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If you are not located in the United States, you -will have to check the laws of the country where you are located before -using this eBook. - -Title: Der Zauberberg - Zweiter Band - -Author: Thomas Mann - -Release Date: June 21, 2021 [eBook #65662] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -Produced by: Jens Sadowski and the Online Distributed Proofreading Team at - https://www.pgdp.net - -*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG *** - - Thomas Mann - - Gesammelte Werke - - - 1924 - S. Fischer / Verlag / Berlin - - Thomas Mann - - - - - Der Zauberberg - - - Roman - - Zweiter Band - - - 1924 - S. Fischer / Verlag / Berlin - - - Erste bis zehnte Auflage - Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung - Copyright 1924 by S. Fischer, Verlag, A.-G., Berlin - - - - - Der Zauberberg - - - - - Sechstes Kapitel - - - Veränderungen - -Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig. Eine -Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt -dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, -wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur! -Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide -identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale -Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt -ist nicht damals, hier nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung. -Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich -selber beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man -fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; denn das -Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier. Da ferner -eine endliche Zeit und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten -Anstrengung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich -entschlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der -Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas -besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und Unendlichen -die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten und Endlichen, -seine verhältnismäßige Reduzierung auf null? Ist im Ewigen ein -Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen -sich mit den Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie -Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter -Körper im All? Das frage du nur immerhin! - -Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich bei seiner -Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und Quengeleien sich -aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme, aber gewaltige Lust, -die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders dafür geschärft und zum -Querulieren dreist gemacht worden war. Er fragte sich selbst danach und -den guten Joachim und das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal, -obgleich er ja von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort -ähnliches zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am -wenigsten. Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil er -keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur Teilnahme daran -fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans Castorp es eines Abends auf -französisch gesagt hatte, an nichts dachte als daran, im Flachlande -Soldat zu sein und mit der bald sich nähernden, bald foppend wieder ins -Weite schwindenden Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten -Kampfe lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings -geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz auf -Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen -Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“, jenes -Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium drunten, oder dem „Labor“, -wie man gewöhnlich sagte, der Grad erkundet und bezeichnet wurde, in -welchem ein Patient mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz -vereinzelt oder unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe -sich vorfanden, das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf diese -eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die -Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; die Zahl der -Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu verweilen haben, war -unschwer danach zu bestimmen, angefangen von der halbjährigen -Stippvisite bis hinauf zu dem Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich -genommen oft genug nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die -Gaffky-Skala denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer -Autorität den Glauben, – nicht _ganz_ offen, nicht gerade gegen die -Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. „Ich habe es -satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“, sagte er laut, und -das Blut stieg ihm in das tief gebräunte Gesicht. „Vor vierzehn Tagen -hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, die besten Aussichten, und heute -Nr. 9, bevölkert geradezu, von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll -doch der Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht -zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer -Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein Agent hat ihn -hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend bei ihm, -jeden Tag kann man den Exitus erwarten, aber nie im Leben hat der Mann -Bazillen im Sputum gehabt. Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der -gesund abging, als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so -gewimmelt hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine -Kaverne gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache Schluß, ich -reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So Joachim; und alle waren -schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten jungen Menschen in solchem -Aufruhr zu sehen. Hans Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung, -er werde alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse -Äußerungen zu denken, die er auf französisch von dritter Seite -vernommen. Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene -Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim wirklich -ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern sich in Demut zu -schicken und sich ein Beispiel an der Treue zu nehmen, mit welcher sie, -Karoline, hier oben ausharre und es sich willenszäh versage, in ihrem -Heim zu Cannstatt als Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst -ihrem Mann ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person -zurückzuerstatten? Nein, das mochte Hans Castorp denn doch nicht, zumal -er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes Gewissen hatte, – -das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie -nicht sprachen, wovon Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat, -Desertion und Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar -runder brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein -Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausgesetzt war, -vor denen er aber streng und anständig seine Augen auf den Teller -niederschlug ... Ja, noch in dem stillen Widerstreben, mit dem Joachim -seinen Spekulationen und Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte -Hans Castorp etwas von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen -Vorwurf für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das -dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von seinem -vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen Fragen -richtete, so standen seine Zinken, Kuppen, Wandlinien und -braun-grün-rötlichen Wälder schweigend in der Zeit, umwoben von still -fließender Erdenzeit bald leuchtend im tiefen Himmelsblau, bald -qualmverhüllt, bald rötlich angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne, -bald diamanthart glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee, -seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten, und -alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht mehr sehen, er widere -sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen in dieser Richtung genügt, -aber nun Schneemassen tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster, -Schneehänge, das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt. -Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl auch um -die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz. - -Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit sieben! Die Zeit -schreitet fort, während wir erzählen, – _unsere_ Zeit, die wir dieser -Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene Zeit Hans Castorps und -seiner Schicksalsgenossen dort oben im Schnee, und sie zeitigt -Veränderungen. Alles war auf dem besten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans -Castorp es am Faschingstage auf dem Heimwege von „Platz“ zum Zorne Herrn -Settembrinis mit raschen Worten vorweggenommen hatte: nicht gerade, daß -schon die Sonnenwende in unmittelbarer Aussicht gewesen wäre, aber -Ostern war durch das weiße Tal gezogen, der April schritt vor, der Blick -auf Pfingsten war frei, bald würde der Frühling anbrechen, die -Schneeschmelze, – nicht aller Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern -im Süden, in den Felsschründen der Rätikonkette im Norden blieb immerdar -welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermonatlich -einfallen, aber nicht liegen bleiben würde; doch unbedingt verhieß die -Umwälzung des Jahres entscheidende Neuerungen binnen kurzem, denn seit -jener Fastnacht, in der Hans Castorp sich von Frau Chauchat einen -Bleistift geliehen, ihr später denselben auch wieder zurückgegeben und -auf Wunsch etwas anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe, -die er in der Tasche trug, waren nun schon sechs Wochen verflossen, – -doppelt so viele, als Hans Castorp ursprünglich hatte hier oben bleiben -wollen. - -Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans Castorp die -Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte und dann so viel später -auf sein Zimmer zurückgekehrt war, als der dienstfromme Joachim auf das -seine; sechs Wochen seit dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise -gebracht hatte, ihre Abreise für diesmal, ihre _vorläufige_ Abreise nach -Daghestan, ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese Abreise -vorläufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle, daß Frau -Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, – unbestimmt wann, aber daß sie -einmal wiederkommen wolle oder auch müsse, des besaß Hans Castorp -Versicherungen, direkte und mündliche, die nicht in dem mitgeteilten -fremdsprachigen Dialog gefallen waren, sondern folglich in die -unsererseits wortlose Zwischenzeit, während welcher wir den -zeitgebundenen Fluß unserer Erzählung unterbrochen und nur sie, die -reine Zeit, haben walten lassen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene -Versicherungen und tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34 -zurückgekehrt war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort mehr mit -Frau Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal von weitem -gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem Tuchrock und weißer -Wolljacke, unter dem Schmettern der Glastür und lieblich schleichend -noch einmal zu Tische gegangen war, wobei ihm das Herz im Halse -geschlagen und nur die scharfe Bewachung, die Fräulein Engelhart ihm -zugewandt, ihn gehindert hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken; -– und dann nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich -beigewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus, das den Blick -auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte. - -Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn während seines -Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich hatte abspielen sehen: der -Schlitten oder Wagen hielt an der Rampe, Kutscher und Hausknecht -schnürten die Koffer auf, Sanatoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen -oder nicht, um zu leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland -antrat, oder auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis -auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal; ein Herr im -Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar die Ärzte stellten sich -ein, und dann kam der Abreisende heraus, – strahlenden Angesichtes meist -und huldvoll die neugierig Umstehenden und Zurückbleibenden grüßend, -mächtig belebt für den Augenblick durch das Abenteuer ... Diesmal nun -war es Frau Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd, den Arm -voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem Reisemantel und -großem Hut, begleitet von Herrn Buligin, ihrem konkaven Landsmann, der -ein Stück Weges mit ihr reiste. Auch sie schien freudig erregt, wie -jeder Abreisende es war, – nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig -davon, ob man mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus -verzweifeltem Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen -den Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte -beständig, wahrscheinlich auf russisch, während man ihre Knie mit einer -Pelzdecke umwickelte ... Nicht nur Frau Chauchats Landsleute und -Tischgenossen, sondern auch zahlreiche andere Gäste waren zur Stelle -gewesen, Dr. Krokowski hatte kernig lächelnd seine gelben Zähne im Barte -gezeigt, noch mehr Blumen hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt, -„Konfäktchen“, wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische Marmelade, -gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der Mannheimer, – dieser -in einiger Entfernung, trübe spähend, und seine leidvollen Augen waren -am Hause emporgeglitten, wo sie Hans Castorp am Korridorfenster gewahrt -und trübe auf ihm verweilt hatten ... Hofrat Behrens hatte sich nicht -gezeigt; offenbar hatte er sich von der Reisenden schon bei anderer, -privater Gelegenheit verabschiedet ... Dann hatten unter dem Winken und -Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch Frau Chauchats -schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbewegung des Schlittens -ein Zurücksinken ihres Oberkörpers gegen das Polster bewirkt hatte, noch -einmal lächelnd die Front des Berghof-Hauses überflogen und während des -Bruchteils einer Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt ... Bleich -war der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine Loggia, um den -Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen, der mit Geklingel die -Anfahrtstraße hinab gegen „Dorf“ hingeglitten war, hatte sich dann in -seinen Stuhl geworfen und aus der Brusttasche die Erinnerungsgabe -gezogen, das Pfand, das diesmal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln, -sondern in einem dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand, die -man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu finden, – Clawdias -Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber das zarte Gebein ihres -Oberkörpers, von den weichen Formen des Fleisches licht und geisterhaft -umgeben, nebst den Organen der Brusthöhle erkennen ließ ... - -Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in der Zeit, -die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung gezeitigt hatte! -Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier oben in räumlich weiter -Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte sie gezeitigt, und zwar geschwinder, -als man hätte denken sollen: die hiesige Zeit war ja besonders danach -geartet und außerdem zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen, -wenn auch nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der -klirrende Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war nicht -mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in ungeheuerer -Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen, – eine -Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit auf ähnliche Art -vermengt und verbunden war wie die Zeit mit den Körpern im Raum: -vielleicht _war_ das ihre Krankheit, und nichts weiter ... Aber war sie -unsichtbar-abwesend, so war sie doch zugleich auch unsichtbar-anwesend -für Hans Castorps Sinn, – der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in -ausschreitungsvoll süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein -friedliches kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen -hatte, und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun Monaten -so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug. - -In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder Sprache und in der -angeborenen so manches Ausschreitungsvolle halb unbewußt und halb -erstickt gestammelt: Vorschläge, Anerbietungen, tolle Entwürfe und -Willensvorsätze, denen alle Billigung mit Fug und Recht versagt -geblieben war, – so, daß er den Genius über den Kaukasus begleiten, ihm -nachreisen, ihn an dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich -zum nächsten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals -mehr von ihm zu trennen, und andere Unverantwortlichkeiten mehr. Was der -schlichte junge Mann mitgenommen hatte aus dieser Stunde tiefen -Abenteuers, war eben nur das Schattenpfand gewesen und die dem Range des -Wahrscheinlichen sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem -vierten Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später, wie -die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde. Aber ob früher oder -später, – Hans Castorp, so hatte es auch beim Abschied wieder geheißen, -werde dann unbedingt „längst weit fort“ sein; und der geringschätzige -Sinn dieser Prophezeiung wäre noch schwerer erträglich gewesen, wenn man -nicht hätte bedenken können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden, -damit sie eintreten, sondern damit sie _nicht_ eintreten, gleichsam im -Sinn der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen die Zukunft, indem -sie ihr sagen, wie sie sich gestalten werde, damit sie sich schäme, sich -wirklich so zu gestalten. Und wenn der Genius ihn, Hans Castorp, im -Laufe des mitgeteilten Gesprächs und außerhalb seiner einen „_joli -bourgeois au petit endroit humide_“ genannt hatte, was etwas wie die -Übersetzung der Redensart Settembrinis vom „Sorgenkind des Lebens“ -gewesen war, so fragte es sich eben, welcher Bestandteil dieser -Wesensmischung sich als stärker erweisen würde: der bourgeois oder das -andere ... Auch hatte der Genius nicht in Betracht gezogen, daß er -selbst ja verschiedentlich abgereist und wiedergekommen war, und daß -auch Hans Castorp im rechten Augenblick würde wiederkommen können, – -obgleich er ja freilich überhaupt nur deshalb noch immer hier oben saß, -damit er _nicht_ wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie bei -so vielen, der Sinn seines Verweilens. - -_Eine_ spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war eingetroffen: Hans -Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, in steiler Zacke, die -er mit einem Gefühl von Festlichkeit eingezeichnet, war seine Kurve -damals emporgestiegen und, nach einigem Absinken, als Hochplateau -fortgelaufen, das sich, nur leicht gewellt, dauernd über der Ebene des -bisher Gewohnten hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und -Hartnäckigkeit nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund in keinem -rechten Verhältnis stand. „Sind eben doch vergifteter, als man Ihnen -zutrauen sollte, Freundchen“, sagte er. „Na, greifen wir mal zu den -Injektionen! Das wird Ihnen anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie -wie der Fisch im Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht.“ So kam -es, daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch und Sonnabend -gleich nach der Morgenmotion, sich im „Labor“ drunten einzufinden hatte, -um seine Einspritzung entgegenzunehmen. - -Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald jener, aber -der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, indem er beim Einstich -zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte er sich nicht um die Stelle, wohin -er stach, so daß der Schmerz zuweilen des Teufels war und der Punkt noch -lange brennend verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark -angreifend auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie -eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr -innewohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmittelbar, -für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: so hatte der Hofrat es -vorausgesagt, und so geschah es denn auch, gesetzmäßig und ohne daß es -an der vorausgesagten Erscheinung etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur -war rasch abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen -hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des Schenkels oder -Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat sich eben aufgelegt und vom -Tabak nicht getrübt zeigte, kam es anläßlich der Injektion doch zu einem -kleinen Gespräch mit ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken -wußte: - -„Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde damals bei -Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, wie sich das zufällig so -machte. Gerade noch gestern, oder ist es schon etwas länger her, habe -ich meinen Vetter daran erinnert ...“ - -„Gaffky sieben“, sagte der Hofrat. „Letztes Ergebnis. Der Junge will und -will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei hat er mich noch nie so -getirrt und geplagt wie neuerdings, daß er weg will und einen -Schleppsäbel haben, der Kindskopf. Zetert mir über seine fünf -Vierteljährchen vor, als ob es Äonen wären, die er sich um die Ohren -geschlagen. Weg will er, so oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie -sollten ihm mal ins Gewissen reden, von Ihnen aus, und das mit -Nachdruck! Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig -Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser -braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der Gesetztere, -der Zivilist, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten ihm den Kopf -zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.“ - -„Tu ich, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp, ohne die Führung fahren -zu lassen. „Tu ich öfters, wenn er so aufmuckt, und denke ja auch, er -wird Räson annehmen. Aber die Beispiele, die man vor Augen hat, sind ja -nicht immer die besten, das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen -vor, – Abreisen ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis, -aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und hat -was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel neulich ... -wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame, vom Guten Russentisch, -Madame Chauchat. Nach Daghestan, wie erzählt wurde. Nun, Daghestan, ich -kenne das Klima nicht, es ist am Ende weniger ungünstig als oben am -Wasser. Aber Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht -auch gebirgig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so -beschlagen. Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo die -Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung hier oben weiß und -wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? Übrigens will sie ja -ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich mitgeteilt, – wie kamen -wir überhaupt auf sie? – Ja, damals trafen wir Sie im Garten, Herr -Hofrat, wenn Sie sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen -auf einer Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt’ ich sie Ihnen -bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich rauchte, -denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. Und Sie rauchten -auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig noch unsere Marken, wie -mir eben wieder einfällt, – Ihre Brasil hat mir ausgezeichnet -geschmeckt, aber man muß damit umgehen wie mit jungen Pferden, glaub -ich, sonst stößt einem was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen -Importen, als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es gut -gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini hab ich mir übrigens -neulich wieder einmal ein paar hundert Stück aus Bremen verschrieben, -ich hänge doch sehr an dem Erzeugnis, es ist mir nach jeder Richtung -sympathisch. Nur allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist -ziemlich empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches -zulegen, Herr Hofrat, so bin ich imstande und bekehre mich schließlich -zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den Fenstern ganz schöne Sachen. -Und dann durften wir Ihre Bilder sehen, ich weiß es wie heute und hatte -den größten Genuß davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der -Ölfarbe riskieren, ich würd es mich nie unterstehen. Da sahen wir ja -auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig gemalten Haut, – ich -darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte ich das Modell noch -nicht, nur vom Ansehen, dem Namen nach. Seitdem, ganz kurz vor ihrer -diesmaligen Abreise, habe ich sie ja noch persönlich kennen gelernt.“ - -„Was Sie sagen!“ erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die Rückbeziehung -erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp ihm vor seiner -ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens auch etwas Fieber habe. -Und weiter sagte er nichts. - -„Doch, ja, das habe ich“, bestätigte Hans Castorp. „Erfahrungsgemäß ist -es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften zu machen, aber mit -Frau Chauchat und mir hat es sich in letzter Stunde doch noch getroffen -und arrangiert, gesprächsweise sind wir uns ...“ Hans Castorp zog die -Luft durch die Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. „Fff!“ machte -er rückwärts. „Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den Sie da -zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es schmerzt -höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die Sache ... -Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen.“ - -„So! – Na?“ machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend, mit jemandes -Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet und in die Frage zugleich -die Bestätigung des zu erwartenden Lobes aus eigener Erfahrung legt. - -„Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas gehapert hat“, wich -Hans Castorp aus. „Woher soll ichs am Ende auch haben. Aber im rechten -Augenblick fliegt einen ja manches an, und so ging es denn mit der -Verständigung doch ganz leidlich.“ - -„Glaub’ ich. Na?“ wiederholte der Hofrat seine Aufforderung. Von sich -aus fügte er hinzu: „Niedlich, was?“ - -Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit gespreizten Beinen und -Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt. - -„Es ist am Ende nichts Neues“, sagte er. „An einem Badeort leben zwei -Personen oder auch Familien wochenlang unter demselben Dach, in Distanz. -Eines Tages machen sie Bekanntschaft, finden aufrichtiges Gefallen -aneinander, und zugleich stellt sich heraus, daß der eine Teil im -Begriffe ist, abzureisen. So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir -denken. Und da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im Leben, -voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau Chauchat ...“ - -„Tja, die will wohl nicht?“ lachte der Hofrat gemütlich. - -„Nein, sie wollte nichts davon wissen. Schreibt sie Ihnen denn auch nie -zwischendurch, von ihren Aufenthaltsorten?“ - -„I, Gott bewahre“, antwortete Behrens. „Das fällt doch der nicht ein. -Erstens aus Faulheit nicht, und dann, wie soll sie denn schreiben? -Russisch kann ich nicht lesen, – ich kauderwelsche es wohl mal, wenn Not -an den Mann kommt, aber lesen kann ich kein Wort. Und Sie doch auch -nicht. Na, und Französisch oder auch Neuhochdeutsch miaut das Kätzchen -ja allerliebst, aber schreiben, – da käme sie in die größte -Verlegenheit. Die Orthographie, lieber Freund! Nein, da müssen wir uns -schon trösten, mein Junge. Sie kommt ja immer mal wieder, von Zeit zu -Zeit. Frage der Technik, Temperamentssache, wie gesagt. Der eine hält -dann und wann Abreise und muß immer wiederkommen, und der andere bleibt -gleich so lange, daß er nie wiederzukommen braucht. Wenn Ihr Vetter -jetzt abreist, das sagen Sie ihm nur, so kann es leicht sein, daß Sie -seinen solennen Wiedereinzug noch hier erleben.“ - -„Aber Herr Hofrat, wie lange meinen Sie denn, daß ich ...“ - -„Daß Sie? Daß er! Daß er nicht so lange untenbleiben wird, wie er hier -oben war. Das meine ich für meine treuherzige Person, und das ist mein -Auftrag an Sie für ihn, wenn Sie so freundlich sein wollen.“ - -Ähnlich mochte wohl so ein Gespräch verlaufen, pfiffig gelenkt von Hans -Castorp, wenn das Ergebnis auch nichtig bis zweideutig gewesen war. Denn -was das betraf, wie lange man bleiben müsse, um die Wiederkehr eines vor -der Zeit Abgereisten zu erleben, war es zweideutig gewesen, in Hinsicht -auf die Entschwundene aber gleich null. Hans Castorp würde nichts von -ihr hören, solange das Geheimnis von Raum und Zeit sie trennte; sie -würde nicht schreiben, und auch ihm würde keine Gelegenheit gegeben -sein, es zu tun ... Warum denn auch übrigens, hätte es sich anders -verhalten sollen, wenn er es wohl überlegte? War es nicht eine recht -bürgerliche und pedantische Vorstellung von ihm gewesen, daß sie -einander schreiben müßten, während ihm doch ehemals zumute gewesen war, -als sei es nicht einmal nötig oder nur wünschenswert, daß sie -miteinander _sprächen_? Und hatte er denn auch etwa mit ihr -„gesprochen“, im Sinne des gebildeten Abendlandes, an ihrer Seite am -Faschingsabend, oder nicht vielmehr fremdsprachig im Traum geredet, auf -wenig zivilisierte Weise? Wozu denn also nun schreiben, auf Briefpapier -oder Ansichtskarten, wie er sie manchmal nach Hause ins Flachland -richtete, um über die Schwankungen der Untersuchungsergebnisse zu -berichten? Hatte Clawdia nicht recht, sich vom Schreiben entbunden zu -fühlen, kraft der Freiheit, welche die Krankheit ihr gab? Sprechen, -schreiben, – eine hervorragend humanistisch-republikanische -Angelegenheit in der Tat, Angelegenheit des Herrn Brunetto Latini, der -das Buch von den Tugenden und Lastern schrieb und den Florentinern -Schliff gab, sie das Sprechen lehrte und die Kunst, ihre Republik nach -den Regeln der Politik zu lenken ... - -Damit fielen Hans Castorps Gedanken denn auf Lodovico Settembrini, und -er errötete, wie er damals errötet war, als der Schriftsteller -unvermutet sein Krankenzimmer betreten hatte, unter plötzlicher -Erleuchtung desselben. An Herrn Settembrini hätte Hans Castorp ja -ebenfalls seine Fragen, die übersinnlichen Rätsel betreffend, richten -können, wenn auch nur im Sinne der Herausforderung und der Quengelei, -nicht in der Erwartung, von dem Humanisten, dessen Trachten den -irdischen Lebensinteressen galt, Antwort darauf zu erhalten. Aber seit -der Faschingsgeselligkeit und Settembrinis bewegtem Abgang aus dem -Klaviersalon waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener eine -Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des einen, sowie auf die -tiefe pädagogische Verstimmung des andern zurückzuführen war und dahin -wirkte, daß sie einander mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen -gewechselt wurde. War Hans Castorp noch ein „Sorgenkind des Lebens“ in -Herrn Settembrinis Augen? Nein, er war wohl ein Aufgegebener in den -Augen dessen, der die Moral in der Vernunft und der Tugend suchte ... -Und Hans Castorp verstockte sich gegen Herrn Settembrini, er zog die -Brauen zusammen und warf die Lippen auf, wenn sie einander begegneten, -während Herrn Settembrinis schwarz glänzender Blick mit schweigendem -Vorwurf auf ihm ruhte. Dennoch löste diese Verstocktheit sich sofort, -als der Literat nach Wochen, wie gesagt, zum erstenmal wieder das Wort -an ihn richtete, wenn auch nur im Vorüberstreifen und in Form -mythologischer Anspielungen, zu deren Verständnis abendländische Bildung -gehörte. Es war nach dem Diner; sie trafen in der nicht mehr zufallenden -Glastür zusammen. Settembrini sagte, den jungen Mann überholend und von -vornherein im Begriff, sich gleich wieder von ihm zu lösen: - -„Nun, Ingenieur, wie hat der Granatapfel gemundet?“ - -Hans Castorp lächelte erfreut und verwirrt. - -„Das heißt ... Wie meinen Sie, Herr Settembrini? Granatapfel? Es gab -doch keine? Ich habe nie im Leben ... Doch, einmal habe ich -Granatapfelsaft mit Selters getrunken. Es schmeckte zu süßlich.“ - -Der Italiener, schon vorüber, wandte den Kopf zurück und artikulierte: - -„Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich besucht und den -Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen wissen, daß, wer von den -Früchten ihres Reiches kostet, ihnen verfallen bleibt.“ - -Und er ging weiter, in seinen ewig hell gewürfelten Hosen, und ließ im -Rücken Hans Castorp, der „durchbohrt“ sein sollte von so viel Bedeutung -und es gewissermaßen auch war, obgleich er, ärgerlich erheitert über die -Zumutung, es zu sein, vor sich hin murmelte: - -„Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!“ - -Gleichwohl war er sehr glücklich bewegt über diese erste Anrede; denn -trotz der Trophäe, dem makabren Angebinde, das er auf dem Herzen trug, -hing er an Herrn Settembrini, legte großes Gewicht auf sein Dasein, und -der Gedanke, gänzlich und auf immer von ihm verworfen und aufgegeben zu -sein, wäre denn doch beschwerender und schrecklicher für seine Seele -gewesen, als das Gefühl des Knaben, der in der Schule nicht mehr in -Betracht gekommen war und die Vorteile der Schande genossen hatte, wie -Herr Albin ... Doch wagte er nicht, von seiner Seite das Wort an den -Mentor zu richten, und dieser ließ abermals Wochen vergehen, bis er sich -dem Sorgenzögling wieder einmal näherte. - -Das geschah, als auf den in ewig eintönigem Rhythmus anrollenden -Meereswogen der Zeit Ostern herangetrieben war und auf „Berghof“ -begangen wurde, wie man alle Etappen und Einschnitte dort aufmerksam -beging, um ein ungegliedertes Einerlei zu vermeiden. Beim ersten -Frühstück fand jeder Gast neben seinem Gedecke ein Veilchensträußchen, -beim zweiten Frühstück erhielt jedermann ein gefärbtes Ei, und die -festliche Mittagstafel war mit Häschen geschmückt aus Zucker und -Schokolade. - -„Haben Sie je eine Schiffsreise gemacht, Tenente, oder Sie, Ingenieur?“ -fragte Herr Settembrini, als er nach Tische in der Halle mit seinem -Zahnstocher an das Tischchen der Vettern herantrat ... Wie die Mehrzahl -der Gäste kürzten sie heute den Hauptliegedienst um eine Viertelstunde, -indem sie sich hier zu einem Kaffee mit Kognak niedergelassen hatten. -„Ich bin erinnert durch diese Häschen, diese gefärbten Eier an das Leben -auf so einem großen Dampfer, bei leerem Horizont seit Wochen, in -salziger Wüstenei, unter Umständen, deren vollkommene Bequemlichkeit -ihre Ungeheuerlichkeit nur oberflächlich vergessen läßt, während in den -tieferen Gegenden des Gemütes das Bewußtsein davon als ein geheimes -Grauen leise fortnagt ... Ich erkenne den Geist wieder, in dem man an -Bord einer solchen Arche die Feste der _terraferma_ pietätvoll andeutet. -Es ist das Gedenken von Außerweltlichen, empfindsame Erinnerung nach dem -Kalender ... Auf dem Festlande wäre heut Ostern, nicht wahr? Auf dem -Festlande begeht man heut Königs Geburtstag, – und wir tun es auch, so -gut wir können, wir sind auch Menschen ... Ist es nicht so?“ - -Die Vettern stimmten zu. Wahrhaftig, so sei es. Hans Castorp, gerührt -von der Anrede und vom schlechten Gewissen gespornt, lobte die Äußerung -in hohen Tönen, fand sie geistreich, vorzüglich und schriftstellerisch -und redete Herrn Settembrini aus allen Kräften nach dem Munde. Gewiß, -nur oberflächlich, ganz wie Herr Settembrini es so plastisch gesagt -habe, lasse der Komfort auf dem Ozean-Steamer die Umstände und ihre -Gewagtheit vergessen, und es liege, wenn er auf eigene Hand das -hinzufügen dürfe, sogar eine gewisse Frivolität und Herausforderung in -diesem vollendeten Komfort, etwas dem ähnliches, was die Alten Hybris -genannt hätten (sogar die Alten zitierte er aus Gefallsucht), oder -dergleichen, wie „Ich bin der König von Babylon!“, kurz Frevelhaftes. -Auf der anderen Seite aber involviere („involviere“!) der Luxus an Bord -doch auch einen großen Triumph des Menschengeistes und der Menschenehre, -– indem er diesen Luxus und Komfort auf die salzigen Schäume hinaustrage -und dort kühnlich aufrecht erhalte, setze der Mensch gleichsam den -Elementen den Fuß auf den Nacken, den wilden Gewalten, und das -involviere den Sieg der menschlichen Zivilisation über das Chaos, wenn -er auf eigene Hand diesen Ausdruck gebrauchen dürfe ... - -Herr Settembrini hörte ihm aufmerksam zu, die Füße gekreuzt und die Arme -ebenfalls, wobei er sich auf zierliche Art mit dem Zahnstocher den -geschwungenen Schnurrbart strich. - -„Es ist bemerkenswert“, sagte er. „Der Mensch tut keine nur einigermaßen -gesammelte Äußerung allgemeiner Natur, ohne sich ganz zu verraten, -unversehens sein ganzes Ich hineinzulegen, das Grundthema und Urproblem -seines Lebens irgendwie im Gleichnis darzustellen. So ist es Ihnen -soeben ergangen, Ingenieur. Was Sie da sagten, kam in der Tat aus dem -Grunde Ihrer Persönlichkeit, und auch den zeitlichen Zustand dieser -Persönlichkeit drückte es auf dichterische Weise aus: es ist immer noch -der Zustand des Experimentes ...“ - -„_Placet experiri!_“ sagte Hans Castorp nickend und lachend, mit -italienischem _c_. - -„_Sicuro_, – wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft der -Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit. Sie sprachen von -‚Hybris‘, Sie bedienten sich dieses Ausdrucks. Aber die Hybris der -Vernunft gegen die dunklen Gewalten ist höchste Menschlichkeit, und -beschwört sie die Rache neidischer Götter herauf, _per esempio_, indem -die Luxusarche scheitert und senkrecht in die Tiefe geht, so ist das ein -Untergang in Ehren. Auch die Tat des Prometheus war Hybris, und seine -Qual am skythischen Felsen gilt uns als heiligstes Martyrium. Wie steht -es dagegen um jene andere Hybris, um den Untergang im buhlerischen -Experiment mit den Mächten der Widervernunft und der Feindschaft gegen -das Menschengeschlecht? Hat das Ehre? Kann das Ehre haben? _Sì o no!_“ - -Hans Castorp rührte in seinem Täßchen, obgleich nichts mehr darin war. - -„Ingenieur, Ingenieur,“ sagte der Italiener mit dem Kopfe nickend, und -seine schwarzen Augen hatten sich sinnend „festgesehen“, „fürchten Sie -nicht den Wirbelsturm des zweiten Höllenkreises, der die Fleischessünder -prellt und schwenkt, die Unseligen, die die Vernunft der Lust zum Opfer -brachten? _Gran Dio_, wenn ich mir einbilde, wie Sie kopfüber, kopfunter -umhergepustet flattern werden, so möchte ich vor Kummer umfallen wie -eine Leiche fällt ...“ - -Sie lachten, froh, daß er scherzte und Poetisches redete. Aber -Settembrini setzte hinzu: - -„Am Faschingsabend beim Wein, Sie erinnern sich, Ingenieur, nahmen Sie -gewissermaßen Abschied von mir, doch, es war etwas dem ähnliches. Nun, -heute bin _ich_ an der Reihe. Wie Sie mich hier sehen, meine Herren, bin -ich im Begriff, Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich verlasse dies Haus.“ - -Beide verwunderten sich aufs höchste. - -„Nicht möglich! Das ist nur Scherz!“ rief Hans Castorp, wie er bei -anderer Gelegenheit auch gerufen hatte. Er war fast ebenso erschrocken -wie damals. Aber auch Settembrini erwiderte: - -„Durchaus nicht. Es ist, wie ich Ihnen sage. Und übrigens trifft Sie -diese Nachricht nicht unvorbereitet. Ich habe Ihnen erklärt, daß in dem -Augenblick, wo sich meine Hoffnung, in irgendwie absehbarer Zeit in die -Welt der Arbeit zurückkehren zu können, als unhaltbar erweisen werde, -ich hier meine Zelte abzubrechen und irgendwo im Orte mich für die Dauer -einzurichten entschlossen sei. Was wollen Sie nun, – dieser Augenblick -ist eingetreten. Ich kann nicht genesen, es ist ausgemacht. Ich kann -mein Leben fristen, aber nur hier. Das Urteil, das endgültige Urteil, -lautet auf lebenslänglich, – mit der ihm eigenen Aufgeräumtheit hat -Hofrat Behrens es mir verkündet. Gut denn, ich ziehe die Folgerungen. -Ein Logis ist gemietet, ich bin im Begriffe, meine geringe irdische -Habe, mein literarisches Handwerkszeug dorthin zu schaffen ... Es ist -nicht einmal weit von hier, in „Dorf“, wir werden einander begegnen, -gewiß, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, als Hausgenosse aber -habe ich die Ehre, mich von Ihnen zu verabschieden.“ - -So Settembrinis Eröffnung am Ostersonntag. Die Vettern hatten sich -außerordentlich bewegt darüber gezeigt. Des längeren noch, und -wiederholt, hatten sie mit dem Literaten über seinen Entschluß -gesprochen: darüber, wie er auch privatim den Kurdienst weiter werde -ausüben können, über die Mitnahme und Fortführung ferner der -weitläufigen enzyklopädischen Arbeit, die er auf sich genommen, jener -Übersicht aller schöngeistigen Meisterwerke, unter dem Gesichtspunkt der -Leidenskonflikte und ihrer Ausmerzung; endlich auch über sein -zukünftiges Quartier im Hause eines „Gewürzkrämers“, wie Herr -Settembrini sich ausdrückte. Der Gewürzkrämer, berichtete er, habe den -oberen Teil seines Eigentums an einen böhmischen Damenschneider -vermietet, der seinerseits Aftermieter aufnehme ... Diese Gespräche also -lagen zurück. Die Zeit schritt fort, und mehr als eine Veränderung hatte -sie bereits gezeitigt. Settembrini wohnte wirklich nicht mehr im -internationalen Sanatorium „Berghof“, sondern bei Lukaček, dem -Damenschneider, – schon seit einigen Wochen. Nicht in Form einer -Schlittenabreise hatte sein Auszug sich abgespielt, sondern zu Fuß, in -kurzem, gelbem Paletot, der am Kragen und an den Ärmeln ein wenig mit -Pelz besetzt war, und begleitet von einem Mann, der auf einem -Schubkarren das literarische und das irdische Handgepäck des -Schriftstellers beförderte, hatte man ihn stockschwingend davongehen -sehen, nachdem er noch unterm Portal eine Saaltochter mit den Rücken -zweier Finger in die Wange gezwickt ... Der April, wie wir sagten, lag -schon zu einem guten Teil, zu drei Vierteln, im Schatten der -Vergangenheit, noch war es tiefer Winter, gewiß, im Zimmer hatte man -knappe sechs Wärmegrade am Morgen, draußen war neungradige Kälte, die -Tinte im Glase, wenn man es in der Loggia ließ, gefror über Nacht noch -immer zu einem Eisklumpen, einem Stück Steinkohle. Aber der Frühling -nahte, das wußte man; am Tage, wenn die Sonne schien, spürte man hie und -da bereits eine ganz leise, ganz zarte Ahnung von ihm in der Luft; die -Periode der Schneeschmelze stand in naher Aussicht, und damit hingen die -Veränderungen zusammen, die sich auf „Berghof“ unaufhaltsam vollzogen, – -nicht aufzuhalten selbst durch die Autorität, das lebendige Wort des -Hofrats, der in Zimmer und Saal, bei jeder Untersuchung, jeder Visite, -jeder Mahlzeit das populäre Vorurteil gegen die Schneeschmelze -bekämpfte. - -Ob es Wintersportsleute seien, fragte er, mit denen er es zu tun habe, -oder Kranke, Patienten? Wozu in aller Welt sie denn Schnee, gefrorenen -Schnee brauchten? Eine ungünstige Zeit, – die Schneeschmelze? Die -allergünstigste sei es! Nachweislich gäbe es im ganzen Tal um diese Zeit -verhältnismäßig weniger Bettlägrige, als irgendwann sonst im Jahre! -Überall in der weiten Welt seien die Wetterbedingungen für Lungenkranke -zu dieser Frist schlechter als gerade hier! Wer einen Funken Verstand -habe, der harre aus und nutze die abhärtende Wirkung der hiesigen -Witterungsverhältnisse. Danach dann sei er fest gegen Hieb und Stich, -gefeit gegen jedes Klima der Welt, vorausgesetzt nur, daß der volle -Eintritt der Heilung abgewartet worden sei – und so fort. Aber der -Hofrat hatte gut reden, – die Voreingenommenheit gegen die -Schneeschmelze saß fest in den Köpfen, der Kurort leerte sich; wohl -möglich, daß es der sich nähernde Frühling war, der den Leuten im Leibe -rumorte und seßhafte Leute unruhig und veränderungssüchtig machte, – -jedenfalls mehrten die „wilden“ und „falschen“ Abreisen sich auch im -Hause Berghof bis zur Bedenklichkeit. Frau Salomon aus Amsterdam zum -Beispiel, trotz dem Vergnügen, das die Untersuchungen und das damit -verbundene Zurschaustellen feinster Spitzenwäsche ihr bereiteten, reiste -vollständig wilder- und falscherweise ab, ohne jede Erlaubnis und nicht, -weil es ihr besser, sondern weil es ihr immer schlechter ging. Ihr -Aufenthalt hier oben verlor sich weit zurück hinter Hans Castorps -Ankunft; länger als ein Jahr war es her, daß sie eingetroffen war, – mit -einer ganz leichten Affektion, für die ihr drei Monate zudiktiert worden -waren. Nach vier Monaten hatte sie „in vier Wochen sicher gesund“ sein -sollen, aber sechs Wochen später hatte von Heilung überhaupt nicht die -Rede sein können: sie müsse, hatte es geheißen, mindestens noch vier -Monate bleiben. So war es fortgegangen, und es war ja kein Bagno und -kein sibirisches Bergwerk hier, – Frau Salomon war geblieben und hatte -feinstes Unterzeug an den Tag gelegt. Da sie nun aber nach der letzten -Untersuchung, im Angesicht der Schneeschmelze, eine neue Zulage von fünf -Monaten erhalten hatte, wegen Pfeifens links oben und unverkennbarer -Mißtöne unter der linken Achsel, war ihr die Geduld gerissen, und mit -Protest, unter Schmähungen auf „Dorf“ und „Platz“, auf die berühmte -Luft, das internationale Haus Berghof und die Ärzte reiste sie ab, nach -Hause, nach Amsterdam, einer zugigen Wasserstadt. - -War das klug gehandelt? Hofrat Behrens hob Schultern und Arme auf und -ließ die letzteren geräuschvoll gegen die Schenkel zurückfallen. -Spätestens im Herbst, sagte er, werde Frau Salomon wieder da sein, – -dann aber auf immer. Würde er recht behalten? Wir werden sehen, wir sind -noch auf längere Erdenzeit an diesen Lustort gebunden. Aber der Fall -Salomon war also durchaus nicht der einzige seiner Art. Die Zeit -zeitigte Veränderungen, – sie hatte das ja immer getan, aber -allmählicher, nicht so auffallend. Der Speisesaal wies Lücken auf, -Lücken an allen sieben Tischen, am Guten Russentisch wie am Schlechten, -an den längs- wie an den querstehenden. Nicht gerade, daß dies von der -Frequenz des Hauses ein zuverlässiges Bild gegeben hätte; auch Ankünfte, -wie jederzeit, hatten stattgefunden; die Zimmer mochten besetzt sein, -aber da handelte es sich eben um Gäste, die durch finalen Zustand in -ihrer Freizügigkeit eingeschränkt waren. Im Speisesaal, wie wir sagten, -fehlte manch einer dank noch bestehender Freizügigkeit; manch einer aber -tat es sogar auf eine besonders tiefe und hohle Weise, wie Dr. -Blumenkohl, der tot war. Immer stärker hatte sein Gesicht den Ausdruck -angenommen, als habe er etwas schlecht Schmeckendes im Munde; dann war -er dauernd bettlägrig geworden und dann gestorben, – niemand wußte genau -zu sagen, wann; mit aller gewohnten Rücksicht und Diskretion war die -Sache behandelt worden. Eine Lücke. Frau Stöhr saß neben der Lücke, und -sie graute sich vor ihr. Darum siedelte sie an des jungen Ziemßen andere -Seite über, an den Platz Miß Robinsons, die als geheilt entlassen -worden, gegenüber der Lehrerin, Hans Castorps linksseitiger Nachbarin, -die fest auf ihrem Posten geblieben war. Ganz allein saß sie derzeit an -dieser Tischseite, die übrigen drei Plätze waren frei. Student -Rasmussen, der täglich dümmer und schlaffer geworden, war bettlägrig und -galt für moribund; und die Großtante war mit ihrer Nichte und der -hochbrüstigen Marusja verreist, – wir sagen „verreist“, wie alle es -sagten, weil ihre Rückkehr in naher Zeit eine ausgemachte Sache war. Zum -Herbst schon würden sie wieder eintreffen, – war das eine Abreise zu -nennen? Wie nah war nicht Sommersonnenwende, wenn erst einmal Pfingsten -gewesen war, das vor der Türe stand; und kam der längste Tag, so gings -ja rapide bergab, auf den Winter zu, – kurzum, die Großtante und Marusja -waren beinahe schon wieder da, und das war gut, denn die lachlustige -Marusja war keineswegs ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte -etwas von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja an ihrer -üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals hatten operiert -werden müssen. Hans Castorp hatte, als die Lehrerin davon sprach, hastig -auf Joachim geblickt, der sein fleckig gewordenes Gesicht über seinen -Teller geneigt hatte. - -Die muntere Großtante hatte den Tischgenossen, also den Vettern, der -Lehrerin und Frau Stöhr ein Abschiedssouper im Restaurant gegeben, eine -Schmauserei mit Kaviar, Champagner und Likören, bei der Joachim sich -sehr still verhalten, ja, nur einzelnes mit fast tonloser Stimme -gesprochen hatte, so daß die Großtante in ihrer Menschenfreundlichkeit -ihm Mut zugesprochen und ihn dabei, unter Ausschaltung zivilisierter -Sittengesetze, sogar geduzt hatte. „Hat nichts auf sich, Väterchen, mach -dir nichts draus, sondern trink, iß und sprich, wir kommen bald wieder!“ -hatte sie gesagt. „Wollen wir alle essen, trinken und schwatzen und den -Gram – Gram sein lassen, Gott läßt Herbst werden, eh wirs gedacht, -urteile selbst, ob Grund ist zum Kummer!“ Am nächsten Morgen hatte sie -zur Erinnerung bunte Schachteln mit „Konfäktchen“ an fast alle Besucher -des Speisesaales verteilt und war dann mit ihren beiden jungen Mädchen -etwas verreist. - -Und Joachim, wie stand es um ihn? War er befreit und erleichtert -seitdem, oder litt seine Seele schwere Entbehrung angesichts der leeren -Tischseite? Hing seine ungewohnte und empörerische Ungeduld, seine -Drohung, wilde Abreise halten zu wollen, wenn man ihn länger an der Nase -führe, mit der Abreise Marusjas zusammen? Oder war vielmehr die -Tatsache, daß er vorderhand eben doch noch nicht reiste, sondern der -hofrätlichen Verherrlichung der Schneeschmelze sein Ohr lieh, auf jene -andere zurückzuführen, daß die hochbusige Marusja nicht ernstlich -abgereist, sondern nur etwas verreist war und in fünf kleinsten -Teileinheiten hiesiger Zeit wieder eintreffen würde? Ach, das war wohl -alles auf einmal der Fall, alles in gleichem Maße; Hans Castorp konnte -es sich denken, auch ohne je mit Joachim über die Sache zu sprechen. -Denn dessen enthielt er sich ebenso streng, wie Joachim es vermied, den -Namen einer anderen etwas Verreisten zu nennen. - -Unterdessen aber, an Settembrinis Tisch, an des Italieners Platz, – wer -saß dort seit kurzem, in Gesellschaft holländischer Gäste, deren Appetit -so ungeheuer war, daß jeder von ihnen sich zu Anfang des täglichen -Fünf-Gänge-Diners, noch vor der Suppe, drei Spiegeleier servieren ließ? -Es war Anton Karlowitsch Ferge, er, der das höllische Abenteuer des -Pleura-Choks erprobt hatte! Ja, Herr Ferge war außer Bett; auch ohne -Pneumothorax hatte sein Zustand sich so gebessert, daß er den größten -Teil des Tages mobil und angekleidet verbrachte und mit seinem -gutmütig-bauschigen Schnurrbart und seinem ebenfalls gutmütig wirkenden -großen Kehlkopf an den Mahlzeiten teilnahm. Die Vettern plauderten -manchmal mit ihm in Saal und Halle, und auch für die Dienstpromenaden -taten sie sich dann und wann, wenn es sich eben so traf, mit ihm -zusammen, Neigung im Herzen für den schlichten Dulder, der von hohen -Dingen gar nichts zu verstehen erklärte und, dies vorausgesandt, überaus -behaglich von Gummischuhfabrikation und fernen Gebieten des russischen -Reiches, Samara, Georgien, erzählte, während sie im Nebel durch den -Schneewasserbrei stapften. - -Denn die Wege waren wirklich kaum gangbar jetzt, sie befanden sich in -voller Auflösung, und die Nebel brauten. Der Hofrat sagte zwar, es seien -keine Nebel, es seien Wolken; aber das war Wortfuchserei nach Hans -Castorps Urteil. Der Frühling focht einen schweren Kampf, der sich, -unter hundert Rückfällen ins Bitter-Winterliche, durch Monate, bis in -den Juni hinein, erstreckte. Schon im März, wenn die Sonne schien, war -es auf dem Balkon und im Liegestuhl, trotz leichtester Kleidung und -Sonnenschirm, vor Hitze kaum auszuhalten gewesen, und es gab Damen, die -schon damals Sommer gemacht und bereits beim ersten Frühstück -Musselinkleider vorgeführt hatten. Sie waren in einem Grade entschuldigt -durch die Eigenart des Klimas hier oben, das Verwirrung begünstigte, -indem es die Jahreszeiten meteorologisch durcheinander warf; aber es war -auch bei ihrem Vorwitz viel Kurzsicht und Phantasielosigkeit im Spiel, -jene Dummheit von Augenblickswesen, die nicht zu denken vermag, daß es -noch wieder anders kommen kann, sowie vor allem Gier nach Abwechslung -und zeitverschlingende Ungeduld: man schrieb März, das war Frühling, das -war so gut wie Sommer, und man zog die Musselinkleider hervor, um sich -darin zu zeigen, ehe der Herbst einfiel. Und das tat er, gewissermaßen. -Im April fielen trübe, naßkalte Tage ein, deren Dauerregen in Schnee, in -wirbelnden Neuschnee überging. Die Finger erstarrten in der Loggia, die -beiden Kamelhaardecken traten ihren Dienst wieder an, es fehlte nicht -viel, daß man zum Pelzsack gegriffen hätte, die Verwaltung entschloß -sich, zu heizen, und jedermann klagte, man werde um seinen Frühling -betrogen. Alles war dick verschneit gegen Ende des Monats; aber dann kam -Föhn auf, vorausgesagt, vorausgewittert von erfahrenen und empfindlichen -Gästen: Frau Stöhr sowohl, wie die elfenbeinfarbene Levi, wie nicht -minder die Witwe Hessenfeld spürten ihn einstimmig schon, bevor noch das -kleinste Wölkchen über dem Gipfel des Granitbergs im Süden sich zeigte. -Frau Hessenfeld neigte alsbald zu Weinkrämpfen, die Levi wurde -bettlägrig, und Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch entblößt, bekundete -stündlich die abergläubische Befürchtung, ein Blutsturz möchte sie -ereilen; denn die Rede ging, daß Föhnwind dergleichen befördere und -bewirke. Unglaubliche Wärme herrschte, die Heizung erlosch, man ließ -über Nacht die Balkontür offen und hatte trotzdem morgens elf Grad im -Zimmer; der Schnee schmolz gewaltig, er wurde eisfarben, porös und -löcherig, sackte zusammen, wo er zu Hauf lag, schien sich in die Erde zu -verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war überall, ein Tropfen -und Stürzen im Walde, und die geschaufelten Schranken an den Straßen, -die bleichen Teppiche der Wiesen verschwanden, wenn auch die Massen -allzu reichlich gelegen hatten, um rasch zu verschwinden. Da gab es -wundersame Erscheinungen, Frühlingsüberraschungen auf Dienstwegen im -Tal, märchenhaft, nie gesehen. Ein Wiesengebreite lag da, – im -Hintergrunde ragte der Schwarzhornkegel, noch ganz im Schnee, mit dem -ebenfalls noch tief verschneiten Scalettagletscher rechts in der Nähe, -und auch das Gelände mit seinem Heuschober irgendwo lag noch im Schnee, -wenn auch die Decke schon dünn und schütter war, von rauhen und dunklen -Bodenerhebungen da und dort unterbrochen, von trockenem Grase überall -durchstochen. Das war jedoch, wie die Wanderer fanden, eine -unregelmäßige Art von Verschneitheit, die diese Wiese da aufwies, – in -der Ferne, gegen die waldigen Lehnen hin, war sie dichter, im -Vordergrund aber, vor den Augen der Prüfenden, war das noch winterlich -dürre und mißfarbene Gras mit Schnee nur noch gesprenkelt, betupft, -beblümt ... Sie sahen es näher an, sie beugten sich staunend darüber, – -das war kein Schnee, es waren Blumen, Schneeblumen, Blumenschnee, -kurzstielige kleine Kelche, weiß und weißbläulich, es war Krokus, bei -ihrer Ehre, millionenweise dem sickernden Wiesengrunde entsprossen, so -dicht, daß man ihn gut und gern hatte für Schnee halten können, in den -er weiterhin denn auch ununterscheidbar überging. - -Sie lachten über ihren Irrtum, lachten vor Freude über das Wunder vor -ihren Augen, diese lieblich zaghafte und nachahmende Anpassung des -zuerst sich wieder hervorgetrauenden organischen Lebens. Sie pflückten -davon, betrachteten und untersuchten die zarten Bechergebilde, -schmückten ihre Knopflöcher damit, trugen sie heim, stellten sie in die -Wassergläser auf ihren Zimmern; denn die unorganische Starre des Tales -war lang gewesen, – lang, wenn auch kurzweilig. - -Aber der Blumenschnee wurde mit wirklichem zugedeckt, und auch den -blauen Soldanellen, den gelben und roten Primeln erging es so, die ihm -folgten. Ja, wie schwer der Frühling es hatte, sich durchzuringen und -den hiesigen Winter zu überwältigen! Zehnmal ward er zurückgeworfen, -bevor er Fuß fassen konnte hier oben, – bis zum nächsten Einbruch des -Winters, mit weißem Gestöber, Eiswind und Heizungsbetrieb. Anfang Mai -(denn nun ist es gar schon Mai geworden, während wir von den -Schneeblumen erzählten), Anfang Mai war es schlechthin eine Qual, in der -Loggia nur eine Postkarte ins Flachland zu schreiben, so schmerzten die -Finger vor rauher Novembernässe; und die fünfeinhalb Laubbäume der -Gegend waren kahl wie die Bäume der Ebene im Januar. Tagelang währte der -Regen, eine Woche lang stürzte er nieder, und ohne die versöhnenden -Eigenschaften des hiesigen Liegestuhltyps wäre es überaus hart gewesen, -im Wolkenqualm, mit nassem, starrem Gesicht, so viele Ruhestunden im -Freien zu verbringen. Insgeheim aber war es ein Frühlingsregen, um den -es sich handelte, und mehr und mehr, je länger er dauerte, gab er als -solcher sich auch zu erkennen. Fast aller Schnee schmolz unter ihm weg; -es gab kein Weiß mehr, nur hie und da noch ein schmutziges Eisgrau, und -nun begannen wahrhaftig die Wiesen zu grünen! - -Welch milde Wohltat fürs Auge, das Wiesengrün, nach dem unendlichen -Weiß! Und noch ein anderes Grün war da, an Zartheit und lieblicher -Weiche das Grün des neuen Grases noch weit übertreffend. Das waren die -jungen Nadelbüschel der Lärchen, – Hans Castorp konnte auf Dienstwegen -selten umhin, sie mit der Hand zu liebkosen und sich die Wange damit zu -streicheln, so unwiderstehlich lieblich waren sie in ihrer Weichheit und -Frische. „Man könnte zum Botaniker werden,“ sagte der junge Mann zu -seinem Begleiter, „man könnte wahr und wahrhaftig Lust bekommen zu -dieser Wissenschaft vor lauter Spaß an dem Wiedererwachen der Natur nach -einem Winter bei uns hier oben! Das ist ja Enzian, Mensch, was du da am -Abhange siehst, und dies hier ist eine gewisse Sorte von kleinen gelben -Veilchen, mir unbekannt. Aber hier haben wir Ranunkeln, sie sehen unten -ja auch nicht anders aus, aus der Familie der Ranunkulazeen, gefüllt, -wie mir auffällt, eine besonders reizende Pflanze, zwittrig übrigens, du -siehst da eine Menge Staubgefäße und eine Anzahl Fruchtknoten, ein -Andrözeum und ein Gynäzeum, soviel ich behalten habe. Ich glaube -bestimmt, ich werde mir einen oder den anderen botanischen Schmöker -zulegen, um mich etwas besser zu informieren auf diesem Lebens- und -Wissensgebiet. Ja, wie es nun bunt wird auf der Welt!“ - -„Das kommt noch besser im Juni“, sagte Joachim. „Die Wiesenblüte hier -ist ja berühmt. Aber ich glaube doch nicht, daß ich sie abwarte. – Das -hast du wohl von Krokowski, daß du Botanik studieren willst?“ - -Krokowski? Wie meinte er das? Ach so, er kam darauf, weil Dr. Krokowski -sich neulich botanisch gebärdet hatte bei einer seiner Konferenzen. Denn -der ginge freilich fehl, der meinte, die durch die Zeit gezeitigten -Veränderungen wären so weit gegangen, daß Dr. Krokowski keine Vorträge -mehr gehalten hätte! Vierzehntägig hielt er sie, nach wie vor, im -Gehrock, wenn auch nicht mehr in Sandalen, die er nur sommers trug und -also nun bald wieder tragen würde, – jeden zweiten Montag im Speisesaal, -wie damals, als Hans Castorp, mit Blut beschmiert, zu spät gekommen war, -in seinen ersten Tagen. Drei Vierteljahre lang hatte der Analytiker über -Liebe und Krankheit gesprochen, – nie viel auf einmal, in kleinen -Portionen, in halb- bis dreiviertelstündigen Plaudereien, breitete er -seine Wissens- und Gedankenschätze aus, und jedermann hatte den -Eindruck, daß er nie werde aufzuhören brauchen, daß es immer und ewig so -weitergehen könne. Das war eine Art von halbmonatlicher „Tausendundeine -Nacht“, sich hinspinnend von Mal zu Mal ins Beliebige und wohlgeeignet, -wie die Märchen der Scheherezade, einen neugierigen Fürsten zu befrieden -und von Gewalttaten abzuhalten. In seiner Uferlosigkeit erinnerte Dr. -Krokowskis Thema an das Unternehmen, dem Settembrini seine Mitarbeit -geschenkt, die Enzyklopädie der Leiden; und als wie abwandlungsfähig es -sich erwies, möge man daraus ersehen, daß der Vortragende neulich sogar -von Botanik gesprochen hatte, genauer: von Pilzen ... Übrigens hatte er -den Gegenstand vielleicht ein wenig gewechselt; es war jetzt eher die -Rede von Liebe und _Tod_, was denn zu mancher Betrachtung teils zart -poetischen, teils aber unerbittlich wissenschaftlichen Gepräges Anlaß -gab. In diesem Zusammenhang also war der Gelehrte in seinem östlich -schleppenden Tonfall und mit seinem nur einmal anschlagenden Zungen-R -auf Botanik gekommen, das heißt auf die Pilze, – diese üppigen und -phantastischen Schattengeschöpfe des organischen Lebens, fleischlich von -Natur, dem Tierreich sehr nahe stehend, – Produkte tierischen -Stoffwechsels, Eiweiß, Glykogen, animalische Stärke also, fanden sich in -ihrem Aufbau. Und Dr. Krokowski hatte von einem Pilz gesprochen, berühmt -schon seit dem klassischen Altertum seiner Form und der ihm -zugeschriebenen Kräfte wegen, – einer Morchel, in deren lateinischem -Namen das Beiwort _impudicus_ vorkam, und dessen Gestalt an die Liebe, -dessen Geruch jedoch an den Tod erinnerte. Denn das war -auffallenderweise Leichengeruch, den der _Impudicus_ verbreitete, wenn -von seinem glockenförmigen Hute der grünliche, zähe Schleim abtropfte, -der ihn bedeckte, und der Träger der Sporen war. Aber bei Unbelehrten -galt der Pilz noch heute als aphrodisisches Mittel. - -Na, etwas stark war das ja gewesen für die Damen, hatte Staatsanwalt -Paravant gefunden, der, moralisch gestützt durch des Hofrats Propaganda, -die Schneeschmelze hier überdauerte. Und auch Frau Stöhr, die ebenfalls -charaktervoll standhielt und jeder Versuchung zu wilder Abreise die -Stirne bot, hatte bei Tische geäußert, heute sei Krokowski denn aber -doch „obskur“ gewesen mit seinem klassischen Pilz. „Obskur“, sagte die -Unselige und schändete ihre Krankheit durch namenlose Bildungsschnitzer. -Worüber aber Hans Castorp sich wunderte, war, daß Joachim auf Dr. -Krokowski und seine Botanik anspielte; denn eigentlich war zwischen -ihnen von dem Analytiker ebensowenig die Rede, wie von der Person -Clawdia Chauchats oder der Marusjas, – sie erwähnten ihn nicht, sie -übergingen sein Wesen und Wirken lieber mit Stillschweigen. Jetzt aber -also hatte Joachim den Assistenten genannt, – in mißlaunigem Tone, wie -übrigens auch schon seine Bemerkung, daß er die volle Wiesenblüte nicht -abwarten wolle, recht mißlaunig geklungen hatte. Der gute Joachim, -nachgerade schien er im Begriff, sein Gleichgewicht einzubüßen; seine -Stimme schwankte beim Sprechen vor Gereiztheit, er war an Sanftmut und -Besonnenheit durchaus nicht mehr der alte. Entbehrte er das -Apfelsinenparfüm? Brachte die Fopperei mit der Gaffky-Nummer ihn zur -Verzweiflung? Konnte er nicht mit sich selber ins Reine darüber kommen, -ob er den Herbst hier erwarten oder falsche Abreise halten sollte? - -In Wirklichkeit war es noch etwas anderes, wodurch dies gereizte Beben -in Joachims Stimme kam und weshalb er des botanischen Kollegs von -neulich in fast höhnischem Tone erwähnt hatte. Von diesem Etwas wußte -Hans Castorp nichts, oder vielmehr, er wußte nicht, daß Joachim davon -wußte, denn er selbst, dieser Durchgänger, dies Sorgenkind des Lebens -und der Pädagogik, er wußte nur zu gut davon. Mit einem Worte, Joachim -war seinem Vetter auf gewisse Schliche gekommen, er hatte ihn -unversehens bei einer Verräterei belauscht, ähnlich derjenigen, deren er -sich am Faschingsdienstag schuldig gemacht, – einer neuen Treulosigkeit, -verschärft durch den Umstand, an dem nicht zu zweifeln war, daß Hans -Castorp sie dauernd verübte. - -Zum ewig eintönigen Rhythmus des Zeitablaufs, zur kurzweilig -feststehenden Gliederung des Normaltages, der immer derselbe, der sich -selbst zum Verwechseln und bis zur Verwirrung ähnlich war, identisch mit -sich, die stehende Ewigkeit, so daß schwer zu begreifen war, wie er -Veränderung zu zeitigen vermochte, – zur unverbrüchlichen Alltagsordnung -also gehörte, wie jedermann sich erinnert, der Rundgang Dr. Krokowskis -zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags durch alle Zimmer, das ist -über alle Balkons, von Liegestuhl zu Liegestuhl. Wie oft hatte nicht der -Berghof-Normaltag sich erneut, seit damals, als Hans Castorp in seiner -horizontalen Lebenslage sich geärgert hatte, weil der Assistent einen -Bogen um ihn beschrieb und ihn nicht in Betracht zog! Längst war aus dem -Gaste von damals ein Kamerad geworden, – Dr. Krokowski redete ihn sogar -häufig mit diesem Namen an bei seiner Kontrollvisite, und wenn das -militärische Wort, dessen r-Laut er auf exotische Weise durch nur -einmaliges Anschlagen der Zunge am vorderen Gaumen hervorbrachte, ihm -auch scheußlich zu Gesichte stand, wie Hans Castorp gegen Joachim -geurteilt hatte, so paßte es doch nicht schlecht zu seiner stämmigen, -mannhaft heiteren und zu fröhlichem Vertrauen auffordernden Art, die -freilich wiederum durch seine Schwarzbleichheit in gewisser Weise Lügen -gestraft wurde, und der denn doch etwas Bedenkliches jederzeit -anhaftete. - -„Nun, Kamerad, wie gehts, wie stehts!“ sagte Dr. Krokowski, indem er, -vom russischen Barbarenpaare kommend, an das Kopfende von Hans Castorps -Lager trat; und der so frischerweise Angeredete, die Hände auf der Brust -gefaltet, lächelte täglich wieder gepeinigt-freundlich über die -scheußliche Anrede, indem er des Doktors gelbe Zähne betrachtete, die -sich in seinem schwarzen Barte zeigten. „Recht wohl geruht?“ fuhr Dr. -Krokowski dann wohl fort. „Fallende Kurve? Steigende heut? Nun, hat -nichts auf sich, kommt bis zur Hochzeit schon wieder in Ordnung. Ich -grüße Sie.“ Und mit diesem Wort, das ebenfalls scheußlich klang, da er -es wie „gdieße“ sprach, ging er schon weiter, zu Joachim hinüber – es -handelte sich um einen Rundgang, einen kurzen Blick nach dem Rechten und -um nichts weiter. - -Manchmal freilich auch verweilte Dr. Krokowski sich länger, plauderte, -breitschultrig dastehend und immer mannhaft lächelnd, mit dem Kameraden -über dies und jenes, über die Witterung, über Abreisen und Ankünfte, -über des Patienten Stimmung, seine gute oder schlechte Laune, seine -persönlichen Verhältnisse auch wohl, seine Herkunft und seine -Aussichten, bis er „ich gdieße Sie“ sagte und weiterging; und Hans -Castorp, die Hände zur Abwechslung hinter dem Kopf gefaltet, antwortete -ihm, ebenfalls lächelnd, auf all das, – mit dem durchdringenden Gefühle -der Scheußlichkeit, gewiß, aber er antwortete ihm. Sie plauderten -gedämpft, – obgleich die gläserne Scheidewand die Loggien nicht völlig -trennte, konnte Joachim die Unterhaltung nebenan nicht verstehen und -machte übrigens auch nicht den leisesten Versuch dazu. Er hörte seinen -Vetter sogar vom Liegestuhl aufstehen und mit Dr. Krokowski ins Zimmer -gehen, vermutlich um ihm seine Fieberkurve zu zeigen; und dort setzte -dann das Gespräch sich wohl noch eine längere Weile fort, der -Verzögerung nach zu urteilen, womit der Assistent auf dem inneren Wege -bei Joachim eintraf. - -Worüber plauderten die Kameraden? Joachim fragte nicht; aber sollte -jemand aus unserer Mitte sich an ihm kein Beispiel nehmen und die Frage -aufwerfen, so ist allgemein darauf hinzuweisen, wieviel Stoff und Anlaß -zu geistigem Austausch vorhanden ist zwischen Männern und Kameraden, -deren Grundanschauungen idealistisches Gepräge tragen, und von denen der -eine auf seinem Bildungswege dazu gelangt ist, die Materie als den -Sündenfall des Geistes, als eine schlimme Reizwucherung desselben -aufzufassen, während der andere, als Arzt, den sekundären Charakter -organischer Krankheit zu lehren gewohnt ist. Wie manches, meinen wir, -ließ sich da nicht erörtern und austauschen über die Materie als -unehrbare Ausartung des Immateriellen, über das Leben als Impudizität -der Materie, über die Krankheit als unzüchtige Form des Lebens! Da -konnte, unter Anlehnung an laufende Konferenzen, die Rede gehen von der -Liebe als krankheitbildender Macht, vom übersinnlichen Wesen des -Merkmals, über „alte“ und „frische“ Stellen, über lösliche Gifte und -Liebestränke, über die Durchleuchtung des Unbewußten, den Segen der -Seelenzergliederung, die Rückverwandlung des Symptoms – und was wissen -_wir_, – von deren Seite dies alles nur Vorschläge und Vermutungen sind, -wenn die Frage aufgeworfen wird, was Dr. Krokowski und der junge Hans -Castorp miteinander zu plaudern hatten! - -Übrigens plauderten sie nicht mehr, das lag zurück, nur eine Weile, -einige Wochen lang war es so gewesen; in letzter Zeit hielt Dr. -Krokowski sich bei diesem Patienten wieder nicht länger auf als bei -allen anderen, – „Nun, Kamerad?“ und „Ich gdieße Sie“, darauf -beschränkte sich nun die Visite meistens wieder. Dafür hatte Joachim -eine andere Entdeckung gemacht, eben die, die er als Verräterei von -seiten Hans Castorps empfand, und gemacht hatte er sie völlig -unwillkürlich, ohne in seiner militärischen Arglosigkeit im mindesten -auf Späherwegen gegangen zu sein, das darf man glauben. Er war ganz -einfach an einem Mittwoch aus der ersten Liegekur abgerufen worden, -hinunterbeordert ins Souterrain, um sich vom Bademeister wiegen zu -lassen, – und da sah er es also. Er kam die Treppe hinunter, die -reinlich linoleumbelegte Treppe mit Aussicht auf die Tür zum -Ordinationszimmer, zu dessen beiden Seiten die Durchleuchtungskabinette -gelegen waren, links das organische und rechts um die Ecke das um eine -Stufe vertiefte psychische, mit Dr. Krokowskis Besuchskarte an der Tür. -Auf halber Höhe der Treppe aber blieb Joachim stehen, denn eben verließ -Hans Castorp, von der Injektion kommend, das Ordinationszimmer. Mit -beiden Händen schloß er die Tür, durch die er rasch getreten war, und -wandte sich, ohne um sich zu blicken, nach rechts, gegen die Tür, an der -die Karte auf Reißnägeln saß, und die er mit wenigen, lautlos -vorwärtswiegenden Schritten erreichte. Er klopfte, neigte sich hin beim -Klopfen und hielt das Ohr zu dem pochenden Finger. Und da des Bewohners -baritonales „Herein!“ mit dem exotisch anschlagenden r-Laut und dem -verzerrten Diphthong aus dem Gelasse erschollen war, sah Joachim seinen -Vetter im Halbdunkel von Dr. Krokowskis analytischer Grube verschwinden. - - - Noch jemand - -Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug auf die -Anzahl ihrer Sonnenstunden; denn ihrer Kurzweiligkeit vermochte -astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben, weder was jeden einzelnen -betraf, noch ihre einförmige Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast -drei Monate zurück, Sommersonnenwende war da. Aber das natürliche Jahr -bei uns hier oben folgte dem Kalender zurückhaltend: erst jetzt, erst -dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling noch ohne alle -Sommerschwere, würzig, dünnluftig und leicht, mit silbrig strahlender -Himmelsbläue und kindlich kunterbunter Wiesenblüte. - -Hans Castorp fand an den Hängen dieselben Blumen wieder, von denen -Joachim freundlicherweise ihm einige letzte einst zur Begrüßung ins -Zimmer gestellt: Schafsgarbe und Glockenblumen, – ein Zeichen für ihn, -daß das Jahr in sich selber lief. Allein was hatte sich nun nicht alles -aus dem jungen, smaragdenen Grase der Schrägen und Wiesengebreite des -Grundes an organischem Leben als Stern, Kelch und Glocke oder von -unregelmäßigerer Gestalt, die sonnige Luft mit trockener Würze -erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen in -ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten, Primeln in gelb und rot, viel -schöner und größer, als Hans Castorp sie im Flachlande je erblickt zu -haben meinte, soweit er dort unten darauf achtgegeben; dazu die -nickenden Soldanellen mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und -rosig, eine Spezialität dieser Sphäre. - -Er pflückte von all der Lieblichkeit, trug Sträuße heim, ernsten Sinnes -und nicht sowohl zum Schmuck seines Zimmers, als zur streng -wissenschaftlichen Bearbeitung, wie er es sich vorgesetzt. Einiges -floristische Rüstzeug war angeschafft, ein Lehrbuch der allgemeinen -Botanik, ein handlicher kleiner Spaten zum Ausheben der Pflanzen, ein -Herbarium, eine kräftige Lupe; und damit wirtschaftete der junge Mann in -seiner Loggia, – sommerlich gekleidet nun wieder, in einen der Anzüge, -die er damals gleich mit sich heraufgebracht, – auch dies ein Merkmal -der Jahresrundung. - -Frische Blumen standen in mehreren Wassergläsern auf den Möbelplatten -des inneren Zimmers, auf dem Lampentischchen zur Seite seines -vorzüglichen Liegestuhls. Blumen, halb welk, schon matt, aber noch in -Saft, fanden sich lose auf der Balkonbrüstung, am Boden der Loggia -verstreut, während andere, wohlausgebreitet, zwischen Löschpapierbogen, -die ihre Feuchtigkeit tranken, der Presse von Steinen unterlagen, damit -Hans Castorp die flachen Trockenpräparate mit gummierten Papierstreifen -in sein Album kleben könnte. Er lag, die Knie hochgezogen, dazu noch -eins über das andere geschlagen, und während der Rücken des offen -umgelegten Leitfadens auf seiner Brust einen Dachfirst bildete, hielt er -das dickgeschliffene Rund des Vergrößerungsglases zwischen seine -einfachen blauen Augen und eine Blüte, deren Krone er teilweise mit dem -Taschenmesser entfernt hatte, um besser den Fruchtboden studieren zu -können, und die hinter der starken Linse zum abenteuerlich fleischigen -Gebilde schwoll. Da schütteten die Staubbeutel, an der Spitze der -Filamente, ihren gelben Pollen aus, vom Ovarium starrte der narbige -Griffel, und legte man einen Schnitt durch ihn, so konnte man den zarten -Kanal betrachten, durch den die Pollenkörner und -schläuche von -zuckriger Ausscheidung in die Fruchtknotenhöhle geschwemmt wurden. Hans -Castorp zählte, prüfte und verglich; er untersuchte Bau und Stellung der -Kelch- und Blumenblätter wie der männlichen und weiblichen -Geschlechtsorgane, beaufsichtigte die Übereinstimmung dessen, was er -sah, mit schematischen und natürlichen Abbildungen, stellte die -wissenschaftliche Richtigkeit in dem Bau ihm bekannter Pflanzen mit -Befriedigung fest und ging dazu über, solche, die er nicht zu nennen -gewußt hätte, an der Hand des Linné nach Abteilung, Gruppe, Ordnung, -Art, Familie und Gattung zu bestimmen. Da er viel Zeit hatte, gelangen -ihm einige Fortschritte in botanischer Systematik auf Grund -vergleichender Morphologie. Unter die getrocknete Pflanze ins Herbarium -schrieb er kalligraphisch den lateinischen Namen, den die humanistische -Wissenschaft ihr galanterweise beigelegt, schrieb ihre kennzeichnenden -Eigenschaften dazu und zeigte es dem guten Joachim, der sich wunderte. - -Am Abend betrachtete er die Gestirne. Ein Interesse für das in sich -laufende Jahr hatte ihn überkommen, – der doch schon einige zwanzig -Sonnenumläufe auf Erden verbracht und sich noch niemals um dergleichen -gekümmert hatte. Wenn wir selbst uns unwillkürlich in Ausdrücken wie -„Frühlings-Nachtgleiche“ bewegten, so geschah es in seinem Geist und -schon in Hinsicht auf Gegenwärtiges. Denn dieser Art waren die Termini, -die er neuerdings um sich zu streuen liebte, und auch durch hier -einschlagende Kenntnisse setzte er seinen Vetter in Erstaunen. - -„Jetzt ist die Sonne nahe daran, ins Zeichen des Krebses zu treten,“ -mochte er auf einem Spaziergang beginnen, „bist du dir darüber im -Klaren? Das ist das erste Sommerzeichen des Tierkreises, verstehst du? -Es geht nun über den Löwen und die Jungfrau auf den Herbstpunkt zu, den -einen Äquinoktialpunkt, gegen Ende September, wenn wieder der Sonnenort -auf den Himmelsäquator fällt, wie neulich im März, als die Sonne in den -Widderpunkt trat.“ - -„Das ist mir entgangen“, sagte Joachim mürrisch. „Was redest denn du dir -da so geläufig zusammen? Widderpunkt? Tierkreis?“ - -„Allerdings, der Tierkreis; _zodiacus_. Die uralten Himmelszeichen, – -Skorpion, Schütze, Steinbock, _aquarius_ und wie sie heißen, wie soll -man sich dafür nicht interessieren! Es sind zwölf, das wirst du -wenigstens wissen, drei für jede Jahreszeit, die aufsteigenden und die -niedersteigenden, der Kreis der Sternbilder, durch die die Sonne -wandert, – großartig meiner Ansicht nach! Stelle dir vor, daß man sie in -einem ägyptischen Tempel als Deckenbild gefunden hat, – einem Tempel der -Aphrodite noch dazu, nicht weit von Theben. Die Chaldäer kannten sie -auch schon, – die Chaldäer, ich bitte dich, dies alte Zauberervolk, -arabisch-semitisch, hochgelehrt in Astrologie und Wahrsagerei. Die haben -auch schon den Himmelsgürtel studiert, in dem die Planeten laufen, und -ihn in die zwölf Sternbildzeichen eingeteilt, die Dodekatemoria, wie sie -auf uns gekommen sind. Das ist großartig. Es ist die Menschheit!“ - -„Nun sagst du ‚Menschheit‘, wie Settembrini.“ - -„Ja, wie er, oder etwas anders. Man muß sie nehmen, wie sie ist, aber -großartig ist es schon damit. Ich denke viel mit Sympathie an die -Chaldäer, wenn ich so liege und den Planeten zusehe, die sie auch schon -kannten, denn alle kannten sie nicht, so gescheit sie waren. Aber die -sie nicht kannten, kann ich auch nicht sehen, Uranus ist ja erst neulich -mit dem Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren.“ - -„Neulich?“ - -„Das nenne ich ‚neulich‘, wenn du erlaubst, im Vergleich mit den -dreitausend Jahren bis damals. Aber wenn ich so liege und mir die -Planeten besehe, dann werden die dreitausend Jahre auch zu ‚neulich‘, -und ich denke intim an die Chaldäer, die sie auch sahen und sich ihren -Vers darauf machten, und das ist die Menschheit.“ - -„Na, gut; du hast ja großzügige Entwürfe in deinem Kopf.“ - -„Du sagst ‚großzügig‘, und ich sage ‚intim‘, – wie man es nun nennen -will. Aber wenn nun also die Sonne in die Wage tritt, in zirka drei -Monaten, dann haben die Tage wieder so weit abgenommen, daß Tag und -Nacht gleich sind, und dann nehmen sie weiter ab bis gegen Weihnachten, -das ist dir bekannt. Willst du aber, bitte, bedenken, daß, während die -Sonne durch die Winterzeichen geht, den Steinbock, den Wassermann und -die Fische, die Tage schon wieder zunehmen! Denn dann kommt neuerdings -der Frühlingspunkt, zum dreitausendstenmal seit den Chaldäern, und die -Tage wachsen weiter bis übers Jahr, wenn wieder Sommersanfang ist.“ - -„Selbstverständlich.“ - -„Nein, das ist eine Eulenspiegelei! Im Winter wachsen die Tage, und wenn -der längste kommt, 21. Juni, Sommersanfang, dann geht es schon wieder -bergab, sie werden schon wieder kürzer, und es geht gegen den Winter. Du -nennst das selbstverständlich, aber wenn man einmal davon absieht, daß -es selbstverständlich ist, dann kann einem angst und bange werden, -momentweise, und man möchte krampfhaft nach etwas greifen. Es ist, als -ob Eulenspiegel es so eingerichtet hätte, daß zu Wintersanfang -eigentlich der Frühling beginnt und zu Sommersanfang eigentlich der -Herbst ... Man wird ja an der Nase herumgezogen, im Kreise herumgelockt -mit der Aussicht auf etwas, was schon wieder Wendepunkt ist ... -Wendepunkt im Kreise. Denn das sind lauter ausdehnungslose Wendepunkte, -woraus der Kreis besteht, die Biegung ist unmeßbar, es gibt keine -Richtungsdauer, und die Ewigkeit ist nicht ‚geradeaus, geradeaus‘, -sondern ‚Karussell, Karussell‘.“ - -„Hör’ auf!“ - -„Sonnwendfeier!“ sagte Hans Castorp, „Sommersonnenwende! Bergfeuer und -Ringelreihn rund um die lodernde Flamme herum mit angefaßten Händen! Ich -habe es nie gesehen, aber ich höre, so wird es gemacht von urwüchsigen -Menschen, so feiern sie die erste Sommernacht, mit der der Herbst -beginnt, die Mittagsstunde und Scheitelhöhe des Jahres, von wo es -abwärts geht, – sie tanzen und drehen sich und jauchzen. Worüber -jauchzen sie in ihrer Urwüchsigkeit, – kannst du dir das begreiflich -machen? Worüber sind sie so ausgelassen lustig? Weil es nun abwärts geht -ins Dunkel, oder vielleicht, weil es bisher aufwärts ging und nun die -Wende gekommen ist, der unhaltbare Wendepunkt, Mittsommernacht, die -volle Höhe, mit Wehmut im Übermut? Ich sage es, wie es ist, mit den -Worten, die mir dafür einfallen. Es ist melancholischer Übermut und -übermütige Melancholie, weshalb die Urwüchsigen jauchzen und um die -Flamme tanzen, sie tun es aus positiver Verzweiflung, wenn du so sagen -willst, zu Ehren der Eulenspiegelei des Kreises und der Ewigkeit ohne -Richtungsdauer, in der alles wiederkehrt.“ - -„Ich will nicht so sagen,“ murmelte Joachim, „bitte, schiebe es nicht -auf mich. Es sind ja weitläufige Dinge, mit denen du dich beschäftigst -des Abends, wenn du liegst.“ - -„Ja, ich will nicht leugnen, daß du dich nützlicher beschäftigst mit -deiner russischen Grammatik. Du mußt die Sprache nächstens ja fließend -beherrschen, Mensch, natürlich ein großer Vorteil für dich, wenn es -Krieg gibt, was Gott verhüte.“ - -„Verhüte? Du sprichst wie ein Zivilist. Krieg ist notwendig. Ohne Kriege -würde bald die Welt verfaulen, hat Moltke gesagt.“ - -„Ja, dazu hat sie wohl eine Neigung. Und so viel kann ich dir zugeben“, -setzte Hans Castorp an und wollte eben auf die Chaldäer zurückkommen, -die ebenfalls Krieg geführt und Babylonien erobert hätten, obgleich sie -Semiten und also beinahe Juden gewesen seien, – als beide gleichzeitig -gewahr wurden, daß zwei Herren, die dicht vor ihnen gingen, die Köpfe -nach ihnen wandten, aufmerksam gemacht durch ihre Reden, gestört in -eigener Unterhaltung. - -Es war auf der Hauptstraße, zwischen dem Kurhaus und dem Hotel -Belvedere, auf dem Rückweg nach Davos-Dorf. Das Tal lag im Festkleide, -in zarten, lichten und frohen Farben. Die Luft war köstlich. Eine -Sinfonie von heiteren Wiesenblumendüften erfüllte die reine, trockene, -klar durchsonnte Atmosphäre. - -Sie erkannten Lodovico Settembrini zur Seite eines Fremden; doch schien -es, als erkenne er seinerseits sie nicht oder als wünsche er kein -Zusammentreffen, denn er wandte rasch den Kopf wieder ab und vertiefte -sich gestikulierend in die Unterhaltung mit seinem Begleiter, wobei er -sogar rascher vorwärts zu kommen suchte. Als freilich die Vettern, -rechts neben ihm, durch heitere Verbeugung grüßten, stellte er sich -wunder wie angenehm überrascht, mit „Sapristi!“ und „Teufel noch -einmal!“, wollte aber nun wieder zurückhalten, die beiden vorüber- und -vorangehen lassen, was sie jedoch nicht verstanden, das heißt: nicht -bemerkten, weil sie keine Vernunft darin sahen. Ehrlich erfreut -vielmehr, ihm nach längerer Trennung wieder zu begegnen, hielten sie -sich bei ihm und schüttelten ihm die Hand, indem sie nach seinem Ergehen -fragten und in höflicher Erwartung dabei zu seinem Gefährten -hinüberblickten. So zwangen sie ihn, zu tun, was er offenbar lieber -nicht getan hätte, was aber ihnen als die natürlichste und zu -gewärtigendste Sache von der Welt erschien: nämlich sie mit jenem -bekannt zu machen, – was denn also im Gehen und halben Stehenbleiben -derart geschah, daß Settembrini, vor sich, mit verbindenden -Handbewegungen und lustigen Reden die Herren miteinander in Beziehung -setzte, sie vor seiner Brust sich die Hände reichen ließ. - -Es stellte sich heraus, daß der Fremde, der Settembrinis Jahre haben -mochte, dessen Hausgenosse war: der andere Aftermieter Lukačeks, des -Damenschneiders, Naphta mit Namen, soviel die jungen Leute verstanden. -Er war ein kleiner, magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man -möchte sagen: ätzender Häßlichkeit, daß die Vettern sich geradezu -wunderten. Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, die sein Gesicht -beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, die dickgeschliffenen -Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille, die er vor seinen -hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen, das er bewahrte, und -dem zu entnehmen war, daß seine Rede scharf und folgerecht sein werde. -Er war barhaupt, wie es sich gehörte, und im bloßen Anzug, – sehr -wohlgekleidet dabei: sein dunkelblauer Flanellanzug mit weißen Streifen -zeigte guten, gehalten modischen Schnitt, wie der weltkindlich prüfende -Blick der Vettern feststellte, die übrigens einem ebensolchen, nur -rascheren und schärferen, an ihren Personen hinabgleitenden Blick von -seiner, des kleinen Naphta Seite, begegneten. Hätte Lodovico Settembrini -seinen faserigen Flaus und seine gewürfelten Hosen nicht mit so viel -Anmut und Würde zu tragen gewußt, – seine Erscheinung hätte -unvorteilhaft abstechen müssen von der feinen Gesellschaft. Sie tat es -jedoch um so weniger, als die Gewürfelten frisch aufgebügelt waren, so -daß man sie auf den ersten Blick fast für neu hätte halten können, – ein -Werk seines Quartiergebers zweifellos, nach beiläufiger Überlegung der -jungen Leute. Wenn aber der häßliche Naphta nach der Güte und -Weltlichkeit seiner Kleidung den Vettern näher stand als seinem -Hausgenossen, so ordneten doch nicht allein seine vorgerückteren Jahre -ihn mit diesem gegen die Jünglinge zusammen, sondern entschieden noch -etwas anderes, was sich am bequemsten auf die Gesichtsfarbe der beiden -Paare zurückführen ließ, nämlich darauf, daß die einen braun und -rotgebrannt, die anderen aber bleich waren: Joachims Gesicht war im -Laufe des Winters noch bronzefarbener nachgedunkelt, und dasjenige Hans -Castorps glühte rosenrot unter seinem blonden Scheitel; aber Herrn -Settembrinis welscher Blässe, die gar edel zu seinem schwarzen -Schnurrbart stand, hatte die Strahlung nichts anzuhaben vermocht, und -sein Genosse, obgleich blonden Haares – es war übrigens aschblond, -metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden Stirn über -den ganzen Kopf zurückgestrichen –, zeigte gleichfalls die mattweiße -Gesichtshaut brünetter Rassen. Zwei von den vieren trugen Spazierstöcke, -nämlich Hans Castorp und Settembrini; denn Joachim ging aus -militärischen Gründen ohne einen solchen, und Naphta legte nach -erfolgter Vorstellung sogleich wieder die Hände auf dem Rücken zusammen. -Sie waren klein und zart, wie auch seine Füße sehr zierlich waren, -übrigens seiner Figur entsprechend. Daß er erkältet wirkte und auf eine -gewisse schwächliche und unförderliche Art hustete, fiel nicht auf. - -Jenen Anflug von Betroffenheit oder Verstimmung beim Gewahrwerden der -jungen Leute hatte Settembrini sofort mit Eleganz überwunden. Er zeigte -sich in der besten Laune und machte die drei unter Scherzreden bekannt, -– zum Beispiel bezeichnete er Naphta als „_Princeps scholasticorum_“. -Die Fröhlichkeit, sagte er, „halte glanzvoll Hof im Saale seiner Brust“, -wie Aretino sich ausgedrückt habe, und das sei des Frühlings Verdienst, -eines Frühlings, den er sich lobe. Die Herren wüßten, daß er gegen die -Welt hier oben manches auf dem Herzen habe, sooft er es sich bereits -davon heruntergeredet. Ehre jedoch dem Hochgebirgsfrühling! – -vorübergehend vermöge er ihn mit allen Greueln dieser Sphäre zu -versöhnen. Da fehle alles Verwirrende und Aufreizende des Frühlings der -Ebene. Kein Gebrodel in der Tiefe! Keine feuchten Düfte, kein schwüler -Dunst! Sondern Klarheit, Trockenheit, Heiterkeit und herbe Anmut. Es sei -nach seinem Herzen, es sei süperb! - -Sie gingen in unregelmäßiger Reihe, nebeneinander alle vier, so weit es -möglich war, aber bald, wenn Entgegenkommende vorbeigingen, mußte -Settembrini, der den rechten Flügel hielt, auf die Fahrstraße treten, -bald löste ihre Front durch das Zurückbleiben und Einlenken einzelner -Glieder, Naphtas etwa, linkerseits, oder Hans Castorps, der den Platz -zwischen dem Humanisten und Vetter Joachim hatte, sich vorübergehend -auf. Naphta lachte kurz, mit einer vom Schnupfen sordinierten Stimme, -die beim Sprechen an den Klang eines gesprungenen Tellers erinnerte, an -den man mit dem Knöchel klopft. Indem er mit dem Kopf seitlich zu dem -Italiener hinüberwies, sagte er mit schleppendem Akzent: - -„Man höre den Voltairianer, den Rationalisten. Er lobt die Natur, weil -sie uns auch bei fertilster Gelegenheit nicht mit mystischen Dämpfen -verwirrt, sondern klassische Trockenheit wahrt. Wie hieß doch die -Feuchtigkeit auf lateinisch?“ - -„Der Humor,“ rief Settembrini über die linke Schulter, „der Humor in der -Naturbetrachtung unseres Professors besteht darin, daß er, wie die -heilige Katharina von Siena, an die Wunden Christi denkt, wenn er rote -Primeln sieht.“ - -Naphta erwiderte: - -„Das wäre eher witzig als humoristisch. Aber es hieße immerhin Geist in -die Natur tragen. Sie hat es nötig.“ - -„Die Natur,“ sagte Settembrini mit gesenkter Stimme und nicht mehr -völlig über die Schulter hinweg, sondern nur noch an ihr hinunter, „hat -Ihren Geist durchaus nicht nötig. Sie ist selber Geist.“ - -„Sie langweilen sich nicht mit Ihrem Monismus?“ - -„Ah, Sie geben also zu, daß es Vergnügungssucht ist, wenn Sie die Welt -feindlich entzweien, Gott und Natur auseinanderreißen!“ - -„Es interessiert mich, daß Sie Vergnügungssucht nennen, was ich im Sinne -habe, wenn ich Passion und Geist sage.“ - -„Zu denken, daß Sie, der so große Worte für so frivole Bedürfnisse -setzt, mich manchmal einen Redner nennen!“ - -„Sie bleiben dabei, daß Geist Frivolität bedeutet. Aber er kann nichts -dafür, daß er von Hause aus dualistisch ist. Der Dualismus, die -Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche, das -dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt feindlich gespalten -sehen, das ist Geist. Aller Monismus ist langweilig. _Solet Aristoteles -quaerere pugnam._“ - -„Aristoteles? Aristoteles hat die Wirklichkeit der allgemeinen Ideen in -die Individuen verlegt. Das ist Pantheismus.“ - -„Falsch. Geben Sie den Individuen substantiellen Charakter, denken Sie -das Wesen der Dinge aus dem Allgemeinen fort in die Einzelerscheinung, -wie Thomas und Bonaventura es als Aristoteliker taten, so haben Sie die -Welt aus jeder Einheit mit der höchsten Idee gelöst, sie ist -außergöttlich und Gott transzendent. Das ist klassisches Mittelalter, -mein Herr.“ - -„Klassisches Mittelalter ist eine köstliche Wortverbindung!“ - -„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich lasse den Begriff des Klassischen -statthaben, wo er am Platze ist, das heißt, wo immer eine Idee auf ihren -Gipfel kommt. Die Antike war nicht immer klassisch. Ich stelle eine -Abneigung gegen die ... Freizügigkeit der Kategorien bei Ihnen fest, -gegen das Absolute. Sie wollen auch nicht den absoluten Geist. Sie -wollen, der Geist, das sei der demokratische Fortschritt.“ - -„Ich hoffe uns einig in der Überzeugung, daß der Geist, so absolut er -sei, niemals den Anwalt der Reaktion wird machen können.“ - -„Er ist jedoch immer der Anwalt der Freiheit!“ - -„Jedoch? Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe, nicht Nihilismus und -Bosheit.“ - -„Wovor Sie offenbar Angst haben.“ - -Settembrini warf den Arm über den Kopf. Das Geplänkel brach ab. Joachim -blickte verwundert von einem zum andern, während Hans Castorp mit -hochgezogenen Brauen auf seinen Weg niedersah. Naphta hatte scharf und -apodiktisch gesprochen, wiewohl er es gewesen war, der die weitere -Freiheit verfochten hatte. Besonders seine Art, mit „Falsch!“ zu -widersprechen, bei dem „sch“-Laut die Lippen vorzuschieben und dann den -Mund zu verkneifen, war unangenehm. Settembrini hatte ihm teils auf -heiterere Weise Widerpart gehalten, teils auch eine schöne Wärme in -seine Worte gelegt, etwa dort, wo er zur Einigkeit in gewissen -Grundgesinnungen gemahnt hatte. Jetzt, während Naphta schwieg, begann -er, den Vettern die Existenz des ihnen Fremden zu erläutern, womit er -dem Bedürfnis nach Aufklärung entgegenkam, das er nach seinem -Wortwechsel mit Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, -ohne sich darum zu kümmern. Er sei Professor der alten Sprachen in den -obersten Klassen des Fridericianums, erklärte Settembrini, indem er den -Stand des Vorzustellenden nach italienischer Art möglichst pomphaft -herausstrich. Sein Schicksal sei dem seinen, Settembrinis eigenem, -gleich. Durch seinen Gesundheitszustand vor fünf Jahren heraufgeführt, -habe er sich überzeugen müssen, daß er des Aufenthaltes für lange Frist -bedürftig sei, habe sein Sanatorium verlassen und sich privat-ansässig -gemacht, bei Lukaček, dem Damenschneider. Des hervorragenden Latinisten, -Zöglings einer Ordensschule, wie er sich etwas unbestimmt ausdrückte, -habe sich klugerweise die höhere Lehranstalt des Ortes als eines -Dozenten versichert, der ihr zur Zierde gereiche ... Kurz, Settembrini -erhob den häßlichen Naphta nicht wenig, obgleich er doch eben noch etwas -wie einen abstrakten Streit mit ihm gehabt, und obgleich dieser -streitähnliche Wortwechsel sich sogleich fortsetzen sollte. - -Settembrini ging nämlich jetzt dazu über, Herrn Naphta Erläuterungen -über die Vettern zu geben, wobei sich übrigens zeigte, daß er ihm schon -früher von ihnen erzählt hatte. Dies sei also der junge Ingenieur mit -den drei Wochen, bei dem Hofrat Behrens eine feuchte Stelle gefunden -habe, sagte er, und dies hier jene Hoffnung der preußischen -Heeresorganisation, Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims -Gemütsempörung und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur -zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht dieselbe Ungeduld -zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren. - -Naphta verzog das Gesicht. Er sagte: - -„Die Herren haben da einen beredten Vormund. Ich hüte mich, zu -bezweifeln, daß er Ihre Gedanken und Wünsche zutreffend verdolmetscht. -Arbeit, Arbeit –, ich bitte, gleich wird er mich einen Feind der -Menschheit schelten, einen _inimicus humanae naturae_, wenn ich es wage, -an Zeiten zu erinnern, wo er mit dieser Fanfare den gewohnten Effekt -durchaus nicht erzielt hätte, nämlich an Zeiten, wo das Gegenteil seines -Ideals in unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux -etwa lehrte eine andere Stufenfolge der Vollkommenheit, als Herr -Lodovico sie sich je hat träumen lassen. Wollen Sie wissen, welche? Sein -unterster Stand befindet sich in der ‚Mühle‘, der zweite auf dem -‚Acker‘, der dritte und lobenswerteste aber – hören Sie nicht zu, -Settembrini –, ‚auf dem Ruhebett‘. Die Mühle, das ist das Sinnbild des -Weltlebens, – nicht schlecht gewählt. Der Acker bedeutet die Seele des -weltlichen Menschen, darauf der Prediger und geistliche Lehrer wirkt. -Diese Stufe ist schon würdiger. Auf dem Bette aber –“ - -„Genug! Wir wissen!“ rief Settembrini. „Meine Herren, jetzt wird er -Ihnen Zweck und Gebrauch des Lotterbettes vor Augen führen!“ - -„Ich wußte nicht, daß Sie prüde sind, Lodovico. Wenn man Sie den Mädchen -zuzwinkern sieht ... Wo bleibt die heidnische Unbefangenheit? Das Bett -also ist der Ort der Beiwohnung des Minnenden mit dem Gemeinten und als -Symbolum die beschauliche Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum -Zwecke der Beiwohnung mit Gott.“ - -„Puh! _Andate, andate!_“ wehrte der Italiener fast weinend ab. Man -lachte. Dann aber fuhr Settembrini mit Würde fort: - -„Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung da ist reiner -Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. Lao-Tse lehrte, daß -Nichtstun förderlicher sei, als jedes Ding zwischen Himmel und Erde. -Wenn alle Menschen aufgehört haben würden, zu tun, werde vollkommene -Ruhe und Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre -Beiwohnung.“ - -„Was Sie nicht sagen. Und die abendländische Mystik? Und der Quietismus, -der Fénelon zu den Seinen zählen darf, und der lehrte, daß jedes Handeln -fehlerhaft sei, da tätig sein zu wollen, Gott beleidigen heiße, der -allein handeln wolle? Ich zitiere die Propositionen von Molinos. Es -scheint doch, daß die geistige Möglichkeit, das Heil in der Ruhe zu -finden, allgemeine menschliche Verbreitung besitzt.“ - -Hier griff Hans Castorp ein. Mit dem Mut der Einfalt mischte er sich ins -Gespräch und äußerte ins Leere blickend: - -„Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es läßt sich -hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, wir hier oben, das -kann man sagen. Fünftausend Fuß hoch liegen wir auf unseren Stühlen, die -auffallend bequem sind, und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und -machen uns unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die -Wahrheit sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl, -verstehen Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und mich auf -mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande all die Jahre her, -das ist nicht zu leugnen.“ - -Settembrini sah ihn mit traurig schimmernden schwarzen Augen an. -„Ingenieur,“ sagte er gepreßt, „Ingenieur!“ Und er nahm Hans Castorp am -Arm und hielt ihn ein wenig zurück, gleichsam um hinter dem Rücken der -anderen privatim auf ihn einzureden. - -„Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß man wissen sollte, was man ist, und -denken, wie es einem zukommt! Sache des Abendländers, trotz aller -Propositionen, ist die Vernunft, die Analyse, die Tat und der -Fortschritt, – nicht das Faulbett des Mönches!“ - -Naphta hatte zugehört. Er sprach nach hinten: - -„Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des europäischen Bodens! -Man dankt ihnen, daß Deutschland, Frankreich und Italien nicht mit -Wildwald und Ursümpfen bedeckt sind, sondern uns Korn, Obst und Wein -bescheren! Die Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet ...“ - -„_Ebbè_, nun also!“ - -„Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, das heißt: -Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, die Welt zu fördern oder -geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie war reine asketische Übung, -Bestandteil der Bußdisziplin, Heilsmittel. Sie gewährte Schutz gegen das -Fleisch, diente der Abtötung der Sinnlichkeit. Sie trug also – erlauben -Sie mir, das festzustellen – völlig unsozialen Charakter. Sie war -ungetrübtester religiöser Egoismus.“ - -„Ich bin Ihnen für die Aufklärung sehr verbunden und freue mich, den -Segen der Arbeit auch gegen den Willen des Menschen sich bewähren zu -sehen.“ - -„Ja, gegen seine Absicht. Wir bemerken da nichts Geringeres, als den -Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem Humanen.“ - -„Ich bemerke vor allem mit Unmut, daß Sie schon wieder Weltentzweiung -treiben.“ - -„Ich bedauere, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben, aber man muß die -Dinge scheiden und ordnen und die Idee des _Homo Dei_ von unreinen -Bestandteilen freihalten. Ihr Italiener habt das Wechslergeschäft und -die Banken erfunden; das verzeih’ euch Gott. Aber die Engländer erfanden -die ökonomistische Gesellschaftslehre, und das wird der Genius des -Menschen ihnen niemals verzeihen.“ - -„Ah, der Genius der Menschheit war auch in den großen ökonomischen -Denkern jener Inseln lebendig! – Sie wollten sprechen, Ingenieur?“ - -Das leugnete Hans Castorp, sagte aber dennoch – und Naphta sowohl wie -Settembrini hörten ihm mit einer gewissen Spannung zu: - -„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen haben, Herr -Naphta, und einverstanden sein mit seiner Ungeduld, ihn zu ergreifen ... -Ich bin ja Zivilist durch und durch, mein Vetter macht es mir öfters zum -Vorwurf. Ich habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind -des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich sehr gut -auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie meinen Vetter, ich -habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber wenn ich von meinen -persönlichen Neigungen mal absehe – und vielleicht brauch’ ich, genau -genommen, gar nicht so ganz davon abzusehen –, so habe ich eine Menge -Verständnis und Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine -verteufelt ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie -wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie zu -gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit dem Tode zu tun zu -bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch der geistliche Stand es zu tun -hat, – womit denn sonst. Daher hat der Soldatenstand die _bienséance_ -und die Rangordnung und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so -sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen -Uniformkragen trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf -dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend -sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Ihnen meinen -Gedankengang ...“ - -„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini hinüber, -der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete. - -„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die Neigungen meines -Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein müßten, nach allem, was Sie -sagen. Ich denke da nicht an ‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen, -womit manche Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß -wohlgesinnte Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen. -Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes, das heißt -der Dienst – in diesem Falle spricht man von Dienst – absolut nicht um -geschäftlicher Vorteile willen geschieht und zur ‚ökonomischen -Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten, gar keine Beziehungen hat, weshalb -denn auch die Engländer nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien -und ein paar zu Hause für die Parade ...“ - -„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach ihn -Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne unserm -Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel, denn sie -ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt, der Grundtypus des -Soldaten ist der Landsknecht, der sich für diese oder auch jene Sache -anwerben ließ, – kurzum, es gab den Soldaten der spanischen -Gegenreformation, den Soldaten der Revolutionsheere, den napoleonischen, -den Garibaldis, es gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den -Soldaten reden, wenn ich weiß, _wofür_ er sich schlägt!“ - -„_Daß_ er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin eine -greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das gut sein. Es -ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand in Ihrem Sinne -‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt ihn in eine Sphäre, -worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder Einblick verwehrt ist.“ - -„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“ entgegnete Herr -Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen, während seine Mundwinkel -unter dem geschwungenen Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und -sein Hals sich auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem -Kragen herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für die -Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen -Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen Form -einzutreten.“ - -Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen vor sich hin. -Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der Kopf und Hals wieder in -natürliche Stellung gebracht hatte: - -„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken uns oft, -aber es geschieht in aller Freundschaft und auf Grund manchen -Einverständnisses.“ - -Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini. Aber -Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das Gespräch harmlos -fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als stünde er unter irgendeinem -Druck und Zwang, und gleichsam gegen seinen Willen: - -„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich, vorhin, als wir -hinter Ihnen gingen.“ - -„Das hörte ich“, antwortete Naphta. „Ich fing das Wort auf und sah mich -um. Politisierten Sie? Erörterten Sie die Weltlage?“ - -„Oh, nein“, lachte Hans Castorp. „Wie sollten wir dazu wohl kommen! Für -meinen Vetter hier wäre es von Berufs wegen geradezu unpassend, sich um -Politik zu kümmern, und ich verzichte freiwillig darauf, verstehe -garnichts davon. Seit ich hier bin, habe ich noch nicht einmal eine -Zeitung in der Hand gehabt ...“ - -Settembrini fand das, wie früher schon einmal, tadelnswert. Er zeigte -sich sofort aufs beste unterrichtet über die großen Verhältnisse und -beurteilte sie beifällig insofern, als die Dinge einen der Zivilisation -günstigen Verlauf nähmen. Die europäische Gesamtatmosphäre sei von -Friedensgedanken, von Abrüstungsplänen erfüllt. Die demokratische Idee -marschiere. Er erklärte, vertrauliche Informationen zu besitzen, -dahingehend, das Jungtürkentum beende soeben seine Vorbereitungen zu -grundstürzenden Unternehmungen. Die Türkei als National- und -Verfassungsstaat, – welch ein Triumph der Menschlichkeit! - -„Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta. „Vorzüglich. Der -aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut. Übrigens geht das Sie an“, wandte er -sich an Joachim. „Wenn Abdul Hamid fällt, ist es mit Ihrem Einfluß in -der Türkei zu Ende, und England wirft sich zum Protektor auf ... Sie -müssen die Verbindungen und Informationen unseres Settembrini durchaus -ernst nehmen“, sagte er zu beiden Vettern, und auch dies klang -impertinent, da er sie für geneigt zu halten schien, Herrn Settembrini -nicht ernst zu nehmen. „In national-revolutionären Dingen weiß er -Bescheid. Bei ihm zu Hause unterhält man gute Beziehungen zum englischen -Balkankomitee. Was wird aber aus den Abmachungen von Reval, Lodovico, -wenn Ihre Fortschrittstürken Glück haben? Eduard der Siebente wird den -Russen die Öffnung der Dardanellen nicht mehr zugestehen können, und -wenn Österreich sich trotzdem zu einer aktiven Balkanpolitik aufrafft, -so ...“ - -„Mit Ihrer Katastrophenprophetie!“ wehrte Settembrini ab. „Nikolaus -liebt den Frieden. Man verdankt ihm die Konferenzen im Haag, die -moralische Tatsachen ersten Ranges bleiben.“ - -„Ei, Rußland mußte sich nach seinem kleinen Mißgeschick im Osten noch -etwas Erholung gönnen!“ - -„Pfui, mein Herr. Sie sollten die Sehnsucht der Menschheit nach ihrer -gesellschaftlichen Vervollkommnung nicht verhöhnen. Das Volk, das solche -Bestrebungen durchkreuzt, wird sich unzweifelhaft der moralischen -Ächtung aussetzen.“ - -„Wozu wäre die Politik auch da, als einander Gelegenheit zu geben, sich -moralisch zu kompromittieren!“ - -„Sie huldigen dem Pangermanismus?“ - -Naphta zuckte die Schultern, die nicht ganz gleichmäßig standen. Er war -wohl eigentlich etwas schief, zu seiner sonstigen Häßlichkeit. Er -verschmähte es, zu antworten. Settembrini urteilte: - -„Jedenfalls ist es zynisch, was Sie da sagen. In den hochherzigen -Anstrengungen der Demokratie, sich international durchzusetzen, wollen -Sie nichts erblicken, als politische List ...“ - -„Sie verlangen wohl, daß ich Idealismus oder gar Religiosität darin -erblicke? Es handelt sich um letzte, schwächliche Regungen des Restes -von Selbsterhaltungsinstinkt, über den ein verurteiltes Weltsystem noch -verfügt. Die Katastrophe soll und muß kommen, sie kommt auf allen Wegen -und auf alle Weise. Nehmen Sie die britische Staatskunst. Englands -Bedürfnis, das indische Glacis zu sichern, ist legitim. Aber die Folgen? -Eduard weiß so gut wie Sie und ich, daß die Machthaber von Petersburg -die mandschurische Scharte auswetzen müssen und die Ableitung der -Revolution so notwendig brauchen wie das liebe Brot. Trotzdem lenkt er – -er muß es wohl! – den russischen Ausdehnungsdrang nach Europa, weckt -eingeschlummerte Rivalitäten zwischen Petersburg und Wien –“ - -„Ach, Wien! Sie sorgen sich um dieses Welthindernis, vermutlich, weil -Sie in dem morschen Imperium, dessen Haupt es ist, die Mumie des -Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erkennen!“ - -„Und Sie finde ich russophil, vermutlich aus humanistischer Sympathie -mit dem Cäsaro-Papismus.“ - -„Mein Herr, die Demokratie hat selbst vom Kreml mehr zu hoffen, als von -der Hofburg, und es ist eine Schande für das Land Luthers und Gutenbergs -–“ - -„Es ist außerdem wahrscheinlich eine Dummheit. Aber auch diese Dummheit -ist ein Werkzeug der Fatalität –“ - -„Ach, gehen Sie mir mit der Fatalität! Die menschliche Vernunft braucht -sich nur stärker zu _wollen_ als die Fatalität, und sie _ist_ es!“ - -„Gewollt wird immer nur das Schicksal. Das kapitalistische Europa will -das seine.“ - -„Man glaubt an das Kommen des Krieges, wenn man ihn nicht hinlänglich -verabscheut!“ - -„Ihr Abscheu ist logisch abrupt, solange Sie ihn nicht beim Staate -selbst beginnen lassen.“ - -„Der nationale Staat ist das Prinzip des Diesseits, das Sie dem Teufel -zuschreiben möchten. Machen Sie aber die Nationen frei und gleich, -schützen Sie die kleinen und schwachen vor Unterdrückung, schaffen Sie -Gerechtigkeit, schaffen Sie nationale Grenzen ...“ - -„Die Brennergrenze, ich weiß. Die Liquidation Österreichs. Wenn ich nur -wüßte, wie Sie sie ohne Krieg zu bewerkstelligen gedenken!“ - -„Und ich wüßte wahrhaftig gern, wann jemals ich den nationalen Krieg -verdammt haben soll.“ - -„Ich höre doch wohl –“ - -„Nein, das muß ich Herrn Settembrini bestätigen“, mischte sich Hans -Castorp in den Disput, dem er im Gehen gefolgt war, indem er den jeweils -Sprechenden mit schrägem Kopfe aufmerksam von der Seite betrachtet -hatte. „Mein Vetter und ich haben ja schon manchmal den Vorzug gehabt, -uns mit ihm über diese und ähnliche Dinge zu unterhalten, das heißt, -natürlich lief es darauf hinaus, daß wir ihm zuhörten, wie er seine -Meinungen entwickelte und alles klarstellte. Und da kann ich denn -bestätigen, und auch mein Vetter hier wird sich daran erinnern, daß Herr -Settembrini mehr als einmal mit großer Begeisterung von dem Prinzip der -Bewegung und der Rebellion und der Weltverbesserung sprach, das ja an -sich kein so ganz friedliches Prinzip ist, sollte ich meinen, und daß -diesem Prinzip noch große Anstrengungen bevorständen, ehe es überall -gesiegt haben werde und die allgemeine glückliche Weltrepublik -stattfinden könne. Das waren seine Worte, wenn sie auch natürlich viel -plastischer und schriftstellerischer waren als meine, das versteht sich -von selbst. Was ich aber ganz genau weiß und wörtlich behalten habe, -weil ich als ausgepichter Zivilist direkt etwas darüber erschrak, das -war, daß er sagte, dieser Tag werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf -Adlerschwingen kommen (über die Adlerschwingen erschrak ich, wie ich -mich erinnere), und Wien müsse aufs Haupt geschlagen sein, wenn man das -Glück in die Wege leiten wolle. Man kann also nicht sagen, daß Herr -Settembrini den Krieg überhaupt verworfen hat. Habe ich recht, Herr -Settembrini?“ - -„Ungefähr“, sagte der Italiener kurz, indem er abgewandten Kopfes seinen -Stock schwenkte. - -„Schlimm“, lächelte Naphta häßlich. „Da sind Sie von Ihrem eigenen -Schüler kriegerischer Neigungen überführt. _Assument pennas ut aquilae -..._“ - -„Voltaire selbst hat den Zivilisationskrieg bejaht und Friedrich dem -Zweiten den Krieg gegen die Türken empfohlen.“ - -„Statt dessen verbündete er sich mit ihnen, he, he. Und dann die -Weltrepublik! Ich unterlasse es, mich zu erkundigen, was aus dem Prinzip -der Bewegung und der Rebellion wird, wenn das Glück und die Vereinigung -hergestellt sind. In diesem Augenblick würde die Rebellion zum -Verbrechen ...“ - -„Sie wissen sehr wohl, und auch diese jungen Herren wissen es, daß es -sich um einen als unendlich gedachten Fortschritt der Menschheit -handelt.“ - -„Alle Bewegung ist aber kreisförmig“, sagte Hans Castorp. „Im Raume und -in der Zeit, das lehren die Gesetze von der Erhaltung der Masse und von -der Periodizität. Mein Vetter und ich sprachen vorhin noch davon. Kann -denn bei geschlossener Bewegung ohne Richtungsdauer von Fortschritt die -Rede sein? Wenn ich abends so liege und den Zodiakus betrachte, das -heißt: die Hälfte, die zu sehen ist, und an die alten weisen Völker -denke ...“ - -„Sie sollten nicht grübeln und träumen, Ingenieur,“ unterbrach ihn -Settembrini, „sondern sich entschlossen den Instinkten Ihrer Jahre und -Ihrer Rasse anvertrauen, die Sie zur Tätigkeit drängen müssen. Auch Ihre -naturwissenschaftliche Bildung muß Sie der Fortschrittsidee verbinden. -Sie sehen in ungemessenen Zeiträumen das Leben vom Infusor zum Menschen -sich fort- und emporentwickeln, Sie können nicht zweifeln, daß dem -Menschen noch unendliche Vervollkommnungsmöglichkeiten offen stehen. -Versteifen Sie sich denn aber auf die Mathematik, so führen Sie Ihren -Kreislauf von Vollkommenheit zu Vollkommenheit und erquicken Sie sich an -der Lehre unseres achtzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch ursprünglich -gut, glücklich und vollkommen war, daß nur die gesellschaftlichen -Irrtümer ihn entstellt und verdorben haben, und daß er auf dem Wege -kritischer Arbeit am Gesellschaftsbau wieder gut, glücklich und -vollkommen werden soll, werden wird –“ - -„Herr Settembrini versäumt, hinzuzufügen,“ fiel Naphta ein, „daß das -Rousseausche Idyll eine vernünftlerische Verballhornung der kirchlichen -Doktrin von der ehemaligen Staat- und Sündlosigkeit des Menschen ist, -seiner ursprünglichen Gottesunmittelbarkeit und Gotteskindschaft, zu der -er zurückkehren soll. Die Wiederherstellung des Gottesstaates nach -Auflösung aller irdischen Formen liegt aber dort, wo Erde und Himmel, -Sinnliches und Übersinnliches sich berühren, das Heil ist transzendent, -und was Ihre kapitalistische Weltrepublik anbelangt, lieber Doktor, so -ist es recht sonderbar, Sie in diesem Zusammenhang vom „Instinkt“ reden -zu hören. Das Instinktive ist durchaus auf seiten des Nationalen, und -Gott selbst hat den Menschen den natürlichen Instinkt eingepflanzt, der -die Völker veranlaßt hat, sich in verschiedenen Staaten voneinander zu -sondern. Der Krieg ...“ - -„Der Krieg,“ rief Settembrini, „selbst der Krieg, mein Herr, hat schon -dem Fortschritt dienen müssen, wie Sie mir einräumen werden, wenn Sie -sich gewisser Ereignisse aus Ihrer Lieblingsepoche, ich meine: wenn Sie -sich der Kreuzzüge erinnern! Diese Zivilisationskriege haben die -Beziehungen der Völker im wirtschaftlichen und handelspolitischen -Verkehr aufs glücklichste begünstigt und die abendländische Menschheit -im Zeichen einer Idee vereinigt.“ - -„Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will ich Sie -dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung, die sie -zeitigten, nichts weniger als international ausgleichend gewirkt haben, -sondern im Gegenteil die Völker lehrten, sich voneinander zu -unterscheiden und die Ausbildung der nationalen Staatsidee kräftig -förderten.“ - -„Sehr zutreffend, soweit das Verhältnis der Völker zur Klerisei in Frage -kommt. Ja! damals begann das Gefühl staatlich nationaler Ehre sich gegen -hierarchische Anmaßung zu festigen ...“ - -„Und dabei ist, was Sie hierarchische Anmaßung nennen, nichts als die -Idee menschlicher Vereinigung im Zeichen des Geistes!“ - -„Man kennt diesen Geist, und man bedankt sich.“ - -„Es ist klar, daß Ihre nationale Manie den weltüberwindenden -Kosmopolitismus der Kirche verabscheut. Wenn ich nur wüßte, wie Sie den -Abscheu vor dem Kriege damit zu vereinigen gedenken. Ihr antikisierender -Staatskult muß Sie zum Verfechter positiver Rechtsauffassung machen, und -als solcher ...“ - -„Sind wir beim Recht? Im Völkerrecht, mein Herr, bleibt der Gedanke des -Naturrechtes und allmenschlicher Vernunft lebendig ...“ - -„Pah, Ihr Völkerrecht ist abermals nichts als eine Rousseausche -Verballhornung des _ius divinum_, das weder mit Natur noch Vernunft -etwas zu schaffen hat, sondern auf Offenbarung beruht ...“ - -„Streiten wir uns nicht um Namen, Professor! Nennen Sie ungehindert _ius -divinum_, was ich als Natur- und Völkerrecht verehre. Die Hauptsache -ist, daß über den positiven Rechten der Nationalstaaten ein -höher-gültiges, allgemeines sich erhebt und die Schlichtung strittiger -Interessenfragen durch Schiedsgerichte ermöglicht.“ - -„Durch Schiedsgerichte! Wenn ich das Wort höre! Durch ein bürgerliches -Schiedsgericht, das über Fragen des Lebens entscheidet, Gottes Willen -ermittelt und die Geschichte bestimmt! Gut, soviel von den Taubenfüßen. -Und wo bleiben die Adlersschwingen?“ - -„Die bürgerliche Gesittung –“ - -„Ei, die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da schreien sie -nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern, daß die Kosten der -Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung verbilligt werden. Und dabei -erstickt man im Gedränge, und alle Berufe sind so überfüllt, daß der -Kampf um den Eßnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in den -Schatten stellt. Freie Plätze und Gartenstädte! Ertüchtigung der Rasse! -Aber wozu Ertüchtigung, wenn die Zivilisation und der Fortschritt -wollen, daß kein Krieg mehr sei? Der Krieg wäre das Mittel gegen alles -und für alles. Für die Ertüchtigung und sogar gegen den -Geburtenrückgang.“ - -„Sie scherzen. Das ist nicht mehr ernst. Unser Gespräch löst sich auf -und tut es im rechten Augenblick. Wir sind zur Stelle“, sagte -Settembrini und zeigte den Vettern das Häuschen, vor dessen Zaunpforte -sie hielten, mit dem Stock. Es lag nahe dem Eingang von „Dorf“ an der -Straße, von der nur ein schmales Vorgärtchen es trennte, und war -bescheiden. Wilder Wein schwang sich aus bloßliegenden Wurzeln um die -Haustür und streckte einen gebogenen, an die Mauer geschmiegten Arm -gegen das ebenerdige Fenster zur Rechten hin, das Schaufenster eines -kleinen Kramladens. Das Erdgeschoß sei des Krämers, erklärte -Settembrini. Naphtas Logis befinde sich eine Treppe hoch in der -Schneiderei, und er selbst domiziliere im Dach. Es sei ein friedlicher -Studio. - -Mit überraschend hervorgekehrter Liebenswürdigkeit gab Naphta der -Hoffnung Ausdruck, daß weitere Begegnungen aus dieser folgen möchten. -„Besuchen Sie uns“, sagte er. „Ich würde sagen: Besuchen Sie mich, wenn -Dr. Settembrini hier nicht ältere Rechte auf Ihre Freundschaft hätte. -Kommen Sie, wann Sie wollen, sobald Sie Lust zu einem kleinen Kolloquium -haben. Ich schätze den Austausch mit der Jugend, bin auch vielleicht -nicht ohne alle pädagogische Überlieferung ... Wenn unser Meister vom -Stuhl“ (er deutete auf Settembrini) „alle pädagogische Aufgelegtheit und -Berufung dem bürgerlichen Humanismus vorbehalten will, so muß man ihm -widersprechen. Auf bald also!“ - -Settembrini machte Schwierigkeiten. Es bestünden solche, sagte er. Die -Tage des Leutnants hier oben seien gezählt, und der Ingenieur werde -seinen Eifer im Kurdienst verdoppeln wollen, um ihm sehr bald in die -Ebene nachfolgen zu können. - -Die jungen Leute stimmten beiden zu, dem einen nach dem andern. Sie -hatten Naphtas Einladung mit Verbeugungen aufgenommen und erkannten im -nächsten Augenblick die Bedenken Settembrinis mit Kopf und Schultern als -berechtigt an. So blieb alles offen. - -„Wie hat er ihn genannt?“ fragte Joachim, als sie die Wegschleife zum -„Berghof“ emporstiegen ... - -„Ich habe ‚Meister vom Stuhl‘ verstanden,“ sagte Hans Castorp, „und -denke auch eben darüber nach. Es ist wohl irgend so ein Witz; sie haben -ja sonderbare Namen füreinander. Settembrini nannte Naphta ‚_princeps -scholasticorum_‘, – auch nicht übel. Die Scholastiker, das waren ja wohl -die Schriftgelehrten des Mittelalters, dogmatische Philosophen, wenn du -willst. Hm. Vom Mittelalter war ja denn auch verschiedentlich die Rede, -– wobei mir einfiel, wie Settembrini gleich am ersten Tage sagte, es -mute manches mittelalterlich an bei uns hier oben: wir kamen darauf -durch Adriatica von Mylendonk, durch den Namen. – Wie hat _er_ dir -gefallen?“ - -„Der Kleine? Nicht gut. Er sagte manches, was mir gefiel. -Schiedsgerichte sind natürlich eine Duckmäuserei. Aber er selbst hat mir -wenig gefallen, und da kann einer noch so viel Gutes sagen, was habe ich -davon, wenn er selbst ein zweifelhafter Kerl ist. Und zweifelhaft ist -er, das kannst du nicht leugnen. Allein schon die Geschichte mit dem -‚Orte der Beiwohnung‘ war entschieden bedenklich. Und dabei hat er ja -eine Judennase, sieh ihn dir doch an! So miekrig von Figur sind auch -immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den Mann zu -besuchen?“ - -„Selbstverständlich werden wir ihn besuchen!“ erklärte Hans Castorp. -„Die Miekrigkeit, – das ist nur das Militär, das da aus dir spricht. -Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen und waren doch höllisch auf -dem Posten, nicht bloß in den Geheimwissenschaften. Naphta hat auch was -von Geheimwissenschaft, er interessiert mich nicht wenig. Ich will auch -nicht behaupten, daß ich heute schon klug aus ihm geworden bin, aber -wenn wir öfter mit ihm zusammenkommen, so werden wir es vielleicht, und -ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß wir überhaupt klüger -werden bei dieser Gelegenheit.“ - -„Ach, Mensch, du wirst ja immer klüger hier oben, mit deiner Biologie -und Botanik und deinen unhaltbaren Wendepunkten. Und mit der ‚Zeit‘ -hattest du es gleich am ersten Tage zu tun. Und dabei sind wir doch -hier, um gesünder, und nicht um gescheuter zu werden, – gesünder und -ganz gesund, damit sie uns endlich in Freiheit setzen und als geheilt -ins Flachland entlassen können!“ - -„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ sang Hans Castorp leichtsinnig. -„Sage mir erst mal, was Freiheit ist“, fuhr er sprechend fort. „Naphta -und Settembrini stritten vorhin ja auch darüber und kamen zu keiner -Einigung. ‚Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe!‘ sagt Settembrini, -und das klingt nach seinem Vorfahren, dem Carbonaro. Aber so tapfer der -Carbonaro war, und so tapfer unser Settembrini selber ist, ...“ - -„Ja, er wurde ungemütlich, als auf persönlichen Mut die Rede kam.“ - -„... so glaube ich doch, daß er vor manchem Angst hat, wovor der kleine -Naphta _nicht_ Angst hat, verstehst du, und daß seine Freiheit und -Tapferkeit ziemlich ete-pe-tete sind. Meinst du, daß er Mut genug hätte, -_de se perdre ou même de se laisser dépérir_?“ - -„Was fängst du an, französisch zu sprechen?“ - -„Nur so ... Die Atmosphäre hier ist ja so international. Ich weiß nicht, -wer mehr Gefallen daran finden müßte: Settembrini, von wegen der -bürgerlichen Weltrepublik, oder Naphta mit seinem hierarchischen -Kosmopolis. Ich habe scharf aufgepaßt, wie du siehst, aber klar ist die -Sache mir nicht geworden, ich fand im Gegenteil, die Konfusion war groß, -die herauskam bei ihren Reden.“ - -„Das ist immer so. Das wirst du immer so finden, daß bloß Konfusion -herauskommt beim Reden und Meinungen haben. Ich sage dir ja, es kommt -überhaupt nicht drauf an, was für Meinungen einer hat, sondern darauf, -ob einer ein rechter Kerl ist. Am besten ist, man hat gleich gar keine -Meinung, sondern tut seinen Dienst.“ - -„Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale Existenz, die -du bist. Bei mir ist es was andres, ich bin Zivilist, ich bin -gewissermaßen verantwortlich. Und mich regt es auf, solche Konfusion zu -sehen, wie daß der eine die internationale Weltrepublik predigt und den -Krieg grundsätzlich verabscheut, dabei aber so patriotisch ist, daß er -partout die Brennergrenze verlangt und dafür einen Zivilisationskrieg -führen will, – und daß der andere den Staat für Teufelswerk hält und von -der allgemeinen Vereinigung am Horizonte flötet, aber im nächsten -Augenblick das Recht des natürlichen Instinktes verteidigt und sich über -Friedenskonferenzen lustig macht. Unbedingt müssen wir hingehen, um klug -daraus zu werden. Du sagst zwar, wir sollen hier nicht klüger werden, -sondern gesünder. Aber das muß sich vereinigen lassen, Mann, und wenn du -das nicht glaubst, dann treibst du Weltentzweiung, und so was zu -treiben, ist immer ein großer Fehler, will ich dir mal bemerken.“ - - - Vom Gottesstaat und von übler Erlösung - -Hans Castorp bestimmte in seiner Loge ein Pflanzengewächs, das jetzt, da -der astronomische Sommer begonnen hatte und die Tage kürzer zu werden -begannen, an vielen Stellen wucherte: die Akelei oder _Aquilegia_, eine -Ranunkulazeenart, die staudenartig wuchs, hochgestielt, mit blauen und -veilchenfarbnen, auch rotbraunen Blüten und krautartigen Blättern von -geräumiger Fläche. Die Pflanze wuchs da und dort, massenweis aber -namentlich in dem stillen Grunde, wo er sie vor nun bald einem Jahre -zuerst gesehen: der abgeschiedenen, wildwasserdurchrauschten -Waldschlucht mit Steg und Ruhebank, wo sein voreilig-freizügiger und -unbekömmlicher Spaziergang von damals geendigt hatte, und die er nun -manchmal wieder besuchte. - -Es war, wenn man es weniger unternehmend anfing, als er damals getan, -nicht gar so weit dorthin. Stieg man vom Ziel der Schlittlrennen in -„Dorf“ ein wenig die Lehne hinan, so war der malerische Ort auf dem -Waldwege, dessen Holzbrücken die von der Schatzalp kommende Bobbahn -überkreuzten, ohne Umwege, Operngesang und Erschöpfungspausen in zwanzig -Minuten zu erreichen, und wenn Joachim durch dienstliche Pflichten, -durch Untersuchung, Innenphotographie, Blutprobe, Injektion oder -Gewichtsfeststellung ans Haus gefesselt war, so wanderte Hans Castorp -wohl bei heiterer Witterung nach dem zweiten Frühstück, zuweilen auch -schon nach dem ersten dorthin, und auch die Stunden zwischen Tee und -Abendessen benutzte er wohl zu einem Besuch seines Lieblingsortes, um -auf der Bank zu sitzen, wo ihn einst das mächtige Nasenbluten -überkommen, dem Geräusche des Gießbachs mit schrägem Kopfe zu lauschen -und das geschlossene Landschaftsbild um sich her zu betrachten, sowie -die Menge von blauer Akelei, die nun wieder in ihrem Grunde blühte. - -Kam er nur dazu? Nein, er saß dort, um allein zu sein, um sich zu -erinnern, die Eindrücke und Abenteuer so vieler Monate zu überschlagen -und alles zu bedenken. Es waren ihrer viele und mannigfaltige, – nicht -leicht zu ordnen dabei, denn sie erschienen ihm vielfach verschränkt und -ineinanderfließend, so daß das Handgreifliche kaum vom bloß Gedachten, -Geträumten und Vorgestellten zu sondern war. Nur abenteuerlichen Wesens -waren sie alle, in dem Grade, daß sein Herz, beweglich, wie es hier oben -vom ersten Tage an gewesen und geblieben war, stockte und hämmerte, wenn -er ihrer gedachte. Oder genügte bereits die Vernunftüberlegung, daß die -_Aquilegia_ hier, wo ihm einst in einem Zustand herabgesetzter -Lebenstätigkeit Pribislav Hippe leibhaftig erschienen war, nicht immer -noch, sondern schon wieder blühte, und daß aus den „drei Wochen“ -demallernächst ein rundes Jahr geworden sein würde, um sein bewegliches -Herz so abenteuerlich zu erschrecken? - -Übrigens bekam er kein Nasenbluten mehr auf seiner Bank am Wildwasser, -das war vorbei. Seine Akklimatisation, die Joachim ihm sogleich als -schwierig hingestellt und die ihre Schwierigkeit denn auch bewährt -hatte, war vorgeschritten, sie mußte nach elf Monaten als vollendet -gelten, und Weitergehendes in dieser Richtung war kaum zu gewärtigen. -Der Chemismus seines Magens hatte sich geregelt und angepaßt, Maria -Mancini schmeckte, die Nerven seiner ausgetrockneten Schleimhäute -kosteten längst wieder empfänglich die Blume dieses preiswerten -Fabrikats, das er sich nach wie vor, wenn der Vorrat zur Neige ging, mit -einer Art von Pietätsgefühl aus Bremen verschrieb, obgleich sehr -einladende Ware sich in den Schaufenstern des internationalen Kurortes -empfahl. Bildete Maria nicht eine Art von Verbindung zwischen ihm, dem -Entrückten, und dem Flachlande, der alten Heimat? Unterhielt und -bewahrte sie dergleichen Beziehungen nicht wirksamer, als etwa die -Postkarten, die er dann und wann nach unten an die Onkel richtete, und -deren Abstände voneinander in demselben Maße größer geworden waren, als -er sich unter Annahme hiesiger Begriffe eine großartigere -Zeitbewirtschaftung zu eigen gemacht hatte? Es waren meistens -Ansichtskarten, der größeren Gefälligkeit halber, mit hübschen Bildern -des Tales im Schnee wie in sommerlicher Verfassung, und sie boten für -Schriftliches nur eben soviel Raum, als nötig war, um die neueste -ärztliche Verlautbarung zu überliefern, das Ergebnis einer Monats- oder -Generaluntersuchung verwandtschaftlich zu melden, das heißt also: etwa -mitzuteilen, daß akustisch wie optisch eine unverkennbare Besserung zu -verzeichnen gewesen, daß er aber noch nicht entgiftet sei, und daß die -leichte Übertemperatur, in der er immer noch stehe, von den kleinen -Stellen komme, die eben noch vorhanden seien, aber bestimmt ohne Rest -verschwinden würden, wenn er Geduld übe, so daß er dann keinesfalls -wiederzukommen brauche. Er durfte sicher sein, daß darüber hinausgehende -briefstellerische Leistungen von ihm nicht verlangt und erwartet wurden; -es war keine humanistisch rednerische Sphäre, an die er sich wandte; die -Antworten, die er erhielt, waren ebensowenig ergußhafter Art. Sie -begleiteten meistens die geldlichen Subsistenzmittel, die ihm von zu -Hause zukamen, die Zinsen seines väterlichen Erbes, die sich in hiesiger -Münze so vorteilhaft ausnahmen, daß er sie niemals verzehrt hatte, wenn -eine neue Lieferung eintraf, und bestanden in einigen Zeilen -Maschinenschrift, gezeichnet James Tienappel, mit Grüßen und -Genesungswünschen vom Großonkel und manchmal auch von dem seefahrenden -Peter. - -Die Verabfolgung der Injektionen, so meldete Hans Castorp nach Hause, -hatte der Hofrat neuestens unterbrochen. Sie bekamen diesem jungen -Patienten nicht, verursachten ihm Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, -Gewichtsabnahme und Müdigkeit, hatten die „Temperatur“ zunächst erhöht -und dann nicht beseitigt. Sie glühte als trockene Hitze subjektiv fort -in seiner rosenroten Miene, als Mahnung daran, daß die Akklimatisation -für diesen Sprößling der Tiefebene und ihrer feuchtfröhlichen -Meteorologie doch eben wohl hauptsächlich in der Gewöhnung daran -bestand, daß er sich nicht gewöhnte, – was übrigens Rhadamanthys ja -selber nicht tat, der immer blaue Backen hatte. „Manche gewöhnen sich -nie“, hatte Joachim gleich gesagt, und dies schien Hans Castorps Fall. -Denn auch das Genickzittern, das ihn hier oben bald nach der Ankunft zu -belästigen begonnen, hatte sich nicht wieder verlieren wollen, sondern -stellte sich im Gehen, im Gespräch, ja selbst hier oben am blau -blühenden Orte seines Nachdenkens über den Komplex seiner Abenteuer -unvermeidlich ein, so daß ihm die würdige Kinnstütze Hans Lorenz -Castorps beinahe schon zur festen Gewohnheit geworden war, – nicht ohne -ihn selbst, wenn er sie benützte, an die Vatermörder des Alten, die -Interimsform der Ehrenkrause, an das blaßgoldene Rund der Taufschale, an -den frommen Ur-Ur-Laut und ähnliche Verwandtschaften unter der Hand zu -erinnern und ihn so zum Überdenken seines Lebenskomplexes neuerdings -hinzuleiten. - -Pribislav Hippe erschien ihm nicht mehr leibhaftig, wie vor elf Monaten. -Seine Akklimatisation war vollendet, er hatte keine Visionen mehr, lag -nicht mit stillgestelltem Leibe auf seiner Bank, während sein Ich in -ferner Gegenwart weilte – nichts mehr von solchen Zufällen. Deutlichkeit -und Lebendigkeit dieses Erinnerungsbildes, wenn es ihm denn vorschwebte, -hielten sich in normalen, gesunden Grenzen; und im Zusammenhange damit -zog dann Hans Castorp wohl aus seiner Brusttasche das gläserne -Angebinde, das er dort in einem gefütterten Briefumschlag und hierauf in -der Brieftasche verwahrt hielt: ein Täfelchen, das, wenn man es in -gleicher Ebene mit dem Erdboden hielt, schwarz-spiegelnd und -undurchsichtig schien, aber, gegen das Himmelslicht aufgehoben, sich -erhellte und humanistische Dinge vorwies: das transparente Bild des -Menschenleibes, Rippenwerk, Herzfigur, Zwerchfellbogen und -Lungengebläse, dazu das Schlüssel- und Oberarmgebein, umgeben dies alles -von blaß-dunstiger Hülle, dem Fleische, von dem Hans Castorp in der -Faschingswoche vernunftwidriger Weise gekostet hatte. Was Wunder, daß -sein bewegliches Herz stockte und stürzte, wenn er das Angebinde -betrachtete und dann fortfuhr, „alles“ zu überschlagen und zu bedenken, -gelehnt an die schlicht gezimmerte Lehne der Ruhebank, die Arme -gekreuzt, den Kopf zur Schulter geneigt, im Geräusche des Gießwassers -und angesichts der blaublühenden Akelei? - -Das Hochgebild organischen Lebens, die Menschengestalt schwebte ihm vor, -wie in jener Frost- und Sternennacht anläßlich gelehrter Studien, und an -ihre innere Anschauung knüpften sich für den jungen Hans Castorp so -manche Fragen und Unterscheidungen, mit denen sich abzugeben der gute -Joachim nicht verpflichtet sein mochte, für die aber er als Zivilist -sich verantwortlich zu fühlen begonnen hatte, obwohl auch er im -Flachlande drunten ihrer niemals ansichtig geworden war und vermutlich -nie ansichtig würde geworden sein, wohl aber hier, wo man aus der -beschaulichen Abgeschiedenheit von fünftausend Fuß auf Welt und Kreatur -hinabblickte und sich seine Gedanken machte, – vermöge einer durch -lösliche Gifte erzeugten Steigerung des Körpers auch wohl, die als -trockene Hitze im Antlitz brannte. Er dachte an Settembrini im -Zusammenhang mit jener Anschauung, an den pädagogischen Drehorgelmann, -dessen Vater in Hellas zur Welt gekommen, und der die Liebe zum -Hochgebild als Politik, Rebellion und Eloquenz erläuterte, indem er die -Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte; dachte auch an den -Kameraden Krokowski und an das, was er seit einiger Zeit im verdunkelten -Zimmergelaß mit ihm trieb, besann sich über das doppelte Wesen der -Analyse und wie weit sie der Tat und dem Fortschritte förderlich sei, -wie weit dem Grabe verwandt und seiner anrüchigen Anatomie. Er rief die -Bilder der beiden Großväter neben- und gegeneinander herauf, des -rebellischen und des getreuen, die Schwarz trugen aus unterschiedlichen -Gründen, und erwog ihre Würde; ging ferner mit sich zu Rate über so -weitläufige Komplexe wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und -Schande, Zeit und Ewigkeit, – und unterlag einem kurzen, aber -stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder blühte und -das Jahr in sich selber lief. - -Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche -Gedankenbeschäftigung am malerischen Orte seiner Zurückgezogenheit: er -nannte sie „Regieren“, – gebrauchte dies Spiel- und Knabenwort, diesen -Kinderausdruck dafür, als für eine Unterhaltung, die er liebte, obwohl -sie mit Schrecken, Schwindel und allerlei Herztumulten verbunden war und -seine Gesichtshitze übermäßig verstärkte. Doch fand er es nicht -unschicklich, daß die mit dieser Tätigkeit verbundene Anstrengung ihn -nötigte, sich der Kinnstütze zu bedienen; denn diese Haltung stimmte -wohl mit der Würde überein, die das „Regieren“ angesichts des -vorschwebenden Hochgebildes ihm innerlich verlieh. - -„_Homo Dei_“ hatte der häßliche Naphta das Hochgebild genannt, als er es -gegen die englische Gesellschaftslehre verteidigte. Was Wunder, daß Hans -Castorp um seiner zivilistischen Verantwortlichkeit willen und im -Regierungsinteresse sich gehalten fand, mit Joachim bei dem Kleinen -Besuch zu machen? Settembrini sah es ungern, – dies deutlich zu spüren, -war Hans Castorp schlau und dünnhäutig genug. Schon die erste Begegnung -war dem Humanisten unangenehm gewesen, er hatte sie offensichtlich zu -verhindern gestrebt und die jungen Leute, namentlich aber ihn selbst – -so sagte sich das durchtriebene Sorgenkind – vor der Bekanntschaft mit -Naphta pädagogisch hüten wollen, obgleich ja er für seine Person mit ihm -verkehrte und disputierte. So sind die Erzieher. Sich selber gönnen sie -das Interessante, indem sie sich ihm „gewachsen“ nennen; der Jugend aber -verbieten sie es und verlangen, daß sie sich dem Interessanten nicht -„gewachsen“ fühle. Ein Glück nur, daß es dem Drehorgelmann im Ernst -überhaupt nicht zustand, dem jungen Hans Castorp etwas zu verbieten, und -daß er ja auch gar nicht den Versuch dazu gemacht hatte. Der -Sorgenzögling brauchte seine Dünnhäutigkeit nur zu verleugnen und -Unschuld vorzuschützen, so hinderte nichts ihn, der Einladung des -kleinen Naphta freundlich zu folgen, – was er denn auch getan hatte, mit -dem wohl oder übel sich anschließenden Joachim, wenige Tage nach dem -ersten Zusammentreffen, an einem Sonntagnachmittag, nach dem -Hauptliegedienst. - -Es waren wenige Minuten Wegs vom Berghof hinunter zum Häuschen mit der -weinumkränzten Haustür. Sie traten ein, ließen den Zugang zum -Krämerladen zur Rechten liegen und erklommen die schmale braune Stiege, -die sie vor eine Etagentür führte, neben deren Klingel lediglich das -Namensschild Lukačeks, des Damenschneiders, angebracht war. Die Person, -die ihnen öffnete, war ein halbwüchsiger Knabe in einer Art von Livree, -gestreifter Jacke und Gamaschen, ein Dienerchen, kurzgeschoren und -rotbackig. Ihn fragten sie nach Herrn Professor Naphta und prägten ihm, -da sie mit Karten nicht ausgestattet waren, ihre Namen ein, die er Herrn -Naphta – er gebrauchte keinen Titel – zu nennen ging. Die dem Eingang -gegenüberliegende Zimmertür stand offen und gewährte Einblick in die -Schneiderei, wo des Feiertags ungeachtet Lukaček mit untergeschlagenen -Beinen auf einem Tische saß und nähte. Er war bleich und kahlköpfig; von -einer übergroßen, abfallenden Nase hing ihm der schwarze Schnurrbart mit -saurem Ausdruck zu seiten des Mundes herab. - -„Guten Tag!“ wünschte Hans Castorp. - -„Grütsi“, antwortete der Schneider mundartlich, obgleich das -Schweizerische weder zu seinem Namen noch zu seinem Äußeren paßte und -etwas falsch und sonderbar klang. - -„So fleißig?“ fuhr Hans Castorp nickend fort ... „Es ist ja Sonntag!“ - -„Eilige Arbeit“, versetzte Lukaček kurz und stichelte. - -„Ist wohl was Feines,“ vermutete Hans Castorp, „was rasch gebraucht -wird, für eine Reunion oder so?“ - -Der Schneider ließ diese Frage eine Weile unbeantwortet, biß den Faden -ab und fädelte neu ein. Nachträglich nickte er. - -„Wird es hübsch?“ fragte Hans Castorp noch. „Machen Sie Ärmel daran?