summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/67541-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-22 03:50:48 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-01-22 03:50:48 -0800
commitded7ea739113a83cab1708f7c8bc679b46a86c31 (patch)
tree6b3cf7c763a86250987c94b008edbdb9135319f3 /old/67541-0.txt
parentc131e972f906bc7b2693ed84ed5ccdc5e367424b (diff)
NormalizeHEADmain
Diffstat (limited to 'old/67541-0.txt')
-rw-r--r--old/67541-0.txt43585
1 files changed, 0 insertions, 43585 deletions
diff --git a/old/67541-0.txt b/old/67541-0.txt
deleted file mode 100644
index e5f92ea..0000000
--- a/old/67541-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,43585 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook of Sämtliche Werke 9-10: Die Brüder
-Karamasoff, by Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
-will have to check the laws of the country where you are located before
-using this eBook.
-
-Title: Sämtliche Werke 9-10: Die Brüder Karamasoff
-
-Author: Fjodor Michailowitsch Dostojewski
-
-Editor: Arthur Moeller van den Bruck
-
-Translator: E. K. Rahsin
-
-Contributor: Dmitri Mereschkowski
-
-Release Date: March 2, 2022 [eBook #67541]
-
-Language: German
-
-Produced by: the Online Distributed Proofreading Team at
- https://www.pgdp.net. This book was produced from images
- made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 9-10: DIE
-BRÜDER KARAMASOFF ***
-
-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke
-
- Unter Mitarbeiterschaft von Dmitri Mereschkowski
- herausgegeben von Moeller van den Bruck
-
- Übertragen von E. K. Rahsin
-
-
- Erste Abteilung: Neunter und zehnter Band
-
-
- F. M. Dostojewski
-
-
-
-
- Die Brüder Karamasoff
-
-
- Roman
-
-
- R. Piper & Co. Verlag, München
-
-
- R. Piper & Co. Verlag, München, 1914
- Vierte Auflage
-
-
- Copyright 1914 by R. Piper & Co., G. m. b. H.,
- Verlag in München.
-
- [Illustration: F. M. Dostojewski]
-
-
- Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das
- Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so
- bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es
- viele Früchte.
-
- Ev. Johannis, Kap. XII, 24.
-
-
-
-
- Inhalt
-
-
- Erstes Buch: Die Geschichte einer Familie
- Seite
- I. Kap. Fedor Pawlowitsch Karamasoff 1
- II. „ Der erste Sohn 7
- III. „ Die zweite Frau und deren Kinder 12
- IV. „ Der dritte Sohn Aljoscha 23
- V. „ Die Startzen 38
-
- Zweites Buch: Die unschickliche Versammlung
- I. Kap. Die Ankunft im Kloster 55
- II. „ Der alte Narr 64
- III. „ Die gläubigen Weiber 80
- IV. „ Die kleingläubige Dame 94
- V. „ Und es geschehe also 108
- VI. „ Wozu lebt solch ein Mensch? 125
- VII. „ Der Seminarist und Streber 144
- VIII. „ Der Skandal 160
-
- Drittes Buch: Die Wollüstlinge
- I. Kap. In der Bedientenstube 176
- II. „ Lisaweta Ssmerdjäschtschaja 186
- III. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Versen 193
- IV. „ Die Beichte eines heißen Herzens. In Prosa 208
- V. „ Die Beichte des heißen Herzens. „Kopfüber hinab“ 222
- VI. „ Ssmerdjäkoff 237
- VII. „ Die Kontroverse 247
- VIII. „ Beim Gläschen 257
- IX. „ Die Wollüstlinge 271
- X. „ Beide zusammen 281
- XI. „ Noch ein verlorener Ruf 301
-
- Viertes Buch: Ausbrüche
- I. Kap. Pater Ferapont 316
- II. „ Beim Vater 335
- III. „ Die kleinen Schuljungen 344
- IV. „ Bei Chochlakoffs 352
- V. „ Im Empfangssalon 364
- VI. „ In der Stube 385
- VII. „ Und in frischer Luft 400
-
- Fünftes Buch: Pro und Contra
- I. Kap. Das Verlöbnis 420
- II. „ Ssmerdjäkoff mit der Gitarre 440
- III. „ Die beiden Brüder 452
- IV. „ „Empörung“ 470
- V. „ „Der Großinquisitor“ 492
- VI. „ Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch 532
- VII. „ „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein 553
- Vergnügen“
-
- Sechstes Buch: Ein russischer Mönch
- I. Kap. Der Staretz Sossima und seine Gäste 569
- II. „ Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott
- verschiedenen Priestereinsiedlermönches, des
- Staretz Sossima, zusammengestellt nach dessen
- eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch
- Karamasoff. Biographische Aufzeichnungen
- a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima 577
- b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz 584
- Sossima
- c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den 594
- Knaben- und Jugendjahren seines weltlichen
- Lebens. Das Duell
- d) Der geheimnisvolle Gast 607
- III. „ Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz
- Sossima
- e) Einiges über den russischen Mönch und seine 630
- Bedeutung
- f) Einiges über Herren und Diener: Kann es 635
- zwischen Herr und Diener eine geistige
- Bruderschaft geben?
- g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung 642
- mit anderen Welten
- h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom 647
- Glauben bis ans Ende
- i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer. Eine 651
- mystische Betrachtung
-
- Siebentes Buch: Aljoscha
- I. Kap. Der Verwesungsgeruch 656
- II. „ Solch ein Augenblick 678
- III. „ Das Zwiebelchen 688
- IV. „ Die Hochzeit zu Kana in Galiläa 722
-
- Achtes Buch: Mitjä
- I. Kap. Kusjma Ssamssonoff 731
- II. „ Ljägawyj 750
- III. „ Die Goldgruben 763
- IV. „ In der Dunkelheit 784
- V. „ Der plötzliche Entschluß 795
- VI. „ „Ich fahre!“ 825
- VII. „ Der Erste und Unbestrittene 840
- VIII. „ Rausch 871
-
- Neuntes Buch: Die Voruntersuchung
- I. Kap. Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin 897
- II. „ Der Alarm 910
- III. „ Der Gang der Seele durch die Hölle. Das erste 922
- Purgatorium
- IV. „ Zweites Purgatorium 939
- V. „ Das dritte Purgatorium 954
- VI. „ Der Staatsanwalt 976
- VII. „ Mitjäs großes Geheimnis 991
- VIII. „ Die Aussagen der Zeugen. „Das Kindichen“ 1014
- IX. „ Wie Mitjä fortgeführt wurde 1032
-
- Zehntes Buch: Die Knaben
- I. Kap. Koljä Krassotkin 1041
- II. „ Die Gören 1051
- III. Kap. Die Schüler 1062
- IV. „ Shutschka 1077
- V. „ An Iljuschas Bettchen 1092
- VI. „ Frühe Entwicklung 1122
- VII. „ Iljuscha 1135
-
- Elftes Buch: Iwan Fedorowitsch
- I. Kap. Bei Gruschenka 1143
- II. „ Das kranke Füßchen 1162
- III. „ Das Teufelchen 1182
- IV. „ Die Hymne und das Geheimnis 1194
- V. „ „Nicht du, nicht du!“ 1221
- VI. „ Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff 1233
- VII. „ Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff 1252
- VIII. „ Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff 1271
- IX. „ Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb 1303
- X. „ „Das hat Er gesagt!“ 1341
-
- Zwölftes Buch: Der Justizirrtum
- I. Kap. Der verhängnisvolle Tag 1352
- II. „ Die gefährlichen Zeugen 1366
- III. „ Die ärztliche Expertise und die Geschichte von 1383
- dem einen Pfund Nüsse
- IV. „ Das Glück lächelt Mitjä 1393
- V. „ Die Katastrophe 1410
- VI. „ Die Rede des Staatsanwalts: Die Charakteristik 1428
- VII. „ Der Überblick 1448
- VIII. „ Über Ssmerdjäkoff 1459
- IX. „ Der Schluß der Rede des Staatsanwalts: Der Gipfel 1479
- der Psychologie. Die jagende Troika
- X. „ Die Rede des Verteidigers. Ein Stock hat zwei 1503
- Enden
- XI. „ Kein Geld. Keine Beraubung 1512
- XII. „ Und kein Mord 1524
- XIII. Kap. Der Übertreter des Gebots 1539
- XIV. „ Das Urteil der Bauern 1555
-
- Epilog
- I. Kap. Pläne zu Mitjäs Rettung 1569
- II. „ Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit 1579
- III. „ Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein 1595
-
-
-
-
- Zur Einführung.
- Bemerkungen über Dostojewski
-
-
-Zwanzig Jahre haben wir nach dem Tode Dostojewskis gebraucht, um zu
-begreifen, daß wir heute keine zufällige „Degeneration“, keinen
-zeitweiligen „Niedergang“, keine, wie man meint, aus dem Westen
-herübergebrachte Dekadenz, sondern das lange vorbereitete, natürliche
-und notwendige Ende der russischen Literatur erleben. Furchtbar ist es
-uns, das einzugestehen. Vielleicht aber liegt in diesem Furchtbaren
-zugleich auch Freudiges für uns, vielleicht ist die russische Literatur,
-so groß sie auch sein mag, doch noch kleiner als das russische Leben?
-Vielleicht ist das Ende der russischen Literatur d. h. unserer großen
-russischen Anschauungsweise, der Anfang zu der großen russischen Tat?
-
-Erst jetzt, da die russische Literatur ihr Ende erreicht hat, oder
-wenigstens ein vollkommen bestimmter, unwiederholbarer Kreis ihrer
-Entwicklung sich abschließt, erst jetzt fangen wir an zu verstehen, was
-eigentlich von den dreißiger bis zu den achtziger Jahren des XIX.
-Jahrhunderts in Rußland vor sich gegangen ist, von Puschkins „Onégin“
-bis zu „Anna Karenina“ und den „Brüdern Karamasoff“. Um in der
-Weltkultur etwas dieser plötzlichen Offenbarung, oder richtiger, etwas
-diesem Ausbruch geistiger Kräfte Ähnliches zu finden, müßte man zur
-Entwicklung der griechischen Tragödie von Äschylos’ „Prometheus“ bis zu
-Euripides’ „Alkestis“ oder zur Geschichte der Malerei der italienischen
-Renaissance zurückgreifen.
-
-Acht Jahrhunderte lang, seit dem Anfang Rußlands bis zu Peter, schliefen
-wir; in dem Jahrhundert von Peter bis Puschkin begannen wir zu erwachen;
-und dann, in dem halben Jahrhundert von Puschkin bis Tolstoj und
-Dostojewski, durchlebten wir nach dem plötzlichen Erwachen, das erfolgt
-war, drei ganze Jahrtausende der westeuropäischen Menschheit. Der Atem
-vergeht einem von dieser Schnelligkeit des Erwachens, die der
-Schnelligkeit eines Steinfluges in den Abgrund gleichkommt. L. Tolstoj
-und Dostojewski – diese beiden Gipfel der russischen Kultur – wurden vom
-ersten Strahl der furchtbaren Sonne erleuchtet, wie bis jetzt noch kein
-einziger aller Gipfel der westeuropäischen Kultur erleuchtet worden ist.
-Diese furchtbare Sonne aber, das ist der Gedanke an das Ende der
-Weltgeschichte.
-
-Ich fühle die mir drohende Gefahr, das Heiligste lächerlich zu machen,
-denn für die Kinder dieses Jahrhunderts, für die Menschen der ewigen
-Mittelmäßigkeit, des endlosen „Fortschritts“, der Weiterentwicklung der
-Welt, gibt es nichts Lächerlicheres, Dümmeres, Unwahrscheinlicheres,
-Beleidigenderes als diesen Hauptgedanken des ganzen Christentums – der
-Gedanke an das Ende der Welt. Doch ich beruhige mich damit, daß mich
-jetzt ja doch niemand oder so gut wie niemand hören wird: meine Worte,
-die uns wie Donnergetöse betäuben, werden den „Menschen dieses
-Jahrhunderts“ kaum vernehmbares Geflüster scheinen.
-
-„Allem ist das Ende nahe,“ „Kinder, es ist die letzte Stunde,“
-wiederholte vor dem Tode der hundertjährige Greis, der geliebte Jünger
-des Herrn, der an Seinem Herzen geruht und das Geheimnis dieses Herzens
-gehört hatte – Johannes, „der Sohn der Gewitter“. Ja, je näher wir dem
-Herzen des Herrn sind, um so verständiger wird dieser sein geheimer
-Gedanke – der Gedanke an das Ende.
-
-Fast zwei Jahrtausende sind seit der Zeit vergangen, als dieses Wort
-gesagt ward: „Das Ende der Welt ist nahe“ – das Ende aber kommt nicht.
-„Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter
-entschlafen sind, bleibt alles, wie es von Anfang der Kreatur gewesen
-ist“ (Zw. Sendschr. Petri III, 4). Und gerade jetzt glauben die Menschen
-mehr denn je, daß es ein Ende überhaupt nicht geben werde, daß eher
-seine Worte vergehen werden, als Himmel und Erde. Doch selbst wenn die
-Zentripetalkraft unseres Planeten noch für ganze zwei Jahrtausende
-ausreichte – für zwei Augenblicke vor dem Angesicht des Ewigen – was hat
-das zu sagen? Ist es doch unmöglich, daß wir das _nicht_ sehen, was wir
-erblickt haben.
-
-Gleich denen, die, auf einer Höhe stehend, über die Köpfe der Menschen
-hinweg das ihnen Nahende erblicken, während dieses der unter ihnen
-stehenden Masse vorläufig noch unsichtbar ist, haben wir, über alle
-kommenden Jahrhunderte und möglichen geschichtlichen Ereignisse hinweg,
-das Ende der Weltgeschichte erblickt.
-
-Das Anzeichen unserer neuen Annäherung an Christus ist dieser plötzlich
-zu gleicher Zeit auf allen äußersten, höchsten Punkten des
-Menschengeistes aufdämmernde Gedanke an das Ende. „Der Mensch ist etwas,
-das überwunden werden muß,“ also spricht Zarathustra-Nietzsche. „Das
-Menschengeschlecht muß erlöschen“ – stimmt L. Tolstoj Nietzsche bei.
-„Das Ende der Welt kommt,“ gibt auch Dostojewski zu.
-
-Alle drei haben sie sich auf diese für die zeitgenössischen Menschen des
-unendlichen „Fortschritts“ lächerlichste und unwahrscheinlichste, für
-uns furchtbarste und glaubwürdigste Prophezeiung gleichsam verschworen:
-„Das Ende ist nahe“.
-
-Nicht umsonst stimmt das, was auf den höchsten Gipfeln der russischen
-und universalen Kultur aufgedämmert ist, mit dem überein, was in dem
-tiefsten Elemente des russischen Volkes vor sich geht: nicht umsonst hat
-in den letzten drei Jahrhunderten gerade das russische Volk so
-hartnäckig und unablässig wie kein einziges der anderen westeuropäischen
-Völker über das Ende der Welt nachgedacht.
-
-Wir sind „Dekadente“, obgleich auch unsere „Dekadenz“ vielleicht etwas
-Verwandtes, Volkliches, Russisches ist – das nicht von außen, sondern
-von innen kommt, nicht aus Westeuropa, sondern aus der Tiefe, aus dem
-blutverwandtesten Mutterschoß der russischen Erde (ist denn Dostojewski
-vom Gesichtspunkte des klassischen, akademischen Puschkin nicht
-„dekadenter“ als wir alle?); vielleicht ist auch unsere „Dekadenz“
-gleichfalls etwas Historisch-Natürliches, etwas Notwendiges, denn was
-sind wir anderes, als das natürliche und notwendige Ende der russischen
-Literatur, die selbst das Ende von etwas noch Größerem ist? Mögen wir
-die Schwächsten der Schwachen sein. „In der Schwäche vollendet sich
-unsere Kraft.“ Unsere Kraft aber besteht darin, daß uns selbst der
-Mächtigste aller Teufel mit keiner einzigen Verlockung der ewigen
-Mittelmäßigkeit, des unendlichen „Fortschritts“ gewinnen kann. Wir
-nehmen keine Durchschnittsphilosophie an, denn wir glauben an das Ende,
-sehen das Ende, wollen das Ende, denn wir selbst – sind das Ende oder
-wenigstens der Anfang vom Ende. In unseren Augen liegt ein Ausdruck, der
-noch nie in Menschenaugen gelegen hat; in unseren Herzen ist ein Gefühl,
-das kein einziger Mensch nun schon seit neunzehn Jahrhunderten mehr
-empfunden hat, seit der Zeit, als dem Einsiedler von Pathmos die Vision
-erschien: „Und der Geist und die Braut sagen: komm! und der es hört,
-sage: komm! Es spricht, der solches zeuget: wahrlich, ich komme bald!
-Amen. Wahrlich, komme, Herr Jesus Christus!“
-
-Wir sind wie Gräser auf dem äußersten Rande eines steilen Abhanges, auf
-einer Höhe, wo nichts mehr wächst. Dort unten in den Tälern reichen hohe
-Eichenbäume mit ihren Wurzeln bis tief hinein in die Erde. Wir aber sind
-die Schwachen, Kleinen, von der Erde aus kaum Sichtbaren, wir stehen
-unbeschützt vor allen Winden und Stürmen, fast wurzellos, fast verwelkt.
-Dafür stehen wir früh morgens, wenn die Wipfel der Eichen noch dunkel
-sind, schon im Licht; wir sehen das, was noch niemand sieht; wir sind
-die ersten, die die Sonne des großen Tages sehen; wir sind die ersten,
-die zu Ihm sagen:
-
- „Wahrlich, Herr, komme!“
-
- Dmitri Mereschkowski.
-
-
-
-
- Vorwort
-
-
-Die „Brüder Karamasoff“ sind das Epos aller der dunklen Innenmächte, die
-durch das Russentum drängen. In seinen anderen Romanen, vor allem in
-„Rodion Raskolnikoff“ und in den „Dämonen“, hat sich Dostojewski mit
-erklärt zeitlichen Werten, moralkritischen oder kritischpolitischen, auf
-eine neue und großartige Weise auseinandergesetzt. In den „Karamasoffs“
-dagegen ist Allgemein-Volkliches und im volklichen Sinne Ewiges
-ausgedrückt. Deshalb wirken jene in ihrer Knappheit und Schärfe fast wie
-Dramen, die „Brüder Karamasoff“ dagegen sind in der heiligen Schwere,
-mit der ihr erregender und leidenschaftlicher Inhalt vorgetragen wird,
-ein echtes Epos.
-
-Zwar sollte noch ein großer Schlußteil das für alles Russentum geradezu
-typische Geschlecht der Karamasoff unmittelbar einführen in
-religiös-politische Gegenwartskonflikte. Ausdrücklich kündete
-Dostojewski an: „Dieser Schlußteil wird die Tätigkeit meines Helden
-(Aljoscha Karamasoff) in unserer Zeit bringen, gerade im gegenwärtigen
-Augenblick.“ Aber dieser Schlußteil ist ungeschrieben geblieben. Warum?
-Der äußere Grund lautet: Dostojewski starb über der Vollendung seines
-Hauptwerkes. Etwa vom Jahre 1870 an hatte ihn die Idee der „Brüder
-Karamasoff“ beschäftigt. Doch immer wieder schob sich zwischen die
-Niederschrift anderes: die „Dämonen“ und die Hauptmasse seiner
-kritischen Schriften, in denen er gleichfalls seine tiefsten und
-notwendigsten russischen Gedanken ausdrücken konnte – bis er dann
-endlich in den Jahren 1879 und 1880 sein Werk wenigstens zu der
-vollendeten und doch unabgeschlossenen Form brachte, in der wir es heute
-kennen. Das Jahr 1881 aber war dann, schon im Januar, das Todesjahr
-Dostojewskis.
-
-Doch die Beziehungen zwischen der Entwicklungsgeschichte der Werke eines
-Genies und dem Leben des Genies pflegen niemals bloß äußerliche zu sein.
-Diese inneren Gründe, die Dostojewski verwehrten, das Epos der
-Karamasoff in einem Umkreise abzurunden, der alle russischen
-Möglichkeiten in der Summe erfaßte und aussprach, hat zuerst
-Mereschkowski klar erkannt: „Die ‚Brüder Karamasoff‘ zu Ende zu führen,
-das war, wie sich zeigte, unmöglich für Dostojewski, denn dieses Ende
-war im Leben noch nicht vorhanden; und als hätte er selbst gefühlt, daß
-er alles getan, was möglich war, verließ er das Leben – er starb.“
-Gleichwohl liegt in den „Brüdern Karamasoff“ das Russentum, so weit es
-und so wie es sich bis heute entwickelt hat, in mächtiger Basis
-aufgerollt. Und vielleicht ist gerade ihr Prototypisches, daß
-Dostojewski wenigstens im Gedanken und in der Absicht den Versuch
-machte, den zentralen Ausdruck allen Russentums der Gegenwart wie der
-Zukunft aus dem Riesenplane zu heben. Das war nur möglich auf dem Wege
-einer vorbildhaften russischen Einheldigkeit, die an die Stelle des
-problematischen und nihilistischen Heldentums trat, das Dostojewski in
-seinen früheren Romanen auf dem Hintergrunde des leidenden und doch so
-wirklichen Heldentums in der russischen Volksbreite geschildert hatte.
-Von den drei Brüdern Karamasoff war Mitjä, der Enthusiast, der
-unendliche Lebensbejaher, die verkörperte Grundlage eines
-volklich-russischen Heldentums, in dem sich Güte mit Gewaltsamkeit,
-Empfindung mit Überschwang zu einer Einheit verband. Darüber hinaus
-sollte Aljoscha Karamasoff in der Kraft seiner naiven Reinheit zum
-russischen Einhelden auswachsen. Oder wäre nicht vielleicht doch Iwan
-Karamasoff, der Ideologe, dieser Einheld geworden? Aber hier bricht das
-Werk ab, wie hier das russische Leben abbricht, das nach außen als ein
-so festes und schweres Massiv erscheint und doch in seinem Innern von
-zersplitternden und zersetzenden Dualismen erfüllt ist, die sich nicht
-selbst befruchten, sondern eher gegenseitig aufheben.
-
- Moeller van den Bruck.
-
-
-
-
- Erstes Buch. Die Geschichte einer Familie
-
-
- I.
- Fedor Pawlowitsch Karamasoff
-
-Alexei Fedorowitsch Karamasoff war der dritte Sohn des Gutsbesitzers
-unseres Gouvernements Fedor Pawlowitsch Karamasoff, der seinerzeit – vor
-jetzt gerade dreizehn Jahren – durch sein tragisches und dunkles Ende,
-auf das ich noch später zu sprechen kommen werde, so viel von sich reden
-machte. Vorläufig will ich über diesen „Gutsbesitzer“, wie man ihn
-gewöhnlich bei uns nannte, obgleich er in seinem ganzen Leben fast nie
-auf seinem Gute wohnte, nur bemerken, daß er ein sehr eigenartiger
-Mensch war, ein Typ, den man aber, genau genommen, nicht einmal so
-selten antrifft: der Typ eines nichtsnutzigen und ausschweifenden
-Menschen, der zu gleicher Zeit ganz auffallend närrisch ist, – jedoch zu
-jener besonderen Art von Narren gehört, die ihre Geschäftchen immer
-vorzüglich zu machen verstehen, und zwar scheint das das einzige zu
-sein, was sie verstehen. Fedor Pawlowitsch, zum Beispiel, begann mit
-fast nichts in der Tasche. Von den Gutsbesitzern war er einer der
-ärmsten: er fuhr uneingeladen zu allen Bekannten zum Besuch und lebte so
-als ewiger Gast auf Kosten fremder Menschen, aber nach seinem Tode
-erwies es sich, daß er allein an barem Kapital runde hunderttausend
-Rubel besaß. Und doch war er sein ganzes Leben lang einer der
-einfältigsten Narren unseres Gouvernements. Ich will damit nicht sagen,
-daß er etwa dumm gewesen wäre – größtenteils sind diese Narren sogar
-sehr klug und schlau –, sondern gerade einfältig, und dazu war es bei
-ihm noch eine ganz besondere Einfältigkeit, eine nationale.
-
-Er war zweimal verheiratet gewesen und hatte drei Söhne, – den ältesten,
-Dmitrij Fedorowitsch, von der ersten Frau; die beiden anderen, Iwan und
-Alexei, von der zweiten. Die erste Gemahlin Fedor Pawlowitschs stammte
-aus dem wohlhabenden und angesehenen Adelsgeschlecht der Miussoffs, –
-gleichfalls Gutsbesitzer unseres Bezirks. Wie es kam, daß dieses reiche
-Mädchen – das dazu noch hübsch war und zu den temperamentvollen,
-intelligenten Frauen gehörte, die man in unserer Generation so häufig
-antrifft, die aber auch schon in der vergangenen auftauchten –, solch
-einen jämmerlichen Menschen heiraten konnte, will ich weiter nicht zu
-erklären versuchen. Kannte ich doch ein junges Mädchen, allerdings war
-es eines aus der vorigen „romantischen“ Generation, das sich nach
-etlichen Jahren rätselhafter Liebe zu einem Mann, den es zu jeder Zeit
-ruhig hätte heiraten können, schließlich die unüberwindlichsten
-Hindernisse ausdachte, die eine Vereinigung unbedingt ausschlossen, und
-die sich darauf in einer stürmischen Nacht von einem hohen Ufer, das
-fast einem Felsen glich, in einen ziemlich tiefen und reißenden Strom
-hinabstürzte und in ihm ertrank, – eigentlich doch nur deshalb, um der
-Shakespeareschen Ophelia zu gleichen. Ja, es ist sogar anzunehmen, daß
-sie, wenn an der Stelle des malerischen Felsens nur ein prosaisches,
-flaches Flußufer gewesen wäre, an die phantastische Idee, aus Liebe in
-den Tod zu gehen, überhaupt nicht gedacht hätte. Dieser Selbstmord ist
-aber Tatsache, und ich glaube annehmen zu dürfen, daß sich in unseren
-beiden letzten Generationen nicht selten Ähnliches zugetragen hat. Auch
-die Heirat Adelaida Iwanowna Miussoffs war ein Schritt von derselben Art
-und zweifellos auf fremde Einflüsse zurückzuführen. Vielleicht wollte
-sie durch ihn ihre weibliche Selbständigkeit beweisen, gegen die
-gesellschaftlichen Fesseln, gegen den Despotismus ihrer Eltern und
-Verwandten auftreten, und vielleicht hatte ihr noch die bereitwillige
-Phantasie die Überzeugung eingeflößt, wenn auch nur auf einen
-Augenblick, daß Fedor Pawlowitsch trotz seiner Rolle als ewiger
-Freischlucker einer der geistreichsten und eigenartigsten Spötter dieser
-Übergangsepoche sei, die zweifellos zu Besserem führte, obgleich er in
-Wirklichkeit doch nichts als ein boshafter Narr war. Das eigentlich
-Reizvolle der Sache bestand jedoch darin, daß sie von ihm entführt wurde
-– das aber war für sie ausschlaggebend. Hinzu kam, daß Fedor Pawlowitsch
-damals unbedingt, gleichviel mit welchen Mitteln, Karriere machen
-wollte, und so war er denn infolge seiner sozialen Lage geradezu
-gezwungen, sie zu entführen: war doch die Aussicht auf eine Mitgift und
-die Gelegenheit, zu einer reichen und angesehenen Familie in so nahe
-Beziehung zu treten, gar zu verführerisch. Was nun die beiderseitige
-Liebe anbelangt, so war die überhaupt nicht vorhanden, weder von seiten
-der Braut, noch, trotz deren Schönheit, von seiten Fedor Pawlowitschs, –
-eine Tatsache, die in ihrer Art denn auch den einzigen Ausnahmefall im
-Leben Fedor Pawlowitschs bildete, dieses größten Lüstlings, der sein
-Leben lang immer sofort bereit war, nach einerlei was für einem
-Weiberrock zu langen, wenn er ihn nur anlockte. So war also diese Frau
-die einzige, die, was seine Leidenschaft anbetraf, nicht den geringsten
-Eindruck auf ihn gemacht hatte.
-
-Adelaida Iwanowna kam denn auch schon bald nach der Entführung zur
-Überzeugung, daß sie für ihren Mann nur Verachtung empfinden konnte, und
-so stellten sich die Folgen dieser Heirat unverzüglich ein. Ungeachtet
-dessen, daß ihre Familie sich sehr bald darauf mit der Tatsache
-aussöhnte und der Entlaufenen die Mitgift auszahlte, kam es zwischen den
-Eheleuten doch zu unaufhörlichen Szenen. Später erzählte man, daß die
-junge Frau unvergleichlich mehr Anstand und Vornehmheit bewiesen habe
-als Fedor Pawlowitsch, der sich, wie man es jetzt genau weiß, fast ihr
-ganzes Geld, an fünfundzwanzigtausend Rubel, sofort einsteckte, so daß
-sie von diesen Tausenden nichts mehr zu sehen bekam. Das Gütchen jedoch
-und das Haus in der Stadt, die gleichfalls zu ihrer Mitgift gehörten,
-wollte er lange Zeit unbedingt auf seinen Namen überführen, und er würde
-auch bestimmt erreicht haben, was er wollte, da sein unaufhörliches
-Betteln und seine unverschämten Erpressungsversuche in ihr nur
-Verachtung und Ekel hervorriefen, und sie vielleicht aus seelischer
-Ermüdung, und um ihn los zu werden, schließlich eingewilligt hätte. Zum
-Glück aber trat ihre Familie für sie ein und machte diesen
-Erpressungsversuchen ein Ende. Wahr ist gleichfalls, daß zwischen ihnen
-nicht selten Prügeleien stattfanden, doch war es nach der Überlieferung
-nicht Fedor Pawlowitsch, der schlug, sondern Adelaida Iwanowna, die eine
-heißblütige, kühne, ungeduldige Dame von bräunlicher Gesichtsfarbe und
-nicht geringer körperlicher Kraft war. Schließlich aber hielt sie es
-doch nicht mehr aus und lief Fedor Pawlowitsch mit einem in Armut
-verkommenen Seminaristen, der übrigens Lehrer war, einfach davon, und
-überließ ihm außer ihrem Kapital noch ihren dreijährigen Sohn Mitjä.[1]
-Fedor Pawlowitsch machte aus seinem Hause sofort einen Harem und ein
-Lokal für die wüstesten Gelage, von Zeit zu Zeit aber fuhr er zu allen
-Bekannten, also fast durch das ganze Gouvernement, und beklagte sich mit
-Tränen in den Augen über Adelaida Iwanowna, wobei er so ausführlich von
-seinem Eheleben erzählte, wie es ein anderer Ehemann schon allein aus
-Schamgefühl nie getan haben würde. Es schien ihm beinahe angenehm und
-womöglich noch schmeichelhaft zu sein, diese lächerliche Rolle des
-gekränkten Gatten zu spielen und anderen sein Leid in allen Farben
-auszumalen. „Man könnte ja wirklich glauben, Fedor Pawlowitsch, daß Sie
-einen höheren Rang erhalten haben, so zufrieden scheinen Sie trotz Ihres
-vermeintlichen Kummers zu sein,“ sagten ihm denn auch manche, denen er
-sein Leid klagte, nicht ohne spöttische Verachtung. Viele fügten sogar
-noch hinzu, er solle sich doch nicht verstellen, da er ja im Grunde nur
-froh sei, eine neue Narrenrolle spielen zu können, und sich bloß, um die
-Komik zu erhöhen, den Anschein gäbe, als bemerke er die eigene
-Lächerlichkeit nicht. Wer aber kann es wissen, vielleicht war das alles
-wirklich ganz naiv von ihm? Endlich gelang es ihm, seiner Flüchtigen auf
-die Spur zu kommen. Die Arme befand sich in Petersburg, wohin sie mit
-ihrem Seminaristen gefahren war, und wo sie in der größten
-Ungebundenheit lebte. Fedor Pawlowitsch traf sofort große Anstalten zur
-Reise nach Petersburg – warum aber und wozu dorthin? – das wußte er
-natürlich selbst nicht. Vielleicht wäre er damals auch wirklich
-abgefahren, doch nachdem er einen so großen Entschluß gefaßt hatte,
-fühlte er sich sofort vollkommen berechtigt, sich zur Stärkung auf einen
-so weiten und schweren Weg vorher noch dem uferlosesten Trunk zu
-ergeben. Inzwischen aber erhielt die Familie seiner Frau die Nachricht
-von deren Tode. Sie war ganz plötzlich gestorben, irgendwo in einer
-Dachkammer, am Typhus, wie die einen behaupteten, oder wie die anderen
-meinten – vor Hunger. Als der gerade betrunkene Fedor Pawlowitsch die
-Nachricht vom Tode seiner Frau erhielt, soll er auf die Straße
-hinausgelaufen sein, die Hände wie zum Dank zum Himmel emporgehoben und
-laut ausgerufen haben: „Herr, nun lässest du mich in Frieden fahren!“ –
-Andere aber sagen, er habe wie ein kleines Kind geweint, und zwar so
-sehr, daß man für ihn trotz der Verachtung Mitleid habe empfinden
-können. Es ist sehr leicht möglich, daß sowohl das eine wie das andere
-wahr ist, daß er sich über seine Befreiung von ihr gefreut, und zu
-gleicher Zeit über ihren Tod geweint hat – beides zusammen. In den
-meisten Fällen sind die Menschen, und sogar Bösewichte, viel naiver und
-aufrichtiger, als wir es von ihnen voraussetzen. Ja, und wir selbst sind
-es doch gleichfalls. –
-
-
- II.
- Der erste Sohn
-
-Man kann sich natürlich denken, welch ein Erzieher oder Vater solch ein
-Mensch sein konnte. Fedor Pawlowitsch vergaß das Kind vollständig, doch
-nicht etwa aus Bosheit oder aus irgendwelchen beleidigten
-Gattengefühlen, sondern ganz einfach, weil er es eben vollkommen vergaß.
-Solange er noch trauerte, klagte und weinte und sein Haus dabei in eine
-unzüchtige Höhle verwandelte, nahm sich des kleinen, dreijährigen Knaben
-Grigorij, der treue Diener seines Hauses, an – wenn dieser es nicht
-getan hätte, so würde der Kleine kaum ein Hemdchen zum Wechseln gehabt
-haben, da auch die Familie seiner Mutter ihn in der ersten Zeit
-gleichfalls ganz vergaß. Sein Großvater Miussoff, der Vater Adelaida
-Iwanownas, war schon gestorben, und dessen Witwe, Mitjäs Großmutter, war
-nach Moskau übergesiedelt und dort erkrankt; ihre jüngeren Töchter
-heirateten gerade, und so blieb denn Mitjä ein ganzes Jahr beim Diener
-Grigorij und lebte in dessen Wohnung auf dem Hofe. Übrigens, wenn sich
-der Vater seiner auch erinnert hätte (denn er konnte doch unmöglich von
-seiner Existenz überhaupt nichts wissen), so würde er ihn doch selbst
-wieder in die Leutewohnung auf den Hof geschickt haben, da das Kind ihm
-bei diesem Völlerleben nur im Wege gewesen wäre. Doch da kehrte eines
-schönen Tages der Vetter der Verstorbenen, Pjotr Alexandrowitsch
-Miussoff, aus Paris zurück, wo er viele Jahre hindurch gelebt hatte. Er
-war damals noch ein ganz junger Mann, der sich aber unter den Miussoffs
-doch schon als aufgeklärter Großstädter und Ausländer auszeichnete; er
-fühlte sich von jeher als Europäer, und am Ende seines Lebens konnte er
-zu den Liberalen der vierziger und fünfziger Jahre gezählt werden.
-Natürlich stand er mit allen liberalen Größen seiner Epoche in Rußland
-wie im Auslande in Verbindung, kannte persönlich Proudhon und Bakunin,
-und liebte zum Schluß seiner Wanderschaft ganz besonders, sich der drei
-Tage der Pariser Februarrevolution zu erinnern und anzudeuten, daß er
-selbst beinahe auf den Barrikaden gestanden hätte. Das waren für ihn die
-schönsten Erinnerungen seiner Jugendjahre. Er besaß ein ansehnliches
-Vermögen – nach den früheren Verhältnissen gerechnet, ungefähr tausend
-Seelen. Sein wundervolles Gut lag ganz in der Nähe unsres Städtchens und
-grenzte an die Ländereien des berühmten Klosters, mit dem Miussoff
-sofort, nachdem er sein Erbe angetreten hatte, einen Prozeß begann
-(wegen irgendwelcher Rechte auf den Fischfang im Fluß oder auf das
-Holzfällen in einem Walde, ich weiß es nicht mehr ganz genau), da er als
-aufgeklärter Mensch selbstverständlich für seine bürgerliche Pflicht
-hielt, mit den „Klerikalen“ Prozeß zu führen. Als er nun das Schicksal
-Adelaida Iwanownas, deren er sich natürlich noch sehr gut erinnerte und
-für die er sich früher sogar interessiert hatte, erfuhr, und von ihrem
-Sohn Mitjä hörte, beschloß er sofort, sich trotz seines heftigen
-Unwillens über Fedor Pawlowitsch, in die Sache einzumischen. Bei der
-Gelegenheit war es denn, daß er Fedor Pawlowitsch zum erstenmal sah und
-kennen lernte. Er erklärte sich bereit, die Erziehung Mitjäs auf sich zu
-nehmen. Noch lange nachher erzählte er, gewissermaßen zur
-Charakterisierung Fedor Pawlowitschs, daß dieser, als er ihm von Mitjä
-gesprochen, ein Gesicht gemacht habe, als ob er überhaupt nicht
-verstehen könne, von welch einem Kinde die Rede sei und ersichtlich
-sogar sehr erstaunt gewesen wäre, zu hören, daß bei ihm im Hause
-irgendwo ein kleiner Sohn lebte. Wenn Pjotr Alexandrowitsch in seiner
-Erzählung auch etwas übertrieben haben mag, so muß doch immerhin etwas
-Wahres daran gewesen sein. Außerdem aber liebte es Fedor Pawlowitsch
-tatsächlich, sich plötzlich zu verstellen, oder eine ganz unerwartete
-Rolle zu spielen, und zwar, was die Hauptsache dabei schien, ohne daß
-die geringste Notwendigkeit dazu vorhanden gewesen wäre, mitunter sogar
-zu seinem eigenen Nachteil, wie z. B. in diesem Falle. Dieser Zug ist
-übrigens vielen Leuten eigen, und sogar sehr klugen Leuten, nicht nur
-solchen wie Fedor Pawlowitsch. Miussoff führte also die Sache durch und
-wurde sogar als Vormund des Knaben eingesetzt (zusammen mit Fedor
-Pawlowitsch natürlich), da doch dem Kleinen nach dem Tode der Mutter
-immerhin das Gütchen und das Haus verblieben. Mitjä wurde denn auch
-wirklich in das Haus Pjotr Alexandrowitschs gebracht; der aber hatte
-keine Familie, und da er selbst, nachdem er seine Wirtschafts- und
-Geldangelegenheiten auf dem Gute geordnet hatte, so schnell als möglich
-und auf lange Zeit wieder nach Paris eilte, so wurde das Kind einer
-Tante, einer älteren Dame, die in Moskau wohnte, anvertraut. Und so kam
-es denn, daß auch Miussoff in Paris den Knaben vollständig vergaß,
-besonders als diese Februarrevolution ausbrach, die ihm so imponierte,
-daß er sie sein Lebtag nicht vergessen konnte. Die Moskauer Dame aber
-starb bald darauf, und Mitjä kam zu einer ihrer verheirateten Töchter.
-Ich glaube, er hat dann noch einmal, zum viertenmal, das Nest
-gewechselt. Doch darüber werde ich mich weiter nicht verbreiten, da ich
-noch viel über diesen Erstling Fedor Pawlowitschs zu erzählen habe; ich
-will mich jetzt nur auf die notwendigsten Mitteilungen beschränken, ohne
-die ich den Roman nicht beginnen kann.
-
-Dieser Dmitrij Fedorowitsch war der einzige von den drei Söhnen Fedor
-Pawlowitschs, der mit dem Bewußtsein aufwuchs, daß er immerhin über
-einige Mittel verfügte und, wenn er mündig geworden, unabhängig sein
-werde. Seine Kinder- und Jugendjahre verlebte er ziemlich unordentlich:
-das Gymnasium beendete er nicht, darauf kam er auf eine Kriegsschule,
-diente dann im Kaukasus, hatte dort ein Duell, wurde deswegen
-degradiert, diente sich aber wieder in die Höhe, führte ein wildes Leben
-und gab verhältnismäßig viel Geld aus. Vor seiner Mündigkeit bekam er
-von Fedor Pawlowitsch kein Geld, lebte daher bis dahin von Schulden.
-Fedor Pawlowitsch, seinen Vater, lernte er erst nach seiner Mündigkeit
-kennen; er kam damals zum erstenmal in unsere Stadt, um sich mit ihm
-über seine Vermögensverhältnisse auszusprechen. Wie es schien, gefiel
-ihm sein Vater nicht, denn er verließ ihn sofort wieder, als er eine
-gewisse Summe erhalten und mit ihm über die weiteren Einnahmen seines
-Gutes verhandelt hatte; doch konnte er weder die Einkünfte, noch den
-Wert des Gutes jemals von seinem Vater erfahren. (Bitte das wohl zu
-beachten.) Fedor Pawlowitsch aber bemerkte damals sofort (und auch dies
-bitte nicht zu vergessen), daß Mitjä sich von seinem Vermögen eine
-unrichtige und übertriebene Vorstellung machte, womit Fedor Pawlowitsch
-jedoch sehr zufrieden war, denn er hatte dabei seine eigenen
-Berechnungen. Er sagte sich, daß der junge Mann leichtsinnig, stürmisch,
-leidenschaftlich, ungeduldig war und wild lebte, daß man ihn aber, wenn
-man ihm immer wieder etwas schickte, sehr wohl beruhigen könnte, wenn
-auch natürlich immer nur auf kurze Zeit. So begann dann Fedor
-Pawlowitsch seinen Sohn zu exploitieren, d. h. er speiste ihn mit
-kleinen Almosen und zufälligen Sendungen ab, und zum Schluß, als Mitjä
-nach vier Jahren seine Geduld endlich verlor und zum zweitenmal in unser
-Städtchen kam, um noch einmal mit seinem Vater die Angelegenheit zu
-besprechen, da erwies sich plötzlich zu seinem größten Erstaunen, daß er
-überhaupt nichts mehr zu verlangen hatte, daß er mit dem erhaltenen
-Gelde schon der Schuldner seines Vaters geworden war, daß er nach der
-und der Abmachung, die er selbst einmal, dann und dann, gewünscht, kein
-Recht mehr hatte, noch irgendetwas zu verlangen usw. Der junge Mann war
-sehr betroffen, witterte einen Betrug, geriet außer sich und schien fast
-den Verstand zu verlieren. Dieser Umstand führte dann zu der
-Katastrophe, deren Wiedergabe der Gegenstand meines ersten, einführenden
-Romanes, oder besser gesagt, sein äußerer Anlaß ist. Doch bevor ich zu
-dem Roman übergehe, muß ich noch von den beiden anderen Söhnen Fedor
-Pawlowitschs, Mitjäs Brüdern, erzählen, und erklären, wie er zu diesen
-beiden gekommen war.
-
-
- III.
- Die zweite Frau und deren Kinder
-
-Nachdem Fedor Pawlowitsch sich des vierjährigen Mitjä entledigt hatte,
-heiratete er kurz darauf zum zweitenmal. Diese Ehe dauerte acht Jahre.
-Ssofja Iwanowna, seine zweite Frau, war gleichfalls noch sehr jung, als
-er sie heiratete. Er lernte sie in einem andern Gouvernement kennen,
-wohin er in „Geschäftchen“ mit einem Juden gefahren war, denn wenn Fedor
-Pawlowitsch auch unsolide und ausschweifend lebte und viel trank, so
-hörte er doch nie auf, für die vorteilhafte Umsetzung seines Kapitals zu
-sorgen und überall gute Geschäftchen zu machen, wenn auch immer auf
-betrügerische Weise. Ssofja Iwanowna war als Tochter eines kleinen
-Diakons und als Ganzwaise in dem reichen Hause ihrer Wohltäterin,
-Erzieherin und Peinigerin, der angesehenen alten Witwe des Generals
-Worochoff, aufgewachsen. Ausführlicheres über sie weiß ich nicht, nur
-hörte ich, daß man die bescheidene, demütige Kleine einmal in der
-Kleiderkammer aus einer Schlinge gezogen hatte – so schwer war es ihr
-gewesen, die Launen und ewigen Vorwürfe dieser anscheinend bösen Alten
-zu ertragen, die aber eigentlich nur vom Nichtstun und der Langeweile zu
-diesem unerträglichen, launischen Parasit geworden war. Fedor
-Pawlowitsch warb um ihre Hand; man zog Erkundigungen über ihn ein und
-setzte ihn vor die Tür – da schlug er dann der Waise, wie bei seiner
-ersten Heirat, eine Entführung vor. Es ist sehr möglich, daß auch sie
-ihn um nichts in der Welt geheiratet haben würde, wenn sie etwas mehr
-über ihn erfahren hätte. Aber sie lebte ja in einem andern Gouvernement,
-und was hätte denn auch ein sechzehnjähriges Mädchen von allem dem
-verstanden, ganz abgesehen davon, daß sie vorgezogen hätte, in den Fluß
-zu gehen, als noch länger bei ihrer Wohltäterin zu bleiben. So
-vertauschte denn die Ärmste ihre Wohltäterin mit einem Wohltäter. Fedor
-Pawlowitsch, oder vielmehr seine Frau, bekam diesmal keine Kopeke
-Mitgift, da die Generalin über die Entführung in Wut geriet und nichts
-gab und sie obendrein noch beide verfluchte; er rechnete aber auch nicht
-darauf, sondern berauschte sich an der eigenartigen Schönheit dieses
-zarten Mädchens und vor allem an ihrem unschuldigen Ausdruck, der ihn,
-den Lüstling, der bis dahin nur der lasterhafte Liebhaber gemeiner
-Frauenschönheit gewesen war, ganz betroffen gemacht hatte. „Diese
-unschuldigen Äuglein fuhren mir wie ein Rasiermesser übers Herz!“
-erzählte er später mit seinem gemeinen Lachen. Aber auch das konnte für
-solch einen Menschen, wie Fedor Pawlowitsch, nur einen sinnlichen Reiz
-haben. Da sie also gar keine Mitgift bekam, machte er mit ihr weiter
-keine Zeremonien und benutzte es, daß sie vor ihm, wie er sagte,
-„schuldig“ war und er sie „aus der Schlinge gezogen“ hatte, benutzte
-außerdem noch ihre phänomenale Güte und Unselbständigkeit, und trat
-jeglichen ehelichen Anstand einfach mit Füßen. So führte er nach wie vor
-die berüchtigsten Weibsbilder in sein Haus und feierte ungestört seine
-Orgien mit ihnen. Als charakteristischen Zug will ich hier noch
-anführen, daß der Diener Grigorij, ein finsterer, eigensinniger und
-dummrechthaberischer Mensch, der seine frühere Herrin, Adelaida
-Iwanowna, geradezu gehaßt hatte, nun aber entschieden zur neuen Herrin
-hielt, diese immer verteidigte, Fedor Pawlowitsch auf eine für einen
-Diener fast unerhörte Weise ihretwegen durchschimpfte, und einmal sogar,
-als wieder eine Orgie gefeiert wurde, alle Weiber mit Gewalt aus dem
-Hause jagte. Die unglückliche, von Kindheit an so verschüchterte junge
-Frau bekam späterhin ein nervöses Frauenleiden, das man sonst wohl am
-häufigsten im Volke antrifft, bei den Bäuerinnen, die dann
-„Klikuschi“[2] genannt werden. Durch die schrecklichen, hysterischen
-Anfälle dieser Krankheit verlor die Arme zeitweilig sogar ihren
-Verstand. Sie gebar aber Fedor Pawlowitsch doch zwei Söhne, Iwan und
-Alexei, den älteren im ersten Jahr ihrer Ehe und drei Jahre danach den
-jüngeren. Als sie starb, war der kleine Alexei kaum vier Jahre alt, doch
-jedenfalls war Eines Tatsache, wie unglaublich es klingen mag: er konnte
-sich, wie ich genau weiß, seiner Mutter noch sein ganzes Leben lang
-erinnern, wenn diese Erinnerung auch etwas verschwommen, wie ein halber
-Traum war. Nach ihrem Tode geschah mit ihren beiden Söhnen genau
-dasselbe, was mit dem ersten, Mitjä, geschehen war: sie wurden vom Vater
-vollkommen vergessen und kamen zu demselben Grigorij in dieselbe Stube.
-In dieser Stube fand sie denn auch die alte Generalin, die Wohltäterin
-und Erzieherin ihrer Mutter. Sie lebte noch und konnte selbst nach acht
-Jahren die ihr zugefügte Beleidigung nicht vergessen. Vom Leben und
-Treiben ihrer Ssofja war sie alle diese acht Jahre hindurch unter der
-Hand ganz genau unterrichtet worden, und als sie gehört hatte, wie krank
-diese war und welche Scheußlichkeiten sie umgaben, hatte sie sich zwei
-oder dreimal ihren Bedienten gegenüber geäußert, es geschehe ihr ganz
-recht, so strafe Gott sie für ihre Undankbarkeit.
-
-Genau drei Monate nach dem Tode Ssofja Iwanownas erschien nun plötzlich
-die Generalin persönlich in der Stadt und fuhr geradenwegs zu Fedor
-Pawlowitsch, blieb im ganzen nur eine halbe Stunde in der Stadt,
-richtete aber in dieser kurzen Zeit sehr viel aus. Es war zur Abendzeit.
-Fedor Pawlowitsch, der sie acht Jahre lang nicht gesehen hatte, empfing
-sie in betrunkenem Zustande. Man sagt, daß sie ihm sofort ohne jegliche
-vorhergehende Erklärung zwei tüchtige, lautschallende Ohrfeigen gegeben
-und ihn dann noch dreimal kräftig an den Haaren gezogen habe. Darauf –
-das ist Tatsache – begab sie sich, ohne ein Wort zu verlieren,
-geradenwegs in die Leutewohnung auf den Hof zu den beiden Knaben. Sie
-überzeugte sich auf den ersten Blick, daß sie ungewaschen waren und
-schmutzige Wäsche anhatten, verabfolgte daher dem Diener Grigorij
-gleichfalls eine Ohrfeige und erklärte ihm darauf kurz und bündig, daß
-sie die beiden Kinder mitnehmen werde. Sie wickelte sie so wie sie waren
-in ein Plaid ein, setzte sie auf den Wagen und fuhr mit ihnen davon.
-Grigorij ertrug diese Ohrfeige wie ein ergebener Sklave, wurde nicht
-grob und sagte kein Wort, und als er die alte Dame zum Wagen begleitete,
-verneigte er sich noch tief vor ihr und sagte nur ernst und ehrerbietig,
-daß Gott es ihr für die Waisen lohnen werde, wofür ihm aber die
-Generalin im Fortfahren zurief: „Du aber bist und bleibst doch ein alter
-Esel.“ Fedor Pawlowitsch überlegte sich die Sache und fand, daß es sehr
-gut war, so wie es gekommen war, und widersetzte sich der Generalin, der
-er sogar die formelle Erlaubnis gab, seine Kinder zu erziehen, in keinem
-einzigen Punkte. Von den erhaltenen Ohrfeigen aber erzählte er sofort
-selbst in der ganzen Stadt.
-
-Die Generalin starb jedoch schon bald darauf und vermachte in ihrem
-Testament jedem der Kleinen tausend Rubel – „Zu ihrer Bildung zu
-verwenden, und daß dieses Geld unbedingt für sie verausgabt wird, aber
-so, daß es bis zu ihrer Mündigkeit ausreicht, denn diese Gabe muß für
-solche Kinder genügen; wenn es aber jemandem gefällt, so mag er seinen
-eigenen Beutel öffnen“ usw. Ich habe das Testament nicht selbst gelesen,
-aber ich hörte, daß es in dieser Art und jedenfalls in recht sonderbarem
-Tone abgefaßt gewesen sei. Der Haupterbe der Alten erwies sich indessen
-als sehr ehrenwerter Mensch: es war das der Adelsmarschall eines Kreises
-in jenem Gouvernement, Jefim Petrowitsch Polenoff. Er verhandelte mit
-Fedor Pawlowitsch brieflich über die Erziehung der Kinder, erriet
-sofort, daß Geld von diesem Vater nicht zu bekommen war – obgleich
-dieser nie geradezu absagte, sondern in solchen Fällen die Sache nur
-hinzog und dabei sogar in Gefühlsduselei verfiel – und nahm sich der
-Waisen persönlich an; er gewann namentlich den jüngeren Bruder Alexei
-sehr lieb und so wurde denn dieser lange Zeit ganz in seiner Familie
-erzogen. Wenn diese Jungen für ihre Erziehung und Bildung jemandem zu
-Dank verpflichtet waren, so waren sie es ausschließlich Polenoff, diesem
-ehrenwertesten und humansten Menschen, den man sich nur denken kann. Er
-bewahrte den Kleinen ihre tausend Rubel auf, die ihnen die Generalin
-hinterlassen hatte, so daß sie bis zu deren Mündigkeit mit den Prozenten
-auf je Zweitausend anwuchsen, bestritt die Erziehungskosten aus seiner
-eigenen Tasche, und verausgabte natürlich für jeden von ihnen viel mehr
-als tausend Rubel. Auf eine ausführliche Erzählung ihrer Kinder- und
-Jugendjahre kann ich mich wiederum nicht einlassen, daher werde ich nur
-die springenden Punkte aus ihrem Leben angeben. Über den älteren, Iwan,
-teile ich nur mit, daß er als düsterer und verschlossener Knabe
-aufwuchs, weit entfernt davon, schüchtern zu sein, aber es war – als ob
-er von Kindheit an gefühlt hätte, daß er in einer fremden Familie
-erzogen wurde und von fremder Barmherzigkeit lebte, und daß ihr Vater
-ein Mensch war, von dem zu sprechen man sich schämen mußte. Dieser Knabe
-bewies schon seit der frühesten Kindheit (so erzählte man wenigstens)
-eine außergewöhnliche und glänzende Begabung. Wie es geschah, daß er
-schon mit dreizehn Jahren die Familie Jefim Petrowitschs verließ und in
-ein Moskauer Gymnasium eintrat und bei der Gelegenheit zu einem
-erfahrenen und berühmten Pädagogen in Pension kam, zu einem
-Jugendfreunde Polenoffs, weiß ich nicht genau. Wie Iwan später selbst
-erzählte, war es sozusagen aus Jefim Petrowitschs „begeisterter Liebe zu
-guten Taten“ geschehen: Jefim Petrowitsch hätte sich nämlich für die
-Idee begeistert, daß die genialen Fähigkeiten des Knaben auch von einem
-genialen Pädagogen ausgebildet werden müßten. Übrigens waren beide schon
-tot, sowohl Polenoff wie auch der geniale Pädagoge, als Iwan das
-Gymnasium beendete und auf die Universität ging. Da aber Jefim
-Petrowitsch das von der Generalin den Kindern hinterlassene Geld
-schlecht angelegt hatte, so verzögerte sich infolge der bei uns
-unvermeidlichen Formalitäten die Auszahlung des Geldes dermaßen, daß der
-junge Mann in den zwei ersten Jahren auf der Universität gezwungen war,
-seinen Lebensunterhalt und das Studium sich selbst zu verdienen. Ich muß
-hier bemerken, daß er damals nicht einmal den Versuch machte, sich mit
-seinem Vater brieflich über eine Unterstützung zu verständigen –
-vielleicht aus persönlichem Stolz oder auch aus Verachtung, vielleicht
-aber auch aus kühler, gesunder Einsicht, da er sich wohl sagen konnte,
-daß von Papachen eine Unterstützung nicht zu erwarten war. Wie dem aber
-auch sein mochte, jedenfalls wußte sich der junge Mann sofort zu helfen
-und sich durch Arbeit das nötige Geld zu beschaffen: zuerst durch
-Stunden für zwanzig Kopeken, und darauf durch Zeitungsberichte von zehn
-Zeilen über Straßenvorfälle, mit der Unterschrift „Ein Augenzeuge“.
-Diese Berichte, sagt man, sollen stets so eigenartig und geistreich
-verfaßt gewesen sein, daß sie bald vorzüglich bezahlt wurden; so bewies
-er allein schon dadurch seine praktische und geistige Überlegenheit im
-Vergleich zu jenem großen Teil unserer unglücklichen und notleidenden
-studierenden Jugend beiderlei Geschlechts, die in den Großstädten
-gewöhnlich vom Morgen bis zum Abend die Türschwellen der Redaktionen
-abläuft, und sich nichts Besseres ausdenken kann, als ewig ein und
-dieselbe Bitte um Übersetzung aus dem Französischen oder um Kopierarbeit
-zu wiederholen. Iwan Fedorowitsch gab auch später seine Verbindungen mit
-den Redaktionen nie ganz auf, und in den letzten Jahren auf der
-Universität veröffentlichte er dann sehr talentvolle Abhandlungen über
-Bücher und Spezialfragen, die ihn sogar in den literarischen Kreisen
-bekannt machten. Doch erst in der allerletzten Zeit lenkte er plötzlich
-die Aufmerksamkeit eines weit größeren Kreises von Lesern auf sich: kurz
-nachdem er die Universität verlassen hatte und sich gerade anschickte,
-für seine zweitausend Rubel ins Ausland zu reisen, veröffentlichte er in
-einer der großen Tageszeitungen einen ganz besonderen Artikel, der
-geradezu Aufsehen erregte und sogar die Aufmerksamkeit der Spezialisten
-auf ihn lenkte. Es war das ein Artikel über eine Frage, die ihm, wie man
-meinen sollte, ganz fern liegen mußte, denn er hatte Naturwissenschaft
-studiert. Der Artikel behandelte die damals überall besprochene Frage
-„Kirchenjustiz“. Er untersuchte zuerst etliche schon geäußerte Meinungen
-und kam dann auf seine persönliche Anschauung der Sache. Besonders fiel
-der Ton auf und das Unerwartete seiner Schlüsse. Viele Geistliche
-hielten den Autor entschieden für einen von den Ihrigen. Und plötzlich
-begannen nicht nur die Anhänger der Staatspartei, sondern sogar die
-Atheisten ihm immer lebhafter ihren Beifall zu zollen. Schließlich aber
-behaupteten einige kluge Leute, die eine etwas feinere Nase hatten, daß
-der ganze Artikel nur eine freche Farce und eine Verhöhnung sei. Ich
-erwähne die Geschichte nur darum, weil dieser Artikel auch in dem bei
-unserer Stadt gelegenen berühmten Kloster bekannt wurde und die Mönche,
-die sich sehr für die aufgeworfene Kirchengerichtsfrage interessierten,
-einfach vor den Kopf stieß. Wie groß war die Verwunderung, als man auch
-den Namen des Autors erfuhr und somit, daß er ein Kind unserer Stadt und
-der Sohn „dieses selben Fedor Pawlowitsch“ sei! Da aber erschien der
-Autor selbst in unserer Stadt.
-
-Warum Iwan Fedorowitsch zu uns kam, das fragte ich mich auch damals
-schon mit einer gewissen Unruhe. Diese so verhängnisvolle Ankunft, die
-den Anfang so vieler Ereignisse bildete, blieb für mich noch lange
-nachher unaufgeklärt und ist es teilweise vielleicht auch jetzt noch.
-Überhaupt war es sonderbar, daß dieser junge Mann, der so stolz, so
-gelehrt und dem Anschein nach gleichzeitig so vorsichtig war, plötzlich
-in dieses berüchtigte Haus kam, zu diesem Vater, der ihn bis dahin
-völlig ignoriert hatte, der ihn nicht einmal kannte, sich kaum seiner
-erinnerte und ihm natürlich auf keinen Fall und unter keinen Bedingungen
-Geld gegeben hätte, selbst wenn der Sohn ihn um welches gebeten haben
-würde, der sich aber trotzdem beständig fürchtete, daß seine Söhne Iwan
-und Alexei doch auch einmal kommen und ihn dann um Geld bitten könnten.
-Und siehe da, plötzlich kommt der junge Mann in das Haus solch eines
-Vaters, lebt mit ihm einen Monat und dann noch einen, und beide leben
-miteinander, wie man es sich besser nicht wünschen könnte. Wahrlich, das
-setzte nicht nur mich in Erstaunen, sondern auch noch viele andere.
-
-Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der Vetter der ersten Frau Fedor
-Pawlowitschs, war kurz vorher aus Paris, wo er sich endgültig
-niedergelassen hatte, auf einige Zeit wieder in die Heimat gekommen und
-wohnte damals auf seinem Gute. Ich erinnere mich noch, daß gerade er
-mehr als alle anderen über dieses gute Einvernehmen erstaunt war, als er
-diesen ihn sehr interessierenden jungen Mann kennen lernte, dem er,
-nebenbei bemerkt nicht ganz ohne Neid, Kenntnisse zugestehen mußte, die
-die seinigen weit überstiegen. „Er ist sehr stolz,“ sagte er damals von
-Iwan Karamasoff, „wird sich immer sein Geld selbst verdienen und besitzt
-bereits so viel, daß er ins Ausland reisen kann – was also sucht er noch
-hier? Es ist doch allen klar, daß er nicht zum Vater gekommen ist, um
-Geld zu holen, ganz abgesehen davon, daß der Vater ihm doch auf keinen
-Fall welches geben würde. Zu trinken und ausschweifend zu leben, liebt
-er auch nicht, und doch kann der Alte ohne ihn kaum noch auskommen,
-dermaßen gut vertragen sich die beiden!“
-
-Und so war es auch. Der junge Mann hatte ersichtlich einen großen
-Einfluß auf den Vater; der schien ihm sogar zu gehorchen, wenn er auch
-bisweilen unglaublich und geradezu heimtückisch eigensinnig sein konnte;
-ja, er fing sogar an sich anständiger aufzuführen.
-
-Erst später stellte sich heraus, daß Iwan Fedorowitsch zum Teil auf die
-Bitte seines älteren Bruders Dmitrij Fedorowitsch gekommen war, den er
-kurz vorher zum erstenmal gesehen und kennen gelernt hatte, doch mit dem
-er schon längere Zeit vor seiner Fahrt hierher in einer wichtigen
-Angelegenheit, die wiederum nur Dmitrij Fedorowitsch anging, im
-Briefwechsel gestanden hatte. Was das für eine Angelegenheit war,
-wird der Leser späterhin bis in alle Einzelheiten erfahren.
-Nichtsdestoweniger schien mir Iwan Fedorowitsch auch dann noch
-rätselhaft, als ich schon alles, selbst diesen sonderbaren Umstand,
-wußte, und sein Aufenthalt bei uns immerhin unerklärlich.
-
-Ich füge noch hinzu, daß Iwan Fedorowitsch zwischen dem Vater und dem
-älteren Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der gegen den Vater eine
-gerichtliche Klage einzureichen beabsichtigte, der Vermittler und
-Friedensstifter zu sein schien.
-
-Die Familie war damals, wie ich schon erwähnte, zum erstenmal vollzählig
-versammelt, und so sahen sich denn auch einige ihrer Glieder zum
-erstenmal im Leben. Nur der jüngste Sohn, Alexei Fedorowitsch, lebte
-schon seit fast einem Jahr bei uns; ihn hatten wir von den drei Brüdern
-zuerst kennen gelernt. Über ihn bereits in meiner Einleitung etwas zu
-sagen, ist mir aber am schwersten. Nur kann ich das eine, wie ich sehe,
-nicht umgehen, da es eine sehr sonderbare Tatsache zu erklären gilt,
-nämlich: warum ich meinen Helden schon in der ersten Szene seines Romans
-in der Kutte eines Klosternovizen vorführen muß. Denn fast seit einem
-Jahr lebte er schon in unserem Kloster und beabsichtigte, wie es schien,
-sich für sein ganzes Leben in ihm einzuschließen.
-
-
- IV.
- Der dritte Sohn Aljoscha[3]
-
-Er zählte erst zwanzig Jahre (sein Bruder Iwan war vierundzwanzig und
-der älteste Bruder Dmitrij achtundzwanzig Jahre alt). Vor allem möchte
-ich bemerken, daß dieser Jüngling durchaus kein Fanatiker war und,
-wenigstens meines Erachtens, auch kein Mystiker. Ich glaube mich nicht
-zu täuschen, wenn ich in ihm einfach einen jugendlichen Menschenfreund
-sehe. Wenn er aber ins Kloster ging, so tat er das nur, weil das
-Klosterleben einen tiefen Eindruck auf ihn machte und ihm als Ideal
-eines Ausgangs seiner sich aus dem Dunkel des Bösen dieser Welt zum
-Licht der Liebe sehnenden Seele erschien. Und einen so tiefen Eindruck
-machte dieses Leben auf ihn wohl nur, weil er dort im Kloster einen so
-ungewöhnlichen Menschen antraf: unseren berühmten Staretz[4] Sossima, an
-den er sich sofort mit der ganzen großen ersten Liebe seines heißen,
-sehnsüchtigen Herzens hing. Übrigens will ich nicht bestreiten, daß er
-schon damals sehr sonderbar war; ja, er war es eigentlich schon seit
-seiner frühesten Kindheit. Als seine Mutter starb, hatte er kaum das
-vierte Jahr erreicht, und doch erinnerte er sich, wie ich schon
-erwähnte, ihres Gesichts, ihrer Liebkosungen, „ganz, als ob sie lebend
-vor mir stände“. Solche Erinnerungen kann man bekanntlich aus noch
-jüngeren Jahren haben, schon aus dem zweiten Lebensjahre, doch treten
-sie im späteren Leben nur wie helle Punkte aus der Dunkelheit hervor,
-wie ein hellgebliebenes Eckchen eines riesigen Bildes, das bis zur
-Unkenntlichkeit nachgedunkelt und verloschen ist – bis auf diesen einen
-begrenzten Fleck. So war es auch mit seiner Erinnerung. Er entsann sich
-eines stillen Sommerabends: durch das offene Fenster fallen die schrägen
-Strahlen der untergehenden Sonne in das Zimmer und in die Ecke auf das
-Heiligenbild, vor dem das Lämpchen brennt (der schrägen Sonnenstrahlen
-erinnerte er sich am besten), vor dem Heiligenbild kniet seine Mutter,
-die „Klikuscha“, die hysterisch weint, schluchzt und Schmerzensschreie
-ausstößt; sie zieht ihn zu sich heran, umarmt ihn so fest, daß es ihm
-weh tut, und während sie die Muttergottes um Schutz für ihn anfleht,
-hebt sie ihn zum schimmernden Heiligenbild empor, als ob sie ihn unter
-den Schutz der Muttergottes stellen wollte ... und plötzlich kommt die
-Kinderfrau ins Zimmer hereingestürzt und reißt ihn ganz erschrocken aus
-den Händen der Mutter. Das war das Bild. Er erinnerte sich auch noch des
-Gesichtes der Mutter in jenem Augenblick; er sagte: „Es muß wie
-wahnsinnig, wie verzückt gewesen sein und doch wunderbar schön,
-wenigstens darnach zu urteilen, wie ich es noch vor mir sehe“. Doch
-liebte er es nicht, davon zu sprechen. Als Knabe, und auch späterhin als
-Jüngling, war er wenig mitteilsam und gar nicht gesprächig, doch war er
-es nicht etwa aus Schüchternheit, sondern aus ganz anderen Gründen, aus
-gleichsam unbewußten, innerlichen Empfindungen, die eigentlich nur ihn
-persönlich angingen und mit anderen Menschen nichts zu tun hatten, die
-aber für ihn so wichtig waren, daß er seine Umgebung darüber ganz zu
-vergessen schien. Doch er liebte die Menschen: er glaubte an sie sein
-ganzes Leben hindurch und doch hielt ihn niemand für beschränkt oder
-naiv. Es war etwas in ihm, was ihm die Menschen zu richten verbot, und
-ihm immer zuflüsterte, daß er nicht der Richter der Menschen sein, nicht
-das Verurteilen auf sich nehmen wolle und darum auch unter keiner
-Bedingung verurteilen werde. Es schien sogar, daß er alles zugab und
-nichts verurteilte, wenn er auch oftmals selbst schwer darunter litt.
-Ja, schließlich konnte ihn nichts und niemand mehr weder in Erstaunen
-setzen noch erschrecken, und das war eigentlich schon von seiner
-frühesten Jugend an der Fall. Als er mit zwanzig Jahren rein und keusch
-zu seinem Vater kam, in diese Höhle schmutzigen Lasters, entfernte er
-sich nur schweigend, wenn er es nicht mehr mit ansehen konnte; doch tat
-er das ohne den geringsten Ausdruck von Verachtung und Verurteilung,
-einerlei wessen. Sein Vater, der als ehemaliger Freischlucker gegen
-solche Beleidigungen ungemein feinfühlig und mißtrauisch war, und ihn
-denn auch sehr voreingenommen empfing („Er schweigt zu viel und denkt
-mir viel zu viel,“ sagte er), kam schon nach kurzer Zeit, nach kaum zwei
-Wochen, immer häufiger zu ihm, um ihn zu umarmen und zu küssen,
-allerdings mit trunkenen Tränen und in berauschter Rührseligkeit, doch
-ersichtlich auch, weil er ihn aufrichtig immer mehr lieb gewann, so, wie
-er vielleicht noch nie jemanden geliebt hatte.
-
-Ja, alle Menschen liebten diesen Jüngling, überall brachte man ihm, wo
-er auch erschien, schon von Kindheit an sofort Liebe entgegen. Im Hause
-seines Wohltäters und Erziehers Jefim Petrowitsch Polenoff hatten ihn
-alle so lieb, daß man ihn wirklich wie einen leiblichen Sohn behandelte.
-Und doch kam er in dieses Haus in so jungen Jahren, daß es unmöglich ist
-anzunehmen, er habe durch Schlauheit oder die Kunst zu gefallen oder
-sich einzuschmeicheln, die allgemeine Liebe erworben. So trug er denn
-diese Gabe, in allen Liebe zu erwecken, ganz unbewußt in sich, sie lag
-sozusagen schon in seiner Natur. Dasselbe geschah mit ihm auch in der
-Schule, während man doch hätte glauben können, daß er gerade zu jenen
-Kindern gehörte, die in den Kameraden gewöhnlich Spott hervorrufen,
-nicht selten aber Mißtrauen und sogar Haß. Er war zum Beispiel immer
-nachdenklich und schien sich gern von allen abzusondern. Er liebte es
-schon von Kindheit an, sich in einen Winkel zurückzuziehen und Bücher zu
-lesen. Und doch liebten ihn auch seine Schulkameraden sogar so
-auffallend, daß man ihn tatsächlich während seiner ganzen Schulzeit den
-allgemeinen Liebling nennen konnte. Er war selten ausgelassen, selten
-auch nur lustig; aber ein jeder, der ihn ansah, wußte sofort, daß er
-nicht finster oder mürrisch war, sondern heiter und gutmütig. Unter
-seinen Altersgenossen suchte er nie sich hervorzutun. Vielleicht kam
-dies daher, daß er niemanden und nichts fürchtete, und doch begriffen
-die Knaben sofort, daß seine Unerschrockenheit keine Prahlerei sein
-konnte und er selbst nicht einmal wußte, daß er kühn und furchtlos war.
-Beleidigungen trug er nie nach. Es kam vor, daß er nach einer Stunde dem
-Beleidiger antwortete oder mit ihm selbst so heiter und zutraulich ein
-Gespräch begann, als ob niemals etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre.
-Und nie hatte es dabei den Anschein, daß er absichtlich vergessen oder
-dem Beleidiger verzeihen wollte, sondern es geschah immer ganz harmlos
-von ihm, als ob er es gar nicht für eine Beleidigung gehalten hätte –
-und das war es, was die Kinder bestrickte und sie ihm unterwarf. Nur
-eine Eigenschaft hatte er, die in allen Klassen des Gymnasiums, von der
-niedrigsten bis zur höchsten, in den Kameraden immerwährend den Wunsch
-erweckte, ihn zu necken, nicht etwa aus Bosheit, sondern einfach, weil
-es ihnen Spaß machte. Das waren seine Scham und seine Keuschheit. Er
-konnte gewisse Worte und gewisse Gespräche über Frauen nicht ertragen.
-Diese „gewissen“ Worte und Gespräche sind zum Unglück in den Schulen
-unausrottbar. In der Seele und im Herzen reine Jungen, fast noch Kinder,
-lieben es zuweilen, in den Klassen unter sich und auch laut von solchen
-Sachen, Bildern und Vorstellungen zu sprechen, über die selbst einfache
-Soldaten nicht sprechen würden, denn Soldaten wissen und verstehen
-vieles nicht von dem, was ganz jungen Kindern unserer höheren
-Gesellschaft schon bekannt ist. Eine Sittenverderbnis kann man das nicht
-gut nennen, ein wirklicher innerer Zynismus ist es auch nicht, wohl aber
-ist es ein äußerer Zynismus, den man oft für vornehm, „schneidig“ und
-womöglich noch für nachahmungswürdig hält. Als man nun bemerkte, daß
-„Aljoschka Karamasoff“, wenn man „davon“ sprach, seine Finger in die
-Ohren steckte, so versammelte man sich um ihn und riß ihm mit Gewalt die
-Hände fort und schrie ihm dann Gemeinheiten in beide Ohren: er jedoch
-riß sich los, wälzte sich auf dem Fußboden herum, versuchte sich zu
-verstecken und zu bedecken, ertrug aber, ohne ihnen ein Wort zu
-erwidern, ohne zu schreien, schweigend die Beleidigung. Zu guter Letzt
-ließen sie ihn denn auch in Ruh und neckten ihn nicht mehr als „das
-Mädchen“, sahen aber in der Beziehung doch mit Bedauern auf ihn herab.
-Als Schüler war er einer von den besseren, doch niemals war er der
-erste.
-
-Als Polenoff starb, blieb Aljoscha noch zwei Jahre im Kreisgymnasium.
-Die untröstliche Gemahlin Jefim Petrowitschs begab sich sofort nach
-seinem Tode, und zwar auf lange Zeit, mit ihrer ganzen Familie, die nur
-aus Wesen weiblichen Geschlechts bestand, nach Italien. Aljoscha kam zu
-zwei Damen, die er früher niemals gesehen hatte, zu entfernten
-Verwandten Jefim Petrowitschs; unter welchen Bedingungen, das wußte er
-selbst nicht. Charakteristisch, und das sogar im höchsten Grade, war
-diese eine Eigenschaft an ihm, daß er sich niemals darum bekümmerte, auf
-wessen Kosten er lebte. Darin war er der größte Gegensatz seines älteren
-Bruders Iwan Fedorowitsch, der die zwei ersten Jahre auf der Universität
-Not litt und sich durch seine eigene Arbeit ernährte, und es von
-Kindheit an immer bitter empfunden hatte, daß er auf fremde Kosten,
-auf die seines Wohltäters, leben mußte. Diese sonderbare
-Charaktereigenschaft Aljoschas konnte man indessen nicht streng
-verurteilen, denn ein jeder, der ihn nur etwas näher kennen lernte,
-überzeugte sich alsbald, daß Aljoscha in der Beziehung zu dem Typ der
-gleichsam einfältigen Jünglinge gehörte, die, wenn man ihnen ein ganzes
-Kapital gäbe, es bei der ersten Gelegenheit fortgeben würden, sei es zu
-einem guten Zweck oder einfach einem gewandten Menschen, wenn er sie
-darum bäte. Ja, und überhaupt kannte er nicht den Wert des Geldes –
-versteht sich, nicht im buchstäblichen Sinne gesprochen. Aber wenn man
-ihm Taschengeld gab, um das er niemals selbst bat, so wußte er
-wochenlang nicht, was er mit ihm anfangen sollte, oder er gab es sofort,
-und ohne zu berechnen, aus. Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, ein Mensch,
-der in Geldsachen und bourgeoisen Ehrbegriffen sehr empfindlich war,
-sprach über Alexei einmal folgenden Aphorismus aus: „Er ist vielleicht
-der einzige Mensch auf der Welt, der, wenn man ihn plötzlich allein und
-ohne Geld auf einem Platze einer ihm unbekannten Millionenstadt ließe,
-weder verloren gehen würde, noch vor Kälte oder Hunger sterben, denn man
-würde ihm sofort zu essen geben, ihm sofort alles verschaffen, ohne daß
-er sich auch nur anzustrengen brauchte oder sich erniedrigen müßte, und
-ohne daß er dem Gönner zur Last fiele, im Gegenteil, man würde es sich
-noch zur Ehre anrechnen.“
-
-Das Gymnasium beendete er nicht; er hatte noch ein ganzes Jahr vor sich,
-als er plötzlich seinen Damen erklärte, daß er wegen einer Sache, die
-sich in seinem Kopf festgesetzt hatte, zu seinem Vater fahren müsse. Die
-Damen waren sehr betrübt und erschrocken darüber und wollten es ihm
-zuerst nicht gestatten. Die Fahrt kostete nicht viel, doch die Damen
-erlaubten ihm nicht, seine Uhr zu dem Zwecke zu versetzen – ein
-Geschenk, das er zur Erinnerung von der Familie seines Wohltäters
-erhalten hatte, als diese ins Ausland abgereist war – und statteten ihn
-selbst nicht nur mit reichen Mitteln, sondern auch noch mit neuen
-Kleidern und guter Wäsche aus. Er gab ihnen aber die Hälfte des Geldes
-zurück und erklärte ihnen, daß er durchaus in der dritten Klasse fahren
-wolle. Als er dann in unserem Städtchen ankam, antwortete er auf die
-ersten Fragen seines Vaters: „Warum hast du dich denn hierher begeben,
-ohne deinen Kursus beendet zu haben?“ einfach überhaupt nichts, sondern
-war, wie man sich allgemein erzählte, in sich gekehrt und nachdenklich.
-Bald darauf brachte man heraus, daß er das Grab seiner Mutter suchte. Er
-sagte später sogar selbst, daß er nur darum gekommen sei. Aber es ist
-wohl kaum anzunehmen, daß dies allein der Grund seiner Reise war. Viel
-wahrscheinlicher ist, daß er sich damals selbst nicht erklären konnte,
-was er wollte: irgend etwas hatte sich in seiner Brust erhoben, etwas,
-das ihn schon auf einen neuen, unbekannten und unvermeidlichen Weg zog.
-Fedor Pawlowitsch konnte ihm übrigens den Platz, wo er seine zweite Frau
-begraben hatte, nicht zeigen, da er nach der Beerdigung niemals mehr an
-ihrem Grabe gewesen war, und daher im Laufe der Jahre ganz vergessen
-hatte, wo sie eigentlich beerdigt lag ...
-
-Noch ein Wort über Fedor Pawlowitsch. Er hatte längere Zeit über nicht
-in unserem Städtchen gelebt. Im dritten oder vierten Jahre nach dem Tode
-seiner Frau war er in den Süden Rußlands gereist und zu guter Letzt in
-Odessa angekommen, wo er einige Jahre verlebte. Nach seinen eigenen
-Worten hatte er sich dort mit vielen „Juden und Jüdchen der
-verschiedensten Sorten“ angefreundet, und war zum Schluß sogar „bei
-richtigen Hebräern“ empfangen worden. Es ist wohl anzunehmen, daß er in
-dieser Periode seines Lebens die besondere Kunst entwickelt hatte, aus
-allem Geld herauszuschlagen und so sein Kapital beträchtlich zu
-vergrößern. Er kehrte erst drei Jahre vor der Ankunft Aljoschas
-endgültig in unser Städtchen zurück. Seine früheren Bekannten fanden ihn
-sehr gealtert, obgleich er noch längst kein Greis war; auch hielt er
-sich nicht etwa anständiger, sondern womöglich noch unanständiger. Vor
-allem tat sich in dem alten Narren das Bedürfnis kund, jetzt auch andere
-zu Narren zu machen. Mit Frauen verkehrte er nicht nur wie früher,
-sondern tat es noch gemeiner, noch widerlicher. In kurzer Zeit gründete
-er viele neue Schenken in unserem Gouvernement. Es war klar, daß er
-mindestens hunderttausend Rubel Kapital besitzen mußte. Viele von den
-Stadteinwohnern, aber auch viele vom Lande, wurden denn auch alsbald
-seine Schuldner, doch natürlich nur unter den sichersten Garantieen.
-Äußerlich veränderte er sich in der letzten Zeit ganz ansehnlich: er
-bekam etwas Aufgedunsenes, das er früher nicht gehabt hatte, schien sich
-auch von seinen Handlungen nicht mehr Rechenschaft ablegen zu können,
-bekundete einen gewissen Leichtsinn, begann mit dem einen und endete mit
-etwas ganz anderem, wurde auffallend unruhig und betrank sich immer
-öfter, und wenn ihn nicht zuweilen sein treuer Diener Grigorij, der in
-der Zwischenzeit gleichfalls recht gealtert war, fast wie seinen Zögling
-bewacht und beschützt hätte, so würde er sich vielleicht durch seine
-Lebensweise ernste Unannehmlichkeiten zugezogen haben. Die Ankunft
-Aljoschas machte aber in moralischer Beziehung doch einen gewissen
-Eindruck auf ihn: es schien, als ob in diesem verderbten Alten etwas von
-dem wiedererwachte, was in seiner Seele schon längst verstummt war.
-
-„Weißt du auch, Alexei,“ sagte er oftmals, wenn er ihn betrachtete, „daß
-du ihr sehr ähnlich bist, ich meine der Klikuscha?“ So nannte er stets
-seine verstorbene Frau, die Mutter Iwans und Aljoschas. Das Grab der
-„Klikuscha“ zeigte dem Jungen schließlich der Diener Grigorij. Er führte
-ihn auf unseren Friedhof, und dort zeigte er ihm in einer entlegenen
-Ecke eine kleine, nicht gerade teuere, doch immerhin sauber gearbeitete
-gußeiserne Platte, auf der sogar eine Inschrift stand: der Name, das
-Geburts- und Todesjahr der Verstorbenen, und darunter war noch ein
-vierstrophiger Spruch eingraviert, einer von den allgemein
-gebräuchlichen auf den Gräbern des Mittelstandes. Diese Platte erwies
-sich zu Aljoschas nicht geringer Verwunderung als ein Liebeswerk
-Grigorijs. Er hatte sie selbst auf dem Grabe der armen „Klikuscha“
-errichten lassen, auf seine Kosten, nachdem Fedor Pawlowitsch, den er
-mehrmals mit der Erinnerung an dieses Grab geärgert hatte, schließlich
-nach Odessa gefahren war und hinfort nicht nur von Gräbern, sondern auch
-von allem Gewesenen nichts mehr wissen wollte. Aljoscha äußerte am
-kleinen Grabe seiner Mutter keinerlei besondere Rührung; er hörte nur
-der wichtig und ernst vorgetragenen Erzählung Grigorijs von der
-Errichtung der Grabplatte zu, stand mit gesenktem Kopf, und sprach die
-ganze Zeit über kein Wort. Seit jenem Tage war er vielleicht im ganzen
-Jahr kein einziges Mal wieder auf den Kirchhof gegangen. Doch auf Fedor
-Pawlowitsch machte auch diese kleine Episode einen gewissen Eindruck,
-was sich in einer sehr originellen Weise äußerte. Er nahm plötzlich
-tausend Rubel und brachte dieses Tausend in unser Kloster, um
-Seelenmessen für seine verstorbene Frau lesen zu lassen, doch nicht für
-die zweite, die Mutter Aljoschas, die „Klikuscha“, sondern für die
-erste, Adelaida Iwanowna, die ihn geprügelt hatte. Am Abend dieses Tages
-betrank er sich, und schimpfte dann in Aljoschas Gegenwart gewaltig über
-die Mönche. Selbst war er nichts weniger als ein religiöser Mensch; er
-hatte vielleicht kein einziges Mal im Leben ein Fünfkopekenlicht vor ein
-Heiligenbild gestellt. Aber gerade solche Burschen können zuweilen ganz
-sonderbare Ausbrüche plötzlicher Gefühle und plötzlicher Gedanken haben.
-
-Ich sagte schon, daß sein Gesicht aufgedunsen war. Seine Züge drückten
-damals etwas aus, das scharf die Charakteristik und das Wesentliche
-seines durchlebten Lebens kennzeichnete. Außer den langen und
-fleischigen Säcken unter seinen kleinen, ewig unverschämten,
-mißtrauischen und spöttischen Äuglein, außer einer Menge kleiner, tiefer
-Runzeln in seinem kleinen, doch fetten Gesicht, hing sich an sein
-spitzes Kinn noch ein großes, fleischiges und sackartig längliches
-Doppelkinn, das ihm ein ganz besonders widerlich-lüsternes Aussehen
-verlieh. Hinzu füge man jetzt noch einen großen, sinnlichen Mund mit
-fleischigen Lippen, hinter denen man die kleinen Stummel schwarz
-gewordener, fast verfaulter Zähne sah. Wenn er zu sprechen begann,
-spritzte jedesmal Speichel von seinen Lippen. Übrigens liebte er selbst,
-über sein Gesicht zu scherzen, obgleich er, wie es schien, ganz
-zufrieden mit ihm war. Besonders wies er auf seine Nase hin, die nicht
-sehr groß, doch sehr schmal und stark gebogen war: „Echt römisch,“
-pflegte er zu sagen, „zusammen mit dem Doppelkinn die echte Physiognomie
-eines alten römischen Patriziers aus der Verfallszeit.“ Darauf, glaube
-ich, war er sogar ziemlich stolz.
-
-Eines Tages nun, bald nachdem Aljoscha das Grab seiner Mutter besucht
-hatte, erklärte dieser plötzlich seinem Vater, daß er in das Kloster
-eintreten wolle, und daß die Mönche bereit seien, ihn als Novizen
-aufzunehmen. Er fügte noch hinzu, daß es sein heißer Wunsch sei, und daß
-er jetzt von ihm, seinem Vater, die feierliche Erlaubnis dazu erbäte.
-Der Alte wußte schon, daß der Staretz Sossima, der in der Einsiedelei
-des Klosters lebte, auf seinen „sanften, stillen Jungen“ einen tiefen
-Eindruck gemacht hatte.
-
-„Dieser Staretz ist bei ihnen noch der ehrlichste von allen,“ brummte er
-vor sich hin, nachdem er Aljoschas Bitte, über die er sich weiter gar
-nicht wunderte, angehört hatte. „Hm ... sieh mal einer an, wohin du
-willst ... Also dorthin willst du, mein sanfter Junge!“ Er war
-halbtrunken, und plötzlich verzog sich sein Gesicht zu einem langen,
-stumpfen Grinsen, das aber doch nicht einer gewissen Schlauheit und
-Hinterlist entbehrte: „Hm ... weißt du, ich ahnte es ja, daß du gerade
-mit irgend so etwas enden würdest, kannst du dir das vorstellen? Gerade
-darauf hattest du’s doch abgesehen. Nun, was, meinetwegen ... Du hast
-doch deine Zweitausend, das wäre denn die Aussteuer. Ich aber werde
-dich, mein Liebling, nie verlassen, und auch jetzt werde ich dir alles
-geben, was du zum Eintritt nötig hast, wenn sie’s verlangen. Nun, und
-wenn sie’s nicht verlangen, warum dann aufdrängen, nicht wahr? Geld
-gibst du ja nur wie’n Kanarienvogel aus, kaum zwei Körnchen in einer
-Woche ... Hm ... weißt du, bei einem bekannten Kloster gibt’s so eine
-kleine Vorstadt, und alle wissen dort schon, daß in ihr nur die
-‚Klosterweiber‘ leben, so werden sie dort allgemein genannt, etwa
-dreißig an der Zahl, glaube ich ... Ich war dort mal, nicht
-uninteressant, natürlich in ihrer Art, so als Abwechslung einmal. Gemein
-war nur der furchtbare Russizismus, nicht eine einzige Französin war
-dabei, könnten aber sein, denn die Mittel sind bedeutend. Nun, werden’s
-schon bald riechen und angeflogen kommen. Hier aber, alle Achtung, hier
-gibt’s keine Klosterweiber, Mönche an zweihundert Stück. Alle ehrsam,
-nichts zu sagen. Fasten bloß. Ich muß gestehen ... Hm! Also du willst zu
-den Mönchen gehen? Aber du tust mir doch leid, Aljoscha, wirklich, glaub
-mir, ich habe dich liebgewonnen! ... Übrigens, das wäre eine günstige
-Gelegenheit: Du kannst dort auch für uns Sünder beten, haben wir doch
-hier schon gar zu viel gesündigt. Ich habe immer daran gedacht: wer wird
-einmal für mich beten? Gibt es in der Welt auch nur einen einzigen
-Menschen, der für mich beten wird? Du mein lieber Junge, ich bin doch in
-dieser Beziehung ganz furchtbar dumm, du glaubst es nicht, wie dumm!
-Ganz furchtbar. Siehst du: wie dumm ich aber nun auch bin, an dieses
-denke ich doch ununterbrochen, ununterbrochen, d. h. versteht sich, so
-mitunter, aber ich denke doch immerhin daran! Es kann doch nicht sein,
-denke ich, daß die Teufel vergessen sollten, mich mit Ofenkrücken oder
-spitzen Haken zu sich hinabzuziehen, wenn ich gestorben bin? Nun, und da
-denke ich denn so: Haken? Woher nehmen sie die? Schön, – Haken! – aber
-was für welche? Etwa eiserne? Wo werden sie denn dort geschmiedet? Oder
-haben sie dort womöglich so ’ne ganze Fabrik? Im Kloster glauben doch
-die Mönche sicherlich, daß es in der Hölle, zum Beispiel, einen Plafond,
-eine Decke gibt. Ich aber, siehst du, bin bereit, an die Hölle zu
-glauben, nur muß sie ohne Decke sein; das ist gewissermaßen delikater,
-aufgeklärter – das heißt lutherischer. Im Grunde aber sollte man meinen,
-– ist’s denn nicht einerlei: mit ’ner Decke oder ohne Decke? Das aber
-ist ja die verflixte Frage! Nun, sage doch selbst: wenn es keine Decke
-gibt, so gibt es folglich auch keine Haken. Gibt’s aber keine Haken, so
-geht ja die ganze Hölle flöten, dann ist ja das Ganze nur ’ne Fabel;
-also – wiederum unwahrscheinlich: wer wird mich dann noch mit Ofengabeln
-hinunterziehen, denn wenn man nicht einmal mich hinunterzieht, wer soll
-dann überhaupt noch gezogen werden, und wo ist dann die Gerechtigkeit in
-der Welt? _Il faudrait les inventer_, diese Ofengabeln, speziell für
-mich, für mich allein, denn, ach Aljoscha! – wenn du wüßtest, was ich
-für ein Schandkerl bin! ...“
-
-„Aber dort gibt es doch gar keine Ofengabeln,“ sagte still und ruhig
-Aljoscha, der ernst den Vater betrachtete.
-
-„Stimmt, nur Schatten von Ofengabeln. Ich weiß, ich weiß. Das ist, wie
-ein Franzose die Hölle beschreibt: _J’ai vu l’ombre d’un cocher qui avec
-l’ombre d’une brosse frottait l’ombre d’une carrosse._ Aber woher weißt
-du denn, mein Täubchen, daß es dort keine Ofengabeln gibt? Bleib mal
-erst ein bißchen bei den Mönchen, dann wirst du schon was andres
-anstimmen, wirst piepen, wie die Alten singen. Doch, übrigens, gehe hin,
-wenn du willst, trachte, bis zur Wahrheit vorzudringen und komm dann her
-erzählen: es wird doch immerhin leichter sein, ins Jenseits abzugehen,
-wenn man genau weiß, wie’s dort eigentlich zugeht. Und dort bei den
-Mönchen ist’s auch anständiger für dich als hier bei mir, dem alten
-Trinker und den Mädels ... wenn auch dich, wie einen Engel, nichts
-berührt. Nun, vielleicht wird dich auch dort nichts berühren, nur darum
-erlaube ich dir alles, weil ich eben darauf hoffe. Deinen Verstand hat
-doch nicht der Teufel aufgefressen. Wirst entflammen und erlöschen,
-gesund werden und zurückkommen. Ich aber werde dich erwarten. Fühle ich
-doch, daß du der einzige Mensch auf der ganzen Welt bist, der mich nicht
-verurteilt hat, du mein lieber Junge, das fühle ich doch, wie soll ich
-denn das nicht fühlen! ...“
-
-Und er fing sogar an zu flennen. Er war ein sentimentaler Mensch. Er war
-gemein und sentimental zugleich.
-
-
- V.
- Die Startzen
-
-Vielleicht werden meine Leser denken, Aljoscha Karamasoff sei ein
-kränklicher, ekstatischer, dürftig entwickelter Jüngling gewesen, ein
-bleicher Träumer, ein blutarmer, kraft- und saftloser Mensch. Im
-Gegenteil: Aljoscha war schon ein stattlicher, neunzehnjähriger junger
-Mann mit einem hellen, offenen Blick und strotzte fast vor Gesundheit.
-Er war sogar sehr hübsch, prächtig gewachsen, dabei von mittelhohem
-Wuchs, dunkelblond, das Gesicht von einem regelmäßigen, etwas länglichen
-Oval, in dem die glänzenden, dunkelgrauen Augen weit auseinanderstanden,
-war sehr nachdenklich und – wenigstens schien es so – sehr ruhig. Man
-wird vielleicht sagen, daß rote Wangen weder Fanatismus noch Mystizismus
-ausschließen; ich aber glaube, daß Aljoscha mehr als sonst jemand
-Realist war. O, versteht sich, im Kloster glaubte er vollkommen an
-Wunder, doch meiner Meinung nach machen Wunder einen Realisten niemals
-irre. Nicht die Wunder führen den Realisten zum Glauben. Wenn der echte
-Realist ungläubig ist, wird er immer die Kraft und die Fähigkeit in sich
-finden, dem Wunder nicht zu glauben, wenn aber das Wunder vor ihm zur
-unabweisbaren Tatsache wird, so wird er eher seinen Sinnen nicht trauen,
-als daß er die Tatsache zugäbe. Oder gibt er sie auch einmal zu, so wird
-er sie doch nur als ganz natürlichen Vorgang zugeben, der ihm nur bis
-dahin noch unbekannt war. Im Realisten wird der Glaube nicht durch das
-Wunder hervorgerufen, sondern das Wunder durch den Glauben. Wenn der
-Realist einmal glaubt, so muß er gerade infolge seines Realismus
-unbedingt auch das Wunder zugeben. Der Apostel Thomas sagte, daß er
-nicht eher glauben werde, als bis er selbst sähe, als er aber sah, da
-rief er: „Mein Herr und mein Gott!“ Machte ihn das Wunder glauben?
-Wahrscheinlich nicht, sondern er glaubte ausschließlich darum, weil er
-glauben wollte, und vielleicht glaubte er in seinem Innersten schon
-damals vollkommen, als er sagte, er werde nicht eher glauben, als bis er
-selbst sähe.
-
-Oder vielleicht wird man sagen, Aljoscha sei stumpf gewesen,
-unentwickelt, habe das Gymnasium nicht beendet usw. Letzteres ist
-allerdings wahr, doch wäre es eine große Ungerechtigkeit, zu sagen, daß
-er dumm gewesen sei. Ich wiederhole, was ich schon einmal gesagt habe:
-Der einzige Grund, warum er diesen Weg einschlug, war der, daß nur
-dieser Weg allein auf ihn damals einen tiefen Eindruck machte und ihm
-mit einemmal das ganze Ideal der Erlösung seiner leidenschaftlich aus
-der Finsternis zum Licht strebenden Seele zeigte. Jetzt bedenke man
-noch, daß er seinem Alter nach teilweise schon unserer neuen Zeit
-angehörte, also schon von Natur ehrlich war, nach Wahrheit verlangte,
-sie suchte, an sie glaubte und mit der ganzen Kraft seiner Seele der
-Wahrheit unmittelbar teilhaftig werden wollte, sich nach einer Heldentat
-sehnte, und zwar mit dem bedingungslosen Wunsch, für diese Tat womöglich
-alles, selbst das Leben zu opfern. Nur sehen es diese Jünglinge leider
-nicht ein, daß das Opfer des Lebens in den meisten Fällen vielleicht das
-leichteste von allen Opfern ist, und daß, zum Beispiel, von seinem in
-Jugend schäumenden Leben fünf oder sechs Jahre schwerem, mühsamem
-Studium der Wissenschaft zu opfern – und wenn auch nur, um in sich die
-Kraft zur Förderung dieser selben Wahrheit und zur Ausführung derselben
-Heldentat, für die man schwärmt, und die zu erfüllen man sich
-vorgenommen hat, zu verzehnfachen – daß solch ein Opfer vielen von ihnen
-weit über ihre Kräfte geht. Aljoscha erwählte bloß den Weg, der allen
-anderen entgegengesetzt war, doch tat er es mit demselben heißen
-Verlangen nach einer schnellen Heldentat. Kaum war er in ernstem
-Nachdenken von der Überzeugung, daß es Unsterblichkeit und Gott gibt,
-ergriffen worden, als er sich natürlicherweise sofort sagte: „Ich will
-für die Unsterblichkeit leben, auf einen Kompromiß aber gehe ich nicht
-ein.“ Ebenso wäre er, wenn er sich überzeugt hätte, daß es
-Unsterblichkeit und Gott nicht gibt, sofort zu den Atheisten und
-Sozialisten übergegangen (denn der Sozialismus ist nicht nur eine
-Arbeiterfrage oder eine Frage des sog. vierten Standes, sondern
-hauptsächlich eine atheistische Frage, die Frage der gegenwärtigen
-Inkarnation des Atheismus, die Frage des „Turmes zu Babel“, der gerade
-ohne Gott gebaut wird, nicht zur Erreichung des Himmels von der Erde
-aus, sondern zur Niederführung des Himmels auf die Erde). Es schien
-Aljoscha sogar sonderbar und unmöglich, so weiter zu leben. Es steht
-geschrieben: „Verteile dein Gut und folge mir nach, wenn du vollkommen
-sein willst.“ Und so sagte sich denn auch Aljoscha: „Ich kann doch nicht
-an Stelle meines ganzen Gutes nur zwei Rubel geben, und anstatt des
-‚folge mir nach‘ nur zur Kirche gehen.“ Von den Eindrücken seiner
-Kinderjahre erinnerte er sich vielleicht noch einiger aus unserem
-Kloster, wohin ihn die Mutter oftmals mitgenommen hatte. Vielleicht
-waren auch die schrägen Strahlen der Abendsonne, die auf das schimmernde
-Heiligenbild fielen, als ihn seine Mutter, die Klikuscha, zu jenem
-hingehalten hatte, auf ewig in seine Seele gefallen. Nachdenklich und
-still war er damals, als er herkam, vielleicht nur, um zu sehen: Ist
-hier alles, oder sind auch hier nur zwei Rubel? – Da traf er im Kloster
-diesen Staretz ...
-
-Dieser Staretz war, wie ich schon früher sagte, der Staretz Sossima.
-Doch hier sehe ich mich gezwungen, zunächst ein wenig zu erläutern, wer
-und was diese „Startzen“ in unseren Klöstern eigentlich sind. Es tut mir
-nur leid, daß ich mich in dieser Frage nicht ganz maßgebend fühle; ich
-werde mich daher mit einer kurzen, mehr oberflächlichen Erklärung
-begnügen. Viele Sachkundige behaupten, daß das Startzentum bei uns in
-unseren russischen Klöstern erst seit sehr kurzer Zeit eingeführt sei,
-kaum seit hundert Jahren, während es im ganzen orthodoxen Osten,
-besonders auf dem Sinai und dem Athos, schon seit mehr denn tausend
-Jahren vorkomme. Es wird zwar behauptet, daß das Startzentum auch bei
-uns früher, schon in den ältesten Zeiten, bestanden habe, dann aber
-infolge der vielen Heimsuchungen Rußlands, infolge des Tatarenjochs, der
-inneren Unruhen, der Unterbrechung unserer früheren Verbindungen mit dem
-Westen und schließlich der Eroberung Konstantinopels durch die Türken
-vergessen worden sei. Aufgekommen aber wäre es jetzt wieder seit dem
-Ende des vorigen Jahrhunderts durch einen der großen Eiferer, Paissij
-Welitschkowskij und seine Schüler, doch ist es noch heute, also selbst
-nach fast hundert Jahren, nur in sehr wenigen Klöstern eingeführt, und
-nicht selten ist es sogar als in Rußland unerhörte Neuerung nahezu
-Verfolgungen ausgesetzt gewesen. Zu besonderer Blüte kam es bei uns in
-Rußland in der berühmten Einsiedelei der Koselskischen Optina. Wann und
-durch wen es auch in unserem, ganz nahe bei der Stadt gelegenen Kloster
-eingeführt worden ist, weiß ich nicht; doch sind dort schon drei
-Startzen gewesen, von denen der Staretz Sossima der dritte und der
-letzte Nachfolger war. Auch er siechte schon in Krankheit und Schwäche
-dahin. Durch wen man ihn aber ersetzen sollte, das wußte man noch nicht
-einmal. Für unser Kloster war das eine wichtige Frage, da es sich bis
-dahin eigentlich noch durch nichts ausgezeichnet hatte: Es gab in ihm
-weder Gebeine Heiliger noch „wunderbar erschienene,[5] wundertätige
-Heiligenbilder“, und nicht einmal alte Sagen, die es mit unserer
-Geschichte verknüpft oder von ihm Großes, um das Vaterland
-Verdienstvolles zu berichten gewußt hätten. Aufgeblüht aber und in ganz
-Rußland bekannt geworden war es gerade durch seine Startzen, die zu
-sehen und zu hören Pilger in Scharen von weitem herkamen und oft
-Tausende von Werst zu Fuß zurücklegten. Doch was ist nun solch ein
-Staretz? Der Staretz ist einer, der eines Menschen Seele und Willen in
-seine Seele und seinen Willen aufnimmt. Wenn man einen Staretz gewählt
-hat, sagt man sich von dem eigenen Willen los und gibt ihn dem Staretz
-zu vollem Gehorsam mit vollständiger Selbstverleugnung. Diese Prüfung,
-diese furchtbare Lebensüberwindung nimmt der sich dem Staretz Ergebende
-freiwillig auf sich: in der Hoffnung, nach langer Prüfung sich selbst
-überwinden zu können, sich seiner selbst dermaßen zu bemächtigen, daß er
-endlich durch lebenslänglichen Gehorsam die volle Freiheit erlange, –
-das heißt, um vor sich selbst frei zu sein, auf daß er dem Los derer
-entgehe, die das ganze Leben verleben und doch ewig ihr eigener Knecht
-bleiben. Diese Einrichtung, ich meine das Startzentum, ist nicht
-theoretisch entstanden, sondern hat sich im Osten aus der Praxis ergeben
-und ist heutzutage schon tausendjährig. Die Verpflichtungen dem Staretz
-gegenüber sind nicht etwa der gewöhnliche „Gehorsam“ (oder „Dienst“),
-der in unseren russischen Klöstern seit jeher üblich ist; nein, hier
-handelt es sich um die ewige Beichte aller sich dem Staretz Ergebenden
-und die unlösbare Verbindung zwischen dem Gebundenen und dem Bindenden.
-Man erzählt sich zum Beispiel, daß einmal in den ältesten Zeiten des
-Christentums ein derart Gebundener eine Buße, die ihm von seinem Staretz
-auferlegt worden war, nicht erfüllt und das Kloster verlassen hatte, und
-in ein anderes Land, ich glaube aus Syrien nach Ägypten, gezogen war.
-Dort hatte er lange Zeit Großes vollbracht, und schließlich war er für
-seinen Glauben den Märtyrertod gestorben. Als aber die Kirche ihn, den
-sie fast schon als Heiligen ehrte, bestatten wollte, da war der Sarg
-plötzlich bei den Worten des Diakonus: „Katechumenen, geht hinaus“, mit
-der in ihm liegenden Leiche des Märtyrers von der Stelle gerückt und zur
-Kirche hinausgeworfen worden, und also war es dreimal geschehen. Erst
-später hatte man erfahren, daß der heilige Dulder den Gehorsam gebrochen
-und seinen Staretz verlassen hatte, und darum konnte ihm ohne die
-Erlaubnis dieses Staretz, selbst trotz seiner großen Taten, nicht
-verziehen werden. Und seine Bestattung konnte erst stattfinden, als sein
-Staretz ihn der Buße enthoben hatte. Natürlich ist das nur eine alte
-Legende, doch will ich noch eine andere Begebenheit aus unserer Zeit
-erzählen: Einer unserer zeitgenössischen Mönche hatte sich in das
-Kloster des Athos zurückgezogen, und plötzlich befiehlt ihm sein
-Staretz, Athos zu verlassen – Athos, das er bis in die tiefste Tiefe
-seiner Seele in Liebe eingeschlossen hatte! – und zuerst nach Jerusalem
-und dann zurück nach Rußland, in den Norden, nach Sibirien zu gehen:
-„Dort ist dein Platz, nicht hier.“ Der erschrockene und vor Leid
-niedergedrückte Mönch ging nach Konstantinopel zum Ökumenischen
-Patriarchen und flehte ihn an, ihn des Gehorsams zu entbinden; da aber
-antwortete ihm der Ökumenische Machthaber, daß nicht nur er, der
-Ökumenische Patriarch, ihn nicht befreien könne, sondern daß es auf der
-ganzen Erde keine Macht gäbe, die ihn von dem, was ihm einmal sein
-Staretz auferlegt hätte, entbinden könnte, abgesehen natürlich von dem
-Staretz selbst. So haben denn die Startzen in gewissen Fällen eine
-grenzenlose und unvergleichliche Macht. Das ist auch der Grund, warum
-bei uns das Startzentum in vielen Klöstern auf solche Feindseligkeit
-stieß. Indessen aber wurden die Startzen im Volk alsbald sehr geachtet
-und verehrt. Zu den Startzen unseres Klosters kamen sowohl die
-einfachsten als die vornehmsten Leute, um ihnen kniend ihre Zweifel,
-Sünden und Leiden zu beichten und sie um Rat und Leitung zu bitten.
-Dagegen führten dann die Gegner der Startzen unter anderen
-Beschuldigungen aus, daß hierbei das Mysterium der Beichte eigenmächtig
-und leichtsinnig profaniert werde – obgleich in diesem Falle das
-ununterbrochene Beichten des sich ihm ergebenden Klosterbruders oder
-Weltlichen keineswegs als Mysterium aufgefaßt wurde. Es endete
-schließlich damit, daß das Startzentum sich doch behauptete und
-allmählich in den Klöstern verbreitete. Allerdings ist auch das wahr,
-daß dieses erprobte und schon tausendjährige Mittel zur sittlichen
-Auferstehung des Menschen von der Sklaverei zur Freiheit und zur
-moralischen Vervollkommnung sich in ein zweischneidiges Schwert
-verwandeln kann, so daß es manchen vielleicht, statt zur Demut und
-endgültigen Selbstüberwindung, zu satanischem Stolz, also zu Ketten,
-nicht aber zur Freiheit führt.
