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-The Project Gutenberg eBook of Der Zauberberg, by Thomas Mann
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Der Zauberberg
- Zweiter Band
-
-Author: Thomas Mann
-
-Release Date: June 21, 2021 [eBook #65662]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***
-
- Thomas Mann
-
- Gesammelte Werke
-
-
- 1924
- S. Fischer / Verlag / Berlin
-
- Thomas Mann
-
-
-
-
- Der Zauberberg
-
-
- Roman
-
- Zweiter Band
-
-
- 1924
- S. Fischer / Verlag / Berlin
-
-
- Erste bis zehnte Auflage
- Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung
- Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin
-
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- Der Zauberberg
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-
- Sechstes Kapitel
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- Veränderungen
-
-Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig. Eine
-Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt
-dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit,
-wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur!
-Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide
-identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale
-Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt
-ist nicht damals, hier nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung.
-Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich
-selber beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man
-fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; denn das
-Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier. Da ferner
-eine endliche Zeit und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten
-Anstrengung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich
-entschlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der
-Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas
-besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und Unendlichen
-die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten und Endlichen,
-seine verhältnismäßige Reduzierung auf null? Ist im Ewigen ein
-Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen
-sich mit den Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie
-Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter
-Körper im All? Das frage du nur immerhin!
-
-Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich bei seiner
-Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und Quengeleien sich
-aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme, aber gewaltige Lust,
-die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders dafür geschärft und zum
-Querulieren dreist gemacht worden war. Er fragte sich selbst danach und
-den guten Joachim und das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal,
-obgleich er ja von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort
-ähnliches zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am
-wenigsten. Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil er
-keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur Teilnahme daran
-fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans Castorp es eines Abends auf
-französisch gesagt hatte, an nichts dachte als daran, im Flachlande
-Soldat zu sein und mit der bald sich nähernden, bald foppend wieder ins
-Weite schwindenden Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten
-Kampfe lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings
-geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz auf
-Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen
-Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“, jenes
-Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium drunten, oder dem „Labor“,
-wie man gewöhnlich sagte, der Grad erkundet und bezeichnet wurde, in
-welchem ein Patient mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz
-vereinzelt oder unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe
-sich vorfanden, das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf diese
-eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die
-Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; die Zahl der
-Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu verweilen haben, war
-unschwer danach zu bestimmen, angefangen von der halbjährigen
-Stippvisite bis hinauf zu dem Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich
-genommen oft genug nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die
-Gaffky-Skala denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer
-Autorität den Glauben, – nicht _ganz_ offen, nicht gerade gegen die
-Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. „Ich habe es
-satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“, sagte er laut, und
-das Blut stieg ihm in das tief gebräunte Gesicht. „Vor vierzehn Tagen
-hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, die besten Aussichten, und heute
-Nr. 9, bevölkert geradezu, von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll
-doch der Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht
-zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer
-Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein Agent hat ihn
-hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend bei ihm,
-jeden Tag kann man den Exitus erwarten, aber nie im Leben hat der Mann
-Bazillen im Sputum gehabt. Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der
-gesund abging, als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so
-gewimmelt hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine
-Kaverne gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache Schluß, ich
-reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So Joachim; und alle waren
-schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten jungen Menschen in solchem
-Aufruhr zu sehen. Hans Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung,
-er werde alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse
-Äußerungen zu denken, die er auf französisch von dritter Seite
-vernommen. Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene
-Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim wirklich
-ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern sich in Demut zu
-schicken und sich ein Beispiel an der Treue zu nehmen, mit welcher sie,
-Karoline, hier oben ausharre und es sich willenszäh versage, in ihrem
-Heim zu Cannstatt als Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst
-ihrem Mann ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person
-zurückzuerstatten? Nein, das mochte Hans Castorp denn doch nicht, zumal
-er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes Gewissen hatte, –
-das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie
-nicht sprachen, wovon Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat,
-Desertion und Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar
-runder brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein
-Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausgesetzt war,
-vor denen er aber streng und anständig seine Augen auf den Teller
-niederschlug ... Ja, noch in dem stillen Widerstreben, mit dem Joachim
-seinen Spekulationen und Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte
-Hans Castorp etwas von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen
-Vorwurf für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das
-dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von seinem
-vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen Fragen
-richtete, so standen seine Zinken, Kuppen, Wandlinien und
-braun-grün-rötlichen Wälder schweigend in der Zeit, umwoben von still
-fließender Erdenzeit bald leuchtend im tiefen Himmelsblau, bald
-qualmverhüllt, bald rötlich angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne,
-bald diamanthart glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee,
-seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten, und
-alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht mehr sehen, er widere
-sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen in dieser Richtung genügt,
-aber nun Schneemassen tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster,
-Schneehänge, das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt.
-Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl auch um
-die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz.
-
-Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit sieben! Die Zeit
-schreitet fort, während wir erzählen, – _unsere_ Zeit, die wir dieser
-Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene Zeit Hans Castorps und
-seiner Schicksalsgenossen dort oben im Schnee, und sie zeitigt
-Veränderungen. Alles war auf dem besten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans
-Castorp es am Faschingstage auf dem Heimwege von „Platz“ zum Zorne Herrn
-Settembrinis mit raschen Worten vorweggenommen hatte: nicht gerade, daß
-schon die Sonnenwende in unmittelbarer Aussicht gewesen wäre, aber
-Ostern war durch das weiße Tal gezogen, der April schritt vor, der Blick
-auf Pfingsten war frei, bald würde der Frühling anbrechen, die
-Schneeschmelze, – nicht aller Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern
-im Süden, in den Felsschründen der Rätikonkette im Norden blieb immerdar
-welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermonatlich
-einfallen, aber nicht liegen bleiben würde; doch unbedingt verhieß die
-Umwälzung des Jahres entscheidende Neuerungen binnen kurzem, denn seit
-jener Fastnacht, in der Hans Castorp sich von Frau Chauchat einen
-Bleistift geliehen, ihr später denselben auch wieder zurückgegeben und
-auf Wunsch etwas anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe,
-die er in der Tasche trug, waren nun schon sechs Wochen verflossen, –
-doppelt so viele, als Hans Castorp ursprünglich hatte hier oben bleiben
-wollen.
-
-Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans Castorp die
-Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte und dann so viel später
-auf sein Zimmer zurückgekehrt war, als der dienstfromme Joachim auf das
-seine; sechs Wochen seit dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise
-gebracht hatte, ihre Abreise für diesmal, ihre _vorläufige_ Abreise nach
-Daghestan, ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese Abreise
-vorläufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle, daß Frau
-Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, – unbestimmt wann, aber daß sie
-einmal wiederkommen wolle oder auch müsse, des besaß Hans Castorp
-Versicherungen, direkte und mündliche, die nicht in dem mitgeteilten
-fremdsprachigen Dialog gefallen waren, sondern folglich in die
-unsererseits wortlose Zwischenzeit, während welcher wir den
-zeitgebundenen Fluß unserer Erzählung unterbrochen und nur sie, die
-reine Zeit, haben walten lassen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene
-Versicherungen und tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34
-zurückgekehrt war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort mehr mit
-Frau Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal von weitem
-gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem Tuchrock und weißer
-Wolljacke, unter dem Schmettern der Glastür und lieblich schleichend
-noch einmal zu Tische gegangen war, wobei ihm das Herz im Halse
-geschlagen und nur die scharfe Bewachung, die Fräulein Engelhart ihm
-zugewandt, ihn gehindert hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken;
-– und dann nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich
-beigewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus, das den Blick
-auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte.
-
-Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn während seines
-Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich hatte abspielen sehen: der
-Schlitten oder Wagen hielt an der Rampe, Kutscher und Hausknecht
-schnürten die Koffer auf, Sanatoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen
-oder nicht, um zu leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland
-antrat, oder auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis
-auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal; ein Herr im
-Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar die Ärzte stellten sich
-ein, und dann kam der Abreisende heraus, – strahlenden Angesichtes meist
-und huldvoll die neugierig Umstehenden und Zurückbleibenden grüßend,
-mächtig belebt für den Augenblick durch das Abenteuer ... Diesmal nun
-war es Frau Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd, den Arm
-voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem Reisemantel und
-großem Hut, begleitet von Herrn Buligin, ihrem konkaven Landsmann, der
-ein Stück Weges mit ihr reiste. Auch sie schien freudig erregt, wie
-jeder Abreisende es war, – nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig
-davon, ob man mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus
-verzweifeltem Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen
-den Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte
-beständig, wahrscheinlich auf russisch, während man ihre Knie mit einer
-Pelzdecke umwickelte ... Nicht nur Frau Chauchats Landsleute und
-Tischgenossen, sondern auch zahlreiche andere Gäste waren zur Stelle
-gewesen, Dr. Krokowski hatte kernig lächelnd seine gelben Zähne im Barte
-gezeigt, noch mehr Blumen hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt,
-„Konfäktchen“, wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische Marmelade,
-gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der Mannheimer, – dieser
-in einiger Entfernung, trübe spähend, und seine leidvollen Augen waren
-am Hause emporgeglitten, wo sie Hans Castorp am Korridorfenster gewahrt
-und trübe auf ihm verweilt hatten ... Hofrat Behrens hatte sich nicht
-gezeigt; offenbar hatte er sich von der Reisenden schon bei anderer,
-privater Gelegenheit verabschiedet ... Dann hatten unter dem Winken und
-Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch Frau Chauchats
-schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbewegung des Schlittens
-ein Zurücksinken ihres Oberkörpers gegen das Polster bewirkt hatte, noch
-einmal lächelnd die Front des Berghof-Hauses überflogen und während des
-Bruchteils einer Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt ... Bleich
-war der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine Loggia, um den
-Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen, der mit Geklingel die
-Anfahrtstraße hinab gegen „Dorf“ hingeglitten war, hatte sich dann in
-seinen Stuhl geworfen und aus der Brusttasche die Erinnerungsgabe
-gezogen, das Pfand, das diesmal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln,
-sondern in einem dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand, die
-man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu finden, – Clawdias
-Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber das zarte Gebein ihres
-Oberkörpers, von den weichen Formen des Fleisches licht und geisterhaft
-umgeben, nebst den Organen der Brusthöhle erkennen ließ ...
-
-Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in der Zeit,
-die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung gezeitigt hatte!
-Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier oben in räumlich weiter
-Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte sie gezeitigt, und zwar geschwinder,
-als man hätte denken sollen: die hiesige Zeit war ja besonders danach
-geartet und außerdem zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen,
-wenn auch nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der
-klirrende Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war nicht
-mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in ungeheuerer
-Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen, – eine
-Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit auf ähnliche Art
-vermengt und verbunden war wie die Zeit mit den Körpern im Raum:
-vielleicht _war_ das ihre Krankheit, und nichts weiter ... Aber war sie
-unsichtbar-abwesend, so war sie doch zugleich auch unsichtbar-anwesend
-für Hans Castorps Sinn, – der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in
-ausschreitungsvoll süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein
-friedliches kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen
-hatte, und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun Monaten
-so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug.
-
-In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder Sprache und in der
-angeborenen so manches Ausschreitungsvolle halb unbewußt und halb
-erstickt gestammelt: Vorschläge, Anerbietungen, tolle Entwürfe und
-Willensvorsätze, denen alle Billigung mit Fug und Recht versagt
-geblieben war, – so, daß er den Genius über den Kaukasus begleiten, ihm
-nachreisen, ihn an dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich
-zum nächsten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals
-mehr von ihm zu trennen, und andere Unverantwortlichkeiten mehr. Was der
-schlichte junge Mann mitgenommen hatte aus dieser Stunde tiefen
-Abenteuers, war eben nur das Schattenpfand gewesen und die dem Range des
-Wahrscheinlichen sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem
-vierten Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später, wie
-die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde. Aber ob früher oder
-später, – Hans Castorp, so hatte es auch beim Abschied wieder geheißen,
-werde dann unbedingt „längst weit fort“ sein; und der geringschätzige
-Sinn dieser Prophezeiung wäre noch schwerer erträglich gewesen, wenn man
-nicht hätte bedenken können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden,
-damit sie eintreten, sondern damit sie _nicht_ eintreten, gleichsam im
-Sinn der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen die Zukunft, indem
-sie ihr sagen, wie sie sich gestalten werde, damit sie sich schäme, sich
-wirklich so zu gestalten. Und wenn der Genius ihn, Hans Castorp, im
-Laufe des mitgeteilten Gesprächs und außerhalb seiner einen „_joli
-bourgeois au petit endroit humide_“ genannt hatte, was etwas wie die
-Übersetzung der Redensart Settembrinis vom „Sorgenkind des Lebens“
-gewesen war, so fragte es sich eben, welcher Bestandteil dieser
-Wesensmischung sich als stärker erweisen würde: der bourgeois oder das
-andere ... Auch hatte der Genius nicht in Betracht gezogen, daß er
-selbst ja verschiedentlich abgereist und wiedergekommen war, und daß
-auch Hans Castorp im rechten Augenblick würde wiederkommen können, –
-obgleich er ja freilich überhaupt nur deshalb noch immer hier oben saß,
-damit er _nicht_ wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie bei
-so vielen, der Sinn seines Verweilens.
-
-_Eine_ spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war eingetroffen: Hans
-Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, in steiler Zacke, die
-er mit einem Gefühl von Festlichkeit eingezeichnet, war seine Kurve
-damals emporgestiegen und, nach einigem Absinken, als Hochplateau
-fortgelaufen, das sich, nur leicht gewellt, dauernd über der Ebene des
-bisher Gewohnten hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und
-Hartnäckigkeit nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund in keinem
-rechten Verhältnis stand. „Sind eben doch vergifteter, als man Ihnen
-zutrauen sollte, Freundchen“, sagte er. „Na, greifen wir mal zu den
-Injektionen! Das wird Ihnen anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie
-wie der Fisch im Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht.“ So kam
-es, daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch und Sonnabend
-gleich nach der Morgenmotion, sich im „Labor“ drunten einzufinden hatte,
-um seine Einspritzung entgegenzunehmen.
-
-Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald jener, aber
-der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, indem er beim Einstich
-zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte er sich nicht um die Stelle, wohin
-er stach, so daß der Schmerz zuweilen des Teufels war und der Punkt noch
-lange brennend verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark
-angreifend auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie
-eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr
-innewohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmittelbar,
-für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: so hatte der Hofrat es
-vorausgesagt, und so geschah es denn auch, gesetzmäßig und ohne daß es
-an der vorausgesagten Erscheinung etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur
-war rasch abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen
-hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des Schenkels oder
-Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat sich eben aufgelegt und vom
-Tabak nicht getrübt zeigte, kam es anläßlich der Injektion doch zu einem
-kleinen Gespräch mit ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken
-wußte:
-
-„Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde damals bei
-Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, wie sich das zufällig so
-machte. Gerade noch gestern, oder ist es schon etwas länger her, habe
-ich meinen Vetter daran erinnert ...“
-
-„Gaffky sieben“, sagte der Hofrat. „Letztes Ergebnis. Der Junge will und
-will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei hat er mich noch nie so
-getirrt und geplagt wie neuerdings, daß er weg will und einen
-Schleppsäbel haben, der Kindskopf. Zetert mir über seine fünf
-Vierteljährchen vor, als ob es Äonen wären, die er sich um die Ohren
-geschlagen. Weg will er, so oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie
-sollten ihm mal ins Gewissen reden, von Ihnen aus, und das mit
-Nachdruck! Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig
-Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser
-braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der Gesetztere,
-der Zivilist, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten ihm den Kopf
-zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.“
-
-„Tu ich, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp, ohne die Führung fahren
-zu lassen. „Tu ich öfters, wenn er so aufmuckt, und denke ja auch, er
-wird Räson annehmen. Aber die Beispiele, die man vor Augen hat, sind ja
-nicht immer die besten, das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen
-vor, – Abreisen ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis,
-aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und hat
-was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel neulich ...
-wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame, vom Guten Russentisch,
-Madame Chauchat. Nach Daghestan, wie erzählt wurde. Nun, Daghestan, ich
-kenne das Klima nicht, es ist am Ende weniger ungünstig als oben am
-Wasser. Aber Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht
-auch gebirgig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so
-beschlagen. Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo die
-Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung hier oben weiß und
-wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? Übrigens will sie ja
-ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich mitgeteilt, – wie kamen
-wir überhaupt auf sie? – Ja, damals trafen wir Sie im Garten, Herr
-Hofrat, wenn Sie sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen
-auf einer Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt’ ich sie Ihnen
-bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich rauchte,
-denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. Und Sie rauchten
-auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig noch unsere Marken, wie
-mir eben wieder einfällt, – Ihre Brasil hat mir ausgezeichnet
-geschmeckt, aber man muß damit umgehen wie mit jungen Pferden, glaub
-ich, sonst stößt einem was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen
-Importen, als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es gut
-gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini hab ich mir übrigens
-neulich wieder einmal ein paar hundert Stück aus Bremen verschrieben,
-ich hänge doch sehr an dem Erzeugnis, es ist mir nach jeder Richtung
-sympathisch. Nur allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist
-ziemlich empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches
-zulegen, Herr Hofrat, so bin ich imstande und bekehre mich schließlich
-zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den Fenstern ganz schöne Sachen.
-Und dann durften wir Ihre Bilder sehen, ich weiß es wie heute und hatte
-den größten Genuß davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der
-Ölfarbe riskieren, ich würd es mich nie unterstehen. Da sahen wir ja
-auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig gemalten Haut, – ich
-darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte ich das Modell noch
-nicht, nur vom Ansehen, dem Namen nach. Seitdem, ganz kurz vor ihrer
-diesmaligen Abreise, habe ich sie ja noch persönlich kennen gelernt.“
-
-„Was Sie sagen!“ erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die Rückbeziehung
-erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp ihm vor seiner
-ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens auch etwas Fieber habe.
-Und weiter sagte er nichts.
-
-„Doch, ja, das habe ich“, bestätigte Hans Castorp. „Erfahrungsgemäß ist
-es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften zu machen, aber mit
-Frau Chauchat und mir hat es sich in letzter Stunde doch noch getroffen
-und arrangiert, gesprächsweise sind wir uns ...“ Hans Castorp zog die
-Luft durch die Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. „Fff!“ machte
-er rückwärts. „Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den Sie da
-zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es schmerzt
-höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die Sache ...
-Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen.“
-
-„So! – Na?“ machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend, mit jemandes
-Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet und in die Frage zugleich
-die Bestätigung des zu erwartenden Lobes aus eigener Erfahrung legt.
-
-„Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas gehapert hat“, wich
-Hans Castorp aus. „Woher soll ichs am Ende auch haben. Aber im rechten
-Augenblick fliegt einen ja manches an, und so ging es denn mit der
-Verständigung doch ganz leidlich.“
-
-„Glaub’ ich. Na?“ wiederholte der Hofrat seine Aufforderung. Von sich
-aus fügte er hinzu: „Niedlich, was?“
-
-Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit gespreizten Beinen und
-Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt.
-
-„Es ist am Ende nichts Neues“, sagte er. „An einem Badeort leben zwei
-Personen oder auch Familien wochenlang unter demselben Dach, in Distanz.
-Eines Tages machen sie Bekanntschaft, finden aufrichtiges Gefallen
-aneinander, und zugleich stellt sich heraus, daß der eine Teil im
-Begriffe ist, abzureisen. So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir
-denken. Und da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im Leben,
-voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau Chauchat ...“
-
-„Tja, die will wohl nicht?“ lachte der Hofrat gemütlich.
-
-„Nein, sie wollte nichts davon wissen. Schreibt sie Ihnen denn auch nie
-zwischendurch, von ihren Aufenthaltsorten?“
-
-„I, Gott bewahre“, antwortete Behrens. „Das fällt doch der nicht ein.
-Erstens aus Faulheit nicht, und dann, wie soll sie denn schreiben?
-Russisch kann ich nicht lesen, – ich kauderwelsche es wohl mal, wenn Not
-an den Mann kommt, aber lesen kann ich kein Wort. Und Sie doch auch
-nicht. Na, und Französisch oder auch Neuhochdeutsch miaut das Kätzchen
-ja allerliebst, aber schreiben, – da käme sie in die größte
-Verlegenheit. Die Orthographie, lieber Freund! Nein, da müssen wir uns
-schon trösten, mein Junge. Sie kommt ja immer mal wieder, von Zeit zu
-Zeit. Frage der Technik, Temperamentssache, wie gesagt. Der eine hält
-dann und wann Abreise und muß immer wiederkommen, und der andere bleibt
-gleich so lange, daß er nie wiederzukommen braucht. Wenn Ihr Vetter
-jetzt abreist, das sagen Sie ihm nur, so kann es leicht sein, daß Sie
-seinen solennen Wiedereinzug noch hier erleben.“
-
-„Aber Herr Hofrat, wie lange meinen Sie denn, daß ich ...“
-
-„Daß Sie? Daß er! Daß er nicht so lange untenbleiben wird, wie er hier
-oben war. Das meine ich für meine treuherzige Person, und das ist mein
-Auftrag an Sie für ihn, wenn Sie so freundlich sein wollen.“
-
-Ähnlich mochte wohl so ein Gespräch verlaufen, pfiffig gelenkt von Hans
-Castorp, wenn das Ergebnis auch nichtig bis zweideutig gewesen war. Denn
-was das betraf, wie lange man bleiben müsse, um die Wiederkehr eines vor
-der Zeit Abgereisten zu erleben, war es zweideutig gewesen, in Hinsicht
-auf die Entschwundene aber gleich null. Hans Castorp würde nichts von
-ihr hören, solange das Geheimnis von Raum und Zeit sie trennte; sie
-würde nicht schreiben, und auch ihm würde keine Gelegenheit gegeben
-sein, es zu tun ... Warum denn auch übrigens, hätte es sich anders
-verhalten sollen, wenn er es wohl überlegte? War es nicht eine recht
-bürgerliche und pedantische Vorstellung von ihm gewesen, daß sie
-einander schreiben müßten, während ihm doch ehemals zumute gewesen war,
-als sei es nicht einmal nötig oder nur wünschenswert, daß sie
-miteinander _sprächen_? Und hatte er denn auch etwa mit ihr
-„gesprochen“, im Sinne des gebildeten Abendlandes, an ihrer Seite am
-Faschingsabend, oder nicht vielmehr fremdsprachig im Traum geredet, auf
-wenig zivilisierte Weise? Wozu denn also nun schreiben, auf Briefpapier
-oder Ansichtskarten, wie er sie manchmal nach Hause ins Flachland
-richtete, um über die Schwankungen der Untersuchungsergebnisse zu
-berichten? Hatte Clawdia nicht recht, sich vom Schreiben entbunden zu
-fühlen, kraft der Freiheit, welche die Krankheit ihr gab? Sprechen,
-schreiben, – eine hervorragend humanistisch-republikanische
-Angelegenheit in der Tat, Angelegenheit des Herrn Brunetto Latini, der
-das Buch von den Tugenden und Lastern schrieb und den Florentinern
-Schliff gab, sie das Sprechen lehrte und die Kunst, ihre Republik nach
-den Regeln der Politik zu lenken ...
-
-Damit fielen Hans Castorps Gedanken denn auf Lodovico Settembrini, und
-er errötete, wie er damals errötet war, als der Schriftsteller
-unvermutet sein Krankenzimmer betreten hatte, unter plötzlicher
-Erleuchtung desselben. An Herrn Settembrini hätte Hans Castorp ja
-ebenfalls seine Fragen, die übersinnlichen Rätsel betreffend, richten
-können, wenn auch nur im Sinne der Herausforderung und der Quengelei,
-nicht in der Erwartung, von dem Humanisten, dessen Trachten den
-irdischen Lebensinteressen galt, Antwort darauf zu erhalten. Aber seit
-der Faschingsgeselligkeit und Settembrinis bewegtem Abgang aus dem
-Klaviersalon waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener eine
-Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des einen, sowie auf die
-tiefe pädagogische Verstimmung des andern zurückzuführen war und dahin
-wirkte, daß sie einander mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen
-gewechselt wurde. War Hans Castorp noch ein „Sorgenkind des Lebens“ in
-Herrn Settembrinis Augen? Nein, er war wohl ein Aufgegebener in den
-Augen dessen, der die Moral in der Vernunft und der Tugend suchte ...
-Und Hans Castorp verstockte sich gegen Herrn Settembrini, er zog die
-Brauen zusammen und warf die Lippen auf, wenn sie einander begegneten,
-während Herrn Settembrinis schwarz glänzender Blick mit schweigendem
-Vorwurf auf ihm ruhte. Dennoch löste diese Verstocktheit sich sofort,
-als der Literat nach Wochen, wie gesagt, zum erstenmal wieder das Wort
-an ihn richtete, wenn auch nur im Vorüberstreifen und in Form
-mythologischer Anspielungen, zu deren Verständnis abendländische Bildung
-gehörte. Es war nach dem Diner; sie trafen in der nicht mehr zufallenden
-Glastür zusammen. Settembrini sagte, den jungen Mann überholend und von
-vornherein im Begriff, sich gleich wieder von ihm zu lösen:
-
-„Nun, Ingenieur, wie hat der Granatapfel gemundet?“
-
-Hans Castorp lächelte erfreut und verwirrt.
-
-„Das heißt ... Wie meinen Sie, Herr Settembrini? Granatapfel? Es gab
-doch keine? Ich habe nie im Leben ... Doch, einmal habe ich
-Granatapfelsaft mit Selters getrunken. Es schmeckte zu süßlich.“
-
-Der Italiener, schon vorüber, wandte den Kopf zurück und artikulierte:
-
-„Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich besucht und den
-Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen wissen, daß, wer von den
-Früchten ihres Reiches kostet, ihnen verfallen bleibt.“
-
-Und er ging weiter, in seinen ewig hell gewürfelten Hosen, und ließ im
-Rücken Hans Castorp, der „durchbohrt“ sein sollte von so viel Bedeutung
-und es gewissermaßen auch war, obgleich er, ärgerlich erheitert über die
-Zumutung, es zu sein, vor sich hin murmelte:
-
-„Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!“
-
-Gleichwohl war er sehr glücklich bewegt über diese erste Anrede; denn
-trotz der Trophäe, dem makabren Angebinde, das er auf dem Herzen trug,
-hing er an Herrn Settembrini, legte großes Gewicht auf sein Dasein, und
-der Gedanke, gänzlich und auf immer von ihm verworfen und aufgegeben zu
-sein, wäre denn doch beschwerender und schrecklicher für seine Seele
-gewesen, als das Gefühl des Knaben, der in der Schule nicht mehr in
-Betracht gekommen war und die Vorteile der Schande genossen hatte, wie
-Herr Albin ... Doch wagte er nicht, von seiner Seite das Wort an den
-Mentor zu richten, und dieser ließ abermals Wochen vergehen, bis er sich
-dem Sorgenzögling wieder einmal näherte.
-
-Das geschah, als auf den in ewig eintönigem Rhythmus anrollenden
-Meereswogen der Zeit Ostern herangetrieben war und auf „Berghof“
-begangen wurde, wie man alle Etappen und Einschnitte dort aufmerksam
-beging, um ein ungegliedertes Einerlei zu vermeiden. Beim ersten
-Frühstück fand jeder Gast neben seinem Gedecke ein Veilchensträußchen,
-beim zweiten Frühstück erhielt jedermann ein gefärbtes Ei, und die
-festliche Mittagstafel war mit Häschen geschmückt aus Zucker und
-Schokolade.
-
-„Haben Sie je eine Schiffsreise gemacht, Tenente, oder Sie, Ingenieur?“
-fragte Herr Settembrini, als er nach Tische in der Halle mit seinem
-Zahnstocher an das Tischchen der Vettern herantrat ... Wie die Mehrzahl
-der Gäste kürzten sie heute den Hauptliegedienst um eine Viertelstunde,
-indem sie sich hier zu einem Kaffee mit Kognak niedergelassen hatten.
-„Ich bin erinnert durch diese Häschen, diese gefärbten Eier an das Leben
-auf so einem großen Dampfer, bei leerem Horizont seit Wochen, in
-salziger Wüstenei, unter Umständen, deren vollkommene Bequemlichkeit
-ihre Ungeheuerlichkeit nur oberflächlich vergessen läßt, während in den
-tieferen Gegenden des Gemütes das Bewußtsein davon als ein geheimes
-Grauen leise fortnagt ... Ich erkenne den Geist wieder, in dem man an
-Bord einer solchen Arche die Feste der _terraferma_ pietätvoll andeutet.
-Es ist das Gedenken von Außerweltlichen, empfindsame Erinnerung nach dem
-Kalender ... Auf dem Festlande wäre heut Ostern, nicht wahr? Auf dem
-Festlande begeht man heut Königs Geburtstag, – und wir tun es auch, so
-gut wir können, wir sind auch Menschen ... Ist es nicht so?“
-
-Die Vettern stimmten zu. Wahrhaftig, so sei es. Hans Castorp, gerührt
-von der Anrede und vom schlechten Gewissen gespornt, lobte die Äußerung
-in hohen Tönen, fand sie geistreich, vorzüglich und schriftstellerisch
-und redete Herrn Settembrini aus allen Kräften nach dem Munde. Gewiß,
-nur oberflächlich, ganz wie Herr Settembrini es so plastisch gesagt
-habe, lasse der Komfort auf dem Ozean-Steamer die Umstände und ihre
-Gewagtheit vergessen, und es liege, wenn er auf eigene Hand das
-hinzufügen dürfe, sogar eine gewisse Frivolität und Herausforderung in
-diesem vollendeten Komfort, etwas dem ähnliches, was die Alten Hybris
-genannt hätten (sogar die Alten zitierte er aus Gefallsucht), oder
-dergleichen, wie „Ich bin der König von Babylon!“, kurz Frevelhaftes.
-Auf der anderen Seite aber involviere („involviere“!) der Luxus an Bord
-doch auch einen großen Triumph des Menschengeistes und der Menschenehre,
-– indem er diesen Luxus und Komfort auf die salzigen Schäume hinaustrage
-und dort kühnlich aufrecht erhalte, setze der Mensch gleichsam den
-Elementen den Fuß auf den Nacken, den wilden Gewalten, und das
-involviere den Sieg der menschlichen Zivilisation über das Chaos, wenn
-er auf eigene Hand diesen Ausdruck gebrauchen dürfe ...
-
-Herr Settembrini hörte ihm aufmerksam zu, die Füße gekreuzt und die Arme
-ebenfalls, wobei er sich auf zierliche Art mit dem Zahnstocher den
-geschwungenen Schnurrbart strich.
-
-„Es ist bemerkenswert“, sagte er. „Der Mensch tut keine nur einigermaßen
-gesammelte Äußerung allgemeiner Natur, ohne sich ganz zu verraten,
-unversehens sein ganzes Ich hineinzulegen, das Grundthema und Urproblem
-seines Lebens irgendwie im Gleichnis darzustellen. So ist es Ihnen
-soeben ergangen, Ingenieur. Was Sie da sagten, kam in der Tat aus dem
-Grunde Ihrer Persönlichkeit, und auch den zeitlichen Zustand dieser
-Persönlichkeit drückte es auf dichterische Weise aus: es ist immer noch
-der Zustand des Experimentes ...“
-
-„_Placet experiri!_“ sagte Hans Castorp nickend und lachend, mit
-italienischem _c_.
-
-„_Sicuro_, – wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft der
-Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit. Sie sprachen von
-‚Hybris‘, Sie bedienten sich dieses Ausdrucks. Aber die Hybris der
-Vernunft gegen die dunklen Gewalten ist höchste Menschlichkeit, und
-beschwört sie die Rache neidischer Götter herauf, _per esempio_, indem
-die Luxusarche scheitert und senkrecht in die Tiefe geht, so ist das ein
-Untergang in Ehren. Auch die Tat des Prometheus war Hybris, und seine
-Qual am skythischen Felsen gilt uns als heiligstes Martyrium. Wie steht
-es dagegen um jene andere Hybris, um den Untergang im buhlerischen
-Experiment mit den Mächten der Widervernunft und der Feindschaft gegen
-das Menschengeschlecht? Hat das Ehre? Kann das Ehre haben? _Sì o no!_“
-
-Hans Castorp rührte in seinem Täßchen, obgleich nichts mehr darin war.
-
-„Ingenieur, Ingenieur,“ sagte der Italiener mit dem Kopfe nickend, und
-seine schwarzen Augen hatten sich sinnend „festgesehen“, „fürchten Sie
-nicht den Wirbelsturm des zweiten Höllenkreises, der die Fleischessünder
-prellt und schwenkt, die Unseligen, die die Vernunft der Lust zum Opfer
-brachten? _Gran Dio_, wenn ich mir einbilde, wie Sie kopfüber, kopfunter
-umhergepustet flattern werden, so möchte ich vor Kummer umfallen wie
-eine Leiche fällt ...“
-
-Sie lachten, froh, daß er scherzte und Poetisches redete. Aber
-Settembrini setzte hinzu:
-
-„Am Faschingsabend beim Wein, Sie erinnern sich, Ingenieur, nahmen Sie
-gewissermaßen Abschied von mir, doch, es war etwas dem ähnliches. Nun,
-heute bin _ich_ an der Reihe. Wie Sie mich hier sehen, meine Herren, bin
-ich im Begriff, Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich verlasse dies Haus.“
-
-Beide verwunderten sich aufs höchste.
-
-„Nicht möglich! Das ist nur Scherz!“ rief Hans Castorp, wie er bei
-anderer Gelegenheit auch gerufen hatte. Er war fast ebenso erschrocken
-wie damals. Aber auch Settembrini erwiderte:
-
-„Durchaus nicht. Es ist, wie ich Ihnen sage. Und übrigens trifft Sie
-diese Nachricht nicht unvorbereitet. Ich habe Ihnen erklärt, daß in dem
-Augenblick, wo sich meine Hoffnung, in irgendwie absehbarer Zeit in die
-Welt der Arbeit zurückkehren zu können, als unhaltbar erweisen werde,
-ich hier meine Zelte abzubrechen und irgendwo im Orte mich für die Dauer
-einzurichten entschlossen sei. Was wollen Sie nun, – dieser Augenblick
-ist eingetreten. Ich kann nicht genesen, es ist ausgemacht. Ich kann
-mein Leben fristen, aber nur hier. Das Urteil, das endgültige Urteil,
-lautet auf lebenslänglich, – mit der ihm eigenen Aufgeräumtheit hat
-Hofrat Behrens es mir verkündet. Gut denn, ich ziehe die Folgerungen.
-Ein Logis ist gemietet, ich bin im Begriffe, meine geringe irdische
-Habe, mein literarisches Handwerkszeug dorthin zu schaffen ... Es ist
-nicht einmal weit von hier, in „Dorf“, wir werden einander begegnen,
-gewiß, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, als Hausgenosse aber
-habe ich die Ehre, mich von Ihnen zu verabschieden.“
-
-So Settembrinis Eröffnung am Ostersonntag. Die Vettern hatten sich
-außerordentlich bewegt darüber gezeigt. Des längeren noch, und
-wiederholt, hatten sie mit dem Literaten über seinen Entschluß
-gesprochen: darüber, wie er auch privatim den Kurdienst weiter werde
-ausüben können, über die Mitnahme und Fortführung ferner der
-weitläufigen enzyklopädischen Arbeit, die er auf sich genommen, jener
-Übersicht aller schöngeistigen Meisterwerke, unter dem Gesichtspunkt der
-Leidenskonflikte und ihrer Ausmerzung; endlich auch über sein
-zukünftiges Quartier im Hause eines „Gewürzkrämers“, wie Herr
-Settembrini sich ausdrückte. Der Gewürzkrämer, berichtete er, habe den
-oberen Teil seines Eigentums an einen böhmischen Damenschneider
-vermietet, der seinerseits Aftermieter aufnehme ... Diese Gespräche also
-lagen zurück. Die Zeit schritt fort, und mehr als eine Veränderung hatte
-sie bereits gezeitigt. Settembrini wohnte wirklich nicht mehr im
-internationalen Sanatorium „Berghof“, sondern bei Lukaček, dem
-Damenschneider, – schon seit einigen Wochen. Nicht in Form einer
-Schlittenabreise hatte sein Auszug sich abgespielt, sondern zu Fuß, in
-kurzem, gelbem Paletot, der am Kragen und an den Ärmeln ein wenig mit
-Pelz besetzt war, und begleitet von einem Mann, der auf einem
-Schubkarren das literarische und das irdische Handgepäck des
-Schriftstellers beförderte, hatte man ihn stockschwingend davongehen
-sehen, nachdem er noch unterm Portal eine Saaltochter mit den Rücken
-zweier Finger in die Wange gezwickt ... Der April, wie wir sagten, lag
-schon zu einem guten Teil, zu drei Vierteln, im Schatten der
-Vergangenheit, noch war es tiefer Winter, gewiß, im Zimmer hatte man
-knappe sechs Wärmegrade am Morgen, draußen war neungradige Kälte, die
-Tinte im Glase, wenn man es in der Loggia ließ, gefror über Nacht noch
-immer zu einem Eisklumpen, einem Stück Steinkohle. Aber der Frühling
-nahte, das wußte man; am Tage, wenn die Sonne schien, spürte man hie und
-da bereits eine ganz leise, ganz zarte Ahnung von ihm in der Luft; die
-Periode der Schneeschmelze stand in naher Aussicht, und damit hingen die
-Veränderungen zusammen, die sich auf „Berghof“ unaufhaltsam vollzogen, –
-nicht aufzuhalten selbst durch die Autorität, das lebendige Wort des
-Hofrats, der in Zimmer und Saal, bei jeder Untersuchung, jeder Visite,
-jeder Mahlzeit das populäre Vorurteil gegen die Schneeschmelze
-bekämpfte.
-
-Ob es Wintersportsleute seien, fragte er, mit denen er es zu tun habe,
-oder Kranke, Patienten? Wozu in aller Welt sie denn Schnee, gefrorenen
-Schnee brauchten? Eine ungünstige Zeit, – die Schneeschmelze? Die
-allergünstigste sei es! Nachweislich gäbe es im ganzen Tal um diese Zeit
-verhältnismäßig weniger Bettlägrige, als irgendwann sonst im Jahre!
-Überall in der weiten Welt seien die Wetterbedingungen für Lungenkranke
-zu dieser Frist schlechter als gerade hier! Wer einen Funken Verstand
-habe, der harre aus und nutze die abhärtende Wirkung der hiesigen
-Witterungsverhältnisse. Danach dann sei er fest gegen Hieb und Stich,
-gefeit gegen jedes Klima der Welt, vorausgesetzt nur, daß der volle
-Eintritt der Heilung abgewartet worden sei – und so fort. Aber der
-Hofrat hatte gut reden, – die Voreingenommenheit gegen die
-Schneeschmelze saß fest in den Köpfen, der Kurort leerte sich; wohl
-möglich, daß es der sich nähernde Frühling war, der den Leuten im Leibe
-rumorte und seßhafte Leute unruhig und veränderungssüchtig machte, –
-jedenfalls mehrten die „wilden“ und „falschen“ Abreisen sich auch im
-Hause Berghof bis zur Bedenklichkeit. Frau Salomon aus Amsterdam zum
-Beispiel, trotz dem Vergnügen, das die Untersuchungen und das damit
-verbundene Zurschaustellen feinster Spitzenwäsche ihr bereiteten, reiste
-vollständig wilder- und falscherweise ab, ohne jede Erlaubnis und nicht,
-weil es ihr besser, sondern weil es ihr immer schlechter ging. Ihr
-Aufenthalt hier oben verlor sich weit zurück hinter Hans Castorps
-Ankunft; länger als ein Jahr war es her, daß sie eingetroffen war, – mit
-einer ganz leichten Affektion, für die ihr drei Monate zudiktiert worden
-waren. Nach vier Monaten hatte sie „in vier Wochen sicher gesund“ sein
-sollen, aber sechs Wochen später hatte von Heilung überhaupt nicht die
-Rede sein können: sie müsse, hatte es geheißen, mindestens noch vier
-Monate bleiben. So war es fortgegangen, und es war ja kein Bagno und
-kein sibirisches Bergwerk hier, – Frau Salomon war geblieben und hatte
-feinstes Unterzeug an den Tag gelegt. Da sie nun aber nach der letzten
-Untersuchung, im Angesicht der Schneeschmelze, eine neue Zulage von fünf
-Monaten erhalten hatte, wegen Pfeifens links oben und unverkennbarer
-Mißtöne unter der linken Achsel, war ihr die Geduld gerissen, und mit
-Protest, unter Schmähungen auf „Dorf“ und „Platz“, auf die berühmte
-Luft, das internationale Haus Berghof und die Ärzte reiste sie ab, nach
-Hause, nach Amsterdam, einer zugigen Wasserstadt.
-
-War das klug gehandelt? Hofrat Behrens hob Schultern und Arme auf und
-ließ die letzteren geräuschvoll gegen die Schenkel zurückfallen.
-Spätestens im Herbst, sagte er, werde Frau Salomon wieder da sein, –
-dann aber auf immer. Würde er recht behalten? Wir werden sehen, wir sind
-noch auf längere Erdenzeit an diesen Lustort gebunden. Aber der Fall
-Salomon war also durchaus nicht der einzige seiner Art. Die Zeit
-zeitigte Veränderungen, – sie hatte das ja immer getan, aber
-allmählicher, nicht so auffallend. Der Speisesaal wies Lücken auf,
-Lücken an allen sieben Tischen, am Guten Russentisch wie am Schlechten,
-an den längs- wie an den querstehenden. Nicht gerade, daß dies von der
-Frequenz des Hauses ein zuverlässiges Bild gegeben hätte; auch Ankünfte,
-wie jederzeit, hatten stattgefunden; die Zimmer mochten besetzt sein,
-aber da handelte es sich eben um Gäste, die durch finalen Zustand in
-ihrer Freizügigkeit eingeschränkt waren. Im Speisesaal, wie wir sagten,
-fehlte manch einer dank noch bestehender Freizügigkeit; manch einer aber
-tat es sogar auf eine besonders tiefe und hohle Weise, wie Dr.
-Blumenkohl, der tot war. Immer stärker hatte sein Gesicht den Ausdruck
-angenommen, als habe er etwas schlecht Schmeckendes im Munde; dann war
-er dauernd bettlägrig geworden und dann gestorben, – niemand wußte genau
-zu sagen, wann; mit aller gewohnten Rücksicht und Diskretion war die
-Sache behandelt worden. Eine Lücke. Frau Stöhr saß neben der Lücke, und
-sie graute sich vor ihr. Darum siedelte sie an des jungen Ziemßen andere
-Seite über, an den Platz Miß Robinsons, die als geheilt entlassen
-worden, gegenüber der Lehrerin, Hans Castorps linksseitiger Nachbarin,
-die fest auf ihrem Posten geblieben war. Ganz allein saß sie derzeit an
-dieser Tischseite, die übrigen drei Plätze waren frei. Student
-Rasmussen, der täglich dümmer und schlaffer geworden, war bettlägrig und
-galt für moribund; und die Großtante war mit ihrer Nichte und der
-hochbrüstigen Marusja verreist, – wir sagen „verreist“, wie alle es
-sagten, weil ihre Rückkehr in naher Zeit eine ausgemachte Sache war. Zum
-Herbst schon würden sie wieder eintreffen, – war das eine Abreise zu
-nennen? Wie nah war nicht Sommersonnenwende, wenn erst einmal Pfingsten
-gewesen war, das vor der Türe stand; und kam der längste Tag, so gings
-ja rapide bergab, auf den Winter zu, – kurzum, die Großtante und Marusja
-waren beinahe schon wieder da, und das war gut, denn die lachlustige
-Marusja war keineswegs ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte
-etwas von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja an ihrer
-üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals hatten operiert
-werden müssen. Hans Castorp hatte, als die Lehrerin davon sprach, hastig
-auf Joachim geblickt, der sein fleckig gewordenes Gesicht über seinen
-Teller geneigt hatte.
-
-Die muntere Großtante hatte den Tischgenossen, also den Vettern, der
-Lehrerin und Frau Stöhr ein Abschiedssouper im Restaurant gegeben, eine
-Schmauserei mit Kaviar, Champagner und Likören, bei der Joachim sich
-sehr still verhalten, ja, nur einzelnes mit fast tonloser Stimme
-gesprochen hatte, so daß die Großtante in ihrer Menschenfreundlichkeit
-ihm Mut zugesprochen und ihn dabei, unter Ausschaltung zivilisierter
-Sittengesetze, sogar geduzt hatte. „Hat nichts auf sich, Väterchen, mach
-dir nichts draus, sondern trink, iß und sprich, wir kommen bald wieder!“
-hatte sie gesagt. „Wollen wir alle essen, trinken und schwatzen und den
-Gram – Gram sein lassen, Gott läßt Herbst werden, eh wirs gedacht,
-urteile selbst, ob Grund ist zum Kummer!“ Am nächsten Morgen hatte sie
-zur Erinnerung bunte Schachteln mit „Konfäktchen“ an fast alle Besucher
-des Speisesaales verteilt und war dann mit ihren beiden jungen Mädchen
-etwas verreist.
-
-Und Joachim, wie stand es um ihn? War er befreit und erleichtert
-seitdem, oder litt seine Seele schwere Entbehrung angesichts der leeren
-Tischseite? Hing seine ungewohnte und empörerische Ungeduld, seine
-Drohung, wilde Abreise halten zu wollen, wenn man ihn länger an der Nase
-führe, mit der Abreise Marusjas zusammen? Oder war vielmehr die
-Tatsache, daß er vorderhand eben doch noch nicht reiste, sondern der
-hofrätlichen Verherrlichung der Schneeschmelze sein Ohr lieh, auf jene
-andere zurückzuführen, daß die hochbusige Marusja nicht ernstlich
-abgereist, sondern nur etwas verreist war und in fünf kleinsten
-Teileinheiten hiesiger Zeit wieder eintreffen würde? Ach, das war wohl
-alles auf einmal der Fall, alles in gleichem Maße; Hans Castorp konnte
-es sich denken, auch ohne je mit Joachim über die Sache zu sprechen.
-Denn dessen enthielt er sich ebenso streng, wie Joachim es vermied, den
-Namen einer anderen etwas Verreisten zu nennen.
-
-Unterdessen aber, an Settembrinis Tisch, an des Italieners Platz, – wer
-saß dort seit kurzem, in Gesellschaft holländischer Gäste, deren Appetit
-so ungeheuer war, daß jeder von ihnen sich zu Anfang des täglichen
-Fünf-Gänge-Diners, noch vor der Suppe, drei Spiegeleier servieren ließ?
-Es war Anton Karlowitsch Ferge, er, der das höllische Abenteuer des
-Pleura-Choks erprobt hatte! Ja, Herr Ferge war außer Bett; auch ohne
-Pneumothorax hatte sein Zustand sich so gebessert, daß er den größten
-Teil des Tages mobil und angekleidet verbrachte und mit seinem
-gutmütig-bauschigen Schnurrbart und seinem ebenfalls gutmütig wirkenden
-großen Kehlkopf an den Mahlzeiten teilnahm. Die Vettern plauderten
-manchmal mit ihm in Saal und Halle, und auch für die Dienstpromenaden
-taten sie sich dann und wann, wenn es sich eben so traf, mit ihm
-zusammen, Neigung im Herzen für den schlichten Dulder, der von hohen
-Dingen gar nichts zu verstehen erklärte und, dies vorausgesandt, überaus
-behaglich von Gummischuhfabrikation und fernen Gebieten des russischen
-Reiches, Samara, Georgien, erzählte, während sie im Nebel durch den
-Schneewasserbrei stapften.
-
-Denn die Wege waren wirklich kaum gangbar jetzt, sie befanden sich in
-voller Auflösung, und die Nebel brauten. Der Hofrat sagte zwar, es seien
-keine Nebel, es seien Wolken; aber das war Wortfuchserei nach Hans
-Castorps Urteil. Der Frühling focht einen schweren Kampf, der sich,
-unter hundert Rückfällen ins Bitter-Winterliche, durch Monate, bis in
-den Juni hinein, erstreckte. Schon im März, wenn die Sonne schien, war
-es auf dem Balkon und im Liegestuhl, trotz leichtester Kleidung und
-Sonnenschirm, vor Hitze kaum auszuhalten gewesen, und es gab Damen, die
-schon damals Sommer gemacht und bereits beim ersten Frühstück
-Musselinkleider vorgeführt hatten. Sie waren in einem Grade entschuldigt
-durch die Eigenart des Klimas hier oben, das Verwirrung begünstigte,
-indem es die Jahreszeiten meteorologisch durcheinander warf; aber es war
-auch bei ihrem Vorwitz viel Kurzsicht und Phantasielosigkeit im Spiel,
-jene Dummheit von Augenblickswesen, die nicht zu denken vermag, daß es
-noch wieder anders kommen kann, sowie vor allem Gier nach Abwechslung
-und zeitverschlingende Ungeduld: man schrieb März, das war Frühling, das
-war so gut wie Sommer, und man zog die Musselinkleider hervor, um sich
-darin zu zeigen, ehe der Herbst einfiel. Und das tat er, gewissermaßen.
-Im April fielen trübe, naßkalte Tage ein, deren Dauerregen in Schnee, in
-wirbelnden Neuschnee überging. Die Finger erstarrten in der Loggia, die
-beiden Kamelhaardecken traten ihren Dienst wieder an, es fehlte nicht
-viel, daß man zum Pelzsack gegriffen hätte, die Verwaltung entschloß
-sich, zu heizen, und jedermann klagte, man werde um seinen Frühling
-betrogen. Alles war dick verschneit gegen Ende des Monats; aber dann kam
-Föhn auf, vorausgesagt, vorausgewittert von erfahrenen und empfindlichen
-Gästen: Frau Stöhr sowohl, wie die elfenbeinfarbene Levi, wie nicht
-minder die Witwe Hessenfeld spürten ihn einstimmig schon, bevor noch das
-kleinste Wölkchen über dem Gipfel des Granitbergs im Süden sich zeigte.
-Frau Hessenfeld neigte alsbald zu Weinkrämpfen, die Levi wurde
-bettlägrig, und Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch entblößt, bekundete
-stündlich die abergläubische Befürchtung, ein Blutsturz möchte sie
-ereilen; denn die Rede ging, daß Föhnwind dergleichen befördere und
-bewirke. Unglaubliche Wärme herrschte, die Heizung erlosch, man ließ
-über Nacht die Balkontür offen und hatte trotzdem morgens elf Grad im
-Zimmer; der Schnee schmolz gewaltig, er wurde eisfarben, porös und
-löcherig, sackte zusammen, wo er zu Hauf lag, schien sich in die Erde zu
-verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war überall, ein Tropfen
-und Stürzen im Walde, und die geschaufelten Schranken an den Straßen,
-die bleichen Teppiche der Wiesen verschwanden, wenn auch die Massen
-allzu reichlich gelegen hatten, um rasch zu verschwinden. Da gab es
-wundersame Erscheinungen, Frühlingsüberraschungen auf Dienstwegen im
-Tal, märchenhaft, nie gesehen. Ein Wiesengebreite lag da, – im
-Hintergrunde ragte der Schwarzhornkegel, noch ganz im Schnee, mit dem
-ebenfalls noch tief verschneiten Scalettagletscher rechts in der Nähe,
-und auch das Gelände mit seinem Heuschober irgendwo lag noch im Schnee,
-wenn auch die Decke schon dünn und schütter war, von rauhen und dunklen
-Bodenerhebungen da und dort unterbrochen, von trockenem Grase überall
-durchstochen. Das war jedoch, wie die Wanderer fanden, eine
-unregelmäßige Art von Verschneitheit, die diese Wiese da aufwies, – in
-der Ferne, gegen die waldigen Lehnen hin, war sie dichter, im
-Vordergrund aber, vor den Augen der Prüfenden, war das noch winterlich
-dürre und mißfarbene Gras mit Schnee nur noch gesprenkelt, betupft,
-beblümt ... Sie sahen es näher an, sie beugten sich staunend darüber, –
-das war kein Schnee, es waren Blumen, Schneeblumen, Blumenschnee,
-kurzstielige kleine Kelche, weiß und weißbläulich, es war Krokus, bei
-ihrer Ehre, millionenweise dem sickernden Wiesengrunde entsprossen, so
-dicht, daß man ihn gut und gern hatte für Schnee halten können, in den
-er weiterhin denn auch ununterscheidbar überging.
-
-Sie lachten über ihren Irrtum, lachten vor Freude über das Wunder vor
-ihren Augen, diese lieblich zaghafte und nachahmende Anpassung des
-zuerst sich wieder hervorgetrauenden organischen Lebens. Sie pflückten
-davon, betrachteten und untersuchten die zarten Bechergebilde,
-schmückten ihre Knopflöcher damit, trugen sie heim, stellten sie in die
-Wassergläser auf ihren Zimmern; denn die unorganische Starre des Tales
-war lang gewesen, – lang, wenn auch kurzweilig.
-
-Aber der Blumenschnee wurde mit wirklichem zugedeckt, und auch den
-blauen Soldanellen, den gelben und roten Primeln erging es so, die ihm
-folgten. Ja, wie schwer der Frühling es hatte, sich durchzuringen und
-den hiesigen Winter zu überwältigen! Zehnmal ward er zurückgeworfen,
-bevor er Fuß fassen konnte hier oben, – bis zum nächsten Einbruch des
-Winters, mit weißem Gestöber, Eiswind und Heizungsbetrieb. Anfang Mai
-(denn nun ist es gar schon Mai geworden, während wir von den
-Schneeblumen erzählten), Anfang Mai war es schlechthin eine Qual, in der
-Loggia nur eine Postkarte ins Flachland zu schreiben, so schmerzten die
-Finger vor rauher Novembernässe; und die fünfeinhalb Laubbäume der
-Gegend waren kahl wie die Bäume der Ebene im Januar. Tagelang währte der
-Regen, eine Woche lang stürzte er nieder, und ohne die versöhnenden
-Eigenschaften des hiesigen Liegestuhltyps wäre es überaus hart gewesen,
-im Wolkenqualm, mit nassem, starrem Gesicht, so viele Ruhestunden im
-Freien zu verbringen. Insgeheim aber war es ein Frühlingsregen, um den
-es sich handelte, und mehr und mehr, je länger er dauerte, gab er als
-solcher sich auch zu erkennen. Fast aller Schnee schmolz unter ihm weg;
-es gab kein Weiß mehr, nur hie und da noch ein schmutziges Eisgrau, und
-nun begannen wahrhaftig die Wiesen zu grünen!
-
-Welch milde Wohltat fürs Auge, das Wiesengrün, nach dem unendlichen
-Weiß! Und noch ein anderes Grün war da, an Zartheit und lieblicher
-Weiche das Grün des neuen Grases noch weit übertreffend. Das waren die
-jungen Nadelbüschel der Lärchen, – Hans Castorp konnte auf Dienstwegen
-selten umhin, sie mit der Hand zu liebkosen und sich die Wange damit zu
-streicheln, so unwiderstehlich lieblich waren sie in ihrer Weichheit und
-Frische. „Man könnte zum Botaniker werden,“ sagte der junge Mann zu
-seinem Begleiter, „man könnte wahr und wahrhaftig Lust bekommen zu
-dieser Wissenschaft vor lauter Spaß an dem Wiedererwachen der Natur nach
-einem Winter bei uns hier oben! Das ist ja Enzian, Mensch, was du da am
-Abhange siehst, und dies hier ist eine gewisse Sorte von kleinen gelben
-Veilchen, mir unbekannt. Aber hier haben wir Ranunkeln, sie sehen unten
-ja auch nicht anders aus, aus der Familie der Ranunkulazeen, gefüllt,
-wie mir auffällt, eine besonders reizende Pflanze, zwittrig übrigens, du
-siehst da eine Menge Staubgefäße und eine Anzahl Fruchtknoten, ein
-Andrözeum und ein Gynäzeum, soviel ich behalten habe. Ich glaube
-bestimmt, ich werde mir einen oder den anderen botanischen Schmöker
-zulegen, um mich etwas besser zu informieren auf diesem Lebens- und
-Wissensgebiet. Ja, wie es nun bunt wird auf der Welt!“
-
-„Das kommt noch besser im Juni“, sagte Joachim. „Die Wiesenblüte hier
-ist ja berühmt. Aber ich glaube doch nicht, daß ich sie abwarte. – Das
-hast du wohl von Krokowski, daß du Botanik studieren willst?“
-
-Krokowski? Wie meinte er das? Ach so, er kam darauf, weil Dr. Krokowski
-sich neulich botanisch gebärdet hatte bei einer seiner Konferenzen. Denn
-der ginge freilich fehl, der meinte, die durch die Zeit gezeitigten
-Veränderungen wären so weit gegangen, daß Dr. Krokowski keine Vorträge
-mehr gehalten hätte! Vierzehntägig hielt er sie, nach wie vor, im
-Gehrock, wenn auch nicht mehr in Sandalen, die er nur sommers trug und
-also nun bald wieder tragen würde, – jeden zweiten Montag im Speisesaal,
-wie damals, als Hans Castorp, mit Blut beschmiert, zu spät gekommen war,
-in seinen ersten Tagen. Drei Vierteljahre lang hatte der Analytiker über
-Liebe und Krankheit gesprochen, – nie viel auf einmal, in kleinen
-Portionen, in halb- bis dreiviertelstündigen Plaudereien, breitete er
-seine Wissens- und Gedankenschätze aus, und jedermann hatte den
-Eindruck, daß er nie werde aufzuhören brauchen, daß es immer und ewig so
-weitergehen könne. Das war eine Art von halbmonatlicher „Tausendundeine
-Nacht“, sich hinspinnend von Mal zu Mal ins Beliebige und wohlgeeignet,
-wie die Märchen der Scheherezade, einen neugierigen Fürsten zu befrieden
-und von Gewalttaten abzuhalten. In seiner Uferlosigkeit erinnerte Dr.
-Krokowskis Thema an das Unternehmen, dem Settembrini seine Mitarbeit
-geschenkt, die Enzyklopädie der Leiden; und als wie abwandlungsfähig es
-sich erwies, möge man daraus ersehen, daß der Vortragende neulich sogar
-von Botanik gesprochen hatte, genauer: von Pilzen ... Übrigens hatte er
-den Gegenstand vielleicht ein wenig gewechselt; es war jetzt eher die
-Rede von Liebe und _Tod_, was denn zu mancher Betrachtung teils zart
-poetischen, teils aber unerbittlich wissenschaftlichen Gepräges Anlaß
-gab. In diesem Zusammenhang also war der Gelehrte in seinem östlich
-schleppenden Tonfall und mit seinem nur einmal anschlagenden Zungen-R
-auf Botanik gekommen, das heißt auf die Pilze, – diese üppigen und
-phantastischen Schattengeschöpfe des organischen Lebens, fleischlich von
-Natur, dem Tierreich sehr nahe stehend, – Produkte tierischen
-Stoffwechsels, Eiweiß, Glykogen, animalische Stärke also, fanden sich in
-ihrem Aufbau. Und Dr. Krokowski hatte von einem Pilz gesprochen, berühmt
-schon seit dem klassischen Altertum seiner Form und der ihm
-zugeschriebenen Kräfte wegen, – einer Morchel, in deren lateinischem
-Namen das Beiwort _impudicus_ vorkam, und dessen Gestalt an die Liebe,
-dessen Geruch jedoch an den Tod erinnerte. Denn das war
-auffallenderweise Leichengeruch, den der _Impudicus_ verbreitete, wenn
-von seinem glockenförmigen Hute der grünliche, zähe Schleim abtropfte,
-der ihn bedeckte, und der Träger der Sporen war. Aber bei Unbelehrten
-galt der Pilz noch heute als aphrodisisches Mittel.
-
-Na, etwas stark war das ja gewesen für die Damen, hatte Staatsanwalt
-Paravant gefunden, der, moralisch gestützt durch des Hofrats Propaganda,
-die Schneeschmelze hier überdauerte. Und auch Frau Stöhr, die ebenfalls
-charaktervoll standhielt und jeder Versuchung zu wilder Abreise die
-Stirne bot, hatte bei Tische geäußert, heute sei Krokowski denn aber
-doch „obskur“ gewesen mit seinem klassischen Pilz. „Obskur“, sagte die
-Unselige und schändete ihre Krankheit durch namenlose Bildungsschnitzer.
-Worüber aber Hans Castorp sich wunderte, war, daß Joachim auf Dr.
-Krokowski und seine Botanik anspielte; denn eigentlich war zwischen
-ihnen von dem Analytiker ebensowenig die Rede, wie von der Person
-Clawdia Chauchats oder der Marusjas, – sie erwähnten ihn nicht, sie
-übergingen sein Wesen und Wirken lieber mit Stillschweigen. Jetzt aber
-also hatte Joachim den Assistenten genannt, – in mißlaunigem Tone, wie
-übrigens auch schon seine Bemerkung, daß er die volle Wiesenblüte nicht
-abwarten wolle, recht mißlaunig geklungen hatte. Der gute Joachim,
-nachgerade schien er im Begriff, sein Gleichgewicht einzubüßen; seine
-Stimme schwankte beim Sprechen vor Gereiztheit, er war an Sanftmut und
-Besonnenheit durchaus nicht mehr der alte. Entbehrte er das
-Apfelsinenparfüm? Brachte die Fopperei mit der Gaffky-Nummer ihn zur
-Verzweiflung? Konnte er nicht mit sich selber ins Reine darüber kommen,
-ob er den Herbst hier erwarten oder falsche Abreise halten sollte?
-
-In Wirklichkeit war es noch etwas anderes, wodurch dies gereizte Beben
-in Joachims Stimme kam und weshalb er des botanischen Kollegs von
-neulich in fast höhnischem Tone erwähnt hatte. Von diesem Etwas wußte
-Hans Castorp nichts, oder vielmehr, er wußte nicht, daß Joachim davon
-wußte, denn er selbst, dieser Durchgänger, dies Sorgenkind des Lebens
-und der Pädagogik, er wußte nur zu gut davon. Mit einem Worte, Joachim
-war seinem Vetter auf gewisse Schliche gekommen, er hatte ihn
-unversehens bei einer Verräterei belauscht, ähnlich derjenigen, deren er
-sich am Faschingsdienstag schuldig gemacht, – einer neuen Treulosigkeit,
-verschärft durch den Umstand, an dem nicht zu zweifeln war, daß Hans
-Castorp sie dauernd verübte.
-
-Zum ewig eintönigen Rhythmus des Zeitablaufs, zur kurzweilig
-feststehenden Gliederung des Normaltages, der immer derselbe, der sich
-selbst zum Verwechseln und bis zur Verwirrung ähnlich war, identisch mit
-sich, die stehende Ewigkeit, so daß schwer zu begreifen war, wie er
-Veränderung zu zeitigen vermochte, – zur unverbrüchlichen Alltagsordnung
-also gehörte, wie jedermann sich erinnert, der Rundgang Dr. Krokowskis
-zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags durch alle Zimmer, das ist
-über alle Balkons, von Liegestuhl zu Liegestuhl. Wie oft hatte nicht der
-Berghof-Normaltag sich erneut, seit damals, als Hans Castorp in seiner
-horizontalen Lebenslage sich geärgert hatte, weil der Assistent einen
-Bogen um ihn beschrieb und ihn nicht in Betracht zog! Längst war aus dem
-Gaste von damals ein Kamerad geworden, – Dr. Krokowski redete ihn sogar
-häufig mit diesem Namen an bei seiner Kontrollvisite, und wenn das
-militärische Wort, dessen r-Laut er auf exotische Weise durch nur
-einmaliges Anschlagen der Zunge am vorderen Gaumen hervorbrachte, ihm
-auch scheußlich zu Gesichte stand, wie Hans Castorp gegen Joachim
-geurteilt hatte, so paßte es doch nicht schlecht zu seiner stämmigen,
-mannhaft heiteren und zu fröhlichem Vertrauen auffordernden Art, die
-freilich wiederum durch seine Schwarzbleichheit in gewisser Weise Lügen
-gestraft wurde, und der denn doch etwas Bedenkliches jederzeit
-anhaftete.
-
-„Nun, Kamerad, wie gehts, wie stehts!“ sagte Dr. Krokowski, indem er,
-vom russischen Barbarenpaare kommend, an das Kopfende von Hans Castorps
-Lager trat; und der so frischerweise Angeredete, die Hände auf der Brust
-gefaltet, lächelte täglich wieder gepeinigt-freundlich über die
-scheußliche Anrede, indem er des Doktors gelbe Zähne betrachtete, die
-sich in seinem schwarzen Barte zeigten. „Recht wohl geruht?“ fuhr Dr.
-Krokowski dann wohl fort. „Fallende Kurve? Steigende heut? Nun, hat
-nichts auf sich, kommt bis zur Hochzeit schon wieder in Ordnung. Ich
-grüße Sie.“ Und mit diesem Wort, das ebenfalls scheußlich klang, da er
-es wie „gdieße“ sprach, ging er schon weiter, zu Joachim hinüber – es
-handelte sich um einen Rundgang, einen kurzen Blick nach dem Rechten und
-um nichts weiter.
-
-Manchmal freilich auch verweilte Dr. Krokowski sich länger, plauderte,
-breitschultrig dastehend und immer mannhaft lächelnd, mit dem Kameraden
-über dies und jenes, über die Witterung, über Abreisen und Ankünfte,
-über des Patienten Stimmung, seine gute oder schlechte Laune, seine
-persönlichen Verhältnisse auch wohl, seine Herkunft und seine
-Aussichten, bis er „ich gdieße Sie“ sagte und weiterging; und Hans
-Castorp, die Hände zur Abwechslung hinter dem Kopf gefaltet, antwortete
-ihm, ebenfalls lächelnd, auf all das, – mit dem durchdringenden Gefühle
-der Scheußlichkeit, gewiß, aber er antwortete ihm. Sie plauderten
-gedämpft, – obgleich die gläserne Scheidewand die Loggien nicht völlig
-trennte, konnte Joachim die Unterhaltung nebenan nicht verstehen und
-machte übrigens auch nicht den leisesten Versuch dazu. Er hörte seinen
-Vetter sogar vom Liegestuhl aufstehen und mit Dr. Krokowski ins Zimmer
-gehen, vermutlich um ihm seine Fieberkurve zu zeigen; und dort setzte
-dann das Gespräch sich wohl noch eine längere Weile fort, der
-Verzögerung nach zu urteilen, womit der Assistent auf dem inneren Wege
-bei Joachim eintraf.
-
-Worüber plauderten die Kameraden? Joachim fragte nicht; aber sollte
-jemand aus unserer Mitte sich an ihm kein Beispiel nehmen und die Frage
-aufwerfen, so ist allgemein darauf hinzuweisen, wieviel Stoff und Anlaß
-zu geistigem Austausch vorhanden ist zwischen Männern und Kameraden,
-deren Grundanschauungen idealistisches Gepräge tragen, und von denen der
-eine auf seinem Bildungswege dazu gelangt ist, die Materie als den
-Sündenfall des Geistes, als eine schlimme Reizwucherung desselben
-aufzufassen, während der andere, als Arzt, den sekundären Charakter
-organischer Krankheit zu lehren gewohnt ist. Wie manches, meinen wir,
-ließ sich da nicht erörtern und austauschen über die Materie als
-unehrbare Ausartung des Immateriellen, über das Leben als Impudizität
-der Materie, über die Krankheit als unzüchtige Form des Lebens! Da
-konnte, unter Anlehnung an laufende Konferenzen, die Rede gehen von der
-Liebe als krankheitbildender Macht, vom übersinnlichen Wesen des
-Merkmals, über „alte“ und „frische“ Stellen, über lösliche Gifte und
-Liebestränke, über die Durchleuchtung des Unbewußten, den Segen der
-Seelenzergliederung, die Rückverwandlung des Symptoms – und was wissen
-_wir_, – von deren Seite dies alles nur Vorschläge und Vermutungen sind,
-wenn die Frage aufgeworfen wird, was Dr. Krokowski und der junge Hans
-Castorp miteinander zu plaudern hatten!
-
-Übrigens plauderten sie nicht mehr, das lag zurück, nur eine Weile,
-einige Wochen lang war es so gewesen; in letzter Zeit hielt Dr.
-Krokowski sich bei diesem Patienten wieder nicht länger auf als bei
-allen anderen, – „Nun, Kamerad?“ und „Ich gdieße Sie“, darauf
-beschränkte sich nun die Visite meistens wieder. Dafür hatte Joachim
-eine andere Entdeckung gemacht, eben die, die er als Verräterei von
-seiten Hans Castorps empfand, und gemacht hatte er sie völlig
-unwillkürlich, ohne in seiner militärischen Arglosigkeit im mindesten
-auf Späherwegen gegangen zu sein, das darf man glauben. Er war ganz
-einfach an einem Mittwoch aus der ersten Liegekur abgerufen worden,
-hinunterbeordert ins Souterrain, um sich vom Bademeister wiegen zu
-lassen, – und da sah er es also. Er kam die Treppe hinunter, die
-reinlich linoleumbelegte Treppe mit Aussicht auf die Tür zum
-Ordinationszimmer, zu dessen beiden Seiten die Durchleuchtungskabinette
-gelegen waren, links das organische und rechts um die Ecke das um eine
-Stufe vertiefte psychische, mit Dr. Krokowskis Besuchskarte an der Tür.
-Auf halber Höhe der Treppe aber blieb Joachim stehen, denn eben verließ
-Hans Castorp, von der Injektion kommend, das Ordinationszimmer. Mit
-beiden Händen schloß er die Tür, durch die er rasch getreten war, und
-wandte sich, ohne um sich zu blicken, nach rechts, gegen die Tür, an der
-die Karte auf Reißnägeln saß, und die er mit wenigen, lautlos
-vorwärtswiegenden Schritten erreichte. Er klopfte, neigte sich hin beim
-Klopfen und hielt das Ohr zu dem pochenden Finger. Und da des Bewohners
-baritonales „Herein!“ mit dem exotisch anschlagenden r-Laut und dem
-verzerrten Diphthong aus dem Gelasse erschollen war, sah Joachim seinen
-Vetter im Halbdunkel von Dr. Krokowskis analytischer Grube verschwinden.
-
-
- Noch jemand
-
-Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug auf die
-Anzahl ihrer Sonnenstunden; denn ihrer Kurzweiligkeit vermochte
-astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben, weder was jeden einzelnen
-betraf, noch ihre einförmige Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast
-drei Monate zurück, Sommersonnenwende war da. Aber das natürliche Jahr
-bei uns hier oben folgte dem Kalender zurückhaltend: erst jetzt, erst
-dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling noch ohne alle
-Sommerschwere, würzig, dünnluftig und leicht, mit silbrig strahlender
-Himmelsbläue und kindlich kunterbunter Wiesenblüte.
-
-Hans Castorp fand an den Hängen dieselben Blumen wieder, von denen
-Joachim freundlicherweise ihm einige letzte einst zur Begrüßung ins
-Zimmer gestellt: Schafsgarbe und Glockenblumen, – ein Zeichen für ihn,
-daß das Jahr in sich selber lief. Allein was hatte sich nun nicht alles
-aus dem jungen, smaragdenen Grase der Schrägen und Wiesengebreite des
-Grundes an organischem Leben als Stern, Kelch und Glocke oder von
-unregelmäßigerer Gestalt, die sonnige Luft mit trockener Würze
-erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen in
-ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten, Primeln in gelb und rot, viel
-schöner und größer, als Hans Castorp sie im Flachlande je erblickt zu
-haben meinte, soweit er dort unten darauf achtgegeben; dazu die
-nickenden Soldanellen mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und
-rosig, eine Spezialität dieser Sphäre.
-
-Er pflückte von all der Lieblichkeit, trug Sträuße heim, ernsten Sinnes
-und nicht sowohl zum Schmuck seines Zimmers, als zur streng
-wissenschaftlichen Bearbeitung, wie er es sich vorgesetzt. Einiges
-floristische Rüstzeug war angeschafft, ein Lehrbuch der allgemeinen
-Botanik, ein handlicher kleiner Spaten zum Ausheben der Pflanzen, ein
-Herbarium, eine kräftige Lupe; und damit wirtschaftete der junge Mann in
-seiner Loggia, – sommerlich gekleidet nun wieder, in einen der Anzüge,
-die er damals gleich mit sich heraufgebracht, – auch dies ein Merkmal
-der Jahresrundung.
-
-Frische Blumen standen in mehreren Wassergläsern auf den Möbelplatten
-des inneren Zimmers, auf dem Lampentischchen zur Seite seines
-vorzüglichen Liegestuhls. Blumen, halb welk, schon matt, aber noch in
-Saft, fanden sich lose auf der Balkonbrüstung, am Boden der Loggia
-verstreut, während andere, wohlausgebreitet, zwischen Löschpapierbogen,
-die ihre Feuchtigkeit tranken, der Presse von Steinen unterlagen, damit
-Hans Castorp die flachen Trockenpräparate mit gummierten Papierstreifen
-in sein Album kleben könnte. Er lag, die Knie hochgezogen, dazu noch
-eins über das andere geschlagen, und während der Rücken des offen
-umgelegten Leitfadens auf seiner Brust einen Dachfirst bildete, hielt er
-das dickgeschliffene Rund des Vergrößerungsglases zwischen seine
-einfachen blauen Augen und eine Blüte, deren Krone er teilweise mit dem
-Taschenmesser entfernt hatte, um besser den Fruchtboden studieren zu
-können, und die hinter der starken Linse zum abenteuerlich fleischigen
-Gebilde schwoll. Da schütteten die Staubbeutel, an der Spitze der
-Filamente, ihren gelben Pollen aus, vom Ovarium starrte der narbige
-Griffel, und legte man einen Schnitt durch ihn, so konnte man den zarten
-Kanal betrachten, durch den die Pollenkörner und -schläuche von
-zuckriger Ausscheidung in die Fruchtknotenhöhle geschwemmt wurden. Hans
-Castorp zählte, prüfte und verglich; er untersuchte Bau und Stellung der
-Kelch- und Blumenblätter wie der männlichen und weiblichen
-Geschlechtsorgane, beaufsichtigte die Übereinstimmung dessen, was er
-sah, mit schematischen und natürlichen Abbildungen, stellte die
-wissenschaftliche Richtigkeit in dem Bau ihm bekannter Pflanzen mit
-Befriedigung fest und ging dazu über, solche, die er nicht zu nennen
-gewußt hätte, an der Hand des Linné nach Abteilung, Gruppe, Ordnung,
-Art, Familie und Gattung zu bestimmen. Da er viel Zeit hatte, gelangen
-ihm einige Fortschritte in botanischer Systematik auf Grund
-vergleichender Morphologie. Unter die getrocknete Pflanze ins Herbarium
-schrieb er kalligraphisch den lateinischen Namen, den die humanistische
-Wissenschaft ihr galanterweise beigelegt, schrieb ihre kennzeichnenden
-Eigenschaften dazu und zeigte es dem guten Joachim, der sich wunderte.
-
-Am Abend betrachtete er die Gestirne. Ein Interesse für das in sich
-laufende Jahr hatte ihn überkommen, – der doch schon einige zwanzig
-Sonnenumläufe auf Erden verbracht und sich noch niemals um dergleichen
-gekümmert hatte. Wenn wir selbst uns unwillkürlich in Ausdrücken wie
-„Frühlings-Nachtgleiche“ bewegten, so geschah es in seinem Geist und
-schon in Hinsicht auf Gegenwärtiges. Denn dieser Art waren die Termini,
-die er neuerdings um sich zu streuen liebte, und auch durch hier
-einschlagende Kenntnisse setzte er seinen Vetter in Erstaunen.
-
-„Jetzt ist die Sonne nahe daran, ins Zeichen des Krebses zu treten,“
-mochte er auf einem Spaziergang beginnen, „bist du dir darüber im
-Klaren? Das ist das erste Sommerzeichen des Tierkreises, verstehst du?
-Es geht nun über den Löwen und die Jungfrau auf den Herbstpunkt zu, den
-einen Äquinoktialpunkt, gegen Ende September, wenn wieder der Sonnenort
-auf den Himmelsäquator fällt, wie neulich im März, als die Sonne in den
-Widderpunkt trat.“
-
-„Das ist mir entgangen“, sagte Joachim mürrisch. „Was redest denn du dir
-da so geläufig zusammen? Widderpunkt? Tierkreis?“
-
-„Allerdings, der Tierkreis; _zodiacus_. Die uralten Himmelszeichen, –
-Skorpion, Schütze, Steinbock, _aquarius_ und wie sie heißen, wie soll
-man sich dafür nicht interessieren! Es sind zwölf, das wirst du
-wenigstens wissen, drei für jede Jahreszeit, die aufsteigenden und die
-niedersteigenden, der Kreis der Sternbilder, durch die die Sonne
-wandert, – großartig meiner Ansicht nach! Stelle dir vor, daß man sie in
-einem ägyptischen Tempel als Deckenbild gefunden hat, – einem Tempel der
-Aphrodite noch dazu, nicht weit von Theben. Die Chaldäer kannten sie
-auch schon, – die Chaldäer, ich bitte dich, dies alte Zauberervolk,
-arabisch-semitisch, hochgelehrt in Astrologie und Wahrsagerei. Die haben
-auch schon den Himmelsgürtel studiert, in dem die Planeten laufen, und
-ihn in die zwölf Sternbildzeichen eingeteilt, die Dodekatemoria, wie sie
-auf uns gekommen sind. Das ist großartig. Es ist die Menschheit!“
-
-„Nun sagst du ‚Menschheit‘, wie Settembrini.“
-
-„Ja, wie er, oder etwas anders. Man muß sie nehmen, wie sie ist, aber
-großartig ist es schon damit. Ich denke viel mit Sympathie an die
-Chaldäer, wenn ich so liege und den Planeten zusehe, die sie auch schon
-kannten, denn alle kannten sie nicht, so gescheit sie waren. Aber die
-sie nicht kannten, kann ich auch nicht sehen, Uranus ist ja erst neulich
-mit dem Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren.“
-
-„Neulich?“
-
-„Das nenne ich ‚neulich‘, wenn du erlaubst, im Vergleich mit den
-dreitausend Jahren bis damals. Aber wenn ich so liege und mir die
-Planeten besehe, dann werden die dreitausend Jahre auch zu ‚neulich‘,
-und ich denke intim an die Chaldäer, die sie auch sahen und sich ihren
-Vers darauf machten, und das ist die Menschheit.“
-
-„Na, gut; du hast ja großzügige Entwürfe in deinem Kopf.“
-
-„Du sagst ‚großzügig‘, und ich sage ‚intim‘, – wie man es nun nennen
-will. Aber wenn nun also die Sonne in die Wage tritt, in zirka drei
-Monaten, dann haben die Tage wieder so weit abgenommen, daß Tag und
-Nacht gleich sind, und dann nehmen sie weiter ab bis gegen Weihnachten,
-das ist dir bekannt. Willst du aber, bitte, bedenken, daß, während die
-Sonne durch die Winterzeichen geht, den Steinbock, den Wassermann und
-die Fische, die Tage schon wieder zunehmen! Denn dann kommt neuerdings
-der Frühlingspunkt, zum dreitausendstenmal seit den Chaldäern, und die
-Tage wachsen weiter bis übers Jahr, wenn wieder Sommersanfang ist.“
-
-„Selbstverständlich.“
-
-„Nein, das ist eine Eulenspiegelei! Im Winter wachsen die Tage, und wenn
-der längste kommt, 21. Juni, Sommersanfang, dann geht es schon wieder
-bergab, sie werden schon wieder kürzer, und es geht gegen den Winter. Du
-nennst das selbstverständlich, aber wenn man einmal davon absieht, daß
-es selbstverständlich ist, dann kann einem angst und bange werden,
-momentweise, und man möchte krampfhaft nach etwas greifen. Es ist, als
-ob Eulenspiegel es so eingerichtet hätte, daß zu Wintersanfang
-eigentlich der Frühling beginnt und zu Sommersanfang eigentlich der
-Herbst ... Man wird ja an der Nase herumgezogen, im Kreise herumgelockt
-mit der Aussicht auf etwas, was schon wieder Wendepunkt ist ...
-Wendepunkt im Kreise. Denn das sind lauter ausdehnungslose Wendepunkte,
-woraus der Kreis besteht, die Biegung ist unmeßbar, es gibt keine
-Richtungsdauer, und die Ewigkeit ist nicht ‚geradeaus, geradeaus‘,
-sondern ‚Karussell, Karussell‘.“
-
-„Hör’ auf!“
-
-„Sonnwendfeier!“ sagte Hans Castorp, „Sommersonnenwende! Bergfeuer und
-Ringelreihn rund um die lodernde Flamme herum mit angefaßten Händen! Ich
-habe es nie gesehen, aber ich höre, so wird es gemacht von urwüchsigen
-Menschen, so feiern sie die erste Sommernacht, mit der der Herbst
-beginnt, die Mittagsstunde und Scheitelhöhe des Jahres, von wo es
-abwärts geht, – sie tanzen und drehen sich und jauchzen. Worüber
-jauchzen sie in ihrer Urwüchsigkeit, – kannst du dir das begreiflich
-machen? Worüber sind sie so ausgelassen lustig? Weil es nun abwärts geht
-ins Dunkel, oder vielleicht, weil es bisher aufwärts ging und nun die
-Wende gekommen ist, der unhaltbare Wendepunkt, Mittsommernacht, die
-volle Höhe, mit Wehmut im Übermut? Ich sage es, wie es ist, mit den
-Worten, die mir dafür einfallen. Es ist melancholischer Übermut und
-übermütige Melancholie, weshalb die Urwüchsigen jauchzen und um die
-Flamme tanzen, sie tun es aus positiver Verzweiflung, wenn du so sagen
-willst, zu Ehren der Eulenspiegelei des Kreises und der Ewigkeit ohne
-Richtungsdauer, in der alles wiederkehrt.“
-
-„Ich will nicht so sagen,“ murmelte Joachim, „bitte, schiebe es nicht
-auf mich. Es sind ja weitläufige Dinge, mit denen du dich beschäftigst
-des Abends, wenn du liegst.“
-
-„Ja, ich will nicht leugnen, daß du dich nützlicher beschäftigst mit
-deiner russischen Grammatik. Du mußt die Sprache nächstens ja fließend
-beherrschen, Mensch, natürlich ein großer Vorteil für dich, wenn es
-Krieg gibt, was Gott verhüte.“
-
-„Verhüte? Du sprichst wie ein Zivilist. Krieg ist notwendig. Ohne Kriege
-würde bald die Welt verfaulen, hat Moltke gesagt.“
-
-„Ja, dazu hat sie wohl eine Neigung. Und so viel kann ich dir zugeben“,
-setzte Hans Castorp an und wollte eben auf die Chaldäer zurückkommen,
-die ebenfalls Krieg geführt und Babylonien erobert hätten, obgleich sie
-Semiten und also beinahe Juden gewesen seien, – als beide gleichzeitig
-gewahr wurden, daß zwei Herren, die dicht vor ihnen gingen, die Köpfe
-nach ihnen wandten, aufmerksam gemacht durch ihre Reden, gestört in
-eigener Unterhaltung.
-
-Es war auf der Hauptstraße, zwischen dem Kurhaus und dem Hotel
-Belvedere, auf dem Rückweg nach Davos-Dorf. Das Tal lag im Festkleide,
-in zarten, lichten und frohen Farben. Die Luft war köstlich. Eine
-Sinfonie von heiteren Wiesenblumendüften erfüllte die reine, trockene,
-klar durchsonnte Atmosphäre.
-
-Sie erkannten Lodovico Settembrini zur Seite eines Fremden; doch schien
-es, als erkenne er seinerseits sie nicht oder als wünsche er kein
-Zusammentreffen, denn er wandte rasch den Kopf wieder ab und vertiefte
-sich gestikulierend in die Unterhaltung mit seinem Begleiter, wobei er
-sogar rascher vorwärts zu kommen suchte. Als freilich die Vettern,
-rechts neben ihm, durch heitere Verbeugung grüßten, stellte er sich
-wunder wie angenehm überrascht, mit „Sapristi!“ und „Teufel noch
-einmal!“, wollte aber nun wieder zurückhalten, die beiden vorüber- und
-vorangehen lassen, was sie jedoch nicht verstanden, das heißt: nicht
-bemerkten, weil sie keine Vernunft darin sahen. Ehrlich erfreut
-vielmehr, ihm nach längerer Trennung wieder zu begegnen, hielten sie
-sich bei ihm und schüttelten ihm die Hand, indem sie nach seinem Ergehen
-fragten und in höflicher Erwartung dabei zu seinem Gefährten
-hinüberblickten. So zwangen sie ihn, zu tun, was er offenbar lieber
-nicht getan hätte, was aber ihnen als die natürlichste und zu
-gewärtigendste Sache von der Welt erschien: nämlich sie mit jenem
-bekannt zu machen, – was denn also im Gehen und halben Stehenbleiben
-derart geschah, daß Settembrini, vor sich, mit verbindenden
-Handbewegungen und lustigen Reden die Herren miteinander in Beziehung
-setzte, sie vor seiner Brust sich die Hände reichen ließ.
-
-Es stellte sich heraus, daß der Fremde, der Settembrinis Jahre haben
-mochte, dessen Hausgenosse war: der andere Aftermieter Lukačeks, des
-Damenschneiders, Naphta mit Namen, soviel die jungen Leute verstanden.
-Er war ein kleiner, magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man
-möchte sagen: ätzender Häßlichkeit, daß die Vettern sich geradezu
-wunderten. Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, die sein Gesicht
-beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, die dickgeschliffenen
-Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille, die er vor seinen
-hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen, das er bewahrte, und
-dem zu entnehmen war, daß seine Rede scharf und folgerecht sein werde.
-Er war barhaupt, wie es sich gehörte, und im bloßen Anzug, – sehr
-wohlgekleidet dabei: sein dunkelblauer Flanellanzug mit weißen Streifen
-zeigte guten, gehalten modischen Schnitt, wie der weltkindlich prüfende
-Blick der Vettern feststellte, die übrigens einem ebensolchen, nur
-rascheren und schärferen, an ihren Personen hinabgleitenden Blick von
-seiner, des kleinen Naphta Seite, begegneten. Hätte Lodovico Settembrini
-seinen faserigen Flaus und seine gewürfelten Hosen nicht mit so viel
-Anmut und Würde zu tragen gewußt, – seine Erscheinung hätte
-unvorteilhaft abstechen müssen von der feinen Gesellschaft. Sie tat es
-jedoch um so weniger, als die Gewürfelten frisch aufgebügelt waren, so
-daß man sie auf den ersten Blick fast für neu hätte halten können, – ein
-Werk seines Quartiergebers zweifellos, nach beiläufiger Überlegung der
-jungen Leute. Wenn aber der häßliche Naphta nach der Güte und
-Weltlichkeit seiner Kleidung den Vettern näher stand als seinem
-Hausgenossen, so ordneten doch nicht allein seine vorgerückteren Jahre
-ihn mit diesem gegen die Jünglinge zusammen, sondern entschieden noch
-etwas anderes, was sich am bequemsten auf die Gesichtsfarbe der beiden
-Paare zurückführen ließ, nämlich darauf, daß die einen braun und
-rotgebrannt, die anderen aber bleich waren: Joachims Gesicht war im
-Laufe des Winters noch bronzefarbener nachgedunkelt, und dasjenige Hans
-Castorps glühte rosenrot unter seinem blonden Scheitel; aber Herrn
-Settembrinis welscher Blässe, die gar edel zu seinem schwarzen
-Schnurrbart stand, hatte die Strahlung nichts anzuhaben vermocht, und
-sein Genosse, obgleich blonden Haares – es war übrigens aschblond,
-metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden Stirn über
-den ganzen Kopf zurückgestrichen –, zeigte gleichfalls die mattweiße
-Gesichtshaut brünetter Rassen. Zwei von den vieren trugen Spazierstöcke,
-nämlich Hans Castorp und Settembrini; denn Joachim ging aus
-militärischen Gründen ohne einen solchen, und Naphta legte nach
-erfolgter Vorstellung sogleich wieder die Hände auf dem Rücken zusammen.
-Sie waren klein und zart, wie auch seine Füße sehr zierlich waren,
-übrigens seiner Figur entsprechend. Daß er erkältet wirkte und auf eine
-gewisse schwächliche und unförderliche Art hustete, fiel nicht auf.
-
-Jenen Anflug von Betroffenheit oder Verstimmung beim Gewahrwerden der
-jungen Leute hatte Settembrini sofort mit Eleganz überwunden. Er zeigte
-sich in der besten Laune und machte die drei unter Scherzreden bekannt,
-– zum Beispiel bezeichnete er Naphta als „_Princeps scholasticorum_“.
-Die Fröhlichkeit, sagte er, „halte glanzvoll Hof im Saale seiner Brust“,
-wie Aretino sich ausgedrückt habe, und das sei des Frühlings Verdienst,
-eines Frühlings, den er sich lobe. Die Herren wüßten, daß er gegen die
-Welt hier oben manches auf dem Herzen habe, sooft er es sich bereits
-davon heruntergeredet. Ehre jedoch dem Hochgebirgsfrühling! –
-vorübergehend vermöge er ihn mit allen Greueln dieser Sphäre zu
-versöhnen. Da fehle alles Verwirrende und Aufreizende des Frühlings der
-Ebene. Kein Gebrodel in der Tiefe! Keine feuchten Düfte, kein schwüler
-Dunst! Sondern Klarheit, Trockenheit, Heiterkeit und herbe Anmut. Es sei
-nach seinem Herzen, es sei süperb!
-
-Sie gingen in unregelmäßiger Reihe, nebeneinander alle vier, so weit es
-möglich war, aber bald, wenn Entgegenkommende vorbeigingen, mußte
-Settembrini, der den rechten Flügel hielt, auf die Fahrstraße treten,
-bald löste ihre Front durch das Zurückbleiben und Einlenken einzelner
-Glieder, Naphtas etwa, linkerseits, oder Hans Castorps, der den Platz
-zwischen dem Humanisten und Vetter Joachim hatte, sich vorübergehend
-auf. Naphta lachte kurz, mit einer vom Schnupfen sordinierten Stimme,
-die beim Sprechen an den Klang eines gesprungenen Tellers erinnerte, an
-den man mit dem Knöchel klopft. Indem er mit dem Kopf seitlich zu dem
-Italiener hinüberwies, sagte er mit schleppendem Akzent:
-
-„Man höre den Voltairianer, den Rationalisten. Er lobt die Natur, weil
-sie uns auch bei fertilster Gelegenheit nicht mit mystischen Dämpfen
-verwirrt, sondern klassische Trockenheit wahrt. Wie hieß doch die
-Feuchtigkeit auf lateinisch?“
-
-„Der Humor,“ rief Settembrini über die linke Schulter, „der Humor in der
-Naturbetrachtung unseres Professors besteht darin, daß er, wie die
-heilige Katharina von Siena, an die Wunden Christi denkt, wenn er rote
-Primeln sieht.“
-
-Naphta erwiderte:
-
-„Das wäre eher witzig als humoristisch. Aber es hieße immerhin Geist in
-die Natur tragen. Sie hat es nötig.“
-
-„Die Natur,“ sagte Settembrini mit gesenkter Stimme und nicht mehr
-völlig über die Schulter hinweg, sondern nur noch an ihr hinunter, „hat
-Ihren Geist durchaus nicht nötig. Sie ist selber Geist.“
-
-„Sie langweilen sich nicht mit Ihrem Monismus?“
-
-„Ah, Sie geben also zu, daß es Vergnügungssucht ist, wenn Sie die Welt
-feindlich entzweien, Gott und Natur auseinanderreißen!“
-
-„Es interessiert mich, daß Sie Vergnügungssucht nennen, was ich im Sinne
-habe, wenn ich Passion und Geist sage.“
-
-„Zu denken, daß Sie, der so große Worte für so frivole Bedürfnisse
-setzt, mich manchmal einen Redner nennen!“
-
-„Sie bleiben dabei, daß Geist Frivolität bedeutet. Aber er kann nichts
-dafür, daß er von Hause aus dualistisch ist. Der Dualismus, die
-Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche, das
-dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt feindlich gespalten
-sehen, das ist Geist. Aller Monismus ist langweilig. _Solet Aristoteles
-quaerere pugnam._“
-
-„Aristoteles? Aristoteles hat die Wirklichkeit der allgemeinen Ideen in
-die Individuen verlegt. Das ist Pantheismus.“
-
-„Falsch. Geben Sie den Individuen substantiellen Charakter, denken Sie
-das Wesen der Dinge aus dem Allgemeinen fort in die Einzelerscheinung,
-wie Thomas und Bonaventura es als Aristoteliker taten, so haben Sie die
-Welt aus jeder Einheit mit der höchsten Idee gelöst, sie ist
-außergöttlich und Gott transzendent. Das ist klassisches Mittelalter,
-mein Herr.“
-
-„Klassisches Mittelalter ist eine köstliche Wortverbindung!“
-
-„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich lasse den Begriff des Klassischen
-statthaben, wo er am Platze ist, das heißt, wo immer eine Idee auf ihren
-Gipfel kommt. Die Antike war nicht immer klassisch. Ich stelle eine
-Abneigung gegen die ... Freizügigkeit der Kategorien bei Ihnen fest,
-gegen das Absolute. Sie wollen auch nicht den absoluten Geist. Sie
-wollen, der Geist, das sei der demokratische Fortschritt.“
-
-„Ich hoffe uns einig in der Überzeugung, daß der Geist, so absolut er
-sei, niemals den Anwalt der Reaktion wird machen können.“
-
-„Er ist jedoch immer der Anwalt der Freiheit!“
-
-„Jedoch? Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe, nicht Nihilismus und
-Bosheit.“
-
-„Wovor Sie offenbar Angst haben.“
-
-Settembrini warf den Arm über den Kopf. Das Geplänkel brach ab. Joachim
-blickte verwundert von einem zum andern, während Hans Castorp mit
-hochgezogenen Brauen auf seinen Weg niedersah. Naphta hatte scharf und
-apodiktisch gesprochen, wiewohl er es gewesen war, der die weitere
-Freiheit verfochten hatte. Besonders seine Art, mit „Falsch!“ zu
-widersprechen, bei dem „sch“-Laut die Lippen vorzuschieben und dann den
-Mund zu verkneifen, war unangenehm. Settembrini hatte ihm teils auf
-heiterere Weise Widerpart gehalten, teils auch eine schöne Wärme in
-seine Worte gelegt, etwa dort, wo er zur Einigkeit in gewissen
-Grundgesinnungen gemahnt hatte. Jetzt, während Naphta schwieg, begann
-er, den Vettern die Existenz des ihnen Fremden zu erläutern, womit er
-dem Bedürfnis nach Aufklärung entgegenkam, das er nach seinem
-Wortwechsel mit Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen,
-ohne sich darum zu kümmern. Er sei Professor der alten Sprachen in den
-obersten Klassen des Fridericianums, erklärte Settembrini, indem er den
-Stand des Vorzustellenden nach italienischer Art möglichst pomphaft
-herausstrich. Sein Schicksal sei dem seinen, Settembrinis eigenem,
-gleich. Durch seinen Gesundheitszustand vor fünf Jahren heraufgeführt,
-habe er sich überzeugen müssen, daß er des Aufenthaltes für lange Frist
-bedürftig sei, habe sein Sanatorium verlassen und sich privat-ansässig
-gemacht, bei Lukaček, dem Damenschneider. Des hervorragenden Latinisten,
-Zöglings einer Ordensschule, wie er sich etwas unbestimmt ausdrückte,
-habe sich klugerweise die höhere Lehranstalt des Ortes als eines
-Dozenten versichert, der ihr zur Zierde gereiche ... Kurz, Settembrini
-erhob den häßlichen Naphta nicht wenig, obgleich er doch eben noch etwas
-wie einen abstrakten Streit mit ihm gehabt, und obgleich dieser
-streitähnliche Wortwechsel sich sogleich fortsetzen sollte.
-
-Settembrini ging nämlich jetzt dazu über, Herrn Naphta Erläuterungen
-über die Vettern zu geben, wobei sich übrigens zeigte, daß er ihm schon
-früher von ihnen erzählt hatte. Dies sei also der junge Ingenieur mit
-den drei Wochen, bei dem Hofrat Behrens eine feuchte Stelle gefunden
-habe, sagte er, und dies hier jene Hoffnung der preußischen
-Heeresorganisation, Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims
-Gemütsempörung und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur
-zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht dieselbe Ungeduld
-zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren.
-
-Naphta verzog das Gesicht. Er sagte:
-
-„Die Herren haben da einen beredten Vormund. Ich hüte mich, zu
-bezweifeln, daß er Ihre Gedanken und Wünsche zutreffend verdolmetscht.
-Arbeit, Arbeit –, ich bitte, gleich wird er mich einen Feind der
-Menschheit schelten, einen _inimicus humanae naturae_, wenn ich es wage,
-an Zeiten zu erinnern, wo er mit dieser Fanfare den gewohnten Effekt
-durchaus nicht erzielt hätte, nämlich an Zeiten, wo das Gegenteil seines
-Ideals in unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux
-etwa lehrte eine andere Stufenfolge der Vollkommenheit, als Herr
-Lodovico sie sich je hat träumen lassen. Wollen Sie wissen, welche? Sein
-unterster Stand befindet sich in der ‚Mühle‘, der zweite auf dem
-‚Acker‘, der dritte und lobenswerteste aber – hören Sie nicht zu,
-Settembrini –, ‚auf dem Ruhebett‘. Die Mühle, das ist das Sinnbild des
-Weltlebens, – nicht schlecht gewählt. Der Acker bedeutet die Seele des
-weltlichen Menschen, darauf der Prediger und geistliche Lehrer wirkt.
-Diese Stufe ist schon würdiger. Auf dem Bette aber –“
-
-„Genug! Wir wissen!“ rief Settembrini. „Meine Herren, jetzt wird er
-Ihnen Zweck und Gebrauch des Lotterbettes vor Augen führen!“
-
-„Ich wußte nicht, daß Sie prüde sind, Lodovico. Wenn man Sie den Mädchen
-zuzwinkern sieht ... Wo bleibt die heidnische Unbefangenheit? Das Bett
-also ist der Ort der Beiwohnung des Minnenden mit dem Gemeinten und als
-Symbolum die beschauliche Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum
-Zwecke der Beiwohnung mit Gott.“
-
-„Puh! _Andate, andate!_“ wehrte der Italiener fast weinend ab. Man
-lachte. Dann aber fuhr Settembrini mit Würde fort:
-
-„Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung da ist reiner
-Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. Lao-Tse lehrte, daß
-Nichtstun förderlicher sei, als jedes Ding zwischen Himmel und Erde.
-Wenn alle Menschen aufgehört haben würden, zu tun, werde vollkommene
-Ruhe und Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre
-Beiwohnung.“
-
-„Was Sie nicht sagen. Und die abendländische Mystik? Und der Quietismus,
-der Fénelon zu den Seinen zählen darf, und der lehrte, daß jedes Handeln
-fehlerhaft sei, da tätig sein zu wollen, Gott beleidigen heiße, der
-allein handeln wolle? Ich zitiere die Propositionen von Molinos. Es
-scheint doch, daß die geistige Möglichkeit, das Heil in der Ruhe zu
-finden, allgemeine menschliche Verbreitung besitzt.“
-
-Hier griff Hans Castorp ein. Mit dem Mut der Einfalt mischte er sich ins
-Gespräch und äußerte ins Leere blickend:
-
-„Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es läßt sich
-hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, wir hier oben, das
-kann man sagen. Fünftausend Fuß hoch liegen wir auf unseren Stühlen, die
-auffallend bequem sind, und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und
-machen uns unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die
-Wahrheit sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl,
-verstehen Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und mich auf
-mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande all die Jahre her,
-das ist nicht zu leugnen.“
-
-Settembrini sah ihn mit traurig schimmernden schwarzen Augen an.
-„Ingenieur,“ sagte er gepreßt, „Ingenieur!“ Und er nahm Hans Castorp am
-Arm und hielt ihn ein wenig zurück, gleichsam um hinter dem Rücken der
-anderen privatim auf ihn einzureden.
-
-„Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß man wissen sollte, was man ist, und
-denken, wie es einem zukommt! Sache des Abendländers, trotz aller
-Propositionen, ist die Vernunft, die Analyse, die Tat und der
-Fortschritt, – nicht das Faulbett des Mönches!“
-
-Naphta hatte zugehört. Er sprach nach hinten:
-
-„Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des europäischen Bodens!
-Man dankt ihnen, daß Deutschland, Frankreich und Italien nicht mit
-Wildwald und Ursümpfen bedeckt sind, sondern uns Korn, Obst und Wein
-bescheren! Die Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet ...“
-
-„_Ebbè_, nun also!“
-
-„Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, das heißt:
-Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, die Welt zu fördern oder
-geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie war reine asketische Übung,
-Bestandteil der Bußdisziplin, Heilsmittel. Sie gewährte Schutz gegen das
-Fleisch, diente der Abtötung der Sinnlichkeit. Sie trug also – erlauben
-Sie mir, das festzustellen – völlig unsozialen Charakter. Sie war
-ungetrübtester religiöser Egoismus.“
-
-„Ich bin Ihnen für die Aufklärung sehr verbunden und freue mich, den
-Segen der Arbeit auch gegen den Willen des Menschen sich bewähren zu
-sehen.“
-
-„Ja, gegen seine Absicht. Wir bemerken da nichts Geringeres, als den
-Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem Humanen.“
-
-„Ich bemerke vor allem mit Unmut, daß Sie schon wieder Weltentzweiung
-treiben.“
-
-„Ich bedauere, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben, aber man muß die
-Dinge scheiden und ordnen und die Idee des _Homo Dei_ von unreinen
-Bestandteilen freihalten. Ihr Italiener habt das Wechslergeschäft und
-die Banken erfunden; das verzeih’ euch Gott. Aber die Engländer erfanden
-die ökonomistische Gesellschaftslehre, und das wird der Genius des
-Menschen ihnen niemals verzeihen.“
-
-„Ah, der Genius der Menschheit war auch in den großen ökonomischen
-Denkern jener Inseln lebendig! – Sie wollten sprechen, Ingenieur?“
-
-Das leugnete Hans Castorp, sagte aber dennoch – und Naphta sowohl wie
-Settembrini hörten ihm mit einer gewissen Spannung zu:
-
-„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen haben, Herr
-Naphta, und einverstanden sein mit seiner Ungeduld, ihn zu ergreifen ...
-Ich bin ja Zivilist durch und durch, mein Vetter macht es mir öfters zum
-Vorwurf. Ich habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind
-des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich sehr gut
-auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie meinen Vetter, ich
-habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber wenn ich von meinen
-persönlichen Neigungen mal absehe – und vielleicht brauch’ ich, genau
-genommen, gar nicht so ganz davon abzusehen –, so habe ich eine Menge
-Verständnis und Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine
-verteufelt ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie
-wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie zu
-gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit dem Tode zu tun zu
-bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch der geistliche Stand es zu tun
-hat, – womit denn sonst. Daher hat der Soldatenstand die _bienséance_
-und die Rangordnung und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so
-sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen
-Uniformkragen trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf
-dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend
-sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Ihnen meinen
-Gedankengang ...“
-
-„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini hinüber,
-der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete.
-
-„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die Neigungen meines
-Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein müßten, nach allem, was Sie
-sagen. Ich denke da nicht an ‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen,
-womit manche Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß
-wohlgesinnte Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen.
-Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes, das heißt
-der Dienst – in diesem Falle spricht man von Dienst – absolut nicht um
-geschäftlicher Vorteile willen geschieht und zur ‚ökonomischen
-Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten, gar keine Beziehungen hat, weshalb
-denn auch die Engländer nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien
-und ein paar zu Hause für die Parade ...“
-
-„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach ihn
-Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne unserm
-Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel, denn sie
-ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt, der Grundtypus des
-Soldaten ist der Landsknecht, der sich für diese oder auch jene Sache
-anwerben ließ, – kurzum, es gab den Soldaten der spanischen
-Gegenreformation, den Soldaten der Revolutionsheere, den napoleonischen,
-den Garibaldis, es gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den
-Soldaten reden, wenn ich weiß, _wofür_ er sich schlägt!“
-
-„_Daß_ er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin eine
-greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das gut sein. Es
-ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand in Ihrem Sinne
-‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt ihn in eine Sphäre,
-worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder Einblick verwehrt ist.“
-
-„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“ entgegnete Herr
-Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen, während seine Mundwinkel
-unter dem geschwungenen Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und
-sein Hals sich auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem
-Kragen herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für die
-Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen
-Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen Form
-einzutreten.“
-
-Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen vor sich hin.
-Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der Kopf und Hals wieder in
-natürliche Stellung gebracht hatte:
-
-„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken uns oft,
-aber es geschieht in aller Freundschaft und auf Grund manchen
-Einverständnisses.“
-
-Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini. Aber
-Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das Gespräch harmlos
-fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als stünde er unter irgendeinem
-Druck und Zwang, und gleichsam gegen seinen Willen:
-
-„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich, vorhin, als wir
-hinter Ihnen gingen.“
-
-„Das hörte ich“, antwortete Naphta. „Ich fing das Wort auf und sah mich
-um. Politisierten Sie? Erörterten Sie die Weltlage?“
-
-„Oh, nein“, lachte Hans Castorp. „Wie sollten wir dazu wohl kommen! Für
-meinen Vetter hier wäre es von Berufs wegen geradezu unpassend, sich um
-Politik zu kümmern, und ich verzichte freiwillig darauf, verstehe
-garnichts davon. Seit ich hier bin, habe ich noch nicht einmal eine
-Zeitung in der Hand gehabt ...“
-
-Settembrini fand das, wie früher schon einmal, tadelnswert. Er zeigte
-sich sofort aufs beste unterrichtet über die großen Verhältnisse und
-beurteilte sie beifällig insofern, als die Dinge einen der Zivilisation
-günstigen Verlauf nähmen. Die europäische Gesamtatmosphäre sei von
-Friedensgedanken, von Abrüstungsplänen erfüllt. Die demokratische Idee
-marschiere. Er erklärte, vertrauliche Informationen zu besitzen,
-dahingehend, das Jungtürkentum beende soeben seine Vorbereitungen zu
-grundstürzenden Unternehmungen. Die Türkei als National- und
-Verfassungsstaat, – welch ein Triumph der Menschlichkeit!
-
-„Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta. „Vorzüglich. Der
-aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut. Übrigens geht das Sie an“, wandte er
-sich an Joachim. „Wenn Abdul Hamid fällt, ist es mit Ihrem Einfluß in
-der Türkei zu Ende, und England wirft sich zum Protektor auf ... Sie
-müssen die Verbindungen und Informationen unseres Settembrini durchaus
-ernst nehmen“, sagte er zu beiden Vettern, und auch dies klang
-impertinent, da er sie für geneigt zu halten schien, Herrn Settembrini
-nicht ernst zu nehmen. „In national-revolutionären Dingen weiß er
-Bescheid. Bei ihm zu Hause unterhält man gute Beziehungen zum englischen
-Balkankomitee. Was wird aber aus den Abmachungen von Reval, Lodovico,
-wenn Ihre Fortschrittstürken Glück haben? Eduard der Siebente wird den
-Russen die Öffnung der Dardanellen nicht mehr zugestehen können, und
-wenn Österreich sich trotzdem zu einer aktiven Balkanpolitik aufrafft,
-so ...“
-
-„Mit Ihrer Katastrophenprophetie!“ wehrte Settembrini ab. „Nikolaus
-liebt den Frieden. Man verdankt ihm die Konferenzen im Haag, die
-moralische Tatsachen ersten Ranges bleiben.“
-
-„Ei, Rußland mußte sich nach seinem kleinen Mißgeschick im Osten noch
-etwas Erholung gönnen!“
-
-„Pfui, mein Herr. Sie sollten die Sehnsucht der Menschheit nach ihrer
-gesellschaftlichen Vervollkommnung nicht verhöhnen. Das Volk, das solche
-Bestrebungen durchkreuzt, wird sich unzweifelhaft der moralischen
-Ächtung aussetzen.“
-
-„Wozu wäre die Politik auch da, als einander Gelegenheit zu geben, sich
-moralisch zu kompromittieren!“
-
-„Sie huldigen dem Pangermanismus?“
-
-Naphta zuckte die Schultern, die nicht ganz gleichmäßig standen. Er war
-wohl eigentlich etwas schief, zu seiner sonstigen Häßlichkeit. Er
-verschmähte es, zu antworten. Settembrini urteilte:
-
-„Jedenfalls ist es zynisch, was Sie da sagen. In den hochherzigen
-Anstrengungen der Demokratie, sich international durchzusetzen, wollen
-Sie nichts erblicken, als politische List ...“
-
-„Sie verlangen wohl, daß ich Idealismus oder gar Religiosität darin
-erblicke? Es handelt sich um letzte, schwächliche Regungen des Restes
-von Selbsterhaltungsinstinkt, über den ein verurteiltes Weltsystem noch
-verfügt. Die Katastrophe soll und muß kommen, sie kommt auf allen Wegen
-und auf alle Weise. Nehmen Sie die britische Staatskunst. Englands
-Bedürfnis, das indische Glacis zu sichern, ist legitim. Aber die Folgen?
-Eduard weiß so gut wie Sie und ich, daß die Machthaber von Petersburg
-die mandschurische Scharte auswetzen müssen und die Ableitung der
-Revolution so notwendig brauchen wie das liebe Brot. Trotzdem lenkt er –
-er muß es wohl! – den russischen Ausdehnungsdrang nach Europa, weckt
-eingeschlummerte Rivalitäten zwischen Petersburg und Wien –“
-
-„Ach, Wien! Sie sorgen sich um dieses Welthindernis, vermutlich, weil
-Sie in dem morschen Imperium, dessen Haupt es ist, die Mumie des
-Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erkennen!“
-
-„Und Sie finde ich russophil, vermutlich aus humanistischer Sympathie
-mit dem Cäsaro-Papismus.“
-
-„Mein Herr, die Demokratie hat selbst vom Kreml mehr zu hoffen, als von
-der Hofburg, und es ist eine Schande für das Land Luthers und Gutenbergs
-–“
-
-„Es ist außerdem wahrscheinlich eine Dummheit. Aber auch diese Dummheit
-ist ein Werkzeug der Fatalität –“
-
-„Ach, gehen Sie mir mit der Fatalität! Die menschliche Vernunft braucht
-sich nur stärker zu _wollen_ als die Fatalität, und sie _ist_ es!“
-
-„Gewollt wird immer nur das Schicksal. Das kapitalistische Europa will
-das seine.“
-
-„Man glaubt an das Kommen des Krieges, wenn man ihn nicht hinlänglich
-verabscheut!“
-
-„Ihr Abscheu ist logisch abrupt, solange Sie ihn nicht beim Staate
-selbst beginnen lassen.“
-
-„Der nationale Staat ist das Prinzip des Diesseits, das Sie dem Teufel
-zuschreiben möchten. Machen Sie aber die Nationen frei und gleich,
-schützen Sie die kleinen und schwachen vor Unterdrückung, schaffen Sie
-Gerechtigkeit, schaffen Sie nationale Grenzen ...“
-
-„Die Brennergrenze, ich weiß. Die Liquidation Österreichs. Wenn ich nur
-wüßte, wie Sie sie ohne Krieg zu bewerkstelligen gedenken!“
-
-„Und ich wüßte wahrhaftig gern, wann jemals ich den nationalen Krieg
-verdammt haben soll.“
-
-„Ich höre doch wohl –“
-
-„Nein, das muß ich Herrn Settembrini bestätigen“, mischte sich Hans
-Castorp in den Disput, dem er im Gehen gefolgt war, indem er den jeweils
-Sprechenden mit schrägem Kopfe aufmerksam von der Seite betrachtet
-hatte. „Mein Vetter und ich haben ja schon manchmal den Vorzug gehabt,
-uns mit ihm über diese und ähnliche Dinge zu unterhalten, das heißt,
-natürlich lief es darauf hinaus, daß wir ihm zuhörten, wie er seine
-Meinungen entwickelte und alles klarstellte. Und da kann ich denn
-bestätigen, und auch mein Vetter hier wird sich daran erinnern, daß Herr
-Settembrini mehr als einmal mit großer Begeisterung von dem Prinzip der
-Bewegung und der Rebellion und der Weltverbesserung sprach, das ja an
-sich kein so ganz friedliches Prinzip ist, sollte ich meinen, und daß
-diesem Prinzip noch große Anstrengungen bevorständen, ehe es überall
-gesiegt haben werde und die allgemeine glückliche Weltrepublik
-stattfinden könne. Das waren seine Worte, wenn sie auch natürlich viel
-plastischer und schriftstellerischer waren als meine, das versteht sich
-von selbst. Was ich aber ganz genau weiß und wörtlich behalten habe,
-weil ich als ausgepichter Zivilist direkt etwas darüber erschrak, das
-war, daß er sagte, dieser Tag werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf
-Adlerschwingen kommen (über die Adlerschwingen erschrak ich, wie ich
-mich erinnere), und Wien müsse aufs Haupt geschlagen sein, wenn man das
-Glück in die Wege leiten wolle. Man kann also nicht sagen, daß Herr
-Settembrini den Krieg überhaupt verworfen hat. Habe ich recht, Herr
-Settembrini?“
-
-„Ungefähr“, sagte der Italiener kurz, indem er abgewandten Kopfes seinen
-Stock schwenkte.
-
-„Schlimm“, lächelte Naphta häßlich. „Da sind Sie von Ihrem eigenen
-Schüler kriegerischer Neigungen überführt. _Assument pennas ut aquilae
-..._“
-
-„Voltaire selbst hat den Zivilisationskrieg bejaht und Friedrich dem
-Zweiten den Krieg gegen die Türken empfohlen.“
-
-„Statt dessen verbündete er sich mit ihnen, he, he. Und dann die
-Weltrepublik! Ich unterlasse es, mich zu erkundigen, was aus dem Prinzip
-der Bewegung und der Rebellion wird, wenn das Glück und die Vereinigung
-hergestellt sind. In diesem Augenblick würde die Rebellion zum
-Verbrechen ...“
-
-„Sie wissen sehr wohl, und auch diese jungen Herren wissen es, daß es
-sich um einen als unendlich gedachten Fortschritt der Menschheit
-handelt.“
-
-„Alle Bewegung ist aber kreisförmig“, sagte Hans Castorp. „Im Raume und
-in der Zeit, das lehren die Gesetze von der Erhaltung der Masse und von
-der Periodizität. Mein Vetter und ich sprachen vorhin noch davon. Kann
-denn bei geschlossener Bewegung ohne Richtungsdauer von Fortschritt die
-Rede sein? Wenn ich abends so liege und den Zodiakus betrachte, das
-heißt: die Hälfte, die zu sehen ist, und an die alten weisen Völker
-denke ...“
-
-„Sie sollten nicht grübeln und träumen, Ingenieur,“ unterbrach ihn
-Settembrini, „sondern sich entschlossen den Instinkten Ihrer Jahre und
-Ihrer Rasse anvertrauen, die Sie zur Tätigkeit drängen müssen. Auch Ihre
-naturwissenschaftliche Bildung muß Sie der Fortschrittsidee verbinden.
-Sie sehen in ungemessenen Zeiträumen das Leben vom Infusor zum Menschen
-sich fort- und emporentwickeln, Sie können nicht zweifeln, daß dem
-Menschen noch unendliche Vervollkommnungsmöglichkeiten offen stehen.
-Versteifen Sie sich denn aber auf die Mathematik, so führen Sie Ihren
-Kreislauf von Vollkommenheit zu Vollkommenheit und erquicken Sie sich an
-der Lehre unseres achtzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch ursprünglich
-gut, glücklich und vollkommen war, daß nur die gesellschaftlichen
-Irrtümer ihn entstellt und verdorben haben, und daß er auf dem Wege
-kritischer Arbeit am Gesellschaftsbau wieder gut, glücklich und
-vollkommen werden soll, werden wird –“
-
-„Herr Settembrini versäumt, hinzuzufügen,“ fiel Naphta ein, „daß das
-Rousseausche Idyll eine vernünftlerische Verballhornung der kirchlichen
-Doktrin von der ehemaligen Staat- und Sündlosigkeit des Menschen ist,
-seiner ursprünglichen Gottesunmittelbarkeit und Gotteskindschaft, zu der
-er zurückkehren soll. Die Wiederherstellung des Gottesstaates nach
-Auflösung aller irdischen Formen liegt aber dort, wo Erde und Himmel,
-Sinnliches und Übersinnliches sich berühren, das Heil ist transzendent,
-und was Ihre kapitalistische Weltrepublik anbelangt, lieber Doktor, so
-ist es recht sonderbar, Sie in diesem Zusammenhang vom „Instinkt“ reden
-zu hören. Das Instinktive ist durchaus auf seiten des Nationalen, und
-Gott selbst hat den Menschen den natürlichen Instinkt eingepflanzt, der
-die Völker veranlaßt hat, sich in verschiedenen Staaten voneinander zu
-sondern. Der Krieg ...“
-
-„Der Krieg,“ rief Settembrini, „selbst der Krieg, mein Herr, hat schon
-dem Fortschritt dienen müssen, wie Sie mir einräumen werden, wenn Sie
-sich gewisser Ereignisse aus Ihrer Lieblingsepoche, ich meine: wenn Sie
-sich der Kreuzzüge erinnern! Diese Zivilisationskriege haben die
-Beziehungen der Völker im wirtschaftlichen und handelspolitischen
-Verkehr aufs glücklichste begünstigt und die abendländische Menschheit
-im Zeichen einer Idee vereinigt.“
-
-„Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will ich Sie
-dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung, die sie
-zeitigten, nichts weniger als international ausgleichend gewirkt haben,
-sondern im Gegenteil die Völker lehrten, sich voneinander zu
-unterscheiden und die Ausbildung der nationalen Staatsidee kräftig
-förderten.“
-
-„Sehr zutreffend, soweit das Verhältnis der Völker zur Klerisei in Frage
-kommt. Ja! damals begann das Gefühl staatlich nationaler Ehre sich gegen
-hierarchische Anmaßung zu festigen ...“
-
-„Und dabei ist, was Sie hierarchische Anmaßung nennen, nichts als die
-Idee menschlicher Vereinigung im Zeichen des Geistes!“
-
-„Man kennt diesen Geist, und man bedankt sich.“
-
-„Es ist klar, daß Ihre nationale Manie den weltüberwindenden
-Kosmopolitismus der Kirche verabscheut. Wenn ich nur wüßte, wie Sie den
-Abscheu vor dem Kriege damit zu vereinigen gedenken. Ihr antikisierender
-Staatskult muß Sie zum Verfechter positiver Rechtsauffassung machen, und
-als solcher ...“
-
-„Sind wir beim Recht? Im Völkerrecht, mein Herr, bleibt der Gedanke des
-Naturrechtes und allmenschlicher Vernunft lebendig ...“
-
-„Pah, Ihr Völkerrecht ist abermals nichts als eine Rousseausche
-Verballhornung des _ius divinum_, das weder mit Natur noch Vernunft
-etwas zu schaffen hat, sondern auf Offenbarung beruht ...“
-
-„Streiten wir uns nicht um Namen, Professor! Nennen Sie ungehindert _ius
-divinum_, was ich als Natur- und Völkerrecht verehre. Die Hauptsache
-ist, daß über den positiven Rechten der Nationalstaaten ein
-höher-gültiges, allgemeines sich erhebt und die Schlichtung strittiger
-Interessenfragen durch Schiedsgerichte ermöglicht.“
-
-„Durch Schiedsgerichte! Wenn ich das Wort höre! Durch ein bürgerliches
-Schiedsgericht, das über Fragen des Lebens entscheidet, Gottes Willen
-ermittelt und die Geschichte bestimmt! Gut, soviel von den Taubenfüßen.
-Und wo bleiben die Adlersschwingen?“
-
-„Die bürgerliche Gesittung –“
-
-„Ei, die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da schreien sie
-nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern, daß die Kosten der
-Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung verbilligt werden. Und dabei
-erstickt man im Gedränge, und alle Berufe sind so überfüllt, daß der
-Kampf um den Eßnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in den
-Schatten stellt. Freie Plätze und Gartenstädte! Ertüchtigung der Rasse!
-Aber wozu Ertüchtigung, wenn die Zivilisation und der Fortschritt
-wollen, daß kein Krieg mehr sei? Der Krieg wäre das Mittel gegen alles
-und für alles. Für die Ertüchtigung und sogar gegen den
-Geburtenrückgang.“
-
-„Sie scherzen. Das ist nicht mehr ernst. Unser Gespräch löst sich auf
-und tut es im rechten Augenblick. Wir sind zur Stelle“, sagte
-Settembrini und zeigte den Vettern das Häuschen, vor dessen Zaunpforte
-sie hielten, mit dem Stock. Es lag nahe dem Eingang von „Dorf“ an der
-Straße, von der nur ein schmales Vorgärtchen es trennte, und war
-bescheiden. Wilder Wein schwang sich aus bloßliegenden Wurzeln um die
-Haustür und streckte einen gebogenen, an die Mauer geschmiegten Arm
-gegen das ebenerdige Fenster zur Rechten hin, das Schaufenster eines
-kleinen Kramladens. Das Erdgeschoß sei des Krämers, erklärte
-Settembrini. Naphtas Logis befinde sich eine Treppe hoch in der
-Schneiderei, und er selbst domiziliere im Dach. Es sei ein friedlicher
-Studio.
-
-Mit überraschend hervorgekehrter Liebenswürdigkeit gab Naphta der
-Hoffnung Ausdruck, daß weitere Begegnungen aus dieser folgen möchten.
-„Besuchen Sie uns“, sagte er. „Ich würde sagen: Besuchen Sie mich, wenn
-Dr. Settembrini hier nicht ältere Rechte auf Ihre Freundschaft hätte.
-Kommen Sie, wann Sie wollen, sobald Sie Lust zu einem kleinen Kolloquium
-haben. Ich schätze den Austausch mit der Jugend, bin auch vielleicht
-nicht ohne alle pädagogische Überlieferung ... Wenn unser Meister vom
-Stuhl“ (er deutete auf Settembrini) „alle pädagogische Aufgelegtheit und
-Berufung dem bürgerlichen Humanismus vorbehalten will, so muß man ihm
-widersprechen. Auf bald also!“
-
-Settembrini machte Schwierigkeiten. Es bestünden solche, sagte er. Die
-Tage des Leutnants hier oben seien gezählt, und der Ingenieur werde
-seinen Eifer im Kurdienst verdoppeln wollen, um ihm sehr bald in die
-Ebene nachfolgen zu können.
-
-Die jungen Leute stimmten beiden zu, dem einen nach dem andern. Sie
-hatten Naphtas Einladung mit Verbeugungen aufgenommen und erkannten im
-nächsten Augenblick die Bedenken Settembrinis mit Kopf und Schultern als
-berechtigt an. So blieb alles offen.
-
-„Wie hat er ihn genannt?“ fragte Joachim, als sie die Wegschleife zum
-„Berghof“ emporstiegen ...
-
-„Ich habe ‚Meister vom Stuhl‘ verstanden,“ sagte Hans Castorp, „und
-denke auch eben darüber nach. Es ist wohl irgend so ein Witz; sie haben
-ja sonderbare Namen füreinander. Settembrini nannte Naphta ‚_princeps
-scholasticorum_‘, – auch nicht übel. Die Scholastiker, das waren ja wohl
-die Schriftgelehrten des Mittelalters, dogmatische Philosophen, wenn du
-willst. Hm. Vom Mittelalter war ja denn auch verschiedentlich die Rede,
-– wobei mir einfiel, wie Settembrini gleich am ersten Tage sagte, es
-mute manches mittelalterlich an bei uns hier oben: wir kamen darauf
-durch Adriatica von Mylendonk, durch den Namen. – Wie hat _er_ dir
-gefallen?“
-
-„Der Kleine? Nicht gut. Er sagte manches, was mir gefiel.
-Schiedsgerichte sind natürlich eine Duckmäuserei. Aber er selbst hat mir
-wenig gefallen, und da kann einer noch so viel Gutes sagen, was habe ich
-davon, wenn er selbst ein zweifelhafter Kerl ist. Und zweifelhaft ist
-er, das kannst du nicht leugnen. Allein schon die Geschichte mit dem
-‚Orte der Beiwohnung‘ war entschieden bedenklich. Und dabei hat er ja
-eine Judennase, sieh ihn dir doch an! So miekrig von Figur sind auch
-immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den Mann zu
-besuchen?“
-
-„Selbstverständlich werden wir ihn besuchen!“ erklärte Hans Castorp.
-„Die Miekrigkeit, – das ist nur das Militär, das da aus dir spricht.
-Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen und waren doch höllisch auf
-dem Posten, nicht bloß in den Geheimwissenschaften. Naphta hat auch was
-von Geheimwissenschaft, er interessiert mich nicht wenig. Ich will auch
-nicht behaupten, daß ich heute schon klug aus ihm geworden bin, aber
-wenn wir öfter mit ihm zusammenkommen, so werden wir es vielleicht, und
-ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß wir überhaupt klüger
-werden bei dieser Gelegenheit.“
-
-„Ach, Mensch, du wirst ja immer klüger hier oben, mit deiner Biologie
-und Botanik und deinen unhaltbaren Wendepunkten. Und mit der ‚Zeit‘
-hattest du es gleich am ersten Tage zu tun. Und dabei sind wir doch
-hier, um gesünder, und nicht um gescheuter zu werden, – gesünder und
-ganz gesund, damit sie uns endlich in Freiheit setzen und als geheilt
-ins Flachland entlassen können!“
-
-„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ sang Hans Castorp leichtsinnig.
-„Sage mir erst mal, was Freiheit ist“, fuhr er sprechend fort. „Naphta
-und Settembrini stritten vorhin ja auch darüber und kamen zu keiner
-Einigung. ‚Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe!‘ sagt Settembrini,
-und das klingt nach seinem Vorfahren, dem Carbonaro. Aber so tapfer der
-Carbonaro war, und so tapfer unser Settembrini selber ist, ...“
-
-„Ja, er wurde ungemütlich, als auf persönlichen Mut die Rede kam.“
-
-„... so glaube ich doch, daß er vor manchem Angst hat, wovor der kleine
-Naphta _nicht_ Angst hat, verstehst du, und daß seine Freiheit und
-Tapferkeit ziemlich ete-pe-tete sind. Meinst du, daß er Mut genug hätte,
-_de se perdre ou même de se laisser dépérir_?“
-
-„Was fängst du an, französisch zu sprechen?“
-
-„Nur so ... Die Atmosphäre hier ist ja so international. Ich weiß nicht,
-wer mehr Gefallen daran finden müßte: Settembrini, von wegen der
-bürgerlichen Weltrepublik, oder Naphta mit seinem hierarchischen
-Kosmopolis. Ich habe scharf aufgepaßt, wie du siehst, aber klar ist die
-Sache mir nicht geworden, ich fand im Gegenteil, die Konfusion war groß,
-die herauskam bei ihren Reden.“
-
-„Das ist immer so. Das wirst du immer so finden, daß bloß Konfusion
-herauskommt beim Reden und Meinungen haben. Ich sage dir ja, es kommt
-überhaupt nicht drauf an, was für Meinungen einer hat, sondern darauf,
-ob einer ein rechter Kerl ist. Am besten ist, man hat gleich gar keine
-Meinung, sondern tut seinen Dienst.“
-
-„Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale Existenz, die
-du bist. Bei mir ist es was andres, ich bin Zivilist, ich bin
-gewissermaßen verantwortlich. Und mich regt es auf, solche Konfusion zu
-sehen, wie daß der eine die internationale Weltrepublik predigt und den
-Krieg grundsätzlich verabscheut, dabei aber so patriotisch ist, daß er
-partout die Brennergrenze verlangt und dafür einen Zivilisationskrieg
-führen will, – und daß der andere den Staat für Teufelswerk hält und von
-der allgemeinen Vereinigung am Horizonte flötet, aber im nächsten
-Augenblick das Recht des natürlichen Instinktes verteidigt und sich über
-Friedenskonferenzen lustig macht. Unbedingt müssen wir hingehen, um klug
-daraus zu werden. Du sagst zwar, wir sollen hier nicht klüger werden,
-sondern gesünder. Aber das muß sich vereinigen lassen, Mann, und wenn du
-das nicht glaubst, dann treibst du Weltentzweiung, und so was zu
-treiben, ist immer ein großer Fehler, will ich dir mal bemerken.“
-
-
- Vom Gottesstaat und von übler Erlösung
-
-Hans Castorp bestimmte in seiner Loge ein Pflanzengewächs, das jetzt, da
-der astronomische Sommer begonnen hatte und die Tage kürzer zu werden
-begannen, an vielen Stellen wucherte: die Akelei oder _Aquilegia_, eine
-Ranunkulazeenart, die staudenartig wuchs, hochgestielt, mit blauen und
-veilchenfarbnen, auch rotbraunen Blüten und krautartigen Blättern von
-geräumiger Fläche. Die Pflanze wuchs da und dort, massenweis aber
-namentlich in dem stillen Grunde, wo er sie vor nun bald einem Jahre
-zuerst gesehen: der abgeschiedenen, wildwasserdurchrauschten
-Waldschlucht mit Steg und Ruhebank, wo sein voreilig-freizügiger und
-unbekömmlicher Spaziergang von damals geendigt hatte, und die er nun
-manchmal wieder besuchte.
-
-Es war, wenn man es weniger unternehmend anfing, als er damals getan,
-nicht gar so weit dorthin. Stieg man vom Ziel der Schlittlrennen in
-„Dorf“ ein wenig die Lehne hinan, so war der malerische Ort auf dem
-Waldwege, dessen Holzbrücken die von der Schatzalp kommende Bobbahn
-überkreuzten, ohne Umwege, Operngesang und Erschöpfungspausen in zwanzig
-Minuten zu erreichen, und wenn Joachim durch dienstliche Pflichten,
-durch Untersuchung, Innenphotographie, Blutprobe, Injektion oder
-Gewichtsfeststellung ans Haus gefesselt war, so wanderte Hans Castorp
-wohl bei heiterer Witterung nach dem zweiten Frühstück, zuweilen auch
-schon nach dem ersten dorthin, und auch die Stunden zwischen Tee und
-Abendessen benutzte er wohl zu einem Besuch seines Lieblingsortes, um
-auf der Bank zu sitzen, wo ihn einst das mächtige Nasenbluten
-überkommen, dem Geräusche des Gießbachs mit schrägem Kopfe zu lauschen
-und das geschlossene Landschaftsbild um sich her zu betrachten, sowie
-die Menge von blauer Akelei, die nun wieder in ihrem Grunde blühte.
-
-Kam er nur dazu? Nein, er saß dort, um allein zu sein, um sich zu
-erinnern, die Eindrücke und Abenteuer so vieler Monate zu überschlagen
-und alles zu bedenken. Es waren ihrer viele und mannigfaltige, – nicht
-leicht zu ordnen dabei, denn sie erschienen ihm vielfach verschränkt und
-ineinanderfließend, so daß das Handgreifliche kaum vom bloß Gedachten,
-Geträumten und Vorgestellten zu sondern war. Nur abenteuerlichen Wesens
-waren sie alle, in dem Grade, daß sein Herz, beweglich, wie es hier oben
-vom ersten Tage an gewesen und geblieben war, stockte und hämmerte, wenn
-er ihrer gedachte. Oder genügte bereits die Vernunftüberlegung, daß die
-_Aquilegia_ hier, wo ihm einst in einem Zustand herabgesetzter
-Lebenstätigkeit Pribislav Hippe leibhaftig erschienen war, nicht immer
-noch, sondern schon wieder blühte, und daß aus den „drei Wochen“
-demallernächst ein rundes Jahr geworden sein würde, um sein bewegliches
-Herz so abenteuerlich zu erschrecken?
-
-Übrigens bekam er kein Nasenbluten mehr auf seiner Bank am Wildwasser,
-das war vorbei. Seine Akklimatisation, die Joachim ihm sogleich als
-schwierig hingestellt und die ihre Schwierigkeit denn auch bewährt
-hatte, war vorgeschritten, sie mußte nach elf Monaten als vollendet
-gelten, und Weitergehendes in dieser Richtung war kaum zu gewärtigen.
-Der Chemismus seines Magens hatte sich geregelt und angepaßt, Maria
-Mancini schmeckte, die Nerven seiner ausgetrockneten Schleimhäute
-kosteten längst wieder empfänglich die Blume dieses preiswerten
-Fabrikats, das er sich nach wie vor, wenn der Vorrat zur Neige ging, mit
-einer Art von Pietätsgefühl aus Bremen verschrieb, obgleich sehr
-einladende Ware sich in den Schaufenstern des internationalen Kurortes
-empfahl. Bildete Maria nicht eine Art von Verbindung zwischen ihm, dem
-Entrückten, und dem Flachlande, der alten Heimat? Unterhielt und
-bewahrte sie dergleichen Beziehungen nicht wirksamer, als etwa die
-Postkarten, die er dann und wann nach unten an die Onkel richtete, und
-deren Abstände voneinander in demselben Maße größer geworden waren, als
-er sich unter Annahme hiesiger Begriffe eine großartigere
-Zeitbewirtschaftung zu eigen gemacht hatte? Es waren meistens
-Ansichtskarten, der größeren Gefälligkeit halber, mit hübschen Bildern
-des Tales im Schnee wie in sommerlicher Verfassung, und sie boten für
-Schriftliches nur eben soviel Raum, als nötig war, um die neueste
-ärztliche Verlautbarung zu überliefern, das Ergebnis einer Monats- oder
-Generaluntersuchung verwandtschaftlich zu melden, das heißt also: etwa
-mitzuteilen, daß akustisch wie optisch eine unverkennbare Besserung zu
-verzeichnen gewesen, daß er aber noch nicht entgiftet sei, und daß die
-leichte Übertemperatur, in der er immer noch stehe, von den kleinen
-Stellen komme, die eben noch vorhanden seien, aber bestimmt ohne Rest
-verschwinden würden, wenn er Geduld übe, so daß er dann keinesfalls
-wiederzukommen brauche. Er durfte sicher sein, daß darüber hinausgehende
-briefstellerische Leistungen von ihm nicht verlangt und erwartet wurden;
-es war keine humanistisch rednerische Sphäre, an die er sich wandte; die
-Antworten, die er erhielt, waren ebensowenig ergußhafter Art. Sie
-begleiteten meistens die geldlichen Subsistenzmittel, die ihm von zu
-Hause zukamen, die Zinsen seines väterlichen Erbes, die sich in hiesiger
-Münze so vorteilhaft ausnahmen, daß er sie niemals verzehrt hatte, wenn
-eine neue Lieferung eintraf, und bestanden in einigen Zeilen
-Maschinenschrift, gezeichnet James Tienappel, mit Grüßen und
-Genesungswünschen vom Großonkel und manchmal auch von dem seefahrenden
-Peter.
-
-Die Verabfolgung der Injektionen, so meldete Hans Castorp nach Hause,
-hatte der Hofrat neuestens unterbrochen. Sie bekamen diesem jungen
-Patienten nicht, verursachten ihm Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit,
-Gewichtsabnahme und Müdigkeit, hatten die „Temperatur“ zunächst erhöht
-und dann nicht beseitigt. Sie glühte als trockene Hitze subjektiv fort
-in seiner rosenroten Miene, als Mahnung daran, daß die Akklimatisation
-für diesen Sprößling der Tiefebene und ihrer feuchtfröhlichen
-Meteorologie doch eben wohl hauptsächlich in der Gewöhnung daran
-bestand, daß er sich nicht gewöhnte, – was übrigens Rhadamanthys ja
-selber nicht tat, der immer blaue Backen hatte. „Manche gewöhnen sich
-nie“, hatte Joachim gleich gesagt, und dies schien Hans Castorps Fall.
-Denn auch das Genickzittern, das ihn hier oben bald nach der Ankunft zu
-belästigen begonnen, hatte sich nicht wieder verlieren wollen, sondern
-stellte sich im Gehen, im Gespräch, ja selbst hier oben am blau
-blühenden Orte seines Nachdenkens über den Komplex seiner Abenteuer
-unvermeidlich ein, so daß ihm die würdige Kinnstütze Hans Lorenz
-Castorps beinahe schon zur festen Gewohnheit geworden war, – nicht ohne
-ihn selbst, wenn er sie benützte, an die Vatermörder des Alten, die
-Interimsform der Ehrenkrause, an das blaßgoldene Rund der Taufschale, an
-den frommen Ur-Ur-Laut und ähnliche Verwandtschaften unter der Hand zu
-erinnern und ihn so zum Überdenken seines Lebenskomplexes neuerdings
-hinzuleiten.
-
-Pribislav Hippe erschien ihm nicht mehr leibhaftig, wie vor elf Monaten.
-Seine Akklimatisation war vollendet, er hatte keine Visionen mehr, lag
-nicht mit stillgestelltem Leibe auf seiner Bank, während sein Ich in
-ferner Gegenwart weilte – nichts mehr von solchen Zufällen. Deutlichkeit
-und Lebendigkeit dieses Erinnerungsbildes, wenn es ihm denn vorschwebte,
-hielten sich in normalen, gesunden Grenzen; und im Zusammenhange damit
-zog dann Hans Castorp wohl aus seiner Brusttasche das gläserne
-Angebinde, das er dort in einem gefütterten Briefumschlag und hierauf in
-der Brieftasche verwahrt hielt: ein Täfelchen, das, wenn man es in
-gleicher Ebene mit dem Erdboden hielt, schwarz-spiegelnd und
-undurchsichtig schien, aber, gegen das Himmelslicht aufgehoben, sich
-erhellte und humanistische Dinge vorwies: das transparente Bild des
-Menschenleibes, Rippenwerk, Herzfigur, Zwerchfellbogen und
-Lungengebläse, dazu das Schlüssel- und Oberarmgebein, umgeben dies alles
-von blaß-dunstiger Hülle, dem Fleische, von dem Hans Castorp in der
-Faschingswoche vernunftwidriger Weise gekostet hatte. Was Wunder, daß
-sein bewegliches Herz stockte und stürzte, wenn er das Angebinde
-betrachtete und dann fortfuhr, „alles“ zu überschlagen und zu bedenken,
-gelehnt an die schlicht gezimmerte Lehne der Ruhebank, die Arme
-gekreuzt, den Kopf zur Schulter geneigt, im Geräusche des Gießwassers
-und angesichts der blaublühenden Akelei?
-
-Das Hochgebild organischen Lebens, die Menschengestalt schwebte ihm vor,
-wie in jener Frost- und Sternennacht anläßlich gelehrter Studien, und an
-ihre innere Anschauung knüpften sich für den jungen Hans Castorp so
-manche Fragen und Unterscheidungen, mit denen sich abzugeben der gute
-Joachim nicht verpflichtet sein mochte, für die aber er als Zivilist
-sich verantwortlich zu fühlen begonnen hatte, obwohl auch er im
-Flachlande drunten ihrer niemals ansichtig geworden war und vermutlich
-nie ansichtig würde geworden sein, wohl aber hier, wo man aus der
-beschaulichen Abgeschiedenheit von fünftausend Fuß auf Welt und Kreatur
-hinabblickte und sich seine Gedanken machte, – vermöge einer durch
-lösliche Gifte erzeugten Steigerung des Körpers auch wohl, die als
-trockene Hitze im Antlitz brannte. Er dachte an Settembrini im
-Zusammenhang mit jener Anschauung, an den pädagogischen Drehorgelmann,
-dessen Vater in Hellas zur Welt gekommen, und der die Liebe zum
-Hochgebild als Politik, Rebellion und Eloquenz erläuterte, indem er die
-Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte; dachte auch an den
-Kameraden Krokowski und an das, was er seit einiger Zeit im verdunkelten
-Zimmergelaß mit ihm trieb, besann sich über das doppelte Wesen der
-Analyse und wie weit sie der Tat und dem Fortschritte förderlich sei,
-wie weit dem Grabe verwandt und seiner anrüchigen Anatomie. Er rief die
-Bilder der beiden Großväter neben- und gegeneinander herauf, des
-rebellischen und des getreuen, die Schwarz trugen aus unterschiedlichen
-Gründen, und erwog ihre Würde; ging ferner mit sich zu Rate über so
-weitläufige Komplexe wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und
-Schande, Zeit und Ewigkeit, – und unterlag einem kurzen, aber
-stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder blühte und
-das Jahr in sich selber lief.
-
-Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche
-Gedankenbeschäftigung am malerischen Orte seiner Zurückgezogenheit: er
-nannte sie „Regieren“, – gebrauchte dies Spiel- und Knabenwort, diesen
-Kinderausdruck dafür, als für eine Unterhaltung, die er liebte, obwohl
-sie mit Schrecken, Schwindel und allerlei Herztumulten verbunden war und
-seine Gesichtshitze übermäßig verstärkte. Doch fand er es nicht
-unschicklich, daß die mit dieser Tätigkeit verbundene Anstrengung ihn
-nötigte, sich der Kinnstütze zu bedienen; denn diese Haltung stimmte
-wohl mit der Würde überein, die das „Regieren“ angesichts des
-vorschwebenden Hochgebildes ihm innerlich verlieh.
-
-„_Homo Dei_“ hatte der häßliche Naphta das Hochgebild genannt, als er es
-gegen die englische Gesellschaftslehre verteidigte. Was Wunder, daß Hans
-Castorp um seiner zivilistischen Verantwortlichkeit willen und im
-Regierungsinteresse sich gehalten fand, mit Joachim bei dem Kleinen
-Besuch zu machen? Settembrini sah es ungern, – dies deutlich zu spüren,
-war Hans Castorp schlau und dünnhäutig genug. Schon die erste Begegnung
-war dem Humanisten unangenehm gewesen, er hatte sie offensichtlich zu
-verhindern gestrebt und die jungen Leute, namentlich aber ihn selbst –
-so sagte sich das durchtriebene Sorgenkind – vor der Bekanntschaft mit
-Naphta pädagogisch hüten wollen, obgleich ja er für seine Person mit ihm
-verkehrte und disputierte. So sind die Erzieher. Sich selber gönnen sie
-das Interessante, indem sie sich ihm „gewachsen“ nennen; der Jugend aber
-verbieten sie es und verlangen, daß sie sich dem Interessanten nicht
-„gewachsen“ fühle. Ein Glück nur, daß es dem Drehorgelmann im Ernst
-überhaupt nicht zustand, dem jungen Hans Castorp etwas zu verbieten, und
-daß er ja auch gar nicht den Versuch dazu gemacht hatte. Der
-Sorgenzögling brauchte seine Dünnhäutigkeit nur zu verleugnen und
-Unschuld vorzuschützen, so hinderte nichts ihn, der Einladung des
-kleinen Naphta freundlich zu folgen, – was er denn auch getan hatte, mit
-dem wohl oder übel sich anschließenden Joachim, wenige Tage nach dem
-ersten Zusammentreffen, an einem Sonntagnachmittag, nach dem
-Hauptliegedienst.
-
-Es waren wenige Minuten Wegs vom Berghof hinunter zum Häuschen mit der
-weinumkränzten Haustür. Sie traten ein, ließen den Zugang zum
-Krämerladen zur Rechten liegen und erklommen die schmale braune Stiege,
-die sie vor eine Etagentür führte, neben deren Klingel lediglich das
-Namensschild Lukačeks, des Damenschneiders, angebracht war. Die Person,
-die ihnen öffnete, war ein halbwüchsiger Knabe in einer Art von Livree,
-gestreifter Jacke und Gamaschen, ein Dienerchen, kurzgeschoren und
-rotbackig. Ihn fragten sie nach Herrn Professor Naphta und prägten ihm,
-da sie mit Karten nicht ausgestattet waren, ihre Namen ein, die er Herrn
-Naphta – er gebrauchte keinen Titel – zu nennen ging. Die dem Eingang
-gegenüberliegende Zimmertür stand offen und gewährte Einblick in die
-Schneiderei, wo des Feiertags ungeachtet Lukaček mit untergeschlagenen
-Beinen auf einem Tische saß und nähte. Er war bleich und kahlköpfig; von
-einer übergroßen, abfallenden Nase hing ihm der schwarze Schnurrbart mit
-saurem Ausdruck zu seiten des Mundes herab.
-
-„Guten Tag!“ wünschte Hans Castorp.
-
-„Grütsi“, antwortete der Schneider mundartlich, obgleich das
-Schweizerische weder zu seinem Namen noch zu seinem Äußeren paßte und
-etwas falsch und sonderbar klang.
-
-„So fleißig?“ fuhr Hans Castorp nickend fort ... „Es ist ja Sonntag!“
-
-„Eilige Arbeit“, versetzte Lukaček kurz und stichelte.
-
-„Ist wohl was Feines,“ vermutete Hans Castorp, „was rasch gebraucht
-wird, für eine Reunion oder so?“
-
-Der Schneider ließ diese Frage eine Weile unbeantwortet, biß den Faden
-ab und fädelte neu ein. Nachträglich nickte er.
-
-„Wird es hübsch?“ fragte Hans Castorp noch. „Machen Sie Ärmel daran?“
-
-„Ja, Ärmel, es ist für eine Olte“, antwortete Lukaček mit stark
-böhmischem Akzent. Die Rückkehr des Dienerchens unterbrach dies durch
-die Tür geführte Gespräch. Herr Naphta lasse bitten, näher zu treten,
-meldete er und öffnete den jungen Leuten eine Tür, zwei oder drei
-Schritte weiter rechts, wobei er auch noch eine zusammenfallende
-Portiere vor ihnen aufzuheben hatte. Die Eintretenden empfing Naphta, in
-Schleifenschuhen auf moosgrünem Teppich stehend.
-
-Beide Vettern waren überrascht durch den Luxus des zweifenstrigen
-Arbeitszimmers, das sie aufgenommen hatte, ja geblendet durch
-Überraschung; denn die Dürftigkeit des Häuschens, seiner Treppe, seines
-armseligen Korridors ließ dergleichen nicht entfernt erwarten und
-verlieh der Eleganz von Naphtas Einrichtung durch Kontrastwirkung etwas
-Märchenhaftes, was sie an und für sich kaum besaß und auch in den Augen
-Hans Castorps und Joachim Ziemßens nicht besessen hätte. Immerhin, sie
-war fein, ja glänzend, und zwar so, daß sie trotz Schreibtisch und
-Bücherschränken den Charakter des Herrenzimmers eigentlich nicht wahrte.
-Es war zuviel Seide darin, weinrote, purpurrote Seide: die Vorhänge, die
-die schlechten Türen verbargen, waren daraus, die Fenster-Überfälle und
-ebenso die Bezüge der Meubles-Gruppe, die an einer Schmalseite, der
-zweiten Tür gegenüber, vor einem die Wand fast ganz bespannenden Gobelin
-angeordnet war. Es waren Barockarmstühle mit kleinen Polstern auf den
-Seitenlehnen, um einen runden, metallbeschlagenen Tisch gruppiert,
-hinter dem ein mit Seidenplüschkissen ausgestattetes Sofa desselben
-Stiles stand. Die Bücherspinde nahmen die Wandpartien neben den beiden
-Türen ein. Sie waren, wie der Schreibtisch, oder vielmehr der mit einem
-gewölbten Rolldeckel versehene Sekretär, der zwischen den Fenstern Platz
-gefunden hatte, in Mahagoni gearbeitet, mit Glastüren, hinter die grüne
-Seide gespannt war. Aber in dem Winkel links von der Sofagruppe war ein
-Kunstwerk zu sehen, eine große, auf rot verkleidetem Sockel erhöhte
-bemalte Holzplastik, – etwas innig Schreckhaftes, eine Pietà, einfältig
-und wirkungsvoll bis zum Grotesken: die Gottesmutter in der Haube, mit
-zusammengezogenen Brauen und jammernd schief geöffnetem Munde, den
-Schmerzensmann auf ihrem Schoß, eine im Größenverhältnis primitiv
-verfehlte Figur mit kraß herausgearbeiteter Anatomie, die jedoch von
-Unwissenheit zeugte, das hängende Haupt von Dornen starrend, Gesicht und
-Glieder mit Blut befleckt und berieselt, dicke Trauben geronnenen Blutes
-an der Seitenwunde und den Nägelmalen der Hände und Füße. Dies
-Schaustück verlieh dem seidenen Zimmer nun freilich einen besonderen
-Akzent. Auch die Tapete, über den Bücherschränken und an der Fensterwand
-sichtbar, war übrigens offenbar eine Leistung des Mieters: das Grün
-ihrer Längsstreifen war das des weichen Teppichs, der über die rote
-Bodenbespannung gebreitet war. Nur der niedrigen Decke war wenig zu
-helfen gewesen. Sie war kahl und rissig. Doch hing ein kleiner
-venezianischer Lüster daran herab. Die Fenster waren mit cremefarbenen
-Stores verhüllt, die bis zum Boden reichten.
-
-„Da haben wir uns zu einem Kolloquium eingefunden!“ sagte Hans Castorp,
-während seine Augen mehr an dem frommen Schrecknis im Winkel, als an dem
-Bewohner des überraschenden Zimmers hafteten, der es anerkannte, daß die
-Vettern Wort gehalten hätten. Er wollte sie mit gastlichen Bewegungen
-seiner kleinen Rechten zu den seidenen Sitzen leiten, aber Hans Castorp
-ging geradeswegs und gebannt auf die Holzgruppe zu und blieb, Arme in
-die Hüften gestemmt, mit seitwärts geneigtem Kopf davor stehen.
-
-„Was haben Sie denn da!“ sagte er leise. „Das ist ja schrecklich gut.
-Hat man je so ein Leiden gesehn. Etwas Altes, natürlich?“
-
-„Vierzehntes Jahrhundert“, antwortete Naphta. „Wahrscheinlich
-rheinischer Herkunft. Es macht Ihnen Eindruck?“
-
-„Enormen“, sagte Hans Castorp. „Das kann seinen Eindruck auf den
-Beschauer denn doch wohl gar nicht verfehlen. Ich hätte nicht gedacht,
-daß etwas zugleich so häßlich – entschuldigen Sie – und so schön sein
-könnte.“
-
-„Erzeugnisse einer Welt der Seele und des Ausdrucks,“ versetzte Naphta,
-„sind immer häßlich vor Schönheit und schön vor Häßlichkeit, das ist die
-Regel. Es handelt sich um geistige Schönheit, nicht um die des
-Fleisches, die absolut dumm ist. Übrigens auch abstrakt ist sie“, fügte
-er hinzu. „Die Schönheit des Leibes ist abstrakt. Wirklichkeit hat nur
-die innere, die des religiösen Ausdrucks.“
-
-„Das haben Sie dankenswert richtig unterschieden und angeordnet“,
-sagte Hans Castorp. „Vierzehntes?“ versicherte er sich ...
-„Dreizehnhundertsoundso? Ja, das ist das Mittelalter, wie es im Buche
-steht, ich erkenne gewissermaßen die Vorstellung darin wieder, die ich
-mir in letzter Zeit vom Mittelalter gemacht habe. Ich wußte eigentlich
-nichts davon, ich bin ja ein Mann des technischen Fortschritts, soweit
-ich überhaupt in Frage komme. Aber hier oben ist mir die Vorstellung des
-Mittelalters verschiedentlich nahe gebracht worden. Die ökonomistische
-Gesellschaftslehre gab es damals noch nicht, soviel ist klar. Wie hieß
-der Künstler denn wohl?“
-
-Naphta zuckte die Achseln.
-
-„Was liegt daran?“ sagte er. „Wir sollten danach nicht fragen, da man
-auch damals, als es entstand, nicht danach fragte. Das hat keinen
-wunderwie individuellen Monsieur zum Autor, es ist anonym und gemeinsam.
-Es ist übrigens sehr vorgeschrittenes Mittelalter, Gotik, _Signum
-mortificationis_. Sie finden da nichts mehr von der Schonung und
-Beschönigung, mit der noch die romanische Epoche den Gekreuzigten
-darstellen zu müssen glaubte, keine Königskrone, keinen majestätischen
-Triumph über Welt und Martertod. Alles ist radikale Verkündigung des
-Leidens und der Fleischesschwäche. Erst der gotische Geschmack ist der
-eigentlich pessimistisch-asketische. Sie werden die Schrift Innozenz des
-Dritten, ‚_De miseria humanae conditionis_‘, nicht kennen, – ein äußerst
-witziges Stück Literatur. Sie stammt vom Ende des zwölften Jahrhunderts,
-aber erst diese Kunst liefert die Illustrationen dazu.“
-
-„Herr Naphta,“ sagte Hans Castorp nach einem Aufseufzen, „mich
-interessiert jedes Wort von dem, was Sie da hervorheben. ‚_Signum
-mortificationis_‘ sagten Sie? Das werde ich mir merken. Vorher sagten
-Sie etwas von ‚anonym und gemeinsam‘, was auch der Mühe wert scheint,
-darüber nachzudenken. Sie vermuten leider richtig, daß ich die Schrift
-des Papstes – ich nehme an, daß Innozenz der Dritte ein Papst war –
-nicht kenne. Habe ich richtig verstanden, daß sie asketisch und witzig
-ist? Ich muß gestehen, ich habe mir nie vorgestellt, daß das so Hand in
-Hand gehen könnte, aber wenn ich es ins Auge fasse, so leuchtet es mir
-ein, natürlich, eine Abhandlung über das menschliche Elend bietet zum
-Witz schon Gelegenheit, auf Kosten des Fleisches. Ist die Schrift denn
-erhältlich? Wenn ich mein Latein zusammennähme, vielleicht könnte ich
-sie lesen.“
-
-„Ich besitze das Buch“, antwortete Naphta, mit dem Kopf nach einem der
-Schränke weisend. „Es steht Ihnen zur Verfügung. Aber wollen wir uns
-nicht setzen? Sie sehen die Pietà auch vom Sofa aus. Eben kommt unser
-kleines Vespermahl ...“
-
-Es war das Dienerchen, das Tee brachte, dazu einen hübschen
-silberbeschlagenen Korb, worin in Stücke geschnittener Baumkuchen lag.
-Hinter ihm aber, durch die offene Tür, wer trat beschwingten Schrittes
-mit „Sapperlot!“ „_Accidenti!_“ und feinem Lächeln herein? Das war Herr
-Settembrini, wohnhaft eine Treppe höher, der sich einfand, in der
-Absicht, den Herren Gesellschaft zu leisten. Durch sein Fensterchen,
-sagte er, habe er die Vettern kommen sehen und rasch noch eine
-enzyklopädische Seite heruntergeschrieben, die er eben unter der Feder
-gehabt, um sich dann ebenfalls hier zu Gaste zu bitten. Nichts war
-natürlicher, als daß er kam. Seine alte Bekanntschaft mit den
-Berghofbewohnern berechtigte ihn dazu, und dann war auch sein Verkehr
-und Austausch mit Naphta, trotz tiefgehender Meinungsverschiedenheiten,
-ja offenbar überhaupt sehr lebhaft, – wie denn der Gastgeber ihn
-leichthin und ohne Überraschung als Zugehörigen begrüßte. Das hinderte
-nicht, daß Hans Castorp von seinem Kommen sehr deutlich einen doppelten
-Eindruck gewann. Erstens, so empfand er, stellte Herr Settembrini sich
-ein, um ihn und Joachim, oder eigentlich kurzweg ihn, nicht mit dem
-häßlichen kleinen Naphta allein zu lassen, sondern durch seine
-Anwesenheit ein pädagogisches Gegengewicht zu schaffen; und zweitens war
-klar ersichtlich, daß er gar nichts dagegen hatte, sondern die
-Gelegenheit recht gern benutzte, den Aufenthalt in seinem Dach auf eine
-Weile mit dem in Naphtas seidenfeinem Zimmer zu vertauschen und einen
-wohlservierten Tee einzunehmen: er rieb sich die gelblichen, an der
-Kleinfingerseite des Rückens mit schwarzen Haaren bewachsenen Hände,
-bevor er zugriff, und speiste mit unverkennbarem, auch lobend
-ausgesprochenem Genuß von dem Baumkuchen, dessen schmale, gebogene
-Scheiben von Schokoladeadern durchzogen waren.
-
-Das Gespräch fuhr noch fort, sich mit der Pietà zu beschäftigen, da Hans
-Castorp mit Blick und Wort an dem Gegenstand festhielt, wobei er sich an
-Herrn Settembrini wandte und diesen gleichsam mit dem Kunstwerk in
-kritischen Kontakt zu setzen suchte, – während ja der Abscheu des
-Humanisten gegen diesen Zimmerschmuck deutlich genug in der Miene zu
-lesen war, mit der er sich danach umwandte: denn er hatte sich mit dem
-Rücken gegen jenen Winkel gesetzt. Zu höflich, um alles zu sagen, was er
-dachte, beschränkte er sich darauf, Fehlerhaftigkeiten in den
-Verhältnissen und den Körperformen der Gruppe zu beanstanden, Verstöße
-gegen die Naturwahrheit, die weit entfernt seien, rührend auf ihn zu
-wirken, da sie nicht frühzeitlichem Unvermögen, sondern bösem Willen,
-einem grundfeindlichen Prinzip entsprängen, – worin Naphta ihm boshaft
-zustimmte. Gewiß, von technischem Ungeschick könne nicht entfernt die
-Rede sein. Es handle sich um bewußte Emanzipation des Geistes vom
-Natürlichen, dessen Verächtlichkeit durch die Verweigerung jeder Demut
-davor religiös verkündet werde. Als aber Settembrini die
-Vernachlässigung der Natur und ihres Studiums für menschlich abwegig
-erklärte und gegen die absurde Formlosigkeit, der das Mittelalter und
-die ihm nachahmenden Epochen gefrönt hätten, das griechisch-römische
-Erbe, den Klassizismus, Form, Schönheit, Vernunft und naturfromme
-Heiterkeit, die allein die Sache des Menschen zu fördern berufen seien,
-in prallen Worten zu erheben begann, mischte Hans Castorp sich ein und
-fragte, was denn aber bei solcher Bewandtnis mit Plotinus los sei, der
-sich nachweislich seines Körpers geschämt, und mit Voltaire, der im
-Namen der Vernunft gegen das skandalöse Erdbeben von Lissabon revoltiert
-habe? Absurd? Das sei auch absurd gewesen, aber wenn man alles recht
-überlege, so könne man seiner Ansicht nach das Absurde recht wohl als
-das geistig Ehrenhafte bezeichnen, und die absurde Naturfeindschaft der
-gotischen Kunst sei am Ende ebenso ehrenhaft gewesen wie das Gebaren der
-Plotinus und Voltaire, denn es drücke sich dieselbe Emanzipation von
-Fatum und Faktum darin aus, derselbe unknechtische Stolz, der sich
-weigere, vor der dummen Macht, nämlich vor der Natur, abzudanken ...
-
-Naphta brach in Lachen aus, das sehr an den bewußten Teller erinnerte
-und in Husten endigte. Settembrini sagte vornehm:
-
-„Sie schädigen unseren Wirt, indem Sie so witzig sind und erweisen sich
-also undankbar für dies köstliche Gebäck. Ist Dankbarkeit überhaupt Ihre
-Sache? Wobei ich voraussetze, daß Dankbarkeit darin besteht, von
-empfangenen Geschenken einen guten Gebrauch zu machen ...“
-
-Da Hans Castorp sich schämte, setzte er scharmant hinzu:
-
-„Man kennt Sie als Schalk, Ingenieur. Ihre Art, das Gute
-freundschaftlich zu necken, läßt mich keineswegs an Ihrer Liebe zu ihm
-verzweifeln. Sie wissen selbstverständlich, daß nur diejenige Auflehnung
-des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft zu nennen ist, die die Würde
-und Schönheit des Menschen im Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn
-sie seine Entwürdigung und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch
-jedenfalls nach sich zieht. Sie wissen auch, welche entmenschte Greuel,
-welche mordgierige Unduldsamkeit die Epoche, der das Artefakt da hinter
-mir sein Dasein verdankt, gezeitigt hat. Ich brauche Sie nur an den
-entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige Figur eines Konrad
-von Marburg etwa, zu erinnern und an seine infame Priesterwut gegen
-alles, was der Herrschaft des Übernatürlichen entgegenstand. Sie sind
-weit entfernt, Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der
-Menschenliebe anzuerkennen ...“
-
-„In deren Dienst dagegen,“ äußerte Naphta, „arbeitete die Maschinerie,
-mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern reinigte. Alle
-Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, auch die Exkommunikation,
-wurden verhängt, um die Seele vor ewiger Verdammnis zu retten, was man
-von der Vertilgungslust der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir,
-zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben an ein
-Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was die Entwürdigung des
-Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte exakt mit der des
-bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, Aufklärung und die
-Naturwissenschaft und Ökonomistik des neunzehnten Jahrhunderts haben
-nichts, aber auch nichts zu lehren unterlassen, was irgend tauglich
-schien, diese Entwürdigung zu fördern, angefangen mit der neuen
-Astronomie, die aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo
-Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten Geschöpfes
-kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern machte und der
-großartigen kosmischen Stellung des Menschen, auf der übrigens die
-Astrologie beruhte, vorderhand ein Ende bereitete.“
-
-„Vorderhand?“ Herrn Settembrinis Miene hatte, wie er es lauernd fragte,
-selber etwas von der eines Ketzerrichters und Inquisitors, der darauf
-wartet, daß der Aussagende sich im unzweifelhaft Sträflichen verfange.
-
-„Allerdings. Für ein paar hundert Jahre“, bestätigte Naphta kalt. „Eine
-Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles täuscht, auch in
-dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen Gange. Kopernikus wird
-von Ptolemäus geschlagen werden. Die heliozentrische These begegnet
-nachgerade einem geistigen Widerstand, dessen Unternehmungen
-wahrscheinlich zum Ziele führen werden. Die Wissenschaft wird sich
-philosophisch genötigt sehen, die Erde in alle Würden wieder
-einzusetzen, die das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.“
-
-„Wie? Wie? Geistiger Widerstand? Philosophisch genötigt sehen? Zum Ziele
-führen? Welche Art von Voluntarismus spricht aus Ihnen? Und die
-voraussetzungslose Forschung? Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein
-Herr, die mit der Freiheit so innig verbunden ist, und deren Blutzeugen,
-aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern vielmehr
-zur ewigen Zierde gereichen??“
-
-Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art, zu fragen. Hochaufgerichtet
-saß er und ließ seine ehrenhaften Worte auf den kleinen Herrn Naphta
-niedersausen, am Ende die Stimme so mächtig hochziehend, daß man wohl
-hörte, wie sicher er war, daß des Gegners Antwort hierauf nur in
-beschämtem Schweigen bestehen könne. Er hatte ein Stück Baumkuchen
-zwischen den Fingern gehalten, während er sprach, legte es aber nun auf
-den Teller zurück, da er nach dieser Fragestellung nicht hineinbeißen
-mochte.
-
-Naphta erwiderte mit unangenehmer Ruhe:
-
-„Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit der
-kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins Satz ‚Ich glaube,
-damit ich erkenne‘ zusammenfassen läßt, ist völlig unbestreitbar. Der
-Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär. Ihre
-voraussetzungslose Wissenschaft ist eine Mythe. Ein Glaube, eine
-Weltanschauung, eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und
-Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft
-immer und in allen Fällen auf das ‚_Quod erat demonstrandum_‘ hinaus.
-Schon der Begriff des Beweises enthält, psychologisch genommen, ein
-stark voluntaristisches Element. Die großen Scholastiker des zwölften
-und dreizehnten Jahrhunderts waren einig in der Überzeugung, daß in der
-Philosophie nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei.
-Lassen wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine
-Humanität, die nicht anerkennt, daß in der Naturwissenschaft nicht wahr
-sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das ist keine Humanität.
-Die Argumentation des heiligen Offiziums gegen Galilei lautete dahin,
-daß seine Sätze philosophisch absurd seien. Eine schlagendere
-Argumentation gibt es nicht.“
-
-„Eh, eh, die Argumente unseres armen, großen Galilei haben sich als
-stichhaltiger erwiesen! Nein, lassen Sie uns ernsthaft reden,
-Professore! Beantworten Sie mir vor diesen beiden aufmerksamen jungen
-Leuten die Frage: Glauben Sie an eine Wahrheit, an die objektive, die
-wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben oberstes Gesetz aller
-Sittlichkeit ist, und deren Triumphe über die Autorität die
-Ruhmesgeschichte des Menschengeistes bilden?!“
-
-Hans Castorp und Joachim wandten die Köpfe von Settembrini zu Naphta,
-der erstere schneller, als der andere. Naphta antwortete:
-
-„Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität ist der
-Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und zwischen ihr und der
-Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. Sie fallen zusammen.“
-
-„Die Wahrheit wäre demnach –“
-
-„Wahr ist, was dem Menschen frommt. In ihm ist die Natur zusammengefaßt,
-in aller Natur ist nur er geschaffen und alle Natur nur für ihn. Er ist
-das Maß der Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine
-theoretische Erkenntnis, die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee
-des Menschen entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder
-Wahrheitswert ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten ist. Die
-christlichen Jahrhunderte waren völlig einig über die menschliche
-Unerheblichkeit der Naturwissenschaft. Lactantius, den Konstantin der
-Große zum Lehrer seines Sohnes wählte, fragte gerade heraus, welche
-Seligkeit er denn gewinnen werde, wenn er wisse, wo der Nil entspringt,
-oder was die Physiker vom Himmel faseln. Das beantworten Sie ihm einmal!
-Wenn man die platonische Philosophie jeder anderen vorzog, so darum,
-weil sie sich nicht mit Naturerkenntnis, sondern mit der Erkenntnis
-Gottes abgab. Ich kann Sie versichern, die Menschheit ist im Begriff, zu
-diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und einzusehen, daß es nicht Aufgabe
-wahrer Wissenschaft ist, heillosen Erkenntnissen nachzulaufen, sondern
-das Schädliche oder auch nur ideell Bedeutungslose grundsätzlich
-auszuscheiden und mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es
-ist kindisch, zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das Licht
-verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein ‚voraussetzungsloses‘
-Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt: ein solches, das sich der
-Rücksicht auf das Geistige, auf den Zweck der Heilserwerbung entschlägt,
-für strafbar zu erklären, und was den Menschen in Finsternis geführt hat
-und immer tiefer führen wird, ist vielmehr die ‚voraussetzungslose‘, die
-aphilosophische Naturwissenschaft.“
-
-„Sie lehren da einen Pragmatismus,“ erwiderte Settembrini, „den Sie nur
-ins Politische zu übertragen brauchen, um seiner ganzen Verderblichkeit
-ansichtig zu werden. Gut, wahr und gerecht ist, was dem Staate frommt.
-Sein Heil, seine Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen.
-Schön! Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die
-menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie –
-sie mögen sehen, wo sie bleiben ...“
-
-„Ich bringe ein wenig Logik in Vorschlag“, versetzte Naphta. „Entweder
-Ptolemäus und die Scholastik behalten recht, und die Welt ist endlich in
-Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit transzendent, der Gegensatz von
-Gott und Welt bleibt aufrecht, und auch der Mensch ist eine dualistische
-Existenz: das Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des
-Sinnlichen und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit
-Abstand zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich als
-konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen fanden die
-Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich. Dann gibt es keine übersinnliche
-Welt, keinen Dualismus; das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der
-Gegensatz von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch die
-menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier
-feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, sondern einheitlich ist, so
-beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der Einzel- und
-der gesamtheitlichen Interessen, und der Zweck des Staates wird, wie es
-gut heidnisch ist, zum Gesetz des Sittlichen. Eines oder das andere.“
-
-„Ich protestiere!“ rief Settembrini, indem er seine Teetasse dem
-Gastgeber mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt. „Ich protestiere gegen
-die Unterstellung, daß der moderne Staat die Teufelsknechtschaft des
-Individuums bedeute! Ich protestiere zum drittenmal, und zwar gegen die
-vexatorische Alternative von Preußentum und gotischer Reaktion, vor die
-Sie uns stellen wollen! Die Demokratie hat keinen anderen Sinn, als den
-einer individualistischen Korrektur jedes Staatsabsolutismus. Wahrheit
-und Gerechtigkeit sind Kronjuwelen individueller Sittlichkeit, und im
-Falle des Konflikts mit dem Staatsinteresse mögen sie wohl sogar den
-Anschein staatsfeindlicher Mächte gewinnen, während sie in der Tat das
-höhere, sagen wir es doch: das überirdische Wohl des Staates im Auge
-haben. Die Renaissance der Ursprung der Staatsvergottung! Welche
-Afterlogik! Die Errungenschaften – ich sage mit etymologischer Betonung:
-die _Errungen_schaften von Renaissance und Aufklärung, mein Herr, heißen
-Persönlichkeit, Menschenrecht, Freiheit!“
-
-Die Zuhörer atmeten aus, denn sie hatten die Luft angehalten bei Herrn
-Settembrinis großer Replik. Hans Castorp konnte sogar nicht umhin, mit
-der Hand, wenn auch zurückhaltenderweise, auf den Tischrand zu schlagen.
-„Brillant!“ sagte er zwischen den Zähnen, und auch Joachim zeigte starke
-Befriedigung, obgleich ein Wort gegen das Preußentum gefallen war. Dann
-aber wandten sich beide dem eben zurückgeschlagenen Interlokutor zu,
-Hans Castorp mit solchem Eifer, daß er den Ellbogen auf den Tisch und
-das Kinn in die Faust stützte, ungefähr wie beim Schweinchen-Zeichnen,
-und Herrn Naphta aus nächster Nähe gespannt ins Gesicht blickte.
-
-Dieser saß still und scharf, die mageren Hände im Schoß. Er sagte:
-
-„Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie antworten mir
-mit Hochherzigkeiten. Daß die Renaissance all das zur Welt gebracht hat,
-was man Liberalismus, Individualismus, humanistische Bürgerlichkeit
-nennt, war mir leidlich bekannt; aber Ihre ‚etymologischen Betonungen‘
-lassen mich kühl, denn das ‚ringende‘, das heroische Lebensalter Ihrer
-Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen heute zum
-mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die ihnen den Garaus
-machen werden, stehen schon vor der Tür. Sie nennen sich, wenn ich nicht
-irre, einen Revolutionär. Aber wenn Sie glauben, daß das Ergebnis
-künftiger Revolutionen – Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das
-Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und
-überlebt. Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung
-versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des Ich, der
-Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre Bildungsmittel erblickt,
-– eine solche Pädagogik mag noch rhetorische Augenblickserfolge
-davontragen, aber ihre Rückständigkeit ist für den Wissenden über jeden
-Zweifel erhaben. Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher
-gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln
-kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um
-Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der
-Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der
-Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste
-Lust ist der Gehorsam.“
-
-Joachim richtete sich gerade auf. Hans Castorp errötete. Herr
-Settembrini drehte erregt an seinem schönen Schnurrbart.
-
-„Nein!“ fuhr Naphta fort. „Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind
-das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie
-verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist – der Terror.“
-
-Er hatte das letzte Wort leiser als alles Vorhergehende gesprochen, ohne
-eine Körperbewegung; nur seine Brillengläser hatten kurz aufgeblitzt.
-Alle drei, die ihn hörten, waren zusammengezuckt, auch Settembrini, der
-sich aber bald lächelnd wieder faßte.
-
-„Und darf man sich erkundigen,“ fragte er, „wen oder was – Sie sehen,
-ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich fragen soll – wen
-oder was Sie sich als Träger dieses – ich wiederhole ungern das Wort –
-dieses Terrors denken?“
-
-Naphta saß stille, scharf und blitzend. Er sagte:
-
-„Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich unsere
-Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines idealen Urzustandes der
-Menschheit, eines Zustandes der Staat- und Gewaltlosigkeit, der
-unmittelbaren Gotteskindschaft, worin es weder Herrschaft noch Dienst
-gab, nicht Gesetz noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche
-Verbindung, keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum,
-sondern Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.“
-
-„Sehr gut. Ich stimme zu“, erklärte Settembrini. „Ich stimme zu bis auf
-den Punkt der fleischlichen Verbindung, die offenbar jederzeit
-stattgehabt haben muß, da der Mensch ein höchstentwickeltes Wirbeltier
-ist und nicht anders, als andere Wesen –“
-
-„Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis,
-was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren
-Zustand betrifft, der durch den Sündenfall verloren ging. Ich glaube,
-daß wir noch ein weiteres Stück Weges Seite an Seite bleiben können,
-nämlich indem wir den Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum
-Schutz gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen
-und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt erblicken.“
-
-„Benissimo!“ rief Settembrini. „Gesellschaftsvertrag ... das ist die
-Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht –“
-
-„Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache, daß alle
-Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke war, und daß dieses sein
-Recht an der Gesetzgebung und seine ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten
-übertrug, folgert Ihre Schule vor allem das revolutionäre Recht des
-Volkes vor dem Königtum. Wir dagegen –“
-
-„Wir?“ dachte Hans Castorp gespannt ... Wer sind „wir“? Ich muß
-unbedingt nachher Settembrini danach fragen, wen er mit „wir“ meint.
-
-„Wir unsererseits,“ sprach Naphta, „vielleicht nicht weniger
-revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster Linie den Vorrang
-der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert. Denn wenn die
-Ungöttlichkeit des Staates ihm nicht an der Stirn geschrieben stände,
-würde ein Hinweis auf eben dieses historische Faktum, daß er auf den
-Willen des Volkes und nicht, wie die Kirche, auf göttliche Stiftung
-zurückzuführen ist, genügen, um ihn, wenn nicht geradezu als eine
-Veranstaltung der Bosheit, so doch jedenfalls als eine solche der
-Notdurft und der sündhaften Unzulänglichkeit zu erweisen.“
-
-„Der Staat, mein Herr –“
-
-„Ich weiß, wie Sie über den nationalen Staat denken. ‚Über alles geht
-die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.‘ Das ist Vergil. Sie
-korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus, und das ist die
-Demokratie; aber Ihr grundsätzliches Verhältnis zum Staat bleibt dadurch
-völlig unberührt. Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht
-an. Oder wollen Sie es bestreiten? Die Antike war kapitalistisch, weil
-sie staatsfromm war. Das christliche Mittelalter hat den immanenten
-Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. ‚Das Geld wird Kaiser
-sein‘, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften Jahrhundert. Leugnen
-Sie, daß das wörtlich eingetroffen, und daß die Verteufelung des Lebens
-damit restlos erreicht ist?“
-
-„Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig, mit dem großen
-Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt gemacht zu werden.“
-
-„Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse, welche
-Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet hat. Ich kann
-auf Ihre Widerrede zur Not verzichten, denn die politische Ideologie der
-Bürgerlichkeit ist mir bekannt. Ihr Ziel ist das demokratische Imperium,
-die Selbstübersteigerung des nationalen Staatsprinzips ins Universelle,
-der Weltstaat. Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre Utopie
-ist gräßlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt gewissermaßen
-wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische Weltrepublik hat etwas
-Transzendentes, tatsächlich, der Weltstaat ist die Transzendenz des
-weltlichen Staates, und wir stimmen überein in dem Glauben, daß einem
-vollkommenen Anfangszustande der Menschheit ein in Horizontferne
-liegender vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen
-Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als
-ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes
-zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes wurde nicht um
-seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende Diktatur
-war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, Übergangsform vom heidnischen
-Staat zum himmlischen Reich. Sie haben diesen Lernenden hier von
-Bluttaten der Kirche, ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, –
-höchst törichterweise, denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht
-pazifistisch sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei
-der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!‘ Daß die Macht böse
-ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und
-Diesseits, Geist und Macht muß, wenn das Reich kommen soll,
-vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und
-Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors
-nenne.“
-
-„Der Träger! Der Träger!“
-
-„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz einer
-Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung des
-Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze und Ziele mit denen des
-christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? Die Väter der Kirche
-haben Mein und Dein verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation
-und Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil nach
-dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam sei und
-daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen Gebrauch aller
-hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die Habgier, eine Folge des
-Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt und das Sondereigentum geschaffen
-habe. Sie waren human genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche
-Tätigkeit überhaupt eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die
-Menschlichkeit zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte
-gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des höllischen
-Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß der Preis das Ergebnis
-des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage ist, haben sie von ganzem
-Herzen verachtet und das Ausnutzen der Konjunktur als zynische
-Ausbeutung einer Notlage des Nächsten verdammt. Es gab eine noch
-frevelhaftere Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich
-für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich den
-Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, die
-Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des anderen zu mißbrauchen.“
-
-„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer der
-Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die Zeit ... Eine
-allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig ...!“
-
-„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister haben den
-Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes als ekelhaft
-empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte unter den Begriff des
-Wuchers fallen lassen und erklärt, daß jeder Reiche entweder ein Dieb
-oder eines Diebes Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten,
-wie Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft,
-das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines Nutzens, aber ohne
-Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen Gutes, als ein
-schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht geneigt, die Arbeit an und für
-sich sehr hoch zu schätzen, denn sie ist nur eine ethische
-Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht im Dienste des Lebens,
-nicht Gottes. Und wenn es sich denn bloß um das Leben handeln sollte und
-um Wirtschaft, so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als
-Bedingung wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit
-gelte. Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht der
-Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die
-Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten die
-Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen Grundsätze
-und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre
-Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die
-Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des
-Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das
-internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat,
-das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der
-bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des
-Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit,
-hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in
-Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von
-Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung
-durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der
-Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors
-aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es
-seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der
-Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der
-staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.“
-
-So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg. Die jungen
-Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war es, sich irgendwie zu
-verhalten. Er sagte:
-
-„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich hätte das
-nicht erwartet. _Roma locuta._ Und wie, – und wie hat es gesprochen! Vor
-unseren Augen hat er ein hieratisches Saltomortale vollführt, – wenn das
-ein Widerspruch im Beiwort ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘,
-ah, ja! Ich wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für
-denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt der
-Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen christlichen, auf der
-Zweiheit von Gott und Welt beruhenden Individualismus begreiflich zu
-machen und uns seinen Vorrang vor aller politisch bestimmten
-Sittlichkeit zu beweisen. Wenige Minuten später treiben Sie den
-Sozialismus bis zur Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“
-
-„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt ist nur das
-Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie ich mir schon anzumerken
-erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis. Er korrigiert Ihre
-heidnische Staatssittlichkeit durch ein wenig Christentum, ein wenig
-‚Recht des Individuums‘, ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles.
-Ein Individualismus dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen
-Wichtigkeit der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern
-religiöser Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit
-von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und Gott, von Fleisch
-und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher Individualismus verträgt
-sich mit bindungsvollster Gemeinschaft recht wohl ...“
-
-„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp.
-
-Settembrini sah ihn mit großen Augen an.
-
-„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge, die auf
-Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen war. „Unterrichten
-Sie sich, aber produzieren Sie nicht! – Das ist eine Antwort“, sagte er,
-wieder zu Naphta gewandt. „Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine.
-Blicken wir allen Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint
-der christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt.
-Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde und Geldgeschäft, das der
-Antike weit höher als Landwirtschaft und Handwerk galt, verneint er die
-Freiheit. Denn es ist ja klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie
-im Mittelalter, alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund
-und Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben ganz
-leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann nur der Boden
-ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht. Handwerker und
-Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten mögen, – besitzen sie keinen
-Boden, so sind sie Hörige dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich
-bestand bis tief ins Mittelalter hinein die große Menge selbst der
-Städte aus Hörigen. Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von
-menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten Sie eine
-Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit der
-menschlichen Persönlichkeit hängt.“
-
-„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta, „ließe sich reden.
-Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung, wenn diese Zusammenhänge Ihnen
-Veranlassung gäben, die Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn
-als ein Problem zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche
-Wirtschaftsmoral in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft.
-Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der Städte,
-wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache, höchst sittlich, wie
-sie immer sei, historisch verbunden ist mit der unmenschlichsten
-Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen Greueln des modernen Händler-
-und Spekulantentums, mit der Satansherrschaft des Geldes, des
-Geschäftes.“
-
-„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel und
-Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig zur
-schwärzesten Reaktion bekennen!“
-
-„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der
-schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu entschlagen.“
-
-„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender
-Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens leer
-waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug für heute, genug
-für einen Tag, wie mir scheint. Professor, wir danken für die
-schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle Gespräch. Meine Freunde
-vom Berghof hier ruft die Kur, und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie
-gehen, meine Klause droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio,
-Padre!“
-
-Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp vermerkte es mit
-hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen, daß Settembrini den Aufbruch
-leitete, über die Vettern verfügte und nicht in Frage kommen ließ, ob
-Naphta vielleicht sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute
-verabschiedeten sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen
-ermutigt. Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp das
-Buch „_De miseria humanae conditionis_“, einen morschen Pappband,
-leihweise mit auf den Weg bekam. Noch immer saß der sauerbärtige Lukaček
-auf seinem Tisch, das Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an
-seiner offenen Tür vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum
-Dachgeschoß zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar kein
-Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk unter der
-Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen Atmosphäre des
-Speichers, dem Geruch warmen Holzes. Aber der Dachstuhl enthielt zwei
-Kammern, und diese bewohnte der republikanische Kapitalist, sie dienten
-dem schöngeistigen Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio
-und Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden,
-nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen die richtigen
-Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum Lobe bedienen mochten, –
-was sie denn einstimmig taten. Es sei ganz reizend, fanden sie beide,
-separiert und traulich, genau wie er sage. Sie taten einen Blick ins
-Schlafzimmerchen, wo vor der schmalen und kurzen Bettstatt im
-Mansardenwinkel ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann
-dem Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet
-war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar frostige Ordnung
-aufwies. Plumpe und altmodische Stühle, vier an der Zahl, mit
-Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch zu seiten der Türen
-aufgestellt, und auch der Diwan war an die Wand gerückt, so daß der
-grüngedeckte Rundtisch, auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und
-jedenfalls nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals
-gestülptem Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher,
-gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort schräg
-aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig ein
-leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken Bodenbelag aus
-Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen zu können. Hans Castorp
-nahm einen Augenblick probeweise hier Aufstellung, – an Herrn
-Settembrinis Arbeitsstätte, wo er die schöne Literatur zu
-enzyklopädischen Zwecken unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Leiden
-behandelte, – stützte die Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte,
-daß es sich hier separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte
-Lodovicos Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit
-seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich das
-Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe, ja, auch
-die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche stammten aus
-dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle hatten sogar schon dem
-Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand hatten sie die Wände seines
-Advokatenbureaus geschmückt. Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der
-Stühle gewann etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen
-Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend mit
-übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch und
-nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber, am Stehpult Settembrinis
-des Älteren, bedachte, wie nun der Sohn daran wirke, indem er die
-Politik des Großvaters mit dem Humanismus des Vaters zur schönen
-Literatur vereinige. Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte
-sich erboten, die Vettern heimzugeleiten.
-
-Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte von Naphta,
-und Hans Castorp konnte warten: es war gewiß, daß Herr Settembrini auf
-seinen Hausgenossen zu sprechen kommen werde, ja, daß er zu diesem
-Zwecke mit ihnen gegangen sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem
-Aufatmen, das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener:
-
-„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“
-
-Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich mit
-falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens fragen können: „Vor
-wem?“ aber er faßte sich unpersönlich, um seine ganze Unschuld zu
-bekunden, während doch sogar Joachim genau Bescheid wußte.
-
-„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“ antwortete
-Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen gegen Wunsch und Absicht
-vermittelt habe. Sie wissen, der Zufall wollte es, ich konnte nicht
-umhin; aber ich trage die Verantwortung und trage schwer daran. Es ist
-meine Pflicht, Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren
-hinzuweisen, die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens
-zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu halten. Seine Form
-ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“
-
-„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer sei es ja wohl
-gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar muteten seine Reden wohl
-manchmal an; es hätte ja geradezu geklungen, als wollte er wahrhaben,
-daß die Sonne sich um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie,
-die Vettern, auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein, mit
-einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen Verkehr zu
-treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie Naphta kennengelernt,
-mit ihm hätten sie ihn getroffen, er gehe mit ihm spazieren, er komme
-zwanglos zu ihm zum Tee herunter; das beweise doch –
-
-„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme klang sanft,
-resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies läßt sich mir
-erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, ich verantworte mich
-bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen
-sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft.
-Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine
-diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich
-mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen
-Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit
-... Kurz, es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir
-promenieren auch miteinander. Wir streiten. Wir streiten uns aufs Blut,
-fast jeden Tag, aber ich gestehe, die Gegensätzlichkeit und
-Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm
-zusammenzutreffen. Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht,
-wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den
-meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten – Sie,
-Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet gegen
-intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den
-Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik
-Schaden zu nehmen an Geist und Seele.“
-
-Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und er, sie seien
-wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es sei die Geschichte mit den
-Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. Aber demgegenüber könne man ja
-Petrarca anführen mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon,
-und hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta so
-vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen Zeit, für
-deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen dürfe, sei vorzüglich gewesen,
-und dann habe es ihn auch sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu
-hören, was er ohne Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ...
-
-Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte sich Hans
-Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich jeder Partei- und
-Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert habe er es gefunden, was
-Naphta über die Lust der Jugend gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun
-erst einmal eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta – ich
-sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht unbedingt mit
-ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil innerlich höchst reserviert
-verhalte –“
-
-„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar.
-
-„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, die Seele des
-Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das Eigentum, weil es
-Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen Reichtum, von dem er,
-glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff des höllischen Feuers – so
-drückte er sich annähernd einmal aus, wenn ich nicht irre, und lobte das
-mittelalterliche Zinsverbot in allen Tönen. Und dabei, er selbst ...
-Entschuldigen Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung
-sondergleichen, wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“
-
-„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische
-Geschmacksrichtung.“
-
-„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp weiter,
-„die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der venezianische
-Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ... und beliebig viel
-Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er muß doch für seine Person –“
-
-„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person so wenig
-Kapitalist wie ich.“
-
-„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber fällig in Ihrer
-Rede, Herr Settembrini.“
-
-„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“
-
-„Wer, ‚die dort‘?“
-
-„Jene Väter.“
-
-„Väter? Väter?“
-
-„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“
-
-Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. Hans
-Castorp rief:
-
-„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist ein Jesuit?!“
-
-„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein.
-
-„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf so was! Darum also
-haben Sie ihn Padre tituliert?“
-
-„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete Settembrini.
-„Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit ist schuld daran, daß er es
-vorderhand nicht soweit gebracht hat. Aber er hat das Noviziat
-absolviert und die ersten Gelübde getan. Die Krankheit zwang ihn, seine
-theologischen Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als
-Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt: als
-Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge. Das kam seinen
-pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann er ihnen weiter nachhängen,
-indem er am Fridericianum Lateinisch lehrt. Er ist seit fünf Jahren
-hier. Es ist unsicher geworden, ob und wann er diesen Ort wird verlassen
-dürfen. Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst
-lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte Ihnen, daß
-er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist. Natürlich, das ist
-Vorschrift. Aber der Orden verfügt über ungemessene Reichtümer, und er
-sorgt für die Seinen, wie Sie sahen.“
-
-„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe überhaupt nicht
-gewußt und gedacht, daß es sowas in allem Ernste noch gäbe! Ein Jesuit.
-Ja so! ... Aber sagen Sie mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl
-versorgt und versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich
-will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini, Sie haben
-es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert und außerdem besonders
-traulich. Ich meine aber: wenn Naphta es nun doch so dicke hat, um mich
-gewöhnlich auszudrücken – warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung,
-statiöser, mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen
-Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches, wie er da in
-dem Loch mit all seiner Seide ...“
-
-Settembrini zuckte die Achseln.
-
-„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte er, „die ihn
-dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert sein antikapitalistisches
-Gewissen, indem er die Zimmer eines Armen bewohnt, und sich schadlos
-hält durch die Art, wie er sie bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele
-sein. Man bindet es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der
-Teufel von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare Fassade
-vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack ...“
-
-„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu und geradezu
-aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir sind Ihnen wirklich zu
-Dank verbunden, Herr Settembrini, für diese Bekanntschaft. Wollen Sie
-glauben, daß wir noch manches liebe Mal hingehen werden und ihn
-besuchen? Das ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in
-ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von deren
-Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger Jesuit! Und wenn
-ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das Stichwort, für das, was
-mir durch den Kopf geht, und was ich denn doch noch bemerken muß. Ich
-frage: Ist er denn richtig? Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt
-nicht richtig ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was ich
-aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig _als
-Jesuit_ – das geht mir im Kopf herum. Er hat da Dinge geäußert – Sie
-wissen, welche ich meine – über den modernen Kommunismus und über den
-Gotteseifer des Proletariats, das seine Hand nicht zurückhalten soll vom
-Blute – kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr
-Großvater mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen,
-entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn das? Hat das die
-Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt es sich mit der römischen
-Lehre, für die doch der Orden in aller Welt intrigieren soll, soviel ich
-weiß? Ist es nicht – wie heißt das Wort – häretisch, abweichend,
-inkorrekt? Das überlege _ich_ mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was
-Sie denken.“
-
-Settembrini lächelte.
-
-„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie Jesuit, ist es
-recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann von Geist – ich würde
-sonst nicht seine Gesellschaft suchen –, und als solcher trachtet er
-nach neuen Kombinationen, Anpassungen, Anknüpfungen, zeitgemäßen
-Abwandlungen. Sie sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er
-hatte sich mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die
-Anregung, die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu reizen,
-in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es lautete schnurrig
-genug, gräßlich genug ...“
-
-„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte doch wohl das
-Alter dazu.“
-
-„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig daran
-gehindert hat.“
-
-„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und zweitens ein
-Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies zweite, hinzukommende, mit
-der Krankheit zu tun hat?“
-
-„Was wollen Sie damit sagen?“
-
-„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine feuchte
-Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber seine Kombinationen
-hätten ihn auch wohl daran gehindert, und insofern – gewissermaßen,
-gehören die Kombinationen und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf
-seine Art auch so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein _joli jésuite_
-mit einem _petite tache humide_.“
-
-Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm Hause blieben
-sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten, traten zu einer kleinen
-Gruppe zusammen, während ein paar Patienten, die am Portal
-herumlungerten, ihrem Gespräche zusahen. Herr Settembrini sagte:
-
-„Um es zu wiederholen, meine jungen Freunde, ich warne Sie. Ich kann
-Ihnen nicht verwehren, die einmal gemachte Bekanntschaft zu kultivieren,
-wenn die Neugier Sie dazu treibt. Aber wappnen Sie Herz und Geist dabei
-mit Mißtrauen, lassen Sie es niemals fehlen an kritischem Widerstand.
-Ich werde Ihnen diesen Mann mit einem Worte kennzeichnen. Er ist ein
-Wollüstiger.“
-
-Die Gesichter der Vettern verzogen sich. Dann fragte Hans Castorp:
-
-„Ein ... wie? Erlauben Sie, er ist doch Ordensmann. Da sind ja bestimmte
-Gelübde zu leisten, soviel ich weiß, und außerdem ist er so miekerig und
-leibarm ...“
-
-„Sie reden töricht, Ingenieur“, erwiderte Herr Settembrini. „Das hat mit
-Leibarmut gar nichts zu tun, und was die Gelübde betrifft, so gibt es da
-Vorbehalte. Ich sprach jedoch in einem weiteren und geistigeren Sinn,
-für den ich nachgerade Verständnis bei Ihnen sollte voraussetzen dürfen.
-Erinnern Sie sich wohl noch, wie ich Sie eines Tages auf Ihrem Zimmer
-besuchte – es ist lange her, furchtbar lange –, Sie absolvierten eben
-die Bettruhe nach erfolgter Aufnahme ...“
-
-„Selbstverständlich! Sie traten in der Dämmerung ein und machten Licht,
-ich weiß es wie heute ...“
-
-„Gut, damals kamen wir im Plaudern, wie es gottlob des öfteren
-geschieht, auf höhere Gegenstände. Ich glaube gar, wir sprachen von Tod
-und Leben, von den Würden des Todes, insofern er Bedingung und Zubehör
-des Lebens ist, und von der Fratzenhaftigkeit, der er verfällt, wenn der
-Geist ihn abscheulicherweise als Prinzip isoliert. Meine Herren!“ fuhr
-Herr Settembrini fort, indem er dicht vor die beiden jungen Leute
-hintrat, Daumen und Mittelfinger der Linken gabelförmig gegen sie
-spreizte, gleichsam, um sie zur Aufmerksamkeit zusammenzufassen, und den
-Zeigefinger der Rechten mahnend erhob ... „Prägen Sie sich ein, daß der
-Geist souverän ist, sein Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt.
-Isoliert er dualistisch den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen
-Willen wirklich und in der Tat, _actu_, Sie verstehen mich, zur eigenen,
-dem Leben entgegengesetzten Macht, zum widersacherischen Prinzip, zur
-großen Verführung, und sein Reich ist das der Wollust. Sie fragen mich,
-warum der Wollust? Ich antworte Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er
-die Erlösung ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble
-Erlösung. Er löst Sitte und Sittlichkeit, er erlöst von Zucht und
-Haltung, er macht frei zur Wollust. Wenn ich Sie warne vor dem Manne,
-dessen Bekanntschaft ich Ihnen ungern vermittelte, wenn ich Sie
-auffordere, im Verkehr und Diskurs mit ihm Ihre Herzen dreimal mit
-Kritik zu umgürten, so geschieht es, weil alle seine Gedanken
-wollüstiger Art sind, denn sie stehen unter dem Schutze des Todes, –
-einer höchst liederlichen Macht, wie ich Ihnen damals sagte, Ingenieur,
-– ich erinnere mich wohl meines Ausdrucks, ich behalte tüchtige und
-treffliche Äußerungen, die zu tun ich Gelegenheit fand, stets im
-Gedächtnis –, einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben
-gerichteten Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen
-des Erziehers vornehmste Pflicht ist.“
-
-Man konnte nicht besser sprechen als Herr Settembrini, nicht klarer und
-gerundeter. Hans Castorp und Joachim Ziemßen bedankten sich recht schön
-bei ihm für das Gehörte, empfahlen sich und erstiegen das Berghofportal,
-während Herr Settembrini, eine Treppe über Naphtas seidene Zelle hinaus,
-an sein Humanistenpult zurückkehrte.
-
-Es war der erste Besuch der Vettern bei Naphta, dessen Verlauf wir hier
-festhielten. Seither waren demselben zwei oder drei weitere gefolgt,
-einer sogar in Abwesenheit Herrn Settembrinis; und auch sie lieferten
-dem jungen Hans Castorp Stoff zur Betrachtung, wenn er, indes das
-Hochgebild, genannt _Homo Dei_, seinem inneren Auge vorschwebte, an dem
-blaublühenden Ort seiner Zurückgezogenheit saß und „regierte“.
-
-
- Jähzorn. Und noch etwas ganz Peinliches
-
-So kam der August, und glücklich war unter seinen ersten Tagen
-der Jahrestag von unseres Helden Ankunft bei uns hier oben
-vorübergeschlüpft. Nur gut, daß er vorüber war, – er hatte dem jungen
-Hans Castorp etwas unangenehm vorgestanden. So war es die Regel. Der Tag
-der Ankunft war nicht beliebt, es wurde seiner unter den Voll- und
-Mehrjährigen nicht gedacht, und während doch sonst kein Vorwand zu
-Festivität und Becherklang unbenutzt blieb, die allgemeinen und großen
-Betonungen im Jahresrhythmus und -pulslauf durch möglichst viele private
-und irreguläre vermehrt und Geburtstage, Generaluntersuchungen,
-bevorstehende wilde oder echte Abreisen und dergleichen Anlässe mehr mit
-Schmaus und Pfropfenknall im Restaurant begangen wurden, – widmete man
-diesem Gedenktage nichts als Stillschweigen, ließ sich darüber
-hinweggleiten, vergaß auch wohl wirklich, auf ihn zu achten und durfte
-vertrauen, daß die andern ihn überhaupt nicht so genau im Sinne hatten.
-Auf Gliederung hielt man wohl; man beobachtete den Kalender, den Turnus,
-die äußere Wiederkehr. Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem
-Raum hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also zu
-messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und Anfänger; die
-Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Ungemessene und
-Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe war, und einer setzte mit
-Zartgefühl beim anderen einen Wunsch voraus, den er selber hegte. Es
-hätte für ganz und gar ungeschickt und brutal gegolten, jemandem zu
-sagen, heut sei er drei Jahre hier, – das kam nicht vor. Frau Stöhr
-selbst, so weit es ihr sonst immer fehlen mochte, in diesem Punkt war
-sie taktfest und abgeschliffen, nie wäre ein solcher Verstoß ihr
-untergelaufen. Ihr Kranksein, der Fieberstand ihres Körpers war mit
-großer Unbildung verbunden, gewiß. Noch kürzlich hatte sie bei Tische
-von der „Affektation“ ihrer Lungenspitzen gesprochen und, als das
-Gespräch auf historische Dinge gekommen war, erklärt, Geschichtszahlen
-seien nun einmal ihr „Ring des Polykrates“, was ebenfalls eine gewisse
-Erstarrung der Umsitzenden hervorgerufen hatte. Aber daß sie etwa im
-Februar den jungen Ziemßen an sein Jubiläum hätte erinnern sollen, wäre
-undenkbar gewesen, obgleich sie wahrscheinlich daran gedacht hatte. Denn
-ihr unseliger Kopf war natürlich voll unnützer Daten und Dinge, und sie
-liebte es, anderen nachzurechnen; aber die Sitte hielt sie im Zaum.
-
-So denn auch an Hans Castorps Tage. Sie hatte ihm wohl beim Essen einmal
-bedeutlich zuzuzwinkern versucht, aber da er dem Zeichen mit leerer
-Miene begegnet war, hatte sie sich schleunig zurückgezogen. Auch Joachim
-hatte gegen den Vetter geschwiegen, und doch war er des Datums wohl
-eingedenk gewesen, an dem er den Zu-Besuch-Kommenden von Station „Dorf“
-abgeholt hatte. Aber Joachim, zum Reden von Natur schon nicht sehr
-geneigt, bei weitem nicht so, wie Hans Castorp es wenigstens hier oben
-geworden, von Humanisten und Rabulisten ihrer Bekanntschaft ganz zu
-schweigen, – Joachim hatte sich in letzter Zeit eine besondere und
-auffallende Schweigsamkeit angeeignet, nur Einsilbigkeiten kamen noch
-über seine Lippen, aber in seiner Miene arbeitete es. Es war klar, daß
-sich für ihn mit Station „Dorf“ andere Vorstellungen verbanden als die
-des Abholens und der Ankunft ... Er stand in regem Briefwechsel mit dem
-Flachlande. Entschlüsse reiften in ihm. Vorbereitungen, die er traf,
-näherten sich ihrem Abschluß.
-
-Der Juli war warm und heiter gewesen. Aber mit Anbruch des neuen Monats
-fiel schlechtes Wetter ein, trübe Nässe, Schneeregen, dann
-unzweideutiger Schneefall, und mit Einschaltung einzelner prangender
-Sommertage dauerte das an, über das Monatsende hin, in den September
-hinein. Anfangs hielten die Zimmer sich noch warm von der
-vorhergegangenen Sommerperiode; man hatte zehn Grad darin, das galt für
-behaglich. Aber rasch wurde es kälter und kälter, und man war froh über
-den Schnee, der das Tal bedeckte, denn sein Anblick – nur dieser, der
-Tiefstand der Temperatur allein wäre ohne Folge geblieben – bewog die
-Verwaltung, zu heizen, zuerst nur den Speisesaal, dann auch die Zimmer,
-und man konnte, wenn man, nach geleistetem Liegedienst aus seinen zwei
-Decken gewickelt, von der Loggia hereinkam, mit den feuchtstarren Händen
-die belebten Röhren betasten, deren trockener Hauch freilich das Brennen
-der Wangen verstärkte.
-
-War das der Winter? Die Sinne konnten sich diesem Eindruck nicht
-entziehen, und man klagte, man sei „um den Sommer betrogen“, obgleich
-man, unterstützt von natürlichen und künstlichen Umständen, durch einen
-innerlich wie äußerlich verschwenderischen Zeitverbrauch sich selber um
-ihn betrogen hatte. Die Vernunft wollte wissen, daß noch schöne
-Herbsttage folgen würden; vielleicht sogar serienweise würden sie
-erscheinen und in so warmer Pracht, daß ihnen mit dem Namen des Sommers
-nicht zuviel Ehre würde angetan werden, vorausgesetzt, daß man sich den
-schon flacheren Tageslauf der Sonne, ihren schon zeitigen Abschied aus
-dem Sinne schlug. Aber die Wirkung auf das Gemüt, die der Anblick der
-Winterlandschaft draußen hervorbrachte, war stärker als solche
-Tröstungen. Man stand an seiner geschlossenen Balkontür und starrte mit
-Ekel hinaus in das Gestöber, – Joachim war es, der so stand, und mit
-gepreßter Stimme sagte er:
-
-„Soll nun das wieder losgehen?“
-
-Hans Castorp, hinter ihm im Zimmer, erwiderte:
-
-„Das wäre etwas früh, es kann nicht endgültig sein, aber es gibt sich
-allerdings eine schauderhaft endgültige Miene. Wenn Winter in
-Dunkelheit, Schnee und Kälte und warmen Röhren besteht, dann ist wieder
-Winter, da gibt es nichts zu leugnen. Und wenn man bedenkt, daß ja eben
-erst Winter war und kaum die Schneeschmelze vorüber ist – jedenfalls
-_scheint_ es uns so, nicht wahr, als ob doch gerade erst Frühling
-gewesen wäre, – dann kann einem momentweise schlecht werden, das gebe
-ich zu. Es ist gefährlich für die menschliche Lebenslust, – laß dir
-erläutern, wie ich das meine. Ich meine es so, daß die Welt normaler
-Weise so eingerichtet ist, wie es den Bedürfnissen des Menschen
-entspricht und der Lebenslust zukömmlich ist, das muß man anerkennen.
-Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, daß die Naturordnung, zum
-Beispiel also gleich mal die Größe der Erde, die Zeit, die sie zur
-Umdrehung um sich selbst und um die Sonne braucht, der Wechsel der
-Tages- und Jahreszeiten, der kosmische Rhythmus, wenn du willst, – nach
-unserem Bedürfnis bemessen ist, – das wäre wohl frech und einfältig, es
-wäre Teleologie, wie der Denker sagt. Aber die Sache ist einfach so, daß
-unser Bedürfnis und die allgemeinen, grundlegenden Naturtatsachen
-gottlob miteinander in Einklang stehen – gottlob, sage ich, denn es ist
-wirklich ein Anlaß, Gott zu loben –, und wenn im Flachland der Sommer
-kommt oder der Winter, dann ist der vorige Sommer oder Winter genau so
-lange her, daß Sommer und Winter uns wieder neu und willkommen sind, und
-darauf beruht die Lebenslust. Bei uns hier oben nun aber ist diese
-Ordnung und dieser Einklang gestört, erstens weil es hier eigentlich gar
-keine richtigen Jahreszeiten gibt, wie du selbst mal bemerktest, sondern
-bloß Sommertage und Wintertage _pêle-mêle_ durcheinander, und außerdem,
-weil es überhaupt keine Zeit ist, was einem hier vergeht, so daß der
-neue Winter, wenn er kommt, gar nicht neu ist, sondern wieder der alte;
-und daraus erklärt sich das Mißvergnügen, mit dem du da durch die
-Scheibe guckst.“
-
-„Danke sehr“, sagte Joachim. „Und nun, wo du es erklärt hast, da bist
-du, glaub’ ich, so zufrieden, daß du unter anderm auch mit der Sache
-selbst zufrieden bist, obgleich sie doch ... Nein!“ sagte Joachim.
-„Schluß!“ sagte er. „Es ist eine Schweinerei. Das Ganze ist eine
-ungeheuere, ekelhafte Schweinerei, und wenn du für dein Teil ... _Ich_
-...“ Und er verließ raschen Schrittes das Zimmer, zog zornig die Tür
-hinter sich zu, und wenn nicht alles täuschte, so hatten Tränen in
-seinen schönen, sanften Augen gestanden.
-
-Der andere blieb betreten zurück. Er hatte gewisse Entschlüsse des
-Vetters nicht sehr ernst genommen, solange dieser sich in lauten
-Ankündigungen ergangen hatte. Nun aber, da es nur noch schweigend in
-Joachims Miene arbeitete und er sich benahm wie eben, erschrak Hans
-Castorp, weil er begriff, daß dieser Militär der Mann war, zu Taten
-überzugehen, – erschrak bis zum Erblassen und zwar für sie beide, für
-sich und ihn. _Fort possible qu’il va mourir_, dachte er, und da das
-sicherlich eine Wissenschaft aus dritter Hand war, so mischte sich auch
-noch die Pein alten, nie gestillten Verdachtes hinein, während er
-gleichzeitig dachte: Ist es möglich, daß er mich allein hier oben läßt,
-– mich, der ich doch nur gekommen bin, ihn zu besuchen?! um
-hinzuzufügen: das wäre doch toll und schrecklich, – es wäre dermaßen
-toll und schrecklich, daß ich fühle, wie ich ganz kalt im Gesicht werde
-und mein Herz sich regellos aufführt, denn wenn ich allein hier oben
-zurückbleibe – und das tue ich, wenn er abreist; daß ich mit ihm fahre,
-ist platterdings ausgeschlossen –, dann ist es ja – aber nun steht mein
-Herz überhaupt still – dann ist es ja für immer und ewig, denn allein
-finde ich nie und nimmermehr den Weg ins Flachland zurück ...
-
-Soweit Hans Castorps schreckhafter Gedankengang. Noch am selben
-Nachmittag sollte er über den Lauf der Dinge Gewißheit erlangen: Joachim
-erklärte sich, die Würfel fielen, es kam zu Schlag und Entscheidung.
-
-Nach dem Tee stiegen sie ins helle Souterrain hinab zur
-Monatsuntersuchung. Es war Anfang September. Beim Eintritt ins trocken
-durchhauchte Ordinationszimmer fanden sie Dr. Krokowski an seinem
-Schreibtischplatz, während der Hofrat, sehr blau im Gesicht, mit
-untergeschlagenen Armen an der Wand lehnte, in der einen Hand das
-Hörrohr, mit dem er sich gegen die Schulter klopfte. Er gähnte zur Decke
-empor. „Mahlzeit, Kinder!“ sagte er matt und ließ auch fernerhin eine
-recht schlaffe Laune merken, Melancholie, allgemeinen Verzicht.
-Wahrscheinlich hatte er geraucht. Es lagen aber auch sachliche
-Ärgernisse vor, von denen die Vettern schon gehört hatten,
-Anstaltsinterna von sattsam bekannter Art: ein junges Mädchen, Ammy
-Nölting mit Namen, welches, eingetreten zuerst im Herbst vorvorigen
-Jahres und nach neun Monaten, im August, als gesund entlassen, sich vor
-Ablauf des September schon wieder eingefunden hatte, weil sie sich zu
-Hause „nicht wohlgefühlt“ habe, zum Februar abermals völlig geräuschlos
-befunden und dem Flachlande zurückgegeben worden war, aber seit Mitte
-Juli schon wieder ihren Platz am Tische der Iltis einnahm, – diese Ammy
-war 1 Uhr nachts mit einem Leidenden namens Polypraxios, demselben
-Griechen, der beim Faschingsfest durch die Wohlgestalt seiner Beine
-berechtigtes Aufsehen erregt hatte, einem jungen Chemiker, dessen Vater
-am Piräus Farbwerke besaß, in ihrem Zimmer ertappt worden und zwar durch
-eine von Eifersucht verstörte Freundin, die auf demselben Wege in Ammys
-Zimmer gelangt war wie Polypraxios, nämlich über die Balkons, und,
-zerrissen von Schmerz und Wut über das Wahrgenommene, ein furchtbares
-Geschrei erhoben, alles in Bewegung gesetzt und die Sache an die große
-Glocke gehängt hatte. Behrens hatte allen dreien, dem Athener, der
-Nölting und ihrer Freundin, die vor Leidenschaft der eigenen Ehre wenig
-geachtet hatte, den Laufpaß geben müssen und eben jetzt mit seinem
-Assistenten, bei dem übrigens Ammy sowohl wie die Verräterin in
-Privatbehandlung gestanden hatten, die widrige Sache durchgesprochen.
-Auch während der Untersuchung der Vettern fuhr er noch fort, im Tone der
-Schwermut und der Resignation sich darüber auszulassen; denn er war ein
-so fertiger Künstler der Auskultation, daß er zugleich eines Menschen
-Inneres belauschen, von etwas anderem reden und dem Assistenten das
-Erhorchte diktieren konnte.
-
-„Ja, ja, _gentlemen_, die verfluchte _libido_!“ sagte er. „Sie haben
-natürlich noch Ihr Vergnügen an der Chose, Ihnen kann’s recht sein. –
-Vesikulär. – Aber so ein Anstaltschef, der hat davon die Neese _plein_,
-das können Sie mir – Dämpfung – das können Sie mir glauben. Kann ich
-dafür, daß die Phthise nun mal mit besonderer Konkupiszenz verbunden ist
-– leichte Rauhigkeit? Ich habe es nicht so eingerichtet, aber eh’ man
-sich’s versieht, steht man da wie ein Hüttchenbesitzer, – verkürzt hier
-unter der linken Achsel. Wir haben die Analyse, wir haben die
-Aussprache, – ja Mahlzeit! Je mehr die Rasselbande sich ausspricht,
-desto lüsterner wird sie. Ich predige die Mathematik. – Besser hier, das
-Geräusch ist weg. – Die Beschäftigung mit der Mathematik, sage ich, ist
-das beste Mittel gegen die Kupidität. Staatsanwalt Paravant, der stark
-angefochten war, hat sich drauf geworfen, er hat es jetzt mit der
-Quadratur des Kreises und spürt große Erleichterung. Aber die meisten
-sind ja zu dumm und zu faul dazu, daß Gott erbarm’. – Vesikulär. – Sehen
-Sie, ich weiß ganz gut, daß junges Volk hier gar nicht ganz unschwer
-verlumpt und verkommt, und früher habe ich manchmal einzuschreiten
-versucht gegen die Debauchen. Aber dann ist es mir passiert, daß
-irgendein Bruder oder Bräutigam mich ins Gesicht hinein gefragt hat, was
-es mich eigentlich angehe. Seitdem bin ich nur noch Arzt – schwaches
-Rasseln rechts oben.“
-
-Er war fertig mit Joachim, steckte sein Hörrohr in die Kitteltasche und
-rieb sich mit der riesigen Linken die beiden Augen, wie er zu tun
-pflegte, wenn er „abfiel“ und melancholisch war. Halb mechanisch und
-zwischendurch gähnend vor Mißlaune sagte er sein Sprüchlein her:
-
-„Na, Ziemßen, nur immer munter. Ist ja noch immer nicht alles genau so,
-wie es im Physiologiebuche steht, hapert noch da und da, und mit Gaffky
-haben Sie Ihre Angelegenheiten auch noch nicht restlos bereinigt, sind
-sogar in der Skala gegen neulich um eine Nummer aufgerückt, – sechs ist
-es diesmal, aber darum nur keinen Weltschmerz geblasen. Als Sie
-herkamen, waren Sie kränker, das kann ich Ihnen schriftlich geben, und
-wenn Sie noch fünf, sechs Manote – wissen Sie, daß man früher ‚_mânôt_‘
-sagte und nicht ‚Monat‘? War eigentlich viel volltöniger. Ich habe mir
-vorgenommen, nur noch ‚Manot‘ zu sagen –“
-
-„Herr Hofrat“, setzte Joachim an ... Er stand, mit bloßem Oberkörper, in
-geschlossener Haltung, Brust heraus, die Absätze zusammengenommen, und
-war so fleckig im Gesicht wie damals, als Hans Castorp bei bestimmter
-Gelegenheit erstmals bemerkt hatte, daß dies die Art des tief Gebräunten
-sei, blaß zu werden.
-
-„Wenn Sie,“ redete Behrens über seinen Anlauf hin, „noch rund ein halbes
-Jährchen hier stramm Gamaschendienst tun, dann sind Sie ein gemachter
-Mann, dann können Sie Konstantinopel erobern, dann können Sie vor lauter
-Markigkeit Oberbefehlshaber in den Marken werden –“
-
-Wer weiß, was er in seiner Verdüsterung noch alles gekohlt haben würde,
-wenn Joachims unbeirrte Haltung, seine unverkennbare Gewilltheit, zu
-sprechen, und zwar mutig zu sprechen, ihn nicht aus dem Konzept gebracht
-hätte.
-
-„Herr Hofrat,“ sagte der junge Mann, „ich wollte gehorsamst melden, daß
-ich mich entschlossen habe, zu reisen.“
-
-„Nanu? Wollen Sie Reisender werden? Ich dachte, Sie wollten später mal,
-als gesunder Mensch, zum Militär?“
-
-„Nein, ich muß jetzt abreisen, Herr Hofrat, in acht Tagen.“
-
-„Sagen Sie mal, hör’ ich recht? Sie werfen die Flinte hin, Sie wollen
-durchbrennen? Wissen Sie, daß das Desertion ist?“
-
-„Nein, das ist nicht meine Auffassung, Herr Hofrat. Ich muß nun zum
-Regiment.“
-
-„Obgleich ich Ihnen sage, daß ich Sie in einem halben Jahr bestimmt
-entlassen kann, daß ich Sie aber vor einem halben Jahr nicht entlassen
-kann?“
-
-Joachims Haltung wurde immer dienstlicher. Er nahm den Magen herein und
-sagte kurz und gepreßt:
-
-„Ich bin über anderthalb Jahre hier, Herr Hofrat. Ich kann nicht länger
-warten. Herr Hofrat haben ursprünglich gesagt: ein Vierteljahr. Dann ist
-meine Kur immer wieder viertel- und halbjahrsweise verlängert worden,
-und ich bin immer noch nicht gesund.“
-
-„Ist das mein Fehler?“
-
-„Nein, Herr Hofrat. Aber ich kann nicht länger warten. Wenn ich nicht
-ganz den Anschluß verpassen will, so kann ich meine richtige Genesung
-hier oben nicht abwarten. Ich muß jetzt hinunter. Ich brauche noch etwas
-Zeit für meine Equipierung und andere Vorbereitungen.“
-
-„Sie handeln im Einverständnis mit Ihrer Familie?“
-
-„Meine Mutter ist einverstanden. Es ist alles abgemacht. Ich trete
-ersten Oktober als Fahnenjunker bei den Sechsundsiebzigern ein.“
-
-„Auf jede Gefahr?“ fragte Behrens und sah ihn aus blutunterlaufenen
-Augen an ...
-
-„Zu Befehl, Herr Hofrat“, antwortete Joachim mit zuckenden Lippen.
-
-„Na, dann is gut, Ziemßen.“ Der Hofrat wechselte die Miene, gab nach in
-seiner Haltung und ließ in jeder Weise locker. „Is gut, Ziemßen. Rühren
-Sie! Reisen Sie mit Gott. Ich sehe, Sie wissen, was Sie wollen, Sie
-nehmen die Sache auf sich, und soviel stimmt, daß es Ihre Sache ist,
-nicht meine, von dem Augenblick an, wo Sie sie auf sich nehmen. Selbst
-ist der Mann. Sie reisen ohne Garantie, ich stehe für nichts. Aber
-bewahre, es kann ganz gut gehen. Ist ja ein luftiger Beruf, den Sie
-ergreifen. Kann durchaus sein, daß es Ihnen bekommt und daß Sie sich
-herausbeißen.“
-
-„Jawohl, Herr Hofrat.“
-
-„Na, und Sie, junger Mann aus dem Zivilpublikum? Sie wallen wohl mit?“
-
-Das war Hans Castorp, der antworten sollte. Er stand da, ebenso bleich
-wie vor Jahresfrist bei jener Untersuchung, die seine Aufnahme
-herbeigeführt hatte, stand auf demselben Fleck wie damals, und wieder
-war deutlich das Pulsen seines Herzens gegen die Rippen zu sehen. Er
-sagte:
-
-„Ich möchte es von Ihrem Votum abhängig machen, Herr Hofrat.“
-
-„Meinem Votum. Schön!“ Und er zog ihn am Arme an sich, horchte und
-klopfte. Er diktierte nicht. Es ging ziemlich schnell. Als er fertig
-war, sagte er:
-
-„Sie können reisen.“
-
-Hans Castorp stotterte:
-
-„Das heißt ... wieso. Bin ich denn gesund?“
-
-„Ja, Sie sind gesund. Die Stelle links oben ist nicht mehr der Rede
-wert. Ihre Temperatur paßt nicht zu der Stelle. Woher sie kommt, kann
-ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, daß sie weiter nichts zu bedeuten
-hat. Meinetwegen können Sie reisen.“
-
-„Aber ... Herr Hofrat ... Das ist vielleicht im Augenblick nicht Ihr
-voller Ernst?“
-
-„Nicht mein Ernst? Wieso denn? Was denken Sie denn? Was denken Sie
-überhaupt so beiläufig von mir, möchte ich wissen? Wofür halten Sie
-mich? Für einen Hüttchenbesitzer?!“
-
-Es war Jähzorn. Die Bläue in des Hofrats Gesicht hatte sich ins
-Veilchenfarbene vertieft durch lodernden Zudrang, die einseitige
-Schürzung seiner Lippe mit dem Schnurrbärtchen sich heftig verstärkt, so
-daß die seitlichen Oberzähne sichtbar wurden, er schob den Kopf vor, wie
-ein Stier, seine Augen quollen tränend und blutig.
-
-„Das verbitte ich mir!“ schrie er. „Ich bin erstens überhaupt kein
-Besitzer! Ich bin ein Angestellter hier! Ich bin Arzt! Ich bin _nur_
-Arzt, verstehen Sie mich?! Ich bin kein Kuppelonkel! Ich bin kein Signor
-Amoroso auf dem Toledo im schönen Neapel, verstehen Sie mich wohl?! Ich
-bin ein Diener der leidenden Menschheit! Und sollten Sie sich eine
-andere Auffassung gebildet haben von meiner Person, dann können Sie
-beide zum Kuckuck gehen, in die Binsen oder vor die Hunde, ganz nach
-beliebiger Auswahl! Glückliche Reise!“
-
-Mit langen und breiten Schritten ging er zur Tür hinaus, durch die Tür,
-die ins Vorzimmer des Durchleuchtungsraumes führte, und ließ sie hinter
-sich zukrachen.
-
-Rat suchend blickten die Vettern auf Dr. Krokowski, der sich jedoch in
-seine Papiere vertieft und vergraben zeigte. Sie sputeten sich, in ihre
-Kleider zu kommen. Auf der Treppe sagte Hans Castorp:
-
-„Das war ja schrecklich. Hast du ihn schon mal so gesehen?“
-
-„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle. Das einzig
-Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung über sich ergehen
-läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die Geschichte mit Polypraxios
-und der Nölting. Aber hast du gesehen,“ fuhr Joachim fort, und man
-merkte, wie die Freude darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in
-ihm aufstieg und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein
-beigab und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war? Man muß
-nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen. Nun habe ich
-sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß ich mich wahrscheinlich
-herausbeißen werde, – und über acht Tage reisen ... in drei Wochen bin
-ich beim Regiment“, verbesserte er sich, indem er Hans Castorp aus dem
-Spiele ließ und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person
-beschränkte.
-
-Hans Castorp schwieg. Er sagte nichts über Joachims „Erlaubnis“, noch
-über seine eigene, von der ja allenfalls auch zu reden gewesen wäre. Er
-machte Toilette zur Liegekur, steckte das Thermometer in den Mund,
-schlug mit kurzen und sicheren Griffen, mit voll ausgebildeter Kunst,
-jener geheiligten Praktik gemäß, von der im Flachlande niemand eine
-Ahnung hatte, die beiden Kamelhaardecken um sich und lag dann still, als
-ebenmäßige Walze, auf seinem vorzüglichen Liegestuhl in der kalten
-Feuchte des Frühherbstnachmittags.
-
-Die Regenwolken hingen tief, die Phantasiefahne drunten war eingezogen,
-Schneereste lagen auf den nassen Zweigen der Edeltanne. Aus der unteren
-Liegehalle, von wo vor Jahr und Tag zuerst Herrn Albins Stimme an sein
-Ohr geschlagen, drang leises Gespräch zu dem Diensttuenden herauf,
-dessen Finger und Angesicht sich in Kürze naßkalt versteiften. Er war es
-gewohnt und wußte der hiesigen, ihm längst zur einzig denkbaren
-gewordenen Lebenshaltung Dank für die Gunst, in Geborgenheit liegen und
-alles bedenken zu dürfen.
-
-Es war entschieden, Joachim würde reisen. Radamanth hatte ihn entlassen,
-– nicht _rite_, nicht als gesund, aber mit halber Billigung entlassen
-eben doch, auf Grund und in Anerkennung seiner Standhaftigkeit. Er würde
-hinunterfahren, mit der Schmalspurbahn in die Tiefe nach Landquart, nach
-Romanshorn, dann über den weiten, abgründigen See, über den im Gedichte
-der Reiter ritt, und durch ganz Deutschland nach Hause. Er würde dort
-leben, in der Welt des Flachlandes, unter lauter Menschen, die keine
-Ahnung hatten, wie man leben mußte, die nichts wußten vom Thermometer,
-von der Kunst des Sicheinwickelns, vom Pelzsack, vom dreimaligen
-Lustwandel, von ... es war schwer zu sagen, schwer aufzuzählen, wovon
-alles sie drunten nichts wußten, aber die Vorstellung, daß Joachim,
-nachdem er länger als anderthalb Jahre hier oben verbracht, unter den
-Unwissenden leben sollte, – diese Vorstellung, die nur Joachim betraf,
-und nur ganz von fern und versuchsweise auch ihn, Hans Castorp, –
-verwirrte ihn so, daß er die Augen schloß und eine abwehrende
-Handbewegung machte. „Unmöglich, unmöglich“, murmelte er.
-
-Da es denn aber unmöglich war, so würde er also allein und ohne Joachim
-hier oben weiter leben? Ja. Wie lange? Bis Behrens ihn als geheilt
-entließ, und zwar im Ernst, nicht so wie heute. Aber erstens war das ein
-Zeitpunkt, zu dessen Bestimmung man nur, wie Joachim einst bei
-irgendeiner Gelegenheit, in die Luft hinein die Gebärde des Unabsehbaren
-machen konnte, und zweitens: würde das Unmögliche dann möglicher
-geworden sein? Im Gegenteil eher. Und soviel war loyalerweise zuzugeben,
-daß eine Hand ihm geboten war, jetzt, wo das Unmögliche vielleicht noch
-nicht ganz so unmöglich war, wie es später sein würde, – eine Stütze und
-Führung für ihn, durch Joachims wilde Abreise, auf dem Wege ins
-Flachland, den er von sich aus in Ewigkeit nie zurückfinden würde. Wie
-würde humanistische Pädagogik ihn mahnen, die Hand zu ergreifen und die
-Führung anzunehmen, wenn die humanistische Pädagogik von der Gelegenheit
-erfuhr! Aber Herr Settembrini war nur ein Vertreter – von Dingen und
-Mächten, die hörenswert waren, aber nicht allein, nicht unbedingt; und
-auch mit Joachim stand es so. Er war Militär, jawohl. Er reiste ab –
-beinahe in dem Augenblick, wo die hochbrüstige Marusja zurückkehren
-sollte (am ersten Oktober kehrte sie bekanntlich zurück), während ihm,
-dem zivilistischen Hans Castorp, die Abreise namentlich und abgekürzt
-gesprochen darum unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten
-mußte, von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete. „Das ist
-nicht meine Auffassung“, hatte Joachim gesagt, als Radamanth ihm von
-Desertion gesprochen hatte, was zweifellos in Hinsicht auf Joachim nur
-Kohl und Geschwafel gewesen war von des verdüsterten Hofrats Seite. Aber
-für ihn, den Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders. Für ihn
-(ja, ganz ohne Zweifel, so war es! Um diesen entscheidenden Gedanken aus
-seinem Gefühle emporzuarbeiten, hatte er sich heute hier ins Naßkalte
-gelegt) – für ihn wäre es wirklich Desertion gewesen, die Gelegenheit zu
-ergreifen und wilde oder halbwilde Abreise ins Flachland zu halten,
-Desertion von ausgebreiteten Verantwortlichkeiten, die ihm aus der
-Anschauung des Hochgebildes, genannt _Homo Dei_, hier oben erwachsen,
-Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte
-übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten,
-denen er hier in der Loge und am blau blühenden Orte oblag.
-
-Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie vorher nur einmal:
-nach erster Benutzung, nachdem die Oberin ihm eben das zierliche
-Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher Begierde wie damals
-darauf nieder. Merkurius war kräftig emporgewandert, er zeigte
-siebenunddreißig-acht, fast -neun.
-
-Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und tat einen
-schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und zurück. Dann, wieder in
-horizontaler Lage, rief er leise Joachim an und fragte nach dessen
-Kurve.
-
-„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim.
-
-„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort in Nachfolge Frau
-Stöhrs nach Analogie von „Schampus“ behandelnd; worauf Joachim hinter
-der Glaswand sich schweigend verhielt.
-
-Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden, forschte
-mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und Entschlüssen, die sich ganz
-von selbst, bei knapp gesetzter Frist, offenbaren mußten: durch
-Handlungen oder das Unterlassen von Handlungen, und das taten sie,
-nämlich durch letzteres. Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der
-hatte wissen wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein
-tun wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen Tagen sich
-auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine Rücksprache, von der
-Joachim wußte, und deren Verlauf und Ergebnis er sich an fünf Fingern
-ausrechnen konnte. Sein Vetter hatte erklärt, er erlaube sich, auf des
-Hofrats frühere vielfältige Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich
-auszuheilen, damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen,
-als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe 37,8, er könne
-sich nicht als _rite_ entlassen fühlen, und wenn des Hofrats Äußerung
-von neulich nicht etwa als Relegation zu verstehen gewesen sei, zu
-welcher Maßregel Anlaß gegeben zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt
-sei, so habe er, nach ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu
-Joachim Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige
-Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich erwidert
-hatte: „_Bon_ und schön!“ und: „Nichts für ungut!“ und: das heiße er wie
-ein vernünftiger Kerl reden, und: er habe es doch gleich gesehen, daß
-Hans Castorp mehr Talent zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und
-Haudegen da. Und so fort.
-
-Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation, der Hergang
-des Gespräches gewesen, und so sagte er nichts und stellte eben nur
-schweigend fest, daß Hans Castorp sich seinen die Abreise vorbereitenden
-Schritten nicht anschloß. Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit
-sich selber zu tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib
-des Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner Brust, – man
-kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er sich nicht mehr maß,
-sondern sein Instrument, angeblich, indem er es hatte fallen lassen,
-zerbrochen hatte: Messungen hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen,
-– so furchtbar aufgeregt, bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude
-und Spannung, wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den ganzen
-Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans Castorp hörte: zu all
-den Stunden, viermal am Tage, in welchen auf „Berghof“ die Horizontale
-herrschte. Anderthalb Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause,
-nun wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis! Das war
-keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp fühlte es dem ruhelos
-wandernden Vetter nach. Achtzehn Monate, den vollen Jahreszirkel und
-dann die Hälfte noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt,
-eingefahren in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen
-Lebensgang, den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten
-erprobt, – und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden! Welche
-Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen? Und durfte man sich
-wundern, wenn Joachims große Aufregung nicht nur aus Freude bestand,
-sondern auch Bangigkeit, Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten
-ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu schweigen.