“ - -„Ja, Ärmel, es ist für eine Olte“, antwortete Lukaček mit stark -böhmischem Akzent. Die Rückkehr des Dienerchens unterbrach dies durch -die Tür geführte Gespräch. Herr Naphta lasse bitten, näher zu treten, -meldete er und öffnete den jungen Leuten eine Tür, zwei oder drei -Schritte weiter rechts, wobei er auch noch eine zusammenfallende -Portiere vor ihnen aufzuheben hatte. Die Eintretenden empfing Naphta, in -Schleifenschuhen auf moosgrünem Teppich stehend. - -Beide Vettern waren überrascht durch den Luxus des zweifenstrigen -Arbeitszimmers, das sie aufgenommen hatte, ja geblendet durch -Überraschung; denn die Dürftigkeit des Häuschens, seiner Treppe, seines -armseligen Korridors ließ dergleichen nicht entfernt erwarten und -verlieh der Eleganz von Naphtas Einrichtung durch Kontrastwirkung etwas -Märchenhaftes, was sie an und für sich kaum besaß und auch in den Augen -Hans Castorps und Joachim Ziemßens nicht besessen hätte. Immerhin, sie -war fein, ja glänzend, und zwar so, daß sie trotz Schreibtisch und -Bücherschränken den Charakter des Herrenzimmers eigentlich nicht wahrte. -Es war zuviel Seide darin, weinrote, purpurrote Seide: die Vorhänge, die -die schlechten Türen verbargen, waren daraus, die Fenster-Überfälle und -ebenso die Bezüge der Meubles-Gruppe, die an einer Schmalseite, der -zweiten Tür gegenüber, vor einem die Wand fast ganz bespannenden Gobelin -angeordnet war. Es waren Barockarmstühle mit kleinen Polstern auf den -Seitenlehnen, um einen runden, metallbeschlagenen Tisch gruppiert, -hinter dem ein mit Seidenplüschkissen ausgestattetes Sofa desselben -Stiles stand. Die Bücherspinde nahmen die Wandpartien neben den beiden -Türen ein. Sie waren, wie der Schreibtisch, oder vielmehr der mit einem -gewölbten Rolldeckel versehene Sekretär, der zwischen den Fenstern Platz -gefunden hatte, in Mahagoni gearbeitet, mit Glastüren, hinter die grüne -Seide gespannt war. Aber in dem Winkel links von der Sofagruppe war ein -Kunstwerk zu sehen, eine große, auf rot verkleidetem Sockel erhöhte -bemalte Holzplastik, – etwas innig Schreckhaftes, eine Pietà, einfältig -und wirkungsvoll bis zum Grotesken: die Gottesmutter in der Haube, mit -zusammengezogenen Brauen und jammernd schief geöffnetem Munde, den -Schmerzensmann auf ihrem Schoß, eine im Größenverhältnis primitiv -verfehlte Figur mit kraß herausgearbeiteter Anatomie, die jedoch von -Unwissenheit zeugte, das hängende Haupt von Dornen starrend, Gesicht und -Glieder mit Blut befleckt und berieselt, dicke Trauben geronnenen Blutes -an der Seitenwunde und den Nägelmalen der Hände und Füße. Dies -Schaustück verlieh dem seidenen Zimmer nun freilich einen besonderen -Akzent. Auch die Tapete, über den Bücherschränken und an der Fensterwand -sichtbar, war übrigens offenbar eine Leistung des Mieters: das Grün -ihrer Längsstreifen war das des weichen Teppichs, der über die rote -Bodenbespannung gebreitet war. Nur der niedrigen Decke war wenig zu -helfen gewesen. Sie war kahl und rissig. Doch hing ein kleiner -venezianischer Lüster daran herab. Die Fenster waren mit cremefarbenen -Stores verhüllt, die bis zum Boden reichten. - -„Da haben wir uns zu einem Kolloquium eingefunden!“ sagte Hans Castorp, -während seine Augen mehr an dem frommen Schrecknis im Winkel, als an dem -Bewohner des überraschenden Zimmers hafteten, der es anerkannte, daß die -Vettern Wort gehalten hätten. Er wollte sie mit gastlichen Bewegungen -seiner kleinen Rechten zu den seidenen Sitzen leiten, aber Hans Castorp -ging geradeswegs und gebannt auf die Holzgruppe zu und blieb, Arme in -die Hüften gestemmt, mit seitwärts geneigtem Kopf davor stehen. - -„Was haben Sie denn da!“ sagte er leise. „Das ist ja schrecklich gut. -Hat man je so ein Leiden gesehn. Etwas Altes, natürlich?“ - -„Vierzehntes Jahrhundert“, antwortete Naphta. „Wahrscheinlich -rheinischer Herkunft. Es macht Ihnen Eindruck?“ - -„Enormen“, sagte Hans Castorp. „Das kann seinen Eindruck auf den -Beschauer denn doch wohl gar nicht verfehlen. Ich hätte nicht gedacht, -daß etwas zugleich so häßlich – entschuldigen Sie – und so schön sein -könnte.“ - -„Erzeugnisse einer Welt der Seele und des Ausdrucks,“ versetzte Naphta, -„sind immer häßlich vor Schönheit und schön vor Häßlichkeit, das ist die -Regel. Es handelt sich um geistige Schönheit, nicht um die des -Fleisches, die absolut dumm ist. Übrigens auch abstrakt ist sie“, fügte -er hinzu. „Die Schönheit des Leibes ist abstrakt. Wirklichkeit hat nur -die innere, die des religiösen Ausdrucks.“ - -„Das haben Sie dankenswert richtig unterschieden und angeordnet“, -sagte Hans Castorp. „Vierzehntes?“ versicherte er sich ... -„Dreizehnhundertsoundso? Ja, das ist das Mittelalter, wie es im Buche -steht, ich erkenne gewissermaßen die Vorstellung darin wieder, die ich -mir in letzter Zeit vom Mittelalter gemacht habe. Ich wußte eigentlich -nichts davon, ich bin ja ein Mann des technischen Fortschritts, soweit -ich überhaupt in Frage komme. Aber hier oben ist mir die Vorstellung des -Mittelalters verschiedentlich nahe gebracht worden. Die ökonomistische -Gesellschaftslehre gab es damals noch nicht, soviel ist klar. Wie hieß -der Künstler denn wohl?“ - -Naphta zuckte die Achseln. - -„Was liegt daran?“ sagte er. „Wir sollten danach nicht fragen, da man -auch damals, als es entstand, nicht danach fragte. Das hat keinen -wunderwie individuellen Monsieur zum Autor, es ist anonym und gemeinsam. -Es ist übrigens sehr vorgeschrittenes Mittelalter, Gotik, _Signum -mortificationis_. Sie finden da nichts mehr von der Schonung und -Beschönigung, mit der noch die romanische Epoche den Gekreuzigten -darstellen zu müssen glaubte, keine Königskrone, keinen majestätischen -Triumph über Welt und Martertod. Alles ist radikale Verkündigung des -Leidens und der Fleischesschwäche. Erst der gotische Geschmack ist der -eigentlich pessimistisch-asketische. Sie werden die Schrift Innozenz des -Dritten, ‚_De miseria humanae conditionis_‘, nicht kennen, – ein äußerst -witziges Stück Literatur. Sie stammt vom Ende des zwölften Jahrhunderts, -aber erst diese Kunst liefert die Illustrationen dazu.“ - -„Herr Naphta,“ sagte Hans Castorp nach einem Aufseufzen, „mich -interessiert jedes Wort von dem, was Sie da hervorheben. ‚_Signum -mortificationis_‘ sagten Sie? Das werde ich mir merken. Vorher sagten -Sie etwas von ‚anonym und gemeinsam‘, was auch der Mühe wert scheint, -darüber nachzudenken. Sie vermuten leider richtig, daß ich die Schrift -des Papstes – ich nehme an, daß Innozenz der Dritte ein Papst war – -nicht kenne. Habe ich richtig verstanden, daß sie asketisch und witzig -ist? Ich muß gestehen, ich habe mir nie vorgestellt, daß das so Hand in -Hand gehen könnte, aber wenn ich es ins Auge fasse, so leuchtet es mir -ein, natürlich, eine Abhandlung über das menschliche Elend bietet zum -Witz schon Gelegenheit, auf Kosten des Fleisches. Ist die Schrift denn -erhältlich? Wenn ich mein Latein zusammennähme, vielleicht könnte ich -sie lesen.“ - -„Ich besitze das Buch“, antwortete Naphta, mit dem Kopf nach einem der -Schränke weisend. „Es steht Ihnen zur Verfügung. Aber wollen wir uns -nicht setzen? Sie sehen die Pietà auch vom Sofa aus. Eben kommt unser -kleines Vespermahl ...“ - -Es war das Dienerchen, das Tee brachte, dazu einen hübschen -silberbeschlagenen Korb, worin in Stücke geschnittener Baumkuchen lag. -Hinter ihm aber, durch die offene Tür, wer trat beschwingten Schrittes -mit „Sapperlot!“ „_Accidenti!_“ und feinem Lächeln herein? Das war Herr -Settembrini, wohnhaft eine Treppe höher, der sich einfand, in der -Absicht, den Herren Gesellschaft zu leisten. Durch sein Fensterchen, -sagte er, habe er die Vettern kommen sehen und rasch noch eine -enzyklopädische Seite heruntergeschrieben, die er eben unter der Feder -gehabt, um sich dann ebenfalls hier zu Gaste zu bitten. Nichts war -natürlicher, als daß er kam. Seine alte Bekanntschaft mit den -Berghofbewohnern berechtigte ihn dazu, und dann war auch sein Verkehr -und Austausch mit Naphta, trotz tiefgehender Meinungsverschiedenheiten, -ja offenbar überhaupt sehr lebhaft, – wie denn der Gastgeber ihn -leichthin und ohne Überraschung als Zugehörigen begrüßte. Das hinderte -nicht, daß Hans Castorp von seinem Kommen sehr deutlich einen doppelten -Eindruck gewann. Erstens, so empfand er, stellte Herr Settembrini sich -ein, um ihn und Joachim, oder eigentlich kurzweg ihn, nicht mit dem -häßlichen kleinen Naphta allein zu lassen, sondern durch seine -Anwesenheit ein pädagogisches Gegengewicht zu schaffen; und zweitens war -klar ersichtlich, daß er gar nichts dagegen hatte, sondern die -Gelegenheit recht gern benutzte, den Aufenthalt in seinem Dach auf eine -Weile mit dem in Naphtas seidenfeinem Zimmer zu vertauschen und einen -wohlservierten Tee einzunehmen: er rieb sich die gelblichen, an der -Kleinfingerseite des Rückens mit schwarzen Haaren bewachsenen Hände, -bevor er zugriff, und speiste mit unverkennbarem, auch lobend -ausgesprochenem Genuß von dem Baumkuchen, dessen schmale, gebogene -Scheiben von Schokoladeadern durchzogen waren. - -Das Gespräch fuhr noch fort, sich mit der Pietà zu beschäftigen, da Hans -Castorp mit Blick und Wort an dem Gegenstand festhielt, wobei er sich an -Herrn Settembrini wandte und diesen gleichsam mit dem Kunstwerk in -kritischen Kontakt zu setzen suchte, – während ja der Abscheu des -Humanisten gegen diesen Zimmerschmuck deutlich genug in der Miene zu -lesen war, mit der er sich danach umwandte: denn er hatte sich mit dem -Rücken gegen jenen Winkel gesetzt. Zu höflich, um alles zu sagen, was er -dachte, beschränkte er sich darauf, Fehlerhaftigkeiten in den -Verhältnissen und den Körperformen der Gruppe zu beanstanden, Verstöße -gegen die Naturwahrheit, die weit entfernt seien, rührend auf ihn zu -wirken, da sie nicht frühzeitlichem Unvermögen, sondern bösem Willen, -einem grundfeindlichen Prinzip entsprängen, – worin Naphta ihm boshaft -zustimmte. Gewiß, von technischem Ungeschick könne nicht entfernt die -Rede sein. Es handle sich um bewußte Emanzipation des Geistes vom -Natürlichen, dessen Verächtlichkeit durch die Verweigerung jeder Demut -davor religiös verkündet werde. Als aber Settembrini die -Vernachlässigung der Natur und ihres Studiums für menschlich abwegig -erklärte und gegen die absurde Formlosigkeit, der das Mittelalter und -die ihm nachahmenden Epochen gefrönt hätten, das griechisch-römische -Erbe, den Klassizismus, Form, Schönheit, Vernunft und naturfromme -Heiterkeit, die allein die Sache des Menschen zu fördern berufen seien, -in prallen Worten zu erheben begann, mischte Hans Castorp sich ein und -fragte, was denn aber bei solcher Bewandtnis mit Plotinus los sei, der -sich nachweislich seines Körpers geschämt, und mit Voltaire, der im -Namen der Vernunft gegen das skandalöse Erdbeben von Lissabon revoltiert -habe? Absurd? Das sei auch absurd gewesen, aber wenn man alles recht -überlege, so könne man seiner Ansicht nach das Absurde recht wohl als -das geistig Ehrenhafte bezeichnen, und die absurde Naturfeindschaft der -gotischen Kunst sei am Ende ebenso ehrenhaft gewesen wie das Gebaren der -Plotinus und Voltaire, denn es drücke sich dieselbe Emanzipation von -Fatum und Faktum darin aus, derselbe unknechtische Stolz, der sich -weigere, vor der dummen Macht, nämlich vor der Natur, abzudanken ... - -Naphta brach in Lachen aus, das sehr an den bewußten Teller erinnerte -und in Husten endigte. Settembrini sagte vornehm: - -„Sie schädigen unseren Wirt, indem Sie so witzig sind und erweisen sich -also undankbar für dies köstliche Gebäck. Ist Dankbarkeit überhaupt Ihre -Sache? Wobei ich voraussetze, daß Dankbarkeit darin besteht, von -empfangenen Geschenken einen guten Gebrauch zu machen ...“ - -Da Hans Castorp sich schämte, setzte er scharmant hinzu: - -„Man kennt Sie als Schalk, Ingenieur. Ihre Art, das Gute -freundschaftlich zu necken, läßt mich keineswegs an Ihrer Liebe zu ihm -verzweifeln. Sie wissen selbstverständlich, daß nur diejenige Auflehnung -des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft zu nennen ist, die die Würde -und Schönheit des Menschen im Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn -sie seine Entwürdigung und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch -jedenfalls nach sich zieht. Sie wissen auch, welche entmenschte Greuel, -welche mordgierige Unduldsamkeit die Epoche, der das Artefakt da hinter -mir sein Dasein verdankt, gezeitigt hat. Ich brauche Sie nur an den -entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige Figur eines Konrad -von Marburg etwa, zu erinnern und an seine infame Priesterwut gegen -alles, was der Herrschaft des Übernatürlichen entgegenstand. Sie sind -weit entfernt, Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der -Menschenliebe anzuerkennen ...“ - -„In deren Dienst dagegen,“ äußerte Naphta, „arbeitete die Maschinerie, -mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern reinigte. Alle -Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, auch die Exkommunikation, -wurden verhängt, um die Seele vor ewiger Verdammnis zu retten, was man -von der Vertilgungslust der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir, -zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben an ein -Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was die Entwürdigung des -Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte exakt mit der des -bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, Aufklärung und die -Naturwissenschaft und Ökonomistik des neunzehnten Jahrhunderts haben -nichts, aber auch nichts zu lehren unterlassen, was irgend tauglich -schien, diese Entwürdigung zu fördern, angefangen mit der neuen -Astronomie, die aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo -Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten Geschöpfes -kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern machte und der -großartigen kosmischen Stellung des Menschen, auf der übrigens die -Astrologie beruhte, vorderhand ein Ende bereitete.“ - -„Vorderhand?“ Herrn Settembrinis Miene hatte, wie er es lauernd fragte, -selber etwas von der eines Ketzerrichters und Inquisitors, der darauf -wartet, daß der Aussagende sich im unzweifelhaft Sträflichen verfange. - -„Allerdings. Für ein paar hundert Jahre“, bestätigte Naphta kalt. „Eine -Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles täuscht, auch in -dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen Gange. Kopernikus wird -von Ptolemäus geschlagen werden. Die heliozentrische These begegnet -nachgerade einem geistigen Widerstand, dessen Unternehmungen -wahrscheinlich zum Ziele führen werden. Die Wissenschaft wird sich -philosophisch genötigt sehen, die Erde in alle Würden wieder -einzusetzen, die das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.“ - -„Wie? Wie? Geistiger Widerstand? Philosophisch genötigt sehen? Zum Ziele -führen? Welche Art von Voluntarismus spricht aus Ihnen? Und die -voraussetzungslose Forschung? Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein -Herr, die mit der Freiheit so innig verbunden ist, und deren Blutzeugen, -aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern vielmehr -zur ewigen Zierde gereichen??“ - -Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art, zu fragen. Hochaufgerichtet -saß er und ließ seine ehrenhaften Worte auf den kleinen Herrn Naphta -niedersausen, am Ende die Stimme so mächtig hochziehend, daß man wohl -hörte, wie sicher er war, daß des Gegners Antwort hierauf nur in -beschämtem Schweigen bestehen könne. Er hatte ein Stück Baumkuchen -zwischen den Fingern gehalten, während er sprach, legte es aber nun auf -den Teller zurück, da er nach dieser Fragestellung nicht hineinbeißen -mochte. - -Naphta erwiderte mit unangenehmer Ruhe: - -„Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit der -kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins Satz ‚Ich glaube, -damit ich erkenne‘ zusammenfassen läßt, ist völlig unbestreitbar. Der -Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär. Ihre -voraussetzungslose Wissenschaft ist eine Mythe. Ein Glaube, eine -Weltanschauung, eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und -Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft -immer und in allen Fällen auf das ‚_Quod erat demonstrandum_‘ hinaus. -Schon der Begriff des Beweises enthält, psychologisch genommen, ein -stark voluntaristisches Element. Die großen Scholastiker des zwölften -und dreizehnten Jahrhunderts waren einig in der Überzeugung, daß in der -Philosophie nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei. -Lassen wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine -Humanität, die nicht anerkennt, daß in der Naturwissenschaft nicht wahr -sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das ist keine Humanität. -Die Argumentation des heiligen Offiziums gegen Galilei lautete dahin, -daß seine Sätze philosophisch absurd seien. Eine schlagendere -Argumentation gibt es nicht.“ - -„Eh, eh, die Argumente unseres armen, großen Galilei haben sich als -stichhaltiger erwiesen! Nein, lassen Sie uns ernsthaft reden, -Professore! Beantworten Sie mir vor diesen beiden aufmerksamen jungen -Leuten die Frage: Glauben Sie an eine Wahrheit, an die objektive, die -wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben oberstes Gesetz aller -Sittlichkeit ist, und deren Triumphe über die Autorität die -Ruhmesgeschichte des Menschengeistes bilden?!“ - -Hans Castorp und Joachim wandten die Köpfe von Settembrini zu Naphta, -der erstere schneller, als der andere. Naphta antwortete: - -„Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität ist der -Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und zwischen ihr und der -Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. Sie fallen zusammen.“ - -„Die Wahrheit wäre demnach –“ - -„Wahr ist, was dem Menschen frommt. In ihm ist die Natur zusammengefaßt, -in aller Natur ist nur er geschaffen und alle Natur nur für ihn. Er ist -das Maß der Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine -theoretische Erkenntnis, die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee -des Menschen entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder -Wahrheitswert ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten ist. Die -christlichen Jahrhunderte waren völlig einig über die menschliche -Unerheblichkeit der Naturwissenschaft. Lactantius, den Konstantin der -Große zum Lehrer seines Sohnes wählte, fragte gerade heraus, welche -Seligkeit er denn gewinnen werde, wenn er wisse, wo der Nil entspringt, -oder was die Physiker vom Himmel faseln. Das beantworten Sie ihm einmal! -Wenn man die platonische Philosophie jeder anderen vorzog, so darum, -weil sie sich nicht mit Naturerkenntnis, sondern mit der Erkenntnis -Gottes abgab. Ich kann Sie versichern, die Menschheit ist im Begriff, zu -diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und einzusehen, daß es nicht Aufgabe -wahrer Wissenschaft ist, heillosen Erkenntnissen nachzulaufen, sondern -das Schädliche oder auch nur ideell Bedeutungslose grundsätzlich -auszuscheiden und mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es -ist kindisch, zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das Licht -verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein ‚voraussetzungsloses‘ -Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt: ein solches, das sich der -Rücksicht auf das Geistige, auf den Zweck der Heilserwerbung entschlägt, -für strafbar zu erklären, und was den Menschen in Finsternis geführt hat -und immer tiefer führen wird, ist vielmehr die ‚voraussetzungslose‘, die -aphilosophische Naturwissenschaft.“ - -„Sie lehren da einen Pragmatismus,“ erwiderte Settembrini, „den Sie nur -ins Politische zu übertragen brauchen, um seiner ganzen Verderblichkeit -ansichtig zu werden. Gut, wahr und gerecht ist, was dem Staate frommt. -Sein Heil, seine Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen. -Schön! Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die -menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie – -sie mögen sehen, wo sie bleiben ...“ - -„Ich bringe ein wenig Logik in Vorschlag“, versetzte Naphta. „Entweder -Ptolemäus und die Scholastik behalten recht, und die Welt ist endlich in -Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit transzendent, der Gegensatz von -Gott und Welt bleibt aufrecht, und auch der Mensch ist eine dualistische -Existenz: das Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des -Sinnlichen und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit -Abstand zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich als -konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen fanden die -Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich. Dann gibt es keine übersinnliche -Welt, keinen Dualismus; das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der -Gegensatz von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch die -menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier -feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, sondern einheitlich ist, so -beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der Einzel- und -der gesamtheitlichen Interessen, und der Zweck des Staates wird, wie es -gut heidnisch ist, zum Gesetz des Sittlichen. Eines oder das andere.“ - -„Ich protestiere!“ rief Settembrini, indem er seine Teetasse dem -Gastgeber mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt. „Ich protestiere gegen -die Unterstellung, daß der moderne Staat die Teufelsknechtschaft des -Individuums bedeute! Ich protestiere zum drittenmal, und zwar gegen die -vexatorische Alternative von Preußentum und gotischer Reaktion, vor die -Sie uns stellen wollen! Die Demokratie hat keinen anderen Sinn, als den -einer individualistischen Korrektur jedes Staatsabsolutismus. Wahrheit -und Gerechtigkeit sind Kronjuwelen individueller Sittlichkeit, und im -Falle des Konflikts mit dem Staatsinteresse mögen sie wohl sogar den -Anschein staatsfeindlicher Mächte gewinnen, während sie in der Tat das -höhere, sagen wir es doch: das überirdische Wohl des Staates im Auge -haben. Die Renaissance der Ursprung der Staatsvergottung! Welche -Afterlogik! Die Errungenschaften – ich sage mit etymologischer Betonung: -die _Errungen_schaften von Renaissance und Aufklärung, mein Herr, heißen -Persönlichkeit, Menschenrecht, Freiheit!“ - -Die Zuhörer atmeten aus, denn sie hatten die Luft angehalten bei Herrn -Settembrinis großer Replik. Hans Castorp konnte sogar nicht umhin, mit -der Hand, wenn auch zurückhaltenderweise, auf den Tischrand zu schlagen. -„Brillant!“ sagte er zwischen den Zähnen, und auch Joachim zeigte starke -Befriedigung, obgleich ein Wort gegen das Preußentum gefallen war. Dann -aber wandten sich beide dem eben zurückgeschlagenen Interlokutor zu, -Hans Castorp mit solchem Eifer, daß er den Ellbogen auf den Tisch und -das Kinn in die Faust stützte, ungefähr wie beim Schweinchen-Zeichnen, -und Herrn Naphta aus nächster Nähe gespannt ins Gesicht blickte. - -Dieser saß still und scharf, die mageren Hände im Schoß. Er sagte: - -„Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie antworten mir -mit Hochherzigkeiten. Daß die Renaissance all das zur Welt gebracht hat, -was man Liberalismus, Individualismus, humanistische Bürgerlichkeit -nennt, war mir leidlich bekannt; aber Ihre ‚etymologischen Betonungen‘ -lassen mich kühl, denn das ‚ringende‘, das heroische Lebensalter Ihrer -Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen heute zum -mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die ihnen den Garaus -machen werden, stehen schon vor der Tür. Sie nennen sich, wenn ich nicht -irre, einen Revolutionär. Aber wenn Sie glauben, daß das Ergebnis -künftiger Revolutionen – Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das -Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und -überlebt. Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung -versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des Ich, der -Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre Bildungsmittel erblickt, -– eine solche Pädagogik mag noch rhetorische Augenblickserfolge -davontragen, aber ihre Rückständigkeit ist für den Wissenden über jeden -Zweifel erhaben. Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher -gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln -kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um -Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der -Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der -Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste -Lust ist der Gehorsam.“ - -Joachim richtete sich gerade auf. Hans Castorp errötete. Herr -Settembrini drehte erregt an seinem schönen Schnurrbart. - -„Nein!“ fuhr Naphta fort. „Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind -das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie -verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist – der Terror.“ - -Er hatte das letzte Wort leiser als alles Vorhergehende gesprochen, ohne -eine Körperbewegung; nur seine Brillengläser hatten kurz aufgeblitzt. -Alle drei, die ihn hörten, waren zusammengezuckt, auch Settembrini, der -sich aber bald lächelnd wieder faßte. - -„Und darf man sich erkundigen,“ fragte er, „wen oder was – Sie sehen, -ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich fragen soll – wen -oder was Sie sich als Träger dieses – ich wiederhole ungern das Wort – -dieses Terrors denken?“ - -Naphta saß stille, scharf und blitzend. Er sagte: - -„Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich unsere -Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines idealen Urzustandes der -Menschheit, eines Zustandes der Staat- und Gewaltlosigkeit, der -unmittelbaren Gotteskindschaft, worin es weder Herrschaft noch Dienst -gab, nicht Gesetz noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche -Verbindung, keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum, -sondern Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.“ - -„Sehr gut. Ich stimme zu“, erklärte Settembrini. „Ich stimme zu bis auf -den Punkt der fleischlichen Verbindung, die offenbar jederzeit -stattgehabt haben muß, da der Mensch ein höchstentwickeltes Wirbeltier -ist und nicht anders, als andere Wesen –“ - -„Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis, -was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren -Zustand betrifft, der durch den Sündenfall verloren ging. Ich glaube, -daß wir noch ein weiteres Stück Weges Seite an Seite bleiben können, -nämlich indem wir den Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum -Schutz gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen -und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt erblicken.“ - -„Benissimo!“ rief Settembrini. „Gesellschaftsvertrag ... das ist die -Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht –“ - -„Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache, daß alle -Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke war, und daß dieses sein -Recht an der Gesetzgebung und seine ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten -übertrug, folgert Ihre Schule vor allem das revolutionäre Recht des -Volkes vor dem Königtum. Wir dagegen –“ - -„Wir?“ dachte Hans Castorp gespannt ... Wer sind „wir“? Ich muß -unbedingt nachher Settembrini danach fragen, wen er mit „wir“ meint. - -„Wir unsererseits,“ sprach Naphta, „vielleicht nicht weniger -revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster Linie den Vorrang -der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert. Denn wenn die -Ungöttlichkeit des Staates ihm nicht an der Stirn geschrieben stände, -würde ein Hinweis auf eben dieses historische Faktum, daß er auf den -Willen des Volkes und nicht, wie die Kirche, auf göttliche Stiftung -zurückzuführen ist, genügen, um ihn, wenn nicht geradezu als eine -Veranstaltung der Bosheit, so doch jedenfalls als eine solche der -Notdurft und der sündhaften Unzulänglichkeit zu erweisen.“ - -„Der Staat, mein Herr –“ - -„Ich weiß, wie Sie über den nationalen Staat denken. ‚Über alles geht -die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.‘ Das ist Vergil. Sie -korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus, und das ist die -Demokratie; aber Ihr grundsätzliches Verhältnis zum Staat bleibt dadurch -völlig unberührt. Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht -an. Oder wollen Sie es bestreiten? Die Antike war kapitalistisch, weil -sie staatsfromm war. Das christliche Mittelalter hat den immanenten -Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. ‚Das Geld wird Kaiser -sein‘, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften Jahrhundert. Leugnen -Sie, daß das wörtlich eingetroffen, und daß die Verteufelung des Lebens -damit restlos erreicht ist?“ - -„Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig, mit dem großen -Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt gemacht zu werden.“ - -„Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse, welche -Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet hat. Ich kann -auf Ihre Widerrede zur Not verzichten, denn die politische Ideologie der -Bürgerlichkeit ist mir bekannt. Ihr Ziel ist das demokratische Imperium, -die Selbstübersteigerung des nationalen Staatsprinzips ins Universelle, -der Weltstaat. Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre Utopie -ist gräßlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt gewissermaßen -wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische Weltrepublik hat etwas -Transzendentes, tatsächlich, der Weltstaat ist die Transzendenz des -weltlichen Staates, und wir stimmen überein in dem Glauben, daß einem -vollkommenen Anfangszustande der Menschheit ein in Horizontferne -liegender vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen -Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als -ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes -zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes wurde nicht um -seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende Diktatur -war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, Übergangsform vom heidnischen -Staat zum himmlischen Reich. Sie haben diesen Lernenden hier von -Bluttaten der Kirche, ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, – -höchst törichterweise, denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht -pazifistisch sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei -der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!‘ Daß die Macht böse -ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und -Diesseits, Geist und Macht muß, wenn das Reich kommen soll, -vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und -Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors -nenne.“ - -„Der Träger! Der Träger!“ - -„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz einer -Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung des -Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze und Ziele mit denen des -christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? Die Väter der Kirche -haben Mein und Dein verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation -und Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil nach -dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam sei und -daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen Gebrauch aller -hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die Habgier, eine Folge des -Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt und das Sondereigentum geschaffen -habe. Sie waren human genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche -Tätigkeit überhaupt eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die -Menschlichkeit zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte -gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des höllischen -Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß der Preis das Ergebnis -des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage ist, haben sie von ganzem -Herzen verachtet und das Ausnutzen der Konjunktur als zynische -Ausbeutung einer Notlage des Nächsten verdammt. Es gab eine noch -frevelhaftere Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich -für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich den -Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, die -Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des anderen zu mißbrauchen.“ - -„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer der -Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die Zeit ... Eine -allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig ...!“ - -„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister haben den -Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes als ekelhaft -empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte unter den Begriff des -Wuchers fallen lassen und erklärt, daß jeder Reiche entweder ein Dieb -oder eines Diebes Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten, -wie Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft, -das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines Nutzens, aber ohne -Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen Gutes, als ein -schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht geneigt, die Arbeit an und für -sich sehr hoch zu schätzen, denn sie ist nur eine ethische -Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht im Dienste des Lebens, -nicht Gottes. Und wenn es sich denn bloß um das Leben handeln sollte und -um Wirtschaft, so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als -Bedingung wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit -gelte. Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht der -Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die -Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten die -Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen Grundsätze -und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre -Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die -Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des -Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das -internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, -das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der -bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des -Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit, -hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in -Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von -Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung -durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der -Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors -aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es -seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der -Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der -staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.“ - -So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg. Die jungen -Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war es, sich irgendwie zu -verhalten. Er sagte: - -„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich hätte das -nicht erwartet. _Roma locuta._ Und wie, – und wie hat es gesprochen! Vor -unseren Augen hat er ein hieratisches Saltomortale vollführt, – wenn das -ein Widerspruch im Beiwort ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘, -ah, ja! Ich wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für -denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt der -Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen christlichen, auf der -Zweiheit von Gott und Welt beruhenden Individualismus begreiflich zu -machen und uns seinen Vorrang vor aller politisch bestimmten -Sittlichkeit zu beweisen. Wenige Minuten später treiben Sie den -Sozialismus bis zur Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“ - -„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt ist nur das -Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie ich mir schon anzumerken -erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis. Er korrigiert Ihre -heidnische Staatssittlichkeit durch ein wenig Christentum, ein wenig -‚Recht des Individuums‘, ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles. -Ein Individualismus dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen -Wichtigkeit der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern -religiöser Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit -von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und Gott, von Fleisch -und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher Individualismus verträgt -sich mit bindungsvollster Gemeinschaft recht wohl ...“ - -„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp. - -Settembrini sah ihn mit großen Augen an. - -„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge, die auf -Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen war. „Unterrichten -Sie sich, aber produzieren Sie nicht! – Das ist eine Antwort“, sagte er, -wieder zu Naphta gewandt. „Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine. -Blicken wir allen Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint -der christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt. -Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde und Geldgeschäft, das der -Antike weit höher als Landwirtschaft und Handwerk galt, verneint er die -Freiheit. Denn es ist ja klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie -im Mittelalter, alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund -und Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben ganz -leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann nur der Boden -ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht. Handwerker und -Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten mögen, – besitzen sie keinen -Boden, so sind sie Hörige dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich -bestand bis tief ins Mittelalter hinein die große Menge selbst der -Städte aus Hörigen. Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von -menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten Sie eine -Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit der -menschlichen Persönlichkeit hängt.“ - -„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta, „ließe sich reden. -Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung, wenn diese Zusammenhänge Ihnen -Veranlassung gäben, die Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn -als ein Problem zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche -Wirtschaftsmoral in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft. -Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der Städte, -wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache, höchst sittlich, wie -sie immer sei, historisch verbunden ist mit der unmenschlichsten -Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen Greueln des modernen Händler- -und Spekulantentums, mit der Satansherrschaft des Geldes, des -Geschäftes.“ - -„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel und -Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig zur -schwärzesten Reaktion bekennen!“ - -„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der -schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu entschlagen.“ - -„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender -Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens leer -waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug für heute, genug -für einen Tag, wie mir scheint. Professor, wir danken für die -schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle Gespräch. Meine Freunde -vom Berghof hier ruft die Kur, und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie -gehen, meine Klause droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio, -Padre!“ - -Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp vermerkte es mit -hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen, daß Settembrini den Aufbruch -leitete, über die Vettern verfügte und nicht in Frage kommen ließ, ob -Naphta vielleicht sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute -verabschiedeten sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen -ermutigt. Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp das -Buch „_De miseria humanae conditionis_“, einen morschen Pappband, -leihweise mit auf den Weg bekam. Noch immer saß der sauerbärtige Lukaček -auf seinem Tisch, das Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an -seiner offenen Tür vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum -Dachgeschoß zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar kein -Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk unter der -Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen Atmosphäre des -Speichers, dem Geruch warmen Holzes. Aber der Dachstuhl enthielt zwei -Kammern, und diese bewohnte der republikanische Kapitalist, sie dienten -dem schöngeistigen Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio -und Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden, -nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen die richtigen -Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum Lobe bedienen mochten, – -was sie denn einstimmig taten. Es sei ganz reizend, fanden sie beide, -separiert und traulich, genau wie er sage. Sie taten einen Blick ins -Schlafzimmerchen, wo vor der schmalen und kurzen Bettstatt im -Mansardenwinkel ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann -dem Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet -war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar frostige Ordnung -aufwies. Plumpe und altmodische Stühle, vier an der Zahl, mit -Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch zu seiten der Türen -aufgestellt, und auch der Diwan war an die Wand gerückt, so daß der -grüngedeckte Rundtisch, auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und -jedenfalls nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals -gestülptem Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher, -gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort schräg -aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig ein -leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken Bodenbelag aus -Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen zu können. Hans Castorp -nahm einen Augenblick probeweise hier Aufstellung, – an Herrn -Settembrinis Arbeitsstätte, wo er die schöne Literatur zu -enzyklopädischen Zwecken unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Leiden -behandelte, – stützte die Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte, -daß es sich hier separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte -Lodovicos Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit -seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich das -Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe, ja, auch -die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche stammten aus -dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle hatten sogar schon dem -Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand hatten sie die Wände seines -Advokatenbureaus geschmückt. Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der -Stühle gewann etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen -Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend mit -übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch und -nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber, am Stehpult Settembrinis -des Älteren, bedachte, wie nun der Sohn daran wirke, indem er die -Politik des Großvaters mit dem Humanismus des Vaters zur schönen -Literatur vereinige. Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte -sich erboten, die Vettern heimzugeleiten. - -Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte von Naphta, -und Hans Castorp konnte warten: es war gewiß, daß Herr Settembrini auf -seinen Hausgenossen zu sprechen kommen werde, ja, daß er zu diesem -Zwecke mit ihnen gegangen sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem -Aufatmen, das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener: - -„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“ - -Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich mit -falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens fragen können: „Vor -wem?“ aber er faßte sich unpersönlich, um seine ganze Unschuld zu -bekunden, während doch sogar Joachim genau Bescheid wußte. - -„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“ antwortete -Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen gegen Wunsch und Absicht -vermittelt habe. Sie wissen, der Zufall wollte es, ich konnte nicht -umhin; aber ich trage die Verantwortung und trage schwer daran. Es ist -meine Pflicht, Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren -hinzuweisen, die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens -zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu halten. Seine Form -ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“ - -„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer sei es ja wohl -gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar muteten seine Reden wohl -manchmal an; es hätte ja geradezu geklungen, als wollte er wahrhaben, -daß die Sonne sich um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie, -die Vettern, auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein, mit -einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen Verkehr zu -treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie Naphta kennengelernt, -mit ihm hätten sie ihn getroffen, er gehe mit ihm spazieren, er komme -zwanglos zu ihm zum Tee herunter; das beweise doch – - -„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme klang sanft, -resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies läßt sich mir -erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, ich verantworte mich -bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen -sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft. -Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine -diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich -mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen -Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit -... Kurz, es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir -promenieren auch miteinander. Wir streiten. Wir streiten uns aufs Blut, -fast jeden Tag, aber ich gestehe, die Gegensätzlichkeit und -Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm -zusammenzutreffen. Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht, -wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den -meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten – Sie, -Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet gegen -intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den -Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik -Schaden zu nehmen an Geist und Seele.“ - -Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und er, sie seien -wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es sei die Geschichte mit den -Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. Aber demgegenüber könne man ja -Petrarca anführen mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon, -und hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta so -vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen Zeit, für -deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen dürfe, sei vorzüglich gewesen, -und dann habe es ihn auch sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu -hören, was er ohne Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ... - -Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte sich Hans -Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich jeder Partei- und -Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert habe er es gefunden, was -Naphta über die Lust der Jugend gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun -erst einmal eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta – ich -sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht unbedingt mit -ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil innerlich höchst reserviert -verhalte –“ - -„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar. - -„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, die Seele des -Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das Eigentum, weil es -Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen Reichtum, von dem er, -glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff des höllischen Feuers – so -drückte er sich annähernd einmal aus, wenn ich nicht irre, und lobte das -mittelalterliche Zinsverbot in allen Tönen. Und dabei, er selbst ... -Entschuldigen Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung -sondergleichen, wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“ - -„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische -Geschmacksrichtung.“ - -„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp weiter, -„die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der venezianische -Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ... und beliebig viel -Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er muß doch für seine Person –“ - -„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person so wenig -Kapitalist wie ich.“ - -„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber fällig in Ihrer -Rede, Herr Settembrini.“ - -„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“ - -„Wer, ‚die dort‘?“ - -„Jene Väter.“ - -„Väter? Väter?“ - -„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“ - -Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. Hans -Castorp rief: - -„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist ein Jesuit?!“ - -„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein. - -„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf so was! Darum also -haben Sie ihn Padre tituliert?“ - -„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete Settembrini. -„Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit ist schuld daran, daß er es -vorderhand nicht soweit gebracht hat. Aber er hat das Noviziat -absolviert und die ersten Gelübde getan. Die Krankheit zwang ihn, seine -theologischen Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als -Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt: als -Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge. Das kam seinen -pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann er ihnen weiter nachhängen, -indem er am Fridericianum Lateinisch lehrt. Er ist seit fünf Jahren -hier. Es ist unsicher geworden, ob und wann er diesen Ort wird verlassen -dürfen. Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst -lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte Ihnen, daß -er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist. Natürlich, das ist -Vorschrift. Aber der Orden verfügt über ungemessene Reichtümer, und er -sorgt für die Seinen, wie Sie sahen.“ - -„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe überhaupt nicht -gewußt und gedacht, daß es sowas in allem Ernste noch gäbe! Ein Jesuit. -Ja so! ... Aber sagen Sie mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl -versorgt und versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich -will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini, Sie haben -es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert und außerdem besonders -traulich. Ich meine aber: wenn Naphta es nun doch so dicke hat, um mich -gewöhnlich auszudrücken – warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung, -statiöser, mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen -Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches, wie er da in -dem Loch mit all seiner Seide ...“ - -Settembrini zuckte die Achseln. - -„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte er, „die ihn -dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert sein antikapitalistisches -Gewissen, indem er die Zimmer eines Armen bewohnt, und sich schadlos -hält durch die Art, wie er sie bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele -sein. Man bindet es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der -Teufel von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare Fassade -vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack ...“ - -„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu und geradezu -aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir sind Ihnen wirklich zu -Dank verbunden, Herr Settembrini, für diese Bekanntschaft. Wollen Sie -glauben, daß wir noch manches liebe Mal hingehen werden und ihn -besuchen? Das ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in -ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von deren -Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger Jesuit! Und wenn -ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das Stichwort, für das, was -mir durch den Kopf geht, und was ich denn doch noch bemerken muß. Ich -frage: Ist er denn richtig? Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt -nicht richtig ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was ich -aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig _als -Jesuit_ – das geht mir im Kopf herum. Er hat da Dinge geäußert – Sie -wissen, welche ich meine – über den modernen Kommunismus und über den -Gotteseifer des Proletariats, das seine Hand nicht zurückhalten soll vom -Blute – kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr -Großvater mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen, -entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn das? Hat das die -Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt es sich mit der römischen -Lehre, für die doch der Orden in aller Welt intrigieren soll, soviel ich -weiß? Ist es nicht – wie heißt das Wort – häretisch, abweichend, -inkorrekt? Das überlege _ich_ mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was -Sie denken.“ - -Settembrini lächelte. - -„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie Jesuit, ist es -recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann von Geist – ich würde -sonst nicht seine Gesellschaft suchen –, und als solcher trachtet er -nach neuen Kombinationen, Anpassungen, Anknüpfungen, zeitgemäßen -Abwandlungen. Sie sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er -hatte sich mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die -Anregung, die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu reizen, -in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es lautete schnurrig -genug, gräßlich genug ...“ - -„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte doch wohl das -Alter dazu.“ - -„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig daran -gehindert hat.“ - -„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und zweitens ein -Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies zweite, hinzukommende, mit -der Krankheit zu tun hat?“ - -„Was wollen Sie damit sagen?“ - -„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine feuchte -Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber seine Kombinationen -hätten ihn auch wohl daran gehindert, und insofern – gewissermaßen, -gehören die Kombinationen und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf -seine Art auch so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein _joli jésuite_ -mit einem _petite tache humide_.“ - -Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm Hause blieben -sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten, traten zu einer kleinen -Gruppe zusammen, während ein paar Patienten, die am Portal -herumlungerten, ihrem Gespräche zusahen. Herr Settembrini sagte: - -„Um es zu wiederholen, meine jungen Freunde, ich warne Sie. Ich kann -Ihnen nicht verwehren, die einmal gemachte Bekanntschaft zu kultivieren, -wenn die Neugier Sie dazu treibt. Aber wappnen Sie Herz und Geist dabei -mit Mißtrauen, lassen Sie es niemals fehlen an kritischem Widerstand. -Ich werde Ihnen diesen Mann mit einem Worte kennzeichnen. Er ist ein -Wollüstiger.“ - -Die Gesichter der Vettern verzogen sich. Dann fragte Hans Castorp: - -„Ein ... wie? Erlauben Sie, er ist doch Ordensmann. Da sind ja bestimmte -Gelübde zu leisten, soviel ich weiß, und außerdem ist er so miekerig und -leibarm ...“ - -„Sie reden töricht, Ingenieur“, erwiderte Herr Settembrini. „Das hat mit -Leibarmut gar nichts zu tun, und was die Gelübde betrifft, so gibt es da -Vorbehalte. Ich sprach jedoch in einem weiteren und geistigeren Sinn, -für den ich nachgerade Verständnis bei Ihnen sollte voraussetzen dürfen. -Erinnern Sie sich wohl noch, wie ich Sie eines Tages auf Ihrem Zimmer -besuchte – es ist lange her, furchtbar lange –, Sie absolvierten eben -die Bettruhe nach erfolgter Aufnahme ...“ - -„Selbstverständlich! Sie traten in der Dämmerung ein und machten Licht, -ich weiß es wie heute ...“ - -„Gut, damals kamen wir im Plaudern, wie es gottlob des öfteren -geschieht, auf höhere Gegenstände. Ich glaube gar, wir sprachen von Tod -und Leben, von den Würden des Todes, insofern er Bedingung und Zubehör -des Lebens ist, und von der Fratzenhaftigkeit, der er verfällt, wenn der -Geist ihn abscheulicherweise als Prinzip isoliert. Meine Herren!“ fuhr -Herr Settembrini fort, indem er dicht vor die beiden jungen Leute -hintrat, Daumen und Mittelfinger der Linken gabelförmig gegen sie -spreizte, gleichsam, um sie zur Aufmerksamkeit zusammenzufassen, und den -Zeigefinger der Rechten mahnend erhob ... „Prägen Sie sich ein, daß der -Geist souverän ist, sein Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt. -Isoliert er dualistisch den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen -Willen wirklich und in der Tat, _actu_, Sie verstehen mich, zur eigenen, -dem Leben entgegengesetzten Macht, zum widersacherischen Prinzip, zur -großen Verführung, und sein Reich ist das der Wollust. Sie fragen mich, -warum der Wollust? Ich antworte Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er -die Erlösung ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble -Erlösung. Er löst Sitte und Sittlichkeit, er erlöst von Zucht und -Haltung, er macht frei zur Wollust. Wenn ich Sie warne vor dem Manne, -dessen Bekanntschaft ich Ihnen ungern vermittelte, wenn ich Sie -auffordere, im Verkehr und Diskurs mit ihm Ihre Herzen dreimal mit -Kritik zu umgürten, so geschieht es, weil alle seine Gedanken -wollüstiger Art sind, denn sie stehen unter dem Schutze des Todes, – -einer höchst liederlichen Macht, wie ich Ihnen damals sagte, Ingenieur, -– ich erinnere mich wohl meines Ausdrucks, ich behalte tüchtige und -treffliche Äußerungen, die zu tun ich Gelegenheit fand, stets im -Gedächtnis –, einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben -gerichteten Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen -des Erziehers vornehmste Pflicht ist.“ - -Man konnte nicht besser sprechen als Herr Settembrini, nicht klarer und -gerundeter. Hans Castorp und Joachim Ziemßen bedankten sich recht schön -bei ihm für das Gehörte, empfahlen sich und erstiegen das Berghofportal, -während Herr Settembrini, eine Treppe über Naphtas seidene Zelle hinaus, -an sein Humanistenpult zurückkehrte. - -Es war der erste Besuch der Vettern bei Naphta, dessen Verlauf wir hier -festhielten. Seither waren demselben zwei oder drei weitere gefolgt, -einer sogar in Abwesenheit Herrn Settembrinis; und auch sie lieferten -dem jungen Hans Castorp Stoff zur Betrachtung, wenn er, indes das -Hochgebild, genannt _Homo Dei_, seinem inneren Auge vorschwebte, an dem -blaublühenden Ort seiner Zurückgezogenheit saß und „regierte“. - - - Jähzorn. Und noch etwas ganz Peinliches - -So kam der August, und glücklich war unter seinen ersten Tagen -der Jahrestag von unseres Helden Ankunft bei uns hier oben -vorübergeschlüpft. Nur gut, daß er vorüber war, – er hatte dem jungen -Hans Castorp etwas unangenehm vorgestanden. So war es die Regel. Der Tag -der Ankunft war nicht beliebt, es wurde seiner unter den Voll- und -Mehrjährigen nicht gedacht, und während doch sonst kein Vorwand zu -Festivität und Becherklang unbenutzt blieb, die allgemeinen und großen -Betonungen im Jahresrhythmus und -pulslauf durch möglichst viele private -und irreguläre vermehrt und Geburtstage, Generaluntersuchungen, -bevorstehende wilde oder echte Abreisen und dergleichen Anlässe mehr mit -Schmaus und Pfropfenknall im Restaurant begangen wurden, – widmete man -diesem Gedenktage nichts als Stillschweigen, ließ sich darüber -hinweggleiten, vergaß auch wohl wirklich, auf ihn zu achten und durfte -vertrauen, daß die andern ihn überhaupt nicht so genau im Sinne hatten. -Auf Gliederung hielt man wohl; man beobachtete den Kalender, den Turnus, -die äußere Wiederkehr. Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem -Raum hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also zu -messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und Anfänger; die -Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Ungemessene und -Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe war, und einer setzte mit -Zartgefühl beim anderen einen Wunsch voraus, den er selber hegte. Es -hätte für ganz und gar ungeschickt und brutal gegolten, jemandem zu -sagen, heut sei er drei Jahre hier, – das kam nicht vor. Frau Stöhr -selbst, so weit es ihr sonst immer fehlen mochte, in diesem Punkt war -sie taktfest und abgeschliffen, nie wäre ein solcher Verstoß ihr -untergelaufen. Ihr Kranksein, der Fieberstand ihres Körpers war mit -großer Unbildung verbunden, gewiß. Noch kürzlich hatte sie bei Tische -von der „Affektation“ ihrer Lungenspitzen gesprochen und, als das -Gespräch auf historische Dinge gekommen war, erklärt, Geschichtszahlen -seien nun einmal ihr „Ring des Polykrates“, was ebenfalls eine gewisse -Erstarrung der Umsitzenden hervorgerufen hatte. Aber daß sie etwa im -Februar den jungen Ziemßen an sein Jubiläum hätte erinnern sollen, wäre -undenkbar gewesen, obgleich sie wahrscheinlich daran gedacht hatte. Denn -ihr unseliger Kopf war natürlich voll unnützer Daten und Dinge, und sie -liebte es, anderen nachzurechnen; aber die Sitte hielt sie im Zaum. - -So denn auch an Hans Castorps Tage. Sie hatte ihm wohl beim Essen einmal -bedeutlich zuzuzwinkern versucht, aber da er dem Zeichen mit leerer -Miene begegnet war, hatte sie sich schleunig zurückgezogen. Auch Joachim -hatte gegen den Vetter geschwiegen, und doch war er des Datums wohl -eingedenk gewesen, an dem er den Zu-Besuch-Kommenden von Station „Dorf“ -abgeholt hatte. Aber Joachim, zum Reden von Natur schon nicht sehr -geneigt, bei weitem nicht so, wie Hans Castorp es wenigstens hier oben -geworden, von Humanisten und Rabulisten ihrer Bekanntschaft ganz zu -schweigen, – Joachim hatte sich in letzter Zeit eine besondere und -auffallende Schweigsamkeit angeeignet, nur Einsilbigkeiten kamen noch -über seine Lippen, aber in seiner Miene arbeitete es. Es war klar, daß -sich für ihn mit Station „Dorf“ andere Vorstellungen verbanden als die -des Abholens und der Ankunft ... Er stand in regem Briefwechsel mit dem -Flachlande. Entschlüsse reiften in ihm. Vorbereitungen, die er traf, -näherten sich ihrem Abschluß. - -Der Juli war warm und heiter gewesen. Aber mit Anbruch des neuen Monats -fiel schlechtes Wetter ein, trübe Nässe, Schneeregen, dann -unzweideutiger Schneefall, und mit Einschaltung einzelner prangender -Sommertage dauerte das an, über das Monatsende hin, in den September -hinein. Anfangs hielten die Zimmer sich noch warm von der -vorhergegangenen Sommerperiode; man hatte zehn Grad darin, das galt für -behaglich. Aber rasch wurde es kälter und kälter, und man war froh über -den Schnee, der das Tal bedeckte, denn sein Anblick – nur dieser, der -Tiefstand der Temperatur allein wäre ohne Folge geblieben – bewog die -Verwaltung, zu heizen, zuerst nur den Speisesaal, dann auch die Zimmer, -und man konnte, wenn man, nach geleistetem Liegedienst aus seinen zwei -Decken gewickelt, von der Loggia hereinkam, mit den feuchtstarren Händen -die belebten Röhren betasten, deren trockener Hauch freilich das Brennen -der Wangen verstärkte. - -War das der Winter? Die Sinne konnten sich diesem Eindruck nicht -entziehen, und man klagte, man sei „um den Sommer betrogen“, obgleich -man, unterstützt von natürlichen und künstlichen Umständen, durch einen -innerlich wie äußerlich verschwenderischen Zeitverbrauch sich selber um -ihn betrogen hatte. Die Vernunft wollte wissen, daß noch schöne -Herbsttage folgen würden; vielleicht sogar serienweise würden sie -erscheinen und in so warmer Pracht, daß ihnen mit dem Namen des Sommers -nicht zuviel Ehre würde angetan werden, vorausgesetzt, daß man sich den -schon flacheren Tageslauf der Sonne, ihren schon zeitigen Abschied aus -dem Sinne schlug. Aber die Wirkung auf das Gemüt, die der Anblick der -Winterlandschaft draußen hervorbrachte, war stärker als solche -Tröstungen. Man stand an seiner geschlossenen Balkontür und starrte mit -Ekel hinaus in das Gestöber, – Joachim war es, der so stand, und mit -gepreßter Stimme sagte er: - -„Soll nun das wieder losgehen?“ - -Hans Castorp, hinter ihm im Zimmer, erwiderte: - -„Das wäre etwas früh, es kann nicht endgültig sein, aber es gibt sich -allerdings eine schauderhaft endgültige Miene. Wenn Winter in -Dunkelheit, Schnee und Kälte und warmen Röhren besteht, dann ist wieder -Winter, da gibt es nichts zu leugnen. Und wenn man bedenkt, daß ja eben -erst Winter war und kaum die Schneeschmelze vorüber ist – jedenfalls -_scheint_ es uns so, nicht wahr, als ob doch gerade erst Frühling -gewesen wäre, – dann kann einem momentweise schlecht werden, das gebe -ich zu. Es ist gefährlich für die menschliche Lebenslust, – laß dir -erläutern, wie ich das meine. Ich meine es so, daß die Welt normaler -Weise so eingerichtet ist, wie es den Bedürfnissen des Menschen -entspricht und der Lebenslust zukömmlich ist, das muß man anerkennen. -Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, daß die Naturordnung, zum -Beispiel also gleich mal die Größe der Erde, die Zeit, die sie zur -Umdrehung um sich selbst und um die Sonne braucht, der Wechsel der -Tages- und Jahreszeiten, der kosmische Rhythmus, wenn du willst, – nach -unserem Bedürfnis bemessen ist, – das wäre wohl frech und einfältig, es -wäre Teleologie, wie der Denker sagt. Aber die Sache ist einfach so, daß -unser Bedürfnis und die allgemeinen, grundlegenden Naturtatsachen -gottlob miteinander in Einklang stehen – gottlob, sage ich, denn es ist -wirklich ein Anlaß, Gott zu loben –, und wenn im Flachland der Sommer -kommt oder der Winter, dann ist der vorige Sommer oder Winter genau so -lange her, daß Sommer und Winter uns wieder neu und willkommen sind, und -darauf beruht die Lebenslust. Bei uns hier oben nun aber ist diese -Ordnung und dieser Einklang gestört, erstens weil es hier eigentlich gar -keine richtigen Jahreszeiten gibt, wie du selbst mal bemerktest, sondern -bloß Sommertage und Wintertage _pêle-mêle_ durcheinander, und außerdem, -weil es überhaupt keine Zeit ist, was einem hier vergeht, so daß der -neue Winter, wenn er kommt, gar nicht neu ist, sondern wieder der alte; -und daraus erklärt sich das Mißvergnügen, mit dem du da durch die -Scheibe guckst.“ - -„Danke sehr“, sagte Joachim. „Und nun, wo du es erklärt hast, da bist -du, glaub’ ich, so zufrieden, daß du unter anderm auch mit der Sache -selbst zufrieden bist, obgleich sie doch ... Nein!“ sagte Joachim. -„Schluß!“ sagte er. „Es ist eine Schweinerei. Das Ganze ist eine -ungeheuere, ekelhafte Schweinerei, und wenn du für dein Teil ... _Ich_ -...“ Und er verließ raschen Schrittes das Zimmer, zog zornig die Tür -hinter sich zu, und wenn nicht alles täuschte, so hatten Tränen in -seinen schönen, sanften Augen gestanden. - -Der andere blieb betreten zurück. Er hatte gewisse Entschlüsse des -Vetters nicht sehr ernst genommen, solange dieser sich in lauten -Ankündigungen ergangen hatte. Nun aber, da es nur noch schweigend in -Joachims Miene arbeitete und er sich benahm wie eben, erschrak Hans -Castorp, weil er begriff, daß dieser Militär der Mann war, zu Taten -überzugehen, – erschrak bis zum Erblassen und zwar für sie beide, für -sich und ihn. _Fort possible qu’il va mourir_, dachte er, und da das -sicherlich eine Wissenschaft aus dritter Hand war, so mischte sich auch -noch die Pein alten, nie gestillten Verdachtes hinein, während er -gleichzeitig dachte: Ist es möglich, daß er mich allein hier oben läßt, -– mich, der ich doch nur gekommen bin, ihn zu besuchen?! um -hinzuzufügen: das wäre doch toll und schrecklich, – es wäre dermaßen -toll und schrecklich, daß ich fühle, wie ich ganz kalt im Gesicht werde -und mein Herz sich regellos aufführt, denn wenn ich allein hier oben -zurückbleibe – und das tue ich, wenn er abreist; daß ich mit ihm fahre, -ist platterdings ausgeschlossen –, dann ist es ja – aber nun steht mein -Herz überhaupt still – dann ist es ja für immer und ewig, denn allein -finde ich nie und nimmermehr den Weg ins Flachland zurück ... - -Soweit Hans Castorps schreckhafter Gedankengang. Noch am selben -Nachmittag sollte er über den Lauf der Dinge Gewißheit erlangen: Joachim -erklärte sich, die Würfel fielen, es kam zu Schlag und Entscheidung. - -Nach dem Tee stiegen sie ins helle Souterrain hinab zur -Monatsuntersuchung. Es war Anfang September. Beim Eintritt ins trocken -durchhauchte Ordinationszimmer fanden sie Dr. Krokowski an seinem -Schreibtischplatz, während der Hofrat, sehr blau im Gesicht, mit -untergeschlagenen Armen an der Wand lehnte, in der einen Hand das -Hörrohr, mit dem er sich gegen die Schulter klopfte. Er gähnte zur Decke -empor. „Mahlzeit, Kinder!“ sagte er matt und ließ auch fernerhin eine -recht schlaffe Laune merken, Melancholie, allgemeinen Verzicht. -Wahrscheinlich hatte er geraucht. Es lagen aber auch sachliche -Ärgernisse vor, von denen die Vettern schon gehört hatten, -Anstaltsinterna von sattsam bekannter Art: ein junges Mädchen, Ammy -Nölting mit Namen, welches, eingetreten zuerst im Herbst vorvorigen -Jahres und nach neun Monaten, im August, als gesund entlassen, sich vor -Ablauf des September schon wieder eingefunden hatte, weil sie sich zu -Hause „nicht wohlgefühlt“ habe, zum Februar abermals völlig geräuschlos -befunden und dem Flachlande zurückgegeben worden war, aber seit Mitte -Juli schon wieder ihren Platz am Tische der Iltis einnahm, – diese Ammy -war 1 Uhr nachts mit einem Leidenden namens Polypraxios, demselben -Griechen, der beim Faschingsfest durch die Wohlgestalt seiner Beine -berechtigtes Aufsehen erregt hatte, einem jungen Chemiker, dessen Vater -am Piräus Farbwerke besaß, in ihrem Zimmer ertappt worden und zwar durch -eine von Eifersucht verstörte Freundin, die auf demselben Wege in Ammys -Zimmer gelangt war wie Polypraxios, nämlich über die Balkons, und, -zerrissen von Schmerz und Wut über das Wahrgenommene, ein furchtbares -Geschrei erhoben, alles in Bewegung gesetzt und die Sache an die große -Glocke gehängt hatte. Behrens hatte allen dreien, dem Athener, der -Nölting und ihrer Freundin, die vor Leidenschaft der eigenen Ehre wenig -geachtet hatte, den Laufpaß geben müssen und eben jetzt mit seinem -Assistenten, bei dem übrigens Ammy sowohl wie die Verräterin in -Privatbehandlung gestanden hatten, die widrige Sache durchgesprochen. -Auch während der Untersuchung der Vettern fuhr er noch fort, im Tone der -Schwermut und der Resignation sich darüber auszulassen; denn er war ein -so fertiger Künstler der Auskultation, daß er zugleich eines Menschen -Inneres belauschen, von etwas anderem reden und dem Assistenten das -Erhorchte diktieren konnte. - -„Ja, ja, _gentlemen_, die verfluchte _libido_!“ sagte er. „Sie haben -natürlich noch Ihr Vergnügen an der Chose, Ihnen kann’s recht sein. – -Vesikulär. – Aber so ein Anstaltschef, der hat davon die Neese _plein_, -das können Sie mir – Dämpfung – das können Sie mir glauben. Kann ich -dafür, daß die Phthise nun mal mit besonderer Konkupiszenz verbunden ist -– leichte Rauhigkeit? Ich habe es nicht so eingerichtet, aber eh’ man -sich’s versieht, steht man da wie ein Hüttchenbesitzer, – verkürzt hier -unter der linken Achsel. Wir haben die Analyse, wir haben die -Aussprache, – ja Mahlzeit! Je mehr die Rasselbande sich ausspricht, -desto lüsterner wird sie. Ich predige die Mathematik. – Besser hier, das -Geräusch ist weg. – Die Beschäftigung mit der Mathematik, sage ich, ist -das beste Mittel gegen die Kupidität. Staatsanwalt Paravant, der stark -angefochten war, hat sich drauf geworfen, er hat es jetzt mit der -Quadratur des Kreises und spürt große Erleichterung. Aber die meisten -sind ja zu dumm und zu faul dazu, daß Gott erbarm’. – Vesikulär. – Sehen -Sie, ich weiß ganz gut, daß junges Volk hier gar nicht ganz unschwer -verlumpt und verkommt, und früher habe ich manchmal einzuschreiten -versucht gegen die Debauchen. Aber dann ist es mir passiert, daß -irgendein Bruder oder Bräutigam mich ins Gesicht hinein gefragt hat, was -es mich eigentlich angehe. Seitdem bin ich nur noch Arzt – schwaches -Rasseln rechts oben.“ - -Er war fertig mit Joachim, steckte sein Hörrohr in die Kitteltasche und -rieb sich mit der riesigen Linken die beiden Augen, wie er zu tun -pflegte, wenn er „abfiel“ und melancholisch war. Halb mechanisch und -zwischendurch gähnend vor Mißlaune sagte er sein Sprüchlein her: - -„Na, Ziemßen, nur immer munter. Ist ja noch immer nicht alles genau so, -wie es im Physiologiebuche steht, hapert noch da und da, und mit Gaffky -haben Sie Ihre Angelegenheiten auch noch nicht restlos bereinigt, sind -sogar in der Skala gegen neulich um eine Nummer aufgerückt, – sechs ist -es diesmal, aber darum nur keinen Weltschmerz geblasen. Als Sie -herkamen, waren Sie kränker, das kann ich Ihnen schriftlich geben, und -wenn Sie noch fünf, sechs Manote – wissen Sie, daß man früher ‚_mânôt_‘ -sagte und nicht ‚Monat‘? War eigentlich viel volltöniger. Ich habe mir -vorgenommen, nur noch ‚Manot‘ zu sagen –“ - -„Herr Hofrat“, setzte Joachim an ... Er stand, mit bloßem Oberkörper, in -geschlossener Haltung, Brust heraus, die Absätze zusammengenommen, und -war so fleckig im Gesicht wie damals, als Hans Castorp bei bestimmter -Gelegenheit erstmals bemerkt hatte, daß dies die Art des tief Gebräunten -sei, blaß zu werden. - -„Wenn Sie,“ redete Behrens über seinen Anlauf hin, „noch rund ein halbes -Jährchen hier stramm Gamaschendienst tun, dann sind Sie ein gemachter -Mann, dann können Sie Konstantinopel erobern, dann können Sie vor lauter -Markigkeit Oberbefehlshaber in den Marken werden –“ - -Wer weiß, was er in seiner Verdüsterung noch alles gekohlt haben würde, -wenn Joachims unbeirrte Haltung, seine unverkennbare Gewilltheit, zu -sprechen, und zwar mutig zu sprechen, ihn nicht aus dem Konzept gebracht -hätte. - -„Herr Hofrat,“ sagte der junge Mann, „ich wollte gehorsamst melden, daß -ich mich entschlossen habe, zu reisen.“ - -„Nanu? Wollen Sie Reisender werden? Ich dachte, Sie wollten später mal, -als gesunder Mensch, zum Militär?“ - -„Nein, ich muß jetzt abreisen, Herr Hofrat, in acht Tagen.“ - -„Sagen Sie mal, hör’ ich recht? Sie werfen die Flinte hin, Sie wollen -durchbrennen? Wissen Sie, daß das Desertion ist?“ - -„Nein, das ist nicht meine Auffassung, Herr Hofrat. Ich muß nun zum -Regiment.“ - -„Obgleich ich Ihnen sage, daß ich Sie in einem halben Jahr bestimmt -entlassen kann, daß ich Sie aber vor einem halben Jahr nicht entlassen -kann?“ - -Joachims Haltung wurde immer dienstlicher. Er nahm den Magen herein und -sagte kurz und gepreßt: - -„Ich bin über anderthalb Jahre hier, Herr Hofrat. Ich kann nicht länger -warten. Herr Hofrat haben ursprünglich gesagt: ein Vierteljahr. Dann ist -meine Kur immer wieder viertel- und halbjahrsweise verlängert worden, -und ich bin immer noch nicht gesund.“ - -„Ist das mein Fehler?“ - -„Nein, Herr Hofrat. Aber ich kann nicht länger warten. Wenn ich nicht -ganz den Anschluß verpassen will, so kann ich meine richtige Genesung -hier oben nicht abwarten. Ich muß jetzt hinunter. Ich brauche noch etwas -Zeit für meine Equipierung und andere Vorbereitungen.“ - -„Sie handeln im Einverständnis mit Ihrer Familie?“ - -„Meine Mutter ist einverstanden. Es ist alles abgemacht. Ich trete -ersten Oktober als Fahnenjunker bei den Sechsundsiebzigern ein.“ - -„Auf jede Gefahr?“ fragte Behrens und sah ihn aus blutunterlaufenen -Augen an ... - -„Zu Befehl, Herr Hofrat“, antwortete Joachim mit zuckenden Lippen. - -„Na, dann is gut, Ziemßen.“ Der Hofrat wechselte die Miene, gab nach in -seiner Haltung und ließ in jeder Weise locker. „Is gut, Ziemßen. Rühren -Sie! Reisen Sie mit Gott. Ich sehe, Sie wissen, was Sie wollen, Sie -nehmen die Sache auf sich, und soviel stimmt, daß es Ihre Sache ist, -nicht meine, von dem Augenblick an, wo Sie sie auf sich nehmen. Selbst -ist der Mann. Sie reisen ohne Garantie, ich stehe für nichts. Aber -bewahre, es kann ganz gut gehen. Ist ja ein luftiger Beruf, den Sie -ergreifen. Kann durchaus sein, daß es Ihnen bekommt und daß Sie sich -herausbeißen.“ - -„Jawohl, Herr Hofrat.“ - -„Na, und Sie, junger Mann aus dem Zivilpublikum? Sie wallen wohl mit?“ - -Das war Hans Castorp, der antworten sollte. Er stand da, ebenso bleich -wie vor Jahresfrist bei jener Untersuchung, die seine Aufnahme -herbeigeführt hatte, stand auf demselben Fleck wie damals, und wieder -war deutlich das Pulsen seines Herzens gegen die Rippen zu sehen. Er -sagte: - -„Ich möchte es von Ihrem Votum abhängig machen, Herr Hofrat.“ - -„Meinem Votum. Schön!“ Und er zog ihn am Arme an sich, horchte und -klopfte. Er diktierte nicht. Es ging ziemlich schnell. Als er fertig -war, sagte er: - -„Sie können reisen.“ - -Hans Castorp stotterte: - -„Das heißt ... wieso. Bin ich denn gesund?“ - -„Ja, Sie sind gesund. Die Stelle links oben ist nicht mehr der Rede -wert. Ihre Temperatur paßt nicht zu der Stelle. Woher sie kommt, kann -ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, daß sie weiter nichts zu bedeuten -hat. Meinetwegen können Sie reisen.“ - -„Aber ... Herr Hofrat ... Das ist vielleicht im Augenblick nicht Ihr -voller Ernst?“ - -„Nicht mein Ernst? Wieso denn? Was denken Sie denn? Was denken Sie -überhaupt so beiläufig von mir, möchte ich wissen? Wofür halten Sie -mich? Für einen Hüttchenbesitzer?!“ - -Es war Jähzorn. Die Bläue in des Hofrats Gesicht hatte sich ins -Veilchenfarbene vertieft durch lodernden Zudrang, die einseitige -Schürzung seiner Lippe mit dem Schnurrbärtchen sich heftig verstärkt, so -daß die seitlichen Oberzähne sichtbar wurden, er schob den Kopf vor, wie -ein Stier, seine Augen quollen tränend und blutig. - -„Das verbitte ich mir!“ schrie er. „Ich bin erstens überhaupt kein -Besitzer! Ich bin ein Angestellter hier! Ich bin Arzt! Ich bin _nur_ -Arzt, verstehen Sie mich?! Ich bin kein Kuppelonkel! Ich bin kein Signor -Amoroso auf dem Toledo im schönen Neapel, verstehen Sie mich wohl?! Ich -bin ein Diener der leidenden Menschheit! Und sollten Sie sich eine -andere Auffassung gebildet haben von meiner Person, dann können Sie -beide zum Kuckuck gehen, in die Binsen oder vor die Hunde, ganz nach -beliebiger Auswahl! Glückliche Reise!“ - -Mit langen und breiten Schritten ging er zur Tür hinaus, durch die Tür, -die ins Vorzimmer des Durchleuchtungsraumes führte, und ließ sie hinter -sich zukrachen. - -Rat suchend blickten die Vettern auf Dr. Krokowski, der sich jedoch in -seine Papiere vertieft und vergraben zeigte. Sie sputeten sich, in ihre -Kleider zu kommen. Auf der Treppe sagte Hans Castorp: - -„Das war ja schrecklich. Hast du ihn schon mal so gesehen?“ - -„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle. Das einzig -Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung über sich ergehen -läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die Geschichte mit Polypraxios -und der Nölting. Aber hast du gesehen,“ fuhr Joachim fort, und man -merkte, wie die Freude darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in -ihm aufstieg und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein -beigab und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war? Man muß -nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen. Nun habe ich -sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß ich mich wahrscheinlich -herausbeißen werde, – und über acht Tage reisen ... in drei Wochen bin -ich beim Regiment“, verbesserte er sich, indem er Hans Castorp aus dem -Spiele ließ und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person -beschränkte. - -Hans Castorp schwieg. Er sagte nichts über Joachims „Erlaubnis“, noch -über seine eigene, von der ja allenfalls auch zu reden gewesen wäre. Er -machte Toilette zur Liegekur, steckte das Thermometer in den Mund, -schlug mit kurzen und sicheren Griffen, mit voll ausgebildeter Kunst, -jener geheiligten Praktik gemäß, von der im Flachlande niemand eine -Ahnung hatte, die beiden Kamelhaardecken um sich und lag dann still, als -ebenmäßige Walze, auf seinem vorzüglichen Liegestuhl in der kalten -Feuchte des Frühherbstnachmittags. - -Die Regenwolken hingen tief, die Phantasiefahne drunten war eingezogen, -Schneereste lagen auf den nassen Zweigen der Edeltanne. Aus der unteren -Liegehalle, von wo vor Jahr und Tag zuerst Herrn Albins Stimme an sein -Ohr geschlagen, drang leises Gespräch zu dem Diensttuenden herauf, -dessen Finger und Angesicht sich in Kürze naßkalt versteiften. Er war es -gewohnt und wußte der hiesigen, ihm längst zur einzig denkbaren -gewordenen Lebenshaltung Dank für die Gunst, in Geborgenheit liegen und -alles bedenken zu dürfen. - -Es war entschieden, Joachim würde reisen. Radamanth hatte ihn entlassen, -– nicht _rite_, nicht als gesund, aber mit halber Billigung entlassen -eben doch, auf Grund und in Anerkennung seiner Standhaftigkeit. Er würde -hinunterfahren, mit der Schmalspurbahn in die Tiefe nach Landquart, nach -Romanshorn, dann über den weiten, abgründigen See, über den im Gedichte -der Reiter ritt, und durch ganz Deutschland nach Hause. Er würde dort -leben, in der Welt des Flachlandes, unter lauter Menschen, die keine -Ahnung hatten, wie man leben mußte, die nichts wußten vom Thermometer, -von der Kunst des Sicheinwickelns, vom Pelzsack, vom dreimaligen -Lustwandel, von ... es war schwer zu sagen, schwer aufzuzählen, wovon -alles sie drunten nichts wußten, aber die Vorstellung, daß Joachim, -nachdem er länger als anderthalb Jahre hier oben verbracht, unter den -Unwissenden leben sollte, – diese Vorstellung, die nur Joachim betraf, -und nur ganz von fern und versuchsweise auch ihn, Hans Castorp, – -verwirrte ihn so, daß er die Augen schloß und eine abwehrende -Handbewegung machte. „Unmöglich, unmöglich“, murmelte er. - -Da es denn aber unmöglich war, so würde er also allein und ohne Joachim -hier oben weiter leben? Ja. Wie lange? Bis Behrens ihn als geheilt -entließ, und zwar im Ernst, nicht so wie heute. Aber erstens war das ein -Zeitpunkt, zu dessen Bestimmung man nur, wie Joachim einst bei -irgendeiner Gelegenheit, in die Luft hinein die Gebärde des Unabsehbaren -machen konnte, und zweitens: würde das Unmögliche dann möglicher -geworden sein? Im Gegenteil eher. Und soviel war loyalerweise zuzugeben, -daß eine Hand ihm geboten war, jetzt, wo das Unmögliche vielleicht noch -nicht ganz so unmöglich war, wie es später sein würde, – eine Stütze und -Führung für ihn, durch Joachims wilde Abreise, auf dem Wege ins -Flachland, den er von sich aus in Ewigkeit nie zurückfinden würde. Wie -würde humanistische Pädagogik ihn mahnen, die Hand zu ergreifen und die -Führung anzunehmen, wenn die humanistische Pädagogik von der Gelegenheit -erfuhr! Aber Herr Settembrini war nur ein Vertreter – von Dingen und -Mächten, die hörenswert waren, aber nicht allein, nicht unbedingt; und -auch mit Joachim stand es so. Er war Militär, jawohl. Er reiste ab – -beinahe in dem Augenblick, wo die hochbrüstige Marusja zurückkehren -sollte (am ersten Oktober kehrte sie bekanntlich zurück), während ihm, -dem zivilistischen Hans Castorp, die Abreise namentlich und abgekürzt -gesprochen darum unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten -mußte, von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete. „Das ist -nicht meine Auffassung“, hatte Joachim gesagt, als Radamanth ihm von -Desertion gesprochen hatte, was zweifellos in Hinsicht auf Joachim nur -Kohl und Geschwafel gewesen war von des verdüsterten Hofrats Seite. Aber -für ihn, den Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders. Für ihn -(ja, ganz ohne Zweifel, so war es! Um diesen entscheidenden Gedanken aus -seinem Gefühle emporzuarbeiten, hatte er sich heute hier ins Naßkalte -gelegt) – für ihn wäre es wirklich Desertion gewesen, die Gelegenheit zu -ergreifen und wilde oder halbwilde Abreise ins Flachland zu halten, -Desertion von ausgebreiteten Verantwortlichkeiten, die ihm aus der -Anschauung des Hochgebildes, genannt _Homo Dei_, hier oben erwachsen, -Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte -übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten, -denen er hier in der Loge und am blau blühenden Orte oblag. - -Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie vorher nur einmal: -nach erster Benutzung, nachdem die Oberin ihm eben das zierliche -Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher Begierde wie damals -darauf nieder. Merkurius war kräftig emporgewandert, er zeigte -siebenunddreißig-acht, fast -neun. - -Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und tat einen -schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und zurück. Dann, wieder in -horizontaler Lage, rief er leise Joachim an und fragte nach dessen -Kurve. - -„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim. - -„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort in Nachfolge Frau -Stöhrs nach Analogie von „Schampus“ behandelnd; worauf Joachim hinter -der Glaswand sich schweigend verhielt. - -Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden, forschte -mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und Entschlüssen, die sich ganz -von selbst, bei knapp gesetzter Frist, offenbaren mußten: durch -Handlungen oder das Unterlassen von Handlungen, und das taten sie, -nämlich durch letzteres. Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der -hatte wissen wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein -tun wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen Tagen sich -auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine Rücksprache, von der -Joachim wußte, und deren Verlauf und Ergebnis er sich an fünf Fingern -ausrechnen konnte. Sein Vetter hatte erklärt, er erlaube sich, auf des -Hofrats frühere vielfältige Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich -auszuheilen, damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen, -als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe 37,8, er könne -sich nicht als _rite_ entlassen fühlen, und wenn des Hofrats Äußerung -von neulich nicht etwa als Relegation zu verstehen gewesen sei, zu -welcher Maßregel Anlaß gegeben zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt -sei, so habe er, nach ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu -Joachim Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige -Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich erwidert -hatte: „_Bon_ und schön!“ und: „Nichts für ungut!“ und: das heiße er wie -ein vernünftiger Kerl reden, und: er habe es doch gleich gesehen, daß -Hans Castorp mehr Talent zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und -Haudegen da. Und so fort. - -Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation, der Hergang -des Gespräches gewesen, und so sagte er nichts und stellte eben nur -schweigend fest, daß Hans Castorp sich seinen die Abreise vorbereitenden -Schritten nicht anschloß. Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit -sich selber zu tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib -des Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner Brust, – man -kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er sich nicht mehr maß, -sondern sein Instrument, angeblich, indem er es hatte fallen lassen, -zerbrochen hatte: Messungen hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen, -– so furchtbar aufgeregt, bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude -und Spannung, wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den ganzen -Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans Castorp hörte: zu all -den Stunden, viermal am Tage, in welchen auf „Berghof“ die Horizontale -herrschte. Anderthalb Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause, -nun wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis! Das war -keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp fühlte es dem ruhelos -wandernden Vetter nach. Achtzehn Monate, den vollen Jahreszirkel und -dann die Hälfte noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt, -eingefahren in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen -Lebensgang, den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten -erprobt, – und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden! Welche -Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen? Und durfte man sich -wundern, wenn Joachims große Aufregung nicht nur aus Freude bestand, -sondern auch Bangigkeit, Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten -ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu schweigen. - -Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem guten Joachim über -davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters Zukunft auf sich beruhen. -Er sprach davon, wie neu und erfrischt alles sein werde, das Leben, er -selbst, die Zeit – jeder Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder -haben, langsam gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter, Hans -Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze Augen hatte, -wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her nicht gesehen, da sie, -hingehalten von Monat zu Monat, von Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu -einem Besuche des Sohnes sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit -begeistertem Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –: -in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen geleistet, -ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen. „Nanu?“ fragte Hans -Castorp. „Ernstlich? Der Stange? Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und -bei der Artillerie dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja -schwärmerische Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne -man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe nickte. - -Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota auf der -Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten Termin mit dem -Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug packte er ein und ließ den Pelzsack -nebst den Kamelhaardecken vom Hausdiener in Sackleinen nähen: -vielleicht, daß er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an, -Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und Settembrini -– allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei diesem Gange und -fragte auch nicht, was Settembrini zu Joachims bevorstehender Abreise -und Hans Castorps bevorstehender Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob -er nun „Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder -„_Poveretto_“, das mußte ihm gleichgültig bleiben. - -Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles zum letztenmal -absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden Lustwandel, und von den -Ärzten, der Oberin Urlaub nahm. Und es tagte der Morgen selbst: -heißäugig und mit kalten Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte -die ganze Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich -und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt, -hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu scheiden. Frau Stöhr -vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen Tränen der Ungebildeten, -beim Lebewohl und zeigte gleich darauf hinter Joachims Rücken der -Lehrerin mit Kopfschütteln und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine -faule Miene voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims -Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp sah es, -indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter auf dem Fuße zu -folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen, den amtlichen Abschiedsgruß -eines Gesandten der Verwaltung im Vestibül zu erwidern. Wie immer -standen Patienten bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem -„Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów mit -seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während der Wagen, am Hinterrad -gebremst, die Anfahrt hinabschurrte. Joachim hatte Rosen erhalten. Er -trug einen Hut auf dem Kopf. Hans Castorp nicht. - -Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer Trübe. Das -Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des Dorfberges standen -unveränderlich wahrzeichenhaft vor der Bläue, und Joachims Augen ruhten -darauf. Fast schade, meinte Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so -schönes Wetter geworden. Es läge Bosheit darin, und ein recht -unwirtlicher Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim: -der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches -Ausbildungswetter, er könne es drunten wohl brauchen. Sonst sprachen sie -wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und zwischen ihnen, gab es -freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten sie vor sich den Hinkenden -auf dem Bock neben dem Kutscher. - -Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts, hatten sie -den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen, fuhren sie hin auf -der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn gleichlaufenden Straße und -hielten auf steinigem Platz vorm Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht -viel mehr als ein Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit -Schrecken wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei -einfallender Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen. „Hier -bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise, und Joachim -antwortete nur: „Tja, das bist du“, und entlohnte den Kutscher. - -Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das Gepäck. Sie -standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge, neben dem kleinen, -grau gepolsterten Wagenabteil, worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und -Rosen einen Platz belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen -schwärmerischen Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird -gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf, Grüße an die -dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete Hans Castorp nur noch mit -seinem Stock auf dem Asphalt. Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er -auf, sah Joachim an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans -Castorp lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig -dringlich. „_Hans!_“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte sich etwas so -Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete Hans Castorp mit -Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder „Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag -gehalten hatten, sondern aller Sittensprödigkeit zum Trotz und -peinlichst überschwänglicher Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und -drückte mit dringlicher Angst dem Vetter die Hand, während dieser -bemerken mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten das -Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte er inständig, -„komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs Trittbrett. Die Tür schlug -zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander, die kleine Lokomotive zog -an, der Zug entglitt. Der Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut, -der Zurückbleibende mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch -lange, allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim ihn vor -Jahr und Tag geführt. - - - Abgewiesener Angriff - -Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und Akelei waren -verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen Sterne des Enzian, -die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten sich wieder im feuchten -Grase, und über den Waldungen lag es rötlich. Herbstnachtgleiche war -vorüber, Allerseelen in Sicht und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch -der erste Advent, der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber -reihten sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem die -Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten. - -Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am Tische der Stöhr, -nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. Blumenkohl weggestorben war, und -an dem Marusja ihre unbegründete Heiterkeit im Apfelsinentüchlein -erstickt hatte. Neue Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund -aber hatte, zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von -der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, an einem -Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter gegen die linke -Verandatür, zwischen seinem ehemaligen und dem Guten Russentisch, kurzum -am Tisch Settembrinis. Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans -Castorp jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der an -jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus zum Hospitieren -aufgespart blieb. - -Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte auf mehreren -Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus Mexiko, dessen -Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit der eines Tauben war, -und ihm zur Seite hatte das ältliche Fräulein aus Siebenbürgen ihren -Platz, das, wie schon Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse -aller Welt für ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas -von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen mit -Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden -bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten Stunden des Tages an -der Brüstung ihrer Balkonloge ihre tellerflache Brust in hygienischen -Tiefatmungen dehnen. Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man -Herr Wenzel nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen -verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin -versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der dieser -Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, sondern nur um die -vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an dem wilden Lautgestrüpp -heiter zu erproben. Obwohl feist wie ein Dachs und von einer selbst -unter Denen hier oben erstaunlich sich hervortuenden Eßlust, versicherte -der Böhme seit vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der -Abendgeselligkeit klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline -die Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage, -auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in Hans Castorps Nähe -folgten dann zu beiden Seiten des Tisches Herr und Frau Magnus, die -Bierbrauersehegatten aus Halle. Melancholie umgab dieses Paar -atmosphärisch, da beide lebenswichtige Stoffwechselprodukte, Herr Magnus -Zucker, Frau Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung, -namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages von -Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger Hauch von ihr -aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete Stöhr stellte sie -jene Vereinigung von Krankheit und Dummheit dar, an der Hans Castorp, -getadelt deswegen von Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen -hatte. Herr Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch nur in -der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld erregt hatte. -Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit Herrn Wenzel aus -politischen und sonstigen Anlässen feindlich zusammen. Denn ihn -erbitterten die nationalen Aspirationen des Böhmen, der sich überdies -zum Antialkoholismus bekannte und über den Erwerbszweig des Brauers -moralisch Absprechendes äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die -sanitäre Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine -Interessen so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte -früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; Hans Castorp -aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt und konnte nicht -hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, ihn darin zu ersetzen. - -Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A. -K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser -gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts -hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis, -dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar -zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere -aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter -anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen -Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit -schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann -seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau -Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans -Castorps Freundschaft suchte. - -Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung, -die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren -komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich -anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen -der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und -zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der -jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu -tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den -Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –, -duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war -erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe, -einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine -Liebe zu erklären – die _aussichtslose_ Liebeserklärung, was die Herren -davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung, -daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des -Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so -stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten -Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen -Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der -ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht -überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der -widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte -eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr -in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er -oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern -lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres -Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser -oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß, -als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten -in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der -nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu -vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie -der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig -Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns -davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit -verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug. - -Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner -Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang: -von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch, -Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, – -mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel. - -Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der -Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des -früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe -seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst -hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes -gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der -Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, – -was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam -wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß -keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren -Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es -sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage -umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein -zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage -Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so -war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe -vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm -überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels -kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und -sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen -war er zu erwarten. - -„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie -„Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“ -sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die -Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an -die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer -Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die -Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon -dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet, -zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach -dem Rechten sehen wollte. - -Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des -Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines -Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei -da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf -diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen -Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich -kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein -können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in -überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten -Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den -vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein -vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck -überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten -Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und -Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft, -erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und -Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte -Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person -seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar -möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort -gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher -gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse, -fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der -abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und -Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul -werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben. - -„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und -etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne -Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des -Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er -selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine -Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne -eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“, -antwortete Hans Castorp ruhig und kurz. - -Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp -erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße -von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits -beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig -dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt -durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob -es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen -Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne -von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft -ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der -andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke -Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze -der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent -in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie -zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen -organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er -möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß -der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art -Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der -Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht -Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht -auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem -Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen -habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe -gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde. - -„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans -Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier -bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er -seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die -Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens -ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an -und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er. -Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun -noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht -soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen -empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so -werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen, -bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse -schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach -Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein -interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann -wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte -beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere. - -Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp -den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben -hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert -worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde -Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein -_exodus_, sondern ein _exitus_. Und da der Onkel sich nach dem Sinn -erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er. -„Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber -mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im -behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz. -Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder -kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen -an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach -von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen -Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er -erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über -die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen -Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der -Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des -Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten -der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und -mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit. -Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den -Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im -stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans -Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener -sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern -zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten -Schläfen ab. - -Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von -persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch von -der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik und -Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des jungen Praktikanten -wartete, was aber natürlich so wenig ihre einzige Beschäftigung war, daß -man sich fragen mochte, ob sie überhaupt noch wartete. James Tienappel -hatte wohl alle diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später -berührt, aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, – -abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter -Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit oder Gefeitheit, die an -sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche Abendkühle, an sein Wort -„Uns friert nicht“, erinnerte und vielleicht Ursache war, weshalb sein -Onkel ihn manchmal so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den -Ärzten ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – es -traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn er acht Tage -blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt sei, den Vortrag zu -besuchen? Niemand. Er nahm es an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit -als ausgemacht voraus, daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht -daran teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß er -mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte zuvorzukommen -suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches geplant. Dies eben war -die Macht, deren unbestimmte, aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel -unbewußt anhielt, den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem -Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen, -obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen hatte. Er hörte -seinen Verwandten von der Krankheit sprechen, die hier das gemeinsame -Berufsinteresse aller bildete, und von der Aufnahmelustigkeit für sie; -von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem -Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen -und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und Erzeugung -löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozeß, -von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und -bindegewebige Vernarbung zu heilsamem Stillstand gelange oder zu -größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse -und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten, -galoppierenden Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja -in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats -meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie sie morgen oder -demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, einer ursprünglich -reizenden Schottin, vorgenommen werden sollte, die von _Gangraena -pulmonum_, vom Lungenbrande ergriffen worden sei, so daß eine -schwärzlich-grüne Verpestung in ihr walte und sie den ganzen Tag -zerstäubte Karbolsäurelösung einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber -den Verstand zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig -unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er -herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich -freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene -auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens zu seiner Beruhigung, -die aber neue Beunruhigung in sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich -um den Unfall, der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht -kümmerte, vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich -nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine -Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen -Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch -solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei es aber, daß der Konsul -seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich ein Mäntelchen von Vernunft und -Sinn umzuhängen wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, – -plötzlich brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing mit -hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten „Chansonette“, -einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit -in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihren temperamentgeladenen Reizen, -die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem -halte. Seine Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er -sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende -Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese Erscheinung -erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige Reisemüdigkeit, deren -Opfer er war, allmählich so deutlich, daß er schon gegen halb 11 Uhr die -Beendigung des Beisammenseins befürwortete und es innerlich wenig -begrüßte, daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach -erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der Tür eines Salons -gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn bekannt machte. Auf die -stämmig-heitere Anrede des Doktors wußte er fast nichts anderes mehr als -„Gewiß, selbstvers-tändlich“, zu erwidern und war froh, als sein Neffe -sich mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum Frühstück -abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem Zimmer in sein -eigenes begeben hatte und er mit der gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich -ins Bett des Fahnenflüchtlings fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte -er Feuersbrunst gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk -zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel. - -James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel James“ und einfach -nur „James“ anredete, war ein langbeiniger Herr von gegen Vierzig, -gekleidet in englische Stoffe und blütenhafte Wäsche, mit -kanariengelbem, gelichtetem Haar, nahe beisammenliegenden blauen Augen, -einem strohigen, gestutzten, halb wegrasierten Schnurrbärtchen und -bestens gepflegten Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne -darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten Konsuls am -Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit einer Angehörigen seines -Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert und fein, von ebenso -leiser, rascher und spitzig-höflicher Sprechweise war wie er selbst, gab -er zu Hause einen sehr energischen, umsichtigen und bei aller Eleganz -kalt sachlichen Geschäftsmann ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich, -auf Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes -Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige -Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger als -eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil das -Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst dem Wunsche, -seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren und selbst inmitten von -Lebensformen, die er unglaublich fand, nichts von Befremdung merken zu -lassen. „Natürlich, gewiß, selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu -sagen, damit niemand denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher -gekommen nun freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich -mit dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu sehen, -den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich ausdrückte, -„loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war er sich doch wohl -bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, – schon im ersten Augenblicke -empfindlich von der Ahnung berührt, daß eine Welt und Sittensphäre ihn -als Gast aufgenommen habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner -eigenen nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin -übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit seiner -Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; denn die -Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend. - -Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des Konsuls Telegramm -innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ beantwortet hatte; aber man muß -nicht denken, daß er bewußt die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen -Onkel ausgenutzt hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, und -nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern umgekehrt, so -daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von dem Augenblick an, wo -eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens den Konsul -von seines Neffen Person her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und -Ausgang, das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans Castorp -denn freilich doch nicht umhin konnte. - -Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der Eingesessene den -Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft bekannt gemacht -hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat Behrens, der lang und bunt, gefolgt -von dem schwarzbleichen Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit -seiner rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin -herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht nur, daß es -eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem vereinsamten Neveu -hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, sondern daß er auch im -ureigensten Interesse sehr recht daran tue, da er ja offenbar total -anämisch sei. – Anämisch, er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und -zog ihm mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig! -sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, wenn er es sich -für ein paar Wochen hier auf seinem Balkon der Länge nach bequem mache -und überhaupt in allen Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In -seinem Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal eine -Weile so zu leben, wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, die -übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ sagte der -Konsul rasch und blickte dem hochnackig Davonrudernden noch eine Weile -eifrig-höflich geöffneten Mundes nach, während sein Neffe gelassen und -abgebrüht neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur Bank an -der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach hielt James -Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet von Hans Castorp, der ihm -zum mitgebrachten Plaid die eine seiner Kameldecken lieh – er selbst -hatte in Anbetracht des schönen Herbstwetters an einer reichlich genug – -und ihn in der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff -getreulich unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon zur -Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um ihn auf eigene -Hand und nur unter verbessernd einspringender Beihilfe die feststehende -Prozedur wiederholen zu lassen, und lehrte ihn, den Leinenschirm am -Stuhl zu befestigen und gegen die Sonne zu richten. - -Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes stark in ihm, -und er machte sich lustig über das, was er da erlernte, wie er sich -schon über den abgemessenen Lustwandel nach dem Frühstück lustig gemacht -hatte. Aber als er das ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der -Neffe seinen Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene -Selbstgewißheit der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, er -fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das -entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen sofort, -baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, solange er noch -Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese -schwanden, daß der Geist des Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen -gefährlichen Feindesbund gegen sie bildete. - -Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm empfohlen -hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen der Kranken -anzuschließen: das ergab sich von selbst, es bestand, wie es schien, gar -keine andere Denkbarkeit, und wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und -unberührbarer Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der -Tat und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar war, das -war für einen wohlerzogenen Menschen von Anfang an nicht zu -unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender sein, als daß nach der -ersten Liegekur das ausgiebige zweite Frühstück erfolgte, aus welchem -der Lustwandel nach „Platz“ hinunter überzeugend sich ergab, – und -danach wickelte Hans Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn -ein, das war das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen -Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert war, ließ er -ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde Gong zu einem -Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, das sich als -erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, daß der sich -anschließende General-Liegedienst mehr als äußerer Brauch, daß er innere -Notwendigkeit war und aus persönlichster Überzeugung geübt wurde. So -ging es fort bis zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im -Salon mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine -Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit aufdrängte, -ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann hätte sie keine -Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht des Konsuls kritische -Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt gewesen wären, das er nicht -geradezu Übelbefinden nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und -Aufregung bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig -zusammensetzte. - -Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung mit Hofrat Behrens -war der Dienstweg beschritten worden: Hans Castorp hatte beim -Bademeister den Antrag gestellt und dieser ihn der Oberin weitergegeben, -deren eigentümliche Bekanntschaft Konsul Tienappel bei dieser -Gelegenheit machte, dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo -sie ihn liegend fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit -des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. Das geehrte -Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst ein paar Tage gedulden, -der Hofrat sei besetzt, Operationen, Generaluntersuchungen, die leidende -Menschheit gehe vor, nach christlichen Grundsätzen, und da er ja -angeblich gesund sei, so müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier -nicht Nummer Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas -anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, – worüber sie, -Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er solle sie doch mal -ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien etwas trübe und flackernd, -und wie er da so vor ihr liege, sehe es alles in allem nicht viel anders -aus, als ob auch mit ihm nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so -ganz _sauber_, er solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei -seinem Antrage um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung -handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung! -versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis er Bescheid -bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der Hofrat selten Zeit. - -Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte, und das -Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht einen nachhaltigen -Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen, dessen Einigkeit mit den -Erscheinungen hier oben aus seiner unberührbaren Ruhe deutlich -hervorging, unhöflicherweise zu sagen, wie abschreckend ihm das -Frauenzimmer dünkte, klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei -ihm an, die Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans -Castorp, nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm halbwegs -zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk ihm ein -Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir? Ist das ihre Branche?“ -entgegnete der Onkel ... Aber das Schlimme war, wie deutlich aus seines -Neffen Miene hervorging, daß er sich auch dann nicht gewundert haben -würde, wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“, stand -in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn fror andauernd -bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn die Oberin ihm tatsächlich -ein Thermometer angeboten hätte, er es gewiß zurückgewiesen haben würde, -daß dies aber am Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes, -zum Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte. - -So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des Sendboten lief -auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt waren, und daß es außerhalb -ihrer laufen könne, schien keine Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine -Erlebnisse, gewann seine Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei -belauschen. Er hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes -Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz, womit der -Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt von einer geschnitzten -Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand und sich, gegen das Licht -erhoben, als photographisches Negativ erwies. „Was ist denn das?“ fragte -der Onkel betrachtend ... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne -Kopf, es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter -Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich erkennen ließ. -„Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp. Worauf der Onkel „Pardon!“ -sagte, das Bildnis auf die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon -entfernte. Dies nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in -diesen vier oder fünf Tagen. Auch an einer _Conférence_ des Dr. -Krokowski nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen. -Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens betraf, so -bekam er am sechsten Tage seinen Willen. Er wurde bestellt und stieg -nach dem Frühstück, entschlossen, ein ernstes Wort mit dem Manne wegen -seines Neffen und dessen Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab. - -Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme: - -„Hast du so etwas schon gehört?!“ - -Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas schon gehört -haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, und so brach er ab und -antwortete auf des Neffen wenig gespannte Gegenerkundigung nur: „Nichts, -nichts“, zeigte aber von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit -zusammengezogenen Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg -aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf herumzuwerfen und -den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte Richtung zu lenken ... -War auch die Unterredung mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul -gedacht hatte? War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern -auch von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß dem -Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren gegangen war? -Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der Konsul zeigte sich stark -aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos und stieß den Neffen mit der -Faust in die Weiche, indem er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“ -Zwischendurch hatte er jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin. -Aber seine Augen gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den -Dienstwegen und bei der Abendgeselligkeit. - -Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen -Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und -des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere -Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie -eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr -die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und -lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der -Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte -messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle, -hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid, -das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß, -mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich -weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und -feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert, -so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis -damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich -lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend -schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes -Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was -er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den -Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere, -angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr -zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie -lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne -überkleidet waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen -geradezu für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann. -Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit gefallen, mit -einer Miene, als müsse es so sein. Aber die Autorität des älteren -Verwandten konnte es wenig stärken, und mit des Konsuls Sendung stimmte -es schlecht überein. - -Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase grüßte, und -zwar zweimal: beim Fischragout und später beim Sorbett, war dieselbe, -die Hofrat Behrens am Tische Hans Castorps und seines Gastes einnahm, – -er hospitierte ja immer reihum an jedem der sieben, und überall war das -Gedeck an der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände vor -seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen zwischen -Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, mit dem er spanisch sprach -– denn er beherrschte alle Sprachen, auch Türkisch und Ungarisch, – und -sah mit blau quellenden, rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul -Tienappel Frau Redisch drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte. -Später im Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag, -angefeuert dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des Tisches -hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, wenn der Mensch -verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche studiert, der Körper sei -ganz ausgesprochen seine Branche, er sei sozusagen eine Art Körperfürst, -wenn man sich so ausdrücken dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es -so zugehe, wenn der Körper sich auflöse! - -„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der Hofrat, bei -aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände gebeugt. „Sie liegen da -auf Ihren Hobelspänen und Ihrem Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie, -treiben Sie auf, sie blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit -Fröschen machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie -schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung nicht mehr -aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, Sie machen es -wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, Sie schütten sich aus. Tja, -und danach sind Sie eigentlich wieder gesellschaftsfähig. Wenn Sie -Urlaub bekämen, so könnten Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne -weiter Anstoß zu erregen. Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man -sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner Kerl, -wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen der Kapuziner vor -Porta Nuova hängen. Trocken und elegant hängen sie da und genießen die -allgemeine Achtung. Es kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“ - -„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ Und -am nächsten Morgen war er verschwunden. - -Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die Ebene -hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten geordnet zu haben: -wer käme auf andere Gedanken! Er hatte seine Rechnung bereinigt, für -eine stattgehabte Untersuchung das Honorar erlegt, hatte in aller -Stille, ohne seinem Verwandten ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine -beiden Handkoffer in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das -abends oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – und -als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks das Zimmer des -Onkels betrat, fand er es geräumt. - -Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. Hier war es, daß -ein melancholisches Lächeln sich in seinen Zügen hervorbildete. „Ach -so“, sagte er und nickte. Da hatte einer Fersengeld gegeben. Hals über -Kopf, in stummer Eile, als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks -wahrnehmen und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte -er seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, nicht zu -zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, aber heilfroh, -auch nur allein davonzukommen, der Biedermann und Flüchtling zur -Flachlandsfahne, Onkel James. Na, glückliche Reise! - -Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden -Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt hatte, besonders den -Hinkenden nicht, der den Konsul zum Bahnhof begleitet. Er bekam eine -Karte vom Bodensee, des Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das -ihn per sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den -Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen Aufenthalt -auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war es ein recht erkünstelter -Spott, fand Hans Castorp, denn dem Onkel war bestimmt nicht nach Spott -und Spaß zu Sinn gewesen, als er sich in die Abreise gestürzt hatte, -sondern er hatte wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit -blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem -Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute -Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen -werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und -sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, wagerecht ins -Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese -erschreckende Wahrnehmung war der unmittelbare Grund seiner Flucht -gewesen. - -So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen Hans Castorp -wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der -vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu -denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das -Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die -vollendete Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr -erbebte. - - - _Operationes spirituales_ - -Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der -galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung -sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade -weit genug entwachsen zu sein, um wohlwollend darüber urteilen zu -können, war dort _schochet_, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte -dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der -Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war -Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in -seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh -nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, -hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen -Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt -gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen, -eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten -von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn -Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte -zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen -Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben -dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und -zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das -gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große -Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des -Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut -in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit -jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche -dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen -gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten -waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos -zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben -war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein -Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu -sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er -der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie -so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die -Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen -Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre -erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des -Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der -der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch -sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn -er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen -Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener -jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern -geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner -Sternenaugen. - -Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein -Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift, -der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in -Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen -Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der -mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch -auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in -der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete -ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das -ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem -Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und -zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie -gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine -Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer -Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod -zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben -gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines -brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich -schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und -seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und -wehklagend, landflüchtig geworden war. - -Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene -Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau -Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie -nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die -größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen -Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von -Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den -Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter -hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der -Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt, -Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, -bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn -über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen. -Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher, -die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und -ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er -dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten, -den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten -Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im -Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen -und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und -seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht, -seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte -der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger -je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie -einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man -vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und -philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der -redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der -Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden -Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß -Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein -revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn -eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem -Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, -seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung -gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene -Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem -Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war -dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines -Studierzimmers verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als -seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag. - -Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo -die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige -saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten -Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, -von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, – -saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick, -seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom -Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz -nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid -über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine -Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos -Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann -von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und -Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten -Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete. -Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und -weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des -Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch -überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta -in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem -oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn -äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus -höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und -auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden könne, da -doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und -wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort -„Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich -nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels -Katholizität im Rechte sei. _Denn_ (diese Konjunktion liebte Naphta ganz -besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem -Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal, -wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit -dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine -Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins -Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der -Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er -hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident; -Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen -betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und -gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich -kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die -Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen. - -Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder -weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden, -als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich -nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert -weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie -zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche -Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung -hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im -Pädagogium zu besuchen. - -So hatte Naphta den Boden der _Stella matutina_ betreten dürfen, deren -wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre -vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war -ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert -worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen -und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf -Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte -Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von -Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich -besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und -gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die -Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich -sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine -Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich -vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und -gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung -war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst -auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs -Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit -der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der -Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität, -– wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche -entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die -eines Protestanten. - -Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft, -verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft, -nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war -Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht -hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein -„Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr -diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu -gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des -Paters in der „_Stella_“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige -Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine -jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit -des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ, -wie es ihrer minderen Begabung gebührte. - -Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre -Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der -Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze, -landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut -war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und -Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war -herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner -heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der -Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es -Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine -vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo -Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen -Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit -Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz -einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport -seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse -hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die -Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte -sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen -und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, -Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren. - -Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner -Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen -überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt -einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die -Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne -Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit -Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch -kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der -Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. -Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ -aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische -Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar -ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm. - -In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu -studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden -anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem -„Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, -in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert, -und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen -von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di -Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte, -getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des -Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut, -schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige -Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann. - -Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar, -durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher -Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken, -deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit -seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus. -Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen -Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, -Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit -boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, -Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch -zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit -seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die -Hölle heiß machte. „_Ad haec quid tu?_“ fragte er mit funkelnden -Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts -übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele -gelange – „_ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat_“. Allein -diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen -Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem -geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimliche äußere Merkmale Bruder -Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren -konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem -Wege körperlichen Ruins. - -Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände -und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater -Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu -sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; -und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines -Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch -die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig -angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab, -um sein theologisches Studium aufzunehmen. - -Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem -Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein -ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei -Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine -Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, -schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück. -In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als -Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und -Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur, -daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins -Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und -abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort; -Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit -den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm -vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann -das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein -Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig -unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner -Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber -brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur -Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber -nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur -hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr -– kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne -kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige -Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ... - - * * * * * - -Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp -gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle -besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und -Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem -Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“ -zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form -zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person -hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu -finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in -Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis -des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich -Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit -sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten, -die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu -stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien. - -Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit -Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger -Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen -hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans -Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum -Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er -war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte, -wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber -offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und -Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp, -wenn er dem _ci devant-_ oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und -Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von -beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als -dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren -militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: -in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und -der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas -Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches -Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der -preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in -spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen -Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. -So sprach er von den „_dos banderas_“, von den „zwei Fahnen“, um welche -die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das -geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der -„_capitan general_“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon -das andere, wo Luzifer den „_caudillo_“ oder Häuptling machte ... - -War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen, -dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischer -_bienséance_ ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von -„Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die -Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende -Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor -auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht -hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst -ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt -waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („_Insignes esse_“ hieß es -lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten -Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren -Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft -handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „_ex supererogatione_“, -über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des -Fleisches („_rebellio carnis_“) Widerstand leisteten, was eben nicht -mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, -sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der -Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die -gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „_agere -contra_“, _angreifen_ also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich -verteidigen („_resistere_“). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in -der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war -da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims _capitan general_, dem -preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem -Feind in den Hosen gesessen!“ „_Attaquez donc toujours!_“ - -Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam -war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand -nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten, -Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr -hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters -erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll -geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den -Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von -streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für -verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen -getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für -höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen -war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und -schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und -Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, -während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn -und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen -Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen -ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland -nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens -Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der -sicherste Tod der christlichen Liebe“. - -Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die -Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles -unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese -und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie -und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben -machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück -schalmeite; der Fleischesliebe, der _amor carnalis_, der Liebe zu den -körperlichen Bequemlichkeiten, _commodorum corporis_, zieh er ihn -zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche -Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht -zu legen. - -Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich -eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines -Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen -Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini, -Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, -zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum -Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig -verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur -mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so -angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine -tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe -bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die -einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das -Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen -lauschten. - -Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen -Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans -Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem -Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich -teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse -überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät -von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des -Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage -eingegangen war. _Requiem aeternam ..._ Er widmete ihrem Andenken einige -freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch -über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß, -dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem -prahlerischen Sohne _Tous-les-deux’_ und der qualvollen Natalie von -Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen -sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und -ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf -hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger -Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz -ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa -respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp, -was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe -Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen -Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter -gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der -Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger -geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die -Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das -Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt, -nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt. - -Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch -Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den -Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen -Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf, -gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen -Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen -sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen -Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte. - -Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den -Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und -zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den -Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des -eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn -durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten -Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen -Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und -Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung -bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen -Gesichtspunkt festzuhalten. - -Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine -Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei. -Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur -unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“ -geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter -Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der -Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht -steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden -gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem -Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei insofern -das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine -eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der -Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu -tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein -Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen; -die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander -auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle, -Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und -Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in -Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies -Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit -und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und -kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und -nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein -Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel -zu ernst genommen habe. - -Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok -gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst -genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein -großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und -nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals -durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender, -und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über -seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den -Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese -Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, – -dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von -Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine -Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste -Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er, -der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine – - -Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer -großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und -nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er, -Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch -erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation -sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er -unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der -Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das -habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die -Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer -seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal, -heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer -Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre -das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im -höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an -seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde, -alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben. -Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar -nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen -aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden -nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf -reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der -Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das -eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diese bedeute -die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der -Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe. - -Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der -Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch -Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist -seinerseits benutzte die erregte Laune, um die Nichtachtbarkeit der -Halluzinanten und überhaupt aller _pazzi_ des weiteren zu erörtern und -zu vertreten: diese Leute, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel -durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu -steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern -gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine, -so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und -Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet -wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen -bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie -als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen -Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu -bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen -jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und -allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung -unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend -zur Klarheit angehalten ... - -Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn -Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so -vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart gelächelt und den -Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so -verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der -Klarheit die Ehre geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn -Settembrinis Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben -werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich -eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen Hause“ einer solchen, und da hatten -Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott, -Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum -verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und -der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der -Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer -schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein -Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt -hatten ... - -„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in -Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war. - -Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte -vollständig einpacken können vor den Gesichten des Unruhigen Hauses, auf -welche der Schauder religiöser Ehrfurcht denn doch eine menschlichere -Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die -unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem -Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte. - -Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die -Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor, -der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick -aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn -Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den -Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben -und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher -Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche -Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war. -Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an -Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor -dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich -noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der -Erniedrigung – _in statu degradationis_ – befunden hätte. Denn -unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur -durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen, -sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger -der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und -Verwirrung, _pudoris et confusionis sensum_, wie der heilige Ignatius -sagte, zu erwecken. - -Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist -Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem -Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die -Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten. - -Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche -Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen -Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte. -Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit -augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der -Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – -während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende -Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit -zu verleugnen man äußerst guttat. _Quis me liberabit de corpore mortis -hujus?_ Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die -Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war. - -Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt -vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der -Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich -venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und -unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des -Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele -lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren -Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter -als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder -zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes -„Menschheit“ endgültig verbot – und so fort. - -Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff -bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend, -die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren -Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, -deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam -räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem -schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur -gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese -Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters -geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten, -dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den -Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn -zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem -einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den -Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten -Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich -höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei -umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch -eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder -auflöste. - -Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf -dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter -wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der -körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war -Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die -Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte -nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung -der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik -sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, – während es zwar ebenfalls -nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere -Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm -zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere -wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die -Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem -Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein -durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu -versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist -zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das -Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches -anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von -ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, -wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war -„bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die -zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich -im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen -gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich -unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, -barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der -Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher -Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit -nur an Komik gewann. - -Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb -des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse, -teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als -der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht -schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur -Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, -wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte. -Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den -Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel -angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas -riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr -Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn -gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine -heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ... - -Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp -rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium -war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden, -es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn -nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so -war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden, -einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und -die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich -weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich -innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor -Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort -entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in -Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie -kleine Kinder flennten. - -Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in -sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer -Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als -durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll -am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, -ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei, -verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik -betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff -derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem -Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem -aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und -neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu -machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams, -bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die -Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten -lassen. - -„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta -hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen -Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen -sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu -auf die Leichenverbrennung. - -Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen werden, sagte er -froh. Die Menschheit sei aus Gründen der Zweckmäßigkeit wie auch bewogen -durch ideelle Motive im Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich -für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß -für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein -würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten -Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und -man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon -versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – -angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die -Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die -Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges -durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini -wußte über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über -die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren -Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiesprache zu -halten. Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute, -nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und -übrigens würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm die -atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des -Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige, -ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der -elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu -überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem -neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer -verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten -dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen -dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen, und die den -Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein -begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die -Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem -Geschiedenen unvergänglich gewesen war. - -„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. Des Menschen -unvergänglicher Teil, die Asche. - -Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer -irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er -behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher der Tod ein -Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller Art umweht, daß es -sich verbot, den Blick klarer Vernunft auf dies Phänomen zu richten. -Welche Barbarei! Das Todesgrauen stammte aus Epochen niederster Kultur, -wo der gewaltsame Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das -diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf -lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde -dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre und der Festigung -der persönlichen Sicherheit der natürliche Tod zur Norm, und dem -modernen Arbeitsmenschen erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach -sachgemäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als -grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod -war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige, -vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte Erscheinung, -und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als gebührlich, in seiner -Betrachtung zu verharren. Darum war denn auch geplant, jenem -Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der „Halle des Todes“ -also, eine „Halle des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei, -Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des -Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer und -tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ... - -„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur ja nicht bis -zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der Andacht vor einer so -simplen Tatsache, ohne die es freilich weder Architektur, noch Malerei, -noch Skulptur, noch Musik, noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“ - -„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch. - -„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete ihm -Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. Das Erlebnis des -Todes muß zuletzt das Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein -Spuk.“ - -„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des Lebens‘, wie auf -manchen antiken Särgen?“ fragte Hans Castorp ernsthaft. - -Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In -Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack den Leib prangen -lassen, diesen Sündenleib, den man der Verwesung entzog, was nicht -wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal -mehr züchtigen lassen wollte ... - -Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand ihm zu Gesichte. -Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand, -hatte auf Geschäftsreisen immer gern die Gelegenheit benutzt, an alten -Kulturstätten jene verschwiegenen Orte zu besichtigen, an denen einst -diese Art von Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die -Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken hatte er -sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der -Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche -Weise. Und nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den -offenen Mund gerammt, die berühmte Birne, an sich schon kein -Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit -... - -„_Porcheria_“, murmelte Settembrini. - -Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille -Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der Pleura, habe -auch damals niemand ersinnen können. - -Das war zu seiner Heilung geschehen! - -Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten nicht -weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens war die Folter -ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen. - -Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen. - -Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, und die -mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm offenbar im -Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der Tat ein Prozeß -fortschreitender Rationalisierung und zwar so, daß allmählich, auf Grund -von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden -war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß -der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des -Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese Wahrnehmung gemacht -und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der -Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten -der Wahrheit nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom -Angeklagten das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung -ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im Volke umhören: -der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein, -die Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis -fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen, -allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie -verhehlte, verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist -böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem -man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche -Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. Wer aber den -Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini -gewesen, und also war er auch Urheber der Folter. - -Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. Es seien -diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten hätte, wie Herr Naphta -lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin des Gräßlichen gewesen -sei, so beweise das eben nur, wie bitter sie allezeit der Stütze und -Aufklärung bedürfe, wie wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache -hätten, zu befürchten, es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden! -Allein der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel -könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden, weil sein -Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man möge sich doch umsehen in -Museen und Marterkammern: dies Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen -sei ja offenbar einer kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem -Wunsche nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen Stätten -ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter wohl gar zu helfen -gemeint. Man habe angenommen, seine eigene arme Seele ringe nach dem -Bekenntnis, und nur das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem -besseren Willen entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst zu -erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das Fleisch brach. -Asketischer Irrwahn ... - -Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien. - -Die Römer? _Ma che!_ - -Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt. - -Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen, -indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache sein, ein solches -Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe in die Debatte warf. Die -Folter war abgeschafft, obgleich ja die Untersuchungsrichter noch immer -ihre Praktiken hätten, den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die -Todesstrafe schien unsterblich, nicht zu entbehren. Die -allerzivilisiertesten Völker hielten daran fest. Die Franzosen hatten -mit ihren Deportationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte -einfach nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen Wesen -anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen. - -Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn Herr -Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, und wie der -Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer einer fehlerhaften -Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwerverbrecher, einem -vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren -Plädoyers als „vertiert“, als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen -pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen bedeckt. -Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, – viel besser -als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich angefertigt wurden. - -Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber -sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert. - -Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung werde -erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, war wohl ebenso revolutionär -wie Herr Settembrini, aber er sei es im erhaltenden Sinn, ein -Revolutionär der Erhaltung. - -Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die -Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung übergehen. -Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie -auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei -lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga, -deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen -gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe -die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei -noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die -Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet -sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer -vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das -von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die -Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um -Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem -vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom -Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“ -bekämpft hatte. - -Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den -Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich -lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes, -behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten -bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich -leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der -„Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches, -Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein -menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand – -allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen -geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in -die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn -Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und -todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie -aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die -Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht -nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und -Schaudern gewönne. - -Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der -Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus -Überzeugung gehe? - -Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von -sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders -sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und -Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln -herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber -im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner -Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein -Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch. -Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe. - -Die tiefste Lust? - -Die tiefste. - -Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den -Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte -fein: - -„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand -persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“ - -„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer -humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem -natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß -der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein -miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten -Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein -Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“ - -Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und -Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen -die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen -unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein -unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo -jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin -gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer -Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und -Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder -welchen Ehren stünden. - -Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser -Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei, -daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe. -Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben -ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre, -teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum, -Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge -seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern -sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben -ausmachten, die sogenannte Gesundheit, das heiße: die Erzphilisterei und -Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales -Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er, -Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig -absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler -Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man -verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer -breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus, -die inkarnierte Irreligiosität bedeute. - -Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach -keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom -Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen -von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des -gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn -Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion -auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei -nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und -Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe -die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit, -konfus ausgedrückt. - -Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger -bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel -Zugeständnisse zu machen. - -Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert, -Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „_O Satana, o ribellione!_“ -Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem -mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja -lebensgefährlich, – ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s -Teufels Namen da durchkommen solle! - -Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini -sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in -seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen -Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng -mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In -Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, -der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das -religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten. - -„Was für ein ekelhafter Mischmasch – _che guazzabuglio proprio -stomachevole_!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat, -alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu -verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse, _was_ er -leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe -und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine! -Er leugne den _Wert_, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön, -es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete -All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern -nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den -mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ... - -Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen -Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied -von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn -Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das -Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber -hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte -Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein -Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des -Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, -zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn -Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also -unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und -glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese -Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta -betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige -Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen. - -Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene Stimme -leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, daß Herr Naphta -beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott wußte, warum, -aristokratisch wegwerfenden Tone redete, wie als ob _das Gegenteil_ – -und man wußte ja, was das Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das -Vornehmere gewesen wäre! - -Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, der -aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt und erschöpft von Frost -und Problematik, taumeligen Urteils auch in Hinsicht auf die -Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit seiner eigenen Ausdrucksweise, -bekannte mit lahmen Lippen, er habe sich den Tod von jeher mit einer -gestärkten spanischen Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner -Uniform sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem -gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak er selbst -über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige seiner Rede und -versicherte, nicht dies habe er sagen wollen. Aber ob es sich nicht so -verhalte, daß es Leute gebe, gewisse Menschen, die man sich nicht tot -vorzustellen vermöge, und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das -solle heißen: dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem -vorkomme, als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe des -Todes nicht würdig. - -Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, daß Hans -Castorp dergleichen nur sage, damit man ihm widerspreche. Der junge Mann -werde ihn immer bereit finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher -Anfechtungen zur Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche -dies Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ Dieses Wort -möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden sich ihm zu wahrer -und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: und sogleich, auf dem -Wege leichtester und rechtmäßigster Assoziation, stelle sich auch die -Idee der Liebenswürdigkeit ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß -man sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft -liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und also -Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme nenne. - -Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. Ganz gewonnen, -sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner plastischen Theorie. Denn -man möge sagen, was man wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum -Beispiel, daß Krankheit ein erhöhter Lebenszustand sei und also was -Festliches habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung des -Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen -Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur -Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper -herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich. - -Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; denn -Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch sei wesentlich -krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, und wer ihn gesund -machen, ihn veranlassen wolle, seinen Frieden mit der Natur zu -schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ (während er doch nie natürlich -gewesen sei), alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern, -Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe, -jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und -Vertierung ... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, was den -Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, in hohem Maße sich -ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben -auszeichne. Im Geist also, in der Krankheit beruhe die Würde des -Menschen und seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto -höherem Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit -sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß jemand, der -den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten der -Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini führe den -Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht der Fortschritt, so weit -dergleichen existiere, einzig der Krankheit verdankt werde, das heiße: -dem Genie, – als welches nichts anderes als eben Krankheit sei! Als ob -nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit -gelebt hätten! Es habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in -Krankheit und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse zu -gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem sie durch Wahnsinn errungen -worden, und deren Besitz und Nutznießung nach jener heroischen Opfertat -nicht länger durch Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre -Kreuzestod ... - -Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen Kombinationen -und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man sieht schon, warum du nicht -Pater geworden bist, _joli jésuite à la petite tache humide_! Nun brülle -du, Löwe! wandte er sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser -„brüllte“, indem er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk, -Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ rief er dem -Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit als -Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend gerade heraus, daß -Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, damit werden Sie sie zum Geiste -ermutigen, sie für den Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie -andererseits Krankheit und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber -für gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum -Menschheitsdienste anzuhalten! _Da vero, è criminoso!_“ Und wie ein -Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens ein, für -denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem es um Geist nicht bange -zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender -Weise: „Der Logos!“ Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte, -sagte „Die Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“ -verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, und der andere: -„Das Ich!“ Schließlich war sogar von „Kunst“ auf der einen und „Kritik“ -auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“ -und „Geist“ und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen -Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht einmal eine -zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht nur gegeneinander, -sondern auch durcheinander, und nicht nur wechselseitig widersprachen -sich die Disputanten, sondern sie lagen in Widerspruch auch mit sich -selbst. Settembrini hatte oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“ -ausgebracht, wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein -sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während Naphta -mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen Instinktes“ aufgetreten -war, gegen Settembrini, der Natur als die „dumme Macht“, als bloßes -Faktum und Fatum traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht -abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes und der -„Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu finden seien, indes -dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres Gesundheitsadels aufwarf, -uneingedenk aller Emanzipation. Nicht weniger verworren stand es mit dem -„Objekt“ und dem „Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer -dieselbe war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß niemand -mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer der Freie war. Naphta -verbot Herrn Settembrini mit scharfen Worten, sich einen -„Individualisten“ zu nennen, denn er leugne den Gegensatz von Gott und -Natur, verstehe unter der Frage des Menschen, dem innerpersönlichen -Konflikt, einzig denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen -Interessen und sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche -Sittlichkeit eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme, -unheroischerweise auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates das -moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, wohl wissend, -daß das innermenschliche Problem vielmehr auf dem Widerstreit des -Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe, den wahren, den mystischen -Individualismus vertrete und recht eigentlich der Mann der Freiheit und -des Subjektes sei. War er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt -es sich dann mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich -_eine_ Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner mit den -markanten Dingen, die er im Kolloquium mit Pater Unterpertinger über die -„Katholizität“ des Staatsphilosophen Hegel zum besten gegeben, über die -innere Verbundenheit der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die -Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten nicht -Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld von -Naphtas Orden abgegeben? Und was für eine Erziehung! Herr Settembrini -war gewiß ein eifriger Pädagog, eifrig bis zum Störenden und Lästigen; -aber in Hinsicht auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten -seine Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit wagen. -Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! Gehorsam! Der Terror! -Das mochte wohl seine Ehre haben, aber auf die kritische Würde des -Einzelwesens nahm es nur wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des -preußischen Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis -aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta eigentlich -zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen an gar keine -reine Erkenntnis und voraussetzungslose Forschung, kurz, nicht an die -Wahrheit glaubte, die objektive, wissenschaftliche Wahrheit, der -nachzustreben für Lodovico Settembrini das oberste Gesetz aller -Menschensittlichkeit bedeutete. Das war fromm und streng von Herrn -Settembrini, während es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit -auf den Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was -diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit und -Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom Interesse des -Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit war das genau genommen -nicht, es war mehr von Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr -haben wollte, – wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“ -war, wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das Gesetz -der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, wie Naphta -die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. Es war entschieden mehr -fromm als frei, und dies wiederum war ein Unterschied, der bei solchen -Bestimmungen Gefahr lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr -Settembrini! Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines -Politikers Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne -Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die Mädchen auf der -Straße an, während den scharfen, kleinen Naphta harte Gelübde banden. -Und doch war dieser beinahe ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und -jener dagegen ein Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“ -hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout auf den -demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über des militärischen -Naphta religiöse Libertinage, die Gott und Teufel, Heiligkeit und -Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf und keine Wertsetzung, kein -Vernunfturteil, keinen Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei, -wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der -Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft, -der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische -Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge -einander ins Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen -einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel, -und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit -gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden, -sondern auch nur, sie als Präparate gesondert und sauber zu halten, daß -die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes -All“ zu stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung, -die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu sehen, daß die -Streitenden weniger erbittert gewesen wären, wenn sie ihnen selbst nicht -beim Streite die Seele bedrückt hätte. - -Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; dann hatten die -drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis vor ihr Häuschen -zurückbegleitet, und dort stand man noch lange im Schnee, indes Naphta -und Settembrini sich stritten, – pädagogischerweise, wie Hans Castorp -wohl wußte, und um die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten. -Für Herrn Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt zu -verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem nicht -mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans Castorp grub gesenkten -Hauptes mit dem Stocke im Schnee und bedachte die große Konfusion. - -Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, und das -Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste wandten sich wieder ihrer -Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen Wetteiferer mußten zusammen -ins Häuschen gehen, der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um -sein Humanistenstübchen mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. Hans -Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren voll vom Wirrwarr -und Waffenlärm der beiden Heere, die von Jerusalem und Babylon -vorrückend unter den _dos banderas_ zu konfusem Schlachtgetümmel -zusammentrafen. - - - Schnee - -Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit zum -Ausdruck mit dem Witterungscharakter des diesjährigen Winters. Man -urteilte, daß er seine Verpflichtungen als Hochgebirgswinter sehr -mangelhaft erfülle, daß er die meteorologischen Kurmittel, denen die -Sphäre ihren Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle, -wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren und -Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle an Sonne waren zu -verzeichnen, an Sonnenstrahlung, diesem wichtigen Heilfaktor, ohne -dessen Mithilfe die Genesung sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun -Herr Settembrini auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die -Berggäste ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins Flachland -betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls wollten sie -auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die ihre Eltern, ihre Gatten für -sie bestritten, und so murrten sie in ihren Gesprächen bei Tisch, im -Lift und in der Halle. Auch zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen -in ihre Verpflichtung zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat -für „künstliche Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon -vorhandenen der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf -elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die jungen Mädchen -und Frauen gut kleidete und der Männerwelt trotz horizontaler -Lebensweise ein prächtig sportliches und erobererhaftes Ansehen verlieh. -Ja, dies Ansehen trug Früchte im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig -im klaren über die technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit, -waren dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen, -um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen zu lassen. -„Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine rothaarige und rotäugige Kranke -aus Berlin, abends in der Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und -eingefallener Brust, der sich auf seiner Karte als „_Aviateur diplômé et -Enseigne de la Marine allemande_“ bezeichnete und mit dem Pneumothorax -versehen war, übrigens zum Mittagessen im Smoking erschien und dies -Kleidungsstück abends wieder ablegte, behauptend, bei der Marine sei das -so Vorschrift, – „mein Gott!“ sagte sie, indem sie den _Enseigne_ gierig -betrachtete, „wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein -Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte er im -Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, „Sie werden mir -büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ Und über die Balkons, an -den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den -Weg zur Nixe ... - -Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher -Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem Himmelslicht -empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine Sonnentage im Monat – Tage, -die freilich mit tief-tiefer Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit -Diamantengeglitzer und köstlich heißem Brande in den Nacken und die -Gesichter der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem Nebelgrau -und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder drei solcher Tage im -Laufe von Wochen, das war zu wenig für das Gemüt von Leuten, deren -Schicksal außerordentliche Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die -innerlich auf einen Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die -Freuden und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, aber -ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos bis zur -Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es half dem Hofrat wenig, -wenn er daran erinnerte, wie wenig auch unter diesen Umständen noch das -Berghof-Dasein dem Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen -Bergwerk gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht -wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen Zusätzen, -an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer noch vor dem Qualm und -Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung und Protest griffen um sich, -Drohungen mit wilder Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor, -daß sie ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst -erfolgten traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht schwer, -wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen Aufenthalt -in dem nassen und zugigen Amsterdam aber lebenslänglichen Charakter -gewonnen hatte ... - -Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel -Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen. Der vorige -Winter hatte es in dieser Richtung wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch -waren seine Leistungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des -diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem -Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es -schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder in dichtem -Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege -erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden zu beiden -Seiten, alabasternen Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen -Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und -Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten, -Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen den Wänden noch -trat man stark aufgehöhten Grund, so tief auch geschaufelt war, das -merkte man an lockeren Stellen und Löchern, wo plötzlich der Fuß -einsank, tief hinab, wohl bis zum Knie: man hatte gut acht zu geben, daß -man nicht unversehens das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden, -versunken; ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen Begräbnis -hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau so seltsam verlegt, daß die -Läden im Erdgeschoß der Häuser zu Kellern geworden waren, in die man auf -Schneestufen von der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg. - -Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, tagein, still -niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn Kältegraden, die nicht -eben ans Mark gingen, – man spürte sie wenig, es hätten auch fünf oder -zwei sein können, Windstille und Lufttrockenheit nahmen ihnen den -Stachel. Es war sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen -Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten -Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in grauweiße -Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst -dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz -allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor -sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer -Überlast, schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die Sonne -als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches -Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig-unkenntliche -Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit -und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte -nachziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten, -verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und -übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte -wohl eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu -verändern, vor einer Felswand. - -Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, den Nebel -in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern vom Gelingen; doch eine Ahnung -von Himmelsblau war augenblicksweise zu erfassen, und das wenige Licht -reichte hin, die durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend -weithin diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf zu -schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick über das -Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch die wenigen -eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das Gestöber ruhte und der -unvermittelte Himmelsbrand die köstlich reine Oberfläche der Massen von -Neuschnee anzuschmelzen suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft, -kindlich und komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen -auf den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen sich -kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende, -Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das ergab eine -Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem Märchenbuch. -Mutete aber die nahe Szene, in der man sich mühselig bewegte, -phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen der Erhabenheit und -des Heiligen, die der hereinschauende fernere Hintergrund, die getürmten -Standbilder der verschneiten Alpen erweckten. - -Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp in der -Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt von der weder zu -steil noch zu flach eingestellten Lehne seines vorzüglichen Liegestuhls, -über die bepolsterte Brüstung hin auf Wald und Gebirge. Der -grünschwarze, mit Schnee beschwerte Tannenforst stieg die Lehnen hinan, -und zwischen den Bäumen war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber -erhob sich das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen, -die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen waren, -und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite still. Alles verschwamm -mehr und mehr. Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich -leicht zum Schlummer. Ein Frösteln begleitete den Augenblick des -Hinüberganges, doch gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier -in der Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl -organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren, -nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, als das -Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge völlig im -Schneenebel verschwunden, und nur Stücke davon, eine Gipfelkuppe, eine -Felsnase, traten wechselnd für einige Minuten hervor, um wieder verhüllt -zu werden. Dies leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte -scharf achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen -Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei im Dunste, -eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch Fuß zu sehen war. Aber -da man sie nur eine Minute aus den Augen gelassen, war sie entschwunden. - -Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube -überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise hereintrieb -und alles, Boden und Möbel, dickauf bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen -in dem gefriedeten Hochtal. Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr, -sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt -weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde, -treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von -der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz -durcheinander, – das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von -weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über -das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der -plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen -mochte. - -Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am -Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des -Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, -lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten -der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man -schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten -das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine -Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das -Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die -Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart -gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf, als -auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie auf dem glatten, -festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres. - -Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, die für -jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit der Bewegung im -Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge arbeiteten; aber sie hatten -Mühe, die allergebräuchlichsten Pfade und die Hauptstraße des Kurortes -notdürftig frei zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und -rasch ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden und -Kranken, von Einheimischen und internationaler Hotelgesellschaft; den -Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und -Damen, welche, zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren -Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres -Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd und kippend -die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am -Seile wieder bergan zu ziehen. - -Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er hegte zwei Wünsche: -der stärkste davon war der, mit seinen Gedanken und Regierungsgeschäften -allein zu sein, und diesen hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch -oberflächlich, gewährt. Der andere aber, verbunden mit jenem, galt -lebhaft einer inniger-freieren Berührung mit dem schneeverwüsteten -Gebirge, für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war -unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter Fußgänger es -war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte ein solcher bis über die -Brust im Elemente gesteckt, wenn er versucht hätte, über das allerorts -rasch erreichte Ende der geschaufelten Verkehrspfade hinaus -vorzudringen. - -So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem zweiten Winter -hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und ihren Gebrauch zu erlernen, -soweit sein sachliches Bedürfnis es eben erforderte. Er war kein -Sportsmann; war, mangels körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat -auch nicht, als ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem -Ortsgeist und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, – -Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, obgleich -unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen beständig blau färbte, -zum Lunch in wollener Hosentracht zu erscheinen liebte, darin sie sich -nach dem Essen mit gespreizten Knien in einem Korbsessel der Halle recht -liederlich lümmelte. Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats -Erlaubnis für sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt -abschlägig beschieden worden. Sportliche Betätigung war der Gemeinschaft -derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in ähnlichen Anstalten, -unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte die scheinbar so leicht -eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen an den Herzmuskel, und was -Hans Castorp persönlich betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der -„Gewöhnung daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft -geblieben, und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer feuchten -Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst auch hier oben -zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und Vorhaben widerspruchsvoll und -unstatthaft. Nur mußte man ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der -Ehrgeiz, es den Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die, -wäre es eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel -im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte er sich einer -anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, als dem Touristenvölkchen, -und unter einem weiteren und neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer -entfremdenden Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als sei -es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen und sich im -Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine Eskapaden im Sinn, wollte -sich schon mäßig halten, und was er plante, hätte Rhadamanthys ihm recht -wohl gestatten können. Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten -würde, beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln. - -Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr -Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja -doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und -tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s -sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen, -ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir -miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie -begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie -Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn -ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener -Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn -Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es -Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen -sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan! -Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist -gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie -drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese -Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu -dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um -sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“ - -Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den -kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte, -erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft der Hauptstraße ein Paar -schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem -Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit -Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles -selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo -mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der -Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die -Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von -dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht -weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei -das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm -zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt, -Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als -Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“ -hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer -zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht, -obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm -zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und -stapfte vorbei. - -Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man -innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was -er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen -erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und -gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der -Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine -Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben -und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, und fiel seit dem -zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit -Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie -gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines -Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief -ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch -befriedigt nach Hause. - -Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und -freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei -starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz -verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame -Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen -Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen -der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das -Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete -Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und -den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief -verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen -Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb -sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf -schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem -Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer -boten. - -Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit -sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit -erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit, -die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen -berührte. Da war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in -Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren, -zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden -Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich -selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte -Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da -war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte, -kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans -Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den -Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig -schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut. - -Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches, -sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn -nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine -Gegenwart auf eine nicht geheuere, für nichts gutstehende Weise, und -Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, -vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen. Das -Kind der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause aus, -ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, der, von -Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit mit ihr -lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, mit der jener, die -Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und die sein ganzes -Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, eine beständige -fromme Erschütterung und scheue Erregung in seiner Seele unterhält. Hans -Castorp, in seiner langärmeligen Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen -und auf seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen -der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das -Erleichterungsgefühl, das sich meldete, wenn auf dem Heimweg die ersten -menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder auftauchten, machte ihm -seinen vorherigen Zustand bewußt und lehrte ihn, daß stundenlang ein -heimlich-heiliger Schrecken sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte -er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der -mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen -Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen -schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, während ein -Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die -frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem -herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der -letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag -getroffen. Von dorther kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück -leichter Liebesberührungen mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend -sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war die Neigung, diese -begeisternde Berührung mit der tödlichen Natur so weit zu verstärken, -daß die volle Umarmung drohte, – als ein schwaches, wenn auch -bewaffnetes und von der Zivilisation leidlich ausgestattetes -Menschenkind, das er war, sich so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen, -oder doch so lange nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische -streifte und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es sich -nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern -um die Welle, den Rachen, das Meer. - -Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – wenn Mut vor den -Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im Verhältnis zu ihnen, sondern -bewußte Hingabe und aus Sympathie bezwungenen Todesschrecken bedeutet. – -Sympathie? – Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen -in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang -dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, dessen er sich beim Anblick -des schlittelnden Völkchens bewußt geworden, und das ihm eine tiefere -und größere, weniger hotelbequeme Einsamkeit als die seiner Balkonloge -hatte schicklich und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte -er das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet und sich -seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin in seiner Seele -geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei noch aus angeborner -Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer -war dort in der Größe, der schneienden Totenstille – und das war es dem -Kinde der Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht -Geheueren längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein Kolloquium -mit Naphta und Settembrini war auch nicht just das Geheuerste; ebenfalls -führte es ins Weglose und Hochgefährliche; und wenn von Sympathie mit -der großen Winterwildnis auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte, -so darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als -passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe empfand, -als geziemenden Aufenthalt für einen, der, ohne freilich recht zu -wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, betreffend Stand und -Staat des _homo Dei_ beschwert war. - -Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen -hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er -dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte. -Dieser aber hatte Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem -Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen -Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war. -„_Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!_“ Ach ja, du pädagogischer -Satana mit deiner _ragione_ und _ribellione_, dachte er. Übrigens habe -ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du -meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe -kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit -seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch -zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und -Teufel um den Menschen im Mittelalter ... - -Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan, -deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, höher und -höher, man wußte nicht wohin; es schien, daß sie nirgends hinführten; -ihre obere Region verschwamm mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war -wie sie, und von dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine -Gratlinie war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das Hans -Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die Welt, das bewohnte -Menschental, sich sehr bald schloß und den Augen abhanden kam, auch kein -Laut von dorther mehr zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja -Verlorenheit, ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte -wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes -ist. „_Praeterit figura hujus mundi_“, sagte er bei sich in einem -Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die Redensart -von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich um. Es war überall gar -nichts und nirgends etwas zu sehen, außer einzelnen ganz kleinen -Schneeflocken, die aus dem Weiß der Höhe kommend auf das Weiß des -Grundes niedersanken, und die Stille ringsumher war gewaltig -nichtssagend. Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn -blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, – -dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu -schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer, -frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung -wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem -Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im -Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel. - -Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. Manchmal stieß er -das obere Ende seines Skistockes in den Schnee und sah zu, wie blaues -Licht aus der Tiefe des Loches dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn -herauszog. Das machte ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die -kleine optische Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein -eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar und -doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte ihn an das Licht -und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender Schrägaugen, die Herr -Settembrini vom humanistischen Standpunkte aus verächtlich als -„Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ bezeichnet hatte, – an früh -erschaute und unvermeidlich wieder gefundene, an Hippes und Clawdia -Chauchats Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. „Aber -mach ihn nicht entzwei: _Il est à visser, tu sais._“ Und im Geiste hörte -er hinter sich wohllautende Mahnungen zur Vernunft. - -Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er wandte sich -dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben, statt weißlicher -Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß er im geringsten eine -Geländesenkung hatte kommen sehen. Die Blendung verhinderte jedes -Erkennen der Bodengestaltung. Man sah nichts; alles verschwamm vor den -Augen. Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich dem -Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung zu unterscheiden. - -Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der Schlucht, in die -er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem Schnee bedeckter Grund -senkte sich nach der Seite des Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn -ein Stück in dieser Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die -Seitenschrägen erhöhten sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den -Berg hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs wieder -aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand mehr zu -ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging wieder auf offener Berghalde -gegen den Himmel. - -Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte sich dorthin -und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen Tannen, die sich, -keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig vernebelnder Waldungen -ins Baumfreie vorschoben. Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine -Zigarette, in seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen -von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber stolz, -sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes auf diese -Umgebung. - -Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte er sich -aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und die Vespermahlzeit zu -schwänzen und vor Dunkelwerden zurück zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn -bei dem Gedanken, daß mehrere Stunden zum Schweifen im Freien und -Großartigen vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche -seiner Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der -Westentasche. - -Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt war sie. -Hinten, in der Gegend des Talausganges, des Gebirgswinkels, den man -nicht sah, dunkelte das Gewölk, das Gedünste tiefer und schien sich -vorzuschieben. Es sah nach Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf -abzuhelfen, – nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die -kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher. - -Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel fallen zu -lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers zu betrachten. -Sie schienen formlose Fetzchen, aber er hatte mehr als einmal -ihresgleichen unter seiner guten Linse gehabt und wußte wohl, aus was -für zierlichst genauen kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten, -Kleinodien, Ordenssternen, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier -sie nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es hatte -mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen den Wald -beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das seine Fußbretter ihn -trugen, denn doch eine andere Bewandtnis als mit dem heimischen -Meersande, an den es erinnerte: das waren bekanntlich nicht Steinkörner, -woraus es bestand, es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger -Vielfalt kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen -eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma, den -Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter den Myriaden von -Zaubersternchen in ihrer untersichtigen, dem Menschenauge nicht -zugedachten, heimlichen Kleinpracht war nicht eines dem anderen gleich; -eine endlose Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten -Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas, des -gleichseitig-gleichwinkligen Sechsecks, herrschte da; aber in sich -selbst war jedes der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und -eisiger Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische -und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die zum Leben -geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade, dem Leben schauderte -vor der genauen Richtigkeit, es empfand sie als tödlich, als das -Geheimnis des Todes selbst, und Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum -Tempelbaumeister der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine -Abweichungen von der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht -hatten. - -Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am Waldrande den -dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige hinunter und trieb sich, -steigend und gleitend, ziellos und gemächlich, weiter in dem toten -Gelände umher, das mit seinen leeren, welligen Gebreiten, seiner -Trockenvegetation, die aus einzelnen, dunkel hervorstechenden -Latschenbüschen bestand, und seiner Horizontbegrenzung von weichen -Erhebungen so auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp -nickte zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser -Ähnlichkeit weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung zum -Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung von Aufregung -und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit Sympathie, da dies alles -ihn an nah verwandte Wirkungen der ebenfalls aufpeitschenden und -zugleich mit schlafbringenden Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich -erinnerte. Er empfand mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit, -sein freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebunden war, -hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er gekommen war. Es -hatte anfangs Stangen, eingepflanzte Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber -absichtlich hatte er sich bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da -sie ihn an den Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren -Verhältnis zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen. - -Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald rechts, -bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge, dann eine Ebene, -dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte Schluchten und Pässe so -zugänglich und lockend schienen. Ja, die Lockung der Fernen und Höhen, -der immer neu sich auftuenden Einsamkeiten war stark in Hans Castorps -Gemüt, und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins -wilde Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein, – -ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit seines Inneren -zur wirklichen Furcht wurde angesichts der vorzeitig zunehmenden -Himmelsdunkelheit, die sich wie graue Schleier auf die Gegend -herabsenkte. Diese Furcht machte ihm bewußt, daß er es heimlich bisher -geradezu darauf angelegt hatte, sich um die Orientierung zu bringen und -zu vergessen, in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn -auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens durfte er -sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer bergab fuhr, das Tal, -wenn auch möglicherweise fern vom „Berghof“, rasch erreicht sein werde, -– zu rasch; er würde zu früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt -haben, während er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte, -den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde. Darum aber -vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, – die Furcht, seine -aufrichtige Furcht vor den Elementen mochte ihn beklemmen wie sie -wollte. Das war kaum sportsmännisch gehandelt; denn der Sportsmann läßt -sich mit den Elementen nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister -weiß, übt Vorsicht und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans -Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen: -Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt, auch wenn – oder -besonders wenn – das ihm entsprechende frevelhafte Gefühl mit so viel -aufrichtiger Furcht verbunden ist, so ist doch bei einigem menschlichen -Nachdenken ungefähr zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen -Menschen und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier, manches -sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur, gesagt haben -würde, „akkumuliert“, was eines Tages als ein elementares „Ach was!“ -oder ein „Komm denn an!“ von erbitterter Ungeduld, kurz eben als -Herausforderung und Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so -fuhr er denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang -hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in einiger -Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte mit -steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge zu, dessen Rücken -borstig von Tannen war, und hinter dem Hochgipfel sich nebelhaft -türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen besetzte Wand vor ihm war -schroff, aber schräg rechtshin mochte man sie in mäßiger Steigung halb -umgehen und hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde, -und an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem er vor -dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe, von rechts nach -links abfallende Schlucht hinabgefahren war. - -Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also, wie zu -erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen, daß es eine Art -hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte, war da, der lange gedroht -hatte, wenn man von „Drohung“ sprechen kann in Hinsicht auf blinde und -unwissende Elemente, die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu -vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf -die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit -unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen, als der erste -Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn traf. „Das ist eine Sorte -von Anhauch. Die geht ins Mark.“ Und wirklich war dieser Wind von ganz -gehässiger Art: die furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen -zwanzig Grad unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde -an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie -gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie mit -Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn der erste -fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –, so hätten sieben Pelze -nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem Todesschrecken zu schützen, -und Hans Castorp trug nicht sieben Pelze, sondern nur eine wollene -Weste, die ihm sonst auch vollkommen genügt hatte und ihm bei dem -geringsten Sonnenschein sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den -Wind etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren -und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung sich mit seinem -Trotz und mit dem gründlichen „Ach was!“ seiner Seele mischte, so -strebte der tolle Junge immer noch weiter, zwischen einzeln stehenden -Tannen hin, um hinter den in Angriff genommenen Berg zu kommen. - -Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts vor -Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem Wirbelgedränge -allen Raum erfüllte; die dreinfahrenden Eisböen machten die Ohren mit -scharfem Schmerze brennen, lähmten die Glieder und ließen die Hände -ertauben, so daß man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt -oder nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz ihm -den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und bedeckte seine -rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum Schneemann erstarren, -seinen Stock steif in der Hand; und all diese Unzuträglichkeit ergab -sich bei vergleichsweise günstigen Umständen: wendete er sich, so würde -es schlimmer sein; und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit -gestaltet, das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte. - -So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und stellte seine -Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort den Atem, so daß er -der unbequemen Prozedur der Umstellung sich nochmals unterzog, um zu -Luft zu kommen und mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die -Stirn zu bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem -Atemhaushalt gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich in -Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen, von den -Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich aus seiner Blindheit -und seiner Atemknappheit erwuchsen. Jeden Augenblick war er zum -Haltmachen gezwungen, erstens, um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen, -und dann auch, weil er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah -vor weißer Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem -Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken flogen ihm -massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so daß es erstarrte. Sie -flogen ihm in den Mund, wo sie mit schwach wässerigem Geschmack -zergingen, flogen gegen seine Lider, die sich krampfhaft schlossen, -überschwemmten die Augen und verhinderten jede Ausschau, – die übrigens -nutzlos gewesen wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und -die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies fast völlig -ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worein er -blickte, wenn er sich zwang, zu sehen. Und nur zuweilen tauchten -gespenstische Schatten der Erscheinungswelt darin auf: ein -Latschenbusch, eine Fichtengruppe, die schwache Silhouette des Schobers -auch, an dem er kürzlich vorübergekommen. - -Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen stand, -seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden; eine Richtung zu -halten, die ungefähre Richtung nach Hause, ins Tal, war weit mehr -Glücks- als Verstandessache, da man allenfalls die Hand vor Augen, aber -nicht einmal bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man -auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige Vorkehrungen -getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs äußerste zu erschweren: das -Gesicht voll Schnee, den Sturm als Widersacher, der die Atmung -zerstörte, sie abschnitt, das Aufnehmen von Luft wie den Aushauch -verhinderte und jeden Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da -sollte dieser und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer, -Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd das -Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von Schnee herunter, der -sich einem auf die Frontseite gelegt hatte, und empfand es als -unvernünftige Zumutung, unter solchen Umständen vorwärts zu kommen. - -Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam von der Stelle. -Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen, ein Fortkommen in rechter -Richtung war, und ob es nicht weniger falsch gewesen wäre, zu bleiben, -wo man war (was aber auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es -sprach sogar die theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch -genommen, schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und Boden -nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen unter den Füßen, -das heißt die flache Halde, die er von der Schlucht aufsteigend mit -großer Mühe wieder gewonnen, und die es vor allem wieder zurückzulegen -galt. Die Ebene war zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar -hatte der Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs kam, -mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es war ein falsches -Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er sich abmattete. Blindlings, -umhüllt von wirbelnder, weißer Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins -Gleichgültig-Bedrohliche hinein. - -„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte halt. Pathetischer -drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm einen Augenblick war, als -griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen, so daß es aufzuckte und -dann mit so raschen Schlägen gegen seine Rippen pochte wie damals, als -Rhadamanthys die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß -er kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung -sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage auf seine eigenste -Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte er und fühlte, daß seine -Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln seiner Miene, der Seele nicht mehr -gehorchten und gar nichts wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch -Wut, noch Verachtung, denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg -hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen den Wind. -Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr er keuchend und -abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend fort, indem er sich -wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen muß etwas, ich kann mich -nicht hinsetzen und warten, denn dann werde ich zugedeckt von -hexagonaler Regelmäßigkeit, und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen -kommt, um nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, eine -Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, daß er mit sich -selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum verwies er es sich, tat -es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, obgleich seine Lippen so -lahm waren, daß er auf ihre Benutzung verzichtete und ohne die -Konsonanten sprach, die mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst -an eine frühere Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war. -„Schweig still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu: -„Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das ist -schlimm in gewisser Hinsicht.“ - -Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines Davonkommens, -war eine reine Feststellung der kontrollierenden Vernunft, gewissermaßen -einer fremden, unbeteiligten, wenn auch besorgten Person. Für sein -natürliches Teil war er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen, -die mit zunehmender Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm -jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich darüber -auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, der im Gebirge in -einen Schneesturm gerät und nicht mehr heimfindet“, dachte er arbeitend -und redete abgerissene Brocken davon atemlos vor sich hin, indem er -deutlichere Ausdrücke aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört, -stellt es sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine -Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann schon so -zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. Da gibt es sensorische -Herabminderungen, Gnadennarkosen, Erleichterungsmaßnahmen der Natur, -jawohl ... Man muß jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes -Gesicht, sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt -alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und eine Wohltat, -sofern man eben nicht heimkommen soll, sind aber sehr schlimm gemeint -und äußerst bekämpfenswert, sofern von Heimkommen überhaupt noch die -Rede ist, wie bei mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem -stürmisch schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig -regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“ - -Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte die beginnende -Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und fieberhafte Art. Er -erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte erschrecken sollen, als er -gewahrte, daß er schon wieder von der ebenen Bahn abgekommen war: -diesmal offenbar nach der anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich -senkte. Denn er fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das -vorderhand nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das -Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde ich wieder -Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte es zu tun, oder glaubte es -auch selber nicht recht, oder, noch bedenklicher, es fing an, ihm -gleichgültig zu werden, ob er es tat oder nicht. So wirkten die -zweideutigen Ausfälle, die er nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus -Müdigkeit und Aufregung, die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes -bildete, dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, daß er -sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen so weit -verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten gegen die Ausfälle nicht -mehr die Rede sein konnte. Benommen und taumelig, zitterte er vor -Trunkenheit und Exzitation, sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit -Naphta und Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen, -daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle mit -betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, – trotz -seiner verächterischen Empörung gegen das Zugedecktwerden durch -hexagonale Regelmäßigkeit etwas in sich hineinfaselte, des Sinnes oder -Unsinnes: das Pflichtgefühl, das ihn anhalten wolle, die verdächtigen -Herabminderungen zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße -schäbige Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und -Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der Gestalt -seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem Sandsturm in der -Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs Gesicht zu werfen und den -Burnus über den Kopf zu ziehen. Nur eben den Umstand, daß er keinen -Burnus habe und daß man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf -ziehen könne, empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten, -obgleich er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich -genau Bescheid wußte, wie man erfriert. - -Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es nun wieder -aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht falsch zu sein, denn -zwischendurch mußte es bei dem Wege ins Tal auch wieder einmal aufwärts -gehen, und was den Wind betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht, -denn Hans Castorp hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das -dankenswert, an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder übte -die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße Schrägfläche vor -ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus, so daß er sich ihr zuneigte? -Nur um ein Hinlehnen würde es sich handeln, wenn man sich ihr überließ, -und die Versuchung dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand -und als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der -lebendig-gegenwärtigen Macht der Versuchung durchaus keinen Abbruch tat. -Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich ins allgemein Bekannte -nicht einordnen lassen, sich nicht darin wiedererkennen, erklärte sich -als einmalig und unvergleichbar in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich -leugnen zu können, daß sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war, -die Eingebung eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer, -gefälteter Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung -sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches -knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, Herrn Settembrini ein -Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber auch nur lächerlich machte, -mit seiner Drehorgel und seiner _ragione_ ... - -Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der Lockung, sich -hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und kam von der Stelle, – -zweckmäßig oder nicht, aber er tat das Seine und regte sich, den -lastenden Banden zum Trotz, in die der Froststurm immer schwerer seine -Glieder schlug. Da ihm der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich, -ohne sich viel Rechenschaft davon zu geben, und fuhr eine Weile so an -der Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, war -eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit wenig dazu ermutigte, sie -auf sich zu nehmen. Dennoch sah er zuweilen etwas: Fichten, die -zusammentraten, einen Bach oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen -überhängenden Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur -Abwechslung wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen den Sturm, -gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend gleichsam im -fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer menschlichen Baulichkeit. - -Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, trotz -aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten -erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. Vielleicht waren -Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen eintreten, um unter Dach -und Fach das Ende des Wetters abzuwarten und nötigenfalls Begleitung und -Führung zu haben, wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte -eingefallen sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel -verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden Aufstieg -gegen den Wind zu überwinden, um es zu erreichen, und überzeugte sich, -angekommen, mit Empörung, Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es -die bekannte Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den -er auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert -hatte. - -Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, unter -Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten Lippen. Er -stocherte sich zu seiner Orientierung um die Hütte herum und stellte -fest, daß er sie von hinten wieder erreicht und also eine gute Stunde -lang – seiner Schätzung nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn -getrieben hatte. Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im -Kreise herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im -Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, der in -sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. So irrte man -herum, so fand man nicht heim. Hans Castorp erkannte das überlieferte -Phänomen mit einer gewissen Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und -schlug sich auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das -Allgemeine in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen -Fall so pünktlich ereignet hatte. - -Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, man konnte -nirgends hinein. Aber Hans Castorp beschloß dennoch, vorderhand hier zu -bleiben, denn das vorstehende Dach gewährte die Illusion einer gewissen -Wirtlichkeit, und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten -Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz gegen den -Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die aus Baumstämmen -gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem Rücken, der langen Schneeschuhe -wegen, nicht füglich gehen wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er -den Skistock neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den -Taschen, den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als -Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit geschlossenen -Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur dann und wann, der Schulter -entlang, über die Schlucht hin zur jenseitigen Bergwand -hinüberblinzelte, die manchmal matt im Geschleier sichtbar wurde. - -Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich notfalls die -ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von Zeit zu Zeit das Bein -wechsle, mich sozusagen auf die andere Seite lege und mir zwischendurch -natürlich etwas Bewegung mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen -verklammt, habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, die -ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz nutzlos, wenn ich -auch umgekommen bin und von der Hütte zur Hütte geschweift ... -‚Umkommen‘, was ist denn das für ein Ausdruck? Man braucht ihn gar -nicht, er ist nicht üblich für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich -setze ich ihn dafür ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und -doch ist es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur -gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, das -Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen früh währen, und wenn es -auch nur bis zum Dunkelwerden währt, so ist das schlimm genug, denn bei -Nacht ist die Gefahr des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso -groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend sein, ungefähr -sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen vertrödelt habe. Wie spät -ist es denn?“ Und er sah nach der Uhr, obgleich es den starren Fingern -nicht leicht fiel, sie ohne Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach -seiner goldenen Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und -pflichttreu hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen, -dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme seiner Brustkammer -... - -Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe schon gewesen, -als das Wetter losgegangen war. Sollte er glauben, daß sein Herumirren -kaum eine Viertelstunde gedauert hatte? „Die Zeit ist mir lang -geworden“, dachte er. „Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber -um fünf oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen. -Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem -Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen Schluck Portwein -nehmen, zu meiner Stärkung.“ - -Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig und -allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit gehalten und -Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich nicht an solche -gedacht war, die sich unerlaubterweise bei Schnee und Frost im Gebirge -verirrten und unter solchen Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder -herabgesetzten Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem -Gesichtspunkt des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er hätte -zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem er einige -Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung zeitigten, ganz ähnlich -derjenigen des Kulmbacher Bieres am Abend seines ersten Tages hier oben, -als er durch liederlich unbeherrschte Reden von Fischsaucen und -dergleichen mehr bei Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico, -dem Pädagogen, der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem -Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen Hans -Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, der rednerische -Erzieher nähere sich in großen Märschen, um den Schmerzenszögling, das -Sorgenkind des Lebens aus seiner tollen Lage zu befreien und -heimzuführen ... Was selbstverständlich lauter Unsinn war und nur von -dem Kulmbacher herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens -hatte Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel, -die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und zu deren geläufigem -Spiel er humanistische Augen an den Häusern emporsandte; und zweitens -wußte und merkte er gar nichts von dem, was vorging, da er sich nicht -mehr im Sanatorium „Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in -seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von Naphtas -seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht und keine -Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst in der -Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso toller und schlimmer -Lage befunden, indem er der kranken Clawdia Chauchat _son crayon_, -seinen Bleistift, Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie -war das übrigens mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden, -mußte er liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und -ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. Horizontal, -das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede Derer hier oben -zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, bei Schnee und Frost im Freien -zu liegen, nachts sowohl wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich -niedersinken zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen -beim Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein -Gedankengeschwätz von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher Bieres -zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als typisch gefährlich im -Buche stehenden Lust zum Liegen und Schlafen entsprang, die ihn mit -Sophismen und Wortspielen betören wollte. - -„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der Portwein war -nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben mir den Kopf ganz -übertrieben schwer gemacht, er fällt mir ja auf die Brust, und meine -Gedanken sind unklares Zeug und fade Witzeleien, denen ich nicht trauen -darf, – nicht nur die ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern -auch die zweiten, die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das -ist das Unglück. ‚_Son crayon_‘! Das heißt ‚ihr‘ _crayon_, und nicht -seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚_son_‘, weil ‚_crayon_‘ ein -Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich mich überhaupt dabei -aufhalte! Während zum Beispiel die Tatsache viel vordringlicher ist, daß -mein linkes Bein, gegen das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne -Stelzbein von Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie -vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter das -Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das Mägdlein droben ihm -etwas hineinwirft. Und dabei zieht es mich unpersönlicherweise förmlich -mit Händen, daß ich mich in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung. -Ich muß mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und um das -Holzbein zu schmeidigen.