-
-Der Staretz Sossima war fünfundsechzig Jahre alt; er stammte aus einer
-Gutsbesitzerfamilie, war als Junge Kadett gewesen und hatte im Kaukasus
-als Oberleutnant gedient. Zweifellos hatte er auf Aljoscha durch
-irgendeine ganz besondere Eigenschaft seiner Seele einen so tiefen
-Eindruck gemacht. Aljoscha lebte in seiner unmittelbaren Nähe, in seiner
-Zelle, da der Staretz ihn sehr liebgewonnen hatte. Ich muß noch
-bemerken, daß Aljoscha, als er damals im Kloster lebte, noch durch
-nichts gebunden war, zu jeder Zeit aus dem Kloster gehen und ganze Tage
-lang fortbleiben konnte, und wenn er die Kutte trug, so geschah es von
-ihm freiwillig, um nicht unter den anderen im Kloster aufzufallen, und
-natürlich gefiel es ihm auch selbst, die Kutte zu tragen. Vielleicht
-wirkten auf seine jugendliche Phantasie auch die Macht und der Ruhm, die
-seinen Staretz ununterbrochen umgaben. Von dem Staretz Sossima sagte
-man, er hätte in all den Jahren dermaßen viel Geständnisse und
-Geheimnisse in seine Seele aufgenommen, daß er schließlich schon auf den
-ersten Blick in das Gesicht des Unbekannten erraten könne, womit jemand
-zu ihm kam, was er suchte, und sogar, welch eine Qual sein Gewissen
-peinigte, und ihn, noch bevor der Andere ein Wort gesprochen, durch
-diese Kenntnis seines Geheimnisses in Erstaunen setzte, verwirrte und
-nicht selten erschreckte. Dabei fiel es Aljoscha besonders auf, daß
-viele, wenn nicht alle, die das erstemal zum Staretz zu einem Gespräch
-unter vier Augen kamen, ängstlich und unruhig bei ihm eintraten, dafür
-aber beinahe immer heiter und glücklich wieder fortgingen, daß selbst
-das finsterste Gesicht sich in ein fröhliches verwandelte. Auch wunderte
-es ihn sehr, daß der Staretz keineswegs streng war; im Gegenteil, er war
-stets heiter. Die Mönche sagten von ihm, daß er mit seiner Seele am
-meisten an denen hinge, die sündiger wären, und den am meisten liebte,
-der am sündigsten war. Unter den Mönchen gab es selbst bis zu seinem
-Lebensende noch manche, die ihn haßten und beneideten, doch war ihre
-Zahl schon recht klein geworden, und auch sie schwiegen, obgleich zu
-ihnen sogar sehr bekannte und im Kloster hochangesehene Mönche gehörten,
-wie zum Beispiel einer der ältesten Einsiedler, Pater Ferapont, der ein
-großer Schweiger und außergewöhnlicher Faster war. Doch immerhin hielt
-schon die übergroße Mehrzahl unbedingt zum Staretz Sossima, und von
-ihnen liebten ihn viele von ganzem Herzen; einige aber hingen geradezu
-fanatisch an ihm. Letztere sagten sogar – übrigens sagten sie es doch
-nicht ganz laut –, daß er ein Heiliger sei, daß darüber kein Zweifel
-bestehen könne, und da sie seinen nahen Tod voraussahen, so erwarteten
-sie sogar Wunder und schon in nächster Zukunft von dem Verscheidenden
-großen Ruhm fürs Kloster. Auch Aljoscha glaubte widerspruchslos an die
-wundertätige Kraft des Staretz, ganz wie er widerspruchslos auch an die
-Geschichte von dem dreimal aus der Kirche hinausgeflogenen Sarge
-glaubte. Er sah es, wie viele, die mit kranken Kindern oder erwachsenen
-Kranken hinkamen und den Staretz baten, seine Hände auf sie zu legen und
-ein Gebet über ihnen zu sprechen, alsbald wiederkehrten – viele sogar
-schon am nächsten Tage – und weinend vor dem Staretz niederfielen, um
-ihm für die Heilung ihrer Kranken zu danken. War’s nun wirklich Heilung,
-oder war’s nur eine natürliche Erleichterung – das konnte für Aljoscha
-weiter keine Frage sein, denn er glaubte bedingungslos an die geistige
-Kraft seines Lehrers, dessen Ruhm für ihn gleichsam sein eigener Triumph
-war. Besonders jedoch erbebte sein Herz und verklärte sich sein ganzes
-Gesicht, wenn der Staretz zu dem Volke, das ihn an der Pforte der
-Einsiedelei erwartete, hinausging. Diese Pilger kamen von weit her, von
-allen Gauen Rußlands, um den Staretz zu sehen und seinen Segen zu
-empfangen. Sie knieten vor ihm nieder, weinten, küßten seine Füße,
-küßten die Erde, auf der er stand, und die Weiber hielten ihm ihre
-Kinder hin oder führten ihm eine kranke Klikuscha zu.
-
-Der Staretz redete mit ihnen, sprach über ihnen ein kurzes Gebet und
-segnete sie dann. In der letzten Zeit war er durch seine Krankheit so
-schwach geworden, daß er nicht mehr die Zelle verlassen konnte, und dann
-warteten die Pilger im Kloster oft tagelang auf sein Erscheinen. Niemals
-fragte sich Aljoscha, warum das Volk den Staretz so liebte, warum die
-Leute vor ihm niederfielen und vor Rührung weinten, sobald sie nur sein
-Antlitz sahen. O, er begriff vorzüglich, daß es für die demütige Seele
-des einfachen Russen, die von Leid und Arbeit zerquält ist, und vor
-allem durch die immerwährende Ungerechtigkeit und die Sünde – wie durch
-die eigene, so auch durch die Sünde der ganzen Welt –, keinen größeren
-Trost und kein größeres Verlangen gibt, als ein Heiligtum oder einen
-Heiligen zu finden, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten: „Wenn es
-auch bei uns Sünde, Unwahrheit und Versuchung gibt, so gibt es dort
-irgendwo auf Erden doch einen Heiligen und Höheren; dafür hat er die
-Wahrheit, dafür kennt er die Wahrheit: also ist sie auf Erden noch nicht
-gestorben, also wird sie einmal auch zu uns kommen und sich über die
-ganze Erde verbreiten, wie es verheißen ist.“
-
-Aljoscha wußte, daß nur das Volk so fühlt und so denkt – das begriff er
-wohl; doch daran, daß gerade der Staretz dieser Heilige, dieser Hüter
-der Gotteswahrheit in den Augen des Volkes war – daran zweifelte er auch
-keinen Augenblick, gleich diesen weinenden Bauern und ihren kranken
-Weibern, die ihre Kinder dem Staretz entgegenbrachten. Die Überzeugung,
-daß der Staretz sterbend oder erst durch seinen Tod dem Kloster
-ungewöhnlichen Ruhm verschaffen werde, herrschte in Aljoschas Seele
-vielleicht sogar noch stärker als in allen anderen Anhängern des
-Staretz. Und überhaupt erhob sich und entbrannte in dieser ganzen
-letzten Zeit eine unbestimmbare, tiefe, flammende Begeisterung immer
-stärker und stärker in seinem Herzen. Es verwirrte ihn nicht im
-geringsten, daß dieser Staretz doch immerhin als ein einzelner vor ihm
-stand: „Gleichviel, er ist heilig, in seinem Herzen liegt das Geheimnis
-der Erneuerung aller, jene Kraft, die endlich die Wahrheit auf der Erde
-aufrichten wird, und alle werden heilig sein, und alle werden einander
-lieben, und es wird weder Reiche noch Arme, weder sich Überhebende noch
-Erniedrigte mehr geben, sondern es werden alle wie Kinder Gottes sein,
-und es wird das wahre Reich Christi beginnen.“ Das war es, wovon
-Aljoschas Herz träumte.
-
-Ich glaube, die Ankunft seiner beiden Brüder, die er bis dahin überhaupt
-noch nicht gekannt hatte, machte einen ungewöhnlich starken Eindruck auf
-ihn. Mit seinem ältesten Bruder, Dmitrij Fedorowitsch, freundete er sich
-schneller und näher an, obgleich jener erst später ankam, als mit dem
-zweiten, seinem leiblichen Bruder Iwan Fedorowitsch. Es reizte ihn
-heftig, seinen Bruder Iwan näher kennen zu lernen; doch dieser lebte
-schon ganze zwei Monate beim Vater, sie aber waren sich noch immer nicht
-nähergetreten, was um so auffallender war, als sie sich sogar ziemlich
-oft sahen: Aljoscha war selbst schweigsam und schien etwas zu erwarten,
-schien sich irgendeiner Sache zu schämen; sein Bruder Iwan jedoch hörte,
-wie es schien, bald gänzlich auf, an ihn auch nur zu denken, obgleich
-Aljoscha zu Anfang sehr wohl seine langen, fragenden Blicke auf sich
-ruhen gefühlt und auch bemerkt hatte. Aljoscha schrieb diese
-Gleichgültigkeit seines Bruders, die ihn nicht wenig befangen machte,
-ihrem Alters- und besonders Bildungsunterschied zu. Doch machte sich
-Aljoscha auch noch andere Gedanken: ein so geringes Interesse für ihn
-und so wenig Teilnahme konnte bei Iwan vielleicht von etwas ganz anderem
-herrühren, das ihm, Aljoscha, völlig unbekannt blieb. Aus irgendeinem
-Grunde schien es ihm immer, daß Iwan mit etwas Besonderem beschäftigt
-war, mit etwas Innerlichem und Ungeheurem, daß er zu einem bestimmten
-Ziele strebte, vielleicht zu einem sehr schweren, so daß es ihm jetzt
-nicht um Brüder zu tun war, und daß dies also der einzige Grund sein
-konnte, warum er auf ihn, Aljoscha, so zerstreut blickte. Auch dachte
-Aljoscha noch darüber nach, ob sich darin nicht eine gewisse Verachtung
-des klugen Atheisten für ihn, den dummen Novizen, verbarg. Er wußte es,
-daß sein Bruder Atheist war. Diese Verachtung aber, selbst wenn sie
-vorhanden gewesen wäre, hätte ihn nicht kränken können; doch trotz allem
-erwartete er mit einer ihm selbst unerklärlichen, ihn verwirrenden
-Unruhe, wann denn der Bruder ihm endlich würde nähertreten wollen.
-Dmitrij Fedorowitsch äußerte sich über Iwan stets mit der größten
-Hochachtung und sprach überhaupt immer ganz besonders durchdrungen und
-begeistert von ihm. Durch ihn erfuhr denn auch Aljoscha alle
-Einzelheiten jener wichtigen Angelegenheit, die in der letzten Zeit
-seine beiden älteren Brüder so sonderbar und eng verbunden hatte. Diese
-begeisterten Äußerungen Dmitrijs über seinen Bruder Iwan waren in
-Aljoschas Augen um so auffallender, als Dmitrij im Vergleich zu Iwan so
-gut wie ganz ungebildet war und sie beide, wenn man sie als
-Persönlichkeiten und Charaktere verglich, einen so schroffen Gegensatz
-bildeten, wie man ihn sich größer nicht hätte vorstellen können.
-
-Zu dieser Zeit fand dann die Zusammenkunft in der Zelle des Staretz
-statt, oder richtiger, die Familienversammlung aller Glieder dieser
-uneinigen Familie, die einen so ungewöhnlichen Eindruck auf Aljoscha
-machte. Der Vorwand, unter dem man zusammenkam, war natürlich erlogen.
-Gerade damals hatten die Uneinigkeiten zwischen Dmitrij Fedorowitsch und
-seinem Vater wegen der Vermögensabrechnungen einen Punkt erreicht, an
-dem jede Verständigung ausgeschlossen schien. Ihr Verhältnis zueinander
-spitzte sich immer mehr zu und wurde unerträglich. Ich glaube, Fedor
-Pawlowitsch war der erste, der scherzend vorschlug, sich doch in der
-Zelle des Staretz zu versammeln, und wenn auch nicht gerade seine
-Vermittlerschaft zu suchen, so sich doch immerhin etwas anständiger zu
-besprechen, wobei die Würde und die Person des Staretz natürlich einen
-gewissen Einfluß in gutem Sinne haben könnte. Dmitrij Fedorowitsch, der
-nie beim Staretz gewesen war und ihn nie gesehen hatte, glaubte
-natürlich, daß man ihn mit dem Staretz schrecken wollte; schließlich
-aber nahm er den Vorschlag an, besonders deshalb, weil er sich im Herzen
-für viele, gar zu heftige Ausfälle gegen den Vater heimlich ernste
-Vorwürfe machte. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß er
-nicht im Hause seines Vaters lebte, wie Iwan Fedorowitsch, sondern ganz
-am anderen Ende der Stadt eine Wohnung gemietet hatte.
-
-Hinzu kam jetzt noch, daß Pjotr Alexandrowitsch Miussoff, der zu jener
-Zeit gerade auf seinem Gute lebte, ganz besonders diese Idee Fedor
-Pawlowitschs gefiel. Als Liberaler der vierziger und fünfziger Jahre,
-Freigeist und Atheist, nahm er mehr aus Langeweile oder aus
-leichtsinniger Zerstreuungssucht an dieser ganzen Angelegenheit
-lebhaften Anteil. Er wollte plötzlich ungeheuer gern das Kloster und den
-„Heiligen“ sehen, und da sich sein alter Prozeß mit dem Kloster wegen
-der Grenze ihrer Güter und irgendwelcher Rechte auf das Holzfällen im
-Walde und den Fischfang im Fluß immer noch hinzog, so beeilte er sich
-jetzt, diesen Umstand zur Einwilligung des Staretz auszunutzen, unter
-dem Vorwande, daß er selbst mündlich mit dem Prior besprechen wollte, ob
-sich der Streit nicht irgendwie gütlich beilegen ließ. Einen Gast, der
-mit so wohlgesinnten Absichten kam, mußte man im Kloster
-selbstverständlich aufmerksamer und zuvorkommender empfangen als einen
-gewöhnlichen Neugierigen. Und infolge aller dieser Kombinationen konnte
-man dann einen gewissen Einfluß vom Kloster aus auf den kranken Staretz
-erwarten, denn sonst war die Hoffnung, vom Staretz empfangen zu werden,
-ziemlich gering: er verließ in letzter Zeit fast überhaupt nicht mehr
-seine Zelle und empfing selbst nicht einmal außergewöhnlichen Besuch.
-Nun, und so endete es denn auch damit, daß der Staretz seine
-Einwilligung gab und Tag und Stunde bestimmt wurde. „Wer hat mich
-berufen, ihr Richter zu sein?“ sagte er nur lächelnd zu Aljoscha.
-
-Als Aljoscha von dieser Zusammenkunft erfuhr, erschrak er. Der einzige
-von allen, der diesen Besuch ernst nehmen konnte, war sein Bruder
-Dmitrij; die anderen jedoch würden alle aus leichtsinnigen und für den
-Staretz vielleicht sogar beleidigenden Gründen kommen – das war es, was
-Aljoscha sich sagte. Sein Bruder Iwan und Miussoff würden aus Neugier
-kommen, vielleicht sogar aus einer sehr rohen, sein Vater aber, um als
-Narr irgendeine dumme Szene zu machen. O, wenn Aljoscha auch schwieg, so
-kannte er seinen Vater doch schon zur Genüge. Ich wiederhole es: Dieser
-Jüngling war keineswegs so naiv einfältig, wie alle glaubten. Mit
-schweren Gefühlen erwartete er den festgesetzten Tag. Zweifellos sorgte
-er sich im Herzen viel darum, daß alle diese Familienzwistigkeiten sich
-nicht beilegen ließen. Doch trotzdem galt seine größte Sorge dem
-Staretz: er zitterte für ihn, fürchtete, daß sie ihn beleidigen könnten,
-fürchtete besonders den feinen, immer höflichen Spott Miussoffs und das
-stolze Schweigen seines intelligenten Bruders Iwan. Er wollte es sogar
-wagen, dem Staretz etwas davon zu sagen, ihn vorzubereiten, bedachte
-sich aber und sagte nichts. Nur ließ er am Vorabend seinem Bruder
-Dmitrij durch einen Bekannten sagen, daß er ihn sehr liebe und von ihm
-die Erfüllung des Versprechens erwarte. Dmitrij wurde nachdenklich, denn
-er konnte sich auf keine Weise erinnern, was er ihm versprochen haben
-sollte, und antwortete nur mit einem Brief, in dem er schrieb, daß er
-sich aus allen Kräften „von einer Niedrigkeit“ zurückhalten werde, und
-wenn er auch den Staretz und ihren Bruder Iwan sehr hoch achte, so sei
-er doch überzeugt, daß es sich um eine Falle für ihn oder um eine
-unwürdige Komödie handele. „Nichtsdestoweniger werde ich eher meine
-Zunge hinunterschlucken, als daß ich den Respekt vor dem heiligen Manne,
-den Du so verehrst, irgendwie vergessen sollte,“ schloß Dmitrij seinen
-kurzen Brief. Aljoscha fühlte sich aber durch ihn nicht sonderlich
-beruhigt.
-
-
-
-
- Zweites Buch. Die unschickliche Versammlung
-
-
- I.
- Die Ankunft im Kloster
-
-Es war ein schöner, warmer und klarer Augusttag. Der September stand
-schon vor der Tür. Man hatte verabredet, daß sich alle gleich nach dem
-zweiten Hochamt, also ungefähr um halb zwölf Uhr, beim Staretz
-versammeln sollten. Unsere Klostergäste geruhten aber nicht, zum
-Gottesdienst zu kommen, sondern erschienen erst, als er gerade beendet
-war. Sie kamen in zwei Wagen angefahren: im ersten, einem eleganten
-kleineren Gefährt, das mit zwei teuren Pferden bespannt war, Pjotr
-Alexandrowitsch Miussoff mit seinem entfernten Verwandten Pjotr Fomitsch
-Kalganoff. Das war ein junger Mann von zwanzig Jahren, der sich
-vorbereitete, eine russische Universität zu besuchen, doch wußte er noch
-immer nicht, welche; Miussoff dagegen, bei dem er augenblicklich wohnte,
-beredete seinen jungen Verwandten, mit ihm nach Zürich oder Jena zu
-fahren, um dort die Universität zu besuchen und sein Studium zu beenden.
-Der junge Mann aber konnte sich noch immer nicht recht entscheiden. Er
-war nachdenklich und schien meist zerstreut zu sein. Er hatte ein
-angenehmes Gesicht, war stark gebaut und ziemlich hoch von Wuchs. Sein
-Blick konnte mitunter ganz auffallend unbeweglich sein: wie alle
-zerstreuten Menschen blickte er einen dann lange und starr an, ohne aber
-dabei etwas zu sehen. Er war schweigsam und ein wenig ungeschickt, doch
-kam es vor – übrigens nur, wenn er mit jemandem unter vier Augen war –,
-daß er plötzlich äußerst gesprächig, scherzhaft, heftig oder heiter
-sein, und herzlich, doch Gott weiß, über was eigentlich, lachen konnte.
-Aber seine Lebhaftigkeit verging gewöhnlich ebenso schnell, wie sie kam.
-Gekleidet war er immer gut, wenn nicht gar gesucht. Er besaß schon ein
-gewisses Vermögen und hatte die besten Aussichten, noch viel mehr zu
-erben. Mit Aljoscha war er befreundet.
-
-Im zweiten Wagen, in einer äußerst alten, stöhnenden, doch recht
-umfangreichen Kutsche, vor der zwei alte Schimmel trabten, die aber
-hinter Miussoffs leichtem Gefährt beträchtlich zurückblieben, kam Fedor
-Pawlowitsch Karamasoff mit seinem zweiten Sohn Iwan Fedorowitsch
-angefahren. Dmitrij Fedorowitsch hatte man schon am vorhergehenden Tage
-die Stunde angesagt, doch trotzdem war er nicht zu sehen. Man ließ die
-Wagen außerhalb der Klostermauer bei der Herberge halten, stieg aus und
-trat zu Fuß durch das Klostertor ein. Außer dem alten Karamasoff hatte
-von den übrigen drei, wie es schien, kein einziger je ein Kloster von
-innen gesehen; Miussoff aber war vielleicht schon seit dreißig Jahren
-nicht mehr in einer Kirche gewesen. Er blickte mit einer Neugier um
-sich, die nicht ganz ohne eine gewisse gemachte Ungezwungenheit war.
-Doch leider gab es für seinen ausschauenden Verstand im Innern der
-Klostermauern außer den übrigens sehr einfachen Kirchen- und
-Wirtschaftsgebäuden nichts Besonderes zu entdecken. Aus der Kirche
-strömte sich bekreuzend das Volk, die Mützen in der Hand. Unter dem
-einfachen Volk fielen zwei oder drei Damen der höheren Gesellschaft
-sowie ein alter General auf: alle standen sie im großen Zimmer der
-Herberge. Bettler umringten alsbald die Neuangekommenen, doch keiner von
-ihnen gab etwas. Nur Petruscha Kalganoff nahm aus seiner Börse ein
-Zehnkopekenstück, das er verlegen einem Weibe zusteckte, wobei er hastig
-hervorstieß: „Richtig verteilen.“ Die anderen sagten ihm nichts darauf,
-so daß er ganz grundlos verwirrt wurde; trotzdem wurde er, als er
-bemerkte, daß die anderen dies schweigend übersahen, noch verlegener.
-
-Etwas war aber sehr sonderbar: man sollte meinen, daß Gäste, wie sie,
-ganz anders empfangen werden müßten; Karamasoff hatte vor noch nicht
-langer Zeit tausend Rubel geschenkt, und Miussoff war der reichste
-Gutsbesitzer und der sozusagen gebildetste Mensch, von dem man hier im
-Kloster teilweise geradezu abhing, da der Prozeß, den man mit ihm wegen
-des Fischrechts im Fluß führte, noch nicht beendet war. Und siehe da:
-keine einzige der offiziellen Persönlichkeiten des Klosters war zu ihrem
-Empfang erschienen. Miussoff blickte zerstreut auf die Grabsteine an der
-Kirche und wollte schon bemerken, daß das Recht, an einem so „heiligen“
-Ort begraben zu liegen, den Leidtragenden nicht wenig aus der Tasche
-gezogen haben müsse, schwieg aber und sagte nichts: die gewöhnliche
-liberale Ironie verwandelte sich in ihm fast in Zorn.
-
-„Teufel, wo gibt es denn hier bei dieser blödsinnigen Einrichtung so
-etwas, wo man sich erkundigen kann ... Das muß man doch endlich
-feststellen, sonst verlieren wir hier bloß unsere kostbare Zeit,“
-brummte er leise, als wollte er es nur so vor sich hinsagen.
-
-Da trat ein älterer, kahlköpfiger Herr dienstbereit auf sie zu, ein Herr
-mit ungemein freundlich blickenden und etwas hervorstehenden Augen, der
-einen weiten Sommermantel trug. Er zog den Hut und stellte sich mit
-wahrhaft honigsüßer Stimme als Tulascher Gutsbesitzer Maximoff vor.
-
-„Der Staretz Sossima lebt in der Einsiedelei, hermetisch verschlossen,
-hermetisch, vierhundert Schritt vom Kloster, durch das Wäldchen, durch
-das Wäldchen ...“
-
-„Das weiß ich selbst, daß man durch das Wäldchen zu ihm gehen muß,“
-unterbrach ihn Fedor Pawlowitsch Karamasoff, „aber den Weg dorthin hab
-ich total vergessen, bin lange nicht mehr hier gewesen.“
-
-„Hier, hier, gleich durch diese Pforte und dann gerade durch das
-Wäldchen ... durch das Wäldchen. Wenn gefällig ... ich muß selbst ...
-ich werde selbst ... Hier, sehen Sie, hier ...“
-
-Sie traten aus dem Torgang und schritten auf den Wald zu. Der
-Gutsbesitzer Maximoff, ein Mann von sechzig Jahren, ging nicht
-eigentlich, sondern lief geradezu neben ihnen her, während er sie dabei
-mit einer krampfhaften, schier unglaublichen Neugier betrachtete, wobei
-seine Glotzäugigkeit noch unangenehmer auffiel.
-
-„Wir sind in einer besonderen Angelegenheit zum Staretz gekommen,“
-bemerkte mit strenger Miene Miussoff. „Diese ‚Persönlichkeit‘ hat uns
-sozusagen eine Audienz gewährt, und daher müssen wir Sie bitten,
-obgleich wir Ihnen für das Wegweisen sehr dankbar sind, doch nicht mit
-uns zusammen einzutreten.“
-
-„Ich war ja schon, ich war ja schon ... _Un chevalier parfait!_“
-versicherte sofort der Gutsbesitzer und knipste mit den Fingern vor
-Begeisterung.
-
-„Wer ist ein Chevalier?“ fragte Miussoff.
-
-„Der Staretz, der prachtvolle Staretz, der Staretz! ... Die Ehre und der
-Ruhm des ganzen Klosters! Sossima! Das ist solch ein Staretz ...“
-
-Seine krause Rede wurde unterbrochen: Ein kleiner, bleicher, magerer
-Mönch in einer Kutte kam ihnen nachgelaufen. Karamasoff und Miussoff
-blieben stehen. Der Mönch verbeugte sich tief und sagte höflich:
-
-„Seine Hochehrwürden, der Prior, läßt Sie alle, meine Herren, bitten,
-nach Ihrem Besuch in der Einsiedelei zu ihm zum Mittagsmahl zu kommen.
-Und Sie gleichfalls,“ fügte er, sich an Maximoff wendend, hinzu.
-
-„Das werde ich unbedingt!“ rief der alte Karamasoff, ungemein erfreut
-über die Einladung, „unbedingt! Und wissen Sie, wir haben uns alle das
-Wort gegeben, uns hier anständig aufzuführen ... Und Sie, Miussoff,
-werden Sie auch kommen?“
-
-„Warum sollte ich denn nicht? Wozu bin ich denn sonst hergekommen, wenn
-nicht, um hier alle diese Bräuche kennen zu lernen. Nur eines macht mir
-Bedenken, und das ist gerade, was ich jetzt mit Ihnen, Fedor Pawlowitsch
-...“
-
-„Ja, meinen Sohn Dmitrij Fedorowitsch gibt’s aber vorläufig noch nicht.“
-
-„Und er täte gut, überhaupt nicht zu kommen; ist mir denn diese Ihre
-ganze schmutzige Geschichte etwa angenehm, und zudem noch mit Ihnen als
-Zugabe! – Wir werden gern der freundlichen Einladung Folge leisten,
-überbringen Sie Seiner Hochehrwürden unseren besten Dank,“ sagte er
-darauf zum Mönch.
-
-„Ich soll Sie zum Staretz führen,“ antwortete der Mönch.
-
-„Dann werde ich jetzt solange zum Prior gehen!“ sagte eilig der
-Gutsbesitzer Maximoff.
-
-„Der Prior ist augenblicklich in Anspruch genommen ... aber ... wie Sie
-wollen ...“ meinte etwas unentschlossen der Mönch.
-
-„Ein äußerst zudringlicher Kauz,“ bemerkte Miussoff laut, als Maximoff
-zum Kloster zurückeilte.
-
-„Gleicht ungemein dem berühmten Herrn von Sohn,“ sagte plötzlich der
-alte Karamasoff.
-
-„Das scheint das einzige zu sein, was Sie sagen können ... Warum soll er
-denn Herrn von Sohn gleichen? Haben Sie überhaupt jemals Herrn von Sohn
-gesehen?“
-
-„Selbstverständlich: auf der Photographie. Er gleicht ihm fabelhaft, sag
-ich Ihnen, wenn auch nicht in den Gesichtszügen, sondern in etwas ganz
-Unerklärlichem. Von Sohns Doppelgänger, mit einem Wort. Das sehe ich ihm
-sofort an der Physiognomie an.“
-
-„Nun, meinetwegen,“ bemerkte Miussoff gereizt, „Sie sind ja Kenner in
-solchen Sachen. Nur noch eines, Fedor Pawlowitsch: Sie geruhten soeben
-selbst daran zu erinnern, daß wir uns das Wort gegeben haben, uns
-anständig aufzuführen, wie Sie sich wohl noch entsinnen werden. Ich sage
-Ihnen: Vergessen Sie das nicht! Sollten Sie aber wieder anfangen, den
-Narren zu spielen, so werde ich es, glauben Sie mir, nicht dulden, daß
-man mich hier mit Ihnen auf eine Stufe stellt! ... Sehen Sie, was das
-für ein Mensch ist,“ fügte er darauf, zum Mönch gewandt, hinzu, „ich
-fürchte mich geradezu, mit ihm bei anständigen Menschen einzutreten.“
-
-Auf den blassen, blutleeren Lippen des kleinen Mönches erschien ein
-feines, verschwiegenes Lächeln, das in seiner Art doch eine gewisse
-Geriebenheit verriet, aber er antwortete nicht, und es war nur zu
-augenscheinlich, daß er aus dem Gefühl der eigenen Würde heraus schwieg.
-Miussoff runzelte die Stirn.
-
-„Ach, der Teufel hole sie allesamt; das ist ja doch bloß eine in
-Jahrhunderten ausgearbeitete Äußerlichkeit; in Wirklichkeit ist es nur
-Scharlatanerie und Blödsinn.“
-
-„Ah, da sind wir also glücklich angelangt: da ist die Einsiedelei!“ rief
-Fedor Pawlowitsch. „Die Mauer und die Pforte sind aber geschlossen, wie
-ich sehe.“
-
-Und er begann, sich eifrig vor den Heiligenbildern zu bekreuzen, die
-über und zu beiden Seiten der Pforte gemalt waren.
-
-„In ein fremdes Kloster soll man nicht mit seinem Reglement eintreten,“
-bemerkte er. „Im ganzen suchen hier in dieser Einsiedelei fünfundzwanzig
-Heilige ihr Seelenheil, beobachten einander und vertilgen Sauerkohl. Und
-kein einziges Frauenzimmerchen darf hier durch diese Pforte treten, das
-ist das Bemerkenswerteste dabei, und das ist wirklich so. Aber, mein
-Lieber, wie kommt es – ich habe nämlich trotzdem gehört, daß der Staretz
-auch Damen empfängt?“ damit wandte er sich plötzlich an den Mönch.
-
-„Aus dem Volk sind auch jetzt Weiber hier; sehen Sie dort, sie warten an
-der Galerie. Für die höheren Damen aber sind hier bei der Galerie,
-außerhalb der Einfriedung, zwei Zimmerchen angebaut, diese Fenster dort,
-und der Staretz kommt dann zu ihnen durch den inneren Gang, wenn er
-gesund ist, also immer außerhalb der Einfriedung. Auch jetzt ist dort
-eine vornehme Dame, eine Gutsbesitzerin aus dem Charkoffschen, Frau
-Chochlakoff; sie erwartet ihn mit ihrer gelähmten Tochter.
-Wahrscheinlich hat er versprochen, zu ihnen hinauszukommen, obgleich er
-in letzter Zeit so schwach geworden ist, daß er sich kaum noch dem Volk
-zeigen kann.“
-
-„Also gibt es immerhin doch noch ein Schlupfloch, das aus der
-Einsiedelei zu den Weibern führt? Das heißt, heiliger Vater, glauben Sie
-um Gottes willen nicht, daß ich irgend etwas! – ich meinte ja nur so.
-Wissen Sie, auf dem Athos, Sie haben es vielleicht schon gehört, ist
-nicht nur der Besuch von Frauen verboten, sondern überhaupt jede
-Gotteskreatur weiblichen Geschlechts; weder werden dort Hühnchen
-geduldet, noch Putchen, noch Kälbchen ...“
-
-„Fedor Pawlowitsch, ich werde sofort zurückgehen und Sie allein
-eintreten lassen! Man wird Sie hier sowieso hinausschmeißen, das
-prophezeie ich Ihnen!“
-
-„Aber was tue ich Ihnen denn, Pjotr Alexandrowitsch? Sehen Sie doch
-mal,“ rief er plötzlich, da er durch die Pforte trat, „sehen Sie doch,
-in welch einem Rosental sie hier leben!“
-
-Tatsächlich waren dort, wenn auch keine Rosen, so doch überall, wo man
-sie nur hatte pflanzen können, eine Menge seltener und schöner
-Herbstblumen. Augenscheinlich pflegte sie eine geübte Hand. Blumenbeete
-lagen zwischen Gräbern, und Blumen wuchsen als Spalier an der Mauer. Das
-einstöckige Holzhäuschen, in dem sich die Zelle des Staretz befand, war
-mit seiner Galerie vor dem Eingang gleichfalls von Blumen umgeben.
-
-„War denn das auch beim früheren Staretz Warssonofij so? Der soll ja,
-wie man sagt, Schönheit überhaupt nicht geliebt haben, soll sogar das
-schöne Geschlecht mit dem Stock geschlagen haben,“ bemerkte Fedor
-Pawlowitsch, als er die Stufen hinanstieg.
-
-„Der Staretz Warssonofij war zuweilen allerdings etwas wunderlich, aber
-auch viel Unwahres wird von ihm erzählt. Mit dem Stock hat er niemanden
-geschlagen,“ antwortete der Mönch. „Bitte sich hier einen Augenblick zu
-gedulden, ich werde Sie anmelden.“
-
-„Fedor Pawlowitsch, zum letztenmal die Bedingung, hören Sie! Führen Sie
-sich gut auf, sonst haben Sie es mit mir zu tun,“ gelang es Miussoff,
-ihm noch schnell zuzuflüstern.
-
-„’s ist wirklich unbegreiflich, warum Sie dermaßen erregt sind,“
-bemerkte spöttisch Fedor Pawlowitsch, „oder fürchten Sie sich wegen
-Ihrer Sünden? Man sagt ja, daß er es an den Augen erkenne, womit man zu
-ihm kommt. Und wie hoch Sie plötzlich seine Meinung schätzen, Sie, solch
-ein Pariser und Fortschrittler! Sie setzen mich ja heute wahrhaftig in
-Erstaunen.“
-
-Doch Miussoff konnte nichts mehr auf diesen Sarkasmus entgegnen: man bat
-sie einzutreten.
-
-„Wie ich mich kenne, werde ich jetzt zu streiten anfangen, wie immer,
-wenn ich gereizt bin, ... werde heftig werden – und mich und die Idee
-erniedrigen, das weiß ich schon im voraus,“ fuhr es Miussoff noch durch
-den Kopf, als er ins andere Zimmer trat.
-
-
- II.
- Der alte Narr
-
-Sie betraten das Zimmer fast zu gleicher Zeit mit dem Staretz, der bei
-ihrem Erscheinen sofort seinen kleinen Schlafraum verlassen hatte. Sein
-Erscheinen erwarteten in der Zelle schon seit längerer Zeit zwei
-Priestermönche der Einsiedelei, der Pater Bibliothekar und der Pater
-Paissij, ein kranker, noch nicht alter, jedenfalls aber sehr gelehrter
-Mann, wie es hieß. Außerdem erwartete ihn noch stehend in einem Winkel
-ein junger, etwa zweiundzwanzigjähriger Bursche in einem Zivilrock, ein
-Seminarist und zukünftiger Theologe, der, unbekannt warum, von der
-ganzen Klosterbrüderschaft gönnerhaft beschützt wurde. Er war ziemlich
-groß von Wuchs, hatte ein frisches Gesicht mit breiten Kinnbacken, kluge
-und aufmerksame, schmale, braune Augen. Auf seinem Gesicht drückte sich
-vollkommene Ehrerbietung aus, doch war es eine anständige Ehrerbietung,
-d. h. ohne sichtbares sich Einschmeichelnwollen. Die eingetretenen Gäste
-begrüßte er nicht einmal mit einer Verbeugung, wie eine ihnen nicht
-gleichstehende, sondern untergeordnete oder gar von ihnen abhängige
-Person.
-
-Der Staretz Sossima erschien in Begleitung Aljoschas und eines Novizen.
-Die Priestermönche erhoben sich und verneigten sich tief vor ihm, wobei
-sie mit den Fingern den Boden berührten, und küßten ihm darauf, nachdem
-sie sich bekreuzt hatten, ehrfürchtig die Hand. Der Staretz erteilte
-ihnen seinen Segen, verneigte sich vor einem jeden von ihnen ebenso
-tief, wobei er gleichfalls den Fußboden mit den Fingern berührte und
-auch von ihnen ihren Segen erbat. Die ganze Zeremonie ging sehr ernst
-vor sich, durchaus nicht wie irgendein alltäglicher Brauch, sondern fast
-mit einem tiefen Gefühl. Miussoff aber argwöhnte plötzlich, daß alles
-ihretwegen absichtlich so ernst und feierlich gemacht werde. Er stand,
-da er als erster eingetreten war, vor den anderen. Nun hätte er, ganz
-abgesehen von seinen Ideen, einfach aus gewöhnlicher Höflichkeit (da
-hier nun einmal solche Bräuche waren), auf den Staretz zutreten, und,
-wenn ihm auch nicht gerade die Hand küssen, so ihn doch wenigstens um
-seinen Segen bitten müssen. Das hatte er sich am Abend vorher sogar
-schon vorgenommen. Als er aber jetzt alle diese Verbeugungen sah,
-änderte er im Augenblick seinen Entschluß: wichtig und ernst machte er
-eine tiefe, gesellschaftliche Verbeugung und trat darauf zurück. Genau
-dasselbe tat auch Fedor Pawlowitsch, der diesmal wie ein Affe Miussoff
-auf ein Haar kopierte. Iwan Fedorowitsch machte ernst und höflich seine
-Verbeugung, doch gleichfalls „Hände an den Nähten“, Kalganoff dagegen
-verwirrte sich dermaßen, daß er überhaupt nicht grüßte. Der Staretz ließ
-seine zum Segen erhobene Hand wieder sinken, und bat sie, indem er sich
-zum zweitenmal vor ihnen verneigte, Platz zu nehmen. Aljoscha stieg das
-Blut ins Gesicht; er schämte sich – seine schlechten Ahnungen hatten ihn
-also nicht getäuscht!
-
-Der Staretz setzte sich auf ein kleines, altmodisches Ledersofa aus
-rotem Holz, den Gästen aber wies er an der entgegengesetzten Wand vier
-Stühle an, die alle in einer Reihe standen, gleichfalls aus rotem Holz
-waren und einen stark abgenutzten Lederbezug hatten. Die Priestermönche
-setzten sich etwas abseits, der eine bei der Tür, der andere am Fenster.
-Der Seminarist, Aljoscha und der Novize blieben stehen. Die Zelle war
-nicht gerade groß und hatte so ein, fast möchte man sagen, welkes
-Aussehen. Die Sachen und die Möbel, nur die notwendigsten, waren von
-ganz einfacher Arbeit, fast ärmlich. Zwei Blumentöpfe auf dem
-Fensterbrett und in der Ecke viele Heiligenbilder – darunter ein sehr
-großes der Muttergottes, das wahrscheinlich schon lange vor der
-Kirchenspaltung[6] gemalt worden war. Vor ihm brannte ein Lämpchen.
-Daneben hingen zwei andere Heiligenbilder mit reicher Verzierung, etwas
-weiter zwei kleine Cherubim, Ostereier aus Porzellan, ein katholisches
-Kreuz aus Elfenbein mit einer es umarmenden _Mater dolorosa_, und dann
-hingen an den Wänden noch einige ausländische Gravüren großer
-italienischer Meister der vergangenen Jahrhunderte. Neben diesen schönen
-und teuren Gravüren hingen aber die allereinfachsten russischen
-Buntdrucke verschiedener Heiliger, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz,
-Bilder, wie sie zu einer Kopeke das Stück auf allen Jahrmärkten verkauft
-werden. Ebenso hingen an den anderen Wänden noch mehrere Bilder lebender
-wie verstorbener Geistlicher. Miussoff streifte mit seinem Blick nur
-flüchtig diesen ganzen „Heiligenkram“ und richtete ihn dann fest auf das
-Gesicht des Staretz. Er schätzte seinen Blick sehr hoch: er hatte diese
-an ihm jedenfalls verzeihliche Schwäche, verzeihlich, wenn man bedenkt,
-daß er ein Mann von fünfzig Jahren war, also schon ein Alter erreicht
-hatte, in dem ein kluger, wohlsituierter Weltmann zu seiner eigenen
-Person immer ehrerbietiger wird – und wäre es unwillkürlich.
-
-Im ersten Augenblick gefiel ihm der Staretz nicht. Allerdings war in
-dessen Gesicht etwas, das vielen, auch außer Miussoff, nicht gefallen
-hätte. Er war ein mittelgroßer, gebeugter Mann mit sehr schwachen Füßen,
-erst fünfundsechzig Jahre alt, doch erschien er infolge seiner Krankheit
-wenigstens um zehn Jahre älter. Sein mageres Gesicht war von kleinen,
-feinen Runzeln übersät, besonders um die Augen herum. Diese Augen waren
-nicht groß, wohl aber hell und glänzend wie zwei leuchtende Punkte. Nur
-an den Schläfen hatte er noch ein wenig graues Haar, das Bärtchen war
-spitz und klein und spärlich, die Lippen aber, die häufig lächelten,
-waren so schmal wie zwei dünne Schnürchen. Die Nase war nicht gerade
-lang, dafür aber fast so spitz wie ein Vogelschnabel.
-
-„Allem Anschein nach ein boshaftes und kleinlich-anmaßendes Männchen,“
-zuckte es Miussoff durch den Kopf. Er war sehr unzufrieden mit sich.
-
-Da schlug die Uhr und half somit, ein Gespräch zu beginnen. Es schlug
-von einer billigen Wanduhr mit Gewichten in schnellen Schlägen gerade
-zwölf.
-
-„Genau die festgesetzte Stunde!“ rief Fedor Pawlowitsch, „mein Sohn
-Dmitrij Fedorowitsch ist aber noch immer nicht erschienen. Ich bitte für
-ihn um Entschuldigung, heiliger Staretz!“ (Aljoscha fuhr zusammen, als
-er das „heiliger Staretz“ hörte.) „Ich selbst dagegen bin immer
-pünktlich auf die Minute, da ich weiß, daß Pünktlichkeit die Höflichkeit
-der Könige ist.“
-
-„Soviel ich weiß, sind Sie nichts weniger als ein König,“ brummte
-Miussoff, der sich schon nicht mehr recht in der Gewalt hatte.
-
-„Stimmt! Nichts weniger als ’n König. Und denken Sie nur, Pjotr
-Alexandrowitsch, das wußte ich ja selbst, bei Gott! Und sehen Sie, immer
-muß ich alles so _mal à propos_ sagen! Ehrwürden!“ rief er darauf mit
-einem ganz plötzlichen, unerwarteten Pathos aus: „Sie sehen vor sich
-einen leibhaftigen Narren! Habe die Ehre, mich Ihnen als solchen
-vorzustellen. Alte Angewohnheit – leider! Daß ich aber am unrechten Ort
-und zur unrechten Zeit zuweilen etwas lüge, o, das geschieht sogar mit
-Absicht von mir, um andere zu erheitern und ihnen angenehm zu sein. Denn
-das muß man doch, nicht wahr? Wissen Sie, einmal, so vor etwa sieben
-Jahren, kam ich in ein Städtchen, es gab Geschäftchen abzuwickeln,
-wollte dort mit ein paar Kaufleuten eine Kompanie gründen. Kurz, wir
-gehen zum Kreispolizeichef – man mußte ihn doch um dies und jenes bitten
-–, um ihn zu einem Schmaus einzuladen. Er kommt heraus, groß, dick,
-blond und mürrisch, – eines der gefährlichsten Subjekte in solchen
-Fällen: ‚Herr Isprawnik,‘[7] sage ich zu ihm, ‚seien Sie unser
-Naprawnik!‘ – ‚Was soll ich sein?‘ fragte er. Ich sehe schon in der
-ersten Viertelsekunde, daß die Sache schief gegangen ist, er steht
-steif, fixiert mich: ‚Ich erlaubte mir, nur zu scherzen,‘ sage ich,
-‚bloß so zur allgemeinen Heiterkeit, da Herr Naprawnik unser bekannter
-russischer Dirigent und Kapellmeister der kaiserlichen Oper ist, wir
-aber zur Harmonie unseres Unternehmens gleichfalls so etwas wie einen
-Kapellmeister brauchen‘ ... Kurz und gut, ich erkläre ihm vernünftig den
-ganzen Vergleich, nicht wahr, er aber sagt: ‚Ich bin der Isprawnik und
-verbitte mir unpassende Witzchen mit meinem Titel,‘ – kehrt sich um und
-geht! Ich ihm nach, rufe: ‚Ah, selbstverständlich sind Sie nur Isprawnik
-und kein Naprawnik!‘ – Er aber sagt nichts darauf und geht, geht
-wahrhaftig! Und was glauben Sie wohl: unsere ganze Geschichte ging aus
-dem Leim! Und immer bin ich so, immer verpfusche ich mir alles selbst
-mit meiner Liebenswürdigkeit! – Einmal, das ist jetzt schon viele Jahre
-her, sagte ich zu einer angesehenen, sogar einflußreichen
-Persönlichkeit: ‚Ihre Frau Gemahlin ist etwas sehr kitzlich,‘ – in dem
-Sinne, meine ich, was die Ehre anbetrifft, ich meine – in moralischer
-Hinsicht; er aber fragt mich: ‚Haben Sie sie denn gekitzelt?‘ Wart,
-denke ich, werde mir ein Witzchen erlauben: ‚Versteht sich,‘ sage ich.
-Nun, darauf hat er mich aber etwas anders gekitzelt ... Doch das ist
-schon so lange her, daß man sich weiter nicht mehr schämt, es zu
-erzählen. Und immer schade ich mir selbst auf diese Weise.“
-
-„Das tun Sie ja auch jetzt wieder,“ brummte Miussoff mit Verachtung.
-
-Der Staretz betrachtete sie beide stumm.
-
-„Und ob! Stellen Sie es sich nur vor, Pjotr Alexandrowitsch, ich wußte
-das ja selbst, ich ahnte es bereits, als ich den Mund auftat und, wissen
-Sie, ich wußte sogar, daß Sie zu mir als erster diese Bemerkung machen
-würden. In diesen Sekunden, Ehrwürden, wenn ich sehe, daß der Spaß mir
-nicht gelingt, trocknen mir allmählich beide Wangen an das Zahnfleisch
-der unteren Kinnbacken an, und es kommt so etwas wie ein Krampf über
-mich: Das habe ich von Jugend auf, als ich noch bei den Edelleuten aus
-Gnade und Barmherzigkeit aufgenommen wurde und mir auf diese Weise, also
-dafür, daß ich bei ihnen lustiger Gast war, mein Brot verdiente. Ich bin
-ein eingefleischter Narr, bin’s von Kindesbeinen an, bin so geboren,
-Ehrwürden, ’s ist angeborene Blödsinnigkeit, wie gesagt! Oder möglich,
-daß sich ein unreiner Geist in mir verbirgt, will’s nicht verreden,
-übrigens, keines großen Kalibers, denn ein bedeutenderer würde sich ein
-anderes Quartier mieten, nur ist damit nicht gesagt, daß er dabei das
-Ihrige, Pjotr Alexandrowitsch, wählen würde, denn, nicht wahr, auch Sie
-sind ja kein bedeutendes Quartier. Dafür aber bin ich gläubig, glaube an
-Gott! Nur in der letzten Zeit habe ich so einige Bedenken gekriegt,
-dafür aber sitze ich jetzt hier in Erwartung heiliger Worte. Ich,
-Ehrwürden, bin wie Diderot. Kennen Sie die Geschichte, wie der Philosoph
-Diderot zum Metropoliten Platon kam? – zur Zeit der Kaiserin Katharina?
-Er kommt herein und sagt direkt, ganz ohne jegliche Einleitung: ‚Es gibt
-keinen Gott.‘ Worauf der große Kirchenvater seine Hand erhebt und sagt:
-‚Rede nur, Sinnloser, in deinem Herzen trägst du Gott!‘ Diderot ihm
-sofort zu Füßen: ‚Ich glaube,‘ ruft er aus, ‚und empfange die Taufe.‘
-Und so wurde er denn auch sofort getauft. Fürstin Daschkowa hob ihn aus
-der Taufe, und Potemkin war sein Pate ...“
-
-„Fedor Pawlowitsch, das ist unerträglich! Sie wissen es ja selbst, daß
-Sie lügen, daß diese dumme Anekdote nichts weniger als wahr ist, wozu
-machen Sie denn diese Faxen?“ unterbrach ihn mit zitternder Stimme
-Miussoff, der sich nicht länger beherrschen konnte.
-
-„Mein ganzes Leben lang habe ich’s ja geahnt, daß sie nicht wahr ist!“
-bestätigte sofort und gleichsam in heller Begeisterung Fedor
-Pawlowitsch. „Meine Herren, ich werde Ihnen dafür die ganze Wahrheit
-sagen! Großer Staretz! Verzeihen Sie mir: das letzte, dieses von der
-Taufe Diderots, habe ich mir selbst soeben ausgedacht, erst jetzt,
-genau, als ich es erzählte, früher ist es mir nie in den Kopf gekommen.
-Hab’s mir nur so zur Pikanterie ausgedacht. Darum mache ich ja nur diese
-Faxen, Pjotr Alexandrowitsch, um sympathischer zu sein. Zuweilen weiß
-ich übrigens selbst nicht, warum. Und was den Diderot betrifft, so habe
-ich dieses: ‚rede nur, Sinnloser,‘ etwa zwanzigmal von den hiesigen
-Gutsbesitzern erzählen gehört, hab’s bereits als halbes Kind gehört, als
-ich bei ihnen lebte; auch von Ihrer lieben Tante, Pjotr Alexandrowitsch,
-von Mawra Fominitschna, habe ich’s gehört. Alle sind sie durch die Bank,
-bis auf den heutigen Tag, noch überzeugt, daß der gottlose Diderot zum
-Metropoliten Platon über Gott disputieren gegangen ist ...“
-
-Miussoff erhob sich, nicht nur, weil er die Geduld verloren hatte,
-sondern er tat es offenbar, weil er im Augenblick in seiner Erregung
-nichts anderes zu tun wußte. Er war empört und sagte sich, daß er
-dadurch selbst lächerlich werde. Ja, in der Zelle ging wirklich etwas
-ganz Unmögliches vor sich. Diese Zelle, in der vielleicht schon seit
-vierzig oder fünfzig Jahren, noch bei den früheren Startzen, die Fremden
-empfangen wurden, hatte nur tiefste Ehrfurcht gesehen. Alle, die in ihr
-empfangen worden waren, hatten gewußt, daß man ihnen damit eine große
-Gnade erwies. Viele sanken auf die Knie und erhoben sich erst, wenn sie
-fortgehen mußten. Viele sogar von den „höheren“ Persönlichkeiten, sogar
-viele Gelehrte, ja, selbst viele Freigeister, die entweder aus Neugierde
-oder aus sonst einem Grunde gekommen waren, machten es sich alle, bis
-auf den letzten, beim Eintritt in die Zelle zur ersten Pflicht, sich
-während des Besuchs tief ehrerbietig, tadellos zu benehmen, um so mehr,
-als man nicht für Geld empfangen wurde, sondern aus Liebe und Mitleid.
-Und die hinkamen, waren entweder Reuige, die Trost suchten, oder
-Menschen, die einer schweren Frage ihrer Seele eine Antwort suchen
-wollten, oder einen schweren Augenblick im Leben des eigenen Herzens zu
-überwinden hatten, und die dann um Beistand, Rat und Hilfe baten. So
-riefen denn solche Possen, wie sie plötzlich Fedor Pawlowitsch an diesem
-Ort trieb, bei den übrigen Anwesenden oder wenigstens bei einigen von
-ihnen stumme Verwunderung und erstauntes Nichtverstehenkönnen hervor.
-Die Priestermönche, die übrigens ihren Gesichtsausdruck nicht im
-geringsten veränderten, warteten ernst und aufmerksam, was der Staretz
-sagen werde, doch bereiteten auch sie sich schon vor, wie Miussoff,
-aufzustehen. Aljoscha war dem Weinen nahe und stand stumm mit gesenktem
-Kopf. Am sonderbarsten schien ihm, daß sein Bruder Iwan Fedorowitsch,
-der einzige, auf den er gehofft hatte, und der allein solch einen
-Einfluß auf seinen Vater besaß, daß er ihn hätte zügeln können, jetzt
-vollkommen unbeweglich auf seinem Stuhl saß, den Blick zu Boden gesenkt
-hielt, und, wie es schien, mit einer geradezu wißbegierigen Neugier
-abwartete, womit das enden werde, ganz als ob er selbst nur eine fremde
-Nebenperson wäre. Auf Rakitin, den Seminaristen, wagte Aljoscha nicht
-einmal einen Blick zu werfen, obgleich er ihn gut kannte, und ihm fast
-nahe stand: oh, er kannte dessen Gedanken nur zu gut (vielleicht er
-allein im ganzen Kloster).
-
-„Entschuldigen Sie mich ...,“ begann Miussoff zum Staretz gewandt, „wenn
-ich Ihnen vielleicht gleichfalls als Teilnehmer an diesem unwürdigen
-Scherz erscheine. Meine Schuld besteht bloß darin, daß ich geglaubt
-habe, selbst so einer, wie Fedor Pawlowitsch, würde, wenn er an solch
-einem Ort ist, seine Pflichten begreifen ... Ich hätte es nicht gedacht,
-daß man dafür noch um Verzeihung werde bitten müssen, daß man mit ihm
-zusammen eintritt ...“
-
-Miussoff sprach seinen Satz nicht zu Ende und wollte schon ganz verwirrt
-hinausgehen.
-
-„Beunruhigen Sie sich nicht, ich bitte Sie darum,“ sagte der Staretz und
-erhob sich plötzlich, trotz seiner kranken Füße, von seinem Platz,
-ergriff Miussoff an beiden Händen und nötigte ihn, sich wieder auf den
-Stuhl zu setzen. „Beruhigen Sie sich, ich bitte Sie darum, und besonders
-bitte ich Sie, mein Gast zu sein;“ und nachdem er sich nochmals verbeugt
-hatte, setzte er sich wieder auf sein kleines Sofa.
-
-„Großer Staretz, sprechen Sie es aus: beleidige ich Sie durch meine
-Lebhaftigkeit oder nicht?“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, wobei er
-auf dem Stuhl nach vorn rückte und mit den Händen schon die Armlehnen
-seines Stuhles ergriff, als ob er mit der Antwort zugleich aufspringen
-wollte.
-
-„Und auch Sie bitte ich aufrichtig, sich nicht zu beunruhigen und sich
-keinen Zwang anzutun,“ sagte ihm eindringlich der Staretz. „Seien Sie
-ganz wie zu Haus. Und vor allem, schämen Sie sich nicht so sehr Ihrer
-selbst, denn nur daher kommt bei Ihnen alles.“
-
-„Ganz wie zu Haus? Das heißt wohl so recht natürlich? O, das ist viel,
-viel zu viel, doch – nehme es in Rührung an! Wissen Sie, gesegneter
-Vater, beschwören Sie mich nicht auf das Natürliche, riskieren Sie es
-lieber nicht ... Bis zur Natürlichkeit komme ich ja noch nicht einmal
-bei mir selbst. Ich warne Sie nur, um Sie vor Schlimmem zu bewahren. Na
-ja, und was das übrige anbetrifft, so liegt das noch in der Finsternis
-der Unbekanntheit, obgleich mich gewisse Leute gern anschwärzen wollen.
-Das ist an Ihre Adresse gesagt, Pjotr Alexandrowitsch. Ihnen aber,
-heiligstes Wesen, Ihnen sage ich folgendes: ‚Ich spreche meine
-Begeisterung aus!‘“ Er erhob sich, erhob die Hände und rief: „‚Selig der
-Schoß, der dich getragen, und die Brüste, die dich genährt,‘ besonders
-die Brüste! Sie haben mich soeben mit Ihrer Bemerkung: ‚Schämen Sie sich
-nicht so sehr Ihrer selbst, denn nur daher kommt alles,‘ mit dieser
-Bemerkung haben Sie mich einfach durchbohrt und mir gezeigt, daß Sie in
-meinem Innersten lesen. Das ist es ja, daß es mir immer scheint, wenn
-ich zu Leuten hineingehe, daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich
-alle für einen Narren halten, und darum denke ich: ‚wart, werde
-meinetwegen den Narren spielen, fürchte eure Meinung nicht, denn ihr
-seid doch alle, bis auf den letzten, gemeiner als ich!‘ Sehen Sie, und
-darum bin ich denn Narr, bin vor Scham Narr, großer Staretz, nur vor
-Scham! Nur aus Argwohn bin ich frech, mache ich sofort Skandal. Denn
-wäre ich überzeugt, wenn ich eintrete, daß mich alle sofort für den
-liebenswürdigsten und klügsten Menschen halten, – Herrgott, was würde
-ich dann für ein guter Mensch sein! Mein Lehrer!“ rief er aus und sank
-ganz plötzlich auf die Knie nieder, „was soll ich tun, um das ewige
-Leben zu erwerben?“
-
-Selbst jetzt war es schwer, zu sagen, ob er scherzte, oder ob er
-tatsächlich so begeistert war?
-
-Der Staretz blickte ihn an und sagte lächelnd:
-
-„Das wissen Sie selbst schon längst, was man dazu tun muß, Verstand
-haben Sie genug: Ergeben Sie sich nicht dem Trunk, mäßigen Sie sich in
-Ihren Worten, ergeben Sie sich nicht der Sinnenlust und vor allem nicht
-der Vergötterung des Geldes, und schließen Sie Ihre Trinkstuben, wenn
-nicht alle, falls Ihnen das unmöglich ist, so doch wenigstens zwei oder
-drei. Und die Hauptsache, das allerwichtigste – lügen Sie nicht.“
-
-„Das geht wohl auf das von dem Diderot?“
-
-„Nein, nicht nur auf die Geschichte vom Diderot. Die Hauptsache ist,
-belügen Sie sich nicht selbst. Wer sich selbst belügt und auf seine
-eigene Lüge hört, kommt schließlich dazu, daß er keine einzige Wahrheit
-mehr, weder in sich noch um sich, unterscheidet, das aber führt zu
-Nichtachtung sowohl seiner selbst als der anderen. Wer aber niemanden
-achtet, der hört auch auf zu lieben; um sich aber ohne Liebe zu
-beschäftigen und zu zerstreuen, ergibt er sich den Leidenschaften und
-rohen Ausschweifungen und steigt in seinen Lastern hinab bis zum
-Viehischen; und also geschieht das nur durch seine fortwährende Lüge,
-den Menschen wie sich selbst gegenüber. Wer sich selbst belügt, kann
-sich auch am ehesten beleidigt fühlen. Ist es doch mitunter sogar sehr
-angenehm, sich gekränkt zu fühlen, ist’s nicht so? Und der Mensch weiß
-es doch selbst, daß ihn niemand gekränkt hat, daß er sich selbst die
-Kränkung ausgedacht und vorgelogen hat zur vermeintlichen Zierde, daß er
-es selbst vergrößert hat, daß er aus einer Erbse einen Berg macht, – er
-weiß es selbst nur zu gut, und doch fühlt er sich gekränkt, fühlt er
-sich bis zum Wohlbehagen gekränkt, bis zur Empfindung eines Genusses,
-und das bringt ihn dann bis zur wahren Feindschaft gegen die Menschen
-... Aber so stehen Sie doch auf, setzen Sie sich doch, ich bitte Sie
-darum; das sind doch gleichfalls nur erlogene Gebärden.“
-
-„Heiligster Mensch! Lassen Sie mich Ihre Hand küssen,“ rief aufspringend
-Fedor Pawlowitsch begeistert aus, beugte sich geschwind und drückte
-schmatzend einen Kuß auf die magere Hand des Staretz. „Das ist es ja,
-das ist’s: jawohl, geradezu angenehm ist es, sich gekränkt zu fühlen!
-Das haben Sie so schön gesagt, wie ich es überhaupt noch nicht gehört
-habe. Das ist es ja, mein Lebelang habe ich mich bis zum Genuß gekränkt
-gefühlt, habe mich nur um der Ästhetik willen gekränkt gefühlt, denn es
-ist nicht nur angenehm, sondern zuweilen sogar hübsch, gekränkt zu sein;
-– das haben Sie vergessen, hinzuzufügen, großer Staretz: wirklich
-hübsch. Das werde ich mir ins Notizbuch schreiben! Aber gelogen habe ich
-entschieden mein ganzes Leben, an jedem Herrgottstag, in jeder Stunde
-und Minute; bin die leibhaftige Lüge, bin der Vater der Lüge! Übrigens
-verhaue ich mich wahrscheinlich wieder im Text, sagen wir lieber, der
-Sohn der Lüge, das dürfte ja auch schon genügen. Nur ... hören Sie, mein
-Engel ... so etwas wie das vom Diderot kann man zuweilen doch erfinden!
-Diderot schadet weiter nicht, aber so gewisse Wörtchen können mitunter
-schaden. Ach, bei der Gelegenheit, großer Staretz, hätt’s beinahe total
-vergessen, und hab’s mir doch schon seit drei Jahren fest vorgenommen,
-mich hier danach zu erkundigen, gerade hier anzufragen und es positiv zu
-erfahren – wollten Sie aber nicht vorher Pjotr Alexandrowitsch sagen,
-daß er mich nicht unterbricht! – also, ich wollte sagen: ist es wahr,
-großer Mann, was in der Vita Sanctorum irgendwo geschrieben steht, von
-irgendeinem heiligen Wundertäter, den man um seines Glaubens willen
-gemartert hat? Es heißt dort nämlich, daß er, nachdem man ihn
-schließlich enthauptet hatte, aufgestanden sei, seinen Kopf aufgehoben
-und ihn ‚liebevoll geküßt‘ habe, und lange so mit ihm in den Armen
-herumgegangen sei, das Haupt immer ‚liebevoll küssend‘. Ist das nun wahr
-oder nicht, meine ehrenwerten Väter?“
-
-„Nein, das ist nicht wahr,“ sagte der Staretz.
-
-„So etwas steht überhaupt nicht in der Vita Sanctorum. Von welch einem
-Heiligen soll denn das geschrieben stehen?“ fragte der eine
-Priestermönch, der Pater Bibliothekar.
-
-„Das weiß ich selbst nicht, von welch einem. Weiß es nicht und ahne es
-nicht einmal. Hab’s nur so reden hören, bin aber betrogen worden. Und
-wissen Sie, wer es erzählt hat? Nun, dieser selbe Pjotr Alexandrowitsch
-Miussoff, der sich soeben dermaßen über den Diderot zu entrüsten
-geruhte; er selbst ist es, der es erzählt hat!“
-
-„Niemals habe ich Ihnen das erzählt! Mit Ihnen spreche ich überhaupt
-nicht!“
-
-„Stimmt, Sie haben es nicht mir erzählt; aber Sie haben es in einer
-Gesellschaft erzählt, in der auch ich mich befand, und das war so vor
-ungefähr vier Jahren. Ich erwähne es ja nur aus dem einen Grunde, weil
-Sie, Pjotr Alexandrowitsch, durch diese spaßige Geschichte meinen
-Glauben erschütterten. Sie wußten es nicht und ahnten es nicht; ich aber
-kehrte mit erschüttertem Glauben heim, und seit der Zeit wird er immer
-noch mehr erschüttert. Ja, Pjotr Alexandrowitsch, Sie waren die Ursache
-eines großen Falles! Das ist nicht bloß so ein Geschichtchen von
-Diderot!“
-
-Der alte Karamasoff geriet bereits in Pathos, doch war allen vollkommen
-klar, daß er sich wieder nur verstellte. Miussoff aber war doch tief
-verletzt.
-
-„Welch ein Unsinn,“ sagte er gekränkt. „Ich habe es vielleicht wirklich
-einmal gesagt ... nur nicht Ihnen. Ich habe es selbst von anderen
-gehört. Man hat es mir in Paris erzählt; es war ein sehr gelehrter
-Franzose, der sich speziell mit russischer Theologie beschäftigte ...
-hatte lange in Rußland gelebt ... er sagte, es werde bei uns nach der
-Frühmesse in der Vita Sanctorum gelesen ... Ich habe es zwar selbst
-nicht gelesen ... und werde es auch nicht ... als ob man wenig bei Tisch
-spricht? ... Wir tafelten damals gerade ...“
-
-„Ja, Sie tafelten damals gerade; ich aber verlor dabei meinen Glauben!“
-neckte der alte Karamasoff geflissentlich weiter.
-
-„Was geht mich Ihr Glaube an!“ fuhr Miussoff auf, bezwang sich aber
-plötzlich und fügte nur mit Verachtung hinzu: „Sie machen wirklich alles
-gemein, womit Sie in Berührung kommen.“
-
-Der Staretz erhob sich von seinem Platz.
-
-„Entschuldigen Sie mich, meine Herren, ich muß Sie auf wenige Minuten
-verlassen,“ sagte er, sich an alle wendend, „ich werde von Leuten
-erwartet, die noch vor Ihnen gekommen sind. Sie aber, lügen Sie ein für
-allemal nicht mehr,“ fügte er mit heiterem Gesicht zu Fedor Pawlowitsch
-gewendet hinzu.
-
-Er verließ die Zelle. Aljoscha und der Novize gingen ihm sofort nach, um
-ihn die Treppe hinunterzugeleiten. Aljoscha war fast atemlos, war froh,
-fortgehen zu können, doch freute es ihn besonders, daß der Staretz nicht
-gekränkt, sondern heiter zu sein schien. Der Staretz wollte zur kleinen
-Galerie gehen, um die ihn Erwartenden zu segnen. Aber Fedor Pawlowitsch
-hielt ihn noch an der Zellentür auf:
-
-„Gesegneter Mensch!“ rief er gefühlvoll, „erlauben Sie mir, noch einmal
-Ihre Hände zu küssen! Nein, mit Ihnen kann man doch reden! Sie glauben,
-daß ich immer so dumm bin und so den Narren spiele? So sage ich Ihnen
-denn, daß ich es die ganze Zeit mit Absicht getan habe, um Sie zu
-erproben. Die ganze Zeit befühle ich Sie ja doch nur, ob man mit Ihnen
-auch leben kann? Hat denn meine Wenigkeit Platz neben Eurer Hoheit!?
-Stelle Ihnen einen Belobigungsschein aus: man kann wahrhaftig mit Ihnen
-leben! Jetzt aber verstumme ich, verstumme für die ganze Zeit. Werde
-mich auf meinen Lehnstuhl setzen und verstummen! Jetzt ist die Reihe an
-Ihnen, Pjotr Alexandrowitsch, zu sprechen; jetzt sind Sie als
-Hauptperson zurückgeblieben ... auf zehn Minuten.“
-
-
- III.
- Die gläubigen Weiber
-
-Diesmal warteten unten an der kleinen Holzgalerie, die an der Außenseite
-der Einfriedigungsmauer angebaut war, nur Frauen, etwa zwanzig Weiber
-aus dem Volk. Man hatte sie benachrichtigt, daß der Staretz endlich
-käme, und alle hatten sich daraufhin erwartungsvoll herangedrängt. Auf
-die Galerie war auch Frau Chochlakoff mit ihrer Tochter gekommen, doch
-blieb sie in der anderen, für vornehme Gäste reservierten Hälfte. Frau
-Chochlakoff, eine reiche und stets geschmackvoll gekleidete Dame, war
-noch ziemlich jung, an sich sehr nett, etwas bleich vielleicht, mit sehr
-lebhaften, fast ganz schwarzen Augen. Sie war erst dreiunddreißig Jahre
-alt und seit fünf Jahren Witwe. Ihre vierzehnjährige Tochter hatte
-gelähmte Füße, und so wurde denn das arme Ding, das seit einem halben
-Jahr nicht gehen konnte, in einem langen Rollstuhl auf Gummirädern
-geschoben. Sie hatte ein ganz reizendes Gesichtchen, von der Krankheit
-sah es allerdings etwas abgezehrt aus, doch war es nichtsdestoweniger
-stets lustig. Etwas Schalkhaftes spielte in ihren großen, dunklen Augen
-mit den langen Wimpern. Die Mutter beabsichtigte schon seit dem
-Frühling, mit ihr ins Ausland zu reisen, hatte aber im Sommer ihr Gut
-nicht verlassen können. In unserer Stadt wohnte sie bereits seit einer
-Woche, wohl mehr aus geschäftlichen Gründen, als um hier zu beten; doch
-hatte sie vor drei Tagen schon einmal den Staretz besucht. Jetzt aber
-waren sie plötzlich wiedergekommen, obgleich sie wußten, daß er so gut
-wie niemanden mehr empfangen konnte, und hatten unentwegt um das „Glück,
-dem großen Arzt danken zu können“, gebeten. Inzwischen warteten sie auf
-ihn. Die Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Rollstuhl ihrer Tochter.
-Zwei Schritt von ihnen stand ein alter Mönch, der aus einem fernen,
-unbekannten Kloster im Norden gekommen war. Er wartete gleichfalls auf
-den Segen des Staretz. Doch dieser schritt, als er auf die Galerie trat,
-geradenwegs zum Volk. Man drängte sich sofort zur kleinen, dreistufigen
-Treppe, die von der niedrigen Galerie auf den Rasen hinabführte. Der
-Staretz blieb auf der obersten Stufe stehen, nahm das Epitrachelion um
-und begann die sich zu ihm drängenden Frauen zu segnen. Man zog auch
-eine „Klikuscha“ an beiden Händen zu ihm heran. Kaum aber hatte diese
-den Staretz erblickt, als sie plötzlich ganz absonderlich zu kreischen,
-zu schnucken und am ganzen Körper zu zittern begann, so, wie kleine
-Kinder zittern, wenn sie Krämpfe haben. Der Staretz breitete sein
-Epitrachelion mit einer Handbewegung über ihren Kopf, sprach ein kurzes
-Gebet – und sie verstummte und beruhigte sich sofort. Ich weiß nicht,
-wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande
-und in Klöstern solche „Klikuschi“ gesehen und gehört. Sie wurden zum
-Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten wie Hunde durch die
-ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles
-herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die
-„Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets auf
-einige Zeit. Mir fiel das als Kind ungemein auf, und ich wunderte mich
-nicht wenig darüber. Doch schon damals erfuhr ich auf meine Fragen von
-verschiedenen benachbarten Gutsbesitzern und besonders in der Stadt von
-meinen Lehrern, daß alles nur Verstellung sei, um nicht arbeiten zu
-müssen, und daß diese Krankheit mit der gehörigen Strenge stets
-auszurotten sei, wobei es dann noch zur Bekräftigung dieser Behauptung
-verschiedene Anekdoten gab. Späterhin aber erfuhr ich zu meinem
-Erstaunen von Medizinern, von Spezialisten, daß hierbei von Verstellung
-überhaupt nicht die Rede sein könne, daß das ganz einfach eine
-furchtbare Frauenkrankheit sei, die, wie es scheint, am häufigsten hier
-bei uns in Rußland vorkommt und von dem schweren Los unserer
-Bauernweiber zeugt, eine Krankheit, die von der allzu früh begonnenen,
-anstrengenden Arbeit nach einer schweren, unnormalen Entbindung ohne
-jede ärztliche Hilfe herrührt, oder auch von aussichtslosem Leid, von
-Schlägen usw., was gewisse Frauennaturen denn doch nicht ertragen
-können. Was aber die sonderbare und sofortige Heilung des „besessenen“
-und tobenden Weibes anbetrifft, die man mir als Verstellung erklärt
-hatte oder als eine Posse, die womöglich von dem „Klerus“ selbst
-arrangiert werde, so ging sie wahrscheinlich gleichfalls auf ganz
-natürliche Weise vor sich: Sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur
-Hostie führten, glaubten daran, wie an eine allbekannte Wahrheit, daß
-der unreine Geist, der sich der Kranken bemächtigt hatte, diese einfach
-verlassen müsse, weil er es nicht ertragen könne, wenn man sie zum Altar
-bringt und sie vor der Hostie niederkniet. Darum aber ging dann in dem
-nervösen und natürlich auch psychisch kranken Weibe gewissermaßen eine
-Erschütterung des ganzen Organismus vor sich, die selbstverständlich
-durch die Erwartung des unbedingten Wunders hervorgerufen wurde, ja,
-infolge des unerschütterlichen Glaubens daran, daß es geschehen werde,
-hervorgerufen werden mußte. Und so geschah es denn auch, wenn auch nur
-auf eine Minute. Und so geschah es denn auch diesmal, kaum daß der
-Staretz die Kranke mit dem Epitrachelion bedeckt hatte.
-
-Viele von den sich zu ihm drängenden Weibern brachen unter dem Eindruck
-des Augenblicks in Tränen der Rührung und der Begeisterung aus; andere
-wiederum drängten sich zu ihm, um wenigstens den Saum seines Gewandes zu
-küssen; wieder andere murmelten Gebete oder Segenssprüche vor sich hin.
-Er segnete sie alle, und mit einigen von ihnen sprach er auch. Die
-„Klikuscha“ kannte er schon von früher, sie wurde aus einem Dorfe, das
-nur sechs Werst vom Kloster entfernt war, zu ihm gebracht, und zwar
-hatte man das schon des öfteren getan.
-
-„Du dort, du bist von fern hergekommen!“ sagte er zu einem noch ziemlich
-jungen Weibe, das aber sehr mager und im Gesicht nicht etwa bloß
-sonnverbrannt, sondern geradezu schwarz war. Sie lag auf den Knien und
-sah mit unbeweglichem Blick auf den Staretz. In ihrem Blick lag etwas
-wie Verzückung.
-
-„Von weitem, Vater, von weitem, dreihundert Werst von hier. Von weitem,
-Vater, von weitem,“ sagte das Weib, die Worte fast singend, wobei es den
-Kopf langsam hin und her wiegte und die Hand an die Wange legte. Und
-ihre ganze Sprache war wie ein Klagegesang.
-
-Es gibt im Volk stummes und vielgeduldiges Leid: es zieht sich in sich
-selbst zurück und schweigt. Doch gibt es auch anderes Leid: das bricht
-einmal in Tränen aus, und von dem Augenblicke an geht es dann in Klage
-oder Gebet über. Dies kommt besonders bei den Frauen vor. Doch ist es
-nicht leichter als das schweigende Leid. Die Klage lindert nur dadurch
-das Leid, daß sie das Herz zerreißt. Solch ein Leid verlangt nicht
-einmal nach Trost, es nährt sich am Gefühl seiner Unstillbarkeit, an
-seiner Trostlosigkeit. Die Klage aber ist nur das Bedürfnis, die
-schmerzende Wunde immer wieder zu berühren.
-
-„Du bist wohl vom Kleinbürgerstande?“ fragte der Staretz, der sich
-aufmerksam in ihr Gesicht hineinsah.
-
-„Aus der Stadt sind wir, Vater, aus der Stadt, sind einfache Leute, sind
-vom Bauernstande, wohnen aber in der Stadt, Vater, in der Stadt. Bin
-gekommen, um dich zu sehen. Wir haben von dir gehört, Vater, viel
-gehört. Habe mein Söhnchen, mein Kleines, beerdigt, bin gegangen, um zu
-Gott zu beten. Bin in drei Klöstern gewesen, doch alle sagen sie mir:
-‚Gehe hin, Nastassjuschka, gehe hin, zu ihm,‘ zu dir, mein Liebling,
-soll ich gehen. So bin ich gekommen, war gestern im nächtlichen
-Gottesdienst, und heute bin ich zu dir gekommen.“
-
-„Worüber weinst du?“
-
-„Über mein Söhnchen, Vater, ein dreijähriges Kindchen war’s, nur noch
-drei Monate fehlten, und es wäre drei Jahre alt gewesen. Um mein
-Söhnchen quäle ich mich, Vater, um mein Söhnchen. Es war das letzte, das
-mir blieb, vier hatten wir, vier, Nikituschka und ich. Aber die
-Kinderchen bleiben nicht bei uns, du Guter, sie bleiben nicht. Die drei
-ersten begrub ich, begrub sie, und es tat mir nicht gar so weh; diesen
-letzten aber begrub ich, und nun kann ich ihn nicht mehr vergessen. Es
-ist mir, als ob er hier vor mir steht und nicht fortgeht. Hat mir die
-Seele ausgesogen. Betrachte ich seine Sächelchen, seine Hemdchen oder
-seine kleinen Stiefelchen, da stöhne ich und heule auf. Breite alles
-aus, was von ihm übriggeblieben ist, jedes kleine Sächelchen, sehe und
-heule. Sage Nikituschka, meinem Manne: Laß du mich, Lieber, beten gehen.
-Droschkenkutscher ist er, nicht arm sind wir, Vater, nicht arm, er ist
-sein eigener Herr, alles gehört uns selbst, die Pferde und auch die
-Wagen. Aber wozu nützt uns jetzt unser Besitz? Wieder wird er jetzt
-fehlgehen, mein Nikituschka, das ist schon so, ohne mich, und ist auch
-immer so gewesen: Wenn ich mich nur von ihm abwende, wird er sofort
-wieder schwach. Aber jetzt denke ich gar nicht mehr an ihn. Bin jetzt
-schon drei Monate fort von Hause. Habe vergessen, alles vergessen, und
-will auch nichts wissen; was soll ich jetzt mit ihm? Es ist aus mit ihm,
-habe mit allem abgeschlossen, mit allem. Würde ich doch jetzt nicht mein
-Haus sehen wollen und all mein Hab und Gut, und würde ich doch auch
-nichts mehr sehen!“
-
-„Höre mich, Mutter,“ sagte der Staretz, „einstmals erblickte ein alter
-Heiliger im Tempel eine weinende Mutter, wie du, und sie weinte
-gleichfalls über ihr kleines Kind, um ihr einziges, das Gott von ihr zu
-sich genommen hatte. ‚Oder weißt du nicht,‘ sprach der Heilige zur
-Mutter, ‚wie kühn diese Kindlein vor dem Throne Gottes sind? Gibt es
-doch niemanden, der im Himmelreiche kühner wäre, denn sie. Du, Herr,
-hast uns das Leben geschenkt, sagen sie zu Gott, und kaum, daß wir es
-erschauten, da nahmst du es wieder von uns. Und so kühn bitten und
-flehen sie, daß der Herr sie alsbald zu Engeln macht. Und darum,‘ sprach
-der Heilige, ‚freue du dich, Weib, und weine nicht, denn dein Kind ist
-bei Gott und weilet in seiner Engelschar.‘ Also sprach in alten Zeiten
-der Heilige zum weinenden Weibe. War aber ein großer Heiliger, wie also
-hätte er ihr Unwahrheit sagen können? So wisse denn auch du, Mutter, daß
-auch dein Kind vor dem Throne Gottes steht und fröhlich und selig ist,
-und Gott für dich bittet. Und darum weine auch du nicht, sondern freue
-dich.“
-
-Das Weib hörte ihn an, die Wange in die Hand gestützt. Sie seufzte tief.
-
-„Damit hat mich auch Nikituschka getröstet, Wort für Wort, wie du es
-sagst: ‚Was weinst du,‘ sagt er, ‚unser Söhnchen ist jetzt bestimmt beim
-lieben Herrgott und singt dort mit den Engelein.‘ Das sagt er mir, weint
-aber dabei selbst, ich sehe es ja, weint, wie ich weine. ‚Das weiß ich,
-Nikituschka,‘ sage ich, ‚wo sollte er denn sonst sein, wenn nicht beim
-lieben Herrgott, nur ist er nicht bei uns, Nikituschka, sitzt nicht mehr
-hier neben uns, wie er früher saß!‘ Wenn ich nur ein einziges Mal ihn
-wiedersehen könnte, nur ein einziges Mal, würde ja nicht zu ihm gehen,
-würde kein Wörtchen sagen, würde mich in der Ecke verstecken, nur ein
-Minutchen, nur ein einziges, ihn sehen, ihn hören, wie er auf dem Hof
-spielt, oder hereinkommt und mit seinem Stimmchen ruft: ‚Mammi, wo bist
-du?‘ Nur einmal noch will ich hören, wie er im Zimmer herumtrippelt, nur
-ein einziges Mal, mit seinen Beinchen, tipp tapp, und so schnell,
-schnell geht’s, ich weiß noch, wie er zuweilen so zu mir gestrampelt
-kam, schrie und lachte dabei ... wenn ich nur einmal noch seine
-Schrittchen hören könnte, nur einmal, ich würde ihn gleich
-wiedererkennen! Aber er ist nicht mehr, Vater, er ist nicht mehr, und
-niemals mehr werde ich ihn hören. Sieh, hier ist sein Gürtelchen, er
-aber ist nicht mehr da, und niemals mehr, niemals mehr werde ich ihn
-sehen noch hören! ...“
-
-Sie zog einen kleinen mit Borten bestickten Gürtel hervor, den sie in
-den Busen gesteckt hatte, doch kaum sah sie ihn an, da brach sie auch
-schon in Tränen aus; ihr ganzer Körper wurde vom Schluchzen erschüttert,
-sie bedeckte die Augen mit den Händen, doch die Tränen flossen durch die
-Finger über die Hände herab.
-
-„So hat auch Rachel über ihre Kinder geweint und sich nicht trösten
-können; das sind die Schranken, die euch Müttern hier auf Erden gezogen
-worden sind. Und so gib dich denn nicht damit zufrieden, Weib, tröste
-dich nicht, und laß dich nicht trösten, sondern weine, nur wisse in
-jeder Stunde, in der du weinst, daß dein Sohn einer der Engel Gottes
-ist, daß er von dort auf dich niederschaut, dich sieht, und sich deiner
-Tränen freut, und sie Gott dem Herrn zeigt. Und lange noch, Mutter,
-wirst du die Tränen deines großen Schmerzes weinen, doch schließlich
-werden sie sich in eine stille Freude verwandeln, und deine bitteren
-Tränen werden dann nur Tränen einer stillen Rührung sein, eine
-Herzensläuterung, die vor allen Sünden bewahrt. Deines Sohnes aber werde
-ich im Gebete gedenken. Wie hieß er mit Namen?“
-
-„Alexei, Vater.“
-
-„Ein lieber Name. Nach dem Gottesknecht Alexei?“
-
-„Nach dem Gottesknecht, Vater, ja, nach dem Gottesknecht, nach dem
-Gottesknecht Alexei.“
-
-„Das war ein heiliger Mann! Ich werde seiner gedenken, Mutter, und auch
-deiner Trauer in meinem Gebet, und auch deines Mannes werde ich
-gedenken, auf daß es ihm wohl ergehe, und er gesund bleibe. Nur ist es
-Sünde von dir, ihn so allein zu lassen. Kehre zurück zu deinem Manne und
-beschütze ihn. Sonst sieht es dein Sohn von droben, daß du seinen Vater
-verlassen hast, und er wird über euch weinen: Warum störst du also seine
-Seligkeit? Denn er lebt doch, er lebt, denn die Seele ist ewig lebendig,
-und wenn du ihn auch nicht im Hause siehst, so ist er doch unsichtbar
-bei euch. Wie soll er nun in euer Haus kommen, wenn dir dein Haus, wie
-du sagst, nicht mehr lieb ist? Und zu wem soll er kommen, wenn er nicht
-euch beide, Vater und Mutter, beisammen findet? Sieh, jetzt träumst du
-von ihm, und das quält dich, dann aber wird er dir sanfte Träume
-schicken. Geh zu deinem Manne, Weib, kehre noch heutigen Tages zu ihm
-zurück, Mutter.“
-
-„Ich werde gehen, du mein Lieber, werde gehen, wie du sagst. Hast mir
-mein Herz erleichtert! ... Nikituschka, du mein Nikituschka, erwartest
-mich wohl, mein Täubchen,“ begann sie vor sich hinzusagen, doch der
-Staretz wandte sich schon zu einem alten Mütterchen, das städtisch, aber
-ganz sonderbar und altmodisch gekleidet war. An ihren Augen konnte man
-sehen, daß sie etwas Besonderes auf dem Herzen hatte und gekommen war,
-um es mitzuteilen. Sie war die Witwe eines Unteroffiziers aus unserem
-Städtchen. Ihr Sohn Wassenjka hatte irgendwo im Kommissariat gedient,
-war aber dann nach Sibirien, nach Irkutsk, gefahren. Zweimal hatte er
-ihr von dort geschrieben, dann aber hatte sie ein ganzes Jahr lang keine
-Nachricht mehr von ihm erhalten. Sie hatte sich darauf wohl nach ihm
-erkundigt, doch genau genommen, wußte sie nicht recht, wo man sich
-eigentlich erkundigen sollte.
-
-„Nun sagte mir noch neulich Stepanida Iljinitschna Bedrjägina, die
-Kaufmannsfrau, sie ist sehr reich – sie sagte mir, laß doch,
-Prochorowna, für deinen Sohn eine Seelenmesse lesen. Dann wird seine
-Seele Heimweh bekommen, und er wird dir sofort einen Brief schreiben.
-Das ist schon mehrmals erprobt worden und hat sich immer als richtig
-erwiesen, sagt Stepanida Iljinitschna. Nur denke ich so bei mir ... weiß
-nicht, was ich tun soll ... Sage du mir, unser Augenlicht, was soll ich
-tun, soll ich die Messe für seine Seele lesen lassen?“
-
-„Du solltest an so etwas überhaupt nicht denken. Es ist schon eine
-Schande, solches auch nur zu fragen. Und wie wäre denn das möglich, daß
-man für eine lebende Seele die Totenmesse lesen läßt, und dazu noch die
-leibliche Mutter. Das wäre eine große Sünde, wäre wie Zauberei, und nur
-wegen deiner Unwissenheit sei es dir verziehen. Bete lieber zur
-Muttergottes für seine Gesundheit und auf daß sie dir deine unrechten
-Gedanken verzeihe. Und höre, was ich dir noch sagen werde, Prochorowna:
-Dein Sohn wird bald entweder selbst zu dir zurückkehren, oder er wird
-dir einen Brief schicken. Das wisse. Gehe jetzt und sei ruhig. Dein Sohn
-lebt, das sage ich dir.“
-
-„Unser Lieber, du unser Augenlicht, Gott schütze dich, unser Wohltäter,
-weiß ich doch, daß du für uns alle betest und für alle unsere Sünden!“
-
-Der Staretz aber hatte schon zwei brennende Augen bemerkt, mit denen ihn
-eine magere, dem Anscheine nach schwindsüchtige, doch noch junge Bäuerin
-unverwandt ansah. Sie blickte ihn stumm an, ihre Augen baten um etwas,
-doch schien sie Angst zu haben, näher zu kommen.
-
-„Womit bist du gekommen, mein Kind?“
-
-„Erlöse meine Seele, Vater,“ sagte sie leise und unübereilt, kniete
-nieder und verbeugte sich vor ihm bis zur Erde.
-
-„Ich habe gefehlt, mein Vater, ich fürchte meine Sünde.“
-
-Der Staretz setzte sich auf die unterste Stufe, die Bäuerin näherte sich
-ihm, ohne sich dabei von den Knien zu erheben.
-
-„Ich bin Witwe, schon das dritte Jahr,“ begann sie halb flüsternd, wobei
-sie fast zusammenschauerte. „Schwer hatte ich es in der Ehe, alt war er,
-und schmerzhaft schlug er mich. Dann wurde er krank und lag zu Bett; und
-so denke ich, wie ich ihn so sehe, wenn er aber gesund wird und wieder
-aufsteht, was dann? Und da kam mir dieser selbe Gedanke! ...“
-
-„Wart,“ sagte der Staretz und näherte sein Ohr ganz dicht ihren Lippen.
-Sie fuhr mit leisem Flüstern in ihrer Beichte fort, doch konnte man
-nichts mehr verstehen. Sie war bald zu Ende damit.
-
-„Das dritte Jahr?“ fragte der Staretz.
-
-„Das dritte. Zuerst dachte ich nicht daran, jetzt aber ist das Kränkeln
-gekommen und damit auch die Seelenangst.“
-
-„Bist du von weitem hergekommen?“
-
-„Über fünfhundert Werst von hier.“
-
-„Hast du es in der Beichte gestanden?“
-
-„Habe gestanden, habe es zweimal gestanden.“
-
-„Hat man dich zum Abendmahl zugelassen?“
-
-„Ja, man ließ mich zu. Ich fürchte mich, fürchte mich, zu sterben.“
-
-„Fürchte nichts, und fürchte dich niemals, und ängstige deine Seele
-nicht. Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt – wird Gott dir alles
-verzeihen. Gibt es doch keine Sünde, kann es doch auf der ganzen Welt
-keine so große Sünde geben, die Gott der Herr dem wahrhaft reuigen
-Sünder nicht verziehe. Und kann doch der Mensch nie und nimmer eine so
-große Sünde begehen, daß sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte.
-Oder glaubst du, daß es eine Sünde gäbe, die größer wäre als die Liebe
-Gottes? Trage nur Sorge um die Reue, sei unermüdlich im Bereuen, doch
-die Angst sollst du von dir scheuchen. Glaube daran, daß Gott dich so
-liebt, wie du es dir gar nicht denken kannst, daß er dich zusammen mit
-deiner Sünde und dich in deiner Sünde liebt. Weißt du nicht, daß es
-geschrieben steht: Über einen reuigen Sünder wird im Himmel mehr Freude
-sein, als über zehn Gerechte? So geh denn hin und fürchte dich nicht.
-Laß dich von den Menschen nicht erbittern und ärgere dich nicht über
-Kränkungen. Dem Verstorbenen vergib im Herzen alles, söhne dich aus mit
-ihm in Wahrheit. Wenn du bußfertig bist, so liebst du, liebst du aber,
-so bist du schon Gottes Kind ... Liebe erkauft alles, Liebe rettet
-alles. Wenn du schon mich, der ich doch ein ebenso sündiger Mensch bin
-wie du, gerührt hast und ich Mitleid mit dir empfinde, um wieviel mehr
-wird es dann Gott tun. Die Liebe ist ein so unschätzbarer Schatz, daß du
-mit ihr die ganze Welt kaufen kannst und nicht nur deine, sondern auch
-fremde Sünden auskaufst. So gehe jetzt hin in Frieden und fürchte dich
-nicht.“
-
-Dreimal schlug er das Kreuz über sie, nahm dann von seinem Halse ein
-kleines Heiligenbild und legte es um ihren Hals. Schweigend neigte sie
-sich vor ihm bis zur Erde. Er erhob sich, und blickte heiter auf ein
-gesundes Bauernweib, das ein Brustkind auf den Armen trug.
-
-„Bin aus Wyschegorje, Liebster.“
-
-„Immerhin sechs Werst von hier, hast noch dazu das Kindchen getragen.
-Was wolltest du?“
-
-„Dich sehen wollte ich; ich bin doch schon früher bei dir gewesen, oder
-hast du’s vergessen? Dann hast du wohl kein großes Gedächtnis, wenn du
-mich schon vergessen hast! Die Leute sprachen dort bei uns, daß du krank
-sein sollst; da dachte ich, wart, werde ich selbst hingehen, sehen, was
-er macht. Und da sehe ich dich nun; was bist du denn für ein Kranker?
-Wirst noch zwanzig Jahre leben, wirklich! Gott mit dir! Und als ob du
-wenig Fürbitter hättest! Wie sollst du denn krank sein?“
-
-„Ich danke dir für alles, Liebe.“
-
-„Wart, ich habe noch eine kleine Bitte an dich, sie ist nicht groß: Hier
-sind sechzig Kopeken, gib sie, Liebster, einer, die ärmer ist als ich.
-Als ich herkam, dachte ich so bei mir: Besser, ich gebe es durch ihn; er
-wird schon wissen, wer es nötig hat.“
-
-„Ich danke dir, Liebste, danke, meine Gute. Ich habe dich lieb, du Gute;
-ich werde unbedingt so handeln, wie du wünscht. – Ist es ein Mädchen?“
-
-„Ein Mädchen, Liebster, Lisaweta.“
-
-„Der Herr segne euch beide, dich wie die kleine Lisaweta. Mein Herz hast
-du mir erheitert, Mutter. Lebt wohl, meine Lieben, lebt wohl, meine
-teuren Lieben!“
-
-Er segnete alle und verneigte sich tief vor ihnen.
-
-
- IV.
- Die kleingläubige Dame
-
-Die zugereiste Gutsbesitzerin, die dem ganzen Gespräch des Staretz mit
-dem einfachen Volk zugehört hatte, vergoß stille Tränen und tupfte sie
-mit ihrem Batisttüchlein ab. Sie war eine gefühlvolle Weltdame mit in
-gar manchen Dingen wahrhaft guten Neigungen. Als der Staretz endlich
-auch zu ihr trat, begrüßte sie ihn ganz begeistert.
-
-„Ich habe soviel, soviel empfunden beim Anblick dieser rührenden Szene
-...“ Vor Erregung stockte sie im Sprechen. „O, ich verstehe nur zu gut,
-daß das Volk Sie liebt, ich liebe es auch selbst, ich will es lieben,
-und wie sollte man es auch nicht lieben, dieses prachtvolle, in seiner
-Größe so treuherzige, russische Volk!“
-
-„Wie steht es mit der Gesundheit Ihrer Tochter? Man sagte mir, daß Sie
-mit mir sprechen wollten?“
-
-„O, ich habe darum gebeten, gefleht! ich war bereit, auf die Knie zu
-fallen und meinetwegen drei Tage lang vor Ihren Fenstern zu knien, bis
-Sie mich dann endlich empfangen hätten! Wir sind zu Ihnen gekommen,
-großer Arzt, um Ihnen unseren heißen, heißen Dank auszusprechen! Sie
-haben doch meine Lisa ganz gesund gemacht, aber ganz, und wodurch? –
-Durch Ihr Gebet am Donnerstag, dadurch daß Sie Ihre Hände beim Gebet auf
-sie gelegt haben! Wir sind hergekommen, um diese Hände zu küssen, um
-unsere Gefühle, unsere Ehrfurcht auszudrücken!“
-
-„Wieso habe ich sie geheilt? Sie liegt doch noch im Rollstuhl?“
-
-„Aber sie fiebert jetzt in der Nacht überhaupt nicht mehr, zwei Nächte
-nicht mehr, seit Donnerstag!“ sagte nervös erregt die Dame. „Und nicht
-nur das allein, auch ihre Füße sind erstarkt. Heute morgen stand sie
-ganz gesund auf, sie hat die ganze Nacht geschlafen; sehen Sie doch, wie
-rosig sie heute ist, wie ihre Augen glänzen! Sonst weinte sie immer,
-jetzt aber lacht sie, ist lustig und fröhlich. Heute wollte sie
-unbedingt, daß man sie auf die Füße stelle, und so stand sie eine ganze
-Minute ohne jede Stütze. Sie hat mit mir gewettet, daß sie nach zwei
-Wochen Walzer tanzen werde. Ich ließ den hiesigen Doktor Herzenstube zu
-mir bitten; er aber zuckte bloß mit den Achseln und sagte: ‚Das
-überrascht mich, ist mir unverständlich!‘ Und Sie verlangen, daß wir Sie
-nicht mehr beunruhigen sollen, daß wir nicht danken? _Lise_, bedank dich
-doch, aber so bedanke dich doch!“
-
-Lisas reizendes, lachendes Gesichtchen wurde plötzlich ganz ernst; sie
-erhob sich im Stuhl, soweit sie es konnte, blickte ernst den Staretz an
-und legte ihre Händchen vor ihm zusammen, doch konnte sie sich nicht
-bezwingen und fing von neuem an zu lachen ...
-
-„Über ihn, ach, ich lache ja nur über ihn!“ rief sie, auf Aljoscha
-weisend, in kindlichem Unwillen über sich selbst, weil sie nicht ernst
-geblieben war und gelacht hatte. Wer Aljoscha, der einen Schritt hinter
-dem Staretz stand, betrachtet hätte, der würde die Röte bemerkt haben,
-die auf einen Augenblick in sein Gesicht stieg. Seine Augen blitzten
-auf, und er senkte den Blick zu Boden.
-
-„Sie hat einen Auftrag an Sie, Alexei Fedorowitsch ... Wie geht es
-Ihnen?“ wandte sich die Mama an Aljoscha und streckte ihm ihr reizendes
-behandschuhtes Händchen entgegen. Der Staretz sah sich hastig nach
-Aljoscha um und betrachtete ihn lange Zeit sehr aufmerksam. Jener
-näherte sich Lisa und reichte ihr ein wenig ungeschickt lächelnd die
-Hand. _Lise_ machte ein wichtiges Gesichtchen.
-
-„Katerina Iwanowna schickt Ihnen durch mich diesen Brief,“ sagte sie und
-überreichte ihm ein kleines Schreiben. „Sie läßt Sie sehr, sehr bitten,
-zu ihr zu kommen und so schnell als möglich, und nicht nur zu
-versprechen, sondern bestimmt zu kommen.“
-
-„Sie bittet mich, zu ihr zu kommen? Zu ihr, mich ... Warum denn?“
-stotterte Aljoscha höchst verwundert. Er sah plötzlich ganz besorgt aus.
-
-„O, es handelt sich natürlich um Dmitrij Fedorowitsch und ... um alle
-diese jüngsten Begebenheiten,“ erklärte flüchtig die Mama. „Katerina
-Iwanowna hat sich jetzt zu etwas entschlossen ... zu diesem Zweck aber
-muß sie Sie sehen – warum? Das weiß ich natürlich nicht; aber sie läßt
-Sie bitten, sobald als möglich zu kommen. Und Sie kommen doch, nicht
-wahr? Kommen Sie unbedingt, hier gebietet es sogar die Christenpflicht.“
-
-„Ich habe sie nur ein einziges Mal gesehen,“ sagte Aljoscha immer noch
-ganz verwundert.
-
-„O, das ist ein so edles, ein so unerreichbar edles Mädchen! ... Schon
-allein, was sie gelitten hat ... Bedenken Sie doch nur, was sie ertragen
-hat, und was sie jetzt ertragen muß, und bedenken Sie nur, was sie noch
-erwartet! ... Es ist schrecklich, wirklich schrecklich, wenn man das
-bedenkt!“
-
-„Gut, ich werde hingehen,“ beschloß Aljoscha, nachdem er das kurze,
-rätselhafte Schreiben überflogen hatte, das außer der dringenden Bitte,
-zu ihr zu kommen, weiter nichts, keine einzige Erklärung enthielt.
-
-„Ach, wie nett das von Ihnen ist, und es wird herrlich sein!“ rief Lisa
-ganz entzückt aus. „Ich habe Mama immer gesagt: Er wird bestimmt nicht
-kommen, um keinen Preis wird er kommen! Wie nett, wie reizend Sie sind!
-Ich habe mir immer gedacht, daß Sie reizend sind, und es ist mir
-angenehm, Ihnen das jetzt sagen zu können.“
-
-„_Lise!_“ rief ernst die Mama, doch lächelte auch sie gleich wieder.
-
-„Sie haben uns ganz vergessen, Alexei Fedorowitsch; Sie kommen ja gar
-nicht mehr zu uns! _Lise_ aber hat mir schon zweimal gesagt, daß sie
-sich nur in Ihrer Gesellschaft wohl fühle.“
-
-Aljoscha erhob den gesenkten Blick, wurde plötzlich wieder über und über
-rot und lachte abermals, ohne selbst zu wissen, warum. Der Staretz aber
-beobachtete ihn nicht mehr; er unterhielt sich bereits mit dem Mönch,
-der, wie schon erwähnt, neben Lisas Rollstuhl auf sein Erscheinen
-gewartet hatte. Es war dem Aussehen nach ein ganz einfacher Mönch, ein
-Mensch mit einer kleinen, doch unzerstörbaren Weltanschauung, dabei aber
-gläubig und in seiner Art ungemein starrköpfig. Er sagte, daß er aus dem
-fernen Norden gekommen sei, aus Obdorsk vom heiligen Silvester, – aus
-einem armen, kleinen Kloster, in dem nur neun Mönche lebten. Der Staretz
-segnete ihn und forderte ihn auf, einerlei wann, zu ihm in die Zelle zu
-kommen.
-
-„Wie können Sie so was erreichen?“ fragte plötzlich der Mönch, wobei er
-ernst und feierlich auf Lisa hinwies. Er fragte es in betreff ihrer
-„Heilung“.
-
-„Davon zu sprechen, ist natürlich noch zu früh. Erleichterung ist nicht
-völlige Heilung und kann auch durch andere Ursachen hervorgerufen worden
-sein. Und selbst das wird nicht anders als nach Gottes Wunsch und durch
-Gottes Kraft geschehen sein. Alles kommt von Gott. Besuchen Sie mich
-bald, Pater,“ fügte er nochmals hinzu, „denn nicht zu jeder Zeit kann
-ich aufstehen; ich bin krank und weiß, daß meine Tage gezählt sind.“
-
-„O nein, nein, Gott wird Sie nicht von uns nehmen; Sie werden noch
-lange, lange leben!“ fiel die Mama ihm ins Wort. „Und woran sind Sie
-denn erkrankt? Sie sehen so gesund aus, so fröhlich und glücklich!“
-
-„Heute fühle ich mich auch viel besser, aber ich weiß, daß es nur eine
-Erleichterung auf eine Minute ist. Ich kenne jetzt meine Krankheit und
-kann mich nicht mehr darüber täuschen. Wenn ich Ihnen aber so fröhlich
-und glücklich scheine, so hätten Sie mich mit nichts so erfreuen können
-wie durch diese Bemerkung. Denn zum Glück sind die Menschen geschaffen,
-und wer vollkommen glücklich ist, der darf sich selbst sagen: ‚Ich habe
-das Gebot Gottes auf dieser Welt erfüllt.‘ Alle Heiligen, alle heiligen
-Märtyrer sind glücklich gewesen.“
-
-„O wie schön Sie reden, welch große und hohe Worte Sie gebrauchen,“
-sagte begeistert die Mama. „Wenn Sie etwas sagen, so durchdringen Sie
-einen gleichsam. Und doch! ... das Glück, ja, das Glück – wo ist es? Wer
-kann von sich sagen, daß er glücklich sei? O, wenn Sie schon so gut
-gewesen sind, heute nochmals zu uns zu kommen, so hören Sie denn auch
-alles, was ich Ihnen das vorige Mal nicht sagen konnte, was ich nicht zu
-sagen wagte, alles, worunter ich so lange, so lange schon leide! Ich
-leide, verzeihen Sie mir, ich leide ...“ Und sie faltete in einem
-plötzlich sie überkommenden heißen Gefühl die Hände vor ihm.
-
-„Worunter denn so besonders?“
-
-„Ich leide ... unter meinem Unglauben ...“
-
-„Unglauben an Gott?“
-
-„O nein, nein, daran wage ich nicht einmal zu denken: aber das Leben im
-Jenseits – das ist solch ein Rätsel! Und niemand, niemand kann genau auf
-die Frage antworten! Hören Sie mich an, Sie tiefer Kenner der
-Menschenseele; ich habe natürlich keine Ansprüche darauf, daß Sie meinen
-Worten vollen Glauben schenken, aber ich versichere Ihnen, daß ich jetzt
-nicht aus Leichtsinn rede: Der Gedanke an das Leben nach dem Tode regt
-mich Unglückliche auf, bis zur Beängstigung, bis zum Entsetzen bringt er
-mich! Und ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, niemals habe ich
-gewagt ... Und sehen Sie, jetzt habe ich gewagt, mich an Sie zu wenden
-... O Gott, für was werden Sie mich nun halten!“ Und sie bedeckte ihr
-Gesicht mit den Händen.
-
-„Beunruhigen Sie sich nicht wegen meiner Meinung,“ entgegnete der
-Staretz. „Ich glaube vollkommen an die Aufrichtigkeit Ihres Kummers.“
-
-„O, ich danke Ihnen dafür! Sehen Sie, ich schließe die Augen und denke:
-Wenn alle glauben, so – woher kommt das? Jetzt aber versichert man, das
-sei zuerst nur aus der Furcht vor den Schrecken einflößenden
-Naturerscheinungen gekommen, und daß es alles das überhaupt nicht gäbe.
-Wie nun, denke ich, ich habe geglaubt so lange ich lebe – und da sterbe
-ich nun, und plötzlich ist nichts da, und nur ‚Kletten wachsen auf
-meinem Grabe‘, wie ich vor kurzem bei einem Schriftsteller las. Das ist
-doch entsetzlich! Wodurch den Glauben wiedergewinnen, wodurch? Und
-wissen Sie, ich habe eigentlich nur als ganz kleines Mädchen geglaubt,
-mechanisch, ohne etwas dabei zu denken ... Wodurch sich nun überzeugen?
-Ich bin zu Ihnen gekommen, um vor Ihnen niederzuknien und Sie zu fragen;
-denn wenn ich jetzt diese Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lasse, so
-wird mir doch in meinem ganzen Leben niemand mehr darauf Antwort geben.
-Womit nun beweisen, wodurch sich überzeugen? O, das ist ein zu großes
-Unglück! Ich stehe und sehe, daß allen alles einerlei ist, oder fast
-allen, niemand denkt jetzt daran, nur ich allein kann das nicht mehr
-ertragen. Das ist ja entsetzlich, ganz entsetzlich, einfach tötend!“
-
-„Zweifellos tötend. Doch beweisen läßt sich hierbei nichts, wohl aber
-kann man sich überzeugen.“
-
-„Wie? Wodurch?“
-
-„Durch die Erfahrung der werktätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre
-Nächsten tätig und unermüdlich zu lieben. In dem Maße, wie Sie in der
-Liebe fortschreiten, werden Sie sich auch vom Sein Gottes und von der
-Unsterblichkeit Ihrer Seele überzeugen. Wenn Sie aber in Ihrer Liebe zum
-Nächsten bis zur vollen Selbstverleugnung gekommen sind, dann werden Sie
-auch den vollen Glauben errungen haben, und kein Zweifel wird sich dann
-mehr in Ihre Seele einschleichen können. Das ist eine alterprobte
-Wahrheit.“
-
-„Durch werktätige Liebe? Aber da erhebt sich die andere Frage, und was
-das für eine Frage ist! Sehen Sie: ich liebe die Menschheit dermaßen,
-daß ich – werden Sie es mir glauben? – zuweilen daran denke, alles zu
-verlassen, alles, was ich habe, _Lise_ und alles, alles, und barmherzige
-Schwester zu werden. Ich schließe die Augen, denke und träume, und in
-diesen Augenblicken fühle ich eine unüberwindliche Kraft in mir. Keine
-Wunden, keine eiternden Beulen könnten mich abschrecken, ich würde sie
-mit meinen eigenen Händen waschen und verbinden; ich möchte die Wärterin
-dieser Leidenden sein und wäre bereit, diese Schwären zu küssen ...“
-
-„Und selbst das ist schon viel und gut, daß Ihre Gedanken davon träumen
-und nicht von anderem. Bestimmt werden Sie doch noch eine gute Tat tun,
-wenn auch vielleicht nur aus Versehen ...“
-
-„Ja, aber wie lange könnte ich denn dieses Leben aushalten?“ fragte
-erregt, fast außer sich, die Dame. „Das ist ja die Hauptfrage! Das ist
-die allerquälendste Frage! Ich schließe die Augen und frage mich: Wie
-lange würdest du auf diesem Wege gehen können? Und wenn der Kranke,
-dessen Wunden du wäschst, dir nicht sofort seine ganze Dankbarkeit
-schenkt, dich im Gegenteil womöglich noch mit Launen quält, ohne deine
-menschenfreundliche Aufopferung zu schätzen oder auch nur zu beachten,
-dich anschreit, sogar roh von dir verlangt, was du doch freiwillig
-gibst, sich sogar bei den Vorgesetzten über dich beklagt – wie das doch
-häufig Schwerleidende tun –, was dann? Wird dann deine Liebe noch
-fortdauern oder nicht? Und denken Sie sich, ich habe mir selbst sofort
-angstvoll eingestanden: wenn es etwas gibt, was meine ‚tätige‘ Liebe zur
-Menschheit sofort erkalten machen könnte, so ist das einzige die
-Undankbarkeit. Mit einem Wort, ich bin eine Arbeiterin um Lohn, ich
-verlange den Lohn sofort; ich meine, daß man mich lobt, ich verlange
-Gegenliebe als Lohn für meine Liebe. Anders bin ich überhaupt nicht
-fähig, jemanden zu lieben!“
-
-Es schien ein Anfall der aufrichtigsten Selbstgeißelung über sie
-gekommen zu sein. Als sie geendet hatte, blickte sie mit einer geradezu
-herausfordernden Entschlossenheit auf den Staretz.