-
-Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem guten Joachim über
-davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters Zukunft auf sich beruhen.
-Er sprach davon, wie neu und erfrischt alles sein werde, das Leben, er
-selbst, die Zeit – jeder Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder
-haben, langsam gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter, Hans
-Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze Augen hatte,
-wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her nicht gesehen, da sie,
-hingehalten von Monat zu Monat, von Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu
-einem Besuche des Sohnes sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit
-begeistertem Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –:
-in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen geleistet,
-ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen. „Nanu?“ fragte Hans
-Castorp. „Ernstlich? Der Stange? Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und
-bei der Artillerie dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja
-schwärmerische Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne
-man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe nickte.
-
-Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota auf der
-Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten Termin mit dem
-Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug packte er ein und ließ den Pelzsack
-nebst den Kamelhaardecken vom Hausdiener in Sackleinen nähen:
-vielleicht, daß er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an,
-Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und Settembrini
-– allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei diesem Gange und
-fragte auch nicht, was Settembrini zu Joachims bevorstehender Abreise
-und Hans Castorps bevorstehender Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob
-er nun „Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder
-„_Poveretto_“, das mußte ihm gleichgültig bleiben.
-
-Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles zum letztenmal
-absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden Lustwandel, und von den
-Ärzten, der Oberin Urlaub nahm. Und es tagte der Morgen selbst:
-heißäugig und mit kalten Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte
-die ganze Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich
-und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt,
-hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu scheiden. Frau Stöhr
-vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen Tränen der Ungebildeten,
-beim Lebewohl und zeigte gleich darauf hinter Joachims Rücken der
-Lehrerin mit Kopfschütteln und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine
-faule Miene voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims
-Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp sah es,
-indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter auf dem Fuße zu
-folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen, den amtlichen Abschiedsgruß
-eines Gesandten der Verwaltung im Vestibül zu erwidern. Wie immer
-standen Patienten bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem
-„Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów mit
-seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während der Wagen, am Hinterrad
-gebremst, die Anfahrt hinabschurrte. Joachim hatte Rosen erhalten. Er
-trug einen Hut auf dem Kopf. Hans Castorp nicht.
-
-Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer Trübe. Das
-Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des Dorfberges standen
-unveränderlich wahrzeichenhaft vor der Bläue, und Joachims Augen ruhten
-darauf. Fast schade, meinte Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so
-schönes Wetter geworden. Es läge Bosheit darin, und ein recht
-unwirtlicher Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim:
-der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches
-Ausbildungswetter, er könne es drunten wohl brauchen. Sonst sprachen sie
-wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und zwischen ihnen, gab es
-freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten sie vor sich den Hinkenden
-auf dem Bock neben dem Kutscher.
-
-Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts, hatten sie
-den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen, fuhren sie hin auf
-der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn gleichlaufenden Straße und
-hielten auf steinigem Platz vorm Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht
-viel mehr als ein Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit
-Schrecken wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei
-einfallender Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen. „Hier
-bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise, und Joachim
-antwortete nur: „Tja, das bist du“, und entlohnte den Kutscher.
-
-Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das Gepäck. Sie
-standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge, neben dem kleinen,
-grau gepolsterten Wagenabteil, worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und
-Rosen einen Platz belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen
-schwärmerischen Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird
-gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf, Grüße an die
-dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete Hans Castorp nur noch mit
-seinem Stock auf dem Asphalt. Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er
-auf, sah Joachim an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans
-Castorp lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig
-dringlich. „_Hans!_“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte sich etwas so
-Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete Hans Castorp mit
-Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder „Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag
-gehalten hatten, sondern aller Sittensprödigkeit zum Trotz und
-peinlichst überschwänglicher Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und
-drückte mit dringlicher Angst dem Vetter die Hand, während dieser
-bemerken mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten das
-Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte er inständig,
-„komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs Trittbrett. Die Tür schlug
-zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander, die kleine Lokomotive zog
-an, der Zug entglitt. Der Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut,
-der Zurückbleibende mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch
-lange, allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim ihn vor
-Jahr und Tag geführt.
-
-
- Abgewiesener Angriff
-
-Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und Akelei waren
-verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen Sterne des Enzian,
-die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten sich wieder im feuchten
-Grase, und über den Waldungen lag es rötlich. Herbstnachtgleiche war
-vorüber, Allerseelen in Sicht und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch
-der erste Advent, der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber
-reihten sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem die
-Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten.
-
-Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am Tische der Stöhr,
-nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. Blumenkohl weggestorben war, und
-an dem Marusja ihre unbegründete Heiterkeit im Apfelsinentüchlein
-erstickt hatte. Neue Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund
-aber hatte, zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von
-der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, an einem
-Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter gegen die linke
-Verandatür, zwischen seinem ehemaligen und dem Guten Russentisch, kurzum
-am Tisch Settembrinis. Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans
-Castorp jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der an
-jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus zum Hospitieren
-aufgespart blieb.
-
-Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte auf mehreren
-Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus Mexiko, dessen
-Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit der eines Tauben war,
-und ihm zur Seite hatte das ältliche Fräulein aus Siebenbürgen ihren
-Platz, das, wie schon Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse
-aller Welt für ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas
-von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen mit
-Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden
-bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten Stunden des Tages an
-der Brüstung ihrer Balkonloge ihre tellerflache Brust in hygienischen
-Tiefatmungen dehnen. Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man
-Herr Wenzel nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen
-verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin
-versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der dieser
-Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, sondern nur um die
-vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an dem wilden Lautgestrüpp
-heiter zu erproben. Obwohl feist wie ein Dachs und von einer selbst
-unter Denen hier oben erstaunlich sich hervortuenden Eßlust, versicherte
-der Böhme seit vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der
-Abendgeselligkeit klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline
-die Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage,
-auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in Hans Castorps Nähe
-folgten dann zu beiden Seiten des Tisches Herr und Frau Magnus, die
-Bierbrauersehegatten aus Halle. Melancholie umgab dieses Paar
-atmosphärisch, da beide lebenswichtige Stoffwechselprodukte, Herr Magnus
-Zucker, Frau Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung,
-namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages von
-Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger Hauch von ihr
-aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete Stöhr stellte sie
-jene Vereinigung von Krankheit und Dummheit dar, an der Hans Castorp,
-getadelt deswegen von Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen
-hatte. Herr Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch nur in
-der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld erregt hatte.
-Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit Herrn Wenzel aus
-politischen und sonstigen Anlässen feindlich zusammen. Denn ihn
-erbitterten die nationalen Aspirationen des Böhmen, der sich überdies
-zum Antialkoholismus bekannte und über den Erwerbszweig des Brauers
-moralisch Absprechendes äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die
-sanitäre Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine
-Interessen so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte
-früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; Hans Castorp
-aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt und konnte nicht
-hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, ihn darin zu ersetzen.
-
-Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A.
-K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser
-gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts
-hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis,
-dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar
-zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere
-aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter
-anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen
-Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit
-schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann
-seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau
-Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans
-Castorps Freundschaft suchte.
-
-Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung,
-die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren
-komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich
-anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen
-der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und
-zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der
-jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu
-tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den
-Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –,
-duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war
-erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe,
-einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine
-Liebe zu erklären – die _aussichtslose_ Liebeserklärung, was die Herren
-davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung,
-daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des
-Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so
-stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten
-Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen
-Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der
-ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht
-überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der
-widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte
-eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr
-in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er
-oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern
-lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres
-Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser
-oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß,
-als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten
-in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der
-nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu
-vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie
-der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig
-Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns
-davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit
-verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug.
-
-Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner
-Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang:
-von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch,
-Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, –
-mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel.
-
-Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der
-Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des
-früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe
-seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst
-hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes
-gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der
-Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, –
-was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam
-wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß
-keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren
-Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es
-sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage
-umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein
-zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage
-Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so
-war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe
-vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm
-überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels
-kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und
-sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen
-war er zu erwarten.
-
-„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie
-„Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“
-sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die
-Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an
-die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer
-Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die
-Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon
-dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet,
-zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach
-dem Rechten sehen wollte.
-
-Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des
-Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines
-Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei
-da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf
-diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen
-Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich
-kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein
-können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in
-überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten
-Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den
-vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein
-vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck
-überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten
-Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und
-Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft,
-erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und
-Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte
-Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person
-seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar
-möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort
-gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher
-gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse,
-fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der
-abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und
-Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul
-werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben.
-
-„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und
-etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne
-Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des
-Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er
-selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine
-Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne
-eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“,
-antwortete Hans Castorp ruhig und kurz.
-
-Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp
-erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße
-von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits
-beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig
-dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt
-durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob
-es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen
-Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne
-von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft
-ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der
-andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke
-Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze
-der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent
-in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie
-zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen
-organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er
-möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß
-der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art
-Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der
-Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht
-Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht
-auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem
-Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen
-habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe
-gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde.
-
-„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans
-Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier
-bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er
-seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die
-Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens
-ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an
-und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er.
-Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun
-noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht
-soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen
-empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so
-werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen,
-bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse
-schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach
-Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein
-interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann
-wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte
-beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere.
-
-Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp
-den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben
-hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert
-worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde
-Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein
-_exodus_, sondern ein _exitus_. Und da der Onkel sich nach dem Sinn
-erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er.
-„Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber
-mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im
-behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz.
-Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder
-kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen
-an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach
-von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen
-Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er
-erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über
-die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen
-Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der
-Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des
-Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten
-der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und
-mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit.
-Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den
-Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im
-stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans
-Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener
-sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern
-zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten
-Schläfen ab.
-
-Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von
-persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch von
-der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik und
-Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des jungen Praktikanten
-wartete, was aber natürlich so wenig ihre einzige Beschäftigung war, daß
-man sich fragen mochte, ob sie überhaupt noch wartete. James Tienappel
-hatte wohl alle diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später
-berührt, aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, –
-abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter
-Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit oder Gefeitheit, die an
-sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche Abendkühle, an sein Wort
-„Uns friert nicht“, erinnerte und vielleicht Ursache war, weshalb sein
-Onkel ihn manchmal so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den
-Ärzten ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – es
-traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn er acht Tage
-blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt sei, den Vortrag zu
-besuchen? Niemand. Er nahm es an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit
-als ausgemacht voraus, daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht
-daran teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß er
-mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte zuvorzukommen
-suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches geplant. Dies eben war
-die Macht, deren unbestimmte, aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel
-unbewußt anhielt, den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem
-Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen,
-obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen hatte. Er hörte
-seinen Verwandten von der Krankheit sprechen, die hier das gemeinsame
-Berufsinteresse aller bildete, und von der Aufnahmelustigkeit für sie;
-von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem
-Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen
-und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und Erzeugung
-löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozeß,
-von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und
-bindegewebige Vernarbung zu heilsamem Stillstand gelange oder zu
-größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse
-und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten,
-galoppierenden Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja
-in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats
-meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie sie morgen oder
-demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, einer ursprünglich
-reizenden Schottin, vorgenommen werden sollte, die von _Gangraena
-pulmonum_, vom Lungenbrande ergriffen worden sei, so daß eine
-schwärzlich-grüne Verpestung in ihr walte und sie den ganzen Tag
-zerstäubte Karbolsäurelösung einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber
-den Verstand zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig
-unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er
-herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich
-freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene
-auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens zu seiner Beruhigung,
-die aber neue Beunruhigung in sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich
-um den Unfall, der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht
-kümmerte, vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich
-nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine
-Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen
-Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch
-solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei es aber, daß der Konsul
-seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich ein Mäntelchen von Vernunft und
-Sinn umzuhängen wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, –
-plötzlich brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing mit
-hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten „Chansonette“,
-einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit
-in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihren temperamentgeladenen Reizen,
-die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem
-halte. Seine Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er
-sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende
-Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese Erscheinung
-erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige Reisemüdigkeit, deren
-Opfer er war, allmählich so deutlich, daß er schon gegen halb 11 Uhr die
-Beendigung des Beisammenseins befürwortete und es innerlich wenig
-begrüßte, daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach
-erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der Tür eines Salons
-gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn bekannt machte. Auf die
-stämmig-heitere Anrede des Doktors wußte er fast nichts anderes mehr als
-„Gewiß, selbstvers-tändlich“, zu erwidern und war froh, als sein Neffe
-sich mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum Frühstück
-abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem Zimmer in sein
-eigenes begeben hatte und er mit der gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich
-ins Bett des Fahnenflüchtlings fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte
-er Feuersbrunst gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk
-zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel.
-
-James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel James“ und einfach
-nur „James“ anredete, war ein langbeiniger Herr von gegen Vierzig,
-gekleidet in englische Stoffe und blütenhafte Wäsche, mit
-kanariengelbem, gelichtetem Haar, nahe beisammenliegenden blauen Augen,
-einem strohigen, gestutzten, halb wegrasierten Schnurrbärtchen und
-bestens gepflegten Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne
-darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten Konsuls am
-Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit einer Angehörigen seines
-Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert und fein, von ebenso
-leiser, rascher und spitzig-höflicher Sprechweise war wie er selbst, gab
-er zu Hause einen sehr energischen, umsichtigen und bei aller Eleganz
-kalt sachlichen Geschäftsmann ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich,
-auf Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes
-Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige
-Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger als
-eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil das
-Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst dem Wunsche,
-seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren und selbst inmitten von
-Lebensformen, die er unglaublich fand, nichts von Befremdung merken zu
-lassen. „Natürlich, gewiß, selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu
-sagen, damit niemand denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher
-gekommen nun freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich
-mit dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu sehen,
-den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich ausdrückte,
-„loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war er sich doch wohl
-bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, – schon im ersten Augenblicke
-empfindlich von der Ahnung berührt, daß eine Welt und Sittensphäre ihn
-als Gast aufgenommen habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner
-eigenen nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin
-übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit seiner
-Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; denn die
-Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend.
-
-Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des Konsuls Telegramm
-innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ beantwortet hatte; aber man muß
-nicht denken, daß er bewußt die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen
-Onkel ausgenutzt hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, und
-nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern umgekehrt, so
-daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von dem Augenblick an, wo
-eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens den Konsul
-von seines Neffen Person her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und
-Ausgang, das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans Castorp
-denn freilich doch nicht umhin konnte.
-
-Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der Eingesessene den
-Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft bekannt gemacht
-hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat Behrens, der lang und bunt, gefolgt
-von dem schwarzbleichen Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit
-seiner rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin
-herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht nur, daß es
-eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem vereinsamten Neveu
-hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, sondern daß er auch im
-ureigensten Interesse sehr recht daran tue, da er ja offenbar total
-anämisch sei. – Anämisch, er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und
-zog ihm mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig!
-sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, wenn er es sich
-für ein paar Wochen hier auf seinem Balkon der Länge nach bequem mache
-und überhaupt in allen Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In
-seinem Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal eine
-Weile so zu leben, wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, die
-übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ sagte der
-Konsul rasch und blickte dem hochnackig Davonrudernden noch eine Weile
-eifrig-höflich geöffneten Mundes nach, während sein Neffe gelassen und
-abgebrüht neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur Bank an
-der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach hielt James
-Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet von Hans Castorp, der ihm
-zum mitgebrachten Plaid die eine seiner Kameldecken lieh – er selbst
-hatte in Anbetracht des schönen Herbstwetters an einer reichlich genug –
-und ihn in der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff
-getreulich unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon zur
-Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um ihn auf eigene
-Hand und nur unter verbessernd einspringender Beihilfe die feststehende
-Prozedur wiederholen zu lassen, und lehrte ihn, den Leinenschirm am
-Stuhl zu befestigen und gegen die Sonne zu richten.
-
-Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes stark in ihm,
-und er machte sich lustig über das, was er da erlernte, wie er sich
-schon über den abgemessenen Lustwandel nach dem Frühstück lustig gemacht
-hatte. Aber als er das ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der
-Neffe seinen Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene
-Selbstgewißheit der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, er
-fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das
-entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen sofort,
-baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, solange er noch
-Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese
-schwanden, daß der Geist des Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen
-gefährlichen Feindesbund gegen sie bildete.
-
-Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm empfohlen
-hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen der Kranken
-anzuschließen: das ergab sich von selbst, es bestand, wie es schien, gar
-keine andere Denkbarkeit, und wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und
-unberührbarer Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der
-Tat und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar war, das
-war für einen wohlerzogenen Menschen von Anfang an nicht zu
-unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender sein, als daß nach der
-ersten Liegekur das ausgiebige zweite Frühstück erfolgte, aus welchem
-der Lustwandel nach „Platz“ hinunter überzeugend sich ergab, – und
-danach wickelte Hans Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn
-ein, das war das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen
-Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert war, ließ er
-ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde Gong zu einem
-Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, das sich als
-erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, daß der sich
-anschließende General-Liegedienst mehr als äußerer Brauch, daß er innere
-Notwendigkeit war und aus persönlichster Überzeugung geübt wurde. So
-ging es fort bis zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im
-Salon mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine
-Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit aufdrängte,
-ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann hätte sie keine
-Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht des Konsuls kritische
-Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt gewesen wären, das er nicht
-geradezu Übelbefinden nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und
-Aufregung bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig
-zusammensetzte.
-
-Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung mit Hofrat Behrens
-war der Dienstweg beschritten worden: Hans Castorp hatte beim
-Bademeister den Antrag gestellt und dieser ihn der Oberin weitergegeben,
-deren eigentümliche Bekanntschaft Konsul Tienappel bei dieser
-Gelegenheit machte, dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo
-sie ihn liegend fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit
-des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. Das geehrte
-Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst ein paar Tage gedulden,
-der Hofrat sei besetzt, Operationen, Generaluntersuchungen, die leidende
-Menschheit gehe vor, nach christlichen Grundsätzen, und da er ja
-angeblich gesund sei, so müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier
-nicht Nummer Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas
-anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, – worüber sie,
-Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er solle sie doch mal
-ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien etwas trübe und flackernd,
-und wie er da so vor ihr liege, sehe es alles in allem nicht viel anders
-aus, als ob auch mit ihm nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so
-ganz _sauber_, er solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei
-seinem Antrage um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung
-handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung!
-versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis er Bescheid
-bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der Hofrat selten Zeit.
-
-Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte, und das
-Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht einen nachhaltigen
-Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen, dessen Einigkeit mit den
-Erscheinungen hier oben aus seiner unberührbaren Ruhe deutlich
-hervorging, unhöflicherweise zu sagen, wie abschreckend ihm das
-Frauenzimmer dünkte, klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei
-ihm an, die Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans
-Castorp, nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm halbwegs
-zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk ihm ein
-Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir? Ist das ihre Branche?“
-entgegnete der Onkel ... Aber das Schlimme war, wie deutlich aus seines
-Neffen Miene hervorging, daß er sich auch dann nicht gewundert haben
-würde, wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“, stand
-in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn fror andauernd
-bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn die Oberin ihm tatsächlich
-ein Thermometer angeboten hätte, er es gewiß zurückgewiesen haben würde,
-daß dies aber am Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes,
-zum Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte.
-
-So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des Sendboten lief
-auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt waren, und daß es außerhalb
-ihrer laufen könne, schien keine Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine
-Erlebnisse, gewann seine Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei
-belauschen. Er hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes
-Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz, womit der
-Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt von einer geschnitzten
-Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand und sich, gegen das Licht
-erhoben, als photographisches Negativ erwies. „Was ist denn das?“ fragte
-der Onkel betrachtend ... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne
-Kopf, es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter
-Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich erkennen ließ.
-„Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp. Worauf der Onkel „Pardon!“
-sagte, das Bildnis auf die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon
-entfernte. Dies nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in
-diesen vier oder fünf Tagen. Auch an einer _Conférence_ des Dr.
-Krokowski nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen.
-Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens betraf, so
-bekam er am sechsten Tage seinen Willen. Er wurde bestellt und stieg
-nach dem Frühstück, entschlossen, ein ernstes Wort mit dem Manne wegen
-seines Neffen und dessen Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab.
-
-Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme:
-
-„Hast du so etwas schon gehört?!“
-
-Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas schon gehört
-haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, und so brach er ab und
-antwortete auf des Neffen wenig gespannte Gegenerkundigung nur: „Nichts,
-nichts“, zeigte aber von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit
-zusammengezogenen Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg
-aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf herumzuwerfen und
-den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte Richtung zu lenken ...
-War auch die Unterredung mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul
-gedacht hatte? War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern
-auch von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß dem
-Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren gegangen war?
-Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der Konsul zeigte sich stark
-aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos und stieß den Neffen mit der
-Faust in die Weiche, indem er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“
-Zwischendurch hatte er jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin.
-Aber seine Augen gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den
-Dienstwegen und bei der Abendgeselligkeit.
-
-Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen
-Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und
-des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere
-Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie
-eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr
-die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und
-lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der
-Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte
-messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle,
-hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid,
-das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß,
-mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich
-weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und
-feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert,
-so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis
-damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich
-lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend
-schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes
-Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was
-er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den
-Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere,
-angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr
-zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie
-lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne
-überkleidet waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen
-geradezu für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann.
-Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit gefallen, mit
-einer Miene, als müsse es so sein. Aber die Autorität des älteren
-Verwandten konnte es wenig stärken, und mit des Konsuls Sendung stimmte
-es schlecht überein.
-
-Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase grüßte, und
-zwar zweimal: beim Fischragout und später beim Sorbett, war dieselbe,
-die Hofrat Behrens am Tische Hans Castorps und seines Gastes einnahm, –
-er hospitierte ja immer reihum an jedem der sieben, und überall war das
-Gedeck an der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände vor
-seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen zwischen
-Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, mit dem er spanisch sprach
-– denn er beherrschte alle Sprachen, auch Türkisch und Ungarisch, – und
-sah mit blau quellenden, rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul
-Tienappel Frau Redisch drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte.
-Später im Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag,
-angefeuert dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des Tisches
-hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, wenn der Mensch
-verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche studiert, der Körper sei
-ganz ausgesprochen seine Branche, er sei sozusagen eine Art Körperfürst,
-wenn man sich so ausdrücken dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es
-so zugehe, wenn der Körper sich auflöse!
-
-„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der Hofrat, bei
-aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände gebeugt. „Sie liegen da
-auf Ihren Hobelspänen und Ihrem Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie,
-treiben Sie auf, sie blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit
-Fröschen machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie
-schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung nicht mehr
-aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, Sie machen es
-wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, Sie schütten sich aus. Tja,
-und danach sind Sie eigentlich wieder gesellschaftsfähig. Wenn Sie
-Urlaub bekämen, so könnten Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne
-weiter Anstoß zu erregen. Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man
-sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner Kerl,
-wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen der Kapuziner vor
-Porta Nuova hängen. Trocken und elegant hängen sie da und genießen die
-allgemeine Achtung. Es kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“
-
-„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ Und
-am nächsten Morgen war er verschwunden.
-
-Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die Ebene
-hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten geordnet zu haben:
-wer käme auf andere Gedanken! Er hatte seine Rechnung bereinigt, für
-eine stattgehabte Untersuchung das Honorar erlegt, hatte in aller
-Stille, ohne seinem Verwandten ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine
-beiden Handkoffer in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das
-abends oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – und
-als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks das Zimmer des
-Onkels betrat, fand er es geräumt.
-
-Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. Hier war es, daß
-ein melancholisches Lächeln sich in seinen Zügen hervorbildete. „Ach
-so“, sagte er und nickte. Da hatte einer Fersengeld gegeben. Hals über
-Kopf, in stummer Eile, als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks
-wahrnehmen und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte
-er seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, nicht zu
-zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, aber heilfroh,
-auch nur allein davonzukommen, der Biedermann und Flüchtling zur
-Flachlandsfahne, Onkel James. Na, glückliche Reise!
-
-Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden
-Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt hatte, besonders den
-Hinkenden nicht, der den Konsul zum Bahnhof begleitet. Er bekam eine
-Karte vom Bodensee, des Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das
-ihn per sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den
-Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen Aufenthalt
-auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war es ein recht erkünstelter
-Spott, fand Hans Castorp, denn dem Onkel war bestimmt nicht nach Spott
-und Spaß zu Sinn gewesen, als er sich in die Abreise gestürzt hatte,
-sondern er hatte wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit
-blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem
-Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute
-Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen
-werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und
-sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, wagerecht ins
-Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese
-erschreckende Wahrnehmung war der unmittelbare Grund seiner Flucht
-gewesen.
-
-So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen Hans Castorp
-wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der
-vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu
-denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das
-Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die
-vollendete Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr
-erbebte.
-
-
- _Operationes spirituales_
-
-Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der
-galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung
-sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade
-weit genug entwachsen zu sein, um wohlwollend darüber urteilen zu
-können, war dort _schochet_, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte
-dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der
-Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war
-Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in
-seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh
-nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten,
-hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen
-Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt
-gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen,
-eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten
-von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn
-Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte
-zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen
-Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben
-dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und
-zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das
-gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große
-Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des
-Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut
-in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit
-jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche
-dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen
-gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten
-waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos
-zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben
-war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein
-Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu
-sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er
-der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie
-so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die
-Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen
-Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre
-erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des
-Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der
-der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch
-sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn
-er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen
-Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener
-jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern
-geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner
-Sternenaugen.
-
-Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein
-Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift,
-der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in
-Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen
-Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der
-mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch
-auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in
-der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete
-ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das
-ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem
-Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und
-zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie
-gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine
-Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer
-Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod
-zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben
-gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines
-brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich
-schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und
-seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und
-wehklagend, landflüchtig geworden war.
-
-Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene
-Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau
-Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie
-nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die
-größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen
-Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von
-Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den
-Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter
-hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der
-Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt,
-Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz,
-bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn
-über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen.
-Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher,
-die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und
-ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er
-dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten,
-den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten
-Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im
-Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen
-und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und
-seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht,
-seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte
-der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger
-je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie
-einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man
-vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und
-philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der
-redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der
-Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden
-Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß
-Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein
-revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn
-eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem
-Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt,
-seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung
-gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene
-Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem
-Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war
-dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines
-Studierzimmers verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als
-seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
-
-Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo
-die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige
-saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten
-Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill,
-von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, –
-saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick,
-seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom
-Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz
-nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid
-über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine
-Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos
-Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann
-von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und
-Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten
-Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete.
-Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und
-weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des
-Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch
-überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta
-in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem
-oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn
-äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus
-höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und
-auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden könne, da
-doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und
-wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort
-„Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich
-nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels
-Katholizität im Rechte sei. _Denn_ (diese Konjunktion liebte Naphta ganz
-besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem
-Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal,
-wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit
-dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine
-Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins
-Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der
-Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er
-hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident;
-Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen
-betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und
-gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich
-kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die
-Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
-
-Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder
-weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden,
-als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich
-nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert
-weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie
-zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche
-Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung
-hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im
-Pädagogium zu besuchen.
-
-So hatte Naphta den Boden der _Stella matutina_ betreten dürfen, deren
-wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre
-vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war
-ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert
-worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen
-und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf
-Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte
-Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von
-Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich
-besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und
-gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die
-Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich
-sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine
-Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich
-vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und
-gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung
-war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst
-auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs
-Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit
-der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der
-Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität,
-– wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche
-entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die
-eines Protestanten.
-
-Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft,
-verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft,
-nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war
-Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht
-hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein
-„Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr
-diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu
-gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des
-Paters in der „_Stella_“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige
-Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine
-jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit
-des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ,
-wie es ihrer minderen Begabung gebührte.
-
-Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre
-Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der
-Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze,
-landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut
-war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und
-Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war
-herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner
-heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der
-Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es
-Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine
-vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo
-Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen
-Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit
-Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz
-einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport
-seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse
-hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die
-Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte
-sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen
-und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen,
-Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
-
-Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner
-Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen
-überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt
-einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die
-Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne
-Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit
-Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch
-kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der
-Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges.
-Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“
-aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische
-Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar
-ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.
-
-In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu
-studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden
-anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem
-„Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren,
-in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert,
-und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen
-von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di
-Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte,
-getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des
-Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut,
-schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige
-Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann.
-
-Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar,
-durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher
-Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken,
-deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit
-seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus.
-Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen
-Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen,
-Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit
-boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten,
-Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch
-zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit
-seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die
-Hölle heiß machte. „_Ad haec quid tu?_“ fragte er mit funkelnden
-Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts
-übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele
-gelange – „_ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat_“. Allein
-diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen
-Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem
-geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimliche äußere Merkmale Bruder
-Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren
-konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem
-Wege körperlichen Ruins.
-
-Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände
-und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater
-Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu
-sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden;
-und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines
-Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch
-die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig
-angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab,
-um sein theologisches Studium aufzunehmen.
-
-Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem
-Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein
-ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei
-Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine
-Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt,
-schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück.
-In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als
-Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und
-Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur,
-daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins
-Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und
-abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort;
-Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit
-den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm
-vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann
-das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein
-Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig
-unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner
-Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber
-brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur
-Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber
-nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur
-hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr
-– kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne
-kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige
-Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...
-
- * * * * *
-
-Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp
-gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle
-besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und
-Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem
-Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“
-zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form
-zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person
-hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu
-finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in
-Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis
-des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich
-Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit
-sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten,
-die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu
-stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien.
-
-Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit
-Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger
-Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen
-hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans
-Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum
-Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er
-war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte,
-wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber
-offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und
-Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp,
-wenn er dem _ci devant-_ oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und
-Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von
-beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als
-dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren
-militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn:
-in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und
-der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas
-Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches
-Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der
-preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in
-spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen
-Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente.
-So sprach er von den „_dos banderas_“, von den „zwei Fahnen“, um welche
-die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das
-geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der
-„_capitan general_“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon
-das andere, wo Luzifer den „_caudillo_“ oder Häuptling machte ...
-
-War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen,
-dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischer
-_bienséance_ ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von
-„Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die
-Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende
-Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor
-auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht
-hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst
-ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt
-waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („_Insignes esse_“ hieß es
-lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten
-Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren
-Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft
-handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „_ex supererogatione_“,
-über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des
-Fleisches („_rebellio carnis_“) Widerstand leisteten, was eben nicht
-mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war,
-sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der
-Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die
-gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „_agere
-contra_“, _angreifen_ also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich
-verteidigen („_resistere_“). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in
-der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war
-da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims _capitan general_, dem
-preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem
-Feind in den Hosen gesessen!“ „_Attaquez donc toujours!_“
-
-Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam
-war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand
-nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten,
-Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr
-hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters
-erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll
-geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den
-Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von
-streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für
-verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen
-getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für
-höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen
-war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und
-schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und
-Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte,
-während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn
-und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen
-Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen
-ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland
-nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens
-Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der
-sicherste Tod der christlichen Liebe“.
-
-Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die
-Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles
-unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese
-und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie
-und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben
-machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück
-schalmeite; der Fleischesliebe, der _amor carnalis_, der Liebe zu den
-körperlichen Bequemlichkeiten, _commodorum corporis_, zieh er ihn
-zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche
-Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht
-zu legen.
-
-Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich
-eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines
-Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen
-Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini,
-Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich,
-zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum
-Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig
-verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur
-mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so
-angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine
-tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe
-bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die
-einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das
-Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen
-lauschten.
-
-Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen
-Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans
-Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem
-Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich
-teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse
-überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät
-von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des
-Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage
-eingegangen war. _Requiem aeternam ..._ Er widmete ihrem Andenken einige
-freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch
-über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß,
-dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem
-prahlerischen Sohne _Tous-les-deux’_ und der qualvollen Natalie von
-Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen
-sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und
-ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf
-hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger
-Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz
-ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa
-respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp,
-was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe
-Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen
-Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter
-gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der
-Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger
-geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die
-Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das
-Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt,
-nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.
-
-Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch
-Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den
-Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen
-Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf,
-gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen
-Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen
-sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen
-Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.
-
-Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den
-Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und
-zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den
-Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des
-eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn
-durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten
-Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen
-Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und
-Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung
-bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen
-Gesichtspunkt festzuhalten.
-
-Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine
-Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei.
-Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur
-unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“
-geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter
-Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der
-Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht
-steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden
-gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem
-Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei insofern
-das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine
-eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der
-Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu
-tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein
-Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen;
-die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander
-auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle,
-Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und
-Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in
-Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies
-Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit
-und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und
-kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und
-nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein
-Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel
-zu ernst genommen habe.
-
-Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok
-gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst
-genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein
-großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und
-nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals
-durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender,
-und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über
-seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den
-Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese
-Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, –
-dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von
-Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine
-Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste
-Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er,
-der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine –
-
-Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer
-großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und
-nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er,
-Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch
-erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation
-sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er
-unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der
-Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das
-habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die
-Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer
-seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal,
-heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer
-Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre
-das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im
-höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an
-seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde,
-alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben.
-Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar
-nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen
-aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden
-nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf
-reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der
-Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das
-eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diese bedeute
-die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der
-Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.
-
-Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der
-Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch
-Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist
-seinerseits benutzte die erregte Laune, um die Nichtachtbarkeit der
-Halluzinanten und überhaupt aller _pazzi_ des weiteren zu erörtern und
-zu vertreten: diese Leute, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel
-durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu
-steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern
-gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine,
-so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und
-Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet
-wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen
-bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie
-als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen
-Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu
-bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen
-jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und
-allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung
-unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend
-zur Klarheit angehalten ...
-
-Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn
-Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so
-vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart gelächelt und den
-Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so
-verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der
-Klarheit die Ehre geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn
-Settembrinis Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben
-werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich
-eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen Hause“ einer solchen, und da hatten
-Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott,
-Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum
-verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und
-der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der
-Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer
-schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein
-Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt
-hatten ...
-
-„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in
-Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war.
-
-Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte
-vollständig einpacken können vor den Gesichten des Unruhigen Hauses, auf
-welche der Schauder religiöser Ehrfurcht denn doch eine menschlichere
-Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die
-unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem
-Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte.
-
-Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die
-Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor,
-der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick
-aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn
-Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den
-Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben
-und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher
-Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche
-Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war.
-Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an
-Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor
-dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich
-noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der
-Erniedrigung – _in statu degradationis_ – befunden hätte. Denn
-unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur
-durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen,
-sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger
-der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und
-Verwirrung, _pudoris et confusionis sensum_, wie der heilige Ignatius
-sagte, zu erwecken.
-
-Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist
-Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem
-Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die
-Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
-
-Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche
-Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen
-Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte.
-Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit
-augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der
-Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, –
-während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende
-Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit
-zu verleugnen man äußerst guttat. _Quis me liberabit de corpore mortis
-hujus?_ Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die
-Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
-
-Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt
-vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der
-Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich
-venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und
-unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des
-Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele
-lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren
-Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter
-als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder
-zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes
-„Menschheit“ endgültig verbot – und so fort.
-
-Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff
-bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend,
-die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren
-Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke,
-deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam
-räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem
-schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur
-gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese
-Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters
-geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten,
-dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den
-Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn
-zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem
-einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den
-Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten
-Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich
-höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei
-umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch
-eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder
-auflöste.
-
-Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf
-dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter
-wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der
-körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war
-Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die
-Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte
-nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung
-der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik
-sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, – während es zwar ebenfalls
-nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere
-Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm
-zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere
-wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die
-Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem
-Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein
-durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu
-versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist
-zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das
-Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches
-anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von
-ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden,
-wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war
-„bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die
-zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich
-im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen
-gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich
-unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen,
-barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der
-Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher
-Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit
-nur an Komik gewann.
-
-Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb
-des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse,
-teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als
-der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht
-schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur
-Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen,
-wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte.
-Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den
-Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel
-angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas
-riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr
-Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn
-gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine
-heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
-
-Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp
-rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium
-war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden,
-es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn
-nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so
-war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden,
-einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und
-die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich
-weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich
-innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor
-Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort
-entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in
-Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie
-kleine Kinder flennten.
-
-Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in
-sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer
-Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als
-durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll
-am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit,
-ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei,
-verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik
-betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff
-derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem
-Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem
-aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und
-neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu
-machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams,
-bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die
-Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten
-lassen.
-
-„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta
-hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen
-Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen
-sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu
-auf die Leichenverbrennung.
-
-Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen werden, sagte er
-froh. Die Menschheit sei aus Gründen der Zweckmäßigkeit wie auch bewogen
-durch ideelle Motive im Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich
-für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß
-für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein
-würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten
-Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und
-man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon
-versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, –
-angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die
-Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die
-Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges
-durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini
-wußte über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über
-die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren
-Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiesprache zu
-halten. Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute,
-nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und
-übrigens würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm die
-atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des
-Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige,
-ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der
-elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu
-überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem
-neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer
-verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten
-dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen
-dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen, und die den
-Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein
-begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die
-Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem
-Geschiedenen unvergänglich gewesen war.
-
-„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. Des Menschen
-unvergänglicher Teil, die Asche.
-
-Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer
-irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er
-behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher der Tod ein
-Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller Art umweht, daß es
-sich verbot, den Blick klarer Vernunft auf dies Phänomen zu richten.
-Welche Barbarei! Das Todesgrauen stammte aus Epochen niederster Kultur,
-wo der gewaltsame Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das
-diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf
-lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde
-dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre und der Festigung
-der persönlichen Sicherheit der natürliche Tod zur Norm, und dem
-modernen Arbeitsmenschen erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach
-sachgemäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als
-grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod
-war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige,
-vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte Erscheinung,
-und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als gebührlich, in seiner
-Betrachtung zu verharren. Darum war denn auch geplant, jenem
-Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der „Halle des Todes“
-also, eine „Halle des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei,
-Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des
-Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer und
-tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ...
-
-„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur ja nicht bis
-zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der Andacht vor einer so
-simplen Tatsache, ohne die es freilich weder Architektur, noch Malerei,
-noch Skulptur, noch Musik, noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“
-
-„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch.
-
-„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete ihm
-Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. Das Erlebnis des
-Todes muß zuletzt das Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein
-Spuk.“
-
-„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des Lebens‘, wie auf
-manchen antiken Särgen?“ fragte Hans Castorp ernsthaft.
-
-Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In
-Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack den Leib prangen
-lassen, diesen Sündenleib, den man der Verwesung entzog, was nicht
-wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal
-mehr züchtigen lassen wollte ...
-
-Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand ihm zu Gesichte.
-Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand,
-hatte auf Geschäftsreisen immer gern die Gelegenheit benutzt, an alten
-Kulturstätten jene verschwiegenen Orte zu besichtigen, an denen einst
-diese Art von Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die
-Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken hatte er
-sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der
-Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche
-Weise. Und nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den
-offenen Mund gerammt, die berühmte Birne, an sich schon kein
-Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit
-...
-
-„_Porcheria_“, murmelte Settembrini.
-
-Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille
-Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der Pleura, habe
-auch damals niemand ersinnen können.
-
-Das war zu seiner Heilung geschehen!
-
-Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten nicht
-weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens war die Folter
-ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen.
-
-Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen.
-
-Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, und die
-mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm offenbar im
-Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der Tat ein Prozeß
-fortschreitender Rationalisierung und zwar so, daß allmählich, auf Grund
-von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden
-war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß
-der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des
-Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese Wahrnehmung gemacht
-und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der
-Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten
-der Wahrheit nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom
-Angeklagten das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung
-ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im Volke umhören:
-der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein,
-die Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis
-fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen,
-allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie
-verhehlte, verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist
-böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem
-man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche
-Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. Wer aber den
-Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini
-gewesen, und also war er auch Urheber der Folter.
-
-Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. Es seien
-diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten hätte, wie Herr Naphta
-lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin des Gräßlichen gewesen
-sei, so beweise das eben nur, wie bitter sie allezeit der Stütze und
-Aufklärung bedürfe, wie wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache
-hätten, zu befürchten, es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden!
-Allein der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel
-könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden, weil sein
-Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man möge sich doch umsehen in
-Museen und Marterkammern: dies Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen
-sei ja offenbar einer kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem
-Wunsche nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen Stätten
-ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter wohl gar zu helfen
-gemeint. Man habe angenommen, seine eigene arme Seele ringe nach dem
-Bekenntnis, und nur das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem
-besseren Willen entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst zu
-erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das Fleisch brach.
-Asketischer Irrwahn ...
-
-Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien.
-
-Die Römer? _Ma che!_
-
-Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt.
-
-Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen,
-indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache sein, ein solches
-Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe in die Debatte warf. Die
-Folter war abgeschafft, obgleich ja die Untersuchungsrichter noch immer
-ihre Praktiken hätten, den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die
-Todesstrafe schien unsterblich, nicht zu entbehren. Die
-allerzivilisiertesten Völker hielten daran fest. Die Franzosen hatten
-mit ihren Deportationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte
-einfach nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen Wesen
-anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen.
-
-Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn Herr
-Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, und wie der
-Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer einer fehlerhaften
-Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwerverbrecher, einem
-vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren
-Plädoyers als „vertiert“, als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen
-pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen bedeckt.
-Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, – viel besser
-als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich angefertigt wurden.
-
-Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber
-sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert.
-
-Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung werde
-erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, war wohl ebenso revolutionär
-wie Herr Settembrini, aber er sei es im erhaltenden Sinn, ein
-Revolutionär der Erhaltung.
-
-Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die
-Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung übergehen.
-Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie
-auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei
-lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga,
-deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen
-gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe
-die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei
-noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die
-Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet
-sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer
-vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das
-von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die
-Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um
-Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem
-vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom
-Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“
-bekämpft hatte.
-
-Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den
-Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich
-lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes,
-behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten
-bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich
-leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der
-„Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches,
-Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein
-menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand –
-allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen
-geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in
-die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn
-Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und
-todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie
-aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die
-Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht
-nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und
-Schaudern gewönne.
-
-Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der
-Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus
-Überzeugung gehe?
-
-Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von
-sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders
-sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und
-Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln
-herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber
-im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner
-Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein
-Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch.
-Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe.
-
-Die tiefste Lust?
-
-Die tiefste.
-
-Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den
-Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte
-fein:
-
-„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand
-persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“
-
-„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer
-humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem
-natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß
-der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein
-miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten
-Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein
-Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“
-
-Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und
-Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen
-die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen
-unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein
-unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo
-jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin
-gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer
-Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und
-Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder
-welchen Ehren stünden.
-
-Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser
-Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei,
-daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe.
-Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben
-ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre,
-teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum,
-Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge
-seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern
-sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben
-ausmachten, die sogenannte Gesundheit, das heiße: die Erzphilisterei und
-Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales
-Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er,
-Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig
-absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler
-Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man
-verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer
-breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus,
-die inkarnierte Irreligiosität bedeute.
-
-Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach
-keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom
-Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen
-von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des
-gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn
-Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion
-auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei
-nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und
-Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe
-die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit,
-konfus ausgedrückt.
-
-Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger
-bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel
-Zugeständnisse zu machen.
-
-Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert,
-Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „_O Satana, o ribellione!_“
-Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem
-mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja
-lebensgefährlich, – ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s
-Teufels Namen da durchkommen solle!
-
-Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini
-sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in
-seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen
-Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng
-mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In
-Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt,
-der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das
-religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten.
-
-„Was für ein ekelhafter Mischmasch – _che guazzabuglio proprio
-stomachevole_!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat,
-alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu
-verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse, _was_ er
-leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe
-und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine!
-Er leugne den _Wert_, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön,
-es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete
-All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern
-nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den
-mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ...
-
-Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen
-Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied
-von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn
-Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das
-Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber
-hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte
-Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein
-Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des
-Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“,
-zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn
-Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also
-unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und
-glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese
-Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta
-betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige
-Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.
-
-Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene Stimme
-leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, daß Herr Naphta
-beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott wußte, warum,
-aristokratisch wegwerfenden Tone redete, wie als ob _das Gegenteil_ –
-und man wußte ja, was das Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das
-Vornehmere gewesen wäre!
-
-Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, der
-aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt und erschöpft von Frost
-und Problematik, taumeligen Urteils auch in Hinsicht auf die
-Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit seiner eigenen Ausdrucksweise,
-bekannte mit lahmen Lippen, er habe sich den Tod von jeher mit einer
-gestärkten spanischen Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner
-Uniform sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem
-gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak er selbst
-über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige seiner Rede und
-versicherte, nicht dies habe er sagen wollen. Aber ob es sich nicht so
-verhalte, daß es Leute gebe, gewisse Menschen, die man sich nicht tot
-vorzustellen vermöge, und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das
-solle heißen: dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem
-vorkomme, als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe des
-Todes nicht würdig.
-
-Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, daß Hans
-Castorp dergleichen nur sage, damit man ihm widerspreche. Der junge Mann
-werde ihn immer bereit finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher
-Anfechtungen zur Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche
-dies Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ Dieses Wort
-möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden sich ihm zu wahrer
-und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: und sogleich, auf dem
-Wege leichtester und rechtmäßigster Assoziation, stelle sich auch die
-Idee der Liebenswürdigkeit ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß
-man sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft
-liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und also
-Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme nenne.
-
-Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. Ganz gewonnen,
-sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner plastischen Theorie. Denn
-man möge sagen, was man wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum
-Beispiel, daß Krankheit ein erhöhter Lebenszustand sei und also was
-Festliches habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung des
-Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen
-Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur
-Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper
-herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich.
-
-Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; denn
-Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch sei wesentlich
-krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, und wer ihn gesund
-machen, ihn veranlassen wolle, seinen Frieden mit der Natur zu
-schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ (während er doch nie natürlich
-gewesen sei), alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern,
-Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe,
-jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und
-Vertierung ... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, was den
-Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, in hohem Maße sich
-ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben
-auszeichne. Im Geist also, in der Krankheit beruhe die Würde des
-Menschen und seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto
-höherem Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit
-sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß jemand, der
-den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten der
-Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini führe den
-Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht der Fortschritt, so weit
-dergleichen existiere, einzig der Krankheit verdankt werde, das heiße:
-dem Genie, – als welches nichts anderes als eben Krankheit sei! Als ob
-nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit
-gelebt hätten! Es habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in
-Krankheit und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse zu
-gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem sie durch Wahnsinn errungen
-worden, und deren Besitz und Nutznießung nach jener heroischen Opfertat
-nicht länger durch Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre
-Kreuzestod ...
-
-Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen Kombinationen
-und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man sieht schon, warum du nicht
-Pater geworden bist, _joli jésuite à la petite tache humide_! Nun brülle
-du, Löwe! wandte er sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser
-„brüllte“, indem er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk,
-Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ rief er dem
-Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit als
-Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend gerade heraus, daß
-Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, damit werden Sie sie zum Geiste
-ermutigen, sie für den Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie
-andererseits Krankheit und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber
-für gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum
-Menschheitsdienste anzuhalten! _Da vero, è criminoso!_“ Und wie ein
-Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens ein, für
-denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem es um Geist nicht bange
-zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender
-Weise: „Der Logos!“ Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte,
-sagte „Die Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“
-verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, und der andere:
-„Das Ich!“ Schließlich war sogar von „Kunst“ auf der einen und „Kritik“
-auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“
-und „Geist“ und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen
-Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht einmal eine
-zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht nur gegeneinander,
-sondern auch durcheinander, und nicht nur wechselseitig widersprachen
-sich die Disputanten, sondern sie lagen in Widerspruch auch mit sich
-selbst. Settembrini hatte oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“
-ausgebracht, wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein
-sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während Naphta
-mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen Instinktes“ aufgetreten
-war, gegen Settembrini, der Natur als die „dumme Macht“, als bloßes
-Faktum und Fatum traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht
-abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes und der
-„Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu finden seien, indes
-dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres Gesundheitsadels aufwarf,
-uneingedenk aller Emanzipation. Nicht weniger verworren stand es mit dem
-„Objekt“ und dem „Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer
-dieselbe war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß niemand
-mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer der Freie war. Naphta
-verbot Herrn Settembrini mit scharfen Worten, sich einen
-„Individualisten“ zu nennen, denn er leugne den Gegensatz von Gott und
-Natur, verstehe unter der Frage des Menschen, dem innerpersönlichen
-Konflikt, einzig denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen
-Interessen und sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche
-Sittlichkeit eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme,
-unheroischerweise auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates das
-moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, wohl wissend,
-daß das innermenschliche Problem vielmehr auf dem Widerstreit des
-Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe, den wahren, den mystischen
-Individualismus vertrete und recht eigentlich der Mann der Freiheit und
-des Subjektes sei. War er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt
-es sich dann mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich
-_eine_ Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner mit den
-markanten Dingen, die er im Kolloquium mit Pater Unterpertinger über die
-„Katholizität“ des Staatsphilosophen Hegel zum besten gegeben, über die
-innere Verbundenheit der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die
-Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten nicht
-Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld von
-Naphtas Orden abgegeben? Und was für eine Erziehung! Herr Settembrini
-war gewiß ein eifriger Pädagog, eifrig bis zum Störenden und Lästigen;
-aber in Hinsicht auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten
-seine Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit wagen.
-Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! Gehorsam! Der Terror!
-Das mochte wohl seine Ehre haben, aber auf die kritische Würde des
-Einzelwesens nahm es nur wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des
-preußischen Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis
-aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta eigentlich
-zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen an gar keine
-reine Erkenntnis und voraussetzungslose Forschung, kurz, nicht an die
-Wahrheit glaubte, die objektive, wissenschaftliche Wahrheit, der
-nachzustreben für Lodovico Settembrini das oberste Gesetz aller
-Menschensittlichkeit bedeutete. Das war fromm und streng von Herrn
-Settembrini, während es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit
-auf den Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was
-diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit und
-Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom Interesse des
-Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit war das genau genommen
-nicht, es war mehr von Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr
-haben wollte, – wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“
-war, wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das Gesetz
-der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, wie Naphta
-die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. Es war entschieden mehr
-fromm als frei, und dies wiederum war ein Unterschied, der bei solchen
-Bestimmungen Gefahr lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr
-Settembrini! Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines
-Politikers Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne
-Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die Mädchen auf der
-Straße an, während den scharfen, kleinen Naphta harte Gelübde banden.
-Und doch war dieser beinahe ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und
-jener dagegen ein Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“
-hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout auf den
-demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über des militärischen
-Naphta religiöse Libertinage, die Gott und Teufel, Heiligkeit und
-Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf und keine Wertsetzung, kein
-Vernunfturteil, keinen Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei,
-wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der
-Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft,
-der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische
-Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge
-einander ins Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen
-einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel,
-und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit
-gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden,
-sondern auch nur, sie als Präparate gesondert und sauber zu halten, daß
-die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes
-All“ zu stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung,
-die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu sehen, daß die
-Streitenden weniger erbittert gewesen wären, wenn sie ihnen selbst nicht
-beim Streite die Seele bedrückt hätte.
-
-Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; dann hatten die
-drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis vor ihr Häuschen
-zurückbegleitet, und dort stand man noch lange im Schnee, indes Naphta
-und Settembrini sich stritten, – pädagogischerweise, wie Hans Castorp
-wohl wußte, und um die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten.
-Für Herrn Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt zu
-verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem nicht
-mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans Castorp grub gesenkten
-Hauptes mit dem Stocke im Schnee und bedachte die große Konfusion.
-
-Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, und das
-Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste wandten sich wieder ihrer
-Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen Wetteiferer mußten zusammen
-ins Häuschen gehen, der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um
-sein Humanistenstübchen mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. Hans
-Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren voll vom Wirrwarr
-und Waffenlärm der beiden Heere, die von Jerusalem und Babylon
-vorrückend unter den _dos banderas_ zu konfusem Schlachtgetümmel
-zusammentrafen.
-
-
- Schnee
-
-Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit zum
-Ausdruck mit dem Witterungscharakter des diesjährigen Winters. Man
-urteilte, daß er seine Verpflichtungen als Hochgebirgswinter sehr
-mangelhaft erfülle, daß er die meteorologischen Kurmittel, denen die
-Sphäre ihren Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle,
-wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren und
-Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle an Sonne waren zu
-verzeichnen, an Sonnenstrahlung, diesem wichtigen Heilfaktor, ohne
-dessen Mithilfe die Genesung sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun
-Herr Settembrini auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die
-Berggäste ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins Flachland
-betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls wollten sie
-auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die ihre Eltern, ihre Gatten für
-sie bestritten, und so murrten sie in ihren Gesprächen bei Tisch, im
-Lift und in der Halle. Auch zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen
-in ihre Verpflichtung zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat
-für „künstliche Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon
-vorhandenen der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf
-elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die jungen Mädchen
-und Frauen gut kleidete und der Männerwelt trotz horizontaler
-Lebensweise ein prächtig sportliches und erobererhaftes Ansehen verlieh.
-Ja, dies Ansehen trug Früchte im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig
-im klaren über die technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit,
-waren dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen,
-um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen zu lassen.
-„Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine rothaarige und rotäugige Kranke
-aus Berlin, abends in der Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und
-eingefallener Brust, der sich auf seiner Karte als „_Aviateur diplômé et
-Enseigne de la Marine allemande_“ bezeichnete und mit dem Pneumothorax
-versehen war, übrigens zum Mittagessen im Smoking erschien und dies
-Kleidungsstück abends wieder ablegte, behauptend, bei der Marine sei das
-so Vorschrift, – „mein Gott!“ sagte sie, indem sie den _Enseigne_ gierig
-betrachtete, „wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein
-Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte er im
-Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, „Sie werden mir
-büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ Und über die Balkons, an
-den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den
-Weg zur Nixe ...
-
-Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher
-Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem Himmelslicht
-empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine Sonnentage im Monat – Tage,
-die freilich mit tief-tiefer Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit
-Diamantengeglitzer und köstlich heißem Brande in den Nacken und die
-Gesichter der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem Nebelgrau
-und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder drei solcher Tage im
-Laufe von Wochen, das war zu wenig für das Gemüt von Leuten, deren
-Schicksal außerordentliche Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die
-innerlich auf einen Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die
-Freuden und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, aber
-ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos bis zur
-Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es half dem Hofrat wenig,
-wenn er daran erinnerte, wie wenig auch unter diesen Umständen noch das
-Berghof-Dasein dem Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen
-Bergwerk gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht
-wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen Zusätzen,
-an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer noch vor dem Qualm und
-Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung und Protest griffen um sich,
-Drohungen mit wilder Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor,
-daß sie ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst
-erfolgten traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht schwer,
-wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen Aufenthalt
-in dem nassen und zugigen Amsterdam aber lebenslänglichen Charakter
-gewonnen hatte ...
-
-Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel
-Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen. Der vorige
-Winter hatte es in dieser Richtung wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch
-waren seine Leistungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des
-diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem
-Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es
-schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder in dichtem
-Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege
-erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden zu beiden
-Seiten, alabasternen Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen
-Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und
-Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten,
-Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen den Wänden noch
-trat man stark aufgehöhten Grund, so tief auch geschaufelt war, das
-merkte man an lockeren Stellen und Löchern, wo plötzlich der Fuß
-einsank, tief hinab, wohl bis zum Knie: man hatte gut acht zu geben, daß
-man nicht unversehens das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden,
-versunken; ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen Begräbnis
-hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau so seltsam verlegt, daß die
-Läden im Erdgeschoß der Häuser zu Kellern geworden waren, in die man auf
-Schneestufen von der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg.
-
-Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, tagein, still
-niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn Kältegraden, die nicht
-eben ans Mark gingen, – man spürte sie wenig, es hätten auch fünf oder
-zwei sein können, Windstille und Lufttrockenheit nahmen ihnen den
-Stachel. Es war sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen
-Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten
-Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in grauweiße
-Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst
-dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz
-allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor
-sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer
-Überlast, schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die Sonne
-als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches
-Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig-unkenntliche
-Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit
-und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte
-nachziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten,
-verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und
-übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte
-wohl eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu
-verändern, vor einer Felswand.
-
-Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, den Nebel
-in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern vom Gelingen; doch eine Ahnung
-von Himmelsblau war augenblicksweise zu erfassen, und das wenige Licht
-reichte hin, die durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend
-weithin diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf zu
-schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick über das
-Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch die wenigen
-eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das Gestöber ruhte und der
-unvermittelte Himmelsbrand die köstlich reine Oberfläche der Massen von
-Neuschnee anzuschmelzen suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft,
-kindlich und komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen
-auf den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen sich
-kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende,
-Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das ergab eine
-Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem Märchenbuch.
-Mutete aber die nahe Szene, in der man sich mühselig bewegte,
-phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen der Erhabenheit und
-des Heiligen, die der hereinschauende fernere Hintergrund, die getürmten
-Standbilder der verschneiten Alpen erweckten.
-
-Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp in der
-Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt von der weder zu
-steil noch zu flach eingestellten Lehne seines vorzüglichen Liegestuhls,
-über die bepolsterte Brüstung hin auf Wald und Gebirge. Der
-grünschwarze, mit Schnee beschwerte Tannenforst stieg die Lehnen hinan,
-und zwischen den Bäumen war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber
-erhob sich das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen,
-die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen waren,
-und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite still. Alles verschwamm
-mehr und mehr. Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich
-leicht zum Schlummer. Ein Frösteln begleitete den Augenblick des
-Hinüberganges, doch gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier
-in der Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl
-organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren,
-nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, als das
-Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge völlig im
-Schneenebel verschwunden, und nur Stücke davon, eine Gipfelkuppe, eine
-Felsnase, traten wechselnd für einige Minuten hervor, um wieder verhüllt
-zu werden. Dies leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte
-scharf achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen
-Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei im Dunste,
-eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch Fuß zu sehen war. Aber
-da man sie nur eine Minute aus den Augen gelassen, war sie entschwunden.
-
-Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube
-überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise hereintrieb
-und alles, Boden und Möbel, dickauf bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen
-in dem gefriedeten Hochtal. Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr,
-sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt
-weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde,
-treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von
-der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz
-durcheinander, – das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von
-weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über
-das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der
-plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen
-mochte.
-
-Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am
-Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des
-Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe,
-lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten
-der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man
-schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten
-das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine
-Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das
-Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die
-Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart
-gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf, als
-auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie auf dem glatten,
-festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.
-
-Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, die für
-jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit der Bewegung im
-Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge arbeiteten; aber sie hatten
-Mühe, die allergebräuchlichsten Pfade und die Hauptstraße des Kurortes
-notdürftig frei zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und
-rasch ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden und
-Kranken, von Einheimischen und internationaler Hotelgesellschaft; den
-Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und
-Damen, welche, zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren
-Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres
-Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd und kippend
-die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am
-Seile wieder bergan zu ziehen.
-
-Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er hegte zwei Wünsche:
-der stärkste davon war der, mit seinen Gedanken und Regierungsgeschäften
-allein zu sein, und diesen hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch
-oberflächlich, gewährt. Der andere aber, verbunden mit jenem, galt
-lebhaft einer inniger-freieren Berührung mit dem schneeverwüsteten
-Gebirge, für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war
-unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter Fußgänger es
-war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte ein solcher bis über die
-Brust im Elemente gesteckt, wenn er versucht hätte, über das allerorts
-rasch erreichte Ende der geschaufelten Verkehrspfade hinaus
-vorzudringen.
-
-So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem zweiten Winter
-hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und ihren Gebrauch zu erlernen,
-soweit sein sachliches Bedürfnis es eben erforderte. Er war kein
-Sportsmann; war, mangels körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat
-auch nicht, als ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem
-Ortsgeist und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, –
-Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, obgleich
-unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen beständig blau färbte,
-zum Lunch in wollener Hosentracht zu erscheinen liebte, darin sie sich
-nach dem Essen mit gespreizten Knien in einem Korbsessel der Halle recht
-liederlich lümmelte. Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats
-Erlaubnis für sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt
-abschlägig beschieden worden. Sportliche Betätigung war der Gemeinschaft
-derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in ähnlichen Anstalten,
-unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte die scheinbar so leicht
-eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen an den Herzmuskel, und was
-Hans Castorp persönlich betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der
-„Gewöhnung daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft
-geblieben, und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer feuchten
-Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst auch hier oben
-zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und Vorhaben widerspruchsvoll und
-unstatthaft. Nur mußte man ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der
-Ehrgeiz, es den Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die,
-wäre es eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel
-im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte er sich einer
-anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, als dem Touristenvölkchen,
-und unter einem weiteren und neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer
-entfremdenden Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als sei
-es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen und sich im
-Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine Eskapaden im Sinn, wollte
-sich schon mäßig halten, und was er plante, hätte Rhadamanthys ihm recht
-wohl gestatten können. Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten
-würde, beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln.
-
-Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr
-Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja
-doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und
-tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s
-sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen,
-ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir
-miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie
-begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie
-Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn
-ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener
-Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn
-Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es
-Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen
-sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan!
-Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist
-gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie
-drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese
-Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu
-dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um
-sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“
-
-Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den
-kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte,
-erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft der Hauptstraße ein Paar
-schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem
-Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit
-Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles
-selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo
-mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der
-Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die
-Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von
-dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht
-weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei
-das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm
-zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt,
-Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als
-Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“
-hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer
-zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht,
-obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm
-zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und
-stapfte vorbei.
-
-Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man
-innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was
-er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen
-erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und
-gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der
-Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine
-Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben
-und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, und fiel seit dem
-zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit
-Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie
-gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines
-Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief
-ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch
-befriedigt nach Hause.
-
-Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und
-freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei
-starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz
-verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame
-Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen
-Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen
-der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das
-Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete
-Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und
-den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief
-verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen
-Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb
-sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf
-schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem
-Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer
-boten.
-
-Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit
-sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit
-erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit,
-die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen
-berührte. Da war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in
-Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren,
-zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden
-Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich
-selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte
-Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da
-war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte,
-kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans
-Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den
-Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig
-schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.
-
-Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches,
-sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn
-nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine
-Gegenwart auf eine nicht geheuere, für nichts gutstehende Weise, und
-Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen,
-vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen. Das
-Kind der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause aus,
-ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, der, von
-Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit mit ihr
-lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, mit der jener, die
-Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und die sein ganzes
-Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, eine beständige
-fromme Erschütterung und scheue Erregung in seiner Seele unterhält. Hans
-Castorp, in seiner langärmeligen Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen
-und auf seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen
-der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das
-Erleichterungsgefühl, das sich meldete, wenn auf dem Heimweg die ersten
-menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder auftauchten, machte ihm
-seinen vorherigen Zustand bewußt und lehrte ihn, daß stundenlang ein
-heimlich-heiliger Schrecken sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte
-er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der
-mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen
-Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen
-schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, während ein
-Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die
-frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem
-herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der
-letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag
-getroffen. Von dorther kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück
-leichter Liebesberührungen mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend
-sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war die Neigung, diese
-begeisternde Berührung mit der tödlichen Natur so weit zu verstärken,
-daß die volle Umarmung drohte, – als ein schwaches, wenn auch
-bewaffnetes und von der Zivilisation leidlich ausgestattetes
-Menschenkind, das er war, sich so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen,
-oder doch so lange nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische
-streifte und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es sich
-nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern
-um die Welle, den Rachen, das Meer.
-
-Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – wenn Mut vor den
-Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im Verhältnis zu ihnen, sondern
-bewußte Hingabe und aus Sympathie bezwungenen Todesschrecken bedeutet. –
-Sympathie? – Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen
-in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang
-dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, dessen er sich beim Anblick
-des schlittelnden Völkchens bewußt geworden, und das ihm eine tiefere
-und größere, weniger hotelbequeme Einsamkeit als die seiner Balkonloge
-hatte schicklich und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte
-er das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet und sich
-seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin in seiner Seele
-geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei noch aus angeborner
-Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer
-war dort in der Größe, der schneienden Totenstille – und das war es dem
-Kinde der Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht
-Geheueren längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein Kolloquium
-mit Naphta und Settembrini war auch nicht just das Geheuerste; ebenfalls
-führte es ins Weglose und Hochgefährliche; und wenn von Sympathie mit
-der großen Winterwildnis auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte,
-so darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als
-passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe empfand,
-als geziemenden Aufenthalt für einen, der, ohne freilich recht zu
-wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, betreffend Stand und
-Staat des _homo Dei_ beschwert war.
-
-Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen
-hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er
-dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte.
-Dieser aber hatte Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem
-Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen
-Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war.
-„_Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!_“ Ach ja, du pädagogischer
-Satana mit deiner _ragione_ und _ribellione_, dachte er. Übrigens habe
-ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du
-meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe
-kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit
-seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch
-zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und
-Teufel um den Menschen im Mittelalter ...
-
-Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan,
-deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, höher und
-höher, man wußte nicht wohin; es schien, daß sie nirgends hinführten;
-ihre obere Region verschwamm mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war
-wie sie, und von dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine
-Gratlinie war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das Hans
-Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die Welt, das bewohnte
-Menschental, sich sehr bald schloß und den Augen abhanden kam, auch kein
-Laut von dorther mehr zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja
-Verlorenheit, ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte
-wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes
-ist. „_Praeterit figura hujus mundi_“, sagte er bei sich in einem
-Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die Redensart
-von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich um. Es war überall gar
-nichts und nirgends etwas zu sehen, außer einzelnen ganz kleinen
-Schneeflocken, die aus dem Weiß der Höhe kommend auf das Weiß des
-Grundes niedersanken, und die Stille ringsumher war gewaltig
-nichtssagend. Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn
-blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, –
-dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu
-schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer,
-frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung
-wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem
-Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im
-Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel.
-
-Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. Manchmal stieß er
-das obere Ende seines Skistockes in den Schnee und sah zu, wie blaues
-Licht aus der Tiefe des Loches dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn
-herauszog. Das machte ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die
-kleine optische Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein
-eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar und
-doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte ihn an das Licht
-und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender Schrägaugen, die Herr
-Settembrini vom humanistischen Standpunkte aus verächtlich als
-„Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ bezeichnet hatte, – an früh
-erschaute und unvermeidlich wieder gefundene, an Hippes und Clawdia
-Chauchats Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. „Aber
-mach ihn nicht entzwei: _Il est à visser, tu sais._“ Und im Geiste hörte
-er hinter sich wohllautende Mahnungen zur Vernunft.
-
-Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er wandte sich
-dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben, statt weißlicher
-Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß er im geringsten eine
-Geländesenkung hatte kommen sehen. Die Blendung verhinderte jedes
-Erkennen der Bodengestaltung. Man sah nichts; alles verschwamm vor den
-Augen. Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich dem
-Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung zu unterscheiden.
-
-Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der Schlucht, in die
-er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem Schnee bedeckter Grund
-senkte sich nach der Seite des Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn
-ein Stück in dieser Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die
-Seitenschrägen erhöhten sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den
-Berg hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs wieder
-aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand mehr zu
-ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging wieder auf offener Berghalde
-gegen den Himmel.
-
-Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte sich dorthin
-und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen Tannen, die sich,
-keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig vernebelnder Waldungen
-ins Baumfreie vorschoben. Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine
-Zigarette, in seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen
-von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber stolz,
-sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes auf diese
-Umgebung.
-
-Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte er sich
-aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und die Vespermahlzeit zu
-schwänzen und vor Dunkelwerden zurück zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn
-bei dem Gedanken, daß mehrere Stunden zum Schweifen im Freien und
-Großartigen vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche
-seiner Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der
-Westentasche.
-
-Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt war sie.
-Hinten, in der Gegend des Talausganges, des Gebirgswinkels, den man
-nicht sah, dunkelte das Gewölk, das Gedünste tiefer und schien sich
-vorzuschieben. Es sah nach Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf
-abzuhelfen, – nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die
-kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher.
-
-Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel fallen zu
-lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers zu betrachten.
-Sie schienen formlose Fetzchen, aber er hatte mehr als einmal
-ihresgleichen unter seiner guten Linse gehabt und wußte wohl, aus was
-für zierlichst genauen kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten,
-Kleinodien, Ordenssternen, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier
-sie nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es hatte
-mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen den Wald
-beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das seine Fußbretter ihn
-trugen, denn doch eine andere Bewandtnis als mit dem heimischen
-Meersande, an den es erinnerte: das waren bekanntlich nicht Steinkörner,
-woraus es bestand, es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger
-Vielfalt kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen
-eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma, den
-Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter den Myriaden von
-Zaubersternchen in ihrer untersichtigen, dem Menschenauge nicht
-zugedachten, heimlichen Kleinpracht war nicht eines dem anderen gleich;
-eine endlose Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten
-Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas, des
-gleichseitig-gleichwinkligen Sechsecks, herrschte da; aber in sich
-selbst war jedes der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und
-eisiger Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische
-und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die zum Leben
-geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade, dem Leben schauderte
-vor der genauen Richtigkeit, es empfand sie als tödlich, als das
-Geheimnis des Todes selbst, und Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum
-Tempelbaumeister der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine
-Abweichungen von der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht
-hatten.
-
-Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am Waldrande den
-dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige hinunter und trieb sich,
-steigend und gleitend, ziellos und gemächlich, weiter in dem toten
-Gelände umher, das mit seinen leeren, welligen Gebreiten, seiner
-Trockenvegetation, die aus einzelnen, dunkel hervorstechenden
-Latschenbüschen bestand, und seiner Horizontbegrenzung von weichen
-Erhebungen so auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp
-nickte zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser
-Ähnlichkeit weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung zum
-Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung von Aufregung
-und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit Sympathie, da dies alles
-ihn an nah verwandte Wirkungen der ebenfalls aufpeitschenden und
-zugleich mit schlafbringenden Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich
-erinnerte. Er empfand mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit,
-sein freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebunden war,
-hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er gekommen war. Es
-hatte anfangs Stangen, eingepflanzte Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber
-absichtlich hatte er sich bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da
-sie ihn an den Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren
-Verhältnis zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen.
-
-Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald rechts,
-bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge, dann eine Ebene,
-dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte Schluchten und Pässe so
-zugänglich und lockend schienen. Ja, die Lockung der Fernen und Höhen,
-der immer neu sich auftuenden Einsamkeiten war stark in Hans Castorps
-Gemüt, und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins
-wilde Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein, –
-ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit seines Inneren
-zur wirklichen Furcht wurde angesichts der vorzeitig zunehmenden
-Himmelsdunkelheit, die sich wie graue Schleier auf die Gegend
-herabsenkte. Diese Furcht machte ihm bewußt, daß er es heimlich bisher
-geradezu darauf angelegt hatte, sich um die Orientierung zu bringen und
-zu vergessen, in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn
-auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens durfte er
-sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer bergab fuhr, das Tal,
-wenn auch möglicherweise fern vom „Berghof“, rasch erreicht sein werde,
-– zu rasch; er würde zu früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt
-haben, während er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte,
-den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde. Darum aber
-vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, – die Furcht, seine
-aufrichtige Furcht vor den Elementen mochte ihn beklemmen wie sie
-wollte. Das war kaum sportsmännisch gehandelt; denn der Sportsmann läßt
-sich mit den Elementen nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister
-weiß, übt Vorsicht und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans
-Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen:
-Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt, auch wenn – oder
-besonders wenn – das ihm entsprechende frevelhafte Gefühl mit so viel
-aufrichtiger Furcht verbunden ist, so ist doch bei einigem menschlichen
-Nachdenken ungefähr zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen
-Menschen und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier, manches
-sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur, gesagt haben
-würde, „akkumuliert“, was eines Tages als ein elementares „Ach was!“
-oder ein „Komm denn an!“ von erbitterter Ungeduld, kurz eben als
-Herausforderung und Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so
-fuhr er denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang
-hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in einiger
-Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte mit
-steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge zu, dessen Rücken
-borstig von Tannen war, und hinter dem Hochgipfel sich nebelhaft
-türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen besetzte Wand vor ihm war
-schroff, aber schräg rechtshin mochte man sie in mäßiger Steigung halb
-umgehen und hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde,
-und an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem er vor
-dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe, von rechts nach
-links abfallende Schlucht hinabgefahren war.
-
-Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also, wie zu
-erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen, daß es eine Art
-hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte, war da, der lange gedroht
-hatte, wenn man von „Drohung“ sprechen kann in Hinsicht auf blinde und
-unwissende Elemente, die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu
-vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf
-die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit
-unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen, als der erste
-Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn traf. „Das ist eine Sorte
-von Anhauch. Die geht ins Mark.“ Und wirklich war dieser Wind von ganz
-gehässiger Art: die furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen
-zwanzig Grad unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde
-an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie
-gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie mit
-Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn der erste
-fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –, so hätten sieben Pelze
-nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem Todesschrecken zu schützen,
-und Hans Castorp trug nicht sieben Pelze, sondern nur eine wollene
-Weste, die ihm sonst auch vollkommen genügt hatte und ihm bei dem
-geringsten Sonnenschein sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den
-Wind etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren
-und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung sich mit seinem
-Trotz und mit dem gründlichen „Ach was!“ seiner Seele mischte, so
-strebte der tolle Junge immer noch weiter, zwischen einzeln stehenden
-Tannen hin, um hinter den in Angriff genommenen Berg zu kommen.
-
-Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts vor
-Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem Wirbelgedränge
-allen Raum erfüllte; die dreinfahrenden Eisböen machten die Ohren mit
-scharfem Schmerze brennen, lähmten die Glieder und ließen die Hände
-ertauben, so daß man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt
-oder nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz ihm
-den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und bedeckte seine
-rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum Schneemann erstarren,
-seinen Stock steif in der Hand; und all diese Unzuträglichkeit ergab
-sich bei vergleichsweise günstigen Umständen: wendete er sich, so würde
-es schlimmer sein; und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit
-gestaltet, das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte.
-
-So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und stellte seine
-Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort den Atem, so daß er
-der unbequemen Prozedur der Umstellung sich nochmals unterzog, um zu
-Luft zu kommen und mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die
-Stirn zu bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem
-Atemhaushalt gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich in
-Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen, von den
-Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich aus seiner Blindheit
-und seiner Atemknappheit erwuchsen. Jeden Augenblick war er zum
-Haltmachen gezwungen, erstens, um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen,
-und dann auch, weil er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah
-vor weißer Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem
-Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken flogen ihm
-massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so daß es erstarrte. Sie
-flogen ihm in den Mund, wo sie mit schwach wässerigem Geschmack
-zergingen, flogen gegen seine Lider, die sich krampfhaft schlossen,
-überschwemmten die Augen und verhinderten jede Ausschau, – die übrigens
-nutzlos gewesen wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und
-die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies fast völlig
-ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worein er
-blickte, wenn er sich zwang, zu sehen. Und nur zuweilen tauchten
-gespenstische Schatten der Erscheinungswelt darin auf: ein
-Latschenbusch, eine Fichtengruppe, die schwache Silhouette des Schobers
-auch, an dem er kürzlich vorübergekommen.
-
-Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen stand,
-seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden; eine Richtung zu
-halten, die ungefähre Richtung nach Hause, ins Tal, war weit mehr
-Glücks- als Verstandessache, da man allenfalls die Hand vor Augen, aber
-nicht einmal bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man
-auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige Vorkehrungen
-getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs äußerste zu erschweren: das
-Gesicht voll Schnee, den Sturm als Widersacher, der die Atmung
-zerstörte, sie abschnitt, das Aufnehmen von Luft wie den Aushauch
-verhinderte und jeden Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da
-sollte dieser und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer,
-Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd das
-Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von Schnee herunter, der
-sich einem auf die Frontseite gelegt hatte, und empfand es als
-unvernünftige Zumutung, unter solchen Umständen vorwärts zu kommen.
-
-Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam von der Stelle.
-Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen, ein Fortkommen in rechter
-Richtung war, und ob es nicht weniger falsch gewesen wäre, zu bleiben,
-wo man war (was aber auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es
-sprach sogar die theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch
-genommen, schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und Boden
-nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen unter den Füßen,
-das heißt die flache Halde, die er von der Schlucht aufsteigend mit
-großer Mühe wieder gewonnen, und die es vor allem wieder zurückzulegen
-galt. Die Ebene war zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar
-hatte der Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs kam,
-mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es war ein falsches
-Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er sich abmattete. Blindlings,
-umhüllt von wirbelnder, weißer Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins
-Gleichgültig-Bedrohliche hinein.
-
-„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte halt. Pathetischer
-drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm einen Augenblick war, als
-griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen, so daß es aufzuckte und
-dann mit so raschen Schlägen gegen seine Rippen pochte wie damals, als
-Rhadamanthys die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß
-er kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung
-sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage auf seine eigenste
-Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte er und fühlte, daß seine
-Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln seiner Miene, der Seele nicht mehr
-gehorchten und gar nichts wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch
-Wut, noch Verachtung, denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg
-hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen den Wind.
-Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr er keuchend und
-abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend fort, indem er sich
-wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen muß etwas, ich kann mich
-nicht hinsetzen und warten, denn dann werde ich zugedeckt von
-hexagonaler Regelmäßigkeit, und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen
-kommt, um nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, eine
-Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, daß er mit sich
-selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum verwies er es sich, tat
-es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, obgleich seine Lippen so
-lahm waren, daß er auf ihre Benutzung verzichtete und ohne die
-Konsonanten sprach, die mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst
-an eine frühere Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war.
-„Schweig still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu:
-„Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das ist
-schlimm in gewisser Hinsicht.“
-
-Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines Davonkommens,
-war eine reine Feststellung der kontrollierenden Vernunft, gewissermaßen
-einer fremden, unbeteiligten, wenn auch besorgten Person. Für sein
-natürliches Teil war er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen,
-die mit zunehmender Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm
-jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich darüber
-auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, der im Gebirge in
-einen Schneesturm gerät und nicht mehr heimfindet“, dachte er arbeitend
-und redete abgerissene Brocken davon atemlos vor sich hin, indem er
-deutlichere Ausdrücke aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört,
-stellt es sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine
-Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann schon so
-zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. Da gibt es sensorische
-Herabminderungen, Gnadennarkosen, Erleichterungsmaßnahmen der Natur,
-jawohl ... Man muß jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes
-Gesicht, sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt
-alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und eine Wohltat,
-sofern man eben nicht heimkommen soll, sind aber sehr schlimm gemeint
-und äußerst bekämpfenswert, sofern von Heimkommen überhaupt noch die
-Rede ist, wie bei mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem
-stürmisch schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig
-regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“
-
-Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte die beginnende
-Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und fieberhafte Art. Er
-erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte erschrecken sollen, als er
-gewahrte, daß er schon wieder von der ebenen Bahn abgekommen war:
-diesmal offenbar nach der anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich
-senkte. Denn er fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das
-vorderhand nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das
-Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde ich wieder
-Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte es zu tun, oder glaubte es
-auch selber nicht recht, oder, noch bedenklicher, es fing an, ihm
-gleichgültig zu werden, ob er es tat oder nicht. So wirkten die
-zweideutigen Ausfälle, die er nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus
-Müdigkeit und Aufregung, die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes
-bildete, dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, daß er
-sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen so weit
-verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten gegen die Ausfälle nicht
-mehr die Rede sein konnte. Benommen und taumelig, zitterte er vor
-Trunkenheit und Exzitation, sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit
-Naphta und Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen,
-daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle mit
-betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, – trotz
-seiner verächterischen Empörung gegen das Zugedecktwerden durch
-hexagonale Regelmäßigkeit etwas in sich hineinfaselte, des Sinnes oder
-Unsinnes: das Pflichtgefühl, das ihn anhalten wolle, die verdächtigen
-Herabminderungen zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße
-schäbige Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und
-Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der Gestalt
-seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem Sandsturm in der
-Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs Gesicht zu werfen und den
-Burnus über den Kopf zu ziehen. Nur eben den Umstand, daß er keinen
-Burnus habe und daß man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf
-ziehen könne, empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten,
-obgleich er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich
-genau Bescheid wußte, wie man erfriert.
-
-Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es nun wieder
-aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht falsch zu sein, denn
-zwischendurch mußte es bei dem Wege ins Tal auch wieder einmal aufwärts
-gehen, und was den Wind betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht,
-denn Hans Castorp hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das
-dankenswert, an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder übte
-die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße Schrägfläche vor
-ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus, so daß er sich ihr zuneigte?
-Nur um ein Hinlehnen würde es sich handeln, wenn man sich ihr überließ,
-und die Versuchung dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand
-und als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der
-lebendig-gegenwärtigen Macht der Versuchung durchaus keinen Abbruch tat.
-Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich ins allgemein Bekannte
-nicht einordnen lassen, sich nicht darin wiedererkennen, erklärte sich
-als einmalig und unvergleichbar in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich
-leugnen zu können, daß sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war,
-die Eingebung eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer,
-gefälteter Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung
-sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches
-knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, Herrn Settembrini ein
-Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber auch nur lächerlich machte,
-mit seiner Drehorgel und seiner _ragione_ ...
-
-Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der Lockung, sich
-hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und kam von der Stelle, –
-zweckmäßig oder nicht, aber er tat das Seine und regte sich, den
-lastenden Banden zum Trotz, in die der Froststurm immer schwerer seine
-Glieder schlug. Da ihm der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich,
-ohne sich viel Rechenschaft davon zu geben, und fuhr eine Weile so an
-der Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, war
-eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit wenig dazu ermutigte, sie
-auf sich zu nehmen. Dennoch sah er zuweilen etwas: Fichten, die
-zusammentraten, einen Bach oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen
-überhängenden Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur
-Abwechslung wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen den Sturm,
-gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend gleichsam im
-fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer menschlichen Baulichkeit.
-
-Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, trotz
-aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten
-erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. Vielleicht waren
-Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen eintreten, um unter Dach
-und Fach das Ende des Wetters abzuwarten und nötigenfalls Begleitung und
-Führung zu haben, wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte
-eingefallen sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel
-verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden Aufstieg
-gegen den Wind zu überwinden, um es zu erreichen, und überzeugte sich,
-angekommen, mit Empörung, Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es
-die bekannte Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den
-er auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert
-hatte.
-
-Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, unter
-Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten Lippen. Er
-stocherte sich zu seiner Orientierung um die Hütte herum und stellte
-fest, daß er sie von hinten wieder erreicht und also eine gute Stunde
-lang – seiner Schätzung nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn
-getrieben hatte. Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im
-Kreise herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im
-Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, der in
-sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. So irrte man
-herum, so fand man nicht heim. Hans Castorp erkannte das überlieferte
-Phänomen mit einer gewissen Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und
-schlug sich auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das
-Allgemeine in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen
-Fall so pünktlich ereignet hatte.
-
-Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, man konnte
-nirgends hinein. Aber Hans Castorp beschloß dennoch, vorderhand hier zu
-bleiben, denn das vorstehende Dach gewährte die Illusion einer gewissen
-Wirtlichkeit, und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten
-Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz gegen den
-Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die aus Baumstämmen
-gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem Rücken, der langen Schneeschuhe
-wegen, nicht füglich gehen wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er
-den Skistock neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den
-Taschen, den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als
-Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit geschlossenen
-Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur dann und wann, der Schulter
-entlang, über die Schlucht hin zur jenseitigen Bergwand
-hinüberblinzelte, die manchmal matt im Geschleier sichtbar wurde.
-
-Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich notfalls die
-ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von Zeit zu Zeit das Bein
-wechsle, mich sozusagen auf die andere Seite lege und mir zwischendurch
-natürlich etwas Bewegung mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen
-verklammt, habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, die
-ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz nutzlos, wenn ich
-auch umgekommen bin und von der Hütte zur Hütte geschweift ...
-‚Umkommen‘, was ist denn das für ein Ausdruck? Man braucht ihn gar
-nicht, er ist nicht üblich für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich
-setze ich ihn dafür ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und
-doch ist es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur
-gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, das
-Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen früh währen, und wenn es
-auch nur bis zum Dunkelwerden währt, so ist das schlimm genug, denn bei
-Nacht ist die Gefahr des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso
-groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend sein, ungefähr
-sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen vertrödelt habe. Wie spät
-ist es denn?“ Und er sah nach der Uhr, obgleich es den starren Fingern
-nicht leicht fiel, sie ohne Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach
-seiner goldenen Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und
-pflichttreu hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen,
-dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme seiner Brustkammer
-...
-
-Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe schon gewesen,
-als das Wetter losgegangen war. Sollte er glauben, daß sein Herumirren
-kaum eine Viertelstunde gedauert hatte? „Die Zeit ist mir lang
-geworden“, dachte er. „Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber
-um fünf oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen.
-Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem
-Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen Schluck Portwein
-nehmen, zu meiner Stärkung.“
-
-Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig und
-allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit gehalten und
-Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich nicht an solche
-gedacht war, die sich unerlaubterweise bei Schnee und Frost im Gebirge
-verirrten und unter solchen Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder
-herabgesetzten Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem
-Gesichtspunkt des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er hätte
-zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem er einige
-Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung zeitigten, ganz ähnlich
-derjenigen des Kulmbacher Bieres am Abend seines ersten Tages hier oben,
-als er durch liederlich unbeherrschte Reden von Fischsaucen und
-dergleichen mehr bei Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico,
-dem Pädagogen, der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem
-Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen Hans
-Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, der rednerische
-Erzieher nähere sich in großen Märschen, um den Schmerzenszögling, das
-Sorgenkind des Lebens aus seiner tollen Lage zu befreien und
-heimzuführen ... Was selbstverständlich lauter Unsinn war und nur von
-dem Kulmbacher herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens
-hatte Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel,
-die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und zu deren geläufigem
-Spiel er humanistische Augen an den Häusern emporsandte; und zweitens
-wußte und merkte er gar nichts von dem, was vorging, da er sich nicht
-mehr im Sanatorium „Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in
-seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von Naphtas
-seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht und keine
-Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst in der
-Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso toller und schlimmer
-Lage befunden, indem er der kranken Clawdia Chauchat _son crayon_,
-seinen Bleistift, Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie
-war das übrigens mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden,
-mußte er liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und
-ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. Horizontal,
-das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede Derer hier oben
-zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, bei Schnee und Frost im Freien
-zu liegen, nachts sowohl wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich
-niedersinken zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen
-beim Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein
-Gedankengeschwätz von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher Bieres
-zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als typisch gefährlich im
-Buche stehenden Lust zum Liegen und Schlafen entsprang, die ihn mit
-Sophismen und Wortspielen betören wollte.
-
-„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der Portwein war
-nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben mir den Kopf ganz
-übertrieben schwer gemacht, er fällt mir ja auf die Brust, und meine
-Gedanken sind unklares Zeug und fade Witzeleien, denen ich nicht trauen
-darf, – nicht nur die ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern
-auch die zweiten, die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das
-ist das Unglück. ‚_Son crayon_‘! Das heißt ‚ihr‘ _crayon_, und nicht
-seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚_son_‘, weil ‚_crayon_‘ ein
-Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich mich überhaupt dabei
-aufhalte! Während zum Beispiel die Tatsache viel vordringlicher ist, daß
-mein linkes Bein, gegen das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne
-Stelzbein von Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie
-vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter das
-Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das Mägdlein droben ihm
-etwas hineinwirft. Und dabei zieht es mich unpersönlicherweise förmlich
-mit Händen, daß ich mich in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung.
-Ich muß mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und um das
-Holzbein zu schmeidigen.“
-
-Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von dem Schuppen
-löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der Wind wie mit Sensen auf
-ihn ein und trieb ihn an die schützende Wand zurück. Zweifellos war sie
-der ihm gewiesene Aufenthalt, mit dem er sich vorläufig abzufinden
-hatte, wobei es ihm freistand, sich zur Abwechselung mit der linken
-Schulter anzulehnen und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter
-einigem Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen
-Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige Abwechslung ist
-zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein Anbinden mit der
-Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin deinen Kopf hängen, da er
-nun einmal so schwer ist. Die Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine
-gewisse Wärme davon auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein
-kann, diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr
-Stimmungssache, subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das lebendige
-Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ...
-
-Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf dem er wohl
-stand – ein weiter, üppig grünender Park von Laubbäumen, von Ulmen,
-Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, leicht abgestuft in der Färbung ihres
-vollen, frischen, schimmernden Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln
-rauschend. Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume
-balsamierte Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der Regen
-war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel hinauf die Luft mit
-blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! Oh, Heimatodem, Duft und
-Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! Die Luft war voller Vogellaut, voll
-zierlich-innigem und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und
-Schluchzen, ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans
-Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles sich noch
-schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts über die Landschaft,
-voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, feucht schimmernd
-mit allen seinen Farben, die satt wie Öl ins dichte, blanke Grün
-herniederflossen. Das war ja wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit
-Flöten untermischt und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten
-wunderbar. Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, verwandelte,
-entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, wie einmal, manches Jahr
-war das schon her, als Hans Castorp einen weltberühmten Sänger hatte
-hören dürfen, einen italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle
-Kunst und Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. Er
-hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war gleich am Anfang.
-Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick hatte der
-leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich schwellend aufgetan, sich
-immer strahlender erhellt. Schleier auf Schleier, den vorher niemand
-wahrgenommen, war gleichsam davon abgesunken – ein letzter noch, der nun
-denn doch, so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt
-hatte, und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter,
-befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder
-Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, die fast wie Ein- und
-Widerspruch geklungen, sich aus der Menge gelöst hatten und ihn selbst,
-den jungen Hans Castorp, ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit
-seiner Landschaft, die sich wandelte, sich öffnete in wachsender
-Verklärung. Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da lag
-das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von
-Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer
-Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden Bergzügen weit umfaßt, mit
-Inseln zwischenein, von denen Palmen ragten oder auf denen man kleine,
-weiße Häuser aus Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz
-unverdient, was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer
-Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp hatte das nie
-gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum
-genippt, kannte die rauhe, die blasse See und hing daran mit kindlichen,
-schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien
-etwa oder Griechenland, niemals erreicht. Dennoch _erinnerte_ er sich.
-Ja, das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte.
-„Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue
-Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und vor sich selbst
-verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und dieses „Je“ war weit,
-unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel
-zart veilchenfarben darauf niederging.
-
-Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher kam, daß
-Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: Die Berge griffen um, als
-Vorgebirge, buschwaldig, in die See tretend, zogen sie sich von der
-Mitte der Aussicht im Halbkreis bis dorthin, wo er saß, und weiter; es
-war Bergküste, wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor
-ihm fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp,
-zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll blauende
-Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und dieses sonnige Gebiet, und
-diese zugänglichen Küstenhöhen, und diese lachenden Felsenbecken, wie
-auch das Meer hinaus bis zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren,
-war weit und breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten
-sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so
-angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz öffnete sich weit, ja
-schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick.
-
-Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter, neben ihrem
-wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die Bockenden an langem
-Zügel oder trieben sie, sattellos reitend, mit bloßen Fersen die Flanken
-der Gäule schlagend, ins Meer hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken
-unter der goldbraunen Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie
-tauschten oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde
-bezaubernd klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden Bucht,
-die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen. Eine, von deren zum Knoten
-hochgenommenem Nackenhaar besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in
-einer Bodenvertiefung und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über
-ihr Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang- und
-weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet, und zu Paaren,
-die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im Tanze schritten, während im
-Rücken der Flötenden, der weiß und lang und zart und seitlich gerundet
-war, infolge der Stellung der Arme, andere Schwestern saßen oder
-umschlungen standen, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich
-Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und freundschaftlich
-zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige im Spannen der Sehne, im
-Anlegen unterwiesen, mit ihnen zielten und die vom Rückschlag Taumelnden
-lachend stützten, wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten.
-Sie lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend, und
-hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd dem Nachbarn
-zugewandt, der, in schrägem Sitz den Körper reckend, seinen Köder recht
-weit hinauswarf. Wieder andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot
-mit Mast und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins Meer zu
-fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den Wellenbrechern. Ein
-junges Weib, lang hingestreckt, hintüber blickend, zog mit der einen
-Hand das blumige Gewand zwischen den Brüsten hoch, indem sie mit der
-andren verlangend in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die
-der Schmalhüftige, zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme
-spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte am Rande
-des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen die eigenen Schultern
-hielt und mit der Zehenspitze die Kühle des Wassers prüfte. Paare
-ergingen sich das Ufer entlang, und am Ohr des Mädchens war dessen Mund,
-der sie vertraulich führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu
-Platte, überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der Hüfte,
-mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen kleinen Hut mit
-hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen Locken, am erhöhten Orte
-stand.
-
-„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen. „Das ist ja
-überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch, gesund und klug und
-glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt – auch klug und
-liebenswürdig von innen heraus. Das ist es, was mich so rührt und ganz
-verliebt macht: der Geist und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen
-zugrunde liegt, in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit
-die große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht,
-mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter Lächeln
-verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich fast und doch
-kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung und
-eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt erwiesen; eine Würde und
-Strenge sogar, doch ganz ins Heitere gelöst und einzig als ein
-unaussprechlicher geistiger Einfluß undüsteren Ernstes, verständiger
-Frömmigkeit ihr Tun und Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles
-Zeremoniell. Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem
-Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge Mutter und
-stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte sie auf eine
-besondre Art, in welcher sich alles versammelte, was in dem allgemeinen
-Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll verschwieg: die Jünglinge,
-indem sie, sich gegen die Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell
-die Arme über der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die
-Mädchen durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung, ähnlich
-dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar sich leichthin
-erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft, lustig und herzlich ihr
-mit dem Kopfe dabei zu, – und diese Mischung von förmlicher Devotion und
-heiterer Freundschaft, dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von
-ihrem Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem
-Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den Reverenz Erweisenden mit
-einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp gänzlich mit Entzücken. Er
-wurde des Schauens nicht satt und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm
-das Schauen denn auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses
-sonnig-gesitteten Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und
-häßlich und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache.
-
-Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles, seitlich über
-den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand und in die Schläfe
-fiel, hielt sich, gerade unter seinem Sitz, mit auf der Brust
-verschränkten Armen von den Genossen abseits – nicht traurig oder
-trotzig, sondern eben nur gelassen abseits. Und dieser sah ihn, wandte
-den Blick zu ihm hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und
-den Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her.
-Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins Weite, und
-augenblicklich verschwand aus seinem schönen, streng geschnittenen,
-halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame Lächeln höflich
-geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß seine Brauen sich verfinstert
-hätten, erstand in seiner Miene ein Ernst, ganz wie aus Stein,
-ausdruckslos, unergründlich, eine Todesverschlossenheit, vor der den
-kaum beruhigten Hans Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine
-Beitat von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes.
-
-Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel, aus
-zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos sproßte, ragten
-hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf dessen in der Mitte
-offenem Stufenunterbau er saß. Schweren Herzens stand er auf, stieg
-seitlich die Stufen hinab und ging in den tiefen Torweg hinein,
-hindurch, auf einer mit Fliesen belegten Straße fort, die ihn alsbald
-vor neue Propyläen führte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm
-der Tempel, massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem
-Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher
-gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender Säulen lag,
-aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock, verschoben, seitlich
-austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch der Hände und seufzend, denn
-immer beengter wurde es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen
-Stufen und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief, er ging
-darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes am blassen Meer,
-indem er absichtlich die Mitte vermied und auszuweichen suchte. Doch
-schweifte er wieder zu ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen
-auseinander traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen
-Frauenfiguren auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die
-eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit
-klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher Tunika
-und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel mit einem Schleier
-bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich umschlungen, mit
-rundem Jungfrauengesicht, Arme und Hände in die Falten ihres
-Übergewandes geschlungen und darin verborgen.
-
-In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps Herz aus dunklen
-Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller. Er getraute sich kaum
-und war doch genötigt, die Gestalten zu umgehen und hinter ihnen die
-nächste doppelte Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene
-Tür der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen brechen vor
-dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue Weiber, halbnackt,
-zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüsten und fingerlangen Zitzen,
-hantierten dort drinnen zwischen flackernden Feuerpfannen aufs
-gräßlichste. Über einem Becken zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen
-es in wilder Stille mit den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes
-Haar mit Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden
-Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von ihren wüsten Lippen
-troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp in Bann. Er wollte die
-Hände vor die Augen schlagen und konnte nicht. Er wollte fliehen und
-konnte nicht. Da hatten sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen
-Geschäft, sie schüttelten die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften
-stimmlos, aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im
-Volksdialekt von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so übel wie
-noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle reißen – und so, wie
-er dabei an der Säule in seinem Rücken seitlich hingestürzt, so fand er
-sich, das scheußliche Flüsterkeifen noch im Ohr, von kaltem Grausen noch
-ganz umklammert an seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend,
-mit angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich gestreckt.
-
-Es war jedoch kein rechtes und eigentliches Erwachen; er blinzelte nur,
-erleichtert, die Greuelweiber los zu sein, doch war es ihm sonst wenig
-deutlich, noch auch sehr wichtig, ob er an einer Tempelsäule liege oder
-an einem Schober, und er träumte gewissermaßen fort, – nicht mehr in
-Bildern, sondern gedankenweise, aber darum nicht weniger gewagt und
-kraus.
-
-„Dacht ich’s doch, daß das geträumt war“, faselte er in sich hinein.
-„Ganz reizend und fürchterlich geträumt. Ich wußte es im Grunde die
-ganze Zeit, und alles hab ich mir selbst gemacht, – den Laubpark und die
-liebe Feuchtigkeit und dann das Weitere, Schönes wie Scheußliches, ich
-wußte es beinahe im voraus. Wie kann man aber so was wissen und sich
-machen, sich so beglücken und ängstigen? Woher hab ich den schönen
-Inselgolf und dann den Tempelbezirk, wohin die Augen des einen
-Angenehmen, der für sich stand, mich wiesen? Man träumt nicht nur aus
-eigener Seele, möcht ich sagen, man träumt anonym und gemeinsam, wenn
-auch auf eigene Art. Die große Seele, von der du nur ein Teilchen,
-träumt wohl mal durch dich, auf deine Art, von Dingen, die sie heimlich
-immer träumt, – von ihrer Jugend, ihrer Hoffnung, ihrem Glück und
-Frieden ... und ihrem Blutmahl. Da liege ich an meiner Säule und habe im
-Leibe noch die wirklichen Reste meines Traums, das eisige Grauen vor dem
-Blutmahl und auch die Herzensfreude noch von vorher, die Freude an dem
-Glück und an der frommen Gesittung der weißen Menschheit. Es kommt mir
-zu, behaupte ich, ich habe verbriefte Rechte, hier zu liegen und
-dergleichen zu träumen. Ich habe viel erfahren bei Denen hier oben von
-Durchgängerei und Vernunft. Ich bin mit Naphta und Settembrini im
-hochgefährlichen Gebirge umgekommen. Ich weiß alles vom Menschen. Ich
-habe sein Fleisch und Blut erkannt, ich habe der kranken Clawdia
-Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben. Wer aber den Körper, das Leben
-erkennt, erkennt den Tod. Nur ist das nicht das Ganze, – ein Anfang
-vielmehr lediglich, wenn man es pädagogisch nimmt. Man muß die andere
-Hälfte dazu halten, das Gegenteil. Denn alles Interesse für Tod und
-Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben, wie ja
-die humanistische Fakultät der Medizin beweist, die immer so höflich auf
-lateinisch zum Leben und seiner Krankheit redet und nur eine Abschattung
-ist des einen großen und dringlichsten Anliegens, das ich mir nun mit
-aller Sympathie bei seinem Namen nenne: Es ist das Sorgenkind des
-Lebens, es ist der Mensch und ist sein Stand und Staat ... Ich verstehe
-mich nicht wenig auf ihn, habe viel gelernt bei Denen hier oben, bin
-hoch vom Flachlande hinaufgetrieben, so daß mir Armem fast der Atem
-ausging; doch hab ich nun vom Fuße meiner Säule einen nicht schlechten
-Überblick ... Mir träumte vom Stande des Menschen und seiner
-höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, hinter der im
-Tempel das gräßliche Blutmahl sich abspielt. Waren sie so höflich und
-reizend zueinander, die Sonnenleute, im stillen Hinblick auf eben dies
-Gräßliche? Das wäre eine feine und recht galante Folgerung, die sie da
-zögen! Ich will es mit ihnen halten in meiner Seele und nicht mit Naphta
-– übrigens auch nicht mit Settembrini, sie sind beide Schwätzer. Der
-eine ist wollüstig und boshaft, und der andere bläst immer nur auf dem
-Vernunfthörnchen und bildet sich ein, sogar die Tollen ernüchtern zu
-können, das ist ja abgeschmackt. Es ist Philisterei und bloße Ethik,
-irreligiös, so viel ist ausgemacht. Doch will ich’s auch mit des kleinen
-Naphta Teil nicht halten, mit seiner Religion, die nur ein
-_guazzabuglio_ von Gott und Teufel, Gut und Böse ist, eben recht, damit
-das Einzelwesen sich kopfüber hineinstürze, zwecks mystischen
-Unterganges im Allgemeinen. Die beiden Pädagogen! Ihr Streit und ihre
-Gegensätze sind selber nur ein _guazzabuglio_ und ein verworrener
-Schlachtenlärm, wovon sich niemand betäuben läßt, der nur ein bißchen
-frei im Kopfe ist und fromm im Herzen. Mit ihrer aristokratischen Frage!
-Mit ihrer Vornehmheit! Tod oder Leben – Krankheit, Gesundheit – Geist
-und Natur. Sind das wohl Widersprüche? Ich frage: sind das Fragen? Nein,
-es sind keine Fragen, und auch die Frage nach ihrer Vornehmheit ist
-keine. Die Durchgängerei des Todes ist im Leben, es wäre nicht Leben
-ohne sie, und in der Mitte ist des _homo Dei_ Stand – inmitten zwischen
-Durchgängerei und Vernunft – wie auch sein Staat ist zwischen mystischer
-Gemeinschaft und windigem Einzeltum. Das sehe ich von meiner Säule aus.
-In diesem Stande soll er fein galant und freundlich ehrerbietig mit sich
-selber verkehren, – denn er allein ist vornehm, und nicht die
-Gegensätze. Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und
-also ist er vornehmer als sie. Vornehmer als der Tod, zu vornehm für
-diesen, – das ist die Freiheit seines Kopfes. Vornehmer als das Leben,
-zu vornehm für dieses, – das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen. Da
-habe ich einen Reim gemacht, ein Traumgedicht vom Menschen. Ich will
-dran denken. Ich will gut sein. Ich will dem Tode keine Herrschaft
-einräumen über meine Gedanken! Denn darin besteht die Güte und
-Menschenliebe, und in nichts anderem. Der Tod ist eine große Macht. Man
-nimmt den Hut ab und wiegt sich vorwärts auf Zehenspitzen in seiner
-Nähe. Er trägt die Würdenkrause des Gewesenen, und selber kleidet man
-sich streng und schwarz zu seinen Ehren. Vernunft steht albern vor ihm
-da, denn sie ist nichts als Tugend, er aber Freiheit, Durchgängerei,
-Unform und Lust. Lust, sagt mein Traum, nicht Liebe. Tod und Liebe, –
-das ist ein schlechter Reim, ein abgeschmackter, ein falscher Reim! Die
-Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker
-als er. Nur sie, nicht die Vernunft, gibt gütige Gedanken. Auch Form ist
-nur aus Liebe und Güte: Form und Gesittung verständig-freundlicher
-Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – in stillem Hinblick auf das
-Blutmahl. Oh, so ist es deutlich geträumt und gut regiert! Ich will dran
-denken. Ich will dem Tode Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell
-erinnern, daß Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere
-Wollust und Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken und
-Regieren. _Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine
-Herrschaft einräumen über seine Gedanken._ Und damit wach ich auf ...
-Denn damit hab ich zu Ende geträumt und recht zum Ziele. Schon längst
-hab ich nach diesem Wort gesucht: am Orte, wo Hippe mir erschien, in
-meiner Loge und überall. Ins Schneegebirge hat mich das Suchen danach
-auch getrieben. Nun habe ich es. Mein Traum hat es mir deutlichst
-eingegeben, daß ich’s für immer weiß. Ja, ich bin hoch entzückt und ganz
-erwärmt davon. Mein Herz schlägt stark und weiß warum. Es schlägt nicht
-bloß aus körperlichen Gründen, nicht so, wie einer Leiche noch die Nägel
-wachsen; menschlicherweise schlägt es und recht von glücklichen Gemütes
-wegen. Das ist ein Trank, mein Traumwort, – besser als Portwein und Ale,
-es strömt mir durch die Adern wie Lieb’ und Leben, daß ich mich aus
-meinem Schlaf und Traume reiße, von denen ich natürlich sehr wohl weiß,
-daß sie meinem jungen Leben im höchsten Grade gefährlich sind ... Auf,
-auf! Die Augen auf! Es sind deine Glieder, die Beine da im Schnee!
-Zusammenziehn und auf! Sieh da, – gut Wetter!“
-
-Sie hielt gewaltig schwer, die Befreiung aus den Banden, die ihn
-umstrickten und niederhalten wollten; allein der Antrieb, den er sich zu
-schaffen gewußt, war stärker. Hans Castorp warf sich auf den Ellenbogen,
-zog mannhaft die Knie an, riß, stützte und turnte sich empor. Er
-stampfte mit den Brettern den Schnee, schlug sich die Arme um die Rippen
-und schüttelte die Schultern, indem er erregte und angestrengte Blicke
-dahin und dorthin und hinauf zum Himmel sandte, wo blasses Blau sich
-zwischen schleierdünnen, graublauen Wolken zeigte, die sachte zogen und
-die schmale Sichel des Mondes enthüllten. Leichte Dämmerung. Kein Sturm,
-kein Schneefall. Die Bergwand drüben mit dem tannenrauhen Rücken war
-voll und klar zu sehen, lag in Frieden. Schatten reichte bis halb
-hinauf; die obere Hälfte war aufs zarteste rosa belichtet. Was gab es
-denn, und wie verhielt es sich mit der Welt? War Morgen? Und hatte er
-die Nacht hindurch im Schnee gelegen, ohne zu erfrieren, wie es im Buche
-stand? Kein Glied war abgestorben, keines zerbrach ihm klirrend, während
-er stampfte, sich schüttelte und schlug, worin er nicht säumig war,
-indem er zu gleicher Zeit die Sachlage gedanklich zu ergründen suchte.
-Ohren, Fingerspitzen und Zehen waren wohl taub, allein nicht mehr, als
-schon so oft beim nächtlich-winterlichen Liegen in der Loge. Es gelang,
-die Uhr hervorzugraben. Sie ging. Sie war nicht stehen geblieben, wie
-sie zu tun pflegte, wenn er sie abends aufzuziehen vergaß. Sie zeigte
-noch nicht Fünf – bei weitem nicht. Es fehlten zwölf, dreizehn Minuten
-daran. Erstaunlich! Konnte es denn sein, daß er nur zehn Minuten oder
-etwas länger hier im Schnee gelegen und so vieles an Glücks- und
-Schreckensbildern und waghalsigen Gedanken sich vorgefabelt hatte,
-indessen das hexagonale Unwesen sich so schnell verzog, wie es gekommen?
-Dann hatte er anerkennenswertes Glück gehabt, unter dem Gesichtspunkt
-des Heimkommens. Denn zweimal hatte sein Träumen und Fabeln eine Wendung
-genommen, daß er belebt emporgefahren war: einmal vor Grauen und das
-zweitemal vor Freude. Es schien, das Leben hatte es gut gemeint mit
-seinem hochverirrten Sorgenkinde ...
-
-Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen um sich haben
-oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war es noch immer frühabendlicher
-Nachmittag): auf jeden Fall lag nichts in den Umständen oder in seinem
-persönlichen Zustande, was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen,
-und das tat denn Hans Castorp, – großzügig, sozusagen in der Luftlinie,
-fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, obgleich die
-Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm unterwegs vollauf genügt
-hatten. Den Brehmenbühl, am Rande des Mattenwaldes, kam er herunter und
-war halb sechs in „Dorf“, wo er sein Sportgerät beim Krämer
-unterstellte, in Herrn Settembrinis Speicherklause Rast machte und ihm
-Bericht gab, wie er sich nun auch einmal vom Schneesturm habe betreffen
-lassen. Der Humanist war höchlich erschrocken. Er warf die Hand über den
-Kopf, schalt weidlich über solchen gefährlichen Leichtsinn und
-entflammte stehenden Fußes die puffende Spiritusmaschine, dem recht
-Erschöpften Kaffee zu machen, dessen Stärke nicht hinderte, daß Hans
-Castorp noch bei ihm im Stuhle in Schlaf fiel.
-
-Die hochzivilisierte Atmosphäre des „Berghofs“ umschmeichelte ihn eine
-Stunde später. Beim Diner griff er gewaltig zu. Was er geträumt, war im
-Verbleichen begriffen. Was er gedacht, verstand er schon diesen Abend
-nicht mehr so recht.
-
-
- Als Soldat und brav
-
-Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem Vetter, erst gute,
-übermütige, dann weniger günstige, endlich solche, die etwas recht
-Trauriges matt beschönigten. Die Reihe der Postkarten fing an mit der
-lustigen Meldung von Joachims Dienstantritt und von der schwärmerischen
-Zeremonie, bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich
-ausdrückte, Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann ging es
-heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten Laufbahn, geebnet
-durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und durch die Sympathie der
-Oberen, wurden grüßend und winkend bezeichnet. Da Joachim ein paar
-Semester studiert hatte, war er des Besuches der Kriegsschule überhoben,
-vom Fähnrichsdienst befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier
-befördert und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen
-zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern gefügten
-und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen nachgebenden
-Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete aus jedem seiner knappen
-Rapporte. Er gab Anekdoten von dem romantisch-verzwickten Verhalten
-seines Feldwebels, eines bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm,
-dem fehlbaren jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten
-Vorgesetzten von morgen sah, welcher tatsächlich schon im
-Offizierskasino verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war von der
-Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang April war Joachim
-Leutnant.
-
-Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, dessen
-Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform reiner aufgegangen
-wären. Mit einer Art von verschämter Wonne erzählte er, wie er zum
-erstenmal in seiner jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem
-Posten, der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger
-Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten
-und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger Kameradschaft, von
-der verschmitzten Treue seines Burschen, komischen Zwischenfällen beim
-Exerzieren und in der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und
-Liebesmahlen. Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners,
-Bällen, war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt
-nicht.
-
-Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das Bett, habe sich
-leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit von ein paar
-Tagen. Anfang Juni tat er wieder Dienst, aber Mitte des Monats hatte er
-abermals „schlapp gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die
-Angst brach durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, auf
-das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten sein. Unsinn,
-im Juli war er kerngesund, wochenlang, so lange, bis eine Untersuchung
-am Horizont erschien, die durch die vermaledeiten Schwankungen seiner
-Temperatur zur Notwendigkeit geworden war, und von der viel abhängen
-würde. Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp dann
-lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, der ihm schrieb,
-– sei es, weil er nicht in der Lage war, zu schreiben, oder weil er sich
-schämte, – sondern seine Mutter, Frau Ziemßen, und sie telegraphierte.
-Sie zeigte an, die Beurlaubung Joachims auf einige Wochen sei
-ärztlicherseits als unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert,
-alsbaldige Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. Rückantwort
-bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise.
-
-Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche
-durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit
-dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den
-Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“
-durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still
-und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als
-schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon
-reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“,
-nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen
-hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist
-gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte!
-Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische
-Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper
-triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur
-Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es
-scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so
-würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie
-diesem. _Sapienti sat_, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die
-_ich_ aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander
-zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine
-abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem
-Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu
-nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich,
-wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es
-möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein
-grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der
-Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und
-zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande,
-offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so
-ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles
-genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da
-hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die
-Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch
-in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch
-nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu
-haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die
-Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig
-von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine
-mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten,
-der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte
-ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das
-Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“
-
-Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am
-selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau
-Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn
-im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein
-Reagenzglas mißfarbenen Inhalts.
-
-„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ...
-
-„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist
-Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas.
-„Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und
-beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit
-Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so
-kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie
-drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit
-der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man
-jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und
-unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“
-
-„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und
-Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und
-strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch
-noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben.
-Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus
-Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich
-würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in
-Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“
-
-„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter
-Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“
-
-Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder
-famosen Neuigkeit.
-
-Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen
-Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn,
-gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten
-und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte.
-
-„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich Ihnen gesagt? Was habe
-ich ihm und Ihnen nicht zehn-, sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da
-haben Sie’s nun. Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein
-Himmelreich gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich,
-dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens nicht
-glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen Behrens glauben, sonst
-zieht man den kürzeren und kommt zu spät zu Verstand. Da hat er es nun
-zum Leutnant gebracht, allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon?
-Gott sieht ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen
-wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ Er geriet
-ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen deren Fingern er
-die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun solle Hans Castorp ihm aber
-für diesmal nicht länger lästig fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja
-wohl faßbar, und wenn er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins
-Bett stecken. Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er
-halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den
-Ausreißer zu schlachten.
-
-Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, daß sein
-Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, waren betrübt und
-erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn Joachims propperes,
-ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung gewonnen, und manches
-unausgesprochene Urteil und Gefühl ging in der Richtung, daß er der
-Beste gewesen sei von allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im
-Auge, glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber
-empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur horizontalen Lebensweise
-zurückkehren mußte und in seiner Propperkeit nun wieder einer der
-Unsrigen sein würde. Frau Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre
-gedacht; sie fand sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem
-sie Joachims Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte
-nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie habe die
-Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, daß Ziemßen sie
-nicht oberfaul gemacht habe mit seinem Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie
-vor lauter unermeßlicher Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel
-besser, man bleibe gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre
-Lebensinteressen im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann
-und zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar keine
-Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. Hans Castorp blieb
-unwissend über Tag und Stunde ihrer Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof
-kam es aus diesem Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von
-Hansens Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim trat mit
-erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager.
-
-Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte sie
-hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder kurz noch lang,
-sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich und dennoch null und
-nichtig gewesen waren, hier oben eingetroffen war, und auch die
-Jahreszeit war dieselbe, sogar genau: der allerersten Augusttage einer.
-Joachim, wie gesagt, trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft
-freudig erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, das er
-im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus und grüßte
-lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. Er hatte die weite
-Reise, durch mehrerer Herren Länder, über den meerartigen See und dann
-auf gedrangen Pfaden hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da
-stand er nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale
-halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus empfangen. Seine
-Farbe war lebhaft, sei es dank dem Freiluftleben, das er geführt, oder
-durch Reiseerhitzung. Direkt, ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er
-auf Nr. 34 geeilt, um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart
-wurden, zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette beschäftigt
-war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, natürlich im Restaurant.
-Hans Castorp würde schon noch etwas mitessen können oder doch einen
-Schluck Wein trinken. Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es
-ging, wie einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim,
-fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die Hände, und Hans
-Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens und gewissermaßen enttäuscht,
-den Vetter in Zivil zu sehen. Man merke ihm von seiner Karriere ja gar
-nichts an. Er habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt,
-und nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim lachte und
-fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er hübsch zu Hause gelassen.
-Mit der Uniform, müsse Hans Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht
-jedes Lokal besuche man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte
-Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden Sinnes
-seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte sich nach allen
-Personen und Umständen im „Berghof“ nicht nur ohne jeden Hochmut,
-sondern mit der ganzen angelegentlichen Bewegtheit des Heimgekehrten.
-Dann erschien Frau Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen
-in der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, nämlich
-als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, ein Ausdruck, der
-übrigens durch Abgespanntheit und stillen Kummer, welcher sich offenbar
-auf Joachim bezog, melancholisch gedämpft wurde, – und sie fuhren
-hinunter.
-
-Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften Augen wie
-Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß aber schon stark vermischtes
-Haar war durch ein fast unsichtbares Schleiernetz in Form und Sitz
-befestigt, und das paßte zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen,
-freundlich gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei
-deutlicher Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es war
-klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, daß sie sich
-auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner Atmung und seiner
-sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, die zu seinem Verhalten zu
-Hause und auf der Reise wahrscheinlich in Widerspruch standen und
-tatsächlich seiner Lage widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen
-Anstoß daran nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte
-sich dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen Joachims,
-turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im Augenblick alles
-Entgegenstehende trunken überwogen und durch das Wiederatmen der Luft,
-unserer unvergleichlich leichten, nichtigen und erhitzenden Luft hier
-oben, wohl noch befeuert wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren
-ihr undurchsichtig. „Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah sie
-den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen Fröhlichkeit
-hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, hundert Fragen stellen und
-sich mit der Antwort lachend in den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte
-sie: „Aber, Kinder!“ Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut
-kommen, kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig,
-so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir müßten hierher
-fahren, damit du wieder wärest wie am Tag deiner Beförderung.“ Worauf es
-denn freilich mit Joachims Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug
-um, er kam zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es
-ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm war, das
-erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, obgleich seit
-Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine Stunde vergangen war) und
-blickte endlich überhaupt nicht mehr auf, offenbar weil er Tränen in den
-Augen hatte.
-
-Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. Eigentlich mehr
-anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten Ernst herbeiführen wollen,
-unwissend, daß gerade das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur
-die Wahl zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen
-sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem Neffen
-dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen wieder zu beleben. Ja,
-was den Personalbestand angehe, sagte er, so werde Joachim manches
-verändert und erneuert finden, anderes dagegen habe sich während seiner
-Abwesenheit schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante
-zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die Damen säßen, wie
-immer, am Tische der Stöhr. Marusja lache viel und herzlich.
-
-Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch diese Worte an
-eine Begegnung erinnert und an Grüße, die auszurichten seien, ehe sie es
-vergesse, – die Begegnung mit einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch
-alleinstehend und mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in
-München, wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht hatte, im
-Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten sei, um Joachim zu
-begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, – Joachim möge ihr doch helfen
-...
-
-„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur Zeit in einem
-Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach Spanien gehen. Zum
-Winter werde sie dann wahrscheinlich wieder hierher kommen. Beste Grüße
-von ihr.
-
-Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über die Gefäßnerven,
-die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten lassen können. Er sagte:
-
-„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter dem Kaukasus
-hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“
-
-Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. „Hübsche oder doch
-reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme Bewegungen. Aber freie
-Manieren, nachlässig“, sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie
-alte Freunde, fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre,
-eigentlich nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“
-
-„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans Castorp. Mit
-Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe man da nicht herantreten,
-das sei verfehlt. Und da denke er nun darüber nach, daß Frau Chauchat
-also nach Spanien zu gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege
-andererseits ebensoweit von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach
-der weichen, sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit,
-sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung,
-sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, Inquisition,
-gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... Interessant, wie es Frau
-Chauchat in Spanien gefallen werde. Das Türenwerfen werde ihr dort wohl
-vergehen, und vielleicht könne eine gewisse Kompensation der beiden
-außerhumanistischen Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne
-aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, wenn der
-Osten nach Spanien gehe ...
-
-Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, den die
-unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat auf ihn gemacht, äußerte
-sich in Reden, auf die denn freilich nur betretenes Schweigen die
-Antwort sein konnte. Joachim war weniger erschrocken; er kannte des
-Vetters Scharfköpfigkeit hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens
-Augen malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, als
-habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, und hob nach einer
-peinlichen Pause die Tafel mit Worten taktvoller Vertuschung auf. Bevor
-man sich trennte, teilte Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß
-Joachim jedenfalls morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn
-untersucht habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei
-Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische der
-Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, Hans Castorp
-vornehmlich mit dem an Frau Chauchats binnen Halbjahrsfrist zu
-erwartende Wiederkehr.
-
-Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen kleinen
-Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. Dies Wort von der kleinen
-Nachkur war offenbar die im Flachland ausgegebene Parole, und auch hier
-oben ließ man sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an,
-obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er Joachim vor
-allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um das Gröbste zu reparieren,
-zur neuen Akklimatisation und um seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu
-regeln. Sich auf eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte
-er zu vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus nicht
-sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, Oktober etwa,
-als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens stimmte ihr insofern zu,
-als er erklärte, um diese Zeit werde man jedenfalls weiter sein als
-gegenwärtig. Übrigens gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich,
-sagte „meine gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen
-Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch
-redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. „Ich weiß ihn
-in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht Tage nach ihrer Ankunft
-nach Hamburg zurück, da von der Notwendigkeit irgendwelcher Pflege
-nicht ernstlich die Rede sein konnte und Joachim außerdem ja
-Verwandtengesellschaft hatte.
-
-„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er auf Nr. 28 an
-seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich doch einigermaßen gebunden;
-du kannst dich daran halten und damit rechnen. Oktober – das ist so die
-Zeit. Da gehen manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu
-deiner _bandera_ zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“
-
-Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich darüber, daß
-dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen mußte, das in diesen
-Augusttagen begann, – denn das verwand er nicht und äußerte geradezu
-Selbstverachtung der gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im
-letzten Augenblick unterlegen war.
-
-„_Rebellio carnis_“, sagte Hans Castorp. „Was willst du da machen? Da
-kann der tapferste Offizier nichts machen, und sogar der heilige
-Antonius wußte ein Lied davon zu singen. In Gottes Namen, Manöver sind
-jedes Jahr, und dann kennst du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar
-keine, du bist nicht lange genug fort gewesen, um nicht ganz leicht
-wieder ins Tempo zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine
-Nachkur vorbei.“
-
-Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim durch das
-Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, als daß er sich vor
-den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. Doch war man ihm vielfach
-behilflich, sie zurückzulegen; die Sympathie, die man allgemein seiner
-propperen Natur entgegenbrachte, äußerte sich in Besuchen von nahe und
-ferner: Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete
-Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, nun
-„_Capitano_“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem Hause selbst ließen
-sich nach und nach die alten Bekannten sehen, indem sie eine dienstfreie
-Viertelstunde benutzten, um sich an sein Bett zu setzen, das Wort von
-der kleinen Nachkur zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu
-lassen: die Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge,
-Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. Als die vier
-Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber so weit gedämpft war, daß
-er umhergehen konnte, und setzte sich im Speisesaal zu seinem Vetter,
-zwischen ihn und die Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber,
-an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage lang auch
-Frau Ziemßen eingenommen hatten.
-
-So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie ehedem; ja,
-damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, fiel ihm, da
-Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben in Händen, den letzten Seufzer
-getan, auch sein angestammtes Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder
-zu, selbstverständlich nach gründlicher Entkeimung durch H₂CO.
-Eigentlich und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim an
-Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: dieser war nun der
-Eingesessene, dessen Daseinsform der andere auf kurze Zeit und
-besuchsweise teilte. Denn den Oktobertermin bemühte sich Joachim steif
-und fest im Auge zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines
-Zentralnervensystems sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens
-wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe seiner
-Haut verhinderten.
-
-Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die Spaziergänge mit
-diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen sie wieder auf, und wenn A.
-K. Ferge und Ferdinand Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so
-waren sie zu sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre
-unaufhörlichen Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche
-Vollständigkeit nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins
-Desperat-Unendliche zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor einem
-stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine arme Seele als
-Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites betrachten wollte. Von
-Naphta hatte er erfahren, daß Settembrini Freimaurer sei, – was keinen
-geringeren Eindruck auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung
-über Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum war er
-phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im Ernst noch
-dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit Fleiß über den Ursprung
-und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen
-Jahren ihr zweihundertjähriges Jubiläum würde begehen können. Wenn
-Settembrini über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone
-pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, so machte
-sich Naphta, hinter dem des anderen, über die Sphäre, die dieser
-vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er zu verstehen gab, daß es sich
-da um etwas recht Altmodisches und Rückständiges handle: um bürgerliche
-Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter
-sei, als armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung
-hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er sagte: „Was
-wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, zu deutsch also
-Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben an die Vernunft, die
-Freiheit, den Menschheitsfortschritt und diese ganze Mottenkiste
-klassizistisch-bourgeoiser Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt
-verwirrt, ist das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des
-Geistes und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit,
-Beharrungsträgheit und -kraft der Materie besteht. Man muß zugeben, daß
-dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit des
-Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn die Regel ist, daß die
-Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit herbeiführen, ihm längst
-zum Ekel geworden sind. Tatsächlich ist toter Geist dem lebendigen
-widerwärtiger als irgendwelche Basalte, die wenigstens nicht den
-Anspruch erheben, Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste
-ehemaliger Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen
-hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt noch
-damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren durch ihren
-plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte leidigerweise davor,
-seiner Abgeschmacktheit inne zu werden. Ich spreche allgemein, aber Sie
-werden die Nutzanwendung auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen
-wissen, der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer in
-heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen,
-vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, die verspäteten
-und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet und die er eines Tages zu
-feiern träumt! Beim bloßen Gedanken daran könnte der lebendige Geist
-sich zu Tode langweilen, wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus
-solchen Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen wird, – er,
-der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem zu wahrer Revolution
-verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, Hans Castorp? Sie wissen, daß
-ich ihm viel Sympathie entgegenbringe.“
-
-„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige Sympathie
-entgegen, ein so braver Junge, wie er ja offensichtlich ist. Auch Herr
-Settembrini mag ihn ausgesprochen gern leiden, wenn er auch einen
-gewissen schwärmerischen Terrorismus, der in Joachims Stande liegt,
-natürlich mißbilligen muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe
-einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. Es rückt mir
-seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob
-er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem
-Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas
-bemerkt ...“
-
-„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter
-Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das Logenzeremoniell
-eine recht kümmerliche Anpassung an den nüchternen Staatsbürgergeist der
-Zeiten erfahren hat. Man würde sich des Rituals von ehedem wohl als
-eines unzivilen Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den
-atheistischen Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am Ende
-wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen man Herrn
-Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe gestellt hat, – ob man ihn
-mit verbundenen Augen durch allerlei Gänge geführt und ihn in finsteren
-Gewölben hat warten lassen, bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte
-Bundessaal sich ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und
-angesichts eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust
-mit Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber ich
-fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte es auch
-viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall hat er
-Verschwiegenheit geloben müssen.“
-
-„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“
-
-„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“
-
-„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt mir vor, als ob
-er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei und Terrorismus im
-Stande meines Vetters aufzuhalten. Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie
-hätte ich gedacht, daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so
-ausgemacht spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen könnte.
-Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches in der Freimaurerei
-...“
-
-„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute zuckt
-und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt ist untrennbar und schon
-in der Wurzel verbunden mit der des Unbedingten. Folglich ist sie
-terroristisch, das heißt: antiliberal. Sie entlastet das individuelle
-Gewissen und heiligt im Namen des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch
-das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in
-Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde.
-Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern immer und seinem Wesen
-nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. Sie wissen nicht, daß
-der Gründer des Illuminatenordens, der eine Zeitlang mit der Maurerei
-beinahe verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu
-war?“
-
-„Nein, das ist mir natürlich neu.“
-
-„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund ganz nach dem
-Muster des Jesuitenordens durch. Er selbst war Maurer, und die
-angesehensten Logenmänner der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von
-der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht
-zögern wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu
-kennzeichnen. In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des
-ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die Maurerei
-wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von dem sie später durch Leute
-vom Schlage unseres Menschheitsfreundes wieder gereinigt wurde, der
-damals unbedingt zu denen gehört hätte, die ihr Jesuitismus und
-Obskurantismus zum Vorwurf machten.“
-
-„Und dafür gab es Gründe?“
-
-„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte Gründe dafür.
-Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund mit katholisch-hierarchischem
-Leben zu erfüllen suchten, und wo zu Clermont in Frankreich eine
-jesuitische Freimaurerloge blühte. Es war ferner die Zeit, wo das
-Rosenkreuzertum in die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige
-Brüderschaft, von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale
-politisch-gesellschaftliche Verbesserungs- und Beglückungsziele mit
-eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, zu indischer und
-arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis verband. Damals
-vollzog sich die Reform und Berichtigung vieler Freimaurerlogen im Sinne
-der strikten Observanz, – einem ausgesprochen irrationalen und
-geheimnisvollen, magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen
-Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, die
-man der alten militärischen Rangstufenordnung von Lehrling, Geselle und
-Meister hinzufügte, Großmeistergrade, die ins Hieratische führten und
-von rosenkreuzerischem Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um
-ein Zurückgreifen auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters,
-die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen von
-Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams
-ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der Freimaurerhierarchie den
-Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“
-
-„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme da unserem
-Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ ist nicht
-schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit scherzweise auch mal
-nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich den Spitznamen ‚_Doctor
-angelicus_‘ gegeben. Das fordert Rache.“
-
-„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel für die Hoch- und
-Templergrade der Strikten Observanz. Wir haben da einen Vollkommenen
-Meister, einen Ritter vom Osten, einen Großen Oberpriester, und der
-einunddreißigste Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen
-Geheimnisses‘. Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen zur
-morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen des Templers selbst
-bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme solcher Beziehungen,
-tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes in eine Ideenwelt
-vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. Dadurch gewann das
-Maurertum einen neuen Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es
-sich damals erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der
-Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit
-müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. Der Erfolg des
-Ordens war derart, daß die Philister klagten, er entfremde die Männer
-dem häuslichen Glück und der weiblichen Würde.
-
-„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, daß Herr
-Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines Ordens erinnert.
-
-„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo sein
-Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei,
-Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex von Kirche,
-Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. Sie hörten, daß man die
-Maurer des Obskurantismus zieh ...“
-
-„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“
-
-„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war gleichbedeutend mit
-einer Vertiefung und Erweiterung der Überlieferungen des Ordens, mit
-einer Zurückverlegung seiner historischen Ursprünge in die
-Geheimniswelt, die sogenannte Finsternis des Mittelalters. Die
-Hochmeistergrade der Logen waren Eingeweihte der _physica mystica_,
-Träger magischen Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“
-
-„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, was es mit der
-Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr auf sich hatte. Alchimie, das
-ist also Goldmacherei, Stein der Weisen, _Aurum potabile_ ...“
-
-„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung,
-Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, und zwar zum
-Höheren, Steigerung also, – der _lapis philosophorum_, das
-mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die _res bina_, die
-zweigeschlechtige _prima materia_ war nichts weiter, nichts Geringeres
-als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere
-Einwirkungen, – magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“
-
-Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg empor.
-
-„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta fort, „war vor
-allem die Gruft.“
-
-„Das Grab?“
-
-„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller Hermetik,
-nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte Kristallretorte, worin
-der Stoff seiner letzten Wandlung und Läuterung entgegengezwängt wird.“
-
-„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – das Wort hat mir
-immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort mit unbestimmt
-weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen Sie, aber ich muß immer dabei
-an unsere Weckgläser denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen
-heißt sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer
-Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch
-verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem möglichen darin.
-Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man eines aufmacht, nach Bedarf, so
-ist der Inhalt ganz frisch und unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm
-was anhaben können, man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun
-allerdings nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher
-der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte
-der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit
-ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer
-auf seinem Bort. Na, soviel von den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei
-herausgekommen. Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter
-belehren.“
-
-„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig und furchtlos
-sein, im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war
-immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum
-Wissen Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine
-Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß er probeweise
-in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen muß, um dann an
-unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. Daher die verworrenen Gänge
-und finsteren Gewölbe, durch die der Novize zu wandern hatte, das
-schwarze Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz
-ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- und
-Versammlungszeremoniell eine so wichtige Rolle spielte. Der Weg der
-Mysterien und der Läuterung war von Gefahren umlagert, er führte durch
-Todesbangen, durch das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der
-Neophyt, ist die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung
-zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt von
-Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“
-
-„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das wäre also die
-hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, daß mir auch von ihr mal
-etwas zu Ohren gekommen ist.“
-
-„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten handelt, zum
-absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und damit zum Ziele. Die
-alchimistische Logenobservanz hat viele edle, suchende Geister in
-späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele geführt, – ich muß es nicht nennen,
-denn es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der
-schottischen Hochgrade nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die
-alchimistische Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der
-Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge ihren
-Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den Gnadenmitteln
-wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien des Bundeszeremoniells
-in der liturgischen und baulichen Symbolik unserer heiligen katholischen
-Kirche.“
-
-„Ach so!“
-
-„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir schon
-anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus jenen handwerkerlich
-ehrsamen Maurergilden nur eine historische Veräußerlichung ist. Die
-Strikte Observanz wenigstens verlieh ihr weit tiefere menschliche
-Fundamente. Das Geheimnis der Logen hat mit gewissen Mysterien
-unserer Kirche die deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen
-Verschwiegenheiten und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit
-... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und Liebesmahl im
-Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und Blut, in Dingen der Loge aber
-–“
-
-„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. Es gibt auch
-in dem unbedingten Bundesleben, dem mein Vetter angehört, sogenannte
-Liebesmahle. Er hat mir oft davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf
-ein bißchen Betrunkenheit sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark
-wie bei den Korpskneipen ...“
-
-„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, auf den ich vorhin
-Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden Fällen handelt es sich um eine
-Symbolik des Letzten und Äußersten, um Elemente orgiastischer
-Urreligiosität, gelöste und nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben
-und Werden, Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, daß
-die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei Nacht und in
-finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der ägyptischen Erinnerungen gab
-und gibt es im Maurerwesen eine Menge, und unter den geheimen
-Gesellschaften waren solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab
-da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen
-Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, –
-Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten,
-und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten ...“
-
-„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das ist Freimaurerei?
-Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung unseren klargesinnten
-Herrn Settembrini ...“
-
-„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß Settembrini
-durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß die Loge durch
-seinesgleichen von allen Elementen höheren Lebens wieder gereinigt
-worden ist. Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie
-ist aus solchen Verirrungen zum Nutzen, zur Vernunft und zum
-Fortschritt, zum Kampf gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu
-gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt; man unterhält sich dort
-jetzt wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an:
-auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise Misere in
-Klubgestalt ...“
-
-„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini fragen, ob er
-denn gar nichts mehr davon weiß.“
-
-„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. „Sie müssen
-bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden ist, zum Bauplatz des
-Menschheitstempels zugelassen zu werden, denn er ist ja arm wie eine
-Kirchenmaus, und dort wird nicht nur höhere Bildung, humanistische
-Bildung, ich bitte sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten
-Klasse angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und
-Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, – da haben Sie
-den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten der liberalen Weltrepublik!“
-
-„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp und klar vor
-Augen.“
-
-„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte ich Ihnen
-raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu leicht zu nehmen, möchte
-Sie, da wir denn einmal von diesen Verhältnissen reden, geradezu
-ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. Das Abgeschmackte ist noch nicht
-gleichbedeutend mit dem Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht
-harmlos zu sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der
-zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt stark genug,
-um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt Reste von fruchtbarem
-Geheimnis, und es ist ebensowenig daran zu zweifeln, daß die Logen ihre
-Hand im Weltspiel haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn
-Settembrini mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte
-hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“
-
-„Ein Emissär?“
-
-„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“
-
-Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. Laut sagte er:
-
-„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink und Warnung.
-Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine Etage höher, soweit da oben noch
-von Etage die Rede sein kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein
-bißchen auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein
-... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist selbstverständlich
-Vorsicht geboten.“
-
-Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung ansprechen,
-denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen der Diskretion nichts
-vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich bedacht gewesen, aus seiner
-Zugehörigkeit zu jener harmonischen Gesellschaft ein Geheimnis zu
-machen. Die „_Rivista della Massoneria Italiana_“ lag offen auf seinem
-Tisch; Hans Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als
-er, von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst
-gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr eine
-Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war er nur auf
-geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es Punkte, über die der Literat
-sich nicht herausließ, sondern bei deren Berührung er mit einer gewissen
-Ostentation die Lippen verschloß, offenbar gebunden durch jene
-terroristischen Gelöbnisse, von denen Naphta gesprochen: eine
-Geheimniskrämerei, die äußere Bräuche und seine eigene Stellung
-innerhalb der merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar
-den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes Bild von der
-Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend Logen und
-hundertfünfzig Großlogen fast über die ganze Welt und selbst auf
-Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik Liberia erstrecke. Auch
-wußte er sich nicht wenig mit allerlei großen Namen, deren Träger Maurer
-gewesen waren oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und
-Napoleon, Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden
-sogar den König von England und außerdem eine Menge Männer, in deren
-Händen die Geschäfte der europäischen Staaten lagen, Mitglieder von
-Regierungen und Parlamenten.
-
-Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. So sei es auch
-mit den studentischen Korpsverbindungen, meinte er. Die hielten auch
-zusammen durchs ganze Leben und wüßten ihre Leute wohl unterzubringen,
-so daß schwerlich jemand im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem
-bringe, der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht
-ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit jener
-Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese hinstellen wolle; denn
-es sei umgekehrt anzunehmen, daß die Besetzung so vieler wichtiger
-Posten mit Bundesbrüdern eben nur die Macht des Bundes beweise, der
-gewiß mehr, als Herr Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand
-am Weltspiele habe.
-
-Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft der
-„_Massoneria_“, das er in Händen hielt. Man meine ihm wohl eine Falle zu
-stellen? fragte er. Man gedenke wohl gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen
-über das politische Wesen, den wesentlich politischen Geist der Loge zu
-verleiten? „Unnütze Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur
-Politik, rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, das in den
-Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, Ingenieur, fast
-nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel verbunden ist. Der
-Menschenfreund kann den Unterschied von Politik und Nichtpolitik
-überhaupt nicht anerkennen. Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist
-Politik.“
-
-„Rundweg?“
-
-„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich unpolitische
-Natur des Maurergedankens hinzuweisen für gut finden. Aber diese Leute
-spielen mit Worten und ziehen Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu
-erkennen es längst an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die
-spanischen Logen von allem Anbeginn eine politische Färbung –“
-
-„Kann ich mir denken.“
-
-„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie nicht, sich von
-Hause aus viel denken zu können, sondern suchen Sie aufzunehmen und zu
-verarbeiten – ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem
-Ihres Landes und im europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens
-einzuprägen im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke
-niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und wenn
-er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. Was sind
-wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer,
-das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist
-dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die
-Vollendung der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll da
-Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, das Problem
-der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch Politik, nichts
-weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und den Menschennamen verdiente
-nicht, wer sich dieser Weihe entzöge – gehört der Politik, der inneren
-wie der äußeren, er versteht, daß die Kunst des freien Maurers
-Regierungskunst ist –“
-
-„Regierungs...“
-
-„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad kannte ...“
-
-„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, das
-gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines hören: Sind Sie Christen,
-Sie alle miteinander in Ihrer Loge?“
-
-„_Perchè!_“
-
-„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und einfacher.
-Glauben Sie an Gott?“
-
-„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“
-
-„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da eine biblische
-Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer römischen Münze versucht
-und zur Antwort bekommt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers,
-und Gott, was Gottes sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden
-liefert den Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott,
-so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer an Gott?“
-
-„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen von einer
-Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die aber heute zum
-Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der Weltbund der Freimaurer
-existiert nicht. Wird er hergestellt sein – und ich wiederhole, es wird
-mit aller stillen Emsigkeit an diesem großen Werke gearbeitet – so wird
-ohne Zweifel auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es
-wird lauten: ‚_Écrasez l’infâme_‘.“
-
-„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“
-
-„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur.
-Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie
-dem Bösen gilt.“
-
-„Gott wäre das Böse?“
-
-„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, als den Fleiß
-einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels zuwenden
-sollen. Und so hat denn schon vor einem Menschenalter der Groß-Orient
-von Frankreich ein Beispiel gegeben, indem er den Namen Gottes aus
-seinen sämtlichen Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin
-nachgefolgt ...“
-
-„Wie katholisch!“
-
-„Sie meinen –“
-
-„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“
-
-„Sie wollen ausdrücken –“
-
-„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht besonders auf
-mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment so vor, als ob Atheismus
-etwas kolossal Katholisches sei, und als ob man Gott nur streiche, um
-desto besser katholisch sein zu können.“
-
-Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, so war klar, daß
-es einzig aus pädagogischer Besonnenheit geschah. Er antwortete nach
-gemessenem Stillschweigen:
-
-„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie in Ihrem
-Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz
-... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als
-Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der
-Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der
-Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden
-erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben
-hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich
-nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf
-hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite
-hat. Der Protestantismus birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres
-Reformators selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der
-Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die
-dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen
-Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm,
-jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das
-für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist
-Asien! Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, wenn
-da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn
-also nicht die – wer wollte es leugnen – gewaltige Erscheinung dieses
-Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem
-Lande so gefährlich gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, –
-ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die
-westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“
-
-Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor dem er gestanden,
-war Herr Settembrini an den Rundtisch mit der Wasserflasche getreten,
-näher zu seinem Schüler hin, der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette
-saß, ohne Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand
-gestützt.
-
-„_Caro!_“ sagte Herr Settembrini. „_Caro amico!_ Entscheidungen werden
-zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für
-das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Lande werden sie zufallen,
-in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und
-West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit
-Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich
-entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung
-beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. Darum lassen Sie uns
-das Schicksal segnen, das Sie in diese entsetzlichen Gegenden
-verschlagen hat, zugleich aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht
-ungeübten, nicht völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken
-und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, die Ihr
-Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“
-
-Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum Mansardenfenster
-hinaus, und in seinen einfachen blauen Augen war eine gewisse
-Widerspenstigkeit zu lesen. Er schwieg.
-
-„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie und Ihr Land, Sie
-lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, dessen Undurchsichtigkeit
-kein Urteil über seine Tiefe gestattet. Sie lieben das Wort nicht oder
-besitzen es nicht oder heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die
-artikulierte Welt weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist.
-Mein Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung selbst
-... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend ... Aber
-die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, Sie werden Ihre Einsamkeit
-durch Taten zu brechen suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr
-Settembrini pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu
-nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen treten
-lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern
-entweichen‘ –“
-
-Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, für
-den Augenblick auch von dieser Wirkung seines plastischen Wortes
-befriedigt.
-
-„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer
-bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter.
-Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den
-Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur
-Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die
-namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr
-Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu
-sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende
-Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu
-verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen
-Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des
-schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom
-dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom
-Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur
-Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und
-schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke
-in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit
-Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie
-standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften
-zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn
-denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich
-überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun.
-
-Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen
-dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in
-die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die
-Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während
-seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach
-seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies
-Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei
-erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil
-Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben
-und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen,
-nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also,
-die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht
-erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von
-Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und
-groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse
-unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß
-das sonderbare Wort hinzufügen – _drohendem_ Ausdruck nebst jener
-erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz
-falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht
-gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm
-dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht
-anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden.
-
-Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse zwischen
-Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und
-stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem
-Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei
-zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem
-Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es
-ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums
-Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es _nicht_
-ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden
-alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher
-Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend
-anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite
-nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten
-dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und
-Zierlichkeit der Wechselrede.
-
-Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier
-Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte
-Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes
-Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis
-und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich
-Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine
-Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit
-Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe
-und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin
-Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig
-appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er
-scherzte:
-
-„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre
-Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären
-des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende
-Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser
-Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des _medio evo_
-nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol
-thomistischer Erkenntnis fehlt.“
-
-Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an,
-der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist
-aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so
-doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem
-Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich
-gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte
-sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen
-abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie
-überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste
-Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die
-Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige
-Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen
-mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede
-eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl
-eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf
-sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des
-julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen
-Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe,
-jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter,
-sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!
-
-Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege
-wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem
-Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den
-schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile
-mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht
-nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht
-geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm
-gemacht hätten.
-
-Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt
-jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre
-Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe.
-Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den
-Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor,
-sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo
-wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen
-tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge
-denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß
-er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf
-jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen
-_reservatio mentalis_ betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen
-klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer
-ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge.
-
-„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr
-schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares
-Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für
-eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener
-Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen
-vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu
-schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte
-Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu
-verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung
-bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur
-_eine_ Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die
-menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des
-humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn
-Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter
-auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde
-über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen
-beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen.
-
-Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr
-Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe
-als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich,
-ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine
-Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur
-Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen
-sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der
-Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen,
-sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im
-Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde.
-
-Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn
-Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen Konservativen
-zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich
-der Betroffene, der erregt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbelte
-und im Suchen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu
-weiteren Ausfällen gegen das klassische Bildungsideal, den
-rhetorisch-literarischen Geist des europäischen Schul- und
-Erziehungswesens und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als
-ein Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem Volke aber
-längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich
-über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmandarinentum lustig
-mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser
-Klassendiktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte
-Gelehrtenbildung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im
-Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo
-anders zu holen als in den obrigkeitlichen Zwangsanstalten, und
-nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dächern, daß unser Schultypus
-überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt
-habe, einen lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand
-in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, und daß
-ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge,
-Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht weit überlegen
-sei.
-
-In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen
-Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der
-obskurantistische Beisatz in unschmackhafter Weise. Das Gefallen, das
-seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße
-durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte,
-Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen.
-
-Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres
-Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben,
-überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig davor erblassen werde. Er,
-Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu
-müssen, daß die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums
-ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein Prezioser,
-ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des _estilo culto_ sein, um
-den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene
-erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß man sich einbilde,
-Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini
-sich erinnere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von
-Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für
-schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe
-werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche
-Verachtung der literarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer
-Wesentlichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des
-Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne,
-was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht
-könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar
-nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die
-Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlasse, –
-weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache,
-nämlich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteisprache
-Radikalismus und Demokratie heiße – und so fort, und so fort.
-
-Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere
-seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei gewisser Epochen hervor,
-indem er die Liebe zur literarischen Form verhöhne, ohne die allerdings
-keine Menschlichkeit möglich und denkbar sei, allerdings nicht und
-nimmermehr! Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die
-Wortlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen.
-Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, die _generosità_,
-die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt
-unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der Kultus der Rede als einer Kunst
-um der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisation,
-welches die Humanisten, die _uomini letterati_, der Romania, ihr
-wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quelle jedes weiteren und
-inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, mein Herr!
-Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist
-nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht
-bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahlfälle Literatur und
-Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird.“
-
-Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch gewesen war,
-da die Person des anwesenden Kriegers und Vertreters vornehmer
-Wesentlichkeit, oder eigentlich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn
-beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis
-letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein
-Gesicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen „Ost
-und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht also voller
-Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die
-Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und
-haderten erbittert um äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als
-ob irgendwo inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen
-rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gelegen sein
-müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich ansprechen
-durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geister zu ärgern,
-und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und
-einander feindlich behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu
-kommen, nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner
-Virgil den Anstoß gegeben.
-
-Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es triumphieren.
-Er warf sich zum Schützer auf des literarischen Genius, feierte die
-Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick an, wo zum erstenmal ein
-Mensch, um seinem Wissen und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen
-in einen Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte Thot,
-mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch gewesen, und
-der als Erfinder der Schrift, Schutzherr der Bibliotheken und Anreger
-aller geistigen Bestrebungen verehrt worden war. Er beugte redend das
-Knie vor diesem Trismegist, dem humanistischen Hermes, dem Meister der
-Palästra, dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes,
-der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans Castorp zu der
-Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter offenbar auch ein Politiker
-gewesen und habe in größerem Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr
-Brunetto Latini, der speziell den Florentinern Schliff verliehen und sie
-das Sprechen gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der
-Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini schwindle
-ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos ein allzu gelecktes Bild
-gegeben. Denn das sei vielmehr eine Affen-, Mond- und Seelengottheit
-gewesen, ein Pavian mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem
-Namen des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger
-und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum Erzzauberer und dem
-kabbalistischen Mittelalter zum Vater der hermetischen Alchimie geworden
-sei.
-
-Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt ging es drunter
-und drüber. Da war der blaubemantelte Tod als humanistischer Rhetor; und
-wenn man den pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins
-Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem Zeichen
-der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte und winkte ab mit
-der Hand und legte sie dann über die Augen. Aber in das Dunkel, worein
-er sich vor der Verwirrung gerettet, klang Settembrinis Stimme, der
-fortfuhr, die Literatur zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die
-aktive Größe, rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er
-nannte Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich und
-weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht ihn nicht an, daß
-Naphta ihn ins Chinesische heimschicken wollte, wo die skurrilste
-Vergötterung des Abc herrsche, die je erreicht worden sei, und wo man
-Generalfeldmarschall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen
-tuschen könne, was recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse.
-Eh, Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen handelte,
-sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, um ihren Geist, armer
-Spötter! welcher der Geist selber war, das Wunder der Verbindung von
-Analyse und Form. Er war es, der das Verständnis für alles Menschliche
-weckte, die Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und
-Überzeugungen betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung des
-Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste moralische
-Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern davon, zu
-fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit, zur Duldung. Die
-reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der
-Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg
-zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der
-Sprache, der literarische Geist als edelste Erscheinung des
-Menschengeistes überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als
-Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis
-apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher war nicht auf
-den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja durch schlimme,
-glänzende Einwände zu stören, indem er sich zur Partei der Erhaltung und
-des Lebens schlug gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter
-jener seraphischen Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von
-welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe auf nichts
-als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form, die der literarische
-Geist mit dem Prinzip der Untersuchung und Trennung zu vereinigen sich
-rühme, sei nur eine Schein- und Lügenform, keine echte, gewachsene,
-natürliche, keine Lebensform. Der sogenannte Verbesserer des Menschen
-führe wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber sei es die
-Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf er ausgehe; ja, der Geist,
-die eifernde Theorie sei lebensschänderisch, und wer die Leidenschaften
-zerstören wolle, der wolle das Nichts, – das reine Nichts, rein
-allerdings, da „rein“ denn in der Tat das einzige Attribut sei, das
-allenfalls dem Nichts noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben
-zeige Herr Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei,
-nämlich als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen
-Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus und der liberale
-Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts und des Teufels, ja, er
-leugne Gott, das konservativ und positiv Absolute, indem er zum
-Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre und sich mit seinem Todespazifismus
-noch wunder wie fromm dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm,
-sondern ein Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge
-Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – _et cetera_.
-
-So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische zu
-verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender Liebesstrenge
-hinzustellen, so daß zu unterscheiden, wo Gott und wo der Teufel, wo Tod
-und wo Leben war, wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird
-es uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug war, ihm die
-Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend war, und auf die er
-wieder eine ebenso gute bekam, wonach es noch eine Weile so fortging und
-das Gespräch in früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber
-Hans Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert
-hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben und wisse nicht
-recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen hier doch nicht
-„_reçu_“ seien. Die Duellanten waren darüber hinweggegangen, aber Hans
-Castorp hatte, wie wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und
-brach auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen
-ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus Ferge und Wehsal,
-ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb zur Fortsetzung des Wettstreits
-ausgehen werde.
-
-Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in Sachen seiner
-Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg einschlagen, das heißt also,
-den Bademeister anstellen wolle, die Oberin zu benachrichtigen, worauf
-denn für den Leidenden doch wohl etwas geschehen werde. So war es
-wohlgetan. Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei
-Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war, und erkundigte
-sich kreischend nach den Wünschen und Klagen des jungen Offiziers.
-„Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte sie. „Menschenskind, was machen
-Sie für Sprünge?“ Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins
-Auge zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen
-ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite schweifte. Daß sie
-es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun doch erfahrungsgemäß einmal
-nicht gegeben war, das Unternehmen durchzuführen! Mit Hilfe einer Art
-von metallenem Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie
-dem Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe
-leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen stehend, um Joachims
-Zäpfchen herumspähte, sagte sie:
-
-„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich schon mal
-verschluckt?“
-
-Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange sie spähte, war
-überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu stehen; aber auch nachdem sie von
-ihm abgelassen, blieb guter Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben
-schon ein und das andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch
-das war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint sein.
-Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal nicht erinnern.
-
-Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er habe sich also
-erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern, da sonst das Wort
-Erkältung doch hier im Hause verpönt war. Zur näheren Untersuchung des
-Halses sei gegebenenfalls des Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ
-Formamint zurück bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst
-Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim machte
-Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung zu spüren dank
-diesen Anwendungen und fuhr also fort damit, zumal seine Heiserkeit sich
-nicht klären wollte, ja, in den nächsten Tagen noch stärker wurde,
-obgleich die Halsschmerzen zuweilen fast ganz verschwanden.
-
-Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen. Der
-objektive Befund war der gewöhnliche, – eben der, welcher, zusammen mit
-den Ergebnissen der hofrätlichen Untersuchungen, den ehrliebenden
-Joachim hier zu einer kleinen Nachkur festhielt, bevor er wieder zur
-Fahne würde eilen können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos
-vorübergegangen. Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat, noch
-die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen Augen gingen
-sie darüber hinweg. Nach dem, was Behrens bei der Monatsuntersuchung dem
-seelenkundigen Famulus in die Feder diktierte, und was die
-photographische Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer
-ganz wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch diesmal
-galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht auszuharren, bis zum
-Flachlanddienste, zur Eideserfüllung dort unten endgültige
-Wetterfestigkeit gewonnen wäre.
-
-Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man stillschweigend
-vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß einer vom andern nicht so ganz
-sicher war, ob er in tiefster Seele an diese Parole glaubte, und wenn
-man die Augen voreinander niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel,
-und es geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich _getroffen_ hätten.
-Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über die Literatur,
-während dessen Hans Castorp zum erstenmal das neuartige Licht im
-Hintergrund von Joachims Augen, sowie den eigentümlich „drohenden“
-Ausdruck darin bemerkt hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor:
-als nämlich der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig
-verschluckte und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also, während
-Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau Magnus, seine
-Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den Rücken klopfte, trafen sich
-ihre Augen auf eine Art, die Hans Castorp schreckhafter bewegte, als der
-Unfall selbst, der selbstverständlich jedem zustoßen konnte, und dann
-schloß Joachim die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch
-und Saal, um sich draußen auszuhusten.
-
-Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn Minuten zurück,
-eine Entschuldigung wegen der verursachten Störung auf den Lippen, nahm
-wie zuvor an der übergewaltigen Mahlzeit teil, und nachher vergaß man
-sogar, auch nur mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall
-zurückzukommen. Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim Diner,
-sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe ereignete, übrigens
-ohne daß die Augen sich getroffen hätten, wenigstens nicht diejenigen
-der Vettern, da Hans Castorp, über seinen Teller gebeugt, scheinbar
-unachtsam weiter speiste, mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch
-ein Wort daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte
-Frauenzimmer, die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen Frage
-ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet und angehext
-habe, der Teufel solle sie holen. Ja, offenbar sei es Suggestion, sagte
-Hans Castorp, – amüsant zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und
-Joachim, nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich fortan
-mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte sich nicht
-häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am Ende auch: erst neun oder zehn
-Tage später einmal wieder, worüber denn weiter nichts zu sagen war.
-
-Jedoch war er außer der Reihe und Zeit zu Rhadamanthys bestellt. Die
-Oberin hatte ihn angezeigt und wohl nicht einmal dumm daran getan; denn
-da ein Kehlkopfspiegel im Hause war, so schien diese hartnäckige
-Heiserkeit, die stundenweise in wirkliche Stimmlosigkeit ausartete, und
-auch dies Halsweh, das wieder hervortrat, sobald Joachim versäumte,
-seine Kehle durch speicheltreibende Mittel geschmeidig zu halten, ein
-hinlänglicher Anlaß, das klug erdachte Instrument einmal aus dem
-Schranke zu nehmen, – zu schweigen davon, daß, wenn Joachim sich jetzt
-mit normaler Seltenheit verschluckte, dies nur der großen Vorsicht zu
-danken war, die er beim Essen aufwandte, und die ihn bei den Mahlzeiten
-fast regelmäßig in Rückstand hielt.
-
-Der Hofrat also spiegelte, reflektierte und äugte tief und lange in
-Joachims Hals hinunter, worauf der Patient sich auf Hans Castorps
-besonderen Wunsch sogleich in dessen Balkonloge einfand, um Bericht zu
-erstatten. Es sei recht lästig und kitzlich gewesen, teilte er halb
-flüsternd mit, da gerade Hauptliegekur und Schweigegebot waltete, und
-schließlich habe Behrens allerlei von einem Reizungszustand gekohlt und
-gesagt, es müßten jeden Tag Pinselungen vorgenommen werden, gleich
-morgen wolle er zu ätzen anfangen, er müsse nur erst das Medikament
-bereitstellen. Also Reizungszustand und Ätzungen. Hans Castorp, den Kopf
-voller Gedankenverbindungen, die weit liefen und sich auf ganz
-fernstehende Personen, wie den hinkenden Concierge und jene Dame
-erstreckten, die sich die ganze Woche ihr Ohr gehalten und dennoch
-durchaus beruhigt hatte sein können, hatte noch Fragen auf den Lippen,
-brachte sie aber nicht darüber, sondern beschloß, sie dem Hofrat unter
-vier Augen vorzulegen und beschränkte sich gegen Joachim auf den
-Ausdruck seiner Genugtuung, daß das Ärgernis nun der Kontrolle
-unterstehe und der Hofrat die Sache in die Hand genommen habe. Der sei
-ein Hauptkerl und werde schon Remedur schaffen. Worauf Joachim nickte,
-ohne den anderen anzusehen, sich umwandte und in seine Loge hinüberging.
-
-Was war es mit dem ehrliebenden Joachim? In den letzten Tagen waren
-seine Augen so unsicher und scheu geworden. Noch neulich war Oberin
-Mylendonk mit ihrem Durchbohrungsversuch an seinem sanften dunklen Blick
-gescheitert, allein wenn sie jetzt ihr Heil noch einmal versuchte, war
-man wahrhaftig nicht mehr sicher, wie die Sache ablaufen würde.
-Jedenfalls vermied er solche Begegnungen, und wenn es dennoch dazu kam
-(denn Hans Castorp sah ihn viel an), so wurde einem auch dabei nicht
-wohler. Bedrückt blieb Hans Castorp in seinem Abteil zurück, in
-treibender Versuchung, den Chef sogleich zur Rede zu stellen. Doch ging
-das nicht an, da Joachim sein Aufstehen gehört hätte, und so war
-Aufschub geboten und Behrens im Laufe des Nachmittags abzufangen.
-
-Das aber gelang nicht. Sonderbar! Es wollte durchaus nicht gelingen, des
-Hofrats habhaft zu werden, und zwar weder diesen Abend, noch während der
-ganzen beiden folgenden Tage. Natürlich war Joachim etwas hinderlich, da
-er nichts merken sollte, aber das reichte nicht hin, zu erklären,
-weshalb die Unterredung nicht zu erlangen und Radamanth auf keine Weise
-dingfest zu machen war. Hans Castorp suchte und fragte nach ihm im
-ganzen Hause, wurde dahin und dorthin gewiesen, wo er ihn sicher treffen
-werde, und fand ihn dann eben nicht mehr dort. Bei einer Mahlzeit war
-Behrens zugegen, saß aber weit fort, am Schlechten Russentisch und
-verschwand vor dem Dessert. Ein paarmal glaubte Hans Castorp ihn schon
-am Knopf zu halten, er sah ihn auf Treppen und Gängen im Gespräch mit
-Krokowski, mit der Oberin, mit einem Patienten stehen und paßte ihm auf.
-Aber da er nur eben die Augen abgewandt hatte, war Behrens weg.
-
-Am vierten Tage erst kam er zum Ziel. Von seinem Balkon aus sah er den
-Verfolgten im Garten dem Gärtner Anweisungen geben, schlüpfte geschwind
-aus der Decke und eilte hinunter. Eben ruderte der Hofrat mit rundem
-Nacken gegen seine Wohnung davon. Hans Castorp trabte und erlaubte sich
-sogar, zu rufen, fand aber kein Gehör. Endlich, atemlos anlangend,
-brachte er seinen Mann zum Stehen.
-
-„Was haben Sie hier zu suchen!“ herrschte der Hofrat ihn mit quellenden
-Augen an. „Soll ich Ihnen ein Extra-Exemplar der Hausordnung aushändigen
-lassen? Meines Wissens ist Liegekur. Ihre Kurve und die Platte geben
-Ihnen gar kein besonderes Recht, den Freiherrn zu spielen. Man sollte
-hier irgendwo so eine göttliche Diebsscheuche anbringen lassen, die
-Leute, die zwischen zwei und vier im Garten Libertinage treiben, mit
-Aufspießung bedroht! Was wollen Sie eigentlich?“
-
-„Herr Hofrat, ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen!“
-
-„Das merke ich, daß Sie sich das schon lange einbilden. Sie stellen mir
-ja nach, als ob ich ein Frauenzimmer und wunder was für ein Lustobjekt
-wäre. Was wollen Sie von mir?“
-
-„Es ist nur wegen meines Vetters, Herr Hofrat, entschuldigen Sie! Er
-wird nun gepinselt ... Ich bin überzeugt, daß damit die Sache auf gutem
-Wege ist. Sie ist doch harmlos, – wollte ich mir nur zu fragen
-erlauben?“
-
-„Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind Sie. Sie sind
-gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten
-einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als ob sie harmlos wären, und
-damit glauben Sie sich vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Sie
-sind eine Art von Feigling und Duckmäuser, Mensch, und wenn Ihr Vetter
-Sie einen Zivilisten nennt, so ist das noch sehr euphemistisch
-ausgedrückt.“
-
-„Kann alles sein, Herr Hofrat. Natürlich, die Schwächen meines
-Charakters stehen doch außer Frage. Aber das ist es eben, daß sie im
-Augenblick wohl außer Frage stehen, und was ich Sie schon seit drei
-Tagen bitten wollte, ist nur –“
-
-„Daß ich Ihnen recht angenehm gezuckerten und gepantschten Wein
-einschenke! Sie wollen mich behelligen und mich langweilen, damit ich
-Sie in Ihrer verdammten Duckmäuserei befestige, und damit Sie in
-Unschuld schlafen können, während andere Leute wachen und sich den Wind
-um die Nase wehen lassen.“
-
-„Aber, Herr Hofrat, Sie sind recht streng mit mir. Ich wollte im
-Gegenteil –“
-
-„Ja, Strenge, das ist nun gerade gar nicht Ihre Sache. Da ist Ihr Vetter
-ein anderer Kerl, von anderem Schrot und Korn. Der weiß Bescheid. Der
-weiß _schweigend_ Bescheid, verstehen Sie mich? Der hängt sich den
-Leuten nicht an die Rockschöße, um sich blauen Dunst und Harmlosigkeit
-vormachen zu lassen. Der wußte, was er tat und was er daransetzte, und
-ist ein Mannsbild, das sich auf Haltung versteht und aufs Maulhalten,
-was eine männliche Kunst ist, aber leider nicht die Sache von solchen
-bipedischen Annehmlichkeiten wie Sie. Aber das sage ich Ihnen, Castorp,
-wenn Sie hier Szenen aufführen und ein Geschrei erheben und sich Ihren
-Zivilgefühlen überlassen, so setze ich Sie an die Luft. Denn hier wollen
-Männer unter sich sein, verstehen Sie mich.“
-
-Hans Castorp schwieg. Er wurde jetzt auch fleckig, wenn er sich
-verfärbte. Er war zu kupferrot, um ganz blaß zu werden. Schließlich
-sagte er mit zuckenden Lippen:
-
-„Ich danke sehr, Herr Hofrat. Ich weiß ja nun auch wohl Bescheid, denn
-ich nehme an, daß Sie nicht so – wie soll ich sagen – so feierlich zu
-mir sprechen würden, wenn es nicht ernst wäre mit Joachim. Ich bin auch
-gar nicht für Szenen und für Geschrei, da tun Sie mir unrecht. Und wenn
-es also auf Diskretion ankommt, so stehe ich auch meinen Mann, das
-glaube ich zusagen zu können.“
-
-„Sie hängen an Ihrem Vetter, Hans Castorp?“ fragte der Hofrat, indem er
-plötzlich des jungen Mannes Hand ergriff und ihn mit seinen blauen,
-weißlich bewimperten, blutunterlaufenen Quellaugen von unten anblickte
-...
-
-„Was läßt sich da sagen, Herr Hofrat. Ein so naher Verwandter und so
-guter Freund und mein Kamerad hier oben.“ Hans Castorp schluchzte kurz
-und stellte den einen Fuß auf die Spitze, indem er die Ferse nach außen
-wandte.
-
-Der Hofrat beeilte sich, seine Hand loszulassen.
-
-„Na, dann seien Sie nett mit ihm diese sechs, acht Wochen“, sagte er.
-„Überlassen Sie sich Ihrer angeborenen Harmlosigkeit, das wird ihm das
-Liebste sein. Ich bin auch noch da, und zwar dazu, die Sache so
-kavaliersmäßig und komfortabel wie möglich zu gestalten.“
-
-„_Larynx_, nicht wahr?“ sagte Hans Castorp, indem er dem Hofrat
-zunickte.
-
-„_Laryngea_“, bestätigte Behrens. „Schnell fortschreitende Zerstörung.
-Und mit der Luftröhrenschleimhaut sieht es auch schon böse aus. Kann
-sein, daß das Kommandogeschrei im Dienst da einen _locus minoris
-resistentiae_ geschaffen hat. Aber gefaßt sein müssen wir auf solche
-Diversionen ja immer. Wenig Aussicht, mein Junge; eigentlich wohl gar
-keine. Selbstverständlich soll alles versucht werden, was gut und teuer
-ist.“
-
-„Die Mutter ...“, sagte Hans Castorp.
-
-„Später, später. Eilt ja noch nicht. Sorgen Sie mit Takt und Geschmack
-dafür, daß sie sukzessive ins Bild kommt. Und nun scheren Sie sich auf
-Ihren Posten. Er merkt es ja. Und es muß ihm doch peinlich sein, sich so
-hinter seinem Rücken besprochen zu wissen.“
-
-– Täglich ging Joachim zum Pinseln. Es war ein schöner Herbst, in weißen
-Flanellhosen zum blauen Rock kam er öfters verspätet von der Behandlung
-zum Essen, propper und militärisch, grüßte knapp, freundlich und
-männlich zusammengenommen, indem er seiner Säumigkeit wegen um Pardon
-bat, und setzte sich zu seiner Mahlzeit nieder, die man ihm jetzt
-besonders bereitete, da er bei der gewöhnlichen Kost, der
-Verschluckungsgefahr wegen, nicht mitkam: er erhielt Suppen, Haschees
-und Brei. Schnell hatten die Tischgenossen die Lage begriffen. Sie
-erwiderten seinen Gruß mit nachdrücklicher Höflichkeit und Wärme, indem
-sie ihn „Herr Leutnant“ anredeten. In seiner Abwesenheit befragten sie
-Hans Castorp, und auch von den anderen Tischen kam man zu ihm und
-fragte. Frau Stöhr kam mit gerungenen Händen und lamentierte ungebildet.
-Aber Hans Castorp antwortete nur einsilbig, räumte den Ernst des
-Zwischenfalles ein, leugnete jedoch bis zu einem gewissen Grade, tat es
-ehrenhalber, aus dem Gefühle, Joachim nicht vorzeitig preisgeben zu
-dürfen.
-
-Sie gingen zusammen spazieren, legten dreimal täglich den dienstlichen
-Lustwandel zurück, auf welchen der Hofrat Joachim nun genauestens
-eingeschränkt hatte, damit unnötige Kräfteausgabe vermieden werde. Links
-von seinem Vetter ging Hans Castorp, – sie waren früher so oder auch
-anders gegangen, wie es gerade kam, aber jetzt hielt sich Hans Castorp
-vorwiegend links. Sie sprachen nicht viel, redeten die Worte, die der
-Berghof-Normaltag ihnen auf die Lippen führte, sonst nichts. Über das
-Thema, das zwischen ihnen stand, ist nichts zu reden, zumal zwischen
-Leuten von Sittensprödigkeit, die einander nur äußerstenfalls mit
-Vornamen nennen. Dennoch hob es sich zuweilen drängend und wallend auf
-in Hans Castorps Zivilistenbrust, im Begriffe, sich zu ergießen. Aber es
-war unmöglich. Was schmerzlich-stürmisch emporgeschwollen war, sank
-zurück, und er verstummte.
-
-Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu Boden, als
-betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: er ging hier, propper und
-ordentlich, er grüßte Vorübergehende auf seine ritterliche Art, hielt
-auf sein Äußeres und auf _bienséance_ wie immer – und gehörte der Erde.
-Nun, der gehören wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so
-gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig ihr zu
-gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und unbegreiflicher für
-einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, als für den Erdmann selbst,
-dessen anständig verschwiegenes Wissen eigentlich recht akademischer
-Natur ist, geringen Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde
-weniger seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser
-Sterben mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer selbst;
-denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat das Wort des
-witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit, daß, solange wir
-sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn der Tod ist, wir nicht sind; daß
-also zwischen uns und dem Tode gar keine reale Beziehung besteht und er
-ein Ding ist, das uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur
-etwas angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer Ruhe,
-Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer Unschuld,
-entgegenblicken. Von dieser Unschuld und Verantwortungslosigkeit fand
-Hans Castorp viel in Joachims Wesen während dieser Wochen und verstand,
-daß jener zwar wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über
-dies Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren
-Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder, soweit sie
-praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes Schicklichkeitsgefühl
-geregelt und bestimmt wurden, das die Erörterung jenes Wissens
-ebensowenig zuließ wie diejenige so vieler anderer funktioneller
-Unanständigkeiten, deren das Leben sich bewußt und durch die es bedingt
-ist, die es aber nicht hindern, _bienséance_ zu bewahren.
-
-So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten der
-Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt und zornig geführte Klagen über
-das Versäumnis der Manöver, des militärischen Flachlanddienstes
-überhaupt waren verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz
-aller Unschuld so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen
-zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch einmal
-hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg gebracht haben
-würde? War es, weil er sich überäugig und hohlwangig wußte? – Denn so
-wurde er zusehends in diesen Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei
-seiner Heimkehr vom Flachland gewesen war, und seine braune
-Gesichtsfarbe ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine
-Umgebung ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben hätte, die mit
-Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf, die grenzenlosen
-Vorteile der Schande zu genießen. Wovor und vor wem also duckte und
-verbarg sich sein ehemals so offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham
-der Kreatur, die sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, –
-überzeugt, daß sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor
-ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon mit Recht,
-da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel den kranken Genossen nicht nur
-nicht ehrt, sondern ihn in Wut und Verachtung mit Schnabelhieben
-traktiert. Doch das ist gemeine Natur, und ein hochmenschliches
-Liebeserbarmen schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle
-Instinktscham in des armen Joachims Augen sah. Er ging links von ihm,
-ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas unsicher zu Fuße
-wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen kleinen Wiesenhang zu
-erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit überwindend, den Arm um
-ihn legte, ja, vergaß noch nachher eine Weile, seinen Arm wieder von
-Joachims Schultern wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte
-und sagte:
-
-„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir daherkommen.“
-
-Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp die Trübung von
-Joachims Blick noch in einem anderen Lichte erschien, und das war, als
-Joachim Order erhalten hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der
-Schnee lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden, auch
-nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder zweite Bissen ihm
-in die falsche Kehle geriet. Der Übergang zu ausschließlich flüssiger
-Nahrung war indiziert, und zugleich verordnete Behrens dauernde
-Bettruhe, der Kräfteersparnis wegen. Es war also am Vorabend von
-Joachims dauernder Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den
-Füßen war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja betraf,
-der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein und der
-äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach dem Diner war das, während der
-Abendgeselligkeit, in der Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon
-aufgehalten und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn vor
-dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein Schaukelstuhl, worin
-sie saß, und Joachim hielt ihn mit der Linken an der Rückenlehne nach
-hinten geneigt, so daß Marusja aus liegender Stellung mit ihren braunen
-Kugelaugen in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen
-sprechend, über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd und
-erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte.
-
-Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen zu
-haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft auf die Szene, wie das
-zu gehen pflegte, ein belustigtes Auge hatten, – unbemerkt von Joachim,
-oder doch unbeachtet von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche
-rücksichtslos hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so
-lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges Wort mit
-ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er mit strengem Ausdruck,
-vernünftig und ehrliebend, die Augen niedergeschlagen hatte, obgleich er
-fleckig erblaßte, wenn von ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp
-mehr, als irgendein Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen
-sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist verloren!“ dachte
-er und setzte sich still auf einen Stuhl im Musiksalon, um Joachim Zeit
-zu lassen für das, was er sich dort in der Halle an diesem letzten Abend
-noch gönnte.
-
-Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale ein, und Hans
-Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb ihr in seinem
-vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren gelegentlichen
-Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim bettlägerig geworden sei und daß
-er zwar nichts gesagt habe, daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei
-sich zu haben, von den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens
-diesen unausgesprochenen Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies
-fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein Wunder, daß
-Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in Anspruch nahm, um zu
-ihrem Sohne zu stoßen: schon drei Tage nach Abgang dieses humanen
-Alarmbriefes traf sie ein, und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber
-im Schlitten von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend,
-bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die Mutter nicht
-gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts Falsches, Munteres
-mit dem ersten Blick darin lese.
-
-Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon ereignet haben,
-wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem und angstvollem
-Forschen des dem Zuge Entstiegenen in den Augen dessen, der ihn in
-Empfang nahm! Frau Ziemßen erweckte den Eindruck, als sei sie von
-Hamburg hierher zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans
-Castorps Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich
-blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich, indem
-er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das sei famos, und wie
-mächtig werde ihr Joachim sich freuen. Tja, der liege nun leider
-vorderhand, es sei wegen der flüssigen Nahrung, die ja natürlich auf den
-Kräftezustand nicht ohne Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch
-mancherlei Auskünfte, zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens
-werde sie ja selber sehen.
-
-Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu diesem Augenblick
-waren ihm die Veränderungen, die sich in den letzten Wochen an Joachim
-vollzogen hatten, gar nicht so bemerklich geworden, – junge Leute haben
-ja nicht viel Blick für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen
-kommenden Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als
-hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich, was
-zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß am besten von allen
-dreien Joachim selber wußte, nämlich, daß er ein Moribundus war. Er
-hielt Frau Ziemßens Hand in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt
-war, wie sein Gesicht, von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine
-Ohren, dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem und
-in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber bis auf diesen
-Fehler und trotz seiner durch den Stempel des Leidens und durch den
-Ausdruck von Ernst und Strenge, ja Stolz, den es trug, eher noch
-männlich verschönt erschien, – obgleich seine Lippen mit dem schwarzen
-Bärtchen darüber jetzt gar zu voll wirkten gegen die schattigen
-Wangenhöhlen. Zwei Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn
-zwischen den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen
-liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans Castorp sich
-freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung und Unsicherheit war, seit
-Joachim lag, daraus geschwunden, und nur jenes früh bemerkte Licht war
-in ihrer ruhigen, dunklen Tiefe zu sehen – und freilich auch jene
-„Drohung“. Er lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt
-und ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei ihrem
-Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese
-Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles.
-
-Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht in Jammer auf
-bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und zusammengenommen im Sinne
-ihres durch das kaum sichtbare Schleiernetz befestigten Haares,
-phlegmatisch und energisch, wie man bekanntlich bei ihr zulande war,
-nahm sie Joachims Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade
-gespornt zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß,
-wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit die
-Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit willen geschah es gewiß
-nicht, sondern nur aus Sinn für das Stattliche, wenn sie einige Tage
-später einwilligte, daß auch eine Pflegeschwester noch zu dem
-Schwerkranken berufen wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit
-Alfreda Schildknecht, die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims
-Lager erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau Ziemßens
-eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester Berta hatte eine
-Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, ihr Kneiferband hinter dem
-Ohre, neugierig auszuspähen.
-
-Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. Allein im
-Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, der keineswegs schlief,
-sondern offenen Auges auf dem Rücken lag, war sie imstande, zu sagen:
-
-„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen von den
-Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“
-
-Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene die Faust,
-aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, und mit Recht,
-von dem Gedanken, daß es angebracht sein möchte, Joachim zu schonen und
-viel zu sachlich gesonnen, um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand,
-und nun gar der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses
-Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem sie Kölnisches
-Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim unter die Nase hielt, „tun
-Sie sich noch ein bißchen gütlich, Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es
-zu jener Zeit wenig Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U
-zu machen, – es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie Frau
-Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter Stimme von seiner
-Genesung sprach. Denn zweierlei war deutlich und nicht zu verkennen: daß
-Joachim erstens mit klarem Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er
-es zweitens in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst in
-der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich bemerkbar
-machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger Unklarheit
-über seinen Zustand umfangen, und sprach von seiner baldigen Rückkehr
-zum Regiment und seiner Beteiligung an den großen Manövern, die er sich
-noch im Gange befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber
-auch, daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung zu
-geben und das Ende nur noch für eine Frage von Stunden erklärte.
-
-Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese
-vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter zu einer
-Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem letalen Ziele
-nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen aller individuellen
-Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die den Erfrierenden umstrickt,
-und wie das Im-Kreise-Herumkommen des Verirrten. Hans Castorp, den
-Kummer und Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit ins
-Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige
-Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und Settembrini, als er
-ihnen über das Befinden seines Verwandten Bericht erstattete, und zog
-sich einen Verweis des letzteren zu, indem er meinte, die landläufige
-Auffassung, philosophische Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende
-Zuversicht sei ein Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und
-Weltverurteilung, aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf
-Irrtum; denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand einen
-Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit verglichen der
-vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde Lebensäußerung erscheine.
-Gottlob konnte er den Teilnehmenden gleichzeitig melden, daß
-Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit der Hoffnung Raum ließ und
-einen sanften, trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite.
-
-„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, während er
-Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen hielt und sie mit
-quellenden, tränenden, blutunterlaufenen Blauaugen von unten anblickte.
-„Mir lieb, mir ungeheuer lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß
-er das Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten braucht;
-so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt rapide aus, wohl
-ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst das Unsrige dagegen tun mit
-unserer Kampferspritze, ohne viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten
-zu verursachen. Er wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen,
-glaube ich versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade
-schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen Übertritt
-haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie sich darauf. So ist
-das übrigens im Grunde immer. Ich kenne den Tod, ich bin ein alter
-Angestellter von ihm, man überschätzt ihn, glauben Sie mir! Ich kann
-Ihnen sagen, es ist fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an
-Schindereien _vorhergeht_, das kann man ja nicht gut zum Tode rechnen,
-es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann zum Leben und zur
-Genesung führen. Aber vom Tode wüßte Ihnen keiner, der wiederkäme, was
-Rechtes zu erzählen, denn man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem
-Dunkel und gehen ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang
-und Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben keinen
-subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz ins Gebiet des
-Objektiven, so ist es damit.“
-
-Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. Wir wollen hoffen,
-daß sie der verständigen Frau Ziemßen ein bißchen wohltat; und seine
-Zusicherungen trafen denn ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache
-Joachim schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte auch
-wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches also,
-nehmen wir an; und wenn er erwachte und man ihn nach seinem Befinden
-fragte, so antwortete er, wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl
-und glücklich fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und
-schließlich den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr
-spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen und
-zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits nicht mehr angegangen.
-
-Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große Veränderungen
-mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren beschwerlich geworden war und er
-es seit acht oder zehn Tagen schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs
-aber sehr kräftig war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften
-Augen sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem Kriegsbart,
-wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, und der ihn übrigens
-schön und männlich kleidete, wie alle fanden. Ja, Joachim war plötzlich
-aus einem Jüngling zum reifen Manne geworden durch diesen Bart und wohl
-nicht nur durch ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk,
-legte im Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu
-erreichen ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten
-vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche brachte eine
-angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes mit sich, derart, daß
-Hans Castorp den Eindruck gewann, das Sterben müsse zum wenigsten eine
-große Mühsal sein, wenn auch Joachim dank mancher Ausfälle und
-Herabminderungen ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung
-aber betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung oder
-Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit zusammen, so daß
-Joachim beim Sprechen mummelte wie ein ganz Alter und übrigens an dieser
-Hemmung wirkliches Ärgernis nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er
-lallend, so werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte
-Belästigung.
-
-Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht so ganz klar;
-– die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen trat auffallend hervor,
-er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, schien zu wissen und nicht zu
-wissen und erklärte einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl
-durchschauert, mit Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so
-grundschlecht sei er noch niemals daran gewesen.
-
-Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, ja unhöflich; er
-ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen mehr nahe kommen,
-antwortete nicht darauf, blickte fremd vor sich hin. Namentlich nachdem
-der junge Pfarrer, den Luise Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps
-Bedauern keine gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte,
-mit ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge an,
-äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte.
-
-Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: er fuhr
-wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein goldnes
-Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über die Bettdecke hin, indem
-er sie auf dem Rückwege etwas erhob und dann auf der Decke in
-schabender, rechender Bewegung wieder zu sich führte, so, als zöge und
-sammle er etwas ein.
-
-Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf dem Korridor,
-nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er war im Bette herabgesunken und
-befahl kurz, man möge ihn höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm
-um seine Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen
-Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung seines Urlaubes
-aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, vollzog sich der
-„knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im Lichte des rotumhüllten
-Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. Sein Auge brach, die unbewußte
-Anstrengung seiner Züge wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand
-zusehends dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete
-sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s geschehen.
-
-Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war es Hans Castorp,
-der dem Regungs- und Hauchlosen mit der Spitze des Ringfingers die Lider
-schloß, ihm die Hände behutsam auf der Decke zusammenlegte. Dann stand
-auch er und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den
-englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare Naß, so
-reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde,
-daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies
-alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung
-durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem
-Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin.
-
-Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. Noch vor einer
-halben Stunde war er dagewesen und hatte Kampfer gespritzt; nur eben den
-Augenblick des knappen Übertrittes hatte er verpaßt. „Tja, der hat es
-hinter sich“, sagte er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von
-Joachims stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden
-Anverwandten die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand er noch
-eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims unbewegliches,
-kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller Junge, toller Kerl“, sagte
-er über die Schulter, indem er mit dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat
-es zwingen wollen, wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und
-Gewaltsamkeit mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht
-auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist uns aufs
-Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber die Ehre, das war der
-Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens nach Belieben auch umdrehen, – er
-hat nun jedenfalls ‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller
-Kerl.“ Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken.
-
-Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene Sache, und Haus
-Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich war und sonst schicklich
-und stattlich schien, – Mutter und Vetter brauchten sich kaum zu regen.
-Am nächsten Tage, in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der
-Decke, ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner
-geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur der Anstrengung
-war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, hatte es sich zu
-reinster, schweigender Form befestigt. Kurzes Gekräusel seines dunklen
-Haares fiel in die unbewegliche, gelbliche Stirn, die aus einem edlen,
-aber heiklen Stoff zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem
-ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll und stolz.
-Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, wie mehrere der
-Besucher meinten, die sich zum Abschiede einfanden.
-
-Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen Joachim.
-„Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach und verlangte, daß an seinem
-Grabe die „Erotika“ von Beethoven gespielt werden müsse.
-
-„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der Seite an. Er war
-nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer und herzlich bewegt. Mit
-beiden Händen wies er die Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur
-Klage aufforderte. „_Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!_“
-rief er wiederholt.
-
-Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung heraus und
-ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn hin zu äußern:
-
-„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und Fortschritt
-auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“
-
-Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, durch
-die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit von Naphtas
-Position über die seine; vielleicht war es dies augenblickliche
-Übergewicht des Gegners, das er durch die Lebhaftigkeit seiner Trauer
-aufzuwiegen gesucht hatte, und das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann
-noch, als Leo Naphta, die unbeständigen Vorteile seiner Stellung
-ausnutzend, scharf sententiös bemerkte:
-
-„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß nur der Geist
-anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr. Nur wo _kein_ Geist
-ist, gibt es Anständigkeit.“
-
-„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer Spruch!
-Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn hingesetzt, so herrscht
-Einschüchterung für den Augenblick ...“
-
-Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung in diesen
-stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten Behälter wollte ein
-Mann allein als seine Sache betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war:
-ein Verwandter des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz
-gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering an
-seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe Reif sozusagen
-eingewachsen, ganz davon überwuchert war. Man war geneigt, zu spüren,
-daß Leichengeruch seinem Bratenrock entströme, was aber auf Vorurteil
-beruhte. Doch ließ der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß
-all sein Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur
-pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen
-auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps Mißtrauen erweckte und
-keineswegs nach seinem Sinne war. Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen
-sich zurückzöge, ließ sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren,
-sondern blieb und legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die
-Figur und half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen
-Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich gebettet
-wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof gestellt hatte.
-
-Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf, die Hans
-Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu trennen und zu lösen
-und tatsächlich dem Professionisten, dem üblen Hüter der Pietät, das
-Feld zu überlassen. Joachim nämlich, dessen Ausdruck bisher so ernst und
-ehrbar gewesen, hatte in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und
-Hans Castorp verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur
-Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen der
-Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß die Abholung bevorstand,
-der Sarg geschlossen und verschraubt werden sollte. Hans Castorp
-berührte, eingeborene Sittensprödigkeit beiseite setzend, seines
-ehemaligen Joachim steinkalte Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und
-ging trotz allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise
-Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus.
-
-Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch während er
-niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf seiner Höhe
-zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in einen feuchten
-Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen, woselbst ein Degen
-aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte zucken und drei Gewehrsalven,
-drei schwärmerische Honneurs hinknallen über Joachim Ziemßens
-wurzeldurchwachsenes Soldatengrab.
-
-
-
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- Siebentes Kapitel
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- Strandspaziergang
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-Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich?
-Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! Eine Erzählung,
-die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, es strömte die Zeit“ und so
-immer fort, – das könnte gesunden Sinnes wohl niemand eine Erzählung
-nennen. Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang
-ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik
-ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, daß sie die Zeit
-_erfüllt_, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ und macht, daß
-„etwas daran“ und „etwas los damit“ ist – um mit der wehmütigen Pietät,
-die man Aussprüchen Verstorbener widmet, Gelegenheitsworte des seligen
-Joachim anzuführen: längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob
-sich der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen.
-Die Zeit ist das _Element_ der Erzählung, wie sie das Element des Lebens
-ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist
-auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie
-kurzweilig und kostbar auf einmal macht: verwandt hierin, wie gesagt,
-der Erzählung, die ebenfalls (und anders als das auf einmal leuchtend
-gegenwärtige und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden
-Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein Ablaufendes
-sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen sollte, in jedem
-Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung bedarf.
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-Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied waltet,
-liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik ist nur eines: ein
-Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie sich ergießt, um ihn
-unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die Erzählung dagegen hat zweierlei
-Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre
-Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch
-ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der
-Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich
-aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück des Namens
-„Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, – hierin und in nichts
-anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. Eine Erzählung aber, deren
-inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten betrüge, könnte ihrerseits, vermöge
-außerordentlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser fünf
-Minuten, das Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein,
-obgleich sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig
-wäre. Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung
-deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, – wir
-sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres oder, ganz deutlich zu
-sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, das hier offenbar
-einschlägig ist: sofern nämlich dieses Falls die Erzählung sich eines
-hermetischen Zaubers und einer zeitlichen Überperspektive bedient, die
-an gewisse anormale und deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der
-wirklichen Erfahrung erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von
-Opiumrauchern, die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit
-seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang sich auf
-zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder sogar die
-Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit zurückließ, – Träume
-also, deren imaginärer Zeitraum ihre eigene Dauer um ein Gewaltiges
-überstieg, und in denen eine unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses
-herrschte, die Vorstellungen sich mit solcher Geschwindigkeit drängten,
-als wäre, wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des
-Berauschten „etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder einer
-verdorbenen Uhr“.
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-Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung mit der Zeit zu
-Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. Da sie sie aber
-„behandeln“ kann, so ist klar, daß die Zeit, die das Element der
-Erzählung ist, auch zu _ihrem Gegenstande_ werden kann; und wenn es
-zuviel gesagt wäre, man könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, _von der
-Zeit_ erzählen zu wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie
-es uns anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des
-„Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen könnte.
-Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die Zeit erzählen könne, nur
-aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir mit laufender Geschichte wirklich
-dergleichen vorhaben. Und wenn wir die weitere Frage streiften, ob die
-um uns Versammelten sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es
-gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende Joachim
-jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch flocht (die übrigens von
-einer gewissen alchimistischen Steigerung seines Wesens zeugt, da solche
-Bemerkungen eigentlich nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären
-wir wenig erzürnt gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick
-nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden
-aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme an dem Erleben
-unseres Helden natürlich in unserem Interesse liegt, und weil dieser,
-Hans Castorp, in beregtem Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar
-schon längst nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, –
-so – und auch wieder so genommen.
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-Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis zu seiner
-wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, kalendermäßig, diese erste
-trotzige Abreise stattgefunden, wie lange er weggewesen, wann wieder
-eingetroffen und wie lange Hans Castorp selber schon hier gewesen, als
-er wieder eingetroffen und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um
-Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, seit
-wann, etwa der Jahreszahl nach, sie _wieder da_ war (denn sie war wieder
-da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp im „Berghof“ damals verbracht
-gehabt hatte, als sie zurückgekehrt war: bei all diesen Fragen, gesetzt,
-man hätte sie ihm vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht,
-denn er scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit
-den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden nicht recht
-Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger beunruhigend als jene
-vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am ersten Abend seines Hierseins
-befallen hatte, nämlich Herrn Settembrini sein eigenes Alter anzugeben,
-ja, eine Verschlimmerung dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen
-Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei!
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-Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder
-unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten Bedingungen
-jederzeit jedem von uns begegnen kann: nichts würde uns, solche
-Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit
-über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren. Die Erscheinung
-ist möglich kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft
-also unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und
-ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu
-bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung
-des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen
-Errettung die Zeit, die sie im Dunklen, zwischen Hoffnung und
-Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn
-gewesen. Man sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die
-Zeit ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein
-Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. Es scheint
-demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die menschliche
-Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu
-erleben, als sie zu überschätzen.
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-Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er gewollt
-hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen sich rechnerisch
-hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie das der Leser mit leichter
-Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene und Versponnene seinem
-gesunden Sinn widerstehen sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm
-vielleicht nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche
-Anstrengung, sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen
-und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, ließ er
-sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, war
-eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar die schlimmste
-Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten.
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-Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die Umstände
-seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht geradezu von seinem bösen
-Willen reden will – so sehr zustatten kamen. Als Frau Chauchat
-wiedergekehrt war (anders, als Hans Castorp es sich hatte träumen lassen
-– aber davon an seinem Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht
-und der kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in
-naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer
-Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, hatte man damals
-Gott weiß wie lange schon wieder Winter gehabt, ja, dieser war allezeit
-nur ganz vorübergehend unterbrochen gewesen, von brennenden Sommertagen
-mit einer Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins
-Schwärzliche spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in
-den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens auch
-in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans Castorp mit dem seligen
-Joachim über diese große Konfusion geschwatzt, welche die Jahreszeiten
-vermengte, sie durcheinander warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte
-und es dadurch auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine
-kurzweilige Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen und
-mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt nicht die Rede
-sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt wurde bei dieser
-großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe oder die
-Bewußtseinslagen des „Noch“ und des „Schon wieder“, – eins der
-verwirrendsten, vertracktesten und verhextesten Erlebnisse überhaupt,
-und ein Erlebnis dabei, das zu kosten Hans Castorp gleich an seinem
-ersten Tage hier oben eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich
-bei den fünf übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten
-Speisesaal, wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise
-unschuldig noch, ihn angewandelt hatte.
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-Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren Maßstab
-angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis auch abgeschwächt
-oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, sofern sie tätig ist,
-sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker – und nur aus
-jugendlicher Anmaßung hatte also Hans Castorp sich einmal damit
-eingelassen –, ob die hermetische Konserve auf ihrem Wandbort außer der
-Zeit ist. Aber wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk
-tut. Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das
-eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, –
-wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern unterdessen zum
-reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders sein. Der Tote ist tot und
-hat das Zeitliche gesegnet; er hat viel Zeit, das heißt: er hat gar
-keine, – persönlich genommen. Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und
-Haare wachsen, und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose
-Redensart nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange
-gebraucht, und an der Hans Castorp damals flachländischen Anstoß
-genommen hatte. Auch ihm wuchsen Haare und Nägel, sie wuchsen schnell,
-wie es schien, er saß so oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem
-Operationsstuhl beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich
-das Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet
-hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn er saß und
-mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, der sein Werk an
-ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; oder wenn er an seiner
-Balkontür stand und sich mit Scherchen und Feile, seinem schönen
-Samtnecessaire entnommen, die Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer
-Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt
-war, jener Schwindel ihn an: ein Schwindel in des Wortes
-schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige
-Nicht-mehr-unterscheiden von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und
-Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt.
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-Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch nicht
-schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen wir nicht
-verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an solchen mystischen
-Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und geflissentlich hervorrief, oft
-doch auch durch gegenteilige Bemühungen zu sühnen suchte. Er konnte
-sitzen, seine Uhr in der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr,
-deren Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, –
-und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen Ziffern
-doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, auf der die beiden
-zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger auseinander wiesen und
-der dünne Sekundenzeiger den geschäftig pickenden Gang um seine
-besondere kleine Sphäre tat. Hans Castorp hielt ihn im Auge, um einige
-Minuten zu hemmen und zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das
-Weiserchen trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es
-erreichte, berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder
-anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte,
-Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten oder wenigstens
-sonst ein winziges Zeichen geben sollen, daß hier etwas vollendet sei.
-Doch an der Art, wie es sie rasch, nicht anders als jedes andere
-unbezifferte Strichelchen, überschritt, erkannte man, daß ihm die ganze
-Bezifferung und Gliederung seines Weges nur _unterlegt_ war, und daß
-es eben nur ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein
-Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit
-sich selbst.
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-Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen faßlich
-machen, die in dem inneren Haushalt des jungen Abenteurers sich
-vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen Identitäten. War es bei
-einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, ein Jetzt gegen eines von gestern,
-von vor- und vorvorgestern abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein
-Ei dem andern, so war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine
-Gegenwart mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem
-Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. Sofern
-jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch und Wieder und Künftig
-gesondert blieben, schlich eine Versuchung sich ein, Beziehungsnamen,
-mit denen das „Heute“ sich Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom
-Leibe hält, das „Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern
-und sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären Wesen
-denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit
-bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das flinke Getrippel
-unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit des Stundenmessers
-hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, mit deren Raum sich eine Zeit
-von gewaltigem Gange verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben
-noch“ und „Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem
-Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das wäre, sagen wir,
-nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines duldsamen Relativismus
-beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, sittlich“, auch als legitim,
-gesund und achtbar anzusprechen. Was aber soll man von einem Erdensohne
-denken, des Alters obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein
-Monat, ein Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben
-so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der eines
-Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen der Lust
-nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ und „Morgen“ für „Übers
-Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft das Urteil „Verirrung und
-Verwirrung“ und damit höchste Besorgnis am Platze.
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-Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände (wenn
-man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns vorschwebenden
-Falle), unter denen eine solche Verwirrung und Verwischung der
-zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur schwindligen Einerleiheit
-gewissermaßen von Natur und Rechtes wegen statthat, so daß denn ein
-Untertauchen in ihrem Zauber für Ferienstunden allenfalls als statthaft
-gelten möge. Wir meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein
-Sichbefinden, dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, –
-wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an heimatliche
-Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir vertrauen, daß auch
-Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns nicht im Stiche lassen werde,
-wenn wir auf diese wundersame Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und
-gehst ... du wirst von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause
-zurückkehren, denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. O
-Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere Gedanken,
-unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise sollst du in
-unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du es im stillen immer warst und
-bist und sein wirst ... Sausende Öde, blaß hellgrau überspannt, voll
-herber Feuchte, von der ein Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir
-gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln
-bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen,
-weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum
-durchfährt und eine sanfte Betäubung in unserem Kopfe erzeugt, – wir
-wandern, wandern und sehen die Schaumzungen der vorgetriebenen und
-wieder rückwärts wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung
-siedet, hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den
-flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses
-wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede
-Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich Vergessen ... Schließen wir
-doch die Augen, geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig
-graugrünen Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont
-verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein Dort? Wie
-weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige Weise entzieht es
-sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie weit dies Schiff vom Ufer entfernt
-ist, müßtest du wissen, wie groß es an sich selber als Körper ist. Klein
-und nahe oder groß und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick,
-denn aus dir selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid
-... Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht dahin.
-Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie
-jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit,
-Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit
-regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit.
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-Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine Illusion,
-ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis einer
-Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein der Dinge ein stehendes
-Jetzt. War er am Meere spaziert, der Doktor, der diesen Gedanken zuerst
-empfing, – die schwache Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir
-wiederholen jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da
-sprechen, Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist so
-rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. An
-den menschlichen Erkenntnismitteln und -formen Kritik zu üben, ihre
-reine Gültigkeit fraglich zu machen, wäre absurd, ehrlos,
-widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn damit verbunden wäre, als
-derjenige, der Vernunft Grenzen anzuweisen, die sie nicht überschreitet,
-ohne sich der Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu
-machen. Wir können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein,
-wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, und den
-er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind des Lebens“
-angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer Entschiedenheit als
-„Das Böse“ kennzeichnete. Und wir ehren das Andenken eines uns lieben
-Verstorbenen am besten, indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel
-des kritischen Prinzips nur eines sein kann und darf: der
-Pflichtgedanke, der Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit
-die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen
-Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische
-Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Soll man
-es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto setzen und
-annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen Zeitwirtschaft, seinem
-schlimmen Getändel mit der Ewigkeit bestärkt, daß, was ein
-melancholischer Schwadroneur seines militärischen Vetters „Biereifer“
-genannt, letalen Ausgang genommen hatte?
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- Mynheer Peeperkorn
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-Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang Gast des
-Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht das Beiwort „international“ in
-seinem Schilde führte. Peeperkorns leicht farbige Nationalität – denn er
-war ein Kolonial-Holländer, ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer –
-würde uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß er, so
-bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich mit einem
-Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen wir, noch nicht
-bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere Geschichte
-einzuführen; denn du großer Gott, in was für Tinten und Abschattungen
-spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts, das Hofrat
-Doktor Behrens in vielzüngiger Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht
-genug, daß neuerdings hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend
-war, dieselbe, die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr
-und die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person mit
-nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem Haar, die, von den
-Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in
-Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt
-nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld
-ausschließlich einer rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht
-Frau Landauer hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer Hoheit
-willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit geradezu den
-Narren spielte: nicht genug also mit ihr persönlich, so befand sich
-unter ihrem kleinen Gefolge auch noch ein verschnittener Mohr, ein
-kranker, schwacher Mensch, der aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern
-gehechelten Grundverfassung am Leben mehr zu hängen schien als irgend
-jemand, und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von
-seinem Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet hatte
-...
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-Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer Peeperkorn fast
-farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt unserer Erzählung, wie ein
-früherer, die Überschrift „Noch jemand“ tragen könnte, so braucht
-deshalb niemand zu besorgen, daß hier abermals ein Veranstalter
-geistiger und pädagogischer Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer
-Peeperkorn war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die Welt zu
-tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir sehen werden. Daß
-gleichwohl schwere Verwirrung von seiner Person auf unseren Helden
-ausging, begreift sich aus folgendem.
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-Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station „Dorf“ ein,
-wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in demselben Schlitten nach Haus
-Berghof, woselbst er mit ihr zusammen im Restaurant das Abendessen
-einnahm. Es war eine mehr als gleichzeitige, es war eine _gemeinsame_
-Ankunft, und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in
-der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der
-Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt, gegenüber dem
-Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów seine wilden
-und zweideutigen Aufführungen veranstaltet hatte, – diese
-Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans Castorp verstörte, da
-dergleichen seiner Voraussicht entgangen war. Der Hofrat hatte ihm Tag
-und Stunde von Clawdias Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp,
-alter Junge,“ hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt.
-Übermorgen abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s
-telegraphisch.“ Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme, hatte
-er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon gewußt
-hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen und zusammengehörten, –
-wenigstens gab er Überraschung vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach
-der gemeinsamen Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte.
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-„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt hat“, erklärte
-er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den Pyrenäen her, nehme ich
-an. Tja, den müssen Sie nun erst mal in Kauf nehmen, Sie enttäuschter
-Seladon, hilft Ihnen alles nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie.
-Wie es scheint, haben sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist
-schwer reich, nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen
-Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände. Übrigens kommt
-er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer gehörigen alkoholischen
-Verschleimung scheint malignes Tropenfieber vorzuliegen, Wechselfieber,
-verstehen Sie, verschleppt, hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben
-müssen.“
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-„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab. „Und du?“
-dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt bist du doch auch
-nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses und jenes täuscht,
-blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen Ölmalerei. Legst allerlei
-Schadenfreude in deine Worte, wie mir scheint, und dabei sind wir doch
-Leidensgenossen, gewissermaßen in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser
-Mann, entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender
-Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man von ihm
-gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von ihm gewonnen habe.
-Robust und auch wieder spärlich, mit diesen Eigenschaftswörtern muß man
-ihn meiner Meinung nach kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für
-vereinbar gelten. Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig
-da, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind
-senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht seitlich,
-wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren Gesellschaftsklassen
-–, und wenn er so dasteht und nach holländischer Weise am Gaumen redet,
-dann hat er unleugbar was recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist
-schütter, – lang, aber schütter, daß man die Haare zählen zu können
-glaubt, und seine Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe
-geradezu, ich kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie
-immer aufzureißen sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die
-erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine Stirn
-laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das weiße Haar zwar
-lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben doch klein und blaß,
-trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste verleiht ihm was
-Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert ist. Das ist mein Eindruck
-von heute morgen.“
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-„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete Behrens, „und
-sich den Mann gut angesehen in seiner Eigenart, was ich vernünftig
-finde, denn Sie werden sich mit seinem Vorhandensein arrangieren
-müssen.“
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-„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist ihm überlassen
-geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten Gastes ein ungefähres
-Bild zu zeichnen, und er hat seine Sache nicht schlecht gemacht, – wir
-hätten sie auch nicht wesentlich besser machen können. Allerdings war
-sein Beobachtungsposten der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er
-während Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich
-nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand – nur daß der
-andere etwas weiter gegen die Verandatür sich vorschob – und Hans
-Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach dem Saalinnern gelegenen
-Schmalseiten einnahmen, so saßen sie sozusagen nebeneinander, Hans
-Castorp etwas hinter dem Holländer, was eine unauffällige Exploration
-erleichterte, – während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg
-vor sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen,
-daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß und fleischig und
-sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger Lippenbildung, gleichsam
-zerrissen war. Ferner waren seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit
-langen, spitz zulaufenden Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer
-beim Sprechen – bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans
-Castorp dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu
-auserlesenen, die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat
-nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden eines
-Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen zum Kreise gekrümmt oder die
-flache Hand – breit, aber nagelspitz – behütend, abdämpfend, Achtsamkeit
-fordernd ausgebreitet, – um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er
-hervorgerufen, durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten
-Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu
-enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln; denn die
-Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung ersetzte in hohem
-Grade noch nachträglich, was ausblieb, und wirkte befriedigend,
-unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst. Zuweilen erfolgte die
-Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart seine Hand auf den Unterarm
-seines Nachbarn zur Linken, eines jungen bulgarischen Gelehrten, oder
-auf den Madame Chauchats zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg
-aufwärts, Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er im
-Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß die
-rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln laufenden
-Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so Gefesselten auf das
-Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen Lippen, geöffnet, im
-Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu entlassen. Nach einer Weile
-jedoch atmete er aus, verzichtete, winkte gleichsam „Rührt euch“ und
-wandte sich unverrichteterdinge seinem Kaffee wieder zu, den er sich
-extra stark, in einer eigenen Maschine, hatte servieren lassen.
-
-Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte mit der Hand
-die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der Dirigent, der das
-Durcheinander der stimmenden Instrumente zum Schweigen bringt und sein
-Orchester, kulturell gebietend, zum Beginn der Aufführung sammelt, –
-denn da sein großes, vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen
-Augen, den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem
-bloßliegenden wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte, so fügte
-alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen ihn lächelnd an,
-warteten, und da und dort nickte einer ihm zur Ermunterung lächelnd zu.
-Er sagte mit ziemlich leiser Stimme:
-
-„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen Sie jedoch ins
-Auge fassen und nicht – keinen Augenblick – außer acht lassen, daß –
-Doch über diesen Punkt nichts weiter. Was auszusprechen mir obliegt, ist
-weniger jenes, als vor allem und einzig dies, daß wir verpflichtet sind,
-– daß der unverbrüchliche – ich wiederhole und lege alle Betonung auf
-diesen Ausdruck – der _unverbrüchliche_ Anspruch an uns gestellt ist – –
-_Nein!_ Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich etwa – Wie
-weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–_ledigt_, meine
-Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß uns einig in alldem, und so
-denn: zur Sache!“
-
-Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft
-bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen entschieden,
-eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und auch der lauschende
-Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen zu haben meinten oder, sofern
-ihnen das Ausbleiben sachlicher und zu Ende geführter Mitteilung bewußt
-geworden war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie
-einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich gegrämt, weil
-er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte gemacht und sich
-eingebildet hätte, durch sein Gebrechen geistig zu kurz zu kommen.
-Solche Leute neigen zu Mißtrauen und Bitterkeit. Ein junger Chinese
-dagegen, am anderen Tischende, der des Deutschen noch wenig mächtig war
-und nicht verstanden, aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine
-erfreute Befriedigung durch den Ruf: „_Very well!_“ – und applaudierte
-sogar.
-
-Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich auf, dehnte die
-breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock über der geschlossenen
-Weste zu, und sein weißes Haupt war königlich. Er winkte eine
-Saaltochter heran – es war die Zwergin –, und obgleich sehr beschäftigt,
-folgte sie sofort seinem bedeutenden Zeichen und stellte sich, Milch-
-und Kaffeekanne in Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht
-umhin, ihm mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd
-zuzunicken, in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter den
-mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren Zeigefinger sich
-mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während die drei übrigen Finger
-aufwärts standen, von den Lanzenspitzen der Nägel überragt.
-
-„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie sind klein, –
-was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es positiv, ich danke Gott
-dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und durch Ihre charaktervolle
-Kleinheit – Nun gut denn! Auch was ich von Ihnen wünsche, ist klein,
-klein und charaktervoll. Vor allem, wie heißen Sie?“
-
-Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia sei.
-
-„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die Stuhllehne
-zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte. Er rief es mit
-einer Betonung, als wollte er sagen: Aber was wollen Sie denn? Alles
-steht wundervoll! – „Mein Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit
-Strenge fort, „– das übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie
-sprechen es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung
-mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten Möglichkeiten. Er
-ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und alles Gefühl seiner Brust
-daransetzt, um – in der Koseform – Sie verstehen mich wohl, mein Kind:
-in der _Kose_form – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre
-erwärmend, – für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen.
-Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine Liebe. Halt!
-Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! Ich sehe es deinem
-verhältnismäßig großen Gesichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen,
-aber nicht gebackenes Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in
-allerlei Gestalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares
-Brot, kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, ob
-Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen, ‚Herzstärkung‘
-dafür einzusetzen, liefe hier nicht die neue Gefahr mit unter, es im
-Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit – Er–ledigt, Rentia. Erledigt und
-ausgeschlossen. Vielmehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen
-Verbindlichkeit – Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld,
-mich deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens –
-Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer,
-Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“
-
-„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich einmal um
-sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu werden, und stellte
-sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben sein Besteck, offenbar, weil sie
-Herrn Peeperkorn nicht damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr
-Auftraggeber erhielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll
-geschenkt, daß das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den
-Teller benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob es gegen
-das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn sich mit einem
-Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut.
-„Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an.“ Und er
-nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und
-legte sie dann zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen
-ließ.
-
-Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher Mann.
-Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich
-von den Kolonialgeschäften zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins
-Trockene gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und
-seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen
-„Geld-Magneten“ (Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei auf eine
-Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit ihrer Heimkehr zum
-Abendkleide trug, und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis
-transkaukasischer Gattengalanterie verstanden werden durfte, sondern der
-„gemeinsamen Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich
-mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den
-Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden, seine
-Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er
-verbesserte ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich
-versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht,
-denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehrerin
-Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und ohne ihn
-anzusehen befragte, wie der neue Gast ihm behage, antwortete er mit gut
-bewahrtem Gleichmut. Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte
-Persönlichkeit“, sagte er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die
-Genauigkeit dieser Kennzeichnung bewies Objektivität und damit
-Gemütsruhe; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar
-Ferdinand Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten
-Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt war, so bewies
-hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um
-kein Haar dem artikuliertesten Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte
-der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß
-jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal
-anerkannte denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte
-sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von
-nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini und
-Ferge Hans Castorps Paletot zu tragen.
-
-In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn sogar lieber
-selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem Elenden dann und
-wann überlassen. Das aber verkennt wohl niemand in unserer Runde, daß
-Hans Castorp hart betroffen war durch jene völlig unvorhergesehenen
-Umstände, die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das
-Wiedersehen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich
-getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und darin
-lag das Beschämende.
-
-Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, weit entfernt
-von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran, daß er Clawdia etwa vom
-Bahnhof hatte abholen wollen, – und ein Glück nur, daß er diesen
-Gedanken nicht hatte aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß
-gewesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die
-phantastischen Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen
-Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie wünschen werde,
-unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine Zudringlichkeit, kein
-plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu der
-schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer Vernunft und Gesittung
-dem Wesen nach hinter sich ließ, – in der Form war vollkommenste
-Zivilisation und für den Augenblick sogar der Schein der
-Gedächtnislosigkeit zu wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch –
-fürs erste nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer
-Gelegenheit, unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden
-seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner
-Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben.
-
-All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch, daß ihm
-die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit genommen war. Die
-Gegenwart Mynheer Peeperkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik,
-die _nicht_ in äußerster Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich
-aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den
-Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische
-Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen auf dem
-Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife heraufkommen
-sehen, und zuseiten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde
-gesessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen
-hatte es keine Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden
-Mitkömmlings zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß beide im
-ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann
-war das erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Platze
-und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür gewartet hatte. Es war
-ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn
-hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß,
-breit und hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den
-Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt,
-vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es,
-unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte Hans Castorp sie
-mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter
-kunstreich frisiertes, sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes
-Haar, es waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre
-Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung der
-Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der Wangen selbst bewirkte ...
-Clawdia! dachte er erschauernd, – und er faßte den Unerwarteten ins
-Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges Kopfaufwerfen gegen die
-maskenhafte Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die
-Aufforderung an sein Herz, sich lustig zu machen über die
-Großmächtigkeit eines gegenwärtigen Besitzrechtes, das durch gewisse
-Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt wurde: _gewisse_
-Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der
-dilettantischen Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu
-beunruhigen vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen
-den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft
-zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und Peeperkorn leistete
-ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter ihr stehend die kleine
-Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich danach an seinem Tischende zu
-Clawdias Seite niederzulassen.
-
-Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch. Clawdias
-Augen waren bei der „Vorstellung“ über Hans Castorps Person wie über
-seinen ganzen Ort in fernere Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei
-der folgenden Zusammenkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen;
-und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders
-begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen von
-Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des Essens einmal umwandte,
-desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während
-der kurzen Abendgeselligkeit hielten die Reisegefährten sich in dem
-kleinen Salon: Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer
-Tischgenossen, und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet
-gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines Kinnbartes abstach,
-trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben
-lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch anderthalb oder zwei,
-zu schweigen von dem „Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück
-begann. Offenbar war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem
-Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie
-sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern auch mittags
-trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der Mahlzeit, sondern
-während ihrer und neben dem Wein. Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen,
-sei gut gegen das Fieber, – von aller labenden Wirkung ganz abgesehen,
-sehr gut gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am
-zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte.
-Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer ungefähr
-viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als ein Glühen und
-dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene Milz sollte er davon
-haben.
-
-
- _Vingt et un_
-
-So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis vier, von uns aus
-geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil und messenden Sinn
-unmöglich verlassen können. Sie glitten dahin, ohne neue Veränderung zu
-zeitigen, sie zeitigten auf seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen
-Trotz gegen unvorgesehene Umstände, die ihm eine verdienstlose
-Zurückhaltung auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter
-Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an das störende
-Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen und undeutlichen Mannes, –
-störend in der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini
-„hier gestört“ hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben
-sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen
-Falten betrachtete er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin,
-sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für eine
-großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die
-Vergangenheit auf sie warf.
-
-Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß einmal
-geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich
-reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen,
-von einem ungarischen Studenten auf der Geige keck exekutiert, worauf
-Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Krokowski auf eine
-Viertelstunde erschienen war, irgend jemanden genötigt hatte, in der
-tieferen Lage des Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen,
-während er selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf
-hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden
-Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem Applaus, mit
-wohlwollendem Kopfschütteln, das dem eigenen Übermut galt, verließ der
-Hofrat danach die Konversationsräume. Die Geselligkeit aber spann sich
-hin, noch wurde fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür
-gefordert worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Getränken,
-unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte da und dort.
-Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches hatte sich unter die
-Gruppen der Halle und des Klavierzimmers gemischt. Man sah Mynheer
-Peeperkorn an verschiedenen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu
-sehen, sein majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie
-durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn
-umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums mochten
-angezogen worden sein, so war es doch sehr bald seine Persönlichkeit
-selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd standen sie und nickten
-ihm zu, ermunternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge
-unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten durch die
-Eindringlichkeit seiner langnägeligen Kulturgebärden und ohne über die
-unverständliche Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche
-Unbrauchbarkeit dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten
-Enttäuschungsgefühles bewußt zu werden.
-
-Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp um, so finden
-wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem Gesellschaftsraum, wo ihm
-einst (dies Einst ist vage; Erzähler, Held und Leser sind nicht mehr
-ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen
-über die Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es
-war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt.
-Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an einem der
-Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der Nase blätterte an der
-Bibliothek sitzend in einem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der
-Nähe des offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere
-zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden
-hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man ihn sehen will,
-mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt
-seine Zeitung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht,
-sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch
-durchsetzte Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen
-darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, und daß
-seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige Wege der Enttäuschung
-durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Wartezeit auf sich
-genommen, am Ende dieser Wartezeit schmählich zum Narren hielten, –
-bittere Wege des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis
-zu dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen
-zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die nach
-der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Einsamkeit der
-Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen diese verpfuschte
-Geselligkeit einzutauschen.
-
-„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem Kopf, eine
-Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für sein Ohr, das nun einmal
-geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung als extreme Annehmlichkeit
-zu empfinden – den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel
-getrieben –, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern. Aber
-mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme, und
-wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim gefragt.
-
-Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht etwas höher,
-so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel an der steilen
-Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen ein wenig, tat sie aber gleich
-wieder auf, um sie schräg aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick
-durch die Haltung seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu
-richten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast etwas
-Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte noch einmal fragen,
-doch das geschah nicht. So war er nicht einmal sicher, ob sie noch
-hinter ihm stände, als er nach geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung
-und halber Stimme zur Antwort gab:
-
-„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“
-
-Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war, das wieder
-zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie aus Mangel an
-Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke des Mitgefühls
-wählte, als sie hinter und über ihm sagte:
-
-„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit wann?“
-
-„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter. Es war ihm
-ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei Ehrensalven über seinem Grabe
-abgegeben worden.“
-
-„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als andere Leute,
-gewisse andere.“
-
-„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem Biereifer. Aber sein
-Körper wollte es anders. _Rebellio carnis_, heißt es bei den Jesuiten.
-Er war immer körperlich gesinnt, auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper
-hatte Unehrenhaftes eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein
-Schnippchen. Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst
-zu verderben, als sich zu bewahren.“
-
-„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer Taugenichts.
-Radamanth? Wer ist das?“
-
-„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“
-
-„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ... Ich liebte
-ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die Stimme sprach das Wort
-„mähnschlich“ aus, mit einer gewissen trägen und schwärmerischen
-Dehnung.) „Er war hochmütig.“ (Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist
-nicht mehr da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“
-
-„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir haben weitläufig
-philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta und ich.“
-
-„Wer ist Naphta?“
-
-„Sein Widersacher.“
-
-„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft machen. –
-Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr Vetter sterben würde, wenn er
-versuchte, in der Ebene Soldat zu sein?“
-
-„Ja, du hast es gewußt.“
-
-„Was fällt Ihnen ein!“
-
-Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete, den Wirbel
-gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf das Wiederlautwerden
-der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie noch hinter ihm sei, befürchtend,
-das abgerissene Musizieren nebenan möchte das Geräusch sich entfernender
-Schritte verschlungen haben. Endlich jedoch kam es wieder:
-
-„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters gefahren?“
-
-Er antwortete:
-
-„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß, da er
-anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine Stirne war.“
-
-„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, die man kaum
-kennt!“
-
-„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich dehnte
-auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr wie jemand, der sich
-reckt und gähnt.)
-
-„_Quelle blague!_ – Sie waren immer hier?“
-
-„Ja. Ich habe gewartet.“
-
-„Worauf?“
-
-„Auf dich.“
-
-Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit dem Worte
-„Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen haben.“
-
-„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn. Aber es wäre
-nur wilde Abreise gewesen. Denn außer den alten Narben von früher her,
-aus meiner Schulzeit, du weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens
-gefunden hat, und die mir das Fieber macht.“
-
-„Immer noch Fieber?“
-
-„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist kein
-Wechselfieber.“
-
-„_Des allusions?_“
-
-Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick. Nach einer
-Weile fragte er:
-
-„Und wo warst _du_?“
-
-Eine Hand schlug auf die Stuhllehne.
-
-„_Mais c’est un sauvage!_ – Wo ich war? Überall. In Moskau“ (die Stimme
-sagte „Muoskau“, – es war eine ähnlich träge Dehnung wie die von
-„mähnschlich“), „in Baku, in deutschen Bädern, in Spanien.“
-
-„O, in Spanien. Wie war es?“
-
-„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren. Kastilien ist
-sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das Schloß oder Kloster
-dort am Fuß des Gebirges ...“
-
-„Der Eskorial.“
-
-„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir hat viel besser
-gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana, zum Dudelsack. Ich
-habe selbst mitgetanzt. Alle fassen sich an und tanzen Ringelreihn. Der
-ganze Platz ist voll. _C’est charmant._ Es ist mähnschlich. Ich habe mir
-eine kleine blaue Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des
-Volks sie tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der
-Liegekur und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“
-
-„Welcher Monsieur?“
-
-„Der hier im Stuhl.“
-
-„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“
-
-„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“
-
-„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende gesprochen, daß man
-ihn verstehen konnte?“
-
-„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft sein, beißend.
-Man versucht, sich lustig zu machen über Leute, die viel größer und
-besser und mähnschlicher sind als man selber mitsamt seinem ... _avec
-son ami bavard de la Méditerranée, son maître grand parleur_ ... Aber
-ich werde nicht erlauben, daß man meine Freunde –“
-
-„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die Stimme in
-schwermütigem Tonfall.
-
-Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“
-
-„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine Staffelei auf
-meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“
-
-Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte sich nach
-seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere war er
-hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit dem er sie
-hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, und zwar dicht vor
-Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch seinen Somnambulismus nicht an
-der Einsicht gehindert, daß es nun aufzustehen und höflich zu sein
-gelte, Mühe hatte, zwischen den beiden von seinem Stuhle emporzukommen,
-– er mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die
-handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in ihrer Mitte.
-
-Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten Abendlandes, indem
-sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein Bekannter von früher her,
-sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, – aus Tagen ihres vorigen
-Aufenthalts. Herrn Peeperkorns Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie
-nannte seinen Namen, und der Holländer, den blassen Blick unter dem
-idolhaften Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und
-Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die Hand,
-deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, dachte
-Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen beiseite ließ. Zum erstenmal
-stand er unter der unmittelbaren Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger
-Persönlichkeit („Persönlichkeit“ – man hatte das Wort beständig im Sinne
-angesichts seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine
-Persönlichkeit, wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, daß
-eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen könne als er), und
-seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich erdrückt von dem Gewicht
-dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, weißumlohten Sechzig, mit dem
-weh zerrissenen Munde und Kinnbart, der lang und schmal auf die
-geistlich geschlossene Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die
-Artigkeit selbst.
-
-„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie mir, – durchaus!
-Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, – die Bekanntschaft eines
-vertrauenerweckenden jungen Mannes, – ich tue es mit Bewußtsein, mein
-Herr, ich bin mit ganzer Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein
-Herr; ich – bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“
-
-Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren allzu
-peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn zog Folgerungen
-daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, und die durch den Mund
-seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße Ergänzung fanden.
-
-„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – ich bitte mich
-wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser Vermögen, seinen
-Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun einmal – Das sind Tatsachen,
-mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. Kurzum, mein Kind, kurzum und
-gut. –“ Er verharrte in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die
-Verantwortung ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises
-ein entscheidender Fehler begangen werden sollte.
-
-Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner Wünsche aufs halbe
-Wort zu unterscheiden. Sie sagte:
-
-„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, vielleicht ein
-Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. Was stehen Sie?“ wandte
-sie sich an Hans Castorp. „Regen Sie sich! Wir werden nicht zu dreien
-bleiben, wir müssen Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon?
-Engagieren Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den
-Balkons. Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“
-
-Peeperkorn rieb sich die Hände.
-
-„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger Freund!
-Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir werden spielen und
-essen und trinken. Wir werden fühlen, daß wir – Absolut, junger Mann!“
-
-Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er klopfte bei A.
-K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal und Herrn Albin aus ihren
-Stühlen in der unteren Liegehalle holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant
-und das Ehepaar Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld
-noch im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein geräumiger
-Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen und kleinen
-Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden Gast, der sich zugesellte,
-blassen und höflichen Blickes, unter aufmerksam emporgezogenen
-Stirnarabesken. Zu zwölf Personen ließ man sich nieder, Hans Castorp
-zwischen dem majestätischen Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und
-Spielmarken wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige Gänge
-_Vingt et un_ geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner bedeutsamen
-Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen weißen Chablis vom Jahre
-06, drei Flaschen fürs erste, und Süßigkeiten dazu, was eben an
-gedörrtem Südobst und Konfiserie würde aufzutreiben sein. Das
-Händereiben, mit dem er die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen
-wurden, war voll von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art
-abrissen, suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen
-in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung in Frage kam.
-Er legte beide Hände auf die Unterarme seiner Nachbarn, hob den
-lanzenspitzen Zeigefinger und forderte mit umfassendem Erfolge die
-höchste Aufmerksamkeit für die herrliche Goldfarbe des Weins in den
-Römern, für den Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine
-gewisse Art kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem
-er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa hätte
-regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im Keime erstickte.
-Er war es, der als erster die Bank übernahm; doch trat er sie bald an
-Herrn Albin ab, da, wenn man ihn recht verstand, das Amt ihn am freien
-Genusse der Umstände hinderte.
-
-Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte um nichts, seiner
-Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als kleinsten Einsatz ausgerufen nach
-seinem Vorschlage, doch war das sehr viel für die Mehrzahl der
-Beteiligten; Staatsanwalt Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden
-abwechselnd rot und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren
-Kämpfen, wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen
-sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter Routine eine
-Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und über zuschanden machte, und
-Peeperkorn lachte herzlich darüber.
-
-„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es klingt schrill und
-lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken Sie, laben Sie Ihr Herz zu
-neuen –“ Und er schenkte ihr ein, schenkte auch seinen Nachbarn und sich
-selber ein, bestellte drei neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der
-innerlich verödeten Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am
-bedürftigsten schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und höher
-von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme desjenigen Doktor
-Ting-Fus, das unveränderlich gelb blieb, mit jettschwarzen
-Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem Kichern sehr hohe
-Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem Glück. Andere wollten nicht
-zurückstehen. Staatsanwalt Paravant forderte schwimmenden Blickes das
-Schicksal heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig
-hoffnungsvolle Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und
-gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen auf ein As, das
-er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen, verdoppelt zurück.
-Das waren Erschütterungen, die sich nicht auf die Person dessen
-beschränkten, der sie sich bereitete. Der Kreis nahm teil daran, und
-selbst Herr Albin, der an kalter Umsicht mit den Croupiers des Kasinos
-von Monte Carlo wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war
-seiner Erregung nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte hoch;
-ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu den „Touren“ über,
-spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante, deine Tante“ und das gefährliche
-„Différence“. Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und
-hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische
-Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und
-ernst, – nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des
-Lebens selbst.
-
-Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das Spiel und
-der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises, diese Erhitzung
-der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden Augen oder das zeitigten,
-was man die Angestrengtheit der kleinen Gesellschaft, ihr
-In-Atem-gehalten-sein, ihre fast schmerzhafte Konzentration auf den
-Augenblick hätte nennen können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung
-einer Herrschernatur unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“
-unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen, der die
-Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und alle durch das
-Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen Blick unter dem
-monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch sein Wort und die
-Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den Bann der Stunde zwang. Was
-sagte er? Höchst Undeutliches, und desto Undeutlicheres, je mehr er
-trank. Aber man hing an seinen Lippen, starrte lächelnd und mit
-emporgerissenen Brauen nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit
-seinem Daumen bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz
-aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend arbeitete,
-und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst anhalten, der weit
-das Maß von hingebender Leidenschaft überstieg, das diese Leute sich
-sonst zuzumuten gewöhnt waren. Er ging über die Kräfte einzelner, dieser
-Dienst. Frau Magnus wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht
-hinzuschwinden, weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen, sondern
-begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue, woselbst man ihre
-Stirn mit einer nassen Serviette versah, und von wo sie nach einiger
-Erholung in den Kreis zurückkehrte.
-
-Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr
-zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit erhobenem
-Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man müsse essen,
-ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, so gab
-er zu verstehen, und bestellte Stärkung für die Runde, eine Kollation,
-Fleisch, Aufschnitt, Zunge, Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, –
-Platten voll fetter Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und
-Petersilie garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie,
-eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen Gediegenheit
-kein Wort verloren zu werden braucht, frohen Zuspruch fanden, erklärte
-Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen Bissen für „Firlefanz“ – und zwar
-mit einem Zorn, der die beängstigende Unberechenbarkeit seiner
-Herrschernatur bekundete. Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in
-Schutz zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er schlug
-mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten Quark
-erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, da er am Ende als
-Spender und Wirt das Recht hatte, seine Gaben zu beurteilen.
-
-Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, ihm
-vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich bekennen
-mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn nicht, wirkte in
-seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen Weinmengen in Beziehung
-zu setzen niemand in seinem Herzen sich unterstand, so groß und
-königlich, daß alle sich duckten und jedermann sich hütete, von den
-Fleischwaren noch einen Bissen zu nehmen. Frau Chauchat war es, die
-ihren Reisegefährten beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach
-dem Schlag auf dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd,
-man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht, wenn er
-wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen sein werde. „Mein
-Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und mühelos, in voller Würde fand er den
-Übergang von schwerem Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er
-Clawdias Hand küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für
-jedermann eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen
-gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung einen
-Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal zum Unterbrechen des
-Feierabends zu bestimmen.
-
-Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende
-Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und grün gesprenkelt,
-einen weichlich warmen Duft von Eiern und Butter im Zimmer verbreitend.
-Man griff zu, gemeinsam mit Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm,
-der mit abgerissenen Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann zu
-aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe anhielt. Er
-ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle Runde, und zwang
-alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft nach Getreide mit einem
-zarten Einschlag von Wacholder entströmte, mit gespannter Andacht zu
-sich zu nehmen.
-
-Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den Mundstückzigaretten
-zu, die sie in einer russischen, mit einer dahinsausenden Troika
-geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit vor sich auf den Tisch
-gelegt hatte, und Peeperkorn tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich
-diesem Vergnügen überließen, rauchte aber selbst nicht, tat es niemals.