“ - -Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von dem Schuppen -löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der Wind wie mit Sensen auf -ihn ein und trieb ihn an die schützende Wand zurück. Zweifellos war sie -der ihm gewiesene Aufenthalt, mit dem er sich vorläufig abzufinden -hatte, wobei es ihm freistand, sich zur Abwechselung mit der linken -Schulter anzulehnen und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter -einigem Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen -Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige Abwechslung ist -zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein Anbinden mit der -Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin deinen Kopf hängen, da er -nun einmal so schwer ist. Die Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine -gewisse Wärme davon auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein -kann, diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr -Stimmungssache, subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das lebendige -Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ... - -Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf dem er wohl -stand – ein weiter, üppig grünender Park von Laubbäumen, von Ulmen, -Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, leicht abgestuft in der Färbung ihres -vollen, frischen, schimmernden Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln -rauschend. Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume -balsamierte Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der Regen -war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel hinauf die Luft mit -blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! Oh, Heimatodem, Duft und -Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! Die Luft war voller Vogellaut, voll -zierlich-innigem und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und -Schluchzen, ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans -Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles sich noch -schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts über die Landschaft, -voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, feucht schimmernd -mit allen seinen Farben, die satt wie Öl ins dichte, blanke Grün -herniederflossen. Das war ja wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit -Flöten untermischt und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten -wunderbar. Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, verwandelte, -entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, wie einmal, manches Jahr -war das schon her, als Hans Castorp einen weltberühmten Sänger hatte -hören dürfen, einen italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle -Kunst und Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. Er -hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war gleich am Anfang. -Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick hatte der -leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich schwellend aufgetan, sich -immer strahlender erhellt. Schleier auf Schleier, den vorher niemand -wahrgenommen, war gleichsam davon abgesunken – ein letzter noch, der nun -denn doch, so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt -hatte, und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter, -befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder -Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, die fast wie Ein- und -Widerspruch geklungen, sich aus der Menge gelöst hatten und ihn selbst, -den jungen Hans Castorp, ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit -seiner Landschaft, die sich wandelte, sich öffnete in wachsender -Verklärung. Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da lag -das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von -Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer -Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden Bergzügen weit umfaßt, mit -Inseln zwischenein, von denen Palmen ragten oder auf denen man kleine, -weiße Häuser aus Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz -unverdient, was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer -Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp hatte das nie -gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum -genippt, kannte die rauhe, die blasse See und hing daran mit kindlichen, -schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien -etwa oder Griechenland, niemals erreicht. Dennoch _erinnerte_ er sich. -Ja, das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte. -„Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue -Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und vor sich selbst -verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und dieses „Je“ war weit, -unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel -zart veilchenfarben darauf niederging. - -Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher kam, daß -Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: Die Berge griffen um, als -Vorgebirge, buschwaldig, in die See tretend, zogen sie sich von der -Mitte der Aussicht im Halbkreis bis dorthin, wo er saß, und weiter; es -war Bergküste, wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor -ihm fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp, -zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll blauende -Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und dieses sonnige Gebiet, und -diese zugänglichen Küstenhöhen, und diese lachenden Felsenbecken, wie -auch das Meer hinaus bis zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren, -war weit und breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten -sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so -angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz öffnete sich weit, ja -schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick. - -Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter, neben ihrem -wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die Bockenden an langem -Zügel oder trieben sie, sattellos reitend, mit bloßen Fersen die Flanken -der Gäule schlagend, ins Meer hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken -unter der goldbraunen Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie -tauschten oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde -bezaubernd klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden Bucht, -die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen. Eine, von deren zum Knoten -hochgenommenem Nackenhaar besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in -einer Bodenvertiefung und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über -ihr Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang- und -weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet, und zu Paaren, -die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im Tanze schritten, während im -Rücken der Flötenden, der weiß und lang und zart und seitlich gerundet -war, infolge der Stellung der Arme, andere Schwestern saßen oder -umschlungen standen, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich -Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und freundschaftlich -zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige im Spannen der Sehne, im -Anlegen unterwiesen, mit ihnen zielten und die vom Rückschlag Taumelnden -lachend stützten, wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten. -Sie lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend, und -hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd dem Nachbarn -zugewandt, der, in schrägem Sitz den Körper reckend, seinen Köder recht -weit hinauswarf. Wieder andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot -mit Mast und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins Meer zu -fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den Wellenbrechern. Ein -junges Weib, lang hingestreckt, hintüber blickend, zog mit der einen -Hand das blumige Gewand zwischen den Brüsten hoch, indem sie mit der -andren verlangend in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die -der Schmalhüftige, zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme -spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte am Rande -des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen die eigenen Schultern -hielt und mit der Zehenspitze die Kühle des Wassers prüfte. Paare -ergingen sich das Ufer entlang, und am Ohr des Mädchens war dessen Mund, -der sie vertraulich führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu -Platte, überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der Hüfte, -mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen kleinen Hut mit -hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen Locken, am erhöhten Orte -stand. - -„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen. „Das ist ja -überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch, gesund und klug und -glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt – auch klug und -liebenswürdig von innen heraus. Das ist es, was mich so rührt und ganz -verliebt macht: der Geist und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen -zugrunde liegt, in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit -die große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht, -mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter Lächeln -verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich fast und doch -kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung und -eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt erwiesen; eine Würde und -Strenge sogar, doch ganz ins Heitere gelöst und einzig als ein -unaussprechlicher geistiger Einfluß undüsteren Ernstes, verständiger -Frömmigkeit ihr Tun und Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles -Zeremoniell. Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem -Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge Mutter und -stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte sie auf eine -besondre Art, in welcher sich alles versammelte, was in dem allgemeinen -Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll verschwieg: die Jünglinge, -indem sie, sich gegen die Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell -die Arme über der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die -Mädchen durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung, ähnlich -dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar sich leichthin -erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft, lustig und herzlich ihr -mit dem Kopfe dabei zu, – und diese Mischung von förmlicher Devotion und -heiterer Freundschaft, dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von -ihrem Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem -Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den Reverenz Erweisenden mit -einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp gänzlich mit Entzücken. Er -wurde des Schauens nicht satt und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm -das Schauen denn auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses -sonnig-gesitteten Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und -häßlich und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache. - -Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles, seitlich über -den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand und in die Schläfe -fiel, hielt sich, gerade unter seinem Sitz, mit auf der Brust -verschränkten Armen von den Genossen abseits – nicht traurig oder -trotzig, sondern eben nur gelassen abseits. Und dieser sah ihn, wandte -den Blick zu ihm hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und -den Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her. -Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins Weite, und -augenblicklich verschwand aus seinem schönen, streng geschnittenen, -halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame Lächeln höflich -geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß seine Brauen sich verfinstert -hätten, erstand in seiner Miene ein Ernst, ganz wie aus Stein, -ausdruckslos, unergründlich, eine Todesverschlossenheit, vor der den -kaum beruhigten Hans Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine -Beitat von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes. - -Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel, aus -zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos sproßte, ragten -hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf dessen in der Mitte -offenem Stufenunterbau er saß. Schweren Herzens stand er auf, stieg -seitlich die Stufen hinab und ging in den tiefen Torweg hinein, -hindurch, auf einer mit Fliesen belegten Straße fort, die ihn alsbald -vor neue Propyläen führte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm -der Tempel, massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem -Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher -gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender Säulen lag, -aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock, verschoben, seitlich -austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch der Hände und seufzend, denn -immer beengter wurde es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen -Stufen und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief, er ging -darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes am blassen Meer, -indem er absichtlich die Mitte vermied und auszuweichen suchte. Doch -schweifte er wieder zu ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen -auseinander traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen -Frauenfiguren auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die -eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit -klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher Tunika -und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel mit einem Schleier -bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich umschlungen, mit -rundem Jungfrauengesicht, Arme und Hände in die Falten ihres -Übergewandes geschlungen und darin verborgen. - -In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps Herz aus dunklen -Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller. Er getraute sich kaum -und war doch genötigt, die Gestalten zu umgehen und hinter ihnen die -nächste doppelte Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene -Tür der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen brechen vor -dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue Weiber, halbnackt, -zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüsten und fingerlangen Zitzen, -hantierten dort drinnen zwischen flackernden Feuerpfannen aufs -gräßlichste. Über einem Becken zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen -es in wilder Stille mit den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes -Haar mit Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden -Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von ihren wüsten Lippen -troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp in Bann. Er wollte die -Hände vor die Augen schlagen und konnte nicht. Er wollte fliehen und -konnte nicht. Da hatten sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen -Geschäft, sie schüttelten die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften -stimmlos, aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im -Volksdialekt von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so übel wie -noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle reißen – und so, wie -er dabei an der Säule in seinem Rücken seitlich hingestürzt, so fand er -sich, das scheußliche Flüsterkeifen noch im Ohr, von kaltem Grausen noch -ganz umklammert an seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend, -mit angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich gestreckt. - -Es war jedoch kein rechtes und eigentliches Erwachen; er blinzelte nur, -erleichtert, die Greuelweiber los zu sein, doch war es ihm sonst wenig -deutlich, noch auch sehr wichtig, ob er an einer Tempelsäule liege oder -an einem Schober, und er träumte gewissermaßen fort, – nicht mehr in -Bildern, sondern gedankenweise, aber darum nicht weniger gewagt und -kraus. - -„Dacht ich’s doch, daß das geträumt war“, faselte er in sich hinein. -„Ganz reizend und fürchterlich geträumt. Ich wußte es im Grunde die -ganze Zeit, und alles hab ich mir selbst gemacht, – den Laubpark und die -liebe Feuchtigkeit und dann das Weitere, Schönes wie Scheußliches, ich -wußte es beinahe im voraus. Wie kann man aber so was wissen und sich -machen, sich so beglücken und ängstigen? Woher hab ich den schönen -Inselgolf und dann den Tempelbezirk, wohin die Augen des einen -Angenehmen, der für sich stand, mich wiesen? Man träumt nicht nur aus -eigener Seele, möcht ich sagen, man träumt anonym und gemeinsam, wenn -auch auf eigene Art. Die große Seele, von der du nur ein Teilchen, -träumt wohl mal durch dich, auf deine Art, von Dingen, die sie heimlich -immer träumt, – von ihrer Jugend, ihrer Hoffnung, ihrem Glück und -Frieden ... und ihrem Blutmahl. Da liege ich an meiner Säule und habe im -Leibe noch die wirklichen Reste meines Traums, das eisige Grauen vor dem -Blutmahl und auch die Herzensfreude noch von vorher, die Freude an dem -Glück und an der frommen Gesittung der weißen Menschheit. Es kommt mir -zu, behaupte ich, ich habe verbriefte Rechte, hier zu liegen und -dergleichen zu träumen. Ich habe viel erfahren bei Denen hier oben von -Durchgängerei und Vernunft. Ich bin mit Naphta und Settembrini im -hochgefährlichen Gebirge umgekommen. Ich weiß alles vom Menschen. Ich -habe sein Fleisch und Blut erkannt, ich habe der kranken Clawdia -Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben. Wer aber den Körper, das Leben -erkennt, erkennt den Tod. Nur ist das nicht das Ganze, – ein Anfang -vielmehr lediglich, wenn man es pädagogisch nimmt. Man muß die andere -Hälfte dazu halten, das Gegenteil. Denn alles Interesse für Tod und -Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben, wie ja -die humanistische Fakultät der Medizin beweist, die immer so höflich auf -lateinisch zum Leben und seiner Krankheit redet und nur eine Abschattung -ist des einen großen und dringlichsten Anliegens, das ich mir nun mit -aller Sympathie bei seinem Namen nenne: Es ist das Sorgenkind des -Lebens, es ist der Mensch und ist sein Stand und Staat ... Ich verstehe -mich nicht wenig auf ihn, habe viel gelernt bei Denen hier oben, bin -hoch vom Flachlande hinaufgetrieben, so daß mir Armem fast der Atem -ausging; doch hab ich nun vom Fuße meiner Säule einen nicht schlechten -Überblick ... Mir träumte vom Stande des Menschen und seiner -höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, hinter der im -Tempel das gräßliche Blutmahl sich abspielt. Waren sie so höflich und -reizend zueinander, die Sonnenleute, im stillen Hinblick auf eben dies -Gräßliche? Das wäre eine feine und recht galante Folgerung, die sie da -zögen! Ich will es mit ihnen halten in meiner Seele und nicht mit Naphta -– übrigens auch nicht mit Settembrini, sie sind beide Schwätzer. Der -eine ist wollüstig und boshaft, und der andere bläst immer nur auf dem -Vernunfthörnchen und bildet sich ein, sogar die Tollen ernüchtern zu -können, das ist ja abgeschmackt. Es ist Philisterei und bloße Ethik, -irreligiös, so viel ist ausgemacht. Doch will ich’s auch mit des kleinen -Naphta Teil nicht halten, mit seiner Religion, die nur ein -_guazzabuglio_ von Gott und Teufel, Gut und Böse ist, eben recht, damit -das Einzelwesen sich kopfüber hineinstürze, zwecks mystischen -Unterganges im Allgemeinen. Die beiden Pädagogen! Ihr Streit und ihre -Gegensätze sind selber nur ein _guazzabuglio_ und ein verworrener -Schlachtenlärm, wovon sich niemand betäuben läßt, der nur ein bißchen -frei im Kopfe ist und fromm im Herzen. Mit ihrer aristokratischen Frage! -Mit ihrer Vornehmheit! Tod oder Leben – Krankheit, Gesundheit – Geist -und Natur. Sind das wohl Widersprüche? Ich frage: sind das Fragen? Nein, -es sind keine Fragen, und auch die Frage nach ihrer Vornehmheit ist -keine. Die Durchgängerei des Todes ist im Leben, es wäre nicht Leben -ohne sie, und in der Mitte ist des _homo Dei_ Stand – inmitten zwischen -Durchgängerei und Vernunft – wie auch sein Staat ist zwischen mystischer -Gemeinschaft und windigem Einzeltum. Das sehe ich von meiner Säule aus. -In diesem Stande soll er fein galant und freundlich ehrerbietig mit sich -selber verkehren, – denn er allein ist vornehm, und nicht die -Gegensätze. Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und -also ist er vornehmer als sie. Vornehmer als der Tod, zu vornehm für -diesen, – das ist die Freiheit seines Kopfes. Vornehmer als das Leben, -zu vornehm für dieses, – das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen. Da -habe ich einen Reim gemacht, ein Traumgedicht vom Menschen. Ich will -dran denken. Ich will gut sein. Ich will dem Tode keine Herrschaft -einräumen über meine Gedanken! Denn darin besteht die Güte und -Menschenliebe, und in nichts anderem. Der Tod ist eine große Macht. Man -nimmt den Hut ab und wiegt sich vorwärts auf Zehenspitzen in seiner -Nähe. Er trägt die Würdenkrause des Gewesenen, und selber kleidet man -sich streng und schwarz zu seinen Ehren. Vernunft steht albern vor ihm -da, denn sie ist nichts als Tugend, er aber Freiheit, Durchgängerei, -Unform und Lust. Lust, sagt mein Traum, nicht Liebe. Tod und Liebe, – -das ist ein schlechter Reim, ein abgeschmackter, ein falscher Reim! Die -Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker -als er. Nur sie, nicht die Vernunft, gibt gütige Gedanken. Auch Form ist -nur aus Liebe und Güte: Form und Gesittung verständig-freundlicher -Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – in stillem Hinblick auf das -Blutmahl. Oh, so ist es deutlich geträumt und gut regiert! Ich will dran -denken. Ich will dem Tode Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell -erinnern, daß Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere -Wollust und Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken und -Regieren. _Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine -Herrschaft einräumen über seine Gedanken._ Und damit wach ich auf ... -Denn damit hab ich zu Ende geträumt und recht zum Ziele. Schon längst -hab ich nach diesem Wort gesucht: am Orte, wo Hippe mir erschien, in -meiner Loge und überall. Ins Schneegebirge hat mich das Suchen danach -auch getrieben. Nun habe ich es. Mein Traum hat es mir deutlichst -eingegeben, daß ich’s für immer weiß. Ja, ich bin hoch entzückt und ganz -erwärmt davon. Mein Herz schlägt stark und weiß warum. Es schlägt nicht -bloß aus körperlichen Gründen, nicht so, wie einer Leiche noch die Nägel -wachsen; menschlicherweise schlägt es und recht von glücklichen Gemütes -wegen. Das ist ein Trank, mein Traumwort, – besser als Portwein und Ale, -es strömt mir durch die Adern wie Lieb’ und Leben, daß ich mich aus -meinem Schlaf und Traume reiße, von denen ich natürlich sehr wohl weiß, -daß sie meinem jungen Leben im höchsten Grade gefährlich sind ... Auf, -auf! Die Augen auf! Es sind deine Glieder, die Beine da im Schnee! -Zusammenziehn und auf! Sieh da, – gut Wetter!“ - -Sie hielt gewaltig schwer, die Befreiung aus den Banden, die ihn -umstrickten und niederhalten wollten; allein der Antrieb, den er sich zu -schaffen gewußt, war stärker. Hans Castorp warf sich auf den Ellenbogen, -zog mannhaft die Knie an, riß, stützte und turnte sich empor. Er -stampfte mit den Brettern den Schnee, schlug sich die Arme um die Rippen -und schüttelte die Schultern, indem er erregte und angestrengte Blicke -dahin und dorthin und hinauf zum Himmel sandte, wo blasses Blau sich -zwischen schleierdünnen, graublauen Wolken zeigte, die sachte zogen und -die schmale Sichel des Mondes enthüllten. Leichte Dämmerung. Kein Sturm, -kein Schneefall. Die Bergwand drüben mit dem tannenrauhen Rücken war -voll und klar zu sehen, lag in Frieden. Schatten reichte bis halb -hinauf; die obere Hälfte war aufs zarteste rosa belichtet. Was gab es -denn, und wie verhielt es sich mit der Welt? War Morgen? Und hatte er -die Nacht hindurch im Schnee gelegen, ohne zu erfrieren, wie es im Buche -stand? Kein Glied war abgestorben, keines zerbrach ihm klirrend, während -er stampfte, sich schüttelte und schlug, worin er nicht säumig war, -indem er zu gleicher Zeit die Sachlage gedanklich zu ergründen suchte. -Ohren, Fingerspitzen und Zehen waren wohl taub, allein nicht mehr, als -schon so oft beim nächtlich-winterlichen Liegen in der Loge. Es gelang, -die Uhr hervorzugraben. Sie ging. Sie war nicht stehen geblieben, wie -sie zu tun pflegte, wenn er sie abends aufzuziehen vergaß. Sie zeigte -noch nicht Fünf – bei weitem nicht. Es fehlten zwölf, dreizehn Minuten -daran. Erstaunlich! Konnte es denn sein, daß er nur zehn Minuten oder -etwas länger hier im Schnee gelegen und so vieles an Glücks- und -Schreckensbildern und waghalsigen Gedanken sich vorgefabelt hatte, -indessen das hexagonale Unwesen sich so schnell verzog, wie es gekommen? -Dann hatte er anerkennenswertes Glück gehabt, unter dem Gesichtspunkt -des Heimkommens. Denn zweimal hatte sein Träumen und Fabeln eine Wendung -genommen, daß er belebt emporgefahren war: einmal vor Grauen und das -zweitemal vor Freude. Es schien, das Leben hatte es gut gemeint mit -seinem hochverirrten Sorgenkinde ... - -Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen um sich haben -oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war es noch immer frühabendlicher -Nachmittag): auf jeden Fall lag nichts in den Umständen oder in seinem -persönlichen Zustande, was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen, -und das tat denn Hans Castorp, – großzügig, sozusagen in der Luftlinie, -fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, obgleich die -Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm unterwegs vollauf genügt -hatten. Den Brehmenbühl, am Rande des Mattenwaldes, kam er herunter und -war halb sechs in „Dorf“, wo er sein Sportgerät beim Krämer -unterstellte, in Herrn Settembrinis Speicherklause Rast machte und ihm -Bericht gab, wie er sich nun auch einmal vom Schneesturm habe betreffen -lassen. Der Humanist war höchlich erschrocken. Er warf die Hand über den -Kopf, schalt weidlich über solchen gefährlichen Leichtsinn und -entflammte stehenden Fußes die puffende Spiritusmaschine, dem recht -Erschöpften Kaffee zu machen, dessen Stärke nicht hinderte, daß Hans -Castorp noch bei ihm im Stuhle in Schlaf fiel. - -Die hochzivilisierte Atmosphäre des „Berghofs“ umschmeichelte ihn eine -Stunde später. Beim Diner griff er gewaltig zu. Was er geträumt, war im -Verbleichen begriffen. Was er gedacht, verstand er schon diesen Abend -nicht mehr so recht. - - - Als Soldat und brav - -Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem Vetter, erst gute, -übermütige, dann weniger günstige, endlich solche, die etwas recht -Trauriges matt beschönigten. Die Reihe der Postkarten fing an mit der -lustigen Meldung von Joachims Dienstantritt und von der schwärmerischen -Zeremonie, bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich -ausdrückte, Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann ging es -heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten Laufbahn, geebnet -durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und durch die Sympathie der -Oberen, wurden grüßend und winkend bezeichnet. Da Joachim ein paar -Semester studiert hatte, war er des Besuches der Kriegsschule überhoben, -vom Fähnrichsdienst befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier -befördert und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen -zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern gefügten -und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen nachgebenden -Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete aus jedem seiner knappen -Rapporte. Er gab Anekdoten von dem romantisch-verzwickten Verhalten -seines Feldwebels, eines bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm, -dem fehlbaren jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten -Vorgesetzten von morgen sah, welcher tatsächlich schon im -Offizierskasino verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war von der -Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang April war Joachim -Leutnant. - -Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, dessen -Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform reiner aufgegangen -wären. Mit einer Art von verschämter Wonne erzählte er, wie er zum -erstenmal in seiner jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem -Posten, der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger -Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten -und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger Kameradschaft, von -der verschmitzten Treue seines Burschen, komischen Zwischenfällen beim -Exerzieren und in der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und -Liebesmahlen. Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners, -Bällen, war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt -nicht. - -Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das Bett, habe sich -leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit von ein paar -Tagen. Anfang Juni tat er wieder Dienst, aber Mitte des Monats hatte er -abermals „schlapp gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die -Angst brach durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, auf -das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten sein. Unsinn, -im Juli war er kerngesund, wochenlang, so lange, bis eine Untersuchung -am Horizont erschien, die durch die vermaledeiten Schwankungen seiner -Temperatur zur Notwendigkeit geworden war, und von der viel abhängen -würde. Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp dann -lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, der ihm schrieb, -– sei es, weil er nicht in der Lage war, zu schreiben, oder weil er sich -schämte, – sondern seine Mutter, Frau Ziemßen, und sie telegraphierte. -Sie zeigte an, die Beurlaubung Joachims auf einige Wochen sei -ärztlicherseits als unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert, -alsbaldige Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. Rückantwort -bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise. - -Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche -durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit -dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den -Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“ -durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still -und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als -schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon -reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“, -nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen -hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist -gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte! -Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische -Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper -triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur -Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es -scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so -würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie -diesem. _Sapienti sat_, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die -_ich_ aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander -zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine -abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem -Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu -nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich, -wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es -möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein -grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der -Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und -zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande, -offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so -ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles -genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da -hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die -Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch -in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch -nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu -haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die -Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig -von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine -mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten, -der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte -ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das -Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“ - -Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am -selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau -Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn -im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein -Reagenzglas mißfarbenen Inhalts. - -„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ... - -„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist -Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas. -„Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und -beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit -Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so -kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie -drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit -der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man -jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und -unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“ - -„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und -Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und -strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch -noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben. -Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus -Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich -würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in -Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“ - -„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter -Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“ - -Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder -famosen Neuigkeit. - -Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen -Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn, -gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten -und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte. - -„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich Ihnen gesagt? Was habe -ich ihm und Ihnen nicht zehn-, sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da -haben Sie’s nun. Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein -Himmelreich gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich, -dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens nicht -glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen Behrens glauben, sonst -zieht man den kürzeren und kommt zu spät zu Verstand. Da hat er es nun -zum Leutnant gebracht, allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon? -Gott sieht ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen -wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ Er geriet -ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen deren Fingern er -die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun solle Hans Castorp ihm aber -für diesmal nicht länger lästig fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja -wohl faßbar, und wenn er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins -Bett stecken. Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er -halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den -Ausreißer zu schlachten. - -Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, daß sein -Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, waren betrübt und -erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn Joachims propperes, -ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung gewonnen, und manches -unausgesprochene Urteil und Gefühl ging in der Richtung, daß er der -Beste gewesen sei von allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im -Auge, glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber -empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur horizontalen Lebensweise -zurückkehren mußte und in seiner Propperkeit nun wieder einer der -Unsrigen sein würde. Frau Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre -gedacht; sie fand sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem -sie Joachims Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte -nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie habe die -Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, daß Ziemßen sie -nicht oberfaul gemacht habe mit seinem Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie -vor lauter unermeßlicher Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel -besser, man bleibe gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre -Lebensinteressen im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann -und zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar keine -Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. Hans Castorp blieb -unwissend über Tag und Stunde ihrer Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof -kam es aus diesem Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von -Hansens Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim trat mit -erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager. - -Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte sie -hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder kurz noch lang, -sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich und dennoch null und -nichtig gewesen waren, hier oben eingetroffen war, und auch die -Jahreszeit war dieselbe, sogar genau: der allerersten Augusttage einer. -Joachim, wie gesagt, trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft -freudig erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, das er -im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus und grüßte -lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. Er hatte die weite -Reise, durch mehrerer Herren Länder, über den meerartigen See und dann -auf gedrangen Pfaden hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da -stand er nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale -halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus empfangen. Seine -Farbe war lebhaft, sei es dank dem Freiluftleben, das er geführt, oder -durch Reiseerhitzung. Direkt, ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er -auf Nr. 34 geeilt, um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart -wurden, zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette beschäftigt -war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, natürlich im Restaurant. -Hans Castorp würde schon noch etwas mitessen können oder doch einen -Schluck Wein trinken. Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es -ging, wie einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim, -fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die Hände, und Hans -Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens und gewissermaßen enttäuscht, -den Vetter in Zivil zu sehen. Man merke ihm von seiner Karriere ja gar -nichts an. Er habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt, -und nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim lachte und -fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er hübsch zu Hause gelassen. -Mit der Uniform, müsse Hans Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht -jedes Lokal besuche man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte -Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden Sinnes -seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte sich nach allen -Personen und Umständen im „Berghof“ nicht nur ohne jeden Hochmut, -sondern mit der ganzen angelegentlichen Bewegtheit des Heimgekehrten. -Dann erschien Frau Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen -in der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, nämlich -als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, ein Ausdruck, der -übrigens durch Abgespanntheit und stillen Kummer, welcher sich offenbar -auf Joachim bezog, melancholisch gedämpft wurde, – und sie fuhren -hinunter. - -Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften Augen wie -Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß aber schon stark vermischtes -Haar war durch ein fast unsichtbares Schleiernetz in Form und Sitz -befestigt, und das paßte zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen, -freundlich gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei -deutlicher Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es war -klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, daß sie sich -auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner Atmung und seiner -sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, die zu seinem Verhalten zu -Hause und auf der Reise wahrscheinlich in Widerspruch standen und -tatsächlich seiner Lage widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen -Anstoß daran nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte -sich dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen Joachims, -turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im Augenblick alles -Entgegenstehende trunken überwogen und durch das Wiederatmen der Luft, -unserer unvergleichlich leichten, nichtigen und erhitzenden Luft hier -oben, wohl noch befeuert wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren -ihr undurchsichtig. „Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah sie -den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen Fröhlichkeit -hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, hundert Fragen stellen und -sich mit der Antwort lachend in den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte -sie: „Aber, Kinder!“ Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut -kommen, kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig, -so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir müßten hierher -fahren, damit du wieder wärest wie am Tag deiner Beförderung.“ Worauf es -denn freilich mit Joachims Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug -um, er kam zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es -ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm war, das -erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, obgleich seit -Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine Stunde vergangen war) und -blickte endlich überhaupt nicht mehr auf, offenbar weil er Tränen in den -Augen hatte. - -Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. Eigentlich mehr -anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten Ernst herbeiführen wollen, -unwissend, daß gerade das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur -die Wahl zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen -sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem Neffen -dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen wieder zu beleben. Ja, -was den Personalbestand angehe, sagte er, so werde Joachim manches -verändert und erneuert finden, anderes dagegen habe sich während seiner -Abwesenheit schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante -zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die Damen säßen, wie -immer, am Tische der Stöhr. Marusja lache viel und herzlich. - -Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch diese Worte an -eine Begegnung erinnert und an Grüße, die auszurichten seien, ehe sie es -vergesse, – die Begegnung mit einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch -alleinstehend und mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in -München, wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht hatte, im -Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten sei, um Joachim zu -begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, – Joachim möge ihr doch helfen -... - -„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur Zeit in einem -Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach Spanien gehen. Zum -Winter werde sie dann wahrscheinlich wieder hierher kommen. Beste Grüße -von ihr. - -Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über die Gefäßnerven, -die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten lassen können. Er sagte: - -„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter dem Kaukasus -hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“ - -Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. „Hübsche oder doch -reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme Bewegungen. Aber freie -Manieren, nachlässig“, sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie -alte Freunde, fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre, -eigentlich nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“ - -„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans Castorp. Mit -Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe man da nicht herantreten, -das sei verfehlt. Und da denke er nun darüber nach, daß Frau Chauchat -also nach Spanien zu gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege -andererseits ebensoweit von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach -der weichen, sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit, -sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung, -sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, Inquisition, -gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... Interessant, wie es Frau -Chauchat in Spanien gefallen werde. Das Türenwerfen werde ihr dort wohl -vergehen, und vielleicht könne eine gewisse Kompensation der beiden -außerhumanistischen Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne -aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, wenn der -Osten nach Spanien gehe ... - -Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, den die -unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat auf ihn gemacht, äußerte -sich in Reden, auf die denn freilich nur betretenes Schweigen die -Antwort sein konnte. Joachim war weniger erschrocken; er kannte des -Vetters Scharfköpfigkeit hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens -Augen malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, als -habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, und hob nach einer -peinlichen Pause die Tafel mit Worten taktvoller Vertuschung auf. Bevor -man sich trennte, teilte Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß -Joachim jedenfalls morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn -untersucht habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei -Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische der -Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, Hans Castorp -vornehmlich mit dem an Frau Chauchats binnen Halbjahrsfrist zu -erwartende Wiederkehr. - -Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen kleinen -Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. Dies Wort von der kleinen -Nachkur war offenbar die im Flachland ausgegebene Parole, und auch hier -oben ließ man sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an, -obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er Joachim vor -allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um das Gröbste zu reparieren, -zur neuen Akklimatisation und um seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu -regeln. Sich auf eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte -er zu vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus nicht -sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, Oktober etwa, -als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens stimmte ihr insofern zu, -als er erklärte, um diese Zeit werde man jedenfalls weiter sein als -gegenwärtig. Übrigens gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich, -sagte „meine gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen -Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch -redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. „Ich weiß ihn -in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht Tage nach ihrer Ankunft -nach Hamburg zurück, da von der Notwendigkeit irgendwelcher Pflege -nicht ernstlich die Rede sein konnte und Joachim außerdem ja -Verwandtengesellschaft hatte. - -„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er auf Nr. 28 an -seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich doch einigermaßen gebunden; -du kannst dich daran halten und damit rechnen. Oktober – das ist so die -Zeit. Da gehen manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu -deiner _bandera_ zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“ - -Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich darüber, daß -dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen mußte, das in diesen -Augusttagen begann, – denn das verwand er nicht und äußerte geradezu -Selbstverachtung der gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im -letzten Augenblick unterlegen war. - -„_Rebellio carnis_“, sagte Hans Castorp. „Was willst du da machen? Da -kann der tapferste Offizier nichts machen, und sogar der heilige -Antonius wußte ein Lied davon zu singen. In Gottes Namen, Manöver sind -jedes Jahr, und dann kennst du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar -keine, du bist nicht lange genug fort gewesen, um nicht ganz leicht -wieder ins Tempo zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine -Nachkur vorbei.“ - -Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim durch das -Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, als daß er sich vor -den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. Doch war man ihm vielfach -behilflich, sie zurückzulegen; die Sympathie, die man allgemein seiner -propperen Natur entgegenbrachte, äußerte sich in Besuchen von nahe und -ferner: Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete -Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, nun -„_Capitano_“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem Hause selbst ließen -sich nach und nach die alten Bekannten sehen, indem sie eine dienstfreie -Viertelstunde benutzten, um sich an sein Bett zu setzen, das Wort von -der kleinen Nachkur zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu -lassen: die Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge, -Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. Als die vier -Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber so weit gedämpft war, daß -er umhergehen konnte, und setzte sich im Speisesaal zu seinem Vetter, -zwischen ihn und die Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber, -an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage lang auch -Frau Ziemßen eingenommen hatten. - -So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie ehedem; ja, -damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, fiel ihm, da -Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben in Händen, den letzten Seufzer -getan, auch sein angestammtes Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder -zu, selbstverständlich nach gründlicher Entkeimung durch H₂CO. -Eigentlich und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim an -Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: dieser war nun der -Eingesessene, dessen Daseinsform der andere auf kurze Zeit und -besuchsweise teilte. Denn den Oktobertermin bemühte sich Joachim steif -und fest im Auge zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines -Zentralnervensystems sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens -wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe seiner -Haut verhinderten. - -Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die Spaziergänge mit -diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen sie wieder auf, und wenn A. -K. Ferge und Ferdinand Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so -waren sie zu sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre -unaufhörlichen Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche -Vollständigkeit nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins -Desperat-Unendliche zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor einem -stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine arme Seele als -Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites betrachten wollte. Von -Naphta hatte er erfahren, daß Settembrini Freimaurer sei, – was keinen -geringeren Eindruck auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung -über Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum war er -phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im Ernst noch -dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit Fleiß über den Ursprung -und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen -Jahren ihr zweihundertjähriges Jubiläum würde begehen können. Wenn -Settembrini über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone -pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, so machte -sich Naphta, hinter dem des anderen, über die Sphäre, die dieser -vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er zu verstehen gab, daß es sich -da um etwas recht Altmodisches und Rückständiges handle: um bürgerliche -Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter -sei, als armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung -hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er sagte: „Was -wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, zu deutsch also -Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben an die Vernunft, die -Freiheit, den Menschheitsfortschritt und diese ganze Mottenkiste -klassizistisch-bourgeoiser Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt -verwirrt, ist das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des -Geistes und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit, -Beharrungsträgheit und -kraft der Materie besteht. Man muß zugeben, daß -dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit des -Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn die Regel ist, daß die -Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit herbeiführen, ihm längst -zum Ekel geworden sind. Tatsächlich ist toter Geist dem lebendigen -widerwärtiger als irgendwelche Basalte, die wenigstens nicht den -Anspruch erheben, Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste -ehemaliger Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen -hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt noch -damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren durch ihren -plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte leidigerweise davor, -seiner Abgeschmacktheit inne zu werden. Ich spreche allgemein, aber Sie -werden die Nutzanwendung auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen -wissen, der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer in -heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen, -vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, die verspäteten -und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet und die er eines Tages zu -feiern träumt! Beim bloßen Gedanken daran könnte der lebendige Geist -sich zu Tode langweilen, wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus -solchen Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen wird, – er, -der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem zu wahrer Revolution -verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, Hans Castorp? Sie wissen, daß -ich ihm viel Sympathie entgegenbringe.“ - -„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige Sympathie -entgegen, ein so braver Junge, wie er ja offensichtlich ist. Auch Herr -Settembrini mag ihn ausgesprochen gern leiden, wenn er auch einen -gewissen schwärmerischen Terrorismus, der in Joachims Stande liegt, -natürlich mißbilligen muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe -einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. Es rückt mir -seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob -er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem -Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas -bemerkt ...“ - -„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter -Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das Logenzeremoniell -eine recht kümmerliche Anpassung an den nüchternen Staatsbürgergeist der -Zeiten erfahren hat. Man würde sich des Rituals von ehedem wohl als -eines unzivilen Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den -atheistischen Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am Ende -wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen man Herrn -Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe gestellt hat, – ob man ihn -mit verbundenen Augen durch allerlei Gänge geführt und ihn in finsteren -Gewölben hat warten lassen, bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte -Bundessaal sich ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und -angesichts eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust -mit Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber ich -fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte es auch -viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall hat er -Verschwiegenheit geloben müssen.“ - -„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“ - -„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“ - -„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt mir vor, als ob -er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei und Terrorismus im -Stande meines Vetters aufzuhalten. Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie -hätte ich gedacht, daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so -ausgemacht spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen könnte. -Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches in der Freimaurerei -...“ - -„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute zuckt -und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt ist untrennbar und schon -in der Wurzel verbunden mit der des Unbedingten. Folglich ist sie -terroristisch, das heißt: antiliberal. Sie entlastet das individuelle -Gewissen und heiligt im Namen des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch -das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in -Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde. -Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern immer und seinem Wesen -nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. Sie wissen nicht, daß -der Gründer des Illuminatenordens, der eine Zeitlang mit der Maurerei -beinahe verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu -war?“ - -„Nein, das ist mir natürlich neu.“ - -„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund ganz nach dem -Muster des Jesuitenordens durch. Er selbst war Maurer, und die -angesehensten Logenmänner der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von -der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht -zögern wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu -kennzeichnen. In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des -ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die Maurerei -wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von dem sie später durch Leute -vom Schlage unseres Menschheitsfreundes wieder gereinigt wurde, der -damals unbedingt zu denen gehört hätte, die ihr Jesuitismus und -Obskurantismus zum Vorwurf machten.“ - -„Und dafür gab es Gründe?“ - -„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte Gründe dafür. -Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund mit katholisch-hierarchischem -Leben zu erfüllen suchten, und wo zu Clermont in Frankreich eine -jesuitische Freimaurerloge blühte. Es war ferner die Zeit, wo das -Rosenkreuzertum in die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige -Brüderschaft, von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale -politisch-gesellschaftliche Verbesserungs- und Beglückungsziele mit -eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, zu indischer und -arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis verband. Damals -vollzog sich die Reform und Berichtigung vieler Freimaurerlogen im Sinne -der strikten Observanz, – einem ausgesprochen irrationalen und -geheimnisvollen, magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen -Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, die -man der alten militärischen Rangstufenordnung von Lehrling, Geselle und -Meister hinzufügte, Großmeistergrade, die ins Hieratische führten und -von rosenkreuzerischem Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um -ein Zurückgreifen auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters, -die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen von -Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams -ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der Freimaurerhierarchie den -Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“ - -„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme da unserem -Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ ist nicht -schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit scherzweise auch mal -nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich den Spitznamen ‚_Doctor -angelicus_‘ gegeben. Das fordert Rache.“ - -„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel für die Hoch- und -Templergrade der Strikten Observanz. Wir haben da einen Vollkommenen -Meister, einen Ritter vom Osten, einen Großen Oberpriester, und der -einunddreißigste Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen -Geheimnisses‘. Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen zur -morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen des Templers selbst -bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme solcher Beziehungen, -tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes in eine Ideenwelt -vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. Dadurch gewann das -Maurertum einen neuen Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es -sich damals erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der -Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit -müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. Der Erfolg des -Ordens war derart, daß die Philister klagten, er entfremde die Männer -dem häuslichen Glück und der weiblichen Würde. - -„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, daß Herr -Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines Ordens erinnert. - -„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo sein -Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei, -Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex von Kirche, -Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. Sie hörten, daß man die -Maurer des Obskurantismus zieh ...“ - -„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“ - -„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war gleichbedeutend mit -einer Vertiefung und Erweiterung der Überlieferungen des Ordens, mit -einer Zurückverlegung seiner historischen Ursprünge in die -Geheimniswelt, die sogenannte Finsternis des Mittelalters. Die -Hochmeistergrade der Logen waren Eingeweihte der _physica mystica_, -Träger magischen Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“ - -„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, was es mit der -Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr auf sich hatte. Alchimie, das -ist also Goldmacherei, Stein der Weisen, _Aurum potabile_ ...“ - -„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung, -Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, und zwar zum -Höheren, Steigerung also, – der _lapis philosophorum_, das -mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die _res bina_, die -zweigeschlechtige _prima materia_ war nichts weiter, nichts Geringeres -als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere -Einwirkungen, – magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“ - -Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg empor. - -„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta fort, „war vor -allem die Gruft.“ - -„Das Grab?“ - -„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller Hermetik, -nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte Kristallretorte, worin -der Stoff seiner letzten Wandlung und Läuterung entgegengezwängt wird.“ - -„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – das Wort hat mir -immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort mit unbestimmt -weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen Sie, aber ich muß immer dabei -an unsere Weckgläser denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen -heißt sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer -Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch -verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem möglichen darin. -Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man eines aufmacht, nach Bedarf, so -ist der Inhalt ganz frisch und unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm -was anhaben können, man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun -allerdings nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher -der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte -der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit -ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer -auf seinem Bort. Na, soviel von den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei -herausgekommen. Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter -belehren.“ - -„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig und furchtlos -sein, im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war -immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum -Wissen Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine -Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß er probeweise -in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen muß, um dann an -unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. Daher die verworrenen Gänge -und finsteren Gewölbe, durch die der Novize zu wandern hatte, das -schwarze Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz -ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- und -Versammlungszeremoniell eine so wichtige Rolle spielte. Der Weg der -Mysterien und der Läuterung war von Gefahren umlagert, er führte durch -Todesbangen, durch das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der -Neophyt, ist die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung -zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt von -Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“ - -„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das wäre also die -hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, daß mir auch von ihr mal -etwas zu Ohren gekommen ist.“ - -„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten handelt, zum -absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und damit zum Ziele. Die -alchimistische Logenobservanz hat viele edle, suchende Geister in -späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele geführt, – ich muß es nicht nennen, -denn es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der -schottischen Hochgrade nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die -alchimistische Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der -Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge ihren -Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den Gnadenmitteln -wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien des Bundeszeremoniells -in der liturgischen und baulichen Symbolik unserer heiligen katholischen -Kirche.“ - -„Ach so!“ - -„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir schon -anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus jenen handwerkerlich -ehrsamen Maurergilden nur eine historische Veräußerlichung ist. Die -Strikte Observanz wenigstens verlieh ihr weit tiefere menschliche -Fundamente. Das Geheimnis der Logen hat mit gewissen Mysterien -unserer Kirche die deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen -Verschwiegenheiten und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit -... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und Liebesmahl im -Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und Blut, in Dingen der Loge aber -–“ - -„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. Es gibt auch -in dem unbedingten Bundesleben, dem mein Vetter angehört, sogenannte -Liebesmahle. Er hat mir oft davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf -ein bißchen Betrunkenheit sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark -wie bei den Korpskneipen ...“ - -„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, auf den ich vorhin -Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden Fällen handelt es sich um eine -Symbolik des Letzten und Äußersten, um Elemente orgiastischer -Urreligiosität, gelöste und nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben -und Werden, Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, daß -die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei Nacht und in -finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der ägyptischen Erinnerungen gab -und gibt es im Maurerwesen eine Menge, und unter den geheimen -Gesellschaften waren solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab -da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen -Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, – -Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten, -und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten ...“ - -„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das ist Freimaurerei? -Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung unseren klargesinnten -Herrn Settembrini ...“ - -„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß Settembrini -durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß die Loge durch -seinesgleichen von allen Elementen höheren Lebens wieder gereinigt -worden ist. Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie -ist aus solchen Verirrungen zum Nutzen, zur Vernunft und zum -Fortschritt, zum Kampf gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu -gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt; man unterhält sich dort -jetzt wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an: -auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise Misere in -Klubgestalt ...“ - -„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini fragen, ob er -denn gar nichts mehr davon weiß.“ - -„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. „Sie müssen -bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden ist, zum Bauplatz des -Menschheitstempels zugelassen zu werden, denn er ist ja arm wie eine -Kirchenmaus, und dort wird nicht nur höhere Bildung, humanistische -Bildung, ich bitte sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten -Klasse angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und -Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, – da haben Sie -den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten der liberalen Weltrepublik!“ - -„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp und klar vor -Augen.“ - -„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte ich Ihnen -raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu leicht zu nehmen, möchte -Sie, da wir denn einmal von diesen Verhältnissen reden, geradezu -ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. Das Abgeschmackte ist noch nicht -gleichbedeutend mit dem Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht -harmlos zu sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der -zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt stark genug, -um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt Reste von fruchtbarem -Geheimnis, und es ist ebensowenig daran zu zweifeln, daß die Logen ihre -Hand im Weltspiel haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn -Settembrini mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte -hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“ - -„Ein Emissär?“ - -„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“ - -Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. Laut sagte er: - -„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink und Warnung. -Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine Etage höher, soweit da oben noch -von Etage die Rede sein kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein -bißchen auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein -... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist selbstverständlich -Vorsicht geboten.“ - -Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung ansprechen, -denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen der Diskretion nichts -vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich bedacht gewesen, aus seiner -Zugehörigkeit zu jener harmonischen Gesellschaft ein Geheimnis zu -machen. Die „_Rivista della Massoneria Italiana_“ lag offen auf seinem -Tisch; Hans Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als -er, von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst -gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr eine -Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war er nur auf -geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es Punkte, über die der Literat -sich nicht herausließ, sondern bei deren Berührung er mit einer gewissen -Ostentation die Lippen verschloß, offenbar gebunden durch jene -terroristischen Gelöbnisse, von denen Naphta gesprochen: eine -Geheimniskrämerei, die äußere Bräuche und seine eigene Stellung -innerhalb der merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar -den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes Bild von der -Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend Logen und -hundertfünfzig Großlogen fast über die ganze Welt und selbst auf -Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik Liberia erstrecke. Auch -wußte er sich nicht wenig mit allerlei großen Namen, deren Träger Maurer -gewesen waren oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und -Napoleon, Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden -sogar den König von England und außerdem eine Menge Männer, in deren -Händen die Geschäfte der europäischen Staaten lagen, Mitglieder von -Regierungen und Parlamenten. - -Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. So sei es auch -mit den studentischen Korpsverbindungen, meinte er. Die hielten auch -zusammen durchs ganze Leben und wüßten ihre Leute wohl unterzubringen, -so daß schwerlich jemand im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem -bringe, der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht -ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit jener -Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese hinstellen wolle; denn -es sei umgekehrt anzunehmen, daß die Besetzung so vieler wichtiger -Posten mit Bundesbrüdern eben nur die Macht des Bundes beweise, der -gewiß mehr, als Herr Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand -am Weltspiele habe. - -Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft der -„_Massoneria_“, das er in Händen hielt. Man meine ihm wohl eine Falle zu -stellen? fragte er. Man gedenke wohl gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen -über das politische Wesen, den wesentlich politischen Geist der Loge zu -verleiten? „Unnütze Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur -Politik, rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, das in den -Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, Ingenieur, fast -nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel verbunden ist. Der -Menschenfreund kann den Unterschied von Politik und Nichtpolitik -überhaupt nicht anerkennen. Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist -Politik.“ - -„Rundweg?“ - -„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich unpolitische -Natur des Maurergedankens hinzuweisen für gut finden. Aber diese Leute -spielen mit Worten und ziehen Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu -erkennen es längst an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die -spanischen Logen von allem Anbeginn eine politische Färbung –“ - -„Kann ich mir denken.“ - -„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie nicht, sich von -Hause aus viel denken zu können, sondern suchen Sie aufzunehmen und zu -verarbeiten – ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem -Ihres Landes und im europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens -einzuprägen im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke -niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und wenn -er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. Was sind -wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer, -das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist -dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die -Vollendung der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll da -Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, das Problem -der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch Politik, nichts -weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und den Menschennamen verdiente -nicht, wer sich dieser Weihe entzöge – gehört der Politik, der inneren -wie der äußeren, er versteht, daß die Kunst des freien Maurers -Regierungskunst ist –“ - -„Regierungs...“ - -„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad kannte ...“ - -„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, das -gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines hören: Sind Sie Christen, -Sie alle miteinander in Ihrer Loge?“ - -„_Perchè!_“ - -„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und einfacher. -Glauben Sie an Gott?“ - -„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“ - -„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da eine biblische -Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer römischen Münze versucht -und zur Antwort bekommt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers, -und Gott, was Gottes sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden -liefert den Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott, -so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer an Gott?“ - -„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen von einer -Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die aber heute zum -Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der Weltbund der Freimaurer -existiert nicht. Wird er hergestellt sein – und ich wiederhole, es wird -mit aller stillen Emsigkeit an diesem großen Werke gearbeitet – so wird -ohne Zweifel auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es -wird lauten: ‚_Écrasez l’infâme_‘.“ - -„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“ - -„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur. -Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie -dem Bösen gilt.“ - -„Gott wäre das Böse?“ - -„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, als den Fleiß -einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels zuwenden -sollen. Und so hat denn schon vor einem Menschenalter der Groß-Orient -von Frankreich ein Beispiel gegeben, indem er den Namen Gottes aus -seinen sämtlichen Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin -nachgefolgt ...“ - -„Wie katholisch!“ - -„Sie meinen –“ - -„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“ - -„Sie wollen ausdrücken –“ - -„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht besonders auf -mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment so vor, als ob Atheismus -etwas kolossal Katholisches sei, und als ob man Gott nur streiche, um -desto besser katholisch sein zu können.“ - -Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, so war klar, daß -es einzig aus pädagogischer Besonnenheit geschah. Er antwortete nach -gemessenem Stillschweigen: - -„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie in Ihrem -Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz -... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als -Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der -Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der -Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden -erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben -hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich -nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf -hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite -hat. Der Protestantismus birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres -Reformators selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der -Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die -dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen -Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm, -jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das -für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist -Asien! Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, wenn -da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn -also nicht die – wer wollte es leugnen – gewaltige Erscheinung dieses -Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem -Lande so gefährlich gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, – -ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die -westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“ - -Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor dem er gestanden, -war Herr Settembrini an den Rundtisch mit der Wasserflasche getreten, -näher zu seinem Schüler hin, der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette -saß, ohne Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand -gestützt. - -„_Caro!_“ sagte Herr Settembrini. „_Caro amico!_ Entscheidungen werden -zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für -das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Lande werden sie zufallen, -in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und -West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit -Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich -entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung -beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. Darum lassen Sie uns -das Schicksal segnen, das Sie in diese entsetzlichen Gegenden -verschlagen hat, zugleich aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht -ungeübten, nicht völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken -und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, die Ihr -Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“ - -Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum Mansardenfenster -hinaus, und in seinen einfachen blauen Augen war eine gewisse -Widerspenstigkeit zu lesen. Er schwieg. - -„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie und Ihr Land, Sie -lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, dessen Undurchsichtigkeit -kein Urteil über seine Tiefe gestattet. Sie lieben das Wort nicht oder -besitzen es nicht oder heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die -artikulierte Welt weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist. -Mein Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung selbst -... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend ... Aber -die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, Sie werden Ihre Einsamkeit -durch Taten zu brechen suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr -Settembrini pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu -nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen treten -lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern -entweichen‘ –“ - -Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, für -den Augenblick auch von dieser Wirkung seines plastischen Wortes -befriedigt. - -„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer -bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter. -Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den -Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur -Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die -namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr -Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu -sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende -Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu -verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen -Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des -schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom -dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom -Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur -Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und -schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke -in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit -Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie -standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften -zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn -denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich -überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun. - -Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen -dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in -die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die -Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während -seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach -seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies -Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei -erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil -Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben -und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen, -nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also, -die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht -erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von -Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und -groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse -unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß -das sonderbare Wort hinzufügen – _drohendem_ Ausdruck nebst jener -erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz -falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht -gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm -dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht -anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden. - -Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse zwischen -Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und -stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem -Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei -zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem -Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es -ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums -Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es _nicht_ -ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden -alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher -Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend -anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite -nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten -dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und -Zierlichkeit der Wechselrede. - -Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier -Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte -Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes -Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis -und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich -Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine -Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit -Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe -und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin -Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig -appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er -scherzte: - -„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre -Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären -des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende -Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser -Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des _medio evo_ -nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol -thomistischer Erkenntnis fehlt.“ - -Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an, -der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist -aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so -doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem -Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich -gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte -sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen -abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie -überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste -Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die -Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige -Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen -mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede -eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl -eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf -sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des -julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen -Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe, -jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, -sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei! - -Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege -wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem -Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den -schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile -mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht -nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht -geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm -gemacht hätten. - -Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt -jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre -Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe. -Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den -Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor, -sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo -wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen -tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge -denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß -er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf -jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen -_reservatio mentalis_ betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen -klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer -ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge. - -„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr -schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares -Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für -eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener -Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen -vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu -schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte -Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu -verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung -bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur -_eine_ Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die -menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des -humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn -Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter -auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde -über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen -beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen. - -Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr -Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe -als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich, -ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine -Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur -Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen -sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der -Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen, -sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im -Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde. - -Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn -Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen Konservativen -zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich -der Betroffene, der erregt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbelte -und im Suchen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu -weiteren Ausfällen gegen das klassische Bildungsideal, den -rhetorisch-literarischen Geist des europäischen Schul- und -Erziehungswesens und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als -ein Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem Volke aber -längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich -über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmandarinentum lustig -mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser -Klassendiktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte -Gelehrtenbildung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im -Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo -anders zu holen als in den obrigkeitlichen Zwangsanstalten, und -nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dächern, daß unser Schultypus -überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt -habe, einen lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand -in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, und daß -ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge, -Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht weit überlegen -sei. - -In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen -Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der -obskurantistische Beisatz in unschmackhafter Weise. Das Gefallen, das -seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße -durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte, -Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen. - -Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres -Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben, -überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig davor erblassen werde. Er, -Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu -müssen, daß die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums -ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein Prezioser, -ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des _estilo culto_ sein, um -den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene -erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß man sich einbilde, -Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini -sich erinnere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von -Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für -schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe -werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche -Verachtung der literarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer -Wesentlichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des -Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne, -was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht -könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar -nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die -Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlasse, – -weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache, -nämlich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteisprache -Radikalismus und Demokratie heiße – und so fort, und so fort. - -Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere -seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei gewisser Epochen hervor, -indem er die Liebe zur literarischen Form verhöhne, ohne die allerdings -keine Menschlichkeit möglich und denkbar sei, allerdings nicht und -nimmermehr! Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die -Wortlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen. -Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, die _generosità_, -die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt -unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der Kultus der Rede als einer Kunst -um der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisation, -welches die Humanisten, die _uomini letterati_, der Romania, ihr -wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quelle jedes weiteren und -inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, mein Herr! -Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist -nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht -bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahlfälle Literatur und -Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird.“ - -Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch gewesen war, -da die Person des anwesenden Kriegers und Vertreters vornehmer -Wesentlichkeit, oder eigentlich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn -beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis -letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein -Gesicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen „Ost -und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht also voller -Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die -Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und -haderten erbittert um äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als -ob irgendwo inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen -rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gelegen sein -müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich ansprechen -durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geister zu ärgern, -und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und -einander feindlich behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu -kommen, nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner -Virgil den Anstoß gegeben. - -Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es triumphieren. -Er warf sich zum Schützer auf des literarischen Genius, feierte die -Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick an, wo zum erstenmal ein -Mensch, um seinem Wissen und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen -in einen Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte Thot, -mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch gewesen, und -der als Erfinder der Schrift, Schutzherr der Bibliotheken und Anreger -aller geistigen Bestrebungen verehrt worden war. Er beugte redend das -Knie vor diesem Trismegist, dem humanistischen Hermes, dem Meister der -Palästra, dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes, -der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans Castorp zu der -Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter offenbar auch ein Politiker -gewesen und habe in größerem Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr -Brunetto Latini, der speziell den Florentinern Schliff verliehen und sie -das Sprechen gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der -Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini schwindle -ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos ein allzu gelecktes Bild -gegeben. Denn das sei vielmehr eine Affen-, Mond- und Seelengottheit -gewesen, ein Pavian mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem -Namen des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger -und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum Erzzauberer und dem -kabbalistischen Mittelalter zum Vater der hermetischen Alchimie geworden -sei. - -Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt ging es drunter -und drüber. Da war der blaubemantelte Tod als humanistischer Rhetor; und -wenn man den pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins -Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem Zeichen -der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte und winkte ab mit -der Hand und legte sie dann über die Augen. Aber in das Dunkel, worein -er sich vor der Verwirrung gerettet, klang Settembrinis Stimme, der -fortfuhr, die Literatur zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die -aktive Größe, rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er -nannte Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich und -weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht ihn nicht an, daß -Naphta ihn ins Chinesische heimschicken wollte, wo die skurrilste -Vergötterung des Abc herrsche, die je erreicht worden sei, und wo man -Generalfeldmarschall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen -tuschen könne, was recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse. -Eh, Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen handelte, -sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, um ihren Geist, armer -Spötter! welcher der Geist selber war, das Wunder der Verbindung von -Analyse und Form. Er war es, der das Verständnis für alles Menschliche -weckte, die Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und -Überzeugungen betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung des -Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste moralische -Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern davon, zu -fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit, zur Duldung. Die -reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der -Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg -zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der -Sprache, der literarische Geist als edelste Erscheinung des -Menschengeistes überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als -Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis -apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher war nicht auf -den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja durch schlimme, -glänzende Einwände zu stören, indem er sich zur Partei der Erhaltung und -des Lebens schlug gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter -jener seraphischen Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von -welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe auf nichts -als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form, die der literarische -Geist mit dem Prinzip der Untersuchung und Trennung zu vereinigen sich -rühme, sei nur eine Schein- und Lügenform, keine echte, gewachsene, -natürliche, keine Lebensform. Der sogenannte Verbesserer des Menschen -führe wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber sei es die -Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf er ausgehe; ja, der Geist, -die eifernde Theorie sei lebensschänderisch, und wer die Leidenschaften -zerstören wolle, der wolle das Nichts, – das reine Nichts, rein -allerdings, da „rein“ denn in der Tat das einzige Attribut sei, das -allenfalls dem Nichts noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben -zeige Herr Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei, -nämlich als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen -Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus und der liberale -Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts und des Teufels, ja, er -leugne Gott, das konservativ und positiv Absolute, indem er zum -Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre und sich mit seinem Todespazifismus -noch wunder wie fromm dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm, -sondern ein Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge -Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – _et cetera_. - -So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische zu -verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender Liebesstrenge -hinzustellen, so daß zu unterscheiden, wo Gott und wo der Teufel, wo Tod -und wo Leben war, wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird -es uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug war, ihm die -Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend war, und auf die er -wieder eine ebenso gute bekam, wonach es noch eine Weile so fortging und -das Gespräch in früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber -Hans Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert -hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben und wisse nicht -recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen hier doch nicht -„_reçu_“ seien. Die Duellanten waren darüber hinweggegangen, aber Hans -Castorp hatte, wie wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und -brach auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen -ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus Ferge und Wehsal, -ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb zur Fortsetzung des Wettstreits -ausgehen werde. - -Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in Sachen seiner -Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg einschlagen, das heißt also, -den Bademeister anstellen wolle, die Oberin zu benachrichtigen, worauf -denn für den Leidenden doch wohl etwas geschehen werde. So war es -wohlgetan. Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei -Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war, und erkundigte -sich kreischend nach den Wünschen und Klagen des jungen Offiziers. -„Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte sie. „Menschenskind, was machen -Sie für Sprünge?“ Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins -Auge zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen -ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite schweifte. Daß sie -es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun doch erfahrungsgemäß einmal -nicht gegeben war, das Unternehmen durchzuführen! Mit Hilfe einer Art -von metallenem Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie -dem Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe -leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen stehend, um Joachims -Zäpfchen herumspähte, sagte sie: - -„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich schon mal -verschluckt?“ - -Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange sie spähte, war -überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu stehen; aber auch nachdem sie von -ihm abgelassen, blieb guter Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben -schon ein und das andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch -das war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint sein. -Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal nicht erinnern. - -Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er habe sich also -erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern, da sonst das Wort -Erkältung doch hier im Hause verpönt war. Zur näheren Untersuchung des -Halses sei gegebenenfalls des Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ -Formamint zurück bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst -Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim machte -Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung zu spüren dank -diesen Anwendungen und fuhr also fort damit, zumal seine Heiserkeit sich -nicht klären wollte, ja, in den nächsten Tagen noch stärker wurde, -obgleich die Halsschmerzen zuweilen fast ganz verschwanden. - -Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen. Der -objektive Befund war der gewöhnliche, – eben der, welcher, zusammen mit -den Ergebnissen der hofrätlichen Untersuchungen, den ehrliebenden -Joachim hier zu einer kleinen Nachkur festhielt, bevor er wieder zur -Fahne würde eilen können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos -vorübergegangen. Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat, noch -die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen Augen gingen -sie darüber hinweg. Nach dem, was Behrens bei der Monatsuntersuchung dem -seelenkundigen Famulus in die Feder diktierte, und was die -photographische Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer -ganz wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch diesmal -galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht auszuharren, bis zum -Flachlanddienste, zur Eideserfüllung dort unten endgültige -Wetterfestigkeit gewonnen wäre. - -Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man stillschweigend -vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß einer vom andern nicht so ganz -sicher war, ob er in tiefster Seele an diese Parole glaubte, und wenn -man die Augen voreinander niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel, -und es geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich _getroffen_ hätten. -Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über die Literatur, -während dessen Hans Castorp zum erstenmal das neuartige Licht im -Hintergrund von Joachims Augen, sowie den eigentümlich „drohenden“ -Ausdruck darin bemerkt hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor: -als nämlich der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig -verschluckte und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also, während -Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau Magnus, seine -Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den Rücken klopfte, trafen sich -ihre Augen auf eine Art, die Hans Castorp schreckhafter bewegte, als der -Unfall selbst, der selbstverständlich jedem zustoßen konnte, und dann -schloß Joachim die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch -und Saal, um sich draußen auszuhusten. - -Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn Minuten zurück, -eine Entschuldigung wegen der verursachten Störung auf den Lippen, nahm -wie zuvor an der übergewaltigen Mahlzeit teil, und nachher vergaß man -sogar, auch nur mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall -zurückzukommen. Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim Diner, -sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe ereignete, übrigens -ohne daß die Augen sich getroffen hätten, wenigstens nicht diejenigen -der Vettern, da Hans Castorp, über seinen Teller gebeugt, scheinbar -unachtsam weiter speiste, mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch -ein Wort daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte -Frauenzimmer, die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen Frage -ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet und angehext -habe, der Teufel solle sie holen. Ja, offenbar sei es Suggestion, sagte -Hans Castorp, – amüsant zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und -Joachim, nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich fortan -mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte sich nicht -häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am Ende auch: erst neun oder zehn -Tage später einmal wieder, worüber denn weiter nichts zu sagen war. - -Jedoch war er außer der Reihe und Zeit zu Rhadamanthys bestellt. Die -Oberin hatte ihn angezeigt und wohl nicht einmal dumm daran getan; denn -da ein Kehlkopfspiegel im Hause war, so schien diese hartnäckige -Heiserkeit, die stundenweise in wirkliche Stimmlosigkeit ausartete, und -auch dies Halsweh, das wieder hervortrat, sobald Joachim versäumte, -seine Kehle durch speicheltreibende Mittel geschmeidig zu halten, ein -hinlänglicher Anlaß, das klug erdachte Instrument einmal aus dem -Schranke zu nehmen, – zu schweigen davon, daß, wenn Joachim sich jetzt -mit normaler Seltenheit verschluckte, dies nur der großen Vorsicht zu -danken war, die er beim Essen aufwandte, und die ihn bei den Mahlzeiten -fast regelmäßig in Rückstand hielt. - -Der Hofrat also spiegelte, reflektierte und äugte tief und lange in -Joachims Hals hinunter, worauf der Patient sich auf Hans Castorps -besonderen Wunsch sogleich in dessen Balkonloge einfand, um Bericht zu -erstatten. Es sei recht lästig und kitzlich gewesen, teilte er halb -flüsternd mit, da gerade Hauptliegekur und Schweigegebot waltete, und -schließlich habe Behrens allerlei von einem Reizungszustand gekohlt und -gesagt, es müßten jeden Tag Pinselungen vorgenommen werden, gleich -morgen wolle er zu ätzen anfangen, er müsse nur erst das Medikament -bereitstellen. Also Reizungszustand und Ätzungen. Hans Castorp, den Kopf -voller Gedankenverbindungen, die weit liefen und sich auf ganz -fernstehende Personen, wie den hinkenden Concierge und jene Dame -erstreckten, die sich die ganze Woche ihr Ohr gehalten und dennoch -durchaus beruhigt hatte sein können, hatte noch Fragen auf den Lippen, -brachte sie aber nicht darüber, sondern beschloß, sie dem Hofrat unter -vier Augen vorzulegen und beschränkte sich gegen Joachim auf den -Ausdruck seiner Genugtuung, daß das Ärgernis nun der Kontrolle -unterstehe und der Hofrat die Sache in die Hand genommen habe. Der sei -ein Hauptkerl und werde schon Remedur schaffen. Worauf Joachim nickte, -ohne den anderen anzusehen, sich umwandte und in seine Loge hinüberging. - -Was war es mit dem ehrliebenden Joachim? In den letzten Tagen waren -seine Augen so unsicher und scheu geworden. Noch neulich war Oberin -Mylendonk mit ihrem Durchbohrungsversuch an seinem sanften dunklen Blick -gescheitert, allein wenn sie jetzt ihr Heil noch einmal versuchte, war -man wahrhaftig nicht mehr sicher, wie die Sache ablaufen würde. -Jedenfalls vermied er solche Begegnungen, und wenn es dennoch dazu kam -(denn Hans Castorp sah ihn viel an), so wurde einem auch dabei nicht -wohler. Bedrückt blieb Hans Castorp in seinem Abteil zurück, in -treibender Versuchung, den Chef sogleich zur Rede zu stellen. Doch ging -das nicht an, da Joachim sein Aufstehen gehört hätte, und so war -Aufschub geboten und Behrens im Laufe des Nachmittags abzufangen. - -Das aber gelang nicht. Sonderbar! Es wollte durchaus nicht gelingen, des -Hofrats habhaft zu werden, und zwar weder diesen Abend, noch während der -ganzen beiden folgenden Tage. Natürlich war Joachim etwas hinderlich, da -er nichts merken sollte, aber das reichte nicht hin, zu erklären, -weshalb die Unterredung nicht zu erlangen und Radamanth auf keine Weise -dingfest zu machen war. Hans Castorp suchte und fragte nach ihm im -ganzen Hause, wurde dahin und dorthin gewiesen, wo er ihn sicher treffen -werde, und fand ihn dann eben nicht mehr dort. Bei einer Mahlzeit war -Behrens zugegen, saß aber weit fort, am Schlechten Russentisch und -verschwand vor dem Dessert. Ein paarmal glaubte Hans Castorp ihn schon -am Knopf zu halten, er sah ihn auf Treppen und Gängen im Gespräch mit -Krokowski, mit der Oberin, mit einem Patienten stehen und paßte ihm auf. -Aber da er nur eben die Augen abgewandt hatte, war Behrens weg. - -Am vierten Tage erst kam er zum Ziel. Von seinem Balkon aus sah er den -Verfolgten im Garten dem Gärtner Anweisungen geben, schlüpfte geschwind -aus der Decke und eilte hinunter. Eben ruderte der Hofrat mit rundem -Nacken gegen seine Wohnung davon. Hans Castorp trabte und erlaubte sich -sogar, zu rufen, fand aber kein Gehör. Endlich, atemlos anlangend, -brachte er seinen Mann zum Stehen. - -„Was haben Sie hier zu suchen!“ herrschte der Hofrat ihn mit quellenden -Augen an. „Soll ich Ihnen ein Extra-Exemplar der Hausordnung aushändigen -lassen? Meines Wissens ist Liegekur. Ihre Kurve und die Platte geben -Ihnen gar kein besonderes Recht, den Freiherrn zu spielen. Man sollte -hier irgendwo so eine göttliche Diebsscheuche anbringen lassen, die -Leute, die zwischen zwei und vier im Garten Libertinage treiben, mit -Aufspießung bedroht! Was wollen Sie eigentlich?“ - -„Herr Hofrat, ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen!“ - -„Das merke ich, daß Sie sich das schon lange einbilden. Sie stellen mir -ja nach, als ob ich ein Frauenzimmer und wunder was für ein Lustobjekt -wäre. Was wollen Sie von mir?“ - -„Es ist nur wegen meines Vetters, Herr Hofrat, entschuldigen Sie! Er -wird nun gepinselt ... Ich bin überzeugt, daß damit die Sache auf gutem -Wege ist. Sie ist doch harmlos, – wollte ich mir nur zu fragen -erlauben?“ - -„Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind Sie. Sie sind -gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten -einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als ob sie harmlos wären, und -damit glauben Sie sich vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Sie -sind eine Art von Feigling und Duckmäuser, Mensch, und wenn Ihr Vetter -Sie einen Zivilisten nennt, so ist das noch sehr euphemistisch -ausgedrückt.“ - -„Kann alles sein, Herr Hofrat. Natürlich, die Schwächen meines -Charakters stehen doch außer Frage. Aber das ist es eben, daß sie im -Augenblick wohl außer Frage stehen, und was ich Sie schon seit drei -Tagen bitten wollte, ist nur –“ - -„Daß ich Ihnen recht angenehm gezuckerten und gepantschten Wein -einschenke! Sie wollen mich behelligen und mich langweilen, damit ich -Sie in Ihrer verdammten Duckmäuserei befestige, und damit Sie in -Unschuld schlafen können, während andere Leute wachen und sich den Wind -um die Nase wehen lassen.“ - -„Aber, Herr Hofrat, Sie sind recht streng mit mir. Ich wollte im -Gegenteil –“ - -„Ja, Strenge, das ist nun gerade gar nicht Ihre Sache. Da ist Ihr Vetter -ein anderer Kerl, von anderem Schrot und Korn. Der weiß Bescheid. Der -weiß _schweigend_ Bescheid, verstehen Sie mich? Der hängt sich den -Leuten nicht an die Rockschöße, um sich blauen Dunst und Harmlosigkeit -vormachen zu lassen. Der wußte, was er tat und was er daransetzte, und -ist ein Mannsbild, das sich auf Haltung versteht und aufs Maulhalten, -was eine männliche Kunst ist, aber leider nicht die Sache von solchen -bipedischen Annehmlichkeiten wie Sie. Aber das sage ich Ihnen, Castorp, -wenn Sie hier Szenen aufführen und ein Geschrei erheben und sich Ihren -Zivilgefühlen überlassen, so setze ich Sie an die Luft. Denn hier wollen -Männer unter sich sein, verstehen Sie mich.“ - -Hans Castorp schwieg. Er wurde jetzt auch fleckig, wenn er sich -verfärbte. Er war zu kupferrot, um ganz blaß zu werden. Schließlich -sagte er mit zuckenden Lippen: - -„Ich danke sehr, Herr Hofrat. Ich weiß ja nun auch wohl Bescheid, denn -ich nehme an, daß Sie nicht so – wie soll ich sagen – so feierlich zu -mir sprechen würden, wenn es nicht ernst wäre mit Joachim. Ich bin auch -gar nicht für Szenen und für Geschrei, da tun Sie mir unrecht. Und wenn -es also auf Diskretion ankommt, so stehe ich auch meinen Mann, das -glaube ich zusagen zu können.“ - -„Sie hängen an Ihrem Vetter, Hans Castorp?“ fragte der Hofrat, indem er -plötzlich des jungen Mannes Hand ergriff und ihn mit seinen blauen, -weißlich bewimperten, blutunterlaufenen Quellaugen von unten anblickte -... - -„Was läßt sich da sagen, Herr Hofrat. Ein so naher Verwandter und so -guter Freund und mein Kamerad hier oben.“ Hans Castorp schluchzte kurz -und stellte den einen Fuß auf die Spitze, indem er die Ferse nach außen -wandte. - -Der Hofrat beeilte sich, seine Hand loszulassen. - -„Na, dann seien Sie nett mit ihm diese sechs, acht Wochen“, sagte er. -„Überlassen Sie sich Ihrer angeborenen Harmlosigkeit, das wird ihm das -Liebste sein. Ich bin auch noch da, und zwar dazu, die Sache so -kavaliersmäßig und komfortabel wie möglich zu gestalten.“ - -„_Larynx_, nicht wahr?“ sagte Hans Castorp, indem er dem Hofrat -zunickte. - -„_Laryngea_“, bestätigte Behrens. „Schnell fortschreitende Zerstörung. -Und mit der Luftröhrenschleimhaut sieht es auch schon böse aus. Kann -sein, daß das Kommandogeschrei im Dienst da einen _locus minoris -resistentiae_ geschaffen hat. Aber gefaßt sein müssen wir auf solche -Diversionen ja immer. Wenig Aussicht, mein Junge; eigentlich wohl gar -keine. Selbstverständlich soll alles versucht werden, was gut und teuer -ist.“ - -„Die Mutter ...“, sagte Hans Castorp. - -„Später, später. Eilt ja noch nicht. Sorgen Sie mit Takt und Geschmack -dafür, daß sie sukzessive ins Bild kommt. Und nun scheren Sie sich auf -Ihren Posten. Er merkt es ja. Und es muß ihm doch peinlich sein, sich so -hinter seinem Rücken besprochen zu wissen.“ - -– Täglich ging Joachim zum Pinseln. Es war ein schöner Herbst, in weißen -Flanellhosen zum blauen Rock kam er öfters verspätet von der Behandlung -zum Essen, propper und militärisch, grüßte knapp, freundlich und -männlich zusammengenommen, indem er seiner Säumigkeit wegen um Pardon -bat, und setzte sich zu seiner Mahlzeit nieder, die man ihm jetzt -besonders bereitete, da er bei der gewöhnlichen Kost, der -Verschluckungsgefahr wegen, nicht mitkam: er erhielt Suppen, Haschees -und Brei. Schnell hatten die Tischgenossen die Lage begriffen. Sie -erwiderten seinen Gruß mit nachdrücklicher Höflichkeit und Wärme, indem -sie ihn „Herr Leutnant“ anredeten. In seiner Abwesenheit befragten sie -Hans Castorp, und auch von den anderen Tischen kam man zu ihm und -fragte. Frau Stöhr kam mit gerungenen Händen und lamentierte ungebildet. -Aber Hans Castorp antwortete nur einsilbig, räumte den Ernst des -Zwischenfalles ein, leugnete jedoch bis zu einem gewissen Grade, tat es -ehrenhalber, aus dem Gefühle, Joachim nicht vorzeitig preisgeben zu -dürfen. - -Sie gingen zusammen spazieren, legten dreimal täglich den dienstlichen -Lustwandel zurück, auf welchen der Hofrat Joachim nun genauestens -eingeschränkt hatte, damit unnötige Kräfteausgabe vermieden werde. Links -von seinem Vetter ging Hans Castorp, – sie waren früher so oder auch -anders gegangen, wie es gerade kam, aber jetzt hielt sich Hans Castorp -vorwiegend links. Sie sprachen nicht viel, redeten die Worte, die der -Berghof-Normaltag ihnen auf die Lippen führte, sonst nichts. Über das -Thema, das zwischen ihnen stand, ist nichts zu reden, zumal zwischen -Leuten von Sittensprödigkeit, die einander nur äußerstenfalls mit -Vornamen nennen. Dennoch hob es sich zuweilen drängend und wallend auf -in Hans Castorps Zivilistenbrust, im Begriffe, sich zu ergießen. Aber es -war unmöglich. Was schmerzlich-stürmisch emporgeschwollen war, sank -zurück, und er verstummte. - -Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu Boden, als -betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: er ging hier, propper und -ordentlich, er grüßte Vorübergehende auf seine ritterliche Art, hielt -auf sein Äußeres und auf _bienséance_ wie immer – und gehörte der Erde. -Nun, der gehören wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so -gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig ihr zu -gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und unbegreiflicher für -einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, als für den Erdmann selbst, -dessen anständig verschwiegenes Wissen eigentlich recht akademischer -Natur ist, geringen Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde -weniger seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser -Sterben mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer selbst; -denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat das Wort des -witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit, daß, solange wir -sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn der Tod ist, wir nicht sind; daß -also zwischen uns und dem Tode gar keine reale Beziehung besteht und er -ein Ding ist, das uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur -etwas angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer Ruhe, -Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer Unschuld, -entgegenblicken. Von dieser Unschuld und Verantwortungslosigkeit fand -Hans Castorp viel in Joachims Wesen während dieser Wochen und verstand, -daß jener zwar wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über -dies Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren -Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder, soweit sie -praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes Schicklichkeitsgefühl -geregelt und bestimmt wurden, das die Erörterung jenes Wissens -ebensowenig zuließ wie diejenige so vieler anderer funktioneller -Unanständigkeiten, deren das Leben sich bewußt und durch die es bedingt -ist, die es aber nicht hindern, _bienséance_ zu bewahren. - -So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten der -Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt und zornig geführte Klagen über -das Versäumnis der Manöver, des militärischen Flachlanddienstes -überhaupt waren verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz -aller Unschuld so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen -zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch einmal -hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg gebracht haben -würde? War es, weil er sich überäugig und hohlwangig wußte? – Denn so -wurde er zusehends in diesen Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei -seiner Heimkehr vom Flachland gewesen war, und seine braune -Gesichtsfarbe ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine -Umgebung ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben hätte, die mit -Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf, die grenzenlosen -Vorteile der Schande zu genießen. Wovor und vor wem also duckte und -verbarg sich sein ehemals so offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham -der Kreatur, die sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, – -überzeugt, daß sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor -ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon mit Recht, -da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel den kranken Genossen nicht nur -nicht ehrt, sondern ihn in Wut und Verachtung mit Schnabelhieben -traktiert. Doch das ist gemeine Natur, und ein hochmenschliches -Liebeserbarmen schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle -Instinktscham in des armen Joachims Augen sah. Er ging links von ihm, -ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas unsicher zu Fuße -wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen kleinen Wiesenhang zu -erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit überwindend, den Arm um -ihn legte, ja, vergaß noch nachher eine Weile, seinen Arm wieder von -Joachims Schultern wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte -und sagte: - -„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir daherkommen.“ - -Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp die Trübung von -Joachims Blick noch in einem anderen Lichte erschien, und das war, als -Joachim Order erhalten hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der -Schnee lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden, auch -nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder zweite Bissen ihm -in die falsche Kehle geriet. Der Übergang zu ausschließlich flüssiger -Nahrung war indiziert, und zugleich verordnete Behrens dauernde -Bettruhe, der Kräfteersparnis wegen. Es war also am Vorabend von -Joachims dauernder Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den -Füßen war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja betraf, -der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein und der -äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach dem Diner war das, während der -Abendgeselligkeit, in der Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon -aufgehalten und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn vor -dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein Schaukelstuhl, worin -sie saß, und Joachim hielt ihn mit der Linken an der Rückenlehne nach -hinten geneigt, so daß Marusja aus liegender Stellung mit ihren braunen -Kugelaugen in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen -sprechend, über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd und -erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte. - -Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen zu -haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft auf die Szene, wie das -zu gehen pflegte, ein belustigtes Auge hatten, – unbemerkt von Joachim, -oder doch unbeachtet von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche -rücksichtslos hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so -lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges Wort mit -ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er mit strengem Ausdruck, -vernünftig und ehrliebend, die Augen niedergeschlagen hatte, obgleich er -fleckig erblaßte, wenn von ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp -mehr, als irgendein Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen -sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist verloren!“ dachte -er und setzte sich still auf einen Stuhl im Musiksalon, um Joachim Zeit -zu lassen für das, was er sich dort in der Halle an diesem letzten Abend -noch gönnte. - -Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale ein, und Hans -Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb ihr in seinem -vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren gelegentlichen -Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim bettlägerig geworden sei und daß -er zwar nichts gesagt habe, daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei -sich zu haben, von den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens -diesen unausgesprochenen Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies -fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein Wunder, daß -Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in Anspruch nahm, um zu -ihrem Sohne zu stoßen: schon drei Tage nach Abgang dieses humanen -Alarmbriefes traf sie ein, und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber -im Schlitten von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend, -bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die Mutter nicht -gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts Falsches, Munteres -mit dem ersten Blick darin lese. - -Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon ereignet haben, -wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem und angstvollem -Forschen des dem Zuge Entstiegenen in den Augen dessen, der ihn in -Empfang nahm! Frau Ziemßen erweckte den Eindruck, als sei sie von -Hamburg hierher zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans -Castorps Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich -blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich, indem -er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das sei famos, und wie -mächtig werde ihr Joachim sich freuen. Tja, der liege nun leider -vorderhand, es sei wegen der flüssigen Nahrung, die ja natürlich auf den -Kräftezustand nicht ohne Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch -mancherlei Auskünfte, zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens -werde sie ja selber sehen. - -Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu diesem Augenblick -waren ihm die Veränderungen, die sich in den letzten Wochen an Joachim -vollzogen hatten, gar nicht so bemerklich geworden, – junge Leute haben -ja nicht viel Blick für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen -kommenden Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als -hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich, was -zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß am besten von allen -dreien Joachim selber wußte, nämlich, daß er ein Moribundus war. Er -hielt Frau Ziemßens Hand in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt -war, wie sein Gesicht, von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine -Ohren, dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem und -in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber bis auf diesen -Fehler und trotz seiner durch den Stempel des Leidens und durch den -Ausdruck von Ernst und Strenge, ja Stolz, den es trug, eher noch -männlich verschönt erschien, – obgleich seine Lippen mit dem schwarzen -Bärtchen darüber jetzt gar zu voll wirkten gegen die schattigen -Wangenhöhlen. Zwei Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn -zwischen den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen -liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans Castorp sich -freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung und Unsicherheit war, seit -Joachim lag, daraus geschwunden, und nur jenes früh bemerkte Licht war -in ihrer ruhigen, dunklen Tiefe zu sehen – und freilich auch jene -„Drohung“. Er lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt -und ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei ihrem -Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese -Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles. - -Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht in Jammer auf -bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und zusammengenommen im Sinne -ihres durch das kaum sichtbare Schleiernetz befestigten Haares, -phlegmatisch und energisch, wie man bekanntlich bei ihr zulande war, -nahm sie Joachims Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade -gespornt zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß, -wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit die -Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit willen geschah es gewiß -nicht, sondern nur aus Sinn für das Stattliche, wenn sie einige Tage -später einwilligte, daß auch eine Pflegeschwester noch zu dem -Schwerkranken berufen wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit -Alfreda Schildknecht, die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims -Lager erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau Ziemßens -eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester Berta hatte eine -Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, ihr Kneiferband hinter dem -Ohre, neugierig auszuspähen. - -Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. Allein im -Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, der keineswegs schlief, -sondern offenen Auges auf dem Rücken lag, war sie imstande, zu sagen: - -„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen von den -Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“ - -Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene die Faust, -aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, und mit Recht, -von dem Gedanken, daß es angebracht sein möchte, Joachim zu schonen und -viel zu sachlich gesonnen, um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand, -und nun gar der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses -Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem sie Kölnisches -Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim unter die Nase hielt, „tun -Sie sich noch ein bißchen gütlich, Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es -zu jener Zeit wenig Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U -zu machen, – es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie Frau -Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter Stimme von seiner -Genesung sprach. Denn zweierlei war deutlich und nicht zu verkennen: daß -Joachim erstens mit klarem Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er -es zweitens in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst in -der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich bemerkbar -machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger Unklarheit -über seinen Zustand umfangen, und sprach von seiner baldigen Rückkehr -zum Regiment und seiner Beteiligung an den großen Manövern, die er sich -noch im Gange befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber -auch, daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung zu -geben und das Ende nur noch für eine Frage von Stunden erklärte. - -Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese -vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter zu einer -Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem letalen Ziele -nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen aller individuellen -Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die den Erfrierenden umstrickt, -und wie das Im-Kreise-Herumkommen des Verirrten. Hans Castorp, den -Kummer und Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit ins -Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige -Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und Settembrini, als er -ihnen über das Befinden seines Verwandten Bericht erstattete, und zog -sich einen Verweis des letzteren zu, indem er meinte, die landläufige -Auffassung, philosophische Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende -Zuversicht sei ein Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und -Weltverurteilung, aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf -Irrtum; denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand einen -Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit verglichen der -vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde Lebensäußerung erscheine. -Gottlob konnte er den Teilnehmenden gleichzeitig melden, daß -Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit der Hoffnung Raum ließ und -einen sanften, trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite. - -„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, während er -Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen hielt und sie mit -quellenden, tränenden, blutunterlaufenen Blauaugen von unten anblickte. -„Mir lieb, mir ungeheuer lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß -er das Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten braucht; -so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt rapide aus, wohl -ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst das Unsrige dagegen tun mit -unserer Kampferspritze, ohne viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten -zu verursachen. Er wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen, -glaube ich versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade -schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen Übertritt -haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie sich darauf. So ist -das übrigens im Grunde immer. Ich kenne den Tod, ich bin ein alter -Angestellter von ihm, man überschätzt ihn, glauben Sie mir! Ich kann -Ihnen sagen, es ist fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an -Schindereien _vorhergeht_, das kann man ja nicht gut zum Tode rechnen, -es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann zum Leben und zur -Genesung führen. Aber vom Tode wüßte Ihnen keiner, der wiederkäme, was -Rechtes zu erzählen, denn man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem -Dunkel und gehen ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang -und Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben keinen -subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz ins Gebiet des -Objektiven, so ist es damit.