-
-„Was Sie mir sagen, hat mir fast Wort für Wort einmal, es ist schon
-lange her, ein Arzt gesagt,“ bemerkte dieser. „Es war ein bereits
-bejahrter und zweifellos kluger Mensch. Er sprach ebenso aufrichtig wie
-Sie, wenn auch halb scherzend, jedenfalls aber traurig scherzend. Ich
-liebe die Menschheit, sagte er, doch wundere ich mich über mich selbst:
-je mehr ich die Menschheit im allgemeinen liebe, desto weniger liebe ich
-die Menschen im einzelnen, das heißt, als einzelne Personen genommen. In
-Gedanken, sagte er, bin ich nicht selten zu ganz sonderbaren Absichten,
-der Menschheit zu dienen, gekommen, und vielleicht wäre ich wirklich
-fähig gewesen, mich für die Menschen kreuzigen zu lassen, wenn das,
-sagen wir, irgendwie unbedingt vonnöten gewesen wäre; indessen aber
-könnte ich nicht einmal zwei Tage lang mit irgend jemandem in einem
-Zimmer leben, was ich aus mehrfacher Erfahrung weiß. Kaum daß jemand bei
-mir ist, so verletzt er schon meine Persönlichkeit, meine Eigenliebe und
-beeinträchtigt meine Freiheit. In vierundzwanzig Stunden kann ich den
-besten Menschen hassen: den einen, weil er langsam ißt bei Tisch, den
-anderen, weil er Schnupfen hat und sich immer schnauben muß. Und so
-werde ich, sagte er, sofort ein Menschenfeind, sobald ich nur mit
-Menschen in Berührung komme. Dafür aber wurde, je mehr ich die Menschen
-im einzelnen haßte, meine Liebe zur Menschheit im allgemeinen immer
-größer und leidenschaftlicher.“
-
-„Aber was soll man denn tun? Was soll man denn in diesem Falle tun? Das
-ist doch zum Verzweifeln!“
-
-„Nein, denn auch das genügt, daß Sie sich darum grämen. Tun Sie, was in
-Ihren Kräften steht, und auch das wird Ihnen angerechnet werden. Sie
-haben schon vieles getan, denn Sie haben sich so tief und aufrichtig
-selbst erkannt! Wenn Sie aber auch mit mir nur deswegen so aufrichtig
-gesprochen haben, um von mir nur ein Lob zu hören für Ihre
-Aufrichtigkeit, so werden Sie natürlich mit Ihrer werktätigen Liebe
-nichts erreichen, so wird alles nur in Ihren Gedanken bleiben, und das
-ganze Leben wird wie ein Phantom vorüberfliehen. Dann werden Sie
-natürlich auch das jenseitige Leben vergessen und sich schließlich
-vielleicht irgendwie beruhigen.“
-
-„Sie haben mich vernichtet! Erst jetzt, erst in diesem Augenblick, da
-Sie sprachen, begriff ich, daß ich wirklich nur Ihr Lob für meine
-Aufrichtigkeit erwartete, als ich Ihnen sagte, ich würde Undankbarkeit
-nicht ertragen können. Sie haben mich ganz begriffen, und Sie haben mich
-mir selbst erklärt!“
-
-„Sagen Sie das jetzt wirklich ganz aufrichtig? Nun, dann kann ich Ihnen
-sagen: Jetzt, nach solch einem Bekenntnis, glaube ich, daß Sie
-aufrichtig und im Herzen ein guter Mensch sind. Wenn Sie auch das Glück
-nicht erreichen sollten, so denken Sie daran, daß Sie auf einem guten
-Wege sind, und bemühen Sie sich, nicht von ihm abzugehen. Die erste
-Bedingung ist: vermeiden Sie die Lüge, jede Lüge, die Lüge vor sich
-selbst ganz besonders. Geben Sie acht auf Ihre Lüge und beobachten Sie
-sie in jeder Stunde, in jeder Minute. Desgleichen vermeiden Sie
-Launenhaftigkeit, sich selbst sowohl als anderen gegenüber. Das, was
-Ihnen im Herzen schlecht erscheint, wird schon allein dadurch, daß Sie
-es in sich bemerken, geläutert. Meiden Sie die Furcht, obgleich Furcht
-nur die Folge jeder Lüge ist. Lassen Sie sich niemals durch Ihren
-eigenen Kleinmut vom Werben um Liebe abschrecken, sogar Ihre eigenen,
-schlechten Handlungen in der Beziehung brauchen Sie nicht so sehr zu
-fürchten. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nichts Beruhigenderes sagen
-kann, denn die werktätige Liebe ist im Vergleich zur schwärmerischen
-Liebe etwas Grausames und Abschreckendes. Die schwärmerische Liebe
-lechzt nach einer schnellen Heldentat, die man in kurzer Zeit
-vollbringen kann, und zwar unbedingt so, daß alle sie beachten. Dabei
-kommt es wirklich so weit, daß man bereit ist, das Leben hinzugeben,
-wenn es nur nicht lange dauert, sondern schnell vollbracht ist, wie auf
-der Bühne, und alle es sehen und loben. Die werktätige Liebe dagegen,
-die ist Arbeit und Ausdauer, für einige sogar eine ganze Wissenschaft.
-Ich aber sage Ihnen, in derselben Minute, in der Sie sich mit Entsetzen
-gestehen, daß Sie sich trotz all Ihrer Bestrebungen nicht nur dem Ziele
-nicht genähert, sondern sich von ihm scheinbar noch entfernt haben – in
-diesem Augenblick, das sage ich Ihnen, werden Sie mit einemmal das Ziel
-erreichen und über sich klar die wundertätige Kraft des Herrn fühlen,
-die Kraft Gottes, der Sie immer geliebt hat und Sie die ganze Zeit
-unsichtbar lenkt. Verzeihen Sie, aber ich muß jetzt gehen, man erwartet
-mich. Auf Wiedersehen.“
-
-Die Dame weinte.
-
-„_Lise, Lise_, o segnen Sie sie, segnen Sie sie!“ bat sie erregt.
-
-„Nun, Ihr Töchterchen zu lieben, lohnt sich gar nicht. Ich habe sehr
-wohl gesehen, wie unartig sie die ganze Zeit gewesen ist,“ sagte
-scherzend der Staretz. „Warum haben Sie die ganze Zeit über Alexei
-gelacht?“
-
-_Lise_ hatte sich tatsächlich die ganze Zeit nur mit dieser kleinen
-Spitzbüberei beschäftigt. Sie hatte es schon längst bemerkt, daß
-Aljoscha verlegen wurde, wenn sie ihn ansah, und daß er sich immer
-bemühte, sie nicht anzusehen; nun, und das fand sie ungeheuer
-interessant. Aufmerksam wartete sie und suchte sie, seinen Blick zu
-erhaschen. Aljoscha aber, der den unverwandt auf ihn gerichteten Blick
-nicht ertragen konnte, bezwang sich, bezwang sich wieder, und plötzlich,
-– plötzlich blickte er doch selbst, von einer unbezwingbaren Kraft
-angezogen, zu ihr hin, worauf _Lise_ ihm natürlich sofort triumphierend
-ins Gesicht lachte. Aljoscha wurde immer verlegener und ärgerte sich
-immer mehr über sich selbst. Zu guter Letzt wandte er sich ganz von ihr
-ab und versteckte sich halbwegs hinter dem Rücken des Staretz. Doch
-schon nach kurzer Zeit wandte er sich, wieder von dieser unbezwingbaren
-Kraft angezogen, vorsichtig ein wenig zur Seite, um zu sehen, ob er
-betrachtet werde oder nicht, und da sah er denn, daß _Lise_, die sich
-ganz über die Armlehne ihres Stuhles bog, ihn von der Seite betrachtete
-und krampfhaft den Augenblick erwartete, da er sich nach ihr umsehen
-werde; als sie aber dann seinen Blick auffing, lachte sie so lustig auf,
-daß selbst der Staretz nicht ernst bleiben konnte.
-
-„Sie Unart Sie, warum machen Sie ihn denn so verlegen?“
-
-_Lise_ wurde plötzlich ganz unerwarteterweise feuerrot, ihre Augen
-blitzten auf, ihr Gesichtchen aber wurde furchtbar ernst, und dann kam
-es in heißer, unwilliger Klage hastig, erregt aus ihr heraus:
-
-„Ja, aber warum hat er alles vergessen? Er hat mich auf den Armen
-getragen, als ich klein war, und wir haben zusammen gespielt! Und später
-hat er mich lesen gelehrt, ist deswegen zu uns gekommen, wissen Sie das
-auch? Und als er vor zwei Jahren fortfuhr, sagte er noch, er würde nie
-vergessen, daß wir ewige Freunde sind, ewige, ewige Freunde! Und jetzt
-fürchtet er mich auf einmal! Werde ich ihn denn beißen oder aufessen?
-Warum will er nicht zu mir kommen, warum spricht er nicht mit mir? Warum
-will er nicht zu uns kommen? Oder erlauben Sie es ihm nicht? Wir wissen
-doch, daß er sonst überall hingeht. Ich kann ihn doch nicht dazu
-zwingen, er muß von selbst kommen; er hätte selbst daran denken müssen,
-wenn er es nicht vergessen hat. Nein, er kommt nicht, er sucht jetzt
-hier sein Seelenheil! Wozu haben Sie ihm diesen langschößigen Lappen
-angezogen? ... Er wird ja fallen, wenn er läuft ...“
-
-Und plötzlich bedeckte sie das Gesicht mit der Hand und lachte, lachte
-unbezwingbar, unaufhörlich ihr gezogenes, nervöses, schüttelndes und
-unhörbares Lachen.
-
-Der Staretz hatte sie lächelnd angehört, und zärtlich segnete er sie;
-als sie aber darauf seine Hand küssen wollte, preßte sie diese plötzlich
-an ihre Augen und brach in Tränen aus:
-
-„Seien Sie nicht böse auf mich, ich bin so dumm, bin überhaupt nichts
-wert ... Aljoscha hat vielleicht recht, ganz recht, wenn er zu einer so
-Dummen nicht kommen will.“
-
-„Ich werde ihn ganz bestimmt zu Ihnen schicken,“ versprach ihr lächelnd
-der Staretz.
-
-
- V.
- Und es geschehe also
-
-Die Abwesenheit des Staretz aus der Zelle dauerte im ganzen vielleicht
-nur fünfundzwanzig Minuten. Es war schon halb eins, doch Dmitrij
-Fedorowitsch war noch immer nicht gekommen, obgleich sich alle nur
-seinetwegen versammelt hatten. Trotzdem schien man ihn fast ganz
-vergessen zu haben, und als der Staretz wieder in die Zelle trat, fand
-er seine Gäste in lebhaftem Gespräch vor. An diesem Gespräch beteiligten
-sich vor allen anderen Iwan Fedorowitsch und die beiden Priestermönche.
-Auch Miussoff mischte sich in das Gespräch ein, dem Anscheine nach sogar
-sehr hitzig, doch hatte er wieder kein Glück: er blieb ersichtlich
-zweitrangig, und man antwortete ihm nur wenig, so daß dieser neue
-Umstand seine ganze sich anstauende Reizbarkeit nur noch verstärkte. Es
-gab aber noch einen anderen Grund, warum er so reizbar war; er hatte
-nämlich auch früher schon Iwan Fedorowitsch im Wissen zu überbieten
-gesucht; doch da es ihm immer mißlungen war, konnte er dessen gewisse
-Nachlässigkeit ihm gegenüber um so weniger kaltblütig ertragen:
-
-„Bis jetzt wenigstens bin ich auf der Höhe alles dessen gewesen, was in
-Europa das Fortgeschrittenste war; diese neue Generation aber will uns
-einfach ignorieren,“ dachte er empört bei sich. Fedor Pawlowitsch, der
-doch freiwillig sein Wort gegeben hatte, sich auf den Stuhl zu setzen
-und hinfort zu schweigen, schwieg tatsächlich eine gewisse Zeitlang,
-beobachtete aber mit einem kleinen, maliziös-spöttischen Lächeln seinen
-Nachbar Miussoff, dessen Reizbarkeit ihn augenscheinlich freute. Er
-hatte sich schon längst vorgenommen, diesem gewisse Dinge heimzuzahlen,
-und wollte jetzt die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen.
-Schließlich hielt er es nicht mehr aus, beugte sich zum Ohr seines
-Stuhlnachbars und neckte ihn, halblaut flüsternd, geflissentlich noch
-einmal:
-
-„Warum gingen Sie denn vorhin nach dem ‚küßte es liebend‘ nicht fort,
-und warum ließen Sie sich dazu herab, in so unanständiger Gesellschaft
-zu bleiben? Ich werd’s Ihnen sagen, warum: Weil Sie sich erniedrigt und
-beleidigt fühlten, und so blieben Sie denn, um zur Rache Ihren Verstand
-leuchten zu lassen. Und jetzt werden Sie für keinen Preis früher
-fortgehen, als bis Sie Ihren Verstand gezeigt haben.“
-
-„So fangen Sie schon wieder an? Ich gehe sofort!“
-
-„Als letzter, als letzter werden Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch!“
-neckte noch einmal Fedor Pawlowitsch. Das war fast im selben Augenblick,
-als der Staretz wieder eintrat.
-
-Das Gespräch verstummte sofort; doch der Staretz, der wieder seinen
-alten Platz einnahm, blickte alle so freundlich an, als wolle er sie mit
-dem Blick auffordern, doch fortzufahren. Aljoscha aber, der jeden
-Ausdruck seines Gesichtes kannte, sah deutlich, daß er furchtbar müde
-und überanstrengt war. In der letzten Zeit seiner Krankheit war er schon
-mehrere Male vor Erschöpfung in Ohnmacht gefallen. Sein Gesicht war fast
-ebenso bleich wie vor einer Ohnmacht, und seine Lippen wurden ganz blaß.
-Doch augenscheinlich wollte er die Versammelten nicht fortschicken, und
-zwar schien er dabei noch ein besonderes Ziel zu haben – welch eines
-nur? Aljoscha beobachtete ihn gespannt.
-
-„Wir sprechen über seinen ungemein interessanten Artikel,“ sagte der
-Priestermönch Pater Jossiff, der Bibliothekar, zum Staretz, und wies
-dabei auf Iwan Fedorowitsch. „Er bringt in diesem Artikel viel Neues
-vor, doch kommt es, glaube ich, auf dasselbe hinaus. Bei Gelegenheit der
-Erörterung der kirchlich-zivilen Justizfrage, und des Umfanges ihrer
-Berechtigung, hat er mit einem kleinen Zeitungsartikel dem Geistlichen
-geantwortet, der über diese Frage ein ganzes Buch geschrieben hat.“
-
-„Leider habe ich Ihren Artikel nicht gelesen, aber ich habe von ihm
-gehört,“ sagte der Staretz, der Iwan Fedorowitsch aufmerksam anblickte.
-
-„Er nimmt einen interessanten Standpunkt ein,“ fuhr der
-Pater-Bibliothekar fort. „Wie es scheint, verneint er in der Frage der
-kirchlichen Ziviljustiz die Trennung von Kirche und Staat.“
-
-„Das ist sehr interessant; aber in welchem Sinne meinen Sie das?“ fragte
-der Staretz Iwan Fedorowitsch.
-
-Der antwortete ihm; doch tat er es nicht etwa mit einer herablassenden
-Höflichkeit, wie Aljoscha noch vor kurzem befürchtet hatte, sondern
-bescheiden und zurückhaltend, mit augenscheinlicher Zuvorkommenheit und
-offenbar ohne jeden Hintergedanken:
-
-„Ich gehe von der Überzeugung aus, daß diese Verwechselung der Elemente,
-d. h. des Wesens der Kirche mit dem Wesen des Staates, beide als
-einzelne Begriffe genommen, natürlich ewig sein wird, obgleich sie
-überhaupt nicht sein dürfte, und man die beiden niemals nicht nur in ein
-normales, sondern selbst nicht einmal in ein einigermaßen befriedigendes
-Verhältnis wird bringen können, da die ganze Sache sich auf einer Lüge
-aufbaut. Ein Kompromiß zwischen dem Staate und der Kirche in Fragen, wie
-zum Beispiel der des Gerichts, ist meines Erachtens schon allein ihrem
-Wesen nach unmöglich. Der Geistliche, dem ich in meinem Artikel
-entgegnet habe, behauptet, daß die Kirche im Staat eine ganz genaue und
-bestimmte Stellung einnehme. Ich aber antwortete ihm, daß die Kirche im
-Gegenteil den ganzen Staat in sich einschließen müßte, nicht aber in ihm
-nur eine bestimmte Ecke einnehmen sollte, und daß dies, wenn es jetzt
-aus bestimmten Gründen unmöglich ist, dem Wesen der Dinge nach doch
-unbedingt das feste und erste Ziel der ganzen Weiterentwicklung des
-Christentums sein müßte.“
-
-„Das ist vollkommen richtig,“ sagte fest, doch nervös, Pater Paissij,
-der schweigsame und gelehrte Priestermönch.
-
-„Der reinste Ultramontanismus!“ rief Miussoff aus, der vor Ungeduld ein
-Bein über das andere schlug.
-
-„Ach, wir haben ja nicht einmal Berge!“ meinte Pater Jossiff, worauf er,
-zum Staretz gewandt, fortfuhr: „Er antwortet unter anderem auch auf
-folgende, grundlegende und wesentliche Behauptungen seines Gegners, des
-Geistlichen – beachten Sie es wohl. Erstens, sagt der Geistliche: ‚Es
-kann und darf sich kein einziger gesellschaftlicher Verband die Macht,
-über die bürgerlichen und politischen Rechte seiner Mitglieder zu
-verfügen, aneignen.‘ Zweitens: ‚Die Macht des Kriminal- und
-Zivilgerichts darf nicht der Kirche gehören, denn die ist mit ihrem
-Wesen als göttliche Einrichtung und als Verband der Menschen zu
-religiösen Zwecken unvereinbar,‘ und schließlich drittens: ‚Daß die
-Kirche kein Reich von dieser Welt sei‘ ...“
-
-„Das allerunwürdigste Wortspiel für einen Geistlichen!“ unterbrach
-wieder ungeduldig Pater Paissij. „Ich habe dieses Buch gelesen, auf das
-Sie geantwortet haben,“ sagte er zu Iwan Fedorowitsch, „und ich war
-nicht wenig erstaunt über die Worte des Geistlichen, daß die Kirche
-‚kein Reich von dieser Welt‘ sei. Wenn sie nicht von dieser Welt wäre,
-so könnte sie folglich überhaupt nicht auf der Welt existieren. Im
-heiligen Evangelium sind die Worte: ‚nicht von dieser Welt‘ nicht in
-diesem Sinne gebraucht. Mit solchen Worten aber zu spielen, geht nicht
-an. Unser Herr Jesus Christus ist doch nur deswegen gekommen, um die
-Kirche gerade hier auf Erden zu gründen. Das Himmelreich ist natürlich
-nicht von dieser Welt, sondern im Himmel, doch kann man in dasselbe
-nicht anders eingehen als durch die Kirche, die auf der Erde gegründet
-und errichtet ist. Und darum sind alle Wortspiele in diesem Sinne
-unmöglich und unwürdig. Die Kirche aber ist in Wahrheit Herrschaft hier
-auf Erden und ihr ist bestimmt, zu herrschen, und ihr Ziel kann
-zweifellos nur eines sein: Ihre Herrschaft über die ganze Welt
-auszudehnen, – wie es uns auch die Verheißung sagt ...“
-
-Er verstummte plötzlich, als ob er sich bezwingen wollte. Iwan
-Fedorowitsch, der ihm höflich und aufmerksam zugehört hatte, fuhr mit
-ungewöhnlicher Ruhe wie vorher bereitwillig und offenherzig, zum Staretz
-gewandt, in seiner Erklärung fort:
-
-„Der ganze Gedanke, den ich in meinem Artikel entwickelt habe, besteht
-darin, daß das Christentum in den ersten drei Jahrhunderten auf der Erde
-bloß in Gestalt einer Kirche erschien und auch nur Kirche war. Als aber
-das heidnische römische Imperium christlich werden sollte, war es ja nur
-natürlich, daß es, indem es christlich wurde, die Kirche bloß in sich
-aufnahm, selbst aber fortfuhr, in äußerst vielen Dingen wie früher ein
-heidnischer Staat zu bleiben. Und im Grunde genommen, hätte es
-zweifellos anders überhaupt nicht geschehen können. Es blieb in Rom, als
-Imperium genommen, gar zu viel von der alten Zivilisation und der
-heidnischen Weisheit übrig, wie zum Beispiel die Ziele und Grundsätze
-des Imperiums selbst. Die Kirche Christi jedoch konnte, als sie in den
-Staat eintrat, natürlich nichts von ihrem Grundgedanken, diesem Stein,
-auf dem sie stand, aufgeben oder abtreten und konnte also nur ihre Ziele
-verfolgen, die ihr einmal vom Herrn selbst gesetzt und angewiesen waren,
-wie unter anderem: Die ganze Welt und damit folglich auch das ganze
-frühere heidnische Imperium in Kirche zu verwandeln. So muß denn also –
-versteht sich, vom zukünftigen Ziel der Kirche gesprochen – nicht die
-Kirche sich einen bestimmten Platz im Staate suchen, wie ‚jeder andere
-gesellschaftliche Verband‘ oder wie ‚ein Verband der Menschen zu
-religiösen Zwecken‘ – so drückt sich der geistliche Autor, dem ich
-entgegnete, über die Kirche aus –, sondern im Gegenteil, jeder
-Erdenstaat müßte sich zum Schluß vollkommen in Kirche verwandeln und
-nichts anderes werden als bloß Kirche, und sich dann natürlich von allen
-seinen Zielen, die mit den Zielen der Kirche nicht übereinstimmen,
-einfach abwenden. Das alles würde den Staat als solchen in nichts
-erniedrigen, ihm weder seine Ehre noch seinen Ruhm als Großmacht nehmen,
-noch würde es den Ruhm seiner Herrscher schmälern, sondern würde den
-Staat nur von dem falschen, noch heidnischen und irreführenden Weg auf
-den richtigen und wahren Weg stellen, auf den einzigen, der zu ewigen
-Zielen führt. Darum hätte der Autor des Buches über die Grundlagen des
-kirchlich-zivilen Gerichts ganz richtig geurteilt, wenn er bei seiner
-Untersuchung und Feststellung dieser Grundlagen dieselben als einen
-zeitlichen, in unserer sündigen, noch unvollendeten Zeit notwendigen
-Kompromiß und sonst nichts weiter behandelt hätte. Sobald aber der Autor
-dieser ‚Grundlagen‘ sich erdreistet, zu erklären, daß seine Grundlagen,
-die er jetzt aufstellt, und die teilweise Pater Jossiff soeben
-aufzählte, unerschütterliche, elementarische und ewige seien, geht er
-direkt gegen die Kirche vor und gegen ihre heilige, ewige und
-unerschütterliche Bestimmung. Das ist der ganze Standpunkt meines
-Artikels.“
-
-„Das heißt also, kurz gesagt,“ begann wieder Pater Paissij, jedes Wort
-betonend, „nach gewissen Theorien, die sich in unserem neunzehnten
-Jahrhundert nur zu deutlich ausgeprägt haben, soll sich die Kirche in
-Staat verwandeln – gleichsam aus einer niedrigeren Form in eine höhere
-–, um darauf ganz in ihm zu verschwinden, indem sie vor der
-Wissenschaft, dem Zeitgeist und der Zivilisation zurücktritt, ihnen also
-einfach Platz macht. Wenn sie das aber nicht will und sich dem
-widersetzt, so wird ihr im Staat gleichsam nur eine gewisse Ecke
-eingeräumt, und selbst die nur unter Aufsicht. Und das geschieht jetzt
-überall in den gegenwärtigen europäischen Ländern. Nach der russischen
-Auffassung und Zuversicht dagegen soll sich nicht die Kirche in Staat
-verwandeln, wie aus einem niedrigeren in einen höheren Typ, sondern der
-Staat soll sich vorbereiten, einzig und allein Kirche und nichts weiter
-als das zu werden. Dieses sei sein Endziel. Und also geschehe es, Amen!“
-
-„Nun, ich muß gestehen, Sie haben mich jetzt wieder etwas ermutigt,“
-sagte Miussoff und schlug ein Bein übers andere. „Soweit ich es
-verstehe, handelt es sich also um die Verwirklichung irgendeines Ideals,
-eines unendlich fernen, bei der Wiederkunft des Herrn. Nun, dagegen habe
-ich nichts. Ein wunderschöner utopischer Traum von der Abschaffung der
-Kriege, Diplomaten, Banken usw. Etwas, was sogar wie Sozialismus
-aussieht. Ich aber dachte schon, daß das alles Ernst sei, und die Kirche
-_jetzt_ bereits über Kriminalfragen richten, zu Ruten und Zwangsarbeit
-und vielleicht sogar zur Todesstrafe verurteilen solle.“
-
-„Wenn es nur ein einziges kirchlich-ziviles Gericht gäbe, so würde die
-Kirche auch jetzt nicht zur Zwangsarbeit oder zur Todesstrafe
-verurteilen. Das Verbrechen und seine Auffassung müßten sich dann
-selbstverständlich ganz verändern, natürlich allmählich, nicht plötzlich
-und nicht sofort, immerhin ziemlich bald ...“ sagte ruhig, und ohne mit
-der Wimper zu zucken, Iwan Fedorowitsch.
-
-„Meinen Sie das etwa im Ernst?“ Miussoff blickte ihn aufmerksam an.
-
-„Wenn alles Kirche wäre, so würde die Kirche den Verbrecher oder den
-Ungehorsamen ausschließen, nicht aber Köpfe fällen,“ fuhr Iwan
-Fedorowitsch fort. „Nun frage ich Sie aber, wohin würde dann der
-Exkommunizierte gehen? Dann müßte er ja nicht nur von den Menschen, wie
-jetzt, sondern auch von Christus fortgehen. Dann würde er sich mit
-seinem Verbrechen nicht nur gegen die Menschen, sondern auch gegen die
-Kirche Christi vergangen haben. Das ist natürlich im strengsten Sinne
-auch jetzt so, doch ist es immerhin nicht offiziell erklärt, und so
-findet sich denn heute der Verbrecher sehr häufig mit seinem Gewissen
-auf diese Weise ab, indem er sich sagt: ‚Habe wohl gestohlen, greife
-aber nicht die Kirche an, bin Christus kein Feind.‘ Das sagt sich
-heutzutage fast ausnahmslos jeder Verbrecher. Wenn aber die Kirche an
-Stelle des Staates getreten ist, dann könnte er es sich schwerlich
-sagen, es sei denn, daß er die ganze Kirche auf der ganzen Welt
-verneinte: ‚Alle irren sich, alle sind vom richtigen Wege abgekommen,
-alle sind Pseudokirche, nur ich allein, der Mörder und Dieb – bin die
-wahre christliche Kirche.‘ Das aber sich zu sagen, ist doch sehr schwer
-und verlangt ungeheure Bedingungen, setzt Umstände voraus, die es nicht
-häufig gibt. Jetzt nehmen Sie andererseits jene Auffassung des
-Verbrechens, wie sie die Kirche hat: Wird sich dann die allgemeine
-Auffassung des Verbrechens nicht ändern müssen, im Vergleich zur
-gegenwärtigen, fast heidnischen Auffassung, wird sie sich dann nicht
-vielmehr aus der Idee, das kranke Glied mechanisch abtrennen zu müssen,
-wie es jetzt zum Schutze der Gesellschaft getan wird, wahrhaft und nicht
-nur scheinbar in die Idee der Wiedergeburt des Menschen, seiner
-Auferstehung und Rettung verwandeln ...“
-
-„Was soll denn das jetzt wieder bedeuten? Ich höre wieder auf, zu
-verstehen,“ unterbrach Miussoff, „wieder irgendeine Phantasie! etwas
-Formloses, aus dem man überhaupt nicht klug werden kann. Wie meinen Sie
-das – ‚ausschließen‘ und was soll das für eine Exkommunikation sein? Ich
-vermute stark, daß Sie einfach nur zu scherzen belieben, Iwan
-Fedorowitsch.“
-
-„Aber genau genommen ist es ja auch jetzt ganz dasselbe,“ sagte
-plötzlich der Staretz, und sofort wandten sich aller Blicke ihm zu,
-„denn wenn es jetzt keine Kirche Christi gäbe, so hätte der Verbrecher
-keinen einzigen Halt nach dem Verbrechen und nicht einmal die
-Möglichkeit einer Buße, das heißt, einer wirklichen und nicht, wie Sie
-sagten, mechanischen Buße, die in der Mehrzahl der Fälle nur das Herz
-erbittert – sondern die wirkliche Buße, die einzige abschreckende und
-die einzige friedenbringende Buße, die in der Erkenntnis des eigenen
-Gewissens liegt.“
-
-„Erlauben Sie, wie meinen Sie das?“ erkundigte sich mit dem lebhaftesten
-Interesse Miussoff.
-
-„Ich meine das so,“ begann der Staretz. „Alle diese Verschickungen, die
-Zwangsarbeit und früher noch die Körperstrafe verbessern niemanden, und
-vor allem schrecken sie keinen einzigen Verbrecher ab; die Zahl der
-Verbrechen verringert sich nicht etwa, sondern vergrößert sich noch
-immer. Das müssen Sie mir doch vollkommen zugeben. Und so ergibt sich,
-daß die Gesellschaft auf diese Weise keineswegs beschützt ist, denn wenn
-auch das schädliche Mitglied mechanisch abgetrennt und weit
-fortgeschickt wird, aus den Augen, aus dem Sinn, so wird es doch sofort
-durch einen anderen Verbrecher, vielleicht sogar durch zwei Verbrecher,
-ersetzt. Wenn es etwas gibt, das die Gesellschaft in unserer Zeit
-beschützt und sogar den Verbrecher selbst bessert und in einen anderen
-Menschen verwandelt, so ist das wiederum nur das Gebot Christi, das sich
-in der Erkenntnis des eigenen Gewissens kundtut. Nur wenn er sich seine
-Schuld als Sohn der Gemeinschaft Christi, das heißt, der Kirche,
-eingesteht, sieht er auch seine Schuld vor der Gemeinschaft selbst, das
-heißt, vor der Kirche, ein. Somit ist denn der gegenwärtige Verbrecher
-einzig vor der Kirche fähig, seine Schuld anzuerkennen, nicht aber vor
-dem Staat. Und darum, wenn nun das Gericht der Gemeinschaft als Kirche
-gehören würde, dann würde dieselbe wissen, wen sie aus der Verbannung
-zurückführen und wieder aufnehmen könnte. Jetzt jedoch entfernt sich die
-Kirche, da sie wohl die Möglichkeit allein des sittlichen Verurteilens,
-nicht aber ein aktives Gericht hat, von der aktiven Buße des Verbrechers
-ganz von selbst. Sie schließt ihn nicht aus und verläßt ihn nie mit
-ihrem väterlichen Trost. Ja, sie bemüht sich sogar, mit dem Verbrecher
-die ganze christliche, kirchliche Gemeinschaft zu erhalten: Sie läßt ihn
-zum Gottesdienst, zum Abendmahl zu, sie gibt ihm Almosen und verhält
-sich zu ihm mehr wie zu einem Verführten, als wie zu einem Schuldigen.
-Und was würde mit dem Verbrecher geschehen, o Gott! wenn auch die
-christliche Gemeinschaft, das heißt die Kirche, ihn ebenso verstoßen
-würde, wie ihn das bürgerliche Gesetz verstößt und ausschließt? Was
-würde mit ihm geschehen, wenn jedesmal und sofort nach der Strafe des
-staatlichen Gesetzes auch die Kirche ihn mit der Ausschließung strafte?
-Eine größere Verzweiflung kann es ja gar nicht geben, wenigstens nicht
-für den russischen Verbrecher, denn die russischen Verbrecher sind noch
-gläubig. Doch übrigens, wer kann es wissen: vielleicht würde dann etwas
-ganz Furchtbares geschehen: das verzweifelte Herz des Verbrechers würde
-vielleicht völlig den Glauben verlieren, und was dann? Doch die Kirche
-zieht sich als zärtliche und liebende Mutter freiwillig von einer
-aktiven Bestrafung zurück, da der Schuldige auch ohne ihre Strafe durch
-das staatliche Gericht sowieso schon gar zu grausam bestraft ist, ihn
-aber wenigstens irgend jemand bemitleiden muß. Vor allem deswegen, weil
-das Gericht der Kirche das einzige ist, welches nichts als die Wahrheit
-enthält und sich infolgedessen wesentlich und sittlich mit keinem
-einzigen anderen Gericht, nicht einmal zu einem provisorischen
-Kompromiß, vereinigen kann. Hierbei kann man sich nicht auf Vergleiche
-einlassen. Der ausländische Verbrecher, sagt man, bereue selten, denn
-sogar die jetzt sich verbreitenden Lehren bestärken ihn in dem Gedanken,
-daß sein Verbrechen kein Verbrechen sei, sondern nur eine Auflehnung
-gegen die ungerecht unterdrückende Macht. Die Gesellschaft scheidet ihn
-vollkommen mechanisch durch die über ihn triumphierende Macht aus und
-begleitet diese Ausscheidung noch mit Haß – wenigstens sagen sie in
-Europa selbst so von sich –, mit Haß und vollster Gleichgültigkeit für
-ihres Bruders weiteres Schicksal. So geschieht denn dort alles ohne das
-geringste kirchliche Mitleid, denn in vielen Fällen gibt es dort
-überhaupt keine Kirchen mehr, es gibt dort nur noch Kleriker,
-Kirchendiener und prachtvolle Kirchengebäude; die Kirchen selbst jedoch
-streben dort schon längst nach dem Übergang aus der niedrigeren Form der
-Kirche in die höhere Form des Staates, um in ihm ganz zu verschwinden.
-So ist es, glaube ich, wenigstens in den lutherischen Ländern. In Rom
-aber wird ja schon seit tausend Jahren an Stelle der Kirche der Staat
-verkündet. Darum also hält sich der Verbrecher selbst nicht mehr für ein
-Glied der Kirche und verbleibt als Ausgestoßener in der Verzweiflung.
-Wenn er aber in die Gesellschaft zurückkehrt, so geschieht dies nicht
-selten mit solch einem Haß, daß die Gesellschaft ihn ganz von selbst
-wieder ausstößt. Womit das endet, können Sie sich selbst sagen. In
-vielen Fällen könnte es scheinen, daß es auch bei uns dasselbe sei: Doch
-das ist es ja gerade, daß es bei uns außer dem staatlichen Gericht noch
-die Kirche gibt, die niemals die Verbindung mit dem Verbrecher, als mit
-ihrem lieben und immer noch teuren Sohne, aufgibt. Und überdies gibt es
-bei uns noch – und wenn auch meinetwegen nur geistig – das Gericht der
-Kirche, das jetzt allerdings noch nicht in Tätigkeit ist, doch immerhin
-für die Zukunft lebt; und wenn es sich auch nur im Geiste erhält, so
-wird es doch vom Verbrecher selbst fraglos durch den Instinkt seiner
-Seele schon jetzt anerkannt. Und auch das ist ganz richtig, was hier
-vorhin gesagt wurde: Wenn das Gericht der Kirche wirklich und in seiner
-ganzen Macht eingeführt werden würde, das heißt, wenn die ganze
-Gesellschaft sich ausschließlich in Kirche verwandeln sollte, so würde
-nicht nur das Gericht der Kirche selbst auf die Besserung des
-Verbrechers in einer Weise einwirken, wie es jetzt ganz undenkbar ist,
-sondern es würden sich vielleicht auch die Verbrechen in unglaublichem
-Maße verringern, im Verhältnis zu früher gesprochen. Und auch darüber
-kann kein Zweifel bestehen, daß die Kirche den zukünftigen Verbrecher
-und das zukünftige Verbrechen in vielen Fällen ganz anders auffassen
-würde, als man es jetzt auffaßt, und daß sie es verstehen würde, den
-Ausgestoßenen zurückzuführen, den Böses Sinnenden zu warnen und den
-Gefallenen wieder aufzurichten. Allerdings,“ fuhr der Staretz lächelnd
-fort, „vorläufig ist ja die christliche Gesellschaft noch selbst nicht
-fertig und steht nur auf den sieben Gerechten; da aber diese nicht
-aussterben werden, so bleibt sie immerhin unerschütterlich in der
-Erwartung ihrer vollständigen Verwandlung aus der Gesellschaft, als
-einer fast noch heidnischen Verbindung, in die einzige ökumenische und
-herrschende Kirche. Und also geschehe es, und wenn auch zu Ende der
-Zeiten, denn nur diesem allein ist vorherbestimmt, in Erfüllung zu
-gehen! Und wozu sich durch die lange Zeit verwirren lassen, das
-Geheimnis der Zeiten und des Endzieles liegt in der Allwissenheit
-Gottes, in seiner Vorsehung und seiner Liebe. Und was nach menschlichem
-Ermessen sehr weit entfernt ist, das kann nach der Vorherbestimmung
-Gottes vielleicht schon vor der Tür stehen. Hoffen wir, daß dieses also
-ist! Amen!“
-
-„Amen, Amen!“ wiederholte andächtig und streng Pater Paissij.
-
-„Sonderbar, höchst sonderbar!“ meinte Miussoff nicht etwa heftig, wohl
-aber wie mit einem heimlichen, sagen wir – Unwillen.
-
-„Was scheint Ihnen denn so sonderbar?“ erkundigte sich vorsichtig Pater
-Jossiff.
-
-„Ja, was bedeutet denn das eigentlich?“ fuhr Miussoff sofort auf, als ob
-er sich plötzlich nicht mehr zurückhalten wollte. „Der Staat wird auf
-der Erde beseitigt, die Kirche aber wird zum Staate erhoben! Das ist ja
-nicht mehr Ultramontanismus, das ist einfach Erz-Ultramontanismus! Das
-hat sich selbst Papst Gregor der Siebente nicht einmal träumen lassen!“
-
-„Verzeihung, Sie haben es gerade umgekehrt aufgefaßt!“ sagte streng
-Pater Paissij. „Nicht die Kirche verwandelt sich in Staat, beachten Sie
-das wohl. Das ist Rom und sein Ideal. Das ist die dritte Versuchung des
-Teufels! Sondern im Gegenteil: Der Staat verwandelt sich in Kirche,
-erhebt sich bis zur Kirche und wird Kirche auf der ganzen Erde, – was
-dem Ultramontanismus Roms und Ihrer Auffassung vollkommen
-entgegengesetzt und nur die große Bestimmung der Rechtgläubigkeit auf
-Erden ist. Von Osten her kommt das Licht.“
-
-Miussoff schwieg bedeutsam. Seine ganze Gestalt drückte ungewöhnliche
-persönliche Würde aus. Ein ungemein herablassendes Lächeln erschien auf
-seinen Lippen. Aljoscha hatte alles mit stark klopfendem Herzen
-verfolgt. Dieses ganze Gespräch regte ihn bis in die Grundtiefen auf;
-zufällig blickte er zu Rakitin hinüber: der stand unbeweglich auf seinem
-alten Platz an der Tür und beobachtete und hörte aufmerksam zu, obgleich
-er den Blick gesenkt hielt. Doch an der lebhaften Farbe seines Gesichts
-erriet Aljoscha, daß auch Rakitin vielleicht nicht weniger als er selbst
-erregt war; Aljoscha wußte, was ihn erregte.
-
-„Gestatten Sie mir, meine Herren, Ihnen eine kleine Geschichte zu
-erzählen,“ sagte plötzlich eindringlich und mit gewissermaßen besonders
-würdevoller Miene Miussoff. „Es war vor etlichen Jahren in Paris, kurz
-nach der Dezemberrevolution, da traf ich einmal, als ich im Hause eines
-sehr hochstehenden Mannes – er war damals einer von der Regierung –
-meine Aufwartung machte, da traf ich, wie gesagt, dort in seinen
-Empfangsräumen einen ungemein interessanten Herrn. Dieses Individuum war
-nicht gerade Detektiv, aber doch so etwas in der Art eines Direktors,
-sagen wir, eines ganzen Kommandos politischer Detektivs – in seiner Art
-ein ganz einflußreicher Mann. Nun, ich knüpfte mit ihm ein Gespräch an,
-da er mich ungemein interessierte, und da er nicht als Bekannter,
-sondern als untergebener Beamter mit einer gewissen Art von Rapporten
-gekommen war, so teilte er mir, da er sah, wie ich bei seinem
-Vorgesetzten empfangen wurde, seinerseits einige Amtsgeheimnisse mit –
-nun, versteht sich, nur bis zu einem gewissen Grade, das heißt, er war
-eher nur höflich als gerade aufrichtig, so wie die Franzosen höflich zu
-sein verstehen, um so mehr, als er in mir einen Ausländer erkannte. Doch
-ich begriff ihn sehr gut. Das Gespräch drehte sich um die
-sozialistischen Revolutionäre, die damals verfolgt wurden. Ich übergehe
-die Hauptpunkte des Gesprächs; ich will nur eine sehr interessante
-Bemerkung, die er plötzlich fallen ließ, wiedergeben: ‚Diese
-Sozialisten, Anarchisten, Atheisten und Revolutionäre fürchten wir nicht
-sonderlich,‘ sagte er, ‚wir beobachten sie nur, und im übrigen sind uns
-alle ihre Schachzüge bekannt. Unter ihnen aber gibt es, wenn auch nicht
-viele, so doch einige besondere Leute: das sind Christen, die an Gott
-glauben, zu gleicher Zeit aber auch Sozialisten sind. Sehen Sie, die
-sind es, die wir am meisten fürchten; das ist ein gefährliches Volk! Der
-christliche Sozialist ist viel gefährlicher als der atheistische
-Sozialist.‘ Diese Worte frappierten mich auch damals schon; jetzt aber,
-hier bei Ihnen, meine Herren, sind sie mir wieder eingefallen ...“
-
-„Das heißt, daß Sie sie auf uns anwenden und auch in uns Sozialisten
-sehen?“ fragte gerade heraus, ohne alle Umschweife Pater Paissij.
-
-Doch bevor noch Miussoff an eine Antwort denken konnte, öffnete sich die
-Tür, und Dmitrij Fedorowitsch, der sich so unverzeihlich verspätet
-hatte, trat ein. Man hatte ihn, wie es schien, ganz vergessen, und sein
-plötzliches Erscheinen rief im ersten Augenblick sogar ein gewisses
-Erstaunen hervor.
-
-
- VI.
- Wozu lebt solch ein Mensch?
-
-Dmitrij Fedorowitsch, mittelgroß, mit einem sympathischen Gesicht, war
-erst achtundzwanzig Jahre alt, sah jedoch weit älter aus. Er war
-muskulös, und man konnte ihm eine bedeutende körperliche Kraft ansehen,
-doch drückte sich in seinem Gesicht zugleich etwas Krankhaftes aus. Er
-war mager, die Wangen waren eingefallen, und er hatte eine sonderbare,
-ungesunde, bleiche Farbe. Seine ziemlich großen, dunklen, etwas
-hervorstehenden Augen blickten scheinbar in fester Beharrlichkeit und
-doch gewissermaßen unbestimmt. Selbst wenn er erregt war oder gereizt
-sprach, gehorchte sein Blick, wie es schien, nicht seiner inneren
-Stimmung und drückte etwas anderes aus, zuweilen sogar etwas, was seinen
-Worten oder der Situation gar nicht entsprach. „Es ist schwer zu sagen,
-woran er eigentlich denkt,“ äußerten sich zuweilen Menschen, die mit ihm
-gesprochen hatten. Andere wiederum, die in seinen Augen etwas
-Nachdenkliches, Trauriges sahen, waren erstaunt, ihn ganz plötzlich
-lachen zu hören, was von seinen heiteren, spielerischen Gedanken in dem
-Moment zeugte, als seine Augen noch so düster und trübe geblickt hatten.
-Übrigens war sein etwas krankhaftes Aussehen noch aus einem besonderen
-Grunde begreiflich: man sprach ja allgemein von dem ungewöhnlich
-unruhigen und flotten Leben, dem er sich gerade in der letzten Zeit bei
-uns ergeben hatte. Man sprach auch von den unglaublichen Zornausbrüchen,
-zu denen er sich in den Streitigkeiten mit seinem Vater wegen des ihm
-vorenthaltenen Geldes hatte hinreißen lassen; in der Stadt liefen
-darüber sogar mehrere Anekdoten um. Es ist wahr, daß er auch schon von
-Natur reizbar war, „von unregelmäßigem, veränderlichem Gemüt,“ wie sich
-unser Friedensrichter Ssemjon Iwanowitsch Katschaljnikoff in einer
-Gesellschaft einmal charakteristisch über ihn äußerte. Er war tadellos
-und elegant gekleidet: in einem zugeknöpften Gehrock, mit schwarzen
-Handschuhen, den Zylinder in der Hand, trat er ein. Als Offizier, der
-erst vor kurzem seinen Abschied genommen hatte, trug er einen
-Schnurrbart und ein glattrasiertes Kinn. Sein dunkelblondes Haar war
-kurzgeschoren und an den Schläfen etwas nach vorn gekämmt; er hatte
-einen energischen Gang, schritt weit aus wie eben ein Frontoffizier. Er
-blieb auf der Schwelle stehen und, nachdem sein Blick alle Anwesenden
-überflogen hatte, schritt er entschlossen auf den Staretz zu, in dem er
-sofort die Hauptperson erraten hatte. Er verneigte sich tief vor ihm und
-bat ihn um seinen Segen. Der Staretz erhob sich und segnete ihn. Dmitrij
-Fedorowitsch küßte ihm ehrerbietig die Hand und sagte darauf
-ungewöhnlich erregt, fast gereizt:
-
-„Verzeihen Sie, bitte, daß ich Sie so lange habe warten lassen. Der
-Diener Ssmerdjäkoff, den mein Vater zu mir geschickt hatte, sagte mir
-auf meine wiederholte Frage nach der Zeit des Besuches zweimal in der
-bestimmtesten Weise, daß er zu 1 Uhr angesagt worden sei, und jetzt
-erfahre ich plötzlich ...“
-
-„Beunruhigen Sie sich nicht,“ unterbrach ihn der Staretz, „Sie haben
-sich etwas verspätet; aber das hat ja nichts zu sagen ...“
-
-„Ich bin Ihnen sehr dankbar und habe auch von Ihrer Güte nicht weniger
-erwartet.“
-
-Nachdem er dies hervorgestoßen, verbeugte sich Dmitrij Fedorowitsch noch
-einmal vor ihm, darauf aber wandte er sich zu seinem Vater und machte
-vor ihm plötzlich eine ehrerbietige und tiefe Verbeugung. Man sah ihm
-an, daß er sich diese Höflichkeit vorgenommen hatte und sie wirklich
-aufrichtig meinte, da er es für seine Pflicht hielt, wenigstens auf
-diese Weise seine Ehrerbietung sowie seine guten Absichten auszudrücken.
-Fedor Pawlowitsch aber, der zuerst vor Überraschung nicht recht wußte,
-wie ihm geschah, fand sich nach einem Augenblick doch wieder auf seine
-Art: Er sprang hastig von seinem Stuhl auf und antwortete seinem Sohne
-auf die Höflichkeit mit ganz genau solch einer Verbeugung. Sein Gesicht
-wurde plötzlich wichtig und bedeutsam, was ihm einstweilen ein
-entschieden böses Aussehen verlieh. Dmitrij Fedorowitsch begrüßte
-schweigend mit einem kurzen Gruß die übrigen Anwesenden und ging dann
-mit seinen großen, gleichmäßigen Schritten zum Fenster, wo er sich auf
-den einzigen freien Stuhl setzte, nicht weit vom Pater Paissij, und
-sitzend vorgeneigt, sofort dem unterbrochenen Gespräch zuhören zu wollen
-schien.
-
-Die ganze Unterbrechung hatte nicht mehr als zwei Minuten gedauert, und
-so war es nur selbstverständlich, daß das Gespräch wieder aufgenommen
-wurde. Diesmal hielt es Miussoff nicht für nötig, auf die bestimmte und
-fast gereizte Frage des Paters zu antworten.
-
-„Gestatten Sie, dieses Thema abzubrechen,“ sagte er mit einer gewissen
-gesellschaftlichen Nachlässigkeit. „Zudem ist dieses Thema doch etwas
-schwierig; sehen Sie, Iwan Fedorowitsch lächelt über uns: er muß
-wahrscheinlich etwas besonders Interessantes auf diese Frage zu
-antworten haben. Fragen Sie daher, bitte, ihn.“
-
-„O, nichts Besonderes, außer der kleinen Bemerkung,“ entgegnete sofort
-Iwan Fedorowitsch, „daß der europäische Liberalismus, im allgemeinen,
-und sogar unser russischer liberaler Dilettantismus schon längst und
-nicht etwa selten die Endresultate des Sozialismus mit denen des
-Christentums verwechseln. Diese unsinnige Folgerung ist natürlich ein
-charakteristischer Zug; übrigens verwechseln den Sozialismus mit dem
-Christentum, wie man sieht, nicht nur die Liberalen und Dilettanten,
-sondern mit ihnen in vielen Fällen auch noch die Gendarmen, versteht
-sich, nur die ausländischen. Ihre Pariser Geschichte ist wirklich recht
-charakteristisch, Pjotr Alexandrowitsch!“
-
-„Im übrigen bitte ich nochmals um die Erlaubnis, dieses Thema
-abzubrechen,“ wiederholte Miussoff, „dafür aber werde ich Ihnen eine
-äußerst interessante und charakteristische Geschichte von Iwan
-Fedorowitsch erzählen. Vor nicht länger als fünf Tagen erklärte er in
-einer hiesigen vornehmlich aus Damen bestehenden Gesellschaft während
-eines Disputs feierlichst, daß es auf der ganzen Erde entschieden nichts
-gäbe, was den Menschen veranlassen könnte, Seinesgleichen zu lieben, daß
-solch ein Naturgesetz: der Mensch muß die Menschheit lieben – überhaupt
-nicht vorhanden und, wenn es bis jetzt auf der Erde trotzdem Liebe gäbe,
-dieses nicht nach dem Naturgesetz, sondern einzig darum so sei, weil die
-Menschen noch an ihre Unsterblichkeit glaubten. Iwan Fedorowitsch fügte
-bei der Gelegenheit noch _en parenthèse_ hinzu, daß darin gerade das
-ganze Naturgesetz bestünde, so daß, wenn man im Menschen den Glauben an
-seine Unsterblichkeit vernichtete, in ihm nicht nur die Liebe, sondern
-überhaupt jede lebendige Kraft zur Fortsetzung des irdischen Lebens
-versiegen würde, und nicht nur das: es würde dann nichts Unsittliches
-mehr geben, sagte er, alles würde dann erlaubt sein, sogar die
-Menschenfresserei. Und auch damit war’s noch nicht genug: er schloß mit
-der Behauptung, daß sich für jede Privatperson, wie hier zum Beispiel
-ich, die weder an Gott noch an ihre Unsterblichkeit glaubt, das
-sittliche Gesetz der Natur in das volle Gegenteil des früheren
-religiösen Gesetzes verwandeln müsse, und daß ein Egoismus sogar bis zum
-Verbrechen dem Menschen nicht nur erlaubt sein, sondern für ihn als
-unvermeidlicher, vernünftigster und womöglich gar edelster Ausweg in
-seiner Lage anerkannt werden müsse. Nach diesem Paradoxon, meine Herren,
-können Sie auf das übrige schließen, was unser lieber paradoxer
-Exzentriker, Iwan Fedorowitsch, proklamiert und vielleicht auch noch zu
-proklamieren beabsichtigt.“
-
-„Erlauben Sie,“ rief plötzlich ganz unerwartet Dmitrij Fedorowitsch
-dazwischen, „habe ich recht gehört: ‚Das Verbrechen muß nicht nur
-erlaubt sein, sondern sogar als unvermeidlicher und vernünftigster
-Ausweg aus der Lage eines jeden Gottlosen anerkannt werden!‘ War es so
-oder nicht?“
-
-„Genau so,“ sagte Pater Paissij.
-
-„Das werde ich mir merken!“
-
-Und Dmitrij Fedorowitsch verstummte ebenso plötzlich, wie er sich in das
-Gespräch hineingemischt hatte. Alle blickten ihn neugierig an.
-
-„Ist das von den Folgen, die der Verlust des Glaubens der Menschen an
-die Unsterblichkeit ihrer Seele haben würde, wirklich Ihre Überzeugung?“
-fragte plötzlich der Staretz Iwan Fedorowitsch.
-
-„Ich habe das einmal behauptet. Es gäbe keine Tugend, wenn es keine
-Unsterblichkeit gibt.“
-
-„Selig sind Sie, wenn das Ihr Glaube ist, oder aber maßlos unglücklich!“
-
-„Warum denn unglücklich?“ fragte Iwan Fedorowitsch lächelnd.
-
-„Weil Sie selbst aller Wahrscheinlichkeit nach weder an die
-Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben, noch daran, was Sie von der Kirche
-und über die Kirchenfrage geschrieben haben.“
-
-„Vielleicht haben Sie recht ... Aber immerhin habe ich doch nicht nur
-gescherzt ...“ gestand plötzlich sonderbarerweise Iwan Fedorowitsch,
-wobei er übrigens flüchtig errötete.
-
-„Nicht nur gescherzt, das ist wahr; diese Idee hat sich in Ihrem Herzen
-noch nicht entschieden, und so quält sie das Herz. Doch auch der
-Märtyrer liebt es zuweilen, mit seiner Verzweiflung zu spielen,
-gewissermaßen gleichfalls aus Verzweiflung. Vorläufig spielen auch Sie
-aus Verzweiflung, wenn Sie Zeitungsartikel schreiben und in
-Gesellschaften disputieren, ohne dabei selbst an Ihre Dialektik zu
-glauben, über die sie bei sich mit wehem Herzen lachen ... Dieses
-Problem ist in Ihnen nicht gelöst, und darin besteht Ihr großes Leid,
-denn es heischt unerbittlich eine Lösung ...“
-
-„Aber kann es denn in mir überhaupt gelöst werden? Gelöst im positiven
-Sinne?“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, sonderbar zu fragen, wobei er immer
-noch mit einem unerklärlichen Lächeln auf den Staretz blickte.
-
-„Wenn es sich nicht im positiven Sinne lösen kann, so wird es sich auch
-niemals im negativen Sinne lösen, Sie kennen doch selbst diese
-Eigenschaft Ihres Herzens, darin besteht seine ganze Qual. Danken Sie
-dem Schöpfer, daß er Ihnen ein höheres Herz gegeben hat, das fähig ist,
-sich mit dieser furchtbaren Frage zu quälen, ‚trachtend nach dem, was
-droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist, denn unser Leben ist im
-Himmelreich‘. Gebe Gott, daß Ihr Herz noch auf Erden seine Lösung finde,
-und möge Gott Ihre Wege segnen!“
-
-Der Staretz erhob die Hand und wollte schon von seinem Platz aus das
-Zeichen des Kreuzes über Iwan Fedorowitsch machen. Doch der erhob sich
-plötzlich, trat zu ihm und empfing den Segen; darauf küßte er ihm die
-Hand und kehrte stumm zu seinem Platz zurück. Der Ausdruck seines
-Gesichts war entschlossen und ernst. Diese Handlung, sowie das ganze
-vorhergegangene sonderbare Gespräch mit dem Staretz, das man von Iwan
-Fedorowitsch niemals erwartet hätte, schienen alle durch ihre
-Rätselhaftigkeit und fast Feierlichkeit stutzig zu machen, so daß das
-Schweigen eine ganze Minute andauerte. Auf Aljoschas Gesicht drückte
-sich beinahe Schrecken aus. Da aber zuckte Miussoff plötzlich mit den
-Achseln, und sofort sprang auch der alte Karamasoff auf.
-
-„Göttlicher, heiligster Staretz!“ rief er pathetisch aus, auf Iwan
-Fedorowitsch weisend. „Das ist mein Sohn, Leib von meinem Leib, mein
-liebster Leib! Das ist mein ehrerbietigster, sozusagen Karl Moor, jener
-dort aber, mein Sohn Dmitrij Fedorowitsch, der jetzt erst eingetreten
-ist und gegen den ich bei Ihnen mein Recht suche – das ist der
-unehrerbietigste Franz Moor – beide aus Schillers ‚Räubern‘ –, ich
-selbst aber, ich selbst bin in diesem Falle natürlich der regierende
-Graf von Moor! Jetzt urteilen Sie! Und retten Sie! Wir bedürfen nicht
-nur Ihrer Gebete, sondern auch Ihrer Weissagungen.“
-
-„Reden Sie, ohne dabei den Narren zu spielen, und beginnen Sie nicht mit
-Beleidigungen Ihrer Angehörigen,“ sagte der Staretz mit schwacher,
-erschöpfter Stimme. Ersichtlich wurde er immer müder, und seine Kräfte
-verließen ihn fast wahrnehmbar.
-
-„Diese unwürdige Komödie habe ich schon vorausgeahnt!“ rief unmutig
-Dmitrij Fedorowitsch, der gleichfalls aufsprang. „Verzeihen Sie,
-ehrwürdiger Vater,“ wandte er sich an den Staretz, „ich bin nur ein
-ungebildeter Mensch und weiß sogar nicht einmal, wie man Sie anreden
-muß, man hat Sie aber betrogen, und es war von Ihnen eine viel zu große
-Güte, uns hier zu empfangen. Mein Vater will es nur zu einem Skandal
-bringen, wozu er den nötig hat – das weiß ich nicht; doch wird er dabei
-schon auf seine Rechnung kommen. Er hat bei allem, was er tut, seine
-besondere Rechnung; übrigens glaube ich zu wissen, wozu ...“
-
-„Natürlich beschuldigen sie mich alle, alle beschuldigen sie mich!“ rief
-seinerseits der alte Karamasoff; „auch Pjotr Alexandrowitsch beschuldigt
-mich! Das haben Sie getan, Pjotr Alexandrowitsch, das haben Sie ...!“
-rief er plötzlich, sich zu Miussoff umdrehend, heftig, obgleich es
-diesem gar nicht eingefallen war, ihm zu widersprechen. „Man beschuldigt
-mich, ich soll das Geld meiner Kinder in meine Stiefel gesteckt haben
-und allen das Fell über die Ohren ziehen. Aber erlauben Sie, gibt es
-denn etwa kein Gericht? Dort würde man Ihnen, Dmitrij Fedorowitsch, nach
-Ihren eigenen Quittungen, Briefen und Kontrakten sofort verrechnen,
-wieviel Sie besaßen, wieviel Sie durchgebracht haben und wieviel Ihnen
-übrigbleibt! Warum vermeidet es Pjotr Alexandrowitsch, die Sache vors
-Gericht zu bringen? Dmitrij Fedorowitsch ist ihm doch kein Fremder! Er
-tut’s aber nicht, weil alle auf mich loshacken; Dmitrij Fedorowitsch
-jedoch ist mir in Summa noch schuldig, und nicht etwas, sondern viele
-Tausende, was ich mit allen Dokumenten beweisen kann! Die ganze Stadt
-schnattert ja von seinen überall bekannten Trinkgelagen! Dort aber, wo
-er in Garnison stand, dort hat er tausend oder zweitausend Rubel
-hinausgeworfen, um ehrsame Mädchen zu verführen; ja ja, das wissen wir,
-Dmitrij Fedorowitsch, samt allen sekreten Ausführlichkeiten, – das kann
-ich gleichfalls beweisen ... Heiligster Vater, werden Sie’s glauben: hat
-das edelste aller Mädchen bestrickt, eine Tochter aus gutem Hause, mit
-einem Kapital, die Tochter seines früheren Kommandeurs, eines tapferen,
-verdienten Obersten, der schon Orden und sogar die Anna mit den
-Schwertern am Halse trug, hat das Mädchen mit einem Heiratsantrag
-kompromittiert; jetzt ist sie hier, ist Waise, seine Braut; er aber geht
-vor ihren Augen mit einer hiesigen Kurtisane. Und wenn auch diese Dame
-mit einem ehrenwerten Menschen in sozusagen bürgerlicher Ehe gelebt hat,
-so ist sie doch, was den Charakter anbetrifft, sehr unabhängig, ist für
-alle eine uneinnehmbare Festung, als ob sie eine rechtmäßige Frau wäre;
-denn sie ist tugendhaft – ja! meine heiligen Väter, sie ist tugendhaft!
-Und Dmitrij Fedorowitsch will nun diese Festung mit goldenem Schlüssel
-öffnen, weswegen er sich denn jetzt auf das Geld, das ich ihm schulden
-soll, versteift, es herauspressen will; inzwischen aber hat er schon
-Tausende ihretwegen verzettelt. Ihretwegen borgt er ununterbrochen Geld,
-und unter anderem auch bei wem, was glauben Sie wohl? Soll ich’s sagen
-oder nicht, Mitjä!“
-
-„Schweigen Sie!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Warten Sie, bis ich
-hinausgegangen bin; aber in meiner Gegenwart dürfen Sie sich nicht
-unterstehen, das edelste Mädchen, die Tochter meines Kommandeurs, zu
-beschimpfen ..., allein schon, daß Sie überhaupt nur ein Wort von ihr
-gesagt haben, ist eine Schmach für sie ... Das erlaube ich nicht!“
-
-Er war atemlos.
-
-„Mitjä! Mitjä!“ rief schwachnervig der Alte und preßte sich Tränen aus
-den Augen. „Wozu gibt es denn einen Vatersegen? Was aber dann, wenn ich
-dich verfluche?“
-
-„Unverschämter Heuchler!“ schrie ihn Dmitrij Fedorowitsch wütend an.
-
-„Das sagt er dem Vater, dem Vater! Was wird er dann noch den anderen
-sagen? Meine Herren, stellen Sie sich vor: Hier ist ein armer, doch
-ehrenwerter Mensch, ein verabschiedeter Hauptmann; er hat Unglück gehabt
-und den Abschied bekommen, doch nicht durch ein Urteil, sondern ohne
-seiner Ehre verlustig zu gehen; wohnt hier mit seiner zahlreichen
-Familie. Vor drei Wochen aber hat ihn unser Dmitrij Fedorowitsch im
-Restaurant am Bart gepackt und ihn an diesem selben Bart hinaus auf die
-Straße gezogen, wo er ihn dann öffentlich durchgeprügelt hat, und das
-nur darum, weil jener in einer gewissen Angelegenheit mein heimlicher
-Bevollmächtigter ist.“
-
-„Nichts als Lüge! Von außen sieht es wie Wahrheit aus, doch inwendig ist
-nichts als Lüge!“ rief Dmitrij Fedorowitsch zitternd vor Wut. „Ich will
-meine Handlungen nicht rechtfertigen; ja, ich gestehe selbst vor allen
-Menschen: Ich habe wie ein Tier an diesem Hauptmann gehandelt, und meine
-tierische Wut tut mir jetzt leid, ich schäme mich deswegen; aber dieser
-Hauptmann, Ihr Bevollmächtigter, war zu dieser selben Dame gegangen, von
-der Sie äußerten, daß sie eine Kurtisane sei, und hatte ihr in Ihrem
-Namen vorgeschlagen, sie solle alle meine Wechsel, die sich in Ihren
-Händen befinden, nehmen und sie einklagen, um mich auf diese Weise, wenn
-ich mit meiner Vermögensabrechnung Ihnen zu sehr auf den Hals rücke,
-einfach ins Gefängnis zu bringen. Und Sie machen mir jetzt meine Gefühle
-für diese Dame zum Vorwurf, während Sie sie doch selbst gelehrt haben,
-mich zu fangen! Sie erzählte es ja Allen ganz offen; sie hat es mir
-selbst erzählt und sich dabei über Sie lustig gemacht! Ins Gefängnis
-aber wollen Sie mich nur darum bringen, weil Sie ihretwegen auf mich
-eifersüchtig sind, weil Sie selbst begonnen haben, sich mit Ihrer
-gemeinen Liebe dieser Dame zu nähern, und das weiß ich wiederum durch
-sie selbst, und sie hat es mir wiederum lachend – hören Sie! – über Sie
-lachend erzählt. Da sehen Sie jetzt, meine heiligen Väter, wie dieser
-Mensch ist, dieser dem ausschweifenden Sohne Vorwürfe machende Vater!
-Meine Herren, verzeihen Sie mir meinen Zorn; aber ich ahnte ja schon,
-daß dieser verschlagene, hinterlistige Greis Sie alle hier
-zusammengerufen hat, um es zu einem Skandal zu bringen. Ich kam her, um
-zu verzeihen, wenn er mir seine Hand entgegengestreckt hätte, und selbst
-um Verzeihung zu bitten! Da er aber hier nicht nur mich beleidigt hat,
-sondern auch das edelste Mädchen, deren Namen ich aus Hochachtung nicht
-unnütz aussprechen will, so entschloß ich mich, sein ganzes Spiel
-aufzudecken, obgleich er doch mein Vater ist ...“
-
-Er konnte nicht weitersprechen. Seine Augen blitzten, und er atmete
-schwer. Doch auch die anderen in der Zelle Anwesenden waren erregt.
-Außer dem Staretz erhoben sie sich alle von ihren Plätzen; die beiden
-Priestermönche blickten streng drein, warteten aber ab, was der Staretz
-sagen werde. Der war ungewöhnlich bleich, doch nicht vor Aufregung,
-sondern infolge seiner krankhaften Schwäche.
-
-Ein flehendes Lächeln lag auf seinen Lippen; zuweilen erhob er die Hand,
-wie um die Tobenden aufzuhalten, und natürlich hätte eine Bewegung von
-ihm genügt, um den ganzen Auftritt zu beenden; aber er schien es selbst
-nicht zu wollen, schien noch irgend etwas abzuwarten und beobachtete nur
-aufmerksam, als ob er noch etwas begreifen wollte, als ob er sich über
-irgend etwas noch nicht klar geworden sei. Endlich unterbrach Miussoff,
-der sich endgültig erniedrigt und beschimpft fühlte, das Schweigen.
-
-„An diesem Skandal sind wir alle schuld!“ sagte er erregt, „doch
-immerhin habe ich mir so etwas nicht träumen lassen, als ich herkam,
-obgleich ich wußte, mit wem ich es zu tun hatte ... Dem muß sofort ein
-Ende gemacht werden! Ehrwürden, glauben Sie mir, daß mir alle hier
-zutage gekommenen Einzelheiten nicht bekannt waren; ich hätte sie nicht
-für möglich gehalten, erst jetzt erfahre ich zum erstenmal ... Der Vater
-ist auf den Sohn eifersüchtig wegen eines Weibes, das ein unanständiges
-Leben führt, und verabredet sich selbst mit diesem gemeinen Geschöpf,
-den Sohn ins Gefängnis zu bringen! ... Und in solch einer Gesellschaft
-hat man mich herzukommen gezwungen ... Ich bin betrogen worden! Und ich
-erkläre hiermit, daß ich nicht weniger als alle anderen betrogen worden
-bin ...“
-
-„Dmitrij Fedorowitsch!“ rief plötzlich mit einer ganz sonderbaren, ihm
-ganz fremden Stimme Fedor Pawlowitsch: „Wenn Sie nicht mein Sohn wären,
-so würde ich Sie unverzüglich fordern ... auf Pistolen, auf drei Schritt
-Distanz ... übers Schnupftuch, übers Schnupftuch!“ schrie er, mit den
-Beinen stampfend.
-
-Es kommt zuweilen vor, daß alte Lügner, die sich ihr ganzes Leben lang
-verstellt haben, plötzlich vor Erregung tatsächlich zittern und weinen –
-wenn sie sich in ihrer Verstellung schon gar zu sehr verrannt haben –,
-ungeachtet dessen, daß sie sich selbst noch im selben Augenblick – oder
-noch vor einer Sekunde – haben zuflüstern können: „Du bist ja doch ein
-Lügner, alter schamloser Narr; bist ja auch jetzt ein Komödiant trotz
-deines ganzen ‚heiligen‘ Zornes.“
-
-Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich unheimlich, und mit
-unbeschreiblicher Verachtung blickte er auf seinen Vater.
-
-„Ich glaubte ... ich glaubte,“ sagte er sonderbar leise und
-zurückhaltend, „ich würde mit meinem Schutzengel, mit meiner Braut, in
-die Heimat zurückkehren, um ihn hier im Alter zu pflegen, und jetzt sehe
-ich vor mir nur einen ausschweifenden Lüstling und den gemeinsten
-Komödianten!“
-
-„Auf Pistolen!“ schrie wieder der Alte atemlos, und Speichel spritzte
-bei jedem Wort von seinen Lippen. „Sie aber, Pjotr Alexandrowitsch
-Miussoff, merken Sie sich, mein Verehrtester, daß es vielleicht in Ihrer
-ganzen Sippe – weder jetzt noch früher – kein höheres und ehrenwerteres
-– hören Sie, ehrenwerteres – Weib jemals gegeben hat als dieses ‚gemeine
-Geschöpf‘, wie Sie jene Dame vorhin zu nennen wagten! Sie aber, Dmitrij
-Fedorowitsch, haben gegen dieses ‚gemeine Geschöpf‘ Ihre Braut
-eingetauscht, somit also selbst gefunden, daß Ihre Braut nicht einmal
-deren Schuhsohlen wert ist, derart ist also dieses Geschöpf!“
-
-„Welch eine Schmach!“ entrang es sich dem Pater Jossiff.
-
-„Ja, eine Schmach und eine Schande ist es!“ rief plötzlich Kalganoff,
-der die ganze Zeit geschwiegen hatte, mit seiner brechenden und vor
-Erregung zitternden Stimme und wurde über und über rot.
-
-„Wozu lebt solch ein Mensch!“ stieß fast außer sich vor Wut, fast
-brüllend, Dmitrij Fedorowitsch hervor, wobei er ganz absonderlich die
-Schultern hob, so daß er beinahe gekrümmt aussah. „Nein, sagt mir doch,
-kann man es noch länger zulassen, daß er mit seiner Person die Erde
-schändet?“ Er blickte sich, auf seinen Vater weisend, im Kreise um. Er
-sprach langsam und gemessen.
-
-„Hört ihr, hört ihr, Mönche, den Vatermörder!“ damit stürzte sich Fedor
-Pawlowitsch auf den Pater Jossiff. „Das ist die Antwort auf Ihr ‚welch
-eine Schmach!‘ Was ist eine Schmach? Dieses ‚gemeine Geschöpf‘, dieses
-Weib, das ein ‚unanständiges Leben führt‘, ist vielleicht heiliger als
-ihr selber, meine Herren Hieromonachen, die ihr hier euer Seelenheil
-sucht! Sie ist vielleicht in ihrer Jugend gefallen, als Opfer ihrer
-Umgebung; sie hat eben ‚viel geliebt‘; jenem Weibe aber, das ‚viel
-geliebt‘ hatte, wurde von Christus alles vergeben ...“
-
-„Christus hat ihr nicht für diese Liebe vergeben ...“ stieß ungeduldig
-der sonst so sanfte Pater Jossiff hervor.
-
-„Nein, für diese, für diese selbe, hört ihr, Mönche, gerade für diese!
-Ihr sucht hier in Sauerkraut euer Seelenheil und glaubt, daß ihr
-Gerechte seid! Ihr eßt bloß Gründlinge, pro Tag ’nen einzigen Gründling,
-und glaubt mit Fischfleisch Gott zu kaufen!“
-
-„Unmöglich, unmöglich!“ hörte man in der Zelle von allen Seiten.
-
-Doch diese ganze, bis zur Unanständigkeit getriebene Szene sollte in der
-unvorhergesehensten Weise enden. Plötzlich erhob sich der Staretz von
-seinem Platz. Aljoscha gelang es noch, obgleich er vor Angst um ihn und
-um die anderen seine Geistesgegenwart ganz verloren hatte, ihn beim
-Aufstehen mit der Hand zu stützen. Der Staretz schritt der Richtung nach
-auf Dmitrij Fedorowitsch zu, und als er bei ihm angelangt war, dicht vor
-ihm stand – fiel er plötzlich vor ihm auf die Knie nieder. Aljoscha
-glaubte zuerst, er sei vor Schwäche zu Boden gefallen, doch das war es
-nicht. Nachdem der Staretz niedergekniet war, verneigte er sich vor
-Dmitrij Fedorowitsch in einer vollen, deutlichen, bewußten Verbeugung
-und berührte sogar mit der Stirn den Boden. Aljoscha war so verwundert,
-daß er ihm nicht einmal half, aufzustehen. Ein schwaches Lächeln
-schimmerte kaum merklich auf seinen Lippen.
-
-„Verzeihen Sie, verzeihen Sie alle!“ sagte er, sich nach allen Seiten
-hin vor seinen Gästen verneigend.
-
-Dmitrij Fedorowitsch stand eine Weile wie vom Schlag gerührt: vor _ihm_
-eine Verbeugung bis zur Erde – was war das? ... „O Gott!“ stammelte er
-endlich und stürzte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, aus dem
-Zimmer hinaus. Ihm folgten hastig alle anderen Gäste, die in der
-Verwirrung ganz vergaßen, sich noch vom Staretz zu verabschieden. Nur
-die beiden Priestermönche baten ihn wieder um seinen Segen.
-
-„Was war denn das für eine Verbeugung bis zur Erde, wohl wieder mal was
-Symbolisches?“ versuchte der plötzlich aus irgendeinem Grunde ganz zahm
-gewordene Fedor Pawlowitsch ein Gespräch zu beginnen; übrigens wagte er
-nicht, seine Frage an jemanden persönlich zu stellen. In diesem
-Augenblick verließen sie gerade die Einsiedelei.
-
-„Für eine Irrenanstalt und Verrückte bin ich nicht verantwortlich,“
-entgegnete sofort Miussoff bissig, „dafür aber verzichte ich auf Ihre
-Gesellschaft, Fedor Pawlowitsch, und das, glauben Sie mir, ein für
-allemal! Wo ist denn dieser Mönch ...?“
-
-„Dieser Mönch“, d. h. jener, der sie zum Prior zu Tisch gebeten hatte,
-ließ nicht auf sich warten. Als sie hinaustraten, sahen sie ihn an der
-Treppe stehen, als ob er sie die ganze Zeit erwartet hätte.
-
-„Haben Sie die Güte, verehrter Pater,“ sagte Miussoff gereizt zu ihm,
-„mich gehorsamst Seiner Hochwürden zu empfehlen, mich selbst aber,
-Miussoff, zu entschuldigen, da ich infolge plötzlich eingetretener und
-unvorhergesehener Umstände unmöglich die Ehre haben kann, trotz meines
-aufrichtigen Wunsches, an seiner Mahlzeit teilzunehmen.“
-
-„Aber dieser unvorhergesehene Umstand – das bin ja _ich_!“ griff sofort
-Fedor Pawlowitsch auf. „Hören Sie, Pater, Pjotr Alexandrowitsch will ja
-bloß nicht mit mir zusammen hingehen, sonst aber würde er mit Handkuß
-hingehen! Und Sie werden’s auch, Pjotr Alexandrowitsch; haben Sie die
-Güte, zum Pater Prior zu gehen, und – ich wünsche Ihnen vorzüglichen
-Appetit! Denn ich bin es, der sich zurückzieht, nicht Sie. Zu Hause, zu
-Hause werde ich essen, hier aber fühle ich mich unfähig dazu, Pjotr
-Alexandrowitsch, mein allerliebster Anverwandter!“
-
-„Ich bin nicht Ihr Anverwandter und bin es nie gewesen, Sie niedriger
-Mensch!“
-
-„Das habe ich ja absichtlich gesagt, um Sie so ein wenig zu necken, da
-Sie sich so gern von der Verwandtschaft lossagen wollen, obgleich Sie
-doch immer mein lieber Verwandter bleiben, da helfen Ihnen keine Finten,
-kann’s Ihnen in den Kirchenbüchern nachweisen. Dir, Iwan, werde ich
-schon zur rechten Zeit die Pferde herschicken; bleib also hier, wenn du
-willst. Ihnen aber, Pjotr Alexandrowitsch, gebietet sogar der Anstand,
-jetzt zu seiner Hochehrwürden zu gehen; man muß doch seine
-Entschuldigung machen für das, was wir dort beide losgeschossen haben
-...“
-
-„Ja, ist es denn auch wahr, daß Sie zurückfahren wollen? Lügen Sie nicht
-wieder einmal?“
-
-„Pjotr Alexandrowitsch, wie sollte ich das, nach allem, was geschehen
-ist! Habe mich hinreißen lassen! Bin aber erschüttert! Und man schämt
-sich doch, weiß Gott. Meine Herrschaften, der eine hat ein Herz wie
-Alexander der Große, der andere aber – wie ein Schoßhündchen Fidelka.
-Nun, ich habe letzteres. Habe Angst bekommen! Wie soll ich denn noch
-nach solch einer Eskapade zu einem Mittagsmahle gehen und Klostersaucen
-schlecken? Schäme mich, kann nicht, entschuldigen Sie mich!“
-
-„Weiß der Teufel, wie aber, wenn er mich wieder betrügt!“ dachte
-nachdenklich Miussoff, der stehen geblieben war und mit fragend
-mißtrauischem Blick der Gestalt des sich entfernenden alten Narren
-folgte. Da wandte sich jener noch einmal um, und da er Miussoffs
-beobachtenden Blick bemerkte, warf er ihm eine Kußhand zu.
-
-„Und Sie? Werden Sie zum Prior gehen?“ fragte Miussoff schroff Iwan
-Fedorowitsch.
-
-„Warum denn nicht? Und zudem hat mich der Prior gestern noch besonders
-eingeladen.“
-
-„Zum Unglück fühle ich mich wirklich fast verpflichtet, zu diesem
-verfluchten Mittagsmahl zu gehen,“ fuhr Miussoff mit derselben
-Gereiztheit bitter fort, ohne weiter zu beachten, daß der kleine Mönch
-dabei war und alles hörte. „Man muß dort wenigstens seine Entschuldigung
-machen wegen der Geschichten, die wir hier angerichtet haben, und
-erklären, daß nicht wir es gewesen sind ... Was meinen Sie?“
-
-„Ja, man muß erklären, daß nicht wir es gewesen sind. Und mein Vater
-wird ja nicht dabei sein,“ meinte Iwan Fedorowitsch.
-
-„Das fehlte noch! Mit Ihrem Vater! Dieses verfluchte Mittagsmahl!“
-
-Einstweilen gingen sie doch alle drei. Der kleine Mönch schwieg und
-spitzte die Ohren. Unterwegs, als sie durch das Wäldchen gingen,
-bemerkte er nur einmal, daß Seine Hochwürden schon lange warteten und
-sie sich um eine ganze halbe Stunde verspätet hätten. Er erhielt aber
-keine Antwort. Miussoff blickte haßerfüllt Iwan Fedorowitsch von der
-Seite an:
-
-„Und er geht auch wirklich hin, als wäre überhaupt nichts vorgefallen!“
-dachte er bei sich. „Eherne Stirn und Karamasoffsches Gewissen!“
-
-
- VII.
- Der Seminarist und Streber
-
-Aljoscha führte seinen Staretz in das kleine Schlafgemach und ließ ihn
-sich auf das Bett niedersetzen. Es war ein kleines Zimmer, in dem nur
-die notwendigsten Möbel standen. Das eiserne Bett war klein und schmal,
-und auf ihm lag anstatt einer Matratze nur eine Filzdecke. In der Ecke
-unter den Heiligenbildern stand sein Lesepult, und auf ihm lagen ein
-Kreuz und die Bibel. Der Staretz sank erschöpft auf das Bett; seine
-Augen glänzten, und er atmete nur schwer. Nachdem er sich gesetzt hatte,
-richtete er seinen Blick auf Aljoscha und betrachtete ihn aufmerksam,
-als ob er über etwas nachdächte.
-
-„Geh, mein Liebling, geh, Porfirij wird hier bei mir bleiben, du aber
-mußt dich beeilen. Du bist dort nötig, geh zum Prior, bediene beim
-Essen.“
-
-„Bitte, erlauben Sie mir, hier zu bleiben,“ bat Aljoscha leise.
-
-„Du bist dort nötiger. Dort herrscht kein Friede. Du wirst dich nützlich
-machen können. Wenn die Dämonen sich erheben, so sprich ein Gebet. Und
-wisse, mein Sohn“ (der Staretz liebte es, ihn so zu nennen), „daß auch
-hinfort nicht hier dein Platz ist. Denk daran, Jüngling. Wenn es Gott
-gefallen wird, mich in die Ewigkeit abzurufen – so gehe fort aus dem
-Kloster. Verlaß es ganz.“
-
-Aljoscha fuhr zusammen.
-
-„Was hast du? Nicht hier ist jetzt dein Platz. Ich segne dich zu deiner
-großen Aufgabe in der Welt. Lang ist noch deine Wanderschaft, mein Sohn.
-Und auch heiraten wirst du müssen, Jüngling, du mußt es. Alles wirst du
-ertragen müssen, bis du wieder da anlangst, von wo du ausgegangen bist.
-Und du wirst viel zu tun haben. Doch an dir zweifle ich nicht und darum
-schicke ich dich. Christus ist mit dir. Bewahre du ihn, so wird auch er
-dich bewahren. Großes Leid wirst du erfahren, und in diesem Leid wirst
-du glücklich sein. Und hier hast du mein Vermächtnis: Suche im Leid das
-Glück. Arbeite, arbeite unermüdlich. Behalte hinfort meine Worte, denn
-wenn ich auch noch mit dir sprechen werde, so sind doch nicht nur meine
-Tage, sondern selbst meine Stunden gezählt.“
-
-Im Antlitz Aljoschas drückte sich wieder eine mächtige Bewegung aus.
-Seine Mundwinkel zitterten.
-
-„Was hast du nur wieder?“ fragte sanft lächelnd der Staretz. „Mögen
-weltliche Tränen ihre Sterbenden begleiten, hier aber freuen wir uns des
-in die Ewigkeit Eingehenden. Wir freuen uns und beten für ihn. Geh
-jetzt. Ich muß beten. Gehe und beeile dich. Sei bei deinen Brüdern.
-Nicht nur bei einem, sondern bei beiden, mein Sohn.“
-
-Der Staretz erhob die Hand zum Segen. Aljoscha wagte nicht, zu
-widersprechen, obwohl er so gern bei ihm geblieben wäre. Auch wollte er
-noch fragen, und schon schwebte ihm die Frage auf der Zunge, was diese
-Verbeugung bis zur Erde vor seinem Bruder Dmitrij bedeuten sollte? –
-Aber er wagte es nicht. Er wußte, daß der Staretz es ihm auch ungefragt
-gesagt haben würde, wenn es möglich gewesen wäre. Also hatte er es
-selbst nicht gewollt. Diese Verbeugung aber hatte auf Aljoscha einen
-furchtbaren Eindruck gemacht; er glaubte blind, daß in ihr ein
-geheimnisvoller Sinn lag – eine geheimnisvolle und vielleicht
-entsetzliche Bedeutung. Als er aus der Einfriedung der Einsiedelei trat,
-um noch zur rechten Zeit ins Kloster zum Mittagsmahl des Priors zu
-gelangen, natürlich, nur um bei Tisch zu bedienen, zog sich ihm
-plötzlich schmerzhaft das Herz zusammen, und er blieb stehen: In seinen
-Ohren erklangen von neuem die Worte des Staretz, die seinen nahen Tod
-verkündet hatten. Was aber der Staretz vorhersagte und noch dazu mit
-solch einer Bestimmtheit, das mußte auch in Erfüllung gehen – dieser
-Glaube war für Aljoscha heilig. Wie aber sollte er dann ohne ihn
-bleiben, wie ihn nicht mehr sehen, wie ihn nicht mehr hören? Und wohin
-sollte er dann gehen? Nicht weinen und das Kloster verlassen, o Gott!
-Lange schon hatte Aljoscha nicht mehr so großes Leid empfunden. Er
-schritt schneller durch den Wald, der die Einsiedelei vom Kloster
-trennte, und da ihn seine Gedanken fast erdrückten, blickte er hinauf in
-die Wipfel der hundertjährigen Kiefern zu beiden Seiten des schmalen
-Waldwegs. Es war nicht weit bis zum Kloster: fünfhundert Schritt, nicht
-mehr. Zu dieser Tageszeit hätte er eigentlich niemanden treffen können,
-doch plötzlich erblickte er bei einer Wegbiegung Rakitin, den
-Seminaristen, der jemanden zu erwarten schien.
-
-„Wartest du etwa auf mich?“ fragte Aljoscha, als er ihn erreicht hatte.
-
-„Hast’s erraten,“ antwortete Rakitin. „Du begibst dich zum Prior. Ich
-weiß; bei ihm gibt es heute wieder ein Essen. Seitdem er damals den
-Bischof und den General Pachatoff aufgenommen, weißt du noch, hat es bei
-ihm solch ein Mahl nicht mehr gegeben. Ich werde nicht dabei sein, du
-aber geh mal hin, um die Saucen zu reichen. Sage mir aber vorher eines,
-Alexei: Was hat diese Vision des Staretz zu bedeuten? Das ist es, was
-ich dich fragen will.“
-
-„Welch eine Vision?“
-
-„Nun, diese Verbeugung vor deinem Brüderlein Dmitrij Fedorowitsch. Und
-wie er noch mit der Stirn auf den Boden knallte!“
-
-„Du sprichst vom Staretz Sossima?“
-
-„Von wem denn sonst?“
-
-„Knallte? ...“
-
-„Ach so, hab mich unehrerbietig ausgedrückt. Nun, meinetwegen. Aber was
-hat denn diese Vision zu bedeuten?“
-
-„Ich weiß es nicht, Mischa, was sie zu bedeuten hat.“
-
-„Das konnte ich mir ja denken, daß er’s dir nicht erklären würde.
-Gescheites steckt dabei natürlich nichts dahinter; wie’s scheint, wieder
-nur die ewigen Heilsdummheiten. Aber das Kunststück wurde absichtlich
-gemacht. Jetzt werden alle Kirchenschwalben in der Stadt losschnattern,
-und dann wird’s vom einen zum anderen durch das ganze Gouvernement
-gehen: ‚Was hat wohl diese Vision zu bedeuten?‘ Der Alte ist ja wirklich
-mit Seherkraft begabt: hat ein Kriminalverbrechen gewittert. Es stinkt
-bei euch.“
-
-„Was für ein Kriminalverbrechen?“
-
-Augenscheinlich wollte Rakitin etwas sagen.
-
-„Dasselbe, das in eurer Familie begangen werden wird. Und zwar wird es
-zwischen deinen Brüdern und deinem reichen Papachen unbedingt dazu
-kommen. Und so hat denn Sossima auf alle zukünftigen Fälle mit der Stirn
-den Fußboden berührt. Was dann später auch geschehen mag, jedenfalls
-wird’s heißen: ‚Ach, das hat doch der heilige Staretz prophezeit,‘ –
-obgleich, sage doch selbst, was soll denn das für eine Prophezeiung
-sein? Nein, das war sozusagen eine sinnbildliche, eine allegorische
-Handlung, und weiß der Teufel, was noch! Man wird’s ausposaunen und
-behalten: Hat das Verbrechen vorausgesehen, den Verbrecher erkannt. Alle
-sich blödsinnig stellenden Stadtverrückten tun dasselbe: Bekreuzen sich
-vor der Schenke, auf die Kirche aber werfen sie Steine. So tut’s auch
-dein Staretz: Den Gerechten mit dem Knüppel raus, dem Mörder aber eine
-Verbeugung bis zur Erde.“
-
-„Was für ein Verbrechen? Welch einem Mörder? Was sagst du?“ Aljoscha
-stand wie erstarrt, da blieb auch Rakitin stehen.
-
-„Welch einem? Als ob du’s nicht wüßtest? Ich könnte wetten, daß du schon
-selbst daran gedacht hast. Aber wart mal, das ist ja ganz interessant:
-Hör, Aljoscha, du sagst doch immer die Wahrheit, wenn du dich auch immer
-zwischen die Stühle setzt: hast du daran gedacht, oder hast du nicht
-daran gedacht, antworte?“
-
-„Ich habe daran gedacht,“ antwortete Aljoscha leise. Selbst Rakitin
-wurde etwas verlegen.
-
-„Was du sagst? Also auch du hast schon daran gedacht?“ rief er erstaunt.
-
-„Ich ... ich ... nicht gerade, daß ich gedacht habe,“ murmelte Aljoscha,
-„als du aber jetzt anfingst, so sonderbar darüber zu sprechen, da schien
-es mir, daß ich selbst daran gedacht habe.“
-
-„Siehst du, und wie deutlich du das ausdrückst! Also heute hast du beim
-Anblick deines Papachen und deines Brüderleins Mitjenka an ein
-Verbrechen gedacht? Also täusche ich mich doch nicht?“
-
-„Aber wart, wart doch,“ unterbrach ihn erregt Aljoscha, „woraus schließt
-du das alles? ... Und vor allen Dingen: Warum beschäftigt dich das so?“
-
-„Zwei verschiedene Fragen auf einmal, doch sind sie beide verständlich.
-Ich werde jede einzeln beantworten. Woraus ich das schließe? Nichts
-würde ich hieraus schließen, wenn ich deinen Bruder Dmitrij Fedorowitsch
-heute nicht ganz erkannt hätte, ganz plötzlich, und ganz und gar
-durchschaut hätte. An so einem einzigen Zuge begriff ich mit einem
-Schlage den ganzen Menschen. Bei diesem allerehrlichsten, doch
-wollüstigen Menschen gibt es eine Grenze, die man nicht überschreiten
-darf, oder er spießt mit seinem Messer selbst das Papachen auf. Papachen
-aber ist ein stets besoffener und zügelloser Wüstling, niemals und in
-nichts wird er maßzuhalten verstehen, wie er es nie verstanden hat – sie
-werden sich beide nicht beherrschen und plumps, beide in den Graben
-purzeln ...“
-
-„Nein, Mischa, nein, wenn es nur das ist, so ... so hast du mich
-beruhigt. Dazu wird es nicht kommen.“
-
-„Warum aber zitterst du am ganzen Körper? Weißt du was? Mag er auch ein
-ehrlicher Mensch sein, der Mitjenka – er ist dumm, aber ehrlich; aber,
-aber er ist ein Wollüstling. Das ist die richtige Bezeichnung für sein
-ganzes inneres Wesen. Und das hat er vom Vater, der hat ihm seine
-gemeine Lüsternheit vermacht. Ich muß mich immer nur über dich wundern,
-Aljoscha: Wie bist du noch so ganz Knabe? Du bist doch auch ein
-Karamasoff! Ist doch in eurer Familie die Sinnlichkeit bis zur
-chronischen Entzündung gesteigert. Nun, und diese drei Wollüstlinge
-beobachten jetzt einer den anderen ... mit Messern in den
-Stiefelschäften. Drei sind mit den Köpfen aneinandergestoßen, du aber
-bist vielleicht der vierte.“
-
-„Aber in ihr täuschst du dich. Dmitrij ... verachtet sie,“ sagte
-Aljoscha fast zusammenzuckend.
-
-„Wen, Gruschenka etwa? Nein, mein Lieber, die verachtet er nicht! Wenn
-er sogar seine Braut gegen sie eingetauscht hat, so verachtet er sie
-nicht. Hier ... hier, weißt du, ist etwas, was du noch nicht verstehen
-kannst. Wenn sich der Mensch in irgendeine Schönheit, in den weiblichen
-Körper oder selbst nur in einen Teil des weiblichen Körpers verliebt –
-ein Wollüstling kann das wohl verstehen –, so gibt er für ihn seine
-eigenen Kinder hin, verkauft Vater und Mutter, Rußland und das
-Vaterland. Ist er ehrlich, so wird er stehlen gehen; ist er sanftmütig,
-so wird er morden; ist er treu – verraten. Puschkin, der Sänger der
-Weiberfüßchen, hat diese Füßchen in Gedichten besungen, andere besingen
-sie nicht, können aber auf diese Füßchen nicht ohne Erregung blicken.
-Und nicht nur auf die Füßchen ... Hier, mein Lieber, hilft keine
-Verachtung – selbst wenn er Gruschenka verachtete. Oder gut, er
-verachtet sie, kann sich aber doch nicht losreißen.“
-
-„Das verstehe ich,“ platzte ganz unvermutet Aljoscha heraus.
-
-„Was du sagst? Mußt es ja wirklich verstehen, wenn es so plötzlich und
-so unverhofft aus dir herausfährt!“ rief schadenfroh Rakitin. „Es kam ja
-fast ganz aus Versehen aus dir heraus. Um so wertvoller das Geständnis:
-Also bereits bekanntes Thema für dich, hast schon darüber nachgedacht,
-über die Wollust! Ach, du unberührtes Mädchen! Du, Aljoscha, bist ein
-Duckmäuser, still und verschwiegen, schön, du bist ein Heiliger, gebe es
-zu, aber du bist verschlossen, und der Teufel mag wissen, woran du schon
-gedacht hast, was dir alles schon bekannt ist! Bist ’ne Jungfer und bist
-schon in solche Tiefen hinabgestiegen! Ich beobachte dich schon lange.
-Auch du bist ein Karamasoff, ein echter Karamasoff – also haben doch die
-Herkunft und der Stamm etwas zu bedeuten! Nach dem Vater Wollüstling,
-nach der Mutter geistesschwacher Heiliger. Warum zitterst du? Oder sage
-ich die Wahrheit? Weißt du was: Gruschenka hat mich gebeten, ‚bring ihn
-– das heißt also, dich – bring ihn her, ich werde ihm die Kutte
-abziehen.‘ Und wie sie noch gebeten hat: Bring ihn und bring ihn! Ich
-frage mich nur, wodurch du für sie so interessant bist? Weißt du, auch
-sie ist ein ungewöhnliches Weib!“
-
-„Grüße sie und sage ihr, daß ich nicht kommen werde,“ sagte Aljoscha mit
-einem verzogenen Lächeln. „Du, Michail, sprich aus, was du vorhin sagen
-wolltest, ich werde dir dann auch meine Gedanken sagen.“
-
-„Was ist hier auszusprechen, es ist doch klar. Das Ganze, mein Lieber,
-ist eine alte Geschichte. Wenn auch du schon in dir den Wollüstling
-fühlst, was ist dann dein Bruder Iwan, dein leiblicher Bruder? Auch er
-ist doch ein Karamasoff, darin besteht ja euer ganzes Karamasoffsches
-Problem: Wollüstlinge, Besitzgierige und Heilige! Dein Bruder Iwan
-schreibt jetzt vorläufig scherzweise aus irgendeiner theologischen,
-allerdümmsten, unbekannten Berechnung Zeitungsartikel, ist aber dabei
-Atheist, und diese Gemeinheit gesteht er zum Überfluß noch selbst ein,
-dieser dein Bruder Iwan. Außerdem will er seinem älteren Bruder die
-Braut abspenstig machen und wird, wie’s scheint, auch dieses Ziel
-erreichen. Und wie noch: mit Mitjenkas eigener Erlaubnis – denn Mitjenka
-tritt ihm ja selbst seine Braut ab, um sie vom Halse zu haben und von
-ihr schneller ganz zu Gruschenka übergehen zu können. Und das alles bei
-seiner edlen Denkweise und Uneigennützigkeit, vergiß das nicht! Der
-Teufel soll aus euch klug werden: Mitjä sieht seine Gemeinheit selbst
-ein und rennt doch mit dem Kopf voran in sie hinein! Höre weiter. Nun
-aber kommt der Alte und kreuzt Mitjenkas Weg – der Vater! Der ist doch
-jetzt plötzlich wie besessen hinter Gruschenka her; bei ihm fließt ja
-schon der Geifer aus den Mundwinkeln, wenn er sie bloß von weitem sieht;
-hat er doch nur ihretwegen in der Zelle diesen Skandal gemacht, weil
-Miussoff sich erdreistete, sie ein gemeines Geschöpf zu nennen; ist wie
-ein Kater in sie verliebt. Früher diente sie ihm bloß für Geld zu
-gewissen dunklen Trinkstubengeschäftchen, jetzt aber hat er sie entdeckt
-und ist wie rasend geworden, drängt sich täglich mit Anträgen, natürlich
-mit unanständigen, an sie heran. Nun und auf diesem Wege werden sie dann
-aneinanderprallen, das Papachen mit dem Söhnchen. Gruschenka aber
-entscheidet sich noch für keinen von beiden, macht vorläufig noch
-Winkelzüge und führt sie beide an der Nase herum, überlegt sich, welcher
-vorteilhafter wäre; denn wenn man dem Papachen auch viel Geld abzapfen
-könnte, so heiratet er dafür doch nicht, und womöglich wird er zum
-Schluß noch knickerig und hängt den Beutel höher oder schließt ihn ganz.
-In diesem Falle hat auch Mitjenka seinen Wert: Geld hat er zwar nicht,
-dafür aber ist er fähig, zu heiraten. Ja, dazu ist er fähig! Die Braut
-zu verlassen, Katerina Iwanowna, die schön, wunderschön, reich, adlig
-und die Tochter eines Obersten ist, und Gruschenka zu heiraten, die
-gewesene Maitresse eines alten, ausschweifenden Krämers, des Stadthaupts
-Ssamssonoff. Aus alledem kann wirklich ein Kriminalverbrechen zustande
-kommen, und darauf wartet nur dein Bruder Iwan, dann würde er in der
-Wolle sitzen: würde Katerina Iwanowna, nach der er vor Sehnsucht
-vergeht, erwerben und dazu noch die Sechzigtausend ihrer Mitgift
-schnappen. Für einen Habenichts, wie er, ist das für den Anfang sehr
-verlockend. Und vergiß dabei nicht: nicht nur, daß er Mitjä damit nicht
-beleidigt, er verpflichtet ihn sich noch bis zum Grabe. Ich weiß doch,
-daß Mitjä selbst noch in der vergangenen Woche im Gasthaus geschrien
-hat, nachdem er sich in Gesellschaft von Zigeunerinnen angetrunken, daß
-er seiner Braut, der Katjenka, nicht wert sei, sein Bruder Iwan aber,
-der sei es! Und was Katerina Iwanowna anbetrifft, so wird sie solch
-einen Bezauberer, wie Iwan Fedorowitsch, schließlich doch nicht
-verschmähen; sie schwankt ja schon jetzt zwischen beiden. Wodurch hat
-nur dieser Iwan euch alle dermaßen bestrickt, daß ihr ihn ausnahmslos so
-ehrfurchtsvoll verehrt? Er lacht doch einfach über euch: sitze in der
-Wolle, denkt er, und wärme mich auf eure Rechnung!“
-
-„Woher weißt du das? Warum sprichst du so überzeugt?“ fragte plötzlich
-Aljoscha schroff und runzelte die Stirn.
-
-„Warum fragst du das jetzt, und warum fürchtest du meine Antwort schon
-im voraus? Gibst damit doch selbst zu, daß ich die Wahrheit gesagt
-habe.“
-
-„Du magst ihn nicht; Iwan läßt sich nicht durch Geld verlocken.“
-
-„Was du sagst? Und die Schönheit Katerina Iwanownas? Da handelt es sich
-nicht um Geld allein, obgleich sechzigtausend Rubel ein verlockendes
-Sümmchen sind.“
-
-„Iwan denkt höher; ihn werden auch Tausende nicht anlocken. Iwan sucht
-nicht Geld, nicht Wohlleben. Vielleicht sind es Qualen, die er sucht.“
-
-„Was soll denn das bedeuten? Ach, ihr Edelleute!“
-
-„Ja, Mischa, seine Seele ist stürmisch, sein Verstand liegt in Fesseln;
-er trägt große, noch unentschiedene Gedanken mit sich. Er ist einer von
-denen, die nicht Millionen brauchen, sondern Probleme lösen müssen.“
-
-„Literarischer Diebstahl, Aljoscha! Du kopierst deinen Staretz in
-schönen Phrasen. Und was für ein Rätsel euch dieser Iwan aufgegeben
-hat!“ sagte Rakitin mit unverhohlener Bosheit. Sein Gesicht veränderte
-sich sogar, und seine Lippen verzogen sich. „Und das Rätsel ist dazu
-noch dumm, ’s ist dabei nichts zu erraten! Streng dein Gehirn etwas an
-und denk mal nach, dann wirst du’s einsehen. Sein Artikel ist lächerlich
-und absurd. Und hörtest du vorhin seine dumme Theorie: ‚Gibt es keine
-Unsterblichkeit der Seele, so gibt es auch keine Tugend, folglich ist
-alles erlaubt.‘ – Und Mitjenka, weißt du noch, wie der ausrief: ‚Das
-werde ich mir merken!‘ – Wahrlich – eine verlockende Theorie für
-Spitzbuben ... Ich schimpfe wieder, das ist dumm ... nicht für
-Spitzbuben, sondern für schuljungenhafte Aufschneider – mit
-‚unergründlicher Gedankentiefe‘. Ein Prahlhänschen, und der ganze Kern:
-‚Einerseits ist es unmöglich, zuzugeben, und andererseits – ist es
-unmöglich, nicht anzuerkennen!‘ Seine ganze Theorie ist eine Gemeinheit.
-Die Menschheit wird in sich selbst die Kraft finden, für die Tugend zu
-leben, sogar ohne dabei an die Unsterblichkeit der Seele zu glauben! In
-der Liebe zur Freiheit, zur Gleichheit, Brüderlichkeit wird sie sie
-finden ...“
-
-Rakitin ereiferte sich dermaßen, daß er sich kaum noch beherrschen
-konnte. Doch plötzlich brach er ab, als ob ihm etwas eingefallen wäre.
-
-„Nun genug,“ meinte er mit schiefem Lächeln. „Warum lachst du? Denkst
-wohl, daß ich ein Hundsfott bin?“
-
-„Nein, ich dachte nicht einmal daran, das zu denken. Du bist klug, aber
-... laß gut sein, ich lächelte nur so aus Dummheit; ich verstehe, daß du
-dich ereiferst, Mischa. Aus deiner Erregung habe ich erraten, daß du
-selbst nicht gleichgültig bist gegen Katerina Iwanowna, und das, Freund,
-habe ich schon längst vermutet; darum aber liebst du auch meinen Bruder
-Iwan nicht. Bist du eifersüchtig auf ihn?“
-
-„Und auf ihr Geld? Sag nur, was du denkst.“
-
-„Nein, das werde ich nicht sagen; ich will dich nicht beleidigen.“
-
-„Glaub’s, weil du es sagst. Aber der Teufel hole euch alle mitsamt eurem
-lieben Iwan! Kein einziger von euch will’s begreifen, daß man ihn auch
-ohne Katerina Iwanowna nichts weniger als lieben kann. Und warum soll
-ich ihn denn lieben, Teufel noch eins! Würdigt er mich doch dessen,
-sogar persönlich über mich zu schimpfen. Warum soll ich dann kein Recht
-haben, auch über ihn zu schimpfen?“
-
-„Ich habe noch nie gehört, daß er etwas über dich gesagt hat, weder
-Gutes noch Schlechtes; er spricht überhaupt nicht von dir.“
-
-„Ich aber habe gehört, daß er mich vor drei Tagen bei Katerina Iwanowna,
-was das Zeug hält, heruntergerissen hat – dermaßen also interessiert er
-sich für meine Wenigkeit. Und wer auf wen eifersüchtig ist – das weiß
-ich nicht! Er hat geruht, den Gedanken auszudrücken, daß ich, wenn ich
-mich nicht bald für die Karriere des Erzbischofs entscheide und mich
-nicht als Mönch einkleiden lasse, unbedingt nach Petersburg fahren
-würde, um dort an einer großen Zeitung anzukommen, unbedingt in die
-kritische Abteilung, um etwa zehn Jahre zu schreiben und dann das Blatt
-auf meinen Namen zu überführen. Darauf würde ich’s weiter herausgeben,
-und zwar unbedingt mit einer liberalen und atheistischen Tendenz, mit
-sozialistischer Färbung, doch dabei wohl auf der Hut sein, das heißt
-also, im Grunde weder auf dieser noch auf jener Seite stehen und den
-Eseln Sand in die Augen streuen. Das Ende meiner Karriere wäre nach der
-Weissagung deines lieben Brüderchens: daß die sozialistische Färbung
-mich nicht hindern würde, die Abonnementsgelder zurückzulegen und mit
-ihnen bei passender Gelegenheit unter Anleitung irgendeines Juden zu
-spekulieren, bis ich mir ein kapitales Haus in Petersburg aufgebaut
-habe, um in dasselbe die ganze Redaktion überzuführen und in die übrigen
-Etagen Mieter aufzunehmen. Er hat sogar den Platz fürs Haus schon
-bestimmt: an der neuen Steinbrücke, die jetzt, wie es heißt, in
-Petersburg vom Liteinyj auf die Wyborger Seite projektiert wird ...“
-
-„Ach, Mischa, das wird doch auch genau so sein, aufs Wort genau!“ rief
-plötzlich Aljoscha aus und lachte fröhlich auf.
-
-„Ah – auch Sie ergehen sich in Sarkasmen, Alexei Fedorowitsch?“
-
-„Nein, nein, ich scherzte nur, verzeih! Ich habe ganz anderes im Sinne.