-Verstand man ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum
-bereits den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen Raub
-an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute, jener Gaben und
-Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer Gefühlskraft doch kaum
-gelinge. „Junger Mann,“ sagte er zu Hans Castorp, indem er ihn mit
-seinem blassen Blick und seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, –
-das Einfache! Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche Wein,
-ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen und genießen
-wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir ihm wahrhaft Genüge,
-bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt. Ich habe Personen gekannt,
-Männer und Frauen, Kokainesser, Haschischraucher, Morphinisten – Gut,
-lieber Freund! Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und
-richten. Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, dem
-Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles – Erledigt, mein
-Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren ihm alles schuldig geblieben!
-Wie Sie auch heißen mögen, junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt,
-ich habe es wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht
-im Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die nicht
-vergeben werden kann, sie beruht –“
-
-Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, verharrte er in
-mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu verstehen zwang, den
-Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig zerrissenem Munde unter der
-nackten und roten, von der Rasur etwas wunden Oberlippe, angestrengt
-emporgezogen das lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten
-Stirn, erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp etwas
-wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen Versündigung,
-dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt hatte, und das in
-seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit der ganzen bannenden Kraft
-einer undeutlichen Herrschernatur schweigend befahl ... Entsetzen,
-dachte Hans Castorp, von sachlicher Art, aber auch etwas wie
-persönliches Entsetzen, ihn selbst, den königlichen Mann, betreffend, –
-_Angst_ also, aber nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie
-panischer Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf,
-und Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, aller
-Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits gegen
-Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden waren, diese
-Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen.
-
-Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die
-Genugtuung des Verständnisses zu bereiten.
-
-„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von
-Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und
-natürlichen Gaben des Lebens, die so groß und heilig sind, gerecht
-geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe,
-Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen
-ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf
-hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß diesen gesunden
-und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit widerfährt.
-Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff und unaufmerksam und
-gewissenlos und innerlich ausgeleiert, um sie ihnen widerfahren zu
-lassen, so wird es wohl sein.“
-
-Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte er, „– perfekt.
-Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bitte Sie, mit mir zu
-trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies
-soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich
-war eben im Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein
-wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in
-sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen
-und darauf bestehen, daß wir sofort –“
-
-Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn selbst angeregten
-Aufschub.
-
-„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und
-schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen!
-Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –“
-
-Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken
-war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit nicht gering und beschämend,
-nicht als Entwürdigungszustand, sondern verband sich mit der Majestät
-seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung.
-Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf
-seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, und
-im höchsten Grade kam es darauf an, _wer_ betrunken war, eine
-Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, im
-Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen,
-dessen Kulturgebärden schlaff geworden waren und dessen Zunge lallte.
-
-„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und
-stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte
-ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, „–
-in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, wenn auch Besonnenheit
-zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein
-Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten
-und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit
-schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen,
-das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste
-Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor
-ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen
-Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist
-die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine
-Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist, –
-er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind
-gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte
-Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang
-...“
-
-Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper mehr und mehr
-zurückgeworfen, während zugleich sein königliches Haupt sich zur Brust
-neigte, als wollte er einschlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er
-die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen,
-so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von
-der Eigentümlichkeit aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig
-erschrocken auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie das Wort
-ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals
-aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das
-war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er
-kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte _das
-Format_ dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte
-sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und
-scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort
-seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische
-Größe gewann. „Mein Gott – eine Persönlichkeit!“ empfand er zum
-hundertstenmal. „Ich bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist
-Clawdias Reisebegleiter!“ Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er
-sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der
-Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er
-im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von
-berufener Seite Donnerworte gesprochen worden? Was sollte da noch seine
-spröde Stimme? Aber an Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen
-Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich
-sträubte, es zu sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen
-Kommentare verleiten. Er sagte:
-
-„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das für ein Ausdruck:
-Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ über den Weltuntergang?), „führen
-meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster
-ausgemacht wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und,
-wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen
-Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten
-der späten und ausgepichten, der Raffinements, denen man ‚frönt‘, wie
-einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen
-‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. Aber hier scheint mir nun eben auch die
-Entschuldigung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte
-Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich
-fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar
-gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es nannten, beruht.
-Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates
-gesagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine,
-der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht unempfindlich für diese
-Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit
-widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen
-Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des
-Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor
-aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch- und
-Erhebungsmittel darstellen, _stimulantia_, wie man sagt, Stützen und
-Steigerungen der Gefühlskräfte, weshalb denn also doch das Leben ihr
-Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der
-Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ...“
-
-Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit genug,
-„einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und
-um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten,
-die gewisse gegenwärtige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten?
-Stach ihn der Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus
-unverschämte Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte er
-sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er
-Fürchterliches heraufbeschworen.
-
-Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes in seiner
-zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem Kopfe verharrt, so
-daß man hätte zweifeln können, ob Hans Castorps Worte in sein Bewußtsein
-drangen. Jetzt aber, allmählich, während der junge Mann sich verwirrte,
-begann er, sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller
-Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot anschwoll, seine
-Stirnarabesken sich hoben und spannten und seine kleinen Augen sich zu
-blasser Drohung erweiterten. Was bereitete sich vor? Ein Koller, gegen
-den der vorangegangene nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im
-Anzuge. Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen die
-obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben
-wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in
-Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend
-zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwätzer, der, in
-Schrecken gejagt und doch auch abenteuerlich erfreut durch das Bild
-ausdrucksvoll königlichen Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe
-hatte, Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig
-zuvorkommend:
-
-„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das Ganze ist eine
-Frage des Formats, nichts weiter. Man kann nicht Laster nennen, was
-Format hat. Das Laster hat niemals Format. Die Raffinements haben
-keines. Aber dem menschlichen Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten
-her ein Hilfsmittel, ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand
-gegeben, das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den
-Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften trägt,
-ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen darf, der Wein also, ein
-göttliches Geschenk an die Menschen, wie schon die alten humanistischen
-Völker behaupteten, die philanthropische Erfindung eines Gottes, mit der
-sogar die Zivilisation zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn
-wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und zu keltern,
-die Menschen aus dem Stande der Roheit traten und Gesittung erlangten,
-und noch heute gelten die Völker, bei denen Wein wächst, für gesitteter,
-oder halten sich dafür, als die weinlosen, die Kimerer, was sicher
-bemerkenswert ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des
-Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr mit
-der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem gelabten Gefühl, – ist
-das nicht, wenn ich so frei sein darf, Ihnen die Frage vorzulegen, auch
-Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“
-
-Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini es mit
-schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein „Schalk“.
-Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten – und
-geschickt dann auch wieder, wenn es galt, sich aus der Patsche zu
-ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster Lage und aus dem Stegreif,
-eine Ehrenrettung des Trunkes mit vielem Anstand vollzogen, hatte
-ferner, ganz nebenbei, die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in
-Mynheer Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig zu spüren
-war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend gemacht, indem er
-dem großartig darin Befangenen eine Frage vorgelegt hatte, die man mit
-erhobener Faust unmöglich beantworten konnte. Der Holländer ließ denn
-auch nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte sein
-Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein Glück!“ stand in
-seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich drohenden Miene zu
-lesen, das Gewitter verzog sich, und überdies mischte nun Frau Chauchat
-sich ein, indem sie ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall
-der Geselligkeit hinwies.
-
-„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie auf
-französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem Herrn, mit dem
-Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen haben. Aber unterdessen hat
-das Spiel fast aufgehört, und ich fürchte, man langweilt sich. Wollen
-wir den Abend beschließen?“
-
-Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war richtig:
-Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich gegriffen; die
-Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte Schulklasse. Mehrere
-waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff sofort die schleifenden Zügel.
-„Meine Herrschaften!“ rief er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser
-lanzenspitze Finger war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne,
-sein Ruf aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers,
-der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch war der Einsatz
-seiner Persönlichkeit sofort von weckender und sammelnder Wirkung. Man
-raffte sich auf, straffte die schlaff gewordenen Mienen und nickte
-lächelnd in des mächtigen Wirtes blasse Augen unter der idolhaften
-Lineatur seiner Stirn. Er bannte alle und hielt sie aufs neue zum
-Dienste an, indem er die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens
-senkte und die anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete
-die Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen weh
-zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende Undeutlichkeit dank
-ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste Macht über die Gemüter übte.
-
-„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften, es ist nun
-einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir – ‚schwach‘, so steht es in
-der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt, sich den Anforderungen – Aber
-ich appelliere an Ihre – Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich
-_ap–pel–liere_. Sie werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine
-Herrschaften, perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich
-veneriere seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den –
-wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben vom
-ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten, meine
-Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich erinnern: Gethsemane!
-‚Und nahm zu sich Petrum und die zween Söhne Zebedei. Und sprach zu
-ihnen: Bleibet hie und wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu
-ihnen und fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht
-eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften.
-Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber schlafend, und
-ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu ihnen: Ach, wollt Ihr nun
-schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften:
-Durchbohrend, herzversehrend.“
-
-Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt. Er
-hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen Kinnbart gefaltet und
-das Haupt schräg geneigt. Sein blasser Blick hatte sich gebrochen bei
-dem, was an einsamem Todesschmerz von seinen zerrissenen Lippen
-gekommen. Frau Stöhr schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer
-aus. Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise,
-gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte mit gesenkter
-Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten, um ihn der allgemeinen
-Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse ein Irrtum vorliegen. Man sei
-frisch und munter, flott, fidel und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es
-sei ein so schöner, festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, –
-alle verständen und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran,
-von dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer Peeperkorn
-könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen von ihnen.
-
-„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf. Seine
-Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts, ausgebreitet,
-aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu heidnischem Gebet. Seine
-großartige Physiognomie, eben noch von gotischem Schmerz beseelt,
-erblühte üppig und heiter; sogar ein sybaritisches Grübchen zeigte sich
-auf einmal in seiner Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die
-Karte geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an der
-Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen Mumm & Co.,
-_Cordon rouge, très sec_; dazu _petits fours_, köstliche, kegelförmige
-kleine Schlemmerbissen, mit farbigem Zuckerguß überkleidet, von
-zartestem Biskuitcharakter, im Innern benetzt von Schokolade- und
-Pistaziencreme, und auf Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande
-angeboten. Frau Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr
-Albin löste mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von
-Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole dem
-geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren, worauf er die
-Flasche nach elegantem Herkommen zum Einschenken in eine Serviette
-hüllte. Der edle Schaum befeuchtete das Linnen der Anrichtetischchen.
-Man ließ die Flachkelche klingen und leerte das erste Glas auf einen
-Zug, elektrisierte sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel.
-Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß man sich
-bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische zu räumen. Die
-Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, indem sie ein
-zusammenhangloses Geschwätz tauschte, dessen Elemente bei jedem
-einzelnen aus erhöhtem Gefühle stammten und in irgendeinem Urzustande
-das Schönste versprochen hatten, aus denen aber auf dem Wege zur
-Mitteilung ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils
-unverständlicher Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham jedes
-nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten ohne
-Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen verantwortungslosen
-Zustand wiegten. Frau Magnus selbst hatte rote Ohren bekommen und
-gestand, sie fühle, wie Leben sie durchrinne, was aber Herrn Magnus
-nicht lieb zu sein schien. Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der
-Schulter Herrn Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken
-vorhielt. Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden
-leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen nach dem
-Champagner, _Mocca double_, der wiederum von „Brot“ begleitet war und
-von süßen Scharfheiten, Apricots Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille
-und Maraschino für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und
-Bier dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee für
-solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu bleiben oder zu
-einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie Mynheer selbst, der sich nach
-Mitternacht zusammen mit Frau Chauchat und Hans Castorp zu einem
-Schweizer Roten von naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem
-er mit wirklichem Durst einen Glasbecher nach dem anderen
-hinunterschüttete.
-
-Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten teils durch
-bleierne Rauscheslähmung, teils durch das eigentümliche Vergnügen,
-sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, teils durch die
-Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und durch das abschreckende Beispiel
-Petri und der Seinen, an deren Fleischesschwäche niemand teilhaben
-wollte. Allgemein gesprochen, schien der weibliche Teil weniger
-gefährdet in dieser Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl,
-die Beine von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur
-noch mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter
-Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich tätiger.
-Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte gestemmt, die
-Wangen in den Händen, wies lachend dem kichernden Ting-Fu den Schmelz
-ihrer Vorderzähne, indes Frau Stöhr, mit angezogenem Kinn über die
-vorgebogene Schulter kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln
-suchte. Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn Albins
-Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen zog, was aber
-Herr Magnus eher als Erleichterung zu empfinden schien. Anton
-Karlowitsch Ferge ward aufgefordert, die Geschichte seines Pleura-Choks
-zum besten zu geben, kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit
-und erklärte ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken
-einstimmig ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend bitterlich, aus
-irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen Einblick zu
-eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande war, wurde aber mit Kaffee
-und Kognak seelisch wieder auf die Beine gebracht und erregte übrigens
-durch das Gewimmer seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das
-von Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit
-erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine
-Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch nahm.
-
-„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben Sie mir:
-Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm meine Serviette! Oder
-besser noch, nein, unterlaß es! Er selber verzichtet darauf. Meine
-Herrschaften, – heilig! Heilig in jederlei Sinn, im christlichen wie im
-heidnischen! Ein Urphänomen! Ein Phänomen vom ersten – vom obersten –
-Nein, nein, das ist – –“
-
-Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt die
-leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er unter genauen,
-wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen Kulturgebärden seine
-Veranstaltung begleitete. Er hatte eine Art, den Ring, den sein
-gekrümmter Zeigefinger mit dem Daumen bildete, über das Ohr
-emporzuhalten und das Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die
-Gefühle erweckte, wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie
-erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher Grazie vor
-dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert in seiner
-Großartigkeit, den Arm um die benachbarte Stuhllehne geschlungen, zwang
-er alle zu ihrer Bestürzung, sich mit ihm in die lebendige und
-durchdringende Vorstellung des Morgens zu vertiefen, eines frostigen,
-dunklen Wintermorgens, wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe
-sich durch die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das
-draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ...
-Andeutungsweise wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so stark zu
-machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch noch des eiskalten
-Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher Frühe aus einem großen
-Schwamme über den Nacken drücke, und das er heilig nannte. Das war nur
-eine Abschweifung, eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der
-Lebensaufmerksamkeit, ein phantastisches Impromptu, das er fallen ließ,
-um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart alsbald der
-festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden. Er zeigte sich verliebt
-in all und jede erreichbare Weiblichkeit, wahllos und ohne Ansehen der
-Person. Er machte der Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte
-Wesen sein übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte,
-sagte der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau ihre
-Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen
-Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß auf seinen
-großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit der trostlosen Frau
-Magnus – dies alles unbeschadet seiner zärtlichen Ergebenheit gegen
-seine Reisebegleiterin, deren Hand er oft mit galanter Andacht an die
-Lippen führte. „Der Wein –“ sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist
-nun doch – Erlauben Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“
-
-Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat Behrens also
-– nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen. Panik wütete in
-demselben Augenblick unter der entnervten Gästeschaft. Stühle und
-Eiskübel stürzten. Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von
-königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines
-Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den
-Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ sich aber dann
-durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu einem gewissen Grade mit dem
-Gedanken versöhnen, daß dies Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert
-hatte, ohnehin einmal sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der
-Mahnung an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte ein,
-sich zu Bette geleiten zu lassen.
-
-„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger Mann!“ sagte
-er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So waren sie seinem schweren
-Körper beim Aufkommen vom Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar,
-und eingehängt in beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine
-seiner hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den
-anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes zur Seite
-drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde war es wohl ein königlicher
-Luxus, den er sich leistete, indem er sich dieser Art lotsen und stützen
-ließ. Wahrscheinlich hätte er, wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch
-allein gehen können, – er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja
-nur den kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen
-Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar nicht
-nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil groß und üppig
-darin gefiel und sich einen königlichen Spaß daraus machte, seine
-dienenden Führer schwankend nach rechts und links zu stoßen. Er selbst
-äußerte unterwegs:
-
-„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn diesen
-Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“
-
-„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden Zweifel! Man
-gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem man sich freimütig
-schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen im Ernst ... Ich habe doch auch
-mein Teil, aber trotz aller sogenannten Betrunkenheit bin ich mir klar
-bewußt, daß ich die besondere Ehre habe, eine ausgesprochene
-Persönlichkeit zu Bett zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über
-mich, der ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in
-Vergleich komme –“
-
-„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn wankend gegen
-das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat mit sich zog.
-
-Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein leerer
-Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin ihn abgegeben,
-um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen Umständen blieb Peeperkorn
-stehen und wollte umkehren, um weiter zu trinken; aber von beiden Seiten
-wurde ihm in besserem Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in
-Bewegung setzen.
-
-Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer Krawatte und mit
-schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete seinen Gebieter auf dem
-Korridor, vor der Tür des Appartements, und nahm ihn mit einer
-Verneigung in Empfang, zu der er eine Hand auf die Brust legte.
-
-„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau zum Schluß auf
-die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans Castorp. „Sie wird nichts
-dagegen haben und es erwidern. Tut es auf mein Wohl und mit meiner
-Erlaubnis!“ sagte er; aber Hans Castorp weigerte sich dessen.
-
-„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das geht nicht.“
-
-Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken hoch und
-verlangte zu wissen, warum das nicht gehe.
-
-„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen kann“,
-sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! Nein, das wäre,
-von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“
-
-Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, so ließ
-Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er ihm freilich noch eine
-Weile über die eigene Schulter und die des Malaien mit angezogenem
-Faltenwerk nachblickte, erstaunt über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine
-Herrschernatur nicht zu stoßen gewohnt sein mochte.
-
-
- Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren)
-
-Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses ganzen Winters –
-soviel davon noch übrig war – und bis ins Frühjahr hinein, so daß es
-zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen gemeinsamen Ausflug (auch
-Settembrini und Naphta waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen
-Wasserfall kam ... Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger?
-– Nein, länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein?
-Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen. Auch
-Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder ehrenhaften Tänzern
-des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche Peeperkorn wurde also vom
-malignen Tropenfieber dahingerafft? – Nein, das wurde er nicht, aber
-wozu die Ungeduld? Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als
-Bedingung des Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch
-wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis nicht
-auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel Ehre, wie das
-Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt! Viel ist es ohnehin nicht
-mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter! oder, wenn das zu
-lärmend gesagt ist, es geht husch, husch! Ein Weiserchen mißt unsere
-Zeit, das trippelt, als ob es Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott
-weiß, was, zu bedeuten hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch
-seinen Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier
-oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und Haschisch,
-der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch stellen wir der
-schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit und logische
-Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das möge anerkannt werden, haben wir
-uns Köpfe wie die Herren Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt,
-statt uns etwa gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und
-das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht und
-namentlich im Punkte des _Formats_ zugunsten dieser späten Erscheinung
-ausschlagen muß, wie er es denn auch in Hans Castorps Gedanken tat, wenn
-er in seiner Loge lag und sich gestand, daß die beiden überartikulierten
-Erzieher, die seine arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter
-Peeperkorn geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen,
-wie jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte,
-nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß, daß die
-hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten Persönlichkeit
-noch in Berührung brachte.
-
-Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter und also
-als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein Punkt für sich, durch
-den sich Hans Castorp in seinen Wertungen nicht beirren ließ. Er ließ
-sich, wiederholen wir, nicht beirren in seiner aufrichtig
-achtungsvollen, wenn auch zuweilen etwas kecken Teilnahme für einen Mann
-von Format, – nur weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau,
-von der Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift
-geliehen. Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit
-rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß nehmen wird an
-solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber sehen würde, wenn er
-Peeperkorn gehaßt und gemieden und innerlich von ihm nur als von einem
-alten Esel und kaudernden Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu
-besuchen, wenn er vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu
-sitzen, mit ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf _seine_
-Beiträge zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen
-Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden das Wesen der
-Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber tat er, und wir
-erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß jemand sich dadurch an
-Ferdinand Wehsal erinnert finden könnte, der Hans Castorps Paletot
-getragen hatte. Diese Erinnerung hat nichts zu sagen. Unser Held war
-kein Wehsal. Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein
-„Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen nicht durch
-die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu, ihn weder besser noch
-schlechter zu machen, als er war, stellen wir fest, daß er es einfach
-ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich, sondern ganz naiverweise es
-ablehnte, sich durch romanhafte Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das
-eigene Geschlecht bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche
-Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen mißfallen – wir
-glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich Ärgernis daran nahm;
-eine oder die andere spitze Bemerkung, die sie sich entschlüpfen ließ,
-und die wir noch einrücken werden, ließ darauf schließen –, aber
-vielleicht war es diese Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen
-Streitobjekt der Pädagogik machte.
-
-Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage nach jenem
-ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen. Fast alle
-Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten Geselligkeit waren übel
-daran, Hans Castorp nicht ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte,
-sich aber durch diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von
-gestern einen Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem
-Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an
-Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen.
-
-Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch einen Salon,
-der es von demjenigen Frau Chauchats trennte, und fand es vor dem
-Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer ausgezeichnet durch
-Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung. Es gab da seidene Fauteuils
-und Tische mit geschweiften Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den
-Boden, und auch die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher
-hygienischer Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem
-Kirschholz mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen
-Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur ein kleiner, schirmend
-vereinigender Baldachin.
-
-Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher, Briefe und
-Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las durch seinen
-hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“. Kaffeegeschirr stand auf einem
-Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte Rotweinflasche – es war der naiv
-Spritzige von gestern Abend – neben Medizingläsern auf dem
-Nachttischchen. Der Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem
-Befremden kein weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das
-an den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund
-ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen Brust
-des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche Großartigkeit seines
-Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben, dem Bürgerlichen
-entrückt durch diese Tracht, die seiner Erscheinung ein teils
-volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges Gepräge
-verlieh.
-
-„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker am hohen
-Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte sehr, – keineswegs. Im
-Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte sich zu ihm und verbarg seine
-teilnehmende Verwunderung – wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das
-Gefühl war, zu dem seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich
-aufgewecktem Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten
-und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut aus,
-gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen hatte er einen starken
-Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen sich nun mit den Nachwehen
-des Rausches verbanden.
-
-„Wir haben es gestern arg –“, sagte er. „Nein, erlauben Sie, – schlimm
-und arg! Sie sind noch – gut, da hat es nichts weiter – Allein in meinen
-Jahren und bei meiner gefährdeten – Mein Kind“, wandte er sich mit
-zarter, aber entschiedener Strenge an die eben vom Salon her eintretende
-Frau Chauchat, „– alles gut, aber ich wiederhole Ihnen, daß besser hätte
-achtgegeben, daß man mich hätte hindern müssen –.“ Fast etwas wie
-aufziehender Königskoller war in seinen Mienen und seiner Stimme bei
-diesen Worten. Aber man brauchte sich ja nur vorzustellen, was für ein
-Wetter erst ausgebrochen wäre, wenn man ihn ernstlich im Trinken hätte
-stören wollen, um die ganze Unbilligkeit und Unvernunft seines Vorwurfs
-zu ermessen. Dergleichen gehört wohl zur Größe. Seine Reisebegleiterin
-ging denn auch drüber hin, indem sie Hans Castorp, der sich erhoben
-hatte, begrüßte, – übrigens ohne ihm die Hand zu reichen, sondern nur
-mit Lächeln und Winken und der Aufforderung, „doch nur ja“ Platz zu
-behalten, sich „doch nur ja nicht“ in seinem _tête à tête_ mit Mynheer
-Peeperkorn stören zu lassen ... Sie machte sich dies und jenes im Zimmer
-zu schaffen, wies den Kammerdiener an, das Kaffeegeschirr fortzuräumen,
-verschwand auf eine Weile und kehrte auf leisen Sohlen wieder, um im
-Stehen sich ein wenig an dem Gespräch zu beteiligen, oder – wenn wir
-Hans Castorps unbestimmten Eindruck wiedergeben sollen – um es ein wenig
-zu überwachen. Natürlich! Sie konnte in Verbindung mit einer
-Persönlichkeit großen Formats wieder nach Haus Berghof zurückkehren;
-aber wenn derjenige, der hier so lange auf sie gewartet hatte, dann der
-Persönlichkeit die schuldige Reverenz erwies, von Mann zu Mann, so legte
-sie Unruhe und selbst Spitzigkeit an den Tag, mit ihrem „doch nur ja“
-und „nur ja nicht“. Hans Castorp lächelte darüber, indem er sich über
-seine Knie beugte, um das Lächeln zu verbergen, und erglühte
-gleichzeitig innerlich vor Freude.
-
-Er bekam ein Glas Wein eingeschenkt von Peeperkorn, aus der Flasche vom
-Nachttisch. Unter Umständen, wie den heutigen, meinte der Holländer, sei
-es das beste, da wieder anzuschließen, wo man nachts zuvor aufgehört
-habe, und dieser Spritzige tue ja dieselben Dienste wie Sodawasser. Er
-stieß mit Hans Castorp an, und dieser sah trinkend zu, wie die
-sommersprossig-nagelspitze Kapitänshand dort drüben, von dem Knopfbunde
-des wollenen Hemdes am Gelenke umspannt, das Glas emporführte, wie die
-breiten, zerrissenen Lippen seinen Rand erfaßten und der Wein durch die
-auf- und niedersteigende Arbeiter- oder Büstengurgel trieb. Sie sprachen
-dann noch über das Medikament auf dem Nachttisch, diesen braunen Saft,
-von dem Peeperkorn auf Frau Chauchats Mahnung und aus ihrer Hand einen
-Löffel voll einnahm, – es war ein Antipyretikum, Chinin im wesentlichen;
-Peeperkorn gab seinem Gast ein wenig davon zu probieren, um ihn den
-charaktervollen, bitter-würzigen Geschmack des Präparats erfahren zu
-lassen, und äußerte dann mehreres zum Lobe des Chinins, das segensreich
-nicht nur durch seine keimzerstörende Wirkung und seinen heilsamen
-Einfluß auf das Wärmezentrum sei, sondern auch als Tonikum gewürdigt
-werden müsse: es vermindere den Eiweißumsatz, fördere den
-Ernährungszustand, kurz, sei ein echter Labetrank, ein herrliches
-Stärkungs-, Erweckungs- und Belebungsmittel, – ein Rauschmittel übrigens
-ebenfalls; man könne sich leicht einen kleinen Spitz oder Zopf daran
-trinken, sagte er, indem er wie gestern mit Fingern und Kopf großartig
-scherzte und wieder dem tanzenden Heidenpriester dabei glich.
-
-Ja, ein herrlicher Körper, die Fieberrinde! – es waren übrigens noch
-keine dreihundert Jahre, daß die Pharmakologie unseres Erdteils Kunde
-davon gewonnen, und noch kein Jahrhundert, daß die Chemie das Alkaloid,
-worauf seine Tugenden eigentlich beruhten, das Chinin also, entdeckt
-hatte – entdeckt und bis zu einem gewissen Grade analysiert; denn daß
-sie aus seiner Konstitution bis jetzt so recht klug geworden wäre oder
-imstande sei, es künstlich herzustellen, konnte die Chemie nicht
-behaupten. Unsere Arzneimittelkunde tat überall gut, sich ihres Wissens
-nicht lästerlich zu überheben, denn wie mit dem Chinin erging es ihr mit
-so manchem: Sie wußte dies und das von der Dynamik, den Wirkungen der
-Stoffe, allein die Frage, worauf denn diese Wirkungen genau genommen
-zurückzuführen seien, setzte sie oft genug in Verlegenheit. Der junge
-Mann mochte sich doch in der Giftkunde umsehen, – über die elementaren
-Eigenschaften, die die Wirkungen der sogenannten Giftstoffe bedingten,
-würde niemand ihm Auskunft geben. Da waren zum Exempel die
-Schlangengifte, – über welche nicht mehr bekannt war, als daß diese
-tierischen Stoffe einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten,
-aus verschiedenen Eiweißkörpern bestünden, die aber nur in dieser
-bestimmten – nämlich durchaus unbestimmten – Zusammensetzung ihre
-fulminanten Wirkungen taten: in den Blutkreislauf gebracht, Effekte
-zeitigten, über die man sich nur verwundern konnte, da man Eiweiß auf
-Gift nicht zu reimen gewohnt war. Aber mit der Welt der Stoffe, sagte
-Peeperkorn, indem er neben seinem blaßäugig vom Kissen aufgerichteten
-Haupt mit den Stirnarabesken den Exaktheitsring und die Lanzen seiner
-Finger emporhielt, – mit den Stoffen stehe es so, daß alle Leben und Tod
-auf einmal bärgen: alle seien Ptisanen und Gifte zugleich,
-Heilmittelkunde und Toxikologie seien ein und dasselbe, an Giften genese
-man, und was für des Lebens Träger gelte, töte unter Umständen mit einem
-einzigen Krampfschlage in Sekundenfrist.
-
-Er sprach sehr eindringlich und ungewöhnlich zusammenhängend von den
-Ptisanen und Giften, und Hans Castorp hörte ihm mit schrägem Kopfe
-nickend zu, beschäftigt weniger mit dem Inhalt seiner Reden, der ihm am
-Herzen zu liegen schien, als mit dem stillen Erkunden seiner
-Persönlichkeitswirkung, die letzten Endes ebenso unerklärlich war wie
-die Wirkung der Schlangengifte. Dynamik, sagte Peeperkorn, sei alles in
-der Welt der Stoffe, – das Weitere sei völlig bedingt. Auch das Chinin
-sei ein Heilgift, kraftvoll in erster Linie. Vier Gramm davon machten
-taub, schwindelig, kurzatmig, brächten Sehstörungen hervor wie Atropin,
-berauschten wie Alkohol, und die Arbeiter in Chininfabriken hätten
-entzündete Augen und geschwollene Lippen, litten an Hautausschlägen. Und
-er fing an, von der Cinchona, dem Chinabaum, zu erzählen, von den
-Urwäldern der Kordilleren, wo er in dreitausend Meter Höhe seine Heimat
-habe, und von wo seine Rinde als „Jesuitenpulver“ so spät nach Spanien
-gekommen sei, – den Eingeborenen Südamerikas in ihren Kräften seit
-langem bekannt; er schilderte die gewaltigen Cinchonaplantagen der
-niederländischen Regierung auf Java, von wo alljährlich viele Millionen
-Pfund der rötlich zimtähnlichen Rindenröhren nach Amsterdam und London
-verschifft würden ... Die Rinden überhaupt, das Rindengewebe der
-Holzgewächse, von der Epidermis bis zum Cambium, – sie hätten es in
-sich, sagte Peeperkorn, fast immer besäßen sie außerordentliche
-dynamische Tugenden, im Guten wie im Bösen, – die Drogenkunde der
-farbigen Völker sei der unsrigen da weit überlegen. Auf einigen Inseln
-östlich von Neuguinea bereiteten sich die jungen Leute einen
-Liebeszauber, indem sie die Rinde eines bestimmten Baumes, der
-wahrscheinlich ein Giftbaum sei, wie der _Antiaris toxicaria_ von Java,
-der gleich dem Manzanillabaum durch seine Ausdünstung die Luft rings um
-sich her vergiften und Mensch und Tier zu Tode betäuben solle, – indem
-sie also die Rinde dieses Baumes zu Pulver zerrieben, das Pulver mit
-Kokosnußschnitzeln vermischten, die Mischung in ein Blatt rollten und
-brieten. Sie spritzten dann den Saft des Gemengsels der Spröden, der es
-gelte, im Schlaf ins Gesicht, und sie entbrenne für den, der gespritzt
-habe. Zuweilen sei es die Wurzelrinde, die es in sich habe, wie
-diejenige einer Schlingpflanze des Malaiischen Archipels, Strychnos
-Tieuté genannt, aus der die Eingeborenen unter Beigabe von Schlangengift
-das Upas-Radscha bereiteten, eine Droge, die, in die Blutbahn gebracht,
-z. B. durch Pfeilschuß, aufs allerschnellste den Tod herbeiführe, ohne
-daß jemand dem jungen Hans Castorp würde zu sagen wissen, wie das
-eigentlich geschähe. Nur so viel sei deutlich, daß das Upas in
-dynamischer Beziehung dem Strychnin nahe stehe ... Und Peeperkorn, im
-Bette nun vollends aufgerichtet und dann und wann mit leicht zitternder
-Kapitänshand das Weinglas zu seinen zerrissenen Lippen führend, um
-große, durstige Züge zu nehmen, erzählte vom Krähenaugenbaum der
-Koromandelküste, aus dessen orangegelben Beeren, den „Krähenaugen“, das
-allerdynamischste Alkaloid, Strychnin geheißen, gewonnen werde, –
-erzählte mit flüsternd herabgesetzter Stimme und hochgezogener
-Stirnlineatur von dem aschgrauen Geäst, dem auffallend glänzenden
-Blätterwerk und den gelbgrünen Blüten dieses Baumes, so daß dem jungen
-Hans Castorp ein zugleich tristes und hysterisch-buntfarbiges Bild von
-einem Baume vor Augen stand und ihm alles in allem etwas unheimlich
-zumute wurde.
-
-Auch mischte denn jetzt Frau Chauchat sich ein, indem sie sagte, es sei
-nicht gut, die Unterhaltung ermüde Peeperkorn, er könne aufs neue Fieber
-davon haben, und wie ungern immer sie die Entrevue unterbreche, so müsse
-sie Hans Castorp nun doch bitten, es für diesmal genug sein zu lassen.
-Das tat er natürlich, aber noch oft, nach einem Quartananfall, saß er in
-den nächsten Monaten an des königlichen Mannes Bett, während Frau
-Chauchat, das Gespräch leicht überwachend oder sich auch mit einigen
-Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und auch in Peeperkorns
-fieberfreien Tagen verbrachte er manche Stunde mit ihm und seiner
-perlengeschmückten Reisebegleiterin. Denn wenn der Holländer nicht
-bettlägerig war, versäumte er selten, nach dem Diner eine kleine,
-wechselnd zusammengesetzte Auswahl der Berghof-Gästeschaft zu Spiel und
-Wein und allerhand weiteren Labungen um sich zu versammeln, sei es im
-Konversationszimmer, wie das erstemal, oder im Restaurant, wobei denn
-Hans Castorp gewohnheitsmäßig seinen Platz zwischen der lässigen Frau
-und dem großartigen Manne hatte; und selbst im Freien bewegte man sich
-miteinander, machte Spaziergänge zusammen, an denen etwa die Herren
-Ferge und Wehsal sich beteiligten und bald auch Settembrini und Naphta,
-die Widersacher im Geiste, denen zu begegnen man nicht hatte verfehlen
-können, und die mit Peeperkorn, wie zugleich denn endlich auch mit
-Clawdia Chauchat bekannt zu machen, Hans Castorp sich geradezu glücklich
-schätzte, – vollständig unbekümmert darum, ob diese Bekanntschaft und
-Verbindung den Disputanten willkommen war oder nicht und in dem stillen
-Vertrauen darauf, daß sie eines pädagogischen Objektes bedurften und
-lieber einen unwillkommenen Anhang in Kauf nehmen, als darauf verzichten
-würden, ihre Gegensätze vor ihm auszutragen.
-
-Er täuschte sich denn auch nicht darin, daß die Mitglieder seines
-buntscheckigen Freundeskreises sich wenigstens daran gewöhnen würden,
-daß sie sich nicht aneinander gewöhnten: Spannungen, Fremdheiten, sogar
-stille Feindseligkeit gab es selbstverständlich genug zwischen ihnen,
-und wir wundern uns selbst, wie es unserem unbedeutenden Helden gelingen
-mochte, sie um sich zusammenzuhalten, – wir erklären es uns mit einer
-gewissen verschmitzten Lebensfreundlichkeit seines Wesens, die ihn alles
-„hörenswert“ finden ließ, und die man Verbindlichkeit selbst in dem
-Sinne nennen könnte, daß sie nicht nur ihm die ungleichartigsten
-Personen und Persönlichkeiten, sondern bis zu einem gewissen Grade sogar
-diese untereinander verband.
-
-Wunderlich hin und her laufende Beziehungen! Es reizt uns, ihre
-verschlungenen Fäden einen Augenblick allgemein sichtbar zu machen, so,
-wie Hans Castorp selbst sie auf diesen Spaziergängen verschmitzten und
-lebensfreundlichen Auges betrachtete. Da war der elende Wehsal, der Frau
-Chauchats schwelend begehrte und Peeperkorn und Hans Castorp niedrig
-verehrte, den einen um der herrschenden Gegenwart, den anderen um der
-Vergangenheit willen. Da war Clawdia Chauchat ihrerseits, die anmutig
-weich schreitende Kranke und Reisende, die Hörige Peeperkorns, und zwar
-gewiß aus Überzeugung, gleichwohl aber immer etwas beunruhigt und
-innerlich spitzig, den Ritter einer fernen Faschingsnacht auf so gutem
-Fuße mit ihrem Gebieter zu sehen. Erinnerte diese Irritation nicht in
-etwas an diejenige, die ihr Verhältnis zu Herrn Settembrini bestimmte?
-Zu diesem Schönredner und Humanisten, den sie nicht leiden konnte und
-den sie hochmütig und unmenschlich nannte? Zu des jungen Hans Castorp
-erzieherischem Freunde, den sie gar zu gern darüber zur Rede gestellt
-hätte, was für Worte es gewesen seien, die er in seinem mediterranen
-Idiom, wovon sie so wenig eine Silbe verstand wie er von dem ihren, nur
-mit weniger sicherer Geringschätzung, dem konvenablen jungen Deutschen
-nachgesandt hatte, diesem hübschen kleinen Bourgeois von guter Familie
-und mit einer feuchten Stelle, als er damals im Begriffe gewesen war,
-sich ihr zu nähern? Hans Castorp, verliebt, wie man zu sagen pflegt
-„über beide Ohren“, doch nicht im vergnügten Sinn dieser Redensart,
-sondern so, wie man liebt, wenn der Fall verboten und unvernünftig liegt
-und sich keine friedlichen kleinen Lieder des Flachlandes darauf singen
-lassen, – arg verliebt also und damit abhängig, unterworfen, leidend und
-dienend, war doch der Mann, in der Sklaverei sich hinlängliche
-Verschmitztheit zu bewahren, um ganz gut zu wissen, welchen Wert seine
-Ergebenheit für die schleichende Kranke mit den bezaubernden
-Tatarenschlitzen etwa haben und behalten mochte: einen Wert, auf den
-sie, wie er bei sich in aller leidenden Unterworfenheit hinzufügte,
-aufmerksam gemacht werden konnte durch das Verhalten Herrn Settembrinis
-zu ihr, das ihren Argwohn nur zu offen bestätigte, nämlich so ablehnend
-war, wie humanistische Höflichkeit es nur irgend gestattete. Das
-Schlimme, oder, in Hans Castorps Augen, eher Vorteilhafte war, daß sie
-in ihren Beziehungen zu Leo Naphta, auf die sie doch Hoffnungen gesetzt,
-die rechte Entschädigung auch nicht fand. Zwar stieß sie hier nicht auf
-jene grundsätzliche Verneinung, die Herr Lodovico ihrem Wesen
-entgegensetzte, und die Gesprächsbedingungen lagen günstiger: sie
-unterhielten sich zuweilen gesondert, Clawdia und der scharfe Kleine,
-über Bücher, über Probleme der politischen Philosophie, in deren
-radikaler Behandlung sie übereinstimmten; und Hans Castorp nahm
-treuherzig teil daran. Aber eine gewisse aristokratische Einschränkung
-des Entgegenkommens, das der Emporkömmling, vorsichtig wie alle
-Emporkömmlinge, ihr bezeigte, mochte ihr doch bemerklich werden; sein
-spanischer Terrorismus stimmte im Grunde mit ihrer türenwerfend
-vagierenden „Mähnschlichkeit“ wenig überein; und hinzu kam als Letztes
-und Feinstes eine leichte, schwer greifbare Gehässigkeit, die sie mit
-weiblichem Spürsinn von seiten _beider_ Widersacher, Settembrinis und
-Naphtas, sich mußte entgegenwehen fühlen (so gut, wie ihr
-Faschingsritter selber sie wehen fühlte), und die ihren Grund in den
-Beziehungen beider zu ihm, Hans Castorp, hatte: die Mißstimmung des
-Erziehers gegen die Frau als störendes und ablenkendes Element, diese
-stille und ursprüngliche Gegnerschaft, die sie vereinigte, weil ihre
-pädagogisch verdichtete Zwietracht sich darin aufhob.
-
-Spielte nicht etwas von dieser Feindseligkeit auch in das Verhalten der
-beiden Dialektiker zu Pieter Peeperkorn hinein? Hans Castorp glaubte es
-zu bemerken, vielleicht weil er es boshafterweise erwartet hatte und im
-ganzen nicht wenig begierig gewesen war, den königlichen Stammler mit
-seinen beiden „Regierungsräten“, wie er sie bei sich manchmal witzweise
-nannte, zusammenzubringen und den Effekt zu studieren. Mynheer wirkte im
-Freien nicht ganz so großartig wie in geschlossenem Raum. Der weiche
-Filzhut, den er tief in die Stirn gerückt trug, und der sein weißes
-Flammenhaar, seine mächtige Stirnlineatur bedeckte, verkleinerte seine
-Züge, ließ sie gleichsam zusammenschrumpfen und setzte selbst seine
-gerötete Nase in ihrer Majestät herab. Auch war sein Gehen weniger gut
-als sein Stehen: Er hatte die Gewohnheit, bei jedem seiner kurzen
-Schritte den ganzen schweren Körper und sogar auch den Kopf etwas
-seitwärts fallen zu lassen nach der Seite des Fußes, den er eben
-vorwärts setzte, was eher gutmütig-greisenhaft als königlich anmutete;
-ging auch meist nicht zu voller Größe aufgerichtet, wie er stand,
-sondern etwas zusammengesunken. Aber auch so noch überragte er Herrn
-Lodovico sowohl wie nun gar den kleinen Naphta um Haupteslänge, – und
-das war es nicht allein, weshalb seine Gegenwart so sehr, vollkommen so
-sehr, wie Hans Castorp es einbildungsweise vorweggenommen, auf die
-Existenz der beiden Politiker drückte.
-
-Das war ein Druck, eine Herabminderung und Beeinträchtigung durch den
-Vergleich, – fühlbar dem durchtriebenen Beobachter, fühlbar aber ohne
-Zweifel auch den Beteiligten, sowohl den schmächtig Überartikulierten
-wie dem großartig Stammelnden. Peeperkorn behandelte Naphta und
-Settembrini überaus höflich und aufmerksam, mit einem Respekt, den Hans
-Castorp ironisch genannt haben würde, wenn ihn nicht volle Einsicht in
-die Unvereinbarkeit dieses Begriffes mit dem des großen Formats daran
-gehindert hätte. Könige kennen keine Ironie, – nicht einmal im Sinn
-eines geraden und klassischen Mittels der Redekunst, geschweige in einem
-verwickelteren Sinn. Und so war es denn eher eine zugleich feine und
-großartige Spötterei zu nennen, was, unter leicht übertriebenem Ernst
-verborgen oder offen zutage liegend, des Holländers Benehmen gegen
-Hansens Freunde kennzeichnete. „Ja – ja – ja –!“ konnte er wohl sagen,
-indem er mit dem Finger nach ihrer Seite drohte, den Kopf mit scherzhaft
-lächelnden zerrissenen Lippen abgewandt. „Das ist – Das sind –. Meine
-Herrschaften, ich lenke Ihre Aufmerksamkeit – – Cerebrum, cerebral,
-verstehen Sie! Nein – nein, perfekt, außerordentlich, das ist, da zeigt
-sich denn doch – –.“ Sie rächten sich, indem sie Blicke tauschten, die
-nach der Begegnung verzweifelt himmelwärts wanderten, und in die sie
-auch Hans Castorp hineinzuziehen trachteten, was er aber ablehnte.
-
-Es kam vor, daß Herr Settembrini den Schüler direkt zur Rede stellte und
-so seine pädagogische Unruhe bekundete.
-
-„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer alter Mann! Was
-finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? Mir steht der Verstand still!
-Alles wäre klar – ohne eben lobenswert zu sein –, wenn Sie ihn in den
-Kauf nähmen, wenn Sie in seiner Gesellschaft nur die seiner
-gegenwärtigen Geliebten suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen,
-daß Sie sich beinahe mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie,
-kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe ...“
-
-Hans Castorp lachte. „Durchaus!“ sagte er. „Perfekt! Es ist nun einmal –
-Erlauben Sie mir – Gut!“ Und er suchte auch Peeperkorns Kulturgebärden
-zu kopieren. „Ja, ja“, lachte er weiter, „Sie finden das dumm, Herr
-Settembrini, und jedenfalls ist es undeutlich, was in Ihren Augen wohl
-schlimmer ist, als dumm. Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene
-Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ...
-Hallo! Da habe ich was geprägt, glaube ich, ein Wort, ein mot. Wie
-gefällt es Ihnen?“
-
-„Sehr gut. Ich sehe erwartungsvoll Ihrer ersten Aphorismensammlung
-entgegen. Vielleicht ist es noch Zeit, Sie zu bitten, daß Sie darin
-gewissen Betrachtungen Rechnung tragen, die wir gelegentlich über das
-menschenfeindliche Wesen des Paradoxons angestellt haben.“
-
-„Soll geschehen, Herr Settembrini. Soll absolut geschehen. Nein, Sie
-sehen mich gar nicht auf der Jagd nach Paradoxen mit meinem _mot_. Es
-war mir nur darum zu tun, auf die großen Schwierigkeiten hinzuweisen,
-die die Bestimmung von ‚Dummheit‘ und ‚Gescheitheit‘ ... bereitet. Also:
-bereitet, nicht wahr? Das ist so schwer auseinander zu halten, das geht
-so sehr ineinander über ... Ich weiß wohl, Sie hassen das mystische
-_guazzabuglio_ und sind für den Wert, das Urteil, das Werturteil, und da
-gebe ich Ihnen ganz recht. Aber das mit der ‚Dummheit‘ und der
-‚Gescheitheit‘, das ist zuweilen ein komplettes Mysterium, und es muß
-doch erlaubt sein, sich um Mysterien zu kümmern, vorausgesetzt, daß das
-ehrliche Bestreben vorhanden ist, ihnen nach Möglichkeit auf den Grund
-zu kommen. Ich frage Sie folgendes. Ich frage Sie: Können Sie leugnen,
-daß er uns alle in die Tasche steckt? Ich drücke es derb aus, und doch
-können Sie es, soviel ich sehe, nicht leugnen. Er steckt uns in die
-Tasche, und irgendwoher kommt ihm das Recht zu, sich über uns lustig zu
-machen. Woher? Wieso? Inwiefern? Natürlich nicht vermöge seiner
-Gescheitheit. Ich gebe zu, daß von Gescheitheit kaum die Rede sein kann.
-Er ist ja vielmehr ein Mann der Undeutlichkeit und des Gefühls,
-das Gefühl ist geradezu seine Puschel, – verzeihen Sie den
-umgangssprachlichen Ausdruck! Ich sage also: Nicht vor Gescheitheit
-steckt er uns in die Tasche, das heißt nicht aus geistigen Gründen, –
-Sie würden sich das verbitten, und wirklich, es scheidet aus. Aber doch
-auch nicht aus körperlichen! Doch nicht seiner Kapitänsschultern wegen,
-in Hinsicht auf rohe Brachialgewalt und weil er jeden von uns mit der
-Faust niederstrecken könnte, – er denkt gar nicht daran, daß er das
-könnte, und wenn er mal daran denkt, so genügen ein paar zivilisierte
-Worte, um ihn zu beschwichtigen ... Also auch nicht aus körperlichen.
-Und doch spielt ganz ohne Zweifel das Körperliche eine Rolle dabei, –
-nicht im brachialen Sinne, sondern in einem andern, im mystischen, –
-sobald das Körperliche eine Rolle spielt, wird die Sache mystisch –; und
-das Körperliche geht ins Geistige über, und umgekehrt, und sind nicht zu
-unterscheiden, und Dummheit und Gescheitheit sind nicht zu
-unterscheiden, aber die Wirkung ist da, das Dynamische, und wir werden
-in die Tasche gesteckt. Und dafür ist uns nur ein Wort an die Hand
-gegeben, und das heißt ‚Persönlichkeit‘. Man braucht es wohl auch
-vernünftigerweise, so, wie wir alle Persönlichkeiten sind, – moralische
-und juristische und was noch für Persönlichkeiten. Aber nicht so ist es
-hier gemeint. Sondern als ein Mysterium, das über Dummheit und
-Gescheitheit hinausliegt, und um das man sich doch muß kümmern dürfen, –
-teils um ihm nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen und teils, soweit
-das nicht möglich ist, um sich daran zu erbauen. Und wenn Sie für Werte
-sind, so ist die Persönlichkeit am Ende doch auch ein positiver Wert,
-sollte ich denken, – positiver als Dummheit und Gescheitheit, im
-höchsten Grade positiv, _absolut_ positiv, wie das Leben, kurzum: ein
-Lebenswert und ganz danach angetan, sich angelegentlich darum zu
-kümmern. Das meinte ich Ihnen erwidern zu sollen auf das, was Sie von
-Dummheit sagten.“
-
-Neuerdings verwirrte und verhaspelte Hans Castorp sich nicht mehr bei
-solchen Expektorationen und blieb nicht stecken. Er sprach seinen Part
-zu Ende, ließ die Stimme sinken, machte Punktum und ging seines Weges
-wie ein Mann, obgleich er noch immer rot dabei wurde und eigentlich
-etwas Furcht hatte vor dem kritischen Schweigen, das seinem Verstummen
-folgen würde, damit er Zeit habe, sich zu schämen. Herr Settembrini ließ
-es walten, dieses Schweigen, und sagte dann:
-
-„Sie leugnen, sich auf der Jagd nach Paradoxen zu befinden. Unterdessen
-wissen Sie genau, daß ich Sie ebenso ungern auf der Jagd nach Mysterien
-sehe. Indem Sie aus der Persönlichkeit ein Geheimnis machen, laufen Sie
-Gefahr, der Götzenanbetung zu verfallen. Sie venerieren eine Maske. Sie
-sehen Mystik, wo es sich um Mystifikation handelt, um eine
-jener betrügerischen Hohlformen, mit denen der Dämon des
-Körperlich-Physiognomischen uns manchmal zu foppen liebt. Sie haben nie
-in Schauspielerkreisen verkehrt? Sie kennen nicht diese Mimenköpfe, in
-denen sich die Züge Julius Cäsars, Goethes und Beethovens vereinigen,
-und deren glückliche Besitzer, sobald sie den Mund auftun, sich als die
-erbärmlichsten Tröpfe unter der Sonne erweisen?“
-
-„Gut, ein Naturspiel“, sagte Hans Castorp. „Aber doch nicht nur ein
-Naturspiel, nicht nur Fopperei. Denn da diese Leute Schauspieler sind,
-müssen sie ja Talent haben, und das Talent ist selbst über Dummheit und
-Gescheitheit hinaus, es ist selbst ein Lebenswert. Mynheer Peeperkorn
-hat auch Talent, sagen Sie, was Sie wollen, und damit steckt er uns in
-die Tasche. Setzen Sie in eine Ecke eines Zimmers Herrn Naphta und
-lassen Sie ihn einen Vortrag über Gregor den Großen und den Gottesstaat
-halten, höchst hörenswert, – und in der andern Ecke steht Peeperkorn mit
-seinem sonderbaren Mund und seinen hochgezogenen Stirnfalten und sagt
-nichts als ‚Durchaus! Erlauben Sie mir – Erledigt!‘ – Sie werden sehen,
-die Leute werden sich um Peeperkorn versammeln, alle um ihn, und Naphta
-wird ganz allein dasitzen mit seiner Gescheitheit und seinem
-Gottesstaat, obgleich er sich dermaßen deutlich ausdrückt, daß es einem
-durch Mark und Pfennig geht, wie Behrens zu sagen pflegt ...“
-
-„Schämen Sie sich der Erfolgsanbetung!“ mahnte ihn Herr Settembrini.
-„_Mundus vult decipi._ Ich verlange nicht, daß man sich um Herrn Naphta
-schart. Er ist ein arger Quertreiber. Aber ich bin geneigt, auf seine
-Seite zu treten angesichts der imaginären Szene, die Sie mit
-tadelnswertem Beifall ausmalen. Verachten Sie nur das Distinkte, Präzise
-und Logische, das human zusammenhängende Wort! Verachten Sie es zu Ehren
-irgendeines Hokuspokus von Andeutung und Gefühlsscharlatanerie, – und
-der Teufel hat Sie schon unbedingt ...“
-
-„Aber ich versichere Sie, er kann oft ganz zusammenhängend sprechen,
-wenn er warm wird“, sagte Hans Castorp. „Er hat mir gelegentlich von
-dynamischen Drogen und asiatischen Giftbäumen erzählt, so interessant,
-daß es fast unheimlich war – das Interessante ist immer etwas unheimlich
-– und interessant war es wieder nicht so sehr an und für sich, als
-eigentlich nur im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeitswirkung: die
-machte es zugleich unheimlich und interessant ...“
-
-„Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In der Tat,
-mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten“, erwiderte Herr
-Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp eilig erklärte, die
-Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung lägen selbstverständlich nach
-einer ganz anderen Seite hin, und es komme niemandem in den Sinn,
-Vergleiche anzustellen, durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde.
-Doch der Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr
-fort:
-
-„Auf jeden Fall müssen Sie erlauben, daß man Ihre Sachlichkeit und
-Gemütsruhe bewundert, Ingenieur. Sie streift ein wenig das Groteske, das
-werden Sie einräumen. Wie schließlich alles steht und liegt ... Dieser
-Ölgötze hat Ihnen Ihre Beatrice weggenommen, – ich nenne die Dinge bei
-ihrem Namen. Und Sie? Es ist beispiellos.“
-
-„Temperamentsunterschiede, Herr Settembrini. Unterschiede in Hinsicht
-auf Hitze und Ritterlichkeit des Geblütes. Natürlich, Sie als Mann des
-Südens, Sie würden wohl Gift und Dolch zu Rate ziehen oder jedenfalls
-die Sache gesellschaftlich-leidenschaftlich gestalten, kurz hahnenmäßig.
-Das wäre gewiß sehr männlich, gesellschaftlich-männlich und galant. Mit
-mir aber ist es was anderes. Ich bin gar nicht männlich auf die Art, daß
-ich im Manne nur das nebenbuhlende Mitmännchen erblicke, – ich bin es
-vielleicht überhaupt nicht, aber bestimmt nicht auf diese Art, die ich
-unwillkürlich ‚gesellschaftlich‘ nenne, ich weiß nicht, warum. Ich frage
-mich in meiner tranigen Brust, ob ich ihm denn was vorzuwerfen habe. Hat
-er mir wissentlich etwas angetan? Aber Beleidigungen müssen mit Absicht
-geschehen, sonst sind sie keine. Und was das ‚antun‘ betrifft, da müßte
-ich mich schon an _sie_ halten, und dazu habe ich auch wieder kein
-Recht, – überhaupt nicht und in Hinsicht auf Peeperkorn noch ganz
-besonders nicht. Denn er ist erstens eine Persönlichkeit, was schon
-allein etwas für Frauen ist, und zweitens ist er kein Zivilist, wie ich,
-sondern eine Art von Militär, wie mein armer Vetter, das heißt: er hat
-einen _point d’honneur_, eine Ehrenpuschel, und das ist das Gefühl, das
-Leben ... Ich schwatze da Unsinn, aber ich will lieber ein bißchen
-faseln und dabei etwas Schwieriges halbwegs ausdrücken, als immer nur
-tadellose Hergebrachtheiten von mir geben, – das ist doch vielleicht
-auch so etwas wie ein militärischer Zug in meinem Charakterbilde, wenn
-ich so sagen darf ...“
-
-„Sagen Sie immerhin so“, nickte Herr Settembrini. „Unbedingt wäre das
-ein Zug, den man loben dürfte. Der Mut der Erkenntnis und des Ausdrucks,
-das ist die Literatur, es ist die Humanität ...“
-
-So kamen sie leidlich voneinander bei solcher Gelegenheit; Herr
-Settembrini gab dem Gespräch versöhnlichen Abschluß, wozu er auch gute
-Gründe hatte. Seine Position dabei war keineswegs so unverletzlich, daß
-es ratsam für ihn gewesen wäre, die Strenge sehr weit zu treiben; ein
-Gespräch, das von Eifersucht handelte, war etwas schlüpfriger Boden für
-ihn; an einem bestimmten Punkte hätte er eigentlich antworten müssen,
-daß, in Anbetracht seiner pädagogischen Ader, sein Verhältnis zum
-Männlichen auch nicht durchaus gesellschaftlich-hahnenmäßiger Art sei,
-weshalb der großmächtige Peeperkorn seine Kreise ebenso störe, wie
-Naphta und Frau Chauchat es täten; und zum Schluß durfte er nicht
-hoffen, seinem Schüler eine Persönlichkeitswirkung und natürliche
-Überlegenheit auszureden, der er selbst sich so wenig, wie sein Partner
-in zerebralen Angelegenheiten, zu entziehen vermochte.
-
-Am besten erging es ihnen, wenn geistige Lüfte wehen, wenn sie
-disputieren – die Aufmerksamkeit der Spazierenden an eine ihrer zugleich
-eleganten und leidenschaftlichen, ihrer akademischen und dabei in einem
-Tonfall, als handele es sich um brennendste Tages- und Lebensfragen,
-geführten Debatten fesseln konnten, deren Kosten sie fast allein
-bestritten, und für deren Dauer das anwesende „Format“ gewissermaßen
-neutralisiert war, da es sie nur mit stirnfaltigem Erstaunen und
-undeutlich-spöttischen Abgerissenheiten begleiten konnte. Allein selbst
-unter diesen Umständen übte es seinen Druck, beschattete das Gespräch,
-so daß es an Glanz zu verlieren schien, entweste es auf irgendeine
-Weise, setzte ihm, allen fühlbar, wenn auch seinerseits sicherlich
-unbewußt, oder Gott weiß in welchem Grade bewußt, etwas entgegen, was
-keiner der beiden Sachen zugute kam und wodurch der Zwist in seiner
-entscheidenden Wichtigkeit verblaßte, ja ihm – wir nehmen Anstand, es zu
-sagen – der Stempel des Müßigen aufgedrückt wurde. Oder, anders
-versucht: die witzige Fehde auf Leben und Tod nahm heimlich, auf
-unterirdische und unbestimmte Weise, beständig Bezug auf das ihr zur
-Seite wandelnde Format und entnervte sich an diesem Magnetismus. Anders
-war dieser geheimnisvolle und für die Disputanten sehr ärgerliche
-Vorgang nicht zu kennzeichnen. Man kann nur sagen, daß es, wenn kein
-Pieter Peeperkorn gewesen wäre, zur Parteinahme weit strenger
-verpflichtet hätte, wie beispielsweise Leo Naphta das erz- und
-grundrevolutionäre Wesen der Kirche gegen die Lehrmeinung Herrn
-Settembrinis verteidigte, welcher in dieser geschichtlichen Macht einzig
-die Schutzherrin finsterer Beharrung und Erhaltung erblicken und alle
-zur Umwälzung und Erneuerung bereite Lebens- und Zukunftsfreundlichkeit
-an die entgegengesetzten, einer ruhmreichen Epoche der Wiedergeburt
-antiker Bildung entstammenden Prinzipien der Aufhellung, der
-Wissenschaft und des Fortschritts gebunden wissen wollte und auf diesem
-Bekenntnis mit schönstem Wurf des Wortes und der Gebärde bestand. Da
-machte denn Naphta, kalt und scharf, sich anheischig, zu zeigen – und
-zeigte es auch fast bis zu blendender Unwidersprechlichkeit –, daß die
-Kirche als Verkörperung der religiös-asketischen Idee, im Innersten weit
-entfernt, Parteigängerin und Stütze dessen zu sein, was bestehen wolle,
-der weltlichen Bildung also, der staatlichen Rechtsordnungen, – vielmehr
-von jeher den radikalsten, den Umsturz mit Stumpf und Stiel auf ihre
-Fahne geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich bewahrenswert
-dünke und von den Matten, den Feigen, den Konservativen, den Bürgern zu
-bewahren versucht werde: Staat und Familie, weltliche Kunst und
-Wissenschaft – sich immer nur in bewußtem oder unbewußtem Widerspruch
-zur religiösen Idee gehalten habe, zur Kirche, deren eingeborene Tendenz
-und unverbrüchliches Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen
-Ordnungen und die Neugestaltung der Gesellschaft nach dem Vorbilde des
-idealen, des kommunistischen Gottesstaates sei.
-
-Das Wort hatte danach Herr Settembrini, und beim Himmel! er wußte etwas
-damit anzufangen. Eine solche Verwechslung des luziferischen
-Revolutionsgedankens mit der Generalrevolte aller schlechten Instinkte,
-sagte er, sei beklagenswert. Die Neuerungsliebe der Kirche habe durch
-die Jahrhunderte darin bestanden, den lebenzeugenden Gedanken zu
-inquirieren, zu erdrosseln, im Rauch ihrer Scheiterhaufen zu ersticken,
-und heute lasse sie sich durch ihre Emissäre für umwälzungsfroh
-erklären, mit der Begründung, ihr Ziel sei es, Freiheit, Bildung und
-Demokratie durch Pöbeldiktatur und Barbarei zu ersetzen. Eh, in der Tat,
-eine schauerliche Art widerspruchsvoller Konsequenz, konsequenten
-Widerspruches ...
-
-An dergleichen Widerspruch und Folgerichtigkeit, entgegnete Naphta,
-lasse sein Gegner es nicht fehlen. Demokrat seiner eigenen Schätzung
-nach, äußere er sich wenig volks- und gleichheitsfreundlich, lege
-vielmehr eine sträfliche aristokratische Hochnäsigkeit zutage, indem er
-das zu stellvertretender Diktatur berufene Weltproletariat als Pöbel
-bezeichne. Aber als Demokrat, in Wahrheit, verhalte er sich offenbar zur
-Kirche, die allerdings, man müsse es auf stolze Art einräumen, die
-vornehmste Macht der Menschheitsgeschichte darstelle, – vornehm im
-letzten und höchsten Verstande, in dem des Geistes. Denn der asketische
-Geist, – wenn es erlaubt sei, in Pleonasmen zu reden – der Geist der
-Weltverneinung und Weltvernichtung sei die Vornehmheit selbst, das
-aristokratische Prinzip in Reinkultur; er könne niemals volkstümlich
-sein, und zu allen Zeiten sei die Kirche im Grunde unpopulär gewesen.
-Ein wenig literarische Bemühung um die Kultur des Mittelalters werde
-Herrn Settembrini dieser Tatsache ansichtig machen, – der derben
-Abneigung, die das Volk – und zwar das Volk im weitesten Sinne – dem
-kirchlichen Wesen entgegengebracht habe, gewisser Mönchsgestalten zum
-Beispiel, die, Erfindungen volkstümlicher Dichterphantasie, dem
-asketischen Gedanken auf bereits recht lutherische Weise Wein, Weib und
-Gesang entgegengestellt hätten. Alle Instinkte weltlichen Heldentums,
-aller Kriegergeist, dazu die höfische Dichtung habe sich in mehr oder
-minder offener Gegenstellung zur religiösen Idee und damit zur
-Hierarchie befunden. Denn das alles sei „Welt“ und Pöbeltum gewesen im
-Vergleich mit dem durch die Kirche dargestellten Adel des Geistes.
-
-Herr Settembrini dankte für die Gedächtnisstärkung. Die Figur des
-Mönches Ilsan aus dem „Rosengarten“ behalte viel Erquickliches gegenüber
-dem hier gepriesenen Grabesaristokratismus, und wenn er, Redner, kein
-Freund des deutschen Reformators sei, auf den eine Anspielung geschehen,
-so finde man ihn doch glühend bereit, alles, was an demokratischem
-Individualismus seiner Lehre zugrunde liege, gegen jederlei
-geistlich-feudale Herrschaftsgelüste über die Persönlichkeit in Schutz
-zu nehmen.
-
-„Ei!“ rief Naphta nun auf einmal. Man wolle der Kirche wohl gar einen
-Mangel an Demokratismus, an Sinn für den Wert der menschlichen
-Persönlichkeit unterstellen? Und die humane Vorurteilslosigkeit des
-kanonischen Rechtes, welches, während das römische die Rechtsfähigkeit
-vom Besitz des Bürgerrechtes abhängig gemacht, das germanische sie an
-Volkszugehörigkeit und persönliche Freiheit gebunden habe, einzig
-kirchliche Gemeinschaft und Rechtgläubigkeit verlangt, sich aller
-staatlichen und gesellschaftlichen Rücksichten entschlagen und die
-Testier- und Sukzessionsfähigkeit von Sklaven, Kriegsgefangenen,
-Unfreien behauptet habe?!
-
-Diese Behauptung, bemerkte Settembrini bissig, sei wohl nicht ohne
-Seitenblick auf die „kanonische Portion“ aufrecht erhalten worden, die
-bei jedem Testament habe abfallen müssen. Im übrigen sprach er von
-„Pfaffendemagogie“, nannte es die Leutseligkeit unbedingter Machtbegier,
-die Unterwelt in Bewegung zu setzen, wenn die Götter begreiflicherweise
-nichts von einem wissen wollten, und meinte, es sei der Kirche offenbar
-auf die Quantität der Seelen mehr angekommen, als auf ihre Qualität, was
-auf tiefe geistige Unvornehmheit schließen lasse.
-
-Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde auf den
-unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht, welcher der Idee von
-der Erblichkeit der Schande zugrunde gelegen habe: der Übertragung
-schwerer Schuld auf die – demokratisch gesprochen – doch unschuldigen
-Nachkommen; die lebenslange Makelhaftigkeit und Rechtlosigkeit
-natürlicher Kinder zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, –
-erstens, weil sein humanes Gefühl sich dagegen empöre, und zweitens,
-weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der
-gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen Kultus des
-Nichts wiedererkenne, der Geist genannt sein wolle, und der die
-eingestandene Unpopularität des asketischen Prinzips als etwas so
-Legitimes, so Heiliges empfinden lasse.
-
-Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell herauslachen zu
-dürfen. Man spreche vom Nihilismus der Kirche! Vom Nihilismus des am
-meisten realistischen Herrschaftssystems der Weltgeschichte! Nie habe
-Herrn Settembrini also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der
-sie der Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger
-Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle und den
-Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Natur allzu streng zu
-begegnen? Auch von dem priesterlich feinen Begriff der Indulgenz habe er
-folglich nie gehört, unter den sogar ein Sakrament, nämlich das der Ehe,
-falle, welches gar kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten,
-sondern nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur
-Einschränkung der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so daß das
-asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, ohne daß
-dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten werde?
-
-Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwahren gegen einen so
-abscheulichen Begriff des „Politischen“, gegen die Gebärde dünkelhafter
-Nachsicht und Klugheit, die der Geist – das, was sich hier Geist nenne –
-sich anmaße gegen sein vermeintlich schuldhaftes und „politisch“ zu
-behandelndes Gegenteil, welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz
-durchaus nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer
-Weltdeutung, die das Universum verteufele, nämlich sowohl das Leben, als
-auch zugleich sein erdünkeltes Gegenteil, den Geist: denn wenn jenes
-böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, es sein! Und er brach
-eine Lanze für die Unschuld der Wollust, – wobei Hans Castorp an sein
-Humanistenstübchen im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der
-Wasserflasche denken mußte, – während Naphta, behauptend, nie könne
-Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts des Geistigen
-gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben, die kirchliche Politik und
-Indulgenz des Geistes als „Liebe“ bestimmte, um den Nihilismus des
-asketischen Prinzips zu widerlegen, – wobei Hans Castorp fand, daß das
-Wort „Liebe“ dem scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu
-Gesichte stehe ...
-
-So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp kannte es. Wir
-haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um zu beobachten, wie,
-beispielsweise, ein solcher peripatetischer Waffengang sich im Schatten
-der nebenherwandelnden Persönlichkeit ausnahm, und auf welche Weise etwa
-diese Gegenwart ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein
-heimlicher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her springenden
-Funken tötete und eine Erinnerung an jenes Gefühl matter Leblosigkeit
-sich aufdrängte, das uns überkommt, wenn eine elektrische Leitung sich
-als kontaktlos erweist. Gut! so war es. Da war kein Knistern zwischen
-den Widersprüchen mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die
-Gegenwart, neutralisiert durch den Geist, wie dieser meinen wollte,
-neutralisierte vielmehr den Geist; Hans Castorp ward es mit Staunen und
-Neugier gewahr.
-
-Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn, man sah ihn
-daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß, mit seinem seitwärts
-nickenden Tritt und den Hut in der Stirn; sah seine breiten,
-unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte ihn sagen, indem er scherzhaft
-mit dem Kopf auf die Disputanten deutete: „Ja – ja – ja! Cerebrum,
-cerebral, verstehen Sie! Das ist – Da zeigt sich denn doch –“: und
-siehe, der Steckkontakt war mausetot! Sie versuchten es zum andern,
-griffen zu stärkeren Beschwörungen, kamen auf das „aristokratische
-Problem“, auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch nahm
-das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp sah Clawdias
-Reisebegleiter unter der rotseidenen Steppdecke im Bette liegen, im
-kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann, halb Königsbüste, – und
-mit mattem Zucken erstarb der Nerv des Streites. Stärkere Spannungen!
-Verneinung hie und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und liebende Neigung
-des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom, wenn man auf
-Mynheer blickte, – was unvermeidlich und kraft geheimer Anziehung
-geschah? Kurzum, sie blieben _aus_, und das war, mit Hansens Wort, nicht
-weniger noch mehr als ein Mysterium. Für seine Aphorismensammlung mochte
-er sich notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten
-ausspricht – oder es unausgesprochen läßt. Um dieses allenfalls
-auszusprechen, durfte man einzig sagen, aber dies geradezu, daß Pieter
-Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske und seinem bitter
-zerrissenen Munde jeweils beides war, daß beides auf ihn zu passen und
-in ihm sich aufzuheben schien, wenn man ihn ansah: dies und jenes, das
-eine und das andre. Ja, dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche
-Zero! Er lähmte den Nerv der Widersprüche nicht durch Verwirrung und
-Quertreiberei, wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er war
-es auf ganz entgegengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde
-Mysterium, das offenkundig nicht über Dummheit und Gescheitheit allein,
-das über soviel andre Oppositionen noch hinaus war, die Settembrini und
-Naphta beschworen, um zu erzieherischem Behufe Hochspannung zu erzeugen.
-Die Persönlichkeit, so schien es, war nicht erzieherisch, – und dennoch,
-welche Chance war sie für einen Bildungsreisenden! Wie seltsam, diese
-Zweideutigkeit von einem König zu betrachten, als die Streiter auf Ehe
-und Sünde kamen, auf das Sakrament der Nachsicht, auf Schuld und
-Unschuld der Wollust! Er neigte das Haupt zur Schulter und Brust, die
-wehen Lippen taten sich voneinander, schlaff-klagend klaffte der Mund,
-die Nüstern spannten und verbreiterten sich wie in Schmerzen, die Falten
-der Stirne stiegen und weiteten die Augen zu blassem Leidensblick, – ein
-Bild der Bitternis. Und siehe, im selben Nu erblühte die Martermiene zur
-Üppigkeit! Die schräge Neigung des Hauptes deutete sich um in
-Schalkheit, die Lippen, noch offen, lächelten unsittsam, das
-sybaritische Grübchen, bekannt von früheren Gelegenheiten, erschien in
-einer Wange, – der tanzende Heidenpriester war da, und während er mit
-dem Kopfe scherzhaft in jene cerebrale Richtung deutete, hörte man ihn
-sagen: „Ei, ja, ja ja – perfekt. Das ist – Das sind – Da zeigt sich nun
-– Das Sakrament der Wollust, verstehen Sie – –“
-
-Dennoch, wie wir sagten, am besten waren Hans Castorps herabgesetzte
-Freunde und Lehrer immer noch daran, wenn sie zanken konnten. Sie waren
-in ihrem Elemente alsdann, während das Format es nicht war, und immerhin
-mochte man verschieden urteilen über die Rolle, die er dabei spielte.
-Ganz zweifellos dagegen gestaltete die Lage sich zu ihrem Nachteil, wenn
-es nicht länger um Witz und Wort und Spiritus, sondern um Sachen, um
-Irden-Praktisches, kurz, um Fragen und Dinge ging, in denen
-Herrschernaturen sich eigentlich bewähren: dann wars um sie geschehen,
-sie traten in den Schatten, wurden unscheinbar, und Peeperkorn ergriff
-das Zepter, bestimmte, entschied, beorderte, bestellte und befahl ...
-Was wunder, daß er nach diesem Zustand trachtete und aus der Logomachie
-in ihn hinüberstrebte? Er litt, solange sie herrschte, oder doch, wenn
-sie lange herrschte; doch nicht aus Eitelkeit litt er unter ihr, – Hans
-Castorp war dessen versichert. Die Eitelkeit hat kein Format, und Größe
-ist nicht eitel. Nein, Peeperkorns Verlangen nach Dinglichkeit entsprang
-aus anderen Gründen: aus „Angst“, ganz grob und plump gesagt, aus jenem
-Pflichteifer und Ehrenraptus, dessen Hans Castorp gegen Herrn
-Settembrini versuchsweise erwähnt und den er als einen gewissermaßen
-militärischen Zug hatte ansprechen wollen.
-
-„Meine Herren –“, sagte der Holländer, indem er die Kapitänshand mit den
-Nagellanzen beschwörend und gebietend erhob. „– Gut, meine Herren,
-perfekt, vortrefflich! Die Askese – die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich
-möchte das – Durchaus! Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben
-Sie mir – Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen
-uns, meine Herrschaften, wir entziehen uns in unverantwortlicher Weise
-den heiligsten –“ Er atmete tief. „Diese Luft, meine Herrschaften, die
-charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit ihrem zart entnervenden,
-ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag von Frühlingsaroma, – wir
-sollten sie nicht einatmen, um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir
-sollten das nicht. Das ist eine Beleidigung. Nur ihr selbst sollten wir
-unsere volle und ganze – oh, unsere höchste und geistesgegenwärtigste –
-Erledigt, meine Herrschaften! Und nur als reine Lobpreisung ihrer
-Eigenschaften sollten wir sie wieder aus unserer Brust – – Ich
-unterbreche mich, meine Herrschaften! Ich unterbreche mich zu Ehren
-dieses –“ Er war stehengeblieben, zurückgebeugt, mit dem Hut die Augen
-beschattend, und alle folgten seinem Beispiel. „Ich lenke“, sagte er,
-„Ihre Aufmerksamkeit in die Höhe, in große Höhe, auf jenen schwarzen,
-kreisenden Punkt dort oben, unter dem außerordentlich blauen, ins
-Schwärzliche spielenden – Das ist ein Raubvogel, ein großer Raubvogel.
-Das ist, wenn mich nicht alles – Meine Herren und Sie, mein Kind, das
-ist ein Adler. Auf ihn lenke ich mit aller Entschiedenheit – Sehen Sie!
-Das ist kein Bussard und kein Geier, – wären Sie so übersichtig, wie ich
-es mit zunehmenden – Ja, mein Kind, gewiß, mit zunehmenden. Mein Haar
-ist bleich, gewiß. So würden Sie so deutlich, wie ich, an der stumpfen
-Rundung der Schwingen – Ein Adler, meine Herrschaften. Ein Steinadler.
-Er kreist gerade über uns im Blauen, schwebt ohne Flügelschlag in
-großartiger Höhe zu unseren – und späht gewiß aus seinen mächtigen,
-weitsichtigen Augen unter den vortretenden Brauenknochen – Der Adler,
-meine Herrschaften, Jupiters Vogel, der König seines Geschlechtes, der
-Leu der Lüfte! Er hat Federhosen und einen Schnabel von Eisen, nur vorne
-plötzlich eisern gekrümmt, und Fänge von ungeheurer Kraft, einwärts
-geschlagene Krallen, die vorderen von der langen rückwärtigen eisern
-umgriffen. Sehen Sie, so!“ Und er versuchte, mit seiner langgenagelten
-Kapitänshand die Adlerklaue darzustellen. „Gevatter, was kreist und
-spähst du!“ wendete er sich wieder nach oben. „Stoß nieder! Schlag ihm
-mit dem Eisenschnabel auf den Kopf und in die Augen, reiß ihm den Bauch
-auf, dem Wesen, das dir Gott – – Perfekt! Erledigt! Deine Fänge müssen
-in Eingeweide verstrickt sein und dein Schnabel triefen von Blut –“
-
-Er war begeistert, und um die Teilnahme der Spaziergänger für Naphtas
-und Settembrinis Antinomien war es getan. Auch wirkte die Erscheinung
-des Adlers noch wortlos nach in den Beschlüssen und Unternehmungen, die
-unter Mynheers Leitung darauf folgten: Es gab Einkehr, es gab ein Essen
-und Trinken, ganz außer der Zeit, jedoch mit einem Appetit, der durch
-das stille Gedenken an den Adler befeuert ward; ein Schmausen und
-Zechen, wie Mynheer es so oft auch außerhalb des Berghofs ins Werk
-setzte, wo es sich eben traf, in „Platz“ und „Dorf“, in einem Wirtshaus
-zu Glaris oder Klosters, wohin man ausflugsweise mit dem Züglein
-gefahren war: Klassische Gaben genoß man unter seiner Herrscherleitung:
-Rahmkaffee mit ländlich Gebackenem oder saftigen Käse auf duftiger
-Alpenbutter, die auch zu heißen, gerösteten Kastanien wundervoll
-mundete, dazu Veltliner Roten, soviel das Herz begehrte; und Peeperkorn
-begleitete das Stegreifmahl mit großen Abgerissenheiten oder forderte
-Anton Karlowitsch Ferge zu reden auf, diesen gutmütigen Dulder, dem
-alles Höhere völlig fremd war, der aber sehr dinghaft von der
-Fabrikation russischer Gummischuhe zu erzählen wußte: Mit Schwefel und
-andren Stoffen versetze man die Gummimasse, und die fertigen, lackierten
-Schuhe würden in einer Hitze von über hundert Grad „vulkanisiert“. Auch
-vom Polarkreis sprach er, denn selbst bis dorthin hatten seine
-Dienstreisen ihn mehrfach geführt: von der Mitternachtssonne und vom
-ewigen Winter am Nordkap. Da sei, sagte er aus seiner knotigen Kehle und
-unter seinem überhängenden Schnurrbart hervor, der Dampfer ganz winzig
-erschienen gegen den ungeheuren Felsen und die stahlgraue Fläche des
-Meeres. Und gelbe Lichtflächen hätten sich am Himmel ausgebreitet, das
-sei das Nordlicht gewesen. Und alles sei ihm, Anton Karlowitsch,
-gespenstisch vorgekommen, die ganze Szenerie und er sich selber mit.
-
-Soweit Herr Ferge, der einzige in der kleinen Gesellschaft, der außer
-allen hin und wieder laufenden Beziehungen stand. Was aber diese betraf,
-so gibt es zwei kurze Unterredungen aufzuzeichnen, zwei wunderliche
-Konversationen unter vier Augen, geführt zu jener Zeit von unserem
-unheldischen Helden mit Clawdia Chauchat und ihrem Reisebegleiter: mit
-jedem einzeln, die eine in der Halle, um eine Abendstunde, während die
-„Störung“ droben im Fieber lag, die andre eines Nachmittags an Mynheers
-Lager ...
-
-Es herrschte Halbdunkel in der Halle an jenem Abend. Die regelmäßige
-Geselligkeit war matt und flüchtig gewesen, und früh hatte die
-Gästeschaft sich zum Spätliegedienst in die Balkonlogen verzogen, soweit
-sie nicht auf kurwidrigen Wegen wandelte, in die Welt hinab, zu Tanz und
-Spiel. Nur eine Lampe brannte irgendwo an der Decke des ausgestorbenen
-Raumes, und auch die anstoßenden Gesellschaftsräume waren kaum erhellt.
-Doch wußte Hans Castorp, daß Frau Chauchat, die das Diner ohne ihren
-Gebieter eingenommen hatte, noch nicht ins erste Stockwerk zurückgekehrt
-war, sondern allein im Schreib- und Lesezimmer verweilte, und darum
-hatte auch er gezögert, hinaufzugehen. Er saß in dem hinteren, durch
-eine flache Stufe erhöhten und durch ein paar weiße Bögen mit
-holzbekleideten Pfeilern vom Hauptraum abgegliederten Teil der Halle,
-saß am Kachelkamin, in solchem Schaukelstuhl wie der, worin Marusja sich
-damals gewiegt, als Joachim sein allereinziges Gespräch mit ihr
-gepflogen, und rauchte eine Zigarette, wie es um diese Stunde hier
-allenfalls statthaft war.
-
-Sie kam, er hörte ihre Schritte, ihr Kleid hinter sich, sie war neben
-ihm, fächelte mit einem Brief, den sie an einer Ecke hielt, in der Luft
-hin und her und sagte mit ihrer Pribislavstimme:
-
-„Der Concierge ist fort. Geben Sie schon ein _timbre poste_!“
-
-Sie trug leichte dunkle Seide diesen Abend, ein Kleid mit rundem
-Halsausschnitt und lockeren Ärmeln, die unten als geknöpfte Manschetten
-knapp um die Handgelenke lagen. Er sah das mit Vorliebe. Sie hatte sich
-mit der Perlenreihe geschmückt, die bleich in der Dämmerung schimmerte.
-Er blickte hinauf in ihr Kirgisengesicht. Er wiederholte:
-
-„_Timbre?_ Ich habe keins.“
-
-„Wie, keins? _Tant pis pour vous._ Nicht in Bereitschaft, einer Dame
-gefällig zu sein?“ Sie warf die Lippen auf und zuckte die Achseln. „Das
-enttäuscht mich. Präzis und zuverlässig solltet Ihr doch sein. Ich habe
-mir eingebildet, Sie hätten in einem Fache Ihres Portefeuilles kleine
-zusammengelegte Bögen von allen Sorten, nach der Wertstaffel geordnet.“
-
-„Nein, wozu?“ sagte er. „Ich schreibe nie Briefe. An wen wohl? Höchst
-selten mal eine Karte, die gleich frankiert ist. An wen sollte ich wohl
-Briefe schreiben? Ich habe niemanden. Ich habe gar keine Fühlung mehr
-mit dem Flachland, die ist mir abhanden gekommen. Wir haben ein Lied in
-unserem Volksliederbuch, worin es heißt: ‚Ich bin der Welt abhanden
-gekommen‘. So steht es mit mir.“
-
-„Nun, dann geben Sie schon wenigstens eine Papyros, verlorener Mensch!“
-sagte sie, indem sie sich ihm gegenüber neben den Kamin auf die mit
-einem leinenen Kissen belegte Bank setzte, ein Bein über das andere
-legte und die Hand ausstreckte. „Es scheint, damit sind Sie versehen.“
-Und sie nahm nachlässig und ohne zu danken aus seiner silbernen Dose die
-Zigarette, die er ihr entgegenschob, und bediente sich an dem
-Taschenfeuerzeug, das er vor ihrem vorgebeugten Gesichte spielen ließ.
-In diesem trägen „Geben Sie schon!“, diesem Nehmen ohne Dank lag
-Üppigkeit der verwöhnten Frau, überdies aber der Sinn menschlicher, oder
-besser gesagt: „mähnschlicher“ Gemeinsamkeit und Besitzgenossenschaft,
-einer wilden und weichen Selbstverständlichkeit des Gebens und Nehmens.
-Er kritisierte es bei sich in verliebtem Sinn. Dann sagte er:
-
-„Ja, damit immer. Damit bin ich allerdings immer versehen. Das muß man
-haben. Wie käme man ohne das wohl aus? Nicht wahr, man nennt das eine
-Leidenschaft, wenn einer so fragt. Ich bin, offen gestanden, gar kein
-leidenschaftlicher Mensch, aber ich habe Leidenschaften, phlegmatische
-Leidenschaften.“
-
-„Es beruhigt mich außerordentlich“, sagte sie, den eingeatmeten Rauch
-heraussprechend, „zu hören, daß Sie kein leidenschaftlicher Mensch sind.
-Übrigens, wie denn auch wohl? Sie müßten aus der Art geschlagen sein.
-Leidenschaft, das ist: um des Lebens willen leben. Aber es ist bekannt,
-daß ihr um des Erlebnisses willen lebt. Leidenschaft, das ist
-Selbstvergessenheit. Aber euch ist es um Selbstbereicherung zu tun.
-_C’est ça._ Sie haben keine Ahnung, daß das abscheulicher Egoismus ist,
-und daß ihr damit eines Tages als Feinde der Menschheit dastehen
-werdet?“
-
-„Hallo, hallo! Gleich Feinde der Menschheit? – Was sagst du da, Clawdia,
-so allgemein? Was hast du Bestimmtes und Persönliches im Sinn, daß du
-sagst, uns sei es nicht um das Leben, sondern um Bereicherung zu tun?
-Ihr Frauen moralisiert doch nicht so ins Blaue hinein. Ach, die Moral,
-weißt du. Die ist ein Streitfall für Naphta und Settembrini. Die fällt
-ins Gebiet der großen Konfusion. Ob einer um seiner selbst willen lebt
-oder um des Lebens willen, das weiß er doch selber nicht, und niemand
-kann es genau und sicher wissen. Ich meine, die Grenze ist fließend. Da
-gibt es egoistische Hingabe und hingebenden Egoismus ... Ich glaube, es
-ist im ganzen, wie es in der Liebe ist. Natürlich ist es wohl
-unmoralisch, daß ich nicht recht darauf achten kann, was du mir sagst
-über Moral, sondern in erster Linie froh bin, daß wir zusammensitzen,
-wie nur einmal bisher und keinmal noch, seit du zurück bist. Und daß ich
-dir sagen kann, wie beispiellos gut dich diese engen Manschetten um
-deine Handgelenke kleiden und diese dünne Seide weit um deine Arme
-herum, – um deine Arme, die ich kenne ...“
-
-„Ich gehe.“
-
-„Geh, bitte, nicht! Ich werde die Umstände berücksichtigen und die
-Persönlichkeiten.“
-
-„Worauf man denn doch wenigstens wird rechnen dürfen bei einem Menschen
-ohne Leidenschaft.“
-
-„Ja, siehst du! Du spottest und schiltst mich aus, wenn ich ... Und du
-willst gehen, wenn ich ...“
-
-„Man ist gebeten, weniger lückenhaft zu sprechen, wenn man verstanden zu
-werden wünscht.“
-
-„Und ich soll also gar nicht, auch kein bißchen teilhaben an deiner
-Übung im Erraten von Lückenhaftigkeiten? Das ist ungerecht, – würde ich
-sagen, wenn ich nicht einsähe, daß es hier nicht um Gerechtigkeit geht
-...“
-
-„Ah, nein. Gerechtigkeit ist eine phlegmatische Leidenschaft. Im
-Gegensatz zur Eifersucht, mit der phlegmatische Leute sich unbedingt
-lächerlich machen würden.“
-
-„Siehst du? Lächerlich. Gönne mir also mein Phlegma! Ich wiederhole: Wie
-käme ich ohne das wohl aus? Wie hätte ich ohne das zum Beispiel das
-Warten aushalten sollen?“
-
-„Bitte?“
-
-„Das Warten auf dich.“
-
-„_Voyons, mon ami._ Ich will mich weiter nicht aufhalten über die Form,
-in der Sie mit närrischer Hartnäckigkeit zu mir reden. Sie werden dessen
-schon müde werden, und schließlich bin ich nicht zimperlich, keine
-entrüstete Bürgersfrau ...“
-
-„Nein, denn du bist krank. Die Krankheit gibt dir Freiheit. Sie macht
-dich – halt, jetzt fällt mir ein Wort ein, das ich noch nie gebraucht
-habe! Sie macht dich genial!“
-
-„Wir wollen über Genie ein andermal reden. Nicht das wollte ich sagen.
-Ich verlange eines. Sie werden nicht fingieren, daß ich mit Ihrem Warten
-– wenn Sie gewartet haben – irgend etwas zu schaffen hätte, daß ich Sie
-dazu ermutigt, es Ihnen auch nur erlaubt hätte. Sie werden mir sofort
-ausdrücklich bestätigen, daß das Gegenteil der Fall ist ...“
-
-„Gern, Clawdia, gewiß. Du hast mich zum Warten nicht aufgefordert, ich
-habe aus freien Stücken gewartet. Ich verstehe vollkommen, daß du
-Gewicht darauf legst ...“
-
-„Sogar Ihre Zugeständnisse haben etwas Impertinentes. Überhaupt sind Sie
-ein impertinenter Mensch, Gott weiß, wieso. Nicht nur im Verkehr mit
-mir, sondern auch sonst. Selbst Ihre Bewunderung, Ihre Unterordnung hat
-etwas Impertinentes. Glauben Sie nicht, daß ich das nicht sehe! Ich
-sollte überhaupt nicht mit Ihnen sprechen deswegen und auch darum nicht,
-weil Sie von Warten zu reden wagen. Es ist unverantwortlich, daß Sie
-noch hier sind. Längst sollten Sie wieder bei Ihrer Arbeit sein, _sur le
-chantier_, oder wo es war ...“
-
-„Jetzt sprichst du ungenial und ganz konventionell, Clawdia. Das ist ja
-nur eine Redensart. Wie Settembrini kannst du es nicht meinen und wie
-denn sonst. Es ist nur so hingesagt, ich kann es nicht ernst nehmen. Ich
-werde nicht wilde Abreise halten, wie mein armer Vetter, der, wie du
-vorhersagtest, gestorben ist, als er versuchte, im Flachlande Dienst zu
-tun, und der es wohl selber wußte, daß er sterben werde, aber lieber
-sterben wollte, als hier weiter Kurdienst machen. Gut, dafür war er
-Soldat. Aber ich bin keiner, ich bin Zivilist, für mich wäre es
-Fahnenflucht, zu tun, wie er, und partout, trotz Radamanths Verbot, im
-Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem Fortschritt dienen zu
-wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit und Untreue gegen die
-Krankheit und das Genie und gegen meine Liebe zu dir, wovon ich alte
-Narben und neue Wunden trage, und gegen deine Arme, die ich kenne, –
-wenn ich auch zugebe, daß es nur im Traume war, in einem genialen Traum,
-daß ich sie kennen lernte, so daß dir selbstverständlich keinerlei
-Konsequenzen und Verpflichtungen und Einschränkungen deiner Freiheit
-daraus erwachsen ...“
-
-Sie lachte, die Zigarette im Munde, daß ihre tatarischen Augen sich
-zusammenzogen, und ließ, gegen die Boiserie zurückgelehnt, die Hände
-neben sich auf die Bank gestützt und ein Bein über das andre geschlagen,
-den Fuß im schwarzen Lackschuh wippen.
-
-„_Quelle générosité! Oh là, là, vraiment_, genau so habe ich mir einen
-_homme de génie_ schon immer vorgestellt, mein armer Kleiner!“
-
-„Laß das gut sein, Clawdia. Ich bin natürlich von Hause aus kein _homme
-de génie_, so wenig wie ich ein Mann von Format bin, du lieber Gott,
-nein. Aber dann bin ich durch Zufall – nenne es Zufall – so hoch
-heraufgetrieben worden in diese genialen Gegenden ... Mit einem Worte,
-du weißt wohl nicht, daß es etwas wie die alchimistisch-hermetische
-Pädagogik gibt, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung
-also, wenn du mich recht verstehen willst. Aber natürlich, ein Stoff,
-der dazu taugen soll, durch äußere Einwirkungen zum Höheren
-hinaufgetrieben und -gezwängt zu werden, der muß es wohl im voraus ein
-bißchen in sich haben. Und was ich in mir hatte, das war, ich weiß es
-genau, daß ich von langer Hand her mit der Krankheit und dem Tode auf
-vertrautem Fuße stand und mir schon als Knabe unvernünftigerweise einen
-Bleistift von dir lieh, wie hier in der Faschingsnacht. Aber die
-unvernünftige Liebe ist genial, denn der Tod, weißt du, ist das geniale
-Prinzip, die _res bina_, der _lapis philosophorum_, und er ist auch das
-pädagogische Prinzip, denn die Liebe zu ihm führt zur Liebe des Lebens
-und des Menschen. So ist es, in meiner Balkonloge ist es mir
-aufgegangen, und ich bin entzückt, daß ich es dir sagen kann. Zum Leben
-gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der
-andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“
-
-„Du bist ein närrischer Philosoph“, sagte sie. „Ich will nicht
-behaupten, daß ich alles verstehe in deinen krausen deutschen Gedanken,
-aber es klingt mähnschlich, was du sagst, und du bist zweifellos ein
-guter Junge. Übrigens hast du dich tatsächlich _en philosophe_ benommen,
-man muß es dir lassen ...“
-
-„Zu sehr _en philosophe_ für deinen Geschmack, Clawdia, nicht?“
-
-„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet hast, war
-dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht böse, weil du umsonst
-gewartet hast?“
-
-„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen von
-phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und hart von dir, daß du
-mit ihm zusammen kamst, denn natürlich wußtest du durch Behrens, daß ich
-hier war und auf dich wartete. Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur
-als eine Traumnacht auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine
-Freiheit zugestehe. Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn
-du bist wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die
-wunderbare Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem Ohr,
-und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die ich kenne, – wenn
-freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber liegt, der große
-Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt hat ...“
-
-„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute Freundschaft
-halten.“
-
-„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat mich deswegen
-gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches Vorurteil. Der
-Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen, er ist ja eine Persönlichkeit!
-Daß er in Jahren ist, – nun ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen,
-wenn du als Frau ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“
-
-„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte sie, indem sie
-ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht für mähnschlich
-halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“
-
-„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo
-ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört. Laß uns doch ruhig von ihm
-reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“
-
-Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich in den Kamin
-zu werfen und saß dann mit verschränkten Armen.
-
-„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz und
-dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du bist der
-Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein Gefühl zwang mich,
-ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn wohl sonst? Urteile selbst!
-Ist es denn mähnschenmöglich, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“
-
-„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war selbstverständlich
-ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es wohl fertigbringen, sich
-über sein Gefühl hinwegzusetzen, über seine Angst um das Gefühl, ihn
-sozusagen in Gethsemane im Stich zu lassen ...“
-
-„Du bist nicht dumm“, sagte sie, und ihre Schrägaugen blickten starr
-versonnen. „Du hast Verstand. Angst um das Gefühl ...“
-
-„Es ist nicht viel Verstand nötig, um zu sehen, daß du ihm folgen
-mußtest, obgleich – oder vielmehr weil – seine Liebe viel Beängstigendes
-haben muß.“
-
-„_C’est exact_ ... Beängstigend. Man hat viel Sorge mit ihm, du weißt,
-viele Schwierigkeiten ...“ Sie hatte seine Hand genommen und spielte
-unbewußt mit ihren Gelenken, blickte aber plötzlich mit
-zusammengezogenen Brauen auf und fragte:
-
-„Halt! Ist es nicht gemein, daß wir über ihn sprechen, wie wir da tun?“
-
-„Gewiß nicht, Clawdia. Nein, weit entfernt. Es ist gewiß nicht mehr als
-menschlich! Du liebst das Wort, du dehnst es so schwärmerisch, ich habe
-es immer mit Interesse aus deinem Munde gehört. Mein Vetter Joachim
-mochte es nicht, aus soldatischen Gründen. Er meinte, es bedeute
-allgemeine Schlappheit und Schlottrigkeit, und so genommen, als
-uferloses guazzabuglio von Duldsamkeit, habe ich auch meine Bedenken
-dagegen, das gebe ich zu. Aber wenn es den Sinn von Freiheit und
-Genialität und Güte hat, dann ist es eben doch eine große Sache damit,
-und wir können es ruhig anführen zugunsten unseres Gesprächs über
-Peeperkorn und die Sorgen und Schwierigkeiten, die er dir macht. Sie
-resultieren natürlich aus seiner Ehrenpuschel, aus seiner Angst vor dem
-Versagen des Gefühls, die ihn die klassischen Hilfs- und Labungsmittel
-so lieben läßt, – wir können in aller Ehrfurcht davon sprechen, denn es
-hat alles Format bei ihm, großartiges Königsformat, und wir erniedrigen
-weder ihn noch uns, wenn wir es menschlich zur Sprache bringen.“
-
-„Es handelt sich nicht um uns“, sagte sie und hatte die Arme wieder
-verschränkt. „Man wäre keine Frau, wenn man nicht um eines Mannes
-willen, eines Mannes von Format, wie du sagst, für den man ein
-Gegenstand des Gefühls und der Angst um das Gefühl ist, auch
-Erniedrigungen in den Kauf nehmen wollte.“
-
-„Unbedingt, Clawdia. Sehr wohl gesprochen. Auch die Erniedrigung hat
-dann Format, und die Frau kann von der Höhe ihrer Erniedrigung herab zu
-denen, die kein Königsformat haben, so geringschätzig sprechen, wie du
-vorhin zu mir in betreff der _timbres poste_, in dem Ton, worin du
-sagtest: ‚Präzis und zuverlässig solltet ihr doch wenigstens sein!‘“
-
-„Du bist empfindlich? Laß das. Wir wollen die Empfindlichkeit zum Teufel
-schicken, – bist du einverstanden? Auch ich bin zuweilen empfindlich
-gewesen, ich will es zugeben, da wir heute abend so beieinander sitzen.
-Ich habe mich geärgert an deinem Phlegma, und daß du dich auf so guten
-Fuß mit ihm stelltest um deines egoistischen Erlebnisses willen. Dennoch
-hat es mich gefreut, und ich war dir dankbar, daß du ihm Ehrfurcht
-erwiesest ... Es war viel Loyalität in deinem Betragen, und wenn auch
-etwas Impertinenz mit unterlief, so mußte ich sie dir am Ende zugute
-halten.“
-
-„Das war sehr gütig von dir.“
-
-Sie sah ihn an. „Es scheint, du bist unverbesserlich. Ich werde dir
-sagen: Du bist ein verschlagener Junge. Ich weiß nicht, ob du Geist
-hast; aber unbedingt besitzest du Verschlagenheit. Gut übrigens, es läßt
-sich damit leben. Es läßt sich Freundschaft damit halten. Wollen wir
-Freundschaft halten, ein Bündnis schließen für ihn, wie man sonst gegen
-jemanden ein Bündnis schließt! Gibst du mir darauf die Hand? Mir ist oft
-bange ... Ich fürchte mich manchmal vor dem Alleinsein mit ihm, dem
-innerlichen Alleinsein, _tu sais_ ... Er ist beängstigend ... Ich
-fürchte zuweilen, es möchte nicht gut ausgehen mit ihm ... Es graut mir
-zuweilen ... Ich wüßte gern einen guten Menschen an meiner Seite ...
-_Enfin_, wenn du es hören willst, ich bin vielleicht deshalb mit ihm
-hierhergekommen ...“
-
-Sie saßen Knie an Knie, er in dem vorwärts gewiegten Stuhl, sie auf der
-Bank. Sie hatte seine Hand gedrückt bei ihren letzten vor seinem Gesicht
-gesprochenen Worten. Er sagte:
-
-„Zu mir? O, das ist schön. O, Clawdia, das ist ganz außerordentlich. Du
-bist mit ihm zu mir gekommen? Und du willst sagen, mein Warten sei dumm
-und unerlaubt und ganz umsonst gewesen? Das wäre im höchsten Grade
-linkisch, wenn ich das Anerbieten deiner Freundschaft nicht zu schätzen
-wüßte, der Freundschaft mit dir für ihn ...“
-
-Da küßte sie ihn auf den Mund. Es war so ein russischer Kuß, von der Art
-derer, die in diesem weiten, seelenvollen Lande getauscht werden an
-hohen christlichen Festen, im Sinne der Liebesbesiegelung. Da aber ein
-notorisch „verschlagener“ junger Mann und eine ebenfalls noch junge,
-reizend schleichende Frau ihn tauschten, so fühlen wir uns, während wir
-davon erzählen, unwillkürlich von ferne an Doktor Krokowskis
-kunstreiche, wenn auch nicht einwandfreie Art erinnert, von der Liebe in
-einem leise schwankenden Sinn zu sprechen, so daß niemand recht sicher
-gewesen war, ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches damit auf
-sich hatte. Machen wir es wie er, oder machten Hans Castorp und Clawdia
-Chauchat es so bei ihrem russischen Kuß? Aber was würde man sagen, wenn
-wir uns schlechthin weigerten, dieser Frage auf den Grund zu gehen?
-Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber – um Hans Castorps
-Redewendung zu wiederholen – „im höchsten Grade linkisch“ und geradezu
-lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe zwischen Frommem und
-Leidenschaftlichem „reinlich“ zu unterscheiden. Was heißt da reinlich!
-Was schwankender Sinn und Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen
-lustig darüber. Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur _ein_
-Wort hat für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was
-man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit in der
-Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich sein in der äußersten
-Frömmigkeit und nicht unfromm in der äußersten Fleischlichkeit, sie ist
-immer sie selbst, als verschlagene Lebensfreundlichkeit wie als höchste
-Passion, sie ist die Sympathie mit dem Organischen, das rührend
-wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten, – Charitas ist gewiß
-noch in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft.
-Schwankender Sinn? Aber man lasse in Gottes Namen den Sinn der Liebe
-doch schwanken! Daß er schwankt, ist Leben und Menschlichkeit, und es
-würde einen durchaus trostlosen Mangel an Verschlagenheit bedeuten, sich
-um sein Schwanken Sorge zu machen.
-
-Während also die Lippen Hans Castorps und Frau Chauchats sich im
-russischen Kusse finden, verdunkeln wir unser kleines Theater zum
-Szenenwechsel. Denn nun handelt es sich um die zweite der beiden
-Unterredungen, deren Mitteilung wir zusicherten, und nach
-Wiederherstellung der Beleuchtung, der trüben Beleuchtung eines zur
-Neige gehenden Frühlingstages, zur Zeit der Schneeschmelze, erblicken
-wir unseren Helden in schon gewohnter Lebenslage am Bette des großen
-Peeperkorn, in ehrerbietig-freundschaftlichem Gespräch mit ihm. Nach dem
-4-Uhr-Tee im Speisesaal, zu dem Frau Chauchat, wie schon zu den drei
-vorhergehenden Mahlzeiten, allein erschienen war, um unmittelbar danach
-einen _shopping_-Gang nach „Platz“ hinunter anzutreten, hatte Hans
-Castorp sich zu einer seiner üblichen Krankenvisiten bei dem Holländer
-melden lassen, teils, um ihm Aufmerksamkeit zu bezeigen und ihn ein
-wenig zu unterhalten, teils, um sich seinerseits an seiner
-Persönlichkeitswirkung zu erbauen, – kurzum, aus lebensvoll schwankenden
-Motiven. Peeperkorn legte den „Telegraaf“ beiseite, warf den Hornzwicker
-darauf, nachdem er ihn sich am Bügel von der Nase gehoben, und reichte
-dem Besucher die Kapitänshand, während seine breiten, zerrissenen Lippen
-sich mit wundem Ausdruck undeutlich regten. Rotwein und Kaffee waren ihm
-wie gewöhnlich zur Hand: das Kaffeegeschirr stand auf dem Stuhle am
-Bett, braun benetzt vom Gebrauch, – Mynheer hatte seinen
-Nachmittagstrank genommen, stark und heiß, mit Zucker und Rahm, wie
-gewöhnlich, und er schwitzte davon. Sein weiß umflammtes Königsgesicht
-war gerötet, und kleine Tropfen standen ihm auf Stirn und Oberlippe.
-
-„Ich schwitze etwas“, sagte er. „Willkommen, junger Mann. Im Gegenteil.
-Nehmen Sie Platz! Das ist ein Zeichen von Schwäche, wenn einem nach
-Einnahme eines warmen Getränkes sogleich – Wollen Sie mir – Ganz recht.
-Das Taschentuch. Ich danke sehr.“ Übrigens verlor sich die Röte bald und
-machte der gelblichen Blässe Platz, die nach einem malignen Anfall des
-großartigen Mannes Gesicht zu bedecken pflegte. Das Quartanfieber war
-stark gewesen diesen Vormittag, in allen drei Stadien, dem kalten, dem
-glühenden und dem feuchten, und Peeperkorns kleine, blasse Augen
-blickten matt unter der idolhaften Stirnlineatur. Er sagte:
-
-„Es ist – durchaus, junger Mann. Ich möchte durchaus das Wort
-‚anerkennenswert‘ – Absolut. Es ist sehr freundlich von Ihnen, einen
-kranken alten Mann –“
-
-„Zu besuchen?“ fragte Hans Castorp ... „Nicht doch, Mynheer Peeperkorn.
-Ich bin es, der sehr dankbar zu sein hat, daß ich ein bißchen hier
-sitzen darf, ich habe ja unvergleichlich viel mehr davon, als Sie, ich
-komme aus rein egoistischen Gründen. Und was ist denn das für eine
-irreführende Bezeichnung für Ihre Person, – ‚ein kranker alter Mann‘.
-Kein Mensch würde darauf kommen, daß _Sie_ das sein sollen. Es gibt ja
-ein völlig falsches Bild.“
-
-„Gut, gut“, erwiderte Mynheer und schloß für einige Sekunden die Augen,
-das majestätische Haupt mit erhobenem Kinn ins Kissen zurückgelehnt, die
-langgenagelten Finger auf der breiten Königsbrust gefaltet, die sich
-unter dem Trikothemd abzeichnete. „Es ist gut, junger Mann, oder
-vielmehr, Sie meinen es gut, ich bin überzeugt davon. Es war angenehm
-gestern nachmittag – jawohl, noch gestern nachmittag – an jenem
-gastlichen Ort – ich habe seinen Namen vergessen –, wo wir die
-vortreffliche Salamiwurst mit Rühreiern und diesen gesunden Landwein –“
-
-„Großartig war es!“ bestätigte Hans Castorp. „Wir haben es uns alle ganz
-unerlaubt schmecken lassen, – der Küchenchef hier vom Berghof wäre mit
-Recht beleidigt gewesen, wenn er’s gesehen hätte, – kurzum, wir waren
-ohne Ausnahme intensiv bei der Sache! Das war Salami von echtem Schrot
-und Korn, Herr Settembrini war ganz gerührt davon, er aß sie sozusagen
-mit feuchten Augen. Er ist ja ein Patriot, wie Sie wissen werden, ein
-demokratischer Patriot. Er hat seine Bürgerpike am Altar der Menschheit
-geweiht, damit die Salami in Zukunft an der Brennergrenze verzollt
-werde.“
-
-„Das ist unwesentlich“, erklärte Peeperkorn. „Er ist ein ritterlicher
-und heiter gesprächiger Mann, ein Kavalier, obgleich es ihm offenbar
-nicht vergönnt ist, häufig seine Kleidung zu wechseln.“
-
-„Überhaupt nicht!“ sagte Hans Castorp. „Überhaupt nicht vergönnt! Ich
-kenne ihn nun schon lange Zeit und bin sehr befreundet mit ihm, das
-heißt, er hat sich meiner aufs dankenswerteste angenommen, weil er
-nämlich fand, ich wäre ein ‚Sorgenkind des Lebens‘ – das ist so eine
-Redewendung zwischen uns, der Ausdruck ist nicht ohne weiteres
-verständlich – und sich die Mühe gibt, berichtigend auf mich
-einzuwirken. Aber nie habe ich ihn anders gesehen, weder im Sommer noch
-im Winter, als in den gewürfelten Hosen und dem faserigen Doppelreiher,
-er trägt die alten Sachen übrigens mit hervorragendem Anstand, durchaus
-kavaliermäßig, da stimme ich Ihnen entschieden zu. Es ist ein Triumph
-über die Ärmlichkeit, wie er sie trägt, und mir ist diese Ärmlichkeit
-sogar lieber als die Eleganz des kleinen Naphta, bei der einem nie recht
-geheuer ist, sie ist sozusagen des Teufels, und die Mittel dazu bezieht
-er hintenherum, – ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse.“
-
-„Ein ritterlicher und heiterer Mann,“ wiederholte Peeperkorn, ohne auf
-die Bemerkung über Naphta einzugehen, „wenn auch – erlauben Sie mir
-diese Einschränkung – wenn auch nicht ohne Vorurteile. Madame, meine
-Reisebegleiterin, schätzt ihn nicht sonderlich, wie Sie vielleicht
-bemerkt haben werden; sie äußert sich ohne Sympathie über ihn,
-zweifellos weil sie derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie
-– Kein Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini und
-Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt! Ich denke
-nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte jener Artigkeit, die
-ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber Freund, durchaus einwandfrei!
-Allein es ist da doch eine Grenze, eine Zurückhaltung, eine gewisse
-Re–ku–sa–tion, die Madames Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade
-–“
-
-„Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade rechtfertigt.
-Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigenmächtig Ihren Satz
-beende. Ich kann es riskieren in dem Bewußtsein völligen
-Einverständnisses mit Ihnen. Besonders wenn man in Anschlag bringt, wie
-sehr die Frauen – Sie mögen lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so
-allgemein von den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum
-Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu ihnen, – so gibt es
-da nichts zu verwundern. Die Frauen, so möchte ich mich ausdrücken, sind
-reaktive Geschöpfe, ohne selbständige Initiative, lässig im Sinne von
-passiv ... Lassen Sie mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter
-auszuführen versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte,
-betrachtet sich in Liebesangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie
-läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird zum
-wählenden Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des Mannes, und auch
-dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen, ist ihre Wahlfreiheit –
-vorausgesetzt nur eben, daß es sich nicht um eine gar zu betrübte Seele
-von Mann handelt, aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung
-gelten – ist also ihre Wahlfreiheit sehr beeinträchtigt und bestochen
-durch die Tatsache, _daß_ sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden
-Abgeschmacktheiten sein, was ich da äußere, aber wenn man jung ist, so
-ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich. Sie fragen eine
-Frau: ‚Liebst du ihn denn?‘ ‚Er liebt mich so sehr!‘ antwortet sie Ihnen
-mit Augenaufschlag oder auch -niederschlag. Nun stellen Sie sich eine
-solche Antwort im Munde von unsereinem vor – verzeihen Sie die
-Zusammenziehung! Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten,
-aber sie sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um
-mich epigrammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von welcher
-Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich zeugt. Findet die
-Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Ergebenheit schuldet, der ein so
-niederes Wesen wie sie mit seiner Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie
-in der Liebe des Mannes zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner
-Vorzüglichkeit. Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläufig
-hier und da einmal gefragt.“
-
-„Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann, mit Ihrem
-gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenheiten“, erwiderte Peeperkorn.
-„Den Mann berauscht seine Begierde, das Weib verlangt und gewärtigt, von
-seiner Begierde berauscht zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum
-Gefühl. Daher die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der
-Ohnmacht, das Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein
-mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe dieses Tages
-war erheblich.“
-
-„Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar nicht meine
-Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken bin ich immer
-bereit.“
-
-„So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. Ich greife
-aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man tritt diesem kleinen
-Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus schlichtem Gefäße –“ Er schenkte
-ein, unter Beihilfe seines Gastes, mit leicht zitternder Kapitänshand,
-und goß durstig den Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine
-Büstengurgel, genau, als ob es klares Wasser wäre.
-
-„Das labt“, sagte er. „Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben Sie, daß
-ich mir noch einmal –“ Er verschüttete etwas Wein beim abermaligen
-Einschenken. Das Einschlaglaken seiner Decke war dunkelrot befleckt.
-„Ich wiederhole“, sagte er mit erhobener Fingerlanze, während in seiner
-anderen Hand das Weinglas zitterte, „ich wiederhole: daher unsere
-Verpflichtung, unsere _religiöse_ Verpflichtung zum Gefühl. Unser
-Gefühl, verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt. Das
-Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit mit dem
-göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann, ist göttlich. Der
-Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das Gefühl Gottes. Gott
-schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ,
-durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben
-vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist
-die Niederlage von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein
-unausdenkbares Entsetzen –“ Er trank.
-
-„Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer Peeperkorn“,
-sagte Hans Castorp. „Ich folge Ihrem Gedankengang zu meiner größten
-Belehrung. Sie entwickeln da eine theologische Theorie, mit der Sie dem
-Menschen eine höchst ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige
-religiöse Funktion zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken
-erlauben darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungsweise, die
-ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse Strenge ist
-natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates. Ich denke nicht
-daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern ich möchte nur einlenkend auf
-Ihre Äußerung über gewisse ‚Vorurteile‘ zurückkommen, die nach Ihrer
-Beobachtung Herr Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin,
-entgegenbringt. Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr
-und Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß seine
-Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall kleinlichen
-und spießbürgerlichen Charakters sind, – lächerlich, so etwas zu denken.
-Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile von größerem Stil und
-also unpersönlicher Art handeln, um allgemein pädagogische Prinzipien,
-bei deren Geltendmachung Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner
-Eigenschaft als ‚Sorgenkind des Lebens‘ – Aber das führt zu weit. Es ist
-eine überaus weitläufige Angelegenheit, die ich unmöglich in zwei Worten
-–“
-
-„Und Sie lieben Madame?“ fragte Mynheer plötzlich und wandte dem
-Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrissenen Munde und den
-kleinen blassen Augen unter dem Stirnarabeskenwerk zu ... Hans Castorp
-erschrak. Er stammelte:
-
-„Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbstverständlich
-schon in ihrer Eigenschaft als –“
-
-„Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurückdämmender
-Kulturgebärde die Hand ausstreckte. „Lassen Sie mich,“ fuhr er fort,
-nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen für das, was er zu sagen
-hatte, „lassen Sie mich wiederholen, daß ich weit von dem Vorwurf
-entfernt bin, dieser italienische Herr habe sich je eines wirklichen
-Verstoßes gegen die Gebote der Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen
-niemanden diesen Vorwurf, gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im
-gegenwärtigen Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann.
-Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein Zweifel; es
-gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl sage ich mir –
-Ich sage mir kurz und gut: Ihre Bekanntschaft mit Madame ist älter, als
-die unsrige. Sie haben schon ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit
-ihr geteilt. Außerdem ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften,
-und ich bin nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich
-unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein und ohne
-Begleitung hinab in den Kurort – Kein Unglück! Bei weitem nicht! Nur
-wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß der – wie sagten Sie – der
-pädagogischen Prinzipien Signor Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem
-ritterlichen Antriebe – Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ...“
-
-„Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und gar nicht. Ich
-handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat mich Herr Settembrini sogar
-gelegentlich – – Ich sehe da zu meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem
-Laken, Mynheer Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf
-zu schütten, solange sie frisch waren –“
-
-„Das ist unwesentlich“, sprach Peeperkorn, indem er seinen Gast im Auge
-behielt.
-
-Hans Castorp verfärbte sich.
-
-„Die Dinge“, sagte er mit falschem Lächeln, „liegen hier doch etwas
-anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken, ist
-nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der Kranke, ob Mann oder
-Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit treten dagegen zurück. Sie
-sind vorübergehend unpäßlich, Mynheer Peeperkorn, – eine akute
-Unpäßlichkeit, eine Unpäßlichkeit von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin
-ist vergleichsweise gesund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu
-handeln, wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen
-vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha, ha: –
-statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine Begleitung in den
-Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch wohl dazu, Ihrer
-Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen? Dazu habe ich gar
-keinen Rechtstitel und kein Mandat. Ich darf sagen, daß ich viel Sinn
-für positive Rechtsverhältnisse habe. Kurzum, meine Situation, finde
-ich, ist korrekt, sie entspricht der allgemeinen Sachlage, sie
-entspricht namentlich meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person,
-Mynheer Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn Sie
-richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort erteilt
-zu haben.“
-
-„Eine sehr angenehme“, erwiderte Peeperkorn. „Ich lausche mit
-unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort, junger Mann. Es
-springt über Stock und Stein und rundet die Dinge zur Annehmlichkeit.
-Allein befriedigend, – nein. Ihre Antwort befriedigt mich nicht ganz, –
-verzeihen Sie, wenn ich Ihnen damit eine Enttäuschung bereite.
-‚Rigoros‘, lieber Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf
-gewisse von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen
-liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit, die mir
-mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen scheint, obgleich sie mir aus
-Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung bekannt ist. Ich erkenne sie
-wieder. Es ist die nämliche Gezwungenheit, die Sie bei unseren
-gemeinsamen Unternehmungen, unseren Spaziergängen gegen Madame – gegen
-sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine Erklärung –
-das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger Mann. Ich irre mich
-nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu oft bestätigt, und es ist
-unwahrscheinlich, daß sie sich nicht auch anderen aufgedrängt haben
-sollte, mit dem Unterschiede, daß diese anderen sich möglicherweise, ja
-wahrscheinlich im Besitz der Erklärung des Phänomens befinden.“
-
-Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlossenem Stil heute
-nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den malignen Anfall. Es
-fehlte fast jede Abgerissenheit. Im Bette halb sitzend, die mächtigen
-Schultern, das großartige Haupt gegen den Besucher gewandt, hielt er den
-einen Arm über der Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige
-Kapitänshand, aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den von
-den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein Mund die Worte
-so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie Herr Settembrini es nur
-hätte wünschen können, mit gerolltem Kehl-r in Wörtern wie
-„wahrscheinlich“ und „aufgedrängt“.
-
-„Sie lächeln,“ fuhr er fort, „Sie drehen blinzelnd den Kopf hin und her,
-Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens zu befleißigen.
-Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen, was ich meine, und um
-was es sich handelt. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht zuweilen das Wort
-an Madame richteten oder ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die
-Unterhaltung das Umgekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es
-geschieht mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen,
-einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht, dem Vermeiden _einer_
-Form. Man hat, soweit Sie in Frage kommen, den Eindruck, als handelte es
-sich um eine Wette, als hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen
-und dürften sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen.
-Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden. Sie sagen
-nicht ‚Sie‘ zu ihr.“
-
-„Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ...“
-
-„Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst nicht unkund
-sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind bis in die Lippen
-hinein.“
-
-Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich beschäftigte
-er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. „Dahin mußte es kommen!“
-dachte er. „Darauf wollte es hinaus. Ich habe, glaube ich, selber das
-meine getan, damit es darauf hinausliefe. Ich habe es in gewissem Grade
-darauf angelegt, wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich
-wahrhaftig so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf
-Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann ich noch lügen?
-Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich bleibe vorderhand bei
-diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier im Laken.“
-
-Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei oder drei
-Minuten lang, – sie gab zu bemerken, welche Ausdehnung diese winzigen
-Einheiten unter solchen Umständen gewinnen können.
-
-Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete.
-
-„Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft gebracht
-hatte“, begann er in singendem Ton und ließ am Schlusse die Stimme
-sinken, als sei das der erste Satz einer längeren Erzählung. „Wir hatten
-ein kleines Fest gefeiert, Speise und Trank genossen, und in gehobener
-Stimmung, in menschlich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu
-vorgerückter Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da geschah es, hier
-vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung kam, die
-Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten mit den Lippen die Stirn der
-Frau berühren, die Sie mir als einen guten Freund von früherem
-Aufenthalte her vorgestellt hatte, und es ihr anheimzugeben, diese
-feierlich-heitere Handlung zum Zeichen der erhöhten Stunde vor meinen
-Augen zu erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen sie
-mit der Begründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit meiner
-Reisebegleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden nicht bestreiten,
-daß das eine Erläuterung war, die selbst der Erklärung bedurft hätte,
-einer Erklärung, die Sie mir bis zur Stunde schuldig geblieben sind.
-Sind Sie gewillt, diese Schuld jetzt abzutragen?“
-
-„So, das hat er also auch gemerkt“, dachte Hans Castorp und wandte sich
-noch näher den Weinflecken zu, indem er mit der gekrümmten Spitze des
-Mittelfingers an einem davon kratzte. „Im Grunde wollte ich wohl damals,
-daß er es merkte und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber
-was nun? Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller
-vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach seiner Faust
-umzusehen, die möglicherweise schon über mir schwebt? Eine
-hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage, in der ich mich da
-befinde!“
-
-Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand
-Peeperkorns umfaßt.
-
-„Jetzt faßt er mich am Handgelenk!“ dachte er. „Na, lächerlich, was
-sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich schuldhaft
-vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der Mann in Daghestan sich
-zu beklagen. Und dann dieser und jener. Und dann ich. Und _er_ hat sich
-meines Wissens überhaupt noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also
-das Herz? Es ist hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und ihm frank, wenn
-auch ehrerbietig in das großmächtige Antlitz blicke!“
-
-So tat er. Das großmächtige Antlitz war gelb, die Augen blickten blaß
-unter angezogener Stirnlineatur, der Ausdruck der zerrissenen Lippen war
-bitter. Sie lasen einer in des anderen Augen, der große alte und der
-unbedeutende junge Mann, indem der eine fortfuhr, den anderen am
-Handgelenk zu halten. Endlich sprach Peeperkorn leise:
-
-„Sie waren Clawdias Geliebter bei ihrem vorigen Aufenthalt.“
-
-Hans Castorp ließ noch einmal den Kopf sinken, richtete ihn aber gleich
-wieder auf und sagte nach einem tiefen Atemzug:
-
-„Mynheer Peeperkorn! Es widersteht mir im höchsten Grade, Sie zu
-belügen, und ich suche nach einer Möglichkeit, das zu vermeiden. Es ist
-nicht leicht. Ich prahle, wenn ich Ihre Feststellung bestätige, und ich
-lüge, wenn ich sie leugne. Das ist so zu verstehen. Ich habe lange Zeit,
-sehr lange Zeit mit Clawdia – verzeihen Sie – mit Ihrer gegenwärtigen
-Reisebegleiterin zusammen in diesem Hause gelebt, ohne sie
-gesellschaftlich zu kennen. Das Gesellschaftliche schied aus in unseren
-Beziehungen oder in meinen Beziehungen zu ihr, von denen ich sagen will,
-daß ihr Ursprung im Dunklen liegt. Ich habe Clawdia in meinen Gedanken
-nie anders als Du genannt und auch in Wirklichkeit nie anders. Denn der
-Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln, von denen schon kurz die
-Rede war, abstreifte und mich ihr näherte – unter einem Vorwand, der mir
-von früher her nahe lag –, war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend,
-ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in dessen Verlauf das Du
-auf traumhafte und unverantwortliche Weise vollen Sinn gewann. Er war
-aber zugleich der Vorabend von Clawdias Abreise.“
-
-„Vollen Sinn“, wiederholte Peeperkorn. „Sie haben das sehr artig –“ Er
-ließ Hans Castorp los und begann, sich mit den Flächen seiner
-langnägeligen Kapitänshände beide Gesichtshälften zu massieren,
-Augenhöhlen, Wangen und Kinn. Dann faltete er die Hände auf dem
-weinbesudelten Laken und legte den Kopf auf die Seite, die linke Seite,
-gegen den Gast hin, so daß es einem Abwenden des Gesichtes gleichkam.
-
-„Ich habe Ihnen so richtig wie möglich geantwortet, Mynheer Peeperkorn,“
-sagte Hans Castorp, „und mich gewissenhaft bemüht, weder zuviel noch
-zuwenig zu sagen. Es kam mir vor allem darauf an, Sie bemerken zu
-lassen, daß es gewissermaßen freisteht, jenen Abend des vollen Du und
-des Abschieds mitzählen zu lassen oder nicht, – daß er ein aus aller
-Ordnung und beinahe aus dem Kalender fallender Abend war, ein _hors
-d’œuvre_, sozusagen, ein Extraabend, ein Schaltabend, der
-neunundzwanzigste Februar, – und daß es also nur eine halbe Lüge gewesen
-wäre, wenn ich Ihre Feststellung geleugnet hätte.“
-
-Peeperkorn antwortete nicht.
-
-„Ich habe es vorgezogen,“ fing Hans Castorp nach einer Pause wieder an,
-„Ihnen die Wahrheit zu sagen auf die Gefahr hin, dadurch Ihres
-Wohlwollens verlustig zu gehen, was, ganz offen gestanden, ein
-empfindlicher Verlust für mich wäre, ich kann wohl sagen: ein Schlag,
-ein wirklicher Schlag, den man wohl in Vergleich stellen könnte mit dem
-Schlag, den es für mich bedeutete, als Frau Chauchat nicht allein,
-sondern als Ihre Reisebegleiterin hier wieder eintraf. Ich habe es auf
-diese Gefahr ankommen lassen, weil es längst mein Wunsch gewesen ist,
-daß Klarheit zwischen uns – zwischen Ihnen, dem ich so außerordentlich
-verehrungsvolle Empfindungen entgegenbringe, und mir herrschen möge, –
-das schien mir schöner und menschlicher – Sie wissen, wie Clawdia das
-Wort ausspricht mit ihrer zauberhaft belegten Stimme, so reizend gedehnt
-–, als Verschwiegenheit und Verstellung, und insofern ist mir ein Stein
-vom Herzen gefallen, als Sie vorhin Ihre Feststellung machten.“
-
-Keine Antwort.
-
-„Noch eins, Mynheer Peeperkorn“, fuhr Hans Castorp fort. „Noch eins ließ
-mich wünschen, Ihnen reinen Wein einschenken zu dürfen, nämlich die
-persönliche Erfahrung, wie irritierend die Unsicherheit, das
-Angewiesensein auf halbe Vermutungen in dieser Richtung wirken kann.
-_Sie_ wissen nun, wer es war, mit dem Clawdia, bevor das gegenwärtige
-positive Rechtsverhältnis sich herstellte, das nicht zu respektieren
-natürlich ausgemachter Wahnsinn wäre, einen – einen neunundzwanzigsten
-Februar erlebt, verbracht, begangen – also begangen hat. Ich habe für
-mein Teil diese Klarheit nie gewinnen können, obgleich ich mir klar
-darüber war, daß jeder, der in die Lage kommt, darüber nachzudenken, mit
-solchen Vorgängen, ich meine eigentlich Vorgängern, rechnen muß, und
-obgleich ich ferner wußte, daß Hofrat Behrens, der, wie Sie vielleicht
-wissen, in Öl dilettiert, im Laufe vieler Sitzungen ein hervorragendes
-Porträt von ihr angefertigt hatte, von einer Anschaulichkeit in der
-Wiedergabe der Haut, die unter uns gesagt zu starkem Stutzen Anlaß gibt.
-Das hat mir viel Qual und Kopfzerbrechen verursacht und tut es noch
-heute.“
-
-„Sie lieben sie noch?“ fragte Peeperkorn, ohne seine Stellung zu
-verändern, das heißt: mit abgewandtem Gesicht ... Das große Zimmer sank
-mehr und mehr in Dämmerung.
-
-„Entschuldigen Sie, Mynheer Peeperkorn,“ antwortete Hans Castorp, „aber
-meine Empfindungen für Sie, Empfindungen größter Hochachtung und
-Bewunderung, würden es mir nicht als schicklich erscheinen lassen, Ihnen
-von meinen Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin zu sprechen.“
-
-„Und teilt sie“, fragte Peeperkorn mit stiller Stimme, „diese
-Empfindungen auch heute noch?“
-
-„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht, daß sie sie
-jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir haben diesen
-Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir von der reaktiven Natur
-der Frauen sprachen. An mir ist natürlich nicht viel zu lieben. Was habe
-denn ich für ein Format, – urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem –
-einem neunundzwanzigsten Februar kommen konnte, so ist das einzig und
-allein der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes
-zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch und
-geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen ‚Mann‘ nenne, aber Clawdia
-ist jedenfalls eine Frau.“
-
-„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen Lippen.
-
-„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte Hans Castorp,
-„und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach schon manches liebe Mal
-getan hat, – darüber muß jeder sich klar sein, der in die Lage kommt –“
-
-„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber mit einer Gebärde
-der flachen Hand gegen seinen Unterredner. „Sollte es nicht gemein sein,
-daß wir so über sie sprechen?“
-
-„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie völlig
-beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen die Rede, – das
-Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und der Genialität genommen, –
-verzeihen Sie den möglicherweise etwas geschraubten Ausdruck, aber der
-Bedarfsfall brachte mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“
-
-„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise.
-
-Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles am Bette
-sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt, die Hände zwischen
-den Knien.
-
-„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der Mann hinter
-dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie einen Mann hinter dem
-Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit und Genialität, sei es aus
-Stumpfheit, sei es aus Intelligenz, ich kenne den Burschen nicht.
-Jedenfalls tut er wohl daran, sie ihr zu bewilligen, denn es ist die
-Krankheit, die sie ihr verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem
-sie untersteht, und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem
-Beispiel zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch
-vorwärts ...“
-
-„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte ihm das Antlitz
-zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die Augen blickten bleich und
-matt unter der idolhaften Stirnlineatur, der große, zerrissene Mund
-stand halb geöffnet wie bei einer tragischen Maske.
-
-„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden, „daß es sich um
-mich handle. Meine Worte bezwecken, daß _Sie_ sich nicht beklagen,
-Mynheer Peeperkorn, und mir nicht um früherer Vorkommnisse willen Ihr
-Wohlwollen entziehen. Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“
-
-„Dessen ungeachtet“, sagte Peeperkorn, „muß es ein großer Schmerz
-gewesen sein, den ich Ihnen unwissentlich zugefügt habe.“
-
-„Wenn das eine Frage ist“, versetzte Hans Castorp, „und wenn ich sie
-bejahe, so soll das vor allen Dingen nicht heißen, daß ich den enormen
-Vorzug Ihrer Bekanntschaft nicht zu schätzen wüßte, denn dieser Vorzug
-ist ja mit der Enttäuschung, von der Sie sprechen, untrennbar
-verbunden.“
-
-„Ich danke, junger Mann, ich danke. Ich schätze die Artigkeit Ihres
-kleinen Wortes. Allein von unserer Bekanntschaft abgesehen –“
-
-„Es ist schwer, davon abzusehen,“ sagte Hans Castorp, „und es empfiehlt
-sich für mich auch gar nicht, davon abzusehen, um Ihre Frage in aller
-Anspruchslosigkeit zu bejahen. Denn daß es eine Persönlichkeit Ihres
-Formates war, in deren Begleitung Clawdia zurückkehrte, konnte das
-Ungemach, das für mich darin lag, daß sie überhaupt in Begleitung eines
-anderen Mannes zurückkehrte, natürlich nur verstärken und verwickelter
-gestalten. Es hat mir bedeutend zu schaffen gemacht und tut es heute
-noch, das leugne ich nicht, und ich habe mich absichtlich nach Kräften
-an die positive Seite der Sache gehalten, das heißt: an meine
-aufrichtigen Verehrungsgefühle für Sie, Mynheer Peeperkorn, worin
-übrigens nebenbei eine kleine Bosheit gegen Ihre Reisebegleiterin lag;
-denn die Frauen sehen es gar nicht besonders gern, wenn ihre Liebhaber
-zusammenhalten.“
-
-„In der Tat –“, sagte Peeperkorn und verbarg ein Lächeln, indem er mit
-der hohlen Hand über Mund und Kinn strich, als bestünde Gefahr, daß Frau
-Chauchat ihn lächeln sähe. Auch Hans Castorp lächelte diskret, und dann
-nickten sie beide im Einverständnis vor sich hin.
-
-„Diese kleine Rache“, fuhr Hans Castorp fort, „war mir am Ende zu
-gönnen, denn so weit ich in Frage komme, habe ich wirklich einigen
-Grund, mich zu beklagen, – nicht über Clawdia und nicht über Sie,
-Mynheer Peeperkorn, aber mich allgemein zu beklagen, meines Lebens und
-Schicksals wegen, und da ich die Ehre Ihres Vertrauens genieße und dies
-eine so durch und durch eigentümliche Dämmerstunde ist, so will ich mich
-wenigstens andeutungsweise darüber zu äußern versuchen.“
-
-„Ich bitte darum“, sagte Peeperkorn höflich, worauf Hans Castorp
-fortfuhr:
-
-„Ich bin seit langer Zeit hier oben, Mynheer Peeperkorn, seit Jahren und
-Tagen, – genau weiß ich es nicht, wie lange, aber es sind Lebensjahre,
-darum sprach ich von ‚Leben‘, und auch auf das ‚Schicksal‘ werde ich im
-rechten Augenblick noch zurückkommen. Mein Vetter, den ich etwas zu
-besuchen dachte, ein Militär, der es redlich und brav im Sinne hatte,
-aber das half ihm nichts, ist mir hier weggestorben, und ich bin immer
-noch da. Ich war nicht Militär, ich hatte einen Zivilberuf, wie Sie
-vielleicht gehört haben, einen handfesten und vernünftigen Beruf, der
-angeblich sogar in völkerverbindender Richtung wirkt, aber ich war ihm
-nie sonderlich verbunden, das gebe ich zu, und zwar aus Gründen, von
-denen ich nur sagen will, daß sie im Dunklen liegen: Sie liegen da
-zusammen mit den Ursprüngen meiner Empfindungen für Ihre
-Reisebegleiterin – ich nenne sie ausdrücklich so, um zu bekunden, daß es
-mir nicht einfällt, an der positiven Rechtslage rütteln zu wollen –
-meiner Empfindungen für Clawdia Chauchat und meines Duzverhältnisses zu
-ihr, das ich nie verleugnet habe, seit ihre Augen mir zuerst begegneten
-und es mir antaten, – es mir in unvernünftigem Sinne antaten, verstehen
-Sie. Ihr zuliebe und Herrn Settembrini zum Trotz habe ich mich dem
-Prinzip der Unvernunft, dem genialen Prinzip der Krankheit unterstellt,
-dem ich freilich wohl von langer Hand und jeher schon unterstand, und
-bin hier oben geblieben, – ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ich
-habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen Verwandten und
-meinem flachländischen Beruf und allen meinen Aussichten. Und als
-Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, immer hier oben gewartet,
-so daß ich nun dem Flachland völlig abhanden gekommen und in seinen
-Augen so gut wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von ‚Schicksal‘
-sprach und mir anzudeuten erlaubte, daß es mir allenfalls zustände, mich
-über die gegenwärtige Rechtslage zu beklagen. Ich habe einmal eine
-Geschichte gelesen, – nein, ich habe sie im Theater gesehen, wie ein
-gutmütiger Junge – er war übrigens Militär, wie mein Vetter, – es mit
-einer reizenden Zigeunerin zu tun bekommt, – sie war reizend, mit einer
-Blume hinter dem Ohr, ein wildes, fatales Frauenzimmer, und sie tat es
-ihm dermaßen an, daß er vollständig entgleiste, ihr alles opferte,
-fahnenflüchtig wurde, mit ihr zu den Schmugglern ging und sich in jeder
-Richtung entehrte. Als er soweit war, hatte sie genug von ihm und kam
-mit einem Matador daher, einer zwingenden Persönlichkeit mit
-prachtvollem Bariton. Es endete damit, daß der kleine Soldat, kreideweiß
-im Gesicht und in offenem Hemd, sie vor dem Zirkus mit seinem Messer
-erstach, worauf sie es übrigens geradezu angelegt hatte. Es ist eine
-ziemlich beziehungslose Geschichte, auf die ich da komme. Aber
-schließlich, warum fällt sie mir ein?“
-
-Mynheer Peeperkorn hatte bei Nennung des „Messers“ seine Sitzlage im
-Bette etwas verändert, war kurz beiseite gerückt, indem er rasch das
-Gesicht seinem Gaste zugewandt und ihm forschend ins Auge geblickt
-hatte. Jetzt richtete er sich besser auf, stützte sich auf den Ellbogen
-und sprach:
-
-„Junger Mann, ich habe gehört, und ich bin nun im Bilde. Erlauben Sie
-mir auf Grund Ihrer Mitteilungen eine loyale Erklärung! Wäre mein Haar
-nicht bleich und wäre ich nicht mit malignem Fieber geschlagen, so sähen
-Sie mich bereit, Ihnen von Mann zu Mann, die Waffe in der Hand,
-Genugtuung zu geben für die Unbill, die ich Ihnen unwissentlich angetan,
-und zugleich für diejenige, die meine Reisebegleiterin Ihnen zugefügt,
-und für die ich ebenfalls aufzukommen habe. Perfekt, mein Herr, – Sie
-sähen mich bereit. Wie aber die Dinge liegen, so erlauben Sie mir, einen
-anderen Vorschlag dafür einzusetzen. Es ist der folgende. Ich erinnere
-mich eines gehobenen Augenblicks, gleich zu Anfang unserer
-Bekanntschaft, – ich erinnere mich daran, obgleich ich damals dem Weine
-stark zugesprochen hatte –, eines Augenblicks also, da ich, angenehm
-berührt von Ihrem Naturell, im Begriffe stand, Ihnen das brüderliche Du
-anzubieten, mich aber dann der Einsicht nicht entzog, daß es ein etwas
-übereilter Schritt gewesen wäre. Gut, ich beziehe mich heute auf diesen
-Augenblick, ich komme auf ihn zurück, ich erkläre den damals
-beschlossenen Aufschub für abgelaufen. Junger Mann, wir sind Brüder, ich
-erkläre uns dafür. Sie sprachen von einem Du vollen Sinnes, – auch das
-unsrige wird vollen Sinn haben, den Sinn der Brüderlichkeit im Gefühl.
-Die Genugtuung, die Ihnen mit der Waffe zu geben, Alter und
-Unpäßlichkeit mich hindern, ich biete sie Ihnen in dieser Form, ich
-biete sie Ihnen in Form eines Bruderbundes, wie man ihn sonst wohl gegen
-Dritte, gegen die Welt, gegen jemanden schließt, und den wir im Gefühl
-für jemanden schließen wollen. Nehmen Sie Ihr Weinglas, junger Mann,
-während ich wieder zu meinem Wasserglas greife, durch das diesem
-Sauserchen weiter kein Unrecht geschieht –“
-
-Und mit leicht zitternder Kapitänshand füllte er die Gläser, wobei Hans
-Castorp ihm in ehrerbietiger Bestürzung behilflich war.
-
-„Nehmen Sie!“ wiederholte Peeperkorn. „Kreuzen Sie den Arm mit mir! Und
-trinken Sie auf diese Weise! Trinken Sie aus! – Perfekt, junger Mann.
-Erledigt. Hier meine Hand. Bist du zufrieden?“
-
-„Das ist natürlich gar kein Ausdruck, Mynheer Peeperkorn“, sagte Hans
-Castorp, dem es etwas schwer gefallen war, das volle Glas in einem Zuge
-auszutrinken, und trocknete seine Knie mit dem Taschentuch, da Wein
-darauf hinabgeflossen war. „Ich bin hoch beglückt, will ich lieber
-sagen, und kann es noch gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal
-zuteil geworden, – es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist
-eine gewaltige Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient
-haben soll, höchstens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und man
-darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich anmutet, die
-neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn ich darüber stolpere, –
-zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht nach Frauenart nicht ganz
-einverstanden sein wird mit diesem Arrangement ...“
-
-„Laß das meine Sache sein“, erwiderte Peeperkorn, „und das andere Sache
-der Übung und Gewohnheit! Und nun geh, junger Mann! Verlasse mich, mein
-Sohn! Es ist dunkel, der Abend ist völlig hereingebrochen, unsere
-Geliebte kann jeden Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwischen
-euch wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste.“
-
-„Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!“ sagte Hans Castorp und stand auf. „Sie
-sehen, ich überwinde meine berechtigte Scheu und übe mich schon in der
-tollkühnen Anrede. Richtig, es ist ja finster geworden! Ich könnte mir
-vorstellen, daß plötzlich Herr Settembrini hereinkäme und das Licht
-andrehte, damit Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz griffen, – er
-hat nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich gehe dermaßen vergnügt und
-stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten hätte träumen
-lassen. Recht gute Besserung! Es kommen nun mindestens drei fieberfreie
-Tage für dich, an denen Sie allen Anforderungen gewachsen sein werden.
-Das freut mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!“
-
-
- Mynheer Peeperkorn (Schluß)
-
-Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und kaum wissen
-wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für fallendes Wasser
-sogar eine besondere Herzensneigung hegte, die malerische Kaskade im
-Walde des Flüelatals noch niemals besucht hatte. Für die Zeit seines
-Zusammenlebens mit Joachim mochte er entschuldigt sein durch die strenge
-Dienstlichkeit seines Vetters, der nicht zum Vergnügen hier gewesen war,
-und dessen sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste
-Umgebung von Haus „Berghof“ eingeschränkt hatte. Und nach seinem
-Ausscheiden – nun, auch danach hatte Hans Castorps Verhältnis zur
-hiesigen Landschaft, wenn man von seinen Skiunternehmungen absehen will,
-den Charakter einer konservativen Einförmigkeit bewahrt, deren
-Kontrast zu der Spannweite seiner inneren Erfahrungen und
-„Regierungs“-obliegenheiten sogar nicht ohne einen gewissen bewußten
-Reiz für den jungen Mann gewesen war. Immerhin war seine Zustimmung
-lebhaft, als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise
-von sieben Personen (ihn selber eingerechnet), der Plan einer Wagenfahrt
-nach jener empfohlenen Örtlichkeit erwogen wurde.
-
-Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen kleinen Liedern des
-Flachlandes zufolge, – recht frisch und wenig einschmeichelnd von
-Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze konnte für
-abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den letzten Tagen mehrfach
-großflockig geschneit, doch das blieb nicht liegen, es ließ nur etwas
-Nässe zurück; die lagernden Massen des Winters waren versickert,
-verraucht, bis auf vereinzelte Reste dahingeschwunden; die grüne
-Gangbarkeit der Welt bedeutete ein Anerbieten an jede Unternehmungslust.
-
-Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während der letzten
-Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Oberhauptes, des
-großartigen Pieter Peeperkorn, dessen maligne Tropenmitgift weder den
-Einwirkungen des außerordentlichen Klimas, noch den Antidoten eines so
-hervorragenden Mediziners, wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen.
-Er war viel bettlägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das
-Quartanfieber in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten ihm
-zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden abseits
-bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer Verfassung
-befinden, und Behrens unterließ nicht, auf die auch bei einer so
-mächtigen Natur unter diesen Umständen nicht ganz von der Hand zu
-weisende Gefahr chronischer Entkräftung hinzudeuten.
-
-Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Mynheer in diesen Wochen
-vorgesessen, und auch die gemeinsamen Spaziergänge waren bis auf einen
-nicht sehr ausgedehnten unterblieben. Übrigens empfand Hans Castorp,
-unter uns gesagt, diese Lockerung der Cliquengemeinschaft in gewisser
-Hinsicht als Erleichterung, denn das mit Frau Chauchats Reisebegleiter
-getrunkene Schmollis schuf ihm Beschwerden; es brachte in seine
-öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe „Gezwungenheit“,
-dasselbe „Ausweichen“ und gleichsam auf einer Vielliebchenwette
-beruhende „Vermeiden“, das diesem an seinem Verkehr mit Clawdia
-aufgefallen war: mit wunderlichen Behelfen umschrieb er die Anredeform,
-soweit sie sich nicht verschlucken ließ, – aus demselben oder dem
-umgekehrten Dilemma, das sein Gespräch mit Clawdia in Gegenwart anderer,
-auch in alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich
-dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen Doppelklemme
-vervollständigt hatte.
-
-Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall an der
-Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt, und er fühlte
-sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war der dritte Tag nach einem
-Quartananfall; Mynheer ließ wissen, daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar
-war er zu den ersten Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal
-erschienen, sondern hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen
-mit Madame Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim ersten
-Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge Order
-empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen zu einer Spazierfahrt
-bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl an die Herren Ferge und Wehsal
-weiterzugeben, auch Settembrini und Naphta zu benachrichtigen, daß man
-bei ihnen vorfahren werde, und endlich für die Bestellung zweier
-Landauer auf drei Uhr Sorge zu tragen.
-
-Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus „Berghof“: Hans
-Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort die Herrschaften aus den
-Fürstenzimmern, indem sie sich damit unterhielten, die Pferde zu
-tätscheln, die ihnen mit schwarzen, feuchten, plumpen Lippen
-Zuckerstücke von der flachen Hand nahmen. Die Reisegenossen erschienen
-mit nur leichter Verspätung auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen
-Königshaupt schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem,
-etwas abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen weichen,
-runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein allgemeines
-Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck mit jedem der drei
-Herren, die dem Paar bis zum Fuße der Stufen entgegenkamen.
-
-„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er ihm die linke
-Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein Sohn?“
-
-„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der Gefragte ...
-
-Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man hatte doch
-gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren würde man es
-zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat trug einen warmen Gurtmantel
-aus faserigem, groß kariertem Stoff und sogar ein wenig Pelz um die
-Schultern. Den Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn
-gebundenen olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was ihr so
-reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu schmerzte, –
-nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt in sie war; und diese
-seine Unbefangenheit hatte zur Folge, daß ihm bei der vorläufigen
-Verteilung der Plätze, bis die Externen zur Gesellschaft stoßen würden,
-der Rücksitz gegenüber Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel,
-während Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias
-aufgefangen zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt bestieg.
-Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners nahm teil an dem
-Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, unter dessen Deckel die Hälse
-zweier Weinflaschen hervorragten, und den er unter dem Rücksitz des
-vorderen Landauers verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft
-erschienen, und in dem Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die
-Arme gekreuzt hatte, erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit
-angezogenen Bremsen setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in
-Bewegung.
-
-Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die verdorbenen
-Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen Fahrtgenossen.
-
-„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig machte,
-weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer den Schaden hat,
-braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert und ekelt es Sie sehr, so
-neben mir zu sitzen?“
-
-„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht so
-niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln bei jeder
-Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, sich jedesmal
-Gedanken darüber zu machen. Was krümmen Sie sich immer so? Sie haben,
-wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr
-hübsch aus dem ‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es
-nächstens mal wieder tun.“
-
-„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte der elende
-Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit in Ihrem Trost
-liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch tiefer erniedrigen. Sie haben
-gut reden und trösten vom hohen Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch
-ziemlich lächerlich dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und
-waren im siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um
-Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt mir im
-Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – und sehen im
-Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, auf meine bettelhaften
-Qualen hinab ...“
-
-„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist sogar
-hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu verhehlen, da Sie
-mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend soll es auch wohl sein, Sie
-legen es geradezu darauf an, sich widrig zu machen und krümmen sich
-unausgesetzt. Sind Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“
-
-„Fürchterlich!“ antwortete Wehsal kopfschüttelnd. „Das ist nicht zu
-sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst und meiner Begierde
-nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es wird mein Tod sein, aber man
-kann damit weder leben noch sterben. Während sie weg war, fing es an,
-etwas besser zu gehen, sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem
-sie wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen
-derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und mir
-nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht geben, aber man kann
-es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann es nicht wegwünschen, man
-müßte sein Leben wegwünschen, womit es sich amalgamiert hat, und das
-kann man eben nicht, – was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit
-Vergnügen. In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist Unsinn,
-denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlangen das Leben, und
-kann nicht gegen sich selber sein, das ist die gottverfluchte
-Zwickmühle. Und wenn ich sage ‚gottverflucht‘, so sage ich es auch nur
-redensartlich und so, als ob ich ein anderer wäre, ich selber kann es
-nicht meinen. Es gibt so manche Torturen, Castorp, und wer auf einer
-Tortur ist, der will davon los, will einfach und unbedingt davon los,
-das ist sein Ziel. Aber von der Tortur der Fleischesbegierde kann man
-einzig und allein loswollen auf dem Wege und unter der Bedingung, daß
-sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen Preis! Das ist die
-Einrichtung, und wen es nicht hat, der hält sich nicht weiter dabei auf,
-aber wen es hat, der lernt unsern Herrn Jesum Christum kennen, dem gehen
-die Augen über. Gott im Himmel, was für eine Einrichtung und
-Angelegenheit ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt,
-nur, weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört, –
-wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder in seiner
-verschämten Freundlichkeit! Man könnte sagen: Wenn es weiter nichts
-will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt! Was will ich denn, Castorp?
-Will ich sie morden? Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur
-liebkosen! Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich winsele,
-aber sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch was
-Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner Art bin ich
-doch auch ein Mensch! Die Fleischesbegierde gehet dahin und dorthin, sie
-ist nicht gebunden und nicht fixiert, und darum so heißen wir sie
-viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine Menschenperson mit einem
-Angesicht, alsdann so redet unser Mund von der Liebe. Mich verlangt doch
-nicht bloß nach ihrem Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres
-Leibes, sondern wenn in ihrem Angesicht auch nur ein kleines Etwas
-anders gestaltet wäre, siehe, so verlangte mich’s möglicherweise nach
-ihrem ganzen Leibe gar nicht, und daher so zeiget sich’s, daß ich ihre
-Seele liebe, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe zum
-Angesicht ist Seelenliebe ...“
-
-„Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich und schlagen
-hier Gott weiß was für Töne an ...“
-
-„Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Unglück,“ fuhr
-der Arme fort, „daß sie eine Seele hat, daß sie ein Mensch ist aus Leib
-und Seele! Denn ihre Seele will nichts von der meinen wissen und also
-ihr Leib nichts von meinem, o Jammer und große Not, und um dessentwillen
-ist mein Verlangen zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich winden
-ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von mir,
-Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?! Bin ich denn kein
-Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein Mann? Ich bin es sogar im höchsten
-Grade, ich schwöre Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn
-sie mir das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie
-zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust der Welt
-antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte und nicht auch
-um die Angesichte, wenn ihre verfluchte Seele nicht wäre, die nichts von
-mir wissen will, und ohne die mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar
-nicht verlangen täte, – das ist des Teufels beschissene Zwickmühle, in
-der ich mich winde ewiglich!“
-
-„Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er bewegt zwar
-absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch seinem Rücken an, daß
-er zuhört.“
-
-„Er versteht und hört zu, da haben Sie’s, Castorp! Da haben Sie wieder
-die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer Eigenart und ihrem Charakter!
-Wenn ich von Palingenesie spräche oder von ... Hydrostatik, so würde
-er’s nicht verstehen und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und
-interessierte sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die
-höchste und letzte und schauerlich heimlichste Angelegenheit, die
-Angelegenheit vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich
-die populärste Angelegenheit, und jeder versteht sie und kann sich
-lustig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur Lustfolter
-macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp, lieber Castorp, lassen Sie
-mich etwas winseln, denn was habe ich für Nächte! Jede Nacht träume ich
-von ihr, ach, was träume ich nicht alles von ihr, es brennt mir im
-Schlunde und in der Magengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es
-damit, daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und manchmal
-auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht speit sie mich
-an, und dann wache ich auf, mit Schweiß und Schmach und Lust bedeckt
-...“
-
-„So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vornehmen, den Mund
-zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen und jemand sich zu uns setzt.
-Das ist mein Vorschlag und meine Anordnung. Ich will Sie nicht kränken
-und gebe zu, daß Sie in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu
-Haus eine Geschichte von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr
-beim Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit jedem Wort
-eine Schlange oder Kröte. Es stand nicht im Buch, wie sie sich dem
-gegenüber verhielt, aber ich habe immer angenommen, daß sie sich wohl
-aufs Mundhalten verlegt haben wird.“
-
-„Es ist aber ein Menschenbedürfnis,“ sagte Wehsal kläglich, „ein
-Menschenbedürfnis, lieber Castorp, zu reden und sich das Herz zu
-erleichtern, wenn man in solchen Schwulitäten sitzt wie ich.“
-
-„Es ist sogar ein Menschen_recht_, Wehsal, wenn Sie wollen. Aber es gibt
-Rechte, meiner Meinung nach, von denen man unter Umständen
-vernünftigerweise keinen Gebrauch macht.“
-
-Also waren sie still nach Hans Castorps Anordnung, und übrigens hatten
-die Wagen das weinlaubbewachsene Häuschen des Gewürzkrämers rasch
-erreicht, wo man denn nicht einen Augenblick zu warten hatte: Naphta und
-Settembrini waren schon auf der Straße, dieser in seiner schadhaften
-Pelzjacke, jener dagegen in einem weißlichgelben Frühjahrsüberzieher,
-der überall gesteppt war und geckenhaft anmutete. Man winkte, man
-tauschte Grüße, während die Wagen wendeten, und die Herren stiegen ein:
-Naphta nahm als vierter im vorderen Landauer an Ferges Seite Platz, und
-Settembrini, in glänzender Laune, von klaren Scherzen sprudelnd,
-gesellte sich zu Hans Castorp und Wehsal, wobei dieser ihm seinen Sitz
-im Fond des Wagens überließ, – welchen Herr Settembrini denn in der
-Haltung des Korsofahrers, mit erlesener Lässigkeit, einzunehmen wußte.
-
-Er pries den Genuß des Fahrens, dies Bewegtwerden des Körpers in
-behaglichem Ruhestande und bei wechselnder Szenerie; zeigte sich
-väterlich-verbindlich gegen Hans Castorp und tätschelte sogar dem armen
-Wehsal die Wange, indem er ihn aufforderte, des eigenen unsympathischen
-Ich in der Bewunderung der lichten Welt zu vergessen, auf die er mit
-seiner Rechten im schäbigen Lederhandschuh ausholend deutete.
-
-Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle vier,
-gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute Straße, die
-noch nicht staubte. Felsentrümmer, in deren Fugen Gras und Blumen
-sprossen, traten zuweilen an ihren Rand, Telegraphenstangen flohen
-zurück, Bergwälder stiegen auf, anmutige Kurven, die man anstrebte und
-zurücklegte, unterhielten die Wegesneugier, und immer dämmerte teilweis
-noch verschneites Gebirge in sonniger Fernsicht. Das gewohnte Talgebiet
-war verlassen, die Verrückung der alltäglichen Szene erfrischte das
-Gemüt. Bald hielt man am Waldesrand: Von hier aus wollte man zu Fuß den
-Ausflug fortsetzen und das Ziel gewinnen, – ein Ziel, mit dem man schon
-des längeren, ohne es anfangs gewahr geworden zu sein, in schwachem,
-aber sich stetig verstärkendem sinnlichen Kontakte stand. Ein fernes
-Geräusch wurde allen bewußt, sobald die Fahrt eingestellt war, ein
-leises, zuweilen der Wahrnehmung noch wieder entkommendes Zischen,
-Schüttern und Brausen, das zu unterscheiden man einander aufforderte,
-und auf das man gefesselten Fußes horchte.
-
-„Jetzt“, sagte Settembrini, der öfters hier gewesen war, „läßt es sich
-schüchtern an. Aber an Ort und Stelle ist es brutal um diese Jahreszeit,
-– machen Sie sich gefaßt, wir werden unser eigen Wort nicht verstehen.“
-
-So gingen sie denn waldeinwärts, auf einem Wege mit feuchter Nadelstreu,
-voran Pieter Peeperkorn, auf den Arm seiner Begleiterin gestützt, den
-schwarzen weichen Hut in der Stirn, mit seitwärts nickendem Tritt;
-mitten hinter ihnen Hans Castorp, ohne Hut, wie alle übrigen Herren, die
-Hände in den Taschen, mit schrägem Kopfe und leisem Pfeifen um sich
-blickend; dann Naphta und Settembrini, dann Ferge mit Wehsal, zum Schluß
-der Malaie allein, den Vesperkorb am Arm. Sie sprachen über den Wald.
-
-Der Wald war nicht wie andere, er bot einen malerisch eigentümlichen, ja
-exotischen, doch unheimlichen Anblick. Er strotzte von einer Sorte
-moosiger Flechten, war damit behangen, beladen, ganz und gar darin
-eingewickelt, in langen, mißfarbenen Bärten baumelte das verfilzte
-Gewirk der Schmarotzerpflanze von seinen umsponnenen, gepolsterten
-Zweigen: man sah fast keine Nadeln, man sah lauter Moosgehänge, – eine
-schwere, bizarre Entstellung, ein verzauberter und krankhafter Anblick.
-Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, sie
-drohte ihn zu ersticken, das war die allgemeine Meinung, während der
-kleine Zug auf dem Nadelwege vorwärts schritt, im Ohr das Geräusch des
-Zieles, dem man sich näherte, dies Rumpeln und Zischen, das allmählich
-zum Getöse wurde und Settembrinis Vorhersage wahr zu machen versprach.
-
-Eine Wegbiegung gab den Blick auf die überbrückte Wald- und
-Felsenschlucht frei, in der der Wasserfall niederging; und indem man
-seiner ansichtig wurde, kam auch die Gehörswirkung auf ihren Gipfel, –
-es war ein Höllenspektakel. Die Wassermassen stürzten senkrecht nur in
-einer einzigen Kaskade, deren Höhe aber wohl sieben oder acht Meter
-betrug, und deren Breite ebenfalls beträchtlich war, und schossen dann
-weiß über Felsen weiter. Sie stürzten mit unsinnigem Lärm, in welchem
-sich alle möglichen Geräuscharten und Lauthöhen zu mischen schienen,
-Donnern und Zischen, Gebrüll, Gejohle, Tusch, Krach, Geprassel, Gedröhn
-und Glockengeläut, – wahrhaftig wollten einem die Sinne davon vergehen.
-Die Besucher waren dicht herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und
-betrachteten, feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst
-eingehüllt, die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu
-Blicke tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd,
-das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter, deren
-irres und übermäßiges Brausen sie betäubte, ihnen Furcht erregte und
-Gehörstäuschungen verursachte. Man glaubte hinter sich, über sich, von
-allen Seiten drohende und warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe
-Männerstimmen.
-
-Geschart hinter Mynheer Peeperkorn – Frau Chauchat unter den andern fünf
-Herren – blickten sie mit ihm in den Schwall. Sie sahen nicht sein
-Gesicht, sahen ihn aber das weiße Flammenhaupt entblößen und die Brust
-in der Frische dehnen. Sie verständigten sich untereinander durch Blicke
-und Zeichen, denn wahrscheinlich wären Worte, selbst unmittelbar ins Ohr
-geschrien, vom Donner des Sturzes übertäubt worden. Ihre Lippen formten
-Worte des Erstaunens und der Bewunderung, die lautlos blieben. Hans
-Castorp, Settembrini und Ferge verabredeten sich durch Kopfwinke, die
-Höhe der Schlucht zu ersteigen, in deren Grunde sie sich befanden, den
-oberen Steg zu gewinnen und die Wasser von dort zu betrachten. Es war
-nicht unbequem: Eine steile Zeile von schmalen, ins Gestein gehauenen
-Stufen führte gleichsam in ein höheres Stockwerk des Waldes empor; sie
-erkletterten sie hintereinander, betraten die Brücke und winkten von
-ihrer Mitte aus, über der Rundung des Falles schwebend, auf das Geländer
-gelehnt, den unteren Freunden. Dann gingen sie vollends hinüber, stiegen
-mühselig ab an der anderen Seite und kamen jenseits des Wildwassers,
-über das auch hier unten eine Brücke ging, den Zurückgebliebenen wieder
-zu Gesichte.
-
-Die Zeichengebung betraf nun die Einnahme der Vespererfrischungen. Sie
-ging von mehreren Seiten dahin, man solle sich zu diesem Behuf aus der
-Lärmzone ein wenig verziehen, um mit entlastetem Gehör und nicht taub
-und stumm die Freimahlzeit zu genießen. Aber man mußte erkennen, daß
-Peeperkorns Willensmeinung dagegen stand. Er schüttelte das Haupt, stieß
-wiederholt den Zeigefinger gegen den Grund, und seine zerrissenen
-Lippen, mit Anstrengung sich auseinanderziehend, bildeten ein „Hier!“
-Was war da zu tun? In solchen Regiefragen war er Herr und Befehlshaber.
-Die Wucht seiner Persönlichkeit hätte den Ausschlag gegeben, selbst wenn
-er nicht, wie immer, Veranstalter und Meister des Unternehmens gewesen
-wäre. Dieses Format ist tyrannisch und autokratisch von je und wird es
-bleiben. Mynheer wollte angesichts des Falles, im Donner vespern, das
-war sein großmächtiger Eigensinn, und wer nicht leer ausgehen wollte,
-mußte hier bleiben. Die Mehrzahl war unzufrieden. Herr Settembrini, der
-die Möglichkeit menschlichen Austausches, eines demokratisch-distinkten
-Geplauders oder auch Disputes abgeschnitten sah, warf mit jener Gebärde
-der Verzweiflung und der Resignation die Hand über den Kopf. Der Malaie
-beeilte sich, die Anordnung seines Gebieters zu vollziehen. Es waren
-zwei Klappsessel da, die er für Mynheer und Madame an der Felsenwand
-aufschlug. Dann breitete er zu ihren Füßen auf einem Tuche den Inhalt
-des Korbes aus: Kaffeegeschirr und Gläser, Thermosflaschen, Gebäck und
-Wein. Man drängte sich zur Verteilung. Dann saß man auf Geröllsteinen,
-auf dem Geländer des Steges, die Tasse mit heißem Kaffee in Händen, den
-Teller mit Kuchen auf den Knien, und vesperte schweigend im Getöse.
-
-Peeperkorn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut neben sich am
-Boden, trank Portwein aus einem silbernen Becher mit Monogramm, den er
-mehrmals leerte. Und plötzlich begann er zu sprechen. Der wunderliche
-Mann! Es war unmöglich, daß er seine eigene Stimme hörte, geschweige daß
-die anderen eine Silbe hätten verstehen können von dem, was er verlauten
-ließ, ohne daß es verlautete. Er aber erhob den Zeigefinger, streckte,
-den Becher in der Rechten, den linken Arm aus, die flache Hand schräg
-erhoben, und man sah, wie sein Königsantlitz sich redend bewegte, sein
-Mund Worte formte, die tonlos blieben, als würden sie in luftleerem Raum
-gesprochen. Niemand dachte anders, als daß er sein nutzloses Tun, das
-man mit betretenem Lächeln betrachtete, sogleich wieder einstellen
-werde, – er aber fuhr fort, sich unter bannenden, Aufmerksamkeit
-erzwingenden Kulturgebärden seiner Linken in das alles verschlingende
-Getöse hinein zu äußern, indem er die kleinen, müden und blassen,
-gewaltsam aufgerissenen Augen unter gespannten Stirnfalten abwechselnd
-auf einen und den anderen seiner Zuschauer richtete, so daß der eben
-Angeredete gezwungen war, mit hochgezogenen Brauen ihm zuzunicken und
-offenen Mundes die hohle Hand an die Ohrmuschel zu legen, als ob das die
-Heillosigkeit der Sache irgend hätte bessern können. Jetzt stand er
-sogar auf! Den Becher in der Hand, in seinem zerdrückten, fast fußlangen
-Reisemantel, dessen Kragen aufgestellt war, barhäuptig, die hohe,
-idolhaft gefaltete Stirn vom weißen Haar umflammt, stand er am Felsen
-und regte das Antlitz, vor das er dozierend den lanzenüberragten Ring
-seiner Finger hielt, die Undeutlichkeit seines tauben Toastes mit dem
-bannenden Zeichen der Genauigkeit versehend. Man erkannte an seinen
-Gebärden und las von seinen Lippen einzelne Wörter, die man von ihm zu
-hören gewohnt war: „Perfekt“ und „Erledigt“, – nichts weiter. Man sah
-sein Haupt sich schräge neigen, zerrissene Bitternis der Lippen, das
-Bild des Schmerzensmannes. Dann wieder sah man das üppige Grübchen
-erblühen, sybaritische Schalkheit, ein tanzendes Gewänderraffen, die
-heilige Unsittsamkeit des Heidenpriesters. Er hob den Becher, führte ihn
-im Halbkreis vor den Augen der Gäste hin und trank ihn in zwei, drei
-Schlucken so bis zum letzten aus, daß der Boden ganz nach oben stand.
-Dann reichte er ihn mit ausgestrecktem Arme dem Malaien, der das Gefäß,
-Hand auf der Brust, entgegennahm, und gab das Zeichen zum Aufbruch.
-
-Alle verbeugten sich dankend gegen ihn, indem sie sich anschickten, nach
-Geheiß zu tun. Wer am Boden kauerte, sprang auf die Füße, wer auf dem
-Steggeländer saß, ließ sich herab. Der schmächtige Javaner in steifem
-Hut und Pelzkragen raffte die Reste des Mahls und das Geschirr zusammen.
-In derselben schmalen Ordnung, wie man gekommen, kehrte man auf dem
-feuchten Nadelwege, durch den von Flechtenbehang unkenntlich gemachten
-Wald zur Straße zurück, auf der die Wagen hielten.
-
-Hans Castorp stieg diesmal zum Meister und seiner Begleiterin. An der
-Seite des guten Ferge, dem alles Höhere völlig ferne lag, saß er dem
-Paare gegenüber. Es wurde fast nichts gesprochen auf dieser Heimfahrt.
-Mynheer saß, die flachen Hände auf dem Plaid, das seine Knie zusammen
-mit denen Clawdias umhüllte, und ließ den Unterkiefer hängen.
-Settembrini und Naphta stiegen aus und verabschiedeten sich, bevor die
-Wagen Geleise und Wasserlauf überschritten. Wehsal fuhr allein in der
-zweiten Kutsche die Wegschleife hinan und vor das Berghofportal, wo man
-sich trennte. –
-
-War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche innere
-Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte, leicht und flüchtig
-gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung vom gewohnten
-nächtlichen Frieden des Berghofhauses, eine noch so gedämpfte Unruhe,
-die kaum merkliche Erschütterung durch ein fernes Laufen, genügte, um
-ihn hell und wach zu machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu
-lassen? Tatsächlich erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür
-klopfte, was kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort,
-unverschlafen, geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und
-ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester, die
-ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich im ersten
-Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie erklärte er seinen
-Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider, strich mit den Fingern das
-Haar aus der Stirn und ging nicht schnell und nicht langsam hinab, in
-Ungewißheit mehr über das Wie, als über das Was der Stunde.
-
-Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen und ebenso
-diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo alle Lichter brannten. Die
-beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk, Madame Chauchat und der
-javanische Kammerdiener waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst
-gekleidet, sondern in einer Art von Nationaltracht, einer
-breitgestreiften hemdartigen Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln,
-einem bunten Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus
-gelbem Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck von
-Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt, links zu Häupten des
-Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten Händen auf dem
-Rücken lag. Der Eintretende überblickte bleich die Szene. Frau Chauchat
-wandte ihm den Rücken zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende
-des Bettes, den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der
-Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das Gesicht
-ihres Reisebegleiters.
-
-„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski und der
-Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und nickte wehmütig, das
-weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war im klinischen Kittel, aus dessen
-Brusttasche das Hörrohr ragte, trug gestickte Morgenschuhe und keinen
-Kragen. „Nichts zu machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit.
-Treten Sie nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden
-zugeben, daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“
-
-Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die Augen des
-Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung, folgten ihm ohne Drehung
-des Kopfes, so daß sie ihr Weißes zeigten. Er stellte mit einem
-Seitenblick fest, daß Frau Chauchat sich nicht um ihn kümmerte, und
-stand in typischer Haltung am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände
-auf dem Unterleibe zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in
-ehrerbietig sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen
-Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen. Seine
-Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile seines Gesichtes
-ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung, obgleich seine
-königlichen Züge sonst unverändert waren. Die idolhafte Faltenlineatur
-der hohen, weiß umloderten Stirn, in vier- oder fünffacher Reihe
-wagerecht gezogen und dann im rechten Winkel beiderseits die Schläfen
-hinablaufend, ausgeprägt durch die habituelle Anspannung eines ganzen
-Lebens, trat auch bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark
-hervor. Die bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der
-Blaulauf deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige
-Hemmung der Lebensfunktionen.
-
-Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über den
-Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen, in
-Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte, wünschte er
-vorläufig nicht zu stören und sah sich nach der Gruppe der übrigen
-Anwesenden in seinem Rücken um. Der Hofrat winkte mit dem Kopfe in der
-Richtung des Salons. Hans Castorp folgte ihm dorthin.
-
-„_Suicidium?_“ fragte er gedämpft und fachlich ...
-
-„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und fügte hinzu: „Über
-und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas in Galanterieware schon mal
-gesehen?“ fragte er, indem er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig
-geformtes Etui zog und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem
-jungen Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert. Man
-lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es ihm aus der Hand
-genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was auf die Haut tropft, kriegen Sie
-Brandblasen.“
-
-Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern. Es war
-aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr wunderlich anzusehen. Es
-zeigte zwei gebogene, stahlblanke Gabelzinken mit äußerst scharfen
-Spitzen, einen leicht gewundenen elfenbeinernen und mit Gold eingelegten
-Mittelteil, in dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine
-gewisse elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren, und
-endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem schwarzem
-Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll.
-
-„Was ist das?“ fragte Hans Castorp.
-
-„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze.
-Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische Kopie des Beißzeugs der
-Brillenschlange. Sie verstehen? – Sie scheinen nicht zu verstehen“,
-sagte er, da Hans Castorp fortfuhr, benommen auf das bizarre Instrument
-niederzublicken. „Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie
-sind von einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen
-Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich sehen
-können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der Zahnwurzel offen,
-und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang der Gummidrüse, der in
-dem elfenbeinernen Mittelteil verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne
-etwas einwärts, das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen
-Druck, der den Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo
-die Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn
-schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat. Man muß nur
-darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen persönlichen Angaben
-hergestellt.“
-
-„Sicher!“ sagte Hans Castorp.
-
-„Die Ladung kann nicht sehr groß gewesen sein“, fuhr der Hofrat fort.
-„Was sie an Quantität vermissen ließ, muß sie ersetzt haben durch –“
-
-„Dynamik“, ergänzte Hans Castorp.
-
-„Na also. Was es ist, das werden wir schon noch eruieren. Man darf dem
-Ergebnis mit einiger Neugier entgegensehen, es gibt da zweifellos was zu
-lernen. Wetten wir, daß der wachhabende Exot da hinten, der sich heute
-nacht so fein gemacht hat, uns ganz genau Bescheid sagen könnte? Ich
-nehme an, daß eine Kombination von Tierischem und Pflanzlichem vorliegt,
-– vom Guten das Beste jedenfalls, denn die Wirkung muß fulminant gewesen
-sein. Alles spricht dafür, daß es ihm sofort den Atem verschlagen hat,
-Lähmung des Respirationszentrums, wissen Sie, rapider Erstickungstod,
-wahrscheinlich ohne Zwang und Qualen.“
-
-„Gott gebe es!“ sagte Hans Castorp fromm, händigte dem Hofrat das
-unheimliche kleine Werkzeug seufzend wieder ein und kehrte ins
-Schlafzimmer zurück.
-
-Nur der Malaie und Madame Chauchat waren jetzt dort noch anwesend.
-Diesmal hob Clawdia den Kopf nach dem jungen Mann, als er sich dem Bett
-wieder näherte.
-
-„Sie hatten ein Anrecht darauf, daß ich Sie rufen ließ“, sagte sie.
-
-„Es war sehr gütig von Ihnen“, sagte er, „und Sie haben recht. Wir waren
-Duzfreunde. Ich schäme mich in tiefster Seele, daß ich mich dessen
-schämte vor den Leuten und Umschweife gebrauchte. – Sie waren bei ihm in
-seinen letzten Augenblicken?“
-
-„Der Diener benachrichtigte mich, als alles vorüber war“, antwortete
-sie.
-
-„Er war von solchem Format“, fing Hans Castorp wieder an, „daß er das
-Versagen des Gefühls vor dem Leben als kosmische Katastrophe und als
-Gottesschande empfand. Denn er betrachtete sich als Gottes
-Hochzeitsorgan, müssen Sie wissen. Das war eine königliche Narretei ...
-Wenn man ergriffen ist, hat man den Mut zu Ausdrücken, die kraß und
-pietätlos klingen, aber feierlicher sind als konzessionierte
-Andachtsworte.“
-
-„_C’est une abdication_“, sagte sie. „Er wußte von unserer Torheit?“
-
-„Es war mir nicht möglich, sie ihm abzustreiten, Clawdia. Er hatte sie
-erraten aus meiner Weigerung, Sie in seiner Gegenwart auf die Stirn zu
-küssen. Seine Gegenwart ist eher symbolisch, als real, in diesem
-Augenblick, aber wollen Sie mir erlauben, es jetzt zu tun?“
-
-Sie rückte kurz den Kopf gegen ihn, die Augen geschlossen, wie mit einem
-kleinen Winken. Er führte die Lippen an ihre Stirn. Die braunen
-Tieraugen des Malaien überwachten die Szene seitwärts gerollt, so daß
-sie ihr Weißes zeigten.
-
-
- Der große Stumpfsinn
-
-Noch einmal hören wir Hofrat Behrens’ Stimme – horchen wir gut hin! Wir
-vernehmen sie vielleicht zum letztenmal! Einmal endigt selbst diese
-Geschichte; sie hat die längste Zeit gedauert, oder vielmehr: Ihre
-inhaltliche Zeit ist derart ins Rollen gekommen, daß kein Halten mehr
-ist, daß auch ihre musikalische zur Neige geht, und daß vielleicht keine
-Gelegenheit mehr unterkommen wird, den aufgeräumten Tonfall zu
-belauschen der Sprache des redensartlichen Rhadamanthys. Er sagte zu
-Hans Castorp:
-
-„Castorp, alter Schwede, Sie langweilen sich. Sie lassen das Maul
-hängen, ich sehe es alle Tage, die Verdrossenheit steht Ihnen an der
-Stirn geschrieben. Sie sind ein blasierter Balg, Castorp, Sie sind
-verhätschelt mit Sensationen, und wenn Ihnen nicht alle Tage was
-Erstklassiges geboten wird, so mucken und muffen Sie über die
-Sauregurkenzeit. Hab ich recht oder unrecht?“
-
-Hans Castorp schwieg, und da er das tat, so mußte wohl wirklich
-Finsternis walten in seinem Innern.
-
-„Recht hab ich, wie immer“, gab Behrens sich selbst zur Antwort. „Und eh
-Sie mir hier das Gift der Reichsverdrossenheit verbreiten, Sie
-mißvergnügter Staatsbürger, sollen Sie doch sehen, daß Sie durchaus
-nicht von Gott und Welt verlassen sind, sondern daß die Obrigkeit ein
-Auge auf Sie hat, ein unverwandtes Auge, mein Lieber, und rastlos auf
-Ihre Divertierung bedacht ist. Der alte Behrens ist auch noch da. Na,
-nun mal ohne Spaß mein Junge! Es ist mir was eingefallen in Ihrer Sache,
-ich hab mir, weiß Gott, in schlaflosen Nächten für Sie was ausgedacht.
-Man könnte von einer Erleuchtung reden – tatsächlich versprech ich mir
-viel von meiner Idee, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als Ihre
-Entgiftung und triumphale Heimkehr in ungeahnter Bälde.“
-
-„Da machen Sie Augen“, fuhr er nach einer Kunstpause fort, obgleich Hans
-Castorp keinerlei Augen machte, sondern ihn ziemlich schläfrig und
-zerstreut betrachtete, „und haben keine Ahnung, wie der alte Behrens es
-meinen könnte. Ich meine es aber so. Mit Ihnen stimmt etwas nicht,
-Castorp, das wird Ihrer werten Apperzeption ja nicht entgangen sein. Es
-stimmt insofern nicht, als Ihre Vergiftungserscheinungen sich schon seit
-längerem auf den zweifellos sehr gebesserten lokalen Zustand nicht mehr
-recht reimen lassen – ich meditiere nicht erst seit gestern darüber. Wir
-haben hier Ihr neuestes Photo ... halten wir den Zauber mal gegen das
-Licht. Sie sehen, da findet der ärgste Nörgler und Schwarzseher, wie
-unser kaiserlicher Herr immer sagt, nicht allzuviel mehr zu erinnern.
-Ein paar Herde sind ganz resorbiert, das Nest ist kleiner geworden und
-schärfer umgrenzt, was, wie Sie gelehrterweise wissen, auf Heilung
-deutet. Aus diesem Befund ist die Unsolidität Ihres Wärmehaushalts nicht
-recht zu erklären, Mann; der Arzt sieht sich in die Notwendigkeit
-versetzt, nach neuen Ursachen zu fahnden.“
-
-Hans Castorps Kopfbewegung drückte leidlich höfliche Neugier aus.
-
-„Nun werden Sie denken, Castorp, der olle Behrens muß zugeben, daß er
-die Behandlung verfehlt hat. Da hätten Sie aber einen Bock geschossen
-und wären der Sachlage nicht gerecht geworden und dem ollen Behrens auch
-nicht. Ihre Behandlung war nicht verfehlt, sie war nur möglicherweise zu
-einseitig orientiert. Die Möglichkeit ist mir aufgegangen, daß Ihre
-Symptome von jeher nicht ausschließlich auf _tuberculosis_
-zurückzuführen gewesen sind, und ich leite diese Möglichkeit aus der
-Wahrscheinlichkeit ab, daß sie heute überhaupt nicht mehr darauf
-zurückzuführen sind. Es muß eine andere Störungsquelle vorhanden sein.
-Nach meiner Meinung haben Sie Kokken.“
-
-„Nach meiner tiefinnersten Überzeugung“, wiederholte verstärkend der
-Hofrat, nachdem er die Kopfbewegung entgegengenommen, die hiernach auf
-seiten Hans Castorps fällig gewesen, „haben Sie Streptos – worüber Sie
-sich übrigens nicht gleich zu entsetzen brauchen.“
-
-(Es konnte von Entsetzen gar nicht die Rede sein. Hans Castorps Miene
-drückte vielmehr eine Art von ironischer Anerkennung, sei es des ihm
-begegnenden Scharfsinns, sei es des neuen Würdenstandes aus, in den der
-Hofrat ihn hypothetisch versetzte.)
-
-„Kein Grund zur Panik!“ variierte dieser sein Zureden. „Kokken hat
-jeder. Streptos hat jeder Esel. Sie brauchen sich gar nichts
-einzubilden. Wir wissen erst seit neulich, daß einer Streptokokken im
-Blut haben kann, ohne irgendwie ansehnliche Infektionserscheinungen zu
-produzieren. Wir stehen vor dem vielen Kollegen noch gar nicht bekannten
-Ergebnis, daß auch Tuberkeln im Blute vorkommen können, ganz ohne
-Konsequenzen. Wir sind keine drei Schritte mehr von der Auffassung
-entfernt, daß die Tuberkulose eigentlich eine Blutkrankheit ist.“
-
-Hans Castorp fand das recht bemerkenswert.
-
-„Wenn ich also sage: Streptos,“ fing Behrens wieder an, „so dürfen Sie
-natürlich nicht an das bekannte schwere Krankheitsbild denken. Ob diese
-Kleinen von den Meinen sich überhaupt bei Ihnen angesiedelt haben, muß
-die baktereologische Blutuntersuchung zeigen. Aber ob Ihre Febrilität
-von ihnen herrührt, gesetzt, daß sie vorhanden sind, das lehrt dann erst
-die Wirkung der Streptovakzinkur, die wir diesfalls einzuleiten haben.
-Das ist der Weg, lieber Freund, und ich verspreche mir, wie gesagt, das
-Unvorhergesehenste davon. So langwierig Tuberkulose ist, so rasch können
-Erkrankungen dieser Art heute geheilt werden, und wenn Sie überhaupt auf
-die Einspritzungen reagieren, so sind Sie in sechs Wochen springgesund.
-Was sagen Sie nun? Ist der olle Behrens auf seinem Posten, he?“
-
-„Es ist ja vorläufig nur eine Hypothese“, sagte Hans Castorp schlaff.
-
-„Eine beweisbare Hypothese! Eine höchst fruchtbare Hypothese!“ versetzte
-der Hofrat. „Sie werden sehen, wie fruchtbar sie ist, wenn auf unseren
-Kulturen die Kokken wachsen. Morgen nachmittag zapfen wir Sie an,
-Castorp; nach allen Regeln der Dorfbaderkunst lassen wir Sie zur Ader.
-Das ist ein Spaß für sich und kann allein schon für Körper und Seele die
-segensreichsten Effekte zeitigen ...“
-
-Hans Castorp erklärte sich zu der Diversion bereit und bedankte sich
-recht schön für das ihm gewidmete Augenmerk. Den Kopf gegen die Schulter
-geneigt, blickte er dem davonrudernden Hofrat nach. Die Ansprache des
-Chefs traf genau in einen kritischen Moment; Radamanth hatte Mienen und
-Stimmung des Berggastes ziemlich richtig gedeutet, und sein neues
-Unternehmen war bestimmt – ausdrücklich dazu bestimmt, die Absicht war
-gar nicht geleugnet worden –, den toten Punkt zu überwinden, auf den
-dieser Gast sich seit kurzem gelangt fand, wie eben aus seiner Mimik zu
-schließen war, die deutlich an diejenige des seligen Joachim erinnerte,
-zur Zeit, als gewisse wilde und trotzige Entschlüsse sich in ihm
-vorbereitet hatten.
-
-Es ist mehr zu sagen. Nicht nur er selbst, Hans Castorp, schien sich auf
-solchem toten Punkte angekommen, sondern ihm war, als ob es mit der
-Welt, mit allem, mit „dem Ganzen“ eben diese Bewandtnis habe, oder
-vielmehr: er fand, daß es schwer sei, hier das Besondere vom Allgemeinen
-zu unterscheiden. Seit dem exzentrischen Ende seiner Verbindung mit
-einer Persönlichkeit; seit der vielfältigen Bewegung, die dieses Ende
-über das Haus gebracht, und seit Clawdia Chauchats neuerlichem
-Ausscheiden aus der Gemeinschaft derer hier oben, dem Lebewohl, das,
-beschattet von der Tragik großen Versagens, im Geiste ehrerbietiger
-Rücksicht, zwischen ihr und dem überlebenden Duzbruder ihres Herrn
-getauscht worden, – seit dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei
-es mit Welt und Leben nicht ganz geheuer; als stehe es auf eine
-besondere Weise und zunehmend schief und beängstigend darum; als habe
-ein Dämon die Macht ergriffen, der, schlimm und närrisch, zwar lange
-schon beträchtlichen Einfluß geübt, jetzt aber seine Herrschaft so
-zügellos offen erklärt habe, daß es wohl geheimnisvollen Schrecken
-einflößen und Fluchtgedanken nahelegen konnte, – der Dämon, des Name
-Stumpfsinn war.
-
-Man wird urteilen, der Erzähler trage dick und romantisch auf, indem er
-den Namen des Stumpfsinns mit dem des Dämonischen in Verbindung bringe
-und ihm die Wirkung mystischen Grauens zuschreibe. Und dennoch fabeln
-wir nicht, sondern halten uns genau an unseres schlichten Helden
-persönliches Erlebnis, dessen Kenntnis uns auf eine Weise, die sich
-freilich der Untersuchung entzieht, gegeben ist, und das schlechthin den
-Beweis liefert, daß Stumpfsinn unter Umständen solchen Charakter
-gewinnen und solche Gefühle einflößen kann. Hans Castorp blickte um sich
-... Er sah durchaus Unheimliches, Bösartiges, und er wußte, was er sah:
-Das Leben ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als
-stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben.
-
-Geschäftigkeit herrschte darin, Betätigungen von allerlei Art liefen
-nebeneinander her; doch dann und wann artete eine davon zur wilden
-Modewut aus, der alles fanatisch unterlag. So hatte die
-Liebhaberphotographie von jeher in der Berghofwelt eine bedeutende Rolle
-gespielt; schon zweimal aber – denn wer lange genug hier oben verweilte,
-konnte die periodische Wiederkehr solcher Epidemien erleben – war die
-Leidenschaft dafür auf Wochen und Monate zur allgemeinen Narretei
-geworden, so daß niemand war, der nicht, mit besorgter Miene den Kopf
-über eine in die Magengrube gestützte Kamera gebeugt, die Blende hätte
-blinzeln lassen, und das Herumreichen von Abzügen bei Tische kein Ende
-nahm. Plötzlich war es Ehrensache, selbst zu entwickeln. Die zur
-Verfügung stehende Dunkelkammer genügte der Nachfrage bei weitem nicht.
-Man versah Fenster und Balkontüren der Zimmer mit schwarzen Vorhängen;
-und bei Rotlicht hantierte man so lange mit chemischen Bädern, bis Feuer
-auskam und der bulgarische Student vom Guten Russentisch um ein Haar zu
-Asche verbrannt wäre, worauf denn ein Verbot der Anstaltsobrigkeit
-erging. Bald fand man das einfache Lichtbild abgeschmackt;
-Blitzlichtaufnahmen und farbige Photographien nach Lumière kamen in
-Schwung. Man weidete sich an Bildern, auf denen Personen, vom
-Magnesiumblitz jäh betroffen, mit stieren Augen aus fahl verkrampften
-Gesichtern blickten, wie Leichen Ermordeter, die man mit offenen Augen
-aufrecht hingesetzt. Und Hans Castorp bewahrte eine in Pappe gerahmte
-Glasplatte, die ihn, wenn man sie gegen das Licht hielt, zwischen Frau
-Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste einen
-himmelblauen, die andere einen blutroten Sweater trug, mit kupferigem
-Angesicht und unter blechgelben Butterblumen, deren eine ihm im
-Knopfloch strahlte, auf einer giftgrünen Waldwiese zeigte.
-
-Es war da ferner das Briefmarkensammeln, das, alle Zeit von einzelnen
-betrieben, zeitweise zu allgemeiner Besessenheit um sich griff.
-Jedermann klebte, schacherte, tauschte. Philatelistische Zeitschriften
-wurden gehalten, Korrespondenzen mit Spezialgeschäften des In- und
-Auslandes, mit Fachvereinen und Privatliebhabern unterhalten und
-erstaunliche Summen zur Gewinnung seltener Wertzeichen selbst von
-solchen aufgebracht, deren häusliche Verhältnisse den monate- oder
-jahrelangen Aufenthalt in der Luxusheilstätte nur knapp gestatteten.
-
-Das dauerte so lange, bis eine andere Geckerei zur Herrschaft gelangte
-und etwa das Anhäufen und unaufhörliche Verzehren von Schokolade der
-erdenklichsten Sorten zum guten Ton wurde. Alle Welt hatte braune
-Münder, und die leckersten Darbietungen der Berghofküche fanden faule
-und krittelnde Genießer, da die Magen mit Milka-Nut, _Chocolat à la
-crème d’amandes_, Marquis-Napolitains und goldgesprenkelten Katzenzungen
-gestopft und davon verstimmt waren.
-
-Das Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen, inauguriert von
-höchster Stelle an einem verflossenen Faschingsabend und seitdem viel
-gepflegt, hatte fortzeugend zu geometrischen Geduldsübungen geführt,
-denen zeitweise die Geisteskraft aller Berghofgäste und selbst noch die
-letzten Gedanken und Energiebezeugungen Moribunder gehörten. Wochenlang
-stand das Haus im Zeichen einer verwickelten Figur, die sich aus nicht
-weniger als acht großen und kleinen Kreisen und mehreren
-ineinanderliegenden Dreiecken zusammensetzte. Die Aufgabe war, diese
-flächige Vielgestalt freihändig in einem Zug zu beschreiben; das höchste
-Ziel aber, dies endlich auch noch bei sicher verbundenen Augen zu
-vollbringen, – was schließlich, über geringe Schönheitsfehler billig
-hinweggesehen, denn doch nur dem Staatsanwalt Paravant gelang, der
-Hauptträger dieser Scharfsinnsverbohrung war.
-
-Wir wissen, daß er der Mathematik oblag, wissen es vom Hofrat selbst und
-kennen auch die züchtige Triebfeder dieser Hingabe, deren kühlende, den
-Fleischesstachel stumpfende Wirkung wir haben preisen hören, und deren
-allgemeinere Nachfolge gewisse Maßregeln, die man neuerdings zu treffen
-sich gezwungen gesehen hatte, wahrscheinlich unnötig gemacht haben
-würde. Sie bestanden hauptsächlich in der Abriegelung aller
-Balkondurchgänge, an den nicht ganz bis zur Brüstung reichenden
-Milchglasscheidewänden vorbei, durch kleine Türen, die zur Nacht durch
-den Bademeister unter populärem Schmunzeln verschlossen wurden. Sehr
-gesucht waren seitdem die Zimmer im ersten Stock über der Veranda, wo
-man nach Übersteigung der Balustrade über das vorspringende Glasdach
-hin, unter Vermeidung der Türchen, von Abteil zu Abteil gelangen konnte.
-Des Staatsanwalts wegen aber hätte die disziplinäre Neuerung überhaupt
-nicht eingeführt zu werden brauchen. Die schwere Anfechtung, die von der
-Erscheinung jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war längst
-überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem natürlichen Teil
-zu schaffen gemacht. Mit verdoppelter Inbrunst hatte er sich seitdem der
-klaräugigen Göttin in die Arme geworfen, von deren kalmierender Macht
-der Hofrat so Sittliches zu sagen wußte, und das Problem, dem bei Tag
-und Nacht all sein Sinnen gehörte, an das er all jene Persistenz, die
-ganze sportliche Zähigkeit wandte, mit der er ehemals, vor seiner oft
-verlängerten Beurlaubung, welche in völlige Quieszierung überzugehen
-drohte, die Überführung armer Sünder betrieben hatte, – war kein anderes
-als die Quadratur des Kreises.
-
-Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit der
-Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die Wissenschaft
-die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben wollte, unstichhaltig
-seien, und daß die planende Vorsehung ihn, Paravant, darum aus der
-unteren Welt der Lebendigen entfernt und hierher versetzt habe, weil sie
-ihn dazu ausersehen, das transzendente Ziel in den Bereich irdisch
-genauer Erfüllung zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und
-rechnete, wo er ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit
-Figuren, Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes
-Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden Mannes, trug den
-visionären und verbissenen Ausdruck der Manie. Sein Gespräch betraf
-ausschließlich und mit furchtbarer Eintönigkeit die Verhältniszahl _pi_,
-diesen verzweifelten Bruch, den das niedrige Genie eines Kopfrechners
-namens Zacharias Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen
-berechnet hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit
-zweitausend Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das
-Unerreichbar-Genaue so wenig erschöpft gewesen wären, daß man sie für
-unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten Denker,
-denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen gelang, der mußte glühende
-Redeströme über sich ergehen lassen, bestimmt, seine humane
-Empfindlichkeit zu wecken für die Schande der Verunreinigung des
-Menschengeistes durch die heillose Irrationalität dieses mystischen
-Verhältnisses. Die Fruchtlosigkeit ewiger Multiplikation des
-Durchmessers mit pi, um den Umfang –, des Quadrats über dem Halbmesser,
-um den Inhalt des Kreises zu finden, schuf dem Staatsanwalt Anfälle von
-Zweifeln, ob nicht die Menschheit sich die Lösung des Problems seit
-Archimedes’ Tagen viel zu schwer gemacht habe und ob diese Lösung nicht
-in Wahrheit die kindlich einfachste sei. Wie, man sollte die Kreislinie
-nicht rektifizieren und also auch nicht jede Gerade zum Kreise biegen
-können? Zuweilen glaubte Paravant sich einer Offenbarung nahe. Man sah
-ihn öfters noch spät am Abend im verödeten und schlecht erleuchteten
-Speisesaal an seinem Tische sitzen, auf dessen entblößter Platte er ein
-Stück Bindfaden sorgfältig in Kreisform legte, um es plötzlich, mit
-überrumpelnder Gebärde, zur Geraden zu strecken, danach aber, schwer
-aufgestützt, in bitteres Grübeln zu verfallen. Der Hofrat ging ihm
-gelegentlich zur Hand bei solchem schwermütigen Getändel, bestärkte ihn
-überhaupt in seiner Grille. Und auch an Hans Castorp wandte sich der
-Leidende wohl einmal mit seinem geliebten Gram, einmal und wiederholt,
-da er auf viel freundliches Verständnis, auf ein teilnehmendes Gefühl
-für das Geheimnis des Kreises stieß. Er veranschaulichte dem jungen Mann
-die Verzweiflung pi, indem er ihm eine haarscharfe Zeichnung vorwies,
-worin mit äußerster Mühe eine Kreislinie zwischen zwei Polygonen mit
-winzig-zahllosen Seiten, einem eingeschriebenen und einem umschriebenen,
-bis zur letzt-menschenmöglichen Annäherung eingefangen war. Der Rest
-aber, die Krümmung, die sich auf eine ätherisch-geistige Art der
-Rationalisierung durch die berechenbare Umklammerung entzog, – das,
-sagte der Staatsanwalt mit bebendem Unterkiefer, sei pi! Hans Castorp,
-bei aller Empfänglichkeit, zeigte sich weniger reizbar gegen pi, als
-sein Unterredner. Er nannte es eine Eulenspiegelei, riet Herrn Paravant,
-sich bei seinem Haschespiel doch nicht zu ernstlich zu erhitzen und
-sprach von den ausdehnungslosen Wendepunkten, aus denen der Kreis von
-seinem nicht vorhandenen Anfang bis zu seinem nicht vorhandenen Ende
-bestehe, sowie von der übermütigen Melancholie, die in der ohne
-Richtungsdauer in sich selber laufenden Ewigkeit liege, mit so
-gelassener Religiosität, daß vorübergehend eine begütigende Wirkung
-davon auf den Staatsanwalt ausging.
-
-Übrigens bestimmte seine Natur den guten Hans Castorp zum Vertrauten
-mehr als eines Hausgenossen, von dem irgendeine fixe Idee Besitz
-ergriffen, und der darunter litt, daß er bei der leichtlebigen Mehrzahl
-kein Gehör dafür fand. Ein ehemaliger Bildhauer aus der österreichischen
-Provinz, ein schon älterer Mann mit weißem Schnurrbart, einer Hakennase
-und blauen Augen, hatte einen Plan finanzpolitischer Art gefaßt – und
-ihn, unter Markierung entscheidender Stellen durch Pinselstriche von
-Sepiawasserfarbe, in Schönschrift aufgesetzt –, der darauf ausging, daß
-jeder Zeitungsbezieher gehalten sein solle, eine tägliche Teilmenge von
-40 Gramm Altzeitungspapier, gesammelt am ersten jeden Monats,
-abzuliefern, was denn im Jahre rund 14000 Gramm, in zwanzig Jahren aber
-nicht weniger als 288 Kilo ausmachen und, das Kilo zu 20 Pfennigen
-berechnet, einen Wert von 57,60 deutschen Mark darstellen werde. Fünf
-Millionen Abonnenten, so fuhr das Memorandum fort, würden also in
-zwanzig Jahren an Altzeitungswerten die ungeheuere Summe von 288
-Millionen Mark abliefern, wovon ihnen zwei Drittel auf das Neuabonnement
-möchten angerechnet werden, das sich so verbilligen werde, der Rest
-aber, ein Drittel, gegen 100 Millionen Mark, für humanitäre Zwecke, zur
-Finanzierung volkstümlicher Lungenheilstätten, zur Unterstützung
-bedrängter Talente und so weiter, frei werden würde. Der Plan war
-ausgearbeitet bis auf die zeichnerische Darstellung des
-Zentimeterpreisstockes, von dem das Altpapierabholorgan allmonatlich den
-Wert der gesammelten Papiermenge ablesen sollte, und der gelochten
-Formulare, mit denen Vergütungsgelder quittiert werden sollten. Er war
-gerechtfertigt und begründet nach allen Seiten. Die unbesonnene
-Vergeudung und Vernichtung von Zeitungspapier, das von Unaufgeklärten
-dem Spülwasser, dem Feuer ausgesetzt werde, bedeute Hochverrat an
-unserem Walde, an unserer Volkswirtschaft. Papier schonen, Papier sparen
-heiße Zellstoff, den Waldbestand, Menschenmaterial schonen und sparen,
-das bei der Fabrikation von Zellstoff und Papier verbraucht werde, nicht
-minder Menschenmaterial und Kapital. Da ferner Altzeitungspapier auf dem
-Wege über die Packpapier- und Kartonageerzeugung leicht in vierfache
-Werte gesteigert werden könne, so werde es Wirtschaftsfaktor von Belang
-und Unterlage ergiebiger staatlicher und gemeindlicher Besteuerungen
-werden, die Zeitungsleser als Steuersubjekte entlasten. Kurzum, der Plan
-war gut, war eigentlich unwidersprechlich, und wenn ihm
-Unheimlich-Müßiges, ja Finster-Närrisches anhaftete, so eben nur des
-schiefen Fanatismus wegen, womit der vormalige Künstler eine ökonomische
-Idee, und gerade nur diese verfolgte und verfocht, mit der es ihm
-offenbar im Innersten so wenig ernst war, daß er nicht den geringsten
-Versuch unternahm, sie ins Werk zu setzen ... Hans Castorp hörte dem
-Mann mit schrägem Kopfe nickend zu, wenn er mit fiebrig beschwingten
-Worten seinen Heilsgedanken vor ihm propagierte, und untersuchte dabei
-das Wesen der Verachtung und des Widerwillens, die seine Parteinahme für
-den Erfinder gegen die gedankenlose Welt beeinträchtigten.
-
-Einige Berghofinsassen trieben Esperanto und wußten sich etwas damit, in
-dem künstlichen Kauderwelsch bei Tische zu konversieren. Hans Castorp
-blickte sie finster an, indem er übrigens bei sich selber dafür hielt,
-daß sie die Schlimmsten nicht seien. Es gab hier seit kurzem eine Gruppe
-von Engländern, die ein Gesellschaftsspiel eingeführt hatten, welches in
-nichts anderem bestand, als daß ein Teilnehmer an seinen Nachbarn im
-Kreise die Frage richtete: „_Did you ever see the devil with a night-cap
-on?_“, der Gefragte aber zur Antwort gab: „_No! I never saw the devil
-with a night-cap on_“, worauf er die Frage andererseits weitergab – und
-so immer reihum. Das war entsetzlich. Aber dem armen Hans Castorp war
-doch noch schlimmer zumute beim Anblick der Patienceleger, die überall
-im Hause und zu jeder Tageszeit zu beobachten waren. Denn die
-Leidenschaft für diese Zerstreuung war neuestens derart eingerissen, daß
-sie buchstäblich das Haus zur Lasterhöhle machte, und Hans Castorp hatte
-um so mehr Ursache, sich grauenhaft davon berührt zu fühlen, als er
-selber zeitweise ein Opfer – und zwar vielleicht das hingenommenste –
-der Seuche war. Die Elferpatience hatte es ihm angetan: jene Form, bei
-der man die Whistkarte zu je drei Blatt in drei Reihen auslegt und zwei
-Karten, die zusammen elf ausmachen, sowie die drei Bildkarten, wenn sie
-offen daliegen, neu bedeckt, bis bei holdem Glücke das Spiel aufgeht.
-Man sollte nicht für möglich halten, daß Seelenreize, die zur Behexung
-zu führen vermögen, von einem so einfachen Verfahren ausgehen könnten.
-Dennoch erprobte Hans Castorp, gleich so vielen anderen, diese
-Möglichkeit – erprobte sie, da die Ausschweifung niemals heiter ist, mit
-finsteren Brauen. Verfallen den Launen des Kartenkobolds, berückt von
-dieser phantastisch wechselnden Gunst, die zuweilen, in
-leichter Glücksschwebe, von allem Anbeginn die Elferpaare, das
-Bub-Dame-Königsbild sich häufen ließ, so daß das Spiel schon vergeben
-war, bevor noch die dritte Staffel sich vollendet hatte (ein flüchtiger
-Triumph, der die Nerven sogleich zu neuen Versuchen stachelte); dann
-wieder bis zum neunten und letzten Blatt jede einzige Möglichkeit der
-Neubedeckung verweigerte, oder den scheinbar schon sicheren Erfolg durch
-jähe Stockung im letzten Augenblick verflattern ließ, – legte er
-Patience überall und zu allen Tageszeiten, des Nachts unter den Sternen,
-des Morgens im bloßen Pyjama, bei Tische und selbst im Traum. Ihm
-graute, aber er tat es. Und so betraf ihn bei einem Besuche Herr
-Settembrini, ihn „störend“, wie es von jeher seine Sendung gewesen.
-
-„_Accidenti!_“ sprach er. „Sie legen sich die Karten, Ingenieur?“
-
-„So ist es nicht gerade gemeint“, erwiderte Hans Castorp. „Ich lege
-einfach, ich balge mich mit dem abstrakten Zufall. Mich intrigieren
-seine wetterwendischen Faxen, seine Liebedienerei und dann wieder seine
-unglaubliche Widerspenstigkeit. Heute morgen gleich nach dem Aufstehen
-ist die Patience dreimal hintereinander glatt ausgekommen, davon einmal
-in zwei Reihen, was ein Rekord ist. Wollen Sie glauben, daß ich jetzt
-zum zweiunddreißigstenmal auslege, ohne ein einziges Mal auch nur bis
-zur Hälfte des Spieles gekommen zu sein?“
-
-Herr Settembrini blickte ihn, wie sooft schon im Laufe der Jährchen, mit
-traurigen schwarzen Augen an.
-
-„Jedenfalls finde ich Sie präokkupiert“, sagte er. „Es sieht nicht aus,
-als ob ich hier für meine Sorgen Trost, und Balsam für den inneren
-Zwiespalt finden sollte, der mich quält.“
-
-„Zwiespalt?“ wiederholte Hans Castorp und legte ...
-
-„Die Weltlage verwirrt mich“, seufzte der Freimaurer. „Der Balkanbund
-wird zustandekommen, Ingenieur, alle meine Informationen sprechen dafür.
-Rußland arbeitet fieberhaft daran, und die Spitze der Kombination ist
-gegen die österreichisch-ungarische Monarchie gerichtet, ohne deren
-Zertrümmerung kein Punkt des russischen Programms zu verwirklichen ist.
-Begreifen Sie meine Skrupel? Ich hasse Wien mit ganzer Kraft, Sie wissen
-es. Aber soll ich darum die Unterstützung meiner Seele der sarmatischen
-Despotie zuteil werden lassen, die im Begriffe ist, die Brandfackel an
-unseren hochadeligen Erdteil zu legen? Andererseits würde ein auch nur
-gelegentliches diplomatisches Zusammenwirken meines Landes mit
-Österreich mich wie Entehrung treffen. Das sind Gewissensfragen, welche
-–“
-
-„Sieben und vier“, sagte Hans Castorp. „Acht und drei. Bub, Dame, König.
-Es geht ja. Sie bringen mir Glück, Herr Settembrini.“
-
-Der Italiener verstummte. Hans Castorp fühlte seine schwarzen Augen, den
-Blick von Vernunft und Sittlichkeit, in tiefer Trauer auf sich ruhen,
-legte indessen noch eine Weile weiter, bevor er, die Wange in die Hand
-gestützt, mit der falschen und verstockten Unschuldsmiene eines bösen
-Kindes zu dem vor ihm stehenden Mentor aufblickte.
-
-„Ihre Augen“, sprach dieser, „suchen ganz vergebens zu verhehlen, daß
-Sie wissen, wie es um Sie steht.“
-
-„_Placet experiri_“, hatte Hans Castorp die Frechheit zu antworten, und
-Herr Settembrini verließ ihn, – worauf denn freilich der allein
-Gebliebene noch längere Zeit, ohne weiterzulegen, den Kopf in die Hand
-gestützt, an seinem Tische inmitten des weißen Zimmers sitzenblieb,
-grübelnd und im Innersten grauenhaft berührt von dem nicht geheueren und
-schiefen Zustand, worin er die Welt befangen sah, von dem Grinsen des
-Dämons und Affengottes, unter dessen rat- und zügellose Herrschaft er
-sie geraten fand, und des Name „Der große Stumpfsinn“ war.
-
-Ein schlimmer, apokalyptischer Name, ganz danach angetan, geheime
-Beängstigung einzuflößen. Hans Castorp saß und rieb sich Stirn und
-Herzgegend mit den flachen Händen. Er fürchtete sich. Ihm war, als könne
-„das alles“ kein gutes Ende nehmen, als werde eine Katastrophe das Ende
-sein, eine Empörung der geduldigen Natur, ein Donnerwetter und
-aufräumender Sturmwind, der den Bann der Welt brechen, das Leben über
-den „toten Punkt“ hinwegreißen und der „Sauregurkenzeit“ einen
-schrecklichen Jüngsten Tag bereiten werde. Er hatte Lust zu fliehen, wir
-sagten es schon, – und ein Glück denn nur, daß die Obrigkeit das
-vorerwähnte „unverwandte Auge“ auf ihn hatte, daß sie in seinen Mienen
-zu lesen verstand und auf seine Divertierung mit neuen, fruchtbaren
-Hypothesen bedacht war!
-
-Korpsstudentischen Tonfalles hatte sie erklärt, den eigentlichen
-Ursachen der Unsolidität von Hans Castorps Wärmehaushalt auf der Spur zu
-sein, Ursachen, denen nach ihrer wissenschaftlichen Aussage so unschwer
-beizukommen sein würde, daß Heilung, legitime Entlassung ins Flachland
-plötzlich in nahe Aussicht gerückt schienen. Des jungen Mannes Herz
-schlug hoch, von mannigfachen Empfindungen bestürmt, als er zum
-Aderlasse den Arm hinstreckte. Blinzelnd und leicht erblassend
-bewunderte er das herrliche Rubinrot seines Lebenssaftes, der steigend
-den klaren Behälter füllte. Der Hofrat selbst, assistiert von Doktor
-Krokowski und einer Barmherzigen Schwester, vollzog die kleine, aber
-weittragende Operation. Danach verging eine Reihe von Tagen, beherrscht
-für Hans Castorp von der Frage, wie das Hingegebene, außerhalb seiner,
-unter den Augen der Wissenschaft sich bewähren werde.
-
-Es habe natürlich noch nichts gedeihen können, sagte der Hofrat am
-Anfang. Es habe leider noch nichts gedeihen wollen, sagte er später.
-Aber der Morgen kam, wo er, während des Frühstücks, zu Hans Castorp
-trat, der zu dieser Zeit am Guten Russentisch seinen Platz hatte, am
-oberen Ende, dort, wo dereinst sein großer Duzbruder gesessen, und ihm
-unter redensartlichen Glückwünschen eröffnete, der Kettenkokkus sei nun
-doch in einer der angelegten Kulturen zweifelsfrei festgestellt. Ein
-Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung sei es denn nun, ob die
-Vergiftungserscheinungen auf die jedenfalls bestehende kleine
-Tuberkulose oder auf die Streptos, die ja auch nur in bescheidenem Maße
-vorhanden, zurückzuführen seien. Er, Behrens, müsse sich die Sache näher
-und länger besehen. Noch sei die Kultur nicht ausgewachsen. – Er zeigte
-sie ihm im „Labor“: ein rotes Blutgelee, worin man graue Pünktchen
-gewahrte. Das waren die Kokken. (Kokken jedoch hatte jeder Esel, wie
-auch Tuberkeln, und hätte man nicht die Symptome gehabt, so wäre auf
-diesen Befund nicht weiter Gewicht zu legen gewesen.)
-
-Außerhalb seiner, unter den Augen der Wissenschaft, fuhr Hans Castorps
-geronnenes Herzblut fort, sich zu bewähren. Es kam der Morgen, da der
-Hofrat mit redensartlich bewegten Worten berichtete: Nicht nur auf der
-einen Kultur, sondern auch auf allen übrigen seien nachträglich noch
-Kokken gewachsen, und zwar in großen Mengen. Ungewiß, ob es alles
-Streptos seien; mehr als wahrscheinlich nun aber, daß die
-Vergiftungserscheinungen daher rührten, – wenn man auch freilich nicht
-wissen könne, wieviel davon auf Rechnung der zweifellos vorhanden
-gewesenen und nicht ganz überwundenen Tuberkulose zu setzen sei. Die zu
-ziehende Schlußfolgerung? Eine Streptovakzinkur! Die Prognose?
-Außerordentlich günstig – zumal der Versuch jedes Risikos entbehre, auf
-keinen Fall schaden könne. Denn da das Serum ja aus Hans Castorps
-eigenem Blute hergestellt werde, so werde mit der Injektion kein
-Krankheitsstoff in den Körper eingeführt, der nicht schon darin sei.
-Schlimmstenfalls würde sie nutzlos sein, Null im Effekt – aber ob man
-denn das, da Patient ja ohnedies bleiben müsse, als einen schlimmen Fall
-bezeichnen könne!
-
-Nicht doch, so weit wollte Hans Castorp nicht gehen. Er unterwarf sich
-der Kur, obgleich er sie ridikül und ehrlos fand. Diese Impfungen mit
-sich selbst wollten ihm als eine abscheulich freudlose Diversion
-erscheinen, als ein inzestuöser Greuel von Ich zu Ich, frucht- und
-hoffnungslos in seinem Wesen. So urteilte seine hypochondrische
-Unbelehrtheit, die nur im Punkte der Unfruchtbarkeit – und in diesem
-freilich vollkommen – recht behielt. Die Diversion erstreckte sich über
-Wochen. Sie schien zuweilen zu schaden – was selbstverständlich auf
-Irrtum beruhen mußte –, zuweilen auch zu nützen, was sich dann aber
-gleichfalls als Irrtum herausstellte. Das Ergebnis war Null, ohne bei
-Namen genannt und ausdrücklich verkündigt zu werden. Die Unternehmung
-verlief im Sande, und Hans Castorp fuhr fort, Patience zu legen – Aug’
-in Auge mit dem Dämon, dessen zügelloser Herrschaft für sein Gefühl ein
-Ende mit Schrecken bevorstand.
-
-
- Fülle des Wohllauts
-
-Welche Errungenschaft und Neueinführung des Hauses Berghof war es, die
-unsern langjährigen Freund vom Kartentic erlöste und ihn einer anderen,
-edleren, wenn auch im Grunde nicht weniger seltsamen Leidenschaft in die
-Arme führte? Wir sind im Begriffe, es zu erzählen, erfüllt von den
-geheimen Reizen des Gegenstandes und aufrichtig begierig, sie
-mitzuteilen.
-
-Es handelte sich um eine Vermehrung der Unterhaltungsgeräte des
-Hauptgesellschaftsraumes, aus nie rastender Fürsorge ersonnen und
-beschlossen im Verwaltungsgremium des Hauses, beschafft mit einem
-Kostenaufwand, den wir nicht berechnen wollen, den wir aber großzügig
-müssen nennen dürfen, von der Oberleitung dieses unbedingt zu
-empfehlenden Instituts. Ein sinnreiches Spielzeug also von der Art des
-stereoskopischen Guckkastens, des fernrohrförmigen Kaleidoskops und der
-kinematographischen Trommel? Allerdings – und auch wieder durchaus
-nicht. Denn erstens war das keine optische Veranstaltung, die man eines
-Abends – und man schlug die Hände teils über dem Kopf, teils in
-gebückter Haltung vorm Schoße zusammen – im Klaviersalon aufgebaut fand,
-sondern eine akustische; und ferner waren jene leichten Attraktionen
-nach Klasse, Rang und Wert überhaupt nicht mit ihr zu vergleichen. Das
-war kein kindliches und einförmiges Gaukelwerk, dessen man überdrüssig
-war, und das man nicht mehr anrührte, sobald man auch nur drei Wochen
-auf dem Buckel hatte. Es war ein strömendes Füllhorn heiteren und
-seelenschweren künstlerischen Genusses. Es war ein Musikapparat. Es war
-ein Grammophon.
-
-Unsere ernste Sorge ist, dies Wort möchte in einem unwürdigen und
-überholten Sinne mißverstanden und Vorstellungen möchten daran geknüpft
-werden, die einer verjährten Vorform dessen, was uns als Wahrheit
-vorschwebt, nicht aber dieser in unermüdlich fortbildenden Versuchen
-einer musisch gerichteten Technik zur vornehmsten Vollendung
-entwickelten Wahrheit gerecht werden. Ihr Guten! Das war das armselige
-Kurbelkästchen nicht, das ehemals wohl, Drehscheibe und Griffel obenauf,
-Anhängsel eines unförmigen Trompetenschalltrichters aus Messing, von
-einem Wirtshaustische herunter anspruchslose Ohren mit näselndem Gebrüll
-erfüllte. Der mattschwarz gebeizte Schrein, der hier, ein wenig tiefer
-als breit, angeschlossen mit seidenem Kabel an einen elektrischen
-Steckkontakt der Wand, in schlichter Distinktion auf einem Fachtischchen
-stand, zeigte mit jener rohen und vorsintflutlichen Maschinerie
-überhaupt keine Ähnlichkeit mehr. Man öffnete den anmutig sich
-verjüngenden Deckel, dessen innere, vom Grunde gehobene Messingstütze
-ihn in schräg schirmender Lage automatisch feststellte, und man gewahrte
-in flacher Vertiefung die mit grünem Tuch ausgeschlagene Drehscheibe mit
-Nickelrand und dem gleichfalls vernickelten Mittelzapfen, über den das
-Loch der Hartgummiplatte zu fügen war. Man bemerkte ferner, rechts
-seitwärts im Vordergrunde, eine uhrähnlich bezifferte Vorrichtung zur
-Regelung des Tempos, zur Linken den Hebel, mit dem das Drehwerk in Lauf
-zu setzen oder zu stoppen war; links hinten aber den gewunden
-keulenförmigen, in weichen Gelenken beweglichen Hohlarm aus Nickel, mit
-der flachrunden Schalldose an seinem Ende, deren Schraubwerk die
-ziehende Nadel zu tragen bestimmt war. Man öffnete auch die Flügel der
-vorderen Doppeltür und erblickte dahinter ein jalousieartiges Gefüge
-schräg stehender Leisten aus schwarz gebeiztem Holze – nichts weiter.
-
-„Es ist das neueste Modell“, sagte der Hofrat, der mit eingetreten war.
-„Letzte Errungenschaft, Kinder, Ia, ff, was Besseres gibt es nicht in
-dem Janger.“ Er sprach das Wort urkomisch-unmöglich aus, wie etwa ein
-minder gebildeter Verkäufer es anpreisend getan haben würde. „Das ist
-kein Apparat und keine Maschine,“ fuhr er fort, indem er aus einem der
-auf dem Tischchen angeordneten buntfarbigen Blechbüchschen eine Nadel
-nahm und sie befestigte, „das ist ein Instrument, das ist eine
-Stradivarius, eine Guarneri, da herrschen Resonanz- und
-Schwingungsverhältnisse vom ausgepichtesten Raffinemang! ‚Polyhymnia‘
-heißt die Marke, wie die Inschrift hier im inneren Deckel Sie lehrt.
-Deutsches Fabrikat, wissen Sie. Wir machen das mit Abstand am besten.
-Das treusinnig Musikalische in neuzeitlich-mechanischer Gestalt. Die
-deutsche Seele _up to date_. Da haben Sie die Literatur!“ sagte er und
-wies auf ein Wandschränkchen, worin breitrückige Alben aufgereiht
-standen. „Ich übermache Ihnen den ganzen Zauber zu freier Lust, empfehle
-ihn aber dem Schutze des Publikums. Wollen wir mal probeweise eine
-erbrausen lassen?“
-
-Die Kranken baten flehentlich darum, und Behrens zog eines der
-stumm-gehaltvollen Zauberbücher hervor, wandte die schweren Blätter, zog
-aus einer der Kartontaschen, deren kreisförmige Ausschnitte die farbigen
-Titel erkennen ließen, eine Platte und legte sie ein. Mit einem
-Handgriff gab er der Drehscheibe Strom, zögerte zwei Sekunden, bis ihr
-Lauf die volle Geschwindigkeit erreicht hatte, und setzte die feine
-Spitze des Stahlstiftes behutsam auf den Plattenrand. Ein leicht
-wetzendes Geräusch ward hörbar. Er senkte den Deckel darüber, und in
-demselben Augenblick brach durch die offene Flügeltür, zwischen den
-Spalten der Jalousie hervor, nein, aus dem ganzen Körper der Truhe
-Instrumentaltrubel, eine lustig lärmende und drängende Melodie, die
-ersten gliederwerfenden Takte einer Ouvertüre von Offenbach.
-
-Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd. Man traute seinen Ohren
-nicht, wie überaus rein und natürlich die Koloraturen der Holzbläser
-lauteten. Eine Geige, sie ganz allein, präludierte phantastisch. Man
-vernahm den Bogenstrich, das Tremolo des Griffes, das süße Gleiten von
-einer Lage in die andere. Sie fand ihre Melodie, den Walzer, das „Ach,
-ich habe sie verloren“. Leicht trug Orchesterharmonie die
-schmeichlerische Weise, und es war zum Entzücken, wie sie, ehrenvoll vom
-Ensemble aufgenommen, als rauschendes Tutti sich wiederholte. Natürlich
-war es nicht so, wie wenn eine wirkliche Kapelle im Zimmer hier
-konzertiert hätte. Der Klangkörper, unentstellt im übrigen, erlitt eine
-perspektivische Minderung; es war, wenn es erlaubt ist, für den
-Gehörsfall ein Gleichnis aus dem Gebiet des Gesichtes einzusetzen, als
-ob man ein Gemälde durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete, so daß
-es entrückt und verkleinert erschien, ohne an der Schärfe seiner
-Zeichnung, der Leuchtkraft seiner Farben etwas einzubüßen. Das
-Musikstück, talentstraff und prickelnd, spielte sich ab in allem Witz
-seiner leichtsinnigen Erfindung. Den Schluß machte die Ausgelassenheit
-selbst, ein drollig zögernd ansetzender Galopp, ein unverschämter
-Cancan, der die Vision in der Luft geschüttelter Zylinder, schleudernder
-Knie, aufstiebender Röcke erzeugte und im komisch-triumphalen Enden kein
-Ende fand. Dann schnappte das Drehwerk selbsttätig ein. Es war aus. Man
-applaudierte von Herzen.
-
-Man rief nach Weiterem und man bekam es: Menschliche Stimme entströmte
-dem Schrein, männlich, weich und gewaltig auf einmal, von Orchester
-begleitet, ein italienischer Bariton berühmten Namens, – und nun konnte
-durchaus von keiner Verschleierung und Entfernung mehr die Rede sein:
-das herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen Umfang und
-Kraftinhalt, und namentlich wenn man in eines der offenen Nebenzimmer
-trat und den Apparat nicht sah, so war es nicht anders, als stände dort
-im Salon der Künstler in körperlicher Person, das Notenblatt in der
-Hand, und sänge. Er sang eine Opernbravourarie in seiner Sprache – _eh,
-il barbiere. Di qualità, di qualità! Figaro qua, Figaro là, Figaro,
-Figaro, Figaro!_ Die Zuhörer wollten sterben vor Lachen über sein
-falsettierendes _parlando_, über den Kontrast dieser Bärenstimme und
-dieser zungenbrecherischen Sprechfertigkeit. Erfahrene mochten die
-Künste seiner Phrasierung, seiner Atemtechnik verfolgen und bewundern.
-Meister des Unwiderstehlichen, Virtuose des welschen _Da
-capo_-Geschmacks, hielt er den vorletzten Ton, vor der Schlußtonika, zur
-Rampe vordringend, wie es schien, und offenbar die Hand in der Luft, auf
-eine Weise aus, daß man in gezogene Bravorufe ausbrach, bevor er
-geendigt hatte. Es war vorzüglich.
-
-Und es gab mehr. Ein Waldhorn vollführte mit schöner Vorsicht
-Variationen über ein Volkslied. Eine Sopranistin schmetterte, stakkierte
-und trillerte eine Arie aus „_La Traviata_“ mit der lieblichsten Kühle
-und Genauigkeit. Der Geist eines Violinisten von Weltruf spielte, wie
-hinter Schleiern, zu einer Klavierbegleitung, die trocken klang,
-wie Spinett, eine Romanze von Rubinstein. Aus der sacht
-kochenden Wundertruhe drangen Glockenklänge, Harfenglissandos,
-Trompetengeschmetter und Trommelwirbel. Schließlich wurden Tanzplatten
-eingelegt. Sogar von dem neuen Import war schon ein und das andere
-Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack, der Tango,
-berufen, aus dem Wiener Walzer einen Großvatertanz zu machen. Zwei
-Paare, des modischen Schrittes mächtig, zeigten sich darin auf dem
-Teppich. Behrens hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Vermahnung
-erteilt, jede Nadel nur einmal zu benutzen und die Platten „ganz ähnlich
-wie rohe Eier“ zu behandeln. Hans Castorp bediente den Apparat.
-
-Warum gerade er? Es hatte sich so gemacht. Mit gedämpfter
-Kurzangebundenheit war er denjenigen entgegengetreten, die nach des
-Hofrats Weggang den Nadel- und Plattenwechsel, die Ein- und Ausschaltung
-des Triebstroms hatten in die Hand nehmen wollen. „Lassen Sie mich das
-tun!“ hatte er gesagt, indem er sie beiseite drängte, und sie waren ihm
-gleichmütig gewichen, erstens, weil er die Miene hatte, als ob er von
-längerer Hand her sich auf die Sache verstände, dann aber, weil ihnen
-sehr wenig daran gelegen war, an der Quelle des Genusses tätig zu sein,
-statt sich bequem und unverbindlich damit bewirten zu lassen, solange es
-sie nicht langweilte.
-
-Nicht so Hans Castorp. Während der Vorführung der neuen Erwerbung durch
-den Hofrat hatte er sich still im Hintergrunde gehalten, ohne Lachen,
-ohne Beifallsrufe, aber die Darbietungen gespannt verfolgend, indes er
-nach gelegentlicher Gewohnheit mit zwei Fingern an einer Augenbraue
-drehte. Mit einer gewissen Unruhe hatte er im Rücken des Publikums
-mehrfach den Standort gewechselt, war ins Bibliothekszimmer getreten, um
-von dort zu lauschen, und hatte sich später, Hände auf dem Rücken und
-mit verschlossenem Gesichtsausdruck, neben Behrens aufgestellt, den
-Schrein im Auge, den einfachen Dienst daran erkundend. In ihm hieß es:
-„Halt! Achtung! Epoche! Das kam zu mir.“ Die bestimmteste Ahnung neuer
-Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn. Dem Jüngling im
-Flachland, dem beim ersten Blick auf ein Mädchen Amors widerhakiger
-Pfeil unverhofft mitten im Herzen sitzt, ist nicht gar anders zumute.
-Eifersucht beherrschte sofort Hans Castorps Schritte. Öffentliches Gut?
-Schlaffe Neugier hat weder Recht noch Kraft, zu besitzen. „Lassen Sie
-mich das tun!“ sagte er zwischen den Zähnen, und sie waren es ganz
-zufrieden. Sie tanzten noch ein bißchen nach leichtgeschürzten Piecen,
-die er laufen ließ, verlangten auch noch eine Gesangsnummer, ein
-Opernduett, die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, die lieblich
-genug ins Ohr ging, und als er den Deckel schloß, zogen sie ab, flüchtig
-angeregt und schwatzend, in die Liegekur, zur Ruhe. Darauf hatte er
-gewartet. Sie ließen hinter sich alles stehen und liegen wie es mochte,
-die offenen Nadelbüchschen und Albums, die zerstreuten Platten. Das sah
-ihnen ähnlich. Er tat, als schlösse er sich ihnen an, verließ aber
-heimlich ihren Zug auf der Treppe, kehrte in den Salon zurück, schloß
-alle Türen und blieb dort die halbe Nacht, tief beschäftigt.
-
-Er machte sich mit der neuen Erwerbung vertraut, durchmusterte ungestört
-den beigestellten Vortragsschatz, den Inhalt der schweren Alben. Es
-waren deren zwölf, von zweierlei Größe, zu je zwölf Platten; und da
-viele der eng kreisförmig geritzten schwarzen Scheiben doppelseitig
-waren, nicht nur weil manches Stück auch die Kehrseite in Anspruch nahm,
-sondern auch weil einer ganzen Reihe von Tafeln zwei verschiedene
-Darbietungen eingeschrieben waren, so war das ein anfangs schwer
-übersichtliches, ja verwirrendes Eroberungsgebiet schöner Möglichkeiten.
-Er spielte wohl ein Viertelhundert, indem er sich, um nicht zu stören,
-in der Nacht nicht gehört zu werden, gewisser sacht ziehender Nadeln
-bediente, die den Klang verringerten, – aber das war kaum der achte Teil
-dessen, was sich aller Enden lockend zum Versuche anbot. Für heute mußte
-es genug sein, die Titel zu überfliegen und nur dann und wann,
-stichprobeweise, ein Beispiel der stummen Zirkelgraphik dem Schreine
-einzuverleiben, um es zum Tönen zu bringen. Sie waren unterschieden
-durch das farbige Etikett ihres Zentrums, die Hartgummidisken, und durch
-nichts weiter, für das Auge. Eine sah aus wie die andere, ganz oder
-nicht ganz bis zur Mitte mit konzentrischen Kreisen dicht bedeckt; und
-doch barg ihr feines Liniengepräge die erdenklichste Musik, glücklichste
-Eingebungen aus allen Regionen der Kunst, in ausgesuchter Wiedergabe.
-
-Es waren da eine Menge Ouvertüren und Einzelsätze aus der Welt der
-erhabenen Symphonik, gespielt von berühmten Orchestern, deren Leiter
-namhaft gemacht waren. Eine lange Reihe von Liedern sodann, vorgetragen
-zum Klavier, von Mitgliedern großer Opernhäuser, – und zwar sowohl
-Lieder, die das hohe und bewußte Erzeugnis persönlicher Kunst waren, wie
-auch schlichte Volkslieder, wie dann endlich auch noch solche, die
-zwischen diesen beiden Gattungen gleichsam die Mitte hielten, insofern
-sie zwar Produkte geistiger Kunst, aber im Sinn und Geist des Volkes
-tiefecht und fromm empfunden und erfunden waren; künstliche Volkslieder,
-wenn man so sagen durfte, ohne durch das Wort „künstlich“ ihrer
-Innigkeit zu nahe zu treten: eines zumal, das Hans Castorp von
-Kindesbeinen an gekannt hatte, zu dem er aber jetzt eine
-geheimnisvoll-beziehungsreiche Liebe faßte, und von dem die Rede sein
-wird. – Was gab es noch, oder eigentlich, was gab es nicht? Es gab Oper
-die Hülle und Fülle. Ein internationaler Chor gefeierter Sänger und
-Sängerinnen setzte, begleitet von diskret zurücktretendem Orchester, die
-hochgeschulte Gottesgabe seiner Stimmen ein zur Ausführung von Arien,
-Duetten, ganzen Ensembleszenen aus den verschiedenen Gegenden und
-Epochen des musikalischen Theaters: der südlichen Schönheitssphäre einer
-zugleich hoch- und leichtherzigen Hingerissenheit, einer
-deutsch-volkhaften Welt von Schalkheit und Dämonie, der französischen
-Großen und Komischen Oper. War damit ein Ende? O nein. Denn es folgte
-die Serie der Kammermusiken, der Quartette und Trios, der
-Instrumental-Solonummern für Violine, Cello, Flöte, die
-Konzertgesangsnummern mit obligater Violine oder Flöte, die rein
-pianistischen Nummern, – von den bloßen Belustigungen, den Couplets, den
-Zweckplatten, in die kleine Aufspielorchester ihre Weisen geprägt
-hatten, und die nach einer derben Nadel verlangten, nicht erst zu reden.
-
-Hans Castorp sichtete das, ordnete das, übergab es, einsam hantierend,
-zu einem kleinen Teile dem Instrument, das es zu tönendem Leben weckte.
