corr-100"></a>der Amneris über diese pfäffische Härte -mußte man sich nach Kräften selber einbilden, denn hier brach -die Wiedergabe ab, Hans Castorp mußte die Platte wechseln, -was er mit stillen und knappen Bewegungen, gleichsam mit -niedergeschlagenen Augen, tat, und wenn er sich wieder zum -Lauschen niedergelassen hatte, war es schon des Melodramas -letzte Szene, die er vernahm: das Schlußduett des Radames -und der Aida, gesungen auf dem Grunde ihres Kellergrabes, -während über ihren Köpfen bigotte und grausame Priester im -Tempel ihren Kult feierten, die Hände spreizten, sich in dumpfem -<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a> -Gemurmel ergingen ... „<span class="antiqua" lang="it">Tu – in questa tomba?!</span>“ schmetterte -die unbeschreiblich ansprechende, zugleich süße und heldenhafte -Stimme des Radames entsetzt und entzückt ... Ja, sie -hatte sich zu ihm gefunden, die Geliebte, um derentwillen er -Ehre und Leben verwirkt, sie hatte ihn hier erwartet, sich mit -ihm einschließen lassen, um mit ihm zu sterben, und die Gesänge, -die sie in dieser Sache, zuweilen unterbrochen von dem dumpfen -Getön des Zeremoniells im oberen Stockwerk, miteinander -tauschten, oder zu denen sie sich vereinigten, – sie waren es -eigentlich, die es dem einsam-nächtlichen Zuhörer in tiefster -Seele angetan hatten: in Hinsicht auf die Umstände sowohl, -wie auf ihren musikalischen Ausdruck. Es war vom Himmel -die Rede in diesen Gesängen, aber sie selbst waren himmlisch, -und sie wurden himmlisch vorgetragen. Die melodische -Linie, die Radames’ und Aidas Stimmen einzeln und dann in -Vereinigung unersättlich nachzogen, diese einfache und selige, -um Tonika und Dominante spielende Kurve, die vom Grundton -zu lang betontem Vorhalt, einen halben Ton vor der Oktave, -aufstieg und nach flüchtiger Berührung mit dieser sich zur -Quinte wandte, erschien dem Lauscher als das Verklärteste, -Bewunderungswürdigste, was ihm je untergekommen. Doch -wäre er in das Lautliche weniger verliebt gewesen, ohne die -zum Grunde liegende Situation, die sein Gemüt für die daraus -erwachsende Süße erst recht empfänglich machte. Es war so -schön, daß Aida sich zu dem verlorenen Radames gefunden -hatte, um sein Grabesschicksal mit ihm zu teilen in Ewigkeit! -Mit Recht protestierte der Verurteilte gegen das Opfer so lieblichen -Lebens, aber seinem zärtlich verzweifelten „<span class="antiqua" lang="it">No, no! -troppo sei bella</span>“ war doch das Entzücken endgültiger Vereinigung -mit derjenigen anzumerken, die er nie wiederzusehen -<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a> -gemeint hatte, und dieses Entzücken, diese Dankbarkeit ihm -deutlich nachzufühlen, bedurfte es für Hans Castorp keines Aufgebotes -an Einbildungskraft. Was er aber letztlich empfand, -verstand und genoß, während er mit gefalteten Händen auf die -schwarze kleine Jalousie blickte, zwischen deren Leisten dies alles -hervorblühte, das war die siegende Idealität der Musik, der -Kunst, des menschlichen Gemüts, die hohe und unwiderlegliche -Beschönigung, die sie der gemeinen Gräßlichkeit der wirklichen -Dinge angedeihen ließ. Man mußte sich nur vor Augen führen, -was hier, nüchtern genommen, geschah! Zwei lebendig Begrabene -würden, die Lungen voll Grubengas, hier miteinander, -oder, noch schlimmer, einer nach dem anderen, an Hungerkrämpfen -verenden, und dann würde an ihren Körpern die -Verwesung ihr unaussprechliches Werk tun, bis zwei Gerippe -unterm Gewölbe lagerten, deren jedem es völlig gleichgültig -und unempfindlich sein würde, ob es allein oder zu zweien -lagerte. Das war die reale und sachliche Seite der Dinge – -eine Seite und Sache für sich, die vor dem Idealismus des -Herzens überhaupt nicht in Betracht kam, vom Geiste der -Schönheit und der Musik aufs Triumphalste in den Schatten -gestellt wurde. Für Radames’ und Aidas Operngemüter gab -es das sachlich Bevorstehende nicht. Ihre Stimmen schwangen -sich unisono zum seligen Oktavenvorhalt auf, versichernd, nun -öffne sich der Himmel und ihrem Sehnen erstrahle das Licht der -Ewigkeit. Die tröstliche Kraft dieser Beschönigung tat dem Zuhörer -außerordentlich wohl und trug nicht wenig dazu bei, daß -diese Nummer seines Leibprogramms ihm so besonders am -Herzen lag. -</p> - -<p> -Er pflegte sich auszuruhen von ihren Schrecken und Verklärungen -bei einer zweiten Pièce, die kurzläufig, aber von -<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a> -konzentriertem Zauber war, – viel friedlicher ihrem Inhalt -nach, als jene erste, ein Idyll, aber ein raffiniertes Idyll, gemalt -und gestaltet mit den zugleich sparsamen und verwickelten -Mitteln neuester Kunst. Es war ein reines Orchesterstück, -ohne Gesang, ein symphonisches Präludium französischen Ursprungs, -bewerkstelligt mit einem für zeitgenössische Verhältnisse -kleinen Apparat, jedoch mit allen Wassern moderner -Klangtechnik gewaschen und klüglich danach angetan, die -Seele in Traum zu spinnen. -</p> - -<p> -Der Traum, den Hans Castorp dabei träumte, war dieser: -Rücklings lag er auf einer mit bunten Sternblumen besäten, -von Sonne beglänzten Wiese, einen kleinen Erdhügel unter -dem Kopf, das eine Bein etwas hochgezogen, das andere darüber -gelegt, – wobei es jedoch Bocksbeine waren, die er kreuzte. -Seine Hände fingerten, nur zu seinem eigenen Vergnügen, da -die Einsamkeit über der Wiese vollkommen war, an einem -kleinen Holzgebläse, das er im Munde hielt, einer Klarinette -oder Schalmei, der er friedlich-nasale Töne entlockte: einen -nach dem anderen, wie sie eben kommen wollten, aber doch in -geglücktem Reigen, und so stieg das sorglose Genäsel zum tiefblauen -Himmel auf, unter dem das feine, leicht vom Winde bewegte -Blätterwerk einzeln stehender Birken und Eschen in der -Sonne flimmerte. Doch war sein beschauliches und unverantwortlich-halbmelodisches -Dudeln nicht lange die einzige Stimme -der Einsamkeit. Das Summen der Insekten in der sommerheißen -Luft über dem Grase, der Sonnenschein selbst, der leichte -Wind, das Schwanken der Wipfel, das Glitzern des Blätterwerks, -– der ganze sanft bewegte Sommerfriede umher wurde -gemischter Klang, der seinem einfältigen Schalmeien eine immer -wechselnde und immer überraschend gewählte harmonische -<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a> -Deutung gab. Die symphonische Begleitung trat manchmal -zurück und verstummte; aber Hans mit den Bocksbeinen -blies fort und lockte mit der naiven Eintönigkeit seines Spiels -den ausgesucht kolorierten Klangzauber der Natur wieder hervor, -– welcher endlich nach einem abermaligen Aussetzen, in -süßer Selbstübersteigerung, durch Hinzutritt immer neuer und -höherer Instrumentalstimmen, die rasch nacheinander einfielen, -alle verfügbare, bis dahin gesparte Fülle gewann, für einen -flüchtigen Augenblick, dessen wonnevoll-vollkommenes Genügen -aber die Ewigkeit in sich trug. Der junge Faun war sehr -glücklich auf seiner Sommerwiese. Hier gab es kein „Rechtfertige -dich!“, keine Verantwortung, kein priesterliches Kriegsgericht -über einen, der der Ehre vergaß und abhanden kam. -Hier herrschte das Vergessen selbst, der selige Stillstand, die -Unschuld der Zeitlosigkeit: Es war die Liederlichkeit mit bestem -Gewissen, die wunschbildhafte Apotheose all und jeder Verneinung -des abendländischen Aktivitätskommandos, und die -davon ausgehende Beschwichtigung machte dem nächtlichen -Musikanten die Platte vor vielen wert. – -</p> - -<p> -Da war eine dritte ... Es waren eigentlich wiederum -mehrere, zusammengehörig, ineinandergehend, drei oder vier, -denn die Tenorarie, die vorkam, nahm allein eine bis zur Mitte -beringte Seite für sich in Anspruch. Wieder war das etwas -Französisches, aus einer Oper, die Hans Castorp gut kannte, -die er wiederholt im Theater gehört und gesehen und auf deren -Handlung er einmal sogar gesprächsweise – und zwar in einem -sehr entscheidenden Gespräch – eine Anspielung gemacht -hatte ... Es war im zweiten Akt, in der spanischen Schenke, -einer geräumigen Spelunke, dielenartig, mit Tüchern geschmückt -und von defekter maurischer Architektur. Carmens -<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a> -warme, ein wenig rauhe, aber durch Rassigkeit einnehmende -Stimme erklärte, tanzen zu wollen vor dem Sergeanten, und -schon hörte man ihre Kastagnetten klappern. In demselben -Augenblick aber erschollen aus einiger Entfernung Trompeten, -Clairons, ein wiederholtes militärisches Signal, das dem -Kleinen nicht wenig in die Glieder fuhr. „Halt! Einen Augenblick!“ -rief er und spitzte die Ohren wie ein Pferd. Und da -Carmen „Warum?“ fragte und „was es denn gäbe?“: -„Hörst du nicht?“ rief er, ganz erstaunt, daß ihr das nicht eingehe, -wie ihm. Es seien ja die Trompeten aus der Kaserne, die -das Zeichen gäben. „Zur Heimkehr naht die Frist“, sagte er -opernhaft. Aber die Zigeunerin konnte das nicht begreifen und -wollte es vor allem auch gar nicht. Desto besser, meinte sie -halb dumm, halb frech, da brauchten sie keine Kastagnetten, -der Himmel selbst schicke ihnen Musik zum Tanz und darum: -Lalalala! – Er war außer sich. Sein eigener Enttäuschungsschmerz -trat ganz zurück hinter dem Bemühen, ihr klarzumachen, -um was es sich handle, und daß keine Verliebtheit der Welt -gegen dieses Signal aufkomme. Wie war es denn möglich, daß -sie etwas so Fundamentales und Unbedingtes nicht verstand! -„Ich muß nun fort, nach Haus, ins Quartier, zum Appell!“ -rief er, verzweifelt über eine Ahnungslosigkeit, die ihm das Herz -doppelt so schwer machte, als es ohnedies gewesen wäre. Da -aber mußte man Carmen hören! Sie war wütend, sie war in -tiefster Seele empört, ihre Stimme war ganz und gar betrogene -und beleidigte Liebe – oder sie stellte sich so. „Ins -Quartier? Zum Appell?“ Und ihr Herz? Und ihr gutes, zärtliches -Herz, das in seiner Schwäche – ja, sie gebe es zu: in seiner -Schwäche! – bereit gewesen sei, ihm mit Gesang und Tanz die -Zeit zu kürzen? „Traterata!“ und sie hob mit wildem Hohn die -<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a> -gerollte Hand an den Mund, um das Clairon nachzuahmen. -„Traterata!“ Und das genüge. Da springe der Dummkopf -in die Höhe und wolle fort. Gut denn, fort mit ihm! Hier sein -Helm, sein Säbel und Gehänge! Machen, machen, machen solle -er, daß er in die Kaserne komme! – Er bat um Erbarmen. Aber -sie fuhr fort in ihrem glühenden Hohn, indem sie tat, als sei sie -er, der beim Schall der Hörner sein bißchen Verstand verloren -habe. Traterata, zum Appell! Barmherziger Himmel, er werde -noch zu spät kommen! Nur fort, denn es rufe ja zum Appelle, -und da störe er selbstverständlich auf wie ein Narr, in dem -Augenblick, wo sie, Carmen, für ihn habe tanzen wollen. Das, -das, das sei seine Liebe zu ihr! – -</p> - -<p> -Qualvolle Lage! Sie verstand nicht. Das Weib, die Zigeunerin -konnte und wollte nicht verstehen. Sie wollte es -nicht, – denn ohne jeden Zweifel: in ihrer Wut, ihrem Hohn -war etwas über den Augenblick und das Persönliche Hinausgehende, -ein Haß, eine Urfeindschaft gegen das Prinzip, das -durch diese französischen Clairons – oder spanischen Hörner – -nach dem verliebten kleinen Soldaten rief, und über das zu -triumphieren ihr höchster, eingeborener, überpersönlicher Ehrgeiz -war. Sie besaß ein sehr einfaches Mittel dazu: Sie behauptete, -wenn er gehe, so liebe er sie nicht; und das war genau das, -was zu hören José dort drinnen im Kasten nicht ertrug. Er beschwor -sie, ihn zu Worte kommen zu lassen. Sie wollte nicht. -Da zwang er sie – es war ein verteufelt ernster Moment. -Fatale Klänge lösten sich aus dem Orchester, ein düster drohendes -Motiv, das sich, wie Hans Castorp wußte, durch die ganze -Oper bis zum katastrophalen Ausgang zog und auch die Einleitung -zu des kleinen Soldaten Arie bildete, der neuen Platte, -die nun einzulegen war. -</p> - -<p> -<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a> -„Hier an dem Herzen treu geborgen“ – José sang das -wunderschön; Hans Castorp ließ die Scheibe auch einzeln, -außer dem vertrauten Zusammenhange öfters laufen und -lauschte stets in achtsamster Sympathie. Es war inhaltlich -nicht weit her mit der Arie, aber ihr flehender Gefühlsausdruck -war im höchsten Grade rührend. Der Soldat sang von der -Blume, die Carmen ihm am Anfang ihrer Bekanntschaft zugeworfen, -und die im schweren Arrest, worein er um ihretwillen -geraten, sein ein und alles gewesen sei. Er gestand tief erschüttert, -er habe augenblicksweise dem Schicksal geflucht, weil -es zugelassen hatte, daß er Carmen je mit Augen gesehen. Aber -gleich habe er die Lästerung bitter bereut und auf den Knien -zu Gott um ein Wiedersehen gebetet. <em>Da</em> – und dies Da war -der gleiche hohe Ton, mit dem er unmittelbar vorher sein „Ach, -teures Mädchen“ begonnen, – <em>da</em> – und nun war in der Begleitung -aller Instrumentalzauber los, der nur irgend geeignet sein -mochte, den Schmerz, die Sehnsucht, die verlorene Zärtlichkeit, -die süße Verzweiflung des kleinen Soldaten zu malen, – <em>da</em> -hatte sie vor seinen Blicken gestanden in all ihrem schlechthin -verhängnishaften Reiz, so daß er klar und deutlich das eine -gefühlt hatte, daß es „um ihn getan“ („getan“ mit einem -schluchzenden ganztönigen Vorschlag auf der ersten Silbe), -auf immer also um ihn getan sei. „Du meine Wonne, mein -Entzücken!“ sang er verzweifelt in einer wiederkehrenden und -auch vom Orchester noch einmal auf eigene Hand geklagten -Tonfolge, die vom Grundton zwei Stufen aufstieg und sich -von dort mit Innigkeit zur tieferen Quinte wandte. „Dein ist -mein Herz“, beteuerte er abgeschmackter, aber allerzärtlichster -Weise zum Überfluß, indem er sich eben dieser Figur bediente, -ging dann die Tonleiter bis zur sechsten Stufe durch, um -<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a> -hinzuzufügen: „Und ewig dir gehör ich an!“, ließ danach die -Stimme um zehn Töne sinken und bekannte erschüttert sein -„Carmen, ich liebe dich!“, dessen Ausklang von einem wechselnd -harmonisierten Vorhalt schmerzlich verzögert wurde, bevor -das „dich“ mit der vorhergehenden Silbe sich in den Grundakkord -ergab. -</p> - -<p> -„Ja, ja!“ sagte Hans Castorp schwergemut und dankbar -und legte auch noch das Finale ein, wo alle den jungen José -dazu beglückwünschten, daß ihm durch das Renkontre mit dem -Offizier der Rückweg abgeschnitten war, so daß er nun fahnenflüchtig -werden mußte, wie Carmen es zu seinem Entsetzen -schon vorher von ihm verlangt hatte. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„O folg uns in felsige Klüfte,</p> - <p class="verse">wilder, doch rein wehen dort die Lüfte –“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -sangen sie ihm im Chor, – man konnte sie ganz gut verstehen. -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Offen die Welt – nicht Sorgen drücken;</p> - <p class="verse">unbegrenzt dein Vaterland;</p> - <p class="verse">und voran: das seligste Entzücken,</p> - <p class="verse">die Freiheit lacht! Die Freiheit lacht!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -„Ja, ja!“ sagte er abermals und ging zu etwas Viertem über, -etwas sehr Liebem und Gutem. -</p> - -<p> -Daß es wieder etwas Französisches war, ist so wenig unsere -Schuld, wie es auf unsere Rechnung kommt, daß auch wieder -militärischer Geist obwaltete. Es war eine Einlage, eine Solo-Gesangsnummer, -ein „Gebet“ aus der Faust-Oper von -Gounod. Jemand trat auf, jemand Erz-Sympathisches, der -Valentin hieß, den aber Hans Castorp im Stillen anders -nannte, mit einem vertrauteren, wehmutsvollen Namen, dessen -Träger er in hohem Grade mit der aus dem Kasten laut -<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a> -werdenden Person identifizierte, obgleich diese eine viel schönere -Stimme hatte. Es war ein starker und warmer Bariton, und -sein Gesang war dreiteilig; er bestand aus zwei miteinander -nahverwandten Eckstrophen, die frommen Charakters, ja, fast -im Stile des protestantischen Chorals gehalten waren, und -einer Mittelstrophe keck-chevaleresken Mutes, kriegerisch, leichtsinnig, -dabei aber ebenfalls fromm; und das war eigentlich -das Französisch-Militärische daran. Der Unsichtbare sang: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Da ich nun verlassen soll</p> - <p class="verse">mein geliebtes Heimatland“ –</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -und er wandte unter diesen Umständen sein Flehen zum Herrn -des Himmels, daß er ihm unterdessen das holde Schwesterblut -schützen möge! Es ging in den Krieg, der Rhythmus sprang -um, wurde unternehmend, Gram und Sorge mochten zum -Teufel fahren, er, der Unsichtbare wollte sich dort, wo die -Schlacht am heißesten, die Gefahr am größten war, keck, fromm -und französisch dem Feinde entgegenwerfen. Wenn ihn aber -Gott zu Himmelshöhen rufe, sang er, dann wolle er schützend -von dort auf „dich“ herniedersehen. Mit diesem „dich“ war -das Schwesterblut gemeint; aber es rührte Hans Castorp -trotzdem in tiefster Seele, und diese seine Ergriffenheit ließ nicht -nach bis zum Schluß, wo der Brave dort drinnen zu mächtigen -Choralakkorden sang: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„O Herr des Himmels, hör mein Flehn,</p> - <p class="verse">in deinem Schutz laß Margarete stehn!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Weiter war es nichts mit dieser Platte. Wir glaubten, kurz -von ihr reden zu sollen, weil Hans Castorp sie so ausnehmend -gern hatte, dann aber auch, weil sie bei späterer, seltsamer Gelegenheit -noch eine gewisse Rolle spielte. Für jetzt kommen -<a id="page-520" class="pagenum" title="520"></a> -wir auf ein fünftes und letztes Stück aus der Gruppe der engeren -Favoriten, – welches nun freilich gar nichts Französisches mehr -war, sondern etwas sogar besonders und exemplarisch Deutsches, -auch nichts Opernhaftes, sondern ein Lied, eines jener -Lieder, – Volksgut und Meisterwerk zugleich und eben durch -dieses Zugleich seinen besonderen geistig-weltbildlichen Stempel -empfangend ... Wozu die Umschweife? Es war Schuberts -„Lindenbaum“, es war nichts anderes, als dies allvertraute -„Am Brunnen vor dem Tore“. -</p> - -<p> -Ein Tenorist trug es vor zum Klavier, ein Bursche von Takt -und Geschmack, der seinen zugleich simplen und gipfelhohen -Gegenstand mit vieler Klugheit, musikalischem Feingefühl und -rezitatorischer Umsicht zu behandeln wußte. Wir alle wissen, -daß das herrliche Lied im Volks- und Kindermunde etwas -anders lautet, denn als Kunstgesang. Dort wird es meist, vereinfacht, -nach der Hauptmelodie strophisch durchgesungen, -während diese populäre Linie im Original schon bei der zweiten -der achtzeiligen Strophen in Moll variiert, um beim fünften -Vers, überaus schön, wieder in Dur einzulenken, bei den darauf -folgenden „kalten Winden“ aber und dem vom Kopfe fliegenden -Hute dramatisch aufgelöst wird und sich erst bei den letzten -vier Versen der dritten Strophe wiederfindet, die wiederholt -werden, damit die Weise sich aussingen könne. Die eigentlich -bezwingende Wendung der Melodie erscheint dreimal und zwar -in ihrer modulierenden zweiten Hälfte, das drittemal also bei -der Reprise der letzten Halbstrophe „Nun bin ich manche -Stunde“. Diese zauberhafte Wendung, der wir mit Worten -nicht zu nahe treten mögen, liegt auf den Satzfragmenten „So -manches liebe Wort“, „Als riefen sie mir zu“, „Entfernt von -jenem Ort“, und die helle und warme, atemkluge und zu einem -<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a> -maßvollen Schluchzen geneigte Stimme des Tenoristen sang -sie jedesmal mit so viel intelligentem Gefühl für ihre Schönheit, -daß sie dem Zuhörer auf ungeahnte Weise ans Herz griff, zumal -der Künstler seine Wirkung durch außerordentlich innige Kopftöne -bei den Zeilen „Zu <em>ihm</em> mich immerfort“, „Hier <em>findst</em> -du deine Ruh“ zu steigern wußte. Beim wiederholten letzten -Verse aber, diesem „Du fändest Ruhe dort!“ sang er das -„fändest“ das erstemal aus voller, sehnsüchtiger Brust und erst -das zweitemal wieder als zartestes Flageolett. -</p> - -<p> -Soviel vom Liede und seinem Vortrag. Wir mögen uns -wohl schmeicheln, es sei uns in früheren Fällen gelungen, -unseren Zuhörern ein ungefähres Verständnis für die intime -Teilnahme einzuflößen, die Hans Castorp den Vorzugs-Programmnummern -seiner nächtlichen Konzerte entgegenbrachte. -Allein begreiflich zu machen, was diese letzte, dies Lied, -der alte „Lindenbaum“ ihm bedeutete, das ist nun freilich ein -Unternehmen der kitzlichsten Art, und höchste Behutsamkeit der -Intonation ist vonnöten, wenn nicht mehr verdorben, als gefördert -werden soll. -</p> - -<p> -Wir wollen es so stellen: Ein geistiger, das heißt ein bedeutender -Gegenstand ist eben dadurch „bedeutend“, daß er -über sich hinausweist, daß er Ausdruck und Exponent eines -Geistig-Allgemeineren ist, einer ganzen Gefühls- und Gesinnungswelt, -welche in ihm ihr mehr oder weniger vollkommenes -Sinnbild gefunden hat, – wonach sich denn der Grad seiner -Bedeutung bemißt. Ferner ist die Liebe zu einem solchen Gegenstand -ebenfalls und selbst „bedeutend“. Sie sagt etwas aus -über den, der sie hegt, sie kennzeichnet sein Verhältnis zu jenem -Allgemeinen, jener Welt, die der Gegenstand vertritt, und die in -ihm, bewußt oder unbewußt, mitgeliebt wird. -</p> - -<p> -<a id="page-522" class="pagenum" title="522"></a> -Will man glauben, daß unser schlichter Held nach so und so -vielen Jährchen hermetisch-pädagogischer Steigerung tief genug -ins geistige Leben eingetreten war, um sich der „Bedeutsamkeit“ -seiner Liebe und ihres Objektes <em>bewußt</em> zu sein? -Wir behaupten und erzählen, daß er es war. Das Lied bedeutete -ihm viel, eine ganze Welt und zwar eine Welt, die er -wohl lieben mußte, da er sonst in ihr stellvertretendes Gleichnis -nicht so vernarrt gewesen wäre. Wir wissen, was wir sagen, -wenn wir – vielleicht etwas dunklerweise – hinzufügen, daß -sein Schicksal sich anders gestaltet hätte, wenn sein Gemüt den -Reizen der Gefühlssphäre, der allgemein geistigen Haltung, die -das Lied auf so innig-geheimnisvolle Weise zusammenfaßte, -nicht im höchsten Grade zugänglich gewesen wäre. Eben dieses -Schicksal aber hatte Steigerungen, Abenteuer, Einblicke mit -sich gebracht, Regierungsprobleme in ihm aufgeworfen, die -ihn zu ahnungsvoller Kritik an dieser Welt, diesem ihrem allerdings -absolut bewunderungswürdigen Gleichnis, dieser seiner -Liebe reif gemacht hatten und danach angetan waren, sie alle -drei unter Gewissenszweifel zu stellen. -</p> - -<p> -Der müßte nun freilich von Liebesdingen rein gar nichts verstehen, -der meinte, durch solche Zweifel geschähe der Liebe Abtrag. -Sie bilden im Gegenteil ihre Würze. Sie sind es erst, die -der Liebe den Stachel der Leidenschaft verleihen, so daß man -schlechthin die Leidenschaft als zweifelnde Liebe bestimmen -könnte. Worin bestanden denn aber Hans Castorps Gewissens- -und Regierungszweifel an der höheren Erlaubtheit seiner Liebe -zu dem bezaubernden Liede und seiner Welt? Welches war -diese dahinter stehende Welt, die seiner Gewissensahnung zufolge -eine Welt verbotener Liebe sein sollte? -</p> - -<p> -Es war der Tod. -</p> - -<p> -<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a> -Aber das war ja erklärter Wahnsinn! Ein so wunderherrliches -Lied! Reines Meisterwerk, geboren aus letzten und heiligsten -Tiefen des Volksgemüts; ein höchster Besitz, das Urbild -des Innigen, die Liebenswürdigkeit selbst! Welch häßliche Verunglimpfung! -</p> - -<p> -Ei ja, ja, ja, das war recht schön, so mußte wohl jeder -Redliche sprechen. Und dennoch stand hinter diesem holden -Produkte der Tod. Es unterhielt Beziehungen zu ihm, die -man lieben mochte, aber nicht ohne sich von einer bestimmten -Unerlaubtheit solcher Liebe ahnungsvoll-regierungsweise -Rechenschaft zu geben. Es mochte seinem eigenen ursprünglichen -Wesen nach nicht Sympathie mit dem Tode, sondern -etwas sehr Volkstümlich-Lebensvolles sein, aber die geistige -Sympathie damit war Sympathie mit dem Tode, – lautere -Frömmigkeit, das Sinnige selbst an ihrem Anfang, das sollte -auch nicht aufs Leiseste bestritten werden; aber in ihrer Folge -lagen Ergebnisse der Finsternis. -</p> - -<p> -Was redete er sich da ein! – Er hätte es sich von euch nicht -ausreden lassen. Ergebnisse der Finsternis. Finstere Ergebnisse. -Folterknechtssinn und Menschenfeindlichkeit in spanischem -Schwarz mit der Tellerkrause und Lust statt Liebe – als Ergebnis -treublickender Frömmigkeit. -</p> - -<p> -Wahrhaftig, der Literat Settembrini war nicht eben der -Mann seines unbedingten Vertrauens, aber er erinnerte sich -einiger Belehrung, die der klare Mentor ihm einst, vor Zeiten, -am Anfang seiner hermetischen Laufbahn, über „Rückneigung“, -die geistige „Rückneigung“ in gewisse Welten hatte zuteil -werden lassen, und er fand es ratsam, diese Unterweisung mit -Vorsicht auf seinen Gegenstand zu beziehen. Herr Settembrini -hatte das Phänomen jener Rückneigung als „Krankheit“ -<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a> -bezeichnet, – das Weltbild selbst, die Geistesepoche, der die Rückneigung -galt, mochte seinem <a id="corr-103"></a>pädagogischen Sinn wohl als -„krankhaft“ erscheinen. Wie denn nun aber! Hans Castorps -holdes Heimwehlied, die Gemütssphäre, der es angehörte, und -die Liebesneigung zu dieser Sphäre sollten – „krank“ sein? -Mit nichten! Sie waren das Gemütlich-Gesundeste auf der -Welt. Allein das war eine Frucht, die, frisch und prangend gesund -diesen Augenblick oder eben noch, außerordentlich zu Zersetzung -und Fäulnis neigte, und, reinste Labung des Gemütes, -wenn sie im rechten Augenblicke genossen wurde, vom nächsten -unrechten Augenblicke an Fäulnis und Verderben in der genießenden -Menschheit verbreitete. Es war eine Lebensfrucht, -vom Tode gezeugt und todesträchtig. Es war ein Wunder der -Seele, – das höchste vielleicht vor dem Angesicht gewissenloser -Schönheit und gesegnet von ihr, jedoch mit Mißtrauen betrachtet -aus triftigen Gründen vom Auge verantwortlich regierender -Lebensfreundschaft, der Liebe zum Organischen, und -Gegenstand der Selbstüberwindung nach letztgültigem Gewissensspruch. -</p> - -<p> -Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der -Überwindung dieser Liebe sein, – dieses Seelenzaubers mit -finsteren Konsequenzen! Hans Castorps Gedanken oder ahndevolle -Halbgedanken gingen hoch, während er in Nacht und -Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, – sie gingen -höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch gesteigerte -Gedanken. O, er war mächtig, der Seelenzauber! -Wir alle waren seine Söhne, und Mächtiges konnten wir ausrichten -auf Erden, indem wir ihm dienten. Man brauchte nicht -mehr Genie, nur viel mehr Talent, als der Autor des Lindenbaumliedes, -um als Seelenzauberkünstler dem Liede Riesenmaße -<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a> -zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte -wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu -irdische Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich -gar nicht heimwehkrank, – in welchen das Lied zur elektrischen -Grammophonmusik verdarb. Aber sein bester Sohn mochte -doch derjenige sein, der in seiner Überwindung sein Leben verzehrte -und starb, auf den Lippen das neue Wort der Liebe, das -er noch nicht zu sprechen wußte. Es war so wert, dafür zu -sterben, das Zauberlied! Aber wer dafür starb, der starb schon -eigentlich nicht mehr dafür und war ein Held nur, weil er im -Grunde schon für das Neue starb, das neue Wort der Liebe -und der Zukunft in seinem Herzen – – -</p> - -<p> -Das also waren Hans Castorps Vorzugsplatten. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-8"> -Fragwürdigstes -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der -Jährchen eine unerwartete Wendung genommen. Immer -hatten seine Forschungen, die der Seelenzergliederung und dem -menschlichen Traumleben galten, einen unterirdischen und katakombenhaften -Charakter getragen; neuerdings aber, in gelindem, -der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie -die Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen, -und seine vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal, -Hauptattraktion des Hauses, Stolz des Prospektes, – diese -Vorträge, gehalten in Gehrock und Sandalen, hinter gedecktem -Tischchen und mit exotisch schleppenden Akzenten vor dem -unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten nicht -mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung -der Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten -<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a> -von den profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus, -den Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums -und des Zweiten Gesichtes, den Wundern der Hysterie, -bei deren Erörterung der philosophische Horizont sich derart -weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer -erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum -Psychischen, ja dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen -auf unheimlichstem, auf krankhaftem Wege, wie es scheinen -mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem der Gesundheit ... -</p> - -<p> -Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige -Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski -habe sich nur aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie -zu bewahren, zu rein emotionellen Zwecken also, dem -Verborgenen zugewandt. So sprachen Lästerzungen, an denen -es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den Montagskonferenzen -die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um sie -hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch -genauer als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im -Busen dabei glich. Aber diese Wirkungen waren so legitim, wie -die Entwicklung, die der Geist des Gelehrten durchlaufen, und -für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern geradezu Notwendigkeit -in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten -jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele -sein Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein -bezeichnet, obgleich man möglicherweise besser täte, von einem -Überbewußtsein zu reden, da aus diesen Sphären zuweilen -ein Wissen emporgeistert, das das Bewußtseinswissen des Individuums -bei weitem übersteigt und den Gedanken nahelegt, -es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen -den untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und -<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a> -einer durchaus wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des -Unterbewußtseins, „okkult“ dem eigentlichen Wortsinne nach, -erweist sich sehr bald auch als okkult im engeren Sinn dieses -Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die Erscheinungen -fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht -alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus -dem bewußten Seelenleben verbannter und hysterisierter -Affekte erblickt, der anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen -im Materiellen, – eine Macht, die man als zweite Quelle -der magischen Phänomene anzusprechen gezwungen ist. Idealist -des Pathologischen, um nicht zu sagen: pathologischer -Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von Gedankengängen -sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins überhaupt, -das will sagen: in das Problem der Beziehungen von -Geist und Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie -der bloßen Robustheit, wird es sich niemals nehmen -lassen, das Geistige als ein phosphoreszierendes Produkt des -Materiellen zu erklären. Der Idealist dagegen, ausgehend vom -Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt und sehr bald -entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig umgekehrtem -Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts -Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei: -Das Huhn oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die -doppelte Tatsache eine so außerordentliche Verwirrung erfährt, -daß kein Ei denkbar ist, das nicht von einem Huhn gelegt worden -wäre, und kein Huhn, das nicht sollte aus einem vorausgesetzten -Ei gekrochen sein. -</p> - -<p> -Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings -in seinen Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem, -auf logischem Wege war er dazu gekommen, wir können es nicht -<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a> -sattsam betonen, und nur zum Überfluß fügen wir hinzu, daß -er in solche Erörterungen eingetreten war, lange bevor durch -das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in -ein empirisch-experimentelles Stadium traten. -</p> - -<p> -Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere -Zuhörer es nicht wissen, während uns natürlich der Name -geläufig ist. Wer sie war? Fast niemand auf den ersten Blick. -Ein liebes Ding von neunzehn Jahren, Elly gerufen, flachsblond, -Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen, sondern aus -Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft besaß. -Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar -Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin -der Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock -über dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen -hatte. Der Fall war unerheblich, er hatte wohl eigentlich -nur Verdachtscharakter, wenn Elly auch freilich ja zart war, -zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei unbedingt sympathisch, -so daß man ihr gern die Hand auf den flachsblonden Scheitel -gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig tat, wenn -er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie, -eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus -liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen -und wie ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein -leicht gebrochenes Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern, -wie „Fleich“ statt „Fleisch“. An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes. -Das Kinn war zu kurz. Sie saß am Tische -der Kleefeld, die sie bemutterte. -</p> - -<p> -Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser -freundlichen kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin -hatte es Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten -<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a> -und zweiten Anblick ihrer klaren Person sich etwas hätte träumen -lassen, die aber schon nach ein paar Wochen ihres Aufenthaltes -hier oben anfingen sich zu entdecken, und die in ihrer ganzen -Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde. -</p> - -<p> -Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit -gaben dem Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte -sich in allerlei Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände -mit Hilfe eines Klavierspiels, das anschwoll, wenn -man sich dem Verstecke näherte, dagegen leiser wurde, wenn -man Irrwege einschlug; und man ging in der Folge dazu über, -demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte von -außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter zusammengesetzter -Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier -gewisser Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen -zum Tanze aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek -zu entnehmen und es dem und dem zu überreichen und dergleichen -mehr. Es ist zu bemerken, daß Spiele dieser Art sonst -nicht zu den Gewohnheiten der Berghof-Gesellschaft gehört -hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu gegeben, war nachträglich -nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly gewesen. -Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen. -</p> - -<p> -Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von -uns, und auch Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei -den Versuchen mehr oder weniger anstellig oder versagten auch -gänzlich. Die Tauglichkeit Elly Brands aber erwies sich als -außerordentlich, als auffallend, als ungebührlich. Ihre sichere -Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte unter Beifall und -bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den kombinierten -Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte -aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, -<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a> -sobald sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein -Schwanken, auch ohne leitende Musik. Sie holte aus dem -Speisesaal eine Prise Salz, streute sie dem Staatsanwalt Paravant -auf den Kopf, nahm ihn danach bei der Hand und -führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den Anfang -des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. -Dann brachte sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix -vor ihm, zog einen Fußschemel herbei und setzte sich abschließend -darauf zu seinen Füßen nieder, – genau so, wie man es sich -unter vielem Kopfzerbrechen für sie ausgedacht. -</p> - -<p> -So hatte sie also gehorcht! -</p> - -<p> -Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu -sehen, fing man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte: -Nein, nein, nicht so, man möge doch das nicht glauben! Nicht -draußen, nicht an der Tür habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig -nicht! -</p> - -<p> -Nicht draußen, nicht an der Tür? -</p> - -<p> -„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer, -wenn sie hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun. -</p> - -<p> -Nicht umhin? Im Zimmer? -</p> - -<p> -Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was -sie zu tun habe, leise, aber ganz scharf und deutlich. -</p> - -<p> -Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem -Sinne schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen, -daß sie für ein solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert -werde. Ein Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn -einer der Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im -sportlichen Sinn war Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf -eine Weise, daß manchem der Rücken kalt wurde bei ihrem -Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal riefen nach -<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a> -Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig und -kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd -mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos -gemeldet, kraß Anormales liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, -eine Jungfrau mit Stimmen. – Ei, ei, und was -weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden sehen. Es war sein -Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig für -alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. -Er fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! -„So steht es also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie -jeder gern tat, der Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache -zur Aufmerksamkeit, doch nicht die geringste zum Entsetzen. Er -tauchte seine braunen exotischen Augen in die hellblauen Ellen -Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem Scheitel -über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und -frömmer erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von -unten, da ihr Kopf sich langsam zur Brust und Schulter neigte. -Als ihre Augen anfingen, sich zu brechen, tat der Gelehrte eine -lässige Handbewegung aufwärts vor ihrem Gesichtchen, worauf -er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und die ganze erregte -Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen Elly -Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte. -</p> - -<p> -Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war -wohl bei dem Wort, einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden -Krokowski. Jedermann fühlte sein Innerstes kalt davon -angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet seinen -vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei -Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, -die sie dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt -hatte, so daß eine gewisse Übelkeit und körperliche -<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a> -Beängstigung, eine leichte Seekrankheit ihn angekommen war. -Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte sich, daß damit -wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens -verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen -Brands fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, -die das Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich -selbst trug, das heißt: das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit -des Gebietes, wonach sie tastete, und daher den Zweifel, -ob sie nur müßig oder auch sündig sei, was sie aber nicht hinderte, -zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier. Hans Castorp -hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von -Dingen der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, -– der seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, -von der eine melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. -Aber niemals war diese Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte -Anerkennung nicht versagt hatte, ihm persönlich auf -den Leib gerückt, nie hatte er praktische Erfahrungen damit gemacht, -und sein Widerstreben gegen solche Erfahrungen, ein -Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben, ein Widerstreben -humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle -Ausdrücke verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus -anspruchslosen Helden – kam der Neugier, die sie ihm lebhaft -erregten, fast gleich. Er fühlte im voraus, fühlte es klar und -deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie auch fortgehen mochten, -nie anders sich würden anlassen können, als abgeschmackt, unverständlich -und menschlich würdelos. Dennoch brannte er -darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, -als Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative -war, sondern daß das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit -nur die außermoralische Ausdrucksform der -<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a> -Verbotenheit war. Das <span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span> aber, ihm eingepflanzt -von einem, der <em>solche</em> Versuche freilich aufs prallste mißbilligen -mußte, saß fest in Hans Castorps Sinn; seine Sittlichkeit fiel -nachgerade mit seiner Neugier zusammen, hatte das wohl -eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des Bildungsreisenden, -die vielleicht schon, als sie vom Mysterium -der Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden -Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von -militärischem Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen -nicht auswich, wenn es sich anbot. So beschloß Hans -Castorp, auf dem Posten zu sein und nicht beiseite zu stehen, -wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern kommen -sollte. -</p> - -<p> -Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin -laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben -anzustellen. Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag -belegt, hielt Sitzungen mit ihr in seinem analytischen -Verlies, hypnotisierte sie, wie man hörte, war bestrebt, die in -ihr schlummernden Möglichkeiten zu entwickeln und zu disziplinieren, -ihr seelisches Vorleben zu erforschen. Dies tat übrigens -auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und Patronin, -und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und -das, was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, -bis in die Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, -daß der- oder dasjenige, was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben -zugeflüstert hatte, Holger hieß – es war der Jüngling -Holger, ein <span class="antiqua" lang="en">spirit</span>, ihr wohlvertraut, ein abgeschieden-ätherisch -Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen Ellen. – Er -also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants Zeigefinger -verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr, -<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a> -so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr eingeflüstert. -– Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger -ihr früher in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn -sie nicht vorbereitet gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. -Das habe Holger wohl nicht gedurft, sagte sie später. In -so ernste Dinge sich einzumischen, sei ihm verwehrt, und übrigens -habe er die Schulantworten wohl selber nicht recht gewußt. -</p> - -<p> -Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch -in größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare -und unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare -Erscheinungen? – Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges -Mädchen allein im Wohnzimmer ihres Elternhauses -gesessen, am runden Tisch mit einer Handarbeit, am -hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte ihres -Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit -einer bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte -Frauen ihn dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz -hängenden Zipfeln hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich -hatte Ellen gesehen, wie der Zipfel ihr gegenüber sich langsam -aufgerollt hatte: still, sorgfältig und regelmäßig war er -aufgerollt worden, ein gutes Stück gegen die Mitte der Tischplatte -hin, so daß die Rolle schließlich schon ziemlich lang gewesen -war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild auffahrend, -mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem -Fell sich auf die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer -gestürzt, unter das Sofa gekrochen und dann ein volles Jahr -lang nicht zu bewegen gewesen, einen Fuß ins Wohnzimmer -zu setzen. -</p> - -<p> -Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die -Schaldecke aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. -<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a> -– Und was sie sich bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht -habe. – Aber da es absolut unmöglich war, sich das Allergeringste -dabei zu denken, so hatte auch Elly sich weiter nichts -dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern berichtet habe. – Nein. -– Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar nichts dabei -denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem Fall -und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges, -schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn -schwer daran getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. -Was denn auch an dem Sich-Aufrollen einer Decke viel zu -tragen sei. Aber an anderem habe sie schwerer getragen. Zum -Beispiel hieran: -</p> - -<p> -Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, -hatte sie frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, -das im Erdgeschoß gelegen war, und sich über die Diele die -Treppe hinauf ins Eßzimmer begeben wollen, um, wie es ihre -Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor die Eltern sich einfanden. -Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich wandte, war -sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem Podest, -am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika verheiratete -ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und -wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise -einen Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf -dem Kopf getragen und die Hände an der Schulter gefaltet und -hatte ihr zugenickt. „Ja, aber, Sophie, bist du da?“ hatte die -angewurzelte Ellen halb freudig und halb erschrocken gefragt. -Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich darnach verflüchtigt. -Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in -dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung -heißer Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg -<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a> -frei gewesen war für Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß -in dieser selbigen Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey -an Herzentzündung gestorben war. -</p> - -<p> -Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, -das habe doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung -hier, der Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser -achtbarer Zusammenhang zu ersehen. Und er willigte -ein, an einem spiritistischen Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, -teilzunehmen, das man aus Ungeduld, unter heimlicher Umgehung -von Dr. Krokowskis eifersüchtigem Verbot, mit Ellen -Brand zu veranstalten beschlossen hatte. -</p> - -<p> -Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz -Hermine Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: -außer der Gastgeberin, Hans Castorp und der kleinen Brand, -waren es nur noch die Damen Stöhr und Levi sowie Herr Albin, -der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst mit -dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd -die Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin -bestanden, daß auf einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer -Größe, inmitten des Zimmers, ein Weinglas, umgekehrt, den -Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber, am Rande der Tischplatte, -in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen, Spielmarken -nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die -mit Tinte und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets -gezeichnet waren. Vorerst reichte die Kleefeld Tee, -was dankbar begrüßt wurde, da die Damen Stöhr und Levi, -ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des Unternehmens, -über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach genossener -Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, -und in matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung -<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a> -zuliebe, das Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen -hatte brennen lassen, legte jedermann einen Finger -seiner Rechten leicht an den Fuß des Glases. So wollte es -die Methode. Man harrte des Augenblicks, wo das Glas ins -Rücken geraten würde. -</p> - -<p> -Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war -glatt, der Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch -so leicht aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er -natürlich ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche -Richtung haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, -das Glas zum Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. -An der Peripherie des Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben -stoßen, und wenn diejenigen, die es anlief, in ihrer Zusammensetzung -Worte und irgend welchen Sinn ergaben, so -würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte Erscheinung -sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter -Elemente, der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie -selbst ein solches Tun sich nun eingestanden oder nicht – und -des geheimen Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der -Allgemeinheit, eines unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar -fremden Ergebnissen, an denen die Dunkelheiten des Einzelnen -mehr oder weniger beteiligt sein würden, am stärksten -wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies wußten im -Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art, -schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern -saß und wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das -Herzklopfen der Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren -eben nur daher, daß sie es wußten, daher also, daß sie sich zu -einem unreinlichen Spiel mit ihrer Natur, einem furchtsam-neugierigen -Erproben unbekannter Teile ihres Selbst in stiller -<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a> -Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder Halb-Dinglichkeiten -harrten, die man magisch nennt. Es war fast -nur, um der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, -daß man unterstellte, durch das Glas würden -die Geister Abgeschiedener zu der Versammlung reden. Herr -Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit den etwa auftretenden -Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher -hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen. -</p> - -<p> -Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum -Flüstern versiegte, die erste Spannung gab nach. Man stützte -den rechten Arm mit der Linken am Ellbogen. Der Tscheche -Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen Brand, das Fingerchen -leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen Kinderblick -über die nahen Dinge hinweg in den Schein des Nachttischlämpchens -gerichtet. -</p> - -<p> -Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden -unter den Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern -zu folgen. Es rutschte bis zum Tischrande, lief ein Stück daran -entlang und kehrte dann geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. -Hier schlug es noch einmal auf und verhielt sich ruhig. -</p> - -<p> -Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. -Frau Stöhr erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch -wurde ihr bedeutet, daß sie sich früher hätte prüfen müssen und -sich nun still zu verhalten habe. Die Dinge schienen in Fluß zu -kommen. Man stipulierte, daß, um ja und nein zu antworten, -das Glas nicht erst die Buchstaben sollte anlaufen müssen, sondern -sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen begnügen möge. -</p> - -<p> -„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin -mit strenger Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein -Zögern folgte. Dann kippte das Glas und bejahte. -</p> - -<p> -<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a> -„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, -indem er die Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln -verstärkte. -</p> - -<p> -Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack -von Marke zu Marke, indem es zwischendurch immer ein -Stück gegen die Tischmitte hin zurückkehrte; es lief zum <span class="antiqua">h</span>, zum -<span class="antiqua">o</span>, zum <span class="antiqua">l</span>, es schien danach zu ermatten, sich zu verwirren, nicht -weiter zu wissen, aber es fand sich wieder, fand auch das <span class="antiqua">g</span>, das -<span class="antiqua">e</span> und <span class="antiqua">r</span>. Hatte man’s doch gedacht! Es war Holger persönlich, -der <span class="antiqua" lang="en">spirit</span> Holger, der das mit der Salzprise usw. gewußt, aber -freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte. Er war da, -er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was -fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte -den Kreis. Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, -was man von ihm zu wissen begehren sollte. Herr Albin entschied -sich, zu fragen, was Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten -gewesen sei. Er tat es, wie oben, im Tone des Verhörs, -streng und mit zusammengezogenen Brauen. -</p> - -<p> -Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend -und stolpernd zum <span class="antiqua">d</span>, rückte ab und bezeichnete das <span class="antiqua">i</span>. Was -wollte das werden? Die Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu -befürchtete kichernd, Holger sei ein Dieb gewesen. Frau -Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch der Arbeit -des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und klappernd, -zum <span class="antiqua">c</span>, zum <span class="antiqua">h</span> glitt, das <span class="antiqua">t</span> berührte und dann, offenbar -unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem <span class="antiqua">r</span> endigte. -Es hatte „Dichtr“ buchstabiert. -</p> - -<p> -Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum -Überfluß und nur aus Stolz, wie es schien, kippte das Glas und -klopfte bejahend. – Ein lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, -<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a> -indem sie das <span class="antiqua">y</span> wie <span class="antiqua">i</span> aussprach, wie Hans Castorp unwillig -bemerkte ... Zu solchen Spezifikationen schien Holger unlustig. -Er gab keine neue Antwort. Er buchstabierte die vorige noch -einmal, rasch, sicher und klar, das e hinzufügend, das er vorhin -vergessen. -</p> - -<p> -Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare -Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter -Gegenden des eigenen Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche -Gegebenheit dieser Kundgebungen doch auch -wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche erhielt. Ob Holger -sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande, wollte man -wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort „Gelassen“. -Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst -nicht darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, -fand man es wahrscheinlich und gut gesagt. – Und -wie lange Holger sich denn schon in seinem gelassenen Zustande -befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf niemand verfallen -wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es lautete: -„Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende -Eile“ lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch -von außen, Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine -eilende Weile war Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die -Frager spruchweise abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten -mochte er freilich zu operieren verlernt haben. – -Was wollte man also noch von ihm erfahren? Die Levi gestand -ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe, beziehungsweise -einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? -– Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen -Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per -du, ob <span class="antiqua" lang="en">spirit</span> Holger wohl blonde Locken habe. -</p> - -<p> -<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a> -„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es -das Wort „braune“ ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute -Heiterkeit herrschte im Kreise. Die Damen bekundeten -offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände schräg gegen den -Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister Holger -scheine ja ziemlich eitel zu sein. -</p> - -<p> -Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und -ohne Sinn auf dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und -rollte der Stöhr in den Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten -Armen darauf niederblickte. Man führte es behutsam und -unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück. Der Chinese -wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da -sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger -nun im Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten -ließ? Man redete seinem Glase aufs beste zu. Ob er -denn nicht vielleicht etwas dichten wolle! Er sei ja ein Dichter -gewesen, als er noch nicht in eilender Weile gewebt und geschwebt -habe. Ach, wie sie alle nach etwas Gedichtetem verlangten! -Sie würden es so herzlich genießen. -</p> - -<p> -Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas Gutmütig-Versöhnliches -darin, wie es dies tat. Und dann begann -<span class="antiqua" lang="en">spirit</span> Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich -und ohne Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde -er überhaupt nicht wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es -war ein durch und durch überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch -vorbrachte, während die Umsitzenden es bewundernd -mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos, wie das Meer, -von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen Haufen -entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht -des Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend -<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a> -grün die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten -Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-<a id="corr-105"></a>weichem -Scheinen die Sommersonne den Untergang verzögert! -Kein Mund vermöchte zu sagen, wann und wie des Wassers -silbrig regsamer Widerglanz in lauter Perlmutterschimmer sich -wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel blaß-bunt-opalenen -Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach, heimlich, wie -er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer entschlief. -Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort -drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. -Ein halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe -und läßt den bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. -Täuschender Winterwald im Schweigen, knackend durchstreift -von einer Eule schwerem Flug! Sei unser Aufenthalt zu -dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild die Nacht! -Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert gedehnt -im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt -hervor zum fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends -im Weichen empor, das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart -buschig fällt das Land und steil zum steinigen Strande ab, und -immer geistern noch am Rande der vergehenden Weite die -Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande nieder! Wie -ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus der -geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein -zartes Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine -Rinnen? Es ist das lautlos schmale Strömen durch die Enge -des Stundenglases, des ernsten, gebrechlichen Geräts, das das -Gehäuse des Klausners schmückt. Ein aufgeschlagen Buch, -ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten Rahmen -das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem -<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a> -Ewigen entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend -Wesen treibt ... -</p> - -<p> -So war <span class="antiqua" lang="en">spirit</span> Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation -in sonderbarer Gedankenflucht vom <a id="corr-106"></a>heimatlichen Meere auf -einen Klausner und das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, -und er kam noch auf manches, auf Menschliches und -Göttliches in träumerisch gewagten Worten, über die das -Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie buchstabierte, -und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall -einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins -Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer -Stunde noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten -abzusehen, das von Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden -und von der Krone des Leides und Gottes ernster Vatergüte -ganz unerschöpflich handelte, sich in das Weben der Kreatur -vertiefte, in Zeiten und Ländern und im Sternenraum sich -verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises erwähnte -und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn -nicht die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen -und unter besten Danksagungen an Holger erklärt -hätten, nun müsse es für diesmal genug sein, es sei von ungeahnter -Herrlichkeit gewesen und ewig schade, daß niemand mitgeschrieben -habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in Vergessenheit -geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in -Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, -wie sie Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man -rechtzeitig einen Schriftwart bestellen und zusehen, wie es sich -schwarz auf weiß bewahrt und im Zusammenhang vorgetragen, -wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber, und ehe -Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre, -<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a> -werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig -von ihm sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die -andere sachliche Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt -welche, aber ob er gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus -besonderer Gefälligkeit bereit dazu sein würde? -</p> - -<p> -„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, -was zu fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die -Fee oder das Männchen eine Frage freigeben und man Gefahr -läuft, die kostbare Möglichkeit ganz müßig zu vertun. Vieles -schien wissenswert in Welt und Zukunft, und verantwortungsvoll -war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum Entschluß -kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, -die linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch -sich, statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht -hatte, die Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde. -</p> - -<p> -Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies -Erste-Beste aus der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach -einigem Zögern rückte das Glas. Es rückte etwas ganz Sonderbares -und, wie es scheinen wollte, Beziehungsloses, worauf -sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen wollte. Es -rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit -man erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es -etwas von Hans Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe -Anweisung lautete, der Fragende solle „quer durch sein Zimmer -gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer durch Nummer -34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet -und die Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag -gegen die Tür. -</p> - -<p> -Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski -draußen, um die verbotene Sitzung aufzuheben? Man -<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a> -schaute betreten, man gewärtigte den Eintritt des Hintergangenen. -Da schlug es krachend mitten auf den Tisch, wiederum -wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß -auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen -war. -</p> - -<p> -Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! -– Er leugnete ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch -ohne sein Wort so gut wie sicher, daß niemand aus ihrer Runde -den Schlag geführt hatte. So hatte es Holger getan? Sie -blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen gleichzeitig auffällig -geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei hängenden -Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den -Kopf zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das -Mündchen aber, verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit -einem ganz kleinen Lächeln, das zugleich etwas Verstecktes und -Unschuldiges hatte, und blickte mit blauen Kinderaugen, die -nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an, doch ohne daß -sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem -Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen. -</p> - -<p> -Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, -denn sie hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, -es war abgedreht worden, von einer Hand, die man -sehr schonend kennzeichnete, wenn man sie eine <em>fremde</em> Hand -nannte. War es Holgers Hand? Er war so sanft, so diszipliniert -und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte sein Wesen -begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand -dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel -führte und bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem -an die Gurgel fuhr? Im Finstern rief man nach Zündhölzern, -nach einer Taschenlaterne. Die Levi kreischte auf, man habe -<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a> -sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau Stöhr -sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“ -schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich -man die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der -den gesunden Gedanken faßte, das Deckenlicht einzuschalten, -so daß alsbald das Zimmer in Klarheit lag. Während man -feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der Tat nicht zufällig -ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß man -nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich -zu wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, -erfuhr Hans Castorp persönlich und in der Stille eine -Überraschung, die er als besondere Aufmerksamkeit der hier sich -kundgebenden kindischen Dunkelheiten auffassen mochte. Auf -seinen Knieen lag ein leichter Gegenstand, das „Souvenir“, -das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als er es von des Neffen -Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das Clawdia -Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, -Hans Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte. -</p> - -<p> -Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu -machen. Man war um Ellen Brand beschäftigt, die immer -noch in der beschriebenen Haltung, blinden Blickes und mit -sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an ihrem Platze saß. -Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem Gesichtchen die -aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach, worauf -sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig -weinte. Man streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und -schickte sie schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei -Frau Stöhr zu verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen -nicht wußte, wie sie ins Bett kommen sollte. Hans Castorp, -seinen Apport in der Brusttasche, hatte nichts dagegen, den -<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a> -ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf Albins Zimmer -mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß Vorkommnisse -gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den -Geist, wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und -zwar eine nachhaltige Wirkung, so, wie der Seekranke wohl -noch am Lande stundenlang die übelkeiterregenden Schwankungen -zu spüren meint. -</p> - -<p> -Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war -ja im Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte -innere Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen -hatte sich ihm doch so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so -dachte er, bei diesen wenigen Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, -sein Bewenden haben mochte. Herr Settembrini, wie -sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften in diesem Vorsatz, -als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte. -„Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, -Elend!“ Und kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte -Betrügerin. -</p> - -<p> -Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte -achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur Unzweideutigkeit -klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug. -Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge -zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und -wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, -wie ihm scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr -Settembrini über das Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, -in welchem Elemente des Traumes und solche der Realität eine -Mischung eingingen, die der Natur vielleicht weniger fremd -sei, als unserem derben Tagesdenken. Das Geheimnis des Lebens -sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn, wenn -<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a> -gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in -unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art. -</p> - -<p> -Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und -erzielte denn auch eine augenblickliche Gewissensstärkung und -etwas wie ein Versprechen, an solchem Greuel nie wieder teilhaben -zu wollen. „Achten Sie“, so forderte er, „den Menschen -in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und humanen -Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen -Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? <span class="antiqua" lang="it">Caro mio!</span> Wo -der sittliche Mut zu Entscheidungen und Unterscheidungen, wie -der zwischen Betrug und Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit -dem Leben überhaupt, dem Urteile, dem Werte, der bessernden -Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß moralischer Skepsis -beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das Maß -der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, -Wahrheit und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, -und wehe dem, der ihn im Glauben an dieses schöpferische -Recht zu beirren sich unterfange! Es sei ihm besser, einen -Mühlstein um den Hals im tiefsten Brunnen ertränkt zu -werden. -</p> - -<p> -Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste -von diesen Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski -in seinem analytischen Souterrain mit Ellen Brand -Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte Mitglieder der -Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die Beteiligung -gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die Versuchserfolge -aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst -dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie -sie im Zimmer der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich -ereignet hatten: Schläge also gegen Tisch und Wände, das -<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a> -Abdrehen der Lampe und anderes, weitergehendes, wurden bei -diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad Krokowski die -kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in wachtraumhaften -Zustand versetzt hatte, systematisch und unter möglichster -Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich -gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte, -und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon -seinen Standort, wurde von dem magischen Kreise mit Beschlag -belegt. Da aber der Böhme Wenzel, der es bei dieser Gelegenheit -bediente, ein musikalischer Mann war, der das Instrument -gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte Hans -Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem -Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album -zur Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine -Ouvertüren und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da -Elly keineswegs nach höheren Tönen verlangte, seinen Zweck -vollkommen erfüllte. -</p> - -<p> -Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein -Taschentuch selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten -verborgenen „Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, -des Doktors Papierkorb hatte sich schwebend zur Decke erhoben, -der Perpendikel einer Wanduhr war „von niemandem“ abwechselnd -angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine Tischglocke -„genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe -Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der -glücklichen Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen -voll wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte -er in seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ -Erscheinungen, Fälle von Fernbewegung; und der -Doktor ordnete sie einem Gebiet von Phänomenen zu, das die -<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a> -Wissenschaft auf den Namen der Materialisation getauft -hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen -mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war. -</p> - -<p> -In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen -unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, -als deren Quelle man die mediale Konstitution, den -somnambulen Zustand zu betrachten hatte, und die man insofern -als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen mochte, -als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte, -eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende -Fähigkeit, Materie an sich zu ziehen und sich zu -ephemerer Wirklichkeit darin auszuprägen. Diese Materie entströmte -dem Körper des Mediums, um sich außerhalb seiner -zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern, Händen, -vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen Unbeträchtlichkeiten -vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis -Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar -und tastbar, diese Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre -Form bewahren. Unter weiteren Umständen aber brauchte es -bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu haben. Köpfe, individuelle -Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt verwirklichten -sich vor den Augen der Experimentierenden, um in <a id="corr-108"></a>einen -gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier -begann Dr. Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu -schielen und einen ähnlich schwankenden und doppeldeutigen -Charakter anzunehmen, wie seinen Expektorationen über die -„Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht länger unmißverständlich -und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um ins -Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner -passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, -<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a> -wenigstens allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in -das Spiel; es handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen -– um Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte -und geheime Gunst des Augenblicks benutzten, um in -die Materie zurückzukehren und sich den Rufenden kundzugeben, -– kurz, um die spiritistische Beschwörung Verstorbener. -</p> - -<p> -Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski -bei der Arbeit mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und -kernig lächelnd, zu fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte -er sie an, heimisch für seine untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen -und Untermenschlichen und ein rechter Führer, -denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen Bezirken. -Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, -die zu entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der -Erfolg ihm zu lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. -Berührungen einzelner Teilnehmer durch materialisierte Hände -hatten sich ereignet. Staatsanwalt Paravant hatte aus der -Transzendenz eine derbe Backpfeife empfangen und mit wissenschaftlicher -Heiterkeit quittiert, ja, vor Begier sogar noch die andere -Backe hingehalten, – ungeachtet seiner Eigenschaften als -Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden Verbindung, -welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden genötigt -haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. -A. K. Ferge, dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, -hatte eines Abends ein solches Geisterglied in seiner eigenen -Hand gehalten und durch den Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit -seiner Bildung festgestellt, worauf es sich seinem -Griff, der herzhaft in den Grenzen des Respektes gewesen war, -auf nicht genau zu beschreibende Weise entzogen hatte. Es -dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei zwei -<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a> -Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft, -rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten -Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es -hatte scheinen wollen, – über der Tischplatte fingernd sich allen -Blicken dargestellt und in einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre -Spur hinterlassen hatte. Aber nur acht Tage später geschah es, -daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr. Krokowskis, Herr Albin, -die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen Mitternacht -mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen Entzückens -in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem -Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, -Ellys Holger habe sich sehen lassen, über der Schulter -der Somnambulen habe sein Kopf sich gezeigt, er habe wirklich -„schöne braune, braune Locken“ gehabt und so unvergeßlich -sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand! -</p> - -<p> -Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit -Holgers anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien -und simplen Bubenstücken, der ganz unmelancholischen -Tatze, zum Beispiel, zusammen, die der Staatsanwalt von ihm -eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit des Charakters war -hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine Gemütsverfassung -vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede, -seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers -Verehrer schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. -Was ihnen am Herzen lag, war, Hans Castorp zum Aufgeben -seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen. Unbedingt müsse er der -nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so prächtig stehe. -Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal jeden -beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise -würde verlangt werden. -</p> - -<p> -<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a> -Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. -Aber daß es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, -beschäftigte ihn dennoch in einem Maße, daß er im Laufe der -nächsten drei Tage zu entgegengesetzten Beschlüssen kam. Genau -genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern nur -einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung -vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im -Musiksalon wieder einmal jene Platte laufen ließ, in welche -Valentins erzsympathische Persönlichkeit eingeprägt war, – -während er in seinem Stuhl diesem Soldatengebet des scheidenden -Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre drängte, -und der sang: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn,</p> - <p class="verse">Will schützend ich auf dich herniedersehn,</p> - <p class="verse">O Margarete!“</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch -gewisse Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, -große Rührung auf in Hans Castorps Brust, und er dachte: -„Müßig und sündig oder nicht, es wäre doch herzlich seltsam -und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er damit zu tun hat, -wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er erinnerte -sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst, im -Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, -als er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen -einkommen zu sollen geglaubt hatte. -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an -der abendlich bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine -halbe Stunde nach dem Diner zu denen, die, unbeklommen -plaudernd, als Habitués des Nichtgeheueren, den Weg ins -<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a> -Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter wurzelständig -Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr. Ting-Fu -und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann -in Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und -Wehsal also, der Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, -zu schweigen von denen, die ihm die Erscheinung von Holgers -Haupt gemeldet hatten, und von der Mittlerin, Elly Brand. -</p> - -<p> -Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, -als Hans Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür -durchschritt. An Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem -schwarzen Arbeitskittel, in väterlichem Sinne den Arm um ihre -Schulter geschlungen hielt, erwartete sie am Fuße der Stufen, -die noch von der Ebene des Souterrains in die Wohnung des -Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit ihm. -Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher -Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung -von jeder feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft -sprach man durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße -und bekundete auf alle Weise seine Unbefangenheit. -In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich beständig mit jenem kernigen -und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck seine gelben -Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und -besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, -der schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, -mein Freund!“ schien die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung -des Wirtes zu sagen, während er dem jungen Mann -fast derb die Hand drückte. „Wer wird die Ohren hängen -lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei, -sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ -Dem pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler -<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a> -davon. Wir ließen ihn sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums -erinnern, doch diese Ideenverbindung -reicht keineswegs hin, um den Zustand seines Gemüts zu kennzeichnen. -Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft an -die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität, -Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, -worin er sich vor Jahren befunden, als er sich, etwas -bekneipt, mit Kameraden zum erstenmal angeschickt hatte, ein -Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen. -</p> - -<p> -Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich -mit zwei Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und -die elfenbeinfarbene Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle -des Mediums ins Nebengelaß zurück, während Hans Castorp -mit den neun verbleibenden Teilnehmern das Ende dieses regelmäßig -und stets ergebnislos wiederholten Aktes wissenschaftlicher -Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors -erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen -Plauderstunden her, die er eine Zeitlang, hinter Joachims -Rücken, hier mit dem Analytiker abgehalten. Es war, mit -seinem Schreibbureau nebst Armsessel und Besucherfauteuil -links hinten am Fenster, seiner Handbibliothek zu beiden Seiten -der Nebentür, seiner von der Schreibtischgruppe durch einen -mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg stehenden Wachstuch-Chaiselongue -im rechten Hintergrunde, seinem Instrumentenglasschrank -im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste -in einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie -über dem Gaskamin an der rechten Seitenwand, alltäglich ein -ärztliches Empfangszimmer wie andere mehr; doch waren -einige für den besonderen Zweck getroffene Abänderungen in -seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch, der -<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a> -gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem elektrischen -Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden -roten Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel -des Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, -und exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene -Hitze ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes -Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und -über dem, von der Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit -rotem und außerdem noch mit schwarzem Schleierstoff umkleidete -Birne hing. Auf und neben dem Tischchen standen ein -paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke, oder eigentlich -zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle und eine -Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl, -der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen -Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, -dessen eines Ende nahe dem Fußende der Chaiselongue und -dessen anderes ziemlich genau in der Mitte des Zimmers, unter -dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe des letzten -Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der Musikschrein -seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten -lag auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. -Noch waren die roten Lampen nicht entzündet. Der Deckenkörper -spendete tagweißes Licht. Das Fenster, dem der davor -stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit einem -dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener, -spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing. -</p> - -<p> -Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen -aus dem Kabinett zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich -verändert. Sie zeigte sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern -<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a> -in einer Art Sitzungskostüm, einem schlafrockartigen Gewande -aus weißem Crepe, das um die Taille von einer Gürtelschnur, -einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre schmalen -Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich -und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter -diesem Gewande wenig trage. -</p> - -<p> -Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie -wieder aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie -lächelte über die Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl -wußte, daß er sie kleidete. „Vorkontrolle negativ“, stellte -Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk denn, Kameraden!