-Aber erlaube: Wer hat dir das so bis in alle Einzelheiten erzählen
-können, von wem hättest du das hören können? Persönlich konntest du doch
-nicht bei Katerina Iwanowna sein, als er von dir sprach?“
-
-„Ich war allerdings nicht bei ihr, dafür aber war Dmitrij Fedorowitsch
-dort, und so hörte ich es denn später mit eigenen Ohren von ihm, das
-heißt, wenn du willst, er sagte es nicht mir, sondern ich hörte es,
-unfreiwillig natürlich, denn ich saß in Gruschenkas Schlafzimmer und
-konnte nicht hinausgehen, solange er sich im vorderen Zimmer befand.“
-
-„Ach richtig, ich hatte es fast vergessen, sie ist ja mit dir verwandt.“
-
-„Verwandt? Gruschenka, diese Gruschenka mit mir verwandt?“ schrie
-Rakitin, ganz rot im Gesicht. „Du hast wohl den Verstand verloren!
-Deinem Gehirnkasten scheint ja die Vernunft völlig abhanden gekommen zu
-sein!“
-
-„Wie, ist sie denn wirklich nicht mit dir verwandt? Ich habe es so
-gehört ...“
-
-„Wo hast du das hören können? Nein, ihr, meine Herren Karamasoff, ihr
-spielt euch ja wahrlich als große, erhabene, alte Edelleute auf, während
-doch dein Vater als Narr von einem fremden Tisch zum anderen lief und
-Gnadenbrot aß! Gut, ich bin bloß ein Popensohn und vor euch Adligen nur
-eine Blattlaus, aber beleidigt mich deshalb nicht so sorglos auf Schritt
-und Tritt! Auch ich habe eine Ehre, Alexei Fedorowitsch. Ich kann nicht
-mit Gruschenka verwandt sein, mit einer öffentlichen Dirne, das bitte
-ich zu begreifen!“
-
-Rakitin war ungewöhnlich gereizt.
-
-„Verzeih mir, um Gottes willen, ich konnte das doch nicht ahnen, und
-zudem – wieso ist sie denn eine öffentliche? Ist sie etwa ... so eine?“
-fragte plötzlich errötend Aljoscha. „Ich versichere dir, ich habe es so
-gehört, daß du mit ihr verwandt sein sollst. Du gehst so oft zu ihr und
-hast mir dabei selbst gesagt, daß du mit ihr kein ... Liebesverhältnis
-hast ... Ich hätte daher nie gedacht, daß du sie so verachtest! Und hat
-sie das denn wirklich verdient?“
-
-„Wenn ich sie besuche, so kann ich dazu meine Gründe haben; das mag dir
-genügen. Was aber die Verwandtschaft anbetrifft, so wird dein Brüderchen
-oder vielleicht sogar das Papachen eher dich mit dieser Verwandtschaft
-beglücken, als daß ich mit ihr verwandt wäre. So, da sind wir ja. Schieb
-mal jetzt in die Küche ab. O! was ist denn das, was hat das zu bedeuten?
-Etwa zu spät gekommen? Aber so schnell konnten sie doch nicht abspeisen?
-Oder haben hier wieder die Karamasoffs etwas Schönes angerichtet?
-Bestimmt wird’s so sein! Da kommt ja auch schon dein Papachen und hinter
-ihm Iwan Fedorowitsch. Kommen beide vom Prior heraus. Da ruft ihnen ja
-noch Pater Issidor etwas von der Treppe nach. Ah, und auch dein Vater
-schreit jetzt und fuchtelt mit den Armen, schimpft natürlich. Ah, und da
-fährt ja schon Miussoff in seinem Wagen fort, siehst du, dort fährt er.
-Und da läuft ja auch noch Maximoff – aber dort gibt’s unbedingt einen
-Skandal! Haben wohl überhaupt nicht gespeist! Oder sollten sie womöglich
-den Prior verprügelt haben? Oder selbst verprügelt worden sein? Das wäre
-was! ...“
-
-Rakitin hatte es erraten. Es war tatsächlich zu einem Skandal gekommen,
-zu einem unerhörten und ganz unerwarteten Skandal. Und alles war „aus
-Begeisterung“ geschehen.
-
-
- VIII.
- Der Skandal
-
-Als Miussoff, Iwan Fedorowitsch und Kalganoff beim Prior eintraten, ging
-in ersterem als aufrichtigem, anständigem und feinfühligem Menschen eine
-in ihrer Art sehr delikate Veränderung vor sich: Er schämte sich
-plötzlich, sich noch zu ärgern. Er sagte sich, daß er den elenden Fedor
-Pawlowitsch im Grunde viel zu gering schätzen müßte, um seinetwegen die
-Kaltblütigkeit zu verlieren, wie er es in der Zelle des Staretz leider
-getan hatte. „Wenigstens sind die Mönche hier an nichts schuld,“
-entschied er bei sich, als er die Treppe hinaufstieg, „und wenn auch hie
-anständige Leute sind – dieser Pater Nikolai, dieser Prior, ist, glaube
-ich, gleichfalls von adliger Herkunft –, warum soll ich dann nicht
-liebenswürdig und höflich mit ihnen sein? ... Werde nicht streiten, kann
-ja sogar beistimmen, nehme sie mit Liebenswürdigkeit und ... und ...
-beweise ihnen zum Schluß, daß ich nicht zur Gesellschaft dieses Aesop,
-dieses Narren, dieses Pierrot gehöre, und ebenso hereingefallen bin, wie
-sie alle ...“
-
-Das umstrittene Recht auf das Waldfällen und den Fischfang (wo sich
-dieser Wald und diese Flußstelle befanden, wußte er selbst nicht
-einmal), beschloß er, ihnen endgültig abzutreten, ein für allemal, und
-das sofort (um so mehr, als das Ganze nur sehr wenig kostete), und alle
-seine Klagen gegen das Kloster zurückzuziehen.
-
-Diese guten und wohlgemeinten Vorsätze verstärkten sich noch mehr in
-ihm, als sie in das Speisezimmer des Priors eintraten. Übrigens war es
-nicht gerade ein Speisezimmer, da der Prior nur zwei Zimmer bewohnte,
-allerdings viel größere und bequemere als der Staretz. Doch die
-Einrichtung zeichnete sich ebensowenig durch Luxus aus: die Möbel waren
-aus rotem Holz mit Lederbezug, alt, Fasson der zwanziger Jahre; der
-Fußboden war sogar ungestrichen; dafür aber glänzte alles vor
-Sauberkeit, und vor den Fenstern standen viele teure Blumen. Das
-Schönste war in diesem Augenblick gewissermaßen der Tisch: das Tischtuch
-war blendend weiß, und alles, was darauf stand, glänzte gleichfalls vor
-Sauberkeit; drei Sorten prachtvoll gebackenes Brot, zwei Flaschen Wein,
-zwei Flaschen Met vom vorzüglichen Klosterhonig und eine große Glaskanne
-mit Kwas,[8] der im Kloster selbst gebraut wurde und in der ganzen
-Umgegend berühmt war. Schnaps gab es nicht. Rakitin wußte später zu
-erzählen, daß zu diesem Diner fünf Gänge bereitet worden waren: Es gab
-Sterletsuppe mit Fischpiroggen, dann einen ganz besonders zubereiteten
-Fisch, darauf in Scheiben gebratenen roten Fisch, Gefrorenes und
-Kompott, und zum Schluß noch eine süße Speise in der Art eines
-Blanc-manger. Das alles hatte Rakitin herausgeschnüffelt, war sogar zu
-diesem Zweck in die Küche des Priors gegangen, wo er noch von früher her
-seine Verbindungen hatte. Er hatte nämlich überall Verbindungen und
-verstand, alles zu erfahren, was er erfahren wollte. Er hatte ein
-unruhiges, neidisches Herz. Über seine ziemlich gute Begabung wußte er
-selbst vollkommen Bescheid, doch vergrößerte er sie noch in seinem
-Eigendünkel. Er wußte, daß er in seiner Art bestimmt ein Tatmensch sein
-werde; doch quälte Aljoscha, der ihm sonst sehr zugetan war, besonders
-das eine, daß sein Freund Rakitin unehrlich war und sich das entschieden
-nicht selbst eingestand, im Gegenteil, da er wußte, daß er niemals Geld
-vom Tisch stehlen würde, sich tatsächlich für einen über alles erhaben
-ehrlichen Menschen hielt. Daran konnte nicht nur Aljoscha, sondern
-überhaupt niemand etwas ändern.
-
-Rakitin war als tieferstehende Persönlichkeit natürlich nicht zur Tafel
-eingeladen, dafür aber waren es Pater Jossiff und Pater Paissij und mit
-ihnen noch ein dritter Priestermönch. Sie erwarteten bereits im
-Speisezimmer den Prior, als Miussoff, Kalganoff und Iwan Karamasoff
-eintraten. Desgleichen wartete noch abseits stehend der Gutsbesitzer
-Maximoff. Der Prior trat zur Begrüßung der Gäste bis in die Mitte des
-Zimmers vor. Es war ein hochgewachsener, magerer, noch kräftiger, alter
-Mann mit stark ergrautem, dunklem Haar, das ein langes, einfaches, doch
-bedeutendes Gesicht umrahmte. Schweigend begrüßte er die Gäste, die aber
-traten diesmal alle auf ihn zu, um den Segen zu empfangen. Miussoff
-beabsichtigte sogar, seine Hand zu küssen, doch der Prior zog noch
-vorher ganz unauffällig seine Hand so fort, daß es nicht zum Kusse kam.
-Dafür aber küßten sie Kalganoff und Iwan Karamasoff in der
-offenherzigsten und einfachsten Weise.
-
-„Wir müssen sehr um Entschuldigung bitten, Ew. Hochehrwürden,“ begann
-Miussoff lächelnd, doch immerhin in wichtigem und höflichem Ton, „daß
-wir allein kommen, ohne den gleichfalls von Ihnen eingeladenen Fedor
-Pawlowitsch; er war gezwungen, von Ihrer Aufforderung abzusehen, und
-nicht ohne Grund. In der Zelle beim ehrwürdigen Staretz Sossima ließ er
-sich, durch den unglücklichen Streit mit seinem Sohne aufgebracht, zu
-einigen durchaus unpassenden Worten hinreißen ... kurz, zu durchaus
-unanständigen Äußerungen ... was Ew. Hochehrwürden, wie es scheint“ (er
-warf einen Blick auf die beiden Priestermönche), „schon bekannt sein
-dürfte. Und darum, weil er selbst, wie gesagt, sich schuldig fühlt und
-aufrichtig bereut, schämte er sich, der freundlichen Aufforderung Folge
-zu leisten, und so bat er uns, mich wie seinen Sohn Iwan Fedorowitsch,
-Ihnen, Hochehrwürden, sein ganzes aufrichtiges Bedauern sowie seine Reue
-auszudrücken ... Kurz, er hofft, es später wieder gutmachen zu können,
-und läßt Sie jetzt nur um Ihren Segen und um gütiges Vergessenwollen des
-Vorgefallenen bitten ...“
-
-Miussoff verstummte. Als er die letzten Worte seiner Tirade sprach, war
-er mit sich bereits vollkommen zufrieden, ja, er war es sogar dermaßen,
-daß von seinem ganzen Zorn in seiner Seele nicht einmal eine Spur
-nachblieb. Er liebte wieder aufrichtig die Menschheit. Der Prior, der
-ihm mit ernster Miene zugehört hatte, neigte ein wenig das Haupt und
-sagte zur Antwort:
-
-„Es tut mir aufrichtig leid um den Abwesenden. Vielleicht hätte er uns
-beim Mahle liebgewonnen, wie auch wir ihn. Ich bitte, meine Herren.“
-
-Da geschah es aber, daß Fedor Pawlowitsch seinen letzten Streich
-spielte. Ich muß bemerken, daß er tatsächlich schon fortfahren wollte
-und wirklich die Unmöglichkeit empfand, nach seinem schmachvollen
-Betragen in der Zelle des Staretz zum Prior zur Tafel zu gehen, als ob
-nichts geschehen wäre. Es ist zwar nicht anzunehmen, daß er sich gar so
-sehr schämte oder selbst beschuldigte; vielleicht war sogar ganz das
-Gegenteil der Fall; doch wie dem auch war, jedenfalls fühlte er, daß es
-nicht anging, zur Tafel zu erscheinen. Als aber sein alter Wagen bei der
-Herberge vorfuhr und er sich anschickte, einzusteigen, fiel ihm
-plötzlich etwas ein: Es waren seine eigenen Worte, die er beim Staretz
-gesprochen hatte: „Es scheint mir immer so, wenn ich irgendwo eintrete,
-daß ich gemeiner als alle bin, und daß mich alle für einen Narren
-halten, und so denke ich denn: wart, werde jetzt absichtlich den Narren
-spielen, denn ihr seid doch alle bis auf den letzten, ohne Ausnahme,
-dümmer und gemeiner als ich.“ Er wollte sich an allen für seine eigenen
-Schändlichkeiten rächen. Und da fiel ihm auch noch ein, wie man ihn
-früher einmal gefragt hatte: „Warum hassen Sie denn diesen Menschen so
-sehr?“ und wie er darauf in einem Anfall seiner Narrenschamlosigkeit
-geantwortet hatte: „Warum? Sehen Sie: Er hat mir nichts getan, das ist
-wahr, dafür aber habe ich ihm eine gewissenlose Gemeinheit angetan, und
-kaum war es geschehen, da haßte ich ihn auch schon gerade deswegen.“ Als
-ihm jetzt diese Worte einfielen, lachte er in minutenlangem Nachdenken
-leise und boshaft vor sich hin. Seine Augen blitzten, und sogar die
-Lippen zitterten. „Wenn du angefangen hast, mußt du auch beenden,“ sagte
-er plötzlich entschlossen. Sein geheimstes Gefühl in diesem Augenblick
-hätte man in folgenden Worten ausdrücken können: „Jetzt kannst du dich
-ja doch nicht mehr rehabilitieren, geh einfach und spuck sie bis zur
-letzten Schamlosigkeit an: Seht, schäme mich nicht vor euch, und weiter
-nichts!“ Dem Kutscher befahl er, zu warten, er selbst aber kehrte mit
-schnellen Schritten ins Kloster zurück und begab sich geradeswegs zum
-Prior. Er wußte zwar noch nicht genau, was er machen würde, doch wußte
-er, daß er seiner nicht mehr mächtig war und sich – nach dem geringsten
-Anstoß – sofort bis zur letzten Grenze der Gemeinheit hinreißen lassen
-werde, – übrigens, nur bis zur letzten Grenze der Gemeinheit, keineswegs
-aber bis zu einem Verbrechen oder bis zu einem Ausfall, für den ihn das
-Gericht verurteilen könnte. In der Beziehung verstand er sich immer zu
-beherrschen, worüber er sich sogar selbst bei manchen Gelegenheiten
-nicht wenig wunderte.
-
-Er erschien also im Speisezimmer des Priors gerade in dem Augenblick,
-als das Gebet beendet war und alle zum Tisch traten. Er blieb auf der
-Schwelle stehen, betrachtete die Anwesenden und lachte ein langes,
-schamloses, boshaftes Gelächter, wobei er allen verwegen in die Augen
-blickte.
-
-„Und die glauben, ich sei fortgefahren!“ rief er laut durch den ganzen
-saalartigen Raum.
-
-Einen Moment blickten ihn alle unverwandt an, und plötzlich fühlten sie
-alle, daß sofort etwas Widerliches, Ungereimtes geschehen und zweifellos
-einen Skandal nach sich ziehen werde. Miussoff verfiel denn auch in
-einer Sekunde aus der edelsten Stimmung in die grimmigste Wut. Alles,
-was sich in seinem Herzen schon besänftigt hatte, erhob sich mit einem
-Schlage und brauste auf:
-
-„Nein, das ist zu viel!“ schrie er auf, „nein, das ertrage ich nicht ...
-auf keinen Fall!“
-
-Das Blut schoß ihm in den Kopf. Er verwirrte sich sogar im Satz, doch
-war es ihm jetzt nicht mehr um die Ausdrucksformen zu tun. Er griff nach
-seinem Hut.
-
-„Was kann er auf keine Weise?“ fragte Fedor Pawlowitsch. „‚Erträgt es
-nicht und kann es nicht!‘ – was ist denn das, was er nicht kann? Ew.
-Hochehrwürden, soll ich eintreten oder nicht? Empfangen Sie den Gast?“
-
-„Bitte, von ganzem Herzen,“ entgegnete der Prior. „Meine Herren! Darf
-ich mir erlauben,“ fügte er plötzlich hinzu, „Sie von ganzem Herzen zu
-bitten, ihren zufälligen Streit zu vergessen und sich in Liebe und
-verwandtschaftlicher Eintracht nach einem Gebet zu Gott an unserer
-bescheidenen und friedlichen Tafel zu vereinigen ...“
-
-„Nein, nein, unmöglich,“ rief Miussoff ganz außer sich.
-
-„Wenn es Pjotr Alexandrowitsch unmöglich ist, so ist es auch mir
-unmöglich, auch ich will dann nicht bleiben. Mit diesem Vorsatz bin ich
-hergekommen. Von jetzt ab werde ich überall mit Pjotr Alexandrowitsch
-zusammen sein: Wenn Sie fortgehen, Pjotr Alexandrowitsch, so gehe auch
-ich, bleiben Sie – bleibe auch ich. – Mit der verwandtschaftlichen
-Eintracht haben Sie ihn am meisten verletzt, Hochehrwürden: Er will mich
-doch nicht als seinen Anverwandten anerkennen. Nicht wahr, von Sohn? Da
-ist ja auch von Sohn. Guten Tag, von Sohn.“
-
-„Sie ... sagen das zu mir?“ fragte stotternd der verwunderte
-Gutsbesitzer Maximoff.
-
-„Versteht sich, zu dir!“ schrie Fedor Pawlowitsch, „zu wem denn sonst?
-Hochehrwürden kann doch nicht Herr von Sohn sein!“
-
-„Aber auch ich bin doch nicht von Sohn, ich bin Maximoff.“
-
-„Nein, du bist von Sohn. Ew. Hochehrwürden wissen wahrscheinlich nicht,
-wer von Sohn ist? Es gab mal solch ’nen Kriminalprozeß: Er wurde in
-einem unzüchtigen Hause –, so, glaube ich, benennt ihr hier die Bordelle
-– ermordet und beraubt und trotz seines ehrwürdigen Alters in einen
-Kasten eingepackt, letzterer vernagelt, und aus Petersburg per Eisenbahn
-als Frachtgut nach Moskau expediert. Während der Verpackung aber sangen
-die ausgelassenen Tänzerinnen entsprechende Lieder und schlugen die
-Harfen wundervoll dazu, äh, wollte sagen: sie spielten, spielten auf dem
-Klavier dazu. Und dieser selbe von Sohn ist er, er! Er ist einfach von
-den Toten auferstanden, nicht wahr, von Sohn?“
-
-„Wie? Was? Was soll das bedeuten?“ ertönten Stimmen aus der Gruppe der
-Priestermönche.
-
-„Gehen wir!“ rief Miussoff Kalganoff zu.
-
-„Nein, nein, erlauben Sie!“ hielt Fedor Pawlowitsch sie auf und trat
-noch einen Schritt vor. „Erlauben Sie mir, daß ich mich ausspreche. Dort
-in der Zelle hat man mich verleumdet, soll mich unehrerbietig aufgeführt
-haben, und die Unehrerbietigkeit soll gerade darin bestanden haben, daß
-ich ihnen die paar Worte von den Gründlingen gesagt habe. Pjotr
-Alexandrowitsch Miussoff, mein Anverwandter, liebt es, daß in der Rede
-_plus de noblesse que de sincérité_ sei, ich aber liebe es umgekehrt,
-daß in meiner Rede _plus de sincérité que de noblesse_ ist, und –
-überhaupt, der Teufel hole die _noblesse_! Nicht wahr, von Sohn?
-Erlauben Sie, ehrwürdiger Prior, wenn ich auch ein Narr bin und selbst
-freiwillig den Narren spiele, so bin ich doch ein Ritter von Ehre und
-will es rund heraussagen. Ja, ich bin ein Ritter von Ehre, in Pjotr
-Alexandrowitsch steckt aber nur – kondensierte Eigenliebe und weiter
-nichts. Vielleicht bin ich nur deswegen hierhergefahren, um das hier zu
-besehen und mich auszusprechen. Ich habe einen Sohn, der hier sein
-Seelenheil finden will: Ich bin sein Vater, sorge mich um ihn und muß
-mich auch sorgen. Bis jetzt hörte ich nur zu und verstellte mich und
-beobachtete im geheimen, jetzt aber will ich den letzten Akt der
-Vorstellung spielen. Wie ist’s denn bei euch? Was bei euch einmal fällt,
-das liegt auch schon. Was einmal gefallen ist, das hat ewig zu liegen.
-Was denn sonst? Ich aber will mich erheben. Heilige Väter, die Beichte
-ist ein großes Sakrament, für das auch ich andächtige Ehrfurcht
-empfinde, und ich bin bereit, mich ihm in Demut zu unterwerfen. Und da
-muß ich plötzlich in der Zelle sehen, wie hier alle auf den Knien liegen
-und laut beichten. Ist es denn erlaubt, laut zu beichten? Von den
-heiligen Kirchenvätern ist die Ohrenbeichte eingeführt, und nur so wird
-eure Beichte ein Sakrament sein, und so ist es von alters her
-gebräuchlich. Denn sonst, wie soll ich ihm in Gegenwart aller so einfach
-erklären, daß ich zum Beispiel dieses und jenes ... nun, eben dieses und
-jenes, Sie verstehen doch? ... Mitunter ist es schon unanständig, es
-auch nur zu sagen. Das ist doch ein Skandal! Nein, Pater Prior, mit Euch
-kann man ja noch Sektierer werden ... Bei der ersten Gelegenheit
-schreibe ich an den Synod, meinen Sohn Alexei nehme ich aber fort von
-hier.“
-
-Eine Anmerkung. Fedor Pawlowitsch hatte irgendwo die Glocken läuten
-gehört. Es hatten sich nämlich boshafte Klatschereien verbreitet, die
-schließlich selbst zum Erzbischof gedrungen waren (nicht nur in unserem
-Kloster, sondern auch in anderen, wo sich das Startzentum festgesetzt
-hatte): daß die Startzen viel zu sehr geachtet würden, sogar zum
-Nachteil des Ansehens der Äbte, und unter anderem, daß die Startzen die
-Beichte mißbrauchten usw. usw. Kurz, es waren ganz unsinnige
-Beschuldigungen, die denn auch alsbald bei uns, wie überall, von selbst
-vergessen wurden. Aber der dumme Teufel, der Fedor Pawlowitsch ergriffen
-hatte und ihn jetzt an den Nerven irgend wohin, immer weiter und tiefer
-in einen schmachvollen Abgrund zog, flüsterte ihm plötzlich diese
-verjährte Anschuldigung zu, und Fedor Pawlowitsch sprach sie sofort aus,
-obgleich er selbst nicht wußte, noch sich überhaupt denken konnte, um
-was es sich dabei eigentlich handelte. Auch verstand er nicht einmal,
-die Sache richtig auszudrücken, und zudem hatte diesmal niemand in der
-Zelle des Staretz gekniet oder gar laut gebeichtet, so daß Fedor
-Pawlowitsch selbst nichts von dem gesehen haben konnte und nur die alten
-Gerüchte und Klatschereien, deren er sich dunkel erinnerte, nachsprach.
-Kaum jedoch hatte er seine dumme Bemerkung gemacht, als er auch schon
-fühlte, daß er ganz gehörigen Unsinn gesagt hatte, und so wollte er
-plötzlich allen Anwesenden, am meisten aber sich selbst, beweisen, daß
-er durchaus keinen Unsinn gesagt habe. Und obgleich er selbst vorzüglich
-wußte, daß er mit jedem weiteren Wort zu dem Gesagten noch mehr und noch
-dümmeren Unsinn hinzufügen werde, konnte er sich doch nicht bezwingen
-und flog hinab, wie auf einer Rutschbahn.
-
-„Welch eine Niedertracht!“ rief Miussoff empört aus.
-
-„Verzeihen Sie,“ sagte plötzlich der Prior. „Es ist gesagt: ‚Und viele
-redeten wider mich und brachten sogar unsaubere Sachen wider mich vor;
-als ich aber alles gehört, sprach ich bei mir selbst: Diese Arznei ist
-von Christus gesandt, um meine eitle Seele zu heilen.‘ Und darum danken
-auch wir Ihnen demütig, unser werter Gast.“
-
-Und er verneigte sich tief vor ihm.
-
-„Ta–ta–ta! Scheinheiligkeit und alte Phrasen! Alte Phrasen und alte
-Heuchelei! Alte Lüge und die alten Faxen der Verbeugungen bis zur Erde!
-Wir kennen diese Verbeugungen! ‚Einen Kuß auf die Lippen und einen Dolch
-ins Herz,‘ wie in Schillers Räubern. Ich will keine Falschheit, Väter,
-ich liebe die Wahrheit! Die aber liegt nicht in den Gründlingen, und das
-habe ich verkündet! Sie, meine Heiligen, warum fasten Sie denn
-eigentlich? Warum erwarten Sie dafür Belohnungen im Himmelreich? Für so
-eine Belohnung würde ja auch ich fasten! Nein, mein heiliger Mönch, sei
-lieber im Leben wohltätig, bringe lieber, anstatt daß du dich hier zu
-fertig gebackenen Broten zurückziehst, der Menschheit Nutzen, und ohne
-dafür noch eine Belohnung dort oben zu erwarten, – das dürfte wohl etwas
-schwieriger sein. Ew. Hochehrwürden, ich verstehe gleichfalls, schön zu
-reden. Aber was haben Sie denn hier aufgetischt?“ fragte er, sich
-plötzlich unterbrechend, und trat näher. „Hm! Portwein, keine üble
-Nummer, Honig, wahrscheinlich von den Gebrüdern Jelissejeff,[9] ach, ihr
-heiligen Väter! Das sieht anders aus als Gründlinge! Und auch die
-Flaschen haben sie nicht vergessen, he–he–he! Wer aber hat das alles
-hergebracht? Das ist ja der russische Bauer, der Arbeitssklave, der die
-wenigen Kopeken, die er mit seinen schwieligen Händen verdient, von
-seinem Munde und seiner Familie abspart, um sie herzubringen trotz der
-schreienden Not unseres Staates! Nein, ihr, meine heiligen Väter, ihr
-saugt ja das Volk aus!“
-
-„Das ist von Ihnen wirklich schon mehr als unwürdig,“ sagte Pater
-Jossiff. Pater Paissij schwieg hartnäckig. Miussoff stürzte hinaus, und
-ihm folgte Kalganoff.
-
-„Nun, meine Heiligen, nach Pjotr Alexandrowitsch gehe auch ich! Werde
-nie mehr herkommen, und wenn ihr mich auch auf den Knien darum bätet,
-komme nicht! Habe euch tausend Rubel geschenkt, da habt ihr jetzt wieder
-die Ohren gespitzt, he–he–he! Nein, mehr gibt’s nicht! Ich räche mich
-für meine vergangene Jugend, für meine ganze Erniedrigung!“ rief er in
-einem Anfall gespielter Empfindsamkeit aus und schlug mit der Faust auf
-den Tisch. „Viel hat dieses liebe Kloster in meinem Leben bedeutet! Viel
-bittere Tränen habe ich seinetwegen vergossen! Ihr habt meine Frau, die
-Klikuscha, gegen mich aufgehetzt! Ihr habt mich in sieben Kirchen
-verflucht, habt’s in der ganzen Umgegend verbreitet! Jetzt Strich
-drunter, meine Väter, heutzutage ist man liberal, jetzt haben wir das
-Jahrhundert der Dampfschiffe und Eisenbahnen! Nicht tausend, nicht
-hundert Rubel, nicht hundert Kopeken bekommt ihr mehr von uns zu sehen!“
-
-Noch eine Anmerkung: Niemals hatte unser Kloster etwas Besonderes in
-seinem Leben bedeutet, und niemals hatte er seinetwegen irgendwelche
-Tränen vergossen. Er aber ließ sich dermaßen hinreißen, daß er einen
-Augenblick fast selbst daran glaubte; ihm traten vor Rührung Tränen in
-die Augen, doch in derselben Sekunde fühlte er, daß es für ihn Zeit war,
-kehrtzumachen. Der Prior senkte ein wenig den Kopf und sagte auf seine
-boshafte Lüge wieder mit eindringlicher Stimme:
-
-„Es ist wiederum gesagt: ‚Ertrage freudig das dir zugefügte Unrecht,
-lasse dich dadurch weder verwirren, noch nähre deswegen Haß gegen deinen
-Widersacher‘. Also werden auch wir tun.“
-
-„Weiß schon, ‚und halte noch die andere Backe hin!‘ und so weiter, der
-ganze Gallimatthias! Man kennt doch den Rummel! Aber jetzt gehe ich.
-Meinen Sohn Alexei nehme ich mit väterlicher Vollmacht ein für allemal
-von hier fort. Iwan Fedorowitsch, mein gehorsamster Sohn, erlauben Sie,
-Ihnen zu befehlen, mir zu folgen! Und, von Sohn, was hast du noch hier
-zu suchen? Komm mit mir in die Stadt! Bei mir ist es lustiger. Im ganzen
-nur ’ne lumpige Werst, und dafür gibt’s anstatt Fastenbutter
-Ferkelbraten mit Kartoffelbrei; werden nicht übel schmausen; verspreche
-dir guten Kognak und nachher noch Likörchen; habe auch Mamurowka[10] ...
-Ei, von Sohn, versäume doch dein Glück nicht!“
-
-Schreiend und gestikulierend ging er hinaus. Und da erblickte ihn denn
-Rakitin und machte Aljoscha auf ihn aufmerksam.
-
-„Alexei!“ rief ihm der Vater von weitem zu, als er ihn erblickte, „heute
-noch ziehe ganz zu mir über, auch das Kissen und das Federbett schlepp
-mit – daß von dir hier keine Spur mehr nachbleibt, hörst du!“
-
-Aljoscha blieb ganz erstarrt stehen und verfolgte nur schweigend und
-aufmerksam, was vor seinen Augen geschah. Fedor Pawlowitsch kletterte
-inzwischen in seinen Wagen, und nach ihm schickte sich schweigend und
-sichtlich geärgert auch Iwan Fedorowitsch an, einzusteigen, ohne sich
-vorher von Aljoscha zu verabschieden, oder sich auch nur nach ihm
-umzuwenden. Da aber kam es noch zu einer lächerlichen und fast
-unglaublichen Szene, die den ganzen unerhörten Skandal gleichsam
-abschloß. Plötzlich erschien am Wagentritt der Gutsbesitzer Maximoff. Er
-war atemlos herangelaufen, um sich nicht zu verspäten. Rakitin und
-Aljoscha sahen, wie er lief. Er beeilte sich dermaßen, daß er in der
-Angst, zurückzubleiben, den einen Fuß schon auf den Wagentritt setzte,
-obgleich auf ihm noch der linke Fuß Iwan Fedorowitschs stand, und, mit
-der einen Hand sich an den Bockrand klammernd, mehrmals hopste, um
-schneller einzusteigen.
-
-„Ich auch, ich auch, auch ich komme mit!“ rief er, immer hopsend, unter
-dünnem, fröhlichem Gelächter mit einem seligen Gesicht, und natürlich zu
-allem bereit. „Nehmen Sie auch mich mit!“
-
-„Na, habe ich’s nicht gesagt, daß das von Sohn ist!“ rief triumphierend
-Fedor Pawlowitsch. „Der echte, von den Toten auferstandene von Sohn! Wie
-hast du dich denn von dort losgerissen? Was hast du denn dort
-vorvonsohniert? Und wie hast du nur dem schönen Mahle den Rücken
-gekehrt? Dazu muß man doch eine eherne Stirn haben! Ich habe sie, über
-deine aber, Bruder, wundere ich mich! Nun, spring herein, hop! Laß ihn,
-Wanjä,[11] es wird lustiger sein! Er kann sich hier irgendwie vor den
-Füßen hinlegen. Wirst du vor den Füßen liegen, von Sohn? Oder soll man
-ihn neben dem Kutscher unterbringen? ... Spring mal auf den Bock, von
-Sohn.“
-
-Doch Iwan Fedorowitsch, der sich inzwischen schon gesetzt hatte, stieß
-plötzlich Maximoff mit aller Kraft vor die Brust, so daß der weit
-zurückflog. Es war nur ein Zufall, daß er nicht hinfiel.
-
-„Fahr zu!“ rief Iwan Fedorowitsch wütend den Kutscher an.
-
-„Aber, was fällt dir ein? Was sollte denn das bedeuten? Warum hast du
-ihn so fortgestoßen?“ fuhr zwar Fedor Pawlowitsch sofort auf, doch der
-Wagen rollte schon davon. Iwan Fedorowitsch antwortete nicht.
-
-„Sieh mal einer an, wie du bist!“ brummte Fedor Pawlowitsch nach zwei
-Minuten Schweigen und schielte nur vorsichtig auf seinen Sohn. „Hast
-selbst diesen ganzen Klosterbesuch ausgedacht, selbst alles angestiftet,
-selbst gutgeheißen, warum ärgerst du dich denn jetzt?“
-
-„Sie haben wirklich genug Blödsinn geschwatzt, erholen Sie sich doch
-etwas,“ schnitt ihm Iwan Fedorowitsch grob das Wort ab.
-
-Fedor Pawlowitsch schwieg wieder etwa zwei Minuten lang.
-
-„Ein Gläschen Kognak wäre jetzt nicht übel,“ bemerkte er bedeutsam. Doch
-Iwan Fedorowitsch antwortete wieder nicht.
-
-„Nun, wenn wir ankommen, wirst auch du eins trinken.“
-
-Iwan Fedorowitsch schwieg immer noch.
-
-„Aber Aljoscha werde ich doch aus dem Kloster nehmen, obgleich das
-Ihnen, mein ehrerbietigster Karl von Moor, sehr unangenehm sein wird.“
-
-Iwan Fedorowitsch zuckte verächtlich mit den Achseln, wandte sich von
-ihm ab, und blickte auf die Landstraße. Darauf wurde während der ganzen
-Fahrt kein Wort mehr gesprochen.
-
-
-
-
- Drittes Buch. Die Wollüstlinge
-
-
- I.
- In der Bedientenstube
-
-Das Haus Fedor Pawlowitsch Karamasoffs lag nicht im Zentrum der Stadt,
-doch war es auch nicht gerade sehr weit davon entfernt. Es war schon
-ziemlich alt, machte aber trotzdem einen guten Eindruck: es war
-einstöckig, mit einem spitzen Giebel, grau angestrichen und hatte ein
-rotes Blechdach. Übrigens konnte es noch lange so stehen. Im Inneren war
-es geräumig und gemütlich. Es gab in ihm viel verschiedene Dach- und
-Rumpelkammern, eigenartige Verstecke und ganz unvermutete Treppchen.
-Auch Ratten gab es in ihm, doch Fedor Pawlowitsch konnte sich nicht
-recht über sie ärgern. „’S ist doch immerhin nicht so langweilig am
-Abend, wenn man allein bleibt,“ pflegte er zu sagen. Er aber hatte
-wirklich die Angewohnheit, die Dienstboten für die Nacht in das
-Nebengebäude auf dem Hof zu schicken und sich dann allein im großen
-Hause einzuschließen. Dieses Nebengebäude auf dem Hof war gleichfalls
-groß und gemütlich; in ihm wurde das Essen gekocht, obgleich auch das
-große Haus eine Küche hatte, doch Fedor Pawlowitsch konnte den
-Küchengeruch nicht vertragen, und so wurden denn die Speisen im Winter
-wie im Sommer über den Hof gebracht. Überhaupt war das Haus für eine
-große Familie gebaut, und man hätte das Fünffache an Herrschaft und
-Dienerschaft bequem in ihm unterbringen können; doch damals wohnten im
-großen Hause nur Fedor Pawlowitsch und sein zweiter Sohn, Iwan
-Fedorowitsch, und im Nebengebäude nur die drei Bedienten: der alte
-Grigorij, seine Frau, die alte Marfa, und der Diener Ssmerdjäkoff, ein
-noch junger Mensch. Ich sehe, daß ich etwas ausführlicher von diesen
-drei Dienstboten berichten muß. Von dem alten Grigorij Wassiljewitsch
-Kutusoff habe ich übrigens schon gesprochen; das war ein strenger,
-starrköpfiger Mensch, der hartnäckig und unablenkbar seine Ziele
-verfolgte, wenn nur so ein Ziel aus irgendwelchen Gründen – häufig aus
-erstaunlich unlogischen – vor ihm als unwandelbare Wahrheit erschien.
-Überhaupt war er ein ehrlicher, unbestechlicher und treuer Diener. Sein
-Weib, Marfa Ignatjewna, wollte nach der Aufhebung der Leibeigenschaft
-unsäglich gern von Fedor Pawlowitsch fortgehen und nach Moskau ziehen,
-um dort irgendein kleines Geschäft zu gründen (sie hatten beide ein
-kleines Kapital), und kam ihrem Mann immer wieder mit diesem Plan, wenn
-sie sich auch sonst stets widerspruchslos vor seinem Willen beugte;
-Grigorij aber behauptete, daß das Weib lüge, „denn jedes Weib ist
-unehrlich“, und daß es ihnen nicht zustände, den früheren Herrn, wie er
-auch sein mag, zu verlassen, denn „das ist jetzig also unsere Pflicht“.
-
-„Begreifst du auch, was das ist – Pflicht?“ wandte er sich an Marfa
-Ignatjewna.
-
-„Was Pflicht ist, das schon, Grigorij Wassiljewitsch; aber wo hier etwas
-von Pflicht sein soll, davon begreife ich nichts,“ antwortete Marfa
-Ignatjewna.
-
-„Nun, so begreif’s dann nicht; es bleibt doch so, wie’s ist. Schweig
-aber lieber.“
-
-Und dabei blieb es denn auch: sie zogen nicht fort, und Fedor
-Pawlowitsch bestimmte für sie ein Monatsgehalt, zwar kein großes, aber
-er zahlte es doch aus. Zudem wußte Grigorij, daß er auf seinen Herrn
-einen gewissen Einfluß hatte; das fühlte er, und so war es auch in der
-Tat: der schlaue und eigensinnige Fedor Pawlowitsch, der, wie er sich
-selbst ausdrückte, „in manchen Lebensdingen“ einen sehr festen Charakter
-bewies, war zu seiner eigenen nicht geringen Verwunderung wiederum
-äußerst charakterschwach in gewissen anderen „Lebensdingen“. Er wußte
-selbst ganz genau, in welchen Dingen er es war; wußte es, und fürchtete
-sich vor vielem. In diesen gewissen „Lebensdingen“ hieß es, auf der Hut
-sein, und dann war es schwer, ohne einen zuverlässigen Menschen
-auszukommen; Grigorij aber war der zuverlässigste von allen. Es kam
-sogar vor, daß Fedor Pawlowitsch mitunter auch Prügel verabfolgt wurden,
-und zwar gehörige, und dann hatte ihm immer Grigorij herausgeholfen und
-nachher eine Predigt gehalten. Doch Prügel allein schreckten Fedor
-Pawlowitsch nicht: es gab dagegen höhere Fälle, und sogar sehr zarte und
-verzwickte, in denen Fedor Pawlowitsch selbst nicht einmal imstande
-gewesen wäre, dieses ungewöhnliche Bedürfnis nach einem treuen und
-nahestehenden Menschen, das er dann augenblicks in sich fühlte, zu
-erklären. Das waren fast krankhafte Augenblicke: Der verderbte und in
-seiner Wollust oftmals wie ein böses Insekt grausame Fedor Pawlowitsch
-empfand zuweilen, wenn er trunken war, eine geistige Angst und eine
-moralische Erschütterung, die beinahe physisch, wenn man sich so
-ausdrücken kann, auf seine Seele wirkten. „Die ganze Seele sitzt mir
-dann zitternd in der Kehle,“ äußerte er sich zuweilen über diese
-sonderbaren Anwandlungen. Und in diesen Augenblicken liebte er es, wenn
-irgendwo in der Nähe, es brauchte nicht einmal in seinem Zimmer zu sein,
-meinetwegen auch nur im Nebengebäude auf dem Hof, ein ihm ergebener
-Mensch war, einer, der aber keineswegs ihm glich, nicht verdorben,
-sondern ehrlich und streng war, der selbst die ganze Liederlichkeit mit
-ansah und alle Geheimnisse kannte, doch aus Ergebenheit und
-Anhänglichkeit alles zuließ, und – die Hauptsache – keine Vorwürfe
-machte und mit nichts drohte, weder mit dem Diesseits noch mit dem
-Jenseits, im Notfalle ihn aber beschützte – vor wem? Vor irgendeinem
-Unbekannten, doch Furchtbaren und Gefährlichen. Es mußte unbedingt
-gerade ein _anderer_ Mensch sein, ein alter und freundschaftlicher, den
-brauchte er, um ihn im „kranken Augenblick“ rufen zu können, natürlich
-nur, um sein Gesicht zu sehen, meinetwegen auch ein Wort mit ihm zu
-wechseln, irgendein nebensächliches: ärgerte er sich deswegen nicht,
-dann werde es dem Herzen leichter, ärgerte er sich aber, nun, dann wurde
-man etwas trauriger! Es kam vor – übrigens nur äußerst selten –, daß
-Fedor Pawlowitsch sogar mitten in der Nacht über den Hof zu Grigorij
-ging und ihn auf einen Augenblick zu sich rief. Der kam dann auch; doch
-Fedor Pawlowitsch sprach mit ihm dummes Zeug und entließ ihn bald
-wieder, nicht selten sogar noch mit einer spöttischen Bemerkung oder
-einem Scherz, selbst aber legte er sich, kräftig ausspuckend, schlafen
-und schlief dann den Schlaf eines Gerechten. Auch nach der Ankunft
-Aljoschas geschah mit Fedor Pawlowitsch etwas Ähnliches. Aljoscha
-„eroberte sein Herz“ sofort durch den einen Umstand, daß er „lebte,
-alles sah und nichts verurteilte“, und außerdem noch durch das
-Unglaubliche: daß er nicht die geringste Verachtung für ihn, den Alten,
-zeigte, sondern im Gegenteil, immer freundlich war und eine ganz
-natürliche, offenherzige Anhänglichkeit an ihn, der sie doch so wenig
-verdient hatte, zu haben schien. Das war für den alten Herumtreiber und
-familienlosen Wüstling eine Überraschung, die ihn ganz stutzig machte:
-nein, das kam für ihn, der bis dahin nur Unzucht geliebt hatte, doch zu
-unerwartet! Als Aljoscha in das Kloster ging, gestand er sich, daß er
-etwas begriffen hatte, was er bis dahin nicht hatte begreifen wollen.
-
-Ich erwähnte schon einmal, wie Grigorij, der Diener, Adelaida Iwanowna,
-die erste Frau Fedor Pawlowitschs und die Mutter Dmitrij Fedorowitschs
-gehaßt, und wie er dagegen die zweite Frau, die Klikuscha Ssofja
-Iwanowna, sogar gegen seinen Herrn verteidigt hatte und überhaupt gegen
-jeden, der es sich einfallen ließ, ein leichtfertiges oder schlechtes
-Wort über sie zu sagen. Sein Mitleid mit dieser unglücklichen Frau ließ
-es ihn allmählich als seine heilige Pflicht empfinden, sie zu
-beschützen, so daß er auch noch nach zwanzig Jahren keine einzige
-schlechte Anspielung, einerlei von wem, ertragen konnte. Äußerlich war
-Grigorij ein kalter Mensch mit ziemlich wichtiger Miene, der nur
-wohlbedachte, niemals leichtsinnige Worte sprach, wofern er überhaupt
-sprach. Unmöglich war es gleichfalls, nach dem Äußeren zu schließen, ob
-er seine ebenso wortkarge, ihm stets ergebene Marfa Ignatjewna liebte
-oder nicht; er aber liebte sie wirklich, und sie fühlte das wohl. Diese
-Marfa Ignatjewna war nicht nur keine dumme Frau, sondern war vielleicht
-sogar klüger als ihr Mann, oder wenigstens in Lebensfragen weit
-vernünftiger; indessen unterwarf sie sich ihm widerspruchslos schon
-gleich zu Anfang der Ehe und achtete ihn selbstverständlich wegen
-seiner, wie sie meinte, geistigen Überlegenheit. Bemerkenswert ist, daß
-sie beide ihr ganzes Leben lang auffallend wenig miteinander sprachen,
-es sei denn über die notwendigsten alltäglichen Dinge. Grigorij bedachte
-alles allein, und Marfa Ignatjewna hatte schon längst ein für allemal
-begriffen, daß ihr Mann ihrer Ratschläge nicht bedurfte, dafür aber ihr
-Schweigen zu schätzen wußte und das auch für ihr Bestes hielt. Schlagen
-tat er sie eigentlich nicht, abgesehen von einem einzigen Ausnahmefall.
-Im ersten Jahr der Ehe Adelaida Iwanownas mit Fedor Pawlowitsch waren
-einmal auf dem Gutshof die damals noch leibeigenen jungen Mädchen und
-Weiber versammelt worden, um der Herrschaft vorzutanzen und zu singen.
-Der Chor begann „Auf grünen Wiesen und Auen“, und plötzlich sprang Marfa
-Ignatjewna, die damals noch ein junges Weib war, vor und tanzte die
-„Rußkaja“ in einer ganz besonderen Weise, nicht so, wie das Volk sie
-tanzt, sondern wie es ihr früher, als sie noch Leibeigene der reichen
-Miussoffs gewesen war, zu den Theateraufführungen im Herrenhause ein aus
-Moskau bestellter Ballettmeister gezeigt hatte. Grigorij sah, wie sein
-Weib tanzte; doch nach einer Stunde belehrte er sie eines Besseren,
-indem er auf sie einhieb und sie an den Haaren zog. Damit war das
-Prügeln abgetan; es wiederholte sich niemals mehr, denn Marfa Ignatjewna
-hatte sich geschworen, nie wieder die „Rußkaja“ zu tanzen.
-
-Kinder schenkte ihnen Gott leider nicht; sie hatten zwar einmal ein
-Kleines gehabt, aber das war alsbald gestorben. Grigorij jedoch liebte
-kleine Kinder sehr und verheimlichte das nicht einmal, das heißt, er
-schämte sich nicht, es zu zeigen. Den kleinen dreijährigen Dmitrij
-Fedorowitsch hatte er, als dessen Mutter fortgelaufen war, zu sich
-genommen und hatte sich mit ihm fast ein ganzes Jahr lang abgegeben, ihn
-eigenhändig gekämmt, gewaschen und im kleinen Waschtrog gebadet. Darauf
-hatte er sich auch mit den zwei anderen Kleinen, Iwan und Aljoscha,
-abgeplagt, was ihm später die Ohrfeige von der Generalin eintrug; doch
-davon habe ich ja schon gesprochen. Das eigene Kindchen aber erfreute
-ihn nur mit der Hoffnung, solange Marfa Ignatjewna noch schwanger war.
-Als aber der Junge geboren wurde, da erfüllte er sein Herz mit Angst und
-Trauer: denn das Kind hatte sechs Finger. Als Grigorij das sah, war er
-dermaßen erschrocken und erschüttert, daß er bis zur Taufe kein Wort
-mehr sprach und in den Garten ging, um dort mit sich allein zu sein. Es
-war gerade Frühling, und so grub er denn im Gemüsegarten Beete. Am
-dritten Tage mußte das Kind getauft werden; Grigorij hatte inzwischen
-Zeit gehabt, sich zu bedenken. Als er ins Haus trat, wo sich schon die
-ganze Verwandtschaft und die Gäste versammelt hatten und sogar Fedor
-Pawlowitsch in höchsteigener Person als Pate erschienen war, erklärte er
-plötzlich, daß man das Kind „eigentlich überhaupt nicht taufen sollte“ –
-verbreitete sich jedoch nicht weiter über seine Meinung, sondern blickte
-nur stumpf und aufmerksam auf den Popen.
-
-„Warum nicht?“ erkundigte sich in heiterer Verwunderung der Geistliche.
-
-„Weil ... das ist ein Drache ...“ brummte schließlich Grigorij.
-
-„Wieso, was für ein Drache?“
-
-Grigorij schwieg eine Zeitlang.
-
-„Eine Verwechslung der Natur ...“ murmelte er, wenn auch sehr
-undeutlich, so doch fest überzeugt; augenscheinlich wollte er sich nicht
-darüber aussprechen.
-
-Man lachte natürlich und taufte das arme Kind. Grigorij betete eifrig,
-änderte aber seine Meinung über das Neugeborene nicht im geringsten.
-Übrigens verhinderte er nichts, nur bemühte er sich in den ganzen zwei
-Wochen, die das schwächliche Kindchen lebte, dasselbe überhaupt nicht zu
-bemerken, und verließ, so oft er nur konnte, das Haus. Als aber der
-Knabe nach zwei Wochen am Milchfieber starb, da legte er ihn sorgfältig
-in den kleinen Sarg, blickte ihn in tiefer Trauer an, und als sein
-kleines Grab zugeschüttet wurde, da kniete er nieder und verneigte sich
-vor dem Grabe. Seit der Zeit sprach er lange Jahre kein einziges Mal von
-seinem Kinde, und selbst Marfa Ignatjewna wagte nicht, in seiner
-Gegenwart ihres toten Kleinen zu erwähnen; konnte sie aber sonst mit
-irgend jemandem von ihrem „Kindchen“ sprechen, so tat sie es immer nur
-flüsternd, selbst wenn Grigorij überhaupt nicht im Hause war. Es fiel
-ihr auf, daß Grigorij Wassiljewitsch seit jener Beerdigung sich ganz
-besonders mit „Religiösem“ zu beschäftigen begann, das Leben der
-Heiligen las, doch nur still für sich, wozu er dann seine silberne
-Brille mit den großen, runden Gläsern aufsetzte. Nur selten las er laut
-vor, höchstens zur Fastenzeit. Er liebte das Buch Hiob sehr, wußte sich
-von irgend jemandem die mystischen „Predigten unseres von Gott
-erleuchteten Paters Issaak Ssirin“ zu verschaffen, las sie unermüdlich
-jahrelang, verstand so gut wie überhaupt nichts davon und schätzte
-vielleicht gerade darum dieses Buch am meisten. In der letzten Zeit
-begann er sich für die Geißler[12] zu interessieren, von denen sich
-einige in der Nachbarschaft eingefunden hatten. Er war sichtlich
-erschüttert, fand es aber doch nicht für richtig, zu einem anderen
-Glauben überzutreten. Seine Belesenheit „in göttlichen Dingen“ äußerte
-sich nur auf seinem Gesicht in einem noch wichtigeren Ausdruck.
-
-Vielleicht war er auch zum Mystizismus geneigt. Und da mußte es noch
-geschehen, daß ihn nach der Geburt seines sechsfingrigen Sohnes und
-dessen Tode eine ganz sonderbare Überraschung erwartete, die, wie er
-sich selbst äußerte, in seiner Seele auf ewig einen „Stempel“
-hinterließ. Es war in der Nacht desselben Tages, an dem der kleine
-Sechsfingrige begraben worden war, als Marfa Ignatjewna plötzlich
-erwachte und das Weinen eines neugeborenen Kindes zu vernehmen glaubte.
-Sie erschrak und weckte ihren Mann. Grigorij horchte hinaus, meinte
-aber, daß eher jemand stöhne, „wahrscheinlich ein Weib“. Er erhob sich
-und kleidete sich an. Es war eine ziemlich dunkle Mainacht; als er auf
-die Treppe hinaustrat, hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus dem Garten
-kam. Die Hoftür aber zum Garten wurde jeden Abend verschlossen, anders
-jedoch, als durch diese Tür oder unmittelbar aus dem Hause, konnte man
-nicht in den Garten gelangen, denn er war von einem hohen, starken Zaun
-umgeben. Grigorij kam zurück, nahm den Gartenschlüssel und die Laterne
-und ging schweigend hinaus in den Garten, ohne auf das Entsetzen Marfa
-Ignatjewnas zu achten, die immer noch behauptete, sie höre das Weinen
-eines kleinen Kindes, und das sei bestimmt ihr Söhnchen, das sie rufe.
-Hier hörte er deutlich, daß das Gestöhn aus ihrem kleinen Badehause, das
-nicht weit von der Hoftür im Garten stand, kam, und daß es wirklich eine
-Frauenstimme war. Als er die Tür des Häuschens öffnete, bot sich ihm ein
-Schauspiel, das ihn erstarren machte: die Stadtverrückte, die sich
-überall herumtrieb und allen bekannt war, namens Lisaweta
-Ssmerdjäschtschaja, die auf unerklärliche Weise in dieses Badehaus
-gekommen war, hatte gerade ein Kind geboren. Das Neugeborene lag neben
-ihr, sie aber wand sich in Todeskrämpfen. Sie sprach nichts, sie konnte
-ja überhaupt nicht richtig sprechen. Doch von ihr muß ich etwas mehr
-erzählen.
-
-
- II.
- Lisaweta Ssmerdjäschtschaja
-
-Hier gab es einen besonderen Umstand, der Grigorij tief erschütterte und
-ihn in einem früheren, unangenehmen, wenn nicht ekelhaften Verdacht
-bestärkte. Diese Lisaweta war sehr klein von Wuchs, „zwei Arschin und
-vielleicht noch eine Kleinigkeit war das Mädchen hoch“, wie mitleidig
-einige unserer gottesfürchtigen Greisinnen nach ihrem Tode sagten, wenn
-sie ihrer gedachten. Ihr zwanzigjähriges, gesundes, breites und
-rotwangiges Gesicht war vollkommen idiotisch, der Blick ihrer Augen
-unbeweglich und unangenehm, wenn auch ruhig. Sie ging im Sommer wie im
-Winter barfuß und nur in einem hanfleinenen Hemde. Ihr fast schwarzes,
-ungewöhnlich dickes Haar war so kraus wie die Wolle eines Schafes und
-stand wie eine große Mütze auf ihrem Kopf; außerdem war es voller
-Schmutz, Erdstückchen und Blätter, Holzspänchen und Stroh- und
-Grashälmchen, denn sie schlief immer auf der Erde. Ihr Vater war ein
-obdachloser, heruntergekommener, kranker Kleinbürger Ilja, der trank und
-schon viele Jahre als Arbeiter bei einem wohlhabenden Kleinbürger
-diente. Lisawetas Mutter war vor langer Zeit gestorben. Der ewig kranke
-und wütende Ilja schlug seine Tochter ganz unbarmherzig, wenn sie ihm
-unter die Augen kam; doch geschah das nur selten, denn sie lebte überall
-in der Stadt herum, als geistesschwaches, heiliges Gotteskind. Alle
-Welt, die Wirtsleute ihres Vaters, der Vater selbst und sogar viele
-Mitleidige, meistens Kaufmannsfamilien und Kaufmannsfrauen, versuchten
-nicht einmal, Lisaweta etwas anständiger anzukleiden, um sie nicht so im
-Hemd herumlaufen zu lassen; nur im Winter zogen sie ihr immer einen
-Schafpelz und Stiefel an; sie aber, die sich alles ruhig anziehen ließ,
-ging dann gewöhnlich zur Kirchentür und zog sich dort alles wieder aus,
-was man ihr angezogen hatte – ob es nun ein Tuch, ein Rock, ein Pelz
-oder sonst was war –, ließ es daselbst vor der Kirche liegen und ging
-dann wieder nur mit dem Hemd bekleidet fort. Einmal, als der neue
-Gouverneur unsers Gouvernements auch unser Städtchen besuchte, fühlte er
-sich in seinen besten Gefühlen tief gekränkt, als er diese Lisaweta
-erblickte, und wenn er auch einsah, daß es eine Geistesschwache war, wie
-ihm sofort gemeldet wurde, so meinte er doch, daß ein junges Mädchen,
-das nur in einem Hemde herumlaufe, den Anstand verletze: darum dürfe das
-in Zukunft nicht mehr vorkommen. Doch der Gouverneur fuhr wieder fort,
-und Lisaweta ließ man, wie sie war. Schließlich starb auch ihr Vater,
-und sie wurde als Waise den Gottesfürchtigen noch lieber. Man schien sie
-tatsächlich zu lieben, selbst die Straßenjungen neckten sie nicht, und
-doch sind unsere kleinen Jungen, besonders die Schulrangen, eine
-naseweise, unverfrorene Bande. Sie trat in fremde Häuser ein, doch
-niemand schrie sie an oder wies ihr die Tür, im Gegenteil, man war immer
-gut zu ihr und gab ihr stets etwas. Gab man ihr Geld, so brachte sie es
-sofort in irgendeine Armenbüchse an der Kirche oder am Gefängnis; gab
-man ihr auf dem Markt einen Kringel oder ein Weißbrot, so gab sie es
-sofort dem ersten kleinen Kinde, das sie erblickte, oder sie blieb gar
-vor einer unserer reichsten Damen stehen und gab es der; und die Damen
-nahmen es dankend und sogar freudig entgegen. Sie selbst aber nährte
-sich nur von Schwarzbrot und Wasser. Zuweilen trat sie in einen teuren
-Laden ein und setzte sich; überall lag teure Ware, sogar loses Geld,
-doch niemandem fiel es ein, auf sie achtzugeben, denn alle wußten, daß
-man Tausende auf den Ladentisch legen konnte, daß sie aber keine Kopeke
-anrühren werde. In die Kirche ging sie nur selten; sie schlief entweder
-vor der Kirchentür, oder sie kletterte über einen Flechtzaun (bei uns
-gibt es noch heute viel solcher Zäune) und schlief dann in einem
-Gemüsegarten. Nach Haus, das heißt ins Haus jener Kleinbürger, bei denen
-ihr Vater diente, ging sie ungefähr nur einmal in der Woche, im Winter
-jedoch täglich zur Nacht, und dann schlief sie entweder im Flur oder im
-Kuhstall. Man wunderte sich, daß sie solch ein Leben aushalten konnte;
-doch sie hatte sich schon daran gewöhnt; wenn sie auch klein von Wuchs
-war, so war sie doch ungewöhnlich stark gebaut. Einige behaupteten, sie
-täte das alles nur aus Stolz, doch fand das keinen rechten Glauben; sie
-konnte ja nicht einmal richtig sprechen, nur zuweilen bewegte sie die
-Zunge und stieß irgendwelche lallende Laute hervor – wo konnte da von
-Stolz die Rede sein! Und so geschah es denn einmal (es ist schon lange
-her), daß in einer warmen und hellen Septembernacht bei Halbmond, zu
-einer nach unseren Begriffen sehr späten Stunde, eine stark angeheiterte
-Gesellschaft, etwa fünf oder sechs Herren, aus dem Klub durch die
-Hinterstraßen nach Hause ging. Zu beiden Seiten der Straße zogen sich
-niedrige Zäune hin, hinter denen die Gemüsegärten der an den größeren
-Straßen stehenden Häuser lagen; diese Hinterstraße jedoch führte zu
-einer kleinen Brücke über einen breiten, versumpften Graben, der bei uns
-wohl das Flüßchen genannt wurde. Da bemerkte unsere lustige Gesellschaft
-am Zaun zwischen Nesseln und Salbei die schlafende Lisaweta. Die Herren
-blieben lachend stehen und begannen in nicht wiederzugebender Weise über
-sie zu witzeln. Einer von ihnen, ein junger Milchbart, stellte plötzlich
-die exzentrische Frage: „Könnte irgend jemand, einerlei wer, dieses Tier
-für ein Weib halten, meinetwegen jetzt gleich usw.“, womit er ein ganz
-unmögliches Thema anschlug. Alle meinten darauf mit stolzem Widerwillen,
-daß dies undenkbar wäre. Doch in dieser angeheiterten Gesellschaft
-befand sich auch Fedor Pawlowitsch, und sofort sprang er vor und
-behauptete, man könne sie wohl für ein Weib halten, sogar sehr, und daß
-es hierbei sogar eine gewisse Art von Pikanterie gäbe, usw. usw. Es ist
-wahr, damals drängte er sich schon gar zu absichtlich in die Rolle des
-Narren; er liebte es sehr, die anderen zu belustigen und dabei den
-Gleichstehenden zu spielen, in Wirklichkeit aber war er doch der echte
-Ham unter ihnen. Das war gerade in der Zeit, als er aus Petersburg die
-Nachricht von dem Tode seiner ersten Frau erhalten hatte und darauf mit
-dem Trauerflor am Hut dermaßen trank und sich so unanständig aufführte,
-daß sich viele, selbst die Liederlichsten, bei seinem Anblick unangenehm
-berührt fühlten. Die Bande lachte natürlich über die unerwartete
-Behauptung Fedor Pawlowitschs; einer von ihnen versuchte, ihn noch mehr
-aufzustacheln, doch die anderen schimpften nun erst recht, natürlich
-immer unter allgemeiner Heiterkeit, und endlich gingen sie alle ihres
-Weges. Später schwor Fedor Pawlowitsch, daß auch er damals mit den
-anderen fortgegangen sei; vielleicht war er es auch, das weiß niemand
-genau und kann es auch nicht wissen, doch nach fünf oder sechs Monaten
-sprach man allgemein und aufrichtig empört davon, daß die Lisaweta
-schwanger sei. Man fragte und riet, auf wen die Sünde fiele, wer der
-Schänder wäre? Und da verbreitete sich denn in der ganzen Stadt das
-Gerücht, daß es gerade Fedor Pawlowitsch Karamasoff sei. Woher aber war
-dieses Gerücht gekommen? Von jenen Herren, die sie damals bemerkt
-hatten, war zurzeit nur noch ein einziger in der Stadt, und das war ein
-schon bejahrter Staatsrat, ein Vater erwachsener Töchter, der es
-bestimmt nicht verbreitet haben würde, selbst wenn er etwas Positives
-gewußt hätte; die übrigen Kumpane waren aber alle verreist. Doch das
-Gerücht fuhr fort, hartnäckig gerade auf Fedor Pawlowitsch hinzuweisen.
-Der machte sich natürlich nicht viel daraus; Kaufleuten und einfachen
-Bürgern hätte er darauf überhaupt nicht geantwortet. Damals war er stolz
-und sprach nur in seiner Gesellschaft von höheren Beamten und
-Edelleuten, die er so vorzüglich zu unterhalten verstand. Da trat denn
-Grigorij heftig für seinen Herrn ein und verteidigte ihn nicht nur gegen
-alle Klatschereien, sondern geriet sogar seinetwegen in ernsten Streit,
-überzeugte aber schließlich doch viele von Fedor Pawlowitschs Unschuld
-in diesem Falle. „Sie, diese elende Herumtreiberin, ist selbst an allem
-schuld,“ behauptete er steif und fest, und der Schänder sei niemand
-anderes als der „Schrauben-Karp“ (ein in der ganzen Stadt berüchtigter
-Verbrecher, der gerade zu der Zeit aus dem Gefängnis unserer
-Gouvernementsstadt entsprungen war und sich darauf in unserer kleinen
-Kreisstadt herumgetrieben hatte). Diese Beschuldigung schien
-glaubwürdig, denn man erinnerte sich noch des Entsprungenen; erinnerte
-sich, daß er gerade in jenen Herbstnächten die Stadt unsicher gemacht
-und drei Menschen überfallen und beraubt hatte. Doch all diese
-Erörterungen verminderten keineswegs die Sympathie für die arme Idiotin,
-im Gegenteil, sie verstärkten sie nur noch; alle beschützten sie und
-taten ihr Gutes. Und Frau Kondratjewa, eine wohlhabende Kaufmannswitwe,
-richtete es so ein, daß Lisaweta schon Ende April ganz bei ihr blieb und
-bis zur Entbindung bei ihr bleiben sollte. Sie wurde unermüdlich
-bewacht; trotzdem gelang es ihr am Abend des letzten Tages, heimlich zu
-entkommen. Wie sie in ihrem Zustande über den hohen, starken Zaun in den
-Karamasoffschen Park hatte klettern können, ist ein Rätsel geblieben.
-Wahrscheinlich ist es ganz natürlich geschehen, denn Lisaweta, die wie
-eine Katze über die Zäune kletterte, um in fremden Gemüsegärten zu
-nächtigen, wird wohl ebenso auch auf den hohen Zaun Fedor Pawlowitschs
-gekommen und dann zu ihrem Unglück heruntergesprungen sein, trotz ihres
-Zustandes. Grigorij stürzte nach dem ersten Schreck zurück zu Marfa
-Ignatjewna, die er zur Hilfe in das Badehaus schickte, selbst aber lief
-er zu einer alten Hebamme, die in der Nachbarschaft wohnte. Das Kind
-wurde gerettet, doch Lisaweta starb schon beim ersten Morgengrauen.
-Grigorij nahm das Neugeborene, brachte es ins Haus, hieß Marfa
-Ignatjewna sich hinsetzen und legte ihr dann das Kind auf den Schoß, an
-die Brust: „Eine Waise ist Gotteskind und unser aller Kind, für uns
-beide aber erst recht unser Kind. Das hat unser totes Söhnchen
-geschickt, und geboren ist es von einem Teufelssohn und einer Gerechten.
-Nähre es, und weine jetzt nicht mehr.“ Und so erzog denn Marfa
-Ignatjewna den kleinen Jungen. Er wurde Pawel getauft und allmählich,
-ohne daß es jemand bestimmt hätte, ganz von selbst Fedorowitsch gerufen.
-Fedor Pawlowitsch hatte nichts dagegen einzuwenden und fand das alles
-sogar sehr spaßhaft, obgleich er immer noch fortfuhr, seine Vaterschaft
-zu verneinen. In der Stadt gefiel es, daß er das Kind angenommen hatte.
-Später dachte sich Fedor Pawlowitsch auch noch einen Familiennamen für
-den Jungen aus: er nannte ihn Ssmerdjäkoff nach dem Spitznamen seiner
-Mutter Lisaweta Ssmerdjäschtschaja.[13] Also dieser Ssmerdjäkoff wurde
-dann Fedor Pawlowitschs Koch und zweiter Diener; er lebte in dem
-Nebengebäude auf dem Hof zusammen mit dem alten Grigorij und der alten
-Marfa. Eigentlich müßte ich noch vieles gerade über ihn sagen, doch will
-ich jetzt nicht die Aufmerksamkeit meines Lesers zu sehr für die
-Dienstboten in Anspruch nehmen, daher gehe ich jetzt wieder zu meinen
-Hauptpersonen über; wird sich doch über Ssmerdjäkoff noch später, im
-Verlauf der ganzen Geschichte, einiges sagen lassen.
-
-
- III.
- Die Beichte eines heißen Herzens.
- In Versen
-
-Als Aljoscha den Befehl seines Vaters, mit allen Kissen und Federbetten
-das Kloster zu verlassen, vernommen hatte, blieb er in nicht geringer
-Verwunderung zurück. Ich will damit nicht sagen, daß er etwa wie ein
-Pfosten stehen blieb, nein, er ging sogar noch in die Küche des Priors,
-um dort zu erfahren, was sein Vater oben angestiftet hatte. Dann erst
-machte er sich auf den Weg, in der Hoffnung, unterwegs mit sich über
-alles ihn Quälende ins reine zu kommen. Der Befehl seines Vaters, mit
-„Kissen und Federbetten nach Hause zu kommen“, schreckte ihn nicht im
-geringsten. Er begriff nur zu gut, daß dieser Befehl, der ihm so laut
-zugerufen worden war, nur „in der Hitze“ gegeben sein konnte, sozusagen
-zur Verschönerung, – etwa in der Art, wie vor kurzem ein Kleinbürger an
-seinem Namenstage aus Wut darüber, daß man ihm nicht mehr Schnaps
-gegeben, in Gegenwart der Gäste plötzlich seine eigenen Teller und
-Schüssel zerschlagen, seine, wie seines Weibes Kleider zerrissen, die
-eigenen Möbel zertrümmert und die Fensterscheiben eingeschlagen hatte.
-Am nächsten Tage bedauerte natürlich der nüchtern gewordene Kleinbürger
-seine zerschlagenen Tassen und Teller ... Aljoscha wußte, daß auch sein
-Vater ihn am nächsten Tage wieder zurück ins Kloster gehen lassen werde
-oder vielleicht schon nach wenigen Stunden. War er doch überzeugt, daß
-der Vater nicht ihn, sondern einen anderen hatte kränken wollen.
-Aljoscha war sogar fest überzeugt, daß niemand in der Welt ihn jemals
-würde beleidigen wollen, und es auch nicht könne. Das war für ihn ein
-Axiom, das er ohne Bedenken angenommen hatte, und so machte er sich denn
-in dieser Hinsicht ohne die geringste Sorge auf den Weg.
-
-Doch in diesem Augenblick quälte ihn eine ganz andere Angst, die um so
-quälender war, als er sie sich nicht recht erklären konnte: Es war die
-Angst vor einem Weibe, und zwar gerade vor Katerina Iwanowna, die ihn in
-dem von Lisa Chochlakoff überbrachten Brief so inständig zu ihr zu
-kommen bat, nicht nur bat, sondern verlangte. Dieser Brief nun und die
-Notwendigkeit, zu ihr zu gehen, hatten sofort ein quälendes Gefühl in
-seinem Herzen hervorgerufen; und den ganzen Morgen, je mehr die Zeit
-vorrückte, desto heftiger quälte ihn dieses Gefühl, trotz aller
-darauffolgenden Szenen in der Zelle des Staretz, wie auch später bei der
-Abfahrt des Vaters. Nicht die Ungewißheit, wovon sie mit ihm sprechen
-werde, und was er ihr antworten sollte, ängstigte ihn; auch nicht das
-Weib überhaupt fürchtete er in ihr: O, Frauen kannte er natürlich wenig,
-immerhin hatte er von Kindesbeinen an bis zum Eintritt ins Kloster nur
-bei Frauen gelebt. Er fürchtete gerade Katerina Iwanowna. Er fürchtete
-sie bereits seit dem Augenblick, da er zum erstenmal bei ihr gewesen
-war. Nun kam aber noch das hinzu, daß er sie im ganzen nur zwei, oder
-genau genommen, dreimal gesehen und nur einmal, wenn auch ganz zufällig,
-ein paar Worte mit ihr gewechselt hatte. Er erinnerte sich ihrer als
-eines schönen, stolzen, gebieterischen Mädchens. Doch nicht ihre
-Schönheit verwirrte ihn, sondern etwas ganz anderes. Und gerade die
-Unerklärlichkeit seiner Angst verstärkte diese in ihm noch. Daß die
-Absichten des jungen Mädchens edel waren, wußte er: Sie wollte seinen
-Bruder Dmitrij, der sich ihr gegenüber schon vergangen hatte, retten,
-und zwar wollte sie das nur aus Hochherzigkeit. Doch trotz dieser
-Erkenntnis und aller Gerechtigkeit, die er diesen guten und edlen
-Gefühlen unbedingt widerfahren lassen mußte, lief ein Frösteln über
-seinen Rücken, als es ihm einfiel, daß er schon bald bei ihr sein werde.
-
-Er überlegte hin und her und sagte sich, daß er seinen Bruder Iwan
-Fedorowitsch, der ihr so nahe stand, nicht bei ihr antreffen werde: Iwan
-war jetzt bestimmt bei seinem Vater. Dmitrij dagegen würde er ganz
-sicher nicht antreffen, und er ahnte es, warum nicht. Also würde ihr
-Gespräch unter vier Augen stattfinden. Er wäre aber doch so gern noch
-vor diesem schrecklichen Gespräch zu seinem Bruder Dmitrij gegangen.
-Ohne den Brief zu zeigen, hätte er mit ihm über einiges sprechen können.
-Doch Dmitrij wohnte weit ab und war jetzt bestimmt nicht zu Hause.
-Aljoscha blieb einen Augenblick stehen, dann aber entschloß er sich. Er
-schlug hastig ein Kreuz, wie er es immer zu tun pflegte, und ein
-flüchtiges Lächeln erschien auf seinen Lippen; dann ging er mit festen
-Schritten weiter zu der gefürchteten Dame.
-
-Er wußte, wo sie wohnte. Doch wenn er durch die Große Straße, über den
-Platz usw. gegangen wäre, so wäre es ein sehr weiter Weg gewesen. Unser
-kleines Städtchen ist nämlich sehr zerstreut gebaut, zwischen den
-Häusern ziehen sich oft große Gärten hin, und so sind denn auch die
-Entfernungen nicht gering. Zudem erwartete ihn doch der Vater, der
-vielleicht seinen Befehl noch nicht vergessen hatte, infolgedessen aber,
-wenn Aljoscha nun nicht sofort zu ihm kam, leicht gereizt und
-eigensinnig werden konnte! Darum mußte sich Aljoscha sehr beeilen. Diese
-letzte Erwägung brachte ihn auf den Gedanken, den Weg abzukürzen,
-nämlich durch die Hinterstraßen zu gehen, die er schon wie seine fünf
-Finger kannte. Dieses „durch die Hinterstraßen“ bedeutete aber fast ohne
-Straßen gehen, längs einsamer Gemüsegärten und zuweilen selbst unter
-Hindernissen, da es über kleinere Zäune klettern oder durch fremde Höfe
-gehen hieß, wo ihn übrigens ein jeder kannte und freundlich grüßte. Auf
-diese Weise kürzte er den Weg bis zur Großen Straße um die Hälfte. Hier
-kam er an einer Stelle sogar sehr nahe am väterlichen Hause vorüber, da
-er längs dem Nachbargarten, der zu einem alten, kleinen, schiefen
-Häuschen mit vier Fenstern gehörte, gehen mußte. Die Besitzerin dieses
-Häuschens war, wie Aljoscha wußte, eine städtische Kleinbürgerin, eine
-halbgelähmte Greisin; sie lebte hier mit ihrer Tochter, einer bereits
-zivilisierten Kammerzofe, die in der Großstadt bei Generälen gedient
-hatte, jetzt aber schon seit einem Jahre bei der alten Mutter sich
-aufhielt und in aufgeputzten Kleidern einherstolzierte. Mutter und
-Tochter waren nun sehr verarmt, und so gingen sie denn als Nachbarn
-täglich in die karamasoffsche Küche, wo sie Suppe und Brot bekamen.
-Marfa Ignatjewna gab es ihnen gern. Und die Tochter kam wohl zum Essen
-holen, verkaufte aber kein einziges ihrer teuren Kleider, von denen
-eines sogar eine riesenlange Schleppe haben sollte. Dieses letztere
-hatte Aljoscha ganz zufällig von seinem Freunde Rakitin gehört, dem
-wirklich alles in der Stadt bekannt war, und hatte es, nachdem er es
-gehört, natürlich sofort wieder vergessen. Doch als er jetzt am Garten
-dieser Nachbarin vorüberging, fiel ihm plötzlich wieder die Schleppe
-ein; er erhob seinen nachdenklich gesenkten Kopf und ... hatte eine ganz
-unerwartete Begegnung.
-
-Hinter dem Zaun stand, auf irgend etwas hinaufgestiegen, bis zur Brust
-über dem Zaunrand, sein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, der ihm mit den
-Armen aus allen Kräften irgendwelche Zeichen machte, ihn augenscheinlich
-heranwinkte, doch wie es schien, nicht nur zu rufen, sondern auch nur
-ein Wort laut zu sprechen sich fürchtete. Aljoscha ging schnell zum
-Zaun.
-
-„Gut, daß du selbst aufblicktest, sonst hätte ich dich womöglich noch
-anrufen müssen,“ flüsterte ihm hastig und erfreut Dmitrij Fedorowitsch
-zu. „Spring rüber! Schnell! Ach, wirklich großartig, daß du gekommen
-bist. Ich habe die ganze Zeit nur an dich gedacht ...“
-
-Aljoscha war gleichfalls erfreut, nur wußte er nicht, wie er es
-anstellen sollte, über den Zaun zu kommen. Doch Mitjäs Reckenhand
-ergriff schon seinen Ellenbogen, um beim kühnen Sprung zu helfen.
-Aljoscha nahm seine Kutte auf und sprang mit der Gewandtheit eines
-barfüßigen Straßenbengels über den Zaun.
-
-„So, famos, gehen wir!“ stieß Mitjä leise entzückt hervor.
-
-„Wohin?“ fragte gleichfalls leise Aljoscha, der sich nach allen Seiten
-umblickte und sich in einem völlig verlassenen Garten sah, in dem außer
-ihnen niemand zu sehen war. Der Garten war klein, doch immerhin war das
-Häuschen mehr als fünfzig Schritt von ihnen entfernt. „Aber hier ist
-doch kein Mensch, warum flüsterst du?“
-
-„Warum ich flüstere? Ach, ja, Teufel noch eins!“ rief plötzlich Dmitrij
-Fedorowitsch mit voller, lauter Stimme: „Ja, warum flüsterte ich nur? Da
-siehst du’s selbst, wie dumm man zuweilen ist. Ich bin heimlich
-hergekommen und bewache ein Geheimnis. Die Erklärung wird gleich folgen.
-Da nun hierbei so viel Geheimnis war, fing ich auch geheimnisvoll,
-wollte sagen, nur ganz leise zu sprechen an und flüsterte wie ein Esel,
-während das doch gar nicht nötig ist. Gehen wir! Siehst du, dorthin! Bis
-dahin sei still. Ach, küssen will ich dich!
-
- Heil dem Höchsten in der Welt,
- Heil dem Höchsten auch in mir ...
-
-Das habe ich vorhin die ganze Zeit hier auf der Bank wiederholt, bevor
-du kamst ...“
-
-Der Garten war ziemlich groß und nur ringsum am Zaun mit Bäumen
-bepflanzt, mit Apfelbäumen, Ahorn, Linden und Birken. In der Mitte des
-Gartens war ein freier, grüner Platz, eine Wiese, von der im Sommer
-einige Pud Heu geerntet wurden. Vom Frühling bis zum Herbst wurde dieser
-Garten von der Besitzerin für ein paar Rubel vermietet. Es waren dort
-auch einige Beete mit verschiedenen Sträuchern: Stachelbeeren,
-Johannisbeeren und Himbeerstauden, doch zogen die sich gleichfalls längs
-des Zaunes hin, und beim Hause waren dann noch ein paar Gemüsebeete.
-Dmitrij Fedorowitsch führte seinen Bruder in die vom Hause entfernteste
-Ecke des Gartens. Dort bemerkte Aljoscha plötzlich zwischen alten
-Linden, dichtem Holundergebüsch und spanischem Flieder eine uralte,
-schiefe Laube, unter deren Bretterdach, das nicht mehr grün, sondern
-schon schwarz war, man immerhin noch vor dem Regen hätte Schutz finden
-können. Diese Laube war, Gott weiß wann, vielleicht vor fünfzig Jahren
-gebaut worden, von dem früheren Besitzer des Häuschens, Alexander
-Karlowitsch von Schmidt, einem Oberstleutnant a. D., wie man sich
-erzählte. Doch alles war schon verfault: Die Bohlen wackelten, und es
-roch nach feuchtem Holz. In der Mitte stand auf eingerammtem Pfosten ein
-noch etwas grüner Tisch, um den auf gleichfalls eingerammten Pflöcken
-drei Bänke standen. Aljoscha war sofort die gehobene Stimmung seines
-Bruders aufgefallen – als sie jetzt in die Laube traten, bemerkte er auf
-dem Tisch eine halbe Flasche Kognak und ein Gläschen.
-
-„Ja, das ist Kognak!“ sagte Mitjä lachend, „du aber fragst dich schon:
-‚Sollte er wieder trinken?‘ Glaube nicht dem Phantom.
-
- Glaube nicht der stumpfen Masse,
- Oh, vergiß die Zweifel alle ... usw.
-
-Ich trinke nicht, ich ‚nasche‘ bloß, wie dein Freund, das Schwein
-Rakitin, sagt, der angehende Staatsrat. Setze dich. Aljoscha, ich würde
-dich jetzt am liebsten einfach so nehmen und an mein Herz pressen, aus
-allen Kräften würde ich dich an mich drücken, denn ... im Grunde –
-begreifst du das? – im Grunde – behalte das! – liebe ich auf der ganzen
-Welt nur dich allein!“
-
-Er sprach die letzten Worte fast wie in einem Rausch, wie in Verzückung.
-
-„Nur dich allein und dann noch eine ‚Niederträchtige‘, in die ich mich
-verliebt habe, und durch die ich verloren bin. Doch sich verlieben,
-heißt nicht lieben. Sich in jemanden verlieben kann man auch, wenn man
-ihn haßt. Behalte das! Jetzt spreche ich vorläufig noch mit heiterer
-Miene! Setze dich dorthin, hinter den Tisch. Ich werde mich hierher
-neben dich setzen, dich betrachten und die ganze Zeit sprechen. Du
-sollst schweigen, ich aber werde alles erzählen, denn jetzt ist es Zeit
-dazu. Aber, weißt du, ich glaube, es ist doch besser, wenn wir leise
-sprechen, denn hier ... hier ... können überall die unerwartetsten Ohren
-horchen. Ich werde alles erklären. Wie gesagt: Erklärung folgt. Warum
-nur sehnte ich mich nach dir, warum nur erwartete ich dich in all diesen
-Tagen? – Ich habe mich hier doch schon seit fünf Tagen verankert. – Alle
-diese Tage? Weil ich nur dir allein alles sagen kann, dir allein, das
-ist es ja, denn ich brauche dich, denn morgen werde ich aus den Wolken
-herabfliegen, denn morgen wird das Leben enden und neu beginnen ... Hast
-du es jemals gefühlt, oder weißt du, wie das ist, wenn man im Traum von
-einem Berge in ein tiefes, dunkles Loch fällt? Nun, auch ich fliege
-jetzt hinab, doch nicht im Traum. Fürchte mich aber nicht, und auch du
-sollst dich nicht fürchten. Das heißt, ich fürchte mich wohl, aber es
-ist – so süß. Das heißt, nicht süß, sondern ein Rausch des Entzückens
-... Ach, nun hol’s der Teufel, einerlei, was das ist. Stark oder schwach
-oder weibisch – einerlei! Besingen wir lieber die Natur! Sieh, wieviel
-Sonne hier ist, der Himmel so rein, so hell und hoch, die Blätter sind
-noch alle grün, ganz wie im Sommer. Vier Uhr nachmittags, diese Stille!
-... Wohin wolltest du gehen?“
-
-„Zum Vater, und zuerst wollte ich noch zu Katerina Iwanowna gehen.“
-
-„Zu ihr und zum Vater! Herrgott! Das ist mir mal ein Zusammentreffen!
-Ja, warum rief ich dich denn, warum ersehnte ich dich, warum dürstete
-und lechzte ich denn mit allen Ecken und Kanten meiner Seele gerade nach
-dir? Um dich von mir gerade zum Vater und dann zu ihr, zu Katerina
-Iwanowna, zu schicken und damit die ganze Geschichte zu beenden, mit ihr
-wie mit ihm! Ich hätte ja einen jeden schicken können, aber ich wollte
-nur einen Engel schicken. Und siehe, du wolltest von selbst zu ihr und
-zum Vater gehen!“
-
-„Wolltest du mich wirklich schicken?“ fragte hastig mit einem
-krankhaften Gesichtsausdruck Aljoscha, fast gegen seinen Willen.
-
-„Wart, – du wußtest es doch. Ich sehe schon, daß du bereits alles
-begriffen hast. Aber sage noch nichts, schweige. Bedaure nicht und weine
-nicht!“
-
-Dmitrij Fedorowitsch erhob sich nachdenklich und legte den Finger an die
-Stirn:
-
-„Sie muß dich selbst gerufen haben, sie hat dir einen Brief geschrieben
-oder vielleicht sonst etwas, darum wolltest du zu ihr gehen, denn sonst
-wäre es dir doch nicht eingefallen?“
-
-„Ja, sie hat mir geschrieben, hier,“ sagte Aljoscha und zog den Brief
-aus der Tasche. Mitjä durchflog ihn schnell.
-
-„Und du gingst durch die Hinterstraßen! O Götter, ich danke euch, daß
-ihr ihn durch die Hinterstraßen und mir in die Arme führtet, wie das
-goldene Fischlein dem alten, törichten Fischer im Märchen. Höre,
-Aljoscha, Freund und Bruder. Jetzt will ich dir alles sagen. Denn irgend
-jemandem muß man es doch sagen. Dem himmlischen Engel habe ich es schon
-gesagt, jetzt muß ich es auch dem irdischen Engel sagen. Das bist du. Du
-wirst es anhören, du wirst dann urteilen, und du wirst verzeihen ...
-Gerade das aber habe ich nötig, daß mir ein höheres Wesen verzeiht.
-Höre: Wenn sich zwei Wesen plötzlich von allem Irdischen losreißen und
-irgendwohin in etwas Unbekanntes fliegen, oder wenigstens einer von
-ihnen, und kurz vorher, also – vor dem Aufbruch oder dem Verderben zum
-anderen geht und ihm sagt: Tue das und das für mich, etwas, worum man
-sonst nie bittet oder höchstens auf dem Sterbebett, – würde der es dann
-wirklich verweigern ... wenn er sein Freund, sein Bruder ist?“
-
-„Ich werde es tun,“ sagte Aljoscha, „sage nur, was es ist, und sage es
-etwas schneller.“
-
-„Schneller ... Hm. Beeile dich nicht so, Aljoscha. Du beeilst dich und
-bist unruhig. Jetzt hat’s keine Eile mehr. Jetzt ist die Welt in eine
-neue Bahn gelenkt. Ach, Aljoscha, schade, daß du noch nie bis zur
-Begeisterung gedacht hast! Doch, übrigens, was sage ich? Du sollst etwa
-nicht bis zur Begeisterung gedacht haben! Wovon rede ich Dummkopf?
-
- ‚Edel sei der Mensch!‘
-
-– Wer hat das gesagt?“
-
-Aljoscha beschloß zu warten. Er sah ein, daß er jetzt hier vielleicht am
-nötigsten war. Mitjä sann einen Augenblick nach, den Ellenbogen auf den
-Tisch und den Kopf in die Hand gestützt. Beide schwiegen sie.
-
-„Ljoscha,“ sagte plötzlich Mitjä, „nur du allein wirst nicht lachen! Ich
-würde am liebsten meine ... Beichte ... mit Schillers Hymne an die
-Freude beginnen ... Aber ich verstehe kein Deutsch, weiß nur, daß sie
-‚An die Freude!‘ heißt. Denk nicht, daß ich betrunken bin und darum so
-schwatze. Ich bin durchaus nicht betrunken. Kognak ist Kognak, doch ich
-brauche zwei Flaschen, um mich anzutrinken, –
-
- Silen der feiste, kahlköpfige,
- Ritt trunken auf stolperndem Esel ...
-
-ich aber habe noch keine Viertelflasche getrunken und bin nichts weniger
-als Silen. Bin nicht trunken, wohl aber bin ich stark, denn ich habe auf
-ewig meinen Entschluß gefaßt. Verzeih mir die dummen Gedichte ... Heute
-wirst du mir vieles verzeihen müssen und nicht nur Gedichte. Beunruhige
-dich nicht, ich bin ganz ruhig und werde sofort zur Sache kommen. Will
-aus meiner Seele keine Mördergrube machen. Wart, wie war doch dieses
-Gedicht ...“
-
-Er erhob den Kopf, sann ein wenig nach, und plötzlich begann er
-begeistert:
-
- Scheu in des Gebirges Klüften
- Barg der Troglodyte sich;
- Der Nomade ließ die Triften
- Wüste liegen, wo er strich.
- Mit dem Wurfspieß, mit dem Bogen
- Schritt der Jäger durch das Land;
- Weh dem Fremdling, den die Wogen
- Warfen an den Unglücksstrand!
-
- Und auf ihrem Pfad begrüßte,
- Irrend nach des Kindes Spur,
- Ceres die verlass’ne Küste,
- Ach, da grünte keine Flur!
- Daß sie hier vertraulich weile,
- Ist kein Obdach ihr gewährt;
- Keines Tempels heitre Säule
- Zeuget, daß man Götter ehrt.
-
- Keine Frucht der süßen Ähren
- Lädt zum reinen Mahl sie ein,
- Nur auf gräßlichen Altären
- Dorret menschliches Gebein.
- Ja, so weit sie wandernd kreiste,
- Fand sie Elend überall,
- Und in ihrem großen Geiste
- Jammert sie des Menschen Fall.
-
-Ein Schluchzen rang sich aus Mitjäs Seele heraus, und er umklammerte
-Aljoschas Hand.
-
-„Freund, mein Freund, gesunken ist der Mensch, tief gesunken! Der Mensch
-hat so viel Qualen auf der Erde zu ertragen, hat so viel im Leben zu
-leiden! Glaub nicht, daß ich nur ein Narr im Offiziersrock bin, einer,
-der Kognak trinkt und ausschweifend lebt. Freund, denke ich doch fast an
-nichts anderes, als an diesen erniedrigten Menschen – wenn ich nicht
-lüge. Gott, laß mich jetzt nicht lügen, nicht mich selbst loben! Ich
-denke an diesen Menschen, weil ich selbst so ein Mensch bin.
-
- Daß der Mensch zum Menschen werde,
- Stift er einen ew’gen Bund
- Gläubig mit der frommen Erde,
- Seinem mütterlichen Grund ...
-
-Nur sage mir jetzt: Wie soll ich mich auf ewig mit der Erde verbinden?
-Ich küsse doch nicht die Erde, ich schneide ihr doch nicht die Brust
-auf; oder soll ich etwa ein Bauer werden und pflügen oder ein Hirt? Ich
-gehe und lebe und weiß nicht: Bin ich in Schande und Gestank geraten
-oder ins Licht und in die Freude? Siehst du, das ist mein Unglück, denn
-alles auf der Welt ist Rätsel! Und wenn es vorkam, daß ich mich in die
-tiefste, allertiefste Schmach der Ausschweifung warf (das aber kam so
-häufig vor, daß es eigentlich ununterbrochen geschah), so sagte ich
-immer dieses Gedicht von der Ceres vor mich hin. Ob es mich besser
-machte? Niemals! Denn ich bin ein Karamasoff. Und wenn ich schon einmal
-in den Abgrund fliege, so fliege ich mit dem Kopf voran und den Fersen
-nach oben, und ich bin sogar zufrieden damit, daß ich in einer so
-erniedrigenden Stellung falle, und finde das schön für mich. Und siehe:
-Gerade in dieser Schmach und Schande stimme ich dann plötzlich die Hymne
-an. Mag ich verflucht sein, mag ich niedrig und gemein sein, doch laßt
-auch mich den Saum jenes Gewandes küssen, in das sich mein Gott hüllt;
-mag ich auch zur selben Zeit dem Teufel folgen, so bin ich doch dein
-Sohn, Herr, und liebe dich und fühle eine Freude, ohne die die Welt
-nicht stehen und nicht sein könnte.
-
- Freude trinken alle Wesen
- An den Brüsten der Natur;
- Alle Guten, alle Bösen
- Folgen ihrer Rosenspur.
- Küsse gab sie uns und Reben,
- Einen Freund, geprüft im Tod;
- Wollust ward dem Wurm gegeben
- Und der Cherub steht vor Gott.
-
-Doch nun Schluß mit den Gedichten! Ich vergoß vorhin Tränen, aber du,
-laß mich ruhig weinen. Mag das auch eine Dummheit sein, über die alle
-lachen würden, nur du lache nicht. Wie deine Augen brennen, Ljoscha!
-Doch nun, wie gesagt, Schluß mit den Gedichten. Ich will dir jetzt von
-dem Wurme erzählen, von diesem selben, den die Erde mit Wollust
-beschenkt hat ... Weißt du, mein Freund, dieser Wurm, das bin ja ich,
-ich selbst, und das ist ganz speziell nur von mir gesagt. Und wir alle,
-wir Karamasoffs, sind alle so, und auch in dir, du keuscher Knabe, lebt
-dieser Wurm und gebiert schon Stürme in deinem Blut. Das – sind Stürme,
-denn die Wollust ist – Sturm, mehr als Sturm! Die Schönheit ist ein
-furchtbares und schreckliches Ding! Furchtbar, weil sie unbestimmbar
-ist, und bestimmen kann man sie nicht, weil Gott nur Rätsel gegeben hat.
-Hier nähern sich die Ufer; hier leben alle Widersprüche beisammen. Weißt
-du, Freund, ich bin sehr ungebildet, aber ich habe viel darüber
-nachgedacht. Es gibt so furchtbar viel Geheimnisse! Zu viele Rätsel
-bedrücken den Menschen auf Erden. Da heißt es, sie lösen, so gut man’s
-kann, und trocken aus dem Wasser kommen. Die Schönheit! Ich kann es
-nicht ertragen, wenn jemand – meistens sind es sogar Männer mit edlem
-Herzen und hohem Verstand – mit dem Ideal der Madonna beginnt und bei
-dem Weibe Sodoms endet. Noch furchtbarer aber ist, wer mit dem Ideale
-Sodoms in der Seele doch das Ideal der Madonna nicht verneint, nach der
-sein Herz lechzt und glüht; wahrlich, wahrlich, es glüht und sehnt sich
-nach ihr, wie in der Jugend, in den noch lasterlosen Jahren. Nein, weit
-ist der Mensch, sogar allzuweit, ich würde ihn enger machen. Weiß der
-Teufel, was er eigentlich ist! Was dem Verstande Schmach scheint,
-erscheint dem Herzen gewöhnlich als Schönheit. Ist denn in Sodom
-Schönheit? Glaube mir, für die übergroße Mehrzahl der Menschen sitzt sie
-gerade in Sodom, – wußtest du schon um dieses Geheimnis oder nicht?
-Schrecklich ist das eine, daß die Schönheit nicht nur etwas Furchtbares,
-sondern auch etwas Geheimnisvolles ist. Hier ringen Gott und Teufel, und
-der Kampfplatz – ist des Menschen Herz ... Übrigens, das ist ja immer
-so: Was einem weh tut, davon redet man. Höre, jetzt komme ich zur Sache.
-
-
- IV.
- Die Beichte eines heißen Herzens.
- In Prosa
-
-„Ich führte dort ein wüstes Leben. Papa sagte vorhin beim Staretz, ich
-hätte mehrere Tausende für die Verführung ehrsamer Mädchen verschwendet.
-Das ist eine schweinische Verleumdung, niemals habe ich das getan. Was
-aber auch geschah, so bedurfte es ‚dazu‘ – eigentlich nie Geld. Geld,
-das ist bei mir – _accessoire_, ich weiß nicht was, es muß nur vorhanden
-sein. Heute ist eine vornehme Dame meine Liebe, morgen an ihrer Stelle
-ein kleines Straßenmädel. Ich liebe diese wie jene, werfe das Geld mit
-vollen Händen hinaus, bestelle Musik, Zigeuner. Wenn sie welches
-braucht, gebe ich natürlich auch ihr, denn sie nehmen es, und wie noch,
-das muß man allerdings zugeben, und zufrieden sind sie und dankbar.
-Viele Damen haben mich geliebt, nicht alle, aber doch viele, viele; ich
-aber liebte immer Winkelgassen, einsame, dunkle Sackgassen, – dort, dort
-gibt es Abenteuer, dort findet man Unerwartetes, dort wachsen
-berauschende Blumen im Schmutz. Ich meine das allegorisch, Freund. In
-unserem Städtchen gab es solche Winkelgassen nicht in Wirklichkeit,
-dafür aber gab es sie in anderer Beziehung. Wenn du wärest, was ich bin,
-so würdest du begreifen, was diese letzteren bedeuten. Ich liebte die
-Ausschweifung, liebte auch den Schmutz der Ausschweifung. Ich liebte die
-Grausamkeit; bin ich denn kein blutsaugendes Tier, kein bösartiger Wurm?
-Wie gesagt – bin Karamasoff! Einmal im Winter arrangierte die ganze
-Gesellschaft ein Picknick; wir fuhren in Troiken hinaus; in der
-Dunkelheit, im Schlitten begann ich das kleine Händchen des jungen
-Mädchens, das bei mir saß, zu drücken, und zwang sie zu Küssen. Sie war
-die Tochter eines Beamten, ein armes, liebes, sanftes Ding war’s. Sie
-erlaubte es, vieles erlaubte sie in der Dunkelheit. Die arme Kleine
-glaubte wohl, daß ich am nächsten Tage zu ihnen kommen würde, um einen
-Heiratsantrag zu machen, denn vor allen Dingen schätzte man mich doch
-als Heiratskandidaten. Ich aber sprach darauf fünf Monate kein Wort mehr
-mit ihr, keine Silbe. Wohl sah ich, wie an Tanzabenden – wir taten doch
-überhaupt nichts anderes als tanzen – aus der Saalecke mich ihre Augen
-verfolgten, o, ich sah, wie sie brannten – im Feuer heiligen Unwillens.
-Doch dieses Spiel ergötzte meine Wollust, ergötzte den Wurm, den ich in
-mir nährte. Nach fünf Monaten heiratete sie einen Beamten und fuhr fort
-... in Haß und – vielleicht immer noch in Liebe zu mir. Jetzt leben sie
-glücklich. Hatte ich doch niemandem etwas davon gesagt, das behalte, ich
-hatte sie nicht in üblen Ruf gebracht; denn wenn ich auch niedrige
-Wünsche habe und das Niedrige liebe, so bin ich doch nicht ehrlos. Du
-errötest, und deine Augen blitzen wieder. Nun, es ist auch genug für
-dich – genug von diesem Schmutz. Und das ist doch alles noch so:
-pauldekocksche Blümchen, obgleich der grausame Wurm schon wuchs, schon
-in der Seele wucherte. Hier gibt es ein ganzes Album Erinnerungen,
-Freund. Mag Gott ihnen, den lieben Kleinen, Gesundheit schicken! Ich
-liebte es, beim Abschied ohne Groll auseinanderzugehen. Und niemals
-erzählte ich etwas, keine einzige brachte ich in schlechten Ruf. Doch
-genug. Glaubst du wirklich, daß ich dich nur wegen dieser Dummheiten
-hergerufen habe? Nein, ich werde dir eine interessantere Geschichte
-erzählen; doch wundere dich nicht, daß ich mich nicht vor dir schäme und
-scheinbar noch froh bin.“
-
-„Das sagst du jetzt, weil ich erröte,“ bemerkte Aljoscha plötzlich.
-„Nicht wegen deiner Worte erröte ich und nicht wegen deiner Taten,
-sondern weil ich dasselbe bin, was du bist.“
-
-„Wer, – du? Nun, da hast du etwas weit vorbeigetroffen.“
-
-„Nein, durchaus nicht so weit,“ sagte eifrig Aljoscha. (Augenscheinlich
-hatte er diesen Gedanken schon lange gehabt.) „Es sind ein und dieselben
-Stufen; ich bin noch auf der niedrigsten, du aber bist schon oben, sagen
-wir, auf der dreißigsten. So sehe ich die Sache an, jawohl, es ist ein
-und dasselbe, vollkommen gleich. Wer die unterste Stufe betritt, der
-wird unbedingt auch einmal auf die oberste treten.“
-
-„So ist es wohl am besten, sie überhaupt nicht zu betreten?“
-
-„Wer es kann, ja – der sollte sie überhaupt nicht betreten.“
-
-„Du aber – kannst du das?“
-
-„Ich glaube, nicht.“
-
-„Schweig, Aljoscha, schweig, Liebling, ich möchte deine Hand küssen, so,
-aus Rührung. Dieser Racker Gruschenka ist wirklich ein Menschenkenner –
-sie sagte mir vor nicht langer Zeit, sie werde dich irgendeinmal
-fressen! Doch ich schweige schon, schweige schon! Gehen wir jetzt von
-dem Häßlichen, diesem Fliegenschmutz, zu meiner Tragödie über, die
-gleichfalls von Fliegen beschmutzt ist, ich meine, von Gemeinheiten
-aller Art. Die Sache ist nämlich die: Wenn der Alte auch beim Staretz
-das von der Verführung ehrsamer Mädchen gelogen hat, so war es doch im
-Grunde in meiner Tragödie genau so – nur war es das einzige Mal, und
-auch da kam es nicht dazu. Der Alte aber weiß von dieser Geschichte
-nichts: Ich habe sie niemandem erzählt; du bist der erste, der sie hört,
-natürlich abgesehen von unserem Bruder Iwan, Iwan weiß alles. Er weiß es
-schon längst; aber Iwan ist ein – Grab.“
-
-„Iwan ein – Grab?“
-
-„Ja.“
-
-Aljoscha hörte mit größter Spannung zu.
-
-„In jenem Bataillon, im Linienregiment, in dem ich nach dem Duell stand,
-war ich doch gewissermaßen unter Aufsicht, selbst als Fähnrich wurde ich
-wie etwa ein Verschickter behandelt. Das Städtchen aber nahm mich mit
-offenen Armen auf. Geld verschwendete ich sehr viel; man glaubte, daß
-ich reich sei, und ich glaubte es ja auch selbst. Aber, weißt du, ich
-gefiel ihnen, wie es schien, noch durch etwas anderes. Wenn sie auch die
-Köpfe schüttelten, so liebten sie mich doch wirklich aufrichtig.
-Plötzlich aber hatte mein Oberstleutnant etwas gegen mich. Er suchte mir
-immer etwas anzuhängen, ich aber war vollkommen im Recht, und die ganze
-Stadt stand für mich, so konnte er mich nicht allzusehr schikanieren.
-Natürlich lag die Schuld an mir; ich erwies ihm absichtlich nicht die
-schuldige Ehrerbietung; war stolz. Dieser alte Starrkopf, der übrigens
-durchaus kein übler Mensch, sondern ein gutmütiger, gastfreier, älterer
-Herr war, hatte zweimal geheiratet, doch beide Frauen waren schon
-gestorben. Die erste war einfacher Herkunft gewesen und hatte ihm nur
-eine Tochter hinterlassen, die gleichfalls ziemlich einfach aussah; sie
-war damals schon ein vierundzwanzigjähriges Mädchen und lebte mit ihrer
-Tante, der Schwester ihrer Mutter, beim Vater. Die Tante war eine
-schweigsame Person, ihre Nichte jedoch, also die älteste Tochter meines
-Oberstleutnants, war das temperamentvolle Gegenteil. Weißt du, Liebling,
-ich sage gern ein gutes Wort, wenn ich an jemanden zurückdenke: Niemals
-habe ich einen Frauencharakter gesehen, der prächtiger gewesen wäre als
-der Charakter dieses Mädchens, Agafja hieß sie, Agafja Iwanowna. Ja, und
-an sich sah sie gar nicht übel aus, für russischen Geschmack –
-hochgewachsen, stark, fest gebaut, prachtvolle Augen, das Gesicht
-allerdings etwas einfach. Sie heiratete nicht, obgleich zwei bei ihr
-ansprachen, sie lehnte vielmehr ab, verlor aber nicht ihr heiteres
-Gemüt. Wir traten uns beide näher – doch nicht in diesem Sinne, nein, es
-war rein, einfach freundschaftlich. Bin ich doch häufig Frauen ganz
-sündenlos nähergetreten, eben wie ein Freund. Schwatzte mit ihr so
-aufrichtig, Herrgott! – sie aber lachte nur. Viele Frauen lieben solche
-Aufrichtigkeit, behalte das, sie aber war doch noch ein junges Mädchen,
-was mich ungemein amüsierte. Und dann noch eines: Man konnte sie
-unmöglich gnädiges Fräulein nennen. Sie und ihre Tante lebten beim
-Vater, doch wie soll ich sagen, sie erniedrigten sich selbst freiwillig,
-stellten sich jedenfalls mit der ganzen übrigen Gesellschaft nicht auf
-gleichen Fuß. Alle hatten sie gern und hatten sie nötig, denn was die
-Schneiderkunst anbetrifft, war sie eine Autorität: hatte wirklich
-Talent; Geld nahm sie natürlich nicht für ihre Hilfe, machte man ihr
-aber Geschenke, so nahm sie diese an und freute sich. Der Oberstleutnant
-aber, o – der! Der war die erste Persönlichkeit der Stadt, lebte auf
-großem Fuß, gab Diners und Bälle. Als ich hinkam, sprach man gerade in
-der ganzen Stadt davon, daß bald auch seine zweite Tochter, die schönste
-aller Schönheiten, aus der Hauptstadt zum Besuch nach Hause kommen
-werde, da sie dort soeben ihr aristokratisches Institut verlassen hätte.
-Diese zweite Tochter nun – das war Katerina Iwanowna, sein einziges Kind
-von der zweiten Frau. Diese seine zweite Frau war aus vornehmem Hause
-gewesen, Tochter eines angesehenen Generals, glaube ich; doch hatte sie,
-wie ich genau weiß, kein Geld in die Ehe gebracht. Also mußte sie dafür
-eine gute Verwandtschaft gehabt haben und vielleicht noch irgendwelche
-Hoffnungen auf Erbschaften, aber bar jedenfalls nichts. Damals war sie,
-wie gesagt, schon tot, und er war Witwer. Als aber dann die Tochter
-ankam, nur zum Besuch, nicht auf immer, belebte sich sofort die ganze
-Stadt, sogar unsere vornehmsten Damen – zwei Exzellenzen, die Frau des
-Obersten und alle, die nach ihnen kamen, rissen sich geradezu um sie.
-Sie war die Königin der Bälle; man arrangierte für sie Ausfahrten,
-Schlittenpartien, lebende Bilder zum Besten armer Gouvernanten usw. Ich
-schwieg, ich führte mein Leben unverändert so fort, und gerade damals
-schoß ich so ein besonderes Stückchen los, daß die ganze Stadt auf dem
-Kopf stand. Ich sehe, sie mißt mich einmal so mit dem Blick, auf dem
-Balle beim Batteriekommandeur war’s; ich aber ließ mich noch immer nicht
-vorstellen: Nun, verschmähte es, ihre Bekanntschaft zu machen. Erst nach
-einiger Zeit ließ ich mich vorstellen, begann ein Gespräch; sie
-antwortete kaum, verzog nur spöttisch verächtlich die Lippen. Warte,
-denke ich, dafür werde ich mich rächen! Vor allen Dingen fühlte ich, daß
-Katjenka nicht etwa ein unschuldiges Pensionsdämchen war, sondern eine
-Persönlichkeit mit Charakter, ein stolzes, doch wirklich edles Weib, und
-zwar ein kluges und gebildetes – ich aber war weder klug noch edel. Du
-glaubst, ich beabsichtigte damals ihr einen Heiratsantrag zu machen?