-Er ging mit heißem Kopfe zu ähnlich vorgerückter Stunde
-schlafen, wie nach dem ersten Gelage mit Pieter Peeperkorn
-majestätisch-duzbrüderlichen Angedenkens, und träumte von zwei bis
-sieben von dem Zauberkasten. Er sah im Traume die Drehscheibe um ihren
-Zapfen kreisen, schnell bis zur Unsichtlichkeit und lautlos dabei, in
-einer Bewegung, die nicht nur eben in dem wirbeligen Rundfluß, sondern
-auch noch in einem eigentümlichen seitlichen Wogen bestand, dergestalt,
-daß dem nadeltragenden Gelenkarm, unter dem sie hinzog, ein elastisch
-atmendes Schwingen mitgeteilt wurde, – sehr dienlich, wie man glauben
-mochte, dem _vibrato_ und _portamento_ der Streicher und der
-menschlichen Stimmen; doch unbegreiflich blieb es, im Traum nicht
-weniger als im Wachen, wie das bloße Nachziehen einer haarfeinen Linie
-über einem akustischen Hohlraum und einzig mit Hilfe des
-Schwingungshäutchens der Schallbüchse die reich zusammengesetzten
-Klangkörper wiedererzeugen konnte, die das geistige Ohr des Schläfers
-füllten.
-
-Er war am Morgen zeitig wieder im Salon, schon vor dem Frühstück, und
-ließ, mit gefalteten Händen in einem Sessel sitzend, einen herrlichen
-Bariton aus dem Schreine zur Harfe singen: „Blick’ ich umher in diesem
-edlen Kreise –“. Die Harfe klang vollkommen natürlich, es war
-unverfälschtes und unvermindertes Harfenspiel, was der Schrein außer der
-schwellenden, hauchenden, artikulierenden menschlichen Stimme aus sich
-entließ – durchaus zum Erstaunen. Und Zärtlicheres gab es auf Erden
-nicht, als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen Oper, den
-Hans Castorp darauf folgen ließ, – als diese bescheidene und innige
-Gefühlsannäherung zwischen der weltberühmten Tenorstimme, die so
-vielfach in den Alben vertreten war, und einem glashell-süßen kleinen
-Sopran, – als sein „_Da mi il braccio, mia piccina_“ und die simple,
-süße, gedrängt melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab ...
-
-Hans Castorp zuckte zusammen, da hinter ihm die Tür ging. Es war der
-Hofrat, der zu ihm hereinschaute; – in seinem klinischen Kittel mit dem
-Hörrohr in der Brusttasche stand er dort einen Augenblick, den Türgriff
-in der Hand, und nickte dem Laboranten zu. Dieser erwiderte das Nicken
-über die Schulter hin, worauf das blauwangige Gesicht des Chefs mit dem
-einseitig geschürzten Schnurrbärtchen hinter der zugezogenen Tür
-verschwand und Hans Castorp sich seinem unsichtbar-wohllautenden
-Liebespärchen wieder zuwandte.
-
-Später im Lauf des Tages, nach der Mittagsmahlzeit, nach dem Diner,
-hatte er Zuhörer bei seinem Treiben, wechselndes Publikum, – wenn man
-ihn selbst nicht als solches, sondern als Spender des Genusses
-betrachten wollte. Persönlich neigte er zu dieser Auffassung, und die
-Hausgesellschaft bewilligte sie ihm in dem Sinne, daß sie seiner
-entschlossenen Selbsteinsetzung als Verwalter und Kustos der
-öffentlichen Einrichtung von Anfang an stillschweigend zustimmte. Das
-kostete diese Leute nichts; denn ungeachtet ihres oberflächlichen
-Entzückens, wenn jener tenorale Abgott in Schmelz und Glanz schwelgte,
-die weltbeglückende Stimme in Kantilenen und hohen Künsten der
-Leidenschaft sich verströmte, – trotz dieses laut bekundeten Entzückens
-waren sie ohne Liebe und darum völlig einverstanden, jedem, der da
-wollte, die Sorge zu lassen. Hans Castorp war es, der den Plattenschatz
-in Ordnung hielt, den Inhalt der Alben auf die Innenseite der Deckel
-schrieb, so daß ein jegliches Stück auf Wunsch und Anruf sofort zur Hand
-war, und der das Instrument handhabte: Man sah es ihn mit bald geübten,
-knappen und zarten Bewegungen tun. Was hätten auch die anderen gemacht?
-Sie hätten die Platten geschändet, indem sie sie mit abgenutzten Nadeln
-bearbeiteten, hätten sie offen auf Stühlen herumliegen lassen, mit dem
-Apparat stumpfen Jux getrieben, indem sie ein edles Stück mit Tempo und
-Tonhöhe hundertundzehn laufen ließen oder auch den Zeiger auf Null
-einstellten, so daß es ein hysterisches Tirili oder ein versacktes
-Stöhnen ergab ... Sie hatten das alles schon getan. Sie waren zwar
-krank, aber roh. Und darum trug Hans Castorp nach kurzer Zeit den
-Schlüssel des Schränkchens, worin die Alben und Nadeln aufbewahrt
-wurden, einfach in der Tasche, so daß man ihn rufen mußte, wenn man
-aufgespielt haben wollte.
-
-Spät, nach der Abendgeselligkeit, nach Abzug der Menge, war seine beste
-Zeit. Dann blieb er im Salon oder kehrte heimlich dorthin zurück und
-musizierte allein bis tief in die Nacht. Die Ruhe des Hauses damit zu
-stören, brauchte er weniger zu fürchten, als er anfangs geglaubt hatte
-tun zu müssen, denn die Tragkraft seiner Geistermusik hatte sich ihm als
-von geringer Reichweite erwiesen: so Staunenswertes die Schwingungen
-nahe ihrem Ursprung bewirkten, so bald ermatteten sie, schwach und
-scheinmächtig wie alles Geisterhafte, ferner von ihm. Hans Castorp war
-allein mit den Wundern der Truhe in seinen vier Wänden, – mit den
-blühenden Leistungen dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz,
-dieses mattschwarzen Tempelchens, vor dessen offener Flügeltür er im
-Sessel saß, die Hände gefaltet, den Kopf auf der Schulter, den Mund
-geöffnet, und sich von Wohllaut überströmen ließ.
-
-Die Sänger und Sängerinnen, die er hörte, er sah sie nicht, ihre
-Menschlichkeit weilte in Amerika, in Mailand, in Wien, in Sankt
-Petersburg, – sie mochte dort immerhin weilen, denn was er von ihnen
-hatte, war ihr Bestes, war ihre Stimme, und er schätzte diese Reinigung
-oder Abstraktion, die sinnlich genug blieb, um ihm, unter Ausschaltung
-aller Nachteile zu großer persönlicher Nähe, und namentlich soweit es
-sich um Landsleute, um Deutsche handelte, eine gute menschliche
-Kontrolle zu gestatten. Die Aussprache, der Dialekt, die engere
-Landsmannschaft der Künstler war zu unterscheiden, ihr Stimmcharakter
-sagte etwas aus über des Einzelnen seelischen Wuchs, und daran, wie sie
-geistige Wirkungsmöglichkeiten nutzten oder versäumten, erwies sich die
-Stufe ihrer Intelligenz. Hans Castorp ärgerte sich, wenn sie es fehlen
-ließen. Er litt auch und biß sich auf die Lippen vor Scham, wenn
-Unvollkommenheiten der technischen Wiedergabe mit unterliefen, saß wie
-auf Kohlen, wenn im Lauf einer oft zitierten Platte ein Gesangston
-scharf oder gröhlend verlautete, was namentlich bei den heiklen
-Frauenstimmen so leicht sich ereignete. Doch nahm er das in den Kauf,
-denn Liebe muß leiden. Zuweilen beugte er sich über das Spielwerk, das
-atmend kreiste, wie über einen Fliederstrauß, den Kopf in einer
-Klangwolke; stand vor dem offenen Schrein, das Herrscherglück des
-Dirigenten kostend, indem er mit aufgehobener Hand einer Trompete den
-pünktlichen Einsatz gab. Er hatte Lieblinge in seinem Magazin, einige
-Vokal- und Instrumentalnummern, die zu hören er niemals satt wurde. Wir
-mögen nicht unterlassen, sie anzuführen.
-
-Eine kleine Gruppe von Platten bot die Schlußszenen des pompösen, von
-melodiösem Genie überquellenden Opernwerks, das ein großer Landsmann des
-Herrn Settembrini, der Altmeister der dramatischen Musik des Südens, in
-der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus solennem Anlaß, bei
-Gelegenheit der Übergabe eines Werkes der völkerverbindenden Technik an
-die Menschheit, im Auftrage eines orientalischen Fürsten geschaffen
-hatte. Hans Castorp wußte bildungsweise ungefähr Bescheid damit, er
-kannte in großen Zügen das Schicksal des Radames, der Amneris und der
-Aida, die ihm auf Italienisch aus dem Kasten sangen, und so verstand er
-so ziemlich, was sie ihm sangen, – der unvergleichliche Tenor, der
-fürstliche Alt mit dem herrlichen Stimmbruch in der Mitte seines
-Umfanges und der silberne Sopran – verstand nicht jedes Wort, aber doch
-eines hie und da mit Hilfe seiner Kenntnis der Situationen und seiner
-Sympathie für diese Situationen, einer vertraulichen Anteilnahme, die
-wuchs, je öfter er die vier oder fünf Platten laufen ließ, und schon zur
-wirklichen Verliebtheit geworden war.
-
-Zuerst setzten Radames und Amneris sich auseinander: Die Königstochter
-ließ den Gefesselten vor sich führen, ihn, den sie liebte und sehnlich
-für sich zu retten wünschte, obgleich er um der barbarischen Sklavin
-willen Vaterland und Ehre hingegeben hatte, – während allerdings, wie er
-sagte, „im Herzensgrunde die Ehre unverletzt geblieben“ war. Diese
-Intaktheit seines Innersten bei aller Schuldbeladenheit jedoch half ihm
-wenig, denn durch sein klar zutage liegendes Verbrechen war er dem
-geistlichen Gerichte verfallen, dem alles Menschliche fremd war, und das
-bestimmt kein Federlesen machen würde, wenn er sich nicht im letzten
-Augenblick dahin besann, der Sklavin abzuschwören und sich dem
-königlichen Alt mit dem Stimmbruch in die Arme zu werfen, der dies, rein
-akustisch genommen, so vollkommen verdiente. Amneris gab sich die
-inbrünstigste Mühe mit dem wohllautenden, aber tragisch verblendeten und
-dem Leben abgewandten Tenor, der immer nur „Ich kann nicht!“ und
-„Vergebens!“ sang, wenn sie ihm mit verzweifelten Bitten anlag, der
-Sklavin zu entsagen, es gelte sein Leben. „Ich kann nicht!“ – „Höre noch
-einmal, entsage ihr!“ – „Vergebens!“ Todwillige Verblendung und wärmster
-Liebeskummer vereinigten sich zu einem Zwiegesang, der außerordentlich
-schön war, aber keine Hoffnung ließ. Und dann begleitete Amneris mit
-ihren Schmerzensrufen die schauerlich-formelhaften Repliken des
-geistlichen Gerichtes, die dumpf aus der Tiefe schollen, und an denen
-der unselige Radames sich überhaupt nicht beteiligte.
-
-„Radames, Radames“, sang dringlich der Oberpriester und führte ihm in
-zugespitzter Form sein Verbrechen des Verrates vor Augen.
-
-„Rechtfertige dich!“ forderten im Chore alle Priester.
-
-Und da der Oberste darauf hinweisen konnte, daß Radames schwieg,
-erkannten alle in hohler Einstimmigkeit auf Felonie.
-
-„Radames, Radames!“ fing der Vorsitzende wieder an. „Du hast das Lager
-vor der Schlacht verlassen.“
-
-„Rechtfertige dich!“ hieß es abermals. „Seht, er schweiget“, durfte der
-stark voreingenommene Verhandlungsleiter zum zweitenmal feststellen, und
-so vereinigten auch diesmal alle Richterstimmen sich mit der seinen in
-dem Wahrspruch: „Felonie!“
-
-„Radames, Radames!“ hörte man den unerbittlichen Ankläger zum
-drittenmal. „Dem Vaterlande, der Ehre und dem Könige brachst du deinen
-Eid.“ – „Rechtfertige dich!“ scholl es aufs neue. Und: „Felonie!“
-erkannte endgültig und mit Schauder die Priesterschaft, nachdem sie
-aufmerksam gemacht worden, daß Radames absolut stillschwieg. So konnte
-denn das Unausbleibliche nicht ausbleiben, daß der Chor, der stimmlich
-gleich beieinander geblieben war, dem Missetäter für Recht verkündete,
-sein Los sei erfüllt, er sterbe den Tod der Verfluchten, unter dem
-Tempel der zürnenden Gottheit habe er lebend ins Grab einzugehen.
-
-Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte mußte man sich
-nach Kräften selber einbilden, denn hier brach die Wiedergabe ab, Hans
-Castorp mußte die Platte wechseln, was er mit stillen und knappen
-Bewegungen, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen, tat, und wenn er
-sich wieder zum Lauschen niedergelassen hatte, war es schon des
-Melodramas letzte Szene, die er vernahm: das Schlußduett des Radames und
-der Aida, gesungen auf dem Grunde ihres Kellergrabes, während über ihren
-Köpfen bigotte und grausame Priester im Tempel ihren Kult feierten, die
-Hände spreizten, sich in dumpfem Gemurmel ergingen ... „_Tu – in questa
-tomba?!_“ schmetterte die unbeschreiblich ansprechende, zugleich süße
-und heldenhafte Stimme des Radames entsetzt und entzückt ... Ja, sie
-hatte sich zu ihm gefunden, die Geliebte, um derentwillen er Ehre und
-Leben verwirkt, sie hatte ihn hier erwartet, sich mit ihm einschließen
-lassen, um mit ihm zu sterben, und die Gesänge, die sie in dieser Sache,
-zuweilen unterbrochen von dem dumpfen Getön des Zeremoniells im oberen
-Stockwerk, miteinander tauschten, oder zu denen sie sich vereinigten, –
-sie waren es eigentlich, die es dem einsam-nächtlichen Zuhörer in
-tiefster Seele angetan hatten: in Hinsicht auf die Umstände sowohl, wie
-auf ihren musikalischen Ausdruck. Es war vom Himmel die Rede in diesen
-Gesängen, aber sie selbst waren himmlisch, und sie wurden himmlisch
-vorgetragen. Die melodische Linie, die Radames’ und Aidas Stimmen
-einzeln und dann in Vereinigung unersättlich nachzogen, diese einfache
-und selige, um Tonika und Dominante spielende Kurve, die vom Grundton zu
-lang betontem Vorhalt, einen halben Ton vor der Oktave, aufstieg und
-nach flüchtiger Berührung mit dieser sich zur Quinte wandte, erschien
-dem Lauscher als das Verklärteste, Bewunderungswürdigste, was ihm je
-untergekommen. Doch wäre er in das Lautliche weniger verliebt gewesen,
-ohne die zum Grunde liegende Situation, die sein Gemüt für die daraus
-erwachsende Süße erst recht empfänglich machte. Es war so schön, daß
-Aida sich zu dem verlorenen Radames gefunden hatte, um sein
-Grabesschicksal mit ihm zu teilen in Ewigkeit! Mit Recht protestierte
-der Verurteilte gegen das Opfer so lieblichen Lebens, aber seinem
-zärtlich verzweifelten „_No, no! troppo sei bella_“ war doch das
-Entzücken endgültiger Vereinigung mit derjenigen anzumerken, die er nie
-wiederzusehen gemeint hatte, und dieses Entzücken, diese Dankbarkeit ihm
-deutlich nachzufühlen, bedurfte es für Hans Castorp keines Aufgebotes an
-Einbildungskraft. Was er aber letztlich empfand, verstand und genoß,
-während er mit gefalteten Händen auf die schwarze kleine Jalousie
-blickte, zwischen deren Leisten dies alles hervorblühte, das war die
-siegende Idealität der Musik, der Kunst, des menschlichen Gemüts, die
-hohe und unwiderlegliche Beschönigung, die sie der gemeinen Gräßlichkeit
-der wirklichen Dinge angedeihen ließ. Man mußte sich nur vor Augen
-führen, was hier, nüchtern genommen, geschah! Zwei lebendig Begrabene
-würden, die Lungen voll Grubengas, hier miteinander, oder, noch
-schlimmer, einer nach dem anderen, an Hungerkrämpfen verenden, und dann
-würde an ihren Körpern die Verwesung ihr unaussprechliches Werk tun, bis
-zwei Gerippe unterm Gewölbe lagerten, deren jedem es völlig gleichgültig
-und unempfindlich sein würde, ob es allein oder zu zweien lagerte. Das
-war die reale und sachliche Seite der Dinge – eine Seite und Sache für
-sich, die vor dem Idealismus des Herzens überhaupt nicht in Betracht
-kam, vom Geiste der Schönheit und der Musik aufs Triumphalste in den
-Schatten gestellt wurde. Für Radames’ und Aidas Operngemüter gab es das
-sachlich Bevorstehende nicht. Ihre Stimmen schwangen sich unisono zum
-seligen Oktavenvorhalt auf, versichernd, nun öffne sich der Himmel und
-ihrem Sehnen erstrahle das Licht der Ewigkeit. Die tröstliche Kraft
-dieser Beschönigung tat dem Zuhörer außerordentlich wohl und trug nicht
-wenig dazu bei, daß diese Nummer seines Leibprogramms ihm so besonders
-am Herzen lag.
-
-Er pflegte sich auszuruhen von ihren Schrecken und Verklärungen bei
-einer zweiten Pièce, die kurzläufig, aber von konzentriertem Zauber war,
-– viel friedlicher ihrem Inhalt nach, als jene erste, ein Idyll, aber
-ein raffiniertes Idyll, gemalt und gestaltet mit den zugleich sparsamen
-und verwickelten Mitteln neuester Kunst. Es war ein reines
-Orchesterstück, ohne Gesang, ein symphonisches Präludium französischen
-Ursprungs, bewerkstelligt mit einem für zeitgenössische Verhältnisse
-kleinen Apparat, jedoch mit allen Wassern moderner Klangtechnik
-gewaschen und klüglich danach angetan, die Seele in Traum zu spinnen.
-
-Der Traum, den Hans Castorp dabei träumte, war dieser: Rücklings lag er
-auf einer mit bunten Sternblumen besäten, von Sonne beglänzten Wiese,
-einen kleinen Erdhügel unter dem Kopf, das eine Bein etwas hochgezogen,
-das andere darüber gelegt, – wobei es jedoch Bocksbeine waren, die er
-kreuzte. Seine Hände fingerten, nur zu seinem eigenen Vergnügen, da die
-Einsamkeit über der Wiese vollkommen war, an einem kleinen Holzgebläse,
-das er im Munde hielt, einer Klarinette oder Schalmei, der er
-friedlich-nasale Töne entlockte: einen nach dem anderen, wie sie eben
-kommen wollten, aber doch in geglücktem Reigen, und so stieg das
-sorglose Genäsel zum tiefblauen Himmel auf, unter dem das feine, leicht
-vom Winde bewegte Blätterwerk einzeln stehender Birken und Eschen
-in der Sonne flimmerte. Doch war sein beschauliches und
-unverantwortlich-halbmelodisches Dudeln nicht lange die einzige Stimme
-der Einsamkeit. Das Summen der Insekten in der sommerheißen Luft über
-dem Grase, der Sonnenschein selbst, der leichte Wind, das Schwanken der
-Wipfel, das Glitzern des Blätterwerks, – der ganze sanft bewegte
-Sommerfriede umher wurde gemischter Klang, der seinem einfältigen
-Schalmeien eine immer wechselnde und immer überraschend gewählte
-harmonische Deutung gab. Die symphonische Begleitung trat manchmal
-zurück und verstummte; aber Hans mit den Bocksbeinen blies fort und
-lockte mit der naiven Eintönigkeit seines Spiels den ausgesucht
-kolorierten Klangzauber der Natur wieder hervor, – welcher endlich nach
-einem abermaligen Aussetzen, in süßer Selbstübersteigerung, durch
-Hinzutritt immer neuer und höherer Instrumentalstimmen, die rasch
-nacheinander einfielen, alle verfügbare, bis dahin gesparte Fülle
-gewann, für einen flüchtigen Augenblick, dessen wonnevoll-vollkommenes
-Genügen aber die Ewigkeit in sich trug. Der junge Faun war sehr
-glücklich auf seiner Sommerwiese. Hier gab es kein „Rechtfertige dich!“,
-keine Verantwortung, kein priesterliches Kriegsgericht über einen, der
-der Ehre vergaß und abhanden kam. Hier herrschte das Vergessen selbst,
-der selige Stillstand, die Unschuld der Zeitlosigkeit: Es war die
-Liederlichkeit mit bestem Gewissen, die wunschbildhafte Apotheose all
-und jeder Verneinung des abendländischen Aktivitätskommandos, und die
-davon ausgehende Beschwichtigung machte dem nächtlichen Musikanten die
-Platte vor vielen wert. –
-
-Da war eine dritte ... Es waren eigentlich wiederum mehrere,
-zusammengehörig, ineinandergehend, drei oder vier, denn die Tenorarie,
-die vorkam, nahm allein eine bis zur Mitte beringte Seite für sich in
-Anspruch. Wieder war das etwas Französisches, aus einer Oper, die Hans
-Castorp gut kannte, die er wiederholt im Theater gehört und gesehen und
-auf deren Handlung er einmal sogar gesprächsweise – und zwar in einem
-sehr entscheidenden Gespräch – eine Anspielung gemacht hatte ... Es war
-im zweiten Akt, in der spanischen Schenke, einer geräumigen Spelunke,
-dielenartig, mit Tüchern geschmückt und von defekter maurischer
-Architektur. Carmens warme, ein wenig rauhe, aber durch Rassigkeit
-einnehmende Stimme erklärte, tanzen zu wollen vor dem Sergeanten, und
-schon hörte man ihre Kastagnetten klappern. In demselben Augenblick aber
-erschollen aus einiger Entfernung Trompeten, Clairons, ein wiederholtes
-militärisches Signal, das dem Kleinen nicht wenig in die Glieder fuhr.
-„Halt! Einen Augenblick!“ rief er und spitzte die Ohren wie ein Pferd.
-Und da Carmen „Warum?“ fragte und „was es denn gäbe?“: „Hörst du nicht?“
-rief er, ganz erstaunt, daß ihr das nicht eingehe, wie ihm. Es seien ja
-die Trompeten aus der Kaserne, die das Zeichen gäben. „Zur Heimkehr naht
-die Frist“, sagte er opernhaft. Aber die Zigeunerin konnte das nicht
-begreifen und wollte es vor allem auch gar nicht. Desto besser, meinte
-sie halb dumm, halb frech, da brauchten sie keine Kastagnetten, der
-Himmel selbst schicke ihnen Musik zum Tanz und darum: Lalalala! – Er war
-außer sich. Sein eigener Enttäuschungsschmerz trat ganz zurück hinter
-dem Bemühen, ihr klarzumachen, um was es sich handle, und daß keine
-Verliebtheit der Welt gegen dieses Signal aufkomme. Wie war es denn
-möglich, daß sie etwas so Fundamentales und Unbedingtes nicht verstand!
-„Ich muß nun fort, nach Haus, ins Quartier, zum Appell!“ rief er,
-verzweifelt über eine Ahnungslosigkeit, die ihm das Herz doppelt so
-schwer machte, als es ohnedies gewesen wäre. Da aber mußte man Carmen
-hören! Sie war wütend, sie war in tiefster Seele empört, ihre Stimme war
-ganz und gar betrogene und beleidigte Liebe – oder sie stellte sich so.
-„Ins Quartier? Zum Appell?“ Und ihr Herz? Und ihr gutes, zärtliches
-Herz, das in seiner Schwäche – ja, sie gebe es zu: in seiner Schwäche! –
-bereit gewesen sei, ihm mit Gesang und Tanz die Zeit zu kürzen?
-„Traterata!“ und sie hob mit wildem Hohn die gerollte Hand an den Mund,
-um das Clairon nachzuahmen. „Traterata!“ Und das genüge. Da springe der
-Dummkopf in die Höhe und wolle fort. Gut denn, fort mit ihm! Hier sein
-Helm, sein Säbel und Gehänge! Machen, machen, machen solle er, daß er in
-die Kaserne komme! – Er bat um Erbarmen. Aber sie fuhr fort in ihrem
-glühenden Hohn, indem sie tat, als sei sie er, der beim Schall der
-Hörner sein bißchen Verstand verloren habe. Traterata, zum Appell!
-Barmherziger Himmel, er werde noch zu spät kommen! Nur fort, denn es
-rufe ja zum Appelle, und da störe er selbstverständlich auf wie ein
-Narr, in dem Augenblick, wo sie, Carmen, für ihn habe tanzen wollen.
-Das, das, das sei seine Liebe zu ihr! –
-
-Qualvolle Lage! Sie verstand nicht. Das Weib, die Zigeunerin konnte und
-wollte nicht verstehen. Sie wollte es nicht, – denn ohne jeden Zweifel:
-in ihrer Wut, ihrem Hohn war etwas über den Augenblick und das
-Persönliche Hinausgehende, ein Haß, eine Urfeindschaft gegen das
-Prinzip, das durch diese französischen Clairons – oder spanischen Hörner
-– nach dem verliebten kleinen Soldaten rief, und über das zu
-triumphieren ihr höchster, eingeborener, überpersönlicher Ehrgeiz war.
-Sie besaß ein sehr einfaches Mittel dazu: Sie behauptete, wenn er gehe,
-so liebe er sie nicht; und das war genau das, was zu hören José dort
-drinnen im Kasten nicht ertrug. Er beschwor sie, ihn zu Worte kommen zu
-lassen. Sie wollte nicht. Da zwang er sie – es war ein verteufelt
-ernster Moment. Fatale Klänge lösten sich aus dem Orchester, ein düster
-drohendes Motiv, das sich, wie Hans Castorp wußte, durch die ganze Oper
-bis zum katastrophalen Ausgang zog und auch die Einleitung zu des
-kleinen Soldaten Arie bildete, der neuen Platte, die nun einzulegen war.
-
-„Hier an dem Herzen treu geborgen“ – José sang das wunderschön; Hans
-Castorp ließ die Scheibe auch einzeln, außer dem vertrauten
-Zusammenhange öfters laufen und lauschte stets in achtsamster Sympathie.
-Es war inhaltlich nicht weit her mit der Arie, aber ihr flehender
-Gefühlsausdruck war im höchsten Grade rührend. Der Soldat sang von der
-Blume, die Carmen ihm am Anfang ihrer Bekanntschaft zugeworfen, und die
-im schweren Arrest, worein er um ihretwillen geraten, sein ein und alles
-gewesen sei. Er gestand tief erschüttert, er habe augenblicksweise dem
-Schicksal geflucht, weil es zugelassen hatte, daß er Carmen je mit Augen
-gesehen. Aber gleich habe er die Lästerung bitter bereut und auf den
-Knien zu Gott um ein Wiedersehen gebetet. _Da_ – und dies Da war der
-gleiche hohe Ton, mit dem er unmittelbar vorher sein „Ach, teures
-Mädchen“ begonnen, – _da_ – und nun war in der Begleitung aller
-Instrumentalzauber los, der nur irgend geeignet sein mochte, den
-Schmerz, die Sehnsucht, die verlorene Zärtlichkeit, die süße
-Verzweiflung des kleinen Soldaten zu malen, – _da_ hatte sie vor seinen
-Blicken gestanden in all ihrem schlechthin verhängnishaften Reiz, so daß
-er klar und deutlich das eine gefühlt hatte, daß es „um ihn getan“
-(„getan“ mit einem schluchzenden ganztönigen Vorschlag auf der ersten
-Silbe), auf immer also um ihn getan sei. „Du meine Wonne, mein
-Entzücken!“ sang er verzweifelt in einer wiederkehrenden und auch vom
-Orchester noch einmal auf eigene Hand geklagten Tonfolge, die vom
-Grundton zwei Stufen aufstieg und sich von dort mit Innigkeit zur
-tieferen Quinte wandte. „Dein ist mein Herz“, beteuerte er
-abgeschmackter, aber allerzärtlichster Weise zum Überfluß, indem er sich
-eben dieser Figur bediente, ging dann die Tonleiter bis zur sechsten
-Stufe durch, um hinzuzufügen: „Und ewig dir gehör ich an!“, ließ danach
-die Stimme um zehn Töne sinken und bekannte erschüttert sein „Carmen,
-ich liebe dich!“, dessen Ausklang von einem wechselnd harmonisierten
-Vorhalt schmerzlich verzögert wurde, bevor das „dich“ mit der
-vorhergehenden Silbe sich in den Grundakkord ergab.
-
-„Ja, ja!“ sagte Hans Castorp schwergemut und dankbar und legte auch noch
-das Finale ein, wo alle den jungen José dazu beglückwünschten, daß ihm
-durch das Renkontre mit dem Offizier der Rückweg abgeschnitten war, so
-daß er nun fahnenflüchtig werden mußte, wie Carmen es zu seinem
-Entsetzen schon vorher von ihm verlangt hatte.
-
- „O folg uns in felsige Klüfte,
- wilder, doch rein wehen dort die Lüfte –“
-
-sangen sie ihm im Chor, – man konnte sie ganz gut verstehen.
-
- „Offen die Welt – nicht Sorgen drücken;
- unbegrenzt dein Vaterland;
- und voran: das seligste Entzücken,
- die Freiheit lacht! Die Freiheit lacht!“
-
-„Ja, ja!“ sagte er abermals und ging zu etwas Viertem über, etwas sehr
-Liebem und Gutem.
-
-Daß es wieder etwas Französisches war, ist so wenig unsere Schuld, wie
-es auf unsere Rechnung kommt, daß auch wieder militärischer Geist
-obwaltete. Es war eine Einlage, eine Solo-Gesangsnummer, ein „Gebet“ aus
-der Faust-Oper von Gounod. Jemand trat auf, jemand Erz-Sympathisches,
-der Valentin hieß, den aber Hans Castorp im Stillen anders nannte, mit
-einem vertrauteren, wehmutsvollen Namen, dessen Träger er in hohem Grade
-mit der aus dem Kasten laut werdenden Person identifizierte, obgleich
-diese eine viel schönere Stimme hatte. Es war ein starker und warmer
-Bariton, und sein Gesang war dreiteilig; er bestand aus zwei miteinander
-nahverwandten Eckstrophen, die frommen Charakters, ja, fast im Stile des
-protestantischen Chorals gehalten waren, und einer Mittelstrophe
-keck-chevaleresken Mutes, kriegerisch, leichtsinnig, dabei aber
-ebenfalls fromm; und das war eigentlich das Französisch-Militärische
-daran. Der Unsichtbare sang:
-
- „Da ich nun verlassen soll
- mein geliebtes Heimatland“ –
-
-und er wandte unter diesen Umständen sein Flehen zum Herrn des Himmels,
-daß er ihm unterdessen das holde Schwesterblut schützen möge! Es ging in
-den Krieg, der Rhythmus sprang um, wurde unternehmend, Gram und Sorge
-mochten zum Teufel fahren, er, der Unsichtbare wollte sich dort, wo die
-Schlacht am heißesten, die Gefahr am größten war, keck, fromm und
-französisch dem Feinde entgegenwerfen. Wenn ihn aber Gott zu
-Himmelshöhen rufe, sang er, dann wolle er schützend von dort auf „dich“
-herniedersehen. Mit diesem „dich“ war das Schwesterblut gemeint; aber es
-rührte Hans Castorp trotzdem in tiefster Seele, und diese seine
-Ergriffenheit ließ nicht nach bis zum Schluß, wo der Brave dort drinnen
-zu mächtigen Choralakkorden sang:
-
- „O Herr des Himmels, hör mein Flehn,
- in deinem Schutz laß Margarete stehn!“
-
-Weiter war es nichts mit dieser Platte. Wir glaubten, kurz von ihr reden
-zu sollen, weil Hans Castorp sie so ausnehmend gern hatte, dann aber
-auch, weil sie bei späterer, seltsamer Gelegenheit noch eine gewisse
-Rolle spielte. Für jetzt kommen wir auf ein fünftes und letztes Stück
-aus der Gruppe der engeren Favoriten, – welches nun freilich gar nichts
-Französisches mehr war, sondern etwas sogar besonders und exemplarisch
-Deutsches, auch nichts Opernhaftes, sondern ein Lied, eines jener
-Lieder, – Volksgut und Meisterwerk zugleich und eben durch dieses
-Zugleich seinen besonderen geistig-weltbildlichen Stempel empfangend ...
-Wozu die Umschweife? Es war Schuberts „Lindenbaum“, es war nichts
-anderes, als dies allvertraute „Am Brunnen vor dem Tore“.
-
-Ein Tenorist trug es vor zum Klavier, ein Bursche von Takt und
-Geschmack, der seinen zugleich simplen und gipfelhohen Gegenstand mit
-vieler Klugheit, musikalischem Feingefühl und rezitatorischer Umsicht zu
-behandeln wußte. Wir alle wissen, daß das herrliche Lied im Volks- und
-Kindermunde etwas anders lautet, denn als Kunstgesang. Dort wird es
-meist, vereinfacht, nach der Hauptmelodie strophisch durchgesungen,
-während diese populäre Linie im Original schon bei der zweiten der
-achtzeiligen Strophen in Moll variiert, um beim fünften Vers, überaus
-schön, wieder in Dur einzulenken, bei den darauf folgenden „kalten
-Winden“ aber und dem vom Kopfe fliegenden Hute dramatisch aufgelöst wird
-und sich erst bei den letzten vier Versen der dritten Strophe
-wiederfindet, die wiederholt werden, damit die Weise sich aussingen
-könne. Die eigentlich bezwingende Wendung der Melodie erscheint dreimal
-und zwar in ihrer modulierenden zweiten Hälfte, das drittemal also bei
-der Reprise der letzten Halbstrophe „Nun bin ich manche Stunde“. Diese
-zauberhafte Wendung, der wir mit Worten nicht zu nahe treten mögen,
-liegt auf den Satzfragmenten „So manches liebe Wort“, „Als riefen sie
-mir zu“, „Entfernt von jenem Ort“, und die helle und warme, atemkluge
-und zu einem maßvollen Schluchzen geneigte Stimme des Tenoristen sang
-sie jedesmal mit so viel intelligentem Gefühl für ihre Schönheit, daß
-sie dem Zuhörer auf ungeahnte Weise ans Herz griff, zumal der Künstler
-seine Wirkung durch außerordentlich innige Kopftöne bei den Zeilen „Zu
-_ihm_ mich immerfort“, „Hier _findst_ du deine Ruh“ zu steigern wußte.
-Beim wiederholten letzten Verse aber, diesem „Du fändest Ruhe dort!“
-sang er das „fändest“ das erstemal aus voller, sehnsüchtiger Brust und
-erst das zweitemal wieder als zartestes Flageolett.
-
-Soviel vom Liede und seinem Vortrag. Wir mögen uns wohl schmeicheln, es
-sei uns in früheren Fällen gelungen, unseren Zuhörern ein ungefähres
-Verständnis für die intime Teilnahme einzuflößen, die Hans Castorp den
-Vorzugs-Programmnummern seiner nächtlichen Konzerte entgegenbrachte.
-Allein begreiflich zu machen, was diese letzte, dies Lied, der alte
-„Lindenbaum“ ihm bedeutete, das ist nun freilich ein Unternehmen der
-kitzlichsten Art, und höchste Behutsamkeit der Intonation ist vonnöten,
-wenn nicht mehr verdorben, als gefördert werden soll.
-
-Wir wollen es so stellen: Ein geistiger, das heißt ein bedeutender
-Gegenstand ist eben dadurch „bedeutend“, daß er über sich hinausweist,
-daß er Ausdruck und Exponent eines Geistig-Allgemeineren ist, einer
-ganzen Gefühls- und Gesinnungswelt, welche in ihm ihr mehr oder weniger
-vollkommenes Sinnbild gefunden hat, – wonach sich denn der Grad seiner
-Bedeutung bemißt. Ferner ist die Liebe zu einem solchen Gegenstand
-ebenfalls und selbst „bedeutend“. Sie sagt etwas aus über den, der sie
-hegt, sie kennzeichnet sein Verhältnis zu jenem Allgemeinen, jener Welt,
-die der Gegenstand vertritt, und die in ihm, bewußt oder unbewußt,
-mitgeliebt wird.
-
-Will man glauben, daß unser schlichter Held nach so und so vielen
-Jährchen hermetisch-pädagogischer Steigerung tief genug ins geistige
-Leben eingetreten war, um sich der „Bedeutsamkeit“ seiner Liebe und
-ihres Objektes _bewußt_ zu sein? Wir behaupten und erzählen, daß er es
-war. Das Lied bedeutete ihm viel, eine ganze Welt und zwar eine Welt,
-die er wohl lieben mußte, da er sonst in ihr stellvertretendes Gleichnis
-nicht so vernarrt gewesen wäre. Wir wissen, was wir sagen, wenn wir –
-vielleicht etwas dunklerweise – hinzufügen, daß sein Schicksal
-sich anders gestaltet hätte, wenn sein Gemüt den Reizen der
-Gefühlssphäre, der allgemein geistigen Haltung, die das Lied auf so
-innig-geheimnisvolle Weise zusammenfaßte, nicht im höchsten Grade
-zugänglich gewesen wäre. Eben dieses Schicksal aber hatte Steigerungen,
-Abenteuer, Einblicke mit sich gebracht, Regierungsprobleme in ihm
-aufgeworfen, die ihn zu ahnungsvoller Kritik an dieser Welt, diesem
-ihrem allerdings absolut bewunderungswürdigen Gleichnis, dieser seiner
-Liebe reif gemacht hatten und danach angetan waren, sie alle drei unter
-Gewissenszweifel zu stellen.
-
-Der müßte nun freilich von Liebesdingen rein gar nichts verstehen, der
-meinte, durch solche Zweifel geschähe der Liebe Abtrag. Sie bilden im
-Gegenteil ihre Würze. Sie sind es erst, die der Liebe den Stachel der
-Leidenschaft verleihen, so daß man schlechthin die Leidenschaft als
-zweifelnde Liebe bestimmen könnte. Worin bestanden denn aber Hans
-Castorps Gewissens- und Regierungszweifel an der höheren Erlaubtheit
-seiner Liebe zu dem bezaubernden Liede und seiner Welt? Welches war
-diese dahinter stehende Welt, die seiner Gewissensahnung zufolge eine
-Welt verbotener Liebe sein sollte?
-
-Es war der Tod.
-
-Aber das war ja erklärter Wahnsinn! Ein so wunderherrliches Lied! Reines
-Meisterwerk, geboren aus letzten und heiligsten Tiefen des Volksgemüts;
-ein höchster Besitz, das Urbild des Innigen, die Liebenswürdigkeit
-selbst! Welch häßliche Verunglimpfung!
-
-Ei ja, ja, ja, das war recht schön, so mußte wohl jeder Redliche
-sprechen. Und dennoch stand hinter diesem holden Produkte der Tod. Es
-unterhielt Beziehungen zu ihm, die man lieben mochte, aber nicht
-ohne sich von einer bestimmten Unerlaubtheit solcher Liebe
-ahnungsvoll-regierungsweise Rechenschaft zu geben. Es mochte seinem
-eigenen ursprünglichen Wesen nach nicht Sympathie mit dem Tode, sondern
-etwas sehr Volkstümlich-Lebensvolles sein, aber die geistige Sympathie
-damit war Sympathie mit dem Tode, – lautere Frömmigkeit, das Sinnige
-selbst an ihrem Anfang, das sollte auch nicht aufs Leiseste bestritten
-werden; aber in ihrer Folge lagen Ergebnisse der Finsternis.
-
-Was redete er sich da ein! – Er hätte es sich von euch nicht ausreden
-lassen. Ergebnisse der Finsternis. Finstere Ergebnisse.
-Folterknechtssinn und Menschenfeindlichkeit in spanischem Schwarz mit
-der Tellerkrause und Lust statt Liebe – als Ergebnis treublickender
-Frömmigkeit.
-
-Wahrhaftig, der Literat Settembrini war nicht eben der Mann seines
-unbedingten Vertrauens, aber er erinnerte sich einiger Belehrung, die
-der klare Mentor ihm einst, vor Zeiten, am Anfang seiner hermetischen
-Laufbahn, über „Rückneigung“, die geistige „Rückneigung“ in gewisse
-Welten hatte zuteil werden lassen, und er fand es ratsam, diese
-Unterweisung mit Vorsicht auf seinen Gegenstand zu beziehen. Herr
-Settembrini hatte das Phänomen jener Rückneigung als „Krankheit“
-bezeichnet, – das Weltbild selbst, die Geistesepoche, der die
-Rückneigung galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als „krankhaft“
-erscheinen. Wie denn nun aber! Hans Castorps holdes Heimwehlied, die
-Gemütssphäre, der es angehörte, und die Liebesneigung zu dieser Sphäre
-sollten – „krank“ sein? Mit nichten! Sie waren das Gemütlich-Gesundeste
-auf der Welt. Allein das war eine Frucht, die, frisch und prangend
-gesund diesen Augenblick oder eben noch, außerordentlich zu Zersetzung
-und Fäulnis neigte, und, reinste Labung des Gemütes, wenn sie im rechten
-Augenblicke genossen wurde, vom nächsten unrechten Augenblicke an
-Fäulnis und Verderben in der genießenden Menschheit verbreitete. Es war
-eine Lebensfrucht, vom Tode gezeugt und todesträchtig. Es war ein Wunder
-der Seele, – das höchste vielleicht vor dem Angesicht gewissenloser
-Schönheit und gesegnet von ihr, jedoch mit Mißtrauen betrachtet
-aus triftigen Gründen vom Auge verantwortlich regierender
-Lebensfreundschaft, der Liebe zum Organischen, und Gegenstand der
-Selbstüberwindung nach letztgültigem Gewissensspruch.
-
-Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der Überwindung dieser
-Liebe sein, – dieses Seelenzaubers mit finsteren Konsequenzen! Hans
-Castorps Gedanken oder ahndevolle Halbgedanken gingen hoch, während er
-in Nacht und Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, – sie
-gingen höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch
-gesteigerte Gedanken. O, er war mächtig, der Seelenzauber! Wir alle
-waren seine Söhne, und Mächtiges konnten wir ausrichten auf Erden, indem
-wir ihm dienten. Man brauchte nicht mehr Genie, nur viel mehr Talent,
-als der Autor des Lindenbaumliedes, um als Seelenzauberkünstler dem
-Liede Riesenmaße zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte
-wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu irdische
-Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht
-heimwehkrank, – in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik
-verdarb. Aber sein bester Sohn mochte doch derjenige sein, der in seiner
-Überwindung sein Leben verzehrte und starb, auf den Lippen das neue Wort
-der Liebe, das er noch nicht zu sprechen wußte. Es war so wert, dafür zu
-sterben, das Zauberlied! Aber wer dafür starb, der starb schon
-eigentlich nicht mehr dafür und war ein Held nur, weil er im Grunde
-schon für das Neue starb, das neue Wort der Liebe und der Zukunft in
-seinem Herzen – –
-
-Das also waren Hans Castorps Vorzugsplatten.
-
-
- Fragwürdigstes
-
-Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der Jährchen eine
-unerwartete Wendung genommen. Immer hatten seine Forschungen, die der
-Seelenzergliederung und dem menschlichen Traumleben galten, einen
-unterirdischen und katakombenhaften Charakter getragen; neuerdings aber,
-in gelindem, der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie die
-Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen, und seine
-vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal, Hauptattraktion des Hauses,
-Stolz des Prospektes, – diese Vorträge, gehalten in Gehrock und
-Sandalen, hinter gedecktem Tischchen und mit exotisch schleppenden
-Akzenten vor dem unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten
-nicht mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung der
-Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten von den
-profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus, den
-Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums und des Zweiten Gesichtes, den
-Wundern der Hysterie, bei deren Erörterung der philosophische Horizont
-sich derart weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer
-erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum Psychischen, ja
-dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen auf unheimlichstem, auf
-krankhaftem Wege, wie es scheinen mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem
-der Gesundheit ...
-
-Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige
-Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski habe sich nur
-aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie zu bewahren, zu
-rein emotionellen Zwecken also, dem Verborgenen zugewandt. So sprachen
-Lästerzungen, an denen es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den
-Montagskonferenzen die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um
-sie hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch genauer
-als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im Busen dabei glich. Aber
-diese Wirkungen waren so legitim, wie die Entwicklung, die der Geist des
-Gelehrten durchlaufen, und für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern
-geradezu Notwendigkeit in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten
-jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele sein
-Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein bezeichnet,
-obgleich man möglicherweise besser täte, von einem Überbewußtsein zu
-reden, da aus diesen Sphären zuweilen ein Wissen emporgeistert, das das
-Bewußtseinswissen des Individuums bei weitem übersteigt und den Gedanken
-nahelegt, es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den
-untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und einer durchaus
-wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des Unterbewußtseins, „okkult“
-dem eigentlichen Wortsinne nach, erweist sich sehr bald auch als okkult
-im engeren Sinn dieses Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die
-Erscheinungen fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht
-alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus dem bewußten
-Seelenleben verbannter und hysterisierter Affekte erblickt, der
-anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen im Materiellen, – eine
-Macht, die man als zweite Quelle der magischen Phänomene anzusprechen
-gezwungen ist. Idealist des Pathologischen, um nicht zu sagen:
-pathologischer Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von
-Gedankengängen sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins
-überhaupt, das will sagen: in das Problem der Beziehungen von Geist und
-Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie der bloßen
-Robustheit, wird es sich niemals nehmen lassen, das Geistige als ein
-phosphoreszierendes Produkt des Materiellen zu erklären. Der Idealist
-dagegen, ausgehend vom Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt
-und sehr bald entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig
-umgekehrtem Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts
-Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei: Das Huhn
-oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die doppelte Tatsache
-eine so außerordentliche Verwirrung erfährt, daß kein Ei denkbar ist,
-das nicht von einem Huhn gelegt worden wäre, und kein Huhn, das nicht
-sollte aus einem vorausgesetzten Ei gekrochen sein.
-
-Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings in seinen
-Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem, auf logischem Wege war er
-dazu gekommen, wir können es nicht sattsam betonen, und nur zum Überfluß
-fügen wir hinzu, daß er in solche Erörterungen eingetreten war, lange
-bevor durch das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in
-ein empirisch-experimentelles Stadium traten.
-
-Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere Zuhörer es
-nicht wissen, während uns natürlich der Name geläufig ist. Wer sie war?
-Fast niemand auf den ersten Blick. Ein liebes Ding von neunzehn Jahren,
-Elly gerufen, flachsblond, Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen,
-sondern aus Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft
-besaß. Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar
-Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin der
-Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock über
-dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen hatte. Der Fall
-war unerheblich, er hatte wohl eigentlich nur Verdachtscharakter, wenn
-Elly auch freilich ja zart war, zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei
-unbedingt sympathisch, so daß man ihr gern die Hand auf den
-flachsblonden Scheitel gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig
-tat, wenn er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie,
-eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus
-liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen und wie
-ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein leicht gebrochenes
-Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern, wie „Fleich“ statt „Fleisch“.
-An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes. Das Kinn war zu kurz. Sie saß
-am Tische der Kleefeld, die sie bemutterte.
-
-Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser freundlichen
-kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin hatte es
-Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten und zweiten Anblick ihrer
-klaren Person sich etwas hätte träumen lassen, die aber schon nach ein
-paar Wochen ihres Aufenthaltes hier oben anfingen sich zu entdecken, und
-die in ihrer ganzen Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde.
-
-Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit gaben dem
-Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte sich in allerlei
-Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände mit Hilfe eines
-Klavierspiels, das anschwoll, wenn man sich dem Verstecke näherte,
-dagegen leiser wurde, wenn man Irrwege einschlug; und man ging in der
-Folge dazu über, demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte
-von außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter
-zusammengesetzter Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier gewisser
-Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen zum Tanze
-aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek zu entnehmen und es
-dem und dem zu überreichen und dergleichen mehr. Es ist zu bemerken,
-daß Spiele dieser Art sonst nicht zu den Gewohnheiten der
-Berghof-Gesellschaft gehört hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu
-gegeben, war nachträglich nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly
-gewesen. Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen.
-
-Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von uns, und auch
-Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei den Versuchen mehr oder
-weniger anstellig oder versagten auch gänzlich. Die Tauglichkeit Elly
-Brands aber erwies sich als außerordentlich, als auffallend, als
-ungebührlich. Ihre sichere Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte
-unter Beifall und bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den
-kombinierten Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte
-aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, sobald
-sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein Schwanken, auch
-ohne leitende Musik. Sie holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz,
-streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei
-der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den
-Anfang des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. Dann brachte
-sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen
-Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen
-nieder, – genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie
-ausgedacht.
-
-So hatte sie also gehorcht!
-
-Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu sehen, fing
-man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte: Nein, nein, nicht
-so, man möge doch das nicht glauben! Nicht draußen, nicht an der Tür
-habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig nicht!
-
-Nicht draußen, nicht an der Tür?
-
-„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer, wenn sie
-hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun.
-
-Nicht umhin? Im Zimmer?
-
-Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was sie zu tun
-habe, leise, aber ganz scharf und deutlich.
-
-Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem Sinne
-schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen, daß sie für ein
-solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert werde. Ein
-Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn einer der
-Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im sportlichen Sinn war
-Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf eine Weise, daß manchem der
-Rücken kalt wurde bei ihrem Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal
-riefen nach Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig
-und kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd
-mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos gemeldet, kraß Anormales
-liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, eine Jungfrau mit
-Stimmen. – Ei, ei, und was weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden
-sehen. Es war sein Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig
-für alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. Er
-fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! „So steht es
-also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie jeder gern tat, der
-Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache zur Aufmerksamkeit, doch nicht
-die geringste zum Entsetzen. Er tauchte seine braunen exotischen Augen
-in die hellblauen Ellen Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem
-Scheitel über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und frömmer
-erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von unten, da ihr Kopf
-sich langsam zur Brust und Schulter neigte. Als ihre Augen anfingen,
-sich zu brechen, tat der Gelehrte eine lässige Handbewegung aufwärts vor
-ihrem Gesichtchen, worauf er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und
-die ganze erregte Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen
-Elly Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte.
-
-Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war wohl bei dem Wort,
-einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden Krokowski. Jedermann fühlte
-sein Innerstes kalt davon angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet
-seinen vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei
-Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, die sie
-dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt hatte, so daß eine
-gewisse Übelkeit und körperliche Beängstigung, eine leichte Seekrankheit
-ihn angekommen war. Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte
-sich, daß damit wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens
-verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen Brands
-fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, die das
-Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt:
-das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit des Gebietes, wonach sie
-tastete, und daher den Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei,
-was sie aber nicht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier.
-Hans Castorp hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von Dingen
-der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, – der
-seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, von der eine
-melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. Aber niemals war diese
-Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte Anerkennung nicht
-versagt hatte, ihm persönlich auf den Leib gerückt, nie hatte er
-praktische Erfahrungen damit gemacht, und sein Widerstreben gegen solche
-Erfahrungen, ein Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben,
-ein Widerstreben humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle Ausdrücke
-verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus anspruchslosen Helden
-– kam der Neugier, die sie ihm lebhaft erregten, fast gleich. Er fühlte
-im voraus, fühlte es klar und deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie
-auch fortgehen mochten, nie anders sich würden anlassen können, als
-abgeschmackt, unverständlich und menschlich würdelos. Dennoch brannte er
-darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, als
-Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative war, sondern daß
-das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit nur die
-außermoralische Ausdrucksform der Verbotenheit war. Das _Placet
-experiri_ aber, ihm eingepflanzt von einem, der _solche_ Versuche
-freilich aufs prallste mißbilligen mußte, saß fest in Hans Castorps
-Sinn; seine Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugier zusammen,
-hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des
-Bildungsreisenden, die vielleicht schon, als sie vom Mysterium der
-Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden
-Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von militärischem
-Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen nicht auswich, wenn
-es sich anbot. So beschloß Hans Castorp, auf dem Posten zu sein und
-nicht beiseite zu stehen, wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern
-kommen sollte.
-
-Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin
-laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben anzustellen.
-Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag belegt, hielt
-Sitzungen mit ihr in seinem analytischen Verlies, hypnotisierte sie, wie
-man hörte, war bestrebt, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu
-entwickeln und zu disziplinieren, ihr seelisches Vorleben zu erforschen.
-Dies tat übrigens auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und
-Patronin, und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und das,
-was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, bis in die
-Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, daß der- oder dasjenige,
-was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben zugeflüstert hatte, Holger hieß
-– es war der Jüngling Holger, ein _spirit_, ihr wohlvertraut, ein
-abgeschieden-ätherisch Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen
-Ellen. – Er also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants
-Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr,
-so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr
-eingeflüstert. – Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger ihr früher
-in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn sie nicht vorbereitet
-gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. Das habe Holger wohl
-nicht gedurft, sagte sie später. In so ernste Dinge sich einzumischen,
-sei ihm verwehrt, und übrigens habe er die Schulantworten wohl selber
-nicht recht gewußt.
-
-Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch in
-größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare und
-unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare Erscheinungen? –
-Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges Mädchen allein im
-Wohnzimmer ihres Elternhauses gesessen, am runden Tisch mit einer
-Handarbeit, am hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte
-ihres Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit einer
-bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte Frauen ihn
-dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz hängenden Zipfeln
-hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich hatte Ellen gesehen, wie
-der Zipfel ihr gegenüber sich langsam aufgerollt hatte: still,
-sorgfältig und regelmäßig war er aufgerollt worden, ein gutes Stück
-gegen die Mitte der Tischplatte hin, so daß die Rolle schließlich schon
-ziemlich lang gewesen war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild
-auffahrend, mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem Fell sich auf
-die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer gestürzt, unter das Sofa
-gekrochen und dann ein volles Jahr lang nicht zu bewegen gewesen, einen
-Fuß ins Wohnzimmer zu setzen.
-
-Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die Schaldecke
-aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. – Und was sie sich
-bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht habe. – Aber da es absolut
-unmöglich war, sich das Allergeringste dabei zu denken, so hatte auch
-Elly sich weiter nichts dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern
-berichtet habe. – Nein. – Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar
-nichts dabei denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem
-Fall und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges,
-schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn schwer daran
-getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. Was denn auch an dem
-Sich-Aufrollen einer Decke viel zu tragen sei. Aber an anderem habe sie
-schwerer getragen. Zum Beispiel hieran:
-
-Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, hatte sie
-frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, das im Erdgeschoß
-gelegen war, und sich über die Diele die Treppe hinauf ins Eßzimmer
-begeben wollen, um, wie es ihre Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor
-die Eltern sich einfanden. Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich
-wandte, war sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem
-Podest, am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika
-verheiratete ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und
-wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise einen
-Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen und die
-Hände an der Schulter gefaltet und hatte ihr zugenickt. „Ja, aber,
-Sophie, bist du da?“ hatte die angewurzelte Ellen halb freudig und halb
-erschrocken gefragt. Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich
-darnach verflüchtigt. Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in
-dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung heißer
-Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg frei gewesen war für
-Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß in dieser selbigen
-Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey an Herzentzündung gestorben
-war.
-
-Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, das habe
-doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung hier, der
-Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser achtbarer Zusammenhang
-zu ersehen. Und er willigte ein, an einem spiritistischen
-Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, teilzunehmen, das man aus
-Ungeduld, unter heimlicher Umgehung von Dr. Krokowskis eifersüchtigem
-Verbot, mit Ellen Brand zu veranstalten beschlossen hatte.
-
-Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine
-Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans
-Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und
-Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst
-mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die
-Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf
-einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers,
-ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber,
-am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen,
-Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte
-und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren.
-Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die
-Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des
-Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach
-genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in
-matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das
-Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte
-brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an
-den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des
-Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde.
-
-Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der
-Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht
-aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich
-ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung
-haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum
-Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des
-Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die
-es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn
-ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte
-Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente,
-der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches
-Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen
-Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines
-unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an
-denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein
-würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies
-wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art,
-schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und
-wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der
-Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es
-wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer
-Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres
-Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder
-Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um
-der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man
-unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der
-Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit
-den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher
-hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen.
-
-Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte,
-die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken
-am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen
-Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen
-Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des
-Nachttischlämpchens gerichtet.
-
-Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den
-Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte
-bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann
-geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und
-verhielt sich ruhig.
-
-Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. Frau Stöhr
-erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch wurde ihr bedeutet,
-daß sie sich früher hätte prüfen müssen und sich nun still zu verhalten
-habe. Die Dinge schienen in Fluß zu kommen. Man stipulierte, daß, um ja
-und nein zu antworten, das Glas nicht erst die Buchstaben sollte
-anlaufen müssen, sondern sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen
-begnügen möge.
-
-„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin mit strenger
-Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein Zögern folgte. Dann
-kippte das Glas und bejahte.
-
-„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, indem er die
-Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln verstärkte.
-
-Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack von Marke
-zu Marke, indem es zwischendurch immer ein Stück gegen die Tischmitte
-hin zurückkehrte; es lief zum _h_, zum _o_, zum _l_, es schien danach zu
-ermatten, sich zu verwirren, nicht weiter zu wissen, aber es fand sich
-wieder, fand auch das _g_, das _e_ und _r_. Hatte man’s doch gedacht! Es
-war Holger persönlich, der _spirit_ Holger, der das mit der Salzprise
-usw. gewußt, aber freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte.
-Er war da, er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was
-fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte den Kreis.
-Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, was man von ihm zu
-wissen begehren sollte. Herr Albin entschied sich, zu fragen, was
-Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten gewesen sei. Er tat es, wie
-oben, im Tone des Verhörs, streng und mit zusammengezogenen Brauen.
-
-Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend und stolpernd
-zum _d_, rückte ab und bezeichnete das _i_. Was wollte das werden? Die
-Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu befürchtete kichernd, Holger sei ein
-Dieb gewesen. Frau Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch
-der Arbeit des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und
-klappernd, zum _c_, zum _h_ glitt, das _t_ berührte und dann, offenbar
-unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem _r_ endigte. Es
-hatte „Dichtr“ buchstabiert.
-
-Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum Überfluß und nur aus
-Stolz, wie es schien, kippte das Glas und klopfte bejahend. – Ein
-lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, indem sie das _y_ wie _i_
-aussprach, wie Hans Castorp unwillig bemerkte ... Zu solchen
-Spezifikationen schien Holger unlustig. Er gab keine neue Antwort. Er
-buchstabierte die vorige noch einmal, rasch, sicher und klar, das e
-hinzufügend, das er vorhin vergessen.
-
-Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare
-Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter Gegenden des eigenen
-Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche Gegebenheit
-dieser Kundgebungen doch auch wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche
-erhielt. Ob Holger sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande,
-wollte man wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort
-„Gelassen“. Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst nicht
-darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, fand man es
-wahrscheinlich und gut gesagt. – Und wie lange Holger sich denn schon in
-seinem gelassenen Zustande befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf
-niemand verfallen wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es
-lautete: „Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende Eile“
-lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch von außen,
-Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine eilende Weile war
-Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die Frager spruchweise
-abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten mochte er freilich
-zu operieren verlernt haben. – Was wollte man also noch von ihm
-erfahren? Die Levi gestand ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe,
-beziehungsweise einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? –
-Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen
-Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per du, ob _spirit_
-Holger wohl blonde Locken habe.
-
-„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es das Wort „braune“
-ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute Heiterkeit herrschte im
-Kreise. Die Damen bekundeten offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände
-schräg gegen den Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister
-Holger scheine ja ziemlich eitel zu sein.
-
-Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und ohne Sinn auf
-dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und rollte der Stöhr in den
-Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten Armen darauf niederblickte.
-Man führte es behutsam und unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück.
-Der Chinese wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da
-sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger nun im
-Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten ließ? Man redete
-seinem Glase aufs beste zu. Ob er denn nicht vielleicht etwas dichten
-wolle! Er sei ja ein Dichter gewesen, als er noch nicht in eilender
-Weile gewebt und geschwebt habe. Ach, wie sie alle nach etwas
-Gedichtetem verlangten! Sie würden es so herzlich genießen.
-
-Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas
-Gutmütig-Versöhnliches darin, wie es dies tat. Und dann begann _spirit_
-Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich und ohne
-Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde er überhaupt nicht
-wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es war ein durch und durch
-überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch vorbrachte, während die
-Umsitzenden es bewundernd mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos,
-wie das Meer, von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen
-Haufen entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht des
-Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend grün
-die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten
-Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem Scheinen
-die Sommersonne den Untergang verzögert! Kein Mund vermöchte zu sagen,
-wann und wie des Wassers silbrig regsamer Widerglanz in lauter
-Perlmutterschimmer sich wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel
-blaß-bunt-opalenen Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach,
-heimlich, wie er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer
-entschlief. Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort
-drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. Ein
-halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe und läßt den
-bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. Täuschender Winterwald
-im Schweigen, knackend durchstreift von einer Eule schwerem Flug! Sei
-unser Aufenthalt zu dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild
-die Nacht! Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert
-gedehnt im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt hervor zum
-fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends im Weichen empor,
-das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart buschig fällt das Land und steil
-zum steinigen Strande ab, und immer geistern noch am Rande der
-vergehenden Weite die Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande
-nieder! Wie ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus
-der geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein zartes
-Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine Rinnen? Es ist das
-lautlos schmale Strömen durch die Enge des Stundenglases, des ernsten,
-gebrechlichen Geräts, das das Gehäuse des Klausners schmückt. Ein
-aufgeschlagen Buch, ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten
-Rahmen das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem Ewigen
-entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend Wesen treibt ...
-
-So war _spirit_ Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in
-sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und
-das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf
-manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten,
-über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie
-buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall
-einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins
-Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde
-noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von
-Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des
-Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich
-in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im
-Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises
-erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht
-die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter
-besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal
-genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade,
-daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in
-Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in
-Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie
-Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart
-bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im
-Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber,
-und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre,
-werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm
-sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche
-Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er
-gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit
-dazu sein würde?
-
-„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu
-fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine
-Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz
-müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und
-verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum
-Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die
-linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich,
-statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die
-Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde.
-
-Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus
-der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas.
-Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte,
-Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen
-wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man
-erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans
-Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende
-solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer
-durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die
-Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die
-Tür.
-
-Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um
-die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte
-den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den
-Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß
-auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war.
-
-Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete
-ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie
-sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte
-es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen
-gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei
-hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf
-zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber,
-verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln,
-das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit
-blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an,
-doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem
-Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen.
-
-Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie
-hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war
-abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete,
-wenn man sie eine _fremde_ Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so
-sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte
-sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand
-dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und
-bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im
-Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi
-kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau
-Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“
-schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man
-die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken
-faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in
-Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der
-Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß
-man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu
-wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans
-Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als
-besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen
-Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter
-Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als
-er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das
-Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans
-Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte.
-
-Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man
-war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen
-Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an
-ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem
-Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach,
-worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man
-streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie
-schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu
-verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins
-Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche,
-hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf
-Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß
-Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist,
-wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige
-Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die
-übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint.
-
-Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im
-Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere
-Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch
-so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen
-Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte.
-Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften
-in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte.
-„Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und
-kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin.
-
-Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte
-achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur
-Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug.
-Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge
-zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und
-wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm
-scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das
-Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes
-und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur
-vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das
-Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn,
-wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in
-unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art.
-
-Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch
-eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an
-solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte
-er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und
-humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen
-Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? _Caro mio!_ Wo der sittliche Mut zu
-Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und
-Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem
-Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß
-moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das
-Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit
-und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem,
-der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich
-unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten
-Brunnen ertränkt zu werden.
-
-Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen
-Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen
-Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte
-Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die
-Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die
-Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst
-dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer
-der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten:
-Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes,
-weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad
-Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in
-wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter
-möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich
-gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte,
-und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde
-von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel,
-der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der
-das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte
-Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem
-Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur
-Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren
-und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach
-höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte.
-
-Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch
-selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen
-„Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte
-sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von
-niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine
-Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe
-Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen
-Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll
-wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in
-seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen,
-Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von
-Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation
-getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen
-mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war.
-
-In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen
-unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man
-die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte,
-und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen
-mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte,
-eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit,
-Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin
-auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich
-außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern,
-Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen
-Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis
-Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese
-Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren
-Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu
-haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt
-verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen
-gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr.
-Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen
-ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen
-Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht
-länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um
-ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner
-passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens
-allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es
-handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um
-Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des
-Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den
-Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung
-Verstorbener.
-
-Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit
-mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu
-fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine
-untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein
-rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen
-Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu
-entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu
-lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner
-Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet.
-Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife
-empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor
-Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner
-Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden
-Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden
-genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge,
-dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends
-ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den
-Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung
-festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen
-des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise
-entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei
-zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft,
-rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten
-Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen,
-– über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in
-einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur
-acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr.
-Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen
-Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen
-Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem
-Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger
-habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf
-sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und
-so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand!
-
-Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers
-anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen
-Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen,
-die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit
-des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine
-Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede,
-seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer
-schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag,
-war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen.
-Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so
-prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal
-jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde
-verlangt werden.
-
-Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß
-es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in
-einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten
-Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern
-nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung
-vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder
-einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische
-Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem
-Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre
-drängte, und der sang:
-
- „Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn,
- Will schützend ich auf dich herniedersehn,
- O Margarete!“
-
-Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch gewisse
-Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, große Rührung auf in
-Hans Castorps Brust, und er dachte: „Müßig und sündig oder nicht, es
-wäre doch herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er
-damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er
-erinnerte sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst,
-im Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, als
-er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen einkommen zu sollen
-geglaubt hatte.
-
-Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an der abendlich
-bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine halbe Stunde nach dem
-Diner zu denen, die, unbeklommen plaudernd, als Habitués des
-Nichtgeheueren, den Weg ins Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter
-wurzelständig Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr.
-Ting-Fu und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann in
-Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und Wehsal also, der
-Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, zu schweigen von denen, die
-ihm die Erscheinung von Holgers Haupt gemeldet hatten, und von der
-Mittlerin, Elly Brand.
-
-Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, als Hans
-Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür durchschritt. An
-Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem schwarzen Arbeitskittel, in
-väterlichem Sinne den Arm um ihre Schulter geschlungen hielt, erwartete
-sie am Fuße der Stufen, die noch von der Ebene des Souterrains in die
-Wohnung des Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit
-ihm. Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher
-Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung von jeder
-feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft sprach man
-durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße und bekundete auf alle
-Weise seine Unbefangenheit. In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich
-beständig mit jenem kernigen und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck
-seine gelben Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und
-besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, der
-schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, mein Freund!“ schien
-die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung des Wirtes zu sagen,
-während er dem jungen Mann fast derb die Hand drückte. „Wer wird die
-Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei,
-sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ Dem
-pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler davon. Wir ließen ihn
-sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums erinnern,
-doch diese Ideenverbindung reicht keineswegs hin, um den Zustand seines
-Gemüts zu kennzeichnen. Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft
-an die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität,
-Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, worin er sich
-vor Jahren befunden, als er sich, etwas bekneipt, mit Kameraden zum
-erstenmal angeschickt hatte, ein Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen.
-
-Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich mit zwei
-Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und die elfenbeinfarbene
-Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle des Mediums ins Nebengelaß
-zurück, während Hans Castorp mit den neun verbleibenden Teilnehmern das
-Ende dieses regelmäßig und stets ergebnislos wiederholten Aktes
-wissenschaftlicher Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors
-erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen Plauderstunden her,
-die er eine Zeitlang, hinter Joachims Rücken, hier mit dem
-Analytiker abgehalten. Es war, mit seinem Schreibbureau nebst
-Armsessel und Besucherfauteuil links hinten am Fenster, seiner
-Handbibliothek zu beiden Seiten der Nebentür, seiner von der
-Schreibtischgruppe durch einen mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg
-stehenden Wachstuch-Chaiselongue im rechten Hintergrunde, seinem
-Instrumentenglasschrank im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste in
-einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie über dem Gaskamin
-an der rechten Seitenwand, alltäglich ein ärztliches Empfangszimmer wie
-andere mehr; doch waren einige für den besonderen Zweck getroffene
-Abänderungen in seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch,
-der gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem
-elektrischen Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden roten
-Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel des
-Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, und
-exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene Hitze
-ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes
-Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und über dem, von der
-Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit rotem und außerdem noch
-mit schwarzem Schleierstoff umkleidete Birne hing. Auf und neben dem
-Tischchen standen ein paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke,
-oder eigentlich zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle
-und eine Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl,
-der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen
-Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, dessen eines Ende nahe
-dem Fußende der Chaiselongue und dessen anderes ziemlich genau in der
-Mitte des Zimmers, unter dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe
-des letzten Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der
-Musikschrein seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten lag
-auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. Noch waren die roten Lampen
-nicht entzündet. Der Deckenkörper spendete tagweißes Licht. Das Fenster,
-dem der davor stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit
-einem dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener,
-spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing.
-
-Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen aus dem Kabinett
-zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich verändert. Sie zeigte
-sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern in einer Art Sitzungskostüm,
-einem schlafrockartigen Gewande aus weißem Crepe, das um die Taille von
-einer Gürtelschnur, einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre
-schmalen Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich
-und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter diesem
-Gewande wenig trage.
-
-Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie wieder
-aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie lächelte über die
-Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl wußte, daß er sie kleidete.
-„Vorkontrolle negativ“, stellte Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk
-denn, Kameraden!“ fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem
-Zungen-_r_ hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war im
-Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz und
-Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen begannen,
-irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor sich persönlich an ihn
-wandte.
-
-„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen als
-Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, möchte ich für diesen Abend
-besondere Ehrenrechte zuerkennen. Ich betraue Sie mit der Kontrolle
-unseres Mediums. Wir üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an
-das eine Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem
-Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür mit
-den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, einen gewöhnlichen Rohrstuhl
-eingenommen hatte, setzte sich auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber
-und ergriff ihre Hände, indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen
-klemmte. „Ahmen Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich
-eintreten. „Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. Zum
-Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein Kleefeld, darf ich
-ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte gesellte sich zu der
-Gruppe, indem sie mit ihren beiden Händen Ellys gebrechliche Handgelenke
-umfaßte.
-
-Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das dem seinen so
-nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen Wunderkindes
-blickte. Ihre Augen begegneten sich, aber Ellys glitten ab und nieder,
-zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, die nach Lage der Dinge wohl
-begreiflich war, und sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem
-Kopfe und leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance.
-Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung ihren
-Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel ihm ein,
-hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim und ihr an der noch
-unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs von „Dorf“ gestanden hatte ...
-
-Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn Personen, nicht
-eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine Person zur Versorgung
-Polyhymnias freizuhalten gewohnt war und neben dem Apparat, nachdem er
-ihn in Bereitschaft gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin
-Sitzenden einen Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich.
-Unter dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte,
-ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem Handgriff die
-beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und mit einem zweiten das
-Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht glühende Finsternis lag nun über
-dem Zimmer, dessen entferntere Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt
-unzugänglich geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des
-Tischchens und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah
-kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur langsam bequemten
-die Augen sich dem Dunkel und lernten, das zugestandene Licht sich
-zunutzezumachen, das durch das Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse
-Verstärkung erfuhr.
-
-Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte ihre
-wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich hüten, sie im Sinne der
-Stimmungsmache und Mystifikation zu deuten. Kein Mehr an Licht sei
-leider beim besten Willen vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der
-hier in Frage stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal
-mit sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam
-zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit der man sich
-vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war es zufrieden. Das Dunkel
-tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten der Gesamtlage. Überdies
-erinnerte er sich zur Rechtfertigung des Dunkels an dasjenige, worin man
-sich im Durchleuchtungsraum fromm gesammelt und mit dem man sich die
-Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“.
-
-Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, das er offenbar
-an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe der Einschläferung durch
-ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, wie der Kontrolleur schon merken
-werde, von selbst in Trance, und, dies geschehen, spreche ihr
-Schutzgeist, der bekannte Holger, aus ihr, an den man sich auch – und
-nicht an sie – mit seinen Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es
-irrtümlich und könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen
-und Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. Im
-Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige Aufmerksamkeit das
-Gebotene. Hans Castorp möge vor allem darauf bedacht sein, die
-Extremitäten des Mediums in untadeliger Obhut zu halten.
-
-„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat man, lachend,
-wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht gleich zu finden waren. Dr.
-Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst sitzend, legte seine Rechte auf ihre
-Schulter und reichte die Linke Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben
-dem Doktor saßen Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß,
-welcher, wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der
-elfenbeinfarbenen Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“
-befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors und seiner
-Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ kommandierte
-Krokowski wieder, während die ersten Takte einer Ouvertüre von Millöcker
-erschollen; und gehorsam rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in
-Gang zu setzen, die von nichts und wieder nichts, hier von den
-Schneeverhältnissen dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge,
-dort von einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte
-und, halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, sich
-künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten.
-
-Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte.
-Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper sank nach vorn,
-so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps berührte, und gleichzeitig
-begannen ihre Arme mit denen der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und
-rückwärts stoßende Bewegungen auszuführen.
-
-„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. Das
-Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein hörte man des Doktors weich
-schleppenden Bariton die Frage tun:
-
-„Ist Holger zur Stelle?“
-
-Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. Dann spürte
-Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und kurz die seinen
-drückte.
-
-„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit.
-
-„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. Er ist
-also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er mit Salbung fort.
-„Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! Und laß dich erinnern! Als du
-das letztemal unter uns weiltest, versprachst du, jeden beliebigen
-Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder oder eine Schwester,
-herbeizurufen und unseren sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir
-aus unserem Kreise genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du
-dich vermögend, heut dieses Versprechen einzulösen?“
-
-Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. Langsam
-führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer an ihre Stirn, wo sie
-sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte sie dicht an Hans Castorps Ohr
-ein heißes „Ja!“
-
-Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem Freund
-jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich als „Gänsehaut“
-bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm eines Tages erläutert hatte.
-Wir sprechen von einem Gruselreiz, um das rein Körperliche vom
-Seelischen zu unterscheiden; denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede
-sein. Was er dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“
-Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine verwirrte
-Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren aus Verwirrung, aus dem
-täuschenden Umstande nämlich, daß ein junges Blut, dessen Hände er
-hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ gehaucht hatte.
-
-„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich.
-
-„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen dich beim Wort.
-Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine tust. Der Name des Teuren,
-nach dessen Manifestation wir verlangen, wird dir sogleich genannt
-werden. Kameraden“, wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der
-Sprache! Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll uns
-Freund Holger zeigen?“
-
-Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung des anderen.
-Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen geprüft, wohin, zu wem
-seine Gedanken gingen; doch bleibt die Rückkunft Verstorbener, das
-heißt: die Wünschbarkeit solcher Wiederkehr immer ein verwickeltes und
-heikles Ding. Im Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht,
-diese Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen,
-genau so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, höbe
-die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und was wir Trauer
-nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz über die Unmöglichkeit,
-unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, als darüber, dies gar nicht
-wünschen zu können.
-
-So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine ernste und
-praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein sentimentale und
-theatralische Veranstaltung handelte, bei der man den Ausgeschiedenen
-eben nur sehen sollte, der Fall also lebensunbedenklich war, so
-fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte dessen, an den sie dachten,
-und jeder hätte das Recht, einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten
-zugeschoben. Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte
-– bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im letzten
-Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt zu lassen. Da es
-ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, den Kopf gegen den
-Sitzungsleiter gewandt, mit belegter Stimme:
-
-„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen sehen.“
-
-Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden hatten nur Dr.
-Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium selbst den Angeforderten
-nicht gekannt. Die übrigen, Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt,
-Herr und Frau Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut
-und froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden,
-obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, da dieser
-im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen hatte.
-
-„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im Leben war der
-Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits der Dinge und bist du
-bereit, ihn uns herbeizuführen?“
-
-Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und schauderte. Sie
-schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, hin und her sinkend, bald
-an Hans Castorps Ohr, bald an dem der Kleefeld Unverständliches
-flüsterte. Endlich empfing Hans Castorp von ihren beiden Händen den
-Druck, der „Ja“ bedeutete. Er erstattete Meldung, und –
-
-„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! Musik!“ rief er.
-„Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, daß keinerlei
-Gedankenkrampf und gewaltsame Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig
-eine zwanglos schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge.
-
-Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden junges Leben
-bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns sein späteres Schicksal
-nicht vollkommen deutlich ist, obgleich wir ihn an einem bestimmten
-Punkt unserer Geschichte aus den Augen verlieren werden, möchten wir
-annehmen, daß es die überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte.
-
-Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine kurze
-Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers oder eigentlich des
-Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser Arbeit, die sich
-entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich an einem Ergebnis zu
-verzagen allgemein im Begriffe war und außerdem aus purem Mitleid oft
-genug sich versucht fühlte, sie verzichtend abzukürzen, denn sie schien
-wirklich erbarmungswürdig schwer und über die zarten Kräfte zu gehen,
-denen sie auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht
-ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche
-Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem angenommen wird und
-wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, dies empörte „Genug!“, das sich
-unserer Brust entringen will, obgleich „es“ nicht genug sein will und
-darf und so oder so zu Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß
-wir von unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt,
-dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar glich,
-daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der ihn noch gar nicht
-kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher also, da auch er dem Leben
-nicht ausgewichen war, diesen Akt voll organischer Mystik in solcher
-Gestalt kennen lernte, – in was für einer Gestalt! Und zu welchem
-Behufe! Und unter welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als
-skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten
-Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche Person der
-Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit ihren bloßen Ärmchen,
-wie auch was die weiteren Verhältnisse, die unaufhörliche leichtlebige
-Grammophon-Musik, das künstliche Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf
-Befehl zu unterhalten suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die
-aus ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! Mut! Es
-wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer heraus damit, so wirst
-du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen wir hier die Person und Lage des
-„Gatten“ aus – wenn wir Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den
-zugehörigen Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der
-„Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese
-Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, so
-daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, damit sie ihm nicht
-entglitten.
-
-Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte Hitze.
-
-Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt zu im
-Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit gewöhnt hatten,
-daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. Die Musik, das Rufen
-erinnerten an Aufpulverungsmethoden der Heilsarmee, erinnerten auch
-denjenigen daran, der, wie Hans Castorp, einem Gottesfest dieser
-aufgeräumten Zeloten noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch,
-geheimnisvoll, den Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene
-in keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen,
-organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, das
-sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen wehenartig, nach
-Ruhezuständen, während welcher sie seitlich schlaff vom Stuhle hing, in
-einer Verfassung von Unzugänglichkeit, die Dr. Krokowski als
-„Tief-Trance“ bezeichnete. Dann wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich
-hin und her, drängte, rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und
-Sinnloses an ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen
-etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen und biß
-einmal sogar in Hans Castorps Ärmel.
-
-Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der Sitzungsleiter es im
-allseitigen Interesse geraten, eine Pause eintreten zu lassen. Der
-Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung halber den Musikapparat
-zuletzt geschont und sehr gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen
-lassen, stellte sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die
-Hände. Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten.
-Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die Nachtaugen blöde
-verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, das Gesicht fast in ihrem
-Schoß. Man sah sie eigentümlich beschäftigt, begriffen in einem Tun, das
-den anderen vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und
-aufmerksam zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen Hand in
-der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand von sich fort und
-mit schöpfender oder rechender Bewegung wieder an sich heran, so, als
-zöge und sammle sie etwas ein. – Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken
-zu sich, blinzelte, auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und
-lächelte.
-
-Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen mit ihrer
-Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah nicht aus, als sei sie
-besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht
-daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel an der rückwärtigen
-Breitseite des Schreibtisches am Fenster, zwischen ihm und der
-spanischen Wand, die die Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine
-Wendung gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen
-konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten Blicken
-gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da bedacht, schweigend
-während der ganzen Pause, die fünfzehn Minuten dauerte.
-
-Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung im
-Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die Zigarettenbüchsen
-der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen und besprach da und dort
-nahe beieinander stehend den Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man
-an diesem Charakter verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte
-ins Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut
-völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten Ende des
-Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten darin überein,
-mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch verspürt zu haben, der
-regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, von der Person des
-Mediums in eine bestimmte Richtung ausgehe. Andere wollten
-Lichterscheinungen bemerkt haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von
-Kraft, die sich vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten.
-Kurzum, kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein Wort
-gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er es einlösen
-werde.
-
-Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der Sitzung. Er selbst
-geleitete Elly, während auch die übrigen ihre Plätze wieder aufsuchten,
-zu ihrem Marterstuhl zurück, wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging
-wie vorhin; Hans Castorp beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des
-ersten Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig
-beschieden. Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der den
-Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, daß jede
-irreführende Manipulation des Mediums praktisch ausgeschlossen sei. So
-nahm Hans Castorp seine sonderbare Stellung mit Elly wieder ein. Das
-Licht erlosch zum Rotdunkel. Die Musik begann wieder. Wieder folgten
-nach einigen Minuten das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys,
-und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die skandalöse
-Niederkunft nahm ihren Fortgang.
-
-Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht vonstatten
-gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher Wahnsinn! Woher hier
-Mutterschaft? Entbindung – wie und wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das
-Kind, während seine Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen
-Dauerkrampf überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als
-Eklampsie bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er ihr
-die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die Magnetisierung,
-wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu weiterem Ringen.
-
-Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die Gitarre
-schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten Albums in den Raum
-warf, dessen Lichtverhältnissen die tagentwöhnten Augen sich wieder
-leidlich angepaßt hatten. Da ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans
-Castorp war es, der ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen
-Wunsch und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn,
-gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten sollen.
-Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen Händen, in „Tieftrance“,
-und Herr Wenzel war im Begriffe die Platte zu wechseln oder sie
-umzudrehen, als unser Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe
-einen Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne seine
-Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das heiße: der
-Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus „Margarete“ von
-Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit Orchester, sehr ansprechend. Er,
-Redner, meine, daß man es einmal mit dieser Platte versuchen sollte.
-
-„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel ...
-
-„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der junge Mann. Der
-Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich und speziell. Es komme auf
-einen Versuch damit an. Nicht ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach,
-daß dieser Geist und Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde
-abkürzen können.
-
-„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor.
-
-Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne weiteres
-holen.
-
-„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von der Hand. Wie?
-Hans Castorp wollte gehen und kommen, etwas holen und dann die
-unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen? Unerfahrenheit rede aus ihm.
-Nein, das sei schlechthin unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von
-vorn beginnen. Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch
-willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei verschlossen.
-Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche. Und kurz, wenn die
-Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so müsse man – Er redete noch,
-als der Tscheche vom Grammophon her dazwischen warf:
-
-„Die Platte ist hier.“
-
-„Hier?“ fragte Hans Castorp ...
-
-Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie hatte
-ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im grünen Arien-Album
-Nummer II, wohin sie nach der Organisation gehörte. Sie war
-zufälligerweise, außerordentlicherweise, schlampigerweise,
-erfreulicherweise unter die Allotria geraten und brauchte nur eingelegt
-zu werden.
-
-Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor war es, der
-„Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es. Die Nadel wetzte, der
-Deckel sank. Und männlich begann es zu choralhaften Klängen: „Da ich nun
-verlassen soll –“
-
-Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang begann, ihre
-Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte, ächzte, pumpte und
-führte wieder die gleitnassen Hände an ihre Stirn. Die Platte lief. Es
-kam der mittlere Teil, mit umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf
-und Gefahr, keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der
-Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen Klangs:
-„O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“
-
-Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog durch verengte
-Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend in sich zusammen und
-blieb still. Besorgt beugte er sich über sie, da hörte er die Stöhr mit
-piepender, winselnder Stimme sagen:
-
-„Ziem – ßen –!“
-
-Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer Geschmack.
-Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern:
-
-„Ich sehe ihn längst.“
-
-Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. Aber
-niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der Stille lief die Nadel
-inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn Hans Castorp den Kopf, und
-seine Augen gingen, ohne suchen zu müssen, den richtigen Weg.
-
-Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits von der
-Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes sich fast in
-Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch dahin drangen, zwischen
-Schreibtisch-Breitseite und spanischer Wand, auf dem gegen das Zimmer
-gedrehten Besucherstuhl des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen,
-saß Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen und dem
-Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so voll und stolz sich
-wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein über das andere geschlagen.
-Auf seinem abgezehrten Gesicht erkannte man, obgleich es von einer
-Kopfbedeckung beschattet war, den Stempel des Leidens und auch den
-Ausdruck von Ernst und Strenge wieder, der es so männlich verschönt
-hatte. Zwei Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief
-in knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die Sanftmut
-des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der still und freundlich
-spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, gerichtet war. Sein kleiner
-Kummer von ehedem, die abstehenden Ohren waren erkennbar auch unter der
-Kopfbedeckung, der sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht
-verstand. Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am
-übergeschlagenen Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, und
-etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an seinem Gürtel
-zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger Waffenrock, was er
-trug. Nichts Blankes noch Farbiges war daran zu bemerken, es hatte einen
-Litewkakragen und Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein
-Kreuz. Die Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie
-schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische
-Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie sah aus, als hätte
-Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf aufs Haupt gestülpt und
-ihn durch Sturmband unter dem Kinn befestigt. Doch wirkte das
-altertümlich und landsknechthaft und kriegerisch kleidsam,
-merkwürdigerweise.
-
-Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. Neben sich
-hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. Sonst war nichts zu
-vernehmen, als das unaufhörliche wetzende Geräusch der abgelaufenen,
-unter der Nadel weiter rotierenden Platte, die niemand stoppte. Er sah
-sich nach keinem seiner Kumpane um, wollte nichts von ihnen sehen und
-wissen. Schräg hin über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er
-weit vorgebeugt durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen
-Augenblick schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm die
-Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen stieß ihn
-innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; und dann
-gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah.
-
-Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis
-baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen nennen und die
-Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, zog er seine Hände
-unter Ellys Gesicht fort und stand auf.
-
-Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng vermahnendem
-Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen Schritten bei den Stufen der
-Eingangstür und schaltete mit knappem Handgriff das Weißlicht ein.
-
-Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie zuckte in den Armen
-der Kleefeld. Jener Sessel war leer.
-
-Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans Castorp zu, nahe
-vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von seinen Lippen kam kein Wort.
-Mit brüsk heischender Kopfbewegung streckte er die Hand aus. Da er den
-Schlüssel empfangen, nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht,
-machte kehrt und ging aus dem Zimmer.
-
-
- Die große Gereiztheit
-
-Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause Berghof,
-ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung von dem Dämon, dessen
-bösartigen Namen wir genannt haben, Hans Castorp ahnte. Mit der
-unverantwortlichen Neugier des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon
-studiert, ja, bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem
-ungeheuerlichen Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig
-teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff, nachdem es
-übrigens, genau wie das alte, keimweise und da und dort sich andeutend
-schon immer vorhanden gewesen, war er nach seiner Gemütsart wenig
-geschaffen. Trotzdem bemerkte er mit Schrecken, daß auch er, sobald er
-sich ein wenig gehen ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion
-unterlag, der niemand in der Runde sich entzog.
-
-Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde
-Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem
-Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit,
-zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen
-und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die
-Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen
-abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr
-sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich
-ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten
-ausfällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die
-eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust,
-es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft
-zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel
-gezogen. Die müßigen Konflikte, die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem
-Angesicht der schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst
-erschreckend leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause
-Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte nicht
-wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied des Guten
-Russentisches, eine recht elegante Provinzdame aus Minsk, noch jung und
-nur leichtkrank – drei Monate und nicht mehr waren ihr zudiktiert –
-begab sich eines Tages in den Ort hinunter zum französischen Blusenhaus,
-um Einkäufe zu machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß
-sie in letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt
-und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten wurde eröffnet,
-daß ihres Bleibens hier oben nun immer und ewig sein müsse.
-
-Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig führen wir weitere
-an. Dieser und jener wird sich des rund bebrillten Schülers oder
-ehemaligen Schülers am Tische Frau Salomons erinnern, dieses dürftigen
-jungen Menschen, der die Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem
-Teller zu einem Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses,
-aufgestützt, in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der
-Serviette hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch
-ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier gesessen,
-geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer mehr als
-flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu geben. Jetzt jedoch,
-eines Morgens, beim ersten Frühstück, ganz überraschend und sozusagen
-aus heiterem Himmel, erlitt er einen Zufall und Raptus, der allgemeines
-Aufsehen erregte, den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde
-laut in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es
-galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit sich
-überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist mein Tee, den Sie
-mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen Sie ihn doch selbst,
-bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes Spülicht ist und von anständigen
-Menschen überhaupt nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir
-eiskalten Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen und
-sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff vorsetzen mit auch
-nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich trinke es nicht! Ich will
-es nicht!“ kreischte er und fing an, mit beiden Fäusten auf den Tisch zu
-trommeln, daß alles Geschirr der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will
-heißen Tee! Siedeheißen Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und
-den Menschen! Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der
-Stelle sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter
-Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem Ruck den
-letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der Raserei begeistert
-durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen Emerenzia und zeigte ihr
-buchstäblich seine beschäumten Zähne. Dann fuhr er fort zu trommeln, zu
-stampfen und sein „Ich will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es
-unterdessen im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte
-Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren aufgesprungen und
-sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten, zusammengebissenen Zähnen und
-glühenden Blicken zu. Andere saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen,
-und bebten. Dies taten sie noch, als der Schüler schon längst, in
-Erschöpfung versunken, vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu
-trinken.
-
-Was war das?
-
-Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger Kaufmann,
-dreißigjährig, schon lange febril, seit Jahren von Anstalt zu Anstalt
-gewandert. Der Mann war Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und
-sportsmäßig, mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung
-war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann gewesen, er war
-es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber ein Judenfeind war er
-geblieben. Er war sehr ernstlich krank, hustete schwer beladen und tat
-zwischendurch, als ob er mit der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig,
-unheimlich. Jedoch war er kein Jude, und das war das Positive an ihm.
-Sein Name war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt
-sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte Reden
-wie diese:
-
-„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in der Liegehalle
-installieren will, – wer liegt links von mir im Stuhl? Der Herr Hirsch!
-Wer liegt rechts? Der Herr Wolf! Selbstverständlich bin ich sofort
-gereist“ usw.
-
-„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung.
-
-Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah tatsächlich und
-unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase eine Puschel, auf die
-er boshaft schielte, und hinter der er nichts mehr sah. Die Mißidee, die
-ihn ritt, war zu einem juckenden Mißtrauen, einer rastlosen
-Verfolgungsmanie geworden, die ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner
-Nähe versteckt oder verlarvt halten mochte, hervorzuziehen und der
-Schande zuzuführen. Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging
-und stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens, das
-nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte seine Tage aus.
-
-Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben befaßt sind,
-verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich; und da es
-nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf Leben stieß, das den Nachteil
-aufwies, von dem er, Wiedemann, frei war, so kam es unter dem Einfluß
-jener Umstände zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte,
-und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen muß.
-
-Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es nichts, was ihn
-betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß Sonnenschein, und da man
-nicht schmutziger heißen konnte, so bildete Sonnenscheins Person vom
-ersten Tage an die Puschel, die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er
-kurz und boshaft schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast
-weniger, um sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit
-sie ihn desto besser reize.
-
-Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus, war ebenfalls
-recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich. Ein freundlicher Mann,
-nicht dumm und selbst scherzhaft von Natur, haßte er Wiedemann für seine
-Sticheleien und seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum
-Leiden, und eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil
-Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende und
-tierische Weise in die Haare geraten waren.
-
-Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten sich wie
-kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener Männer, mit denen
-es dahin gekommen ist. Sie gingen einander mit den Krallen ins Gesicht,
-hielten sich an Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen,
-umschlangen sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste am
-Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben und
-schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit Mühe die
-Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd und blutend,
-wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen der zu Berge stehenden
-Haare. Hans Castorp hatte das noch nie gesehen und nicht geglaubt, daß
-es eigentlich vorkomme. Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und
-steif zu Berge, und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das
-eine Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem Kranz
-lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab, ins Bureau geführt
-wurde, wo er sich niederließ und bitterlich in seine Hände weinte.
-
-So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die es sahen, bebten
-noch stundenlang. Es ist vergleichsweise eine Wohltat, im Gegensatz zu
-solcher Misere von einem wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls
-dieser Periode angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen
-Feierlichkeit wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit
-verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen Phasen nicht bei,
-sondern belehrte sich über den verwickelten und dramatischen Hergang nur
-an der Hand von Dokumenten, Erklärungen und Protokollen, die, diese
-Sache betreffend, im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht
-nur am Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in Amerika
-abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium zugestellt wurden,
-von denen ohne weiteres sicher sein mußte, daß sie der Angelegenheit
-auch nicht einen Deut von Teilnahme widmen konnten und wollten.
-
-Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden im
-Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im Berghof
-zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie, die den Guten
-Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp, dies hier einzuflechten, saß
-nicht mehr dort, sondern war mit der Zeit an den der Kleefeld, dann an
-den der Salomon und dann an den Fräulein Levis gewandert). Die
-Gesellschaft war dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur
-die Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen
-konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der Herren in
-freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst lauter Kavaliere. Sie
-hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski, Michael Lodygowski, Leo
-von Asarapetian und noch anders. Im Restaurant des Berghofs nun, beim
-Champagner, hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer
-Kavaliere über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch über das dem
-Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens Kryloff Unwiederholbares
-geäußert. Hieraus ergaben sich die Schritte, Taten und Formalien, die
-den Inhalt der zur Verteilung und Versendung gelangenden Schriftsätze
-bildeten. Hans Castorp las:
-
-„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am 27. März 19..
-wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an die Herren Dr. Antoni
-Cieszynski und Stefan von Rosinski mit der Bitte, sich in seinem Namen
-zum Herrn Kasimir Japoll zu begeben, um von demselben auf dem durch das
-Ehrenrecht angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere
-Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll dessen Frau
-Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche mit den Herren Janusz Teofil
-Lenart und Leo von Asarapetian zugefügt hat‘.
-
-„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November stattgehabt
-hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski mittelbar Kenntnis erhalten
-hat, unternahm er sofort Schritte, um völlige Sicherheit über den
-Tatbestand und das Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am
-gestrigen Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn Leo
-von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches, in welchem die
-beleidigenden Worte und die Insinuationen gefallen sind, die Verleumdung
-und Beleidigung festgestellt; hierdurch wurde Herr Stanislaw von
-Zutawski veranlaßt, sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um
-ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens gegen
-Herrn Kasimir Japoll zu erteilen.
-
-„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab:
-
- ‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten Protokolls
- vom 9. April 19.., welches in Lemberg von den Herren Zdzistaw
- Zygulski und Tadeusz Kadyj in der Angelegenheit des Herrn Ladislaw
- Goduleczny gegen Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner
- unter Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom 18. Juni
- 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit abgefaßt worden
- ist, welch beide Schriftstücke in gemeinsamem Übereinklang stehend
- feststellen, daß Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten
- Verhaltens, welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang zu
- bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden kann‘,
-
- ‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden
- Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die absolute
- Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll irgendwie noch
- satisfaktionsfähig wäre.
-
- ‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen einen
- Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht, die
- Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘
-
-„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten Herrn
-Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es zwecklos sei, seinem
-Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir
-Japoll nachzugehen und raten ihm, den strafgerichtlichen Weg
-einzuschlagen, um zu verhindern, daß von seiten einer Persönlichkeit,
-die in dem Maße außerstande ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim
-Herrn Kasimir Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. –
-(Datiert und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“
-
-Ferner las Hans Castorp:
-
-„Protokoll
-
-„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw von Zutawski,
-Herrn Michael Lodygowski
-
-„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart in der Bar des
-Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen 7½ und 7¾ h abends.
-
-„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung seiner
-Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan Rosinski, in der
-Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll am 28. März 19.. nach reifer
-Überlegung zu der Überzeugung gekommen war, daß ihm die empfohlene
-strafgerichtliche Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere
-Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga keine Satisfaktion
-wird geben können, da:
-
-1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll im
-gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und seine weitere
-Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer
-Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern geradezu unmöglich
-sein wird,
-
-2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir Japoll die
-Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll den Namen und das Haus des
-Herrn Stanislaw von Zutawski und seiner Gemahlin Jadwiga in
-verleumderischer Weise zu schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte,
-
-hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner Überzeugung nach
-gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen Verhältnisse
-entsprechendsten Weg gewählt, nachdem er indirekt in Erfahrung gebracht
-hat, daß Herr Kasimir Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage
-zu verlassen,
-
-und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in Gegenwart seiner
-Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael Lodygowski und Ignaz von Mellin
-Herrn Kasimir Japoll, der in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart
-und zweier unbekannter Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses
-bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt.
-
-„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn Kasimir Japoll
-geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für die dem Fräulein Krylow
-und ihm zugefügten schweren Beleidigungen sei.
-
-„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn Janusz Teofil
-Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski zugefügte unqualifizierbare
-Unrecht, worauf noch,
-
-„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus von Zutawski
-Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische Besudelung seiner
-Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows wiederholt und mehrfach ohrfeigte.
-
-„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten sich
-während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. (Datiert u. gezeichnet:)
-Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“
-
-Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über dies
-Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst wohl getan
-haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und der untadelige Komment
-der einen –, die bübische und schlaffe Ehrlosigkeit der anderen Seite,
-wie beides aus den Dokumenten dem Leser in die Augen sprang, erregten
-ihn in ihrer etwas unlebendigen, aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit
-aufs tiefste. So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische
-Ehrenhandel leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen Zähnen
-besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt des Herrn
-Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski sei ganz genau bekannt
-gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit in Lemberg von irgendwelchen
-aufgeblasenen Laffen für satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und
-alle seine sofortigen und ungesäumten Schritte seien das reine
-Affentheater gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich
-nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig und allein
-aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu verklagen, weil, wie
-jedermann und er selbst ebenfalls recht gut wisse, seine Gemahlin
-Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung versehen habe, wofür er,
-Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis hätte erbringen können, wie denn
-auch mit der allgemeinen Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre
-einzulegen gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls,
-Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines
-Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter die erstere
-verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der Rolle, die Herr
-Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, wolle er nicht reden. Was
-aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar betreffe, so sei er, Japoll, ein
-wenn auch mundscharfer und zum Witz geneigter, so doch äußerst
-schwächlicher Mensch; von Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der
-ungewöhnlich kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden,
-zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und Lenarts
-Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber schreckhaft wie die
-Hühner gewesen seien; und so habe er, um eine wüste Schlägerei und
-öffentlichen Skandal zu vermeiden, Lenart, der sich habe zur Wehr setzen
-wollen, veranlaßt, sich ruhig zu verhalten und die flüchtigen
-gesellschaftlichen Berührungen der Herren von Zutawski und Lodygowski in
-Gottes Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den
-Umsitzenden als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien.
-
-So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine Korrekturen
-vermochten den schönen Kontrast von Ehre und Misere, wie er aus den
-Feststellungen der Gegenseite hervorging, nur oberflächlich zu stören,
-zumal er nicht über die Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen
-Partei verfügte, sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner
-Replik unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, wie
-gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten sie.
-Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls zugestellt bekommen, –
-Hans Castorp sah sie in ihren Händen, und zu seiner Überraschung
-bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen und sonderbar hingerissenen
-Mienen darauf niederblickten. Den heiteren Spott, den er selbst vermöge
-der herrschenden inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn
-Settembrini wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den klaren
-Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die Hans Castorp
-beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das Lachen verschlug, ihn für
-die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels ernstlich empfänglich
-machte; und außerdem verdüsterte ihn, den Mann des Lebens, sein langsam
-und unter foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich
-verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und dessen er
-sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, der ihn aber um diese
-Zeit schon alle paar Tage zwang, das Bett zu hüten.
-
-Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es nicht besser.
-Auch in seinem organischen Innern schritt die Krankheit fort, die der
-physische Grund – oder muß man sagen: Vorwand gewesen, weshalb seine
-Ordenslaufbahn ein so verfrühtes Ende genommen, und die hohen und dünnen
-Bedingungen, unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung nicht
-Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung seiner Stimme
-klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach bei erhöhtem Fieber
-mehr noch, schärfer und beißender als ehedem. Jene ideellen Widerstände
-gegen Krankheit und Tod, deren Niederlage vor der Übergewalt einer
-niederträchtigen Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem
-kleinen Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines
-Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer und Gram,
-sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust sondergleichen,
-eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, Verneinung und Verwirrung, die
-die Melancholie des anderen aufs schwerste reizte und ihre
-intellektuellen Streitigkeiten täglich verschärfte. Hans Castorp,
-natürlich, konnte nur von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war
-so ziemlich gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen
-Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien zu entzünden.
-Und wenn er Herrn Settembrini nicht den Kummer ersparte, Naphtas
-Bosheiten hörenswert zu finden, so mußte er doch zugeben, daß sie
-nachgerade alles Maß und häufig genug die Grenze des geistig Gesunden
-überschritten.
-
-Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, sich über die
-Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in ihrem Bilde und Zeichen.
-Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, der den lauschenden Zögling am liebsten
-aus dem Zimmer gewiesen oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er
-die Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den Geist
-darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine Narrheit. Was
-komme dabei heraus? Eine Fratze! Das Wirklichkeitsergebnis der
-gepriesenen französischen Revolution sei der kapitalistische
-Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! die man in der Weise zu
-verbessern hoffe, daß man den Greuel universal mache. Die Weltrepublik,
-das werde das Glück sein, sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um
-den berühmten Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich
-Erleichterung davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich ganz
-allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein Ausdruck. Er werde
-kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich er anderes zeitigen
-werde, als seine Veranstalter sich davon versprächen. Naphta verachtete
-den bürgerlichen Sicherheitsstaat. Er nahm Veranlassung, sich darüber zu
-äußern, als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei
-beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle Welt Regenschirme
-über die Köpfe hielt. Das war ihm ein Symbol für die Feigheit und
-ordinäre Verweichlichung, die das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein
-Zwischenfall und Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“
-wirke atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei
-nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die größte
-Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. Das sei jämmerlich
-und reime sich in seiner humanitären Schlaffheit recht artig auf die
-wölfische Krudität und Niedertracht des wirtschaftlichen Schlachtfeldes,
-das der Bürgerstaat darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und
-die allgemeine Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert.
-
-Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ ins Gespräch
-einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes Mittel gegen innen-
-und außenpolitische Katastrophen empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta,
-der kürzlich noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine
-irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies Geistige
-selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt war.
-Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher?
-Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten
-Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, schmückten den einen mit gefährlicher
-Auszeichnung und bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und
-der wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine lähmende
-Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen Seite eine
-Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da also der Mensch, um im
-Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ in diesem Sinne durch
-„Gerechtigkeit“ in jenem Sinne korrigieren mußte, – wo blieben
-Unbedingtheit und Radikalismus des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“
-gegen den einen Standpunkt _oder_ gegen den anderen. Der Rest war
-Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu
-locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der
-Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen
-wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine,
-oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle.
-
-Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel
-herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft zu stören.
-Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf die Wissenschaft zu sprechen
-kam, – an die er nicht glaubte. Er glaube nicht an sie, sagte er, denn
-es stehe dem Menschen völlig frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei
-ein Glaube, wie jeder andere, nur schlechter und dümmer als jeder
-andere, und das Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des
-stupidesten Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen
-Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare Münze zu
-nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste Dogmatik daraus
-zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet worden sei. Ob etwa nicht
-der Begriff einer an und für sich existierenden Sinnenwelt der
-lächerlichste aller Selbstwidersprüche sei? Aber die moderne
-Naturwissenschaft als Dogma lebe einzig und allein von der
-metaphysischen Voraussetzung, daß die Erkenntnisformen unserer
-Organisation, Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt
-sich abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer
-Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die nackteste
-Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. Raum, Zeit und
-Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, – und da habe man das
-Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen Afterreligion, womit man
-das erste Buch Mosis außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel
-aufklärendes Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der
-Entstehung der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther sei wohl
-exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz des „kleinsten,
-unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von der Unendlichkeit des
-Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf Erfahrung? In der Tat, man
-werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, zu lustigen Erfahrungen und
-Ergebnissen gelangen mit dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität
-des Raumes und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur
-Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? Aus dem
-einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen Größe zum
-Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe im Unendlichen und
-weder Dauer noch Veränderung in der Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen
-könne es, da jede Distanz dort mathematisch gleich null sei, nicht
-einmal zwei Punkte nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige
-denn gar Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der
-Dreistigkeit zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre
-astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ für
-absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte Menschheit, die sich durch
-ein prahlerisches Aufgebot nichtiger Zahlen ins Gefühl eigener
-Nichtigkeit habe drängen, um das Pathos der eigenen Wichtigkeit habe
-bringen lassen! Denn es möge noch leidlich heißen, wenn menschliche
-Vernunft und Erkenntnis sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre
-ihre Erlebnisse mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife sie
-aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte Kosmologie,
-Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und die Anmaßung komme auf den
-Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. Welch ein lästerlicher Unsinn, im
-Grunde, die „Entfernung“ irgendeines Sternes von der Erde nach
-Trillionen Kilometern oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich
-einzubilden, mit solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem
-Menschengeist Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, –
-während doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und
-Zeitdistanzen überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten,
-sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu sein,
-vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was wir Natur
-nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das glaube, die Sterne
-seien Löcher im Himmelszelt, durch welche die ewige Klarheit scheine,
-sei ihm vieltausendmal lieber, als das ganze hohle, widersinnige und
-anmaßende Geschwätz, das die monistische Wissenschaft vom „Weltall“
-verübe!
-
-Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne jenen
-Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich jede Demut und
-Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder einmal zu ersehen, was er
-unter „Freiheit“ verstand, und wohin ein solcher Begriff davon zu führen
-vermochte. Und wenn nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu
-fürchten, Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden!
-
-Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die Schwächen des
-naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen, seinen Trägern und Pionieren
-menschliche Rückfälle ins Irrationale nachzuweisen. Aviatiker, Flieger,
-sagte er, seien meist recht üble und verdächtige Individuen, vor allem
-sehr abergläubisch. Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an Bord,
-sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die Handschuhe von
-glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive Unvernunft mit der ihrem
-Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung reime? – Der Widerspruch, den
-er aufzeigte, ergötzte ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich
-lange darüber auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her
-nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur allzu
-Gegenständliches zu erzählen gibt.
-
-Eines Nachmittags im Februar vereinigten sich die Herren, nach Monstein
-auszufliegen, einem Orte, anderthalb Stunden Schlittenfahrt von der
-Stätte ihres Alltags entfernt. Es waren Naphta und Settembrini, Hans
-Castorp, Ferge und Wehsal. In zwei einspännigen Schlitten fuhren sie,
-Hans Castorp mit dem Humanisten, Naphta mit Ferge und Wehsal, der neben
-dem Kutscher saß, um 3 Uhr, gut eingehüllt, vom Domizil der Auswärtigen
-ab und nahmen unter Schellengeläut, das so freundlich durch schneestille
-Landschaft geht, ihren Weg an der rechten Lehne hin, vorbei an
-Frauenkirch und Glaris, gegen Süden. Schneebedeckung rückte rasch aus
-dieser Himmelsrichtung vor, so daß bald nur noch hinten über der
-Rhätikonkette ein blaßblauer Streifen zu sehen war. Der Frost war stark,
-das Gebirge nebelig. Die Straße, die sie führte, schmale, geländerlose
-Plattform zwischen Wand und Abgrund, hob sich steil ins Tannenwilde. Es
-ging schrittweise. Abfahrende Rodler kamen oft auf sie zu, die bei der
-Begegnung absteigen mußten. Hinter Biegungen klang zart und warnend
-fremdes Geläute auf, Schlitten, mit zwei Pferden hintereinander
-bespannt, gingen vorbei, und das Ausweichen forderte Behutsamkeit. Nahe
-dem Ziele tat ein schöner Blick auf eine felsige Partie der Zügenstraße
-sich auf. Man stieg aus den Decken vor dem kleinen Gasthaus von
-Monstein, das sich „Kurhaus“ nannte, und, die Schlitten zurücklassend,
-ging man noch einige Schritte weiter, um gegen Südosten nach dem
-„Stulsergrat“ auszuschauen. Die Riesenwand, dreitausend Meter hoch, war
-nebelverhüllt. Nur irgendwo ragte eine himmelhohe Zacke, überirdisch,
-walhallmäßig fern und heilig unzugänglich aus dem Gedünst hervor. Hans
-Castorp bewunderte das sehr und forderte auch die andern auf, es zu tun.
-Er war es, der mit Unterwerfungsgefühlen das Wort „unzugänglich“
-aussprach und damit Herrn Settembrini Anlaß gab, zu betonen, daß jener
-Fels natürlich sehr wohl betreten sei. Überhaupt gäbe es das kaum noch:
-Unzugänglichkeit und irgendwelche Natur, auf die der Mensch nicht schon
-seinen Fuß gesetzt habe. Eine kleine Übertreibung und Dicktuerei,
-erwiderte Naphta. Und er nannte den Mount Everest, der dem Vorwitz des
-Menschen bis dato eisige Ablehnung entgegengesetzt habe und in dieser
-Reserve dauernd verharren zu wollen scheine. Der Humanist ärgerte sich.
-Die Herren kehrten zum „Kurhaus“ zurück, vor dem neben den eigenen ein
-paar fremde, ausgespannte Schlitten standen.
-
-Man konnte hier wohnen. Im Obergeschoß gab es Hotelzimmer mit Nummern.
-Dort lag auch das Eßzimmer, bäurisch und wohl geheizt. Die Ausflügler
-bestellten einen Imbiß bei der dienstwilligen Wirtin: Kaffee, Honig,
-Weißbrot und Birnenbrot, die Spezialität des Ortes. Den Kutschern ward
-Rotwein geschickt. Schweizerische und holländische Besucher saßen an
-anderen Tischen.
-
-Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf Freunde die
-Erwärmung durch den heißen und sehr löblichen Kaffee ein höheres
-Gespräch gezeitigt habe. Doch wären wir ungenau damit, denn dies
-Gespräch war eigentlich ein Monolog Naphtas, der es nach wenigen Worten,
-die andere beigetragen, allein bestritt, – ein Monolog, geführt auf
-recht sonderbare und gesellschaftlich anstößige Art, da der Ex-Jesuit
-sich nämlich, liebenswürdig instruierend, ausschließlich an Hans Castorp
-damit wandte, Herrn Settembrini, der an seiner anderen Seite saß, den
-Rücken zukehrte und auch die beiden anderen Herren völlig unbeachtet
-ließ.
-
-Es wäre schwer gewesen, das Thema seiner Improvisation, der Hans Castorp
-mit halb und halb zustimmendem Kopfnicken folgte, bei Namen zu nennen.
-Einheitlichen Gegenstandes war sie wohl eigentlich nicht, sondern
-bewegte sich locker im Geistigen, da und dort anstreifend und im
-wesentlichen darauf aus, die Zweideutigkeit der geistigen
-Lebenserscheinungen, die irisierende Natur und kämpferische
-Unbrauchbarkeit der daraus abgezogenen großen Begriffe auf eine
-entmutigende Art nachzuweisen und bemerklich zu machen, in wie
-schillerndem Gewande das Absolute auf Erden erscheine.
-
-Allenfalls hätte man seinen Vortrag auf das Problem der Freiheit
-festlegen können, das er im Sinne der Verwirrung behandelte. Unter
-anderem sprach er von der Romantik und dem faszinierenden Doppelsinn
-dieser europäischen Bewegung vom Anfang des 19. Jahrhunderts, vor der
-die Begriffe der Reaktion und der Revolution zunichte würden, sofern sie
-sich nicht zu einem höheren vereinigten. Denn es sei selbstverständlich
-höchst lächerlich, den Begriff des Revolutionären ausschließlich mit dem
-Fortschritt und der siegreich anrennenden Aufklärung verbinden zu
-wollen. Die europäische Romantik sei vor allem eine Freiheitsbewegung
-gewesen: antiklassizistisch, antiakademisch, gerichtet gegen den
-altfranzösischen Geschmack, gegen die Alte Schule der Vernunft, deren
-Verteidiger sie als gepuderte Perückenköpfe verhöhnt habe.
-
-Und Naphta fiel auf die Freiheitskriege, auf Fichte’sche Begeisterungen,
-auf jene rausch- und gesangvolle völkische Erhebung gegen eine
-unerträgliche Tyrannei, – als welche nur leider, he, he, die Freiheit,
-das heiße: die Ideen der Revolution verkörpert habe. Sehr lustig: Laut
-singend habe man ausgeholt, um die revolutionäre Tyrannei zugunsten der
-reaktionären Fürstenfuchtel zu zerschlagen, und das habe man für die
-Freiheit getan.
-
-Der jugendliche Zuhörer werde da des Unterschiedes oder auch Gegensatzes
-von äußerer und innerer Freiheit gewahr – und zugleich der kitzlichen
-Frage, welche Unfreiheit mit der Ehre einer Nation am ehesten, he, he,
-am wenigsten verträglich sei.
-
-Freiheit sei wohl eigentlich mehr noch ein romantischer, als ein
-aufklärerischer Begriff, denn mit der Romantik habe er die unentwirrbare
-Verschränkung menschheitlicher Ausdehnungstriebe und leidenschaftlich
-verengernder Ichbetonung gemeinsam. Individualistischer Freiheitstrieb
-habe den historisch-romantischen Kultus der Nationalen gezeitigt, der
-kriegerisch sei, und den der humanitäre Liberalismus finster nenne,
-wiewohl dieser doch ebenfalls den Individualismus lehre, nur eben ein
-wenig anders herum. Der Individualismus sei romantisch-mittelalterlich
-in seiner Überzeugung von der unendlichen, der kosmischen Wichtigkeit
-des Einzelwesens, woraus die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele,
-die geozentrische Lehre und die Astrologie sich ergäben. Andererseits
-sei Individualismus eine Angelegenheit des liberalisierenden Humanismus,
-welcher zur Anarchie neige und jedenfalls das liebe Individuum davor
-schützen wolle, der Allgemeinheit geopfert zu werden. Das sei
-Individualismus, eins und auch wieder das andere, ein Wort für manches.
-
-Aber das müsse man einräumen, daß Freiheitspathos die glänzendsten
-Freiheitsfeinde, die geistreichsten Ritter des Vergangenen im Kampf mit
-dem andachtslos zersetzenden Fortschritt erzeugt habe. Und Naphta nannte
-Arndt, der den Industrialismus verflucht und den Adelsstand
-verherrlicht, nannte Görres, der die Christliche Mystik verfaßt habe.
-Und ob denn Mystik etwa nichts mit Freiheit zu tun habe? Ob sie etwa
-nicht anti-scholastisch, anti-dogmatisch, anti-priesterlich gewesen sei?
-Man sei freilich gezwungen, in der Hierarchie eine Freiheitsmacht zu
-erblicken, denn sie habe der schrankenlosen Monarchie einen Damm
-entgegengesetzt. Die Mystik des ausgehenden Mittelalters aber habe ihr
-freiheitliches Wesen als Vorläuferin der Reformation bewährt, – der
-Reformation, he, he, die ihrerseits ein unauflösliches Filzwerk von
-Freiheit und mittelalterlichem Rückschlag gewesen sei ...
-
-Luthers Tat ... Ei ja, sie habe den Vorzug, mit derbster Anschaulichkeit
-das fragwürdige Wesen der Tat selbst, der Tat überhaupt zu
-demonstrieren. Ob Naphtas Zuhörer wisse, was eine Tat sei? Eine Tat sei
-beispielsweise die Ermordung des Staatsrats Kotzebue durch den
-Burschenschaftler Sand gewesen. Was habe dem jungen Sand,
-kriminalistisch zu reden, „die Waffe in die Hand gedrückt“?
-Freiheitsbegeisterung, selbstverständlich. Sehe man jedoch näher hin, so
-sei es eigentlich nicht diese, es seien vielmehr Moralfanatismus und der
-Haß auf unvölkische Frivolität gewesen. Allerdings nun wieder habe
-Kotzebue in russischen Diensten, im Dienste der Heiligen Allianz also,
-gestanden; und so habe Sand denn doch wohl für die Freiheit geschossen,
-– was freilich aufs neue der Unwahrscheinlichkeit verfalle kraft des
-Umstandes, daß sich unter seinen nächsten Freunden Jesuiten befunden
-hätten. Kurzum, was immer die Tat auch sein möge, auf jeden Fall sei sie
-ein schlechtes Mittel, sich deutlich zu machen, und zur Bereinigung
-geistiger Probleme trage sie auch nur wenig bei.
-
-„Darf ich mir die Erkundigung erlauben, ob Sie mit Ihren
-_Schlüpfrigkeiten_ bald zu Rande zu kommen gedenken?“
-
-Herr Settembrini hatte es gefragt und zwar mit Schärfe. Er hatte
-gesessen, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt und den Schnurrbart
-gedreht. Jetzt war es genug. Seine Geduld war zu Ende. Aufrecht saß er,
-mehr als aufrecht: – sehr bleich, hatte er sich sozusagen im Sitzen auf
-die Zehen gestellt, so daß nur noch seine Schenkel den Stuhlsitz
-berührten, und so begegnete er blitzenden schwarzen Auges dem Feinde,
-der sich mit geheucheltem Erstaunen nach ihm umgewandt hatte.
-
-„_Wie_ beliebten Sie sich auszudrücken?“ lautete Naphtas Gegenfrage ...
-
-„Ich beliebte“, sagte der Italiener und schluckte hinunter, „– ich
-beliebe mich dahin auszudrücken, daß ich entschlossen bin, Sie daran zu
-hindern, eine ungeschützte Jugend noch länger mit Ihren Zweideutigkeiten
-zu behelligen!“
-
-„Mein Herr, ich fordere Sie auf, nach Ihren Worten zu sehen!“
-
-„Einer solchen Aufforderung, mein Herr, bedarf es nicht. Ich bin
-gewohnt, nach meinen Worten zu sehen, und mein Wort wird präzis den
-Tatsachen gerecht, wenn ich ausspreche, daß Ihre Art, die ohnehin
-schwanke Jugend geistig zu verstören, zu verführen und sittlich zu
-entkräften, eine _Infamie_ und mit Worten nicht streng genug zu
-züchtigen ist ...“
-
-Bei dem Wort „Infamie“ schlug Settembrini mit der flachen Hand auf den
-Tisch und stand, seinen Stuhl zurückschiebend, nun vollends auf, – das
-Zeichen für alle übrigen, ein Gleiches zu tun. Von anderen Tischen
-blickte man aufhorchend herüber, – von einem eigentlich nur, die
-Schweizer Gäste waren schon aufgebrochen, und nur die Holländer
-lauschten mit verdutzten Mienen auf den ausbrechenden Wortwechsel.
-
-Sie standen also alle steif aufrecht an unserem Tisch: Hans Castorp und
-die beiden Gegner und ihnen gegenüber Ferge und Wehsal. Alle fünf waren
-sie blaß, mit erweiterten Augen und zuckenden Mündern. Hätten nicht die
-drei Unbeteiligten den Versuch machen können, beschwichtigend
-einzuwirken, mit einem Scherzwort die Spannung zu lösen, durch irgendein
-menschliches Zureden alles zum Guten zu wenden? Sie unternahmen ihn
-nicht, diesen Versuch. Die inneren Umstände hinderten sie daran. Sie
-standen und bebten, und unwillkürlich ballten ihre Hände sich zu
-Fäusten. Selbst A. K. Ferge, dem alles Höhere erklärtermaßen völlig fern
-lag und der von vornherein gänzlich darauf verzichtete, die Tragweite
-des Streites zu ermessen, – auch er war überzeugt, daß es hier auf
-Biegen und Brechen gehe, und daß man, selbst mit hingerissen, nichts tun
-könne, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sein gutmütiger
-Schnurrbartbausch wanderte heftig auf und nieder.
-
-Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen knirschen. Das war
-für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung, wie die mit Wiedemanns
-gesträubtem Haar: Er hatte gedacht, es sei nur eine Redensart und komme
-in Wirklichkeit nicht vor. Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der
-Stille, ein furchtbar unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch,
-das sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen
-Beherrschung erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und nur
-mit einer Art von keuchendem Halblachen:
-
-„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig? Haben wir die
-pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation so weit, daß sie blank
-zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für den Anfang, – leicht erzielt, wie
-ich mit Geringschätzung hinzufüge, denn eine wie gelinde Neckerei hat
-hingereicht, den wachhabenden Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das
-Weitere wird sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese.
-Ich hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen, was
-Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese Grundsätze durch
-Mittel auf die Probe zu stellen, die –“
-
-Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren:
-
-„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im Wege, Sie
-sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag dieser kleinen Differenz
-an den gehörigen Ort verlegen. Für den Augenblick nur eines. Ihre
-frömmelnde Angst um den scholastischen Begriffsstaat der
-Jakobiner-Revolution sieht in meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen,
-die Kategorien über den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer
-akademischen Tugendwürde zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen.
-Diese Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre
-Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan. Sie ist
-schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit,
-ein geistiges _Ennui_, das Gähnkrampf erzeugt, und mit dem aufzuräumen
-die neue, _unsere_ Revolution, mein Herr, sich anschickt. Wenn wir als
-Erzieher den Zweifel stiften, tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit
-sich je hat träumen lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der
-radikalen Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor, der
-heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung
-und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem anderen Blatt. Sie
-werden von mir hören.“
-
-„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini ihm nach, der den
-Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte, um sich seines Pelzwerks zu
-bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer sich hart auf seinen Stuhl
-zurücksinken und preßte sein Herz mit den Händen.
-
-„_Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!_“ stieß er kurzen
-Atems hervor.
-
-Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart fuhr fort
-auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt.
-Hans Castorp ahmte die Kinnstütze seines Großvaters nach, denn ihm
-zitterte das Genick. Alle bedachten, wie wenig man sich bei der Ausfahrt
-solcher Dinge versehen habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen,
-bedachten gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei
-Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war. Dies erleichterte
-vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was dann?
-
-„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen.
-
-„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem neben ihm Stehenden
-einen Blick empor, um sich gleich danach von ihm abzuwenden und den Kopf
-in die Hand zu stützen.
-
-„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ...
-
-„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch ihn einen
-Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob sich vollkommen
-gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres Vergnügens, allein mit solchen
-Zwischenfällen muß jeder Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige
-theoretisch das Duell, ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist
-es eine andere Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum,
-ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in meiner
-Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden Übung werden mir das
-Handgelenk wieder geläufig machen. Gehen wir! Das Nähere wird zu
-verabreden sein. Ich vermute, daß jener Herr bereits anzuspannen
-befohlen hat.“
-
-Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt und nachher, wo
-ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden schwindelte,
-namentlich, als sich herausstellte, daß Naphta von Hieb und Stich nichts
-wissen wollte, sondern auf einem Pistolenduell bestand, – und daß
-tatsächlich er die Waffe zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen
-Begriffen der Beleidigte war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen
-Mann, wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung
-durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen Grade befreien konnte
-und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn sei, und daß man es verhindern
-müsse.
-
-„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch mit
-Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon auf der Rückfahrt als
-Kartellträger gewonnen hatte, und der den Verkehr zwischen den Parteien
-vermittelte. „Eine Beschimpfung bürgerlicher, gesellschaftlicher Art!
-Wenn einer des anderen ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte,
-wenn es sich um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches
-Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs sieht!
-Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter Ausweg da, und wenn dann
-der Ehre Genüge geschehen und die Sache glimpflich abgegangen ist, und
-es heißt: Die Gegner schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es
-eine gute Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen
-Verwicklungsfällen. Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa in
-Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung getan hat. Er
-hat die Kategorien über den Haufen geworfen. Er hat, wie er sich
-ausdrückt, den Begriffen ihre akademische Würde geraubt. Dadurch haben
-Sie sich beleidigt gefühlt, – mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“
-
-„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah ihn an ...
-
-„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er hat Sie nicht
-beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben Sie mal! Es handelt sich
-um abstrakte Dinge, um geistige. Mit geistigen Dingen kann man
-beleidigen, aber man kann nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime,
-die jedes Ehrengericht annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott
-versichern. Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und
-‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung, denn auch
-das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen Bezirke und hat
-mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun, worin es einzig so etwas
-wie Beschimpfung gibt. Das Geistige kann niemals persönlich sein, das
-ist die Vervollständigung und die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“
-
-„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen
-Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß Geistiges nicht
-persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie sollten das nicht meinen“,
-sagte er und lächelte eigentümlich fein und schmerzlich. „Sie gehen
-jedoch vor allem fehl in Ihrer Einschätzung des Geistigen überhaupt, das
-Sie offenbar für zu schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu
-zeitigen von der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt,
-und die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges. _All’
-incontro!_ Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist zugleich auch
-das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge, und es birgt viel
-tiefere und radikalere Möglichkeiten des Hasses, der unbedingten und
-unversöhnlichen Gegnerschaft, als das soziale Leben. Wundern Sie sich,
-daß es sogar direkter und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des
-Du oder Ich, zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des
-körperlichen Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine
-‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr zum
-Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse Regelung
-ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das Wesentliche der Lage
-bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der körperliche Kampf, und es ist
-Sache jedes Mannes, sich in aller Entfernung vom Natürlichen dieser Lage
-gewachsen zu halten. Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle
-nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag,
-der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller
-Vergeistigung ein Mann zu bleiben.“
-
-Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es darauf zu
-erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn Settembrinis Worte
-taten gefaßt und logisch, und dennoch klangen sie fremd und unnatürlich
-aus ihm hervor. Seine Gedanken waren nicht seine Gedanken, – wie er ja
-auch auf den des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern
-ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen hatte –; sie
-waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen inneren Umstände,
-deren Knecht und Werkzeug Herrn Settembrinis schöner Verstand geworden
-war. Wie, das Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum
-Tierischen, zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans
-Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu tun, – um
-zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht konnte. Sie waren
-stark auch in ihm, die inneren Umstände, er war nicht der Mann, er auch
-nicht, sich ihnen zu entwinden. Furchtbar und letztgültig wehte es ihn
-an aus jener Erinnerungsgegend, wo Wiedemann und Sonnenschein sich in
-ratlos tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am Ende
-aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die Zähne. Ja, ja, man
-mußte sich wohl schlagen, denn so war wenigstens jene Milderung des
-Urstandes durch ritterliche Regelung zu retten ... Hans Castorp bot sich
-Herrn Settembrini als Sekundanten an.
-
-Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich nicht schicken,
-wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn Settembrini mit einem Lächeln,
-das fein und schmerzlich war, dann auch, nach kurzer Überlegung, von
-Ferge und Wehsal, die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es
-gehe nicht an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft
-beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit eines
-solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen Milderungen des
-Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz zugegen sein. Selbst Naphta ließ
-sich durch den Mund seines Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne
-vernehmen, und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer,
-auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung
-der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig erwies.
-
-Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen Vorschlägen. Er
-verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen Kugelwechsel, falls es
-nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn ließ er noch am Abend des
-Zerwürfnisses durch Wehsal überbringen, der sich völlig zum Mundstück
-und Vertreter seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im
-Auftrage, teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit
-auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini nichts daran
-auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und der unparteiische Hans
-Castorp waren außer sich, und dieser wurde sogar grob mit dem elenden
-Wehsal. Ob er sich nicht schäme, fragte er, solche wüsten
-Unannehmlichkeiten auszukramen, wo es sich um ein rein abstraktes Duell
-handle, dem gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon
-kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da höre die
-Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers Schnupftuch
-schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich feuern lassen auf
-solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst wohl so leicht von den
-Lippen – und so fort. Wehsal zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß
-eben die radikale Situation vorliege, wodurch er denn die Gegenseite,
-die dies zu vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin
-gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages, vor allem den
-dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen, dann aber die
-Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten sich auf fünfzehn
-Schritte gegenüberstehen und das Recht haben sollten, fünf Schritte
-vorzugehen, bevor sie schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen
-die Zusicherung, daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten.
-Übrigens hatte man keine Pistolen.
-
-Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, mit dem er
-die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch ein Zwillingspaar in den
-Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter Offizierspistolen, die aus
-Belgien stammten: automatische Brownings mit Griffen aus braunem Holz,
-in denen sich die Magazine befanden, bläulich stählerner
-Geschützmaschinerie und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen
-knapp und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann
-einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine
-Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. So tat
-er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl machte, ihn aber in
-persönliches Ehrengeheimnis hüllte und mit leichtem Erfolge sich an den
-Kavalierssinn des Windbeutels wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im
-Laden und gab mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren
-ab.
-
-Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein zwei
-Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war von Hans Castorps
-Erfindung: Es war der malerische, im Sommer blau blühende Ort seiner
-Regierungs-Zurückgezogenheit, den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier
-sollte am dritten Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war,
-der Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich spät,
-verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den Gedanken, daß es
-ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz zu nehmen.
-
-Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig
-erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen, aber unmöglich konnte
-man den Chef der Anstalt um Unterstützung einer solchen Ungesetzlichkeit
-angehen, zumal es sich um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum
-Hoffnung, daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit
-sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken die Hand
-zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal sicher, ob dieser
-spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der Wundbehandlung sei.
-
-Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich schon
-geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe an jenen Ort
-nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern um sich zu schlagen
-und zwar sehr ernsthaft. Was nachher komme, sei ihm gleichgültig und
-werde sich finden. Das schien eine finstere Kundgebung, die aber Hans
-Castorp so zu deuten sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung,
-ein Arzt werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den
-zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen, sie
-interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig, zu hoffen, die
-Gegner möchten im Grunde einig sein in dem Vorsatz, es zu keinem
-Blutvergießen kommen zu lassen. Man hatte zweimal geschlafen seit jenem
-Wortwechsel und würde es ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem
-Zuge der Stunden hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt
-stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner der
-Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes gewesen.
-Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise, nicht nach gegenwärtigem
-freien Willen würden sie handeln, wie sie damals aus Lust und
-Überzeugung gehandelt hätten; und eine solche Verleugnung ihres
-aktuellen Selbst zugunsten dessen, was sie einmal gewesen, mußte sich
-irgendwie ja verhüten lassen!
-
-Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, – nicht unrecht
-nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen lassen konnte.
-Er hatte sogar vollkommen recht damit, soweit Herr Settembrini in Frage
-kam. Hätte er aber geahnt, in welchem Sinn Leo Naphta bis zum
-entscheidenden Augenblick seine Vorsätze würde geändert haben oder in
-eben diesem Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren
-Umstände, aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht, das
-Bevorstehende zuzulassen.
-
-Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge hervorzukommen,
-aber es tagte mühsam qualmend, als Hans Castorp nach unruhig verbrachter
-Nacht Haus Berghof verließ, um sich zum Rendezvous zu begeben.
-Dienstmägde, die die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach
-ihm auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen: Ferge und
-Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß schon passiert, der
-eine, um Settembrini, der andere, um Naphta zum Kampfplatze abzuholen.
-Er, Hans, ging allein, da seine Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht
-gestattete, sich einer der beiden Parteien anzuschließen.
-
-Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck der Umstände.
-Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche Notwendigkeit.
-Unmöglich, sich davon auszuschließen und das Ergebnis im Bette zu
-erwarten, erstens, weil – aber das Erstens führte er nicht aus, sondern
-fügte gleich das Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich
-selbst überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob,
-und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war sogar
-unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht aufstehen müssen und
-mußte nun ungefrühstückt, in bitterer Frostfrühe im Freien
-zusammenkommen, so war es einmal verabredet. Aber dann würde, unter der
-Einwirkung von seiner, Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos
-irgendwie alles zum Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die
-nicht vorauszusehen war, und die erraten zu wollen, man besser
-unterließ, da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang
-anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen versucht
-hatte.
-
-Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung. Flau und
-übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem Zähneklappern und war
-schon in geringer Tiefe seines Wesens sehr versucht, seinen
-Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen. Es waren so ganz besondere Zeiten
-... Die zankzerstörte Dame aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und
-Sonnenschein, der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch den
-Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen, wenn er
-zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten würden.
-Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann und Sonnenschein vor diesen
-seinen Augen zur Tatsache geworden war, so mißtraute er sich und seiner
-Welt und fröstelte in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und
-bei alldem ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der Lage,
-zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft ihn erhob und
-belebte.
-
-Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und Gedanken stieg er
-im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in „Dorf“ von der Mündung der
-Bobbahn auf schmalstem Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief
-verschneiten Wald, überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn
-hinablief, und stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von
-Fußspuren, als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er
-hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge, welcher mit
-einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel festhielt. Hans
-Castorp nahm keinen Anstand, sich zu ihnen zu gesellen, und kaum war er
-an ihrer Seite, so erblickte er auch schon Naphta und Wehsal, die
-geringen Vorsprung hatten.
-
-„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in guter Absicht,
-erschrak aber selbst über die Frivolität seiner Worte und fügte hinzu:
-„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
-
-Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen Schnurrbart auf und
-nieder wandern. Nach einer Weile blieb Settembrini stehen, nahm Hans
-Castorps Hand, legte auch noch seine andere darauf und sprach:
-
-„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. Ich werde mich
-seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir die Ehre gebieten kann.
-Aber ich werde nicht töten, verlassen Sie sich darauf!“
-
-Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, sagte
-jedoch nach einigen Schritten:
-
-„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, nur, andererseits
-... Wenn er für sein Teil ...“
-
-Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans Castorp überlegte,
-daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere sich dessen unmöglich
-würde unterwinden können, so fand er, daß alles sich glücklich anlasse
-und daß seine Annahmen sich zu bestätigen begönnen. Es wurde ihm
-leichter ums Herz.
-
-Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, worin im
-Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall niederging, und der so
-sehr zu dem malerischen Charakter des Ortes beitrug. Naphta und Wehsal
-gingen im Schnee vor der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf
-und ab, auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen
-Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten müssen. Naphta
-rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp prüfte sich, ob er ebenfalls
-Lust hätte, das zu tun, fand aber nicht die geringste Neigung dazu in
-sich vor und schloß, daß es also bei jenem erst recht auf Affektation
-beruhen müsse. Mit dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er
-sich in der kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen
-Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen Blüte.
-Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden Fichte waren mit Schnee
-beschwert.
-
-„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem Wunsch, einen
-natürlichen Ton sofort in die Versammlung einzuführen, der Böses
-zerstreuen helfen sollte, – hatte aber kein Glück damit, denn niemand
-antwortete ihm. Die gewechselten Grüße bestanden in stummen
-Verbeugungen, die bis zur Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er
-entschlossen, seine Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines
-Atems, die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm
-mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und fing an:
-
-„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
-
-„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ schnitt Naphta
-ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich bitten darf,“ fügte er mit
-demselben Hochmut hinzu. Und Hans Castorp, auf den Mund geschlagen,
-mußte zusehen, wie Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel
-hervorholte, und wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen
-von ihm empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm aus
-Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, Ferge ersuchte
-murmelnd darum und fing an, die Distanzen auszugehen und sichtbar zu
-machen: die äußere Begrenzung, indem er mit dem Absatz kurze Linien in
-den Schnee grub, die inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem
-eigenen und dem Settembrinis.
-
-Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans Castorp traute
-seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und griff gehörig aus, so daß
-wenigstens die fünfzehn Schritte eine stattliche Entfernung ergaben,
-wenn da auch noch die verdammten Barrieren waren, die wirklich nicht
-weit voneinander lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im
-Zwange welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so
-ungeheuerlichen Sinnes traf?
-
-Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen hatte, so daß man
-das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der Hand, auf einen der äußeren
-Absatzstriche, sobald er nur gezogen war und während Ferge an weiteren
-Markierungen noch arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini,
-die schadhafte Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich
-aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor.
-
-„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! Es ist trotz
-allem meine Pflicht ...“
-
-„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche das Zeichen.“
-
-Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. Es sollte
-wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß es Sache des Unparteiischen
-sein werde, die furchtbare Aufforderung ergehen zu lassen, war nicht
-bedacht und jedenfalls nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm
-und niemand sprang für ihn ein.
-
-„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein Herr, und schießen
-Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und begann selbst vorzugehen, die
-Pistole mit gestrecktem Arm auf Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, –
-ein unglaubwürdiger Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten
-Schritt – der andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt
-– hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß weckte
-vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und Widerhall zu, das
-Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, die Leute müßten
-zusammenlaufen.
-
-„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit Selbstbeherrschung,
-indem er die Waffe sinken ließ.
-
-Settembrini antwortete:
-
-„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“
-
-„Sie werden noch einmal schießen!“
-
-„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr Settembrini,
-erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte sich etwas seitlich zum
-anderen gestellt, nicht ganz in Front, was rührend zu sehen war. Man
-merkte deutlich, daß er gehört hatte, man solle dem Gegner nicht gerade
-die volle Breitseite bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte.
-
-„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der
-Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu gehöre, zu
-schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine Pistole auf eine
-Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, und schoß sich in den
-Kopf.
-
-Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte, während
-die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat Fangball spielten, ein paar
-Schritte rückwärts, indem er die Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem
-ganzen Körper eine schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht
-in den Schnee.
-
-Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem er sein
-Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm.
-
-„_Infelice!_“ rief er. „_Che cosa fai per l’amor di Dio!_“
-
-Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen. Sie sahen das
-schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen in ein Gesicht, das man am
-besten mit dem seidenen Schnupftuch bedeckte, von dem ein Zipfel aus
-Naphtas Brusttasche hing.
-
-
- Der Donnerschlag
-
-Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine runde Zahl
-für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in
-ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen,
-befriedigender für das Gemüt als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er
-hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem
-ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen
-mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er
-saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte
-stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmbarer
-Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen
-Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir
-müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur
-Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer
-ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit
-hatte aufgehört, Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der
-morgentlichen Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber
-rhetorischer Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat
-nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica von
-Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um die Zeit, von der wir
-reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen wir die Dinge genauer an, so
-geschah es selten oder nie. Man ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen
-Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr
-gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein
-Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht
-kommt, – eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem
-wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein
-könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit
-fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in
-seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden,
-– ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte,
-wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt
-nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich nicht eine gewisse
-Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein in der Tatsache aus, daß
-er an den Schlechten Russentisch versetzt worden war? Womit übrigens
-gegen den sogenannten Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste
-gesagt sein soll! Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile
-unter den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn
-gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an diesem gereicht,
-wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst faltete dort zuweilen, im
-Turnus, die riesigen Hände vor seinem Teller; und die daran speisenden
-Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch
-kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich
-benahmen.
-
-Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren großer
-Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern eher von der
-jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung überhaupt untersichtig
-bleibt, oder wie das Gras, das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich
-heimlich wächst, was denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist;
-die Zeit, eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten
-zusammensetzt (wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich
-fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es anfangen, eine Linie
-hervorzubringen): die Zeit also hatte in ihrer schleichend
-untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen Art fortgefahren,
-Veränderungen zu zeitigen. Der Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu
-nennen, war eines Tages – aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern
-ganz unbestimmt von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten
-ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen aufstand, den
-Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und herunterkam. Unmerklich hatte
-das Blättchen sich gewendet, er nahm sie selbst auf den Schoß bei
-solchen Gelegenheiten, und das machte beiden Teilen ebensoviel
-Vergnügen, sogar noch mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht
-sagen: erblüht, aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht
-gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das Aufschießen
-dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. Das Zeitliche
-segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten Jahre starb er an der
-Krankheit, für die er aufnahmelustig gewesen, und in seinem Zimmer wurde
-gestöbert. Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer
-Unterschied war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen.
-
-Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische Todesfälle,
-die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals ihn näher angegangen
-hätten. Wir denken an das kürzlich erfolgte Ableben des alten Konsul
-Tienappel, Hansens Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er
-hatte unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und es
-Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der Apoplexie
-hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, und die drahtlich
-knapp, aber zart und schonend abgefaßte Nachricht von seinem Hintritt –
-zart und schonend mehr mit Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den
-Empfänger der Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps
-vorzüglichen Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes
-Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, die
-Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist zu
-betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt und verboten
-sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, um dem Großonkel das
-letzte Geleite zu geben.
-
-Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten Hans Castorps
-Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, der sinnender war als
-gewöhnlich. Dieser Sterbefall, dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig
-gewesen wäre und durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast
-nichts herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch einer
-Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre gleich, gab dem, was
-Hans Castorp mit Recht die Freiheit nannte, letzte Vollständigkeit.
-Wirklich war in der späten Zeit, von der wir sprechen, jede Fühlung
-zwischen ihm und dem Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine
-Briefe dorthin und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von
-dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, und der
-er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein Fabrikat, das
-selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten Strapazen
-hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man einfach wie am Meere lag
-und es aushalten konnte, – eine besonders gut gepflegte
-Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, etwas gedrungener, als Maria,
-mausgrau von Farbe, mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild
-im Charakter und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern
-des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, daß sie
-dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte dienen können und
-ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, denn seine Taschenuhr trug
-er nicht mehr. Sie stand, sie war ihm eines Tages vom Nachttisch
-gefallen, und er hatte davon abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf
-setzen zu lassen, – aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den
-Besitz von Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur
-Vorbelehrung über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet
-hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, dem
-stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen Zauber, für den
-der Entrückte sich aufnahmelustig erwiesen, und der das Grundabenteuer
-seiner Seele gewesen, dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer
-dieses schlichten Stoffes sich abgespielt hatten.
-
-So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der Zeit seiner
-Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – das Jahr in sich selber.
-
-Da erdröhnte –
-
-Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen
-von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein
-Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, daß also der
-Donnerschlag erdröhnte, von dem wir alle wissen, diese betäubende
-Detonation lang angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und
-Gereiztheit, – ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu
-sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der
-Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft
-vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im Grase und reibt sich die
-Augen, wie ein Mann, der es trotz mancher Ermahnung versäumt hat, die
-Presse zu lesen.
-
-Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer ein wenig
-abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, das Sorgenkind
-seiner Erziehung über die unteren Vorgänge in großen Zügen zu
-unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei einem Schüler gefunden, der sich
-zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und
-andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar
-aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen
-aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn nicht einmal allzu hart
-schelten darf, da dies Verhältnis nicht letztgültig geklärt ist.
-
-Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem er
-plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des horizontalen
-Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und des Lebens berichtigend auf
-ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt saß nun dieser, die Hände zwischen den
-Knien, an dem Bette des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem
-Tagesruhelager im separierten und traulichen Mansardenstudio mit den
-Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft und
-lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage, denn nicht oft mehr
-war Herr Lodovico auf den Beinen. Naphtas krasses Ende, die
-terroristische Tat des scharf verzweifelten Disputanten, hatte seiner
-empfindsamen Natur einen harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht
-davon erholen, unterlag seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine
-Mitarbeit an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon aller
-Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden zum Gegenstande
-hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga wartete vergebens auf den
-betreffenden Band ihrer Enzyklopädie, Herr Settembrini war gezwungen,
-seine Mitwirkung an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu
-beschränken, und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche Besuche
-ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls hätte entbehren müssen.
-
-Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von Herzen über die
-Selbstvervollkommnung der Menschheit auf gesellschaftlichem Wege. Seine
-Rede ging wie auf Taubenfüßen, aber bald, wenn er etwa von der
-Vereinigung der befreiten Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so
-mischte sich – er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie
-Rauschen von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die
-Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen Erbe
-des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur vereinigt hatte, –
-genau wie Humanität und Politik sich vereinigten in dem Hoch- und
-Toastgedanken der Zivilisation, diesem Gedanken voll Taubenmilde und
-Adlerskühnheit, der seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das
-Prinzip der Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige
-Allianz der bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ...
-Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war humanitär,
-aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen, war er auch
-kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen Naphta wie ein
-Mensch benommen, im großen aber, wo die Menschlichkeit sich
-begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges- und Herrschaftsidee der
-Zivilisation verband und man die Pike des Bürgers am Altar der
-Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft, ob er, unpersönlich, gemeint
-blieb, seine Hand zurückzuhalten vom Blute; – ja die inneren Umstände
-bewirkten, daß in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der
-Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde durchschlug.
-
-Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen der Welt
-zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen. Neulich, zwei oder
-anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische Zusammenwirken
-seines Landes mit Österreich in Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies
-Zusammenwirken, das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien,
-gegen Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte eben als
-Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung und der
-Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die große Leihgabe Frankreichs
-an Rußland zum Zwecke des Baues eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich
-widerstreitende Gefühle geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der
-frankophilen Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn
-man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution denjenigen
-der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das Einverständnis der
-erleuchteten Republik mit dem byzantinischen Skythentum schuf ihm
-moralische Verlegenheit, – eine Beklemmung seiner Brust, die doch auch
-wieder, beim Gedanken an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in
-rasch atmende Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der
-Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer,
-ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu denen wir Herrn
-Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans Castorp sah ihn wohl
-privatmenschlich schaudern vor solcher Schreckenstat, sah aber auch
-seine Brust sich heben beim Gedanken daran, daß es eine Volks- und
-Befreiungstat war, die da geschehen, gerichtet gegen die Burg seines
-Hasses, wenn auch hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen
-Betreibens, was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die
-äußerste Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen später, als
-Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen zu kennzeichnen,
-in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen er eingeweiht war, und die er
-rasch atmend begrüßte ...
-
-Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach zusammengesetzt,
-wie das Verhängnis, das er mit großer Schnelle sich ballen sah, und für
-das er seinem Zögling mit halben Worten Augen zu machen suchte, während
-doch eine Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt,
-vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der ersten
-Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er eine Gewohnheit
-angenommen, dem Besucher beide Hände entgegenzustrecken und ihm die
-seinen zu drücken, daß es dem Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht
-recht zu Kopfe. „Mein Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver,
-die Druckerpresse – unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn
-Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden ... _Caro_
-...“
-
-Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre Streckfolter die
-Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp Herrn Settembrini nicht. Die
-wüsten Zeitungen drangen nun unmittelbar aus der Tiefe zu seiner
-Balkonloge empor, durchzuckten das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust
-beklemmenden Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der
-Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der Siebenschläfer
-im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich langsam aufrichtete,
-bevor er saß und sich die Augen rieb ... Wir wollen aber das Bild zu
-Ende führen, um seiner Gemütsbewegung gerecht zu werden. Er zog die
-Beine unter sich, stand auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert,
-erlöst, befreit, – nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung
-gestehen mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren
-Außenmächten, denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief.
-Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen verschwand, –
-drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter und also von
-göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich darin aus? Nahm das Leben sein
-sündiges Sorgenkind noch einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern
-eben nur so, auf diese ernste und strenge Art, im Sinn einer
-Heimsuchung, die vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle
-drei Ehrensalven für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen.
-Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu einem
-Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger die Grottendecke
-des Sündenberges war.
-
-In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich
-gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das wissen wir,
-schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches Theater aus. In spröder
-Wirklichkeit traf ihn der Mentor beim Kofferpacken, – denn seit dem
-Augenblick seines Erwachens sah Hans Castorp sich in den Trubel und
-Strudel von wilder Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im
-Tale angerichtet. Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik.
-Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich kopfüber
-ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des gestürmten Zügleins
-belastend, ohne Gepäck, wenn es sein mußte, das in Stapelreihen die
-Steige des Bahnhofs bedeckte, – des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe
-brenzlige Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans stürzte
-mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich, er schloß ihn in
-seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer (oder auch wie ein Russe) auf
-beide Wangen, was unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig
-genierte. Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr Settembrini
-ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich „Giovanni“ nannte und
-dabei die im gesitteten Abendland übliche Form der Anrede dahin fahren
-und das Du walten ließ!
-
-„_E così in giù_,“ sagte er, – „_in giù finalmente! Addio, Giovanni
-mio!_ Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht, aber sei es
-darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht anders. Zur Arbeit
-hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du kämpfen inmitten der Deinen.
-Mein Gott, dir war es zugedacht und nicht unserm Leutnant. Wie spielt
-das Leben ... Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann
-jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner Kräfte
-daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen, auf jener Seite,
-wohin der Geist und heiliger Eigennutz es weisen. _Addio!_“
-
-Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die den Rahmen
-des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin. Auch Herr Settembrini
-winkte mit der Rechten, während er mit der Ringfingerspitze der Linken
-zart einen Augenwinkel berührte.
-
- * * * * *
-
-Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum? Dämmerung,
-Regen und Schmutz, Brandröte des trüben Himmels, der unaufhörlich von
-schwerem Donner brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem
-Singen, wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine Bahn mit
-Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet, von Stöhnen und
-Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten will, und Trommeltakt, der
-schleuniger, schleuniger treibt ... Dort ist ein Wald, aus dem sich
-farblose Schwärme ergießen, die laufen, fallen und springen. Dort zieht
-eine Hügelzeile sich vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich
-manchmal zu wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland,
-zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen
-Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht und grundlos,
-schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel hin, Baumstöcke ragen im
-kalten Regen, nackt und entzweigt ... Hier ist ein Wegweiser, – unnütz
-ihn zu befragen; Halbdunkel würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn
-das Schild nicht von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder
-West? Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue
-Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und keineswegs
-gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen, aber dahergeführt
-vom Geist der Erzählung, um von den grauen, laufenden, stürzenden,
-vorwärts getrommelten Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den
-wir kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen Sünder,
-dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal ins einfache Angesicht
-zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen verlieren.
-
-Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte letzten
-Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag gedauert hat, und das dem
-Wiedergewinn jener Hügelstellung und der dahinterliegenden brennenden
-Dörfer gilt, die vor zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein
-Regiment Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im
-Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der Bahn bis
-zum Morgen und marschierten im Regen bis zum Nachmittag auf schlimmen
-Wegen, – auf gar keinen Wegen, die Straßen waren verstopft, es ging
-durch Äcker und Moor, sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel,
-mit Sturmgepäck, und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht die
-Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt mit dem
-Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran aus dem quatschenden
-Grunde ziehen. So haben sie eine Stunde gebraucht, um über eine kleine
-Wiese zu kommen. Nun sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft,
-ihre erregten und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in
-Spannung gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf, der Nahrung
-nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten, vom Sturmband
-umrahmten Gesichter unter den grau bespannten, verschobenen Helmen
-glühen. Sie glühen von Anstrengung und von dem Anblick der Verluste, die
-sie beim Zuge durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind,
-ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und
-großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch den Wald
-splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend, spritzend und flammend
-das weite Sturzackerland peitscht.
-
-Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie müssen als
-Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf die Gräben vor und hinter
-der Hügelzeile, auf die brennenden Dörfer entscheiden und helfen, ihn
-vorzutragen bis zu einem bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem
-Befehl, den ihr Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend,
-damit sie noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den
-Dörfern anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein Körper,
-darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln und siegen, den
-Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra begrüßen zu können, –
-ungeachtet derer, die sich vereinzelten, indem sie ausfielen. Manch
-einer schon hat sich vereinzelt, fiel aus beim Gewaltmarsch, für den er
-sich als zu jung und zart erwies. Er wurde blasser und wankte, forderte
-verbissen Mannheit von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte
-sich noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte
-überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut war. Und
-dann war der splitternde Wald gekommen. Aber der Hervorschwärmenden sind
-immer noch viele; dreitausend können einen Aderlaß aushalten und sind
-auch dann noch ein wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser
-gepeitschtes Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten
-Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter ihnen. Am
-Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt, mit gedrillten
-Griffen, das Zink ruft dringend, die Trommel klopft und rollt im
-tieferen Donner, und vorwärts stürzen sie, wie es gehen will, mit
-sprödem Schreien und qualtraumschwer die Füße, da die Ackerklüten sich
-bleiern an ihre plumpen Stiefel hängen.
-
-Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um wieder
-aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem Mutgeschrei, weil es
-sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, sie fallen, mit den Armen
-fechtend, in die Stirn, in das Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen,
-die Gesichter im Kot, und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken
-vom Tornister gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und greifen
-krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald sendet neue, die
-sich hinwerfen und springen und schreiend oder stumm zwischen den
-Ausgefallenen vorwärts stolpern.
-
-Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren, seinen verschmutzten
-Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich humanistisch-schönseliger Weise
-auch andere Bilder erträumen in seiner Betrachtung. Man könnte es sich
-denken: Rosse regend und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der
-Geliebten am Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut,
-auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß
-unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß es das
-freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem
-Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende Sache für sich, sollte
-jedoch kein Grund sein, es in die Lage zu bringen.
-
-Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz von weitem haben
-wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er sich am Schlechten
-Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt, wie alle. Er läuft
-mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr in hängender Faust. Seht, er
-tritt einem ausgefallenen Kameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit
-seinem Nagelstiefel tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen
-bedeckten Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man
-in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu wissen,
-so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für sich zu singen:
-
- „Ich schnitt in seine Rinde
- So manches liebe Wort –“.
-
-Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund
-anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut des
-Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die Beine gespreizt, die
-Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das Produkt einer verwilderten
-Wissenschaft, geladen mit dem Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg
-vor ihm wie der Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten
-mit gräßlicher Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen von
-Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum in die Lüfte
-empor. Denn dort lagen zwei, – es waren Freunde, sie hatten sich
-zusammengelegt in der Not: nun sind sie vermengt und verschwunden.
-
-O Scham unserer Schattensicherheit! Hinweg! Wir erzählen das nicht! Ist
-unser Bekannter getroffen? Er meinte einen Augenblick, es zu sein. Ein
-großer Erdklumpen fuhr ihm gegen das Schienbein, das tat wohl weh, ist
-aber lächerlich. Er macht sich auf, er taumelt hinkend weiter mit
-erdschweren Füßen, bewußtlos singend:
-
- „Und sei–ne Zweige rau–uschten,
- Als rie–fen sie mir zu –“.
-
-Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt er uns aus den
-Augen.
-
-Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine
-Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder
-kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir
-haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst
-simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß,
-mußtest du’s irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen
-nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich
-gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den
-Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen noch
-hören werden in Zukunft.
-
-Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht;
-das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches
-Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst.
-Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen.
-Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten,
-ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben
-sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll
-und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem
-Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den
-regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?
-
- _FINIS OPERIS_
-
-
- Von den Gesammelten Werken wurden 150 Exemplare auf
- Hadern-Velin-Papier abgezogen, numeriert und vom Verfasser
- signiert. Diese Exemplare werden nur in Subskription auf
- das Gesamtwerk abgegeben.
-
-
- Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
-Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen, sind hier
-aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 22]:
- ... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einem ja ...
- ... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einen ja ...
-
- [S. 32]:
- ... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut und ...
- ... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut ...
-
- [S. 46]:
- ... Reizwucherung derselben aufzufassen, während der andere, als ...
- ... Reizwucherung desselben aufzufassen, während der andere, als ...
-
- [S. 56]:
- ... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliegenden ...
- ... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden ...
-
- [S. 59]:
- ... Naphta bei Ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen,
- ohne ...
- ... Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen,
- ohne ...
-
- [S. 61]:
- ... unvergleichlich höherem Ehrenstand. Bernhard von Clairvaux ...
- ... unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux ...
-
- [S. 64]:
- ... dem Tode zu tun bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch ...
- ... dem Tode zu tun zu bekommen, – mit dem ja letzten Endes
- auch ...
-
- [S. 102]:
- ... Daß seine Seele das Geld ist, ficht sie offenbar nicht an.
- Oder ...
- ... Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht an.
- Oder ...
-
- [S. 115]:
- ... wie er da in dem Loch mir all seiner Seide ...“ ...
- ... wie er da in dem Loch mit all seiner Seide ...“ ...
-
- [S. 139]:
- ... sprachen Sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ...
- ... sprachen sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ...
-
- [S. 166]:
- ... es töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war,
- damit ...
- ... sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war,
- damit ...
-
- [S. 184]:
- ... übertrieben, es komme den Kranken gar nicht zu und sei
- insofern ...
- ... übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei
- insofern ...
-
- [S. 186]:
- ... sei; und zu glauben, für diesen bedeute die Halluzination
- ein ...
- ... sei; und zu glauben, für diese bedeute die Halluzination ein ...
-
- [S. 188]:
- ... und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtut, ...
- ... und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtat, ...
-
- [S. 218]:
- ... als das Nichtatmen der Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ...
- ... als das Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ...
-
- [S. 240]:
- ... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung darin bestand, ...
- ... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, ...
-
- [S. 274]:
- ... binnen Halbjahrsfrist zu erwartender Wiederkehr. ...
- ... binnen Halbjahrsfrist zu erwartende Wiederkehr. ...
-
- [S. 295]:
- ... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor ihr Schweigen ...
- ... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen ...
-
- [S. 296]:
- ... Großmeisters, Bruders Quartier la Tente vom
- dreiunddreißigsten ...
- ... Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom
- dreiunddreißigsten ...
-
- [S. 329]:
- ... es Hans Castorp, der den Regungs- und Hauchlosen mit der ...
- ... es Hans Castorp, der dem Regungs- und Hauchlosen mit der ...
-
- [S. 340]:
- ... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihm
- an: ...
- ... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihn
- an: ...
-
- [S. 357]:
- ... seiner Erscheinung nicht, ohne die Aufforderung an sein Herz,
- sich ...
- ... seiner Erscheinung, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz,
- sich ...
-
- [S. 400]:
- ... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wieder ging;
- und ...
- ... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und ...
-
- [S. 405]:
- ... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er sie fördern? ...
- ... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? ...
-
- [S. 416]:
- ... denn wenn jener böse sei, müsse auch dieser, als reine
- Verneinung, ...
- ... denn wenn jenes böse sei, müsse auch dieser, als reine
- Verneinung, ...
-
- [S. 420]:
- ... ganz groß und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und
- Ehrenraptus, ...
- ... ganz grob und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und
- Ehrenraptus, ...
-
- [S. 441]:
- ... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit
- zurückdämmernder ...
- ... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit
- zurückdämmender ...
-
- [S. 483]:
- ... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von der die erste
- einen ...
- ... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste
- einen ...
-
- [S. 486]:
- ... Denker, denn wem immer ihn an der Brust zu ergreifen ...
- ... Denker, denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen ...
-
- [S. 500]:
- ... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichem
- Umfang ...
- ... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen
- Umfang ...
-
- [S. 507]:
- ... dieses gestutzten kleines Sarges aus Geigenholz, ...
- ... dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz, ...
-
- [S. 510]:
- ... Die Entrüstung des Amneris über diese pfäffische Härte ...
- ... Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte ...
-
- [S. 524]:
- ... galt, mochte seinem pädagogischem Sinn wohl als ...
- ... galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als ...
-
- [S. 542]:
- ... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichen ...
- ... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem ...
-
- [S. 543]:
- ... in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatliche Meere auf ...
- ... in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf ...
-
- [S. 550]:
- ... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einem ...
- ... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen ...
-
- [S. 557]:
- ... fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischen Zungen-r ...
- ... fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem Zungen-r ...
-
- [S. 560]:
- ... Herrn Wehsal, der auf ihm folgte. Neben dem Doktor saßen ...
- ... Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben dem Doktor saßen ...
-
- [S. 575]:
- ... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit her
- gesessen, ...
- ... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier
- gesessen, ...
-
- [S. 580]:
- ... 18. Juni 19.., das zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ...
- ... 18. Juni 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ...
-
- [S. 586]:
- ... häufig genug die Grenze der geistig Gesunden überschritten. ...
- ... häufig genug die Grenze des geistig Gesunden überschritten. ...
-
- [S. 593]:
- ... Wir hatten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ...
- ... Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Der Zauberberg. Band 2, by Thomas Mann</title>
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-<div style='text-align:center; font-size:1.2em; font-weight:bold'>The Project Gutenberg eBook of Der Zauberberg, by Thomas Mann</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online
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-country where you are located before using this eBook.
-</div>
-
-<p style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:0; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Title: Der Zauberberg</p>
-<p style='display:block; margin-top:0; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:0;'>Zweiter Band</p>
-
-<div style='display:block; margin-top:1em; margin-bottom:1em; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Author: Thomas Mann</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Release Date: June 21, 2021 [eBook #65662]</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Language: German</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>Character set encoding: UTF-8</div>
-
-<div style='display:block; margin-left:2em; text-indent:-2em'>Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net</div>
-
-<div style='margin-top:2em; margin-bottom:4em'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="aut">
-Thomas Mann
-</p>
-
-<p class="ser">
-Gesammelte Werke
-</p>
-
-<div class="centerpic logo">
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-
-<p class="pub">
-<span class="line1">1924</span><br />
-<span class="line2">S. Fischer / Verlag / Berlin</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="aut">
-Thomas Mann
-</p>
-
-<h1 class="title">
-Der Zauberberg
-</h1>
-
-<p class="subt">
-Roman
-</p>
-
-<p class="vol">
-Zweiter Band
-</p>
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-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="cop">
-Erste bis zehnte Auflage<br />
-Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung<br />
-Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="tit">
-Der Zauberberg
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-1">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-Sechstes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section1" id="subchap-0-1-1">
-Veränderungen
-</h3>
-
-<p class="first">
-Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig.
-Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung,
-verkoppelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raum
-und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, wenn keine Bewegung
-wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage
-nur! Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt?
-Oder sind beide identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit
-ist tätig, sie hat verbale Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt
-sie denn? Veränderung! Jetzt ist nicht damals, hier nicht
-dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung. Da aber die Bewegung,
-an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich selber
-beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung,
-die man fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen
-könnte; denn das Damals wiederholt sich beständig im Jetzt,
-das Dort im Hier. Da ferner eine endliche Zeit und ein begrenzter
-Raum auch mit der verzweifeltsten Anstrengung nicht
-vorgestellt werden können, so hat man sich entschlossen, Zeit
-und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der Meinung
-offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas
-besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und
-Unendlichen die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten
-und Endlichen, seine verhältnismäßige Reduzierung auf
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-null? Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich, im Unendlichen
-ein Nebeneinander? Wie vertragen sich mit den Notannahmen
-des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie Entfernung,
-Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein
-begrenzter Körper im All? Das frage du nur immerhin!
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich
-bei seiner Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und
-Quengeleien sich aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme,
-aber gewaltige Lust, die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders
-dafür geschärft und zum Querulieren dreist gemacht worden
-war. Er fragte sich selbst danach und den guten Joachim und
-das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal, obgleich er ja
-von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort ähnliches
-zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am wenigsten.
-Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil
-er keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur
-Teilnahme daran fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans
-Castorp es eines Abends auf französisch gesagt hatte, an nichts
-dachte als daran, im Flachlande Soldat zu sein und mit der
-bald sich nähernden, bald foppend wieder ins Weite schwindenden
-Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten Kampfe
-lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings
-geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz
-auf Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen
-Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“,
-jenes Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium
-drunten, oder dem „Labor“, wie man gewöhnlich sagte, der
-Grad erkundet und bezeichnet wurde, in welchem ein Patient
-mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz vereinzelt oder
-unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe sich vorfanden,
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf
-diese eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die
-Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte;
-die Zahl der Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu
-verweilen haben, war unschwer danach zu bestimmen, angefangen
-von der halbjährigen Stippvisite bis hinauf zu dem
-Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich genommen oft genug
-nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die Gaffky-Skala
-denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer Autorität
-den Glauben, – nicht <em>ganz</em> offen, nicht gerade gegen die
-Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch.
-„Ich habe es satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“,
-sagte er laut, und das Blut stieg ihm in das tief gebräunte
-Gesicht. „Vor vierzehn Tagen hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle,
-die besten Aussichten, und heute Nr. 9, bevölkert geradezu,
-von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll doch der
-Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht
-zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer
-Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein
-Agent hat ihn hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend
-bei ihm, jeden Tag kann man den Exitus erwarten,
-aber nie im Leben hat der Mann Bazillen im Sputum gehabt.
-Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der gesund abging,
-als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so gewimmelt
-hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine Kaverne
-gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache
-Schluß, ich reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So
-Joachim; und alle waren schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten
-jungen Menschen in solchem Aufruhr zu sehen. Hans
-Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung, er werde
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse Äußerungen
-zu denken, die er auf französisch von dritter Seite vernommen.
-Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene
-Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim
-wirklich ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern
-sich in Demut zu schicken und sich ein Beispiel an der Treue
-zu nehmen, mit welcher sie, Karoline, hier oben ausharre und
-es sich willenszäh versage, in ihrem Heim zu Cannstatt als
-Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst ihrem Mann
-ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person zurückzuerstatten?
-Nein, das mochte Hans Castorp denn doch
-nicht, zumal er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes
-Gewissen hatte, – das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim
-müsse in dem, worüber sie nicht sprachen, wovon Joachim
-aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat, Desertion und
-Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar runder
-brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein
-Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal
-ausgesetzt war, vor denen er aber streng und anständig seine
-Augen auf den Teller niederschlug ... Ja, noch in dem stillen
-Widerstreben, mit dem Joachim seinen Spekulationen und
-Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte Hans Castorp etwas
-von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen Vorwurf
-für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das
-dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von
-seinem vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen
-Fragen richtete, so standen seine Zinken, Kuppen,
-Wandlinien und braun-grün-rötlichen Wälder schweigend
-in der Zeit, umwoben von still fließender Erdenzeit bald leuchtend
-im tiefen Himmelsblau, bald qualmverhüllt, bald rötlich
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne, bald diamanthart
-glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee,
-seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten,
-und alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht
-mehr sehen, er widere sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen
-in dieser Richtung genügt, aber nun Schneemassen
-tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster, Schneehänge,
-das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt.
-Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl
-auch um die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz.
-</p>
-
-<p>
-Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit
-sieben! Die Zeit schreitet fort, während wir erzählen, – <em>unsere</em>
-Zeit, die wir dieser Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene
-Zeit Hans Castorps und seiner Schicksalsgenossen dort
-oben im Schnee, und sie zeitigt Veränderungen. Alles war auf
-dem besten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans Castorp es am
-Faschingstage auf dem Heimwege von „Platz“ zum Zorne
-Herrn Settembrinis mit raschen Worten vorweggenommen
-hatte: nicht gerade, daß schon die Sonnenwende in unmittelbarer
-Aussicht gewesen wäre, aber Ostern war durch das weiße
-Tal gezogen, der April schritt vor, der Blick auf Pfingsten war
-frei, bald würde der Frühling anbrechen, die Schneeschmelze,
-– nicht aller Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern im
-Süden, in den Felsschründen der Rätikonkette im Norden blieb
-immerdar welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermonatlich
-einfallen, aber nicht liegen bleiben würde;
-doch unbedingt verhieß die Umwälzung des Jahres entscheidende
-Neuerungen binnen kurzem, denn seit jener Fastnacht,
-in der Hans Castorp sich von Frau Chauchat einen Bleistift
-geliehen, ihr später denselben auch wieder zurückgegeben und
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-auf Wunsch etwas anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe,
-die er in der Tasche trug, waren nun schon
-sechs Wochen verflossen, – doppelt so viele, als Hans Castorp
-ursprünglich hatte hier oben bleiben wollen.
-</p>
-
-<p>
-Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans
-Castorp die Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte
-und dann so viel später auf sein Zimmer zurückgekehrt war,
-als der dienstfromme Joachim auf das seine; sechs Wochen
-seit dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise gebracht
-hatte, ihre Abreise für diesmal, ihre <em>vorläufige</em> Abreise nach
-Daghestan, ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese
-Abreise vorläufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle,
-daß Frau Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, – unbestimmt
-wann, aber daß sie einmal wiederkommen wolle oder auch müsse,
-des besaß Hans Castorp Versicherungen, direkte und mündliche,
-die nicht in dem mitgeteilten fremdsprachigen Dialog gefallen
-waren, sondern folglich in die unsererseits wortlose Zwischenzeit,
-während welcher wir den zeitgebundenen Fluß unserer
-Erzählung unterbrochen und nur sie, die reine Zeit, haben walten
-lassen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene Versicherungen
-und tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34
-zurückgekehrt war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort
-mehr mit Frau Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal
-von weitem gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem
-Tuchrock und weißer Wolljacke, unter dem Schmettern der
-Glastür und lieblich schleichend noch einmal zu Tische gegangen
-war, wobei ihm das Herz im Halse geschlagen und nur die
-scharfe Bewachung, die Fräulein Engelhart ihm zugewandt, ihn
-gehindert hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken; – und
-dann nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-beigewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus,
-das den Blick auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn
-während seines Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich
-hatte abspielen sehen: der Schlitten oder Wagen hielt an der
-Rampe, Kutscher und Hausknecht schnürten die Koffer auf,
-Sanatoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen oder nicht, um
-zu leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland antrat,
-oder auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis
-auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal;
-ein Herr im Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar
-die Ärzte stellten sich ein, und dann kam der Abreisende heraus,
-– strahlenden Angesichtes meist und huldvoll die neugierig
-Umstehenden und Zurückbleibenden grüßend, mächtig belebt
-für den Augenblick durch das Abenteuer ... Diesmal nun war
-es Frau Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd,
-den Arm voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem
-Reisemantel und großem Hut, begleitet von Herrn Buligin,
-ihrem konkaven Landsmann, der ein Stück Weges mit ihr reiste.
-Auch sie schien freudig erregt, wie jeder Abreisende es war, –
-nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig davon, ob man
-mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus verzweifeltem
-Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen den
-Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte
-beständig, wahrscheinlich auf russisch, während man ihre
-Knie mit einer Pelzdecke umwickelte ... Nicht nur Frau Chauchats
-Landsleute und Tischgenossen, sondern auch zahlreiche
-andere Gäste waren zur Stelle gewesen, Dr. Krokowski hatte
-kernig lächelnd seine gelben Zähne im Barte gezeigt, noch
-mehr Blumen hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt,
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-„Konfäktchen“, wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische
-Marmelade, gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der
-Mannheimer, – dieser in einiger Entfernung, trübe spähend,
-und seine leidvollen Augen waren am Hause emporgeglitten, wo
-sie Hans Castorp am Korridorfenster gewahrt und trübe auf
-ihm verweilt hatten ... Hofrat Behrens hatte sich nicht gezeigt;
-offenbar hatte er sich von der Reisenden schon bei anderer, privater
-Gelegenheit verabschiedet ... Dann hatten unter dem Winken
-und Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch
-Frau Chauchats schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbewegung
-des Schlittens ein Zurücksinken ihres Oberkörpers
-gegen das Polster bewirkt hatte, noch einmal lächelnd
-die Front des Berghof-Hauses überflogen und während des
-Bruchteils einer Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt ...
-Bleich war der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine
-Loggia, um den Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen,
-der mit Geklingel die Anfahrtstraße hinab gegen „Dorf“ hingeglitten
-war, hatte sich dann in seinen Stuhl geworfen und
-aus der Brusttasche die Erinnerungsgabe gezogen, das Pfand,
-das diesmal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln, sondern in
-einem dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand,
-die man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu
-finden, – Clawdias Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber
-das zarte Gebein ihres Oberkörpers, von den weichen Formen
-des Fleisches licht und geisterhaft umgeben, nebst den Organen
-der Brusthöhle erkennen ließ ...
-</p>
-
-<p>
-Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in
-der Zeit, die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung
-gezeitigt hatte! Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier
-oben in räumlich weiter Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-sie gezeitigt, und zwar geschwinder, als man hätte denken sollen:
-die hiesige Zeit war ja besonders danach geartet und außerdem
-zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen, wenn auch
-nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der klirrende
-Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war
-nicht mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in
-ungeheuerer Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen,
-– eine Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit
-auf ähnliche Art vermengt und verbunden war wie die Zeit
-mit den Körpern im Raum: vielleicht <em>war</em> das ihre Krankheit,
-und nichts weiter ... Aber war sie unsichtbar-abwesend, so war
-sie doch zugleich auch unsichtbar-anwesend für Hans Castorps
-Sinn, – der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in ausschreitungsvoll
-süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein friedliches
-kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen
-hatte, und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun
-Monaten so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug.
-</p>
-
-<p>
-In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder
-Sprache und in der angeborenen so manches Ausschreitungsvolle
-halb unbewußt und halb erstickt gestammelt: Vorschläge,
-Anerbietungen, tolle Entwürfe und Willensvorsätze, denen alle
-Billigung mit Fug und Recht versagt geblieben war, – so, daß
-er den Genius über den Kaukasus begleiten, ihm nachreisen,
-ihn an dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich zum
-nächsten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals
-mehr von ihm zu trennen, und andere Unverantwortlichkeiten
-mehr. Was der schlichte junge Mann mitgenommen
-hatte aus dieser Stunde tiefen Abenteuers, war eben nur das
-Schattenpfand gewesen und die dem Range des Wahrscheinlichen
-sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-vierten Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später,
-wie die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde.
-Aber ob früher oder später, – Hans Castorp, so hatte es auch
-beim Abschied wieder geheißen, werde dann unbedingt „längst
-weit fort“ sein; und der geringschätzige Sinn dieser Prophezeiung
-wäre noch schwerer erträglich gewesen, wenn man nicht
-hätte bedenken können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden,
-damit sie eintreten, sondern damit sie <em>nicht</em> eintreten, gleichsam
-im Sinn der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen
-die Zukunft, indem sie ihr sagen, wie sie sich gestalten
-werde, damit sie sich schäme, sich wirklich so zu gestalten. Und
-wenn der Genius ihn, Hans Castorp, im Laufe des mitgeteilten
-Gesprächs und außerhalb seiner einen „<span class="antiqua" lang="fr">joli bourgeois au
-petit endroit humide</span>“ genannt hatte, was etwas wie die Übersetzung
-der Redensart Settembrinis vom „Sorgenkind des Lebens“
-gewesen war, so fragte es sich eben, welcher Bestandteil
-dieser Wesensmischung sich als stärker erweisen würde: der bourgeois
-oder das andere ... Auch hatte der Genius nicht in Betracht
-gezogen, daß er selbst ja verschiedentlich abgereist und
-wiedergekommen war, und daß auch Hans Castorp im rechten
-Augenblick würde wiederkommen können, – obgleich er ja freilich
-überhaupt nur deshalb noch immer hier oben saß, damit
-er <em>nicht</em> wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie
-bei so vielen, der Sinn seines Verweilens.
-</p>
-
-<p>
-<em>Eine</em> spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war eingetroffen:
-Hans Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt,
-in steiler Zacke, die er mit einem Gefühl von Festlichkeit eingezeichnet,
-war seine Kurve damals emporgestiegen und, nach
-einigem Absinken, als Hochplateau fortgelaufen, das sich, nur
-leicht gewellt, dauernd über der Ebene des bisher Gewohnten
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und Hartnäckigkeit
-nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund
-in keinem rechten Verhältnis stand. „Sind eben doch vergifteter,
-als man Ihnen zutrauen sollte, Freundchen“, sagte er.
-„Na, greifen wir mal zu den Injektionen! Das wird Ihnen
-anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie wie der Fisch im
-Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht.“ So kam es,
-daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch
-und Sonnabend gleich nach der Morgenmotion, sich im „Labor“
-drunten einzufinden hatte, um seine Einspritzung entgegenzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald
-jener, aber der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung,
-indem er beim Einstich zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte
-er sich nicht um die Stelle, wohin er stach, so daß der Schmerz
-zuweilen des Teufels war und der Punkt noch lange brennend
-verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark angreifend
-auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie
-eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr
-innewohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmittelbar,
-für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte:
-so hatte der Hofrat es vorausgesagt, und so geschah es denn
-auch, gesetzmäßig und ohne daß es an der vorausgesagten Erscheinung
-etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur war rasch
-abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen
-hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des
-Schenkels oder Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat
-sich eben aufgelegt und vom Tabak nicht getrübt zeigte, kam
-es anläßlich der Injektion doch zu einem kleinen Gespräch mit
-ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken wußte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-„Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde
-damals bei Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst,
-wie sich das zufällig so machte. Gerade noch gestern, oder ist
-es schon etwas länger her, habe ich meinen Vetter daran erinnert ...“
-</p>
-
-<p>
-„Gaffky sieben“, sagte der Hofrat. „Letztes Ergebnis. Der
-Junge will und will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei
-hat er mich noch nie so getirrt und geplagt wie neuerdings,
-daß er weg will und einen Schleppsäbel haben, der Kindskopf.
-Zetert mir über seine fünf Vierteljährchen vor, als ob es Äonen
-wären, die er sich um die Ohren geschlagen. Weg will er, so
-oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie sollten ihm mal
-ins Gewissen reden, von Ihnen aus, und das mit Nachdruck!
-Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig
-Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser
-braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der
-Gesetztere, der Zivilist, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten
-ihm den Kopf zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.“
-</p>
-
-<p>
-„Tu ich, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp, ohne die
-Führung fahren zu lassen. „Tu ich öfters, wenn er so aufmuckt,
-und denke ja auch, er wird Räson annehmen. Aber die
-Beispiele, die man vor Augen hat, sind ja nicht immer die besten,
-das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen vor, – Abreisen
-ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis,
-aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und
-hat was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel
-neulich ... wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame,
-vom Guten Russentisch, Madame Chauchat. Nach Daghestan,
-wie erzählt wurde. Nun, Daghestan, ich kenne das Klima nicht,
-es ist am Ende weniger ungünstig als oben am Wasser. Aber
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht auch
-gebirgig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so beschlagen.
-Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo
-die Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung
-hier oben weiß und wie es zu halten ist mit Liegen und Messen?
-Übrigens will sie ja ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich
-mitgeteilt, – wie kamen wir überhaupt auf sie? –
-Ja, damals trafen wir Sie im Garten, Herr Hofrat, wenn Sie
-sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen auf einer
-Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt’ ich sie Ihnen
-bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich
-rauchte, denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht.
-Und Sie rauchten auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig
-noch unsere Marken, wie mir eben wieder einfällt, – Ihre
-Brasil hat mir ausgezeichnet geschmeckt, aber man muß damit
-umgehen wie mit jungen Pferden, glaub ich, sonst stößt einem
-was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen Importen,
-als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es
-gut gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini
-hab ich mir übrigens neulich wieder einmal ein paar hundert
-Stück aus Bremen verschrieben, ich hänge doch sehr an dem
-Erzeugnis, es ist mir nach jeder Richtung sympathisch. Nur
-allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist ziemlich
-empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches
-zulegen, Herr Hofrat, so bin ich imstande und bekehre
-mich schließlich zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den
-Fenstern ganz schöne Sachen. Und dann durften wir Ihre Bilder
-sehen, ich weiß es wie heute und hatte den größten Genuß
-davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der Ölfarbe
-riskieren, ich würd es mich nie unterstehen. Da sahen wir ja
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig gemalten
-Haut, – ich darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte
-ich das Modell noch nicht, nur vom Ansehen, dem Namen nach.
-Seitdem, ganz kurz vor ihrer diesmaligen Abreise, habe ich sie
-ja noch persönlich kennen gelernt.“
-</p>
-
-<p>
-„Was Sie sagen!“ erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die
-Rückbeziehung erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp
-ihm vor seiner ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens
-auch etwas Fieber habe. Und weiter sagte er nichts.
-</p>
-
-<p>
-„Doch, ja, das habe ich“, bestätigte Hans Castorp. „Erfahrungsgemäß
-ist es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften
-zu machen, aber mit Frau Chauchat und mir hat es sich
-in letzter Stunde doch noch getroffen und arrangiert, gesprächsweise
-sind wir uns ...“ Hans Castorp zog die Luft durch die
-Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. „Fff!“ machte
-er rückwärts. „Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den
-Sie da zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es
-schmerzt höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die
-Sache ... Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen.“
-</p>
-
-<p>
-„So! – Na?“ machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend,
-mit jemandes Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet
-und in die Frage zugleich die Bestätigung des zu erwartenden
-Lobes aus eigener Erfahrung legt.
-</p>
-
-<p>
-„Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas gehapert
-hat“, wich Hans Castorp aus. „Woher soll ichs am
-Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt <a id="corr-0"></a>einen ja
-manches an, und so ging es denn mit der Verständigung doch
-ganz leidlich.“
-</p>
-
-<p>
-„Glaub’ ich. Na?“ wiederholte der Hofrat seine Aufforderung.
-Von sich aus fügte er hinzu: „Niedlich, was?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit gespreizten
-Beinen und Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt.
-</p>
-
-<p>
-„Es ist am Ende nichts Neues“, sagte er. „An einem Badeort
-leben zwei Personen oder auch Familien wochenlang unter
-demselben Dach, in Distanz. Eines Tages machen sie Bekanntschaft,
-finden aufrichtiges Gefallen aneinander, und zugleich
-stellt sich heraus, daß der eine Teil im Begriffe ist, abzureisen.
-So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir denken. Und
-da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im
-Leben, voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau
-Chauchat ...“
-</p>
-
-<p>
-„Tja, die will wohl nicht?“ lachte der Hofrat gemütlich.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, sie wollte nichts davon wissen. Schreibt sie Ihnen
-denn auch nie zwischendurch, von ihren Aufenthaltsorten?“
-</p>
-
-<p>
-„I, Gott bewahre“, antwortete Behrens. „Das fällt doch
-der nicht ein. Erstens aus Faulheit nicht, und dann, wie soll
-sie denn schreiben? Russisch kann ich nicht lesen, – ich kauderwelsche
-es wohl mal, wenn Not an den Mann kommt, aber
-lesen kann ich kein Wort. Und Sie doch auch nicht. Na, und
-Französisch oder auch Neuhochdeutsch miaut das Kätzchen ja
-allerliebst, aber schreiben, – da käme sie in die größte Verlegenheit.
-Die Orthographie, lieber Freund! Nein, da müssen wir
-uns schon trösten, mein Junge. Sie kommt ja immer mal wieder,
-von Zeit zu Zeit. Frage der Technik, Temperamentssache,
-wie gesagt. Der eine hält dann und wann Abreise und muß
-immer wiederkommen, und der andere bleibt gleich so lange,
-daß er nie wiederzukommen braucht. Wenn Ihr Vetter jetzt
-abreist, das sagen Sie ihm nur, so kann es leicht sein, daß Sie
-seinen solennen Wiedereinzug noch hier erleben.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber Herr Hofrat, wie lange meinen Sie denn, daß ich ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-„Daß Sie? Daß er! Daß er nicht so lange untenbleiben
-wird, wie er hier oben war. Das meine ich für meine treuherzige
-Person, und das ist mein Auftrag an Sie für ihn, wenn
-Sie so freundlich sein wollen.“
-</p>
-
-<p>
-Ähnlich mochte wohl so ein Gespräch verlaufen, pfiffig gelenkt
-von Hans Castorp, wenn das Ergebnis auch nichtig bis
-zweideutig gewesen war. Denn was das betraf, wie lange man
-bleiben müsse, um die Wiederkehr eines vor der Zeit Abgereisten
-zu erleben, war es zweideutig gewesen, in Hinsicht auf die Entschwundene
-aber gleich null. Hans Castorp würde nichts von
-ihr hören, solange das Geheimnis von Raum und Zeit sie
-trennte; sie würde nicht schreiben, und auch ihm würde keine
-Gelegenheit gegeben sein, es zu tun ... Warum denn auch übrigens,
-hätte es sich anders verhalten sollen, wenn er es wohl
-überlegte? War es nicht eine recht bürgerliche und pedantische
-Vorstellung von ihm gewesen, daß sie einander schreiben
-müßten, während ihm doch ehemals zumute gewesen war,
-als sei es nicht einmal nötig oder nur wünschenswert, daß sie
-miteinander <em>sprächen</em>? Und hatte er denn auch etwa mit ihr
-„gesprochen“, im Sinne des gebildeten Abendlandes, an ihrer
-Seite am Faschingsabend, oder nicht vielmehr fremdsprachig
-im Traum geredet, auf wenig zivilisierte Weise? Wozu denn
-also nun schreiben, auf Briefpapier oder Ansichtskarten, wie
-er sie manchmal nach Hause ins Flachland richtete, um über
-die Schwankungen der Untersuchungsergebnisse zu berichten?
-Hatte Clawdia nicht recht, sich vom Schreiben entbunden zu fühlen,
-kraft der Freiheit, welche die Krankheit ihr gab? Sprechen,
-schreiben, – eine hervorragend humanistisch-republikanische
-Angelegenheit in der Tat, Angelegenheit des Herrn Brunetto
-Latini, der das Buch von den Tugenden und Lastern schrieb
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-und den Florentinern Schliff gab, sie das Sprechen lehrte und die
-Kunst, ihre Republik nach den Regeln der Politik zu lenken ...
-</p>
-
-<p>
-Damit fielen Hans Castorps Gedanken denn auf Lodovico
-Settembrini, und er errötete, wie er damals errötet war, als der
-Schriftsteller unvermutet sein Krankenzimmer betreten hatte,
-unter plötzlicher Erleuchtung desselben. An Herrn Settembrini
-hätte Hans Castorp ja ebenfalls seine Fragen, die übersinnlichen
-Rätsel betreffend, richten können, wenn auch nur im Sinne
-der Herausforderung und der Quengelei, nicht in der Erwartung,
-von dem Humanisten, dessen Trachten den irdischen Lebensinteressen
-galt, Antwort darauf zu erhalten. Aber seit der
-Faschingsgeselligkeit und Settembrinis bewegtem Abgang aus
-dem Klaviersalon waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener
-eine Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des
-einen, sowie auf die tiefe pädagogische Verstimmung des andern
-zurückzuführen war und dahin wirkte, daß sie einander
-mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen gewechselt
-wurde. War Hans Castorp noch ein „Sorgenkind des Lebens“
-in Herrn Settembrinis Augen? Nein, er war wohl ein Aufgegebener
-in den Augen dessen, der die Moral in der Vernunft
-und der Tugend suchte ... Und Hans Castorp verstockte sich gegen
-Herrn Settembrini, er zog die Brauen zusammen und warf
-die Lippen auf, wenn sie einander begegneten, während Herrn
-Settembrinis schwarz glänzender Blick mit schweigendem Vorwurf
-auf ihm ruhte. Dennoch löste diese Verstocktheit sich sofort,
-als der Literat nach Wochen, wie gesagt, zum erstenmal
-wieder das Wort an ihn richtete, wenn auch nur im Vorüberstreifen
-und in Form mythologischer Anspielungen, zu deren
-Verständnis abendländische Bildung gehörte. Es war nach dem
-Diner; sie trafen in der nicht mehr zufallenden Glastür zusammen.
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Settembrini sagte, den jungen Mann überholend und
-von vornherein im Begriff, sich gleich wieder von ihm zu lösen:
-</p>
-
-<p>
-„Nun, Ingenieur, wie hat der Granatapfel gemundet?“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp lächelte erfreut und verwirrt.
-</p>
-
-<p>
-„Das heißt ... Wie meinen Sie, Herr Settembrini? Granatapfel?
-Es gab doch keine? Ich habe nie im Leben ... Doch,
-einmal habe ich Granatapfelsaft mit Selters getrunken. Es
-schmeckte zu süßlich.“
-</p>
-
-<p>
-Der Italiener, schon vorüber, wandte den Kopf zurück und
-artikulierte:
-</p>
-
-<p>
-„Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich
-besucht und den Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen
-wissen, daß, wer von den Früchten ihres Reiches kostet, ihnen
-verfallen bleibt.“
-</p>
-
-<p>
-Und er ging weiter, in seinen ewig hell gewürfelten Hosen,
-und ließ im Rücken Hans Castorp, der „durchbohrt“ sein sollte
-von so viel Bedeutung und es gewissermaßen auch war, obgleich
-er, ärgerlich erheitert über die Zumutung, es zu sein, vor
-sich hin murmelte:
-</p>
-
-<p>
-„Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!“
-</p>
-
-<p>
-Gleichwohl war er sehr glücklich bewegt über diese erste Anrede;
-denn trotz der Trophäe, dem makabren Angebinde, das
-er auf dem Herzen trug, hing er an Herrn Settembrini, legte
-großes Gewicht auf sein Dasein, und der Gedanke, gänzlich
-und auf immer von ihm verworfen und aufgegeben zu sein,
-wäre denn doch beschwerender und schrecklicher für seine Seele
-gewesen, als das Gefühl des Knaben, der in der Schule nicht
-mehr in Betracht gekommen war und die Vorteile der Schande
-genossen hatte, wie Herr Albin ... Doch wagte er nicht, von
-seiner Seite das Wort an den Mentor zu richten, und dieser
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-ließ abermals Wochen vergehen, bis er sich dem Sorgenzögling
-wieder einmal näherte.
-</p>
-
-<p>
-Das geschah, als auf den in ewig eintönigem Rhythmus anrollenden
-Meereswogen der Zeit Ostern herangetrieben war
-und auf „Berghof“ begangen wurde, wie man alle Etappen
-und Einschnitte dort aufmerksam beging, um ein ungegliedertes
-Einerlei zu vermeiden. Beim ersten Frühstück fand jeder Gast
-neben seinem Gedecke ein Veilchensträußchen, beim zweiten
-Frühstück erhielt jedermann ein gefärbtes Ei, und die festliche
-Mittagstafel war mit Häschen geschmückt aus Zucker und
-Schokolade.
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie je eine Schiffsreise gemacht, Tenente, oder Sie,
-Ingenieur?“ fragte Herr Settembrini, als er nach Tische in
-der Halle mit seinem Zahnstocher an das Tischchen der Vettern
-herantrat ... Wie die Mehrzahl der Gäste kürzten sie heute den
-Hauptliegedienst um eine Viertelstunde, indem sie sich hier zu
-einem Kaffee mit Kognak niedergelassen hatten. „Ich bin erinnert
-durch diese Häschen, diese gefärbten Eier an das Leben
-auf so einem großen Dampfer, bei leerem Horizont seit Wochen,
-in salziger Wüstenei, unter Umständen, deren vollkommene
-Bequemlichkeit ihre Ungeheuerlichkeit nur oberflächlich vergessen
-läßt, während in den tieferen Gegenden des Gemütes
-das Bewußtsein davon als ein geheimes Grauen leise fortnagt ...
-Ich erkenne den Geist wieder, in dem man an Bord
-einer solchen Arche die Feste der <span class="antiqua" lang="la">terraferma</span> pietätvoll andeutet.
-Es ist das Gedenken von Außerweltlichen, empfindsame
-Erinnerung nach dem Kalender ... Auf dem Festlande wäre
-heut Ostern, nicht wahr? Auf dem Festlande begeht man heut
-Königs Geburtstag, – und wir tun es auch, so gut wir können,
-wir sind auch Menschen ... Ist es nicht so?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Die Vettern stimmten zu. Wahrhaftig, so sei es. Hans Castorp,
-gerührt von der Anrede und vom schlechten Gewissen
-gespornt, lobte die Äußerung in hohen Tönen, fand sie geistreich,
-vorzüglich und schriftstellerisch und redete Herrn Settembrini
-aus allen Kräften nach dem Munde. Gewiß, nur oberflächlich,
-ganz wie Herr Settembrini es so plastisch gesagt habe,
-lasse der Komfort auf dem Ozean-Steamer die Umstände und
-ihre Gewagtheit vergessen, und es liege, wenn er auf eigene
-Hand das hinzufügen dürfe, sogar eine gewisse Frivolität und
-Herausforderung in diesem vollendeten Komfort, etwas dem
-ähnliches, was die Alten Hybris genannt hätten (sogar die
-Alten zitierte er aus Gefallsucht), oder dergleichen, wie „Ich
-bin der König von Babylon!“, kurz Frevelhaftes. Auf der anderen
-Seite aber involviere („involviere“!) der Luxus an Bord
-doch auch einen großen Triumph des Menschengeistes und der
-Menschenehre, – indem er diesen Luxus und Komfort auf die
-salzigen Schäume hinaustrage und dort kühnlich aufrecht erhalte,
-setze der Mensch gleichsam den Elementen den Fuß auf
-den Nacken, den wilden Gewalten, und das involviere den Sieg
-der menschlichen Zivilisation über das Chaos, wenn er auf eigene
-Hand diesen Ausdruck gebrauchen dürfe ...
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini hörte ihm aufmerksam zu, die Füße gekreuzt
-und die Arme ebenfalls, wobei er sich auf zierliche Art
-mit dem Zahnstocher den geschwungenen Schnurrbart strich.
-</p>
-
-<p>
-„Es ist bemerkenswert“, sagte er. „Der Mensch tut keine
-nur einigermaßen gesammelte Äußerung allgemeiner Natur,
-ohne sich ganz zu verraten, unversehens sein ganzes Ich hineinzulegen,
-das Grundthema und Urproblem seines Lebens irgendwie
-im Gleichnis darzustellen. So ist es Ihnen soeben ergangen,
-Ingenieur. Was Sie da sagten, kam in der Tat aus dem Grunde
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Ihrer Persönlichkeit, und auch den zeitlichen Zustand dieser Persönlichkeit
-drückte es auf dichterische Weise aus: es ist immer
-noch der Zustand des Experimentes ...“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="la">Placet experiri!</span>“ sagte Hans Castorp nickend und lachend,
-mit italienischem <span class="antiqua">c</span>.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">Sicuro</span>, – wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft
-der Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit.
-Sie sprachen von ‚Hybris‘, Sie bedienten sich dieses Ausdrucks.
-Aber die Hybris der Vernunft gegen die dunklen Gewalten ist
-höchste Menschlichkeit, und beschwört sie die Rache neidischer
-Götter herauf, <span class="antiqua" lang="it">per esempio</span>, indem die Luxusarche scheitert
-und senkrecht in die Tiefe geht, so ist das ein Untergang in
-Ehren. Auch die Tat des Prometheus war Hybris, und seine
-Qual am skythischen Felsen gilt uns als heiligstes Martyrium.
-Wie steht es dagegen um jene andere Hybris, um den Untergang
-im buhlerischen Experiment mit den Mächten der Widervernunft
-und der Feindschaft gegen das Menschengeschlecht?
-Hat das Ehre? Kann das Ehre haben? <span class="antiqua" lang="it">Sì o no!</span>“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp rührte in seinem Täßchen, obgleich nichts mehr
-darin war.
-</p>
-
-<p>
-„Ingenieur, Ingenieur,“ sagte der Italiener mit dem Kopfe
-nickend, und seine schwarzen Augen hatten sich sinnend „festgesehen“,
-„fürchten Sie nicht den Wirbelsturm des zweiten Höllenkreises,
-der die Fleischessünder prellt und schwenkt, die Unseligen,
-die die Vernunft der Lust zum Opfer brachten? <span class="antiqua" lang="it">Gran
-Dio</span>, wenn ich mir einbilde, wie Sie kopfüber, kopfunter umhergepustet
-flattern werden, so möchte ich vor Kummer umfallen
-wie eine Leiche fällt ...“
-</p>
-
-<p>
-Sie lachten, froh, daß er scherzte und Poetisches redete. Aber
-Settembrini setzte hinzu:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-„Am Faschingsabend beim Wein, Sie erinnern sich, Ingenieur,
-nahmen Sie gewissermaßen Abschied von mir, doch, es
-war etwas dem ähnliches. Nun, heute bin <em>ich</em> an der Reihe.
-Wie Sie mich hier sehen, meine Herren, bin ich im Begriff,
-Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich verlasse dies Haus.“
-</p>
-
-<p>
-Beide verwunderten sich aufs höchste.
-</p>
-
-<p>
-„Nicht möglich! Das ist nur Scherz!“ rief Hans Castorp, wie
-er bei anderer Gelegenheit auch gerufen hatte. Er war fast ebenso
-erschrocken wie damals. Aber auch Settembrini erwiderte:
-</p>
-
-<p>
-„Durchaus nicht. Es ist, wie ich Ihnen sage. Und übrigens
-trifft Sie diese Nachricht nicht unvorbereitet. Ich habe Ihnen
-erklärt, daß in dem Augenblick, wo sich meine Hoffnung, in
-irgendwie absehbarer Zeit in die Welt der Arbeit zurückkehren
-zu können, als unhaltbar erweisen werde, ich hier meine Zelte
-abzubrechen und irgendwo im Orte mich für die Dauer einzurichten
-entschlossen sei. Was wollen Sie nun, – dieser Augenblick
-ist eingetreten. Ich kann nicht genesen, es ist ausgemacht.
-Ich kann mein Leben fristen, aber nur hier. Das Urteil, das
-endgültige Urteil, lautet auf lebenslänglich, – mit der ihm eigenen
-Aufgeräumtheit hat Hofrat Behrens es mir verkündet. Gut
-denn, ich ziehe die Folgerungen. Ein Logis ist gemietet, ich bin
-im Begriffe, meine geringe irdische Habe, mein literarisches
-Handwerkszeug dorthin zu schaffen ... Es ist nicht einmal weit
-von hier, in „Dorf“, wir werden einander begegnen, gewiß,
-ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, als Hausgenosse
-aber habe ich die Ehre, mich von Ihnen zu verabschieden.“
-</p>
-
-<p>
-So Settembrinis Eröffnung am Ostersonntag. Die Vettern
-hatten sich außerordentlich bewegt darüber gezeigt. Des längeren
-noch, und wiederholt, hatten sie mit dem Literaten über
-seinen Entschluß gesprochen: darüber, wie er auch privatim
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-den Kurdienst weiter werde ausüben können, über die Mitnahme
-und Fortführung ferner der weitläufigen enzyklopädischen Arbeit,
-die er auf sich genommen, jener Übersicht aller schöngeistigen
-Meisterwerke, unter dem Gesichtspunkt der Leidenskonflikte und
-ihrer Ausmerzung; endlich auch über sein zukünftiges Quartier
-im Hause eines „Gewürzkrämers“, wie Herr Settembrini sich
-ausdrückte. Der Gewürzkrämer, berichtete er, habe den oberen
-Teil seines Eigentums an einen böhmischen Damenschneider
-vermietet, der seinerseits Aftermieter aufnehme ... Diese Gespräche
-also lagen zurück. Die Zeit schritt fort, und mehr als
-eine Veränderung hatte sie bereits gezeitigt. Settembrini wohnte
-wirklich nicht mehr im internationalen Sanatorium „Berghof“,
-sondern bei Lukaček, dem Damenschneider, – schon seit
-einigen Wochen. Nicht in Form einer Schlittenabreise hatte
-sein Auszug sich abgespielt, sondern zu Fuß, in kurzem, gelbem
-Paletot, der am Kragen und an den Ärmeln ein wenig mit Pelz
-besetzt war, und begleitet von einem Mann, der auf einem
-Schubkarren das literarische und das irdische Handgepäck des
-Schriftstellers beförderte, hatte man ihn stockschwingend davongehen
-sehen, nachdem er noch unterm Portal eine Saaltochter
-mit den Rücken zweier Finger in die Wange gezwickt ...
-Der April, wie wir sagten, lag schon zu einem guten Teil, zu
-drei Vierteln, im Schatten der Vergangenheit, noch war es tiefer
-Winter, gewiß, im Zimmer hatte man knappe sechs Wärmegrade
-am Morgen, draußen war neungradige Kälte, die Tinte
-im Glase, wenn man es in der Loggia ließ, gefror über Nacht
-noch immer zu einem Eisklumpen, einem Stück Steinkohle. Aber
-der Frühling nahte, das wußte man; am Tage, wenn die Sonne
-schien, spürte man hie und da bereits eine ganz leise, ganz zarte
-Ahnung von ihm in der Luft; die Periode der Schneeschmelze
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-stand in naher Aussicht, und damit hingen die Veränderungen
-zusammen, die sich auf „Berghof“ unaufhaltsam vollzogen, –
-nicht aufzuhalten selbst durch die Autorität, das lebendige Wort
-des Hofrats, der in Zimmer und Saal, bei jeder Untersuchung,
-jeder Visite, jeder Mahlzeit das populäre Vorurteil gegen die
-Schneeschmelze bekämpfte.
-</p>
-
-<p>
-Ob es Wintersportsleute seien, fragte er, mit denen er es zu
-tun habe, oder Kranke, Patienten? Wozu in aller Welt sie denn
-Schnee, gefrorenen Schnee brauchten? Eine ungünstige Zeit, –
-die Schneeschmelze? Die allergünstigste sei es! Nachweislich
-gäbe es im ganzen Tal um diese Zeit verhältnismäßig weniger
-Bettlägrige, als irgendwann sonst im Jahre! Überall in
-der weiten Welt seien die Wetterbedingungen für Lungenkranke
-zu dieser Frist schlechter als gerade hier! Wer einen Funken
-Verstand habe, der harre aus und nutze die abhärtende Wirkung
-der hiesigen Witterungsverhältnisse. Danach dann sei er
-fest gegen Hieb und Stich, gefeit gegen jedes Klima der Welt,
-vorausgesetzt nur, daß der volle Eintritt der Heilung abgewartet
-worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte <a id="corr-2"></a>gut
-reden, – die Voreingenommenheit gegen die Schneeschmelze
-saß fest in den Köpfen, der Kurort leerte sich; wohl möglich,
-daß es der sich nähernde Frühling war, der den Leuten im Leibe
-rumorte und seßhafte Leute unruhig und veränderungssüchtig
-machte, – jedenfalls mehrten die „wilden“ und „falschen“ Abreisen
-sich auch im Hause Berghof bis zur Bedenklichkeit. Frau
-Salomon aus Amsterdam zum Beispiel, trotz dem Vergnügen,
-das die Untersuchungen und das damit verbundene Zurschaustellen
-feinster Spitzenwäsche ihr bereiteten, reiste vollständig
-wilder- und falscherweise ab, ohne jede Erlaubnis und nicht,
-weil es ihr besser, sondern weil es ihr immer schlechter ging.
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-Ihr Aufenthalt hier oben verlor sich weit zurück hinter Hans
-Castorps Ankunft; länger als ein Jahr war es her, daß sie eingetroffen
-war, – mit einer ganz leichten Affektion, für die ihr
-drei Monate zudiktiert worden waren. Nach vier Monaten
-hatte sie „in vier Wochen sicher gesund“ sein sollen, aber sechs
-Wochen später hatte von Heilung überhaupt nicht die Rede
-sein können: sie müsse, hatte es geheißen, mindestens noch vier
-Monate bleiben. So war es fortgegangen, und es war ja kein
-Bagno und kein sibirisches Bergwerk hier, – Frau Salomon
-war geblieben und hatte feinstes Unterzeug an den Tag gelegt.
-Da sie nun aber nach der letzten Untersuchung, im Angesicht
-der Schneeschmelze, eine neue Zulage von fünf Monaten
-erhalten hatte, wegen Pfeifens links oben und unverkennbarer
-Mißtöne unter der linken Achsel, war ihr die Geduld
-gerissen, und mit Protest, unter Schmähungen auf „Dorf“
-und „Platz“, auf die berühmte Luft, das internationale Haus
-Berghof und die Ärzte reiste sie ab, nach Hause, nach Amsterdam,
-einer zugigen Wasserstadt.
-</p>
-
-<p>
-War das klug gehandelt? Hofrat Behrens hob Schultern
-und Arme auf und ließ die letzteren geräuschvoll gegen die Schenkel
-zurückfallen. Spätestens im Herbst, sagte er, werde Frau
-Salomon wieder da sein, – dann aber auf immer. Würde er
-recht behalten? Wir werden sehen, wir sind noch auf längere
-Erdenzeit an diesen Lustort gebunden. Aber der Fall Salomon
-war also durchaus nicht der einzige seiner Art. Die Zeit
-zeitigte Veränderungen, – sie hatte das ja immer getan, aber
-allmählicher, nicht so auffallend. Der Speisesaal wies Lücken
-auf, Lücken an allen sieben Tischen, am Guten Russentisch wie
-am Schlechten, an den längs- wie an den querstehenden. Nicht
-gerade, daß dies von der Frequenz des Hauses ein zuverlässiges
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Bild gegeben hätte; auch Ankünfte, wie jederzeit, hatten stattgefunden;
-die Zimmer mochten besetzt sein, aber da handelte es
-sich eben um Gäste, die durch finalen Zustand in ihrer Freizügigkeit
-eingeschränkt waren. Im Speisesaal, wie wir sagten, fehlte
-manch einer dank noch bestehender Freizügigkeit; manch einer
-aber tat es sogar auf eine besonders tiefe und hohle Weise, wie
-Dr. Blumenkohl, der tot war. Immer stärker hatte sein Gesicht
-den Ausdruck angenommen, als habe er etwas schlecht
-Schmeckendes im Munde; dann war er dauernd bettlägrig geworden
-und dann gestorben, – niemand wußte genau zu sagen,
-wann; mit aller gewohnten Rücksicht und Diskretion war
-die Sache behandelt worden. Eine Lücke. Frau Stöhr saß neben
-der Lücke, und sie graute sich vor ihr. Darum siedelte sie an des
-jungen Ziemßen andere Seite über, an den Platz Miß Robinsons,
-die als geheilt entlassen worden, gegenüber der Lehrerin,
-Hans Castorps linksseitiger Nachbarin, die fest auf ihrem Posten
-geblieben war. Ganz allein saß sie derzeit an dieser Tischseite,
-die übrigen drei Plätze waren frei. Student Rasmussen,
-der täglich dümmer und schlaffer geworden, war bettlägrig
-und galt für moribund; und die Großtante war mit ihrer
-Nichte und der hochbrüstigen Marusja verreist, – wir sagen
-„verreist“, wie alle es sagten, weil ihre Rückkehr in naher Zeit
-eine ausgemachte Sache war. Zum Herbst schon würden sie
-wieder eintreffen, – war das eine Abreise zu nennen? Wie
-nah war nicht Sommersonnenwende, wenn erst einmal Pfingsten
-gewesen war, das vor der Türe stand; und kam der längste
-Tag, so gings ja rapide bergab, auf den Winter zu, – kurzum,
-die Großtante und Marusja waren beinahe schon wieder
-da, und das war gut, denn die lachlustige Marusja war keineswegs
-ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte etwas
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja
-an ihrer üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals
-hatten operiert werden müssen. Hans Castorp hatte, als die
-Lehrerin davon sprach, hastig auf Joachim geblickt, der sein
-fleckig gewordenes Gesicht über seinen Teller geneigt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Die muntere Großtante hatte den Tischgenossen, also den
-Vettern, der Lehrerin und Frau Stöhr ein Abschiedssouper im
-Restaurant gegeben, eine Schmauserei mit Kaviar, Champagner
-und Likören, bei der Joachim sich sehr still verhalten, ja,
-nur einzelnes mit fast tonloser Stimme gesprochen hatte, so daß
-die Großtante in ihrer Menschenfreundlichkeit ihm Mut zugesprochen
-und ihn dabei, unter Ausschaltung zivilisierter Sittengesetze,
-sogar geduzt hatte. „Hat nichts auf sich, Väterchen,
-mach dir nichts draus, sondern trink, iß und sprich, wir kommen
-bald wieder!“ hatte sie gesagt. „Wollen wir alle essen,
-trinken und schwatzen und den Gram – Gram sein lassen, Gott
-läßt Herbst werden, eh wirs gedacht, urteile selbst, ob Grund
-ist zum Kummer!“ Am nächsten Morgen hatte sie zur Erinnerung
-bunte Schachteln mit „Konfäktchen“ an fast alle Besucher
-des Speisesaales verteilt und war dann mit ihren beiden
-jungen Mädchen etwas verreist.
-</p>
-
-<p>
-Und Joachim, wie stand es um ihn? War er befreit und
-erleichtert seitdem, oder litt seine Seele schwere Entbehrung angesichts
-der leeren Tischseite? Hing seine ungewohnte und empörerische
-Ungeduld, seine Drohung, wilde Abreise halten zu
-wollen, wenn man ihn länger an der Nase führe, mit der Abreise
-Marusjas zusammen? Oder war vielmehr die Tatsache,
-daß er vorderhand eben doch noch nicht reiste, sondern der hofrätlichen
-Verherrlichung der Schneeschmelze sein Ohr lieh, auf
-jene andere zurückzuführen, daß die hochbusige Marusja nicht
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-ernstlich abgereist, sondern nur etwas verreist war und in fünf
-kleinsten Teileinheiten hiesiger Zeit wieder eintreffen würde?
-Ach, das war wohl alles auf einmal der Fall, alles in gleichem
-Maße; Hans Castorp konnte es sich denken, auch ohne je mit
-Joachim über die Sache zu sprechen. Denn dessen enthielt er
-sich ebenso streng, wie Joachim es vermied, den Namen einer
-anderen etwas Verreisten zu nennen.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen aber, an Settembrinis Tisch, an des Italieners
-Platz, – wer saß dort seit kurzem, in Gesellschaft holländischer
-Gäste, deren Appetit so ungeheuer war, daß jeder von ihnen
-sich zu Anfang des täglichen Fünf-Gänge-Diners, noch vor der
-Suppe, drei Spiegeleier servieren ließ? Es war Anton Karlowitsch
-Ferge, er, der das höllische Abenteuer des Pleura-Choks
-erprobt hatte! Ja, Herr Ferge war außer Bett; auch ohne
-Pneumothorax hatte sein Zustand sich so gebessert, daß er den
-größten Teil des Tages mobil und angekleidet verbrachte und
-mit seinem gutmütig-bauschigen Schnurrbart und seinem ebenfalls
-gutmütig wirkenden großen Kehlkopf an den Mahlzeiten
-teilnahm. Die Vettern plauderten manchmal mit ihm in
-Saal und Halle, und auch für die Dienstpromenaden taten sie
-sich dann und wann, wenn es sich eben so traf, mit ihm zusammen,
-Neigung im Herzen für den schlichten Dulder, der von
-hohen Dingen gar nichts zu verstehen erklärte und, dies vorausgesandt,
-überaus behaglich von Gummischuhfabrikation
-und fernen Gebieten des russischen Reiches, Samara, Georgien,
-erzählte, während sie im Nebel durch den Schneewasserbrei
-stapften.
-</p>
-
-<p>
-Denn die Wege waren wirklich kaum gangbar jetzt, sie befanden
-sich in voller Auflösung, und die Nebel brauten. Der
-Hofrat sagte zwar, es seien keine Nebel, es seien Wolken; aber
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-das war Wortfuchserei nach Hans Castorps Urteil. Der Frühling
-focht einen schweren Kampf, der sich, unter hundert Rückfällen
-ins Bitter-Winterliche, durch Monate, bis in den Juni
-hinein, erstreckte. Schon im März, wenn die Sonne schien, war
-es auf dem Balkon und im Liegestuhl, trotz leichtester Kleidung
-und Sonnenschirm, vor Hitze kaum auszuhalten gewesen, und
-es gab Damen, die schon damals Sommer gemacht und bereits
-beim ersten Frühstück Musselinkleider vorgeführt hatten.
-Sie waren in einem Grade entschuldigt durch die Eigenart des
-Klimas hier oben, das Verwirrung begünstigte, indem es die
-Jahreszeiten meteorologisch durcheinander warf; aber es war
-auch bei ihrem Vorwitz viel Kurzsicht und Phantasielosigkeit
-im Spiel, jene Dummheit von Augenblickswesen, die nicht zu
-denken vermag, daß es noch wieder anders kommen kann, sowie
-vor allem Gier nach Abwechslung und zeitverschlingende
-Ungeduld: man schrieb März, das war Frühling, das war so
-gut wie Sommer, und man zog die Musselinkleider hervor, um
-sich darin zu zeigen, ehe der Herbst einfiel. Und das tat er, gewissermaßen.
-Im April fielen trübe, naßkalte Tage ein, deren
-Dauerregen in Schnee, in wirbelnden Neuschnee überging. Die
-Finger erstarrten in der Loggia, die beiden Kamelhaardecken
-traten ihren Dienst wieder an, es fehlte nicht viel, daß man zum
-Pelzsack gegriffen hätte, die Verwaltung entschloß sich, zu heizen,
-und jedermann klagte, man werde um seinen Frühling betrogen.
-Alles war dick verschneit gegen Ende des Monats;
-aber dann kam Föhn auf, vorausgesagt, vorausgewittert von
-erfahrenen und empfindlichen Gästen: Frau Stöhr sowohl, wie
-die elfenbeinfarbene Levi, wie nicht minder die Witwe Hessenfeld
-spürten ihn einstimmig schon, bevor noch das kleinste Wölkchen
-über dem Gipfel des Granitbergs im Süden sich zeigte.
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Frau Hessenfeld neigte alsbald zu Weinkrämpfen, die Levi
-wurde bettlägrig, und Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch
-entblößt, bekundete stündlich die abergläubische Befürchtung,
-ein Blutsturz möchte sie ereilen; denn die Rede ging, daß Föhnwind
-dergleichen befördere und bewirke. Unglaubliche Wärme
-herrschte, die Heizung erlosch, man ließ über Nacht die Balkontür
-offen und hatte trotzdem morgens elf Grad im Zimmer;
-der Schnee schmolz gewaltig, er wurde eisfarben, porös und
-löcherig, sackte zusammen, wo er zu Hauf lag, schien sich in die
-Erde zu verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war
-überall, ein Tropfen und Stürzen im Walde, und die geschaufelten
-Schranken an den Straßen, die bleichen Teppiche der
-Wiesen verschwanden, wenn auch die Massen allzu reichlich gelegen
-hatten, um rasch zu verschwinden. Da gab es wundersame
-Erscheinungen, Frühlingsüberraschungen auf Dienstwegen
-im Tal, märchenhaft, nie gesehen. Ein Wiesengebreite lag
-da, – im Hintergrunde ragte der Schwarzhornkegel, noch ganz
-im Schnee, mit dem ebenfalls noch tief verschneiten Scalettagletscher
-rechts in der Nähe, und auch das Gelände mit seinem
-Heuschober irgendwo lag noch im Schnee, wenn auch die
-Decke schon dünn und schütter war, von rauhen und dunklen
-Bodenerhebungen da und dort unterbrochen, von trockenem
-Grase überall durchstochen. Das war jedoch, wie die Wanderer
-fanden, eine unregelmäßige Art von Verschneitheit, die diese
-Wiese da aufwies, – in der Ferne, gegen die waldigen Lehnen
-hin, war sie dichter, im Vordergrund aber, vor den Augen der
-Prüfenden, war das noch winterlich dürre und mißfarbene
-Gras mit Schnee nur noch gesprenkelt, betupft, beblümt ...
-Sie sahen es näher an, sie beugten sich staunend darüber, – das
-war kein Schnee, es waren Blumen, Schneeblumen, Blumenschnee,
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-kurzstielige kleine Kelche, weiß und weißbläulich, es war
-Krokus, bei ihrer Ehre, millionenweise dem sickernden Wiesengrunde
-entsprossen, so dicht, daß man ihn gut und gern hatte
-für Schnee halten können, in den er weiterhin denn auch ununterscheidbar
-überging.
-</p>
-
-<p>
-Sie lachten über ihren Irrtum, lachten vor Freude über das
-Wunder vor ihren Augen, diese lieblich zaghafte und nachahmende
-Anpassung des zuerst sich wieder hervorgetrauenden
-organischen Lebens. Sie pflückten davon, betrachteten und untersuchten
-die zarten Bechergebilde, schmückten ihre Knopflöcher
-damit, trugen sie heim, stellten sie in die Wassergläser auf ihren
-Zimmern; denn die unorganische Starre des Tales war lang
-gewesen, – lang, wenn auch kurzweilig.
-</p>
-
-<p>
-Aber der Blumenschnee wurde mit wirklichem zugedeckt, und
-auch den blauen Soldanellen, den gelben und roten Primeln
-erging es so, die ihm folgten. Ja, wie schwer der Frühling es
-hatte, sich durchzuringen und den hiesigen Winter zu überwältigen!
-Zehnmal ward er zurückgeworfen, bevor er Fuß fassen
-konnte hier oben, – bis zum nächsten Einbruch des Winters,
-mit weißem Gestöber, Eiswind und Heizungsbetrieb. Anfang
-Mai (denn nun ist es gar schon Mai geworden, während wir
-von den Schneeblumen erzählten), Anfang Mai war es schlechthin
-eine Qual, in der Loggia nur eine Postkarte ins Flachland
-zu schreiben, so schmerzten die Finger vor rauher Novembernässe;
-und die fünfeinhalb Laubbäume der Gegend waren kahl
-wie die Bäume der Ebene im Januar. Tagelang währte der
-Regen, eine Woche lang stürzte er nieder, und ohne die versöhnenden
-Eigenschaften des hiesigen Liegestuhltyps wäre es
-überaus hart gewesen, im Wolkenqualm, mit nassem, starrem
-Gesicht, so viele Ruhestunden im Freien zu verbringen. Insgeheim
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-aber war es ein Frühlingsregen, um den es sich handelte,
-und mehr und mehr, je länger er dauerte, gab er als solcher sich
-auch zu erkennen. Fast aller Schnee schmolz unter ihm weg; es
-gab kein Weiß mehr, nur hie und da noch ein schmutziges Eisgrau,
-und nun begannen wahrhaftig die Wiesen zu grünen!
-</p>
-
-<p>
-Welch milde Wohltat fürs Auge, das Wiesengrün, nach dem
-unendlichen Weiß! Und noch ein anderes Grün war da, an
-Zartheit und lieblicher Weiche das Grün des neuen Grases noch
-weit übertreffend. Das waren die jungen Nadelbüschel der
-Lärchen, – Hans Castorp konnte auf Dienstwegen selten umhin,
-sie mit der Hand zu liebkosen und sich die Wange damit
-zu streicheln, so unwiderstehlich lieblich waren sie in ihrer Weichheit
-und Frische. „Man könnte zum Botaniker werden,“ sagte
-der junge Mann zu seinem Begleiter, „man könnte wahr und
-wahrhaftig Lust bekommen zu dieser Wissenschaft vor lauter
-Spaß an dem Wiedererwachen der Natur nach einem Winter
-bei uns hier oben! Das ist ja Enzian, Mensch, was du da
-am Abhange siehst, und dies hier ist eine gewisse Sorte von
-kleinen gelben Veilchen, mir unbekannt. Aber hier haben wir
-Ranunkeln, sie sehen unten ja auch nicht anders aus, aus der
-Familie der Ranunkulazeen, gefüllt, wie mir auffällt, eine besonders
-reizende Pflanze, zwittrig übrigens, du siehst da eine
-Menge Staubgefäße und eine Anzahl Fruchtknoten, ein Andrözeum
-und ein Gynäzeum, soviel ich behalten habe. Ich glaube
-bestimmt, ich werde mir einen oder den anderen botanischen
-Schmöker zulegen, um mich etwas besser zu informieren auf
-diesem Lebens- und Wissensgebiet. Ja, wie es nun bunt wird
-auf der Welt!“
-</p>
-
-<p>
-„Das kommt noch besser im Juni“, sagte Joachim. „Die
-Wiesenblüte hier ist ja berühmt. Aber ich glaube doch nicht,
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-daß ich sie abwarte. – Das hast du wohl von Krokowski, daß
-du Botanik studieren willst?“
-</p>
-
-<p>
-Krokowski? Wie meinte er das? Ach so, er kam darauf,
-weil Dr. Krokowski sich neulich botanisch gebärdet hatte bei
-einer seiner Konferenzen. Denn der ginge freilich fehl, der
-meinte, die durch die Zeit gezeitigten Veränderungen wären
-so weit gegangen, daß Dr. Krokowski keine Vorträge mehr
-gehalten hätte! Vierzehntägig hielt er sie, nach wie vor, im
-Gehrock, wenn auch nicht mehr in Sandalen, die er nur sommers
-trug und also nun bald wieder tragen würde, – jeden
-zweiten Montag im Speisesaal, wie damals, als Hans Castorp,
-mit Blut beschmiert, zu spät gekommen war, in seinen
-ersten Tagen. Drei Vierteljahre lang hatte der Analytiker
-über Liebe und Krankheit gesprochen, – nie viel auf einmal,
-in kleinen Portionen, in halb- bis dreiviertelstündigen Plaudereien,
-breitete er seine Wissens- und Gedankenschätze aus,
-und jedermann hatte den Eindruck, daß er nie werde aufzuhören
-brauchen, daß es immer und ewig so weitergehen könne.
-Das war eine Art von halbmonatlicher „Tausendundeine
-Nacht“, sich hinspinnend von Mal zu Mal ins Beliebige und
-wohlgeeignet, wie die Märchen der Scheherezade, einen neugierigen
-Fürsten zu befrieden und von Gewalttaten abzuhalten.
-In seiner Uferlosigkeit erinnerte Dr. Krokowskis Thema an
-das Unternehmen, dem Settembrini seine Mitarbeit geschenkt,
-die Enzyklopädie der Leiden; und als wie abwandlungsfähig
-es sich erwies, möge man daraus ersehen, daß der Vortragende
-neulich sogar von Botanik gesprochen hatte, genauer: von Pilzen
-... Übrigens hatte er den Gegenstand vielleicht ein wenig
-gewechselt; es war jetzt eher die Rede von Liebe und <em>Tod</em>,
-was denn zu mancher Betrachtung teils zart poetischen, teils
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-aber unerbittlich wissenschaftlichen Gepräges Anlaß gab. In
-diesem Zusammenhang also war der Gelehrte in seinem östlich
-schleppenden Tonfall und mit seinem nur einmal anschlagenden
-Zungen-R auf Botanik gekommen, das heißt auf die
-Pilze, – diese üppigen und phantastischen Schattengeschöpfe
-des organischen Lebens, fleischlich von Natur, dem Tierreich
-sehr nahe stehend, – Produkte tierischen Stoffwechsels, Eiweiß,
-Glykogen, animalische Stärke also, fanden sich in ihrem Aufbau.
-Und Dr. Krokowski hatte von einem Pilz gesprochen,
-berühmt schon seit dem klassischen Altertum seiner Form und
-der ihm zugeschriebenen Kräfte wegen, – einer Morchel, in
-deren lateinischem Namen das Beiwort <span class="antiqua" lang="la">impudicus</span> vorkam,
-und dessen Gestalt an die Liebe, dessen Geruch jedoch an den
-Tod erinnerte. Denn das war auffallenderweise Leichengeruch,
-den der <span class="antiqua" lang="la">Impudicus</span> verbreitete, wenn von seinem glockenförmigen
-Hute der grünliche, zähe Schleim abtropfte, der ihn bedeckte,
-und der Träger der Sporen war. Aber bei Unbelehrten
-galt der Pilz noch heute als aphrodisisches Mittel.
-</p>
-
-<p>
-Na, etwas stark war das ja gewesen für die Damen, hatte
-Staatsanwalt Paravant gefunden, der, moralisch gestützt durch
-des Hofrats Propaganda, die Schneeschmelze hier überdauerte.
-Und auch Frau Stöhr, die ebenfalls charaktervoll standhielt
-und jeder Versuchung zu wilder Abreise die Stirne bot, hatte
-bei Tische geäußert, heute sei Krokowski denn aber doch „obskur“
-gewesen mit seinem klassischen Pilz. „Obskur“, sagte die
-Unselige und schändete ihre Krankheit durch namenlose Bildungsschnitzer.
-Worüber aber Hans Castorp sich wunderte,
-war, daß Joachim auf Dr. Krokowski und seine Botanik anspielte;
-denn eigentlich war zwischen ihnen von dem Analytiker
-ebensowenig die Rede, wie von der Person Clawdia
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-Chauchats oder der Marusjas, – sie erwähnten ihn nicht, sie
-übergingen sein Wesen und Wirken lieber mit Stillschweigen.
-Jetzt aber also hatte Joachim den Assistenten genannt, – in
-mißlaunigem Tone, wie übrigens auch schon seine Bemerkung,
-daß er die volle Wiesenblüte nicht abwarten wolle, recht mißlaunig
-geklungen hatte. Der gute Joachim, nachgerade schien
-er im Begriff, sein Gleichgewicht einzubüßen; seine Stimme
-schwankte beim Sprechen vor Gereiztheit, er war an Sanftmut
-und Besonnenheit durchaus nicht mehr der alte. Entbehrte
-er das Apfelsinenparfüm? Brachte die Fopperei mit
-der Gaffky-Nummer ihn zur Verzweiflung? Konnte er nicht
-mit sich selber ins Reine darüber kommen, ob er den Herbst
-hier erwarten oder falsche Abreise halten sollte?
-</p>
-
-<p>
-In Wirklichkeit war es noch etwas anderes, wodurch dies
-gereizte Beben in Joachims Stimme kam und weshalb er des
-botanischen Kollegs von neulich in fast höhnischem Tone erwähnt
-hatte. Von diesem Etwas wußte Hans Castorp nichts,
-oder vielmehr, er wußte nicht, daß Joachim davon wußte, denn
-er selbst, dieser Durchgänger, dies Sorgenkind des Lebens und
-der Pädagogik, er wußte nur zu gut davon. Mit einem Worte,
-Joachim war seinem Vetter auf gewisse Schliche gekommen,
-er hatte ihn unversehens bei einer Verräterei belauscht, ähnlich
-derjenigen, deren er sich am Faschingsdienstag schuldig gemacht,
-– einer neuen Treulosigkeit, verschärft durch den Umstand,
-an dem nicht zu zweifeln war, daß Hans Castorp sie
-dauernd verübte.
-</p>
-
-<p>
-Zum ewig eintönigen Rhythmus des Zeitablaufs, zur kurzweilig
-feststehenden Gliederung des Normaltages, der immer
-derselbe, der sich selbst zum Verwechseln und bis zur Verwirrung
-ähnlich war, identisch mit sich, die stehende Ewigkeit, so
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-daß schwer zu begreifen war, wie er Veränderung zu zeitigen
-vermochte, – zur unverbrüchlichen Alltagsordnung also gehörte,
-wie jedermann sich erinnert, der Rundgang Dr. Krokowskis
-zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags durch
-alle Zimmer, das ist über alle Balkons, von Liegestuhl zu Liegestuhl.
-Wie oft hatte nicht der Berghof-Normaltag sich erneut,
-seit damals, als Hans Castorp in seiner horizontalen Lebenslage
-sich geärgert hatte, weil der Assistent einen Bogen um
-ihn beschrieb und ihn nicht in Betracht zog! Längst war aus
-dem Gaste von damals ein Kamerad geworden, – Dr. Krokowski
-redete ihn sogar häufig mit diesem Namen an bei seiner
-Kontrollvisite, und wenn das militärische Wort, dessen
-r-Laut er auf exotische Weise durch nur einmaliges Anschlagen
-der Zunge am vorderen Gaumen hervorbrachte, ihm auch
-scheußlich zu Gesichte stand, wie Hans Castorp gegen Joachim
-geurteilt hatte, so paßte es doch nicht schlecht zu seiner
-stämmigen, mannhaft heiteren und zu fröhlichem Vertrauen
-auffordernden Art, die freilich wiederum durch seine Schwarzbleichheit
-in gewisser Weise Lügen gestraft wurde, und der
-denn doch etwas Bedenkliches jederzeit anhaftete.
-</p>
-
-<p>
-„Nun, Kamerad, wie gehts, wie stehts!“ sagte Dr. Krokowski,
-indem er, vom russischen Barbarenpaare kommend,
-an das Kopfende von Hans Castorps Lager trat; und der so
-frischerweise Angeredete, die Hände auf der Brust gefaltet,
-lächelte täglich wieder gepeinigt-freundlich über die scheußliche
-Anrede, indem er des Doktors gelbe Zähne betrachtete, die sich
-in seinem schwarzen Barte zeigten. „Recht wohl geruht?“
-fuhr Dr. Krokowski dann wohl fort. „Fallende Kurve? Steigende
-heut? Nun, hat nichts auf sich, kommt bis zur Hochzeit
-schon wieder in Ordnung. Ich grüße Sie.“ Und mit diesem
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Wort, das ebenfalls scheußlich klang, da er es wie „gdieße“
-sprach, ging er schon weiter, zu Joachim hinüber – es handelte
-sich um einen Rundgang, einen kurzen Blick nach dem
-Rechten und um nichts weiter.