“ -fügte er mit nur einmal anschlagendem <a id="corr-112"></a>exotischem Zungen-<span class="antiqua">r</span> -hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war -im Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz -und Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen -begannen, irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor -sich persönlich an ihn wandte. -</p> - -<p> -„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen -als Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, -möchte ich für diesen Abend besondere Ehrenrechte zuerkennen. -Ich betraue Sie mit der Kontrolle unseres Mediums. Wir -üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an das eine -Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem -Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür -mit den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, -einen gewöhnlichen Rohrstuhl eingenommen hatte, setzte sich -auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber und ergriff ihre Hände, -indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen klemmte. „Ahmen -Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich eintreten. -„Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. -<a id="page-558" class="pagenum" title="558"></a> -Zum Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein -Kleefeld, darf ich ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte -gesellte sich zu der Gruppe, indem sie mit ihren beiden -Händen Ellys gebrechliche Handgelenke umfaßte. -</p> - -<p> -Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das -dem seinen so nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen -Wunderkindes blickte. Ihre Augen begegneten sich, -aber Ellys glitten ab und nieder, zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, -die nach Lage der Dinge wohl begreiflich war, und -sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem Kopfe und -leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance. -Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung -ihren Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel -ihm ein, hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim -und ihr an der noch unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs -von „Dorf“ gestanden hatte ... -</p> - -<p> -Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn -Personen, nicht eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine -Person zur Versorgung Polyhymnias freizuhalten gewohnt -war und neben dem Apparat, nachdem er ihn in Bereitschaft -gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin Sitzenden einen -Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich. Unter -dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte, -ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem -Handgriff die beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und -mit einem zweiten das Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht -glühende Finsternis lag nun über dem Zimmer, dessen entferntere -Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt unzugänglich -geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des Tischchens -und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah -<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a> -kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur -langsam bequemten die Augen sich dem Dunkel und lernten, -das zugestandene Licht sich zunutzezumachen, das durch das -Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse Verstärkung -erfuhr. -</p> - -<p> -Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte -ihre wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich -hüten, sie im Sinne der Stimmungsmache und Mystifikation -zu deuten. Kein Mehr an Licht sei leider beim besten Willen -vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der hier in Frage -stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal mit -sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam -zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit -der man sich vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war -es zufrieden. Das Dunkel tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten -der Gesamtlage. Überdies erinnerte er sich zur Rechtfertigung -des Dunkels an dasjenige, worin man sich im Durchleuchtungsraum -fromm gesammelt und mit dem man sich die -Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“. -</p> - -<p> -Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, -das er offenbar an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe -der Einschläferung durch ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, -wie der Kontrolleur schon merken werde, von selbst in Trance, -und, dies geschehen, spreche ihr Schutzgeist, der bekannte Holger, -aus ihr, an den man sich auch – und nicht an sie – mit seinen -Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es irrtümlich und -könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen und -Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. -Im Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige -Aufmerksamkeit das Gebotene. Hans Castorp möge vor allem -<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a> -darauf bedacht sein, die Extremitäten des Mediums in untadeliger -Obhut zu halten. -</p> - -<p> -„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat -man, lachend, wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht -gleich zu finden waren. Dr. Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst -sitzend, legte seine Rechte auf ihre Schulter und reichte die Linke -Herrn Wehsal, der auf <a id="corr-115"></a>ihn folgte. Neben dem Doktor saßen -Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß, welcher, -wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der elfenbeinfarbenen -Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“ -befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors -und seiner Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ -kommandierte Krokowski wieder, während die ersten -Takte einer Ouvertüre von Millöcker erschollen; und gehorsam -rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in Gang zu setzen, -die von nichts und wieder nichts, hier von den Schneeverhältnissen -dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge, dort von -einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte und, -halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, -sich künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten. -</p> - -<p> -Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte. -Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper -sank nach vorn, so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps -berührte, und gleichzeitig begannen ihre Arme mit denen -der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und rückwärts stoßende -Bewegungen auszuführen. -</p> - -<p> -„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. -Das Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein -hörte man des Doktors weich schleppenden Bariton die -Frage tun: -</p> - -<p> -<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a> -„Ist Holger zur Stelle?“ -</p> - -<p> -Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. -Dann spürte Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und -kurz die seinen drückte. -</p> - -<p> -„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit. -</p> - -<p> -„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. -Er ist also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er -mit Salbung fort. „Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! -Und laß dich erinnern! Als du das letztemal unter uns weiltest, -versprachst du, jeden beliebigen Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder -oder eine Schwester, herbeizurufen und unseren -sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir aus unserem Kreise -genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du dich vermögend, -heut dieses Versprechen einzulösen?“ -</p> - -<p> -Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. -Langsam führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer -an ihre Stirn, wo sie sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte -sie dicht an Hans Castorps Ohr ein heißes „Ja!“ -</p> - -<p> -Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem -Freund jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich -als „Gänsehaut“ bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm -eines Tages erläutert hatte. Wir sprechen von einem Gruselreiz, -um das rein Körperliche vom Seelischen zu unterscheiden; -denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede sein. Was er -dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“ -Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine -verwirrte Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren -aus Verwirrung, aus dem täuschenden Umstande nämlich, daß -ein junges Blut, dessen Hände er hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ -gehaucht hatte. -</p> - -<p> -<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a> -„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich. -</p> - -<p> -„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen -dich beim Wort. Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine -tust. Der Name des Teuren, nach dessen Manifestation wir -verlangen, wird dir sogleich genannt werden. Kameraden“, -wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der Sprache! -Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll -uns Freund Holger zeigen?“ -</p> - -<p> -Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung -des anderen. Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen -geprüft, wohin, zu wem seine Gedanken gingen; doch bleibt die -Rückkunft Verstorbener, das heißt: die Wünschbarkeit solcher -Wiederkehr immer ein verwickeltes und heikles Ding. Im -Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht, diese -Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen, genau -so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, -höbe die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und -was wir Trauer nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz -über die Unmöglichkeit, unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, -als darüber, dies gar nicht wünschen zu können. -</p> - -<p> -So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine -ernste und praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein -sentimentale und theatralische Veranstaltung handelte, bei der -man den Ausgeschiedenen eben nur sehen sollte, der Fall also -lebensunbedenklich war, so fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte -dessen, an den sie dachten, und jeder hätte das Recht, -einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten zugeschoben. -Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte – -bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im -letzten Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt -<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a> -zu lassen. Da es ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, -den Kopf gegen den Sitzungsleiter gewandt, mit belegter -Stimme: -</p> - -<p> -„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen -sehen.“ -</p> - -<p> -Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden -hatten nur Dr. Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium -selbst den Angeforderten nicht gekannt. Die übrigen, -Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt, Herr und Frau -Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut und -froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden, -obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, -da dieser im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen -hatte. -</p> - -<p> -„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im -Leben war der Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits -der Dinge und bist du bereit, ihn uns herbeizuführen?“ -</p> - -<p> -Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und -schauderte. Sie schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, -hin und her sinkend, bald an Hans Castorps Ohr, bald an dem -der Kleefeld Unverständliches flüsterte. Endlich empfing Hans -Castorp von ihren beiden Händen den Druck, der „Ja“ bedeutete. -Er erstattete Meldung, und – -</p> - -<p> -„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! -Musik!“ rief er. „Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, -daß keinerlei Gedankenkrampf und gewaltsame -Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig eine zwanglos -schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge. -</p> - -<p> -Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden -junges Leben bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns -<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a> -sein späteres Schicksal nicht vollkommen deutlich ist, obgleich -wir ihn an einem bestimmten Punkt unserer Geschichte aus den -Augen verlieren werden, möchten wir annehmen, daß es die -überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte. -</p> - -<p> -Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine -kurze Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers -oder eigentlich des Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser -Arbeit, die sich entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich -an einem Ergebnis zu verzagen allgemein im Begriffe war und -außerdem aus purem Mitleid oft genug sich versucht fühlte, sie -verzichtend abzukürzen, denn sie schien wirklich erbarmungswürdig -schwer und über die zarten Kräfte zu gehen, denen sie -auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht -ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche -Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem -angenommen wird und wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, -dies empörte „Genug!“, das sich unserer Brust entringen will, -obgleich „es“ nicht genug sein will und darf und so oder so zu -Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß wir von -unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt, -dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar -glich, daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der -ihn noch gar nicht kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher -also, da auch er dem Leben nicht ausgewichen war, diesen Akt -voll organischer Mystik in solcher Gestalt kennen lernte, – in -was für einer Gestalt! Und zu welchem Behufe! Und unter -welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als -skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten -Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche -Person der Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit -<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a> -ihren bloßen Ärmchen, wie auch was die weiteren Verhältnisse, -die unaufhörliche leichtlebige Grammophon-Musik, das künstliche -Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf Befehl zu unterhalten -suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die aus -ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! -Mut! Es wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer -heraus damit, so wirst du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen -wir hier die Person und Lage des „Gatten“ aus – wenn wir -Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den zugehörigen -Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der -„Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese -Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, -so daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, -damit sie ihm nicht entglitten. -</p> - -<p> -Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte -Hitze. -</p> - -<p> -Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt -zu im Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit -gewöhnt hatten, daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. -Die Musik, das Rufen erinnerten an Aufpulverungsmethoden -der Heilsarmee, erinnerten auch denjenigen daran, der, wie -Hans Castorp, einem Gottesfest dieser aufgeräumten Zeloten -noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch, geheimnisvoll, den -Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene in -keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen, -organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, -das sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen -wehenartig, nach Ruhezuständen, während welcher sie seitlich -schlaff vom Stuhle hing, in einer Verfassung von Unzugänglichkeit, -die Dr. Krokowski als „Tief-Trance“ bezeichnete. Dann -<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a> -wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich hin und her, drängte, -rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und Sinnloses an -ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen -etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen -und biß einmal sogar in Hans Castorps Ärmel. -</p> - -<p> -Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der -Sitzungsleiter es im allseitigen Interesse geraten, eine Pause -eintreten zu lassen. Der Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung -halber den Musikapparat zuletzt geschont und sehr -gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen lassen, stellte -sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die Hände. -Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten. -Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die -Nachtaugen blöde verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, -das Gesicht fast in ihrem Schoß. Man sah sie eigentümlich -beschäftigt, begriffen in einem Tun, das den anderen -vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und aufmerksam -zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen -Hand in der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand -von sich fort und mit schöpfender oder rechender Bewegung -wieder an sich heran, so, als zöge und sammle sie etwas ein. – -Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken zu sich, blinzelte, -auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und lächelte. -</p> - -<p> -Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen -mit ihrer Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah -nicht aus, als sei sie besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte -sie sich gar nicht daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel -an der rückwärtigen Breitseite des Schreibtisches -am Fenster, zwischen ihm und der spanischen Wand, die die -Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine Wendung -<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a> -gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen -konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten -Blicken gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da -bedacht, schweigend während der ganzen Pause, die fünfzehn -Minuten dauerte. -</p> - -<p> -Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung -im Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die -Zigarettenbüchsen der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen -und besprach da und dort nahe beieinander stehend den -Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man an diesem Charakter -verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte ins -Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut -völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten -Ende des Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten -darin überein, mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch -verspürt zu haben, der regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, -von der Person des Mediums in eine bestimmte -Richtung ausgehe. Andere wollten Lichterscheinungen bemerkt -haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von Kraft, die sich -vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten. Kurzum, -kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein -Wort gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er -es einlösen werde. -</p> - -<p> -Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der -Sitzung. Er selbst geleitete Elly, während auch die übrigen -ihre Plätze wieder aufsuchten, zu ihrem Marterstuhl zurück, -wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging wie vorhin; Hans Castorp -beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des ersten -Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig beschieden. -Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der -<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a> -den Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, -daß jede irreführende Manipulation des Mediums praktisch -ausgeschlossen sei. So nahm Hans Castorp seine sonderbare -Stellung mit Elly wieder ein. Das Licht erlosch zum Rotdunkel. -Die Musik begann wieder. Wieder folgten nach einigen Minuten -das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys, -und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die -skandalöse Niederkunft nahm ihren Fortgang. -</p> - -<p> -Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht -vonstatten gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher -Wahnsinn! Woher hier Mutterschaft? Entbindung – wie und -wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das Kind, während seine -Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen Dauerkrampf -überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als Eklampsie -bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er -ihr die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die -Magnetisierung, wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu -weiterem Ringen. -</p> - -<p> -Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die -Gitarre schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten -Albums in den Raum warf, dessen Lichtverhältnissen die -tagentwöhnten Augen sich wieder leidlich angepaßt hatten. Da -ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans Castorp war es, der -ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen Wunsch -und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn, -gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten -sollen. Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen -Händen, in „Tieftrance“, und Herr Wenzel war im Begriffe -die Platte zu wechseln oder sie umzudrehen, als unser -Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe einen -<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a> -Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne -seine Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das -heiße: der Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus -„Margarete“ von Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit -Orchester, sehr ansprechend. Er, Redner, meine, daß man es -einmal mit dieser Platte versuchen sollte. -</p> - -<p> -„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel -... -</p> - -<p> -„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der -junge Mann. Der Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich -und speziell. Es komme auf einen Versuch damit an. Nicht -ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach, daß dieser Geist und -Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde abkürzen -können. -</p> - -<p> -„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor. -</p> - -<p> -Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne -weiteres holen. -</p> - -<p> -„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von -der Hand. Wie? Hans Castorp wollte gehen und kommen, -etwas holen und dann die unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen? -Unerfahrenheit rede aus ihm. Nein, das sei schlechthin -unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von vorn beginnen. -Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch -willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei -verschlossen. Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche. -Und kurz, wenn die Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so -müsse man – Er redete noch, als der Tscheche vom Grammophon -her dazwischen warf: -</p> - -<p> -„Die Platte ist hier.“ -</p> - -<p> -„Hier?“ fragte Hans Castorp ... -</p> - -<p> -<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a> -Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie -hatte ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im -grünen Arien-Album Nummer II, wohin sie nach der Organisation -gehörte. Sie war zufälligerweise, außerordentlicherweise, -schlampigerweise, erfreulicherweise unter die Allotria geraten -und brauchte nur eingelegt zu werden. -</p> - -<p> -Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor -war es, der „Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es. -Die Nadel wetzte, der Deckel sank. Und männlich begann es zu -choralhaften Klängen: „Da ich nun verlassen soll –“ -</p> - -<p> -Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang -begann, ihre Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte, -ächzte, pumpte und führte wieder die gleitnassen Hände -an ihre Stirn. Die Platte lief. Es kam der mittlere Teil, mit -umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf und Gefahr, -keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der -Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen -Klangs: „O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“ -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog -durch verengte Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend -in sich zusammen und blieb still. Besorgt beugte er sich über -sie, da hörte er die Stöhr mit piepender, winselnder Stimme -sagen: -</p> - -<p> -„Ziem – ßen –!“ -</p> - -<p> -Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer -Geschmack. Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern: -</p> - -<p> -„Ich sehe ihn längst.“ -</p> - -<p> -Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. -Aber niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der -<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a> -Stille lief die Nadel inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn -Hans Castorp den Kopf, und seine Augen gingen, ohne suchen -zu müssen, den richtigen Weg. -</p> - -<p> -Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits -von der Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes -sich fast in Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch -dahin drangen, zwischen Schreibtisch-Breitseite und spanischer -Wand, auf dem gegen das Zimmer gedrehten Besucherstuhl -des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen, saß -Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen -und dem Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so -voll und stolz sich wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein -über das andere geschlagen. Auf seinem abgezehrten Gesicht -erkannte man, obgleich es von einer Kopfbedeckung beschattet -war, den Stempel des Leidens und auch den Ausdruck von Ernst -und Strenge wieder, der es so männlich verschönt hatte. Zwei -Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief in -knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die -Sanftmut des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der -still und freundlich spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, -gerichtet war. Sein kleiner Kummer von ehedem, die abstehenden -Ohren waren erkennbar auch unter der Kopfbedeckung, der -sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht verstand. -Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am übergeschlagenen -Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, -und etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an -seinem Gürtel zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger -Waffenrock, was er trug. Nichts Blankes noch Farbiges -war daran zu bemerken, es hatte einen Litewkakragen und -Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein Kreuz. Die -<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a> -Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie -schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische -Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie -sah aus, als hätte Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf -aufs Haupt gestülpt und ihn durch Sturmband unter dem -Kinn befestigt. Doch wirkte das altertümlich und landsknechthaft -und kriegerisch kleidsam, merkwürdigerweise. -</p> - -<p> -Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. -Neben sich hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. -Sonst war nichts zu vernehmen, als das unaufhörliche wetzende -Geräusch der abgelaufenen, unter der Nadel weiter rotierenden -Platte, die niemand stoppte. Er sah sich nach keinem seiner Kumpane -um, wollte nichts von ihnen sehen und wissen. Schräg hin -über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er weit vorgebeugt -durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen Augenblick -schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm -die Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen -stieß ihn innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; -und dann gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah. -</p> - -<p> -Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis -baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen -nennen und die Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, -zog er seine Hände unter Ellys Gesicht fort und -stand auf. -</p> - -<p> -Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng -vermahnendem Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen -Schritten bei den Stufen der Eingangstür und schaltete mit -knappem Handgriff das Weißlicht ein. -</p> - -<p> -Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie -zuckte in den Armen der Kleefeld. Jener Sessel war leer. -</p> - -<p> -<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a> -Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans -Castorp zu, nahe vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von -seinen Lippen kam kein Wort. Mit brüsk heischender Kopfbewegung -streckte er die Hand aus. Da er den Schlüssel empfangen, -nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht, -machte kehrt und ging aus dem Zimmer. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-9"> -Die große Gereiztheit -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen -im Hause Berghof, ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung -von dem Dämon, dessen bösartigen Namen wir genannt haben, -Hans Castorp ahnte. Mit der unverantwortlichen Neugier -des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon studiert, ja, -bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem ungeheuerlichen -Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig -teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff, -nachdem es übrigens, genau wie das alte, keimweise und da -und dort sich andeutend schon immer vorhanden gewesen, war -er nach seiner Gemütsart wenig geschaffen. Trotzdem bemerkte -er mit Schrecken, daß auch er, sobald er sich ein wenig gehen -ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion unterlag, -der niemand in der Runde sich entzog. -</p> - -<p> -Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde -Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine -Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum -Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei -entsprang alle Tage zwischen Einzelnen und ganzen -Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die Nichtbeteiligten, -statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen abgestoßen -<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a> -zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen -Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls -überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten ausfällig, -die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete -die eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. -Eine zerrende Lust, es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, -und wer nicht die Kraft zur Flucht in die Einsamkeit besaß, -wurde unrettbar in den Strudel gezogen. Die müßigen Konflikte, -die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem Angesicht der -schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst erschreckend -leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause -Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte -nicht wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied -des Guten Russentisches, eine recht elegante Provinzdame -aus Minsk, noch jung und nur leichtkrank – drei Monate und -nicht mehr waren ihr zudiktiert – begab sich eines Tages in den -Ort hinunter zum französischen Blusenhaus, um Einkäufe zu -machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß sie in -letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt -und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten -wurde eröffnet, daß ihres Bleibens hier oben nun immer und -ewig sein müsse. -</p> - -<p> -Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig -führen wir weitere an. Dieser und jener wird sich des rund -bebrillten Schülers oder ehemaligen Schülers am Tische Frau -Salomons erinnern, dieses dürftigen jungen Menschen, der die -Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem Teller zu einem -Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses, aufgestützt, -in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der Serviette -hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch -<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a> -ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit <a id="corr-118"></a>hier gesessen, -geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer -mehr als flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu -geben. Jetzt jedoch, eines Morgens, beim ersten Frühstück, -ganz überraschend und sozusagen aus heiterem Himmel, erlitt -er einen Zufall und Raptus, der allgemeines Aufsehen erregte, -den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde laut -in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es -galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit -sich überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist -mein Tee, den Sie mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen -Sie ihn doch selbst, bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes -Spülicht ist und von anständigen Menschen überhaupt -nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir eiskalten -Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen -und sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff -vorsetzen mit auch nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich -trinke es nicht! Ich will es nicht!“ kreischte er und fing an, mit -beiden Fäusten auf den Tisch zu trommeln, daß alles Geschirr -der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will heißen Tee! Siedeheißen -Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und den Menschen! -Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der Stelle -sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter -Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem -Ruck den letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der -Raserei begeistert durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen -Emerenzia und zeigte ihr buchstäblich seine beschäumten Zähne. -Dann fuhr er fort zu trommeln, zu stampfen und sein „Ich -will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es unterdessen -im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte -<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a> -Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren -aufgesprungen und sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten, -zusammengebissenen Zähnen und glühenden Blicken zu. Andere -saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen, und bebten. Dies -taten sie noch, als der Schüler schon längst, in Erschöpfung versunken, -vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu -trinken. -</p> - -<p> -Was war das? -</p> - -<p> -Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger -Kaufmann, dreißigjährig, schon lange febril, seit -Jahren von Anstalt zu Anstalt gewandert. Der Mann war -Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und sportsmäßig, -mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung -war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann -gewesen, er war es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber -ein Judenfeind war er geblieben. Er war sehr ernstlich krank, -hustete schwer beladen und tat zwischendurch, als ob er mit -der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig, unheimlich. Jedoch war -er kein Jude, und das war das Positive an ihm. Sein Name -war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt -sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte -Reden wie diese: -</p> - -<p> -„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in -der Liegehalle installieren will, – wer liegt links von mir im -Stuhl? Der Herr Hirsch! Wer liegt rechts? Der Herr Wolf! -Selbstverständlich bin ich sofort gereist“ usw. -</p> - -<p> -„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung. -</p> - -<p> -Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah -tatsächlich und unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase -eine Puschel, auf die er boshaft schielte, und hinter der er nichts -<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a> -mehr sah. Die Mißidee, die ihn ritt, war zu einem juckenden -Mißtrauen, einer rastlosen Verfolgungsmanie geworden, die -ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner Nähe versteckt oder verlarvt -halten mochte, hervorzuziehen und der Schande zuzuführen. -Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging und -stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens, -das nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte -seine Tage aus. -</p> - -<p> -Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben -befaßt sind, verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich; -und da es nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf -Leben stieß, das den Nachteil aufwies, von dem er, Wiedemann, -frei war, so kam es unter dem Einfluß jener Umstände -zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte, -und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen -muß. -</p> - -<p> -Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es -nichts, was ihn betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß -Sonnenschein, und da man nicht schmutziger heißen konnte, so -bildete Sonnenscheins Person vom ersten Tage an die Puschel, -die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er kurz und boshaft -schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast weniger, um -sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit sie -ihn desto besser reize. -</p> - -<p> -Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus, -war ebenfalls recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich. -Ein freundlicher Mann, nicht dumm und selbst scherzhaft -von Natur, haßte er Wiedemann für seine Sticheleien und -seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum Leiden, und -eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil -<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a> -Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende -und tierische Weise in die Haare geraten waren. -</p> - -<p> -Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten -sich wie kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener -Männer, mit denen es dahin gekommen ist. Sie -gingen einander mit den Krallen ins Gesicht, hielten sich an -Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen, umschlangen -sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste -am Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben -und schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit -Mühe die Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd -und blutend, wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen -der zu Berge stehenden Haare. Hans Castorp hatte das noch -nie gesehen und nicht geglaubt, daß es eigentlich vorkomme. -Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und steif zu Berge, -und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das eine -Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem -Kranz lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab, -ins Bureau geführt wurde, wo er sich niederließ und bitterlich -in seine Hände weinte. -</p> - -<p> -So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die -es sahen, bebten noch stundenlang. Es ist vergleichsweise -eine Wohltat, im Gegensatz zu solcher Misere von einem -wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls dieser Periode -angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen Feierlichkeit -wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit -verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen -Phasen nicht bei, sondern belehrte sich über den verwickelten -und dramatischen Hergang nur an der Hand von Dokumenten, -Erklärungen und Protokollen, die, diese Sache betreffend, -<a id="page-579" class="pagenum" title="579"></a> -im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht nur am -Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in -Amerika abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium -zugestellt wurden, von denen ohne weiteres sicher sein -mußte, daß sie der Angelegenheit auch nicht einen Deut von -Teilnahme widmen konnten und wollten. -</p> - -<p> -Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden -im Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im -Berghof zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie, -die den Guten Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp, -dies hier einzuflechten, saß nicht mehr dort, sondern war mit -der Zeit an den der Kleefeld, dann an den der Salomon und -dann an den Fräulein Levis gewandert). Die Gesellschaft war -dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur die -Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen -konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der -Herren in freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst -lauter Kavaliere. Sie hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski, -Michael Lodygowski, Leo von Asarapetian und noch anders. -Im Restaurant des Berghofs nun, beim Champagner, -hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer Kavaliere -über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch -über das dem Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens -Kryloff Unwiederholbares geäußert. Hieraus ergaben sich die -Schritte, Taten und Formalien, die den Inhalt der zur Verteilung -und Versendung gelangenden Schriftsätze bildeten. -Hans Castorp las: -</p> - -<p> -„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am -27. März 19.. wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an -die Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan von Rosinski -<a id="page-580" class="pagenum" title="580"></a> -mit der Bitte, sich in seinem Namen zum Herrn Kasimir Japoll -zu begeben, um von demselben auf dem durch das Ehrenrecht -angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere -Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll -dessen Frau Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche -mit den Herren Janusz Teofil Lenart und Leo von Asarapetian -zugefügt hat‘. -</p> - -<p> -„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November -stattgehabt hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski -mittelbar Kenntnis erhalten hat, unternahm er sofort -Schritte, um völlige Sicherheit über den Tatbestand und das -Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am gestrigen -Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn -Leo von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches, -in welchem die beleidigenden Worte und die Insinuationen -gefallen sind, die Verleumdung und Beleidigung festgestellt; -hierdurch wurde Herr Stanislaw von Zutawski veranlaßt, -sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um -ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens -gegen Herrn Kasimir Japoll zu erteilen. -</p> - -<p> -„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab: -</p> - -<div class="list"> -<p> -‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten -Protokolls vom 9. April 19.., welches in Lemberg von -den Herren Zdzistaw Zygulski und Tadeusz Kadyj in der -Angelegenheit des Herrn Ladislaw Goduleczny gegen -Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner unter -Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom -18. Juni 19.., <a id="corr-119"></a>die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit -abgefaßt worden ist, welch beide Schriftstücke -in gemeinsamem Übereinklang stehend feststellen, daß -<a id="page-581" class="pagenum" title="581"></a> -Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten Verhaltens, -welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang -zu bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden -kann‘, -</p> - -<p> -‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden -Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die -absolute Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll -irgendwie noch satisfaktionsfähig wäre. -</p> - -<p> -‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen -einen Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht, -die Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘ -</p> - -</div> - -<p> -„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten -Herrn Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es -zwecklos sei, seinem Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen -Verfahrens gegen Herrn Kasimir Japoll nachzugehen und raten -ihm, den strafgerichtlichen Weg einzuschlagen, um zu verhindern, -daß von seiten einer Persönlichkeit, die in dem Maße außerstande -ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim Herrn Kasimir -Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. – (Datiert -und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“ -</p> - -<p> -Ferner las Hans Castorp: -</p> - -<p> -„Protokoll -</p> - -<p> -„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw -von Zutawski, Herrn Michael Lodygowski -</p> - -<p> -„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart -in der Bar des Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen -7½ und 7¾ h abends. -</p> - -<p> -„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung -seiner Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und -<a id="page-582" class="pagenum" title="582"></a> -Stefan Rosinski, in der Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll -am 28. März 19.. nach reifer Überlegung zu der Überzeugung -gekommen war, daß ihm die empfohlene strafgerichtliche -Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere -Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga -keine Satisfaktion wird geben können, da: -</p> - -<p> -1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll -im gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und -seine weitere Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer -Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern -geradezu unmöglich sein wird, -</p> - -<p> -2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir -Japoll die Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll -den Namen und das Haus des Herrn Stanislaw von Zutawski -und seiner Gemahlin Jadwiga in verleumderischer Weise zu -schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte, -</p> - -<p> -hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner -Überzeugung nach gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen -Verhältnisse entsprechendsten Weg gewählt, nachdem -er indirekt in Erfahrung gebracht hat, daß Herr Kasimir -Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage zu verlassen, -</p> - -<p> -und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in -Gegenwart seiner Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael -Lodygowski und Ignaz von Mellin Herrn Kasimir Japoll, der -in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart und zweier unbekannter -Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses -bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt. -</p> - -<p> -„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn -Kasimir Japoll geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für -<a id="page-583" class="pagenum" title="583"></a> -die dem Fräulein Krylow und ihm zugefügten schweren Beleidigungen -sei. -</p> - -<p> -„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn -Janusz Teofil Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski -zugefügte unqualifizierbare Unrecht, worauf noch, -</p> - -<p> -„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus -von Zutawski Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische -Besudelung seiner Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows -wiederholt und mehrfach ohrfeigte. -</p> - -<p> -„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten -sich während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. -(Datiert u. gezeichnet:) Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“ -</p> - -<p> -Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über -dies Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst -wohl getan haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und -der untadelige Komment der einen –, die bübische und schlaffe -Ehrlosigkeit der anderen Seite, wie beides aus den Dokumenten -dem Leser in die Augen sprang, erregten ihn in ihrer etwas unlebendigen, -aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit aufs tiefste. -So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische Ehrenhandel -leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen -Zähnen besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt -des Herrn Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski -sei ganz genau bekannt gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit -in Lemberg von irgendwelchen aufgeblasenen Laffen für -satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und alle seine sofortigen -und ungesäumten Schritte seien das reine Affentheater -gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich -nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig -und allein aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu -<a id="page-584" class="pagenum" title="584"></a> -verklagen, weil, wie jedermann und er selbst ebenfalls recht gut -wisse, seine Gemahlin Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung -versehen habe, wofür er, Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis -hätte erbringen können, wie denn auch mit der allgemeinen -Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre einzulegen -gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls, -Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines -Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter -die erstere verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der -Rolle, die Herr Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, -wolle er nicht reden. Was aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar -betreffe, so sei er, Japoll, ein wenn auch mundscharfer und -zum Witz geneigter, so doch äußerst schwächlicher Mensch; von -Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der ungewöhnlich -kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden, -zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und -Lenarts Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber -schreckhaft wie die Hühner gewesen seien; und so habe er, um -eine wüste Schlägerei und öffentlichen Skandal zu vermeiden, -Lenart, der sich habe zur Wehr setzen wollen, veranlaßt, sich -ruhig zu verhalten und die flüchtigen gesellschaftlichen Berührungen -der Herren von Zutawski und Lodygowski in Gottes -Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den Umsitzenden -als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien. -</p> - -<p> -So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine -Korrekturen vermochten den schönen Kontrast von Ehre und -Misere, wie er aus den Feststellungen der Gegenseite hervorging, -nur oberflächlich zu stören, zumal er nicht über die -Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen Partei verfügte, -sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner Replik -<a id="page-585" class="pagenum" title="585"></a> -unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, -wie gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten -sie. Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls -zugestellt bekommen, – Hans Castorp sah sie in ihren Händen, -und zu seiner Überraschung bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen -und sonderbar hingerissenen Mienen darauf niederblickten. -Den heiteren Spott, den er selbst vermöge der herrschenden -inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn Settembrini -wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den -klaren Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die -Hans Castorp beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das -Lachen verschlug, ihn für die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels -ernstlich empfänglich machte; und außerdem verdüsterte -ihn, den Mann des Lebens, sein langsam und unter -foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich -verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und -dessen er sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, -der ihn aber um diese Zeit schon alle paar Tage zwang, das -Bett zu hüten. -</p> - -<p> -Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es -nicht besser. Auch in seinem organischen Innern schritt die -Krankheit fort, die der physische Grund – oder muß man sagen: -Vorwand gewesen, weshalb seine Ordenslaufbahn ein so verfrühtes -Ende genommen, und die hohen und dünnen Bedingungen, -unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung -nicht Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung -seiner Stimme klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach -bei erhöhtem Fieber mehr noch, schärfer und beißender als -ehedem. Jene ideellen Widerstände gegen Krankheit und Tod, -deren Niederlage vor der Übergewalt einer niederträchtigen -<a id="page-586" class="pagenum" title="586"></a> -Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem kleinen -Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines -Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer -und Gram, sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust -sondergleichen, eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, -Verneinung und Verwirrung, die die Melancholie des -anderen aufs schwerste reizte und ihre intellektuellen Streitigkeiten -täglich verschärfte. Hans Castorp, natürlich, konnte nur -von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war so ziemlich -gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen -Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien -zu entzünden. Und wenn er Herrn Settembrini nicht den -Kummer ersparte, Naphtas Bosheiten hörenswert zu finden, -so mußte er doch zugeben, daß sie nachgerade alles Maß und -häufig genug die Grenze <a id="corr-123"></a>des geistig Gesunden überschritten. -</p> - -<p> -Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, -sich über die Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in -ihrem Bilde und Zeichen. Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, -der den lauschenden Zögling am liebsten aus dem Zimmer gewiesen -oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er die -Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den -Geist darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine -Narrheit. Was komme dabei heraus? Eine Fratze! Das -Wirklichkeitsergebnis der gepriesenen französischen Revolution -sei der kapitalistische Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! -die man in der Weise zu verbessern hoffe, daß man den Greuel -universal mache. Die Weltrepublik, das werde das Glück sein, -sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um den berühmten -Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich Erleichterung -davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich -<a id="page-587" class="pagenum" title="587"></a> -ganz allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein -Ausdruck. Er werde kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich -er anderes zeitigen werde, als seine Veranstalter sich davon -versprächen. Naphta verachtete den bürgerlichen Sicherheitsstaat. -Er nahm Veranlassung, sich darüber zu äußern, -als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei -beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle -Welt Regenschirme über die Köpfe hielt. Das war ihm ein -Symbol für die Feigheit und ordinäre Verweichlichung, die -das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein Zwischenfall und -Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“ wirke -atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei -nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die -größte Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. -Das sei jämmerlich und reime sich in seiner humanitären -Schlaffheit recht artig auf die wölfische Krudität und Niedertracht -des wirtschaftlichen Schlachtfeldes, das der Bürgerstaat -darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und die allgemeine -Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert. -</p> - -<p> -Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ -ins Gespräch einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes -Mittel gegen innen- und außenpolitische Katastrophen -empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta, der kürzlich -noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine -irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies -Geistige selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt -war. Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? -Ein göttlicher? Ein Begriff ersten Ranges? Gott und -Natur waren ungerecht, sie hatten Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, -schmückten den einen mit gefährlicher Auszeichnung und -<a id="page-588" class="pagenum" title="588"></a> -bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und der -wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine -lähmende Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen -Seite eine Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da -also der Mensch, um im Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ -in diesem Sinne durch „Gerechtigkeit“ in jenem Sinne -korrigieren mußte, – wo blieben Unbedingtheit und Radikalismus -des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“ gegen den -einen Standpunkt <em>oder</em> gegen den anderen. Der Rest war -Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom -Ofen zu locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere -Worthülse der Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, -müsse man vor allen Dingen wissen, welche Gerechtigkeit -man meine: diejenige, die jedem das Seine, oder diejenige, die -allen das Gleiche geben wolle. -</p> - -<p> -Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel -herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft -zu stören. Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf -die Wissenschaft zu sprechen kam, – an die er nicht glaubte. Er -glaube nicht an sie, sagte er, denn es stehe dem Menschen völlig -frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei ein Glaube, wie jeder -andere, nur schlechter und dümmer als jeder andere, und das -Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des stupidesten -Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen -Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare -Münze zu nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste -Dogmatik daraus zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet -worden sei. Ob etwa nicht der Begriff einer an und -für sich existierenden Sinnenwelt der lächerlichste aller Selbstwidersprüche -sei? Aber die moderne Naturwissenschaft als -<a id="page-589" class="pagenum" title="589"></a> -Dogma lebe einzig und allein von der metaphysischen Voraussetzung, -daß die Erkenntnisformen unserer Organisation, -Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt sich -abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer -Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die -nackteste Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. -Raum, Zeit und Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, -– und da habe man das Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen -Afterreligion, womit man das erste Buch Mosis -außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel aufklärendes -Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der Entstehung -der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther -sei wohl exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz -des „kleinsten, unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von -der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf -Erfahrung? In der Tat, man werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, -zu lustigen Erfahrungen und Ergebnissen gelangen mit -dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität des Raumes -und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur -Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? -Aus dem einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen -Größe zum Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe -im Unendlichen und weder Dauer noch Veränderung in der -Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen könne es, da jede Distanz -dort mathematisch gleich null sei, nicht einmal zwei Punkte -nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige denn gar -Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der Dreistigkeit -zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre -astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ -für absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte -<a id="page-590" class="pagenum" title="590"></a> -Menschheit, die sich durch ein prahlerisches Aufgebot nichtiger -Zahlen ins Gefühl eigener Nichtigkeit habe drängen, um das -Pathos der eigenen Wichtigkeit habe bringen lassen! Denn es -möge noch leidlich heißen, wenn menschliche Vernunft und Erkenntnis -sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre ihre Erlebnisse -mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife -sie aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte -Kosmologie, Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und -die Anmaßung komme auf den Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. -Welch ein lästerlicher Unsinn, im Grunde, die „Entfernung“ -irgendeines Sternes von der Erde nach Trillionen Kilometern -oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich einzubilden, mit -solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem Menschengeist -Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, – während -doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und Zeitdistanzen -überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten, -sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu -sein, vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was -wir Natur nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das -glaube, die Sterne seien Löcher im Himmelszelt, durch welche -die ewige Klarheit scheine, sei ihm vieltausendmal lieber, als das -ganze hohle, widersinnige und anmaßende Geschwätz, das die -monistische Wissenschaft vom „Weltall“ verübe! -</p> - -<p> -Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne -jenen Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich -jede Demut und Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder -einmal zu ersehen, was er unter „Freiheit“ verstand, und wohin -ein solcher Begriff davon zu führen vermochte. Und wenn -nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu fürchten, -Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden! -</p> - -<p> -<a id="page-591" class="pagenum" title="591"></a> -Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die -Schwächen des naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen, -seinen Trägern und Pionieren menschliche Rückfälle ins Irrationale -nachzuweisen. Aviatiker, Flieger, sagte er, seien meist -recht üble und verdächtige Individuen, vor allem sehr abergläubisch. -Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an -Bord, sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die -Handschuhe von glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive -Unvernunft mit der ihrem Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung -reime? – Der Widerspruch, den er aufzeigte, ergötzte -ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich lange darüber -auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her -nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur -allzu Gegenständliches zu erzählen gibt. -</p> - -<p> -Eines Nachmittags im Februar vereinigten sich die Herren, -nach Monstein auszufliegen, einem Orte, anderthalb Stunden -Schlittenfahrt von der Stätte ihres Alltags entfernt. Es waren -Naphta und Settembrini, Hans Castorp, Ferge und Wehsal. -In zwei einspännigen Schlitten fuhren sie, Hans Castorp mit -dem Humanisten, Naphta mit Ferge und Wehsal, der neben -dem Kutscher saß, um 3 Uhr, gut eingehüllt, vom Domizil der -Auswärtigen ab und nahmen unter Schellengeläut, das so -freundlich durch schneestille Landschaft geht, ihren Weg an der -rechten Lehne hin, vorbei an Frauenkirch und Glaris, gegen -Süden. Schneebedeckung rückte rasch aus dieser Himmelsrichtung -vor, so daß bald nur noch hinten über der Rhätikonkette ein -blaßblauer Streifen zu sehen war. Der Frost war stark, das -Gebirge nebelig. Die Straße, die sie führte, schmale, geländerlose -Plattform zwischen Wand und Abgrund, hob sich steil ins -Tannenwilde. Es ging schrittweise. Abfahrende Rodler kamen -<a id="page-592" class="pagenum" title="592"></a> -oft auf sie zu, die bei der Begegnung absteigen mußten. Hinter -Biegungen klang zart und warnend fremdes Geläute auf, -Schlitten, mit zwei Pferden hintereinander bespannt, gingen -vorbei, und das Ausweichen forderte Behutsamkeit. Nahe dem -Ziele tat ein schöner Blick auf eine felsige Partie der Zügenstraße -sich auf. Man stieg aus den Decken vor dem kleinen Gasthaus -von Monstein, das sich „Kurhaus“ nannte, und, die Schlitten -zurücklassend, ging man noch einige Schritte weiter, um gegen -Südosten nach dem „Stulsergrat“ auszuschauen. Die Riesenwand, -dreitausend Meter hoch, war nebelverhüllt. Nur irgendwo -ragte eine himmelhohe Zacke, überirdisch, walhallmäßig -fern und heilig unzugänglich aus dem Gedünst hervor. Hans -Castorp bewunderte das sehr und forderte auch die andern auf, -es zu tun. Er war es, der mit Unterwerfungsgefühlen das Wort -„unzugänglich“ aussprach und damit Herrn Settembrini -Anlaß gab, zu betonen, daß jener Fels natürlich sehr wohl betreten -sei. Überhaupt gäbe es das kaum noch: Unzugänglichkeit -und irgendwelche Natur, auf die der Mensch nicht schon -seinen Fuß gesetzt habe. Eine kleine Übertreibung und Dicktuerei, -erwiderte Naphta. Und er nannte den Mount Everest, -der dem Vorwitz des Menschen bis dato eisige Ablehnung entgegengesetzt -habe und in dieser Reserve dauernd verharren zu -wollen scheine. Der Humanist ärgerte sich. Die Herren kehrten -zum „Kurhaus“ zurück, vor dem neben den eigenen ein paar -fremde, ausgespannte Schlitten standen. -</p> - -<p> -Man konnte hier wohnen. Im Obergeschoß gab es Hotelzimmer -mit Nummern. Dort lag auch das Eßzimmer, bäurisch -und wohl geheizt. Die Ausflügler bestellten einen Imbiß bei -der dienstwilligen Wirtin: Kaffee, Honig, Weißbrot und -Birnenbrot, die Spezialität des Ortes. Den Kutschern ward -<a id="page-593" class="pagenum" title="593"></a> -Rotwein geschickt. Schweizerische und holländische Besucher -saßen an anderen Tischen. -</p> - -<p> -Wir <a id="corr-124"></a>hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf -Freunde die Erwärmung durch den heißen und sehr löblichen -Kaffee ein höheres Gespräch gezeitigt habe. Doch wären wir -ungenau damit, denn dies Gespräch war eigentlich ein Monolog -Naphtas, der es nach wenigen Worten, die andere beigetragen, -allein bestritt, – ein Monolog, geführt auf recht sonderbare -und gesellschaftlich anstößige Art, da der Ex-Jesuit sich -nämlich, liebenswürdig instruierend, ausschließlich an Hans -Castorp damit wandte, Herrn Settembrini, der an seiner anderen -Seite saß, den Rücken zukehrte und auch die beiden anderen -Herren völlig unbeachtet ließ. -</p> - -<p> -Es wäre schwer gewesen, das Thema seiner Improvisation, -der Hans Castorp mit halb und halb zustimmendem Kopfnicken -folgte, bei Namen zu nennen. Einheitlichen Gegenstandes -war sie wohl eigentlich nicht, sondern bewegte sich locker im Geistigen, -da und dort anstreifend und im wesentlichen darauf -aus, die Zweideutigkeit der geistigen Lebenserscheinungen, die -irisierende Natur und kämpferische Unbrauchbarkeit der daraus -abgezogenen großen Begriffe auf eine entmutigende Art nachzuweisen -und bemerklich zu machen, in wie schillerndem Gewande -das Absolute auf Erden erscheine. -</p> - -<p> -Allenfalls hätte man seinen Vortrag auf das Problem der -Freiheit festlegen können, das er im Sinne der Verwirrung behandelte. -Unter anderem sprach er von der Romantik und dem -faszinierenden Doppelsinn dieser europäischen Bewegung vom -Anfang des 19. Jahrhunderts, vor der die Begriffe der Reaktion -und der Revolution zunichte würden, sofern sie sich nicht -zu einem höheren vereinigten. Denn es sei selbstverständlich -<a id="page-594" class="pagenum" title="594"></a> -höchst lächerlich, den Begriff des Revolutionären ausschließlich -mit dem Fortschritt und der siegreich anrennenden Aufklärung -verbinden zu wollen. Die europäische Romantik sei vor allem -eine Freiheitsbewegung gewesen: antiklassizistisch, antiakademisch, -gerichtet gegen den altfranzösischen Geschmack, gegen die -Alte Schule der Vernunft, deren Verteidiger sie als gepuderte -Perückenköpfe verhöhnt habe. -</p> - -<p> -Und Naphta fiel auf die Freiheitskriege, auf Fichte’sche Begeisterungen, -auf jene rausch- und gesangvolle völkische Erhebung -gegen eine unerträgliche Tyrannei, – als welche nur -leider, he, he, die Freiheit, das heiße: die Ideen der Revolution -verkörpert habe. Sehr lustig: Laut singend habe man ausgeholt, -um die revolutionäre Tyrannei zugunsten der reaktionären -Fürstenfuchtel zu zerschlagen, und das habe man für -die Freiheit getan. -</p> - -<p> -Der jugendliche Zuhörer werde da des Unterschiedes oder -auch Gegensatzes von äußerer und innerer Freiheit gewahr – -und zugleich der kitzlichen Frage, welche Unfreiheit mit der Ehre -einer Nation am ehesten, he, he, am wenigsten verträglich sei. -</p> - -<p> -Freiheit sei wohl eigentlich mehr noch ein romantischer, als -ein aufklärerischer Begriff, denn mit der Romantik habe er die -unentwirrbare Verschränkung menschheitlicher Ausdehnungstriebe -und leidenschaftlich verengernder Ichbetonung gemeinsam. -Individualistischer Freiheitstrieb habe den historisch-romantischen -Kultus der Nationalen gezeitigt, der kriegerisch sei, -und den der humanitäre Liberalismus finster nenne, wiewohl -dieser doch ebenfalls den Individualismus lehre, nur eben ein -wenig anders herum. Der Individualismus sei romantisch-mittelalterlich -in seiner Überzeugung von der unendlichen, der -kosmischen Wichtigkeit des Einzelwesens, woraus die Lehre von -<a id="page-595" class="pagenum" title="595"></a> -der Unsterblichkeit der Seele, die geozentrische Lehre und die -Astrologie sich ergäben. Andererseits sei Individualismus eine -Angelegenheit des liberalisierenden Humanismus, welcher zur -Anarchie neige und jedenfalls das liebe Individuum davor -schützen wolle, der Allgemeinheit geopfert zu werden. Das sei -Individualismus, eins und auch wieder das andere, ein Wort -für manches. -</p> - -<p> -Aber das müsse man einräumen, daß Freiheitspathos die -glänzendsten Freiheitsfeinde, die geistreichsten Ritter des Vergangenen -im Kampf mit dem andachtslos zersetzenden Fortschritt -erzeugt habe. Und Naphta nannte Arndt, der den Industrialismus -verflucht und den Adelsstand verherrlicht, nannte -Görres, der die Christliche Mystik verfaßt habe. Und ob denn -Mystik etwa nichts mit Freiheit zu tun habe? Ob sie etwa -nicht anti-scholastisch, anti-dogmatisch, anti-priesterlich gewesen -sei? Man sei freilich gezwungen, in der Hierarchie eine -Freiheitsmacht zu erblicken, denn sie habe der schrankenlosen -Monarchie einen Damm entgegengesetzt. Die Mystik des ausgehenden -Mittelalters aber habe ihr freiheitliches Wesen als -Vorläuferin der Reformation bewährt, – der Reformation, -he, he, die ihrerseits ein unauflösliches Filzwerk von Freiheit -und mittelalterlichem Rückschlag gewesen sei ... -</p> - -<p> -Luthers Tat ... Ei ja, sie habe den Vorzug, mit derbster Anschaulichkeit -das fragwürdige Wesen der Tat selbst, der Tat -überhaupt zu demonstrieren. Ob Naphtas Zuhörer wisse, -was eine Tat sei? Eine Tat sei beispielsweise die Ermordung -des Staatsrats Kotzebue durch den Burschenschaftler Sand -gewesen. Was habe dem jungen Sand, kriminalistisch zu reden, -„die Waffe in die Hand gedrückt“? Freiheitsbegeisterung, selbstverständlich. -Sehe man jedoch näher hin, so sei es eigentlich -<a id="page-596" class="pagenum" title="596"></a> -nicht diese, es seien vielmehr Moralfanatismus und der Haß -auf unvölkische Frivolität gewesen. Allerdings nun wieder -habe Kotzebue in russischen Diensten, im Dienste der Heiligen -Allianz also, gestanden; und so habe Sand denn doch wohl für -die Freiheit geschossen, – was freilich aufs neue der Unwahrscheinlichkeit -verfalle kraft des Umstandes, daß sich unter seinen -nächsten Freunden Jesuiten befunden hätten. Kurzum, was -immer die Tat auch sein möge, auf jeden Fall sei sie ein schlechtes -Mittel, sich deutlich zu machen, und zur Bereinigung geistiger -Probleme trage sie auch nur wenig bei. -</p> - -<p> -„Darf ich mir die Erkundigung erlauben, ob Sie mit Ihren -<em>Schlüpfrigkeiten</em> bald zu Rande zu kommen gedenken?“ -</p> - -<p> -Herr Settembrini hatte es gefragt und zwar mit Schärfe. -Er hatte gesessen, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt -und den Schnurrbart gedreht. Jetzt war es genug. Seine Geduld -war zu Ende. Aufrecht saß er, mehr als aufrecht: – sehr -bleich, hatte er sich sozusagen im Sitzen auf die Zehen gestellt, -so daß nur noch seine Schenkel den Stuhlsitz berührten, und so -begegnete er blitzenden schwarzen Auges dem Feinde, der sich -mit geheucheltem Erstaunen nach ihm umgewandt hatte. -</p> - -<p> -„<em>Wie</em> beliebten Sie sich auszudrücken?“ lautete Naphtas -Gegenfrage ... -</p> - -<p> -„Ich beliebte“, sagte der Italiener und schluckte hinunter, -„– ich beliebe mich dahin auszudrücken, daß ich entschlossen -bin, Sie daran zu hindern, eine ungeschützte Jugend noch länger -mit Ihren Zweideutigkeiten zu behelligen!“ -</p> - -<p> -„Mein Herr, ich fordere Sie auf, nach Ihren Worten zu -sehen!“ -</p> - -<p> -„Einer solchen Aufforderung, mein Herr, bedarf es nicht. -Ich bin gewohnt, nach meinen Worten zu sehen, und mein -<a id="page-597" class="pagenum" title="597"></a> -Wort wird präzis den Tatsachen gerecht, wenn ich ausspreche, -daß Ihre Art, die ohnehin schwanke Jugend geistig zu verstören, -zu verführen und sittlich zu entkräften, eine <em>Infamie</em> und mit -Worten nicht streng genug zu züchtigen ist ...“ -</p> - -<p> -Bei dem Wort „Infamie“ schlug Settembrini mit der -flachen Hand auf den Tisch und stand, seinen Stuhl zurückschiebend, -nun vollends auf, – das Zeichen für alle übrigen, ein -Gleiches zu tun. Von anderen Tischen blickte man aufhorchend -herüber, – von einem eigentlich nur, die Schweizer Gäste waren -schon aufgebrochen, und nur die Holländer lauschten mit verdutzten -Mienen auf den ausbrechenden Wortwechsel. -</p> - -<p> -Sie standen also alle steif aufrecht an unserem Tisch: Hans -Castorp und die beiden Gegner und ihnen gegenüber Ferge und -Wehsal. Alle fünf waren sie blaß, mit erweiterten Augen und -zuckenden Mündern. Hätten nicht die drei Unbeteiligten den -Versuch machen können, beschwichtigend einzuwirken, mit -einem Scherzwort die Spannung zu lösen, durch irgendein -menschliches Zureden alles zum Guten zu wenden? Sie unternahmen -ihn nicht, diesen Versuch. Die inneren Umstände hinderten -sie daran. Sie standen und bebten, und unwillkürlich -ballten ihre Hände sich zu Fäusten. Selbst A. K. Ferge, dem -alles Höhere erklärtermaßen völlig fern lag und der von vornherein -gänzlich darauf verzichtete, die Tragweite des Streites -zu ermessen, – auch er war überzeugt, daß es hier auf Biegen -und Brechen gehe, und daß man, selbst mit hingerissen, nichts -tun könne, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sein gutmütiger -Schnurrbartbausch wanderte heftig auf und nieder. -</p> - -<p> -Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen -knirschen. Das war für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung, -wie die mit Wiedemanns gesträubtem Haar: Er hatte gedacht, -<a id="page-598" class="pagenum" title="598"></a> -es sei nur eine Redensart und komme in Wirklichkeit nicht vor. -Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der Stille, ein furchtbar -unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch, das -sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen Beherrschung -erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und -nur mit einer Art von keuchendem Halblachen: -</p> - -<p> -„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig? -Haben wir die pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation -so weit, daß sie blank zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für -den Anfang, – leicht erzielt, wie ich mit Geringschätzung hinzufüge, -denn eine wie gelinde Neckerei hat hingereicht, den wachhabenden -Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das Weitere wird -sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese. Ich -hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen, -was Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese -Grundsätze durch Mittel auf die Probe zu stellen, die –“ -</p> - -<p> -Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren: -</p> - -<p> -„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im -Wege, Sie sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag -dieser kleinen Differenz an den gehörigen Ort verlegen. Für -den Augenblick nur eines. Ihre frömmelnde Angst um den -scholastischen Begriffsstaat der Jakobiner-Revolution sieht in -meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen, die Kategorien über -den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer akademischen Tugendwürde -zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen. Diese -Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre -Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan. -Sie ist schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit, -ein geistiges <span class="antiqua" lang="fr">Ennui</span>, das Gähnkrampf erzeugt, -<a id="page-599" class="pagenum" title="599"></a> -und mit dem aufzuräumen die neue, <em>unsere</em> Revolution, mein -Herr, sich anschickt. Wenn wir als Erzieher den Zweifel stiften, -tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit sich je hat träumen -lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der radikalen -Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor, -der heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung -und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem -anderen Blatt. Sie werden von mir hören.“ -</p> - -<p> -„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini -ihm nach, der den Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte, -um sich seines Pelzwerks zu bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer -sich hart auf seinen Stuhl zurücksinken und preßte sein -Herz mit den Händen. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!</span>“ -stieß er kurzen Atems hervor. -</p> - -<p> -Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart -fuhr fort auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den -Unterkiefer schief gestellt. Hans Castorp ahmte die Kinnstütze -seines Großvaters nach, denn ihm zitterte das Genick. Alle bedachten, -wie wenig man sich bei der Ausfahrt solcher Dinge versehen -habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen, bedachten -gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei -Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war. -Dies erleichterte vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was -dann? -</p> - -<p> -„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen. -</p> - -<p> -„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem -neben ihm Stehenden einen Blick empor, um sich gleich danach -von ihm abzuwenden und den Kopf in die Hand zu stützen. -</p> - -<p> -„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ... -</p> - -<p> -<a id="page-600" class="pagenum" title="600"></a> -„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch -ihn einen Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob -sich vollkommen gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres -Vergnügens, allein mit solchen Zwischenfällen muß jeder -Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige theoretisch das Duell, -ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist es eine andere -Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum, -ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in -meiner Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden -Übung werden mir das Handgelenk wieder geläufig machen. -Gehen wir! Das Nähere wird zu verabreden sein. Ich vermute, -daß jener Herr bereits anzuspannen befohlen hat.“ -</p> - -<p> -Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt -und nachher, wo ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden -schwindelte, namentlich, als sich herausstellte, daß -Naphta von Hieb und Stich nichts wissen wollte, sondern auf -einem Pistolenduell bestand, – und daß tatsächlich er die Waffe -zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen Begriffen der Beleidigte -war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen Mann, -wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung -durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen -Grade befreien konnte und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn -sei, und daß man es verhindern müsse. -</p> - -<p> -„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch -mit Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon -auf der Rückfahrt als Kartellträger gewonnen hatte, und der -den Verkehr zwischen den Parteien vermittelte. „Eine Beschimpfung -bürgerlicher, gesellschaftlicher Art! Wenn einer des anderen -ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte, wenn es sich -um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches -<a id="page-601" class="pagenum" title="601"></a> -Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs -sieht! Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter -Ausweg da, und wenn dann der Ehre Genüge geschehen und -die Sache glimpflich abgegangen ist, und es heißt: Die Gegner -schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es eine gute -Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen Verwicklungsfällen. -Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa -in Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung -getan hat. Er hat die Kategorien über den Haufen geworfen. -Er hat, wie er sich ausdrückt, den Begriffen ihre akademische -Würde geraubt. Dadurch haben Sie sich beleidigt gefühlt, – -mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“ -</p> - -<p> -„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah -ihn an ... -</p> - -<p> -„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er -hat Sie nicht beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben -Sie mal! Es handelt sich um abstrakte Dinge, um geistige. -Mit geistigen Dingen kann man beleidigen, aber man kann -nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime, die jedes Ehrengericht -annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott versichern. -Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und -‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung, -denn auch das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen -Bezirke und hat mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun, -worin es einzig so etwas wie Beschimpfung gibt. Das Geistige -kann niemals persönlich sein, das ist die Vervollständigung und -die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“ -</p> - -<p> -„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen -Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß -Geistiges nicht persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie -<a id="page-602" class="pagenum" title="602"></a> -sollten das nicht meinen“, sagte er und lächelte eigentümlich -fein und schmerzlich. „Sie gehen jedoch vor allem fehl in Ihrer -Einschätzung des Geistigen überhaupt, das Sie offenbar für zu -schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu zeitigen von -der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt, und -die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges. -<span class="antiqua" lang="it">All’ incontro!</span> Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist -zugleich auch das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge, -und es birgt viel tiefere und radikalere Möglichkeiten des -Hasses, der unbedingten und unversöhnlichen Gegnerschaft, -als das soziale Leben. Wundern Sie sich, daß es sogar direkter -und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des Du oder Ich, -zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des körperlichen -Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine -‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr -zum Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse -Regelung ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das -Wesentliche der Lage bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der -körperliche Kampf, und es ist Sache jedes Mannes, sich in aller -Entfernung vom Natürlichen dieser Lage gewachsen zu halten. -Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle nicht mit -seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag, -der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller Vergeistigung -ein Mann zu bleiben.“ -</p> - -<p> -Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es -darauf zu erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn -Settembrinis Worte taten gefaßt und logisch, und dennoch -klangen sie fremd und unnatürlich aus ihm hervor. Seine Gedanken -waren nicht seine Gedanken, – wie er ja auch auf den -des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern -<a id="page-603" class="pagenum" title="603"></a> -ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen -hatte –; sie waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen -inneren Umstände, deren Knecht und Werkzeug Herrn -Settembrinis schöner Verstand geworden war. Wie, das -Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum Tierischen, -zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans -Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu -tun, – um zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht -konnte. Sie waren stark auch in ihm, die inneren Umstände, er -war nicht der Mann, er auch nicht, sich ihnen zu entwinden. -Furchtbar und letztgültig wehte es ihn an aus jener Erinnerungsgegend, -wo Wiedemann und Sonnenschein sich in ratlos -tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am -Ende aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die -Zähne. Ja, ja, man mußte sich wohl schlagen, denn so war -wenigstens jene Milderung des Urstandes durch ritterliche Regelung -zu retten ... Hans Castorp bot sich Herrn Settembrini -als Sekundanten an. -</p> - -<p> -Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich -nicht schicken, wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn -Settembrini mit einem Lächeln, das fein und schmerzlich war, -dann auch, nach kurzer Überlegung, von Ferge und Wehsal, -die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es gehe nicht -an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft -beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit -eines solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen -Milderungen des Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz -zugegen sein. Selbst Naphta ließ sich durch den Mund seines -Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne vernehmen, -und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer, -<a id="page-604" class="pagenum" title="604"></a> -auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung -der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig -erwies. -</p> - -<p> -Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen -Vorschlägen. Er verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen -Kugelwechsel, falls es nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn -ließ er noch am Abend des Zerwürfnisses durch Wehsal -überbringen, der sich völlig zum Mundstück und Vertreter -seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im Auftrage, -teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit -auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini -nichts daran auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und -der unparteiische Hans Castorp waren außer sich, und dieser -wurde sogar grob mit dem elenden Wehsal. Ob er sich nicht -schäme, fragte er, solche wüsten Unannehmlichkeiten auszukramen, -wo es sich um ein rein abstraktes Duell handle, dem -gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon -kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da -höre die Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers -Schnupftuch schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich -feuern lassen auf solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst -wohl so leicht von den Lippen – und so fort. Wehsal -zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß eben die radikale Situation -vorliege, wodurch er denn die Gegenseite, die dies zu -vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin -gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages, -vor allem den dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen, -dann aber die Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten -sich auf fünfzehn Schritte gegenüberstehen und das -Recht haben sollten, fünf Schritte vorzugehen, bevor sie -<a id="page-605" class="pagenum" title="605"></a> -schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen die Zusicherung, -daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten. -Übrigens hatte man keine Pistolen. -</p> - -<p> -Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, -mit dem er die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch -ein Zwillingspaar in den Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter -Offizierspistolen, die aus Belgien stammten: automatische -Brownings mit Griffen aus braunem Holz, in denen sich -die Magazine befanden, bläulich stählerner Geschützmaschinerie -und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen knapp -und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann -einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine -Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. -So tat er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl -machte, ihn aber in persönliches Ehrengeheimnis hüllte und -mit leichtem Erfolge sich an den Kavalierssinn des Windbeutels -wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im Laden und gab -mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren ab. -</p> - -<p> -Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein -zwei Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war -von Hans Castorps Erfindung: Es war der malerische, im -Sommer blau blühende Ort seiner Regierungs-Zurückgezogenheit, -den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier sollte am dritten -Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war, der -Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich -spät, verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den -Gedanken, daß es ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz -zu nehmen. -</p> - -<p> -Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig -erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen, -<a id="page-606" class="pagenum" title="606"></a> -aber unmöglich konnte man den Chef der Anstalt um Unterstützung -einer solchen Ungesetzlichkeit angehen, zumal es sich -um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum Hoffnung, -daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit -sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken -die Hand zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal -sicher, ob dieser spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der -Wundbehandlung sei. -</p> - -<p> -Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich -schon geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe -an jenen Ort nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern -um sich zu schlagen und zwar sehr ernsthaft. Was nachher -komme, sei ihm gleichgültig und werde sich finden. Das schien -eine finstere Kundgebung, die aber Hans Castorp so zu deuten -sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung, ein Arzt -werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den -zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen, -sie interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig, -zu hoffen, die Gegner möchten im Grunde einig sein in dem -Vorsatz, es zu keinem Blutvergießen kommen zu lassen. Man -hatte zweimal geschlafen seit jenem Wortwechsel und würde es -ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem Zuge der Stunden -hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt -stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner -der Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes -gewesen. Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise, -nicht nach gegenwärtigem freien Willen würden sie handeln, -wie sie damals aus Lust und Überzeugung gehandelt hätten; und -eine solche Verleugnung ihres aktuellen Selbst zugunsten dessen, -was sie einmal gewesen, mußte sich irgendwie ja verhüten lassen! -</p> - -<p> -<a id="page-607" class="pagenum" title="607"></a> -Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, – -nicht unrecht nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen -lassen konnte. Er hatte sogar vollkommen recht damit, -soweit Herr Settembrini in Frage kam. Hätte er aber geahnt, -in welchem Sinn Leo Naphta bis zum entscheidenden Augenblick -seine Vorsätze würde geändert haben oder in eben diesem -Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren Umstände, -aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht, -das Bevorstehende zuzulassen. -</p> - -<p> -Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge -hervorzukommen, aber es tagte mühsam qualmend, als Hans -Castorp nach unruhig verbrachter Nacht Haus Berghof verließ, -um sich zum Rendezvous zu begeben. Dienstmägde, die -die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach ihm -auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen: -Ferge und Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß -schon passiert, der eine, um Settembrini, der andere, um Naphta -zum Kampfplatze abzuholen. Er, Hans, ging allein, da seine -Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht gestattete, sich einer -der beiden Parteien anzuschließen. -</p> - -<p> -Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck -der Umstände. Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche -Notwendigkeit. Unmöglich, sich davon auszuschließen -und das Ergebnis im Bette zu erwarten, erstens, weil – -aber das Erstens führte er nicht aus, sondern fügte gleich das -Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich selbst -überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob, -und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war -sogar unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht -aufstehen müssen und mußte nun ungefrühstückt, in bitterer -<a id="page-608" class="pagenum" title="608"></a> -Frostfrühe im Freien zusammenkommen, so war es einmal verabredet. -Aber dann würde, unter der Einwirkung von seiner, -Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos irgendwie alles zum -Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die nicht vorauszusehen -war, und die erraten zu wollen, man besser unterließ, -da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang -anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen -versucht hatte. -</p> - -<p> -Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung. -Flau und übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem -Zähneklappern und war schon in geringer Tiefe seines Wesens -sehr versucht, seinen Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen. -Es waren so ganz besondere Zeiten ... Die zankzerstörte Dame -aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und Sonnenschein, -der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch -den Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen, -wenn er zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten -würden. Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann -und Sonnenschein vor diesen seinen Augen zur Tatsache geworden -war, so mißtraute er sich und seiner Welt und fröstelte -in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und bei alldem -ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der -Lage, zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft -ihn erhob und belebte. -</p> - -<p> -Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und -Gedanken stieg er im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in -„Dorf“ von der Mündung der Bobbahn auf schmalstem -Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief verschneiten Wald, -überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn hinablief, und -stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von Fußspuren, -<a id="page-609" class="pagenum" title="609"></a> -als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er -hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge, -welcher mit einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel -festhielt. Hans Castorp nahm keinen Anstand, sich zu -ihnen zu gesellen, und kaum war er an ihrer Seite, so erblickte -er auch schon Naphta und Wehsal, die geringen Vorsprung -hatten. -</p> - -<p> -„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in -guter Absicht, erschrak aber selbst über die Frivolität seiner -Worte und fügte hinzu: „Meine Herren, ich bin überzeugt ...“ -</p> - -<p> -Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen -Schnurrbart auf und nieder wandern. Nach einer Weile blieb -Settembrini stehen, nahm Hans Castorps Hand, legte auch -noch seine andere darauf und sprach: -</p> - -<p> -„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. -Ich werde mich seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir -die Ehre gebieten kann. Aber ich werde nicht töten, verlassen -Sie sich darauf!“ -</p> - -<p> -Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, -sagte jedoch nach einigen Schritten: -</p> - -<p> -„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, -nur, andererseits ... Wenn er für sein Teil ...“ -</p> - -<p> -Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans -Castorp überlegte, daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere -sich dessen unmöglich würde unterwinden können, so fand er, -daß alles sich glücklich anlasse und daß seine Annahmen sich zu -bestätigen begönnen. Es wurde ihm leichter ums Herz. -</p> - -<p> -Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, -worin im Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall -niederging, und der so sehr zu dem malerischen Charakter des -<a id="page-610" class="pagenum" title="610"></a> -Ortes beitrug. Naphta und Wehsal gingen im Schnee vor -der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf und ab, -auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen -Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten -müssen. Naphta rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp -prüfte sich, ob er ebenfalls Lust hätte, das zu tun, fand aber -nicht die geringste Neigung dazu in sich vor und schloß, daß es -also bei jenem erst recht auf Affektation beruhen müsse. Mit -dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er sich in der -kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen -Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen -Blüte. Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden -Fichte waren mit Schnee beschwert. -</p> - -<p> -„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem -Wunsch, einen natürlichen Ton sofort in die Versammlung -einzuführen, der Böses zerstreuen helfen sollte, – hatte aber -kein Glück damit, denn niemand antwortete ihm. Die gewechselten -Grüße bestanden in stummen Verbeugungen, die bis zur -Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er entschlossen, seine -Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines Atems, -die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm -mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und -fing an: -</p> - -<p> -„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“ -</p> - -<p> -„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ -schnitt Naphta ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich -bitten darf,“ fügte er mit demselben Hochmut hinzu. Und -Hans Castorp, auf den Mund geschlagen, mußte zusehen, wie -Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel hervorholte, und -wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen von ihm -<a id="page-611" class="pagenum" title="611"></a> -empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm -aus Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, -Ferge ersuchte murmelnd darum und fing an, die Distanzen -auszugehen und sichtbar zu machen: die äußere Begrenzung, -indem er mit dem Absatz kurze Linien in den Schnee grub, die -inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem eigenen und -dem Settembrinis. -</p> - -<p> -Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans -Castorp traute seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und -griff gehörig aus, so daß wenigstens die fünfzehn Schritte eine -stattliche Entfernung ergaben, wenn da auch noch die verdammten -Barrieren waren, die wirklich nicht weit voneinander -lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im Zwange -welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so -ungeheuerlichen Sinnes traf? -</p> - -<p> -Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen -hatte, so daß man das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der -Hand, auf einen der äußeren Absatzstriche, sobald er nur gezogen -war und während Ferge an weiteren Markierungen noch -arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini, die schadhafte -Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich -aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor. -</p> - -<p> -„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! -Es ist trotz allem meine Pflicht ...“ -</p> - -<p> -„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche -das Zeichen.“ -</p> - -<p> -Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. -Es sollte wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß -es Sache des Unparteiischen sein werde, die furchtbare Aufforderung -ergehen zu lassen, war nicht bedacht und jedenfalls -<a id="page-612" class="pagenum" title="612"></a> -nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm und niemand -sprang für ihn ein. -</p> - -<p> -„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein -Herr, und schießen Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und -begann selbst vorzugehen, die Pistole mit gestrecktem Arm auf -Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, – ein unglaubwürdiger -Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten Schritt – der -andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt – -hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß -weckte vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und -Widerhall zu, das Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, -die Leute müßten zusammenlaufen. -</p> - -<p> -„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit -Selbstbeherrschung, indem er die Waffe sinken ließ. -</p> - -<p> -Settembrini antwortete: -</p> - -<p> -„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“ -</p> - -<p> -„Sie werden noch einmal schießen!“ -</p> - -<p> -„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr -Settembrini, erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte -sich etwas seitlich zum anderen gestellt, nicht ganz in Front, -was rührend zu sehen war. Man merkte deutlich, daß er gehört -hatte, man solle dem Gegner nicht gerade die volle Breitseite -bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte. -</p> - -<p> -„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der -Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu -gehöre, zu schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine -Pistole auf eine Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, -und schoß sich in den Kopf. -</p> - -<p> -Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte, -während die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat -<a id="page-613" class="pagenum" title="613"></a> -Fangball spielten, ein paar Schritte rückwärts, indem er die -Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem ganzen Körper eine -schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht in den -Schnee. -</p> - -<p> -Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem -er sein Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm. -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">Infelice!</span>“ rief er. „<span class="antiqua" lang="it">Che cosa fai per l’amor di Dio!</span>“ -</p> - -<p> -Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen. -Sie sahen das schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen -in ein Gesicht, das man am besten mit dem seidenen Schnupftuch -bedeckte, von dem ein Zipfel aus Naphtas Brusttasche -hing. -</p> - -<div class="chapter"> - -<h3 class="section" id="subchap-0-2-10"> -Der Donnerschlag -</h3> - -</div> - -<p class="first"> -Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine -runde Zahl für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine -gute, handliche Zahl in ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, -kann man wohl sagen, befriedigender für das Gemüt -als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er hatte an allen sieben -Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem ungefähr ein Jahr. -Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen mit zwei -Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. -Er saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile -hatte stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich -unbestimmbarer Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen -philosophischen Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen -gezwungen sind. Ja, wir müssen weitergehen und diese Idee -einer persönlichen Neigung zur Vernachlässigung seiner selbst in -Verbindung bringen mit einer ebensolchen Neigung der Außenwelt -in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit hatte aufgehört, -<a id="page-614" class="pagenum" title="614"></a> -Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der morgentlichen -Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber rhetorischer -Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat -nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica -von Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um -die Zeit, von der wir reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen -wir die Dinge genauer an, so geschah es selten oder nie. Man -ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen Schüler, der des eigentümlich -lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr gefragt zu werden, -nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein Sitzenbleiben beschlossene -Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht kommt, -– eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem -wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und -Art sein könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf -den die Obrigkeit fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, -weil es gewiß war, daß in seiner Brust keine wilden und -trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden, – ein Sicherer und -Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte, wohin -denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland -überhaupt nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich -nicht eine gewisse Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein -in der Tatsache aus, daß er an den Schlechten Russentisch versetzt -worden war? Womit übrigens gegen den sogenannten -Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste gesagt sein soll! -Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile unter -den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, -kühn gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden -an diesem gereicht, wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst -faltete dort zuweilen, im Turnus, die riesigen Hände vor seinem -Teller; und die daran speisenden Völkerschaften waren -<a id="page-615" class="pagenum" title="615"></a> -ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch kein Latein -verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich -benahmen. -</p> - -<p> -Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren -großer Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern -eher von der jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung -überhaupt untersichtig bleibt, oder wie das Gras, -das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich heimlich wächst, was -denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist; die Zeit, -eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten zusammensetzt -(wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich -fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es -anfangen, eine Linie hervorzubringen): die Zeit also hatte in -ihrer schleichend untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen -Art fortgefahren, Veränderungen zu zeitigen. Der -Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu nennen, war eines Tages -– aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern ganz unbestimmt -von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten -ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen -aufstand, den Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und -herunterkam. Unmerklich hatte das Blättchen sich gewendet, -er nahm sie selbst auf den Schoß bei solchen Gelegenheiten, und -das machte beiden Teilen ebensoviel Vergnügen, sogar noch -mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht sagen: erblüht, -aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht -gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das -Aufschießen dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. -Das Zeitliche segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten -Jahre starb er an der Krankheit, für die er aufnahmelustig -gewesen, und in seinem Zimmer wurde gestöbert. -<a id="page-616" class="pagenum" title="616"></a> -Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer Unterschied -war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen. -</p> - -<p> -Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische -Todesfälle, die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals -ihn näher angegangen hätten. Wir denken an das kürzlich -erfolgte Ableben des alten Konsul Tienappel, Hansens -Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er hatte -unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und -es Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der -Apoplexie hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, -und die drahtlich knapp, aber zart und schonend abgefaßte -Nachricht von seinem Hintritt – zart und schonend mehr mit -Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den Empfänger der -Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps vorzüglichen -Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes -Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, -die Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist -zu betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt -und verboten sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, -um dem Großonkel das letzte Geleite zu geben. -</p> - -<p> -Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten -Hans Castorps Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, -der sinnender war als gewöhnlich. Dieser Sterbefall, -dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig gewesen wäre und -durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast nichts -herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch -einer Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre -gleich, gab dem, was Hans Castorp mit Recht die Freiheit -nannte, letzte Vollständigkeit. Wirklich war in der späten Zeit, -von der wir sprechen, jede Fühlung zwischen ihm und dem -<a id="page-617" class="pagenum" title="617"></a> -Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine Briefe dorthin -und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von -dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, -und der er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein -Fabrikat, das selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten -Strapazen hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man -einfach wie am Meere lag und es aushalten konnte, – eine besonders -gut gepflegte Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, -etwas gedrungener, als Maria, mausgrau von Farbe, -mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild im Charakter -und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern -des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, -daß sie dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte -dienen können und ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, -denn seine Taschenuhr trug er nicht mehr. Sie stand, sie war -ihm eines Tages vom Nachttisch gefallen, und er hatte davon -abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf setzen zu lassen, – -aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den Besitz von -Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur Vorbelehrung -über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet -hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, -dem stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen -Zauber, für den der Entrückte sich aufnahmelustig -erwiesen, und der das Grundabenteuer seiner Seele gewesen, -dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer dieses schlichten -Stoffes sich abgespielt hatten. -</p> - -<p> -So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der -Zeit seiner Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – -das Jahr in sich selber. -</p> - -<p> -Da erdröhnte – -</p> - -<p> -<a id="page-618" class="pagenum" title="618"></a> -Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den -Mund vollzunehmen von dem, was da erscholl und geschah. -Nur hier keine Prahlerei, kein Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt -zu der Aussage, daß also der Donnerschlag erdröhnte, -von dem wir alle wissen, diese betäubende Detonation lang -angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und Gereiztheit, -– ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt -zu sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns -aber der Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den -Siebenschläfer unsanft vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im -Grase und reibt sich die Augen, wie ein Mann, der es trotz -mancher Ermahnung versäumt hat, die Presse zu lesen. -</p> - -<p> -Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer -ein wenig abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, -das Sorgenkind seiner Erziehung über die unteren Vorgänge -in großen Zügen zu unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei -einem Schüler gefunden, der sich zwar von den geistigen Schatten -der Dinge regierungsweise das eine und andere träumen -ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar aus -der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, -in diesen aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn -nicht einmal allzu hart schelten darf, da dies Verhältnis nicht -letztgültig geklärt ist. -</p> - -<p> -Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem -er plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des -horizontalen Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und -des Lebens berichtigend auf ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt -saß nun dieser, die Hände zwischen den Knien, an dem Bette -des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem Tagesruhelager -im separierten und traulichen Mansardenstudio mit -<a id="page-619" class="pagenum" title="619"></a> -den Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft -und lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage, -denn nicht oft mehr war Herr Lodovico auf den Beinen. -Naphtas krasses Ende, die terroristische Tat des scharf verzweifelten -Disputanten, hatte seiner empfindsamen Natur einen -harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht davon erholen, unterlag -seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine Mitarbeit -an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon -aller Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden -zum Gegenstande hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga -wartete vergebens auf den betreffenden Band ihrer Enzyklopädie, -Herr Settembrini war gezwungen, seine Mitwirkung -an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu beschränken, -und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche -Besuche ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls -hätte entbehren müssen. -</p> - -<p> -Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von -Herzen über die Selbstvervollkommnung der Menschheit auf -gesellschaftlichem Wege. Seine Rede ging wie auf Taubenfüßen, -aber bald, wenn er etwa von der Vereinigung der befreiten -Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so mischte sich – -er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie Rauschen -von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die -Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen -Erbe des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur -vereinigt hatte, – genau wie Humanität und Politik sich -vereinigten in dem Hoch- und Toastgedanken der Zivilisation, -diesem Gedanken voll Taubenmilde und Adlerskühnheit, der -seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das Prinzip der -Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige Allianz -<a id="page-620" class="pagenum" title="620"></a> -der bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ... -Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war -humanitär, aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen, -war er auch kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen -Naphta wie ein Mensch benommen, im großen aber, wo die -Menschlichkeit sich begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges- -und Herrschaftsidee der Zivilisation verband und man die Pike -des Bürgers am Altar der Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft, -ob er, unpersönlich, gemeint blieb, seine Hand zurückzuhalten -vom Blute; – ja die inneren Umstände bewirkten, daß -in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der -Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde -durchschlug. -</p> - -<p> -Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen -der Welt zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen. -Neulich, zwei oder anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische -Zusammenwirken seines Landes mit Österreich in -Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies Zusammenwirken, -das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien, gegen -Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte -eben als Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung -und der Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die -große Leihgabe Frankreichs an Rußland zum Zwecke des Baues -eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich widerstreitende Gefühle -geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der frankophilen -Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn -man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution -denjenigen der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das -Einverständnis der erleuchteten Republik mit dem byzantinischen -Skythentum schuf ihm moralische Verlegenheit, – eine -<a id="page-621" class="pagenum" title="621"></a> -Beklemmung seiner Brust, die doch auch wieder, beim Gedanken -an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in rasch atmende -Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der -Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer, -ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu -denen wir Herrn Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans -Castorp sah ihn wohl privatmenschlich schaudern vor solcher -Schreckenstat, sah aber auch seine Brust sich heben beim Gedanken -daran, daß es eine Volks- und Befreiungstat war, die da -geschehen, gerichtet gegen die Burg seines Hasses, wenn auch -hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen Betreibens, -was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die äußerste -Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen -später, als Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen -zu kennzeichnen, in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen -er eingeweiht war, und die er rasch atmend begrüßte ... -</p> - -<p> -Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach -zusammengesetzt, wie das Verhängnis, das er mit großer -Schnelle sich ballen sah, und für das er seinem Zögling mit -halben Worten Augen zu machen suchte, während doch eine -Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt, -vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der -ersten Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er -eine Gewohnheit angenommen, dem Besucher beide Hände -entgegenzustrecken und ihm die seinen zu drücken, daß es dem -Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht recht zu Kopfe. „Mein -Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver, die Druckerpresse -– unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn -Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden -... <span class="antiqua" lang="it">Caro</span> ...