-Fiel mir nicht ein! Ich wollte mich ganz einfach dafür rächen, daß sie
-mich, der ich doch solch ein famoser Bursche war, absichtlich nicht
-beachtete. Inzwischen ging mein Leben unverändert weiter, lebte _in
-dulci jubilo_. Schließlich gab mir mein Oberstleutnant drei Tage
-Stubenarrest, und gerade in dieser Zeit schickte mir der Alte von hier
-aus sechstausend Rubel, nachdem ich den formellen Verzicht auf alles und
-jedes geleistet hatte, ich meine, daß wir quitt seien und daß ich nichts
-mehr verlangen werde. Ich begriff damals keinen Deut von der ganzen
-Geldgeschichte mit dem Vater. Offen gestanden, bis ich herkam, begriff
-ich noch immer nichts, vielleicht bis zu diesen letzten Tagen,
-vielleicht aber begreife ich auch heute noch nichts davon. Doch zum
-Teufel damit, davon später. Damals aber, als ich diese Sechstausend
-erhalten hatte, erfuhr ich plötzlich durch einen Freund – er schrieb mir
-einen Brief – eine für mich ungemein interessante Sache, nämlich, daß
-man mit unserem Oberstleutnant nicht ganz zufrieden war, daß man ihn
-sogar im Verdacht hätte, das Regimentsgeld zu anderen Zwecken zu
-verwenden, kurz – seine Feinde bereiteten ihm eine Überraschung vor, und
-wirklich, alsbald kam der Divisionsgeneral und wusch ihm ganz
-unglaublich den Kopf. Ziemlich kurze Zeit darauf, bekam er den Befehl,
-sein Abschiedsgesuch einzureichen. Ich will mich hier nicht weiter bei
-den Einzelheiten aufhalten, wie alles herauskam, und so weiter und so
-weiter, er hatte wirklich viele Feinde. Man bemerkte sofort, daß alle
-ungemein kühl gegen ihn und seine ganze Familie wurden und sich dann
-plötzlich von ihm zurückzogen. Nun, und so kam es denn zu meinem ersten
-‚Scherz‘: Zufällig treffe ich Agafja Iwanowna, mit der ich immer gut
-Freund war, und plötzlich sage ich zu ihr: ‚Wissen Sie, Ihrem Vater
-fehlen viertausendfünfhundert Rubel Krongelder.‘ – ‚Was sagen Sie? Wie
-kommen Sie darauf? Vor kurzem war noch der General hier, und es fehlte
-doch nichts ...‘ – ‚Damals nicht, doch jetzt fehlen sie in der Kasse.‘
-Sie erschrak natürlich furchtbar: ‚Ängstigen Sie mich, bitte, nicht; wer
-hat es Ihnen gesagt?‘ – ‚Beunruhigen Sie sich nicht,‘ sage ich, ‚ich
-werde es niemandem sagen, Sie wissen doch selbst, daß ich in der
-Beziehung ein Grab bin, doch hören Sie, was ich Ihnen in dieser
-Angelegenheit noch sagen will, nur so „auf alle Fälle“: Wenn man von
-Ihrem Vater die viertausendfünfhundert Rubel verlangt, er sie aber nicht
-hat, so schicken Sie lieber, anstatt ihn auf seine alten Tage noch vors
-Gericht und dann als Soldat nach Sibirien zu bringen, schicken Sie dann
-lieber Ihre Schwester Katerina Iwanowna heimlich zu mir; man hat mir
-gestern mein Geld gesandt, ich würde ihr dann gerne die
-viertausendfünfhundert geben und das Geheimnis hoch und heilig
-bewahren.‘ – ‚Ach,‘ sagte sie, ‚wie gemein Sie sind,‘ – sie sagte es
-gerade so – ‚wie niederträchtig gemein! Wie wagen Sie es, so etwas zu
-sagen!‘ Sie ging maßlos empört fort; ich aber rief ihr noch einmal nach,
-daß ich das Geheimnis heilig halten werde. Diese beiden Weiber, die
-Agafja und ihre Tante – das schicke ich voraus –, erwiesen sich in
-dieser ganzen Geschichte als die reinen Engel; die Schwester aber, die
-stolze Katjä, wurde von ihnen geradezu vergöttert, sie erniedrigten sich
-freiwillig vor ihr, waren fast ihre Kammerzofen. Selbstverständlich
-hatte ihr damals Agafja diese Geschichte – ich meine, unser Gespräch –
-sofort wiedererzählt. Das erfuhr ich später ganz genau. Sie
-verheimlichte es also nicht vor ihr! Nun wohl, das aber war’s ja gerade,
-worauf ich rechnete.
-
-„Da kommt nun mit einemmal der neue Major an, um das Bataillon zu
-übernehmen. Übernimmt es; doch siehe, der alte Oberstleutnant wird
-plötzlich krank, kann sich nicht bewegen, sitzt zweimal vierundzwanzig
-Stunden zu Haus und – übergibt nicht die Kasse. Unser Doktor
-Krawtschenko versicherte später, er sei wirklich krank gewesen; nur
-hatte ich schon längst unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit
-etwas anderes erfahren: daß die Summe jedesmal nach der Revision auf
-einige Zeit verschwand, und zwar schon seit vier Jahren. Der
-Oberstleutnant lieh sie nämlich dem ehrlichsten Menschen der Welt,
-unserem Kaufmann Trifonoff, einem alten Witwer mit langem Bart und
-goldener Brille. Jener fuhr dann auf die Jahrmärkte, setzte dort das
-Geld in Umsatz und händigte hernach dem Oberstleutnant die ganze Summe
-ungeschmälert wieder ein, brachte ihm Geschenke und Delikatessen mit,
-und mit den Delikatessen auch die Prozente. Diesmal aber – ich erfuhr es
-ganz zufällig von einem dummen Bengel, dem Söhnchen Trifonoffs, ja,
-seinem Söhnchen und Erben, dem verderbtesten Jungen, den die Welt je
-hervorgebracht –, diesmal aber war Trifonoff zurückgekehrt und hatte
-nichts wiedergegeben. Der Oberstleutnant stürzte natürlich zu ihm: ‚Wie,
-ich habe nichts von Ihnen erhalten,‘ war dessen Antwort, ‚und wie hätte
-ich überhaupt etwas von Ihnen erhalten können?‘ Nun, und da saß denn
-unser Oberstleutnant zu Haus, den Kopf mit einem Handtuch umwickelt;
-alle drei bemühten sie sich um ihn, legten ihm Eis an die Schläfen. Da
-kommt plötzlich eine Ordonnanz mit dem Buch und dem Befehl: ‚Sofort die
-Kasse übergeben, binnen zwei Stunden.‘ Er unterzeichnete – ich habe
-diese Unterschrift später selbst gesehen –, erhob sich, sagte, er wolle
-seine Uniform anziehen, ging in sein Schlafzimmer, nahm seine
-zweiläufige Jagdflinte, lud sie, nahm eine gute Soldatenkugel, zog den
-rechten Stiefel aus, stützte sich mit der Brust auf die Flinte und
-begann mit dem Fuß den Hahn zu suchen. Agafja aber, der meine Worte
-nicht aus dem Sinn gekommen waren, hatte schon so etwas Ähnliches
-erwartet und war zur rechten Zeit herangeschlichen. – Sie stürzte
-natürlich hinein, ergriff ihn hinterrücks: die Kugel flog in die Decke
-und verwundete niemanden. Nun, und dann kamen auch die anderen
-hinzugelaufen, ergriffen ihn, nahmen ihm die Flinte fort, hielten ihn
-fest ... Das erfuhr ich alles erst später ausführlich. Ich saß gerade zu
-Hause; es dämmerte bereits. Ich wollte ausgehen, hatte mich angezogen,
-frisiert, mein Taschentuch parfümiert, nahm schon meine Mütze, als
-plötzlich die Tür aufgeht, und – vor mir steht in meiner Wohnung
-Katerina Iwanowna ...
-
-„Es gibt sonderbare Zufälle: Niemand hatte es damals in der Dämmerung
-auf der Straße bemerkt, daß sie zu mir gekommen war. Ich aber wohnte bei
-zwei uralten Beamtenwitwen; zwei ehrerbietige, alte Weiber waren’s,
-gehorchten mir in allem und schwiegen später über diesen Besuch auf
-meinen Befehl wie zugenäht ... Natürlich begriff ich sofort alles. Sie
-trat herein und sah mich unbeweglich an. Ihre dunklen Augen blickten
-entschlossen, fast sogar herausfordernd, doch auf den Lippen und um den
-Mund herum, das sah ich, lag Unentschlossenheit.
-
-„‚Meine Schwester hat mir gesagt, Sie würden viertausendfünfhundert
-Rubel dafür geben – wenn ich selbst sie abholen käme ... ich selbst zu
-Ihnen. Ich bin gekommen ... geben Sie! ...‘ Sie konnte nicht mehr, der
-Atem blieb ihr stehen; sie erschrak, die Stimme versagte ihr, und die
-Mundwinkel und die Linien um die Lippen erzitterten. Aljoschka, hörst du
-– oder schläfst du?“
-
-„Mitjä, ich weiß, daß du die ganze Wahrheit sagen wirst,“ stieß Aljoscha
-erregt hervor.
-
-„Ja, die werde ich sagen ... Wenn ich die ganze Wahrheit sagen soll, so
-war es so, ich werde mich selbst nicht schonen. Der erste Gedanke war –
-ein Karamasoffscher. Weißt du, einmal hatte mich eine giftige Spinne
-gebissen, zwei Wochen lag ich darauf im Fieber; nun, so fühlte ich auch
-jetzt, wie eine giftige Spinne in mein Herz biß. Das heimtückische
-Insekt, begreifst du? Ich maß sie mit dem Blick vom Kopf bis zu den
-Füßen. Hast du sie gesehen? Schön ist sie! Doch nicht das machte damals
-ihre Schönheit aus. Schön war sie in jener Stunde dadurch, daß sie edel,
-ich aber ein Schuft war, daß sie stolz in ihrem hochherzigen Opfer für
-den Vater vor mir stand, ich aber ein scheußliches Insekt vor ihr war.
-Und von mir, dem Schuft und niedrigen Insekt, hängt sie _ganz_ ab, ganz,
-ganz und gar, mit Seele und Leib. Ganz, wie sie dort vor mir steht. Ich
-sage dir, Freund: Dieser Gedanke, dieser Gedanke der giftigen Spinne
-packte mein Herz dermaßen, daß es vor Qual vergehen wollte ... Man
-sollte meinen, einen Kampf hätte es überhaupt nicht mehr geben können:
-einfach wie eine boshafte Tarantel verfahren, ohne jedes Mitgefühl ...
-Ich glaubte zu ersticken. Hör, ich wäre doch sofort, am nächsten Tage
-schon, zu ihnen gefahren und hätte um ihre Hand gebeten, um das alles
-sozusagen in der anständigsten Weise zu decken, und somit hätte niemand
-etwas Schlechtes sagen können. Denn wenn ich auch ein Mensch mit
-niedrigen Begierden bin, so bin ich doch ehrenhaft, so habe ich doch
-meine Ehre. Und plötzlich, in derselben Sekunde, flüsterte mir etwas ins
-Ohr: ‚Aber morgen wird doch solch eine, wenn du mit dem Heiratsantrag
-kommst, dich überhaupt nicht empfangen, wird dich durch den Kutscher vom
-Hof treiben lassen‘: ‚Erzähl es doch der ganzen Stadt, wenn du willst,
-ich fürchte dich nicht!‘ – Ich blickte sie an: Meine Stimme hatte nicht
-gelogen: so würde es sein, selbstverständlich, genau so. Daß man mich
-morgen hinauswerfen werde, konnte ich schon jetzt an ihrem Gesichte
-sehen. Die Wut kochte in mir auf; mich überkam die Lust, das Gemeinste,
-Schweinischste zu begehen, wie es etwa die elende Krämerseele eines
-Ladenkaufmanns fertig gebracht hätte: sie spöttisch anzublicken und
-gleich hier noch, so lange, wie sie vor mir stand, ein paar Worte zu
-sagen, so mit einer gewissen Intonation, wie es nur ein Kaufmann zu
-sagen versteht:
-
-„‚Was – viertausend! Das fehlte noch! Ich habe doch nur gescherzt! Sie
-sind wirklich gar zu leichtgläubig, meine Gnädigste; zweihundert
-Rubelchen würde ich, nun, meinetwegen, noch mit Vergnügen und sehr gerne
-geben, aber viertausend, Fräuleinchen, sind doch kein Geld, das man für
-so leichtsinnige Sachen zum Fenster hinauswirft. Haben sich unnütz zu
-bemühen geruht.‘
-
-„Sieh, ich hätte dann natürlich alles verloren; sie wäre fortgelaufen,
-doch dafür wäre es teuflische Rache gewesen und hätte für alles andere
-entschädigt. Ich hätte freilich mein ganzes Leben lang vor Reue geweint.
-Aber nur jetzt ihr dieses Stückchen spielen! Glaubst du mir, kein
-einziges Mal war es mit mir geschehen, noch mit keinem einzigen Weibe,
-daß ich sie in solch einer Minute gehaßt hätte – doch glaube mir, sieh,
-ich bekreuze mich: auf diese aber blickte ich drei oder fünf Sekunden
-lang so haßerfüllt, mit solch einem Haß – mit demselben wütenden Haß,
-von dem es bis zur Liebe, zur sinnlosesten, wahnsinnigsten Liebe – nur
-ein Haarbreit ist! Ich trat ans Fenster, preßte die Stirn an das
-befrorene Glas, und ich weiß noch, das Eis brannte wie Feuer auf meiner
-Stirn. Ich hielt sie nicht lange auf, hab keine Angst, Bruder. Ich
-wandte mich wieder um, ging zum Tisch, schloß das Schubfach auf und nahm
-die fünftausendrublige Banknote _au porteur_ (sie lag in meinem
-französischen Lexikon). Ich zeigte sie ihr schweigend, schob sie in ein
-Kuvert, überreichte es ihr, öffnete ihr selbst die Tür zum Vorzimmer,
-trat darauf einen Schritt zurück und verneigte mich tief vor ihr in der
-ehrerbietigsten, aufrichtigsten Weise, glaub es mir! Sie fuhr zusammen,
-blickte mich starr eine Sekunde lang an, wurde dann furchtbar bleich,
-wie ein Handtuch, und plötzlich – gleichfalls ohne ein Wort zu sagen,
-doch nicht mit einem Ruck, sondern so weich kniete sie gerade vor mir
-nieder, verbeugte sich leise tief, tief – und – berührte mit der Stirn
-den Boden! Nicht etwa schulmädchenhaft, nein – russisch! Sie erhob sich
-und lief hinaus. Als sie hinausgelaufen war – weißt du, ich hatte den
-Säbel schon umgeschnallt –, riß ich meinen Säbel aus der Scheide und
-wollte mich erstechen. Warum? – Das weiß ich nicht, und es wäre
-natürlich eine furchtbare Dummheit gewesen, aber wahrscheinlich vor
-Begeisterung. Begreifst du auch, daß man sich vor Begeisterung, einer
-gewissen Art von Begeisterung, töten kann? Doch ich erstach mich nicht,
-ich küßte nur die Klinge und schob sie wieder in die Scheide – was ich
-übrigens jetzt auch nicht zu erwähnen brauchte. Ich glaube sogar, daß
-ich soeben in der Erzählung aller dieser Kämpfe etwas weitschweifig
-gewesen bin, um mich herauszustreichen. Aber ... nun schön, meinetwegen,
-mag’s auch so gewesen sein, der Teufel hole alle Spione des
-Menschenherzens! Das ist also meine ganze ‚Geschichte‘ mit Katerina
-Iwanowna. Jetzt wissen davon Iwan und du – und sonst niemand.“
-
-Dmitrij Fedorowitsch erhob sich, tat erregt ein paar Schritte hin und
-her, zog sein Taschentuch heraus, trocknete sich die Stirn, setzte sich
-darauf wieder hin, doch nicht auf den früheren Platz, sondern an der
-anderen Tischseite, so daß Aljoscha sich seitlich zu ihm wenden mußte.
-
-
- V.
- Die Beichte des heißen Herzens.
- „Kopfüber hinab“
-
-„Jetzt kenne ich die erste Hälfte dieser Geschichte,“ sagte Aljoscha.
-
-„Die erste Hälfte verstehst du: Das ist ein Drama und spielte sich dort
-ab. Die zweite Hälfte jedoch ist eine Tragödie und wird sich hier
-abspielen.“
-
-„Von der zweiten Hälfte verstehe ich vorläufig noch nichts,“ sagte
-Aljoscha.
-
-„Und ich etwa? Glaubst du, daß ich etwas davon verstehe?“
-
-„Wart, Dmitrij, hier ist vor allem eines von Wichtigkeit: Sag mir, du
-bist doch verlobt, auch jetzt noch verlobt mit ihr?“
-
-„Ich verlobte mich mit ihr nicht gleich darauf, sondern ungefähr erst
-nach drei Monaten. Am nächsten Tage, nachdem sie bei mir gewesen war,
-sagte ich mir, daß die Geschichte erledigt und abgetan sei, daß es eine
-Fortsetzung nicht mehr geben werde. Jetzt noch mit einem Heiratsantrag
-zu kommen, schien mir taktlos, niedrig. Ihrerseits ließ sie in den
-ganzen sechs Wochen, die sie noch in der Stadt verlebte, kein Wort von
-sich hören. Das heißt, abgesehen von dem einen Mal: am nächsten Tage kam
-nämlich ihre Stubenmagd heimlich zu mir und übergab mir, ohne ein Wort
-zu sagen, einen kleinen Packen. Draufgeschrieben war nur die Adresse:
-Dem und dem. Ich machte es auf: der Rest von den Fünftausend. Sie hatte
-ja im ganzen nur viertausendfünfhundert nötig gehabt, und beim Verkauf
-der Banknote war es ungefähr auf einen Verlust von zweihundert und
-einiges herausgekommen. Sie schickte mir im ganzen, ich glaube,
-zweihundertsechzig Rubel zurück, ich weiß es nicht mehr genau, und sonst
-nichts, nur das Geld – keinen Brief, kein Wörtchen, keine Erklärung. Ich
-durchsuchte das ganze Papier nach irgendeinem Bleistiftzeichen –
-n–nichts! Nun, ich lebte inzwischen für mein übriges Geld flott
-drauflos, so daß auch der neue Major gezwungen war, mir einen Verweis zu
-geben. Der Oberstleutnant aber übergab glücklich die Kasse zur nicht
-geringen Verwunderung seiner Kameraden, denn niemand hatte von ihm den
-Besitz der ganzen Summe erwartet. Er übergab sie, erkrankte aber gleich
-darauf, lag drei Wochen, dann kam plötzlich Gehirnerweichung hinzu, und
-nach fünf Tagen war er tot. Man beerdigte ihn mit allen militärischen
-Ehren, denn er hatte noch nicht den Abschied bekommen. Katerina
-Iwanowna, ihre Schwester und Tante fuhren nach Moskau, schon am zehnten
-Tage nach der Beerdigung. Und da erst, vor der Abfahrt, am selben Tage,
-an dem sie fortfuhren (ich hatte sie nicht gesehen und nicht begleitet),
-erhalte ich einen kleinen Brief, blau, teures Papier, und auf dem ganzen
-Bogen steht nur eine einzige Zeile, mit der Bleifeder geschrieben: ‚Ich
-werde Ihnen schreiben, warten Sie. K.‘ Und das war alles.
-
-„Das übrige laß mich dir kurz in zwei Worten erklären. In Moskau
-veränderten sich ihre Verhältnisse mit Blitzesschnelle und ebenso
-unerwartet, wie es in arabischen Märchen zu geschehen pflegt. Eine alte
-Generalin, ihre reichste Verwandte, verlor plötzlich ihre beiden
-nächsten Nichten, beide starben in ein und derselben Woche an den
-Pocken. Die erschütterte Alte freute sich über Katjä, als hätte sie in
-ihr eine leibliche Tochter gefunden und veränderte das Testament sofort
-zu ihren Gunsten. Doch das war für die Zukunft, vorläufig aber werden
-ihr achtzigtausend Rubel sofort blank und bar ausgezahlt – das wäre
-deine Aussteuer, mach damit, was du willst. Hysterisches Frauenzimmer,
-habe sie später in Moskau beobachtet. Nun und: plötzlich erhalte ich per
-Post viertausendfünfhundert Rubel – bin natürlich wie vom Schlage
-gerührt. Nach drei Tagen kommt der versprochene Brief. Ich habe ihn auch
-jetzt bei mir, ich habe ihn immer bei mir; ich werde auch mit ihm
-sterben – willst du, daß ich ihn dir zeige? Du mußt ihn unbedingt lesen:
-Sie bietet sich als Braut an, bietet sich selbst an, sagt: ‚Ich liebe
-Sie sinnlos, wenn Sie mich auch nicht lieben, einerlei, seien Sie nur
-mein Mann. Fürchten Sie nichts – ich werde Ihre Freiheit in nichts
-beeinträchtigen, werde nur eines Ihrer Möbel sein, der Teppich, auf dem
-Sie gehen ... Ich will Sie ewig lieben, ich will Sie vor sich selbst
-retten ...‘ Aljoscha, ich bin es nicht wert, diese Zeilen auch nur
-wiederzugeben, mit meinen gemeinen Worten und in einem gemeinen Ton,
-meinem immer gemeinen Ton, von dem ich mich niemals habe losmachen
-können! Dieser Brief durchdrang mich bis in alle Ewigkeit – und tut er
-es nicht heute noch? Ist mir denn heute leicht zumut? Damals schrieb ich
-ihr sofort die Antwort. Ich konnte unmöglich selbst nach Moskau fahren.
-Schrieb sie mit Tränen; nur einer Sache schäme ich mich maßlos: Ich
-erwähnte, daß sie jetzt reich sei – ich, der ich doch nur ein
-bettelarmer Soldat war – erwähnte das Geld! Ich hätte das
-stillschweigend ertragen müssen, aber die Feder schrieb es von selbst.
-Gleich darauf, am selben Tage noch, schrieb ich nach Moskau auch an Iwan
-und erklärte ihm alles, so gut es brieflich ging, in sechs Bogen, und
-bat ihn, zu ihr zu gehen, schickte ihn zu ihr. Warum blickst du mich so
-an? Nun ja, Iwan verliebte sich in sie, ist auch jetzt noch in sie
-verliebt, ich weiß es genau. Eurer Meinung nach beging ich eine
-Dummheit, und so urteilt auch die ganze Welt, vielleicht aber wird
-gerade diese Dummheit uns alle retten! Ach! Siehst du denn nicht, wie
-sie ihn verehrt, wie hoch sie ihn achtet? Kann sie denn überhaupt, wenn
-sie uns beide vergleicht, solch einen wie mich lieben, und das noch nach
-allem, was hier vorgefallen ist?“
-
-„Ich bin überzeugt, daß sie gerade so einen wie dich liebt und nicht so
-einen wie ihn.“
-
-„Sie liebt ihre eigene Hochherzigkeit, aber nicht mich,“ kam es
-plötzlich fast ingrimmig über Dmitrij Fedorowitschs Lippen. Er lachte
-kurz auf, doch schon nach einer Sekunde blitzten seine Augen, und er
-schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.
-
-„Ich schwöre es dir, Aljoscha,“ rief er, in einer furchtbaren Wut auf
-sich selbst, „glaub es mir oder glaub es mir nicht, doch so wahr, wie
-Gott heilig und Christus unser Herr ist, schwöre ich dir, daß ich, wenn
-ich auch soeben über ihre Gefühle lachte, doch weiß, daß diese ihre
-Gefühle ebenso rein sind wie die Gefühle eines himmlischen Engels! Das
-ist ja die Tragödie, daß ich das genau weiß! Was will es besagen, daß
-der Mensch ein wenig deklamiert? Deklamiere ich denn etwa nicht? Und
-doch bin ich aufrichtig, ehrlich aufrichtig. Was aber Iwan anbetrifft,
-so begreife ich doch, mit welch einem Fluch er jetzt auf die Fügung der
-Natur blicken muß, und das noch bei seinem Verstande! Wem – bedenke doch
-nur – wem der Vorzug gegeben wird! Dem Scheusal, diesem Wüstling, der
-selbst als Verlobter, und obwohl ihn alle beobachten, von seinem wüsten
-Leben nicht lassen kann – und das vor den Augen seiner Braut, seiner
-Braut! Und nun wird solch einer, wie ich, vorgezogen, und Er wird
-verschmäht! Und warum nur? Weil das Mädchen aus Dankbarkeit ihr Leben
-und ihr Schicksal vergewaltigen will! O Sinnlosigkeit! Ich habe Iwan in
-diesem Sinne niemals etwas gesagt, und Iwan hat natürlich auch zu mir
-mit keiner Silbe davon gesprochen, nie, nie etwas erwähnt. Doch das
-Schicksal wird entscheiden, und der Würdige wird an die Stelle des
-Unwürdigen treten, und der Unwürdige wird auf ewig in der Winkelgasse
-verschwinden – in seiner schmutzigen Winkelgasse, und dort wird er im
-Schmutz und Gestank freiwillig und mit Entzücken zugrunde gehen. Ach,
-wieder rede ich fades Zeug, meine Worte sind alle so abgenutzt, stelle
-sie immer irgendwie aufs Geratewohl. Doch so, wie ich es bestimmt habe,
-so wird es sein. Ich in die Winkelgasse, und sie muß Iwan heiraten.“
-
-„Erlaube, Mitjä,“ unterbrach ihn Aljoscha ungewöhnlich erregt. „Du hast
-mir bis jetzt noch immer nicht das eine erklärt: Du bist doch mit ihr
-verlobt, bist doch ihr Verlobter? Wie willst du dann die Verlobung
-aufheben, wenn sie, deine Braut, es nicht will?“
-
-„Ja, ich bin ihr Verlobter, die Verlobung wurde in Moskau gleich nach
-meiner Ankunft gefeiert, wie es sich gehört, in großer Gala, mit
-Heiligenbildern und so: _comme il faut_. Die Generalin segnete mich, und
-– was glaubst du wohl – beglückwünschte sogar Katjä: Du hast eine gute
-Wahl getroffen, ich kenne ihn ganz. Und denk doch, Iwan liebte sie
-nicht, und sie wünschte ihm auch kein Glück. In Moskau besprach ich noch
-vieles mit Katjä; ich sagte ihr, wer ich bin, beschönigte nichts, sprach
-aufrichtig und edel. Sie hörte bis zum Schluß zu, nun, und:
-
- ‚Süße Verwirrung gab es,
- Und manch zärtliches Wort ...‘
-
-„Nun, es gab auch stolze Worte. Sie rang mir damals das große, heilige
-Versprechen ab, mich zu bessern. Ich gab das Versprechen. Und nun ...“
-
-„Was?“
-
-„Und nun habe ich dich hergerufen und über den Zaun gelockt, heute,
-heutigen Datums – behalt das! – um dich heute noch zu Katerina Iwanowna
-zu schicken, und ...“
-
-„Und?“
-
-„Und ihr durch dich sagen zu lassen, daß ich niemals mehr zu ihr kommen
-werde – und ihr meinen Abschiedsgruß sende.“
-
-„Wie ist das nur möglich?“
-
-„Aber darum schicke ich doch dich, anstatt daß ich selbst hingehe, weil
-das unmöglich ist, denn wie sollte ich ihr selbst das sagen?“
-
-„Aber wohin willst du denn?“
-
-„In die Winkelgasse.“
-
-„Zu Gruschenka?“ rief Aljoscha und sah ihn erschrocken und traurig an.
-„So hat Rakitin vielleicht doch die Wahrheit gesagt? Ich glaubte, daß du
-nur so zu ihr gingest, und das wäre alles.“
-
-„Und das als – Verlobter? Meinst du das im Ernst? Wie ist denn das
-möglich, wenn man solch eine Braut hat, und ... und so öffentlich? Nein,
-meine Ehre habe ich noch, sei unbesorgt. Sowie ich zu Gruschenka zu
-gehen begann, hörte ich sofort auf, Katjäs Verlobter und ein Ehrenmann
-zu sein, das begreife ich doch selbst. Warum siehst du mich so an? Ja,
-siehst du, ich ging ganz zuerst hin, um sie zu prügeln. Ich erfuhr es
-aus sicherer Quelle, daß dieser Gruschenka von Papachens Anwalt, jenem
-rotbärtigen Hauptmann, mein Wechsel übergeben worden war, damit sie ihn
-einklage, um mich still zu machen. Und so begab ich mich denn zu
-Gruschenka, um sie zu verprügeln. Ich hatte sie auch früher schon
-flüchtig gesehen. Sie frappiert nicht sonderlich. Von dem alten Kaufmann
-wußte ich, der jetzt zum Überfluß noch krank, halb gelähmt ist, ihr aber
-doch ein bedeutendes Sümmchen hinterlassen wird. Auch wußte ich, daß sie
-Geld zu verdienen liebt, sogar viel verdient, ihr Geld zu hohen
-Prozenten verleiht, daß sie schlau und erbarmungslos ist. Ich ging, um
-sie zu schlagen und – blieb bei ihr. Das Gewitter zog auf, der Blitz
-schlug ein, die Seuche steckte mich an, und ich bin ihr anheimgefallen.
-Weiß ich doch, daß jetzt alles aus ist, daß es jetzt nie mehr etwas
-anderes geben wird. Der Ring der Zeiten ist vollendet; das ist alles.
-Damals aber befanden sich gerade, wie vom Verhängnis geschickt – in
-meiner Tasche, in meiner, obgleich ich doch nichts mehr besaß,
-dreitausend Rubel. Wir fuhren dann sofort nach Mokroje, das ist
-fünfundzwanzig Werst von hier. Ich bestellte Zigeuner und Zigeunerinnen
-hin, Champagner, ließ dort allen Bauern, Weibern, Mädeln Champagner
-geben, bis sie betrunken waren, warf die Tausende hinaus. Nach drei
-Tagen war alles durchgebracht. Du glaubst, ich hätte etwas erreicht?
-Nicht einmal an sich herankommen ließ sie! Ich sage dir: Gruschenka, der
-Racker, hat solch eine Linie, die sich selbst an ihrem Füßchen
-wiederholt, sogar im kleinen Zehchen des linken Fußes. Hab selbst
-gesehen und geküßt, aber das ist auch alles – ich schwöre es dir! Sie
-sagt: ‚Wenn du willst, werde ich dich heiraten, denn du hast ja nichts.
-Versprich mir, daß du mich nicht schlagen und mir alles zu tun erlauben
-wirst, was ich will, dann werde ich dich vielleicht heiraten,‘ und
-lacht. Auch jetzt lacht sie!“
-
-Dmitrij Fedorowitsch erhob sich plötzlich, fast jähzornig und war wie
-trunken. Seine Augen wurden rot von andringendem Blut.
-
-„Und du willst sie wirklich heiraten?“
-
-„Sobald sie will, ... sofort – will sie nicht! So bleibt es denn, wie es
-ist; werde Hofknecht bei ihr werden. Du ... du, Aljoscha ...“ rief er,
-blieb vor ihm stehen, ergriff ihn an den Schultern und schüttelte ihn
-plötzlich aus aller Kraft, „– weißt du auch, du unschuldiger Knabe, daß
-das Fieberwahn ist, sinnloser Fieberwahn? Jawohl, hier ist Tragödie! So
-höre denn, Alexei, ich kann wohl ein niedriger Mensch sein, mit
-niedrigen, verderblichen Leidenschaften, doch ein Dieb, ein Taschendieb,
-ein kleiner, schmutziger Taschendieb kann Dmitrij Karamasoff nie und
-nimmer sein! Nun, und so wisse denn jetzt, daß ich ein Dieb bin, ein
-gemeiner Taschendieb! Gerade kurz vordem, als ich zu Gruschenka ging, um
-sie durchzuprügeln, ruft mich am selben Morgen Katerina Iwanowna zu sich
-und bittet mich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, damit es
-vorläufig niemand erfahre (warum es niemand erfahren darf, weiß ich
-nicht, augenscheinlich aber war’s wohl so nötig), und bittet mich, in
-die Gouvernementsstadt zu fahren, und von dort aus durch die Post
-dreitausend Rubel nach Moskau an Agafja Iwanowna zu schicken, und zwar
-darum aus der Gouvernementsstadt, damit man es hier nicht erführe. Mit
-diesen Dreitausend ging ich zu Gruschenka, und mit eben diesem Gelde
-fuhren wir nach Mokroje. Später tat ich so, als ob ich tatsächlich in
-die Gouvernementsstadt gefahren wäre, schickte ihr aber keine
-Postquittung zu, ließ sagen, ich hätte das Geld abgeschickt und würde
-bald selbst mit der Quittung kommen, habe sie aber bis heute noch nicht
-hingebracht – ‚hab’s vergessen!‘ Nun aber – nun gehst du heute hin und
-sagst ihr: ‚Er hat mich beauftragt, Ihnen seinen Abschiedsgruß zu
-überbringen.‘ Sie wird dich wohl fragen: ‚Und das Geld?‘ Da könntest du
-ihr denn sagen: ‚Er ist ein niedriger Wollüstling, ein Mensch mit
-unbezähmbaren Leidenschaften. Er hat damals Ihr Geld nicht abgeschickt,
-sondern durchgebracht, denn er konnte sich als niedriges Tier nicht
-zügeln.‘ Und du könntest noch hinzufügen: ‚Doch ist er deswegen kein
-Dieb, hier sind Ihre Dreitausend, er schickt Ihnen das Geld zurück,
-übersenden Sie es selbst Agafja Iwanowna, mich aber beauftragte er Ihnen
-seinen Abschiedsgruß zu überbringen.‘ ‚Ja, aber,‘ wird sie dich fragen:
-‚Und wo ist das Geld?‘“
-
-„Mitjä, du bist unglücklich, das ist wahr! Aber doch nicht so sehr, wie
-du denkst, töte dich nicht durch Verzweiflung, töte dich nicht!“
-
-„Ach, du glaubst, ich würde mich erschießen, wenn ich nicht irgendwoher
-die Dreitausend bekomme, um sie ihr zurückzugeben? Das ist es ja, daß
-ich mich nicht erschießen werde! Ich habe jetzt nicht die Kraft dazu,
-später vielleicht einmal, jetzt aber werde ich zu Gruschenka gehen ...
-Bin sowieso verloren!“
-
-„Und was willst du bei ihr?“
-
-„Werde ihr Gemahl sein, wenn sie mich dessen für würdig hält – wenn aber
-ihre Liebhaber kommen, werde ich ins andere Zimmer gehen. Werde die
-schmutzigen Galoschen ihrer Freunde reinigen, den Ssamowar anblasen, ihr
-Laufbursche sein ...“
-
-„Katerina Iwanowna wird alles verstehen,“ sagte Aljoscha plötzlich sehr
-ernst, „sie wird die ganze Tiefe dieser Qual verstehen und alles
-verzeihen. Sie hat einen klaren Verstand und ein großes Herz, sie wird
-begreifen, daß man unglücklicher als du nicht sein kann.“
-
-„Nein, sie wird nicht verzeihen,“ meinte Mitjä lächelnd. „Hier, Freund,
-handelt es sich um etwas, das kein Weib verzeihen kann. Weißt du aber,
-was jetzt das Beste wäre?“
-
-„Was?“
-
-„Ihr die Dreitausend zurückzugeben.“
-
-„Aber woher sie nehmen? Hör, Mitjä, ich habe zweitausend, Iwan wird auch
-noch tausend geben, da hast du die drei, nimm sie und gib sie ihr.“
-
-„Haha, wann werden denn diese Dreitausend hier ankommen? Du bist ja noch
-nicht einmal mündig, und doch mußt du unbedingt, un–be–dingt heute noch
-zu ihr gehen und meinen Gruß bestellen, einerlei, ob mit oder ohne Geld,
-denn länger kann ich das nicht so hinziehen – wie die Dinge jetzt
-liegen, ist es ganz unmöglich. Morgen wär’s schon zu spät, viel zu spät.
-Alexei, geh zum Vater!“
-
-„Zum Vater?“
-
-„Ja, bevor du zu ihr gehst, geh noch zum Vater. Er hat Dreitausend
-bereit liegen, erbitt sie von ihm.“
-
-„Aber er wird sie doch nicht geben, Mitjä.“
-
-„Fehlte noch, daß er sie gibt, ich weiß, daß er nichts geben wird. Weißt
-du, Alexei, was Verzweiflung ist?“
-
-„Ich weiß es.“
-
-„Hör: Juridisch schuldet er mir nichts mehr. Ich habe schon alles von
-ihm bekommen, alles, ich weiß es. Aber moralisch schuldet er mir noch,
-das ist doch wahr, nicht? Denn nur dank der Achtundzwanzigtausend meiner
-Mutter hat er die Hunderttausend verdienen können. Mag er mir jetzt nur
-Dreitausend von den ganzen Achtundzwanzigtausend geben, nur drei, und er
-würde meine Seele aus der Hölle erlösen, es wird ihm für viele Sünden
-angerechnet werden! Ich aber würde, wenn er noch diese Dreitausend geben
-wollte, nie mehr etwas von ihm erbitten, ich gebe dir mein Wort darauf,
-– er würde nichts mehr von mir hören. Ich gebe ihm zum letztenmal
-Gelegenheit, sich als Vater zu erweisen. Sage ihm, daß ihm Gott selbst
-noch diese letzte Gelegenheit schickt.“
-
-„Aber er wird doch ganz bestimmt nichts geben, Mitjä.“
-
-„Ich weiß es, daß er nichts geben wird, weiß es selbst ganz genau. Und
-jetzt erst recht nicht. Ich weiß sogar noch viel mehr: Erst jetzt, erst
-in diesen Tagen, vielleicht erst gestern, hat er es _im Ernst_ erfahren
-(unterstreich das im Ernst), daß Gruschenka vielleicht wirklich nicht
-scherzt und mich vielleicht wirklich heiraten will. Er kennt diesen
-Charakter, kennt diese Katze. Nun, sage doch selbst, soll er mir jetzt
-zum Überfluß auch noch Geld geben, er, der doch selbst ihretwegen schon
-den Verstand verloren hat? Aber auch das ist noch nicht alles, ich weiß
-noch mehr: Ich weiß, daß bei ihm seit fünf Tagen dreitausend Rubel
-bereit liegen, in Hundertrubelscheine ausgewechselt, und in einem großen
-Kuvert unter fünf Siegeln, das noch mit einem roten Bändchen kreuzweis
-umbunden ist. Siehst du, wie genau ich alles weiß! Und auf dem Kuvert
-steht geschrieben: ‚Meinem Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen
-will,‘ das hat er selbst draufgekratzt heimlich in der Stille, und
-niemand weiß, daß bei ihm dieses Geld bereit liegt, außer dem Diener
-Ssmerdjäkoff, an dessen Ehrlichkeit der Alte mindestens ebenso fest
-glaubt wie an seine eigene Existenz. Und jetzt erwartet er Gruschenka
-schon seit drei oder vier Tagen, hofft, daß sie nach den Dreitausend
-kommen wird, hat er ihr es doch sagen lassen, und sie hat darauf
-geantwortet: ‚Vielleicht, ja vielleicht werde ich kommen.‘ Aber wenn sie
-jetzt zum Alten kommt, wie kann ich sie dann heiraten? Begreifst du
-jetzt, warum ich hier heimlich sitze, und wem ich auflauere?“
-
-„Doch nicht Gruschenka?“
-
-„Ja, Gruschenka. Hier in diesem Hause hat sich Foma eine Kammer
-gemietet, bei diesen liederlichen Weibsbildern. Foma ist unser gewesener
-Soldat, stand in meiner Kompagnie. Er dient ihnen jetzt gewissermaßen,
-wacht in der Nacht, und am Tage geht er Birkhühner schießen, und davon
-lebt er. Ich habe jetzt hier bei ihm Anker geworfen. Doch weder er noch
-die beiden Weiber wissen es, daß ich hier auf der Lauer sitze.“
-
-„Nur Ssmerdjäkoff weiß es?“
-
-„Nur er allein. Er wird es mir denn auch sagen, wenn sie zum Alten
-kommt.“
-
-„Und er hat dir auch das vom Kuvert gesagt?“
-
-„Ja, er. Aber das ist das größte Geheimnis. Selbst Iwan weiß weder von
-dem Gelde noch sonst etwas. Der Alte aber will Iwan unbedingt auf zwei
-oder drei Tage nach Tschermaschnjä schicken: Es hat sich ein Käufer für
-den Wald gefunden, will ihn für Achttausend fällen, und so bittet denn
-der Alte himmelhoch Iwan: ‚Hilf mir, fahr selbst hin,‘ – damit wäre er
-ihn auf zwei-drei Tage los. Er will nämlich, daß Gruschenka in seiner
-Abwesenheit kommt.“
-
-„Dann erwartet er sie also auch heute?“
-
-„Nein, heute wird sie nicht kommen, aller Voraussicht nach. Sie wird
-bestimmt nicht kommen!“ rief Mitjä plötzlich erregt. „Auch Ssmerdjäkoff
-glaubt, daß sie nicht kommen wird. Der Alte trinkt jetzt wieder, sitzt
-mit Iwan bei Tisch. Geh, Alexei, bitte ihn um diese Dreitausend ...“
-
-„Mitjä, Lieber, was ist mit dir!“ rief Aljoscha aufspringend und blickte
-erregt in das entstellte Gesicht Dmitrij Fedorowitschs. Einen Moment
-glaubte er schon, daß jener irrsinnig geworden sei.
-
-„Was hast du? Ich bin nicht wahnsinnig,“ sagte Dmitrij Fedorowitsch, und
-sein Auge blickte aufmerksam und fast triumphierend den Bruder an. „Ja,
-ich schicke dich zum Vater und weiß, was ich tue: Ich glaube an ein
-Wunder.“
-
-„An ein Wunder?“
-
-„An ein Wunder der Vorsehung Gottes. Gott kennt mein Herz. Er sieht
-meine ganze Verzweiflung. Er sieht alles. Sollte Er wirklich das
-Grauenvolle zulassen? Aljoscha, ich glaube an ein Wunder, geh!“
-
-„Ich werde gehen. Wirst du hier warten?“
-
-„Ja. Ich weiß, daß du nicht so bald zurückkommen wirst, das kann man
-doch nicht gleich, nach dem ersten Wort! Er ist jetzt betrunken. Ich
-werde hier sitzen und warten, drei Stunden, vier Stunden, fünf, sechs,
-sieben Stunden ... Nur mußt du wissen, daß du heute, und wenn auch um
-Mitternacht, zu Katerina Iwanowna gehen wirst, _mit oder ohne Geld_, um
-ihr zu sagen: ‚Er schickt Ihnen seinen Abschiedsgruß.‘ Ich will, daß du
-es ihr gerade mit diesen Worten sagst: ‚Abschiedsgruß‘.“
-
-„Mitjä! Plötzlich aber kommt Gruschenka heute ... oder wenn nicht heute,
-dann morgen ... oder übermorgen?“
-
-„Gruschenka? Werde sehen, werde hineinstürzen und verhindern ...“
-
-„Wenn aber ...“
-
-„Und wenn aber, dann schlage ich tot. So überlebe ich es nicht.“
-
-„Wen willst du erschlagen?“
-
-„Den Alten. Sie werde ich nicht erschlagen.“
-
-„Dmitrij, was redest du!“
-
-„Ich weiß es doch nicht, weiß es selbst nicht ... Vielleicht werde ich
-ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch. Ich fürchte, er wird
-mir in dem Augenblick zu widerlich werden mit seinem Gesicht. Ich hasse
-sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, sein schamloses Gelächter. Ich
-fühle schon den Ekel. Das ist es, was ich fürchte. Und so werde ich mich
-denn nicht bezwingen können ...“
-
-„Ich gehe, Mitjä. Ich glaube, daß Gott es lenken wird, nach seinem
-besseren Wissen, damit das Entsetzliche nicht geschehe.“
-
-„Ich aber werde hier sitzen und auf das Wunder warten. Doch wenn das
-Wunder nicht geschieht, so ...“
-
-Nachdenklich ging Aljoscha zu seinem Vater.
-
-
- VI.
- Ssmerdjäkoff
-
-Er traf seinen Vater noch beim Mittagessen an. Der Tisch war wie
-gewöhnlich im Saal gedeckt, obgleich es im Hause auch ein großes
-Speisezimmer gab. Dieser Saal war jedoch der größte Raum im ganzen Hause
-und mit einem etwas unmodischen Prunk ausgestattet. Die Möbel waren sehr
-alt, in Weiß und Gold, mit rotem, altem, halbseidenem Bezug. An den
-Pfeilern zwischen den Fenstern waren Spiegel eingesetzt in alten,
-geschnitzten, verschnörkelten und gleichfalls weiß-goldenen Rahmen. Die
-Wände, deren weiß-goldene Papiertapeten schon an vielen Stellen Risse
-hatten, schmückten zwei große Porträts: das eine das Bildnis irgendeines
-Fürsten, der vor etwa dreißig Jahren unser General-Gouverneur gewesen
-war, und das andere – irgendeines Erzbischofs, der gleichfalls nicht
-mehr lebte. In der vorderen Ecke hingen einige Heiligenbilder, vor denen
-zur Nacht das Lämpchen angezündet wurde ... weniger aus Frömmigkeit,
-vielmehr um zu verhüten, daß es in der Nacht im Zimmer ganz dunkel
-wurde. Fedor Pawlowitsch ging sehr spät zu Bett, erst um drei oder vier
-Uhr morgens, bis dahin aber ging er entweder im Zimmer herum, oder er
-saß im Lehnstuhl und sann. Das war ihm so zur Gewohnheit geworden. Nicht
-selten schlief er ganz allein im großen Hause, da er zur Nacht alle
-Dienstboten in das Nebengebäude schickte, doch blieb jetzt in letzter
-Zeit der Diener Ssmerdjäkoff bei ihm und schlief dann im Vorzimmer auf
-der Truhe. Als Aljoscha eintrat, war das Mittagessen schon beendet, es
-wurden bereits eingemachte Früchte und Kaffee gereicht. Fedor
-Pawlowitsch liebte nach dem Essen Süßigkeiten und Kognak als Abschluß.
-Iwan Fedorowitsch saß auch noch bei Tisch und trank seinen Kaffee. Die
-beiden Diener, Grigorij und Ssmerdjäkoff, waren gleichfalls zugegen. Die
-Herrschaft wie die Dienerschaft war ersichtlich ungewöhnlich heiter
-gestimmt. Fedor Pawlowitsch lachte laut; Aljoscha hörte schon im
-Vorzimmer ein schreiendes, ihm von früher so gut bekanntes Gelächter und
-sagte sich sofort, daß sein Vater, nach der Art dieses Gelächters zu
-urteilen, noch längst nicht betrunken, sondern vorläufig nur aufgeräumt
-war.
-
-„Ah, da kommt auch er, da ist er ja!“ rief Fedor Pawlowitsch ungeheuer
-erfreut über Aljoschas Kommen. „Gesell dich zu uns, setz dich, hier, so,
-willst du ein Täßchen Kaffee, – das ist doch Fastengetränk, ganz heiß,
-vorzüglich, sieh! Kognak biete ich dir gar nicht an, zu profan für dich,
-oder willst du, willst du doch? Wart, ich werde dir lieber ein Likörchen
-geben, pikfein! sage ich dir. – Ssmerdjäkoff, geh mal schnell, sieh im
-Schränkchen, auf dem zweiten Brett rechts, – fix!“
-
-Aljoscha wollte auch für den Likör danken, doch sein Vater ließ ihn kaum
-zu Wort kommen.
-
-„Einerlei, er wird sofort gebracht, sofort, sofort, wenn nicht für dich,
-dann für uns,“ unterbrach er ihn strahlend. „Doch halt, hast du
-überhaupt zu Mittag gegessen?“
-
-„Ja, ich habe schon gegessen,“ sagte Aljoscha, der in Wirklichkeit nur
-ein Stück Brot in der Küche des Priors genossen und Kwas dazu getrunken
-hatte. „Aber heißen Kaffee würde ich ganz gern trinken.“
-
-„Das ist brav von dir! Er wird Kaffee trinken! Soll man ihn nicht noch
-schnell heiß machen? Nein, nein, nicht nötig, er kocht ja noch jetzt. Es
-is’ ’n tadelloser Mokka, Ssmerdjäkoffscher! In Pasteten und Piroggen ist
-Ssmerdjäkoff ein wahrer Künstler, sag ich dir, richtig: und auch noch in
-Fischsuppe, das ist wahr. Du mußt einmal unbedingt zu Fischsuppe kommen,
-melde dich aber vorher an ... Ach! ganz verschwitzt, da fällt mir soeben
-ein, ich befahl dir doch vorhin, heute noch samt Kissen und Federbetten
-zu mir überzusiedeln? He–he, hast die Federbetten mitgeschleppt, wie?
-He–he–he! ...“
-
-„Nein, ich habe sie nicht mitgebracht,“ sagte Aljoscha gleichfalls
-lächelnd.
-
-„Ah – nun, aber ’nen Schreck hast du doch vorhin bekommen, gesteh’s nur,
-wie, nicht? Ach du, mein Herzensjunge, wie könnte ich dich nur
-beleidigen! Weißt du, Iwan, ich kann’s nicht ansehen, wenn er einem so
-in die Augen blickt und dabei lacht, kann’s wahrhaftig nicht! Mein
-ganzes Zwerchfell beginnt gleich über ihn zu lachen, ich liebe ihn doch!
-Aljoschka, laß mich dir meinen väterlichen Segen geben.“
-
-Aljoscha erhob sich, doch Fedor Pawlowitsch hatte sich schon besonnen.
-
-„Nein, nein, nicht jetzt, jetzt werde ich dich nur einmal bekreuzen, so,
-setz dich. Jetzt gibt’s aber ’nen Heidenspaß, gerade auf dein Thema,
-wirst dich krank lachen! Bei uns hat endlich einmal Bileams Esel das
-Maul aufgetan, und wie noch, und wie noch, ach Gott!“
-
-Als Bileams Esel erwies sich der Diener Ssmerdjäkoff. Es war das ein
-noch ziemlich junger Mann von etwas über vierundzwanzig Jahren. Er war
-sehr menschenscheu und schweigsam. Doch nicht etwa scheu im gewöhnlichen
-Sinne oder verschämt, nein, dem Charakter nach war er sogar hochmütig
-und anmaßend, ja, er schien sogar alle zu verachten. Ich sehe mich
-veranlaßt, gerade bei dieser Gelegenheit schon einiges über ihn zu
-sagen. Erzogen hatten ihn Marfa Ignatjewna und Grigorij Wassiljewitsch,
-doch der Knabe wuchs „ohne jede Dankbarkeit“ auf, wie sich Grigorij über
-ihn äußerte, als scheues, mißtrauisches Kind. In seiner Kindheit liebte
-er es sehr, Katzen zu erhängen und sie dann mit großen Zeremonien zu
-beerdigen. Zu diesem Zweck nahm er sich ein Bettuch um, das wohl das
-Meßgewand ersetzen sollte, und sang und schwenkte irgend etwas über der
-toten Katze wie ein Weihrauchfaß. Alles das tat er heimlich, so daß es
-niemand sehen konnte. Einmal überraschte ihn doch Grigorij bei dieser
-feierlichen Handlung und bestrafte ihn schmerzhaft. Der Junge schlich
-sich in die Ecke und schielte von dort eine ganze Weile lang nur
-mißtrauisch auf seine Erzieher. „Er liebt uns nicht, diese Mißgeburt,“
-sagte Grigorij zu Marfa Ignatjewna, „scheint gar niemanden zu lieben.
-Bist du überhaupt ein Mensch,“ wandte er sich plötzlich an den Jungen,
-„nein, du, du bist kein Mensch, du bist aus Badstubennässe entsprossen,
-jetzt weißt du, wer du bist!“ Wie sich später herausstellte, konnte ihm
-Ssmerdjäkoff diese Worte nie verzeihen. Grigorij brachte ihm das
-Schreiben und Lesen bei, und als der Knabe zwölf Jahre alt wurde, begann
-er ihn in biblischer Geschichte zu unterrichten. Doch das gute Vorhaben
-sollte ein schnelles Ende nehmen. In der zweiten oder dritten Stunde
-erlaubte sich der Knabe plötzlich zu lächeln.
-
-„Was fehlt dir?“ fragte Grigorij sofort und blickte ihn streng über die
-große, runde Brille an.
-
-„N–nichts ... Gott der Herr schuf die Welt am ersten Tage, die Sonne
-aber, den Mond und die Sterne erst am vierten. Wie konnte es dann am
-ersten Tage Tag sein, wenn es dunkel war?“
-
-Grigorij erstarrte. Der Junge blickte spöttisch seinen Lehrer an. In
-seinem Blick lag sogar etwas hochmütig Herausforderndes. Das war zu viel
-für Grigorij.
-
-„Wie es sein konnte? So konnte es sein!“ schrie er seinen Schüler an und
-gab ihm zur Erklärung eine schallende Ohrfeige. Der Junge ertrug die
-Ohrfeige, ohne ein Wort zu sagen, zog sich aber wieder auf einige Tage
-in seinen Winkel zurück. Da aber geschah es, daß er, gerade als eine
-Woche nach dieser Ohrfeige vergangen war, zum erstenmal einen Anfall der
-Fallsucht bekam, von der er nicht mehr geheilt werden sollte. Als Fedor
-Pawlowitsch das erfuhr, veränderte er plötzlich sein Verhalten zu dem
-Knaben. Früher schien er ganz gleichgültig auf ihn zu blicken, obgleich
-er ihn nie schimpfte und ihm, wenn er ihn auf dem Hofe traf, gewöhnlich
-ein paar Kopeken gab. Zuweilen schickte er gut gelaunt vom Tisch etwas
-Süßes für den Jungen, aber das war auch alles. Doch als er von der
-Krankheit erfuhr, begann er sofort für ihn zu sorgen, ließ den Arzt
-rufen, ließ ihn behandeln. Nur zeigte sich leider, daß nichts dabei zu
-machen war. Im Durchschnitt hatte er ungefähr einen Anfall monatlich,
-und zwar zu verschiedenen Zeiten. Die Anfälle waren verschieden stark,
-zuweilen leicht, zuweilen sehr heftig. Fedor Pawlowitsch verbot Grigorij
-strengstens, den Jungen körperlich zu bestrafen und erlaubte von da ab,
-daß der Knabe auch zu ihm ins Herrenhaus kam. Ihn irgend etwas lernen zu
-lassen, verbot er vorläufig gleichfalls. Einmal aber, als der Knabe
-schon fünfzehn Jahre alt war, bemerkte Fedor Pawlowitsch, daß er sich am
-Bücherschrank herumtrieb und sich bemühte, durch das Glas die Titel zu
-entziffern. Fedor Pawlowitsch hatte im Hause eine ziemliche Menge alter
-Bücher, doch hatte ihn noch niemand mit einem Buch in der Hand gesehen.
-Er übergab sofort den Bücherschrankschlüssel dem kleinen Ssmerdjäkoff.
-„Da, nimm, lies soviel du willst, kannst mein Bibliothekar sein; das ist
-immerhin besser, als daß du dich auf dem Hof herumtreibst. Sieh mal,
-dieses Buch kannst du lesen,“ – und Fedor Pawlowitsch gab ihm Gogols
-„Abende auf dem Meierhof bei Dikanka“.
-
-Der Junge las das Buch, blieb aber unbefriedigt von dem Werk, lachte
-kein einziges Mal, im Gegenteil, beendete es eher mürrisch und
-verstimmt.
-
-„Nun? Gefällt es dir denn nicht?“ erkundigte sich Fedor Pawlowitsch.
-
-Ssmerdjäkoff schwieg.
-
-„Sprich, Esel.“
-
-„Alles das ist unwahr geschrieben,“ brummte schließlich Ssmerdjäkoff mit
-einem halben Lächeln.
-
-„Noch was Neues! Äh, zum Teufel mit dir, bist doch ’ne Dienerseele.
-Wart, hier hast du Ssmaragdoffs ‚Allgemeine Geschichte‘, darin ist
-nichts gelogen, lies mal das.“
-
-Doch Ssmerdjäkoff las von Ssmaragdoffs „Allgemeiner Geschichte“ kaum die
-ersten zehn Seiten, als ihm auch dieses Buch langweilig erschien. Und so
-schloß sich denn der Bücherschrank wieder für ihn. Bald darauf meldeten
-aber Marfa und Grigorij ihrem Herrn, daß Ssmerdjäkoff seit einiger Zeit
-ein furchtbarer Mäkler geworden sei: Sitzt bei Tisch, nimmt den Löffel
-und beginnt plötzlich in der Suppe zu suchen und zu suchen, rückt den
-Teller hin, rückt ihn her, nimmt einen Löffel voll, hebt ihn auf, hält
-ihn gegen das Licht, läßt die Suppe langsam vom Löffel auf den Teller
-zurückfließen.
-
-„Was? Ist eine Schabe drin?“ fragt Grigorij.
-
-„Eine Fliege vielleicht,“ bemerkt Marfa.
-
-Doch der Sauberkeit liebende Jüngling antwortete nie, und mit dem Brot,
-dem Fleisch und allen Speisen geschah dasselbe: Auf einmal hebt er an
-der Gabel ein Stück Fleisch empor, betrachtet es wie unterm Mikroskop,
-scheint lange unschlüssig zu sein, bis er sich endlich doch entschließt,
-das Stück in den Mund zu befördern. „Sieh doch, was das für ein Herr
-wird,“ brummte zuweilen Grigorij bei seinem Anblick. Als Fedor
-Pawlowitsch von dieser neuen Eigenschaft Ssmerdjäkoffs hörte, beschloß
-er sofort, ihn Koch werden zu lassen und zur Erlernung dieser Kunst nach
-Moskau zu schicken. Ssmerdjäkoff blieb etliche Jahre in Moskau und
-kehrte dann stark verändert wieder zurück. Er war auffallend gealtert,
-ganz unverhältnismäßig zu seinen Jahren, sein Gesicht war runzelig und
-gelb geworden, er glich beinahe einem Sektierer. Innerlich war er jedoch
-derselbe, der er vor der Fahrt nach Moskau gewesen war: War ebenso
-ungesellig und empfand auch nicht das geringste Bedürfnis nach Umgang
-mit anderen Menschen. Wie wir später erfuhren, soll er auch in Moskau
-stets geschwiegen haben; die Stadt selbst hatte ihn sehr wenig
-angezogen, und so hatte er denn auch nur sehr wenig von ihr gesehen, das
-meiste gar nicht beachtet. Einmal soll er auch im Theater gewesen sein,
-doch hieß es, daß er verstimmt und unzufrieden mit dem Gesehenen
-heimgekehrt sei. Dafür aber kam er bei uns gut gekleidet wieder an, in
-einem reinen, schwarzen Überrock und mit guter Wäsche. Er bürstete seine
-Kleider sorgfältigst zweimal täglich, und seine kalbledernen Stiefel
-putzte er mit einer ganz besonderen, englischen Wichse so lange, bis sie
-wie Spiegel glänzten. Er erwies sich als vorzüglicher Koch. Fedor
-Pawlowitsch setzte ihm denn auch ein festes Monatsgehalt aus, das
-Ssmerdjäkoff aber restlos für Kleider, Pomaden, Parfüm usw. verbrauchte.
-Was das weibliche Geschlecht anbetraf, so schien er es nicht weniger zu
-verachten als das männliche, war im Umgang mit ihm sehr zurückhaltend,
-wenn nicht gar unnahbar. Fedor Pawlowitsch begann aber bald noch mit
-anderen Augen seinen Ssmerdjäkoff zu betrachten. Die Sache war nämlich
-die, daß die Anfälle seiner Krankheit häufiger und stärker auftraten als
-früher und an diesen Tagen das Essen von Marfa Ignatjewna zubereitet
-werden mußte, was Fedor Pawlowitsch durchaus nicht mehr paßte.
-
-„Warum hast du denn jetzt die Anfälle so oft?“ fragte er seinen neuen
-Koch mit einem aufmerksamen Seitenblick auf ihn. „Wenn du vielleicht
-irgendeine heiraten würdest; willst du, ich werde dich verheiraten!“
-
-Auf solche Reden antwortete Ssmerdjäkoff kein Wort, er erbleichte nur
-vor Unwillen. Fedor Pawlowitsch gab ihn schließlich auf. Vor allen
-Dingen hatte er sich ein für allemal überzeugt, daß Ssmerdjäkoff ehrlich
-war und nie etwas stehlen werde. Er hatte nämlich einmal in etwas stark
-angeheitertem Zustande auf seinem eigenen Hof drei Hundertrubelscheine
-verloren, die er kurz vorher erhalten hatte, doch vermißte er sie erst
-am nächsten Tage; als er sie aber in allen Taschen zu suchen begann,
-bemerkte er plötzlich, daß sie alle drei auf seinem Schreibtisch lagen.
-Wie waren sie dorthin gekommen? Ssmerdjäkoff hatte sie gefunden und
-hingelegt. „Nun, mein Lieber, solch einen wie du habe ich denn doch noch
-nicht gesehen,“ meinte Fedor Pawlowitsch und schenkte ihm zehn Rubel.
-Ich muß hinzufügen, daß er nicht nur von seiner Ehrlichkeit überzeugt
-war, sondern ihn auch noch aus einem unbekannten Grunde liebte, obgleich
-jener ihn ebenso scheel ansah wie alle anderen, und ihm gegenüber ebenso
-wortkarg war. Nur selten begann er von selbst zu sprechen. Wenn damals
-jemand bei seinem Anblick gefragt hätte: Wofür interessiert sich
-eigentlich dieser Mensch, was hat er am häufigsten im Sinn, so hätte man
-es wirklich nicht sagen können. Währenddessen aber kam es vor, daß er im
-Hause oder auf dem Hof oder auch auf der Straße plötzlich tief
-nachdenklich stehen blieb und so zuweilen ganze zehn Minuten lang
-dastand. Ein Physiognomiker hätte gesagt, daß es weder Nachdenklichkeit
-noch Grübelei war, sondern so eine gewisse Kontemplation. Von dem Maler
-Kramski gibt es unter anderem ein sehr bemerkenswertes Bild: es heißt
-„Der Beschauliche“. Mitten auf dem verschneiten Waldwege steht in einem
-alten Mäntelchen und in alten Bastschuhen ein Bäuerlein, steht ganz
-allein, und als ob er ganz in Gedanken versunken wäre, doch er denkt
-nichts, er ist nur „beschaulich“. Würde man ihn stoßen, so würde er
-zusammenfahren und einen, wie aus dem Schlaf erwachend, ansehen, ohne
-jedoch etwas zu verstehen. Zwar würde er sofort zu sich kommen, doch
-wollte man ihn fragen, woran er gedacht, als er stand, so würde er es
-bestimmt nicht sagen können – dafür aber wird er zweifellos die
-Empfindung, die er während der Zeit seiner „Beschaulichkeit“ gehabt, auf
-ewig in seinem Innern behalten. Diese Empfindungen sind ihm teuer, und
-sicher sammelt er sie in sich auf, ohne es auch nur zu wissen – warum
-und wozu weiß er bestimmt gleichfalls nicht: Vielleicht macht er sich
-dann plötzlich auf und pilgert nach Jerusalem zum Heiligen Grabe,
-vielleicht aber ergreift ihn auch die Sehnsucht nach dem Heimatdorf,
-oder vielleicht geschieht das eine wie das andere. Solcher Menschen gibt
-es viele im Volk. Und einer von denen war nun zweifellos Ssmerdjäkoff,
-und bestimmt sammelte er gleichfalls gierig seine Eindrücke, fast ohne
-selbst zu wissen, warum.
-
-
- VII.
- Die Kontroverse
-
-Aber siehe da, plötzlich tat Bileams Esel das Maul auf. Das Thema war
-ein ganz sonderbares, zufälliges: Grigorij hatte am Morgen, als er beim
-Kolonialwarenhändler Lukjanoff einkaufte, durch diesen von einem
-russischen Soldaten gehört, der irgendwo fern an der Grenze bei den
-Asiaten, in deren Gefangenschaft er geraten war, den Märtyrertod für
-seinen Glauben erduldet hatte. Seine Peiniger hatten von ihm unter
-Androhung der größten Foltern verlangt, vom Christentum zum Islam
-überzutreten, er aber hatte sich die Haut abziehen lassen und war, den
-Namen Christi preisend, gestorben. Die Nachricht von dieser Heldentat
-hatte gerade in den Morgenblättern gestanden. Grigorij nun erlaubte
-sich, bei Tisch das Gehörte zu erzählen. Fedor Pawlowitsch sah es auch
-früher schon nicht ungern, wenn Grigorij, nachdem er alles serviert
-hatte, noch bei Tisch stehen blieb, denn er liebte es, beim Dessert zu
-sprechen oder zu scherzen, und wenn er allein speiste, so tat er es eben
-mit Grigorij. Diesmal war er besonders gut gelaunt. Als er nun beim
-Kognak die erwähnte Geschichte von dem gemarterten Soldaten hörte,
-meinte er, man müsse diesen Märtyrer sofort heilig sprechen und seine
-abgezogene heilige Haut in irgendein Kloster bringen, und schloß mit dem
-Ausruf: „Wie das Volk und Geld anziehen würde!“ Grigorij runzelte die
-Stirn, da er sah, daß Fedor Pawlowitsch sich nicht im geringsten rühren
-ließ, sondern wie gewöhnlich mit seiner Religionsspötterei begann – als
-plötzlich Ssmerdjäkoff, der an der Tür stand, spöttisch lächelte.
-Ssmerdjäkoff hatte auch früher häufig zum Schluß der Mahlzeit mit
-Grigorij im Zimmer gestanden, seit der Ankunft Iwan Fedorowitschs jedoch
-war er ausnahmslos jedesmal erschienen.
-
-„Was hast du?“ fragte Fedor Pawlowitsch, der das Lächeln bemerkt und
-sofort erraten hatte, daß es sich auf Grigorij bezog.
-
-„Ich erlaube mir nur zu meinen,“ sagte Ssmerdjäkoff plötzlich mit ganz
-unerwartet lauter Stimme, „daß, wenn die Tat des lobenswerten Soldaten
-auch sehr gewaltig ist, wie ich meine, es doch hinwiederum keine Sünde
-gewesen wäre, wenn er sich in besagter Bedrängnis beispielsweise von
-Christi Namen und von seiner eigenen Taufe losgesagt hätte, um auf
-selbige Weise sein Leben für gute Taten zu erhalten, mit welchen er im
-Laufe der Jahre seine Kleinmütigkeit auskaufen könnte.“
-
-„Wie soll denn das keine Sünde sein? Du faselst, mein Lieber, dafür
-kommst du direkt in die Hölle, wo man dich noch wie Hammelbraten rösten
-wird,“ widersprach ihm Fedor Pawlowitsch.
-
-In dem Augenblick trat Aljoscha ein, und Fedor Pawlowitsch freute sich
-ungemein über sein Kommen.
-
-„Ein Thema für dich, für dich!“ rief er fröhlich kichernd Aljoscha zu.
-
-„Geröstetwerden wie Hammelbraten? Das ist nicht so, und es wird mir dort
-nichts dafür geschehen, und nach aller Gerechtigkeit muß dort auch
-nichts Derartiges sein,“ bemerkte Ssmerdjäkoff solide überzeugt.
-
-„Wie das, nach aller Gerechtigkeit?“ fragte Fedor Pawlowitsch noch
-lustiger und versetzte Aljoscha mit dem Knie unter dem Tisch heimlich
-einen Stoß.
-
-„Ein gemeiner Mensch ist er, und das ist alles!“ platzte plötzlich
-Grigorij heraus und blickte dabei Ssmerdjäkoff offen in die Augen.
-
-„In betreff des gemeinen Menschen gedulden Sie sich etwas, Grigorij
-Wassiljewitsch,“ entgegnete ruhig und zurückhaltend Ssmerdjäkoff, „und
-bedenken Sie lieber selbst, daß ich, wenn ich einmal in die
-Gefangenschaft der Henker der Christenheit gefallen bin und sie von mir
-verlangen, den Namen Gottes zu verfluchen und mich von meiner heiligen
-Taufe loszusagen, ich also durch meine eigene Vernunft zu selbiger Tat
-ermächtigt bin, denn hierbei kann von Sünde gar keine Rede sein.“
-
-„Das hast du ja schon gesagt, schwatz nicht so viel, sondern beweise!“
-rief Fedor Pawlowitsch.
-
-„Suppendreher!“ stieß Grigorij verächtlich zwischen den Zähnen hervor.
-
-„In betreff des Suppendrehers gedulden Sie sich gleichfalls, und
-bedenken Sie es lieber, ohne zu schimpfen, selbst, Grigorij
-Wassiljewitsch. Denn kaum, daß ich zu meinen Peinigern sage: ‚Nein, ich
-bin kein Christ, und ich verfluche meinen wahrhaftigen Gott,‘ so bin ich
-auch schon in selbigem Augenblick von Gottes höchstem Gericht verurteilt
-und ganz speziell verdammt und von der heiligen Kirche ausgeschlossen,
-ganz wie eine Heide, und das sogar in demselben Moment, nicht nur
-Augenblick, wie ich dieses – nicht nur ausspreche, sondern nur bloß
-denke auszusprechen, so daß hierbei noch keine Viertelsekunde
-verstreicht, bevor ich schon ausgeschlossen bin. Ist es so, oder ist es
-nicht so, Grigorij Wassiljewitsch?“
-
-Er wandte sich mit sichtlicher Genugtuung immer an Grigorij, obgleich er
-nur auf die Frage Fedor Pawlowitschs antwortete, und das auch sehr gut
-begriff, doch tat er absichtlich so, als ob ihm Grigorij diese Fragen
-stellte.
-
-„Iwan!“ rief plötzlich Fedor Pawlowitsch, „beug dich ganz nah zu mir.
-Das macht er alles nur deinetwegen, will, daß du ihn lobst. Und du lob
-ihn auch.“
-
-Iwan Fedorowitsch hörte vollkommen ernst die begeisterte Mitteilung
-seines Vaters an.
-
-„Wart, Ssmerdjäkoff, halt noch einen Augenblick das Maul,“ rief wieder
-Fedor Pawlowitsch. „Iwan, beug dich wieder zu mir.“
-
-Iwan Fedorowitsch beugte sich wieder mit dem ernstesten Gesicht zu ihm.
-
-„Ich liebe dich ganz ebenso wie Aljoschka. Glaub nicht, daß ich dich
-vielleicht nicht liebe. – Kognak?“
-
-„Meinetwegen.“
-
-„Nun, bist ja schon gehörig angetrunken,“ dachte Iwan Fedorowitsch, der
-seinen Vater scharf anblickte, bei sich. Den Diener Ssmerdjäkoff aber
-beobachtete er sehr interessiert.
-
-„Du bist auch jetzt verflucht!“ platzte wieder Grigorij heraus. „Wie
-wagst du überhaupt ...“
-
-„Schimpf nicht, Grigorij, schimpf nicht!“ unterbrach ihn Fedor
-Pawlowitsch.
-
-„Gedulden Sie sich nur noch kurze Zeit, Grigorij Wassiljewitsch, und
-hören Sie weiter, da ich noch nicht geendet habe. Denn also, wenn mich
-Gott verflucht, bin ich doch schon in demselben Moment gleich einem
-Heiden und meiner Taufe ledig, als ob ich nie getauft gewesen wäre. Ist
-nun wenigstens das so oder nicht?“
-
-„Komm zum Schluß, zum Schluß, mein Lieber,“ rief Fedor Pawlowitsch, der
-mit Genuß aus seinem Gläschen nippte.
-
-„Wenn ich aber zu selbiger Zeit schon nicht mehr Christ war, so habe ich
-alsomit auf die Frage: ‚Bin ich Christ oder nicht?‘ nicht gelogen, denn
-ich bin dann doch schon von Gott selber meines Christentums entbunden,
-von wegen meines bloßen Gedankens, noch bevor ich ein Wort zu meinen
-Peinigern gesprochen habe. Wenn ich aber alsomit auf diese Weise des
-Christentums entbunden bin, mit welcher Gerechtigkeit wird man dann noch
-in jener Welt von mir Verantwortung dafür verlangen, daß ich Christum
-verleugnet habe, während ich doch schon vor meiner Verleugnung, schon
-für den bloßen Gedanken, der doch ganz von selber kommt, meiner Taufe
-entbunden war? Wenn ich aber nicht mehr Christ bin, kann ich mich doch
-alsomit auch nicht von Christus lossagen, denn was man nicht hat, das
-kann man auch nicht fortwerfen. Denn sagen Sie doch selbst, Grigorij
-Wassiljewitsch, wer wird denn von einem heidnischen Tataren, meinetwegen
-selbst im Himmelreich, dafür Rechenschaft fordern, daß er nicht als
-Christenkind geboren ist, und wer wird ihn dort dafür strafen, wenn man
-noch bedenkt, daß man von einem Ochsen nicht zwei Felle abziehen kann.
-Wird doch der allmächtige Gott, selbst wenn er ihn nach seinem Tode
-danach fragt, ihn nur ganz wenig bestrafen, denke ich – da es doch nicht
-gut geht, daß er gar nicht strafen wird –, ich meine, wenn Gott der Herr
-es sich selbst überlegt, daß der Sohn doch nichts dafür kann, daß er von
-heidnischen Eltern auf die Welt gekommen und Heide geworden ist. Gott
-der Herr kann doch nicht den Tataren vergewaltigen, ihn nehmen und
-schlankweg sagen, daß auch er Christ gewesen sei? Das hieße dann doch,
-daß der Allerhalter die reinste Unwahrheit sagt. Kann denn aber der
-allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde auch nur ein einziges
-erlogenes Wort sagen?“
-
-Grigorij war sprachlos und starrte nur mit weit aufgerissenen Augen auf
-den Redner. Wenn er auch nicht recht verstand, was er sagte, so begriff
-er plötzlich von diesem ganzen Gerede doch so viel, daß er mit dem
-Ausdruck eines Menschen dastand, der plötzlich mit der Stirn an eine
-Wand gestoßen ist. Fedor Pawlowitsch trank sein Gläschen aus und lachte
-ein helles, halbtrunkenes Lachen, als Ssmerdjäkoff geendet hatte.
-
-„Aljoschka, Aljoschka, wie findest du das! Sieh doch einer, als was für
-ein Kasuist der sich entpuppt! Iwan, er muß irgendwo bei Jesuiten in der
-Schule gewesen sein. Sag mir doch, du mein stinkender Jesuit, du
-Jesuitssmerdjätschij – na, ’s kommt doch auf eins heraus –, wo hast du
-das gelernt? Nur laß dir gesagt sein, daß du lügst, mein lieber Kasuist,
-du lügst wie gedruckt, wie gedruckt! Weine nicht, Grigorij, wir werden
-ihn sofort aufs Haupt schlagen. Hör jetzt, Esel, und antworte dann:
-Schön, du bist vor deinen Peinigern im Recht, aber innerlich hast du
-dich doch von deinem Glauben damit losgesagt, und du sagst ja selbst,
-daß du noch in selbiger Stunde verflucht wirst, wenn du aber schon
-einmal verflucht bist, so, was glaubst du wohl, wird man dir dann noch
-in der Hölle dafür wie einem braven Jungen das Köpfchen streicheln? Was
-meinst du dazu, du mein lieber Jesuit?“
-
-„Das ist so, wie es ist; es ist doch klar, daß ich mich dann in mir
-selber gleichfalls von der Kirche losgesagt habe, aber trotzdem kann
-hierbei keine spezielle Sünde sein, oder wenn, dann doch nur eine kleine
-und äußerst alltäglich gewöhnliche.“
-
-„Wie das, äußerst alltäglich gewöhnliche?“
-
-„Du lügst, Verfluchter!“ stieß Grigorij ingrimmig hervor.
-
-„Urteilen Sie doch selbst, Grigorij Wassiljewitsch!“ Ruhig und gemessen,
-mit dem vollen Bewußtsein des Sieges und doch mit einer gewissen Großmut
-dem geschlagenen Gegner gegenüber, fuhr Ssmerdjäkoff in seiner
-Auseinandersetzung fort. „Urteilen Sie doch selbst: es steht doch in der
-Bibel geschrieben: Wenn Sie einen Glauben auch nur von der Größe eines
-Senfkörnchens haben und dabei diesem Berge sagen, daß er ins Meer
-rutschen soll, selbiger Berg es unverzüglich tun werde, dieweil Sie es
-so befehlen. Wenn ich alsomit ein Ungläubiger bin, Sie aber, Grigorij
-Wassiljewitsch, ein so gewaltiger Gläubiger sind, daß Sie mich wegen
-meiner besagten Ungläubigkeit sogar mannigfach beschimpfen, so versuchen
-Sie es doch, sagen Sie diesem Berge, daß er nicht bis ins Meer – nun,
-bis zum Meer ist es sehr weit von hier –, sondern meinetwegen auch nur
-in unser stinkendes Flüßchen, das hier hinterm Garten fließt, rutschen
-soll, dann werden Sie selber sehen, noch im selben sogenannten Moment,
-daß nichts von der Stelle rutscht und alles so bleibt, wie es war und
-ist, wieviel Sie auch schreien wollten. Das aber bedeutet, daß auch Sie
-nicht in der vorgeschriebenen Weise glauben und nur andere dafür
-alleweil mannigfach beschimpfen. Und wenn man hinwiederum nimmt, daß
-heutzutage niemand, nicht nur Sie allein nicht, sondern überhaupt
-niemand, angefangen sogar von den Allerhöchsten bis zum letzten
-Bauernkerl, einen Berg ins Meer rücken kann, außer vielleicht
-irgendeinem einzigen Menschen auf der ganzen Welt – zwei wären schon
-viel –, und auch die suchen vielleicht dort irgendwo in der ägyptischen
-Wüstenei als Einsiedler ihr Heil, so daß man sie vielleicht überhaupt
-nicht finden kann ... also wenn es so ist, wenn alle anderen sich als
-Ungläubige erweisen, also wird dann all diesen anderen gegenüber, außer
-diesen beiden Einsiedlern, Gott der Herr in seiner großen
-Barmherzigkeit, die doch so bekannt ist, wohl Gnade vor Recht walten
-lassen? Alsomit hoffe auch ich, daß Gott der Herr mir verzeihen wird,
-wenn ich einmal gezweifelt habe und darüber Tränen der Reue vergieße.“
-
-„Halt!“ schrie plötzlich Fedor Pawlowitsch in der größten Begeisterung
-dazwischen, „also daß es zwei solche gibt, die den Berg von der Stelle
-rücken können, nimmst du schließlich doch an? Iwan, behalte das,
-schreib’s auf: Hierin hat sich das ganze russische Volk geäußert!“
-
-„Ja, das haben Sie richtig bemerkt, daß das ein russischer Zug im
-Volksglauben ist,“ stimmte Iwan Fedorowitsch mit beifälligem Lächeln zu.
-
-„Ah, du gibst es zu! Also ist es so, wenn sogar du es zugibst!
-Aljoschka, das ist doch wahr? Genau so ist doch der russische Glaube?“
-
-„Nein, Ssmerdjäkoff hat durchaus keinen russischen Glauben,“ sagte
-Aljoscha ernst und überzeugt.
-
-„Ich rede nicht von seinem Glauben, sondern nur von diesem einen Zug,
-von diesen zwei Einsiedlern, nur von diesem einen kleinen Zug: Das ist
-doch russisch, aber echt russisch!“
-
-„Ja, dieser Zug ist allerdings ganz russisch,“ meinte Aljoscha lächelnd.
-
-„Hör, Bileams Esel, dein Wort ist ’nen Rubel wert, werde ihn dir noch
-heute geben, doch im übrigen lügst du trotzdem, das sage ich dir, lügst
-wie gedruckt! Laß es dir jetzt gesagt sein, Dummkopf, daß wir alle hier
-im Leben bloß aus Leichtsinn nicht glauben, wir haben keine Zeit dazu:
-erstens wächst uns die Arbeit schon über den Kopf, und zweitens hat uns
-Gott nur wenig Zeit gegeben, hat im ganzen für den Tag nur
-vierundzwanzig Stunden bestimmt, so daß man ja nicht einmal Zeit zum
-Ausschlafen hat, von Bereuen schon gar keine Rede. Du aber hast dort vor
-den Quälgeistern deinen Glauben in einem Augenblick verleugnet, da du an
-nichts anderes mehr als nur an deinen Glauben zu denken hattest, als es
-gerade hieß, deinen Glauben zeigen! Das ist doch so, mein Lieber, denke
-ich?“
-
-„So ist es schon, aber urteilen Sie selbst, Grigorij Wassiljewitsch, daß
-es doch um so mehr erleichtert, je mehr es so ist. Denn wenn ich im
-selbigen Moment so wahrhaftig glaube, wie es geboten ist zu glauben,
-dann wäre es wirklich Sünde, wenn ich für meinen Glauben keine Qualen
-auf mich nehmen wollte, und zu den verfluchten Mohammedanern übertreten
-würde. Aber dann würde es doch überhaupt nicht bis zum Foltern kommen,
-denn dann brauchte ich doch nur im selbigen Moment zu dem Berge zu
-sagen: erdrücke den Henker, und der Berg würde ihn sofort wie eine Wanze
-plattdrücken, und ich würde fortspazieren, als ob nichts gewesen wäre,
-lobsingend und den Namen Gottes preisend. Wenn ich es aber in diesem
-selbigen Moment versuchte und absichtlich dem Berg zuschrie: ‚erdrücke
-meine Henker‘, der Berg sie aber nicht erdrückt, wie soll ich dann,
-sagen Sie doch selbst, wie soll ich dann nicht zweifeln, und dazu noch
-in einer so furchtbaren Stunde der gewaltigen Todesangst? Und überdies
-weiß ich dann noch, daß ich des Himmelreichs sowieso nicht in der
-Vollkommenheit teilhaftig werde – sintemal sich doch der Berg auf mein
-Wort hin nicht gerührt hat, alsomit heißt es, daß man meinem Glauben
-droben doch nicht gerade sonderlich glaubt, und mich alsomit nicht gar
-so große Belohnungen daselbst erwarten – warum soll ich mir dann
-überdies, und schon ohne jeden Vorteil für mich, noch meine Haut
-abziehen lassen? Denn selbst wenn sie mir meine Haut schon bis zur
-Hälfte abgerissen haben, so wird doch der Berg auf mein Wort oder
-Geschrei nicht von der Stelle rücken. Aber in solch einem Moment können
-einen doch nicht nur Zweifel befallen, sondern kann man sogar vor Angst
-selbst den Verstand verlieren, so daß ein Überlegen und jegliches Denken
-ganz und gar unmöglich wird. Wodurch bin ich dann so besonders sündig,
-wenn ich, dieweil ich weder hier noch dort dafür Belohnung sehe,
-wenigstens mir meine Haut bewahre? Darum aber nähre ich im Vertrauen auf
-die Gnade und Barmherzigkeit Gottes die Hoffnung, daß mir alsomit ganz
-verziehen werden wird ...“
-
-
- VIII.
- Beim Gläschen
-
-Der Streit war beendet, doch sonderbar: der so gut aufgelegte Fedor
-Pawlowitsch wurde plötzlich verdrießlich. Er ärgerte sich und goß sich
-wieder einen Kognak hinter die Binde – es war schon ein ganz
-überflüssiges Gläschen.
-
-„Ach, packt euch, ihr Jesuiten allesamt, hinaus!“ schrie er mit einem
-Male die Dienstboten an. „Scher dich, Ssmerdjäkoff. Werde dir heute den
-versprochenen Rubel geben, jetzt aber marsch. Sei nicht traurig,
-Grigorij, schieb ab zu Marfa, sie wird dich trösten, schlafen legen ...
-Die Kanaillen lassen einen wirklich nicht in Ruhe ein Stündchen nach dem
-Essen sitzen,“ schimpfte er verstimmt, als sich die Dienstboten auf
-seinen Befehl sofort zurückgezogen hatten. „Ssmerdjäkoff kriecht jetzt
-jeden Tag nach dem Essen her. Du bist es, der ihn so interessiert. Womit
-hast du es ihm denn angetan?“ fragte er Iwan Fedorowitsch.
-
-„Eigentlich mit nichts,“ entgegnete der, „es ist ihm eingefallen, mich
-zu verehren; er ist eine Lakaienseele, ein echter Ham. Übrigens
-fortschrittlicher Humus, wenn die Zeit kommt.“
-
-„Fortschrittlicher?“
-
-„Es wird andere und bessere geben, aber auch solche wird es geben.
-Zuerst werden es solche sein, nach ihnen aber bessere.“
-
-„Und wann wird denn die Zeit kommen?“
-
-„Anbrennen wird die Rakete, aber vielleicht doch nicht aufsteigen.
-Vorläufig liebt das Volk noch nicht sonderlich diesen ‚Suppendrehern‘
-zuzuhören.“
-
-„Das ist’s ja, solch ein Bileams Esel denkt und denkt, und – der Teufel
-mag wissen, was sich der Kerl schließlich zusammendenkt.“
-
-„Speichert Gedanken auf,“ meinte Iwan lächelnd.
-
-„Sieh, ich weiß zum Beispiel, daß er auch mich nicht leiden kann, ganz
-wie alle anderen, dich ganz genau so wenig, obgleich dir scheint, es sei
-ihm eingefallen, dich ‚zu verehren‘. Aljoschka natürlich schon längst
-nicht, den verachtet er einfach. Aber er stiehlt nicht, er klatscht
-nicht, hält das Maul wie festgenäht, trägt nichts auf den Markt zum
-Durchhecheln, macht seine Pasteten einfach großartig, und zudem – ach,
-zum Teufel mit ihm, nein, wirklich, lohnt es sich denn überhaupt, über
-ihn zu sprechen!?“
-
-„Natürlich lohnt es sich nicht.“
-
-„Und was da seine Gedanken anbetrifft, die er sich im stillen macht, so
-im allgemeinen gesagt, muß man den russischen Bauer einfach versohlen,
-merk dir das. Das hab ich immer behauptet: Unser Bauer ist ein
-Spitzbube, es lohnt sich nicht, ihn zu bedauern; gut, daß er auch jetzt
-noch zuweilen versohlt wird. Unser Vaterland ist stark geworden durch
-die Birkenrute. Wenn sie die Wälder abholzen, wird auch Rußlands ganze
-Kraft flöten gehen. Ich, weißt du, bin immer für die klugen Leute. Jetzt
-hat man aufgehört, die Bauern zu prügeln, hält sich für zu klug dazu,
-und so prügeln sich jetzt die Kerls selbst untereinander. Oh, sie täten
-gut, wenn sie das Prügeln aufrechterhielten. Mit welch einem Maß du
-missest, wird dir wieder gemessen werden, oder wie es da ... Kurz und
-gut, es wird wieder gemessen, das ist ja die Hauptsache. Rußland aber
-ist nichts als eine Schweinewirtschaft. Mein Lieber, wenn du wüßtest,
-wie ich Rußland hasse ... das heißt, nicht Rußland, aber alle diese
-Laster ... meinetwegen auch ganz Rußland. _Tout cela c’est de la
-cochonnerie._ Weißt du, was ich liebe? Ich liebe Witz und Scharfsinn!“
-
-„Sie haben schon wieder ein Glas ausgetrunken. Das sollten Sie lieber
-nicht mehr tun.“
-
-„Wart, ich werde gleich noch eins trinken, und dann noch eins, und dann
-meinetwegen Schluß. Nein, wart, du hast mich unterbrochen. In Mokroje
-fragte ich einmal auf der Durchfahrt einen Alten, er aber sagt mir: ‚Am
-meisten lieben wir es,‘ sagt er, ‚Mädels zu Prügelstrafe zu verurteilen,
-und dreschen lassen wir sie dann immer von den Burschen. Am nächsten
-Tage aber nehmen sich die Burschen dann immer die zur Braut, die sie am
-Tag vorher gedroschen haben, und so haben denn schließlich die Mädels
-auch nichts dagegen.‘ He, wie findest du diesen Marquis de Sade, Wanjä?
-Aber sag, was du willst, es steckt doch Scharfsinn darin. Sollen wir
-nicht mal hinfahren, es uns anzusehen? Was? Aljoschka, warum wirst du so
-rot? Schäm dich nicht, Kindchen. Schade, daß ich vorhin beim Prior nicht
-zu Tisch blieb, hätte den Mönchen von diesen Dorfmädels erzählen müssen.
-Aljoschka, sei nicht bös, daß ich deinen Prior kränkte. Weißt du, mein
-Lieber, mich packt zuweilen die Wut. Denn wenn Gott ist, wenn er
-wirklich existiert, – nun ja, natürlich, dann bin ich schuldig und werde
-es verantworten müssen, aber wenn es Ihn überhaupt nicht gibt, wozu
-braucht man sie dann noch, diese deine Patres? Dann ist’s doch viel zu
-wenig, sie zu köpfen, halten sie doch die ganze Entwicklung auf! Wirst
-du’s mir glauben, Iwan, das peinigt meine besten Gefühle. Nein, du
-glaubst es mir nicht, ich sehe es an deinen Augen. Du glaubst den
-Leuten, wenn sie sagen, daß ich im ganzen nur ein Hansnarr sei.
-Aljoscha, glaubst du mir, daß ich im ganzen nicht nur ein Narr bin?“
-
-„Ich glaube es, daß Sie nicht nur das sind.“
-
-„Und ich glaube dir, daß du es glaubst, und daß du aufrichtig sprichst.
-Du blickst mich aufrichtig an und sprichst auch aufrichtig. Iwan aber
-nicht. Iwan ist hochmütig ... Aber trotzdem würde ich mit deinem Kloster
-ein Ende machen. Diese ganze Mystik einfach beseitigen und
-auseinanderjagen, um alle diese Esel zur Vernunft zu bringen. Und
-wieviel Silber, wieviel Gold dabei in den Münzhof kommen würde!“
-
-„Wozu denn beseitigen?“ fragte Iwan.
-
-„Damit die Wahrheit schneller durch die Wolken bricht und überall
-erstrahlt, siehst du jetzt, warum!“
-
-„Aber wenn diese Wahrheit erstrahlt, so wird man doch Sie als ersten
-berauben und dann ... beseitigen.“
-
-„Wieso? Ach, natürlich, weiß der Teufel, du hast recht! Ich Esel!“ fuhr
-Fedor Pawlowitsch sofort auf, und schlug sich leicht mit der Hand vor
-die Stirn. „Nun, dann mag also dein liebes Kloster stehen bleiben so
-lang es will, Aljoschka, wenn’s so ist. Weißt du auch, Iwan, daß das von
-Gott dann wahrscheinlich unbedingt absichtlich so eingerichtet worden
-ist? Iwan, sag: gibt es Gott oder gibt es ihn nicht? Wart: sage deine
-Überzeugung, sag es im Ernst! Warum lachst du wieder?“
-
-„Ich lache nur, weil Sie selbst vorhin eine scharfsinnige Bemerkung
-machten über Ssmerdjäkoffs Glauben an die zwei Einsiedler, die einen
-Berg versetzen könnten.“
-
-„Ja, bin ich denn jetzt ihm ähnlich?“
-
-„Sogar sehr.“
-
-„Nun, schön, also bin auch ich ein Russe, so habe auch ich einen
-russischen Zug, aber auch dich, mein Philosoph, kann man auf solch einem
-Zuge ertappen. Willst du, soll ich? Wetten wir, daß ich dich morgen noch
-auf solch einem ertappe! Aber trotzdem sag, gibt es Gott oder gibt es
-Ihn nicht? Nur im Ernst! Ich will es jetzt im Ernst wissen.“
-
-„Nein, es gibt keinen Gott.“
-
-„Aljoschka, gibt es einen Gott?“
-
-„Es gibt einen Gott.“
-
-„Iwan, aber gibt es Unsterblichkeit, nun, dort, irgendeine, nun,
-meinetwegen eine ganz kleine, klitzekleine?“
-
-„Nein, auch Unsterblichkeit gibt es nicht.“
-
-„Überhaupt keine?“
-
-„Überhaupt keine.“
-
-„Das heißt, eine absolute Null oder doch etwas? Vielleicht ist doch noch
-etwas? Das ist doch immer noch nicht Nichts!“
-
-„Eine absolute Null.“
-
-„Aljoscha, gibt es Unsterblichkeit?“
-
-„Ja, es gibt eine Unsterblichkeit.“
-
-„Gott und Unsterblichkeit?“
-
-„Ja, Gott und Unsterblichkeit.“
-
-„Hm! Wahrscheinlicher ist, daß Iwan recht hat. Herrgott, wenn man bloß
-bedenkt, wieviel der Mensch Glauben hingegeben hat, wieviel Kräfte aller
-Art er ganz umsonst für diese Idee vergeudet hat, und das schon so viele
-Jahrtausende! Wer macht sich denn so lustig über den Menschen, Iwan? Zum
-letztenmal noch einmal, aber jetzt positiv: gibt es einen oder nicht?
-Ich frage zum letztenmal!“
-
-„Und zum letztenmal – nein.“
-
-„Wer macht sich denn so lustig über uns Menschen, Iwan?“
-
-„Der Teufel vielleicht,“ meinte Iwan Fedorowitsch lächelnd.
-
-„Ja, gibt es denn einen Teufel?“
-
-„Nein, auch einen Teufel gibt es nicht.“
-
-„Schade. Weiß der Teufel noch eins, was ich mit demjenigen machen würde,
-der zum erstenmal Gott ausgedacht hat! Ihn einfach zu erhängen wäre ja
-viel zu wenig!“
-
-„Dann würde es überhaupt keine Kultur geben, wenn man sich nicht Gott
-ausgedacht hätte.“
-
-„Nicht geben? Ohne Gott, meinst du?“
-
-„Ja. Und auch Ihren Kognak gäbe es dann nicht. Aber jetzt werde ich doch
-die Flasche fortstellen müssen.“
-
-„Wart, wart, wart, mein Lieber, noch ein einziges kleines Gläschen. Ich
-habe Aljoschka gekränkt. Du ärgerst dich doch nicht, Alexei? Du mein
-lieber Alexeitschik, bist doch mein einziger Alexeitschik!“
-
-„Nein, ich ärgere mich nicht. Ich kenne Ihre Gedanken. Ihr Herz ist
-besser, als Ihr Kopf.“
-
-„Was, _mein_ Herz soll besser sein als mein Kopf? Großer Gott, und wie
-er das noch sagt!? Iwan, liebst du Aljoschka?“
-
-„Ich liebe ihn.“
-
-„Ist recht so, sollst ihn auch lieben.“ (Fedor Pawlowitsch war bereits
-stark berauscht.) „Hör, Aljoscha, ich sagte deinem Staretz vorhin eine
-Grobheit. Nun, ich war erregt. Aber in diesem Staretz steckt doch
-Scharfsinn, er kann wirklich geistreich sein, was meinst du, Iwan?“
-
-„Warum nicht.“
-
-„Doch, doch, _il y a du Piron là dedans_. Das ist ein Jesuit, ein
-russischer, versteht sich. Als edles Wesen, das er ist, kocht in ihm
-dieser gewisse verborgene Unwille darüber, daß er sich verstellen muß
-... den Heiligen spielen.“
-
-„Aber er glaubt doch an Gott.“
-
-„Nicht für ’ne halbe Kopeke! Und du wußtest das nicht? Er sagt es doch
-allen selbst, das heißt, nicht allen, sondern nur allen klugen Leuten,
-die zu ihm kommen. Dem Gouverneur Schulz hat er ganz offen gesagt:
-‚_credo_, weiß aber selbst nicht, woran.‘“
-
-„Unmöglich!“
-
-„Genau so, sag ich dir. Aber ich achte ihn sehr. Es ist etwas
-Mephistophelisches in ihm, oder richtiger, etwas aus Lermontoffs ‚Helden
-unserer Zeit‘ ... Arbenin oder wie der Kerl da heißt ... das heißt, sieh
-mal, er ist ein Lüstling; er ist dermaßen Lüstling, daß ich auch jetzt
-noch für meine Tochter zittern würde, oder für meine Frau, wenn sie zu
-ihm beichten ginge. Weißt du, wenn er davon erzählt ... Einmal, vor drei
-Jahren, lud er uns zu sich zum Tee ein, Tee mit einem pikfeinen
-Likörchen (die Damen schicken ihm alles zu), wie er aber dann von den
-alten Zeiten zu erzählen begann, da haben wir uns nur den Leib gehalten
-vor Lachen ... Besonders wie er eine Halbgelähmte geheilt hätte. ‚Wenn’s
-nur meine Füße erlaubten,‘ sagte er, ‚würde ich Ihnen ein gewisses
-Tänzchen vortanzen‘ ... Nun, wie? Wie findet ihr ihn? ‚Hab in meinem
-Leben den Leuten nicht wenig blauen Dunst vorgemacht,‘ sagt er. Vom
-Kaufmann Demidoff hat er sich runde Sechzigtausend eingezogen.“
-
-„Wie, gestohlen?“
-
-„Der brachte sie zu ihm wie zu einem heiligen Menschen: ‚Verwahr sie,
-morgen ist bei mir Haussuchung.‘ Nun, der verwahrte sie denn auch. ‚Du
-hast doch,‘ sagt er darauf, ‚die Sechzigtausend für die Kirche
-gespendet.‘ Sagte ihm: ‚Ein Schuft bist du.‘ ‚Nein,‘ sagt er, ‚bin kein
-Schuft, bin nur eine weit angelegte Natur‘ ... Übrigens, das war nicht
-er ... Das war ein anderer. Ich hab sie nur verwechselt ... ohne es
-selbst zu bemerken. Nun, jetzt noch ein Gläschen und dann Schluß, nimm
-die Flasche fort, Iwan. Ich habe gelogen, warum hast du mich nicht
-unterbrochen, Iwan ... und gesagt, daß ich lüge?“
-
-„Ich wußte, daß Sie es selbst sagen würden.“
-
-„Du lügst, das hast du aus Bosheit nicht getan, nur aus Bosheit. Du
-verachtest mich. Du bist hergekommen zu mir und verachtest mich jetzt in
-meinem eigenen Hause.“
-
-„Ich werde sehr bald fortfahren; der Kognak ist Ihnen nicht gerade
-zuträglich.“
-
-„Ich hab dich himmelhoch gebeten, nach Tschermaschnjä zu fahren ... auf
-ein, zwei Tage, du aber fährst nicht.“
-
-„Morgen, wenn es Ihnen so sehr darum zu tun ist.“
-
-„Wirst ja doch nicht fahren. Du willst hier auf mich aufpassen, mich
-bespionieren, siehst du, was du willst, eine böse Seele bist du, und
-darum wirst du auch nicht fahren.“
-
-Der Alte hörte nicht auf. Er hatte jene Phase der Trunkenheit erreicht,
-in der viele bis dahin friedliche Trinker sich plötzlich ärgern wollen.
-
-„Was siehst du mich an? Was hast du für Augen? Deine Augen sehen mich an
-und sagen mir: ‚Betrunkene Fratze.‘ Mißtrauisch sind deine Augen, mit
-Verachtung blicken deine Augen ... Du bist hergekommen, weil du was ganz
-Besonderes im Sinne hast. Sieh, Aljoscha blickt einen an, und seine
-Augen strahlen dabei; der hat keine Hintergedanken. Aljoscha verachtet
-mich nicht. Aljoscha, du sollst Iwan nicht lieben!“
-
-„Ärgern Sie sich nicht über meinen Bruder! Hören Sie endlich auf, ihn zu
-beleidigen!“ sagte plötzlich Aljoscha heftig.
-
-„Was, wieso – ich, nun, meinetwegen. Ach, mein Kopf schmerzt. Nimm den
-Kognak fort, Iwan, zum drittenmal sag ich es dir schon.“ Er verstummte,
-wurde nachdenklich, und allmählich verzog sich sein Gesicht zu einem
-schlauen, breiten Lächeln. „Sei nicht bös, Iwan, ärgere dich nicht über
-den alten Taugenichts. Ich weiß, daß du mich nicht liebst, aber trotzdem
-ärgere dich nicht. Wofür sollte man mich auch lieben. Wenn du nach
-Tschermaschnjä fährst, werde ich dich besuchen, Delikatessen mitbringen.
-Ich werde dir dort ein Mädel zeigen, ich habe sie mir schon längst
-gemerkt. Vorläufig ist sie noch ein Barfüßchen. Aber laß dich dadurch
-nicht abschrecken, verachte sie nicht, die Barfüßchen – Perlen, sag ich
-dir!“
-
-Und er drückte schmatzend einen Kuß auf seine Handfläche.
-
-„Für mich,“ begann er plötzlich ganz belebt, als sei er im Augenblick
-nüchtern geworden, sobald er nur auf sein Lieblingsthema kam, „für mich
-... Ach ihr! Kinderchen! Kleine Ferkelchen seid ihr! Für mich ... hat es
-sogar in meinem ganzen Leben kein einziges verächtliches Weib gegeben,
-das ist die Regel, an die ich mich halte! Könnt ihr das begreifen? Ach,
-wie sollt ihr denn das begreifen können: bei euch fließt ja noch
-Kindermilch anstatt Blut in den Adern, seid ja doch noch nicht mal aus
-dem Ei gekrochen! Nach meiner Überzeugung kann man in jedem Weibe
-ungewöhnlich viel, hol’s der Teufel, Interessantes finden, etwas, das
-man bei keiner einzigen anderen wiederfinden kann, – nur muß man es zu
-finden verstehen, das ist der Haken! Dazu gehört eben ein Talent!
-Unmögliche hat’s für mich überhaupt nicht gegeben: schon allein das, daß
-sie Weib ist, schon allein das – ist die Hälfte des Ganzen ... aber wie
-sollt ihr das begreifen! Selbst in den alten Jungfern findest du
-zuweilen noch so etwas, daß du dich über die übrigen Esel nur wundern
-kannst, wie sie sie nur haben alt werden lassen, ohne es überhaupt zu
-bemerken! Die Barfüßigen und Ausrangierten muß man ganz zuerst in
-Erstaunen setzen, – siehst du, so muß man sie anfassen. Und du wußtest
-das noch nicht? In Erstaunen muß man sie setzen, in eine Verwunderung,
-die zum Entzücken wird, die sie schließlich wie Begeisterung
-durchdringt, daß sich solch ein vornehmer Herr in solch einen
-Schmutzfink, wie sie, hat verlieben können. ’s ist wahrhaftig schön, daß
-es immer Hamiten und Herren auf der Welt geben wird, dann wird es auch
-immer solch eine kleine Scheuermagd geben, und immer auch einen Herrn
-für sie, das aber ist doch alles, was zum Lebensglück nötig ist! Wart
-... hör mal, Aljoschka, mit deiner verstorbenen Mutter machte ich es
-ebenso, ich setzte sie gleichfalls in Erstaunen, nur kam es dabei anders
-heraus. Bin lange Zeit nicht zärtlich zu ihr, dann aber, wenn die Minute
-kommt – falle ich plötzlich vor ihr nieder, krieche auf den Knien vor
-ihr herum, küß ihr die Füßchen und bringe sie jedesmal, jedesmal –
-erinnere mich dessen noch wie heute – zu solch einem kleinen Lachen,
-solch einem trockenen, hellen, nicht lauten, nervösen ganz besonderen
-Lachen. Nur sie allein hatte solch ein Lachen. Ich weiß, daß damit bei
-ihr immer die Krankheit anfängt, daß sie morgen als Klikuscha rufen
-wird, und daß dieses kleine, trockene Lachen nichts weniger als
-Begeisterung bedeutet ... nun, einerlei, wenn auch Betrug, aber immerhin
-doch Begeisterung. Seht ihr, was das heißt, in allem so etwas zu finden
-verstehen! Einmal, weiß ich noch, war Beljäwski – ein hübscher,
-steinreicher Junge, hatte sich in sie verliebt und kam daher häufig zu
-uns ... Na ja, was ich sagen wollte, dieser Beljäwski also gab mir
-plötzlich in meinem eigenen Hause eine Ohrfeige, und zwar in ihrer
-Gegenwart. Als sie das sah, solch ein Lamm, – ich dachte, sie schlägt
-mich tot! ‚Jetzt bist du beschimpft,‘ schreit sie, ‚beschimpft, du hast
-von ihm eine Ohrfeige bekommen! Du hast mich,‘ sagt sie, ‚an ihn
-verkauft ... Wie hat er es wagen können, dich in meiner Gegenwart zu
-schlagen! Wage es nicht mehr, zu mir zu kommen, nie mehr, nie mehr! Geh
-sofort, fordere ihn auf Pistolen‘ ... So daß ich sie damals zur
-Beruhigung ins Kloster schleppen mußte, die heiligen Väter stellten sie
-durch Gebete wieder her. Aber, bei Gott, das hatte ich doch nicht von
-meiner kleinen Klikuscha erwartet! Nur einmal, höchstens einmal, es war
-noch im ersten Jahr: sie betete damals schon gar zu viel, besonders an
-den Feiertagen der Muttergottes, dann jagte sie sogar mich fort, in mein
-Kabinett – schlafen. Ich dachte, wart, werde diese ganze Mystik aus ihr
-heraustreiben! ‚Siehst du,‘ sage ich, ‚siehst du, das ist dein
-Heiligenbild, sieh, hier ist es, sieh, ich hab es abgenommen: und jetzt
-sieh, du hältst es für wundertätig, ich aber werde es jetzt gleich hier
-vor deinen Augen anspucken, und nichts wird dafür mit mir geschehen!‘
-... Wie sie das sah, Herrgott, denke ich: jetzt wird sie mich
-totschlagen! Sie aber sprang nur auf, krampfte die Hände zusammen, dann
-bedeckte sie mit ihnen das Gesicht, erzitterte am ganzen Körper und fiel
-zu Boden ... einfach so ... Aljoscha, Aljoscha! Was hast du, was fehlt
-dir?“
-
-Der Alte sprang erschrocken auf. Aljoschas Gesicht hatte sich seit dem
-Augenblick, da der Vater von seiner Mutter zu sprechen begann,
-allmählich verändert. Er wurde rot, seine Augen flackerten auf, und die
-Lippen erzitterten ... Der trunkene Alte schwatzte weiter, daß ihm der
-Speichel von den Lippen spritzte, und bemerkte nichts davon – bis zu dem
-Augenblick, da mit Aljoscha plötzlich etwas sehr Sonderbares geschah,
-und zwar wiederholte sich bei ihm genau dasselbe, was der Alte gerade
-von seiner „Klikuscha“ erzählte. Aljoscha sprang plötzlich auf, krampfte
-die Hände zusammen, bedeckte dann mit ihnen das Gesicht und fiel wie vom
-Blitz getroffen zurück auf den Stuhl; er erbebte plötzlich von einem
-hysterischen Anfall erschütternder Tränen und schluchzte lautlos. Die
-ungewöhnliche Ähnlichkeit mit der Mutter frappierte den Alten ganz
-besonders.
-
-„Iwan, Iwan! Gib schnell Wasser,“ rief er erregt. „Das ist ganz wie sie,
-ganz genau so wie sie, wie damals seine Mutter! Bespritz ihn ein bißchen
-mit dem Wasser, so machte auch ich es mit ihr. Er weint wegen seiner
-Mutter ... wegen seiner Mutter ...“
-
-„Ich glaube, seine Mutter war auch _meine_ Mutter, was meinen Sie wohl?“
-stieß plötzlich in unbezwingbarer, zorniger Verachtung Iwan Fedorowitsch
-hervor.
-
-Der Alte fuhr zusammen vor seinem lodernden Blick. Doch da geschah etwas
-sehr Sonderbares, allerdings nur auf eine Minute: der Alte schien
-wirklich vergessen zu haben, daß die Mutter Aljoschas auch die Mutter
-Iwans war ...