“ - -Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. Wir wollen hoffen, -daß sie der verständigen Frau Ziemßen ein bißchen wohltat; und seine -Zusicherungen trafen denn ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache -Joachim schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte auch -wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches also, -nehmen wir an; und wenn er erwachte und man ihn nach seinem Befinden -fragte, so antwortete er, wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl -und glücklich fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und -schließlich den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr -spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen und -zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits nicht mehr angegangen. - -Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große Veränderungen -mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren beschwerlich geworden war und er -es seit acht oder zehn Tagen schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs -aber sehr kräftig war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften -Augen sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem Kriegsbart, -wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, und der ihn übrigens -schön und männlich kleidete, wie alle fanden. Ja, Joachim war plötzlich -aus einem Jüngling zum reifen Manne geworden durch diesen Bart und wohl -nicht nur durch ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk, -legte im Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu -erreichen ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten -vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche brachte eine -angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes mit sich, derart, daß -Hans Castorp den Eindruck gewann, das Sterben müsse zum wenigsten eine -große Mühsal sein, wenn auch Joachim dank mancher Ausfälle und -Herabminderungen ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung -aber betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung oder -Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit zusammen, so daß -Joachim beim Sprechen mummelte wie ein ganz Alter und übrigens an dieser -Hemmung wirkliches Ärgernis nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er -lallend, so werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte -Belästigung. - -Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht so ganz klar; -– die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen trat auffallend hervor, -er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, schien zu wissen und nicht zu -wissen und erklärte einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl -durchschauert, mit Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so -grundschlecht sei er noch niemals daran gewesen. - -Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, ja unhöflich; er -ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen mehr nahe kommen, -antwortete nicht darauf, blickte fremd vor sich hin. Namentlich nachdem -der junge Pfarrer, den Luise Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps -Bedauern keine gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte, -mit ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge an, -äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte. - -Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: er fuhr -wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein goldnes -Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über die Bettdecke hin, indem -er sie auf dem Rückwege etwas erhob und dann auf der Decke in -schabender, rechender Bewegung wieder zu sich führte, so, als zöge und -sammle er etwas ein. - -Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf dem Korridor, -nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er war im Bette herabgesunken und -befahl kurz, man möge ihn höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm -um seine Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen -Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung seines Urlaubes -aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, vollzog sich der -„knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im Lichte des rotumhüllten -Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. Sein Auge brach, die unbewußte -Anstrengung seiner Züge wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand -zusehends dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete -sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s geschehen. - -Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war es Hans Castorp, -der dem Regungs- und Hauchlosen mit der Spitze des Ringfingers die Lider -schloß, ihm die Hände behutsam auf der Decke zusammenlegte. Dann stand -auch er und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den -englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare Naß, so -reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde, -daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies -alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung -durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem -Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin. - -Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. Noch vor einer -halben Stunde war er dagewesen und hatte Kampfer gespritzt; nur eben den -Augenblick des knappen Übertrittes hatte er verpaßt. „Tja, der hat es -hinter sich“, sagte er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von -Joachims stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden -Anverwandten die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand er noch -eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims unbewegliches, -kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller Junge, toller Kerl“, sagte -er über die Schulter, indem er mit dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat -es zwingen wollen, wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und -Gewaltsamkeit mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht -auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist uns aufs -Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber die Ehre, das war der -Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens nach Belieben auch umdrehen, – er -hat nun jedenfalls ‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller -Kerl.“ Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken. - -Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene Sache, und Haus -Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich war und sonst schicklich -und stattlich schien, – Mutter und Vetter brauchten sich kaum zu regen. -Am nächsten Tage, in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der -Decke, ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner -geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur der Anstrengung -war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, hatte es sich zu -reinster, schweigender Form befestigt. Kurzes Gekräusel seines dunklen -Haares fiel in die unbewegliche, gelbliche Stirn, die aus einem edlen, -aber heiklen Stoff zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem -ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll und stolz. -Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, wie mehrere der -Besucher meinten, die sich zum Abschiede einfanden. - -Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen Joachim. -„Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach und verlangte, daß an seinem -Grabe die „Erotika“ von Beethoven gespielt werden müsse. - -„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der Seite an. Er war -nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer und herzlich bewegt. Mit -beiden Händen wies er die Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur -Klage aufforderte. „_Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!_“ -rief er wiederholt. - -Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung heraus und -ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn hin zu äußern: - -„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und Fortschritt -auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“ - -Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, durch -die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit von Naphtas -Position über die seine; vielleicht war es dies augenblickliche -Übergewicht des Gegners, das er durch die Lebhaftigkeit seiner Trauer -aufzuwiegen gesucht hatte, und das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann -noch, als Leo Naphta, die unbeständigen Vorteile seiner Stellung -ausnutzend, scharf sententiös bemerkte: - -„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß nur der Geist -anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr. Nur wo _kein_ Geist -ist, gibt es Anständigkeit.“ - -„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer Spruch! -Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn hingesetzt, so herrscht -Einschüchterung für den Augenblick ...“ - -Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung in diesen -stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten Behälter wollte ein -Mann allein als seine Sache betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war: -ein Verwandter des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz -gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering an -seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe Reif sozusagen -eingewachsen, ganz davon überwuchert war. Man war geneigt, zu spüren, -daß Leichengeruch seinem Bratenrock entströme, was aber auf Vorurteil -beruhte. Doch ließ der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß -all sein Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur -pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen -auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps Mißtrauen erweckte und -keineswegs nach seinem Sinne war. Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen -sich zurückzöge, ließ sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren, -sondern blieb und legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die -Figur und half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen -Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich gebettet -wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof gestellt hatte. - -Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf, die Hans -Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu trennen und zu lösen -und tatsächlich dem Professionisten, dem üblen Hüter der Pietät, das -Feld zu überlassen. Joachim nämlich, dessen Ausdruck bisher so ernst und -ehrbar gewesen, hatte in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und -Hans Castorp verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur -Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen der -Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß die Abholung bevorstand, -der Sarg geschlossen und verschraubt werden sollte. Hans Castorp -berührte, eingeborene Sittensprödigkeit beiseite setzend, seines -ehemaligen Joachim steinkalte Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und -ging trotz allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise -Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus. - -Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch während er -niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf seiner Höhe -zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in einen feuchten -Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen, woselbst ein Degen -aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte zucken und drei Gewehrsalven, -drei schwärmerische Honneurs hinknallen über Joachim Ziemßens -wurzeldurchwachsenes Soldatengrab. - - - - - Siebentes Kapitel - - - Strandspaziergang - -Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich? -Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! Eine Erzählung, -die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, es strömte die Zeit“ und so -immer fort, – das könnte gesunden Sinnes wohl niemand eine Erzählung -nennen. Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang -ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik -ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, daß sie die Zeit -_erfüllt_, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ und macht, daß -„etwas daran“ und „etwas los damit“ ist – um mit der wehmütigen Pietät, -die man Aussprüchen Verstorbener widmet, Gelegenheitsworte des seligen -Joachim anzuführen: längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob -sich der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen. -Die Zeit ist das _Element_ der Erzählung, wie sie das Element des Lebens -ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist -auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie -kurzweilig und kostbar auf einmal macht: verwandt hierin, wie gesagt, -der Erzählung, die ebenfalls (und anders als das auf einmal leuchtend -gegenwärtige und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden -Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein Ablaufendes -sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen sollte, in jedem -Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung bedarf. - -Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied waltet, -liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik ist nur eines: ein -Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie sich ergießt, um ihn -unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die Erzählung dagegen hat zweierlei -Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre -Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch -ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der -Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich -aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück des Namens -„Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, – hierin und in nichts -anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. Eine Erzählung aber, deren -inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten betrüge, könnte ihrerseits, vermöge -außerordentlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser fünf -Minuten, das Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein, -obgleich sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig -wäre. Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung -deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, – wir -sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres oder, ganz deutlich zu -sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, das hier offenbar -einschlägig ist: sofern nämlich dieses Falls die Erzählung sich eines -hermetischen Zaubers und einer zeitlichen Überperspektive bedient, die -an gewisse anormale und deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der -wirklichen Erfahrung erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von -Opiumrauchern, die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit -seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang sich auf -zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder sogar die -Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit zurückließ, – Träume -also, deren imaginärer Zeitraum ihre eigene Dauer um ein Gewaltiges -überstieg, und in denen eine unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses -herrschte, die Vorstellungen sich mit solcher Geschwindigkeit drängten, -als wäre, wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des -Berauschten „etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder einer -verdorbenen Uhr“. - -Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung mit der Zeit zu -Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. Da sie sie aber -„behandeln“ kann, so ist klar, daß die Zeit, die das Element der -Erzählung ist, auch zu _ihrem Gegenstande_ werden kann; und wenn es -zuviel gesagt wäre, man könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, _von der -Zeit_ erzählen zu wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie -es uns anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des -„Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen könnte. -Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die Zeit erzählen könne, nur -aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir mit laufender Geschichte wirklich -dergleichen vorhaben. Und wenn wir die weitere Frage streiften, ob die -um uns Versammelten sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es -gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende Joachim -jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch flocht (die übrigens von -einer gewissen alchimistischen Steigerung seines Wesens zeugt, da solche -Bemerkungen eigentlich nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären -wir wenig erzürnt gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick -nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden -aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme an dem Erleben -unseres Helden natürlich in unserem Interesse liegt, und weil dieser, -Hans Castorp, in beregtem Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar -schon längst nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, – -so – und auch wieder so genommen. - -Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis zu seiner -wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, kalendermäßig, diese erste -trotzige Abreise stattgefunden, wie lange er weggewesen, wann wieder -eingetroffen und wie lange Hans Castorp selber schon hier gewesen, als -er wieder eingetroffen und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um -Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, seit -wann, etwa der Jahreszahl nach, sie _wieder da_ war (denn sie war wieder -da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp im „Berghof“ damals verbracht -gehabt hatte, als sie zurückgekehrt war: bei all diesen Fragen, gesetzt, -man hätte sie ihm vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht, -denn er scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit -den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden nicht recht -Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger beunruhigend als jene -vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am ersten Abend seines Hierseins -befallen hatte, nämlich Herrn Settembrini sein eigenes Alter anzugeben, -ja, eine Verschlimmerung dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen -Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei! - -Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder -unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten Bedingungen -jederzeit jedem von uns begegnen kann: nichts würde uns, solche -Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit -über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren. Die Erscheinung -ist möglich kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft -also unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und -ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu -bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung -des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen -Errettung die Zeit, die sie im Dunklen, zwischen Hoffnung und -Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn -gewesen. Man sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die -Zeit ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein -Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. Es scheint -demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die menschliche -Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu -erleben, als sie zu überschätzen. - -Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er gewollt -hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen sich rechnerisch -hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie das der Leser mit leichter -Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene und Versponnene seinem -gesunden Sinn widerstehen sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm -vielleicht nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche -Anstrengung, sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen -und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, ließ er -sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, war -eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar die schlimmste -Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten. - -Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die Umstände -seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht geradezu von seinem bösen -Willen reden will – so sehr zustatten kamen. Als Frau Chauchat -wiedergekehrt war (anders, als Hans Castorp es sich hatte träumen lassen -– aber davon an seinem Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht -und der kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in -naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer -Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, hatte man damals -Gott weiß wie lange schon wieder Winter gehabt, ja, dieser war allezeit -nur ganz vorübergehend unterbrochen gewesen, von brennenden Sommertagen -mit einer Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins -Schwärzliche spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in -den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens auch -in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans Castorp mit dem seligen -Joachim über diese große Konfusion geschwatzt, welche die Jahreszeiten -vermengte, sie durcheinander warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte -und es dadurch auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine -kurzweilige Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen und -mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt nicht die Rede -sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt wurde bei dieser -großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe oder die -Bewußtseinslagen des „Noch“ und des „Schon wieder“, – eins der -verwirrendsten, vertracktesten und verhextesten Erlebnisse überhaupt, -und ein Erlebnis dabei, das zu kosten Hans Castorp gleich an seinem -ersten Tage hier oben eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich -bei den fünf übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten -Speisesaal, wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise -unschuldig noch, ihn angewandelt hatte. - -Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren Maßstab -angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis auch abgeschwächt -oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, sofern sie tätig ist, -sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker – und nur aus -jugendlicher Anmaßung hatte also Hans Castorp sich einmal damit -eingelassen –, ob die hermetische Konserve auf ihrem Wandbort außer der -Zeit ist. Aber wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk -tut. Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das -eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, – -wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern unterdessen zum -reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders sein. Der Tote ist tot und -hat das Zeitliche gesegnet; er hat viel Zeit, das heißt: er hat gar -keine, – persönlich genommen. Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und -Haare wachsen, und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose -Redensart nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange -gebraucht, und an der Hans Castorp damals flachländischen Anstoß -genommen hatte. Auch ihm wuchsen Haare und Nägel, sie wuchsen schnell, -wie es schien, er saß so oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem -Operationsstuhl beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich -das Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet -hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn er saß und -mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, der sein Werk an -ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; oder wenn er an seiner -Balkontür stand und sich mit Scherchen und Feile, seinem schönen -Samtnecessaire entnommen, die Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer -Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt -war, jener Schwindel ihn an: ein Schwindel in des Wortes -schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige -Nicht-mehr-unterscheiden von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und -Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt. - -Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch nicht -schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen wir nicht -verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an solchen mystischen -Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und geflissentlich hervorrief, oft -doch auch durch gegenteilige Bemühungen zu sühnen suchte. Er konnte -sitzen, seine Uhr in der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr, -deren Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, – -und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen Ziffern -doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, auf der die beiden -zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger auseinander wiesen und -der dünne Sekundenzeiger den geschäftig pickenden Gang um seine -besondere kleine Sphäre tat. Hans Castorp hielt ihn im Auge, um einige -Minuten zu hemmen und zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das -Weiserchen trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es -erreichte, berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder -anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte, -Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten oder wenigstens -sonst ein winziges Zeichen geben sollen, daß hier etwas vollendet sei. -Doch an der Art, wie es sie rasch, nicht anders als jedes andere -unbezifferte Strichelchen, überschritt, erkannte man, daß ihm die ganze -Bezifferung und Gliederung seines Weges nur _unterlegt_ war, und daß -es eben nur ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein -Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit -sich selbst. - -Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen faßlich -machen, die in dem inneren Haushalt des jungen Abenteurers sich -vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen Identitäten. War es bei -einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, ein Jetzt gegen eines von gestern, -von vor- und vorvorgestern abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein -Ei dem andern, so war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine -Gegenwart mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem -Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. Sofern -jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch und Wieder und Künftig -gesondert blieben, schlich eine Versuchung sich ein, Beziehungsnamen, -mit denen das „Heute“ sich Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom -Leibe hält, das „Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern -und sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären Wesen -denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit -bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das flinke Getrippel -unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit des Stundenmessers -hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, mit deren Raum sich eine Zeit -von gewaltigem Gange verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben -noch“ und „Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem -Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das wäre, sagen wir, -nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines duldsamen Relativismus -beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, sittlich“, auch als legitim, -gesund und achtbar anzusprechen. Was aber soll man von einem Erdensohne -denken, des Alters obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein -Monat, ein Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben -so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der eines -Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen der Lust -nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ und „Morgen“ für „Übers -Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft das Urteil „Verirrung und -Verwirrung“ und damit höchste Besorgnis am Platze. - -Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände (wenn -man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns vorschwebenden -Falle), unter denen eine solche Verwirrung und Verwischung der -zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur schwindligen Einerleiheit -gewissermaßen von Natur und Rechtes wegen statthat, so daß denn ein -Untertauchen in ihrem Zauber für Ferienstunden allenfalls als statthaft -gelten möge. Wir meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein -Sichbefinden, dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, – -wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an heimatliche -Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir vertrauen, daß auch -Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns nicht im Stiche lassen werde, -wenn wir auf diese wundersame Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und -gehst ... du wirst von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause -zurückkehren, denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. O -Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere Gedanken, -unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise sollst du in -unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du es im stillen immer warst und -bist und sein wirst ... Sausende Öde, blaß hellgrau überspannt, voll -herber Feuchte, von der ein Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir -gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln -bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen, -weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum -durchfährt und eine sanfte Betäubung in unserem Kopfe erzeugt, – wir -wandern, wandern und sehen die Schaumzungen der vorgetriebenen und -wieder rückwärts wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung -siedet, hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den -flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses -wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede -Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich Vergessen ... Schließen wir -doch die Augen, geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig -graugrünen Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont -verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein Dort? Wie -weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige Weise entzieht es -sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie weit dies Schiff vom Ufer entfernt -ist, müßtest du wissen, wie groß es an sich selber als Körper ist. Klein -und nahe oder groß und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick, -denn aus dir selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid -... Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht dahin. -Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie -jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit, -Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit -regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit. - -Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine Illusion, -ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis einer -Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein der Dinge ein stehendes -Jetzt. War er am Meere spaziert, der Doktor, der diesen Gedanken zuerst -empfing, – die schwache Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir -wiederholen jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da -sprechen, Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist so -rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. An -den menschlichen Erkenntnismitteln und -formen Kritik zu üben, ihre -reine Gültigkeit fraglich zu machen, wäre absurd, ehrlos, -widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn damit verbunden wäre, als -derjenige, der Vernunft Grenzen anzuweisen, die sie nicht überschreitet, -ohne sich der Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu -machen. Wir können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein, -wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, und den -er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind des Lebens“ -angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer Entschiedenheit als -„Das Böse“ kennzeichnete. Und wir ehren das Andenken eines uns lieben -Verstorbenen am besten, indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel -des kritischen Prinzips nur eines sein kann und darf: der -Pflichtgedanke, der Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit -die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen -Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische -Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Soll man -es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto setzen und -annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen Zeitwirtschaft, seinem -schlimmen Getändel mit der Ewigkeit bestärkt, daß, was ein -melancholischer Schwadroneur seines militärischen Vetters „Biereifer“ -genannt, letalen Ausgang genommen hatte? - - - Mynheer Peeperkorn - -Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang Gast des -Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht das Beiwort „international“ in -seinem Schilde führte. Peeperkorns leicht farbige Nationalität – denn er -war ein Kolonial-Holländer, ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer – -würde uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß er, so -bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich mit einem -Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen wir, noch nicht -bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere Geschichte -einzuführen; denn du großer Gott, in was für Tinten und Abschattungen -spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts, das Hofrat -Doktor Behrens in vielzüngiger Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht -genug, daß neuerdings hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend -war, dieselbe, die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr -und die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person mit -nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem Haar, die, von den -Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in -Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt -nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld -ausschließlich einer rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht -Frau Landauer hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer Hoheit -willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit geradezu den -Narren spielte: nicht genug also mit ihr persönlich, so befand sich -unter ihrem kleinen Gefolge auch noch ein verschnittener Mohr, ein -kranker, schwacher Mensch, der aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern -gehechelten Grundverfassung am Leben mehr zu hängen schien als irgend -jemand, und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von -seinem Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet hatte -... - -Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer Peeperkorn fast -farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt unserer Erzählung, wie ein -früherer, die Überschrift „Noch jemand“ tragen könnte, so braucht -deshalb niemand zu besorgen, daß hier abermals ein Veranstalter -geistiger und pädagogischer Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer -Peeperkorn war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die Welt zu -tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir sehen werden. Daß -gleichwohl schwere Verwirrung von seiner Person auf unseren Helden -ausging, begreift sich aus folgendem. - -Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station „Dorf“ ein, -wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in demselben Schlitten nach Haus -Berghof, woselbst er mit ihr zusammen im Restaurant das Abendessen -einnahm. Es war eine mehr als gleichzeitige, es war eine _gemeinsame_ -Ankunft, und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in -der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der -Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt, gegenüber dem -Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów seine wilden -und zweideutigen Aufführungen veranstaltet hatte, – diese -Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans Castorp verstörte, da -dergleichen seiner Voraussicht entgangen war. Der Hofrat hatte ihm Tag -und Stunde von Clawdias Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp, -alter Junge,“ hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt. -Übermorgen abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s -telegraphisch.“ Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme, hatte -er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon gewußt -hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen und zusammengehörten, – -wenigstens gab er Überraschung vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach -der gemeinsamen Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte. - -„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt hat“, erklärte -er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den Pyrenäen her, nehme ich -an. Tja, den müssen Sie nun erst mal in Kauf nehmen, Sie enttäuschter -Seladon, hilft Ihnen alles nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie. -Wie es scheint, haben sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist -schwer reich, nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen -Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände. Übrigens kommt -er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer gehörigen alkoholischen -Verschleimung scheint malignes Tropenfieber vorzuliegen, Wechselfieber, -verstehen Sie, verschleppt, hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben -müssen.“ - -„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab. „Und du?“ -dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt bist du doch auch -nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses und jenes täuscht, -blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen Ölmalerei. Legst allerlei -Schadenfreude in deine Worte, wie mir scheint, und dabei sind wir doch -Leidensgenossen, gewissermaßen in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser -Mann, entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender -Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man von ihm -gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von ihm gewonnen habe. -Robust und auch wieder spärlich, mit diesen Eigenschaftswörtern muß man -ihn meiner Meinung nach kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für -vereinbar gelten. Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig -da, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind -senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht seitlich, -wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren Gesellschaftsklassen -–, und wenn er so dasteht und nach holländischer Weise am Gaumen redet, -dann hat er unleugbar was recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist -schütter, – lang, aber schütter, daß man die Haare zählen zu können -glaubt, und seine Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe -geradezu, ich kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie -immer aufzureißen sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die -erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine Stirn -laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das weiße Haar zwar -lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben doch klein und blaß, -trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste verleiht ihm was -Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert ist. Das ist mein Eindruck -von heute morgen.“ - -„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete Behrens, „und -sich den Mann gut angesehen in seiner Eigenart, was ich vernünftig -finde, denn Sie werden sich mit seinem Vorhandensein arrangieren -müssen.“ - -„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist ihm überlassen -geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten Gastes ein ungefähres -Bild zu zeichnen, und er hat seine Sache nicht schlecht gemacht, – wir -hätten sie auch nicht wesentlich besser machen können. Allerdings war -sein Beobachtungsposten der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er -während Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich -nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand – nur daß der -andere etwas weiter gegen die Verandatür sich vorschob – und Hans -Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach dem Saalinnern gelegenen -Schmalseiten einnahmen, so saßen sie sozusagen nebeneinander, Hans -Castorp etwas hinter dem Holländer, was eine unauffällige Exploration -erleichterte, – während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg -vor sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen, -daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß und fleischig und -sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger Lippenbildung, gleichsam -zerrissen war. Ferner waren seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit -langen, spitz zulaufenden Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer -beim Sprechen – bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans -Castorp dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu -auserlesenen, die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat -nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden eines -Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen zum Kreise gekrümmt oder die -flache Hand – breit, aber nagelspitz – behütend, abdämpfend, Achtsamkeit -fordernd ausgebreitet, – um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er -hervorgerufen, durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten -Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu -enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln; denn die -Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung ersetzte in hohem -Grade noch nachträglich, was ausblieb, und wirkte befriedigend, -unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst. Zuweilen erfolgte die -Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart seine Hand auf den Unterarm -seines Nachbarn zur Linken, eines jungen bulgarischen Gelehrten, oder -auf den Madame Chauchats zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg -aufwärts, Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er im -Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß die -rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln laufenden -Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so Gefesselten auf das -Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen Lippen, geöffnet, im -Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu entlassen. Nach einer Weile -jedoch atmete er aus, verzichtete, winkte gleichsam „Rührt euch“ und -wandte sich unverrichteterdinge seinem Kaffee wieder zu, den er sich -extra stark, in einer eigenen Maschine, hatte servieren lassen. - -Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte mit der Hand -die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der Dirigent, der das -Durcheinander der stimmenden Instrumente zum Schweigen bringt und sein -Orchester, kulturell gebietend, zum Beginn der Aufführung sammelt, – -denn da sein großes, vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen -Augen, den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem -bloßliegenden wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte, so fügte -alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen ihn lächelnd an, -warteten, und da und dort nickte einer ihm zur Ermunterung lächelnd zu. -Er sagte mit ziemlich leiser Stimme: - -„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen Sie jedoch ins -Auge fassen und nicht – keinen Augenblick – außer acht lassen, daß – -Doch über diesen Punkt nichts weiter. Was auszusprechen mir obliegt, ist -weniger jenes, als vor allem und einzig dies, daß wir verpflichtet sind, -– daß der unverbrüchliche – ich wiederhole und lege alle Betonung auf -diesen Ausdruck – der _unverbrüchliche_ Anspruch an uns gestellt ist – – -_Nein!_ Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich etwa – Wie -weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–_ledigt_, meine -Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß uns einig in alldem, und so -denn: zur Sache!“ - -Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft -bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen entschieden, -eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und auch der lauschende -Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen zu haben meinten oder, sofern -ihnen das Ausbleiben sachlicher und zu Ende geführter Mitteilung bewußt -geworden war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie -einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich gegrämt, weil -er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte gemacht und sich -eingebildet hätte, durch sein Gebrechen geistig zu kurz zu kommen. -Solche Leute neigen zu Mißtrauen und Bitterkeit. Ein junger Chinese -dagegen, am anderen Tischende, der des Deutschen noch wenig mächtig war -und nicht verstanden, aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine -erfreute Befriedigung durch den Ruf: „_Very well!_“ – und applaudierte -sogar. - -Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich auf, dehnte die -breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock über der geschlossenen -Weste zu, und sein weißes Haupt war königlich. Er winkte eine -Saaltochter heran – es war die Zwergin –, und obgleich sehr beschäftigt, -folgte sie sofort seinem bedeutenden Zeichen und stellte sich, Milch- -und Kaffeekanne in Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht -umhin, ihm mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd -zuzunicken, in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter den -mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren Zeigefinger sich -mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während die drei übrigen Finger -aufwärts standen, von den Lanzenspitzen der Nägel überragt. - -„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie sind klein, – -was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es positiv, ich danke Gott -dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und durch Ihre charaktervolle -Kleinheit – Nun gut denn! Auch was ich von Ihnen wünsche, ist klein, -klein und charaktervoll. Vor allem, wie heißen Sie?“ - -Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia sei. - -„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die Stuhllehne -zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte. Er rief es mit -einer Betonung, als wollte er sagen: Aber was wollen Sie denn? Alles -steht wundervoll! – „Mein Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit -Strenge fort, „– das übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie -sprechen es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung -mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten Möglichkeiten. Er -ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und alles Gefühl seiner Brust -daransetzt, um – in der Koseform – Sie verstehen mich wohl, mein Kind: -in der _Kose_form – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre -erwärmend, – für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen. -Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine Liebe. Halt! -Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! Ich sehe es deinem -verhältnismäßig großen Gesichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen, -aber nicht gebackenes Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in -allerlei Gestalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares -Brot, kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, ob -Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen, ‚Herzstärkung‘ -dafür einzusetzen, liefe hier nicht die neue Gefahr mit unter, es im -Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit – Er–ledigt, Rentia. Erledigt und -ausgeschlossen. Vielmehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen -Verbindlichkeit – Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld, -mich deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens – -Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer, -Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“ - -„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich einmal um -sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu werden, und stellte -sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben sein Besteck, offenbar, weil sie -Herrn Peeperkorn nicht damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr -Auftraggeber erhielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll -geschenkt, daß das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den -Teller benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob es gegen -das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn sich mit einem -Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut. -„Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an.“ Und er -nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und -legte sie dann zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen -ließ. - -Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher Mann. -Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich -von den Kolonialgeschäften zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins -Trockene gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und -seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen -„Geld-Magneten“ (Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei auf eine -Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit ihrer Heimkehr zum -Abendkleide trug, und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis -transkaukasischer Gattengalanterie verstanden werden durfte, sondern der -„gemeinsamen Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich -mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den -Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden, seine -Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er -verbesserte ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich -versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht, -denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehrerin -Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und ohne ihn -anzusehen befragte, wie der neue Gast ihm behage, antwortete er mit gut -bewahrtem Gleichmut. Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte -Persönlichkeit“, sagte er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die -Genauigkeit dieser Kennzeichnung bewies Objektivität und damit -Gemütsruhe; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar -Ferdinand Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten -Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt war, so bewies -hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um -kein Haar dem artikuliertesten Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte -der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß -jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal -anerkannte denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte -sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von -nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini und -Ferge Hans Castorps Paletot zu tragen. - -In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn sogar lieber -selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem Elenden dann und -wann überlassen. Das aber verkennt wohl niemand in unserer Runde, daß -Hans Castorp hart betroffen war durch jene völlig unvorhergesehenen -Umstände, die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das -Wiedersehen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich -getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und darin -lag das Beschämende. - -Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, weit entfernt -von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran, daß er Clawdia etwa vom -Bahnhof hatte abholen wollen, – und ein Glück nur, daß er diesen -Gedanken nicht hatte aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß -gewesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die -phantastischen Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen -Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie wünschen werde, -unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine Zudringlichkeit, kein -plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu der -schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer Vernunft und Gesittung -dem Wesen nach hinter sich ließ, – in der Form war vollkommenste -Zivilisation und für den Augenblick sogar der Schein der -Gedächtnislosigkeit zu wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch – -fürs erste nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer -Gelegenheit, unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden -seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner -Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben. - -All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch, daß ihm -die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit genommen war. Die -Gegenwart Mynheer Peeperkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik, -die _nicht_ in äußerster Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich -aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den -Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische -Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen auf dem -Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife heraufkommen -sehen, und zuseiten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde -gesessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen -hatte es keine Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden -Mitkömmlings zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß beide im -ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann -war das erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Platze -und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür gewartet hatte. Es war -ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn -hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß, -breit und hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den -Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt, -vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es, -unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte Hans Castorp sie -mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter -kunstreich frisiertes, sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes -Haar, es waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre -Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung der -Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der Wangen selbst bewirkte ... -Clawdia! dachte er erschauernd, – und er faßte den Unerwarteten ins -Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges Kopfaufwerfen gegen die -maskenhafte Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die -Aufforderung an sein Herz, sich lustig zu machen über die -Großmächtigkeit eines gegenwärtigen Besitzrechtes, das durch gewisse -Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt wurde: _gewisse_ -Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der -dilettantischen Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu -beunruhigen vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen -den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft -zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und Peeperkorn leistete -ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter ihr stehend die kleine -Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich danach an seinem Tischende zu -Clawdias Seite niederzulassen. - -Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch. Clawdias -Augen waren bei der „Vorstellung“ über Hans Castorps Person wie über -seinen ganzen Ort in fernere Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei -der folgenden Zusammenkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen; -und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders -begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen von -Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des Essens einmal umwandte, -desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während -der kurzen Abendgeselligkeit hielten die Reisegefährten sich in dem -kleinen Salon: Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer -Tischgenossen, und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet -gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines Kinnbartes abstach, -trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben -lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch anderthalb oder zwei, -zu schweigen von dem „Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück -begann. Offenbar war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem -Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie -sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern auch mittags -trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der Mahlzeit, sondern -während ihrer und neben dem Wein. Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen, -sei gut gegen das Fieber, – von aller labenden Wirkung ganz abgesehen, -sehr gut gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am -zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte. -Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer ungefähr -viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als ein Glühen und -dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene Milz sollte er davon -haben. - - - _Vingt et un_ - -So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis vier, von uns aus -geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil und messenden Sinn -unmöglich verlassen können. Sie glitten dahin, ohne neue Veränderung zu -zeitigen, sie zeitigten auf seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen -Trotz gegen unvorgesehene Umstände, die ihm eine verdienstlose -Zurückhaltung auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter -Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an das störende -Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen und undeutlichen Mannes, – -störend in der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini -„hier gestört“ hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben -sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen -Falten betrachtete er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin, -sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für eine -großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die -Vergangenheit auf sie warf. - -Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß einmal -geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich -reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen, -von einem ungarischen Studenten auf der Geige keck exekutiert, worauf -Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Krokowski auf eine -Viertelstunde erschienen war, irgend jemanden genötigt hatte, in der -tieferen Lage des Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen, -während er selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf -hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden -Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem Applaus, mit -wohlwollendem Kopfschütteln, das dem eigenen Übermut galt, verließ der -Hofrat danach die Konversationsräume. Die Geselligkeit aber spann sich -hin, noch wurde fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür -gefordert worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Getränken, -unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte da und dort. -Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches hatte sich unter die -Gruppen der Halle und des Klavierzimmers gemischt. Man sah Mynheer -Peeperkorn an verschiedenen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu -sehen, sein majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie -durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn -umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums mochten -angezogen worden sein, so war es doch sehr bald seine Persönlichkeit -selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd standen sie und nickten -ihm zu, ermunternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge -unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten durch die -Eindringlichkeit seiner langnägeligen Kulturgebärden und ohne über die -unverständliche Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche -Unbrauchbarkeit dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten -Enttäuschungsgefühles bewußt zu werden. - -Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp um, so finden -wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem Gesellschaftsraum, wo ihm -einst (dies Einst ist vage; Erzähler, Held und Leser sind nicht mehr -ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen -über die Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es -war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt. -Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an einem der -Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der Nase blätterte an der -Bibliothek sitzend in einem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der -Nähe des offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere -zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden -hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man ihn sehen will, -mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt -seine Zeitung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht, -sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch -durchsetzte Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen -darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, und daß -seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige Wege der Enttäuschung -durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Wartezeit auf sich -genommen, am Ende dieser Wartezeit schmählich zum Narren hielten, – -bittere Wege des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis -zu dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen -zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die nach -der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Einsamkeit der -Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen diese verpfuschte -Geselligkeit einzutauschen. - -„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem Kopf, eine -Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für sein Ohr, das nun einmal -geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung als extreme Annehmlichkeit -zu empfinden – den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel -getrieben –, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern. Aber -mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme, und -wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim gefragt. - -Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht etwas höher, -so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel an der steilen -Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen ein wenig, tat sie aber gleich -wieder auf, um sie schräg aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick -durch die Haltung seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu -richten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast etwas -Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte noch einmal fragen, -doch das geschah nicht. So war er nicht einmal sicher, ob sie noch -hinter ihm stände, als er nach geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung -und halber Stimme zur Antwort gab: - -„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“ - -Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war, das wieder -zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie aus Mangel an -Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke des Mitgefühls -wählte, als sie hinter und über ihm sagte: - -„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit wann?“ - -„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter. Es war ihm -ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei Ehrensalven über seinem Grabe -abgegeben worden.“ - -„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als andere Leute, -gewisse andere.“ - -„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem Biereifer. Aber sein -Körper wollte es anders. _Rebellio carnis_, heißt es bei den Jesuiten. -Er war immer körperlich gesinnt, auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper -hatte Unehrenhaftes eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein -Schnippchen. Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst -zu verderben, als sich zu bewahren.“ - -„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer Taugenichts. -Radamanth? Wer ist das?“ - -„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“ - -„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ... Ich liebte -ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die Stimme sprach das Wort -„mähnschlich“ aus, mit einer gewissen trägen und schwärmerischen -Dehnung.) „Er war hochmütig.“ (Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist -nicht mehr da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“ - -„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir haben weitläufig -philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta und ich.“ - -„Wer ist Naphta?“ - -„Sein Widersacher.“ - -„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft machen. – -Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr Vetter sterben würde, wenn er -versuchte, in der Ebene Soldat zu sein?“ - -„Ja, du hast es gewußt.“ - -„Was fällt Ihnen ein!“ - -Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete, den Wirbel -gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf das Wiederlautwerden -der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie noch hinter ihm sei, befürchtend, -das abgerissene Musizieren nebenan möchte das Geräusch sich entfernender -Schritte verschlungen haben. Endlich jedoch kam es wieder: - -„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters gefahren?“ - -Er antwortete: - -„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß, da er -anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine Stirne war.“ - -„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, die man kaum -kennt!“ - -„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich dehnte -auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr wie jemand, der sich -reckt und gähnt.) - -„_Quelle blague!_ – Sie waren immer hier?“ - -„Ja. Ich habe gewartet.“ - -„Worauf?“ - -„Auf dich.“ - -Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit dem Worte -„Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen haben.“ - -„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn. Aber es wäre -nur wilde Abreise gewesen. Denn außer den alten Narben von früher her, -aus meiner Schulzeit, du weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens -gefunden hat, und die mir das Fieber macht.“ - -„Immer noch Fieber?“ - -„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist kein -Wechselfieber.“ - -„_Des allusions?_“ - -Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick. Nach einer -Weile fragte er: - -„Und wo warst _du_?“ - -Eine Hand schlug auf die Stuhllehne. - -„_Mais c’est un sauvage!_ – Wo ich war? Überall. In Moskau“ (die Stimme -sagte „Muoskau“, – es war eine ähnlich träge Dehnung wie die von -„mähnschlich“), „in Baku, in deutschen Bädern, in Spanien.“ - -„O, in Spanien. Wie war es?“ - -„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren. Kastilien ist -sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das Schloß oder Kloster -dort am Fuß des Gebirges ...“ - -„Der Eskorial.“ - -„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir hat viel besser -gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana, zum Dudelsack. Ich -habe selbst mitgetanzt. Alle fassen sich an und tanzen Ringelreihn. Der -ganze Platz ist voll. _C’est charmant._ Es ist mähnschlich. Ich habe mir -eine kleine blaue Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des -Volks sie tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der -Liegekur und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“ - -„Welcher Monsieur?“ - -„Der hier im Stuhl.“ - -„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“ - -„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“ - -„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende gesprochen, daß man -ihn verstehen konnte?“ - -„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft sein, beißend. -Man versucht, sich lustig zu machen über Leute, die viel größer und -besser und mähnschlicher sind als man selber mitsamt seinem ... _avec -son ami bavard de la Méditerranée, son maître grand parleur_ ... Aber -ich werde nicht erlauben, daß man meine Freunde –“ - -„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die Stimme in -schwermütigem Tonfall. - -Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“ - -„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine Staffelei auf -meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“ - -Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte sich nach -seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere war er -hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit dem er sie -hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, und zwar dicht vor -Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch seinen Somnambulismus nicht an -der Einsicht gehindert, daß es nun aufzustehen und höflich zu sein -gelte, Mühe hatte, zwischen den beiden von seinem Stuhle emporzukommen, -– er mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die -handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in ihrer Mitte. - -Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten Abendlandes, indem -sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein Bekannter von früher her, -sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, – aus Tagen ihres vorigen -Aufenthalts. Herrn Peeperkorns Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie -nannte seinen Namen, und der Holländer, den blassen Blick unter dem -idolhaften Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und -Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die Hand, -deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, dachte -Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen beiseite ließ. Zum erstenmal -stand er unter der unmittelbaren Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger -Persönlichkeit („Persönlichkeit“ – man hatte das Wort beständig im Sinne -angesichts seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine -Persönlichkeit, wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, daß -eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen könne als er), und -seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich erdrückt von dem Gewicht -dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, weißumlohten Sechzig, mit dem -weh zerrissenen Munde und Kinnbart, der lang und schmal auf die -geistlich geschlossene Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die -Artigkeit selbst. - -„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie mir, – durchaus! -Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, – die Bekanntschaft eines -vertrauenerweckenden jungen Mannes, – ich tue es mit Bewußtsein, mein -Herr, ich bin mit ganzer Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein -Herr; ich – bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“ - -Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren allzu -peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn zog Folgerungen -daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, und die durch den Mund -seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße Ergänzung fanden. - -„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – ich bitte mich -wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser Vermögen, seinen -Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun einmal – Das sind Tatsachen, -mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. Kurzum, mein Kind, kurzum und -gut. –“ Er verharrte in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die -Verantwortung ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises -ein entscheidender Fehler begangen werden sollte. - -Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner Wünsche aufs halbe -Wort zu unterscheiden. Sie sagte: - -„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, vielleicht ein -Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. Was stehen Sie?“ wandte -sie sich an Hans Castorp. „Regen Sie sich! Wir werden nicht zu dreien -bleiben, wir müssen Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon? -Engagieren Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den -Balkons. Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“ - -Peeperkorn rieb sich die Hände. - -„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger Freund! -Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir werden spielen und -essen und trinken. Wir werden fühlen, daß wir – Absolut, junger Mann!“ - -Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er klopfte bei A. -K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal und Herrn Albin aus ihren -Stühlen in der unteren Liegehalle holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant -und das Ehepaar Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld -noch im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein geräumiger -Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen und kleinen -Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden Gast, der sich zugesellte, -blassen und höflichen Blickes, unter aufmerksam emporgezogenen -Stirnarabesken. Zu zwölf Personen ließ man sich nieder, Hans Castorp -zwischen dem majestätischen Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und -Spielmarken wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige Gänge -_Vingt et un_ geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner bedeutsamen -Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen weißen Chablis vom Jahre -06, drei Flaschen fürs erste, und Süßigkeiten dazu, was eben an -gedörrtem Südobst und Konfiserie würde aufzutreiben sein. Das -Händereiben, mit dem er die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen -wurden, war voll von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art -abrissen, suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen -in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung in Frage kam. -Er legte beide Hände auf die Unterarme seiner Nachbarn, hob den -lanzenspitzen Zeigefinger und forderte mit umfassendem Erfolge die -höchste Aufmerksamkeit für die herrliche Goldfarbe des Weins in den -Römern, für den Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine -gewisse Art kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem -er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa hätte -regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im Keime erstickte. -Er war es, der als erster die Bank übernahm; doch trat er sie bald an -Herrn Albin ab, da, wenn man ihn recht verstand, das Amt ihn am freien -Genusse der Umstände hinderte. - -Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte um nichts, seiner -Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als kleinsten Einsatz ausgerufen nach -seinem Vorschlage, doch war das sehr viel für die Mehrzahl der -Beteiligten; Staatsanwalt Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden -abwechselnd rot und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren -Kämpfen, wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen -sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter Routine eine -Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und über zuschanden machte, und -Peeperkorn lachte herzlich darüber. - -„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es klingt schrill und -lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken Sie, laben Sie Ihr Herz zu -neuen –“ Und er schenkte ihr ein, schenkte auch seinen Nachbarn und sich -selber ein, bestellte drei neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der -innerlich verödeten Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am -bedürftigsten schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und höher -von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme desjenigen Doktor -Ting-Fus, das unveränderlich gelb blieb, mit jettschwarzen -Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem Kichern sehr hohe -Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem Glück. Andere wollten nicht -zurückstehen. Staatsanwalt Paravant forderte schwimmenden Blickes das -Schicksal heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig -hoffnungsvolle Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und -gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen auf ein As, das -er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen, verdoppelt zurück. -Das waren Erschütterungen, die sich nicht auf die Person dessen -beschränkten, der sie sich bereitete. Der Kreis nahm teil daran, und -selbst Herr Albin, der an kalter Umsicht mit den Croupiers des Kasinos -von Monte Carlo wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war -seiner Erregung nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte hoch; -ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu den „Touren“ über, -spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante, deine Tante“ und das gefährliche -„Différence“. Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und -hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische -Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und -ernst, – nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des -Lebens selbst. - -Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das Spiel und -der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises, diese Erhitzung -der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden Augen oder das zeitigten, -was man die Angestrengtheit der kleinen Gesellschaft, ihr -In-Atem-gehalten-sein, ihre fast schmerzhafte Konzentration auf den -Augenblick hätte nennen können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung -einer Herrschernatur unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“ -unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen, der die -Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und alle durch das -Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen Blick unter dem -monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch sein Wort und die -Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den Bann der Stunde zwang. Was -sagte er? Höchst Undeutliches, und desto Undeutlicheres, je mehr er -trank. Aber man hing an seinen Lippen, starrte lächelnd und mit -emporgerissenen Brauen nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit -seinem Daumen bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz -aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend arbeitete, -und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst anhalten, der weit -das Maß von hingebender Leidenschaft überstieg, das diese Leute sich -sonst zuzumuten gewöhnt waren. Er ging über die Kräfte einzelner, dieser -Dienst. Frau Magnus wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht -hinzuschwinden, weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen, sondern -begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue, woselbst man ihre -Stirn mit einer nassen Serviette versah, und von wo sie nach einiger -Erholung in den Kreis zurückkehrte. - -Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr -zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit erhobenem -Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man müsse essen, -ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, so gab -er zu verstehen, und bestellte Stärkung für die Runde, eine Kollation, -Fleisch, Aufschnitt, Zunge, Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, – -Platten voll fetter Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und -Petersilie garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie, -eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen Gediegenheit -kein Wort verloren zu werden braucht, frohen Zuspruch fanden, erklärte -Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen Bissen für „Firlefanz“ – und zwar -mit einem Zorn, der die beängstigende Unberechenbarkeit seiner -Herrschernatur bekundete. Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in -Schutz zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er schlug -mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten Quark -erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, da er am Ende als -Spender und Wirt das Recht hatte, seine Gaben zu beurteilen. - -Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, ihm -vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich bekennen -mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn nicht, wirkte in -seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen Weinmengen in Beziehung -zu setzen niemand in seinem Herzen sich unterstand, so groß und -königlich, daß alle sich duckten und jedermann sich hütete, von den -Fleischwaren noch einen Bissen zu nehmen. Frau Chauchat war es, die -ihren Reisegefährten beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach -dem Schlag auf dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd, -man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht, wenn er -wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen sein werde. „Mein -Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und mühelos, in voller Würde fand er den -Übergang von schwerem Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er -Clawdias Hand küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für -jedermann eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen -gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung einen -Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal zum Unterbrechen des -Feierabends zu bestimmen. - -Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende -Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und grün gesprenkelt, -einen weichlich warmen Duft von Eiern und Butter im Zimmer verbreitend. -Man griff zu, gemeinsam mit Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm, -der mit abgerissenen Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann zu -aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe anhielt. Er -ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle Runde, und zwang -alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft nach Getreide mit einem -zarten Einschlag von Wacholder entströmte, mit gespannter Andacht zu -sich zu nehmen. - -Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den Mundstückzigaretten -zu, die sie in einer russischen, mit einer dahinsausenden Troika -geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit vor sich auf den Tisch -gelegt hatte, und Peeperkorn tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich -diesem Vergnügen überließen, rauchte aber selbst nicht, tat es niemals. -Verstand man ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum -bereits den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen Raub -an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute, jener Gaben und -Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer Gefühlskraft doch kaum -gelinge. „Junger Mann,“ sagte er zu Hans Castorp, indem er ihn mit -seinem blassen Blick und seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, – -das Einfache! Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche Wein, -ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen und genießen -wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir ihm wahrhaft Genüge, -bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt. Ich habe Personen gekannt, -Männer und Frauen, Kokainesser, Haschischraucher, Morphinisten – Gut, -lieber Freund! Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und -richten. Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, dem -Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles – Erledigt, mein -Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren ihm alles schuldig geblieben! -Wie Sie auch heißen mögen, junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt, -ich habe es wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht -im Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die nicht -vergeben werden kann, sie beruht –“ - -Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, verharrte er in -mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu verstehen zwang, den -Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig zerrissenem Munde unter der -nackten und roten, von der Rasur etwas wunden Oberlippe, angestrengt -emporgezogen das lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten -Stirn, erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp etwas -wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen Versündigung, -dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt hatte, und das in -seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit der ganzen bannenden Kraft -einer undeutlichen Herrschernatur schweigend befahl ... Entsetzen, -dachte Hans Castorp, von sachlicher Art, aber auch etwas wie -persönliches Entsetzen, ihn selbst, den königlichen Mann, betreffend, – -_Angst_ also, aber nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie -panischer Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf, -und Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, aller -Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits gegen -Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden waren, diese -Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen. - -Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die -Genugtuung des Verständnisses zu bereiten. - -„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von -Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und -natürlichen Gaben des Lebens, die so groß und heilig sind, gerecht -geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe, -Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen -ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf -hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß diesen gesunden -und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit widerfährt. -Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff und unaufmerksam und -gewissenlos und innerlich ausgeleiert, um sie ihnen widerfahren zu -lassen, so wird es wohl sein.“ - -Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte er, „– perfekt. -Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bitte Sie, mit mir zu -trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies -soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich -war eben im Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein -wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in -sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen -und darauf bestehen, daß wir sofort –“ - -Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn selbst angeregten -Aufschub. - -„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und -schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen! -Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –“ - -Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken -war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit nicht gering und beschämend, -nicht als Entwürdigungszustand, sondern verband sich mit der Majestät -seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung. -Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf -seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, und -im höchsten Grade kam es darauf an, _wer_ betrunken war, eine -Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, im -Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen, -dessen Kulturgebärden schlaff geworden waren und dessen Zunge lallte. - -„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und -stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte -ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, „– -in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, wenn auch Besonnenheit -zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein -Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten -und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit -schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen, -das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste -Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor -ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen -Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist -die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine -Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist, – -er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind -gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte -Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang -...“ - -Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper mehr und mehr -zurückgeworfen, während zugleich sein königliches Haupt sich zur Brust -neigte, als wollte er einschlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er -die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen, -so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von -der Eigentümlichkeit aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig -erschrocken auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie das Wort -ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals -aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das -war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er -kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte _das -Format_ dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte -sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und -scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort -seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische -Größe gewann. „Mein Gott – eine Persönlichkeit!“ empfand er zum -hundertstenmal. „Ich bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist -Clawdias Reisebegleiter!“ Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er -sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der -Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er -im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von -berufener Seite Donnerworte gesprochen worden? Was sollte da noch seine -spröde Stimme? Aber an Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen -Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich -sträubte, es zu sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen -Kommentare verleiten. Er sagte: - -„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das für ein Ausdruck: -Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ über den Weltuntergang?), „führen -meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster -ausgemacht wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und, -wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen -Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten -der späten und ausgepichten, der Raffinements, denen man ‚frönt‘, wie -einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen -‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. Aber hier scheint mir nun eben auch die -Entschuldigung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte -Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich -fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar -gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es nannten, beruht. -Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates -gesagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine, -der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht unempfindlich für diese -Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit -widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen -Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des -Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor -aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch- und -Erhebungsmittel darstellen, _stimulantia_, wie man sagt, Stützen und -Steigerungen der Gefühlskräfte, weshalb denn also doch das Leben ihr -Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der -Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ...“ - -Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit genug, -„einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und -um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten, -die gewisse gegenwärtige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten? -Stach ihn der Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus -unverschämte Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte er -sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er -Fürchterliches heraufbeschworen. - -Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes in seiner -zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem Kopfe verharrt, so -daß man hätte zweifeln können, ob Hans Castorps Worte in sein Bewußtsein -drangen. Jetzt aber, allmählich, während der junge Mann sich verwirrte, -begann er, sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller -Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot anschwoll, seine -Stirnarabesken sich hoben und spannten und seine kleinen Augen sich zu -blasser Drohung erweiterten. Was bereitete sich vor? Ein Koller, gegen -den der vorangegangene nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im -Anzuge. Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen die -obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben -wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in -Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend -zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwätzer, der, in -Schrecken gejagt und doch auch abenteuerlich erfreut durch das Bild -ausdrucksvoll königlichen Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe -hatte, Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig -zuvorkommend: - -„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das Ganze ist eine -Frage des Formats, nichts weiter. Man kann nicht Laster nennen, was -Format hat. Das Laster hat niemals Format. Die Raffinements haben -keines. Aber dem menschlichen Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten -her ein Hilfsmittel, ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand -gegeben, das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den -Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften trägt, -ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen darf, der Wein also, ein -göttliches Geschenk an die Menschen, wie schon die alten humanistischen -Völker behaupteten, die philanthropische Erfindung eines Gottes, mit der -sogar die Zivilisation zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn -wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und zu keltern, -die Menschen aus dem Stande der Roheit traten und Gesittung erlangten, -und noch heute gelten die Völker, bei denen Wein wächst, für gesitteter, -oder halten sich dafür, als die weinlosen, die Kimerer, was sicher -bemerkenswert ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des -Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr mit -der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem gelabten Gefühl, – ist -das nicht, wenn ich so frei sein darf, Ihnen die Frage vorzulegen, auch -Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“ - -Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini es mit -schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein „Schalk“. -Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten – und -geschickt dann auch wieder, wenn es galt, sich aus der Patsche zu -ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster Lage und aus dem Stegreif, -eine Ehrenrettung des Trunkes mit vielem Anstand vollzogen, hatte -ferner, ganz nebenbei, die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in -Mynheer Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig zu spüren -war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend gemacht, indem er -dem großartig darin Befangenen eine Frage vorgelegt hatte, die man mit -erhobener Faust unmöglich beantworten konnte. Der Holländer ließ denn -auch nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte sein -Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein Glück!“ stand in -seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich drohenden Miene zu -lesen, das Gewitter verzog sich, und überdies mischte nun Frau Chauchat -sich ein, indem sie ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall -der Geselligkeit hinwies. - -„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie auf -französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem Herrn, mit dem -Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen haben. Aber unterdessen hat -das Spiel fast aufgehört, und ich fürchte, man langweilt sich. Wollen -wir den Abend beschließen?“ - -Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war richtig: -Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich gegriffen; die -Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte Schulklasse. Mehrere -waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff sofort die schleifenden Zügel. -„Meine Herrschaften!“ rief er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser -lanzenspitze Finger war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne, -sein Ruf aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers, -der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch war der Einsatz -seiner Persönlichkeit sofort von weckender und sammelnder Wirkung. Man -raffte sich auf, straffte die schlaff gewordenen Mienen und nickte -lächelnd in des mächtigen Wirtes blasse Augen unter der idolhaften -Lineatur seiner Stirn. Er bannte alle und hielt sie aufs neue zum -Dienste an, indem er die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens -senkte und die anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete -die Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen weh -zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende Undeutlichkeit dank -ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste Macht über die Gemüter übte. - -„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften, es ist nun -einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir – ‚schwach‘, so steht es in -der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt, sich den Anforderungen – Aber -ich appelliere an Ihre – Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich -_ap–pel–liere_. Sie werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine -Herrschaften, perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich -veneriere seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den – -wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben vom -ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten, meine -Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich erinnern: Gethsemane! -‚Und nahm zu sich Petrum und die zween Söhne Zebedei. Und sprach zu -ihnen: Bleibet hie und wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu -ihnen und fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht -eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften. -Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber schlafend, und -ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu ihnen: Ach, wollt Ihr nun -schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften: -Durchbohrend, herzversehrend.“ - -Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt. Er -hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen Kinnbart gefaltet und -das Haupt schräg geneigt. Sein blasser Blick hatte sich gebrochen bei -dem, was an einsamem Todesschmerz von seinen zerrissenen Lippen -gekommen. Frau Stöhr schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer -aus. Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise, -gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte mit gesenkter -Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten, um ihn der allgemeinen -Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse ein Irrtum vorliegen. Man sei -frisch und munter, flott, fidel und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es -sei ein so schöner, festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, – -alle verständen und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran, -von dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer Peeperkorn -könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen von ihnen. - -„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf. Seine -Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts, ausgebreitet, -aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu heidnischem Gebet. Seine -großartige Physiognomie, eben noch von gotischem Schmerz beseelt, -erblühte üppig und heiter; sogar ein sybaritisches Grübchen zeigte sich -auf einmal in seiner Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die -Karte geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an der -Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen Mumm & Co., -_Cordon rouge, très sec_; dazu _petits fours_, köstliche, kegelförmige -kleine Schlemmerbissen, mit farbigem Zuckerguß überkleidet, von -zartestem Biskuitcharakter, im Innern benetzt von Schokolade- und -Pistaziencreme, und auf Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande -angeboten. Frau Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr -Albin löste mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von -Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole dem -geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren, worauf er die -Flasche nach elegantem Herkommen zum Einschenken in eine Serviette -hüllte. Der edle Schaum befeuchtete das Linnen der Anrichtetischchen. -Man ließ die Flachkelche klingen und leerte das erste Glas auf einen -Zug, elektrisierte sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel. -Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß man sich -bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische zu räumen. Die -Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, indem sie ein -zusammenhangloses Geschwätz tauschte, dessen Elemente bei jedem -einzelnen aus erhöhtem Gefühle stammten und in irgendeinem Urzustande -das Schönste versprochen hatten, aus denen aber auf dem Wege zur -Mitteilung ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils -unverständlicher Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham jedes -nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten ohne -Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen verantwortungslosen -Zustand wiegten. Frau Magnus selbst hatte rote Ohren bekommen und -gestand, sie fühle, wie Leben sie durchrinne, was aber Herrn Magnus -nicht lieb zu sein schien. Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der -Schulter Herrn Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken -vorhielt. Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden -leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen nach dem -Champagner, _Mocca double_, der wiederum von „Brot“ begleitet war und -von süßen Scharfheiten, Apricots Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille -und Maraschino für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und -Bier dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee für -solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu bleiben oder zu -einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie Mynheer selbst, der sich nach -Mitternacht zusammen mit Frau Chauchat und Hans Castorp zu einem -Schweizer Roten von naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem -er mit wirklichem Durst einen Glasbecher nach dem anderen -hinunterschüttete. - -Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten teils durch -bleierne Rauscheslähmung, teils durch das eigentümliche Vergnügen, -sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, teils durch die -Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und durch das abschreckende Beispiel -Petri und der Seinen, an deren Fleischesschwäche niemand teilhaben -wollte. Allgemein gesprochen, schien der weibliche Teil weniger -gefährdet in dieser Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl, -die Beine von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur -noch mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter -Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich tätiger. -Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte gestemmt, die -Wangen in den Händen, wies lachend dem kichernden Ting-Fu den Schmelz -ihrer Vorderzähne, indes Frau Stöhr, mit angezogenem Kinn über die -vorgebogene Schulter kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln -suchte. Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn Albins -Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen zog, was aber -Herr Magnus eher als Erleichterung zu empfinden schien. Anton -Karlowitsch Ferge ward aufgefordert, die Geschichte seines Pleura-Choks -zum besten zu geben, kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit -und erklärte ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken -einstimmig ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend bitterlich, aus -irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen Einblick zu -eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande war, wurde aber mit Kaffee -und Kognak seelisch wieder auf die Beine gebracht und erregte übrigens -durch das Gewimmer seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das -von Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit -erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine -Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch nahm. - -„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben Sie mir: -Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm meine Serviette! Oder -besser noch, nein, unterlaß es! Er selber verzichtet darauf. Meine -Herrschaften, – heilig! Heilig in jederlei Sinn, im christlichen wie im -heidnischen! Ein Urphänomen! Ein Phänomen vom ersten – vom obersten – -Nein, nein, das ist – –“ - -Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt die -leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er unter genauen, -wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen Kulturgebärden seine -Veranstaltung begleitete. Er hatte eine Art, den Ring, den sein -gekrümmter Zeigefinger mit dem Daumen bildete, über das Ohr -emporzuhalten und das Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die -Gefühle erweckte, wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie -erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher Grazie vor -dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert in seiner -Großartigkeit, den Arm um die benachbarte Stuhllehne geschlungen, zwang -er alle zu ihrer Bestürzung, sich mit ihm in die lebendige und -durchdringende Vorstellung des Morgens zu vertiefen, eines frostigen, -dunklen Wintermorgens, wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe -sich durch die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das -draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ... -Andeutungsweise wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so stark zu -machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch noch des eiskalten -Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher Frühe aus einem großen -Schwamme über den Nacken drücke, und das er heilig nannte. Das war nur -eine Abschweifung, eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der -Lebensaufmerksamkeit, ein phantastisches Impromptu, das er fallen ließ, -um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart alsbald der -festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden. Er zeigte sich verliebt -in all und jede erreichbare Weiblichkeit, wahllos und ohne Ansehen der -Person. Er machte der Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte -Wesen sein übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte, -sagte der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau ihre -Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen -Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß auf seinen -großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit der trostlosen Frau -Magnus – dies alles unbeschadet seiner zärtlichen Ergebenheit gegen -seine Reisebegleiterin, deren Hand er oft mit galanter Andacht an die -Lippen führte. „Der Wein –“ sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist -nun doch – Erlauben Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“ - -Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat Behrens also -– nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen. Panik wütete in -demselben Augenblick unter der entnervten Gästeschaft. Stühle und -Eiskübel stürzten. Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von -königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines -Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den -Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ sich aber dann -durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu einem gewissen Grade mit dem -Gedanken versöhnen, daß dies Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert -hatte, ohnehin einmal sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der -Mahnung an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte ein, -sich zu Bette geleiten zu lassen. - -„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger Mann!“ sagte -er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So waren sie seinem schweren -Körper beim Aufkommen vom Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar, -und eingehängt in beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine -seiner hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den -anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes zur Seite -drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde war es wohl ein königlicher -Luxus, den er sich leistete, indem er sich dieser Art lotsen und stützen -ließ. Wahrscheinlich hätte er, wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch -allein gehen können, – er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja -nur den kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen -Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar nicht -nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil groß und üppig -darin gefiel und sich einen königlichen Spaß daraus machte, seine -dienenden Führer schwankend nach rechts und links zu stoßen. Er selbst -äußerte unterwegs: - -„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn diesen -Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“ - -„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden Zweifel! Man -gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem man sich freimütig -schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen im Ernst ... Ich habe doch auch -mein Teil, aber trotz aller sogenannten Betrunkenheit bin ich mir klar -bewußt, daß ich die besondere Ehre habe, eine ausgesprochene -Persönlichkeit zu Bett zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über -mich, der ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in -Vergleich komme –“ - -„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn wankend gegen -das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat mit sich zog. - -Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein leerer -Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin ihn abgegeben, -um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen Umständen blieb Peeperkorn -stehen und wollte umkehren, um weiter zu trinken; aber von beiden Seiten -wurde ihm in besserem Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in -Bewegung setzen. - -Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer Krawatte und mit -schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete seinen Gebieter auf dem -Korridor, vor der Tür des Appartements, und nahm ihn mit einer -Verneigung in Empfang, zu der er eine Hand auf die Brust legte. - -„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau zum Schluß auf -die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans Castorp. „Sie wird nichts -dagegen haben und es erwidern. Tut es auf mein Wohl und mit meiner -Erlaubnis!“ sagte er; aber Hans Castorp weigerte sich dessen. - -„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das geht nicht.“ - -Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken hoch und -verlangte zu wissen, warum das nicht gehe. - -„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen kann“, -sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! Nein, das wäre, -von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“ - -Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, so ließ -Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er ihm freilich noch eine -Weile über die eigene Schulter und die des Malaien mit angezogenem -Faltenwerk nachblickte, erstaunt über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine -Herrschernatur nicht zu stoßen gewohnt sein mochte. - - - Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren) - -Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses ganzen Winters – -soviel davon noch übrig war – und bis ins Frühjahr hinein, so daß es -zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen gemeinsamen Ausflug (auch -Settembrini und Naphta waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen -Wasserfall kam ... Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger? -– Nein, länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein? -Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen. Auch -Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder ehrenhaften Tänzern -des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche Peeperkorn wurde also vom -malignen Tropenfieber dahingerafft? – Nein, das wurde er nicht, aber -wozu die Ungeduld? Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als -Bedingung des Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch -wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis nicht -auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel Ehre, wie das -Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt! Viel ist es ohnehin nicht -mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter! oder, wenn das zu -lärmend gesagt ist, es geht husch, husch! Ein Weiserchen mißt unsere -Zeit, das trippelt, als ob es Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott -weiß, was, zu bedeuten hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch -seinen Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier -oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und Haschisch, -der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch stellen wir der -schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit und logische -Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das möge anerkannt werden, haben wir -uns Köpfe wie die Herren Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt, -statt uns etwa gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und -das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht und -namentlich im Punkte des _Formats_ zugunsten dieser späten Erscheinung -ausschlagen muß, wie er es denn auch in Hans Castorps Gedanken tat, wenn -er in seiner Loge lag und sich gestand, daß die beiden überartikulierten -Erzieher, die seine arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter -Peeperkorn geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen, -wie jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte, -nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß, daß die -hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten Persönlichkeit -noch in Berührung brachte. - -Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter und also -als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein Punkt für sich, durch -den sich Hans Castorp in seinen Wertungen nicht beirren ließ. Er ließ -sich, wiederholen wir, nicht beirren in seiner aufrichtig -achtungsvollen, wenn auch zuweilen etwas kecken Teilnahme für einen Mann -von Format, – nur weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau, -von der Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift -geliehen. Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit -rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß nehmen wird an -solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber sehen würde, wenn er -Peeperkorn gehaßt und gemieden und innerlich von ihm nur als von einem -alten Esel und kaudernden Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu -besuchen, wenn er vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu -sitzen, mit ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf _seine_ -Beiträge zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen -Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden das Wesen der -Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber tat er, und wir -erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß jemand sich dadurch an -Ferdinand Wehsal erinnert finden könnte, der Hans Castorps Paletot -getragen hatte. Diese Erinnerung hat nichts zu sagen. Unser Held war -kein Wehsal. Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein -„Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen nicht durch -die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu, ihn weder besser noch -schlechter zu machen, als er war, stellen wir fest, daß er es einfach -ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich, sondern ganz naiverweise es -ablehnte, sich durch romanhafte Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das -eigene Geschlecht bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche -Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen mißfallen – wir -glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich Ärgernis daran nahm; -eine oder die andere spitze Bemerkung, die sie sich entschlüpfen ließ, -und die wir noch einrücken werden, ließ darauf schließen –, aber -vielleicht war es diese Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen -Streitobjekt der Pädagogik machte. - -Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage nach jenem -ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen. Fast alle -Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten Geselligkeit waren übel -daran, Hans Castorp nicht ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte, -sich aber durch diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von -gestern einen Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem -Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an -Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen. - -Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch einen Salon, -der es von demjenigen Frau Chauchats trennte, und fand es vor dem -Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer ausgezeichnet durch -Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung. Es gab da seidene Fauteuils -und Tische mit geschweiften Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den -Boden, und auch die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher -hygienischer Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem -Kirschholz mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen -Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur ein kleiner, schirmend -vereinigender Baldachin. - -Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher, Briefe und -Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las durch seinen -hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“. Kaffeegeschirr stand auf einem -Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte Rotweinflasche – es war der naiv -Spritzige von gestern Abend – neben Medizingläsern auf dem -Nachttischchen. Der Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem -Befremden kein weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das -an den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund -ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen Brust -des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche Großartigkeit seines -Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben, dem Bürgerlichen -entrückt durch diese Tracht, die seiner Erscheinung ein teils -volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges Gepräge -verlieh. - -„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker am hohen -Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte sehr, – keineswegs. Im -Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte sich zu ihm und verbarg seine -teilnehmende Verwunderung – wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das -Gefühl war, zu dem seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich -aufgewecktem Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten -und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut aus, -gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen hatte er einen starken -Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen sich nun mit den Nachwehen -des Rausches verbanden. - -„Wir haben es gestern arg –“, sagte er. „Nein, erlauben Sie, – schlimm -und arg! Sie sind noch – gut, da hat es nichts weiter – Allein in meinen -Jahren und bei meiner gefährdeten – Mein Kind“, wandte er sich mit -zarter, aber entschiedener Strenge an die eben vom Salon her eintretende -Frau Chauchat, „– alles gut, aber ich wiederhole Ihnen, daß besser hätte -achtgegeben, daß man mich hätte hindern müssen –.“ Fast etwas wie -aufziehender Königskoller war in seinen Mienen und seiner Stimme bei -diesen Worten. Aber man brauchte sich ja nur vorzustellen, was für ein -Wetter erst ausgebrochen wäre, wenn man ihn ernstlich im Trinken hätte -stören wollen, um die ganze Unbilligkeit und Unvernunft seines Vorwurfs -zu ermessen. Dergleichen gehört wohl zur Größe. Seine Reisebegleiterin -ging denn auch drüber hin, indem sie Hans Castorp, der sich erhoben -hatte, begrüßte, – übrigens ohne ihm die Hand zu reichen, sondern nur -mit Lächeln und Winken und der Aufforderung, „doch nur ja“ Platz zu -behalten, sich „doch nur ja nicht“ in seinem _tête à tête_ mit Mynheer -Peeperkorn stören zu lassen ... Sie machte sich dies und jenes im Zimmer -zu schaffen, wies den Kammerdiener an, das Kaffeegeschirr fortzuräumen, -verschwand auf eine Weile und kehrte auf leisen Sohlen wieder, um im -Stehen sich ein wenig an dem Gespräch zu beteiligen, oder – wenn wir -Hans Castorps unbestimmten Eindruck wiedergeben sollen – um es ein wenig -zu überwachen. Natürlich! Sie konnte in Verbindung mit einer -Persönlichkeit großen Formats wieder nach Haus Berghof zurückkehren; -aber wenn derjenige, der hier so lange auf sie gewartet hatte, dann der -Persönlichkeit die schuldige Reverenz erwies, von Mann zu Mann, so legte -sie Unruhe und selbst Spitzigkeit an den Tag, mit ihrem „doch nur ja“ -und „nur ja nicht“. Hans Castorp lächelte darüber, indem er sich über -seine Knie beugte, um das Lächeln zu verbergen, und erglühte -gleichzeitig innerlich vor Freude. - -Er bekam ein Glas Wein eingeschenkt von Peeperkorn, aus der Flasche vom -Nachttisch. Unter Umständen, wie den heutigen, meinte der Holländer, sei -es das beste, da wieder anzuschließen, wo man nachts zuvor aufgehört -habe, und dieser Spritzige tue ja dieselben Dienste wie Sodawasser. Er -stieß mit Hans Castorp an, und dieser sah trinkend zu, wie die -sommersprossig-nagelspitze Kapitänshand dort drüben, von dem Knopfbunde -des wollenen Hemdes am Gelenke umspannt, das Glas emporführte, wie die -breiten, zerrissenen Lippen seinen Rand erfaßten und der Wein durch die -auf- und niedersteigende Arbeiter- oder Büstengurgel trieb. Sie sprachen -dann noch über das Medikament auf dem Nachttisch, diesen braunen Saft, -von dem Peeperkorn auf Frau Chauchats Mahnung und aus ihrer Hand einen -Löffel voll einnahm, – es war ein Antipyretikum, Chinin im wesentlichen; -Peeperkorn gab seinem Gast ein wenig davon zu probieren, um ihn den -charaktervollen, bitter-würzigen Geschmack des Präparats erfahren zu -lassen, und äußerte dann mehreres zum Lobe des Chinins, das segensreich -nicht nur durch seine keimzerstörende Wirkung und seinen heilsamen -Einfluß auf das Wärmezentrum sei, sondern auch als Tonikum gewürdigt -werden müsse: es vermindere den Eiweißumsatz, fördere den -Ernährungszustand, kurz, sei ein echter Labetrank, ein herrliches -Stärkungs-, Erweckungs- und Belebungsmittel, – ein Rauschmittel übrigens -ebenfalls; man könne sich leicht einen kleinen Spitz oder Zopf daran -trinken, sagte er, indem er wie gestern mit Fingern und Kopf großartig -scherzte und wieder dem tanzenden Heidenpriester dabei glich. - -Ja, ein herrlicher Körper, die Fieberrinde! – es waren übrigens noch -keine dreihundert Jahre, daß die Pharmakologie unseres Erdteils Kunde -davon gewonnen, und noch kein Jahrhundert, daß die Chemie das Alkaloid, -worauf seine Tugenden eigentlich beruhten, das Chinin also, entdeckt -hatte – entdeckt und bis zu einem gewissen Grade analysiert; denn daß -sie aus seiner Konstitution bis jetzt so recht klug geworden wäre oder -imstande sei, es künstlich herzustellen, konnte die Chemie nicht -behaupten. Unsere Arzneimittelkunde tat überall gut, sich ihres Wissens -nicht lästerlich zu überheben, denn wie mit dem Chinin erging es ihr mit -so manchem: Sie wußte dies und das von der Dynamik, den Wirkungen der -Stoffe, allein die Frage, worauf denn diese Wirkungen genau genommen -zurückzuführen seien, setzte sie oft genug in Verlegenheit. Der junge -Mann mochte sich doch in der Giftkunde umsehen, – über die elementaren -Eigenschaften, die die Wirkungen der sogenannten Giftstoffe bedingten, -würde niemand ihm Auskunft geben. Da waren zum Exempel die -Schlangengifte, – über welche nicht mehr bekannt war, als daß diese -tierischen Stoffe einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten, -aus verschiedenen Eiweißkörpern bestünden, die aber nur in dieser -bestimmten – nämlich durchaus unbestimmten – Zusammensetzung ihre -fulminanten Wirkungen taten: in den Blutkreislauf gebracht, Effekte -zeitigten, über die man sich nur verwundern konnte, da man Eiweiß auf -Gift nicht zu reimen gewohnt war. Aber mit der Welt der Stoffe, sagte -Peeperkorn, indem er neben seinem blaßäugig vom Kissen aufgerichteten -Haupt mit den Stirnarabesken den Exaktheitsring und die Lanzen seiner -Finger emporhielt, – mit den Stoffen stehe es so, daß alle Leben und Tod -auf einmal bärgen: alle seien Ptisanen und Gifte zugleich, -Heilmittelkunde und Toxikologie seien ein und dasselbe, an Giften genese -man, und was für des Lebens Träger gelte, töte unter Umständen mit einem -einzigen Krampfschlage in Sekundenfrist. - -Er sprach sehr eindringlich und ungewöhnlich zusammenhängend von den -Ptisanen und Giften, und Hans Castorp hörte ihm mit schrägem Kopfe -nickend zu, beschäftigt weniger mit dem Inhalt seiner Reden, der ihm am -Herzen zu liegen schien, als mit dem stillen Erkunden seiner -Persönlichkeitswirkung, die letzten Endes ebenso unerklärlich war wie -die Wirkung der Schlangengifte. Dynamik, sagte Peeperkorn, sei alles in -der Welt der Stoffe, – das Weitere sei völlig bedingt. Auch das Chinin -sei ein Heilgift, kraftvoll in erster Linie. Vier Gramm davon machten -taub, schwindelig, kurzatmig, brächten Sehstörungen hervor wie Atropin, -berauschten wie Alkohol, und die Arbeiter in Chininfabriken hätten -entzündete Augen und geschwollene Lippen, litten an Hautausschlägen. Und -er fing an, von der Cinchona, dem Chinabaum, zu erzählen, von den -Urwäldern der Kordilleren, wo er in dreitausend Meter Höhe seine Heimat -habe, und von wo seine Rinde als „Jesuitenpulver“ so spät nach Spanien -gekommen sei, – den Eingeborenen Südamerikas in ihren Kräften seit -langem bekannt; er schilderte die gewaltigen Cinchonaplantagen der -niederländischen Regierung auf Java, von wo alljährlich viele Millionen -Pfund der rötlich zimtähnlichen Rindenröhren nach Amsterdam und London -verschifft würden ... Die Rinden überhaupt, das Rindengewebe der -Holzgewächse, von der Epidermis bis zum Cambium, – sie hätten es in -sich, sagte Peeperkorn, fast immer besäßen sie außerordentliche -dynamische Tugenden, im Guten wie im Bösen, – die Drogenkunde der -farbigen Völker sei der unsrigen da weit überlegen. Auf einigen Inseln -östlich von Neuguinea bereiteten sich die jungen Leute einen -Liebeszauber, indem sie die Rinde eines bestimmten Baumes, der -wahrscheinlich ein Giftbaum sei, wie der _Antiaris toxicaria_ von Java, -der gleich dem Manzanillabaum durch seine Ausdünstung die Luft rings um -sich her vergiften und Mensch und Tier zu Tode betäuben solle, – indem -sie also die Rinde dieses Baumes zu Pulver zerrieben, das Pulver mit -Kokosnußschnitzeln vermischten, die Mischung in ein Blatt rollten und -brieten. Sie spritzten dann den Saft des Gemengsels der Spröden, der es -gelte, im Schlaf ins Gesicht, und sie entbrenne für den, der gespritzt -habe. Zuweilen sei es die Wurzelrinde, die es in sich habe, wie -diejenige einer Schlingpflanze des Malaiischen Archipels, Strychnos -Tieuté genannt, aus der die Eingeborenen unter Beigabe von Schlangengift -das Upas-Radscha bereiteten, eine Droge, die, in die Blutbahn gebracht, -z. B. durch Pfeilschuß, aufs allerschnellste den Tod herbeiführe, ohne -daß jemand dem jungen Hans Castorp würde zu sagen wissen, wie das -eigentlich geschähe. Nur so viel sei deutlich, daß das Upas in -dynamischer Beziehung dem Strychnin nahe stehe ... Und Peeperkorn, im -Bette nun vollends aufgerichtet und dann und wann mit leicht zitternder -Kapitänshand das Weinglas zu seinen zerrissenen Lippen führend, um -große, durstige Züge zu nehmen, erzählte vom Krähenaugenbaum der -Koromandelküste, aus dessen orangegelben Beeren, den „Krähenaugen“, das -allerdynamischste Alkaloid, Strychnin geheißen, gewonnen werde, – -erzählte mit flüsternd herabgesetzter Stimme und hochgezogener -Stirnlineatur von dem aschgrauen Geäst, dem auffallend glänzenden -Blätterwerk und den gelbgrünen Blüten dieses Baumes, so daß dem jungen -Hans Castorp ein zugleich tristes und hysterisch-buntfarbiges Bild von -einem Baume vor Augen stand und ihm alles in allem etwas unheimlich -zumute wurde. - -Auch mischte denn jetzt Frau Chauchat sich ein, indem sie sagte, es sei -nicht gut, die Unterhaltung ermüde Peeperkorn, er könne aufs neue Fieber -davon haben, und wie ungern immer sie die Entrevue unterbreche, so müsse -sie Hans Castorp nun doch bitten, es für diesmal genug sein zu lassen. -Das tat er natürlich, aber noch oft, nach einem Quartananfall, saß er in -den nächsten Monaten an des königlichen Mannes Bett, während Frau -Chauchat, das Gespräch leicht überwachend oder sich auch mit einigen -Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und auch in Peeperkorns -fieberfreien Tagen verbrachte er manche Stunde mit ihm und seiner -perlengeschmückten Reisebegleiterin. Denn wenn der Holländer nicht -bettlägerig war, versäumte er selten, nach dem Diner eine kleine, -wechselnd zusammengesetzte Auswahl der Berghof-Gästeschaft zu Spiel und -Wein und allerhand weiteren Labungen um sich zu versammeln, sei es im -Konversationszimmer, wie das erstemal, oder im Restaurant, wobei denn -Hans Castorp gewohnheitsmäßig seinen Platz zwischen der lässigen Frau -und dem großartigen Manne hatte; und selbst im Freien bewegte man sich -miteinander, machte Spaziergänge zusammen, an denen etwa die Herren -Ferge und Wehsal sich beteiligten und bald auch Settembrini und Naphta, -die Widersacher im Geiste, denen zu begegnen man nicht hatte verfehlen -können, und die mit Peeperkorn, wie zugleich denn endlich auch mit -Clawdia Chauchat bekannt zu machen, Hans Castorp sich geradezu glücklich -schätzte, – vollständig unbekümmert darum, ob diese Bekanntschaft und -Verbindung den Disputanten willkommen war oder nicht und in dem stillen -Vertrauen darauf, daß sie eines pädagogischen Objektes bedurften und -lieber einen unwillkommenen Anhang in Kauf nehmen, als darauf verzichten -würden, ihre Gegensätze vor ihm auszutragen. - -Er täuschte sich denn auch nicht darin, daß die Mitglieder seines -buntscheckigen Freundeskreises sich wenigstens daran gewöhnen würden, -daß sie sich nicht aneinander gewöhnten: Spannungen, Fremdheiten, sogar -stille Feindseligkeit gab es selbstverständlich genug zwischen ihnen, -und wir wundern uns selbst, wie es unserem unbedeutenden Helden gelingen -mochte, sie um sich zusammenzuhalten, – wir erklären es uns mit einer -gewissen verschmitzten Lebensfreundlichkeit seines Wesens, die ihn alles -„hörenswert“ finden ließ, und die man Verbindlichkeit selbst in dem -Sinne nennen könnte, daß sie nicht nur ihm die ungleichartigsten -Personen und Persönlichkeiten, sondern bis zu einem gewissen Grade sogar -diese untereinander verband. - -Wunderlich hin und her laufende Beziehungen! Es reizt uns, ihre -verschlungenen Fäden einen Augenblick allgemein sichtbar zu machen, so, -wie Hans Castorp selbst sie auf diesen Spaziergängen verschmitzten und -lebensfreundlichen Auges betrachtete. Da war der elende Wehsal, der Frau -Chauchats schwelend begehrte und Peeperkorn und Hans Castorp niedrig -verehrte, den einen um der herrschenden Gegenwart, den anderen um der -Vergangenheit willen. Da war Clawdia Chauchat ihrerseits, die anmutig -weich schreitende Kranke und Reisende, die Hörige Peeperkorns, und zwar -gewiß aus Überzeugung, gleichwohl aber immer etwas beunruhigt und -innerlich spitzig, den Ritter einer fernen Faschingsnacht auf so gutem -Fuße mit ihrem Gebieter zu sehen. Erinnerte diese Irritation nicht in -etwas an diejenige, die ihr Verhältnis zu Herrn Settembrini bestimmte? -Zu diesem Schönredner und Humanisten, den sie nicht leiden konnte und -den sie hochmütig und unmenschlich nannte? Zu des jungen Hans Castorp -erzieherischem Freunde, den sie gar zu gern darüber zur Rede gestellt -hätte, was für Worte es gewesen seien, die er in seinem mediterranen -Idiom, wovon sie so wenig eine Silbe verstand wie er von dem ihren, nur -mit weniger sicherer Geringschätzung, dem konvenablen jungen Deutschen -nachgesandt hatte, diesem hübschen kleinen Bourgeois von guter Familie -und mit einer feuchten Stelle, als er damals im Begriffe gewesen war, -sich ihr zu nähern? Hans Castorp, verliebt, wie man zu sagen pflegt -„über beide Ohren“, doch nicht im vergnügten Sinn dieser Redensart, -sondern so, wie man liebt, wenn der Fall verboten und unvernünftig liegt -und sich keine friedlichen kleinen Lieder des Flachlandes darauf singen -lassen, – arg verliebt also und damit abhängig, unterworfen, leidend und -dienend, war doch der Mann, in der Sklaverei sich hinlängliche -Verschmitztheit zu bewahren, um ganz gut zu wissen, welchen Wert seine -Ergebenheit für die schleichende Kranke mit den bezaubernden -Tatarenschlitzen etwa haben und behalten mochte: einen Wert, auf den -sie, wie er bei sich in aller leidenden Unterworfenheit hinzufügte, -aufmerksam gemacht werden konnte durch das Verhalten Herrn Settembrinis -zu ihr, das ihren Argwohn nur zu offen bestätigte, nämlich so ablehnend -war, wie humanistische Höflichkeit es nur irgend gestattete. Das -Schlimme, oder, in Hans Castorps Augen, eher Vorteilhafte war, daß sie -in ihren Beziehungen zu Leo Naphta, auf die sie doch Hoffnungen gesetzt, -die rechte Entschädigung auch nicht fand. Zwar stieß sie hier nicht auf -jene grundsätzliche Verneinung, die Herr Lodovico ihrem Wesen -entgegensetzte, und die Gesprächsbedingungen lagen günstiger: sie -unterhielten sich zuweilen gesondert, Clawdia und der scharfe Kleine, -über Bücher, über Probleme der politischen Philosophie, in deren -radikaler Behandlung sie übereinstimmten; und Hans Castorp nahm -treuherzig teil daran. Aber eine gewisse aristokratische Einschränkung -des Entgegenkommens, das der Emporkömmling, vorsichtig wie alle -Emporkömmlinge, ihr bezeigte, mochte ihr doch bemerklich werden; sein -spanischer Terrorismus stimmte im Grunde mit ihrer türenwerfend -vagierenden „Mähnschlichkeit“ wenig überein; und hinzu kam als Letztes -und Feinstes eine leichte, schwer greifbare Gehässigkeit, die sie mit -weiblichem Spürsinn von seiten _beider_ Widersacher, Settembrinis und -Naphtas, sich mußte entgegenwehen fühlen (so gut, wie ihr -Faschingsritter selber sie wehen fühlte), und die ihren Grund in den -Beziehungen beider zu ihm, Hans Castorp, hatte: die Mißstimmung des -Erziehers gegen die Frau als störendes und ablenkendes Element, diese -stille und ursprüngliche Gegnerschaft, die sie vereinigte, weil ihre -pädagogisch verdichtete Zwietracht sich darin aufhob. - -Spielte nicht etwas von dieser Feindseligkeit auch in das Verhalten der -beiden Dialektiker zu Pieter Peeperkorn hinein? Hans Castorp glaubte es -zu bemerken, vielleicht weil er es boshafterweise erwartet hatte und im -ganzen nicht wenig begierig gewesen war, den königlichen Stammler mit -seinen beiden „Regierungsräten“, wie er sie bei sich manchmal witzweise -nannte, zusammenzubringen und den Effekt zu studieren. Mynheer wirkte im -Freien nicht ganz so großartig wie in geschlossenem Raum. Der weiche -Filzhut, den er tief in die Stirn gerückt trug, und der sein weißes -Flammenhaar, seine mächtige Stirnlineatur bedeckte, verkleinerte seine -Züge, ließ sie gleichsam zusammenschrumpfen und setzte selbst seine -gerötete Nase in ihrer Majestät herab. Auch war sein Gehen weniger gut -als sein Stehen: Er hatte die Gewohnheit, bei jedem seiner kurzen -Schritte den ganzen schweren Körper und sogar auch den Kopf etwas -seitwärts fallen zu lassen nach der Seite des Fußes, den er eben -vorwärts setzte, was eher gutmütig-greisenhaft als königlich anmutete; -ging auch meist nicht zu voller Größe aufgerichtet, wie er stand, -sondern etwas zusammengesunken. Aber auch so noch überragte er Herrn -Lodovico sowohl wie nun gar den kleinen Naphta um Haupteslänge, – und -das war es nicht allein, weshalb seine Gegenwart so sehr, vollkommen so -sehr, wie Hans Castorp es einbildungsweise vorweggenommen, auf die -Existenz der beiden Politiker drückte. - -Das war ein Druck, eine Herabminderung und Beeinträchtigung durch den -Vergleich, – fühlbar dem durchtriebenen Beobachter, fühlbar aber ohne -Zweifel auch den Beteiligten, sowohl den schmächtig Überartikulierten -wie dem großartig Stammelnden. Peeperkorn behandelte Naphta und -Settembrini überaus höflich und aufmerksam, mit einem Respekt, den Hans -Castorp ironisch genannt haben würde, wenn ihn nicht volle Einsicht in -die Unvereinbarkeit dieses Begriffes mit dem des großen Formats daran -gehindert hätte. Könige kennen keine Ironie, – nicht einmal im Sinn -eines geraden und klassischen Mittels der Redekunst, geschweige in einem -verwickelteren Sinn. Und so war es denn eher eine zugleich feine und -großartige Spötterei zu nennen, was, unter leicht übertriebenem Ernst -verborgen oder offen zutage liegend, des Holländers Benehmen gegen -Hansens Freunde kennzeichnete. „Ja – ja – ja –!