-</p>
-
-<p>
-Manchmal freilich auch verweilte Dr. Krokowski sich länger,
-plauderte, breitschultrig dastehend und immer mannhaft
-lächelnd, mit dem Kameraden über dies und jenes, über die
-Witterung, über Abreisen und Ankünfte, über des Patienten
-Stimmung, seine gute oder schlechte Laune, seine persönlichen
-Verhältnisse auch wohl, seine Herkunft und seine Aussichten,
-bis er „ich gdieße Sie“ sagte und weiterging; und Hans Castorp,
-die Hände zur Abwechslung hinter dem Kopf gefaltet,
-antwortete ihm, ebenfalls lächelnd, auf all das, – mit dem
-durchdringenden Gefühle der Scheußlichkeit, gewiß, aber er
-antwortete ihm. Sie plauderten gedämpft, – obgleich die gläserne
-Scheidewand die Loggien nicht völlig trennte, konnte
-Joachim die Unterhaltung nebenan nicht verstehen und machte
-übrigens auch nicht den leisesten Versuch dazu. Er hörte seinen
-Vetter sogar vom Liegestuhl aufstehen und mit Dr. Krokowski
-ins Zimmer gehen, vermutlich um ihm seine Fieberkurve
-zu zeigen; und dort setzte dann das Gespräch sich wohl
-noch eine längere Weile fort, der Verzögerung nach zu urteilen,
-womit der Assistent auf dem inneren Wege bei Joachim eintraf.
-</p>
-
-<p>
-Worüber plauderten die Kameraden? Joachim fragte nicht;
-aber sollte jemand aus unserer Mitte sich an ihm kein Beispiel
-nehmen und die Frage aufwerfen, so ist allgemein darauf
-hinzuweisen, wieviel Stoff und Anlaß zu geistigem Austausch
-vorhanden ist zwischen Männern und Kameraden,
-deren Grundanschauungen idealistisches Gepräge tragen, und
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-von denen der eine auf seinem Bildungswege dazu gelangt
-ist, die Materie als den Sündenfall des Geistes, als eine schlimme
-Reizwucherung <a id="corr-6"></a>desselben aufzufassen, während der andere, als
-Arzt, den sekundären Charakter organischer Krankheit zu lehren
-gewohnt ist. Wie manches, meinen wir, ließ sich da nicht
-erörtern und austauschen über die Materie als unehrbare Ausartung
-des Immateriellen, über das Leben als Impudizität
-der Materie, über die Krankheit als unzüchtige Form des Lebens!
-Da konnte, unter Anlehnung an laufende Konferenzen,
-die Rede gehen von der Liebe als krankheitbildender Macht,
-vom übersinnlichen Wesen des Merkmals, über „alte“ und
-„frische“ Stellen, über lösliche Gifte und Liebestränke, über
-die Durchleuchtung des Unbewußten, den Segen der Seelenzergliederung,
-die Rückverwandlung des Symptoms – und
-was wissen <em>wir</em>, – von deren Seite dies alles nur Vorschläge
-und Vermutungen sind, wenn die Frage aufgeworfen wird,
-was Dr. Krokowski und der junge Hans Castorp miteinander
-zu plaudern hatten!
-</p>
-
-<p>
-Übrigens plauderten sie nicht mehr, das lag zurück, nur eine
-Weile, einige Wochen lang war es so gewesen; in letzter Zeit
-hielt Dr. Krokowski sich bei diesem Patienten wieder nicht
-länger auf als bei allen anderen, – „Nun, Kamerad?“ und
-„Ich gdieße Sie“, darauf beschränkte sich nun die Visite meistens
-wieder. Dafür hatte Joachim eine andere Entdeckung
-gemacht, eben die, die er als Verräterei von seiten Hans Castorps
-empfand, und gemacht hatte er sie völlig unwillkürlich,
-ohne in seiner militärischen Arglosigkeit im mindesten auf
-Späherwegen gegangen zu sein, das darf man glauben. Er
-war ganz einfach an einem Mittwoch aus der ersten Liegekur
-abgerufen worden, hinunterbeordert ins Souterrain, um sich
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-vom Bademeister wiegen zu lassen, – und da sah er es also.
-Er kam die Treppe hinunter, die reinlich linoleumbelegte Treppe
-mit Aussicht auf die Tür zum Ordinationszimmer, zu dessen
-beiden Seiten die Durchleuchtungskabinette gelegen waren,
-links das organische und rechts um die Ecke das um eine Stufe
-vertiefte psychische, mit Dr. Krokowskis Besuchskarte an der
-Tür. Auf halber Höhe der Treppe aber blieb Joachim stehen,
-denn eben verließ Hans Castorp, von der Injektion kommend,
-das Ordinationszimmer. Mit beiden Händen schloß er die
-Tür, durch die er rasch getreten war, und wandte sich, ohne
-um sich zu blicken, nach rechts, gegen die Tür, an der die Karte
-auf Reißnägeln saß, und die er mit wenigen, lautlos vorwärtswiegenden
-Schritten erreichte. Er klopfte, neigte sich hin beim
-Klopfen und hielt das Ohr zu dem pochenden Finger. Und
-da des Bewohners baritonales „Herein!“ mit dem exotisch anschlagenden
-r-Laut und dem verzerrten Diphthong aus dem
-Gelasse erschollen war, sah Joachim seinen Vetter im Halbdunkel
-von Dr. Krokowskis analytischer Grube verschwinden.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-1-2">
-Noch jemand
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug
-auf die Anzahl ihrer Sonnenstunden; denn ihrer Kurzweiligkeit
-vermochte astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben,
-weder was jeden einzelnen betraf, noch ihre einförmige
-Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast drei Monate zurück,
-Sommersonnenwende war da. Aber das natürliche Jahr bei
-uns hier oben folgte dem Kalender zurückhaltend: erst jetzt,
-erst dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling
-noch ohne alle Sommerschwere, würzig, dünnluftig und
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-leicht, mit silbrig strahlender Himmelsbläue und kindlich kunterbunter
-Wiesenblüte.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp fand an den Hängen dieselben Blumen wieder,
-von denen Joachim freundlicherweise ihm einige letzte einst
-zur Begrüßung ins Zimmer gestellt: Schafsgarbe und Glockenblumen,
-– ein Zeichen für ihn, daß das Jahr in sich selber lief.
-Allein was hatte sich nun nicht alles aus dem jungen, smaragdenen
-Grase der Schrägen und Wiesengebreite des Grundes
-an organischem Leben als Stern, Kelch und Glocke oder
-von unregelmäßigerer Gestalt, die sonnige Luft mit trockener
-Würze erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen
-in ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten,
-Primeln in gelb und rot, viel schöner und größer, als Hans
-Castorp sie im Flachlande je erblickt zu haben meinte, soweit
-er dort unten darauf achtgegeben; dazu die nickenden Soldanellen
-mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und
-rosig, eine Spezialität dieser Sphäre.
-</p>
-
-<p>
-Er pflückte von all der Lieblichkeit, trug Sträuße heim, ernsten
-Sinnes und nicht sowohl zum Schmuck seines Zimmers,
-als zur streng wissenschaftlichen Bearbeitung, wie er es sich
-vorgesetzt. Einiges floristische Rüstzeug war angeschafft, ein
-Lehrbuch der allgemeinen Botanik, ein handlicher kleiner Spaten
-zum Ausheben der Pflanzen, ein Herbarium, eine kräftige
-Lupe; und damit wirtschaftete der junge Mann in seiner Loggia,
-– sommerlich gekleidet nun wieder, in einen der Anzüge, die er
-damals gleich mit sich heraufgebracht, – auch dies ein Merkmal
-der Jahresrundung.
-</p>
-
-<p>
-Frische Blumen standen in mehreren Wassergläsern auf den
-Möbelplatten des inneren Zimmers, auf dem Lampentischchen
-zur Seite seines vorzüglichen Liegestuhls. Blumen, halb
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-welk, schon matt, aber noch in Saft, fanden sich lose auf
-der Balkonbrüstung, am Boden der Loggia verstreut, während
-andere, wohlausgebreitet, zwischen Löschpapierbogen,
-die ihre Feuchtigkeit tranken, der Presse von Steinen unterlagen,
-damit Hans Castorp die flachen Trockenpräparate mit
-gummierten Papierstreifen in sein Album kleben könnte. Er
-lag, die Knie hochgezogen, dazu noch eins über das andere
-geschlagen, und während der Rücken des offen umgelegten Leitfadens
-auf seiner Brust einen Dachfirst bildete, hielt er das dickgeschliffene
-Rund des Vergrößerungsglases zwischen seine einfachen
-blauen Augen und eine Blüte, deren Krone er teilweise
-mit dem Taschenmesser entfernt hatte, um besser den Fruchtboden
-studieren zu können, und die hinter der starken Linse zum
-abenteuerlich fleischigen Gebilde schwoll. Da schütteten die
-Staubbeutel, an der Spitze der Filamente, ihren gelben Pollen
-aus, vom Ovarium starrte der narbige Griffel, und legte
-man einen Schnitt durch ihn, so konnte man den zarten Kanal
-betrachten, durch den die Pollenkörner und -schläuche von
-zuckriger Ausscheidung in die Fruchtknotenhöhle geschwemmt
-wurden. Hans Castorp zählte, prüfte und verglich; er untersuchte
-Bau und Stellung der Kelch- und Blumenblätter wie
-der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, beaufsichtigte
-die Übereinstimmung dessen, was er sah, mit schematischen
-und natürlichen Abbildungen, stellte die wissenschaftliche
-Richtigkeit in dem Bau ihm bekannter Pflanzen mit Befriedigung
-fest und ging dazu über, solche, die er nicht zu nennen
-gewußt hätte, an der Hand des Linné nach Abteilung, Gruppe,
-Ordnung, Art, Familie und Gattung zu bestimmen. Da er viel
-Zeit hatte, gelangen ihm einige Fortschritte in botanischer Systematik
-auf Grund vergleichender Morphologie. Unter die
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-getrocknete Pflanze ins Herbarium schrieb er kalligraphisch den
-lateinischen Namen, den die humanistische Wissenschaft ihr
-galanterweise beigelegt, schrieb ihre kennzeichnenden Eigenschaften
-dazu und zeigte es dem guten Joachim, der sich wunderte.
-</p>
-
-<p>
-Am Abend betrachtete er die Gestirne. Ein Interesse für das
-in sich laufende Jahr hatte ihn überkommen, – der doch schon
-einige zwanzig Sonnenumläufe auf Erden verbracht und sich
-noch niemals um dergleichen gekümmert hatte. Wenn wir selbst
-uns unwillkürlich in Ausdrücken wie „Frühlings-Nachtgleiche“
-bewegten, so geschah es in seinem Geist und schon in Hinsicht
-auf Gegenwärtiges. Denn dieser Art waren die Termini, die
-er neuerdings um sich zu streuen liebte, und auch durch hier
-einschlagende Kenntnisse setzte er seinen Vetter in Erstaunen.
-</p>
-
-<p>
-„Jetzt ist die Sonne nahe daran, ins Zeichen des Krebses
-zu treten,“ mochte er auf einem Spaziergang beginnen, „bist
-du dir darüber im Klaren? Das ist das erste Sommerzeichen
-des Tierkreises, verstehst du? Es geht nun über den Löwen und
-die Jungfrau auf den Herbstpunkt zu, den einen Äquinoktialpunkt,
-gegen Ende September, wenn wieder der Sonnenort
-auf den Himmelsäquator fällt, wie neulich im März, als die
-Sonne in den Widderpunkt trat.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist mir entgangen“, sagte Joachim mürrisch. „Was
-redest denn du dir da so geläufig zusammen? Widderpunkt?
-Tierkreis?“
-</p>
-
-<p>
-„Allerdings, der Tierkreis; <span class="antiqua" lang="la">zodiacus</span>. Die uralten Himmelszeichen,
-– Skorpion, Schütze, Steinbock, <span class="antiqua" lang="la">aquarius</span> und wie sie
-heißen, wie soll man sich dafür nicht interessieren! Es sind
-zwölf, das wirst du wenigstens wissen, drei für jede Jahreszeit,
-die aufsteigenden und die niedersteigenden, der Kreis der
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-Sternbilder, durch die die Sonne wandert, – großartig meiner
-Ansicht nach! Stelle dir vor, daß man sie in einem ägyptischen
-Tempel als Deckenbild gefunden hat, – einem Tempel
-der Aphrodite noch dazu, nicht weit von Theben. Die Chaldäer
-kannten sie auch schon, – die Chaldäer, ich bitte dich, dies
-alte Zauberervolk, arabisch-semitisch, hochgelehrt in Astrologie
-und Wahrsagerei. Die haben auch schon den Himmelsgürtel
-studiert, in dem die Planeten laufen, und ihn in die zwölf Sternbildzeichen
-eingeteilt, die Dodekatemoria, wie sie auf uns gekommen
-sind. Das ist großartig. Es ist die Menschheit!“
-</p>
-
-<p>
-„Nun sagst du ‚Menschheit‘, wie Settembrini.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, wie er, oder etwas anders. Man muß sie nehmen,
-wie sie ist, aber großartig ist es schon damit. Ich denke viel
-mit Sympathie an die Chaldäer, wenn ich so liege und den
-Planeten zusehe, die sie auch schon kannten, denn alle kannten
-sie nicht, so gescheit sie waren. Aber die sie nicht kannten,
-kann ich auch nicht sehen, Uranus ist ja erst neulich mit dem
-Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren.“
-</p>
-
-<p>
-„Neulich?“
-</p>
-
-<p>
-„Das nenne ich ‚neulich‘, wenn du erlaubst, im Vergleich
-mit den dreitausend Jahren bis damals. Aber wenn ich so
-liege und mir die Planeten besehe, dann werden die dreitausend
-Jahre auch zu ‚neulich‘, und ich denke intim an die Chaldäer,
-die sie auch sahen und sich ihren Vers darauf machten,
-und das ist die Menschheit.“
-</p>
-
-<p>
-„Na, gut; du hast ja großzügige Entwürfe in deinem Kopf.“
-</p>
-
-<p>
-„Du sagst ‚großzügig‘, und ich sage ‚intim‘, – wie man es
-nun nennen will. Aber wenn nun also die Sonne in die Wage
-tritt, in zirka drei Monaten, dann haben die Tage wieder so
-weit abgenommen, daß Tag und Nacht gleich sind, und dann
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-nehmen sie weiter ab bis gegen Weihnachten, das ist dir bekannt.
-Willst du aber, bitte, bedenken, daß, während die Sonne
-durch die Winterzeichen geht, den Steinbock, den Wassermann
-und die Fische, die Tage schon wieder zunehmen! Denn dann
-kommt neuerdings der Frühlingspunkt, zum dreitausendstenmal
-seit den Chaldäern, und die Tage wachsen weiter bis übers
-Jahr, wenn wieder Sommersanfang ist.“
-</p>
-
-<p>
-„Selbstverständlich.“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, das ist eine Eulenspiegelei! Im Winter wachsen
-die Tage, und wenn der längste kommt, 21. Juni, Sommersanfang,
-dann geht es schon wieder bergab, sie werden schon
-wieder kürzer, und es geht gegen den Winter. Du nennst das
-selbstverständlich, aber wenn man einmal davon absieht, daß
-es selbstverständlich ist, dann kann einem angst und bange werden,
-momentweise, und man möchte krampfhaft nach etwas
-greifen. Es ist, als ob Eulenspiegel es so eingerichtet hätte,
-daß zu Wintersanfang eigentlich der Frühling beginnt und zu
-Sommersanfang eigentlich der Herbst ... Man wird ja an
-der Nase herumgezogen, im Kreise herumgelockt mit der Aussicht
-auf etwas, was schon wieder Wendepunkt ist ... Wendepunkt
-im Kreise. Denn das sind lauter ausdehnungslose Wendepunkte,
-woraus der Kreis besteht, die Biegung ist unmeßbar,
-es gibt keine Richtungsdauer, und die Ewigkeit ist nicht ‚geradeaus,
-geradeaus‘, sondern ‚Karussell, Karussell‘.“
-</p>
-
-<p>
-„Hör’ auf!“
-</p>
-
-<p>
-„Sonnwendfeier!“ sagte Hans Castorp, „Sommersonnenwende!
-Bergfeuer und Ringelreihn rund um die lodernde
-Flamme herum mit angefaßten Händen! Ich habe es nie gesehen,
-aber ich höre, so wird es gemacht von urwüchsigen Menschen,
-so feiern sie die erste Sommernacht, mit der der Herbst
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-beginnt, die Mittagsstunde und Scheitelhöhe des Jahres, von
-wo es abwärts geht, – sie tanzen und drehen sich und jauchzen.
-Worüber jauchzen sie in ihrer Urwüchsigkeit, – kannst du
-dir das begreiflich machen? Worüber sind sie so ausgelassen
-lustig? Weil es nun abwärts geht ins Dunkel, oder vielleicht,
-weil es bisher aufwärts ging und nun die Wende gekommen
-ist, der unhaltbare Wendepunkt, Mittsommernacht, die volle
-Höhe, mit Wehmut im Übermut? Ich sage es, wie es ist, mit
-den Worten, die mir dafür einfallen. Es ist melancholischer
-Übermut und übermütige Melancholie, weshalb die Urwüchsigen
-jauchzen und um die Flamme tanzen, sie tun es aus positiver
-Verzweiflung, wenn du so sagen willst, zu Ehren der
-Eulenspiegelei des Kreises und der Ewigkeit ohne Richtungsdauer,
-in der alles wiederkehrt.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich will nicht so sagen,“ murmelte Joachim, „bitte, schiebe
-es nicht auf mich. Es sind ja weitläufige Dinge, mit denen
-du dich beschäftigst des Abends, wenn du liegst.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ich will nicht leugnen, daß du dich nützlicher beschäftigst
-mit deiner russischen Grammatik. Du mußt die Sprache
-nächstens ja fließend beherrschen, Mensch, natürlich ein großer
-Vorteil für dich, wenn es Krieg gibt, was Gott verhüte.“
-</p>
-
-<p>
-„Verhüte? Du sprichst wie ein Zivilist. Krieg ist notwendig.
-Ohne Kriege würde bald die Welt verfaulen, hat
-Moltke gesagt.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, dazu hat sie wohl eine Neigung. Und so viel kann ich
-dir zugeben“, setzte Hans Castorp an und wollte eben auf die
-Chaldäer zurückkommen, die ebenfalls Krieg geführt und Babylonien
-erobert hätten, obgleich sie Semiten und also beinahe
-Juden gewesen seien, – als beide gleichzeitig gewahr wurden,
-daß zwei Herren, die dicht vor ihnen gingen, die Köpfe nach
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-ihnen wandten, aufmerksam gemacht durch ihre Reden, gestört
-in eigener Unterhaltung.
-</p>
-
-<p>
-Es war auf der Hauptstraße, zwischen dem Kurhaus und
-dem Hotel Belvedere, auf dem Rückweg nach Davos-Dorf. Das
-Tal lag im Festkleide, in zarten, lichten und frohen Farben. Die
-Luft war köstlich. Eine Sinfonie von heiteren Wiesenblumendüften
-erfüllte die reine, trockene, klar durchsonnte Atmosphäre.
-</p>
-
-<p>
-Sie erkannten Lodovico Settembrini zur Seite eines Fremden;
-doch schien es, als erkenne er seinerseits sie nicht oder als
-wünsche er kein Zusammentreffen, denn er wandte rasch den
-Kopf wieder ab und vertiefte sich gestikulierend in die Unterhaltung
-mit seinem Begleiter, wobei er sogar rascher vorwärts
-zu kommen suchte. Als freilich die Vettern, rechts neben ihm,
-durch heitere Verbeugung grüßten, stellte er sich wunder wie
-angenehm überrascht, mit „Sapristi!“ und „Teufel noch einmal!“,
-wollte aber nun wieder zurückhalten, die beiden vorüber-
-und vorangehen lassen, was sie jedoch nicht verstanden, das
-heißt: nicht bemerkten, weil sie keine Vernunft darin sahen.
-Ehrlich erfreut vielmehr, ihm nach längerer Trennung wieder
-zu begegnen, hielten sie sich bei ihm und schüttelten ihm die
-Hand, indem sie nach seinem Ergehen fragten und in höflicher
-Erwartung dabei zu seinem Gefährten hinüberblickten. So
-zwangen sie ihn, zu tun, was er offenbar lieber nicht getan
-hätte, was aber ihnen als die natürlichste und zu gewärtigendste
-Sache von der Welt erschien: nämlich sie mit jenem bekannt
-zu machen, – was denn also im Gehen und halben Stehenbleiben
-derart geschah, daß Settembrini, vor sich, mit verbindenden
-Handbewegungen und lustigen Reden die Herren
-miteinander in Beziehung setzte, sie vor seiner Brust sich die
-Hände reichen ließ.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Es stellte sich heraus, daß der Fremde, der Settembrinis
-Jahre haben mochte, dessen Hausgenosse war: der andere
-Aftermieter Lukačeks, des Damenschneiders, Naphta mit Namen,
-soviel die jungen Leute verstanden. Er war ein kleiner,
-magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man möchte sagen:
-ätzender Häßlichkeit, daß die Vettern sich geradezu wunderten.
-Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, die sein
-Gesicht beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund,
-die dickgeschliffenen Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille,
-die er vor seinen hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen,
-das er bewahrte, und dem zu entnehmen war, daß seine
-Rede scharf und folgerecht sein werde. Er war barhaupt, wie
-es sich gehörte, und im bloßen Anzug, – sehr wohlgekleidet
-dabei: sein dunkelblauer Flanellanzug mit weißen Streifen
-zeigte guten, gehalten modischen Schnitt, wie der weltkindlich
-prüfende Blick der Vettern feststellte, die übrigens einem ebensolchen,
-nur rascheren und schärferen, an ihren Personen hinabgleitenden
-Blick von seiner, des kleinen Naphta Seite, begegneten.
-Hätte Lodovico Settembrini seinen faserigen Flaus und
-seine gewürfelten Hosen nicht mit so viel Anmut und Würde
-zu tragen gewußt, – seine Erscheinung hätte unvorteilhaft abstechen
-müssen von der feinen Gesellschaft. Sie tat es jedoch
-um so weniger, als die Gewürfelten frisch aufgebügelt waren,
-so daß man sie auf den ersten Blick fast für neu hätte halten
-können, – ein Werk seines Quartiergebers zweifellos, nach beiläufiger
-Überlegung der jungen Leute. Wenn aber der häßliche
-Naphta nach der Güte und Weltlichkeit seiner Kleidung
-den Vettern näher stand als seinem Hausgenossen, so ordneten
-doch nicht allein seine vorgerückteren Jahre ihn mit diesem
-gegen die Jünglinge zusammen, sondern entschieden noch etwas
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-anderes, was sich am bequemsten auf die Gesichtsfarbe der
-beiden Paare zurückführen ließ, nämlich darauf, daß die einen
-braun und rotgebrannt, die anderen aber bleich waren: Joachims
-Gesicht war im Laufe des Winters noch bronzefarbener
-nachgedunkelt, und dasjenige Hans Castorps glühte rosenrot
-unter seinem blonden Scheitel; aber Herrn Settembrinis
-welscher Blässe, die gar edel zu seinem schwarzen Schnurrbart
-stand, hatte die Strahlung nichts anzuhaben vermocht, und
-sein Genosse, obgleich blonden Haares – es war übrigens aschblond,
-metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der <a id="corr-8"></a>fliehenden
-Stirn über den ganzen Kopf zurückgestrichen –, zeigte
-gleichfalls die mattweiße Gesichtshaut brünetter Rassen. Zwei
-von den vieren trugen Spazierstöcke, nämlich Hans Castorp
-und Settembrini; denn Joachim ging aus militärischen Gründen
-ohne einen solchen, und Naphta legte nach erfolgter Vorstellung
-sogleich wieder die Hände auf dem Rücken zusammen.
-Sie waren klein und zart, wie auch seine Füße sehr zierlich
-waren, übrigens seiner Figur entsprechend. Daß er erkältet
-wirkte und auf eine gewisse schwächliche und unförderliche Art
-hustete, fiel nicht auf.
-</p>
-
-<p>
-Jenen Anflug von Betroffenheit oder Verstimmung beim
-Gewahrwerden der jungen Leute hatte Settembrini sofort mit
-Eleganz überwunden. Er zeigte sich in der besten Laune und
-machte die drei unter Scherzreden bekannt, – zum Beispiel
-bezeichnete er Naphta als „<span class="antiqua" lang="la">Princeps scholasticorum</span>“. Die
-Fröhlichkeit, sagte er, „halte glanzvoll Hof im Saale seiner
-Brust“, wie Aretino sich ausgedrückt habe, und das sei des
-Frühlings Verdienst, eines Frühlings, den er sich lobe. Die
-Herren wüßten, daß er gegen die Welt hier oben manches auf
-dem Herzen habe, sooft er es sich bereits davon heruntergeredet.
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Ehre jedoch dem Hochgebirgsfrühling! – vorübergehend
-vermöge er ihn mit allen Greueln dieser Sphäre zu versöhnen.
-Da fehle alles Verwirrende und Aufreizende des Frühlings
-der Ebene. Kein Gebrodel in der Tiefe! Keine feuchten
-Düfte, kein schwüler Dunst! Sondern Klarheit, Trockenheit,
-Heiterkeit und herbe Anmut. Es sei nach seinem Herzen, es sei
-süperb!
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen in unregelmäßiger Reihe, nebeneinander alle
-vier, so weit es möglich war, aber bald, wenn Entgegenkommende
-vorbeigingen, mußte Settembrini, der den rechten Flügel
-hielt, auf die Fahrstraße treten, bald löste ihre Front durch
-das Zurückbleiben und Einlenken einzelner Glieder, Naphtas
-etwa, linkerseits, oder Hans Castorps, der den Platz zwischen
-dem Humanisten und Vetter Joachim hatte, sich vorübergehend
-auf. Naphta lachte kurz, mit einer vom Schnupfen
-sordinierten Stimme, die beim Sprechen an den Klang eines
-gesprungenen Tellers erinnerte, an den man mit dem Knöchel
-klopft. Indem er mit dem Kopf seitlich zu dem Italiener hinüberwies,
-sagte er mit schleppendem Akzent:
-</p>
-
-<p>
-„Man höre den Voltairianer, den Rationalisten. Er lobt
-die Natur, weil sie uns auch bei fertilster Gelegenheit nicht mit
-mystischen Dämpfen verwirrt, sondern klassische Trockenheit
-wahrt. Wie hieß doch die Feuchtigkeit auf lateinisch?“
-</p>
-
-<p>
-„Der Humor,“ rief Settembrini über die linke Schulter,
-„der Humor in der Naturbetrachtung unseres Professors besteht
-darin, daß er, wie die heilige Katharina von Siena, an
-die Wunden Christi denkt, wenn er rote Primeln sieht.“
-</p>
-
-<p>
-Naphta erwiderte:
-</p>
-
-<p>
-„Das wäre eher witzig als humoristisch. Aber es hieße immerhin
-Geist in die Natur tragen. Sie hat es nötig.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-„Die Natur,“ sagte Settembrini mit gesenkter Stimme und
-nicht mehr völlig über die Schulter hinweg, sondern nur noch
-an ihr hinunter, „hat Ihren Geist durchaus nicht nötig. Sie
-ist selber Geist.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie langweilen sich nicht mit Ihrem Monismus?“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, Sie geben also zu, daß es Vergnügungssucht ist, wenn
-Sie die Welt feindlich entzweien, Gott und Natur auseinanderreißen!“
-</p>
-
-<p>
-„Es interessiert mich, daß Sie Vergnügungssucht nennen,
-was ich im Sinne habe, wenn ich Passion und Geist sage.“
-</p>
-
-<p>
-„Zu denken, daß Sie, der so große Worte für so frivole
-Bedürfnisse setzt, mich manchmal einen Redner nennen!“
-</p>
-
-<p>
-„Sie bleiben dabei, daß Geist Frivolität bedeutet. Aber er
-kann nichts dafür, daß er von Hause aus dualistisch ist. Der
-Dualismus, die Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche,
-das dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt
-feindlich gespalten sehen, das ist Geist. Aller Monismus ist
-langweilig. <span class="antiqua" lang="la">Solet Aristoteles quaerere pugnam.</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Aristoteles? Aristoteles hat die Wirklichkeit der allgemeinen
-Ideen in die Individuen verlegt. Das ist Pantheismus.“
-</p>
-
-<p>
-„Falsch. Geben Sie den Individuen substantiellen Charakter,
-denken Sie das Wesen der Dinge aus dem Allgemeinen
-fort in die Einzelerscheinung, wie Thomas und Bonaventura
-es als Aristoteliker taten, so haben Sie die Welt aus jeder Einheit
-mit der höchsten Idee gelöst, sie ist außergöttlich und Gott
-transzendent. Das ist klassisches Mittelalter, mein Herr.“
-</p>
-
-<p>
-„Klassisches Mittelalter ist eine köstliche Wortverbindung!“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich lasse den Begriff des
-Klassischen statthaben, wo er am Platze ist, das heißt, wo immer
-eine Idee auf ihren Gipfel kommt. Die Antike war nicht immer
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-klassisch. Ich stelle eine Abneigung gegen die ... Freizügigkeit
-der Kategorien bei Ihnen fest, gegen das Absolute. Sie wollen
-auch nicht den absoluten Geist. Sie wollen, der Geist, das
-sei der demokratische Fortschritt.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich hoffe uns einig in der Überzeugung, daß der Geist, so
-absolut er sei, niemals den Anwalt der Reaktion wird machen
-können.“
-</p>
-
-<p>
-„Er ist jedoch immer der Anwalt der Freiheit!“
-</p>
-
-<p>
-„Jedoch? Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe, nicht
-Nihilismus und Bosheit.“
-</p>
-
-<p>
-„Wovor Sie offenbar Angst haben.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini warf den Arm über den Kopf. Das Geplänkel
-brach ab. Joachim blickte verwundert von einem zum andern,
-während Hans Castorp mit hochgezogenen Brauen auf seinen
-Weg niedersah. Naphta hatte scharf und apodiktisch gesprochen,
-wiewohl er es gewesen war, der die weitere Freiheit verfochten
-hatte. Besonders seine Art, mit „Falsch!“ zu widersprechen,
-bei dem „sch“-Laut die Lippen vorzuschieben und dann
-den Mund zu verkneifen, war unangenehm. Settembrini hatte
-ihm teils auf heiterere Weise Widerpart gehalten, teils auch eine
-schöne Wärme in seine Worte gelegt, etwa dort, wo er zur
-Einigkeit in gewissen Grundgesinnungen gemahnt hatte. Jetzt,
-während Naphta schwieg, begann er, den Vettern die Existenz
-des ihnen Fremden zu erläutern, womit er dem Bedürfnis nach
-Aufklärung entgegenkam, das er nach seinem Wortwechsel mit
-Naphta bei <a id="corr-9"></a>ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, ohne
-sich darum zu kümmern. Er sei Professor der alten Sprachen
-in den obersten Klassen des Fridericianums, erklärte Settembrini,
-indem er den Stand des Vorzustellenden nach italienischer
-Art möglichst pomphaft herausstrich. Sein Schicksal sei
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-dem seinen, Settembrinis eigenem, gleich. Durch seinen Gesundheitszustand
-vor fünf Jahren heraufgeführt, habe er sich überzeugen
-müssen, daß er des Aufenthaltes für lange Frist bedürftig
-sei, habe sein Sanatorium verlassen und sich privat-ansässig
-gemacht, bei Lukaček, dem Damenschneider. Des hervorragenden
-Latinisten, Zöglings einer Ordensschule, wie er sich etwas
-unbestimmt ausdrückte, habe sich klugerweise die höhere Lehranstalt
-des Ortes als eines Dozenten versichert, der ihr zur
-Zierde gereiche ... Kurz, Settembrini erhob den häßlichen
-Naphta nicht wenig, obgleich er doch eben noch etwas wie einen
-abstrakten Streit mit ihm gehabt, und obgleich dieser streitähnliche
-Wortwechsel sich sogleich fortsetzen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini ging nämlich jetzt dazu über, Herrn Naphta Erläuterungen
-über die Vettern zu geben, wobei sich übrigens
-zeigte, daß er ihm schon früher von ihnen erzählt hatte. Dies
-sei also der junge Ingenieur mit den drei Wochen, bei dem Hofrat
-Behrens eine feuchte Stelle gefunden habe, sagte er, und
-dies hier jene Hoffnung der preußischen Heeresorganisation,
-Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims Gemütsempörung
-und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur
-zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht
-dieselbe Ungeduld zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren.
-</p>
-
-<p>
-Naphta verzog das Gesicht. Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Die Herren haben da einen beredten Vormund. Ich hüte
-mich, zu bezweifeln, daß er Ihre Gedanken und Wünsche zutreffend
-verdolmetscht. Arbeit, Arbeit –, ich bitte, gleich wird
-er mich einen Feind der Menschheit schelten, einen <span class="antiqua" lang="la">inimicus humanae
-naturae</span>, wenn ich es wage, an Zeiten zu erinnern, wo
-er mit dieser Fanfare den gewohnten Effekt durchaus nicht erzielt
-hätte, nämlich an Zeiten, wo das Gegenteil seines Ideals in
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-unvergleichlich <a id="corr-11"></a>höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux
-etwa lehrte eine andere Stufenfolge der Vollkommenheit, als
-Herr Lodovico sie sich je hat träumen lassen. Wollen Sie wissen,
-welche? Sein unterster Stand befindet sich in der ‚Mühle‘,
-der zweite auf dem ‚Acker‘, der dritte und lobenswerteste aber –
-hören Sie nicht zu, Settembrini –, ‚auf dem Ruhebett‘. Die
-Mühle, das ist das Sinnbild des Weltlebens, – nicht schlecht
-gewählt. Der Acker bedeutet die Seele des weltlichen Menschen,
-darauf der Prediger und geistliche Lehrer wirkt. Diese
-Stufe ist schon würdiger. Auf dem Bette aber –“
-</p>
-
-<p>
-„Genug! Wir wissen!“ rief Settembrini. „Meine Herren,
-jetzt wird er Ihnen Zweck und Gebrauch des Lotterbettes vor
-Augen führen!“
-</p>
-
-<p>
-„Ich wußte nicht, daß Sie prüde sind, Lodovico. Wenn man
-Sie den Mädchen zuzwinkern sieht ... Wo bleibt die heidnische
-Unbefangenheit? Das Bett also ist der Ort der Beiwohnung
-des Minnenden mit dem Gemeinten und als Symbolum die beschauliche
-Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum Zwecke
-der Beiwohnung mit Gott.“
-</p>
-
-<p>
-„Puh! <span class="antiqua" lang="it">Andate, andate!</span>“ wehrte der Italiener fast weinend
-ab. Man lachte. Dann aber fuhr Settembrini mit Würde fort:
-</p>
-
-<p>
-„Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung
-da ist reiner Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit.
-Lao-Tse lehrte, daß Nichtstun förderlicher sei, als jedes
-Ding zwischen Himmel und Erde. Wenn alle Menschen aufgehört
-haben würden, zu tun, werde vollkommene Ruhe und
-Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre Beiwohnung.“
-</p>
-
-<p>
-„Was Sie nicht sagen. Und die abendländische Mystik? Und
-der Quietismus, der Fénelon zu den Seinen zählen darf, und
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-der lehrte, daß jedes Handeln fehlerhaft sei, da tätig sein zu
-wollen, Gott beleidigen heiße, der allein handeln wolle? Ich
-zitiere die Propositionen von Molinos. Es scheint doch, daß
-die geistige Möglichkeit, das Heil in der Ruhe zu finden, allgemeine
-menschliche Verbreitung besitzt.“
-</p>
-
-<p>
-Hier griff Hans Castorp ein. Mit dem Mut der Einfalt
-mischte er sich ins Gespräch und äußerte ins Leere blickend:
-</p>
-
-<p>
-„Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es
-läßt sich hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden,
-wir hier oben, das kann man sagen. Fünftausend Fuß hoch
-liegen wir auf unseren Stühlen, die auffallend bequem sind,
-und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und machen uns
-unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die Wahrheit
-sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl, verstehen
-Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und
-mich auf mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande
-all die Jahre her, das ist nicht zu leugnen.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini sah ihn mit traurig schimmernden schwarzen
-Augen an. „Ingenieur,“ sagte er gepreßt, „Ingenieur!“ Und
-er nahm Hans Castorp am Arm und hielt ihn ein wenig zurück,
-gleichsam um hinter dem Rücken der anderen privatim
-auf ihn einzureden.
-</p>
-
-<p>
-„Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß man wissen sollte,
-was man ist, und denken, wie es einem zukommt! Sache des
-Abendländers, trotz aller Propositionen, ist die Vernunft, die
-Analyse, die Tat und der Fortschritt, – nicht das Faulbett
-des Mönches!“
-</p>
-
-<p>
-Naphta hatte zugehört. Er sprach nach hinten:
-</p>
-
-<p>
-„Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des
-europäischen Bodens! Man dankt ihnen, daß Deutschland,
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Frankreich und Italien nicht mit Wildwald und Ursümpfen bedeckt
-sind, sondern uns Korn, Obst und Wein bescheren! Die
-Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet ...“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">Ebbè</span>, nun also!“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck,
-das heißt: Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin,
-die Welt zu fördern oder geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie
-war reine asketische Übung, Bestandteil der Bußdisziplin, Heilsmittel.
-Sie gewährte Schutz gegen das Fleisch, diente der Abtötung
-der Sinnlichkeit. Sie trug also – erlauben Sie mir, das
-festzustellen – völlig unsozialen Charakter. Sie war ungetrübtester
-religiöser Egoismus.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin Ihnen für die Aufklärung sehr verbunden und freue
-mich, den Segen der Arbeit auch gegen den Willen des Menschen
-sich bewähren zu sehen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, gegen seine Absicht. Wir bemerken da nichts Geringeres,
-als den Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem Humanen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bemerke vor allem mit Unmut, daß Sie schon wieder
-Weltentzweiung treiben.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bedauere, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben, aber
-man muß die Dinge scheiden und ordnen und die Idee des
-<span class="antiqua" lang="la">Homo Dei</span> von unreinen Bestandteilen freihalten. Ihr Italiener
-habt das Wechslergeschäft und die Banken erfunden;
-das verzeih’ euch Gott. Aber die Engländer erfanden die ökonomistische
-Gesellschaftslehre, und das wird der Genius des
-Menschen ihnen niemals verzeihen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, der Genius der Menschheit war auch in den großen
-ökonomischen Denkern jener Inseln lebendig! – Sie wollten
-sprechen, Ingenieur?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-Das leugnete Hans Castorp, sagte aber dennoch – und
-Naphta sowohl wie Settembrini hörten ihm mit einer gewissen
-Spannung zu:
-</p>
-
-<p>
-„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen
-haben, Herr Naphta, und einverstanden sein mit seiner
-Ungeduld, ihn zu ergreifen ... Ich bin ja Zivilist durch und
-durch, mein Vetter macht es mir öfters zum Vorwurf. Ich
-habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind
-des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich
-sehr gut auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie
-meinen Vetter, ich habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber
-wenn ich von meinen persönlichen Neigungen mal absehe –
-und vielleicht brauch’ ich, genau genommen, gar nicht so ganz
-davon abzusehen –, so habe ich eine Menge Verständnis und
-Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine verteufelt
-ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie
-wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie
-zu gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit
-dem Tode zu tun <a id="corr-13"></a>zu bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch
-der geistliche Stand es zu tun hat, – womit denn sonst. Daher
-hat der Soldatenstand die <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span> und die Rangordnung
-und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so
-sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen Uniformkragen
-trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf
-dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend
-sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt,
-Ihnen meinen Gedankengang ...“
-</p>
-
-<p>
-„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini
-hinüber, der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die
-Neigungen meines Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein
-müßten, nach allem, was Sie sagen. Ich denke da nicht an
-‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen, womit manche
-Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß wohlgesinnte
-Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen.
-Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes,
-das heißt der Dienst – in diesem Falle spricht man von
-Dienst – absolut nicht um geschäftlicher Vorteile willen geschieht
-und zur ‚ökonomischen Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten,
-gar keine Beziehungen hat, weshalb denn auch die Engländer
-nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien und
-ein paar zu Hause für die Parade ...“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach
-ihn Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne
-unserm Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel,
-denn sie ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt,
-der Grundtypus des Soldaten ist der Landsknecht, der sich für
-diese oder auch jene Sache anwerben ließ, – kurzum, es gab
-den Soldaten der spanischen Gegenreformation, den Soldaten
-der Revolutionsheere, den napoleonischen, den Garibaldis, es
-gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den Soldaten reden,
-wenn ich weiß, <em>wofür</em> er sich schlägt!“
-</p>
-
-<p>
-„<em>Daß</em> er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin
-eine greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das
-gut sein. Es ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand
-in Ihrem Sinne ‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt
-ihn in eine Sphäre, worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder
-Einblick verwehrt ist.“
-</p>
-
-<p>
-„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-entgegnete Herr Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen,
-während seine Mundwinkel unter dem geschwungenen
-Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und sein Hals sich
-auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem Kragen
-herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für
-die Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen
-Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen
-Form einzutreten.“
-</p>
-
-<p>
-Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen
-vor sich hin. Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der
-Kopf und Hals wieder in natürliche Stellung gebracht hatte:
-</p>
-
-<p>
-„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken
-uns oft, aber es geschieht in aller Freundschaft und auf
-Grund manchen Einverständnisses.“
-</p>
-
-<p>
-Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini.
-Aber Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das
-Gespräch harmlos fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als
-stünde er unter irgendeinem Druck und Zwang, und gleichsam
-gegen seinen Willen:
-</p>
-
-<p>
-„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich,
-vorhin, als wir hinter Ihnen gingen.“
-</p>
-
-<p>
-„Das hörte ich“, antwortete Naphta. „Ich fing das Wort
-auf und sah mich um. Politisierten Sie? Erörterten Sie die
-Weltlage?“
-</p>
-
-<p>
-„Oh, nein“, lachte Hans Castorp. „Wie sollten wir dazu
-wohl kommen! Für meinen Vetter hier wäre es von Berufs
-wegen geradezu unpassend, sich um Politik zu kümmern, und
-ich verzichte freiwillig darauf, verstehe garnichts davon. Seit
-ich hier bin, habe ich noch nicht einmal eine Zeitung in der Hand
-gehabt ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Settembrini fand das, wie früher schon einmal, tadelnswert.
-Er zeigte sich sofort aufs beste unterrichtet über die großen Verhältnisse
-und beurteilte sie beifällig insofern, als die Dinge einen
-der Zivilisation günstigen Verlauf nähmen. Die europäische Gesamtatmosphäre
-sei von Friedensgedanken, von Abrüstungsplänen
-erfüllt. Die demokratische Idee marschiere. Er erklärte,
-vertrauliche Informationen zu besitzen, dahingehend, das
-Jungtürkentum beende soeben seine Vorbereitungen zu grundstürzenden
-Unternehmungen. Die Türkei als National- und
-Verfassungsstaat, – welch ein Triumph der Menschlichkeit!
-</p>
-
-<p>
-„Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta. „Vorzüglich.
-Der aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut. Übrigens geht
-das Sie an“, wandte er sich an Joachim. „Wenn Abdul Hamid
-fällt, ist es mit Ihrem Einfluß in der Türkei zu Ende, und
-England wirft sich zum Protektor auf ... Sie müssen die Verbindungen
-und Informationen unseres Settembrini durchaus
-ernst nehmen“, sagte er zu beiden Vettern, und auch dies klang
-impertinent, da er sie für geneigt zu halten schien, Herrn Settembrini
-nicht ernst zu nehmen. „In national-revolutionären
-Dingen weiß er Bescheid. Bei ihm zu Hause unterhält man
-gute Beziehungen zum englischen Balkankomitee. Was wird
-aber aus den Abmachungen von Reval, Lodovico, wenn Ihre
-Fortschrittstürken Glück haben? Eduard der Siebente wird
-den Russen die Öffnung der Dardanellen nicht mehr zugestehen
-können, und wenn Österreich sich trotzdem zu einer aktiven
-Balkanpolitik aufrafft, so ...“
-</p>
-
-<p>
-„Mit Ihrer Katastrophenprophetie!“ wehrte Settembrini
-ab. „Nikolaus liebt den Frieden. Man verdankt ihm die Konferenzen
-im Haag, die moralische Tatsachen ersten Ranges
-bleiben.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-„Ei, Rußland mußte sich nach seinem kleinen Mißgeschick
-im Osten noch etwas Erholung gönnen!“
-</p>
-
-<p>
-„Pfui, mein Herr. Sie sollten die Sehnsucht der Menschheit
-nach ihrer gesellschaftlichen Vervollkommnung nicht verhöhnen.
-Das Volk, das solche Bestrebungen durchkreuzt, wird
-sich unzweifelhaft der moralischen Ächtung aussetzen.“
-</p>
-
-<p>
-„Wozu wäre die Politik auch da, als einander Gelegenheit
-zu geben, sich moralisch zu kompromittieren!“
-</p>
-
-<p>
-„Sie huldigen dem Pangermanismus?“
-</p>
-
-<p>
-Naphta zuckte die Schultern, die nicht ganz gleichmäßig standen.
-Er war wohl eigentlich etwas schief, zu seiner sonstigen
-Häßlichkeit. Er verschmähte es, zu antworten. Settembrini
-urteilte:
-</p>
-
-<p>
-„Jedenfalls ist es zynisch, was Sie da sagen. In den hochherzigen
-Anstrengungen der Demokratie, sich international
-durchzusetzen, wollen Sie nichts erblicken, als politische List ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie verlangen wohl, daß ich Idealismus oder gar Religiosität
-darin erblicke? Es handelt sich um letzte, schwächliche
-Regungen des Restes von Selbsterhaltungsinstinkt, über den
-ein verurteiltes Weltsystem noch verfügt. Die Katastrophe soll
-und muß kommen, sie kommt auf allen Wegen und auf alle
-Weise. Nehmen Sie die britische Staatskunst. Englands Bedürfnis,
-das indische Glacis zu sichern, ist legitim. Aber die
-Folgen? Eduard weiß so gut wie Sie und ich, daß die
-Machthaber von Petersburg die mandschurische Scharte
-auswetzen müssen und die Ableitung der Revolution so notwendig
-brauchen wie das liebe Brot. Trotzdem lenkt er – er
-muß es wohl! – den russischen Ausdehnungsdrang nach Europa,
-weckt eingeschlummerte Rivalitäten zwischen Petersburg
-und Wien –“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-„Ach, Wien! Sie sorgen sich um dieses Welthindernis, vermutlich,
-weil Sie in dem morschen Imperium, dessen Haupt
-es ist, die Mumie des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation
-erkennen!“
-</p>
-
-<p>
-„Und Sie finde ich russophil, vermutlich aus humanistischer
-Sympathie mit dem Cäsaro-Papismus.“
-</p>
-
-<p>
-„Mein Herr, die Demokratie hat selbst vom Kreml mehr zu
-hoffen, als von der Hofburg, und es ist eine Schande für das
-Land Luthers und Gutenbergs –“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist außerdem wahrscheinlich eine Dummheit. Aber auch
-diese Dummheit ist ein Werkzeug der Fatalität –“
-</p>
-
-<p>
-„Ach, gehen Sie mir mit der Fatalität! Die menschliche Vernunft
-braucht sich nur stärker zu <em>wollen</em> als die Fatalität,
-und sie <em>ist</em> es!“
-</p>
-
-<p>
-„Gewollt wird immer nur das Schicksal. Das kapitalistische
-Europa will das seine.“
-</p>
-
-<p>
-„Man glaubt an das Kommen des Krieges, wenn man ihn
-nicht hinlänglich verabscheut!“
-</p>
-
-<p>
-„Ihr Abscheu ist logisch abrupt, solange Sie ihn nicht beim
-Staate selbst beginnen lassen.“
-</p>
-
-<p>
-„Der nationale Staat ist das Prinzip des Diesseits, das Sie
-dem Teufel zuschreiben möchten. Machen Sie aber die Nationen
-frei und gleich, schützen Sie die kleinen und schwachen
-vor Unterdrückung, schaffen Sie Gerechtigkeit, schaffen Sie nationale
-Grenzen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Die Brennergrenze, ich weiß. Die Liquidation Österreichs.
-Wenn ich nur wüßte, wie Sie sie ohne Krieg zu bewerkstelligen
-gedenken!“
-</p>
-
-<p>
-„Und ich wüßte wahrhaftig gern, wann jemals ich den nationalen
-Krieg verdammt haben soll.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-„Ich höre doch wohl –“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, das muß ich Herrn Settembrini bestätigen“, mischte
-sich Hans Castorp in den Disput, dem er im Gehen gefolgt
-war, indem er den jeweils Sprechenden mit schrägem Kopfe
-aufmerksam von der Seite betrachtet hatte. „Mein Vetter und
-ich haben ja schon manchmal den Vorzug gehabt, uns mit ihm
-über diese und ähnliche Dinge zu unterhalten, das heißt, natürlich
-lief es darauf hinaus, daß wir ihm zuhörten, wie er seine
-Meinungen entwickelte und alles klarstellte. Und da kann ich
-denn bestätigen, und auch mein Vetter hier wird sich daran erinnern,
-daß Herr Settembrini mehr als einmal mit großer Begeisterung
-von dem Prinzip der Bewegung und der Rebellion
-und der Weltverbesserung sprach, das ja an sich kein so ganz
-friedliches Prinzip ist, sollte ich meinen, und daß diesem Prinzip
-noch große Anstrengungen bevorständen, ehe es überall gesiegt
-haben werde und die allgemeine glückliche Weltrepublik
-stattfinden könne. Das waren seine Worte, wenn sie auch natürlich
-viel plastischer und schriftstellerischer waren als meine, das
-versteht sich von selbst. Was ich aber ganz genau weiß und
-wörtlich behalten habe, weil ich als ausgepichter Zivilist direkt
-etwas darüber erschrak, das war, daß er sagte, dieser Tag werde,
-wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf Adlerschwingen kommen
-(über die Adlerschwingen erschrak ich, wie ich mich erinnere),
-und Wien müsse aufs Haupt geschlagen sein, wenn man das
-Glück in die Wege leiten wolle. Man kann also nicht sagen,
-daß Herr Settembrini den Krieg überhaupt verworfen hat.
-Habe ich recht, Herr Settembrini?“
-</p>
-
-<p>
-„Ungefähr“, sagte der Italiener kurz, indem er abgewandten
-Kopfes seinen Stock schwenkte.
-</p>
-
-<p>
-„Schlimm“, lächelte Naphta häßlich. „Da sind Sie von
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Ihrem eigenen Schüler kriegerischer Neigungen überführt.
-<span class="antiqua" lang="la">Assument pennas ut aquilae ...</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Voltaire selbst hat den Zivilisationskrieg bejaht und Friedrich
-dem Zweiten den Krieg gegen die Türken empfohlen.“
-</p>
-
-<p>
-„Statt dessen verbündete er sich mit ihnen, he, he. Und dann
-die Weltrepublik! Ich unterlasse es, mich zu erkundigen, was
-aus dem Prinzip der Bewegung und der Rebellion wird, wenn
-das Glück und die Vereinigung hergestellt sind. In diesem
-Augenblick würde die Rebellion zum Verbrechen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie wissen sehr wohl, und auch diese jungen Herren wissen
-es, daß es sich um einen als unendlich gedachten Fortschritt
-der Menschheit handelt.“
-</p>
-
-<p>
-„Alle Bewegung ist aber kreisförmig“, sagte Hans Castorp.
-„Im Raume und in der Zeit, das lehren die Gesetze von der Erhaltung
-der Masse und von der Periodizität. Mein Vetter und
-ich sprachen vorhin noch davon. Kann denn bei geschlossener
-Bewegung ohne Richtungsdauer von Fortschritt die Rede sein?
-Wenn ich abends so liege und den Zodiakus betrachte, das
-heißt: die Hälfte, die zu sehen ist, und an die alten weisen Völker
-denke ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie sollten nicht grübeln und träumen, Ingenieur,“ unterbrach
-ihn Settembrini, „sondern sich entschlossen den Instinkten
-Ihrer Jahre und Ihrer Rasse anvertrauen, die Sie zur
-Tätigkeit drängen müssen. Auch Ihre naturwissenschaftliche
-Bildung muß Sie der Fortschrittsidee verbinden. Sie sehen
-in ungemessenen Zeiträumen das Leben vom Infusor zum
-Menschen sich fort- und emporentwickeln, Sie können nicht
-zweifeln, daß dem Menschen noch unendliche Vervollkommnungsmöglichkeiten
-offen stehen. Versteifen Sie sich denn aber
-auf die Mathematik, so führen Sie Ihren Kreislauf von
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Vollkommenheit zu Vollkommenheit und erquicken Sie sich an
-der Lehre unseres achtzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch
-ursprünglich gut, glücklich und vollkommen war, daß nur die
-gesellschaftlichen Irrtümer ihn entstellt und verdorben haben,
-und daß er auf dem Wege kritischer Arbeit am Gesellschaftsbau
-wieder gut, glücklich und vollkommen werden soll, werden
-wird –“
-</p>
-
-<p>
-„Herr Settembrini versäumt, hinzuzufügen,“ fiel Naphta
-ein, „daß das Rousseausche Idyll eine vernünftlerische Verballhornung
-der kirchlichen Doktrin von der ehemaligen Staat-
-und Sündlosigkeit des Menschen ist, seiner ursprünglichen Gottesunmittelbarkeit
-und Gotteskindschaft, zu der er zurückkehren
-soll. Die Wiederherstellung des Gottesstaates nach Auflösung
-aller irdischen Formen liegt aber dort, wo Erde und Himmel,
-Sinnliches und Übersinnliches sich berühren, das Heil ist transzendent,
-und was Ihre kapitalistische Weltrepublik anbelangt,
-lieber Doktor, so ist es recht sonderbar, Sie in diesem Zusammenhang
-vom „Instinkt“ reden zu hören. Das Instinktive
-ist durchaus auf seiten des Nationalen, und Gott selbst hat den
-Menschen den natürlichen Instinkt eingepflanzt, der die Völker
-veranlaßt hat, sich in verschiedenen Staaten voneinander
-zu sondern. Der Krieg ...“
-</p>
-
-<p>
-„Der Krieg,“ rief Settembrini, „selbst der Krieg, mein Herr,
-hat schon dem Fortschritt dienen müssen, wie Sie mir einräumen
-werden, wenn Sie sich gewisser Ereignisse aus Ihrer Lieblingsepoche,
-ich meine: wenn Sie sich der Kreuzzüge erinnern!
-Diese Zivilisationskriege haben die Beziehungen der Völker im
-wirtschaftlichen und handelspolitischen Verkehr aufs glücklichste
-begünstigt und die abendländische Menschheit im Zeichen einer
-Idee vereinigt.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-„Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will
-ich Sie dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung,
-die sie zeitigten, nichts weniger als international
-ausgleichend gewirkt haben, sondern im Gegenteil die Völker
-lehrten, sich voneinander zu unterscheiden und die Ausbildung
-der nationalen Staatsidee kräftig förderten.“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr zutreffend, soweit das Verhältnis der Völker zur Klerisei
-in Frage kommt. Ja! damals begann das Gefühl staatlich
-nationaler Ehre sich gegen hierarchische Anmaßung zu
-festigen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Und dabei ist, was Sie hierarchische Anmaßung nennen,
-nichts als die Idee menschlicher Vereinigung im Zeichen des
-Geistes!“
-</p>
-
-<p>
-„Man kennt diesen Geist, und man bedankt sich.“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist klar, daß Ihre nationale Manie den weltüberwindenden
-Kosmopolitismus der Kirche verabscheut. Wenn ich
-nur wüßte, wie Sie den Abscheu vor dem Kriege damit zu
-vereinigen gedenken. Ihr antikisierender Staatskult muß Sie
-zum Verfechter positiver Rechtsauffassung machen, und als
-solcher ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sind wir beim Recht? Im Völkerrecht, mein Herr, bleibt
-der Gedanke des Naturrechtes und allmenschlicher Vernunft
-lebendig ...“
-</p>
-
-<p>
-„Pah, Ihr Völkerrecht ist abermals nichts als eine Rousseausche
-Verballhornung des <span class="antiqua" lang="la">ius divinum</span>, das weder mit
-Natur noch Vernunft etwas zu schaffen hat, sondern auf Offenbarung
-beruht ...“
-</p>
-
-<p>
-„Streiten wir uns nicht um Namen, Professor! Nennen
-Sie ungehindert <span class="antiqua" lang="la">ius divinum</span>, was ich als Natur- und Völkerrecht
-verehre. Die Hauptsache ist, daß über den positiven
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Rechten der Nationalstaaten ein höher-gültiges, allgemeines
-sich erhebt und die Schlichtung strittiger Interessenfragen
-durch Schiedsgerichte ermöglicht.“
-</p>
-
-<p>
-„Durch Schiedsgerichte! Wenn ich das Wort höre! Durch
-ein bürgerliches Schiedsgericht, das über Fragen des Lebens
-entscheidet, Gottes Willen ermittelt und die Geschichte bestimmt!
-Gut, soviel von den Taubenfüßen. Und wo bleiben die Adlersschwingen?“
-</p>
-
-<p>
-„Die bürgerliche Gesittung –“
-</p>
-
-<p>
-„Ei, die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da
-schreien sie nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern,
-daß die Kosten der Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung
-verbilligt werden. Und dabei erstickt man im Gedränge,
-und alle Berufe sind so überfüllt, daß der Kampf um
-den Eßnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in
-den Schatten stellt. Freie Plätze und Gartenstädte! Ertüchtigung
-der Rasse! Aber wozu Ertüchtigung, wenn die Zivilisation
-und der Fortschritt wollen, daß kein Krieg mehr sei?
-Der Krieg wäre das Mittel gegen alles und für alles. Für
-die Ertüchtigung und sogar gegen den Geburtenrückgang.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie scherzen. Das ist nicht mehr ernst. Unser Gespräch
-löst sich auf und tut es im rechten Augenblick. Wir sind zur
-Stelle“, sagte Settembrini und zeigte den Vettern das Häuschen,
-vor dessen Zaunpforte sie hielten, mit dem Stock. Es
-lag nahe dem Eingang von „Dorf“ an der Straße, von der
-nur ein schmales Vorgärtchen es trennte, und war bescheiden.
-Wilder Wein schwang sich aus bloßliegenden Wurzeln um
-die Haustür und streckte einen gebogenen, an die Mauer geschmiegten
-Arm gegen das ebenerdige Fenster zur Rechten hin,
-das Schaufenster eines kleinen Kramladens. Das Erdgeschoß
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-sei des Krämers, erklärte Settembrini. Naphtas Logis befinde
-sich eine Treppe hoch in der Schneiderei, und er selbst domiziliere
-im Dach. Es sei ein friedlicher Studio.
-</p>
-
-<p>
-Mit überraschend hervorgekehrter Liebenswürdigkeit gab
-Naphta der Hoffnung Ausdruck, daß weitere Begegnungen
-aus dieser folgen möchten. „Besuchen Sie uns“, sagte er.
-„Ich würde sagen: Besuchen Sie mich, wenn Dr. Settembrini
-hier nicht ältere Rechte auf Ihre Freundschaft hätte.
-Kommen Sie, wann Sie wollen, sobald Sie Lust zu einem
-kleinen Kolloquium haben. Ich schätze den Austausch mit der
-Jugend, bin auch vielleicht nicht ohne alle pädagogische Überlieferung ...
-Wenn unser Meister vom Stuhl“ (er deutete
-auf Settembrini) „alle pädagogische Aufgelegtheit und Berufung
-dem bürgerlichen Humanismus vorbehalten will, so
-muß man ihm widersprechen. Auf bald also!“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini machte Schwierigkeiten. Es bestünden solche,
-sagte er. Die Tage des Leutnants hier oben seien gezählt, und
-der Ingenieur werde seinen Eifer im Kurdienst verdoppeln
-wollen, um ihm sehr bald in die Ebene nachfolgen zu können.
-</p>
-
-<p>
-Die jungen Leute stimmten beiden zu, dem einen nach dem
-andern. Sie hatten Naphtas Einladung mit Verbeugungen
-aufgenommen und erkannten im nächsten Augenblick die Bedenken
-Settembrinis mit Kopf und Schultern als berechtigt
-an. So blieb alles offen.
-</p>
-
-<p>
-„Wie hat er ihn genannt?“ fragte Joachim, als sie die Wegschleife
-zum „Berghof“ emporstiegen ...
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe ‚Meister vom Stuhl‘ verstanden,“ sagte Hans Castorp,
-„und denke auch eben darüber nach. Es ist wohl irgend
-so ein Witz; sie haben ja sonderbare Namen füreinander.
-Settembrini nannte Naphta ‚<span class="antiqua" lang="la">princeps scholasticorum</span>‘, –
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-auch nicht übel. Die Scholastiker, das waren ja wohl die
-Schriftgelehrten des Mittelalters, dogmatische Philosophen,
-wenn du willst. Hm. Vom Mittelalter war ja denn auch verschiedentlich
-die Rede, – wobei mir einfiel, wie Settembrini gleich
-am ersten Tage sagte, es mute manches mittelalterlich an bei
-uns hier oben: wir kamen darauf durch Adriatica von Mylendonk,
-durch den Namen. – Wie hat <em>er</em> dir gefallen?“
-</p>
-
-<p>
-„Der Kleine? Nicht gut. Er sagte manches, was mir gefiel.
-Schiedsgerichte sind natürlich eine Duckmäuserei. Aber
-er selbst hat mir wenig gefallen, und da kann einer noch so
-viel Gutes sagen, was habe ich davon, wenn er selbst ein zweifelhafter
-Kerl ist. Und zweifelhaft ist er, das kannst du nicht
-leugnen. Allein schon die Geschichte mit dem ‚Orte der Beiwohnung‘
-war entschieden bedenklich. Und dabei hat er ja eine
-Judennase, sieh ihn dir doch an! So miekrig von Figur sind
-auch immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den
-Mann zu besuchen?“
-</p>
-
-<p>
-„Selbstverständlich werden wir ihn besuchen!“ erklärte Hans
-Castorp. „Die Miekrigkeit, – das ist nur das Militär, das da
-aus dir spricht. Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen
-und waren doch höllisch auf dem Posten, nicht bloß in den Geheimwissenschaften.
-Naphta hat auch was von Geheimwissenschaft,
-er interessiert mich nicht wenig. Ich will auch nicht behaupten,
-daß ich heute schon klug aus ihm geworden bin, aber
-wenn wir öfter mit ihm zusammenkommen, so werden wir es
-vielleicht, und ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß wir
-überhaupt klüger werden bei dieser Gelegenheit.“
-</p>
-
-<p>
-„Ach, Mensch, du wirst ja immer klüger hier oben, mit deiner
-Biologie und Botanik und deinen unhaltbaren Wendepunkten.
-Und mit der ‚Zeit‘ hattest du es gleich am ersten Tage
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-zu tun. Und dabei sind wir doch hier, um gesünder, und nicht
-um gescheuter zu werden, – gesünder und ganz gesund, damit
-sie uns endlich in Freiheit setzen und als geheilt ins Flachland
-entlassen können!“
-</p>
-
-<p>
-„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ sang Hans Castorp
-leichtsinnig. „Sage mir erst mal, was Freiheit ist“, fuhr er
-sprechend fort. „Naphta und Settembrini stritten vorhin ja
-auch darüber und kamen zu keiner Einigung. ‚Freiheit ist das
-Gesetz der Menschenliebe!‘ sagt Settembrini, und das klingt
-nach seinem Vorfahren, dem Carbonaro. Aber so tapfer der
-Carbonaro war, und so tapfer unser Settembrini selber ist, ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, er wurde ungemütlich, als auf persönlichen Mut die
-Rede kam.“
-</p>
-
-<p>
-„... so glaube ich doch, daß er vor manchem Angst hat, wovor
-der kleine Naphta <em>nicht</em> Angst hat, verstehst du, und daß
-seine Freiheit und Tapferkeit ziemlich ete-pe-tete sind. Meinst
-du, daß er Mut genug hätte, <span class="antiqua" lang="fr">de se perdre ou même de se
-laisser dépérir</span>?“
-</p>
-
-<p>
-„Was fängst du an, französisch zu sprechen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nur so ... Die Atmosphäre hier ist ja so international. Ich
-weiß nicht, wer mehr Gefallen daran finden müßte: Settembrini,
-von wegen der bürgerlichen Weltrepublik, oder Naphta
-mit seinem hierarchischen Kosmopolis. Ich habe scharf aufgepaßt,
-wie du siehst, aber klar ist die Sache mir nicht geworden,
-ich fand im Gegenteil, die Konfusion war groß, die herauskam
-bei ihren Reden.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist immer so. Das wirst du immer so finden, daß bloß
-Konfusion herauskommt beim Reden und Meinungen haben.
-Ich sage dir ja, es kommt überhaupt nicht drauf an, was für
-Meinungen einer hat, sondern darauf, ob einer ein rechter Kerl
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-ist. Am besten ist, man hat gleich gar keine Meinung, sondern
-tut seinen Dienst.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale
-Existenz, die du bist. Bei mir ist es was andres, ich bin Zivilist,
-ich bin gewissermaßen verantwortlich. Und mich regt es
-auf, solche Konfusion zu sehen, wie daß der eine die internationale
-Weltrepublik predigt und den Krieg grundsätzlich verabscheut,
-dabei aber so patriotisch ist, daß er partout die Brennergrenze
-verlangt und dafür einen Zivilisationskrieg führen
-will, – und daß der andere den Staat für Teufelswerk hält
-und von der allgemeinen Vereinigung am Horizonte flötet, aber
-im nächsten Augenblick das Recht des natürlichen Instinktes
-verteidigt und sich über Friedenskonferenzen lustig macht. Unbedingt
-müssen wir hingehen, um klug daraus zu werden. Du
-sagst zwar, wir sollen hier nicht klüger werden, sondern gesünder.
-Aber das muß sich vereinigen lassen, Mann, und wenn
-du das nicht glaubst, dann treibst du Weltentzweiung, und so
-was zu treiben, ist immer ein großer Fehler, will ich dir mal
-bemerken.“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-1-3">
-Vom Gottesstaat und von übler Erlösung
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Hans Castorp bestimmte in seiner Loge ein Pflanzengewächs,
-das jetzt, da der astronomische Sommer begonnen hatte und
-die Tage kürzer zu werden begannen, an vielen Stellen wucherte:
-die Akelei oder <span class="antiqua" lang="la">Aquilegia</span>, eine Ranunkulazeenart, die
-staudenartig wuchs, hochgestielt, mit blauen und veilchenfarbnen,
-auch rotbraunen Blüten und krautartigen Blättern von
-geräumiger Fläche. Die Pflanze wuchs da und dort, massenweis
-aber namentlich in dem stillen Grunde, wo er sie vor nun
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-bald einem Jahre zuerst gesehen: der abgeschiedenen, wildwasserdurchrauschten
-Waldschlucht mit Steg und Ruhebank,
-wo sein voreilig-freizügiger und unbekömmlicher Spaziergang
-von damals geendigt hatte, und die er nun manchmal wieder
-besuchte.
-</p>
-
-<p>
-Es war, wenn man es weniger unternehmend anfing, als
-er damals getan, nicht gar so weit dorthin. Stieg man vom
-Ziel der Schlittlrennen in „Dorf“ ein wenig die Lehne hinan,
-so war der malerische Ort auf dem Waldwege, dessen Holzbrücken
-die von der Schatzalp kommende Bobbahn überkreuzten,
-ohne Umwege, Operngesang und Erschöpfungspausen
-in zwanzig Minuten zu erreichen, und wenn Joachim durch
-dienstliche Pflichten, durch Untersuchung, Innenphotographie,
-Blutprobe, Injektion oder Gewichtsfeststellung ans Haus gefesselt
-war, so wanderte Hans Castorp wohl bei heiterer Witterung
-nach dem zweiten Frühstück, zuweilen auch schon nach
-dem ersten dorthin, und auch die Stunden zwischen Tee und
-Abendessen benutzte er wohl zu einem Besuch seines Lieblingsortes,
-um auf der Bank zu sitzen, wo ihn einst das mächtige
-Nasenbluten überkommen, dem Geräusche des Gießbachs mit
-schrägem Kopfe zu lauschen und das geschlossene Landschaftsbild
-um sich her zu betrachten, sowie die Menge von blauer
-Akelei, die nun wieder in ihrem Grunde blühte.
-</p>
-
-<p>
-Kam er nur dazu? Nein, er saß dort, um allein zu sein, um
-sich zu erinnern, die Eindrücke und Abenteuer so vieler Monate
-zu überschlagen und alles zu bedenken. Es waren ihrer
-viele und mannigfaltige, – nicht leicht zu ordnen dabei, denn sie
-erschienen ihm vielfach verschränkt und ineinanderfließend, so
-daß das Handgreifliche kaum vom bloß Gedachten, Geträumten
-und Vorgestellten zu sondern war. Nur abenteuerlichen
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Wesens waren sie alle, in dem Grade, daß sein Herz, beweglich,
-wie es hier oben vom ersten Tage an gewesen und geblieben
-war, stockte und hämmerte, wenn er ihrer gedachte.
-Oder genügte bereits die Vernunftüberlegung, daß die <span class="antiqua" lang="la">Aquilegia</span>
-hier, wo ihm einst in einem Zustand herabgesetzter Lebenstätigkeit
-Pribislav Hippe leibhaftig erschienen war, nicht immer
-noch, sondern schon wieder blühte, und daß aus den „drei
-Wochen“ demallernächst ein rundes Jahr geworden sein würde,
-um sein bewegliches Herz so abenteuerlich zu erschrecken?
-</p>
-
-<p>
-Übrigens bekam er kein Nasenbluten mehr auf seiner Bank
-am Wildwasser, das war vorbei. Seine Akklimatisation, die
-Joachim ihm sogleich als schwierig hingestellt und die ihre
-Schwierigkeit denn auch bewährt hatte, war vorgeschritten,
-sie mußte nach elf Monaten als vollendet gelten, und Weitergehendes
-in dieser Richtung war kaum zu gewärtigen. Der
-Chemismus seines Magens hatte sich geregelt und angepaßt,
-Maria Mancini schmeckte, die Nerven seiner ausgetrockneten
-Schleimhäute kosteten längst wieder empfänglich die Blume
-dieses preiswerten Fabrikats, das er sich nach wie vor, wenn
-der Vorrat zur Neige ging, mit einer Art von Pietätsgefühl
-aus Bremen verschrieb, obgleich sehr einladende Ware sich in
-den Schaufenstern des internationalen Kurortes empfahl. Bildete
-Maria nicht eine Art von Verbindung zwischen ihm, dem
-Entrückten, und dem Flachlande, der alten Heimat? Unterhielt
-und bewahrte sie dergleichen Beziehungen nicht wirksamer,
-als etwa die Postkarten, die er dann und wann nach unten
-an die Onkel richtete, und deren Abstände voneinander in demselben
-Maße größer geworden waren, als er sich unter Annahme
-hiesiger Begriffe eine großartigere Zeitbewirtschaftung
-zu eigen gemacht hatte? Es waren meistens Ansichtskarten,
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-der größeren Gefälligkeit halber, mit hübschen Bildern des
-Tales im Schnee wie in sommerlicher Verfassung, und sie boten
-für Schriftliches nur eben soviel Raum, als nötig war,
-um die neueste ärztliche Verlautbarung zu überliefern, das Ergebnis
-einer Monats- oder Generaluntersuchung verwandtschaftlich
-zu melden, das heißt also: etwa mitzuteilen, daß akustisch
-wie optisch eine unverkennbare Besserung zu verzeichnen
-gewesen, daß er aber noch nicht entgiftet sei, und daß die leichte
-Übertemperatur, in der er immer noch stehe, von den kleinen
-Stellen komme, die eben noch vorhanden seien, aber bestimmt
-ohne Rest verschwinden würden, wenn er Geduld übe, so daß
-er dann keinesfalls wiederzukommen brauche. Er durfte sicher
-sein, daß darüber hinausgehende briefstellerische Leistungen
-von ihm nicht verlangt und erwartet wurden; es war keine
-humanistisch rednerische Sphäre, an die er sich wandte; die
-Antworten, die er erhielt, waren ebensowenig ergußhafter Art.
-Sie begleiteten meistens die geldlichen Subsistenzmittel, die ihm
-von zu Hause zukamen, die Zinsen seines väterlichen Erbes, die
-sich in hiesiger Münze so vorteilhaft ausnahmen, daß er sie
-niemals verzehrt hatte, wenn eine neue Lieferung eintraf, und
-bestanden in einigen Zeilen Maschinenschrift, gezeichnet James
-Tienappel, mit Grüßen und Genesungswünschen vom Großonkel
-und manchmal auch von dem seefahrenden Peter.
-</p>
-
-<p>
-Die Verabfolgung der Injektionen, so meldete Hans Castorp
-nach Hause, hatte der Hofrat neuestens unterbrochen. Sie
-bekamen diesem jungen Patienten nicht, verursachten ihm Kopfschmerzen,
-Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme und Müdigkeit,
-hatten die „Temperatur“ zunächst erhöht und dann nicht beseitigt.
-Sie glühte als trockene Hitze subjektiv fort in seiner rosenroten
-Miene, als Mahnung daran, daß die Akklimatisation
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-für diesen Sprößling der Tiefebene und ihrer feuchtfröhlichen
-Meteorologie doch eben wohl hauptsächlich in der Gewöhnung
-daran bestand, daß er sich nicht gewöhnte, – was übrigens
-Rhadamanthys ja selber nicht tat, der immer blaue
-Backen hatte. „Manche gewöhnen sich nie“, hatte Joachim
-gleich gesagt, und dies schien Hans Castorps Fall. Denn auch
-das Genickzittern, das ihn hier oben bald nach der Ankunft zu
-belästigen begonnen, hatte sich nicht wieder verlieren wollen,
-sondern stellte sich im Gehen, im Gespräch, ja selbst hier oben
-am blau blühenden Orte seines Nachdenkens über den Komplex
-seiner Abenteuer unvermeidlich ein, so daß ihm die würdige
-Kinnstütze Hans Lorenz Castorps beinahe schon zur festen
-Gewohnheit geworden war, – nicht ohne ihn selbst, wenn er
-sie benützte, an die Vatermörder des Alten, die Interimsform
-der Ehrenkrause, an das blaßgoldene Rund der Taufschale,
-an den frommen Ur-Ur-Laut und ähnliche Verwandtschaften
-unter der Hand zu erinnern und ihn so zum Überdenken seines
-Lebenskomplexes neuerdings hinzuleiten.
-</p>
-
-<p>
-Pribislav Hippe erschien ihm nicht mehr leibhaftig, wie vor
-elf Monaten. Seine Akklimatisation war vollendet, er hatte
-keine Visionen mehr, lag nicht mit stillgestelltem Leibe auf seiner
-Bank, während sein Ich in ferner Gegenwart weilte –
-nichts mehr von solchen Zufällen. Deutlichkeit und Lebendigkeit
-dieses Erinnerungsbildes, wenn es ihm denn vorschwebte,
-hielten sich in normalen, gesunden Grenzen; und im Zusammenhange
-damit zog dann Hans Castorp wohl aus seiner Brusttasche
-das gläserne Angebinde, das er dort in einem gefütterten
-Briefumschlag und hierauf in der Brieftasche verwahrt
-hielt: ein Täfelchen, das, wenn man es in gleicher Ebene mit
-dem Erdboden hielt, schwarz-spiegelnd und undurchsichtig
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-schien, aber, gegen das Himmelslicht aufgehoben, sich erhellte
-und humanistische Dinge vorwies: das transparente Bild des
-Menschenleibes, Rippenwerk, Herzfigur, Zwerchfellbogen und
-Lungengebläse, dazu das Schlüssel- und Oberarmgebein, umgeben
-dies alles von blaß-dunstiger Hülle, dem Fleische, von
-dem Hans Castorp in der Faschingswoche vernunftwidriger
-Weise gekostet hatte. Was Wunder, daß sein bewegliches Herz
-stockte und stürzte, wenn er das Angebinde betrachtete und dann
-fortfuhr, „alles“ zu überschlagen und zu bedenken, gelehnt an
-die schlicht gezimmerte Lehne der Ruhebank, die Arme gekreuzt,
-den Kopf zur Schulter geneigt, im Geräusche des Gießwassers
-und angesichts der blaublühenden Akelei?
-</p>
-
-<p>
-Das Hochgebild organischen Lebens, die Menschengestalt
-schwebte ihm vor, wie in jener Frost- und Sternennacht anläßlich
-gelehrter Studien, und an ihre innere Anschauung knüpften
-sich für den jungen Hans Castorp so manche Fragen und
-Unterscheidungen, mit denen sich abzugeben der gute Joachim
-nicht verpflichtet sein mochte, für die aber er als Zivilist sich
-verantwortlich zu fühlen begonnen hatte, obwohl auch er im
-Flachlande drunten ihrer niemals ansichtig geworden war und
-vermutlich nie ansichtig würde geworden sein, wohl aber hier,
-wo man aus der beschaulichen Abgeschiedenheit von fünftausend
-Fuß auf Welt und Kreatur hinabblickte und sich seine
-Gedanken machte, – vermöge einer durch lösliche Gifte erzeugten
-Steigerung des Körpers auch wohl, die als trockene Hitze im
-Antlitz brannte. Er dachte an Settembrini im Zusammenhang
-mit jener Anschauung, an den pädagogischen Drehorgelmann,
-dessen Vater in Hellas zur Welt gekommen, und der die Liebe
-zum Hochgebild als Politik, Rebellion und Eloquenz erläuterte,
-indem er die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-weihte; dachte auch an den Kameraden Krokowski und an
-das, was er seit einiger Zeit im verdunkelten Zimmergelaß
-mit ihm trieb, besann sich über das doppelte Wesen der Analyse
-und wie weit sie der Tat und dem Fortschritte förderlich
-sei, wie weit dem Grabe verwandt und seiner anrüchigen Anatomie.
-Er rief die Bilder der beiden Großväter neben- und
-gegeneinander herauf, des rebellischen und des getreuen, die
-Schwarz trugen aus unterschiedlichen Gründen, und erwog ihre
-Würde; ging ferner mit sich zu Rate über so weitläufige Komplexe
-wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und
-Schande, Zeit und Ewigkeit, – und unterlag einem kurzen, aber
-stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder
-blühte und das Jahr in sich selber lief.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche
-Gedankenbeschäftigung am malerischen Orte seiner Zurückgezogenheit:
-er nannte sie „Regieren“, – gebrauchte dies
-Spiel- und Knabenwort, diesen Kinderausdruck dafür, als für
-eine Unterhaltung, die er liebte, obwohl sie mit Schrecken,
-Schwindel und allerlei Herztumulten verbunden war und seine
-Gesichtshitze übermäßig verstärkte. Doch fand er es nicht unschicklich,
-daß die mit dieser Tätigkeit verbundene Anstrengung
-ihn nötigte, sich der Kinnstütze zu bedienen; denn diese Haltung
-stimmte wohl mit der Würde überein, die das „Regieren“ angesichts
-des vorschwebenden Hochgebildes ihm innerlich verlieh.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="la">Homo Dei</span>“ hatte der häßliche Naphta das Hochgebild
-genannt, als er es gegen die englische Gesellschaftslehre verteidigte.
-Was Wunder, daß Hans Castorp um seiner zivilistischen
-Verantwortlichkeit willen und im Regierungsinteresse sich
-gehalten fand, mit Joachim bei dem Kleinen Besuch zu machen?
-Settembrini sah es ungern, – dies deutlich zu spüren, war Hans
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-Castorp schlau und dünnhäutig genug. Schon die erste Begegnung
-war dem Humanisten unangenehm gewesen, er hatte
-sie offensichtlich zu verhindern gestrebt und die jungen Leute,
-namentlich aber ihn selbst – so sagte sich das durchtriebene
-Sorgenkind – vor der Bekanntschaft mit Naphta pädagogisch
-hüten wollen, obgleich ja er für seine Person mit ihm verkehrte
-und disputierte. So sind die Erzieher. Sich selber gönnen
-sie das Interessante, indem sie sich ihm „gewachsen“ nennen;
-der Jugend aber verbieten sie es und verlangen, daß sie
-sich dem Interessanten nicht „gewachsen“ fühle. Ein Glück nur,
-daß es dem Drehorgelmann im Ernst überhaupt nicht zustand,
-dem jungen Hans Castorp etwas zu verbieten, und daß er ja
-auch gar nicht den Versuch dazu gemacht hatte. Der Sorgenzögling
-brauchte seine Dünnhäutigkeit nur zu verleugnen und
-Unschuld vorzuschützen, so hinderte nichts ihn, der Einladung
-des kleinen Naphta freundlich zu folgen, – was er denn auch
-getan hatte, mit dem wohl oder übel sich anschließenden Joachim,
-wenige Tage nach dem ersten Zusammentreffen, an einem
-Sonntagnachmittag, nach dem Hauptliegedienst.
-</p>
-
-<p>
-Es waren wenige Minuten Wegs vom Berghof hinunter
-zum Häuschen mit der weinumkränzten Haustür. Sie traten
-ein, ließen den Zugang zum Krämerladen zur Rechten liegen
-und erklommen die schmale braune Stiege, die sie vor eine
-Etagentür führte, neben deren Klingel lediglich das Namensschild
-Lukačeks, des Damenschneiders, angebracht war. Die
-Person, die ihnen öffnete, war ein halbwüchsiger Knabe in
-einer Art von Livree, gestreifter Jacke und Gamaschen, ein
-Dienerchen, kurzgeschoren und rotbackig. Ihn fragten sie nach
-Herrn Professor Naphta und prägten ihm, da sie mit Karten
-nicht ausgestattet waren, ihre Namen ein, die er Herrn Naphta
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-– er gebrauchte keinen Titel – zu nennen ging. Die dem Eingang
-gegenüberliegende Zimmertür stand offen und gewährte
-Einblick in die Schneiderei, wo des Feiertags ungeachtet Lukaček
-mit untergeschlagenen Beinen auf einem Tische saß und
-nähte. Er war bleich und kahlköpfig; von einer übergroßen,
-abfallenden Nase hing ihm der schwarze Schnurrbart mit
-saurem Ausdruck zu seiten des Mundes herab.
-</p>
-
-<p>
-„Guten Tag!“ wünschte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Grütsi“, antwortete der Schneider mundartlich, obgleich
-das Schweizerische weder zu seinem Namen noch zu seinem
-Äußeren paßte und etwas falsch und sonderbar klang.
-</p>
-
-<p>
-„So fleißig?“ fuhr Hans Castorp nickend fort ... „Es ist
-ja Sonntag!“
-</p>
-
-<p>
-„Eilige Arbeit“, versetzte Lukaček kurz und stichelte.
-</p>
-
-<p>
-„Ist wohl was Feines,“ vermutete Hans Castorp, „was
-rasch gebraucht wird, für eine Reunion oder so?“
-</p>
-
-<p>
-Der Schneider ließ diese Frage eine Weile unbeantwortet,
-biß den Faden ab und fädelte neu ein. Nachträglich nickte er.
-</p>
-
-<p>
-„Wird es hübsch?“ fragte Hans Castorp noch. „Machen
-Sie Ärmel daran?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Ärmel, es ist für eine Olte“, antwortete Lukaček mit
-stark böhmischem Akzent. Die Rückkehr des Dienerchens unterbrach
-dies durch die Tür geführte Gespräch. Herr Naphta
-lasse bitten, näher zu treten, meldete er und öffnete den jungen
-Leuten eine Tür, zwei oder drei Schritte weiter rechts, wobei
-er auch noch eine zusammenfallende Portiere vor ihnen aufzuheben
-hatte. Die Eintretenden empfing Naphta, in Schleifenschuhen
-auf moosgrünem Teppich stehend.
-</p>
-
-<p>
-Beide Vettern waren überrascht durch den Luxus des zweifenstrigen
-Arbeitszimmers, das sie aufgenommen hatte, ja
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-geblendet durch Überraschung; denn die Dürftigkeit des Häuschens,
-seiner Treppe, seines armseligen Korridors ließ dergleichen
-nicht entfernt erwarten und verlieh der Eleganz von Naphtas
-Einrichtung durch Kontrastwirkung etwas Märchenhaftes,
-was sie an und für sich kaum besaß und auch in den Augen
-Hans Castorps und Joachim Ziemßens nicht besessen hätte.
-Immerhin, sie war fein, ja glänzend, und zwar so, daß sie trotz
-Schreibtisch und Bücherschränken den Charakter des Herrenzimmers
-eigentlich nicht wahrte. Es war zuviel Seide darin,
-weinrote, purpurrote Seide: die Vorhänge, die die schlechten
-Türen verbargen, waren daraus, die Fenster-Überfälle und
-ebenso die Bezüge der Meubles-Gruppe, die an einer Schmalseite,
-der zweiten Tür gegenüber, vor einem die Wand fast
-ganz bespannenden Gobelin angeordnet war. Es waren Barockarmstühle
-mit kleinen Polstern auf den Seitenlehnen, um einen
-runden, metallbeschlagenen Tisch gruppiert, hinter dem ein mit
-Seidenplüschkissen ausgestattetes Sofa desselben Stiles stand.
-Die Bücherspinde nahmen die Wandpartien neben den beiden
-Türen ein. Sie waren, wie der Schreibtisch, oder vielmehr der
-mit einem gewölbten Rolldeckel versehene Sekretär, der zwischen
-den Fenstern Platz gefunden hatte, in Mahagoni gearbeitet,
-mit Glastüren, hinter die grüne Seide gespannt war. Aber in
-dem Winkel links von der Sofagruppe war ein Kunstwerk zu
-sehen, eine große, auf rot verkleidetem Sockel erhöhte bemalte
-Holzplastik, – etwas innig Schreckhaftes, eine Pietà, einfältig
-und wirkungsvoll bis zum Grotesken: die Gottesmutter in der
-Haube, mit zusammengezogenen Brauen und jammernd schief
-geöffnetem Munde, den Schmerzensmann auf ihrem Schoß,
-eine im Größenverhältnis primitiv verfehlte Figur mit kraß herausgearbeiteter
-Anatomie, die jedoch von Unwissenheit zeugte,
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-das hängende Haupt von Dornen starrend, Gesicht und Glieder
-mit Blut befleckt und berieselt, dicke Trauben geronnenen Blutes
-an der Seitenwunde und den Nägelmalen der Hände und
-Füße. Dies Schaustück verlieh dem seidenen Zimmer nun freilich
-einen besonderen Akzent. Auch die Tapete, über den Bücherschränken
-und an der Fensterwand sichtbar, war übrigens offenbar
-eine Leistung des Mieters: das Grün ihrer Längsstreifen
-war das des weichen Teppichs, der über die rote Bodenbespannung
-gebreitet war. Nur der niedrigen Decke war wenig
-zu helfen gewesen. Sie war kahl und rissig. Doch hing ein kleiner
-venezianischer Lüster daran herab. Die Fenster waren mit
-cremefarbenen Stores verhüllt, die bis zum Boden reichten.
-</p>
-
-<p>
-„Da haben wir uns zu einem Kolloquium eingefunden!“
-sagte Hans Castorp, während seine Augen mehr an dem frommen
-Schrecknis im Winkel, als an dem Bewohner des überraschenden
-Zimmers hafteten, der es anerkannte, daß die Vettern
-Wort gehalten hätten. Er wollte sie mit gastlichen Bewegungen
-seiner kleinen Rechten zu den seidenen Sitzen leiten,
-aber Hans Castorp ging geradeswegs und gebannt auf die
-Holzgruppe zu und blieb, Arme in die Hüften gestemmt, mit
-seitwärts geneigtem Kopf davor stehen.
-</p>
-
-<p>
-„Was haben Sie denn da!“ sagte er leise. „Das ist ja
-schrecklich gut. Hat man je so ein Leiden gesehn. Etwas Altes,
-natürlich?“
-</p>
-
-<p>
-„Vierzehntes Jahrhundert“, antwortete Naphta. „Wahrscheinlich
-rheinischer Herkunft. Es macht Ihnen Eindruck?“
-</p>
-
-<p>
-„Enormen“, sagte Hans Castorp. „Das kann seinen Eindruck
-auf den Beschauer denn doch wohl gar nicht verfehlen.
-Ich hätte nicht gedacht, daß etwas zugleich so häßlich – entschuldigen
-Sie – und so schön sein könnte.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-„Erzeugnisse einer Welt der Seele und des Ausdrucks,“ versetzte
-Naphta, „sind immer häßlich vor Schönheit und schön
-vor Häßlichkeit, das ist die Regel. Es handelt sich um geistige
-Schönheit, nicht um die des Fleisches, die absolut dumm ist.
-Übrigens auch abstrakt ist sie“, fügte er hinzu. „Die Schönheit
-des Leibes ist abstrakt. Wirklichkeit hat nur die innere, die
-des religiösen Ausdrucks.“
-</p>
-
-<p>
-„Das haben Sie dankenswert richtig unterschieden und angeordnet“,
-sagte Hans Castorp. „Vierzehntes?“ versicherte
-er sich ... „Dreizehnhundertsoundso? Ja, das ist das Mittelalter,
-wie es im Buche steht, ich erkenne gewissermaßen die Vorstellung
-darin wieder, die ich mir in letzter Zeit vom Mittelalter
-gemacht habe. Ich wußte eigentlich nichts davon, ich bin
-ja ein Mann des technischen Fortschritts, soweit ich überhaupt
-in Frage komme. Aber hier oben ist mir die Vorstellung des
-Mittelalters verschiedentlich nahe gebracht worden. Die ökonomistische
-Gesellschaftslehre gab es damals noch nicht, soviel
-ist klar. Wie hieß der Künstler denn wohl?“
-</p>
-
-<p>
-Naphta zuckte die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-„Was liegt daran?“ sagte er. „Wir sollten danach nicht
-fragen, da man auch damals, als es entstand, nicht danach
-fragte. Das hat keinen wunderwie individuellen Monsieur
-zum Autor, es ist anonym und gemeinsam. Es ist übrigens
-sehr vorgeschrittenes Mittelalter, Gotik, <span class="antiqua" lang="la">Signum mortificationis</span>.
-Sie finden da nichts mehr von der Schonung und Beschönigung,
-mit der noch die romanische Epoche den Gekreuzigten
-darstellen zu müssen glaubte, keine Königskrone, keinen majestätischen
-Triumph über Welt und Martertod. Alles ist radikale
-Verkündigung des Leidens und der Fleischesschwäche. Erst
-der gotische Geschmack ist der eigentlich pessimistisch-asketische.
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Sie werden die Schrift Innozenz des Dritten, ‚<span class="antiqua" lang="la">De miseria
-humanae conditionis</span>‘, nicht kennen, – ein äußerst witziges
-Stück Literatur. Sie stammt vom Ende des zwölften Jahrhunderts,
-aber erst diese Kunst liefert die Illustrationen dazu.“
-</p>
-
-<p>
-„Herr Naphta,“ sagte Hans Castorp nach einem Aufseufzen,
-„mich interessiert jedes Wort von dem, was Sie da hervorheben.
-‚<span class="antiqua" lang="la">Signum mortificationis</span>‘ sagten Sie? Das werde
-ich mir merken. Vorher sagten Sie etwas von ‚anonym und
-gemeinsam‘, was auch der Mühe wert scheint, darüber nachzudenken.
-Sie vermuten leider richtig, daß ich die Schrift des
-Papstes – ich nehme an, daß Innozenz der Dritte ein Papst
-war – nicht kenne. Habe ich richtig verstanden, daß sie asketisch
-und witzig ist? Ich muß gestehen, ich habe mir nie vorgestellt,
-daß das so Hand in Hand gehen könnte, aber wenn
-ich es ins Auge fasse, so leuchtet es mir ein, natürlich, eine Abhandlung
-über das menschliche Elend bietet zum Witz schon
-Gelegenheit, auf Kosten des Fleisches. Ist die Schrift denn
-erhältlich? Wenn ich mein Latein zusammennähme, vielleicht
-könnte ich sie lesen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich besitze das Buch“, antwortete Naphta, mit dem Kopf
-nach einem der Schränke weisend. „Es steht Ihnen zur Verfügung.
-Aber wollen wir uns nicht setzen? Sie sehen die Pietà
-auch vom Sofa aus. Eben kommt unser kleines Vespermahl ...“
-</p>
-
-<p>
-Es war das Dienerchen, das Tee brachte, dazu einen hübschen
-silberbeschlagenen Korb, worin in Stücke geschnittener
-Baumkuchen lag. Hinter ihm aber, durch die offene Tür, wer
-trat beschwingten Schrittes mit „Sapperlot!“ „<span class="antiqua" lang="it">Accidenti!</span>“
-und feinem Lächeln herein? Das war Herr Settembrini, wohnhaft
-eine Treppe höher, der sich einfand, in der Absicht, den
-Herren Gesellschaft zu leisten. Durch sein Fensterchen, sagte er,
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-habe er die Vettern kommen sehen und rasch noch eine enzyklopädische
-Seite heruntergeschrieben, die er eben unter der
-Feder gehabt, um sich dann ebenfalls hier zu Gaste zu bitten.
-Nichts war natürlicher, als daß er kam. Seine alte Bekanntschaft
-mit den Berghofbewohnern berechtigte ihn dazu, und
-dann war auch sein Verkehr und Austausch mit Naphta, trotz
-tiefgehender Meinungsverschiedenheiten, ja offenbar überhaupt
-sehr lebhaft, – wie denn der Gastgeber ihn leichthin und
-ohne Überraschung als Zugehörigen begrüßte. Das hinderte
-nicht, daß Hans Castorp von seinem Kommen sehr deutlich
-einen doppelten Eindruck gewann. Erstens, so empfand er,
-stellte Herr Settembrini sich ein, um ihn und Joachim, oder
-eigentlich kurzweg ihn, nicht mit dem häßlichen kleinen Naphta
-allein zu lassen, sondern durch seine Anwesenheit ein pädagogisches
-Gegengewicht zu schaffen; und zweitens war klar ersichtlich,
-daß er gar nichts dagegen hatte, sondern die Gelegenheit
-recht gern benutzte, den Aufenthalt in seinem Dach auf eine
-Weile mit dem in Naphtas seidenfeinem Zimmer zu vertauschen
-und einen wohlservierten Tee einzunehmen: er rieb sich die gelblichen,
-an der Kleinfingerseite des Rückens mit schwarzen Haaren
-bewachsenen Hände, bevor er zugriff, und speiste mit unverkennbarem,
-auch lobend ausgesprochenem Genuß von dem
-Baumkuchen, dessen schmale, gebogene Scheiben von Schokoladeadern
-durchzogen waren.
-</p>
-
-<p>
-Das Gespräch fuhr noch fort, sich mit der Pietà zu beschäftigen,
-da Hans Castorp mit Blick und Wort an dem Gegenstand
-festhielt, wobei er sich an Herrn Settembrini wandte und
-diesen gleichsam mit dem Kunstwerk in kritischen Kontakt zu
-setzen suchte, – während ja der Abscheu des Humanisten gegen
-diesen Zimmerschmuck deutlich genug in der Miene zu lesen
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-war, mit der er sich danach umwandte: denn er hatte sich mit
-dem Rücken gegen jenen Winkel gesetzt. Zu höflich, um alles
-zu sagen, was er dachte, beschränkte er sich darauf, Fehlerhaftigkeiten
-in den Verhältnissen und den Körperformen der Gruppe
-zu beanstanden, Verstöße gegen die Naturwahrheit, die weit
-entfernt seien, rührend auf ihn zu wirken, da sie nicht frühzeitlichem
-Unvermögen, sondern bösem Willen, einem grundfeindlichen
-Prinzip entsprängen, – worin Naphta ihm boshaft zustimmte.
-Gewiß, von technischem Ungeschick könne nicht entfernt
-die Rede sein. Es handle sich um bewußte Emanzipation
-des Geistes vom Natürlichen, dessen Verächtlichkeit durch die
-Verweigerung jeder Demut davor religiös verkündet werde.
-Als aber Settembrini die Vernachlässigung der Natur und ihres
-Studiums für menschlich abwegig erklärte und gegen die absurde
-Formlosigkeit, der das Mittelalter und die ihm nachahmenden
-Epochen gefrönt hätten, das griechisch-römische
-Erbe, den Klassizismus, Form, Schönheit, Vernunft und naturfromme
-Heiterkeit, die allein die Sache des Menschen zu fördern
-berufen seien, in prallen Worten zu erheben begann, mischte
-Hans Castorp sich ein und fragte, was denn aber bei solcher
-Bewandtnis mit Plotinus los sei, der sich nachweislich seines
-Körpers geschämt, und mit Voltaire, der im Namen der Vernunft
-gegen das skandalöse Erdbeben von Lissabon revoltiert
-habe? Absurd? Das sei auch absurd gewesen, aber wenn man
-alles recht überlege, so könne man seiner Ansicht nach das Absurde
-recht wohl als das geistig Ehrenhafte bezeichnen, und die
-absurde Naturfeindschaft der gotischen Kunst sei am Ende
-ebenso ehrenhaft gewesen wie das Gebaren der Plotinus und
-Voltaire, denn es drücke sich dieselbe Emanzipation von Fatum
-und Faktum darin aus, derselbe unknechtische Stolz, der sich
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-weigere, vor der dummen Macht, nämlich vor der Natur, abzudanken
-...
-</p>
-
-<p>
-Naphta brach in Lachen aus, das sehr an den bewußten
-Teller erinnerte und in Husten endigte. Settembrini sagte
-vornehm:
-</p>
-
-<p>
-„Sie schädigen unseren Wirt, indem Sie so witzig sind und
-erweisen sich also undankbar für dies köstliche Gebäck. Ist
-Dankbarkeit überhaupt Ihre Sache? Wobei ich voraussetze,
-daß Dankbarkeit darin besteht, von empfangenen Geschenken
-einen guten Gebrauch zu machen ...“
-</p>
-
-<p>
-Da Hans Castorp sich schämte, setzte er scharmant hinzu:
-</p>
-
-<p>
-„Man kennt Sie als Schalk, Ingenieur. Ihre Art, das Gute
-freundschaftlich zu necken, läßt mich keineswegs an Ihrer Liebe
-zu ihm verzweifeln. Sie wissen selbstverständlich, daß nur diejenige
-Auflehnung des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft
-zu nennen ist, die die Würde und Schönheit des Menschen im
-Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn sie seine Entwürdigung
-und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch jedenfalls nach
-sich zieht. Sie wissen auch, welche entmenschte Greuel, welche
-mordgierige Unduldsamkeit die Epoche, der das Artefakt da
-hinter mir sein Dasein verdankt, gezeitigt hat. Ich brauche
-Sie nur an den entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige
-Figur eines Konrad von Marburg etwa, zu erinnern und
-an seine infame Priesterwut gegen alles, was der Herrschaft
-des Übernatürlichen entgegenstand. Sie sind weit entfernt,
-Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der Menschenliebe
-anzuerkennen ...“
-</p>
-
-<p>
-„In deren Dienst dagegen,“ äußerte Naphta, „arbeitete die
-Maschinerie, mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern
-reinigte. Alle Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen,
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-auch die Exkommunikation, wurden verhängt, um die Seele
-vor ewiger Verdammnis zu retten, was man von der Vertilgungslust
-der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir,
-zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben
-an ein Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was
-die Entwürdigung des Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte
-exakt mit der des bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance,
-Aufklärung und die Naturwissenschaft und Ökonomistik des
-neunzehnten Jahrhunderts haben nichts, aber auch nichts zu
-lehren unterlassen, was irgend tauglich schien, diese Entwürdigung
-zu fördern, angefangen mit der neuen Astronomie, die
-aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo
-Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten
-Geschöpfes kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern
-machte und der großartigen kosmischen Stellung des Menschen,
-auf der übrigens die Astrologie beruhte, vorderhand ein
-Ende bereitete.“
-</p>
-
-<p>
-„Vorderhand?“ Herrn Settembrinis Miene hatte, wie er
-es lauernd fragte, selber etwas von der eines Ketzerrichters und
-Inquisitors, der darauf wartet, daß der Aussagende sich im unzweifelhaft
-Sträflichen verfange.
-</p>
-
-<p>
-„Allerdings. Für ein paar hundert Jahre“, bestätigte Naphta
-kalt. „Eine Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles
-täuscht, auch in dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen
-Gange. Kopernikus wird von Ptolemäus geschlagen werden.
-Die heliozentrische These begegnet nachgerade einem geistigen
-Widerstand, dessen Unternehmungen wahrscheinlich zum Ziele
-führen werden. Die Wissenschaft wird sich philosophisch genötigt
-sehen, die Erde in alle Würden wieder einzusetzen, die
-das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-„Wie? Wie? Geistiger Widerstand? Philosophisch genötigt
-sehen? Zum Ziele führen? Welche Art von Voluntarismus
-spricht aus Ihnen? Und die voraussetzungslose Forschung?
-Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein Herr, die
-mit der Freiheit so innig verbunden ist, und deren Blutzeugen,
-aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern
-vielmehr zur ewigen Zierde gereichen??“
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art, zu fragen. Hochaufgerichtet
-saß er und ließ seine ehrenhaften Worte auf den
-kleinen Herrn Naphta niedersausen, am Ende die Stimme so
-mächtig hochziehend, daß man wohl hörte, wie sicher er war,
-daß des Gegners Antwort hierauf nur in beschämtem Schweigen
-bestehen könne. Er hatte ein Stück Baumkuchen zwischen
-den Fingern gehalten, während er sprach, legte es aber nun
-auf den Teller zurück, da er nach dieser Fragestellung nicht
-hineinbeißen mochte.
-</p>
-
-<p>
-Naphta erwiderte mit unangenehmer Ruhe:
-</p>
-
-<p>
-„Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit
-der kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins
-Satz ‚Ich glaube, damit ich erkenne‘ zusammenfassen läßt, ist
-völlig unbestreitbar. Der Glaube ist das Organ der Erkenntnis
-und der Intellekt sekundär. Ihre voraussetzungslose Wissenschaft
-ist eine Mythe. Ein Glaube, eine Weltanschauung,
-eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und Sache
-der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft
-immer und in allen Fällen auf das ‚<span class="antiqua" lang="la">Quod erat demonstrandum</span>‘
-hinaus. Schon der Begriff des Beweises enthält, psychologisch
-genommen, ein stark voluntaristisches Element. Die
-großen Scholastiker des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts
-waren einig in der Überzeugung, daß in der Philosophie
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei. Lassen
-wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine
-Humanität, die nicht anerkennt, daß in der Naturwissenschaft
-nicht wahr sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das
-ist keine Humanität. Die Argumentation des heiligen Offiziums
-gegen Galilei lautete dahin, daß seine Sätze philosophisch absurd
-seien. Eine schlagendere Argumentation gibt es nicht.“
-</p>
-
-<p>
-„Eh, eh, die Argumente unseres armen, großen Galilei haben
-sich als stichhaltiger erwiesen! Nein, lassen Sie uns ernsthaft
-reden, Professore! Beantworten Sie mir vor diesen beiden aufmerksamen
-jungen Leuten die Frage: Glauben Sie an eine
-Wahrheit, an die objektive, die wissenschaftliche Wahrheit, der
-nachzustreben oberstes Gesetz aller Sittlichkeit ist, und deren
-Triumphe über die Autorität die Ruhmesgeschichte des Menschengeistes
-bilden?!“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp und Joachim wandten die Köpfe von Settembrini
-zu Naphta, der erstere schneller, als der andere.
-Naphta antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität
-ist der Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und
-zwischen ihr und der Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben.
-Sie fallen zusammen.“
-</p>
-
-<p>
-„Die Wahrheit wäre demnach –“
-</p>
-
-<p>
-„Wahr ist, was dem Menschen frommt. In ihm ist die Natur
-zusammengefaßt, in aller Natur ist nur er geschaffen und
-alle Natur nur für ihn. Er ist das Maß der Dinge und sein
-Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine theoretische Erkenntnis,
-die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee des Menschen
-entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder Wahrheitswert
-ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-ist. Die christlichen Jahrhunderte waren völlig einig über die
-menschliche Unerheblichkeit der Naturwissenschaft. Lactantius,
-den Konstantin der Große zum Lehrer seines Sohnes wählte,
-fragte gerade heraus, welche Seligkeit er denn gewinnen werde,
-wenn er wisse, wo der Nil entspringt, oder was die Physiker
-vom Himmel faseln. Das beantworten Sie ihm einmal! Wenn
-man die platonische Philosophie jeder anderen vorzog, so darum,
-weil sie sich nicht mit Naturerkenntnis, sondern mit der
-Erkenntnis Gottes abgab. Ich kann Sie versichern, die Menschheit
-ist im Begriff, zu diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und
-einzusehen, daß es nicht Aufgabe wahrer Wissenschaft ist, heillosen
-Erkenntnissen nachzulaufen, sondern das Schädliche oder
-auch nur ideell Bedeutungslose grundsätzlich auszuscheiden und
-mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es ist
-kindisch, zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das
-Licht verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein ‚voraussetzungsloses‘
-Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt:
-ein solches, das sich der Rücksicht auf das Geistige, auf den
-Zweck der Heilserwerbung entschlägt, für strafbar zu erklären,
-und was den Menschen in Finsternis geführt hat und immer
-tiefer führen wird, ist vielmehr die ‚voraussetzungslose‘, die
-aphilosophische Naturwissenschaft.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie lehren da einen Pragmatismus,“ erwiderte Settembrini,
-„den Sie nur ins Politische zu übertragen brauchen, um
-seiner ganzen Verderblichkeit ansichtig zu werden. Gut, wahr
-und gerecht ist, was dem Staate frommt. Sein Heil, seine
-Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen. Schön!
-Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die
-menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie
-– sie mögen sehen, wo sie bleiben ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-„Ich bringe ein wenig Logik in Vorschlag“, versetzte Naphta.
-„Entweder Ptolemäus und die Scholastik behalten recht, und
-die Welt ist endlich in Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit
-transzendent, der Gegensatz von Gott und Welt bleibt aufrecht,
-und auch der Mensch ist eine dualistische Existenz: das
-Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des Sinnlichen
-und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit Abstand
-zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich
-als konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen
-fanden die Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich.
-Dann gibt es keine übersinnliche Welt, keinen Dualismus;
-das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der Gegensatz
-von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch
-die menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier
-feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, sondern einheitlich
-ist, so beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der
-Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen, und der Zweck des
-Staates wird, wie es gut heidnisch ist, zum Gesetz des Sittlichen.
-Eines oder das andere.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich protestiere!“ rief Settembrini, indem er seine Teetasse
-dem Gastgeber mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt. „Ich
-protestiere gegen die Unterstellung, daß der moderne Staat
-die Teufelsknechtschaft des Individuums bedeute! Ich protestiere
-zum drittenmal, und zwar gegen die vexatorische Alternative
-von Preußentum und gotischer Reaktion, vor die Sie
-uns stellen wollen! Die Demokratie hat keinen anderen Sinn,
-als den einer individualistischen Korrektur jedes Staatsabsolutismus.
-Wahrheit und Gerechtigkeit sind Kronjuwelen individueller
-Sittlichkeit, und im Falle des Konflikts mit dem
-Staatsinteresse mögen sie wohl sogar den Anschein staatsfeindlicher
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Mächte gewinnen, während sie in der Tat das höhere,
-sagen wir es doch: das überirdische Wohl des Staates im Auge
-haben. Die Renaissance der Ursprung der Staatsvergottung!
-Welche Afterlogik! Die Errungenschaften – ich sage mit etymologischer
-Betonung: die <em>Errungen</em>schaften von Renaissance
-und Aufklärung, mein Herr, heißen Persönlichkeit, Menschenrecht,
-Freiheit!“
-</p>
-
-<p>
-Die Zuhörer atmeten aus, denn sie hatten die Luft angehalten
-bei Herrn Settembrinis großer Replik. Hans Castorp
-konnte sogar nicht umhin, mit der Hand, wenn auch
-zurückhaltenderweise, auf den Tischrand zu schlagen. „Brillant!“
-sagte er zwischen den Zähnen, und auch Joachim zeigte
-starke Befriedigung, obgleich ein Wort gegen das Preußentum
-gefallen war. Dann aber wandten sich beide dem eben
-zurückgeschlagenen Interlokutor zu, Hans Castorp mit solchem
-Eifer, daß er den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn
-in die Faust stützte, ungefähr wie beim Schweinchen-Zeichnen,
-und Herrn Naphta aus nächster Nähe gespannt ins Gesicht
-blickte.
-</p>
-
-<p>
-Dieser saß still und scharf, die mageren Hände im Schoß.
-Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie
-antworten mir mit Hochherzigkeiten. Daß die Renaissance all
-das zur Welt gebracht hat, was man Liberalismus, Individualismus,
-humanistische Bürgerlichkeit nennt, war mir leidlich
-bekannt; aber Ihre ‚etymologischen Betonungen‘ lassen mich
-kühl, denn das ‚ringende‘, das heroische Lebensalter Ihrer
-Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen heute
-zum mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die
-ihnen den Garaus machen werden, stehen schon vor der Tür.
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Sie nennen sich, wenn ich nicht irre, einen Revolutionär. Aber
-wenn Sie glauben, daß das Ergebnis künftiger Revolutionen
-– Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das Prinzip der
-Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und überlebt.
-Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung
-versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des
-Ich, der Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre
-Bildungsmittel erblickt, – eine solche Pädagogik mag noch rhetorische
-Augenblickserfolge davontragen, aber ihre Rückständigkeit
-ist für den Wissenden über jeden Zweifel erhaben. Alle
-wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher gewußt, um
-was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln
-kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung,
-um Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung
-der Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen
-der Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der
-Freiheit. Ihre tiefste Lust ist der Gehorsam.“
-</p>
-
-<p>
-Joachim richtete sich gerade auf. Hans Castorp errötete.
-Herr Settembrini drehte erregt an seinem schönen Schnurrbart.
-</p>
-
-<p>
-„Nein!“ fuhr Naphta fort. „Nicht Befreiung und Entfaltung
-des Ich sind das Geheimnis und das Gebot der Zeit.
-Was sie braucht, wonach sie verlangt, was sie sich schaffen
-wird, das ist – der Terror.“
-</p>
-
-<p>
-Er hatte das letzte Wort leiser als alles Vorhergehende gesprochen,
-ohne eine Körperbewegung; nur seine Brillengläser
-hatten kurz aufgeblitzt. Alle drei, die ihn hörten, waren zusammengezuckt,
-auch Settembrini, der sich aber bald lächelnd
-wieder faßte.
-</p>
-
-<p>
-„Und darf man sich erkundigen,“ fragte er, „wen oder was
-– Sie sehen, ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-fragen soll – wen oder was Sie sich als Träger dieses – ich
-wiederhole ungern das Wort – dieses Terrors denken?“
-</p>
-
-<p>
-Naphta saß stille, scharf und blitzend. Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn
-ich unsere Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines
-idealen Urzustandes der Menschheit, eines Zustandes der
-Staat- und Gewaltlosigkeit, der unmittelbaren Gotteskindschaft,
-worin es weder Herrschaft noch Dienst gab, nicht Gesetz
-noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche Verbindung,
-keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum, sondern
-Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr gut. Ich stimme zu“, erklärte Settembrini. „Ich
-stimme zu bis auf den Punkt der fleischlichen Verbindung, die
-offenbar jederzeit stattgehabt haben muß, da der Mensch ein
-höchstentwickeltes Wirbeltier ist und nicht anders, als andere
-Wesen –“
-</p>
-
-<p>
-„Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis,
-was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und
-gottesunmittelbaren Zustand betrifft, der durch den Sündenfall
-verloren ging. Ich glaube, daß wir noch ein weiteres Stück
-Weges Seite an Seite bleiben können, nämlich indem wir den
-Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum Schutz
-gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen
-und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt
-erblicken.“
-</p>
-
-<p>
-„Benissimo!“ rief Settembrini. „Gesellschaftsvertrag ...
-das ist die Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht
-–“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache,
-daß alle Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-war, und daß dieses sein Recht an der Gesetzgebung und seine
-ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten übertrug, folgert Ihre
-Schule vor allem das revolutionäre Recht des Volkes vor dem
-Königtum. Wir dagegen –“
-</p>
-
-<p>
-„Wir?“ dachte Hans Castorp gespannt ... Wer sind
-„wir“? Ich muß unbedingt nachher Settembrini danach fragen,
-wen er mit „wir“ meint.
-</p>
-
-<p>
-„Wir unsererseits,“ sprach Naphta, „vielleicht nicht weniger
-revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster
-Linie den Vorrang der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert.
-Denn wenn die Ungöttlichkeit des Staates ihm nicht
-an der Stirn geschrieben stände, würde ein Hinweis auf eben
-dieses historische Faktum, daß er auf den Willen des Volkes
-und nicht, wie die Kirche, auf göttliche Stiftung zurückzuführen
-ist, genügen, um ihn, wenn nicht geradezu als eine Veranstaltung
-der Bosheit, so doch jedenfalls als eine solche der
-Notdurft und der sündhaften Unzulänglichkeit zu erweisen.“
-</p>
-
-<p>
-„Der Staat, mein Herr –“
-</p>
-
-<p>
-„Ich weiß, wie Sie über den nationalen Staat denken. ‚Über
-alles geht die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.‘
-Das ist Vergil. Sie korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus,
-und das ist die Demokratie; aber Ihr grundsätzliches
-Verhältnis zum Staat bleibt dadurch völlig unberührt.
-Daß seine Seele das Geld ist, ficht <a id="corr-21"></a>Sie offenbar nicht an. Oder
-wollen Sie es bestreiten? Die Antike war kapitalistisch, weil
-sie staatsfromm war. Das christliche Mittelalter hat den immanenten
-Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. ‚Das
-Geld wird Kaiser sein‘, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften
-Jahrhundert. Leugnen Sie, daß das wörtlich eingetroffen,
-und daß die Verteufelung des Lebens damit restlos erreicht ist?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-„Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig,
-mit dem großen Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt
-gemacht zu werden.“
-</p>
-
-<p>
-„Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse,
-welche Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet
-hat. Ich kann auf Ihre Widerrede zur Not verzichten,
-denn die politische Ideologie der Bürgerlichkeit ist mir bekannt.
-Ihr Ziel ist das demokratische Imperium, die Selbstübersteigerung
-des nationalen Staatsprinzips ins Universelle, der Weltstaat.
-Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre
-Utopie ist gräßlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt
-gewissermaßen wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische
-Weltrepublik hat etwas Transzendentes, tatsächlich, der Weltstaat
-ist die Transzendenz des weltlichen Staates, und wir stimmen
-überein in dem Glauben, daß einem vollkommenen Anfangszustande
-der Menschheit ein in Horizontferne liegender
-vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen
-Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche
-es als ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung
-Gottes zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes
-wurde nicht um seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende
-Diktatur war Mittel und Weg zum Erlösungsziel,
-Übergangsform vom heidnischen Staat zum himmlischen Reich.
-Sie haben diesen Lernenden hier von Bluttaten der Kirche,
-ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, – höchst törichterweise,
-denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht pazifistisch
-sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei der
-Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!‘ Daß die
-Macht böse ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und
-Böse, von Jenseits und Diesseits, Geist und Macht muß, wenn
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-das Reich kommen soll, vorübergehend aufgehoben werden in
-einem Prinzip, das Askese und Herrschaft vereinigt. Das ist
-es, was ich die Notwendigkeit des Terrors nenne.“
-</p>
-
-<p>
-„Der Träger! Der Träger!“
-</p>
-
-<p>
-„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz
-einer Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung
-des Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze
-und Ziele mit denen des christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen?
-Die Väter der Kirche haben Mein und Dein
-verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation und
-Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil
-nach dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam
-sei und daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen
-Gebrauch aller hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die
-Habgier, eine Folge des Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt
-und das Sondereigentum geschaffen habe. Sie waren human
-genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche Tätigkeit überhaupt
-eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die Menschlichkeit
-zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte
-gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des
-höllischen Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß
-der Preis das Ergebnis des Verhältnisses von Angebot und
-Nachfrage ist, haben sie von ganzem Herzen verachtet und das
-Ausnutzen der Konjunktur als zynische Ausbeutung einer Notlage
-des Nächsten verdammt. Es gab eine noch frevelhaftere
-Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich
-für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich
-den Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung,
-die Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des
-anderen zu mißbrauchen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer
-der Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die
-Zeit ... Eine allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig
-...!“
-</p>
-
-<p>
-„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister
-haben den Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes
-als ekelhaft empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte
-unter den Begriff des Wuchers fallen lassen und erklärt,
-daß jeder Reiche entweder ein Dieb oder eines Diebes
-Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten, wie
-Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft,
-das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines
-Nutzens, aber ohne Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen
-Gutes, als ein schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht
-geneigt, die Arbeit an und für sich sehr hoch zu schätzen, denn
-sie ist nur eine ethische Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht
-im Dienste des Lebens, nicht Gottes. Und wenn es sich
-denn bloß um das Leben handeln sollte und um Wirtschaft,
-so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als Bedingung
-wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit gelte.
-Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht
-der Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die
-Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten
-die Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen
-Grundsätze und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger
-Verschüttung ihre Auferstehung in der modernen Bewegung
-des Kommunismus. Die Übereinstimmung ist vollkommen
-bis hinein in den Sinn des Herrschaftsanspruchs, den
-die internationale Arbeit gegen das internationale Händler-
-und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, das heute
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der bürgerlich-kapitalistischen
-Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur
-des Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung
-der Zeit, hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst
-willen und in Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung
-des Gegensatzes von Geist und Macht im Zeichen des
-Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung durch das Mittel der
-Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der Transzendenz,
-den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors
-aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig
-wie er wird es seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute.
-Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur
-Gewinnung des Erlösungsziels, der staats- und klassenlosen
-Gotteskindschaft.“
-</p>
-
-<p>
-So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg.
-Die jungen Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war
-es, sich irgendwie zu verhalten. Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich
-hätte das nicht erwartet. <span class="antiqua" lang="la">Roma locuta.</span> Und wie, – und wie
-hat es gesprochen! Vor unseren Augen hat er ein hieratisches
-Saltomortale vollführt, – wenn das ein Widerspruch im Beiwort
-ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘, ah, ja! Ich
-wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für
-denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt
-der Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen
-christlichen, auf der Zweiheit von Gott und Welt beruhenden
-Individualismus begreiflich zu machen und uns seinen Vorrang
-vor aller politisch bestimmten Sittlichkeit zu beweisen.
-Wenige Minuten später treiben Sie den Sozialismus bis zur
-Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt
-ist nur das Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie
-ich mir schon anzumerken erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis.
-Er korrigiert Ihre heidnische Staatssittlichkeit durch
-ein wenig Christentum, ein wenig ‚Recht des Individuums‘,
-ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles. Ein Individualismus
-dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen Wichtigkeit
-der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern religiöser
-Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit
-von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und
-Gott, von Fleisch und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher
-Individualismus verträgt sich mit bindungsvollster Gemeinschaft
-recht wohl ...“
-</p>
-
-<p>
-„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini sah ihn mit großen Augen an.
-</p>
-
-<p>
-„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge,
-die auf Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen
-war. „Unterrichten Sie sich, aber produzieren Sie nicht! –
-Das ist eine Antwort“, sagte er, wieder zu Naphta gewandt.
-„Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine. Blicken wir allen
-Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint der
-christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt.
-Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde
-und Geldgeschäft, das der Antike weit höher als Landwirtschaft
-und Handwerk galt, verneint er die Freiheit. Denn es ist ja
-klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie im Mittelalter,
-alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund und
-Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben
-ganz leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann
-nur der Boden ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht.
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-Handwerker und Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten
-mögen, – besitzen sie keinen Boden, so sind sie Hörige
-dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich bestand bis tief ins
-Mittelalter hinein die große Menge selbst der Städte aus Hörigen.
-Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von
-menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten
-Sie eine Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit
-der menschlichen Persönlichkeit hängt.“
-</p>
-
-<p>
-„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta,
-„ließe sich reden. Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung,
-wenn diese Zusammenhänge Ihnen Veranlassung gäben, die
-Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn als ein Problem
-zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche Wirtschaftsmoral
-in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft.
-Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der
-Städte, wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache,
-höchst sittlich, wie sie immer sei, historisch verbunden ist mit der
-unmenschlichsten Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen
-Greueln des modernen Händler- und Spekulantentums, mit
-der Satansherrschaft des Geldes, des Geschäftes.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel
-und Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig
-zur schwärzesten Reaktion bekennen!“
-</p>
-
-<p>
-„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre,
-sich der schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu
-entschlagen.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender
-Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens
-leer waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug
-für heute, genug für einen Tag, wie mir scheint. Professor,
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-wir danken für die schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle
-Gespräch. Meine Freunde vom Berghof hier ruft die Kur,
-und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie gehen, meine Klause
-droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio, Padre!“
-</p>
-
-<p>
-Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp
-vermerkte es mit hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen,
-daß Settembrini den Aufbruch leitete, über die Vettern verfügte
-und nicht in Frage kommen ließ, ob Naphta vielleicht
-sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute verabschiedeten
-sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen ermutigt.
-Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp
-das Buch „<span class="antiqua" lang="la">De miseria humanae conditionis</span>“, einen morschen
-Pappband, leihweise mit auf den Weg bekam. Noch
-immer saß der sauerbärtige Lukaček auf seinem Tisch, das
-Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an seiner offenen Tür
-vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum Dachgeschoß
-zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar
-kein Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk
-unter der Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen
-Atmosphäre des Speichers, dem Geruch warmen Holzes.
-Aber der Dachstuhl enthielt zwei Kammern, und diese bewohnte
-der republikanische Kapitalist, sie dienten dem schöngeistigen
-Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio und
-Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden,
-nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen
-die richtigen Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum
-Lobe bedienen mochten, – was sie denn einstimmig taten. Es
-sei ganz reizend, fanden sie beide, separiert und traulich, genau
-wie er sage. Sie taten einen Blick ins Schlafzimmerchen, wo
-vor der schmalen und kurzen Bettstatt im Mansardenwinkel
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann dem
-Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet
-war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar
-frostige Ordnung aufwies. Plumpe und altmodische Stühle,
-vier an der Zahl, mit Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch
-zu seiten der Türen aufgestellt, und auch der Diwan
-war an die Wand gerückt, so daß der grüngedeckte Rundtisch,
-auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und jedenfalls
-nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals gestülptem
-Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher,
-gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort
-schräg aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig
-ein leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken
-Bodenbelag aus Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen
-zu können. Hans Castorp nahm einen Augenblick probeweise
-hier Aufstellung, – an Herrn Settembrinis Arbeitsstätte, wo
-er die schöne Literatur zu enzyklopädischen Zwecken unter dem
-Gesichtspunkt der menschlichen Leiden behandelte, – stützte die
-Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte, daß es sich hier
-separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte Lodovicos
-Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit
-seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich
-das Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe,
-ja, auch die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche
-stammten aus dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle
-hatten sogar schon dem Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand
-hatten sie die Wände seines Advokatenbureaus geschmückt.
-Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der Stühle gewann
-etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen
-Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-mit übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch
-und nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber,
-am Stehpult Settembrinis des Älteren, bedachte, wie nun der
-Sohn daran wirke, indem er die Politik des Großvaters mit
-dem Humanismus des Vaters zur schönen Literatur vereinige.
-Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte sich erboten,
-die Vettern heimzugeleiten.
-</p>
-
-<p>
-Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte
-von Naphta, und Hans Castorp konnte warten: es war
-gewiß, daß Herr Settembrini auf seinen Hausgenossen zu sprechen
-kommen werde, ja, daß er zu diesem Zwecke mit ihnen gegangen
-sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem Aufatmen,
-das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener:
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“
-</p>
-
-<p>
-Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich
-mit falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens
-fragen können: „Vor wem?“ aber er faßte sich unpersönlich,
-um seine ganze Unschuld zu bekunden, während doch
-sogar Joachim genau Bescheid wußte.
-</p>
-
-<p>
-„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“
-antwortete Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen
-gegen Wunsch und Absicht vermittelt habe. Sie wissen, der
-Zufall wollte es, ich konnte nicht umhin; aber ich trage die
-Verantwortung und trage schwer daran. Es ist meine Pflicht,
-Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren hinzuweisen,
-die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens
-zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu
-halten. Seine Form ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“
-</p>
-
-<p>
-„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer
-sei es ja wohl gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-muteten seine Reden wohl manchmal an; es hätte ja geradezu
-geklungen, als wollte er wahrhaben, daß die Sonne sich
-um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie, die Vettern,
-auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein,
-mit einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen
-Verkehr zu treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie
-Naphta kennengelernt, mit ihm hätten sie ihn getroffen, er
-gehe mit ihm spazieren, er komme zwanglos zu ihm zum Tee
-herunter; das beweise doch –
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme
-klang sanft, resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies
-läßt sich mir erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut,
-ich verantworte mich bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn
-unter einem Dach, Begegnungen sind unvermeidlich, ein Wort
-gibt das andere, man macht Bekanntschaft. Herr Naphta ist
-ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine diskursive
-Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich
-mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin
-ebenbürtigen Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe
-niemanden weit und breit ... Kurz, es ist wahr, ich komme zu
-ihm, er kommt zu mir, wir promenieren auch miteinander. Wir
-streiten. Wir streiten uns aufs Blut, fast jeden Tag, aber ich
-gestehe, die Gegensätzlichkeit und Feindseligkeit seiner Gedanken
-bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm zusammenzutreffen.
-Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht, wenn
-sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den
-meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten
-– Sie, Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet
-gegen intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr
-ausgesetzt, unter den Einwirkungen dieser halb fanatischen
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-und halb boshaften Rabulistik Schaden zu nehmen an Geist
-und Seele.“
-</p>
-
-<p>
-Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und
-er, sie seien wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es
-sei die Geschichte mit den Sorgenkindern des Lebens, er verstehe.
-Aber demgegenüber könne man ja Petrarca anführen
-mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon, und
-hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta
-so vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen
-Zeit, für deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen
-dürfe, sei vorzüglich gewesen, und dann habe es ihn auch
-sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu hören, was er ohne
-Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ...
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte
-sich Hans Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich
-jeder Partei- und Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert
-habe er es gefunden, was Naphta über die Lust der Jugend
-gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun erst einmal
-eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta –
-ich sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht
-unbedingt mit ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil
-innerlich höchst reserviert verhalte –“
-</p>
-
-<p>
-„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar.
-</p>
-
-<p>
-„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet,
-die Seele des Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das
-Eigentum, weil es Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen
-Reichtum, von dem er, glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff
-des höllischen Feuers – so drückte er sich annähernd einmal
-aus, wenn ich nicht irre, und lobte das mittelalterliche Zinsverbot
-in allen Tönen. Und dabei, er selbst ... Entschuldigen
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung sondergleichen,
-wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische
-Geschmacksrichtung.“
-</p>
-
-<p>
-„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp
-weiter, „die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der
-venezianische Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ...
-und beliebig viel Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er
-muß doch für seine Person –“
-</p>
-
-<p>
-„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person
-so wenig Kapitalist wie ich.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber
-fällig in Ihrer Rede, Herr Settembrini.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“
-</p>
-
-<p>
-„Wer, ‚die dort‘?“
-</p>
-
-<p>
-„Jene Väter.“
-</p>
-
-<p>
-„Väter? Väter?“
-</p>
-
-<p>
-„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“
-</p>
-
-<p>
-Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit.
-Hans Castorp rief:
-</p>
-
-<p>
-„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist
-ein Jesuit?!“
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf
-so was! Darum also haben Sie ihn Padre tituliert?“
-</p>
-
-<p>
-„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete
-Settembrini. „Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit
-ist schuld daran, daß er es vorderhand nicht soweit gebracht
-hat. Aber er hat das Noviziat absolviert und die ersten Gelübde
-getan. Die Krankheit zwang ihn, seine theologischen
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als
-Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt:
-als Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge.
-Das kam seinen pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann
-er ihnen weiter nachhängen, indem er am Fridericianum Lateinisch
-lehrt. Er ist seit fünf Jahren hier. Es ist unsicher geworden,
-ob und wann er diesen Ort wird verlassen dürfen.
-Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst
-lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte
-Ihnen, daß er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist.
-Natürlich, das ist Vorschrift. Aber der Orden verfügt über
-ungemessene Reichtümer, und er sorgt für die Seinen, wie
-Sie sahen.“
-</p>
-
-<p>
-„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe
-überhaupt nicht gewußt und gedacht, daß es sowas in allem
-Ernste noch gäbe! Ein Jesuit. Ja so! ... Aber sagen Sie
-mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl versorgt und
-versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich
-will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini,
-Sie haben es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert
-und außerdem besonders traulich. Ich meine aber: wenn Naphta
-es nun doch so dicke hat, um mich gewöhnlich auszudrücken –
-warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung, statiöser,
-mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen
-Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches,
-wie er da in dem Loch <a id="corr-26"></a>mit all seiner Seide ...“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini zuckte die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte
-er, „die ihn dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert
-sein antikapitalistisches Gewissen, indem er die Zimmer eines
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-Armen bewohnt, und sich schadlos hält durch die Art, wie er sie
-bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele sein. Man bindet
-es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der Teufel
-von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare
-Fassade vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack
-...“
-</p>
-
-<p>
-„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu
-und geradezu aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir
-sind Ihnen wirklich zu Dank verbunden, Herr Settembrini,
-für diese Bekanntschaft. Wollen Sie glauben, daß wir noch
-manches liebe Mal hingehen werden und ihn besuchen? Das
-ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in
-ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von
-deren Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger
-Jesuit! Und wenn ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das
-Stichwort, für das, was mir durch den Kopf geht, und was
-ich denn doch noch bemerken muß. Ich frage: Ist er denn richtig?
-Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt nicht richtig
-ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was
-ich aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig
-<em>als Jesuit</em> – das geht mir im Kopf herum. Er hat da
-Dinge geäußert – Sie wissen, welche ich meine – über den
-modernen Kommunismus und über den Gotteseifer des Proletariats,
-das seine Hand nicht zurückhalten soll vom Blute –
-kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr Großvater
-mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen,
-entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn
-das? Hat das die Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt
-es sich mit der römischen Lehre, für die doch der Orden in aller
-Welt intrigieren soll, soviel ich weiß? Ist es nicht – wie heißt
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-das Wort – häretisch, abweichend, inkorrekt? Das überlege
-<em>ich</em> mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was Sie denken.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini lächelte.
-</p>
-
-<p>
-„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie
-Jesuit, ist es recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann
-von Geist – ich würde sonst nicht seine Gesellschaft suchen –,
-und als solcher trachtet er nach neuen Kombinationen, Anpassungen,
-Anknüpfungen, zeitgemäßen Abwandlungen. Sie
-sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er hatte sich
-mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die Anregung,
-die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu
-reizen, in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es
-lautete schnurrig genug, gräßlich genug ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte
-doch wohl das Alter dazu.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig
-daran gehindert hat.“
-</p>
-
-<p>
-„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und
-zweitens ein Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies
-zweite, hinzukommende, mit der Krankheit zu tun hat?“
-</p>
-
-<p>
-„Was wollen Sie damit sagen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine
-feuchte Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber
-seine Kombinationen hätten ihn auch wohl daran gehindert,
-und insofern – gewissermaßen, gehören die Kombinationen
-und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf seine Art auch
-so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein <span class="antiqua" lang="fr">joli jésuite</span> mit
-einem <span class="antiqua" lang="fr">petite tache humide</span>.“
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm
-Hause blieben sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten,
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-traten zu einer kleinen Gruppe zusammen, während ein paar
-Patienten, die am Portal herumlungerten, ihrem Gespräche
-zusahen. Herr Settembrini sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Um es zu wiederholen, meine jungen Freunde, ich warne
-Sie. Ich kann Ihnen nicht verwehren, die einmal gemachte
-Bekanntschaft zu kultivieren, wenn die Neugier Sie dazu treibt.
-Aber wappnen Sie Herz und Geist dabei mit Mißtrauen, lassen
-Sie es niemals fehlen an kritischem Widerstand. Ich werde
-Ihnen diesen Mann mit einem Worte kennzeichnen. Er ist
-ein Wollüstiger.“
-</p>
-
-<p>
-Die Gesichter der Vettern verzogen sich. Dann fragte
-Hans Castorp:
-</p>
-
-<p>
-„Ein ... wie? Erlauben Sie, er ist doch Ordensmann.
-Da sind ja bestimmte Gelübde zu leisten, soviel ich weiß, und
-außerdem ist er so miekerig und leibarm ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie reden töricht, Ingenieur“, erwiderte Herr Settembrini.
-„Das hat mit Leibarmut gar nichts zu tun, und was
-die Gelübde betrifft, so gibt es da Vorbehalte. Ich sprach
-jedoch in einem weiteren und geistigeren Sinn, für den ich nachgerade
-Verständnis bei Ihnen sollte voraussetzen dürfen. Erinnern
-Sie sich wohl noch, wie ich Sie eines Tages auf Ihrem
-Zimmer besuchte – es ist lange her, furchtbar lange –, Sie absolvierten
-eben die Bettruhe nach erfolgter Aufnahme ...“
-</p>
-
-<p>
-„Selbstverständlich! Sie traten in der Dämmerung ein und
-machten Licht, ich weiß es wie heute ...“
-</p>
-
-<p>
-„Gut, damals kamen wir im Plaudern, wie es gottlob des
-öfteren geschieht, auf höhere Gegenstände. Ich glaube gar,
-wir sprachen von Tod und Leben, von den Würden des Todes,
-insofern er Bedingung und Zubehör des Lebens ist, und von
-der Fratzenhaftigkeit, der er verfällt, wenn der Geist ihn abscheulicherweise
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-als Prinzip isoliert. Meine Herren!“ fuhr Herr
-Settembrini fort, indem er dicht vor die beiden jungen Leute
-hintrat, Daumen und Mittelfinger der Linken gabelförmig
-gegen sie spreizte, gleichsam, um sie zur Aufmerksamkeit zusammenzufassen,
-und den Zeigefinger der Rechten mahnend erhob
-... „Prägen Sie sich ein, daß der Geist souverän ist, sein
-Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt. Isoliert er dualistisch
-den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen Willen
-wirklich und in der Tat, <span class="antiqua" lang="la">actu</span>, Sie verstehen mich, zur eigenen,
-dem Leben entgegengesetzten Macht, zum widersacherischen
-Prinzip, zur großen Verführung, und sein Reich ist das der
-Wollust. Sie fragen mich, warum der Wollust? Ich antworte
-Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er die Erlösung
-ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble Erlösung.
-Er löst Sitte und Sittlichkeit, er erlöst von Zucht und
-Haltung, er macht frei zur Wollust. Wenn ich Sie warne vor
-dem Manne, dessen Bekanntschaft ich Ihnen ungern vermittelte,
-wenn ich Sie auffordere, im Verkehr und Diskurs mit
-ihm Ihre Herzen dreimal mit Kritik zu umgürten, so geschieht
-es, weil alle seine Gedanken wollüstiger Art sind, denn sie stehen
-unter dem Schutze des Todes, – einer höchst liederlichen Macht,
-wie ich Ihnen damals sagte, Ingenieur, – ich erinnere mich
-wohl meines Ausdrucks, ich behalte tüchtige und treffliche Äußerungen,
-die zu tun ich Gelegenheit fand, stets im Gedächtnis –,
-einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben gerichteten
-Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen
-des Erziehers vornehmste Pflicht ist.“
-</p>
-
-<p>
-Man konnte nicht besser sprechen als Herr Settembrini, nicht
-klarer und gerundeter. Hans Castorp und Joachim Ziemßen
-bedankten sich recht schön bei ihm für das Gehörte, empfahlen
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-sich und erstiegen das Berghofportal, während Herr Settembrini,
-eine Treppe über Naphtas seidene Zelle hinaus, an sein
-Humanistenpult zurückkehrte.
-</p>
-
-<p>
-Es war der erste Besuch der Vettern bei Naphta, dessen
-Verlauf wir hier festhielten. Seither waren demselben zwei
-oder drei weitere gefolgt, einer sogar in Abwesenheit Herrn
-Settembrinis; und auch sie lieferten dem jungen Hans Castorp
-Stoff zur Betrachtung, wenn er, indes das Hochgebild, genannt
-<span class="antiqua" lang="la">Homo Dei</span>, seinem inneren Auge vorschwebte, an dem blaublühenden
-Ort seiner Zurückgezogenheit saß und „regierte“.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-1-4">
-Jähzorn. Und noch etwas ganz Peinliches
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-So kam der August, und glücklich war unter seinen ersten
-Tagen der Jahrestag von unseres Helden Ankunft bei uns
-hier oben vorübergeschlüpft. Nur gut, daß er vorüber war, –
-er hatte dem jungen Hans Castorp etwas unangenehm vorgestanden.
-So war es die Regel. Der Tag der Ankunft war
-nicht beliebt, es wurde seiner unter den Voll- und Mehrjährigen
-nicht gedacht, und während doch sonst kein Vorwand zu
-Festivität und Becherklang unbenutzt blieb, die allgemeinen und
-großen Betonungen im Jahresrhythmus und -pulslauf durch
-möglichst viele private und irreguläre vermehrt und Geburtstage,
-Generaluntersuchungen, bevorstehende wilde oder echte
-Abreisen und dergleichen Anlässe mehr mit Schmaus und
-Pfropfenknall im Restaurant begangen wurden, – widmete
-man diesem Gedenktage nichts als Stillschweigen, ließ sich darüber
-hinweggleiten, vergaß auch wohl wirklich, auf ihn zu achten
-und durfte vertrauen, daß die andern ihn überhaupt nicht
-so genau im Sinne hatten. Auf Gliederung hielt man wohl;
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-man beobachtete den Kalender, den Turnus, die äußere Wiederkehr.
-Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem Raum
-hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also
-zu messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und Anfänger;
-die Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Ungemessene
-und Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe
-war, und einer setzte mit Zartgefühl beim anderen einen Wunsch
-voraus, den er selber hegte. Es hätte für ganz und gar ungeschickt
-und brutal gegolten, jemandem zu sagen, heut sei er
-drei Jahre hier, – das kam nicht vor. Frau Stöhr selbst, so
-weit es ihr sonst immer fehlen mochte, in diesem Punkt war
-sie taktfest und abgeschliffen, nie wäre ein solcher Verstoß ihr
-untergelaufen. Ihr Kranksein, der Fieberstand ihres Körpers
-war mit großer Unbildung verbunden, gewiß. Noch kürzlich
-hatte sie bei Tische von der „Affektation“ ihrer Lungenspitzen
-gesprochen und, als das Gespräch auf historische Dinge gekommen
-war, erklärt, Geschichtszahlen seien nun einmal ihr „Ring
-des Polykrates“, was ebenfalls eine gewisse Erstarrung der
-Umsitzenden hervorgerufen hatte. Aber daß sie etwa im Februar
-den jungen Ziemßen an sein Jubiläum hätte erinnern
-sollen, wäre undenkbar gewesen, obgleich sie wahrscheinlich
-daran gedacht hatte. Denn ihr unseliger Kopf war natürlich
-voll unnützer Daten und Dinge, und sie liebte es, anderen
-nachzurechnen; aber die Sitte hielt sie im Zaum.
-</p>
-
-<p>
-So denn auch an Hans Castorps Tage. Sie hatte ihm wohl
-beim Essen einmal bedeutlich zuzuzwinkern versucht, aber da
-er dem Zeichen mit leerer Miene begegnet war, hatte sie sich
-schleunig zurückgezogen. Auch Joachim hatte gegen den Vetter
-geschwiegen, und doch war er des Datums wohl eingedenk gewesen,
-an dem er den Zu-Besuch-Kommenden von Station
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-„Dorf“ abgeholt hatte. Aber Joachim, zum Reden von Natur
-schon nicht sehr geneigt, bei weitem nicht so, wie Hans Castorp
-es wenigstens hier oben geworden, von Humanisten und Rabulisten
-ihrer Bekanntschaft ganz zu schweigen, – Joachim
-hatte sich in letzter Zeit eine besondere und auffallende Schweigsamkeit
-angeeignet, nur Einsilbigkeiten kamen noch über seine
-Lippen, aber in seiner Miene arbeitete es. Es war klar, daß
-sich für ihn mit Station „Dorf“ andere Vorstellungen verbanden
-als die des Abholens und der Ankunft ... Er stand
-in regem Briefwechsel mit dem Flachlande. Entschlüsse reiften
-in ihm. Vorbereitungen, die er traf, näherten sich ihrem
-Abschluß.
-</p>
-
-<p>
-Der Juli war warm und heiter gewesen. Aber mit Anbruch
-des neuen Monats fiel schlechtes Wetter ein, trübe Nässe,
-Schneeregen, dann unzweideutiger Schneefall, und mit Einschaltung
-einzelner prangender Sommertage dauerte das an,
-über das Monatsende hin, in den September hinein. Anfangs
-hielten die Zimmer sich noch warm von der vorhergegangenen
-Sommerperiode; man hatte zehn Grad darin, das galt für behaglich.
-Aber rasch wurde es kälter und kälter, und man war
-froh über den Schnee, der das Tal bedeckte, denn sein Anblick
-– nur dieser, der Tiefstand der Temperatur allein wäre
-ohne Folge geblieben – bewog die Verwaltung, zu heizen, zuerst
-nur den Speisesaal, dann auch die Zimmer, und man konnte,
-wenn man, nach geleistetem Liegedienst aus seinen zwei Decken
-gewickelt, von der Loggia hereinkam, mit den feuchtstarren
-Händen die belebten Röhren betasten, deren trockener Hauch
-freilich das Brennen der Wangen verstärkte.
-</p>
-
-<p>
-War das der Winter? Die Sinne konnten sich diesem Eindruck
-nicht entziehen, und man klagte, man sei „um den Sommer
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-betrogen“, obgleich man, unterstützt von natürlichen und
-künstlichen Umständen, durch einen innerlich wie äußerlich verschwenderischen
-Zeitverbrauch sich selber um ihn betrogen hatte.
-Die Vernunft wollte wissen, daß noch schöne Herbsttage folgen
-würden; vielleicht sogar serienweise würden sie erscheinen
-und in so warmer Pracht, daß ihnen mit dem Namen des
-Sommers nicht zuviel Ehre würde angetan werden, vorausgesetzt,
-daß man sich den schon flacheren Tageslauf der Sonne,
-ihren schon zeitigen Abschied aus dem Sinne schlug. Aber die
-Wirkung auf das Gemüt, die der Anblick der Winterlandschaft
-draußen hervorbrachte, war stärker als solche Tröstungen.
-Man stand an seiner geschlossenen Balkontür und starrte mit
-Ekel hinaus in das Gestöber, – Joachim war es, der so stand,
-und mit gepreßter Stimme sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Soll nun das wieder losgehen?“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp, hinter ihm im Zimmer, erwiderte:
-</p>
-
-<p>
-„Das wäre etwas früh, es kann nicht endgültig sein, aber
-es gibt sich allerdings eine schauderhaft endgültige Miene.
-Wenn Winter in Dunkelheit, Schnee und Kälte und warmen
-Röhren besteht, dann ist wieder Winter, da gibt es nichts zu
-leugnen. Und wenn man bedenkt, daß ja eben erst Winter
-war und kaum die Schneeschmelze vorüber ist – jedenfalls
-<em>scheint</em> es uns so, nicht wahr, als ob doch gerade erst Frühling
-gewesen wäre, – dann kann einem momentweise schlecht
-werden, das gebe ich zu. Es ist gefährlich für die menschliche
-Lebenslust, – laß dir erläutern, wie ich das meine. Ich meine
-es so, daß die Welt normaler Weise so eingerichtet ist, wie es
-den Bedürfnissen des Menschen entspricht und der Lebenslust
-zukömmlich ist, das muß man anerkennen. Ich will nicht so
-weit gehen, zu sagen, daß die Naturordnung, zum Beispiel
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-also gleich mal die Größe der Erde, die Zeit, die sie zur Umdrehung
-um sich selbst und um die Sonne braucht, der Wechsel
-der Tages- und Jahreszeiten, der kosmische Rhythmus, wenn
-du willst, – nach unserem Bedürfnis bemessen ist, – das wäre
-wohl frech und einfältig, es wäre Teleologie, wie der Denker
-sagt. Aber die Sache ist einfach so, daß unser Bedürfnis und
-die allgemeinen, grundlegenden Naturtatsachen gottlob miteinander
-in Einklang stehen – gottlob, sage ich, denn es ist
-wirklich ein Anlaß, Gott zu loben –, und wenn im Flachland
-der Sommer kommt oder der Winter, dann ist der vorige Sommer
-oder Winter genau so lange her, daß Sommer und Winter
-uns wieder neu und willkommen sind, und darauf beruht die
-Lebenslust. Bei uns hier oben nun aber ist diese Ordnung und
-dieser Einklang gestört, erstens weil es hier eigentlich gar keine
-richtigen Jahreszeiten gibt, wie du selbst mal bemerktest, sondern
-bloß Sommertage und Wintertage <span class="antiqua" lang="fr">pêle-mêle</span> durcheinander,
-und außerdem, weil es überhaupt keine Zeit ist, was
-einem hier vergeht, so daß der neue Winter, wenn er kommt,
-gar nicht neu ist, sondern wieder der alte; und daraus erklärt
-sich das Mißvergnügen, mit dem du da durch die Scheibe
-guckst.“
-</p>
-
-<p>
-„Danke sehr“, sagte Joachim. „Und nun, wo du es erklärt
-hast, da bist du, glaub’ ich, so zufrieden, daß du unter anderm
-auch mit der Sache selbst zufrieden bist, obgleich sie doch ...
-Nein!“ sagte Joachim. „Schluß!“ sagte er. „Es ist eine Schweinerei.
-Das Ganze ist eine ungeheuere, ekelhafte Schweinerei,
-und wenn du für dein Teil ... <em>Ich</em> ...“ Und er verließ raschen
-Schrittes das Zimmer, zog zornig die Tür hinter sich zu, und
-wenn nicht alles täuschte, so hatten Tränen in seinen schönen,
-sanften Augen gestanden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Der andere blieb betreten zurück. Er hatte gewisse Entschlüsse
-des Vetters nicht sehr ernst genommen, solange dieser sich in
-lauten Ankündigungen ergangen hatte. Nun aber, da es nur
-noch schweigend in Joachims Miene arbeitete und er sich benahm
-wie eben, erschrak Hans Castorp, weil er begriff, daß
-dieser Militär der Mann war, zu Taten überzugehen, – erschrak
-bis zum Erblassen und zwar für sie beide, für sich und
-ihn. <span class="antiqua" lang="fr">Fort possible qu’il va mourir</span>, dachte er, und da das
-sicherlich eine Wissenschaft aus dritter Hand war, so mischte
-sich auch noch die Pein alten, nie gestillten Verdachtes hinein,
-während er gleichzeitig dachte: Ist es möglich, daß er mich
-allein hier oben läßt, – mich, der ich doch nur gekommen bin,
-ihn zu besuchen?! um hinzuzufügen: das wäre doch toll und
-schrecklich, – es wäre dermaßen toll und schrecklich, daß ich fühle,
-wie ich ganz kalt im Gesicht werde und mein Herz sich regellos
-aufführt, denn wenn ich allein hier oben zurückbleibe – und
-das tue ich, wenn er abreist; daß ich mit ihm fahre, ist platterdings
-ausgeschlossen –, dann ist es ja – aber nun steht mein
-Herz überhaupt still – dann ist es ja für immer und ewig, denn
-allein finde ich nie und nimmermehr den Weg ins Flachland
-zurück ...
-</p>
-
-<p>
-Soweit Hans Castorps schreckhafter Gedankengang. Noch
-am selben Nachmittag sollte er über den Lauf der Dinge Gewißheit
-erlangen: Joachim erklärte sich, die Würfel fielen, es
-kam zu Schlag und Entscheidung.
-</p>
-
-<p>
-Nach dem Tee stiegen sie ins helle Souterrain hinab zur
-Monatsuntersuchung. Es war Anfang September. Beim Eintritt
-ins trocken durchhauchte Ordinationszimmer fanden sie
-Dr. Krokowski an seinem Schreibtischplatz, während der Hofrat,
-sehr blau im Gesicht, mit untergeschlagenen Armen an der
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Wand lehnte, in der einen Hand das Hörrohr, mit dem er sich
-gegen die Schulter klopfte. Er gähnte zur Decke empor. „Mahlzeit,
-Kinder!“ sagte er matt und ließ auch fernerhin eine recht
-schlaffe Laune merken, Melancholie, allgemeinen Verzicht.
-Wahrscheinlich hatte er geraucht. Es lagen aber auch sachliche
-Ärgernisse vor, von denen die Vettern schon gehört hatten,
-Anstaltsinterna von sattsam bekannter Art: ein junges Mädchen,
-Ammy Nölting mit Namen, welches, eingetreten zuerst
-im Herbst vorvorigen Jahres und nach neun Monaten, im
-August, als gesund entlassen, sich vor Ablauf des September
-schon wieder eingefunden hatte, weil sie sich zu Hause „nicht
-wohlgefühlt“ habe, zum Februar abermals völlig geräuschlos
-befunden und dem Flachlande zurückgegeben worden war, aber
-seit Mitte Juli schon wieder ihren Platz am Tische der Iltis
-einnahm, – diese Ammy war 1 Uhr nachts mit einem Leidenden
-namens Polypraxios, demselben Griechen, der beim Faschingsfest
-durch die Wohlgestalt seiner Beine berechtigtes Aufsehen
-erregt hatte, einem jungen Chemiker, dessen Vater am
-Piräus Farbwerke besaß, in ihrem Zimmer ertappt worden
-und zwar durch eine von Eifersucht verstörte Freundin, die auf
-demselben Wege in Ammys Zimmer gelangt war wie Polypraxios,
-nämlich über die Balkons, und, zerrissen von Schmerz
-und Wut über das Wahrgenommene, ein furchtbares Geschrei
-erhoben, alles in Bewegung gesetzt und die Sache an die große
-Glocke gehängt hatte. Behrens hatte allen dreien, dem Athener,
-der Nölting und ihrer Freundin, die vor Leidenschaft der
-eigenen Ehre wenig geachtet hatte, den Laufpaß geben müssen
-und eben jetzt mit seinem Assistenten, bei dem übrigens Ammy
-sowohl wie die Verräterin in Privatbehandlung gestanden
-hatten, die widrige Sache durchgesprochen. Auch während der
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-Untersuchung der Vettern fuhr er noch fort, im Tone der
-Schwermut und der Resignation sich darüber auszulassen;
-denn er war ein so fertiger Künstler der Auskultation, daß
-er zugleich eines Menschen Inneres belauschen, von etwas
-anderem reden und dem Assistenten das Erhorchte diktieren
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ja, <span class="antiqua" lang="en">gentlemen</span>, die verfluchte <span class="antiqua" lang="la">libido</span>!“ sagte er. „Sie
-haben natürlich noch Ihr Vergnügen an der Chose, Ihnen
-kann’s recht sein. – Vesikulär. – Aber so ein Anstaltschef, der
-hat davon die Neese <span class="antiqua" lang="fr">plein</span>, das können Sie mir – Dämpfung –
-das können Sie mir glauben. Kann ich dafür, daß die Phthise
-nun mal mit besonderer Konkupiszenz verbunden ist – leichte
-Rauhigkeit? Ich habe es nicht so eingerichtet, aber eh’ man
-sich’s versieht, steht man da wie ein Hüttchenbesitzer, – verkürzt
-hier unter der linken Achsel. Wir haben die Analyse, wir
-haben die Aussprache, – ja Mahlzeit! Je mehr die Rasselbande
-sich ausspricht, desto lüsterner wird sie. Ich predige die
-Mathematik. – Besser hier, das Geräusch ist weg. – Die Beschäftigung
-mit der Mathematik, sage ich, ist das beste Mittel
-gegen die Kupidität. Staatsanwalt Paravant, der stark angefochten
-war, hat sich drauf geworfen, er hat es jetzt mit der
-Quadratur des Kreises und spürt große Erleichterung. Aber
-die meisten sind ja zu dumm und zu faul dazu, daß Gott erbarm’.
-– Vesikulär. – Sehen Sie, ich weiß ganz gut, daß
-junges Volk hier gar nicht ganz unschwer verlumpt und verkommt,
-und früher habe ich manchmal einzuschreiten versucht
-gegen die Debauchen. Aber dann ist es mir passiert, daß irgendein
-Bruder oder Bräutigam mich ins Gesicht hinein gefragt
-hat, was es mich eigentlich angehe. Seitdem bin ich nur noch
-Arzt – schwaches Rasseln rechts oben.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Er war fertig mit Joachim, steckte sein Hörrohr in die Kitteltasche
-und rieb sich mit der riesigen Linken die beiden Augen,
-wie er zu tun pflegte, wenn er „abfiel“ und melancholisch war.
-Halb mechanisch und zwischendurch gähnend vor Mißlaune
-sagte er sein Sprüchlein her:
-</p>
-
-<p>
-„Na, Ziemßen, nur immer munter. Ist ja noch immer nicht
-alles genau so, wie es im Physiologiebuche steht, hapert noch da
-und da, und mit Gaffky haben Sie Ihre Angelegenheiten auch
-noch nicht restlos bereinigt, sind sogar in der Skala gegen neulich
-um eine Nummer aufgerückt, – sechs ist es diesmal, aber
-darum nur keinen Weltschmerz geblasen. Als Sie herkamen, waren
-Sie kränker, das kann ich Ihnen schriftlich geben, und wenn
-Sie noch fünf, sechs Manote – wissen Sie, daß man früher ‚<span class="antiqua" lang="fr">mânôt</span>‘
-sagte und nicht ‚Monat‘? War eigentlich viel volltöniger.
-Ich habe mir vorgenommen, nur noch ‚Manot‘ zu sagen –“
-</p>
-
-<p>
-„Herr Hofrat“, setzte Joachim an ... Er stand, mit bloßem
-Oberkörper, in geschlossener Haltung, Brust heraus, die Absätze
-zusammengenommen, und war so fleckig im Gesicht wie
-damals, als Hans Castorp bei bestimmter Gelegenheit erstmals
-bemerkt hatte, daß dies die Art des tief Gebräunten sei, blaß
-zu werden.
-</p>
-
-<p>
-„Wenn Sie,“ redete Behrens über seinen Anlauf hin, „noch
-rund ein halbes Jährchen hier stramm Gamaschendienst tun,
-dann sind Sie ein gemachter Mann, dann können Sie Konstantinopel
-erobern, dann können Sie vor lauter Markigkeit
-Oberbefehlshaber in den Marken werden –“
-</p>
-
-<p>
-Wer weiß, was er in seiner Verdüsterung noch alles gekohlt
-haben würde, wenn Joachims unbeirrte Haltung, seine unverkennbare
-Gewilltheit, zu sprechen, und zwar mutig zu sprechen,
-ihn nicht aus dem Konzept gebracht hätte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-„Herr Hofrat,“ sagte der junge Mann, „ich wollte gehorsamst
-melden, daß ich mich entschlossen habe, zu reisen.“
-</p>
-
-<p>
-„Nanu? Wollen Sie Reisender werden? Ich dachte, Sie
-wollten später mal, als gesunder Mensch, zum Militär?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, ich muß jetzt abreisen, Herr Hofrat, in acht Tagen.“
-</p>
-
-<p>
-„Sagen Sie mal, hör’ ich recht? Sie werfen die Flinte
-hin, Sie wollen durchbrennen? Wissen Sie, daß das Desertion
-ist?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, das ist nicht meine Auffassung, Herr Hofrat. Ich
-muß nun zum Regiment.“
-</p>
-
-<p>
-„Obgleich ich Ihnen sage, daß ich Sie in einem halben Jahr
-bestimmt entlassen kann, daß ich Sie aber vor einem halben
-Jahr nicht entlassen kann?“
-</p>
-
-<p>
-Joachims Haltung wurde immer dienstlicher. Er nahm den
-Magen herein und sagte kurz und gepreßt:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin über anderthalb Jahre hier, Herr Hofrat. Ich
-kann nicht länger warten. Herr Hofrat haben ursprünglich
-gesagt: ein Vierteljahr. Dann ist meine Kur immer wieder
-viertel- und halbjahrsweise verlängert worden, und ich bin
-immer noch nicht gesund.“
-</p>
-
-<p>
-„Ist das mein Fehler?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, Herr Hofrat. Aber ich kann nicht länger warten.
-Wenn ich nicht ganz den Anschluß verpassen will, so kann ich
-meine richtige Genesung hier oben nicht abwarten. Ich muß
-jetzt hinunter. Ich brauche noch etwas Zeit für meine Equipierung
-und andere Vorbereitungen.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie handeln im Einverständnis mit Ihrer Familie?“
-</p>
-
-<p>
-„Meine Mutter ist einverstanden. Es ist alles abgemacht.
-Ich trete ersten Oktober als Fahnenjunker bei den Sechsundsiebzigern
-ein.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-„Auf jede Gefahr?“ fragte Behrens und sah ihn aus blutunterlaufenen
-Augen an ...
-</p>
-
-<p>
-„Zu Befehl, Herr Hofrat“, antwortete Joachim mit zuckenden
-Lippen.
-</p>
-
-<p>
-„Na, dann is gut, Ziemßen.“ Der Hofrat wechselte die
-Miene, gab nach in seiner Haltung und ließ in jeder Weise locker.
-„Is gut, Ziemßen. Rühren Sie! Reisen Sie mit Gott. Ich
-sehe, Sie wissen, was Sie wollen, Sie nehmen die Sache auf
-sich, und soviel stimmt, daß es Ihre Sache ist, nicht meine, von
-dem Augenblick an, wo Sie sie auf sich nehmen. Selbst ist
-der Mann. Sie reisen ohne Garantie, ich stehe für nichts. Aber
-bewahre, es kann ganz gut gehen. Ist ja ein luftiger Beruf,
-den Sie ergreifen. Kann durchaus sein, daß es Ihnen bekommt
-und daß Sie sich herausbeißen.“
-</p>
-
-<p>
-„Jawohl, Herr Hofrat.“
-</p>
-
-<p>
-„Na, und Sie, junger Mann aus dem Zivilpublikum? Sie
-wallen wohl mit?“
-</p>
-
-<p>
-Das war Hans Castorp, der antworten sollte. Er stand da,
-ebenso bleich wie vor Jahresfrist bei jener Untersuchung, die
-seine Aufnahme herbeigeführt hatte, stand auf demselben Fleck
-wie damals, und wieder war deutlich das Pulsen seines Herzens
-gegen die Rippen zu sehen. Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Ich möchte es von Ihrem Votum abhängig machen, Herr
-Hofrat.“
-</p>
-
-<p>
-„Meinem Votum. Schön!“ Und er zog ihn am Arme an
-sich, horchte und klopfte. Er diktierte nicht. Es ging ziemlich
-schnell. Als er fertig war, sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Sie können reisen.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp stotterte:
-</p>
-
-<p>
-„Das heißt ... wieso. Bin ich denn gesund?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-„Ja, Sie sind gesund. Die Stelle links oben ist nicht mehr der
-Rede wert. Ihre Temperatur paßt nicht zu der Stelle. Woher
-sie kommt, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, daß sie
-weiter nichts zu bedeuten hat. Meinetwegen können Sie reisen.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber ... Herr Hofrat ... Das ist vielleicht im Augenblick
-nicht Ihr voller Ernst?“
-</p>
-
-<p>
-„Nicht mein Ernst? Wieso denn? Was denken Sie denn?
-Was denken Sie überhaupt so beiläufig von mir, möchte ich
-wissen? Wofür halten Sie mich? Für einen Hüttchenbesitzer?!“
-</p>
-
-<p>
-Es war Jähzorn. Die Bläue in des Hofrats Gesicht hatte
-sich ins Veilchenfarbene vertieft durch lodernden Zudrang, die
-einseitige Schürzung seiner Lippe mit dem Schnurrbärtchen
-sich heftig verstärkt, so daß die seitlichen Oberzähne sichtbar
-wurden, er schob den Kopf vor, wie ein Stier, seine Augen
-quollen tränend und blutig.
-</p>
-
-<p>
-„Das verbitte ich mir!“ schrie er. „Ich bin erstens überhaupt
-kein Besitzer! Ich bin ein Angestellter hier! Ich bin
-Arzt! Ich bin <em>nur</em> Arzt, verstehen Sie mich?! Ich bin kein
-Kuppelonkel! Ich bin kein Signor Amoroso auf dem Toledo
-im schönen Neapel, verstehen Sie mich wohl?! Ich bin ein
-Diener der leidenden Menschheit! Und sollten Sie sich eine
-andere Auffassung gebildet haben von meiner Person, dann
-können Sie beide zum Kuckuck gehen, in die Binsen oder vor
-die Hunde, ganz nach beliebiger Auswahl! Glückliche Reise!“
-</p>
-
-<p>
-Mit langen und breiten Schritten ging er zur Tür hinaus,
-durch die Tür, die ins Vorzimmer des Durchleuchtungsraumes
-führte, und ließ sie hinter sich zukrachen.
-</p>
-
-<p>
-Rat suchend blickten die Vettern auf Dr. Krokowski, der
-sich jedoch in seine Papiere vertieft und vergraben zeigte. Sie
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-sputeten sich, in ihre Kleider zu kommen. Auf der Treppe sagte
-Hans Castorp:
-</p>
-
-<p>
-„Das war ja schrecklich. Hast du ihn schon mal so gesehen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle.
-Das einzig Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung
-über sich ergehen läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die
-Geschichte mit Polypraxios und der Nölting. Aber hast du gesehen,“
-fuhr Joachim fort, und man merkte, wie die Freude
-darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in ihm aufstieg
-und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein beigab
-und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war?
-Man muß nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen.
-Nun habe ich sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß
-ich mich wahrscheinlich herausbeißen werde, – und über acht
-Tage reisen ... in drei Wochen bin ich beim Regiment“, verbesserte
-er sich, indem er Hans Castorp aus dem Spiele ließ
-und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person beschränkte.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp schwieg. Er sagte nichts über Joachims „Erlaubnis“,
-noch über seine eigene, von der ja allenfalls auch zu
-reden gewesen wäre. Er machte Toilette zur Liegekur, steckte
-das Thermometer in den Mund, schlug mit kurzen und sicheren
-Griffen, mit voll ausgebildeter Kunst, jener geheiligten
-Praktik gemäß, von der im Flachlande niemand eine Ahnung
-hatte, die beiden Kamelhaardecken um sich und lag dann still,
-als ebenmäßige Walze, auf seinem vorzüglichen Liegestuhl in
-der kalten Feuchte des Frühherbstnachmittags.
-</p>
-
-<p>
-Die Regenwolken hingen tief, die Phantasiefahne drunten
-war eingezogen, Schneereste lagen auf den nassen Zweigen
-der Edeltanne. Aus der unteren Liegehalle, von wo vor Jahr
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-und Tag zuerst Herrn Albins Stimme an sein Ohr geschlagen,
-drang leises Gespräch zu dem Diensttuenden herauf, dessen
-Finger und Angesicht sich in Kürze naßkalt versteiften. Er war
-es gewohnt und wußte der hiesigen, ihm längst zur einzig denkbaren
-gewordenen Lebenshaltung Dank für die Gunst, in Geborgenheit
-liegen und alles bedenken zu dürfen.
-</p>
-
-<p>
-Es war entschieden, Joachim würde reisen. Radamanth
-hatte ihn entlassen, – nicht <span class="antiqua" lang="fr">rite</span>, nicht als gesund, aber mit
-halber Billigung entlassen eben doch, auf Grund und in Anerkennung
-seiner Standhaftigkeit. Er würde hinunterfahren,
-mit der Schmalspurbahn in die Tiefe nach Landquart, nach
-Romanshorn, dann über den weiten, abgründigen See, über
-den im Gedichte der Reiter ritt, und durch ganz Deutschland
-nach Hause. Er würde dort leben, in der Welt des Flachlandes,
-unter lauter Menschen, die keine Ahnung hatten, wie man
-leben mußte, die nichts wußten vom Thermometer, von der
-Kunst des Sicheinwickelns, vom Pelzsack, vom dreimaligen
-Lustwandel, von ... es war schwer zu sagen, schwer aufzuzählen,
-wovon alles sie drunten nichts wußten, aber die Vorstellung,
-daß Joachim, nachdem er länger als anderthalb Jahre
-hier oben verbracht, unter den Unwissenden leben sollte, – diese
-Vorstellung, die nur Joachim betraf, und nur ganz von fern
-und versuchsweise auch ihn, Hans Castorp, – verwirrte ihn so,
-daß er die Augen schloß und eine abwehrende Handbewegung
-machte. „Unmöglich, unmöglich“, murmelte er.
-</p>
-
-<p>
-Da es denn aber unmöglich war, so würde er also allein
-und ohne Joachim hier oben weiter leben? Ja. Wie lange?
-Bis Behrens ihn als geheilt entließ, und zwar im Ernst, nicht
-so wie heute. Aber erstens war das ein Zeitpunkt, zu dessen
-Bestimmung man nur, wie Joachim einst bei irgendeiner
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-Gelegenheit, in die Luft hinein die Gebärde des Unabsehbaren
-machen konnte, und zweitens: würde das Unmögliche dann
-möglicher geworden sein? Im Gegenteil eher. Und soviel
-war loyalerweise zuzugeben, daß eine Hand ihm geboten war,
-jetzt, wo das Unmögliche vielleicht noch nicht ganz so unmöglich
-war, wie es später sein würde, – eine Stütze und Führung
-für ihn, durch Joachims wilde Abreise, auf dem Wege ins
-Flachland, den er von sich aus in Ewigkeit nie zurückfinden
-würde. Wie würde humanistische Pädagogik ihn mahnen, die
-Hand zu ergreifen und die Führung anzunehmen, wenn die
-humanistische Pädagogik von der Gelegenheit erfuhr! Aber
-Herr Settembrini war nur ein Vertreter – von Dingen und
-Mächten, die hörenswert waren, aber nicht allein, nicht unbedingt;
-und auch mit Joachim stand es so. Er war Militär,
-jawohl. Er reiste ab – beinahe in dem Augenblick, wo die hochbrüstige
-Marusja zurückkehren sollte (am ersten Oktober kehrte
-sie bekanntlich zurück), während ihm, dem zivilistischen Hans Castorp,
-die Abreise namentlich und abgekürzt gesprochen darum
-unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten mußte,
-von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete. „Das
-ist nicht meine Auffassung“, hatte Joachim gesagt, als Radamanth
-ihm von Desertion gesprochen hatte, was zweifellos
-in Hinsicht auf Joachim nur Kohl und Geschwafel gewesen
-war von des verdüsterten Hofrats Seite. Aber für ihn, den
-Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders. Für ihn
-(ja, ganz ohne Zweifel, so war es! Um diesen entscheidenden
-Gedanken aus seinem Gefühle emporzuarbeiten, hatte er sich
-heute hier ins Naßkalte gelegt) – für ihn wäre es wirklich Desertion
-gewesen, die Gelegenheit zu ergreifen und wilde oder
-halbwilde Abreise ins Flachland zu halten, Desertion von ausgebreiteten
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-Verantwortlichkeiten, die ihm aus der Anschauung
-des Hochgebildes, genannt <span class="antiqua" lang="la">Homo Dei</span>, hier oben erwachsen,
-Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte
-übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten,
-denen er hier in der Loge und am blau blühenden
-Orte oblag.
-</p>
-
-<p>
-Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie
-vorher nur einmal: nach erster Benutzung, nachdem die Oberin
-ihm eben das zierliche Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher
-Begierde wie damals darauf nieder. Merkurius war
-kräftig emporgewandert, er zeigte siebenunddreißig-acht, fast
--neun.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und
-tat einen schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und
-zurück. Dann, wieder in horizontaler Lage, rief er leise Joachim
-an und fragte nach dessen Kurve.
-</p>
-
-<p>
-„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim.
-</p>
-
-<p>
-„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort
-in Nachfolge Frau Stöhrs nach Analogie von „Schampus“
-behandelnd; worauf Joachim hinter der Glaswand sich schweigend
-verhielt.
-</p>
-
-<p>
-Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden,
-forschte mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und
-Entschlüssen, die sich ganz von selbst, bei knapp gesetzter Frist,
-offenbaren mußten: durch Handlungen oder das Unterlassen
-von Handlungen, und das taten sie, nämlich durch letzteres.
-Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der hatte wissen
-wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein tun
-wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen
-Tagen sich auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-Rücksprache, von der Joachim wußte, und deren Verlauf und
-Ergebnis er sich an fünf Fingern ausrechnen konnte. Sein Vetter
-hatte erklärt, er erlaube sich, auf des Hofrats frühere vielfältige
-Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich auszuheilen,
-damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen,
-als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe
-37,8, er könne sich nicht als <span class="antiqua" lang="fr">rite</span> entlassen fühlen, und wenn
-des Hofrats Äußerung von neulich nicht etwa als Relegation
-zu verstehen gewesen sei, zu welcher Maßregel Anlaß gegeben
-zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt sei, so habe er, nach
-ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu Joachim
-Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige
-Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich
-erwidert hatte: „<span class="antiqua" lang="fr">Bon</span> und schön!“ und: „Nichts für ungut!“
-und: das heiße er wie ein vernünftiger Kerl reden, und:
-er habe es doch gleich gesehen, daß Hans Castorp mehr Talent
-zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und Haudegen
-da. Und so fort.
-</p>
-
-<p>
-Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation,
-der Hergang des Gespräches gewesen, und so sagte er
-nichts und stellte eben nur schweigend fest, daß Hans Castorp
-sich seinen die Abreise vorbereitenden Schritten nicht anschloß.
-Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit sich selber zu
-tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib des
-Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner
-Brust, – man kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er
-sich nicht mehr maß, sondern sein Instrument, angeblich, indem
-er es hatte fallen lassen, zerbrochen hatte: Messungen
-hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen, – so furchtbar aufgeregt,
-bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude und Spannung,
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den
-ganzen Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans
-Castorp hörte: zu all den Stunden, viermal am Tage, in welchen
-auf „Berghof“ die Horizontale herrschte. Anderthalb
-Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause, nun
-wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis!
-Das war keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp
-fühlte es dem ruhelos wandernden Vetter nach. Achtzehn
-Monate, den vollen Jahreszirkel und dann die Hälfte
-noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt, eingefahren
-in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen Lebensgang,
-den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten erprobt,
-– und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden!
-Welche Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen?
-Und durfte man sich wundern, wenn Joachims große Aufregung
-nicht nur aus Freude bestand, sondern auch Bangigkeit,
-Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten
-ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu
-schweigen.
-</p>
-
-<p>
-Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem
-guten Joachim über davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters
-Zukunft auf sich beruhen. Er sprach davon, wie neu und
-erfrischt alles sein werde, das Leben, er selbst, die Zeit – jeder
-Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder haben, langsam
-gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter,
-Hans Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze
-Augen hatte, wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her
-nicht gesehen, da sie, hingehalten von Monat zu Monat, von
-Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu einem Besuche des Sohnes
-sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit begeistertem
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –:
-in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen
-geleistet, ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen.
-„Nanu?“ fragte Hans Castorp. „Ernstlich? Der Stange?
-Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und bei der Artillerie
-dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja schwärmerische
-Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne
-man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe
-nickte.
-</p>
-
-<p>
-Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota
-auf der Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten
-Termin mit dem Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug
-packte er ein und ließ den Pelzsack nebst den Kamelhaardecken
-vom Hausdiener in Sackleinen nähen: vielleicht, daß
-er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an,
-Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und
-Settembrini – allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei
-diesem Gange und fragte auch nicht, was Settembrini zu
-Joachims bevorstehender Abreise und Hans Castorps bevorstehender
-Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob er nun
-„Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder
-„<span class="antiqua" lang="it">Poveretto</span>“, das mußte ihm gleichgültig bleiben.
-</p>
-
-<p>
-Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles
-zum letztenmal absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden
-Lustwandel, und von den Ärzten, der Oberin Urlaub nahm.
-Und es tagte der Morgen selbst: heißäugig und mit kalten
-Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte die ganze
-Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich
-und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt,
-hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-scheiden. Frau Stöhr vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen
-Tränen der Ungebildeten, beim Lebewohl und zeigte gleich
-darauf hinter Joachims Rücken der Lehrerin mit Kopfschütteln
-und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine faule Miene
-voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims
-Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp
-sah es, indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter
-auf dem Fuße zu folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen,
-den amtlichen Abschiedsgruß eines Gesandten der Verwaltung
-im Vestibül zu erwidern. Wie immer standen Patienten
-bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem
-„Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów
-mit seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während
-der Wagen, am Hinterrad gebremst, die Anfahrt hinabschurrte.
-Joachim hatte Rosen erhalten. Er trug einen Hut auf dem
-Kopf. Hans Castorp nicht.
-</p>
-
-<p>
-Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer
-Trübe. Das Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des
-Dorfberges standen unveränderlich wahrzeichenhaft vor der
-Bläue, und Joachims Augen ruhten darauf. Fast schade, meinte
-Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so schönes Wetter geworden.
-Es läge Bosheit darin, und ein recht unwirtlicher
-Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim:
-der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches Ausbildungswetter,
-er könne es drunten wohl brauchen. Sonst
-sprachen <a id="corr-30"></a>sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und
-zwischen ihnen, gab es freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten
-sie vor sich den Hinkenden auf dem Bock neben dem Kutscher.
-</p>
-
-<p>
-Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts,
-hatten sie den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen,
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-fuhren sie hin auf der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn
-gleichlaufenden Straße und hielten auf steinigem Platz vorm
-Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht viel mehr als ein
-Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit Schrecken
-wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei einfallender
-Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen.
-„Hier bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise,
-und Joachim antwortete nur: „Tja, das bist du“, und
-entlohnte den Kutscher.
-</p>
-
-<p>
-Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das
-Gepäck. Sie standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge,
-neben dem kleinen, grau gepolsterten Wagenabteil,
-worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und Rosen einen Platz
-belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen schwärmerischen
-Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird
-gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf,
-Grüße an die dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete
-Hans Castorp nur noch mit seinem Stock auf dem Asphalt.
-Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er auf, sah Joachim
-an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans Castorp
-lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig
-dringlich. „<em>Hans!</em>“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte
-sich etwas so Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete
-Hans Castorp mit Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder
-„Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag gehalten hatten, sondern aller
-Sittensprödigkeit zum Trotz und peinlichst überschwänglicher
-Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und drückte mit dringlicher
-Angst dem Vetter die Hand, während dieser bemerken
-mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten
-das Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-er inständig, „komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs
-Trittbrett. Die Tür schlug zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander,
-die kleine Lokomotive zog an, der Zug entglitt. Der
-Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut, der Zurückbleibende
-mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch lange,
-allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim
-ihn vor Jahr und Tag geführt.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-1-5">
-Abgewiesener Angriff
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und
-Akelei waren verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen
-Sterne des Enzian, die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten
-sich wieder im feuchten Grase, und über den Waldungen lag
-es rötlich. Herbstnachtgleiche war vorüber, Allerseelen in Sicht
-und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch der erste Advent,
-der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber reihten
-sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem
-die Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten.
-</p>
-
-<p>
-Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am
-Tische der Stöhr, nicht mehr an demjenigen, von dem Dr.
-Blumenkohl weggestorben war, und an dem Marusja ihre unbegründete
-Heiterkeit im Apfelsinentüchlein erstickt hatte. Neue
-Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund aber hatte,
-zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von
-der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen,
-an einem Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter
-gegen die linke Verandatür, zwischen seinem ehemaligen
-und dem Guten Russentisch, kurzum am Tisch Settembrinis.
-Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans Castorp
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der
-an jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus
-zum Hospitieren aufgespart blieb.
-</p>
-
-<p>
-Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte
-auf mehreren Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus
-Mexiko, dessen Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit
-der eines Tauben war, und ihm zur Seite hatte das ältliche
-Fräulein aus Siebenbürgen ihren Platz, das, wie schon
-Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse aller Welt für
-ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas
-von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen
-mit Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden
-bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten
-Stunden des Tages an der Brüstung ihrer Balkonloge
-ihre tellerflache Brust in hygienischen Tiefatmungen dehnen.
-Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man Herr Wenzel
-nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen
-verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin
-versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der
-dieser Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen,
-sondern nur um die vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an
-dem wilden Lautgestrüpp heiter zu erproben. Obwohl feist
-wie ein Dachs und von einer selbst unter Denen hier oben erstaunlich
-sich hervortuenden Eßlust, versicherte der Böhme seit
-vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der Abendgeselligkeit
-klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline die
-Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage,
-auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in
-Hans Castorps Nähe folgten dann zu beiden Seiten des Tisches
-Herr und Frau Magnus, die Bierbrauersehegatten aus Halle.
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-Melancholie umgab dieses Paar atmosphärisch, da beide lebenswichtige
-Stoffwechselprodukte, Herr Magnus Zucker, Frau
-Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung,
-namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages
-von Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger
-Hauch von ihr aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete
-Stöhr stellte sie jene Vereinigung von Krankheit und
-Dummheit dar, an der Hans Castorp, getadelt deswegen von
-Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen hatte. Herr
-Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch
-nur in der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld
-erregt hatte. Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit
-Herrn Wenzel aus politischen und sonstigen Anlässen feindlich
-zusammen. Denn ihn erbitterten die nationalen Aspirationen
-des Böhmen, der sich überdies zum Antialkoholismus bekannte
-und über den Erwerbszweig des Brauers moralisch Absprechendes
-äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die sanitäre
-Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine Interessen
-so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte
-früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt;
-Hans Castorp aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt
-und konnte nicht hinreichende Autorität in Anspruch nehmen,
-ihn darin zu ersetzen.
-</p>
-
-<p>
-Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen:
-A. K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur
-Linken, war der eine, dieser gutmütige Dulder, der unter dem
-Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts hervor von Gummischuhfabrikation
-und fernen Gegenden, dem Polarkreis, dem
-ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp
-sogar zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam
-<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-zurücklegte. Der andere aber, der sich ihnen dabei, so oft es
-sich treffen wollte, als Dritter anschloß, und der am oberen
-Tafelende, gegenüber dem mexikanischen Buckligen, seinen Platz
-hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit schlechten Zähnen,
-Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann
-seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde
-an Frau Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und
-der seit Fastnacht Hans Castorps Freundschaft suchte.
-</p>
-
-<p>
-Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden
-Hingebung, die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches
-hatte, da er ihren komplizierten Sinn begriff, der aber
-menschlich zu begegnen er sich anhielt. Ruhig blickend, da er
-wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen der Brauen genügte,
-um den elend Empfindenden sich ducken und zurückschrecken
-zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der jede
-Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm
-schön zu tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim
-Lustwandel den Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht
-trug er ihn über dem Arm –, duldete endlich des Mannheimers
-Gespräch, das trübe war. Wehsal war erpicht, Fragen
-aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe, einer
-Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle,
-seine Liebe zu erklären – die <em>aussichtslose</em> Liebeserklärung,
-was die Herren davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes
-davon, sei der Meinung, daß sich unendliches Glück damit
-verbinde. Wenn nämlich der Akt des Geständnisses zwar
-Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so stelle er doch
-für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten Gegenstandes
-her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der
-eigenen Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei,
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-so sei der ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines
-Augenblicks nicht überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt,
-und je größer der widerstehende Abscheu dagegen sei, desto
-genußreicher –. Hier scheuchte eine Verfinsterung von Hans
-Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr in Hinsicht
-auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie
-er oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände
-völlig fern lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten
-unseres Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt
-bleiben, diesen besser oder schlechter machen zu wollen, als er
-war, so sei mitgeteilt, daß, als der arme Wehsal eines abends
-unter vier Augen mit bleichen Worten in ihn drang, ihm von
-den Erlebnissen und Erfahrungen der nachgesellschaftlichen
-Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu vertrauen, Hans
-Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie der
-Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas
-niedrig Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir
-Gründe, ihn und uns davon auszuschließen und fügen nur noch
-an, daß Wehsal danach mit verdoppelter Hingabe den Paletot
-des freundlichen Hans Castorp trug.
-</p>
-
-<p>
-Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz
-zu seiner Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur
-einige Tage lang: von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen,
-einem Verwandtenbesuch, Gast aus dem Flachlande
-und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, – mit einem
-Worte von Hansens Onkel James Tienappel.
-</p>
-
-<p>
-Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter
-der Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten,
-Versunkenen, des früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“
-noch frisch im Gewebe seines englischen Anzugs tragend.
-<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
-Aber es hatte kommen müssen. Längst hatte Hans Castorp
-im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes gerechnet
-und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der Erkundung
-betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen,
-– was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter,
-der seefahrende, kam wenig dafür in Frage, und vom Großonkel
-Tienappel selbst stand fest, daß keine zehn Pferde ihn je
-in diese Gegenden schleppen würden, von deren Luftdruckverhältnissen
-er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es
-sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen
-Auftrage umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit
-aber Joachim allein zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis
-von der hiesigen Sachlage Nachricht gegeben hatte, war
-der Angriff fällig und überfällig, und so war denn Hans Castorp
-nicht im geringsten verblüfft, als, knappe vierzehn Tage
-nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm überhändigte,
-das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels
-kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer
-Boden zu tun und sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens
-Höhe entschlossen. Übermorgen war er zu erwarten.
-</p>
-
-<p>
-„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar
-etwas wie „Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn
-du eine Ahnung hättest!“ sagte er in Gedanken zu dem sich
-Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die Meldung mit
-großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an
-die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das
-Zimmer Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am
-übernächsten Tage, um die Stunde seiner eigenen Ankunft,
-abends gegen acht also, es war schon dunkel, mit demselben
-harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet, zum Bahnhof
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-„Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der
-nach dem Rechten sehen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande
-des Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem
-Fenster seines Verwandten und forderte ihn auf, nur immer
-herauszukommen, denn er sei da. Konsul Tienappel – er war
-Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf diesem ehrenamtlichen
-Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen Wintermantel
-gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich kalt,
-nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein
-können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem
-Abteil in überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen,
-sehr zivilisierten Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn
-verlautbarte, begrüßte den vetterlichen Neffen unter betonten
-Ausdrücken der Genugtuung über sein vorzügliches Aussehen,
-sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck überhoben
-und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten
-Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren
-sie dahin, und Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und
-den Zeigefinger in der Luft, erläuterte dem Onkel-Cousin die
-oberen Gefilde, faßte mit Wort und Gebärde ein und das andere
-funkelnde Sternbild zusammen und nannte Planeten bei Namen,
-– während jener, aufmerksam mehr auf die Person seines
-Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es
-zwar möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier
-und sofort gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch
-manches andere näher gelegen hätte. Seit wann er denn da
-oben so sicher Bescheid wisse, fragte er Hans Castorp; worauf
-dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der abendlichen Liegekur
-auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. –
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der
-Konsul werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben.
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend
-und etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder
-sprach ruhig und eintönig. Ohne Hut, ohne Paletot saß er
-neben ihm in der frostnahen Frische des Herbstabends. „Dich
-friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er selbst zitterte
-unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine Sprechweise
-hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne
-eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert
-nicht“, antwortete Hans Castorp ruhig und kurz.
-</p>
-
-<p>
-Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten.
-Hans Castorp erkundigte sich nicht nach den Verwandten
-und Bekannten zu Hause. Grüße von dort, die James übermittelte,
-auch diejenigen Joachims, der bereits beim Regiment
-sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig dankend,
-ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt
-durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht
-zu sagen wußte, ob es von dem Neffen ausging oder etwa in
-ihm selbst, dem physischen Befinden des Reisenden, seinen Ursprung
-habe, blickte James umher, ohne von der Hochtallandschaft
-viel erkennen zu können, und zog tief die Luft ein, die er
-ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der andere,
-nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke Eigenschaften.
-Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige,
-setze der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder
-Mensch latent in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere
-sie sie zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines
-allgemeinen organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-Ausbruch. – Er möge erlauben, – festlich? – Allerdings.
-Ob jener nie bemerkt habe, daß der Ausbruch einer Krankheit
-etwas Festliches habe, eine Art Körperlustbarkeit darstelle. –
-„Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der Onkel mit unbeherrschtem
-Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht Tage bleiben
-könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht auch
-nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank
-einem Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die
-Länge gezogen habe, hervorragend gut und gekräftigt finde,
-nehme er an, daß der Neffe gleich mit ihm hinunter nach Hause
-fahren werde.
-</p>
-
-<p>
-„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“,
-sagte Hans Castorp. Onkel James rede recht wie einer von
-unten. Er solle sich hier bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen
-und einleben, dann werde er seine Ideen schon ändern.
-Es komme auf restlose Heilung an, die Restlosigkeit sei das Entscheidende,
-und ein halbes Jahr habe Behrens ihm neulich noch
-aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an und
-fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte
-er. Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade,
-und nun noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen
-Gottes Namen doch nicht soviel Zeit! – Da lachte Hans
-Castorp ruhig und kurz zu den Sternen empor. Ja Zeit! Was
-nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so werde James
-seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen, bevor
-er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse
-schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat
-reden, versprach Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp.
-„Er wird dir gefallen. Ein interessanter Charakter, forsch
-und melancholisch zugleich.“ Und dann wies er auf die Lichter
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte beiläufig von den
-Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere.
-</p>
-
-<p>
-Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem
-Hans Castorp den Gast in Joachims Zimmer eingeführt
-und ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich etwas zu erfrischen.
-Mit <span class="ss">H₂CO</span> sei das Zimmer geräuchert worden, sagte Hans
-Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde Abreise von
-dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein
-<span class="antiqua" lang="la">exodus</span>, sondern ein <span class="antiqua" lang="la">exitus</span>. Und da der Onkel sich nach dem
-Sinn erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“
-sagte er. „Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert,
-das gibt es auch. Aber mach’, damit du noch warmes
-Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im behaglich erwärmten
-Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz. Die
-Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder
-kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt
-wurde. Sie stießen an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen.
-Der Jüngere sprach von dem Leben hier oben im Wandel
-der Jahreszeiten, von einzelnen Erscheinungen des Speisesaals,
-vom Pneumothorax, dessen Wesen er erklärte, indem er
-den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über die grasse
-Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen
-Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte,
-der Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und
-des Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt
-die Kosten der Unterhaltung. James aß und trank stark,
-wie er es gewohnt war und mit überdies noch durch Reise und
-Luftwechsel geschärftem Appetit. Dennoch unterbrach er sich
-zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den Mund voller
-Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im stumpfen
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans
-Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne
-daß jener sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene
-Adern zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem
-blonden Haar bedeckten Schläfen ab.
-</p>
-
-<p>
-Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von
-persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch
-von der Firma Tunder &amp; Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik
-und Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des
-jungen Praktikanten wartete, was aber natürlich so wenig ihre
-einzige Beschäftigung war, daß man sich fragen mochte, ob
-sie überhaupt noch wartete. James Tienappel hatte wohl alle
-diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später berührt,
-aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, –
-abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter
-Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit
-oder Gefeitheit, die an sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche
-Abendkühle, an sein Wort „Uns friert nicht“, erinnerte
-und vielleicht Ursache war, weshalb sein Onkel ihn manchmal
-so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den Ärzten
-ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis –
-es traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn
-er acht Tage blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt
-sei, den Vortrag zu besuchen? Niemand. Er nahm es
-an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit als ausgemacht voraus,
-daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht daran
-teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß
-er mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte
-zuvorzukommen suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches
-geplant. Dies eben war die Macht, deren unbestimmte,
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel unbewußt anhielt,
-den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem
-Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen,
-obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen
-hatte. Er hörte seinen Verwandten von der Krankheit
-sprechen, die hier das gemeinsame Berufsinteresse aller bildete,
-und von der Aufnahmelustigkeit für sie; von Hans Castorps
-eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem Reiz, den
-die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen
-und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und
-Erzeugung löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall
-und Verkäsungsprozeß, von dem dann die Frage sei, ob er durch
-kalkige Petrifizierung und bindegewebige Vernarbung zu heilsamem
-Stillstand gelange oder zu größeren Erweichungsherden
-sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse und das Organ zerstöre.
-Er hörte von der wild beschleunigten, galoppierenden
-Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja
-in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats
-meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie
-sie morgen oder demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren,
-einer ursprünglich reizenden Schottin, vorgenommen werden
-sollte, die von <span class="antiqua" lang="la">Gangraena pulmonum</span>, vom Lungenbrande
-ergriffen worden sei, so daß eine schwärzlich-grüne Verpestung
-in ihr walte und sie den ganzen Tag zerstäubte Karbolsäurelösung
-einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber den Verstand
-zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig unerwartet
-für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß
-er herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte
-sich freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos
-Geschehene auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-zu seiner Beruhigung, die aber neue Beunruhigung in
-sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich um den Unfall,
-der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht kümmerte,
-vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich
-nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine
-Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen
-Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt
-hätte, sich durch solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei
-es aber, daß der Konsul seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich
-ein Mäntelchen von Vernunft und Sinn umzuhängen
-wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, – plötzlich
-brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing
-mit hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten
-„Chansonette“, einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen
-Weibsstück, das zurzeit in St. Pauli ihr Wesen treibe und
-mit ihren temperamentgeladenen Reizen, die er dem Vetter schilderte,
-die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem halte. Seine
-Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er
-sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende
-Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese
-Erscheinung erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige
-Reisemüdigkeit, deren Opfer er war, allmählich so deutlich,
-daß er schon gegen halb 11 Uhr die Beendigung des Beisammenseins
-befürwortete und es innerlich wenig begrüßte,
-daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach
-erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der
-Tür eines Salons gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn
-bekannt machte. Auf die stämmig-heitere Anrede des Doktors
-wußte er fast nichts anderes mehr als „Gewiß, selbstvers-tändlich“,
-zu erwidern und war froh, als sein Neffe sich
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum
-Frühstück abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem
-Zimmer in sein eigenes begeben hatte und er mit der
-gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich ins Bett des Fahnenflüchtlings
-fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte er Feuersbrunst
-gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk
-zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel.
-</p>
-
-<p>
-James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel
-James“ und einfach nur „James“ anredete, war ein langbeiniger
-Herr von gegen Vierzig, gekleidet in englische Stoffe
-und blütenhafte Wäsche, mit kanariengelbem, gelichtetem Haar,
-nahe beisammenliegenden blauen Augen, einem strohigen, gestutzten,
-halb wegrasierten Schnurrbärtchen und bestens gepflegten
-Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne
-darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten
-Konsuls am Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit
-einer Angehörigen seines Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert
-und fein, von ebenso leiser, rascher und spitzig-höflicher
-Sprechweise war wie er selbst, gab er zu Hause einen sehr energischen,
-umsichtigen und bei aller Eleganz kalt sachlichen Geschäftsmann
-ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich, auf
-Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes
-Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige Bereitwilligkeit
-zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger
-als eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil
-das Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst
-dem Wunsche, seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren
-und selbst inmitten von Lebensformen, die er unglaublich fand,
-nichts von Befremdung merken zu lassen. „Natürlich, gewiß,
-selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu sagen, damit niemand
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher gekommen nun
-freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich mit
-dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu
-sehen, den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich
-ausdrückte, „loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war
-er sich doch wohl bewußt, auf fremdem Boden zu operieren,
-– schon im ersten Augenblicke empfindlich von der Ahnung berührt,
-daß eine Welt und Sittensphäre ihn als Gast aufgenommen
-habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner eigenen
-nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin
-übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit
-seiner Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren;
-denn die Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als
-wahrhaft erdrückend.
-</p>
-
-<p>
-Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des
-Konsuls Telegramm innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“
-beantwortet hatte; aber man muß nicht denken, daß er bewußt
-die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen Onkel ausgenutzt
-hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr,
-und nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern
-umgekehrt, so daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von
-dem Augenblick an, wo eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit
-seines Unternehmens den Konsul von seines Neffen Person
-her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und Ausgang,
-das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans
-Castorp denn freilich doch nicht umhin konnte.
-</p>
-
-<p>
-Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der
-Eingesessene den Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft
-bekannt gemacht hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat
-Behrens, der lang und bunt, gefolgt von dem schwarzbleichen
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit seiner
-rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin
-herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht
-nur, daß es eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem
-vereinsamten Neveu hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten,
-sondern daß er auch im ureigensten Interesse sehr recht
-daran tue, da er ja offenbar total anämisch sei. – Anämisch,
-er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und zog ihm
-mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig!
-sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln,
-wenn er es sich für ein paar Wochen hier auf seinem
-Balkon der Länge nach bequem mache und überhaupt in allen
-Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In seinem
-Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal
-eine Weile so zu leben, wie bei leichter <span class="antiqua" lang="la">tuberculosis pulmonum</span>,
-die übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“
-sagte der Konsul rasch und blickte dem hochnackig
-Davonrudernden noch eine Weile eifrig-höflich geöffneten
-Mundes nach, während sein Neffe gelassen und abgebrüht
-neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur
-Bank an der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach
-hielt James Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet
-von Hans Castorp, der ihm zum mitgebrachten Plaid die eine
-seiner Kameldecken lieh – er selbst hatte in Anbetracht des
-schönen Herbstwetters an einer reichlich genug – und ihn in
-der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff getreulich
-unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon
-zur Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um
-ihn auf eigene Hand und nur unter verbessernd einspringender
-Beihilfe die feststehende Prozedur wiederholen zu lassen,
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-und lehrte ihn, den Leinenschirm am Stuhl zu befestigen und
-gegen die Sonne zu richten.
-</p>
-
-<p>
-Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes
-stark in ihm, und er machte sich lustig über das, was er da
-erlernte, wie er sich schon über den abgemessenen Lustwandel
-nach dem Frühstück lustig gemacht hatte. Aber als er das
-ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der Neffe seinen
-Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene Selbstgewißheit
-der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst,
-er fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das
-entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen
-sofort, baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen,
-solange er noch Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen
-hatte; denn er fühlte, daß diese schwanden, daß der Geist des
-Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen gefährlichen Feindesbund
-gegen sie bildete.
-</p>
-
-<p>
-Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm
-empfohlen hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen
-der Kranken anzuschließen: das ergab sich von selbst,
-es bestand, wie es schien, gar keine andere Denkbarkeit, und
-wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und unberührbarer
-Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der Tat
-und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar
-war, das war für einen wohlerzogenen Menschen von
-Anfang an nicht zu unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender
-sein, als daß nach der ersten Liegekur das ausgiebige zweite
-Frühstück erfolgte, aus welchem der Lustwandel nach „Platz“
-hinunter überzeugend sich ergab, – und danach wickelte Hans
-Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn ein, das war
-das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert
-war, ließ er ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde
-Gong zu einem Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief,
-das sich als erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies,
-daß der sich anschließende General-Liegedienst mehr als
-äußerer Brauch, daß er innere Notwendigkeit war und aus
-persönlichster Überzeugung geübt wurde. So ging es fort bis
-zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im Salon
-mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine
-Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit
-aufdrängte, ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann
-hätte sie keine Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht
-des Konsuls kritische Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt
-gewesen wären, das er nicht geradezu Übelbefinden
-nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und Aufregung
-bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig zusammensetzte.
-</p>
-
-<p>
-Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung
-mit Hofrat Behrens war der Dienstweg beschritten worden:
-Hans Castorp hatte beim Bademeister den Antrag gestellt und
-dieser ihn der Oberin weitergegeben, deren eigentümliche Bekanntschaft
-Konsul Tienappel bei dieser Gelegenheit machte,
-dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo sie ihn liegend
-fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit
-des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm.
-Das geehrte Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst
-ein paar Tage gedulden, der Hofrat sei besetzt, Operationen,
-Generaluntersuchungen, die leidende Menschheit gehe vor, nach
-christlichen Grundsätzen, und da er ja angeblich gesund sei, so
-müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier nicht Nummer
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas
-anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle,
-– worüber sie, Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er
-solle sie doch mal ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien
-etwas trübe und flackernd, und wie er da so vor ihr liege, sehe
-es alles in allem nicht viel anders aus, als ob auch mit ihm
-nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so ganz <em>sauber</em>, er
-solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei seinem Antrage
-um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung
-handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung!
-versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis
-er Bescheid bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der
-Hofrat selten Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte,
-und das Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht
-einen nachhaltigen Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen,
-dessen Einigkeit mit den Erscheinungen hier oben aus seiner
-unberührbaren Ruhe deutlich hervorging, unhöflicherweise
-zu sagen, wie abschreckend ihm das Frauenzimmer dünkte,
-klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei ihm an, die
-Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans Castorp,
-nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm
-halbwegs zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk
-ihm ein Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir?
-Ist das ihre Branche?“ entgegnete der Onkel ... Aber das
-Schlimme war, wie deutlich aus seines Neffen Miene hervorging,
-daß er sich auch dann nicht gewundert haben würde,
-wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“,
-stand in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn
-fror andauernd bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-die Oberin ihm tatsächlich ein Thermometer angeboten hätte,
-er es gewiß zurückgewiesen haben würde, daß dies aber am
-Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes, zum
-Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte.
-</p>
-
-<p>
-So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des
-Sendboten lief auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt
-waren, und daß es außerhalb ihrer laufen könne, schien keine
-Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine Erlebnisse, gewann seine
-Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei belauschen. Er
-hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes
-Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz,
-womit der Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt
-von einer geschnitzten Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand
-und sich, gegen das Licht erhoben, als photographisches Negativ
-erwies. „Was ist denn das?“ fragte der Onkel betrachtend
-... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne Kopf,
-es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter
-Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich
-erkennen ließ. „Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp.
-Worauf der Onkel „Pardon!“ sagte, das Bildnis auf
-die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon entfernte. Dies
-nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in diesen vier
-oder fünf Tagen. Auch an einer <span class="antiqua" lang="fr">Conférence</span> des Dr. Krokowski
-nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen.
-Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens
-betraf, so bekam er am sechsten Tage seinen Willen.
-Er wurde bestellt und stieg nach dem Frühstück, entschlossen, ein
-ernstes Wort mit dem Manne wegen seines Neffen und dessen
-Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab.
-</p>
-
-<p>
-Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-„Hast du so etwas schon gehört?!“
-</p>
-
-<p>
-Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas
-schon gehört haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde,
-und so brach er ab und antwortete auf des Neffen wenig gespannte
-Gegenerkundigung nur: „Nichts, nichts“, zeigte aber
-von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit zusammengezogenen
-Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg
-aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf
-herumzuwerfen und den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte
-Richtung zu lenken ... War auch die Unterredung
-mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul gedacht hatte?
-War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern auch
-von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß
-dem Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren
-gegangen war? Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der
-Konsul zeigte sich stark aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos
-und stieß den Neffen mit der Faust in die Weiche, indem
-er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“ Zwischendurch hatte er
-jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin. Aber seine Augen
-gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den Dienstwegen
-und bei der Abendgeselligkeit.
-</p>
-
-<p>
-Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines
-polnischen Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden
-Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille
-saß, anfangs keine besondere Beachtung geschenkt; und
-in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie eine andere,
-übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr die
-Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn
-und lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß
-sie sich im Punkte der Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-drunten im Flachlande hätte messen können. Allein am Sonntag
-Abend, nach dem Souper, in der Halle, hatte der Konsul,
-dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid, das sie
-trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß,
-mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren
-Teilung ziemlich weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung
-hatte den reifen und feinen Mann bis in den Grund
-seiner Seele erschüttert und begeistert, so, als habe es eine völlig
-neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis damit. Er suchte
-und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich lange
-mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend
-schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes
-Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul
-wußte, was er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er
-suchte die Dame auf den Dienstwegen abzufangen, um sich
-plaudernd, auf eine besondere, angelegentliche und charmante
-Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr zu bewegen, trank
-ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie lächelnd die Goldkapseln
-blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne überkleidet
-waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen geradezu
-für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann.
-Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit
-gefallen, mit einer Miene, als müsse es so sein. Aber die
-Autorität des älteren Verwandten konnte es wenig stärken,
-und mit des Konsuls Sendung stimmte es schlecht überein.
-</p>
-
-<p>
-Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase
-grüßte, und zwar zweimal: beim Fischragout und später beim
-Sorbett, war dieselbe, die Hofrat Behrens am Tische Hans
-Castorps und seines Gastes einnahm, – er hospitierte ja immer
-reihum an jedem der sieben, und überall war das Gedeck an
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände
-vor seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen
-zwischen Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen,
-mit dem er spanisch sprach – denn er beherrschte alle Sprachen,
-auch Türkisch und Ungarisch, – und sah mit blau quellenden,
-rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul Tienappel Frau Redisch
-drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte. Später im
-Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag, angefeuert
-dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des
-Tisches hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei,
-wenn der Mensch verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche
-studiert, der Körper sei ganz ausgesprochen seine Branche,
-er sei sozusagen eine Art Körperfürst, wenn man sich so ausdrücken
-dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es so zugehe,
-wenn der Körper sich auflöse!
-</p>
-
-<p>
-„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der
-Hofrat, bei aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände
-gebeugt. „Sie liegen da auf Ihren Hobelspänen und Ihrem
-Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie, treiben Sie auf, sie
-blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit Fröschen
-machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie
-schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung
-nicht mehr aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich,
-Sie machen es wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel,
-Sie schütten sich aus. Tja, und danach sind Sie eigentlich wieder
-gesellschaftsfähig. Wenn Sie Urlaub bekämen, so könnten
-Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne weiter Anstoß zu erregen.
-Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man
-sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner
-Kerl, wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-der Kapuziner vor Porta Nuova hängen. Trocken und elegant
-hängen sie da und genießen die allgemeine Achtung. Es
-kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“
-</p>
-
-<p>
-„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“
-Und am nächsten Morgen war er verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die
-Ebene hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten
-geordnet zu haben: wer käme auf andere Gedanken! Er hatte
-seine Rechnung bereinigt, für eine stattgehabte Untersuchung
-das Honorar erlegt, hatte in aller Stille, ohne seinem Verwandten
-ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine beiden Handkoffer
-in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das abends
-oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen –
-und als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks
-das Zimmer des Onkels betrat, fand er es geräumt.
-</p>
-
-<p>
-Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“.
-Hier war es, daß ein melancholisches Lächeln sich in seinen
-Zügen hervorbildete. „Ach so“, sagte er und nickte. Da hatte
-einer Fersengeld gegeben. Hals über Kopf, in stummer Eile,
-als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks wahrnehmen
-und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte er
-seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein,
-nicht zu zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung,
-aber heilfroh, auch nur allein davonzukommen, der Biedermann
-und Flüchtling zur Flachlandsfahne, Onkel James.
-Na, glückliche Reise!
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden
-Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt
-hatte, besonders den Hinkenden nicht, der den Konsul zum
-Bahnhof begleitet. Er bekam eine Karte vom Bodensee, des
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das ihn per
-sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den
-Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen
-Aufenthalt auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war
-es ein recht erkünstelter Spott, fand Hans Castorp, denn dem
-Onkel war bestimmt nicht nach Spott und Spaß zu Sinn gewesen,
-als er sich in die Abreise gestürzt hatte, sondern er hatte
-wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit blassem
-Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem
-Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm
-eine gute Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt
-scheinen werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen
-Lustwandel anzutreten und sich dann nicht, auf rituelle Art
-in Decken gewickelt, wagerecht ins Freie zu legen, sondern statt
-dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese erschreckende Wahrnehmung
-war der unmittelbare Grund seiner Flucht gewesen.
-</p>
-
-<p>
-So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen
-Hans Castorp wieder einzuholen. Der junge Mann
-machte sich kein Hehl daraus, daß der vollkommene Fehlschlag,
-den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu denen dort unten
-von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das Flachland
-achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die vollendete
-Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr
-erbebte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-1-6">
-<span class="antiqua" lang="la">Operationes spirituales</span>
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe
-der galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er
-mit Achtung sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen
-Welt nachgerade weit genug entwachsen zu sein, um
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-wohlwollend darüber urteilen zu können, war dort <span class="antiqua">schochet</span>,
-Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Beruf sich von
-dem des christlichen Fleischers unterschieden, der Handwerker
-und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war
-Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner
-geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt,
-schlachtbares Vieh nach dem Gesetze Mosis, gemäß
-den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte Elia Naphta,
-dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen Sternenschein
-ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt gewesen
-waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen,
-eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in
-Urzeiten das Töten von Schlachttieren in der Tat eine Sache
-der Priester gewesen war. Wenn Leo, oder Leib, wie er in
-seiner Kindheit genannt worden war, hatte zusehen dürfen,
-wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen Knechtes,
-eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage,
-neben dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart
-noch zierlicher und zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete,
-wie er gegen das gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte
-Tier das große Schachotmesser schwang und es zu tiefem
-Schnitt in die Gegend des Halswirbels traf, während der
-Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut in rasch sich füllenden
-Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem
-Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche
-dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem
-Maße zu eigen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die
-christlichen Fleischer gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag
-einer Keule oder eines Beiles bewußtlos zu machen, bevor sie
-<a id="corr-33"></a>sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein
-Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu
-sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte,
-indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt
-versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank.
-Der Knabe Leib empfand, daß die Methode jener plumpen
-Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit bestimmt
-war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre erwiesen wurde
-wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des Vaters,
-und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit
-der der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick
-und Geruch sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und
-Geistigen verband. Denn er sah wohl, daß der Vater sein
-blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen Geschmack, den
-leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener jüdischer
-Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern geistigerweise
-und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner
-Sternenaugen.
-</p>
-
-<p>
-Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen,
-ein Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein
-Kritiker der Schrift, der mit dem Rabbiner über ihre Sätze
-disputierte und nicht selten in Streit mit ihm geriet. In der
-Gegend, und zwar nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, hatte
-er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der mehr wußte,
-als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch
-auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls
-nicht in der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch
-Unregelmäßiges haftete ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten,
-Baal-Schem oder Zaddik, das ist Wundermann, zumal
-er in der Tat einmal ein Weib von bösem Ausschlage, ein
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und zwar
-mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie
-gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines
-Gewerbes eine Rolle spielte, war sein Verderben geworden.
-Denn bei Gelegenheit einer Volksbewegung und Wutpanik,
-hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod zweier
-Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben gekommen:
-mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür
-seines brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein
-Weib, obgleich schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern,
-dem Knaben Leib und seinen vier Geschwistern, sämtlich
-mit erhobenen Armen schreiend und wehklagend, landflüchtig
-geworden war.
-</p>
-
-<p>
-Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war
-die geschlagene Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs
-zur Ruhe gekommen, wo Frau Naphta in einer Baumwollspinnerei
-Arbeit gefunden hatte, der sie nachging, soweit und
-solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die größeren
-Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen
-Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen
-von Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war,
-was ihn selbst, den Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der
-Fall gewesen. Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrankheit,
-vom Vater aber, außer der Zierlichkeit der Gestalt,
-einen außerordentlichen Verstand geerbt, Geistesgaben, die
-sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, bohrender
-Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden
-und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich
-hinausstreben ließen. Neben der Schule hatte der Vierzehn-
-und Fünfzehnjährige durch Bücher, die er sich zu verschaffen
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-gewußt, seinen Geist auf regellose und ungeduldige Weise
-fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er dachte
-und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten,
-den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide
-abgezehrten Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine
-Antworten fesselte er im Religionsunterricht die Aufmerksamkeit
-des Kreisrabbiners, eines frommen und gelehrten Menschen,
-der ihn zu seinem Privatschüler machte und seinen formalen
-Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht,
-seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür
-aber hatte der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet;
-es stellte sich je länger je mehr heraus, daß er eine Schlange
-an seinem Busen genährt hatte. Wie einst zwischen Elia
-Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man vertrug
-sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen
-und philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften,
-und der redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit,
-der Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist,
-der schneidenden Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste
-zu leiden. Hinzu kam, daß Leos Spitzfindigkeit und
-geistiges Wühlertum neuestens ein revolutionäres Gepräge
-angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn eines
-sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem Massenhelden
-selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt,
-seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung
-gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem
-die eigene Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen
-ließen und dem Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler
-den Rest gaben. Kurz, es war dahin gekommen, daß Naphta
-von dem Meister verstoßen, auf immer seines Studierzimmers
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als
-seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
-</p>
-
-<p>
-Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der
-Mutter, hatte Leo die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger
-gemacht. Der Sechzehnjährige saß einsam auf einer Bank in
-den Parkanlagen des sogenannten Margaretenkopfes, einer
-Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, von wo man
-einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß,
-– saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein
-Geschick, seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers
-vom Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“,
-neben ihm Platz nahm, seinen Hut neben sich legte,
-ein Bein unter dem Weltpriesterkleid über das andere schlug
-und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine Unterhaltung
-begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos Schicksal
-entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener
-Mann von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein
-Menschenkenner und Menschenfischer, horchte auf bei den
-ersten höhnisch klar artikulierten Sätzen, mit denen der armselige
-Judenjüngling seine Fragen beantwortete. Eine scharfe
-und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und weiterdringend
-stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz
-des Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen
-Menschen nur noch überraschender wurde. Man sprach von
-Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta in einer Volksausgabe
-studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem oder über
-den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über
-ihn äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur
-Paradoxie oder aus höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen
-„katholischen“ Denker; und auf die lächelnde Frage des Paters,
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-wie das begründet werden könne, da doch Hegel als preußischer
-Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und wesentlich
-als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort
-„Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn
-auch natürlich nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner
-Behauptung von Hegels Katholizität im Rechte sei. <em>Denn</em>
-(diese Konjunktion liebte Naphta ganz besonders; sie gewann
-etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem Munde, und
-seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal,
-wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen
-sei mit dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten
-eine Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige,
-Verwirklichende, ins Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber
-stehe die pietistische, aus der Mystik hervorgegangene,
-protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er hinzu, werde
-das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident;
-Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine
-Domänen betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im
-Pietismus wurzelnd und gewiß Protestant, eine stark katholische
-Seite besessen habe, nämlich kraft seines Objektivismus
-und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die Ohrenbeichte verteidigt
-und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er
-daran glaubte, oder weil er sie witzig fand, oder um seinem
-Zuhörer nach dem Munde zu reden, als ein Armer, der schmeicheln
-muß und wohl berechnet, wie er sich nützen, wie schaden
-kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert weniger
-gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie
-zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche
-Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-die Begegnung hatte mit der Aufforderung Unterpertingers
-an Leo geschlossen, ihn im Pädagogium zu besuchen.
-</p>
-
-<p>
-So hatte Naphta den Boden der <span class="antiqua" lang="la">Stella matutina</span> betreten
-dürfen, deren wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle
-Atmosphäre vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt
-hatte; und mehr: es war ihm durch diese Wendung der
-Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert worden, weit besser
-aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen und
-zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach,
-auf Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen
-er größte Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen
-Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und
-Aristokrat; Sozialist – und zugleich besessen von dem Traum,
-an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen
-Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die
-Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte,
-war, obgleich sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben
-hatte, eine Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen,
-die er als eine zugleich vornehme und geistige, das heißt anti-materielle,
-gegenwirkliche und gegen-weltliche, also revolutionäre
-Macht empfand. Und diese Huldigung war echt und
-stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst auseinandersetzte,
-stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs
-Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit
-der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich
-verwandter, als der Protestantismus in seiner Versenkungssucht
-und mystischen Subjektivität, – wie denn also auch die
-Konversion eines Juden zur römischen Kirche entschieden einen
-geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die eines Protestanten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft,
-verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen
-nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf die seine
-Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das gesetzliche
-Unterscheidungsalter ja längst erreicht hatte, zum konfessionellen
-Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein „Entdecker“ sich
-jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr diesen
-ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu gewinnen.
-Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben
-des Paters in der „<span class="antiqua" lang="la">Stella</span>“ vorläufige Unterkunft, leibliche
-und geistige Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt,
-indem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe,
-mit der Unempfindlichkeit des Geistesaristokraten
-der Armenpflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen
-Begabung gebührte.
-</p>
-
-<p>
-Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig,
-wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge
-boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weideland,
-ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Gebäude,
-Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zugleich
-Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und
-Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das
-Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und
-Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und
-Wohlgepflegtheit, der Genauigkeit seiner abwechslungsreichen
-Tageseinteilung schmeichelte es Leos tiefsten Instinkten. Er
-war überglücklich. Er erhielt seine vortrefflichen Mahlzeiten
-in einem weiten Refektorium, wo Schweigepflicht herrschte,
-wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen Mitte ein
-junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend,
-und trotz einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags
-bei Spiel und Sport seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit
-der er alltäglich die Frühmesse hörte und Sonntags am feierlichen
-Amte teilnahm, mußte die Väter-Pädagogen erfreuen.
-Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte sie nicht weniger.
-An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen und
-Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen,
-Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
-</p>
-
-<p>
-Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung,
-die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen
-Verhältnissen überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz
-war, den er in der Anstalt einnahm, schien niemand zu
-wissen. Die Hausgesetze lenkten die Aufmerksamkeit seiner Kameraden
-von der Tatsache ab, daß er ohne Familienanhang,
-ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit Lebensmitteln
-und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch
-kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der
-Kosmopolitismus der Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten
-seines Rassengepräges. Es waren da junge Exoten,
-portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ aussahen als
-er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische Prinz,
-der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war
-sogar ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.
-</p>
-
-<p>
-In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen,
-Theologie zu studieren, um, wenn er irgend würdig befunden
-werde, dereinst dem Orden anzugehören. Dies hatte zur Folge,
-daß man seinen Freiplatz aus dem „Zweiten Pensionat“, dessen
-Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, in das „Erste“
-verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert, und
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen
-von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines
-Marquis di Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte
-glänzend und vertauschte, getreu seinem Entschluß,
-das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des Noviziathauses
-im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut,
-schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er
-geistige Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger
-unmittelbar, durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem
-es an körperlicher Erfrischung nicht fehlte, als von innen her.
-Die Erziehungspraktiken, deren Gegenstand er war, kamen in
-ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit seinen persönlichen Anlagen
-entgegen und forderten sie zugleich heraus. Bei den geistigen
-Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen Teil seiner
-Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen,
-Erwägungen und Beschauungen verstrickte er
-sich mit boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten,
-Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung
-– wenn auch zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters,
-dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem
-Mangel an Einfalt alltäglich die Hölle heiß machte. „<span class="antiqua" lang="la">Ad haec
-quid tu?</span>“ fragte er mit funkelnden Brillengläsern ... Und
-dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts übrig, als ihn
-zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele gelange
-– „<span class="antiqua" lang="la">ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat</span>“.
-Allein diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer
-vollständigen Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung
-zum bloßen Werkzeuge, einem geistigen Kirchhofsfrieden, dessen
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-unheimliche äußere Merkmale Bruder Naphta in mancher hohl
-blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren konnte,
-und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf
-dem Wege körperlichen Ruins.
-</p>
-
-<p>
-Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß
-diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen
-Abbruch taten. Der Pater Provinzial selbst zitierte ihn
-am Ende des zweijährigen Noviziates zu sich, unterhielt sich
-mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; und der
-junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines
-Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers
-empfangen, auch die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und
-der Sozietät nun endgültig angehörte, ging nach dem Kollegienhause
-des holländischen Falkenburg ab, um sein theologisches
-Studium aufzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte
-unter dem Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger
-Anstrengungen sein ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht,
-daß sein Verbleib sich bei Lebensgefahr verbot. Ein
-Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine Oberen, und nachdem
-er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, schickten sie
-den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück.
-In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand
-er als Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora
-und Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung
-war ohnedies Vorschrift, nur, daß man von solcher Dienstleistung
-gemeinhin nach wenigen Jahren ins Kolleg zurückkehrte,
-um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und
-abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er
-kränkelte fort; Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-Orte, in gesunder Luft mit den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher
-Betätigung, sei der ihm vorläufig angemessene. Er
-empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann das Recht, am
-Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein Recht,
-das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig unmusikalisch
-war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit
-seiner Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte.
-Über das Subdiakonat aber brachte er es nicht hinaus, – weder
-zum Diakonat noch gar zur Priesterweihe; und da die Blutung
-sich wiederholte, auch das Fieber nicht schwinden wollte, so hatte
-er auf Ordenskosten zu längerer Kur hier oben Aufenthalt genommen,
-und sie zog sich hin in das sechste Jahr – kaum noch
-als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne kategorischer
-Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige
-Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans
-Castorp gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der
-seidenen Zelle besuchte, allein und auch in Begleitung seiner
-Tischgenossen Ferge und Wehsal, die er dort eingeführt hatte;
-oder wenn er ihm auf einem Lustwandel begegnete und in
-seiner Gesellschaft gegen „Dorf“ zurückpilgerte, – erfuhr sie
-gelegentlich, in Bruchstücken und in Form zusammenhängender
-Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person hoch
-merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie
-so zu finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend
-in Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern
-liege (denn das Erlebnis des Pleurachoks war es allein, was
-ihn je über das menschlich Anspruchsloseste hinaus gesteigert
-hatte), dieser dagegen mit sichtlichem Wohlgefallen an der
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-Glückslaufbahn eines einst Gedrückten, die nun allerdings, damit
-die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu stocken und
-in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und
-gedachte mit Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der
-mit heldenmütiger Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes
-Gewebe von Rederei zerrissen hatte und zu seiner Fahne geflohen
-war, an deren Schaft er, in Hans Castorps Vorstellung,
-sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum Treuschwur
-erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen,
-auch er war unter eine solche aufgenommen worden, wie er
-selbst sich ausdrückte, wenn er Hans Castorp über das Wesen
-seines Ordens unterrichtete; aber offenbar war er ihr weniger
-treu, mit seinen Abweichungen und Kombinationen, als Joachim
-der seinen, – während freilich Hans Castorp, wenn er
-dem <span class="antiqua" lang="fr">ci devant-</span> oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und
-Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß
-jeder von beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen
-finden und ihn als dem eigenen nahe verwandt hätte
-verstehen müssen. Denn das waren militärische Stände, der
-eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: in dem der „Askese“
-sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und
-der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob
-in Naphtas Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte,
-und dessen geistliches Exerzierreglement, eine Art Gegenstück
-zu dem, welches später der preußische Friederich für seine Infanterie
-erlassen, ursprünglich in spanischer Sprache abgefaßt
-worden war, weshalb denn Naphta bei seinen Erzählungen
-und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. So
-sprach er von den „<span class="antiqua" lang="it">dos banderas</span>“, von den „zwei Fahnen“,
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-um welche die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das
-höllische und das geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses,
-wo Christus, der „<span class="antiqua" lang="es">capitan general</span>“ aller Guten kommandierte,
-– in der Ebene von Babylon das andere, wo Luzifer den
-„<span class="antiqua" lang="es">caudillo</span>“ oder Häuptling machte ...
-</p>
-
-<p>
-War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus
-gewesen, dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“,
-zu geistlich-militärischer <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span> ehrenhaft waren angehalten
-worden, – eine Verbindung von „Steifem Kragen“
-und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die
-Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine
-so glänzende Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp,
-tat sie sich hervor auch in dem, worin Naphta es leider
-krankheitshalber nicht weit gebracht hatte! Hörte man ihn, so
-setzte der Orden sich aus lauter höchst ehrgeizigen Offizieren
-zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt waren,
-sich im Dienste auszuzeichnen. („<span class="antiqua" lang="la">Insignes esse</span>“ hieß es lateinisch.)
-Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und
-ersten Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten
-herrlicheren Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden
-Vernunft handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk
-„<span class="antiqua" lang="la">ex supererogatione</span>“, über Gebühr, nämlich indem sie nicht
-nur schlechthin der Empörung des Fleisches („<span class="antiqua" lang="la">rebellio
-carnis</span>“) Widerstand leisteten, was eben nicht mehr, als Sache
-jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, sondern
-dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen
-der Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in
-Dingen, die gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen
-den Feind handeln, „<span class="antiqua" lang="la">agere contra</span>“, <em>angreifen</em> also, war
-mehr und ehrenhafter, als nur sich verteidigen („<span class="antiqua" lang="la">resistere</span>“).
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-Den Feind schwächen und brechen! hieß es in der Felddienstvorschrift,
-und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war da
-wieder ganz eines Sinnes mit Joachims <span class="antiqua" lang="es">capitan general</span>,
-dem preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff!
-Angriff!“ „Dem Feind in den Hosen gesessen!“ „<span class="antiqua" lang="fr">Attaquez
-donc toujours!</span>“
-</p>
-
-<p>
-Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich
-gemeinsam war, das war ihr Verhältnis zum Blute
-und ihr Axiom, daß man seine Hand nicht solle davon zurückhalten:
-darin besonders stimmten sie als Welten, Orden und
-Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es
-sehr hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen
-des Mittelalters erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung
-und dabei voll geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten
-schonen wollen, um den Gottesstaat, die Weltherrschaft
-des Übernatürlichen herbeizuführen; von streitbaren Tempelherren,
-die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für verdienstvoller
-als den im Bette geachtet hatten und, um Christi
-willen getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen,
-sondern für höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei
-diesen Reden nicht zugegen war! Er gab sonst nur wieder den
-störenden Drehorgelmann ab und schalmeite Frieden, – obgleich
-da doch der heilige National- und Zivilisationskrieg gegen
-Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, während freilich
-Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn
-und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von
-solchen Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit
-dagegen ins Feld, wollte jedes Land, und auch
-wieder kein einziges, Vaterland nennen und wiederholte schneidend
-das Wort eines Ordensgenerals namens Nickel, dahin
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der sicherste
-Tod der christlichen Liebe“.
-</p>
-
-<p>
-Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta
-die Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er
-nicht alles unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem
-Erachten der Askese und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur
-die Anhänglichkeit an Familie und Heimat tat das, sondern
-auch die an Gesundheit und Leben: sie eben machte er dem Humanisten
-zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück schalmeite;
-der Fleischesliebe, der <span class="antiqua" lang="la">amor carnalis</span>, der Liebe zu den
-körperlichen Bequemlichkeiten, <span class="antiqua" lang="la">commodorum corporis</span>, zieh
-er ihn zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche
-Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das
-geringste Gewicht zu legen.
-</p>
-
-<p>
-Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit,
-das sich eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin,
-während eines Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder
-zurück aus solchen Differenzen entwickelte, und alle nahmen
-sie daran teil: Settembrini, Naphta, Hans Castorp, Ferge und
-Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, zugleich betäubt und erregt
-vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum Zittern geneigt
-ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig verhielten, wie
-Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur mit
-kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so angelegentlichem
-Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine
-tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende
-Gruppe bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert
-um fremde Leute, die einen Bogen um sie beschreiben mußten
-und ebenfalls stehen blieben, das Ohr hinhielten und staunend
-ihren ausschweifenden Erörterungen lauschten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen,
-der armen Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben
-war. Hans Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen
-Verschlechterung und ihrem Exitus gewußt; sonst hätte er gern
-an ihrem Begräbnis kameradschaftlich teilgenommen, – bei
-seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse überhaupt.
-Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät
-von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den
-Garten des Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig
-horizontaler Lage eingegangen war. <span class="antiqua" lang="la">Requiem aeternam
-...</span> Er widmete ihrem Andenken einige freundliche Worte,
-was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch über Hansens
-charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß,
-dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem
-prahlerischen Sohne <span class="antiqua" lang="fr">Tous-les-deux’</span> und der qualvollen Natalie
-von Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über
-die teueren Blumen sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur
-diesem ganzen trostlosen und ridikülen Gelichter Devotion erwiesen
-habe. Hans Castorp hatte darauf hingewiesen, daß
-die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger Ausnahme
-der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja
-auch ganz ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte,
-ob das sie etwa respektabler mache. Es gebe aber doch etwas,
-entgegnete Hans Castorp, was man die christliche Reverenz
-vor dem Elend nennen könne. Und ehe Settembrini ihn zurechtweisen
-konnte, begann Naphta von frommen Ausschreitungen
-der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter gesehen,
-erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in
-der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden
-Aussätziger geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-Leprosen angesteckt und die Schwären, die sie sich zugezogen,
-dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser ausgetrunken,
-womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt, nie habe
-ihnen etwas so gut geschmeckt.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das
-physisch Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte
-er, kehre ihm den Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn,
-der sich in einer solchen Auffassung von tätiger Menschenliebe
-bekunde. Und er richtete sich auf, gewann wieder heitere
-Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen Formen der
-humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen
-sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der
-medizinischen Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta,
-wäre den Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig
-gedient gewesen und zwar beiden Teilen nicht: den Kranken
-und Elenden so wenig wie den Gesunden und Glücklichen,
-die nicht sowohl aus Mitleid, als um des eigenen Seelenheiles
-willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn durch erfolgreiche
-Sozialreform wären diese des wichtigsten Rechtfertigungsmittels
-verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen Standes
-beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von
-Armut und Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen,
-und diese Auffassung bleibe solange möglich, als es möglich
-sei, den rein religiösen Gesichtspunkt festzuhalten.
-</p>
-
-<p>
-Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine
-Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu
-gut sei. Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das,
-was der Ingenieur unselbständigerweise über die „christliche
-Reverenz vor dem Elend“ geäußert habe, sei ja Schwindel,
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-beruhe auf Täuschung, fehlerhafter Einfühlung, einem psychologischen
-Schnitzer. Das Mitleid, das der Gesunde dem Kranken
-entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht steigere, weil
-er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden gegebenenfalles
-solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem Grade
-übertrieben, es komme <a id="corr-37"></a>dem Kranken gar nicht zu und sei insofern
-das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der
-Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe
-und sich vorstelle, der Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der
-die Qualen eines Kranken zu tragen habe, – was völlig irrtümlich
-sei. Der Kranke sei eben ein Kranker, mit der Natur
-und der modifizierten Erlebnisart eines solchen; die Krankheit
-richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander auskommen
-könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen,
-Ausfälle, Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs-
-und Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde
-naiver Weise in Rechnung zu stellen vergesse. Das beste
-Beispiel sei all dies Brustkrankengesindel hier oben mit seinem
-Leichtsinn, seiner Dummheit und Liederlichkeit, seinem Mangel
-an gutem Willen zur Gesundheit. Und kurz, wenn der mitleidig
-verehrende Gesunde nur selber krank sei und nicht mehr
-gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein
-Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß
-er ihn viel zu ernst genommen habe.
-</p>
-
-<p>
-Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte
-den Pleurachok gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten.
-Wie, was, zu ernst genommen sein Pleurachok?