-
-„Wie das – deine Mutter?“ murmelte er verständnislos. „Wie meinst du
-das? Von welch einer Mutter sprichst du? ... ja, war sie denn auch ...
-Ach, richtig! Teufel! Sie ist ja auch deine! Ach, Teufel! Nun, das, mein
-Lieber, das war mir ganz entfallen, verzeih, ich aber glaubte, Iwan ...
-He–he–he!“
-
-Ein trunkenes, halb sinnloses Lächeln zog wieder sein Gesicht in die
-Breite. Da hörten sie plötzlich vom Vorzimmer her Geräusch und Gepolter
-und lautes Geschrei: die Saaltür flog auf, und herein stürzte Dmitrij
-Fedorowitsch. Der Alte warf sich entsetzt zu Iwan:
-
-„Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot! Beschütz mich, beschütz
-mich!“ rief er heiser und klammerte sich angstvoll an den Rock seines
-Sohnes Iwan Fedorowitsch.
-
-
- IX.
- Die Wollüstlinge
-
-Gleich nach Dmitrij Fedorowitsch stürzten auch Grigorij und Ssmerdjäkoff
-in den Saal. Sie waren es gewesen, die sich ihm im Vorzimmer
-entgegengestellt hatten, um ihn nicht hereinzulassen (infolge der
-ausdrücklichen Anweisung Fedor Pawlowitschs, die dieser schon vor
-etlichen Tagen gegeben hatte). Grigorij benutzte es, daß Dmitrij
-Fedorowitsch unschlüssig stehen blieb, um sich im Saale umzublicken, und
-lief zu der Tür, die dem Eingange gegenüber lag, und die zu den anderen
-Zimmern, dem Kabinett und dem Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs führte: er
-schloß beide Türflügel und stellte sich dann mit ausgebreiteten Armen
-davor, als ob er bereit gewesen wäre, diesen Eingang bis zum letzten
-Blutstropfen zu verteidigen. Als Dmitrij Fedorowitsch das bemerkte,
-stieß er einen heiseren, kurzen Schrei aus und stürzte sich auf
-Grigorij.
-
-„Also dort ist sie! Dort hat man sie versteckt! Fort, Schuft!“
-
-Er wollte Grigorij fortreißen, doch der stieß ihn zurück. Außer sich vor
-Jähzorn, holte Dmitrij Fedorowitsch weit aus und schlug den alten Diener
-mit aller Kraft aufs Haupt. Grigorij brach zusammen und fiel zu Boden,
-Dmitrij Fedorowitsch aber, der über ihn hinwegsprang, stieß die Tür auf
-und stürzte in die anderen Zimmer. Ssmerdjäkoff blieb im Saal zurück,
-war bleich und zitterte, und hielt sich ganz fern in einer Ecke.
-
-„Sie ist hier!“ schrie Dmitrij Fedorowitsch. „Ich habe selbst gesehen,
-wie sie um die Hausecke bog, nur konnte ich sie nicht einholen. Wo ist
-sie? Wo ist sie?“
-
-Dieser Schrei: „Sie ist hier!“ machte einen unglaublichen Eindruck auf
-Fedor Pawlowitsch. Die ganze Angst und der höllische Schrecken verließen
-ihn mit einemmal.
-
-„Halt ihn, halt ihn!“ gröhlte er und jagte Dmitrij Fedorowitsch nach.
-
-Grigorij hatte sich inzwischen erhoben, doch schien er noch nicht recht
-zu sich zu kommen. Iwan Fedorowitsch und Aljoscha liefen eilig ihrem
-Vater nach. Da hörte man im dritten Zimmer etwas fallen und klirrend
-zerschlagen: es war eine große Vase (keine von den teueren), die auf
-einem hohen Marmorsockel stand, und die Dmitrij Fedorowitsch beim
-Vorüberlaufen umgeworfen hatte.
-
-„Pack ihn!“ schrie der Alte heiser. „Zu Hilfe! Polizei!“
-
-Doch Iwan Fedorowitsch und Aljoscha holten schon den Alten ein und
-brachten ihn mit Gewalt in den Saal zurück.
-
-„Wozu laufen Sie ihm nach! Damit er Sie unfehlbar erschlägt!“ rief Iwan
-Fedorowitsch zornig seinem Vater zu.
-
-„Wanjetschka, Ljoschetschka, sie soll hier sein, hier, Gruschenka! Er
-sagt, er habe sie selbst gesehen, habe gesehen, wie sie hergelaufen ist
-...“
-
-Er verschluckte sich. Er hatte diesmal Gruschenka gar nicht erwartet,
-und nun machte ihn die plötzliche Nachricht, daß sie gekommen sei, ganz
-verrückt. Er zitterte am ganzen Körper und schien völlig von Sinnen zu
-sein.
-
-„Sie haben es doch selbst gesehen, daß sie nicht gekommen ist!“ rief
-Iwan Fedorowitsch ärgerlich.
-
-„Aber vielleicht doch durch jenen Eingang?“
-
-„Aber jener Eingang ist doch verschlossen, und der Schlüssel steckt,
-soviel ich weiß, in Ihrer eigenen Tasche ...“
-
-Da erschien Dmitrij Fedorowitsch wieder im Saale. Er hatte natürlich
-jenen Eingang verschlossen gefunden, und der Schlüssel befand sich
-tatsächlich in Fedor Pawlowitschs Tasche. Die Fenster aller Zimmer waren
-gleichfalls geschlossen: folglich konnte Gruschenka unmöglich
-hinausgegangen sein.
-
-„Halt ihn!“ schrie sofort Fedor Pawlowitsch kreischend auf, als er
-Dmitrij wieder erblickte. „Er hat dort bei mir im Schlafzimmer Geld
-gestohlen!“
-
-Und im Augenblick hatte er sich von Iwan losgerissen, um sich wieder auf
-Dmitrij Fedorowitsch zu stürzen. Der erhob aber seine Hände und packte
-plötzlich den Alten an den beiden letzten Haarbüscheln, die ihm noch an
-den Schläfen geblieben waren, riß ihn kräftig zur Seite und schleuderte
-ihn dann aus aller Kraft zu Boden, worauf er dann dem Liegenden noch
-zwei-, dreimal mit dem Stiefelabsatz ins Gesicht schlug. Der Alte
-stöhnte ächzend. Doch schon bändigte Iwan Fedorowitsch seinen älteren
-Bruder, obgleich er längst nicht so stark war wie dieser und riß ihn
-fort vom Vater. Aljoscha half ihm dabei noch mit seiner kleinen Kraft,
-indem er den Bruder von vorne umklammerte.
-
-„Mitjä, Wahnsinniger, du hast ihn ja totgeschlagen!“ rief Iwan.
-
-„Das hat er auch verdient!“ schrie atemlos Dmitrij. „Wenn ich ihn aber
-noch nicht totgeschlagen habe, so werde ich ihn noch totschlagen. Werdet
-ihn nicht davor bewahren können!“
-
-„Dmitrij, geh sofort hinaus!“ rief Aljoscha gebieterisch.
-
-„Alexei! Sag du mir, dir allein werde ich glauben: War sie hier, oder
-war sie nicht hier? Ich habe selbst gesehen, wie sie am Zaun aus der
-Querstraße hierher einbog. Ich rief sie an, und da lief sie fort ...“
-
-„Ich schwör es dir, daß sie nicht hier war, es hat sie hier überhaupt
-niemand erwartet!“
-
-„Aber ich hab sie doch selbst gesehen ... Dann muß sie wohl ... Ich
-werde sofort erfahren, wo sie ist ... Leb wohl, Alexei! Dem Äsop jetzt
-von Geld kein Wort, zu Katerina Iwanowna aber unverzüglich, und sage
-unbedingt: ‚Er schickt seinen Abschiedsgruß! Gerade Abschiedsgruß, und
-seinen ergebensten Diener!‘ Beschreibe ihr die Szene!“
-
-Inzwischen hatten Iwan und Grigorij den Alten aufgehoben und in einen
-Lehnstuhl gesetzt. Sein Gesicht war blutig, doch war er noch bei
-Besinnung und fing gierig die Schreie Dmitrijs auf. Er glaubte immer
-noch, daß Gruschenka sich irgendwo im Hause versteckt habe. Dmitrij
-Fedorowitsch warf noch einmal beim Fortgehen einen haßerfüllten Blick
-auf ihn.
-
-„Ich bereue dein Blut nicht!“ rief er ihm zu, „hüte dich, Alter, und
-vergiß das nicht, denn auch ich werde etwas nicht vergessen! Verfluche
-dich, und sage mich von dir auf ewig los ...“
-
-Damit verließ er das Zimmer.
-
-„Sie ist hier, sie ist bestimmt hier! Ssmerdjäkoff, Ssmerdjäkoff,“
-krächzte kaum hörbar der Alte und winkte mit dem Zeigefinger
-Ssmerdjäkoff zu sich heran.
-
-„Sie ist nicht hier, begreifen Sie es doch, Sie verrückter Alter,“
-schrie ihn plötzlich wutbebend Iwan Fedorowitsch an. „So, jetzt wird er
-auch noch ohnmächtig! Wasser, ein Handtuch! Schlaf nicht, Ssmerdjäkoff!“
-
-Erschrocken lief Ssmerdjäkoff nach dem Wasser. Fedor Pawlowitsch wurde
-schließlich ins Schlafzimmer gebracht, ausgekleidet und ins Bett gelegt;
-dann bekam er noch eine kalte Kompresse auf den Kopf, der mit einem
-Handtuch umbunden wurde. Ganz schwach vom Kognak, von der starken
-Erregung und schließlich von den Schlägen, schloß er, sowie er das
-Kissen berührte, die Augen und schlief wahrscheinlich sofort ein. Iwan
-Fedorowitsch und Aljoscha kehrten wieder in den Saal zurück.
-Ssmerdjäkoff trug die Scherben der zerschlagenen Vase hinaus, Grigorij
-aber stand in finsterem Schweigen am Tisch.
-
-„Solltest nicht auch du dich lieber ins Bett legen und ein nasses
-Handtuch um den Kopf wickeln?“ wandte sich Aljoscha an Grigorij. „Tu’s
-nur, wir werden hier bei ihm bleiben; Dmitrij hat dich so unvorsichtig
-geschlagen ... gerade auf den Kopf.“
-
-„Er hat mich geschlagen!“ sagte Grigorij finster und deutlich vor sich
-hin.
-
-„Er hat auch den Vater geschlagen, nicht nur dich!“ bemerkte mit etwas
-spöttisch verzogenen Lippen Iwan Fedorowitsch.
-
-„Ich habe ihn eigenhändig gebadet ... Er aber hat mich geschlagen!“
-wiederholte Grigorij.
-
-„Weiß der Teufel, wenn ich ihn nicht fortgezogen hätte, würde er ihn ja
-womöglich noch totgeschlagen haben. Wieviel brauchte es denn, um ihn
-totzuschlagen?“ raunte Iwan Fedorowitsch Aljoscha zu.
-
-„Gott behüte davor!“ sagte Aljoscha.
-
-„Warum soll er denn davor behüten,“ fuhr Iwan mit boshaft verzogenem
-Gesicht in demselben Geflüster fort. „Das eine Geschmeiß wird das andere
-Geschmeiß verschlingen, und damit geschieht ihnen beiden recht!“
-
-Aljoscha fuhr zusammen.
-
-„Ich werde selbstverständlich einen Totschlag nicht zulassen, wie ich
-ihn auch heute verhindert habe. Bleib du hier, Aljoscha, ich werde
-hinausgehen, mein Kopf schmerzt.“
-
-Aljoscha ging ins Schlafzimmer zum Vater und saß an seinem Bett hinter
-dem Schirm ungefähr eine ganze Stunde. Plötzlich öffnete der Alte die
-Augen und blickte lange schweigend Aljoscha an; er schien sich des
-Vorgefallenen zu erinnern und nachzudenken. Mit einemmal aber drückte
-sich eine ganz ungewöhnliche Erregung in seinem Gesichte aus.
-
-„Aljoscha,“ flüsterte er ängstlich, „wo ist Iwan?“
-
-„Auf dem Hof, er klagte über Kopfschmerzen. Er bewacht uns.“
-
-„Gib mir den kleinen Spiegel, sieh, dort steht er!“
-
-Aljoscha gab ihm einen kleinen, dreiteiligen Spiegel, der auf der
-Kommode stand. Der Alte warf einen neugierigen Blick hinein und
-betrachtete sich dann aufmerksam: Die Nase war ziemlich stark
-geschwollen, und auf der Stirn war über der linken Augenbraue ein
-großer, blutunterlaufener Fleck.
-
-„Was sagt Iwan? Aljoscha, mein Lieber, du mein einziger Sohn, weißt du,
-ich fürchte mich vor Iwan, ich fürchte Iwan mehr als Dmitrij. Nur dich
-allein fürchte ich nicht!“
-
-„Sie brauchen sich auch vor Iwan nicht zu fürchten, Iwan ärgert sich
-nur, aber er wird Sie verteidigen und beschützen.“
-
-„Aljoscha, aber er? Wollte zu Gruschenka laufen! Mein Engel, sag mir die
-Wahrheit; war Gruschenka vorhin hier, oder war sie nicht hier?“
-
-„Niemand hat sie hier gesehen. Das war nur ein Selbstbetrug von ihm; sie
-ist überhaupt nicht hier gewesen!“
-
-„Aber Mitjä will sie doch heiraten, denk nur, heiraten!“
-
-„Sie wird ihn nicht nehmen.“
-
-„Wird nicht, wird nicht, wird nicht, wird bestimmt nicht, um keinen
-Preis! ...“ rief der Alte freudig belebt immer wieder, als ob man ihm
-nichts Angenehmeres hätte sagen können. In der Begeisterung ergriff er
-Aljoschas Hand und preßte sie krampfhaft an sein Herz. In seinen Augen
-erglänzten sogar Tränen. „Das Heiligenbild, weißt du, dieses von der
-Mutter Gottes, von dem ich vorhin erzählte, nimm du lieber an dich, nimm
-es mit, wohin du willst. Und ich erlaube dir auch, wieder ins Kloster
-zurückzugehen ... ich scherzte ja nur, sei nicht bös. Mein Kopf
-schmerzt, Aljoscha ... Ljoscha, beruhige du mein Herz, sei ein Engel,
-sag die Wahrheit!“
-
-„Sie fragen noch immer, ob sie hier war oder nicht?“ fragte Aljoscha
-traurig.
-
-„Nein, nein, nein, ich glaube dir, nur höre: Geh selbst zu Gruschenka,
-oder versuch sie sonst irgendwie zu sehen; frag sie schnell, so schnell
-als möglich, errat es selbst mit deinen Augen: Zu wem will sie, zu mir
-oder zu ihm? Wie? Was? Kannst du’s, oder kannst du’s nicht?“
-
-„Wenn ich sie sehen sollte, werde ich sie fragen,“ sagte Aljoscha
-halblaut und ein wenig verwirrt.
-
-„Nein, sie wird es dir nicht sagen,“ unterbrach ihn der Alte, „sie ist
-zu schlau dazu. Sie wird schließlich noch dich zu küssen anfangen und
-sagen, daß sie dich will. Sie ist eine Betrügerin, sie ist schamlos,
-nein, du darfst nicht zu ihr gehen, darfst nicht, hörst du!“
-
-„Und es wäre auch wirklich nicht gut, Papa, wirklich nicht.“
-
-„Wohin schickte er dich vorhin, rief dir noch zu: ‚Geh hin!‘ als er
-hinauslief?“
-
-„Er schickte mich zu Katerina Iwanowna.“
-
-„Nach Geld? Er will Geld haben?“
-
-„Nein, nicht nach Geld.“
-
-„Er hat kein Geld, keine Kopeke. Weißt du, Alexei, ich werde mich noch
-in dieser Nacht bedenken, du aber geh jetzt. Vielleicht triffst du auch
-sie ... Nur komme du morgen unbedingt wieder her, morgen früh,
-unbedingt. Ich werde dir morgen ein Wörtchen sagen; wirst du kommen?“
-
-„Gut, ich werde kommen.“
-
-„Wenn du aber kommst, dann mach so, als ob du von selbst kämest, um mich
-zu besuchen. Sag niemandem, daß ich dich gerufen habe, und Iwan sag kein
-Wort davon!“
-
-„Gut.“
-
-„Aber jetzt geh, mein Engel, vorhin tratst du für mich ein, werd es dir
-mein Lebtag nicht vergessen. Morgen aber werde ich dir etwas sagen ...
-nur muß ich noch etwas nachdenken.“
-
-„Wie fühlen Sie sich denn jetzt?“
-
-„Morgen, morgen steh ich auf, werde ganz gesund sein, ganz gesund, ganz
-gesund! ...“
-
-Als Aljoscha über den Hof ging, fand er seinen Bruder Iwan auf der Bank
-an der Hoftür. Er saß und schrieb mit der Bleifeder etwas in sein
-Notizbuch. Aljoscha teilte ihm mit, daß der Vater aufgewacht und bei
-voller Besinnung sei und ihm erlaubt habe, zur Nacht wieder ins Kloster
-zurückzukehren.
-
-„Aljoscha, es würde mir sehr lieb sein, dich morgen früh zu treffen,“
-sagte, sich erhebend, Iwan ungemein freundlich – mit einer
-Liebenswürdigkeit, die Aljoscha ganz unerwartet kam.
-
-„Ich werde morgen bei Chochlakoffs sein,“ sagte Aljoscha, „und
-vielleicht werde ich dann auch zu Katerina Iwanowna gehen, wenn ich sie
-jetzt nicht antreffen sollte ...“
-
-„Und jetzt gehst du also zu Katerina Iwanowna? Um den ‚Abschiedsgruß‘ zu
-überbringen?“ fragte Iwan plötzlich lächelnd. Aljoscha wurde verlegen.
-
-„Ich habe, glaube ich, alles aus seinen Worten, die er dir noch zurief,
-erraten – und noch aus einigen früheren Äußerungen ... Dmitrij hat dich
-bestimmt gebeten, zu ihr zu gehen und zu sagen, daß er ... nun ... nun
-... mit einem Wort, seine ‚Reverenz‘ macht?“
-
-„Wanjä! Womit wird diese ganze furchtbare Geschichte mit dem Vater und
-Dmitrij noch enden?“ fragte Aljoscha angstvoll seinen Bruder.
-
-„Das läßt sich nicht voraussagen. Mit nichts vielleicht; die Geschichte
-wird verjähren. Dieses Frauenzimmer ist ein – Tier. Jedenfalls muß man
-den Alten im Hause bewachen und Dmitrij nicht ins Haus lassen.“
-
-„Iwan, erlaube mir, noch etwas zu fragen: Hat denn wirklich jeder Mensch
-das Recht, wenn er auf die übrigen Menschen blickt, zu entscheiden, wer
-von ihnen es wert ist zu leben, und wer es nicht mehr wert ist?“
-
-„Wozu hier die Frage nach der Würdigkeit hineinmischen? Diese Frage wird
-in den Herzen der Menschen meistens durchaus nicht auf Grund der
-Würdigkeit entschieden, sondern auf Grund ganz anderer, viel
-natürlicherer Dinge. Was aber das Recht betrifft – wer hat denn nicht
-das Recht, zu wünschen?“
-
-„Doch nicht den Tod des anderen?“
-
-„Und warum schließlich nicht auch den Tod? Und warum sich denn selbst
-belügen, wenn alle Menschen so leben und am Ende auch anders überhaupt
-nicht leben können. Fragst du das wegen meiner Worte: ‚Das eine
-Geschmeiß wird das andere verschlingen!‘ Erlaube dann, in solch einem
-Falle auch dich zu fragen: Hältst du auch mich wie Dmitrij für fähig,
-das Blut des Äsop zu vergießen, nun, sagen wir, ihn zu erschlagen, wie?“
-
-„Was fällt dir ein, Iwan! Nicht mit einem einzigen Gedanken habe ich
-daran gedacht! Und auch Dmitrij halte ich nicht für fähig ...“
-
-„Nun, auch dafür hab Dank,“ sagte Iwan lächelnd. „Wisse, daß ich ihn
-immer beschützen werde, doch meinen Wünschen lasse ich im gegebenen
-Falle die vollste Freiheit. Also auf Wiedersehen bis morgen. Verurteile
-und betrachte mich nicht als einen Verbrecher,“ fügte er mit einem
-Lächeln hinzu.
-
-Sie drückten sich so fest die Hand, wie sie es vorher noch nie getan
-hatten. Aljoscha fühlte, daß sein Bruder sich als erster ihm einen
-Schritt näherte, und daß er das unbedingt mit einer bestimmten Absicht
-tat.
-
-
- X.
- Beide zusammen
-
-Als Aljoscha das Haus seines Vaters verließ, fühlte er sich noch
-niedergeschlagener und bedrückter, als er vorhin bei seinem Eintritt
-gewesen war. Sein Verstand schien ihm gleichsam ganz zerstückt und
-zerstreut zu sein, und zu gleicher Zeit fühlte er, daß er sich
-fürchtete, das Verstreute zu vereinigen und sich über die allgemeine
-Ursache und Bedeutung aller quälenden Widersprüche, die er an diesem
-Tage empfunden hatte, klar Rechenschaft abzulegen. Es war ein
-bedrückendes, unerklärliches Gefühl, das fast an Verzweiflung grenzte,
-und das Aljoscha noch nie in seinem Herzen empfunden hatte. Über allen
-anderen quälenden Zweifeln und Rätseln stand wie ein Berg die eine
-verhängnisvolle, unlösbare Frage: Womit wird es zwischen dem Vater und
-dem Bruder dieses furchtbaren Weibes wegen enden? Jetzt war er selbst
-Augenzeuge gewesen und hatte sie beide in ihrer Eifersucht gesehen. Doch
-unglücklich, wirklich und furchtbar unglücklich konnte nur Dmitrij sein:
-ihn erwartete zweifellos großes Leid. Nun aber erwies sich auch, daß es
-noch andere Menschen gab, die all dieses gleichfalls anging und
-vielleicht noch viel mehr anging, als Aljoscha sich früher gedacht
-hatte. Es stellte sich plötzlich sogar etwas Rätselhaftes heraus. Sein
-Bruder Iwan war ihm einen Schritt näher getreten, was er solange schon
-gewünscht hatte, und siehe, jetzt fühlte er plötzlich, daß ihn diese
-Annäherung erschreckte. Und jene Frauen? Wie sonderbar: vorhin war er so
-unruhig und befangen gewesen, als er sich zu Katerina Iwanowna
-aufgemacht hatte, nun aber beeilte er sich selbst, schneller zu ihr
-hinzukommen, ganz als ob er erwartete, bei ihr Rat zu finden. Und doch
-war es jetzt schwerer, den Auftrag auszurichten als vorhin: die
-Geldangelegenheit war endgültig entschieden, und Dmitrij, so sagte sich
-Aljoscha, würde sich jetzt für ehrlos und hoffnungslos verloren halten
-und darum sich auch in nichts mehr zügeln, sondern sich geradeaus,
-kopfüber in den Abgrund stürzen. Und zudem hatte er noch befohlen,
-Katerina Iwanowna auch die letzte Szene zu erzählen.
-
-Es war schon sieben Uhr und es dunkelte bereits, als Aljoscha bei
-Katerina Iwanowna eintrat. Sie hatte ein sehr geräumiges und bequemes
-Haus an der Großen Straße gemietet. Aljoscha wußte, daß sie zusammen mit
-zwei Tanten wohnte; doch war die eine nur die Tante ihrer Stiefschwester
-Agafja Iwanowna. Das war jene schweigsame Person, die im Hause ihres
-Vaters, des Oberstleutnants, damals, als sie aus dem Institut nach Hause
-zum Besuch gekommen war, sie wie eine Magd bedient hatte. Die andere
-Tante dagegen war eine vornehme, doch gleichfalls arme Dame, eine
-Moskowiterin. Es hieß, daß sie beide in allen Dingen Katerina Iwanowna
-gehorchten und bei ihr nur als „Anstandsdamen“ wohnten. Katerina
-Iwanowna jedoch gehorchte nur ihrer Gönnerin, der alten Generalin, die
-krankheitshalber in Moskau geblieben war, und der sie wöchentlich zwei
-Briefe mit ausführlichen Nachrichten über sich schreiben mußte.
-
-Als Aljoscha in das Vorzimmer trat und die Zofe, die ihm die Tür
-geöffnet hatte, ihn anzumelden bat, schien man im Saal von seiner
-Ankunft schon zu wissen (vielleicht hatte man ihn vom Fenster aus
-gesehen), nur hörte Aljoscha noch ein Geräusch wie von hastig
-forteilenden Frauenschritten und Kleiderrauschen: vielleicht liefen zwei
-oder drei Frauen aus dem Zimmer. Es schien ihm sonderbar, daß er durch
-seinen Besuch solch eine Aufregung hervorrief; er wurde aber sofort
-gebeten, in den Saal einzutreten. Es war das ein großes, elegant,
-durchaus nicht nach provinziellem Geschmack reich möbliertes Zimmer:
-kleine Sofas, Couchetten, Chaiselongues, kleine und große Tische waren
-geschmackvoll gruppiert; an den Wänden hingen Gemälde, Vasen und Lampen
-standen auf den Tischen und auf besonderen Ständern viele Blumen. Da die
-Dämmerstunde schon vorrückte, war es etwas dunkel im Saal; Aljoscha
-bemerkte aber doch auf dem Sofa, auf dem man augenscheinlich noch vor
-kurzem gesessen hatte, einen seidenen Überwurf und auf dem Tisch davor
-zwei unausgetrunkene Tassen Schokolade, Biskuit, eine Kristallschale mit
-blauen Weintrauben und eine andere mit Konfitüren. Es mußte jemand zu
-Gast gewesen sein. Aljoscha erriet, daß er einen Besuch gestört hatte
-und runzelte die Stirn; da aber wurde auch schon eine Portiere
-zurückgeschlagen, und Katerina Iwanowna trat mit schnellen Schritten auf
-ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen. Im selben Augenblick
-brachte das Mädchen zwei brennende Lichte und stellte sie auf den Tisch.
-
-„Gott sei Dank, daß auch Sie endlich gekommen sind! Den ganzen Tag habe
-ich Gott gebeten, er möge Sie doch endlich zu mir schicken! Setzen Sie
-sich, bitte.“
-
-Die Schönheit Katerina Iwanownas hatte Aljoscha schon früher frappiert,
-als ihn sein Bruder Dmitrij auf ihren ausdrücklichen Wunsch ihr
-vorgestellt hatte. Zu einem Gespräch war es damals zwischen ihnen nicht
-gekommen. Katerina Iwanowna hatte geglaubt, er sei verlegen geworden,
-und hatte daher, gleichsam um ihn zu schonen, die ganze Zeit nur mit
-Dmitrij Fedorowitsch gesprochen. Aljoscha hatte geschwiegen, beobachtet
-und vieles sehr gut erkannt. Ihn hatten das sichere Auftreten, die
-stolze Liebenswürdigkeit, das Selbstbewußtsein des hochmütigen Mädchens
-in Erstaunen gesetzt, und Aljoscha fühlte, daß es wirklich so war, daß
-Dmitrij nichts vergrößerte oder übertrieb. Er fand ihre großen,
-dunkelbraunen, feurigen Augen wundervoll und fand, daß sie besonders gut
-zu ihrem länglichen, blaß-gelblichen Gesicht standen. Doch war in diesen
-Augen, wie in den Linien der wundervoll geschnittenen Lippen etwas, in
-das sich sein Bruder wohl verliebt haben konnte, doch das er vielleicht
-nicht lange lieben werde. Diese Beobachtung teilte er dann auch seinem
-Bruder mit, als der nach dem Besuch in ihn drang und ihn bat, nicht zu
-verheimlichen, welch einen Eindruck sie auf ihn gemacht hatte.
-
-„Du wirst mit ihr glücklich sein; aber vielleicht ... wird es kein
-ruhiges Glück werden.“
-
-„Das ist’s ja; solche Menschen bleiben wie sie sind, die geben sich
-nicht mit ihrem Schicksal zufrieden. Also du glaubst, daß ich sie nicht
-ewig lieben werde?“
-
-„Nein, vielleicht wirst du sie ewig lieben; aber vielleicht wirst du mit
-ihr nicht immer glücklich sein.“
-
-Als Aljoscha damals seine Meinung geäußert hatte, war er vor Ärger über
-sich, daß er den Bitten seines Bruders Gehör gegeben und so „dumme“
-Gedanken ausgesprochen hatte, heftig errötet, denn sofort, nachdem er es
-getan, war ihm seine Äußerung furchtbar dumm erschienen, und es war ihm
-sehr peinlich gewesen, daß er so vorwitzig über eine Frau geurteilt
-hatte. Um wieviel größer war nun seine Verwunderung, als er jetzt schon
-beim ersten Blick auf die ihm entgegentretende Katerina Iwanowna fühlte,
-daß er sich damals vielleicht sehr versehen hatte. Ihr Gesicht strahlte
-diesmal von unverfälschter, offenherziger Güte, von gerader, lebhafter
-Herzlichkeit. Von dem ganzen früheren „Stolz und Hochmut“, die Aljoscha
-das erstemal so betroffen gemacht hatten, war jetzt nur noch eine kühne,
-edle Energie und ein gewisser klarer, mächtiger Glaube an sich selbst zu
-bemerken. Schon nach dem ersten Blick auf sie, schon nach den ersten
-Worten begriff Aljoscha, daß ihr die ganze Tragik ihres Verhältnisses zu
-dem von ihr so geliebten Menschen durchaus kein Geheimnis war, daß sie
-vielleicht schon alles wußte, alles. Und doch lag soviel Licht auf ihrem
-Antlitz, soviel Glaube an die Zukunft. Aljoscha fühlte sich plötzlich im
-Ernst vor ihr schuldig, und es war ihm fast, als ob er es mit Absicht
-geworden wäre. Sie hatte ihn sofort besiegt und angezogen. Außerdem fiel
-ihm auch schon nach ihren ersten Worten auf, daß sie sehr erregt war,
-was bei ihr nur selten vorkam; es war eine Erregung, die beinahe sogar
-einer Art Begeisterung glich.
-
-„Ich habe Sie darum so sehnsüchtig erwartet, weil ich jetzt nur von
-Ihnen allein die ganze Wahrheit erfahren kann, nur von Ihnen allein!“
-
-„Ich bin gekommen ...“ begann Aljoscha verwirrt, „ich ... er hat mich
-geschickt –“
-
-„Ah, er hat Sie also geschickt; nun, das ahnte ich ja. Jetzt weiß ich
-alles, alles!“ rief Katerina Iwanowna mit aufblitzenden Augen aus.
-„Warten Sie, Alexei Fedorowitsch, ich werde Ihnen zuerst sagen, warum
-ich Sie so erwartete. Sehen Sie, ich weiß vielleicht viel mehr als Sie
-selbst; ich brauche nicht Nachrichten von Ihnen, sondern etwas anderes:
-ich will Ihre eigene, persönliche Meinung, ich will den Eindruck wissen,
-den er zuletzt auf Sie gemacht hat; ich will, daß Sie mir ganz
-aufrichtig sagen, ohne jede Ausschmückung, ganz brutal sogar (o, so
-brutal, wie Sie nur wollen!), wie Sie ihn jetzt, nach Ihrem heutigen
-Wiedersehen, selbst beurteilen. Das wird vielleicht noch besser sein,
-als wenn ich, zu der er nicht mehr kommt, mich persönlich mit ihm
-aussprechen würde. Verstehen Sie, was ich von Ihnen will? Jetzt sagen
-Sie mir, womit er Sie zu mir geschickt hat (ich wußte ja, daß er Sie zu
-mir schicken werde!); sprechen Sie ganz einfach, sagen Sie alles, bis
-aufs letzte Wort! ...“
-
-„Er sagte mir, ich soll Ihnen ... seinen Abschiedsgruß überbringen und
-sagen, daß er nicht mehr kommen werde ... und grüßen läßt.“
-
-„Seinen Abschiedsgruß? Hat er das so gesagt, so sich ausgedrückt?“
-
-„Ja!“
-
-„Vielleicht flüchtig, nebensächlich, ohne so genau ans Wort zu denken?“
-
-„Nein, er befahl gerade, ich solle dieses Wort überbringen: ‚seinen
-Abschiedsgruß‘. Er bat mich dreimal darum, damit ich es nicht vergesse.“
-
-Katerina Iwanowna schoß das Blut ins Gesicht.
-
-„Helfen Sie mir jetzt, Alexei Fedorowitsch; jetzt bedarf ich Ihrer
-Hilfe: Ich werde Ihnen zuerst sagen, was ich denke, und Sie sollen mir
-dann nur sagen, ob Sie es für richtig halten oder nicht. Also hören Sie:
-Wenn er Ihnen ganz flüchtig gesagt hätte, mir seinen Abschiedsgruß zu
-überbringen, ohne auf dem Wort zu bestehen, ohne es zu unterstreichen,
-so wäre alles aus ... Das wäre das Ende! ... Wenn er aber so besonders
-auf diesem Wort bestand, wenn er Sie so besonders beauftragt hat, mir
-gerade den _Abschiedsgruß_ zu überbringen – so muß er sehr erregt,
-vielleicht außer sich gewesen sein. Er entschloß sich vielleicht erst
-und erschrak vor seinem Entschluß! Er ist nicht festen Schrittes von mir
-fortgegangen, sondern hat sich hinab in den Abgrund gestürzt. Die
-ausdrückliche Betonung dieses Wortes kann ja nur Prahlerei gewesen
-sein.“
-
-„Ja, ja!“ bestätigte Aljoscha lebhaft, „jetzt scheint es mir auch so.“
-
-„Wenn das aber so ist, dann ist er noch nicht verloren! Er ist nur sehr
-verzweifelt; aber ich kann ihn noch retten. Warten Sie: Hat er zu Ihnen
-nicht noch etwas von Geld gesprochen, von dreitausend Rubeln?“
-
-„Er hat nicht nur davon gesprochen, sondern das war es gerade, was ihn
-am meisten bedrückte. Er sagte, er sei jetzt ehrlos geworden, und jetzt
-wäre schon alles einerlei,“ antwortete Aljoscha erregt, da er fühlte,
-wie sich von neuem Hoffnung in seinem Herzen erhob, und daß es
-möglicherweise wirklich noch eine Rettung für seinen Bruder gab. „Aber
-wie ... wissen Sie denn etwas von diesem Geld?“ fragte er erschrocken
-und verstummte plötzlich.
-
-„Schon lange und ganz genau. Ich telegraphierte nach Moskau und erfuhr
-sofort, daß man das Geld nicht erhalten hatte. Er hatte also damals das
-Geld nicht abgeschickt! Aber ich schwieg. In der vorigen Woche erfuhr
-ich dann, wie sehr er gerade damals das Geld nötig gehabt hatte, und wie
-sehr er es noch jetzt nötig hat ... Ich verfolge ja doch nur ein
-einziges Ziel: Er soll wissen, zu wem er immer zurückkehren kann, und
-wer sein treuester Freund ist. Er aber will nicht glauben, daß ich das
-bin; er will mich nicht einmal näher kennen lernen; er sieht auf mich
-nur wie auf ein – Weib. Diese ganze Woche hat mich nur die eine
-furchtbare Sorge gequält: Was soll ich tun, damit er sich nicht der
-Verausgabung dieser Dreitausend vor mir schämt? Oder mag er sich auch
-schämen, vor allen, vor sich selbst; aber vor mir soll er sich nicht
-schämen. Gott gesteht er doch alles, ohne sich zu schämen. Warum weiß er
-noch immer nicht, wieviel ich für ihn ertragen kann? Warum, warum kennt
-er mich nicht; wie wagt er es, mich noch immer nicht zu kennen, nach
-allem, was schon geschehen ist? Ich will ihn auf ewig retten; mag er
-mich meinetwegen als seine Braut vergessen! Und nun fürchtet er sich vor
-mir – wegen seiner Ehre? Ihnen alles zu sagen, hat er sich doch nicht
-gefürchtet; warum habe _ich_ denn bis jetzt noch nicht dasselbe
-Vertrauen verdient?“
-
-Die letzten Worte sprach sie mit Tränen in den Augen; Tränen rollten ihr
-über die Wangen.
-
-„Ich muß Ihnen noch mitteilen,“ sagte Aljoscha mit zitternder Stimme,
-„was, kurz bevor ich herkam, geschehen ist.“
-
-Und er erzählte ihr die ganze Szene; erzählte, daß ihn Dmitrij zum Vater
-mit der Bitte um Geld geschickt hatte, wie er aber dann selbst
-hereingestürzt war, den Vater verprügelt und ihm, Aljoscha, dann noch
-einmal und eindringlich befohlen hatte, den „Abschiedsgruß“ zu
-überbringen ... – „Und darauf ging er zu jener ...“ fügte Aljoscha leise
-hinzu.
-
-„Und Sie glauben, daß ich das nicht überwinden kann? Er glaubt, daß
-ich’s nicht kann? Aber er wird sie ja nicht heiraten!“ Sie lachte nervös
-auf. „Kann denn ein Karamasoff ewig in dieser Leidenschaft bleiben? Das
-ist Leidenschaft, aber nicht Liebe. Er wird sie nicht heiraten, denn sie
-wird ihn nicht heiraten ...“ sagte sie wieder mit sonderbarem Lachen.
-
-„Er wird sie vielleicht doch heiraten,“ sagte Aljoscha traurig, den
-Blick zu Boden gesenkt.
-
-„Ich sage Ihnen, er wird sie nicht heiraten! Dieses Mädchen – ist ein
-Engel, wissen Sie das auch? Wissen Sie das?“ rief plötzlich in ganz
-auffallender Begeisterung Katerina Iwanowna. „Das ist das
-phantastischste aller phantastischen Geschöpfe! Ich weiß, wie bezaubernd
-sie ist, aber ich weiß auch, wie gut sie ist, wie charakterfest, wie
-edel. Warum sehen Sie mich so an, Alexei Fedorowitsch? Wundern Sie meine
-Worte, oder glauben Sie mir vielleicht nicht? Agrafena Alexandrowna,
-mein Engel!“ rief sie plötzlich jemandem zu, zur Tür des Nebenzimmers
-gewandt, „kommen Sie her zu uns, hier ist ein lieber Mensch, Aljoscha
-Karamasoff, er weiß alles, zeigen Sie sich ihm!“
-
-„Ich wartete die ganze Zeit hinter der Portiere nur darauf, daß Sie mich
-rufen,“ antwortete darauf eine weiche, etwas süßliche Frauenstimme.
-
-Die Portiere wurde zurückgeschlagen und ... Gruschenka trat lachend ins
-Zimmer. Sie näherte sich dem Tisch. Aljoscha fühlte, daß ihn etwas
-durchzuckte. Er umklammerte sie geradezu mit seinem ganzen Blick und
-konnte die Augen nicht mehr von ihr abwenden. Das also war sie, sie,
-dieses furchtbare Weib, – das „Tier“, wie sich vor einer halben Stunde
-Iwan über sie geäußert hatte. Und nun stand vor ihm, wie es auf den
-ersten Blick schien – das gewöhnlichste und einfachste Geschöpf, ein
-gutes, liebes Wesen, zwar ein hübsches Weib, aber eines, das so ähnlich
-allen anderen hübschen, doch „gewöhnlichen“ Frauen war. Allerdings war
-sie schön, sogar sehr schön, – eine russische Schönheit, wie sie von
-vielen so leidenschaftlich geliebt wird. Sie war ziemlich groß, doch
-etwas kleiner als Katerina Iwanowna (da diese schon von sehr hohem Wuchs
-war), in der Gestalt recht voll, mit weichen, gleichsam „lautlosen“
-Körperbewegungen, als ob dieselben, wie ihre Stimme, gleichfalls so
-sonderbar, fast süßlich ausgearbeitet wären. Sie kam nicht wie Katerina
-Iwanowna ins Zimmer, – mit munteren, festen Schritten; nein, unhörbar
-näherte sie sich ihnen. Keinen Schritt hörte man auf dem Fußboden. Weich
-ließ sie sich auf den Lehnstuhl nieder, weich rauschte ihr prächtiges
-schwarzes Seidenkleid, und verzärtelt hüllte sie ihren vollen, wie
-Schaum weißen Hals und ihre breiten Schultern in einen teuren schwarzen
-Schal. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, und ihr Gesicht drückte auch
-genau dieses Alter aus. Ihr Teint war sehr weiß, und nur ihre Wangen
-hatten einen blaßrosa Schimmer. Das Gesicht war vielleicht etwas zu
-breit, und der untere Kiefer trat ein wenig vor. Die Oberlippe war
-schmal und fein, doch die Unterlippe war voller und fast wie
-geschwollen. Aber ihr prachtvolles, reiches, dunkelblondes Haar, die
-dunklen, feingezeichneten Augenbrauen und ihre wundervollen graublauen
-Augen mit den langen Wimpern hätten selbst den gleichgültigsten und
-zerstreutesten Menschen, einerlei wo, in der Volksmenge, beim
-Spaziergang, im Gedränge auf der Straße gezwungen, plötzlich vor diesem
-Gesicht stehenzubleiben und es auf lange in der Erinnerung zu behalten.
-Am meisten machte Aljoscha der naive, gutmütige Ausdruck dieses Gesichts
-betroffen. Sie blickte ihn an wie ein Kind, freute sich über irgend
-etwas wie ein Kind, und sie „freute“ sich gerade, als sie sich ihnen
-näherte, wie wenn sie mit kindlich ungeduldiger, zutraulicher Neugier
-etwas Besonderes erwarte. Ihr Anblick machte das Herz froh, – das fühlte
-Aljoscha. Es war noch etwas in ihr, worüber er sich nicht hätte
-Rechenschaft geben können, vielleicht weil er es nicht verstand, etwas,
-das aber auch ihm sich unbewußt mitteilte, nämlich wiederum diese
-Weichheit, Zärtlichkeit der Körperbewegungen, diese katzenhafte
-Unhörbarkeit ihrer Schritte. Und doch war es eine starke, volle Gestalt.
-Unter dem weichen Schal zeichneten sich breite, volle Schultern ab, eine
-hohe, noch ganz jugendliche Brust. Dieser Körper hatte vielleicht die
-Formen der Venus von Milo, obgleich er auch jetzt schon in den
-Verhältnissen etwas übertrieben sein mußte, – das konnte man ahnen.
-Kenner russischer Frauenschönheit hätten vielleicht bei Gruschenkas
-Anblick gesagt, daß solche frische, noch jugendliche Schönheiten schon
-mit dreißig Jahren die Harmonie verlieren, daß auch das Gesicht dann
-schon verschwommen aussieht, daß um die Augen herum und auf der Stirn
-ungewöhnlich schnell kleine Fältchen entstehen und die Gesichtsfarbe
-ihre Zartheit verliert und rot wird. Mit einem Wort, daß es eine
-flüchtige Schönheit war, eine Augenblicksschönheit, die man so häufig
-gerade bei der russischen Frau findet. Doch daran dachte Aljoscha
-natürlich nicht in diesem Augenblick. Nur – wie bezaubert er auch war,
-so fragte er sich doch mit einer gewissen unangenehmen Empfindung: Warum
-zieht sie die Worte so in die Länge, warum kann sie nicht natürlich
-sprechen? Sie tat es augenscheinlich, weil sie diese gezogene und
-verstärkt-süßliche Aussprache schön fand. Das war natürlich nur eine
-dumme Angewohnheit schlechten Tones, die von ihrer geringen Bildung und
-von Kindheit an falschen Auffassung des Vornehmen zeugte. Und doch
-erschien Aljoscha diese singende Aussprache der Worte fast wie ein
-unmöglicher Widerspruch zu diesem kindlich-offenherzigen und
-gutmütig-freudigen Gesichtsausdruck, zu diesem stillen, glücklichen
-Leuchten ihrer Kinderaugen! Katerina Iwanowna zog sie sofort auf den
-Lehnstuhl neben sich und küßte sie entzückt mehrmals auf ihre lachenden
-Lippen. Sie schien in sie geradezu verliebt zu sein.
-
-„Wir sehen uns heute zum ersten Male, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie
-ganz berauscht; „ich wollte sie kennen lernen, sie sehen, ich wollte
-selbst zu ihr gehen, sie aber kam schon auf meine erste Bitte zu mir.
-Ich wußte es ja, daß wir beide alles sofort gutmachen würden, alles!
-Mein Herz fühlte es voraus ... Man bat mich himmelhoch, diesen Schritt
-zu unterlassen, aber ich ahnte ja, daß hier die Rettung war, und
-täuschte mich nicht. Gruschenka hat mir jetzt alles erzählt und erklärt,
-alle ihre Absichten; sie ist wie ein guter Engel zu mir gekommen und hat
-mir Ruhe und Freude gebracht ...“
-
-„Sie haben mich nicht verachtet, liebes, wertes Fräulein,“ sagte
-Gruschenka in ihrem gezogenen, singenden Tone und immer noch mit
-demselben freudigen Lächeln.
-
-„Sagen Sie mir nie mehr, nie mehr so etwas, Sie schlimme Zauberin! Sie
-und verachten! Sehen Sie, ich werde gleich noch einmal ihre Lippen
-abküssen. Sie sind bei Ihnen ganz wie geschwollen, also damit sie noch
-mehr anschwellen, küsse ich sie, und werde sie wieder küssen, und wieder
-... Sehen Sie, wie sie lacht, Alexei Fedorowitsch, wirklich, das Herz
-lacht einem, wenn man diesen Engel ansieht ...“ Aljoscha war rot im
-Gesicht und zitterte. Es war ein bebendes, unmerkliches Zittern.
-
-„Sie hätscheln mich, liebes Fräulein, ich aber bin Ihrer Liebkosung
-vielleicht gar nicht wert.“
-
-„Nicht wert! Sie soll ihrer nicht wert sein!“ rief wieder mit derselben
-Begeisterung Katerina Iwanowna. „Wissen Sie auch, Alexei Fedorowitsch,
-daß wir ein phantastisches Köpfchen haben, ein eigenwilliges, aber
-stolzes, überstolzes Herzchen haben! Wir sind edel, Alexei Fedorowitsch,
-wir sind großmütig, wissen Sie das auch? Wir waren nur unglücklich. Wir
-waren nur zu schnell bereit, einem unwürdigen oder vielleicht auch nur
-leichtsinnigen Menschen jedes Opfer zu bringen. Es war einmal einer,
-gleichfalls ein Offizier, wir gewannen ihn lieb und gaben ihm alles; das
-war schon vor langer Zeit, vor fünf Jahren war’s, er aber vergaß uns, er
-heiratete eine andere. Jetzt ist er verwitwet, jetzt hat er geschrieben
-und kommt schon her – und wissen Sie auch, daß wir ihn allein, nur ihn
-allein die ganze Zeit über geliebt haben, bis auf den heutigen Tag! Er
-wird herkommen, und Gruschenka wird wieder glücklich sein, doch all
-diese fünf Jahre lang war sie unglücklich. Und wer kann ihr denn etwas
-vorwerfen, wer kann sich ihrer Zuneigung rühmen? Nur dieser eine
-gelähmte Greis, dieser Kaufmann, – aber er war eher unser Vater, unser
-Freund und Beschützer. Er fand uns damals in der Verzweiflung, in
-Qualen, verlassen von dem, den wir über alles liebten ... sie wollte
-sich ja damals ertränken, der Alte hat sie doch gerettet, gerettet!“
-
-„Sie verteidigen mich schon gar zu sehr, mein liebes Fräulein, Sie
-übertreiben,“ sang wieder Gruschenka.
-
-„Ich verteidige? Wie soll ich darauf kommen, und darf hier überhaupt
-jemand etwas zu verteidigen wagen? Gruschenka, mein Engel, geben Sie mir
-Ihr Händchen, ach, sehen Sie doch, Alexei Fedorowitsch, dieses kleine,
-weiche, reizende Händchen! – Es hat mir Glück gebracht und mich wieder
-aufgerichtet und dafür werde ich es gleich küssen, so, so und so!“ Und
-sie küßte dreimal ganz verzückt Gruschenkas wirklich reizendes,
-vielleicht nur etwas zu volles Händchen. Gruschenka ließ es unter
-nervösem, doch hellem, reizendem Lachen geschehen: es war ihr
-augenscheinlich sehr angenehm, daß das „liebe Fräulein“ ihre Hand küßte.
-
-„Vielleicht ist das doch etwas zu viel der Begeisterung,“ fuhr es
-flüchtig Aljoscha durch den Sinn. Er errötete. Sein Herz war die ganze
-Zeit so sonderbar unruhig.
-
-„Beschämen Sie mich doch nicht, indem Sie mir so in Alexei Fedorowitschs
-Gegenwart die Hand küssen.“
-
-„Ja, wollte ich Sie denn damit beschämen?“ fragte Katerina Iwanowna
-etwas verwundert, „ach, meine Liebe, wie falsch Sie mich verstehen!“
-
-„Und Sie verstehen mich vielleicht auch gar nicht so, liebes Fräulein,
-ich bin vielleicht viel schlechter, als ich hier vor Ihnen scheine. Im
-Herzen bin ich schlecht; bin eigensinnig. Den armen Dmitrij Fedorowitsch
-habe ich damals aus reiner Spottlust gefesselt.“
-
-„Aber jetzt retten Sie ihn doch selbst! Sie haben es mir doch
-versprochen. Sie werden ihm vernünftig zureden, werden ihm sagen, daß
-Sie einen anderen lieben, schon lange, und daß er Sie heiraten will ...“
-
-„Ach nein, das habe ich Ihnen nicht versprochen. Sie haben es nur selbst
-gesagt, ich aber – ich habe Ihnen so etwas gar nicht versprochen.“
-
-„Dann habe ich Sie wohl nicht recht verstanden,“ sagte Katerina Iwanowna
-etwas leiser und schien ein wenig zu erbleichen, „Sie versprachen ...“
-
-„Ach nein, Sie Engel, davon habe ich nichts versprochen,“ unterbrach
-Gruschenka sie leise und ruhig, immer mit demselben heiteren,
-unschuldigen Ausdruck. „Und da sehen Sie jetzt gleich, wertes Fräulein,
-wie schlecht und eigensinnig ich bin. Wenn ich etwas will, so tue ich es
-auch. Vorhin habe ich Ihnen vielleicht etwas versprochen, jetzt aber
-denke ich: Plötzlich gefällt er mir wieder, Mitjä, meine ich, – gefiel
-er mir doch schon einmal sehr; fast eine ganze Stunde lang gefiel er
-mir. Und jetzt werde ich vielleicht gehen und ihm sofort sagen, daß er
-fortan bei mir bleiben soll ... Sehen Sie, wie unbeständig ich bin ...“
-
-„Vorhin sprachen Sie ... ganz anders ...“ murmelte Katerina Iwanowna
-kaum hörbar.
-
-„Ach, vorhin! Aber mein Herz ist doch zärtlich und dumm. Und wenn man
-nur bedenkt, was er meinetwegen ertragen hat! Und plötzlich komme ich
-nach Hause, und es tut mir leid um ihn, – was dann?“
-
-„Ich hatte nicht erwartet ...“
-
-„Ach, Fräulein, wie gut und edel Sie jetzt im Vergleich zu mir
-erscheinen. Sehen Sie, jetzt werden Sie mich dummes Geschöpf nicht mehr
-lieben, weil ich solch einen Charakter habe. Geben Sie mir Ihr liebes
-Händchen, Sie Engel,“ bat sie zärtlich und nahm fast andächtig die Hand
-Katerina Iwanownas. „Nun, liebes Fräulein, werde auch ich Ihr Händchen
-nehmen und ebenso küssen, wie Sie meine Hand küßten. Sie küßten dreimal,
-ich aber müßte sie Ihnen dreihundertmal dafür küssen, um es
-quittzumachen. Und so mag es denn auch sein; dann aber, wie Gott will,
-vielleicht werde ich ganz Ihre Sklavin werden und Ihnen alles sklavisch
-zu Gefallen tun. Wie Gott will, so mag es sein, ohne alle Besprechungen
-und Versprechungen untereinander. Ihr Händchen, Ihr liebes Händchen,
-Fräulein, Ihr Händchen! Mein liebes Fräulein, Sie – Sie unglaubliche
-Schönheit!“
-
-Sie zog wirklich die Hand an ihre Lippen, allerdings mit einer
-sonderbaren Absicht: um die Küsse zu „quittieren“! Katerina Iwanowna zog
-ihre Hand nicht fort. Mit scheuer Hoffnung vernahm sie die letzten Worte
-und das so sonderbar geäußerte Versprechen Gruschenkas, ihr vielleicht
-alles „sklavisch“ zu Gefallen tun zu wollen. Sie blickte ihr angestrengt
-in die Augen. Sie sah in diesen Augen immer denselben offenherzigen,
-zutraulichen Ausdruck, immer dieselbe klare Munterkeit ... „Sie ist
-vielleicht nur sehr naiv,“ dachte Katerina Iwanowna einen Augenblick mit
-neuer Hoffnung im Herzen. Gruschenka zog inzwischen langsam die Hand
-immer höher an ihre Lippen. Doch kurz vor ihren Lippen zögerte sie
-plötzlich und hielt inne, als ob sie über etwas nachdachte.
-
-„Aber wissen Sie was, Sie Engel,“ sagte sie plötzlich mit der
-zärtlichsten, süßesten Stimme, „wissen Sie was: Ich werde Ihr Händchen
-jetzt einfach _nicht_ küssen.“ Und sie lachte ein kleines, heiteres
-Lachen.
-
-„Wie Sie wollen ... Was sagen Sie?“ fuhr Katerina Iwanowna jäh auf.
-
-„So behalten Sie denn das zur Erinnerung, daß Sie meine Hand geküßt
-haben, ich aber die Ihre nicht.“ Es blitzte etwas in Gruschenkas Augen.
-Sie blickte aufmerksam Katerina Iwanowna an.
-
-„Unverschämte!“ stieß plötzlich Katerina Iwanowna hervor, als ob sie mit
-einemmal etwas begriffen hätte; sie wurde feuerrot und sprang auf. Ohne
-sich zu beeilen, erhob sich auch Gruschenka.
-
-„So werde ich es denn auch gleich Mitjä erzählen, wie Sie mir dreimal
-die Hand geküßt haben, ich aber die Ihre überhaupt nicht. Und wie er
-darüber lachen wird!“
-
-„Hinaus, Sie gemeines Geschöpf, hinaus!“
-
-„Ach, schämen Sie sich, Fräulein, ach, schämen Sie sich, das steht Ihnen
-wohl gar nicht zu, liebes Fräulein.“
-
-„Hinaus, feile Dirne!“ schrie Katerina Iwanowna. Jeder Nerv zitterte in
-ihrem verzerrten Gesicht.
-
-„Also schon feil. Sind Sie doch selbst als junges Mädchen in der
-Dämmerung zu Herren nach Geld gegangen, um Ihre Schönheit zu verkaufen,
-das weiß ich doch, weiß ich doch!“
-
-Katerina Iwanowna stieß einen kurzen Schrei aus und wollte sich auf sie
-stürzen, aber Aljoscha gelang es noch, sie mit aller Gewalt
-zurückzuhalten:
-
-„Kein Wort mehr, keinen Schritt! Sagen Sie nichts, antworten Sie nicht,
-sie geht ja schon fort, sie wird sogleich fortgehen!“
-
-In dem Augenblick stürzten auf ihren Schrei hin die beiden Tanten in den
-Saal und nach ihnen das Stubenmädchen. Alle liefen sie zu ihr und
-umringten sie.
-
-„Ja, ich gehe,“ sagte Gruschenka, die vom Sofa ihren Umwurf nahm.
-„Aljoscha, mein Lieber, begleite mich!“
-
-„Gehen Sie, gehen Sie doch schneller fort!“ bat Aljoscha flehend.
-
-„Lieber Aljoschenka, begleite mich! Ich werde dir unterwegs ein schönes,
-schönes Wörtchen sagen! Ich habe ja nur für dich, Aljoschenka, diese
-Szene gespielt. Begleite mich, Liebling, wirst später damit zufrieden
-sein.“
-
-Aljoscha wandte sich von ihr ab. Gruschenka lief hell lachend aus dem
-Hause.
-
-Katerina Iwanowna hatte einen Nervenanfall. Sie schluchzte, konnte nicht
-atmen, glaubte zu ersticken. Alle bemühten sich um sie.
-
-„Ich habe Sie gewarnt,“ sagte ihr die ältere Tante, „ich habe Sie immer
-wieder von diesem Schritt abzuhalten versucht ... Sie sind viel zu
-heißblütig, wie kann man nur als Dame so etwas tun! Sie kennen diese
-Geschöpfe nicht; von dieser aber sagt man, sie soll die Schlimmste von
-allen sein ... Nein, Sie sind viel zu eigenwillig!“
-
-„Das ist ja ein Tiger!“ schrie Katerina Iwanowna außer sich. „Warum
-hielten Sie mich zurück, Alexei Fedorowitsch, ich hätte sie
-durchgeprügelt, durchgeprügelt!“
-
-Sie hatte nicht die Kraft, sich vor Aljoscha zusammenzunehmen,
-vielleicht wollte sie es auch nicht einmal.
-
-„Peitschen muß man sie, auf dem Schafott, durch den Henker, öffentlich!
-...“
-
-Aljoscha zog sich erschrocken zur Tür zurück.
-
-„Aber, o Gott!“ rief plötzlich Katerina Iwanowna, die Hände ringend.
-„Er! er hat so unmenschlich sein können, so unmenschlich! Er hat dieser
-Dirne erzählt, was dort war, damals, an jenem schrecklichen,
-entsetzlichen, verfluchten, ewig verfluchten Tage! ‚Sind doch Ihre
-Schönheit verkaufen gegangen, liebes Fräulein!‘ Und sie weiß das! Ihr
-Bruder ist ein Schuft, Alexei Fedorowitsch!“
-
-Aljoscha wollte etwas sagen, aber er fand kein einziges Wort. Sein Herz
-krampfte sich zusammen vor Schmerz.
-
-„Gehen Sie fort, Alexei Fedorowitsch! Ich schäme mich, mir ist so
-furchtbar zumut! Morgen ... ich flehe Sie an, kommen Sie morgen!
-Verurteilen Sie mich nicht, verzeihen Sie, ich weiß noch nicht, was ich
-mit mir machen werde.“
-
-Aljoscha trat auf die Straße. Er wankte beinahe. Er wollte gleichfalls
-weinen wie sie. Da kam ihm das Stubenmädchen nachgelaufen.
-
-„Das gnädige Fräulein hat vergessen, Ihnen diesen Brief von Fräulein
-Chochlakowa zu übergeben; er lag bei ihr seit dem Mittag.“
-
-Aljoscha nahm ganz mechanisch das kleine rosa Kuvert und steckte es,
-ohne es selbst zu gewahren, in die Tasche.
-
-
- XI.
- Noch ein verlorener Ruf
-
-Das Kloster war nur etwas über eine Werst von der Stadt entfernt.
-Aljoscha schritt eilig aus auf der zu dieser Stunde ganz einsamen
-Straße. Die Nacht brach schon an: auf dreißig Schritt konnte man die
-Gegenstände nur schwer unterscheiden. Ungefähr auf der Hälfte des Weges
-kam ein Kreuzweg. Dort am Kreuzweg stand an einem einsamen
-Silberweidenbaum eine Menschengestalt. Kaum hatte Aljoscha den Kreuzweg
-betreten, als die Gestalt sich vom Baume loslöste, ihm entgegenstürzte
-und mit grimmig wilder Stimme rief:
-
-„Den Beutel oder das Leben!“
-
-„Ach, das bist du, Mitjä!“ sagte höchst erstaunt Aljoscha, der zuerst
-doch etwas zusammengefahren war.
-
-„Ha–ha–ha! Das hattest du wohl nicht erwartet? Ich fragte mich: Wo soll
-ich dich erwarten? Bei ihrem Hause? Von dort aber führen drei Wege
-hierher, und ich könnte dich verfehlen. Endlich kam ich darauf, hier zu
-warten, denn hier muß er unbedingt vorübergehen, dachte ich, einen
-anderen Weg gibt’s nicht zum Kloster. Nun, sag die Wahrheit, schone mich
-nicht ... Was ist mit dir?“
-
-„Nichts, Mitjä ... ich, nur so, vom Schreck. Ach, Dmitrij! Vorhin –
-dieses Blut unseres Vaters ...“ Aljoscha schluchzte auf; er hatte schon
-lange in Tränen ausbrechen wollen, jetzt aber war ihm, als ob etwas in
-seiner Seele plötzlich zerrisse. „Du hättest ihn beinahe erschlagen ...
-Du verfluchtest ihn ... und jetzt ... hier ... jetzt scherzest du noch
-... Beutel oder Leben!“
-
-„Ach ja, nun – was? Unpassend, nicht? Paßt nicht zu meiner Lage?“
-
-„Ach nein, nicht das ... ich war nur so ...“
-
-„Wart, bleib stehn. Sieh die Nacht, sieh, wie dunkel die Nacht ist, die
-Wolken, sieh, wie dunkel, und welch ein Wind sich erhoben hat! Ich hatte
-mich hier unter der Weide versteckt, erwartete dich, und plötzlich ein
-Gedanke (bei Gott!): Wozu sich denn noch weiter plagen, worauf noch
-warten? Hier ist eine Weide, ein Taschentuch hast du, ein Hemd hast du,
-eine Schlinge läßt sich im Augenblick zusammendrehen, kannst sie noch
-obendrein anfeuchten und – nicht mehr die Erde belasten, sie nicht mehr
-durch dein niedriges Leben entehren! Da höre ich, ein Mensch kommt – du!
-Herrgott, es war ganz, als ob plötzlich etwas zu mir niederfliege: also
-gibt es doch noch einen Menschen, den auch ich liebe, da kommt, da ist
-er, dieser Mensch, mein liebstes, kleines Brüderchen, das ich am meisten
-auf der Welt liebe, das einzige, was ich wirklich so, so lieb habe! Ja:
-so lieb warst du mir plötzlich, ich liebte dich so in diesem Augenblick,
-daß ich dachte: Werfe mich sofort an seinen Hals und küsse ihn! Da kam
-aber dieser dumme Gedanke: Werde einen Scherz machen, ihn erschrecken.
-Und da schrie ich denn wie ein alter Esel: ‚Den Beutel oder das Leben‘!
-Verzeih die Narrheit – das ist doch nur Unsinn, in der Seele ist es auch
-bei mir – ... anständig ... Nun aber, zum Teufel damit, sag, wie es dort
-war? Was sagte sie? Schlag mich nieder, zermalme mich, brauchst mich
-nicht zu schonen! Sie geriet wohl außer sich?“
-
-„Nein, nicht das ... Es war dort ganz anders, Mitjä. Dort ... Ich traf
-sie beide zusammen an.“
-
-„Wen denn, was für beide?“
-
-„Gruschenka war bei Katerina Iwanowna.“
-
-Dmitrij Fedorowitsch erstarrte.
-
-„Unmöglich!“ stieß er hervor, „du phantasierst! Gruschenka bei ihr?“
-
-Aljoscha erzählte ihm alles, was er von dem Augenblick an, da er bei
-Katerina Iwanowna eingetreten war, gesehen und gehört hatte. Er erzählte
-zehn Minuten lang, allerdings nicht gleichmäßig und zusammenhängend,
-aber er verstand es, alles klar darzustellen; er hob die
-bedeutungsvollen Worte hervor, die wichtigsten Bewegungen, und gab
-häufig nur durch eine kurze Bemerkung deutlich seine eigenen Gefühle
-wieder. Dmitrij hörte schweigend zu, blickte starr mit einer sonderbaren
-Unbeweglichkeit vor sich hin, doch Aljoscha sah, daß er schon alles
-begriffen hatte und den ganzen Zusammenhang verstand. Sein Gesicht
-wurde, je mehr die Erzählung verrückte, nicht etwa nur finster, nein,
-drohend. Er hatte die Stirn gerunzelt, preßte die Zähne zusammen; sein
-unbeweglicher Blick wurde gleichsam noch unbeweglicher, starrer,
-furchtbarer ... Um so unerwarteter war es, als sich plötzlich mit
-unglaublicher Hastigkeit sein ganzes Gesicht, das bis dahin zornig und
-wild gewesen war, veränderte; die zusammengepreßten Lippen öffneten
-sich, und Dmitrij Fedorowitsch lachte das allerunbezwingbarste,
-natürlichste Lachen. Er schüttelte sich buchstäblich vor Lachen; lange
-Zeit konnte er überhaupt nicht sprechen vor Lachen.
-
-„Und hat die Hand auch richtig nicht geküßt! Nicht geküßt, und ist so
-fortgelaufen!“ rief er in geradezu krankhaftem Entzücken, – in
-schamlosem Entzücken könnte man vielleicht sagen, wenn dieses Entzücken
-nicht so ungekünstelt gewesen wäre. „Also sie schrie, sie sei ein Tiger!
-Das ist sie ja auch, ein Tiger! Also aufs Schafott soll man sie bringen?
-Ja, ja, das müßte man, das muß man, das ist auch meine Meinung, daß man
-es tun muß, schon lange müßte man’s! Siehst du, Bruder, meinetwegen aufs
-Schafott, aber vorher muß man noch geheilt werden. O, ich erkenne die
-Königin der Unverschämtheit, hierin ist sie ganz enthalten, ganz, in
-diesem Händchen hat sie sich ganz ausgesprochen, hierin liegt das ganze
-infernale Weib. Das ist die Königin aller infernalen Weiber, die man
-sich in der Welt nur denken kann! In seiner Art kann’s einen wirklich
-entzücken! Also sie lief nach Haus? Ich wollte schon ... Ach, dann werde
-ich ... schnell zu ihr eilen! Aljoschka, sei mir nicht böse, ich gebe ja
-vollkommen zu, daß es zu wenig wäre, sie zu erdrosseln ...“
-
-„Aber Katerina Iwanowna?“ fragte Aljoschka traurig.
-
-„Auch die durchschaue ich, ganz und gar durchschaue ich sie jetzt, wie
-noch nie zuvor! Das ist eine wahre Entdeckung aller vier Erdteile, aller
-fünf! Solch ein Schritt! Das ist gerade diese selbe Katjenka, das
-Pensionsmädel, das mit dem hochherzigen Entschluß, den Vater zu retten,
-sich nicht fürchtete, zu einem dummen rohen Offizier in der Dämmerung zu
-laufen, wobei sie riskierte, so unsagbar beleidigt zu werden! Doch unser
-Stolz! das Bedürfnis zu wagen! das Schicksal herauszufordern! diese
-Herausforderung ins Unermeßliche! Du sagst, die Tante hat sie
-aufgehalten? Diese Tante, weißt du, ist selbst eine eigenmächtige
-Person, ist doch die leibliche Schwester jener moskauschen Generalin;
-sie hat früher die Nase noch höher getragen als Katjä, aber da wurde ihr
-Mann wegen Bestehlung der Kronkasse verurteilt, verlor alles, verlor
-sein ganzes Hab und Gut – und seine stolze Frau Gemahlin senkte darauf
-etwas den Ton, hat ihn auch seit der Zeit nicht wieder erhoben. Also sie
-hat Katjä zurückgehalten, und die hat natürlich nicht auf sie gehört.
-‚Kann alles besiegen,‘ denkt sie, ‚alles ist mir untertan; wenn ich
-will, bezaubere ich auch Gruschenka,‘ und – hat sich natürlich selbst
-geglaubt, hat sich selbst aufgestachelt, wer ist denn jetzt daran
-schuld? Du glaubst, sie hat mit Absicht als erste das Händchen der
-anderen geküßt, Gruschenkas Hand, aus schlauer Berechnung? Nein, sie
-hatte sich wirklich, wirklich in Gruschenka verliebt, das heißt, nicht
-in Gruschenka, sondern in ihre eigene Idee, in ihre Phantasie, darum,
-siehst du, weil das, sozusagen, _ihre_ Idee war, ihre eigene Phantasie.
-Liebling, Aljoscha, wie bist du nur von ihnen losgekommen, wie hast du
-dich gerettet? Bist wohl einfach fortgelaufen, mit aufgenommenen
-Rockschößen? Ha–ha–ha!“
-
-„Dmitrij, es ist dir, glaub ich, nicht einmal aufgefallen, wie
-beleidigend das für Katerina Iwanowna ist, daß du Gruschenka von jenem
-Tage erzählt hast? so daß die ihr jetzt ins Gesicht hat schleudern
-können: ‚Sie sind doch selbst zu Herren Ihre Schönheit verkaufen
-gegangen!‘ Bruder, gibt es denn überhaupt noch eine größere Beleidigung
-als diese?“
-
-Am meisten quälte Aljoscha der Gedanke, daß sein Bruder sich gleichsam
-über Katerina Iwanownas Erniedrigung zu freuen schien, obgleich das
-natürlich ganz ausgeschlossen war.
-
-„Ach, Teufel!“ Dmitrij Fedorowitschs Gesicht verfinsterte sich plötzlich
-unheimlich, und er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Erst jetzt
-verfiel er darauf, obgleich Aljoscha alles erzählt, nichts verschwiegen
-hatte, auch Katerina Iwanownas Schrei nicht: „Ihr Bruder ist ein
-Schuft!“ – „Ja, wirklich, es kann sein, daß ich Gruschenka von jenem
-‚verhängnisvollen Tage‘, wie Katjä sagt, erzählt habe. Ja, richtig, ich
-hab’s ihr erzählt, ich weiß, ich weiß! Das war damals in Mokroje, ich
-war betrunken, die Zigeunerinnen sangen ... Aber ich schluchzte doch,
-ich schluchzte doch selbst, ich lag auf den Knien, ich betete zu Katjä,
-und Gruschenka begriff das doch. Sie begriff damals alles, ich weiß
-noch, sie weinte selbst ... Äh, Teufel! und konnte es denn jetzt anders
-sein? Damals weinte sie, jetzt aber ... Jetzt ‚den Dolch ins Herz‘! So
-sind die Weiber!“
-
-Er verstummte und dachte nach.
-
-„Ja, ich bin ein Schuft! Das steht nun fest!“ sprach er plötzlich mit
-düsterer Stimme vor sich hin. „Einerlei, geweint oder nicht geweint!
-Kannst dort melden, daß ich die Bezeichnung annehme, – wenn das zu
-trösten vermag. Und nun genug, leb wohl, wozu so viel schwatzen!!
-Heiteres gibt es nicht. Du gehst deinen Weg, ich den meinen. Und ich
-will dich auch nicht mehr sehn, bis zu irgendeiner letzten Minute. Leb
-wohl, Alexei!“ Er drückte Aljoscha fest die Hand und ging, immer noch
-mit gesenktem Kopf, als ob er sich losgerissen hätte, mit schnellen
-Schritten in die Stadt zurück. Aljoscha blickte ihm nach; er glaubte
-noch nicht, daß er wirklich fortging.
-
-„Wart, Alexei, noch ein Bekenntnis! Dir allein werde ich es sagen!“ rief
-plötzlich Dmitrij Fedorowitsch und kehrte zurück: „Sieh mich an, sieh
-mich aufmerksam an, sieh hier, hier – bereitet sich eine furchtbare
-Ehrlosigkeit vor.“ (Als er dieses „sieh hier“ sagte, schlug er sich in
-einer so sonderbaren Weise mit der Faust auf die Brust, als ob diese
-Unehre gerade auf seiner Brust läge oder dort sich verberge, auf einem
-bestimmten Fleck, in einer Tasche vielleicht, oder in etwas eingenäht am
-Halse hinge.) „Du kennst mich nun schon: Ich bin ein Schuft, ein
-erklärter Schuft! Doch wisse, was ich auch getan habe, früher, jetzt,
-oder noch später tun werde, – nichts, nichts kann sich in der Gemeinheit
-mit dieser Ehrlosigkeit vergleichen, die ich gerade jetzt, gerade in
-diesem Augenblick hier, hier auf meiner Brust trage, gerade hier, sieh
-hier, – die schon geschieht und sich vollzieht, und die aufzuhalten
-vollkommen in meiner Macht liegt, merk dir das, ich kann sie aufhalten
-oder ausführen! Nun, so wisse denn, daß ich sie ausführen und nicht
-aufhalten werde. Heute in der Laube erzählte ich dir alles: nur das eine
-erzählte ich dir nicht, denn selbst ich hatte keine genügend eherne
-Stirn dazu! Ich kann noch stehen bleiben; wenn ich stehen bleibe, kann
-ich noch morgen die ganze Hälfte der verlorenen Ehre wiedergewinnen,
-aber ich werde nicht stehen bleiben, ich werde das gemeine Vorhaben
-ausführen, und so sei du hinfort Zeuge, daß ich im voraus und
-wissentlich sage: Verderben und Finsternis! Zu erklären ist nichts,
-wirst es schon zur rechten Zeit erfahren. Stinkende Winkelgasse und ein
-infernales Weib! Leb wohl. Bete nicht für mich, bin’s nicht wert, und es
-ist auch gar nicht nötig, nicht nötig ... bedarf dessen überhaupt nicht!
-Fort! ...“
-
-Und er entfernte sich plötzlich, diesmal aber kehrte er nicht mehr
-zurück. Aljoscha ging zum Kloster.
-
-„Wie, wie werde ich ihn denn nie mehr wiedersehen? was sagte er?“ fragte
-er sich, und es schien ihm undenkbar, daß er ihn nicht mehr wiedersehen
-werde. „Morgen noch muß ich ihn unbedingt zu sehen versuchen, ich werde
-ihn schon finden, werde ihn unbedingt aufsuchen! Was wollte er nur damit
-sagen? Was meinte er? ...“
-
- * * * * *
-
-Er ging von außen um das Kloster herum und dann durch den Kiefernwald
-geradeswegs zur Einsiedelei. Ihm wurde bald aufgemacht, obgleich man
-dort sonst zu so später Stunde niemanden mehr einzulassen pflegte. Sein
-Herz zitterte, als er in die Zelle des Staretz trat: – Warum, warum nur
-war er fortgegangen, warum hatte ihn jener ‚in die Welt‘ geschickt? Hier
-war Ruhe, hier war das Heil, dort aber – war Unruhe, dort war
-Finsternis, in der man sich sofort verirrte und verlor ... –
-
-In der Zelle befanden sich der Novize Porfirij und der Priestermönch
-Paissij, der den ganzen Tag in jeder Stunde einmal kam, um sich nach dem
-Befinden des Staretz zu erkundigen, mit dem es, wie Aljoscha mit
-Schrecken hörte, immer schlechter wurde. Sogar die übliche allabendliche
-Unterweisung der Brüderschaft hatte diesmal nicht stattfinden können.
-Gewöhnlich versammelte sich des Abends nach dem Gottesdienst die
-Brüderschaft des Klosters noch vor dem Schlafengehen in der Zelle des
-Staretz, und ein jeder beichtete ihm dann laut seine Vergehen, seine
-sündigen Gedanken und Träume, die er am Tage gehabt, Versuchungen und
-sogar Streitigkeiten mit den anderen, falls solche vorgekommen waren.
-Viele beichteten kniend. Der Staretz erließ die Sünden, versöhnte,
-unterwies und belehrte, legte Bußen auf, segnete und entließ. Gegen
-diese „Beichte“ der Brüderschaft erhoben sich aber die Gegner der
-Startzen; sie sagten, das sei eine Profanation der Beichte als
-Sakrament, obgleich es in diesem Falle doch etwas ganz anderes war. Man
-machte die geistliche Obrigkeit sogar darauf aufmerksam, daß solch ein
-Beichten nicht nur zu nichts führe, sondern tatsächlich und mit Fleiß in
-Sünde und Versuchung bringe und Anstoß gäbe. Man sagte, vielen Brüdern
-sei dieses Beichten lästig, doch wollten sie sich nicht absondern und
-kämen nur zu dem Staretz, damit man sie nicht böser Gedanken verdächtige
-und für stolz hielte. Man erzählte sich sogar, daß einzelne aus der
-Brüderschaft auf dem Wege zum Staretz unter sich abmachten: „Ich werde
-sagen, daß ich mich heute morgen über dich geärgert habe, und du
-bestätige es,“ – damit man etwas zu beichten hätte und auf diese Weise
-loskäme. Aljoscha wußte, daß das wirklich zuweilen vorkam. Auch wußte
-er, daß es unter der Brüderschaft einige Mönche gab, die darüber sehr
-ungehalten waren, daß sogar die Briefe, die die Einsiedler von ihren
-Verwandten erhielten, zuerst zum Staretz gebracht wurden, der sie dann
-erbrach und noch vor dem betreffenden Adressaten las. Es wurde natürlich
-vorausgesetzt, daß alles freiwillig und aufrichtig geschah, von Herzen
-kam, aus freier Ergebung und um der Erlösung willen – doch in
-Wirklichkeit geschah es gar manches Mal sehr wenig von Herzen, im
-Gegenteil, sogar mit Falschheit und erheuchelter Demut. Doch die Älteren
-und Erfahreneren der Brüderschaft bestanden darauf, da sie der Meinung
-waren: „Wer aufrichtig in diese Mauern eingetreten ist, um hier seine
-Erlösung zu finden, für den wird das alles nur Heil bringen und von
-großem Nutzen sein; wem aber das lästig ist, und wer darüber murrt, der
-ist überhaupt kein Mönch und ganz umsonst ins Kloster gekommen – der
-gehört in die Welt. Vor der Sünde und dem Teufel kann man sich nicht nur
-in der Welt, sondern selbst im Gotteshause nicht schützen – folglich
-braucht man mit der Sünde nicht Nachsicht zu haben.“
-
-„Er ist sehr erschöpft, jetzt ist er eingeschlafen,“ flüsterte Pater
-Paissij Aljoscha zu, nachdem er ihn gesegnet hatte. „Man kann ihn nur
-schwer aufwecken; aber man braucht ihn ja auch nicht zu wecken. Vor fünf
-Minuten erwachte er von selbst, bat, der Brüderschaft seinen Segen zu
-überbringen, und ließ sie bitten, für ihn Nachtgebete zu sprechen. Am
-Morgen will er noch einmal das heilige Abendmahl nehmen. Er gedachte
-deiner, Alexei, fragte, ob du fortgegangen seiest, und man sagte ihm,
-daß du in der Stadt wärest. ‚Dazu habe ich ihm meinen Segen gegeben:
-dort ist sein Platz vorläufig, nicht hier,‘ – also sprach er von dir.
-Liebend gedachte er deiner, mit sichtlicher Sorge; erkennst du auch,
-wessen du gewürdigt worden bist? Warum hat er dir das nur bestimmt, eine
-Zeitlang draußen in der Welt zu bleiben? Er sieht wohl etwas voraus in
-deinem Schicksal! Behalte aber, Alexei, wenn du nun auch in die Welt
-zurückkehrst, daß es doch nur eine von deinem Staretz dir auferlegte
-Buße ist, und daß du es nicht zu eitlem Leichtsinn und zu weltlicher
-Freude tun sollst ...“
-
-Pater Paissij ging hinaus. Aljoscha wußte jetzt, daß die Todesstunde des
-Staretz nicht mehr fern war, wenn er auch noch einen oder zwei Tage
-leben konnte. Und so beschloß er sofort, am nächsten Tage, trotz der
-Versprechen, die er seinem Vater, Chochlakoffs, seinem Bruder Iwan und
-Katerina Iwanowna gegeben hatte, überhaupt nicht aus dem Kloster zu
-gehen, um bei seinem Staretz bis zu dessen Tode bleiben zu können. Sein
-Herz erglühte in Liebe zu ihm, und er machte sich bittere Vorwürfe, daß
-er in der Stadt einen Augenblick ganz hatte vergessen können, wer hier
-im Kloster auf dem Sterbebett lag – der Mensch, den er vor allen am
-meisten verehrte und am höchsten achtete. Er ging leise in die kleine
-Schlafzelle des Staretz, kniete dort nieder und verneigte sich vor dem
-Schlafenden bis zur Erde. Der schlief still und ruhig; gleichmäßig und
-fast unmerklich atmete er; sein Antlitz war gleichfalls ruhig.
-
-Aljoscha kehrte in das vordere Zimmer zurück – in dasselbe, in dem der
-Staretz am Morgen den Besuch empfangen hatte –, zog seine Stiefel aus
-und legte sich fast ganz angekleidet auf das kleine, schmale Ledersofa,
-auf dem er schon seit langer Zeit in jeder Nacht schlief, nur legte er
-sich noch sein Kopfkissen unter. Das Federbett aber, das sein Vater ihm
-befohlen hatte, nach Haus mitzunehmen, brauchte er schon seit langer
-Zeit nicht mehr. Er nahm nur seine Kutte ab und bedeckte sich mit ihr an
-Stelle einer Bettdecke. Doch vorher kniete er jedesmal nieder und betete
-lange. In seinem heißen Gebet bat er Gott nicht etwa, ihm seine
-Verwirrung zu erklären, nein, er sehnte sich nur nach der freudigen
-Rührung, der früheren Rührung, die immer seine Seele so erfreut hatte,
-nach der Preisung Gottes, aus der gewöhnlich sein ganzes Abendgebet
-bestand. Diese Freude, die ihn dann überkam, brachte ihm einen leichten
-und ruhigen Schlaf. Als er jetzt wieder betete, berührte er plötzlich
-ganz aus Versehen den kleinen, harten Brief in seiner Tasche, den ihm
-Katerina Iwanownas Stubenmädchen auf der Straße übergeben hatte. Es
-verwirrte ihn zwar ein wenig, doch betete er ruhig zu Ende; darauf –
-nach einigem Schwanken – erbrach er das Kuvert: in ihm lag ein Brief an
-ihn, unterschrieben „Lise“. Es war dieselbe junge Tochter der Frau
-Chochlakoff, die am Morgen beim Staretz so sehr über Aljoscha gelacht
-hatte.
-
-„Alexei Fedorowitsch,“ schrieb sie, „ich schreibe Ihnen ganz heimlich,
-niemand weiß es, auch Mama nicht, und ich weiß selbst, daß es nicht gut
-ist. Aber ich kann nicht mehr leben, wenn ich Ihnen nicht das sage, was
-in meinem Herzen aufgestiegen ist, das aber darf niemand außer uns
-beiden bis zur rechten Zeit erfahren. Doch wie soll ich Ihnen nur das
-sagen, was ich Ihnen so gern sagen will? Das Papier, sagt man, nicht,
-und ich weiß selbst, daß es nicht richtig ist. Aber und daß es ganz
-ebenso errötet, wie ich jetzt über und über erröte. Lieber Aljoscha, ich
-liebe Sie, liebe Sie schon von Kindheit an, schon seit Moskau, als Sie
-noch gar nicht so waren wie jetzt, und ich liebe Sie fürs ganze Leben.
-Natürlich mit der Bedingung, daß Sie das Kloster verlassen. Was unser
-Alter anbetrifft, so werden wir so lange warten, wie es das Gesetz
-verlangt; bis dahin werde ich bestimmt, unbedingt gesund sein, werde
-gehen und tanzen können. Darüber lohnt sich kein Wort zu verlieren.
-
-Sehen Sie, wie ich alles bedacht habe; nur eines kann ich mir nicht
-vorstellen: was Sie von mir denken werden, wenn Sie das lesen? Ich lache
-immer und bin unartig, und heute noch habe ich Sie geärgert; aber ich
-versichere Ihnen, ich habe, bevor ich zu schreiben begann, vor der
-Mutter Gottes gebetet, und auch jetzt bete ich und weine beinahe.
-
-Mein Geheimnis ist jetzt in Ihren Händen; ich weiß nicht, wie ich Sie
-morgen, wenn Sie zu uns kommen, ansehen soll. Ach, Alexei Fedorowitsch,
-was dann, wenn ich mich wieder nicht beherrschen kann und wie ein
-albernes Geschöpf bei Ihrem Anblick abermals zu lachen anfange? Sie
-werden mich dann doch für eine schändliche Spötterin halten und meinem
-Brief gar keinen Glauben schenken, und darum flehe ich Sie an, Lieber,
-falls Sie nur etwas Mitleid mit mir haben: wenn Sie morgen eintreten, so
-sehen Sie mir nicht gar zu offen in die Augen, weil ich, wenn ich Sie
-sehe, vielleicht unbedingt plötzlich zu lachen anfangen werde. Zudem
-werden Sie noch immer in diesem langen Kittel stecken ... Sogar jetzt
-läuft es mir kalt über den Rücken, wenn ich daran denke; darum aber
-sehen Sie mich, wenn Sie hereinkommen, einige Zeit überhaupt nicht an;
-sehen Sie auf Mama oder zum Fenster hinaus ...
-
-Da habe ich Ihnen jetzt einen Liebesbrief geschrieben; mein Gott, was
-habe ich getan! Aljoscha, verachten Sie mich nicht, und wenn es etwas
-sehr Schlechtes ist und ich Sie betrübt habe, so verzeihen Sie mir.
-Jetzt ist das Geheimnis meines vielleicht auf ewig verlorenen guten
-Rufes in Ihren Händen.
-
-„Ich werde heute unbedingt weinen. Auf Wiedersehen! Bis zu diesem
-_schrecklichen_ Wiedersehen! Lise.
-
-P. S. Aljoscha, nur kommen Sie unbedingt, unbedingt, unbedingt! Lise.“
-
-Aljoscha las in großer Verwunderung, las zweimal, dachte dann nach, und
-plötzlich lachte er leise und herzlich auf. Doch schon fuhr er zusammen,
-selbst dieses Lachen schien ihm sündhaft. Aber nach einem Augenblick
-lachte er von neuem vor sich hin, ebenso still und ebenso glücklich.
-Langsam schob er den Brief wieder in das kleine, rosa Kuvert, bekreuzte
-sich dann und legte sich schlafen. Die Unruhe seiner Seele war
-vergangen. „Herrgott, erbarme dich ihrer aller, beschütze die
-Unglücklichen, die im Sturm kämpfen, und lenke Du sie. Die Wege sind in
-deiner Hand; wäge Du und lenke ihre Wege zum Besten, und errette sie. Du
-bist die Liebe, Du wirst allen auch Freude senden!“ flüsterte Aljoscha
-sich bekreuzend und sank in sanften Schlaf.
-
-
-
-
- Viertes Buch. Ausbrüche
-
-
- I.
- Pater Ferapont
-
-Frühmorgens, noch vor Sonnenaufgang, wurde Aljoscha geweckt. Der Staretz
-war aufgewacht und fühlte sich sehr schwach, wollte trotzdem aufstehen
-und sich in seinen Lehnstuhl setzen. Er war bei voller Besinnung; sein
-Gesicht jedoch war, wenn auch sehr ermüdet, hell und klar, fast könnte
-man sagen – freudig, und der Blick ruhig, heiter und willkommenheißend.
-„Möglich, daß ich den begonnenen Tag nicht überleben werde,“ sagte er zu
-Aljoscha; darauf wollte er unverzüglich beichten und das Abendmahl
-nehmen. Sein Beichtvater war von jeher Pater Paissij; nach dem Empfang
-der beiden Sakramente begann die letzte Ölung. Die Priestermönche
-versammelten sich, und die Zelle füllte sich allmählich mit den
-Bewohnern der Einsiedelei. Inzwischen wurde es Tag. Da kam man auch aus
-dem Kloster zu ihm. Nach dem Frühgottesdienst wollte der Staretz sich
-von allen verabschieden, und er küßte einen jeden. Da die Zelle so klein
-war, gingen die früher Gekommenen hinaus, um den neu Ankommenden Platz
-zu machen. Aljoscha stand neben dem Staretz, der sich wieder in den
-Lehnstuhl gesetzt hatte. Er sprach und lehrte so viel er konnte; seine
-Stimme war allerdings schwach, aber doch noch ziemlich fest. „Ich habe
-euch so viel Jahre gelehrt und daher so viel gesprochen, daß mir das
-Sprechen gewiß zur Gewohnheit geworden ist, doch euch durch Sprechen zu
-unterweisen – das ist so stark in mir eingewurzelt, daß mir Schweigen
-vielleicht sogar schwerer fallen würde als das Reden, meine Lieben –
-selbst jetzt, bei meiner Schwäche,“ scherzte er mit gerührtem Blick auf
-die sich zu ihm Drängenden. Aljoscha erinnerte sich noch später dessen,
-was der Staretz damals gesagt hatte. Wohl sprach er noch deutlich und
-sogar mit ziemlich fester Stimme, doch seine Rede war schon etwas
-zusammenhanglos. Er sprach über vieles; wie es schien, wollte er alles
-aussprechen, vor dem Tode alles noch einmal sagen, alles im Leben
-Unausgesprochene, und nicht nur allein um der Predigt willen, sondern
-gleichsam aus dem Verlangen heraus, seine Freude und seine Begeisterung
-mit allen und allem zu teilen, noch einmal im Leben sein Herz
-auszuschütten ...
-
-„Liebet einander,“ lehrte der Staretz (wie sich Aljoscha dessen später
-erinnerte). „Liebet Gottes Volk. Sind wir doch, weil wir uns hier in
-diesen Mauern eingeschlossen haben, nicht heiliger als die Weltlichen;
-im Gegenteil, ein jeder Hergekommene hat sich allein schon dadurch, daß
-er hergekommen ist, im Herzen eingestanden, daß er schlechter ist als
-die Weltlichen und alles und jedes auf Erden. Und je länger der
-Einsiedler in diesen Mauern lebt, um so aufrichtiger und tiefer muß er
-dies erkennen; denn tut er es nicht, so hat er wahrlich keine Ursach
-gehabt, herzukommen. Wenn er aber zu dieser Erkenntnis gekommen ist, daß
-er nicht nur schlechter als alle Weltlichen, wohl aber noch vor allen
-Menschen für alle und alles schuldig ist, an allen Sünden der Menschen
-im allgemeinen wie im einzelnen, dann erst wird der Zweck unserer
-Absonderung erreicht sein. Denn wisset, meine Lieben, daß ein jeder von
-uns schuldig ist für alle und alles auf der Welt, das ist unanfechtbar –
-und nicht nur durch die allgemeine Weltschuld, sondern ein jeder einzeln
-für alle Menschen und für jeden Menschen auf dieser Erde. Diese
-Erkenntnis ist die Krone des Lebens sowohl jedes Einsiedlers wie jedes
-Menschen in dieser Welt – sind doch die Mönche keine anderen Menschen
-als die Weltlichen, wohl aber sind sie solche, die den Menschen auf
-Erden als Beispiel dienen sollten. Dann erst, wenn alle das verstanden
-haben, wird sich unser Herz in dieser unendlichen, allumfassenden Liebe
-weiten, die keine Sättigung, also auch keinen Tod kennt. Dann wird ein
-jeder von euch die Kraft haben, die ganze Welt durch seine Liebe zu
-erkaufen und mit seinen Tränen die Sünden der Welt abzuwaschen ... Ein
-jeder gehe seinem Herzen nach, ein jeder beichte sich selbst
-unermüdlich. Vor eurer Sünde fürchtet euch nicht, selbst wenn ihr sie
-erkannt habt; tragt nur Sorge, daß die Reue nicht vergehe, doch sollt
-ihr mit Gott nie Handel treiben. Und wiederum sage ich euch: Seid nicht
-stolz, weder vor den Geringen noch vor den Mächtigen. Haßt auch nicht,
-die euch verleugnen, euch schmähen und verleumden; haßt nicht die
-Atheisten, nicht die Lehrer des Bösen, nicht die Materialisten, sogar
-die Schlechten von ihnen nicht, nicht nur die Guten nicht, denn auch
-unter den Schlechten sind viele Gute, besonders in unserer Zeit. Gedenkt
-ihrer im Gebet also, wie ich euch sage: Vater unser, errette und behüte
-alle, die niemand haben, der für sie betet; erlöse auch die, welche
-nicht zu dir beten wollen. Und fügte noch hinzu: Nicht aus Stolz oder
-Hochmut bitte ich dich, Vater, also, denn ich selbst bin der Schlechten
-Schlechtester ... Liebet Gottes Volk, lasset nicht die Herde von
-Fremdlingen forttreiben, denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr in
-Faulheit und eurem geringschätzenden Hochmut einschlaft oder gar in
-verderblichem Eigennutz, so werden sie von allen Seiten kommen und euch
-eure Herde abspenstig machen. Verkündet unermüdlich dem Volke das
-heilige Evangelium ... Treibt nicht Wucher ... Hängt euer Herz nicht an
-Gold und Silber, trachtet nicht danach, sucht nicht, es zu erraffen ...
-Glaubt und haltet das Banner hoch, und erhebt es hoch, hoch ...“
-
-Der Staretz sprach übrigens abgerissener, als es hier wiedergegeben ist
-und wie es Aljoscha später niedergeschrieben hat. Zuweilen hörte er ganz
-auf zu sprechen, als ob er wieder Kräfte sammelte, doch war er
-ersichtlich in innerer Ekstase. Man hörte ihm mit tiefer Rührung
-andächtig zu, obgleich sich viele über seine Worte wunderten und sie
-unklar fanden. Später erinnerte man sich wieder dieser Worte. Als
-Aljoscha auf einen Augenblick die Zelle verließ, war er erstaunt über
-die allgemeine Erregung und Erwartung der sich in und vor der Zelle
-drängenden Brüderschaft. Diese Erwartung äußerte sich bei vielen in
-ungewöhnlicher Spannung, bei anderen wiederum in feierlicher Stimmung.
-Alle erwarteten sie, daß etwas Großes sofort nach dem Verscheiden des
-Staretz geschehen werde. Diese Erwartung war sogar von einem gewissen
-Standpunkt aus unernst, doch selbst die Strengsten der Brüderschaft
-konnten sich nicht enthalten, sie zu teilen. Am strengsten war das
-Gesicht Pater Paissijs. Aljoscha verließ die Zelle, da ihn der aus der
-Stadt gekommene Rakitin geheimnisvoll durch einen Klosterbruder hatte
-herausrufen lassen. Rakitin übergab ihm einen sonderbaren Brief von Frau
-Chochlakoff. Sie teilte Aljoscha eine wichtige und sehr zur rechten Zeit
-gekommene Nachricht mit. Am Tage vorher war nämlich mit vielen anderen
-Weibern aus dem Volke auch ein altes Mütterchen aus der Stadt, die
-Unteroffizierswitwe Prochorowna, zum Staretz gekommen. Sie hatte den
-Staretz gefragt, ob sie für ihren Sohn Wassenjka, der fern nach
-Sibirien, nach Irkutsk, gefahren war, und von dem sie schon seit einem
-Jahr keine Nachricht erhalten hatte, eine Seelenmesse solle lesen
-lassen; worauf ihr der Staretz so etwas streng verboten und gesagt
-hatte, daß eine Seelenmesse für einen Lebenden ebensogut wie Zauberei
-wäre. Darauf hatte er ihr wegen ihrer Unwissenheit verziehen und zum
-Schluß noch hinzugefügt, „als ob er im Buche der Zukunft gelesen“
-(schrieb Frau Chochlakoff in ihrem Brief), „daß ihr Sohn Wassjä am Leben
-sei und alsbald entweder selbst zu ihr kommen oder einen Brief schicken
-werde und sie nach Haus gehen und alles erwarten solle. Und was glauben
-Sie wohl!“ schrieb Frau Chochlakoff in ihrer Begeisterung: „– Die
-Prophezeiung ist buchstäblich in Erfüllung gegangen, und sogar noch mehr
-als das!“ Kaum war sie nach Haus zurückgekehrt, als man ihr einen aus
-Sibirien angekommenen Brief übergeben hatte. Und das wäre noch nicht
-alles: In diesem Brief, der auf der Reise in Jekaterinenburg geschrieben
-war, teilte der Sohn Wassjä seiner Mutter mit, daß er mit einem anderen
-Beamten nach Rußland zurückkehre und vielleicht schon nach drei Wochen
-„seine Mutter zu umarmen“ hoffe. Frau Chochlakoff bat Aljoscha
-eindringlich, dieses neue „Wunder der Prophezeiung“ dem Prior sowie der
-ganzen Brüderschaft mitzuteilen. „Alle sollen das erfahren, alle, alle!“
-– Damit schloß sie ihren Brief. Dieser Brief war sehr schnell
-geschrieben; die Eile und Erregung der Schreiberin sprachen aus jeder
-Zeile. Aber Aljoscha brauchte der Brüderschaft nichts mehr mitzuteilen;
-alle wußten es schon. Rakitin hatte dem Klosterbruder nach der Bitte,
-Aljoscha herauszurufen, noch den Auftrag gegeben, untertänigst Seiner
-Hochehrwürden dem Pater Paissij zu melden, er, Rakitin, habe ihm eine
-Sache von solcher Wichtigkeit mitzuteilen, daß er nicht um eine Minute
-die Mitteilung hinausschieben dürfe, für seine Dreistigkeit aber kniend
-um Verzeihung bäte. Da nun der Klosterbruder zuerst zu Pater Paissij mit
-Rakitins Bitte gegangen war, so blieb Aljoscha nichts mehr übrig, als
-sofort dem Pater den Brief als bestätigendes Dokument zu übergeben. Und
-siehe, selbst dieser strenge, mißtrauische Mensch konnte nicht ganz sein
-Gefühl verbergen, nachdem er die Nachricht von dem „Wunder“ mit
-finsterem Gesicht gelesen hatte. Seine Augen blitzten auf, und die
-Lippen lächelten stolz und überzeugt.
-
-„Wer weiß, was wir noch erleben werden?“ entfuhr es ihm plötzlich
-gleichsam gegen seinen Willen.
-
-„Ja, was werden wir noch erleben, was werden wir noch erleben?“
-wiederholten in der Runde die Mönche. Doch Pater Paissij, dessen Gesicht
-sich von neuem verfinstert hatte, bat alle, wenigstens „bis dahin“
-niemandem laut davon Mitteilung zu machen: „bis es sich bestätigt – denn
-viel ist doch auch Leichtgläubigkeit in den Menschen, und vielleicht ist
-alles ganz natürlich geschehen,“ fügte er vorsichtig hinzu, als ob er
-damit sein Gewissen beruhigen wollte; doch bemerkten alle sehr wohl, daß
-er selbst an seine Einwendung nicht glaubte. Selbstverständlich wurde
-das „Wunder“ noch in derselben Stunde im ganzen Kloster bekannt, und
-auch viele Weltliche, die zur Liturgie in die Klosterkirche gekommen
-waren, erfuhren es. Am meisten aber war der kleine Mönch „vom heiligen
-Silvester“ aus Obdorsk über das Wunder erstaunt. Er hatte am Tage vorher
-zusammen mit Frau Chochlakoff auf den Staretz gewartet, und als sie von
-ihrer „geheilten“ Tochter gesprochen, den Staretz ungewöhnlich ernst
-gefragt, wie er solches tun könne. Jetzt aber war er wie vor den Kopf
-gestoßen und wußte kaum noch, woran er eigentlich glauben sollte. Er
-hatte nämlich am Abend vorher, nach dem Gespräch mit dem Staretz Sossima
-auf der Galerie, den Klosterpater Ferapont in seiner abgesonderten Zelle
-hinter dem Bienengarten besucht und von ihm einen ungewöhnlichen und
-beängstigenden Eindruck davongetragen. Dieser Pater Ferapont war
-derselbe alte Einsiedler, der große Schweiger und Faster, dessen ich
-schon einmal erwähnt habe: als Gegner des Staretz Sossima und des
-Startzentums überhaupt, das er für eine schädliche und leichtsinnige
-Neuerung hielt. Diesen aber als Gegner zu haben, war sehr gefährlich,
-obgleich er, als Schweiger, fast überhaupt nicht sprach. Gefährlich war
-er vor allem dadurch, daß ihm viele aus der Brüderschaft seine
-Gegnerschaft lebhaft nachempfanden und viele von den weltlichen
-Besuchern ihn für einen großen Gerechten und Glaubenseiferer hielten,
-obschon sie in ihm einen unzweifelhaft Geistesschwachen nicht verkennen
-konnten. Aber diese heilige Geistesschwäche nahm sie gerade am meisten
-für ihn ein. Dieser Pater Ferapont ging z. B. nie zum Staretz Sossima.
-Zwar lebte auch er in der Einsiedelei, doch wurde er mit den dort
-üblichen Regeln nicht weiter belästigt, da er sich ja doch wie ein
-Geistesschwacher benahm. Er war etwa fünfundsiebzig Jahre alt, wenn
-nicht mehr, und lebte bei der Zaunecke hinter dem Bienengarten der
-Einsiedelei in einer alten, morschen Holzzelle, die dort schon vor
-langer Zeit, noch im vorigen Jahrhundert, für einen gleichfalls großen
-Faster und Trappisten, den Pater Jonas, erbaut worden war. Dieser Pater
-Jonas war hundertfünf Jahre alt geworden, und noch jetzt erzählte man
-sich im Kloster wie in der Umgegend merkwürdige Geschichten von ihm.
-Pater Ferapont hatte endlich durchgesetzt, daß man ihm erlaubte, sich in
-diese einsame Zelle zurückzuziehen, und so lebte er denn schon sieben
-Jahre in dieser kleinen Hütte, die aber von innen auffallend einem
-kleinen Bethaus glich, da alle Wände mit vielen, vielen geschenkten
-Heiligenbildern behangen waren und vor ihnen Tag und Nacht viele, viele
-geschenkte Lämpchen brannten, die mit Öl zu füllen, anzuzünden, sie zu
-besorgen und nach ihnen zu sehen, Pater Feraponts einzige Arbeit war. Er
-aß, wie man erzählte (und es war auch wahr), nur zwei Pfund Brot in drei
-Tagen, nie mehr; das wurde ihm alle drei Tage von dem daselbst im
-Bienengarten wohnenden Bienenwärter gebracht; doch auch mit diesem
-wechselte Pater Ferapont nur höchst selten ein paar Worte. Diese vier
-Pfund Brot und Sonntags das Abendmahlbrötchen, das ihm der Prior
-jedesmal pünktlich nach dem Hochamt schickte, waren die ganze Nahrung,
-die er in einer Woche zu sich nahm. Das Wasser dazu wurde ihm täglich im
-Kruge gebracht. Zur Liturgie oder zum Gottesdienst kam er nur selten.
-Fromme Pilger, die ihn besuchten, sahen, daß er zuweilen den ganzen Tag
-im Gebet auf den Knien lag und kein einziges Mal aufblickte. Ließ er
-sich einmal mit jemandem in ein Gespräch ein, so war er immer sehr
-lakonisch, jedenfalls sehr sonderbar und gewöhnlich sehr grob. Es kam
-wohl zuweilen vor – allerdings nur äußerst selten –, daß er selbst mit
-den Pilgern zu sprechen begann; doch sprach er dann meistenteils nur ein
-paar sonderbare Worte zu ihnen, die den armen Leuten viel zu denken
-gaben, da sie stets rätselhaft blieben, denn Pater Ferapont ließ sich
-durch keine Bitten mehr bewegen, eine Erklärung zu seinem Ausspruch zu
-geben. Die Priesterwürde besaß er nicht; er war nur ein gewöhnlicher
-Mönch. Unter den einfachen Leuten hatte sich das Gerücht verbreitet, daß
-Pater Ferapont mit den himmlischen Geistern in Verbindung stehe und mit
-ihnen rede, darum aber im Verkehr mit den Menschen schweige; doch
-glaubten daran nur die Allerungebildetsten. Der kleine Mönch aus Obdorsk
-nun hatte sich gegen Abend in den Bienengarten gewagt und war dann nach
-der Angabe des Bienenwärters, eines gleichfalls sehr schweigsamen und
-mürrischen Mönches, in der Richtung zur Zaunecke auf die Suche nach der
-Hütte Pater Feraponts gegangen. „Kann sein, daß er dir was sagt, kann
-aber auch sein, daß du nichts von ihm zu hören bekommst,“ sagte ihm der
-Bienenwärter. Das Mönchlein näherte sich nach seinen eigenen Worten in
-großer Angst und Ehrfurcht. Es war schon eine ziemlich späte Stunde.
-Pater Ferapont saß diesmal an der Tür der Zelle auf einer niedrigen,
-kleinen Bank. Über ihm rauschte sacht im Abendwind der Wipfel einer
-mächtigen, alten, uralten Ulme. Abendkühle schlich sich heran. Der
-kleine Obdorsksche Mönch fiel vor dem Gebenedeiten nieder, verneigte
-sich vor ihm bis zur Erde und bat ihn um seinen Segen.
-
-„Willst du nicht, daß auch ich vor dir niederfalle, Mönch?“ fragte Pater
-Ferapont. „Erhebe dich!“
-
-Das Mönchlein erhob sich gehorsam.
-
-„Segne mich und sei gesegnet. Setz dich neben mich. Von woher hat’s dich
-hergeführt?“
-
-Was am meisten das arme Mönchlein in Erstaunen setzte, war, daß Pater
-Ferapont trotz seines so strengen Fastens und seines hohen Alters, ein
-dem Ansehen nach wirklich noch starker Mann war, daß er sich jedenfalls
-ganz gerade hielt, doch von Wuchs, nicht im geringsten gebeugt war und
-ein, wenn auch mageres, so doch gesundes, frisches Gesicht hatte.
-Zweifellos besaß er auch noch eine bedeutende körperliche Kraft. Gebaut
-war er geradezu athletisch, und trotz seines hohen Alters war er noch
-nicht einmal ganz ergraut; er hatte sogar sehr dichtes Haupt- und
-Barthaar, das früher ganz schwarz gewesen sein mußte; hatte große,
-leuchtende, graue Augen – doch sperrte er die Augenlider so weit auf,
-daß es einem sofort auffiel. Das O sprach er stets stark betont und als
-deutliches O aus.[14] Gekleidet war er in eine lange, sackartige Kutte
-aus grobem „Sträflingstuch“, wie man diesen Stoff früher nannte, und mit
-einer dicken Schnur umgürtet. Der Hals und die Brust waren bloß. Ein
-beinahe schwarzes Hemd von gröbster Leinwand, das monatelang nicht von
-seinem Körper kam, blickte unter dem Kittel hervor. Es hieß, daß er
-unter diesem Kittel dreißigpfündige Ketten trug. Seine nackten Füße
-staken in alten, fast gänzlich auseinanderfallenden Schuhen.
-
-„Ich komme aus der kleinen Obdorskschen Mönchsherberge des heiligen
-Silvester,“ antwortete demütig der kleine Mönch, doch blickten seine
-flinken Äuglein wohl etwas ängstlich, aber immerhin recht neugierig den
-Einsiedler an.
-
-„Kenn ihn; hab bei ihm gewohnt. Was macht er jetzt, ist er gesund?“
-
-Diese sonderbare Frage machte das Mönchlein nicht wenig betreten; es
-begann etwas zu stottern ...