“ konnte er wohl sagen, -indem er mit dem Finger nach ihrer Seite drohte, den Kopf mit scherzhaft -lächelnden zerrissenen Lippen abgewandt. „Das ist – Das sind –. Meine -Herrschaften, ich lenke Ihre Aufmerksamkeit – – Cerebrum, cerebral, -verstehen Sie! Nein – nein, perfekt, außerordentlich, das ist, da zeigt -sich denn doch – –.“ Sie rächten sich, indem sie Blicke tauschten, die -nach der Begegnung verzweifelt himmelwärts wanderten, und in die sie -auch Hans Castorp hineinzuziehen trachteten, was er aber ablehnte. - -Es kam vor, daß Herr Settembrini den Schüler direkt zur Rede stellte und -so seine pädagogische Unruhe bekundete. - -„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer alter Mann! Was -finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? Mir steht der Verstand still! -Alles wäre klar – ohne eben lobenswert zu sein –, wenn Sie ihn in den -Kauf nähmen, wenn Sie in seiner Gesellschaft nur die seiner -gegenwärtigen Geliebten suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen, -daß Sie sich beinahe mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie, -kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe ...“ - -Hans Castorp lachte. „Durchaus!“ sagte er. „Perfekt! Es ist nun einmal – -Erlauben Sie mir – Gut!“ Und er suchte auch Peeperkorns Kulturgebärden -zu kopieren. „Ja, ja“, lachte er weiter, „Sie finden das dumm, Herr -Settembrini, und jedenfalls ist es undeutlich, was in Ihren Augen wohl -schlimmer ist, als dumm. Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene -Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ... -Hallo! Da habe ich was geprägt, glaube ich, ein Wort, ein mot. Wie -gefällt es Ihnen?“ - -„Sehr gut. Ich sehe erwartungsvoll Ihrer ersten Aphorismensammlung -entgegen. Vielleicht ist es noch Zeit, Sie zu bitten, daß Sie darin -gewissen Betrachtungen Rechnung tragen, die wir gelegentlich über das -menschenfeindliche Wesen des Paradoxons angestellt haben.“ - -„Soll geschehen, Herr Settembrini. Soll absolut geschehen. Nein, Sie -sehen mich gar nicht auf der Jagd nach Paradoxen mit meinem _mot_. Es -war mir nur darum zu tun, auf die großen Schwierigkeiten hinzuweisen, -die die Bestimmung von ‚Dummheit‘ und ‚Gescheitheit‘ ... bereitet. Also: -bereitet, nicht wahr? Das ist so schwer auseinander zu halten, das geht -so sehr ineinander über ... Ich weiß wohl, Sie hassen das mystische -_guazzabuglio_ und sind für den Wert, das Urteil, das Werturteil, und da -gebe ich Ihnen ganz recht. Aber das mit der ‚Dummheit‘ und der -‚Gescheitheit‘, das ist zuweilen ein komplettes Mysterium, und es muß -doch erlaubt sein, sich um Mysterien zu kümmern, vorausgesetzt, daß das -ehrliche Bestreben vorhanden ist, ihnen nach Möglichkeit auf den Grund -zu kommen. Ich frage Sie folgendes. Ich frage Sie: Können Sie leugnen, -daß er uns alle in die Tasche steckt? Ich drücke es derb aus, und doch -können Sie es, soviel ich sehe, nicht leugnen. Er steckt uns in die -Tasche, und irgendwoher kommt ihm das Recht zu, sich über uns lustig zu -machen. Woher? Wieso? Inwiefern? Natürlich nicht vermöge seiner -Gescheitheit. Ich gebe zu, daß von Gescheitheit kaum die Rede sein kann. -Er ist ja vielmehr ein Mann der Undeutlichkeit und des Gefühls, -das Gefühl ist geradezu seine Puschel, – verzeihen Sie den -umgangssprachlichen Ausdruck! Ich sage also: Nicht vor Gescheitheit -steckt er uns in die Tasche, das heißt nicht aus geistigen Gründen, – -Sie würden sich das verbitten, und wirklich, es scheidet aus. Aber doch -auch nicht aus körperlichen! Doch nicht seiner Kapitänsschultern wegen, -in Hinsicht auf rohe Brachialgewalt und weil er jeden von uns mit der -Faust niederstrecken könnte, – er denkt gar nicht daran, daß er das -könnte, und wenn er mal daran denkt, so genügen ein paar zivilisierte -Worte, um ihn zu beschwichtigen ... Also auch nicht aus körperlichen. -Und doch spielt ganz ohne Zweifel das Körperliche eine Rolle dabei, – -nicht im brachialen Sinne, sondern in einem andern, im mystischen, – -sobald das Körperliche eine Rolle spielt, wird die Sache mystisch –; und -das Körperliche geht ins Geistige über, und umgekehrt, und sind nicht zu -unterscheiden, und Dummheit und Gescheitheit sind nicht zu -unterscheiden, aber die Wirkung ist da, das Dynamische, und wir werden -in die Tasche gesteckt. Und dafür ist uns nur ein Wort an die Hand -gegeben, und das heißt ‚Persönlichkeit‘. Man braucht es wohl auch -vernünftigerweise, so, wie wir alle Persönlichkeiten sind, – moralische -und juristische und was noch für Persönlichkeiten. Aber nicht so ist es -hier gemeint. Sondern als ein Mysterium, das über Dummheit und -Gescheitheit hinausliegt, und um das man sich doch muß kümmern dürfen, – -teils um ihm nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen und teils, soweit -das nicht möglich ist, um sich daran zu erbauen. Und wenn Sie für Werte -sind, so ist die Persönlichkeit am Ende doch auch ein positiver Wert, -sollte ich denken, – positiver als Dummheit und Gescheitheit, im -höchsten Grade positiv, _absolut_ positiv, wie das Leben, kurzum: ein -Lebenswert und ganz danach angetan, sich angelegentlich darum zu -kümmern. Das meinte ich Ihnen erwidern zu sollen auf das, was Sie von -Dummheit sagten.“ - -Neuerdings verwirrte und verhaspelte Hans Castorp sich nicht mehr bei -solchen Expektorationen und blieb nicht stecken. Er sprach seinen Part -zu Ende, ließ die Stimme sinken, machte Punktum und ging seines Weges -wie ein Mann, obgleich er noch immer rot dabei wurde und eigentlich -etwas Furcht hatte vor dem kritischen Schweigen, das seinem Verstummen -folgen würde, damit er Zeit habe, sich zu schämen. Herr Settembrini ließ -es walten, dieses Schweigen, und sagte dann: - -„Sie leugnen, sich auf der Jagd nach Paradoxen zu befinden. Unterdessen -wissen Sie genau, daß ich Sie ebenso ungern auf der Jagd nach Mysterien -sehe. Indem Sie aus der Persönlichkeit ein Geheimnis machen, laufen Sie -Gefahr, der Götzenanbetung zu verfallen. Sie venerieren eine Maske. Sie -sehen Mystik, wo es sich um Mystifikation handelt, um eine -jener betrügerischen Hohlformen, mit denen der Dämon des -Körperlich-Physiognomischen uns manchmal zu foppen liebt. Sie haben nie -in Schauspielerkreisen verkehrt? Sie kennen nicht diese Mimenköpfe, in -denen sich die Züge Julius Cäsars, Goethes und Beethovens vereinigen, -und deren glückliche Besitzer, sobald sie den Mund auftun, sich als die -erbärmlichsten Tröpfe unter der Sonne erweisen?“ - -„Gut, ein Naturspiel“, sagte Hans Castorp. „Aber doch nicht nur ein -Naturspiel, nicht nur Fopperei. Denn da diese Leute Schauspieler sind, -müssen sie ja Talent haben, und das Talent ist selbst über Dummheit und -Gescheitheit hinaus, es ist selbst ein Lebenswert. Mynheer Peeperkorn -hat auch Talent, sagen Sie, was Sie wollen, und damit steckt er uns in -die Tasche. Setzen Sie in eine Ecke eines Zimmers Herrn Naphta und -lassen Sie ihn einen Vortrag über Gregor den Großen und den Gottesstaat -halten, höchst hörenswert, – und in der andern Ecke steht Peeperkorn mit -seinem sonderbaren Mund und seinen hochgezogenen Stirnfalten und sagt -nichts als ‚Durchaus! Erlauben Sie mir – Erledigt!‘ – Sie werden sehen, -die Leute werden sich um Peeperkorn versammeln, alle um ihn, und Naphta -wird ganz allein dasitzen mit seiner Gescheitheit und seinem -Gottesstaat, obgleich er sich dermaßen deutlich ausdrückt, daß es einem -durch Mark und Pfennig geht, wie Behrens zu sagen pflegt ...“ - -„Schämen Sie sich der Erfolgsanbetung!“ mahnte ihn Herr Settembrini. -„_Mundus vult decipi._ Ich verlange nicht, daß man sich um Herrn Naphta -schart. Er ist ein arger Quertreiber. Aber ich bin geneigt, auf seine -Seite zu treten angesichts der imaginären Szene, die Sie mit -tadelnswertem Beifall ausmalen. Verachten Sie nur das Distinkte, Präzise -und Logische, das human zusammenhängende Wort! Verachten Sie es zu Ehren -irgendeines Hokuspokus von Andeutung und Gefühlsscharlatanerie, – und -der Teufel hat Sie schon unbedingt ...“ - -„Aber ich versichere Sie, er kann oft ganz zusammenhängend sprechen, -wenn er warm wird“, sagte Hans Castorp. „Er hat mir gelegentlich von -dynamischen Drogen und asiatischen Giftbäumen erzählt, so interessant, -daß es fast unheimlich war – das Interessante ist immer etwas unheimlich -– und interessant war es wieder nicht so sehr an und für sich, als -eigentlich nur im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeitswirkung: die -machte es zugleich unheimlich und interessant ...“ - -„Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In der Tat, -mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten“, erwiderte Herr -Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp eilig erklärte, die -Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung lägen selbstverständlich nach -einer ganz anderen Seite hin, und es komme niemandem in den Sinn, -Vergleiche anzustellen, durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde. -Doch der Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr -fort: - -„Auf jeden Fall müssen Sie erlauben, daß man Ihre Sachlichkeit und -Gemütsruhe bewundert, Ingenieur. Sie streift ein wenig das Groteske, das -werden Sie einräumen. Wie schließlich alles steht und liegt ... Dieser -Ölgötze hat Ihnen Ihre Beatrice weggenommen, – ich nenne die Dinge bei -ihrem Namen. Und Sie? Es ist beispiellos.“ - -„Temperamentsunterschiede, Herr Settembrini. Unterschiede in Hinsicht -auf Hitze und Ritterlichkeit des Geblütes. Natürlich, Sie als Mann des -Südens, Sie würden wohl Gift und Dolch zu Rate ziehen oder jedenfalls -die Sache gesellschaftlich-leidenschaftlich gestalten, kurz hahnenmäßig. -Das wäre gewiß sehr männlich, gesellschaftlich-männlich und galant. Mit -mir aber ist es was anderes. Ich bin gar nicht männlich auf die Art, daß -ich im Manne nur das nebenbuhlende Mitmännchen erblicke, – ich bin es -vielleicht überhaupt nicht, aber bestimmt nicht auf diese Art, die ich -unwillkürlich ‚gesellschaftlich‘ nenne, ich weiß nicht, warum. Ich frage -mich in meiner tranigen Brust, ob ich ihm denn was vorzuwerfen habe. Hat -er mir wissentlich etwas angetan? Aber Beleidigungen müssen mit Absicht -geschehen, sonst sind sie keine. Und was das ‚antun‘ betrifft, da müßte -ich mich schon an _sie_ halten, und dazu habe ich auch wieder kein -Recht, – überhaupt nicht und in Hinsicht auf Peeperkorn noch ganz -besonders nicht. Denn er ist erstens eine Persönlichkeit, was schon -allein etwas für Frauen ist, und zweitens ist er kein Zivilist, wie ich, -sondern eine Art von Militär, wie mein armer Vetter, das heißt: er hat -einen _point d’honneur_, eine Ehrenpuschel, und das ist das Gefühl, das -Leben ... Ich schwatze da Unsinn, aber ich will lieber ein bißchen -faseln und dabei etwas Schwieriges halbwegs ausdrücken, als immer nur -tadellose Hergebrachtheiten von mir geben, – das ist doch vielleicht -auch so etwas wie ein militärischer Zug in meinem Charakterbilde, wenn -ich so sagen darf ...“ - -„Sagen Sie immerhin so“, nickte Herr Settembrini. „Unbedingt wäre das -ein Zug, den man loben dürfte. Der Mut der Erkenntnis und des Ausdrucks, -das ist die Literatur, es ist die Humanität ...“ - -So kamen sie leidlich voneinander bei solcher Gelegenheit; Herr -Settembrini gab dem Gespräch versöhnlichen Abschluß, wozu er auch gute -Gründe hatte. Seine Position dabei war keineswegs so unverletzlich, daß -es ratsam für ihn gewesen wäre, die Strenge sehr weit zu treiben; ein -Gespräch, das von Eifersucht handelte, war etwas schlüpfriger Boden für -ihn; an einem bestimmten Punkte hätte er eigentlich antworten müssen, -daß, in Anbetracht seiner pädagogischen Ader, sein Verhältnis zum -Männlichen auch nicht durchaus gesellschaftlich-hahnenmäßiger Art sei, -weshalb der großmächtige Peeperkorn seine Kreise ebenso störe, wie -Naphta und Frau Chauchat es täten; und zum Schluß durfte er nicht -hoffen, seinem Schüler eine Persönlichkeitswirkung und natürliche -Überlegenheit auszureden, der er selbst sich so wenig, wie sein Partner -in zerebralen Angelegenheiten, zu entziehen vermochte. - -Am besten erging es ihnen, wenn geistige Lüfte wehen, wenn sie -disputieren – die Aufmerksamkeit der Spazierenden an eine ihrer zugleich -eleganten und leidenschaftlichen, ihrer akademischen und dabei in einem -Tonfall, als handele es sich um brennendste Tages- und Lebensfragen, -geführten Debatten fesseln konnten, deren Kosten sie fast allein -bestritten, und für deren Dauer das anwesende „Format“ gewissermaßen -neutralisiert war, da es sie nur mit stirnfaltigem Erstaunen und -undeutlich-spöttischen Abgerissenheiten begleiten konnte. Allein selbst -unter diesen Umständen übte es seinen Druck, beschattete das Gespräch, -so daß es an Glanz zu verlieren schien, entweste es auf irgendeine -Weise, setzte ihm, allen fühlbar, wenn auch seinerseits sicherlich -unbewußt, oder Gott weiß in welchem Grade bewußt, etwas entgegen, was -keiner der beiden Sachen zugute kam und wodurch der Zwist in seiner -entscheidenden Wichtigkeit verblaßte, ja ihm – wir nehmen Anstand, es zu -sagen – der Stempel des Müßigen aufgedrückt wurde. Oder, anders -versucht: die witzige Fehde auf Leben und Tod nahm heimlich, auf -unterirdische und unbestimmte Weise, beständig Bezug auf das ihr zur -Seite wandelnde Format und entnervte sich an diesem Magnetismus. Anders -war dieser geheimnisvolle und für die Disputanten sehr ärgerliche -Vorgang nicht zu kennzeichnen. Man kann nur sagen, daß es, wenn kein -Pieter Peeperkorn gewesen wäre, zur Parteinahme weit strenger -verpflichtet hätte, wie beispielsweise Leo Naphta das erz- und -grundrevolutionäre Wesen der Kirche gegen die Lehrmeinung Herrn -Settembrinis verteidigte, welcher in dieser geschichtlichen Macht einzig -die Schutzherrin finsterer Beharrung und Erhaltung erblicken und alle -zur Umwälzung und Erneuerung bereite Lebens- und Zukunftsfreundlichkeit -an die entgegengesetzten, einer ruhmreichen Epoche der Wiedergeburt -antiker Bildung entstammenden Prinzipien der Aufhellung, der -Wissenschaft und des Fortschritts gebunden wissen wollte und auf diesem -Bekenntnis mit schönstem Wurf des Wortes und der Gebärde bestand. Da -machte denn Naphta, kalt und scharf, sich anheischig, zu zeigen – und -zeigte es auch fast bis zu blendender Unwidersprechlichkeit –, daß die -Kirche als Verkörperung der religiös-asketischen Idee, im Innersten weit -entfernt, Parteigängerin und Stütze dessen zu sein, was bestehen wolle, -der weltlichen Bildung also, der staatlichen Rechtsordnungen, – vielmehr -von jeher den radikalsten, den Umsturz mit Stumpf und Stiel auf ihre -Fahne geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich bewahrenswert -dünke und von den Matten, den Feigen, den Konservativen, den Bürgern zu -bewahren versucht werde: Staat und Familie, weltliche Kunst und -Wissenschaft – sich immer nur in bewußtem oder unbewußtem Widerspruch -zur religiösen Idee gehalten habe, zur Kirche, deren eingeborene Tendenz -und unverbrüchliches Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen -Ordnungen und die Neugestaltung der Gesellschaft nach dem Vorbilde des -idealen, des kommunistischen Gottesstaates sei. - -Das Wort hatte danach Herr Settembrini, und beim Himmel! er wußte etwas -damit anzufangen. Eine solche Verwechslung des luziferischen -Revolutionsgedankens mit der Generalrevolte aller schlechten Instinkte, -sagte er, sei beklagenswert. Die Neuerungsliebe der Kirche habe durch -die Jahrhunderte darin bestanden, den lebenzeugenden Gedanken zu -inquirieren, zu erdrosseln, im Rauch ihrer Scheiterhaufen zu ersticken, -und heute lasse sie sich durch ihre Emissäre für umwälzungsfroh -erklären, mit der Begründung, ihr Ziel sei es, Freiheit, Bildung und -Demokratie durch Pöbeldiktatur und Barbarei zu ersetzen. Eh, in der Tat, -eine schauerliche Art widerspruchsvoller Konsequenz, konsequenten -Widerspruches ... - -An dergleichen Widerspruch und Folgerichtigkeit, entgegnete Naphta, -lasse sein Gegner es nicht fehlen. Demokrat seiner eigenen Schätzung -nach, äußere er sich wenig volks- und gleichheitsfreundlich, lege -vielmehr eine sträfliche aristokratische Hochnäsigkeit zutage, indem er -das zu stellvertretender Diktatur berufene Weltproletariat als Pöbel -bezeichne. Aber als Demokrat, in Wahrheit, verhalte er sich offenbar zur -Kirche, die allerdings, man müsse es auf stolze Art einräumen, die -vornehmste Macht der Menschheitsgeschichte darstelle, – vornehm im -letzten und höchsten Verstande, in dem des Geistes. Denn der asketische -Geist, – wenn es erlaubt sei, in Pleonasmen zu reden – der Geist der -Weltverneinung und Weltvernichtung sei die Vornehmheit selbst, das -aristokratische Prinzip in Reinkultur; er könne niemals volkstümlich -sein, und zu allen Zeiten sei die Kirche im Grunde unpopulär gewesen. -Ein wenig literarische Bemühung um die Kultur des Mittelalters werde -Herrn Settembrini dieser Tatsache ansichtig machen, – der derben -Abneigung, die das Volk – und zwar das Volk im weitesten Sinne – dem -kirchlichen Wesen entgegengebracht habe, gewisser Mönchsgestalten zum -Beispiel, die, Erfindungen volkstümlicher Dichterphantasie, dem -asketischen Gedanken auf bereits recht lutherische Weise Wein, Weib und -Gesang entgegengestellt hätten. Alle Instinkte weltlichen Heldentums, -aller Kriegergeist, dazu die höfische Dichtung habe sich in mehr oder -minder offener Gegenstellung zur religiösen Idee und damit zur -Hierarchie befunden. Denn das alles sei „Welt“ und Pöbeltum gewesen im -Vergleich mit dem durch die Kirche dargestellten Adel des Geistes. - -Herr Settembrini dankte für die Gedächtnisstärkung. Die Figur des -Mönches Ilsan aus dem „Rosengarten“ behalte viel Erquickliches gegenüber -dem hier gepriesenen Grabesaristokratismus, und wenn er, Redner, kein -Freund des deutschen Reformators sei, auf den eine Anspielung geschehen, -so finde man ihn doch glühend bereit, alles, was an demokratischem -Individualismus seiner Lehre zugrunde liege, gegen jederlei -geistlich-feudale Herrschaftsgelüste über die Persönlichkeit in Schutz -zu nehmen. - -„Ei!“ rief Naphta nun auf einmal. Man wolle der Kirche wohl gar einen -Mangel an Demokratismus, an Sinn für den Wert der menschlichen -Persönlichkeit unterstellen? Und die humane Vorurteilslosigkeit des -kanonischen Rechtes, welches, während das römische die Rechtsfähigkeit -vom Besitz des Bürgerrechtes abhängig gemacht, das germanische sie an -Volkszugehörigkeit und persönliche Freiheit gebunden habe, einzig -kirchliche Gemeinschaft und Rechtgläubigkeit verlangt, sich aller -staatlichen und gesellschaftlichen Rücksichten entschlagen und die -Testier- und Sukzessionsfähigkeit von Sklaven, Kriegsgefangenen, -Unfreien behauptet habe?! - -Diese Behauptung, bemerkte Settembrini bissig, sei wohl nicht ohne -Seitenblick auf die „kanonische Portion“ aufrecht erhalten worden, die -bei jedem Testament habe abfallen müssen. Im übrigen sprach er von -„Pfaffendemagogie“, nannte es die Leutseligkeit unbedingter Machtbegier, -die Unterwelt in Bewegung zu setzen, wenn die Götter begreiflicherweise -nichts von einem wissen wollten, und meinte, es sei der Kirche offenbar -auf die Quantität der Seelen mehr angekommen, als auf ihre Qualität, was -auf tiefe geistige Unvornehmheit schließen lasse. - -Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde auf den -unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht, welcher der Idee von -der Erblichkeit der Schande zugrunde gelegen habe: der Übertragung -schwerer Schuld auf die – demokratisch gesprochen – doch unschuldigen -Nachkommen; die lebenslange Makelhaftigkeit und Rechtlosigkeit -natürlicher Kinder zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, – -erstens, weil sein humanes Gefühl sich dagegen empöre, und zweitens, -weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der -gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen Kultus des -Nichts wiedererkenne, der Geist genannt sein wolle, und der die -eingestandene Unpopularität des asketischen Prinzips als etwas so -Legitimes, so Heiliges empfinden lasse. - -Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell herauslachen zu -dürfen. Man spreche vom Nihilismus der Kirche! Vom Nihilismus des am -meisten realistischen Herrschaftssystems der Weltgeschichte! Nie habe -Herrn Settembrini also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der -sie der Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger -Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle und den -Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Natur allzu streng zu -begegnen? Auch von dem priesterlich feinen Begriff der Indulgenz habe er -folglich nie gehört, unter den sogar ein Sakrament, nämlich das der Ehe, -falle, welches gar kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten, -sondern nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur -Einschränkung der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so daß das -asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, ohne daß -dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten werde? - -Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwahren gegen einen so -abscheulichen Begriff des „Politischen“, gegen die Gebärde dünkelhafter -Nachsicht und Klugheit, die der Geist – das, was sich hier Geist nenne – -sich anmaße gegen sein vermeintlich schuldhaftes und „politisch“ zu -behandelndes Gegenteil, welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz -durchaus nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer -Weltdeutung, die das Universum verteufele, nämlich sowohl das Leben, als -auch zugleich sein erdünkeltes Gegenteil, den Geist: denn wenn jenes -böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, es sein! Und er brach -eine Lanze für die Unschuld der Wollust, – wobei Hans Castorp an sein -Humanistenstübchen im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der -Wasserflasche denken mußte, – während Naphta, behauptend, nie könne -Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts des Geistigen -gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben, die kirchliche Politik und -Indulgenz des Geistes als „Liebe“ bestimmte, um den Nihilismus des -asketischen Prinzips zu widerlegen, – wobei Hans Castorp fand, daß das -Wort „Liebe“ dem scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu -Gesichte stehe ... - -So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp kannte es. Wir -haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um zu beobachten, wie, -beispielsweise, ein solcher peripatetischer Waffengang sich im Schatten -der nebenherwandelnden Persönlichkeit ausnahm, und auf welche Weise etwa -diese Gegenwart ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein -heimlicher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her springenden -Funken tötete und eine Erinnerung an jenes Gefühl matter Leblosigkeit -sich aufdrängte, das uns überkommt, wenn eine elektrische Leitung sich -als kontaktlos erweist. Gut! so war es. Da war kein Knistern zwischen -den Widersprüchen mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die -Gegenwart, neutralisiert durch den Geist, wie dieser meinen wollte, -neutralisierte vielmehr den Geist; Hans Castorp ward es mit Staunen und -Neugier gewahr. - -Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn, man sah ihn -daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß, mit seinem seitwärts -nickenden Tritt und den Hut in der Stirn; sah seine breiten, -unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte ihn sagen, indem er scherzhaft -mit dem Kopf auf die Disputanten deutete: „Ja – ja – ja! Cerebrum, -cerebral, verstehen Sie! Das ist – Da zeigt sich denn doch –“: und -siehe, der Steckkontakt war mausetot! Sie versuchten es zum andern, -griffen zu stärkeren Beschwörungen, kamen auf das „aristokratische -Problem“, auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch nahm -das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp sah Clawdias -Reisebegleiter unter der rotseidenen Steppdecke im Bette liegen, im -kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann, halb Königsbüste, – und -mit mattem Zucken erstarb der Nerv des Streites. Stärkere Spannungen! -Verneinung hie und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und liebende Neigung -des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom, wenn man auf -Mynheer blickte, – was unvermeidlich und kraft geheimer Anziehung -geschah? Kurzum, sie blieben _aus_, und das war, mit Hansens Wort, nicht -weniger noch mehr als ein Mysterium. Für seine Aphorismensammlung mochte -er sich notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten -ausspricht – oder es unausgesprochen läßt. Um dieses allenfalls -auszusprechen, durfte man einzig sagen, aber dies geradezu, daß Pieter -Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske und seinem bitter -zerrissenen Munde jeweils beides war, daß beides auf ihn zu passen und -in ihm sich aufzuheben schien, wenn man ihn ansah: dies und jenes, das -eine und das andre. Ja, dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche -Zero! Er lähmte den Nerv der Widersprüche nicht durch Verwirrung und -Quertreiberei, wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er war -es auf ganz entgegengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde -Mysterium, das offenkundig nicht über Dummheit und Gescheitheit allein, -das über soviel andre Oppositionen noch hinaus war, die Settembrini und -Naphta beschworen, um zu erzieherischem Behufe Hochspannung zu erzeugen. -Die Persönlichkeit, so schien es, war nicht erzieherisch, – und dennoch, -welche Chance war sie für einen Bildungsreisenden! Wie seltsam, diese -Zweideutigkeit von einem König zu betrachten, als die Streiter auf Ehe -und Sünde kamen, auf das Sakrament der Nachsicht, auf Schuld und -Unschuld der Wollust! Er neigte das Haupt zur Schulter und Brust, die -wehen Lippen taten sich voneinander, schlaff-klagend klaffte der Mund, -die Nüstern spannten und verbreiterten sich wie in Schmerzen, die Falten -der Stirne stiegen und weiteten die Augen zu blassem Leidensblick, – ein -Bild der Bitternis. Und siehe, im selben Nu erblühte die Martermiene zur -Üppigkeit! Die schräge Neigung des Hauptes deutete sich um in -Schalkheit, die Lippen, noch offen, lächelten unsittsam, das -sybaritische Grübchen, bekannt von früheren Gelegenheiten, erschien in -einer Wange, – der tanzende Heidenpriester war da, und während er mit -dem Kopfe scherzhaft in jene cerebrale Richtung deutete, hörte man ihn -sagen: „Ei, ja, ja ja – perfekt. Das ist – Das sind – Da zeigt sich nun -– Das Sakrament der Wollust, verstehen Sie – –“ - -Dennoch, wie wir sagten, am besten waren Hans Castorps herabgesetzte -Freunde und Lehrer immer noch daran, wenn sie zanken konnten. Sie waren -in ihrem Elemente alsdann, während das Format es nicht war, und immerhin -mochte man verschieden urteilen über die Rolle, die er dabei spielte. -Ganz zweifellos dagegen gestaltete die Lage sich zu ihrem Nachteil, wenn -es nicht länger um Witz und Wort und Spiritus, sondern um Sachen, um -Irden-Praktisches, kurz, um Fragen und Dinge ging, in denen -Herrschernaturen sich eigentlich bewähren: dann wars um sie geschehen, -sie traten in den Schatten, wurden unscheinbar, und Peeperkorn ergriff -das Zepter, bestimmte, entschied, beorderte, bestellte und befahl ... -Was wunder, daß er nach diesem Zustand trachtete und aus der Logomachie -in ihn hinüberstrebte? Er litt, solange sie herrschte, oder doch, wenn -sie lange herrschte; doch nicht aus Eitelkeit litt er unter ihr, – Hans -Castorp war dessen versichert. Die Eitelkeit hat kein Format, und Größe -ist nicht eitel. Nein, Peeperkorns Verlangen nach Dinglichkeit entsprang -aus anderen Gründen: aus „Angst“, ganz grob und plump gesagt, aus jenem -Pflichteifer und Ehrenraptus, dessen Hans Castorp gegen Herrn -Settembrini versuchsweise erwähnt und den er als einen gewissermaßen -militärischen Zug hatte ansprechen wollen. - -„Meine Herren –“, sagte der Holländer, indem er die Kapitänshand mit den -Nagellanzen beschwörend und gebietend erhob. „– Gut, meine Herren, -perfekt, vortrefflich! Die Askese – die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich -möchte das – Durchaus! Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben -Sie mir – Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen -uns, meine Herrschaften, wir entziehen uns in unverantwortlicher Weise -den heiligsten –“ Er atmete tief. „Diese Luft, meine Herrschaften, die -charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit ihrem zart entnervenden, -ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag von Frühlingsaroma, – wir -sollten sie nicht einatmen, um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir -sollten das nicht. Das ist eine Beleidigung. Nur ihr selbst sollten wir -unsere volle und ganze – oh, unsere höchste und geistesgegenwärtigste – -Erledigt, meine Herrschaften! Und nur als reine Lobpreisung ihrer -Eigenschaften sollten wir sie wieder aus unserer Brust – – Ich -unterbreche mich, meine Herrschaften! Ich unterbreche mich zu Ehren -dieses –“ Er war stehengeblieben, zurückgebeugt, mit dem Hut die Augen -beschattend, und alle folgten seinem Beispiel. „Ich lenke“, sagte er, -„Ihre Aufmerksamkeit in die Höhe, in große Höhe, auf jenen schwarzen, -kreisenden Punkt dort oben, unter dem außerordentlich blauen, ins -Schwärzliche spielenden – Das ist ein Raubvogel, ein großer Raubvogel. -Das ist, wenn mich nicht alles – Meine Herren und Sie, mein Kind, das -ist ein Adler. Auf ihn lenke ich mit aller Entschiedenheit – Sehen Sie! -Das ist kein Bussard und kein Geier, – wären Sie so übersichtig, wie ich -es mit zunehmenden – Ja, mein Kind, gewiß, mit zunehmenden. Mein Haar -ist bleich, gewiß. So würden Sie so deutlich, wie ich, an der stumpfen -Rundung der Schwingen – Ein Adler, meine Herrschaften. Ein Steinadler. -Er kreist gerade über uns im Blauen, schwebt ohne Flügelschlag in -großartiger Höhe zu unseren – und späht gewiß aus seinen mächtigen, -weitsichtigen Augen unter den vortretenden Brauenknochen – Der Adler, -meine Herrschaften, Jupiters Vogel, der König seines Geschlechtes, der -Leu der Lüfte! Er hat Federhosen und einen Schnabel von Eisen, nur vorne -plötzlich eisern gekrümmt, und Fänge von ungeheurer Kraft, einwärts -geschlagene Krallen, die vorderen von der langen rückwärtigen eisern -umgriffen. Sehen Sie, so!“ Und er versuchte, mit seiner langgenagelten -Kapitänshand die Adlerklaue darzustellen. „Gevatter, was kreist und -spähst du!“ wendete er sich wieder nach oben. „Stoß nieder! Schlag ihm -mit dem Eisenschnabel auf den Kopf und in die Augen, reiß ihm den Bauch -auf, dem Wesen, das dir Gott – – Perfekt! Erledigt! Deine Fänge müssen -in Eingeweide verstrickt sein und dein Schnabel triefen von Blut –“ - -Er war begeistert, und um die Teilnahme der Spaziergänger für Naphtas -und Settembrinis Antinomien war es getan. Auch wirkte die Erscheinung -des Adlers noch wortlos nach in den Beschlüssen und Unternehmungen, die -unter Mynheers Leitung darauf folgten: Es gab Einkehr, es gab ein Essen -und Trinken, ganz außer der Zeit, jedoch mit einem Appetit, der durch -das stille Gedenken an den Adler befeuert ward; ein Schmausen und -Zechen, wie Mynheer es so oft auch außerhalb des Berghofs ins Werk -setzte, wo es sich eben traf, in „Platz“ und „Dorf“, in einem Wirtshaus -zu Glaris oder Klosters, wohin man ausflugsweise mit dem Züglein -gefahren war: Klassische Gaben genoß man unter seiner Herrscherleitung: -Rahmkaffee mit ländlich Gebackenem oder saftigen Käse auf duftiger -Alpenbutter, die auch zu heißen, gerösteten Kastanien wundervoll -mundete, dazu Veltliner Roten, soviel das Herz begehrte; und Peeperkorn -begleitete das Stegreifmahl mit großen Abgerissenheiten oder forderte -Anton Karlowitsch Ferge zu reden auf, diesen gutmütigen Dulder, dem -alles Höhere völlig fremd war, der aber sehr dinghaft von der -Fabrikation russischer Gummischuhe zu erzählen wußte: Mit Schwefel und -andren Stoffen versetze man die Gummimasse, und die fertigen, lackierten -Schuhe würden in einer Hitze von über hundert Grad „vulkanisiert“. Auch -vom Polarkreis sprach er, denn selbst bis dorthin hatten seine -Dienstreisen ihn mehrfach geführt: von der Mitternachtssonne und vom -ewigen Winter am Nordkap. Da sei, sagte er aus seiner knotigen Kehle und -unter seinem überhängenden Schnurrbart hervor, der Dampfer ganz winzig -erschienen gegen den ungeheuren Felsen und die stahlgraue Fläche des -Meeres. Und gelbe Lichtflächen hätten sich am Himmel ausgebreitet, das -sei das Nordlicht gewesen. Und alles sei ihm, Anton Karlowitsch, -gespenstisch vorgekommen, die ganze Szenerie und er sich selber mit. - -Soweit Herr Ferge, der einzige in der kleinen Gesellschaft, der außer -allen hin und wieder laufenden Beziehungen stand. Was aber diese betraf, -so gibt es zwei kurze Unterredungen aufzuzeichnen, zwei wunderliche -Konversationen unter vier Augen, geführt zu jener Zeit von unserem -unheldischen Helden mit Clawdia Chauchat und ihrem Reisebegleiter: mit -jedem einzeln, die eine in der Halle, um eine Abendstunde, während die -„Störung“ droben im Fieber lag, die andre eines Nachmittags an Mynheers -Lager ... - -Es herrschte Halbdunkel in der Halle an jenem Abend. Die regelmäßige -Geselligkeit war matt und flüchtig gewesen, und früh hatte die -Gästeschaft sich zum Spätliegedienst in die Balkonlogen verzogen, soweit -sie nicht auf kurwidrigen Wegen wandelte, in die Welt hinab, zu Tanz und -Spiel. Nur eine Lampe brannte irgendwo an der Decke des ausgestorbenen -Raumes, und auch die anstoßenden Gesellschaftsräume waren kaum erhellt. -Doch wußte Hans Castorp, daß Frau Chauchat, die das Diner ohne ihren -Gebieter eingenommen hatte, noch nicht ins erste Stockwerk zurückgekehrt -war, sondern allein im Schreib- und Lesezimmer verweilte, und darum -hatte auch er gezögert, hinaufzugehen. Er saß in dem hinteren, durch -eine flache Stufe erhöhten und durch ein paar weiße Bögen mit -holzbekleideten Pfeilern vom Hauptraum abgegliederten Teil der Halle, -saß am Kachelkamin, in solchem Schaukelstuhl wie der, worin Marusja sich -damals gewiegt, als Joachim sein allereinziges Gespräch mit ihr -gepflogen, und rauchte eine Zigarette, wie es um diese Stunde hier -allenfalls statthaft war. - -Sie kam, er hörte ihre Schritte, ihr Kleid hinter sich, sie war neben -ihm, fächelte mit einem Brief, den sie an einer Ecke hielt, in der Luft -hin und her und sagte mit ihrer Pribislavstimme: - -„Der Concierge ist fort. Geben Sie schon ein _timbre poste_!“ - -Sie trug leichte dunkle Seide diesen Abend, ein Kleid mit rundem -Halsausschnitt und lockeren Ärmeln, die unten als geknöpfte Manschetten -knapp um die Handgelenke lagen. Er sah das mit Vorliebe. Sie hatte sich -mit der Perlenreihe geschmückt, die bleich in der Dämmerung schimmerte. -Er blickte hinauf in ihr Kirgisengesicht. Er wiederholte: - -„_Timbre?_ Ich habe keins.“ - -„Wie, keins? _Tant pis pour vous._ Nicht in Bereitschaft, einer Dame -gefällig zu sein?“ Sie warf die Lippen auf und zuckte die Achseln. „Das -enttäuscht mich. Präzis und zuverlässig solltet Ihr doch sein. Ich habe -mir eingebildet, Sie hätten in einem Fache Ihres Portefeuilles kleine -zusammengelegte Bögen von allen Sorten, nach der Wertstaffel geordnet.“ - -„Nein, wozu?“ sagte er. „Ich schreibe nie Briefe. An wen wohl? Höchst -selten mal eine Karte, die gleich frankiert ist. An wen sollte ich wohl -Briefe schreiben? Ich habe niemanden. Ich habe gar keine Fühlung mehr -mit dem Flachland, die ist mir abhanden gekommen. Wir haben ein Lied in -unserem Volksliederbuch, worin es heißt: ‚Ich bin der Welt abhanden -gekommen‘. So steht es mit mir.“ - -„Nun, dann geben Sie schon wenigstens eine Papyros, verlorener Mensch!“ -sagte sie, indem sie sich ihm gegenüber neben den Kamin auf die mit -einem leinenen Kissen belegte Bank setzte, ein Bein über das andere -legte und die Hand ausstreckte. „Es scheint, damit sind Sie versehen.“ -Und sie nahm nachlässig und ohne zu danken aus seiner silbernen Dose die -Zigarette, die er ihr entgegenschob, und bediente sich an dem -Taschenfeuerzeug, das er vor ihrem vorgebeugten Gesichte spielen ließ. -In diesem trägen „Geben Sie schon!“, diesem Nehmen ohne Dank lag -Üppigkeit der verwöhnten Frau, überdies aber der Sinn menschlicher, oder -besser gesagt: „mähnschlicher“ Gemeinsamkeit und Besitzgenossenschaft, -einer wilden und weichen Selbstverständlichkeit des Gebens und Nehmens. -Er kritisierte es bei sich in verliebtem Sinn. Dann sagte er: - -„Ja, damit immer. Damit bin ich allerdings immer versehen. Das muß man -haben. Wie käme man ohne das wohl aus? Nicht wahr, man nennt das eine -Leidenschaft, wenn einer so fragt. Ich bin, offen gestanden, gar kein -leidenschaftlicher Mensch, aber ich habe Leidenschaften, phlegmatische -Leidenschaften.“ - -„Es beruhigt mich außerordentlich“, sagte sie, den eingeatmeten Rauch -heraussprechend, „zu hören, daß Sie kein leidenschaftlicher Mensch sind. -Übrigens, wie denn auch wohl? Sie müßten aus der Art geschlagen sein. -Leidenschaft, das ist: um des Lebens willen leben. Aber es ist bekannt, -daß ihr um des Erlebnisses willen lebt. Leidenschaft, das ist -Selbstvergessenheit. Aber euch ist es um Selbstbereicherung zu tun. -_C’est ça._ Sie haben keine Ahnung, daß das abscheulicher Egoismus ist, -und daß ihr damit eines Tages als Feinde der Menschheit dastehen -werdet?“ - -„Hallo, hallo! Gleich Feinde der Menschheit? – Was sagst du da, Clawdia, -so allgemein? Was hast du Bestimmtes und Persönliches im Sinn, daß du -sagst, uns sei es nicht um das Leben, sondern um Bereicherung zu tun? -Ihr Frauen moralisiert doch nicht so ins Blaue hinein. Ach, die Moral, -weißt du. Die ist ein Streitfall für Naphta und Settembrini. Die fällt -ins Gebiet der großen Konfusion. Ob einer um seiner selbst willen lebt -oder um des Lebens willen, das weiß er doch selber nicht, und niemand -kann es genau und sicher wissen. Ich meine, die Grenze ist fließend. Da -gibt es egoistische Hingabe und hingebenden Egoismus ... Ich glaube, es -ist im ganzen, wie es in der Liebe ist. Natürlich ist es wohl -unmoralisch, daß ich nicht recht darauf achten kann, was du mir sagst -über Moral, sondern in erster Linie froh bin, daß wir zusammensitzen, -wie nur einmal bisher und keinmal noch, seit du zurück bist. Und daß ich -dir sagen kann, wie beispiellos gut dich diese engen Manschetten um -deine Handgelenke kleiden und diese dünne Seide weit um deine Arme -herum, – um deine Arme, die ich kenne ...“ - -„Ich gehe.“ - -„Geh, bitte, nicht! Ich werde die Umstände berücksichtigen und die -Persönlichkeiten.“ - -„Worauf man denn doch wenigstens wird rechnen dürfen bei einem Menschen -ohne Leidenschaft.“ - -„Ja, siehst du! Du spottest und schiltst mich aus, wenn ich ... Und du -willst gehen, wenn ich ...“ - -„Man ist gebeten, weniger lückenhaft zu sprechen, wenn man verstanden zu -werden wünscht.“ - -„Und ich soll also gar nicht, auch kein bißchen teilhaben an deiner -Übung im Erraten von Lückenhaftigkeiten? Das ist ungerecht, – würde ich -sagen, wenn ich nicht einsähe, daß es hier nicht um Gerechtigkeit geht -...“ - -„Ah, nein. Gerechtigkeit ist eine phlegmatische Leidenschaft. Im -Gegensatz zur Eifersucht, mit der phlegmatische Leute sich unbedingt -lächerlich machen würden.“ - -„Siehst du? Lächerlich. Gönne mir also mein Phlegma! Ich wiederhole: Wie -käme ich ohne das wohl aus? Wie hätte ich ohne das zum Beispiel das -Warten aushalten sollen?“ - -„Bitte?“ - -„Das Warten auf dich.“ - -„_Voyons, mon ami._ Ich will mich weiter nicht aufhalten über die Form, -in der Sie mit närrischer Hartnäckigkeit zu mir reden. Sie werden dessen -schon müde werden, und schließlich bin ich nicht zimperlich, keine -entrüstete Bürgersfrau ...“ - -„Nein, denn du bist krank. Die Krankheit gibt dir Freiheit. Sie macht -dich – halt, jetzt fällt mir ein Wort ein, das ich noch nie gebraucht -habe! Sie macht dich genial!“ - -„Wir wollen über Genie ein andermal reden. Nicht das wollte ich sagen. -Ich verlange eines. Sie werden nicht fingieren, daß ich mit Ihrem Warten -– wenn Sie gewartet haben – irgend etwas zu schaffen hätte, daß ich Sie -dazu ermutigt, es Ihnen auch nur erlaubt hätte. Sie werden mir sofort -ausdrücklich bestätigen, daß das Gegenteil der Fall ist ...“ - -„Gern, Clawdia, gewiß. Du hast mich zum Warten nicht aufgefordert, ich -habe aus freien Stücken gewartet. Ich verstehe vollkommen, daß du -Gewicht darauf legst ...“ - -„Sogar Ihre Zugeständnisse haben etwas Impertinentes. Überhaupt sind Sie -ein impertinenter Mensch, Gott weiß, wieso. Nicht nur im Verkehr mit -mir, sondern auch sonst. Selbst Ihre Bewunderung, Ihre Unterordnung hat -etwas Impertinentes. Glauben Sie nicht, daß ich das nicht sehe! Ich -sollte überhaupt nicht mit Ihnen sprechen deswegen und auch darum nicht, -weil Sie von Warten zu reden wagen. Es ist unverantwortlich, daß Sie -noch hier sind. Längst sollten Sie wieder bei Ihrer Arbeit sein, _sur le -chantier_, oder wo es war ...“ - -„Jetzt sprichst du ungenial und ganz konventionell, Clawdia. Das ist ja -nur eine Redensart. Wie Settembrini kannst du es nicht meinen und wie -denn sonst. Es ist nur so hingesagt, ich kann es nicht ernst nehmen. Ich -werde nicht wilde Abreise halten, wie mein armer Vetter, der, wie du -vorhersagtest, gestorben ist, als er versuchte, im Flachlande Dienst zu -tun, und der es wohl selber wußte, daß er sterben werde, aber lieber -sterben wollte, als hier weiter Kurdienst machen. Gut, dafür war er -Soldat. Aber ich bin keiner, ich bin Zivilist, für mich wäre es -Fahnenflucht, zu tun, wie er, und partout, trotz Radamanths Verbot, im -Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem Fortschritt dienen zu -wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit und Untreue gegen die -Krankheit und das Genie und gegen meine Liebe zu dir, wovon ich alte -Narben und neue Wunden trage, und gegen deine Arme, die ich kenne, – -wenn ich auch zugebe, daß es nur im Traume war, in einem genialen Traum, -daß ich sie kennen lernte, so daß dir selbstverständlich keinerlei -Konsequenzen und Verpflichtungen und Einschränkungen deiner Freiheit -daraus erwachsen ...“ - -Sie lachte, die Zigarette im Munde, daß ihre tatarischen Augen sich -zusammenzogen, und ließ, gegen die Boiserie zurückgelehnt, die Hände -neben sich auf die Bank gestützt und ein Bein über das andre geschlagen, -den Fuß im schwarzen Lackschuh wippen. - -„_Quelle générosité! Oh là, là, vraiment_, genau so habe ich mir einen -_homme de génie_ schon immer vorgestellt, mein armer Kleiner!“ - -„Laß das gut sein, Clawdia. Ich bin natürlich von Hause aus kein _homme -de génie_, so wenig wie ich ein Mann von Format bin, du lieber Gott, -nein. Aber dann bin ich durch Zufall – nenne es Zufall – so hoch -heraufgetrieben worden in diese genialen Gegenden ... Mit einem Worte, -du weißt wohl nicht, daß es etwas wie die alchimistisch-hermetische -Pädagogik gibt, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung -also, wenn du mich recht verstehen willst. Aber natürlich, ein Stoff, -der dazu taugen soll, durch äußere Einwirkungen zum Höheren -hinaufgetrieben und -gezwängt zu werden, der muß es wohl im voraus ein -bißchen in sich haben. Und was ich in mir hatte, das war, ich weiß es -genau, daß ich von langer Hand her mit der Krankheit und dem Tode auf -vertrautem Fuße stand und mir schon als Knabe unvernünftigerweise einen -Bleistift von dir lieh, wie hier in der Faschingsnacht. Aber die -unvernünftige Liebe ist genial, denn der Tod, weißt du, ist das geniale -Prinzip, die _res bina_, der _lapis philosophorum_, und er ist auch das -pädagogische Prinzip, denn die Liebe zu ihm führt zur Liebe des Lebens -und des Menschen. So ist es, in meiner Balkonloge ist es mir -aufgegangen, und ich bin entzückt, daß ich es dir sagen kann. Zum Leben -gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der -andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“ - -„Du bist ein närrischer Philosoph“, sagte sie. „Ich will nicht -behaupten, daß ich alles verstehe in deinen krausen deutschen Gedanken, -aber es klingt mähnschlich, was du sagst, und du bist zweifellos ein -guter Junge. Übrigens hast du dich tatsächlich _en philosophe_ benommen, -man muß es dir lassen ...“ - -„Zu sehr _en philosophe_ für deinen Geschmack, Clawdia, nicht?“ - -„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet hast, war -dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht böse, weil du umsonst -gewartet hast?“ - -„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen von -phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und hart von dir, daß du -mit ihm zusammen kamst, denn natürlich wußtest du durch Behrens, daß ich -hier war und auf dich wartete. Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur -als eine Traumnacht auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine -Freiheit zugestehe. Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn -du bist wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die -wunderbare Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem Ohr, -und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die ich kenne, – wenn -freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber liegt, der große -Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt hat ...“ - -„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute Freundschaft -halten.“ - -„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat mich deswegen -gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches Vorurteil. Der -Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen, er ist ja eine Persönlichkeit! -Daß er in Jahren ist, – nun ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen, -wenn du als Frau ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“ - -„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte sie, indem sie -ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht für mähnschlich -halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“ - -„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo -ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört. Laß uns doch ruhig von ihm -reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“ - -Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich in den Kamin -zu werfen und saß dann mit verschränkten Armen. - -„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz und -dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du bist der -Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein Gefühl zwang mich, -ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn wohl sonst? Urteile selbst! -Ist es denn mähnschenmöglich, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“ - -„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war selbstverständlich -ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es wohl fertigbringen, sich -über sein Gefühl hinwegzusetzen, über seine Angst um das Gefühl, ihn -sozusagen in Gethsemane im Stich zu lassen ...“ - -„Du bist nicht dumm“, sagte sie, und ihre Schrägaugen blickten starr -versonnen. „Du hast Verstand. Angst um das Gefühl ...“ - -„Es ist nicht viel Verstand nötig, um zu sehen, daß du ihm folgen -mußtest, obgleich – oder vielmehr weil – seine Liebe viel Beängstigendes -haben muß.“ - -„_C’est exact_ ... Beängstigend. Man hat viel Sorge mit ihm, du weißt, -viele Schwierigkeiten ...“ Sie hatte seine Hand genommen und spielte -unbewußt mit ihren Gelenken, blickte aber plötzlich mit -zusammengezogenen Brauen auf und fragte: - -„Halt! Ist es nicht gemein, daß wir über ihn sprechen, wie wir da tun?“ - -„Gewiß nicht, Clawdia. Nein, weit entfernt. Es ist gewiß nicht mehr als -menschlich! Du liebst das Wort, du dehnst es so schwärmerisch, ich habe -es immer mit Interesse aus deinem Munde gehört. Mein Vetter Joachim -mochte es nicht, aus soldatischen Gründen. Er meinte, es bedeute -allgemeine Schlappheit und Schlottrigkeit, und so genommen, als -uferloses guazzabuglio von Duldsamkeit, habe ich auch meine Bedenken -dagegen, das gebe ich zu. Aber wenn es den Sinn von Freiheit und -Genialität und Güte hat, dann ist es eben doch eine große Sache damit, -und wir können es ruhig anführen zugunsten unseres Gesprächs über -Peeperkorn und die Sorgen und Schwierigkeiten, die er dir macht. Sie -resultieren natürlich aus seiner Ehrenpuschel, aus seiner Angst vor dem -Versagen des Gefühls, die ihn die klassischen Hilfs- und Labungsmittel -so lieben läßt, – wir können in aller Ehrfurcht davon sprechen, denn es -hat alles Format bei ihm, großartiges Königsformat, und wir erniedrigen -weder ihn noch uns, wenn wir es menschlich zur Sprache bringen.“ - -„Es handelt sich nicht um uns“, sagte sie und hatte die Arme wieder -verschränkt. „Man wäre keine Frau, wenn man nicht um eines Mannes -willen, eines Mannes von Format, wie du sagst, für den man ein -Gegenstand des Gefühls und der Angst um das Gefühl ist, auch -Erniedrigungen in den Kauf nehmen wollte.“ - -„Unbedingt, Clawdia. Sehr wohl gesprochen. Auch die Erniedrigung hat -dann Format, und die Frau kann von der Höhe ihrer Erniedrigung herab zu -denen, die kein Königsformat haben, so geringschätzig sprechen, wie du -vorhin zu mir in betreff der _timbres poste_, in dem Ton, worin du -sagtest: ‚Präzis und zuverlässig solltet ihr doch wenigstens sein!‘“ - -„Du bist empfindlich? Laß das. Wir wollen die Empfindlichkeit zum Teufel -schicken, – bist du einverstanden? Auch ich bin zuweilen empfindlich -gewesen, ich will es zugeben, da wir heute abend so beieinander sitzen. -Ich habe mich geärgert an deinem Phlegma, und daß du dich auf so guten -Fuß mit ihm stelltest um deines egoistischen Erlebnisses willen. Dennoch -hat es mich gefreut, und ich war dir dankbar, daß du ihm Ehrfurcht -erwiesest ... Es war viel Loyalität in deinem Betragen, und wenn auch -etwas Impertinenz mit unterlief, so mußte ich sie dir am Ende zugute -halten.“ - -„Das war sehr gütig von dir.“ - -Sie sah ihn an. „Es scheint, du bist unverbesserlich. Ich werde dir -sagen: Du bist ein verschlagener Junge. Ich weiß nicht, ob du Geist -hast; aber unbedingt besitzest du Verschlagenheit. Gut übrigens, es läßt -sich damit leben. Es läßt sich Freundschaft damit halten. Wollen wir -Freundschaft halten, ein Bündnis schließen für ihn, wie man sonst gegen -jemanden ein Bündnis schließt! Gibst du mir darauf die Hand? Mir ist oft -bange ... Ich fürchte mich manchmal vor dem Alleinsein mit ihm, dem -innerlichen Alleinsein, _tu sais_ ... Er ist beängstigend ... Ich -fürchte zuweilen, es möchte nicht gut ausgehen mit ihm ... Es graut mir -zuweilen ... Ich wüßte gern einen guten Menschen an meiner Seite ... -_Enfin_, wenn du es hören willst, ich bin vielleicht deshalb mit ihm -hierhergekommen ...“ - -Sie saßen Knie an Knie, er in dem vorwärts gewiegten Stuhl, sie auf der -Bank. Sie hatte seine Hand gedrückt bei ihren letzten vor seinem Gesicht -gesprochenen Worten. Er sagte: - -„Zu mir? O, das ist schön. O, Clawdia, das ist ganz außerordentlich. Du -bist mit ihm zu mir gekommen? Und du willst sagen, mein Warten sei dumm -und unerlaubt und ganz umsonst gewesen? Das wäre im höchsten Grade -linkisch, wenn ich das Anerbieten deiner Freundschaft nicht zu schätzen -wüßte, der Freundschaft mit dir für ihn ...“ - -Da küßte sie ihn auf den Mund. Es war so ein russischer Kuß, von der Art -derer, die in diesem weiten, seelenvollen Lande getauscht werden an -hohen christlichen Festen, im Sinne der Liebesbesiegelung. Da aber ein -notorisch „verschlagener“ junger Mann und eine ebenfalls noch junge, -reizend schleichende Frau ihn tauschten, so fühlen wir uns, während wir -davon erzählen, unwillkürlich von ferne an Doktor Krokowskis -kunstreiche, wenn auch nicht einwandfreie Art erinnert, von der Liebe in -einem leise schwankenden Sinn zu sprechen, so daß niemand recht sicher -gewesen war, ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches damit auf -sich hatte. Machen wir es wie er, oder machten Hans Castorp und Clawdia -Chauchat es so bei ihrem russischen Kuß? Aber was würde man sagen, wenn -wir uns schlechthin weigerten, dieser Frage auf den Grund zu gehen? -Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber – um Hans Castorps -Redewendung zu wiederholen – „im höchsten Grade linkisch“ und geradezu -lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe zwischen Frommem und -Leidenschaftlichem „reinlich“ zu unterscheiden. Was heißt da reinlich! -Was schwankender Sinn und Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen -lustig darüber. Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur _ein_ -Wort hat für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was -man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit in der -Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich sein in der äußersten -Frömmigkeit und nicht unfromm in der äußersten Fleischlichkeit, sie ist -immer sie selbst, als verschlagene Lebensfreundlichkeit wie als höchste -Passion, sie ist die Sympathie mit dem Organischen, das rührend -wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten, – Charitas ist gewiß -noch in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft. -Schwankender Sinn? Aber man lasse in Gottes Namen den Sinn der Liebe -doch schwanken! Daß er schwankt, ist Leben und Menschlichkeit, und es -würde einen durchaus trostlosen Mangel an Verschlagenheit bedeuten, sich -um sein Schwanken Sorge zu machen. - -Während also die Lippen Hans Castorps und Frau Chauchats sich im -russischen Kusse finden, verdunkeln wir unser kleines Theater zum -Szenenwechsel. Denn nun handelt es sich um die zweite der beiden -Unterredungen, deren Mitteilung wir zusicherten, und nach -Wiederherstellung der Beleuchtung, der trüben Beleuchtung eines zur -Neige gehenden Frühlingstages, zur Zeit der Schneeschmelze, erblicken -wir unseren Helden in schon gewohnter Lebenslage am Bette des großen -Peeperkorn, in ehrerbietig-freundschaftlichem Gespräch mit ihm. Nach dem -4-Uhr-Tee im Speisesaal, zu dem Frau Chauchat, wie schon zu den drei -vorhergehenden Mahlzeiten, allein erschienen war, um unmittelbar danach -einen _shopping_-Gang nach „Platz“ hinunter anzutreten, hatte Hans -Castorp sich zu einer seiner üblichen Krankenvisiten bei dem Holländer -melden lassen, teils, um ihm Aufmerksamkeit zu bezeigen und ihn ein -wenig zu unterhalten, teils, um sich seinerseits an seiner -Persönlichkeitswirkung zu erbauen, – kurzum, aus lebensvoll schwankenden -Motiven. Peeperkorn legte den „Telegraaf“ beiseite, warf den Hornzwicker -darauf, nachdem er ihn sich am Bügel von der Nase gehoben, und reichte -dem Besucher die Kapitänshand, während seine breiten, zerrissenen Lippen -sich mit wundem Ausdruck undeutlich regten. Rotwein und Kaffee waren ihm -wie gewöhnlich zur Hand: das Kaffeegeschirr stand auf dem Stuhle am -Bett, braun benetzt vom Gebrauch, – Mynheer hatte seinen -Nachmittagstrank genommen, stark und heiß, mit Zucker und Rahm, wie -gewöhnlich, und er schwitzte davon. Sein weiß umflammtes Königsgesicht -war gerötet, und kleine Tropfen standen ihm auf Stirn und Oberlippe. - -„Ich schwitze etwas“, sagte er. „Willkommen, junger Mann. Im Gegenteil. -Nehmen Sie Platz! Das ist ein Zeichen von Schwäche, wenn einem nach -Einnahme eines warmen Getränkes sogleich – Wollen Sie mir – Ganz recht. -Das Taschentuch. Ich danke sehr.“ Übrigens verlor sich die Röte bald und -machte der gelblichen Blässe Platz, die nach einem malignen Anfall des -großartigen Mannes Gesicht zu bedecken pflegte. Das Quartanfieber war -stark gewesen diesen Vormittag, in allen drei Stadien, dem kalten, dem -glühenden und dem feuchten, und Peeperkorns kleine, blasse Augen -blickten matt unter der idolhaften Stirnlineatur. Er sagte: - -„Es ist – durchaus, junger Mann. Ich möchte durchaus das Wort -‚anerkennenswert‘ – Absolut. Es ist sehr freundlich von Ihnen, einen -kranken alten Mann –“ - -„Zu besuchen?“ fragte Hans Castorp ... „Nicht doch, Mynheer Peeperkorn. -Ich bin es, der sehr dankbar zu sein hat, daß ich ein bißchen hier -sitzen darf, ich habe ja unvergleichlich viel mehr davon, als Sie, ich -komme aus rein egoistischen Gründen. Und was ist denn das für eine -irreführende Bezeichnung für Ihre Person, – ‚ein kranker alter Mann‘. -Kein Mensch würde darauf kommen, daß _Sie_ das sein sollen. Es gibt ja -ein völlig falsches Bild.“ - -„Gut, gut“, erwiderte Mynheer und schloß für einige Sekunden die Augen, -das majestätische Haupt mit erhobenem Kinn ins Kissen zurückgelehnt, die -langgenagelten Finger auf der breiten Königsbrust gefaltet, die sich -unter dem Trikothemd abzeichnete. „Es ist gut, junger Mann, oder -vielmehr, Sie meinen es gut, ich bin überzeugt davon. Es war angenehm -gestern nachmittag – jawohl, noch gestern nachmittag – an jenem -gastlichen Ort – ich habe seinen Namen vergessen –, wo wir die -vortreffliche Salamiwurst mit Rühreiern und diesen gesunden Landwein –“ - -„Großartig war es!“ bestätigte Hans Castorp. „Wir haben es uns alle ganz -unerlaubt schmecken lassen, – der Küchenchef hier vom Berghof wäre mit -Recht beleidigt gewesen, wenn er’s gesehen hätte, – kurzum, wir waren -ohne Ausnahme intensiv bei der Sache! Das war Salami von echtem Schrot -und Korn, Herr Settembrini war ganz gerührt davon, er aß sie sozusagen -mit feuchten Augen. Er ist ja ein Patriot, wie Sie wissen werden, ein -demokratischer Patriot. Er hat seine Bürgerpike am Altar der Menschheit -geweiht, damit die Salami in Zukunft an der Brennergrenze verzollt -werde.“ - -„Das ist unwesentlich“, erklärte Peeperkorn. „Er ist ein ritterlicher -und heiter gesprächiger Mann, ein Kavalier, obgleich es ihm offenbar -nicht vergönnt ist, häufig seine Kleidung zu wechseln.“ - -„Überhaupt nicht!“ sagte Hans Castorp. „Überhaupt nicht vergönnt! Ich -kenne ihn nun schon lange Zeit und bin sehr befreundet mit ihm, das -heißt, er hat sich meiner aufs dankenswerteste angenommen, weil er -nämlich fand, ich wäre ein ‚Sorgenkind des Lebens‘ – das ist so eine -Redewendung zwischen uns, der Ausdruck ist nicht ohne weiteres -verständlich – und sich die Mühe gibt, berichtigend auf mich -einzuwirken. Aber nie habe ich ihn anders gesehen, weder im Sommer noch -im Winter, als in den gewürfelten Hosen und dem faserigen Doppelreiher, -er trägt die alten Sachen übrigens mit hervorragendem Anstand, durchaus -kavaliermäßig, da stimme ich Ihnen entschieden zu. Es ist ein Triumph -über die Ärmlichkeit, wie er sie trägt, und mir ist diese Ärmlichkeit -sogar lieber als die Eleganz des kleinen Naphta, bei der einem nie recht -geheuer ist, sie ist sozusagen des Teufels, und die Mittel dazu bezieht -er hintenherum, – ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse.“ - -„Ein ritterlicher und heiterer Mann,“ wiederholte Peeperkorn, ohne auf -die Bemerkung über Naphta einzugehen, „wenn auch – erlauben Sie mir -diese Einschränkung – wenn auch nicht ohne Vorurteile. Madame, meine -Reisebegleiterin, schätzt ihn nicht sonderlich, wie Sie vielleicht -bemerkt haben werden; sie äußert sich ohne Sympathie über ihn, -zweifellos weil sie derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie -– Kein Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini und -Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt! Ich denke -nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte jener Artigkeit, die -ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber Freund, durchaus einwandfrei! -Allein es ist da doch eine Grenze, eine Zurückhaltung, eine gewisse -Re–ku–sa–tion, die Madames Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade -–“ - -„Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade rechtfertigt. -Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigenmächtig Ihren Satz -beende. Ich kann es riskieren in dem Bewußtsein völligen -Einverständnisses mit Ihnen. Besonders wenn man in Anschlag bringt, wie -sehr die Frauen – Sie mögen lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so -allgemein von den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum -Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu ihnen, – so gibt es -da nichts zu verwundern. Die Frauen, so möchte ich mich ausdrücken, sind -reaktive Geschöpfe, ohne selbständige Initiative, lässig im Sinne von -passiv ... Lassen Sie mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter -auszuführen versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte, -betrachtet sich in Liebesangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie -läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird zum -wählenden Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des Mannes, und auch -dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen, ist ihre Wahlfreiheit – -vorausgesetzt nur eben, daß es sich nicht um eine gar zu betrübte Seele -von Mann handelt, aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung -gelten – ist also ihre Wahlfreiheit sehr beeinträchtigt und bestochen -durch die Tatsache, _daß_ sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden -Abgeschmacktheiten sein, was ich da äußere, aber wenn man jung ist, so -ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich. Sie fragen eine -Frau: ‚Liebst du ihn denn?‘ ‚Er liebt mich so sehr!‘ antwortet sie Ihnen -mit Augenaufschlag oder auch -niederschlag. Nun stellen Sie sich eine -solche Antwort im Munde von unsereinem vor – verzeihen Sie die -Zusammenziehung! Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten, -aber sie sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um -mich epigrammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von welcher -Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich zeugt. Findet die -Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Ergebenheit schuldet, der ein so -niederes Wesen wie sie mit seiner Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie -in der Liebe des Mannes zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner -Vorzüglichkeit. Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläufig -hier und da einmal gefragt.“ - -„Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann, mit Ihrem -gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenheiten“, erwiderte Peeperkorn. -„Den Mann berauscht seine Begierde, das Weib verlangt und gewärtigt, von -seiner Begierde berauscht zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum -Gefühl. Daher die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der -Ohnmacht, das Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein -mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe dieses Tages -war erheblich.“ - -„Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar nicht meine -Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken bin ich immer -bereit.“ - -„So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. Ich greife -aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man tritt diesem kleinen -Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus schlichtem Gefäße –“ Er schenkte -ein, unter Beihilfe seines Gastes, mit leicht zitternder Kapitänshand, -und goß durstig den Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine -Büstengurgel, genau, als ob es klares Wasser wäre. - -„Das labt“, sagte er. „Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben Sie, daß -ich mir noch einmal –“ Er verschüttete etwas Wein beim abermaligen -Einschenken. Das Einschlaglaken seiner Decke war dunkelrot befleckt. -„Ich wiederhole“, sagte er mit erhobener Fingerlanze, während in seiner -anderen Hand das Weinglas zitterte, „ich wiederhole: daher unsere -Verpflichtung, unsere _religiöse_ Verpflichtung zum Gefühl. Unser -Gefühl, verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt. Das -Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit mit dem -göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann, ist göttlich. Der -Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das Gefühl Gottes. Gott -schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ, -durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben -vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist -die Niederlage von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein -unausdenkbares Entsetzen –“ Er trank. - -„Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer Peeperkorn“, -sagte Hans Castorp. „Ich folge Ihrem Gedankengang zu meiner größten -Belehrung. Sie entwickeln da eine theologische Theorie, mit der Sie dem -Menschen eine höchst ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige -religiöse Funktion zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken -erlauben darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungsweise, die -ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse Strenge ist -natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates. Ich denke nicht -daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern ich möchte nur einlenkend auf -Ihre Äußerung über gewisse ‚Vorurteile‘ zurückkommen, die nach Ihrer -Beobachtung Herr Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin, -entgegenbringt. Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr -und Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß seine -Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall kleinlichen -und spießbürgerlichen Charakters sind, – lächerlich, so etwas zu denken. -Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile von größerem Stil und -also unpersönlicher Art handeln, um allgemein pädagogische Prinzipien, -bei deren Geltendmachung Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner -Eigenschaft als ‚Sorgenkind des Lebens‘ – Aber das führt zu weit. Es ist -eine überaus weitläufige Angelegenheit, die ich unmöglich in zwei Worten -–“ - -„Und Sie lieben Madame?“ fragte Mynheer plötzlich und wandte dem -Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrissenen Munde und den -kleinen blassen Augen unter dem Stirnarabeskenwerk zu ... Hans Castorp -erschrak. Er stammelte: - -„Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbstverständlich -schon in ihrer Eigenschaft als –“ - -„Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurückdämmender -Kulturgebärde die Hand ausstreckte. „Lassen Sie mich,“ fuhr er fort, -nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen für das, was er zu sagen -hatte, „lassen Sie mich wiederholen, daß ich weit von dem Vorwurf -entfernt bin, dieser italienische Herr habe sich je eines wirklichen -Verstoßes gegen die Gebote der Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen -niemanden diesen Vorwurf, gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im -gegenwärtigen Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann. -Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein Zweifel; es -gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl sage ich mir – -Ich sage mir kurz und gut: Ihre Bekanntschaft mit Madame ist älter, als -die unsrige. Sie haben schon ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit -ihr geteilt. Außerdem ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften, -und ich bin nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich -unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein und ohne -Begleitung hinab in den Kurort – Kein Unglück! Bei weitem nicht! Nur -wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß der – wie sagten Sie – der -pädagogischen Prinzipien Signor Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem -ritterlichen Antriebe – Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ...“ - -„Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und gar nicht. Ich -handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat mich Herr Settembrini sogar -gelegentlich – – Ich sehe da zu meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem -Laken, Mynheer Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf -zu schütten, solange sie frisch waren –“ - -„Das ist unwesentlich“, sprach Peeperkorn, indem er seinen Gast im Auge -behielt. - -Hans Castorp verfärbte sich. - -„Die Dinge“, sagte er mit falschem Lächeln, „liegen hier doch etwas -anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken, ist -nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der Kranke, ob Mann oder -Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit treten dagegen zurück. Sie -sind vorübergehend unpäßlich, Mynheer Peeperkorn, – eine akute -Unpäßlichkeit, eine Unpäßlichkeit von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin -ist vergleichsweise gesund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu -handeln, wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen -vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha, ha: – -statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine Begleitung in den -Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch wohl dazu, Ihrer -Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen? Dazu habe ich gar -keinen Rechtstitel und kein Mandat. Ich darf sagen, daß ich viel Sinn -für positive Rechtsverhältnisse habe. Kurzum, meine Situation, finde -ich, ist korrekt, sie entspricht der allgemeinen Sachlage, sie -entspricht namentlich meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person, -Mynheer Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn Sie -richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort erteilt -zu haben.“ - -„Eine sehr angenehme“, erwiderte Peeperkorn. „Ich lausche mit -unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort, junger Mann. Es -springt über Stock und Stein und rundet die Dinge zur Annehmlichkeit. -Allein befriedigend, – nein. Ihre Antwort befriedigt mich nicht ganz, – -verzeihen Sie, wenn ich Ihnen damit eine Enttäuschung bereite. -‚Rigoros‘, lieber Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf -gewisse von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen -liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit, die mir -mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen scheint, obgleich sie mir aus -Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung bekannt ist. Ich erkenne sie -wieder. Es ist die nämliche Gezwungenheit, die Sie bei unseren -gemeinsamen Unternehmungen, unseren Spaziergängen gegen Madame – gegen -sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine Erklärung – -das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger Mann. Ich irre mich -nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu oft bestätigt, und es ist -unwahrscheinlich, daß sie sich nicht auch anderen aufgedrängt haben -sollte, mit dem Unterschiede, daß diese anderen sich möglicherweise, ja -wahrscheinlich im Besitz der Erklärung des Phänomens befinden.“ - -Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlossenem Stil heute -nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den malignen Anfall. Es -fehlte fast jede Abgerissenheit. Im Bette halb sitzend, die mächtigen -Schultern, das großartige Haupt gegen den Besucher gewandt, hielt er den -einen Arm über der Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige -Kapitänshand, aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den von -den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein Mund die Worte -so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie Herr Settembrini es nur -hätte wünschen können, mit gerolltem Kehl-r in Wörtern wie -„wahrscheinlich“ und „aufgedrängt“. - -„Sie lächeln,“ fuhr er fort, „Sie drehen blinzelnd den Kopf hin und her, -Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens zu befleißigen. -Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen, was ich meine, und um -was es sich handelt. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht zuweilen das Wort -an Madame richteten oder ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die -Unterhaltung das Umgekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es -geschieht mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen, -einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht, dem Vermeiden _einer_ -Form. Man hat, soweit Sie in Frage kommen, den Eindruck, als handelte es -sich um eine Wette, als hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen -und dürften sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen. -Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden. Sie sagen -nicht ‚Sie‘ zu ihr.“ - -„Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ...“ - -„Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst nicht unkund -sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind bis in die Lippen -hinein.“ - -Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich beschäftigte -er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. „Dahin mußte es kommen!“ -dachte er. „Darauf wollte es hinaus. Ich habe, glaube ich, selber das -meine getan, damit es darauf hinausliefe. Ich habe es in gewissem Grade -darauf angelegt, wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich -wahrhaftig so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf -Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann ich noch lügen? -Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich bleibe vorderhand bei -diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier im Laken.“ - -Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei oder drei -Minuten lang, – sie gab zu bemerken, welche Ausdehnung diese winzigen -Einheiten unter solchen Umständen gewinnen können. - -Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete. - -„Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft gebracht -hatte“, begann er in singendem Ton und ließ am Schlusse die Stimme -sinken, als sei das der erste Satz einer längeren Erzählung. „Wir hatten -ein kleines Fest gefeiert, Speise und Trank genossen, und in gehobener -Stimmung, in menschlich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu -vorgerückter Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da geschah es, hier -vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung kam, die -Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten mit den Lippen die Stirn der -Frau berühren, die Sie mir als einen guten Freund von früherem -Aufenthalte her vorgestellt hatte, und es ihr anheimzugeben, diese -feierlich-heitere Handlung zum Zeichen der erhöhten Stunde vor meinen -Augen zu erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen sie -mit der Begründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit meiner -Reisebegleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden nicht bestreiten, -daß das eine Erläuterung war, die selbst der Erklärung bedurft hätte, -einer Erklärung, die Sie mir bis zur Stunde schuldig geblieben sind. -Sind Sie gewillt, diese Schuld jetzt abzutragen?“ - -„So, das hat er also auch gemerkt“, dachte Hans Castorp und wandte sich -noch näher den Weinflecken zu, indem er mit der gekrümmten Spitze des -Mittelfingers an einem davon kratzte. „Im Grunde wollte ich wohl damals, -daß er es merkte und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber -was nun? Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller -vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach seiner Faust -umzusehen, die möglicherweise schon über mir schwebt? Eine -hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage, in der ich mich da -befinde!“ - -Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand -Peeperkorns umfaßt. - -„Jetzt faßt er mich am Handgelenk!“ dachte er. „Na, lächerlich, was -sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich schuldhaft -vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der Mann in Daghestan sich -zu beklagen. Und dann dieser und jener. Und dann ich. Und _er_ hat sich -meines Wissens überhaupt noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also -das Herz? Es ist hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und ihm frank, wenn -auch ehrerbietig in das großmächtige Antlitz blicke!“ - -So tat er. Das großmächtige Antlitz war gelb, die Augen blickten blaß -unter angezogener Stirnlineatur, der Ausdruck der zerrissenen Lippen war -bitter. Sie lasen einer in des anderen Augen, der große alte und der -unbedeutende junge Mann, indem der eine fortfuhr, den anderen am -Handgelenk zu halten. Endlich sprach Peeperkorn leise: - -„Sie waren Clawdias Geliebter bei ihrem vorigen Aufenthalt.“ - -Hans Castorp ließ noch einmal den Kopf sinken, richtete ihn aber gleich -wieder auf und sagte nach einem tiefen Atemzug: - -„Mynheer Peeperkorn! Es widersteht mir im höchsten Grade, Sie zu -belügen, und ich suche nach einer Möglichkeit, das zu vermeiden. Es ist -nicht leicht. Ich prahle, wenn ich Ihre Feststellung bestätige, und ich -lüge, wenn ich sie leugne. Das ist so zu verstehen. Ich habe lange Zeit, -sehr lange Zeit mit Clawdia – verzeihen Sie – mit Ihrer gegenwärtigen -Reisebegleiterin zusammen in diesem Hause gelebt, ohne sie -gesellschaftlich zu kennen. Das Gesellschaftliche schied aus in unseren -Beziehungen oder in meinen Beziehungen zu ihr, von denen ich sagen will, -daß ihr Ursprung im Dunklen liegt. Ich habe Clawdia in meinen Gedanken -nie anders als Du genannt und auch in Wirklichkeit nie anders. Denn der -Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln, von denen schon kurz die -Rede war, abstreifte und mich ihr näherte – unter einem Vorwand, der mir -von früher her nahe lag –, war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend, -ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in dessen Verlauf das Du -auf traumhafte und unverantwortliche Weise vollen Sinn gewann. Er war -aber zugleich der Vorabend von Clawdias Abreise.“ - -„Vollen Sinn“, wiederholte Peeperkorn. „Sie haben das sehr artig –“ Er -ließ Hans Castorp los und begann, sich mit den Flächen seiner -langnägeligen Kapitänshände beide Gesichtshälften zu massieren, -Augenhöhlen, Wangen und Kinn. Dann faltete er die Hände auf dem -weinbesudelten Laken und legte den Kopf auf die Seite, die linke Seite, -gegen den Gast hin, so daß es einem Abwenden des Gesichtes gleichkam. - -„Ich habe Ihnen so richtig wie möglich geantwortet, Mynheer Peeperkorn,“ -sagte Hans Castorp, „und mich gewissenhaft bemüht, weder zuviel noch -zuwenig zu sagen. Es kam mir vor allem darauf an, Sie bemerken zu -lassen, daß es gewissermaßen freisteht, jenen Abend des vollen Du und -des Abschieds mitzählen zu lassen oder nicht, – daß er ein aus aller -Ordnung und beinahe aus dem Kalender fallender Abend war, ein _hors -d’œuvre_, sozusagen, ein Extraabend, ein Schaltabend, der -neunundzwanzigste Februar, – und daß es also nur eine halbe Lüge gewesen -wäre, wenn ich Ihre Feststellung geleugnet hätte.“ - -Peeperkorn antwortete nicht. - -„Ich habe es vorgezogen,“ fing Hans Castorp nach einer Pause wieder an, -„Ihnen die Wahrheit zu sagen auf die Gefahr hin, dadurch Ihres -Wohlwollens verlustig zu gehen, was, ganz offen gestanden, ein -empfindlicher Verlust für mich wäre, ich kann wohl sagen: ein Schlag, -ein wirklicher Schlag, den man wohl in Vergleich stellen könnte mit dem -Schlag, den es für mich bedeutete, als Frau Chauchat nicht allein, -sondern als Ihre Reisebegleiterin hier wieder eintraf. Ich habe es auf -diese Gefahr ankommen lassen, weil es längst mein Wunsch gewesen ist, -daß Klarheit zwischen uns – zwischen Ihnen, dem ich so außerordentlich -verehrungsvolle Empfindungen entgegenbringe, und mir herrschen möge, – -das schien mir schöner und menschlicher – Sie wissen, wie Clawdia das -Wort ausspricht mit ihrer zauberhaft belegten Stimme, so reizend gedehnt -–, als Verschwiegenheit und Verstellung, und insofern ist mir ein Stein -vom Herzen gefallen, als Sie vorhin Ihre Feststellung machten.“ - -Keine Antwort. - -„Noch eins, Mynheer Peeperkorn“, fuhr Hans Castorp fort. „Noch eins ließ -mich wünschen, Ihnen reinen Wein einschenken zu dürfen, nämlich die -persönliche Erfahrung, wie irritierend die Unsicherheit, das -Angewiesensein auf halbe Vermutungen in dieser Richtung wirken kann. -_Sie_ wissen nun, wer es war, mit dem Clawdia, bevor das gegenwärtige -positive Rechtsverhältnis sich herstellte, das nicht zu respektieren -natürlich ausgemachter Wahnsinn wäre, einen – einen neunundzwanzigsten -Februar erlebt, verbracht, begangen – also begangen hat. Ich habe für -mein Teil diese Klarheit nie gewinnen können, obgleich ich mir klar -darüber war, daß jeder, der in die Lage kommt, darüber nachzudenken, mit -solchen Vorgängen, ich meine eigentlich Vorgängern, rechnen muß, und -obgleich ich ferner wußte, daß Hofrat Behrens, der, wie Sie vielleicht -wissen, in Öl dilettiert, im Laufe vieler Sitzungen ein hervorragendes -Porträt von ihr angefertigt hatte, von einer Anschaulichkeit in der -Wiedergabe der Haut, die unter uns gesagt zu starkem Stutzen Anlaß gibt. -Das hat mir viel Qual und Kopfzerbrechen verursacht und tut es noch -heute.“ - -„Sie lieben sie noch?“ fragte Peeperkorn, ohne seine Stellung zu -verändern, das heißt: mit abgewandtem Gesicht ... Das große Zimmer sank -mehr und mehr in Dämmerung. - -„Entschuldigen Sie, Mynheer Peeperkorn,“ antwortete Hans Castorp, „aber -meine Empfindungen für Sie, Empfindungen größter Hochachtung und -Bewunderung, würden es mir nicht als schicklich erscheinen lassen, Ihnen -von meinen Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin zu sprechen.“ - -„Und teilt sie“, fragte Peeperkorn mit stiller Stimme, „diese -Empfindungen auch heute noch?“ - -„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht, daß sie sie -jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir haben diesen -Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir von der reaktiven Natur -der Frauen sprachen. An mir ist natürlich nicht viel zu lieben. Was habe -denn ich für ein Format, – urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem – -einem neunundzwanzigsten Februar kommen konnte, so ist das einzig und -allein der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes -zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch und -geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen ‚Mann‘ nenne, aber Clawdia -ist jedenfalls eine Frau.“ - -„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen Lippen. - -„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte Hans Castorp, -„und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach schon manches liebe Mal -getan hat, – darüber muß jeder sich klar sein, der in die Lage kommt –“ - -„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber mit einer Gebärde -der flachen Hand gegen seinen Unterredner. „Sollte es nicht gemein sein, -daß wir so über sie sprechen?“ - -„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie völlig -beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen die Rede, – das -Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und der Genialität genommen, – -verzeihen Sie den möglicherweise etwas geschraubten Ausdruck, aber der -Bedarfsfall brachte mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“ - -„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise. - -Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles am Bette -sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt, die Hände zwischen -den Knien. - -„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der Mann hinter -dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie einen Mann hinter dem -Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit und Genialität, sei es aus -Stumpfheit, sei es aus Intelligenz, ich kenne den Burschen nicht. -Jedenfalls tut er wohl daran, sie ihr zu bewilligen, denn es ist die -Krankheit, die sie ihr verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem -sie untersteht, und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem -Beispiel zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch -vorwärts ...“ - -„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte ihm das Antlitz -zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die Augen blickten bleich und -matt unter der idolhaften Stirnlineatur, der große, zerrissene Mund -stand halb geöffnet wie bei einer tragischen Maske. - -„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden, „daß es sich um -mich handle. Meine Worte bezwecken, daß _Sie_ sich nicht beklagen, -Mynheer Peeperkorn, und mir nicht um früherer Vorkommnisse willen Ihr -Wohlwollen entziehen. Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“ - -„Dessen ungeachtet“, sagte Peeperkorn, „muß es ein großer Schmerz -gewesen sein, den ich Ihnen unwissentlich zugefügt habe.“ - -„Wenn das eine Frage ist“, versetzte Hans Castorp, „und wenn ich sie -bejahe, so soll das vor allen Dingen nicht heißen, daß ich den enormen -Vorzug Ihrer Bekanntschaft nicht zu schätzen wüßte, denn dieser Vorzug -ist ja mit der Enttäuschung, von der Sie sprechen, untrennbar -verbunden.“ - -„Ich danke, junger Mann, ich danke. Ich schätze die Artigkeit Ihres -kleinen Wortes. Allein von unserer Bekanntschaft abgesehen –“ - -„Es ist schwer, davon abzusehen,“ sagte Hans Castorp, „und es empfiehlt -sich für mich auch gar nicht, davon abzusehen, um Ihre Frage in aller -Anspruchslosigkeit zu bejahen. Denn daß es eine Persönlichkeit Ihres -Formates war, in deren Begleitung Clawdia zurückkehrte, konnte das -Ungemach, das für mich darin lag, daß sie überhaupt in Begleitung eines -anderen Mannes zurückkehrte, natürlich nur verstärken und verwickelter -gestalten. Es hat mir bedeutend zu schaffen gemacht und tut es heute -noch, das leugne ich nicht, und ich habe mich absichtlich nach Kräften -an die positive Seite der Sache gehalten, das heißt: an meine -aufrichtigen Verehrungsgefühle für Sie, Mynheer Peeperkorn, worin -übrigens nebenbei eine kleine Bosheit gegen Ihre Reisebegleiterin lag; -denn die Frauen sehen es gar nicht besonders gern, wenn ihre Liebhaber -zusammenhalten.“ - -„In der Tat –“, sagte Peeperkorn und verbarg ein Lächeln, indem er mit -der hohlen Hand über Mund und Kinn strich, als bestünde Gefahr, daß Frau -Chauchat ihn lächeln sähe. Auch Hans Castorp lächelte diskret, und dann -nickten sie beide im Einverständnis vor sich hin. - -„Diese kleine Rache“, fuhr Hans Castorp fort, „war mir am Ende zu -gönnen, denn so weit ich in Frage komme, habe ich wirklich einigen -Grund, mich zu beklagen, – nicht über Clawdia und nicht über Sie, -Mynheer Peeperkorn, aber mich allgemein zu beklagen, meines Lebens und -Schicksals wegen, und da ich die Ehre Ihres Vertrauens genieße und dies -eine so durch und durch eigentümliche Dämmerstunde ist, so will ich mich -wenigstens andeutungsweise darüber zu äußern versuchen.“ - -„Ich bitte darum“, sagte Peeperkorn höflich, worauf Hans Castorp -fortfuhr: - -„Ich bin seit langer Zeit hier oben, Mynheer Peeperkorn, seit Jahren und -Tagen, – genau weiß ich es nicht, wie lange, aber es sind Lebensjahre, -darum sprach ich von ‚Leben‘, und auch auf das ‚Schicksal‘ werde ich im -rechten Augenblick noch zurückkommen. Mein Vetter, den ich etwas zu -besuchen dachte, ein Militär, der es redlich und brav im Sinne hatte, -aber das half ihm nichts, ist mir hier weggestorben, und ich bin immer -noch da. Ich war nicht Militär, ich hatte einen Zivilberuf, wie Sie -vielleicht gehört haben, einen handfesten und vernünftigen Beruf, der -angeblich sogar in völkerverbindender Richtung wirkt, aber ich war ihm -nie sonderlich verbunden, das gebe ich zu, und zwar aus Gründen, von -denen ich nur sagen will, daß sie im Dunklen liegen: Sie liegen da -zusammen mit den Ursprüngen meiner Empfindungen für Ihre -Reisebegleiterin – ich nenne sie ausdrücklich so, um zu bekunden, daß es -mir nicht einfällt, an der positiven Rechtslage rütteln zu wollen – -meiner Empfindungen für Clawdia Chauchat und meines Duzverhältnisses zu -ihr, das ich nie verleugnet habe, seit ihre Augen mir zuerst begegneten -und es mir antaten, – es mir in unvernünftigem Sinne antaten, verstehen -Sie. Ihr zuliebe und Herrn Settembrini zum Trotz habe ich mich dem -Prinzip der Unvernunft, dem genialen Prinzip der Krankheit unterstellt, -dem ich freilich wohl von langer Hand und jeher schon unterstand, und -bin hier oben geblieben, – ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ich -habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen Verwandten und -meinem flachländischen Beruf und allen meinen Aussichten. Und als -Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, immer hier oben gewartet, -so daß ich nun dem Flachland völlig abhanden gekommen und in seinen -Augen so gut wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von ‚Schicksal‘ -sprach und mir anzudeuten erlaubte, daß es mir allenfalls zustände, mich -über die gegenwärtige Rechtslage zu beklagen. Ich habe einmal eine -Geschichte gelesen, – nein, ich habe sie im Theater gesehen, wie ein -gutmütiger Junge – er war übrigens Militär, wie mein Vetter, – es mit -einer reizenden Zigeunerin zu tun bekommt, – sie war reizend, mit einer -Blume hinter dem Ohr, ein wildes, fatales Frauenzimmer, und sie tat es -ihm dermaßen an, daß er vollständig entgleiste, ihr alles opferte, -fahnenflüchtig wurde, mit ihr zu den Schmugglern ging und sich in jeder -Richtung entehrte. Als er soweit war, hatte sie genug von ihm und kam -mit einem Matador daher, einer zwingenden Persönlichkeit mit -prachtvollem Bariton. Es endete damit, daß der kleine Soldat, kreideweiß -im Gesicht und in offenem Hemd, sie vor dem Zirkus mit seinem Messer -erstach, worauf sie es übrigens geradezu angelegt hatte. Es ist eine -ziemlich beziehungslose Geschichte, auf die ich da komme. Aber -schließlich, warum fällt sie mir ein?“ - -Mynheer Peeperkorn hatte bei Nennung des „Messers“ seine Sitzlage im -Bette etwas verändert, war kurz beiseite gerückt, indem er rasch das -Gesicht seinem Gaste zugewandt und ihm forschend ins Auge geblickt -hatte. Jetzt richtete er sich besser auf, stützte sich auf den Ellbogen -und sprach: - -„Junger Mann, ich habe gehört, und ich bin nun im Bilde. Erlauben Sie -mir auf Grund Ihrer Mitteilungen eine loyale Erklärung! Wäre mein Haar -nicht bleich und wäre ich nicht mit malignem Fieber geschlagen, so sähen -Sie mich bereit, Ihnen von Mann zu Mann, die Waffe in der Hand, -Genugtuung zu geben für die Unbill, die ich Ihnen unwissentlich angetan, -und zugleich für diejenige, die meine Reisebegleiterin Ihnen zugefügt, -und für die ich ebenfalls aufzukommen habe. Perfekt, mein Herr, – Sie -sähen mich bereit. Wie aber die Dinge liegen, so erlauben Sie mir, einen -anderen Vorschlag dafür einzusetzen. Es ist der folgende. Ich erinnere -mich eines gehobenen Augenblicks, gleich zu Anfang unserer -Bekanntschaft, – ich erinnere mich daran, obgleich ich damals dem Weine -stark zugesprochen hatte –, eines Augenblicks also, da ich, angenehm -berührt von Ihrem Naturell, im Begriffe stand, Ihnen das brüderliche Du -anzubieten, mich aber dann der Einsicht nicht entzog, daß es ein etwas -übereilter Schritt gewesen wäre. Gut, ich beziehe mich heute auf diesen -Augenblick, ich komme auf ihn zurück, ich erkläre den damals -beschlossenen Aufschub für abgelaufen. Junger Mann, wir sind Brüder, ich -erkläre uns dafür. Sie sprachen von einem Du vollen Sinnes, – auch das -unsrige wird vollen Sinn haben, den Sinn der Brüderlichkeit im Gefühl. -Die Genugtuung, die Ihnen mit der Waffe zu geben, Alter und -Unpäßlichkeit mich hindern, ich biete sie Ihnen in dieser Form, ich -biete sie Ihnen in Form eines Bruderbundes, wie man ihn sonst wohl gegen -Dritte, gegen die Welt, gegen jemanden schließt, und den wir im Gefühl -für jemanden schließen wollen. Nehmen Sie Ihr Weinglas, junger Mann, -während ich wieder zu meinem Wasserglas greife, durch das diesem -Sauserchen weiter kein Unrecht geschieht –“ - -Und mit leicht zitternder Kapitänshand füllte er die Gläser, wobei Hans -Castorp ihm in ehrerbietiger Bestürzung behilflich war. - -„Nehmen Sie!“ wiederholte Peeperkorn. „Kreuzen Sie den Arm mit mir! Und -trinken Sie auf diese Weise! Trinken Sie aus! – Perfekt, junger Mann. -Erledigt. Hier meine Hand. Bist du zufrieden?“ - -„Das ist natürlich gar kein Ausdruck, Mynheer Peeperkorn“, sagte Hans -Castorp, dem es etwas schwer gefallen war, das volle Glas in einem Zuge -auszutrinken, und trocknete seine Knie mit dem Taschentuch, da Wein -darauf hinabgeflossen war. „Ich bin hoch beglückt, will ich lieber -sagen, und kann es noch gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal -zuteil geworden, – es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist -eine gewaltige Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient -haben soll, höchstens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und man -darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich anmutet, die -neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn ich darüber stolpere, – -zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht nach Frauenart nicht ganz -einverstanden sein wird mit diesem Arrangement ...“ - -„Laß das meine Sache sein“, erwiderte Peeperkorn, „und das andere Sache -der Übung und Gewohnheit! Und nun geh, junger Mann! Verlasse mich, mein -Sohn! Es ist dunkel, der Abend ist völlig hereingebrochen, unsere -Geliebte kann jeden Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwischen -euch wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste.“ - -„Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!“ sagte Hans Castorp und stand auf. „Sie -sehen, ich überwinde meine berechtigte Scheu und übe mich schon in der -tollkühnen Anrede. Richtig, es ist ja finster geworden! Ich könnte mir -vorstellen, daß plötzlich Herr Settembrini hereinkäme und das Licht -andrehte, damit Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz griffen, – er -hat nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich gehe dermaßen vergnügt und -stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten hätte träumen -lassen. Recht gute Besserung! Es kommen nun mindestens drei fieberfreie -Tage für dich, an denen Sie allen Anforderungen gewachsen sein werden. -Das freut mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!“ - - - Mynheer Peeperkorn (Schluß) - -Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und kaum wissen -wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für fallendes Wasser -sogar eine besondere Herzensneigung hegte, die malerische Kaskade im -Walde des Flüelatals noch niemals besucht hatte. Für die Zeit seines -Zusammenlebens mit Joachim mochte er entschuldigt sein durch die strenge -Dienstlichkeit seines Vetters, der nicht zum Vergnügen hier gewesen war, -und dessen sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste -Umgebung von Haus „Berghof“ eingeschränkt hatte. Und nach seinem -Ausscheiden – nun, auch danach hatte Hans Castorps Verhältnis zur -hiesigen Landschaft, wenn man von seinen Skiunternehmungen absehen will, -den Charakter einer konservativen Einförmigkeit bewahrt, deren -Kontrast zu der Spannweite seiner inneren Erfahrungen und -„Regierungs“-obliegenheiten sogar nicht ohne einen gewissen bewußten -Reiz für den jungen Mann gewesen war. Immerhin war seine Zustimmung -lebhaft, als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise -von sieben Personen (ihn selber eingerechnet), der Plan einer Wagenfahrt -nach jener empfohlenen Örtlichkeit erwogen wurde. - -Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen kleinen Liedern des -Flachlandes zufolge, – recht frisch und wenig einschmeichelnd von -Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze konnte für -abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den letzten Tagen mehrfach -großflockig geschneit, doch das blieb nicht liegen, es ließ nur etwas -Nässe zurück; die lagernden Massen des Winters waren versickert, -verraucht, bis auf vereinzelte Reste dahingeschwunden; die grüne -Gangbarkeit der Welt bedeutete ein Anerbieten an jede Unternehmungslust. - -Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während der letzten -Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Oberhauptes, des -großartigen Pieter Peeperkorn, dessen maligne Tropenmitgift weder den -Einwirkungen des außerordentlichen Klimas, noch den Antidoten eines so -hervorragenden Mediziners, wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen. -Er war viel bettlägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das -Quartanfieber in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten ihm -zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden abseits -bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer Verfassung -befinden, und Behrens unterließ nicht, auf die auch bei einer so -mächtigen Natur unter diesen Umständen nicht ganz von der Hand zu -weisende Gefahr chronischer Entkräftung hinzudeuten. - -Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Mynheer in diesen Wochen -vorgesessen, und auch die gemeinsamen Spaziergänge waren bis auf einen -nicht sehr ausgedehnten unterblieben. Übrigens empfand Hans Castorp, -unter uns gesagt, diese Lockerung der Cliquengemeinschaft in gewisser -Hinsicht als Erleichterung, denn das mit Frau Chauchats Reisebegleiter -getrunkene Schmollis schuf ihm Beschwerden; es brachte in seine -öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe „Gezwungenheit“, -dasselbe „Ausweichen“ und gleichsam auf einer Vielliebchenwette -beruhende „Vermeiden“, das diesem an seinem Verkehr mit Clawdia -aufgefallen war: mit wunderlichen Behelfen umschrieb er die Anredeform, -soweit sie sich nicht verschlucken ließ, – aus demselben oder dem -umgekehrten Dilemma, das sein Gespräch mit Clawdia in Gegenwart anderer, -auch in alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich -dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen Doppelklemme -vervollständigt hatte. - -Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall an der -Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt, und er fühlte -sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war der dritte Tag nach einem -Quartananfall; Mynheer ließ wissen, daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar -war er zu den ersten Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal -erschienen, sondern hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen -mit Madame Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim ersten -Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge Order -empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen zu einer Spazierfahrt -bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl an die Herren Ferge und Wehsal -weiterzugeben, auch Settembrini und Naphta zu benachrichtigen, daß man -bei ihnen vorfahren werde, und endlich für die Bestellung zweier -Landauer auf drei Uhr Sorge zu tragen. - -Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus „Berghof“: Hans -Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort die Herrschaften aus den -Fürstenzimmern, indem sie sich damit unterhielten, die Pferde zu -tätscheln, die ihnen mit schwarzen, feuchten, plumpen Lippen -Zuckerstücke von der flachen Hand nahmen. Die Reisegenossen erschienen -mit nur leichter Verspätung auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen -Königshaupt schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem, -etwas abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen weichen, -runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein allgemeines -Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck mit jedem der drei -Herren, die dem Paar bis zum Fuße der Stufen entgegenkamen. - -„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er ihm die linke -Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein Sohn?“ - -„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der Gefragte ... - -Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man hatte doch -gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren würde man es -zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat trug einen warmen Gurtmantel -aus faserigem, groß kariertem Stoff und sogar ein wenig Pelz um die -Schultern. Den Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn -gebundenen olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was ihr so -reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu schmerzte, – -nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt in sie war; und diese -seine Unbefangenheit hatte zur Folge, daß ihm bei der vorläufigen -Verteilung der Plätze, bis die Externen zur Gesellschaft stoßen würden, -der Rücksitz gegenüber Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel, -während Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias -aufgefangen zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt bestieg. -Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners nahm teil an dem -Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, unter dessen Deckel die Hälse -zweier Weinflaschen hervorragten, und den er unter dem Rücksitz des -vorderen Landauers verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft -erschienen, und in dem Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die -Arme gekreuzt hatte, erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit -angezogenen Bremsen setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in -Bewegung. - -Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die verdorbenen -Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen Fahrtgenossen. - -„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig machte, -weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer den Schaden hat, -braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert und ekelt es Sie sehr, so -neben mir zu sitzen?“ - -„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht so -niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln bei jeder -Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, sich jedesmal -Gedanken darüber zu machen. Was krümmen Sie sich immer so? Sie haben, -wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr -hübsch aus dem ‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es -nächstens mal wieder tun.“ - -„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte der elende -Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit in Ihrem Trost -liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch tiefer erniedrigen. Sie haben -gut reden und trösten vom hohen Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch -ziemlich lächerlich dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und -waren im siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um -Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt mir im -Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – und sehen im -Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, auf meine bettelhaften -Qualen hinab ...“ - -„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist sogar -hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu verhehlen, da Sie -mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend soll es auch wohl sein, Sie -legen es geradezu darauf an, sich widrig zu machen und krümmen sich -unausgesetzt. Sind Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“ - -„Fürchterlich!“ antwortete Wehsal kopfschüttelnd. „Das ist nicht zu -sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst und meiner Begierde -nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es wird mein Tod sein, aber man -kann damit weder leben noch sterben. Während sie weg war, fing es an, -etwas besser zu gehen, sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem -sie wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen -derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und mir -nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht geben, aber man kann -es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann es nicht wegwünschen, man -müßte sein Leben wegwünschen, womit es sich amalgamiert hat, und das -kann man eben nicht, – was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit -Vergnügen. In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist Unsinn, -denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlangen das Leben, und -kann nicht gegen sich selber sein, das ist die gottverfluchte -Zwickmühle. Und wenn ich sage ‚gottverflucht‘, so sage ich es auch nur -redensartlich und so, als ob ich ein anderer wäre, ich selber kann es -nicht meinen. Es gibt so manche Torturen, Castorp, und wer auf einer -Tortur ist, der will davon los, will einfach und unbedingt davon los, -das ist sein Ziel. Aber von der Tortur der Fleischesbegierde kann man -einzig und allein loswollen auf dem Wege und unter der Bedingung, daß -sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen Preis! Das ist die -Einrichtung, und wen es nicht hat, der hält sich nicht weiter dabei auf, -aber wen es hat, der lernt unsern Herrn Jesum Christum kennen, dem gehen -die Augen über. Gott im Himmel, was für eine Einrichtung und -Angelegenheit ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt, -nur, weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört, – -wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder in seiner -verschämten Freundlichkeit! Man könnte sagen: Wenn es weiter nichts -will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt! Was will ich denn, Castorp? -Will ich sie morden? Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur -liebkosen! Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich winsele, -aber sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch was -Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner Art bin ich -doch auch ein Mensch! Die Fleischesbegierde gehet dahin und dorthin, sie -ist nicht gebunden und nicht fixiert, und darum so heißen wir sie -viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine Menschenperson mit einem -Angesicht, alsdann so redet unser Mund von der Liebe. Mich verlangt doch -nicht bloß nach ihrem Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres -Leibes, sondern wenn in ihrem Angesicht auch nur ein kleines Etwas -anders gestaltet wäre, siehe, so verlangte mich’s möglicherweise nach -ihrem ganzen Leibe gar nicht, und daher so zeiget sich’s, daß ich ihre -Seele liebe, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe zum -Angesicht ist Seelenliebe ...“ - -„Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich und schlagen -hier Gott weiß was für Töne an ...“ - -„Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Unglück,“ fuhr -der Arme fort, „daß sie eine Seele hat, daß sie ein Mensch ist aus Leib -und Seele! Denn ihre Seele will nichts von der meinen wissen und also -ihr Leib nichts von meinem, o Jammer und große Not, und um dessentwillen -ist mein Verlangen zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich winden -ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von mir, -Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?! Bin ich denn kein -Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein Mann? Ich bin es sogar im höchsten -Grade, ich schwöre Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn -sie mir das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie -zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust der Welt -antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte und nicht auch -um die Angesichte, wenn ihre verfluchte Seele nicht wäre, die nichts von -mir wissen will, und ohne die mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar -nicht verlangen täte, – das ist des Teufels beschissene Zwickmühle, in -der ich mich winde ewiglich!“ - -„Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er bewegt zwar -absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch seinem Rücken an, daß -er zuhört.“ - -„Er versteht und hört zu, da haben Sie’s, Castorp! Da haben Sie wieder -die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer Eigenart und ihrem Charakter! -Wenn ich von Palingenesie spräche oder von ... Hydrostatik, so würde -er’s nicht verstehen und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und -interessierte sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die -höchste und letzte und schauerlich heimlichste Angelegenheit, die -Angelegenheit vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich -die populärste Angelegenheit, und jeder versteht sie und kann sich -lustig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur Lustfolter -macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp, lieber Castorp, lassen Sie -mich etwas winseln, denn was habe ich für Nächte! Jede Nacht träume ich -von ihr, ach, was träume ich nicht alles von ihr, es brennt mir im -Schlunde und in der Magengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es -damit, daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und manchmal -auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht speit sie mich -an, und dann wache ich auf, mit Schweiß und Schmach und Lust bedeckt -...“ - -„So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vornehmen, den Mund -zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen und jemand sich zu uns setzt. -Das ist mein Vorschlag und meine Anordnung. Ich will Sie nicht kränken -und gebe zu, daß Sie in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu -Haus eine Geschichte von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr -beim Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit jedem Wort -eine Schlange oder Kröte. Es stand nicht im Buch, wie sie sich dem -gegenüber verhielt, aber ich habe immer angenommen, daß sie sich wohl -aufs Mundhalten verlegt haben wird.“ - -„Es ist aber ein Menschenbedürfnis,“ sagte Wehsal kläglich, „ein -Menschenbedürfnis, lieber Castorp, zu reden und sich das Herz zu -erleichtern, wenn man in solchen Schwulitäten sitzt wie ich.“ - -„Es ist sogar ein Menschen_recht_, Wehsal, wenn Sie wollen. Aber es gibt -Rechte, meiner Meinung nach, von denen man unter Umständen -vernünftigerweise keinen Gebrauch macht.“ - -Also waren sie still nach Hans Castorps Anordnung, und übrigens hatten -die Wagen das weinlaubbewachsene Häuschen des Gewürzkrämers rasch -erreicht, wo man denn nicht einen Augenblick zu warten hatte: Naphta und -Settembrini waren schon auf der Straße, dieser in seiner schadhaften -Pelzjacke, jener dagegen in einem weißlichgelben Frühjahrsüberzieher, -der überall gesteppt war und geckenhaft anmutete. Man winkte, man -tauschte Grüße, während die Wagen wendeten, und die Herren stiegen ein: -Naphta nahm als vierter im vorderen Landauer an Ferges Seite Platz, und -Settembrini, in glänzender Laune, von klaren Scherzen sprudelnd, -gesellte sich zu Hans Castorp und Wehsal, wobei dieser ihm seinen Sitz -im Fond des Wagens überließ, – welchen Herr Settembrini denn in der -Haltung des Korsofahrers, mit erlesener Lässigkeit, einzunehmen wußte. - -Er pries den Genuß des Fahrens, dies Bewegtwerden des Körpers in -behaglichem Ruhestande und bei wechselnder Szenerie; zeigte sich -väterlich-verbindlich gegen Hans Castorp und tätschelte sogar dem armen -Wehsal die Wange, indem er ihn aufforderte, des eigenen unsympathischen -Ich in der Bewunderung der lichten Welt zu vergessen, auf die er mit -seiner Rechten im schäbigen Lederhandschuh ausholend deutete. - -Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle vier, -gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute Straße, die -noch nicht staubte. Felsentrümmer, in deren Fugen Gras und Blumen -sprossen, traten zuweilen an ihren Rand, Telegraphenstangen flohen -zurück, Bergwälder stiegen auf, anmutige Kurven, die man anstrebte und -zurücklegte, unterhielten die Wegesneugier, und immer dämmerte teilweis -noch verschneites Gebirge in sonniger Fernsicht. Das gewohnte Talgebiet -war verlassen, die Verrückung der alltäglichen Szene erfrischte das -Gemüt. Bald hielt man am Waldesrand: Von hier aus wollte man zu Fuß den -Ausflug fortsetzen und das Ziel gewinnen, – ein Ziel, mit dem man schon -des längeren, ohne es anfangs gewahr geworden zu sein, in schwachem, -aber sich stetig verstärkendem sinnlichen Kontakte stand. Ein fernes -Geräusch wurde allen bewußt, sobald die Fahrt eingestellt war, ein -leises, zuweilen der Wahrnehmung noch wieder entkommendes Zischen, -Schüttern und Brausen, das zu unterscheiden man einander aufforderte, -und auf das man gefesselten Fußes horchte. - -„Jetzt“, sagte Settembrini, der öfters hier gewesen war, „läßt es sich -schüchtern an. Aber an Ort und Stelle ist es brutal um diese Jahreszeit, -– machen Sie sich gefaßt, wir werden unser eigen Wort nicht verstehen.“ - -So gingen sie denn waldeinwärts, auf einem Wege mit feuchter Nadelstreu, -voran Pieter Peeperkorn, auf den Arm seiner Begleiterin gestützt, den -schwarzen weichen Hut in der Stirn, mit seitwärts nickendem Tritt; -mitten hinter ihnen Hans Castorp, ohne Hut, wie alle übrigen Herren, die -Hände in den Taschen, mit schrägem Kopfe und leisem Pfeifen um sich -blickend; dann Naphta und Settembrini, dann Ferge mit Wehsal, zum Schluß -der Malaie allein, den Vesperkorb am Arm. Sie sprachen über den Wald. - -Der Wald war nicht wie andere, er bot einen malerisch eigentümlichen, ja -exotischen, doch unheimlichen Anblick. Er strotzte von einer Sorte -moosiger Flechten, war damit behangen, beladen, ganz und gar darin -eingewickelt, in langen, mißfarbenen Bärten baumelte das verfilzte -Gewirk der Schmarotzerpflanze von seinen umsponnenen, gepolsterten -Zweigen: man sah fast keine Nadeln, man sah lauter Moosgehänge, – eine -schwere, bizarre Entstellung, ein verzauberter und krankhafter Anblick. -Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, sie -drohte ihn zu ersticken, das war die allgemeine Meinung, während der -kleine Zug auf dem Nadelwege vorwärts schritt, im Ohr das Geräusch des -Zieles, dem man sich näherte, dies Rumpeln und Zischen, das allmählich -zum Getöse wurde und Settembrinis Vorhersage wahr zu machen versprach. - -Eine Wegbiegung gab den Blick auf die überbrückte Wald- und -Felsenschlucht frei, in der der Wasserfall niederging; und indem man -seiner ansichtig wurde, kam auch die Gehörswirkung auf ihren Gipfel, – -es war ein Höllenspektakel. Die Wassermassen stürzten senkrecht nur in -einer einzigen Kaskade, deren Höhe aber wohl sieben oder acht Meter -betrug, und deren Breite ebenfalls beträchtlich war, und schossen dann -weiß über Felsen weiter. Sie stürzten mit unsinnigem Lärm, in welchem -sich alle möglichen Geräuscharten und Lauthöhen zu mischen schienen, -Donnern und Zischen, Gebrüll, Gejohle, Tusch, Krach, Geprassel, Gedröhn -und Glockengeläut, – wahrhaftig wollten einem die Sinne davon vergehen. -Die Besucher waren dicht herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und -betrachteten, feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst -eingehüllt, die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu -Blicke tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd, -das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter, deren -irres und übermäßiges Brausen sie betäubte, ihnen Furcht erregte und -Gehörstäuschungen verursachte. Man glaubte hinter sich, über sich, von -allen Seiten drohende und warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe -Männerstimmen. - -Geschart hinter Mynheer Peeperkorn – Frau Chauchat unter den andern fünf -Herren – blickten sie mit ihm in den Schwall. Sie sahen nicht sein -Gesicht, sahen ihn aber das weiße Flammenhaupt entblößen und die Brust -in der Frische dehnen. Sie verständigten sich untereinander durch Blicke -und Zeichen, denn wahrscheinlich wären Worte, selbst unmittelbar ins Ohr -geschrien, vom Donner des Sturzes übertäubt worden. Ihre Lippen formten -Worte des Erstaunens und der Bewunderung, die lautlos blieben. Hans -Castorp, Settembrini und Ferge verabredeten sich durch Kopfwinke, die -Höhe der Schlucht zu ersteigen, in deren Grunde sie sich befanden, den -oberen Steg zu gewinnen und die Wasser von dort zu betrachten. Es war -nicht unbequem: Eine steile Zeile von schmalen, ins Gestein gehauenen -Stufen führte gleichsam in ein höheres Stockwerk des Waldes empor; sie -erkletterten sie hintereinander, betraten die Brücke und winkten von -ihrer Mitte aus, über der Rundung des Falles schwebend, auf das Geländer -gelehnt, den unteren Freunden. Dann gingen sie vollends hinüber, stiegen -mühselig ab an der anderen Seite und kamen jenseits des Wildwassers, -über das auch hier unten eine Brücke ging, den Zurückgebliebenen wieder -zu Gesichte. - -Die Zeichengebung betraf nun die Einnahme der Vespererfrischungen. Sie -ging von mehreren Seiten dahin, man solle sich zu diesem Behuf aus der -Lärmzone ein wenig verziehen, um mit entlastetem Gehör und nicht taub -und stumm die Freimahlzeit zu genießen. Aber man mußte erkennen, daß -Peeperkorns Willensmeinung dagegen stand. Er schüttelte das Haupt, stieß -wiederholt den Zeigefinger gegen den Grund, und seine zerrissenen -Lippen, mit Anstrengung sich auseinanderziehend, bildeten ein „Hier!“ -Was war da zu tun? In solchen Regiefragen war er Herr und Befehlshaber. -Die Wucht seiner Persönlichkeit hätte den Ausschlag gegeben, selbst wenn -er nicht, wie immer, Veranstalter und Meister des Unternehmens gewesen -wäre. Dieses Format ist tyrannisch und autokratisch von je und wird es -bleiben. Mynheer wollte angesichts des Falles, im Donner vespern, das -war sein großmächtiger Eigensinn, und wer nicht leer ausgehen wollte, -mußte hier bleiben. Die Mehrzahl war unzufrieden. Herr Settembrini, der -die Möglichkeit menschlichen Austausches, eines demokratisch-distinkten -Geplauders oder auch Disputes abgeschnitten sah, warf mit jener Gebärde -der Verzweiflung und der Resignation die Hand über den Kopf. Der Malaie -beeilte sich, die Anordnung seines Gebieters zu vollziehen. Es waren -zwei Klappsessel da, die er für Mynheer und Madame an der Felsenwand -aufschlug. Dann breitete er zu ihren Füßen auf einem Tuche den Inhalt -des Korbes aus: Kaffeegeschirr und Gläser, Thermosflaschen, Gebäck und -Wein. Man drängte sich zur Verteilung. Dann saß man auf Geröllsteinen, -auf dem Geländer des Steges, die Tasse mit heißem Kaffee in Händen, den -Teller mit Kuchen auf den Knien, und vesperte schweigend im Getöse. - -Peeperkorn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut neben sich am -Boden, trank Portwein aus einem silbernen Becher mit Monogramm, den er -mehrmals leerte. Und plötzlich begann er zu sprechen. Der wunderliche -Mann! Es war unmöglich, daß er seine eigene Stimme hörte, geschweige daß -die anderen eine Silbe hätten verstehen können von dem, was er verlauten -ließ, ohne daß es verlautete. Er aber erhob den Zeigefinger, streckte, -den Becher in der Rechten, den linken Arm aus, die flache Hand schräg -erhoben, und man sah, wie sein Königsantlitz sich redend bewegte, sein -Mund Worte formte, die tonlos blieben, als würden sie in luftleerem Raum -gesprochen. Niemand dachte anders, als daß er sein nutzloses Tun, das -man mit betretenem Lächeln betrachtete, sogleich wieder einstellen -werde, – er aber fuhr fort, sich unter bannenden, Aufmerksamkeit -erzwingenden Kulturgebärden seiner Linken in das alles verschlingende -Getöse hinein zu äußern, indem er die kleinen, müden und blassen, -gewaltsam aufgerissenen Augen unter gespannten Stirnfalten abwechselnd -auf einen und den anderen seiner Zuschauer richtete, so daß der eben -Angeredete gezwungen war, mit hochgezogenen Brauen ihm zuzunicken und -offenen Mundes die hohle Hand an die Ohrmuschel zu legen, als ob das die -Heillosigkeit der Sache irgend hätte bessern können. Jetzt stand er -sogar auf! Den Becher in der Hand, in seinem zerdrückten, fast fußlangen -Reisemantel, dessen Kragen aufgestellt war, barhäuptig, die hohe, -idolhaft gefaltete Stirn vom weißen Haar umflammt, stand er am Felsen -und regte das Antlitz, vor das er dozierend den lanzenüberragten Ring -seiner Finger hielt, die Undeutlichkeit seines tauben Toastes mit dem -bannenden Zeichen der Genauigkeit versehend. Man erkannte an seinen -Gebärden und las von seinen Lippen einzelne Wörter, die man von ihm zu -hören gewohnt war: „Perfekt“ und „Erledigt“, – nichts weiter. Man sah -sein Haupt sich schräge neigen, zerrissene Bitternis der Lippen, das -Bild des Schmerzensmannes. Dann wieder sah man das üppige Grübchen -erblühen, sybaritische Schalkheit, ein tanzendes Gewänderraffen, die -heilige Unsittsamkeit des Heidenpriesters. Er hob den Becher, führte ihn -im Halbkreis vor den Augen der Gäste hin und trank ihn in zwei, drei -Schlucken so bis zum letzten aus, daß der Boden ganz nach oben stand. -Dann reichte er ihn mit ausgestrecktem Arme dem Malaien, der das Gefäß, -Hand auf der Brust, entgegennahm, und gab das Zeichen zum Aufbruch. - -Alle verbeugten sich dankend gegen ihn, indem sie sich anschickten, nach -Geheiß zu tun. Wer am Boden kauerte, sprang auf die Füße, wer auf dem -Steggeländer saß, ließ sich herab. Der schmächtige Javaner in steifem -Hut und Pelzkragen raffte die Reste des Mahls und das Geschirr zusammen. -In derselben schmalen Ordnung, wie man gekommen, kehrte man auf dem -feuchten Nadelwege, durch den von Flechtenbehang unkenntlich gemachten -Wald zur Straße zurück, auf der die Wagen hielten. - -Hans Castorp stieg diesmal zum Meister und seiner Begleiterin. An der -Seite des guten Ferge, dem alles Höhere völlig ferne lag, saß er dem -Paare gegenüber. Es wurde fast nichts gesprochen auf dieser Heimfahrt. -Mynheer saß, die flachen Hände auf dem Plaid, das seine Knie zusammen -mit denen Clawdias umhüllte, und ließ den Unterkiefer hängen. -Settembrini und Naphta stiegen aus und verabschiedeten sich, bevor die -Wagen Geleise und Wasserlauf überschritten. Wehsal fuhr allein in der -zweiten Kutsche die Wegschleife hinan und vor das Berghofportal, wo man -sich trennte. – - -War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche innere -Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte, leicht und flüchtig -gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung vom gewohnten -nächtlichen Frieden des Berghofhauses, eine noch so gedämpfte Unruhe, -die kaum merkliche Erschütterung durch ein fernes Laufen, genügte, um -ihn hell und wach zu machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu -lassen? Tatsächlich erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür -klopfte, was kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort, -unverschlafen, geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und -ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester, die -ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich im ersten -Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie erklärte er seinen -Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider, strich mit den Fingern das -Haar aus der Stirn und ging nicht schnell und nicht langsam hinab, in -Ungewißheit mehr über das Wie, als über das Was der Stunde. - -Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen und ebenso -diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo alle Lichter brannten. Die -beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk, Madame Chauchat und der -javanische Kammerdiener waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst -gekleidet, sondern in einer Art von Nationaltracht, einer -breitgestreiften hemdartigen Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln, -einem bunten Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus -gelbem Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck von -Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt, links zu Häupten des -Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten Händen auf dem -Rücken lag. Der Eintretende überblickte bleich die Szene. Frau Chauchat -wandte ihm den Rücken zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende -des Bettes, den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der -Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das Gesicht -ihres Reisebegleiters. - -„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski und der -Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und nickte wehmütig, das -weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war im klinischen Kittel, aus dessen -Brusttasche das Hörrohr ragte, trug gestickte Morgenschuhe und keinen -Kragen. „Nichts zu machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit. -Treten Sie nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden -zugeben, daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“ - -Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die Augen des -Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung, folgten ihm ohne Drehung -des Kopfes, so daß sie ihr Weißes zeigten. Er stellte mit einem -Seitenblick fest, daß Frau Chauchat sich nicht um ihn kümmerte, und -stand in typischer Haltung am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände -auf dem Unterleibe zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in -ehrerbietig sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen -Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen. Seine -Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile seines Gesichtes -ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung, obgleich seine -königlichen Züge sonst unverändert waren. Die idolhafte Faltenlineatur -der hohen, weiß umloderten Stirn, in vier- oder fünffacher Reihe -wagerecht gezogen und dann im rechten Winkel beiderseits die Schläfen -hinablaufend, ausgeprägt durch die habituelle Anspannung eines ganzen -Lebens, trat auch bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark -hervor. Die bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der -Blaulauf deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige -Hemmung der Lebensfunktionen. - -Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über den -Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen, in -Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte, wünschte er -vorläufig nicht zu stören und sah sich nach der Gruppe der übrigen -Anwesenden in seinem Rücken um. Der Hofrat winkte mit dem Kopfe in der -Richtung des Salons. Hans Castorp folgte ihm dorthin. - -„_Suicidium?_“ fragte er gedämpft und fachlich ... - -„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und fügte hinzu: „Über -und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas in Galanterieware schon mal -gesehen?“ fragte er, indem er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig -geformtes Etui zog und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem -jungen Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert. Man -lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es ihm aus der Hand -genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was auf die Haut tropft, kriegen Sie -Brandblasen.“ - -Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern. Es war -aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr wunderlich anzusehen. Es -zeigte zwei gebogene, stahlblanke Gabelzinken mit äußerst scharfen -Spitzen, einen leicht gewundenen elfenbeinernen und mit Gold eingelegten -Mittelteil, in dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine -gewisse elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren, und -endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem schwarzem -Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll. - -„Was ist das?“ fragte Hans Castorp. - -„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze. -Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische Kopie des Beißzeugs der -Brillenschlange. Sie verstehen? – Sie scheinen nicht zu verstehen“, -sagte er, da Hans Castorp fortfuhr, benommen auf das bizarre Instrument -niederzublicken. „Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie -sind von einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen -Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich sehen -können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der Zahnwurzel offen, -und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang der Gummidrüse, der in -dem elfenbeinernen Mittelteil verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne -etwas einwärts, das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen -Druck, der den Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo -die Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn -schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat. Man muß nur -darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen persönlichen Angaben -hergestellt.“ - -„Sicher!“ sagte Hans Castorp. - -„Die Ladung kann nicht sehr groß gewesen sein“, fuhr der Hofrat fort. -„Was sie an Quantität vermissen ließ, muß sie ersetzt haben durch –“ - -„Dynamik“, ergänzte Hans Castorp. - -„Na also. Was es ist, das werden wir schon noch eruieren. Man darf dem -Ergebnis mit einiger Neugier entgegensehen, es gibt da zweifellos was zu -lernen. Wetten wir, daß der wachhabende Exot da hinten, der sich heute -nacht so fein gemacht hat, uns ganz genau Bescheid sagen könnte? Ich -nehme an, daß eine Kombination von Tierischem und Pflanzlichem vorliegt, -– vom Guten das Beste jedenfalls, denn die Wirkung muß fulminant gewesen -sein. Alles spricht dafür, daß es ihm sofort den Atem verschlagen hat, -Lähmung des Respirationszentrums, wissen Sie, rapider Erstickungstod, -wahrscheinlich ohne Zwang und Qualen.“ - -„Gott gebe es!“ sagte Hans Castorp fromm, händigte dem Hofrat das -unheimliche kleine Werkzeug seufzend wieder ein und kehrte ins -Schlafzimmer zurück. - -Nur der Malaie und Madame Chauchat waren jetzt dort noch anwesend. -Diesmal hob Clawdia den Kopf nach dem jungen Mann, als er sich dem Bett -wieder näherte. - -„Sie hatten ein Anrecht darauf, daß ich Sie rufen ließ“, sagte sie. - -„Es war sehr gütig von Ihnen“, sagte er, „und Sie haben recht. Wir waren -Duzfreunde. Ich schäme mich in tiefster Seele, daß ich mich dessen -schämte vor den Leuten und Umschweife gebrauchte. – Sie waren bei ihm in -seinen letzten Augenblicken?“ - -„Der Diener benachrichtigte mich, als alles vorüber war“, antwortete -sie. - -„Er war von solchem Format“, fing Hans Castorp wieder an, „daß er das -Versagen des Gefühls vor dem Leben als kosmische Katastrophe und als -Gottesschande empfand. Denn er betrachtete sich als Gottes -Hochzeitsorgan, müssen Sie wissen. Das war eine königliche Narretei ... -Wenn man ergriffen ist, hat man den Mut zu Ausdrücken, die kraß und -pietätlos klingen, aber feierlicher sind als konzessionierte -Andachtsworte.“ - -„_C’est une abdication_“, sagte sie. „Er wußte von unserer Torheit?“ - -„Es war mir nicht möglich, sie ihm abzustreiten, Clawdia. Er hatte sie -erraten aus meiner Weigerung, Sie in seiner Gegenwart auf die Stirn zu -küssen. Seine Gegenwart ist eher symbolisch, als real, in diesem -Augenblick, aber wollen Sie mir erlauben, es jetzt zu tun?“ - -Sie rückte kurz den Kopf gegen ihn, die Augen geschlossen, wie mit einem -kleinen Winken. Er führte die Lippen an ihre Stirn. Die braunen -Tieraugen des Malaien überwachten die Szene seitwärts gerollt, so daß -sie ihr Weißes zeigten. - - - Der große Stumpfsinn - -Noch einmal hören wir Hofrat Behrens’ Stimme – horchen wir gut hin! Wir -vernehmen sie vielleicht zum letztenmal! Einmal endigt selbst diese -Geschichte; sie hat die längste Zeit gedauert, oder vielmehr: Ihre -inhaltliche Zeit ist derart ins Rollen gekommen, daß kein Halten mehr -ist, daß auch ihre musikalische zur Neige geht, und daß vielleicht keine -Gelegenheit mehr unterkommen wird, den aufgeräumten Tonfall zu -belauschen der Sprache des redensartlichen Rhadamanthys. Er sagte zu -Hans Castorp: - -„Castorp, alter Schwede, Sie langweilen sich. Sie lassen das Maul -hängen, ich sehe es alle Tage, die Verdrossenheit steht Ihnen an der -Stirn geschrieben. Sie sind ein blasierter Balg, Castorp, Sie sind -verhätschelt mit Sensationen, und wenn Ihnen nicht alle Tage was -Erstklassiges geboten wird, so mucken und muffen Sie über die -Sauregurkenzeit. Hab ich recht oder unrecht?