“ -</p> - -<p> -<a id="page-622" class="pagenum" title="622"></a> -Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre -Streckfolter die Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp -Herrn Settembrini nicht. Die wüsten Zeitungen drangen nun -unmittelbar aus der Tiefe zu seiner Balkonloge empor, durchzuckten -das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust beklemmenden -Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der -Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der -Siebenschläfer im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich -langsam aufrichtete, bevor er saß und sich die Augen rieb ... -Wir wollen aber das Bild zu Ende führen, um seiner Gemütsbewegung -gerecht zu werden. Er zog die Beine unter sich, stand -auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert, erlöst, befreit, – -nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung gestehen -mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren Außenmächten, -denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief. -Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen -verschwand, – drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter -und also von göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich -darin aus? Nahm das Leben sein sündiges Sorgenkind noch -einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern eben nur so, auf -diese ernste und strenge Art, im Sinn einer Heimsuchung, die -vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle drei Ehrensalven -für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen. -Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu -einem Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger -die Grottendecke des Sündenberges war. -</p> - -<p> -In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich -gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das -wissen wir, schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches -Theater aus. In spröder Wirklichkeit traf ihn der Mentor beim -<a id="page-623" class="pagenum" title="623"></a> -Kofferpacken, – denn seit dem Augenblick seines Erwachens -sah Hans Castorp sich in den Trubel und Strudel von wilder -Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im Tale angerichtet. -Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik. -Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich -kopfüber ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des -gestürmten Zügleins belastend, ohne Gepäck, wenn es sein -mußte, das in Stapelreihen die Steige des Bahnhofs bedeckte, -– des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe brenzlige -Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans -stürzte mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich, -er schloß ihn in seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer -(oder auch wie ein Russe) auf beide Wangen, was -unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig genierte. -Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr -Settembrini ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich -„Giovanni“ nannte und dabei die im gesitteten Abendland -übliche Form der Anrede dahin fahren und das Du walten -ließ! -</p> - -<p> -„<span class="antiqua" lang="it">E così in giù</span>,“ sagte er, – „<span class="antiqua" lang="it">in giù finalmente! Addio, -Giovanni mio!</span> Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht, -aber sei es darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht -anders. Zur Arbeit hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du -kämpfen inmitten der Deinen. Mein Gott, dir war es zugedacht -und nicht unserm Leutnant. Wie spielt das Leben ... -Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann -jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner -Kräfte daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen, -auf jener Seite, wohin der Geist und heiliger Eigennutz -es weisen. <span class="antiqua" lang="it">Addio!</span>“ -</p> - -<p> -<a id="page-624" class="pagenum" title="624"></a> -Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die -den Rahmen des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin. -Auch Herr Settembrini winkte mit der Rechten, während er -mit der Ringfingerspitze der Linken zart einen Augenwinkel -berührte. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der -Traum? Dämmerung, Regen und Schmutz, Brandröte des -trüben Himmels, der unaufhörlich von schwerem Donner -brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem Singen, -wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine -Bahn mit Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet, -von Stöhnen und Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten -will, und Trommeltakt, der schleuniger, schleuniger treibt ... -Dort ist ein Wald, aus dem sich farblose Schwärme ergießen, -die laufen, fallen und springen. Dort zieht eine Hügelzeile sich -vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich manchmal zu -wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland, -zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen -Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht -und grundlos, schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel -hin, Baumstöcke ragen im kalten Regen, nackt und entzweigt ... -Hier ist ein Wegweiser, – unnütz ihn zu befragen; Halbdunkel -würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn das Schild nicht -von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder West? -Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue -Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und -keineswegs gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen, -aber dahergeführt vom Geist der Erzählung, um von -<a id="page-625" class="pagenum" title="625"></a> -den grauen, laufenden, stürzenden, vorwärts getrommelten -Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den wir -kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen -Sünder, dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal -ins einfache Angesicht zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen -verlieren. -</p> - -<p> -Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte -letzten Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag -gedauert hat, und das dem Wiedergewinn jener Hügelstellung -und der dahinterliegenden brennenden Dörfer gilt, die vor -zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein Regiment -Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im -Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der -Bahn bis zum Morgen und marschierten im Regen bis zum -Nachmittag auf schlimmen Wegen, – auf gar keinen Wegen, -die Straßen waren verstopft, es ging durch Äcker und Moor, -sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel, mit Sturmgepäck, -und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht -die Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt -mit dem Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran -aus dem quatschenden Grunde ziehen. So haben sie eine -Stunde gebraucht, um über eine kleine Wiese zu kommen. Nun -sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft, ihre erregten -und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in Spannung -gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf, -der Nahrung nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten, -vom Sturmband umrahmten Gesichter unter den grau bespannten, -verschobenen Helmen glühen. Sie glühen von Anstrengung -und von dem Anblick der Verluste, die sie beim Zuge -durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind, -<a id="page-626" class="pagenum" title="626"></a> -ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und -großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch -den Wald splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend, -spritzend und flammend das weite Sturzackerland peitscht. -</p> - -<p> -Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie -müssen als Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf -die Gräben vor und hinter der Hügelzeile, auf die brennenden -Dörfer entscheiden und helfen, ihn vorzutragen bis zu einem -bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem Befehl, den ihr -Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend, damit sie -noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den Dörfern -anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein -Körper, darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln -und siegen, den Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra -begrüßen zu können, – ungeachtet derer, die sich vereinzelten, -indem sie ausfielen. Manch einer schon hat sich vereinzelt, fiel -aus beim Gewaltmarsch, für den er sich als zu jung und zart erwies. -Er wurde blasser und wankte, forderte verbissen Mannheit -von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte sich -noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte -überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut -war. Und dann war der splitternde Wald gekommen. Aber -der Hervorschwärmenden sind immer noch viele; dreitausend -können einen Aderlaß aushalten und sind auch dann noch ein -wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser gepeitschtes -Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten -Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter -ihnen. Am Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt, -mit gedrillten Griffen, das Zink ruft dringend, die -Trommel klopft und rollt im tieferen Donner, und vorwärts -<a id="page-627" class="pagenum" title="627"></a> -stürzen sie, wie es gehen will, mit sprödem Schreien und qualtraumschwer -die Füße, da die Ackerklüten sich bleiern an ihre -plumpen Stiefel hängen. -</p> - -<p> -Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um -wieder aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem -Mutgeschrei, weil es sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, -sie fallen, mit den Armen fechtend, in die Stirn, in das -Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen, die Gesichter im Kot, -und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken vom Tornister -gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und -greifen krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald -sendet neue, die sich hinwerfen und springen und schreiend oder -stumm zwischen den Ausgefallenen vorwärts stolpern. -</p> - -<p> -Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren, -seinen verschmutzten Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich -humanistisch-schönseliger Weise auch andere Bilder erträumen -in seiner Betrachtung. Man könnte es sich denken: Rosse regend -und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der Geliebten am -Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut, -auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß -unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß -es das freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem -Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende -Sache für sich, sollte jedoch kein Grund sein, es in die -Lage zu bringen. -</p> - -<p> -Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz -von weitem haben wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er -sich am Schlechten Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt, -wie alle. Er läuft mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr -in hängender Faust. Seht, er tritt einem ausgefallenen -<a id="page-628" class="pagenum" title="628"></a> -Kameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit seinem Nagelstiefel -tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen bedeckten -Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man -in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu -wissen, so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für -sich zu singen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Ich schnitt in seine Rinde</p> - <p class="verse">So manches liebe Wort –“.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund -anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut -des Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die -Beine gespreizt, die Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das -Produkt einer verwilderten Wissenschaft, geladen mit dem -Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg vor ihm wie der -Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten mit gräßlicher -Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen -von Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum -in die Lüfte empor. Denn dort lagen zwei, – es waren -Freunde, sie hatten sich zusammengelegt in der Not: nun sind -sie vermengt und verschwunden. -</p> - -<p> -O Scham unserer Schattensicherheit! Hinweg! Wir erzählen -das nicht! Ist unser Bekannter getroffen? Er meinte einen -Augenblick, es zu sein. Ein großer Erdklumpen fuhr ihm gegen -das Schienbein, das tat wohl weh, ist aber lächerlich. Er macht -sich auf, er taumelt hinkend weiter mit erdschweren Füßen, bewußtlos -singend: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">„Und sei–ne Zweige rau–uschten,</p> - <p class="verse">Als rie–fen sie mir zu –“.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt -er uns aus den Augen. -</p> - -<p> -<a id="page-629" class="pagenum" title="629"></a> -Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! -Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; -sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische -Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht -deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine -Geschichte; da sie dir zustieß, mußtest du’s irgend wohl hinter -den Ohren haben, und wir verleugnen nicht die pädagogische -Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich gefaßt, und die -uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den Augenwinkel -zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen -noch hören werden in Zukunft. -</p> - -<p> -Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten -sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen -bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten -nicht hoch wetten, daß du davonkommst. Ehrlich gestanden, -lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer -im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, ließen -dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben -sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht -ahnungsvoll und regierungsweise ein Traum von Liebe -erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus -der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel -entzündet, einmal die Liebe steigen? -</p> - -<p class="end"> -<span class="antiqua" lang="la">FINIS OPERIS</span> -</p> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="note"> -Von den Gesammelten Werken wurden 150 Exemplare auf -Hadern-Velin-Papier abgezogen, numeriert und vom Verfasser -signiert. Diese Exemplare werden nur in Subskription auf -das Gesamtwerk abgegeben. -</p> - -</div> - -<div class="frontmatter chapter"> -<p class="printer"> -Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig -</p> - -</div> - -<div class="trnote chapter"> -<p class="transnote"> -Anmerkungen zur Transkription -</p> - -<p> -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. -Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht. -Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen, -sind hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - - - -<ul> - -<li> -... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt <span class="underline">einem</span> ja ...<br /> -... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt <a href="#corr-0"><span class="underline">einen</span></a> ja ...<br /> -</li> - -<li> -... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte <span class="underline">gut und</span> ...<br /> -... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte <a href="#corr-2"><span class="underline">gut</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Reizwucherung <span class="underline">derselben</span> aufzufassen, während der andere, als ...<br /> -... Reizwucherung <a href="#corr-6"><span class="underline">desselben</span></a> aufzufassen, während der andere, als ...<br /> -</li> - -<li> -... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der <span class="underline">fliegenden</span> ...<br /> -... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der <a href="#corr-8"><span class="underline">fliehenden</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Naphta bei <span class="underline">Ihnen</span> voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, ohne ...<br /> -... Naphta bei <a href="#corr-9"><span class="underline">ihnen</span></a> voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, ohne ...<br /> -</li> - -<li> -... unvergleichlich <span class="underline">höherem Ehrenstand</span>. Bernhard von Clairvaux ...<br /> -... unvergleichlich <a href="#corr-11"><span class="underline">höheren Ehren stand</span></a>. Bernhard von Clairvaux ...<br /> -</li> - -<li> -... dem Tode zu tun bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch ...<br /> -... dem Tode zu tun <a href="#corr-13"><span class="underline">zu </span></a>bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch ...<br /> -</li> - -<li> -... Daß seine Seele das Geld ist, ficht <span class="underline">sie</span> offenbar nicht an. Oder ...<br /> -... Daß seine Seele das Geld ist, ficht <a href="#corr-21"><span class="underline">Sie</span></a> offenbar nicht an. Oder ...<br /> -</li> - -<li> -... wie er da in dem Loch <span class="underline">mir</span> all seiner Seide ...“ ...<br /> -... wie er da in dem Loch <a href="#corr-26"><span class="underline">mit</span></a> all seiner Seide ...“ ...<br /> -</li> - -<li> -... sprachen <span class="underline">Sie</span> wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ...<br /> -... sprachen <a href="#corr-30"><span class="underline">sie</span></a> wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">es</span> töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit ...<br /> -... <a href="#corr-33"><span class="underline">sie</span></a> töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit ...<br /> -</li> - -<li> -... übertrieben, es komme <span class="underline">den</span> Kranken gar nicht zu und sei insofern ...<br /> -... übertrieben, es komme <a href="#corr-37"><span class="underline">dem</span></a> Kranken gar nicht zu und sei insofern ...<br /> -</li> - -<li> -... sei; und zu glauben, für <span class="underline">diesen</span> bedeute die Halluzination ein ...<br /> -... sei; und zu glauben, für <a href="#corr-38"><span class="underline">diese</span></a> bedeute die Halluzination ein ...<br /> -</li> - -<li> -... und fast löbliche Selbstentäußerung sich <span class="underline">kundtut</span>, ...<br /> -... und fast löbliche Selbstentäußerung sich <a href="#corr-39"><span class="underline">kundtat</span></a>, ...<br /> -</li> - -<li> -... als das Nichtatmen <span class="underline">der</span> Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ...<br /> -... als das Nichtatmen <a href="#corr-41"><span class="underline">den</span></a> Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ...<br /> -</li> - -<li> -... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung <span class="underline">darin</span> bestand, ...<br /> -... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung <a href="#corr-47"><span class="underline">daran</span></a> bestand, ...<br /> -</li> - -<li> -... binnen Halbjahrsfrist zu <span class="underline">erwartender</span> Wiederkehr. ...<br /> -... binnen Halbjahrsfrist zu <a href="#corr-51"><span class="underline">erwartende</span></a> Wiederkehr. ...<br /> -</li> - -<li> -... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor <span class="underline">ihr</span> Schweigen ...<br /> -... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor <a href="#corr-56"><span class="underline">Ihr</span></a> Schweigen ...<br /> -</li> - -<li> -... Großmeisters, <span class="underline">Bruders</span> Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten ...<br /> -... Großmeisters, <a href="#corr-57"><span class="underline">Bruder</span></a> Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten ...<br /> -</li> - -<li> -... es Hans Castorp, der <span class="underline">den</span> Regungs- und Hauchlosen mit der ...<br /> -... es Hans Castorp, der <a href="#corr-64"><span class="underline">dem</span></a> Regungs- und Hauchlosen mit der ...<br /> -</li> - -<li> -... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel <span class="underline">ihm</span> an: ...<br /> -... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel <a href="#corr-67"><span class="underline">ihn</span></a> an: ...<br /> -</li> - -<li> -... seiner Erscheinung<span class="underline"> nicht,</span> ohne die Aufforderung an sein Herz, sich ...<br /> -... seiner Erscheinung<a href="#corr-71"><span class="underline">, nicht</span></a> ohne die Aufforderung an sein Herz, sich ...<br /> -</li> - -<li> -... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und <span class="underline">wieder</span> ging; und ...<br /> -... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und <a href="#corr-77"><span class="underline">wider</span></a> ging; und ...<br /> -</li> - -<li> -... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er <span class="underline">sie</span> fördern? ...<br /> -... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er <a href="#corr-79"><span class="underline">Sie</span></a> fördern? ...<br /> -</li> - -<li> -... denn wenn <span class="underline">jener</span> böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, ...<br /> -... denn wenn <a href="#corr-80"><span class="underline">jenes</span></a> böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, ...<br /> -</li> - -<li> -... ganz <span class="underline">groß</span> und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und Ehrenraptus, ...<br /> -... ganz <a href="#corr-81"><span class="underline">grob</span></a> und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und Ehrenraptus, ...<br /> -</li> - -<li> -... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurück<span class="underline">dämmernder</span> ...<br /> -... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurück<a href="#corr-88"><span class="underline">dämmender</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von <span class="underline">der</span> die erste einen ...<br /> -... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von <a href="#corr-92"><span class="underline">denen</span></a> die erste einen ...<br /> -</li> - -<li> -... Denker, denn <span class="underline">wem</span> immer <span class="underline">ihn</span> an der Brust zu ergreifen ...<br /> -... Denker, denn <a href="#corr-93"><span class="underline">wen</span></a> immer <a href="#corr-94"><span class="underline">ihm</span></a> an der Brust zu ergreifen ...<br /> -</li> - -<li> -... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen <span class="underline">natürlichem</span> Umfang ...<br /> -... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen <a href="#corr-97"><span class="underline">natürlichen</span></a> Umfang ...<br /> -</li> - -<li> -... dieses gestutzten <span class="underline">kleines</span> Sarges aus Geigenholz, ...<br /> -... dieses gestutzten <a href="#corr-98"><span class="underline">kleinen</span></a> Sarges aus Geigenholz, ...<br /> -</li> - -<li> -... Die Entrüstung <span class="underline">des</span> Amneris über diese pfäffische Härte ...<br /> -... Die Entrüstung <a href="#corr-100"><span class="underline">der</span></a> Amneris über diese pfäffische Härte ...<br /> -</li> - -<li> -... galt, mochte seinem <span class="underline">pädagogischem</span> Sinn wohl als ...<br /> -... galt, mochte seinem <a href="#corr-103"><span class="underline">pädagogischen</span></a> Sinn wohl als ...<br /> -</li> - -<li> -... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-<span class="underline">weichen</span> ...<br /> -... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-<a href="#corr-105"><span class="underline">weichem</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... in sonderbarer Gedankenflucht vom <span class="underline">heimatliche</span> Meere auf ...<br /> -... in sonderbarer Gedankenflucht vom <a href="#corr-106"><span class="underline">heimatlichen</span></a> Meere auf ...<br /> -</li> - -<li> -... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in <span class="underline">einem</span> ...<br /> -... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in <a href="#corr-108"><span class="underline">einen</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... fügte er mit nur einmal anschlagendem <span class="underline">exotischen</span> Zungen-r ...<br /> -... fügte er mit nur einmal anschlagendem <a href="#corr-112"><span class="underline">exotischem</span></a> Zungen-r ...<br /> -</li> - -<li> -... Herrn Wehsal, der auf <span class="underline">ihm</span> folgte. Neben dem Doktor saßen ...<br /> -... Herrn Wehsal, der auf <a href="#corr-115"><span class="underline">ihn</span></a> folgte. Neben dem Doktor saßen ...<br /> -</li> - -<li> -... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit <span class="underline">her</span> gesessen, ...<br /> -... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit <a href="#corr-118"><span class="underline">hier</span></a> gesessen, ...<br /> -</li> - -<li> -... 18. Juni 19.., <span class="underline">das</span> zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ...<br /> -... 18. Juni 19.., <a href="#corr-119"><span class="underline">die</span></a> zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ...<br /> -</li> - -<li> -... häufig genug die Grenze <span class="underline">der</span> geistig Gesunden überschritten. ...<br /> -... häufig genug die Grenze <a href="#corr-123"><span class="underline">des</span></a> geistig Gesunden überschritten. ...<br /> -</li> - -<li> -... Wir <span class="underline">hatten</span> Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ...<br /> -... Wir <a href="#corr-124"><span class="underline">hätten</span></a> Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - -<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***</div> -<div style='text-align:left'> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Updated editions will replace the previous one—the old editions will -be renamed. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg™ -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg™ electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg™ electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the person -or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.B. “Project Gutenberg” is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. 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If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -1.F.6. 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Information about the Mission of Project Gutenberg™ -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg™’s -goals and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg™ and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org. -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state’s laws. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation’s business office is located at 809 North 1500 West, -Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up -to date contact information can be found at the Foundation’s website -and official page at www.gutenberg.org/contact -</div> - -<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'> -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without widespread -public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine-readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -Most people start at our website which has the main PG search -facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. -</div> - -<div style='display:block; margin:1em 0'> -This website includes information about Project Gutenberg™, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. -</div> - -</div> - -</body> -</html> diff --git a/old/65662-h/images/cover.jpg b/old/65662-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 891184d..0000000 --- a/old/65662-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/65662-h/images/logo.jpg b/old/65662-h/images/logo.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f247af7..0000000 --- a/old/65662-h/images/logo.jpg +++ /dev/null |