-
-„Einfältige Menschenkinder seid ihr! Wie haltet ihr das Fasten ein?“
-
-„Unsere Speiseregel ist nach alter Einsiedlersatzung folgende: Während
-der großen Fastenzeit vor Ostern gibt es am Montag, Mittwoch und Freitag
-nichts, am Dienstag und Donnerstag für die Brüderschaft weiße Brote,
-Gerstentrank mit Honig, Schellbeeren oder gesalzenen Kohl und
-Hafermehlbrei. Am Sonnabend Weißkohl, Erbsen, Grütze mit Hanfsaft, alles
-in Öl. In der Woche zum Kohl noch getrockneten Fisch und Grütze. In der
-Karwoche aber vom Montag bis zum Sonnabend, also sechs Tage, nichts als
-Brot und Wasser und rohes Kraut, und auch das nur mit Enthaltsamkeit.
-Dann kann man wieder so essen wie in der ersten Fastenwoche; aber am
-heiligen Karfreitag wird nichts gegessen, und also auch am heiligen
-Sonnabend fasten wir bis zur dritten Morgenstunde, und dann dürfen wir
-etwas Brot mit Wasser und jeder je ein Gläschen Wein trinken. Am
-heiligen Gründonnerstag aber essen wir Gekochtes ohne Öl, trinken Wein
-mit etwas Trockenkost dazu; denn also ist auch auf dem heiligen Konzil
-zu Laodicäa gesagt worden: ‚Wenn ihr die ganze heilige Fastenzeit
-einhaltet, dann aber einen der letzten vier Tage freigebt, so habt ihr
-die ganze heilige Fastenzeit geschändet.‘ So ist es bei uns. Was aber
-ist das im Vergleich zu Euch, großer Vater,“ fügte das Mönchlein,
-dreister geworden, hinzu, „denn Ihr genießet doch das liebe runde Jahr
-und auch zu den heiligen Osterfeiertagen, wenn doch alle essen, nur Brot
-und Wasser, und was an Brot bei uns nur auf zwei Tage reicht, das genügt
-Euch für alle sieben Herrgottstage der Woche. Wahrlich, sie ist
-wunderbar, Eure so große Enthaltsamkeit.“
-
-„Und die Pfefferschwämme?“ fragte plötzlich Pater Ferapont.
-
-„Pfefferschwämme?“ fragte das Mönchlein erstaunt.
-
-„Nun ja; ich werde auch noch von ihrem Brot fortgehen, brauch’s
-überhaupt nicht, gehe in den Wald, werde dort von Pfefferschwämmen oder
-Beeren leben; sie aber gehen hier nirgends fort von ihrem Sauerteig,
-sind also dem Teufel untertan, daß sie an ihn gebunden bleiben.
-Heutzutage reden die Unflätigen, es sei unnütz, so viel zu fasten. Das
-kommt alles nur von ihrer Unersättlichkeit und ihrem stinkenden
-Hochmut.“
-
-„Ach ja, das ist wohl wahr!“ meinte das Mönchlein seufzend.
-
-„Hast du aber bei ihnen auch die Teufel gesehen?“ fragte Pater Ferapont.
-
-„Bei welchen ‚ihnen‘?“ erkundigte sich vorsichtig und schüchtern das
-Mönchlein.
-
-„Im vergangenen Jahr ging ich am Karfreitag hinauf zum Prior, das war
-denn auch das letztemal, seitdem bin ich nie mehr dort gewesen. Sah, bei
-dem einen sitzt er auf der Brust, versteckt sich unter der Kutte, nur
-die Hörner gucken noch raus; beim anderen sitzt er in der Tasche, lauert
-nur noch vorsichtig mit flinken, kleinen Augen, hat Angst vor mir; beim
-dritten hat er sich im Bauch niedergelassen, an der unflätigsten Stelle
-seines Leibes; dem vierten hat er sich einfach an den Hals gehängt, und
-der trägt ihn wie nichts, bemerkt ihn überhaupt nicht.“
-
-„Ihr ... Ihr seht so etwas?“ erkundigte sich das Mönchlein wieder.
-
-„Sag ich dir doch, daß ich sie sehe, durch und durch sogar. Als ich dann
-langsam vom Prior fortging, da, sieh – sitzt einer hinter der Tür, will
-sich dort vor mir verstecken, solch ein fester Junge, eine oder
-anderthalb Arschin groß oder noch größer, mit einem dicken,
-dunkelbraunen, langen Schwanz, das Ende aber vom Schwanz war zwischen
-die Türspalte geraten – da war ich nicht dumm und knallte die Tür zu und
-klemmte seinen Schwanz ein. Wie er quiekte, wie er um sich schlug! Ich
-aber machte das Zeichen des Kreuzes dreimal nacheinander und kreuzte ihn
-einfach tot. Er krepierte denn auch auf der Stelle, wie eine
-plattgedrückte Spinne. Jetzt muß dort das Aas in der Ecke wohl schon
-verwest sein und stinken, sie aber sehen es weder, noch riechen sie es.
-Ein Jahr lang bin ich nicht mehr dort gewesen; nur dir hab ich’s gesagt,
-weil du doch ein Fremdling bist.“
-
-„Furchtbar sind Eure Worte! Aber wie, großer, gebenedeiter Vater,“ – das
-Mönchlein wurde etwas mutiger – „ist es wahr, was man sich in fernen
-Gauen Rußlands von Euch erzählt, daß Ihr, wie es heißt, sogar mit dem
-Heiligen Geiste in fortwährendem Verkehre stehet?“
-
-„Wenn er kommt, kommt’s vor.“
-
-„Wie kommt er denn?“
-
-„Geflogen kommt er.“
-
-„In welcher Gestalt denn?“
-
-„Als Vogel.“
-
-„Also der Heilige Geist in Gestalt einer Taube?“
-
-„Manchmal der Heilige Geist, manchmal der Heilgeist. Der Heilgeist ist
-was anderes, der kann auch als ein anderer Vogel herniederfahren: als
-Schwälbchen, als Stieglitz, als Meise.“
-
-„Aber wie unterscheidet Ihr ihn denn von einer gewöhnlichen Meise?“
-
-„Er spricht.“
-
-„Aber wie spricht er denn? In welcher Sprache?“
-
-„In menschlicher.“
-
-„Aber was sagt er denn zu Euch?“
-
-„Heute sagte er, daß ein Esel mich besuchen und dumme Fragen stellen
-werde. Willst wahrlich nicht wenig wissen.“
-
-„Furchtbar sind Eure Worte, gebenedeiter, heiligster Vater,“ sagte das
-Mönchlein kopfschüttelnd; doch in seinen erschrockenen Äuglein lag ein
-bißchen Mißtrauen.
-
-„Siehst du hier diesen Baum?“ fragte nach einigem Schweigen Pater
-Ferapont.
-
-„Jawohl, heiliger Vater.“
-
-„Deiner Meinung nach ist’s eine Ulme, meiner Meinung nach aber ist’s ein
-ganz anderes Ding.“
-
-„Was ist es denn?“ Das Mönchlein schwieg in vergeblicher Erwartung.
-
-„Meistens in der Nacht,“ sagte plötzlich nach längerem Schweigen Pater
-Ferapont. „Siehst du diese zwei großen Äste? In der Nacht streckt
-Christus von dort seine Arme mir entgegen und sucht mich mit diesen
-Armen, das sehe ich deutlich, und ich zittere. Furchtbar, o furchtbar!“
-
-„Was ist denn dabei furchtbar, wenn es Christus selbst ist?“
-
-„Er kann mich doch erfassen und emportragen.“
-
-„Lebendig?“
-
-„Hast du denn von Elias nichts gehört? Er umfaßt einen und trägt einen
-fort ...“
-
-Obschon der kleine Obdorsksche Mönch nach diesem Gespräch nicht wenig
-nachdenklich in die ihm angewiesene Zelle eines der Klosterbrüder kam,
-so fühlte er sein Herz doch mehr zum Pater Ferapont als zum Staretz
-Sossima hingezogen. Das arme Mönchlein war vor allen Dingen fürs Fasten,
-und da sollte es, seiner Meinung nach, niemanden weiter wundernehmen,
-wenn solch ein Faster, wie Pater Ferapont, auch „Wunderbares erschaute“.
-Seine Worte waren allerdings etwas absonderlich gewesen, aber wer konnte
-denn außer Gott wissen, was sich in ihnen verbarg, in diesen Worten, und
-doch konnte man allen anderen um Christi willen Einfältigen kein
-einziges solcher Worte und keine einzige solcher Taten nachrühmen. An
-den eingeklemmten Teufelsschwanz war er nicht etwa im bildlichen,
-sondern im buchstäblichen Sinn des Wortes mit ganzer Seele und mit
-wahrem Vergnügen zu glauben bereit. Außerdem war er immer sehr
-voreingenommen gegen das Startzentum gewesen, das er bis jetzt nur vom
-Hörensagen kannte und wie viele andere gleichfalls für eine schädliche
-Neuerung hielt. Noch war er keinen ganzen Tag im Kloster gewesen, als er
-schon das geheime Murren einiger freimütiger Klosterbrüder wider das
-Startzentum vernommen hatte. Zudem war er schon von Natur ungewöhnlich
-neugierig und für alles interessiert, weshalb er denn auch immer
-umherschnüffelte und überall spionierte. Das war nun der Grund, warum
-ihn die Nachricht von dem neuen „Wunder“, das der Staretz Sossima
-vollbracht haben sollte, so erregte. Aljoscha erinnerte sich später, daß
-er in der Menge, die sich vor der Zelle des Staretz drängte, mehrmals
-die kleine Gestalt des herumschnüffelnden Gastes vom heiligen Silvester
-bemerkt hatte, wie der Kleine von Gruppe zu Gruppe ging, überall horchte
-und fragte. Doch damals beachtete er ihn nicht weiter; erst später fiel
-es ihm wieder ein ... Und war ihm doch auch an jenem Tage nicht darum zu
-tun: dem Staretz Sossima, der sich wieder sehr müde gefühlt und sich
-hingelegt hatte, war plötzlich, schon im Einschlafen, Aljoscha
-eingefallen, und so hatte er ihn sofort zu sich rufen lassen. Aljoscha
-eilte zu ihm. Beim Staretz befanden sich gerade nur Pater Paissij, der
-Priestermönch Pater Jossiff und der Novize Porfirij. Der Staretz schlug
-seine müden Augen auf, blickte Aljoscha aufmerksam an und fragte ihn
-plötzlich:
-
-„Erwarten dich nicht die Deinen, mein Sohn?“
-
-Aljoscha erschrak und stotterte etwas.
-
-„Bedürfen sie nicht deiner? Hast du gestern nicht jemandem versprochen,
-heute hinzukommen?“
-
-„Ja ... meinem Vater ... den Brüdern ... auch anderen ...“
-
-„Siehst du, geh unbedingt hin, sei nicht traurig. Wisse, daß ich nicht
-sterben werde, ohne in deiner Gegenwart mein letztes Wort hier auf Erden
-gesagt zu haben. Dir werde ich dieses Wort sagen, dir vermache ich es,
-dir, mein geliebter Sohn, denn ich weiß, daß du mich liebst. Jetzt aber
-geh zu denen, welchen du versprochen hast zu kommen.“
-
-Wie schwer es Aljoscha auch war, jetzt fortzugehen, so gehorchte er doch
-widerspruchslos. Aber die Verheißung, das letzte Wort des Staretz hier
-auf Erden zu hören, und zwar als ein Vermächtnis an ihn, Aljoscha,
-erschütterte und begeisterte seine Seele. Er beeilte sich, schneller in
-die Stadt zu gehen, um schneller wieder zurückkehren zu können. Da
-sprach noch Pater Paissij, als Aljoscha mit ihm die Zelle des Staretz
-verließ, einige Worte zu ihm, die einen tiefen und unerwarteten Eindruck
-auf ihn machten.
-
-„Denke daran, Jüngling,“ sagte der Pater, „daß die weltliche
-Wissenschaft, die zu einer großen Macht geworden ist, namentlich im
-letzten Jahrhundert alles niedergerissen hat, was uns Himmlisches in den
-Büchern der Heiligen vermacht worden. Nach einer grausamen Analyse
-scheint bei den Gelehrten dieser Welt vom ganzen früheren Heiligtum
-überhaupt nichts übriggeblieben zu sein. Sie haben es aber stückweise
-analysiert, doch der Geist des Ganzen ist ihnen entgangen. Man kann sich
-wirklich nur wundern, wie blind sie in der Beziehung sind. So steht denn
-das Ganze auch jetzt noch unerschüttert vor ihnen, und die Geister der
-Hölle können ihm nichts anhaben. Hat es denn nicht neunzehn Jahrhunderte
-gelebt, lebt es denn nicht auch jetzt noch in Regungen der Seelen
-einzelner wie in den Bewegungen ganzer Volksmassen? Sogar in den
-Regungen dieser selben, die alles zerstört haben, in den Seelen der
-Atheisten, lebt es wie früher unzerstört und unerschütterlich fort. Denn
-auch die, die sich vom Christentum losgesagt haben und gegen dasselbe
-eifern, haben in ihrem Innersten doch das Wesen dieses selben Christus
-behalten, denn bis jetzt ist weder ihre Weisheit, noch die Glut ihres
-Herzens fähig gewesen, ein anderes, höheres Ideal des Menschen und
-seiner Menschenwürde hervorzubringen, als das von Christus gegebene. Was
-sie aber an Versuchen hervorgebracht haben, ist nichts als Mißgestalt.
-Behalte das besonders, Knabe, denn dein scheidender Staretz hat dich für
-die Welt bestimmt. Vielleicht wirst du, wenn du dieses großen Tages
-gedenkst, auch meiner Worte gedenken, die ich dir von Herzen als Geleit
-gebe, denn jung bist du, die Welt aber ist voll schwerer Versuchungen,
-und ihnen sind deine Kräfte nicht gewachsen. Jetzt geh, mein verwaister
-Junge.“
-
-Mit diesen Worten segnete ihn Pater Paissij. Als Aljoscha das Kloster
-verließ und noch all diese unerwarteten Worte überdachte, begriff er
-plötzlich, daß er in diesem sonst so strengen Mönche einen neuen
-herzlichen Freund und ihn heiß liebenden neuen Führer gefunden hatte –
-ganz, als ob sein Staretz ihm Pater Paissij als Vermächtnis hinterlassen
-wollte. „Vielleicht ist auch wirklich so etwas zwischen ihnen verabredet
-worden,“ dachte Aljoscha. Die unerwarteten und lehrreichen Worte Pater
-Paissijs, die er soeben vernommen hatte, zeugten jedenfalls von dem
-Anteil desselben: Er beeilte sich offenbar, den jungen Geist zum Kampf
-mit den Versuchungen zu wappnen und die ihm anvertraute junge Seele
-unter seinen Schutz zu nehmen.
-
-
- II.
- Beim Vater
-
-Ganz zuerst ging Aljoscha zu seinem Vater. Als er sich dem Hause
-näherte, fiel ihm ein, daß ihn der Vater gebeten hatte, möglichst
-vorsichtig einzutreten, damit sein Bruder Iwan es nicht höre oder
-sonstwie bemerke. „Warum wohl?“ fragte sich Aljoscha. „Wenn er mir
-allein etwas heimlich zu sagen hat, warum soll ich denn deswegen
-heimlich eintreten? Vielleicht hatte er es gestern in der Erregung
-anders gemeint, sich aber nur nicht richtig ausgedrückt,“ dachte er
-schließlich. Trotzdem war er froh, als ihm Marfa Ignatjewna, die ihm die
-Hofpforte aufschloß (Grigorij war, wie sich zeigte, unwohl und lag zu
-Bett), auf seine Frage mitteilte, daß Iwan Fedorowitsch schon vor zwei
-Stunden fortgegangen sei.
-
-„Und der Vater?“
-
-„Sind aufgestanden, trinken Kaffee,“ antwortete Marfa Ignatjewna etwas
-trocken.
-
-Aljoscha trat ein. Der Alte saß in Hausschuhen und in einem alten Mantel
-allein am Tisch und sah zum Zeitvertreib, übrigens ohne große
-Aufmerksamkeit, irgendwelche Rechnungen durch. Er war ganz allein im
-Hause; Ssmerdjäkoff war einkaufen gegangen. Doch die Rechnungen schienen
-ihn nicht sonderlich zu beschäftigen. Er war allerdings früh
-aufgestanden und versuchte, munter zu sein, denn er wollte auf keinen
-Fall krank scheinen, doch sah er noch müde und angegriffen aus. Seine
-Stirn, auf der sich über Nacht die blutunterlaufenen Flecke noch
-verdunkelt hatten, war mit einem roten Tuch umwunden. Die Nase war
-gleichfalls über Nacht gehörig angeschwollen, und auch auf ihr
-zeichneten sich einige weniger bedeutende blutunterlaufene Flecke ab,
-die dem Gesicht entschieden ein ganz besonders gereiztes und böses
-Aussehen verliehen. Der Alte wußte das auch selbst und blickte daher dem
-eintretenden Aljoscha nichts weniger als freundlich entgegen.
-
-„Der Kaffee ist kalt,“ sagte er kurz, „biete ihn dir auch nicht an. Ich
-sitze heute selbst auf dem Trockenen, das heißt, werde nichts als
-Fastenfischsuppe genießen, fordere daher auch niemanden zum Essen auf.
-Wozu hast du dich herbemüht?“
-
-„Um mich nach Ihrer Gesundheit zu erkundigen,“ sagte Aljoscha.
-
-„So, und außerdem hab ich dir gestern befohlen, herzukommen. Solch ’n
-Blödsinn. Hast aber umsonst geruht, dich zu bemühen. Übrigens wußt ich’s
-ja, daß du dich sofort ranschleppen wirst ...“
-
-Alles, was er sprach, sagte er im feindseligsten Tone. Er erhob sich vom
-Stuhl und blickte besorgt in den Spiegel (vielleicht zum vierzigstenmal
-an diesem Morgen), um wieder seine Nase zu betrachten. Auch versuchte
-er, das rote Tuch auf der Stirn zurechtzuzupfen, damit es etwas hübscher
-aussähe.
-
-„Ein rotes ist doch immerhin etwas besser, im weißen sieht man ja sofort
-wie ein wandelndes Lazarett aus,“ bemerkte er bissig. „Nun, wie ist’s
-denn dort bei dir? Was macht dein Alter?“
-
-„Es geht ihm sehr schlecht; er wird vielleicht heute noch sterben,“
-antwortete Aljoscha; doch der Vater hörte ihm schon nicht mehr zu und
-hatte auch seine Frage sofort wieder vergessen.
-
-„Iwan ist fortgegangen,“ sagte er plötzlich. „Er macht jetzt Mitjka mit
-aller Gewalt die Braut abspenstig – einzig darum lebt er hier,“ fügte er
-mit boshaft verzogenen Lippen hinzu und blickte Aljoscha an.
-
-„Hat er das wirklich Ihnen selbst gesagt?“ fragte Aljoscha.
-
-„Jawohl und schon vor langer Zeit. Was glaubst du wohl: vor nicht
-weniger als drei Wochen hat er’s selbst ausgesprochen. Ist doch nicht
-hergekommen, um mich heimlich aufzuspießen! Zu irgendeinem Zweck muß er
-doch gekommen sein?“
-
-„Warum, weshalb reden Sie so?“ fragte Aljoscha erschrocken und verwirrt.
-
-„Um Geld bittet er mich nicht, das ist wahr; aber er wird ja auch von
-mir keinen Heller zu riechen bekommen. Ich, mein liebster Alexei
-Fedorowitsch, ich beabsichtige nämlich, möglichst lange hier in dieser
-Welt zu leben, das lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, damit
-Sie’s nur wissen; darum aber brauche ich jede Kopeke, und je länger ich
-lebe, um so nötiger habe ich sie,“ fuhr er fort, im Zimmer auf und ab
-schreitend, die Hände in den Taschen seines breiten, gelben, befleckten
-Sommermantels. „Jetzt bin ich immerhin noch ein Mann, hab’ erst
-fünfundfünfzig auf dem Buckel; und will mich noch mindestens zwanzig
-Jahre zu den Männern zählen. Wenn ich dann alt werde und widerlich –
-dann werden sie doch nicht mehr gutwillig zu mir kommen; nun, und dann
-wird man’s eben mit den Gelderchen machen müssen. Also baue ich jetzt
-vor und sammle, sammle – für mich allein, mein verehrter Herr Sohn,
-damit Sie’s nur beizeiten wissen; denn ich beabsichtige in meiner
-Liederlichkeit bis zu meinem Ende zu leben, das lassen Sie sich gesagt
-sein. Liederlich zu leben, ist doch am schönsten; alle schimpfen
-darüber, und doch leben sie alle ebenso, bloß tun sie es alle heimlich,
-ich aber tue es öffentlich. Wegen dieser meiner Offenherzigkeit
-schimpfen ja jetzt sämtliche Schweine über mich. Für dein Paradies aber
-danke ich untertänigst, das kann mir gestohlen werden, damit du’s nur
-weißt, mein lieber Alexei Fedorowitsch; und ’s wäre ja auch für einen
-anständigen Menschen unanständig, dorthin zu kommen, selbst wenn es so
-etwas geben würde. Meiner Meinung nach schläft man einfach ein und wacht
-nicht mehr auf, und weiter gibt es nichts. Wollt ihr meiner noch
-gedenken, Seelenmessen für mich lesen lassen, na, meinetwegen, wenn’s
-euch Spaß macht; wollt ihr nicht, na, dann hol euch allesamt der Teufel.
-Das ist meine ganze Philosophie. Gestern bei Tisch redete Iwan nicht
-schlecht, wenn wir auch alle betrunken waren. Iwan ist ein Prahlhans,
-und von so ’ner großen Gelehrsamkeit oder Bildung merk ich nichts bei
-ihm ... er lächelt bloß und macht sich innerlich lustig über dich,
-versteht aber zu schweigen – das ist alles, was er kann.“
-
-Aljoscha hörte zu und schwieg.
-
-„Warum spricht er nicht mit mir? Spricht er aber mal mit mir, so
-verstellt er sich ... ’n Schuft ist dein Iwan! Gruschenka aber werde ich
-heiraten, sobald ich nur will. Denn mit Geld in der Tasche braucht man
-nur zu wollen, mein verehrter Alexei Fedorowitsch, und alles geschieht,
-was man will. Das aber ist es ja, was Iwan fürchtet, und darum bewacht
-er mich hier, damit ich nicht heirate, und darum hetzt er auch Dmitrij,
-daß _er_ Gruschenka nehme. Auf diese Weise will er mich von Gruschenka
-fernhalten – als ob ich ihm Geld hinterließe, wenn ich sie nicht
-heirate! – und andererseits, wenn Mitjka die Gruschenka heiratet, so
-fällt ihm noch dessen reiche Braut zu; siehst du jetzt, was für
-Berechnungen er hat! ’n Schuft ist dein ganzer Iwan!“
-
-„Sie sind heute noch von dem gestern Erlebten gereizt; Sie müßten sich
-etwas erholen, zu Bett gehen,“ sagte Aljoscha.
-
-„Sieh, wenn du mir das sagst,“ bemerkte plötzlich der Alte, als ob es
-ihm zum erstenmal aufgefallen wäre, „dann ärgere ich mich nicht über
-dich; auf Iwan aber, wenn er mir dasselbe gesagt hätte, würde ich sofort
-spinnwütend geworden sein. Nur mit dir allein bin ich ein paar
-Augenblicke lang gut gewesen, denn sonst bin ich ja doch ein böser
-Mensch.“
-
-„Nein, Sie sind kein böser Mensch, Sie sind nur ein verdorbener Mensch,“
-sagte Aljoscha lächelnd.
-
-„Hör, ich wollte schon diesen Räuber Mitjka heute einsperren lassen, und
-eigentlich weiß ich auch jetzt noch nicht genau, was ich tun werde.
-Heutzutage ist es ja wohl höchst modern, Väter und Mütter für ein
-Vorurteil zu halten; aber nach dem Gesetz, glaube ich wenigstens, ist es
-selbst in unserer aufgeklärten Zeit noch nicht schwarz auf weiß erlaubt,
-seine Väter an den Haaren zu reißen, auf dem Fußboden herumzuschleifen
-und mit den Absätzen ins Gesicht zu treten, dazu in deren eigenem Hause!
-Und dann sich noch zu brüsten, später wiederzukommen, um einen ganz
-totzuschlagen, dazu alles in Gegenwart von Zeugen! Ich könnte ihn, wenn
-ich wollte, für das Gestrige sofort einsperren lassen.“
-
-„Aber Sie werden es doch nicht tun?“
-
-„Iwan riet mir ab. Ich pfeife natürlich auf Iwan; aber mir ist dabei
-etwas anderes eingefallen ...“
-
-Er näherte sich Aljoscha, beugte sich zu ihm nieder und fuhr in
-geheimnisvollem Geflüster fort:
-
-„Lasse ich den Schuft festsetzen, so erfährt sie es und läuft sofort zu
-ihm; hört sie dagegen, daß er mich, den schwachen Greis, halb
-totgeschlagen hat, so ist es möglich, daß sie ihm den Rücken kehrt und
-mich besuchen kommt ... Wir kennen doch die Weiber – immer das
-Entgegengesetzte! Itsch, dann erst recht! Ich kenne sie wie meine fünf
-Finger! Aber willst du nicht ’nen kleinen Kognak? Trink mal ’n bissel
-Kaffee; er ist zwar nur lauwarm, aber er kann dir nicht schaden; werde
-dir ein Viertelgläschen hineingießen, das gibt dem Zeug ’nen andern
-Geschmack.“
-
-„Nein, danke, nicht nötig. Dieses Brötchen werde ich mir in die Tasche
-stecken, wenn Sie erlauben,“ sagte Aljoscha und steckte sich ein
-Dreikopeken-Franzbrot in die Tasche seiner Kutte. „Und auch Sie sollten
-heute lieber keinen Kognak trinken,“ meinte er mit einem etwas besorgten
-Blick auf das Gesicht des Vaters.
-
-„Du hast recht, er reizt nur und gibt keine Ruh. Aber ein einziges
-Gläschen ... Ich nehm ihn aus dem Schränkchen ...“
-
-Er zog seine Schlüssel aus der Tasche und schloß das Schränkchen auf,
-goß sich ein Gläschen ein und schloß dann das Schränkchen wieder zu.
-
-„So, Schluß damit. Von einem Kognak werde ich doch nicht krepieren.“
-
-„Sie sind davon immerhin schon freundlicher geworden,“ meinte Aljoscha
-lächelnd.
-
-„Hm! Dich liebe ich auch ohne Kognak; mit Schuften aber bin auch ich ’n
-Schuft. Wanjka will nicht nach Tschermaschnjä fahren – warum nicht? Mich
-bespionieren will er: ob ich Gruschenka viel gebe, wenn sie kommt. Alle
-sind Schufte! Und diesen Iwan erkenne ich überhaupt nicht an, will
-nichts von ihm wissen, kenne ihn überhaupt nicht! Von wo mag solch einer
-nur hergekommen sein? Gar nicht wie unsereiner; weiß der Teufel, was der
-Kerl für eine Seele hat. Und als ob ich ihm etwas hinterlassen werde!
-Nicht mal ’n Testament werde ich hinterlassen, damit ihr’s nur wißt,
-meine Verehrtesten! Mitjka aber, den schlag ich platt wie eine Schabe.
-Wenn diese schwarzen Biester nachts in mein Zimmer kommen, so knacke ich
-sie immer mit dem Pantoffel: es knallt, daß es eine wahre Freude ist,
-wenn man drauftritt und sie platzen. So wird auch dein Mitjka platzen,
-wenn ich ihn plattdrücke. Sage ‚dein Mitjka‘, weil du ihn ja so ins Herz
-geschlossen hast. Sieh, du liebst ihn; ich aber fürchte mich deshalb
-nicht, weil du ihn liebst. Wenn ihn aber Iwan liebte, so würde ich für
-mich, weil der ihn liebt, Angst bekommen. Aber Iwan liebt niemanden,
-Iwan ist kein Mensch wie wir; solche Menschen, wie Iwan, das, weißt du,
-sind nicht Menschen, das ist aufgewirbelter Staub ... kommt ein Wind, so
-wird der Staub verweht ... Gestern kam mir eine Dummheit in den Kopf,
-als ich dir befahl, heute herzukommen; wollte durch dich etwas von
-Mitjka erfahren ... wenn man ihm Eintausend, nun, sagen wir Zweitausend,
-hinschmisse, er hat doch nichts – ob er sich dann wohl dazu verstehen
-würde, sich von hier zu packen, aber ganz und gar, auf fünf Jahre oder
-besser auf fünfunddreißig, und ohne Gruschenka, versteht sich, sich
-vielmehr ganz von ihr loszusagen, was meinst du?“
-
-„Ich ... ich werde ihn fragen ...“ stotterte Aljoscha leise. „Wenn Sie
-alle Dreitausend geben würden, so wäre es vielleicht möglich, daß er
-...“
-
-„Du lügst! Und jetzt ist es überhaupt nicht nötig zu fragen! Hab mich
-anders bedacht. Das war nur so’n dummer Gedanke, der mir gestern in die
-Dachstube kletterte. Nichts gebe ich, nicht einmal zu riechen kriegt er
-was, meine Gelderchen brauche ich für mich allein!“ Der Alte wurde
-wütend und fuchtelte mit den Armen. „Werde ihn auch ohnedem wie ’ne
-Schabe plattdrücken. Sag du ihm nichts, sonst faßt er womöglich noch
-Hoffnung. Und auch du hast hier nichts bei mir zu suchen, schieb mal ab!
-Und diese seine Braut, die Katerina Iwanowna, die er so sorgfältig die
-ganze Zeit vor mir verbirgt, wird die ihn nun nehmen oder nicht? Du
-gingst doch gestern zu ihr, wie?“
-
-„Sie will ihn um keinen Preis verlassen.“
-
-„Ja, gerade solche werden ja von den zärtlichen Damen geliebt, solche
-Durchgänger und Schufte! Taugen nichts, das sag ich dir, diese blassen
-Fräulein; da ist doch ganz was andres so’n ... Na, du solltest mal sehn,
-wenn ich seine Jahre hätte und mein damaliges Gesicht – denn mit
-achtundzwanzig Jahren war ich hübscher als er –, so würde ich ganz genau
-so wie er siegen und Triumphe feiern. Solch eine Kanaille! Aber
-Gruschenka kriegt er doch nicht, kriegt er doch nicht! ... Werde ihn
-vernichten, zu Dreck machen!“
-
-Bei den letzten Worten wurde er wieder wild.
-
-„Aber jetzt kannst auch du dich packen, hast nichts hier bei mir zu
-suchen,“ sagte er barsch.
-
-Aljoscha trat zu ihm, um sich zu verabschieden, und küßte ihn auf die
-Schulter.
-
-„Was soll das?“ fragte der Alte etwas verwundert. „Werden uns doch noch
-sehen. Oder glaubst du, daß wir uns nicht mehr sehen werden?“
-
-„Durchaus nicht, ich tat es nur so, ganz zufällig.“
-
-„Nun ja, auch ich sagte es nur so ...“ Der Alte blickte ihn an. „Hör
-mal, hör,“ rief er ihm plötzlich noch nach; „komm einmal zur Fischsuppe
-her, werde eine kochen lassen, eine besondere, pikfeine, nicht so wie
-heute, komm bestimmt! Komm morgen, hörst du, unbedingt morgen!“
-
-Kaum war Aljoscha hinausgegangen, als der Alte wieder zu seinem
-Schränkchen trat und sich noch ein halbes Gläschen hinter die Binde goß.
-
-„Jetzt aber Schluß!“ murmelte er, räusperte sich krächzend, schloß das
-Schränkchen wieder zu und steckte den Schlüssel in die Tasche; darauf
-ging er ins Schlafzimmer, legte sich erschöpft aufs Bett und schlief im
-Augenblick fest ein.
-
-
- III.
- Die kleinen Schuljungen
-
-„Gott sei Dank, daß er mich nicht nach Gruschenka gefragt hat,“ dachte
-seinerseits Aljoscha, als er das Haus des Vaters verließ und sich zu
-Frau Chochlakoff auf den Weg machte, „sonst hätte ich ja schließlich von
-der gestrigen Begegnung mit Gruschenka erzählen müssen.“ Aljoscha fühlte
-es schmerzlich, daß die Widersacher sich über Nacht mit neuen Kräften
-von neuem erhoben und ihre Herzen sich mit dem anbrechenden Tage von
-neuem verhärtet hatten. „Der Vater ist gereizt und wütend, er hat sich
-jetzt etwas ausgedacht und scheint dabei bleiben zu wollen. Und Dmitrij?
-Der wird über Nacht gleichfalls einen Entschluß gefaßt haben und wird
-wahrscheinlich ebenso gereizt und wütend sein ... und wer weiß, was er
-sich noch ausgedacht hat ... O, unbedingt muß ich mir heute noch die
-Zeit nehmen, ihn, einerlei wo, aufzusuchen. Ja, das muß ich unbedingt
-tun ...“
-
-Doch Aljoscha hatte nicht lange Zeit zum Nachdenken: unterwegs stieß ihm
-etwas zu, das anscheinend nicht so wichtig war, ihn aber doch
-ungewöhnlich erschütterte. Kaum war er über den großen Platz gegangen
-und in eine Nebenstraße eingebogen, um in die Michailoff-Straße zu
-gelangen – die von der Großen Straße nur durch einen kanalartigen Graben
-getrennt war (unsere ganze Stadt ist von derartigen Kanälen oder breiten
-Gräben durchzogen), als er unten am Graben, nicht weit von einer Brücke,
-eine Gruppe kleiner Schüler, Jungen von etwa neun bis zwölf Jahren
-bemerkte. Sie waren auf dem Heimweg aus der Schule und trugen ihre
-Ränzchen auf dem Rücken oder hatten lederne Büchersäcke an Riemen über
-die Schulter gehängt; einige waren nur in Jäckchen, andere in
-Mäntelchen, und ein paar von ihnen hatten hohe Stulpenstiefelchen an,
-mit Falten in den Stiefelschaften, auf die kleine Knaben stets sehr
-stolz sind, doch die eigentlich nur wohlhabende Eltern, die ihre Kinder
-verwöhnen, kaufen können. Die ganze kleine Gesellschaft sprach äußerst
-lebhaft: man schien sich zu beraten. Aljoscha konnte niemals
-teilnahmslos an kleinen Kindern vorübergehen (in Moskau war er immer
-stehen geblieben, um sie zu beobachten), und obwohl er am meisten die
-Dreijährigen liebte, so gefielen ihm doch auch kleine Schuljungen von
-zehn Jahren sehr. Darum aber verspürte er jetzt große Lust, so sehr er
-auch in Sorge war, zu ihnen zu gehen und mit diesen Jungen etwas zu
-sprechen. Er näherte sich ihnen und betrachtete ihre rosigen, lebhaften
-Gesichtchen; plötzlich fiel ihm auf, daß ein jeder von ihnen einen Stein
-in der Hand hielt, einige sogar zwei. Zugleich bemerkte er, daß auf der
-anderen Seite des Kanals, ungefähr dreißig Schritt von der erregten
-Gruppe, am Zaun noch ein Knabe stand, gleichfalls ein kleiner Schüler,
-der auch solch ein Büchertäschchen trug, etwa zehn Jahre alt war oder
-etwas jünger, ein bleicher kränklicher Kleiner mit dunklen, blitzenden
-Augen. Er stand und beobachtete aufmerksam die Gruppe der sechs anderen
-kleinen Schüler, die offenbar seine Schulkameraden waren, doch mit denen
-er in Fehde zu liegen schien. Aljoscha trat zu ihnen heran und sagte, an
-einen blonden rotbackigen Knaben in schwarzem Jäckchen sich wendend,
-indem er ihn betrachtete:
-
-„Als ich solch eine kleine Büchertasche trug, wie du sie hast, trug man
-sie auf der linken Seite, um bequem mit der rechten Hand hineinlangen zu
-können; du aber trägst die Tasche auf der rechten Seite, so kannst du
-sie doch nicht so leicht erreichen.“
-
-Aljoscha hatte ganz unbeabsichtigt mit dieser sachlichen Bemerkung
-begonnen, ohne zu wissen, daß ein Erwachsener, wenn er das Zutrauen
-eines Kindes oder gar einer ganzen Gruppe Kinder gewinnen will, gerade
-so ernst und sachlich beginnen und sie unbedingt als vollkommen
-gleichstehend behandeln muß; Aljoscha hatte aus dem Instinkt heraus das
-Richtige getroffen.
-
-„Aber er ist doch ein Linkpfot,“ antwortete sofort ein anderer Knabe,
-ein gesunder, mutiger Junge von etwa elf Jahren. Die Augen der übrigen
-fünf richteten sich forschend auf den Jüngling in der Mönchskutte.
-
-„Er – er wirft auch die Steine mit der linken Hand,“ bemerkte ein
-dritter.
-
-In dem Augenblick flog auf die Gruppe ein Stein, streifte nur leicht den
-„Linkpfot“, war aber geschickt und kräftig geschleudert worden. Er kam
-von dem kleinen Knaben, der auf der anderen Seite des Grabens stand.
-
-„Gib ihm eins, ziel aber gut, Ssmuroff!“ riefen sofort alle erregt dem
-„Linkpfot“ zu.
-
-Doch Ssmuroff (der „Linkpfot“) ließ nicht lange warten und zahlte sofort
-heim; er zielte und schleuderte seinen Stein auf den Knaben jenseits des
-Grabens, traf ihn aber nicht: der Stein schlug an den Zaun. Der Knabe
-jenseits des Grabens schleuderte sofort noch einen Stein auf die
-feindliche Gruppe und traf diesmal – Aljoscha ziemlich schmerzhaft an
-der Schulter: er hatte auch ersichtlich gerade auf ihn gezielt. Seine
-Taschen waren voll von Steinen, das konnte man auf dreißig Schritt an
-seinen abstehenden Paletotseiten erkennen.
-
-„Er hat auf Sie gezielt, absichtlich gerade auf Sie! Sie sind doch ein
-Karamasoff, nicht wahr, ein Karamasoff?“ schrien unter erregtem Lachen
-die Knaben. „Jetzt aber alle auf einmal! Eins, zwei, drei!“
-
-Und sechs Steine flogen auf Kommando aus der Gruppe über den Graben. Ein
-Stein traf den Jungen am Kopf und er fiel hin, doch sprang er im
-Augenblick wieder auf und fing an, wie rasend geworden, seine Steine auf
-die Feinde zu schleudern. Es begann ein lebhaftes Bombardement; es
-zeigte sich, daß auch einige von den Sechsen Steine vorrätig in den
-Taschen hatten.
-
-„Was fällt euch ein! Schämt ihr euch nicht! Sechs gegen einen, ihr könnt
-ihn ja totschlagen!“ rief Aljoscha erschrocken aus.
-
-Er sprang schnell vor, den fliegenden Steinen entgegen, um so mit seinem
-Körper den Kleinen jenseits des Grabens zu schützen. Drei oder vier von
-den Jungen hielten eine Minute lang inne.
-
-„Er hat selbst angefangen!“ rief ein Kleiner in einer roten Bluse mit
-hoher Kinderstimme, „er ist ein Schuft, er hat neulich Krassotkin mit
-dem Federmesser gestochen, so daß Blut floß. Krassotkin wollte nur nicht
-klagen gehn, ihn aber muß man durchprügeln ...“
-
-„Warum das? Ihr neckt ihn wahrscheinlich?“
-
-„Ha! jetzt hat er Sie wieder mit einem Stein in den Rücken getroffen! Er
-kennt Sie!“ schrien die Kinder. „Jetzt zielt er nur auf Sie, nicht auf
-uns! Nun aber alle Mann hoch, schieß gut, Ssmuroff!“
-
-Und wieder begann das Bombardement, diesmal aber recht erbittert. Da
-schlug ein Stein den kleinen Knaben vor die Brust: er schrie auf und
-lief weinend den Berg hinauf zur Michailoff-Straße. In der Gruppe erhob
-sich sofort ein Triumphgeschrei: „Acha hat Angst bekommen, läuft fort,
-Bastwisch!“
-
-„Sie wissen nicht, Karamasoff, was das für ein gemeiner Junge ist, ihn
-totschlagen wäre noch viel zu wenig,“ sagte der Knabe in der Jacke,
-anscheinend der älteste von den Sechsen.
-
-„Wieso?“ fragte Aljoscha, „petzt er etwa?“
-
-Die Knaben tauschten gleichsam spöttische Blicke untereinander aus.
-
-„Gehen Sie auch in die Michailoffstraße?“ fragte derselbe Knabe. „So
-holen Sie ihn doch ein ... Sehen Sie, er ist wieder stehen geblieben, er
-wartet und sieht gerade auf Sie.“
-
-„Ja, er sieht gerade auf Karamasoff, auf Karamasoff!“ riefen sofort auch
-die anderen.
-
-„Fragen Sie ihn, ob er solch einen Badequast, solch einen rötlich-gelben
-Lindenbastwisch, mit dem man scheuert oder sich wäscht, ob er solch
-einen Bastwisch liebt? Hören Sie, fragen Sie ihn gerade so!“
-
-Alle lachten. Aljoscha blickte sie an, und sie blickten wiederum ihn an.
-
-„Gehn Sie nicht, er wird Sie hauen,“ sagte ihn warnend der kleine
-Ssmuroff.
-
-„Nach dem Bastwisch werde ich ihn nicht fragen, denn wahrscheinlich
-neckt ihr ihn aus irgendeinem Grunde gerade damit, aber ich werde ihn
-fragen, warum ihr ihn so haßt ...“
-
-„Fragen Sie nur, fragen Sie nur!“ war die lachende Antwort.
-
-Aljoscha ging über die Brücke und dann den Berg hinauf, längs dem Zaun,
-gerade auf den von seinen Kameraden geächteten Knaben zu.
-
-„Seien Sie vorsichtig!“ schrien ihm noch die anderen warnend nach, „er
-hat keine Angst vor Ihnen, er wird Sie plötzlich stechen, hinterrücks
-... wie er Krassotkin gestochen hat.“
-
-Der Knabe erwartete ihn, ohne sich zu rühren. Als Aljoscha sich ihm
-näherte, sah er vor sich einen Knaben von höchstens neun Jahren, eines
-von den schwächlichen und kleinen Kindern, mit einem bleichen und
-mageren, länglichen Gesichtchen, mit großen, dunklen und böse ihm
-entgegenblickenden Augen. Sein Mäntelchen war schon ziemlich alt und
-vertragen und viel zu eng und zu knapp: er war aus ihm bereits ganz
-herausgewachsen. Die bloßen Hände hingen aus kurzgewordenen Ärmelchen
-heraus. Auf dem rechten Knie hatten die Höschen einen großen Flecken,
-und der rechte Stiefel hatte vorn bei der großen Zehe ein großes Loch,
-das stark mit Tinte eingeschmiert war. Beide Taschen seines Mäntelchens
-waren voll von Steinen. Aljoscha blieb zwei Schritt vor ihm stehen und
-blickte ihn fragend an. Der Kleine, der an Aljoschas Augen erriet, daß
-dieser ihn nicht schlagen werde, schien sich ein wenig zu schämen, und
-er begann sogar ungefragt zu sprechen:
-
-„Ich bin allein, und sie sind sechs ... Ich werde sie alle ganz allein
-verprügeln,“ sagte er mit blitzenden Augen.
-
-„Der eine Stein muß dich sehr schmerzhaft getroffen haben,“ bemerkte
-Aljoscha.
-
-„Ich aber habe Ssmuroff an den Kopf getroffen!“ rief der Knabe
-triumphierend.
-
-„Sie sagten mir, daß du mich kennst und aus einem besonderen Grunde
-absichtlich auf mich mit den Steinen geworfen hättest?“ fragte Aljoscha.
-
-Der Knabe blickte ihn finster an.
-
-„Ich kenne dich nicht. Kennst du mich denn?“ fuhr Aljoscha in seinen
-Fragen fort.
-
-„Gehn Sie fort!“ schrie ihn plötzlich der Knabe gereizt an, ohne aber
-sich selbst vom Platz zu rühren, als ob er noch etwas erwartete, und
-wieder blitzten seine dunklen Augen böse auf.
-
-„Gut, ich werde fortgehen,“ sagte Aljoscha, „nur kenne ich dich nicht,
-und du sollst nicht glauben, daß ich dich etwa necken will. Deine
-Kameraden sagten mir, wie du geneckt wirst, ich aber will dich wirklich
-nicht necken, nun, leb wohl!“
-
-„Kuttenmönch, hosenloser Kuttenmönch!“ höhnte der Knabe geflissentlich
-und verfolgte ihn immer noch mit demselben boshaften, herausfordernden
-Blick; er stellte sich auch schon in Positur, da er offenbar glaubte,
-Aljoscha werde sich unbedingt auf ihn stürzen – doch Aljoscha blickte
-sich nur einmal nach ihm um und ging. Er hatte aber noch nicht drei
-Schritte gemacht, als ihn ein ziemlich großer Stein, der größte, den der
-Knabe gehabt hatte, schmerzhaft in den Rücken traf.
-
-„Also hinterrücks? Dann ist es also wahr, was sie von dir gesagt haben,
-daß du hinterrücks überfällst?“ fragte Aljoscha, der stehen geblieben
-war und sich zurückwandte, doch diesmal schleuderte der Knabe mit wahrer
-Wut wieder einen Stein auf Aljoscha und würde ihn gerade ins Gesicht
-getroffen haben, wenn Aljoscha nicht den Arm zum Schutz erhoben hätte:
-so schlug der Stein an seinen Ellenbogen.
-
-„Schämst du dich nicht! Was habe ich dir getan?“ rief Aljoscha.
-
-Der Knabe wartete schweigend und herausfordernd, wie es schien, nur
-darauf, daß Aljoscha sich jetzt auf ihn stürzen werde; als er aber sah,
-daß dieser es selbst jetzt nicht tat, geriet er wie ein kleines Tier
-außer sich vor Wut. Er stürzte sich auf Aljoscha und packte, noch bevor
-dieser sich rühren konnte, mit beiden Händen dessen linke Hand und biß
-krampfhaft in den Mittelfinger. Wie Klammern hielten die kleinen Zähne
-den Finger (etwa zehn Sekunden lang) fest. Aljoscha schrie auf vor
-Schmerz und versuchte mit aller Gewalt seinen Finger herauszuziehen.
-Endlich ließ ihn der Knabe los und sprang geschwind auf die frühere
-Entfernung zurück. Das Fleisch des Fingers war durchgebissen, gerade
-beim Nagel, tief, bis auf den Knochen, und blutete stark. Aljoscha zog
-sein Taschentuch hervor und umwickelte fest seine verwundete Hand. Eine
-gute Minute lang war er damit beschäftigt.
-
-Während dieser ganzen Zeit erwartete der Knabe stillschweigend, was nun
-kommen werde. Da erhob endlich Aljoscha seinen stillen Blick und
-richtete ihn auf den Knaben.
-
-„Nun gut,“ sagte er, „du hast mich schmerzhaft gebissen, nun ist es
-genug. Jetzt sage mir aber, was ich dir getan habe?“
-
-Der Knabe blickte ihn verwundert an.
-
-„Ich kenne dich nicht, ich sehe dich zum erstenmal,“ fuhr Aljoscha
-ebenso ruhig fort, „aber es kann doch nicht sein, daß ich dir nichts
-Böses getan habe, denn umsonst würdest du mir doch nie solch einen
-Schmerz zugefügt haben. So sag doch, was ich dir getan und womit ich das
-von dir verdient habe?“
-
-Statt zu antworten, fing der Knabe laut zu weinen an, und plötzlich lief
-er fort. Aljoscha ging ihm langsam nach in die Michailoffstraße, und
-lange noch sah er, wie weit vor ihm der Knabe lief, ohne sich umzusehen
-und ohne im Laufen innezuhalten, und wie er wahrscheinlich immer noch
-laut weinte. Er nahm sich fest vor, sobald er die Zeit hätte, den
-Kleinen aufzusuchen und die Erklärung seines sonderbaren Hasses zu
-fordern.
-
-
- IV.
- Bei Chochlakoffs
-
-Er erreichte indessen bald das Chochlakoffsche Haus. Es war ein
-zweistöckiges, hübsches, herrschaftliches Steingebäude, eines der
-schönsten Häuser in unserem Städtchen. Obgleich Frau Chochlakoff
-größtenteils im Nachbargouvernement lebte, wo sie ein Gut hatte, oder in
-Moskau, wo sie ein Haus besaß, so behielt sie doch auch in unserem
-Städtchen dieses von ihrem Vater oder Großvater geerbte Haus und wollte
-es weder vermieten noch verkaufen. Und wenn das Gut, das sie in unserem
-Gouvernementskreise besaß, auch das größte von ihren drei Gütern war, so
-lebte sie doch nur sehr selten in unserem Städtchen. Sie kam Aljoscha
-schon im Vorzimmer entgegen.
-
-„Sagen Sie doch, haben Sie meinen Brief mit der Nachricht von dem Wunder
-erhalten?“ begann sie erregt in ihrer nervösen Weise.
-
-„Ja, ich habe ihn erhalten.“
-
-„Sagen Sie doch, haben Sie ihn auch allen gezeigt, allen davon erzählt?
-Er hat der Mutter den Sohn wiedergegeben!“
-
-„Er wird heute sterben,“ sagte Aljoscha.
-
-„Ich weiß, ich habe es schon gehört, o, wieviel ich mit Ihnen zu
-sprechen habe! Über alles, alles das, mit Ihnen oder einerlei mit wem.
-Nein, nein, nur mit Ihnen, nur mit Ihnen allein! Und wie schade, daß ich
-ihn auf keine Weise mehr sehen kann! Die ganze Stadt ist erregt, alle
-sind in großer Erwartung. Aber jetzt: Wissen Sie auch, daß Katerina
-Iwanowna augenblicklich bei uns ist?“
-
-„Ach, das trifft sich gut!“ sagte Aljoscha erfreut. „Dann kann ich sie
-ja hier bei ihnen sprechen, sie bat mich gestern, heute zu ihr zu
-kommen.“
-
-„Ich weiß alles, ich weiß alles! Ich habe alles ganz genau erfahren, was
-gestern bei ihr geschehen ist ... und alle diese entsetzlichen
-Geschichten mit diesem ... Geschöpf! _C’est donc tragique_, ich würde an
-ihrer Stelle, – ich weiß nicht, was ich an ihrer Stelle getan hätte!
-Aber Ihr Bruder, ich meine Dmitrij Fedorowitsch, was sagen Sie zu dem? –
-O Gott, Alexei Fedorowitsch, ich, ich komme ganz aus dem Konzept.
-Stellen Sie sich vor: jetzt sitzt hier bei uns Ihr Bruder, nicht jener,
-nein, der andere, Iwan Fedorowitsch, er sitzt dort und spricht mit ihr:
-o, es ist ein feierliches Gespräch ... Und wenn Sie sich nur denken
-könnten, was jetzt zwischen ihnen geschieht, – Katerina Iwanowna
-vergewaltigt sich, das ist ganz schrecklich, das ist, ich werde Ihnen
-sagen, was das ist: Das ist ein grausames Märchen, an das man unmöglich
-glauben kann! Beide stürzen sie sich ins Unglück, beide wissen das ganz
-genau, und beide finden sie Vergnügen daran, sich unglücklich zu machen,
-es scheint ihnen Genuß zu bereiten! Ach, wie ich Sie erwartet habe, wie
-ich Sie ersehnt habe! Ich, wissen Sie, ich kann das nicht mehr ertragen!
-Ich werde Ihnen gleich alles erzählen, aber jetzt noch was anderes, und
-das ist die Hauptsache, – ach Gott, ich hatte es beinahe ganz vergessen,
-daß das die Hauptsache ist. Sagen Sie doch, warum bekam Lise jetzt
-wieder ihre hysterischen Anfälle? Als sie nur hörte, daß Sie zu uns
-kämen, begann sofort der Anfall.“
-
-„Mama, das ist jetzt vielleicht mit Ihnen der Fall, aber nicht mit mir,“
-ertönte plötzlich irgendwoher Lisas hohes Stimmchen: Die Tür zum
-Nebenzimmer zeigte eine kleine, kleine Spalte, und die Stimme klang
-genau so, wie wenn jemand furchtbar gern lachen will, doch mit aller
-Gewalt das Lachen unterdrückt. Aljoscha hatte diese Spalte schon früher
-bemerkt und war überzeugt, daß Lise ihn von ihrem Stuhl aus durch
-ebendiese Spalte beobachtete, obgleich er sie nicht sehen konnte.
-
-„Schäme dich, Lise, schäme dich ... es ist schon möglich, daß ich von
-deinen eigensinnigen Launen noch krank werde, aber, wissen Sie, Alexei
-Fedorowitsch, sie ist so krank, die ganze Nacht war sie krank, fieberte
-und stöhnte! Nur mit genauer Not habe ich noch den Morgen und Doktor
-Herzenstube erwarten können. Er sagte, er könne es nicht begreifen, und
-man müsse abwarten. Dieser Herzenstube sagt jedesmal, wenn er kommt, er
-könne es nicht begreifen. Wie Sie sich aber dem Hause näherten, schrie
-sie auf, bekam ihren Anfall und befahl der Magd, sie hierher in ihr
-früheres Zimmer zu schieben ...“
-
-„Aber Mama, ich wußte ja gar nicht, daß er sich dem Hause näherte, ich
-wollte durchaus nicht deswegen in dieses Zimmer geschoben werden.“
-
-„Du solltest nicht lügen, Lise, ich habe selbst gesehen, wie Julija mit
-der Nachricht zu dir gelaufen kam, daß Alexei Fedorowitsch zu uns käme;
-sie hatte ja die ganze Zeit auf deinen Befehl Wache gestanden.“
-
-„Liebstes Mamachen, das ist wirklich furchtbar wenig scharfsinnig von
-Ihnen. Wenn Sie mir aber einen großen Gefallen erweisen wollen, so sagen
-Sie, bitte, liebste Mama, dem sehr geehrten Herrn Alexei Fedorowitsch,
-daß er schon allein dadurch, daß er heute zu uns kommt, nach allem, was
-gestern geschehen ist, und obgleich man sich hier über ihn lustig macht,
-nur beweist, wie wenig gewitzigt er ist.“
-
-„Lise, du erlaubst dir wirklich unerhört viel! Ich versichere dir, daß
-ich endlich zu strengen Maßregeln greifen werde. Wer soll denn über ihn
-lachen? ich freue mich so sehr darüber, daß er gekommen ist – ich habe
-ihn so nötig, er ist mir ganz unentbehrlich! Ach, Alexei Fedorowitsch,
-wenn Sie wüßten, wie unglücklich ich bin!“
-
-„Aber was fehlt Ihnen denn, liebste Mama?“
-
-„Ach, immer deine Kapricen, Lise, deine Unbeständigkeit, deine
-Krankheit, diese furchtbare Nacht, dein Fieber, dieser fürchterliche,
-ewige Herzenstube; ach, das Schreckliche ist ja, daß er ewig, ewig und
-ewig hier sitzt! Und überhaupt alles, alles ... Und dann kommt noch
-dieses Wunder hinzu! O, Sie wissen nicht, Alexei Fedorowitsch, wie mich
-dieses Wunder erschüttert hat! Und jetzt noch hier in meinem Salon diese
-ganze Tragödie; nein, nein, das kann ich nicht ertragen, das kann ich
-nicht, ich sage es Ihnen im voraus, daß ich es nicht kann! Oder
-vielleicht ist es auch nur eine Komödie und keine Tragödie ... Sagen
-Sie, wird der Staretz Sossima noch bis morgen leben? Ach Gott! Was ist
-heute mit mir! Ich schließe beständig die Augen und sehe ja selbst ein,
-daß ich Unsinn rede, leeren Unsinn.“
-
-„Ich würde Sie sehr bitten,“ unterbrach Aljoscha sie plötzlich, „mir ein
-kleines Stück Leinwand zu geben, um meinen Finger zu verbinden. Ich habe
-ihn stark verletzt, und jetzt tut er mir unerträglich weh.“
-
-Aljoscha wickelte das Taschentuch ein wenig los: Große Blutflecke waren
-durch das ganze Tuch gedrungen. Frau Chochlakoff schrie auf, schloß
-krampfhaft die Augen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
-
-„Gott, wieviel Blut! Wie furchtbar!“
-
-Doch sowie Lise durch die Spalte Aljoschas blutiges Taschentuch sah, riß
-sie sofort die Tür auf, daß die mit der Klinke krachend an die Wand
-schlug.
-
-„Kommen Sie her, kommen Sie her zu mir,“ rief sie gebieterisch und
-eigensinnig, „jetzt aber ohne Dummheiten! Gott! Warum standen Sie nur so
-lange, warum sagten Sie kein Wort? Mama, er hätte verbluten können! Wo
-haben Sie das gemacht, wie nur? Ganz zuerst Wasser, Wasser! Man muß die
-Wunde waschen; den Finger einfach in kaltes Wasser stecken, damit der
-Schmerz betäubt wird, und dann einfach drinhalten ... Ach, schneller,
-schneller Wasser, Mama, in die kleine Schale. Aber schneller doch!“ rief
-sie nervös. Sie war maßlos erregt; Aljoschas Wunde hatte sie heftig
-erschreckt.
-
-„Soll man nicht nach Herzenstube schicken?“ fragte Frau Chochlakoff
-ängstlich.
-
-„Mama, Sie werden mich noch töten! Ihr Herzenstube wird kommen und
-wieder nur sagen, daß er es nicht begreifen kann! Wasser, Wasser! Mama,
-gehen Sie um Gottes willen selbst und machen Sie Julija Eile, die bleibt
-immer irgendwo stecken; jetzt wird sie vielleicht ertrunken sein samt
-ihrem Wasser! Aber schneller doch, Mama, ich sterbe sonst ...“
-
-„Aber das ist doch nicht so gefährlich!“ rief Aljoscha aus, den wiederum
-der Schreck der Damen erschreckte.
-
-Da kam auch schon die Zofe mit dem Wasser. Aljoscha tauchte den Finger
-hinein.
-
-„Mama, bringen Sie um Gottes willen Scharpie und diese trübe Flüssigkeit
-– ach, wie heißt sie doch, mit der man kühlt, wenn man sich geschnitten
-hat? Wir haben sie, ich weiß es genau; Mama, Sie wissen es doch auch, wo
-diese Flasche ist, in Ihrem Schlafzimmer, rechts im kleinen
-Medizinschränkchen, dort ist eine große Flasche und Scharpie ...“
-
-„Ich werde alles sofort bringen, Lise, nur schrei nicht so und rege dich
-nicht auf. Sieh, wie mutig Alexei Fedorowitsch sein Unglück trägt. Aber
-wo haben Sie sich nur so entsetzlich verletzt?“
-
-Frau Chochlakoff ging eilig hinaus, um die Sachen zu bringen. Darauf
-hatte Lisa nur gewartet.
-
-„Vor allem antworten Sie mir auf eine Frage,“ sagte sie hastig zu
-Aljoscha, „wo haben Sie sich so verletzt? Ich habe dann noch von ganz
-anderem mit Ihnen zu sprechen. Nun?“
-
-Aljoscha begann sofort, da er fühlte, daß ihr die Zeit bis zur Rückkehr
-der Mutter kostbar war, von der Begegnung mit den Schuljungen zu
-erzählen, natürlich nur in großen Zügen, ohne alles Nebensächliche. Als
-Lise zu Ende gehört hatte, schlug sie die Hände zusammen.
-
-„Aber wie konnten Sie nur, wie konnten Sie sich nur, und dazu noch in
-der Kutte, mit Schulbuben einlassen!“ rief sie zornig aus, ganz, als ob
-sie ein Recht auf ihn besäße. „Nach alledem sind Sie ja selbst ein
-kleiner Junge, der allerkleinste, den es überhaupt nur geben kann! Aber
-Sie müssen mir unbedingt diesen scheußlichen Frechling aufsuchen, denn
-hier steckt sicherlich ein Geheimnis dahinter ... Jetzt das zweite, doch
-vorher noch eine Frage. Können Sie, trotz des Schmerzes, von ganz dummen
-Sachen reden, aber vernünftig reden?“
-
-„Das kann ich sehr gut, und ich fühle ja auch gar keinen so großen
-Schmerz mehr im Finger.“
-
-„Das kommt daher, daß Ihr Finger im Wasser ist. Aber man muß jetzt neues
-Wasser nehmen, denn es wird ja sofort warm. Julija, bring sofort ein
-Stück Eis aus dem Keller und eine neue Schale mit Wasser. So, jetzt sind
-wir sie los, nun schnell zur Sache: Bitte, lieber Alexei Fedorowitsch,
-geben Sie mir geschwind den Brief zurück, den ich Ihnen gestern
-übergeben ließ, schnell, denn Mama kann ja sofort zurückkommen,
-schneller doch! – ich will nicht ...“
-
-„Ich ... ich habe ihn nicht bei mir.“
-
-„Das ist nicht wahr, Sie haben ihn schon bei sich. Ich wußte es ja, daß
-Sie so antworten würden. Sie haben ihn in der Tasche. Ich habe diesen
-dummen Scherz die ganze Nacht so furchtbar bereut. Geben Sie ihn mir
-sofort zurück!! Sofort!“
-
-„Ich ... ich habe ihn im Kloster gelassen.“
-
-„Aber Sie müssen mich ja unbedingt für ein kleines Mädchen halten, für
-ein ganz kleines Baby, nach einem so dummen Brief! Ich bitte Sie sehr um
-Verzeihung für den dummen Scherz; aber den Brief müssen Sie mir
-unbedingt zurückbringen, wenn Sie ihn wirklich nicht bei sich haben –
-heute noch bringen Sie ihn mir, hören Sie, unbedingt, unbedingt!“
-
-„Heute kann ich unmöglich kommen; ich kehre ins Kloster zurück und werde
-zwei, drei, vielleicht auch vier Tage nicht herkommen können, denn der
-Staretz Sossima ...“
-
-„Vier Tage, das fehlte noch! Hören Sie, sagen Sie – Sie haben wohl
-furchtbar über mich gelacht?“
-
-„Nicht ein bißchen habe ich gelacht.“
-
-„Warum denn nicht?“
-
-„Weil ich an alles sofort geglaubt habe.“
-
-„Sie beleidigen mich!“
-
-„Wieso? Nicht im geringsten. Ich glaubte sofort, als ich ihn durchlas,
-daß alles auch so geschehen werde, denn ich muß nach dem Tode des
-Staretz Sossima sofort das Kloster verlassen. Darauf werde ich noch ein
-Jahr das Gymnasium besuchen und dann mein Abiturium machen, und wenn Sie
-das gesetzliche Alter erreicht haben, heiraten wir uns einfach. Ich
-werde Sie lieben. Ich habe zwar noch keine Zeit gehabt, darüber
-nachzudenken; aber ich denke doch, daß ich eine bessere Frau als Sie
-nicht finden kann, und der Staretz hat mir befohlen, zu heiraten ...“
-
-„Aber ich bin doch eine garstige Mißgeburt; man schiebt mich ja seit
-sechs Monaten im Rollstuhl!“ sagte Lisa mit verlegenem Lachen, und ihr
-Gesichtchen wurde rot.
-
-„Ich selbst werde Sie im Rollstuhl schieben; übrigens bin ich überzeugt,
-daß Sie bis dahin schon gesund sein werden.“
-
-„Aber Sie sind ja verrückt!“ fuhr Lisa nervös fort. „Aus einem kleinen
-Scherz solch einen Unsinn zu machen! ... Ach, da ist ja auch Mamachen
-... vielleicht sehr zur rechten Zeit gekommen. Mama, wie Sie sich immer
-verspäten, wie kann man nur alles so langsam machen! Julija kommt schon
-aus dem Keller mit dem Eis zurück!“
-
-„Ach, Lise, wenn du doch nicht immer so schreien wolltest, das ist
-wirklich das Furchtbarste. Von diesem Schreien werde ich ... was kann
-ich denn dafür, wenn du die Scharpie an einen anderen Ort getan hast ...
-Ich suchte und suchte ... Ich vermute stark, daß du sie absichtlich
-vorher versteckt hast ...“
-
-„Aber wie konnte ich’s denn wissen, daß er mit einem gebissenen Finger
-ankommen würde, sonst, allerdings – hätte ich es vielleicht wirklich mit
-Absicht getan. Meine liebe Engelsmama, Sie fangen wirklich an,
-außerordentlich scharfsinnige Sachen zu sagen.“
-
-„Ach, meinetwegen; aber denk doch nur, Lise, welche Erschütterung das
-für die Nerven ist, dieser gebissene Finger und alles andere noch dazu!
-Lieber Alexei Fedorowitsch, mich töten nicht die Einzelheiten, nicht
-irgend so ein Herzenstube, sondern alles zusammen, das Ganze, das ist
-es, was mich umbringt!“
-
-„Ach, Mama, lassen Sie doch den armen Herzenstube in Ruh,“ sagte Lisa
-lachend, „geben Sie mir nur schneller die Scharpie und das Wasser. Das
-ist einfach Bleiwasser, Alexei Fedorowitsch, mir ist jetzt der Name
-wieder eingefallen; es ist ganz großartig zu Kompressen. Mama, stellen
-Sie sich nur vor, er hat sich unterwegs auf der Straße mit kleinen
-Schuljungen geprügelt, und einer von ihnen hat ihn gebissen; nun, sagen
-Sie doch selbst, ist er nicht nach alledem selbst ein kleiner Knabe, ein
-ganz – ganz kleiner, und kann man ihm daraufhin wohl erlauben zu
-heiraten, denn, denken Sie sich doch nur, Mama, er will schon heiraten!
-Stellen Sie sich ihn nur als Ehemann vor, ist das nicht zum Lachen, ist
-das nicht ganz entsetzlich!“
-
-Und Lise lachte wieder ihr nervöses, leises Lachen und blickte
-schelmisch zu Aljoscha auf.
-
-„Wie denn das, Lise, wen soll er denn jetzt heiraten? Solche Scherze
-sind sehr unpassend für dich ... Und denk doch nur, wenn dieser Junge
-vielleicht die Tollwut gehabt hat!“
-
-„Ach, Mama! Gibt es denn überhaupt tollwütige Kinder?“
-
-„Warum nicht, du tust wirklich, als ob ich eine Dummheit gesagt hätte.
-Den Jungen hat vielleicht ein toller Hund gebissen, und nun beißt
-wiederum der Junge. Sehen Sie doch, wie gut sie Ihren Finger verbunden
-hat, ich hätte das nie so gut gemacht. Schmerzt er noch sehr?“
-
-„O, nur noch ein wenig.“
-
-„Fürchten Sie vielleicht das Bleiwasser?“ erkundigte sich Lise.
-
-„Nun, genug, Lise, ich habe es vielleicht doch etwas übereilt gesagt:
-das vom tollwütigen Knaben – du mußt natürlich gleich spotten. – Ach,
-fast hätte ich’s vergessen: Katerina Iwanowna bat mich sofort, als sie
-nur hörte, daß Sie gekommen seien, flehentlich, flehentlich, Sie zu ihr
-zu bringen; sie erwartet Sie sehr!“
-
-„Ach, Mama! Gehen Sie doch allein zu ihr; er kann wirklich nicht sofort
-hingehen, er leidet viel zu sehr.“
-
-„Aber gar nicht; ich kann sehr gut zu ihr gehen ...,“ sagte Aljoscha.
-
-„Wie! Sie gehen? Also so sind Sie, so sind Sie?“
-
-„Wieso? Ich werde doch, sobald ich dort fertig bin, sogleich wieder
-herkommen, und dann können wir weitersprechen, so viel Sie wollen. Ich
-möchte Katerina Iwanowna sobald wie möglich sprechen, da ich frühzeitig
-ins Kloster zurückkehren will.“
-
-„Mama, nehmen Sie ihn nur und bringen Sie ihn fort. Bemühen Sie sich
-nicht, Alexei Fedorowitsch, nachher noch zu mir zu kommen, gehen Sie nur
-sofort ins Kloster, dorthin gehören Sie ja! Ich aber will jetzt
-schlafen, ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen.“
-
-„Ach, Lise, das ist ja nur Scherz von dir; aber wirklich, wie wäre es,
-wenn du jetzt etwas schlafen würdest?“ meinte Frau Chochlakoff.
-
-„Ich weiß nicht, wodurch ich ... Ich werde gern noch drei Minuten
-hierbleiben, wenn Sie wollen, sogar fünf,“ stotterte Aljoscha.
-
-„Sogar fünf! So bringen Sie ihn doch schneller fort, Mama, das ist ja
-ein Monstrum!“
-
-„Lise, du bist wohl nicht recht gescheit! Gehen wir, Alexei
-Fedorowitsch, sie ist heute gar zu kapriziös, ich fürchte mich, sie zu
-reizen. O, welch ein Jammer, mit einem nervösen Kinde zusammenzuleben!
-Aber sie ist vielleicht wirklich während des Gesprächs mit Ihnen
-schläfrig geworden. Wie haben Sie sie nur so schnell eingeschläfert, und
-wie glücklich sich das trifft!“
-
-„Ach, Mama, das haben Sie ganz reizend gesagt, dafür gebe ich Ihnen
-einen Kuß!“
-
-„Und ich dir gleichfalls, Lise. Hören Sie, Alexei Fedorowitsch,“ sagte
-darauf Frau Chochlakoff in erregtem, geheimnisvollem Flüsterton, als sie
-mit Aljoscha zum Salon ging, „ich will Ihnen nichts, nichts sagen, Sie
-werden es gleich selbst sehen, was dort vor sich geht – das ist ja ganz
-entsetzlich, entsetzlich, die phantastischste Komödie tragischer Art:
-sie liebt Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch, redet sich aber selbst aus
-allen Kräften ein, daß sie Ihren Bruder Dmitrij Fedorowitsch liebe. Das
-ist doch furchtbar! Ich werde zusammen mit Ihnen hineingehen, und wenn
-man mich nicht fortschickt, bis zum Schluß dort bleiben.“
-
-
- V.
- Im Empfangssalon
-
-Doch im Salon schien die Unterredung schon beendet zu sein; Katerina
-Iwanowna war sehr erregt, sah aber entschlossen aus. Als Aljoscha und
-Frau Chochlakoff eintraten, hatte sich Iwan Fedorowitsch gerade zum
-Aufbruch erhoben. Sein Gesicht war ein wenig bleich, und Aljoscha
-blickte ihn unruhig an. Er fühlte es, daß jetzt wenigstens eines der
-beängstigenden Rätsel, die ihn schon seit längerer Zeit ununterbrochen
-gequält hatten, seine Lösung finden mußte. Schon seit einem Monat hatte
-er von vielen Seiten und zu mehreren Malen gehört, daß sein Bruder Iwan
-Katerina Iwanowna liebe und vor allen Dingen sie seinem älteren Bruder
-abspenstig zu machen trachte. Bis zu diesem Tage war das Aljoscha
-unglaublich und unmöglich erschienen, doch hatte er nicht den Gedanken
-abschütteln können und hatte darunter nicht wenig gelitten. Er
-liebte beide Brüder und fürchtete daher um so mehr solch eine
-Nebenbuhlerschaft. Und nun hatte ihm Dmitrij selbst gesagt, daß er sich
-über diese Nebenbuhlerschaft Iwans geradezu freue, und daß sie ihm,
-Dmitrij, in vielem sogar sehr zustatten käme. Was hatte er damit sagen
-wollen? Doch nicht, daß es ihm auf diese Weise leichter würde,
-Gruschenka zu heiraten? Das schien Aljoscha der letzte und
-verzweifelteste Schritt zu sein, den sein Bruder tun könnte. Außerdem
-war Aljoscha noch bis zum letzten Augenblick in der Szene, die
-Gruschenka bei Katerina Iwanowna, wie sie sagte „seinetwegen“, d. h.
-Aljoschas wegen gespielt hatte, immer noch überzeugt gewesen, daß
-Katerina Iwanowna seinen Bruder Dmitrij leidenschaftlich und unwandelbar
-liebte.
-
-Doch nach jenem Auftritt und dem Gespräch mit Dmitrij am Kreuzweg,
-glaubte er es nicht mehr. Außerdem hatte ihm noch immer aus irgendeinem,
-ihm selbst unerklärlichen Grunde geschienen, daß sie solch einen
-Menschen wie Iwan überhaupt nicht lieben könnte, daß sie vielmehr gerade
-seinen Bruder Dmitrij lieben müsse, gerade diesen, und zwar mit allen
-seinen Fehlern, gerade so, wie er war, trotz der ganzen
-Ungeheuerlichkeit solch einer Liebe. Doch nach der Szene mit Gruschenka
-hatte es ihm plötzlich anders geschienen. Die Bemerkung Frau
-Chochlakoffs: „sie vergewaltigt sich“, hatte ihn fast zusammenzucken
-gemacht, denn genau dasselbe hatte auch er sich in der Nacht, als er
-aufgewacht war – wahrscheinlich auf einen unbewußten Traum hin – gesagt:
-„Sie vergewaltigt sich, sie vergewaltigt sich ja!“ Geträumt aber hatte
-ihm die ganze Nacht hindurch von jener Szene bei Katerina Iwanowna. Und
-die offen und bestimmt ausgesprochene Behauptung Frau Chochlakoffs,
-Katerina Iwanowna liebe seinen Bruder Iwan, „vergewaltige“ sich aber
-absichtlich aus Laune oder aus sonst einem unerklärlichen Grunde und
-betrüge und quäle sich selbst mit ihrer Liebe zu Dmitrij, die sie aus
-Dankbarkeit für ihn empfinden wolle – diese plötzliche Behauptung hatte
-Aljoscha stutzig gemacht. „Vielleicht liegt in diesen Worten wirklich
-die ganze Wahrheit,“ dachte er. Aber in welch einer Lage befand sich
-dann sein Bruder Iwan? Aljoscha fühlte gewissermaßen instinktiv, daß ein
-Charakter wie Katerina Iwanowna herrschen wollte, herrschen aber konnte
-sie nur über einen Menschen wie Dmitrij, niemals aber über einen
-Menschen wie Iwan. Denn nur Dmitrij konnte sich ihr ergeben (wenn auch
-erst nach langer Zeit), was Aljoscha ihm sogar „zu seinem eigenen
-Glücke“ wünschte; bei Iwan dagegen war das ganz ausgeschlossen: der
-konnte sich nicht ergeben, und dem würde solch eine Unterwerfung auch
-kein Glück bringen. Diese Auffassung von Iwan hatte sich ganz
-unfreiwillig in Aljoscha entwickelt. Und nun, als er in den Salon
-eintrat, flogen ihm in einem Augenblick wieder alle diese Zweifel und
-Bedenken und Gedanken durch den Sinn. Es tauchte in ihm auch noch ein
-anderer Gedanke auf: „Wie aber, wenn sie keinen von beiden liebt, weder
-den einen noch den anderen?“ Doch Aljoscha schämte sich seiner Gedanken
-und hatte sich ihretwegen jedesmal Vorwürfe gemacht, wenn sie ihm im
-letzten Monat wieder und wieder gekommen waren. „Was verstehe ich denn
-von Liebe und von Frauen, und wie kann ich nur solche Schlüsse ziehen,“
-sagte er sich vorwurfsvoll, wenn er wieder Ähnliches gedacht hatte. Und
-doch war es unmöglich, nicht daran zu denken. So erriet er denn
-gleichfalls instinktiv, daß diese Nebenbuhlerschaft im Schicksal seiner
-beiden Brüder eine der wichtigsten Fragen war, von der vieles abhing.
-„Das eine Geschmeiß wird das andere Geschmeiß verschlingen,“ hatte Iwan
-am Tage vorher in der Gereiztheit vom Vater und vom Bruder Dmitrij
-gesagt. Also war Dmitrij in seinen Augen ein Geschmeiß, und das
-vielleicht schon lange? Oder sollte er es nicht erst seit dem Augenblick
-geworden sein, da Iwan Katerina Iwanowna kennen gelernt hatte? Diese
-Worte waren ihm natürlich halb aus Versehen entschlüpft, doch um so
-bedeutungsvoller waren sie dann, wenn er sie vielleicht gegen seinen
-Willen laut ausgesprochen hatte. Wenn das aber wirklich so war, wie
-konnte man dann auf eine friedliche Lösung hoffen? Gab es dann nicht
-noch neue Ursachen zu Haß und Feindschaft in ihrer Familie? Und vor
-allen Dingen, wen sollte er, Aljoscha, dann bedauern, und was einem
-jeden von ihnen wünschen? Er hatte sie beide lieb; doch was sollte er
-ihnen inmitten so furchtbarer Widersprüche raten? In diesem Labyrinth
-konnte man sich ja noch ganz und gar verlieren! Aljoschas Herz aber
-konnte die Ungewißheit nicht ertragen, denn seine Liebe wollte immer
-gleich aktiv eingreifen. Passiv zu lieben, verstand er nicht: hatte er
-etwas liebgewonnen, so wollte er auch sofort helfen. Um aber hier zu
-helfen, mußte er zuerst die Wahrheit wissen, mußte er ein festes Ziel
-vor sich sehen; doch statt dessen sah er nur Unklarheit und Irrwege.
-„Vergewaltigungen der eigenen Person und ein Vergewaltigenwollen des
-Schicksals“ – das war es! Doch was konnte er davon verstehen? Verstand
-er doch nicht einmal das erste Wort in diesem ganzen Durcheinander!
-
-Als Katerina Iwanowna Aljoscha erblickte, sagte sie hastig und freudig
-zu Iwan Fedorowitsch, der sich schon erhoben hatte, um fortzugehen:
-
-„Ach, noch einen Augenblick! Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick.
-Ich will vorher noch die Meinung desjenigen hören, zu dem ich von ganzem
-Herzen das größte Zutrauen habe. Und Katerina Ossipowna, auch Sie möchte
-ich bitten, nicht fortzugehen,“ sagte sie zu Frau Chochlakoff. Sie hieß
-Aljoscha neben sich Platz nehmen. Frau Chochlakoff setzte sich ihr
-gegenüber neben Iwan Fedorowitsch.
-
-„Jetzt habe ich alle meine Freunde hier, alle, die ich nur besitze,“
-begann sie mit warmer Stimme, in der Tränen zu zittern schienen, und
-Aljoscha fühlte, wie sich sein Herz sofort wieder ihr zuwandte. „Sie,
-Alexei Fedorowitsch, Sie waren gestern Zeuge dieser ... furchtbaren
-Stunde. Sie sahen, wie ich war. Sie haben es nicht gesehen, Iwan
-Fedorowitsch, er aber hat es mit eigenen Augen gesehen. Was er gestern
-von mir gedacht hat, das weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich, wenn
-sich heute dasselbe wiederholen sollte, auch heute dieselben Gefühle,
-dieselben Worte und dieselben Absichten äußern würde. Sie erinnern sich
-wohl noch meiner Absichten, Alexei Fedorowitsch, Sie selbst hielten mich
-ja noch von der Ausführung einer derselben zurück ...“ (Als sie das
-sagte, errötete sie und ihre Augen blitzten auf.)
-
-„Ich sage es Ihnen ganz offen, Alexei Fedorowitsch, daß ich mich mit
-nichts von dem, was geschehen ist, aussöhnen kann. Hören Sie, Alexei
-Fedorowitsch, ich weiß nicht einmal, ob ich _ihn_ jetzt liebe. Er tut
-mir jetzt _leid_; das aber ist ein schlechtes Zeichen für Liebe. Wenn
-ich ihn noch liebte, wenn ich noch fortführe, ihn zu lieben, so würde er
-mir jetzt vielleicht nicht leid tun, sondern ich würde ihn
-wahrscheinlich hassen ...“
-
-Ihre Stimme bebte, und Tränen blitzten an ihren Wimpern. Aljoscha fuhr
-innerlich zusammen: „Dieses Mädchen ist offenherzig und kann nicht
-lügen,“ sagte er sich, „und ... und sie liebt Dmitrij nicht mehr!“
-
-„Das ist richtig, das haben Sie vollkommen richtig bemerkt, Katerina
-Iwanowna,“ sagte Frau Chochlakoff eifrig.
-
-„Warten Sie noch ein wenig, liebe Katerina Ossipowna, das Wichtigste
-habe ich noch nicht gesagt; ich habe noch nicht alles ausgesprochen, was
-ich in dieser Nacht beschlossen habe. Ich fühle es, daß mein Entschluß
-vielleicht furchtbar ist – furchtbar für mich; aber ich fühle auch schon
-im voraus, daß ich ihn um keinen Preis, um nichts in der Welt verändern
-werde, in meinem ganzen Leben nicht! So wird es sein! Mein lieber Freund
-Iwan Fedorowitsch, mein einziger, hochherziger Ratgeber, den ich in der
-Welt habe, stimmt mir in allem bei, und auch er hat als tiefer
-Herzenskenner meinen Entschluß gebilligt ... Er kennt ihn.“
-
-„Ja, ich billige ihn,“ sagte mit leiser, doch fester Stimme Iwan
-Fedorowitsch.
-
-„Aber ich will, daß auch Aljoscha – ach, verzeihen Sie, Alexei
-Fedorowitsch, daß ich Sie einfach Aljoscha genannt habe – ich will, daß
-auch Alexei Fedorowitsch mir jetzt sagt, hier gleich, in Gegenwart
-meiner beiden Freunde, ob ich recht habe oder nicht. Ich habe das
-instinktive Vorgefühl, daß Sie, Aljoscha, mein lieber Bruder Sie – denn
-Sie sind ja doch mein lieber Bruder,“ fuhr sie wieder begeistert fort
-und erfaßte seine kalte Rechte mit ihrer heißen Hand, „ich fühle es im
-voraus, daß Ihr Urteilsspruch, Ihre Billigung mir, trotz meiner Qualen,
-Ruhe geben wird, denn nach Ihrem Urteilsspruch werde ich verstummen und
-mich ergeben – das fühle ich im voraus!“
-
-„Ich weiß nicht, wonach Sie mich fragen,“ sagte Aljoscha errötend, „ich
-weiß nur, daß ich Sie liebhabe und Ihnen in diesem Augenblick mehr Glück
-wünsche als mir selbst ... Aber ich verstehe doch nichts von diesen
-Dingen ...“ beeilte er sich aus irgendeinem Grunde hinzuzufügen.
-
-„In diesen Dingen, Alexei Fedorowitsch, in diesen Dingen ist jetzt die
-Hauptsache – Ehre und Pflicht, und ich weiß nicht, was noch; ja es ist
-etwas Höheres, etwas, das vielleicht sogar höher ist als selbst die
-Pflicht. Das Herz sagt mir von diesem unbezwingbaren Gefühl, das mich
-übermächtig mit sich fortzieht. Es läßt sich übrigens alles in zwei
-Worten ausdrücken; ich habe mich schon entschlossen: Selbst wenn er
-jenes ... Geschöpf heiraten sollte,“ fuhr sie feierlich fort, „dem ich
-niemals, niemals verzeihen kann, so werde _ich ihn doch nicht
-verlassen_! Von nun an werde ich ihn niemals, niemals mehr verlassen!“
-sagte sie gleichsam mit einer gesprungenen Note in gezwungener, fast
-müder Begeisterung. „Ich will damit nicht sagen, daß ich mich ihm
-überallhin nachschleppen, mich beständig in seinen Weg, vor seine Augen
-drängen, ihn quälen werde – o nein, ich werde in eine andere Stadt
-ziehen, einerlei wohin, aber ich werde ihn mein ganzes Leben, mein
-ganzes Leben lang nicht aus dem Auge lassen. Wenn er aber mit jener
-unglücklich wird, und das wird ja bestimmt sofort geschehen, so kann er
-zu mir kommen und in mir einen Freund und eine Schwester finden ...
-natürlich nur eine Schwester ... Und das dann auf ewig, und er wird sich
-endlich überzeugen, daß diese Schwester in der Tat seine Schwester ist,
-die ihn wirklich liebt und ihm ihr ganzes Leben geopfert hat. Ich werde
-es erreichen, werde es durchsetzen, daß er mich endlich kennen lernt und
-mir alles, ohne sich zu schämen, gesteht!“ stieß sie erregt, fast außer
-sich hervor. „Ich werde sein Gott sein, zu dem er betet – wenigstens das
-ist er mir für seinen Verrat und für alles, was ich gestern durch ihn
-erlitten habe, schuldig. Und so mag er denn sein Lebelang sehen, daß ich
-ihm mein ganzes Leben lang treu bleibe und mein Wort, das ich ihm einmal
-gegeben habe, halte, halte, obgleich er mir untreu ist und mich verraten
-hat. Ich werde ... ich werde mich in ein Mittel zu seinem Glück
-verwandeln, und das fürs ganze Leben ... oder – wie soll ich das sagen –
-in ein Instrument, in eine Maschine, die sein Glück schafft, fürs ganze
-Leben, für mein ganzes Leben, und damit er es hinfort sein ganzes Leben
-lang erfährt! Das ist mein Entschluß! Iwan Fedorowitsch billigt ihn und
-stimmt mir in allem vollkommen bei.“
-
-Atemlos endete sie. Vielleicht hatte sie ihren Gedanken viel würdiger,
-geschickter und natürlicher ausdrücken wollen, nun aber hatte sie ihn
-gar zu eilig, gar zu nackt ausgedrückt. Viel war dabei jugendliche
-Ungeduld, vieles verriet auch noch die ertragene Kränkung und das
-Bedürfnis, sich stolz zu zeigen; das alles fühlte sie selbst: ihr
-Gesicht verfinsterte sich, und der Ausdruck ihrer Augen ward nicht gut.
-Aljoscha bemerkte es sofort, – Mitleid erhob sich in seinem Herzen. Und
-da tat gerade noch Iwan Fedorowitsch das seinige hinzu.
-
-„Ich habe vorhin nur meine Meinung geäußert,“ sagte er. „Bei jeder
-anderen wäre das alles verstellt, gezwungen, bei Ihnen aber ist es das
-nicht. Eine andere wäre dabei unaufrichtig, Sie aber sind aufrichtig,
-und somit haben Sie recht. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll;
-ich sehe nur, daß Sie aufrichtig sind, im höchsten Grade aufrichtig, und
-darum sind Sie auch im Recht ...“
-
-„Aber doch nur in diesem Augenblick! – Und dieser Augenblick ist ja doch
-nichts anderes als die Folge der gestrigen Beleidigung!“ unterbrach
-plötzlich Frau Chochlakoff, deren Absicht augenscheinlich gewesen war,
-sich nicht einzumischen, die es aber nun doch nicht mehr ausgehalten und
-sich mit einer sehr richtigen Bemerkung in das Gespräch hineinmischte.
-
-„Ganz recht,“ sagte Iwan in einem fast verwegenen Tone und doch, als ob
-er sich plötzlich darüber geärgert hätte, daß er unterbrochen worden
-war, „Sie haben vollkommen recht, gnädige Frau: bei einer anderen wäre
-das nur der Einfluß der gestrigen Erregung und würde nur eine Minute
-andauern, bei Katerina Iwanowna aber wird dieser Augenblick eben ihr
-ganzes Leben lang andauern. Was für andere nur Versprechen ist, das ist
-für sie lebenslängliche, vielleicht schwere, doch unermüdliche Erfüllung
-ihrer Pflicht. Und das Gefühl dieser Pflichterfüllung wird ihr genügen.
-Ihr Leben, Katerina Iwanowna, wird von nun an in marternder Beobachtung
-und Zergliederung der eigenen Gefühle, der eigenen Heldentat und des
-eigenen Leides bestehen, doch späterhin wird sich dieses Leid mildern,
-und Ihr Leben wird sich dann in ein angenehmes Betrachten verwandeln, in
-ein unaufhörliches Betrachten des ein für allemal gefaßten und erfüllten
-stolzen Vorsatzes, der in seiner Art tatsächlich stolz, jedenfalls aber
-verzweifelt ist, doch den Sie auf sich genommen haben. Und dieses Denken
-daran wird Sie schließlich vollkommen befriedigen und Sie mit allem
-übrigen aussöhnen ...“
-
-Er sprach dies mit einer gewissen Bosheit, sagte es mit Absicht gerade
-so, und vielleicht wollte er seine Absicht auch nicht einmal verbergen,
-d. h., daß er dies so absichtlich spöttisch sagte.
-
-„O Gott, das ist ja wieder nicht das!“ seufzte Frau Chochlakoff.
-
-„Alexei Fedorowitsch, aber so sagen Sie doch! Es quält mich, ich will
-wissen, was Sie dazu sagen!“ rief Katerina Iwanowna erregt und brach
-plötzlich in Tränen aus. Aljoscha erhob sich von seinem Platz.
-
-„Das ist nichts, nichts!“ fuhr sie weinend fort, „das kommt nur von der
-Erregung, von der schlaflosen Nacht; aber bei zwei so treuen Freunden,
-wie Sie und Ihr Bruder, fühle ich mich noch stark ... denn ich weiß ...
-Sie beide werden mich nie verlassen.“
-
-„Leider muß ich vielleicht morgen schon nach Moskau fahren und Sie auf
-lange verlassen ... Und leider läßt sich das nicht mehr ändern ...“
-sagte plötzlich Iwan Fedorowitsch.
-
-„Morgen, nach Moskau!“ Das ganze Gesicht Katerina Iwanownas verzerrte
-sich plötzlich. „Aber ... ach Gott, wie glücklich sich das trifft!“ rief
-sie auch schon im selben Augenblick mit vollkommen veränderter Stimme,
-und im selben Augenblick hatte sie auch schon ihre Tränen verscheucht,
-so daß von ihnen nicht einmal eine Spur blieb ... In einem einzigen
-Augenblick ging mit ihr diese erstaunliche Veränderung vor sich, eine
-Veränderung, die Aljoscha nicht wenig in Verwunderung setzte: an Stelle
-des armen, beleidigten Mädchens erschien plötzlich ein Weib vor ihm, das
-vollkommen seiner mächtig war und mit irgend etwas sogar ungemein
-zufrieden schien – ganz, als ob sie sich über irgend etwas plötzlich
-sehr gefreut hätte.
-
-„O, ich meine natürlich nicht, daß Sie uns verlassen, natürlich meinte
-ich das nicht so,“ versuchte sie gleichsam ihren unbedachten Ausruf mit
-freundlichem Gesellschaftslächeln zu verbessern, – „ein Freund, wie Sie,
-kann das ja auch gar nicht mißverstehen. Im Gegenteil, ich bin nur zu
-unglücklich darüber, daß ich Sie entbehren muß!“ Sie wandte sich
-plötzlich zu Iwan Fedorowitsch, ergriff ungestüm seine beiden Hände und
-drückte sie warm. „Ich freue mich nur deswegen darüber, weil Sie jetzt
-persönlich in Moskau meiner Tante und Agascha meine ganze Lage, dieses
-ganze Entsetzen, in dem ich mich befinde, werden schildern können,
-Agascha gegenüber natürlich ganz aufrichtig, Tantchen aber schonender –
-so, wie nur Sie allein es verstehen. Sie können sich ja nicht
-vorstellen, wie unglücklich ich gestern und heute morgen war: ich weiß
-es wirklich nicht, wie ich diesen furchtbaren Brief schreiben soll ...
-denn in einem Brief das wiederzugeben, das ist ja ganz unmöglich ...
-Jetzt aber fällt es mir viel leichter, alles zu schreiben, denn Sie
-werden dort bei ihnen sein und alles erklären. O, wie mich das freut!
-Und nur deswegen freue ich mich darüber, das glauben Sie mir doch.
-Selbst sind Sie mir natürlich unersetzlich ... Ich werde sofort den
-Brief schreiben,“ sagte sie plötzlich, und sie erhob sich schon, um ins
-andere Zimmer zu gehen.
-
-„Aber Aljoscha! Aber die Meinung Alexei Fedorowitschs, die Sie so gern
-erfahren wollten?“ rief Frau Chochlakoff, sie aufhaltend. Etwas Böses
-und Feindseliges klang durch ihre Worte.
-
-„Das habe ich auch nicht vergessen,“ – Katerina Iwanowna blieb sofort
-stehen – „aber warum sind Sie heute so feindselig zu mir, Katerina
-Ossipowna?“ fragte sie mit bitterem, heißem Vorwurf. „Was ich gesagt
-habe, das tue ich auch. Ich brauche unbedingt seine Meinung, ja, ich
-bedarf sogar seines Urteils! So wie er sagt, wird es auch sein – sehen
-Sie, wie sehr mich im Gegenteil nach Ihren Worten verlangt, Alexei
-Fedorowitsch ... Aber, was haben Sie?“
-
-„Das hätte ich nie gedacht, nie für möglich gehalten!“ sagte Aljoscha
-traurig, doch sehr erregt.
-
-„Was, was nicht gedacht?“
-
-„Er fährt nach Moskau, Sie aber sagen, das freue Sie – das haben Sie
-absichtlich ausgerufen! Darauf aber begannen Sie sofort zu erklären, daß
-Sie sich nicht darüber freuten, sondern es bedauerten, daß ... Sie einen
-Freund verlieren, – aber auch das haben Sie absichtlich so vorgespielt
-... wie im Theater, in der Komödie vorgespielt! ...“
-
-„Was? ... Im Theater? ... Was sagen Sie?“ fragte Katerina Iwanowna
-maßlos verwundert; sie erglühte plötzlich und zog die Brauen zusammen.
-
-„Aber wie sehr Sie ihm auch versichern, daß Sie den Freund in ihm
-vermissen werden, Sie behaupten ihm doch offen ins Gesicht, daß das
-Glück darin bestehe, daß er fortfährt ...“ sagte ganz atemlos Aljoscha.
-
-„Wovon reden Sie, ich weiß nicht ...“
-
-„Ich weiß es selbst auch nicht ... Es ist plötzlich wie eine Erleuchtung
-über mich gekommen ... Ich weiß, daß ich das nicht gut ausdrücke, aber
-ich werde trotzdem alles sagen,“ fuhr Aljoscha mit zitternder und halb
-versagender Stimme fort. „Meine Erleuchtung besteht darin: Ich sehe, daß
-Sie meinen Bruder Dmitrij vielleicht überhaupt nicht lieben ... von
-Anfang an nicht ... und auch Dmitrij Sie vielleicht überhaupt nicht
-liebt ... von Anfang an überhaupt nicht ... und Sie nur sehr achtet ...
-Ich, wirklich, ich weiß nicht, wie ich wage, das alles zu sagen, aber
-irgend jemand muß doch die Wahrheit sagen ... denn hier will es ja
-niemand tun.“
-
-„Was für eine Wahrheit?“ rief Katerina Iwanowna, und Zorn klang durch
-ihre Stimme.
-
-„Diese Wahrheit,“ stotterte Aljoscha atemlos, „lassen Sie sofort Dmitrij
-herrufen – ich werde ihn schon finden –, und mag er dann herkommen, Sie
-an der Hand nehmen, darauf Iwans Hand erfassen und ihre beiden Hände
-vereinigen. Denn Sie quälen Iwan nur darum, weil Sie ihn lieben ... und
-quälen ihn, weil Sie Dmitrij zu lieben glauben ... ihn aber nicht
-wirklich lieben ... Sie haben es sich nur so eingeredet ...“
-
-Aljoscha stockte und verstummte.
-
-„Sie ... Sie ... Sie kleiner Schwachsinniger!“ stieß Katerina Iwanowna
-bleich und mit zuckenden Lippen hervor. Iwan Fedorowitsch lachte
-plötzlich laut auf und erhob sich. Seinen Hut hatte er schon in der
-Hand.
-
-„Du täuschst dich, mein guter Aljoscha,“ sagte er mit einem
-Gesichtsausdruck, den Aljoscha noch nie an ihm gesehen hatte, – mit dem
-Ausdruck einer echt jugendlichen Herzlichkeit und eines starken,
-unbezwingbar aufrichtigen Gefühls, „niemals hat Katerina Iwanowna mich
-geliebt! Die ganze Zeit über hat sie gewußt, daß ich sie liebe, obgleich
-ich ihr kein einziges Mal ein Wort von meiner Liebe gesagt habe – sie
-hat es gewußt, hat aber nie mich geliebt. Ihr Freund bin ich gleichfalls
-nie gewesen, nicht einen einzigen Tag lang: das stolze Weib bedurfte
-meiner Freundschaft nicht. Sie wollte mich bei sich haben, um sich
-ununterbrochen rächen zu können. Sie rächte sich an mir für alle
-Beleidigungen, die sie ununterbrochen, an jedem Tage dieser ganzen Zeit
-durch Dmitrij erfuhr, Beleidigungen von ihrer ersten Begegnung an; denn
-auch ihre erste Begegnung mit ihm ist in ihrem Herzen als Beleidigung
-zurückgeblieben. Ja, so ist ihr Herz. Diese ganze Zeit habe ich nur ihr
-zugehört, wie sie von ihrer Liebe zu ihm gesprochen hat. Jetzt fahre ich
-fort, doch lassen Sie es sich gesagt sein, gnädiges Fräulein, daß Sie
-wirklich nur ihn allein lieben. Und je mehr er Sie kränken wird, desto
-mehr werden Sie ihn lieben. Das ist Ihre ganze Selbstvergewaltigung. Sie
-lieben ihn geradeso, wie er ist, als Ihren Beleidiger lieben Sie ihn.
-Wenn er sich bessern würde, so würden Sie ihn verlassen, und Sie würden
-sofort aufhören, ihn zu lieben. Jetzt aber bedürfen Sie seiner, um
-ununterbrochen an Ihre große Treue denken zu können und ihm seine
-Untreue vorzuwerfen. Alles das kommt nur von Ihrem Stolz. O, hierbei ist
-natürlich auch viel Unterwürfigkeit und Selbsterniedrigung, doch tun Sie
-es trotzdem nur aus Stolz ... Ich bin noch zu jung und habe Sie gar zu
-leidenschaftlich geliebt. Ich weiß, daß ich Ihnen das nicht zu sagen
-brauchte, es wäre meinerseits stolzer und würdiger, Sie einfach so zu
-verlassen; und es wäre auch nicht so kränkend für Sie. Aber ich fahre ja
-weit fort und werde niemals mehr wiederkehren. Ich gehe doch auf ewig
-... Ich will nicht neben einer sich selbst Vergewaltigenden leben ...
-Übrigens verstehe auch ich mich nicht mehr auszudrücken ... Leben Sie
-wohl, Katerina Iwanowna, Sie haben kein Recht, sich über mich zu ärgern,
-denn ich bin hundertmal mehr bestraft als Sie: bestraft schon allein
-dadurch, daß ich Sie nie mehr sehen werde. Deshalb nochmals: leben Sie
-wohl. Ich bedarf Ihres Händedrucks nicht. Sie haben mich viel zu bewußt
-gequält, als daß ich Ihnen jetzt verzeihen könnte. Später werde ich
-verzeihen, doch jetzt brauchen Sie mir Ihre Hand nicht zu geben ... Den
-Dank, Dame, begehr ich nicht,“ fügte er plötzlich mit einem erzwungenen
-Lächeln hinzu und zeigte somit ganz unerwarteterweise, daß auch er
-Schiller so gelesen hatte, daß er ihn auswendig behalten, was Aljoscha
-früher nie geglaubt hätte. Iwan verließ das Zimmer, ohne sich selbst von
-Frau Chochlakoff, der Hausfrau, zu verabschieden. Aljoscha wollte ihm
-nachstürzen.
-
-„Iwan!“ rief er ganz verloren seinem Bruder nach, „Iwan, komm zurück!
-Ach, jetzt wird er ja um keinen Preis mehr zurückkehren!“ rief er in
-verzweiflungsvoller Erkenntnis. „Aber das ist meine Schuld, ich habe es
-dazu gebracht! Iwan sprach boshaft, er sprach erregt, ungerecht und böse
-... Er muß wieder herkommen, er muß zurückkommen, er muß! ...“
-versicherte Aljoscha immer noch wie ein Halbwahnsinniger.
-
-Katerina Iwanowna ging plötzlich ins Nebenzimmer.
-
-„Das war großartig von Ihnen, Sie haben wie ein Engel gehandelt!“
-flüsterte ihm in erregter Begeisterung Frau Chochlakoff zu. „Ich werde
-alles in Bewegung setzen, damit Iwan Fedorowitsch nicht fortfährt ...“
-
-Ihr Gesicht strahlte vor Freude, was Aljoscha nicht geringen Kummer
-verursachte. In dem Augenblick kehrte Katerina Iwanowna aus dem
-Nebenzimmer zurück. Sie hatte zwei Hundertrubelscheine in der Hand.
-
-„Ich habe eine große Bitte an Sie, Alexei Fedorowitsch,“ begann sie,
-sich direkt an Aljoscha wendend, mit anscheinend ruhiger, gleichmäßiger
-Stimme, als wäre wirklich nichts geschehen. „Vor einer Woche, – ja, ich
-glaube vor einer Woche – hat Dmitrij Fedorowitsch eine unüberlegte und
-ungerechte Tat begangen, eine schändliche Tat. Es gibt hier ein Lokal,
-ein Gasthaus oder so etwas ähnliches. Dort hat er einen verabschiedeten
-Offizier getroffen, einen Hauptmann, den Ihr Vater mit irgendwelchen
-Dingen beschäftigt. Dmitrij Fedorowitsch hatte sich nun aus irgendeinem
-Grunde über diesen Hauptmann geärgert, ihn am Bart gepackt und in
-Gegenwart aller Gäste in dieser erniedrigenden Weise hinaus auf die
-Straße gezogen, und man sagt, der Sohn dieses Hauptmanns, ein kleiner
-Junge, der das hiesige Gymnasium besucht, habe es gesehen und sei die
-ganze Zeit neben ihnen hergelaufen und habe laut geweint und für den
-Vater gebeten, und sei zu allen auf der Straße gelaufen, um sie zu
-bitten, seinen Vater doch zu verteidigen, doch die Leute hätten nur
-gelacht ... Verzeihen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich kann nicht ohne
-heftigen Unwillen dieser schmachvollen Handlung, die _er_ begangen hat,
-gedenken ... das ist wieder eine dieser Handlungen, zu denen sich nur
-Dmitrij Fedorowitsch in seinem Zorn hinreißen lassen kann ... und in
-seinen Leidenschaften! Ich kann nicht einmal alles so wiedergeben, ich
-kann es nicht ... Ich finde nicht die richtigen Worte. Ich habe mich
-jetzt nach dem Beleidigten erkundigt und erfahren, daß er ein sehr armer
-Mensch ist. Sein Familienname ist Ssnegireff. Er hat sich im Dienst
-irgendwie vergangen und daraufhin den Abschied bekommen ... Ich verstehe
-das nicht zu erzählen ... und jetzt ist er mit seiner ganzen Familie
-hier, mit kranken Kindern und einer, ich glaube, irrsinnigen Frau und
-lebt in furchtbarer Armut. Er war schon früher in dieser Stadt, er soll
-hier Schreiber gewesen sein. Plötzlich aber ist er unbeschäftigt! Ich
-habe jetzt meinen Blick auf Sie geworfen, das heißt, ich dachte – ach,
-ich weiß nicht, ich verwirre mich die ganze Zeit –, sehen Sie, ich
-wollte Sie bitten, mein bester Alexei Fedorowitsch, zu ihm zu gehen,
-unter einem Vorwande natürlich, zu diesem Hauptmann, – o Gott! ich komme
-immer aus dem Konzept, – und zart, vorsichtig, – geradeso, wie nur Sie
-allein es zu sagen verstehen“ (Aljoscha errötete plötzlich), „ihm diese
-Unterstützung zu übergeben, hier, diese zweihundert Rubel ... Oder nein,
-wie soll ich mich ausdrücken? Sehen Sie, das soll nicht eine Zahlung
-sein, um ihn zu beschwichtigen, damit er keine Klage einreicht – ich
-glaube, er soll dies beabsichtigt haben –, sondern einfach Mitleid, aus
-dem Wunsch zu helfen ... von mir, von mir, der Braut Dmitrij
-Fedorowitsch, nicht von ihm ... O, Sie werden es schon verstehen ... Ich
-würde selbst zu ihm fahren, aber Sie werden es viel besser machen als
-ich. Er wohnt in einer kleinen Straße, in der Seestraße, im Hause der
-Kleinbürgerin Kalmykowa ... Ich bitte Sie, Alexei Fedorowitsch, tun Sie
-das für mich, ich ... ich bin jetzt etwas ... müde. Auf Wiedersehen ...“
-
-Sie wandte sich so hastig um und verschwand so schnell hinter der
-Portiere, daß Aljoscha nichts mehr sagen konnte, – und er wollte ihr
-doch noch so vieles sagen. Er wollte sie um Verzeihung bitten, wollte
-sich beschuldigen – kurz, etwas sagen wollte er, denn sein Herz war voll
-von dem, und er wollte sie unter keiner Bedingung so verlassen. Aber
-schon ergriff ihn Frau Chochlakoff an der Hand und zog ihn hinaus. Im
-Vorzimmer hielt sie ihn wieder wie vorhin auf.
-
-„Sie ist stolz, sie quält sich selbst, aber sie ist gut, großmütig,
-hochherzig!“ flüsterte sie ihm zu. „O, wenn Sie wüßten, wie ich sie
-liebe, besonders zuweilen, und wie ich mich jetzt wieder über alles,
-alles freue! Lieber Alexei Fedorowitsch, Sie wissen ja noch gar nicht
-alles! So hören Sie denn, daß wir alle, alle, – ich, ihre beiden Tanten,
-– kurz, alle, sogar Lise, schon einen ganzen Monat lang nur dieses eine
-wünschen und durchsetzen wollen, daß sie sich von Ihrem geliebten
-Dmitrij Fedorowitsch, der nichts von ihr wissen will und sie überhaupt
-nicht liebt, lossagt und Iwan Fedorowitsch heiratet, den gebildetsten
-und prächtigsten jungen Mann, der sie mehr als alles auf der Welt liebt.
-Wir haben doch hier eine ganze Verschwörung gebildet, und ich fahre
-vielleicht nur deswegen noch nicht fort ...“
-
-„Aber sie weinte doch, sie ist doch wieder beleidigt!“ unterbrach sie
-Aljoscha.
-
-„Glauben Sie nicht den Tränen einer Frau, Alexei Fedorowitsch, in
-solchen Fällen bin ich immer gegen die Frauen und für die Männer.“
-
-„Mama, Sie verderben ihn,“ ertönte Lisas Stimmchen durch die Türspalte.
-
-„Nein, ich bin die Ursache dieses Unglücks, ich trage die Schuld an
-allem!“ wiederholte der untröstliche Aljoscha, schämte sich wegen seines
-Ausfalls und bedeckte seine Augen mit der Hand.
-
-„Im Gegenteil, Sie haben wie ein Engel gehandelt, wie ein Engel, ich bin
-bereit, Ihnen das hunderttausendmal zu wiederholen!“
-
-„Mama, wieso hat er wie ein Engel gehandelt?“ ertönte wieder Lisas
-Stimme.