“ - -Hans Castorp schwieg, und da er das tat, so mußte wohl wirklich -Finsternis walten in seinem Innern. - -„Recht hab ich, wie immer“, gab Behrens sich selbst zur Antwort. „Und eh -Sie mir hier das Gift der Reichsverdrossenheit verbreiten, Sie -mißvergnügter Staatsbürger, sollen Sie doch sehen, daß Sie durchaus -nicht von Gott und Welt verlassen sind, sondern daß die Obrigkeit ein -Auge auf Sie hat, ein unverwandtes Auge, mein Lieber, und rastlos auf -Ihre Divertierung bedacht ist. Der alte Behrens ist auch noch da. Na, -nun mal ohne Spaß mein Junge! Es ist mir was eingefallen in Ihrer Sache, -ich hab mir, weiß Gott, in schlaflosen Nächten für Sie was ausgedacht. -Man könnte von einer Erleuchtung reden – tatsächlich versprech ich mir -viel von meiner Idee, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als Ihre -Entgiftung und triumphale Heimkehr in ungeahnter Bälde.“ - -„Da machen Sie Augen“, fuhr er nach einer Kunstpause fort, obgleich Hans -Castorp keinerlei Augen machte, sondern ihn ziemlich schläfrig und -zerstreut betrachtete, „und haben keine Ahnung, wie der alte Behrens es -meinen könnte. Ich meine es aber so. Mit Ihnen stimmt etwas nicht, -Castorp, das wird Ihrer werten Apperzeption ja nicht entgangen sein. Es -stimmt insofern nicht, als Ihre Vergiftungserscheinungen sich schon seit -längerem auf den zweifellos sehr gebesserten lokalen Zustand nicht mehr -recht reimen lassen – ich meditiere nicht erst seit gestern darüber. Wir -haben hier Ihr neuestes Photo ... halten wir den Zauber mal gegen das -Licht. Sie sehen, da findet der ärgste Nörgler und Schwarzseher, wie -unser kaiserlicher Herr immer sagt, nicht allzuviel mehr zu erinnern. -Ein paar Herde sind ganz resorbiert, das Nest ist kleiner geworden und -schärfer umgrenzt, was, wie Sie gelehrterweise wissen, auf Heilung -deutet. Aus diesem Befund ist die Unsolidität Ihres Wärmehaushalts nicht -recht zu erklären, Mann; der Arzt sieht sich in die Notwendigkeit -versetzt, nach neuen Ursachen zu fahnden.“ - -Hans Castorps Kopfbewegung drückte leidlich höfliche Neugier aus. - -„Nun werden Sie denken, Castorp, der olle Behrens muß zugeben, daß er -die Behandlung verfehlt hat. Da hätten Sie aber einen Bock geschossen -und wären der Sachlage nicht gerecht geworden und dem ollen Behrens auch -nicht. Ihre Behandlung war nicht verfehlt, sie war nur möglicherweise zu -einseitig orientiert. Die Möglichkeit ist mir aufgegangen, daß Ihre -Symptome von jeher nicht ausschließlich auf _tuberculosis_ -zurückzuführen gewesen sind, und ich leite diese Möglichkeit aus der -Wahrscheinlichkeit ab, daß sie heute überhaupt nicht mehr darauf -zurückzuführen sind. Es muß eine andere Störungsquelle vorhanden sein. -Nach meiner Meinung haben Sie Kokken.“ - -„Nach meiner tiefinnersten Überzeugung“, wiederholte verstärkend der -Hofrat, nachdem er die Kopfbewegung entgegengenommen, die hiernach auf -seiten Hans Castorps fällig gewesen, „haben Sie Streptos – worüber Sie -sich übrigens nicht gleich zu entsetzen brauchen.“ - -(Es konnte von Entsetzen gar nicht die Rede sein. Hans Castorps Miene -drückte vielmehr eine Art von ironischer Anerkennung, sei es des ihm -begegnenden Scharfsinns, sei es des neuen Würdenstandes aus, in den der -Hofrat ihn hypothetisch versetzte.) - -„Kein Grund zur Panik!“ variierte dieser sein Zureden. „Kokken hat -jeder. Streptos hat jeder Esel. Sie brauchen sich gar nichts -einzubilden. Wir wissen erst seit neulich, daß einer Streptokokken im -Blut haben kann, ohne irgendwie ansehnliche Infektionserscheinungen zu -produzieren. Wir stehen vor dem vielen Kollegen noch gar nicht bekannten -Ergebnis, daß auch Tuberkeln im Blute vorkommen können, ganz ohne -Konsequenzen. Wir sind keine drei Schritte mehr von der Auffassung -entfernt, daß die Tuberkulose eigentlich eine Blutkrankheit ist.“ - -Hans Castorp fand das recht bemerkenswert. - -„Wenn ich also sage: Streptos,“ fing Behrens wieder an, „so dürfen Sie -natürlich nicht an das bekannte schwere Krankheitsbild denken. Ob diese -Kleinen von den Meinen sich überhaupt bei Ihnen angesiedelt haben, muß -die baktereologische Blutuntersuchung zeigen. Aber ob Ihre Febrilität -von ihnen herrührt, gesetzt, daß sie vorhanden sind, das lehrt dann erst -die Wirkung der Streptovakzinkur, die wir diesfalls einzuleiten haben. -Das ist der Weg, lieber Freund, und ich verspreche mir, wie gesagt, das -Unvorhergesehenste davon. So langwierig Tuberkulose ist, so rasch können -Erkrankungen dieser Art heute geheilt werden, und wenn Sie überhaupt auf -die Einspritzungen reagieren, so sind Sie in sechs Wochen springgesund. -Was sagen Sie nun? Ist der olle Behrens auf seinem Posten, he?“ - -„Es ist ja vorläufig nur eine Hypothese“, sagte Hans Castorp schlaff. - -„Eine beweisbare Hypothese! Eine höchst fruchtbare Hypothese!“ versetzte -der Hofrat. „Sie werden sehen, wie fruchtbar sie ist, wenn auf unseren -Kulturen die Kokken wachsen. Morgen nachmittag zapfen wir Sie an, -Castorp; nach allen Regeln der Dorfbaderkunst lassen wir Sie zur Ader. -Das ist ein Spaß für sich und kann allein schon für Körper und Seele die -segensreichsten Effekte zeitigen ...“ - -Hans Castorp erklärte sich zu der Diversion bereit und bedankte sich -recht schön für das ihm gewidmete Augenmerk. Den Kopf gegen die Schulter -geneigt, blickte er dem davonrudernden Hofrat nach. Die Ansprache des -Chefs traf genau in einen kritischen Moment; Radamanth hatte Mienen und -Stimmung des Berggastes ziemlich richtig gedeutet, und sein neues -Unternehmen war bestimmt – ausdrücklich dazu bestimmt, die Absicht war -gar nicht geleugnet worden –, den toten Punkt zu überwinden, auf den -dieser Gast sich seit kurzem gelangt fand, wie eben aus seiner Mimik zu -schließen war, die deutlich an diejenige des seligen Joachim erinnerte, -zur Zeit, als gewisse wilde und trotzige Entschlüsse sich in ihm -vorbereitet hatten. - -Es ist mehr zu sagen. Nicht nur er selbst, Hans Castorp, schien sich auf -solchem toten Punkte angekommen, sondern ihm war, als ob es mit der -Welt, mit allem, mit „dem Ganzen“ eben diese Bewandtnis habe, oder -vielmehr: er fand, daß es schwer sei, hier das Besondere vom Allgemeinen -zu unterscheiden. Seit dem exzentrischen Ende seiner Verbindung mit -einer Persönlichkeit; seit der vielfältigen Bewegung, die dieses Ende -über das Haus gebracht, und seit Clawdia Chauchats neuerlichem -Ausscheiden aus der Gemeinschaft derer hier oben, dem Lebewohl, das, -beschattet von der Tragik großen Versagens, im Geiste ehrerbietiger -Rücksicht, zwischen ihr und dem überlebenden Duzbruder ihres Herrn -getauscht worden, – seit dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei -es mit Welt und Leben nicht ganz geheuer; als stehe es auf eine -besondere Weise und zunehmend schief und beängstigend darum; als habe -ein Dämon die Macht ergriffen, der, schlimm und närrisch, zwar lange -schon beträchtlichen Einfluß geübt, jetzt aber seine Herrschaft so -zügellos offen erklärt habe, daß es wohl geheimnisvollen Schrecken -einflößen und Fluchtgedanken nahelegen konnte, – der Dämon, des Name -Stumpfsinn war. - -Man wird urteilen, der Erzähler trage dick und romantisch auf, indem er -den Namen des Stumpfsinns mit dem des Dämonischen in Verbindung bringe -und ihm die Wirkung mystischen Grauens zuschreibe. Und dennoch fabeln -wir nicht, sondern halten uns genau an unseres schlichten Helden -persönliches Erlebnis, dessen Kenntnis uns auf eine Weise, die sich -freilich der Untersuchung entzieht, gegeben ist, und das schlechthin den -Beweis liefert, daß Stumpfsinn unter Umständen solchen Charakter -gewinnen und solche Gefühle einflößen kann. Hans Castorp blickte um sich -... Er sah durchaus Unheimliches, Bösartiges, und er wußte, was er sah: -Das Leben ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als -stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben. - -Geschäftigkeit herrschte darin, Betätigungen von allerlei Art liefen -nebeneinander her; doch dann und wann artete eine davon zur wilden -Modewut aus, der alles fanatisch unterlag. So hatte die -Liebhaberphotographie von jeher in der Berghofwelt eine bedeutende Rolle -gespielt; schon zweimal aber – denn wer lange genug hier oben verweilte, -konnte die periodische Wiederkehr solcher Epidemien erleben – war die -Leidenschaft dafür auf Wochen und Monate zur allgemeinen Narretei -geworden, so daß niemand war, der nicht, mit besorgter Miene den Kopf -über eine in die Magengrube gestützte Kamera gebeugt, die Blende hätte -blinzeln lassen, und das Herumreichen von Abzügen bei Tische kein Ende -nahm. Plötzlich war es Ehrensache, selbst zu entwickeln. Die zur -Verfügung stehende Dunkelkammer genügte der Nachfrage bei weitem nicht. -Man versah Fenster und Balkontüren der Zimmer mit schwarzen Vorhängen; -und bei Rotlicht hantierte man so lange mit chemischen Bädern, bis Feuer -auskam und der bulgarische Student vom Guten Russentisch um ein Haar zu -Asche verbrannt wäre, worauf denn ein Verbot der Anstaltsobrigkeit -erging. Bald fand man das einfache Lichtbild abgeschmackt; -Blitzlichtaufnahmen und farbige Photographien nach Lumière kamen in -Schwung. Man weidete sich an Bildern, auf denen Personen, vom -Magnesiumblitz jäh betroffen, mit stieren Augen aus fahl verkrampften -Gesichtern blickten, wie Leichen Ermordeter, die man mit offenen Augen -aufrecht hingesetzt. Und Hans Castorp bewahrte eine in Pappe gerahmte -Glasplatte, die ihn, wenn man sie gegen das Licht hielt, zwischen Frau -Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste einen -himmelblauen, die andere einen blutroten Sweater trug, mit kupferigem -Angesicht und unter blechgelben Butterblumen, deren eine ihm im -Knopfloch strahlte, auf einer giftgrünen Waldwiese zeigte. - -Es war da ferner das Briefmarkensammeln, das, alle Zeit von einzelnen -betrieben, zeitweise zu allgemeiner Besessenheit um sich griff. -Jedermann klebte, schacherte, tauschte. Philatelistische Zeitschriften -wurden gehalten, Korrespondenzen mit Spezialgeschäften des In- und -Auslandes, mit Fachvereinen und Privatliebhabern unterhalten und -erstaunliche Summen zur Gewinnung seltener Wertzeichen selbst von -solchen aufgebracht, deren häusliche Verhältnisse den monate- oder -jahrelangen Aufenthalt in der Luxusheilstätte nur knapp gestatteten. - -Das dauerte so lange, bis eine andere Geckerei zur Herrschaft gelangte -und etwa das Anhäufen und unaufhörliche Verzehren von Schokolade der -erdenklichsten Sorten zum guten Ton wurde. Alle Welt hatte braune -Münder, und die leckersten Darbietungen der Berghofküche fanden faule -und krittelnde Genießer, da die Magen mit Milka-Nut, _Chocolat à la -crème d’amandes_, Marquis-Napolitains und goldgesprenkelten Katzenzungen -gestopft und davon verstimmt waren. - -Das Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen, inauguriert von -höchster Stelle an einem verflossenen Faschingsabend und seitdem viel -gepflegt, hatte fortzeugend zu geometrischen Geduldsübungen geführt, -denen zeitweise die Geisteskraft aller Berghofgäste und selbst noch die -letzten Gedanken und Energiebezeugungen Moribunder gehörten. Wochenlang -stand das Haus im Zeichen einer verwickelten Figur, die sich aus nicht -weniger als acht großen und kleinen Kreisen und mehreren -ineinanderliegenden Dreiecken zusammensetzte. Die Aufgabe war, diese -flächige Vielgestalt freihändig in einem Zug zu beschreiben; das höchste -Ziel aber, dies endlich auch noch bei sicher verbundenen Augen zu -vollbringen, – was schließlich, über geringe Schönheitsfehler billig -hinweggesehen, denn doch nur dem Staatsanwalt Paravant gelang, der -Hauptträger dieser Scharfsinnsverbohrung war. - -Wir wissen, daß er der Mathematik oblag, wissen es vom Hofrat selbst und -kennen auch die züchtige Triebfeder dieser Hingabe, deren kühlende, den -Fleischesstachel stumpfende Wirkung wir haben preisen hören, und deren -allgemeinere Nachfolge gewisse Maßregeln, die man neuerdings zu treffen -sich gezwungen gesehen hatte, wahrscheinlich unnötig gemacht haben -würde. Sie bestanden hauptsächlich in der Abriegelung aller -Balkondurchgänge, an den nicht ganz bis zur Brüstung reichenden -Milchglasscheidewänden vorbei, durch kleine Türen, die zur Nacht durch -den Bademeister unter populärem Schmunzeln verschlossen wurden. Sehr -gesucht waren seitdem die Zimmer im ersten Stock über der Veranda, wo -man nach Übersteigung der Balustrade über das vorspringende Glasdach -hin, unter Vermeidung der Türchen, von Abteil zu Abteil gelangen konnte. -Des Staatsanwalts wegen aber hätte die disziplinäre Neuerung überhaupt -nicht eingeführt zu werden brauchen. Die schwere Anfechtung, die von der -Erscheinung jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war längst -überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem natürlichen Teil -zu schaffen gemacht. Mit verdoppelter Inbrunst hatte er sich seitdem der -klaräugigen Göttin in die Arme geworfen, von deren kalmierender Macht -der Hofrat so Sittliches zu sagen wußte, und das Problem, dem bei Tag -und Nacht all sein Sinnen gehörte, an das er all jene Persistenz, die -ganze sportliche Zähigkeit wandte, mit der er ehemals, vor seiner oft -verlängerten Beurlaubung, welche in völlige Quieszierung überzugehen -drohte, die Überführung armer Sünder betrieben hatte, – war kein anderes -als die Quadratur des Kreises. - -Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit der -Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die Wissenschaft -die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben wollte, unstichhaltig -seien, und daß die planende Vorsehung ihn, Paravant, darum aus der -unteren Welt der Lebendigen entfernt und hierher versetzt habe, weil sie -ihn dazu ausersehen, das transzendente Ziel in den Bereich irdisch -genauer Erfüllung zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und -rechnete, wo er ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit -Figuren, Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes -Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden Mannes, trug den -visionären und verbissenen Ausdruck der Manie. Sein Gespräch betraf -ausschließlich und mit furchtbarer Eintönigkeit die Verhältniszahl _pi_, -diesen verzweifelten Bruch, den das niedrige Genie eines Kopfrechners -namens Zacharias Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen -berechnet hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit -zweitausend Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das -Unerreichbar-Genaue so wenig erschöpft gewesen wären, daß man sie für -unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten Denker, -denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen gelang, der mußte glühende -Redeströme über sich ergehen lassen, bestimmt, seine humane -Empfindlichkeit zu wecken für die Schande der Verunreinigung des -Menschengeistes durch die heillose Irrationalität dieses mystischen -Verhältnisses. Die Fruchtlosigkeit ewiger Multiplikation des -Durchmessers mit pi, um den Umfang –, des Quadrats über dem Halbmesser, -um den Inhalt des Kreises zu finden, schuf dem Staatsanwalt Anfälle von -Zweifeln, ob nicht die Menschheit sich die Lösung des Problems seit -Archimedes’ Tagen viel zu schwer gemacht habe und ob diese Lösung nicht -in Wahrheit die kindlich einfachste sei. Wie, man sollte die Kreislinie -nicht rektifizieren und also auch nicht jede Gerade zum Kreise biegen -können? Zuweilen glaubte Paravant sich einer Offenbarung nahe. Man sah -ihn öfters noch spät am Abend im verödeten und schlecht erleuchteten -Speisesaal an seinem Tische sitzen, auf dessen entblößter Platte er ein -Stück Bindfaden sorgfältig in Kreisform legte, um es plötzlich, mit -überrumpelnder Gebärde, zur Geraden zu strecken, danach aber, schwer -aufgestützt, in bitteres Grübeln zu verfallen. Der Hofrat ging ihm -gelegentlich zur Hand bei solchem schwermütigen Getändel, bestärkte ihn -überhaupt in seiner Grille. Und auch an Hans Castorp wandte sich der -Leidende wohl einmal mit seinem geliebten Gram, einmal und wiederholt, -da er auf viel freundliches Verständnis, auf ein teilnehmendes Gefühl -für das Geheimnis des Kreises stieß. Er veranschaulichte dem jungen Mann -die Verzweiflung pi, indem er ihm eine haarscharfe Zeichnung vorwies, -worin mit äußerster Mühe eine Kreislinie zwischen zwei Polygonen mit -winzig-zahllosen Seiten, einem eingeschriebenen und einem umschriebenen, -bis zur letzt-menschenmöglichen Annäherung eingefangen war. Der Rest -aber, die Krümmung, die sich auf eine ätherisch-geistige Art der -Rationalisierung durch die berechenbare Umklammerung entzog, – das, -sagte der Staatsanwalt mit bebendem Unterkiefer, sei pi! Hans Castorp, -bei aller Empfänglichkeit, zeigte sich weniger reizbar gegen pi, als -sein Unterredner. Er nannte es eine Eulenspiegelei, riet Herrn Paravant, -sich bei seinem Haschespiel doch nicht zu ernstlich zu erhitzen und -sprach von den ausdehnungslosen Wendepunkten, aus denen der Kreis von -seinem nicht vorhandenen Anfang bis zu seinem nicht vorhandenen Ende -bestehe, sowie von der übermütigen Melancholie, die in der ohne -Richtungsdauer in sich selber laufenden Ewigkeit liege, mit so -gelassener Religiosität, daß vorübergehend eine begütigende Wirkung -davon auf den Staatsanwalt ausging. - -Übrigens bestimmte seine Natur den guten Hans Castorp zum Vertrauten -mehr als eines Hausgenossen, von dem irgendeine fixe Idee Besitz -ergriffen, und der darunter litt, daß er bei der leichtlebigen Mehrzahl -kein Gehör dafür fand. Ein ehemaliger Bildhauer aus der österreichischen -Provinz, ein schon älterer Mann mit weißem Schnurrbart, einer Hakennase -und blauen Augen, hatte einen Plan finanzpolitischer Art gefaßt – und -ihn, unter Markierung entscheidender Stellen durch Pinselstriche von -Sepiawasserfarbe, in Schönschrift aufgesetzt –, der darauf ausging, daß -jeder Zeitungsbezieher gehalten sein solle, eine tägliche Teilmenge von -40 Gramm Altzeitungspapier, gesammelt am ersten jeden Monats, -abzuliefern, was denn im Jahre rund 14000 Gramm, in zwanzig Jahren aber -nicht weniger als 288 Kilo ausmachen und, das Kilo zu 20 Pfennigen -berechnet, einen Wert von 57,60 deutschen Mark darstellen werde. Fünf -Millionen Abonnenten, so fuhr das Memorandum fort, würden also in -zwanzig Jahren an Altzeitungswerten die ungeheuere Summe von 288 -Millionen Mark abliefern, wovon ihnen zwei Drittel auf das Neuabonnement -möchten angerechnet werden, das sich so verbilligen werde, der Rest -aber, ein Drittel, gegen 100 Millionen Mark, für humanitäre Zwecke, zur -Finanzierung volkstümlicher Lungenheilstätten, zur Unterstützung -bedrängter Talente und so weiter, frei werden würde. Der Plan war -ausgearbeitet bis auf die zeichnerische Darstellung des -Zentimeterpreisstockes, von dem das Altpapierabholorgan allmonatlich den -Wert der gesammelten Papiermenge ablesen sollte, und der gelochten -Formulare, mit denen Vergütungsgelder quittiert werden sollten. Er war -gerechtfertigt und begründet nach allen Seiten. Die unbesonnene -Vergeudung und Vernichtung von Zeitungspapier, das von Unaufgeklärten -dem Spülwasser, dem Feuer ausgesetzt werde, bedeute Hochverrat an -unserem Walde, an unserer Volkswirtschaft. Papier schonen, Papier sparen -heiße Zellstoff, den Waldbestand, Menschenmaterial schonen und sparen, -das bei der Fabrikation von Zellstoff und Papier verbraucht werde, nicht -minder Menschenmaterial und Kapital. Da ferner Altzeitungspapier auf dem -Wege über die Packpapier- und Kartonageerzeugung leicht in vierfache -Werte gesteigert werden könne, so werde es Wirtschaftsfaktor von Belang -und Unterlage ergiebiger staatlicher und gemeindlicher Besteuerungen -werden, die Zeitungsleser als Steuersubjekte entlasten. Kurzum, der Plan -war gut, war eigentlich unwidersprechlich, und wenn ihm -Unheimlich-Müßiges, ja Finster-Närrisches anhaftete, so eben nur des -schiefen Fanatismus wegen, womit der vormalige Künstler eine ökonomische -Idee, und gerade nur diese verfolgte und verfocht, mit der es ihm -offenbar im Innersten so wenig ernst war, daß er nicht den geringsten -Versuch unternahm, sie ins Werk zu setzen ... Hans Castorp hörte dem -Mann mit schrägem Kopfe nickend zu, wenn er mit fiebrig beschwingten -Worten seinen Heilsgedanken vor ihm propagierte, und untersuchte dabei -das Wesen der Verachtung und des Widerwillens, die seine Parteinahme für -den Erfinder gegen die gedankenlose Welt beeinträchtigten. - -Einige Berghofinsassen trieben Esperanto und wußten sich etwas damit, in -dem künstlichen Kauderwelsch bei Tische zu konversieren. Hans Castorp -blickte sie finster an, indem er übrigens bei sich selber dafür hielt, -daß sie die Schlimmsten nicht seien. Es gab hier seit kurzem eine Gruppe -von Engländern, die ein Gesellschaftsspiel eingeführt hatten, welches in -nichts anderem bestand, als daß ein Teilnehmer an seinen Nachbarn im -Kreise die Frage richtete: „_Did you ever see the devil with a night-cap -on?_“, der Gefragte aber zur Antwort gab: „_No! I never saw the devil -with a night-cap on_“, worauf er die Frage andererseits weitergab – und -so immer reihum. Das war entsetzlich. Aber dem armen Hans Castorp war -doch noch schlimmer zumute beim Anblick der Patienceleger, die überall -im Hause und zu jeder Tageszeit zu beobachten waren. Denn die -Leidenschaft für diese Zerstreuung war neuestens derart eingerissen, daß -sie buchstäblich das Haus zur Lasterhöhle machte, und Hans Castorp hatte -um so mehr Ursache, sich grauenhaft davon berührt zu fühlen, als er -selber zeitweise ein Opfer – und zwar vielleicht das hingenommenste – -der Seuche war. Die Elferpatience hatte es ihm angetan: jene Form, bei -der man die Whistkarte zu je drei Blatt in drei Reihen auslegt und zwei -Karten, die zusammen elf ausmachen, sowie die drei Bildkarten, wenn sie -offen daliegen, neu bedeckt, bis bei holdem Glücke das Spiel aufgeht. -Man sollte nicht für möglich halten, daß Seelenreize, die zur Behexung -zu führen vermögen, von einem so einfachen Verfahren ausgehen könnten. -Dennoch erprobte Hans Castorp, gleich so vielen anderen, diese -Möglichkeit – erprobte sie, da die Ausschweifung niemals heiter ist, mit -finsteren Brauen. Verfallen den Launen des Kartenkobolds, berückt von -dieser phantastisch wechselnden Gunst, die zuweilen, in -leichter Glücksschwebe, von allem Anbeginn die Elferpaare, das -Bub-Dame-Königsbild sich häufen ließ, so daß das Spiel schon vergeben -war, bevor noch die dritte Staffel sich vollendet hatte (ein flüchtiger -Triumph, der die Nerven sogleich zu neuen Versuchen stachelte); dann -wieder bis zum neunten und letzten Blatt jede einzige Möglichkeit der -Neubedeckung verweigerte, oder den scheinbar schon sicheren Erfolg durch -jähe Stockung im letzten Augenblick verflattern ließ, – legte er -Patience überall und zu allen Tageszeiten, des Nachts unter den Sternen, -des Morgens im bloßen Pyjama, bei Tische und selbst im Traum. Ihm -graute, aber er tat es. Und so betraf ihn bei einem Besuche Herr -Settembrini, ihn „störend“, wie es von jeher seine Sendung gewesen. - -„_Accidenti!_“ sprach er. „Sie legen sich die Karten, Ingenieur?“ - -„So ist es nicht gerade gemeint“, erwiderte Hans Castorp. „Ich lege -einfach, ich balge mich mit dem abstrakten Zufall. Mich intrigieren -seine wetterwendischen Faxen, seine Liebedienerei und dann wieder seine -unglaubliche Widerspenstigkeit. Heute morgen gleich nach dem Aufstehen -ist die Patience dreimal hintereinander glatt ausgekommen, davon einmal -in zwei Reihen, was ein Rekord ist. Wollen Sie glauben, daß ich jetzt -zum zweiunddreißigstenmal auslege, ohne ein einziges Mal auch nur bis -zur Hälfte des Spieles gekommen zu sein?“ - -Herr Settembrini blickte ihn, wie sooft schon im Laufe der Jährchen, mit -traurigen schwarzen Augen an. - -„Jedenfalls finde ich Sie präokkupiert“, sagte er. „Es sieht nicht aus, -als ob ich hier für meine Sorgen Trost, und Balsam für den inneren -Zwiespalt finden sollte, der mich quält.“ - -„Zwiespalt?“ wiederholte Hans Castorp und legte ... - -„Die Weltlage verwirrt mich“, seufzte der Freimaurer. „Der Balkanbund -wird zustandekommen, Ingenieur, alle meine Informationen sprechen dafür. -Rußland arbeitet fieberhaft daran, und die Spitze der Kombination ist -gegen die österreichisch-ungarische Monarchie gerichtet, ohne deren -Zertrümmerung kein Punkt des russischen Programms zu verwirklichen ist. -Begreifen Sie meine Skrupel? Ich hasse Wien mit ganzer Kraft, Sie wissen -es. Aber soll ich darum die Unterstützung meiner Seele der sarmatischen -Despotie zuteil werden lassen, die im Begriffe ist, die Brandfackel an -unseren hochadeligen Erdteil zu legen? Andererseits würde ein auch nur -gelegentliches diplomatisches Zusammenwirken meines Landes mit -Österreich mich wie Entehrung treffen. Das sind Gewissensfragen, welche -–“ - -„Sieben und vier“, sagte Hans Castorp. „Acht und drei. Bub, Dame, König. -Es geht ja. Sie bringen mir Glück, Herr Settembrini.“ - -Der Italiener verstummte. Hans Castorp fühlte seine schwarzen Augen, den -Blick von Vernunft und Sittlichkeit, in tiefer Trauer auf sich ruhen, -legte indessen noch eine Weile weiter, bevor er, die Wange in die Hand -gestützt, mit der falschen und verstockten Unschuldsmiene eines bösen -Kindes zu dem vor ihm stehenden Mentor aufblickte. - -„Ihre Augen“, sprach dieser, „suchen ganz vergebens zu verhehlen, daß -Sie wissen, wie es um Sie steht.“ - -„_Placet experiri_“, hatte Hans Castorp die Frechheit zu antworten, und -Herr Settembrini verließ ihn, – worauf denn freilich der allein -Gebliebene noch längere Zeit, ohne weiterzulegen, den Kopf in die Hand -gestützt, an seinem Tische inmitten des weißen Zimmers sitzenblieb, -grübelnd und im Innersten grauenhaft berührt von dem nicht geheueren und -schiefen Zustand, worin er die Welt befangen sah, von dem Grinsen des -Dämons und Affengottes, unter dessen rat- und zügellose Herrschaft er -sie geraten fand, und des Name „Der große Stumpfsinn“ war. - -Ein schlimmer, apokalyptischer Name, ganz danach angetan, geheime -Beängstigung einzuflößen. Hans Castorp saß und rieb sich Stirn und -Herzgegend mit den flachen Händen. Er fürchtete sich. Ihm war, als könne -„das alles“ kein gutes Ende nehmen, als werde eine Katastrophe das Ende -sein, eine Empörung der geduldigen Natur, ein Donnerwetter und -aufräumender Sturmwind, der den Bann der Welt brechen, das Leben über -den „toten Punkt“ hinwegreißen und der „Sauregurkenzeit“ einen -schrecklichen Jüngsten Tag bereiten werde. Er hatte Lust zu fliehen, wir -sagten es schon, – und ein Glück denn nur, daß die Obrigkeit das -vorerwähnte „unverwandte Auge“ auf ihn hatte, daß sie in seinen Mienen -zu lesen verstand und auf seine Divertierung mit neuen, fruchtbaren -Hypothesen bedacht war! - -Korpsstudentischen Tonfalles hatte sie erklärt, den eigentlichen -Ursachen der Unsolidität von Hans Castorps Wärmehaushalt auf der Spur zu -sein, Ursachen, denen nach ihrer wissenschaftlichen Aussage so unschwer -beizukommen sein würde, daß Heilung, legitime Entlassung ins Flachland -plötzlich in nahe Aussicht gerückt schienen. Des jungen Mannes Herz -schlug hoch, von mannigfachen Empfindungen bestürmt, als er zum -Aderlasse den Arm hinstreckte. Blinzelnd und leicht erblassend -bewunderte er das herrliche Rubinrot seines Lebenssaftes, der steigend -den klaren Behälter füllte. Der Hofrat selbst, assistiert von Doktor -Krokowski und einer Barmherzigen Schwester, vollzog die kleine, aber -weittragende Operation. Danach verging eine Reihe von Tagen, beherrscht -für Hans Castorp von der Frage, wie das Hingegebene, außerhalb seiner, -unter den Augen der Wissenschaft sich bewähren werde. - -Es habe natürlich noch nichts gedeihen können, sagte der Hofrat am -Anfang. Es habe leider noch nichts gedeihen wollen, sagte er später. -Aber der Morgen kam, wo er, während des Frühstücks, zu Hans Castorp -trat, der zu dieser Zeit am Guten Russentisch seinen Platz hatte, am -oberen Ende, dort, wo dereinst sein großer Duzbruder gesessen, und ihm -unter redensartlichen Glückwünschen eröffnete, der Kettenkokkus sei nun -doch in einer der angelegten Kulturen zweifelsfrei festgestellt. Ein -Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung sei es denn nun, ob die -Vergiftungserscheinungen auf die jedenfalls bestehende kleine -Tuberkulose oder auf die Streptos, die ja auch nur in bescheidenem Maße -vorhanden, zurückzuführen seien. Er, Behrens, müsse sich die Sache näher -und länger besehen. Noch sei die Kultur nicht ausgewachsen. – Er zeigte -sie ihm im „Labor“: ein rotes Blutgelee, worin man graue Pünktchen -gewahrte. Das waren die Kokken. (Kokken jedoch hatte jeder Esel, wie -auch Tuberkeln, und hätte man nicht die Symptome gehabt, so wäre auf -diesen Befund nicht weiter Gewicht zu legen gewesen.) - -Außerhalb seiner, unter den Augen der Wissenschaft, fuhr Hans Castorps -geronnenes Herzblut fort, sich zu bewähren. Es kam der Morgen, da der -Hofrat mit redensartlich bewegten Worten berichtete: Nicht nur auf der -einen Kultur, sondern auch auf allen übrigen seien nachträglich noch -Kokken gewachsen, und zwar in großen Mengen. Ungewiß, ob es alles -Streptos seien; mehr als wahrscheinlich nun aber, daß die -Vergiftungserscheinungen daher rührten, – wenn man auch freilich nicht -wissen könne, wieviel davon auf Rechnung der zweifellos vorhanden -gewesenen und nicht ganz überwundenen Tuberkulose zu setzen sei. Die zu -ziehende Schlußfolgerung? Eine Streptovakzinkur! Die Prognose? -Außerordentlich günstig – zumal der Versuch jedes Risikos entbehre, auf -keinen Fall schaden könne. Denn da das Serum ja aus Hans Castorps -eigenem Blute hergestellt werde, so werde mit der Injektion kein -Krankheitsstoff in den Körper eingeführt, der nicht schon darin sei. -Schlimmstenfalls würde sie nutzlos sein, Null im Effekt – aber ob man -denn das, da Patient ja ohnedies bleiben müsse, als einen schlimmen Fall -bezeichnen könne! - -Nicht doch, so weit wollte Hans Castorp nicht gehen. Er unterwarf sich -der Kur, obgleich er sie ridikül und ehrlos fand. Diese Impfungen mit -sich selbst wollten ihm als eine abscheulich freudlose Diversion -erscheinen, als ein inzestuöser Greuel von Ich zu Ich, frucht- und -hoffnungslos in seinem Wesen. So urteilte seine hypochondrische -Unbelehrtheit, die nur im Punkte der Unfruchtbarkeit – und in diesem -freilich vollkommen – recht behielt. Die Diversion erstreckte sich über -Wochen. Sie schien zuweilen zu schaden – was selbstverständlich auf -Irrtum beruhen mußte –, zuweilen auch zu nützen, was sich dann aber -gleichfalls als Irrtum herausstellte. Das Ergebnis war Null, ohne bei -Namen genannt und ausdrücklich verkündigt zu werden. Die Unternehmung -verlief im Sande, und Hans Castorp fuhr fort, Patience zu legen – Aug’ -in Auge mit dem Dämon, dessen zügelloser Herrschaft für sein Gefühl ein -Ende mit Schrecken bevorstand. - - - Fülle des Wohllauts - -Welche Errungenschaft und Neueinführung des Hauses Berghof war es, die -unsern langjährigen Freund vom Kartentic erlöste und ihn einer anderen, -edleren, wenn auch im Grunde nicht weniger seltsamen Leidenschaft in die -Arme führte? Wir sind im Begriffe, es zu erzählen, erfüllt von den -geheimen Reizen des Gegenstandes und aufrichtig begierig, sie -mitzuteilen. - -Es handelte sich um eine Vermehrung der Unterhaltungsgeräte des -Hauptgesellschaftsraumes, aus nie rastender Fürsorge ersonnen und -beschlossen im Verwaltungsgremium des Hauses, beschafft mit einem -Kostenaufwand, den wir nicht berechnen wollen, den wir aber großzügig -müssen nennen dürfen, von der Oberleitung dieses unbedingt zu -empfehlenden Instituts. Ein sinnreiches Spielzeug also von der Art des -stereoskopischen Guckkastens, des fernrohrförmigen Kaleidoskops und der -kinematographischen Trommel? Allerdings – und auch wieder durchaus -nicht. Denn erstens war das keine optische Veranstaltung, die man eines -Abends – und man schlug die Hände teils über dem Kopf, teils in -gebückter Haltung vorm Schoße zusammen – im Klaviersalon aufgebaut fand, -sondern eine akustische; und ferner waren jene leichten Attraktionen -nach Klasse, Rang und Wert überhaupt nicht mit ihr zu vergleichen. Das -war kein kindliches und einförmiges Gaukelwerk, dessen man überdrüssig -war, und das man nicht mehr anrührte, sobald man auch nur drei Wochen -auf dem Buckel hatte. Es war ein strömendes Füllhorn heiteren und -seelenschweren künstlerischen Genusses. Es war ein Musikapparat. Es war -ein Grammophon. - -Unsere ernste Sorge ist, dies Wort möchte in einem unwürdigen und -überholten Sinne mißverstanden und Vorstellungen möchten daran geknüpft -werden, die einer verjährten Vorform dessen, was uns als Wahrheit -vorschwebt, nicht aber dieser in unermüdlich fortbildenden Versuchen -einer musisch gerichteten Technik zur vornehmsten Vollendung -entwickelten Wahrheit gerecht werden. Ihr Guten! Das war das armselige -Kurbelkästchen nicht, das ehemals wohl, Drehscheibe und Griffel obenauf, -Anhängsel eines unförmigen Trompetenschalltrichters aus Messing, von -einem Wirtshaustische herunter anspruchslose Ohren mit näselndem Gebrüll -erfüllte. Der mattschwarz gebeizte Schrein, der hier, ein wenig tiefer -als breit, angeschlossen mit seidenem Kabel an einen elektrischen -Steckkontakt der Wand, in schlichter Distinktion auf einem Fachtischchen -stand, zeigte mit jener rohen und vorsintflutlichen Maschinerie -überhaupt keine Ähnlichkeit mehr. Man öffnete den anmutig sich -verjüngenden Deckel, dessen innere, vom Grunde gehobene Messingstütze -ihn in schräg schirmender Lage automatisch feststellte, und man gewahrte -in flacher Vertiefung die mit grünem Tuch ausgeschlagene Drehscheibe mit -Nickelrand und dem gleichfalls vernickelten Mittelzapfen, über den das -Loch der Hartgummiplatte zu fügen war. Man bemerkte ferner, rechts -seitwärts im Vordergrunde, eine uhrähnlich bezifferte Vorrichtung zur -Regelung des Tempos, zur Linken den Hebel, mit dem das Drehwerk in Lauf -zu setzen oder zu stoppen war; links hinten aber den gewunden -keulenförmigen, in weichen Gelenken beweglichen Hohlarm aus Nickel, mit -der flachrunden Schalldose an seinem Ende, deren Schraubwerk die -ziehende Nadel zu tragen bestimmt war. Man öffnete auch die Flügel der -vorderen Doppeltür und erblickte dahinter ein jalousieartiges Gefüge -schräg stehender Leisten aus schwarz gebeiztem Holze – nichts weiter. - -„Es ist das neueste Modell“, sagte der Hofrat, der mit eingetreten war. -„Letzte Errungenschaft, Kinder, Ia, ff, was Besseres gibt es nicht in -dem Janger.“ Er sprach das Wort urkomisch-unmöglich aus, wie etwa ein -minder gebildeter Verkäufer es anpreisend getan haben würde. „Das ist -kein Apparat und keine Maschine,“ fuhr er fort, indem er aus einem der -auf dem Tischchen angeordneten buntfarbigen Blechbüchschen eine Nadel -nahm und sie befestigte, „das ist ein Instrument, das ist eine -Stradivarius, eine Guarneri, da herrschen Resonanz- und -Schwingungsverhältnisse vom ausgepichtesten Raffinemang! ‚Polyhymnia‘ -heißt die Marke, wie die Inschrift hier im inneren Deckel Sie lehrt. -Deutsches Fabrikat, wissen Sie. Wir machen das mit Abstand am besten. -Das treusinnig Musikalische in neuzeitlich-mechanischer Gestalt. Die -deutsche Seele _up to date_. Da haben Sie die Literatur!“ sagte er und -wies auf ein Wandschränkchen, worin breitrückige Alben aufgereiht -standen. „Ich übermache Ihnen den ganzen Zauber zu freier Lust, empfehle -ihn aber dem Schutze des Publikums. Wollen wir mal probeweise eine -erbrausen lassen?“ - -Die Kranken baten flehentlich darum, und Behrens zog eines der -stumm-gehaltvollen Zauberbücher hervor, wandte die schweren Blätter, zog -aus einer der Kartontaschen, deren kreisförmige Ausschnitte die farbigen -Titel erkennen ließen, eine Platte und legte sie ein. Mit einem -Handgriff gab er der Drehscheibe Strom, zögerte zwei Sekunden, bis ihr -Lauf die volle Geschwindigkeit erreicht hatte, und setzte die feine -Spitze des Stahlstiftes behutsam auf den Plattenrand. Ein leicht -wetzendes Geräusch ward hörbar. Er senkte den Deckel darüber, und in -demselben Augenblick brach durch die offene Flügeltür, zwischen den -Spalten der Jalousie hervor, nein, aus dem ganzen Körper der Truhe -Instrumentaltrubel, eine lustig lärmende und drängende Melodie, die -ersten gliederwerfenden Takte einer Ouvertüre von Offenbach. - -Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd. Man traute seinen Ohren -nicht, wie überaus rein und natürlich die Koloraturen der Holzbläser -lauteten. Eine Geige, sie ganz allein, präludierte phantastisch. Man -vernahm den Bogenstrich, das Tremolo des Griffes, das süße Gleiten von -einer Lage in die andere. Sie fand ihre Melodie, den Walzer, das „Ach, -ich habe sie verloren“. Leicht trug Orchesterharmonie die -schmeichlerische Weise, und es war zum Entzücken, wie sie, ehrenvoll vom -Ensemble aufgenommen, als rauschendes Tutti sich wiederholte. Natürlich -war es nicht so, wie wenn eine wirkliche Kapelle im Zimmer hier -konzertiert hätte. Der Klangkörper, unentstellt im übrigen, erlitt eine -perspektivische Minderung; es war, wenn es erlaubt ist, für den -Gehörsfall ein Gleichnis aus dem Gebiet des Gesichtes einzusetzen, als -ob man ein Gemälde durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete, so daß -es entrückt und verkleinert erschien, ohne an der Schärfe seiner -Zeichnung, der Leuchtkraft seiner Farben etwas einzubüßen. Das -Musikstück, talentstraff und prickelnd, spielte sich ab in allem Witz -seiner leichtsinnigen Erfindung. Den Schluß machte die Ausgelassenheit -selbst, ein drollig zögernd ansetzender Galopp, ein unverschämter -Cancan, der die Vision in der Luft geschüttelter Zylinder, schleudernder -Knie, aufstiebender Röcke erzeugte und im komisch-triumphalen Enden kein -Ende fand. Dann schnappte das Drehwerk selbsttätig ein. Es war aus. Man -applaudierte von Herzen. - -Man rief nach Weiterem und man bekam es: Menschliche Stimme entströmte -dem Schrein, männlich, weich und gewaltig auf einmal, von Orchester -begleitet, ein italienischer Bariton berühmten Namens, – und nun konnte -durchaus von keiner Verschleierung und Entfernung mehr die Rede sein: -das herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen Umfang und -Kraftinhalt, und namentlich wenn man in eines der offenen Nebenzimmer -trat und den Apparat nicht sah, so war es nicht anders, als stände dort -im Salon der Künstler in körperlicher Person, das Notenblatt in der -Hand, und sänge. Er sang eine Opernbravourarie in seiner Sprache – _eh, -il barbiere. Di qualità, di qualità! Figaro qua, Figaro là, Figaro, -Figaro, Figaro!_ Die Zuhörer wollten sterben vor Lachen über sein -falsettierendes _parlando_, über den Kontrast dieser Bärenstimme und -dieser zungenbrecherischen Sprechfertigkeit. Erfahrene mochten die -Künste seiner Phrasierung, seiner Atemtechnik verfolgen und bewundern. -Meister des Unwiderstehlichen, Virtuose des welschen _Da -capo_-Geschmacks, hielt er den vorletzten Ton, vor der Schlußtonika, zur -Rampe vordringend, wie es schien, und offenbar die Hand in der Luft, auf -eine Weise aus, daß man in gezogene Bravorufe ausbrach, bevor er -geendigt hatte. Es war vorzüglich. - -Und es gab mehr. Ein Waldhorn vollführte mit schöner Vorsicht -Variationen über ein Volkslied. Eine Sopranistin schmetterte, stakkierte -und trillerte eine Arie aus „_La Traviata_“ mit der lieblichsten Kühle -und Genauigkeit. Der Geist eines Violinisten von Weltruf spielte, wie -hinter Schleiern, zu einer Klavierbegleitung, die trocken klang, -wie Spinett, eine Romanze von Rubinstein. Aus der sacht -kochenden Wundertruhe drangen Glockenklänge, Harfenglissandos, -Trompetengeschmetter und Trommelwirbel. Schließlich wurden Tanzplatten -eingelegt. Sogar von dem neuen Import war schon ein und das andere -Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack, der Tango, -berufen, aus dem Wiener Walzer einen Großvatertanz zu machen. Zwei -Paare, des modischen Schrittes mächtig, zeigten sich darin auf dem -Teppich. Behrens hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Vermahnung -erteilt, jede Nadel nur einmal zu benutzen und die Platten „ganz ähnlich -wie rohe Eier“ zu behandeln. Hans Castorp bediente den Apparat. - -Warum gerade er? Es hatte sich so gemacht. Mit gedämpfter -Kurzangebundenheit war er denjenigen entgegengetreten, die nach des -Hofrats Weggang den Nadel- und Plattenwechsel, die Ein- und Ausschaltung -des Triebstroms hatten in die Hand nehmen wollen. „Lassen Sie mich das -tun!“ hatte er gesagt, indem er sie beiseite drängte, und sie waren ihm -gleichmütig gewichen, erstens, weil er die Miene hatte, als ob er von -längerer Hand her sich auf die Sache verstände, dann aber, weil ihnen -sehr wenig daran gelegen war, an der Quelle des Genusses tätig zu sein, -statt sich bequem und unverbindlich damit bewirten zu lassen, solange es -sie nicht langweilte. - -Nicht so Hans Castorp. Während der Vorführung der neuen Erwerbung durch -den Hofrat hatte er sich still im Hintergrunde gehalten, ohne Lachen, -ohne Beifallsrufe, aber die Darbietungen gespannt verfolgend, indes er -nach gelegentlicher Gewohnheit mit zwei Fingern an einer Augenbraue -drehte. Mit einer gewissen Unruhe hatte er im Rücken des Publikums -mehrfach den Standort gewechselt, war ins Bibliothekszimmer getreten, um -von dort zu lauschen, und hatte sich später, Hände auf dem Rücken und -mit verschlossenem Gesichtsausdruck, neben Behrens aufgestellt, den -Schrein im Auge, den einfachen Dienst daran erkundend. In ihm hieß es: -„Halt! Achtung! Epoche! Das kam zu mir.“ Die bestimmteste Ahnung neuer -Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn. Dem Jüngling im -Flachland, dem beim ersten Blick auf ein Mädchen Amors widerhakiger -Pfeil unverhofft mitten im Herzen sitzt, ist nicht gar anders zumute. -Eifersucht beherrschte sofort Hans Castorps Schritte. Öffentliches Gut? -Schlaffe Neugier hat weder Recht noch Kraft, zu besitzen. „Lassen Sie -mich das tun!“ sagte er zwischen den Zähnen, und sie waren es ganz -zufrieden. Sie tanzten noch ein bißchen nach leichtgeschürzten Piecen, -die er laufen ließ, verlangten auch noch eine Gesangsnummer, ein -Opernduett, die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, die lieblich -genug ins Ohr ging, und als er den Deckel schloß, zogen sie ab, flüchtig -angeregt und schwatzend, in die Liegekur, zur Ruhe. Darauf hatte er -gewartet. Sie ließen hinter sich alles stehen und liegen wie es mochte, -die offenen Nadelbüchschen und Albums, die zerstreuten Platten. Das sah -ihnen ähnlich. Er tat, als schlösse er sich ihnen an, verließ aber -heimlich ihren Zug auf der Treppe, kehrte in den Salon zurück, schloß -alle Türen und blieb dort die halbe Nacht, tief beschäftigt. - -Er machte sich mit der neuen Erwerbung vertraut, durchmusterte ungestört -den beigestellten Vortragsschatz, den Inhalt der schweren Alben. Es -waren deren zwölf, von zweierlei Größe, zu je zwölf Platten; und da -viele der eng kreisförmig geritzten schwarzen Scheiben doppelseitig -waren, nicht nur weil manches Stück auch die Kehrseite in Anspruch nahm, -sondern auch weil einer ganzen Reihe von Tafeln zwei verschiedene -Darbietungen eingeschrieben waren, so war das ein anfangs schwer -übersichtliches, ja verwirrendes Eroberungsgebiet schöner Möglichkeiten. -Er spielte wohl ein Viertelhundert, indem er sich, um nicht zu stören, -in der Nacht nicht gehört zu werden, gewisser sacht ziehender Nadeln -bediente, die den Klang verringerten, – aber das war kaum der achte Teil -dessen, was sich aller Enden lockend zum Versuche anbot. Für heute mußte -es genug sein, die Titel zu überfliegen und nur dann und wann, -stichprobeweise, ein Beispiel der stummen Zirkelgraphik dem Schreine -einzuverleiben, um es zum Tönen zu bringen. Sie waren unterschieden -durch das farbige Etikett ihres Zentrums, die Hartgummidisken, und durch -nichts weiter, für das Auge. Eine sah aus wie die andere, ganz oder -nicht ganz bis zur Mitte mit konzentrischen Kreisen dicht bedeckt; und -doch barg ihr feines Liniengepräge die erdenklichste Musik, glücklichste -Eingebungen aus allen Regionen der Kunst, in ausgesuchter Wiedergabe. - -Es waren da eine Menge Ouvertüren und Einzelsätze aus der Welt der -erhabenen Symphonik, gespielt von berühmten Orchestern, deren Leiter -namhaft gemacht waren. Eine lange Reihe von Liedern sodann, vorgetragen -zum Klavier, von Mitgliedern großer Opernhäuser, – und zwar sowohl -Lieder, die das hohe und bewußte Erzeugnis persönlicher Kunst waren, wie -auch schlichte Volkslieder, wie dann endlich auch noch solche, die -zwischen diesen beiden Gattungen gleichsam die Mitte hielten, insofern -sie zwar Produkte geistiger Kunst, aber im Sinn und Geist des Volkes -tiefecht und fromm empfunden und erfunden waren; künstliche Volkslieder, -wenn man so sagen durfte, ohne durch das Wort „künstlich“ ihrer -Innigkeit zu nahe zu treten: eines zumal, das Hans Castorp von -Kindesbeinen an gekannt hatte, zu dem er aber jetzt eine -geheimnisvoll-beziehungsreiche Liebe faßte, und von dem die Rede sein -wird. – Was gab es noch, oder eigentlich, was gab es nicht? Es gab Oper -die Hülle und Fülle. Ein internationaler Chor gefeierter Sänger und -Sängerinnen setzte, begleitet von diskret zurücktretendem Orchester, die -hochgeschulte Gottesgabe seiner Stimmen ein zur Ausführung von Arien, -Duetten, ganzen Ensembleszenen aus den verschiedenen Gegenden und -Epochen des musikalischen Theaters: der südlichen Schönheitssphäre einer -zugleich hoch- und leichtherzigen Hingerissenheit, einer -deutsch-volkhaften Welt von Schalkheit und Dämonie, der französischen -Großen und Komischen Oper. War damit ein Ende? O nein. Denn es folgte -die Serie der Kammermusiken, der Quartette und Trios, der -Instrumental-Solonummern für Violine, Cello, Flöte, die -Konzertgesangsnummern mit obligater Violine oder Flöte, die rein -pianistischen Nummern, – von den bloßen Belustigungen, den Couplets, den -Zweckplatten, in die kleine Aufspielorchester ihre Weisen geprägt -hatten, und die nach einer derben Nadel verlangten, nicht erst zu reden. - -Hans Castorp sichtete das, ordnete das, übergab es, einsam hantierend, -zu einem kleinen Teile dem Instrument, das es zu tönendem Leben weckte. -Er ging mit heißem Kopfe zu ähnlich vorgerückter Stunde -schlafen, wie nach dem ersten Gelage mit Pieter Peeperkorn -majestätisch-duzbrüderlichen Angedenkens, und träumte von zwei bis -sieben von dem Zauberkasten. Er sah im Traume die Drehscheibe um ihren -Zapfen kreisen, schnell bis zur Unsichtlichkeit und lautlos dabei, in -einer Bewegung, die nicht nur eben in dem wirbeligen Rundfluß, sondern -auch noch in einem eigentümlichen seitlichen Wogen bestand, dergestalt, -daß dem nadeltragenden Gelenkarm, unter dem sie hinzog, ein elastisch -atmendes Schwingen mitgeteilt wurde, – sehr dienlich, wie man glauben -mochte, dem _vibrato_ und _portamento_ der Streicher und der -menschlichen Stimmen; doch unbegreiflich blieb es, im Traum nicht -weniger als im Wachen, wie das bloße Nachziehen einer haarfeinen Linie -über einem akustischen Hohlraum und einzig mit Hilfe des -Schwingungshäutchens der Schallbüchse die reich zusammengesetzten -Klangkörper wiedererzeugen konnte, die das geistige Ohr des Schläfers -füllten. - -Er war am Morgen zeitig wieder im Salon, schon vor dem Frühstück, und -ließ, mit gefalteten Händen in einem Sessel sitzend, einen herrlichen -Bariton aus dem Schreine zur Harfe singen: „Blick’ ich umher in diesem -edlen Kreise –“. Die Harfe klang vollkommen natürlich, es war -unverfälschtes und unvermindertes Harfenspiel, was der Schrein außer der -schwellenden, hauchenden, artikulierenden menschlichen Stimme aus sich -entließ – durchaus zum Erstaunen. Und Zärtlicheres gab es auf Erden -nicht, als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen Oper, den -Hans Castorp darauf folgen ließ, – als diese bescheidene und innige -Gefühlsannäherung zwischen der weltberühmten Tenorstimme, die so -vielfach in den Alben vertreten war, und einem glashell-süßen kleinen -Sopran, – als sein „_Da mi il braccio, mia piccina_“ und die simple, -süße, gedrängt melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab ... - -Hans Castorp zuckte zusammen, da hinter ihm die Tür ging. Es war der -Hofrat, der zu ihm hereinschaute; – in seinem klinischen Kittel mit dem -Hörrohr in der Brusttasche stand er dort einen Augenblick, den Türgriff -in der Hand, und nickte dem Laboranten zu. Dieser erwiderte das Nicken -über die Schulter hin, worauf das blauwangige Gesicht des Chefs mit dem -einseitig geschürzten Schnurrbärtchen hinter der zugezogenen Tür -verschwand und Hans Castorp sich seinem unsichtbar-wohllautenden -Liebespärchen wieder zuwandte. - -Später im Lauf des Tages, nach der Mittagsmahlzeit, nach dem Diner, -hatte er Zuhörer bei seinem Treiben, wechselndes Publikum, – wenn man -ihn selbst nicht als solches, sondern als Spender des Genusses -betrachten wollte. Persönlich neigte er zu dieser Auffassung, und die -Hausgesellschaft bewilligte sie ihm in dem Sinne, daß sie seiner -entschlossenen Selbsteinsetzung als Verwalter und Kustos der -öffentlichen Einrichtung von Anfang an stillschweigend zustimmte. Das -kostete diese Leute nichts; denn ungeachtet ihres oberflächlichen -Entzückens, wenn jener tenorale Abgott in Schmelz und Glanz schwelgte, -die weltbeglückende Stimme in Kantilenen und hohen Künsten der -Leidenschaft sich verströmte, – trotz dieses laut bekundeten Entzückens -waren sie ohne Liebe und darum völlig einverstanden, jedem, der da -wollte, die Sorge zu lassen. Hans Castorp war es, der den Plattenschatz -in Ordnung hielt, den Inhalt der Alben auf die Innenseite der Deckel -schrieb, so daß ein jegliches Stück auf Wunsch und Anruf sofort zur Hand -war, und der das Instrument handhabte: Man sah es ihn mit bald geübten, -knappen und zarten Bewegungen tun. Was hätten auch die anderen gemacht? -Sie hätten die Platten geschändet, indem sie sie mit abgenutzten Nadeln -bearbeiteten, hätten sie offen auf Stühlen herumliegen lassen, mit dem -Apparat stumpfen Jux getrieben, indem sie ein edles Stück mit Tempo und -Tonhöhe hundertundzehn laufen ließen oder auch den Zeiger auf Null -einstellten, so daß es ein hysterisches Tirili oder ein versacktes -Stöhnen ergab ... Sie hatten das alles schon getan. Sie waren zwar -krank, aber roh. Und darum trug Hans Castorp nach kurzer Zeit den -Schlüssel des Schränkchens, worin die Alben und Nadeln aufbewahrt -wurden, einfach in der Tasche, so daß man ihn rufen mußte, wenn man -aufgespielt haben wollte. - -Spät, nach der Abendgeselligkeit, nach Abzug der Menge, war seine beste -Zeit. Dann blieb er im Salon oder kehrte heimlich dorthin zurück und -musizierte allein bis tief in die Nacht. Die Ruhe des Hauses damit zu -stören, brauchte er weniger zu fürchten, als er anfangs geglaubt hatte -tun zu müssen, denn die Tragkraft seiner Geistermusik hatte sich ihm als -von geringer Reichweite erwiesen: so Staunenswertes die Schwingungen -nahe ihrem Ursprung bewirkten, so bald ermatteten sie, schwach und -scheinmächtig wie alles Geisterhafte, ferner von ihm. Hans Castorp war -allein mit den Wundern der Truhe in seinen vier Wänden, – mit den -blühenden Leistungen dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz, -dieses mattschwarzen Tempelchens, vor dessen offener Flügeltür er im -Sessel saß, die Hände gefaltet, den Kopf auf der Schulter, den Mund -geöffnet, und sich von Wohllaut überströmen ließ. - -Die Sänger und Sängerinnen, die er hörte, er sah sie nicht, ihre -Menschlichkeit weilte in Amerika, in Mailand, in Wien, in Sankt -Petersburg, – sie mochte dort immerhin weilen, denn was er von ihnen -hatte, war ihr Bestes, war ihre Stimme, und er schätzte diese Reinigung -oder Abstraktion, die sinnlich genug blieb, um ihm, unter Ausschaltung -aller Nachteile zu großer persönlicher Nähe, und namentlich soweit es -sich um Landsleute, um Deutsche handelte, eine gute menschliche -Kontrolle zu gestatten. Die Aussprache, der Dialekt, die engere -Landsmannschaft der Künstler war zu unterscheiden, ihr Stimmcharakter -sagte etwas aus über des Einzelnen seelischen Wuchs, und daran, wie sie -geistige Wirkungsmöglichkeiten nutzten oder versäumten, erwies sich die -Stufe ihrer Intelligenz. Hans Castorp ärgerte sich, wenn sie es fehlen -ließen. Er litt auch und biß sich auf die Lippen vor Scham, wenn -Unvollkommenheiten der technischen Wiedergabe mit unterliefen, saß wie -auf Kohlen, wenn im Lauf einer oft zitierten Platte ein Gesangston -scharf oder gröhlend verlautete, was namentlich bei den heiklen -Frauenstimmen so leicht sich ereignete. Doch nahm er das in den Kauf, -denn Liebe muß leiden. Zuweilen beugte er sich über das Spielwerk, das -atmend kreiste, wie über einen Fliederstrauß, den Kopf in einer -Klangwolke; stand vor dem offenen Schrein, das Herrscherglück des -Dirigenten kostend, indem er mit aufgehobener Hand einer Trompete den -pünktlichen Einsatz gab. Er hatte Lieblinge in seinem Magazin, einige -Vokal- und Instrumentalnummern, die zu hören er niemals satt wurde. Wir -mögen nicht unterlassen, sie anzuführen. - -Eine kleine Gruppe von Platten bot die Schlußszenen des pompösen, von -melodiösem Genie überquellenden Opernwerks, das ein großer Landsmann des -Herrn Settembrini, der Altmeister der dramatischen Musik des Südens, in -der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus solennem Anlaß, bei -Gelegenheit der Übergabe eines Werkes der völkerverbindenden Technik an -die Menschheit, im Auftrage eines orientalischen Fürsten geschaffen -hatte. Hans Castorp wußte bildungsweise ungefähr Bescheid damit, er -kannte in großen Zügen das Schicksal des Radames, der Amneris und der -Aida, die ihm auf Italienisch aus dem Kasten sangen, und so verstand er -so ziemlich, was sie ihm sangen, – der unvergleichliche Tenor, der -fürstliche Alt mit dem herrlichen Stimmbruch in der Mitte seines -Umfanges und der silberne Sopran – verstand nicht jedes Wort, aber doch -eines hie und da mit Hilfe seiner Kenntnis der Situationen und seiner -Sympathie für diese Situationen, einer vertraulichen Anteilnahme, die -wuchs, je öfter er die vier oder fünf Platten laufen ließ, und schon zur -wirklichen Verliebtheit geworden war. - -Zuerst setzten Radames und Amneris sich auseinander: Die Königstochter -ließ den Gefesselten vor sich führen, ihn, den sie liebte und sehnlich -für sich zu retten wünschte, obgleich er um der barbarischen Sklavin -willen Vaterland und Ehre hingegeben hatte, – während allerdings, wie er -sagte, „im Herzensgrunde die Ehre unverletzt geblieben“ war. Diese -Intaktheit seines Innersten bei aller Schuldbeladenheit jedoch half ihm -wenig, denn durch sein klar zutage liegendes Verbrechen war er dem -geistlichen Gerichte verfallen, dem alles Menschliche fremd war, und das -bestimmt kein Federlesen machen würde, wenn er sich nicht im letzten -Augenblick dahin besann, der Sklavin abzuschwören und sich dem -königlichen Alt mit dem Stimmbruch in die Arme zu werfen, der dies, rein -akustisch genommen, so vollkommen verdiente. Amneris gab sich die -inbrünstigste Mühe mit dem wohllautenden, aber tragisch verblendeten und -dem Leben abgewandten Tenor, der immer nur „Ich kann nicht!“ und -„Vergebens!“ sang, wenn sie ihm mit verzweifelten Bitten anlag, der -Sklavin zu entsagen, es gelte sein Leben. „Ich kann nicht!“ – „Höre noch -einmal, entsage ihr!“ – „Vergebens!“ Todwillige Verblendung und wärmster -Liebeskummer vereinigten sich zu einem Zwiegesang, der außerordentlich -schön war, aber keine Hoffnung ließ. Und dann begleitete Amneris mit -ihren Schmerzensrufen die schauerlich-formelhaften Repliken des -geistlichen Gerichtes, die dumpf aus der Tiefe schollen, und an denen -der unselige Radames sich überhaupt nicht beteiligte. - -„Radames, Radames“, sang dringlich der Oberpriester und führte ihm in -zugespitzter Form sein Verbrechen des Verrates vor Augen. - -„Rechtfertige dich!“ forderten im Chore alle Priester. - -Und da der Oberste darauf hinweisen konnte, daß Radames schwieg, -erkannten alle in hohler Einstimmigkeit auf Felonie. - -„Radames, Radames!“ fing der Vorsitzende wieder an. „Du hast das Lager -vor der Schlacht verlassen.“ - -„Rechtfertige dich!“ hieß es abermals. „Seht, er schweiget“, durfte der -stark voreingenommene Verhandlungsleiter zum zweitenmal feststellen, und -so vereinigten auch diesmal alle Richterstimmen sich mit der seinen in -dem Wahrspruch: „Felonie!“ - -„Radames, Radames!“ hörte man den unerbittlichen Ankläger zum -drittenmal. „Dem Vaterlande, der Ehre und dem Könige brachst du deinen -Eid.“ – „Rechtfertige dich!“ scholl es aufs neue. Und: „Felonie!“ -erkannte endgültig und mit Schauder die Priesterschaft, nachdem sie -aufmerksam gemacht worden, daß Radames absolut stillschwieg. So konnte -denn das Unausbleibliche nicht ausbleiben, daß der Chor, der stimmlich -gleich beieinander geblieben war, dem Missetäter für Recht verkündete, -sein Los sei erfüllt, er sterbe den Tod der Verfluchten, unter dem -Tempel der zürnenden Gottheit habe er lebend ins Grab einzugehen. - -Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte mußte man sich -nach Kräften selber einbilden, denn hier brach die Wiedergabe ab, Hans -Castorp mußte die Platte wechseln, was er mit stillen und knappen -Bewegungen, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen, tat, und wenn er -sich wieder zum Lauschen niedergelassen hatte, war es schon des -Melodramas letzte Szene, die er vernahm: das Schlußduett des Radames und -der Aida, gesungen auf dem Grunde ihres Kellergrabes, während über ihren -Köpfen bigotte und grausame Priester im Tempel ihren Kult feierten, die -Hände spreizten, sich in dumpfem Gemurmel ergingen ... „_Tu – in questa -tomba?!_“ schmetterte die unbeschreiblich ansprechende, zugleich süße -und heldenhafte Stimme des Radames entsetzt und entzückt ... Ja, sie -hatte sich zu ihm gefunden, die Geliebte, um derentwillen er Ehre und -Leben verwirkt, sie hatte ihn hier erwartet, sich mit ihm einschließen -lassen, um mit ihm zu sterben, und die Gesänge, die sie in dieser Sache, -zuweilen unterbrochen von dem dumpfen Getön des Zeremoniells im oberen -Stockwerk, miteinander tauschten, oder zu denen sie sich vereinigten, – -sie waren es eigentlich, die es dem einsam-nächtlichen Zuhörer in -tiefster Seele angetan hatten: in Hinsicht auf die Umstände sowohl, wie -auf ihren musikalischen Ausdruck. Es war vom Himmel die Rede in diesen -Gesängen, aber sie selbst waren himmlisch, und sie wurden himmlisch -vorgetragen. Die melodische Linie, die Radames’ und Aidas Stimmen -einzeln und dann in Vereinigung unersättlich nachzogen, diese einfache -und selige, um Tonika und Dominante spielende Kurve, die vom Grundton zu -lang betontem Vorhalt, einen halben Ton vor der Oktave, aufstieg und -nach flüchtiger Berührung mit dieser sich zur Quinte wandte, erschien -dem Lauscher als das Verklärteste, Bewunderungswürdigste, was ihm je -untergekommen. Doch wäre er in das Lautliche weniger verliebt gewesen, -ohne die zum Grunde liegende Situation, die sein Gemüt für die daraus -erwachsende Süße erst recht empfänglich machte. Es war so schön, daß -Aida sich zu dem verlorenen Radames gefunden hatte, um sein -Grabesschicksal mit ihm zu teilen in Ewigkeit! Mit Recht protestierte -der Verurteilte gegen das Opfer so lieblichen Lebens, aber seinem -zärtlich verzweifelten „_No, no! troppo sei bella_“ war doch das -Entzücken endgültiger Vereinigung mit derjenigen anzumerken, die er nie -wiederzusehen gemeint hatte, und dieses Entzücken, diese Dankbarkeit ihm -deutlich nachzufühlen, bedurfte es für Hans Castorp keines Aufgebotes an -Einbildungskraft. Was er aber letztlich empfand, verstand und genoß, -während er mit gefalteten Händen auf die schwarze kleine Jalousie -blickte, zwischen deren Leisten dies alles hervorblühte, das war die -siegende Idealität der Musik, der Kunst, des menschlichen Gemüts, die -hohe und unwiderlegliche Beschönigung, die sie der gemeinen Gräßlichkeit -der wirklichen Dinge angedeihen ließ. Man mußte sich nur vor Augen -führen, was hier, nüchtern genommen, geschah! Zwei lebendig Begrabene -würden, die Lungen voll Grubengas, hier miteinander, oder, noch -schlimmer, einer nach dem anderen, an Hungerkrämpfen verenden, und dann -würde an ihren Körpern die Verwesung ihr unaussprechliches Werk tun, bis -zwei Gerippe unterm Gewölbe lagerten, deren jedem es völlig gleichgültig -und unempfindlich sein würde, ob es allein oder zu zweien lagerte. Das -war die reale und sachliche Seite der Dinge – eine Seite und Sache für -sich, die vor dem Idealismus des Herzens überhaupt nicht in Betracht -kam, vom Geiste der Schönheit und der Musik aufs Triumphalste in den -Schatten gestellt wurde. Für Radames’ und Aidas Operngemüter gab es das -sachlich Bevorstehende nicht. Ihre Stimmen schwangen sich unisono zum -seligen Oktavenvorhalt auf, versichernd, nun öffne sich der Himmel und -ihrem Sehnen erstrahle das Licht der Ewigkeit. Die tröstliche Kraft -dieser Beschönigung tat dem Zuhörer außerordentlich wohl und trug nicht -wenig dazu bei, daß diese Nummer seines Leibprogramms ihm so besonders -am Herzen lag. - -Er pflegte sich auszuruhen von ihren Schrecken und Verklärungen bei -einer zweiten Pièce, die kurzläufig, aber von konzentriertem Zauber war, -– viel friedlicher ihrem Inhalt nach, als jene erste, ein Idyll, aber -ein raffiniertes Idyll, gemalt und gestaltet mit den zugleich sparsamen -und verwickelten Mitteln neuester Kunst. Es war ein reines -Orchesterstück, ohne Gesang, ein symphonisches Präludium französischen -Ursprungs, bewerkstelligt mit einem für zeitgenössische Verhältnisse -kleinen Apparat, jedoch mit allen Wassern moderner Klangtechnik -gewaschen und klüglich danach angetan, die Seele in Traum zu spinnen. - -Der Traum, den Hans Castorp dabei träumte, war dieser: Rücklings lag er -auf einer mit bunten Sternblumen besäten, von Sonne beglänzten Wiese, -einen kleinen Erdhügel unter dem Kopf, das eine Bein etwas hochgezogen, -das andere darüber gelegt, – wobei es jedoch Bocksbeine waren, die er -kreuzte. Seine Hände fingerten, nur zu seinem eigenen Vergnügen, da die -Einsamkeit über der Wiese vollkommen war, an einem kleinen Holzgebläse, -das er im Munde hielt, einer Klarinette oder Schalmei, der er -friedlich-nasale Töne entlockte: einen nach dem anderen, wie sie eben -kommen wollten, aber doch in geglücktem Reigen, und so stieg das -sorglose Genäsel zum tiefblauen Himmel auf, unter dem das feine, leicht -vom Winde bewegte Blätterwerk einzeln stehender Birken und Eschen -in der Sonne flimmerte. Doch war sein beschauliches und -unverantwortlich-halbmelodisches Dudeln nicht lange die einzige Stimme -der Einsamkeit. Das Summen der Insekten in der sommerheißen Luft über -dem Grase, der Sonnenschein selbst, der leichte Wind, das Schwanken der -Wipfel, das Glitzern des Blätterwerks, – der ganze sanft bewegte -Sommerfriede umher wurde gemischter Klang, der seinem einfältigen -Schalmeien eine immer wechselnde und immer überraschend gewählte -harmonische Deutung gab. Die symphonische Begleitung trat manchmal -zurück und verstummte; aber Hans mit den Bocksbeinen blies fort und -lockte mit der naiven Eintönigkeit seines Spiels den ausgesucht -kolorierten Klangzauber der Natur wieder hervor, – welcher endlich nach -einem abermaligen Aussetzen, in süßer Selbstübersteigerung, durch -Hinzutritt immer neuer und höherer Instrumentalstimmen, die rasch -nacheinander einfielen, alle verfügbare, bis dahin gesparte Fülle -gewann, für einen flüchtigen Augenblick, dessen wonnevoll-vollkommenes -Genügen aber die Ewigkeit in sich trug. Der junge Faun war sehr -glücklich auf seiner Sommerwiese. Hier gab es kein „Rechtfertige dich!“, -keine Verantwortung, kein priesterliches Kriegsgericht über einen, der -der Ehre vergaß und abhanden kam. Hier herrschte das Vergessen selbst, -der selige Stillstand, die Unschuld der Zeitlosigkeit: Es war die -Liederlichkeit mit bestem Gewissen, die wunschbildhafte Apotheose all -und jeder Verneinung des abendländischen Aktivitätskommandos, und die -davon ausgehende Beschwichtigung machte dem nächtlichen Musikanten die -Platte vor vielen wert. – - -Da war eine dritte ... Es waren eigentlich wiederum mehrere, -zusammengehörig, ineinandergehend, drei oder vier, denn die Tenorarie, -die vorkam, nahm allein eine bis zur Mitte beringte Seite für sich in -Anspruch. Wieder war das etwas Französisches, aus einer Oper, die Hans -Castorp gut kannte, die er wiederholt im Theater gehört und gesehen und -auf deren Handlung er einmal sogar gesprächsweise – und zwar in einem -sehr entscheidenden Gespräch – eine Anspielung gemacht hatte ... Es war -im zweiten Akt, in der spanischen Schenke, einer geräumigen Spelunke, -dielenartig, mit Tüchern geschmückt und von defekter maurischer -Architektur. Carmens warme, ein wenig rauhe, aber durch Rassigkeit -einnehmende Stimme erklärte, tanzen zu wollen vor dem Sergeanten, und -schon hörte man ihre Kastagnetten klappern. In demselben Augenblick aber -erschollen aus einiger Entfernung Trompeten, Clairons, ein wiederholtes -militärisches Signal, das dem Kleinen nicht wenig in die Glieder fuhr. -„Halt! Einen Augenblick!“ rief er und spitzte die Ohren wie ein Pferd. -Und da Carmen „Warum?“ fragte und „was es denn gäbe?“: „Hörst du nicht?“ -rief er, ganz erstaunt, daß ihr das nicht eingehe, wie ihm. Es seien ja -die Trompeten aus der Kaserne, die das Zeichen gäben. „Zur Heimkehr naht -die Frist“, sagte er opernhaft. Aber die Zigeunerin konnte das nicht -begreifen und wollte es vor allem auch gar nicht. Desto besser, meinte -sie halb dumm, halb frech, da brauchten sie keine Kastagnetten, der -Himmel selbst schicke ihnen Musik zum Tanz und darum: Lalalala! – Er war -außer sich. Sein eigener Enttäuschungsschmerz trat ganz zurück hinter -dem Bemühen, ihr klarzumachen, um was es sich handle, und daß keine -Verliebtheit der Welt gegen dieses Signal aufkomme. Wie war es denn -möglich, daß sie etwas so Fundamentales und Unbedingtes nicht verstand! -„Ich muß nun fort, nach Haus, ins Quartier, zum Appell!“ rief er, -verzweifelt über eine Ahnungslosigkeit, die ihm das Herz doppelt so -schwer machte, als es ohnedies gewesen wäre. Da aber mußte man Carmen -hören! Sie war wütend, sie war in tiefster Seele empört, ihre Stimme war -ganz und gar betrogene und beleidigte Liebe – oder sie stellte sich so. -„Ins Quartier? Zum Appell?“ Und ihr Herz? Und ihr gutes, zärtliches -Herz, das in seiner Schwäche – ja, sie gebe es zu: in seiner Schwäche! – -bereit gewesen sei, ihm mit Gesang und Tanz die Zeit zu kürzen? -„Traterata!“ und sie hob mit wildem Hohn die gerollte Hand an den Mund, -um das Clairon nachzuahmen. „Traterata!“ Und das genüge. Da springe der -Dummkopf in die Höhe und wolle fort. Gut denn, fort mit ihm! Hier sein -Helm, sein Säbel und Gehänge! Machen, machen, machen solle er, daß er in -die Kaserne komme! – Er bat um Erbarmen. Aber sie fuhr fort in ihrem -glühenden Hohn, indem sie tat, als sei sie er, der beim Schall der -Hörner sein bißchen Verstand verloren habe. Traterata, zum Appell! -Barmherziger Himmel, er werde noch zu spät kommen! Nur fort, denn es -rufe ja zum Appelle, und da störe er selbstverständlich auf wie ein -Narr, in dem Augenblick, wo sie, Carmen, für ihn habe tanzen wollen. -Das, das, das sei seine Liebe zu ihr! – - -Qualvolle Lage! Sie verstand nicht. Das Weib, die Zigeunerin konnte und -wollte nicht verstehen. Sie wollte es nicht, – denn ohne jeden Zweifel: -in ihrer Wut, ihrem Hohn war etwas über den Augenblick und das -Persönliche Hinausgehende, ein Haß, eine Urfeindschaft gegen das -Prinzip, das durch diese französischen Clairons – oder spanischen Hörner -– nach dem verliebten kleinen Soldaten rief, und über das zu -triumphieren ihr höchster, eingeborener, überpersönlicher Ehrgeiz war. -Sie besaß ein sehr einfaches Mittel dazu: Sie behauptete, wenn er gehe, -so liebe er sie nicht; und das war genau das, was zu hören José dort -drinnen im Kasten nicht ertrug. Er beschwor sie, ihn zu Worte kommen zu -lassen. Sie wollte nicht. Da zwang er sie – es war ein verteufelt -ernster Moment. Fatale Klänge lösten sich aus dem Orchester, ein düster -drohendes Motiv, das sich, wie Hans Castorp wußte, durch die ganze Oper -bis zum katastrophalen Ausgang zog und auch die Einleitung zu des -kleinen Soldaten Arie bildete, der neuen Platte, die nun einzulegen war. - -„Hier an dem Herzen treu geborgen“ – José sang das wunderschön; Hans -Castorp ließ die Scheibe auch einzeln, außer dem vertrauten -Zusammenhange öfters laufen und lauschte stets in achtsamster Sympathie. -Es war inhaltlich nicht weit her mit der Arie, aber ihr flehender -Gefühlsausdruck war im höchsten Grade rührend. Der Soldat sang von der -Blume, die Carmen ihm am Anfang ihrer Bekanntschaft zugeworfen, und die -im schweren Arrest, worein er um ihretwillen geraten, sein ein und alles -gewesen sei. Er gestand tief erschüttert, er habe augenblicksweise dem -Schicksal geflucht, weil es zugelassen hatte, daß er Carmen je mit Augen -gesehen. Aber gleich habe er die Lästerung bitter bereut und auf den -Knien zu Gott um ein Wiedersehen gebetet. _Da_ – und dies Da war der -gleiche hohe Ton, mit dem er unmittelbar vorher sein „Ach, teures -Mädchen“ begonnen, – _da_ – und nun war in der Begleitung aller -Instrumentalzauber los, der nur irgend geeignet sein mochte, den -Schmerz, die Sehnsucht, die verlorene Zärtlichkeit, die süße -Verzweiflung des kleinen Soldaten zu malen, – _da_ hatte sie vor seinen -Blicken gestanden in all ihrem schlechthin verhängnishaften Reiz, so daß -er klar und deutlich das eine gefühlt hatte, daß es „um ihn getan“ -(„getan“ mit einem schluchzenden ganztönigen Vorschlag auf der ersten -Silbe), auf immer also um ihn getan sei. „Du meine Wonne, mein -Entzücken!“ sang er verzweifelt in einer wiederkehrenden und auch vom -Orchester noch einmal auf eigene Hand geklagten Tonfolge, die vom -Grundton zwei Stufen aufstieg und sich von dort mit Innigkeit zur -tieferen Quinte wandte. „Dein ist mein Herz“, beteuerte er -abgeschmackter, aber allerzärtlichster Weise zum Überfluß, indem er sich -eben dieser Figur bediente, ging dann die Tonleiter bis zur sechsten -Stufe durch, um hinzuzufügen: „Und ewig dir gehör ich an!“, ließ danach -die Stimme um zehn Töne sinken und bekannte erschüttert sein „Carmen, -ich liebe dich!“, dessen Ausklang von einem wechselnd harmonisierten -Vorhalt schmerzlich verzögert wurde, bevor das „dich“ mit der -vorhergehenden Silbe sich in den Grundakkord ergab. - -„Ja, ja!“ sagte Hans Castorp schwergemut und dankbar und legte auch noch -das Finale ein, wo alle den jungen José dazu beglückwünschten, daß ihm -durch das Renkontre mit dem Offizier der Rückweg abgeschnitten war, so -daß er nun fahnenflüchtig werden mußte, wie Carmen es zu seinem -Entsetzen schon vorher von ihm verlangt hatte. - - „O folg uns in felsige Klüfte, - wilder, doch rein wehen dort die Lüfte –“ - -sangen sie ihm im Chor, – man konnte sie ganz gut verstehen. - - „Offen die Welt – nicht Sorgen drücken; - unbegrenzt dein Vaterland; - und voran: das seligste Entzücken, - die Freiheit lacht! Die Freiheit lacht!“ - -„Ja, ja!“ sagte er abermals und ging zu etwas Viertem über, etwas sehr -Liebem und Gutem. - -Daß es wieder etwas Französisches war, ist so wenig unsere Schuld, wie -es auf unsere Rechnung kommt, daß auch wieder militärischer Geist -obwaltete. Es war eine Einlage, eine Solo-Gesangsnummer, ein „Gebet“ aus -der Faust-Oper von Gounod. Jemand trat auf, jemand Erz-Sympathisches, -der Valentin hieß, den aber Hans Castorp im Stillen anders nannte, mit -einem vertrauteren, wehmutsvollen Namen, dessen Träger er in hohem Grade -mit der aus dem Kasten laut werdenden Person identifizierte, obgleich -diese eine viel schönere Stimme hatte. Es war ein starker und warmer -Bariton, und sein Gesang war dreiteilig; er bestand aus zwei miteinander -nahverwandten Eckstrophen, die frommen Charakters, ja, fast im Stile des -protestantischen Chorals gehalten waren, und einer Mittelstrophe -keck-chevaleresken Mutes, kriegerisch, leichtsinnig, dabei aber -ebenfalls fromm; und das war eigentlich das Französisch-Militärische -daran. Der Unsichtbare sang: - - „Da ich nun verlassen soll - mein geliebtes Heimatland“ – - -und er wandte unter diesen Umständen sein Flehen zum Herrn des Himmels, -daß er ihm unterdessen das holde Schwesterblut schützen möge! Es ging in -den Krieg, der Rhythmus sprang um, wurde unternehmend, Gram und Sorge -mochten zum Teufel fahren, er, der Unsichtbare wollte sich dort, wo die -Schlacht am heißesten, die Gefahr am größten war, keck, fromm und -französisch dem Feinde entgegenwerfen. Wenn ihn aber Gott zu -Himmelshöhen rufe, sang er, dann wolle er schützend von dort auf „dich“ -herniedersehen. Mit diesem „dich“ war das Schwesterblut gemeint; aber es -rührte Hans Castorp trotzdem in tiefster Seele, und diese seine -Ergriffenheit ließ nicht nach bis zum Schluß, wo der Brave dort drinnen -zu mächtigen Choralakkorden sang: - - „O Herr des Himmels, hör mein Flehn, - in deinem Schutz laß Margarete stehn!“ - -Weiter war es nichts mit dieser Platte. Wir glaubten, kurz von ihr reden -zu sollen, weil Hans Castorp sie so ausnehmend gern hatte, dann aber -auch, weil sie bei späterer, seltsamer Gelegenheit noch eine gewisse -Rolle spielte. Für jetzt kommen wir auf ein fünftes und letztes Stück -aus der Gruppe der engeren Favoriten, – welches nun freilich gar nichts -Französisches mehr war, sondern etwas sogar besonders und exemplarisch -Deutsches, auch nichts Opernhaftes, sondern ein Lied, eines jener -Lieder, – Volksgut und Meisterwerk zugleich und eben durch dieses -Zugleich seinen besonderen geistig-weltbildlichen Stempel empfangend ... -Wozu die Umschweife? Es war Schuberts „Lindenbaum“, es war nichts -anderes, als dies allvertraute „Am Brunnen vor dem Tore“. - -Ein Tenorist trug es vor zum Klavier, ein Bursche von Takt und -Geschmack, der seinen zugleich simplen und gipfelhohen Gegenstand mit -vieler Klugheit, musikalischem Feingefühl und rezitatorischer Umsicht zu -behandeln wußte. Wir alle wissen, daß das herrliche Lied im Volks- und -Kindermunde etwas anders lautet, denn als Kunstgesang. Dort wird es -meist, vereinfacht, nach der Hauptmelodie strophisch durchgesungen, -während diese populäre Linie im Original schon bei der zweiten der -achtzeiligen Strophen in Moll variiert, um beim fünften Vers, überaus -schön, wieder in Dur einzulenken, bei den darauf folgenden „kalten -Winden“ aber und dem vom Kopfe fliegenden Hute dramatisch aufgelöst wird -und sich erst bei den letzten vier Versen der dritten Strophe -wiederfindet, die wiederholt werden, damit die Weise sich aussingen -könne. Die eigentlich bezwingende Wendung der Melodie erscheint dreimal -und zwar in ihrer modulierenden zweiten Hälfte, das drittemal also bei -der Reprise der letzten Halbstrophe „Nun bin ich manche Stunde“. Diese -zauberhafte Wendung, der wir mit Worten nicht zu nahe treten mögen, -liegt auf den Satzfragmenten „So manches liebe Wort“, „Als riefen sie -mir zu“, „Entfernt von jenem Ort“, und die helle und warme, atemkluge -und zu einem maßvollen Schluchzen geneigte Stimme des Tenoristen sang -sie jedesmal mit so viel intelligentem Gefühl für ihre Schönheit, daß -sie dem Zuhörer auf ungeahnte Weise ans Herz griff, zumal der Künstler -seine Wirkung durch außerordentlich innige Kopftöne bei den Zeilen „Zu -_ihm_ mich immerfort“, „Hier _findst_ du deine Ruh“ zu steigern wußte. -Beim wiederholten letzten Verse aber, diesem „Du fändest Ruhe dort!“ -sang er das „fändest“ das erstemal aus voller, sehnsüchtiger Brust und -erst das zweitemal wieder als zartestes Flageolett. - -Soviel vom Liede und seinem Vortrag. Wir mögen uns wohl schmeicheln, es -sei uns in früheren Fällen gelungen, unseren Zuhörern ein ungefähres -Verständnis für die intime Teilnahme einzuflößen, die Hans Castorp den -Vorzugs-Programmnummern seiner nächtlichen Konzerte entgegenbrachte. -Allein begreiflich zu machen, was diese letzte, dies Lied, der alte -„Lindenbaum“ ihm bedeutete, das ist nun freilich ein Unternehmen der -kitzlichsten Art, und höchste Behutsamkeit der Intonation ist vonnöten, -wenn nicht mehr verdorben, als gefördert werden soll. - -Wir wollen es so stellen: Ein geistiger, das heißt ein bedeutender -Gegenstand ist eben dadurch „bedeutend“, daß er über sich hinausweist, -daß er Ausdruck und Exponent eines Geistig-Allgemeineren ist, einer -ganzen Gefühls- und Gesinnungswelt, welche in ihm ihr mehr oder weniger -vollkommenes Sinnbild gefunden hat, – wonach sich denn der Grad seiner -Bedeutung bemißt. Ferner ist die Liebe zu einem solchen Gegenstand -ebenfalls und selbst „bedeutend“. Sie sagt etwas aus über den, der sie -hegt, sie kennzeichnet sein Verhältnis zu jenem Allgemeinen, jener Welt, -die der Gegenstand vertritt, und die in ihm, bewußt oder unbewußt, -mitgeliebt wird. - -Will man glauben, daß unser schlichter Held nach so und so vielen -Jährchen hermetisch-pädagogischer Steigerung tief genug ins geistige -Leben eingetreten war, um sich der „Bedeutsamkeit“ seiner Liebe und -ihres Objektes _bewußt_ zu sein? Wir behaupten und erzählen, daß er es -war. Das Lied bedeutete ihm viel, eine ganze Welt und zwar eine Welt, -die er wohl lieben mußte, da er sonst in ihr stellvertretendes Gleichnis -nicht so vernarrt gewesen wäre. Wir wissen, was wir sagen, wenn wir – -vielleicht etwas dunklerweise – hinzufügen, daß sein Schicksal -sich anders gestaltet hätte, wenn sein Gemüt den Reizen der -Gefühlssphäre, der allgemein geistigen Haltung, die das Lied auf so -innig-geheimnisvolle Weise zusammenfaßte, nicht im höchsten Grade -zugänglich gewesen wäre. Eben dieses Schicksal aber hatte Steigerungen, -Abenteuer, Einblicke mit sich gebracht, Regierungsprobleme in ihm -aufgeworfen, die ihn zu ahnungsvoller Kritik an dieser Welt, diesem -ihrem allerdings absolut bewunderungswürdigen Gleichnis, dieser seiner -Liebe reif gemacht hatten und danach angetan waren, sie alle drei unter -Gewissenszweifel zu stellen. - -Der müßte nun freilich von Liebesdingen rein gar nichts verstehen, der -meinte, durch solche Zweifel geschähe der Liebe Abtrag. Sie bilden im -Gegenteil ihre Würze. Sie sind es erst, die der Liebe den Stachel der -Leidenschaft verleihen, so daß man schlechthin die Leidenschaft als -zweifelnde Liebe bestimmen könnte. Worin bestanden denn aber Hans -Castorps Gewissens- und Regierungszweifel an der höheren Erlaubtheit -seiner Liebe zu dem bezaubernden Liede und seiner Welt? Welches war -diese dahinter stehende Welt, die seiner Gewissensahnung zufolge eine -Welt verbotener Liebe sein sollte? - -Es war der Tod. - -Aber das war ja erklärter Wahnsinn! Ein so wunderherrliches Lied! Reines -Meisterwerk, geboren aus letzten und heiligsten Tiefen des Volksgemüts; -ein höchster Besitz, das Urbild des Innigen, die Liebenswürdigkeit -selbst! Welch häßliche Verunglimpfung! - -Ei ja, ja, ja, das war recht schön, so mußte wohl jeder Redliche -sprechen. Und dennoch stand hinter diesem holden Produkte der Tod. Es -unterhielt Beziehungen zu ihm, die man lieben mochte, aber nicht -ohne sich von einer bestimmten Unerlaubtheit solcher Liebe -ahnungsvoll-regierungsweise Rechenschaft zu geben. Es mochte seinem -eigenen ursprünglichen Wesen nach nicht Sympathie mit dem Tode, sondern -etwas sehr Volkstümlich-Lebensvolles sein, aber die geistige Sympathie -damit war Sympathie mit dem Tode, – lautere Frömmigkeit, das Sinnige -selbst an ihrem Anfang, das sollte auch nicht aufs Leiseste bestritten -werden; aber in ihrer Folge lagen Ergebnisse der Finsternis. - -Was redete er sich da ein! – Er hätte es sich von euch nicht ausreden -lassen. Ergebnisse der Finsternis. Finstere Ergebnisse. -Folterknechtssinn und Menschenfeindlichkeit in spanischem Schwarz mit -der Tellerkrause und Lust statt Liebe – als Ergebnis treublickender -Frömmigkeit. - -Wahrhaftig, der Literat Settembrini war nicht eben der Mann seines -unbedingten Vertrauens, aber er erinnerte sich einiger Belehrung, die -der klare Mentor ihm einst, vor Zeiten, am Anfang seiner hermetischen -Laufbahn, über „Rückneigung“, die geistige „Rückneigung“ in gewisse -Welten hatte zuteil werden lassen, und er fand es ratsam, diese -Unterweisung mit Vorsicht auf seinen Gegenstand zu beziehen. Herr -Settembrini hatte das Phänomen jener Rückneigung als „Krankheit“ -bezeichnet, – das Weltbild selbst, die Geistesepoche, der die -Rückneigung galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als „krankhaft“ -erscheinen. Wie denn nun aber! Hans Castorps holdes Heimwehlied, die -Gemütssphäre, der es angehörte, und die Liebesneigung zu dieser Sphäre -sollten – „krank“ sein? Mit nichten! Sie waren das Gemütlich-Gesundeste -auf der Welt. Allein das war eine Frucht, die, frisch und prangend -gesund diesen Augenblick oder eben noch, außerordentlich zu Zersetzung -und Fäulnis neigte, und, reinste Labung des Gemütes, wenn sie im rechten -Augenblicke genossen wurde, vom nächsten unrechten Augenblicke an -Fäulnis und Verderben in der genießenden Menschheit verbreitete. Es war -eine Lebensfrucht, vom Tode gezeugt und todesträchtig. Es war ein Wunder -der Seele, – das höchste vielleicht vor dem Angesicht gewissenloser -Schönheit und gesegnet von ihr, jedoch mit Mißtrauen betrachtet -aus triftigen Gründen vom Auge verantwortlich regierender -Lebensfreundschaft, der Liebe zum Organischen, und Gegenstand der -Selbstüberwindung nach letztgültigem Gewissensspruch. - -Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der Überwindung dieser -Liebe sein, – dieses Seelenzaubers mit finsteren Konsequenzen! Hans -Castorps Gedanken oder ahndevolle Halbgedanken gingen hoch, während er -in Nacht und Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, – sie -gingen höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch -gesteigerte Gedanken. O, er war mächtig, der Seelenzauber! Wir alle -waren seine Söhne, und Mächtiges konnten wir ausrichten auf Erden, indem -wir ihm dienten. Man brauchte nicht mehr Genie, nur viel mehr Talent, -als der Autor des Lindenbaumliedes, um als Seelenzauberkünstler dem -Liede Riesenmaße zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte -wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu irdische -Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht -heimwehkrank, – in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik -verdarb. Aber sein bester Sohn mochte doch derjenige sein, der in seiner -Überwindung sein Leben verzehrte und starb, auf den Lippen das neue Wort -der Liebe, das er noch nicht zu sprechen wußte. Es war so wert, dafür zu -sterben, das Zauberlied! Aber wer dafür starb, der starb schon -eigentlich nicht mehr dafür und war ein Held nur, weil er im Grunde -schon für das Neue starb, das neue Wort der Liebe und der Zukunft in -seinem Herzen – – - -Das also waren Hans Castorps Vorzugsplatten. - - - Fragwürdigstes - -Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der Jährchen eine -unerwartete Wendung genommen. Immer hatten seine Forschungen, die der -Seelenzergliederung und dem menschlichen Traumleben galten, einen -unterirdischen und katakombenhaften Charakter getragen; neuerdings aber, -in gelindem, der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie die -Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen, und seine -vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal, Hauptattraktion des Hauses, -Stolz des Prospektes, – diese Vorträge, gehalten in Gehrock und -Sandalen, hinter gedecktem Tischchen und mit exotisch schleppenden -Akzenten vor dem unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten -nicht mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung der -Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten von den -profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus, den -Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums und des Zweiten Gesichtes, den -Wundern der Hysterie, bei deren Erörterung der philosophische Horizont -sich derart weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer -erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum Psychischen, ja -dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen auf unheimlichstem, auf -krankhaftem Wege, wie es scheinen mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem -der Gesundheit ... - -Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige -Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski habe sich nur -aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie zu bewahren, zu -rein emotionellen Zwecken also, dem Verborgenen zugewandt. So sprachen -Lästerzungen, an denen es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den -Montagskonferenzen die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um -sie hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch genauer -als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im Busen dabei glich. Aber -diese Wirkungen waren so legitim, wie die Entwicklung, die der Geist des -Gelehrten durchlaufen, und für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern -geradezu Notwendigkeit in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten -jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele sein -Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein bezeichnet, -obgleich man möglicherweise besser täte, von einem Überbewußtsein zu -reden, da aus diesen Sphären zuweilen ein Wissen emporgeistert, das das -Bewußtseinswissen des Individuums bei weitem übersteigt und den Gedanken -nahelegt, es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den -untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und einer durchaus -wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des Unterbewußtseins, „okkult“ -dem eigentlichen Wortsinne nach, erweist sich sehr bald auch als okkult -im engeren Sinn dieses Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die -Erscheinungen fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht -alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus dem bewußten -Seelenleben verbannter und hysterisierter Affekte erblickt, der -anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen im Materiellen, – eine -Macht, die man als zweite Quelle der magischen Phänomene anzusprechen -gezwungen ist. Idealist des Pathologischen, um nicht zu sagen: -pathologischer Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von -Gedankengängen sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins -überhaupt, das will sagen: in das Problem der Beziehungen von Geist und -Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie der bloßen -Robustheit, wird es sich niemals nehmen lassen, das Geistige als ein -phosphoreszierendes Produkt des Materiellen zu erklären. Der Idealist -dagegen, ausgehend vom Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt -und sehr bald entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig -umgekehrtem Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts -Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei: Das Huhn -oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die doppelte Tatsache -eine so außerordentliche Verwirrung erfährt, daß kein Ei denkbar ist, -das nicht von einem Huhn gelegt worden wäre, und kein Huhn, das nicht -sollte aus einem vorausgesetzten Ei gekrochen sein. - -Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings in seinen -Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem, auf logischem Wege war er -dazu gekommen, wir können es nicht sattsam betonen, und nur zum Überfluß -fügen wir hinzu, daß er in solche Erörterungen eingetreten war, lange -bevor durch das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in -ein empirisch-experimentelles Stadium traten. - -Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere Zuhörer es -nicht wissen, während uns natürlich der Name geläufig ist. Wer sie war? -Fast niemand auf den ersten Blick. Ein liebes Ding von neunzehn Jahren, -Elly gerufen, flachsblond, Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen, -sondern aus Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft -besaß. Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar -Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin der -Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock über -dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen hatte. Der Fall -war unerheblich, er hatte wohl eigentlich nur Verdachtscharakter, wenn -Elly auch freilich ja zart war, zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei -unbedingt sympathisch, so daß man ihr gern die Hand auf den -flachsblonden Scheitel gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig -tat, wenn er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie, -eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus -liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen und wie -ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein leicht gebrochenes -Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern, wie „Fleich“ statt „Fleisch“. -An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes. Das Kinn war zu kurz. Sie saß -am Tische der Kleefeld, die sie bemutterte. - -Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser freundlichen -kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin hatte es -Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten und zweiten Anblick ihrer -klaren Person sich etwas hätte träumen lassen, die aber schon nach ein -paar Wochen ihres Aufenthaltes hier oben anfingen sich zu entdecken, und -die in ihrer ganzen Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde. - -Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit gaben dem -Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte sich in allerlei -Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände mit Hilfe eines -Klavierspiels, das anschwoll, wenn man sich dem Verstecke näherte, -dagegen leiser wurde, wenn man Irrwege einschlug; und man ging in der -Folge dazu über, demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte -von außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter -zusammengesetzter Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier gewisser -Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen zum Tanze -aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek zu entnehmen und es -dem und dem zu überreichen und dergleichen mehr. Es ist zu bemerken, -daß Spiele dieser Art sonst nicht zu den Gewohnheiten der -Berghof-Gesellschaft gehört hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu -gegeben, war nachträglich nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly -gewesen. Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen. - -Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von uns, und auch -Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei den Versuchen mehr oder -weniger anstellig oder versagten auch gänzlich. Die Tauglichkeit Elly -Brands aber erwies sich als außerordentlich, als auffallend, als -ungebührlich. Ihre sichere Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte -unter Beifall und bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den -kombinierten Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte -aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, sobald -sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein Schwanken, auch -ohne leitende Musik. Sie holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz, -streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei -der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den -Anfang des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. Dann brachte -sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen -Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen -nieder, – genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie -ausgedacht. - -So hatte sie also gehorcht! - -Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu sehen, fing -man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte: Nein, nein, nicht -so, man möge doch das nicht glauben! Nicht draußen, nicht an der Tür -habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig nicht! - -Nicht draußen, nicht an der Tür? - -„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer, wenn sie -hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun. - -Nicht umhin? Im Zimmer? - -Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was sie zu tun -habe, leise, aber ganz scharf und deutlich. - -Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem Sinne -schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen, daß sie für ein -solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert werde. Ein -Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn einer der -Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im sportlichen Sinn war -Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf eine Weise, daß manchem der -Rücken kalt wurde bei ihrem Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal -riefen nach Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig -und kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd -mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos gemeldet, kraß Anormales -liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, eine Jungfrau mit -Stimmen. – Ei, ei, und was weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden -sehen. Es war sein Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig -für alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. Er -fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! „So steht es -also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie jeder gern tat, der -Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache zur Aufmerksamkeit, doch nicht -die geringste zum Entsetzen. Er tauchte seine braunen exotischen Augen -in die hellblauen Ellen Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem -Scheitel über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und frömmer -erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von unten, da ihr Kopf -sich langsam zur Brust und Schulter neigte. Als ihre Augen anfingen, -sich zu brechen, tat der Gelehrte eine lässige Handbewegung aufwärts vor -ihrem Gesichtchen, worauf er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und -die ganze erregte Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen -Elly Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte. - -Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war wohl bei dem Wort, -einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden Krokowski. Jedermann fühlte -sein Innerstes kalt davon angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet -seinen vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei -Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, die sie -dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt hatte, so daß eine -gewisse Übelkeit und körperliche Beängstigung, eine leichte Seekrankheit -ihn angekommen war. Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte -sich, daß damit wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens -verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen Brands -fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, die das -Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt: -das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit des Gebietes, wonach sie -tastete, und daher den Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei, -was sie aber nicht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier. -Hans Castorp hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von Dingen -der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, – der -seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, von der eine -melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. Aber niemals war diese -Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte Anerkennung nicht -versagt hatte, ihm persönlich auf den Leib gerückt, nie hatte er -praktische Erfahrungen damit gemacht, und sein Widerstreben gegen solche -Erfahrungen, ein Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben, -ein Widerstreben humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle Ausdrücke -verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus anspruchslosen Helden -– kam der Neugier, die sie ihm lebhaft erregten, fast gleich. Er fühlte -im voraus, fühlte es klar und deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie -auch fortgehen mochten, nie anders sich würden anlassen können, als -abgeschmackt, unverständlich und menschlich würdelos. Dennoch brannte er -darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, als -Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative war, sondern daß -das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit nur die -außermoralische Ausdrucksform der Verbotenheit war. Das _Placet -experiri_ aber, ihm eingepflanzt von einem, der _solche_ Versuche -freilich aufs prallste mißbilligen mußte, saß fest in Hans Castorps -Sinn; seine Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugier zusammen, -hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des -Bildungsreisenden, die vielleicht schon, als sie vom Mysterium der -Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden -Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von militärischem -Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen nicht auswich, wenn -es sich anbot. So beschloß Hans Castorp, auf dem Posten zu sein und -nicht beiseite zu stehen, wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern -kommen sollte. - -Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin -laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben anzustellen. -Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag belegt, hielt -Sitzungen mit ihr in seinem analytischen Verlies, hypnotisierte sie, wie -man hörte, war bestrebt, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu -entwickeln und zu disziplinieren, ihr seelisches Vorleben zu erforschen. -Dies tat übrigens auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und -Patronin, und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und das, -was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, bis in die -Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, daß der- oder dasjenige, -was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben zugeflüstert hatte, Holger hieß -– es war der Jüngling Holger, ein _spirit_, ihr wohlvertraut, ein -abgeschieden-ätherisch Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen -Ellen. – Er also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants -Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr, -so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr -eingeflüstert. – Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger ihr früher -in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn sie nicht vorbereitet -gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. Das habe Holger wohl -nicht gedurft, sagte sie später. In so ernste Dinge sich einzumischen, -sei ihm verwehrt, und übrigens habe er die Schulantworten wohl selber -nicht recht gewußt. - -Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch in -größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare und -unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare Erscheinungen? – -Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges Mädchen allein im -Wohnzimmer ihres Elternhauses gesessen, am runden Tisch mit einer -Handarbeit, am hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte -ihres Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit einer -bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte Frauen ihn -dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz hängenden Zipfeln -hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich hatte Ellen gesehen, wie -der Zipfel ihr gegenüber sich langsam aufgerollt hatte: still, -sorgfältig und regelmäßig war er aufgerollt worden, ein gutes Stück -gegen die Mitte der Tischplatte hin, so daß die Rolle schließlich schon -ziemlich lang gewesen war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild -auffahrend, mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem Fell sich auf -die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer gestürzt, unter das Sofa -gekrochen und dann ein volles Jahr lang nicht zu bewegen gewesen, einen -Fuß ins Wohnzimmer zu setzen. - -Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die Schaldecke -aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. – Und was sie sich -bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht habe. – Aber da es absolut -unmöglich war, sich das Allergeringste dabei zu denken, so hatte auch -Elly sich weiter nichts dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern -berichtet habe. – Nein. – Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar -nichts dabei denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem -Fall und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges, -schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn schwer daran -getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. Was denn auch an dem -Sich-Aufrollen einer Decke viel zu tragen sei. Aber an anderem habe sie -schwerer getragen. Zum Beispiel hieran: - -Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, hatte sie -frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, das im Erdgeschoß -gelegen war, und sich über die Diele die Treppe hinauf ins Eßzimmer -begeben wollen, um, wie es ihre Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor -die Eltern sich einfanden. Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich -wandte, war sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem -Podest, am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika -verheiratete ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und -wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise einen -Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen und die -Hände an der Schulter gefaltet und hatte ihr zugenickt. „Ja, aber, -Sophie, bist du da?“ hatte die angewurzelte Ellen halb freudig und halb -erschrocken gefragt. Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich -darnach verflüchtigt. Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in -dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung heißer -Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg frei gewesen war für -Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß in dieser selbigen -Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey an Herzentzündung gestorben -war. - -Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, das habe -doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung hier, der -Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser achtbarer Zusammenhang -zu ersehen. Und er willigte ein, an einem spiritistischen -Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, teilzunehmen, das man aus -Ungeduld, unter heimlicher Umgehung von Dr. Krokowskis eifersüchtigem -Verbot, mit Ellen Brand zu veranstalten beschlossen hatte. - -Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine -Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans -Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und -Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst -mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die -Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf -einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers, -ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber, -am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen, -Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte -und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren. -Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die -Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des -Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach -genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in -matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das -Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte -brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an -den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des -Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde. - -Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der -Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht -aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich -ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung -haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum -Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des -Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die -es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn -ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte -Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente, -der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches -Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen -Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines -unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an -denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein -würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies -wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art, -schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und -wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der -Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es -wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer -Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres -Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder -Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um -der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man -unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der -Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit -den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher -hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen. - -Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte, -die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken -am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen -Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen -Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des -Nachttischlämpchens gerichtet. - -Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den -Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte -bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann -geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und -verhielt sich ruhig. - -Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. Frau Stöhr -erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch wurde ihr bedeutet, -daß sie sich früher hätte prüfen müssen und sich nun still zu verhalten -habe. Die Dinge schienen in Fluß zu kommen. Man stipulierte, daß, um ja -und nein zu antworten, das Glas nicht erst die Buchstaben sollte -anlaufen müssen, sondern sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen -begnügen möge. - -„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin mit strenger -Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein Zögern folgte. Dann -kippte das Glas und bejahte. - -„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, indem er die -Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln verstärkte. - -Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack von Marke -zu Marke, indem es zwischendurch immer ein Stück gegen die Tischmitte -hin zurückkehrte; es lief zum _h_, zum _o_, zum _l_, es schien danach zu -ermatten, sich zu verwirren, nicht weiter zu wissen, aber es fand sich -wieder, fand auch das _g_, das _e_ und _r_. Hatte man’s doch gedacht! Es -war Holger persönlich, der _spirit_ Holger, der das mit der Salzprise -usw. gewußt, aber freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte. -Er war da, er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was -fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte den Kreis. -Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, was man von ihm zu -wissen begehren sollte. Herr Albin entschied sich, zu fragen, was -Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten gewesen sei. Er tat es, wie -oben, im Tone des Verhörs, streng und mit zusammengezogenen Brauen. - -Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend und stolpernd -zum _d_, rückte ab und bezeichnete das _i_. Was wollte das werden? Die -Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu befürchtete kichernd, Holger sei ein -Dieb gewesen. Frau Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch -der Arbeit des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und -klappernd, zum _c_, zum _h_ glitt, das _t_ berührte und dann, offenbar -unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem _r_ endigte. Es -hatte „Dichtr“ buchstabiert. - -Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum Überfluß und nur aus -Stolz, wie es schien, kippte das Glas und klopfte bejahend. – Ein -lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, indem sie das _y_ wie _i_ -aussprach, wie Hans Castorp unwillig bemerkte ... Zu solchen -Spezifikationen schien Holger unlustig. Er gab keine neue Antwort. Er -buchstabierte die vorige noch einmal, rasch, sicher und klar, das e -hinzufügend, das er vorhin vergessen. - -Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare -Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter Gegenden des eigenen -Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche Gegebenheit -dieser Kundgebungen doch auch wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche -erhielt. Ob Holger sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande, -wollte man wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort -„Gelassen“. Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst nicht -darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, fand man es -wahrscheinlich und gut gesagt. – Und wie lange Holger sich denn schon in -seinem gelassenen Zustande befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf -niemand verfallen wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es -lautete: „Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende Eile“ -lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch von außen, -Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine eilende Weile war -Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die Frager spruchweise -abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten mochte er freilich -zu operieren verlernt haben. – Was wollte man also noch von ihm -erfahren? Die Levi gestand ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe, -beziehungsweise einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? – -Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen -Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per du, ob _spirit_ -Holger wohl blonde Locken habe. - -„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es das Wort „braune“ -ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute Heiterkeit herrschte im -Kreise. Die Damen bekundeten offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände -schräg gegen den Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister -Holger scheine ja ziemlich eitel zu sein. - -Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und ohne Sinn auf -dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und rollte der Stöhr in den -Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten Armen darauf niederblickte. -Man führte es behutsam und unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück. -Der Chinese wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da -sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger nun im -Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten ließ? Man redete -seinem Glase aufs beste zu. Ob er denn nicht vielleicht etwas dichten -wolle! Er sei ja ein Dichter gewesen, als er noch nicht in eilender -Weile gewebt und geschwebt habe. Ach, wie sie alle nach etwas -Gedichtetem verlangten! Sie würden es so herzlich genießen. - -Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas -Gutmütig-Versöhnliches darin, wie es dies tat. Und dann begann _spirit_ -Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich und ohne -Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde er überhaupt nicht -wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es war ein durch und durch -überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch vorbrachte, während die -Umsitzenden es bewundernd mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos, -wie das Meer, von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen -Haufen entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht des -Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend grün -die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten -Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem Scheinen -die Sommersonne den Untergang verzögert! Kein Mund vermöchte zu sagen, -wann und wie des Wassers silbrig regsamer Widerglanz in lauter -Perlmutterschimmer sich wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel -blaß-bunt-opalenen Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach, -heimlich, wie er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer -entschlief. Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort -drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. Ein -halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe und läßt den -bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. Täuschender Winterwald -im Schweigen, knackend durchstreift von einer Eule schwerem Flug! Sei -unser Aufenthalt zu dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild -die Nacht! Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert -gedehnt im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt hervor zum -fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends im Weichen empor, -das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart buschig fällt das Land und steil -zum steinigen Strande ab, und immer geistern noch am Rande der -vergehenden Weite die Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande -nieder! Wie ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus -der geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein zartes -Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine Rinnen? Es ist das -lautlos schmale Strömen durch die Enge des Stundenglases, des ernsten, -gebrechlichen Geräts, das das Gehäuse des Klausners schmückt. Ein -aufgeschlagen Buch, ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten -Rahmen das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem Ewigen -entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend Wesen treibt ... - -So war _spirit_ Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in -sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und -das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf -manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten, -über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie -buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall -einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins -Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde -noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von -Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des -Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich -in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im -Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises -erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht -die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter -besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal -genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade, -daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in -Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in -Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie -Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart -bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im -Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber, -und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre, -werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm -sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche -Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er -gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit -dazu sein würde? - -„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu -fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine -Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz -müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und -verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum -Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die -linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich, -statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die -Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde. - -Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus -der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas. -Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte, -Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen -wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man -erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans -Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende -solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer -durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die -Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die -Tür. - -Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um -die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte -den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den -Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß -auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war. - -Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete -ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie -sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte -es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen -gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei -hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf -zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber, -verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln, -das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit -blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an, -doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem -Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen. - -Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie -hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war -abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete, -wenn man sie eine _fremde_ Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so -sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte -sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand -dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und -bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im -Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi -kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau -Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“ -schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man -die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken -faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in -Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der -Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß -man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu -wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans -Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als -besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen -Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter -Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als -er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das -Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans -Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte. - -Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man -war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen -Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an -ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem -Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach, -worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man -streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie -schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu -verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins -Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche, -hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf -Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß -Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist, -wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige -Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die -übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint. - -Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im -Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere -Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch -so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen -Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte. -Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften -in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte. -„Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und -kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin. - -Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte -achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur -Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug. -Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge -zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und -wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm -scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das -Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes -und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur -vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das -Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn, -wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in -unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art. - -Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch -eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an -solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte -er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und -humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen -Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? _Caro mio!_ Wo der sittliche Mut zu -Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und -Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem -Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß -moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das -Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit -und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem, -der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich -unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten -Brunnen ertränkt zu werden. - -Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen -Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen -Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte -Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die -Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die -Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst -dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer -der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten: -Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes, -weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad -Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in -wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter -möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich -gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte, -und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde -von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel, -der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der -das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte -Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem -Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur -Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren -und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach -höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte. - -Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch -selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen -„Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte -sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von -niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine -Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe -Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen -Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll -wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in -seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen, -Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von -Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation -getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen -mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war. - -In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen -unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man -die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte, -und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen -mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte, -eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit, -Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin -auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich -außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern, -Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen -Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis -Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese -Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren -Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu -haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt -verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen -gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr. -Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen -ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen -Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht -länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um -ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner -passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens -allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es -handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um -Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des -Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den -Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung -Verstorbener. - -Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit -mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu -fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine -untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein -rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen -Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu -entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu -lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner -Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet. -Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife -empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor -Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner -Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden -Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden -genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge, -dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends -ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den -Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung -festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen -des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise -entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei -zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft, -rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten -Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen, -– über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in -einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur -acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr. -Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen -Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen -Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem -Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger -habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf -sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und -so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand! - -Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers -anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen -Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen, -die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit -des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine -Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede, -seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer -schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag, -war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen. -Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so -prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal -jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde -verlangt werden. - -Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß -es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in -einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten -Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern -nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung -vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder -einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische -Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem -Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre -drängte, und der sang: - - „Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn, - Will schützend ich auf dich herniedersehn, - O Margarete!“ - -Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch gewisse -Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, große Rührung auf in -Hans Castorps Brust, und er dachte: „Müßig und sündig oder nicht, es -wäre doch herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er -damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er -erinnerte sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst, -im Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, als -er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen einkommen zu sollen -geglaubt hatte. - -Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an der abendlich -bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine halbe Stunde nach dem -Diner zu denen, die, unbeklommen plaudernd, als Habitués des -Nichtgeheueren, den Weg ins Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter -wurzelständig Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr. -Ting-Fu und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann in -Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und Wehsal also, der -Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, zu schweigen von denen, die -ihm die Erscheinung von Holgers Haupt gemeldet hatten, und von der -Mittlerin, Elly Brand. - -Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, als Hans -Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür durchschritt. An -Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem schwarzen Arbeitskittel, in -väterlichem Sinne den Arm um ihre Schulter geschlungen hielt, erwartete -sie am Fuße der Stufen, die noch von der Ebene des Souterrains in die -Wohnung des Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit -ihm. Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher -Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung von jeder -feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft sprach man -durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße und bekundete auf alle -Weise seine Unbefangenheit. In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich -beständig mit jenem kernigen und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck -seine gelben Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und -besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, der -schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, mein Freund!“ schien -die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung des Wirtes zu sagen, -während er dem jungen Mann fast derb die Hand drückte. „Wer wird die -Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei, -sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ Dem -pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler davon. Wir ließen ihn -sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums erinnern, -doch diese Ideenverbindung reicht keineswegs hin, um den Zustand seines -Gemüts zu kennzeichnen. Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft -an die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität, -Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, worin er sich -vor Jahren befunden, als er sich, etwas bekneipt, mit Kameraden zum -erstenmal angeschickt hatte, ein Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen. - -Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich mit zwei -Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und die elfenbeinfarbene -Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle des Mediums ins Nebengelaß -zurück, während Hans Castorp mit den neun verbleibenden Teilnehmern das -Ende dieses regelmäßig und stets ergebnislos wiederholten Aktes -wissenschaftlicher Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors -erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen Plauderstunden her, -die er eine Zeitlang, hinter Joachims Rücken, hier mit dem -Analytiker abgehalten. Es war, mit seinem Schreibbureau nebst -Armsessel und Besucherfauteuil links hinten am Fenster, seiner -Handbibliothek zu beiden Seiten der Nebentür, seiner von der -Schreibtischgruppe durch einen mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg -stehenden Wachstuch-Chaiselongue im rechten Hintergrunde, seinem -Instrumentenglasschrank im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste in -einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie über dem Gaskamin -an der rechten Seitenwand, alltäglich ein ärztliches Empfangszimmer wie -andere mehr; doch waren einige für den besonderen Zweck getroffene -Abänderungen in seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch, -der gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem -elektrischen Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden roten -Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel des -Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, und -exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene Hitze -ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes -Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und über dem, von der -Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit rotem und außerdem noch -mit schwarzem Schleierstoff umkleidete Birne hing. Auf und neben dem -Tischchen standen ein paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke, -oder eigentlich zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle -und eine Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl, -der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen -Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, dessen eines Ende nahe -dem Fußende der Chaiselongue und dessen anderes ziemlich genau in der -Mitte des Zimmers, unter dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe -des letzten Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der -Musikschrein seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten lag -auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. Noch waren die roten Lampen -nicht entzündet. Der Deckenkörper spendete tagweißes Licht. Das Fenster, -dem der davor stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit -einem dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener, -spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing. - -Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen aus dem Kabinett -zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich verändert. Sie zeigte -sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern in einer Art Sitzungskostüm, -einem schlafrockartigen Gewande aus weißem Crepe, das um die Taille von -einer Gürtelschnur, einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre -schmalen Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich -und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter diesem -Gewande wenig trage. - -Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie wieder -aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie lächelte über die -Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl wußte, daß er sie kleidete. -„Vorkontrolle negativ“, stellte Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk -denn, Kameraden!“ fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem -Zungen-_r_ hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war im -Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz und -Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen begannen, -irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor sich persönlich an ihn -wandte. - -„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen als -Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, möchte ich für diesen Abend -besondere Ehrenrechte zuerkennen. Ich betraue Sie mit der Kontrolle -unseres Mediums. Wir üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an -das eine Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem -Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür mit -den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, einen gewöhnlichen Rohrstuhl -eingenommen hatte, setzte sich auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber -und ergriff ihre Hände, indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen -klemmte. „Ahmen Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich -eintreten. „Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. Zum -Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein Kleefeld, darf ich -ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte gesellte sich zu der -Gruppe, indem sie mit ihren beiden Händen Ellys gebrechliche Handgelenke -umfaßte. - -Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das dem seinen so -nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen Wunderkindes -blickte. Ihre Augen begegneten sich, aber Ellys glitten ab und nieder, -zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, die nach Lage der Dinge wohl -begreiflich war, und sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem -Kopfe und leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance. -Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung ihren -Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel ihm ein, -hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim und ihr an der noch -unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs von „Dorf“ gestanden hatte ... - -Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn Personen, nicht -eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine Person zur Versorgung -Polyhymnias freizuhalten gewohnt war und neben dem Apparat, nachdem er -ihn in Bereitschaft gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin -Sitzenden einen Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich. -Unter dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte, -ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem Handgriff die -beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und mit einem zweiten das -Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht glühende Finsternis lag nun über -dem Zimmer, dessen entferntere Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt -unzugänglich geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des -Tischchens und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah -kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur langsam bequemten -die Augen sich dem Dunkel und lernten, das zugestandene Licht sich -zunutzezumachen, das durch das Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse -Verstärkung erfuhr. - -Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte ihre -wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich hüten, sie im Sinne der -Stimmungsmache und Mystifikation zu deuten. Kein Mehr an Licht sei -leider beim besten Willen vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der -hier in Frage stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal -mit sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam -zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit der man sich -vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war es zufrieden. Das Dunkel -tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten der Gesamtlage. Überdies -erinnerte er sich zur Rechtfertigung des Dunkels an dasjenige, worin man -sich im Durchleuchtungsraum fromm gesammelt und mit dem man sich die -Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“. - -Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, das er offenbar -an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe der Einschläferung durch -ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, wie der Kontrolleur schon merken -werde, von selbst in Trance, und, dies geschehen, spreche ihr -Schutzgeist, der bekannte Holger, aus ihr, an den man sich auch – und -nicht an sie – mit seinen Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es -irrtümlich und könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen -und Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. Im -Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige Aufmerksamkeit das -Gebotene. Hans Castorp möge vor allem darauf bedacht sein, die -Extremitäten des Mediums in untadeliger Obhut zu halten. - -„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat man, lachend, -wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht gleich zu finden waren. Dr. -Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst sitzend, legte seine Rechte auf ihre -Schulter und reichte die Linke Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben -dem Doktor saßen Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß, -welcher, wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der -elfenbeinfarbenen Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“ -befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors und seiner -Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ kommandierte -Krokowski wieder, während die ersten Takte einer Ouvertüre von Millöcker -erschollen; und gehorsam rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in -Gang zu setzen, die von nichts und wieder nichts, hier von den -Schneeverhältnissen dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge, -dort von einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte -und, halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, sich -künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten. - -Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte. -Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper sank nach vorn, -so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps berührte, und gleichzeitig -begannen ihre Arme mit denen der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und -rückwärts stoßende Bewegungen auszuführen. - -„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. Das -Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein hörte man des Doktors weich -schleppenden Bariton die Frage tun: - -„Ist Holger zur Stelle?“ - -Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. Dann spürte -Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und kurz die seinen -drückte. - -„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit. - -„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. Er ist -also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er mit Salbung fort. -„Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! Und laß dich erinnern! Als du -das letztemal unter uns weiltest, versprachst du, jeden beliebigen -Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder oder eine Schwester, -herbeizurufen und unseren sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir -aus unserem Kreise genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du -dich vermögend, heut dieses Versprechen einzulösen?“ - -Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. Langsam -führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer an ihre Stirn, wo sie -sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte sie dicht an Hans Castorps Ohr -ein heißes „Ja!“ - -Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem Freund -jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich als „Gänsehaut“ -bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm eines Tages erläutert hatte. -Wir sprechen von einem Gruselreiz, um das rein Körperliche vom -Seelischen zu unterscheiden; denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede -sein. Was er dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“ -Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine verwirrte -Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren aus Verwirrung, aus dem -täuschenden Umstande nämlich, daß ein junges Blut, dessen Hände er -hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ gehaucht hatte. - -„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich. - -„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen dich beim Wort. -Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine tust. Der Name des Teuren, -nach dessen Manifestation wir verlangen, wird dir sogleich genannt -werden. Kameraden“, wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der -Sprache! Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll uns -Freund Holger zeigen?“ - -Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung des anderen. -Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen geprüft, wohin, zu wem -seine Gedanken gingen; doch bleibt die Rückkunft Verstorbener, das -heißt: die Wünschbarkeit solcher Wiederkehr immer ein verwickeltes und -heikles Ding. Im Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht, -diese Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen, -genau so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, höbe -die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und was wir Trauer -nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz über die Unmöglichkeit, -unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, als darüber, dies gar nicht -wünschen zu können. - -So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine ernste und -praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein sentimentale und -theatralische Veranstaltung handelte, bei der man den Ausgeschiedenen -eben nur sehen sollte, der Fall also lebensunbedenklich war, so -fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte dessen, an den sie dachten, -und jeder hätte das Recht, einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten -zugeschoben. Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte -– bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im letzten -Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt zu lassen. Da es -ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, den Kopf gegen den -Sitzungsleiter gewandt, mit belegter Stimme: - -„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen sehen.“ - -Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden hatten nur Dr. -Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium selbst den Angeforderten -nicht gekannt. Die übrigen, Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt, -Herr und Frau Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut -und froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden, -obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, da dieser -im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen hatte. - -„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im Leben war der -Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits der Dinge und bist du -bereit, ihn uns herbeizuführen?“ - -Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und schauderte. Sie -schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, hin und her sinkend, bald -an Hans Castorps Ohr, bald an dem der Kleefeld Unverständliches -flüsterte. Endlich empfing Hans Castorp von ihren beiden Händen den -Druck, der „Ja“ bedeutete. Er erstattete Meldung, und – - -„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! Musik!“ rief er. -„Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, daß keinerlei -Gedankenkrampf und gewaltsame Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig -eine zwanglos schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge. - -Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden junges Leben -bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns sein späteres Schicksal -nicht vollkommen deutlich ist, obgleich wir ihn an einem bestimmten -Punkt unserer Geschichte aus den Augen verlieren werden, möchten wir -annehmen, daß es die überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte. - -Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine kurze -Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers oder eigentlich des -Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser Arbeit, die sich -entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich an einem Ergebnis zu -verzagen allgemein im Begriffe war und außerdem aus purem Mitleid oft -genug sich versucht fühlte, sie verzichtend abzukürzen, denn sie schien -wirklich erbarmungswürdig schwer und über die zarten Kräfte zu gehen, -denen sie auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht -ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche -Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem angenommen wird und -wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, dies empörte „Genug!“, das sich -unserer Brust entringen will, obgleich „es“ nicht genug sein will und -darf und so oder so zu Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß -wir von unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt, -dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar glich, -daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der ihn noch gar nicht -kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher also, da auch er dem Leben -nicht ausgewichen war, diesen Akt voll organischer Mystik in solcher -Gestalt kennen lernte, – in was für einer Gestalt! Und zu welchem -Behufe! Und unter welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als -skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten -Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche Person der -Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit ihren bloßen Ärmchen, -wie auch was die weiteren Verhältnisse, die unaufhörliche leichtlebige -Grammophon-Musik, das künstliche Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf -Befehl zu unterhalten suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die -aus ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! Mut! Es -wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer heraus damit, so wirst -du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen wir hier die Person und Lage des -„Gatten“ aus – wenn wir Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den -zugehörigen Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der -„Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese -Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, so -daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, damit sie ihm nicht -entglitten. - -Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte Hitze. - -Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt zu im -Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit gewöhnt hatten, -daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. Die Musik, das Rufen -erinnerten an Aufpulverungsmethoden der Heilsarmee, erinnerten auch -denjenigen daran, der, wie Hans Castorp, einem Gottesfest dieser -aufgeräumten Zeloten noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch, -geheimnisvoll, den Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene -in keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen, -organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, das -sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen wehenartig, nach -Ruhezuständen, während welcher sie seitlich schlaff vom Stuhle hing, in -einer Verfassung von Unzugänglichkeit, die Dr. Krokowski als -„Tief-Trance“ bezeichnete. Dann wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich -hin und her, drängte, rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und -Sinnloses an ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen -etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen und biß -einmal sogar in Hans Castorps Ärmel. - -Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der Sitzungsleiter es im -allseitigen Interesse geraten, eine Pause eintreten zu lassen. Der -Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung halber den Musikapparat -zuletzt geschont und sehr gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen -lassen, stellte sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die -Hände. Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten. -Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die Nachtaugen blöde -verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, das Gesicht fast in ihrem -Schoß. Man sah sie eigentümlich beschäftigt, begriffen in einem Tun, das -den anderen vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und -aufmerksam zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen Hand in -der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand von sich fort und -mit schöpfender oder rechender Bewegung wieder an sich heran, so, als -zöge und sammle sie etwas ein. – Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken -zu sich, blinzelte, auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und -lächelte. - -Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen mit ihrer -Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah nicht aus, als sei sie -besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht -daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel an der rückwärtigen -Breitseite des Schreibtisches am Fenster, zwischen ihm und der -spanischen Wand, die die Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine -Wendung gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen -konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten Blicken -gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da bedacht, schweigend -während der ganzen Pause, die fünfzehn Minuten dauerte. - -Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung im -Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die Zigarettenbüchsen -der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen und besprach da und dort -nahe beieinander stehend den Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man -an diesem Charakter verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte -ins Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut -völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten Ende des -Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten darin überein, -mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch verspürt zu haben, der -regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, von der Person des -Mediums in eine bestimmte Richtung ausgehe. Andere wollten -Lichterscheinungen bemerkt haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von -Kraft, die sich vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten. -Kurzum, kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein Wort -gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er es einlösen -werde. - -Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der Sitzung. Er selbst -geleitete Elly, während auch die übrigen ihre Plätze wieder aufsuchten, -zu ihrem Marterstuhl zurück, wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging -wie vorhin; Hans Castorp beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des -ersten Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig -beschieden. Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der den -Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, daß jede -irreführende Manipulation des Mediums praktisch ausgeschlossen sei. So -nahm Hans Castorp seine sonderbare Stellung mit Elly wieder ein. Das -Licht erlosch zum Rotdunkel. Die Musik begann wieder. Wieder folgten -nach einigen Minuten das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys, -und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die skandalöse -Niederkunft nahm ihren Fortgang. - -Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht vonstatten -gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher Wahnsinn! Woher hier -Mutterschaft? Entbindung – wie und wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das -Kind, während seine Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen -Dauerkrampf überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als -Eklampsie bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er ihr -die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die Magnetisierung, -wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu weiterem Ringen. - -Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die Gitarre -schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten Albums in den Raum -warf, dessen Lichtverhältnissen die tagentwöhnten Augen sich wieder -leidlich angepaßt hatten. Da ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans -Castorp war es, der ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen -Wunsch und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn, -gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten sollen. -Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen Händen, in „Tieftrance“, -und Herr Wenzel war im Begriffe die Platte zu wechseln oder sie -umzudrehen, als unser Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe -einen Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne seine -Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das heiße: der -Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus „Margarete“ von -Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit Orchester, sehr ansprechend. Er, -Redner, meine, daß man es einmal mit dieser Platte versuchen sollte. - -„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel ... - -„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der junge Mann. Der -Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich und speziell. Es komme auf -einen Versuch damit an. Nicht ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach, -daß dieser Geist und Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde -abkürzen können. - -„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor. - -Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne weiteres -holen. - -„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von der Hand. Wie? -Hans Castorp wollte gehen und kommen, etwas holen und dann die -unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen? Unerfahrenheit rede aus ihm. -Nein, das sei schlechthin unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von -vorn beginnen. Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch -willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei verschlossen. -Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche. Und kurz, wenn die -Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so müsse man – Er redete noch, -als der Tscheche vom Grammophon her dazwischen warf: - -„Die Platte ist hier.“ - -„Hier?“ fragte Hans Castorp ... - -Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie hatte -ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im grünen Arien-Album -Nummer II, wohin sie nach der Organisation gehörte. Sie war -zufälligerweise, außerordentlicherweise, schlampigerweise, -erfreulicherweise unter die Allotria geraten und brauchte nur eingelegt -zu werden. - -Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor war es, der -„Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es. Die Nadel wetzte, der -Deckel sank. Und männlich begann es zu choralhaften Klängen: „Da ich nun -verlassen soll –“ - -Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang begann, ihre -Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte, ächzte, pumpte und -führte wieder die gleitnassen Hände an ihre Stirn. Die Platte lief. Es -kam der mittlere Teil, mit umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf -und Gefahr, keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der -Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen Klangs: -„O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“ - -Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog durch verengte -Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend in sich zusammen und -blieb still. Besorgt beugte er sich über sie, da hörte er die Stöhr mit -piepender, winselnder Stimme sagen: - -„Ziem – ßen –!“ - -Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer Geschmack. -Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern: - -„Ich sehe ihn längst.“ - -Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. Aber -niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der Stille lief die Nadel -inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn Hans Castorp den Kopf, und -seine Augen gingen, ohne suchen zu müssen, den richtigen Weg. - -Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits von der -Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes sich fast in -Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch dahin drangen, zwischen -Schreibtisch-Breitseite und spanischer Wand, auf dem gegen das Zimmer -gedrehten Besucherstuhl des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen, -saß Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen und dem -Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so voll und stolz sich -wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein über das andere geschlagen. -Auf seinem abgezehrten Gesicht erkannte man, obgleich es von einer -Kopfbedeckung beschattet war, den Stempel des Leidens und auch den -Ausdruck von Ernst und Strenge wieder, der es so männlich verschönt -hatte. Zwei Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief -in knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die Sanftmut -des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der still und freundlich -spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, gerichtet war. Sein kleiner -Kummer von ehedem, die abstehenden Ohren waren erkennbar auch unter der -Kopfbedeckung, der sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht -verstand. Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am -übergeschlagenen Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, und -etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an seinem Gürtel -zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger Waffenrock, was er -trug. Nichts Blankes noch Farbiges war daran zu bemerken, es hatte einen -Litewkakragen und Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein -Kreuz. Die Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie -schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische -Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie sah aus, als hätte -Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf aufs Haupt gestülpt und -ihn durch Sturmband unter dem Kinn befestigt. Doch wirkte das -altertümlich und landsknechthaft und kriegerisch kleidsam, -merkwürdigerweise. - -Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. Neben sich -hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. Sonst war nichts zu -vernehmen, als das unaufhörliche wetzende Geräusch der abgelaufenen, -unter der Nadel weiter rotierenden Platte, die niemand stoppte. Er sah -sich nach keinem seiner Kumpane um, wollte nichts von ihnen sehen und -wissen. Schräg hin über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er -weit vorgebeugt durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen -Augenblick schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm die -Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen stieß ihn -innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; und dann -gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah. - -Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis -baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen nennen und die -Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, zog er seine Hände -unter Ellys Gesicht fort und stand auf. - -Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng vermahnendem -Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen Schritten bei den Stufen der -Eingangstür und schaltete mit knappem Handgriff das Weißlicht ein. - -Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie zuckte in den Armen -der Kleefeld. Jener Sessel war leer. - -Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans Castorp zu, nahe -vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von seinen Lippen kam kein Wort. -Mit brüsk heischender Kopfbewegung streckte er die Hand aus. Da er den -Schlüssel empfangen, nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht, -machte kehrt und ging aus dem Zimmer. - - - Die große Gereiztheit - -Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause Berghof, -ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung von dem Dämon, dessen -bösartigen Namen wir genannt haben, Hans Castorp ahnte. Mit der -unverantwortlichen Neugier des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon -studiert, ja, bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem -ungeheuerlichen Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig -teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff, nachdem es -übrigens, genau wie das alte, keimweise und da und dort sich andeutend -schon immer vorhanden gewesen, war er nach seiner Gemütsart wenig -geschaffen. Trotzdem bemerkte er mit Schrecken, daß auch er, sobald er -sich ein wenig gehen ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion -unterlag, der niemand in der Runde sich entzog. - -Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde -Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem -Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, -zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen -und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die -Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen -abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr -sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich -ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten -ausfällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die -eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust, -es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft -zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel -gezogen. Die müßigen Konflikte, die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem -Angesicht der schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst -erschreckend leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause -Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte nicht -wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied des Guten -Russentisches, eine recht elegante Provinzdame aus Minsk, noch jung und -nur leichtkrank – drei Monate und nicht mehr waren ihr zudiktiert – -begab sich eines Tages in den Ort hinunter zum französischen Blusenhaus, -um Einkäufe zu machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß -sie in letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt -und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten wurde eröffnet, -daß ihres Bleibens hier oben nun immer und ewig sein müsse. - -Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig führen wir weitere -an. Dieser und jener wird sich des rund bebrillten Schülers oder -ehemaligen Schülers am Tische Frau Salomons erinnern, dieses dürftigen -jungen Menschen, der die Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem -Teller zu einem Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses, -aufgestützt, in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der -Serviette hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch -ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier gesessen, -geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer mehr als -flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu geben. Jetzt jedoch, -eines Morgens, beim ersten Frühstück, ganz überraschend und sozusagen -aus heiterem Himmel, erlitt er einen Zufall und Raptus, der allgemeines -Aufsehen erregte, den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde -laut in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es -galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit sich -überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist mein Tee, den Sie -mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen Sie ihn doch selbst, -bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes Spülicht ist und von anständigen -Menschen überhaupt nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir -eiskalten Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen und -sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff vorsetzen mit auch -nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich trinke es nicht! Ich will -es nicht!“ kreischte er und fing an, mit beiden Fäusten auf den Tisch zu -trommeln, daß alles Geschirr der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will -heißen Tee! Siedeheißen Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und -den Menschen! Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der -Stelle sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter -Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem Ruck den -letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der Raserei begeistert -durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen Emerenzia und zeigte ihr -buchstäblich seine beschäumten Zähne. Dann fuhr er fort zu trommeln, zu -stampfen und sein „Ich will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es -unterdessen im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte -Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren aufgesprungen und -sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten, zusammengebissenen Zähnen und -glühenden Blicken zu. Andere saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen, -und bebten. Dies taten sie noch, als der Schüler schon längst, in -Erschöpfung versunken, vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu -trinken. - -Was war das? - -Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger Kaufmann, -dreißigjährig, schon lange febril, seit Jahren von Anstalt zu Anstalt -gewandert. Der Mann war Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und -sportsmäßig, mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung -war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann gewesen, er war -es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber ein Judenfeind war er -geblieben. Er war sehr ernstlich krank, hustete schwer beladen und tat -zwischendurch, als ob er mit der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig, -unheimlich. Jedoch war er kein Jude, und das war das Positive an ihm. -Sein Name war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt -sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte Reden -wie diese: - -„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in der Liegehalle -installieren will, – wer liegt links von mir im Stuhl? Der Herr Hirsch! -Wer liegt rechts? Der Herr Wolf! Selbstverständlich bin ich sofort -gereist“ usw. - -„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung. - -Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah tatsächlich und -unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase eine Puschel, auf die -er boshaft schielte, und hinter der er nichts mehr sah. Die Mißidee, die -ihn ritt, war zu einem juckenden Mißtrauen, einer rastlosen -Verfolgungsmanie geworden, die ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner -Nähe versteckt oder verlarvt halten mochte, hervorzuziehen und der -Schande zuzuführen. Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging -und stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens, das -nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte seine Tage aus. - -Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben befaßt sind, -verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich; und da es -nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf Leben stieß, das den Nachteil -aufwies, von dem er, Wiedemann, frei war, so kam es unter dem Einfluß -jener Umstände zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte, -und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen muß. - -Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es nichts, was ihn -betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß Sonnenschein, und da man -nicht schmutziger heißen konnte, so bildete Sonnenscheins Person vom -ersten Tage an die Puschel, die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er -kurz und boshaft schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast -weniger, um sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit -sie ihn desto besser reize. - -Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus, war ebenfalls -recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich. Ein freundlicher Mann, -nicht dumm und selbst scherzhaft von Natur, haßte er Wiedemann für seine -Sticheleien und seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum -Leiden, und eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil -Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende und -tierische Weise in die Haare geraten waren. - -Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten sich wie -kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener Männer, mit denen -es dahin gekommen ist. Sie gingen einander mit den Krallen ins Gesicht, -hielten sich an Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen, -umschlangen sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste am -Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben und -schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit Mühe die -Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd und blutend, -wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen der zu Berge stehenden -Haare. Hans Castorp hatte das noch nie gesehen und nicht geglaubt, daß -es eigentlich vorkomme. Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und -steif zu Berge, und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das -eine Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem Kranz -lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab, ins Bureau geführt -wurde, wo er sich niederließ und bitterlich in seine Hände weinte. - -So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die es sahen, bebten -noch stundenlang. Es ist vergleichsweise eine Wohltat, im Gegensatz zu -solcher Misere von einem wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls -dieser Periode angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen -Feierlichkeit wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit -verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen Phasen nicht bei, -sondern belehrte sich über den verwickelten und dramatischen Hergang nur -an der Hand von Dokumenten, Erklärungen und Protokollen, die, diese -Sache betreffend, im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht -nur am Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in Amerika -abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium zugestellt wurden, -von denen ohne weiteres sicher sein mußte, daß sie der Angelegenheit -auch nicht einen Deut von Teilnahme widmen konnten und wollten. - -Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden im -Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im Berghof -zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie, die den Guten -Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp, dies hier einzuflechten, saß -nicht mehr dort, sondern war mit der Zeit an den der Kleefeld, dann an -den der Salomon und dann an den Fräulein Levis gewandert). Die -Gesellschaft war dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur -die Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen -konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der Herren in -freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst lauter Kavaliere. Sie -hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski, Michael Lodygowski, Leo -von Asarapetian und noch anders. Im Restaurant des Berghofs nun, beim -Champagner, hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer -Kavaliere über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch über das dem -Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens Kryloff Unwiederholbares -geäußert. Hieraus ergaben sich die Schritte, Taten und Formalien, die -den Inhalt der zur Verteilung und Versendung gelangenden Schriftsätze -bildeten. Hans Castorp las: - -„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am 27. März 19.. -wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an die Herren Dr. Antoni -Cieszynski und Stefan von Rosinski mit der Bitte, sich in seinem Namen -zum Herrn Kasimir Japoll zu begeben, um von demselben auf dem durch das -Ehrenrecht angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere -Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll dessen Frau -Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche mit den Herren Janusz Teofil -Lenart und Leo von Asarapetian zugefügt hat‘. - -„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November stattgehabt -hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski mittelbar Kenntnis erhalten -hat, unternahm er sofort Schritte, um völlige Sicherheit über den -Tatbestand und das Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am -gestrigen Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn Leo -von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches, in welchem die -beleidigenden Worte und die Insinuationen gefallen sind, die Verleumdung -und Beleidigung festgestellt; hierdurch wurde Herr Stanislaw von -Zutawski veranlaßt, sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um -ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens gegen -Herrn Kasimir Japoll zu erteilen. - -„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab: - - ‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten Protokolls - vom 9. April 19.., welches in Lemberg von den Herren Zdzistaw - Zygulski und Tadeusz Kadyj in der Angelegenheit des Herrn Ladislaw - Goduleczny gegen Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner - unter Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom 18. Juni - 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit abgefaßt worden - ist, welch beide Schriftstücke in gemeinsamem Übereinklang stehend - feststellen, daß Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten - Verhaltens, welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang zu - bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden kann‘, - - ‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden - Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die absolute - Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll irgendwie noch - satisfaktionsfähig wäre. - - ‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen einen - Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht, die - Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘ - -„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten Herrn -Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es zwecklos sei, seinem -Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir -Japoll nachzugehen und raten ihm, den strafgerichtlichen Weg -einzuschlagen, um zu verhindern, daß von seiten einer Persönlichkeit, -die in dem Maße außerstande ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim -Herrn Kasimir Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. – -(Datiert und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“ - -Ferner las Hans Castorp: - -„Protokoll - -„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw von Zutawski, -Herrn Michael Lodygowski - -„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart in der Bar des -Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen 7½ und 7¾ h abends. - -„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung seiner -Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan Rosinski, in der -Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll am 28. März 19.. nach reifer -Überlegung zu der Überzeugung gekommen war, daß ihm die empfohlene -strafgerichtliche Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere -Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga keine Satisfaktion -wird geben können, da: - -1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll im -gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und seine weitere -Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer -Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern geradezu unmöglich -sein wird, - -2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir Japoll die -Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll den Namen und das Haus des -Herrn Stanislaw von Zutawski und seiner Gemahlin Jadwiga in -verleumderischer Weise zu schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte, - -hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner Überzeugung nach -gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen Verhältnisse -entsprechendsten Weg gewählt, nachdem er indirekt in Erfahrung gebracht -hat, daß Herr Kasimir Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage -zu verlassen, - -und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in Gegenwart seiner -Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael Lodygowski und Ignaz von Mellin -Herrn Kasimir Japoll, der in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart -und zweier unbekannter Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses -bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt. - -„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn Kasimir Japoll -geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für die dem Fräulein Krylow -und ihm zugefügten schweren Beleidigungen sei. - -„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn Janusz Teofil -Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski zugefügte unqualifizierbare -Unrecht, worauf noch, - -„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus von Zutawski -Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische Besudelung seiner -Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows wiederholt und mehrfach ohrfeigte. - -„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten sich -während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. (Datiert u. gezeichnet:) -Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“ - -Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über dies -Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst wohl getan -haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und der untadelige Komment -der einen –, die bübische und schlaffe Ehrlosigkeit der anderen Seite, -wie beides aus den Dokumenten dem Leser in die Augen sprang, erregten -ihn in ihrer etwas unlebendigen, aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit -aufs tiefste. So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische -Ehrenhandel leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen Zähnen -besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt des Herrn -Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski sei ganz genau bekannt -gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit in Lemberg von irgendwelchen -aufgeblasenen Laffen für satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und -alle seine sofortigen und ungesäumten Schritte seien das reine -Affentheater gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich -nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig und allein -aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu verklagen, weil, wie -jedermann und er selbst ebenfalls recht gut wisse, seine Gemahlin -Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung versehen habe, wofür er, -Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis hätte erbringen können, wie denn -auch mit der allgemeinen Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre -einzulegen gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls, -Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines -Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter die erstere -verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der Rolle, die Herr -Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, wolle er nicht reden. Was -aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar betreffe, so sei er, Japoll, ein -wenn auch mundscharfer und zum Witz geneigter, so doch äußerst -schwächlicher Mensch; von Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der -ungewöhnlich kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden, -zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und Lenarts -Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber schreckhaft wie die -Hühner gewesen seien; und so habe er, um eine wüste Schlägerei und -öffentlichen Skandal zu vermeiden, Lenart, der sich habe zur Wehr setzen -wollen, veranlaßt, sich ruhig zu verhalten und die flüchtigen -gesellschaftlichen Berührungen der Herren von Zutawski und Lodygowski in -Gottes Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den -Umsitzenden als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien. - -So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine Korrekturen -vermochten den schönen Kontrast von Ehre und Misere, wie er aus den -Feststellungen der Gegenseite hervorging, nur oberflächlich zu stören, -zumal er nicht über die Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen -Partei verfügte, sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner -Replik unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, wie -gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten sie. -Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls zugestellt bekommen, – -Hans Castorp sah sie in ihren Händen, und zu seiner Überraschung -bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen und sonderbar hingerissenen -Mienen darauf niederblickten. Den heiteren Spott, den er selbst vermöge -der herrschenden inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn -Settembrini wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den klaren -Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die Hans Castorp -beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das Lachen verschlug, ihn für -die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels ernstlich empfänglich -machte; und außerdem verdüsterte ihn, den Mann des Lebens, sein langsam -und unter foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich -verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und dessen er -sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, der ihn aber um diese -Zeit schon alle paar Tage zwang, das Bett zu hüten. - -Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es nicht besser. -Auch in seinem organischen Innern schritt die Krankheit fort, die der -physische Grund – oder muß man sagen: Vorwand gewesen, weshalb seine -Ordenslaufbahn ein so verfrühtes Ende genommen, und die hohen und dünnen -Bedingungen, unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung nicht -Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung seiner Stimme -klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach bei erhöhtem Fieber -mehr noch, schärfer und beißender als ehedem. Jene ideellen Widerstände -gegen Krankheit und Tod, deren Niederlage vor der Übergewalt einer -niederträchtigen Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem -kleinen Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines -Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer und Gram, -sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust sondergleichen, -eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, Verneinung und Verwirrung, die -die Melancholie des anderen aufs schwerste reizte und ihre -intellektuellen Streitigkeiten täglich verschärfte. Hans Castorp, -natürlich, konnte nur von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war -so ziemlich gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen -Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien zu entzünden. -Und wenn er Herrn Settembrini nicht den Kummer ersparte, Naphtas -Bosheiten hörenswert zu finden, so mußte er doch zugeben, daß sie -nachgerade alles Maß und häufig genug die Grenze des geistig Gesunden -überschritten. - -Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, sich über die -Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in ihrem Bilde und Zeichen. -Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, der den lauschenden Zögling am liebsten -aus dem Zimmer gewiesen oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er -die Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den Geist -darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine Narrheit. Was -komme dabei heraus? Eine Fratze! Das Wirklichkeitsergebnis der -gepriesenen französischen Revolution sei der kapitalistische -Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! die man in der Weise zu -verbessern hoffe, daß man den Greuel universal mache. Die Weltrepublik, -das werde das Glück sein, sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um -den berühmten Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich -Erleichterung davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich ganz -allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein Ausdruck. Er werde -kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich er anderes zeitigen -werde, als seine Veranstalter sich davon versprächen. Naphta verachtete -den bürgerlichen Sicherheitsstaat. Er nahm Veranlassung, sich darüber zu -äußern, als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei -beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle Welt Regenschirme -über die Köpfe hielt. Das war ihm ein Symbol für die Feigheit und -ordinäre Verweichlichung, die das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein -Zwischenfall und Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“ -wirke atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei -nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die größte -Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. Das sei jämmerlich -und reime sich in seiner humanitären Schlaffheit recht artig auf die -wölfische Krudität und Niedertracht des wirtschaftlichen Schlachtfeldes, -das der Bürgerstaat darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und -die allgemeine Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert. - -Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ ins Gespräch -einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes Mittel gegen innen- -und außenpolitische Katastrophen empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta, -der kürzlich noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine -irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies Geistige -selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt war. -Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher? -Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten -Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, schmückten den einen mit gefährlicher -Auszeichnung und bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und -der wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine lähmende -Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen Seite eine -Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da also der Mensch, um im -Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ in diesem Sinne durch -„Gerechtigkeit“ in jenem Sinne korrigieren mußte, – wo blieben -Unbedingtheit und Radikalismus des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“ -gegen den einen Standpunkt _oder_ gegen den anderen. Der Rest war -Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu -locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der -Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen -wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine, -oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle. - -Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel -herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft zu stören. -Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf die Wissenschaft zu sprechen -kam, – an die er nicht glaubte. Er glaube nicht an sie, sagte er, denn -es stehe dem Menschen völlig frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei -ein Glaube, wie jeder andere, nur schlechter und dümmer als jeder -andere, und das Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des -stupidesten Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen -Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare Münze zu -nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste Dogmatik daraus -zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet worden sei. Ob etwa nicht -der Begriff einer an und für sich existierenden Sinnenwelt der -lächerlichste aller Selbstwidersprüche sei? Aber die moderne -Naturwissenschaft als Dogma lebe einzig und allein von der -metaphysischen Voraussetzung, daß die Erkenntnisformen unserer -Organisation, Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt -sich abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer -Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die nackteste -Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. Raum, Zeit und -Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, – und da habe man das -Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen Afterreligion, womit man -das erste Buch Mosis außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel -aufklärendes Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der -Entstehung der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther sei wohl -exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz des „kleinsten, -unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von der Unendlichkeit des -Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf Erfahrung? In der Tat, man -werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, zu lustigen Erfahrungen und -Ergebnissen gelangen mit dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität -des Raumes und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur -Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? Aus dem -einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen Größe zum -Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe im Unendlichen und -weder Dauer noch Veränderung in der Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen -könne es, da jede Distanz dort mathematisch gleich null sei, nicht -einmal zwei Punkte nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige -denn gar Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der -Dreistigkeit zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre -astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ für -absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte Menschheit, die sich durch -ein prahlerisches Aufgebot nichtiger Zahlen ins Gefühl eigener -Nichtigkeit habe drängen, um das Pathos der eigenen Wichtigkeit habe -bringen lassen! Denn es möge noch leidlich heißen, wenn menschliche -Vernunft und Erkenntnis sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre -ihre Erlebnisse mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife sie -aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte Kosmologie, -Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und die Anmaßung komme auf den -Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. Welch ein lästerlicher Unsinn, im -Grunde, die „Entfernung“ irgendeines Sternes von der Erde nach -Trillionen Kilometern oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich -einzubilden, mit solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem -Menschengeist Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, – -während doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und -Zeitdistanzen überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten, -sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu sein, -vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was wir Natur -nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das glaube, die Sterne -seien Löcher im Himmelszelt, durch welche die ewige Klarheit scheine, -sei ihm vieltausendmal lieber, als das ganze hohle, widersinnige und -anmaßende Geschwätz, das die monistische Wissenschaft vom „Weltall“ -verübe! - -Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne jenen -Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich jede Demut und -Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder einmal zu ersehen, was er -unter „Freiheit“ verstand, und wohin ein solcher Begriff davon zu führen -vermochte. Und wenn nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu -fürchten, Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden! - -Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die Schwächen des -naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen, seinen Trägern und Pionieren -menschliche Rückfälle ins Irrationale nachzuweisen. Aviatiker, Flieger, -sagte er, seien meist recht üble und verdächtige Individuen, vor allem -sehr abergläubisch. Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an Bord, -sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die Handschuhe von -glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive Unvernunft mit der ihrem -Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung reime? – Der Widerspruch, den -er aufzeigte, ergötzte ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich -lange darüber auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her -nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur allzu -Gegenständliches zu erzählen gibt. - -Eines Nachmittags im Februar vereinigten sich die Herren, nach Monstein -auszufliegen, einem Orte, anderthalb Stunden Schlittenfahrt von der -Stätte ihres Alltags entfernt. Es waren Naphta und Settembrini, Hans -Castorp, Ferge und Wehsal. In zwei einspännigen Schlitten fuhren sie, -Hans Castorp mit dem Humanisten, Naphta mit Ferge und Wehsal, der neben -dem Kutscher saß, um 3 Uhr, gut eingehüllt, vom Domizil der Auswärtigen -ab und nahmen unter Schellengeläut, das so freundlich durch schneestille -Landschaft geht, ihren Weg an der rechten Lehne hin, vorbei an -Frauenkirch und Glaris, gegen Süden. Schneebedeckung rückte rasch aus -dieser Himmelsrichtung vor, so daß bald nur noch hinten über der -Rhätikonkette ein blaßblauer Streifen zu sehen war. Der Frost war stark, -das Gebirge nebelig. Die Straße, die sie führte, schmale, geländerlose -Plattform zwischen Wand und Abgrund, hob sich steil ins Tannenwilde. Es -ging schrittweise. Abfahrende Rodler kamen oft auf sie zu, die bei der -Begegnung absteigen mußten. Hinter Biegungen klang zart und warnend -fremdes Geläute auf, Schlitten, mit zwei Pferden hintereinander -bespannt, gingen vorbei, und das Ausweichen forderte Behutsamkeit. Nahe -dem Ziele tat ein schöner Blick auf eine felsige Partie der Zügenstraße -sich auf. Man stieg aus den Decken vor dem kleinen Gasthaus von -Monstein, das sich „Kurhaus“ nannte, und, die Schlitten zurücklassend, -ging man noch einige Schritte weiter, um gegen Südosten nach dem -„Stulsergrat“ auszuschauen. Die Riesenwand, dreitausend Meter hoch, war -nebelverhüllt. Nur irgendwo ragte eine himmelhohe Zacke, überirdisch, -walhallmäßig fern und heilig unzugänglich aus dem Gedünst hervor. Hans -Castorp bewunderte das sehr und forderte auch die andern auf, es zu tun. -Er war es, der mit Unterwerfungsgefühlen das Wort „unzugänglich“ -aussprach und damit Herrn Settembrini Anlaß gab, zu betonen, daß jener -Fels natürlich sehr wohl betreten sei. Überhaupt gäbe es das kaum noch: -Unzugänglichkeit und irgendwelche Natur, auf die der Mensch nicht schon -seinen Fuß gesetzt habe. Eine kleine Übertreibung und Dicktuerei, -erwiderte Naphta. Und er nannte den Mount Everest, der dem Vorwitz des -Menschen bis dato eisige Ablehnung entgegengesetzt habe und in dieser -Reserve dauernd verharren zu wollen scheine. Der Humanist ärgerte sich. -Die Herren kehrten zum „Kurhaus“ zurück, vor dem neben den eigenen ein -paar fremde, ausgespannte Schlitten standen. - -Man konnte hier wohnen. Im Obergeschoß gab es Hotelzimmer mit Nummern. -Dort lag auch das Eßzimmer, bäurisch und wohl geheizt. Die Ausflügler -bestellten einen Imbiß bei der dienstwilligen Wirtin: Kaffee, Honig, -Weißbrot und Birnenbrot, die Spezialität des Ortes. Den Kutschern ward -Rotwein geschickt. Schweizerische und holländische Besucher saßen an -anderen Tischen. - -Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf Freunde die -Erwärmung durch den heißen und sehr löblichen Kaffee ein höheres -Gespräch gezeitigt habe. Doch wären wir ungenau damit, denn dies -Gespräch war eigentlich ein Monolog Naphtas, der es nach wenigen Worten, -die andere beigetragen, allein bestritt, – ein Monolog, geführt auf -recht sonderbare und gesellschaftlich anstößige Art, da der Ex-Jesuit -sich nämlich, liebenswürdig instruierend, ausschließlich an Hans Castorp -damit wandte, Herrn Settembrini, der an seiner anderen Seite saß, den -Rücken zukehrte und auch die beiden anderen Herren völlig unbeachtet -ließ. - -Es wäre schwer gewesen, das Thema seiner Improvisation, der Hans Castorp -mit halb und halb zustimmendem Kopfnicken folgte, bei Namen zu nennen. -Einheitlichen Gegenstandes war sie wohl eigentlich nicht, sondern -bewegte sich locker im Geistigen, da und dort anstreifend und im -wesentlichen darauf aus, die Zweideutigkeit der geistigen -Lebenserscheinungen, die irisierende Natur und kämpferische -Unbrauchbarkeit der daraus abgezogenen großen Begriffe auf eine -entmutigende Art nachzuweisen und bemerklich zu machen, in wie -schillerndem Gewande das Absolute auf Erden erscheine. - -Allenfalls hätte man seinen Vortrag auf das Problem der Freiheit -festlegen können, das er im Sinne der Verwirrung behandelte. Unter -anderem sprach er von der Romantik und dem faszinierenden Doppelsinn -dieser europäischen Bewegung vom Anfang des 19. Jahrhunderts, vor der -die Begriffe der Reaktion und der Revolution zunichte würden, sofern sie -sich nicht zu einem höheren vereinigten. Denn es sei selbstverständlich -höchst lächerlich, den Begriff des Revolutionären ausschließlich mit dem -Fortschritt und der siegreich anrennenden Aufklärung verbinden zu -wollen. Die europäische Romantik sei vor allem eine Freiheitsbewegung -gewesen: antiklassizistisch, antiakademisch, gerichtet gegen den -altfranzösischen Geschmack, gegen die Alte Schule der Vernunft, deren -Verteidiger sie als gepuderte Perückenköpfe verhöhnt habe. - -Und Naphta fiel auf die Freiheitskriege, auf Fichte’sche Begeisterungen, -auf jene rausch- und gesangvolle völkische Erhebung gegen eine -unerträgliche Tyrannei, – als welche nur leider, he, he, die Freiheit, -das heiße: die Ideen der Revolution verkörpert habe. Sehr lustig: Laut -singend habe man ausgeholt, um die revolutionäre Tyrannei zugunsten der -reaktionären Fürstenfuchtel zu zerschlagen, und das habe man für die -Freiheit getan. - -Der jugendliche Zuhörer werde da des Unterschiedes oder auch Gegensatzes -von äußerer und innerer Freiheit gewahr – und zugleich der kitzlichen -Frage, welche Unfreiheit mit der Ehre einer Nation am ehesten, he, he, -am wenigsten verträglich sei. - -Freiheit sei wohl eigentlich mehr noch ein romantischer, als ein -aufklärerischer Begriff, denn mit der Romantik habe er die unentwirrbare -Verschränkung menschheitlicher Ausdehnungstriebe und leidenschaftlich -verengernder Ichbetonung gemeinsam. Individualistischer Freiheitstrieb -habe den historisch-romantischen Kultus der Nationalen gezeitigt, der -kriegerisch sei, und den der humanitäre Liberalismus finster nenne, -wiewohl dieser doch ebenfalls den Individualismus lehre, nur eben ein -wenig anders herum. Der Individualismus sei romantisch-mittelalterlich -in seiner Überzeugung von der unendlichen, der kosmischen Wichtigkeit -des Einzelwesens, woraus die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, -die geozentrische Lehre und die Astrologie sich ergäben. Andererseits -sei Individualismus eine Angelegenheit des liberalisierenden Humanismus, -welcher zur Anarchie neige und jedenfalls das liebe Individuum davor -schützen wolle, der Allgemeinheit geopfert zu werden. Das sei -Individualismus, eins und auch wieder das andere, ein Wort für manches. - -Aber das müsse man einräumen, daß Freiheitspathos die glänzendsten -Freiheitsfeinde, die geistreichsten Ritter des Vergangenen im Kampf mit -dem andachtslos zersetzenden Fortschritt erzeugt habe. Und Naphta nannte -Arndt, der den Industrialismus verflucht und den Adelsstand -verherrlicht, nannte Görres, der die Christliche Mystik verfaßt habe. -Und ob denn Mystik etwa nichts mit Freiheit zu tun habe? Ob sie etwa -nicht anti-scholastisch, anti-dogmatisch, anti-priesterlich gewesen sei? -Man sei freilich gezwungen, in der Hierarchie eine Freiheitsmacht zu -erblicken, denn sie habe der schrankenlosen Monarchie einen Damm -entgegengesetzt. Die Mystik des ausgehenden Mittelalters aber habe ihr -freiheitliches Wesen als Vorläuferin der Reformation bewährt, – der -Reformation, he, he, die ihrerseits ein unauflösliches Filzwerk von -Freiheit und mittelalterlichem Rückschlag gewesen sei ... - -Luthers Tat ... Ei ja, sie habe den Vorzug, mit derbster Anschaulichkeit -das fragwürdige Wesen der Tat selbst, der Tat überhaupt zu -demonstrieren. Ob Naphtas Zuhörer wisse, was eine Tat sei? Eine Tat sei -beispielsweise die Ermordung des Staatsrats Kotzebue durch den -Burschenschaftler Sand gewesen. Was habe dem jungen Sand, -kriminalistisch zu reden, „die Waffe in die Hand gedrückt“? -Freiheitsbegeisterung, selbstverständlich. Sehe man jedoch näher hin, so -sei es eigentlich nicht diese, es seien vielmehr Moralfanatismus und der -Haß auf unvölkische Frivolität gewesen. Allerdings nun wieder habe -Kotzebue in russischen Diensten, im Dienste der Heiligen Allianz also, -gestanden; und so habe Sand denn doch wohl für die Freiheit geschossen, -– was freilich aufs neue der Unwahrscheinlichkeit verfalle kraft des -Umstandes, daß sich unter seinen nächsten Freunden Jesuiten befunden -hätten. Kurzum, was immer die Tat auch sein möge, auf jeden Fall sei sie -ein schlechtes Mittel, sich deutlich zu machen, und zur Bereinigung -geistiger Probleme trage sie auch nur wenig bei. - -„Darf ich mir die Erkundigung erlauben, ob Sie mit Ihren -_Schlüpfrigkeiten_ bald zu Rande zu kommen gedenken?“ - -Herr Settembrini hatte es gefragt und zwar mit Schärfe. Er hatte -gesessen, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt und den Schnurrbart -gedreht. Jetzt war es genug. Seine Geduld war zu Ende. Aufrecht saß er, -mehr als aufrecht: – sehr bleich, hatte er sich sozusagen im Sitzen auf -die Zehen gestellt, so daß nur noch seine Schenkel den Stuhlsitz -berührten, und so begegnete er blitzenden schwarzen Auges dem Feinde, -der sich mit geheucheltem Erstaunen nach ihm umgewandt hatte. - -„_Wie_ beliebten Sie sich auszudrücken?“ lautete Naphtas Gegenfrage ... - -„Ich beliebte“, sagte der Italiener und schluckte hinunter, „– ich -beliebe mich dahin auszudrücken, daß ich entschlossen bin, Sie daran zu -hindern, eine ungeschützte Jugend noch länger mit Ihren Zweideutigkeiten -zu behelligen!“ - -„Mein Herr, ich fordere Sie auf, nach Ihren Worten zu sehen!“ - -„Einer solchen Aufforderung, mein Herr, bedarf es nicht. Ich bin -gewohnt, nach meinen Worten zu sehen, und mein Wort wird präzis den -Tatsachen gerecht, wenn ich ausspreche, daß Ihre Art, die ohnehin -schwanke Jugend geistig zu verstören, zu verführen und sittlich zu -entkräften, eine _Infamie_ und mit Worten nicht streng genug zu -züchtigen ist ...“ - -Bei dem Wort „Infamie“ schlug Settembrini mit der flachen Hand auf den -Tisch und stand, seinen Stuhl zurückschiebend, nun vollends auf, – das -Zeichen für alle übrigen, ein Gleiches zu tun. Von anderen Tischen -blickte man aufhorchend herüber, – von einem eigentlich nur, die -Schweizer Gäste waren schon aufgebrochen, und nur die Holländer -lauschten mit verdutzten Mienen auf den ausbrechenden Wortwechsel. - -Sie standen also alle steif aufrecht an unserem Tisch: Hans Castorp und -die beiden Gegner und ihnen gegenüber Ferge und Wehsal. Alle fünf waren -sie blaß, mit erweiterten Augen und zuckenden Mündern. Hätten nicht die -drei Unbeteiligten den Versuch machen können, beschwichtigend -einzuwirken, mit einem Scherzwort die Spannung zu lösen, durch irgendein -menschliches Zureden alles zum Guten zu wenden? Sie unternahmen ihn -nicht, diesen Versuch. Die inneren Umstände hinderten sie daran. Sie -standen und bebten, und unwillkürlich ballten ihre Hände sich zu -Fäusten. Selbst A. K. Ferge, dem alles Höhere erklärtermaßen völlig fern -lag und der von vornherein gänzlich darauf verzichtete, die Tragweite -des Streites zu ermessen, – auch er war überzeugt, daß es hier auf -Biegen und Brechen gehe, und daß man, selbst mit hingerissen, nichts tun -könne, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sein gutmütiger -Schnurrbartbausch wanderte heftig auf und nieder. - -Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen knirschen. Das war -für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung, wie die mit Wiedemanns -gesträubtem Haar: Er hatte gedacht, es sei nur eine Redensart und komme -in Wirklichkeit nicht vor. Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der -Stille, ein furchtbar unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch, -das sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen -Beherrschung erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und nur -mit einer Art von keuchendem Halblachen: - -„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig? Haben wir die -pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation so weit, daß sie blank -zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für den Anfang, – leicht erzielt, wie -ich mit Geringschätzung hinzufüge, denn eine wie gelinde Neckerei hat -hingereicht, den wachhabenden Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das -Weitere wird sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese. -Ich hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen, was -Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese Grundsätze durch -Mittel auf die Probe zu stellen, die –“ - -Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren: - -„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im Wege, Sie -sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag dieser kleinen Differenz -an den gehörigen Ort verlegen. Für den Augenblick nur eines. Ihre -frömmelnde Angst um den scholastischen Begriffsstaat der -Jakobiner-Revolution sieht in meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen, -die Kategorien über den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer -akademischen Tugendwürde zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen. -Diese Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre -Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan. Sie ist -schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit, -ein geistiges _Ennui_, das Gähnkrampf erzeugt, und mit dem aufzuräumen -die neue, _unsere_ Revolution, mein Herr, sich anschickt. Wenn wir als -Erzieher den Zweifel stiften, tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit -sich je hat träumen lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der -radikalen Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor, der -heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung -und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem anderen Blatt. Sie -werden von mir hören.“ - -„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini ihm nach, der den -Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte, um sich seines Pelzwerks zu -bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer sich hart auf seinen Stuhl -zurücksinken und preßte sein Herz mit den Händen. - -„_Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!_“ stieß er kurzen -Atems hervor. - -Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart fuhr fort -auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. -Hans Castorp ahmte die Kinnstütze seines Großvaters nach, denn ihm -zitterte das Genick. Alle bedachten, wie wenig man sich bei der Ausfahrt -solcher Dinge versehen habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen, -bedachten gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei -Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war. Dies erleichterte -vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was dann? - -„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen. - -„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem neben ihm Stehenden -einen Blick empor, um sich gleich danach von ihm abzuwenden und den Kopf -in die Hand zu stützen. - -„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ... - -„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch ihn einen -Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob sich vollkommen -gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres Vergnügens, allein mit solchen -Zwischenfällen muß jeder Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige -theoretisch das Duell, ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist -es eine andere Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum, -ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in meiner -Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden Übung werden mir das -Handgelenk wieder geläufig machen. Gehen wir! Das Nähere wird zu -verabreden sein. Ich vermute, daß jener Herr bereits anzuspannen -befohlen hat.“ - -Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt und nachher, wo -ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden schwindelte, -namentlich, als sich herausstellte, daß Naphta von Hieb und Stich nichts -wissen wollte, sondern auf einem Pistolenduell bestand, – und daß -tatsächlich er die Waffe zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen -Begriffen der Beleidigte war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen -Mann, wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung -durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen Grade befreien konnte -und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn sei, und daß man es verhindern -müsse. - -„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch mit -Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon auf der Rückfahrt als -Kartellträger gewonnen hatte, und der den Verkehr zwischen den Parteien -vermittelte. „Eine Beschimpfung bürgerlicher, gesellschaftlicher Art! -Wenn einer des anderen ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte, -wenn es sich um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches -Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs sieht! -Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter Ausweg da, und wenn dann -der Ehre Genüge geschehen und die Sache glimpflich abgegangen ist, und -es heißt: Die Gegner schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es -eine gute Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen -Verwicklungsfällen. Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa in -Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung getan hat. Er -hat die Kategorien über den Haufen geworfen. Er hat, wie er sich -ausdrückt, den Begriffen ihre akademische Würde geraubt. Dadurch haben -Sie sich beleidigt gefühlt, – mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“ - -„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah ihn an ... - -„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er hat Sie nicht -beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben Sie mal! Es handelt sich -um abstrakte Dinge, um geistige. Mit geistigen Dingen kann man -beleidigen, aber man kann nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime, -die jedes Ehrengericht annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott -versichern. Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und -‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung, denn auch -das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen Bezirke und hat -mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun, worin es einzig so etwas -wie Beschimpfung gibt. Das Geistige kann niemals persönlich sein, das -ist die Vervollständigung und die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“ - -„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen -Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß Geistiges nicht -persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie sollten das nicht meinen“, -sagte er und lächelte eigentümlich fein und schmerzlich. „Sie gehen -jedoch vor allem fehl in Ihrer Einschätzung des Geistigen überhaupt, das -Sie offenbar für zu schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu -zeitigen von der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt, -und die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges. _All’ -incontro!_ Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist zugleich auch -das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge, und es birgt viel -tiefere und radikalere Möglichkeiten des Hasses, der unbedingten und -unversöhnlichen Gegnerschaft, als das soziale Leben. Wundern Sie sich, -daß es sogar direkter und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des -Du oder Ich, zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des -körperlichen Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine -‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr zum -Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse Regelung -ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das Wesentliche der Lage -bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der körperliche Kampf, und es ist -Sache jedes Mannes, sich in aller Entfernung vom Natürlichen dieser Lage -gewachsen zu halten. Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle -nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag, -der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller -Vergeistigung ein Mann zu bleiben.“ - -Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es darauf zu -erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn Settembrinis Worte -taten gefaßt und logisch, und dennoch klangen sie fremd und unnatürlich -aus ihm hervor. Seine Gedanken waren nicht seine Gedanken, – wie er ja -auch auf den des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern -ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen hatte –; sie -waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen inneren Umstände, -deren Knecht und Werkzeug Herrn Settembrinis schöner Verstand geworden -war. Wie, das Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum -Tierischen, zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans -Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu tun, – um -zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht konnte. Sie waren -stark auch in ihm, die inneren Umstände, er war nicht der Mann, er auch -nicht, sich ihnen zu entwinden. Furchtbar und letztgültig wehte es ihn -an aus jener Erinnerungsgegend, wo Wiedemann und Sonnenschein sich in -ratlos tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am Ende -aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die Zähne. Ja, ja, man -mußte sich wohl schlagen, denn so war wenigstens jene Milderung des -Urstandes durch ritterliche Regelung zu retten ... Hans Castorp bot sich -Herrn Settembrini als Sekundanten an. - -Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich nicht schicken, -wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn Settembrini mit einem Lächeln, -das fein und schmerzlich war, dann auch, nach kurzer Überlegung, von -Ferge und Wehsal, die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es -gehe nicht an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft -beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit eines -solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen Milderungen des -Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz zugegen sein. Selbst Naphta ließ -sich durch den Mund seines Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne -vernehmen, und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer, -auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung -der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig erwies. - -Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen Vorschlägen. Er -verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen Kugelwechsel, falls es -nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn ließ er noch am Abend des -Zerwürfnisses durch Wehsal überbringen, der sich völlig zum Mundstück -und Vertreter seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im -Auftrage, teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit -auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini nichts daran -auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und der unparteiische Hans -Castorp waren außer sich, und dieser wurde sogar grob mit dem elenden -Wehsal. Ob er sich nicht schäme, fragte er, solche wüsten -Unannehmlichkeiten auszukramen, wo es sich um ein rein abstraktes Duell -handle, dem gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon -kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da höre die -Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers Schnupftuch -schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich feuern lassen auf -solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst wohl so leicht von den -Lippen – und so fort. Wehsal zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß -eben die radikale Situation vorliege, wodurch er denn die Gegenseite, -die dies zu vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin -gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages, vor allem den -dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen, dann aber die -Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten sich auf fünfzehn -Schritte gegenüberstehen und das Recht haben sollten, fünf Schritte -vorzugehen, bevor sie schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen -die Zusicherung, daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten. -Übrigens hatte man keine Pistolen. - -Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, mit dem er -die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch ein Zwillingspaar in den -Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter Offizierspistolen, die aus -Belgien stammten: automatische Brownings mit Griffen aus braunem Holz, -in denen sich die Magazine befanden, bläulich stählerner -Geschützmaschinerie und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen -knapp und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann -einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine -Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. So tat -er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl machte, ihn aber in -persönliches Ehrengeheimnis hüllte und mit leichtem Erfolge sich an den -Kavalierssinn des Windbeutels wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im -Laden und gab mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren -ab. - -Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein zwei -Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war von Hans Castorps -Erfindung: Es war der malerische, im Sommer blau blühende Ort seiner -Regierungs-Zurückgezogenheit, den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier -sollte am dritten Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war, -der Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich spät, -verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den Gedanken, daß es -ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz zu nehmen. - -Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig -erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen, aber unmöglich konnte -man den Chef der Anstalt um Unterstützung einer solchen Ungesetzlichkeit -angehen, zumal es sich um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum -Hoffnung, daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit -sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken die Hand -zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal sicher, ob dieser -spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der Wundbehandlung sei. - -Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich schon -geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe an jenen Ort -nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern um sich zu schlagen -und zwar sehr ernsthaft. Was nachher komme, sei ihm gleichgültig und -werde sich finden. Das schien eine finstere Kundgebung, die aber Hans -Castorp so zu deuten sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung, -ein Arzt werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den -zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen, sie -interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig, zu hoffen, die -Gegner möchten im Grunde einig sein in dem Vorsatz, es zu keinem -Blutvergießen kommen zu lassen. Man hatte zweimal geschlafen seit jenem -Wortwechsel und würde es ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem -Zuge der Stunden hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt -stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner der -Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes gewesen. -Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise, nicht nach gegenwärtigem -freien Willen würden sie handeln, wie sie damals aus Lust und -Überzeugung gehandelt hätten; und eine solche Verleugnung ihres -aktuellen Selbst zugunsten dessen, was sie einmal gewesen, mußte sich -irgendwie ja verhüten lassen! - -Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, – nicht unrecht -nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen lassen konnte. -Er hatte sogar vollkommen recht damit, soweit Herr Settembrini in Frage -kam. Hätte er aber geahnt, in welchem Sinn Leo Naphta bis zum -entscheidenden Augenblick seine Vorsätze würde geändert haben oder in -eben diesem Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren -Umstände, aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht, das -Bevorstehende zuzulassen. - -Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge hervorzukommen, -aber es tagte mühsam qualmend, als Hans Castorp nach unruhig verbrachter -Nacht Haus Berghof verließ, um sich zum Rendezvous zu begeben. -Dienstmägde, die die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach -ihm auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen: Ferge und -Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß schon passiert, der -eine, um Settembrini, der andere, um Naphta zum Kampfplatze abzuholen. -Er, Hans, ging allein, da seine Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht -gestattete, sich einer der beiden Parteien anzuschließen. - -Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck der Umstände. -Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche Notwendigkeit. -Unmöglich, sich davon auszuschließen und das Ergebnis im Bette zu -erwarten, erstens, weil – aber das Erstens führte er nicht aus, sondern -fügte gleich das Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich -selbst überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob, -und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war sogar -unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht aufstehen müssen und -mußte nun ungefrühstückt, in bitterer Frostfrühe im Freien -zusammenkommen, so war es einmal verabredet. Aber dann würde, unter der -Einwirkung von seiner, Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos -irgendwie alles zum Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die -nicht vorauszusehen war, und die erraten zu wollen, man besser -unterließ, da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang -anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen versucht -hatte. - -Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung. Flau und -übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem Zähneklappern und war -schon in geringer Tiefe seines Wesens sehr versucht, seinen -Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen. Es waren so ganz besondere Zeiten -... Die zankzerstörte Dame aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und -Sonnenschein, der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch den -Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen, wenn er -zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten würden. -Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann und Sonnenschein vor diesen -seinen Augen zur Tatsache geworden war, so mißtraute er sich und seiner -Welt und fröstelte in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und -bei alldem ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der Lage, -zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft ihn erhob und -belebte. - -Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und Gedanken stieg er -im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in „Dorf“ von der Mündung der -Bobbahn auf schmalstem Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief -verschneiten Wald, überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn -hinablief, und stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von -Fußspuren, als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er -hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge, welcher mit -einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel festhielt. Hans -Castorp nahm keinen Anstand, sich zu ihnen zu gesellen, und kaum war er -an ihrer Seite, so erblickte er auch schon Naphta und Wehsal, die -geringen Vorsprung hatten. - -„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in guter Absicht, -erschrak aber selbst über die Frivolität seiner Worte und fügte hinzu: -„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“ - -Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen Schnurrbart auf und -nieder wandern. Nach einer Weile blieb Settembrini stehen, nahm Hans -Castorps Hand, legte auch noch seine andere darauf und sprach: - -„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. Ich werde mich -seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir die Ehre gebieten kann. -Aber ich werde nicht töten, verlassen Sie sich darauf!“ - -Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, sagte -jedoch nach einigen Schritten: - -„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, nur, andererseits -... Wenn er für sein Teil ...“ - -Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans Castorp überlegte, -daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere sich dessen unmöglich -würde unterwinden können, so fand er, daß alles sich glücklich anlasse -und daß seine Annahmen sich zu bestätigen begönnen. Es wurde ihm -leichter ums Herz. - -Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, worin im -Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall niederging, und der so -sehr zu dem malerischen Charakter des Ortes beitrug. Naphta und Wehsal -gingen im Schnee vor der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf -und ab, auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen -Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten müssen. Naphta -rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp prüfte sich, ob er ebenfalls -Lust hätte, das zu tun, fand aber nicht die geringste Neigung dazu in -sich vor und schloß, daß es also bei jenem erst recht auf Affektation -beruhen müsse. Mit dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er -sich in der kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen -Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen Blüte. -Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden Fichte waren mit Schnee -beschwert. - -„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem Wunsch, einen -natürlichen Ton sofort in die Versammlung einzuführen, der Böses -zerstreuen helfen sollte, – hatte aber kein Glück damit, denn niemand -antwortete ihm. Die gewechselten Grüße bestanden in stummen -Verbeugungen, die bis zur Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er -entschlossen, seine Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines -Atems, die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm -mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und fing an: - -„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“ - -„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ schnitt Naphta -ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich bitten darf,“ fügte er mit -demselben Hochmut hinzu. Und Hans Castorp, auf den Mund geschlagen, -mußte zusehen, wie Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel -hervorholte, und wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen -von ihm empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm aus -Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, Ferge ersuchte -murmelnd darum und fing an, die Distanzen auszugehen und sichtbar zu -machen: die äußere Begrenzung, indem er mit dem Absatz kurze Linien in -den Schnee grub, die inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem -eigenen und dem Settembrinis. - -Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans Castorp traute -seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und griff gehörig aus, so daß -wenigstens die fünfzehn Schritte eine stattliche Entfernung ergaben, -wenn da auch noch die verdammten Barrieren waren, die wirklich nicht -weit voneinander lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im -Zwange welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so -ungeheuerlichen Sinnes traf? - -Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen hatte, so daß man -das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der Hand, auf einen der äußeren -Absatzstriche, sobald er nur gezogen war und während Ferge an weiteren -Markierungen noch arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini, -die schadhafte Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich -aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor. - -„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! Es ist trotz -allem meine Pflicht ...“ - -„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche das Zeichen.“ - -Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. Es sollte -wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß es Sache des Unparteiischen -sein werde, die furchtbare Aufforderung ergehen zu lassen, war nicht -bedacht und jedenfalls nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm -und niemand sprang für ihn ein. - -„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein Herr, und schießen -Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und begann selbst vorzugehen, die -Pistole mit gestrecktem Arm auf Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, – -ein unglaubwürdiger Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten -Schritt – der andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt -– hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß weckte -vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und Widerhall zu, das -Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, die Leute müßten -zusammenlaufen. - -„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit Selbstbeherrschung, -indem er die Waffe sinken ließ. - -Settembrini antwortete: - -„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“ - -„Sie werden noch einmal schießen!“ - -„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr Settembrini, -erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte sich etwas seitlich zum -anderen gestellt, nicht ganz in Front, was rührend zu sehen war. Man -merkte deutlich, daß er gehört hatte, man solle dem Gegner nicht gerade -die volle Breitseite bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte. - -„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der -Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu gehöre, zu -schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine Pistole auf eine -Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, und schoß sich in den -Kopf. - -Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte, während -die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat Fangball spielten, ein paar -Schritte rückwärts, indem er die Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem -ganzen Körper eine schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht -in den Schnee. - -Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem er sein -Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm. - -„_Infelice!_“ rief er. „_Che cosa fai per l’amor di Dio!_“ - -Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen. Sie sahen das -schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen in ein Gesicht, das man am -besten mit dem seidenen Schnupftuch bedeckte, von dem ein Zipfel aus -Naphtas Brusttasche hing. - - - Der Donnerschlag - -Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine runde Zahl -für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in -ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen, -befriedigender für das Gemüt als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er -hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem -ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen -mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er -saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte -stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmbarer -Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen -Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir -müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur -Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer -ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit -hatte aufgehört, Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der -morgentlichen Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber -rhetorischer Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat -nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica von -Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um die Zeit, von der wir -reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen wir die Dinge genauer an, so -geschah es selten oder nie. Man ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen -Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr -gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein -Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht -kommt, – eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem -wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein -könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit -fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in -seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden, -– ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte, -wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt -nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich nicht eine gewisse -Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein in der Tatsache aus, daß -er an den Schlechten Russentisch versetzt worden war? Womit übrigens -gegen den sogenannten Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste -gesagt sein soll! Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile -unter den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn -gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an diesem gereicht, -wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst faltete dort zuweilen, im -Turnus, die riesigen Hände vor seinem Teller; und die daran speisenden -Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch -kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich -benahmen. - -Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren großer -Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern eher von der -jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung überhaupt untersichtig -bleibt, oder wie das Gras, das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich -heimlich wächst, was denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist; -die Zeit, eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten -zusammensetzt (wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich -fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es anfangen, eine Linie -hervorzubringen): die Zeit also hatte in ihrer schleichend -untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen Art fortgefahren, -Veränderungen zu zeitigen. Der Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu -nennen, war eines Tages – aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern -ganz unbestimmt von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten -ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen aufstand, den -Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und herunterkam. Unmerklich hatte -das Blättchen sich gewendet, er nahm sie selbst auf den Schoß bei -solchen Gelegenheiten, und das machte beiden Teilen ebensoviel -Vergnügen, sogar noch mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht -sagen: erblüht, aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht -gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das Aufschießen -dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. Das Zeitliche -segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten Jahre starb er an der -Krankheit, für die er aufnahmelustig gewesen, und in seinem Zimmer wurde -gestöbert. Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer -Unterschied war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen. - -Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische Todesfälle, -die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals ihn näher angegangen -hätten. Wir denken an das kürzlich erfolgte Ableben des alten Konsul -Tienappel, Hansens Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er -hatte unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und es -Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der Apoplexie -hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, und die drahtlich -knapp, aber zart und schonend abgefaßte Nachricht von seinem Hintritt – -zart und schonend mehr mit Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den -Empfänger der Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps -vorzüglichen Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes -Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, die -Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist zu -betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt und verboten -sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, um dem Großonkel das -letzte Geleite zu geben. - -Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten Hans Castorps -Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, der sinnender war als -gewöhnlich. Dieser Sterbefall, dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig -gewesen wäre und durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast -nichts herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch einer -Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre gleich, gab dem, was -Hans Castorp mit Recht die Freiheit nannte, letzte Vollständigkeit. -Wirklich war in der späten Zeit, von der wir sprechen, jede Fühlung -zwischen ihm und dem Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine -Briefe dorthin und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von -dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, und der -er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein Fabrikat, das -selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten Strapazen -hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man einfach wie am Meere lag -und es aushalten konnte, – eine besonders gut gepflegte -Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, etwas gedrungener, als Maria, -mausgrau von Farbe, mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild -im Charakter und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern -des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, daß sie -dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte dienen können und -ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, denn seine Taschenuhr trug -er nicht mehr. Sie stand, sie war ihm eines Tages vom Nachttisch -gefallen, und er hatte davon abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf -setzen zu lassen, – aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den -Besitz von Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur -Vorbelehrung über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet -hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, dem -stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen Zauber, für den -der Entrückte sich aufnahmelustig erwiesen, und der das Grundabenteuer -seiner Seele gewesen, dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer -dieses schlichten Stoffes sich abgespielt hatten. - -So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der Zeit seiner -Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – das Jahr in sich selber. - -Da erdröhnte – - -Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen -von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein -Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, daß also der -Donnerschlag erdröhnte, von dem wir alle wissen, diese betäubende -Detonation lang angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und -Gereiztheit, – ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu -sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der -Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft -vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im Grase und reibt sich die -Augen, wie ein Mann, der es trotz mancher Ermahnung versäumt hat, die -Presse zu lesen. - -Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer ein wenig -abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, das Sorgenkind -seiner Erziehung über die unteren Vorgänge in großen Zügen zu -unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei einem Schüler gefunden, der sich -zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und -andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar -aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen -aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn nicht einmal allzu hart -schelten darf, da dies Verhältnis nicht letztgültig geklärt ist. - -Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem er -plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des horizontalen -Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und des Lebens berichtigend auf -ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt saß nun dieser, die Hände zwischen den -Knien, an dem Bette des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem -Tagesruhelager im separierten und traulichen Mansardenstudio mit den -Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft und -lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage, denn nicht oft mehr -war Herr Lodovico auf den Beinen. Naphtas krasses Ende, die -terroristische Tat des scharf verzweifelten Disputanten, hatte seiner -empfindsamen Natur einen harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht -davon erholen, unterlag seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine -Mitarbeit an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon aller -Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden zum Gegenstande -hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga wartete vergebens auf den -betreffenden Band ihrer Enzyklopädie, Herr Settembrini war gezwungen, -seine Mitwirkung an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu -beschränken, und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche Besuche -ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls hätte entbehren müssen. - -Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von Herzen über die -Selbstvervollkommnung der Menschheit auf gesellschaftlichem Wege. Seine -Rede ging wie auf Taubenfüßen, aber bald, wenn er etwa von der -Vereinigung der befreiten Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so -mischte sich – er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie -Rauschen von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die -Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen Erbe -des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur vereinigt hatte, – -genau wie Humanität und Politik sich vereinigten in dem Hoch- und -Toastgedanken der Zivilisation, diesem Gedanken voll Taubenmilde und -Adlerskühnheit, der seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das -Prinzip der Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige -Allianz der bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ... -Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war humanitär, -aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen, war er auch -kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen Naphta wie ein -Mensch benommen, im großen aber, wo die Menschlichkeit sich -begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges- und Herrschaftsidee der -Zivilisation verband und man die Pike des Bürgers am Altar der -Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft, ob er, unpersönlich, gemeint -blieb, seine Hand zurückzuhalten vom Blute; – ja die inneren Umstände -bewirkten, daß in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der -Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde durchschlug. - -Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen der Welt -zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen. Neulich, zwei oder -anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische Zusammenwirken -seines Landes mit Österreich in Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies -Zusammenwirken, das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien, -gegen Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte eben als -Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung und der -Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die große Leihgabe Frankreichs -an Rußland zum Zwecke des Baues eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich -widerstreitende Gefühle geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der -frankophilen Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn -man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution denjenigen -der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das Einverständnis der -erleuchteten Republik mit dem byzantinischen Skythentum schuf ihm -moralische Verlegenheit, – eine Beklemmung seiner Brust, die doch auch -wieder, beim Gedanken an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in -rasch atmende Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der -Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer, -ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu denen wir Herrn -Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans Castorp sah ihn wohl -privatmenschlich schaudern vor solcher Schreckenstat, sah aber auch -seine Brust sich heben beim Gedanken daran, daß es eine Volks- und -Befreiungstat war, die da geschehen, gerichtet gegen die Burg seines -Hasses, wenn auch hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen -Betreibens, was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die -äußerste Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen später, als -Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen zu kennzeichnen, -in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen er eingeweiht war, und die er -rasch atmend begrüßte ... - -Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach zusammengesetzt, -wie das Verhängnis, das er mit großer Schnelle sich ballen sah, und für -das er seinem Zögling mit halben Worten Augen zu machen suchte, während -doch eine Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt, -vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der ersten -Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er eine Gewohnheit -angenommen, dem Besucher beide Hände entgegenzustrecken und ihm die -seinen zu drücken, daß es dem Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht -recht zu Kopfe. „Mein Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver, -die Druckerpresse – unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn -Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden ... _Caro_ -...“ - -Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre Streckfolter die -Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp Herrn Settembrini nicht. Die -wüsten Zeitungen drangen nun unmittelbar aus der Tiefe zu seiner -Balkonloge empor, durchzuckten das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust -beklemmenden Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der -Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der Siebenschläfer -im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich langsam aufrichtete, -bevor er saß und sich die Augen rieb ... Wir wollen aber das Bild zu -Ende führen, um seiner Gemütsbewegung gerecht zu werden. Er zog die -Beine unter sich, stand auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert, -erlöst, befreit, – nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung -gestehen mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren -Außenmächten, denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief. -Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen verschwand, – -drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter und also von -göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich darin aus? Nahm das Leben sein -sündiges Sorgenkind noch einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern -eben nur so, auf diese ernste und strenge Art, im Sinn einer -Heimsuchung, die vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle -drei Ehrensalven für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen. -Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu einem -Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger die Grottendecke -des Sündenberges war. - -In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich -gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das wissen wir, -schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches Theater aus. In spröder -Wirklichkeit traf ihn der Mentor beim Kofferpacken, – denn seit dem -Augenblick seines Erwachens sah Hans Castorp sich in den Trubel und -Strudel von wilder Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im -Tale angerichtet. Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik. -Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich kopfüber -ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des gestürmten Zügleins -belastend, ohne Gepäck, wenn es sein mußte, das in Stapelreihen die -Steige des Bahnhofs bedeckte, – des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe -brenzlige Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans stürzte -mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich, er schloß ihn in -seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer (oder auch wie ein Russe) auf -beide Wangen, was unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig -genierte. Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr Settembrini -ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich „Giovanni“ nannte und -dabei die im gesitteten Abendland übliche Form der Anrede dahin fahren -und das Du walten ließ! - -„_E così in giù_,“ sagte er, – „_in giù finalmente! Addio, Giovanni -mio!_ Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht, aber sei es -darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht anders. Zur Arbeit -hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du kämpfen inmitten der Deinen. -Mein Gott, dir war es zugedacht und nicht unserm Leutnant. Wie spielt -das Leben ... Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann -jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner Kräfte -daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen, auf jener Seite, -wohin der Geist und heiliger Eigennutz es weisen. _Addio!_“ - -Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die den Rahmen -des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin. Auch Herr Settembrini -winkte mit der Rechten, während er mit der Ringfingerspitze der Linken -zart einen Augenwinkel berührte. - - * * * * * - -Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum? Dämmerung, -Regen und Schmutz, Brandröte des trüben Himmels, der unaufhörlich von -schwerem Donner brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem -Singen, wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine Bahn mit -Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet, von Stöhnen und -Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten will, und Trommeltakt, der -schleuniger, schleuniger treibt ... Dort ist ein Wald, aus dem sich -farblose Schwärme ergießen, die laufen, fallen und springen. Dort zieht -eine Hügelzeile sich vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich -manchmal zu wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland, -zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen -Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht und grundlos, -schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel hin, Baumstöcke ragen im -kalten Regen, nackt und entzweigt ... Hier ist ein Wegweiser, – unnütz -ihn zu befragen; Halbdunkel würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn -das Schild nicht von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder -West? Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue -Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und keineswegs -gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen, aber dahergeführt -vom Geist der Erzählung, um von den grauen, laufenden, stürzenden, -vorwärts getrommelten Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den -wir kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen Sünder, -dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal ins einfache Angesicht -zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen verlieren. - -Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte letzten -Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag gedauert hat, und das dem -Wiedergewinn jener Hügelstellung und der dahinterliegenden brennenden -Dörfer gilt, die vor zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein -Regiment Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im -Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der Bahn bis -zum Morgen und marschierten im Regen bis zum Nachmittag auf schlimmen -Wegen, – auf gar keinen Wegen, die Straßen waren verstopft, es ging -durch Äcker und Moor, sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel, -mit Sturmgepäck, und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht die -Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt mit dem -Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran aus dem quatschenden -Grunde ziehen. So haben sie eine Stunde gebraucht, um über eine kleine -Wiese zu kommen. Nun sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft, -ihre erregten und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in -Spannung gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf, der Nahrung -nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten, vom Sturmband -umrahmten Gesichter unter den grau bespannten, verschobenen Helmen -glühen. Sie glühen von Anstrengung und von dem Anblick der Verluste, die -sie beim Zuge durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind, -ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und -großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch den Wald -splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend, spritzend und flammend -das weite Sturzackerland peitscht. - -Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie müssen als -Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf die Gräben vor und hinter -der Hügelzeile, auf die brennenden Dörfer entscheiden und helfen, ihn -vorzutragen bis zu einem bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem -Befehl, den ihr Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend, -damit sie noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den -Dörfern anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein Körper, -darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln und siegen, den -Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra begrüßen zu können, – -ungeachtet derer, die sich vereinzelten, indem sie ausfielen. Manch -einer schon hat sich vereinzelt, fiel aus beim Gewaltmarsch, für den er -sich als zu jung und zart erwies. Er wurde blasser und wankte, forderte -verbissen Mannheit von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte -sich noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte -überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut war. Und -dann war der splitternde Wald gekommen. Aber der Hervorschwärmenden sind -immer noch viele; dreitausend können einen Aderlaß aushalten und sind -auch dann noch ein wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser -gepeitschtes Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten -Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter ihnen. Am -Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt, mit gedrillten -Griffen, das Zink ruft dringend, die Trommel klopft und rollt im -tieferen Donner, und vorwärts stürzen sie, wie es gehen will, mit -sprödem Schreien und qualtraumschwer die Füße, da die Ackerklüten sich -bleiern an ihre plumpen Stiefel hängen. - -Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um wieder -aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem Mutgeschrei, weil es -sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, sie fallen, mit den Armen -fechtend, in die Stirn, in das Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen, -die Gesichter im Kot, und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken -vom Tornister gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und greifen -krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald sendet neue, die -sich hinwerfen und springen und schreiend oder stumm zwischen den -Ausgefallenen vorwärts stolpern. - -Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren, seinen verschmutzten -Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich humanistisch-schönseliger Weise -auch andere Bilder erträumen in seiner Betrachtung. Man könnte es sich -denken: Rosse regend und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der -Geliebten am Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut, -auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß -unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß es das -freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem -Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende Sache für sich, sollte -jedoch kein Grund sein, es in die Lage zu bringen. - -Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz von weitem haben -wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er sich am Schlechten -Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt, wie alle. Er läuft -mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr in hängender Faust. Seht, er -tritt einem ausgefallenen Kameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit -seinem Nagelstiefel tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen -bedeckten Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man -in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu wissen, -so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für sich zu singen: - - „Ich schnitt in seine Rinde - So manches liebe Wort –“. - -Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund -anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut des -Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die Beine gespreizt, die -Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das Produkt einer verwilderten -Wissenschaft, geladen mit dem Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg -vor ihm wie der Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten -mit gräßlicher Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen von -Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum in die Lüfte -empor. Denn dort lagen zwei, – es waren Freunde, sie hatten sich -zusammengelegt in der Not: nun sind sie vermengt und verschwunden. - -O Scham unserer Schattensicherheit! Hinweg! Wir erzählen das nicht! Ist -unser Bekannter getroffen? Er meinte einen Augenblick, es zu sein. Ein -großer Erdklumpen fuhr ihm gegen das Schienbein, das tat wohl weh, ist -aber lächerlich. Er macht sich auf, er taumelt hinkend weiter mit -erdschweren Füßen, bewußtlos singend: - - „Und sei–ne Zweige rau–uschten, - Als rie–fen sie mir zu –“. - -Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt er uns aus den -Augen. - -Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine -Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder -kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir -haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst -simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß, -mußtest du’s irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen -nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich -gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den -Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen noch -hören werden in Zukunft. - -Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; -das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches -Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst. -Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. -Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, -ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben -sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll -und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem -Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den -regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen? - - _FINIS OPERIS_ - - - Von den Gesammelten Werken wurden 150 Exemplare auf - Hadern-Velin-Papier abgezogen, numeriert und vom Verfasser - signiert. Diese Exemplare werden nur in Subskription auf - das Gesamtwerk abgegeben. - - - Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die -Schreibweise häufig vorkommender Namen wurde vereinheitlicht. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme späterer Auflagen, sind hier -aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 22]: - ... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einem ja ... - ... Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einen ja ... - - [S. 32]: - ... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut und ... - ... worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut ... - - [S. 46]: - ... Reizwucherung derselben aufzufassen, während der andere, als ... - ... Reizwucherung desselben aufzufassen, während der andere, als ... - - [S. 56]: - ... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliegenden ... - ... metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden ... - - [S. 59]: - ... Naphta bei Ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, - ohne ... - ... Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, - ohne ... - - [S. 61]: - ... unvergleichlich höherem Ehrenstand. Bernhard von Clairvaux ... - ... unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux ... - - [S. 64]: - ... dem Tode zu tun bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch ... - ... dem Tode zu tun zu bekommen, – mit dem ja letzten Endes - auch ... - - [S. 102]: - ... Daß seine Seele das Geld ist, ficht sie offenbar nicht an. - Oder ... - ... Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht an. - Oder ... - - [S. 115]: - ... wie er da in dem Loch mir all seiner Seide ...“ ... - ... wie er da in dem Loch mit all seiner Seide ...“ ... - - [S. 139]: - ... sprachen Sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ... - ... sprachen sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und ... - - [S. 166]: - ... es töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, - damit ... - ... sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, - damit ... - - [S. 184]: - ... übertrieben, es komme den Kranken gar nicht zu und sei - insofern ... - ... übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei - insofern ... - - [S. 186]: - ... sei; und zu glauben, für diesen bedeute die Halluzination - ein ... - ... sei; und zu glauben, für diese bedeute die Halluzination ein ... - - [S. 188]: - ... und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtut, ... - ... und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtat, ... - - [S. 218]: - ... als das Nichtatmen der Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ... - ... als das Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge ... - - [S. 240]: - ... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung darin bestand, ... - ... dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, ... - - [S. 274]: - ... binnen Halbjahrsfrist zu erwartender Wiederkehr. ... - ... binnen Halbjahrsfrist zu erwartende Wiederkehr. ... - - [S. 295]: - ... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor ihr Schweigen ... - ... nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen ... - - [S. 296]: - ... Großmeisters, Bruders Quartier la Tente vom - dreiunddreißigsten ... - ... Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom - dreiunddreißigsten ... - - [S. 329]: - ... es Hans Castorp, der den Regungs- und Hauchlosen mit der ... - ... es Hans Castorp, der dem Regungs- und Hauchlosen mit der ... - - [S. 340]: - ... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihm - an: ... - ... neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihn - an: ... - - [S. 357]: - ... seiner Erscheinung nicht, ohne die Aufforderung an sein Herz, - sich ... - ... seiner Erscheinung, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz, - sich ... - - [S. 400]: - ... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wieder ging; - und ... - ... mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und ... - - [S. 405]: - ... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er sie fördern? ... - ... alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? ... - - [S. 416]: - ... denn wenn jener böse sei, müsse auch dieser, als reine - Verneinung, ... - ... denn wenn jenes böse sei, müsse auch dieser, als reine - Verneinung, ... - - [S. 420]: - ... ganz groß und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und - Ehrenraptus, ... - ... ganz grob und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und - Ehrenraptus, ... - - [S. 441]: - ... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit - zurückdämmernder ... - ... „Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit - zurückdämmender ... - - [S. 483]: - ... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von der die erste - einen ... - ... Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste - einen ... - - [S. 486]: - ... Denker, denn wem immer ihn an der Brust zu ergreifen ... - ... Denker, denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen ... - - [S. 500]: - ... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichem - Umfang ... - ... herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen - Umfang ... - - [S. 507]: - ... dieses gestutzten kleines Sarges aus Geigenholz, ... - ... dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz, ... - - [S. 510]: - ... Die Entrüstung des Amneris über diese pfäffische Härte ... - ... Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte ... - - [S. 524]: - ... galt, mochte seinem pädagogischem Sinn wohl als ... - ... galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als ... - - [S. 542]: - ... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichen ... - ... Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem ... - - [S. 543]: - ... in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatliche Meere auf ... - ... in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf ... - - [S. 550]: - ... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einem ... - ... sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen ... - - [S. 557]: - ... fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischen Zungen-r ... - ... fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem Zungen-r ... - - [S. 560]: - ... Herrn Wehsal, der auf ihm folgte. Neben dem Doktor saßen ... - ... Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben dem Doktor saßen ... - - [S. 575]: - ... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit her - gesessen, ... - ... ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier - gesessen, ... - - [S. 580]: - ... 18. Juni 19.., das zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ... - ... 18. Juni 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit ... - - [S. 586]: - ... häufig genug die Grenze der geistig Gesunden überschritten. ... - ... häufig genug die Grenze des geistig Gesunden überschritten. ... - - [S. 593]: - ... Wir hatten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ... - ... Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf ... - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZAUBERBERG *** - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the -United States without permission and without paying copyright -royalties. 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