-Da danke er, und da müsse er bitten! Sein großer Kehlkopf
-und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und nieder,
-und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender,
-und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses
-Gespräch gehe weit über seinen Horizont. Aber wenn Herr
-Settembrini etwa zum Beispiel auch den Pleurachok mit einbeziehen
-wolle in das, was er gesagt habe, – diese Kitzelhölle
-mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten,
-– dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da
-sei von Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern
-auch nicht eine Spur die Rede gewesen, sondern
-das sei die größte und krasseste Hundsfötterei unter der Sonne,
-und wer es nicht erfahren habe, wie er, der könne sich von
-solcher Gemeinheit überhaupt keine –
-</p>
-
-<p>
-Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde
-ja immer großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten
-habe, und nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um
-den Kopf. Er, Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf
-Bewunderung Anspruch erhöben. Er sei selber krank, und nicht
-leicht; aber ohne Affektation sei er eher geneigt, sich dessen zu
-schämen. Übrigens spreche er unpersönlich, philosophisch, und
-was er über die Unterschiede in der Natur und Erlebnisart
-des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das habe schon
-Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die Geisteskrankheiten
-denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn
-einer seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder
-Herr Wehsal, heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen
-Herrn Vater in einer Zimmerecke erblicken würde, der
-ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre das für den betreffenden
-Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im
-höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das
-ihn an seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-bestimmen würde, alsbald das Zimmer zu räumen und sich in
-eine Nervenbehandlung zu geben. Oder etwa nicht? Aber der
-Scherz sei eben der, daß den Herren das gar nicht begegnen
-könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen aber begegnete,
-so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden
-nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus,
-darauf reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen,
-als ob sie ganz in der Ordnung sei, und sich in eine Konversation
-mit ihr einlassen, wie das eben die Art der Halluzinanten
-sei; und zu glauben, für <a id="corr-38"></a>diese bedeute die Halluzination ein
-gesundes Schrecknis, das eben sei der Phantasiefehler, der dem
-Nichtkranken unterlaufe.
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem
-Vater in der Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich
-er gekränkt war durch Geringschätzung seines infernalischen
-Abenteuers. Der Humanist seinerseits benutzte die erregte Laune,
-um die Nichtachtbarkeit der Halluzinanten und überhaupt aller
-<span class="antiqua" lang="it">pazzi</span> des weiteren zu erörtern und zu vertreten: diese Leute,
-meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel durchgehen und hätten
-es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu steuern,
-wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern
-gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle
-erscheine, so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen,
-sein Reden und Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange
-er sich beobachtet wisse, um sich hernach wieder gehen
-zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen bedeute die Narrheit zweifellos
-in vielen Fällen, dergestalt, daß sie als Zuflucht vor großem
-Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen Natur
-gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes
-zu bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-sozusagen jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen
-Narren einzig und allein durch seinen Blick, dadurch, daß
-er seinen Flausen eine Haltung unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt
-habe, wenigstens vorübergehend zur Klarheit angehalten
-...
-</p>
-
-<p>
-Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte,
-Herrn Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen.
-Wenn er sich so vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart
-gelächelt und den Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft
-ins Auge gefaßt habe, so verstehe er wohl, wie der arme
-Kerl sich habe zusammennehmen und der Klarheit die Ehre
-geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn Settembrinis
-Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden
-haben werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten
-besucht, er entsann sich eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen
-Hause“ einer solchen, und da hatten Szenen und Bilder
-sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott, Herrn
-Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl
-kaum verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske
-Bilder des Grauens und der Qual: die nackten Irren im Dauerbade
-hockend, in allen Posen der Seelenangst und des Entsetzensstupors,
-einige in lautem Jammer schreiend, andere mit
-erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein Gelächter
-ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt
-hatten ...
-</p>
-
-<p>
-„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter
-in Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen
-entflohen war.
-</p>
-
-<p>
-Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik
-hätte vollständig einpacken können vor den Gesichten des
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-Unruhigen Hauses, auf welche der Schauder religiöser Ehrfurcht
-denn doch eine menschlichere Rückwirkung gewesen wäre,
-als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die unser höchstleuchtender
-Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem Wahnsinn
-entgegenzusetzen beliebte.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen,
-die Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh.
-Flüchtig nahm er sich vor, der Sache bei erster Gelegenheit
-auf den Grund zu gehen. Im Augenblick aber verzehrte das
-laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn Naphta
-erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den
-Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre
-zu geben und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern,
-– in welcher Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte
-und fast löbliche Selbstentäußerung sich <a id="corr-39"></a>kundtat,
-da Herr Settembrini selbst ja krank war. Seine Haltung aber,
-die durch ihre ungemeine Würde nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte,
-ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor dem
-Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib
-sich noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem
-der Erniedrigung – <span class="antiqua" lang="la">in statu degradationis</span> – befunden hätte.
-Denn unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung
-der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und
-Abscheulichkeit anheimgefallen, sterblich und verweslich, nicht
-anders, denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu betrachten
-und nur geeignet, das Gefühl der Scham und Verwirrung,
-<span class="antiqua" lang="la">pudoris et confusionis sensum</span>, wie der heilige
-Ignatius sagte, zu erwecken.
-</p>
-
-<p>
-Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch
-der Humanist Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini,
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-die Hand aus dem Schultergelenk über den Kopf geworfen,
-forderte ihn auf, die Gesichtspunkte nicht zu vermengen
-und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
-</p>
-
-<p>
-Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche
-Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen
-Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers
-gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers machten
-nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, sondern entsprachen
-auch der venenosen Verderbtheit der Seele auf eine erbauliche
-und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – während Leibesblüte
-eine irreführende und das Gewissen beleidigende Erscheinung
-war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit
-zu verleugnen man äußerst guttat. <span class="antiqua" lang="la">Quis me liberabit
-de corpore mortis hujus?</span> Wer wird mich befreien aus
-dem Körper dieses Todes? Das war die Stimme des Geistes,
-welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
-</p>
-
-<p>
-Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis
-bewegt vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der
-die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen
-war. Ja, obgleich venenos für seine leibliche Person, hatte
-er seinen Geist gesund und unverpestet genug erhalten, um dem
-pfäffischen Naphta in Sachen des Leibes auf schöne Art die
-Spitze zu bieten und sich über die Seele lustig zu machen. Er verstieg
-sich dazu, den Menschenleib als den wahren Tempel Gottes
-zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter als
-für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was
-wieder zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des
-Wortes „Menschheit“ endgültig verbot – und so fort.
-</p>
-
-<p>
-Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus
-Gummistoff bald die hart knirschende und mit Asche bestreute
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-Schneedecke tretend, die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit
-den Füßen durch die lockeren Schneemassen des Fahrdammes
-pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, deren Biberkragen
-und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam
-räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta
-in einem schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel,
-der mit Pelz nur gefüttert war und außen nichts davon
-sehen ließ, stritten sie um diese Prinzipien mit der persönlichsten
-Angelegentlichkeit, wobei es öfters geschah, daß sie sich
-nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten, dem der
-eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf
-den Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete.
-Sie hatten ihn zwischen sich, und er, den Kopf hin und her
-wendend, stimmte bald dem einen, bald dem anderen zu oder
-machte, stehen bleibend, den Oberkörper schräg zurückgebeugt
-und mit der Hand im gefütterten Ziegenlederhandschuh gestikulierend,
-etwas Eigenes, selbstverständlich höchst Unzulängliches
-geltend, indes Ferge und Wehsal die drei umkreisten, jetzt
-vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch eine Reihe
-mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder auflöste.
-</p>
-
-<p>
-Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die
-Debatte auf dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander
-und unter wachsender Anteilnahme aller die Probleme
-der Feuerbestattung, der körperlichen Züchtigung, der
-Folter und der Todesstrafe. Es war Ferdinand Wehsal, der
-die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die Anregung
-stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte
-nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter
-Anrufung der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren
-aussprach, in der Pädagogik sowohl wie nun gar in der Rechtspflege,
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-– während es zwar ebenfalls nicht überraschend geschah,
-aber doch durch eine gewisse düstere Frechheit verblüffte,
-daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm zufolge
-war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere
-wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die
-Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust
-aus dem Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem
-zufügte, ein durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die
-Lust am Sinnlichen zu versalzen und sie gleichsam aus dem
-Fleisch in den Geist zurückzutreiben, damit dieser wieder zur
-Herrschaft gelange. Das Züchtigungsmittel der Schläge als
-etwas besonders Schmähliches anzusehen, war ein recht alberner
-Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger,
-Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch
-„ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden
-war „bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine
-arme alte Frau, die zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten
-geschlagen. Wollte man sich im Ernst unterfangen, die
-Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen gewisser Orden und
-Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen
-hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu
-machen, barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche
-Abschaffung der Schläge in den Ländern, die sich vornehm
-dünkten, ein wirklicher Fortschritt sei, war ein Glaube,
-der durch seine Unerschütterlichkeit nur an Komik gewann.
-</p>
-
-<p>
-Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben,
-daß innerhalb des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper
-zweifellos das böse, teuflische Prinzip ... verkörperte, haha,
-also verkörperte, insofern als der Körper natürlich Natur war –
-natürlich Natur, das war auch nicht schlecht! – und als die
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur Vernunft entschieden
-böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, wenn
-man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas
-riskierte. Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber
-nur folgerecht, den Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich
-ihm Disziplinierungsmittel angedeihen zu lassen, die man
-ebenfalls, wenn man noch einmal etwas riskierte, als mystisch
-böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr Settembrini, wenn
-er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn gehindert hatte,
-zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine heilige
-Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
-</p>
-
-<p>
-Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte
-Hans Castorp rasch von Schlägen, die er selbst einst
-empfangen: auf seinem Gymnasium war in den unteren Klassen
-diese Strafe teilweise noch getätigt worden, es waren Retstöcke
-vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn
-nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht
-halber, so war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal
-geprügelt worden, einem großen Flegel, mit dem biegsamen
-Stock auf die Oberschenkel und die nur mit Strümpfen
-bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich weh
-getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich
-innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so
-hervorgestürzt vor Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal
-mochte freundlichst das Wort entschuldigen –, und Hans
-Castorp hatte denn auch gelesen, daß in Zuchthäusern bei Empfang
-der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie kleine
-Kinder flennten.
-</p>
-
-<p>
-Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen
-bedeckte, die in sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-mit staatsmännischer Kälte, wie man renitente Verbrecher denn
-anders bändigen wolle, als durch Bock und Stock, die übrigens
-in einem Zuchthause durchaus stilvoll am Platze seien;
-ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, ein Kompromiß,
-und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner
-sei, verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber
-gar die Pädagogik betraf, so wurzelte, wenn man Naphta
-hörte, der Menschenwürde-Begriff derer, die das körperliche
-Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem Liberal-Individualismus
-der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem aufgeklärten
-Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben
-und neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen
-Platz zu machen, Ideen der Bindung und Beugung,
-des Zwanges und des Gehorsams, bei denen es ohne heilige
-Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die Züchtigung des
-Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten lassen.
-</p>
-
-<p>
-„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini;
-und da Naphta hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur
-Strafe der Sünde der gräßlichen Schmach der Verwesung
-anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen sei, wenn
-derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im
-Nu auf die Leichenverbrennung.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen
-werden, sagte er froh. Die Menschheit sei aus Gründen der
-Zweckmäßigkeit wie auch bewogen durch ideelle Motive im
-Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich für mitbeteiligt
-an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß für
-Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden
-sein würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller
-bisher gemachten Erfahrung eingerichteten Krematoriums
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-nebst Urnenhalle war geplant, und man durfte sich weitgreifender
-Anregungen und Ermutigungen davon versehen. Was
-für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – angesichts
-aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der
-Städte! Die Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten
-Friedhöfe an die Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung
-des Bestattungsvorganges durch notwendige Benutzung
-der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini wußte
-über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte
-über die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum
-Grabe der teuren Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und
-Stelle mit ihr Zwiesprache zu halten. Ein solcher Idylliker
-mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute, nämlich der Zeit,
-sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und übrigens
-würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm
-die atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung
-des Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische
-und würdige, ja heldische Vorstellung war das, im
-Vergleich mit derjenigen, ihn der elenden Selbstzersetzung und
-der Assimilation durch niedere Lebewesen zu überlassen! Ja,
-auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem neuen
-Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn
-was im Feuer verging, das waren die überhaupt veränderlichen,
-die schon bei Lebzeiten dem Stoffwechsel unterworfenen
-Bestandteile des Körpers; diejenigen dagegen, die am wenigsten
-an diesem Strome teilnahmen, und die den Menschen fast
-ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein begleiteten,
-sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die Asche,
-und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem
-Geschiedenen unvergänglich gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig.
-Des Menschen unvergänglicher Teil, die Asche.
-</p>
-
-<p>
-Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit
-in ihrer irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten,
-er behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher
-der Tod ein Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller
-Art umweht, daß es sich verbot, den Blick klarer Vernunft
-auf dies Phänomen zu richten. Welche Barbarei! Das Todesgrauen
-stammte aus Epochen niederster Kultur, wo der gewaltsame
-Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das diesem
-in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf
-lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer
-mehr jedoch wurde dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre
-und der Festigung der persönlichen Sicherheit der
-natürliche Tod zur Norm, und dem modernen Arbeitsmenschen
-erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach sachgemäßer Erschöpfung
-seiner Kräfte nicht im geringsten als grauenhaft, sondern
-vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod war
-weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige,
-vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte
-Erscheinung, und es wäre Raub am Leben gewesen, länger,
-als gebührlich, in seiner Betrachtung zu verharren. Darum
-war denn auch geplant, jenem Musterkrematorium und der zugehörigen
-Urnenhalle, der „Halle des Todes“ also, eine „Halle
-des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei, Skulptur,
-Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des
-Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer
-und tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ...
-</p>
-
-<p>
-„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur
-ja nicht bis zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-Andacht vor einer so simplen Tatsache, ohne die es freilich
-weder Architektur, noch Malerei, noch Skulptur, noch Musik,
-noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“
-</p>
-
-<p>
-„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch.
-</p>
-
-<p>
-„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete
-ihm Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern.
-Das Erlebnis des Todes muß zuletzt das Erlebnis
-des Lebens sein, oder es ist nur ein Spuk.“
-</p>
-
-<p>
-„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des
-Lebens‘, wie auf manchen antiken Särgen?“ fragte Hans
-Castorp ernsthaft.
-</p>
-
-<p>
-Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta
-fest. In Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack
-den Leib prangen lassen, diesen Sündenleib, den man
-der Verwesung entzog, was nicht wundernehmen konnte, da
-man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal mehr züchtigen
-lassen wollte ...
-</p>
-
-<p>
-Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand
-ihm zu Gesichte. Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber
-dächten. Er, Ferdinand, hatte auf Geschäftsreisen immer
-gern die Gelegenheit benutzt, an alten Kulturstätten jene verschwiegenen
-Orte zu besichtigen, an denen einst diese Art von
-Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die
-Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken
-hatte er sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort
-hatte man dem Leibe um der Seele willen recht unzärtlich zugesetzt,
-auf mancherlei sinnreiche Weise. Und nicht einmal Geschrei
-hatte es gegeben. Die Birne in den offenen Mund gerammt,
-die berühmte Birne, an sich schon kein Leckerbissen, –
-und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-„<span class="antiqua" lang="it">Porcheria</span>“, murmelte Settembrini.
-</p>
-
-<p>
-Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille
-Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der
-Pleura, habe auch damals niemand ersinnen können.
-</p>
-
-<p>
-Das war zu seiner Heilung geschehen!
-</p>
-
-<p>
-Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten
-nicht weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens
-war die Folter ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen.
-</p>
-
-<p>
-Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist,
-und die mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war
-ihm offenbar im Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der
-Tat ein Prozeß fortschreitender Rationalisierung und zwar so,
-daß allmählich, auf Grund von Vernunfterwägungen, Gott
-aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden war. Das Gottesgericht
-war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß
-der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von
-der Art des Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese
-Wahrnehmung gemacht und es durchgesetzt, daß an die Stelle
-des alten naiven Rechtsganges der Inquisitionsprozeß trat,
-welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten der Wahrheit
-nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom Angeklagten
-das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung
-ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im
-Volke umhören: der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte
-noch so geschlossen sein, die Verurteilung wurde als illegitim
-empfunden, wenn das Geständnis fehlte. Wie es erwirken?
-Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen, allen bloßen
-Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie verhehlte,
-verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden,
-dem man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das
-unentbehrliche Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten.
-Wer aber den Geständnisprozeß verlangt und eingeführt
-hatte, das war Herr Settembrini gewesen, und also war er
-auch Urheber der Folter.
-</p>
-
-<p>
-Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben.
-Es seien diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten
-hätte, wie Herr Naphta lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin
-des Gräßlichen gewesen sei, so beweise das eben nur,
-wie bitter sie allezeit der Stütze und Aufklärung bedürfe, wie
-wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache hätten, zu befürchten,
-es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden! Allein
-der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel
-könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden,
-weil sein Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man
-möge sich doch umsehen in Museen und Marterkammern: dies
-Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen sei ja offenbar einer
-kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem Wunsche
-nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen
-Stätten ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter
-wohl gar zu helfen gemeint. Man habe angenommen,
-seine eigene arme Seele ringe nach dem Bekenntnis, und nur
-das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem besseren Willen
-entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst
-zu erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das
-Fleisch brach. Asketischer Irrwahn ...
-</p>
-
-<p>
-Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien.
-</p>
-
-<p>
-Die Römer? <span class="antiqua" lang="it">Ma che!</span>
-</p>
-
-<p>
-Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen,
-indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache
-sein, ein solches Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe
-in die Debatte warf. Die Folter war abgeschafft, obgleich
-ja die Untersuchungsrichter noch immer ihre Praktiken hätten,
-den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die Todesstrafe schien
-unsterblich, nicht zu entbehren. Die allerzivilisiertesten Völker
-hielten daran fest. Die Franzosen hatten mit ihren Deportationen
-sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte einfach
-nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen
-Wesen anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn
-Herr Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur,
-und wie der Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer
-einer fehlerhaften Gesellschaft. Und er erzählte von einem
-Schwerverbrecher, einem vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig,
-den die Staatsanwälte in ihren Plädoyers als „vertiert“,
-als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen pflegten.
-Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen
-bedeckt. Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse,
-– viel besser als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich
-angefertigt wurden.
-</p>
-
-<p>
-Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte
-Naphta. Aber sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung
-werde erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er,
-war wohl ebenso revolutionär wie Herr Settembrini, aber er
-sei es im erhaltenden Sinn, ein Revolutionär der Erhaltung.
-</p>
-
-<p>
-Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über
-die Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-übergehen. Lieber noch verdächtige Herr Naphta die
-Kunst, ehe er zugebe, daß sie auch den Verworfensten zum Menschen
-weihe. Mit solchem Fanatismus sei lichtsuchende Jugend
-unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga, deren Ziel
-die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen gesitteten
-Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe
-die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses
-sei noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund,
-zu vertrauen, daß die Redner, die sich dabei würden vernehmen
-lassen, mit Argumenten gewappnet sein würden! Und
-er führte die Argumente an, darunter das von der immer vorhandenen
-Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes,
-sowie das von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf
-Besserung; sogar „die Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch,
-daß der Staat, wenn es ihm um Veredelung und nicht um
-Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem vergelten dürfe, und
-verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom Boden
-eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der
-„Schuld“ bekämpft hatte.
-</p>
-
-<p>
-Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie
-Naphta den Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals
-umdrehte. Er machte sich lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung
-des Menschenfreundes, behauptete, daß diese
-Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten bürgerlichen
-Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich leidenschaftlichen
-Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die
-der „Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches,
-Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein
-menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand
-– allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-ohne Federlesen geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum
-aus, unbedenklich in die Schanze geschlagen werden
-würde. Die Philanthropie seines Herrn Widersachers, sagte
-er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und todernsten
-Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie aus,
-auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft.
-Aber die Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den
-Determinismus nicht nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar
-durch ihn noch an Schwere und Schaudern gewönne.
-</p>
-
-<p>
-Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige
-Opfer der Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und
-den Weg zur Blutbühne aus Überzeugung gehe?
-</p>
-
-<p>
-Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen
-wie von sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne
-und wolle nicht anders sein, und dies eben sei die Schuld. Herr
-Naphta verlegte Schuld und Verdienst aus dem Empirischen
-ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln herrsche freilich Determination,
-hier gebe es keine Freiheit, wohl aber im Sein.
-Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner Vertilgung
-sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für
-sein Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben
-nicht zu hoch. Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt
-habe.
-</p>
-
-<p>
-Die tiefste Lust?
-</p>
-
-<p>
-Die tiefste.
-</p>
-
-<p>
-Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte.
-Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte.
-Settembrini bemerkte fein:
-</p>
-
-<p>
-„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den
-Gegenstand persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde
-ich einer humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich
-bis zu meinem natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es
-hat keinerlei Sinn, daß der Mörder den Gemordeten überlebt.
-Sie haben, unter vier Augen, allein miteinander, wie zwei Wesen
-es nur bei einer zweiten, verwandten Gelegenheit noch sind,
-der eine duldend, der andere handelnd, ein Geheimnis geteilt,
-das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen
-Todes- und Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht
-vermisse. Nichts gegen die religiösen Talente des Herrn Naphta,
-– sie seien den seinen unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere
-seine Neidlosigkeit. Ein unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis
-halte ihn einer Sphäre fern, wo jene Reverenz vor
-dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin gesprochen,
-offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer
-Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft
-und Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen
-in wunder welchen Ehren stünden.
-</p>
-
-<p>
-Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat
-kein religiöser Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er,
-wenn klargestellt sei, daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit
-überhaupt nichts zu tun habe. Denn, fügte er hinzu, sie
-habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben ruhe auf Bedingungen
-und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre, teils
-dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit,
-Raum, Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All
-diese Dinge seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und
-gleichgültig, sondern sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie
-seien es eben, die das Leben ausmachten, die sogenannte Gesundheit,
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-das heiße: die Erzphilisterei und Urbürgerlichkeit, als
-deren absolutes und zwar absolut geniales Gegenteil die religiöse
-Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er, Naphta,
-der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig absprechen.
-Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler
-Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die
-man verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte,
-daß sie in ihrer breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf
-dem Rücken und Brust heraus, die inkarnierte Irreligiosität
-bedeute.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er
-wünsche nach keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei
-offenbar vom Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt,
-also gewissermaßen von Politik und der beredsamen Republik
-und der Zivilisation des gebildeten Westens, und da meine er
-nun, daß der Unterschied, oder, wenn Herr Naphta denn durchaus
-wolle, der Gegensatz von Leben und Religion auf den von
-Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei nur
-in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik
-und Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf
-zurück und schließe die Augen. Und das sei der Unterschied von
-Religion und Sittlichkeit, konfus ausgedrückt.
-</p>
-
-<p>
-Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei
-weniger bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine
-Neigung, dem Teufel Zugeständnisse zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag
-diskuriert, Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „<span class="antiqua" lang="it">O Satana,
-o ribellione!</span>“ Welchem Teufel er denn nun eigentlich
-Zugeständnisse gemacht habe. Dem mit der Rebellion, der Arbeit
-und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja lebensgefährlich,
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-– ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s Teufels
-Namen da durchkommen solle!
-</p>
-
-<p>
-Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr
-Settembrini sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet.
-Das Entscheidende in seinem Weltbilde sei, daß er Gott und
-den Teufel zu zwei verschiedenen Personen oder Prinzipien mache
-und „das Leben“, übrigens nach streng mittelalterlichem Vorbilde,
-als Streitobjekt zwischen sie lege. In Wirklichkeit aber
-seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, der Lebensbürgerlichkeit,
-der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das
-religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten.
-</p>
-
-<p>
-„Was für ein ekelhafter Mischmasch – <span class="antiqua" lang="it">che guazzabuglio
-proprio stomachevole</span>!“ rief Settembrini. Gut und Böse,
-Heiligkeit und Missetat, alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne
-Willen! Ohne die Fähigkeit, zu verwerfen, was verworfen
-sei! Ob Herr Naphta denn wisse, <em>was</em> er leugne, indem er
-vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe
-und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip
-verneine! Er leugne den <em>Wert</em>, – jede Wertsetzung, – abscheulich
-zu sagen. Schön, es gab also nicht Gut noch Böse,
-sondern nur das sittlich ungeordnete All! Es gab auch nicht
-den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern nur die alles
-verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den mystischen
-Untergang in ihr! Das Individuum ...
-</p>
-
-<p>
-Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen
-Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den
-Unterschied von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei
-dem Herrn Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht
-der Fall war. Wo das Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen
-und nach einem darüber hinausgehenden Sinn und
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte Gattungs- und
-Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein Individualismus, –
-als welcher einzig und allein im Bereich des Religiösen und Mystischen,
-im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, zu Hause
-war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn
-Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich,
-also unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu
-da, daß man alt und glücklich, reich und gesund damit werde
-und damit Punktum. Diese Vernunft- und Arbeitsphilisterei
-gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta betreffe, so erlaube
-er sich wiederholt, sie als schäbige Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene
-Stimme leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand,
-daß Herr Naphta beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem,
-Gott wußte, warum, aristokratisch wegwerfenden Tone redete,
-wie als ob <em>das Gegenteil</em> – und man wußte ja, was das
-Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das Vornehmere gewesen
-wäre!
-</p>
-
-<p>
-Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit,
-der aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt
-und erschöpft von Frost und Problematik, taumeligen Urteils
-auch in Hinsicht auf die Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit
-seiner eigenen Ausdrucksweise, bekannte mit lahmen Lippen,
-er habe sich den Tod von jeher mit einer gestärkten spanischen
-Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner Uniform
-sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem
-gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak
-er selbst über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige
-seiner Rede und versicherte, nicht dies habe er sagen
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-wollen. Aber ob es sich nicht so verhalte, daß es Leute gebe,
-gewisse Menschen, die man sich nicht tot vorzustellen vermöge,
-und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das solle heißen:
-dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem vorkomme,
-als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe
-des Todes nicht würdig.
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme,
-daß Hans Castorp dergleichen nur sage, damit man
-ihm widerspreche. Der junge Mann werde ihn immer bereit
-finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher Anfechtungen zur
-Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche dies
-Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“
-Dieses Wort möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden
-sich ihm zu wahrer und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“:
-und sogleich, auf dem Wege leichtester und rechtmäßigster
-Assoziation, stelle sich auch die Idee der Liebenswürdigkeit
-ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß man
-sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft
-liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und
-also Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme
-nenne.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert.
-Ganz gewonnen, sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner
-plastischen Theorie. Denn man möge sagen, was man
-wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum Beispiel, daß Krankheit
-ein erhöhter Lebenszustand sei und also was Festliches
-habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung
-des Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und
-gar auf seinen Körper zurückweise und zurückwerfe und so
-der Würde des Menschen bis zur Vernichtung abträglich sei,
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper herabwürdige.
-Krankheit sei also unmenschlich.
-</p>
-
-<p>
-Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen;
-denn Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch
-sei wesentlich krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen,
-und wer ihn gesund machen, ihn veranlassen wolle, seinen
-Frieden mit der Natur zu schließen, „zurück zur Natur zu kehren“
-(während er doch nie natürlich gewesen sei), alles was
-sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern, Freilüftlern, Sonnenbademeistern
-und so fort prophetisch umhertreibe, jede Art
-Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und Vertierung
-... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es,
-was den Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste,
-in hohem Maße sich ihr entgegengesetzt fühlende Wesen
-vor allem übrigen organischen Leben auszeichne. Im Geist
-also, in der Krankheit beruhe die Würde des Menschen und
-seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto höherem
-Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit
-sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß
-jemand, der den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten
-der Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini
-führe den Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht
-der Fortschritt, so weit dergleichen existiere, einzig der Krankheit
-verdankt werde, das heiße: dem Genie, – als welches nichts
-anderes als eben Krankheit sei! Als ob nicht die Gesunden allezeit
-von den Errungenschaften der Krankheit gelebt hätten! Es
-habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in Krankheit
-und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse
-zu gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem
-sie durch Wahnsinn errungen worden, und deren Besitz und
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-Nutznießung nach jener heroischen Opfertat nicht länger durch
-Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre Kreuzestod
-...
-</p>
-
-<p>
-Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen
-Kombinationen und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man
-sieht schon, warum du nicht Pater geworden bist, <span class="antiqua" lang="fr">joli jésuite
-à la petite tache humide</span>! Nun brülle du, Löwe! wandte er
-sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser „brüllte“, indem
-er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk,
-Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“
-rief er dem Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit
-als Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend
-gerade heraus, daß Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig,
-damit werden Sie sie zum Geiste ermutigen, sie für den
-Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie andererseits Krankheit
-und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber für
-gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum
-Menschheitsdienste anzuhalten! <span class="antiqua" lang="it">Da vero, è criminoso!</span>“ Und
-wie ein Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens
-ein, für denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem
-es um Geist nicht bange zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte
-er, und Naphta sagte hochtrabender Weise: „Der Logos!“
-Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte, sagte „Die
-Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“
-verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine,
-und der andere: „Das Ich!“ Schließlich war sogar von
-„Kunst“ auf der einen und „Kritik“ auf der anderen Seite
-die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“ und „Geist“
-und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen
-Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-einmal eine zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht
-nur gegeneinander, sondern auch durcheinander, und nicht nur
-wechselseitig widersprachen sich die Disputanten, sondern sie
-lagen in Widerspruch auch mit sich selbst. Settembrini hatte
-oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“ ausgebracht,
-wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein
-sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während
-Naphta mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen
-Instinktes“ aufgetreten war, gegen Settembrini, der
-Natur als die „dumme Macht“, als bloßes Faktum und Fatum
-traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht
-abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes
-und der „Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu
-finden seien, indes dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres
-Gesundheitsadels aufwarf, uneingedenk aller Emanzipation.
-Nicht weniger verworren stand es mit dem „Objekt“ und dem
-„Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer dieselbe
-war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß
-niemand mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer
-der Freie war. Naphta verbot Herrn Settembrini mit scharfen
-Worten, sich einen „Individualisten“ zu nennen, denn er
-leugne den Gegensatz von Gott und Natur, verstehe unter der
-Frage des Menschen, dem innerpersönlichen Konflikt, einzig
-denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen und
-sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche Sittlichkeit
-eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme, unheroischerweise
-auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates
-das moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta,
-wohl wissend, daß das innermenschliche Problem vielmehr auf
-dem Widerstreit des Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe,
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-den wahren, den mystischen Individualismus vertrete und recht
-eigentlich der Mann der Freiheit und des Subjektes sei. War
-er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt es sich dann
-mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich
-<em>eine</em> Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner
-mit den markanten Dingen, die er im Kolloquium mit
-Pater Unterpertinger über die „Katholizität“ des Staatsphilosophen
-Hegel zum besten gegeben, über die innere Verbundenheit
-der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die
-Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten
-nicht Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld
-von Naphtas Orden abgegeben? Und was für
-eine Erziehung! Herr Settembrini war gewiß ein eifriger Pädagog,
-eifrig bis zum Störenden und Lästigen; aber in Hinsicht
-auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten seine
-Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit
-wagen. Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung!
-Gehorsam! Der Terror! Das mochte wohl seine Ehre haben,
-aber auf die kritische Würde des Einzelwesens nahm es nur
-wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des preußischen
-Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis
-aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta
-eigentlich zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen
-an gar keine reine Erkenntnis und voraussetzungslose
-Forschung, kurz, nicht an die Wahrheit glaubte, die objektive,
-wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben für Lodovico Settembrini
-das oberste Gesetz aller Menschensittlichkeit bedeutete.
-Das war fromm und streng von Herrn Settembrini, während
-es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit auf den
-Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit
-und Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom
-Interesse des Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit
-war das genau genommen nicht, es war mehr von
-Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr haben wollte,
-– wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“ war,
-wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das
-Gesetz der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden,
-wie Naphta die Wahrheit band: nämlich an den Menschen.
-Es war entschieden mehr fromm als frei, und dies wiederum
-war ein Unterschied, der bei solchen Bestimmungen Gefahr
-lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr Settembrini!
-Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines Politikers
-Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne
-Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die
-Mädchen auf der Straße an, während den scharfen, kleinen
-Naphta harte Gelübde banden. Und doch war dieser beinahe
-ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und jener dagegen ein
-Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“
-hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout
-auf den demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über
-des militärischen Naphta religiöse Libertinage, die Gott und
-Teufel, Heiligkeit und Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf
-und keine Wertsetzung, kein Vernunfturteil, keinen
-Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei, wer
-fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen
-aus: der Untergang in der alles verschlingenden und
-ausgleichenden Gemeinschaft, der zugleich wüstlingshaft und
-asketisch war, oder das „kritische Subjekt“, bei welchem
-Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge einander ins
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen einander
-beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein
-Mangel, und so außerordentlich schwer war es zivilistischer
-Verantwortlichkeit gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen
-zu entscheiden, sondern auch nur, sie als Präparate
-gesondert und sauber zu halten, daß die Versuchung groß
-war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes All“ zu
-stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung,
-die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu
-sehen, daß die Streitenden weniger erbittert gewesen wären,
-wenn sie ihnen selbst nicht beim Streite die Seele bedrückt
-hätte.
-</p>
-
-<p>
-Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen;
-dann hatten die drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis
-vor ihr Häuschen zurückbegleitet, und dort stand man noch
-lange im Schnee, indes Naphta und Settembrini sich stritten, –
-pädagogischerweise, wie Hans Castorp wohl wußte, und um
-die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten. Für Herrn
-Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt
-zu verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem
-nicht mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans
-Castorp grub gesenkten Hauptes mit dem Stocke im Schnee
-und bedachte die große Konfusion.
-</p>
-
-<p>
-Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen,
-und das Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste
-wandten sich wieder ihrer Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen
-Wetteiferer mußten zusammen ins Häuschen gehen,
-der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um sein Humanistenstübchen
-mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen.
-Hans Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-voll vom Wirrwarr und Waffenlärm der beiden Heere, die
-von Jerusalem und Babylon vorrückend unter den <span class="antiqua" lang="it">dos banderas</span>
-zu konfusem Schlachtgetümmel zusammentrafen.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-1-7">
-Schnee
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit
-zum Ausdruck mit dem Witterungscharakter des
-diesjährigen Winters. Man urteilte, daß er seine Verpflichtungen
-als Hochgebirgswinter sehr mangelhaft erfülle, daß
-er die meteorologischen Kurmittel, denen die Sphäre ihren
-Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle,
-wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren
-und Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle
-an Sonne waren zu verzeichnen, an Sonnenstrahlung,
-diesem wichtigen Heilfaktor, ohne dessen Mithilfe die Genesung
-sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun Herr Settembrini
-auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die Berggäste
-ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins
-Flachland betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls
-wollten sie auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die
-ihre Eltern, ihre Gatten für sie bestritten, und so murrten sie
-in ihren Gesprächen bei Tisch, im Lift und in der Halle. Auch
-zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen in ihre Verpflichtung
-zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat für „künstliche
-Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon vorhandenen
-der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf
-elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die
-jungen Mädchen und Frauen gut kleidete und der Männerwelt
-trotz horizontaler Lebensweise ein prächtig sportliches und
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-erobererhaftes Ansehen verlieh. Ja, dies Ansehen trug Früchte
-im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig im klaren über die
-technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit, waren
-dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen,
-um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen
-zu lassen. „Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine
-rothaarige und rotäugige Kranke aus Berlin, abends in der
-Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und eingefallener
-Brust, der sich auf seiner Karte als „<span class="antiqua" lang="fr">Aviateur diplômé et
-Enseigne de la Marine allemande</span>“ bezeichnete und mit dem
-Pneumothorax versehen war, übrigens zum Mittagessen im
-Smoking erschien und dies Kleidungsstück abends wieder ablegte,
-behauptend, bei der Marine sei das so Vorschrift, –
-„mein Gott!“ sagte sie, indem sie den <span class="antiqua" lang="fr">Enseigne</span> gierig betrachtete,
-„wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein
-Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte
-er im Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief,
-„Sie werden mir büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“
-Und über die Balkons, an den gläsernen Scheidewänden
-vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den Weg zur Nixe ...
-</p>
-
-<p>
-Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher
-Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem
-Himmelslicht empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine
-Sonnentage im Monat – Tage, die freilich mit tief-tiefer
-Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit Diamantengeglitzer
-und köstlich heißem Brande in den Nacken und die Gesichter
-der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem
-Nebelgrau und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder
-drei solcher Tage im Laufe von Wochen, das war zu wenig
-für das Gemüt von Leuten, deren Schicksal außerordentliche
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die innerlich auf einen
-Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die Freuden
-und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses,
-aber ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos
-bis zur Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es
-half dem Hofrat wenig, wenn er daran erinnerte, wie wenig
-auch unter diesen Umständen noch das Berghof-Dasein dem
-Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen Bergwerk
-gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht
-wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen
-Zusätzen, an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer
-noch vor dem Qualm und Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung
-und Protest griffen um sich, Drohungen mit wilder
-Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor, daß sie
-ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst erfolgten
-traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht
-schwer, wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen
-Aufenthalt in dem nassen und zugigen Amsterdam
-aber lebenslänglichen Charakter gewonnen hatte ...
-</p>
-
-<p>
-Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen,
-so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch
-nicht gesehen. Der vorige Winter hatte es in dieser Richtung
-wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch waren seine Leistungen
-schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des diesjährigen.
-Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit
-dem Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser
-Sphäre. Es schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch,
-dünn oder in dichtem Gestöber, aber es schneite. Die wenigen
-gangbar gehaltenen Wege erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen
-Schneewänden zu beiden Seiten, alabasternen
-<a id="page-216" class="pagenum" title="216"></a>
-Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen Geflimmer angenehm
-zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben
-und Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten,
-Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen
-den Wänden noch trat man stark aufgehöhten Grund, so tief
-auch geschaufelt war, das merkte man an lockeren Stellen und
-Löchern, wo plötzlich der Fuß einsank, tief hinab, wohl bis zum
-Knie: man hatte gut acht zu geben, daß man nicht unversehens
-das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden, versunken;
-ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen
-Begräbnis hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau
-so seltsam verlegt, daß die Läden im Erdgeschoß der Häuser
-zu Kellern geworden waren, in die man auf Schneestufen von
-der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg.
-</p>
-
-<p>
-Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus,
-tagein, still niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn
-Kältegraden, die nicht eben ans Mark gingen, – man spürte
-sie wenig, es hätten auch fünf oder zwei sein können, Windstille
-und Lufttrockenheit nahmen ihnen den Stachel. Es war
-sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen
-Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten
-Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in
-grauweiße Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm
-und Nebeldunst dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge;
-vom nächsten Nadelholz allenfalls mit der Zeit ein wenig
-zu sehen: beladen stand es, verlor sich rasch im Gebräu,
-und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer Überlast,
-schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die
-Sonne als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein
-matt gespenstisches Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-in die nichtig-unkenntliche Landschaft zu bringen. Doch
-blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit und Blässe, bar jeder
-Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte nachziehen können.
-Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten, verrauchten. Bleich
-beschienene Schneeflächen, die hinter- und übereinander aufstiegen,
-leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte wohl
-eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu
-verändern, vor einer Felswand.
-</p>
-
-<p>
-Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben,
-den Nebel in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern
-vom Gelingen; doch eine Ahnung von Himmelsblau war augenblicksweise
-zu erfassen, und das wenige Licht reichte hin, die
-durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend weithin
-diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf
-zu schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick
-über das Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch
-die wenigen eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das
-Gestöber ruhte und der unvermittelte Himmelsbrand die köstlich
-reine Oberfläche der Massen von Neuschnee anzuschmelzen
-suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft, kindlich und
-komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen auf
-den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen
-sich kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende,
-Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das
-ergab eine Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem
-Märchenbuch. Mutete aber die nahe Szene, in der man sich
-mühselig bewegte, phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen
-der Erhabenheit und des Heiligen, die der hereinschauende
-fernere Hintergrund, die getürmten Standbilder der
-verschneiten Alpen erweckten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-218" class="pagenum" title="218"></a>
-Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp
-in der Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt
-von der weder zu steil noch zu flach eingestellten Lehne seines
-vorzüglichen Liegestuhls, über die bepolsterte Brüstung hin auf
-Wald und Gebirge. Der grünschwarze, mit Schnee beschwerte
-Tannenforst stieg die Lehnen hinan, und zwischen den Bäumen
-war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber erhob sich
-das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen,
-die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen
-waren, und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite
-still. Alles verschwamm mehr und mehr. Der Blick, in ein
-wattiges Nichts gehend, brach sich leicht zum Schlummer. Ein
-Frösteln begleitete den Augenblick des Hinüberganges, doch
-gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier in der Eiseskälte,
-dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl
-organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren,
-nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel,
-als das Nichtatmen <a id="corr-41"></a>den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge
-völlig im Schneenebel verschwunden, und nur Stücke
-davon, eine Gipfelkuppe, eine Felsnase, traten wechselnd für
-einige Minuten hervor, um wieder verhüllt zu werden. Dies
-leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte scharf
-achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen
-Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei
-im Dunste, eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch
-Fuß zu sehen war. Aber da man sie nur eine Minute aus den
-Augen gelassen, war sie entschwunden.
-</p>
-
-<p>
-Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube
-überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise
-hereintrieb und alles, Boden und Möbel, dickauf
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen in dem gefriedeten Hochtal.
-Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr, sie war so ausgefüllt
-von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt
-weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber
-in wilde, treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von
-unten nach oben, von der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten
-es in tollem Tanz durcheinander, – das war kein Schneefall
-mehr, es war ein Chaos von weißer Finsternis, ein Unwesen,
-die phänomenale Ausschreitung einer über das Gemäßigte
-hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink,
-der plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich
-auskennen mochte.
-</p>
-
-<p>
-Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand
-es demjenigen am Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt:
-die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären
-gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, lockere, makellose Pulverschnee,
-spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße
-Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man
-schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern
-wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des
-Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterblieb, und auf ganz
-ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie
-eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom
-Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart
-gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer
-darauf, als auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie
-auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden
-am Saume des Meeres.
-</p>
-
-<p>
-Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr,
-die für jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-der Bewegung im Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge
-arbeiteten; aber sie hatten Mühe, die allergebräuchlichsten
-Pfade und die Hauptstraße des Kurortes notdürftig frei
-zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und rasch
-ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden
-und Kranken, von Einheimischen und internationaler
-Hotelgesellschaft; den Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer
-an die Beine, Herren und Damen, welche, zurückgelehnt,
-die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren Ton davon
-zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres
-Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd
-und kippend die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen,
-ihr Modespielzeug am Seile wieder bergan zu ziehen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er
-hegte zwei Wünsche: der stärkste davon war der, mit seinen
-Gedanken und Regierungsgeschäften allein zu sein, und diesen
-hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch oberflächlich, gewährt.
-Der andere aber, verbunden mit jenem, galt lebhaft einer inniger-freieren
-Berührung mit dem schneeverwüsteten Gebirge,
-für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war
-unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter
-Fußgänger es war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte
-ein solcher bis über die Brust im Elemente gesteckt, wenn er
-versucht hätte, über das allerorts rasch erreichte Ende der geschaufelten
-Verkehrspfade hinaus vorzudringen.
-</p>
-
-<p>
-So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem
-zweiten Winter hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und
-ihren Gebrauch zu erlernen, soweit sein sachliches Bedürfnis
-es eben erforderte. Er war kein Sportsmann; war, mangels
-körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat auch nicht, als
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem Ortsgeist
-und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten,
-– Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die,
-obgleich unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen
-beständig blau färbte, zum Lunch in wollener Hosentracht zu
-erscheinen liebte, darin sie sich nach dem Essen mit gespreizten
-Knien in einem Korbsessel der Halle recht liederlich lümmelte.
-Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats Erlaubnis für
-sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt abschlägig
-beschieden worden. Sportliche Betätigung war der
-Gemeinschaft derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in
-ähnlichen Anstalten, unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte
-die scheinbar so leicht eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen
-an den Herzmuskel, und was Hans Castorp persönlich
-betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der „Gewöhnung
-daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft geblieben,
-und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer
-feuchten Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst
-auch hier oben zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und
-Vorhaben widerspruchsvoll und unstatthaft. Nur mußte man
-ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der Ehrgeiz, es den
-Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die, wäre es
-eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel
-im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte
-er sich einer anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig,
-als dem Touristenvölkchen, und unter einem weiteren und
-neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer entfremdenden
-Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als
-sei es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen
-und sich im Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-Eskapaden im Sinn, wollte sich schon mäßig halten, und was er
-plante, hätte Rhadamanthys ihm recht wohl gestatten können.
-Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten würde,
-beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln.
-</p>
-
-<p>
-Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben.
-Herr Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt.
-„Aber ja, aber ja doch, Ingenieur, um Gottes willen,
-tun Sie das! Fragen Sie niemanden und tun Sie’s, – Ihr
-guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s sofort,
-bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen,
-ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben
-wir miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge
-würde ich Sie begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe
-an den Füßen, wie Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh,
-dürfen! Ich täte es schon, wenn ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber
-ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener Mann. Dagegen Sie ...
-es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn Sie vernünftig
-sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete
-es Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel
-gewesen sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter
-Plan! Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig,
-– ah, nein, Ihr Kern ist gut, man hat keinen Grund, an Ihnen
-zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie drehen Ihrem Schattenfürsten
-dort oben eine Nase, Sie kaufen diese Schlittschuhe,
-Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu dem Gewürzkrämer
-drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von
-dort, um sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“
-</p>
-
-<p>
-Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis,
-der den kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport
-keine Ahnung hatte, erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-der Hauptstraße ein Paar schmucker Ski, hellbraun
-lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem Lederzeug und
-vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit Eisenspitze und
-Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles selbst auf der
-Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo mit
-dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung
-der Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung
-über die Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann
-er auf eigene Hand, fern von dem Gewimmel der Übungsplätze,
-an einem fast baumfreien Abhang nicht weit hinter Sanatorium
-Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei
-das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung
-ihm zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig
-gekreuzt, Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend.
-Es lief gut ab, als Hans Castorp eines Tages, die
-geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“ hinuntersteuernd, im
-Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer zurückzubringen, dem
-Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht, obgleich es heller
-Mittag war und der Anfänger fast mit ihm zusammengestoßen
-wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs
-und stapfte vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt,
-deren man innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche
-auf Virtuosentum. Was er brauchte, war ohne Überhitzung
-und Atemlosigkeit in ein paar Tagen erlernt. Er hielt sich an,
-die Füße hübsch beieinander zu halten und gleichlaufende Spuren
-zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der Abfahrt des
-Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine Bodenerhebungen,
-die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben
-und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See,
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-und fiel seit dem zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn
-er in voller Fahrt mit Telemarkschwung bremste, das eine Bein
-vorgeschoben, das andere ins Knie gebeugt. Allmählich erweiterte
-er den Umkreis seiner Übungen. Eines Tages sah Herr
-Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief ihm
-durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch
-befriedigt nach Hause.
-</p>
-
-<p>
-Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf
-gelinde und freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis
-schön ist bei starkem West, – zwar ohne Donnerlärm,
-sondern in Totenstille, doch ganz verwandte Ehrfurchtsgefühle
-erweckend. Hans Castorps lange, biegsame Sohlen trugen
-ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen Clavadel
-oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter
-denen der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte;
-auch in das Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in
-Richtung auf das bewaldete Seehorn, von dem nur die schneeige
-Spitze über die Baumgrenze ragte, und den Drusatschawald,
-hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief verschneiten
-Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen Hölzern
-von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb
-sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt,
-auf schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die
-bei sichtigem Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft
-seiner Abenteuer boten.
-</p>
-
-<p>
-Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit
-sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden.
-Sie umgab ihn mit erwünschter Einsamkeit, der erdenklich
-tiefsten sogar, einer Einsamkeit, die das Herz mit Empfindungen
-des menschlich Wildfremden und Kritischen berührte. Da
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in
-Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren,
-zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen
-bildenden Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos
-stehen blieb, um sich selbst nicht zu hören, war unbedingt
-und vollkommen, eine wattierte Lautlosigkeit, unbekannt, nie
-vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da war kein Windhauch,
-der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte,
-kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen,
-das Hans Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen
-Stock gestützt, den Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem
-Munde; und still und unablässig schneite es weiter darin,
-ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.
-</p>
-
-<p>
-Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts
-Wirtliches, sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung
-und Gefahr, sie nahm ihn nicht eigentlich an und auf, sie duldete
-sein Eindringen, seine Gegenwart auf eine nicht geheuere,
-für nichts gutstehende Weise, und Gefühle des still bedrohlich
-Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen
-waren es, die von ihr ausgingen. Das Kind
-der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause
-aus, ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn,
-der, von Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit
-mit ihr lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht,
-mit der jener, die Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und
-die sein ganzes Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt,
-eine beständige fromme Erschütterung und scheue Erregung
-in seiner Seele unterhält. Hans Castorp, in seiner langärmeligen
-Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen und auf
-seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das Erleichterungsgefühl,
-das sich meldete, wenn auf dem Heimweg
-die ersten menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder
-auftauchten, machte ihm seinen vorherigen Zustand bewußt
-und lehrte ihn, daß stundenlang ein heimlich-heiliger Schrecken
-sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte er, in weißen Hosen,
-sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der mächtigen
-Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen
-Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen
-schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet,
-während ein Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen
-Gefahr zublies, die frecherweise versuchten, über die erste Welle
-hinauszudringen, dem herantreibenden Ungewitter auch nur
-zu nahe zu kommen, und noch der letzte Auslauf des Katarakts
-hatte den Nacken wie Prankenschlag getroffen. Von dorther
-kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück leichter Liebesberührungen
-mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend
-sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war
-die Neigung, diese begeisternde Berührung mit der tödlichen
-Natur so weit zu verstärken, daß die volle Umarmung drohte,
-– als ein schwaches, wenn auch bewaffnetes und von der Zivilisation
-leidlich ausgestattetes Menschenkind, das er war, sich
-so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen, oder doch so lange
-nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische streifte
-und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es
-sich nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag
-handelte, sondern um die Welle, den Rachen, das Meer.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, –
-wenn Mut vor den Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im
-Verhältnis zu ihnen, sondern bewußte Hingabe und aus Sympathie
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-bezwungenen Todesschrecken bedeutet. – Sympathie? –
-Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen
-in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang
-dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl,
-dessen er sich beim Anblick des schlittelnden Völkchens bewußt
-geworden, und das ihm eine tiefere und größere, weniger hotelbequeme
-Einsamkeit als die seiner Balkonloge hatte schicklich
-und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte er
-das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet
-und sich seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin
-in seiner Seele geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei
-noch aus angeborner Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen
-gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer war dort in der Größe,
-der schneienden Totenstille – und das war es dem Kinde der
-Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht Geheueren
-längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein
-Kolloquium mit Naphta und Settembrini war auch nicht just
-das Geheuerste; ebenfalls führte es ins Weglose und Hochgefährliche;
-und wenn von Sympathie mit der großen Winterwildnis
-auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte, so
-darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als
-passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe
-empfand, als geziemenden Aufenthalt für einen, der,
-ohne freilich recht zu wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften,
-betreffend Stand und Staat des <span class="antiqua" lang="la">homo Dei</span> beschwert
-war.
-</p>
-
-<p>
-Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen
-Gefahr geblasen hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre
-dieser Mann gewesen, als er dem entschwindenden Hans Castorp
-durch die hohlen Hände zugerufen hatte. Dieser aber hatte
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem Rücken
-nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen Schritten
-einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen
-war. „<span class="antiqua" lang="it">Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!</span>“ Ach ja, du
-pädagogischer Satana mit deiner <span class="antiqua" lang="it">ragione</span> und <span class="antiqua" lang="it">ribellione</span>,
-dachte er. Übrigens habe ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel
-und Drehorgelmann, aber du meinst es gut, meinst es
-besser und bist mir lieber als der scharfe kleine Jesuit und Terrorist,
-der spanische Folter- und Prügelknecht mit seiner Blitzbrille,
-obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch zankt ...
-euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und
-Teufel um den Menschen im Mittelalter ...
-</p>
-
-<p>
-Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen
-hinan, deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben,
-höher und höher, man wußte nicht wohin; es schien,
-daß sie nirgends hinführten; ihre obere Region verschwamm
-mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war wie sie, und von
-dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine Gratlinie
-war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das
-Hans Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die
-Welt, das bewohnte Menschental, sich sehr bald schloß und
-den Augen abhanden kam, auch kein Laut von dorther mehr
-zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja Verlorenheit,
-ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte wünschen können,
-tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes
-ist. „<span class="antiqua" lang="la">Praeterit figura hujus mundi</span>“, sagte er bei sich in einem
-Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die
-Redensart von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich
-um. Es war überall gar nichts und nirgends etwas zu sehen,
-außer einzelnen ganz kleinen Schneeflocken, die aus dem Weiß
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-der Höhe kommend auf das Weiß des Grundes niedersanken,
-und die Stille ringsumher war gewaltig nichtssagend. Während
-sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn blendete,
-fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, – dies
-Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu
-schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer,
-frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine
-Art von Rührung wandelte ihn an, eine einfache und andächtige
-Sympathie mit seinem Herzen, dem schlagenden Menschenherzen,
-so ganz allein hier oben im Eisig-Leeren mit seiner
-Frage und seinem Rätsel.
-</p>
-
-<p>
-Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel.
-Manchmal stieß er das obere Ende seines Skistockes in den
-Schnee und sah zu, wie blaues Licht aus der Tiefe des Loches
-dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn herauszog. Das machte
-ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die kleine optische
-Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein
-eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar
-und doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte
-ihn an das Licht und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender
-Schrägaugen, die Herr Settembrini vom humanistischen
-Standpunkte aus verächtlich als „Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“
-bezeichnet hatte, – an früh erschaute und unvermeidlich
-wieder gefundene, an Hippes und Clawdia Chauchats
-Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit.
-„Aber mach ihn nicht entzwei: <span class="antiqua" lang="fr">Il est à visser, tu sais.</span>“ Und
-im Geiste hörte er hinter sich wohllautende Mahnungen zur
-Vernunft.
-</p>
-
-<p>
-Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er
-wandte sich dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben,
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-statt weißlicher Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß
-er im geringsten eine Geländesenkung hatte kommen sehen.
-Die Blendung verhinderte jedes Erkennen der Bodengestaltung.
-Man sah nichts; alles verschwamm vor den Augen.
-Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich
-dem Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung
-zu unterscheiden.
-</p>
-
-<p>
-Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der
-Schlucht, in die er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem
-Schnee bedeckter Grund senkte sich nach der Seite des
-Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn ein Stück in dieser
-Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die Seitenschrägen erhöhten
-sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den Berg
-hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs
-wieder aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand
-mehr zu ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging
-wieder auf offener Berghalde gegen den Himmel.
-</p>
-
-<p>
-Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte
-sich dorthin und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen
-Tannen, die sich, keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig
-vernebelnder Waldungen ins Baumfreie vorschoben.
-Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine Zigarette, in
-seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen
-von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber
-stolz, sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes
-auf diese Umgebung.
-</p>
-
-<p>
-Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte
-er sich aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und
-die Vespermahlzeit zu schwänzen und vor Dunkelwerden zurück
-zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn bei dem Gedanken, daß
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-mehrere Stunden zum Schweifen im Freien und Großartigen
-vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche seiner
-Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der Westentasche.
-</p>
-
-<p>
-Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt
-war sie. Hinten, in der Gegend des Talausganges, des
-Gebirgswinkels, den man nicht sah, dunkelte das Gewölk, das
-Gedünste tiefer und schien sich vorzuschieben. Es sah nach
-Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf abzuhelfen,
-– nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die
-kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel
-fallen zu lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers
-zu betrachten. Sie schienen formlose Fetzchen,
-aber er hatte mehr als einmal ihresgleichen unter seiner guten
-Linse gehabt und wußte wohl, aus was für zierlichst genauen
-kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten, Kleinodien, Ordenssternen,
-Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier sie
-nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es
-hatte mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen
-den Wald beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das
-seine Fußbretter ihn trugen, denn doch eine andere Bewandtnis
-als mit dem heimischen Meersande, an den es erinnerte:
-das waren bekanntlich nicht Steinkörner, woraus es bestand,
-es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger Vielfalt
-kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen
-eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma,
-den Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter
-den Myriaden von Zaubersternchen in ihrer untersichtigen,
-dem Menschenauge nicht zugedachten, heimlichen Kleinpracht
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-war nicht eines dem anderen gleich; eine endlose Erfindungslust
-in der Abwandlung und allerfeinsten Ausgestaltung eines
-und immer desselben Grundschemas, des gleichseitig-gleichwinkligen
-Sechsecks, herrschte da; aber in sich selbst war jedes
-der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und eisiger
-Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische
-und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die
-zum Leben geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade,
-dem Leben schauderte vor der genauen Richtigkeit, es empfand
-sie als tödlich, als das Geheimnis des Todes selbst, und
-Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum Tempelbaumeister
-der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine Abweichungen von
-der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht hatten.
-</p>
-
-<p>
-Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am
-Waldrande den dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige
-hinunter und trieb sich, steigend und gleitend, ziellos und
-gemächlich, weiter in dem toten Gelände umher, das mit seinen
-leeren, welligen Gebreiten, seiner Trockenvegetation, die aus
-einzelnen, dunkel hervorstechenden Latschenbüschen bestand,
-und seiner Horizontbegrenzung von weichen Erhebungen so
-auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp nickte
-zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser Ähnlichkeit
-weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung
-zum Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung
-von Aufregung und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit
-Sympathie, da dies alles ihn an nah verwandte Wirkungen
-der ebenfalls aufpeitschenden und zugleich mit schlafbringenden
-Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich erinnerte. Er empfand
-mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit, sein
-freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebunden
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-war, hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er
-gekommen war. Es hatte anfangs Stangen, eingepflanzte
-Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber absichtlich hatte er sich
-bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da sie ihn an den
-Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren Verhältnis
-zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen.
-</p>
-
-<p>
-Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald
-rechts, bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge,
-dann eine Ebene, dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte
-Schluchten und Pässe so zugänglich und lockend schienen. Ja,
-die Lockung der Fernen und Höhen, der immer neu sich auftuenden
-Einsamkeiten war stark in Hans Castorps Gemüt,
-und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins wilde
-Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein,
-– ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit
-seines Inneren zur wirklichen Furcht wurde angesichts der
-vorzeitig zunehmenden Himmelsdunkelheit, die sich wie graue
-Schleier auf die Gegend herabsenkte. Diese Furcht machte
-ihm bewußt, daß er es heimlich bisher geradezu darauf angelegt
-hatte, sich um die Orientierung zu bringen und zu vergessen,
-in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn
-auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens
-durfte er sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer
-bergab fuhr, das Tal, wenn auch möglicherweise fern vom
-„Berghof“, rasch erreicht sein werde, – zu rasch; er würde zu
-früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt haben, während
-er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte,
-den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde.
-Darum aber vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, –
-die Furcht, seine aufrichtige Furcht vor den Elementen mochte
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-ihn beklemmen wie sie wollte. Das war kaum sportsmännisch
-gehandelt; denn der Sportsmann läßt sich mit den Elementen
-nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister weiß, übt Vorsicht
-und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans
-Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen:
-Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt,
-auch wenn – oder besonders wenn – das ihm entsprechende
-frevelhafte Gefühl mit so viel aufrichtiger Furcht verbunden
-ist, so ist doch bei einigem menschlichen Nachdenken ungefähr
-zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen Menschen
-und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier,
-manches sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur,
-gesagt haben würde, „akkumuliert“, was eines Tages
-als ein elementares „Ach was!“ oder ein „Komm denn an!“
-von erbitterter Ungeduld, kurz eben als Herausforderung und
-Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so fuhr er
-denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang
-hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in
-einiger Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte
-mit steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge
-zu, dessen Rücken borstig von Tannen war, und hinter dem
-Hochgipfel sich nebelhaft türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen
-besetzte Wand vor ihm war schroff, aber schräg rechtshin
-mochte man sie in mäßiger Steigung halb umgehen und
-hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde, und
-an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem
-er vor dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe,
-von rechts nach links abfallende Schlucht hinabgefahren war.
-</p>
-
-<p>
-Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also,
-wie zu erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen,
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-daß es eine Art hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte,
-war da, der lange gedroht hatte, wenn man von „Drohung“
-sprechen kann in Hinsicht auf blinde und unwissende Elemente,
-die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu vernichten, was
-vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf die
-ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit
-unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen,
-als der erste Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn
-traf. „Das ist eine Sorte von Anhauch. Die geht ins Mark.“
-Und wirklich war dieser Wind von ganz gehässiger Art: die
-furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen zwanzig Grad
-unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde
-an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie
-gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie
-mit Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn
-der erste fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –,
-so hätten sieben Pelze nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem
-Todesschrecken zu schützen, und Hans Castorp trug nicht sieben
-Pelze, sondern nur eine wollene Weste, die ihm sonst auch vollkommen
-genügt hatte und ihm bei dem geringsten Sonnenschein
-sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den Wind
-etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren
-und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung
-sich mit seinem Trotz und mit dem gründlichen „Ach
-was!“ seiner Seele mischte, so strebte der tolle Junge immer
-noch weiter, zwischen einzeln stehenden Tannen hin, um hinter
-den in Angriff genommenen Berg zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts
-vor Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem
-Wirbelgedränge allen Raum erfüllte; die dreinfahrenden
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-Eisböen machten die Ohren mit scharfem Schmerze brennen,
-lähmten die Glieder und ließen die Hände ertauben, so daß
-man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt oder
-nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz
-ihm den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und
-bedeckte seine rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum
-Schneemann erstarren, seinen Stock steif in der Hand; und
-all diese Unzuträglichkeit ergab sich bei vergleichsweise günstigen
-Umständen: wendete er sich, so würde es schlimmer sein;
-und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit gestaltet,
-das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte.
-</p>
-
-<p>
-So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und
-stellte seine Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort
-den Atem, so daß er der unbequemen Prozedur der Umstellung
-sich nochmals unterzog, um zu Luft zu kommen und
-mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die Stirn zu
-bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem Atemhaushalt
-gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich
-in Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen,
-von den Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich
-aus seiner Blindheit und seiner Atemknappheit erwuchsen.
-Jeden Augenblick war er zum Haltmachen gezwungen, erstens,
-um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen, und dann auch, weil
-er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah vor weißer
-Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem
-Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken
-flogen ihm massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so
-daß es erstarrte. Sie flogen ihm in den Mund, wo sie mit
-schwach wässerigem Geschmack zergingen, flogen gegen seine
-Lider, die sich krampfhaft schlossen, überschwemmten die Augen
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-und verhinderten jede Ausschau, – die übrigens nutzlos gewesen
-wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und
-die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies
-fast völlig ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde
-Nichts, worein er blickte, wenn er sich zwang, zu sehen.
-Und nur zuweilen tauchten gespenstische Schatten der Erscheinungswelt
-darin auf: ein Latschenbusch, eine Fichtengruppe,
-die schwache Silhouette des Schobers auch, an dem er kürzlich
-vorübergekommen.
-</p>
-
-<p>
-Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen
-stand, seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden;
-eine Richtung zu halten, die ungefähre Richtung nach
-Hause, ins Tal, war weit mehr Glücks- als Verstandessache,
-da man allenfalls die Hand vor Augen, aber nicht einmal
-bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man
-auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige
-Vorkehrungen getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs
-äußerste zu erschweren: das Gesicht voll Schnee, den Sturm
-als Widersacher, der die Atmung zerstörte, sie abschnitt, das
-Aufnehmen von Luft wie den Aushauch verhinderte und jeden
-Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da sollte dieser
-und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer,
-Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd
-das Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von
-Schnee herunter, der sich einem auf die Frontseite gelegt hatte,
-und empfand es als unvernünftige Zumutung, unter solchen
-Umständen vorwärts zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam
-von der Stelle. Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen,
-ein Fortkommen in rechter Richtung war, und ob es nicht
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-weniger falsch gewesen wäre, zu bleiben, wo man war (was aber
-auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es sprach sogar die
-theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch genommen,
-schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und
-Boden nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen
-unter den Füßen, das heißt die flache Halde, die er von der
-Schlucht aufsteigend mit großer Mühe wieder gewonnen, und
-die es vor allem wieder zurückzulegen galt. Die Ebene war
-zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar hatte der
-Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs
-kam, mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es
-war ein falsches Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er
-sich abmattete. Blindlings, umhüllt von wirbelnder, weißer
-Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins Gleichgültig-Bedrohliche
-hinein.
-</p>
-
-<p>
-„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte
-halt. Pathetischer drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm
-einen Augenblick war, als griffe eine eiskalte Hand nach seinem
-Herzen, so daß es aufzuckte und dann mit so raschen Schlägen
-gegen seine Rippen pochte wie damals, als Rhadamanthys
-die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß er
-kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung
-sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage
-auf seine eigenste Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte
-er und fühlte, daß seine Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln
-seiner Miene, der Seele nicht mehr gehorchten und gar nichts
-wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch Wut, noch Verachtung,
-denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg
-hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen
-den Wind. Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-er keuchend und abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend
-fort, indem er sich wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen
-muß etwas, ich kann mich nicht hinsetzen und warten, denn
-dann werde ich zugedeckt von hexagonaler Regelmäßigkeit,
-und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen kommt, um
-nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken,
-eine Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr,
-daß er mit sich selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum
-verwies er es sich, tat es aber wiederum halblaut und ausdrücklich,
-obgleich seine Lippen so lahm waren, daß er auf ihre
-Benutzung verzichtete und ohne die Konsonanten sprach, die
-mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst an eine frühere
-Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war. „Schweig
-still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu:
-„Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das
-ist schlimm in gewisser Hinsicht.“
-</p>
-
-<p>
-Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines
-Davonkommens, war eine reine Feststellung der kontrollierenden
-Vernunft, gewissermaßen einer fremden, unbeteiligten,
-wenn auch besorgten Person. Für sein natürliches Teil war
-er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen, die mit zunehmender
-Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm
-jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich
-darüber auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem,
-der im Gebirge in einen Schneesturm gerät und nicht mehr
-heimfindet“, dachte er arbeitend und redete abgerissene Brocken
-davon atemlos vor sich hin, indem er deutlichere Ausdrücke
-aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört, stellt es
-sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine
-Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-schon so zurichtet, daß sie miteinander auskommen können.
-Da gibt es sensorische Herabminderungen, Gnadennarkosen,
-Erleichterungsmaßnahmen der Natur, jawohl ... Man muß
-jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes Gesicht,
-sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt
-alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und
-eine Wohltat, sofern man eben nicht heimkommen soll, sind
-aber sehr schlimm gemeint und äußerst bekämpfenswert, sofern
-von Heimkommen überhaupt noch die Rede ist, wie bei
-mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem stürmisch
-schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig
-regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“
-</p>
-
-<p>
-Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte
-die beginnende Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und
-fieberhafte Art. Er erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte
-erschrecken sollen, als er gewahrte, daß er schon wieder von der
-ebenen Bahn abgekommen war: diesmal offenbar nach der
-anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich senkte. Denn er
-fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das vorderhand
-nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das
-Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde
-ich wieder Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte
-es zu tun, oder glaubte es auch selber nicht recht, oder, noch
-bedenklicher, es fing an, ihm gleichgültig zu werden, ob er es
-tat oder nicht. So wirkten die zweideutigen Ausfälle, die er
-nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus Müdigkeit und Aufregung,
-die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes bildete,
-dessen Akklimatisation in der Gewöhnung <a id="corr-47"></a>daran bestand,
-daß er sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen
-so weit verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-gegen die Ausfälle nicht mehr die Rede sein konnte. Benommen
-und taumelig, zitterte er vor Trunkenheit und Exzitation,
-sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit Naphta und
-Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen,
-daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle
-mit betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte,
-– trotz seiner verächterischen Empörung gegen das
-Zugedecktwerden durch hexagonale Regelmäßigkeit etwas in
-sich hineinfaselte, des Sinnes oder Unsinnes: das Pflichtgefühl,
-das ihn anhalten wolle, die verdächtigen Herabminderungen
-zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße schäbige
-Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und
-Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der
-Gestalt seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem
-Sandsturm in der Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs
-Gesicht zu werfen und den Burnus über den Kopf zu ziehen.
-Nur eben den Umstand, daß er keinen Burnus habe und daß
-man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf ziehen könne,
-empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten, obgleich
-er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich
-genau Bescheid wußte, wie man erfriert.
-</p>
-
-<p>
-Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es
-nun wieder aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht
-falsch zu sein, denn zwischendurch mußte es bei dem Wege ins
-Tal auch wieder einmal aufwärts gehen, und was den Wind
-betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht, denn Hans Castorp
-hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das dankenswert,
-an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder
-übte die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße
-Schrägfläche vor ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus,
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-so daß er sich ihr zuneigte? Nur um ein Hinlehnen würde es
-sich handeln, wenn man sich ihr überließ, und die Versuchung
-dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand und
-als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der lebendig-gegenwärtigen
-Macht der Versuchung durchaus keinen
-Abbruch tat. Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich
-ins allgemein Bekannte nicht einordnen lassen, sich nicht darin
-wiedererkennen, erklärte sich als einmalig und unvergleichbar
-in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich leugnen zu können, daß
-sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war, die Eingebung
-eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer, gefälteter
-Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung
-sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches
-knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft,
-Herrn Settembrini ein Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber
-auch nur lächerlich machte, mit seiner Drehorgel und seiner
-<span class="antiqua" lang="it">ragione</span> ...
-</p>
-
-<p>
-Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der
-Lockung, sich hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und
-kam von der Stelle, – zweckmäßig oder nicht, aber er tat das
-Seine und regte sich, den lastenden Banden zum Trotz, in die
-der Froststurm immer schwerer seine Glieder schlug. Da ihm
-der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich, ohne sich viel Rechenschaft
-davon zu geben, und fuhr eine Weile so an der
-Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen,
-war eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit
-wenig dazu ermutigte, sie auf sich zu nehmen. Dennoch sah
-er zuweilen etwas: Fichten, die zusammentraten, einen Bach
-oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen überhängenden
-Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur Abwechslung
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen
-den Sturm, gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend
-gleichsam im fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer
-menschlichen Baulichkeit.
-</p>
-
-<p>
-Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft,
-trotz aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten
-erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe.
-Vielleicht waren Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen
-eintreten, um unter Dach und Fach das Ende des Wetters abzuwarten
-und nötigenfalls Begleitung und Führung zu haben,
-wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte eingefallen
-sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel
-verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden
-Aufstieg gegen den Wind zu überwinden, um es zu
-erreichen, und überzeugte sich, angekommen, mit Empörung,
-Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es die bekannte
-Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den er
-auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich,
-unter Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten
-Lippen. Er stocherte sich zu seiner Orientierung um die
-Hütte herum und stellte fest, daß er sie von hinten wieder erreicht
-und also eine gute Stunde lang – seiner Schätzung
-nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn getrieben hatte.
-Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im Kreise
-herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im
-Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen,
-der in sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf.
-So irrte man herum, so fand man nicht heim. Hans
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-Castorp erkannte das überlieferte Phänomen mit einer gewissen
-Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und schlug sich
-auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das Allgemeine
-in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen
-Fall so pünktlich ereignet hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen,
-man konnte nirgends hinein. Aber Hans Castorp
-beschloß dennoch, vorderhand hier zu bleiben, denn das vorstehende
-Dach gewährte die Illusion einer gewissen Wirtlichkeit,
-und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten
-Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz
-gegen den Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die
-aus Baumstämmen gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem
-Rücken, der langen Schneeschuhe wegen, nicht füglich gehen
-wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er den Skistock
-neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den Taschen,
-den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als
-Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit
-geschlossenen Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur
-dann und wann, der Schulter entlang, über die Schlucht hin
-zur jenseitigen Bergwand hinüberblinzelte, die manchmal matt
-im Geschleier sichtbar wurde.
-</p>
-
-<p>
-Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich
-notfalls die ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von
-Zeit zu Zeit das Bein wechsle, mich sozusagen auf die andere
-Seite lege und mir zwischendurch natürlich etwas Bewegung
-mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen verklammt,
-habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung,
-die ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz
-nutzlos, wenn ich auch umgekommen bin und von der Hütte
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-zur Hütte geschweift ... ‚Umkommen‘, was ist denn das für
-ein Ausdruck? Man braucht ihn gar nicht, er ist nicht üblich
-für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich setze ich ihn dafür
-ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und doch ist
-es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur
-gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben,
-das Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen
-früh währen, und wenn es auch nur bis zum Dunkelwerden
-währt, so ist das schlimm genug, denn bei Nacht ist die Gefahr
-des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso
-groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend
-sein, ungefähr sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen
-vertrödelt habe. Wie spät ist es denn?“ Und er sah nach der
-Uhr, obgleich es den starren Fingern nicht leicht fiel, sie ohne
-Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach seiner goldenen
-Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und pflichttreu
-hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen,
-dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme
-seiner Brustkammer ...
-</p>
-
-<p>
-Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe
-schon gewesen, als das Wetter losgegangen war. Sollte er
-glauben, daß sein Herumirren kaum eine Viertelstunde gedauert
-hatte? „Die Zeit ist mir lang geworden“, dachte er.
-„Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber um fünf
-oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen.
-Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem
-Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen
-Schluck Portwein nehmen, zu meiner Stärkung.“
-</p>
-
-<p>
-Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig
-und allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-gehalten und Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich
-nicht an solche gedacht war, die sich unerlaubterweise
-bei Schnee und Frost im Gebirge verirrten und unter solchen
-Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder herabgesetzten
-Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem Gesichtspunkt
-des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er
-hätte zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem
-er einige Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung
-zeitigten, ganz ähnlich derjenigen des Kulmbacher Bieres am
-Abend seines ersten Tages hier oben, als er durch liederlich unbeherrschte
-Reden von Fischsaucen und dergleichen mehr bei
-Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico, dem Pädagogen,
-der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem
-Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen
-Hans Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen,
-der rednerische Erzieher nähere sich in großen Märschen,
-um den Schmerzenszögling, das Sorgenkind des Lebens aus
-seiner tollen Lage zu befreien und heimzuführen ... Was selbstverständlich
-lauter Unsinn war und nur von dem Kulmbacher
-herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens hatte
-Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel,
-die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und
-zu deren geläufigem Spiel er humanistische Augen an den
-Häusern emporsandte; und zweitens wußte und merkte er gar
-nichts von dem, was vorging, da er sich nicht mehr im Sanatorium
-„Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in
-seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von
-Naphtas seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht
-und keine Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst
-in der Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-toller und schlimmer Lage befunden, indem er der kranken
-Clawdia Chauchat <span class="antiqua" lang="fr">son crayon</span>, seinen Bleistift, Pribislav Hippes
-Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie war das übrigens
-mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden, mußte er
-liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und
-ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne.
-Horizontal, das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede
-Derer hier oben zukam. War er denn nicht daran gewöhnt,
-bei Schnee und Frost im Freien zu liegen, nachts sowohl
-wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich niedersinken
-zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen beim
-Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein Gedankengeschwätz
-von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher
-Bieres zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als
-typisch gefährlich im Buche stehenden Lust zum Liegen und
-Schlafen entsprang, die ihn mit Sophismen und Wortspielen
-betören wollte.
-</p>
-
-<p>
-„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der
-Portwein war nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben
-mir den Kopf ganz übertrieben schwer gemacht, er fällt mir
-ja auf die Brust, und meine Gedanken sind unklares Zeug und
-fade Witzeleien, denen ich nicht trauen darf, – nicht nur die
-ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern auch die zweiten,
-die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das ist
-das Unglück. ‚<span class="antiqua" lang="fr">Son crayon</span>‘! Das heißt ‚ihr‘ <span class="antiqua" lang="fr">crayon</span>, und
-nicht seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚<span class="antiqua" lang="fr">son</span>‘, weil ‚<span class="antiqua" lang="fr">crayon</span>‘
-ein Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich
-mich überhaupt dabei aufhalte! Während zum Beispiel die
-Tatsache viel vordringlicher ist, daß mein linkes Bein, gegen
-das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne Stelzbein von
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie
-vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter
-das Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das
-Mägdlein droben ihm etwas hineinwirft. Und dabei zieht es
-mich unpersönlicherweise förmlich mit Händen, daß ich mich
-in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung. Ich muß
-mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und
-um das Holzbein zu schmeidigen.“
-</p>
-
-<p>
-Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von
-dem Schuppen löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der
-Wind wie mit Sensen auf ihn ein und trieb ihn an die schützende
-Wand zurück. Zweifellos war sie der ihm gewiesene Aufenthalt,
-mit dem er sich vorläufig abzufinden hatte, wobei es ihm
-freistand, sich zur Abwechselung mit der linken Schulter anzulehnen
-und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter einigem
-Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen
-Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige
-Abwechslung ist zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein
-Anbinden mit der Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin
-deinen Kopf hängen, da er nun einmal so schwer ist. Die
-Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine gewisse Wärme davon
-auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein kann,
-diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr Stimmungssache,
-subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das
-lebendige Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ...
-</p>
-
-<p>
-Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf
-dem er wohl stand – ein weiter, üppig grünender Park von
-Laubbäumen, von Ulmen, Platanen, Buchen, Ahorn, Birken,
-leicht abgestuft in der Färbung ihres vollen, frischen, schimmernden
-Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln rauschend.
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume balsamierte
-Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der
-Regen war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel
-hinauf die Luft mit blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön!
-Oh, Heimatodem, Duft und Fülle des Tieflandes, lang entbehrt!
-Die Luft war voller Vogellaut, voll zierlich-innigem
-und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und Schluchzen,
-ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans
-Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles
-sich noch schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts
-über die Landschaft, voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit,
-feucht schimmernd mit allen seinen Farben, die satt
-wie Öl ins dichte, blanke Grün herniederflossen. Das war ja
-wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit Flöten untermischt
-und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten wunderbar.
-Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter,
-verwandelte, entfaltete sich neu und immer schöner. Es war,
-wie einmal, manches Jahr war das schon her, als Hans Castorp
-einen weltberühmten Sänger hatte hören dürfen, einen
-italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle Kunst und
-Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten.
-Er hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war
-gleich am Anfang. Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick
-hatte der leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich
-schwellend aufgetan, sich immer strahlender erhellt. Schleier
-auf Schleier, den vorher niemand wahrgenommen, war gleichsam
-davon abgesunken – ein letzter noch, der nun denn doch,
-so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt hatte,
-und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter,
-befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens,
-die fast wie Ein- und Widerspruch geklungen, sich aus der
-Menge gelöst hatten und ihn selbst, den jungen Hans Castorp,
-ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit seiner Landschaft,
-die sich wandelte, sich öffnete in wachsender Verklärung.
-Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da
-lag das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau,
-von Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig
-offen an einer Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden
-Bergzügen weit umfaßt, mit Inseln zwischenein, von denen
-Palmen ragten oder auf denen man kleine, weiße Häuser aus
-Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz unverdient,
-was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer
-Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp
-hatte das nie gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen
-vom Süden kaum genippt, kannte die rauhe, die blasse
-See und hing daran mit kindlichen, schwerfälligen Gefühlen,
-hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien etwa oder Griechenland,
-niemals erreicht. Dennoch <em>erinnerte</em> er sich. Ja,
-das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte.
-„Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue
-Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und
-vor sich selbst verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und
-dieses „Je“ war weit, unendlich weit, so wie das offene Meer
-zur Linken, dort, wo der Himmel zart veilchenfarben darauf
-niederging.
-</p>
-
-<p>
-Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher
-kam, daß Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe:
-Die Berge griffen um, als Vorgebirge, buschwaldig, in die
-See tretend, zogen sie sich von der Mitte der Aussicht im Halbkreis
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-bis dorthin, wo er saß, und weiter; es war Bergküste,
-wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor ihm
-fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp,
-zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll
-blauende Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und
-dieses sonnige Gebiet, und diese zugänglichen Küstenhöhen, und
-diese lachenden Felsenbecken, wie auch das Meer hinaus bis
-zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren, war weit und
-breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten
-sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit,
-so angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz
-öffnete sich weit, ja schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick.
-</p>
-
-<p>
-Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter,
-neben ihrem wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die
-Bockenden an langem Zügel oder trieben sie, sattellos reitend,
-mit bloßen Fersen die Flanken der Gäule schlagend, ins Meer
-hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken unter der goldbraunen
-Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie tauschten
-oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde bezaubernd
-klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden
-Bucht, die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen.
-Eine, von deren zum Knoten hochgenommenem Nackenhaar
-besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in einer Bodenvertiefung
-und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über ihr
-Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang-
-und weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet,
-und zu Paaren, die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im
-Tanze schritten, während im Rücken der Flötenden, der weiß
-und lang und zart und seitlich gerundet war, infolge der Stellung
-der Arme, andere Schwestern saßen oder umschlungen
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-standen, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich
-Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und
-freundschaftlich zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige
-im Spannen der Sehne, im Anlegen unterwiesen, mit ihnen
-zielten und die vom Rückschlag Taumelnden lachend stützten,
-wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten. Sie
-lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend,
-und hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd
-dem Nachbarn zugewandt, der, in schrägem Sitz den
-Körper reckend, seinen Köder recht weit hinauswarf. Wieder
-andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot mit Mast
-und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins
-Meer zu fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den
-Wellenbrechern. Ein junges Weib, lang hingestreckt, hintüber
-blickend, zog mit der einen Hand das blumige Gewand zwischen
-den Brüsten hoch, indem sie mit der andren verlangend
-in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die der Schmalhüftige,
-zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme
-spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte
-am Rande des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen
-die eigenen Schultern hielt und mit der Zehenspitze die Kühle
-des Wassers prüfte. Paare ergingen sich das Ufer entlang,
-und am Ohr des Mädchens war dessen Mund, der sie vertraulich
-führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu Platte,
-überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der
-Hüfte, mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen
-kleinen Hut mit hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen
-Locken, am erhöhten Orte stand.
-</p>
-
-<p>
-„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen.
-„Das ist ja überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch,
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-gesund und klug und glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt
-– auch klug und liebenswürdig von innen heraus. Das
-ist es, was mich so rührt und ganz verliebt macht: der Geist
-und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen zugrunde liegt,
-in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit die
-große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht,
-mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter
-Lächeln verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich
-fast und doch kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung
-und eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt
-erwiesen; eine Würde und Strenge sogar, doch ganz ins Heitere
-gelöst und einzig als ein unaussprechlicher geistiger Einfluß
-undüsteren Ernstes, verständiger Frömmigkeit ihr Tun und
-Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles Zeremoniell.
-Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem
-Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge
-Mutter und stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte
-sie auf eine besondre Art, in welcher sich alles versammelte,
-was in dem allgemeinen Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll
-verschwieg: die Jünglinge, indem sie, sich gegen die
-Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell die Arme über
-der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die Mädchen
-durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung,
-ähnlich dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar
-sich leichthin erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft,
-lustig und herzlich ihr mit dem Kopfe dabei zu, – und
-diese Mischung von förmlicher Devotion und heiterer Freundschaft,
-dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von ihrem
-Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem
-Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den Reverenz
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-Erweisenden mit einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp
-gänzlich mit Entzücken. Er wurde des Schauens nicht satt
-und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm das Schauen denn
-auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses sonnig-gesitteten
-Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und häßlich
-und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache.
-</p>
-
-<p>
-Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles,
-seitlich über den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand
-und in die Schläfe fiel, hielt sich, gerade unter seinem
-Sitz, mit auf der Brust verschränkten Armen von den Genossen
-abseits – nicht traurig oder trotzig, sondern eben nur gelassen
-abseits. Und dieser sah ihn, wandte den Blick zu ihm
-hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und den
-Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her.
-Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins
-Weite, und augenblicklich verschwand aus seinem schönen,
-streng geschnittenen, halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame
-Lächeln höflich geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß
-seine Brauen sich verfinstert hätten, erstand in seiner Miene
-ein Ernst, ganz wie aus Stein, ausdruckslos, unergründlich,
-eine Todesverschlossenheit, vor der den kaum beruhigten Hans
-Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine Beitat
-von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes.
-</p>
-
-<p>
-Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel,
-aus zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos
-sproßte, ragten hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf
-dessen in der Mitte offenem Stufenunterbau er saß. Schweren
-Herzens stand er auf, stieg seitlich die Stufen hinab und
-ging in den tiefen Torweg hinein, hindurch, auf einer mit Fliesen
-belegten Straße fort, die ihn alsbald vor neue Propyläen
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-führte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm der Tempel,
-massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem
-Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher
-gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender
-Säulen lag, aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock,
-verschoben, seitlich austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch
-der Hände und seufzend, denn immer beengter wurde
-es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen Stufen
-und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief,
-er ging darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes
-am blassen Meer, indem er absichtlich die Mitte vermied
-und auszuweichen suchte. Doch schweifte er wieder zu
-ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen auseinander
-traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen Frauenfiguren
-auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die
-eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit
-klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher
-Tunika und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel
-mit einem Schleier bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich
-umschlungen, mit rundem Jungfrauengesicht, Arme und
-Hände in die Falten ihres Übergewandes geschlungen und
-darin verborgen.
-</p>
-
-<p>
-In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps
-Herz aus dunklen Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller.
-Er getraute sich kaum und war doch genötigt, die Gestalten
-zu umgehen und hinter ihnen die nächste doppelte
-Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene Tür
-der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen
-brechen vor dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue
-Weiber, halbnackt, zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüsten
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-und fingerlangen Zitzen, hantierten dort drinnen zwischen
-flackernden Feuerpfannen aufs gräßlichste. Über einem Becken
-zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen es in wilder Stille mit
-den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes Haar mit
-Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden
-Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von
-ihren wüsten Lippen troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp
-in Bann. Er wollte die Hände vor die Augen schlagen und
-konnte nicht. Er wollte fliehen und konnte nicht. Da hatten
-sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen Geschäft, sie schüttelten
-die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften stimmlos,
-aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im Volksdialekt
-von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so
-übel wie noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle
-reißen – und so, wie er dabei an der Säule in seinem Rücken
-seitlich hingestürzt, so fand er sich, das scheußliche Flüsterkeifen
-noch im Ohr, von kaltem Grausen noch ganz umklammert an
-seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend, mit
-angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich
-gestreckt.
-</p>
-
-<p>
-Es war jedoch kein rechtes und eigentliches Erwachen; er
-blinzelte nur, erleichtert, die Greuelweiber los zu sein, doch war
-es ihm sonst wenig deutlich, noch auch sehr wichtig, ob er an
-einer Tempelsäule liege oder an einem Schober, und er träumte
-gewissermaßen fort, – nicht mehr in Bildern, sondern gedankenweise,
-aber darum nicht weniger gewagt und kraus.
-</p>
-
-<p>
-„Dacht ich’s doch, daß das geträumt war“, faselte er in
-sich hinein. „Ganz reizend und fürchterlich geträumt. Ich
-wußte es im Grunde die ganze Zeit, und alles hab ich mir selbst
-gemacht, – den Laubpark und die liebe Feuchtigkeit und dann
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-das Weitere, Schönes wie Scheußliches, ich wußte es beinahe
-im voraus. Wie kann man aber so was wissen und sich machen,
-sich so beglücken und ängstigen? Woher hab ich den
-schönen Inselgolf und dann den Tempelbezirk, wohin die Augen
-des einen Angenehmen, der für sich stand, mich wiesen? Man
-träumt nicht nur aus eigener Seele, möcht ich sagen, man träumt
-anonym und gemeinsam, wenn auch auf eigene Art. Die große
-Seele, von der du nur ein Teilchen, träumt wohl mal durch dich,
-auf deine Art, von Dingen, die sie heimlich immer träumt, – von
-ihrer Jugend, ihrer Hoffnung, ihrem Glück und Frieden ... und
-ihrem Blutmahl. Da liege ich an meiner Säule und habe im Leibe
-noch die wirklichen Reste meines Traums, das eisige Grauen
-vor dem Blutmahl und auch die Herzensfreude noch von vorher,
-die Freude an dem Glück und an der frommen Gesittung
-der weißen Menschheit. Es kommt mir zu, behaupte ich, ich
-habe verbriefte Rechte, hier zu liegen und dergleichen zu träumen.
-Ich habe viel erfahren bei Denen hier oben von Durchgängerei
-und Vernunft. Ich bin mit Naphta und Settembrini
-im hochgefährlichen Gebirge umgekommen. Ich weiß
-alles vom Menschen. Ich habe sein Fleisch und Blut erkannt,
-ich habe der kranken Clawdia Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben.
-Wer aber den Körper, das Leben erkennt, erkennt
-den Tod. Nur ist das nicht das Ganze, – ein Anfang
-vielmehr lediglich, wenn man es pädagogisch nimmt. Man
-muß die andere Hälfte dazu halten, das Gegenteil. Denn alles
-Interesse für Tod und Krankheit ist nichts als eine Art von
-Ausdruck für das am Leben, wie ja die humanistische Fakultät
-der Medizin beweist, die immer so höflich auf lateinisch
-zum Leben und seiner Krankheit redet und nur eine Abschattung
-ist des einen großen und dringlichsten Anliegens, das ich
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-mir nun mit aller Sympathie bei seinem Namen nenne: Es
-ist das Sorgenkind des Lebens, es ist der Mensch und ist sein
-Stand und Staat ... Ich verstehe mich nicht wenig auf ihn,
-habe viel gelernt bei Denen hier oben, bin hoch vom Flachlande
-hinaufgetrieben, so daß mir Armem fast der Atem ausging;
-doch hab ich nun vom Fuße meiner Säule einen nicht schlechten
-Überblick ... Mir träumte vom Stande des Menschen und
-seiner höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft,
-hinter der im Tempel das gräßliche Blutmahl sich abspielt.
-Waren sie so höflich und reizend zueinander, die Sonnenleute,
-im stillen Hinblick auf eben dies Gräßliche? Das wäre eine
-feine und recht galante Folgerung, die sie da zögen! Ich will
-es mit ihnen halten in meiner Seele und nicht mit Naphta –
-übrigens auch nicht mit Settembrini, sie sind beide Schwätzer.
-Der eine ist wollüstig und boshaft, und der andere bläst immer
-nur auf dem Vernunfthörnchen und bildet sich ein, sogar
-die Tollen ernüchtern zu können, das ist ja abgeschmackt. Es
-ist Philisterei und bloße Ethik, irreligiös, so viel ist ausgemacht.
-Doch will ich’s auch mit des kleinen Naphta Teil nicht halten, mit
-seiner Religion, die nur ein <span class="antiqua" lang="it">guazzabuglio</span> von Gott und Teufel,
-Gut und Böse ist, eben recht, damit das Einzelwesen sich
-kopfüber hineinstürze, zwecks mystischen Unterganges im Allgemeinen.
-Die beiden Pädagogen! Ihr Streit und ihre Gegensätze
-sind selber nur ein <span class="antiqua" lang="it">guazzabuglio</span> und ein verworrener
-Schlachtenlärm, wovon sich niemand betäuben läßt, der nur
-ein bißchen frei im Kopfe ist und fromm im Herzen. Mit ihrer
-aristokratischen Frage! Mit ihrer Vornehmheit! Tod oder
-Leben – Krankheit, Gesundheit – Geist und Natur. Sind
-das wohl Widersprüche? Ich frage: sind das Fragen? Nein,
-es sind keine Fragen, und auch die Frage nach ihrer Vornehmheit
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-ist keine. Die Durchgängerei des Todes ist im Leben, es
-wäre nicht Leben ohne sie, und in der Mitte ist des <span class="antiqua" lang="la">homo
-Dei</span> Stand – inmitten zwischen Durchgängerei und Vernunft –
-wie auch sein Staat ist zwischen mystischer Gemeinschaft und
-windigem Einzeltum. Das sehe ich von meiner Säule aus.
-In diesem Stande soll er fein galant und freundlich ehrerbietig
-mit sich selber verkehren, – denn er allein ist vornehm, und
-nicht die Gegensätze. Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie
-sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie. Vornehmer
-als der Tod, zu vornehm für diesen, – das ist die Freiheit seines
-Kopfes. Vornehmer als das Leben, zu vornehm für dieses,
-– das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen. Da habe ich
-einen Reim gemacht, ein Traumgedicht vom Menschen. Ich
-will dran denken. Ich will gut sein. Ich will dem Tode keine
-Herrschaft einräumen über meine Gedanken! Denn darin besteht
-die Güte und Menschenliebe, und in nichts anderem. Der
-Tod ist eine große Macht. Man nimmt den Hut ab und
-wiegt sich vorwärts auf Zehenspitzen in seiner Nähe. Er trägt
-die Würdenkrause des Gewesenen, und selber kleidet man sich
-streng und schwarz zu seinen Ehren. Vernunft steht albern
-vor ihm da, denn sie ist nichts als Tugend, er aber Freiheit,
-Durchgängerei, Unform und Lust. Lust, sagt mein Traum,
-nicht Liebe. Tod und Liebe, – das ist ein schlechter Reim, ein
-abgeschmackter, ein falscher Reim! Die Liebe steht dem Tode
-entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker als er. Nur
-sie, nicht die Vernunft, gibt gütige Gedanken. Auch Form ist
-nur aus Liebe und Güte: Form und Gesittung verständig-freundlicher
-Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – in
-stillem Hinblick auf das Blutmahl. Oh, so ist es deutlich geträumt
-und gut regiert! Ich will dran denken. Ich will dem
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-Tode Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell erinnern,
-daß Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere
-Wollust und Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken
-und Regieren. <em>Der Mensch soll um der Güte und
-Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen
-über seine Gedanken.</em> Und damit wach ich auf ... Denn
-damit hab ich zu Ende geträumt und recht zum Ziele. Schon
-längst hab ich nach diesem Wort gesucht: am Orte, wo Hippe
-mir erschien, in meiner Loge und überall. Ins Schneegebirge
-hat mich das Suchen danach auch getrieben. Nun habe ich
-es. Mein Traum hat es mir deutlichst eingegeben, daß ich’s
-für immer weiß. Ja, ich bin hoch entzückt und ganz erwärmt
-davon. Mein Herz schlägt stark und weiß warum. Es schlägt
-nicht bloß aus körperlichen Gründen, nicht so, wie einer Leiche
-noch die Nägel wachsen; menschlicherweise schlägt es und recht
-von glücklichen Gemütes wegen. Das ist ein Trank, mein
-Traumwort, – besser als Portwein und Ale, es strömt mir
-durch die Adern wie Lieb’ und Leben, daß ich mich aus meinem
-Schlaf und Traume reiße, von denen ich natürlich sehr wohl
-weiß, daß sie meinem jungen Leben im höchsten Grade gefährlich
-sind ... Auf, auf! Die Augen auf! Es sind deine Glieder,
-die Beine da im Schnee! Zusammenziehn und auf! Sieh
-da, – gut Wetter!“
-</p>
-
-<p>
-Sie hielt gewaltig schwer, die Befreiung aus den Banden,
-die ihn umstrickten und niederhalten wollten; allein der Antrieb,
-den er sich zu schaffen gewußt, war stärker. Hans Castorp
-warf sich auf den Ellenbogen, zog mannhaft die Knie
-an, riß, stützte und turnte sich empor. Er stampfte mit den
-Brettern den Schnee, schlug sich die Arme um die Rippen und
-schüttelte die Schultern, indem er erregte und angestrengte
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-Blicke dahin und dorthin und hinauf zum Himmel sandte, wo
-blasses Blau sich zwischen schleierdünnen, graublauen Wolken
-zeigte, die sachte zogen und die schmale Sichel des Mondes
-enthüllten. Leichte Dämmerung. Kein Sturm, kein Schneefall.
-Die Bergwand drüben mit dem tannenrauhen Rücken
-war voll und klar zu sehen, lag in Frieden. Schatten reichte
-bis halb hinauf; die obere Hälfte war aufs zarteste rosa belichtet.
-Was gab es denn, und wie verhielt es sich mit der
-Welt? War Morgen? Und hatte er die Nacht hindurch im
-Schnee gelegen, ohne zu erfrieren, wie es im Buche stand?
-Kein Glied war abgestorben, keines zerbrach ihm klirrend, während
-er stampfte, sich schüttelte und schlug, worin er nicht säumig
-war, indem er zu gleicher Zeit die Sachlage gedanklich zu
-ergründen suchte. Ohren, Fingerspitzen und Zehen waren
-wohl taub, allein nicht mehr, als schon so oft beim nächtlich-winterlichen
-Liegen in der Loge. Es gelang, die Uhr hervorzugraben.
-Sie ging. Sie war nicht stehen geblieben, wie sie
-zu tun pflegte, wenn er sie abends aufzuziehen vergaß. Sie
-zeigte noch nicht Fünf – bei weitem nicht. Es fehlten zwölf,
-dreizehn Minuten daran. Erstaunlich! Konnte es denn sein,
-daß er nur zehn Minuten oder etwas länger hier im Schnee
-gelegen und so vieles an Glücks- und Schreckensbildern und
-waghalsigen Gedanken sich vorgefabelt hatte, indessen das
-hexagonale Unwesen sich so schnell verzog, wie es gekommen?
-Dann hatte er anerkennenswertes Glück gehabt, unter dem
-Gesichtspunkt des Heimkommens. Denn zweimal hatte sein
-Träumen und Fabeln eine Wendung genommen, daß er belebt
-emporgefahren war: einmal vor Grauen und das zweitemal
-vor Freude. Es schien, das Leben hatte es gut gemeint
-mit seinem hochverirrten Sorgenkinde ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen
-um sich haben oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war
-es noch immer frühabendlicher Nachmittag): auf jeden Fall
-lag nichts in den Umständen oder in seinem persönlichen Zustande,
-was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen, und
-das tat denn Hans Castorp, – großzügig, sozusagen in der
-Luftlinie, fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten,
-obgleich die Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm
-unterwegs vollauf genügt hatten. Den Brehmenbühl, am
-Rande des Mattenwaldes, kam er herunter und war halb
-sechs in „Dorf“, wo er sein Sportgerät beim Krämer unterstellte,
-in Herrn Settembrinis Speicherklause Rast machte und
-ihm Bericht gab, wie er sich nun auch einmal vom Schneesturm
-habe betreffen lassen. Der Humanist war höchlich erschrocken.
-Er warf die Hand über den Kopf, schalt weidlich
-über solchen gefährlichen Leichtsinn und entflammte stehenden
-Fußes die puffende Spiritusmaschine, dem recht Erschöpften
-Kaffee zu machen, dessen Stärke nicht hinderte, daß Hans Castorp
-noch bei ihm im Stuhle in Schlaf fiel.
-</p>
-
-<p>
-Die hochzivilisierte Atmosphäre des „Berghofs“ umschmeichelte
-ihn eine Stunde später. Beim Diner griff er gewaltig
-zu. Was er geträumt, war im Verbleichen begriffen. Was
-er gedacht, verstand er schon diesen Abend nicht mehr so recht.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-1-8">
-Als Soldat und brav
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem
-Vetter, erst gute, übermütige, dann weniger günstige, endlich
-solche, die etwas recht Trauriges matt beschönigten. Die Reihe
-der Postkarten fing an mit der lustigen Meldung von Joachims
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-Dienstantritt und von der schwärmerischen Zeremonie,
-bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich ausdrückte,
-Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann
-ging es heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten
-Laufbahn, geebnet durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und
-durch die Sympathie der Oberen, wurden grüßend und winkend
-bezeichnet. Da Joachim ein paar Semester studiert hatte,
-war er des Besuches der Kriegsschule überhoben, vom Fähnrichsdienst
-befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier befördert
-und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen
-zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern
-gefügten und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen
-nachgebenden Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete
-aus jedem seiner knappen Rapporte. Er gab Anekdoten von
-dem romantisch-verzwickten Verhalten seines Feldwebels, eines
-bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm, dem fehlbaren
-jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten Vorgesetzten
-von morgen sah, welcher tatsächlich schon im Offizierskasino
-verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war
-von der Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang
-April war Joachim Leutnant.
-</p>
-
-<p>
-Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen,
-dessen Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform
-reiner aufgegangen wären. Mit einer Art von verschämter
-Wonne erzählte er, wie er zum erstenmal in seiner
-jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem Posten,
-der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger
-Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten
-und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger
-Kameradschaft, von der verschmitzten Treue seines
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Burschen, komischen Zwischenfällen beim Exerzieren und in
-der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und Liebesmahlen.
-Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners, Bällen,
-war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt
-nicht.
-</p>
-
-<p>
-Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das
-Bett, habe sich leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit
-von ein paar Tagen. Anfang Juni tat er wieder
-Dienst, aber Mitte des Monats hatte er abermals „schlapp
-gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die Angst brach
-durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August,
-auf das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten
-sein. Unsinn, im Juli war er kerngesund, wochenlang,
-so lange, bis eine Untersuchung am Horizont erschien, die durch
-die vermaledeiten Schwankungen seiner Temperatur zur Notwendigkeit
-geworden war, und von der viel abhängen würde.
-Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp
-dann lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim,
-der ihm schrieb, – sei es, weil er nicht in der Lage war, zu
-schreiben, oder weil er sich schämte, – sondern seine Mutter,
-Frau Ziemßen, und sie telegraphierte. Sie zeigte an, die Beurlaubung
-Joachims auf einige Wochen sei ärztlicherseits als
-unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert, alsbaldige
-Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten.
-Rückantwort bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise.
-</p>
-
-<p>
-Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge
-diese Depesche durchflog, dann las und wieder las. Er nickte
-leise dazu, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen
-Oberkörper, und sagte zwischen den Zähnen: „Szo, szo, szo!
-Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“ durchfuhr ihn
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still und
-dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte
-sie auch als schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das
-ist schnell gegangen – schon reif für die Heimat! Die Mutter
-fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“, nicht „Tante Luise“;
-sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen hatte
-sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist
-gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute
-so brannte! Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit
-darin, höhnische Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches
-Faktum. Der Körper triumphiert, er will es anders als die
-Seele, und setzt sich durch, zur Blamage der Hochfliegenden,
-die lehren, er sei der Seele untertan. Es scheint, sie wissen
-nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so würfe das
-ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie diesem.
-<span class="antiqua" lang="la">Sapienti sat</span>, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die
-<em>ich</em> aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander
-zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken
-und eine abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden
-zu ihrem Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte
-dir und deinem Biereifer zu nahe treten! Du meinst es ehrlich
-– aber was ist Ehrlichkeit, frage ich, wenn Körper und Seele
-nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es möglich sein,
-daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein
-grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische
-der Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“
-dachte er neuerdings und zog sich zusammen vor Freude. „Er
-kommt in schlechtem Zustande, offenbar, aber wir werden wieder
-zu zweien sein, ich werde nicht mehr so ganz auf eigene
-Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles genau
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald,
-da hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich
-wieder die Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf
-dem Tischchen oder auch in der Hand. Aber das ist finales Stadium,
-und wenn das Zimmer noch nicht wieder vorgemerkt
-ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu haben sein. 28 ist
-frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die Verwaltung und
-namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig von
-der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls
-eine mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden
-Kameraden warten, der gleich kommen muß, da es, wie ich
-sehe, halb vier ist. Ich möchte ihn fragen, ob er auch in diesem
-Falle der Meinung bleibt, daß man das Körperliche als
-sekundär zu betrachten hat ...“
-</p>
-
-<p>
-Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte
-Zimmer, am selben Korridor wie seines gelegen, stand
-zur Verfügung. Auch für Frau Ziemßen würde sich Unterkunft
-finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn im „Labor“,
-eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein Reagenzglas
-mißfarbenen Inhalts.
-</p>
-
-<p>
-„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ...
-</p>
-
-<p>
-„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom.
-„Das ist Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies
-mit der Zigarre auf das Glas. „Gaffky zehn. Und da kommt
-Fabrikdirektor Schmitz und zetert und beschwert sich, daß
-Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit Gaffky
-zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so
-kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit
-Familie drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen,
-ich kriege es mit der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie,
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-in was für Konflikte man jeden Augenblick gerät, und wenn
-man auch noch so gern still und unbefleckt seines Weges ziehen
-möchte.“
-</p>
-
-<p>
-„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht
-des Intimen und Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz
-ist kolossal korrekt und strebsam und Rosenheim reichlich salopp.
-Vielleicht bestehen aber auch noch andere, als hygienische,
-Reibungsflächen, ich möchte es glauben. Schmitz und Rosenheim
-sind beide befreundet mit Doña Perez aus Barcelona,
-vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein.
-Ich würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein
-wieder in Erinnerung zu bringen und übrigens ein
-Auge zuzudrücken.“
-</p>
-
-<p>
-„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus
-vor lauter Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“
-</p>
-
-<p>
-Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und
-auch wieder famosen Neuigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre
-es auf keinen Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil
-Hans Castorp ihn, gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen
-auf dem laufenden gehalten und schon im Mai Bettlägerigkeit
-signalisiert hatte.
-</p>
-
-<p>
-„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich
-Ihnen gesagt? Was habe ich ihm und Ihnen nicht zehn-,
-sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da haben Sie’s nun.
-Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein Himmelreich
-gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich,
-dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens
-nicht glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen
-Behrens glauben, sonst zieht man den kürzeren und kommt
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-zu spät zu Verstand. Da hat er es nun zum Leutnant gebracht,
-allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon? Gott sieht
-ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen
-wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“
-Er geriet ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen
-deren Fingern er die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun
-solle Hans Castorp ihm aber für diesmal nicht länger lästig
-fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja wohl faßbar, und wenn
-er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins Bett stecken.
-Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er halte
-die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den
-Ausreißer zu schlachten.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links,
-daß sein Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten,
-waren betrübt und erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn
-Joachims propperes, ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung
-gewonnen, und manches unausgesprochene Urteil und
-Gefühl ging in der Richtung, daß er der Beste gewesen sei von
-allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im Auge,
-glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber
-empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur
-horizontalen Lebensweise zurückkehren mußte und in seiner
-Propperkeit nun wieder einer der Unsrigen sein würde. Frau
-Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre gedacht; sie fand
-sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem sie Joachims
-Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte
-nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie
-habe die Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen,
-daß Ziemßen sie nicht oberfaul gemacht habe mit seinem
-Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie vor lauter unermeßlicher
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel besser, man bleibe
-gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre Lebensinteressen
-im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann und
-zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar
-keine Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen.
-Hans Castorp blieb unwissend über Tag und Stunde ihrer
-Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof kam es aus diesem
-Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von Hansens
-Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim
-trat mit erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager.
-</p>
-
-<p>
-Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte
-sie hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder
-kurz noch lang, sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich
-und dennoch null und nichtig gewesen waren, hier oben
-eingetroffen war, und auch die Jahreszeit war dieselbe, sogar
-genau: der allerersten Augusttage einer. Joachim, wie gesagt,
-trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft freudig
-erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer,
-das er im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus
-und grüßte lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen.
-Er hatte die weite Reise, durch mehrerer Herren Länder,
-über den meerartigen See und dann auf gedrangen Pfaden
-hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da stand er
-nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale
-halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus
-empfangen. Seine Farbe war lebhaft, sei es dank dem
-Freiluftleben, das er geführt, oder durch Reiseerhitzung. Direkt,
-ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er auf Nr. 34 geeilt,
-um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart wurden,
-zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-beschäftigt war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten,
-natürlich im Restaurant. Hans Castorp würde schon noch
-etwas mitessen können oder doch einen Schluck Wein trinken.
-Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es ging, wie
-einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim,
-fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die
-Hände, und Hans Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens
-und gewissermaßen enttäuscht, den Vetter in Zivil zu sehen.
-Man merke ihm von seiner Karriere ja gar nichts an. Er
-habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt, und
-nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim
-lachte und fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er
-hübsch zu Hause gelassen. Mit der Uniform, müsse Hans
-Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht jedes Lokal besuche
-man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte
-Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden
-Sinnes seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte
-sich nach allen Personen und Umständen im „Berghof“ nicht
-nur ohne jeden Hochmut, sondern mit der ganzen angelegentlichen
-Bewegtheit des Heimgekehrten. Dann erschien Frau
-Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen in
-der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen,
-nämlich als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen,
-ein Ausdruck, der übrigens durch Abgespanntheit und stillen
-Kummer, welcher sich offenbar auf Joachim bezog, melancholisch
-gedämpft wurde, – und sie fuhren hinunter.
-</p>
-
-<p>
-Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften
-Augen wie Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß
-aber schon stark vermischtes Haar war durch ein fast unsichtbares
-Schleiernetz in Form und Sitz befestigt, und das paßte
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen, freundlich
-gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei deutlicher
-Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es
-war klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber,
-daß sie sich auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner
-Atmung und seiner sich überstürzenden Rede, Erscheinungen,
-die zu seinem Verhalten zu Hause und auf der Reise wahrscheinlich
-in Widerspruch standen und tatsächlich seiner Lage
-widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen Anstoß daran
-nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte sich
-dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen
-Joachims, turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im
-Augenblick alles Entgegenstehende trunken überwogen und
-durch das Wiederatmen der Luft, unserer unvergleichlich leichten,
-nichtigen und erhitzenden Luft hier oben, wohl noch befeuert
-wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren ihr undurchsichtig.
-„Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah
-sie den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen
-Fröhlichkeit hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen,
-hundert Fragen stellen und sich mit der Antwort lachend in
-den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte sie: „Aber, Kinder!“
-Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut kommen,
-kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig,
-so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir
-müßten hierher fahren, damit du wieder wärest wie am Tag
-deiner Beförderung.“ Worauf es denn freilich mit Joachims
-Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug um, er kam
-zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es
-ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm
-war, das erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran,
-<a id="page-272" class="pagenum" title="272"></a>
-obgleich seit Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine
-Stunde vergangen war) und blickte endlich überhaupt nicht
-mehr auf, offenbar weil er Tränen in den Augen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen.
-Eigentlich mehr anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten
-Ernst herbeiführen wollen, unwissend, daß gerade
-das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur die Wahl
-zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen
-sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem
-Neffen dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen
-wieder zu beleben. Ja, was den Personalbestand angehe,
-sagte er, so werde Joachim manches verändert und erneuert
-finden, anderes dagegen habe sich während seiner Abwesenheit
-schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante
-zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die
-Damen säßen, wie immer, am Tische der Stöhr. Marusja
-lache viel und herzlich.
-</p>
-
-<p>
-Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch
-diese Worte an eine Begegnung erinnert und an Grüße, die
-auszurichten seien, ehe sie es vergesse, – die Begegnung mit
-einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch alleinstehend und
-mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in München,
-wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht
-hatte, im Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten
-sei, um Joachim zu begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin,
-– Joachim möge ihr doch helfen ...
-</p>
-
-<p>
-„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur
-Zeit in einem Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach
-Spanien gehen. Zum Winter werde sie dann wahrscheinlich
-wieder hierher kommen. Beste Grüße von ihr.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-273" class="pagenum" title="273"></a>
-Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über
-die Gefäßnerven, die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten
-lassen können. Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter
-dem Kaukasus hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“
-</p>
-
-<p>
-Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt.
-„Hübsche oder doch reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme
-Bewegungen. Aber freie Manieren, nachlässig“,
-sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie alte Freunde,
-fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre, eigentlich
-nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans
-Castorp. Mit Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe
-man da nicht herantreten, das sei verfehlt. Und da denke er
-nun darüber nach, daß Frau Chauchat also nach Spanien zu
-gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege andererseits ebensoweit
-von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach der weichen,
-sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit,
-sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung,
-sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig,
-Inquisition, gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ...
-Interessant, wie es Frau Chauchat in Spanien gefallen werde.
-Das Türenwerfen werde ihr dort wohl vergehen, und vielleicht
-könne eine gewisse Kompensation der beiden außerhumanistischen
-Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne
-aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen,
-wenn der Osten nach Spanien gehe ...
-</p>
-
-<p>
-Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck,
-den die unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat
-auf ihn gemacht, äußerte sich in Reden, auf die denn freilich
-<a id="page-274" class="pagenum" title="274"></a>
-nur betretenes Schweigen die Antwort sein konnte. Joachim
-war weniger erschrocken; er kannte des Vetters Scharfköpfigkeit
-hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens Augen
-malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders,
-als habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert,
-und hob nach einer peinlichen Pause die Tafel mit Worten
-taktvoller Vertuschung auf. Bevor man sich trennte, teilte
-Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß Joachim jedenfalls
-morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn untersucht
-habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei
-Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische
-der Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken,
-Hans Castorp vornehmlich mit dem an Frau Chauchats
-binnen Halbjahrsfrist zu <a id="corr-51"></a>erwartende Wiederkehr.
-</p>
-
-<p>
-Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen
-kleinen Nachkur wieder in die Heimat eingerückt.
-Dies Wort von der kleinen Nachkur war offenbar die im
-Flachland ausgegebene Parole, und auch hier oben ließ man
-sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an,
-obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er
-Joachim vor allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um
-das Gröbste zu reparieren, zur neuen Akklimatisation und um
-seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu regeln. Sich auf
-eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte er zu
-vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus
-nicht sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst,
-Oktober etwa, als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens
-stimmte ihr insofern zu, als er erklärte, um diese Zeit
-werde man jedenfalls weiter sein als gegenwärtig. Übrigens
-gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich, sagte „meine
-<a id="page-275" class="pagenum" title="275"></a>
-gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen
-Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch
-redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte.
-„Ich weiß ihn in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht
-Tage nach ihrer Ankunft nach Hamburg zurück, da von der
-Notwendigkeit irgendwelcher Pflege nicht ernstlich die Rede
-sein konnte und Joachim außerdem ja Verwandtengesellschaft
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er
-auf Nr. 28 an seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich
-doch einigermaßen gebunden; du kannst dich daran halten und
-damit rechnen. Oktober – das ist so die Zeit. Da gehen
-manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu deiner
-<span class="antiqua" lang="it">bandera</span> zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“
-</p>
-
-<p>
-Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich
-darüber, daß dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen
-mußte, das in diesen Augusttagen begann, – denn das
-verwand er nicht und äußerte geradezu Selbstverachtung der
-gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im letzten Augenblick
-unterlegen war.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="la">Rebellio carnis</span>“, sagte Hans Castorp. „Was willst du
-da machen? Da kann der tapferste Offizier nichts machen,
-und sogar der heilige Antonius wußte ein Lied davon zu singen.
-In Gottes Namen, Manöver sind jedes Jahr, und dann kennst
-du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar keine, du bist nicht lange
-genug fort gewesen, um nicht ganz leicht wieder ins Tempo
-zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine Nachkur
-vorbei.“
-</p>
-
-<p>
-Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim
-durch das Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend,
-<a id="page-276" class="pagenum" title="276"></a>
-als daß er sich vor den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen.
-Doch war man ihm vielfach behilflich, sie zurückzulegen; die
-Sympathie, die man allgemein seiner propperen Natur entgegenbrachte,
-äußerte sich in Besuchen von nahe und ferner:
-Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete
-Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte,
-nun „<span class="antiqua" lang="it">Capitano</span>“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem
-Hause selbst ließen sich nach und nach die alten Bekannten
-sehen, indem sie eine dienstfreie Viertelstunde benutzten, um
-sich an sein Bett zu setzen, das Wort von der kleinen Nachkur
-zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu lassen: die
-Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge,
-Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen.
-Als die vier Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber
-so weit gedämpft war, daß er umhergehen konnte, und setzte
-sich im Speisesaal zu seinem Vetter, zwischen ihn und die
-Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber,
-an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage
-lang auch Frau Ziemßen eingenommen hatten.
-</p>
-
-<p>
-So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie
-ehedem; ja, damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe,
-fiel ihm, da Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben
-in Händen, den letzten Seufzer getan, auch sein angestammtes
-Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder zu, selbstverständlich
-nach gründlicher Entkeimung durch <span class="ss">H₂CO</span>. Eigentlich
-und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim
-an Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt:
-dieser war nun der Eingesessene, dessen Daseinsform
-der andere auf kurze Zeit und besuchsweise teilte. Denn den
-Oktobertermin bemühte sich Joachim steif und fest im Auge
-<a id="page-277" class="pagenum" title="277"></a>
-zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines Zentralnervensystems
-sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens
-wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe
-seiner Haut verhinderten.
-</p>
-
-<p>
-Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die
-Spaziergänge mit diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen
-sie wieder auf, und wenn A. K. Ferge und Ferdinand
-Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so waren sie zu
-sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre unaufhörlichen
-Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche Vollständigkeit
-nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins Desperat-Unendliche
-zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor
-einem stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine
-arme Seele als Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites
-betrachten wollte. Von Naphta hatte er erfahren, daß
-Settembrini Freimaurer sei, – was keinen geringeren Eindruck
-auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung über
-Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum
-war er phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im
-Ernst noch dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit
-Fleiß über den Ursprung und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung
-ausgeholt, die in einigen Jahren ihr zweihundertjähriges
-Jubiläum würde begehen können. Wenn Settembrini
-über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone
-pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach,
-so machte sich Naphta, hinter dem des anderen, über die
-Sphäre, die dieser vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er
-zu verstehen gab, daß es sich da um etwas recht Altmodisches
-und Rückständiges handle: um bürgerliche Aufklärung und
-eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter sei, als
-<a id="page-278" class="pagenum" title="278"></a>
-armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung
-hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er
-sagte: „Was wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro,
-zu deutsch also Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben
-an die Vernunft, die Freiheit, den Menschheitsfortschritt
-und diese ganze Mottenkiste klassizistisch-bourgeoiser
-Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt verwirrt, ist
-das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des Geistes
-und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit, Beharrungsträgheit
-und -kraft der Materie besteht. Man muß
-zugeben, daß dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit
-des Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn
-die Regel ist, daß die Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit
-herbeiführen, ihm längst zum Ekel geworden sind. Tatsächlich
-ist toter Geist dem lebendigen widerwärtiger als irgendwelche
-Basalte, die wenigstens nicht den Anspruch erheben,
-Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste ehemaliger
-Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen
-hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt
-noch damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren
-durch ihren plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte
-leidigerweise davor, seiner Abgeschmacktheit inne zu
-werden. Ich spreche allgemein, aber Sie werden die Nutzanwendung
-auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen wissen,
-der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer
-in heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen,
-vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte,
-die verspäteten und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet
-und die er eines Tages zu feiern träumt! Beim bloßen Gedanken
-daran könnte der lebendige Geist sich zu Tode langweilen,
-<a id="page-279" class="pagenum" title="279"></a>
-wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus solchen
-Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen
-wird, – er, der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem
-zu wahrer Revolution verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter,
-Hans Castorp? Sie wissen, daß ich ihm viel Sympathie
-entgegenbringe.“
-</p>
-
-<p>
-„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige
-Sympathie entgegen, ein so braver Junge, wie er ja
-offensichtlich ist. Auch Herr Settembrini mag ihn ausgesprochen
-gern leiden, wenn er auch einen gewissen schwärmerischen
-Terrorismus, der in Joachims Stande liegt, natürlich mißbilligen
-muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe
-einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen.
-Es rückt mir seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht
-mir manches. Ob er gelegentlich auch seine Füße in
-den rechten Winkel stellt und seinem Händedruck eine besondere
-Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas bemerkt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter
-Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das
-Logenzeremoniell eine recht kümmerliche Anpassung an den
-nüchternen Staatsbürgergeist der Zeiten erfahren hat. Man
-würde sich des Rituals von ehedem wohl als eines unzivilen
-Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den atheistischen
-Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am
-Ende wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen
-man Herrn Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe
-gestellt hat, – ob man ihn mit verbundenen Augen durch allerlei
-Gänge geführt und ihn in finsteren Gewölben hat warten lassen,
-bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte Bundessaal sich
-ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und angesichts
-<a id="page-280" class="pagenum" title="280"></a>
-eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust mit
-Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber
-ich fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte
-es auch viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall
-hat er Verschwiegenheit geloben müssen.“
-</p>
-
-<p>
-„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“
-</p>
-
-<p>
-„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt
-mir vor, als ob er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei
-und Terrorismus im Stande meines Vetters aufzuhalten.
-Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie hätte ich gedacht,
-daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so ausgemacht
-spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen
-könnte. Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches
-in der Freimaurerei ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute
-zuckt und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt
-ist untrennbar und schon in der Wurzel verbunden mit der des
-Unbedingten. Folglich ist sie terroristisch, das heißt: antiliberal.
-Sie entlastet das individuelle Gewissen und heiligt im Namen
-des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch das blutige, auch das
-Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in Maurerlogen
-ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt
-wurde. Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern
-immer und seinem Wesen nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches.
-Sie wissen nicht, daß der Gründer des Illuminatenordens,
-der eine Zeitlang mit der Maurerei beinahe
-verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu
-war?“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, das ist mir natürlich neu.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-281" class="pagenum" title="281"></a>
-„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund
-ganz nach dem Muster des Jesuitenordens durch.
-Er selbst war Maurer, und die angesehensten Logenmänner
-der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von der zweiten Hälfte
-des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht zögern
-wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu kennzeichnen.
-In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des
-ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die
-Maurerei wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von
-dem sie später durch Leute vom Schlage unseres Menschheitsfreundes
-wieder gereinigt wurde, der damals unbedingt zu denen
-gehört hätte, die ihr Jesuitismus und Obskurantismus
-zum Vorwurf machten.“
-</p>
-
-<p>
-„Und dafür gab es Gründe?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte
-Gründe dafür. Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund
-mit katholisch-hierarchischem Leben zu erfüllen suchten, und
-wo zu Clermont in Frankreich eine jesuitische Freimaurerloge
-blühte. Es war ferner die Zeit, wo das Rosenkreuzertum in
-die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige Brüderschaft,
-von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale politisch-gesellschaftliche
-Verbesserungs- und Beglückungsziele mit
-eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens,
-zu indischer und arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis
-verband. Damals vollzog sich die Reform und Berichtigung
-vieler Freimaurerlogen im Sinne der strikten Observanz,
-– einem ausgesprochen irrationalen und geheimnisvollen,
-magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen
-Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade,
-die man der alten militärischen Rangstufenordnung
-<a id="page-282" class="pagenum" title="282"></a>
-von Lehrling, Geselle und Meister hinzufügte, Großmeistergrade,
-die ins Hieratische führten und von rosenkreuzerischem
-Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um ein Zurückgreifen
-auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters,
-die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen
-von Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und
-des Gehorsams ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der
-Freimaurerhierarchie den Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“
-</p>
-
-<p>
-„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme
-da unserem Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘
-ist nicht schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit
-scherzweise auch mal nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich
-den Spitznamen ‚<span class="antiqua" lang="la">Doctor angelicus</span>‘ gegeben. Das fordert
-Rache.“
-</p>
-
-<p>
-„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel
-für die Hoch- und Templergrade der Strikten Observanz. Wir
-haben da einen Vollkommenen Meister, einen Ritter vom
-Osten, einen Großen Oberpriester, und der einunddreißigste
-Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen Geheimnisses‘.
-Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen
-zur morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen
-des Templers selbst bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme
-solcher Beziehungen, tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes
-in eine Ideenwelt vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung.
-Dadurch gewann das Maurertum einen neuen
-Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es sich damals
-erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der Vernünftelei
-des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit
-müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig.
-Der Erfolg des Ordens war derart, daß die Philister klagten,
-<a id="page-283" class="pagenum" title="283"></a>
-er entfremde die Männer dem häuslichen Glück und der weiblichen
-Würde.
-</p>
-
-<p>
-„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen,
-daß Herr Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines
-Ordens erinnert.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo
-sein Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei,
-Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex
-von Kirche, Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete.
-Sie hörten, daß man die Maurer des Obskurantismus zieh ...“
-</p>
-
-<p>
-„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“
-</p>
-
-<p>
-„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war
-gleichbedeutend mit einer Vertiefung und Erweiterung der
-Überlieferungen des Ordens, mit einer Zurückverlegung seiner
-historischen Ursprünge in die Geheimniswelt, die sogenannte
-Finsternis des Mittelalters. Die Hochmeistergrade der Logen
-waren Eingeweihte der <span class="antiqua" lang="la">physica mystica</span>, Träger magischen
-Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“
-</p>
-
-<p>
-„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen,
-was es mit der Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr
-auf sich hatte. Alchimie, das ist also Goldmacherei, Stein der
-Weisen, <span class="antiqua" lang="la">Aurum potabile</span> ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist
-sie Läuterung, Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation,
-und zwar zum Höheren, Steigerung also, –
-der <span class="antiqua" lang="la">lapis philosophorum</span>, das mann-weibliche Produkt aus
-Sulfur und Merkur, die <span class="antiqua" lang="la">res bina</span>, die zweigeschlechtige <span class="antiqua" lang="la">prima
-materia</span> war nichts weiter, nichts Geringeres als das Prinzip
-der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere Einwirkungen,
-– magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-284" class="pagenum" title="284"></a>
-Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg
-empor.
-</p>
-
-<p>
-„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta
-fort, „war vor allem die Gruft.“
-</p>
-
-<p>
-„Das Grab?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller
-Hermetik, nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte
-Kristallretorte, worin der Stoff seiner letzten Wandlung und
-Läuterung entgegengezwängt wird.“
-</p>
-
-<p>
-„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ –
-das Wort hat mir immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort
-mit unbestimmt weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen
-Sie, aber ich muß immer dabei an unsere Weckgläser
-denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen heißt
-sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer
-Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch
-verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem
-möglichen darin. Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man
-eines aufmacht, nach Bedarf, so ist der Inhalt ganz frisch und
-unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm was anhaben können,
-man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun allerdings
-nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher
-der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das
-Eingeweckte der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr
-abgesperrt, die Zeit ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern
-stand außerhalb ihrer auf seinem Bort. Na, soviel von
-den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei herausgekommen.
-Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter belehren.“
-</p>
-
-<p>
-„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig
-und furchtlos sein, im Stil unseres Gegenstandes zu
-<a id="page-285" class="pagenum" title="285"></a>
-reden. Die Gruft, das Grab war immer das hauptsächliche
-Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum Wissen
-Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine
-Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß
-er probeweise in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen
-muß, um dann an unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen.
-Daher die verworrenen Gänge und finsteren Gewölbe,
-durch die der Novize zu wandern hatte, das schwarze
-Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz
-ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs-
-und Versammlungszeremoniell eine so wichtige
-Rolle spielte. Der Weg der Mysterien und der Läuterung war
-von Gefahren umlagert, er führte durch Todesbangen, durch
-das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der Neophyt, ist
-die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung
-zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt
-von Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das
-wäre also die hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden,
-daß mir auch von ihr mal etwas zu Ohren gekommen ist.“
-</p>
-
-<p>
-„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten
-handelt, zum absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und
-damit zum Ziele. Die alchimistische Logenobservanz hat viele
-edle, suchende Geister in späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele
-geführt, – ich muß es nicht nennen, denn es kann Ihnen nicht
-entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der schottischen Hochgrade
-nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die alchimistische
-Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der
-Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge
-ihren Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den
-<a id="page-286" class="pagenum" title="286"></a>
-Gnadenmitteln wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien
-des Bundeszeremoniells in der liturgischen und baulichen Symbolik
-unserer heiligen katholischen Kirche.“
-</p>
-
-<p>
-„Ach so!“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir
-schon anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus
-jenen handwerkerlich ehrsamen Maurergilden nur eine historische
-Veräußerlichung ist. Die Strikte Observanz wenigstens
-verlieh ihr weit tiefere menschliche Fundamente. Das Geheimnis
-der Logen hat mit gewissen Mysterien unserer Kirche die
-deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen Verschwiegenheiten
-und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit
-... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und
-Liebesmahl im Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und
-Blut, in Dingen der Loge aber –“
-</p>
-
-<p>
-„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung.
-Es gibt auch in dem unbedingten Bundesleben, dem
-mein Vetter angehört, sogenannte Liebesmahle. Er hat mir oft
-davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf ein bißchen Betrunkenheit
-sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark wie bei
-den Korpskneipen ...“
-</p>
-
-<p>
-„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult,
-auf den ich vorhin Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden
-Fällen handelt es sich um eine Symbolik des Letzten und Äußersten,
-um Elemente orgiastischer Urreligiosität, gelöste und
-nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben und Werden,
-Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich,
-daß die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei
-Nacht und in finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der
-ägyptischen Erinnerungen gab und gibt es im Maurerwesen
-<a id="page-287" class="pagenum" title="287"></a>
-eine Menge, und unter den geheimen Gesellschaften waren
-solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab da Logenfeste,
-Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen
-Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel
-trat, – Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze
-anspielten, und die, wie es scheint, ins Bacchantische
-auszulaufen pflegten ...“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das
-ist Freimaurerei? Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung
-unseren klargesinnten Herrn Settembrini ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß
-Settembrini durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß
-die Loge durch seinesgleichen von allen Elementen höheren
-Lebens wieder gereinigt worden ist. Sie hat sich humanisiert,
-modernisiert, du lieber Gott. Sie ist aus solchen Verirrungen
-zum Nutzen, zur Vernunft und zum Fortschritt, zum Kampf
-gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu gesellschaftlicher Beglückung
-zurückgekehrt; man unterhält sich dort jetzt wieder
-über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme
-an: auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise
-Misere in Klubgestalt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini
-fragen, ob er denn gar nichts mehr davon weiß.“
-</p>
-
-<p>
-„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta.
-„Sie müssen bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden
-ist, zum Bauplatz des Menschheitstempels zugelassen zu werden,
-denn er ist ja arm wie eine Kirchenmaus, und dort wird
-nicht nur höhere Bildung, humanistische Bildung, ich bitte
-sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten Klasse
-angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und
-<a id="page-288" class="pagenum" title="288"></a>
-Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz,
-– da haben Sie den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten
-der liberalen Weltrepublik!“
-</p>
-
-<p>
-„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp
-und klar vor Augen.“
-</p>
-
-<p>
-„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte
-ich Ihnen raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu
-leicht zu nehmen, möchte Sie, da wir denn einmal von diesen
-Verhältnissen reden, geradezu ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein.
-Das Abgeschmackte ist noch nicht gleichbedeutend mit dem
-Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht harmlos zu
-sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der
-zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt
-stark genug, um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt
-Reste von fruchtbarem Geheimnis, und es ist ebensowenig
-daran zu zweifeln, daß die Logen ihre Hand im Weltspiel
-haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn Settembrini
-mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte
-hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ein Emissär?“
-</p>
-
-<p>
-„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“
-</p>
-
-<p>
-Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp.
-Laut sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink
-und Warnung. Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine
-Etage höher, soweit da oben noch von Etage die Rede sein
-kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein bißchen
-auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos
-sein ... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist
-selbstverständlich Vorsicht geboten.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-289" class="pagenum" title="289"></a>
-Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung
-ansprechen, denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen
-der Diskretion nichts vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich
-bedacht gewesen, aus seiner Zugehörigkeit zu jener harmonischen
-Gesellschaft ein Geheimnis zu machen. Die „<span class="antiqua" lang="it">Rivista
-della Massoneria Italiana</span>“ lag offen auf seinem Tisch; Hans
-Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als er,
-von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst
-gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr
-eine Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war
-er nur auf geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es
-Punkte, über die der Literat sich nicht herausließ, sondern bei
-deren Berührung er mit einer gewissen Ostentation die Lippen
-verschloß, offenbar gebunden durch jene terroristischen Gelöbnisse,
-von denen Naphta gesprochen: eine Geheimniskrämerei,
-die äußere Bräuche und seine eigene Stellung innerhalb der
-merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar
-den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes
-Bild von der Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend
-Logen und hundertfünfzig Großlogen fast über die
-ganze Welt und selbst auf Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik
-Liberia erstrecke. Auch wußte er sich nicht wenig mit
-allerlei großen Namen, deren Träger Maurer gewesen waren
-oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und Napoleon,
-Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden
-sogar den König von England und außerdem eine Menge
-Männer, in deren Händen die Geschäfte der europäischen Staaten
-lagen, Mitglieder von Regierungen und Parlamenten.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung.
-So sei es auch mit den studentischen Korpsverbindungen,
-<a id="page-290" class="pagenum" title="290"></a>
-meinte er. Die hielten auch zusammen durchs ganze Leben und
-wüßten ihre Leute wohl unterzubringen, so daß schwerlich jemand
-im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem bringe,
-der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht
-ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit
-jener Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese
-hinstellen wolle; denn es sei umgekehrt anzunehmen, daß die
-Besetzung so vieler wichtiger Posten mit Bundesbrüdern eben
-nur die Macht des Bundes beweise, der gewiß mehr, als Herr
-Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand am Weltspiele
-habe.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft
-der „<span class="antiqua" lang="it">Massoneria</span>“, das er in Händen hielt. Man meine
-ihm wohl eine Falle zu stellen? fragte er. Man gedenke wohl
-gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen über das politische Wesen,
-den wesentlich politischen Geist der Loge zu verleiten? „Unnütze
-Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur Politik,
-rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts,
-das in den Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande,
-Ingenieur, fast nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel
-verbunden ist. Der Menschenfreund kann den Unterschied
-von Politik und Nichtpolitik überhaupt nicht anerkennen. Es
-gibt keine Nichtpolitik. Alles ist Politik.“
-</p>
-
-<p>
-„Rundweg?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich
-unpolitische Natur des Maurergedankens hinzuweisen für
-gut finden. Aber diese Leute spielen mit Worten und ziehen
-Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu erkennen es längst
-an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die spanischen Logen
-von allem Anbeginn eine politische Färbung –“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-291" class="pagenum" title="291"></a>
-„Kann ich mir denken.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie
-nicht, sich von Hause aus viel denken zu können, sondern suchen
-Sie aufzunehmen und zu verarbeiten – ich bitte Sie darum
-in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem Ihres Landes und im
-europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens einzuprägen
-im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke
-niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und
-wenn er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen.
-Was sind wir? Bauleute und Handlanger an einem
-Bau. Der Zweck aller ist einer, das Beste des Ganzen das
-Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist dieses Beste, dieser
-Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die Vollendung
-der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll
-da Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem,
-das Problem der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch
-Politik, nichts weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und
-den Menschennamen verdiente nicht, wer sich dieser Weihe entzöge
-– gehört der Politik, der inneren wie der äußeren, er versteht,
-daß die Kunst des freien Maurers Regierungskunst ist –“
-</p>
-
-<p>
-„Regierungs...“
-</p>
-
-<p>
-„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad
-kannte ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad,
-das gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines
-hören: Sind Sie Christen, Sie alle miteinander in Ihrer
-Loge?“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">Perchè!</span>“
-</p>
-
-<p>
-„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und
-einfacher. Glauben Sie an Gott?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-292" class="pagenum" title="292"></a>
-„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da
-eine biblische Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer
-römischen Münze versucht und zur Antwort bekommt, man
-solle dem Kaiser geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes
-sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden liefert den
-Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott,
-so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer
-an Gott?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen
-von einer Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die
-aber heute zum Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der
-Weltbund der Freimaurer existiert nicht. Wird er hergestellt
-sein – und ich wiederhole, es wird mit aller stillen Emsigkeit
-an diesem großen Werke gearbeitet – so wird ohne Zweifel
-auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es wird
-lauten: ‚<span class="antiqua" lang="fr">Écrasez l’infâme</span>‘.“
-</p>
-
-<p>
-„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“
-</p>
-
-<p>
-„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen
-sein, Ingenieur. Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz
-zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.“
-</p>
-
-<p>
-„Gott wäre das Böse?“
-</p>
-
-<p>
-„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut,
-als den Fleiß einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels
-zuwenden sollen. Und so hat denn schon vor
-einem Menschenalter der Groß-Orient von Frankreich ein Beispiel
-gegeben, indem er den Namen Gottes aus seinen sämtlichen
-Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin nachgefolgt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Wie katholisch!“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-293" class="pagenum" title="293"></a>
-„Sie meinen –“
-</p>
-
-<p>
-„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“
-</p>
-
-<p>
-„Sie wollen ausdrücken –“
-</p>
-
-<p>
-„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht
-besonders auf mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment
-so vor, als ob Atheismus etwas kolossal Katholisches
-sei, und als ob man Gott nur streiche, um desto besser katholisch
-sein zu können.“
-</p>
-
-<p>
-Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ,
-so war klar, daß es einzig aus pädagogischer Besonnenheit
-geschah. Er antwortete nach gemessenem Stillschweigen:
-</p>
-
-<p>
-„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie
-in Ihrem Protestantismus beirren und kränken zu wollen.
-Wir sprachen von Toleranz ... Es ist überflüssig, zu betonen,
-daß ich dem Protestantismus mehr als Duldung, daß ich ihm
-als dem historischen Opponenten der Gewissensknebelung tiefste
-Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der Buchdruckerkunst
-und die Reformation sind und bleiben die beiden erhabensten
-Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit
-erworben hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben
-äußerten, zweifle ich nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen
-werden, wenn ich darauf hinweise, daß das nur eine Seite der
-Sache ist, und daß sie ihre zweite hat. Der Protestantismus
-birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres Reformators
-selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der Ruheseligkeit
-und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch,
-die dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich
-sind. Sehen Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten
-Sie Bildnisse von ihm, jugendliche und spätere! Was ist
-denn das für ein Schädel, was sind das für Backenknochen,
-<a id="page-294" class="pagenum" title="294"></a>
-was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist Asien!
-Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern,
-wenn da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen
-wäre, und wenn also nicht die – wer wollte es leugnen
-– gewaltige Erscheinung dieses Mannes eine verhängnisvolle
-Überbelastung einer der beiden in Ihrem Lande so gefährlich
-gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, – ein furchtbares
-Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die westliche
-Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“
-</p>
-
-<p>
-Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor
-dem er gestanden, war Herr Settembrini an den Rundtisch
-mit der Wasserflasche getreten, näher zu seinem Schüler hin,
-der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette saß, ohne
-Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die
-Hand gestützt.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">Caro!</span>“ sagte Herr Settembrini. „<span class="antiqua" lang="it">Caro amico!</span> Entscheidungen
-werden zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer
-Tragweite für das Glück und die Zukunft Europas,
-und Ihrem Lande werden sie zufallen, in seiner Seele
-werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und West
-gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit
-Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen
-werben, sich entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden
-an dieser Entscheidung beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen.
-Darum lassen Sie uns das Schicksal segnen, das
-Sie in diese entsetzlichen Gegenden verschlagen hat, zugleich
-aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht ungeübten, nicht
-völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken
-und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –,
-die Ihr Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-295" class="pagenum" title="295"></a>
-Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum
-Mansardenfenster hinaus, und in seinen einfachen blauen
-Augen war eine gewisse Widerspenstigkeit zu lesen. Er
-schwieg.
-</p>
-
-<p>
-„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie
-und Ihr Land, Sie lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten,
-dessen Undurchsichtigkeit kein Urteil über seine Tiefe gestattet.
-Sie lieben das Wort nicht oder besitzen es nicht oder
-heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die artikulierte Welt
-weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist. Mein
-Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung
-selbst ... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend
-... Aber die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet,
-Sie werden Ihre Einsamkeit durch Taten zu brechen
-suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr Settembrini
-pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu
-nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor <a id="corr-56"></a>Ihr Schweigen
-treten lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt
-er, die andern entweichen‘ –“
-</p>
-
-<p>
-Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini,
-für den Augenblick auch von dieser Wirkung seines
-plastischen Wortes befriedigt.
-</p>
-
-<p>
-„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie
-mich immer bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der
-Seele‘, sagt ein Alter. Auch sind wir abgekommen – auf Dinge,
-die, wie ich zugebe, mit den Schwierigkeiten zusammenhängen,
-auf die unsere Vorarbeiten zur Herstellung des maurerischen
-Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die namentlich das protestantische
-Europa entgegenstellt ...“ Und Herr Settembrini
-fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes
-<a id="page-296" class="pagenum" title="296"></a>
-zu sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen
-zu erhoffende Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei
-weltentscheidende Macht zu verleihen. Er zeigte leichthin Briefe
-vor, die er von auswärtigen Bundesgrößen in dieser Sache
-empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des schweizerischen
-Großmeisters, <a id="corr-57"></a>Bruder Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten
-Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom Esperanto
-zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur
-Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und
-dorthin und schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische
-Gedanke in seiner eigenen Heimat, in Spanien,
-in Portugal besitze. Auch mit Personen, die an der Spitze der
-Großloge der letztgenannten Monarchie standen, wollte er
-briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften zweifellos die
-Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an
-ihn denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse
-sich überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun.
-</p>
-
-<p>
-Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien,
-die zwischen dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert
-verliefen, noch in die Zeit vor Joachims Heimkehr zu
-Denen hier oben gefallen waren. Die Auseinandersetzung, auf
-die wir nun kommen, ereignete sich schon während seiner Wiederanwesenheit
-und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach
-seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt
-dies Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in
-„Platz“, bei erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau
-im Gedächtnis, weil Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht
-hatte, – Sorge durch Angaben und Erscheinungen, die
-sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen, nämlich durch Halsschmerzen
-und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also, die
-<a id="page-297" class="pagenum" title="297"></a>
-aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen
-Licht erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er
-in der Tiefe von Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen
-Augen, die immer sanft und groß gewesen waren, heute aber,
-genau erst heute, eine gewisse unbestimmbare Vergrößerung
-und Vertiefung von sinnendem und – man muß das sonderbare
-Wort hinzufügen – <em>drohendem</em> Ausdruck nebst jener
-erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten,
-die ganz falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte
-Hans Castorp nicht gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar
-sehr gut, nur daß sie ihm dennoch Sorge machte. Und kurz,
-es ist über diese Eindrücke gar nicht anders als verworren,
-ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden.
-</p>
-
-<p>
-Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse
-zwischen Naphta und Settembrini – angehend, so war sie
-eine Sache für sich und stand mit jenen Sondererörterungen
-über das Logenwesen nur in lockerem Zusammenhang. Außer
-den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei zugegen,
-und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem Gegenstande
-gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es
-ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob
-es ums Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und
-Schliff, als ob es <em>nicht</em> ums Leben, sondern nur um ein elegantes
-Wettspiel ginge – und so wurden alle Dispute zwischen
-Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher Streit ist
-selbstverständlich und an und für sich unterhaltend anzuhören,
-auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite
-nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende
-lauschten dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt
-von Leidenschaft und Zierlichkeit der Wechselrede.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-298" class="pagenum" title="298"></a>
-Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach
-dem Tee. Die vier Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen,
-und von ungefähr hatte Naphta sich zugesellt. Sie
-saßen alle um ein kleines metallenes Tischchen herum bei verschiedenen
-mit Soda verdünnten Getränken, Anis und Wermut.
-Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte
-sich Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung
-an seine Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete
-seine leidende Kehle oft mit Naturlimonade, die er sehr stark
-und sauer trank, weil das zusammenziehe und ihm Erleichterung
-schaffe, und Settembrini genoß schlechthin Zuckerwasser,
-jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig appetitliche
-Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er scherzte:
-</p>
-
-<p>
-„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise
-zu Ohren? Ihre Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch
-alle neun kreisenden Sphären des Paradieses? Nun, ich will
-hoffen, daß Sie auch dann die leitende Freundeshand Ihres
-Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser Ekklesiast hier
-wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des <span class="antiqua" lang="la">medio evo</span> nicht
-komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol thomistischer
-Erkenntnis fehlt.“
-</p>
-
-<p>
-Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah
-Hans Castorp an, der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das
-Wermutglas entgegenhob. Es ist aber kaum zu glauben, was
-alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so doch sehr harmlosen
-Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem
-Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich
-gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff
-über und machte sich über den lateinischen Dichter her, den
-Settembrini bekanntermaßen abgöttisch liebte, ja, über Homer
-<a id="page-299" class="pagenum" title="299"></a>
-stellte, während Naphta ihm, wie überhaupt der lateinischen
-Poesie, schon mehr als einmal die schärfste Geringschätzung
-bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die Gelegenheit prompt
-und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige Zeitbefangenheit
-des großen Dante gewesen, sprach er, diesen mittelmäßigen
-Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem
-Liede eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico
-dieser Rolle wohl eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege.
-Was es denn weiter auf sich gehabt habe mit diesem höfischen
-Laureatus und Speichellecker des julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten
-und Prunkrhetor ohne einen Funken von Produktivität,
-dessen Seele, wenn er eine gehabt habe, jedenfalls
-aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, sondern
-ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel
-und Wege wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation
-mit seinem Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren,
-doch scheine es nötig, ihn auf den schwereren Widerspruch
-hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile mit seinen eigenen
-Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht nur
-nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht
-geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer
-aus ihm gemacht hätten.
-</p>
-
-<p>
-Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini
-die Einfalt jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, –
-die Siegerin, die ihre Schöpferkraft noch in der Dämonisierung
-des Überwundenen bewährt habe. Übrigens seien die
-Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den Lügen
-der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor,
-sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken,
-<a id="page-300" class="pagenum" title="300"></a>
-und heute, wo wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals
-ein proletarischer Morgen tage, sei wahrhaftig die Stunde
-günstig, ihnen nachzufühlen! So möge denn, um alles zu beantworten,
-Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß er, Redner,
-sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf jener anzuspielen
-die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen <span class="antiqua" lang="la">reservatio
-mentalis</span> betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen
-klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer
-ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten
-berechnen möge.
-</p>
-
-<p>
-„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß
-ihr schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch
-ihr kostbares Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material
-der antiken Bauwerke für eure Bethäuser benutztet! Denn ihr
-fühltet wohl, daß ihr aus eigener Kraft eurer proletarischen
-Seele keine neue Kunstform hervorzubringen vermöchtet und
-hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.
-So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte
-Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei
-dem, was zu verachten ihr euch und andere bereden möchtet;
-denn ohne Bildung bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der
-Menschheit, und es gibt nur <em>eine</em> Bildung: diejenige, die ihr
-die bürgerliche nennt, und die die menschliche ist!“ Eine Frage
-von Jahrzehnten – das Ende des humanistischen Erziehungsprinzips?
-Nur Höflichkeit hinderte Herrn Settembrini, in ein
-ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter auszubrechen. Ein
-Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde über
-proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen
-beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft
-übergehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-301" class="pagenum" title="301"></a>
-Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend,
-scheine Herr Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet.
-Auf der Tagesordnung eben stehe als Frage, was jener als
-ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich, ob die mediterran-klassisch-humanistische
-Überlieferung eine Menschheitssache
-und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls
-nur Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen,
-gewesen sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden,
-werde Sache der Geschichte sein, und es sei Herrn
-Settembrini immerhin zu empfehlen, sich nicht allzu sehr in
-Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im Sinn seines lateinischen
-Konservativismus fallen werde.
-</p>
-
-<p>
-Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta,
-Herrn Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen
-Konservativen zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer
-Bitterkeit natürlich der Betroffene, der erregt seinen
-geschwungenen Schnurrbart zwirbelte und im Suchen nach
-einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu weiteren Ausfällen
-gegen das klassische Bildungsideal, den rhetorisch-literarischen
-Geist des europäischen Schul- und Erziehungswesens
-und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als ein
-Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem
-Volke aber längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie
-weidlich das Volk sich über unsere Doktortitel und unser ganzes
-Bildungsmandarinentum lustig mache und über die staatliche
-Volksschule, dies Instrument bourgeoiser Klassendiktatur,
-gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte Gelehrtenbildung
-sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das
-Volk im Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse
-es sich längst wo anders zu holen als in den obrigkeitlichen
-<a id="page-302" class="pagenum" title="302"></a>
-Zwangsanstalten, und nachgerade pfiffen die Spatzen es von
-den Dächern, daß unser Schultypus überhaupt, wie er sich
-aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt habe, einen
-lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand
-in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke,
-und daß ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge,
-Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht
-weit überlegen sei.
-</p>
-
-<p>
-In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum,
-die Naphta da seinen Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr
-Settembrini, überwiege der obskurantistische Beisatz in unschmackhafter
-Weise. Das Gefallen, das seine Sorge um die
-Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße durch die
-Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte,
-Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen.
-</p>
-
-<p>
-Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun
-ein wahres Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der
-Gorgo vorgezeigt zu haben, überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig
-davor erblassen werde. Er, Naphta, bedauere, seinem
-Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu müssen, daß
-die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums
-ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein
-Prezioser, ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des <span class="antiqua" lang="es">estilo
-culto</span> sein, um den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine
-so übertriebene erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß
-man sich einbilde, Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis
-fehle. Ob Herr Settembrini sich erinnere, daß der größte
-Dichter des Mittelalters, Wolfram von Eschenbach, Analphabet
-gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für schimpflich
-gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe
-<a id="page-303" class="pagenum" title="303"></a>
-werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche
-Verachtung der literarischen Künste sei immer das
-Merkmal vornehmer Wesentlichkeit geblieben, – während der
-Literat, dieser rechte Sohn des Humanismus und der Bürgerlichkeit,
-allerdings lesen und schreiben könne, was der Adlige,
-der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht könnten,
-– aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch
-gar nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel,
-der die Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben
-überlasse, – weshalb er denn auch aus der Politik einen
-Beutel voll Wind mache, nämlich voll Rhetorik und schöner
-Literatur, was in der Parteisprache Radikalismus und Demokratie
-heiße – und so fort, und so fort.
-</p>
-
-<p>
-Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er,
-kehre der andere seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei
-gewisser Epochen hervor, indem er die Liebe zur literarischen
-Form verhöhne, ohne die allerdings keine Menschlichkeit
-möglich und denkbar sei, allerdings nicht und nimmermehr!
-Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die Wortlosigkeit,
-die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen
-taufen. Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus,
-die <span class="antiqua" lang="it">generosità</span>, die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen,
-vom Inhalt unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der
-Kultus der Rede als einer Kunst um der Kunst willen, dies
-Erbe der griechisch-römischen Zivilisation, welches die Humanisten,
-die <span class="antiqua" lang="it">uomini letterati</span>, der Romania, ihr wenigstens, zurückgebracht
-hätten, und das die Quelle jedes weiteren und
-inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl,
-mein Herr! Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen
-möchten, ist nichts als höhere Einheit im Kronrund
-<a id="page-304" class="pagenum" title="304"></a>
-des Schönen, und mir ist nicht bange, auf welche Seite in einem
-Streit, dessen Wahlfälle Literatur und Barbarei heißen, hochherzige
-Jugend sich immer schlagen wird.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch
-gewesen war, da die Person des anwesenden Kriegers
-und Vertreters vornehmer Wesentlichkeit, oder eigentlich der
-neuartige Ausdruck seiner Augen ihn beschäftigte, fuhr etwas
-zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis letzte Worte
-aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein Gesicht,
-wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen
-„Ost und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht
-also voller Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg.
-Alles stellten sie auf die Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig
-war, wenn man streiten wollte, und haderten erbittert um
-äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als ob irgendwo
-inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen
-rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei
-das gelegen sein müsse, was man als das Menschliche oder
-Humane persönlich ansprechen durfte. Aber er sprach es nicht
-an, um nicht beide Geister zu ärgern, und sah, eingehüllt in
-Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und einander feindlich
-behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen,
-nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner
-Virgil den Anstoß gegeben.
-</p>
-
-<p>
-Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es
-triumphieren. Er warf sich zum Schützer auf des literarischen
-Genius, feierte die Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick
-an, wo zum erstenmal ein Mensch, um seinem Wissen
-und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen in einen
-Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte
-<a id="page-305" class="pagenum" title="305"></a>
-Thot, mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch
-gewesen, und der als Erfinder der Schrift, Schutzherr
-der Bibliotheken und Anreger aller geistigen Bestrebungen verehrt
-worden war. Er beugte redend das Knie vor diesem Trismegist,
-dem humanistischen Hermes, dem Meister der Palästra,
-dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes,
-der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans
-Castorp zu der Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter
-offenbar auch ein Politiker gewesen und habe in größerem
-Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr Brunetto Latini, der speziell
-den Florentinern Schliff verliehen und sie das Sprechen
-gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der
-Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini
-schwindle ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos
-ein allzu gelecktes Bild gegeben. Denn das sei vielmehr
-eine Affen-, Mond- und Seelengottheit gewesen, ein Pavian
-mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem Namen
-des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger
-und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum
-Erzzauberer und dem kabbalistischen Mittelalter zum Vater
-der hermetischen Alchimie geworden sei.
-</p>
-
-<p>
-Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt
-ging es drunter und drüber. Da war der blaubemantelte
-Tod als humanistischer Rhetor; und wenn man den
-pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins
-Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem
-Zeichen der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte
-und winkte ab mit der Hand und legte sie dann über die Augen.
-Aber in das Dunkel, worein er sich vor der Verwirrung gerettet,
-klang Settembrinis Stimme, der fortfuhr, die Literatur
-<a id="page-306" class="pagenum" title="306"></a>
-zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die aktive Größe,
-rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er nannte
-Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich
-und weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht
-ihn nicht an, daß Naphta ihn ins Chinesische heimschicken
-wollte, wo die skurrilste Vergötterung des Abc herrsche, die
-je erreicht worden sei, und wo man Generalfeldmarschall werde,
-wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen tuschen könne, was
-recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse. Eh,
-Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen
-handelte, sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls,
-um ihren Geist, armer Spötter! welcher der Geist selber war,
-das Wunder der Verbindung von Analyse und Form. Er war
-es, der das Verständnis für alles Menschliche weckte, die
-Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und Überzeugungen
-betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung
-des Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste
-moralische Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern
-davon, zu fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit,
-zur Duldung. Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur,
-die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis
-und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum
-Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der Sprache,
-der literarische Geist als edelste Erscheinung des Menschengeistes
-überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als
-Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis
-apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher
-war nicht auf den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja
-durch schlimme, glänzende Einwände zu stören,
-indem er sich zur Partei der Erhaltung und des Lebens schlug
-<a id="page-307" class="pagenum" title="307"></a>
-gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter jener seraphischen
-Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von
-welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe
-auf nichts als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form,
-die der literarische Geist mit dem Prinzip der Untersuchung
-und Trennung zu vereinigen sich rühme, sei nur eine Schein-
-und Lügenform, keine echte, gewachsene, natürliche, keine Lebensform.
-Der sogenannte Verbesserer des Menschen führe
-wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber
-sei es die Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf
-er ausgehe; ja, der Geist, die eifernde Theorie sei lebensschänderisch,
-und wer die Leidenschaften zerstören wolle, der wolle
-das Nichts, – das reine Nichts, rein allerdings, da „rein“ denn
-in der Tat das einzige Attribut sei, das allenfalls dem Nichts
-noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben zeige Herr
-Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei, nämlich
-als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen
-Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus
-und der liberale Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts
-und des Teufels, ja, er leugne Gott, das konservativ und positiv
-Absolute, indem er zum Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre
-und sich mit seinem Todespazifismus noch wunder wie fromm
-dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm, sondern ein
-Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge
-Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – <span class="antiqua" lang="la">et cetera</span>.
-</p>
-
-<p>
-So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische
-zu verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender
-Liebesstrenge hinzustellen, so daß zu unterscheiden,
-wo Gott und wo der Teufel, wo Tod und wo Leben war,
-wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird es
-<a id="page-308" class="pagenum" title="308"></a>
-uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug
-war, ihm die Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend
-war, und auf die er wieder eine ebenso gute bekam,
-wonach es noch eine Weile so fortging und das Gespräch in
-früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber Hans
-Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert
-hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben
-und wisse nicht recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen
-hier doch nicht „<span class="antiqua" lang="fr">reçu</span>“ seien. Die Duellanten waren
-darüber hinweggegangen, aber Hans Castorp hatte, wie
-wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und brach
-auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen
-ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus
-Ferge und Wehsal, ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb
-zur Fortsetzung des Wettstreits ausgehen werde.
-</p>
-
-<p>
-Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in
-Sachen seiner Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg
-einschlagen, das heißt also, den Bademeister anstellen wolle,
-die Oberin zu benachrichtigen, worauf denn für den Leidenden
-doch wohl etwas geschehen werde. So war es wohlgetan.
-Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei
-Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war,
-und erkundigte sich kreischend nach den Wünschen und Klagen
-des jungen Offiziers. „Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte
-sie. „Menschenskind, was machen Sie für Sprünge?“
-Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins Auge
-zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen
-ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite
-schweifte. Daß sie es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun
-doch erfahrungsgemäß einmal nicht gegeben war, das Unternehmen
-<a id="page-309" class="pagenum" title="309"></a>
-durchzuführen! Mit Hilfe einer Art von metallenem
-Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie dem
-Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe
-leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen
-stehend, um Joachims Zäpfchen herumspähte, sagte sie:
-</p>
-
-<p>
-„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich
-schon mal verschluckt?“
-</p>
-
-<p>
-Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange
-sie spähte, war überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu
-stehen; aber auch nachdem sie von ihm abgelassen, blieb guter
-Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben schon ein und das
-andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch das
-war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint
-sein. Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal
-nicht erinnern.
-</p>
-
-<p>
-Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er
-habe sich also erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern,
-da sonst das Wort Erkältung doch hier im Hause verpönt war.
-Zur näheren Untersuchung des Halses sei gegebenenfalls des
-Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ Formamint zurück
-bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst
-Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim
-machte Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung
-zu spüren dank diesen Anwendungen und fuhr also
-fort damit, zumal seine Heiserkeit sich nicht klären wollte, ja,
-in den nächsten Tagen noch stärker wurde, obgleich die Halsschmerzen
-zuweilen fast ganz verschwanden.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen.
-Der objektive Befund war der gewöhnliche, – eben
-der, welcher, zusammen mit den Ergebnissen der hofrätlichen
-<a id="page-310" class="pagenum" title="310"></a>
-Untersuchungen, den ehrliebenden Joachim hier zu einer kleinen
-Nachkur festhielt, bevor er wieder zur Fahne würde eilen
-können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos vorübergegangen.
-Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat,
-noch die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen
-Augen gingen sie darüber hinweg. Nach dem, was
-Behrens bei der Monatsuntersuchung dem seelenkundigen
-Famulus in die Feder diktierte, und was die photographische
-Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer ganz
-wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch
-diesmal galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht
-auszuharren, bis zum Flachlanddienste, zur Eideserfüllung
-dort unten endgültige Wetterfestigkeit gewonnen wäre.
-</p>
-
-<p>
-Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man
-stillschweigend vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß
-einer vom andern nicht so ganz sicher war, ob er in tiefster
-Seele an diese Parole glaubte, und wenn man die Augen voreinander
-niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel, und es
-geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich <em>getroffen</em> hätten.
-Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über
-die Literatur, während dessen Hans Castorp zum erstenmal
-das neuartige Licht im Hintergrund von Joachims Augen, sowie
-den eigentümlich „drohenden“ Ausdruck darin bemerkt
-hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor: als nämlich
-der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig verschluckte
-und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also,
-während Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau
-Magnus, seine Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den
-Rücken klopfte, trafen sich ihre Augen auf eine Art, die Hans
-Castorp schreckhafter bewegte, als der Unfall selbst, der selbstverständlich
-<a id="page-311" class="pagenum" title="311"></a>
-jedem zustoßen konnte, und dann schloß Joachim
-die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch und
-Saal, um sich draußen auszuhusten.
-</p>
-
-<p>
-Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn
-Minuten zurück, eine Entschuldigung wegen der verursachten
-Störung auf den Lippen, nahm wie zuvor an der übergewaltigen
-Mahlzeit teil, und nachher vergaß man sogar, auch nur
-mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall zurückzukommen.
-Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim
-Diner, sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe
-ereignete, übrigens ohne daß die Augen sich getroffen hätten,
-wenigstens nicht diejenigen der Vettern, da Hans Castorp,
-über seinen Teller gebeugt, scheinbar unachtsam weiter speiste,
-mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch ein Wort
-daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte Frauenzimmer,
-die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen
-Frage ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet
-und angehext habe, der Teufel solle sie holen. Ja,
-offenbar sei es Suggestion, sagte Hans Castorp, – amüsant
-zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und Joachim,
-nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich
-fortan mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte
-sich nicht häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am
-Ende auch: erst neun oder zehn Tage später einmal wieder,
-worüber denn weiter nichts zu sagen war.
-</p>
-
-<p>
-Jedoch war er außer der Reihe und Zeit zu Rhadamanthys
-bestellt. Die Oberin hatte ihn angezeigt und wohl nicht einmal
-dumm daran getan; denn da ein Kehlkopfspiegel im Hause
-war, so schien diese hartnäckige Heiserkeit, die stundenweise in
-wirkliche Stimmlosigkeit ausartete, und auch dies Halsweh,
-<a id="page-312" class="pagenum" title="312"></a>
-das wieder hervortrat, sobald Joachim versäumte, seine Kehle
-durch speicheltreibende Mittel geschmeidig zu halten, ein hinlänglicher
-Anlaß, das klug erdachte Instrument einmal aus
-dem Schranke zu nehmen, – zu schweigen davon, daß, wenn
-Joachim sich jetzt mit normaler Seltenheit verschluckte, dies
-nur der großen Vorsicht zu danken war, die er beim Essen
-aufwandte, und die ihn bei den Mahlzeiten fast regelmäßig
-in Rückstand hielt.
-</p>
-
-<p>
-Der Hofrat also spiegelte, reflektierte und äugte tief und
-lange in Joachims Hals hinunter, worauf der Patient sich auf
-Hans Castorps besonderen Wunsch sogleich in dessen Balkonloge
-einfand, um Bericht zu erstatten. Es sei recht lästig und
-kitzlich gewesen, teilte er halb flüsternd mit, da gerade Hauptliegekur
-und Schweigegebot waltete, und schließlich habe Behrens
-allerlei von einem Reizungszustand gekohlt und gesagt,
-es müßten jeden Tag Pinselungen vorgenommen werden,
-gleich morgen wolle er zu ätzen anfangen, er müsse nur erst
-das Medikament bereitstellen. Also Reizungszustand und
-Ätzungen. Hans Castorp, den Kopf voller Gedankenverbindungen,
-die weit liefen und sich auf ganz fernstehende Personen,
-wie den hinkenden Concierge und jene Dame erstreckten,
-die sich die ganze Woche ihr Ohr gehalten und dennoch durchaus
-beruhigt hatte sein können, hatte noch Fragen auf den
-Lippen, brachte sie aber nicht darüber, sondern beschloß, sie
-dem Hofrat unter vier Augen vorzulegen und beschränkte sich
-gegen Joachim auf den Ausdruck seiner Genugtuung, daß das
-Ärgernis nun der Kontrolle unterstehe und der Hofrat die Sache
-in die Hand genommen habe. Der sei ein Hauptkerl und werde
-schon Remedur schaffen. Worauf Joachim nickte, ohne den anderen
-anzusehen, sich umwandte und in seine Loge hinüberging.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-313" class="pagenum" title="313"></a>
-Was war es mit dem ehrliebenden Joachim? In den letzten
-Tagen waren seine Augen so unsicher und scheu geworden.
-Noch neulich war Oberin Mylendonk mit ihrem Durchbohrungsversuch
-an seinem sanften dunklen Blick gescheitert,
-allein wenn sie jetzt ihr Heil noch einmal versuchte, war man
-wahrhaftig nicht mehr sicher, wie die Sache ablaufen würde.
-Jedenfalls vermied er solche Begegnungen, und wenn es
-dennoch dazu kam (denn Hans Castorp sah ihn viel an), so
-wurde einem auch dabei nicht wohler. Bedrückt blieb Hans
-Castorp in seinem Abteil zurück, in treibender Versuchung,
-den Chef sogleich zur Rede zu stellen. Doch ging das nicht an,
-da Joachim sein Aufstehen gehört hätte, und so war Aufschub
-geboten und Behrens im Laufe des Nachmittags abzufangen.
-</p>
-
-<p>
-Das aber gelang nicht. Sonderbar! Es wollte durchaus
-nicht gelingen, des Hofrats habhaft zu werden, und zwar weder
-diesen Abend, noch während der ganzen beiden folgenden Tage.
-Natürlich war Joachim etwas hinderlich, da er nichts merken
-sollte, aber das reichte nicht hin, zu erklären, weshalb die
-Unterredung nicht zu erlangen und Radamanth auf keine
-Weise dingfest zu machen war. Hans Castorp suchte und
-fragte nach ihm im ganzen Hause, wurde dahin und dorthin
-gewiesen, wo er ihn sicher treffen werde, und fand ihn dann
-eben nicht mehr dort. Bei einer Mahlzeit war Behrens zugegen,
-saß aber weit fort, am Schlechten Russentisch und verschwand
-vor dem Dessert. Ein paarmal glaubte Hans Castorp ihn schon
-am Knopf zu halten, er sah ihn auf Treppen und Gängen im
-Gespräch mit Krokowski, mit der Oberin, mit einem Patienten
-stehen und paßte ihm auf. Aber da er nur eben die Augen
-abgewandt hatte, war Behrens weg.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-314" class="pagenum" title="314"></a>
-Am vierten Tage erst kam er zum Ziel. Von seinem Balkon
-aus sah er den Verfolgten im Garten dem Gärtner Anweisungen
-geben, schlüpfte geschwind aus der Decke und eilte
-hinunter. Eben ruderte der Hofrat mit rundem Nacken gegen
-seine Wohnung davon. Hans Castorp trabte und erlaubte
-sich sogar, zu rufen, fand aber kein Gehör. Endlich, atemlos
-anlangend, brachte er seinen Mann zum Stehen.
-</p>
-
-<p>
-„Was haben Sie hier zu suchen!“ herrschte der Hofrat ihn
-mit quellenden Augen an. „Soll ich Ihnen ein Extra-Exemplar
-der Hausordnung aushändigen lassen? Meines Wissens
-ist Liegekur. Ihre Kurve und die Platte geben Ihnen gar
-kein besonderes Recht, den Freiherrn zu spielen. Man sollte
-hier irgendwo so eine göttliche Diebsscheuche anbringen lassen,
-die Leute, die zwischen zwei und vier im Garten Libertinage
-treiben, mit Aufspießung bedroht! Was wollen Sie eigentlich?“
-</p>
-
-<p>
-„Herr Hofrat, ich muß Sie unbedingt einen Augenblick
-sprechen!“
-</p>
-
-<p>
-„Das merke ich, daß Sie sich das schon lange einbilden. Sie
-stellen mir ja nach, als ob ich ein Frauenzimmer und wunder
-was für ein Lustobjekt wäre. Was wollen Sie von mir?“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist nur wegen meines Vetters, Herr Hofrat, entschuldigen
-Sie! Er wird nun gepinselt ... Ich bin überzeugt, daß
-damit die Sache auf gutem Wege ist. Sie ist doch harmlos,
-– wollte ich mir nur zu fragen erlauben?“
-</p>
-
-<p>
-„Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind
-Sie. Sie sind gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten
-einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als
-ob sie harmlos wären, und damit glauben Sie sich vor Gott
-und Menschen angenehm zu machen. Sie sind eine Art von
-Feigling und Duckmäuser, Mensch, und wenn Ihr Vetter Sie
-<a id="page-315" class="pagenum" title="315"></a>
-einen Zivilisten nennt, so ist das noch sehr euphemistisch ausgedrückt.“
-</p>
-
-<p>
-„Kann alles sein, Herr Hofrat. Natürlich, die Schwächen
-meines Charakters stehen doch außer Frage. Aber das ist es
-eben, daß sie im Augenblick wohl außer Frage stehen, und was
-ich Sie schon seit drei Tagen bitten wollte, ist nur –“
-</p>
-
-<p>
-„Daß ich Ihnen recht angenehm gezuckerten und gepantschten
-Wein einschenke! Sie wollen mich behelligen und mich
-langweilen, damit ich Sie in Ihrer verdammten Duckmäuserei
-befestige, und damit Sie in Unschuld schlafen können, während
-andere Leute wachen und sich den Wind um die Nase
-wehen lassen.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber, Herr Hofrat, Sie sind recht streng mit mir. Ich
-wollte im Gegenteil –“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Strenge, das ist nun gerade gar nicht Ihre Sache.
-Da ist Ihr Vetter ein anderer Kerl, von anderem Schrot und
-Korn. Der weiß Bescheid. Der weiß <em>schweigend</em> Bescheid,
-verstehen Sie mich? Der hängt sich den Leuten nicht an die
-Rockschöße, um sich blauen Dunst und Harmlosigkeit vormachen
-zu lassen. Der wußte, was er tat und was er daransetzte,
-und ist ein Mannsbild, das sich auf Haltung versteht
-und aufs Maulhalten, was eine männliche Kunst ist, aber
-leider nicht die Sache von solchen bipedischen Annehmlichkeiten
-wie Sie. Aber das sage ich Ihnen, Castorp, wenn Sie hier
-Szenen aufführen und ein Geschrei erheben und sich Ihren
-Zivilgefühlen überlassen, so setze ich Sie an die Luft. Denn
-hier wollen Männer unter sich sein, verstehen Sie mich.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp schwieg. Er wurde jetzt auch fleckig, wenn er
-sich verfärbte. Er war zu kupferrot, um ganz blaß zu werden.
-Schließlich sagte er mit zuckenden Lippen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-316" class="pagenum" title="316"></a>
-„Ich danke sehr, Herr Hofrat. Ich weiß ja nun auch wohl
-Bescheid, denn ich nehme an, daß Sie nicht so – wie soll ich
-sagen – so feierlich zu mir sprechen würden, wenn es nicht ernst
-wäre mit Joachim. Ich bin auch gar nicht für Szenen und
-für Geschrei, da tun Sie mir unrecht. Und wenn es also auf
-Diskretion ankommt, so stehe ich auch meinen Mann, das
-glaube ich zusagen zu können.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie hängen an Ihrem Vetter, Hans Castorp?“ fragte
-der Hofrat, indem er plötzlich des jungen Mannes Hand ergriff
-und ihn mit seinen blauen, weißlich bewimperten, blutunterlaufenen
-Quellaugen von unten anblickte ...
-</p>
-
-<p>
-„Was läßt sich da sagen, Herr Hofrat. Ein so naher Verwandter
-und so guter Freund und mein Kamerad hier oben.“
-Hans Castorp schluchzte kurz und stellte den einen Fuß auf die
-Spitze, indem er die Ferse nach außen wandte.
-</p>
-
-<p>
-Der Hofrat beeilte sich, seine Hand loszulassen.
-</p>
-
-<p>
-„Na, dann seien Sie nett mit ihm diese sechs, acht Wochen“,
-sagte er. „Überlassen Sie sich Ihrer angeborenen Harmlosigkeit,
-das wird ihm das Liebste sein. Ich bin auch noch da, und
-zwar dazu, die Sache so kavaliersmäßig und komfortabel wie
-möglich zu gestalten.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="la">Larynx</span>, nicht wahr?“ sagte Hans Castorp, indem er dem
-Hofrat zunickte.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="la">Laryngea</span>“, bestätigte Behrens. „Schnell fortschreitende
-Zerstörung. Und mit der Luftröhrenschleimhaut sieht es auch
-schon böse aus. Kann sein, daß das Kommandogeschrei im
-Dienst da einen <span class="antiqua" lang="la">locus minoris resistentiae</span> geschaffen hat.
-Aber gefaßt sein müssen wir auf solche Diversionen ja immer.
-Wenig Aussicht, mein Junge; eigentlich wohl gar keine. Selbstverständlich
-soll alles versucht werden, was gut und teuer ist.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-317" class="pagenum" title="317"></a>
-„Die Mutter ...“, sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Später, später. Eilt ja noch nicht. Sorgen Sie mit Takt
-und Geschmack dafür, daß sie sukzessive ins Bild kommt. Und
-nun scheren Sie sich auf Ihren Posten. Er merkt es ja. Und
-es muß ihm doch peinlich sein, sich so hinter seinem Rücken
-besprochen zu wissen.“
-</p>
-
-<p>
-– Täglich ging Joachim zum Pinseln. Es war ein schöner
-Herbst, in weißen Flanellhosen zum blauen Rock kam er öfters
-verspätet von der Behandlung zum Essen, propper und militärisch,
-grüßte knapp, freundlich und männlich zusammengenommen,
-indem er seiner Säumigkeit wegen um Pardon bat,
-und setzte sich zu seiner Mahlzeit nieder, die man ihm jetzt besonders
-bereitete, da er bei der gewöhnlichen Kost, der Verschluckungsgefahr
-wegen, nicht mitkam: er erhielt Suppen,
-Haschees und Brei. Schnell hatten die Tischgenossen die Lage
-begriffen. Sie erwiderten seinen Gruß mit nachdrücklicher
-Höflichkeit und Wärme, indem sie ihn „Herr Leutnant“ anredeten.
-In seiner Abwesenheit befragten sie Hans Castorp,
-und auch von den anderen Tischen kam man zu ihm und fragte.
-Frau Stöhr kam mit gerungenen Händen und lamentierte ungebildet.
-Aber Hans Castorp antwortete nur einsilbig, räumte
-den Ernst des Zwischenfalles ein, leugnete jedoch bis zu einem
-gewissen Grade, tat es ehrenhalber, aus dem Gefühle, Joachim
-nicht vorzeitig preisgeben zu dürfen.
-</p>
-
-<p>
-Sie gingen zusammen spazieren, legten dreimal täglich den
-dienstlichen Lustwandel zurück, auf welchen der Hofrat Joachim
-nun genauestens eingeschränkt hatte, damit unnötige
-Kräfteausgabe vermieden werde. Links von seinem Vetter
-ging Hans Castorp, – sie waren früher so oder auch anders
-gegangen, wie es gerade kam, aber jetzt hielt sich Hans Castorp
-<a id="page-318" class="pagenum" title="318"></a>
-vorwiegend links. Sie sprachen nicht viel, redeten die Worte,
-die der Berghof-Normaltag ihnen auf die Lippen führte, sonst
-nichts. Über das Thema, das zwischen ihnen stand, ist nichts
-zu reden, zumal zwischen Leuten von Sittensprödigkeit, die einander
-nur äußerstenfalls mit Vornamen nennen. Dennoch
-hob es sich zuweilen drängend und wallend auf in Hans
-Castorps Zivilistenbrust, im Begriffe, sich zu ergießen. Aber
-es war unmöglich. Was schmerzlich-stürmisch emporgeschwollen
-war, sank zurück, und er verstummte.
-</p>
-
-<p>
-Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu
-Boden, als betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig:
-er ging hier, propper und ordentlich, er grüßte Vorübergehende
-auf seine ritterliche Art, hielt auf sein Äußeres und auf <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span>
-wie immer – und gehörte der Erde. Nun, der gehören
-wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so
-gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig
-ihr zu gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und
-unbegreiflicher für einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp,
-als für den Erdmann selbst, dessen anständig verschwiegenes
-Wissen eigentlich recht akademischer Natur ist, geringen
-Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde weniger
-seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser Sterben
-mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer
-selbst; denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat
-das Wort des witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit,
-daß, solange wir sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn
-der Tod ist, wir nicht sind; daß also zwischen uns und dem
-Tode gar keine reale Beziehung besteht und er ein Ding ist, das
-uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur etwas
-angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer
-<a id="page-319" class="pagenum" title="319"></a>
-Ruhe, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer
-Unschuld, entgegenblicken. Von dieser Unschuld und
-Verantwortungslosigkeit fand Hans Castorp viel in Joachims
-Wesen während dieser Wochen und verstand, daß jener zwar
-wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über dies
-Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren
-Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder,
-soweit sie praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes
-Schicklichkeitsgefühl geregelt und bestimmt wurden, das die
-Erörterung jenes Wissens ebensowenig zuließ wie diejenige
-so vieler anderer funktioneller Unanständigkeiten, deren das
-Leben sich bewußt und durch die es bedingt ist, die es aber nicht
-hindern, <span class="antiqua" lang="fr">bienséance</span> zu bewahren.
-</p>
-
-<p>
-So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten
-der Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt
-und zornig geführte Klagen über das Versäumnis der Manöver,
-des militärischen Flachlanddienstes überhaupt waren
-verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz aller Unschuld
-so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen
-zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch
-einmal hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg
-gebracht haben würde? War es, weil er sich überäugig und
-hohlwangig wußte? – Denn so wurde er zusehends in diesen
-Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei seiner Heimkehr
-vom Flachland gewesen war, und seine braune Gesichtsfarbe
-ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine Umgebung
-ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben
-hätte, die mit Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf,
-die grenzenlosen Vorteile der Schande zu genießen. Wovor
-und vor wem also duckte und verbarg sich sein ehemals so
-<a id="page-320" class="pagenum" title="320"></a>
-offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham der Kreatur, die
-sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, – überzeugt, daß
-sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor
-ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon
-mit Recht, da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel
-den kranken Genossen nicht nur nicht ehrt, sondern ihn in Wut
-und Verachtung mit Schnabelhieben traktiert. Doch das ist
-gemeine Natur, und ein hochmenschliches Liebeserbarmen
-schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle Instinktscham
-in des armen Joachims Augen sah. Er ging links
-von ihm, ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas
-unsicher zu Fuße wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen
-kleinen Wiesenhang zu erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit
-überwindend, den Arm um ihn legte, ja, vergaß noch
-nachher eine Weile, seinen Arm wieder von Joachims Schultern
-wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte und sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir
-daherkommen.“
-</p>
-
-<p>
-Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp
-die Trübung von Joachims Blick noch in einem anderen
-Lichte erschien, und das war, als Joachim Order erhalten
-hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der Schnee
-lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden,
-auch nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder
-zweite Bissen ihm in die falsche Kehle geriet. Der Übergang
-zu ausschließlich flüssiger Nahrung war indiziert, und zugleich
-verordnete Behrens dauernde Bettruhe, der Kräfteersparnis
-wegen. Es war also am Vorabend von Joachims dauernder
-Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den Füßen
-war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja
-<a id="page-321" class="pagenum" title="321"></a>
-betraf, der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein
-und der äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach
-dem Diner war das, während der Abendgeselligkeit, in der
-Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon aufgehalten
-und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn
-vor dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein
-Schaukelstuhl, worin sie saß, und Joachim hielt ihn mit der
-Linken an der Rückenlehne nach hinten geneigt, so daß Marusja
-aus liegender Stellung mit ihren braunen Kugelaugen
-in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen sprechend,
-über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd
-und erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen
-zu haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft
-auf die Szene, wie das zu gehen pflegte, ein belustigtes
-Auge hatten, – unbemerkt von Joachim, oder doch unbeachtet
-von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche rücksichtslos
-hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so
-lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges
-Wort mit ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er
-mit strengem Ausdruck, vernünftig und ehrliebend, die Augen
-niedergeschlagen hatte, obgleich er fleckig erblaßte, wenn von
-ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp mehr, als irgendein
-Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen
-sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist
-verloren!“ dachte er und setzte sich still auf einen Stuhl im
-Musiksalon, um Joachim Zeit zu lassen für das, was er sich
-dort in der Halle an diesem letzten Abend noch gönnte.
-</p>
-
-<p>
-Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale
-ein, und Hans Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb
-<a id="page-322" class="pagenum" title="322"></a>
-ihr in seinem vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren
-gelegentlichen Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim
-bettlägerig geworden sei und daß er zwar nichts gesagt habe,
-daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei sich zu haben, von
-den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens diesen unausgesprochenen
-Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies
-fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein
-Wunder, daß Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in
-Anspruch nahm, um zu ihrem Sohne zu stoßen: schon drei
-Tage nach Abgang dieses humanen Alarmbriefes traf sie ein,
-und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber im Schlitten
-von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend,
-bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die
-Mutter nicht gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts
-Falsches, Munteres mit dem ersten Blick darin lese.
-</p>
-
-<p>
-Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon
-ereignet haben, wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem
-und angstvollem Forschen des dem Zuge Entstiegenen
-in den Augen dessen, der ihn in Empfang nahm! Frau Ziemßen
-erweckte den Eindruck, als sei sie von Hamburg hierher
-zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans Castorps
-Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich
-blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich,
-indem er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das
-sei famos, und wie mächtig werde ihr Joachim sich freuen.
-Tja, der liege nun leider vorderhand, es sei wegen der flüssigen
-Nahrung, die ja natürlich auf den Kräftezustand nicht ohne
-Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch mancherlei Auskünfte,
-zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens werde sie ja
-selber sehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-323" class="pagenum" title="323"></a>
-Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu
-diesem Augenblick waren ihm die Veränderungen, die sich in
-den letzten Wochen an Joachim vollzogen hatten, gar nicht
-so bemerklich geworden, – junge Leute haben ja nicht viel Blick
-für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen kommenden
-Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als
-hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich,
-was zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß
-am besten von allen dreien Joachim selber wußte, nämlich,
-daß er ein Moribundus war. Er hielt Frau Ziemßens Hand
-in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt war, wie sein Gesicht,
-von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine Ohren,
-dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem
-und in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber
-bis auf diesen Fehler und trotz seiner durch den Stempel des
-Leidens und durch den Ausdruck von Ernst und Strenge, ja
-Stolz, den es trug, eher noch männlich verschönt erschien, –
-obgleich seine Lippen mit dem schwarzen Bärtchen darüber jetzt
-gar zu voll wirkten gegen die schattigen Wangenhöhlen. Zwei
-Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn zwischen
-den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen
-liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans
-Castorp sich freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung
-und Unsicherheit war, seit Joachim lag, daraus geschwunden,
-und nur jenes früh bemerkte Licht war in ihrer ruhigen, dunklen
-Tiefe zu sehen – und freilich auch jene „Drohung“. Er
-lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt und
-ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei
-ihrem Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese
-Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-324" class="pagenum" title="324"></a>
-Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht
-in Jammer auf bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und
-zusammengenommen im Sinne ihres durch das kaum sichtbare
-Schleiernetz befestigten Haares, phlegmatisch und energisch,
-wie man bekanntlich bei ihr zulande war, nahm sie Joachims
-Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade gespornt
-zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß,
-wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit
-die Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit
-willen geschah es gewiß nicht, sondern nur aus Sinn für das
-Stattliche, wenn sie einige Tage später einwilligte, daß auch
-eine Pflegeschwester noch zu dem Schwerkranken berufen
-wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit Alfreda Schildknecht,
-die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims Lager
-erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau
-Ziemßens eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester
-Berta hatte eine Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und,
-ihr Kneiferband hinter dem Ohre, neugierig auszuspähen.
-</p>
-
-<p>
-Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele.
-Allein im Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken,
-der keineswegs schlief, sondern offenen Auges auf dem Rücken
-lag, war sie imstande, zu sagen:
-</p>
-
-<p>
-„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen
-von den Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“
-</p>
-
-<p>
-Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene
-die Faust, aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt,
-und mit Recht, von dem Gedanken, daß es angebracht
-sein möchte, Joachim zu schonen und viel zu sachlich gesonnen,
-um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand, und nun gar
-der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses
-<a id="page-325" class="pagenum" title="325"></a>
-Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem
-sie Kölnisches Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim
-unter die Nase hielt, „tun Sie sich noch ein bißchen gütlich,
-Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es zu jener Zeit wenig
-Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U zu machen,
-– es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie
-Frau Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter
-Stimme von seiner Genesung sprach. Denn zweierlei war
-deutlich und nicht zu verkennen: daß Joachim erstens mit klarem
-Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er es zweitens
-in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst
-in der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich
-bemerkbar machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger
-Unklarheit über seinen Zustand umfangen, und sprach
-von seiner baldigen Rückkehr zum Regiment und seiner Beteiligung
-an den großen Manövern, die er sich noch im Gange
-befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber auch,
-daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung
-zu geben und das Ende nur noch für eine Frage von
-Stunden erklärte.
-</p>
-
-<p>
-Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese
-vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter
-zu einer Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem
-letalen Ziele nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen
-aller individuellen Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die
-den Erfrierenden umstrickt, und wie das Im-Kreise-Herumkommen
-des Verirrten. Hans Castorp, den Kummer und
-Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit
-ins Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige
-Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und
-<a id="page-326" class="pagenum" title="326"></a>
-Settembrini, als er ihnen über das Befinden seines Verwandten
-Bericht erstattete, und zog sich einen Verweis des letzteren
-zu, indem er meinte, die landläufige Auffassung, philosophische
-Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende Zuversicht sei ein
-Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und Weltverurteilung,
-aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf Irrtum;
-denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand
-einen Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit
-verglichen der vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde
-Lebensäußerung erscheine. Gottlob konnte er den Teilnehmenden
-gleichzeitig melden, daß Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit
-der Hoffnung Raum ließ und einen sanften,
-trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite.
-</p>
-
-<p>
-„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er,
-während er Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen
-hielt und sie mit quellenden, tränenden, blutunterlaufenen
-Blauaugen von unten anblickte. „Mir lieb, mir ungeheuer
-lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß er das
-Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten
-braucht; so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt
-rapide aus, wohl ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst
-das Unsrige dagegen tun mit unserer Kampferspritze, ohne
-viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten zu verursachen. Er
-wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen, glaube ich
-versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade
-schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen
-Übertritt haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie
-sich darauf. So ist das übrigens im Grunde immer. Ich kenne
-den Tod, ich bin ein alter Angestellter von ihm, man überschätzt
-ihn, glauben Sie mir! Ich kann Ihnen sagen, es ist
-<a id="page-327" class="pagenum" title="327"></a>
-fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an Schindereien
-<em>vorhergeht</em>, das kann man ja nicht gut zum Tode
-rechnen, es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann
-zum Leben und zur Genesung führen. Aber vom Tode wüßte
-Ihnen keiner, der wiederkäme, was Rechtes zu erzählen, denn
-man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem Dunkel und gehen
-ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang und
-Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben
-keinen subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz
-ins Gebiet des Objektiven, so ist es damit.“
-</p>
-
-<p>
-Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden.
-Wir wollen hoffen, daß sie der verständigen Frau Ziemßen
-ein bißchen wohltat; und seine Zusicherungen trafen denn
-ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache Joachim
-schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte
-auch wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches
-also, nehmen wir an; und wenn er erwachte
-und man ihn nach seinem Befinden fragte, so antwortete er,
-wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl und glücklich
-fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und schließlich
-den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr
-spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen
-und zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits
-nicht mehr angegangen.
-</p>
-
-<p>
-Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große
-Veränderungen mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren
-beschwerlich geworden war und er es seit acht oder zehn Tagen
-schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs aber sehr kräftig
-war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften Augen
-sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem
-<a id="page-328" class="pagenum" title="328"></a>
-Kriegsbart, wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt,
-und der ihn übrigens schön und männlich kleidete, wie alle fanden.
-Ja, Joachim war plötzlich aus einem Jüngling zum reifen
-Manne geworden durch diesen Bart und wohl nicht nur durch
-ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk, legte im
-Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu erreichen
-ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten
-vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche
-brachte eine angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes
-mit sich, derart, daß Hans Castorp den Eindruck gewann, das
-Sterben müsse zum wenigsten eine große Mühsal sein, wenn
-auch Joachim dank mancher Ausfälle und Herabminderungen
-ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung aber
-betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung
-oder Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit
-zusammen, so daß Joachim beim Sprechen mummelte wie ein
-ganz Alter und übrigens an dieser Hemmung wirkliches Ärgernis
-nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er lallend, so
-werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte Belästigung.
-</p>
-
-<p>
-Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht
-so ganz klar; – die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen
-trat auffallend hervor, er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges,
-schien zu wissen und nicht zu wissen und erklärte
-einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl durchschauert, mit
-Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so grundschlecht
-sei er noch niemals daran gewesen.
-</p>
-
-<p>
-Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich,
-ja unhöflich; er ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen
-mehr nahe kommen, antwortete nicht darauf, blickte fremd vor
-sich hin. Namentlich nachdem der junge Pfarrer, den Luise
-<a id="page-329" class="pagenum" title="329"></a>
-Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps Bedauern keine
-gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte, mit
-ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge
-an, äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte.
-</p>
-
-<p>
-Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun:
-er fuhr wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein
-goldnes Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über
-die Bettdecke hin, indem er sie auf dem Rückwege etwas erhob
-und dann auf der Decke in schabender, rechender Bewegung
-wieder zu sich führte, so, als zöge und sammle er etwas ein.
-</p>
-
-<p>
-Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf
-dem Korridor, nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er
-war im Bette herabgesunken und befahl kurz, man möge ihn
-höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm um seine
-Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen
-Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung
-seines Urlaubes aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte,
-vollzog sich der „knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im
-Lichte des rotumhüllten Tischlämpchens mit Andacht verfolgt.
-Sein Auge brach, die unbewußte Anstrengung seiner Züge
-wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand zusehends
-dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete
-sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s
-geschehen.
-</p>
-
-<p>
-Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war
-es Hans Castorp, der <a id="corr-64"></a>dem Regungs- und Hauchlosen mit der
-Spitze des Ringfingers die Lider schloß, ihm die Hände behutsam
-auf der Decke zusammenlegte. Dann stand auch er und
-weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den
-englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare
-<a id="page-330" class="pagenum" title="330"></a>
-Naß, so reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu
-jeder Stunde, daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm
-benannt hat; dies alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die
-Nervenerschütterung durchdringenden Schmerzes, physischen
-wie seelischen Schmerzes, unserem Körper entpreßt. Er wußte,
-es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin.
-</p>
-
-<p>
-Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt.
-Noch vor einer halben Stunde war er dagewesen und hatte
-Kampfer gespritzt; nur eben den Augenblick des knappen Übertrittes
-hatte er verpaßt. „Tja, der hat es hinter sich“, sagte
-er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von Joachims
-stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden Anverwandten
-die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand
-er noch eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims
-unbewegliches, kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller
-Junge, toller Kerl“, sagte er über die Schulter, indem er mit
-dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat es zwingen wollen,
-wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und Gewaltsamkeit
-mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht
-auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist
-uns aufs Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber
-die Ehre, das war der Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens
-nach Belieben auch umdrehen, – er hat nun jedenfalls
-‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller Kerl.“
-Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken.
-</p>
-
-<p>
-Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene
-Sache, und Haus Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich
-war und sonst schicklich und stattlich schien, – Mutter
-und Vetter brauchten sich kaum zu regen. Am nächsten Tage,
-in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der Decke,
-<a id="page-331" class="pagenum" title="331"></a>
-ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner
-geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur
-der Anstrengung war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet,
-hatte es sich zu reinster, schweigender Form befestigt.
-Kurzes Gekräusel seines dunklen Haares fiel in die unbewegliche,
-gelbliche Stirn, die aus einem edlen, aber heiklen Stoff
-zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem
-ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll
-und stolz. Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden,
-wie mehrere der Besucher meinten, die sich zum Abschiede
-einfanden.
-</p>
-
-<p>
-Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen
-Joachim. „Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach
-und verlangte, daß an seinem Grabe die „Erotika“ von Beethoven
-gespielt werden müsse.
-</p>
-
-<p>
-„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der
-Seite an. Er war nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer
-und herzlich bewegt. Mit beiden Händen wies er die
-Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur Klage aufforderte.
-„<span class="antiqua" lang="it">Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!</span>“
-rief er wiederholt.
-</p>
-
-<p>
-Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung
-heraus und ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn
-hin zu äußern:
-</p>
-
-<p>
-„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und
-Fortschritt auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“
-</p>
-
-<p>
-Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse,
-durch die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit
-von Naphtas Position über die seine; vielleicht war
-es dies augenblickliche Übergewicht des Gegners, das er durch
-<a id="page-332" class="pagenum" title="332"></a>
-die Lebhaftigkeit seiner Trauer aufzuwiegen gesucht hatte, und
-das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann noch, als Leo Naphta,
-die unbeständigen Vorteile seiner Stellung ausnutzend, scharf
-sententiös bemerkte:
-</p>
-
-<p>
-„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß
-nur der Geist anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr.
-Nur wo <em>kein</em> Geist ist, gibt es Anständigkeit.“
-</p>
-
-<p>
-„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer
-Spruch! Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn
-hingesetzt, so herrscht Einschüchterung für den Augenblick ...“
-</p>
-
-<p>
-Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung
-in diesen stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten
-Behälter wollte ein Mann allein als seine Sache
-betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war: ein Verwandter
-des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz
-gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering
-an seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe
-Reif sozusagen eingewachsen, ganz davon überwuchert war.
-Man war geneigt, zu spüren, daß Leichengeruch seinem Bratenrock
-entströme, was aber auf Vorurteil beruhte. Doch ließ
-der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß all sein
-Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur
-pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen
-auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps
-Mißtrauen erweckte und keineswegs nach seinem Sinne war.
-Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen sich zurückzöge, ließ
-sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren, sondern blieb und
-legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die Figur und
-half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen
-Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich
-<a id="page-333" class="pagenum" title="333"></a>
-gebettet wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof
-gestellt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf,
-die Hans Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu
-trennen und zu lösen und tatsächlich dem Professionisten, dem
-üblen Hüter der Pietät, das Feld zu überlassen. Joachim nämlich,
-dessen Ausdruck bisher so ernst und ehrbar gewesen, hatte
-in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und Hans Castorp
-verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur
-Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen
-der Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß
-die Abholung bevorstand, der Sarg geschlossen und verschraubt
-werden sollte. Hans Castorp berührte, eingeborene Sittensprödigkeit
-beiseite setzend, seines ehemaligen Joachim steinkalte
-Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und ging trotz
-allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise
-Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch
-während er niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf
-seiner Höhe zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in
-einen feuchten Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen,
-woselbst ein Degen aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte
-zucken und drei Gewehrsalven, drei schwärmerische Honneurs
-hinknallen über Joachim Ziemßens wurzeldurchwachsenes
-Soldatengrab.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
-<a id="page-334" class="pagenum" title="334"></a>
-Siebentes Kapitel
-</h2>
-
-</div>
-
-<h3 class="section1" id="subchap-0-2-1">
-Strandspaziergang
-</h3>
-
-<p class="first">
-Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und
-für sich? Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen!
-Eine Erzählung, die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann,
-es strömte die Zeit“ und so immer fort, – das könnte gesunden
-Sinnes wohl niemand eine Erzählung nennen. Es
-wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang
-ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für
-Musik ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin,
-daß sie die Zeit <em>erfüllt</em>, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“
-und macht, daß „etwas daran“ und „etwas los damit“ ist
-– um mit der wehmütigen Pietät, die man Aussprüchen Verstorbener
-widmet, Gelegenheitsworte des seligen Joachim anzuführen:
-längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob sich
-der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen.
-Die Zeit ist das <em>Element</em> der Erzählung, wie sie das Element
-des Lebens ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern
-im Raum. Sie ist auch das Element der Musik, als welche
-die Zeit mißt und gliedert, sie kurzweilig und kostbar auf einmal
-macht: verwandt hierin, wie gesagt, der Erzählung, die ebenfalls
-(und anders als das auf einmal leuchtend gegenwärtige
-und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden
-Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein
-Ablaufendes sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen
-sollte, in jedem Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung
-bedarf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-335" class="pagenum" title="335"></a>
-Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied
-waltet, liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik
-ist nur eines: ein Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie
-sich ergießt, um ihn unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die
-Erzählung dagegen hat zweierlei Zeit: ihre eigene erstens, die
-musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre Erscheinung bedingt;
-zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch ist, und zwar
-in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der Erzählung
-fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich
-aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück
-des Namens „Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten,
-– hierin und in nichts anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit.
-Eine Erzählung aber, deren inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten
-betrüge, könnte ihrerseits, vermöge außerordentlicher Gewissenhaftigkeit
-in der Erfüllung dieser fünf Minuten, das
-Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein, obgleich
-sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig wäre.
-Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung
-deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt,
-– wir sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres
-oder, ganz deutlich zu sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten,
-das hier offenbar einschlägig ist: sofern nämlich dieses
-Falls die Erzählung sich eines hermetischen Zaubers und einer
-zeitlichen Überperspektive bedient, die an gewisse anormale und
-deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der wirklichen Erfahrung
-erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von Opiumrauchern,
-die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit
-seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang
-sich auf zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder
-sogar die Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit
-<a id="page-336" class="pagenum" title="336"></a>
-zurückließ, – Träume also, deren imaginärer Zeitraum ihre
-eigene Dauer um ein Gewaltiges überstieg, und in denen eine
-unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses herrschte, die Vorstellungen
-sich mit solcher Geschwindigkeit drängten, als wäre,
-wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des Berauschten
-„etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder
-einer verdorbenen Uhr“.
-</p>
-
-<p>
-Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung
-mit der Zeit zu Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln.
-Da sie sie aber „behandeln“ kann, so ist klar, daß die
-Zeit, die das Element der Erzählung ist, auch zu <em>ihrem Gegenstande</em>
-werden kann; und wenn es zuviel gesagt wäre, man
-könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, <em>von der Zeit</em> erzählen zu
-wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie es uns
-anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des
-„Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen
-könnte. Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die
-Zeit erzählen könne, nur aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir
-mit laufender Geschichte wirklich dergleichen vorhaben. Und
-wenn wir die weitere Frage streiften, ob die um uns Versammelten
-sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es
-gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende
-Joachim jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch
-flocht (die übrigens von einer gewissen alchimistischen Steigerung
-seines Wesens zeugt, da solche Bemerkungen eigentlich
-nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären wir wenig erzürnt
-gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick
-nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden
-aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme
-an dem Erleben unseres Helden natürlich in unserem
-<a id="page-337" class="pagenum" title="337"></a>
-Interesse liegt, und weil dieser, Hans Castorp, in beregtem
-Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar schon längst
-nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman,
-– so – und auch wieder so genommen.
-</p>
-
-<p>
-Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis
-zu seiner wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann,
-kalendermäßig, diese erste trotzige Abreise stattgefunden, wie
-lange er weggewesen, wann wieder eingetroffen und wie lange
-Hans Castorp selber schon hier gewesen, als er wieder eingetroffen
-und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um
-Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen,
-seit wann, etwa der Jahreszahl nach, sie <em>wieder da</em> war
-(denn sie war wieder da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp
-im „Berghof“ damals verbracht gehabt hatte, als sie zurückgekehrt
-war: bei all diesen Fragen, gesetzt, man hätte sie ihm
-vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht, denn er
-scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit
-den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden
-nicht recht Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger
-beunruhigend als jene vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am
-ersten Abend seines Hierseins befallen hatte, nämlich Herrn
-Settembrini sein eigenes Alter anzugeben, ja, eine Verschlimmerung
-dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen Ernstes
-und dauernd nicht mehr, wie alt er sei!
-</p>
-
-<p>
-Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört
-oder unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten
-Bedingungen jederzeit jedem von uns begegnen kann:
-nichts würde uns, solche Bedingungen vorausgesetzt, vor dem
-Versinken in tiefste Unwissenheit über den Zeitverlauf und also
-über unser Alter bewahren. Die Erscheinung ist möglich kraft
-<a id="page-338" class="pagenum" title="338"></a>
-des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft also
-unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns
-aus und ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit
-zu bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten
-von jeder Beobachtung des Wechsels von Tag und Nacht,
-veranschlagten bei ihrer glücklichen Errettung die Zeit, die sie
-im Dunklen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung zugebracht
-hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn gewesen. Man
-sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die Zeit
-ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als
-ein Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft.
-Es scheint demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die
-menschliche Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung
-zu erleben, als sie zu überschätzen.
-</p>
-
-<p>
-Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er
-gewollt hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen
-sich rechnerisch hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie
-das der Leser mit leichter Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene
-und Versponnene seinem gesunden Sinn widerstehen
-sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm vielleicht
-nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche Anstrengung,
-sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen
-und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei,
-ließ er sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte,
-war eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar
-die schlimmste Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten.
-</p>
-
-<p>
-Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die
-Umstände seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht
-geradezu von seinem bösen Willen reden will – so sehr zustatten
-kamen. Als Frau Chauchat wiedergekehrt war (anders, als
-<a id="page-339" class="pagenum" title="339"></a>
-Hans Castorp es sich hatte träumen lassen – aber davon an seinem
-Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht und der
-kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in
-naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer
-Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost,
-hatte man damals Gott weiß wie lange schon wieder Winter
-gehabt, ja, dieser war allezeit nur ganz vorübergehend unterbrochen
-gewesen, von brennenden Sommertagen mit einer
-Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins Schwärzliche
-spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in
-den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens
-auch in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans
-Castorp mit dem seligen Joachim über diese große Konfusion
-geschwatzt, welche die Jahreszeiten vermengte, sie durcheinander
-warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte und es dadurch
-auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine kurzweilige
-Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen
-und mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt
-nicht die Rede sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt
-wurde bei dieser großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe
-oder die Bewußtseinslagen des „Noch“ und des
-„Schon wieder“, – eins der verwirrendsten, vertracktesten und
-verhextesten Erlebnisse überhaupt, und ein Erlebnis dabei, das
-zu kosten Hans Castorp gleich an seinem ersten Tage hier oben
-eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich bei den fünf
-übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten Speisesaal,
-wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise
-unschuldig noch, ihn angewandelt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren
-Maßstab angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis
-<a id="page-340" class="pagenum" title="340"></a>
-auch abgeschwächt oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit,
-sofern sie tätig ist, sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker
-– und nur aus jugendlicher Anmaßung hatte also
-Hans Castorp sich einmal damit eingelassen –, ob die hermetische
-Konserve auf ihrem Wandbort außer der Zeit ist. Aber
-wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk tut.
-Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens,
-das eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte,
-– wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern
-unterdessen zum reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders
-sein. Der Tote ist tot und hat das Zeitliche gesegnet; er
-hat viel Zeit, das heißt: er hat gar keine, – persönlich genommen.
-Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und Haare wachsen,
-und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose Redensart
-nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange
-gebraucht, und an der Hans Castorp damals
-flachländischen Anstoß genommen hatte. Auch ihm wuchsen
-Haare und Nägel, sie wuchsen schnell, wie es schien, er saß so
-oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem Operationsstuhl
-beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich das
-Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet
-hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn
-er saß und mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte,
-der sein Werk an ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan;
-oder wenn er an seiner Balkontür stand und sich mit Scherchen
-und Feile, seinem schönen Samtnecessaire entnommen, die
-Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer Art von Schrecken, dem
-neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel <a id="corr-67"></a>ihn an:
-ein Schwindel in des Wortes schwankender Doppelbedeutung
-von Taumel und Betrug, das wirbelige Nicht-mehr-unterscheiden
-<a id="page-341" class="pagenum" title="341"></a>
-von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und
-Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch
-nicht schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen
-wir nicht verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an
-solchen mystischen Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und
-geflissentlich hervorrief, oft doch auch durch gegenteilige Bemühungen
-zu sühnen suchte. Er konnte sitzen, seine Uhr in
-der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr, deren
-Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen,
-– und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen
-Ziffern doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche,
-auf der die beiden zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger
-auseinander wiesen und der dünne Sekundenzeiger den geschäftig
-pickenden Gang um seine besondere kleine Sphäre tat. Hans
-Castorp hielt ihn im Auge, um einige Minuten zu hemmen und
-zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das Weiserchen
-trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es erreichte,
-berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder
-anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte,
-Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten
-oder wenigstens sonst ein winziges Zeichen geben sollen,
-daß hier etwas vollendet sei. Doch an der Art, wie es sie rasch,
-nicht anders als jedes andere unbezifferte Strichelchen, überschritt,
-erkannte man, daß ihm die ganze Bezifferung und Gliederung
-seines Weges nur <em>unterlegt</em> war, und daß es eben nur
-ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein Glashüttenerzeugnis
-wieder in der Westentasche und überließ die Zeit sich selbst.
-</p>
-
-<p>
-Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen
-faßlich machen, die in dem inneren Haushalt des jungen
-<a id="page-342" class="pagenum" title="342"></a>
-Abenteurers sich vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen
-Identitäten. War es bei einiger Nachgiebigkeit nicht leicht,
-ein Jetzt gegen eines von gestern, von vor- und vorvorgestern
-abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein Ei dem andern, so
-war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine Gegenwart
-mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem
-Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen.
-Sofern jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch
-und Wieder und Künftig gesondert blieben, schlich eine Versuchung
-sich ein, Beziehungsnamen, mit denen das „Heute“ sich
-Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom Leibe hält, das
-„Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern und
-sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären
-Wesen denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit
-bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das
-flinke Getrippel unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit
-des Stundenmessers hätte. Aber auch solche sind vorzustellen,
-mit deren Raum sich eine Zeit von gewaltigem Gange
-verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben noch“ und
-„Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem
-Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das
-wäre, sagen wir, nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines
-duldsamen Relativismus beurteilt und nach dem Satze „Ländlich,
-sittlich“, auch als legitim, gesund und achtbar anzusprechen.
-Was aber soll man von einem Erdensohne denken, des Alters
-obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein Monat, ein
-Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben
-so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der
-eines Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen
-der Lust nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“
-<a id="page-343" class="pagenum" title="343"></a>
-und „Morgen“ für „Übers Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft
-das Urteil „Verirrung und Verwirrung“ und damit
-höchste Besorgnis am Platze.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände
-(wenn man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns
-vorschwebenden Falle), unter denen eine solche Verwirrung
-und Verwischung der zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur
-schwindligen Einerleiheit gewissermaßen von Natur und Rechtes
-wegen statthat, so daß denn ein Untertauchen in ihrem Zauber
-für Ferienstunden allenfalls als statthaft gelten möge. Wir
-meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein Sichbefinden,
-dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte,
-– wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an
-heimatliche Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir
-vertrauen, daß auch Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns
-nicht im Stiche lassen werde, wenn wir auf diese wundersame
-Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und gehst ... du wirst
-von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause zurückkehren,
-denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen.
-O Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere
-Gedanken, unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise
-sollst du in unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du
-es im stillen immer warst und bist und sein wirst ... Sausende
-Öde, blaß hellgrau überspannt, voll herber Feuchte, von der ein
-Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir gehen, gehen
-auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln bestreutem
-Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen,
-weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und
-ohne Tücke den Raum durchfährt und eine sanfte Betäubung
-in unserem Kopfe erzeugt, – wir wandern, wandern und sehen
-<a id="page-344" class="pagenum" title="344"></a>
-die Schaumzungen der vorgetriebenen und wieder rückwärts
-wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung siedet,
-hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf
-den flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken
-draußen, und dieses wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse
-sperrt unser Ohr für jede Stimme der Welt. Tiefes Genügen,
-wissentlich Vergessen ... Schließen wir doch die Augen,
-geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig graugrünen
-Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont
-verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein
-Dort? Wie weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige
-Weise entzieht es sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie
-weit dies Schiff vom Ufer entfernt ist, müßtest du wissen, wie
-groß es an sich selber als Körper ist. Klein und nahe oder groß
-und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick, denn aus dir
-selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid ...
-Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht
-dahin. Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier,
-vorhin wie jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des
-Raumes ertrinkt die Zeit, Bewegung von Punkt zu Punkt ist
-keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit regiert, und wo Bewegung
-nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit.
-</p>
-
-<p>
-Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine
-Illusion, ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis
-einer Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein
-der Dinge ein stehendes Jetzt. War er am Meere spaziert, der
-Doktor, der diesen Gedanken zuerst empfing, – die schwache
-Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir wiederholen
-jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da sprechen,
-Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist
-<a id="page-345" class="pagenum" title="345"></a>
-so rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im
-warmen Sand. An den menschlichen Erkenntnismitteln und
--formen Kritik zu üben, ihre reine Gültigkeit fraglich zu machen,
-wäre absurd, ehrlos, widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn
-damit verbunden wäre, als derjenige, der Vernunft Grenzen
-anzuweisen, die sie nicht überschreitet, ohne sich der Vernachlässigung
-ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu machen. Wir
-können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein,
-wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt,
-und den er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind
-des Lebens“ angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer
-Entschiedenheit als „Das Böse“ kennzeichnete. Und wir
-ehren das Andenken eines uns lieben Verstorbenen am besten,
-indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel des kritischen
-Prinzips nur eines sein kann und darf: der Pflichtgedanke, der
-Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit die Grenzen
-der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen Grenzen
-die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische
-Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu
-tun. Soll man es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto
-setzen und annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen
-Zeitwirtschaft, seinem schlimmen Getändel mit der Ewigkeit
-bestärkt, daß, was ein melancholischer Schwadroneur
-seines militärischen Vetters „Biereifer“ genannt, letalen Ausgang
-genommen hatte?
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-2">
-Mynheer Peeperkorn
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang
-Gast des Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht
-<a id="page-346" class="pagenum" title="346"></a>
-das Beiwort „international“ in seinem Schilde führte. Peeperkorns
-leicht farbige Nationalität – denn er war ein Kolonial-Holländer,
-ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer – würde
-uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß
-er, so bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich
-mit einem Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen
-wir, noch nicht bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere
-Geschichte einzuführen; denn du großer Gott, in was für
-Tinten und Abschattungen spielte nicht die Gesellschaft des bewährten
-Instituts, das Hofrat Doktor Behrens in vielzüngiger
-Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht genug, daß neuerdings
-hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend war, dieselbe,
-die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr und
-die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person
-mit nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem
-Haar, die, von den Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie
-Pariser Toiletten trug, in Herrensakko und gebügelten Hosen
-umherging, übrigens von der Männerwelt nichts wissen wollte,
-sondern ihre zugleich träge und heftige Huld ausschließlich einer
-rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht Frau Landauer
-hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer
-Hoheit willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit
-geradezu den Narren spielte: nicht genug also mit ihr
-persönlich, so befand sich unter ihrem kleinen Gefolge auch noch
-ein verschnittener Mohr, ein kranker, schwacher Mensch, der
-aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern gehechelten Grundverfassung
-am Leben mehr zu hängen schien als irgend jemand,
-und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von seinem
-Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet
-hatte ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-347" class="pagenum" title="347"></a>
-Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer
-Peeperkorn fast farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt
-unserer Erzählung, wie ein früherer, die Überschrift „Noch jemand“
-tragen könnte, so braucht deshalb niemand zu besorgen,
-daß hier abermals ein Veranstalter geistiger und pädagogischer
-Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer Peeperkorn
-war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die
-Welt zu tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir
-sehen werden. Daß gleichwohl schwere Verwirrung von seiner
-Person auf unseren Helden ausging, begreift sich aus folgendem.
-</p>
-
-<p>
-Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station
-„Dorf“ ein, wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in
-demselben Schlitten nach Haus Berghof, woselbst er mit ihr
-zusammen im Restaurant das Abendessen einnahm. Es war
-eine mehr als gleichzeitige, es war eine <em>gemeinsame</em> Ankunft,
-und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in
-der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der
-Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt,
-gegenüber dem Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów
-seine wilden und zweideutigen Aufführungen veranstaltet
-hatte, – diese Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans
-Castorp verstörte, da dergleichen seiner Voraussicht entgangen
-war. Der Hofrat hatte ihm Tag und Stunde von Clawdias
-Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp, alter Junge,“
-hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt. Übermorgen
-abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s telegraphisch.“
-Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme,
-hatte er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon
-gewußt hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen
-und zusammengehörten, – wenigstens gab er Überraschung
-<a id="page-348" class="pagenum" title="348"></a>
-vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach der gemeinsamen
-Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte.
-</p>
-
-<p>
-„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt
-hat“, erklärte er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den
-Pyrenäen her, nehme ich an. Tja, den müssen Sie nun erst mal
-in Kauf nehmen, Sie enttäuschter Seladon, hilft Ihnen alles
-nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie. Wie es scheint, haben
-sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist schwer reich,
-nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen
-Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände.
-Übrigens kommt er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer
-gehörigen alkoholischen Verschleimung scheint malignes Tropenfieber
-vorzuliegen, Wechselfieber, verstehen Sie, verschleppt,
-hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben müssen.“
-</p>
-
-<p>
-„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab.
-„Und du?“ dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt
-bist du doch auch nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses
-und jenes täuscht, blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen
-Ölmalerei. Legst allerlei Schadenfreude in deine Worte,
-wie mir scheint, und dabei sind wir doch Leidensgenossen, gewissermaßen
-in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser Mann,
-entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender
-Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man
-von ihm gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von
-ihm gewonnen habe. Robust und auch wieder spärlich, mit diesen
-Eigenschaftswörtern muß man ihn meiner Meinung nach
-kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für vereinbar gelten.
-Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig da, die
-Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind
-senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht
-<a id="page-349" class="pagenum" title="349"></a>
-seitlich, wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren
-Gesellschaftsklassen –, und wenn er so dasteht und nach holländischer
-Weise am Gaumen redet, dann hat er unleugbar was
-recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist schütter, – lang, aber
-schütter, daß man die Haare zählen zu können glaubt, und seine
-Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe geradezu, ich
-kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie immer aufzureißen
-sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die
-erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine
-Stirn laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das
-weiße Haar zwar lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben
-doch klein und blaß, trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste
-verleiht ihm was Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert
-ist. Das ist mein Eindruck von heute morgen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete
-Behrens, „und sich den Mann gut angesehen in seiner
-Eigenart, was ich vernünftig finde, denn Sie werden sich mit
-seinem Vorhandensein arrangieren müssen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist
-ihm überlassen geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten
-Gastes ein ungefähres Bild zu zeichnen, und er hat seine
-Sache nicht schlecht gemacht, – wir hätten sie auch nicht wesentlich
-besser machen können. Allerdings war sein Beobachtungsposten
-der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er während
-Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich
-nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand
-– nur daß der andere etwas weiter gegen die Verandatür sich
-vorschob – und Hans Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach
-dem Saalinnern gelegenen Schmalseiten einnahmen, so saßen
-sie sozusagen nebeneinander, Hans Castorp etwas hinter dem
-<a id="page-350" class="pagenum" title="350"></a>
-Holländer, was eine unauffällige Exploration erleichterte, –
-während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg vor
-sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen,
-daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß
-und fleischig und sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger
-Lippenbildung, gleichsam zerrissen war. Ferner waren
-seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit langen, spitz zulaufenden
-Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer beim Sprechen
-– bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans Castorp
-dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu auserlesenen,
-die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat
-nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden
-eines Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen
-zum Kreise gekrümmt oder die flache Hand – breit, aber nagelspitz
-– behütend, abdämpfend, Achtsamkeit fordernd ausgebreitet,
-– um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er hervorgerufen,
-durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten
-Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu
-enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln;
-denn die Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung
-ersetzte in hohem Grade noch nachträglich, was ausblieb, und
-wirkte befriedigend, unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst.
-Zuweilen erfolgte die Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart
-seine Hand auf den Unterarm seines Nachbarn zur Linken, eines
-jungen bulgarischen Gelehrten, oder auf den Madame Chauchats
-zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg aufwärts,
-Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er
-im Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß
-die rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln
-laufenden Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so
-<a id="page-351" class="pagenum" title="351"></a>
-Gefesselten auf das Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen
-Lippen, geöffnet, im Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu
-entlassen. Nach einer Weile jedoch atmete er aus, verzichtete,
-winkte gleichsam „Rührt euch“ und wandte sich unverrichteterdinge
-seinem Kaffee wieder zu, den er sich extra stark, in einer
-eigenen Maschine, hatte servieren lassen.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte
-mit der Hand die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der
-Dirigent, der das Durcheinander der stimmenden Instrumente
-zum Schweigen bringt und sein Orchester, kulturell gebietend,
-zum Beginn der Aufführung sammelt, – denn da sein großes,
-vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen Augen,
-den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem bloßliegenden
-wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte,
-so fügte alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen
-ihn lächelnd an, warteten, und da und dort nickte einer ihm zur
-Ermunterung lächelnd zu. Er sagte mit ziemlich leiser Stimme:
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen
-Sie jedoch ins Auge fassen und nicht – keinen Augenblick –
-außer acht lassen, daß – Doch über diesen Punkt nichts weiter.
-Was auszusprechen mir obliegt, ist weniger jenes, als vor allem
-und einzig dies, daß wir verpflichtet sind, – daß der unverbrüchliche
-– ich wiederhole und lege alle Betonung auf diesen Ausdruck
-– der <em>unverbrüchliche</em> Anspruch an uns gestellt ist – –
-<em>Nein!</em> Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich
-etwa – Wie weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–<em>ledigt</em>,
-meine Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß
-uns einig in alldem, und so denn: zur Sache!“
-</p>
-
-<p>
-Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft
-bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen
-<a id="page-352" class="pagenum" title="352"></a>
-entschieden, eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und
-auch der lauschende Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen
-zu haben meinten oder, sofern ihnen das Ausbleiben sachlicher
-und zu Ende geführter Mitteilung bewußt geworden
-war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie
-einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich
-gegrämt, weil er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte
-gemacht und sich eingebildet hätte, durch sein Gebrechen
-geistig zu kurz zu kommen. Solche Leute neigen zu Mißtrauen
-und Bitterkeit. Ein junger Chinese dagegen, am anderen Tischende,
-der des Deutschen noch wenig mächtig war und nicht verstanden,
-aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine erfreute
-Befriedigung durch den Ruf: „<span class="antiqua" lang="en">Very well!</span>“ – und applaudierte
-sogar.
-</p>
-
-<p>
-Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich
-auf, dehnte die breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock
-über der geschlossenen Weste zu, und sein weißes Haupt war
-königlich. Er winkte eine Saaltochter heran – es war die Zwergin
-–, und obgleich sehr beschäftigt, folgte sie sofort seinem bedeutenden
-Zeichen und stellte sich, Milch- und Kaffeekanne in
-Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht umhin, ihm
-mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd zuzunicken,
-in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter
-den mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren
-Zeigefinger sich mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während
-die drei übrigen Finger aufwärts standen, von den Lanzenspitzen
-der Nägel überragt.
-</p>
-
-<p>
-„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie
-sind klein, – was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es
-positiv, ich danke Gott dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und
-<a id="page-353" class="pagenum" title="353"></a>
-durch Ihre charaktervolle Kleinheit – Nun gut denn! Auch
-was ich von Ihnen wünsche, ist klein, klein und charaktervoll.
-Vor allem, wie heißen Sie?“
-</p>
-
-<p>
-Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia
-sei.
-</p>
-
-<p>
-„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die
-Stuhllehne zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte.
-Er rief es mit einer Betonung, als wollte er sagen:
-Aber was wollen Sie denn? Alles steht wundervoll! – „Mein
-Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit Strenge fort, „– das
-übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie sprechen
-es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung
-mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten
-Möglichkeiten. Er ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und
-alles Gefühl seiner Brust daransetzt, um – in der Koseform
-– Sie verstehen mich wohl, mein Kind: in der <em>Kose</em>form –
-möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre erwärmend,
-– für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen.
-Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine
-Liebe. Halt! Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche!
-Ich sehe es deinem verhältnismäßig großen Gesichte
-an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen, aber nicht gebackenes
-Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in allerlei Gestalt.
-Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares Brot,
-kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß,
-ob Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen,
-‚Herzstärkung‘ dafür einzusetzen, liefe hier nicht die
-neue Gefahr mit unter, es im Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit
-– Er–ledigt, Rentia. Erledigt und ausgeschlossen. Vielmehr
-im Sinn unserer Pflicht und heiligen Verbindlichkeit –
-<a id="page-354" class="pagenum" title="354"></a>
-Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld, mich deiner
-charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens – Einen
-Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer,
-Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“
-</p>
-
-<p>
-„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich
-einmal um sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu
-werden, und stellte sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben
-sein Besteck, offenbar, weil sie Herrn Peeperkorn nicht damit
-behelligen mochte. Sie eilte, und ihr Auftraggeber erhielt sofort
-das Gewünschte. Das Gläschen war so voll geschenkt, daß
-das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den Teller
-benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob
-es gegen das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn
-sich mit einem Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat,
-nachdem er es kurz gekaut. „Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie
-alle mit erquickten Augen an.“ Und er nahm Frau Chauchats
-Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und legte sie dann
-zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen ließ.
-</p>
-
-<p>
-Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher
-Mann. Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil
-an ihm. Er habe sich kürzlich von den Kolonialgeschäften
-zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins Trockene gebracht.
-Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und seiner
-Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen „Geld-Magneten“
-(Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei
-auf eine Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit
-ihrer Heimkehr zum Abendkleide trug, und die nach Karolinens
-Meinung wohl kaum als Zeugnis transkaukasischer Gattengalanterie
-verstanden werden durfte, sondern der „gemeinsamen
-Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich
-<a id="page-355" class="pagenum" title="355"></a>
-mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer
-Betrübnis den Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch
-Krankheit und Leiden, seine Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung
-ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er verbesserte
-ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich
-versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch
-nicht schlecht, denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes.
-Auch der Lehrerin Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel
-lächelnd und ohne ihn anzusehen befragte, wie der neue Gast
-ihm behage, antwortete er mit gut bewahrtem Gleichmut.
-Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte Persönlichkeit“, sagte
-er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die Genauigkeit dieser
-Kennzeichnung bewies Objektivität und damit Gemütsruhe; sie
-warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar Ferdinand
-Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten
-Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt
-war, so bewies hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die
-an präziser Eindeutigkeit um kein Haar dem artikuliertesten
-Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte der Blick, mit dem
-er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß jeder auch
-nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal anerkannte
-denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte
-sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber
-doch von nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit
-Naphta, Settembrini und Ferge Hans Castorps Paletot zu
-tragen.
-</p>
-
-<p>
-In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn
-sogar lieber selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem
-Elenden dann und wann überlassen. Das aber verkennt wohl
-niemand in unserer Runde, daß Hans Castorp hart betroffen
-<a id="page-356" class="pagenum" title="356"></a>
-war durch jene völlig unvorhergesehenen Umstände, die alle
-Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das Wiedersehen
-mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich
-getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und
-darin lag das Beschämende.
-</p>
-
-<p>
-Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen,
-weit entfernt von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran,
-daß er Clawdia etwa vom Bahnhof hatte abholen wollen,
-– und ein Glück nur, daß er diesen Gedanken nicht hatte aufkommen
-lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß gewesen,
-ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die phantastischen
-Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen
-Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie
-wünschen werde, unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine
-Zudringlichkeit, kein plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß
-sein Verhältnis zu der schrägäugigen Kranken die Grenzen
-abendländischer Vernunft und Gesittung dem Wesen nach hinter
-sich ließ, – in der Form war vollkommenste Zivilisation und
-für den Augenblick sogar der Schein der Gedächtnislosigkeit zu
-wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch – fürs erste
-nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer Gelegenheit,
-unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden
-seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner
-Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben.
-</p>
-
-<p>
-All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch,
-daß ihm die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit
-genommen war. Die Gegenwart Mynheer Peeperkorns
-schaltete die Möglichkeit einer Taktik, die <em>nicht</em> in äußerster
-Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich aus. Hans
-Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den
-<a id="page-357" class="pagenum" title="357"></a>
-Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische
-Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen
-auf dem Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife
-heraufkommen sehen, und zuseiten Clawdias im Fond
-hatte, Hut in der Stirn, der Fremde gesessen. Diese Nacht hatte
-Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen hatte es keine
-Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden Mitkömmlings
-zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß
-beide im ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten
-bezogen hätten. Dann war das erste Frühstück gekommen, bei
-dem er, zeitig an seinem Platze und blaß genug, auf das Zufallen
-der Glastür gewartet hatte. Es war ausgeblieben. Clawdias
-Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn hinter ihr hatte
-Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß, breit und
-hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den
-Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem
-Katzentritt, vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte.
-Ja, sie war es, unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen
-umfaßte Hans Castorp sie mit seinem übernächtigen
-Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter kunstreich frisiertes,
-sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes Haar, es
-waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre
-Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung
-der Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der
-Wangen selbst bewirkte ... Clawdia! dachte er erschauernd, –
-und er faßte den Unerwarteten ins Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges
-Kopfaufwerfen gegen die maskenhafte Großartigkeit
-seiner Erscheinung<a id="corr-71"></a>, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz, sich
-lustig zu machen über die Großmächtigkeit eines gegenwärtigen
-Besitzrechtes, das durch gewisse Vergangenheiten in ein recht
-<a id="page-358" class="pagenum" title="358"></a>
-schiefes Licht gesetzt wurde: <em>gewisse</em> Vergangenheiten in der
-Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der dilettantischen
-Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu beunruhigen
-vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen
-den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft
-zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und
-Peeperkorn leistete ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter
-ihr stehend die kleine Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich
-danach an seinem Tischende zu Clawdias Seite niederzulassen.
-</p>
-
-<p>
-Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu
-Tisch. Clawdias Augen waren bei der „Vorstellung“ über
-Hans Castorps Person wie über seinen ganzen Ort in fernere
-Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei der folgenden Zusammenkunft
-im Speisesaal war es nicht anders gewesen; und
-je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders
-begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen
-von Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des
-Essens einmal umwandte, desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß
-noch anzubringen. Während der kurzen Abendgeselligkeit
-hielten die Reisegefährten sich in dem kleinen Salon:
-Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer Tischgenossen,
-und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet
-gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines
-Kinnbartes abstach, trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er
-sich zum Diner hatte geben lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank
-er eine, auch anderthalb oder zwei, zu schweigen von dem
-„Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück begann. Offenbar
-war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem
-Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee
-führte er sie sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe,
-<a id="page-359" class="pagenum" title="359"></a>
-sondern auch mittags trank er ihn aus großer Tasse, – nicht
-nach der Mahlzeit, sondern während ihrer und neben dem Wein.
-Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen, sei gut gegen das Fieber,
-– von aller labenden Wirkung ganz abgesehen, sehr gut
-gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am
-zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte.
-Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer
-ungefähr viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann
-als ein Glühen und dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene
-Milz sollte er davon haben.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-3">
-<span class="antiqua" lang="fr">Vingt et un</span>
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis
-vier, von uns aus geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil
-und messenden Sinn unmöglich verlassen können. Sie glitten
-dahin, ohne neue Veränderung zu zeitigen, sie zeitigten auf
-seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen Trotz gegen unvorgesehene
-Umstände, die ihm eine verdienstlose Zurückhaltung
-auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter
-Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an
-das störende Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen
-und undeutlichen Mannes, – störend in der Tat auf viel derbere
-Weise, als etwa Herr Settembrini „hier gestört“ hatte, in alten
-Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben sich senkrecht zwischen
-Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen Falten betrachtete
-er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin,
-sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für
-eine großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes
-Licht die Vergangenheit auf sie warf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-360" class="pagenum" title="360"></a>
-Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß
-einmal geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle
-und Zimmern sich reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik
-gegeben, Zigeunerweisen, von einem ungarischen Studenten
-auf der Geige keck exekutiert, worauf Hofrat Behrens, der ebenfalls
-mit Doktor Krokowski auf eine Viertelstunde erschienen
-war, irgend jemanden genötigt hatte, in der tieferen Lage des
-Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen, während er
-selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf
-hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden
-Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem
-Applaus, mit wohlwollendem Kopfschütteln, das dem
-eigenen Übermut galt, verließ der Hofrat danach die Konversationsräume.
-Die Geselligkeit aber spann sich hin, noch wurde
-fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür gefordert
-worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit
-Getränken, unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und
-plauderte da und dort. Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches
-hatte sich unter die Gruppen der Halle und des Klavierzimmers
-gemischt. Man sah Mynheer Peeperkorn an verschiedenen
-Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu sehen, sein
-majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie durch
-königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn
-umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums
-mochten angezogen worden sein, so war es doch sehr bald
-seine Persönlichkeit selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd
-standen sie und nickten ihm zu, ermunternd und selbstvergessen;
-gebannt durch sein fahles Auge unter den mächtigen Stirnfalten,
-in Spannung gehalten durch die Eindringlichkeit seiner langnägeligen
-Kulturgebärden und ohne über die unverständliche
-<a id="page-361" class="pagenum" title="361"></a>
-Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche Unbrauchbarkeit
-dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten Enttäuschungsgefühles
-bewußt zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp
-um, so finden wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem
-Gesellschaftsraum, wo ihm einst (dies Einst ist vage; Erzähler,
-Held und Leser sind nicht mehr ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad)
-gewichtige Eröffnungen über die Organisation
-des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es war
-stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt.
-Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an
-einem der Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der
-Nase blätterte an der Bibliothek sitzend in einem illustrierten
-Bande. Hans Castorp saß in der Nähe des offenen Durchganges
-zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere zugewandt,
-mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden
-hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man
-ihn sehen will, mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen.
-Der junge Mann hielt seine Zeitung zwar so, wie man
-sie hält, um zu lesen, las aber nicht, sondern lauschte mit schrägem
-Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch durchsetzte
-Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen
-darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah,
-und daß seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige
-Wege der Enttäuschung durch Umstände, die einen jungen
-Mann, der große Wartezeit auf sich genommen, am Ende dieser
-Wartezeit schmählich zum Narren hielten, – bittere Wege
-des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis zu
-dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen
-zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür,
-<a id="page-362" class="pagenum" title="362"></a>
-durch die nach der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende
-Einsamkeit der Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini,
-gegen diese verpfuschte Geselligkeit einzutauschen.
-</p>
-
-<p>
-„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem
-Kopf, eine Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme
-für sein Ohr, das nun einmal geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung
-als extreme Annehmlichkeit zu empfinden – den Begriff
-des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel getrieben
-–, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern.
-Aber mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme,
-und wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim
-gefragt.
-</p>
-
-<p>
-Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht
-etwas höher, so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel
-an der steilen Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen
-ein wenig, tat sie aber gleich wieder auf, um sie schräg aufwärts,
-in der Richtung, die seinem Blick durch die Haltung seines
-Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu richten.
-Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast
-etwas Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte
-noch einmal fragen, doch das geschah nicht. So war er nicht
-einmal sicher, ob sie noch hinter ihm stände, als er nach geraumer
-Zeit, mit sonderbarer Verspätung und halber Stimme
-zur Antwort gab:
-</p>
-
-<p>
-„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“
-</p>
-
-<p>
-Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war,
-das wieder zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie
-aus Mangel an Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke
-des Mitgefühls wählte, als sie hinter und über ihm sagte:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-363" class="pagenum" title="363"></a>
-„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit
-wann?“
-</p>
-
-<p>
-„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter.
-Es war ihm ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei
-Ehrensalven über seinem Grabe abgegeben worden.“
-</p>
-
-<p>
-„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als
-andere Leute, gewisse andere.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem
-Biereifer. Aber sein Körper wollte es anders. <span class="antiqua" lang="la">Rebellio carnis</span>,
-heißt es bei den Jesuiten. Er war immer körperlich gesinnt,
-auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper hatte Unehrenhaftes
-eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein Schnippchen.
-Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst zu verderben,
-als sich zu bewahren.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer
-Taugenichts. Radamanth? Wer ist das?“
-</p>
-
-<p>
-„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ...
-Ich liebte ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die
-Stimme sprach das Wort „mähnschlich“ aus, mit einer gewissen
-trägen und schwärmerischen Dehnung.) „Er war hochmütig.“
-(Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist nicht mehr
-da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“
-</p>
-
-<p>
-„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir
-haben weitläufig philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta
-und ich.“
-</p>
-
-<p>
-„Wer ist Naphta?“
-</p>
-
-<p>
-„Sein Widersacher.“
-</p>
-
-<p>
-„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft
-machen. – Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr
-<a id="page-364" class="pagenum" title="364"></a>
-Vetter sterben würde, wenn er versuchte, in der Ebene Soldat
-zu sein?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, du hast es gewußt.“
-</p>
-
-<p>
-„Was fällt Ihnen ein!“
-</p>
-
-<p>
-Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete,
-den Wirbel gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf
-das Wiederlautwerden der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie
-noch hinter ihm sei, befürchtend, das abgerissene Musizieren
-nebenan möchte das Geräusch sich entfernender Schritte verschlungen
-haben. Endlich jedoch kam es wieder:
-</p>
-
-<p>
-„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters
-gefahren?“
-</p>
-
-<p>
-Er antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß,
-da er anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine
-Stirne war.“
-</p>
-
-<p>
-„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame,
-die man kaum kennt!“
-</p>
-
-<p>
-„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich
-dehnte auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr
-wie jemand, der sich reckt und gähnt.)
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Quelle blague!</span> – Sie waren immer hier?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja. Ich habe gewartet.“
-</p>
-
-<p>
-„Worauf?“
-</p>
-
-<p>
-„Auf dich.“
-</p>
-
-<p>
-Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit
-dem Worte „Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen
-haben.“
-</p>
-
-<p>
-„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn.
-Aber es wäre nur wilde Abreise gewesen. Denn außer
-<a id="page-365" class="pagenum" title="365"></a>
-den alten Narben von früher her, aus meiner Schulzeit, du
-weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens gefunden hat, und
-die mir das Fieber macht.“
-</p>
-
-<p>
-„Immer noch Fieber?“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist
-kein Wechselfieber.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Des allusions?</span>“
-</p>
-
-<p>
-Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick.
-Nach einer Weile fragte er:
-</p>
-
-<p>
-„Und wo warst <em>du</em>?“
-</p>
-
-<p>
-Eine Hand schlug auf die Stuhllehne.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Mais c’est un sauvage!</span> – Wo ich war? Überall. In
-Moskau“ (die Stimme sagte „Muoskau“, – es war eine
-ähnlich träge Dehnung wie die von „mähnschlich“), „in Baku,
-in deutschen Bädern, in Spanien.“
-</p>
-
-<p>
-„O, in Spanien. Wie war es?“
-</p>
-
-<p>
-„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren.
-Kastilien ist sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das
-Schloß oder Kloster dort am Fuß des Gebirges ...“
-</p>
-
-<p>
-„Der Eskorial.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir
-hat viel besser gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana,
-zum Dudelsack. Ich habe selbst mitgetanzt. Alle fassen
-sich an und tanzen Ringelreihn. Der ganze Platz ist voll. <span class="antiqua" lang="fr">C’est
-charmant.</span> Es ist mähnschlich. Ich habe mir eine kleine blaue
-Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des Volks sie
-tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der Liegekur
-und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“
-</p>
-
-<p>
-„Welcher Monsieur?“
-</p>
-
-<p>
-„Der hier im Stuhl.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-366" class="pagenum" title="366"></a>
-„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“
-</p>
-
-<p>
-„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“
-</p>
-
-<p>
-„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende
-gesprochen, daß man ihn verstehen konnte?“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft
-sein, beißend. Man versucht, sich lustig zu machen über Leute,
-die viel größer und besser und mähnschlicher sind als man selber
-mitsamt seinem ... <span class="antiqua" lang="fr">avec son ami bavard de la Méditerranée,
-son maître grand parleur</span> ... Aber ich werde nicht erlauben,
-daß man meine Freunde –“
-</p>
-
-<p>
-„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die
-Stimme in schwermütigem Tonfall.
-</p>
-
-<p>
-Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine
-Staffelei auf meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“
-</p>
-
-<p>
-Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte
-sich nach seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere
-war er hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit
-dem er sie hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm,
-und zwar dicht vor Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch
-seinen Somnambulismus nicht an der Einsicht gehindert, daß
-es nun aufzustehen und höflich zu sein gelte, Mühe hatte, zwischen
-den beiden von seinem Stuhle emporzukommen, – er
-mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die
-handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in
-ihrer Mitte.
-</p>
-
-<p>
-Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten
-Abendlandes, indem sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein
-Bekannter von früher her, sagte sie in Bezug auf Hans Castorp,
-– aus Tagen ihres vorigen Aufenthalts. Herrn Peeperkorns
-<a id="page-367" class="pagenum" title="367"></a>
-Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie nannte seinen Namen,
-und der Holländer, den blassen Blick unter dem idolhaften
-Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und
-Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die
-Hand, deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand,
-dachte Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen
-beiseite ließ. Zum erstenmal stand er unter der unmittelbaren
-Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger Persönlichkeit („Persönlichkeit“
-– man hatte das Wort beständig im Sinne angesichts
-seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine Persönlichkeit,
-wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt,
-daß eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen
-könne als er), und seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich
-erdrückt von dem Gewicht dieser breitschultrigen, rotgesichtigen,
-weißumlohten Sechzig, mit dem weh zerrissenen Munde und
-Kinnbart, der lang und schmal auf die geistlich geschlossene
-Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die Artigkeit selbst.
-</p>
-
-<p>
-„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie
-mir, – durchaus! Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft,
-– die Bekanntschaft eines vertrauenerweckenden jungen Mannes,
-– ich tue es mit Bewußtsein, mein Herr, ich bin mit ganzer
-Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein Herr; ich – bitte
-sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“
-</p>
-
-<p>
-Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren
-allzu peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn
-zog Folgerungen daraus, die er andeutungsweise verlautbarte,
-und die durch den Mund seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße
-Ergänzung fanden.
-</p>
-
-<p>
-„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber –
-ich bitte mich wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser
-<a id="page-368" class="pagenum" title="368"></a>
-Vermögen, seinen Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun
-einmal – Das sind Tatsachen, mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten.
-Kurzum, mein Kind, kurzum und gut. –“ Er verharrte
-in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die Verantwortung
-ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises ein entscheidender
-Fehler begangen werden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner
-Wünsche aufs halbe Wort zu unterscheiden. Sie sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben,
-vielleicht ein Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken.
-Was stehen Sie?“ wandte sie sich an Hans Castorp. „Regen
-Sie sich! Wir werden nicht zu dreien bleiben, wir müssen
-Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon? Engagieren
-Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den Balkons.
-Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“
-</p>
-
-<p>
-Peeperkorn rieb sich die Hände.
-</p>
-
-<p>
-„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger
-Freund! Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir
-werden spielen und essen und trinken. Wir werden fühlen, daß
-wir – Absolut, junger Mann!“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er
-klopfte bei A. K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal
-und Herrn Albin aus ihren Stühlen in der unteren Liegehalle
-holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant und das Ehepaar
-Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld noch
-im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein
-geräumiger Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen
-und kleinen Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden
-Gast, der sich zugesellte, blassen und höflichen Blickes, unter
-<a id="page-369" class="pagenum" title="369"></a>
-aufmerksam emporgezogenen Stirnarabesken. Zu zwölf Personen
-ließ man sich nieder, Hans Castorp zwischen dem majestätischen
-Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und Spielmarken
-wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige
-Gänge <span class="antiqua" lang="fr">Vingt et un</span> geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner
-bedeutsamen Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen
-weißen Chablis vom Jahre 06, drei Flaschen fürs erste, und
-Süßigkeiten dazu, was eben an gedörrtem Südobst und Konfiserie
-würde aufzutreiben sein. Das Händereiben, mit dem er
-die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen wurden, war voll
-von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art abrissen,
-suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen
-in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung
-in Frage kam. Er legte beide Hände auf die Unterarme
-seiner Nachbarn, hob den lanzenspitzen Zeigefinger und forderte
-mit umfassendem Erfolge die höchste Aufmerksamkeit für
-die herrliche Goldfarbe des Weins in den Römern, für den
-Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine gewisse Art
-kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem
-er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa
-hätte regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im
-Keime erstickte. Er war es, der als erster die Bank übernahm;
-doch trat er sie bald an Herrn Albin ab, da, wenn man
-ihn recht verstand, das Amt ihn am freien Genusse der Umstände
-hinderte.
-</p>
-
-<p>
-Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte
-um nichts, seiner Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als
-kleinsten Einsatz ausgerufen nach seinem Vorschlage, doch war
-das sehr viel für die Mehrzahl der Beteiligten; Staatsanwalt
-Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden abwechselnd rot
-<a id="page-370" class="pagenum" title="370"></a>
-und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren Kämpfen,
-wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen
-sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter
-Routine eine Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und
-über zuschanden machte, und Peeperkorn lachte herzlich darüber.
-</p>
-
-<p>
-„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es
-klingt schrill und lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken
-Sie, laben Sie Ihr Herz zu neuen –“ Und er schenkte ihr ein,
-schenkte auch seinen Nachbarn und sich selber ein, bestellte drei
-neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der innerlich verödeten
-Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am bedürftigsten
-schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und
-höher von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme
-desjenigen Doktor Ting-Fus, das unveränderlich gelb
-blieb, mit jettschwarzen Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem
-Kichern sehr hohe Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem
-Glück. Andere wollten nicht zurückstehen. Staatsanwalt
-Paravant forderte schwimmenden Blickes das Schicksal
-heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig hoffnungsvolle
-Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und
-gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen
-auf ein As, das er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen,
-verdoppelt zurück. Das waren Erschütterungen, die sich nicht
-auf die Person dessen beschränkten, der sie sich bereitete. Der
-Kreis nahm teil daran, und selbst Herr Albin, der an kalter
-Umsicht mit den Croupiers des Kasinos von Monte Carlo
-wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war seiner Erregung
-nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte
-hoch; ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu
-<a id="page-371" class="pagenum" title="371"></a>
-den „Touren“ über, spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante,
-deine Tante“ und das gefährliche „Différence“. Jubel und
-Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und hysterische
-Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das
-bübische Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie
-waren echt und ernst, – nicht anders hätten sie lauten können
-in den Wechselfällen des Lebens selbst.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das
-Spiel und der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises,
-diese Erhitzung der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden
-Augen oder das zeitigten, was man die Angestrengtheit
-der kleinen Gesellschaft, ihr In-Atem-gehalten-sein, ihre fast
-schmerzhafte Konzentration auf den Augenblick hätte nennen
-können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung einer Herrschernatur
-unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“
-unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen,
-der die Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und
-alle durch das Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen
-Blick unter dem monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch
-sein Wort und die Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den
-Bann der Stunde zwang. Was sagte er? Höchst Undeutliches,
-und desto Undeutlicheres, je mehr er trank. Aber man hing an
-seinen Lippen, starrte lächelnd und mit emporgerissenen Brauen
-nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit seinem Daumen
-bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz
-aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend
-arbeitete, und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst
-anhalten, der weit das Maß von hingebender Leidenschaft
-überstieg, das diese Leute sich sonst zuzumuten gewöhnt waren.
-Er ging über die Kräfte einzelner, dieser Dienst. Frau Magnus
-<a id="page-372" class="pagenum" title="372"></a>
-wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht hinzuschwinden,
-weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen,
-sondern begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue,
-woselbst man ihre Stirn mit einer nassen Serviette versah, und
-von wo sie nach einiger Erholung in den Kreis zurückkehrte.
-</p>
-
-<p>
-Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr
-zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit
-erhobenem Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man
-müsse essen, ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht
-werden zu können, so gab er zu verstehen, und bestellte Stärkung
-für die Runde, eine Kollation, Fleisch, Aufschnitt, Zunge,
-Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, – Platten voll fetter
-Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und Petersilie
-garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie,
-eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen
-Gediegenheit kein Wort verloren zu werden braucht, frohen
-Zuspruch fanden, erklärte Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen
-Bissen für „Firlefanz“ – und zwar mit einem Zorn, der
-die beängstigende Unberechenbarkeit seiner Herrschernatur bekundete.
-Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in Schutz
-zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er
-schlug mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten
-Quark erklärte, – worauf man denn betreten verstummte,
-da er am Ende als Spender und Wirt das Recht
-hatte, seine Gaben zu beurteilen.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte,
-ihm vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich
-bekennen mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn
-nicht, wirkte in seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen
-Weinmengen in Beziehung zu setzen niemand in seinem Herzen
-<a id="page-373" class="pagenum" title="373"></a>
-sich unterstand, so groß und königlich, daß alle sich duckten und
-jedermann sich hütete, von den Fleischwaren noch einen Bissen
-zu nehmen. Frau Chauchat war es, die ihren Reisegefährten
-beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach dem Schlag auf
-dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd,
-man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht,
-wenn er wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen
-sein werde. „Mein Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und
-mühelos, in voller Würde fand er den Übergang von schwerem
-Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er Clawdias Hand
-küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für jedermann
-eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen
-gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung
-einen Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal
-zum Unterbrechen des Feierabends zu bestimmen.
-</p>
-
-<p>
-Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende
-Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und
-grün gesprenkelt, einen weichlich warmen Duft von Eiern und
-Butter im Zimmer verbreitend. Man griff zu, gemeinsam mit
-Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm, der mit abgerissenen
-Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann
-zu aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe
-anhielt. Er ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle
-Runde, und zwang alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft
-nach Getreide mit einem zarten Einschlag von Wacholder entströmte,
-mit gespannter Andacht zu sich zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den
-Mundstückzigaretten zu, die sie in einer russischen, mit einer
-dahinsausenden Troika geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit
-vor sich auf den Tisch gelegt hatte, und Peeperkorn
-<a id="page-374" class="pagenum" title="374"></a>
-tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich diesem Vergnügen überließen,
-rauchte aber selbst nicht, tat es niemals. Verstand man
-ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum bereits
-den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen
-Raub an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute,
-jener Gaben und Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer
-Gefühlskraft doch kaum gelinge. „Junger Mann,“ sagte er
-zu Hans Castorp, indem er ihn mit seinem blassen Blick und
-seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, – das Einfache!
-Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche
-Wein, ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen
-und genießen wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir
-ihm wahrhaft Genüge, bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt.
-Ich habe Personen gekannt, Männer und Frauen, Kokainesser,
-Haschischraucher, Morphinisten – Gut, lieber Freund!
-Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und richten.
-Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen,
-dem Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles –
-Erledigt, mein Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren
-ihm alles schuldig geblieben! Wie Sie auch heißen mögen,
-junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt, ich habe es
-wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht im
-Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die
-nicht vergeben werden kann, sie beruht –“
-</p>
-
-<p>
-Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt,
-verharrte er in mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu
-verstehen zwang, den Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig
-zerrissenem Munde unter der nackten und roten, von der Rasur
-etwas wunden Oberlippe, angestrengt emporgezogen das
-lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten Stirn,
-<a id="page-375" class="pagenum" title="375"></a>
-erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp
-etwas wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen
-Versündigung, dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt
-hatte, und das in seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit
-der ganzen bannenden Kraft einer undeutlichen Herrschernatur
-schweigend befahl ... Entsetzen, dachte Hans Castorp, von
-sachlicher Art, aber auch etwas wie persönliches Entsetzen, ihn
-selbst, den königlichen Mann, betreffend, – <em>Angst</em> also, aber
-nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie panischer
-Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf, und
-Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht,
-aller Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits
-gegen Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden
-waren, diese Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen.
-</p>
-
-<p>
-Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn
-die Genugtuung des Verständnisses zu bereiten.
-</p>
-
-<p>
-„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und
-ein Zeichen von Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen,
-ohne den einfachen und natürlichen Gaben des Lebens, die so
-groß und heilig sind, gerecht geworden zu sein. Dies ist Ihre
-Meinung, wenn ich Sie recht verstehe, Mynheer Peeperkorn,
-und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen ist, kann ich
-Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf
-hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß
-diesen gesunden und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit
-widerfährt. Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff
-und unaufmerksam und gewissenlos und innerlich ausgeleiert,
-um sie ihnen widerfahren zu lassen, so wird es wohl sein.“
-</p>
-
-<p>
-Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte
-er, „– perfekt. Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter.
-<a id="page-376" class="pagenum" title="376"></a>
-Ich bitte Sie, mit mir zu trinken, das Glas bis zum Grunde zu
-leeren, und zwar Arm um Arm. Dies soll noch nicht heißen,
-daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich war eben im
-Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein wenig zu
-überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in
-sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie
-aber wünschen und darauf bestehen, daß wir sofort –“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn
-selbst angeregten Aufschub.
-</p>
-
-<p>
-„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut.
-Gut und schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben –
-nicht gut. Anforderungen! Heilige, weibliche Anforderungen
-des Lebens an Ehre und Manneskraft –“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn
-schwer betrunken war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit
-nicht gering und beschämend, nicht als Entwürdigungszustand,
-sondern verband sich mit der Majestät seiner Natur zu einer
-großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung. Auch Bacchus
-selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf seine
-enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen,
-und im höchsten Grade kam es darauf an, <em>wer</em> betrunken war,
-eine Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst,
-im Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten
-nachzulassen, dessen Kulturgebärden schlaff geworden
-waren und dessen Zunge lallte.
-</p>
-
-<p>
-„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in
-freier und stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf
-der Tischplatte ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust
-leicht aufschlagend, „– in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht,
-wenn auch Besonnenheit zunächst noch – gut. Erledigt.
-<a id="page-377" class="pagenum" title="377"></a>
-Das Leben – junger Mann – es ist ein Weib, ein hingespreitet
-Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten und großer,
-weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit
-schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen
-Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforderung
-unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer
-Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird, –
-zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die
-Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzulänglichkeit,
-für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde
-gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen
-ist, – er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach
-und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott,
-für diese grauenhafte Blamage. Sie ist das Ende, die
-höllische Verzweiflung, der Weltuntergang ...“
-</p>
-
-<p>
-Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper
-mehr und mehr zurückgeworfen, während zugleich sein königliches
-Haupt sich zur Brust neigte, als wollte er einschlafen. Bei
-dem letzten Worte aber ließ er die schlaffe Faust ausholend zu
-schwerem Schlage auf den Tisch fallen, so daß der schmächtige
-Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von der Eigentümlichkeit
-aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig erschrocken
-auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie
-das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich
-nicht, es jemals aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der
-Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem
-unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donnerwort
-wohl zugekommen, wer hatte <em>das Format</em> dafür – um
-die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner
-wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und
-<a id="page-378" class="pagenum" title="378"></a>
-scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde
-das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte
-Wucht, kurz, biblische Größe gewann. „Mein Gott –
-eine Persönlichkeit!“ empfand er zum hundertstenmal. „Ich
-bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist Clawdias Reisebegleiter!“
-Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er sein
-Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der
-Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette,
-die er im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen
-sollen, nachdem von berufener Seite Donnerworte gesprochen
-worden? Was sollte da noch seine spröde Stimme? Aber an
-Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen Erzieher – beide
-von Natur demokratisch, obgleich der eine sich sträubte, es zu
-sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen Kommentare verleiten.
-Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das
-für ein Ausdruck: Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“
-über den Weltuntergang?), „führen meine Gedanken noch einmal
-auf das zurück, was vorhin über das Laster ausgemacht
-wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und,
-wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen
-Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen,
-zugunsten der späten und ausgepichten, der Raffinements,
-denen man ‚frönt‘, wie einer von uns beiden sich ausdrückte,
-während man sich den großen ‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘.
-Aber hier scheint mir nun eben auch die Entschuldigung
-– verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte Natur,
-– obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich
-deutlich fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen,
-und zwar gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es
-<a id="page-379" class="pagenum" title="379"></a>
-nannten, beruht. Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit
-Dinge solchen Formates gesagt, daß Sie mich aufrichtig
-betroffen sehen davon. Aber ich meine, der Lasterhafte zeigt sich
-durchaus nicht unempfindlich für diese Schrecken, sondern im
-Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren, indem
-das Versagen seines Gefühls vor den klassischen Lebensgaben
-ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des Lebens
-liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung
-davor aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements
-ja Rausch- und Erhebungsmittel darstellen, <span class="antiqua" lang="la">stimulantia</span>,
-wie man sagt, Stützen und Steigerungen der Gefühlskräfte,
-weshalb denn also doch das Leben ihr Zweck und Sinn ist, die
-Liebe zum Gefühl, das Trachten der Unzulänglichkeit nach Gefühl ...
-Ich meine ...“
-</p>
-
-<p>
-Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit
-genug, „einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich
-um eine Persönlichkeit und um ihn handelte? Zog er den Mut
-zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten, die gewisse gegenwärtige
-Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten? Stach ihn der
-Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus unverschämte
-Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte
-er sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß
-er Fürchterliches heraufbeschworen.
-</p>
-
-<p>
-Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes
-in seiner zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem
-Kopfe verharrt, so daß man hätte zweifeln können, ob Hans
-Castorps Worte in sein Bewußtsein drangen. Jetzt aber, allmählich,
-während der junge Mann sich verwirrte, begann er,
-sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller
-Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot
-<a id="page-380" class="pagenum" title="380"></a>
-anschwoll, seine Stirnarabesken sich hoben und spannten und
-seine kleinen Augen sich zu blasser Drohung erweiterten. Was
-bereitete sich vor? Ein Koller, gegen den der vorangegangene
-nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im Anzuge.
-Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen
-die obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn
-vorgetrieben wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von
-der Tischplatte in Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust
-geballt, großartig ausholend zum Vernichtungsschlage gegen
-den demokratischen Schwätzer, der, in Schrecken gejagt und doch
-auch abenteuerlich erfreut durch das Bild ausdrucksvoll königlichen
-Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe hatte,
-Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig zuvorkommend:
-</p>
-
-<p>
-„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das
-Ganze ist eine Frage des Formats, nichts weiter. Man kann
-nicht Laster nennen, was Format hat. Das Laster hat niemals
-Format. Die Raffinements haben keines. Aber dem menschlichen
-Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten her ein Hilfsmittel,
-ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand gegeben,
-das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den
-Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften
-trägt, ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen
-darf, der Wein also, ein göttliches Geschenk an die Menschen,
-wie schon die alten humanistischen Völker behaupteten, die philanthropische
-Erfindung eines Gottes, mit der sogar die Zivilisation
-zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn
-wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und
-zu keltern, die Menschen aus dem Stande der Roheit traten
-und Gesittung erlangten, und noch heute gelten die Völker,
-<a id="page-381" class="pagenum" title="381"></a>
-bei denen Wein wächst, für gesitteter, oder halten sich dafür,
-als die weinlosen, die Kimerer, was sicher bemerkenswert
-ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des
-Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr
-mit der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem
-gelabten Gefühl, – ist das nicht, wenn ich so frei sein darf,
-Ihnen die Frage vorzulegen, auch Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“
-</p>
-
-<p>
-Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini
-es mit schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein
-„Schalk“. Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten
-– und geschickt dann auch wieder, wenn es galt,
-sich aus der Patsche zu ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster
-Lage und aus dem Stegreif, eine Ehrenrettung des Trunkes
-mit vielem Anstand vollzogen, hatte ferner, ganz nebenbei,
-die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in Mynheer
-Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig
-zu spüren war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend
-gemacht, indem er dem großartig darin Befangenen
-eine Frage vorgelegt hatte, die man mit erhobener Faust unmöglich
-beantworten konnte. Der Holländer ließ denn auch
-nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte
-sein Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein
-Glück!“ stand in seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich
-drohenden Miene zu lesen, das Gewitter verzog sich,
-und überdies mischte nun Frau Chauchat sich ein, indem sie
-ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall der Geselligkeit
-hinwies.
-</p>
-
-<p>
-„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie
-auf französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem
-<a id="page-382" class="pagenum" title="382"></a>
-Herrn, mit dem Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen
-haben. Aber unterdessen hat das Spiel fast aufgehört, und
-ich fürchte, man langweilt sich. Wollen wir den Abend beschließen?“
-</p>
-
-<p>
-Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war
-richtig: Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich
-gegriffen; die Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte
-Schulklasse. Mehrere waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff
-sofort die schleifenden Zügel. „Meine Herrschaften!“ rief
-er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser lanzenspitze Finger
-war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne, sein Ruf
-aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers,
-der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch
-war der Einsatz seiner Persönlichkeit sofort von weckender und
-sammelnder Wirkung. Man raffte sich auf, straffte die schlaff
-gewordenen Mienen und nickte lächelnd in des mächtigen Wirtes
-blasse Augen unter der idolhaften Lineatur seiner Stirn. Er
-bannte alle und hielt sie aufs neue zum Dienste an, indem er
-die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens senkte und die
-anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete die
-Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen
-weh zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende
-Undeutlichkeit dank ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste
-Macht über die Gemüter übte.
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften,
-es ist nun einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir –
-‚schwach‘, so steht es in der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt,
-sich den Anforderungen – Aber ich appelliere an Ihre –
-Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich <em>ap–pel–liere</em>. Sie
-werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine Herrschaften,
-<a id="page-383" class="pagenum" title="383"></a>
-perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich veneriere
-seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den
-– wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben
-vom ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten,
-meine Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich
-erinnern: Gethsemane! ‚Und nahm zu sich Petrum und die
-zween Söhne Zebedei. Und sprach zu ihnen: Bleibet hie und
-wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu ihnen und
-fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht
-eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften.
-Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber
-schlafend, und ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu
-ihnen: Ach, wollt Ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die
-Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften: Durchbohrend, herzversehrend.“
-</p>
-
-<p>
-Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt.
-Er hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen
-Kinnbart gefaltet und das Haupt schräg geneigt. Sein blasser
-Blick hatte sich gebrochen bei dem, was an einsamem Todesschmerz
-von seinen zerrissenen Lippen gekommen. Frau Stöhr
-schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer aus.
-Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise,
-gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte
-mit gesenkter Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten,
-um ihn der allgemeinen Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse
-ein Irrtum vorliegen. Man sei frisch und munter, flott, fidel
-und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es sei ein so schöner,
-festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, – alle verständen
-und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran, von
-dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer
-<a id="page-384" class="pagenum" title="384"></a>
-Peeperkorn könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen
-von ihnen.
-</p>
-
-<p>
-„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf.
-Seine Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts,
-ausgebreitet, aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu
-heidnischem Gebet. Seine großartige Physiognomie, eben noch
-von gotischem Schmerz beseelt, erblühte üppig und heiter; sogar
-ein sybaritisches Grübchen zeigte sich auf einmal in seiner
-Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die Karte
-geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an
-der Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen
-Mumm &amp; Co., <span class="antiqua" lang="fr">Cordon rouge, très sec</span>; dazu <span class="antiqua" lang="fr">petits fours</span>,
-köstliche, kegelförmige kleine Schlemmerbissen, mit farbigem
-Zuckerguß überkleidet, von zartestem Biskuitcharakter, im Innern
-benetzt von Schokolade- und Pistaziencreme, und auf
-Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande angeboten. Frau
-Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr Albin löste
-mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von
-Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole
-dem geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren,
-worauf er die Flasche nach elegantem Herkommen zum
-Einschenken in eine Serviette hüllte. Der edle Schaum befeuchtete
-das Linnen der Anrichtetischchen. Man ließ die Flachkelche
-klingen und leerte das erste Glas auf einen Zug, elektrisierte
-sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel.
-Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß
-man sich bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische
-zu räumen. Die Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun,
-indem sie ein zusammenhangloses Geschwätz tauschte,
-dessen Elemente bei jedem einzelnen aus erhöhtem Gefühle
-<a id="page-385" class="pagenum" title="385"></a>
-stammten und in irgendeinem Urzustande das Schönste versprochen
-hatten, aus denen aber auf dem Wege zur Mitteilung
-ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils unverständlicher
-Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham
-jedes nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten
-ohne Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen
-verantwortungslosen Zustand wiegten. Frau Magnus selbst
-hatte rote Ohren bekommen und gestand, sie fühle, wie Leben
-sie durchrinne, was aber Herrn Magnus nicht lieb zu sein schien.
-Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der Schulter Herrn
-Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken vorhielt.
-Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden
-leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen
-nach dem Champagner, <span class="antiqua" lang="fr">Mocca double</span>, der wiederum
-von „Brot“ begleitet war und von süßen Scharfheiten, Apricots
-Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille und Maraschino
-für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und Bier
-dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee
-für solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu
-bleiben oder zu einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie
-Mynheer selbst, der sich nach Mitternacht zusammen mit Frau
-Chauchat und Hans Castorp zu einem Schweizer Roten von
-naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem er mit wirklichem
-Durst einen Glasbecher nach dem anderen hinunterschüttete.
-</p>
-
-<p>
-Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten
-teils durch bleierne Rauscheslähmung, teils durch das
-eigentümliche Vergnügen, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen,
-teils durch die Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und
-durch das abschreckende Beispiel Petri und der Seinen, an deren
-<a id="page-386" class="pagenum" title="386"></a>
-Fleischesschwäche niemand teilhaben wollte. Allgemein gesprochen,
-schien der weibliche Teil weniger gefährdet in dieser
-Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl, die Beine
-von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur noch
-mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter
-Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich
-tätiger. Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte
-gestemmt, die Wangen in den Händen, wies lachend dem
-kichernden Ting-Fu den Schmelz ihrer Vorderzähne, indes Frau
-Stöhr, mit angezogenem Kinn über die vorgebogene Schulter
-kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln suchte.
-Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn
-Albins Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen
-zog, was aber Herr Magnus eher als Erleichterung
-zu empfinden schien. Anton Karlowitsch Ferge ward aufgefordert,
-die Geschichte seines Pleura-Choks zum besten zu geben,
-kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit und erklärte
-ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken einstimmig
-ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend
-bitterlich, aus irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen
-Einblick zu eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande
-war, wurde aber mit Kaffee und Kognak seelisch wieder
-auf die Beine gebracht und erregte übrigens durch das Gewimmer
-seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das von
-Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit
-erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine
-Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch
-nahm.
-</p>
-
-<p>
-„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben
-Sie mir: Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm
-<a id="page-387" class="pagenum" title="387"></a>
-meine Serviette! Oder besser noch, nein, unterlaß es! Er selber
-verzichtet darauf. Meine Herrschaften, – heilig! Heilig in
-jederlei Sinn, im christlichen wie im heidnischen! Ein Urphänomen!
-Ein Phänomen vom ersten – vom obersten – Nein, nein,
-das ist – –“
-</p>
-
-<p>
-Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt
-die leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er
-unter genauen, wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen
-Kulturgebärden seine Veranstaltung begleitete. Er
-hatte eine Art, den Ring, den sein gekrümmter Zeigefinger mit
-dem Daumen bildete, über das Ohr emporzuhalten und das
-Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die Gefühle erweckte,
-wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie
-erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher
-Grazie vor dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert
-in seiner Großartigkeit, den Arm um die benachbarte
-Stuhllehne geschlungen, zwang er alle zu ihrer Bestürzung, sich
-mit ihm in die lebendige und durchdringende Vorstellung des
-Morgens zu vertiefen, eines frostigen, dunklen Wintermorgens,
-wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe sich durch
-die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das
-draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ... Andeutungsweise
-wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so
-stark zu machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch
-noch des eiskalten Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher
-Frühe aus einem großen Schwamme über den Nacken
-drücke, und das er heilig nannte. Das war nur eine Abschweifung,
-eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der Lebensaufmerksamkeit,
-ein phantastisches Impromptu, das er fallen
-ließ, um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart
-<a id="page-388" class="pagenum" title="388"></a>
-alsbald der festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden.
-Er zeigte sich verliebt in all und jede erreichbare Weiblichkeit,
-wahllos und ohne Ansehen der Person. Er machte der
-Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte Wesen sein
-übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte, sagte
-der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau
-ihre Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen
-Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß
-auf seinen großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit
-der trostlosen Frau Magnus – dies alles unbeschadet seiner
-zärtlichen Ergebenheit gegen seine Reisebegleiterin, deren Hand
-er oft mit galanter Andacht an die Lippen führte. „Der Wein –“
-sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist nun doch – Erlauben
-Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“
-</p>
-
-<p>
-Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat
-Behrens also – nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen.
-Panik wütete in demselben Augenblick unter
-der entnervten Gästeschaft. Stühle und Eiskübel stürzten.
-Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von
-königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines
-Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den
-Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ
-sich aber dann durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu
-einem gewissen Grade mit dem Gedanken versöhnen, daß dies
-Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert hatte, ohnehin einmal
-sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der Mahnung
-an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte
-ein, sich zu Bette geleiten zu lassen.
-</p>
-
-<p>
-„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger
-Mann!“ sagte er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So
-<a id="page-389" class="pagenum" title="389"></a>
-waren sie seinem schweren Körper beim Aufkommen vom
-Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar, und eingehängt in
-beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine seiner
-hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den
-anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes
-zur Seite drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde
-war es wohl ein königlicher Luxus, den er sich leistete, indem er
-sich dieser Art lotsen und stützen ließ. Wahrscheinlich hätte er,
-wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch allein gehen können,
-– er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja nur den
-kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen
-Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar
-nicht nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil
-groß und üppig darin gefiel und sich einen königlichen Spaß
-daraus machte, seine dienenden Führer schwankend nach rechts
-und links zu stoßen. Er selbst äußerte unterwegs:
-</p>
-
-<p>
-„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn
-diesen Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“
-</p>
-
-<p>
-„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden
-Zweifel! Man gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem
-man sich freimütig schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen
-im Ernst ... Ich habe doch auch mein Teil, aber trotz aller sogenannten
-Betrunkenheit bin ich mir klar bewußt, daß ich die
-besondere Ehre habe, eine ausgesprochene Persönlichkeit zu Bett
-zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über mich, der
-ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in Vergleich
-komme –“
-</p>
-
-<p>
-„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn
-wankend gegen das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat
-mit sich zog.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-390" class="pagenum" title="390"></a>
-Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein
-leerer Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin
-ihn abgegeben, um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen
-Umständen blieb Peeperkorn stehen und wollte umkehren, um
-weiter zu trinken; aber von beiden Seiten wurde ihm in besserem
-Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in Bewegung
-setzen.
-</p>
-
-<p>
-Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer
-Krawatte und mit schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete
-seinen Gebieter auf dem Korridor, vor der Tür des
-Appartements, und nahm ihn mit einer Verneigung in Empfang,
-zu der er eine Hand auf die Brust legte.
-</p>
-
-<p>
-„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau
-zum Schluß auf die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans
-Castorp. „Sie wird nichts dagegen haben und es erwidern.
-Tut es auf mein Wohl und mit meiner Erlaubnis!“ sagte er;
-aber Hans Castorp weigerte sich dessen.
-</p>
-
-<p>
-„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das
-geht nicht.“
-</p>
-
-<p>
-Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken
-hoch und verlangte zu wissen, warum das nicht gehe.
-</p>
-
-<p>
-„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen
-kann“, sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen!
-Nein, das wäre, von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“
-</p>
-
-<p>
-Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging,
-so ließ Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er
-ihm freilich noch eine Weile über die eigene Schulter und die des
-Malaien mit angezogenem Faltenwerk nachblickte, erstaunt
-über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine Herrschernatur nicht
-zu stoßen gewohnt sein mochte.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-4">
-<a id="page-391" class="pagenum" title="391"></a>
-Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren)
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses
-ganzen Winters – soviel davon noch übrig war – und bis
-ins Frühjahr hinein, so daß es zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen
-gemeinsamen Ausflug (auch Settembrini und Naphta
-waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen Wasserfall kam ...
-Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger? – Nein,
-länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein?
-Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen.
-Auch Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder
-ehrenhaften Tänzern des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche
-Peeperkorn wurde also vom malignen Tropenfieber dahingerafft?
-– Nein, das wurde er nicht, aber wozu die Ungeduld?
-Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als Bedingung des
-Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch
-wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis
-nicht auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel
-Ehre, wie das Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt!
-Viel ist es ohnehin nicht mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter!
-oder, wenn das zu lärmend gesagt ist, es geht husch,
-husch! Ein Weiserchen mißt unsere Zeit, das trippelt, als ob es
-Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott weiß, was, zu bedeuten
-hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch seinen
-Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier
-oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und
-Haschisch, der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch
-stellen wir der schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit
-und logische Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das
-möge anerkannt werden, haben wir uns Köpfe wie die Herren
-<a id="page-392" class="pagenum" title="392"></a>
-Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt, statt uns etwa
-gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und
-das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht
-und namentlich im Punkte des <em>Formats</em> zugunsten dieser
-späten Erscheinung ausschlagen muß, wie er es denn auch in
-Hans Castorps Gedanken tat, wenn er in seiner Loge lag und
-sich gestand, daß die beiden überartikulierten Erzieher, die seine
-arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter Peeperkorn
-geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen, wie
-jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte,
-nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß,
-daß die hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten
-Persönlichkeit noch in Berührung brachte.
-</p>
-
-<p>
-Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter
-und also als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein
-Punkt für sich, durch den sich Hans Castorp in seinen Wertungen
-nicht beirren ließ. Er ließ sich, wiederholen wir, nicht beirren
-in seiner aufrichtig achtungsvollen, wenn auch zuweilen
-etwas kecken Teilnahme für einen Mann von Format, – nur
-weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau, von der
-Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift geliehen.
-Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit
-rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß
-nehmen wird an solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber
-sehen würde, wenn er Peeperkorn gehaßt und gemieden und
-innerlich von ihm nur als von einem alten Esel und kaudernden
-Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu besuchen, wenn er
-vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu sitzen, mit
-ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf <em>seine</em> Beiträge
-zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen
-<a id="page-393" class="pagenum" title="393"></a>
-Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden
-das Wesen der Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber
-tat er, und wir erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß
-jemand sich dadurch an Ferdinand Wehsal erinnert finden
-könnte, der Hans Castorps Paletot getragen hatte. Diese Erinnerung
-hat nichts zu sagen. Unser Held war kein Wehsal.
-Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein
-„Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen
-nicht durch die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu,
-ihn weder besser noch schlechter zu machen, als er war, stellen
-wir fest, daß er es einfach ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich,
-sondern ganz naiverweise es ablehnte, sich durch romanhafte
-Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das eigene Geschlecht
-bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche
-Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen
-mißfallen – wir glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich
-Ärgernis daran nahm; eine oder die andere spitze Bemerkung,
-die sie sich entschlüpfen ließ, und die wir noch einrücken
-werden, ließ darauf schließen –, aber vielleicht war es diese
-Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen Streitobjekt der
-Pädagogik machte.
-</p>
-
-<p>
-Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage
-nach jenem ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen.
-Fast alle Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten
-Geselligkeit waren übel daran, Hans Castorp nicht
-ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte, sich aber durch
-diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von gestern einen
-Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem
-Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an
-Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-394" class="pagenum" title="394"></a>
-Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch
-einen Salon, der es von demjenigen Frau Chauchats trennte,
-und fand es vor dem Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer
-ausgezeichnet durch Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung.
-Es gab da seidene Fauteuils und Tische mit geschweiften
-Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den Boden, und auch
-die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher hygienischer
-Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem Kirschholz
-mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen
-Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur
-ein kleiner, schirmend vereinigender Baldachin.
-</p>
-
-<p>
-Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher,
-Briefe und Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las
-durch seinen hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“.
-Kaffeegeschirr stand auf einem Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte
-Rotweinflasche – es war der naiv Spritzige von gestern
-Abend – neben Medizingläsern auf dem Nachttischchen. Der
-Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem Befremden kein
-weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das an
-den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund
-ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen
-Brust des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche
-Großartigkeit seines Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben,
-dem Bürgerlichen entrückt durch diese Tracht, die seiner
-Erscheinung ein teils volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges
-Gepräge verlieh.
-</p>
-
-<p>
-„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker
-am hohen Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte
-sehr, – keineswegs. Im Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte
-sich zu ihm und verbarg seine teilnehmende Verwunderung –
-<a id="page-395" class="pagenum" title="395"></a>
-wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das Gefühl war, zu dem
-seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich aufgewecktem
-Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten
-und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut
-aus, gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen
-hatte er einen starken Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen
-sich nun mit den Nachwehen des Rausches verbanden.
-</p>
-
-<p>
-„Wir haben es gestern arg –“, sagte er. „Nein, erlauben
-Sie, – schlimm und arg! Sie sind noch – gut, da hat es nichts
-weiter – Allein in meinen Jahren und bei meiner gefährdeten –
-Mein Kind“, wandte er sich mit zarter, aber entschiedener
-Strenge an die eben vom Salon her eintretende Frau Chauchat,
-„– alles gut, aber ich wiederhole Ihnen, daß besser hätte achtgegeben,
-daß man mich hätte hindern müssen –.“ Fast etwas
-wie aufziehender Königskoller war in seinen Mienen und seiner
-Stimme bei diesen Worten. Aber man brauchte sich ja nur
-vorzustellen, was für ein Wetter erst ausgebrochen wäre, wenn
-man ihn ernstlich im Trinken hätte stören wollen, um die ganze
-Unbilligkeit und Unvernunft seines Vorwurfs zu ermessen.
-Dergleichen gehört wohl zur Größe. Seine Reisebegleiterin
-ging denn auch drüber hin, indem sie Hans Castorp, der sich erhoben
-hatte, begrüßte, – übrigens ohne ihm die Hand zu reichen,
-sondern nur mit Lächeln und Winken und der Aufforderung,
-„doch nur ja“ Platz zu behalten, sich „doch nur ja nicht“
-in seinem <span class="antiqua" lang="fr">tête à tête</span> mit Mynheer Peeperkorn stören zu lassen
-... Sie machte sich dies und jenes im Zimmer zu schaffen,
-wies den Kammerdiener an, das Kaffeegeschirr fortzuräumen,
-verschwand auf eine Weile und kehrte auf leisen Sohlen wieder,
-um im Stehen sich ein wenig an dem Gespräch zu beteiligen,
-oder – wenn wir Hans Castorps unbestimmten Eindruck
-<a id="page-396" class="pagenum" title="396"></a>
-wiedergeben sollen – um es ein wenig zu überwachen. Natürlich!
-Sie konnte in Verbindung mit einer Persönlichkeit großen Formats
-wieder nach Haus Berghof zurückkehren; aber wenn derjenige,
-der hier so lange auf sie gewartet hatte, dann der Persönlichkeit
-die schuldige Reverenz erwies, von Mann zu Mann,
-so legte sie Unruhe und selbst Spitzigkeit an den Tag, mit ihrem
-„doch nur ja“ und „nur ja nicht“. Hans Castorp lächelte darüber,
-indem er sich über seine Knie beugte, um das Lächeln zu
-verbergen, und erglühte gleichzeitig innerlich vor Freude.
-</p>
-
-<p>
-Er bekam ein Glas Wein eingeschenkt von Peeperkorn, aus
-der Flasche vom Nachttisch. Unter Umständen, wie den heutigen,
-meinte der Holländer, sei es das beste, da wieder anzuschließen,
-wo man nachts zuvor aufgehört habe, und dieser Spritzige
-tue ja dieselben Dienste wie Sodawasser. Er stieß mit Hans
-Castorp an, und dieser sah trinkend zu, wie die sommersprossig-nagelspitze
-Kapitänshand dort drüben, von dem Knopfbunde
-des wollenen Hemdes am Gelenke umspannt, das Glas emporführte,
-wie die breiten, zerrissenen Lippen seinen Rand erfaßten
-und der Wein durch die auf- und niedersteigende Arbeiter- oder
-Büstengurgel trieb. Sie sprachen dann noch über das Medikament
-auf dem Nachttisch, diesen braunen Saft, von dem Peeperkorn
-auf Frau Chauchats Mahnung und aus ihrer Hand einen
-Löffel voll einnahm, – es war ein Antipyretikum, Chinin im
-wesentlichen; Peeperkorn gab seinem Gast ein wenig davon zu
-probieren, um ihn den charaktervollen, bitter-würzigen Geschmack
-des Präparats erfahren zu lassen, und äußerte dann
-mehreres zum Lobe des Chinins, das segensreich nicht nur durch
-seine keimzerstörende Wirkung und seinen heilsamen Einfluß auf
-das Wärmezentrum sei, sondern auch als Tonikum gewürdigt
-werden müsse: es vermindere den Eiweißumsatz, fördere den
-<a id="page-397" class="pagenum" title="397"></a>
-Ernährungszustand, kurz, sei ein echter Labetrank, ein herrliches
-Stärkungs-, Erweckungs- und Belebungsmittel, – ein Rauschmittel
-übrigens ebenfalls; man könne sich leicht einen kleinen
-Spitz oder Zopf daran trinken, sagte er, indem er wie gestern
-mit Fingern und Kopf großartig scherzte und wieder dem tanzenden
-Heidenpriester dabei glich.
-</p>
-
-<p>
-Ja, ein herrlicher Körper, die Fieberrinde! – es waren übrigens
-noch keine dreihundert Jahre, daß die Pharmakologie
-unseres Erdteils Kunde davon gewonnen, und noch kein Jahrhundert,
-daß die Chemie das Alkaloid, worauf seine Tugenden
-eigentlich beruhten, das Chinin also, entdeckt hatte – entdeckt
-und bis zu einem gewissen Grade analysiert; denn daß sie aus
-seiner Konstitution bis jetzt so recht klug geworden wäre oder
-imstande sei, es künstlich herzustellen, konnte die Chemie nicht
-behaupten. Unsere Arzneimittelkunde tat überall gut, sich ihres
-Wissens nicht lästerlich zu überheben, denn wie mit dem Chinin
-erging es ihr mit so manchem: Sie wußte dies und das von der
-Dynamik, den Wirkungen der Stoffe, allein die Frage, worauf
-denn diese Wirkungen genau genommen zurückzuführen seien,
-setzte sie oft genug in Verlegenheit. Der junge Mann mochte
-sich doch in der Giftkunde umsehen, – über die elementaren
-Eigenschaften, die die Wirkungen der sogenannten Giftstoffe
-bedingten, würde niemand ihm Auskunft geben. Da waren
-zum Exempel die Schlangengifte, – über welche nicht mehr bekannt
-war, als daß diese tierischen Stoffe einfach in die Reihe
-der Eiweißverbindungen gehörten, aus verschiedenen Eiweißkörpern
-bestünden, die aber nur in dieser bestimmten – nämlich
-durchaus unbestimmten – Zusammensetzung ihre fulminanten
-Wirkungen taten: in den Blutkreislauf gebracht, Effekte zeitigten,
-über die man sich nur verwundern konnte, da man Eiweiß
-<a id="page-398" class="pagenum" title="398"></a>
-auf Gift nicht zu reimen gewohnt war. Aber mit der Welt der
-Stoffe, sagte Peeperkorn, indem er neben seinem blaßäugig
-vom Kissen aufgerichteten Haupt mit den Stirnarabesken den
-Exaktheitsring und die Lanzen seiner Finger emporhielt, – mit
-den Stoffen stehe es so, daß alle Leben und Tod auf einmal bärgen:
-alle seien Ptisanen und Gifte zugleich, Heilmittelkunde und
-Toxikologie seien ein und dasselbe, an Giften genese man, und
-was für des Lebens Träger gelte, töte unter Umständen mit
-einem einzigen Krampfschlage in Sekundenfrist.
-</p>
-
-<p>
-Er sprach sehr eindringlich und ungewöhnlich zusammenhängend
-von den Ptisanen und Giften, und Hans Castorp hörte
-ihm mit schrägem Kopfe nickend zu, beschäftigt weniger mit dem
-Inhalt seiner Reden, der ihm am Herzen zu liegen schien, als mit
-dem stillen Erkunden seiner Persönlichkeitswirkung, die letzten
-Endes ebenso unerklärlich war wie die Wirkung der Schlangengifte.
-Dynamik, sagte Peeperkorn, sei alles in der Welt der Stoffe,
-– das Weitere sei völlig bedingt. Auch das Chinin sei ein Heilgift,
-kraftvoll in erster Linie. Vier Gramm davon machten taub,
-schwindelig, kurzatmig, brächten Sehstörungen hervor wie Atropin,
-berauschten wie Alkohol, und die Arbeiter in Chininfabriken
-hätten entzündete Augen und geschwollene Lippen, litten an
-Hautausschlägen. Und er fing an, von der Cinchona, dem Chinabaum,
-zu erzählen, von den Urwäldern der Kordilleren, wo er in
-dreitausend Meter Höhe seine Heimat habe, und von wo seine
-Rinde als „Jesuitenpulver“ so spät nach Spanien gekommen
-sei, – den Eingeborenen Südamerikas in ihren Kräften seit langem
-bekannt; er schilderte die gewaltigen Cinchonaplantagen
-der niederländischen Regierung auf Java, von wo alljährlich
-viele Millionen Pfund der rötlich zimtähnlichen Rindenröhren
-nach Amsterdam und London verschifft würden ... Die
-<a id="page-399" class="pagenum" title="399"></a>
-Rinden überhaupt, das Rindengewebe der Holzgewächse, von
-der Epidermis bis zum Cambium, – sie hätten es in sich, sagte
-Peeperkorn, fast immer besäßen sie außerordentliche dynamische
-Tugenden, im Guten wie im Bösen, – die Drogenkunde der
-farbigen Völker sei der unsrigen da weit überlegen. Auf einigen
-Inseln östlich von Neuguinea bereiteten sich die jungen Leute
-einen Liebeszauber, indem sie die Rinde eines bestimmten Baumes,
-der wahrscheinlich ein Giftbaum sei, wie der <span class="antiqua" lang="la">Antiaris toxicaria</span>
-von Java, der gleich dem Manzanillabaum durch seine
-Ausdünstung die Luft rings um sich her vergiften und Mensch
-und Tier zu Tode betäuben solle, – indem sie also die Rinde
-dieses Baumes zu Pulver zerrieben, das Pulver mit Kokosnußschnitzeln
-vermischten, die Mischung in ein Blatt rollten und
-brieten. Sie spritzten dann den Saft des Gemengsels der Spröden,
-der es gelte, im Schlaf ins Gesicht, und sie entbrenne für
-den, der gespritzt habe. Zuweilen sei es die Wurzelrinde, die es
-in sich habe, wie diejenige einer Schlingpflanze des Malaiischen
-Archipels, Strychnos Tieuté genannt, aus der die Eingeborenen
-unter Beigabe von Schlangengift das Upas-Radscha bereiteten,
-eine Droge, die, in die Blutbahn gebracht, z. B. durch
-Pfeilschuß, aufs allerschnellste den Tod herbeiführe, ohne daß
-jemand dem jungen Hans Castorp würde zu sagen wissen, wie
-das eigentlich geschähe. Nur so viel sei deutlich, daß das Upas
-in dynamischer Beziehung dem Strychnin nahe stehe ... Und
-Peeperkorn, im Bette nun vollends aufgerichtet und dann und
-wann mit leicht zitternder Kapitänshand das Weinglas zu seinen
-zerrissenen Lippen führend, um große, durstige Züge zu
-nehmen, erzählte vom Krähenaugenbaum der Koromandelküste,
-aus dessen orangegelben Beeren, den „Krähenaugen“,
-das allerdynamischste Alkaloid, Strychnin geheißen, gewonnen
-<a id="page-400" class="pagenum" title="400"></a>
-werde, – erzählte mit flüsternd herabgesetzter Stimme und hochgezogener
-Stirnlineatur von dem aschgrauen Geäst, dem auffallend
-glänzenden Blätterwerk und den gelbgrünen Blüten
-dieses Baumes, so daß dem jungen Hans Castorp ein zugleich
-tristes und hysterisch-buntfarbiges Bild von einem Baume vor
-Augen stand und ihm alles in allem etwas unheimlich zumute
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Auch mischte denn jetzt Frau Chauchat sich ein, indem sie
-sagte, es sei nicht gut, die Unterhaltung ermüde Peeperkorn, er
-könne aufs neue Fieber davon haben, und wie ungern immer
-sie die Entrevue unterbreche, so müsse sie Hans Castorp nun
-doch bitten, es für diesmal genug sein zu lassen. Das tat er natürlich,
-aber noch oft, nach einem Quartananfall, saß er in den
-nächsten Monaten an des königlichen Mannes Bett, während
-Frau Chauchat, das Gespräch leicht überwachend oder sich auch
-mit einigen Worten daran beteiligend, hin und <a id="corr-77"></a>wider ging; und
-auch in Peeperkorns fieberfreien Tagen verbrachte er manche
-Stunde mit ihm und seiner perlengeschmückten Reisebegleiterin.
-Denn wenn der Holländer nicht bettlägerig war, versäumte er
-selten, nach dem Diner eine kleine, wechselnd zusammengesetzte
-Auswahl der Berghof-Gästeschaft zu Spiel und Wein und allerhand
-weiteren Labungen um sich zu versammeln, sei es im Konversationszimmer,
-wie das erstemal, oder im Restaurant, wobei
-denn Hans Castorp gewohnheitsmäßig seinen Platz zwischen
-der lässigen Frau und dem großartigen Manne hatte; und selbst
-im Freien bewegte man sich miteinander, machte Spaziergänge
-zusammen, an denen etwa die Herren Ferge und Wehsal sich
-beteiligten und bald auch Settembrini und Naphta, die Widersacher
-im Geiste, denen zu begegnen man nicht hatte verfehlen
-können, und die mit Peeperkorn, wie zugleich denn endlich auch
-<a id="page-401" class="pagenum" title="401"></a>
-mit Clawdia Chauchat bekannt zu machen, Hans Castorp sich
-geradezu glücklich schätzte, – vollständig unbekümmert darum,
-ob diese Bekanntschaft und Verbindung den Disputanten willkommen
-war oder nicht und in dem stillen Vertrauen darauf,
-daß sie eines pädagogischen Objektes bedurften und lieber einen
-unwillkommenen Anhang in Kauf nehmen, als darauf verzichten
-würden, ihre Gegensätze vor ihm auszutragen.
-</p>
-
-<p>
-Er täuschte sich denn auch nicht darin, daß die Mitglieder seines
-buntscheckigen Freundeskreises sich wenigstens daran gewöhnen
-würden, daß sie sich nicht aneinander gewöhnten:
-Spannungen, Fremdheiten, sogar stille Feindseligkeit gab es
-selbstverständlich genug zwischen ihnen, und wir wundern uns
-selbst, wie es unserem unbedeutenden Helden gelingen mochte,
-sie um sich zusammenzuhalten, – wir erklären es uns mit einer
-gewissen verschmitzten Lebensfreundlichkeit seines Wesens, die
-ihn alles „hörenswert“ finden ließ, und die man Verbindlichkeit
-selbst in dem Sinne nennen könnte, daß sie nicht nur ihm die ungleichartigsten
-Personen und Persönlichkeiten, sondern bis zu
-einem gewissen Grade sogar diese untereinander verband.
-</p>
-
-<p>
-Wunderlich hin und her laufende Beziehungen! Es reizt
-uns, ihre verschlungenen Fäden einen Augenblick allgemein
-sichtbar zu machen, so, wie Hans Castorp selbst sie auf diesen
-Spaziergängen verschmitzten und lebensfreundlichen Auges betrachtete.
-Da war der elende Wehsal, der Frau Chauchats schwelend
-begehrte und Peeperkorn und Hans Castorp niedrig verehrte,
-den einen um der herrschenden Gegenwart, den anderen
-um der Vergangenheit willen. Da war Clawdia Chauchat
-ihrerseits, die anmutig weich schreitende Kranke und Reisende,
-die Hörige Peeperkorns, und zwar gewiß aus Überzeugung,
-gleichwohl aber immer etwas beunruhigt und innerlich spitzig,
-<a id="page-402" class="pagenum" title="402"></a>
-den Ritter einer fernen Faschingsnacht auf so gutem Fuße mit
-ihrem Gebieter zu sehen. Erinnerte diese Irritation nicht in etwas
-an diejenige, die ihr Verhältnis zu Herrn Settembrini bestimmte?
-Zu diesem Schönredner und Humanisten, den sie nicht
-leiden konnte und den sie hochmütig und unmenschlich nannte?
-Zu des jungen Hans Castorp erzieherischem Freunde, den sie gar
-zu gern darüber zur Rede gestellt hätte, was für Worte es gewesen
-seien, die er in seinem mediterranen Idiom, wovon sie so
-wenig eine Silbe verstand wie er von dem ihren, nur mit weniger
-sicherer Geringschätzung, dem konvenablen jungen Deutschen
-nachgesandt hatte, diesem hübschen kleinen Bourgeois von
-guter Familie und mit einer feuchten Stelle, als er damals im
-Begriffe gewesen war, sich ihr zu nähern? Hans Castorp, verliebt,
-wie man zu sagen pflegt „über beide Ohren“, doch nicht
-im vergnügten Sinn dieser Redensart, sondern so, wie man
-liebt, wenn der Fall verboten und unvernünftig liegt und sich
-keine friedlichen kleinen Lieder des Flachlandes darauf singen
-lassen, – arg verliebt also und damit abhängig, unterworfen,
-leidend und dienend, war doch der Mann, in der Sklaverei sich
-hinlängliche Verschmitztheit zu bewahren, um ganz gut zu wissen,
-welchen Wert seine Ergebenheit für die schleichende Kranke
-mit den bezaubernden Tatarenschlitzen etwa haben und behalten
-mochte: einen Wert, auf den sie, wie er bei sich in aller leidenden
-Unterworfenheit hinzufügte, aufmerksam gemacht werden
-konnte durch das Verhalten Herrn Settembrinis zu ihr, das
-ihren Argwohn nur zu offen bestätigte, nämlich so ablehnend
-war, wie humanistische Höflichkeit es nur irgend gestattete. Das
-Schlimme, oder, in Hans Castorps Augen, eher Vorteilhafte
-war, daß sie in ihren Beziehungen zu Leo Naphta, auf die sie
-doch Hoffnungen gesetzt, die rechte Entschädigung auch nicht
-<a id="page-403" class="pagenum" title="403"></a>
-fand. Zwar stieß sie hier nicht auf jene grundsätzliche Verneinung,
-die Herr Lodovico ihrem Wesen entgegensetzte, und die
-Gesprächsbedingungen lagen günstiger: sie unterhielten sich zuweilen
-gesondert, Clawdia und der scharfe Kleine, über Bücher,
-über Probleme der politischen Philosophie, in deren radikaler
-Behandlung sie übereinstimmten; und Hans Castorp nahm
-treuherzig teil daran. Aber eine gewisse aristokratische Einschränkung
-des Entgegenkommens, das der Emporkömmling, vorsichtig
-wie alle Emporkömmlinge, ihr bezeigte, mochte ihr doch
-bemerklich werden; sein spanischer Terrorismus stimmte im
-Grunde mit ihrer türenwerfend vagierenden „Mähnschlichkeit“
-wenig überein; und hinzu kam als Letztes und Feinstes eine
-leichte, schwer greifbare Gehässigkeit, die sie mit weiblichem
-Spürsinn von seiten <em>beider</em> Widersacher, Settembrinis und
-Naphtas, sich mußte entgegenwehen fühlen (so gut, wie ihr
-Faschingsritter selber sie wehen fühlte), und die ihren Grund in
-den Beziehungen beider zu ihm, Hans Castorp, hatte: die Mißstimmung
-des Erziehers gegen die Frau als störendes und ablenkendes
-Element, diese stille und ursprüngliche Gegnerschaft,
-die sie vereinigte, weil ihre pädagogisch verdichtete Zwietracht
-sich darin aufhob.
-</p>
-
-<p>
-Spielte nicht etwas von dieser Feindseligkeit auch in das Verhalten
-der beiden Dialektiker zu Pieter Peeperkorn hinein? Hans
-Castorp glaubte es zu bemerken, vielleicht weil er es boshafterweise
-erwartet hatte und im ganzen nicht wenig begierig gewesen
-war, den königlichen Stammler mit seinen beiden „Regierungsräten“,
-wie er sie bei sich manchmal witzweise nannte,
-zusammenzubringen und den Effekt zu studieren. Mynheer
-wirkte im Freien nicht ganz so großartig wie in geschlossenem
-Raum. Der weiche Filzhut, den er tief in die Stirn gerückt trug,
-<a id="page-404" class="pagenum" title="404"></a>
-und der sein weißes Flammenhaar, seine mächtige Stirnlineatur
-bedeckte, verkleinerte seine Züge, ließ sie gleichsam zusammenschrumpfen
-und setzte selbst seine gerötete Nase in ihrer Majestät
-herab. Auch war sein Gehen weniger gut als sein Stehen:
-Er hatte die Gewohnheit, bei jedem seiner kurzen Schritte den
-ganzen schweren Körper und sogar auch den Kopf etwas seitwärts
-fallen zu lassen nach der Seite des Fußes, den er eben vorwärts
-setzte, was eher gutmütig-greisenhaft als königlich anmutete;
-ging auch meist nicht zu voller Größe aufgerichtet, wie
-er stand, sondern etwas zusammengesunken. Aber auch so noch
-überragte er Herrn Lodovico sowohl wie nun gar den kleinen
-Naphta um Haupteslänge, – und das war es nicht allein, weshalb
-seine Gegenwart so sehr, vollkommen so sehr, wie Hans
-Castorp es einbildungsweise vorweggenommen, auf die Existenz
-der beiden Politiker drückte.
-</p>
-
-<p>
-Das war ein Druck, eine Herabminderung und Beeinträchtigung
-durch den Vergleich, – fühlbar dem durchtriebenen Beobachter,
-fühlbar aber ohne Zweifel auch den Beteiligten, sowohl
-den schmächtig Überartikulierten wie dem großartig
-Stammelnden. Peeperkorn behandelte Naphta und Settembrini
-überaus höflich und aufmerksam, mit einem Respekt, den
-Hans Castorp ironisch genannt haben würde, wenn ihn nicht
-volle Einsicht in die Unvereinbarkeit dieses Begriffes mit dem
-des großen Formats daran gehindert hätte. Könige kennen keine
-Ironie, – nicht einmal im Sinn eines geraden und klassischen
-Mittels der Redekunst, geschweige in einem verwickelteren Sinn.
-Und so war es denn eher eine zugleich feine und großartige Spötterei
-zu nennen, was, unter leicht übertriebenem Ernst verborgen
-oder offen zutage liegend, des Holländers Benehmen gegen
-Hansens Freunde kennzeichnete. „Ja – ja – ja –!“ konnte er
-<a id="page-405" class="pagenum" title="405"></a>
-wohl sagen, indem er mit dem Finger nach ihrer Seite drohte,
-den Kopf mit scherzhaft lächelnden zerrissenen Lippen abgewandt.
-„Das ist – Das sind –. Meine Herrschaften, ich lenke
-Ihre Aufmerksamkeit – – Cerebrum, cerebral, verstehen Sie!
-Nein – nein, perfekt, außerordentlich, das ist, da zeigt sich denn
-doch – –.“ Sie rächten sich, indem sie Blicke tauschten, die nach
-der Begegnung verzweifelt himmelwärts wanderten, und in die
-sie auch Hans Castorp hineinzuziehen trachteten, was er aber
-ablehnte.
-</p>
-
-<p>
-Es kam vor, daß Herr Settembrini den Schüler direkt zur
-Rede stellte und so seine pädagogische Unruhe bekundete.
-</p>
-
-<p>
-„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer
-alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er <a id="corr-79"></a>Sie fördern?
-Mir steht der Verstand still! Alles wäre klar – ohne eben lobenswert
-zu sein –, wenn Sie ihn in den Kauf nähmen, wenn Sie
-in seiner Gesellschaft nur die seiner gegenwärtigen Geliebten
-suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen, daß Sie sich beinahe
-mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie,
-kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe ...“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp lachte. „Durchaus!“ sagte er. „Perfekt! Es ist
-nun einmal – Erlauben Sie mir – Gut!“ Und er suchte auch
-Peeperkorns Kulturgebärden zu kopieren. „Ja, ja“, lachte er
-weiter, „Sie finden das dumm, Herr Settembrini, und jedenfalls
-ist es undeutlich, was in Ihren Augen wohl schlimmer ist,
-als dumm. Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene Arten
-von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ...
-Hallo! Da habe ich was geprägt, glaube ich, ein Wort, ein
-mot. Wie gefällt es Ihnen?“
-</p>
-
-<p>
-„Sehr gut. Ich sehe erwartungsvoll Ihrer ersten Aphorismensammlung
-entgegen. Vielleicht ist es noch Zeit, Sie zu bitten,
-<a id="page-406" class="pagenum" title="406"></a>
-daß Sie darin gewissen Betrachtungen Rechnung tragen,
-die wir gelegentlich über das menschenfeindliche Wesen des Paradoxons
-angestellt haben.“
-</p>
-
-<p>
-„Soll geschehen, Herr Settembrini. Soll absolut geschehen.
-Nein, Sie sehen mich gar nicht auf der Jagd nach Paradoxen
-mit meinem <span class="antiqua" lang="fr">mot</span>. Es war mir nur darum zu tun, auf die
-großen Schwierigkeiten hinzuweisen, die die Bestimmung von
-‚Dummheit‘ und ‚Gescheitheit‘ ... bereitet. Also: bereitet, nicht
-wahr? Das ist so schwer auseinander zu halten, das geht so
-sehr ineinander über ... Ich weiß wohl, Sie hassen das mystische
-<span class="antiqua" lang="it">guazzabuglio</span> und sind für den Wert, das Urteil, das
-Werturteil, und da gebe ich Ihnen ganz recht. Aber das mit der
-‚Dummheit‘ und der ‚Gescheitheit‘, das ist zuweilen ein komplettes
-Mysterium, und es muß doch erlaubt sein, sich um Mysterien
-zu kümmern, vorausgesetzt, daß das ehrliche Bestreben
-vorhanden ist, ihnen nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen.
-Ich frage Sie folgendes. Ich frage Sie: Können Sie
-leugnen, daß er uns alle in die Tasche steckt? Ich drücke es derb
-aus, und doch können Sie es, soviel ich sehe, nicht leugnen. Er
-steckt uns in die Tasche, und irgendwoher kommt ihm das Recht
-zu, sich über uns lustig zu machen. Woher? Wieso? Inwiefern?
-Natürlich nicht vermöge seiner Gescheitheit. Ich gebe zu,
-daß von Gescheitheit kaum die Rede sein kann. Er ist ja vielmehr
-ein Mann der Undeutlichkeit und des Gefühls, das Gefühl
-ist geradezu seine Puschel, – verzeihen Sie den umgangssprachlichen
-Ausdruck! Ich sage also: Nicht vor Gescheitheit
-steckt er uns in die Tasche, das heißt nicht aus geistigen Gründen,
-– Sie würden sich das verbitten, und wirklich, es scheidet
-aus. Aber doch auch nicht aus körperlichen! Doch nicht seiner
-Kapitänsschultern wegen, in Hinsicht auf rohe Brachialgewalt
-<a id="page-407" class="pagenum" title="407"></a>
-und weil er jeden von uns mit der Faust niederstrecken könnte, –
-er denkt gar nicht daran, daß er das könnte, und wenn er mal
-daran denkt, so genügen ein paar zivilisierte Worte, um ihn zu
-beschwichtigen ... Also auch nicht aus körperlichen. Und doch
-spielt ganz ohne Zweifel das Körperliche eine Rolle dabei, –
-nicht im brachialen Sinne, sondern in einem andern, im mystischen,
-– sobald das Körperliche eine Rolle spielt, wird die Sache
-mystisch –; und das Körperliche geht ins Geistige über, und
-umgekehrt, und sind nicht zu unterscheiden, und Dummheit
-und Gescheitheit sind nicht zu unterscheiden, aber die Wirkung
-ist da, das Dynamische, und wir werden in die Tasche gesteckt.
-Und dafür ist uns nur ein Wort an die Hand gegeben, und das
-heißt ‚Persönlichkeit‘. Man braucht es wohl auch vernünftigerweise,
-so, wie wir alle Persönlichkeiten sind, – moralische und
-juristische und was noch für Persönlichkeiten. Aber nicht so ist
-es hier gemeint. Sondern als ein Mysterium, das über Dummheit
-und Gescheitheit hinausliegt, und um das man sich doch
-muß kümmern dürfen, – teils um ihm nach Möglichkeit auf den
-Grund zu kommen und teils, soweit das nicht möglich ist, um
-sich daran zu erbauen. Und wenn Sie für Werte sind, so ist die
-Persönlichkeit am Ende doch auch ein positiver Wert, sollte ich
-denken, – positiver als Dummheit und Gescheitheit, im höchsten
-Grade positiv, <em>absolut</em> positiv, wie das Leben, kurzum: ein
-Lebenswert und ganz danach angetan, sich angelegentlich darum
-zu kümmern. Das meinte ich Ihnen erwidern zu sollen auf
-das, was Sie von Dummheit sagten.“
-</p>
-
-<p>
-Neuerdings verwirrte und verhaspelte Hans Castorp sich
-nicht mehr bei solchen Expektorationen und blieb nicht stecken.
-Er sprach seinen Part zu Ende, ließ die Stimme sinken, machte
-Punktum und ging seines Weges wie ein Mann, obgleich er
-<a id="page-408" class="pagenum" title="408"></a>
-noch immer rot dabei wurde und eigentlich etwas Furcht hatte
-vor dem kritischen Schweigen, das seinem Verstummen folgen
-würde, damit er Zeit habe, sich zu schämen. Herr Settembrini
-ließ es walten, dieses Schweigen, und sagte dann:
-</p>
-
-<p>
-„Sie leugnen, sich auf der Jagd nach Paradoxen zu befinden.
-Unterdessen wissen Sie genau, daß ich Sie ebenso ungern
-auf der Jagd nach Mysterien sehe. Indem Sie aus der Persönlichkeit
-ein Geheimnis machen, laufen Sie Gefahr, der
-Götzenanbetung zu verfallen. Sie venerieren eine Maske. Sie
-sehen Mystik, wo es sich um Mystifikation handelt, um eine
-jener betrügerischen Hohlformen, mit denen der Dämon des
-Körperlich-Physiognomischen uns manchmal zu foppen liebt.
-Sie haben nie in Schauspielerkreisen verkehrt? Sie kennen
-nicht diese Mimenköpfe, in denen sich die Züge Julius Cäsars,
-Goethes und Beethovens vereinigen, und deren glückliche Besitzer,
-sobald sie den Mund auftun, sich als die erbärmlichsten
-Tröpfe unter der Sonne erweisen?“
-</p>
-
-<p>
-„Gut, ein Naturspiel“, sagte Hans Castorp. „Aber doch nicht
-nur ein Naturspiel, nicht nur Fopperei. Denn da diese Leute
-Schauspieler sind, müssen sie ja Talent haben, und das Talent ist
-selbst über Dummheit und Gescheitheit hinaus, es ist selbst ein Lebenswert.
-Mynheer Peeperkorn hat auch Talent, sagen Sie,
-was Sie wollen, und damit steckt er uns in die Tasche. Setzen Sie
-in eine Ecke eines Zimmers Herrn Naphta und lassen Sie ihn
-einen Vortrag über Gregor den Großen und den Gottesstaat
-halten, höchst hörenswert, – und in der andern Ecke steht Peeperkorn
-mit seinem sonderbaren Mund und seinen hochgezogenen
-Stirnfalten und sagt nichts als ‚Durchaus! Erlauben Sie
-mir – Erledigt!‘ – Sie werden sehen, die Leute werden sich um
-Peeperkorn versammeln, alle um ihn, und Naphta wird ganz
-<a id="page-409" class="pagenum" title="409"></a>
-allein dasitzen mit seiner Gescheitheit und seinem Gottesstaat,
-obgleich er sich dermaßen deutlich ausdrückt, daß es einem durch
-Mark und Pfennig geht, wie Behrens zu sagen pflegt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Schämen Sie sich der Erfolgsanbetung!“ mahnte ihn Herr
-Settembrini. „<span class="antiqua" lang="la">Mundus vult decipi.</span> Ich verlange nicht, daß
-man sich um Herrn Naphta schart. Er ist ein arger Quertreiber.
-Aber ich bin geneigt, auf seine Seite zu treten angesichts der
-imaginären Szene, die Sie mit tadelnswertem Beifall ausmalen.
-Verachten Sie nur das Distinkte, Präzise und Logische,
-das human zusammenhängende Wort! Verachten Sie es zu
-Ehren irgendeines Hokuspokus von Andeutung und Gefühlsscharlatanerie,
-– und der Teufel hat Sie schon unbedingt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Aber ich versichere Sie, er kann oft ganz zusammenhängend
-sprechen, wenn er warm wird“, sagte Hans Castorp. „Er hat
-mir gelegentlich von dynamischen Drogen und asiatischen
-Giftbäumen erzählt, so interessant, daß es fast unheimlich war
-– das Interessante ist immer etwas unheimlich – und interessant
-war es wieder nicht so sehr an und für sich, als eigentlich
-nur im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeitswirkung: die
-machte es zugleich unheimlich und interessant ...“
-</p>
-
-<p>
-„Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In
-der Tat, mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten“, erwiderte
-Herr Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp
-eilig erklärte, die Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung
-lägen selbstverständlich nach einer ganz anderen Seite hin, und
-es komme niemandem in den Sinn, Vergleiche anzustellen,
-durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde. Doch der
-Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-„Auf jeden Fall müssen Sie erlauben, daß man Ihre Sachlichkeit
-und Gemütsruhe bewundert, Ingenieur. Sie streift ein
-<a id="page-410" class="pagenum" title="410"></a>
-wenig das Groteske, das werden Sie einräumen. Wie schließlich
-alles steht und liegt ... Dieser Ölgötze hat Ihnen Ihre
-Beatrice weggenommen, – ich nenne die Dinge bei ihrem Namen.
-Und Sie? Es ist beispiellos.“
-</p>
-
-<p>
-„Temperamentsunterschiede, Herr Settembrini. Unterschiede
-in Hinsicht auf Hitze und Ritterlichkeit des Geblütes. Natürlich,
-Sie als Mann des Südens, Sie würden wohl Gift und Dolch
-zu Rate ziehen oder jedenfalls die Sache gesellschaftlich-leidenschaftlich
-gestalten, kurz hahnenmäßig. Das wäre gewiß sehr
-männlich, gesellschaftlich-männlich und galant. Mit mir aber
-ist es was anderes. Ich bin gar nicht männlich auf die Art, daß
-ich im Manne nur das nebenbuhlende Mitmännchen erblicke,
-– ich bin es vielleicht überhaupt nicht, aber bestimmt nicht auf
-diese Art, die ich unwillkürlich ‚gesellschaftlich‘ nenne, ich weiß
-nicht, warum. Ich frage mich in meiner tranigen Brust, ob ich
-ihm denn was vorzuwerfen habe. Hat er mir wissentlich etwas
-angetan? Aber Beleidigungen müssen mit Absicht geschehen,
-sonst sind sie keine. Und was das ‚antun‘ betrifft, da müßte ich
-mich schon an <em>sie</em> halten, und dazu habe ich auch wieder kein
-Recht, – überhaupt nicht und in Hinsicht auf Peeperkorn noch
-ganz besonders nicht. Denn er ist erstens eine Persönlichkeit,
-was schon allein etwas für Frauen ist, und zweitens ist er kein
-Zivilist, wie ich, sondern eine Art von Militär, wie mein armer
-Vetter, das heißt: er hat einen <span class="antiqua" lang="fr">point d’honneur</span>, eine Ehrenpuschel,
-und das ist das Gefühl, das Leben ... Ich schwatze da
-Unsinn, aber ich will lieber ein bißchen faseln und dabei etwas
-Schwieriges halbwegs ausdrücken, als immer nur tadellose Hergebrachtheiten
-von mir geben, – das ist doch vielleicht auch so
-etwas wie ein militärischer Zug in meinem Charakterbilde, wenn
-ich so sagen darf ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-411" class="pagenum" title="411"></a>
-„Sagen Sie immerhin so“, nickte Herr Settembrini. „Unbedingt
-wäre das ein Zug, den man loben dürfte. Der Mut der
-Erkenntnis und des Ausdrucks, das ist die Literatur, es ist die
-Humanität ...“
-</p>
-
-<p>
-So kamen sie leidlich voneinander bei solcher Gelegenheit;
-Herr Settembrini gab dem Gespräch versöhnlichen Abschluß,
-wozu er auch gute Gründe hatte. Seine Position dabei war
-keineswegs so unverletzlich, daß es ratsam für ihn gewesen
-wäre, die Strenge sehr weit zu treiben; ein Gespräch, das von
-Eifersucht handelte, war etwas schlüpfriger Boden für ihn; an
-einem bestimmten Punkte hätte er eigentlich antworten müssen,
-daß, in Anbetracht seiner pädagogischen Ader, sein Verhältnis
-zum Männlichen auch nicht durchaus gesellschaftlich-hahnenmäßiger
-Art sei, weshalb der großmächtige Peeperkorn seine
-Kreise ebenso störe, wie Naphta und Frau Chauchat es täten;
-und zum Schluß durfte er nicht hoffen, seinem Schüler eine
-Persönlichkeitswirkung und natürliche Überlegenheit auszureden,
-der er selbst sich so wenig, wie sein Partner in zerebralen
-Angelegenheiten, zu entziehen vermochte.
-</p>
-
-<p>
-Am besten erging es ihnen, wenn geistige Lüfte wehen, wenn
-sie disputieren – die Aufmerksamkeit der Spazierenden an eine
-ihrer zugleich eleganten und leidenschaftlichen, ihrer akademischen
-und dabei in einem Tonfall, als handele es sich um brennendste
-Tages- und Lebensfragen, geführten Debatten fesseln
-konnten, deren Kosten sie fast allein bestritten, und für deren
-Dauer das anwesende „Format“ gewissermaßen neutralisiert
-war, da es sie nur mit stirnfaltigem Erstaunen und undeutlich-spöttischen
-Abgerissenheiten begleiten konnte. Allein selbst unter
-diesen Umständen übte es seinen Druck, beschattete das Gespräch,
-so daß es an Glanz zu verlieren schien, entweste es auf
-<a id="page-412" class="pagenum" title="412"></a>
-irgendeine Weise, setzte ihm, allen fühlbar, wenn auch seinerseits
-sicherlich unbewußt, oder Gott weiß in welchem Grade bewußt,
-etwas entgegen, was keiner der beiden Sachen zugute
-kam und wodurch der Zwist in seiner entscheidenden Wichtigkeit
-verblaßte, ja ihm – wir nehmen Anstand, es zu sagen – der
-Stempel des Müßigen aufgedrückt wurde. Oder, anders versucht:
-die witzige Fehde auf Leben und Tod nahm heimlich, auf
-unterirdische und unbestimmte Weise, beständig Bezug auf das
-ihr zur Seite wandelnde Format und entnervte sich an diesem
-Magnetismus. Anders war dieser geheimnisvolle und für die
-Disputanten sehr ärgerliche Vorgang nicht zu kennzeichnen.
-Man kann nur sagen, daß es, wenn kein Pieter Peeperkorn gewesen
-wäre, zur Parteinahme weit strenger verpflichtet hätte,
-wie beispielsweise Leo Naphta das erz- und grundrevolutionäre
-Wesen der Kirche gegen die Lehrmeinung Herrn Settembrinis
-verteidigte, welcher in dieser geschichtlichen Macht
-einzig die Schutzherrin finsterer Beharrung und Erhaltung erblicken
-und alle zur Umwälzung und Erneuerung bereite Lebens-
-und Zukunftsfreundlichkeit an die entgegengesetzten, einer ruhmreichen
-Epoche der Wiedergeburt antiker Bildung entstammenden
-Prinzipien der Aufhellung, der Wissenschaft und des Fortschritts
-gebunden wissen wollte und auf diesem Bekenntnis mit
-schönstem Wurf des Wortes und der Gebärde bestand. Da
-machte denn Naphta, kalt und scharf, sich anheischig, zu zeigen
-– und zeigte es auch fast bis zu blendender Unwidersprechlichkeit
-–, daß die Kirche als Verkörperung der religiös-asketischen
-Idee, im Innersten weit entfernt, Parteigängerin und Stütze
-dessen zu sein, was bestehen wolle, der weltlichen Bildung also,
-der staatlichen Rechtsordnungen, – vielmehr von jeher den radikalsten,
-den Umsturz mit Stumpf und Stiel auf ihre Fahne
-<a id="page-413" class="pagenum" title="413"></a>
-geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich bewahrenswert
-dünke und von den Matten, den Feigen, den Konservativen,
-den Bürgern zu bewahren versucht werde: Staat und
-Familie, weltliche Kunst und Wissenschaft – sich immer nur in
-bewußtem oder unbewußtem Widerspruch zur religiösen Idee
-gehalten habe, zur Kirche, deren eingeborene Tendenz und unverbrüchliches
-Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen
-Ordnungen und die Neugestaltung der Gesellschaft nach dem
-Vorbilde des idealen, des kommunistischen Gottesstaates sei.
-</p>
-
-<p>
-Das Wort hatte danach Herr Settembrini, und beim Himmel!
-er wußte etwas damit anzufangen. Eine solche Verwechslung
-des luziferischen Revolutionsgedankens mit der Generalrevolte
-aller schlechten Instinkte, sagte er, sei beklagenswert.
-Die Neuerungsliebe der Kirche habe durch die Jahrhunderte
-darin bestanden, den lebenzeugenden Gedanken zu inquirieren,
-zu erdrosseln, im Rauch ihrer Scheiterhaufen zu ersticken, und
-heute lasse sie sich durch ihre Emissäre für umwälzungsfroh
-erklären, mit der Begründung, ihr Ziel sei es, Freiheit, Bildung
-und Demokratie durch Pöbeldiktatur und Barbarei zu ersetzen.
-Eh, in der Tat, eine schauerliche Art widerspruchsvoller Konsequenz,
-konsequenten Widerspruches ...
-</p>
-
-<p>
-An dergleichen Widerspruch und Folgerichtigkeit, entgegnete
-Naphta, lasse sein Gegner es nicht fehlen. Demokrat seiner
-eigenen Schätzung nach, äußere er sich wenig volks- und gleichheitsfreundlich,
-lege vielmehr eine sträfliche aristokratische
-Hochnäsigkeit zutage, indem er das zu stellvertretender Diktatur
-berufene Weltproletariat als Pöbel bezeichne. Aber als Demokrat,
-in Wahrheit, verhalte er sich offenbar zur Kirche, die
-allerdings, man müsse es auf stolze Art einräumen, die vornehmste
-Macht der Menschheitsgeschichte darstelle, – vornehm
-<a id="page-414" class="pagenum" title="414"></a>
-im letzten und höchsten Verstande, in dem des Geistes. Denn
-der asketische Geist, – wenn es erlaubt sei, in Pleonasmen zu
-reden – der Geist der Weltverneinung und Weltvernichtung sei
-die Vornehmheit selbst, das aristokratische Prinzip in Reinkultur;
-er könne niemals volkstümlich sein, und zu allen Zeiten
-sei die Kirche im Grunde unpopulär gewesen. Ein wenig literarische
-Bemühung um die Kultur des Mittelalters werde
-Herrn Settembrini dieser Tatsache ansichtig machen, – der derben
-Abneigung, die das Volk – und zwar das Volk im weitesten
-Sinne – dem kirchlichen Wesen entgegengebracht habe, gewisser
-Mönchsgestalten zum Beispiel, die, Erfindungen volkstümlicher
-Dichterphantasie, dem asketischen Gedanken auf bereits
-recht lutherische Weise Wein, Weib und Gesang entgegengestellt
-hätten. Alle Instinkte weltlichen Heldentums, aller
-Kriegergeist, dazu die höfische Dichtung habe sich in mehr oder
-minder offener Gegenstellung zur religiösen Idee und damit zur
-Hierarchie befunden. Denn das alles sei „Welt“ und Pöbeltum
-gewesen im Vergleich mit dem durch die Kirche dargestellten
-Adel des Geistes.
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini dankte für die Gedächtnisstärkung. Die
-Figur des Mönches Ilsan aus dem „Rosengarten“ behalte viel
-Erquickliches gegenüber dem hier gepriesenen Grabesaristokratismus,
-und wenn er, Redner, kein Freund des deutschen Reformators
-sei, auf den eine Anspielung geschehen, so finde man ihn
-doch glühend bereit, alles, was an demokratischem Individualismus
-seiner Lehre zugrunde liege, gegen jederlei geistlich-feudale
-Herrschaftsgelüste über die Persönlichkeit in Schutz zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-„Ei!“ rief Naphta nun auf einmal. Man wolle der Kirche
-wohl gar einen Mangel an Demokratismus, an Sinn für den
-Wert der menschlichen Persönlichkeit unterstellen? Und die
-<a id="page-415" class="pagenum" title="415"></a>
-humane Vorurteilslosigkeit des kanonischen Rechtes, welches,
-während das römische die Rechtsfähigkeit vom Besitz des Bürgerrechtes
-abhängig gemacht, das germanische sie an Volkszugehörigkeit
-und persönliche Freiheit gebunden habe, einzig kirchliche
-Gemeinschaft und Rechtgläubigkeit verlangt, sich aller
-staatlichen und gesellschaftlichen Rücksichten entschlagen und
-die Testier- und Sukzessionsfähigkeit von Sklaven, Kriegsgefangenen,
-Unfreien behauptet habe?!
-</p>
-
-<p>
-Diese Behauptung, bemerkte Settembrini bissig, sei wohl
-nicht ohne Seitenblick auf die „kanonische Portion“ aufrecht erhalten
-worden, die bei jedem Testament habe abfallen müssen.
-Im übrigen sprach er von „Pfaffendemagogie“, nannte es die
-Leutseligkeit unbedingter Machtbegier, die Unterwelt in Bewegung
-zu setzen, wenn die Götter begreiflicherweise nichts von
-einem wissen wollten, und meinte, es sei der Kirche offenbar auf
-die Quantität der Seelen mehr angekommen, als auf ihre Qualität,
-was auf tiefe geistige Unvornehmheit schließen lasse.
-</p>
-
-<p>
-Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde
-auf den unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht,
-welcher der Idee von der Erblichkeit der Schande zugrunde
-gelegen habe: der Übertragung schwerer Schuld auf die – demokratisch
-gesprochen – doch unschuldigen Nachkommen; die
-lebenslange Makelhaftigkeit und Rechtlosigkeit natürlicher Kinder
-zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, – erstens,
-weil sein humanes Gefühl sich dagegen empöre, und zweitens,
-weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der
-gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen
-Kultus des Nichts wiedererkenne, der Geist genannt sein wolle,
-und der die eingestandene Unpopularität des asketischen Prinzips
-als etwas so Legitimes, so Heiliges empfinden lasse.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-416" class="pagenum" title="416"></a>
-Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell
-herauslachen zu dürfen. Man spreche vom Nihilismus der
-Kirche! Vom Nihilismus des am meisten realistischen Herrschaftssystems
-der Weltgeschichte! Nie habe Herrn Settembrini
-also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der sie der
-Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger
-Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle
-und den Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Natur
-allzu streng zu begegnen? Auch von dem priesterlich feinen
-Begriff der Indulgenz habe er folglich nie gehört, unter den sogar
-ein Sakrament, nämlich das der Ehe, falle, welches gar
-kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten, sondern
-nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur Einschränkung
-der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so
-daß das asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte,
-ohne daß dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten
-werde?
-</p>
-
-<p>
-Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwahren
-gegen einen so abscheulichen Begriff des „Politischen“, gegen
-die Gebärde dünkelhafter Nachsicht und Klugheit, die der Geist
-– das, was sich hier Geist nenne – sich anmaße gegen sein vermeintlich
-schuldhaftes und „politisch“ zu behandelndes Gegenteil,
-welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz durchaus
-nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer Weltdeutung,
-die das Universum verteufele, nämlich sowohl das
-Leben, als auch zugleich sein erdünkeltes Gegenteil, den Geist:
-denn wenn <a id="corr-80"></a>jenes böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung,
-es sein! Und er brach eine Lanze für die Unschuld der
-Wollust, – wobei Hans Castorp an sein Humanistenstübchen
-im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der
-<a id="page-417" class="pagenum" title="417"></a>
-Wasserflasche denken mußte, – während Naphta, behauptend,
-nie könne Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts
-des Geistigen gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben,
-die kirchliche Politik und Indulgenz des Geistes als „Liebe“ bestimmte,
-um den Nihilismus des asketischen Prinzips zu widerlegen,
-– wobei Hans Castorp fand, daß das Wort „Liebe“ dem
-scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu Gesichte
-stehe ...
-</p>
-
-<p>
-So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp
-kannte es. Wir haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um
-zu beobachten, wie, beispielsweise, ein solcher peripatetischer
-Waffengang sich im Schatten der nebenherwandelnden Persönlichkeit
-ausnahm, und auf welche Weise etwa diese Gegenwart
-ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein
-heimlicher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her
-springenden Funken tötete und eine Erinnerung an jenes Gefühl
-matter Leblosigkeit sich aufdrängte, das uns überkommt,
-wenn eine elektrische Leitung sich als kontaktlos erweist. Gut!
-so war es. Da war kein Knistern zwischen den Widersprüchen
-mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die Gegenwart,
-neutralisiert durch den Geist, wie dieser meinen wollte, neutralisierte
-vielmehr den Geist; Hans Castorp ward es mit Staunen
-und Neugier gewahr.
-</p>
-
-<p>
-Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn,
-man sah ihn daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß,
-mit seinem seitwärts nickenden Tritt und den Hut in der Stirn;
-sah seine breiten, unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte
-ihn sagen, indem er scherzhaft mit dem Kopf auf die Disputanten
-deutete: „Ja – ja – ja! Cerebrum, cerebral, verstehen Sie!
-Das ist – Da zeigt sich denn doch –“: und siehe, der Steckkontakt
-<a id="page-418" class="pagenum" title="418"></a>
-war mausetot! Sie versuchten es zum andern, griffen zu
-stärkeren Beschwörungen, kamen auf das „aristokratische Problem“,
-auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch
-nahm das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp
-sah Clawdias Reisebegleiter unter der rotseidenen Steppdecke
-im Bette liegen, im kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann,
-halb Königsbüste, – und mit mattem Zucken erstarb der
-Nerv des Streites. Stärkere Spannungen! Verneinung hie
-und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und liebende Neigung
-des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom,
-wenn man auf Mynheer blickte, – was unvermeidlich und kraft
-geheimer Anziehung geschah? Kurzum, sie blieben <em>aus</em>, und
-das war, mit Hansens Wort, nicht weniger noch mehr als ein
-Mysterium. Für seine Aphorismensammlung mochte er sich
-notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten
-ausspricht – oder es unausgesprochen läßt. Um dieses allenfalls
-auszusprechen, durfte man einzig sagen, aber dies geradezu,
-daß Pieter Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske
-und seinem bitter zerrissenen Munde jeweils beides war, daß
-beides auf ihn zu passen und in ihm sich aufzuheben schien, wenn
-man ihn ansah: dies und jenes, das eine und das andre. Ja,
-dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche Zero! Er lähmte
-den Nerv der Widersprüche nicht durch Verwirrung und Quertreiberei,
-wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er
-war es auf ganz entgegengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde
-Mysterium, das offenkundig nicht über Dummheit und
-Gescheitheit allein, das über soviel andre Oppositionen noch
-hinaus war, die Settembrini und Naphta beschworen, um zu
-erzieherischem Behufe Hochspannung zu erzeugen. Die Persönlichkeit,
-so schien es, war nicht erzieherisch, – und dennoch,
-<a id="page-419" class="pagenum" title="419"></a>
-welche Chance war sie für einen Bildungsreisenden! Wie seltsam,
-diese Zweideutigkeit von einem König zu betrachten, als
-die Streiter auf Ehe und Sünde kamen, auf das Sakrament
-der Nachsicht, auf Schuld und Unschuld der Wollust! Er neigte
-das Haupt zur Schulter und Brust, die wehen Lippen taten sich
-voneinander, schlaff-klagend klaffte der Mund, die Nüstern
-spannten und verbreiterten sich wie in Schmerzen, die Falten
-der Stirne stiegen und weiteten die Augen zu blassem Leidensblick,
-– ein Bild der Bitternis. Und siehe, im selben Nu erblühte
-die Martermiene zur Üppigkeit! Die schräge Neigung des
-Hauptes deutete sich um in Schalkheit, die Lippen, noch offen,
-lächelten unsittsam, das sybaritische Grübchen, bekannt von
-früheren Gelegenheiten, erschien in einer Wange, – der tanzende
-Heidenpriester war da, und während er mit dem Kopfe scherzhaft
-in jene cerebrale Richtung deutete, hörte man ihn sagen:
-„Ei, ja, ja ja – perfekt. Das ist – Das sind – Da zeigt sich nun
-– Das Sakrament der Wollust, verstehen Sie – –“
-</p>
-
-<p>
-Dennoch, wie wir sagten, am besten waren Hans Castorps
-herabgesetzte Freunde und Lehrer immer noch daran, wenn sie
-zanken konnten. Sie waren in ihrem Elemente alsdann, während
-das Format es nicht war, und immerhin mochte man verschieden
-urteilen über die Rolle, die er dabei spielte. Ganz zweifellos
-dagegen gestaltete die Lage sich zu ihrem Nachteil, wenn
-es nicht länger um Witz und Wort und Spiritus, sondern um
-Sachen, um Irden-Praktisches, kurz, um Fragen und Dinge ging,
-in denen Herrschernaturen sich eigentlich bewähren: dann wars
-um sie geschehen, sie traten in den Schatten, wurden unscheinbar,
-und Peeperkorn ergriff das Zepter, bestimmte, entschied,
-beorderte, bestellte und befahl ... Was wunder, daß er nach
-diesem Zustand trachtete und aus der Logomachie in ihn
-<a id="page-420" class="pagenum" title="420"></a>
-hinüberstrebte? Er litt, solange sie herrschte, oder doch, wenn sie
-lange herrschte; doch nicht aus Eitelkeit litt er unter ihr, – Hans
-Castorp war dessen versichert. Die Eitelkeit hat kein Format,
-und Größe ist nicht eitel. Nein, Peeperkorns Verlangen nach
-Dinglichkeit entsprang aus anderen Gründen: aus „Angst“,
-ganz <a id="corr-81"></a>grob und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und Ehrenraptus,
-dessen Hans Castorp gegen Herrn Settembrini versuchsweise
-erwähnt und den er als einen gewissermaßen militärischen
-Zug hatte ansprechen wollen.
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herren –“, sagte der Holländer, indem er die Kapitänshand
-mit den Nagellanzen beschwörend und gebietend erhob.
-„– Gut, meine Herren, perfekt, vortrefflich! Die Askese
-– die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich möchte das – Durchaus!
-Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben Sie mir
-– Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen
-uns, meine Herrschaften, wir entziehen uns in unverantwortlicher
-Weise den heiligsten –“ Er atmete tief. „Diese Luft, meine
-Herrschaften, die charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit
-ihrem zart entnervenden, ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag
-von Frühlingsaroma, – wir sollten sie nicht einatmen,
-um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir sollten das nicht.
-Das ist eine Beleidigung. Nur ihr selbst sollten wir unsere volle
-und ganze – oh, unsere höchste und geistesgegenwärtigste – Erledigt,
-meine Herrschaften! Und nur als reine Lobpreisung ihrer
-Eigenschaften sollten wir sie wieder aus unserer Brust – – Ich
-unterbreche mich, meine Herrschaften! Ich unterbreche mich zu
-Ehren dieses –“ Er war stehengeblieben, zurückgebeugt, mit
-dem Hut die Augen beschattend, und alle folgten seinem Beispiel.
-„Ich lenke“, sagte er, „Ihre Aufmerksamkeit in die Höhe,
-in große Höhe, auf jenen schwarzen, kreisenden Punkt dort oben,
-<a id="page-421" class="pagenum" title="421"></a>
-unter dem außerordentlich blauen, ins Schwärzliche spielenden
-– Das ist ein Raubvogel, ein großer Raubvogel. Das ist, wenn
-mich nicht alles – Meine Herren und Sie, mein Kind, das ist
-ein Adler. Auf ihn lenke ich mit aller Entschiedenheit – Sehen
-Sie! Das ist kein Bussard und kein Geier, – wären Sie so übersichtig,
-wie ich es mit zunehmenden – Ja, mein Kind, gewiß,
-mit zunehmenden. Mein Haar ist bleich, gewiß. So würden
-Sie so deutlich, wie ich, an der stumpfen Rundung der Schwingen
-– Ein Adler, meine Herrschaften. Ein Steinadler. Er kreist
-gerade über uns im Blauen, schwebt ohne Flügelschlag in großartiger
-Höhe zu unseren – und späht gewiß aus seinen mächtigen,
-weitsichtigen Augen unter den vortretenden Brauenknochen
-– Der Adler, meine Herrschaften, Jupiters Vogel, der
-König seines Geschlechtes, der Leu der Lüfte! Er hat Federhosen
-und einen Schnabel von Eisen, nur vorne plötzlich eisern gekrümmt,
-und Fänge von ungeheurer Kraft, einwärts geschlagene
-Krallen, die vorderen von der langen rückwärtigen eisern
-umgriffen. Sehen Sie, so!“ Und er versuchte, mit seiner langgenagelten
-Kapitänshand die Adlerklaue darzustellen. „Gevatter,
-was kreist und spähst du!“ wendete er sich wieder nach
-oben. „Stoß nieder! Schlag ihm mit dem Eisenschnabel auf
-den Kopf und in die Augen, reiß ihm den Bauch auf, dem Wesen,
-das dir Gott – – Perfekt! Erledigt! Deine Fänge müssen
-in Eingeweide verstrickt sein und dein Schnabel triefen von
-Blut –“
-</p>
-
-<p>
-Er war begeistert, und um die Teilnahme der Spaziergänger
-für Naphtas und Settembrinis Antinomien war es getan. Auch
-wirkte die Erscheinung des Adlers noch wortlos nach in den Beschlüssen
-und Unternehmungen, die unter Mynheers Leitung
-darauf folgten: Es gab Einkehr, es gab ein Essen und Trinken,
-<a id="page-422" class="pagenum" title="422"></a>
-ganz außer der Zeit, jedoch mit einem Appetit, der durch das
-stille Gedenken an den Adler befeuert ward; ein Schmausen und
-Zechen, wie Mynheer es so oft auch außerhalb des Berghofs
-ins Werk setzte, wo es sich eben traf, in „Platz“ und „Dorf“, in
-einem Wirtshaus zu Glaris oder Klosters, wohin man ausflugsweise
-mit dem Züglein gefahren war: Klassische Gaben
-genoß man unter seiner Herrscherleitung: Rahmkaffee mit ländlich
-Gebackenem oder saftigen Käse auf duftiger Alpenbutter,
-die auch zu heißen, gerösteten Kastanien wundervoll mundete,
-dazu Veltliner Roten, soviel das Herz begehrte; und Peeperkorn
-begleitete das Stegreifmahl mit großen Abgerissenheiten
-oder forderte Anton Karlowitsch Ferge zu reden auf, diesen gutmütigen
-Dulder, dem alles Höhere völlig fremd war, der aber
-sehr dinghaft von der Fabrikation russischer Gummischuhe zu
-erzählen wußte: Mit Schwefel und andren Stoffen versetze
-man die Gummimasse, und die fertigen, lackierten Schuhe würden
-in einer Hitze von über hundert Grad „vulkanisiert“. Auch
-vom Polarkreis sprach er, denn selbst bis dorthin hatten seine
-Dienstreisen ihn mehrfach geführt: von der Mitternachtssonne
-und vom ewigen Winter am Nordkap. Da sei, sagte er aus seiner
-knotigen Kehle und unter seinem überhängenden Schnurrbart
-hervor, der Dampfer ganz winzig erschienen gegen den ungeheuren
-Felsen und die stahlgraue Fläche des Meeres. Und
-gelbe Lichtflächen hätten sich am Himmel ausgebreitet, das sei
-das Nordlicht gewesen. Und alles sei ihm, Anton Karlowitsch,
-gespenstisch vorgekommen, die ganze Szenerie und er sich selber
-mit.
-</p>
-
-<p>
-Soweit Herr Ferge, der einzige in der kleinen Gesellschaft,
-der außer allen hin und wieder laufenden Beziehungen stand.
-Was aber diese betraf, so gibt es zwei kurze Unterredungen
-<a id="page-423" class="pagenum" title="423"></a>
-aufzuzeichnen, zwei wunderliche Konversationen unter vier Augen,
-geführt zu jener Zeit von unserem unheldischen Helden mit
-Clawdia Chauchat und ihrem Reisebegleiter: mit jedem einzeln,
-die eine in der Halle, um eine Abendstunde, während die „Störung“
-droben im Fieber lag, die andre eines Nachmittags an
-Mynheers Lager ...
-</p>
-
-<p>
-Es herrschte Halbdunkel in der Halle an jenem Abend. Die
-regelmäßige Geselligkeit war matt und flüchtig gewesen,
-und früh hatte die Gästeschaft sich zum Spätliegedienst in die
-Balkonlogen verzogen, soweit sie nicht auf kurwidrigen Wegen
-wandelte, in die Welt hinab, zu Tanz und Spiel. Nur eine
-Lampe brannte irgendwo an der Decke des ausgestorbenen
-Raumes, und auch die anstoßenden Gesellschaftsräume waren
-kaum erhellt. Doch wußte Hans Castorp, daß Frau Chauchat,
-die das Diner ohne ihren Gebieter eingenommen hatte, noch
-nicht ins erste Stockwerk zurückgekehrt war, sondern allein im
-Schreib- und Lesezimmer verweilte, und darum hatte auch er
-gezögert, hinaufzugehen. Er saß in dem hinteren, durch eine
-flache Stufe erhöhten und durch ein paar weiße Bögen mit holzbekleideten
-Pfeilern vom Hauptraum abgegliederten Teil der
-Halle, saß am Kachelkamin, in solchem Schaukelstuhl wie der,
-worin Marusja sich damals gewiegt, als Joachim sein allereinziges
-Gespräch mit ihr gepflogen, und rauchte eine Zigarette,
-wie es um diese Stunde hier allenfalls statthaft war.
-</p>
-
-<p>
-Sie kam, er hörte ihre Schritte, ihr Kleid hinter sich, sie war
-neben ihm, fächelte mit einem Brief, den sie an einer Ecke hielt,
-in der Luft hin und her und sagte mit ihrer Pribislavstimme:
-</p>
-
-<p>
-„Der Concierge ist fort. Geben Sie schon ein <span class="antiqua" lang="fr">timbre poste</span>!“
-</p>
-
-<p>
-Sie trug leichte dunkle Seide diesen Abend, ein Kleid mit rundem
-Halsausschnitt und lockeren Ärmeln, die unten als
-<a id="page-424" class="pagenum" title="424"></a>
-geknöpfte Manschetten knapp um die Handgelenke lagen. Er sah
-das mit Vorliebe. Sie hatte sich mit der Perlenreihe geschmückt,
-die bleich in der Dämmerung schimmerte. Er blickte hinauf in
-ihr Kirgisengesicht. Er wiederholte:
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Timbre?</span> Ich habe keins.“
-</p>
-
-<p>
-„Wie, keins? <span class="antiqua" lang="fr">Tant pis pour vous.</span> Nicht in Bereitschaft,
-einer Dame gefällig zu sein?“ Sie warf die Lippen auf und
-zuckte die Achseln. „Das enttäuscht mich. Präzis und zuverlässig
-solltet Ihr doch sein. Ich habe mir eingebildet, Sie hätten
-in einem Fache Ihres Portefeuilles kleine zusammengelegte
-Bögen von allen Sorten, nach der Wertstaffel geordnet.“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, wozu?“ sagte er. „Ich schreibe nie Briefe. An wen
-wohl? Höchst selten mal eine Karte, die gleich frankiert ist. An
-wen sollte ich wohl Briefe schreiben? Ich habe niemanden.
-Ich habe gar keine Fühlung mehr mit dem Flachland, die ist
-mir abhanden gekommen. Wir haben ein Lied in unserem Volksliederbuch,
-worin es heißt: ‚Ich bin der Welt abhanden gekommen‘.
-So steht es mit mir.“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, dann geben Sie schon wenigstens eine Papyros, verlorener
-Mensch!“ sagte sie, indem sie sich ihm gegenüber neben
-den Kamin auf die mit einem leinenen Kissen belegte Bank
-setzte, ein Bein über das andere legte und die Hand ausstreckte.
-„Es scheint, damit sind Sie versehen.“ Und sie nahm nachlässig
-und ohne zu danken aus seiner silbernen Dose die Zigarette,
-die er ihr entgegenschob, und bediente sich an dem Taschenfeuerzeug,
-das er vor ihrem vorgebeugten Gesichte spielen ließ.
-In diesem trägen „Geben Sie schon!“, diesem Nehmen ohne
-Dank lag Üppigkeit der verwöhnten Frau, überdies aber der
-Sinn menschlicher, oder besser gesagt: „mähnschlicher“ Gemeinsamkeit
-und Besitzgenossenschaft, einer wilden und weichen
-<a id="page-425" class="pagenum" title="425"></a>
-Selbstverständlichkeit des Gebens und Nehmens. Er kritisierte
-es bei sich in verliebtem Sinn. Dann sagte er:
-</p>
-
-<p>
-„Ja, damit immer. Damit bin ich allerdings immer versehen.
-Das muß man haben. Wie käme man ohne das wohl aus?
-Nicht wahr, man nennt das eine Leidenschaft, wenn einer so
-fragt. Ich bin, offen gestanden, gar kein leidenschaftlicher
-Mensch, aber ich habe Leidenschaften, phlegmatische Leidenschaften.“
-</p>
-
-<p>
-„Es beruhigt mich außerordentlich“, sagte sie, den eingeatmeten
-Rauch heraussprechend, „zu hören, daß Sie kein leidenschaftlicher
-Mensch sind. Übrigens, wie denn auch wohl? Sie müßten
-aus der Art geschlagen sein. Leidenschaft, das ist: um des
-Lebens willen leben. Aber es ist bekannt, daß ihr um des Erlebnisses
-willen lebt. Leidenschaft, das ist Selbstvergessenheit. Aber
-euch ist es um Selbstbereicherung zu tun. <span class="antiqua" lang="fr">C’est ça.</span> Sie haben
-keine Ahnung, daß das abscheulicher Egoismus ist, und daß
-ihr damit eines Tages als Feinde der Menschheit dastehen
-werdet?“
-</p>
-
-<p>
-„Hallo, hallo! Gleich Feinde der Menschheit? – Was sagst
-du da, Clawdia, so allgemein? Was hast du Bestimmtes und
-Persönliches im Sinn, daß du sagst, uns sei es nicht um das
-Leben, sondern um Bereicherung zu tun? Ihr Frauen moralisiert
-doch nicht so ins Blaue hinein. Ach, die Moral, weißt du.
-Die ist ein Streitfall für Naphta und Settembrini. Die fällt
-ins Gebiet der großen Konfusion. Ob einer um seiner selbst
-willen lebt oder um des Lebens willen, das weiß er doch selber
-nicht, und niemand kann es genau und sicher wissen. Ich meine,
-die Grenze ist fließend. Da gibt es egoistische Hingabe und hingebenden
-Egoismus ... Ich glaube, es ist im ganzen, wie es
-in der Liebe ist. Natürlich ist es wohl unmoralisch, daß ich nicht
-<a id="page-426" class="pagenum" title="426"></a>
-recht darauf achten kann, was du mir sagst über Moral,
-sondern in erster Linie froh bin, daß wir zusammensitzen, wie
-nur einmal bisher und keinmal noch, seit du zurück bist. Und
-daß ich dir sagen kann, wie beispiellos gut dich diese engen
-Manschetten um deine Handgelenke kleiden und diese dünne
-Seide weit um deine Arme herum, – um deine Arme, die ich
-kenne ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ich gehe.“
-</p>
-
-<p>
-„Geh, bitte, nicht! Ich werde die Umstände berücksichtigen
-und die Persönlichkeiten.“
-</p>
-
-<p>
-„Worauf man denn doch wenigstens wird rechnen dürfen
-bei einem Menschen ohne Leidenschaft.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, siehst du! Du spottest und schiltst mich aus, wenn ich ...
-Und du willst gehen, wenn ich ...“
-</p>
-
-<p>
-„Man ist gebeten, weniger lückenhaft zu sprechen, wenn man
-verstanden zu werden wünscht.“
-</p>
-
-<p>
-„Und ich soll also gar nicht, auch kein bißchen teilhaben an
-deiner Übung im Erraten von Lückenhaftigkeiten? Das ist ungerecht,
-– würde ich sagen, wenn ich nicht einsähe, daß es hier
-nicht um Gerechtigkeit geht ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ah, nein. Gerechtigkeit ist eine phlegmatische Leidenschaft.
-Im Gegensatz zur Eifersucht, mit der phlegmatische Leute sich
-unbedingt lächerlich machen würden.“
-</p>
-
-<p>
-„Siehst du? Lächerlich. Gönne mir also mein Phlegma! Ich
-wiederhole: Wie käme ich ohne das wohl aus? Wie hätte ich
-ohne das zum Beispiel das Warten aushalten sollen?“
-</p>
-
-<p>
-„Bitte?“
-</p>
-
-<p>
-„Das Warten auf dich.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Voyons, mon ami.</span> Ich will mich weiter nicht aufhalten
-über die Form, in der Sie mit närrischer Hartnäckigkeit zu mir
-<a id="page-427" class="pagenum" title="427"></a>
-reden. Sie werden dessen schon müde werden, und schließlich
-bin ich nicht zimperlich, keine entrüstete Bürgersfrau ...“
-</p>
-
-<p>
-„Nein, denn du bist krank. Die Krankheit gibt dir Freiheit.
-Sie macht dich – halt, jetzt fällt mir ein Wort ein, das ich noch
-nie gebraucht habe! Sie macht dich genial!“
-</p>
-
-<p>
-„Wir wollen über Genie ein andermal reden. Nicht das
-wollte ich sagen. Ich verlange eines. Sie werden nicht fingieren,
-daß ich mit Ihrem Warten – wenn Sie gewartet haben –
-irgend etwas zu schaffen hätte, daß ich Sie dazu ermutigt, es
-Ihnen auch nur erlaubt hätte. Sie werden mir sofort ausdrücklich
-bestätigen, daß das Gegenteil der Fall ist ...“
-</p>
-
-<p>
-„Gern, Clawdia, gewiß. Du hast mich zum Warten nicht
-aufgefordert, ich habe aus freien Stücken gewartet. Ich verstehe
-vollkommen, daß du Gewicht darauf legst ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sogar Ihre Zugeständnisse haben etwas Impertinentes.
-Überhaupt sind Sie ein impertinenter Mensch, Gott weiß, wieso.
-Nicht nur im Verkehr mit mir, sondern auch sonst. Selbst
-Ihre Bewunderung, Ihre Unterordnung hat etwas Impertinentes.
-Glauben Sie nicht, daß ich das nicht sehe! Ich sollte
-überhaupt nicht mit Ihnen sprechen deswegen und auch darum
-nicht, weil Sie von Warten zu reden wagen. Es ist unverantwortlich,
-daß Sie noch hier sind. Längst sollten Sie wieder bei Ihrer
-Arbeit sein, <span class="antiqua" lang="fr">sur le chantier</span>, oder wo es war ...“
-</p>
-
-<p>
-„Jetzt sprichst du ungenial und ganz konventionell, Clawdia.
-Das ist ja nur eine Redensart. Wie Settembrini kannst du es
-nicht meinen und wie denn sonst. Es ist nur so hingesagt, ich
-kann es nicht ernst nehmen. Ich werde nicht wilde Abreise halten,
-wie mein armer Vetter, der, wie du vorhersagtest, gestorben
-ist, als er versuchte, im Flachlande Dienst zu tun, und der es
-wohl selber wußte, daß er sterben werde, aber lieber sterben
-<a id="page-428" class="pagenum" title="428"></a>
-wollte, als hier weiter Kurdienst machen. Gut, dafür war er
-Soldat. Aber ich bin keiner, ich bin Zivilist, für mich wäre es
-Fahnenflucht, zu tun, wie er, und partout, trotz Radamanths
-Verbot, im Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem
-Fortschritt dienen zu wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit
-und Untreue gegen die Krankheit und das Genie und gegen
-meine Liebe zu dir, wovon ich alte Narben und neue Wunden
-trage, und gegen deine Arme, die ich kenne, – wenn ich auch zugebe,
-daß es nur im Traume war, in einem genialen Traum,
-daß ich sie kennen lernte, so daß dir selbstverständlich keinerlei
-Konsequenzen und Verpflichtungen und Einschränkungen deiner
-Freiheit daraus erwachsen ...“
-</p>
-
-<p>
-Sie lachte, die Zigarette im Munde, daß ihre tatarischen
-Augen sich zusammenzogen, und ließ, gegen die Boiserie zurückgelehnt,
-die Hände neben sich auf die Bank gestützt und ein
-Bein über das andre geschlagen, den Fuß im schwarzen Lackschuh
-wippen.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">Quelle générosité! Oh là, là, vraiment</span>, genau so habe
-ich mir einen <span class="antiqua" lang="fr">homme de génie</span> schon immer vorgestellt, mein
-armer Kleiner!“
-</p>
-
-<p>
-„Laß das gut sein, Clawdia. Ich bin natürlich von Hause
-aus kein <span class="antiqua" lang="fr">homme de génie</span>, so wenig wie ich ein Mann von
-Format bin, du lieber Gott, nein. Aber dann bin ich durch Zufall
-– nenne es Zufall – so hoch heraufgetrieben worden in
-diese genialen Gegenden ... Mit einem Worte, du weißt wohl
-nicht, daß es etwas wie die alchimistisch-hermetische Pädagogik
-gibt, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung
-also, wenn du mich recht verstehen willst. Aber natürlich,
-ein Stoff, der dazu taugen soll, durch äußere Einwirkungen
-zum Höheren hinaufgetrieben und -gezwängt zu werden, der
-<a id="page-429" class="pagenum" title="429"></a>
-muß es wohl im voraus ein bißchen in sich haben. Und was
-ich in mir hatte, das war, ich weiß es genau, daß ich von langer
-Hand her mit der Krankheit und dem Tode auf vertrautem Fuße
-stand und mir schon als Knabe unvernünftigerweise einen Bleistift
-von dir lieh, wie hier in der Faschingsnacht. Aber die unvernünftige
-Liebe ist genial, denn der Tod, weißt du, ist das geniale
-Prinzip, die <span class="antiqua" lang="la">res bina</span>, der <span class="antiqua" lang="la">lapis philosophorum</span>, und er
-ist auch das pädagogische Prinzip, denn die Liebe zu ihm führt
-zur Liebe des Lebens und des Menschen. So ist es, in meiner
-Balkonloge ist es mir aufgegangen, und ich bin entzückt, daß
-ich es dir sagen kann. Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine
-ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm,
-er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“
-</p>
-
-<p>
-„Du bist ein närrischer Philosoph“, sagte sie. „Ich will nicht
-behaupten, daß ich alles verstehe in deinen krausen deutschen
-Gedanken, aber es klingt mähnschlich, was du sagst, und du
-bist zweifellos ein guter Junge. Übrigens hast du dich tatsächlich
-<span class="antiqua" lang="fr">en philosophe</span> benommen, man muß es dir lassen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Zu sehr <span class="antiqua" lang="fr">en philosophe</span> für deinen Geschmack, Clawdia,
-nicht?“
-</p>
-
-<p>
-„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet
-hast, war dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht
-böse, weil du umsonst gewartet hast?“
-</p>
-
-<p>
-„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen
-von phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und
-hart von dir, daß du mit ihm zusammen kamst, denn natürlich
-wußtest du durch Behrens, daß ich hier war und auf dich wartete.
-Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur als eine Traumnacht
-auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine Freiheit zugestehe.
-Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn du bist
-<a id="page-430" class="pagenum" title="430"></a>
-wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die wunderbare
-Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem
-Ohr, und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die
-ich kenne, – wenn freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber
-liegt, der große Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt
-hat ...“
-</p>
-
-<p>
-„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute
-Freundschaft halten.“
-</p>
-
-<p>
-„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat
-mich deswegen gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches
-Vorurteil. Der Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen,
-er ist ja eine Persönlichkeit! Daß er in Jahren ist, – nun
-ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen, wenn du als Frau
-ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“
-</p>
-
-<p>
-„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte
-sie, indem sie ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht
-für mähnschlich halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“
-</p>
-
-<p>
-„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit
-fängt an, wo ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört.
-Laß uns doch ruhig von ihm reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“
-</p>
-
-<p>
-Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich
-in den Kamin zu werfen und saß dann mit verschränkten
-Armen.
-</p>
-
-<p>
-„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz
-und dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du
-bist der Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein
-Gefühl zwang mich, ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn
-wohl sonst? Urteile selbst! Ist es denn mähnschenmöglich,
-sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-431" class="pagenum" title="431"></a>
-„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war
-selbstverständlich ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es
-wohl fertigbringen, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen, über
-seine Angst um das Gefühl, ihn sozusagen in Gethsemane im
-Stich zu lassen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Du bist nicht dumm“, sagte sie, und ihre Schrägaugen
-blickten starr versonnen. „Du hast Verstand. Angst um das
-Gefühl ...“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist nicht viel Verstand nötig, um zu sehen, daß du ihm
-folgen mußtest, obgleich – oder vielmehr weil – seine Liebe viel
-Beängstigendes haben muß.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">C’est exact</span> ... Beängstigend. Man hat viel Sorge mit
-ihm, du weißt, viele Schwierigkeiten ...“ Sie hatte seine Hand
-genommen und spielte unbewußt mit ihren Gelenken, blickte
-aber plötzlich mit zusammengezogenen Brauen auf und fragte:
-</p>
-
-<p>
-„Halt! Ist es nicht gemein, daß wir über ihn sprechen, wie
-wir da tun?“
-</p>
-
-<p>
-„Gewiß nicht, Clawdia. Nein, weit entfernt. Es ist gewiß
-nicht mehr als menschlich! Du liebst das Wort, du dehnst es so
-schwärmerisch, ich habe es immer mit Interesse aus deinem
-Munde gehört. Mein Vetter Joachim mochte es nicht, aus soldatischen
-Gründen. Er meinte, es bedeute allgemeine Schlappheit
-und Schlottrigkeit, und so genommen, als uferloses guazzabuglio
-von Duldsamkeit, habe ich auch meine Bedenken dagegen,
-das gebe ich zu. Aber wenn es den Sinn von Freiheit
-und Genialität und Güte hat, dann ist es eben doch eine große
-Sache damit, und wir können es ruhig anführen zugunsten unseres
-Gesprächs über Peeperkorn und die Sorgen und Schwierigkeiten,
-die er dir macht. Sie resultieren natürlich aus seiner
-Ehrenpuschel, aus seiner Angst vor dem Versagen des Gefühls,
-<a id="page-432" class="pagenum" title="432"></a>
-die ihn die klassischen Hilfs- und Labungsmittel so lieben läßt,
-– wir können in aller Ehrfurcht davon sprechen, denn es hat
-alles Format bei ihm, großartiges Königsformat, und wir erniedrigen
-weder ihn noch uns, wenn wir es menschlich zur
-Sprache bringen.“
-</p>
-
-<p>
-„Es handelt sich nicht um uns“, sagte sie und hatte die Arme
-wieder verschränkt. „Man wäre keine Frau, wenn man nicht
-um eines Mannes willen, eines Mannes von Format, wie du
-sagst, für den man ein Gegenstand des Gefühls und der Angst
-um das Gefühl ist, auch Erniedrigungen in den Kauf nehmen
-wollte.“
-</p>
-
-<p>
-„Unbedingt, Clawdia. Sehr wohl gesprochen. Auch die Erniedrigung
-hat dann Format, und die Frau kann von der Höhe
-ihrer Erniedrigung herab zu denen, die kein Königsformat haben,
-so geringschätzig sprechen, wie du vorhin zu mir in betreff
-der <span class="antiqua" lang="fr">timbres poste</span>, in dem Ton, worin du sagtest: ‚Präzis
-und zuverlässig solltet ihr doch wenigstens sein!‘“
-</p>
-
-<p>
-„Du bist empfindlich? Laß das. Wir wollen die Empfindlichkeit
-zum Teufel schicken, – bist du einverstanden? Auch ich
-bin zuweilen empfindlich gewesen, ich will es zugeben, da wir
-heute abend so beieinander sitzen. Ich habe mich geärgert an
-deinem Phlegma, und daß du dich auf so guten Fuß mit ihm
-stelltest um deines egoistischen Erlebnisses willen. Dennoch hat
-es mich gefreut, und ich war dir dankbar, daß du ihm Ehrfurcht
-erwiesest ... Es war viel Loyalität in deinem Betragen, und
-wenn auch etwas Impertinenz mit unterlief, so mußte ich sie dir
-am Ende zugute halten.“
-</p>
-
-<p>
-„Das war sehr gütig von dir.“
-</p>
-
-<p>
-Sie sah ihn an. „Es scheint, du bist unverbesserlich. Ich werde
-dir sagen: Du bist ein verschlagener Junge. Ich weiß nicht, ob
-<a id="page-433" class="pagenum" title="433"></a>
-du Geist hast; aber unbedingt besitzest du Verschlagenheit. Gut
-übrigens, es läßt sich damit leben. Es läßt sich Freundschaft
-damit halten. Wollen wir Freundschaft halten, ein Bündnis
-schließen für ihn, wie man sonst gegen jemanden ein Bündnis
-schließt! Gibst du mir darauf die Hand? Mir ist oft bange ...
-Ich fürchte mich manchmal vor dem Alleinsein mit ihm, dem
-innerlichen Alleinsein, <span class="antiqua" lang="fr">tu sais</span> ... Er ist beängstigend ... Ich
-fürchte zuweilen, es möchte nicht gut ausgehen mit ihm ... Es
-graut mir zuweilen ... Ich wüßte gern einen guten Menschen
-an meiner Seite ... <span class="antiqua" lang="fr">Enfin</span>, wenn du es hören willst, ich bin vielleicht
-deshalb mit ihm hierhergekommen ...“
-</p>
-
-<p>
-Sie saßen Knie an Knie, er in dem vorwärts gewiegten Stuhl,
-sie auf der Bank. Sie hatte seine Hand gedrückt bei ihren letzten
-vor seinem Gesicht gesprochenen Worten. Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Zu mir? O, das ist schön. O, Clawdia, das ist ganz außerordentlich.
-Du bist mit ihm zu mir gekommen? Und du willst
-sagen, mein Warten sei dumm und unerlaubt und ganz umsonst
-gewesen? Das wäre im höchsten Grade linkisch, wenn ich
-das Anerbieten deiner Freundschaft nicht zu schätzen wüßte, der
-Freundschaft mit dir für ihn ...“
-</p>
-
-<p>
-Da küßte sie ihn auf den Mund. Es war so ein russischer
-Kuß, von der Art derer, die in diesem weiten, seelenvollen Lande
-getauscht werden an hohen christlichen Festen, im Sinne der
-Liebesbesiegelung. Da aber ein notorisch „verschlagener“ junger
-Mann und eine ebenfalls noch junge, reizend schleichende
-Frau ihn tauschten, so fühlen wir uns, während wir davon erzählen,
-unwillkürlich von ferne an Doktor Krokowskis kunstreiche,
-wenn auch nicht einwandfreie Art erinnert, von der Liebe
-in einem leise schwankenden Sinn zu sprechen, so daß niemand
-recht sicher gewesen war, ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches
-<a id="page-434" class="pagenum" title="434"></a>
-damit auf sich hatte. Machen wir es wie er, oder
-machten Hans Castorp und Clawdia Chauchat es so bei ihrem
-russischen Kuß? Aber was würde man sagen, wenn wir uns
-schlechthin weigerten, dieser Frage auf den Grund zu gehen?
-Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber – um Hans
-Castorps Redewendung zu wiederholen – „im höchsten Grade
-linkisch“ und geradezu lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe
-zwischen Frommem und Leidenschaftlichem „reinlich“ zu unterscheiden.
-Was heißt da reinlich! Was schwankender Sinn und
-Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen lustig darüber.
-Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur <em>ein</em> Wort hat
-für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was
-man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit
-in der Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich
-sein in der äußersten Frömmigkeit und nicht unfromm in der
-äußersten Fleischlichkeit, sie ist immer sie selbst, als verschlagene
-Lebensfreundlichkeit wie als höchste Passion, sie ist die Sympathie
-mit dem Organischen, das rührend wollüstige Umfangen
-des zur Verwesung Bestimmten, – Charitas ist gewiß noch
-in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft.
-Schwankender Sinn? Aber man lasse in Gottes Namen den
-Sinn der Liebe doch schwanken! Daß er schwankt, ist Leben und
-Menschlichkeit, und es würde einen durchaus trostlosen Mangel
-an Verschlagenheit bedeuten, sich um sein Schwanken Sorge
-zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Während also die Lippen Hans Castorps und Frau Chauchats
-sich im russischen Kusse finden, verdunkeln wir unser kleines
-Theater zum Szenenwechsel. Denn nun handelt es sich um
-die zweite der beiden Unterredungen, deren Mitteilung wir zusicherten,
-und nach Wiederherstellung der Beleuchtung, der
-<a id="page-435" class="pagenum" title="435"></a>
-trüben Beleuchtung eines zur Neige gehenden Frühlingstages,
-zur Zeit der Schneeschmelze, erblicken wir unseren Helden in
-schon gewohnter Lebenslage am Bette des großen Peeperkorn,
-in ehrerbietig-freundschaftlichem Gespräch mit ihm. Nach dem
-4-Uhr-Tee im Speisesaal, zu dem Frau Chauchat, wie schon
-zu den drei vorhergehenden Mahlzeiten, allein erschienen war,
-um unmittelbar danach einen <span class="antiqua" lang="en">shopping</span>-Gang nach „Platz“
-hinunter anzutreten, hatte Hans Castorp sich zu einer seiner üblichen
-Krankenvisiten bei dem Holländer melden lassen, teils,
-um ihm Aufmerksamkeit zu bezeigen und ihn ein wenig zu unterhalten,
-teils, um sich seinerseits an seiner Persönlichkeitswirkung
-zu erbauen, – kurzum, aus lebensvoll schwankenden Motiven.
-Peeperkorn legte den „Telegraaf“ beiseite, warf den Hornzwicker
-darauf, nachdem er ihn sich am Bügel von der Nase gehoben,
-und reichte dem Besucher die Kapitänshand, während seine breiten,
-zerrissenen Lippen sich mit wundem Ausdruck undeutlich
-regten. Rotwein und Kaffee waren ihm wie gewöhnlich zur
-Hand: das Kaffeegeschirr stand auf dem Stuhle am Bett, braun
-benetzt vom Gebrauch, – Mynheer hatte seinen Nachmittagstrank
-genommen, stark und heiß, mit Zucker und Rahm, wie
-gewöhnlich, und er schwitzte davon. Sein weiß umflammtes
-Königsgesicht war gerötet, und kleine Tropfen standen ihm auf
-Stirn und Oberlippe.
-</p>
-
-<p>
-„Ich schwitze etwas“, sagte er. „Willkommen, junger Mann.
-Im Gegenteil. Nehmen Sie Platz! Das ist ein Zeichen von
-Schwäche, wenn einem nach Einnahme eines warmen Getränkes
-sogleich – Wollen Sie mir – Ganz recht. Das Taschentuch.
-Ich danke sehr.“ Übrigens verlor sich die Röte bald und machte
-der gelblichen Blässe Platz, die nach einem malignen Anfall
-des großartigen Mannes Gesicht zu bedecken pflegte. Das
-<a id="page-436" class="pagenum" title="436"></a>
-Quartanfieber war stark gewesen diesen Vormittag, in allen
-drei Stadien, dem kalten, dem glühenden und dem feuchten,
-und Peeperkorns kleine, blasse Augen blickten matt unter der
-idolhaften Stirnlineatur. Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-„Es ist – durchaus, junger Mann. Ich möchte durchaus das
-Wort ‚anerkennenswert‘ – Absolut. Es ist sehr freundlich von
-Ihnen, einen kranken alten Mann –“
-</p>
-
-<p>
-„Zu besuchen?“ fragte Hans Castorp ... „Nicht doch, Mynheer
-Peeperkorn. Ich bin es, der sehr dankbar zu sein hat, daß
-ich ein bißchen hier sitzen darf, ich habe ja unvergleichlich viel
-mehr davon, als Sie, ich komme aus rein egoistischen Gründen.
-Und was ist denn das für eine irreführende Bezeichnung für
-Ihre Person, – ‚ein kranker alter Mann‘. Kein Mensch würde
-darauf kommen, daß <em>Sie</em> das sein sollen. Es gibt ja ein völlig
-falsches Bild.“
-</p>
-
-<p>
-„Gut, gut“, erwiderte Mynheer und schloß für einige Sekunden
-die Augen, das majestätische Haupt mit erhobenem Kinn
-ins Kissen zurückgelehnt, die langgenagelten Finger auf der
-breiten Königsbrust gefaltet, die sich unter dem Trikothemd abzeichnete.
-„Es ist gut, junger Mann, oder vielmehr, Sie meinen es
-gut, ich bin überzeugt davon. Es war angenehm gestern nachmittag
-– jawohl, noch gestern nachmittag – an jenem gastlichen Ort
-– ich habe seinen Namen vergessen –, wo wir die vortreffliche
-Salamiwurst mit Rühreiern und diesen gesunden Landwein –“
-</p>
-
-<p>
-„Großartig war es!“ bestätigte Hans Castorp. „Wir haben
-es uns alle ganz unerlaubt schmecken lassen, – der Küchenchef
-hier vom Berghof wäre mit Recht beleidigt gewesen, wenn er’s
-gesehen hätte, – kurzum, wir waren ohne Ausnahme intensiv
-bei der Sache! Das war Salami von echtem Schrot und Korn,
-Herr Settembrini war ganz gerührt davon, er aß sie sozusagen
-<a id="page-437" class="pagenum" title="437"></a>
-mit feuchten Augen. Er ist ja ein Patriot, wie Sie wissen werden,
-ein demokratischer Patriot. Er hat seine Bürgerpike am
-Altar der Menschheit geweiht, damit die Salami in Zukunft an
-der Brennergrenze verzollt werde.“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist unwesentlich“, erklärte Peeperkorn. „Er ist ein
-ritterlicher und heiter gesprächiger Mann, ein Kavalier, obgleich
-es ihm offenbar nicht vergönnt ist, häufig seine Kleidung
-zu wechseln.“
-</p>
-
-<p>
-„Überhaupt nicht!“ sagte Hans Castorp. „Überhaupt nicht
-vergönnt! Ich kenne ihn nun schon lange Zeit und bin sehr befreundet
-mit ihm, das heißt, er hat sich meiner aufs dankenswerteste
-angenommen, weil er nämlich fand, ich wäre ein ‚Sorgenkind
-des Lebens‘ – das ist so eine Redewendung zwischen
-uns, der Ausdruck ist nicht ohne weiteres verständlich – und sich
-die Mühe gibt, berichtigend auf mich einzuwirken. Aber nie
-habe ich ihn anders gesehen, weder im Sommer noch im Winter,
-als in den gewürfelten Hosen und dem faserigen Doppelreiher,
-er trägt die alten Sachen übrigens mit hervorragendem
-Anstand, durchaus kavaliermäßig, da stimme ich Ihnen entschieden
-zu. Es ist ein Triumph über die Ärmlichkeit, wie er sie
-trägt, und mir ist diese Ärmlichkeit sogar lieber als die Eleganz
-des kleinen Naphta, bei der einem nie recht geheuer ist, sie ist sozusagen
-des Teufels, und die Mittel dazu bezieht er hintenherum,
-– ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse.“
-</p>
-
-<p>
-„Ein ritterlicher und heiterer Mann,“ wiederholte Peeperkorn,
-ohne auf die Bemerkung über Naphta einzugehen, „wenn
-auch – erlauben Sie mir diese Einschränkung – wenn auch nicht
-ohne Vorurteile. Madame, meine Reisebegleiterin, schätzt ihn
-nicht sonderlich, wie Sie vielleicht bemerkt haben werden; sie
-äußert sich ohne Sympathie über ihn, zweifellos weil sie
-<a id="page-438" class="pagenum" title="438"></a>
-derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie – Kein
-Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini
-und Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt!
-Ich denke nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte
-jener Artigkeit, die ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber
-Freund, durchaus einwandfrei! Allein es ist da doch eine Grenze,
-eine Zurückhaltung, eine gewisse Re–ku–sa–tion, die Madames
-Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade –“
-</p>
-
-<p>
-„Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade
-rechtfertigt. Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigenmächtig
-Ihren Satz beende. Ich kann es riskieren in dem Bewußtsein
-völligen Einverständnisses mit Ihnen. Besonders
-wenn man in Anschlag bringt, wie sehr die Frauen – Sie mögen
-lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so allgemein von
-den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum
-Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu
-ihnen, – so gibt es da nichts zu verwundern. Die Frauen, so
-möchte ich mich ausdrücken, sind reaktive Geschöpfe, ohne selbständige
-Initiative, lässig im Sinne von passiv ... Lassen Sie
-mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter auszuführen
-versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte, betrachtet
-sich in Liebesangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie
-läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird
-zum wählenden Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des
-Mannes, und auch dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen,
-ist ihre Wahlfreiheit – vorausgesetzt nur eben, daß es
-sich nicht um eine gar zu betrübte Seele von Mann handelt,
-aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung gelten – ist
-also ihre Wahlfreiheit sehr beeinträchtigt und bestochen durch
-die Tatsache, <em>daß</em> sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden
-<a id="page-439" class="pagenum" title="439"></a>
-Abgeschmacktheiten sein, was ich da äußere, aber wenn man
-jung ist, so ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich.
-Sie fragen eine Frau: ‚Liebst du ihn denn?‘ ‚Er liebt mich so
-sehr!‘ antwortet sie Ihnen mit Augenaufschlag oder auch -niederschlag.
-Nun stellen Sie sich eine solche Antwort im Munde
-von unsereinem vor – verzeihen Sie die Zusammenziehung!
-Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten, aber sie
-sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um
-mich epigrammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von
-welcher Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich
-zeugt. Findet die Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Ergebenheit
-schuldet, der ein so niederes Wesen wie sie mit seiner
-Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie in der Liebe des Mannes
-zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner Vorzüglichkeit.
-Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläufig hier und
-da einmal gefragt.“
-</p>
-
-<p>
-„Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann,
-mit Ihrem gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenheiten“,
-erwiderte Peeperkorn. „Den Mann berauscht seine Begierde,
-das Weib verlangt und gewärtigt, von seiner Begierde berauscht
-zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum Gefühl. Daher
-die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der Ohnmacht, das
-Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein
-mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe
-dieses Tages war erheblich.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar
-nicht meine Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken
-bin ich immer bereit.“
-</p>
-
-<p>
-„So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle.
-Ich greife aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man
-<a id="page-440" class="pagenum" title="440"></a>
-tritt diesem kleinen Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus
-schlichtem Gefäße –“ Er schenkte ein, unter Beihilfe seines Gastes,
-mit leicht zitternder Kapitänshand, und goß durstig den
-Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine Büstengurgel,
-genau, als ob es klares Wasser wäre.
-</p>
-
-<p>
-„Das labt“, sagte er. „Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben
-Sie, daß ich mir noch einmal –“ Er verschüttete etwas
-Wein beim abermaligen Einschenken. Das Einschlaglaken seiner
-Decke war dunkelrot befleckt. „Ich wiederhole“, sagte er
-mit erhobener Fingerlanze, während in seiner anderen Hand
-das Weinglas zitterte, „ich wiederhole: daher unsere Verpflichtung,
-unsere <em>religiöse</em> Verpflichtung zum Gefühl. Unser Gefühl,
-verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt.
-Das Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit
-mit dem göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann,
-ist göttlich. Der Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das
-Gefühl Gottes. Gott schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der
-Mensch ist nichts als das Organ, durch das Gott seine Hochzeit
-mit dem erweckten und berauschten Leben vollzieht. Versagt er
-im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist die Niederlage
-von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein unausdenkbares
-Entsetzen –“ Er trank.
-</p>
-
-<p>
-„Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer
-Peeperkorn“, sagte Hans Castorp. „Ich folge Ihrem Gedankengang
-zu meiner größten Belehrung. Sie entwickeln da
-eine theologische Theorie, mit der Sie dem Menschen eine höchst
-ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige religiöse Funktion
-zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken erlauben
-darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungsweise,
-die ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse
-<a id="page-441" class="pagenum" title="441"></a>
-Strenge ist natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates.
-Ich denke nicht daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern
-ich möchte nur einlenkend auf Ihre Äußerung über gewisse
-‚Vorurteile‘ zurückkommen, die nach Ihrer Beobachtung Herr
-Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin, entgegenbringt.
-Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr und
-Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß
-seine Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall
-kleinlichen und spießbürgerlichen Charakters sind, – lächerlich,
-so etwas zu denken. Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile
-von größerem Stil und also unpersönlicher Art handeln,
-um allgemein pädagogische Prinzipien, bei deren Geltendmachung
-Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner
-Eigenschaft als ‚Sorgenkind des Lebens‘ – Aber das führt zu
-weit. Es ist eine überaus weitläufige Angelegenheit, die ich unmöglich
-in zwei Worten –“
-</p>
-
-<p>
-„Und Sie lieben Madame?“ fragte Mynheer plötzlich und
-wandte dem Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrissenen
-Munde und den kleinen blassen Augen unter dem Stirnarabeskenwerk
-zu ... Hans Castorp erschrak. Er stammelte:
-</p>
-
-<p>
-„Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbstverständlich
-schon in ihrer Eigenschaft als –“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurück<a id="corr-88"></a>dämmender
-Kulturgebärde die Hand ausstreckte. „Lassen Sie
-mich,“ fuhr er fort, nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen
-für das, was er zu sagen hatte, „lassen Sie mich wiederholen,
-daß ich weit von dem Vorwurf entfernt bin, dieser italienische
-Herr habe sich je eines wirklichen Verstoßes gegen die Gebote der
-Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen niemanden diesen Vorwurf,
-gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im gegenwärtigen
-<a id="page-442" class="pagenum" title="442"></a>
-Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann.
-Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein
-Zweifel; es gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl
-sage ich mir – Ich sage mir kurz und gut: Ihre Bekanntschaft
-mit Madame ist älter, als die unsrige. Sie haben schon
-ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit ihr geteilt. Außerdem
-ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften, und ich bin
-nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich
-unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein
-und ohne Begleitung hinab in den Kurort – Kein Unglück! Bei
-weitem nicht! Nur wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß
-der – wie sagten Sie – der pädagogischen Prinzipien Signor
-Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem ritterlichen Antriebe
-– Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und
-gar nicht. Ich handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat
-mich Herr Settembrini sogar gelegentlich – – Ich sehe da zu
-meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem Laken, Mynheer
-Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf zu
-schütten, solange sie frisch waren –“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist unwesentlich“, sprach Peeperkorn, indem er seinen
-Gast im Auge behielt.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp verfärbte sich.
-</p>
-
-<p>
-„Die Dinge“, sagte er mit falschem Lächeln, „liegen hier doch
-etwas anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken,
-ist nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der
-Kranke, ob Mann oder Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit
-treten dagegen zurück. Sie sind vorübergehend unpäßlich,
-Mynheer Peeperkorn, – eine akute Unpäßlichkeit, eine Unpäßlichkeit
-von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin ist vergleichsweise
-<a id="page-443" class="pagenum" title="443"></a>
-gesund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu handeln,
-wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen
-vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha,
-ha: – statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine
-Begleitung in den Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch
-wohl dazu, Ihrer Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen?
-Dazu habe ich gar keinen Rechtstitel und kein Mandat.
-Ich darf sagen, daß ich viel Sinn für positive Rechtsverhältnisse
-habe. Kurzum, meine Situation, finde ich, ist korrekt,
-sie entspricht der allgemeinen Sachlage, sie entspricht namentlich
-meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person, Mynheer
-Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn
-Sie richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort
-erteilt zu haben.“
-</p>
-
-<p>
-„Eine sehr angenehme“, erwiderte Peeperkorn. „Ich lausche
-mit unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort,
-junger Mann. Es springt über Stock und Stein und rundet
-die Dinge zur Annehmlichkeit. Allein befriedigend, – nein. Ihre
-Antwort befriedigt mich nicht ganz, – verzeihen Sie, wenn ich
-Ihnen damit eine Enttäuschung bereite. ‚Rigoros‘, lieber
-Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf gewisse
-von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen
-liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit,
-die mir mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen
-scheint, obgleich sie mir aus Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung
-bekannt ist. Ich erkenne sie wieder. Es ist die nämliche
-Gezwungenheit, die Sie bei unseren gemeinsamen Unternehmungen,
-unseren Spaziergängen gegen Madame – gegen
-sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine
-Erklärung – das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger
-<a id="page-444" class="pagenum" title="444"></a>
-Mann. Ich irre mich nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu
-oft bestätigt, und es ist unwahrscheinlich, daß sie sich nicht auch
-anderen aufgedrängt haben sollte, mit dem Unterschiede, daß
-diese anderen sich möglicherweise, ja wahrscheinlich im Besitz der
-Erklärung des Phänomens befinden.“
-</p>
-
-<p>
-Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlossenem
-Stil heute nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den
-malignen Anfall. Es fehlte fast jede Abgerissenheit. Im Bette
-halb sitzend, die mächtigen Schultern, das großartige Haupt
-gegen den Besucher gewandt, hielt er den einen Arm über der
-Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige Kapitänshand,
-aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den
-von den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein
-Mund die Worte so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie
-Herr Settembrini es nur hätte wünschen können, mit gerolltem
-Kehl-r in Wörtern wie „wahrscheinlich“ und „aufgedrängt“.
-</p>
-
-<p>
-„Sie lächeln,“ fuhr er fort, „Sie drehen blinzelnd den Kopf
-hin und her, Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens
-zu befleißigen. Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen,
-was ich meine, und um was es sich handelt. Ich behaupte nicht,
-daß Sie nicht zuweilen das Wort an Madame richteten oder
-ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die Unterhaltung das
-Umgekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es geschieht
-mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen,
-einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht,
-dem Vermeiden <em>einer</em> Form. Man hat, soweit Sie in Frage
-kommen, den Eindruck, als handelte es sich um eine Wette, als
-hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen und dürften
-sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen.
-<a id="page-445" class="pagenum" title="445"></a>
-Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden.
-Sie sagen nicht ‚Sie‘ zu ihr.“
-</p>
-
-<p>
-„Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ...“
-</p>
-
-<p>
-„Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst
-nicht unkund sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind
-bis in die Lippen hinein.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich
-beschäftigte er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. „Dahin
-mußte es kommen!“ dachte er. „Darauf wollte es hinaus.
-Ich habe, glaube ich, selber das meine getan, damit es darauf
-hinausliefe. Ich habe es in gewissem Grade darauf angelegt,
-wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich wahrhaftig
-so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf
-Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann
-ich noch lügen? Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich
-bleibe vorderhand bei diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier
-im Laken.“
-</p>
-
-<p>
-Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei
-oder drei Minuten lang, – sie gab zu bemerken, welche Ausdehnung
-diese winzigen Einheiten unter solchen Umständen gewinnen
-können.
-</p>
-
-<p>
-Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete.
-</p>
-
-<p>
-„Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft
-gebracht hatte“, begann er in singendem Ton und
-ließ am Schlusse die Stimme sinken, als sei das der erste Satz
-einer längeren Erzählung. „Wir hatten ein kleines Fest gefeiert,
-Speise und Trank genossen, und in gehobener Stimmung, in
-menschlich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu vorgerückter
-Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da
-<a id="page-446" class="pagenum" title="446"></a>
-geschah es, hier vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung
-kam, die Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten
-mit den Lippen die Stirn der Frau berühren, die Sie mir als
-einen guten Freund von früherem Aufenthalte her vorgestellt
-hatte, und es ihr anheimzugeben, diese feierlich-heitere Handlung
-zum Zeichen der erhöhten Stunde vor meinen Augen zu
-erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen
-sie mit der Begründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit
-meiner Reisebegleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden
-nicht bestreiten, daß das eine Erläuterung war, die selbst der
-Erklärung bedurft hätte, einer Erklärung, die Sie mir bis zur
-Stunde schuldig geblieben sind. Sind Sie gewillt, diese Schuld
-jetzt abzutragen?“
-</p>
-
-<p>
-„So, das hat er also auch gemerkt“, dachte Hans Castorp
-und wandte sich noch näher den Weinflecken zu, indem er mit
-der gekrümmten Spitze des Mittelfingers an einem davon
-kratzte. „Im Grunde wollte ich wohl damals, daß er es merkte
-und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber was nun?
-Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller
-vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach
-seiner Faust umzusehen, die möglicherweise schon über mir
-schwebt? Eine hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage,
-in der ich mich da befinde!“
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand
-Peeperkorns umfaßt.
-</p>
-
-<p>
-„Jetzt faßt er mich am Handgelenk!“ dachte er. „Na, lächerlich,
-was sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich
-schuldhaft vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der
-Mann in Daghestan sich zu beklagen. Und dann dieser und
-jener. Und dann ich. Und <em>er</em> hat sich meines Wissens überhaupt
-<a id="page-447" class="pagenum" title="447"></a>
-noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also das Herz? Es ist
-hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und ihm frank, wenn auch ehrerbietig
-in das großmächtige Antlitz blicke!“
-</p>
-
-<p>
-So tat er. Das großmächtige Antlitz war gelb, die Augen
-blickten blaß unter angezogener Stirnlineatur, der Ausdruck
-der zerrissenen Lippen war bitter. Sie lasen einer in des anderen
-Augen, der große alte und der unbedeutende junge Mann, indem
-der eine fortfuhr, den anderen am Handgelenk zu halten.
-Endlich sprach Peeperkorn leise:
-</p>
-
-<p>
-„Sie waren Clawdias Geliebter bei ihrem vorigen Aufenthalt.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp ließ noch einmal den Kopf sinken, richtete ihn
-aber gleich wieder auf und sagte nach einem tiefen Atemzug:
-</p>
-
-<p>
-„Mynheer Peeperkorn! Es widersteht mir im höchsten
-Grade, Sie zu belügen, und ich suche nach einer Möglichkeit,
-das zu vermeiden. Es ist nicht leicht. Ich prahle, wenn ich Ihre
-Feststellung bestätige, und ich lüge, wenn ich sie leugne. Das ist
-so zu verstehen. Ich habe lange Zeit, sehr lange Zeit mit Clawdia
-– verzeihen Sie – mit Ihrer gegenwärtigen Reisebegleiterin
-zusammen in diesem Hause gelebt, ohne sie gesellschaftlich zu
-kennen. Das Gesellschaftliche schied aus in unseren Beziehungen
-oder in meinen Beziehungen zu ihr, von denen ich sagen will,
-daß ihr Ursprung im Dunklen liegt. Ich habe Clawdia in meinen
-Gedanken nie anders als Du genannt und auch in Wirklichkeit
-nie anders. Denn der Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln,
-von denen schon kurz die Rede war, abstreifte
-und mich ihr näherte – unter einem Vorwand, der mir von
-früher her nahe lag –, war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend,
-ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in
-dessen Verlauf das Du auf traumhafte und unverantwortliche
-<a id="page-448" class="pagenum" title="448"></a>
-Weise vollen Sinn gewann. Er war aber zugleich der Vorabend
-von Clawdias Abreise.“
-</p>
-
-<p>
-„Vollen Sinn“, wiederholte Peeperkorn. „Sie haben das
-sehr artig –“ Er ließ Hans Castorp los und begann, sich mit
-den Flächen seiner langnägeligen Kapitänshände beide Gesichtshälften
-zu massieren, Augenhöhlen, Wangen und Kinn.
-Dann faltete er die Hände auf dem weinbesudelten Laken und
-legte den Kopf auf die Seite, die linke Seite, gegen den Gast
-hin, so daß es einem Abwenden des Gesichtes gleichkam.
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe Ihnen so richtig wie möglich geantwortet, Mynheer
-Peeperkorn,“ sagte Hans Castorp, „und mich gewissenhaft
-bemüht, weder zuviel noch zuwenig zu sagen. Es kam mir
-vor allem darauf an, Sie bemerken zu lassen, daß es gewissermaßen
-freisteht, jenen Abend des vollen Du und des Abschieds
-mitzählen zu lassen oder nicht, – daß er ein aus aller Ordnung
-und beinahe aus dem Kalender fallender Abend war, ein <span class="antiqua" lang="fr">hors
-d’œuvre</span>, sozusagen, ein Extraabend, ein Schaltabend, der
-neunundzwanzigste Februar, – und daß es also nur eine halbe
-Lüge gewesen wäre, wenn ich Ihre Feststellung geleugnet hätte.“
-</p>
-
-<p>
-Peeperkorn antwortete nicht.
-</p>
-
-<p>
-„Ich habe es vorgezogen,“ fing Hans Castorp nach einer
-Pause wieder an, „Ihnen die Wahrheit zu sagen auf die Gefahr
-hin, dadurch Ihres Wohlwollens verlustig zu gehen, was,
-ganz offen gestanden, ein empfindlicher Verlust für mich wäre,
-ich kann wohl sagen: ein Schlag, ein wirklicher Schlag, den
-man wohl in Vergleich stellen könnte mit dem Schlag, den es
-für mich bedeutete, als Frau Chauchat nicht allein, sondern
-als Ihre Reisebegleiterin hier wieder eintraf. Ich habe es auf
-diese Gefahr ankommen lassen, weil es längst mein Wunsch gewesen
-ist, daß Klarheit zwischen uns – zwischen Ihnen, dem ich
-<a id="page-449" class="pagenum" title="449"></a>
-so außerordentlich verehrungsvolle Empfindungen entgegenbringe,
-und mir herrschen möge, – das schien mir schöner und
-menschlicher – Sie wissen, wie Clawdia das Wort ausspricht
-mit ihrer zauberhaft belegten Stimme, so reizend gedehnt –,
-als Verschwiegenheit und Verstellung, und insofern ist mir ein
-Stein vom Herzen gefallen, als Sie vorhin Ihre Feststellung
-machten.“
-</p>
-
-<p>
-Keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-„Noch eins, Mynheer Peeperkorn“, fuhr Hans Castorp
-fort. „Noch eins ließ mich wünschen, Ihnen reinen Wein einschenken
-zu dürfen, nämlich die persönliche Erfahrung, wie irritierend
-die Unsicherheit, das Angewiesensein auf halbe Vermutungen
-in dieser Richtung wirken kann. <em>Sie</em> wissen nun,
-wer es war, mit dem Clawdia, bevor das gegenwärtige positive
-Rechtsverhältnis sich herstellte, das nicht zu respektieren
-natürlich ausgemachter Wahnsinn wäre, einen – einen neunundzwanzigsten
-Februar erlebt, verbracht, begangen – also begangen
-hat. Ich habe für mein Teil diese Klarheit nie gewinnen
-können, obgleich ich mir klar darüber war, daß jeder,
-der in die Lage kommt, darüber nachzudenken, mit solchen Vorgängen,
-ich meine eigentlich Vorgängern, rechnen muß, und obgleich
-ich ferner wußte, daß Hofrat Behrens, der, wie Sie vielleicht
-wissen, in Öl dilettiert, im Laufe vieler Sitzungen ein hervorragendes
-Porträt von ihr angefertigt hatte, von einer Anschaulichkeit
-in der Wiedergabe der Haut, die unter uns gesagt
-zu starkem Stutzen Anlaß gibt. Das hat mir viel Qual und
-Kopfzerbrechen verursacht und tut es noch heute.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie lieben sie noch?“ fragte Peeperkorn, ohne seine Stellung
-zu verändern, das heißt: mit abgewandtem Gesicht ... Das
-große Zimmer sank mehr und mehr in Dämmerung.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-450" class="pagenum" title="450"></a>
-„Entschuldigen Sie, Mynheer Peeperkorn,“ antwortete
-Hans Castorp, „aber meine Empfindungen für Sie, Empfindungen
-größter Hochachtung und Bewunderung, würden es
-mir nicht als schicklich erscheinen lassen, Ihnen von meinen Empfindungen
-für Ihre Reisebegleiterin zu sprechen.“
-</p>
-
-<p>
-„Und teilt sie“, fragte Peeperkorn mit stiller Stimme, „diese
-Empfindungen auch heute noch?“
-</p>
-
-<p>
-„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht,
-daß sie sie jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir
-haben diesen Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir
-von der reaktiven Natur der Frauen sprachen. An mir ist natürlich
-nicht viel zu lieben. Was habe denn ich für ein Format,
-– urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem – einem neunundzwanzigsten
-Februar kommen konnte, so ist das einzig und allein
-der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes
-zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch
-und geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen
-‚Mann‘ nenne, aber Clawdia ist jedenfalls eine Frau.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen
-Lippen.
-</p>
-
-<p>
-„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte
-Hans Castorp, „und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach
-schon manches liebe Mal getan hat, – darüber muß jeder sich
-klar sein, der in die Lage kommt –“
-</p>
-
-<p>
-„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber
-mit einer Gebärde der flachen Hand gegen seinen Unterredner.
-„Sollte es nicht gemein sein, daß wir so über sie sprechen?“
-</p>
-
-<p>
-„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie
-völlig beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen
-die Rede, – das Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und
-<a id="page-451" class="pagenum" title="451"></a>
-der Genialität genommen, – verzeihen Sie den möglicherweise
-etwas geschraubten Ausdruck, aber der Bedarfsfall brachte
-mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“
-</p>
-
-<p>
-„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise.
-</p>
-
-<p>
-Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles
-am Bette sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt,
-die Hände zwischen den Knien.
-</p>
-
-<p>
-„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der
-Mann hinter dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie
-einen Mann hinter dem Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit
-und Genialität, sei es aus Stumpfheit, sei es aus Intelligenz,
-ich kenne den Burschen nicht. Jedenfalls tut er wohl daran,
-sie ihr zu bewilligen, denn es ist die Krankheit, die sie ihr
-verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem sie untersteht,
-und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem Beispiel
-zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch vorwärts
-...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte
-ihm das Antlitz zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die
-Augen blickten bleich und matt unter der idolhaften Stirnlineatur,
-der große, zerrissene Mund stand halb geöffnet wie bei
-einer tragischen Maske.
-</p>
-
-<p>
-„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden,
-„daß es sich um mich handle. Meine Worte bezwecken, daß
-<em>Sie</em> sich nicht beklagen, Mynheer Peeperkorn, und mir nicht
-um früherer Vorkommnisse willen Ihr Wohlwollen entziehen.
-Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“
-</p>
-
-<p>
-„Dessen ungeachtet“, sagte Peeperkorn, „muß es ein großer
-Schmerz gewesen sein, den ich Ihnen unwissentlich zugefügt
-habe.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-452" class="pagenum" title="452"></a>
-„Wenn das eine Frage ist“, versetzte Hans Castorp, „und
-wenn ich sie bejahe, so soll das vor allen Dingen nicht heißen,
-daß ich den enormen Vorzug Ihrer Bekanntschaft nicht zu
-schätzen wüßte, denn dieser Vorzug ist ja mit der Enttäuschung,
-von der Sie sprechen, untrennbar verbunden.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich danke, junger Mann, ich danke. Ich schätze die Artigkeit
-Ihres kleinen Wortes. Allein von unserer Bekanntschaft
-abgesehen –“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist schwer, davon abzusehen,“ sagte Hans Castorp, „und
-es empfiehlt sich für mich auch gar nicht, davon abzusehen, um
-Ihre Frage in aller Anspruchslosigkeit zu bejahen. Denn daß
-es eine Persönlichkeit Ihres Formates war, in deren Begleitung
-Clawdia zurückkehrte, konnte das Ungemach, das für mich darin
-lag, daß sie überhaupt in Begleitung eines anderen Mannes
-zurückkehrte, natürlich nur verstärken und verwickelter gestalten.
-Es hat mir bedeutend zu schaffen gemacht und tut es heute
-noch, das leugne ich nicht, und ich habe mich absichtlich nach
-Kräften an die positive Seite der Sache gehalten, das heißt: an
-meine aufrichtigen Verehrungsgefühle für Sie, Mynheer
-Peeperkorn, worin übrigens nebenbei eine kleine Bosheit gegen
-Ihre Reisebegleiterin lag; denn die Frauen sehen es gar nicht
-besonders gern, wenn ihre Liebhaber zusammenhalten.“
-</p>
-
-<p>
-„In der Tat –“, sagte Peeperkorn und verbarg ein Lächeln,
-indem er mit der hohlen Hand über Mund und Kinn strich, als
-bestünde Gefahr, daß Frau Chauchat ihn lächeln sähe. Auch
-Hans Castorp lächelte diskret, und dann nickten sie beide im Einverständnis
-vor sich hin.
-</p>
-
-<p>
-„Diese kleine Rache“, fuhr Hans Castorp fort, „war mir am
-Ende zu gönnen, denn so weit ich in Frage komme, habe ich
-wirklich einigen Grund, mich zu beklagen, – nicht über Clawdia
-<a id="page-453" class="pagenum" title="453"></a>
-und nicht über Sie, Mynheer Peeperkorn, aber mich allgemein
-zu beklagen, meines Lebens und Schicksals wegen, und da ich
-die Ehre Ihres Vertrauens genieße und dies eine so durch und
-durch eigentümliche Dämmerstunde ist, so will ich mich wenigstens
-andeutungsweise darüber zu äußern versuchen.“
-</p>
-
-<p>
-„Ich bitte darum“, sagte Peeperkorn höflich, worauf Hans
-Castorp fortfuhr:
-</p>
-
-<p>
-„Ich bin seit langer Zeit hier oben, Mynheer Peeperkorn,
-seit Jahren und Tagen, – genau weiß ich es nicht, wie lange,
-aber es sind Lebensjahre, darum sprach ich von ‚Leben‘, und
-auch auf das ‚Schicksal‘ werde ich im rechten Augenblick noch
-zurückkommen. Mein Vetter, den ich etwas zu besuchen dachte,
-ein Militär, der es redlich und brav im Sinne hatte, aber das
-half ihm nichts, ist mir hier weggestorben, und ich bin immer
-noch da. Ich war nicht Militär, ich hatte einen Zivilberuf, wie
-Sie vielleicht gehört haben, einen handfesten und vernünftigen
-Beruf, der angeblich sogar in völkerverbindender Richtung
-wirkt, aber ich war ihm nie sonderlich verbunden, das gebe ich
-zu, und zwar aus Gründen, von denen ich nur sagen will, daß
-sie im Dunklen liegen: Sie liegen da zusammen mit den Ursprüngen
-meiner Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin – ich
-nenne sie ausdrücklich so, um zu bekunden, daß es mir nicht einfällt,
-an der positiven Rechtslage rütteln zu wollen – meiner
-Empfindungen für Clawdia Chauchat und meines Duzverhältnisses
-zu ihr, das ich nie verleugnet habe, seit ihre Augen mir zuerst
-begegneten und es mir antaten, – es mir in unvernünftigem
-Sinne antaten, verstehen Sie. Ihr zuliebe und Herrn
-Settembrini zum Trotz habe ich mich dem Prinzip der Unvernunft,
-dem genialen Prinzip der Krankheit unterstellt, dem ich
-freilich wohl von langer Hand und jeher schon unterstand, und
-<a id="page-454" class="pagenum" title="454"></a>
-bin hier oben geblieben, – ich weiß nicht mehr genau, wie lange,
-ich habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen
-Verwandten und meinem flachländischen Beruf und allen meinen
-Aussichten. Und als Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet,
-immer hier oben gewartet, so daß ich nun dem Flachland
-völlig abhanden gekommen und in seinen Augen so gut
-wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von ‚Schicksal‘ sprach
-und mir anzudeuten erlaubte, daß es mir allenfalls zustände,
-mich über die gegenwärtige Rechtslage zu beklagen. Ich habe
-einmal eine Geschichte gelesen, – nein, ich habe sie im Theater
-gesehen, wie ein gutmütiger Junge – er war übrigens Militär,
-wie mein Vetter, – es mit einer reizenden Zigeunerin zu tun bekommt,
-– sie war reizend, mit einer Blume hinter dem Ohr, ein
-wildes, fatales Frauenzimmer, und sie tat es ihm dermaßen an,
-daß er vollständig entgleiste, ihr alles opferte, fahnenflüchtig
-wurde, mit ihr zu den Schmugglern ging und sich in jeder Richtung
-entehrte. Als er soweit war, hatte sie genug von ihm und
-kam mit einem Matador daher, einer zwingenden Persönlichkeit
-mit prachtvollem Bariton. Es endete damit, daß der kleine
-Soldat, kreideweiß im Gesicht und in offenem Hemd, sie vor dem
-Zirkus mit seinem Messer erstach, worauf sie es übrigens geradezu
-angelegt hatte. Es ist eine ziemlich beziehungslose Geschichte,
-auf die ich da komme. Aber schließlich, warum fällt sie mir ein?“
-</p>
-
-<p>
-Mynheer Peeperkorn hatte bei Nennung des „Messers“
-seine Sitzlage im Bette etwas verändert, war kurz beiseite gerückt,
-indem er rasch das Gesicht seinem Gaste zugewandt und
-ihm forschend ins Auge geblickt hatte. Jetzt richtete er sich besser
-auf, stützte sich auf den Ellbogen und sprach:
-</p>
-
-<p>
-„Junger Mann, ich habe gehört, und ich bin nun im Bilde.
-Erlauben Sie mir auf Grund Ihrer Mitteilungen eine loyale
-<a id="page-455" class="pagenum" title="455"></a>
-Erklärung! Wäre mein Haar nicht bleich und wäre ich nicht
-mit malignem Fieber geschlagen, so sähen Sie mich bereit,
-Ihnen von Mann zu Mann, die Waffe in der Hand, Genugtuung
-zu geben für die Unbill, die ich Ihnen unwissentlich angetan,
-und zugleich für diejenige, die meine Reisebegleiterin
-Ihnen zugefügt, und für die ich ebenfalls aufzukommen habe.
-Perfekt, mein Herr, – Sie sähen mich bereit. Wie aber die
-Dinge liegen, so erlauben Sie mir, einen anderen Vorschlag
-dafür einzusetzen. Es ist der folgende. Ich erinnere mich eines
-gehobenen Augenblicks, gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft,
-– ich erinnere mich daran, obgleich ich damals dem Weine
-stark zugesprochen hatte –, eines Augenblicks also, da ich, angenehm
-berührt von Ihrem Naturell, im Begriffe stand, Ihnen
-das brüderliche Du anzubieten, mich aber dann der Einsicht
-nicht entzog, daß es ein etwas übereilter Schritt gewesen wäre.
-Gut, ich beziehe mich heute auf diesen Augenblick, ich komme
-auf ihn zurück, ich erkläre den damals beschlossenen Aufschub
-für abgelaufen. Junger Mann, wir sind Brüder, ich erkläre
-uns dafür. Sie sprachen von einem Du vollen Sinnes, – auch
-das unsrige wird vollen Sinn haben, den Sinn der Brüderlichkeit
-im Gefühl. Die Genugtuung, die Ihnen mit der Waffe zu
-geben, Alter und Unpäßlichkeit mich hindern, ich biete sie Ihnen
-in dieser Form, ich biete sie Ihnen in Form eines Bruderbundes,
-wie man ihn sonst wohl gegen Dritte, gegen die Welt, gegen
-jemanden schließt, und den wir im Gefühl für jemanden schließen
-wollen. Nehmen Sie Ihr Weinglas, junger Mann, während
-ich wieder zu meinem Wasserglas greife, durch das diesem
-Sauserchen weiter kein Unrecht geschieht –“
-</p>
-
-<p>
-Und mit leicht zitternder Kapitänshand füllte er die Gläser, wobei
-Hans Castorp ihm in ehrerbietiger Bestürzung behilflich war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-456" class="pagenum" title="456"></a>
-„Nehmen Sie!“ wiederholte Peeperkorn. „Kreuzen Sie den
-Arm mit mir! Und trinken Sie auf diese Weise! Trinken Sie
-aus! – Perfekt, junger Mann. Erledigt. Hier meine Hand.
-Bist du zufrieden?“
-</p>
-
-<p>
-„Das ist natürlich gar kein Ausdruck, Mynheer Peeperkorn“,
-sagte Hans Castorp, dem es etwas schwer gefallen war, das
-volle Glas in einem Zuge auszutrinken, und trocknete seine Knie
-mit dem Taschentuch, da Wein darauf hinabgeflossen war.
-„Ich bin hoch beglückt, will ich lieber sagen, und kann es noch
-gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal zuteil geworden, –
-es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist eine gewaltige
-Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient haben
-soll, höchstens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und
-man darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich
-anmutet, die neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn
-ich darüber stolpere, – zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht
-nach Frauenart nicht ganz einverstanden sein wird mit
-diesem Arrangement ...“
-</p>
-
-<p>
-„Laß das meine Sache sein“, erwiderte Peeperkorn, „und
-das andere Sache der Übung und Gewohnheit! Und nun geh,
-junger Mann! Verlasse mich, mein Sohn! Es ist dunkel, der
-Abend ist völlig hereingebrochen, unsere Geliebte kann jeden
-Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwischen euch
-wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste.“
-</p>
-
-<p>
-„Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!“ sagte Hans Castorp
-und stand auf. „Sie sehen, ich überwinde meine berechtigte
-Scheu und übe mich schon in der tollkühnen Anrede. Richtig,
-es ist ja finster geworden! Ich könnte mir vorstellen, daß plötzlich
-Herr Settembrini hereinkäme und das Licht andrehte, damit
-Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz griffen, – er hat
-<a id="page-457" class="pagenum" title="457"></a>
-nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich gehe dermaßen
-vergnügt und stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten
-hätte träumen lassen. Recht gute Besserung! Es
-kommen nun mindestens drei fieberfreie Tage für dich, an denen
-Sie allen Anforderungen gewachsen sein werden. Das freut
-mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!“
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-5">
-Mynheer Peeperkorn (Schluß)
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und
-kaum wissen wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für
-fallendes Wasser sogar eine besondere Herzensneigung hegte,
-die malerische Kaskade im Walde des Flüelatals noch niemals
-besucht hatte. Für die Zeit seines Zusammenlebens mit Joachim
-mochte er entschuldigt sein durch die strenge Dienstlichkeit seines
-Vetters, der nicht zum Vergnügen hier gewesen war, und dessen
-sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste
-Umgebung von Haus „Berghof“ eingeschränkt hatte. Und
-nach seinem Ausscheiden – nun, auch danach hatte Hans Castorps
-Verhältnis zur hiesigen Landschaft, wenn man von seinen
-Skiunternehmungen absehen will, den Charakter einer konservativen
-Einförmigkeit bewahrt, deren Kontrast zu der Spannweite
-seiner inneren Erfahrungen und „Regierungs“-obliegenheiten
-sogar nicht ohne einen gewissen bewußten Reiz für den jungen
-Mann gewesen war. Immerhin war seine Zustimmung lebhaft,
-als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise
-von sieben Personen (ihn selber eingerechnet), der Plan einer
-Wagenfahrt nach jener empfohlenen Örtlichkeit erwogen wurde.
-</p>
-
-<p>
-Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen kleinen
-Liedern des Flachlandes zufolge, – recht frisch und wenig
-<a id="page-458" class="pagenum" title="458"></a>
-einschmeichelnd von Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze
-konnte für abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den
-letzten Tagen mehrfach großflockig geschneit, doch das blieb
-nicht liegen, es ließ nur etwas Nässe zurück; die lagernden Massen
-des Winters waren versickert, verraucht, bis auf vereinzelte
-Reste dahingeschwunden; die grüne Gangbarkeit der Welt bedeutete
-ein Anerbieten an jede Unternehmungslust.
-</p>
-
-<p>
-Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während
-der letzten Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Oberhauptes,
-des großartigen Pieter Peeperkorn, dessen maligne
-Tropenmitgift weder den Einwirkungen des außerordentlichen
-Klimas, noch den Antidoten eines so hervorragenden Mediziners,
-wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen. Er war
-viel bettlägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das Quartanfieber
-in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten
-ihm zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden
-abseits bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer
-Verfassung befinden, und Behrens unterließ nicht, auf
-die auch bei einer so mächtigen Natur unter diesen Umständen
-nicht ganz von der Hand zu weisende Gefahr chronischer Entkräftung
-hinzudeuten.
-</p>
-
-<p>
-Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Mynheer in
-diesen Wochen vorgesessen, und auch die gemeinsamen Spaziergänge
-waren bis auf einen nicht sehr ausgedehnten unterblieben.
-Übrigens empfand Hans Castorp, unter uns gesagt,
-diese Lockerung der Cliquengemeinschaft in gewisser Hinsicht
-als Erleichterung, denn das mit Frau Chauchats Reisebegleiter
-getrunkene Schmollis schuf ihm Beschwerden; es brachte in
-seine öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe „Gezwungenheit“,
-dasselbe „Ausweichen“ und gleichsam auf einer
-<a id="page-459" class="pagenum" title="459"></a>
-Vielliebchenwette beruhende „Vermeiden“, das diesem an seinem
-Verkehr mit Clawdia aufgefallen war: mit wunderlichen
-Behelfen umschrieb er die Anredeform, soweit sie sich nicht verschlucken
-ließ, – aus demselben oder dem umgekehrten Dilemma,
-das sein Gespräch mit Clawdia in Gegenwart anderer, auch in
-alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich
-dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen
-Doppelklemme vervollständigt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall
-an der Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt,
-und er fühlte sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war
-der dritte Tag nach einem Quartananfall; Mynheer ließ wissen,
-daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar war er zu den ersten
-Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal erschienen, sondern
-hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen mit Madame
-Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim
-ersten Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge
-Order empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen
-zu einer Spazierfahrt bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl
-an die Herren Ferge und Wehsal weiterzugeben, auch Settembrini
-und Naphta zu benachrichtigen, daß man bei ihnen vorfahren
-werde, und endlich für die Bestellung zweier Landauer
-auf drei Uhr Sorge zu tragen.
-</p>
-
-<p>
-Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus
-„Berghof“: Hans Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort
-die Herrschaften aus den Fürstenzimmern, indem sie sich damit
-unterhielten, die Pferde zu tätscheln, die ihnen mit schwarzen,
-feuchten, plumpen Lippen Zuckerstücke von der flachen Hand
-nahmen. Die Reisegenossen erschienen mit nur leichter Verspätung
-auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen Königshaupt
-<a id="page-460" class="pagenum" title="460"></a>
-schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem, etwas
-abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen
-weichen, runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein
-allgemeines Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck
-mit jedem der drei Herren, die dem Paar bis zum Fuße der
-Stufen entgegenkamen.
-</p>
-
-<p>
-„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er
-ihm die linke Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein
-Sohn?“
-</p>
-
-<p>
-„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der
-Gefragte ...
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man
-hatte doch gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren
-würde man es zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat
-trug einen warmen Gurtmantel aus faserigem, groß kariertem
-Stoff und sogar ein wenig Pelz um die Schultern. Den
-Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn gebundenen
-olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was
-ihr so reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu
-schmerzte, – nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt
-in sie war; und diese seine Unbefangenheit hatte zur Folge,
-daß ihm bei der vorläufigen Verteilung der Plätze, bis die Externen
-zur Gesellschaft stoßen würden, der Rücksitz gegenüber
-Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel, während
-Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias aufgefangen
-zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt
-bestieg. Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners
-nahm teil an dem Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe,
-unter dessen Deckel die Hälse zweier Weinflaschen hervorragten,
-und den er unter dem Rücksitz des vorderen Landauers
-<a id="page-461" class="pagenum" title="461"></a>
-verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft erschienen, und in dem
-Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die Arme gekreuzt hatte,
-erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit angezogenen Bremsen
-setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die
-verdorbenen Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen
-Fahrtgenossen.
-</p>
-
-<p>
-„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig
-machte, weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer
-den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert
-und ekelt es Sie sehr, so neben mir zu sitzen?“
-</p>
-
-<p>
-„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht
-so niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln
-bei jeder Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos,
-sich jedesmal Gedanken darüber zu machen. Was krümmen
-Sie sich immer so? Sie haben, wie wir alle, Ihre Vorzüge und
-Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr hübsch aus dem
-‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es
-nächstens mal wieder tun.“
-</p>
-
-<p>
-„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte
-der elende Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit
-in Ihrem Trost liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch
-tiefer erniedrigen. Sie haben gut reden und trösten vom hohen
-Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch ziemlich lächerlich
-dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und waren im
-siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um
-Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt
-mir im Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, –
-und sehen im Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden,
-auf meine bettelhaften Qualen hinab ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-462" class="pagenum" title="462"></a>
-„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist
-sogar hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu
-verhehlen, da Sie mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend
-soll es auch wohl sein, Sie legen es geradezu darauf an,
-sich widrig zu machen und krümmen sich unausgesetzt. Sind
-Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“
-</p>
-
-<p>
-„Fürchterlich!“ antwortete Wehsal kopfschüttelnd. „Das ist
-nicht zu sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst
-und meiner Begierde nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es
-wird mein Tod sein, aber man kann damit weder leben noch
-sterben. Während sie weg war, fing es an, etwas besser zu gehen,
-sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem sie
-wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen
-derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und
-mir nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht geben,
-aber man kann es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann
-es nicht wegwünschen, man müßte sein Leben wegwünschen,
-womit es sich amalgamiert hat, und das kann man eben nicht,
-– was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit Vergnügen.
-In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist
-Unsinn, denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlangen
-das Leben, und kann nicht gegen sich selber sein, das ist
-die gottverfluchte Zwickmühle. Und wenn ich sage ‚gottverflucht‘,
-so sage ich es auch nur redensartlich und so, als ob ich
-ein anderer wäre, ich selber kann es nicht meinen. Es gibt so
-manche Torturen, Castorp, und wer auf einer Tortur ist, der
-will davon los, will einfach und unbedingt davon los, das ist
-sein Ziel. Aber von der Tortur der Fleischesbegierde kann man
-einzig und allein loswollen auf dem Wege und unter der Bedingung,
-daß sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen
-<a id="page-463" class="pagenum" title="463"></a>
-Preis! Das ist die Einrichtung, und wen es nicht hat, der hält
-sich nicht weiter dabei auf, aber wen es hat, der lernt unsern
-Herrn Jesum Christum kennen, dem gehen die Augen über.
-Gott im Himmel, was für eine Einrichtung und Angelegenheit
-ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt, nur,
-weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört,
-– wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder
-in seiner verschämten Freundlichkeit! Man könnte sagen:
-Wenn es weiter nichts will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt!
-Was will ich denn, Castorp? Will ich sie morden?
-Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur liebkosen!
-Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich winsele, aber
-sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch
-was Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner
-Art bin ich doch auch ein Mensch! Die Fleischesbegierde gehet
-dahin und dorthin, sie ist nicht gebunden und nicht fixiert, und
-darum so heißen wir sie viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine
-Menschenperson mit einem Angesicht, alsdann so redet unser
-Mund von der Liebe. Mich verlangt doch nicht bloß nach ihrem
-Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres Leibes, sondern
-wenn in ihrem Angesicht auch nur ein kleines Etwas anders gestaltet
-wäre, siehe, so verlangte mich’s möglicherweise nach ihrem
-ganzen Leibe gar nicht, und daher so zeiget sich’s, daß ich ihre
-Seele liebe, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe
-zum Angesicht ist Seelenliebe ...“
-</p>
-
-<p>
-„Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich
-und schlagen hier Gott weiß was für Töne an ...“
-</p>
-
-<p>
-„Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Unglück,“
-fuhr der Arme fort, „daß sie eine Seele hat, daß sie ein
-Mensch ist aus Leib und Seele! Denn ihre Seele will nichts
-<a id="page-464" class="pagenum" title="464"></a>
-von der meinen wissen und also ihr Leib nichts von meinem,
-o Jammer und große Not, und um dessentwillen ist mein Verlangen
-zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich winden
-ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von
-mir, Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?!
-Bin ich denn kein Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein
-Mann? Ich bin es sogar im höchsten Grade, ich schwöre
-Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn sie mir
-das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie
-zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust
-der Welt antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte
-und nicht auch um die Angesichte, wenn ihre verfluchte
-Seele nicht wäre, die nichts von mir wissen will, und ohne die
-mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar nicht verlangen
-täte, – das ist des Teufels beschissene Zwickmühle, in der ich
-mich winde ewiglich!“
-</p>
-
-<p>
-„Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er
-bewegt zwar absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch
-seinem Rücken an, daß er zuhört.“
-</p>
-
-<p>
-„Er versteht und hört zu, da haben Sie’s, Castorp! Da haben
-Sie wieder die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer
-Eigenart und ihrem Charakter! Wenn ich von Palingenesie
-spräche oder von ... Hydrostatik, so würde er’s nicht verstehen
-und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und interessierte
-sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die höchste und
-letzte und schauerlich heimlichste Angelegenheit, die Angelegenheit
-vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich die
-populärste Angelegenheit, und jeder versteht sie und kann sich
-lustig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur
-Lustfolter macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp,
-<a id="page-465" class="pagenum" title="465"></a>
-lieber Castorp, lassen Sie mich etwas winseln, denn was habe ich
-für Nächte! Jede Nacht träume ich von ihr, ach, was träume
-ich nicht alles von ihr, es brennt mir im Schlunde und in der
-Magengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es damit,
-daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und
-manchmal auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht
-speit sie mich an, und dann wache ich auf, mit Schweiß
-und Schmach und Lust bedeckt ...“
-</p>
-
-<p>
-„So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vornehmen,
-den Mund zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen
-und jemand sich zu uns setzt. Das ist mein Vorschlag und meine
-Anordnung. Ich will Sie nicht kränken und gebe zu, daß Sie
-in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu Haus eine Geschichte
-von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr beim
-Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit
-jedem Wort eine Schlange oder Kröte. Es stand nicht im Buch,
-wie sie sich dem gegenüber verhielt, aber ich habe immer angenommen,
-daß sie sich wohl aufs Mundhalten verlegt haben
-wird.“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist aber ein Menschenbedürfnis,“ sagte Wehsal kläglich,
-„ein Menschenbedürfnis, lieber Castorp, zu reden und sich das
-Herz zu erleichtern, wenn man in solchen Schwulitäten sitzt
-wie ich.“
-</p>
-
-<p>
-„Es ist sogar ein Menschen<em>recht</em>, Wehsal, wenn Sie wollen.
-Aber es gibt Rechte, meiner Meinung nach, von denen man
-unter Umständen vernünftigerweise keinen Gebrauch macht.“
-</p>
-
-<p>
-Also waren sie still nach Hans Castorps Anordnung, und übrigens
-hatten die Wagen das weinlaubbewachsene Häuschen
-des Gewürzkrämers rasch erreicht, wo man denn nicht einen
-Augenblick zu warten hatte: Naphta und Settembrini waren
-<a id="page-466" class="pagenum" title="466"></a>
-schon auf der Straße, dieser in seiner schadhaften Pelzjacke,
-jener dagegen in einem weißlichgelben Frühjahrsüberzieher,
-der überall gesteppt war und geckenhaft anmutete. Man winkte,
-man tauschte Grüße, während die Wagen wendeten, und die
-Herren stiegen ein: Naphta nahm als vierter im vorderen Landauer
-an Ferges Seite Platz, und Settembrini, in glänzender
-Laune, von klaren Scherzen sprudelnd, gesellte sich zu Hans
-Castorp und Wehsal, wobei dieser ihm seinen Sitz im Fond des
-Wagens überließ, – welchen Herr Settembrini denn in der Haltung
-des Korsofahrers, mit erlesener Lässigkeit, einzunehmen
-wußte.
-</p>
-
-<p>
-Er pries den Genuß des Fahrens, dies Bewegtwerden des
-Körpers in behaglichem Ruhestande und bei wechselnder Szenerie;
-zeigte sich väterlich-verbindlich gegen Hans Castorp und
-tätschelte sogar dem armen Wehsal die Wange, indem er ihn
-aufforderte, des eigenen unsympathischen Ich in der Bewunderung
-der lichten Welt zu vergessen, auf die er mit seiner Rechten
-im schäbigen Lederhandschuh ausholend deutete.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle
-vier, gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute
-Straße, die noch nicht staubte. Felsentrümmer, in deren Fugen
-Gras und Blumen sprossen, traten zuweilen an ihren Rand,
-Telegraphenstangen flohen zurück, Bergwälder stiegen auf, anmutige
-Kurven, die man anstrebte und zurücklegte, unterhielten
-die Wegesneugier, und immer dämmerte teilweis noch verschneites
-Gebirge in sonniger Fernsicht. Das gewohnte Talgebiet
-war verlassen, die Verrückung der alltäglichen Szene erfrischte
-das Gemüt. Bald hielt man am Waldesrand: Von hier
-aus wollte man zu Fuß den Ausflug fortsetzen und das Ziel gewinnen,
-– ein Ziel, mit dem man schon des längeren, ohne es
-<a id="page-467" class="pagenum" title="467"></a>
-anfangs gewahr geworden zu sein, in schwachem, aber sich stetig
-verstärkendem sinnlichen Kontakte stand. Ein fernes Geräusch
-wurde allen bewußt, sobald die Fahrt eingestellt war, ein leises,
-zuweilen der Wahrnehmung noch wieder entkommendes
-Zischen, Schüttern und Brausen, das zu unterscheiden man einander
-aufforderte, und auf das man gefesselten Fußes horchte.
-</p>
-
-<p>
-„Jetzt“, sagte Settembrini, der öfters hier gewesen war,
-„läßt es sich schüchtern an. Aber an Ort und Stelle ist es brutal
-um diese Jahreszeit, – machen Sie sich gefaßt, wir werden
-unser eigen Wort nicht verstehen.“
-</p>
-
-<p>
-So gingen sie denn waldeinwärts, auf einem Wege mit feuchter
-Nadelstreu, voran Pieter Peeperkorn, auf den Arm seiner
-Begleiterin gestützt, den schwarzen weichen Hut in der Stirn,
-mit seitwärts nickendem Tritt; mitten hinter ihnen Hans Castorp,
-ohne Hut, wie alle übrigen Herren, die Hände in den
-Taschen, mit schrägem Kopfe und leisem Pfeifen um sich blickend;
-dann Naphta und Settembrini, dann Ferge mit Wehsal,
-zum Schluß der Malaie allein, den Vesperkorb am Arm. Sie
-sprachen über den Wald.
-</p>
-
-<p>
-Der Wald war nicht wie andere, er bot einen malerisch eigentümlichen,
-ja exotischen, doch unheimlichen Anblick. Er strotzte
-von einer Sorte moosiger Flechten, war damit behangen, beladen,
-ganz und gar darin eingewickelt, in langen, mißfarbenen
-Bärten baumelte das verfilzte Gewirk der Schmarotzerpflanze
-von seinen umsponnenen, gepolsterten Zweigen: man sah fast
-keine Nadeln, man sah lauter Moosgehänge, – eine schwere,
-bizarre Entstellung, ein verzauberter und krankhafter Anblick.
-Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte,
-sie drohte ihn zu ersticken, das war die allgemeine Meinung,
-während der kleine Zug auf dem Nadelwege vorwärts schritt,
-<a id="page-468" class="pagenum" title="468"></a>
-im Ohr das Geräusch des Zieles, dem man sich näherte, dies
-Rumpeln und Zischen, das allmählich zum Getöse wurde und
-Settembrinis Vorhersage wahr zu machen versprach.
-</p>
-
-<p>
-Eine Wegbiegung gab den Blick auf die überbrückte Wald-
-und Felsenschlucht frei, in der der Wasserfall niederging; und
-indem man seiner ansichtig wurde, kam auch die Gehörswirkung
-auf ihren Gipfel, – es war ein Höllenspektakel. Die Wassermassen
-stürzten senkrecht nur in einer einzigen Kaskade, deren
-Höhe aber wohl sieben oder acht Meter betrug, und deren
-Breite ebenfalls beträchtlich war, und schossen dann weiß über
-Felsen weiter. Sie stürzten mit unsinnigem Lärm, in welchem
-sich alle möglichen Geräuscharten und Lauthöhen zu mischen
-schienen, Donnern und Zischen, Gebrüll, Gejohle, Tusch, Krach,
-Geprassel, Gedröhn und Glockengeläut, – wahrhaftig wollten
-einem die Sinne davon vergehen. Die Besucher waren dicht
-herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und betrachteten,
-feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst eingehüllt,
-die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu Blicke
-tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd,
-das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter,
-deren irres und übermäßiges Brausen sie betäubte,
-ihnen Furcht erregte und Gehörstäuschungen verursachte. Man
-glaubte hinter sich, über sich, von allen Seiten drohende und
-warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe Männerstimmen.
-</p>
-
-<p>
-Geschart hinter Mynheer Peeperkorn – Frau Chauchat unter
-den andern fünf Herren – blickten sie mit ihm in den Schwall.
-Sie sahen nicht sein Gesicht, sahen ihn aber das weiße Flammenhaupt
-entblößen und die Brust in der Frische dehnen. Sie
-verständigten sich untereinander durch Blicke und Zeichen, denn
-wahrscheinlich wären Worte, selbst unmittelbar ins Ohr
-<a id="page-469" class="pagenum" title="469"></a>
-geschrien, vom Donner des Sturzes übertäubt worden. Ihre
-Lippen formten Worte des Erstaunens und der Bewunderung,
-die lautlos blieben. Hans Castorp, Settembrini und Ferge verabredeten
-sich durch Kopfwinke, die Höhe der Schlucht zu ersteigen,
-in deren Grunde sie sich befanden, den oberen Steg zu
-gewinnen und die Wasser von dort zu betrachten. Es war nicht
-unbequem: Eine steile Zeile von schmalen, ins Gestein gehauenen
-Stufen führte gleichsam in ein höheres Stockwerk des Waldes
-empor; sie erkletterten sie hintereinander, betraten die Brücke
-und winkten von ihrer Mitte aus, über der Rundung des Falles
-schwebend, auf das Geländer gelehnt, den unteren Freunden.
-Dann gingen sie vollends hinüber, stiegen mühselig ab an der
-anderen Seite und kamen jenseits des Wildwassers, über das
-auch hier unten eine Brücke ging, den Zurückgebliebenen wieder
-zu Gesichte.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeichengebung betraf nun die Einnahme der Vespererfrischungen.
-Sie ging von mehreren Seiten dahin, man solle
-sich zu diesem Behuf aus der Lärmzone ein wenig verziehen, um
-mit entlastetem Gehör und nicht taub und stumm die Freimahlzeit
-zu genießen. Aber man mußte erkennen, daß Peeperkorns
-Willensmeinung dagegen stand. Er schüttelte das Haupt, stieß
-wiederholt den Zeigefinger gegen den Grund, und seine zerrissenen
-Lippen, mit Anstrengung sich auseinanderziehend, bildeten
-ein „Hier!“ Was war da zu tun? In solchen Regiefragen war
-er Herr und Befehlshaber. Die Wucht seiner Persönlichkeit
-hätte den Ausschlag gegeben, selbst wenn er nicht, wie immer,
-Veranstalter und Meister des Unternehmens gewesen wäre.
-Dieses Format ist tyrannisch und autokratisch von je und wird
-es bleiben. Mynheer wollte angesichts des Falles, im Donner
-vespern, das war sein großmächtiger Eigensinn, und wer nicht
-<a id="page-470" class="pagenum" title="470"></a>
-leer ausgehen wollte, mußte hier bleiben. Die Mehrzahl war
-unzufrieden. Herr Settembrini, der die Möglichkeit menschlichen
-Austausches, eines demokratisch-distinkten Geplauders
-oder auch Disputes abgeschnitten sah, warf mit jener Gebärde
-der Verzweiflung und der Resignation die Hand über den Kopf.
-Der Malaie beeilte sich, die Anordnung seines Gebieters zu vollziehen.
-Es waren zwei Klappsessel da, die er für Mynheer und
-Madame an der Felsenwand aufschlug. Dann breitete er zu
-ihren Füßen auf einem Tuche den Inhalt des Korbes aus:
-Kaffeegeschirr und Gläser, Thermosflaschen, Gebäck und Wein.
-Man drängte sich zur Verteilung. Dann saß man auf Geröllsteinen,
-auf dem Geländer des Steges, die Tasse mit heißem
-Kaffee in Händen, den Teller mit Kuchen auf den Knien, und
-vesperte schweigend im Getöse.
-</p>
-
-<p>
-Peeperkorn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut
-neben sich am Boden, trank Portwein aus einem silbernen Becher
-mit Monogramm, den er mehrmals leerte. Und plötzlich
-begann er zu sprechen. Der wunderliche Mann! Es war unmöglich,
-daß er seine eigene Stimme hörte, geschweige daß die
-anderen eine Silbe hätten verstehen können von dem, was er
-verlauten ließ, ohne daß es verlautete. Er aber erhob den Zeigefinger,
-streckte, den Becher in der Rechten, den linken Arm aus,
-die flache Hand schräg erhoben, und man sah, wie sein Königsantlitz
-sich redend bewegte, sein Mund Worte formte, die tonlos
-blieben, als würden sie in luftleerem Raum gesprochen.
-Niemand dachte anders, als daß er sein nutzloses Tun, das man
-mit betretenem Lächeln betrachtete, sogleich wieder einstellen
-werde, – er aber fuhr fort, sich unter bannenden, Aufmerksamkeit
-erzwingenden Kulturgebärden seiner Linken in das alles verschlingende
-Getöse hinein zu äußern, indem er die kleinen, müden
-<a id="page-471" class="pagenum" title="471"></a>
-und blassen, gewaltsam aufgerissenen Augen unter gespannten
-Stirnfalten abwechselnd auf einen und den anderen seiner Zuschauer
-richtete, so daß der eben Angeredete gezwungen war,
-mit hochgezogenen Brauen ihm zuzunicken und offenen Mundes
-die hohle Hand an die Ohrmuschel zu legen, als ob das die
-Heillosigkeit der Sache irgend hätte bessern können. Jetzt stand
-er sogar auf! Den Becher in der Hand, in seinem zerdrückten,
-fast fußlangen Reisemantel, dessen Kragen aufgestellt war,
-barhäuptig, die hohe, idolhaft gefaltete Stirn vom weißen
-Haar umflammt, stand er am Felsen und regte das Antlitz, vor
-das er dozierend den lanzenüberragten Ring seiner Finger hielt,
-die Undeutlichkeit seines tauben Toastes mit dem bannenden
-Zeichen der Genauigkeit versehend. Man erkannte an seinen
-Gebärden und las von seinen Lippen einzelne Wörter, die man
-von ihm zu hören gewohnt war: „Perfekt“ und „Erledigt“, –
-nichts weiter. Man sah sein Haupt sich schräge neigen, zerrissene
-Bitternis der Lippen, das Bild des Schmerzensmannes.
-Dann wieder sah man das üppige Grübchen erblühen, sybaritische
-Schalkheit, ein tanzendes Gewänderraffen, die heilige Unsittsamkeit
-des Heidenpriesters. Er hob den Becher, führte ihn
-im Halbkreis vor den Augen der Gäste hin und trank ihn in zwei,
-drei Schlucken so bis zum letzten aus, daß der Boden ganz nach
-oben stand. Dann reichte er ihn mit ausgestrecktem Arme dem
-Malaien, der das Gefäß, Hand auf der Brust, entgegennahm,
-und gab das Zeichen zum Aufbruch.
-</p>
-
-<p>
-Alle verbeugten sich dankend gegen ihn, indem sie sich anschickten,
-nach Geheiß zu tun. Wer am Boden kauerte, sprang
-auf die Füße, wer auf dem Steggeländer saß, ließ sich herab.
-Der schmächtige Javaner in steifem Hut und Pelzkragen raffte
-die Reste des Mahls und das Geschirr zusammen. In derselben
-<a id="page-472" class="pagenum" title="472"></a>
-schmalen Ordnung, wie man gekommen, kehrte man auf dem
-feuchten Nadelwege, durch den von Flechtenbehang unkenntlich
-gemachten Wald zur Straße zurück, auf der die Wagen hielten.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp stieg diesmal zum Meister und seiner Begleiterin.
-An der Seite des guten Ferge, dem alles Höhere völlig
-ferne lag, saß er dem Paare gegenüber. Es wurde fast nichts
-gesprochen auf dieser Heimfahrt. Mynheer saß, die flachen
-Hände auf dem Plaid, das seine Knie zusammen mit denen
-Clawdias umhüllte, und ließ den Unterkiefer hängen. Settembrini
-und Naphta stiegen aus und verabschiedeten sich, bevor
-die Wagen Geleise und Wasserlauf überschritten. Wehsal fuhr
-allein in der zweiten Kutsche die Wegschleife hinan und vor das
-Berghofportal, wo man sich trennte. –
-</p>
-
-<p>
-War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche
-innere Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte,
-leicht und flüchtig gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung
-vom gewohnten nächtlichen Frieden des Berghofhauses,
-eine noch so gedämpfte Unruhe, die kaum merkliche Erschütterung
-durch ein fernes Laufen, genügte, um ihn hell und wach zu
-machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu lassen? Tatsächlich
-erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür klopfte, was
-kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort, unverschlafen,
-geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und
-ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester,
-die ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich
-im ersten Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie
-erklärte er seinen Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider,
-strich mit den Fingern das Haar aus der Stirn und ging nicht
-schnell und nicht langsam hinab, in Ungewißheit mehr über das
-Wie, als über das Was der Stunde.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-473" class="pagenum" title="473"></a>
-Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen
-und ebenso diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo
-alle Lichter brannten. Die beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk,
-Madame Chauchat und der javanische Kammerdiener
-waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst gekleidet, sondern
-in einer Art von Nationaltracht, einer breitgestreiften hemdartigen
-Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln, einem bunten
-Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus gelbem
-Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck
-von Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt,
-links zu Häupten des Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten
-Händen auf dem Rücken lag. Der Eintretende überblickte
-bleich die Szene. Frau Chauchat wandte ihm den Rücken
-zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende des Bettes,
-den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der
-Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das
-Gesicht ihres Reisebegleiters.
-</p>
-
-<p>
-„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski
-und der Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und
-nickte wehmütig, das weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war
-im klinischen Kittel, aus dessen Brusttasche das Hörrohr ragte,
-trug gestickte Morgenschuhe und keinen Kragen. „Nichts zu
-machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit. Treten Sie
-nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden zugeben,
-daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die
-Augen des Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung,
-folgten ihm ohne Drehung des Kopfes, so daß sie ihr Weißes
-zeigten. Er stellte mit einem Seitenblick fest, daß Frau Chauchat
-sich nicht um ihn kümmerte, und stand in typischer Haltung
-<a id="page-474" class="pagenum" title="474"></a>
-am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände auf dem Unterleibe
-zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in ehrerbietig
-sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen
-Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen.
-Seine Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile
-seines Gesichtes ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung,
-obgleich seine königlichen Züge sonst unverändert waren. Die
-idolhafte Faltenlineatur der hohen, weiß umloderten Stirn, in
-vier- oder fünffacher Reihe wagerecht gezogen und dann im rechten
-Winkel beiderseits die Schläfen hinablaufend, ausgeprägt
-durch die habituelle Anspannung eines ganzen Lebens, trat auch
-bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark hervor. Die
-bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der Blaulauf
-deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige
-Hemmung der Lebensfunktionen.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über
-den Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen,
-in Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte,
-wünschte er vorläufig nicht zu stören und sah sich nach
-der Gruppe der übrigen Anwesenden in seinem Rücken um. Der
-Hofrat winkte mit dem Kopfe in der Richtung des Salons.
-Hans Castorp folgte ihm dorthin.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="la">Suicidium?</span>“ fragte er gedämpft und fachlich ...
-</p>
-
-<p>
-„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und
-fügte hinzu: „Über und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas
-in Galanterieware schon mal gesehen?“ fragte er, indem
-er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig geformtes Etui zog
-und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem jungen
-Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert.
-Man lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es
-<a id="page-475" class="pagenum" title="475"></a>
-ihm aus der Hand genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was
-auf die Haut tropft, kriegen Sie Brandblasen.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern.
-Es war aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr
-wunderlich anzusehen. Es zeigte zwei gebogene, stahlblanke
-Gabelzinken mit äußerst scharfen Spitzen, einen leicht gewundenen
-elfenbeinernen und mit Gold eingelegten Mittelteil, in
-dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine gewisse
-elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren,
-und endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem
-schwarzem Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll.
-</p>
-
-<p>
-„Was ist das?“ fragte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze.
-Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische
-Kopie des Beißzeugs der Brillenschlange. Sie verstehen? –
-Sie scheinen nicht zu verstehen“, sagte er, da Hans Castorp fortfuhr,
-benommen auf das bizarre Instrument niederzublicken.
-„Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie sind von
-einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen
-Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich
-sehen können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der
-Zahnwurzel offen, und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang
-der Gummidrüse, der in dem elfenbeinernen Mittelteil
-verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne etwas einwärts,
-das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen Druck, der den
-Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo die
-Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn
-schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat.
-Man muß nur darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen
-persönlichen Angaben hergestellt.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-476" class="pagenum" title="476"></a>
-„Sicher!“ sagte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Die Ladung kann nicht sehr groß gewesen sein“, fuhr der
-Hofrat fort. „Was sie an Quantität vermissen ließ, muß sie ersetzt
-haben durch –“
-</p>
-
-<p>
-„Dynamik“, ergänzte Hans Castorp.
-</p>
-
-<p>
-„Na also. Was es ist, das werden wir schon noch eruieren.
-Man darf dem Ergebnis mit einiger Neugier entgegensehen,
-es gibt da zweifellos was zu lernen. Wetten wir, daß der wachhabende
-Exot da hinten, der sich heute nacht so fein gemacht
-hat, uns ganz genau Bescheid sagen könnte? Ich nehme an,
-daß eine Kombination von Tierischem und Pflanzlichem vorliegt,
-– vom Guten das Beste jedenfalls, denn die Wirkung
-muß fulminant gewesen sein. Alles spricht dafür, daß es ihm
-sofort den Atem verschlagen hat, Lähmung des Respirationszentrums,
-wissen Sie, rapider Erstickungstod, wahrscheinlich
-ohne Zwang und Qualen.“
-</p>
-
-<p>
-„Gott gebe es!“ sagte Hans Castorp fromm, händigte dem
-Hofrat das unheimliche kleine Werkzeug seufzend wieder ein
-und kehrte ins Schlafzimmer zurück.
-</p>
-
-<p>
-Nur der Malaie und Madame Chauchat waren jetzt dort
-noch anwesend. Diesmal hob Clawdia den Kopf nach dem jungen
-Mann, als er sich dem Bett wieder näherte.
-</p>
-
-<p>
-„Sie hatten ein Anrecht darauf, daß ich Sie rufen ließ“,
-sagte sie.
-</p>
-
-<p>
-„Es war sehr gütig von Ihnen“, sagte er, „und Sie haben
-recht. Wir waren Duzfreunde. Ich schäme mich in tiefster Seele,
-daß ich mich dessen schämte vor den Leuten und Umschweife
-gebrauchte. – Sie waren bei ihm in seinen letzten Augenblicken?“
-</p>
-
-<p>
-„Der Diener benachrichtigte mich, als alles vorüber war“,
-antwortete sie.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-477" class="pagenum" title="477"></a>
-„Er war von solchem Format“, fing Hans Castorp wieder
-an, „daß er das Versagen des Gefühls vor dem Leben als kosmische
-Katastrophe und als Gottesschande empfand. Denn er
-betrachtete sich als Gottes Hochzeitsorgan, müssen Sie wissen.
-Das war eine königliche Narretei ... Wenn man ergriffen ist,
-hat man den Mut zu Ausdrücken, die kraß und pietätlos klingen,
-aber feierlicher sind als konzessionierte Andachtsworte.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="fr">C’est une abdication</span>“, sagte sie. „Er wußte von unserer
-Torheit?“
-</p>
-
-<p>
-„Es war mir nicht möglich, sie ihm abzustreiten, Clawdia. Er
-hatte sie erraten aus meiner Weigerung, Sie in seiner Gegenwart
-auf die Stirn zu küssen. Seine Gegenwart ist eher symbolisch,
-als real, in diesem Augenblick, aber wollen Sie mir erlauben,
-es jetzt zu tun?“
-</p>
-
-<p>
-Sie rückte kurz den Kopf gegen ihn, die Augen geschlossen,
-wie mit einem kleinen Winken. Er führte die Lippen an ihre
-Stirn. Die braunen Tieraugen des Malaien überwachten die
-Szene seitwärts gerollt, so daß sie ihr Weißes zeigten.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-6">
-Der große Stumpfsinn
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Noch einmal hören wir Hofrat Behrens’ Stimme – horchen
-wir gut hin! Wir vernehmen sie vielleicht zum letztenmal!
-Einmal endigt selbst diese Geschichte; sie hat die längste Zeit
-gedauert, oder vielmehr: Ihre inhaltliche Zeit ist derart ins
-Rollen gekommen, daß kein Halten mehr ist, daß auch ihre
-musikalische zur Neige geht, und daß vielleicht keine Gelegenheit
-mehr unterkommen wird, den aufgeräumten Tonfall zu belauschen
-der Sprache des redensartlichen Rhadamanthys. Er
-sagte zu Hans Castorp:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-478" class="pagenum" title="478"></a>
-„Castorp, alter Schwede, Sie langweilen sich. Sie lassen
-das Maul hängen, ich sehe es alle Tage, die Verdrossenheit
-steht Ihnen an der Stirn geschrieben. Sie sind ein blasierter
-Balg, Castorp, Sie sind verhätschelt mit Sensationen, und
-wenn Ihnen nicht alle Tage was Erstklassiges geboten wird,
-so mucken und muffen Sie über die Sauregurkenzeit. Hab ich
-recht oder unrecht?“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp schwieg, und da er das tat, so mußte wohl
-wirklich Finsternis walten in seinem Innern.
-</p>
-
-<p>
-„Recht hab ich, wie immer“, gab Behrens sich selbst zur
-Antwort. „Und eh Sie mir hier das Gift der Reichsverdrossenheit
-verbreiten, Sie mißvergnügter Staatsbürger, sollen Sie
-doch sehen, daß Sie durchaus nicht von Gott und Welt verlassen
-sind, sondern daß die Obrigkeit ein Auge auf Sie hat,
-ein unverwandtes Auge, mein Lieber, und rastlos auf Ihre
-Divertierung bedacht ist. Der alte Behrens ist auch noch da.
-Na, nun mal ohne Spaß mein Junge! Es ist mir was eingefallen
-in Ihrer Sache, ich hab mir, weiß Gott, in schlaflosen
-Nächten für Sie was ausgedacht. Man könnte von einer
-Erleuchtung reden – tatsächlich versprech ich mir viel von
-meiner Idee, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als Ihre
-Entgiftung und triumphale Heimkehr in ungeahnter Bälde.“
-</p>
-
-<p>
-„Da machen Sie Augen“, fuhr er nach einer Kunstpause
-fort, obgleich Hans Castorp keinerlei Augen machte, sondern
-ihn ziemlich schläfrig und zerstreut betrachtete, „und haben
-keine Ahnung, wie der alte Behrens es meinen könnte. Ich
-meine es aber so. Mit Ihnen stimmt etwas nicht, Castorp, das
-wird Ihrer werten Apperzeption ja nicht entgangen sein. Es
-stimmt insofern nicht, als Ihre Vergiftungserscheinungen sich
-schon seit längerem auf den zweifellos sehr gebesserten lokalen
-<a id="page-479" class="pagenum" title="479"></a>
-Zustand nicht mehr recht reimen lassen – ich meditiere nicht erst
-seit gestern darüber. Wir haben hier Ihr neuestes Photo ...
-halten wir den Zauber mal gegen das Licht. Sie sehen, da
-findet der ärgste Nörgler und Schwarzseher, wie unser kaiserlicher
-Herr immer sagt, nicht allzuviel mehr zu erinnern. Ein
-paar Herde sind ganz resorbiert, das Nest ist kleiner geworden
-und schärfer umgrenzt, was, wie Sie gelehrterweise wissen,
-auf Heilung deutet. Aus diesem Befund ist die Unsolidität
-Ihres Wärmehaushalts nicht recht zu erklären, Mann; der
-Arzt sieht sich in die Notwendigkeit versetzt, nach neuen Ursachen
-zu fahnden.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorps Kopfbewegung drückte leidlich höfliche
-Neugier aus.
-</p>
-
-<p>
-„Nun werden Sie denken, Castorp, der olle Behrens muß
-zugeben, daß er die Behandlung verfehlt hat. Da hätten Sie
-aber einen Bock geschossen und wären der Sachlage nicht gerecht
-geworden und dem ollen Behrens auch nicht. Ihre Behandlung
-war nicht verfehlt, sie war nur möglicherweise zu
-einseitig orientiert. Die Möglichkeit ist mir aufgegangen, daß
-Ihre Symptome von jeher nicht ausschließlich auf <span class="antiqua" lang="la">tuberculosis</span>
-zurückzuführen gewesen sind, und ich leite diese Möglichkeit
-aus der Wahrscheinlichkeit ab, daß sie heute überhaupt nicht
-mehr darauf zurückzuführen sind. Es muß eine andere
-Störungsquelle vorhanden sein. Nach meiner Meinung haben
-Sie Kokken.“
-</p>
-
-<p>
-„Nach meiner tiefinnersten Überzeugung“, wiederholte
-verstärkend der Hofrat, nachdem er die Kopfbewegung entgegengenommen,
-die hiernach auf seiten Hans Castorps fällig
-gewesen, „haben Sie Streptos – worüber Sie sich übrigens
-nicht gleich zu entsetzen brauchen.“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-480" class="pagenum" title="480"></a>
-(Es konnte von Entsetzen gar nicht die Rede sein. Hans
-Castorps Miene drückte vielmehr eine Art von ironischer Anerkennung,
-sei es des ihm begegnenden Scharfsinns, sei es des
-neuen Würdenstandes aus, in den der Hofrat ihn hypothetisch
-versetzte.)
-</p>
-
-<p>
-„Kein Grund zur Panik!“ variierte dieser sein Zureden.
-„Kokken hat jeder. Streptos hat jeder Esel. Sie brauchen
-sich gar nichts einzubilden. Wir wissen erst seit neulich, daß
-einer Streptokokken im Blut haben kann, ohne irgendwie ansehnliche
-Infektionserscheinungen zu produzieren. Wir stehen
-vor dem vielen Kollegen noch gar nicht bekannten Ergebnis,
-daß auch Tuberkeln im Blute vorkommen können, ganz ohne
-Konsequenzen. Wir sind keine drei Schritte mehr von der Auffassung
-entfernt, daß die Tuberkulose eigentlich eine Blutkrankheit
-ist.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp fand das recht bemerkenswert.
-</p>
-
-<p>
-„Wenn ich also sage: Streptos,“ fing Behrens wieder an,
-„so dürfen Sie natürlich nicht an das bekannte schwere Krankheitsbild
-denken. Ob diese Kleinen von den Meinen sich überhaupt
-bei Ihnen angesiedelt haben, muß die baktereologische
-Blutuntersuchung zeigen. Aber ob Ihre Febrilität von ihnen
-herrührt, gesetzt, daß sie vorhanden sind, das lehrt dann erst die
-Wirkung der Streptovakzinkur, die wir diesfalls einzuleiten
-haben. Das ist der Weg, lieber Freund, und ich verspreche
-mir, wie gesagt, das Unvorhergesehenste davon. So langwierig
-Tuberkulose ist, so rasch können Erkrankungen dieser
-Art heute geheilt werden, und wenn Sie überhaupt auf die
-Einspritzungen reagieren, so sind Sie in sechs Wochen springgesund.
-Was sagen Sie nun? Ist der olle Behrens auf seinem
-Posten, he?“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-481" class="pagenum" title="481"></a>
-„Es ist ja vorläufig nur eine Hypothese“, sagte Hans Castorp
-schlaff.
-</p>
-
-<p>
-„Eine beweisbare Hypothese! Eine höchst fruchtbare Hypothese!“
-versetzte der Hofrat. „Sie werden sehen, wie fruchtbar
-sie ist, wenn auf unseren Kulturen die Kokken wachsen. Morgen
-nachmittag zapfen wir Sie an, Castorp; nach allen Regeln der
-Dorfbaderkunst lassen wir Sie zur Ader. Das ist ein Spaß für
-sich und kann allein schon für Körper und Seele die segensreichsten
-Effekte zeitigen ...“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp erklärte sich zu der Diversion bereit und bedankte
-sich recht schön für das ihm gewidmete Augenmerk.
-Den Kopf gegen die Schulter geneigt, blickte er dem davonrudernden
-Hofrat nach. Die Ansprache des Chefs traf genau
-in einen kritischen Moment; Radamanth hatte Mienen und
-Stimmung des Berggastes ziemlich richtig gedeutet, und sein
-neues Unternehmen war bestimmt – ausdrücklich dazu bestimmt,
-die Absicht war gar nicht geleugnet worden –, den
-toten Punkt zu überwinden, auf den dieser Gast sich seit kurzem
-gelangt fand, wie eben aus seiner Mimik zu schließen war, die
-deutlich an diejenige des seligen Joachim erinnerte, zur Zeit, als
-gewisse wilde und trotzige Entschlüsse sich in ihm vorbereitet
-hatten.
-</p>
-
-<p>
-Es ist mehr zu sagen. Nicht nur er selbst, Hans Castorp,
-schien sich auf solchem toten Punkte angekommen, sondern ihm
-war, als ob es mit der Welt, mit allem, mit „dem Ganzen“
-eben diese Bewandtnis habe, oder vielmehr: er fand, daß es
-schwer sei, hier das Besondere vom Allgemeinen zu unterscheiden.
-Seit dem exzentrischen Ende seiner Verbindung mit
-einer Persönlichkeit; seit der vielfältigen Bewegung, die dieses
-Ende über das Haus gebracht, und seit Clawdia Chauchats
-<a id="page-482" class="pagenum" title="482"></a>
-neuerlichem Ausscheiden aus der Gemeinschaft derer hier oben,
-dem Lebewohl, das, beschattet von der Tragik großen Versagens,
-im Geiste ehrerbietiger Rücksicht, zwischen ihr und dem
-überlebenden Duzbruder ihres Herrn getauscht worden, – seit
-dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei es mit Welt
-und Leben nicht ganz geheuer; als stehe es auf eine besondere
-Weise und zunehmend schief und beängstigend darum;
-als habe ein Dämon die Macht ergriffen, der, schlimm und
-närrisch, zwar lange schon beträchtlichen Einfluß geübt, jetzt
-aber seine Herrschaft so zügellos offen erklärt habe, daß es
-wohl geheimnisvollen Schrecken einflößen und Fluchtgedanken
-nahelegen konnte, – der Dämon, des Name Stumpfsinn war.
-</p>
-
-<p>
-Man wird urteilen, der Erzähler trage dick und romantisch
-auf, indem er den Namen des Stumpfsinns mit dem des
-Dämonischen in Verbindung bringe und ihm die Wirkung
-mystischen Grauens zuschreibe. Und dennoch fabeln wir nicht,
-sondern halten uns genau an unseres schlichten Helden persönliches
-Erlebnis, dessen Kenntnis uns auf eine Weise, die sich
-freilich der Untersuchung entzieht, gegeben ist, und das schlechthin
-den Beweis liefert, daß Stumpfsinn unter Umständen
-solchen Charakter gewinnen und solche Gefühle einflößen kann.
-Hans Castorp blickte um sich ... Er sah durchaus Unheimliches,
-Bösartiges, und er wußte, was er sah: Das Leben
-ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als
-stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben.
-</p>
-
-<p>
-Geschäftigkeit herrschte darin, Betätigungen von allerlei
-Art liefen nebeneinander her; doch dann und wann artete eine
-davon zur wilden Modewut aus, der alles fanatisch unterlag.
-So hatte die Liebhaberphotographie von jeher in der Berghofwelt
-eine bedeutende Rolle gespielt; schon zweimal aber – denn
-<a id="page-483" class="pagenum" title="483"></a>
-wer lange genug hier oben verweilte, konnte die periodische
-Wiederkehr solcher Epidemien erleben – war die Leidenschaft
-dafür auf Wochen und Monate zur allgemeinen Narretei geworden,
-so daß niemand war, der nicht, mit besorgter Miene
-den Kopf über eine in die Magengrube gestützte Kamera gebeugt,
-die Blende hätte blinzeln lassen, und das Herumreichen
-von Abzügen bei Tische kein Ende nahm. Plötzlich war es
-Ehrensache, selbst zu entwickeln. Die zur Verfügung stehende
-Dunkelkammer genügte der Nachfrage bei weitem nicht. Man
-versah Fenster und Balkontüren der Zimmer mit schwarzen
-Vorhängen; und bei Rotlicht hantierte man so lange mit
-chemischen Bädern, bis Feuer auskam und der bulgarische
-Student vom Guten Russentisch um ein Haar zu Asche verbrannt
-wäre, worauf denn ein Verbot der Anstaltsobrigkeit
-erging. Bald fand man das einfache Lichtbild abgeschmackt;
-Blitzlichtaufnahmen und farbige Photographien nach Lumière
-kamen in Schwung. Man weidete sich an Bildern, auf denen
-Personen, vom Magnesiumblitz jäh betroffen, mit stieren Augen
-aus fahl verkrampften Gesichtern blickten, wie Leichen Ermordeter,
-die man mit offenen Augen aufrecht hingesetzt. Und
-Hans Castorp bewahrte eine in Pappe gerahmte Glasplatte,
-die ihn, wenn man sie gegen das Licht hielt, zwischen Frau
-Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von <a id="corr-92"></a>denen die erste einen
-himmelblauen, die andere einen blutroten Sweater trug, mit
-kupferigem Angesicht und unter blechgelben Butterblumen,
-deren eine ihm im Knopfloch strahlte, auf einer giftgrünen
-Waldwiese zeigte.
-</p>
-
-<p>
-Es war da ferner das Briefmarkensammeln, das, alle Zeit
-von einzelnen betrieben, zeitweise zu allgemeiner Besessenheit
-um sich griff. Jedermann klebte, schacherte, tauschte.
-<a id="page-484" class="pagenum" title="484"></a>
-Philatelistische Zeitschriften wurden gehalten, Korrespondenzen
-mit Spezialgeschäften des In- und Auslandes, mit Fachvereinen
-und Privatliebhabern unterhalten und erstaunliche
-Summen zur Gewinnung seltener Wertzeichen selbst von solchen
-aufgebracht, deren häusliche Verhältnisse den monate-
-oder jahrelangen Aufenthalt in der Luxusheilstätte nur knapp
-gestatteten.
-</p>
-
-<p>
-Das dauerte so lange, bis eine andere Geckerei zur Herrschaft
-gelangte und etwa das Anhäufen und unaufhörliche Verzehren
-von Schokolade der erdenklichsten Sorten zum guten
-Ton wurde. Alle Welt hatte braune Münder, und die leckersten
-Darbietungen der Berghofküche fanden faule und krittelnde
-Genießer, da die Magen mit Milka-Nut, <span class="antiqua" lang="fr">Chocolat à la crème
-d’amandes</span>, Marquis-Napolitains und goldgesprenkelten
-Katzenzungen gestopft und davon verstimmt waren.
-</p>
-
-<p>
-Das Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen, inauguriert
-von höchster Stelle an einem verflossenen Faschingsabend
-und seitdem viel gepflegt, hatte fortzeugend zu geometrischen
-Geduldsübungen geführt, denen zeitweise die Geisteskraft
-aller Berghofgäste und selbst noch die letzten Gedanken
-und Energiebezeugungen Moribunder gehörten. Wochenlang
-stand das Haus im Zeichen einer verwickelten Figur, die sich aus
-nicht weniger als acht großen und kleinen Kreisen und mehreren
-ineinanderliegenden Dreiecken zusammensetzte. Die Aufgabe
-war, diese flächige Vielgestalt freihändig in einem Zug zu beschreiben;
-das höchste Ziel aber, dies endlich auch noch bei sicher
-verbundenen Augen zu vollbringen, – was schließlich, über geringe
-Schönheitsfehler billig hinweggesehen, denn doch nur
-dem Staatsanwalt Paravant gelang, der Hauptträger dieser
-Scharfsinnsverbohrung war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-485" class="pagenum" title="485"></a>
-Wir wissen, daß er der Mathematik oblag, wissen es vom
-Hofrat selbst und kennen auch die züchtige Triebfeder dieser
-Hingabe, deren kühlende, den Fleischesstachel stumpfende
-Wirkung wir haben preisen hören, und deren allgemeinere
-Nachfolge gewisse Maßregeln, die man neuerdings zu treffen
-sich gezwungen gesehen hatte, wahrscheinlich unnötig gemacht
-haben würde. Sie bestanden hauptsächlich in der Abriegelung
-aller Balkondurchgänge, an den nicht ganz bis zur Brüstung
-reichenden Milchglasscheidewänden vorbei, durch kleine Türen,
-die zur Nacht durch den Bademeister unter populärem
-Schmunzeln verschlossen wurden. Sehr gesucht waren seitdem
-die Zimmer im ersten Stock über der Veranda, wo man nach
-Übersteigung der Balustrade über das vorspringende Glasdach
-hin, unter Vermeidung der Türchen, von Abteil zu Abteil gelangen
-konnte. Des Staatsanwalts wegen aber hätte die
-disziplinäre Neuerung überhaupt nicht eingeführt zu werden
-brauchen. Die schwere Anfechtung, die von der Erscheinung
-jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war
-längst überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem
-natürlichen Teil zu schaffen gemacht. Mit verdoppelter Inbrunst
-hatte er sich seitdem der klaräugigen Göttin in die Arme
-geworfen, von deren kalmierender Macht der Hofrat so Sittliches
-zu sagen wußte, und das Problem, dem bei Tag und
-Nacht all sein Sinnen gehörte, an das er all jene Persistenz,
-die ganze sportliche Zähigkeit wandte, mit der er ehemals, vor
-seiner oft verlängerten Beurlaubung, welche in völlige Quieszierung
-überzugehen drohte, die Überführung armer Sünder betrieben
-hatte, – war kein anderes als die Quadratur des Kreises.
-</p>
-
-<p>
-Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit
-der Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die
-<a id="page-486" class="pagenum" title="486"></a>
-Wissenschaft die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben
-wollte, unstichhaltig seien, und daß die planende Vorsehung
-ihn, Paravant, darum aus der unteren Welt der Lebendigen
-entfernt und hierher versetzt habe, weil sie ihn dazu ausersehen,
-das transzendente Ziel in den Bereich irdisch genauer Erfüllung
-zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und rechnete, wo er
-ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit Figuren,
-Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes
-Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden
-Mannes, trug den visionären und verbissenen Ausdruck der
-Manie. Sein Gespräch betraf ausschließlich und mit furchtbarer
-Eintönigkeit die Verhältniszahl <span class="antiqua">pi</span>, diesen verzweifelten Bruch,
-den das niedrige Genie eines Kopfrechners namens Zacharias
-Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen berechnet
-hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit zweitausend
-Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das Unerreichbar-Genaue
-so wenig erschöpft gewesen wären, daß man
-sie für unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten
-Denker, denn <a id="corr-93"></a>wen immer <a id="corr-94"></a>ihm an der Brust zu ergreifen
-gelang, der mußte glühende Redeströme über sich ergehen
-lassen, bestimmt, seine humane Empfindlichkeit zu wecken für
-die Schande der Verunreinigung des Menschengeistes durch
-die heillose Irrationalität dieses mystischen Verhältnisses. Die
-Fruchtlosigkeit ewiger Multiplikation des Durchmessers mit
-pi, um den Umfang –, des Quadrats über dem Halbmesser, um
-den Inhalt des Kreises zu finden, schuf dem Staatsanwalt
-Anfälle von Zweifeln, ob nicht die Menschheit sich die Lösung
-des Problems seit Archimedes’ Tagen viel zu schwer gemacht
-habe und ob diese Lösung nicht in Wahrheit die kindlich einfachste
-sei. Wie, man sollte die Kreislinie nicht rektifizieren und
-<a id="page-487" class="pagenum" title="487"></a>
-also auch nicht jede Gerade zum Kreise biegen können? Zuweilen
-glaubte Paravant sich einer Offenbarung nahe. Man
-sah ihn öfters noch spät am Abend im verödeten und schlecht
-erleuchteten Speisesaal an seinem Tische sitzen, auf dessen entblößter
-Platte er ein Stück Bindfaden sorgfältig in Kreisform
-legte, um es plötzlich, mit überrumpelnder Gebärde, zur Geraden
-zu strecken, danach aber, schwer aufgestützt, in bitteres Grübeln
-zu verfallen. Der Hofrat ging ihm gelegentlich zur Hand bei
-solchem schwermütigen Getändel, bestärkte ihn überhaupt in
-seiner Grille. Und auch an Hans Castorp wandte sich der
-Leidende wohl einmal mit seinem geliebten Gram, einmal und
-wiederholt, da er auf viel freundliches Verständnis, auf ein teilnehmendes
-Gefühl für das Geheimnis des Kreises stieß. Er
-veranschaulichte dem jungen Mann die Verzweiflung pi, indem
-er ihm eine haarscharfe Zeichnung vorwies, worin mit
-äußerster Mühe eine Kreislinie zwischen zwei Polygonen mit
-winzig-zahllosen Seiten, einem eingeschriebenen und einem umschriebenen,
-bis zur letzt-menschenmöglichen Annäherung eingefangen
-war. Der Rest aber, die Krümmung, die sich auf eine
-ätherisch-geistige Art der Rationalisierung durch die berechenbare
-Umklammerung entzog, – das, sagte der Staatsanwalt
-mit bebendem Unterkiefer, sei pi! Hans Castorp, bei aller
-Empfänglichkeit, zeigte sich weniger reizbar gegen pi, als sein
-Unterredner. Er nannte es eine Eulenspiegelei, riet Herrn
-Paravant, sich bei seinem Haschespiel doch nicht zu ernstlich zu
-erhitzen und sprach von den ausdehnungslosen Wendepunkten,
-aus denen der Kreis von seinem nicht vorhandenen Anfang bis
-zu seinem nicht vorhandenen Ende bestehe, sowie von der übermütigen
-Melancholie, die in der ohne Richtungsdauer in sich
-selber laufenden Ewigkeit liege, mit so gelassener Religiosität,
-<a id="page-488" class="pagenum" title="488"></a>
-daß vorübergehend eine begütigende Wirkung davon auf den
-Staatsanwalt ausging.
-</p>
-
-<p>
-Übrigens bestimmte seine Natur den guten Hans Castorp
-zum Vertrauten mehr als eines Hausgenossen, von dem
-irgendeine fixe Idee Besitz ergriffen, und der darunter litt, daß
-er bei der leichtlebigen Mehrzahl kein Gehör dafür fand. Ein
-ehemaliger Bildhauer aus der österreichischen Provinz, ein
-schon älterer Mann mit weißem Schnurrbart, einer Hakennase
-und blauen Augen, hatte einen Plan finanzpolitischer Art
-gefaßt – und ihn, unter Markierung entscheidender Stellen
-durch Pinselstriche von Sepiawasserfarbe, in Schönschrift aufgesetzt
-–, der darauf ausging, daß jeder Zeitungsbezieher gehalten
-sein solle, eine tägliche Teilmenge von 40 Gramm Altzeitungspapier,
-gesammelt am ersten jeden Monats, abzuliefern,
-was denn im Jahre rund 14000 Gramm, in zwanzig
-Jahren aber nicht weniger als 288 Kilo ausmachen und, das
-Kilo zu 20 Pfennigen berechnet, einen Wert von 57,60 deutschen
-Mark darstellen werde. Fünf Millionen Abonnenten, so fuhr
-das Memorandum fort, würden also in zwanzig Jahren an
-Altzeitungswerten die ungeheuere Summe von 288 Millionen
-Mark abliefern, wovon ihnen zwei Drittel auf das Neuabonnement
-möchten angerechnet werden, das sich so verbilligen
-werde, der Rest aber, ein Drittel, gegen 100 Millionen Mark,
-für humanitäre Zwecke, zur Finanzierung volkstümlicher
-Lungenheilstätten, zur Unterstützung bedrängter Talente und
-so weiter, frei werden würde. Der Plan war ausgearbeitet bis
-auf die zeichnerische Darstellung des Zentimeterpreisstockes,
-von dem das Altpapierabholorgan allmonatlich den Wert der
-gesammelten Papiermenge ablesen sollte, und der gelochten
-Formulare, mit denen Vergütungsgelder quittiert werden
-<a id="page-489" class="pagenum" title="489"></a>
-sollten. Er war gerechtfertigt und begründet nach allen Seiten.
-Die unbesonnene Vergeudung und Vernichtung von Zeitungspapier,
-das von Unaufgeklärten dem Spülwasser, dem Feuer
-ausgesetzt werde, bedeute Hochverrat an unserem Walde, an
-unserer Volkswirtschaft. Papier schonen, Papier sparen heiße
-Zellstoff, den Waldbestand, Menschenmaterial schonen und
-sparen, das bei der Fabrikation von Zellstoff und Papier verbraucht
-werde, nicht minder Menschenmaterial und Kapital.
-Da ferner Altzeitungspapier auf dem Wege über die Packpapier-
-und Kartonageerzeugung leicht in vierfache Werte gesteigert
-werden könne, so werde es Wirtschaftsfaktor von Belang
-und Unterlage ergiebiger staatlicher und gemeindlicher
-Besteuerungen werden, die Zeitungsleser als Steuersubjekte
-entlasten. Kurzum, der Plan war gut, war eigentlich unwidersprechlich,
-und wenn ihm Unheimlich-Müßiges, ja Finster-Närrisches
-anhaftete, so eben nur des schiefen Fanatismus
-wegen, womit der vormalige Künstler eine ökonomische Idee,
-und gerade nur diese verfolgte und verfocht, mit der es ihm
-offenbar im Innersten so wenig ernst war, daß er nicht den
-geringsten Versuch unternahm, sie ins Werk zu setzen ...
-Hans Castorp hörte dem Mann mit schrägem Kopfe nickend
-zu, wenn er mit fiebrig beschwingten Worten seinen Heilsgedanken
-vor ihm propagierte, und untersuchte dabei das Wesen
-der Verachtung und des Widerwillens, die seine Parteinahme
-für den Erfinder gegen die gedankenlose Welt beeinträchtigten.
-</p>
-
-<p>
-Einige Berghofinsassen trieben Esperanto und wußten
-sich etwas damit, in dem künstlichen Kauderwelsch bei Tische
-zu konversieren. Hans Castorp blickte sie finster an, indem
-er übrigens bei sich selber dafür hielt, daß sie die Schlimmsten
-nicht seien. Es gab hier seit kurzem eine Gruppe von
-<a id="page-490" class="pagenum" title="490"></a>
-Engländern, die ein Gesellschaftsspiel eingeführt hatten, welches
-in nichts anderem bestand, als daß ein Teilnehmer an seinen
-Nachbarn im Kreise die Frage richtete: „<span class="antiqua" lang="en">Did you ever see
-the devil with a night-cap on?</span>“, der Gefragte aber zur Antwort
-gab: „<span class="antiqua" lang="en">No! I never saw the devil with a night-cap on</span>“,
-worauf er die Frage andererseits weitergab – und so immer
-reihum. Das war entsetzlich. Aber dem armen Hans Castorp
-war doch noch schlimmer zumute beim Anblick der Patienceleger,
-die überall im Hause und zu jeder Tageszeit zu beobachten
-waren. Denn die Leidenschaft für diese Zerstreuung war
-neuestens derart eingerissen, daß sie buchstäblich das Haus zur
-Lasterhöhle machte, und Hans Castorp hatte um so mehr Ursache,
-sich grauenhaft davon berührt zu fühlen, als er selber
-zeitweise ein Opfer – und zwar vielleicht das hingenommenste
-– der Seuche war. Die Elferpatience hatte es ihm angetan:
-jene Form, bei der man die Whistkarte zu je drei Blatt in drei
-Reihen auslegt und zwei Karten, die zusammen elf ausmachen,
-sowie die drei Bildkarten, wenn sie offen daliegen, neu bedeckt,
-bis bei holdem Glücke das Spiel aufgeht. Man sollte nicht für
-möglich halten, daß Seelenreize, die zur Behexung zu führen
-vermögen, von einem so einfachen Verfahren ausgehen könnten.
-Dennoch erprobte Hans Castorp, gleich so vielen anderen,
-diese Möglichkeit – erprobte sie, da die Ausschweifung niemals
-heiter ist, mit finsteren Brauen. Verfallen den Launen des
-Kartenkobolds, berückt von dieser phantastisch wechselnden
-Gunst, die zuweilen, in leichter Glücksschwebe, von allem Anbeginn
-die Elferpaare, das Bub-Dame-Königsbild sich häufen
-ließ, so daß das Spiel schon vergeben war, bevor noch die
-dritte Staffel sich vollendet hatte (ein flüchtiger Triumph, der
-die Nerven sogleich zu neuen Versuchen stachelte); dann wieder
-<a id="page-491" class="pagenum" title="491"></a>
-bis zum neunten und letzten Blatt jede einzige Möglichkeit der
-Neubedeckung verweigerte, oder den scheinbar schon sicheren
-Erfolg durch jähe Stockung im letzten Augenblick verflattern
-ließ, – legte er Patience überall und zu allen Tageszeiten, des
-Nachts unter den Sternen, des Morgens im bloßen Pyjama,
-bei Tische und selbst im Traum. Ihm graute, aber er tat es.
-Und so betraf ihn bei einem Besuche Herr Settembrini, ihn
-„störend“, wie es von jeher seine Sendung gewesen.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">Accidenti!</span>“ sprach er. „Sie legen sich die Karten, Ingenieur?“
-</p>
-
-<p>
-„So ist es nicht gerade gemeint“, erwiderte Hans Castorp.
-„Ich lege einfach, ich balge mich mit dem abstrakten Zufall.
-Mich intrigieren seine wetterwendischen Faxen, seine Liebedienerei
-und dann wieder seine unglaubliche Widerspenstigkeit.
-Heute morgen gleich nach dem Aufstehen ist die Patience dreimal
-hintereinander glatt ausgekommen, davon einmal in zwei
-Reihen, was ein Rekord ist. Wollen Sie glauben, daß ich jetzt
-zum zweiunddreißigstenmal auslege, ohne ein einziges Mal
-auch nur bis zur Hälfte des Spieles gekommen zu sein?“
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini blickte ihn, wie sooft schon im Laufe der
-Jährchen, mit traurigen schwarzen Augen an.
-</p>
-
-<p>
-„Jedenfalls finde ich Sie präokkupiert“, sagte er. „Es sieht
-nicht aus, als ob ich hier für meine Sorgen Trost, und Balsam
-für den inneren Zwiespalt finden sollte, der mich quält.“
-</p>
-
-<p>
-„Zwiespalt?“ wiederholte Hans Castorp und legte ...
-</p>
-
-<p>
-„Die Weltlage verwirrt mich“, seufzte der Freimaurer.
-„Der Balkanbund wird zustandekommen, Ingenieur, alle
-meine Informationen sprechen dafür. Rußland arbeitet fieberhaft
-daran, und die Spitze der Kombination ist gegen die
-österreichisch-ungarische Monarchie gerichtet, ohne deren
-<a id="page-492" class="pagenum" title="492"></a>
-Zertrümmerung kein Punkt des russischen Programms zu verwirklichen
-ist. Begreifen Sie meine Skrupel? Ich hasse Wien
-mit ganzer Kraft, Sie wissen es. Aber soll ich darum die Unterstützung
-meiner Seele der sarmatischen Despotie zuteil werden
-lassen, die im Begriffe ist, die Brandfackel an unseren hochadeligen
-Erdteil zu legen? Andererseits würde ein auch nur
-gelegentliches diplomatisches Zusammenwirken meines Landes
-mit Österreich mich wie Entehrung treffen. Das sind Gewissensfragen,
-welche –“
-</p>
-
-<p>
-„Sieben und vier“, sagte Hans Castorp. „Acht und drei.
-Bub, Dame, König. Es geht ja. Sie bringen mir Glück, Herr
-Settembrini.“
-</p>
-
-<p>
-Der Italiener verstummte. Hans Castorp fühlte seine
-schwarzen Augen, den Blick von Vernunft und Sittlichkeit, in
-tiefer Trauer auf sich ruhen, legte indessen noch eine Weile
-weiter, bevor er, die Wange in die Hand gestützt, mit der falschen
-und verstockten Unschuldsmiene eines bösen Kindes zu
-dem vor ihm stehenden Mentor aufblickte.
-</p>
-
-<p>
-„Ihre Augen“, sprach dieser, „suchen ganz vergebens zu verhehlen,
-daß Sie wissen, wie es um Sie steht.“
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span>“, hatte Hans Castorp die Frechheit zu
-antworten, und Herr Settembrini verließ ihn, – worauf denn
-freilich der allein Gebliebene noch längere Zeit, ohne weiterzulegen,
-den Kopf in die Hand gestützt, an seinem Tische inmitten
-des weißen Zimmers sitzenblieb, grübelnd und im
-Innersten grauenhaft berührt von dem nicht geheueren und
-schiefen Zustand, worin er die Welt befangen sah, von dem
-Grinsen des Dämons und Affengottes, unter dessen rat- und
-zügellose Herrschaft er sie geraten fand, und des Name „Der
-große Stumpfsinn“ war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-493" class="pagenum" title="493"></a>
-Ein schlimmer, apokalyptischer Name, ganz danach angetan,
-geheime Beängstigung einzuflößen. Hans Castorp saß und
-rieb sich Stirn und Herzgegend mit den flachen Händen. Er
-fürchtete sich. Ihm war, als könne „das alles“ kein gutes Ende
-nehmen, als werde eine Katastrophe das Ende sein, eine Empörung
-der geduldigen Natur, ein Donnerwetter und aufräumender
-Sturmwind, der den Bann der Welt brechen, das
-Leben über den „toten Punkt“ hinwegreißen und der „Sauregurkenzeit“
-einen schrecklichen Jüngsten Tag bereiten werde.
-Er hatte Lust zu fliehen, wir sagten es schon, – und ein Glück
-denn nur, daß die Obrigkeit das vorerwähnte „unverwandte
-Auge“ auf ihn hatte, daß sie in seinen Mienen zu lesen verstand
-und auf seine Divertierung mit neuen, fruchtbaren Hypothesen
-bedacht war!
-</p>
-
-<p>
-Korpsstudentischen Tonfalles hatte sie erklärt, den eigentlichen
-Ursachen der Unsolidität von Hans Castorps Wärmehaushalt
-auf der Spur zu sein, Ursachen, denen nach ihrer
-wissenschaftlichen Aussage so unschwer beizukommen sein
-würde, daß Heilung, legitime Entlassung ins Flachland plötzlich
-in nahe Aussicht gerückt schienen. Des jungen Mannes Herz
-schlug hoch, von mannigfachen Empfindungen bestürmt, als
-er zum Aderlasse den Arm hinstreckte. Blinzelnd und leicht erblassend
-bewunderte er das herrliche Rubinrot seines Lebenssaftes,
-der steigend den klaren Behälter füllte. Der Hofrat
-selbst, assistiert von Doktor Krokowski und einer Barmherzigen
-Schwester, vollzog die kleine, aber weittragende Operation.
-Danach verging eine Reihe von Tagen, beherrscht für
-Hans Castorp von der Frage, wie das Hingegebene, außerhalb
-seiner, unter den Augen der Wissenschaft sich bewähren
-werde.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-494" class="pagenum" title="494"></a>
-Es habe natürlich noch nichts gedeihen können, sagte der
-Hofrat am Anfang. Es habe leider noch nichts gedeihen wollen,
-sagte er später. Aber der Morgen kam, wo er, während des
-Frühstücks, zu Hans Castorp trat, der zu dieser Zeit am Guten
-Russentisch seinen Platz hatte, am oberen Ende, dort, wo dereinst
-sein großer Duzbruder gesessen, und ihm unter redensartlichen
-Glückwünschen eröffnete, der Kettenkokkus sei nun
-doch in einer der angelegten Kulturen zweifelsfrei festgestellt.
-Ein Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung sei es denn nun,
-ob die Vergiftungserscheinungen auf die jedenfalls bestehende
-kleine Tuberkulose oder auf die Streptos, die ja auch nur in
-bescheidenem Maße vorhanden, zurückzuführen seien. Er,
-Behrens, müsse sich die Sache näher und länger besehen. Noch
-sei die Kultur nicht ausgewachsen. – Er zeigte sie ihm im
-„Labor“: ein rotes Blutgelee, worin man graue Pünktchen
-gewahrte. Das waren die Kokken. (Kokken jedoch hatte jeder
-Esel, wie auch Tuberkeln, und hätte man nicht die Symptome
-gehabt, so wäre auf diesen Befund nicht weiter Gewicht zu
-legen gewesen.)
-</p>
-
-<p>
-Außerhalb seiner, unter den Augen der Wissenschaft, fuhr
-Hans Castorps geronnenes Herzblut fort, sich zu bewähren.
-Es kam der Morgen, da der Hofrat mit redensartlich bewegten
-Worten berichtete: Nicht nur auf der einen Kultur, sondern auch
-auf allen übrigen seien nachträglich noch Kokken gewachsen, und
-zwar in großen Mengen. Ungewiß, ob es alles Streptos seien;
-mehr als wahrscheinlich nun aber, daß die Vergiftungserscheinungen
-daher rührten, – wenn man auch freilich nicht wissen
-könne, wieviel davon auf Rechnung der zweifellos vorhanden
-gewesenen und nicht ganz überwundenen Tuberkulose zu setzen
-sei. Die zu ziehende Schlußfolgerung? Eine Streptovakzinkur!
-<a id="page-495" class="pagenum" title="495"></a>
-Die Prognose? Außerordentlich günstig – zumal der Versuch
-jedes Risikos entbehre, auf keinen Fall schaden könne.
-Denn da das Serum ja aus Hans Castorps eigenem Blute
-hergestellt werde, so werde mit der Injektion kein Krankheitsstoff
-in den Körper eingeführt, der nicht schon darin sei.
-Schlimmstenfalls würde sie nutzlos sein, Null im Effekt – aber
-ob man denn das, da Patient ja ohnedies bleiben müsse, als
-einen schlimmen Fall bezeichnen könne!
-</p>
-
-<p>
-Nicht doch, so weit wollte Hans Castorp nicht gehen. Er
-unterwarf sich der Kur, obgleich er sie ridikül und ehrlos fand.
-Diese Impfungen mit sich selbst wollten ihm als eine abscheulich
-freudlose Diversion erscheinen, als ein inzestuöser Greuel von
-Ich zu Ich, frucht- und hoffnungslos in seinem Wesen. So
-urteilte seine hypochondrische Unbelehrtheit, die nur im Punkte
-der Unfruchtbarkeit – und in diesem freilich vollkommen –
-recht behielt. Die Diversion erstreckte sich über Wochen. Sie
-schien zuweilen zu schaden – was selbstverständlich auf Irrtum
-beruhen mußte –, zuweilen auch zu nützen, was sich dann aber
-gleichfalls als Irrtum herausstellte. Das Ergebnis war Null,
-ohne bei Namen genannt und ausdrücklich verkündigt zu
-werden. Die Unternehmung verlief im Sande, und Hans
-Castorp fuhr fort, Patience zu legen – Aug’ in Auge mit dem
-Dämon, dessen zügelloser Herrschaft für sein Gefühl ein Ende
-mit Schrecken bevorstand.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-7">
-Fülle des Wohllauts
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Welche Errungenschaft und Neueinführung des Hauses
-Berghof war es, die unsern langjährigen Freund vom Kartentic
-erlöste und ihn einer anderen, edleren, wenn auch im Grunde
-<a id="page-496" class="pagenum" title="496"></a>
-nicht weniger seltsamen Leidenschaft in die Arme führte? Wir
-sind im Begriffe, es zu erzählen, erfüllt von den geheimen Reizen
-des Gegenstandes und aufrichtig begierig, sie mitzuteilen.
-</p>
-
-<p>
-Es handelte sich um eine Vermehrung der Unterhaltungsgeräte
-des Hauptgesellschaftsraumes, aus nie rastender Fürsorge
-ersonnen und beschlossen im Verwaltungsgremium des
-Hauses, beschafft mit einem Kostenaufwand, den wir nicht berechnen
-wollen, den wir aber großzügig müssen nennen dürfen,
-von der Oberleitung dieses unbedingt zu empfehlenden Instituts.
-Ein sinnreiches Spielzeug also von der Art des stereoskopischen
-Guckkastens, des fernrohrförmigen Kaleidoskops
-und der kinematographischen Trommel? Allerdings – und
-auch wieder durchaus nicht. Denn erstens war das keine optische
-Veranstaltung, die man eines Abends – und man schlug die
-Hände teils über dem Kopf, teils in gebückter Haltung vorm
-Schoße zusammen – im Klaviersalon aufgebaut fand, sondern
-eine akustische; und ferner waren jene leichten Attraktionen
-nach Klasse, Rang und Wert überhaupt nicht mit ihr zu vergleichen.
-Das war kein kindliches und einförmiges Gaukelwerk,
-dessen man überdrüssig war, und das man nicht mehr anrührte,
-sobald man auch nur drei Wochen auf dem Buckel hatte. Es
-war ein strömendes Füllhorn heiteren und seelenschweren
-künstlerischen Genusses. Es war ein Musikapparat. Es war
-ein Grammophon.
-</p>
-
-<p>
-Unsere ernste Sorge ist, dies Wort möchte in einem unwürdigen
-und überholten Sinne mißverstanden und Vorstellungen
-möchten daran geknüpft werden, die einer verjährten
-Vorform dessen, was uns als Wahrheit vorschwebt, nicht aber
-dieser in unermüdlich fortbildenden Versuchen einer musisch
-gerichteten Technik zur vornehmsten Vollendung entwickelten
-<a id="page-497" class="pagenum" title="497"></a>
-Wahrheit gerecht werden. Ihr Guten! Das war das armselige
-Kurbelkästchen nicht, das ehemals wohl, Drehscheibe und
-Griffel obenauf, Anhängsel eines unförmigen Trompetenschalltrichters
-aus Messing, von einem Wirtshaustische herunter
-anspruchslose Ohren mit näselndem Gebrüll erfüllte.
-Der mattschwarz gebeizte Schrein, der hier, ein wenig tiefer
-als breit, angeschlossen mit seidenem Kabel an einen elektrischen
-Steckkontakt der Wand, in schlichter Distinktion auf einem
-Fachtischchen stand, zeigte mit jener rohen und vorsintflutlichen
-Maschinerie überhaupt keine Ähnlichkeit mehr. Man öffnete
-den anmutig sich verjüngenden Deckel, dessen innere, vom
-Grunde gehobene Messingstütze ihn in schräg schirmender Lage
-automatisch feststellte, und man gewahrte in flacher Vertiefung
-die mit grünem Tuch ausgeschlagene Drehscheibe mit
-Nickelrand und dem gleichfalls vernickelten Mittelzapfen, über
-den das Loch der Hartgummiplatte zu fügen war. Man bemerkte
-ferner, rechts seitwärts im Vordergrunde, eine uhrähnlich
-bezifferte Vorrichtung zur Regelung des Tempos, zur
-Linken den Hebel, mit dem das Drehwerk in Lauf zu setzen oder
-zu stoppen war; links hinten aber den gewunden keulenförmigen,
-in weichen Gelenken beweglichen Hohlarm aus Nickel, mit der
-flachrunden Schalldose an seinem Ende, deren Schraubwerk
-die ziehende Nadel zu tragen bestimmt war. Man öffnete auch
-die Flügel der vorderen Doppeltür und erblickte dahinter ein
-jalousieartiges Gefüge schräg stehender Leisten aus schwarz gebeiztem
-Holze – nichts weiter.
-</p>
-
-<p>
-„Es ist das neueste Modell“, sagte der Hofrat, der mit eingetreten
-war. „Letzte Errungenschaft, Kinder, Ia, ff, was
-Besseres gibt es nicht in dem Janger.“ Er sprach das Wort
-urkomisch-unmöglich aus, wie etwa ein minder gebildeter
-<a id="page-498" class="pagenum" title="498"></a>
-Verkäufer es anpreisend getan haben würde. „Das ist kein
-Apparat und keine Maschine,“ fuhr er fort, indem er aus
-einem der auf dem Tischchen angeordneten buntfarbigen
-Blechbüchschen eine Nadel nahm und sie befestigte, „das ist
-ein Instrument, das ist eine Stradivarius, eine Guarneri, da
-herrschen Resonanz- und Schwingungsverhältnisse vom ausgepichtesten
-Raffinemang! ‚Polyhymnia‘ heißt die Marke,
-wie die Inschrift hier im inneren Deckel Sie lehrt. Deutsches
-Fabrikat, wissen Sie. Wir machen das mit Abstand am besten.
-Das treusinnig Musikalische in neuzeitlich-mechanischer Gestalt.
-Die deutsche Seele <span class="antiqua" lang="en">up to date</span>. Da haben Sie die
-Literatur!“ sagte er und wies auf ein Wandschränkchen,
-worin breitrückige Alben aufgereiht standen. „Ich übermache
-Ihnen den ganzen Zauber zu freier Lust, empfehle ihn aber
-dem Schutze des Publikums. Wollen wir mal probeweise eine
-erbrausen lassen?“
-</p>
-
-<p>
-Die Kranken baten flehentlich darum, und Behrens zog eines
-der stumm-gehaltvollen Zauberbücher hervor, wandte die
-schweren Blätter, zog aus einer der Kartontaschen, deren kreisförmige
-Ausschnitte die farbigen Titel erkennen ließen, eine
-Platte und legte sie ein. Mit einem Handgriff gab er der Drehscheibe
-Strom, zögerte zwei Sekunden, bis ihr Lauf die volle
-Geschwindigkeit erreicht hatte, und setzte die feine Spitze des
-Stahlstiftes behutsam auf den Plattenrand. Ein leicht wetzendes
-Geräusch ward hörbar. Er senkte den Deckel darüber, und
-in demselben Augenblick brach durch die offene Flügeltür, zwischen
-den Spalten der Jalousie hervor, nein, aus dem ganzen
-Körper der Truhe Instrumentaltrubel, eine lustig lärmende und
-drängende Melodie, die ersten gliederwerfenden Takte einer
-Ouvertüre von Offenbach.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-499" class="pagenum" title="499"></a>
-Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd. Man traute
-seinen Ohren nicht, wie überaus rein und natürlich die Koloraturen
-der Holzbläser lauteten. Eine Geige, sie ganz allein,
-präludierte phantastisch. Man vernahm den Bogenstrich, das
-Tremolo des Griffes, das süße Gleiten von einer Lage in die
-andere. Sie fand ihre Melodie, den Walzer, das „Ach, ich habe
-sie verloren“. Leicht trug Orchesterharmonie die schmeichlerische
-Weise, und es war zum Entzücken, wie sie, ehrenvoll vom
-Ensemble aufgenommen, als rauschendes Tutti sich wiederholte.
-Natürlich war es nicht so, wie wenn eine wirkliche Kapelle
-im Zimmer hier konzertiert hätte. Der Klangkörper, unentstellt
-im übrigen, erlitt eine perspektivische Minderung; es
-war, wenn es erlaubt ist, für den Gehörsfall ein Gleichnis aus
-dem Gebiet des Gesichtes einzusetzen, als ob man ein Gemälde
-durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete, so daß es entrückt
-und verkleinert erschien, ohne an der Schärfe seiner Zeichnung,
-der Leuchtkraft seiner Farben etwas einzubüßen. Das Musikstück,
-talentstraff und prickelnd, spielte sich ab in allem Witz
-seiner leichtsinnigen Erfindung. Den Schluß machte die Ausgelassenheit
-selbst, ein drollig zögernd ansetzender Galopp, ein
-unverschämter Cancan, der die Vision in der Luft geschüttelter
-Zylinder, schleudernder Knie, aufstiebender Röcke erzeugte
-und im komisch-triumphalen Enden kein Ende fand. Dann
-schnappte das Drehwerk selbsttätig ein. Es war aus. Man
-applaudierte von Herzen.
-</p>
-
-<p>
-Man rief nach Weiterem und man bekam es: Menschliche
-Stimme entströmte dem Schrein, männlich, weich und gewaltig
-auf einmal, von Orchester begleitet, ein italienischer Bariton
-berühmten Namens, – und nun konnte durchaus von keiner
-Verschleierung und Entfernung mehr die Rede sein: das
-<a id="page-500" class="pagenum" title="500"></a>
-herrliche Organ erscholl nach seinem vollen <a id="corr-97"></a>natürlichen Umfang
-und Kraftinhalt, und namentlich wenn man in eines der
-offenen Nebenzimmer trat und den Apparat nicht sah, so war
-es nicht anders, als stände dort im Salon der Künstler in
-körperlicher Person, das Notenblatt in der Hand, und sänge.
-Er sang eine Opernbravourarie in seiner Sprache – <span class="antiqua" lang="it">eh, il
-barbiere. Di qualità, di qualità! Figaro qua, Figaro là,
-Figaro, Figaro, Figaro!</span> Die Zuhörer wollten sterben vor
-Lachen über sein falsettierendes <span class="antiqua" lang="it">parlando</span>, über den Kontrast
-dieser Bärenstimme und dieser zungenbrecherischen Sprechfertigkeit.
-Erfahrene mochten die Künste seiner Phrasierung,
-seiner Atemtechnik verfolgen und bewundern. Meister des
-Unwiderstehlichen, Virtuose des welschen <span class="antiqua" lang="it">Da capo</span>-Geschmacks,
-hielt er den vorletzten Ton, vor der Schlußtonika, zur Rampe
-vordringend, wie es schien, und offenbar die Hand in der Luft,
-auf eine Weise aus, daß man in gezogene Bravorufe ausbrach,
-bevor er geendigt hatte. Es war vorzüglich.
-</p>
-
-<p>
-Und es gab mehr. Ein Waldhorn vollführte mit schöner
-Vorsicht Variationen über ein Volkslied. Eine Sopranistin
-schmetterte, stakkierte und trillerte eine Arie aus „<span class="antiqua" lang="it">La Traviata</span>“
-mit der lieblichsten Kühle und Genauigkeit. Der Geist eines
-Violinisten von Weltruf spielte, wie hinter Schleiern, zu einer
-Klavierbegleitung, die trocken klang, wie Spinett, eine Romanze
-von Rubinstein. Aus der sacht kochenden Wundertruhe
-drangen Glockenklänge, Harfenglissandos, Trompetengeschmetter
-und Trommelwirbel. Schließlich wurden Tanzplatten
-eingelegt. Sogar von dem neuen Import war schon
-ein und das andere Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack,
-der Tango, berufen, aus dem Wiener Walzer
-einen Großvatertanz zu machen. Zwei Paare, des modischen
-<a id="page-501" class="pagenum" title="501"></a>
-Schrittes mächtig, zeigten sich darin auf dem Teppich. Behrens
-hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Vermahnung erteilt,
-jede Nadel nur einmal zu benutzen und die Platten „ganz ähnlich
-wie rohe Eier“ zu behandeln. Hans Castorp bediente den
-Apparat.
-</p>
-
-<p>
-Warum gerade er? Es hatte sich so gemacht. Mit gedämpfter
-Kurzangebundenheit war er denjenigen entgegengetreten,
-die nach des Hofrats Weggang den Nadel- und
-Plattenwechsel, die Ein- und Ausschaltung des Triebstroms
-hatten in die Hand nehmen wollen. „Lassen Sie mich das
-tun!“ hatte er gesagt, indem er sie beiseite drängte, und sie
-waren ihm gleichmütig gewichen, erstens, weil er die Miene
-hatte, als ob er von längerer Hand her sich auf die Sache verstände,
-dann aber, weil ihnen sehr wenig daran gelegen war,
-an der Quelle des Genusses tätig zu sein, statt sich bequem und
-unverbindlich damit bewirten zu lassen, solange es sie nicht
-langweilte.
-</p>
-
-<p>
-Nicht so Hans Castorp. Während der Vorführung der neuen
-Erwerbung durch den Hofrat hatte er sich still im Hintergrunde
-gehalten, ohne Lachen, ohne Beifallsrufe, aber die Darbietungen
-gespannt verfolgend, indes er nach gelegentlicher
-Gewohnheit mit zwei Fingern an einer Augenbraue drehte.
-Mit einer gewissen Unruhe hatte er im Rücken des Publikums
-mehrfach den Standort gewechselt, war ins Bibliothekszimmer
-getreten, um von dort zu lauschen, und hatte sich später, Hände
-auf dem Rücken und mit verschlossenem Gesichtsausdruck,
-neben Behrens aufgestellt, den Schrein im Auge, den einfachen
-Dienst daran erkundend. In ihm hieß es: „Halt! Achtung!
-Epoche! Das kam zu mir.“ Die bestimmteste Ahnung neuer
-Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn. Dem Jüngling
-<a id="page-502" class="pagenum" title="502"></a>
-im Flachland, dem beim ersten Blick auf ein Mädchen Amors
-widerhakiger Pfeil unverhofft mitten im Herzen sitzt, ist nicht
-gar anders zumute. Eifersucht beherrschte sofort Hans Castorps
-Schritte. Öffentliches Gut? Schlaffe Neugier hat
-weder Recht noch Kraft, zu besitzen. „Lassen Sie mich das
-tun!“ sagte er zwischen den Zähnen, und sie waren es ganz zufrieden.
-Sie tanzten noch ein bißchen nach leichtgeschürzten
-Piecen, die er laufen ließ, verlangten auch noch eine Gesangsnummer,
-ein Opernduett, die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“,
-die lieblich genug ins Ohr ging, und als er den
-Deckel schloß, zogen sie ab, flüchtig angeregt und schwatzend,
-in die Liegekur, zur Ruhe. Darauf hatte er gewartet. Sie ließen
-hinter sich alles stehen und liegen wie es mochte, die offenen
-Nadelbüchschen und Albums, die zerstreuten Platten. Das
-sah ihnen ähnlich. Er tat, als schlösse er sich ihnen an, verließ
-aber heimlich ihren Zug auf der Treppe, kehrte in den Salon
-zurück, schloß alle Türen und blieb dort die halbe Nacht, tief
-beschäftigt.
-</p>
-
-<p>
-Er machte sich mit der neuen Erwerbung vertraut, durchmusterte
-ungestört den beigestellten Vortragsschatz, den Inhalt
-der schweren Alben. Es waren deren zwölf, von zweierlei
-Größe, zu je zwölf Platten; und da viele der eng kreisförmig
-geritzten schwarzen Scheiben doppelseitig waren, nicht nur
-weil manches Stück auch die Kehrseite in Anspruch nahm, sondern
-auch weil einer ganzen Reihe von Tafeln zwei verschiedene
-Darbietungen eingeschrieben waren, so war das ein anfangs
-schwer übersichtliches, ja verwirrendes Eroberungsgebiet
-schöner Möglichkeiten. Er spielte wohl ein Viertelhundert, indem
-er sich, um nicht zu stören, in der Nacht nicht gehört zu
-werden, gewisser sacht ziehender Nadeln bediente, die den
-<a id="page-503" class="pagenum" title="503"></a>
-Klang verringerten, – aber das war kaum der achte Teil dessen,
-was sich aller Enden lockend zum Versuche anbot. Für heute
-mußte es genug sein, die Titel zu überfliegen und nur dann und
-wann, stichprobeweise, ein Beispiel der stummen Zirkelgraphik
-dem Schreine einzuverleiben, um es zum Tönen zu bringen.
-Sie waren unterschieden durch das farbige Etikett ihres Zentrums,
-die Hartgummidisken, und durch nichts weiter, für das
-Auge. Eine sah aus wie die andere, ganz oder nicht ganz bis
-zur Mitte mit konzentrischen Kreisen dicht bedeckt; und doch
-barg ihr feines Liniengepräge die erdenklichste Musik, glücklichste
-Eingebungen aus allen Regionen der Kunst, in ausgesuchter
-Wiedergabe.
-</p>
-
-<p>
-Es waren da eine Menge Ouvertüren und Einzelsätze aus
-der Welt der erhabenen Symphonik, gespielt von berühmten
-Orchestern, deren Leiter namhaft gemacht waren. Eine lange
-Reihe von Liedern sodann, vorgetragen zum Klavier, von Mitgliedern
-großer Opernhäuser, – und zwar sowohl Lieder, die
-das hohe und bewußte Erzeugnis persönlicher Kunst waren,
-wie auch schlichte Volkslieder, wie dann endlich auch noch
-solche, die zwischen diesen beiden Gattungen gleichsam die
-Mitte hielten, insofern sie zwar Produkte geistiger Kunst, aber
-im Sinn und Geist des Volkes tiefecht und fromm empfunden
-und erfunden waren; künstliche Volkslieder, wenn man so
-sagen durfte, ohne durch das Wort „künstlich“ ihrer Innigkeit
-zu nahe zu treten: eines zumal, das Hans Castorp von Kindesbeinen
-an gekannt hatte, zu dem er aber jetzt eine geheimnisvoll-beziehungsreiche
-Liebe faßte, und von dem die Rede sein
-wird. – Was gab es noch, oder eigentlich, was gab es nicht?
-Es gab Oper die Hülle und Fülle. Ein internationaler Chor
-gefeierter Sänger und Sängerinnen setzte, begleitet von diskret
-<a id="page-504" class="pagenum" title="504"></a>
-zurücktretendem Orchester, die hochgeschulte Gottesgabe seiner
-Stimmen ein zur Ausführung von Arien, Duetten, ganzen
-Ensembleszenen aus den verschiedenen Gegenden und Epochen
-des musikalischen Theaters: der südlichen Schönheitssphäre
-einer zugleich hoch- und leichtherzigen Hingerissenheit, einer
-deutsch-volkhaften Welt von Schalkheit und Dämonie, der
-französischen Großen und Komischen Oper. War damit ein
-Ende? O nein. Denn es folgte die Serie der Kammermusiken,
-der Quartette und Trios, der Instrumental-Solonummern für
-Violine, Cello, Flöte, die Konzertgesangsnummern mit obligater
-Violine oder Flöte, die rein pianistischen Nummern, – von
-den bloßen Belustigungen, den Couplets, den Zweckplatten,
-in die kleine Aufspielorchester ihre Weisen geprägt hatten, und
-die nach einer derben Nadel verlangten, nicht erst zu reden.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp sichtete das, ordnete das, übergab es, einsam
-hantierend, zu einem kleinen Teile dem Instrument, das es zu
-tönendem Leben weckte. Er ging mit heißem Kopfe zu ähnlich
-vorgerückter Stunde schlafen, wie nach dem ersten Gelage mit
-Pieter Peeperkorn majestätisch-duzbrüderlichen Angedenkens,
-und träumte von zwei bis sieben von dem Zauberkasten. Er
-sah im Traume die Drehscheibe um ihren Zapfen kreisen,
-schnell bis zur Unsichtlichkeit und lautlos dabei, in einer Bewegung,
-die nicht nur eben in dem wirbeligen Rundfluß, sondern
-auch noch in einem eigentümlichen seitlichen Wogen bestand,
-dergestalt, daß dem nadeltragenden Gelenkarm, unter
-dem sie hinzog, ein elastisch atmendes Schwingen mitgeteilt
-wurde, – sehr dienlich, wie man glauben mochte, dem <span class="antiqua" lang="it">vibrato</span>
-und <span class="antiqua" lang="it">portamento</span> der Streicher und der menschlichen Stimmen;
-doch unbegreiflich blieb es, im Traum nicht weniger als im
-Wachen, wie das bloße Nachziehen einer haarfeinen Linie über
-<a id="page-505" class="pagenum" title="505"></a>
-einem akustischen Hohlraum und einzig mit Hilfe des Schwingungshäutchens
-der Schallbüchse die reich zusammengesetzten
-Klangkörper wiedererzeugen konnte, die das geistige Ohr des
-Schläfers füllten.
-</p>
-
-<p>
-Er war am Morgen zeitig wieder im Salon, schon vor dem
-Frühstück, und ließ, mit gefalteten Händen in einem Sessel
-sitzend, einen herrlichen Bariton aus dem Schreine zur Harfe
-singen: „Blick’ ich umher in diesem edlen Kreise –“. Die Harfe
-klang vollkommen natürlich, es war unverfälschtes und unvermindertes
-Harfenspiel, was der Schrein außer der schwellenden,
-hauchenden, artikulierenden menschlichen Stimme aus sich
-entließ – durchaus zum Erstaunen. Und Zärtlicheres gab es
-auf Erden nicht, als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen
-Oper, den Hans Castorp darauf folgen ließ, – als
-diese bescheidene und innige Gefühlsannäherung zwischen der
-weltberühmten Tenorstimme, die so vielfach in den Alben vertreten
-war, und einem glashell-süßen kleinen Sopran, – als
-sein „<span class="antiqua" lang="it">Da mi il braccio, mia piccina</span>“ und die simple, süße, gedrängt
-melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab ...
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp zuckte zusammen, da hinter ihm die Tür ging.
-Es war der Hofrat, der zu ihm hereinschaute; – in seinem klinischen
-Kittel mit dem Hörrohr in der Brusttasche stand er dort
-einen Augenblick, den Türgriff in der Hand, und nickte dem
-Laboranten zu. Dieser erwiderte das Nicken über die Schulter
-hin, worauf das blauwangige Gesicht des Chefs mit dem einseitig
-geschürzten Schnurrbärtchen hinter der zugezogenen Tür
-verschwand und Hans Castorp sich seinem unsichtbar-wohllautenden
-Liebespärchen wieder zuwandte.
-</p>
-
-<p>
-Später im Lauf des Tages, nach der Mittagsmahlzeit, nach
-dem Diner, hatte er Zuhörer bei seinem Treiben, wechselndes
-<a id="page-506" class="pagenum" title="506"></a>
-Publikum, – wenn man ihn selbst nicht als solches, sondern
-als Spender des Genusses betrachten wollte. Persönlich neigte
-er zu dieser Auffassung, und die Hausgesellschaft bewilligte sie
-ihm in dem Sinne, daß sie seiner entschlossenen Selbsteinsetzung
-als Verwalter und Kustos der öffentlichen Einrichtung von
-Anfang an stillschweigend zustimmte. Das kostete diese Leute
-nichts; denn ungeachtet ihres oberflächlichen Entzückens, wenn
-jener tenorale Abgott in Schmelz und Glanz schwelgte, die
-weltbeglückende Stimme in Kantilenen und hohen Künsten
-der Leidenschaft sich verströmte, – trotz dieses laut bekundeten
-Entzückens waren sie ohne Liebe und darum völlig einverstanden,
-jedem, der da wollte, die Sorge zu lassen. Hans Castorp war
-es, der den Plattenschatz in Ordnung hielt, den Inhalt der
-Alben auf die Innenseite der Deckel schrieb, so daß ein jegliches
-Stück auf Wunsch und Anruf sofort zur Hand war,
-und der das Instrument handhabte: Man sah es ihn mit bald
-geübten, knappen und zarten Bewegungen tun. Was hätten
-auch die anderen gemacht? Sie hätten die Platten geschändet,
-indem sie sie mit abgenutzten Nadeln bearbeiteten, hätten sie
-offen auf Stühlen herumliegen lassen, mit dem Apparat stumpfen
-Jux getrieben, indem sie ein edles Stück mit Tempo und
-Tonhöhe hundertundzehn laufen ließen oder auch den Zeiger
-auf Null einstellten, so daß es ein hysterisches Tirili oder ein versacktes
-Stöhnen ergab ... Sie hatten das alles schon getan. Sie
-waren zwar krank, aber roh. Und darum trug Hans Castorp
-nach kurzer Zeit den Schlüssel des Schränkchens, worin die Alben
-und Nadeln aufbewahrt wurden, einfach in der Tasche, so
-daß man ihn rufen mußte, wenn man aufgespielt haben wollte.
-</p>
-
-<p>
-Spät, nach der Abendgeselligkeit, nach Abzug der Menge,
-war seine beste Zeit. Dann blieb er im Salon oder kehrte
-<a id="page-507" class="pagenum" title="507"></a>
-heimlich dorthin zurück und musizierte allein bis tief in die
-Nacht. Die Ruhe des Hauses damit zu stören, brauchte er weniger
-zu fürchten, als er anfangs geglaubt hatte tun zu müssen,
-denn die Tragkraft seiner Geistermusik hatte sich ihm als
-von geringer Reichweite erwiesen: so Staunenswertes die
-Schwingungen nahe ihrem Ursprung bewirkten, so bald ermatteten
-sie, schwach und scheinmächtig wie alles Geisterhafte,
-ferner von ihm. Hans Castorp war allein mit den Wundern
-der Truhe in seinen vier Wänden, – mit den blühenden Leistungen
-dieses gestutzten <a id="corr-98"></a>kleinen Sarges aus Geigenholz,
-dieses mattschwarzen Tempelchens, vor dessen offener Flügeltür
-er im Sessel saß, die Hände gefaltet, den Kopf auf der
-Schulter, den Mund geöffnet, und sich von Wohllaut überströmen
-ließ.
-</p>
-
-<p>
-Die Sänger und Sängerinnen, die er hörte, er sah sie nicht,
-ihre Menschlichkeit weilte in Amerika, in Mailand, in Wien, in
-Sankt Petersburg, – sie mochte dort immerhin weilen, denn
-was er von ihnen hatte, war ihr Bestes, war ihre Stimme, und
-er schätzte diese Reinigung oder Abstraktion, die sinnlich genug
-blieb, um ihm, unter Ausschaltung aller Nachteile zu großer persönlicher
-Nähe, und namentlich soweit es sich um Landsleute,
-um Deutsche handelte, eine gute menschliche Kontrolle zu gestatten.
-Die Aussprache, der Dialekt, die engere Landsmannschaft
-der Künstler war zu unterscheiden, ihr Stimmcharakter
-sagte etwas aus über des Einzelnen seelischen Wuchs, und
-daran, wie sie geistige Wirkungsmöglichkeiten nutzten oder versäumten,
-erwies sich die Stufe ihrer Intelligenz. Hans Castorp
-ärgerte sich, wenn sie es fehlen ließen. Er litt auch und biß sich
-auf die Lippen vor Scham, wenn Unvollkommenheiten der
-technischen Wiedergabe mit unterliefen, saß wie auf Kohlen,
-<a id="page-508" class="pagenum" title="508"></a>
-wenn im Lauf einer oft zitierten Platte ein Gesangston scharf
-oder gröhlend verlautete, was namentlich bei den heiklen
-Frauenstimmen so leicht sich ereignete. Doch nahm er das in
-den Kauf, denn Liebe muß leiden. Zuweilen beugte er sich über
-das Spielwerk, das atmend kreiste, wie über einen Fliederstrauß,
-den Kopf in einer Klangwolke; stand vor dem offenen Schrein,
-das Herrscherglück des Dirigenten kostend, indem er mit aufgehobener
-Hand einer Trompete den pünktlichen Einsatz gab.
-Er hatte Lieblinge in seinem Magazin, einige Vokal- und Instrumentalnummern,
-die zu hören er niemals satt wurde. Wir
-mögen nicht unterlassen, sie anzuführen.
-</p>
-
-<p>
-Eine kleine Gruppe von Platten bot die Schlußszenen des
-pompösen, von melodiösem Genie überquellenden Opernwerks,
-das ein großer Landsmann des Herrn Settembrini, der
-Altmeister der dramatischen Musik des Südens, in der zweiten
-Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus solennem Anlaß, bei Gelegenheit
-der Übergabe eines Werkes der völkerverbindenden
-Technik an die Menschheit, im Auftrage eines orientalischen
-Fürsten geschaffen hatte. Hans Castorp wußte bildungsweise
-ungefähr Bescheid damit, er kannte in großen Zügen das
-Schicksal des Radames, der Amneris und der Aida, die ihm auf
-Italienisch aus dem Kasten sangen, und so verstand er so ziemlich,
-was sie ihm sangen, – der unvergleichliche Tenor, der fürstliche
-Alt mit dem herrlichen Stimmbruch in der Mitte seines
-Umfanges und der silberne Sopran – verstand nicht jedes
-Wort, aber doch eines hie und da mit Hilfe seiner Kenntnis
-der Situationen und seiner Sympathie für diese Situationen,
-einer vertraulichen Anteilnahme, die wuchs, je öfter er die vier
-oder fünf Platten laufen ließ, und schon zur wirklichen Verliebtheit
-geworden war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-509" class="pagenum" title="509"></a>
-Zuerst setzten Radames und Amneris sich auseinander: Die
-Königstochter ließ den Gefesselten vor sich führen, ihn, den sie
-liebte und sehnlich für sich zu retten wünschte, obgleich er um
-der barbarischen Sklavin willen Vaterland und Ehre hingegeben
-hatte, – während allerdings, wie er sagte, „im Herzensgrunde
-die Ehre unverletzt geblieben“ war. Diese Intaktheit
-seines Innersten bei aller Schuldbeladenheit jedoch half ihm
-wenig, denn durch sein klar zutage liegendes Verbrechen war
-er dem geistlichen Gerichte verfallen, dem alles Menschliche
-fremd war, und das bestimmt kein Federlesen machen würde,
-wenn er sich nicht im letzten Augenblick dahin besann, der
-Sklavin abzuschwören und sich dem königlichen Alt mit dem
-Stimmbruch in die Arme zu werfen, der dies, rein akustisch genommen,
-so vollkommen verdiente. Amneris gab sich die inbrünstigste
-Mühe mit dem wohllautenden, aber tragisch verblendeten
-und dem Leben abgewandten Tenor, der immer nur
-„Ich kann nicht!“ und „Vergebens!“ sang, wenn sie ihm mit
-verzweifelten Bitten anlag, der Sklavin zu entsagen, es gelte
-sein Leben. „Ich kann nicht!“ – „Höre noch einmal, entsage
-ihr!“ – „Vergebens!“ Todwillige Verblendung und wärmster
-Liebeskummer vereinigten sich zu einem Zwiegesang, der
-außerordentlich schön war, aber keine Hoffnung ließ. Und
-dann begleitete Amneris mit ihren Schmerzensrufen die
-schauerlich-formelhaften Repliken des geistlichen Gerichtes, die
-dumpf aus der Tiefe schollen, und an denen der unselige Radames
-sich überhaupt nicht beteiligte.
-</p>
-
-<p>
-„Radames, Radames“, sang dringlich der Oberpriester und
-führte ihm in zugespitzter Form sein Verbrechen des Verrates
-vor Augen.
-</p>
-
-<p>
-„Rechtfertige dich!“ forderten im Chore alle Priester.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-510" class="pagenum" title="510"></a>
-Und da der Oberste darauf hinweisen konnte, daß Radames
-schwieg, erkannten alle in hohler Einstimmigkeit auf Felonie.
-</p>
-
-<p>
-„Radames, Radames!“ fing der Vorsitzende wieder an.
-„Du hast das Lager vor der Schlacht verlassen.“
-</p>
-
-<p>
-„Rechtfertige dich!“ hieß es abermals. „Seht, er schweiget“,
-durfte der stark voreingenommene Verhandlungsleiter zum
-zweitenmal feststellen, und so vereinigten auch diesmal alle
-Richterstimmen sich mit der seinen in dem Wahrspruch: „Felonie!“
-</p>
-
-<p>
-„Radames, Radames!“ hörte man den unerbittlichen Ankläger
-zum drittenmal. „Dem Vaterlande, der Ehre und
-dem Könige brachst du deinen Eid.“ – „Rechtfertige dich!“
-scholl es aufs neue. Und: „Felonie!“ erkannte endgültig und
-mit Schauder die Priesterschaft, nachdem sie aufmerksam gemacht
-worden, daß Radames absolut stillschwieg. So konnte
-denn das Unausbleibliche nicht ausbleiben, daß der Chor, der
-stimmlich gleich beieinander geblieben war, dem Missetäter für
-Recht verkündete, sein Los sei erfüllt, er sterbe den Tod der
-Verfluchten, unter dem Tempel der zürnenden Gottheit habe
-er lebend ins Grab einzugehen.
-</p>
-
-<p>
-Die Entrüstung <a id="corr-100"></a>der Amneris über diese pfäffische Härte
-mußte man sich nach Kräften selber einbilden, denn hier brach
-die Wiedergabe ab, Hans Castorp mußte die Platte wechseln,
-was er mit stillen und knappen Bewegungen, gleichsam mit
-niedergeschlagenen Augen, tat, und wenn er sich wieder zum
-Lauschen niedergelassen hatte, war es schon des Melodramas
-letzte Szene, die er vernahm: das Schlußduett des Radames
-und der Aida, gesungen auf dem Grunde ihres Kellergrabes,
-während über ihren Köpfen bigotte und grausame Priester im
-Tempel ihren Kult feierten, die Hände spreizten, sich in dumpfem
-<a id="page-511" class="pagenum" title="511"></a>
-Gemurmel ergingen ... „<span class="antiqua" lang="it">Tu – in questa tomba?!</span>“ schmetterte
-die unbeschreiblich ansprechende, zugleich süße und heldenhafte
-Stimme des Radames entsetzt und entzückt ... Ja, sie
-hatte sich zu ihm gefunden, die Geliebte, um derentwillen er
-Ehre und Leben verwirkt, sie hatte ihn hier erwartet, sich mit
-ihm einschließen lassen, um mit ihm zu sterben, und die Gesänge,
-die sie in dieser Sache, zuweilen unterbrochen von dem dumpfen
-Getön des Zeremoniells im oberen Stockwerk, miteinander
-tauschten, oder zu denen sie sich vereinigten, – sie waren es
-eigentlich, die es dem einsam-nächtlichen Zuhörer in tiefster
-Seele angetan hatten: in Hinsicht auf die Umstände sowohl,
-wie auf ihren musikalischen Ausdruck. Es war vom Himmel
-die Rede in diesen Gesängen, aber sie selbst waren himmlisch,
-und sie wurden himmlisch vorgetragen. Die melodische
-Linie, die Radames’ und Aidas Stimmen einzeln und dann in
-Vereinigung unersättlich nachzogen, diese einfache und selige,
-um Tonika und Dominante spielende Kurve, die vom Grundton
-zu lang betontem Vorhalt, einen halben Ton vor der Oktave,
-aufstieg und nach flüchtiger Berührung mit dieser sich zur
-Quinte wandte, erschien dem Lauscher als das Verklärteste,
-Bewunderungswürdigste, was ihm je untergekommen. Doch
-wäre er in das Lautliche weniger verliebt gewesen, ohne die
-zum Grunde liegende Situation, die sein Gemüt für die daraus
-erwachsende Süße erst recht empfänglich machte. Es war so
-schön, daß Aida sich zu dem verlorenen Radames gefunden
-hatte, um sein Grabesschicksal mit ihm zu teilen in Ewigkeit!
-Mit Recht protestierte der Verurteilte gegen das Opfer so lieblichen
-Lebens, aber seinem zärtlich verzweifelten „<span class="antiqua" lang="it">No, no!
-troppo sei bella</span>“ war doch das Entzücken endgültiger Vereinigung
-mit derjenigen anzumerken, die er nie wiederzusehen
-<a id="page-512" class="pagenum" title="512"></a>
-gemeint hatte, und dieses Entzücken, diese Dankbarkeit ihm
-deutlich nachzufühlen, bedurfte es für Hans Castorp keines Aufgebotes
-an Einbildungskraft. Was er aber letztlich empfand,
-verstand und genoß, während er mit gefalteten Händen auf die
-schwarze kleine Jalousie blickte, zwischen deren Leisten dies alles
-hervorblühte, das war die siegende Idealität der Musik, der
-Kunst, des menschlichen Gemüts, die hohe und unwiderlegliche
-Beschönigung, die sie der gemeinen Gräßlichkeit der wirklichen
-Dinge angedeihen ließ. Man mußte sich nur vor Augen führen,
-was hier, nüchtern genommen, geschah! Zwei lebendig Begrabene
-würden, die Lungen voll Grubengas, hier miteinander,
-oder, noch schlimmer, einer nach dem anderen, an Hungerkrämpfen
-verenden, und dann würde an ihren Körpern die
-Verwesung ihr unaussprechliches Werk tun, bis zwei Gerippe
-unterm Gewölbe lagerten, deren jedem es völlig gleichgültig
-und unempfindlich sein würde, ob es allein oder zu zweien
-lagerte. Das war die reale und sachliche Seite der Dinge –
-eine Seite und Sache für sich, die vor dem Idealismus des
-Herzens überhaupt nicht in Betracht kam, vom Geiste der
-Schönheit und der Musik aufs Triumphalste in den Schatten
-gestellt wurde. Für Radames’ und Aidas Operngemüter gab
-es das sachlich Bevorstehende nicht. Ihre Stimmen schwangen
-sich unisono zum seligen Oktavenvorhalt auf, versichernd, nun
-öffne sich der Himmel und ihrem Sehnen erstrahle das Licht der
-Ewigkeit. Die tröstliche Kraft dieser Beschönigung tat dem Zuhörer
-außerordentlich wohl und trug nicht wenig dazu bei, daß
-diese Nummer seines Leibprogramms ihm so besonders am
-Herzen lag.
-</p>
-
-<p>
-Er pflegte sich auszuruhen von ihren Schrecken und Verklärungen
-bei einer zweiten Pièce, die kurzläufig, aber von
-<a id="page-513" class="pagenum" title="513"></a>
-konzentriertem Zauber war, – viel friedlicher ihrem Inhalt
-nach, als jene erste, ein Idyll, aber ein raffiniertes Idyll, gemalt
-und gestaltet mit den zugleich sparsamen und verwickelten
-Mitteln neuester Kunst. Es war ein reines Orchesterstück,
-ohne Gesang, ein symphonisches Präludium französischen Ursprungs,
-bewerkstelligt mit einem für zeitgenössische Verhältnisse
-kleinen Apparat, jedoch mit allen Wassern moderner
-Klangtechnik gewaschen und klüglich danach angetan, die
-Seele in Traum zu spinnen.
-</p>
-
-<p>
-Der Traum, den Hans Castorp dabei träumte, war dieser:
-Rücklings lag er auf einer mit bunten Sternblumen besäten,
-von Sonne beglänzten Wiese, einen kleinen Erdhügel unter
-dem Kopf, das eine Bein etwas hochgezogen, das andere darüber
-gelegt, – wobei es jedoch Bocksbeine waren, die er kreuzte.
-Seine Hände fingerten, nur zu seinem eigenen Vergnügen, da
-die Einsamkeit über der Wiese vollkommen war, an einem
-kleinen Holzgebläse, das er im Munde hielt, einer Klarinette
-oder Schalmei, der er friedlich-nasale Töne entlockte: einen
-nach dem anderen, wie sie eben kommen wollten, aber doch in
-geglücktem Reigen, und so stieg das sorglose Genäsel zum tiefblauen
-Himmel auf, unter dem das feine, leicht vom Winde bewegte
-Blätterwerk einzeln stehender Birken und Eschen in der
-Sonne flimmerte. Doch war sein beschauliches und unverantwortlich-halbmelodisches
-Dudeln nicht lange die einzige Stimme
-der Einsamkeit. Das Summen der Insekten in der sommerheißen
-Luft über dem Grase, der Sonnenschein selbst, der leichte
-Wind, das Schwanken der Wipfel, das Glitzern des Blätterwerks,
-– der ganze sanft bewegte Sommerfriede umher wurde
-gemischter Klang, der seinem einfältigen Schalmeien eine immer
-wechselnde und immer überraschend gewählte harmonische
-<a id="page-514" class="pagenum" title="514"></a>
-Deutung gab. Die symphonische Begleitung trat manchmal
-zurück und verstummte; aber Hans mit den Bocksbeinen
-blies fort und lockte mit der naiven Eintönigkeit seines Spiels
-den ausgesucht kolorierten Klangzauber der Natur wieder hervor,
-– welcher endlich nach einem abermaligen Aussetzen, in
-süßer Selbstübersteigerung, durch Hinzutritt immer neuer und
-höherer Instrumentalstimmen, die rasch nacheinander einfielen,
-alle verfügbare, bis dahin gesparte Fülle gewann, für einen
-flüchtigen Augenblick, dessen wonnevoll-vollkommenes Genügen
-aber die Ewigkeit in sich trug. Der junge Faun war sehr
-glücklich auf seiner Sommerwiese. Hier gab es kein „Rechtfertige
-dich!“, keine Verantwortung, kein priesterliches Kriegsgericht
-über einen, der der Ehre vergaß und abhanden kam.
-Hier herrschte das Vergessen selbst, der selige Stillstand, die
-Unschuld der Zeitlosigkeit: Es war die Liederlichkeit mit bestem
-Gewissen, die wunschbildhafte Apotheose all und jeder Verneinung
-des abendländischen Aktivitätskommandos, und die
-davon ausgehende Beschwichtigung machte dem nächtlichen
-Musikanten die Platte vor vielen wert. –
-</p>
-
-<p>
-Da war eine dritte ... Es waren eigentlich wiederum
-mehrere, zusammengehörig, ineinandergehend, drei oder vier,
-denn die Tenorarie, die vorkam, nahm allein eine bis zur Mitte
-beringte Seite für sich in Anspruch. Wieder war das etwas
-Französisches, aus einer Oper, die Hans Castorp gut kannte,
-die er wiederholt im Theater gehört und gesehen und auf deren
-Handlung er einmal sogar gesprächsweise – und zwar in einem
-sehr entscheidenden Gespräch – eine Anspielung gemacht
-hatte ... Es war im zweiten Akt, in der spanischen Schenke,
-einer geräumigen Spelunke, dielenartig, mit Tüchern geschmückt
-und von defekter maurischer Architektur. Carmens
-<a id="page-515" class="pagenum" title="515"></a>
-warme, ein wenig rauhe, aber durch Rassigkeit einnehmende
-Stimme erklärte, tanzen zu wollen vor dem Sergeanten, und
-schon hörte man ihre Kastagnetten klappern. In demselben
-Augenblick aber erschollen aus einiger Entfernung Trompeten,
-Clairons, ein wiederholtes militärisches Signal, das dem
-Kleinen nicht wenig in die Glieder fuhr. „Halt! Einen Augenblick!“
-rief er und spitzte die Ohren wie ein Pferd. Und da
-Carmen „Warum?“ fragte und „was es denn gäbe?“:
-„Hörst du nicht?“ rief er, ganz erstaunt, daß ihr das nicht eingehe,
-wie ihm. Es seien ja die Trompeten aus der Kaserne, die
-das Zeichen gäben. „Zur Heimkehr naht die Frist“, sagte er
-opernhaft. Aber die Zigeunerin konnte das nicht begreifen und
-wollte es vor allem auch gar nicht. Desto besser, meinte sie
-halb dumm, halb frech, da brauchten sie keine Kastagnetten,
-der Himmel selbst schicke ihnen Musik zum Tanz und darum:
-Lalalala! – Er war außer sich. Sein eigener Enttäuschungsschmerz
-trat ganz zurück hinter dem Bemühen, ihr klarzumachen,
-um was es sich handle, und daß keine Verliebtheit der Welt
-gegen dieses Signal aufkomme. Wie war es denn möglich, daß
-sie etwas so Fundamentales und Unbedingtes nicht verstand!
-„Ich muß nun fort, nach Haus, ins Quartier, zum Appell!“
-rief er, verzweifelt über eine Ahnungslosigkeit, die ihm das Herz
-doppelt so schwer machte, als es ohnedies gewesen wäre. Da
-aber mußte man Carmen hören! Sie war wütend, sie war in
-tiefster Seele empört, ihre Stimme war ganz und gar betrogene
-und beleidigte Liebe – oder sie stellte sich so. „Ins
-Quartier? Zum Appell?“ Und ihr Herz? Und ihr gutes, zärtliches
-Herz, das in seiner Schwäche – ja, sie gebe es zu: in seiner
-Schwäche! – bereit gewesen sei, ihm mit Gesang und Tanz die
-Zeit zu kürzen? „Traterata!“ und sie hob mit wildem Hohn die
-<a id="page-516" class="pagenum" title="516"></a>
-gerollte Hand an den Mund, um das Clairon nachzuahmen.
-„Traterata!“ Und das genüge. Da springe der Dummkopf
-in die Höhe und wolle fort. Gut denn, fort mit ihm! Hier sein
-Helm, sein Säbel und Gehänge! Machen, machen, machen solle
-er, daß er in die Kaserne komme! – Er bat um Erbarmen. Aber
-sie fuhr fort in ihrem glühenden Hohn, indem sie tat, als sei sie
-er, der beim Schall der Hörner sein bißchen Verstand verloren
-habe. Traterata, zum Appell! Barmherziger Himmel, er werde
-noch zu spät kommen! Nur fort, denn es rufe ja zum Appelle,
-und da störe er selbstverständlich auf wie ein Narr, in dem
-Augenblick, wo sie, Carmen, für ihn habe tanzen wollen. Das,
-das, das sei seine Liebe zu ihr! –
-</p>
-
-<p>
-Qualvolle Lage! Sie verstand nicht. Das Weib, die Zigeunerin
-konnte und wollte nicht verstehen. Sie wollte es
-nicht, – denn ohne jeden Zweifel: in ihrer Wut, ihrem Hohn
-war etwas über den Augenblick und das Persönliche Hinausgehende,
-ein Haß, eine Urfeindschaft gegen das Prinzip, das
-durch diese französischen Clairons – oder spanischen Hörner –
-nach dem verliebten kleinen Soldaten rief, und über das zu
-triumphieren ihr höchster, eingeborener, überpersönlicher Ehrgeiz
-war. Sie besaß ein sehr einfaches Mittel dazu: Sie behauptete,
-wenn er gehe, so liebe er sie nicht; und das war genau das,
-was zu hören José dort drinnen im Kasten nicht ertrug. Er beschwor
-sie, ihn zu Worte kommen zu lassen. Sie wollte nicht.
-Da zwang er sie – es war ein verteufelt ernster Moment.
-Fatale Klänge lösten sich aus dem Orchester, ein düster drohendes
-Motiv, das sich, wie Hans Castorp wußte, durch die ganze
-Oper bis zum katastrophalen Ausgang zog und auch die Einleitung
-zu des kleinen Soldaten Arie bildete, der neuen Platte,
-die nun einzulegen war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-517" class="pagenum" title="517"></a>
-„Hier an dem Herzen treu geborgen“ – José sang das
-wunderschön; Hans Castorp ließ die Scheibe auch einzeln,
-außer dem vertrauten Zusammenhange öfters laufen und
-lauschte stets in achtsamster Sympathie. Es war inhaltlich
-nicht weit her mit der Arie, aber ihr flehender Gefühlsausdruck
-war im höchsten Grade rührend. Der Soldat sang von der
-Blume, die Carmen ihm am Anfang ihrer Bekanntschaft zugeworfen,
-und die im schweren Arrest, worein er um ihretwillen
-geraten, sein ein und alles gewesen sei. Er gestand tief erschüttert,
-er habe augenblicksweise dem Schicksal geflucht, weil
-es zugelassen hatte, daß er Carmen je mit Augen gesehen. Aber
-gleich habe er die Lästerung bitter bereut und auf den Knien
-zu Gott um ein Wiedersehen gebetet. <em>Da</em> – und dies Da war
-der gleiche hohe Ton, mit dem er unmittelbar vorher sein „Ach,
-teures Mädchen“ begonnen, – <em>da</em> – und nun war in der Begleitung
-aller Instrumentalzauber los, der nur irgend geeignet sein
-mochte, den Schmerz, die Sehnsucht, die verlorene Zärtlichkeit,
-die süße Verzweiflung des kleinen Soldaten zu malen, – <em>da</em>
-hatte sie vor seinen Blicken gestanden in all ihrem schlechthin
-verhängnishaften Reiz, so daß er klar und deutlich das eine
-gefühlt hatte, daß es „um ihn getan“ („getan“ mit einem
-schluchzenden ganztönigen Vorschlag auf der ersten Silbe),
-auf immer also um ihn getan sei. „Du meine Wonne, mein
-Entzücken!“ sang er verzweifelt in einer wiederkehrenden und
-auch vom Orchester noch einmal auf eigene Hand geklagten
-Tonfolge, die vom Grundton zwei Stufen aufstieg und sich
-von dort mit Innigkeit zur tieferen Quinte wandte. „Dein ist
-mein Herz“, beteuerte er abgeschmackter, aber allerzärtlichster
-Weise zum Überfluß, indem er sich eben dieser Figur bediente,
-ging dann die Tonleiter bis zur sechsten Stufe durch, um
-<a id="page-518" class="pagenum" title="518"></a>
-hinzuzufügen: „Und ewig dir gehör ich an!“, ließ danach die
-Stimme um zehn Töne sinken und bekannte erschüttert sein
-„Carmen, ich liebe dich!“, dessen Ausklang von einem wechselnd
-harmonisierten Vorhalt schmerzlich verzögert wurde, bevor
-das „dich“ mit der vorhergehenden Silbe sich in den Grundakkord
-ergab.
-</p>
-
-<p>
-„Ja, ja!“ sagte Hans Castorp schwergemut und dankbar
-und legte auch noch das Finale ein, wo alle den jungen José
-dazu beglückwünschten, daß ihm durch das Renkontre mit dem
-Offizier der Rückweg abgeschnitten war, so daß er nun fahnenflüchtig
-werden mußte, wie Carmen es zu seinem Entsetzen
-schon vorher von ihm verlangt hatte.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„O folg uns in felsige Klüfte,</p>
- <p class="verse">wilder, doch rein wehen dort die Lüfte –“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-sangen sie ihm im Chor, – man konnte sie ganz gut verstehen.
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Offen die Welt – nicht Sorgen drücken;</p>
- <p class="verse">unbegrenzt dein Vaterland;</p>
- <p class="verse">und voran: das seligste Entzücken,</p>
- <p class="verse">die Freiheit lacht! Die Freiheit lacht!“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-„Ja, ja!“ sagte er abermals und ging zu etwas Viertem über,
-etwas sehr Liebem und Gutem.
-</p>
-
-<p>
-Daß es wieder etwas Französisches war, ist so wenig unsere
-Schuld, wie es auf unsere Rechnung kommt, daß auch wieder
-militärischer Geist obwaltete. Es war eine Einlage, eine Solo-Gesangsnummer,
-ein „Gebet“ aus der Faust-Oper von
-Gounod. Jemand trat auf, jemand Erz-Sympathisches, der
-Valentin hieß, den aber Hans Castorp im Stillen anders
-nannte, mit einem vertrauteren, wehmutsvollen Namen, dessen
-Träger er in hohem Grade mit der aus dem Kasten laut
-<a id="page-519" class="pagenum" title="519"></a>
-werdenden Person identifizierte, obgleich diese eine viel schönere
-Stimme hatte. Es war ein starker und warmer Bariton, und
-sein Gesang war dreiteilig; er bestand aus zwei miteinander
-nahverwandten Eckstrophen, die frommen Charakters, ja, fast
-im Stile des protestantischen Chorals gehalten waren, und
-einer Mittelstrophe keck-chevaleresken Mutes, kriegerisch, leichtsinnig,
-dabei aber ebenfalls fromm; und das war eigentlich
-das Französisch-Militärische daran. Der Unsichtbare sang:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Da ich nun verlassen soll</p>
- <p class="verse">mein geliebtes Heimatland“ –</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-und er wandte unter diesen Umständen sein Flehen zum Herrn
-des Himmels, daß er ihm unterdessen das holde Schwesterblut
-schützen möge! Es ging in den Krieg, der Rhythmus sprang
-um, wurde unternehmend, Gram und Sorge mochten zum
-Teufel fahren, er, der Unsichtbare wollte sich dort, wo die
-Schlacht am heißesten, die Gefahr am größten war, keck, fromm
-und französisch dem Feinde entgegenwerfen. Wenn ihn aber
-Gott zu Himmelshöhen rufe, sang er, dann wolle er schützend
-von dort auf „dich“ herniedersehen. Mit diesem „dich“ war
-das Schwesterblut gemeint; aber es rührte Hans Castorp
-trotzdem in tiefster Seele, und diese seine Ergriffenheit ließ nicht
-nach bis zum Schluß, wo der Brave dort drinnen zu mächtigen
-Choralakkorden sang:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„O Herr des Himmels, hör mein Flehn,</p>
- <p class="verse">in deinem Schutz laß Margarete stehn!“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Weiter war es nichts mit dieser Platte. Wir glaubten, kurz
-von ihr reden zu sollen, weil Hans Castorp sie so ausnehmend
-gern hatte, dann aber auch, weil sie bei späterer, seltsamer Gelegenheit
-noch eine gewisse Rolle spielte. Für jetzt kommen
-<a id="page-520" class="pagenum" title="520"></a>
-wir auf ein fünftes und letztes Stück aus der Gruppe der engeren
-Favoriten, – welches nun freilich gar nichts Französisches mehr
-war, sondern etwas sogar besonders und exemplarisch Deutsches,
-auch nichts Opernhaftes, sondern ein Lied, eines jener
-Lieder, – Volksgut und Meisterwerk zugleich und eben durch
-dieses Zugleich seinen besonderen geistig-weltbildlichen Stempel
-empfangend ... Wozu die Umschweife? Es war Schuberts
-„Lindenbaum“, es war nichts anderes, als dies allvertraute
-„Am Brunnen vor dem Tore“.
-</p>
-
-<p>
-Ein Tenorist trug es vor zum Klavier, ein Bursche von Takt
-und Geschmack, der seinen zugleich simplen und gipfelhohen
-Gegenstand mit vieler Klugheit, musikalischem Feingefühl und
-rezitatorischer Umsicht zu behandeln wußte. Wir alle wissen,
-daß das herrliche Lied im Volks- und Kindermunde etwas
-anders lautet, denn als Kunstgesang. Dort wird es meist, vereinfacht,
-nach der Hauptmelodie strophisch durchgesungen,
-während diese populäre Linie im Original schon bei der zweiten
-der achtzeiligen Strophen in Moll variiert, um beim fünften
-Vers, überaus schön, wieder in Dur einzulenken, bei den darauf
-folgenden „kalten Winden“ aber und dem vom Kopfe fliegenden
-Hute dramatisch aufgelöst wird und sich erst bei den letzten
-vier Versen der dritten Strophe wiederfindet, die wiederholt
-werden, damit die Weise sich aussingen könne. Die eigentlich
-bezwingende Wendung der Melodie erscheint dreimal und zwar
-in ihrer modulierenden zweiten Hälfte, das drittemal also bei
-der Reprise der letzten Halbstrophe „Nun bin ich manche
-Stunde“. Diese zauberhafte Wendung, der wir mit Worten
-nicht zu nahe treten mögen, liegt auf den Satzfragmenten „So
-manches liebe Wort“, „Als riefen sie mir zu“, „Entfernt von
-jenem Ort“, und die helle und warme, atemkluge und zu einem
-<a id="page-521" class="pagenum" title="521"></a>
-maßvollen Schluchzen geneigte Stimme des Tenoristen sang
-sie jedesmal mit so viel intelligentem Gefühl für ihre Schönheit,
-daß sie dem Zuhörer auf ungeahnte Weise ans Herz griff, zumal
-der Künstler seine Wirkung durch außerordentlich innige Kopftöne
-bei den Zeilen „Zu <em>ihm</em> mich immerfort“, „Hier <em>findst</em>
-du deine Ruh“ zu steigern wußte. Beim wiederholten letzten
-Verse aber, diesem „Du fändest Ruhe dort!“ sang er das
-„fändest“ das erstemal aus voller, sehnsüchtiger Brust und erst
-das zweitemal wieder als zartestes Flageolett.
-</p>
-
-<p>
-Soviel vom Liede und seinem Vortrag. Wir mögen uns
-wohl schmeicheln, es sei uns in früheren Fällen gelungen,
-unseren Zuhörern ein ungefähres Verständnis für die intime
-Teilnahme einzuflößen, die Hans Castorp den Vorzugs-Programmnummern
-seiner nächtlichen Konzerte entgegenbrachte.
-Allein begreiflich zu machen, was diese letzte, dies Lied,
-der alte „Lindenbaum“ ihm bedeutete, das ist nun freilich ein
-Unternehmen der kitzlichsten Art, und höchste Behutsamkeit der
-Intonation ist vonnöten, wenn nicht mehr verdorben, als gefördert
-werden soll.
-</p>
-
-<p>
-Wir wollen es so stellen: Ein geistiger, das heißt ein bedeutender
-Gegenstand ist eben dadurch „bedeutend“, daß er
-über sich hinausweist, daß er Ausdruck und Exponent eines
-Geistig-Allgemeineren ist, einer ganzen Gefühls- und Gesinnungswelt,
-welche in ihm ihr mehr oder weniger vollkommenes
-Sinnbild gefunden hat, – wonach sich denn der Grad seiner
-Bedeutung bemißt. Ferner ist die Liebe zu einem solchen Gegenstand
-ebenfalls und selbst „bedeutend“. Sie sagt etwas aus
-über den, der sie hegt, sie kennzeichnet sein Verhältnis zu jenem
-Allgemeinen, jener Welt, die der Gegenstand vertritt, und die in
-ihm, bewußt oder unbewußt, mitgeliebt wird.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-522" class="pagenum" title="522"></a>
-Will man glauben, daß unser schlichter Held nach so und so
-vielen Jährchen hermetisch-pädagogischer Steigerung tief genug
-ins geistige Leben eingetreten war, um sich der „Bedeutsamkeit“
-seiner Liebe und ihres Objektes <em>bewußt</em> zu sein?
-Wir behaupten und erzählen, daß er es war. Das Lied bedeutete
-ihm viel, eine ganze Welt und zwar eine Welt, die er
-wohl lieben mußte, da er sonst in ihr stellvertretendes Gleichnis
-nicht so vernarrt gewesen wäre. Wir wissen, was wir sagen,
-wenn wir – vielleicht etwas dunklerweise – hinzufügen, daß
-sein Schicksal sich anders gestaltet hätte, wenn sein Gemüt den
-Reizen der Gefühlssphäre, der allgemein geistigen Haltung, die
-das Lied auf so innig-geheimnisvolle Weise zusammenfaßte,
-nicht im höchsten Grade zugänglich gewesen wäre. Eben dieses
-Schicksal aber hatte Steigerungen, Abenteuer, Einblicke mit
-sich gebracht, Regierungsprobleme in ihm aufgeworfen, die
-ihn zu ahnungsvoller Kritik an dieser Welt, diesem ihrem allerdings
-absolut bewunderungswürdigen Gleichnis, dieser seiner
-Liebe reif gemacht hatten und danach angetan waren, sie alle
-drei unter Gewissenszweifel zu stellen.
-</p>
-
-<p>
-Der müßte nun freilich von Liebesdingen rein gar nichts verstehen,
-der meinte, durch solche Zweifel geschähe der Liebe Abtrag.
-Sie bilden im Gegenteil ihre Würze. Sie sind es erst, die
-der Liebe den Stachel der Leidenschaft verleihen, so daß man
-schlechthin die Leidenschaft als zweifelnde Liebe bestimmen
-könnte. Worin bestanden denn aber Hans Castorps Gewissens-
-und Regierungszweifel an der höheren Erlaubtheit seiner Liebe
-zu dem bezaubernden Liede und seiner Welt? Welches war
-diese dahinter stehende Welt, die seiner Gewissensahnung zufolge
-eine Welt verbotener Liebe sein sollte?
-</p>
-
-<p>
-Es war der Tod.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-523" class="pagenum" title="523"></a>
-Aber das war ja erklärter Wahnsinn! Ein so wunderherrliches
-Lied! Reines Meisterwerk, geboren aus letzten und heiligsten
-Tiefen des Volksgemüts; ein höchster Besitz, das Urbild
-des Innigen, die Liebenswürdigkeit selbst! Welch häßliche Verunglimpfung!
-</p>
-
-<p>
-Ei ja, ja, ja, das war recht schön, so mußte wohl jeder
-Redliche sprechen. Und dennoch stand hinter diesem holden
-Produkte der Tod. Es unterhielt Beziehungen zu ihm, die
-man lieben mochte, aber nicht ohne sich von einer bestimmten
-Unerlaubtheit solcher Liebe ahnungsvoll-regierungsweise
-Rechenschaft zu geben. Es mochte seinem eigenen ursprünglichen
-Wesen nach nicht Sympathie mit dem Tode, sondern
-etwas sehr Volkstümlich-Lebensvolles sein, aber die geistige
-Sympathie damit war Sympathie mit dem Tode, – lautere
-Frömmigkeit, das Sinnige selbst an ihrem Anfang, das sollte
-auch nicht aufs Leiseste bestritten werden; aber in ihrer Folge
-lagen Ergebnisse der Finsternis.
-</p>
-
-<p>
-Was redete er sich da ein! – Er hätte es sich von euch nicht
-ausreden lassen. Ergebnisse der Finsternis. Finstere Ergebnisse.
-Folterknechtssinn und Menschenfeindlichkeit in spanischem
-Schwarz mit der Tellerkrause und Lust statt Liebe – als Ergebnis
-treublickender Frömmigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Wahrhaftig, der Literat Settembrini war nicht eben der
-Mann seines unbedingten Vertrauens, aber er erinnerte sich
-einiger Belehrung, die der klare Mentor ihm einst, vor Zeiten,
-am Anfang seiner hermetischen Laufbahn, über „Rückneigung“,
-die geistige „Rückneigung“ in gewisse Welten hatte zuteil
-werden lassen, und er fand es ratsam, diese Unterweisung mit
-Vorsicht auf seinen Gegenstand zu beziehen. Herr Settembrini
-hatte das Phänomen jener Rückneigung als „Krankheit“
-<a id="page-524" class="pagenum" title="524"></a>
-bezeichnet, – das Weltbild selbst, die Geistesepoche, der die Rückneigung
-galt, mochte seinem <a id="corr-103"></a>pädagogischen Sinn wohl als
-„krankhaft“ erscheinen. Wie denn nun aber! Hans Castorps
-holdes Heimwehlied, die Gemütssphäre, der es angehörte, und
-die Liebesneigung zu dieser Sphäre sollten – „krank“ sein?
-Mit nichten! Sie waren das Gemütlich-Gesundeste auf der
-Welt. Allein das war eine Frucht, die, frisch und prangend gesund
-diesen Augenblick oder eben noch, außerordentlich zu Zersetzung
-und Fäulnis neigte, und, reinste Labung des Gemütes,
-wenn sie im rechten Augenblicke genossen wurde, vom nächsten
-unrechten Augenblicke an Fäulnis und Verderben in der genießenden
-Menschheit verbreitete. Es war eine Lebensfrucht,
-vom Tode gezeugt und todesträchtig. Es war ein Wunder der
-Seele, – das höchste vielleicht vor dem Angesicht gewissenloser
-Schönheit und gesegnet von ihr, jedoch mit Mißtrauen betrachtet
-aus triftigen Gründen vom Auge verantwortlich regierender
-Lebensfreundschaft, der Liebe zum Organischen, und
-Gegenstand der Selbstüberwindung nach letztgültigem Gewissensspruch.
-</p>
-
-<p>
-Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der
-Überwindung dieser Liebe sein, – dieses Seelenzaubers mit
-finsteren Konsequenzen! Hans Castorps Gedanken oder ahndevolle
-Halbgedanken gingen hoch, während er in Nacht und
-Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, – sie gingen
-höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch gesteigerte
-Gedanken. O, er war mächtig, der Seelenzauber!
-Wir alle waren seine Söhne, und Mächtiges konnten wir ausrichten
-auf Erden, indem wir ihm dienten. Man brauchte nicht
-mehr Genie, nur viel mehr Talent, als der Autor des Lindenbaumliedes,
-um als Seelenzauberkünstler dem Liede Riesenmaße
-<a id="page-525" class="pagenum" title="525"></a>
-zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte
-wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu
-irdische Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich
-gar nicht heimwehkrank, – in welchen das Lied zur elektrischen
-Grammophonmusik verdarb. Aber sein bester Sohn mochte
-doch derjenige sein, der in seiner Überwindung sein Leben verzehrte
-und starb, auf den Lippen das neue Wort der Liebe, das
-er noch nicht zu sprechen wußte. Es war so wert, dafür zu
-sterben, das Zauberlied! Aber wer dafür starb, der starb schon
-eigentlich nicht mehr dafür und war ein Held nur, weil er im
-Grunde schon für das Neue starb, das neue Wort der Liebe
-und der Zukunft in seinem Herzen – –
-</p>
-
-<p>
-Das also waren Hans Castorps Vorzugsplatten.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-8">
-Fragwürdigstes
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der
-Jährchen eine unerwartete Wendung genommen. Immer
-hatten seine Forschungen, die der Seelenzergliederung und dem
-menschlichen Traumleben galten, einen unterirdischen und katakombenhaften
-Charakter getragen; neuerdings aber, in gelindem,
-der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie
-die Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen,
-und seine vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal,
-Hauptattraktion des Hauses, Stolz des Prospektes, – diese
-Vorträge, gehalten in Gehrock und Sandalen, hinter gedecktem
-Tischchen und mit exotisch schleppenden Akzenten vor dem
-unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten nicht
-mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung
-der Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten
-<a id="page-526" class="pagenum" title="526"></a>
-von den profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus,
-den Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums
-und des Zweiten Gesichtes, den Wundern der Hysterie,
-bei deren Erörterung der philosophische Horizont sich derart
-weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer
-erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum
-Psychischen, ja dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen
-auf unheimlichstem, auf krankhaftem Wege, wie es scheinen
-mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem der Gesundheit ...
-</p>
-
-<p>
-Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige
-Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski
-habe sich nur aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie
-zu bewahren, zu rein emotionellen Zwecken also, dem
-Verborgenen zugewandt. So sprachen Lästerzungen, an denen
-es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den Montagskonferenzen
-die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um sie
-hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch
-genauer als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im
-Busen dabei glich. Aber diese Wirkungen waren so legitim, wie
-die Entwicklung, die der Geist des Gelehrten durchlaufen, und
-für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern geradezu Notwendigkeit
-in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten
-jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele
-sein Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein
-bezeichnet, obgleich man möglicherweise besser täte, von einem
-Überbewußtsein zu reden, da aus diesen Sphären zuweilen
-ein Wissen emporgeistert, das das Bewußtseinswissen des Individuums
-bei weitem übersteigt und den Gedanken nahelegt,
-es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen
-den untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und
-<a id="page-527" class="pagenum" title="527"></a>
-einer durchaus wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des
-Unterbewußtseins, „okkult“ dem eigentlichen Wortsinne nach,
-erweist sich sehr bald auch als okkult im engeren Sinn dieses
-Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die Erscheinungen
-fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht
-alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus
-dem bewußten Seelenleben verbannter und hysterisierter
-Affekte erblickt, der anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen
-im Materiellen, – eine Macht, die man als zweite Quelle
-der magischen Phänomene anzusprechen gezwungen ist. Idealist
-des Pathologischen, um nicht zu sagen: pathologischer
-Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von Gedankengängen
-sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins überhaupt,
-das will sagen: in das Problem der Beziehungen von
-Geist und Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie
-der bloßen Robustheit, wird es sich niemals nehmen
-lassen, das Geistige als ein phosphoreszierendes Produkt des
-Materiellen zu erklären. Der Idealist dagegen, ausgehend vom
-Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt und sehr bald
-entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig umgekehrtem
-Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts
-Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei:
-Das Huhn oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die
-doppelte Tatsache eine so außerordentliche Verwirrung erfährt,
-daß kein Ei denkbar ist, das nicht von einem Huhn gelegt worden
-wäre, und kein Huhn, das nicht sollte aus einem vorausgesetzten
-Ei gekrochen sein.
-</p>
-
-<p>
-Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings
-in seinen Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem,
-auf logischem Wege war er dazu gekommen, wir können es nicht
-<a id="page-528" class="pagenum" title="528"></a>
-sattsam betonen, und nur zum Überfluß fügen wir hinzu, daß
-er in solche Erörterungen eingetreten war, lange bevor durch
-das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in
-ein empirisch-experimentelles Stadium traten.
-</p>
-
-<p>
-Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere
-Zuhörer es nicht wissen, während uns natürlich der Name
-geläufig ist. Wer sie war? Fast niemand auf den ersten Blick.
-Ein liebes Ding von neunzehn Jahren, Elly gerufen, flachsblond,
-Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen, sondern aus
-Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft besaß.
-Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar
-Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin
-der Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock
-über dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen
-hatte. Der Fall war unerheblich, er hatte wohl eigentlich
-nur Verdachtscharakter, wenn Elly auch freilich ja zart war,
-zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei unbedingt sympathisch,
-so daß man ihr gern die Hand auf den flachsblonden Scheitel
-gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig tat, wenn
-er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie,
-eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus
-liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen
-und wie ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein
-leicht gebrochenes Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern,
-wie „Fleich“ statt „Fleisch“. An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes.
-Das Kinn war zu kurz. Sie saß am Tische
-der Kleefeld, die sie bemutterte.
-</p>
-
-<p>
-Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser
-freundlichen kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin
-hatte es Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten
-<a id="page-529" class="pagenum" title="529"></a>
-und zweiten Anblick ihrer klaren Person sich etwas hätte träumen
-lassen, die aber schon nach ein paar Wochen ihres Aufenthaltes
-hier oben anfingen sich zu entdecken, und die in ihrer ganzen
-Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde.
-</p>
-
-<p>
-Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit
-gaben dem Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte
-sich in allerlei Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände
-mit Hilfe eines Klavierspiels, das anschwoll, wenn
-man sich dem Verstecke näherte, dagegen leiser wurde, wenn
-man Irrwege einschlug; und man ging in der Folge dazu über,
-demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte von
-außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter zusammengesetzter
-Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier
-gewisser Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen
-zum Tanze aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek
-zu entnehmen und es dem und dem zu überreichen und dergleichen
-mehr. Es ist zu bemerken, daß Spiele dieser Art sonst
-nicht zu den Gewohnheiten der Berghof-Gesellschaft gehört
-hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu gegeben, war nachträglich
-nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly gewesen.
-Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen.
-</p>
-
-<p>
-Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von
-uns, und auch Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei
-den Versuchen mehr oder weniger anstellig oder versagten auch
-gänzlich. Die Tauglichkeit Elly Brands aber erwies sich als
-außerordentlich, als auffallend, als ungebührlich. Ihre sichere
-Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte unter Beifall und
-bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den kombinierten
-Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte
-aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus,
-<a id="page-530" class="pagenum" title="530"></a>
-sobald sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein
-Schwanken, auch ohne leitende Musik. Sie holte aus dem
-Speisesaal eine Prise Salz, streute sie dem Staatsanwalt Paravant
-auf den Kopf, nahm ihn danach bei der Hand und
-führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den Anfang
-des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte.
-Dann brachte sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix
-vor ihm, zog einen Fußschemel herbei und setzte sich abschließend
-darauf zu seinen Füßen nieder, – genau so, wie man es sich
-unter vielem Kopfzerbrechen für sie ausgedacht.
-</p>
-
-<p>
-So hatte sie also gehorcht!
-</p>
-
-<p>
-Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu
-sehen, fing man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte:
-Nein, nein, nicht so, man möge doch das nicht glauben! Nicht
-draußen, nicht an der Tür habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig
-nicht!
-</p>
-
-<p>
-Nicht draußen, nicht an der Tür?
-</p>
-
-<p>
-„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer,
-wenn sie hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun.
-</p>
-
-<p>
-Nicht umhin? Im Zimmer?
-</p>
-
-<p>
-Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was
-sie zu tun habe, leise, aber ganz scharf und deutlich.
-</p>
-
-<p>
-Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem
-Sinne schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen,
-daß sie für ein solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert
-werde. Ein Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn
-einer der Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im
-sportlichen Sinn war Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf
-eine Weise, daß manchem der Rücken kalt wurde bei ihrem
-Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal riefen nach
-<a id="page-531" class="pagenum" title="531"></a>
-Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig und
-kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd
-mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos
-gemeldet, kraß Anormales liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten,
-eine Jungfrau mit Stimmen. – Ei, ei, und was
-weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden sehen. Es war sein
-Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig für
-alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte.
-Er fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer!
-„So steht es also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie
-jeder gern tat, der Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache
-zur Aufmerksamkeit, doch nicht die geringste zum Entsetzen. Er
-tauchte seine braunen exotischen Augen in die hellblauen Ellen
-Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem Scheitel
-über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und
-frömmer erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von
-unten, da ihr Kopf sich langsam zur Brust und Schulter neigte.
-Als ihre Augen anfingen, sich zu brechen, tat der Gelehrte eine
-lässige Handbewegung aufwärts vor ihrem Gesichtchen, worauf
-er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und die ganze erregte
-Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen Elly
-Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte.
-</p>
-
-<p>
-Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war
-wohl bei dem Wort, einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden
-Krokowski. Jedermann fühlte sein Innerstes kalt davon
-angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet seinen
-vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei
-Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung,
-die sie dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt
-hatte, so daß eine gewisse Übelkeit und körperliche
-<a id="page-532" class="pagenum" title="532"></a>
-Beängstigung, eine leichte Seekrankheit ihn angekommen war.
-Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte sich, daß damit
-wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens
-verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen
-Brands fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier,
-die das Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich
-selbst trug, das heißt: das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit
-des Gebietes, wonach sie tastete, und daher den Zweifel,
-ob sie nur müßig oder auch sündig sei, was sie aber nicht hinderte,
-zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier. Hans Castorp
-hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von
-Dingen der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen,
-– der seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen,
-von der eine melancholische Überlieferung auf ihn gekommen.
-Aber niemals war diese Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte
-Anerkennung nicht versagt hatte, ihm persönlich auf
-den Leib gerückt, nie hatte er praktische Erfahrungen damit gemacht,
-und sein Widerstreben gegen solche Erfahrungen, ein
-Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben, ein Widerstreben
-humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle
-Ausdrücke verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus
-anspruchslosen Helden – kam der Neugier, die sie ihm lebhaft
-erregten, fast gleich. Er fühlte im voraus, fühlte es klar und
-deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie auch fortgehen mochten,
-nie anders sich würden anlassen können, als abgeschmackt, unverständlich
-und menschlich würdelos. Dennoch brannte er
-darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“,
-als Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative
-war, sondern daß das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit
-nur die außermoralische Ausdrucksform der
-<a id="page-533" class="pagenum" title="533"></a>
-Verbotenheit war. Das <span class="antiqua" lang="la">Placet experiri</span> aber, ihm eingepflanzt
-von einem, der <em>solche</em> Versuche freilich aufs prallste mißbilligen
-mußte, saß fest in Hans Castorps Sinn; seine Sittlichkeit fiel
-nachgerade mit seiner Neugier zusammen, hatte das wohl
-eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des Bildungsreisenden,
-die vielleicht schon, als sie vom Mysterium
-der Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden
-Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von
-militärischem Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen
-nicht auswich, wenn es sich anbot. So beschloß Hans
-Castorp, auf dem Posten zu sein und nicht beiseite zu stehen,
-wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern kommen
-sollte.
-</p>
-
-<p>
-Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin
-laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben
-anzustellen. Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag
-belegt, hielt Sitzungen mit ihr in seinem analytischen
-Verlies, hypnotisierte sie, wie man hörte, war bestrebt, die in
-ihr schlummernden Möglichkeiten zu entwickeln und zu disziplinieren,
-ihr seelisches Vorleben zu erforschen. Dies tat übrigens
-auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und Patronin,
-und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und
-das, was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete,
-bis in die Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel,
-daß der- oder dasjenige, was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben
-zugeflüstert hatte, Holger hieß – es war der Jüngling
-Holger, ein <span class="antiqua" lang="en">spirit</span>, ihr wohlvertraut, ein abgeschieden-ätherisch
-Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen Ellen. – Er
-also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants Zeigefinger
-verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr,
-<a id="page-534" class="pagenum" title="534"></a>
-so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr eingeflüstert.
-– Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger
-ihr früher in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn
-sie nicht vorbereitet gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen.
-Das habe Holger wohl nicht gedurft, sagte sie später. In
-so ernste Dinge sich einzumischen, sei ihm verwehrt, und übrigens
-habe er die Schulantworten wohl selber nicht recht gewußt.
-</p>
-
-<p>
-Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch
-in größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare
-und unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare
-Erscheinungen? – Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges
-Mädchen allein im Wohnzimmer ihres Elternhauses
-gesessen, am runden Tisch mit einer Handarbeit, am
-hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte ihres
-Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit
-einer bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte
-Frauen ihn dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz
-hängenden Zipfeln hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich
-hatte Ellen gesehen, wie der Zipfel ihr gegenüber sich langsam
-aufgerollt hatte: still, sorgfältig und regelmäßig war er
-aufgerollt worden, ein gutes Stück gegen die Mitte der Tischplatte
-hin, so daß die Rolle schließlich schon ziemlich lang gewesen
-war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild auffahrend,
-mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem
-Fell sich auf die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer
-gestürzt, unter das Sofa gekrochen und dann ein volles Jahr
-lang nicht zu bewegen gewesen, einen Fuß ins Wohnzimmer
-zu setzen.
-</p>
-
-<p>
-Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die
-Schaldecke aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht.
-<a id="page-535" class="pagenum" title="535"></a>
-– Und was sie sich bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht
-habe. – Aber da es absolut unmöglich war, sich das Allergeringste
-dabei zu denken, so hatte auch Elly sich weiter nichts
-dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern berichtet habe. – Nein.
-– Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar nichts dabei
-denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem Fall
-und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges,
-schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn
-schwer daran getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer.
-Was denn auch an dem Sich-Aufrollen einer Decke viel zu
-tragen sei. Aber an anderem habe sie schwerer getragen. Zum
-Beispiel hieran:
-</p>
-
-<p>
-Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense,
-hatte sie frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen,
-das im Erdgeschoß gelegen war, und sich über die Diele die
-Treppe hinauf ins Eßzimmer begeben wollen, um, wie es ihre
-Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor die Eltern sich einfanden.
-Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich wandte, war
-sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem Podest,
-am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika verheiratete
-ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und
-wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise
-einen Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf
-dem Kopf getragen und die Hände an der Schulter gefaltet und
-hatte ihr zugenickt. „Ja, aber, Sophie, bist du da?“ hatte die
-angewurzelte Ellen halb freudig und halb erschrocken gefragt.
-Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich darnach verflüchtigt.
-Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in
-dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung
-heißer Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg
-<a id="page-536" class="pagenum" title="536"></a>
-frei gewesen war für Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß
-in dieser selbigen Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey
-an Herzentzündung gestorben war.
-</p>
-
-<p>
-Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte,
-das habe doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung
-hier, der Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser
-achtbarer Zusammenhang zu ersehen. Und er willigte
-ein, an einem spiritistischen Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken,
-teilzunehmen, das man aus Ungeduld, unter heimlicher Umgehung
-von Dr. Krokowskis eifersüchtigem Verbot, mit Ellen
-Brand zu veranstalten beschlossen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz
-Hermine Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen:
-außer der Gastgeberin, Hans Castorp und der kleinen Brand,
-waren es nur noch die Damen Stöhr und Levi sowie Herr Albin,
-der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst mit
-dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd
-die Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin
-bestanden, daß auf einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer
-Größe, inmitten des Zimmers, ein Weinglas, umgekehrt, den
-Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber, am Rande der Tischplatte,
-in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen, Spielmarken
-nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die
-mit Tinte und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets
-gezeichnet waren. Vorerst reichte die Kleefeld Tee,
-was dankbar begrüßt wurde, da die Damen Stöhr und Levi,
-ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des Unternehmens,
-über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach genossener
-Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder,
-und in matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung
-<a id="page-537" class="pagenum" title="537"></a>
-zuliebe, das Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen
-hatte brennen lassen, legte jedermann einen Finger
-seiner Rechten leicht an den Fuß des Glases. So wollte es
-die Methode. Man harrte des Augenblicks, wo das Glas ins
-Rücken geraten würde.
-</p>
-
-<p>
-Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war
-glatt, der Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch
-so leicht aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er
-natürlich ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche
-Richtung haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein,
-das Glas zum Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen.
-An der Peripherie des Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben
-stoßen, und wenn diejenigen, die es anlief, in ihrer Zusammensetzung
-Worte und irgend welchen Sinn ergaben, so
-würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte Erscheinung
-sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter
-Elemente, der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie
-selbst ein solches Tun sich nun eingestanden oder nicht – und
-des geheimen Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der
-Allgemeinheit, eines unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar
-fremden Ergebnissen, an denen die Dunkelheiten des Einzelnen
-mehr oder weniger beteiligt sein würden, am stärksten
-wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies wußten im
-Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art,
-schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern
-saß und wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das
-Herzklopfen der Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren
-eben nur daher, daß sie es wußten, daher also, daß sie sich zu
-einem unreinlichen Spiel mit ihrer Natur, einem furchtsam-neugierigen
-Erproben unbekannter Teile ihres Selbst in stiller
-<a id="page-538" class="pagenum" title="538"></a>
-Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder Halb-Dinglichkeiten
-harrten, die man magisch nennt. Es war fast
-nur, um der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise,
-daß man unterstellte, durch das Glas würden
-die Geister Abgeschiedener zu der Versammlung reden. Herr
-Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit den etwa auftretenden
-Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher
-hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen.
-</p>
-
-<p>
-Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum
-Flüstern versiegte, die erste Spannung gab nach. Man stützte
-den rechten Arm mit der Linken am Ellbogen. Der Tscheche
-Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen Brand, das Fingerchen
-leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen Kinderblick
-über die nahen Dinge hinweg in den Schein des Nachttischlämpchens
-gerichtet.
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden
-unter den Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern
-zu folgen. Es rutschte bis zum Tischrande, lief ein Stück daran
-entlang und kehrte dann geradlinig ungefähr zur Mitte zurück.
-Hier schlug es noch einmal auf und verhielt sich ruhig.
-</p>
-
-<p>
-Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art.
-Frau Stöhr erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch
-wurde ihr bedeutet, daß sie sich früher hätte prüfen müssen und
-sich nun still zu verhalten habe. Die Dinge schienen in Fluß zu
-kommen. Man stipulierte, daß, um ja und nein zu antworten,
-das Glas nicht erst die Buchstaben sollte anlaufen müssen, sondern
-sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen begnügen möge.
-</p>
-
-<p>
-„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin
-mit strenger Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein
-Zögern folgte. Dann kippte das Glas und bejahte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-539" class="pagenum" title="539"></a>
-„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones,
-indem er die Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln
-verstärkte.
-</p>
-
-<p>
-Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack
-von Marke zu Marke, indem es zwischendurch immer ein
-Stück gegen die Tischmitte hin zurückkehrte; es lief zum <span class="antiqua">h</span>, zum
-<span class="antiqua">o</span>, zum <span class="antiqua">l</span>, es schien danach zu ermatten, sich zu verwirren, nicht
-weiter zu wissen, aber es fand sich wieder, fand auch das <span class="antiqua">g</span>, das
-<span class="antiqua">e</span> und <span class="antiqua">r</span>. Hatte man’s doch gedacht! Es war Holger persönlich,
-der <span class="antiqua" lang="en">spirit</span> Holger, der das mit der Salzprise usw. gewußt, aber
-freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte. Er war da,
-er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was
-fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte
-den Kreis. Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand,
-was man von ihm zu wissen begehren sollte. Herr Albin entschied
-sich, zu fragen, was Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten
-gewesen sei. Er tat es, wie oben, im Tone des Verhörs,
-streng und mit zusammengezogenen Brauen.
-</p>
-
-<p>
-Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend
-und stolpernd zum <span class="antiqua">d</span>, rückte ab und bezeichnete das <span class="antiqua">i</span>. Was
-wollte das werden? Die Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu
-befürchtete kichernd, Holger sei ein Dieb gewesen. Frau
-Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch der Arbeit
-des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und klappernd,
-zum <span class="antiqua">c</span>, zum <span class="antiqua">h</span> glitt, das <span class="antiqua">t</span> berührte und dann, offenbar
-unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem <span class="antiqua">r</span> endigte.
-Es hatte „Dichtr“ buchstabiert.
-</p>
-
-<p>
-Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum
-Überfluß und nur aus Stolz, wie es schien, kippte das Glas und
-klopfte bejahend. – Ein lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld,
-<a id="page-540" class="pagenum" title="540"></a>
-indem sie das <span class="antiqua">y</span> wie <span class="antiqua">i</span> aussprach, wie Hans Castorp unwillig
-bemerkte ... Zu solchen Spezifikationen schien Holger unlustig.
-Er gab keine neue Antwort. Er buchstabierte die vorige noch
-einmal, rasch, sicher und klar, das e hinzufügend, das er vorhin
-vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare
-Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter
-Gegenden des eigenen Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche
-Gegebenheit dieser Kundgebungen doch auch
-wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche erhielt. Ob Holger
-sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande, wollte man
-wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort „Gelassen“.
-Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst
-nicht darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte,
-fand man es wahrscheinlich und gut gesagt. – Und
-wie lange Holger sich denn schon in seinem gelassenen Zustande
-befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf niemand verfallen
-wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es lautete:
-„Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende
-Eile“ lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch
-von außen, Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine
-eilende Weile war Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die
-Frager spruchweise abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten
-mochte er freilich zu operieren verlernt haben. –
-Was wollte man also noch von ihm erfahren? Die Levi gestand
-ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe, beziehungsweise
-einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei?
-– Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen
-Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per
-du, ob <span class="antiqua" lang="en">spirit</span> Holger wohl blonde Locken habe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-541" class="pagenum" title="541"></a>
-„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es
-das Wort „braune“ ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute
-Heiterkeit herrschte im Kreise. Die Damen bekundeten
-offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände schräg gegen den
-Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister Holger
-scheine ja ziemlich eitel zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und
-ohne Sinn auf dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und
-rollte der Stöhr in den Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten
-Armen darauf niederblickte. Man führte es behutsam und
-unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück. Der Chinese
-wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da
-sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger
-nun im Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten
-ließ? Man redete seinem Glase aufs beste zu. Ob er
-denn nicht vielleicht etwas dichten wolle! Er sei ja ein Dichter
-gewesen, als er noch nicht in eilender Weile gewebt und geschwebt
-habe. Ach, wie sie alle nach etwas Gedichtetem verlangten!
-Sie würden es so herzlich genießen.
-</p>
-
-<p>
-Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas Gutmütig-Versöhnliches
-darin, wie es dies tat. Und dann begann
-<span class="antiqua" lang="en">spirit</span> Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich
-und ohne Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde
-er überhaupt nicht wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es
-war ein durch und durch überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch
-vorbrachte, während die Umsitzenden es bewundernd
-mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos, wie das Meer,
-von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen Haufen
-entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht
-des Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend
-<a id="page-542" class="pagenum" title="542"></a>
-grün die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten
-Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-<a id="corr-105"></a>weichem
-Scheinen die Sommersonne den Untergang verzögert!
-Kein Mund vermöchte zu sagen, wann und wie des Wassers
-silbrig regsamer Widerglanz in lauter Perlmutterschimmer sich
-wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel blaß-bunt-opalenen
-Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach, heimlich, wie
-er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer entschlief.
-Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort
-drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht.
-Ein halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe
-und läßt den bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen.
-Täuschender Winterwald im Schweigen, knackend durchstreift
-von einer Eule schwerem Flug! Sei unser Aufenthalt zu
-dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild die Nacht!
-Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert gedehnt
-im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt
-hervor zum fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends
-im Weichen empor, das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart
-buschig fällt das Land und steil zum steinigen Strande ab, und
-immer geistern noch am Rande der vergehenden Weite die
-Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande nieder! Wie
-ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus der
-geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein
-zartes Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine
-Rinnen? Es ist das lautlos schmale Strömen durch die Enge
-des Stundenglases, des ernsten, gebrechlichen Geräts, das das
-Gehäuse des Klausners schmückt. Ein aufgeschlagen Buch,
-ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten Rahmen
-das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem
-<a id="page-543" class="pagenum" title="543"></a>
-Ewigen entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend
-Wesen treibt ...
-</p>
-
-<p>
-So war <span class="antiqua" lang="en">spirit</span> Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation
-in sonderbarer Gedankenflucht vom <a id="corr-106"></a>heimatlichen Meere auf
-einen Klausner und das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen,
-und er kam noch auf manches, auf Menschliches und
-Göttliches in träumerisch gewagten Worten, über die das
-Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie buchstabierte,
-und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall
-einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins
-Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer
-Stunde noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten
-abzusehen, das von Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden
-und von der Krone des Leides und Gottes ernster Vatergüte
-ganz unerschöpflich handelte, sich in das Weben der Kreatur
-vertiefte, in Zeiten und Ländern und im Sternenraum sich
-verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises erwähnte
-und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn
-nicht die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen
-und unter besten Danksagungen an Holger erklärt
-hätten, nun müsse es für diesmal genug sein, es sei von ungeahnter
-Herrlichkeit gewesen und ewig schade, daß niemand mitgeschrieben
-habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in Vergessenheit
-geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in
-Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit,
-wie sie Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man
-rechtzeitig einen Schriftwart bestellen und zusehen, wie es sich
-schwarz auf weiß bewahrt und im Zusammenhang vorgetragen,
-wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber, und ehe
-Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre,
-<a id="page-544" class="pagenum" title="544"></a>
-werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig
-von ihm sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die
-andere sachliche Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt
-welche, aber ob er gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus
-besonderer Gefälligkeit bereit dazu sein würde?
-</p>
-
-<p>
-„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit,
-was zu fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die
-Fee oder das Männchen eine Frage freigeben und man Gefahr
-läuft, die kostbare Möglichkeit ganz müßig zu vertun. Vieles
-schien wissenswert in Welt und Zukunft, und verantwortungsvoll
-war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum Entschluß
-kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase,
-die linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch
-sich, statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht
-hatte, die Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde.
-</p>
-
-<p>
-Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies
-Erste-Beste aus der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach
-einigem Zögern rückte das Glas. Es rückte etwas ganz Sonderbares
-und, wie es scheinen wollte, Beziehungsloses, worauf
-sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen wollte. Es
-rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit
-man erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es
-etwas von Hans Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe
-Anweisung lautete, der Fragende solle „quer durch sein Zimmer
-gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer durch Nummer
-34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet
-und die Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag
-gegen die Tür.
-</p>
-
-<p>
-Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski
-draußen, um die verbotene Sitzung aufzuheben? Man
-<a id="page-545" class="pagenum" title="545"></a>
-schaute betreten, man gewärtigte den Eintritt des Hintergangenen.
-Da schlug es krachend mitten auf den Tisch, wiederum
-wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß
-auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen
-war.
-</p>
-
-<p>
-Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen!
-– Er leugnete ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch
-ohne sein Wort so gut wie sicher, daß niemand aus ihrer Runde
-den Schlag geführt hatte. So hatte es Holger getan? Sie
-blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen gleichzeitig auffällig
-geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei hängenden
-Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den
-Kopf zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das
-Mündchen aber, verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit
-einem ganz kleinen Lächeln, das zugleich etwas Verstecktes und
-Unschuldiges hatte, und blickte mit blauen Kinderaugen, die
-nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an, doch ohne daß
-sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem
-Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen.
-</p>
-
-<p>
-Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu,
-denn sie hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen,
-es war abgedreht worden, von einer Hand, die man
-sehr schonend kennzeichnete, wenn man sie eine <em>fremde</em> Hand
-nannte. War es Holgers Hand? Er war so sanft, so diszipliniert
-und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte sein Wesen
-begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand
-dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel
-führte und bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem
-an die Gurgel fuhr? Im Finstern rief man nach Zündhölzern,
-nach einer Taschenlaterne. Die Levi kreischte auf, man habe
-<a id="page-546" class="pagenum" title="546"></a>
-sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau Stöhr
-sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“
-schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich
-man die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der
-den gesunden Gedanken faßte, das Deckenlicht einzuschalten,
-so daß alsbald das Zimmer in Klarheit lag. Während man
-feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der Tat nicht zufällig
-ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß man
-nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich
-zu wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen,
-erfuhr Hans Castorp persönlich und in der Stille eine
-Überraschung, die er als besondere Aufmerksamkeit der hier sich
-kundgebenden kindischen Dunkelheiten auffassen mochte. Auf
-seinen Knieen lag ein leichter Gegenstand, das „Souvenir“,
-das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als er es von des Neffen
-Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das Clawdia
-Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er,
-Hans Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu
-machen. Man war um Ellen Brand beschäftigt, die immer
-noch in der beschriebenen Haltung, blinden Blickes und mit
-sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an ihrem Platze saß.
-Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem Gesichtchen die
-aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach, worauf
-sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig
-weinte. Man streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und
-schickte sie schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei
-Frau Stöhr zu verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen
-nicht wußte, wie sie ins Bett kommen sollte. Hans Castorp,
-seinen Apport in der Brusttasche, hatte nichts dagegen, den
-<a id="page-547" class="pagenum" title="547"></a>
-ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf Albins Zimmer
-mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß Vorkommnisse
-gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den
-Geist, wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und
-zwar eine nachhaltige Wirkung, so, wie der Seekranke wohl
-noch am Lande stundenlang die übelkeiterregenden Schwankungen
-zu spüren meint.
-</p>
-
-<p>
-Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war
-ja im Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte
-innere Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen
-hatte sich ihm doch so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so
-dachte er, bei diesen wenigen Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben,
-sein Bewenden haben mochte. Herr Settembrini, wie
-sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften in diesem Vorsatz,
-als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte.
-„Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend,
-Elend!“ Und kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte
-Betrügerin.
-</p>
-
-<p>
-Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte
-achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur Unzweideutigkeit
-klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug.
-Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge
-zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und
-wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der,
-wie ihm scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr
-Settembrini über das Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff,
-in welchem Elemente des Traumes und solche der Realität eine
-Mischung eingingen, die der Natur vielleicht weniger fremd
-sei, als unserem derben Tagesdenken. Das Geheimnis des Lebens
-sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn, wenn
-<a id="page-548" class="pagenum" title="548"></a>
-gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in
-unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art.
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und
-erzielte denn auch eine augenblickliche Gewissensstärkung und
-etwas wie ein Versprechen, an solchem Greuel nie wieder teilhaben
-zu wollen. „Achten Sie“, so forderte er, „den Menschen
-in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und humanen
-Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen
-Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? <span class="antiqua" lang="it">Caro mio!</span> Wo
-der sittliche Mut zu Entscheidungen und Unterscheidungen, wie
-der zwischen Betrug und Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit
-dem Leben überhaupt, dem Urteile, dem Werte, der bessernden
-Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß moralischer Skepsis
-beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das Maß
-der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse,
-Wahrheit und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich,
-und wehe dem, der ihn im Glauben an dieses schöpferische
-Recht zu beirren sich unterfange! Es sei ihm besser, einen
-Mühlstein um den Hals im tiefsten Brunnen ertränkt zu
-werden.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste
-von diesen Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski
-in seinem analytischen Souterrain mit Ellen Brand
-Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte Mitglieder der
-Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die Beteiligung
-gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die Versuchserfolge
-aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst
-dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie
-sie im Zimmer der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich
-ereignet hatten: Schläge also gegen Tisch und Wände, das
-<a id="page-549" class="pagenum" title="549"></a>
-Abdrehen der Lampe und anderes, weitergehendes, wurden bei
-diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad Krokowski die
-kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in wachtraumhaften
-Zustand versetzt hatte, systematisch und unter möglichster
-Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich
-gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte,
-und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon
-seinen Standort, wurde von dem magischen Kreise mit Beschlag
-belegt. Da aber der Böhme Wenzel, der es bei dieser Gelegenheit
-bediente, ein musikalischer Mann war, der das Instrument
-gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte Hans
-Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem
-Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album
-zur Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine
-Ouvertüren und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da
-Elly keineswegs nach höheren Tönen verlangte, seinen Zweck
-vollkommen erfüllte.
-</p>
-
-<p>
-Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein
-Taschentuch selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten
-verborgenen „Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen,
-des Doktors Papierkorb hatte sich schwebend zur Decke erhoben,
-der Perpendikel einer Wanduhr war „von niemandem“ abwechselnd
-angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine Tischglocke
-„genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe
-Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der
-glücklichen Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen
-voll wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte
-er in seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“
-Erscheinungen, Fälle von Fernbewegung; und der
-Doktor ordnete sie einem Gebiet von Phänomenen zu, das die
-<a id="page-550" class="pagenum" title="550"></a>
-Wissenschaft auf den Namen der Materialisation getauft
-hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen
-mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war.
-</p>
-
-<p>
-In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen
-unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge,
-als deren Quelle man die mediale Konstitution, den
-somnambulen Zustand zu betrachten hatte, und die man insofern
-als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen mochte,
-als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte,
-eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende
-Fähigkeit, Materie an sich zu ziehen und sich zu
-ephemerer Wirklichkeit darin auszuprägen. Diese Materie entströmte
-dem Körper des Mediums, um sich außerhalb seiner
-zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern, Händen,
-vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen Unbeträchtlichkeiten
-vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis
-Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar
-und tastbar, diese Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre
-Form bewahren. Unter weiteren Umständen aber brauchte es
-bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu haben. Köpfe, individuelle
-Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt verwirklichten
-sich vor den Augen der Experimentierenden, um in <a id="corr-108"></a>einen
-gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier
-begann Dr. Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu
-schielen und einen ähnlich schwankenden und doppeldeutigen
-Charakter anzunehmen, wie seinen Expektorationen über die
-„Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht länger unmißverständlich
-und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um ins
-Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner
-passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb,
-<a id="page-551" class="pagenum" title="551"></a>
-wenigstens allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in
-das Spiel; es handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen
-– um Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte
-und geheime Gunst des Augenblicks benutzten, um in
-die Materie zurückzukehren und sich den Rufenden kundzugeben,
-– kurz, um die spiritistische Beschwörung Verstorbener.
-</p>
-
-<p>
-Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski
-bei der Arbeit mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und
-kernig lächelnd, zu fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte
-er sie an, heimisch für seine untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen
-und Untermenschlichen und ein rechter Führer,
-denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen Bezirken.
-Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben,
-die zu entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der
-Erfolg ihm zu lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr.
-Berührungen einzelner Teilnehmer durch materialisierte Hände
-hatten sich ereignet. Staatsanwalt Paravant hatte aus der
-Transzendenz eine derbe Backpfeife empfangen und mit wissenschaftlicher
-Heiterkeit quittiert, ja, vor Begier sogar noch die andere
-Backe hingehalten, – ungeachtet seiner Eigenschaften als
-Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden Verbindung,
-welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden genötigt
-haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen.
-A. K. Ferge, dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag,
-hatte eines Abends ein solches Geisterglied in seiner eigenen
-Hand gehalten und durch den Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit
-seiner Bildung festgestellt, worauf es sich seinem
-Griff, der herzhaft in den Grenzen des Respektes gewesen war,
-auf nicht genau zu beschreibende Weise entzogen hatte. Es
-dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei zwei
-<a id="page-552" class="pagenum" title="552"></a>
-Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft,
-rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten
-Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es
-hatte scheinen wollen, – über der Tischplatte fingernd sich allen
-Blicken dargestellt und in einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre
-Spur hinterlassen hatte. Aber nur acht Tage später geschah es,
-daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr. Krokowskis, Herr Albin,
-die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen Mitternacht
-mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen Entzückens
-in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem
-Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete,
-Ellys Holger habe sich sehen lassen, über der Schulter
-der Somnambulen habe sein Kopf sich gezeigt, er habe wirklich
-„schöne braune, braune Locken“ gehabt und so unvergeßlich
-sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand!
-</p>
-
-<p>
-Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit
-Holgers anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien
-und simplen Bubenstücken, der ganz unmelancholischen
-Tatze, zum Beispiel, zusammen, die der Staatsanwalt von ihm
-eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit des Charakters war
-hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine Gemütsverfassung
-vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede,
-seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers
-Verehrer schienen sich darüber keine Gedanken zu machen.
-Was ihnen am Herzen lag, war, Hans Castorp zum Aufgeben
-seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen. Unbedingt müsse er der
-nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so prächtig stehe.
-Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal jeden
-beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise
-würde verlangt werden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-553" class="pagenum" title="553"></a>
-Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend.
-Aber daß es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne,
-beschäftigte ihn dennoch in einem Maße, daß er im Laufe der
-nächsten drei Tage zu entgegengesetzten Beschlüssen kam. Genau
-genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern nur
-einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung
-vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im
-Musiksalon wieder einmal jene Platte laufen ließ, in welche
-Valentins erzsympathische Persönlichkeit eingeprägt war, –
-während er in seinem Stuhl diesem Soldatengebet des scheidenden
-Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre drängte,
-und der sang:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn,</p>
- <p class="verse">Will schützend ich auf dich herniedersehn,</p>
- <p class="verse">O Margarete!“</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch
-gewisse Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet,
-große Rührung auf in Hans Castorps Brust, und er dachte:
-„Müßig und sündig oder nicht, es wäre doch herzlich seltsam
-und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er damit zu tun hat,
-wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er erinnerte
-sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst, im
-Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten,
-als er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen
-einkommen zu sollen geglaubt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an
-der abendlich bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine
-halbe Stunde nach dem Diner zu denen, die, unbeklommen
-plaudernd, als Habitués des Nichtgeheueren, den Weg ins
-<a id="page-554" class="pagenum" title="554"></a>
-Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter wurzelständig
-Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr. Ting-Fu
-und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann
-in Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und
-Wehsal also, der Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld,
-zu schweigen von denen, die ihm die Erscheinung von Holgers
-Haupt gemeldet hatten, und von der Mittlerin, Elly Brand.
-</p>
-
-<p>
-Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut,
-als Hans Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür
-durchschritt. An Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem
-schwarzen Arbeitskittel, in väterlichem Sinne den Arm um ihre
-Schulter geschlungen hielt, erwartete sie am Fuße der Stufen,
-die noch von der Ebene des Souterrains in die Wohnung des
-Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit ihm.
-Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher
-Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung
-von jeder feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft
-sprach man durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße
-und bekundete auf alle Weise seine Unbefangenheit.
-In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich beständig mit jenem kernigen
-und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck seine gelben
-Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und
-besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß,
-der schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut,
-mein Freund!“ schien die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung
-des Wirtes zu sagen, während er dem jungen Mann
-fast derb die Hand drückte. „Wer wird die Ohren hängen
-lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei,
-sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“
-Dem pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler
-<a id="page-555" class="pagenum" title="555"></a>
-davon. Wir ließen ihn sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums
-erinnern, doch diese Ideenverbindung
-reicht keineswegs hin, um den Zustand seines Gemüts zu kennzeichnen.
-Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft an
-die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität,
-Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung,
-worin er sich vor Jahren befunden, als er sich, etwas
-bekneipt, mit Kameraden zum erstenmal angeschickt hatte, ein
-Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen.
-</p>
-
-<p>
-Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich
-mit zwei Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und
-die elfenbeinfarbene Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle
-des Mediums ins Nebengelaß zurück, während Hans Castorp
-mit den neun verbleibenden Teilnehmern das Ende dieses regelmäßig
-und stets ergebnislos wiederholten Aktes wissenschaftlicher
-Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors
-erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen
-Plauderstunden her, die er eine Zeitlang, hinter Joachims
-Rücken, hier mit dem Analytiker abgehalten. Es war, mit
-seinem Schreibbureau nebst Armsessel und Besucherfauteuil
-links hinten am Fenster, seiner Handbibliothek zu beiden Seiten
-der Nebentür, seiner von der Schreibtischgruppe durch einen
-mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg stehenden Wachstuch-Chaiselongue
-im rechten Hintergrunde, seinem Instrumentenglasschrank
-im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste
-in einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie
-über dem Gaskamin an der rechten Seitenwand, alltäglich ein
-ärztliches Empfangszimmer wie andere mehr; doch waren
-einige für den besonderen Zweck getroffene Abänderungen in
-seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch, der
-<a id="page-556" class="pagenum" title="556"></a>
-gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem elektrischen
-Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden
-roten Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel
-des Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt,
-und exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene
-Hitze ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes
-Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und
-über dem, von der Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit
-rotem und außerdem noch mit schwarzem Schleierstoff umkleidete
-Birne hing. Auf und neben dem Tischchen standen ein
-paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke, oder eigentlich
-zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle und eine
-Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl,
-der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen
-Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis,
-dessen eines Ende nahe dem Fußende der Chaiselongue und
-dessen anderes ziemlich genau in der Mitte des Zimmers, unter
-dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe des letzten
-Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der Musikschrein
-seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten
-lag auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung.
-Noch waren die roten Lampen nicht entzündet. Der Deckenkörper
-spendete tagweißes Licht. Das Fenster, dem der davor
-stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit einem
-dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener,
-spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing.
-</p>
-
-<p>
-Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen
-aus dem Kabinett zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich
-verändert. Sie zeigte sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern
-<a id="page-557" class="pagenum" title="557"></a>
-in einer Art Sitzungskostüm, einem schlafrockartigen Gewande
-aus weißem Crepe, das um die Taille von einer Gürtelschnur,
-einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre schmalen
-Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich
-und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter
-diesem Gewande wenig trage.
-</p>
-
-<p>
-Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie
-wieder aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie
-lächelte über die Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl
-wußte, daß er sie kleidete. „Vorkontrolle negativ“, stellte
-Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk denn, Kameraden!“
-fügte er mit nur einmal anschlagendem <a id="corr-112"></a>exotischem Zungen-<span class="antiqua">r</span>
-hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war
-im Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz
-und Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen
-begannen, irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor
-sich persönlich an ihn wandte.
-</p>
-
-<p>
-„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen
-als Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen,
-möchte ich für diesen Abend besondere Ehrenrechte zuerkennen.
-Ich betraue Sie mit der Kontrolle unseres Mediums. Wir
-üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an das eine
-Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem
-Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür
-mit den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt,
-einen gewöhnlichen Rohrstuhl eingenommen hatte, setzte sich
-auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber und ergriff ihre Hände,
-indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen klemmte. „Ahmen
-Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich eintreten.
-„Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist.
-<a id="page-558" class="pagenum" title="558"></a>
-Zum Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein
-Kleefeld, darf ich ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte
-gesellte sich zu der Gruppe, indem sie mit ihren beiden
-Händen Ellys gebrechliche Handgelenke umfaßte.
-</p>
-
-<p>
-Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das
-dem seinen so nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen
-Wunderkindes blickte. Ihre Augen begegneten sich,
-aber Ellys glitten ab und nieder, zum Zeichen einer Schamhaftigkeit,
-die nach Lage der Dinge wohl begreiflich war, und
-sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem Kopfe und
-leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance.
-Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung
-ihren Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel
-ihm ein, hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim
-und ihr an der noch unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs
-von „Dorf“ gestanden hatte ...
-</p>
-
-<p>
-Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn
-Personen, nicht eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine
-Person zur Versorgung Polyhymnias freizuhalten gewohnt
-war und neben dem Apparat, nachdem er ihn in Bereitschaft
-gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin Sitzenden einen
-Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich. Unter
-dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte,
-ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem
-Handgriff die beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und
-mit einem zweiten das Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht
-glühende Finsternis lag nun über dem Zimmer, dessen entferntere
-Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt unzugänglich
-geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des Tischchens
-und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah
-<a id="page-559" class="pagenum" title="559"></a>
-kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur
-langsam bequemten die Augen sich dem Dunkel und lernten,
-das zugestandene Licht sich zunutzezumachen, das durch das
-Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse Verstärkung
-erfuhr.
-</p>
-
-<p>
-Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte
-ihre wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich
-hüten, sie im Sinne der Stimmungsmache und Mystifikation
-zu deuten. Kein Mehr an Licht sei leider beim besten Willen
-vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der hier in Frage
-stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal mit
-sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam
-zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit
-der man sich vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war
-es zufrieden. Das Dunkel tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten
-der Gesamtlage. Überdies erinnerte er sich zur Rechtfertigung
-des Dunkels an dasjenige, worin man sich im Durchleuchtungsraum
-fromm gesammelt und mit dem man sich die
-Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“.
-</p>
-
-<p>
-Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort,
-das er offenbar an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe
-der Einschläferung durch ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle,
-wie der Kontrolleur schon merken werde, von selbst in Trance,
-und, dies geschehen, spreche ihr Schutzgeist, der bekannte Holger,
-aus ihr, an den man sich auch – und nicht an sie – mit seinen
-Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es irrtümlich und
-könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen und
-Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln.
-Im Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige
-Aufmerksamkeit das Gebotene. Hans Castorp möge vor allem
-<a id="page-560" class="pagenum" title="560"></a>
-darauf bedacht sein, die Extremitäten des Mediums in untadeliger
-Obhut zu halten.
-</p>
-
-<p>
-„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat
-man, lachend, wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht
-gleich zu finden waren. Dr. Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst
-sitzend, legte seine Rechte auf ihre Schulter und reichte die Linke
-Herrn Wehsal, der auf <a id="corr-115"></a>ihn folgte. Neben dem Doktor saßen
-Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß, welcher,
-wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der elfenbeinfarbenen
-Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“
-befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors
-und seiner Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“
-kommandierte Krokowski wieder, während die ersten
-Takte einer Ouvertüre von Millöcker erschollen; und gehorsam
-rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in Gang zu setzen,
-die von nichts und wieder nichts, hier von den Schneeverhältnissen
-dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge, dort von
-einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte und,
-halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend,
-sich künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten.
-</p>
-
-<p>
-Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte.
-Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper
-sank nach vorn, so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps
-berührte, und gleichzeitig begannen ihre Arme mit denen
-der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und rückwärts stoßende
-Bewegungen auszuführen.
-</p>
-
-<p>
-„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte.
-Das Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein
-hörte man des Doktors weich schleppenden Bariton die
-Frage tun:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-561" class="pagenum" title="561"></a>
-„Ist Holger zur Stelle?“
-</p>
-
-<p>
-Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl.
-Dann spürte Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und
-kurz die seinen drückte.
-</p>
-
-<p>
-„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit.
-</p>
-
-<p>
-„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt.
-Er ist also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er
-mit Salbung fort. „Sei uns von Herzen willkommen, Gesell!
-Und laß dich erinnern! Als du das letztemal unter uns weiltest,
-versprachst du, jeden beliebigen Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder
-oder eine Schwester, herbeizurufen und unseren
-sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir aus unserem Kreise
-genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du dich vermögend,
-heut dieses Versprechen einzulösen?“
-</p>
-
-<p>
-Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort.
-Langsam führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer
-an ihre Stirn, wo sie sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte
-sie dicht an Hans Castorps Ohr ein heißes „Ja!“
-</p>
-
-<p>
-Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem
-Freund jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich
-als „Gänsehaut“ bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm
-eines Tages erläutert hatte. Wir sprechen von einem Gruselreiz,
-um das rein Körperliche vom Seelischen zu unterscheiden;
-denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede sein. Was er
-dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“
-Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine
-verwirrte Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren
-aus Verwirrung, aus dem täuschenden Umstande nämlich, daß
-ein junges Blut, dessen Hände er hielt, an seinem Ohre ein „Ja“
-gehaucht hatte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-562" class="pagenum" title="562"></a>
-„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich.
-</p>
-
-<p>
-„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen
-dich beim Wort. Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine
-tust. Der Name des Teuren, nach dessen Manifestation wir
-verlangen, wird dir sogleich genannt werden. Kameraden“,
-wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der Sprache!
-Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll
-uns Freund Holger zeigen?“
-</p>
-
-<p>
-Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung
-des anderen. Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen
-geprüft, wohin, zu wem seine Gedanken gingen; doch bleibt die
-Rückkunft Verstorbener, das heißt: die Wünschbarkeit solcher
-Wiederkehr immer ein verwickeltes und heikles Ding. Im
-Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht, diese
-Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen, genau
-so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde,
-höbe die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und
-was wir Trauer nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz
-über die Unmöglichkeit, unsere Toten ins Leben kehren zu sehen,
-als darüber, dies gar nicht wünschen zu können.
-</p>
-
-<p>
-So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine
-ernste und praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein
-sentimentale und theatralische Veranstaltung handelte, bei der
-man den Ausgeschiedenen eben nur sehen sollte, der Fall also
-lebensunbedenklich war, so fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte
-dessen, an den sie dachten, und jeder hätte das Recht,
-einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten zugeschoben.
-Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte –
-bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im
-letzten Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt
-<a id="page-563" class="pagenum" title="563"></a>
-zu lassen. Da es ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn,
-den Kopf gegen den Sitzungsleiter gewandt, mit belegter
-Stimme:
-</p>
-
-<p>
-„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen
-sehen.“
-</p>
-
-<p>
-Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden
-hatten nur Dr. Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium
-selbst den Angeforderten nicht gekannt. Die übrigen,
-Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt, Herr und Frau
-Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut und
-froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden,
-obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war,
-da dieser im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im
-Leben war der Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits
-der Dinge und bist du bereit, ihn uns herbeizuführen?“
-</p>
-
-<p>
-Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und
-schauderte. Sie schien zu suchen und zu kämpfen, während sie,
-hin und her sinkend, bald an Hans Castorps Ohr, bald an dem
-der Kleefeld Unverständliches flüsterte. Endlich empfing Hans
-Castorp von ihren beiden Händen den Druck, der „Ja“ bedeutete.
-Er erstattete Meldung, und –
-</p>
-
-<p>
-„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger!
-Musik!“ rief er. „Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung,
-daß keinerlei Gedankenkrampf und gewaltsame
-Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig eine zwanglos
-schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge.
-</p>
-
-<p>
-Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden
-junges Leben bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns
-<a id="page-564" class="pagenum" title="564"></a>
-sein späteres Schicksal nicht vollkommen deutlich ist, obgleich
-wir ihn an einem bestimmten Punkt unserer Geschichte aus den
-Augen verlieren werden, möchten wir annehmen, daß es die
-überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte.
-</p>
-
-<p>
-Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine
-kurze Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers
-oder eigentlich des Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser
-Arbeit, die sich entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich
-an einem Ergebnis zu verzagen allgemein im Begriffe war und
-außerdem aus purem Mitleid oft genug sich versucht fühlte, sie
-verzichtend abzukürzen, denn sie schien wirklich erbarmungswürdig
-schwer und über die zarten Kräfte zu gehen, denen sie
-auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht
-ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche
-Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem
-angenommen wird und wahrscheinlich gar nicht am Platze ist,
-dies empörte „Genug!“, das sich unserer Brust entringen will,
-obgleich „es“ nicht genug sein will und darf und so oder so zu
-Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß wir von
-unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt,
-dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar
-glich, daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der
-ihn noch gar nicht kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher
-also, da auch er dem Leben nicht ausgewichen war, diesen Akt
-voll organischer Mystik in solcher Gestalt kennen lernte, – in
-was für einer Gestalt! Und zu welchem Behufe! Und unter
-welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als
-skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten
-Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche
-Person der Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit
-<a id="page-565" class="pagenum" title="565"></a>
-ihren bloßen Ärmchen, wie auch was die weiteren Verhältnisse,
-die unaufhörliche leichtlebige Grammophon-Musik, das künstliche
-Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf Befehl zu unterhalten
-suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die aus
-ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger!
-Mut! Es wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer
-heraus damit, so wirst du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen
-wir hier die Person und Lage des „Gatten“ aus – wenn wir
-Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den zugehörigen
-Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der
-„Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese
-Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen,
-so daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte,
-damit sie ihm nicht entglitten.
-</p>
-
-<p>
-Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte
-Hitze.
-</p>
-
-<p>
-Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt
-zu im Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit
-gewöhnt hatten, daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten.
-Die Musik, das Rufen erinnerten an Aufpulverungsmethoden
-der Heilsarmee, erinnerten auch denjenigen daran, der, wie
-Hans Castorp, einem Gottesfest dieser aufgeräumten Zeloten
-noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch, geheimnisvoll, den
-Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene in
-keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen,
-organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft,
-das sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen
-wehenartig, nach Ruhezuständen, während welcher sie seitlich
-schlaff vom Stuhle hing, in einer Verfassung von Unzugänglichkeit,
-die Dr. Krokowski als „Tief-Trance“ bezeichnete. Dann
-<a id="page-566" class="pagenum" title="566"></a>
-wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich hin und her, drängte,
-rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und Sinnloses an
-ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen
-etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen
-und biß einmal sogar in Hans Castorps Ärmel.
-</p>
-
-<p>
-Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der
-Sitzungsleiter es im allseitigen Interesse geraten, eine Pause
-eintreten zu lassen. Der Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung
-halber den Musikapparat zuletzt geschont und sehr
-gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen lassen, stellte
-sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die Hände.
-Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten.
-Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die
-Nachtaugen blöde verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt,
-das Gesicht fast in ihrem Schoß. Man sah sie eigentümlich
-beschäftigt, begriffen in einem Tun, das den anderen
-vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und aufmerksam
-zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen
-Hand in der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand
-von sich fort und mit schöpfender oder rechender Bewegung
-wieder an sich heran, so, als zöge und sammle sie etwas ein. –
-Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken zu sich, blinzelte,
-auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und lächelte.
-</p>
-
-<p>
-Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen
-mit ihrer Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah
-nicht aus, als sei sie besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte
-sie sich gar nicht daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel
-an der rückwärtigen Breitseite des Schreibtisches
-am Fenster, zwischen ihm und der spanischen Wand, die die
-Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine Wendung
-<a id="page-567" class="pagenum" title="567"></a>
-gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen
-konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten
-Blicken gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da
-bedacht, schweigend während der ganzen Pause, die fünfzehn
-Minuten dauerte.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung
-im Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die
-Zigarettenbüchsen der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen
-und besprach da und dort nahe beieinander stehend den
-Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man an diesem Charakter
-verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte ins
-Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut
-völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten
-Ende des Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten
-darin überein, mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch
-verspürt zu haben, der regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten,
-von der Person des Mediums in eine bestimmte
-Richtung ausgehe. Andere wollten Lichterscheinungen bemerkt
-haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von Kraft, die sich
-vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten. Kurzum,
-kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein
-Wort gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er
-es einlösen werde.
-</p>
-
-<p>
-Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der
-Sitzung. Er selbst geleitete Elly, während auch die übrigen
-ihre Plätze wieder aufsuchten, zu ihrem Marterstuhl zurück,
-wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging wie vorhin; Hans Castorp
-beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des ersten
-Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig beschieden.
-Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der
-<a id="page-568" class="pagenum" title="568"></a>
-den Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben,
-daß jede irreführende Manipulation des Mediums praktisch
-ausgeschlossen sei. So nahm Hans Castorp seine sonderbare
-Stellung mit Elly wieder ein. Das Licht erlosch zum Rotdunkel.
-Die Musik begann wieder. Wieder folgten nach einigen Minuten
-das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys,
-und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die
-skandalöse Niederkunft nahm ihren Fortgang.
-</p>
-
-<p>
-Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht
-vonstatten gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher
-Wahnsinn! Woher hier Mutterschaft? Entbindung – wie und
-wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das Kind, während seine
-Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen Dauerkrampf
-überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als Eklampsie
-bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er
-ihr die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die
-Magnetisierung, wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu
-weiterem Ringen.
-</p>
-
-<p>
-Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die
-Gitarre schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten
-Albums in den Raum warf, dessen Lichtverhältnissen die
-tagentwöhnten Augen sich wieder leidlich angepaßt hatten. Da
-ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans Castorp war es, der
-ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen Wunsch
-und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn,
-gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten
-sollen. Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen
-Händen, in „Tieftrance“, und Herr Wenzel war im Begriffe
-die Platte zu wechseln oder sie umzudrehen, als unser
-Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe einen
-<a id="page-569" class="pagenum" title="569"></a>
-Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne
-seine Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das
-heiße: der Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus
-„Margarete“ von Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit
-Orchester, sehr ansprechend. Er, Redner, meine, daß man es
-einmal mit dieser Platte versuchen sollte.
-</p>
-
-<p>
-„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel
-...
-</p>
-
-<p>
-„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der
-junge Mann. Der Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich
-und speziell. Es komme auf einen Versuch damit an. Nicht
-ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach, daß dieser Geist und
-Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde abkürzen
-können.
-</p>
-
-<p>
-„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor.
-</p>
-
-<p>
-Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne
-weiteres holen.
-</p>
-
-<p>
-„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von
-der Hand. Wie? Hans Castorp wollte gehen und kommen,
-etwas holen und dann die unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen?
-Unerfahrenheit rede aus ihm. Nein, das sei schlechthin
-unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von vorn beginnen.
-Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch
-willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei
-verschlossen. Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche.
-Und kurz, wenn die Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so
-müsse man – Er redete noch, als der Tscheche vom Grammophon
-her dazwischen warf:
-</p>
-
-<p>
-„Die Platte ist hier.“
-</p>
-
-<p>
-„Hier?“ fragte Hans Castorp ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-570" class="pagenum" title="570"></a>
-Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie
-hatte ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im
-grünen Arien-Album Nummer II, wohin sie nach der Organisation
-gehörte. Sie war zufälligerweise, außerordentlicherweise,
-schlampigerweise, erfreulicherweise unter die Allotria geraten
-und brauchte nur eingelegt zu werden.
-</p>
-
-<p>
-Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor
-war es, der „Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es.
-Die Nadel wetzte, der Deckel sank. Und männlich begann es zu
-choralhaften Klängen: „Da ich nun verlassen soll –“
-</p>
-
-<p>
-Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang
-begann, ihre Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte,
-ächzte, pumpte und führte wieder die gleitnassen Hände
-an ihre Stirn. Die Platte lief. Es kam der mittlere Teil, mit
-umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf und Gefahr,
-keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der
-Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen
-Klangs: „O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog
-durch verengte Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend
-in sich zusammen und blieb still. Besorgt beugte er sich über
-sie, da hörte er die Stöhr mit piepender, winselnder Stimme
-sagen:
-</p>
-
-<p>
-„Ziem – ßen –!“
-</p>
-
-<p>
-Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer
-Geschmack. Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern:
-</p>
-
-<p>
-„Ich sehe ihn längst.“
-</p>
-
-<p>
-Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen.
-Aber niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der
-<a id="page-571" class="pagenum" title="571"></a>
-Stille lief die Nadel inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn
-Hans Castorp den Kopf, und seine Augen gingen, ohne suchen
-zu müssen, den richtigen Weg.
-</p>
-
-<p>
-Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits
-von der Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes
-sich fast in Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch
-dahin drangen, zwischen Schreibtisch-Breitseite und spanischer
-Wand, auf dem gegen das Zimmer gedrehten Besucherstuhl
-des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen, saß
-Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen
-und dem Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so
-voll und stolz sich wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein
-über das andere geschlagen. Auf seinem abgezehrten Gesicht
-erkannte man, obgleich es von einer Kopfbedeckung beschattet
-war, den Stempel des Leidens und auch den Ausdruck von Ernst
-und Strenge wieder, der es so männlich verschönt hatte. Zwei
-Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief in
-knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die
-Sanftmut des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der
-still und freundlich spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein,
-gerichtet war. Sein kleiner Kummer von ehedem, die abstehenden
-Ohren waren erkennbar auch unter der Kopfbedeckung, der
-sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht verstand.
-Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am übergeschlagenen
-Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff,
-und etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an
-seinem Gürtel zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger
-Waffenrock, was er trug. Nichts Blankes noch Farbiges
-war daran zu bemerken, es hatte einen Litewkakragen und
-Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein Kreuz. Die
-<a id="page-572" class="pagenum" title="572"></a>
-Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie
-schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische
-Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie
-sah aus, als hätte Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf
-aufs Haupt gestülpt und ihn durch Sturmband unter dem
-Kinn befestigt. Doch wirkte das altertümlich und landsknechthaft
-und kriegerisch kleidsam, merkwürdigerweise.
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen.
-Neben sich hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging.
-Sonst war nichts zu vernehmen, als das unaufhörliche wetzende
-Geräusch der abgelaufenen, unter der Nadel weiter rotierenden
-Platte, die niemand stoppte. Er sah sich nach keinem seiner Kumpane
-um, wollte nichts von ihnen sehen und wissen. Schräg hin
-über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er weit vorgebeugt
-durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen Augenblick
-schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm
-die Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen
-stieß ihn innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein;
-und dann gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah.
-</p>
-
-<p>
-Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis
-baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen
-nennen und die Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen,
-zog er seine Hände unter Ellys Gesicht fort und
-stand auf.
-</p>
-
-<p>
-Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng
-vermahnendem Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen
-Schritten bei den Stufen der Eingangstür und schaltete mit
-knappem Handgriff das Weißlicht ein.
-</p>
-
-<p>
-Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie
-zuckte in den Armen der Kleefeld. Jener Sessel war leer.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-573" class="pagenum" title="573"></a>
-Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans
-Castorp zu, nahe vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von
-seinen Lippen kam kein Wort. Mit brüsk heischender Kopfbewegung
-streckte er die Hand aus. Da er den Schlüssel empfangen,
-nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht,
-machte kehrt und ging aus dem Zimmer.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-9">
-Die große Gereiztheit
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen
-im Hause Berghof, ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung
-von dem Dämon, dessen bösartigen Namen wir genannt haben,
-Hans Castorp ahnte. Mit der unverantwortlichen Neugier
-des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon studiert, ja,
-bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem ungeheuerlichen
-Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig
-teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff,
-nachdem es übrigens, genau wie das alte, keimweise und da
-und dort sich andeutend schon immer vorhanden gewesen, war
-er nach seiner Gemütsart wenig geschaffen. Trotzdem bemerkte
-er mit Schrecken, daß auch er, sobald er sich ein wenig gehen
-ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion unterlag,
-der niemand in der Runde sich entzog.
-</p>
-
-<p>
-Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde
-Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine
-Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum
-Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei
-entsprang alle Tage zwischen Einzelnen und ganzen
-Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die Nichtbeteiligten,
-statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen abgestoßen
-<a id="page-574" class="pagenum" title="574"></a>
-zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen
-Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls
-überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten ausfällig,
-die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete
-die eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien.
-Eine zerrende Lust, es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib,
-und wer nicht die Kraft zur Flucht in die Einsamkeit besaß,
-wurde unrettbar in den Strudel gezogen. Die müßigen Konflikte,
-die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem Angesicht der
-schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst erschreckend
-leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause
-Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte
-nicht wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied
-des Guten Russentisches, eine recht elegante Provinzdame
-aus Minsk, noch jung und nur leichtkrank – drei Monate und
-nicht mehr waren ihr zudiktiert – begab sich eines Tages in den
-Ort hinunter zum französischen Blusenhaus, um Einkäufe zu
-machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß sie in
-letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt
-und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten
-wurde eröffnet, daß ihres Bleibens hier oben nun immer und
-ewig sein müsse.
-</p>
-
-<p>
-Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig
-führen wir weitere an. Dieser und jener wird sich des rund
-bebrillten Schülers oder ehemaligen Schülers am Tische Frau
-Salomons erinnern, dieses dürftigen jungen Menschen, der die
-Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem Teller zu einem
-Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses, aufgestützt,
-in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der Serviette
-hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch
-<a id="page-575" class="pagenum" title="575"></a>
-ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit <a id="corr-118"></a>hier gesessen,
-geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer
-mehr als flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu
-geben. Jetzt jedoch, eines Morgens, beim ersten Frühstück,
-ganz überraschend und sozusagen aus heiterem Himmel, erlitt
-er einen Zufall und Raptus, der allgemeines Aufsehen erregte,
-den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde laut
-in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es
-galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit
-sich überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist
-mein Tee, den Sie mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen
-Sie ihn doch selbst, bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes
-Spülicht ist und von anständigen Menschen überhaupt
-nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir eiskalten
-Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen
-und sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff
-vorsetzen mit auch nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich
-trinke es nicht! Ich will es nicht!“ kreischte er und fing an, mit
-beiden Fäusten auf den Tisch zu trommeln, daß alles Geschirr
-der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will heißen Tee! Siedeheißen
-Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und den Menschen!
-Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der Stelle
-sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter
-Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem
-Ruck den letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der
-Raserei begeistert durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen
-Emerenzia und zeigte ihr buchstäblich seine beschäumten Zähne.
-Dann fuhr er fort zu trommeln, zu stampfen und sein „Ich
-will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es unterdessen
-im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte
-<a id="page-576" class="pagenum" title="576"></a>
-Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren
-aufgesprungen und sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten,
-zusammengebissenen Zähnen und glühenden Blicken zu. Andere
-saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen, und bebten. Dies
-taten sie noch, als der Schüler schon längst, in Erschöpfung versunken,
-vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu
-trinken.
-</p>
-
-<p>
-Was war das?
-</p>
-
-<p>
-Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger
-Kaufmann, dreißigjährig, schon lange febril, seit
-Jahren von Anstalt zu Anstalt gewandert. Der Mann war
-Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und sportsmäßig,
-mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung
-war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann
-gewesen, er war es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber
-ein Judenfeind war er geblieben. Er war sehr ernstlich krank,
-hustete schwer beladen und tat zwischendurch, als ob er mit
-der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig, unheimlich. Jedoch war
-er kein Jude, und das war das Positive an ihm. Sein Name
-war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt
-sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte
-Reden wie diese:
-</p>
-
-<p>
-„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in
-der Liegehalle installieren will, – wer liegt links von mir im
-Stuhl? Der Herr Hirsch! Wer liegt rechts? Der Herr Wolf!
-Selbstverständlich bin ich sofort gereist“ usw.
-</p>
-
-<p>
-„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung.
-</p>
-
-<p>
-Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah
-tatsächlich und unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase
-eine Puschel, auf die er boshaft schielte, und hinter der er nichts
-<a id="page-577" class="pagenum" title="577"></a>
-mehr sah. Die Mißidee, die ihn ritt, war zu einem juckenden
-Mißtrauen, einer rastlosen Verfolgungsmanie geworden, die
-ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner Nähe versteckt oder verlarvt
-halten mochte, hervorzuziehen und der Schande zuzuführen.
-Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging und
-stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens,
-das nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte
-seine Tage aus.
-</p>
-
-<p>
-Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben
-befaßt sind, verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich;
-und da es nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf
-Leben stieß, das den Nachteil aufwies, von dem er, Wiedemann,
-frei war, so kam es unter dem Einfluß jener Umstände
-zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte,
-und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen
-muß.
-</p>
-
-<p>
-Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es
-nichts, was ihn betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß
-Sonnenschein, und da man nicht schmutziger heißen konnte, so
-bildete Sonnenscheins Person vom ersten Tage an die Puschel,
-die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er kurz und boshaft
-schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast weniger, um
-sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit sie
-ihn desto besser reize.
-</p>
-
-<p>
-Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus,
-war ebenfalls recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich.
-Ein freundlicher Mann, nicht dumm und selbst scherzhaft
-von Natur, haßte er Wiedemann für seine Sticheleien und
-seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum Leiden, und
-eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil
-<a id="page-578" class="pagenum" title="578"></a>
-Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende
-und tierische Weise in die Haare geraten waren.
-</p>
-
-<p>
-Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten
-sich wie kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener
-Männer, mit denen es dahin gekommen ist. Sie
-gingen einander mit den Krallen ins Gesicht, hielten sich an
-Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen, umschlangen
-sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste
-am Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben
-und schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit
-Mühe die Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd
-und blutend, wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen
-der zu Berge stehenden Haare. Hans Castorp hatte das noch
-nie gesehen und nicht geglaubt, daß es eigentlich vorkomme.
-Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und steif zu Berge,
-und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das eine
-Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem
-Kranz lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab,
-ins Bureau geführt wurde, wo er sich niederließ und bitterlich
-in seine Hände weinte.
-</p>
-
-<p>
-So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die
-es sahen, bebten noch stundenlang. Es ist vergleichsweise
-eine Wohltat, im Gegensatz zu solcher Misere von einem
-wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls dieser Periode
-angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen Feierlichkeit
-wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit
-verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen
-Phasen nicht bei, sondern belehrte sich über den verwickelten
-und dramatischen Hergang nur an der Hand von Dokumenten,
-Erklärungen und Protokollen, die, diese Sache betreffend,
-<a id="page-579" class="pagenum" title="579"></a>
-im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht nur am
-Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in
-Amerika abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium
-zugestellt wurden, von denen ohne weiteres sicher sein
-mußte, daß sie der Angelegenheit auch nicht einen Deut von
-Teilnahme widmen konnten und wollten.
-</p>
-
-<p>
-Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden
-im Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im
-Berghof zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie,
-die den Guten Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp,
-dies hier einzuflechten, saß nicht mehr dort, sondern war mit
-der Zeit an den der Kleefeld, dann an den der Salomon und
-dann an den Fräulein Levis gewandert). Die Gesellschaft war
-dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur die
-Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen
-konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der
-Herren in freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst
-lauter Kavaliere. Sie hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski,
-Michael Lodygowski, Leo von Asarapetian und noch anders.
-Im Restaurant des Berghofs nun, beim Champagner,
-hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer Kavaliere
-über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch
-über das dem Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens
-Kryloff Unwiederholbares geäußert. Hieraus ergaben sich die
-Schritte, Taten und Formalien, die den Inhalt der zur Verteilung
-und Versendung gelangenden Schriftsätze bildeten.
-Hans Castorp las:
-</p>
-
-<p>
-„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am
-27. März 19.. wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an
-die Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan von Rosinski
-<a id="page-580" class="pagenum" title="580"></a>
-mit der Bitte, sich in seinem Namen zum Herrn Kasimir Japoll
-zu begeben, um von demselben auf dem durch das Ehrenrecht
-angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere
-Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll
-dessen Frau Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche
-mit den Herren Janusz Teofil Lenart und Leo von Asarapetian
-zugefügt hat‘.
-</p>
-
-<p>
-„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November
-stattgehabt hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski
-mittelbar Kenntnis erhalten hat, unternahm er sofort
-Schritte, um völlige Sicherheit über den Tatbestand und das
-Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am gestrigen
-Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn
-Leo von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches,
-in welchem die beleidigenden Worte und die Insinuationen
-gefallen sind, die Verleumdung und Beleidigung festgestellt;
-hierdurch wurde Herr Stanislaw von Zutawski veranlaßt,
-sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um
-ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens
-gegen Herrn Kasimir Japoll zu erteilen.
-</p>
-
-<p>
-„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab:
-</p>
-
-<div class="list">
-<p>
-‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten
-Protokolls vom 9. April 19.., welches in Lemberg von
-den Herren Zdzistaw Zygulski und Tadeusz Kadyj in der
-Angelegenheit des Herrn Ladislaw Goduleczny gegen
-Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner unter
-Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom
-18. Juni 19.., <a id="corr-119"></a>die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit
-abgefaßt worden ist, welch beide Schriftstücke
-in gemeinsamem Übereinklang stehend feststellen, daß
-<a id="page-581" class="pagenum" title="581"></a>
-Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten Verhaltens,
-welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang
-zu bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden
-kann‘,
-</p>
-
-<p>
-‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden
-Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die
-absolute Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll
-irgendwie noch satisfaktionsfähig wäre.
-</p>
-
-<p>
-‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen
-einen Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht,
-die Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘
-</p>
-
-</div>
-
-<p>
-„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten
-Herrn Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es
-zwecklos sei, seinem Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen
-Verfahrens gegen Herrn Kasimir Japoll nachzugehen und raten
-ihm, den strafgerichtlichen Weg einzuschlagen, um zu verhindern,
-daß von seiten einer Persönlichkeit, die in dem Maße außerstande
-ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim Herrn Kasimir
-Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. – (Datiert
-und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“
-</p>
-
-<p>
-Ferner las Hans Castorp:
-</p>
-
-<p>
-„Protokoll
-</p>
-
-<p>
-„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw
-von Zutawski, Herrn Michael Lodygowski
-</p>
-
-<p>
-„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart
-in der Bar des Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen
-7½ und 7¾ h abends.
-</p>
-
-<p>
-„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung
-seiner Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und
-<a id="page-582" class="pagenum" title="582"></a>
-Stefan Rosinski, in der Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll
-am 28. März 19.. nach reifer Überlegung zu der Überzeugung
-gekommen war, daß ihm die empfohlene strafgerichtliche
-Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere
-Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga
-keine Satisfaktion wird geben können, da:
-</p>
-
-<p>
-1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll
-im gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und
-seine weitere Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer
-Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern
-geradezu unmöglich sein wird,
-</p>
-
-<p>
-2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir
-Japoll die Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll
-den Namen und das Haus des Herrn Stanislaw von Zutawski
-und seiner Gemahlin Jadwiga in verleumderischer Weise zu
-schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte,
-</p>
-
-<p>
-hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner
-Überzeugung nach gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen
-Verhältnisse entsprechendsten Weg gewählt, nachdem
-er indirekt in Erfahrung gebracht hat, daß Herr Kasimir
-Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage zu verlassen,
-</p>
-
-<p>
-und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in
-Gegenwart seiner Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael
-Lodygowski und Ignaz von Mellin Herrn Kasimir Japoll, der
-in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart und zweier unbekannter
-Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses
-bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt.
-</p>
-
-<p>
-„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn
-Kasimir Japoll geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für
-<a id="page-583" class="pagenum" title="583"></a>
-die dem Fräulein Krylow und ihm zugefügten schweren Beleidigungen
-sei.
-</p>
-
-<p>
-„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn
-Janusz Teofil Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski
-zugefügte unqualifizierbare Unrecht, worauf noch,
-</p>
-
-<p>
-„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus
-von Zutawski Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische
-Besudelung seiner Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows
-wiederholt und mehrfach ohrfeigte.
-</p>
-
-<p>
-„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten
-sich während dieses ganzen Vorganges völlig passiv.
-(Datiert u. gezeichnet:) Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“
-</p>
-
-<p>
-Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über
-dies Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst
-wohl getan haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und
-der untadelige Komment der einen –, die bübische und schlaffe
-Ehrlosigkeit der anderen Seite, wie beides aus den Dokumenten
-dem Leser in die Augen sprang, erregten ihn in ihrer etwas unlebendigen,
-aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit aufs tiefste.
-So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische Ehrenhandel
-leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen
-Zähnen besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt
-des Herrn Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski
-sei ganz genau bekannt gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit
-in Lemberg von irgendwelchen aufgeblasenen Laffen für
-satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und alle seine sofortigen
-und ungesäumten Schritte seien das reine Affentheater
-gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich
-nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig
-und allein aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu
-<a id="page-584" class="pagenum" title="584"></a>
-verklagen, weil, wie jedermann und er selbst ebenfalls recht gut
-wisse, seine Gemahlin Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung
-versehen habe, wofür er, Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis
-hätte erbringen können, wie denn auch mit der allgemeinen
-Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre einzulegen
-gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls,
-Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines
-Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter
-die erstere verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der
-Rolle, die Herr Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe,
-wolle er nicht reden. Was aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar
-betreffe, so sei er, Japoll, ein wenn auch mundscharfer und
-zum Witz geneigter, so doch äußerst schwächlicher Mensch; von
-Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der ungewöhnlich
-kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden,
-zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und
-Lenarts Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber
-schreckhaft wie die Hühner gewesen seien; und so habe er, um
-eine wüste Schlägerei und öffentlichen Skandal zu vermeiden,
-Lenart, der sich habe zur Wehr setzen wollen, veranlaßt, sich
-ruhig zu verhalten und die flüchtigen gesellschaftlichen Berührungen
-der Herren von Zutawski und Lodygowski in Gottes
-Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den Umsitzenden
-als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien.
-</p>
-
-<p>
-So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine
-Korrekturen vermochten den schönen Kontrast von Ehre und
-Misere, wie er aus den Feststellungen der Gegenseite hervorging,
-nur oberflächlich zu stören, zumal er nicht über die
-Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen Partei verfügte,
-sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner Replik
-<a id="page-585" class="pagenum" title="585"></a>
-unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen,
-wie gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten
-sie. Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls
-zugestellt bekommen, – Hans Castorp sah sie in ihren Händen,
-und zu seiner Überraschung bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen
-und sonderbar hingerissenen Mienen darauf niederblickten.
-Den heiteren Spott, den er selbst vermöge der herrschenden
-inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn Settembrini
-wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den
-klaren Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die
-Hans Castorp beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das
-Lachen verschlug, ihn für die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels
-ernstlich empfänglich machte; und außerdem verdüsterte
-ihn, den Mann des Lebens, sein langsam und unter
-foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich
-verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und
-dessen er sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte,
-der ihn aber um diese Zeit schon alle paar Tage zwang, das
-Bett zu hüten.
-</p>
-
-<p>
-Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es
-nicht besser. Auch in seinem organischen Innern schritt die
-Krankheit fort, die der physische Grund – oder muß man sagen:
-Vorwand gewesen, weshalb seine Ordenslaufbahn ein so verfrühtes
-Ende genommen, und die hohen und dünnen Bedingungen,
-unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung
-nicht Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung
-seiner Stimme klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach
-bei erhöhtem Fieber mehr noch, schärfer und beißender als
-ehedem. Jene ideellen Widerstände gegen Krankheit und Tod,
-deren Niederlage vor der Übergewalt einer niederträchtigen
-<a id="page-586" class="pagenum" title="586"></a>
-Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem kleinen
-Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines
-Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer
-und Gram, sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust
-sondergleichen, eine Sucht nach geistiger Bezweifelung,
-Verneinung und Verwirrung, die die Melancholie des
-anderen aufs schwerste reizte und ihre intellektuellen Streitigkeiten
-täglich verschärfte. Hans Castorp, natürlich, konnte nur
-von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war so ziemlich
-gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen
-Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien
-zu entzünden. Und wenn er Herrn Settembrini nicht den
-Kummer ersparte, Naphtas Bosheiten hörenswert zu finden,
-so mußte er doch zugeben, daß sie nachgerade alles Maß und
-häufig genug die Grenze <a id="corr-123"></a>des geistig Gesunden überschritten.
-</p>
-
-<p>
-Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen,
-sich über die Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in
-ihrem Bilde und Zeichen. Zum Ingrimm Herrn Settembrinis,
-der den lauschenden Zögling am liebsten aus dem Zimmer gewiesen
-oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er die
-Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den
-Geist darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine
-Narrheit. Was komme dabei heraus? Eine Fratze! Das
-Wirklichkeitsergebnis der gepriesenen französischen Revolution
-sei der kapitalistische Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung!
-die man in der Weise zu verbessern hoffe, daß man den Greuel
-universal mache. Die Weltrepublik, das werde das Glück sein,
-sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um den berühmten
-Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich Erleichterung
-davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich
-<a id="page-587" class="pagenum" title="587"></a>
-ganz allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein
-Ausdruck. Er werde kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich
-er anderes zeitigen werde, als seine Veranstalter sich davon
-versprächen. Naphta verachtete den bürgerlichen Sicherheitsstaat.
-Er nahm Veranlassung, sich darüber zu äußern,
-als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei
-beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle
-Welt Regenschirme über die Köpfe hielt. Das war ihm ein
-Symbol für die Feigheit und ordinäre Verweichlichung, die
-das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein Zwischenfall und
-Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“ wirke
-atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei
-nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die
-größte Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine.
-Das sei jämmerlich und reime sich in seiner humanitären
-Schlaffheit recht artig auf die wölfische Krudität und Niedertracht
-des wirtschaftlichen Schlachtfeldes, das der Bürgerstaat
-darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und die allgemeine
-Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert.
-</p>
-
-<p>
-Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“
-ins Gespräch einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes
-Mittel gegen innen- und außenpolitische Katastrophen
-empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta, der kürzlich
-noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine
-irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies
-Geistige selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt
-war. Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff?
-Ein göttlicher? Ein Begriff ersten Ranges? Gott und
-Natur waren ungerecht, sie hatten Lieblinge, sie übten Gnadenwahl,
-schmückten den einen mit gefährlicher Auszeichnung und
-<a id="page-588" class="pagenum" title="588"></a>
-bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und der
-wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine
-lähmende Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen
-Seite eine Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da
-also der Mensch, um im Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“
-in diesem Sinne durch „Gerechtigkeit“ in jenem Sinne
-korrigieren mußte, – wo blieben Unbedingtheit und Radikalismus
-des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“ gegen den
-einen Standpunkt <em>oder</em> gegen den anderen. Der Rest war
-Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom
-Ofen zu locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere
-Worthülse der Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen,
-müsse man vor allen Dingen wissen, welche Gerechtigkeit
-man meine: diejenige, die jedem das Seine, oder diejenige, die
-allen das Gleiche geben wolle.
-</p>
-
-<p>
-Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel
-herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft
-zu stören. Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf
-die Wissenschaft zu sprechen kam, – an die er nicht glaubte. Er
-glaube nicht an sie, sagte er, denn es stehe dem Menschen völlig
-frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei ein Glaube, wie jeder
-andere, nur schlechter und dümmer als jeder andere, und das
-Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des stupidesten
-Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen
-Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare
-Münze zu nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste
-Dogmatik daraus zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet
-worden sei. Ob etwa nicht der Begriff einer an und
-für sich existierenden Sinnenwelt der lächerlichste aller Selbstwidersprüche
-sei? Aber die moderne Naturwissenschaft als
-<a id="page-589" class="pagenum" title="589"></a>
-Dogma lebe einzig und allein von der metaphysischen Voraussetzung,
-daß die Erkenntnisformen unserer Organisation,
-Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt sich
-abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer
-Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die
-nackteste Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten.
-Raum, Zeit und Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung,
-– und da habe man das Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen
-Afterreligion, womit man das erste Buch Mosis
-außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel aufklärendes
-Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der Entstehung
-der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther
-sei wohl exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz
-des „kleinsten, unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von
-der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf
-Erfahrung? In der Tat, man werde, ein wenig Logik vorausgesetzt,
-zu lustigen Erfahrungen und Ergebnissen gelangen mit
-dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität des Raumes
-und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur
-Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum?
-Aus dem einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen
-Größe zum Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe
-im Unendlichen und weder Dauer noch Veränderung in der
-Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen könne es, da jede Distanz
-dort mathematisch gleich null sei, nicht einmal zwei Punkte
-nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige denn gar
-Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der Dreistigkeit
-zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre
-astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“
-für absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte
-<a id="page-590" class="pagenum" title="590"></a>
-Menschheit, die sich durch ein prahlerisches Aufgebot nichtiger
-Zahlen ins Gefühl eigener Nichtigkeit habe drängen, um das
-Pathos der eigenen Wichtigkeit habe bringen lassen! Denn es
-möge noch leidlich heißen, wenn menschliche Vernunft und Erkenntnis
-sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre ihre Erlebnisse
-mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife
-sie aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte
-Kosmologie, Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und
-die Anmaßung komme auf den Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit.
-Welch ein lästerlicher Unsinn, im Grunde, die „Entfernung“
-irgendeines Sternes von der Erde nach Trillionen Kilometern
-oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich einzubilden, mit
-solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem Menschengeist
-Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, – während
-doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und Zeitdistanzen
-überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten,
-sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu
-sein, vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was
-wir Natur nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das
-glaube, die Sterne seien Löcher im Himmelszelt, durch welche
-die ewige Klarheit scheine, sei ihm vieltausendmal lieber, als das
-ganze hohle, widersinnige und anmaßende Geschwätz, das die
-monistische Wissenschaft vom „Weltall“ verübe!
-</p>
-
-<p>
-Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne
-jenen Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich
-jede Demut und Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder
-einmal zu ersehen, was er unter „Freiheit“ verstand, und wohin
-ein solcher Begriff davon zu führen vermochte. Und wenn
-nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu fürchten,
-Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-591" class="pagenum" title="591"></a>
-Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die
-Schwächen des naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen,
-seinen Trägern und Pionieren menschliche Rückfälle ins Irrationale
-nachzuweisen. Aviatiker, Flieger, sagte er, seien meist
-recht üble und verdächtige Individuen, vor allem sehr abergläubisch.
-Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an
-Bord, sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die
-Handschuhe von glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive
-Unvernunft mit der ihrem Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung
-reime? – Der Widerspruch, den er aufzeigte, ergötzte
-ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich lange darüber
-auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her
-nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur
-allzu Gegenständliches zu erzählen gibt.
-</p>
-
-<p>
-Eines Nachmittags im Februar vereinigten sich die Herren,
-nach Monstein auszufliegen, einem Orte, anderthalb Stunden
-Schlittenfahrt von der Stätte ihres Alltags entfernt. Es waren
-Naphta und Settembrini, Hans Castorp, Ferge und Wehsal.
-In zwei einspännigen Schlitten fuhren sie, Hans Castorp mit
-dem Humanisten, Naphta mit Ferge und Wehsal, der neben
-dem Kutscher saß, um 3 Uhr, gut eingehüllt, vom Domizil der
-Auswärtigen ab und nahmen unter Schellengeläut, das so
-freundlich durch schneestille Landschaft geht, ihren Weg an der
-rechten Lehne hin, vorbei an Frauenkirch und Glaris, gegen
-Süden. Schneebedeckung rückte rasch aus dieser Himmelsrichtung
-vor, so daß bald nur noch hinten über der Rhätikonkette ein
-blaßblauer Streifen zu sehen war. Der Frost war stark, das
-Gebirge nebelig. Die Straße, die sie führte, schmale, geländerlose
-Plattform zwischen Wand und Abgrund, hob sich steil ins
-Tannenwilde. Es ging schrittweise. Abfahrende Rodler kamen
-<a id="page-592" class="pagenum" title="592"></a>
-oft auf sie zu, die bei der Begegnung absteigen mußten. Hinter
-Biegungen klang zart und warnend fremdes Geläute auf,
-Schlitten, mit zwei Pferden hintereinander bespannt, gingen
-vorbei, und das Ausweichen forderte Behutsamkeit. Nahe dem
-Ziele tat ein schöner Blick auf eine felsige Partie der Zügenstraße
-sich auf. Man stieg aus den Decken vor dem kleinen Gasthaus
-von Monstein, das sich „Kurhaus“ nannte, und, die Schlitten
-zurücklassend, ging man noch einige Schritte weiter, um gegen
-Südosten nach dem „Stulsergrat“ auszuschauen. Die Riesenwand,
-dreitausend Meter hoch, war nebelverhüllt. Nur irgendwo
-ragte eine himmelhohe Zacke, überirdisch, walhallmäßig
-fern und heilig unzugänglich aus dem Gedünst hervor. Hans
-Castorp bewunderte das sehr und forderte auch die andern auf,
-es zu tun. Er war es, der mit Unterwerfungsgefühlen das Wort
-„unzugänglich“ aussprach und damit Herrn Settembrini
-Anlaß gab, zu betonen, daß jener Fels natürlich sehr wohl betreten
-sei. Überhaupt gäbe es das kaum noch: Unzugänglichkeit
-und irgendwelche Natur, auf die der Mensch nicht schon
-seinen Fuß gesetzt habe. Eine kleine Übertreibung und Dicktuerei,
-erwiderte Naphta. Und er nannte den Mount Everest,
-der dem Vorwitz des Menschen bis dato eisige Ablehnung entgegengesetzt
-habe und in dieser Reserve dauernd verharren zu
-wollen scheine. Der Humanist ärgerte sich. Die Herren kehrten
-zum „Kurhaus“ zurück, vor dem neben den eigenen ein paar
-fremde, ausgespannte Schlitten standen.
-</p>
-
-<p>
-Man konnte hier wohnen. Im Obergeschoß gab es Hotelzimmer
-mit Nummern. Dort lag auch das Eßzimmer, bäurisch
-und wohl geheizt. Die Ausflügler bestellten einen Imbiß bei
-der dienstwilligen Wirtin: Kaffee, Honig, Weißbrot und
-Birnenbrot, die Spezialität des Ortes. Den Kutschern ward
-<a id="page-593" class="pagenum" title="593"></a>
-Rotwein geschickt. Schweizerische und holländische Besucher
-saßen an anderen Tischen.
-</p>
-
-<p>
-Wir <a id="corr-124"></a>hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf
-Freunde die Erwärmung durch den heißen und sehr löblichen
-Kaffee ein höheres Gespräch gezeitigt habe. Doch wären wir
-ungenau damit, denn dies Gespräch war eigentlich ein Monolog
-Naphtas, der es nach wenigen Worten, die andere beigetragen,
-allein bestritt, – ein Monolog, geführt auf recht sonderbare
-und gesellschaftlich anstößige Art, da der Ex-Jesuit sich
-nämlich, liebenswürdig instruierend, ausschließlich an Hans
-Castorp damit wandte, Herrn Settembrini, der an seiner anderen
-Seite saß, den Rücken zukehrte und auch die beiden anderen
-Herren völlig unbeachtet ließ.
-</p>
-
-<p>
-Es wäre schwer gewesen, das Thema seiner Improvisation,
-der Hans Castorp mit halb und halb zustimmendem Kopfnicken
-folgte, bei Namen zu nennen. Einheitlichen Gegenstandes
-war sie wohl eigentlich nicht, sondern bewegte sich locker im Geistigen,
-da und dort anstreifend und im wesentlichen darauf
-aus, die Zweideutigkeit der geistigen Lebenserscheinungen, die
-irisierende Natur und kämpferische Unbrauchbarkeit der daraus
-abgezogenen großen Begriffe auf eine entmutigende Art nachzuweisen
-und bemerklich zu machen, in wie schillerndem Gewande
-das Absolute auf Erden erscheine.
-</p>
-
-<p>
-Allenfalls hätte man seinen Vortrag auf das Problem der
-Freiheit festlegen können, das er im Sinne der Verwirrung behandelte.
-Unter anderem sprach er von der Romantik und dem
-faszinierenden Doppelsinn dieser europäischen Bewegung vom
-Anfang des 19. Jahrhunderts, vor der die Begriffe der Reaktion
-und der Revolution zunichte würden, sofern sie sich nicht
-zu einem höheren vereinigten. Denn es sei selbstverständlich
-<a id="page-594" class="pagenum" title="594"></a>
-höchst lächerlich, den Begriff des Revolutionären ausschließlich
-mit dem Fortschritt und der siegreich anrennenden Aufklärung
-verbinden zu wollen. Die europäische Romantik sei vor allem
-eine Freiheitsbewegung gewesen: antiklassizistisch, antiakademisch,
-gerichtet gegen den altfranzösischen Geschmack, gegen die
-Alte Schule der Vernunft, deren Verteidiger sie als gepuderte
-Perückenköpfe verhöhnt habe.
-</p>
-
-<p>
-Und Naphta fiel auf die Freiheitskriege, auf Fichte’sche Begeisterungen,
-auf jene rausch- und gesangvolle völkische Erhebung
-gegen eine unerträgliche Tyrannei, – als welche nur
-leider, he, he, die Freiheit, das heiße: die Ideen der Revolution
-verkörpert habe. Sehr lustig: Laut singend habe man ausgeholt,
-um die revolutionäre Tyrannei zugunsten der reaktionären
-Fürstenfuchtel zu zerschlagen, und das habe man für
-die Freiheit getan.
-</p>
-
-<p>
-Der jugendliche Zuhörer werde da des Unterschiedes oder
-auch Gegensatzes von äußerer und innerer Freiheit gewahr –
-und zugleich der kitzlichen Frage, welche Unfreiheit mit der Ehre
-einer Nation am ehesten, he, he, am wenigsten verträglich sei.
-</p>
-
-<p>
-Freiheit sei wohl eigentlich mehr noch ein romantischer, als
-ein aufklärerischer Begriff, denn mit der Romantik habe er die
-unentwirrbare Verschränkung menschheitlicher Ausdehnungstriebe
-und leidenschaftlich verengernder Ichbetonung gemeinsam.
-Individualistischer Freiheitstrieb habe den historisch-romantischen
-Kultus der Nationalen gezeitigt, der kriegerisch sei,
-und den der humanitäre Liberalismus finster nenne, wiewohl
-dieser doch ebenfalls den Individualismus lehre, nur eben ein
-wenig anders herum. Der Individualismus sei romantisch-mittelalterlich
-in seiner Überzeugung von der unendlichen, der
-kosmischen Wichtigkeit des Einzelwesens, woraus die Lehre von
-<a id="page-595" class="pagenum" title="595"></a>
-der Unsterblichkeit der Seele, die geozentrische Lehre und die
-Astrologie sich ergäben. Andererseits sei Individualismus eine
-Angelegenheit des liberalisierenden Humanismus, welcher zur
-Anarchie neige und jedenfalls das liebe Individuum davor
-schützen wolle, der Allgemeinheit geopfert zu werden. Das sei
-Individualismus, eins und auch wieder das andere, ein Wort
-für manches.
-</p>
-
-<p>
-Aber das müsse man einräumen, daß Freiheitspathos die
-glänzendsten Freiheitsfeinde, die geistreichsten Ritter des Vergangenen
-im Kampf mit dem andachtslos zersetzenden Fortschritt
-erzeugt habe. Und Naphta nannte Arndt, der den Industrialismus
-verflucht und den Adelsstand verherrlicht, nannte
-Görres, der die Christliche Mystik verfaßt habe. Und ob denn
-Mystik etwa nichts mit Freiheit zu tun habe? Ob sie etwa
-nicht anti-scholastisch, anti-dogmatisch, anti-priesterlich gewesen
-sei? Man sei freilich gezwungen, in der Hierarchie eine
-Freiheitsmacht zu erblicken, denn sie habe der schrankenlosen
-Monarchie einen Damm entgegengesetzt. Die Mystik des ausgehenden
-Mittelalters aber habe ihr freiheitliches Wesen als
-Vorläuferin der Reformation bewährt, – der Reformation,
-he, he, die ihrerseits ein unauflösliches Filzwerk von Freiheit
-und mittelalterlichem Rückschlag gewesen sei ...
-</p>
-
-<p>
-Luthers Tat ... Ei ja, sie habe den Vorzug, mit derbster Anschaulichkeit
-das fragwürdige Wesen der Tat selbst, der Tat
-überhaupt zu demonstrieren. Ob Naphtas Zuhörer wisse,
-was eine Tat sei? Eine Tat sei beispielsweise die Ermordung
-des Staatsrats Kotzebue durch den Burschenschaftler Sand
-gewesen. Was habe dem jungen Sand, kriminalistisch zu reden,
-„die Waffe in die Hand gedrückt“? Freiheitsbegeisterung, selbstverständlich.
-Sehe man jedoch näher hin, so sei es eigentlich
-<a id="page-596" class="pagenum" title="596"></a>
-nicht diese, es seien vielmehr Moralfanatismus und der Haß
-auf unvölkische Frivolität gewesen. Allerdings nun wieder
-habe Kotzebue in russischen Diensten, im Dienste der Heiligen
-Allianz also, gestanden; und so habe Sand denn doch wohl für
-die Freiheit geschossen, – was freilich aufs neue der Unwahrscheinlichkeit
-verfalle kraft des Umstandes, daß sich unter seinen
-nächsten Freunden Jesuiten befunden hätten. Kurzum, was
-immer die Tat auch sein möge, auf jeden Fall sei sie ein schlechtes
-Mittel, sich deutlich zu machen, und zur Bereinigung geistiger
-Probleme trage sie auch nur wenig bei.
-</p>
-
-<p>
-„Darf ich mir die Erkundigung erlauben, ob Sie mit Ihren
-<em>Schlüpfrigkeiten</em> bald zu Rande zu kommen gedenken?“
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini hatte es gefragt und zwar mit Schärfe.
-Er hatte gesessen, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt
-und den Schnurrbart gedreht. Jetzt war es genug. Seine Geduld
-war zu Ende. Aufrecht saß er, mehr als aufrecht: – sehr
-bleich, hatte er sich sozusagen im Sitzen auf die Zehen gestellt,
-so daß nur noch seine Schenkel den Stuhlsitz berührten, und so
-begegnete er blitzenden schwarzen Auges dem Feinde, der sich
-mit geheucheltem Erstaunen nach ihm umgewandt hatte.
-</p>
-
-<p>
-„<em>Wie</em> beliebten Sie sich auszudrücken?“ lautete Naphtas
-Gegenfrage ...
-</p>
-
-<p>
-„Ich beliebte“, sagte der Italiener und schluckte hinunter,
-„– ich beliebe mich dahin auszudrücken, daß ich entschlossen
-bin, Sie daran zu hindern, eine ungeschützte Jugend noch länger
-mit Ihren Zweideutigkeiten zu behelligen!“
-</p>
-
-<p>
-„Mein Herr, ich fordere Sie auf, nach Ihren Worten zu
-sehen!“
-</p>
-
-<p>
-„Einer solchen Aufforderung, mein Herr, bedarf es nicht.
-Ich bin gewohnt, nach meinen Worten zu sehen, und mein
-<a id="page-597" class="pagenum" title="597"></a>
-Wort wird präzis den Tatsachen gerecht, wenn ich ausspreche,
-daß Ihre Art, die ohnehin schwanke Jugend geistig zu verstören,
-zu verführen und sittlich zu entkräften, eine <em>Infamie</em> und mit
-Worten nicht streng genug zu züchtigen ist ...“
-</p>
-
-<p>
-Bei dem Wort „Infamie“ schlug Settembrini mit der
-flachen Hand auf den Tisch und stand, seinen Stuhl zurückschiebend,
-nun vollends auf, – das Zeichen für alle übrigen, ein
-Gleiches zu tun. Von anderen Tischen blickte man aufhorchend
-herüber, – von einem eigentlich nur, die Schweizer Gäste waren
-schon aufgebrochen, und nur die Holländer lauschten mit verdutzten
-Mienen auf den ausbrechenden Wortwechsel.
-</p>
-
-<p>
-Sie standen also alle steif aufrecht an unserem Tisch: Hans
-Castorp und die beiden Gegner und ihnen gegenüber Ferge und
-Wehsal. Alle fünf waren sie blaß, mit erweiterten Augen und
-zuckenden Mündern. Hätten nicht die drei Unbeteiligten den
-Versuch machen können, beschwichtigend einzuwirken, mit
-einem Scherzwort die Spannung zu lösen, durch irgendein
-menschliches Zureden alles zum Guten zu wenden? Sie unternahmen
-ihn nicht, diesen Versuch. Die inneren Umstände hinderten
-sie daran. Sie standen und bebten, und unwillkürlich
-ballten ihre Hände sich zu Fäusten. Selbst A. K. Ferge, dem
-alles Höhere erklärtermaßen völlig fern lag und der von vornherein
-gänzlich darauf verzichtete, die Tragweite des Streites
-zu ermessen, – auch er war überzeugt, daß es hier auf Biegen
-und Brechen gehe, und daß man, selbst mit hingerissen, nichts
-tun könne, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sein gutmütiger
-Schnurrbartbausch wanderte heftig auf und nieder.
-</p>
-
-<p>
-Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen
-knirschen. Das war für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung,
-wie die mit Wiedemanns gesträubtem Haar: Er hatte gedacht,
-<a id="page-598" class="pagenum" title="598"></a>
-es sei nur eine Redensart und komme in Wirklichkeit nicht vor.
-Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der Stille, ein furchtbar
-unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch, das
-sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen Beherrschung
-erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und
-nur mit einer Art von keuchendem Halblachen:
-</p>
-
-<p>
-„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig?
-Haben wir die pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation
-so weit, daß sie blank zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für
-den Anfang, – leicht erzielt, wie ich mit Geringschätzung hinzufüge,
-denn eine wie gelinde Neckerei hat hingereicht, den wachhabenden
-Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das Weitere wird
-sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese. Ich
-hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen,
-was Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese
-Grundsätze durch Mittel auf die Probe zu stellen, die –“
-</p>
-
-<p>
-Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren:
-</p>
-
-<p>
-„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im
-Wege, Sie sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag
-dieser kleinen Differenz an den gehörigen Ort verlegen. Für
-den Augenblick nur eines. Ihre frömmelnde Angst um den
-scholastischen Begriffsstaat der Jakobiner-Revolution sieht in
-meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen, die Kategorien über
-den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer akademischen Tugendwürde
-zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen. Diese
-Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre
-Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan.
-Sie ist schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit,
-ein geistiges <span class="antiqua" lang="fr">Ennui</span>, das Gähnkrampf erzeugt,
-<a id="page-599" class="pagenum" title="599"></a>
-und mit dem aufzuräumen die neue, <em>unsere</em> Revolution, mein
-Herr, sich anschickt. Wenn wir als Erzieher den Zweifel stiften,
-tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit sich je hat träumen
-lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der radikalen
-Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor,
-der heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung
-und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem
-anderen Blatt. Sie werden von mir hören.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini
-ihm nach, der den Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte,
-um sich seines Pelzwerks zu bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer
-sich hart auf seinen Stuhl zurücksinken und preßte sein
-Herz mit den Händen.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!</span>“
-stieß er kurzen Atems hervor.
-</p>
-
-<p>
-Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart
-fuhr fort auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den
-Unterkiefer schief gestellt. Hans Castorp ahmte die Kinnstütze
-seines Großvaters nach, denn ihm zitterte das Genick. Alle bedachten,
-wie wenig man sich bei der Ausfahrt solcher Dinge versehen
-habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen, bedachten
-gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei
-Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war.
-Dies erleichterte vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was
-dann?
-</p>
-
-<p>
-„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen.
-</p>
-
-<p>
-„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem
-neben ihm Stehenden einen Blick empor, um sich gleich danach
-von ihm abzuwenden und den Kopf in die Hand zu stützen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-600" class="pagenum" title="600"></a>
-„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch
-ihn einen Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob
-sich vollkommen gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres
-Vergnügens, allein mit solchen Zwischenfällen muß jeder
-Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige theoretisch das Duell,
-ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist es eine andere
-Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum,
-ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in
-meiner Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden
-Übung werden mir das Handgelenk wieder geläufig machen.
-Gehen wir! Das Nähere wird zu verabreden sein. Ich vermute,
-daß jener Herr bereits anzuspannen befohlen hat.“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt
-und nachher, wo ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden
-schwindelte, namentlich, als sich herausstellte, daß
-Naphta von Hieb und Stich nichts wissen wollte, sondern auf
-einem Pistolenduell bestand, – und daß tatsächlich er die Waffe
-zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen Begriffen der Beleidigte
-war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen Mann,
-wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung
-durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen
-Grade befreien konnte und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn
-sei, und daß man es verhindern müsse.
-</p>
-
-<p>
-„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch
-mit Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon
-auf der Rückfahrt als Kartellträger gewonnen hatte, und der
-den Verkehr zwischen den Parteien vermittelte. „Eine Beschimpfung
-bürgerlicher, gesellschaftlicher Art! Wenn einer des anderen
-ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte, wenn es sich
-um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches
-<a id="page-601" class="pagenum" title="601"></a>
-Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs
-sieht! Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter
-Ausweg da, und wenn dann der Ehre Genüge geschehen und
-die Sache glimpflich abgegangen ist, und es heißt: Die Gegner
-schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es eine gute
-Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen Verwicklungsfällen.
-Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa
-in Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung
-getan hat. Er hat die Kategorien über den Haufen geworfen.
-Er hat, wie er sich ausdrückt, den Begriffen ihre akademische
-Würde geraubt. Dadurch haben Sie sich beleidigt gefühlt, –
-mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“
-</p>
-
-<p>
-„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah
-ihn an ...
-</p>
-
-<p>
-„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er
-hat Sie nicht beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben
-Sie mal! Es handelt sich um abstrakte Dinge, um geistige.
-Mit geistigen Dingen kann man beleidigen, aber man kann
-nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime, die jedes Ehrengericht
-annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott versichern.
-Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und
-‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung,
-denn auch das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen
-Bezirke und hat mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun,
-worin es einzig so etwas wie Beschimpfung gibt. Das Geistige
-kann niemals persönlich sein, das ist die Vervollständigung und
-die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“
-</p>
-
-<p>
-„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen
-Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß
-Geistiges nicht persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie
-<a id="page-602" class="pagenum" title="602"></a>
-sollten das nicht meinen“, sagte er und lächelte eigentümlich
-fein und schmerzlich. „Sie gehen jedoch vor allem fehl in Ihrer
-Einschätzung des Geistigen überhaupt, das Sie offenbar für zu
-schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu zeitigen von
-der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt, und
-die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges.
-<span class="antiqua" lang="it">All’ incontro!</span> Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist
-zugleich auch das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge,
-und es birgt viel tiefere und radikalere Möglichkeiten des
-Hasses, der unbedingten und unversöhnlichen Gegnerschaft,
-als das soziale Leben. Wundern Sie sich, daß es sogar direkter
-und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des Du oder Ich,
-zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des körperlichen
-Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine
-‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr
-zum Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse
-Regelung ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das
-Wesentliche der Lage bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der
-körperliche Kampf, und es ist Sache jedes Mannes, sich in aller
-Entfernung vom Natürlichen dieser Lage gewachsen zu halten.
-Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle nicht mit
-seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag,
-der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller Vergeistigung
-ein Mann zu bleiben.“
-</p>
-
-<p>
-Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es
-darauf zu erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn
-Settembrinis Worte taten gefaßt und logisch, und dennoch
-klangen sie fremd und unnatürlich aus ihm hervor. Seine Gedanken
-waren nicht seine Gedanken, – wie er ja auch auf den
-des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern
-<a id="page-603" class="pagenum" title="603"></a>
-ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen
-hatte –; sie waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen
-inneren Umstände, deren Knecht und Werkzeug Herrn
-Settembrinis schöner Verstand geworden war. Wie, das
-Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum Tierischen,
-zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans
-Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu
-tun, – um zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht
-konnte. Sie waren stark auch in ihm, die inneren Umstände, er
-war nicht der Mann, er auch nicht, sich ihnen zu entwinden.
-Furchtbar und letztgültig wehte es ihn an aus jener Erinnerungsgegend,
-wo Wiedemann und Sonnenschein sich in ratlos
-tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am
-Ende aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die
-Zähne. Ja, ja, man mußte sich wohl schlagen, denn so war
-wenigstens jene Milderung des Urstandes durch ritterliche Regelung
-zu retten ... Hans Castorp bot sich Herrn Settembrini
-als Sekundanten an.
-</p>
-
-<p>
-Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich
-nicht schicken, wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn
-Settembrini mit einem Lächeln, das fein und schmerzlich war,
-dann auch, nach kurzer Überlegung, von Ferge und Wehsal,
-die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es gehe nicht
-an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft
-beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit
-eines solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen
-Milderungen des Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz
-zugegen sein. Selbst Naphta ließ sich durch den Mund seines
-Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne vernehmen,
-und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer,
-<a id="page-604" class="pagenum" title="604"></a>
-auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung
-der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig
-erwies.
-</p>
-
-<p>
-Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen
-Vorschlägen. Er verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen
-Kugelwechsel, falls es nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn
-ließ er noch am Abend des Zerwürfnisses durch Wehsal
-überbringen, der sich völlig zum Mundstück und Vertreter
-seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im Auftrage,
-teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit
-auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini
-nichts daran auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und
-der unparteiische Hans Castorp waren außer sich, und dieser
-wurde sogar grob mit dem elenden Wehsal. Ob er sich nicht
-schäme, fragte er, solche wüsten Unannehmlichkeiten auszukramen,
-wo es sich um ein rein abstraktes Duell handle, dem
-gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon
-kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da
-höre die Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers
-Schnupftuch schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich
-feuern lassen auf solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst
-wohl so leicht von den Lippen – und so fort. Wehsal
-zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß eben die radikale Situation
-vorliege, wodurch er denn die Gegenseite, die dies zu
-vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin
-gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages,
-vor allem den dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen,
-dann aber die Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten
-sich auf fünfzehn Schritte gegenüberstehen und das
-Recht haben sollten, fünf Schritte vorzugehen, bevor sie
-<a id="page-605" class="pagenum" title="605"></a>
-schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen die Zusicherung,
-daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten.
-Übrigens hatte man keine Pistolen.
-</p>
-
-<p>
-Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver,
-mit dem er die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch
-ein Zwillingspaar in den Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter
-Offizierspistolen, die aus Belgien stammten: automatische
-Brownings mit Griffen aus braunem Holz, in denen sich
-die Magazine befanden, bläulich stählerner Geschützmaschinerie
-und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen knapp
-und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann
-einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine
-Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen.
-So tat er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl
-machte, ihn aber in persönliches Ehrengeheimnis hüllte und
-mit leichtem Erfolge sich an den Kavalierssinn des Windbeutels
-wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im Laden und gab
-mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren ab.
-</p>
-
-<p>
-Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein
-zwei Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war
-von Hans Castorps Erfindung: Es war der malerische, im
-Sommer blau blühende Ort seiner Regierungs-Zurückgezogenheit,
-den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier sollte am dritten
-Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war, der
-Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich
-spät, verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den
-Gedanken, daß es ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz
-zu nehmen.
-</p>
-
-<p>
-Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig
-erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen,
-<a id="page-606" class="pagenum" title="606"></a>
-aber unmöglich konnte man den Chef der Anstalt um Unterstützung
-einer solchen Ungesetzlichkeit angehen, zumal es sich
-um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum Hoffnung,
-daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit
-sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken
-die Hand zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal
-sicher, ob dieser spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der
-Wundbehandlung sei.
-</p>
-
-<p>
-Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich
-schon geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe
-an jenen Ort nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern
-um sich zu schlagen und zwar sehr ernsthaft. Was nachher
-komme, sei ihm gleichgültig und werde sich finden. Das schien
-eine finstere Kundgebung, die aber Hans Castorp so zu deuten
-sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung, ein Arzt
-werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den
-zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen,
-sie interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig,
-zu hoffen, die Gegner möchten im Grunde einig sein in dem
-Vorsatz, es zu keinem Blutvergießen kommen zu lassen. Man
-hatte zweimal geschlafen seit jenem Wortwechsel und würde es
-ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem Zuge der Stunden
-hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt
-stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner
-der Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes
-gewesen. Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise,
-nicht nach gegenwärtigem freien Willen würden sie handeln,
-wie sie damals aus Lust und Überzeugung gehandelt hätten; und
-eine solche Verleugnung ihres aktuellen Selbst zugunsten dessen,
-was sie einmal gewesen, mußte sich irgendwie ja verhüten lassen!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-607" class="pagenum" title="607"></a>
-Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, –
-nicht unrecht nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen
-lassen konnte. Er hatte sogar vollkommen recht damit,
-soweit Herr Settembrini in Frage kam. Hätte er aber geahnt,
-in welchem Sinn Leo Naphta bis zum entscheidenden Augenblick
-seine Vorsätze würde geändert haben oder in eben diesem
-Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren Umstände,
-aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht,
-das Bevorstehende zuzulassen.
-</p>
-
-<p>
-Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge
-hervorzukommen, aber es tagte mühsam qualmend, als Hans
-Castorp nach unruhig verbrachter Nacht Haus Berghof verließ,
-um sich zum Rendezvous zu begeben. Dienstmägde, die
-die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach ihm
-auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen:
-Ferge und Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß
-schon passiert, der eine, um Settembrini, der andere, um Naphta
-zum Kampfplatze abzuholen. Er, Hans, ging allein, da seine
-Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht gestattete, sich einer
-der beiden Parteien anzuschließen.
-</p>
-
-<p>
-Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck
-der Umstände. Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche
-Notwendigkeit. Unmöglich, sich davon auszuschließen
-und das Ergebnis im Bette zu erwarten, erstens, weil –
-aber das Erstens führte er nicht aus, sondern fügte gleich das
-Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich selbst
-überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob,
-und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war
-sogar unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht
-aufstehen müssen und mußte nun ungefrühstückt, in bitterer
-<a id="page-608" class="pagenum" title="608"></a>
-Frostfrühe im Freien zusammenkommen, so war es einmal verabredet.
-Aber dann würde, unter der Einwirkung von seiner,
-Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos irgendwie alles zum
-Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die nicht vorauszusehen
-war, und die erraten zu wollen, man besser unterließ,
-da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang
-anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen
-versucht hatte.
-</p>
-
-<p>
-Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung.
-Flau und übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem
-Zähneklappern und war schon in geringer Tiefe seines Wesens
-sehr versucht, seinen Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen.
-Es waren so ganz besondere Zeiten ... Die zankzerstörte Dame
-aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und Sonnenschein,
-der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch
-den Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen,
-wenn er zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten
-würden. Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann
-und Sonnenschein vor diesen seinen Augen zur Tatsache geworden
-war, so mißtraute er sich und seiner Welt und fröstelte
-in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und bei alldem
-ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der
-Lage, zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft
-ihn erhob und belebte.
-</p>
-
-<p>
-Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und
-Gedanken stieg er im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in
-„Dorf“ von der Mündung der Bobbahn auf schmalstem
-Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief verschneiten Wald,
-überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn hinablief, und
-stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von Fußspuren,
-<a id="page-609" class="pagenum" title="609"></a>
-als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er
-hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge,
-welcher mit einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel
-festhielt. Hans Castorp nahm keinen Anstand, sich zu
-ihnen zu gesellen, und kaum war er an ihrer Seite, so erblickte
-er auch schon Naphta und Wehsal, die geringen Vorsprung
-hatten.
-</p>
-
-<p>
-„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in
-guter Absicht, erschrak aber selbst über die Frivolität seiner
-Worte und fügte hinzu: „Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
-</p>
-
-<p>
-Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen
-Schnurrbart auf und nieder wandern. Nach einer Weile blieb
-Settembrini stehen, nahm Hans Castorps Hand, legte auch
-noch seine andere darauf und sprach:
-</p>
-
-<p>
-„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht.
-Ich werde mich seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir
-die Ehre gebieten kann. Aber ich werde nicht töten, verlassen
-Sie sich darauf!“
-</p>
-
-<p>
-Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen,
-sagte jedoch nach einigen Schritten:
-</p>
-
-<p>
-„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini,
-nur, andererseits ... Wenn er für sein Teil ...“
-</p>
-
-<p>
-Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans
-Castorp überlegte, daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere
-sich dessen unmöglich würde unterwinden können, so fand er,
-daß alles sich glücklich anlasse und daß seine Annahmen sich zu
-bestätigen begönnen. Es wurde ihm leichter ums Herz.
-</p>
-
-<p>
-Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte,
-worin im Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall
-niederging, und der so sehr zu dem malerischen Charakter des
-<a id="page-610" class="pagenum" title="610"></a>
-Ortes beitrug. Naphta und Wehsal gingen im Schnee vor
-der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf und ab,
-auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen
-Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten
-müssen. Naphta rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp
-prüfte sich, ob er ebenfalls Lust hätte, das zu tun, fand aber
-nicht die geringste Neigung dazu in sich vor und schloß, daß es
-also bei jenem erst recht auf Affektation beruhen müsse. Mit
-dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er sich in der
-kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen
-Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen
-Blüte. Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden
-Fichte waren mit Schnee beschwert.
-</p>
-
-<p>
-„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem
-Wunsch, einen natürlichen Ton sofort in die Versammlung
-einzuführen, der Böses zerstreuen helfen sollte, – hatte aber
-kein Glück damit, denn niemand antwortete ihm. Die gewechselten
-Grüße bestanden in stummen Verbeugungen, die bis zur
-Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er entschlossen, seine
-Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines Atems,
-die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm
-mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und
-fing an:
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
-</p>
-
-<p>
-„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“
-schnitt Naphta ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich
-bitten darf,“ fügte er mit demselben Hochmut hinzu. Und
-Hans Castorp, auf den Mund geschlagen, mußte zusehen, wie
-Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel hervorholte, und
-wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen von ihm
-<a id="page-611" class="pagenum" title="611"></a>
-empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm
-aus Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben,
-Ferge ersuchte murmelnd darum und fing an, die Distanzen
-auszugehen und sichtbar zu machen: die äußere Begrenzung,
-indem er mit dem Absatz kurze Linien in den Schnee grub, die
-inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem eigenen und
-dem Settembrinis.
-</p>
-
-<p>
-Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans
-Castorp traute seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und
-griff gehörig aus, so daß wenigstens die fünfzehn Schritte eine
-stattliche Entfernung ergaben, wenn da auch noch die verdammten
-Barrieren waren, die wirklich nicht weit voneinander
-lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im Zwange
-welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so
-ungeheuerlichen Sinnes traf?
-</p>
-
-<p>
-Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen
-hatte, so daß man das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der
-Hand, auf einen der äußeren Absatzstriche, sobald er nur gezogen
-war und während Ferge an weiteren Markierungen noch
-arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini, die schadhafte
-Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich
-aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor.
-</p>
-
-<p>
-„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen!
-Es ist trotz allem meine Pflicht ...“
-</p>
-
-<p>
-„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche
-das Zeichen.“
-</p>
-
-<p>
-Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet.
-Es sollte wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß
-es Sache des Unparteiischen sein werde, die furchtbare Aufforderung
-ergehen zu lassen, war nicht bedacht und jedenfalls
-<a id="page-612" class="pagenum" title="612"></a>
-nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm und niemand
-sprang für ihn ein.
-</p>
-
-<p>
-„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein
-Herr, und schießen Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und
-begann selbst vorzugehen, die Pistole mit gestrecktem Arm auf
-Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, – ein unglaubwürdiger
-Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten Schritt – der
-andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt –
-hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß
-weckte vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und
-Widerhall zu, das Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte,
-die Leute müßten zusammenlaufen.
-</p>
-
-<p>
-„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit
-Selbstbeherrschung, indem er die Waffe sinken ließ.
-</p>
-
-<p>
-Settembrini antwortete:
-</p>
-
-<p>
-„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“
-</p>
-
-<p>
-„Sie werden noch einmal schießen!“
-</p>
-
-<p>
-„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr
-Settembrini, erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte
-sich etwas seitlich zum anderen gestellt, nicht ganz in Front,
-was rührend zu sehen war. Man merkte deutlich, daß er gehört
-hatte, man solle dem Gegner nicht gerade die volle Breitseite
-bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte.
-</p>
-
-<p>
-„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der
-Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu
-gehöre, zu schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine
-Pistole auf eine Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte,
-und schoß sich in den Kopf.
-</p>
-
-<p>
-Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte,
-während die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat
-<a id="page-613" class="pagenum" title="613"></a>
-Fangball spielten, ein paar Schritte rückwärts, indem er die
-Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem ganzen Körper eine
-schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht in den
-Schnee.
-</p>
-
-<p>
-Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem
-er sein Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm.
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">Infelice!</span>“ rief er. „<span class="antiqua" lang="it">Che cosa fai per l’amor di Dio!</span>“
-</p>
-
-<p>
-Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen.
-Sie sahen das schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen
-in ein Gesicht, das man am besten mit dem seidenen Schnupftuch
-bedeckte, von dem ein Zipfel aus Naphtas Brusttasche
-hing.
-</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h3 class="section" id="subchap-0-2-10">
-Der Donnerschlag
-</h3>
-
-</div>
-
-<p class="first">
-Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine
-runde Zahl für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine
-gute, handliche Zahl in ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper,
-kann man wohl sagen, befriedigender für das Gemüt
-als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er hatte an allen sieben
-Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem ungefähr ein Jahr.
-Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen mit zwei
-Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden.
-Er saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile
-hatte stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich
-unbestimmbarer Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen
-philosophischen Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen
-gezwungen sind. Ja, wir müssen weitergehen und diese Idee
-einer persönlichen Neigung zur Vernachlässigung seiner selbst in
-Verbindung bringen mit einer ebensolchen Neigung der Außenwelt
-in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit hatte aufgehört,
-<a id="page-614" class="pagenum" title="614"></a>
-Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der morgentlichen
-Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber rhetorischer
-Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat
-nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica
-von Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um
-die Zeit, von der wir reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen
-wir die Dinge genauer an, so geschah es selten oder nie. Man
-ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen Schüler, der des eigentümlich
-lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr gefragt zu werden,
-nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein Sitzenbleiben beschlossene
-Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht kommt,
-– eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem
-wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und
-Art sein könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf
-den die Obrigkeit fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte,
-weil es gewiß war, daß in seiner Brust keine wilden und
-trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden, – ein Sicherer und
-Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte, wohin
-denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland
-überhaupt nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich
-nicht eine gewisse Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein
-in der Tatsache aus, daß er an den Schlechten Russentisch versetzt
-worden war? Womit übrigens gegen den sogenannten
-Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste gesagt sein soll!
-Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile unter
-den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen,
-kühn gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden
-an diesem gereicht, wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst
-faltete dort zuweilen, im Turnus, die riesigen Hände vor seinem
-Teller; und die daran speisenden Völkerschaften waren
-<a id="page-615" class="pagenum" title="615"></a>
-ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch kein Latein
-verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich
-benahmen.
-</p>
-
-<p>
-Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren
-großer Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern
-eher von der jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung
-überhaupt untersichtig bleibt, oder wie das Gras,
-das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich heimlich wächst, was
-denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist; die Zeit,
-eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten zusammensetzt
-(wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich
-fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es
-anfangen, eine Linie hervorzubringen): die Zeit also hatte in
-ihrer schleichend untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen
-Art fortgefahren, Veränderungen zu zeitigen. Der
-Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu nennen, war eines Tages
-– aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern ganz unbestimmt
-von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten
-ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen
-aufstand, den Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und
-herunterkam. Unmerklich hatte das Blättchen sich gewendet,
-er nahm sie selbst auf den Schoß bei solchen Gelegenheiten, und
-das machte beiden Teilen ebensoviel Vergnügen, sogar noch
-mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht sagen: erblüht,
-aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht
-gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das
-Aufschießen dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen.
-Das Zeitliche segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten
-Jahre starb er an der Krankheit, für die er aufnahmelustig
-gewesen, und in seinem Zimmer wurde gestöbert.
-<a id="page-616" class="pagenum" title="616"></a>
-Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer Unterschied
-war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen.
-</p>
-
-<p>
-Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische
-Todesfälle, die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals
-ihn näher angegangen hätten. Wir denken an das kürzlich
-erfolgte Ableben des alten Konsul Tienappel, Hansens
-Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er hatte
-unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und
-es Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der
-Apoplexie hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können,
-und die drahtlich knapp, aber zart und schonend abgefaßte
-Nachricht von seinem Hintritt – zart und schonend mehr mit
-Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den Empfänger der
-Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps vorzüglichen
-Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes
-Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er,
-die Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist
-zu betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt
-und verboten sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen,
-um dem Großonkel das letzte Geleite zu geben.
-</p>
-
-<p>
-Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten
-Hans Castorps Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck,
-der sinnender war als gewöhnlich. Dieser Sterbefall,
-dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig gewesen wäre und
-durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast nichts
-herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch
-einer Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre
-gleich, gab dem, was Hans Castorp mit Recht die Freiheit
-nannte, letzte Vollständigkeit. Wirklich war in der späten Zeit,
-von der wir sprechen, jede Fühlung zwischen ihm und dem
-<a id="page-617" class="pagenum" title="617"></a>
-Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine Briefe dorthin
-und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von
-dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte,
-und der er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein
-Fabrikat, das selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten
-Strapazen hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man
-einfach wie am Meere lag und es aushalten konnte, – eine besonders
-gut gepflegte Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“,
-etwas gedrungener, als Maria, mausgrau von Farbe,
-mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild im Charakter
-und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern
-des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend,
-daß sie dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte
-dienen können und ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente,
-denn seine Taschenuhr trug er nicht mehr. Sie stand, sie war
-ihm eines Tages vom Nachttisch gefallen, und er hatte davon
-abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf setzen zu lassen, –
-aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den Besitz von
-Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur Vorbelehrung
-über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet
-hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange,
-dem stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen
-Zauber, für den der Entrückte sich aufnahmelustig
-erwiesen, und der das Grundabenteuer seiner Seele gewesen,
-dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer dieses schlichten
-Stoffes sich abgespielt hatten.
-</p>
-
-<p>
-So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der
-Zeit seiner Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht –
-das Jahr in sich selber.
-</p>
-
-<p>
-Da erdröhnte –
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-618" class="pagenum" title="618"></a>
-Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den
-Mund vollzunehmen von dem, was da erscholl und geschah.
-Nur hier keine Prahlerei, kein Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt
-zu der Aussage, daß also der Donnerschlag erdröhnte,
-von dem wir alle wissen, diese betäubende Detonation lang
-angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und Gereiztheit,
-– ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt
-zu sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns
-aber der Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den
-Siebenschläfer unsanft vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im
-Grase und reibt sich die Augen, wie ein Mann, der es trotz
-mancher Ermahnung versäumt hat, die Presse zu lesen.
-</p>
-
-<p>
-Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer
-ein wenig abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen,
-das Sorgenkind seiner Erziehung über die unteren Vorgänge
-in großen Zügen zu unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei
-einem Schüler gefunden, der sich zwar von den geistigen Schatten
-der Dinge regierungsweise das eine und andere träumen
-ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar aus
-der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen,
-in diesen aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn
-nicht einmal allzu hart schelten darf, da dies Verhältnis nicht
-letztgültig geklärt ist.
-</p>
-
-<p>
-Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem
-er plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des
-horizontalen Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und
-des Lebens berichtigend auf ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt
-saß nun dieser, die Hände zwischen den Knien, an dem Bette
-des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem Tagesruhelager
-im separierten und traulichen Mansardenstudio mit
-<a id="page-619" class="pagenum" title="619"></a>
-den Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft
-und lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage,
-denn nicht oft mehr war Herr Lodovico auf den Beinen.
-Naphtas krasses Ende, die terroristische Tat des scharf verzweifelten
-Disputanten, hatte seiner empfindsamen Natur einen
-harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht davon erholen, unterlag
-seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine Mitarbeit
-an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon
-aller Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden
-zum Gegenstande hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga
-wartete vergebens auf den betreffenden Band ihrer Enzyklopädie,
-Herr Settembrini war gezwungen, seine Mitwirkung
-an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu beschränken,
-und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche
-Besuche ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls
-hätte entbehren müssen.
-</p>
-
-<p>
-Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von
-Herzen über die Selbstvervollkommnung der Menschheit auf
-gesellschaftlichem Wege. Seine Rede ging wie auf Taubenfüßen,
-aber bald, wenn er etwa von der Vereinigung der befreiten
-Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so mischte sich –
-er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie Rauschen
-von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die
-Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen
-Erbe des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur
-vereinigt hatte, – genau wie Humanität und Politik sich
-vereinigten in dem Hoch- und Toastgedanken der Zivilisation,
-diesem Gedanken voll Taubenmilde und Adlerskühnheit, der
-seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das Prinzip der
-Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige Allianz
-<a id="page-620" class="pagenum" title="620"></a>
-der bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ...
-Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war
-humanitär, aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen,
-war er auch kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen
-Naphta wie ein Mensch benommen, im großen aber, wo die
-Menschlichkeit sich begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges-
-und Herrschaftsidee der Zivilisation verband und man die Pike
-des Bürgers am Altar der Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft,
-ob er, unpersönlich, gemeint blieb, seine Hand zurückzuhalten
-vom Blute; – ja die inneren Umstände bewirkten, daß
-in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der
-Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde
-durchschlug.
-</p>
-
-<p>
-Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen
-der Welt zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen.
-Neulich, zwei oder anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische
-Zusammenwirken seines Landes mit Österreich in
-Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies Zusammenwirken,
-das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien, gegen
-Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte
-eben als Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung
-und der Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die
-große Leihgabe Frankreichs an Rußland zum Zwecke des Baues
-eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich widerstreitende Gefühle
-geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der frankophilen
-Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn
-man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution
-denjenigen der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das
-Einverständnis der erleuchteten Republik mit dem byzantinischen
-Skythentum schuf ihm moralische Verlegenheit, – eine
-<a id="page-621" class="pagenum" title="621"></a>
-Beklemmung seiner Brust, die doch auch wieder, beim Gedanken
-an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in rasch atmende
-Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der
-Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer,
-ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu
-denen wir Herrn Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans
-Castorp sah ihn wohl privatmenschlich schaudern vor solcher
-Schreckenstat, sah aber auch seine Brust sich heben beim Gedanken
-daran, daß es eine Volks- und Befreiungstat war, die da
-geschehen, gerichtet gegen die Burg seines Hasses, wenn auch
-hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen Betreibens,
-was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die äußerste
-Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen
-später, als Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen
-zu kennzeichnen, in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen
-er eingeweiht war, und die er rasch atmend begrüßte ...
-</p>
-
-<p>
-Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach
-zusammengesetzt, wie das Verhängnis, das er mit großer
-Schnelle sich ballen sah, und für das er seinem Zögling mit
-halben Worten Augen zu machen suchte, während doch eine
-Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt,
-vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der
-ersten Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er
-eine Gewohnheit angenommen, dem Besucher beide Hände
-entgegenzustrecken und ihm die seinen zu drücken, daß es dem
-Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht recht zu Kopfe. „Mein
-Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver, die Druckerpresse
-– unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn
-Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden
-... <span class="antiqua" lang="it">Caro</span> ...“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-622" class="pagenum" title="622"></a>
-Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre
-Streckfolter die Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp
-Herrn Settembrini nicht. Die wüsten Zeitungen drangen nun
-unmittelbar aus der Tiefe zu seiner Balkonloge empor, durchzuckten
-das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust beklemmenden
-Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der
-Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der
-Siebenschläfer im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich
-langsam aufrichtete, bevor er saß und sich die Augen rieb ...
-Wir wollen aber das Bild zu Ende führen, um seiner Gemütsbewegung
-gerecht zu werden. Er zog die Beine unter sich, stand
-auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert, erlöst, befreit, –
-nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung gestehen
-mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren Außenmächten,
-denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief.
-Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen
-verschwand, – drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter
-und also von göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich
-darin aus? Nahm das Leben sein sündiges Sorgenkind noch
-einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern eben nur so, auf
-diese ernste und strenge Art, im Sinn einer Heimsuchung, die
-vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle drei Ehrensalven
-für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen.
-Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu
-einem Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger
-die Grottendecke des Sündenberges war.
-</p>
-
-<p>
-In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich
-gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das
-wissen wir, schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches
-Theater aus. In spröder Wirklichkeit traf ihn der Mentor beim
-<a id="page-623" class="pagenum" title="623"></a>
-Kofferpacken, – denn seit dem Augenblick seines Erwachens
-sah Hans Castorp sich in den Trubel und Strudel von wilder
-Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im Tale angerichtet.
-Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik.
-Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich
-kopfüber ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des
-gestürmten Zügleins belastend, ohne Gepäck, wenn es sein
-mußte, das in Stapelreihen die Steige des Bahnhofs bedeckte,
-– des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe brenzlige
-Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans
-stürzte mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich,
-er schloß ihn in seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer
-(oder auch wie ein Russe) auf beide Wangen, was
-unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig genierte.
-Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr
-Settembrini ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich
-„Giovanni“ nannte und dabei die im gesitteten Abendland
-übliche Form der Anrede dahin fahren und das Du walten
-ließ!
-</p>
-
-<p>
-„<span class="antiqua" lang="it">E così in giù</span>,“ sagte er, – „<span class="antiqua" lang="it">in giù finalmente! Addio,
-Giovanni mio!</span> Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht,
-aber sei es darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht
-anders. Zur Arbeit hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du
-kämpfen inmitten der Deinen. Mein Gott, dir war es zugedacht
-und nicht unserm Leutnant. Wie spielt das Leben ...
-Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann
-jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner
-Kräfte daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen,
-auf jener Seite, wohin der Geist und heiliger Eigennutz
-es weisen. <span class="antiqua" lang="it">Addio!</span>“
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-624" class="pagenum" title="624"></a>
-Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die
-den Rahmen des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin.
-Auch Herr Settembrini winkte mit der Rechten, während er
-mit der Ringfingerspitze der Linken zart einen Augenwinkel
-berührte.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der
-Traum? Dämmerung, Regen und Schmutz, Brandröte des
-trüben Himmels, der unaufhörlich von schwerem Donner
-brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem Singen,
-wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine
-Bahn mit Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet,
-von Stöhnen und Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten
-will, und Trommeltakt, der schleuniger, schleuniger treibt ...
-Dort ist ein Wald, aus dem sich farblose Schwärme ergießen,
-die laufen, fallen und springen. Dort zieht eine Hügelzeile sich
-vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich manchmal zu
-wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland,
-zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen
-Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht
-und grundlos, schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel
-hin, Baumstöcke ragen im kalten Regen, nackt und entzweigt ...
-Hier ist ein Wegweiser, – unnütz ihn zu befragen; Halbdunkel
-würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn das Schild nicht
-von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder West?
-Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue
-Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und
-keineswegs gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen,
-aber dahergeführt vom Geist der Erzählung, um von
-<a id="page-625" class="pagenum" title="625"></a>
-den grauen, laufenden, stürzenden, vorwärts getrommelten
-Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den wir
-kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen
-Sünder, dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal
-ins einfache Angesicht zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen
-verlieren.
-</p>
-
-<p>
-Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte
-letzten Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag
-gedauert hat, und das dem Wiedergewinn jener Hügelstellung
-und der dahinterliegenden brennenden Dörfer gilt, die vor
-zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein Regiment
-Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im
-Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der
-Bahn bis zum Morgen und marschierten im Regen bis zum
-Nachmittag auf schlimmen Wegen, – auf gar keinen Wegen,
-die Straßen waren verstopft, es ging durch Äcker und Moor,
-sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel, mit Sturmgepäck,
-und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht
-die Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt
-mit dem Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran
-aus dem quatschenden Grunde ziehen. So haben sie eine
-Stunde gebraucht, um über eine kleine Wiese zu kommen. Nun
-sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft, ihre erregten
-und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in Spannung
-gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf,
-der Nahrung nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten,
-vom Sturmband umrahmten Gesichter unter den grau bespannten,
-verschobenen Helmen glühen. Sie glühen von Anstrengung
-und von dem Anblick der Verluste, die sie beim Zuge
-durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind,
-<a id="page-626" class="pagenum" title="626"></a>
-ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und
-großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch
-den Wald splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend,
-spritzend und flammend das weite Sturzackerland peitscht.
-</p>
-
-<p>
-Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie
-müssen als Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf
-die Gräben vor und hinter der Hügelzeile, auf die brennenden
-Dörfer entscheiden und helfen, ihn vorzutragen bis zu einem
-bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem Befehl, den ihr
-Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend, damit sie
-noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den Dörfern
-anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein
-Körper, darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln
-und siegen, den Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra
-begrüßen zu können, – ungeachtet derer, die sich vereinzelten,
-indem sie ausfielen. Manch einer schon hat sich vereinzelt, fiel
-aus beim Gewaltmarsch, für den er sich als zu jung und zart erwies.
-Er wurde blasser und wankte, forderte verbissen Mannheit
-von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte sich
-noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte
-überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut
-war. Und dann war der splitternde Wald gekommen. Aber
-der Hervorschwärmenden sind immer noch viele; dreitausend
-können einen Aderlaß aushalten und sind auch dann noch ein
-wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser gepeitschtes
-Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten
-Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter
-ihnen. Am Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt,
-mit gedrillten Griffen, das Zink ruft dringend, die
-Trommel klopft und rollt im tieferen Donner, und vorwärts
-<a id="page-627" class="pagenum" title="627"></a>
-stürzen sie, wie es gehen will, mit sprödem Schreien und qualtraumschwer
-die Füße, da die Ackerklüten sich bleiern an ihre
-plumpen Stiefel hängen.
-</p>
-
-<p>
-Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um
-wieder aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem
-Mutgeschrei, weil es sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen,
-sie fallen, mit den Armen fechtend, in die Stirn, in das
-Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen, die Gesichter im Kot,
-und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken vom Tornister
-gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und
-greifen krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald
-sendet neue, die sich hinwerfen und springen und schreiend oder
-stumm zwischen den Ausgefallenen vorwärts stolpern.
-</p>
-
-<p>
-Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren,
-seinen verschmutzten Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich
-humanistisch-schönseliger Weise auch andere Bilder erträumen
-in seiner Betrachtung. Man könnte es sich denken: Rosse regend
-und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der Geliebten am
-Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut,
-auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß
-unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß
-es das freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem
-Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende
-Sache für sich, sollte jedoch kein Grund sein, es in die
-Lage zu bringen.
-</p>
-
-<p>
-Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz
-von weitem haben wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er
-sich am Schlechten Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt,
-wie alle. Er läuft mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr
-in hängender Faust. Seht, er tritt einem ausgefallenen
-<a id="page-628" class="pagenum" title="628"></a>
-Kameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit seinem Nagelstiefel
-tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen bedeckten
-Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man
-in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu
-wissen, so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für
-sich zu singen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Ich schnitt in seine Rinde</p>
- <p class="verse">So manches liebe Wort –“.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund
-anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut
-des Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die
-Beine gespreizt, die Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das
-Produkt einer verwilderten Wissenschaft, geladen mit dem
-Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg vor ihm wie der
-Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten mit gräßlicher
-Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen
-von Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum
-in die Lüfte empor. Denn dort lagen zwei, – es waren
-Freunde, sie hatten sich zusammengelegt in der Not: nun sind
-sie vermengt und verschwunden.
-</p>
-
-<p>
-O Scham unserer Schattensicherheit! Hinweg! Wir erzählen
-das nicht! Ist unser Bekannter getroffen? Er meinte einen
-Augenblick, es zu sein. Ein großer Erdklumpen fuhr ihm gegen
-das Schienbein, das tat wohl weh, ist aber lächerlich. Er macht
-sich auf, er taumelt hinkend weiter mit erdschweren Füßen, bewußtlos
-singend:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">„Und sei–ne Zweige rau–uschten,</p>
- <p class="verse">Als rie–fen sie mir zu –“.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt
-er uns aus den Augen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-629" class="pagenum" title="629"></a>
-Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind!
-Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt;
-sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische
-Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht
-deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine
-Geschichte; da sie dir zustieß, mußtest du’s irgend wohl hinter
-den Ohren haben, und wir verleugnen nicht die pädagogische
-Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich gefaßt, und die
-uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den Augenwinkel
-zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen
-noch hören werden in Zukunft.
-</p>
-
-<p>
-Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten
-sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen
-bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten
-nicht hoch wetten, daß du davonkommst. Ehrlich gestanden,
-lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer
-im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, ließen
-dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben
-sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht
-ahnungsvoll und regierungsweise ein Traum von Liebe
-erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus
-der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel
-entzündet, einmal die Liebe steigen?
-</p>
-
-<p class="end">
-<span class="antiqua" lang="la">FINIS OPERIS</span>
-</p>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="note">
-Von den Gesammelten Werken wurden 150 Exemplare auf
-Hadern-Velin-Papier abgezogen, numeriert und vom Verfasser
-signiert. Diese Exemplare werden nur in Subskription auf
-das Gesamtwerk abgegeben.
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="frontmatter chapter">
-<p class="printer">
-Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="trnote chapter">
-<p class="transnote">
-Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-
-<p>
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-Die Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht.
-Weitere Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen,
-sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-
-
-<ul>
-
-<li>
-... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt <span class="underline">einem</span> ja ...<br />
-... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt <a href="#corr-0"><span class="underline">einen</span></a> ja ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte <span class="underline">gut und</span> ...<br />
-... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte <a href="#corr-2"><span class="underline">gut</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Reizwucherung <span class="underline">derselben</span> aufzufassen, während der andere, als ...<br />
-... Reizwucherung <a href="#corr-6"><span class="underline">desselben</span></a> aufzufassen, während der andere, als ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der <span class="underline">fliegenden</span> ...<br />
-... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der <a href="#corr-8"><span class="underline">fliehenden</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Naphta bei <span class="underline">Ihnen</span> voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, ohne ...<br />
-... Naphta bei <a href="#corr-9"><span class="underline">ihnen</span></a> voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, ohne ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... unvergleichlich <span class="underline">höherem Ehrenstand</span>. Bernhard von Clairvaux ...<br />
-... unvergleichlich <a href="#corr-11"><span class="underline">höheren Ehren stand</span></a>. Bernhard von Clairvaux ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dem Tode zu tun bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch ...<br />
-... dem Tode zu tun <a href="#corr-13"><span class="underline">zu </span></a>bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Daß seine Seele das Geld ist, ficht <span class="underline">sie</span> offenbar nicht an. Oder ...<br />
-... Daß seine Seele das Geld ist, ficht <a href="#corr-21"><span class="underline">Sie</span></a> offenbar nicht an. Oder ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wie er da in dem Loch <span class="underline">mir</span> all seiner Seide ...“ ...<br />
-... wie er da in dem Loch <a href="#corr-26"><span class="underline">mit</span></a> all seiner Seide ...“ ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sprachen <span class="underline">Sie</span> wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ...<br />
-... sprachen <a href="#corr-30"><span class="underline">sie</span></a> wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">es</span> töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit ...<br />
-... <a href="#corr-33"><span class="underline">sie</span></a> töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... übertrieben, es komme <span class="underline">den</span> Kranken gar nicht zu und sei insofern ...<br />
-... übertrieben, es komme <a href="#corr-37"><span class="underline">dem</span></a> Kranken gar nicht zu und sei insofern ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sei; und zu glauben, für <span class="underline">diesen</span> bedeute die Halluzination ein ...<br />
-... sei; und zu glauben, für <a href="#corr-38"><span class="underline">diese</span></a> bedeute die Halluzination ein ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und fast löbliche Selbstentäußerung sich <span class="underline">kundtut</span>, ...<br />
-... und fast löbliche Selbstentäußerung sich <a href="#corr-39"><span class="underline">kundtat</span></a>, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... als das Nichtatmen <span class="underline">der</span> Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ...<br />
-... als das Nichtatmen <a href="#corr-41"><span class="underline">den</span></a> Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung <span class="underline">darin</span> bestand, ...<br />
-... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung <a href="#corr-47"><span class="underline">daran</span></a> bestand, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... binnen Halbjahrsfrist zu <span class="underline">erwartender</span> Wiederkehr. ...<br />
-... binnen Halbjahrsfrist zu <a href="#corr-51"><span class="underline">erwartende</span></a> Wiederkehr. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor <span class="underline">ihr</span> Schweigen ...<br />
-... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor <a href="#corr-56"><span class="underline">Ihr</span></a> Schweigen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Großmeisters, <span class="underline">Bruders</span> Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten ...<br />
-... Großmeisters, <a href="#corr-57"><span class="underline">Bruder</span></a> Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... es Hans Castorp, der <span class="underline">den</span> Regungs- und Hauchlosen mit der ...<br />
-... es Hans Castorp, der <a href="#corr-64"><span class="underline">dem</span></a> Regungs- und Hauchlosen mit der ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel <span class="underline">ihm</span> an: ...<br />
-... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel <a href="#corr-67"><span class="underline">ihn</span></a> an: ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... seiner Erscheinung<span class="underline"> nicht,</span> ohne die Aufforderung an sein Herz, sich ...<br />
-... seiner Erscheinung<a href="#corr-71"><span class="underline">, nicht</span></a> ohne die Aufforderung an sein Herz, sich ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und <span class="underline">wieder</span> ging; und ...<br />
-... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und <a href="#corr-77"><span class="underline">wider</span></a> ging; und ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er <span class="underline">sie</span> fördern? ...<br />
-... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er <a href="#corr-79"><span class="underline">Sie</span></a> fördern? ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... denn wenn <span class="underline">jener</span> böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, ...<br />
-... denn wenn <a href="#corr-80"><span class="underline">jenes</span></a> böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ganz <span class="underline">groß</span> und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und Ehrenraptus, ...<br />
-... ganz <a href="#corr-81"><span class="underline">grob</span></a> und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und Ehrenraptus, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurück<span class="underline">dämmernder</span> ...<br />
-... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurück<a href="#corr-88"><span class="underline">dämmender</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von <span class="underline">der</span> die erste einen ...<br />
-... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von <a href="#corr-92"><span class="underline">denen</span></a> die erste einen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Denker, denn <span class="underline">wem</span> immer <span class="underline">ihn</span> an der Brust zu ergreifen ...<br />
-... Denker, denn <a href="#corr-93"><span class="underline">wen</span></a> immer <a href="#corr-94"><span class="underline">ihm</span></a> an der Brust zu ergreifen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen <span class="underline">natürlichem</span> Umfang ...<br />
-... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen <a href="#corr-97"><span class="underline">natürlichen</span></a> Umfang ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... dieses gestutzten <span class="underline">kleines</span> Sarges aus Geigenholz, ...<br />
-... dieses gestutzten <a href="#corr-98"><span class="underline">kleinen</span></a> Sarges aus Geigenholz, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Die Entrüstung <span class="underline">des</span> Amneris über diese pfäffische Härte ...<br />
-... Die Entrüstung <a href="#corr-100"><span class="underline">der</span></a> Amneris über diese pfäffische Härte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... galt, mochte seinem <span class="underline">pädagogischem</span> Sinn wohl als ...<br />
-... galt, mochte seinem <a href="#corr-103"><span class="underline">pädagogischen</span></a> Sinn wohl als ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-<span class="underline">weichen</span> ...<br />
-... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-<a href="#corr-105"><span class="underline">weichem</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... in sonderbarer Gedankenflucht vom <span class="underline">heimatliche</span> Meere auf ...<br />
-... in sonderbarer Gedankenflucht vom <a href="#corr-106"><span class="underline">heimatlichen</span></a> Meere auf ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in <span class="underline">einem</span> ...<br />
-... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in <a href="#corr-108"><span class="underline">einen</span></a> ...<br />
-</li>
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-<li>
-... fügte er mit nur einmal anschlagendem <span class="underline">exotischen</span> Zungen-r ...<br />
-... fügte er mit nur einmal anschlagendem <a href="#corr-112"><span class="underline">exotischem</span></a> Zungen-r ...<br />
-</li>
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-<li>
-... Herrn Wehsal, der auf <span class="underline">ihm</span> folgte. Neben dem Doktor saßen ...<br />
-... Herrn Wehsal, der auf <a href="#corr-115"><span class="underline">ihn</span></a> folgte. Neben dem Doktor saßen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit <span class="underline">her</span> gesessen, ...<br />
-... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit <a href="#corr-118"><span class="underline">hier</span></a> gesessen, ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... 18. Juni 19.., <span class="underline">das</span> zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ...<br />
-... 18. Juni 19.., <a href="#corr-119"><span class="underline">die</span></a> zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... häufig genug die Grenze <span class="underline">der</span> geistig Gesunden überschritten. ...<br />
-... häufig genug die Grenze <a href="#corr-123"><span class="underline">des</span></a> geistig Gesunden überschritten. ...<br />
-</li>
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-<li>
-... Wir <span class="underline">hatten</span> Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ...<br />
-... Wir <a href="#corr-124"><span class="underline">hätten</span></a> Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-<div style='display:block; margin-top:4em'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG ***</div>
-<div style='text-align:left'>
-
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-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg&#8482;
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
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-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-goals and ensuring that the Project Gutenberg&#8482; collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg&#8482; and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org.
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation&#8217;s EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state&#8217;s laws.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation&#8217;s business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation&#8217;s website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; depends upon and cannot survive without widespread
-public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state
-visit <a href="https://www.gutenberg.org/donate/">www.gutenberg.org/donate</a>.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-</div>
-
-<div style='display:block; font-size:1.1em; margin:1em 0; font-weight:bold'>
-Section 5. General Information About Project Gutenberg&#8482; electronic works
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg&#8482; concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg&#8482; eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-</div>
-
-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Project Gutenberg&#8482; eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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-</div>
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-<div style='display:block; margin:1em 0'>
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: <a href="https://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>.
-</div>
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