-
-„Es schien mir plötzlich, als ich sie beide so sah,“ fuhr Aljoscha fort,
-wie wenn er Lisa überhaupt nicht gehört hätte, „daß sie Iwan liebt, und
-so sagte ich denn auch diese Dummheit ... Aber was wird jetzt daraus
-werden!“
-
-„Was, woraus, woraus soll etwas werden?“ rief Lisa wieder ungeduldig
-durch die Tür. „Mamachen, Sie wollen mich sicherlich umbringen! Ich
-frage schon zum hundertstenmal, Sie aber antworten mir überhaupt nicht!“
-
-In dem Augenblick kam die Zofe hereingelaufen ...
-
-„Gnädige Frau, das Fräulein fühlt sich sehr schlecht ... sie weint ...
-und schlägt um sich ...“
-
-„Was, was ist da los?!“ klang Lisas erregte Stimme durch die Tür. „Mama,
-_ich_ werde sofort einen Anfall bekommen, aber nicht Katjä!“
-
-„Lise, um Gottes willen, schrei nicht so, töte mich nicht! Du bist noch
-zu jung, du darfst noch nicht alles erfahren, wovon Erwachsene sprechen,
-ich werde dir später alles erzählen, was ich dir davon erzählen kann. O
-Gott! ich komme schon, ich komme schon ... Ein hysterischer Anfall? Das
-ist vorzüglich, daß sie diesen Anfall hat! Gerade das war ja nötig! In
-solchen Fällen bin ich immer gegen die Frauen, gegen alle diese
-hysterischen Anfälle und Frauentränen. Julija, lauf sofort zurück und
-sage, daß ich schon zu ihr eile! Und daß Iwan Fedorowitsch so
-fortgegangen ist, das ist ihre eigene Schuld! Aber er wird ja nicht
-fortfahren. Lise, um Gottes willen schrei nicht so! Ach, du schreist ja
-gar nicht, nur ich rege mich so auf, verzeih deiner Mama, aber ich bin
-ganz entzückt, ganz entzückt davon, entzückt sage ich Ihnen! Sie haben
-auch bemerkt, Alexei Fedorowitsch, als was für ein junger,
-leidenschaftlicher junger Mann sich Iwan Fedorowitsch vorhin plötzlich
-erwies! Ich glaubte immer, er sei ein so gelehrter Akademiker, und
-plötzlich ist er so glühend-temperamentvoll, so offenherzig und jung,
-geradeso – so unerfahren und jung, das war wirklich so reizend an ihm,
-ganz als ob Sie es gewesen wären ... Und wie er noch diese deutschen
-Worte zitierte – aber _ganz_ wie Sie! Ach, ich laufe, ich eile schon!
-Gehen Sie, beeilen Sie sich, diesen Auftrag auszuführen und kommen Sie
-schnell zurück! Lise, brauchst du nicht etwas? Halt ihn nur keine Minute
-auf, er wird gleich zu dir zurückkehren.“
-
-Frau Chochlakoff eilte schließlich wirklich fort. Aljoscha wollte, bevor
-er fortging, noch einmal die Tür zu Lisas Zimmer öffnen.
-
-„Auf keinen Fall!“ rief ihm Lise empört zu, „jetzt unter keiner
-Bedingung mehr! Sprechen Sie so, durch die Tür. Für was für eine
-Heldentat werden Sie zum Engel erhoben? Nur das allein will ich wissen.“
-
-„Für eine furchtbare Dummheit, Lise! Auf Wiedersehen!“
-
-„Unterstehen Sie sich nicht, so fortzugehen!“ rief Lisa empört.
-
-„Lise, ich habe großes Herzeleid! Ich werde sofort zurückkommen, aber
-ich habe großen, großen Kummer!“
-
-Und er verließ schnell das Zimmer und das Haus.
-
-
- VI.
- In der Stube
-
-Er hatte wirklich ein ernstes Herzeleid, eines, wie er es bis dahin nur
-selten empfunden. Er hatte sich so dumm in fremde Angelegenheiten
-hineingemischt und noch dazu in Liebesangelegenheiten! „Aber was
-verstehe ich denn von solchen Sachen, wie kann ich mich nur in solche
-Angelegenheiten hineinmischen?“ wiederholte er vorwurfsvoll und immer
-wieder errötend wohl schon zum hundertstenmal. „Ach, die Schande wäre ja
-noch nichts, die Schande ist nur wohlverdiente Strafe; das Furchtbare
-ist nur, daß ich die Ursache neuen Unglücks bin ... Und der Staretz hat
-mich doch geschickt, um zu versöhnen und zu vereinigen. Vereinigt man
-denn etwa so?“ Bei diesem Gedanken fiel ihm plötzlich wieder ein, wie er
-„die Hände vereinigt“ hatte, und heiße Scham stieg in ihm auf. „Wenn ich
-auch alles aufrichtig getan habe, so muß ich künftig doch klüger sein,“
-schloß er plötzlich – und lächelte nicht einmal über diese Folgerung.
-
-Der Auftrag Katerina Iwanownas führte ihn in die Seestraße, da aber
-Dmitrij Fedorowitschs Wohnung gerade auf dem Wege dorthin lag, beschloß
-Aljoscha, zuerst noch zum Bruder zu gehen, obgleich er ahnte, daß er ihn
-nicht zu Hause antreffen werde. Er vermutete sogar, daß Dmitrij sich
-jetzt vielleicht absichtlich vor ihm versteckte, trotzdem wollte er ihn
-unbedingt aufsuchen, einerlei wo. Die Zeit aber drängte. Der Gedanke an
-den sterbenden Staretz hatte ihn seit der Stunde, da er aus dem Kloster
-gegangen war, keinen Augenblick verlassen.
-
-Es fiel ihm wieder ein, was Katerina Iwanowna von dem Hauptmann erzählt
-hatte, und wieder fragte sich Aljoscha, ob nicht jener kleine Knabe, der
-die Schule besuchte und laut weinend neben dem Vater einhergelaufen war,
-als Dmitrij ihn am Barte gezogen hatte – ob das nicht derselbe kleine
-Junge sein konnte, der ihn in den Finger gebissen hatte? Wäre das doch
-die Antwort gewesen auf seine Frage, wodurch er ihn beleidigt hätte.
-Schließlich war Aljoscha fast überzeugt davon, ohne eigentlich selbst zu
-wissen warum, daß jener Knabe der Sohn des beleidigten armen Hauptmanns
-sei. Mit solchen nebensächlichen Gedanken zerstreute er sich und
-brauchte nicht mehr an das von ihm angestiftete „Unglück“ zu denken und
-sich mit Vorwürfen zu quälen, sondern konnte etwas Gutes tun. Und bei
-diesem Gedanken beruhigte er sich schließlich. Als er dann beim
-Einbiegen in die Querstraße zu Dmitrij plötzlich Hunger verspürte, nahm
-er aus seiner Kuttentasche das Franzbrot, das er beim Vater eingesteckt
-hatte, und aß es unterwegs auf. Das stärkte wieder ein wenig seine
-Lebensgeister.
-
-Der Bruder war natürlich nicht zu Hause. Die Hauswirte – ein alter
-Tischlermeister, dessen Sohn und die alte Frau – blickten Aljoscha etwas
-mißtrauisch an. „Er nächtigt schon den dritten Tag nicht hier, es ist
-möglich, daß er ausgefahren ist,“ antwortete der Alte auf Aljoschas
-wiederholte Frage. Da sah Aljoscha ein, daß jener offenbar auf einen
-gegebenen Befehl nicht antworten wollte. Auf seine Frage: „Ist er
-vielleicht bei Gruschenka, oder versteckt er sich bei Foma?“ (Aljoscha
-fragte absichtlich so indiskret), blickten ihn alle drei nur höchst
-erschrocken an. „Müssen ihn wohl gern haben, wenn sie so zu ihm halten,“
-dachte Aljoscha, „das ist gut.“
-
-Endlich fand er auch in der Seestraße das Haus der Kleinbürgerin
-Kalmykowa, ein altes schiefes Häuschen, das nur drei Fenster zur Straße
-hatte. Der Eingang führte durch den schmutzigen Hof. Als Aljoscha durch
-die Pforte trat, sah er gerade in der Mitte des Hofes einsam eine
-unangebundene Kuh stehen. Links vom Flur wohnte die alte Hausbesitzerin
-mit ihrer gleichfalls alten Tochter; beide waren taub, wie es schien.
-Auf seine mehrmals wiederholte Frage nach dem Hauptmann wies schließlich
-die eine von ihnen, die erraten hatte, daß man zu ihren Mietern wollte,
-auf die gegenüberliegende Tür. Die Wohnung des verabschiedeten
-Hauptmanns war also tatsächlich in diesem Hause. Aljoscha wollte schon
-die eiserne Klinke ergreifen und die Tür aufmachen, als ihm plötzlich
-die ungewöhnliche Stille, die hinter der Tür herrschte, auffiel.
-Katerina Iwanowna hatte ihm doch gesagt, daß der Hauptmann verheiratet
-sei und eine ganze Familie habe. „Entweder schlafen sie alle, oder
-vielleicht haben sie gehört, daß ein Fremder eingetreten ist, und warten
-jetzt, daß ich eintrete; ich werde doch lieber zuerst klopfen,“ dachte
-er und klopfte an die Tür. Die Antwort kam aber erst nach einiger Zeit,
-vielleicht erst nach einer halben Minute.
-
-„Wer da?“ schrie jemand mit lauter und absichtlich wütender Stimme.
-
-Aljoscha machte die Tür auf und trat über die Schwelle. Er befand sich
-in einer zwar sehr großen Bauernstube, die aber doch von Menschen und
-verschiedenem Hausgerät ganz eingenommen war. Links stand ein großer
-russischer Ofen. Von diesem Ofen war zum linken Fenster durch das ganze
-Zimmer eine Schnur gezogen, auf der verschiedene Lappen hingen. An
-beiden Wänden rechts und links stand je ein Bett, mit gehäkelter Decke
-überdeckt. Auf dem Bette links war aus vier Kopfkissen ein ganzer Berg
-errichtet; von diesen vier, die alle in Kattunbezügen staken, war eines
-immer kleiner als das andere. Dagegen lag auf dem Bett an der rechten
-Wand nur ein einziges ganz kleines Kissen. In der vorderen Ecke war ein
-kleiner Raum durch einen Vorhang abgeteilt, oder richtiger, durch ein
-Bettuch, das gleichfalls über einer quer vor die Ecke gezogenen Schnur
-hing. Hinter diesem Vorhang blickte ein drittes, auf einer Truhe und
-einem vorgeschobenen Stuhl aufgeschlagenes Bett hervor. Ein einfacher
-viereckiger Bauerntisch war von der vorderen Ecke zum mittleren Fenster
-geschoben. Alle drei Fenster, von denen jedes nur vier kleine, grüne,
-von Staub und Regen trübe Fensterscheiben hatte, ließen nicht gerade
-viel Licht herein und waren zudem so dicht geschlossen, daß man die
-Zimmerluft als recht drückend empfand. Auf dem Tisch stand eine
-Bratpfanne mit dem Rest von einem unsauberen Rührei, ein angebissenes
-Stück Brot und außerdem eine Halbliterflasche, in der nur noch ein wenig
-von dem übriggeblieben war, was viele Menschen über ihr Leid
-hinwegbringt. Auf einem Stuhl neben dem Bett links saß eine Frau in
-einem einfachen Kattunkleide; doch sah sie wie eine Dame aus. Sie war
-sehr mager und etwas gelblich im Gesicht; ihre stark eingefallenen
-Wangen verrieten sofort, daß sie krank sein mußte. Am meisten aber fiel
-Aljoscha der Blick dieser armen Dame auf: er war ungemein forschend und
-zu gleicher Zeit äußerst hochmütig. Während der ganzen Zeit, in der
-Aljoscha mit dem Hauptmann sprach, gingen ihre großen braunen Augen
-unveränderlich stolz und fragend von einem der Sprechenden zum anderen.
-Neben dieser Dame stand am linken Fenster ein junges Mädchen mit einem
-nicht gerade schönen Gesicht und dünnem, rötlichem Haar; es war ärmlich,
-doch sehr sauber gekleidet. Feindselig betrachtete sie den eingetretenen
-Aljoscha. Rechts, gleichfalls zwischen Bett und Fenster, saß noch ein
-drittes weibliches Wesen. Das schien ein armes Geschöpf zu sein,
-gleichfalls ein junges Mädchen, von zwanzig Jahren, doch war es
-verwachsen und lahm, d. h. ihre Füße waren verdorrt, wie Aljoscha später
-erfuhr. Ihre Krücken standen neben ihr in der Ecke zwischen der Wand und
-dem Bett. Die auffallend schönen und guten Augen des armen Mädchens
-blickten Aljoscha ruhig und sanftmütig an. Am Tisch saß, das Rührei
-verzehrend, ein Herr von etwa fünfundvierzig Jahren, mittlerer Größe,
-augenscheinlich ein schwächlicher Mensch mit rötlichem Haar und einem
-rötlichen, spärlichen Bärtchen, das auffallend einem zerfaserten
-Lindenbastwisch glich (dieser Vergleich und besonders das Wort
-„Bastwisch“ zuckten Aljoscha aus irgendeinem Grunde schon beim ersten
-Blick auf diesen Bart durch den Sinn, dessen erinnerte er sich noch
-später). Offenbar hatte dieser selbe Herr auch das „Wer da?“ gerufen, da
-außer ihm nur Frauen im Zimmer waren. Als aber Aljoscha etwas vortrat,
-sprang der Herr von der Bank, auf der er am Tisch gesessen hatte, auf
-und flog, sich mit einer durchlöcherten Serviette den Mund wischend,
-Aljoscha entgegen.
-
-„Ein Mönch, der für ein Kloster bittet – der ist zu den Richtigen
-gekommen!“ sagte laut das am linken Fenster stehende Mädchen.
-
-Doch der Herr, der Aljoscha entgegengestürzt war, drehte sich im
-Augenblick auf dem Hacken um und antwortete mit erregter, vor Aufregung
-fast stockender Stimme:
-
-„Nein, verehrteste Warwara Nikolajewna, diesmal täuschen Sie sich,
-Verehrteste, haben es nicht erraten! Gestatten Sie“ – damit wandte er
-sich geschwind wieder zu Aljoscha – „mich nach der Ursache Ihres
-Besuches meines ... ‚Inneren‘ zu erkundigen?“
-
-Aljoscha betrachtete ihn aufmerksam, da er ihn zum erstenmal sah. Es war
-etwas Eckiges, Hastendes, Gereiztes an ihm. Er hatte wohl Schnaps
-getrunken, doch war er nicht betrunken. Sein Gesicht drückte eine
-gewisse äußerste Frechheit aus, und zu gleicher Zeit – das war wirklich
-sonderbar – offenbare Feigheit. Er glich einem Menschen, der sich lange
-Zeit unterworfen und vieles erlitten hat, plötzlich aber vorspringt und
-auftrumpfen will. Oder richtiger: einem Menschen, der einen maßlos gern
-schlagen will, und der doch sehr fürchtet, daß man ihn schlagen könnte.
-In seinen Reden und dem Klang seiner ziemlich schrillen Stimme lag ein
-gewisser mißratener Humor, der bald boshaft, bald ängstlich war, nie im
-Ton blieb und immer wieder abbrach. Die Frage nach dem Besuch des
-„Inneren“ stellte er gleichsam am ganzen Körper zitternd und so nah auf
-Aljoscha zutretend, daß der unwillkürlich einen Schritt zurückwich.
-Gekleidet war der Herr in einen dunklen, nankingartigen Überzieher, der
-sehr schlecht zusammengenadelt und überall geflickt war. Die Beinkleider
-dagegen waren auffallend hell, wie sie niemand mehr trug, und aus sehr
-dünnem, karriertem Stoff; unten waren sie stark verknüllt, außerdem sehr
-kurz, ganz als wäre er aus ihnen wie ein kleiner Junge herausgewachsen.
-
-„Ich bin ... Alexei Karamasoff ...“ antwortete Aljoscha.
-
-„Das begreifen wir vortrefflich,“ unterbrach ihn sofort der Herr, womit
-er zu verstehen gab, daß er ihn schon kannte. „Ich dagegen bin Hauptmann
-Ssnegireff; trotzdem wäre es wünschenswert, die Ursache Ihres Besuches
-...“
-
-„Ich ... bin nur so hergekommen ... Ich wollte eigentlich von mir aus
-Ihnen ein paar Worte sagen ... Wenn Sie es nur gestatten ...“
-
-„In diesem Falle – bitte, hier ist ein Stuhl, geruhen Sie, Platz zu
-nehmen, wie man in den alten Komödien sagt ...“ und der Hauptmann
-ergriff mit hastiger Bewegung einen gewöhnlichen Bauernstuhl und stellte
-ihn fast in die Mitte des Zimmers; darauf zog er noch für sich
-irgendeinen Stuhl herbei und setzte sich Aljoscha gegenüber, und wieder
-rückte er so nah heran, daß ihre Knie sich fast berührten. Er blickte
-ihm unbeweglich ins Gesicht.
-
-„Ich bin Nikolai Iljitsch Ssnegireff, gewesener Hauptmann der russischen
-Infanterie, und wenn ich auch durch meine Laster in Schimpf und Schande
-geraten bin, so bleibe ich doch gewesener Hauptmann. Eigentlich sollte
-ich jetzt eher sagen: Hauptmann Sslowojerrssoff[15] und nicht mehr
-Ssnegireff, denn in der zweiten Hälfte meines Lebens habe ich begonnen,
-das ‚S‘ anzuhängen.[16] Ja, das lernt man in der Erniedrigung.“
-
-„Das ist schon so,“ meinte Aljoscha lächelnd, „nur fragt es sich, ob man
-es unwillkürlich oder absichtlich lernt?“
-
-„Bei Gott, unwillkürlich. Zeitlebens habe ich nicht so gesprochen,
-plötzlich aber fiel ich, und als ich aufstand, sprach ich das ‚S‘ zu
-Ende der Worte. Das geschieht durch eine höhere Macht ... Ich sehe, daß
-Sie sich für zeitgenössische Fragen interessieren. Wodurch nun habe ich
-solch ein Interesse erregt, denn ich lebe, wie Sie sehen, so, daß ich
-Gäste im allgemeinen nicht empfangen kann.“
-
-„Ich bin ... in derselben Angelegenheit gekommen ...“
-
-„In derselben Angelegenheit?“ unterbrach ihn der Hauptmann ungeduldig.
-
-„Wegen jener Angelegenheit mit meinem Bruder Dmitrij Fedorowitsch,“
-sagte Aljoscha ungeschickt.
-
-„Welch eine Angelegenheit meinen Sie? Doch nicht wegen jener selben?
-Also wegen des Lindenbastwischs, des Badebastwischs?“ Er rückte
-plötzlich noch näher, so daß er diesmal Aljoscha tatsächlich mit den
-Knien berührte. Seine Lippen preßten sich ganz absonderlich zusammen;
-sie wurden so schmal wie ein Bindfaden.
-
-„Was für ein Badebastwisch?“ stotterte Aljoscha.
-
-„Nein, Papa, er ist gekommen, um sich über mich zu beklagen!“ rief
-plötzlich das Aljoscha schon bekannte Stimmchen seines kleinen Feindes
-aus der Ecke hinter dem Vorhange. „Ich habe ihn vorhin in den Finger
-gebissen.“
-
-Der Vorhang wurde zur Seite gezogen, und Aljoscha erblickte seinen
-kleinen Feind aus der Michailoffstraße auf einem Bettchen, das man dort
-in der Ecke unter den Heiligenbildern auf der Truhe und dem Stuhl
-aufgeschlagen hatte. Der Knabe war mit seinem Mäntelchen und einem
-alten, wattierten Deckchen zugedeckt. Er schien nicht ganz wohl zu sein
-und, nach den brennenden Augen zu urteilen, Fieber zu haben. Doch jetzt
-blickte er furchtlos Aljoscha an. „Zu Hause kriegst du mich nicht!“
-sagte sein Blick.
-
-„Was hat er gebissen? Wie, einen Finger?“ fragte der Hauptmann
-erschrocken und wollte schon aufspringen. „Hat er Ihren Finger
-gebissen?“
-
-„Ja, meinen. Vorhin bewarfen er und seine Mitschüler sich auf der Straße
-mit Steinen; er war allein, sie aber waren ganze sechs. Als ich darauf
-zu ihm trat, warf er einen Stein auf mich und dann noch einen. Ich
-fragte ihn, was ich ihm denn getan hätte; er aber stürzte sich auf mich
-und biß mich schmerzhaft in den Finger, warum, weiß ich nicht.“
-
-„Werde ihn sofort durchhauen! Sofort, im Augenblick!“ Der Hauptmann
-sprang erregt von seinem Stuhl auf.
-
-„Aber ich beklage mich doch nicht, ich erzählte es doch nur ... Ich will
-durchaus nicht, daß Sie ihn dafür durchhauen! Und er ist ja, glaube ich,
-krank ...“
-
-„Und Sie dachten, daß ich ihn wirklich bestrafen werde? daß ich
-Iljuschetschka nehmen und ihn sofort vor Ihren Augen schlagen werde, zu
-Ihrer Genugtuung? sofort? hier auf der Stelle?“ Der Hauptmann wandte
-sich mit einer Gebärde zu Aljoscha, als wolle er sich auf ihn stürzen.
-„Es tut mir leid, mein Herr, um Ihren Finger; aber wollen Sie nicht, daß
-ich, eher als daß ich Iljuschetschka schlage, sofort alle meine vier
-Finger, hier auf der Stelle, vor Ihren Augen abhacke, sehen Sie, mit
-diesem Messer, um Ihnen Genugtuung zu gewähren? Vier Finger, denke ich,
-werden zur Stillung Ihres Rachedurstes genügen, oder wollen Sie auch
-noch den fünften dazu? ...“
-
-Er verstummte, als ob ihm plötzlich die Stimme versagt hätte. Jeder Nerv
-seines Gesichtes ging und zuckte, doch blickte er Aljoscha
-herausfordernd an. Er schien seiner selbst nicht mehr mächtig zu sein.
-
-„Ich glaube jetzt alles zu verstehen,“ sagte Aljoscha, der sitzen blieb,
-leise und traurig. „Ihr Junge ist also ein guter Knabe, der seinen Vater
-liebt und mich als Bruder Ihres Beleidigers gebissen hat ... Das sehe
-ich jetzt wohl ein,“ sagte er nachdenklich. „Mein Bruder Dmitrij
-Fedorowitsch bereut seine Handlung, das weiß ich, und wenn er nur zu
-Ihnen kommen könnte, oder besser, wenn er Sie dort in demselben Lokal
-wieder treffen könnte, so würde er Sie in Gegenwart aller um Verzeihung
-bitten ... Wenn Sie es wünschen.“
-
-„Also: ‚er hat das Bärtchen ausgerissen und darauf um Verzeihung
-gebeten‘ – was will man mehr; er hat alles wieder gut gemacht, nicht
-wahr?“
-
-„O nein, im Gegenteil, er wird alles tun, was Sie wollen, und wie Sie es
-wollen!“
-
-„Das heißt also, wenn ich Seine Erlaucht bitten würde, in demselben
-Lokal – ‚Zur Hauptstadt‘ heißt es – oder auf dem Großen Platz gefälligst
-vor mir niederzuknien, so würde er es tun?“
-
-„Ja, er würde niederknien.“
-
-„Sie entwaffnen mich, Sie rühren und entwaffnen mich! Bin nur gar zu
-geneigt, die Großmut Ihres Herrn Bruders zu empfinden. Gestatten Sie
-mir, Ihnen meine Familie vorzustellen: meine beiden Töchter und mein
-Sohn – mein ganzes Nest. Wenn ich nun sterbe, wer wird sie dann noch
-lieben? Solange ich aber noch lebe – wer kann mich garstiges Kerlchen
-außer ihnen lieben? Etwas Großes hat Gott damit für einen jeden kleinen
-Menschen von meiner Art geschaffen, Verehrtester. Denn, nicht wahr, auch
-ein Mensch wie ich, muß jemanden zum Lieben haben ...“
-
-„Da sagen Sie ein wahres Wort!“ meinte Aljoscha herzlich.
-
-„Ach, hören Sie doch endlich auf, den Hampelmann zu spielen, Papa! Es
-braucht nur irgendein Dummkopf herzukommen, so erniedrigen Sie sich
-sofort!“ rief ganz unerwartet das Mädchen am Fenster ihrem Vater mit
-gereizter Stimme und verächtlicher Miene zu.
-
-„Gedulden Sie sich noch einen Augenblick, Warwara Nikolajewna, und
-lassen Sie mich im Stil bleiben,“ rief ihr der Vater, wenn auch in
-befehlendem Tone, so doch mit billigendem Blicke zu. „Das ist nun einmal
-so ihr Charakter,“ fügte er darauf, zu Aljoscha gewandt, hinzu.
-
-„‚Kein einziges Ding in dieser Welt fand seine Billigung!‘ wie der
-Dichter sagt; nur müßte er sich in diesem Falle im Femininum ausdrücken:
-‚fand ihre Billigung‘. Jetzt aber gestatten Sie mir, Sie auch meiner
-Frau vorzustellen: hier, Arina Petrowna, zwar nur eine lahme Dame – von
-dreiundvierzig Jahren –, die Füße tragen sie nur wenig, gehört zu den
-Einfachen, Verehrtester. Arina Petrowna, glätten Sie Ihre Züge: – Alexei
-Fedorowitsch Karamasoff, erheben Sie sich, Verehrtester.“ Damit ergriff
-er Aljoschas Hand und zog ihn mit einer Kraft, die man ihm gar nicht
-zugetraut hätte, in die Höhe, noch bevor der sich besinnen konnte. „Sie
-werden einer Dame vorgestellt, da müssen Sie sich erheben. Das ist nicht
-jener Karamasoff, Mamachen, der ... hm, und so weiter, sondern sein
-Bruder, der sich durch demütige Tugenden auszeichnet. Gestatten Sie,
-Arina Petrowna, gestatten Sie, Mütterchen, Ihnen vorläufig die Hand zu
-küssen.“
-
-Und er küßte ehrerbietig, sogar zärtlich die Hand seiner Frau. Das
-Mädchen am Fenster wandte der Szene unwillig den Rücken zu. Der
-hochmütig-fragende Gesichtsausdruck der Frau dagegen verwandelte sich
-plötzlich in einen ungewöhnlich freundlichen.
-
-„Guten Tag; setzen Sie sich, Herr Tschernomasoff,“ sagte sie.
-
-„Karamasoff, Mütterchen, Karamasoff – wir sind einfache Leute,“
-flüsterte er wieder Aljoscha zu.
-
-„Nun, Karamasoff oder wie sonst, ich sage immer Tschernomasoff ...
-Setzen Sie sich doch! warum hat er Sie nur belästigt? Eine lahme Dame,
-sagte er, das ist wohl wahr, denn wenn ich auch meine Füße noch habe, so
-sind sie doch wie die Eimer geschwollen, ich selbst bin gänzlich
-verdorrt. Früher war ich so dick, jetzt aber bin ich, als ob ich eine
-Nadel verschluckt hätte ...“
-
-„Wir sind einfache Leute, einfache Leute,“ sagte noch einmal der
-Hauptmann.
-
-„Papa, ach Papa!“ sagte plötzlich das bucklige Mädchen, das bis dahin
-geschwiegen hatte, und bedeckte das Gesicht mit dem Taschentuch.
-
-„Spielt wieder den Bajazzo!“ stieß die andere am Fenster hervor.
-
-„Sehen Sie, was es für Neuigkeiten bei uns gibt,“ sagte die Mama, auf
-die Töchter weisend, „ganz wie vorüberziehende Wolken; sind die Wolken
-vorübergezogen, so beginnt von neuem unsere Musik. Früher, als mein Mann
-noch Militär war, kamen viele Gäste zu uns. Ich will das ja nicht mit
-dem vergleichen, was jetzt ist. Wenn einmal einer jemanden liebt, so
-soll er ihn auch lieben. Da kam denn auch die Frau des Diakons zu mir
-und sagte: Alexander Alexandrowitsch ist in der Seele der beste Mensch,
-Nastassja Petrowna aber, sagt sie, ist die wahre Höllenbrut. – Nun,
-antwortete ich, das kommt darauf an, wer wen vergöttert, du aber bist
-wohl nur ein kleines Häufchen, stinkst jedoch gehörig. – Dich aber,
-sagte sie, muß man unterm Daumen halten. – Ach du, sage ich, du
-schwarzer Schleppsäbel, wen bist du hier belehren gekommen? – Ich, sagte
-sie, ich lasse reine Luft herein, du aber bist unreine Luft. – Frage
-doch, sage ich ihr, frage doch alle Herren Offiziere, ob in mir
-schlechte Luft ist, oder was sonst für eine? Und das sitzt mir seit der
-Zeit so sehr auf dem Herzen, daß ich noch vor einigen Tagen – ich saß
-ganz so wie jetzt – diesen General hier eintreten sah, denselben, der
-auch zu Ostern schon hier war: Was, frage ich ihn, Exzellenz, kann man
-wohl einer vornehmen Dame reine Luft zulassen? – Ja, antwortete er, man
-müßte hier wirklich ein Klappfenster oder die Tür ein wenig aufmachen,
-denn auch mir scheint es, daß die Luft hier bei Ihnen nicht sehr frisch
-ist. Nun, und so sind sie alle. Und was haben sie nur an meiner Luft
-auszusetzen? Tote riechen doch noch viel schlechter. Ich sagte darauf:
-Werde eure Luft nicht mehr verderben, werde mir Schuhe bestellen und
-fortgehen. Meine Lieben, meine Täubchen, macht doch eurer leiblichen
-Mutter keine Vorwürfe! Nikolai Iljitsch, mein Väterchen, oder mache ich
-es dir denn nicht recht? Alles, was ich habe, ist doch, daß
-Iljuschetschka aus der Schule heimkehrt und mich liebt. Gestern hat er
-mir noch einen Apfel mitgebracht. Verzeiht, verzeiht, meine Lieben,
-eurer leiblichen Mutter, verzeiht mir Einsamen, aber wodurch ist euch
-nur meine Luft so zuwider geworden?“
-
-Und die arme Irrsinnige brach in Tränen aus, in Strömen flossen ihre
-Tränen herab. Der Hauptmann sprang sofort eilig zu ihr hin.
-
-„Mütterchen, Mütterchen, Täubchen, laß gut sein, laß gut sein! Bist doch
-nicht einsam. Alle lieben dich, alle vergöttern dich!“ Und wieder küßte
-er ihre Hände und streichelte ihr Gesicht; und plötzlich nahm er die
-Serviette und begann ihre Tränen abzuwischen. Aljoscha schien es, daß
-auch seine Augen feucht erglänzten. „Nun, Verehrtester, haben Sie
-gesehen, gehört?“ fragte er plötzlich, fast jähzornig Aljoscha und wies
-dabei auf die arme Schwachsinnige.
-
-„Ich sehe und höre,“ sagte Aljoscha leise.
-
-„Papa, Papa! Wie kannst du nur mit ihm ... Laß ihn doch, Papa!“ rief
-plötzlich der Knabe, der sich auf seinem Lager erhoben hatte und den
-Vater mit heißem Blick ansah.
-
-„Wann werden Sie endlich aufhören, Ihre dummen Possen zu spielen, die
-doch nie zu etwas Gescheitem führen! ...“ rief ihm aus derselben Ecke
-bereits ganz aufgebracht Warwara Nikolajewna zu und stampfte mit dem
-Fuße auf.
-
-„Diesmal sind Sie vollkommen im Recht, wenn Sie außer sich geraten,
-Warwara Nikolajewna, und ich werde Sie gern zufriedenstellen. Nun,
-nehmen Sie mal Ihre Mütze, Alexei Fedorowitsch, und auch ich werde
-meinen Hut nehmen, und gehen wir, Verehrtester. Ich muß noch ein ernstes
-Wörtchen mit Ihnen reden, nur außerhalb dieser Wände. Sehen Sie dieses
-sitzende Mädchen – das ist meine Tochter Nina Nikolajewna, ich vergaß
-es, Sie ihr vorzustellen: ein leibhaftiger Engel Gottes ... der zu uns
-Sterblichen herniedergeflogen ist ... wenn Sie das nur begreifen können
-...“
-
-„Er zittert ja am ganzen Körper, als ob er Krämpfe hätte,“ stieß Warwara
-Nikolajewna wieder unwillig hervor.
-
-„Und diese dort, die jetzt vor Unwillen über mich mit den Füßchen
-stampft und mich vor kurzem Bajazzo betitelte – das ist gleichfalls ein
-leibhaftiger Engel Gottes, und sie hat mich auch ganz richtig benannt.
-Doch gehen wir jetzt, Verehrtester, dem muß man ein Ende machen ...“
-
-Sie gingen hinaus auf die Straße.
-
-
- VII.
- Und in frischer Luft
-
-„Hier ist die Luft frisch und rein: in meinem Hause aber ist es wirklich
-nicht frisch – sogar in keiner Beziehung. Gehen wir langsam,
-Verehrtester. Gern würde ich Sie für mich interessieren.“
-
-„Und auch ich habe Wichtiges mit Ihnen zu sprechen ...“ bemerkte
-Aljoscha, „nur weiß ich nicht, wie ich anfangen soll.“
-
-„Wie sollten Sie denn nichts zu besprechen haben! Wären Sie doch sonst
-nie zu mir gekommen. Oder sind Sie vielleicht nur gekommen, um sich über
-den Jungen zu beklagen? Das ist doch unwahrscheinlich. Ach, bei der
-Gelegenheit: ich konnte Ihnen dort nicht alles so erklären, aber hier
-werde ich Ihnen alles sagen. Sehen Sie, der Bastwisch war noch vor einer
-Woche viel dichter – ich rede von meinem Bärtchen; dieses Bärtchen heißt
-ja der Bastwisch, so haben es die Schuljungen doch benannt. Nun, sehen
-Sie, wie mich da Ihr Bruder Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff am Barte
-zog, wegen nichts und wieder nichts, er suchte einfach Händel, und ich
-kam ihm in die Quere – da zog er mich hinaus auf den Großen Platz, und
-da kamen gerade die Schuljungen aus der Schule und unter ihnen auch
-Iljuscha. Wie der mich so am Bart gezogen erblickte, stürzte er zu mir:
-‚Papa!‘ schreit er, ‚Papa!‘ hält mich, umarmt, umklammert mich, will
-mich befreien, losreißen, schreit meinem Beleidiger zu: ‚Verzeihen Sie,
-verzeihen Sie, das ist doch mein Papa, mein Papa, verzeihen Sie ihm!‘ –
-fleht, wie ich sage ‚Verzeihen Sie!‘ – umklammert ihn mit seinen kleinen
-Ärmchen und küßt, küßt seine Hand ... Ich weiß, ich weiß noch, was für
-ein Gesichtchen er in diesem Augenblick hatte, habe es nicht vergessen
-und werde es auch nie vergessen! ...“
-
-„Ich schwöre Ihnen,“ sagte Aljoscha sofort, „mein Bruder wird Ihnen in
-der aufrichtigsten Weise sein tiefes Bedauern, seine Reue beweisen,
-meinetwegen kniend auf demselben Platz; ich werde ihn dazu zwingen, oder
-er wird nicht mehr mein Bruder sein!“
-
-„Ach so, dann war das also nur ein Projekt. Dann ging das nicht von ihm
-aus, sondern wurde nur von Ihnen in einer heißen Regung Ihres guten
-Herzens gesagt. Ja, dann hätten Sie es aber auch so darstellen sollen.
-Nein, Verehrtester, da lassen Sie mich zuerst einmal alles sagen, zumal
-ich die ritterliche Offiziershaltung Ihres Bruders nicht verheimlichen
-will, o nein, denn die hat er damals tatsächlich bewiesen. Als er
-nämlich endlich meinen Bart losließ und mich freigab, sagte er: ‚Wir
-sind beide Offiziere, wenn du einen Sekundanten finden kannst, einen
-anständigen Menschen, so schick ihn zu mir – werde dir Satisfaktion
-geben, wenn du auch ein Schurke bist!‘ Sehen Sie, das sagte er! Das war
-wahrhaft ritterlicher Geist! Wir entfernten uns damals, Iljuscha und
-ich, doch dieses Bild ist auf ewig in Iljuschenkas Seele geblieben. Wie
-soll ich mich denn mit ihm duellieren! Sagen Sie sich doch selbst, Sie
-sind doch soeben in meiner Wohnung gewesen – was haben Sie gesehen? Drei
-Damen sitzen dort, von denen ist die eine ohne Füße und schwachsinnig,
-die andere ohne Füße und verwachsen, die dritte aber hat Füße und ist
-beinahe gar zu klug, ist Studentin und will unbedingt wieder nach
-Petersburg, um dort an den Ufern der Newa die Rechte der russischen Frau
-zu suchen. Von Iljuscha rede ich schon gar nicht, der ist erst neun
-Jahre alt, mutterseelenallein. Wenn ich aber nun sterbe – was soll dann
-mit meinem ganzen Nest werden, nur das allein frage ich Sie? Wenn ich
-ihn nun fordere und er mich erschießt, was dann? Was soll dann aus ihnen
-werden? Oder, was noch schlimmer wäre, wenn er mich zum Krüppel schießt?
-Arbeiten und verdienen ist dann ausgeschlossen, der Mund aber bleibt,
-und wer wird ihn dann füttern, diesen Mund, und wer wird sie dann alle
-ernähren? Oder sollte ich Iljuscha anstatt in die Schule täglich betteln
-schicken? Da sehen Sie, was das für mich bedeuten würde: ihn zum Duell
-herauszufordern. Ein dummes Wort ist das und weiter nichts.“
-
-„Er wird Sie um Verzeihung bitten, er wird sich dort mitten auf dem
-Platz vor Ihnen bis zur Erde verneigen!“ rief Aljoscha mit aufflammendem
-Blick aus.
-
-„Ich wollte die Sache vor Gericht bringen,“ fuhr der Hauptmann fort,
-„aber blättern Sie doch den Kodex durch und fragen Sie sich dann,
-wieviel ‚Schadenersatz‘ ich für persönliche Beleidigung von dem
-Beleidiger bekommen würde? Und da läßt mich noch plötzlich Agrafena
-Alexandrowna zu sich rufen und sagt: ‚Wage nicht, daran auch nur zu
-denken! Wenn du ihn vors Gericht bringst, so werde ich dafür sorgen, daß
-es alle Welt erfährt, warum er dich am Bart gezogen hat: wegen deiner
-Schurkereien, und dann wird man _dich_ verklagen.‘ Sieht doch nur Gott
-allein, durch wen besagte Schurkerei entstanden ist, auf wessen Befehl
-ich damals wie ein kleiner Kaufmann gehandelt habe, ob nicht etwa auf
-ihre eigene und Fedor Pawlowitschs Anordnung? ‚Und zudem,‘ sagte sie,
-‚werde ich dich fortjagen und dir hinfort nichts mehr von mir zu
-verdienen geben. Meinem Kaufmann werde ich es gleichfalls sagen‘ – so
-nennt sie ihn, den Alten –, ‚dann wird auch er dich nicht mehr
-beschäftigen.‘ Und so denke ich denn, wenn auch der Kaufmann mich
-fortjagt, was soll dann aus mir werden, wo kann ich dann noch verdienen?
-Sind mir doch jetzt nur noch diese beiden geblieben, da Ihr Vater Fedor
-Pawlowitsch Karamasoff mir nicht nur sein Vertrauen entzogen hat,
-sondern mich aus einem nebensächlichen Grunde, nachdem er sich meine
-Quittungen gesichert hat, obendrein noch verklagen will. Infolgedessen
-bin ich denn still geworden, und mein ‚Inneres‘ – haben Sie gesehen.
-Doch jetzt erlauben Sie zu fragen: Hat er Ihnen wirklich schmerzhaft in
-den Finger gebissen, Iljuscha meine ich? In seiner Gegenwart konnte ich
-mich nicht entschließen, auf dieses Gespräch einzugehen.“
-
-„Ja, sehr schmerzhaft, er war aber sehr gereizt. Er hat sich für Sie an
-mir, als an einem Karamasoff, gerächt, das ist mir jetzt vollkommen
-klar. Aber wenn Sie gesehen hätten, wie er seine Schulkameraden mit
-Steinen bewarf, und wie die ihm darauf antworteten! So etwas ist sehr
-gefährlich; sie können ihn totschlagen, es sind doch dumme Kinder; der
-Stein fliegt und kann den Kopf treffen.“
-
-„Und hat auch schon getroffen, nur nicht den Kopf, wohl aber die Brust:
-etwas über dem Herzen hat er einen blauen Fleck. Er kam weinend nach
-Haus, stöhnte, und jetzt ist er davon krank geworden.“
-
-„Aber er greift sie ja zuerst an, fällt als erster über sie her! Er will
-sich für Sie rächen. Die Jungen sagten, er habe einen Mitschüler,
-Krassotkin, mit dem Federmesser in die Seite gestochen ...“
-
-„Ich weiß, die Sache kann gefährlich werden. Krassotkin ist der Sohn
-eines hiesigen Beamten, da kann man noch Unannehmlichkeiten haben ...“
-
-„Ich würde Ihnen raten,“ fuhr Aljoscha fort, „ihn eine Zeitlang
-überhaupt nicht in die Schule zu schicken, bis er sich beruhigt ...
-dieser Zorn wird ja vergehen ...“
-
-„Zorn!“ griff der Hauptmann sofort das Wort auf, „Sie haben es richtig
-benannt. Er ist ein kleines Wesen, aber sein Zorn ist um so größer. Sie
-kennen noch nicht alles; erlauben Sie, daß ich Ihnen die ganze
-Geschichte erzähle. Die Sache ist nämlich die, daß ihn seit der Zeit
-alle Jungen in der Schule ‚Bastwisch‘ zu necken begonnen haben. Kinder
-sind in der Schule ein unbarmherziges Volk; einzeln sind sie die reinen
-Engel Gottes, zusammen aber sind sie erbarmungslos. So haben sie ihn
-denn geneckt, in ihm aber ist der edle Sinn erwacht. Ein gewöhnlicher
-Knabe ist ein gleichgültiger Sohn – der hätte sich in diesem Falle
-geduckt, würde sich seines Vaters geschämt haben. Iljuscha dagegen hat
-sich gegen alle für den Vater erhoben; für den Vater und für die
-Wahrheit, für die Gerechtigkeit. Denn was er damals, als er Ihrem Bruder
-die Hand küßte und ihn anflehte: ‚Verzeihen Sie meinem Papa!‘ – was er
-damals empfunden hat, das weiß nur Gott allein ... und ich. So lernen
-unsere Kinderchen – das heißt, nicht Ihre, sondern unsere, die Kinder
-der Verachteten, der anständigen Bettler, ja, so lernen unsere
-Kinderchen die Wahrheit auf Erden schon mit neun Jahren kennen. Wie
-sollten das die Reichen! Die kommen zeitlebens nicht bis zu dieser
-Tiefe! Mein Iljuscha aber hat in demselben Augenblick, als er dort auf
-dem Platz die Hand küßte, in demselben Augenblick hat er die ganze
-Wahrheit durchlebt. Diese Wahrheit durchdrang ihn und erfüllte ihn auf
-ewig!“ sagte erregt und leidenschaftlich der Hauptmann und schlug sich
-dabei mit der rechten Faust in die linke Hand, als ob er damit zeigen
-wollte, wie die „Wahrheit“ seinen Iljuscha durchdrungen und erfüllt
-hatte. „... An jenem Tage hatte er Fieber und phantasierte die ganze
-Nacht. Er sprach nur wenig mit mir, schwieg endlich ganz, nur bemerkte
-ich – wie er aus der Ecke auf mich sieht, sieht und sich immer mehr zum
-Fenster neigt und tut, als lernte er seine Aufgaben, aber ich sehe ja
-doch, daß er nicht Aufgaben im Sinn hat. Am nächsten Tage trank ich mich
-an vor Leid, weiß nicht mehr viel von diesem Tage, bin ein sündiger
-Mensch. Mütterchen hatte auch angefangen zu weinen – Mütterchen habe ich
-sehr lieb – nun, und so hatte ich mich denn berauscht. Sie,
-Verehrtester, verachten Sie mich nicht: In Rußland sind die Trinker die
-besten Menschen. Die allerbesten Menschen sind bei uns die
-allerbetrunkensten. Ich lag also am zweiten Tage und weiß nicht mehr
-viel von Iljuscha; gerade an diesem Tage aber hatten die Schüler ihn zu
-necken begonnen: ‚Bastwisch‘, haben sie ihm zugeschrien, ‚dein Vater ist
-am Bastwisch auf den Großen Platz hinausgezogen worden, du aber bist
-nebenhergelaufen und hast um Verzeihung gebeten.‘ Am dritten Tage kam er
-wieder aus der Schule, nur sehe ich – er ist gar nicht mehr zu erkennen,
-ganz bleich. Was fehlt dir? frage ich. Er schweigt. Nun, im Zimmer kann
-man nicht gut reden, da mischen sich gleich Mütterchen und die Mädchen
-hinein – zudem hatten die Mädchen alles gleich am ersten Tage erfahren.
-Warwara Nikolajewna begann schon zu brummen: ‚Bajazzo, kann er denn je
-etwas Vernünftiges tun?‘ – ‚Ganz recht,‘ antwortete ich ihr, ‚können wir
-denn je etwas Vernünftiges tun?‘ Damit machte ich mich los. In der
-Dämmerstunde ging ich dann mit dem Jungen spazieren. Sie müssen nämlich
-wissen, daß wir an jedem Abend so spazieren zu gehen pflegten, denselben
-Weg, den wir jetzt gehen, von unserer Hoftür bis zu jenem großen,
-einsamen Stein, der dort so verwaist am Zaune liegt, dort, wo die
-Stadtweide beginnt: es ist ein einsamer und schöner Platz zum Sitzen.
-Wir gehen also, Iljuscha und ich, sein Händchen ist in meiner Hand, wie
-gewöhnlich; solch ein winzig kleines Händchen hat er, so dünne, kalte
-Fingerchen – hat doch ein so schwaches, kränkliches Brüstchen. ‚Papa,‘
-sagt er, ‚Papa!‘ – Was? frage ich, sehe schon, seine Äuglein blitzen. –
-‚Papa, wie hat er dich nur ... Papa!‘ – Was ist dabei zu machen,
-Iljuscha? sage ich. – ‚Versöhne dich nicht mit ihm, Papa, söhne dich
-nicht mit ihm aus. Die Schüler sagen, er habe dir dafür zehn Rubel
-gegeben.‘ – Nein, Iljuscha, sage ich, ich werde unter keiner Bedingung
-von ihm Geld nehmen. Wissen Sie, sein ganzes Körperchen erzitterte; er
-ergriff mit beiden Händchen meine Hand und küßte sie immer wieder. –
-‚Papa,‘ sagte er, ‚Papa, fordere ihn zum Duell; in der Schule sagen sie,
-du seiest ein Feigling und würdest ihn nicht fordern, vielmehr zehn
-Rubel von ihm nehmen.‘ – Zum Duell, Iljuscha, kann ich ihn nicht
-fordern, antwortete ich und erklärte ihm kurz, wie ich es auch Ihnen
-soeben erklärt habe, warum ich es nicht kann. Er hörte mir aufmerksam
-zu: ‚Papa,‘ sagte er, ‚Papa, aber trotzdem söhne dich nicht mit ihm aus,
-ich werde groß werden, ihn dann fordern und totschlagen!‘ Seine Äuglein
-glänzen und brennen. Nun, ich bin doch sein Vater, muß ihm doch ein Wort
-der Wahrheit sagen: Es ist Sünde, sage ich, zu töten, und wäre es im
-Zweikampf. – ‚Papa,‘ sagt er, ‚Papa, ich werde ihn niederwerfen, wenn
-ich groß bin, ich werde ihm seinen Säbel mit meinem Säbel aus der Hand
-schlagen, werde mich auf ihn stürzen, ihn niederwerfen, werde meinen
-Säbel über ihm schwingen und ihm sagen: Könnte dich sofort erschlagen,
-aber ich verzeihe dir, da hast du’s!‘ – Sehen Sie, sehen Sie,
-Karamasoff, was in seinem Köpfchen inzwischen vorgegangen war, in diesen
-zwei Tagen! An diese Rache hat er ja Tag und Nacht gedacht, hat
-wahrscheinlich auch nur davon phantasiert. Nun kam er verprügelt aus der
-Schule heim; das erfuhr ich aber erst vor drei Tagen, und Sie haben
-recht: ich werde ihn nicht mehr in diese Schule schicken. Ich weiß, daß
-er allein gegen die ganze Klasse kämpft und noch selbst alle
-herausfordert. Er ist in Zorn geraten, sein Herzchen hat sich entflammt
-– mir wurde bange um ihn. Darauf gehen wir wieder spazieren. – ‚Papa,‘
-sagt er plötzlich, ‚Papa, die Reichen sind doch die Stärksten in der
-Welt?‘ – Ja, Iljuscha, sage ich, es gibt in der Welt keinen Stärkeren
-als einen Reichen. – ‚Papa, dann werde ich reich werden, werde Offizier
-werden und alle niederschlagen; der Zar wird mich belohnen, ich werde
-dann wiederkommen, und dann wird niemand mehr wagen ...‘ Darauf schwieg
-er ein wenig, seine Lippen aber zuckten immer noch. – ‚Papa,‘ sagt er
-plötzlich, ‚wie schlecht doch unsere Stadt ist, Papa!‘ – Ja, sage ich,
-Iljuschetschka, unsere Stadt ist nicht sehr gut. – ‚Papa, wollen wir in
-eine andere Stadt fahren, in eine gute,‘ sagt er, ‚wo man uns gar nicht
-kennt.‘ – Ja, das wollen wir, Iljuscha, laß mich nur erst ein wenig Geld
-zusammensparen. Ich freute mich über die Gelegenheit, ihn von seinen
-traurigen Gedanken ablenken zu können, und so begannen wir denn beide,
-uns auszumalen, wie wir in eine andere Stadt übersiedeln würden, wie wir
-uns ein Pferdchen und einen Wagen kaufen wollten. Mütterchen und die
-Schwestern setzen wir hinein und decken sie gut zu, selbst aber gehen
-wir nebenher: hin und wieder setze ich auch dich hinein, ich aber gehe
-nebenher, denn man muß doch das eigene Pferdchen schonen, alle können
-sich doch nicht hineinsetzen, und so ziehen wir dann in eine andere
-Stadt. Das entzückte ihn förmlich, und besonders, daß es unser eigenes
-Pferdchen sein würde, mit dem wir fortzogen. Sie wissen doch, daß ein
-russischer Junge bereits zusammen mit einem Pferdchen geboren wird.
-Lange schwatzten wir; Gott sei Dank, dachte ich, jetzt habe ich ihn
-etwas zerstreut und beruhigt. Das war vorgestern abend. Gestern abend
-aber zeigte sich etwas ganz anderes. Am Morgen war er wieder in die
-Schule gegangen und so finster zurückgekehrt, gar zu finster. Am Abend
-nahm ich ihn bei der Hand und brachte ihn hinaus, spazieren: er
-schweigt, spricht kein Wort. Ein Wind hatte sich erhoben, und die Sonne
-hatte sich versteckt; ein Herbsttag war’s bereits, und es dunkelte auch
-schon. Wir gingen, und beiden war uns traurig zumut. – Nun, mein Junge,
-frage ich, wie werden wir uns denn auf den Weg machen? – wollte ihn auf
-das Gespräch von unserer Reise in die andere Stadt bringen. Er schweigt.
-Nur seine Fingerchen waren in meiner Hand zusammengezuckt. Schlimmes
-Zeichen, denke ich. Und so kamen wir, wie jetzt, zu diesem Stein, ich
-setze mich auf ihn; am Himmel aber sahen wir Drachen steigen, etwa
-dreißig an der Zahl, sie summen, und ihre Schwänze klatschen. Jetzt ist
-doch die Drachenzeit. Sieh mal, Iljuscha, sage ich, es ist auch für uns
-Zeit, unseren vorjährigen Drachen steigen zu lassen. Ich werde ihn
-wieder instand setzen; wo hast du ihn nur gelassen? – Mein Junge
-schweigt, blickt zur Seite, steht schräg von mir abgewandt. Da kam mit
-einemmal ein Windstoß und wirbelte den Sand auf ... Und plötzlich warf
-er sich an mich, umklammerte mit seinen Ärmchen meinen Hals und preßte
-mich an sich. Wissen Sie, wenn kleine Kinder schweigsam und stolz sind
-und lange ihre Tränen zurückhalten, so sind es ja, wenn das Leid zu groß
-wird und sie dann einmal in Tränen ausbrechen, so sind es ja nicht mehr
-Tränen, die sie weinen, nein, wie Bäche strömt es aus ihren Augen. Und
-so flossen denn seine warmen Tränenströme über mein Gesicht. Er
-schluchzte wie im Krampf, sein ganzes Körperchen bebte; er preßte mich
-an sich, ich saß auf dem Stein. ‚Papachen,‘ rief er, ‚Papachen, liebes
-Papachen, wie hat er dich nur so erniedrigt!‘ Da schluchzte auch ich
-auf; und wir saßen und schluchzten zusammen. – ‚Papachen,‘ sagt er,
-‚Papachen!‘ – Iljuscha, sage ich ihm, mein Iljuschetschka! Niemand hat
-uns gesehen, nur Gott allein sah uns, vielleicht wird er es in mein
-Schuldbuch eintragen. Überbringen Sie Ihrem Bruder meinen Dank. Nein,
-Verehrtester, meinen Jungen werde ich nicht zu Ihrer Genugtuung
-bestrafen!“
-
-Er schloß wieder in seinem boshaft mokanten Ton. Aljoscha aber fühlte
-doch, daß der Hauptmann schon Zutrauen zu ihm gefaßt hatte, daß dieser
-Mensch nicht so geredet hätte, falls er mit einem anderen zusammen
-gewesen wäre. Das gab Aljoscha, dessen Seele vor heimlichen Tränen
-bebte, wieder Hoffnung und Mut.
-
-„Ach, ich würde mich so gern mit Ihrem Jungen anfreunden!“ sagte er
-warm. „Wenn Sie es so machen könnten ...“
-
-Der Hauptmann murmelte etwas vor sich hin.
-
-„Aber jetzt handelt es sich nicht darum, nicht darum, hören Sie mich
-an,“ fuhr Aljoscha erregt fort, „hören Sie! Ich habe einen Auftrag an
-Sie: Mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch, derselbe, der Sie beleidigt hat,
-hat auch seine Braut, von der Sie wohl schon gehört haben, beleidigt.
-Ich habe das Recht, zu Ihnen von dieser Beleidigung zu sprechen; ich muß
-es sogar tun, denn sie selbst hat mir, nachdem sie von Ihrer Beleidigung
-und Ihren unglücklichen Verhältnissen erfahren, sie selbst hat mir
-soeben – vorhin vielmehr – den Auftrag gegeben, Ihnen diese
-Unterstützung von ihr zu überbringen ... nur von ihr allein, nicht von
-Dmitrij Fedorowitsch, der sie verlassen hat, nein, nein, und auch nicht
-von mir, seinem Bruder, oder von sonst jemandem, sondern von ihr, von
-ihr allein! Sie läßt Sie aufrichtig bitten, von ihr diese Hilfe
-anzunehmen ... Sie sind beide von ein und demselben Menschen beleidigt
-... Sie hat sich auch erst dann Ihrer erinnert, als sie von ihm eine
-ebenso große Beleidigung erfahren hatte –, von demselben, der auch Sie
-beleidigt hat ... Sie kommt mit ihrer Hilfe wie eine Schwester zum
-Bruder ... Sie hat mich beauftragt, Sie zu überreden, von ihr diese
-zweihundert Rubel anzunehmen ... wie von einer Schwester, die Ihre Not
-kennt. Niemand wird etwas davon erfahren, Sie brauchen also keine
-häßlichen Klatschgeschichten zu fürchten ... hier sind die zweihundert
-Rubel, und ich schwöre es Ihnen, Sie müssen sie annehmen, oder ... oder
-alle Menschen müssen fortan untereinander Feinde sein! Aber es gibt doch
-in der Welt auch Brüder ... Sie haben ein edles Herz ... Sie müssen das
-annehmen, Sie müssen es tun!“
-
-Und Aljoscha hielt ihm die beiden neuen Hundertrubelscheine hin. Sie
-waren an dem großen, einsamen Stein am Zaun stehen geblieben, ringsum
-war kein Mensch zu sehen. Die regenbogenfarbenen Scheine machten auf den
-Hauptmann, wie es schien, einen erschütternden Eindruck: er fuhr
-zusammen, doch drückte sich auf seinem Gesicht zuerst nur maßloses
-Erstaunen aus; solch einen Ausgang des Gesprächs hatte er nicht
-erwartet. Daß ihm von irgend jemand eine Unterstützung, und noch dazu
-eine so bedeutende, zuteil werden konnte – das hätte er nie für möglich
-gehalten. Er nahm die beiden Scheine, konnte aber noch nicht antworten;
-etwas ganz Neues drückte sich in seinem Gesichte aus.
-
-„Das mir? mir? so viel Geld? Zweihundert Rubel! Väterchen! Ich habe doch
-schon seit vier Jahren nicht mehr soviel Geld gesehen – Herrgott! Und er
-sagt, als Schwester ... ist das denn wirklich wahr, ist denn das wahr?“
-
-„Ich schwöre Ihnen, daß alles, was ich Ihnen gesagt habe, wahr ist!“ Der
-Hauptmann errötete.
-
-„Hören Sie mich, mein Liebling, hören Sie, wenn ich das nun annehme, so
-werde ich doch deswegen kein Schuft sein? In Ihren Augen, Alexei
-Fedorowitsch, werde ich es doch nicht sein? Nein, Alexei Fedorowitsch,
-hören Sie mich an,“ stotterte er, sich übereilend, und berührte Aljoscha
-immer wieder mit beiden Händen. „Sie sagen, sie schickt mir das als
-‚Schwester‘, um mich zu überreden; aber bei sich – werden Sie mich nicht
-verachten, wenn ich es annehme, wie?“
-
-„Aber nein doch, warum sollte ich dies tun? Ich schwöre Ihnen bei meinem
-Seelenheil, daß ich’s nicht tun werde. Und niemand wird etwas davon
-erfahren: außer Ihnen nur ich, sie und noch eine Dame, ihre beste
-Freundin ...“
-
-„Ach was, Dame! Hören Sie, Alexei Fedorowitsch, hören Sie mich zu Ende;
-jetzt müssen Sie mich aber anhören, denn Sie können sich ja gar nicht
-denken, was diese zweihundert Rubel für mich bedeuten,“ fuhr der Arme,
-bebend vor Erregung, fort. Er schien mehr und mehr in eine geradezu
-wilde Begeisterung zu geraten. Er sprach halb besinnungslos, beeilte
-sich aber sehr, als ob er gefürchtet hätte, man würde ihn vielleicht
-nicht alles sagen lassen. „Abgesehen davon, daß es von der so verehrten
-und heiligen ‚Schwester‘ ehrlich erworben ist, kann ich jetzt, wissen
-Sie das auch, unser Mütterchen und Ninotschka, meinen verwachsenen
-Engel, meine Tochter, meine ich, gesund machen! Doktor Herzenstube kam
-einmal aus reiner Güte zu mir, untersuchte sie beide eine ganze Stunde
-lang: ‚Davon‘, sagte er, ‚begreife ich nichts‘, aber ein gewisses
-Mineralwasser, das auch hier in der Apotheke zu haben ist – er hat den
-Namen aufgeschrieben – würde ihr doch zweifellos Erleichterung bringen,
-und auch Fußbäder hat er angeordnet. Das Mineralwasser aber kostet
-dreißig Kopeken, und trinken soll sie ungefähr vierzig Flaschen. So nahm
-ich denn das Rezept und legte es auf das Regal unter die Heiligenbilder,
-dort liegt es heute noch. Und Ninotschka, sagte er, sollte man noch in
-einer gewissen Lösung baden, heiße Bäder und zweimal täglich, morgens
-und abends. Aber wie sollten wir denn solche Bäder machen, bei uns, in
-unserem Zimmer, ohne Dienstboten, ohne Hilfe, ohne Geschirr und ohne
-Wasser? Ninotschka aber ist ganz rheumatisch, das habe ich Ihnen noch
-gar nicht gesagt; in der Nacht schmerzt ihr die ganze rechte Seite; oh,
-wie sie sich quält; aber was glauben Sie wohl, sie ist ganz still, unser
-Engelchen, nimmt alle Kraft zusammen, um nicht zu stöhnen, uns nicht
-aufzuwecken oder auch nur Sorgen zu machen. Wir essen, was wir gerade
-haben, was man so zusammenbekommt; sie aber nimmt immer das letzte
-Stückchen, was man eigentlich nur noch Hunden vorwerfen könnte. Und der
-Blick, mit dem sie’s tut, sagt noch förmlich: ‚Bin dieses Stückchen
-nicht wert, ich nehme es euch fort, lebe nur euch zur Last.‘ Sehen Sie,
-das ist es, was ihr Engelsblick sagen will. Wenn wir sie bedienen, quält
-es sie: ‚Bin es doch nicht wert, ich bin doch ein unnützer Krüppel, bin
-doch ganz überflüssig und nur allen im Wege auf der Welt!‘ Sie soll es
-nicht wert sein, sie, die uns doch durch ihre Engelsgüte von Gott
-Verzeihung erbittet ... wäre doch ohne sie, ohne ihr sanftes Wort, die
-Hölle bei uns ... sogar Warjä ist durch sie sanfter geworden. Aber
-Warwara Nikolajewna verurteilen Sie auch nicht, die ist gleichfalls ein
-Engel, hat gleichfalls viel erduldet. Sie kam im Sommer her und hatte
-sich noch sechzehn Rubel erspart, mit Stunden verdient, um damit im
-September, also jetzt, nach Petersburg zurückfahren zu können. Wir aber
-haben ihr Geld verlebt, und nun hat sie nichts, womit sie zurückfahren
-könnte. Und auch abgesehen davon, kann sie nicht fahren, da sie doch wie
-ein Sträfling für uns arbeiten muß ... haben wir sie doch wie ein Pferd
-gesattelt, um auf ihr zu reiten: sie wartet allen auf, flickt, wäscht,
-fegt das Zimmer aus, bringt das Mütterchen zu Bett – Mütterchen aber ist
-irrsinnig, Verehrtester, Mütterchen weint beständig, Mütterchen ist
-krank! ... Aber für diese zweihundert Rubel kann ich doch eine
-Dienstmagd annehmen, begreifen Sie das auch, Alexei Fedorowitsch, kann
-ich meine Lieben gesund machen, kann ich meine Studentin nach Petersburg
-schicken, kann ich Rindfleisch kaufen, eine neue Diät einführen ...
-Herrgott, das ist doch! ...“
-
-Aljoscha war selig, daß er soviel Glück hatte bringen können, und daß
-der Arme einwilligte, das Geld zu nehmen.
-
-„Halt, Alexei Fedorowitsch, halt!“ Jenem schien plötzlich ein neuer
-Gedanke zu kommen, und wieder begann er in seiner sich überhastenden,
-besinnungslosen Weise weiterzusprechen. „Wissen Sie auch, daß wir jetzt,
-Iljuscha und ich, wirklich unseren Plan ausführen können? Wir werden uns
-einen verdeckten Wagen und ein Pferdchen kaufen, einen kleinen Rappen,
-er wollte unbedingt einen Rappen haben, und so ziehen wir denn ab, wie
-wir vor drei Tagen beschlossen. Ich habe im K-schen Gouvernement einen
-bekannten Advokaten, einen Jugendfreund, der, hat man mir gesagt, würde
-mir, wenn ich hinkäme, eine Stelle als Schreiber geben; wer kann’s denn
-wissen, vielleicht wird er auch wirklich was geben ... Nun, dann setzen
-wir Mütterchen und Ninotschka hinein, Iljuschetschka laß ich
-kutschieren, selbst aber gehe ich zu Fuß nebenher, und so würden wir
-fortziehen ... Herrgott, und wenn man nur noch eine einzige verlorene
-Schuld hier ausgezahlt bekäme, so würde es vielleicht wirklich dazu
-reichen!“
-
-„Es wird reichen, es wird reichen!“ versicherte Aljoscha freudig.
-„Katerina Iwanowna wird Ihnen noch mehr geben, soviel Sie wollen, und
-auch ich habe Geld, nehmen Sie, soviel Sie brauchen, wie von einem
-Bruder, einem Freunde; später können Sie es ja wiedergeben ... Sie
-werden doch reich werden, bestimmt sogar! Und wissen Sie, das ist das
-Beste, was Sie sich ausgedacht haben, in ein anderes Gouvernement zu
-fahren! Das ist wirklich eine Rettung für Sie und besonders für Ihren
-Jungen! Nur sobald als möglich, vor der Kälte noch, vor dem Winter. Dann
-werden Sie uns von dort schreiben, und wir werden Brüder bleiben ...
-Nein, das ist kein Traum!“
-
-Aljoscha wollte ihn fast umarmen, dermaßen glücklich war er. Doch da
-blickte er ihn an und blieb erschrocken stehen: Der Hauptmann stand mit
-vorgestrecktem Hals, vorgeschobenen Lippen, mit bleichem Gesicht, das
-plötzlich einen ganz wahnsinnigen Ausdruck hatte, und bewegte die
-Lippen, als wollte er etwas sagen, es war aber kein Laut zu hören. Er
-bewegte nur immer noch die Lippen – es war so sonderbar.
-
-„Was haben Sie!“ fragte Aljoscha zusammenfahrend.
-
-„Alexei Fedorowitsch ... ich ... Sie ...“ murmelte stockend der
-Hauptmann und blickte ihn so seltsam und wild und doch stier an, als ob
-er sich entschlösse, sich in einen Abgrund zu stürzen, und doch schienen
-seine Lippen gleichsam zu lächeln. „Ich ... Sie ... Soll ich Ihnen nicht
-ein kleines Kunststück zeigen!“ stieß er plötzlich in schnellem,
-entschlossenem Geflüster hervor; seine Worte stockten nicht mehr.
-
-„Was für ein Kunststück?“
-
-„Ein kleines Kunststück, so ein kleines Stückchen,“ fuhr der Hauptmann
-immer noch flüsternd fort; sein Mund verzog sich auf die linke Seite,
-das linke Auge kniff sich zusammen, und unverwandt blickte er Aljoscha
-an, als ob er sich mit seinem Blick in ihn einhaken wolle.
-
-„Was fehlt Ihnen, was haben Sie, was für ein Stückchen?“ fragte Aljoscha
-aufs äußerste erschrocken.
-
-„Solch eines, sehen Sie!“ stieß plötzlich der Hauptmann heiser hervor.
-
-Und er nahm beide Scheine, die er die ganze Zeit, während des ganzen
-Gesprächs, an einem Eckchen zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten
-Hand gehalten hatte, zeigte sie ihm – und plötzlich packte er sie wie in
-rasender Wut und knitterte und preßte sie in der rechten Faust zusammen.
-
-„Sehen Sie, sehen Sie!“ schrie er Aljoscha bleich und rasend zu, erhob
-die Faust und schleuderte die beiden zerknitterten Scheine in den Sand.
-– „Sehen Sie!“ schrie er wieder auf sie hinweisend, „nun, dann sehen
-Sie! ...“
-
-Und plötzlich begann er in wilder Wut mit dem Stiefelabsatz auf das Geld
-zu stampfen, und bei jedem neuen Stoß schrie und stöhnte er auf:
-
-„Da haben Sie Ihr Geld! Da haben Sie Ihr Geld! Da haben Sie Ihr Geld! Da
-haben Sie Ihr Geld!“ Und mit einem Ruck sprang er zurück und stellte
-sich in Positur vor Aljoscha: Sein ganzer Mensch drückte
-unbeschreiblichen Stolz aus.
-
-„Sagen Sie denen, die Sie gesandt haben, daß der Bastwisch seine Ehre
-nicht verkauft!“ schrie er, mit ausgestrecktem Arm. Er wandte sich
-schnell um und lief zurück; doch schon nach ein paar Schritten drehte er
-sich um und winkte mit der Hand einen Gruß zu. Und wieder lief er keine
-fünf Schritt, als er sich nochmals umwandte: diesmal aber war sein
-Gesicht nicht vom Lachen verzerrt, sondern zuckend von Tränen
-überströmt, und mit weinender, schluchzender Stimme schrie er ihm noch
-zu:
-
-„Was sollte ich meinem Jungen sagen, wenn ich von Ihnen das Geld für
-unsere Schande angenommen hätte?“ Und nachdem er das geschrien hatte,
-lief er immer weiter, diesmal ohne sich wieder umzuwenden. Mit
-unerträglichem Weh blickte ihm Aljoscha nach. O, er begriff es, daß
-jener bis zum letzten Augenblick selbst nicht gewußt hatte, daß er das
-Geld ihm vor die Füße werfen werde. Der Fortlaufende wandte sich kein
-einziges Mal mehr um, und Aljoscha wußte es auch, daß er sich nicht mehr
-umwenden würde. Ihm folgen oder ihn rufen, wollte er nicht. Als aber
-jener seinen Blicken entschwunden war, hob er die beiden Scheine auf.
-Sie waren nur sehr zerknittert, plattgedrückt und in den Sand
-hineingetreten, sonst aber ganz heil. Sie knisterten, als Aljoscha sie
-auseinanderfaltete und glättete. Darauf faltete er sie wieder zusammen,
-steckte sie in die Tasche und begab sich zu Katerina Iwanowna, um von
-dem Geschehenen zu berichten.
-
-
-
-
- Fünftes Buch. Pro und Contra
-
-
- I.
- Das Verlöbnis
-
-Frau Chochlakoff hatte Aljoscha ungeduldig erwartet und kam ihm daher
-wieder im Vorzimmer entgegen. Sie hatte es furchtbar eilig, denn es war
-etwas sehr Wichtiges geschehen: Der hysterische Anfall Katerina
-Iwanownas hatte mit einer Ohnmacht geendet, darauf war „eine
-beängstigende, eine unglaubliche Schwäche“ über sie gekommen, sie hatte
-sich hingelegt, die Augen geschlossen und zu phantasieren begonnen.
-„Jetzt hat sie Fieber,“ fuhr Frau Chochlakoff eilig fort, „ich habe nach
-den Tanten und nach Herzenstube geschickt. Die Tanten sind schon hier,
-aber Herzenstube noch nicht. Sie sitzen alle in ihrem Zimmer und warten.
-Was daraus noch werden mag! Sie ist besinnungslos! Denken Sie, wenn das
-nun Nervenfieber wird!“
-
-Frau Chochlakoff sah tatsächlich erschrocken aus. „Das ist aber jetzt
-ernst, wirklich ernst!“ fügte sie immer wieder hinzu, als ob alles, was
-mit Katerina Iwanowna früher geschehen war, nicht ernst gewesen wäre.
-Aljoscha hörte ihr sorgenvoll zu. Er wollte auch von seinem Erlebnis
-erzählen, doch sie unterbrach ihn bereits nach den ersten zwei Worten:
-sie habe keine Zeit – und bat ihn daher, zu Lise zu gehen und sie bei
-ihr zu erwarten.
-
-„Ach, liebster Alexei Fedorowitsch,“ flüsterte sie ihm plötzlich ins
-Ohr, „Lise hat mich soeben maßlos in Erstaunen gesetzt, aber sie hat
-mich auch gerührt, und darum verzeiht ihr mein Herz alles. Denken Sie
-sich nur: Kaum waren Sie fortgegangen, da bereute sie auch schon
-aufrichtig, sich über Sie gestern und heute, wie sie sagt, lustig
-gemacht zu haben. Dabei hat sie es ja gar nicht getan, sie hat doch nur
-gescherzt. Aber sie bereute es so aufrichtig, wirklich, bis zu Tränen,
-daß ich ganz erstaunt war. Niemals hat sie früher, wenn sie mir
-gegenüber ungezogen gewesen war, etwas ernstlich bereut; sie hat es
-immer nur so scherzend getan. Und Sie wissen doch, sie lacht ja
-fortwährend über mich. Aber nun ist sie plötzlich ernst geworden, ganz,
-ganz ernst. Sie schätzt Ihre Meinung so hoch, Alexei Fedorowitsch, und
-wenn Sie können, so seien Sie nicht gekränkt, erheben Sie keine
-Ansprüche. Ich tue ja auch nichts anderes, als daß ich sie schone, denn
-sie ist doch solch ein kluges Geschöpfchen, – werden Sie’s mir glauben?
-Sie sagte soeben, Sie wären von Kindheit an ihr Freund gewesen, – ‚der
-einzige Freund meiner Kindheit‘, – stellen Sie sich doch so etwas vor,
-der ‚einzige‘, – und ich? Was bin ich ihr denn gewesen? Sie hat in der
-Beziehung ganz außerordentlich feine Empfindungen und Erinnerungen, und
-zuweilen drückt sie sich in einer Weise aus, wie man es nie für möglich
-halten würde. So sagte sie mir zum Beispiel noch vor kurzem: Bei uns im
-Garten stand eine große Tanne, – das heißt, vielleicht steht sie auch
-jetzt noch dort, also ist kein Grund vorhanden, sich in der vergangenen
-Zeitform auszudrücken. Nun, Tannen sind doch keine Menschen, sie
-verändern sich nicht so schnell. Und was glauben Sie, Alexei
-Fedorowitsch, da sagt sie mir plötzlich: ‚Mama, ich habe diese Tanne
-immer nur als Traum gesehen‘, oder so ungefähr, sie drückte sich anders
-aus, – die Tanne ist doch nur ein Baum, sie aber drückte sich so aus,
-daß etwas ganz Besonderes dabei herauskam, und schwatzte mir darüber so
-befremdlichen Unsinn vor, daß ich lieber gar nicht versuchen will, alles
-wiederzugeben. Ich habe es auch schon vergessen. Nun, auf Wiedersehen,
-ich bin einfach erschüttert, ich werde wohl noch bestimmt den Verstand
-verlieren. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich habe ja schon zweimal im Leben
-den Verstand verloren, und man hat mich dann wieder hergestellt. Gehen
-Sie zu Lise. Ermuntern Sie sie, wie Sie das immer so vorzüglich
-verstehen. Lise,“ rief sie, zu Lisas Zimmertür tretend, „ich habe dir
-Alexei Fedorowitsch, den du so beleidigt hast, wiedergebracht, und ich
-versichere dir, er ärgert sich nicht im geringsten, im Gegenteil, er
-wundert sich noch, wie du so etwas von ihm hast denken können!“
-
-„_Merci_, Mama, treten Sie ein, Alexei Fedorowitsch.“
-
-Aljoscha trat ein. Lise blickte etwas verlegen drein und errötete
-plötzlich über und über. Sie schien sich irgendeiner Sache zu schämen,
-und so begann sie denn, wie es in solchen Fällen gewöhnlich geschieht,
-schnell von etwas ganz Nebensächlichem zu sprechen, als ob sie sich im
-Augenblick wirklich nur für dieses Nebensächliche interessierte.
-
-„Alexei Fedorowitsch, Mama hat mir inzwischen die ganze Geschichte mit
-den zweihundert Rubeln und Ihrem Auftrag ... an diesen armen Offizier
-erzählt, und auch diese schmachvolle Geschichte, wie er beleidigt worden
-ist: und wissen Sie, wenn Mama auch entsetzlich zerstreut erzählt – sie
-springt immer von einem aufs andere über – ich habe doch zugehört und
-geweint. Sagen Sie, wie haben Sie ihm das Geld übergeben, wie hat er es
-angenommen, und was macht er jetzt, der Arme? ...“
-
-„Das ist es ja, daß er es nicht angenommen hat, hier handelt es sich um
-eine ganze Tragödie ...“ antwortete Aljoscha, der auch seinerseits tat,
-als dächte er nur an das Erlebte, nur daran, daß der Hauptmann das Geld
-nicht angenommen hatte; Lise aber bemerkte nur zu gut, daß auch er zur
-Seite blickte und sich absichtlich bemühte, von Nebensächlichem zu
-sprechen. Aljoscha setzte sich also an den Tisch und begann zu erzählen.
-Da aber verließ ihn seine Verlegenheit, schon nach den ersten Worten,
-und es gelang ihm, auch Lise mit sich fortzureißen. Er sprach unter dem
-Einfluß eines echten Gefühls und der erlebten starken Eindrücke, und er
-erzählte gut und anschaulich. Auch früher, schon in Moskau, war er zu
-Lise gekommen und hatte ihr, der Kleinen, gern von dem erzählt, was mit
-ihm geschehen war, oder was er gelesen hatte, oder sie hatten beide von
-ihren Kindererlebnissen gesprochen. Zuweilen hatten sie sich auch
-zusammen ganze Geschichten ausgedacht, doch waren das gewöhnlich nur
-lustige Geschichten gewesen, über die sie dann beide herzlich lachen
-konnten. So fühlten sie sich denn jetzt gleichsam in jene Zeit
-zurückversetzt. Lise war sehr ergriffen von seiner Erzählung. Aljoscha
-hatte es verstanden, mit warmen Worten die Gestalt des kleinen
-‚Iljuschetschka‘ zu schildern. Als er alles ausführlich beschrieben
-hatte, auch das letzte, wie der Unglückliche das Geld mit den Füßen in
-die Erde gestampft hatte, schlug Lisa die Hände zusammen und unterbrach
-ihn erregt:
-
-„So hat er das Geld nicht bekommen, so haben Sie ihn einfach fortlaufen
-lassen! Mein Gott, warum liefen Sie ihm nicht nach, warum holten Sie ihn
-nicht ein ...“
-
-„Nein, Lise, es ist besser, daß ich ihm nicht nachgelaufen bin,“ sagte
-Aljoscha, erhob sich und schritt im Zimmer besorgt auf und ab.
-
-„Wieso besser, warum denn besser? Jetzt haben sie nichts zu essen und
-werden umkommen!“
-
-„Sie werden nicht umkommen, denn diese zweihundert Rubel werden ihnen
-doch nicht entgehen. Morgen wird er sie nehmen. Morgen wird er sie
-bestimmt nehmen,“ sagte Aljoscha nachdenklich. „Wissen Sie, Lise,“ sagte
-er, vor ihr stehen bleibend, „ich habe hierbei einen großen Fehler
-begangen, doch selbst dieser Fehler ist, wie ich sehe, gut und nützlich
-gewesen.“
-
-„Was für einen Fehler? Und weshalb soll er gut und nützlich sein?“
-
-„Das werde ich Ihnen sofort erklären. Dieser Hauptmann ist ein
-ängstlicher Mensch mit einem schwachen Charakter. Er hat ein gequältes,
-doch nur allzu weiches Herz. Jetzt denke ich so: Was hat ihn denn
-plötzlich so beleidigt, daß er sogar das Geld zerstampfte, denn ich
-versichere Sie, er wußte selbst bis zum letzten Augenblick nicht, daß er
-es zerstampfen werde. Jetzt sehe ich ein, daß ihn vieles kränken konnte
-– es hätte ja in seiner Lage auch anders gar nicht sein können ... Vor
-allen Dingen mußte ihn schon das allein kränken, daß er sich in meiner
-Gegenwart so sehr über das Geld gefreut hatte. Hätte er sich nicht so
-sehr darüber gefreut, hätte er seine Freude nicht so offen gezeigt,
-hätte er sich verstellt, sich geziert, so wie andere es tun, nun dann
-hätte er es vielleicht noch ertragen und das Geld angenommen. So aber
-hatte er sich nun einmal gar zu unverhohlen gefreut, und das war es, was
-ihn kränkte. Ach, Lise, er ist ein aufrichtiger und guter Mensch, das
-ist ja das ganze Unglück in solchen Fällen! Während der ganzen Zeit, da
-er sprach, war seine Stimme so schwach, so haltlos, und er sprach so
-schnell, so schnell, er schien gleichsam zu kichern, oder vielleicht
-weinte er auch schon ... ja, er weinte, dermaßen groß war sein Glück ...
-Und auch von seinen Töchtern erzählte er ... und auch von der
-Anstellung, die man ihm in einer anderen Stadt versprochen haben soll
-... Und kaum hatte er sein ganzes Herz ausgeschüttet, als er sich
-plötzlich dessen schämte – daß er mir so seine ganze Seele gezeigt
-hatte. Und da mag er mich denn geradezu gehaßt haben. Er gehört zu den
-übermäßig verschämten Armen. Am meisten aber kränkte ihn, daß er mich so
-schnell zu seinem Freunde gemacht, sich mir so schnell ergeben hatte.
-Zuerst hatte er mich stolz angefahren, wie aber dann das Geld kam, war
-er mir fast um den Hals gefallen. Ja, das war es, was ihn kränkte,
-geradeso mußte er seine Erniedrigung empfinden, und da mußte ich dann
-auch noch meinen Fehler begehen. Ich sagte ihm plötzlich, er werde noch
-mehr Geld bekommen, wenn das zur Reise nicht reichen sollte, und auch
-ich würde ihm von meinem Gelde so viel geben, wie er wolle. Das aber
-machte ihn sofort stutzig: Warum, fragte er sich wohl, warum kommt denn
-nun auch er noch mit seinem Gelde? Wissen Sie, Lise, es ist überaus
-kränkend für einen erniedrigten Menschen, wenn sich plötzlich alle als
-seine Wohltäter aufspielen ... habe ich sagen gehört. Der Staretz hat es
-einmal bemerkt. Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber auch
-mir ist es schon aufgefallen. Ich selbst fühle ja gleichfalls so. Sehen
-Sie, wenn er auch bis zum letzten Augenblick nicht wußte, daß er die
-Scheine zurückweisen werde, so ahnte er es doch schon die ganze Zeit
-über, davon bin ich überzeugt. Darum war ja sein Entzücken auch so groß,
-weil er das alles ahnte ... Und wenn das alles auch sehr traurig ist, so
-ist es doch gut so. Ich glaube sogar, daß es besser überhaupt nicht
-hätte kommen können ...“
-
-„Warum hätte es denn besser überhaupt nicht kommen können?“ fragte Lise,
-die Aljoscha äußerst verwundert anblickte.
-
-„Darum, Lise, weil er sonst, wenn er das Geld genommen und nicht
-zurückgeschleudert hätte, zu Hause vielleicht bereits nach einer Stunde
-über seine Erniedrigung in Tränen ausgebrochen wäre. Das würde er sogar
-bestimmt getan haben. Er würde geweint haben und wäre am nächsten Tage,
-womöglich schon vor Sonnenaufgang, eilends zu mir gekommen, um das Geld
-wie vorhin zurückzuschleudern. Jetzt aber ist er stolz und triumphierend
-fortgegangen, wenn er auch weiß, daß er sich ‚ins Verderben gestürzt
-hat‘. Gerade deshalb ist aber jetzt nichts leichter, als ihn, wenn
-möglich morgen schon, zu überreden, dieselben zweihundert Rubel
-anzunehmen, denn nun hat er doch seine Ehre bewiesen, hat das Geld uns
-Reichen vor die Füße geworfen! Er konnte doch nicht wissen, als er die
-Scheine in die Erde stampfte, daß ich sie ihm morgen wiederbringen
-werde. Und doch hatte er dieses Geld so maßlos nötig. Wenn er jetzt auch
-stolz ist, so wird ihm doch heute noch bewußt werden, welch eine Hilfe
-er zurückgewiesen hat. In der Nacht wird er noch mehr daran denken, ihm
-wird davon träumen, und am nächsten Morgen wird er womöglich am liebsten
-mich um Verzeihung bitten wollen. Da aber komme ich wieder zu ihm ...
-Ich kann ihm sagen: Sie sind ein stolzer Mensch, Sie haben es bewiesen,
-aber jetzt nehmen Sie das Geld und verzeihen Sie uns. Und dann wird er
-freudig annehmen!“
-
-Aljoscha schloß ganz begeistert, und Lise klatschte vor Freude in die
-Hände.
-
-„Ach, das ist wahr, jetzt begreife ich es! Ach, Aljoscha, woher wissen
-Sie nur das alles? So jung sind Sie, und doch wissen Sie schon, was in
-der Seele vorgeht ... Ich hätte das alles nie so ausgedacht ...“
-
-„Vor allen Dingen muß man ihn jetzt überzeugen, daß er mit uns allen auf
-gleichem Fuße steht, wenn er auch von uns Geld annimmt,“ fuhr Aljoscha
-in seiner Begeisterung fort, „und nicht nur auf gleichem Fuß mit uns,
-sondern sogar auf höherem Fuß ...“
-
-„‚Auf höherem Fuß‘! – Sie drücken sich prachtvoll aus, Alexei
-Fedorowitsch, aber fahren Sie fort, reden Sie nur ruhig weiter.“
-
-„Ich ... ich habe es vielleicht nicht ganz richtig gesagt, ich meinte,
-auf ... auf gleicher Stufe ... aber das hat nichts zu sagen, denn ...“
-
-„Ach, natürlich nicht! Gar nichts hat das zu sagen! Verzeihen Sie,
-Aljoscha, Sie Lieber ... Wissen Sie, bis jetzt habe ich Sie fast gar
-nicht geachtet ... das heißt, natürlich habe ich Sie geachtet, aber nur
-so – ‚auf gleichem Fuß‘, wie Sie sagen, von nun an aber werde ich Sie
-als hoch über mir stehend achten ... Lieber Aljoscha, seien Sie nicht
-böse, daß ich so rede,“ unterbrach sie sich sofort mit heißem Gefühl.
-„Ich bin nur ein lächerliches kleines Ding, aber Sie, Sie! ... Hören
-Sie, Alexei Fedorowitsch, liegt nicht in unseren ganzen Erwägungen, das
-heißt in Ihren ... nein, lieber doch in unseren, – liegt hierin nicht
-Verachtung für ihn, für diesen Unglücklichen ... darin, daß wir jetzt
-seine Seele so zerpflücken, ganz wie von oben herab, nicht? Ich meine,
-wenn wir so überzeugt sind, daß er das Geld morgen nehmen wird, wie?“
-
-„Nein, Lise, hierin liegt keine Verachtung,“ entgegnete Aljoscha
-überzeugt, und als ob er auf diese Frage vorbereitet gewesen wäre, „auch
-ich habe mich auf dem Wege hierher dasselbe gefragt. Wo soll denn da
-Verachtung sein, wenn wir ebenso sind wie er, wenn alle so sind wie er?
-Denn auch wir sind nicht besser. Oder wenn wir auch besser sein sollten,
-so wären wir an seiner Stelle doch ebenso ... Ich weiß nicht, wie Sie
-sind, Lise, ich aber denke von mir, daß ich in vielen Dingen ein
-kleinliches Herz habe. Er aber hat kein kleinliches, sondern ein sehr
-zartfühlendes Herz ... Nein, Lise, hierin kann keine Verachtung für ihn
-liegen! Wissen Sie, Lise, mein Staretz sagte einmal: Man muß die
-Menschen ausnahmslos wie kleine Kinder warten, manche von ihnen aber wie
-Kranke in den Hospitälern ...“
-
-„Ach, Alexei Fedorowitsch, Liebster, wollen wir beide die Menschen wie
-Kranke warten?“
-
-„Wollen wir das, Lise, ich bin bereit, nur bin ich selbst noch nicht
-ganz reif dazu; zuweilen bin ich so ungeduldig, und zuweilen bin ich
-wieder wie mit Blindheit geschlagen. Mit Ihnen ist es eine andere
-Sache.“
-
-„Ach, das glaube ich nicht! Alexei Fedorowitsch, Sie wissen nicht, wie
-glücklich ich bin!“
-
-„Wie gut es ist, daß Sie das sagen, Lise.“
-
-„Alexei Fedorowitsch, Sie sind bewundernswert gut, aber zuweilen
-scheinen Sie gerade ein Pedant zu sein ... und doch sind Sie gar kein
-Pedant, wenn man Sie genauer betrachtet. – Gehen Sie, öffnen Sie
-vorsichtig die Tür und sehen Sie nach, ob Mamachen nicht horcht,“
-flüsterte ihm Lise plötzlich nervös und eilig zu.
-
-Aljoscha ging zur Tür, öffnete sie und meldete, daß niemand horche.
-
-„Kommen Sie her, Alexei Fedorowitsch,“ sagte Lise mehr und mehr
-errötend, „geben Sie mir Ihre Hand, – so. Hören Sie, ich muß Ihnen ein
-großes Geständnis machen: Den gestrigen Brief habe ich Ihnen nicht im
-Scherz geschrieben, sondern im Ernst ...“
-
-Und sie bedeckte ihre Augen mit der Hand. Man sah es ihr an, daß sie
-sich fürchterlich schämte, dieses Geständnis gemacht zu haben. Plötzlich
-erhob sie seine Hand und küßte sie ungestüm dreimal.
-
-„Ach, Lise, das ist doch herrlich,“ rief Aljoscha freudig aus. „Ich war
-ja auch vollkommen überzeugt, daß Sie ihn im Ernst geschrieben haben.“
-
-„Überzeugt! – das ist doch wirklich!! ...“ Und sie schob plötzlich seine
-Hand zurück, übrigens ohne sie dabei loszulassen; sie errötete und
-lachte ein kleines, glückliches Lachen. „Ich küsse ihm die Hand, und er
-sagt dazu: ‚Das ist doch herrlich‘!“
-
-Doch ihr Vorwurf war etwas ungerecht, denn Aljoscha war nicht weniger
-verwirrt und erregt als sie.
-
-„Ich würde Ihnen gern immer gefallen, Lise, aber ich weiß nicht, wie ich
-das machen soll,“ stotterte er so gut es ging, und errötete gleichfalls.
-
-„Aljoscha, Liebling, Sie sind kalt und beleidigend. Man denke doch nur:
-Er geruht, mich zu seiner Gattin zu erwählen, und dabei beruhigt er sich
-auch! Er ist bereits überzeugt, daß ich ihm im Ernst geschrieben habe, –
-wie finden Sie das! Aber das ist doch eine erklärte Frechheit – sehen
-Sie denn das nicht ein?“
-
-„Aber ist denn das schlecht, daß ich davon überzeugt war?“ fragte
-Aljoscha wieder lachend.
-
-„Ach, Aljoscha, im Gegenteil, ganz furchtbar gut ist das,“ sagte Lise,
-die zärtlich und glücklich zu ihm aufblickte.
-
-Aljoscha stand immer noch vor ihr, seine Hand in ihrer Hand. Plötzlich
-beugte er sich nieder und drückte einen Kuß gerade auf ihre Lippen.
-
-„Was ... Was fällt Ihnen ein?“ rief Lise erschrocken.
-
-Aljoscha verlor seine letzte Fassung.
-
-„Verzeihen Sie, wenn es nicht so ... Ich ... ich war vielleicht
-furchtbar dumm ... Sie sagten, ich sei kalt, und ... und da faßte ich
-mir ein Herz und küßte ... Nur sehe ich jetzt, daß es dumm
-herausgekommen ist ...“
-
-Lise lachte auf und verbarg das Gesicht in den Händen.
-
-„Und in dieser Kutte!“ kam es unter Lachen aus ihr heraus.
-
-Doch plötzlich hörte sie auf zu lachen und wurde ganz ernst, fast
-streng.
-
-„Nein, Aljoscha, mit dem Küssen wollen wir noch warten, denn wir
-verstehen es beide noch nicht – warten aber müssen wir noch sehr lange,“
-schloß sie plötzlich. „Sagen Sie lieber, warum Sie mich, solch ein
-dummes Ding, solch ein krankes dummes Ding, nehmen, Sie, der Sie so klug
-sind, der so viel denkt, alles bemerkt und sogleich begreift? Ach,
-Aljoscha, ich bin furchtbar glücklich, weil ich Ihrer gar nicht wert
-bin!“
-
-„Hören Sie, Lise: In den nächsten Tagen werde ich das Kloster ganz
-verlassen. Wenn man aber in der Welt lebt, so muß man heiraten, das weiß
-ich doch auch. Und so hat auch Er es mir befohlen. Wen sollte ich sonst
-nehmen, wenn nicht Sie ... und wer würde mich denn außer Ihnen nehmen?
-Wer wäre denn besser als Sie? Das habe ich schon bedacht. Erstens kennen
-Sie mich von Kindheit an, und zweitens besitzen Sie viele Fähigkeiten,
-die ich überhaupt nicht habe. Ihre Seele ist heiterer als die meine, und
-Sie sind unschuldiger als ich, ich aber habe schon vieles berührt ...
-Sie ... Sie wissen es nicht, aber auch ich bin doch ein Karamasoff! Was
-liegt daran, daß Sie lachen und scherzen und auch über mich lachen und
-sich lustig machen? Ich freue mich so darüber ... Aber Sie lachen nur
-als kleines Mädchen, doch im Herzen denken Sie wie eine Märtyrerin ...“
-
-„Wie eine Märtyrerin? Wieso das?“
-
-„Ja, Lise. Zum Beispiel Ihre Frage vorhin: ‚Liegt darin nicht Verachtung
-für jenen Unglücklichen, wenn wir seine Seele so zerpflücken?‘ – Das
-kann nur jemand fragen, der sich selbst martert ... Sehen Sie, es ist
-mir unmöglich, das auszudrücken. Wem aber solche Fragen in den Sinn
-kommen, der ist fähig, zu leiden ... In diesem Rollstuhl müssen Sie
-schon vieles durchdacht haben ...“
-
-„Aljoscha, geben Sie mir Ihre Hand, warum haben Sie sie fortgezogen?“
-sagte Lise leise mit einer ganz sonderbaren, von Glück gleichsam
-geschwächten, matten Stimme. „Hören Sie, Aljoscha, wie werden Sie sich
-kleiden, wenn Sie das Kloster verlassen haben, was für einen Anzug
-werden Sie tragen? Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht böse, das
-ist sehr, sehr wichtig für mich.“
-
-„An den Anzug habe ich noch nicht gedacht, Lise, aber ich werde tragen,
-was Sie wollen.“
-
-„Ich will, daß Sie ein dunkelblaues Sammetjackett tragen, eine weiße
-Weste und einen weichen grauen Filzhut ... Aber sagen Sie, glaubten Sie
-mir vorhin wirklich, als ich sagte, ich liebte Sie nicht, und mich von
-meinem gestrigen Brief lossagte?“
-
-„Nein, ich glaubte Ihnen nicht.“
-
-„O, Sie unerträglicher, Sie unverbesserlicher Mensch!“
-
-„Ich ... ich wußte, daß Sie mich ... ich glaube, lieben, aber ich tat,
-als ob ich nicht glaubte, daß Sie mich lieben, damit es Ihnen ...
-bequemer sei ...“
-
-„Das ist ja noch schlimmer! Ach, schlimmer, und doch am aller,
-allerbesten! Aljoscha, ich liebe Sie ganz furchtbar! Vorhin, als ich Sie
-erwartete, dachte ich so: Ich werde von ihm meinen gestrigen Brief
-zurückverlangen, und wenn er ihn ruhig hervorzieht und ihn mir
-wiedergibt – wie man das doch immerhin von ihm erwarten kann – so
-bedeutet es, daß er mich überhaupt nicht liebt, nichts fühlt, einfach
-nur ein dummer, unwürdiger Knabe ist ... und ich verloren bin. Sie aber
-hatten den Brief in der Zelle gelassen, und das gab mir wieder Mut.
-Nicht wahr, Sie haben ihn doch deswegen in der Zelle gelassen, weil Sie
-vorausfühlten, daß ich ihn zurückverlangen werde, also um ihn nicht
-herausgeben zu müssen? Nicht wahr? Darum doch? Das war doch so?“
-
-„Ach, Lise, gar nicht so, ich habe ihn doch bei mir, und auch vorhin
-hatte ich ihn, hier in dieser Tasche, hier ist er.“
-
-Und Aljoscha zog lachend den Brief aus der Tasche und zeigte ihn ihr, –
-doch nur von weitem.
-
-„Nur gebe ich ihn nicht heraus, sehen Sie ihn so von ferne.“
-
-„Wie? Dann haben Sie also vorhin gelogen, Sie, ein Mönch, und Sie haben
-gelogen?“
-
-„Möglich, daß ich gelogen habe,“ sagte Aljoscha lachend, „ich habe
-gelogen, um ihn nicht zurückgeben zu müssen. Er ist mir sehr teuer,“
-fügte er plötzlich leise hinzu und errötete wieder, „Jetzt wird ihn
-niemand mehr von mir bekommen: Jetzt gehört er mir für mein ganzes
-Leben!“
-
-Lise blickte ihn verzückt an.
-
-„Aljoscha,“ stammelte sie glückselig, „sehen Sie an der Tür nach, ob
-Mamachen nicht horcht.“
-
-„Gut, Lise, ich werde nachsehen, aber wäre es nicht doch besser, nicht
-nachzusehen? Warum Ihre Mutter so einer Niedrigkeit verdächtigen?“
-
-„Wieso Niedrigkeit? Welch einer Niedrigkeit? Es ist doch ihr volles
-Recht, ihre Tochter zu belauschen – aber keine Niedrigkeit!“ Lise wurde
-feuerrot. „Seien Sie überzeugt, Alexei Fedorowitsch, daß ich, wenn ich
-Mutter wäre und eine Tochter wie mich hätte, unbedingt an den Türen
-lauschen würde.“
-
-„Wirklich, Lise? Das ist nicht recht.“
-
-„Ach, mein Gott, was ist denn dabei Schlechtes? Wenn sie ein Gespräch
-zweier Fremden belauschen würde, so wäre das eine Niedrigkeit, aber hier
-hat sich ihre leibliche Tochter mit einem jungen Manne eingeschlossen
-... Hören Sie, Aljoscha, damit Sie es wissen, ich werde auch Sie
-belauschen, sobald wir nur getraut sind. Ich werde sogar alle Ihre
-Briefe aufmachen und alles lesen ... Das sei Ihnen im voraus gesagt ...“
-
-„Ja ... natürlich, wenn das so ist ...“ stotterte Aljoscha, „nur ist das
-nicht gut ...“
-
-„Ach, welch eine Anmaßung! Aber Aljoscha, wollen wir uns nicht gleich am
-ersten Tage zanken, – ich werde Ihnen lieber die ganze Wahrheit sagen:
-Es ist natürlich sehr häßlich, andere zu belauschen, und natürlich habe
-nicht ich recht, sondern Sie, doch trotz alledem werde ich horchen.“
-
-„Tun Sie, was Sie wollen. Aber Sie werden ja bei mir doch nichts
-auszuhorchen haben,“ sagte Aljoscha lächelnd.
-
-„Aljoscha, werden Sie sich mir auch unterwerfen? Das muß man gleichfalls
-im voraus besprechen.“
-
-„Sehr gern, Lise, und sogar unbedingt, aber nur nicht im Wichtigsten.
-Wenn Sie einmal in der Hauptsache mit mir nicht einverstanden sein
-sollten, werde ich trotzdem tun, was mir die Pflicht gebietet.“
-
-„So muß es auch sein! So hören Sie denn, daß auch ich, im Gegenteil,
-nicht nur im Hauptsächlichsten mich zu unterwerfen bereit bin, sondern
-mich Ihnen in allem unterwerfen werde und Ihnen das jetzt schwöre, – in
-allem und mein ganzes Leben lang!“ rief Lise leidenschaftlich aus, „und
-ich werde glücklich sein, das zu tun, glückselig! Und das ist noch nicht
-alles! Ich schwöre Ihnen noch, daß ich Sie niemals belauschen werde,
-kein einziges Mal, niemals, daß ich keinen einzigen Ihrer Briefe
-aufbrechen werde, denn _Sie_ haben recht und nicht ich. Und wenn ich
-auch noch so sehr horchen wollte – ich weiß, daß ich es furchtbar wollen
-werde –, so werde ich es doch nicht tun, werde es nicht tun, weil Sie
-das unedel finden! Sie sind jetzt gleichsam meine Vorsehung ... Hören
-Sie, Alexei Fedorowitsch, warum waren Sie in diesen Tagen so traurig,
-und auch gestern und heute? Ich weiß, daß Sie Sorgen und Kummer haben,
-aber ich sehe auch, daß Sie außerdem noch ein ganz besonderes Leid
-haben, – ein geheimes vielleicht, nicht?“
-
-„Ja, Lise, ich habe auch geheimes Leid,“ sagte Aljoscha traurig. „Ich
-sehe, daß Sie mich lieben, hätten Sie das doch sonst nicht erraten.“
-
-„Was ist denn das für ein Leid? Können Sie es nicht sagen?“ fragte Lise
-in schüchterner Bitte.
-
-„Ich werde es sagen, Lise ... später ...“ sagte Aljoscha verwirrt.
-„Jetzt würde es ganz unverständlich sein ... Und ich würde es auch gar
-nicht zu sagen verstehen.“
-
-„Ich weiß, daß Sie außerdem noch der Gedanke an Ihre Brüder quält, an
-Ihren Vater?“
-
-„Ja, auch an meine Brüder ...“ sagte Aljoscha wie in Gedanken versunken.
-
-„Ich liebe Ihren Bruder Iwan Fedorowitsch nicht,“ bemerkte plötzlich
-Lise.
-
-Aljoscha vernahm diese Bemerkung mit einiger Verwunderung, doch fragte
-er sie nicht weiter nach der Ursache.
-
-„Meine Brüder stürzen sich ins Unglück,“ fuhr er niedergeschlagen fort,
-„und mein Vater tut dasselbe. Und zusammen mit sich bringen sie auch
-noch andere ins Unglück. Das ist die ‚Karamasoffsche Erdkraft‘, wie sich
-Pater Paissij vor kurzem ausdrückte, das ist die grimmige, entfesselte,
-rohe, rasende Erdkraft ... Und ich weiß nicht einmal, ob Gottes Geist
-über dieser Kraft schwebt – selbst das weiß ich nicht! Ich weiß nur, daß
-auch ich ein Karamasoff bin ... Ein Mönch soll ich sein? Bin ich ein
-Mönch, Lise? Sie sagten doch noch vor einem Augenblick so etwas
-Ähnliches, wie ... ich sei ein Mönch?“
-
-„Ja, ich sagte es.“
-
-„Aber ich ... ich glaube ja vielleicht gar nicht an Gott.“
-
-„Sie – glauben nicht? – was ist mit Ihnen?“ fragte leise und vorsichtig
-Lise. Doch Aljoscha antwortete nicht auf ihre Frage. Es war hier in
-diesen so unerwartet hervorgestoßenen Worten etwas gar zu
-Geheimnisvolles und gar zu Persönliches, vielleicht sogar Aljoscha
-selbst Unklares, etwas, das ihn zweifellos quälte.
-
-„Und jetzt, jetzt verläßt mich auch noch mein Freund, mein Staretz liegt
-im Sterben. Wenn Sie wüßten, wenn Sie wüßten, Lise, wie meine Seele mit
-diesem Menschen zusammenhängt! Und nun bleibe ich allein ... Ich werde
-zu Ihnen kommen, Lise ... Hinfort wollen wir zusammen ...“
-
-„Ja, zusammen, zusammen! Von nun an sind wir fürs ganze Leben zusammen!
-... Ljoscha, küssen Sie mich noch einmal, ich erlaube es ...“
-
-Und Aljoscha beugte sich zu ihr nieder und küßte sie.
-
-„... Jetzt gehen Sie, Christus ist mit Ihnen!“ Und Lise bekreuzte ihn.
-„Gehen Sie zu _ihm_, so lange er noch lebt. Ich habe Sie grausam lange
-aufgehalten. Ich werde heute für ihn und für Sie beten. Aljoscha, wir
-werden glücklich sein! Werden wir glücklich sein, werden wir?“
-
-„Ich glaube, wir werden es sein, Lise.“
-
-Als Aljoscha Lise verließ, wollte er, ohne sich von Frau Chochlakoff zu
-verabschieden, das Haus verlassen. Doch kaum war er ins Vorzimmer
-getreten, als vor ihm auch schon Frau Chochlakoff stand. Bereits nach
-dem ersten Wort erriet Aljoscha, daß sie ihn hier absichtlich erwartet
-hatte.
-
-„Alexei Fedorowitsch, das ist doch entsetzlich!“ rief sie erregt. „Das
-sind kindische Dummheiten und nichts als Kapricen. Ich hoffe, daß Sie es
-nicht etwa ernst nehmen ... Dummheiten, nichts als Dummheiten!“
-
-„Nur sagen Sie das nicht ihr,“ sagte Aljoscha, „es würde sie nur
-aufregen, das ist ihr jetzt schädlich.“
-
-„Das ist ein vernünftiges Wort von einem vernünftigen jungen Mann! Ich
-verstehe Sie doch recht, wenn ich annehme, daß Sie nur aus Mitleid mit
-ihrem krankhaften Zustande, um sie nicht durch Widerspruch zu reizen,
-darauf eingegangen sind?“
-
-„O nein, durchaus nicht. Ich habe es vollkommen ernst gemeint,“ sagte
-Aljoscha fest.
-
-„Aber das ist doch unmöglich, undenkbar! Ich werde Sie überhaupt nicht
-mehr empfangen, und Lise bringe ich sofort ins Ausland, das sage ich
-Ihnen!“
-
-„Aber warum das?“ fragte Aljoscha, „das ist doch noch so fern, wir
-werden vielleicht noch ganze anderthalb Jahre warten müssen.“
-
-„Ach, Alexei Fedorowitsch, das ist natürlich wahr, und in anderthalb
-Jahren werden Sie sich mit ihr natürlich tausendmal zanken und
-schließlich doch auseinandergehen. Aber ich bin so unglücklich, so
-unglücklich! Wenn es auch nur Dummheiten sind, so vernichtet es mich
-doch geradezu! Ich bin ja absichtlich hierher ins Vorzimmer gekommen, um
-Sie zu treffen. Ich habe alles gehört, ich habe kaum an mich halten
-können! Also das ist die Erklärung aller Schrecken dieser Nacht und
-aller Anfälle gestern und heute! Der Tochter Liebe ist wahrlich der
-Mutter Tod. Ich kann mich jetzt begraben lassen. Doch nun zur
-Hauptsache: Was ist das für ein Brief, den sie Ihnen geschrieben hat?
-Zeigen Sie ihn mir sofort, sofort!“
-
-„Nein, das ist nicht nötig. Sagen Sie bitte, wie geht es Katerina
-Iwanowna, ich muß es unbedingt wissen.“
-
-„Sie liegt noch in Fieberphantasien, sie ist noch nicht zu sich
-gekommen; ihre Tanten sind hier und seufzen bloß; Herzenstube kam her,
-erschrak aber dermaßen, daß ich nicht wußte, was ich mit ihm anfangen
-sollte, – ich wollte schon zu einem anderen Doktor schicken. Ich habe
-ihn in meiner Equipage nach Hause bringen lassen. Und plötzlich, zur
-Vollendung des Ganzen, noch Sie mit diesem Brief! Es ist ja wahr, daß
-noch anderthalb Jahre bis dahin sind. Ich beschwöre Sie, im Namen alles
-Heiligen und Großen, im Namen Ihres sterbenden Staretz – zeigen Sie mir
-diesen Brief, Alexei Fedorowitsch, mir, der Mutter! Wenn Sie wollen,
-halten Sie ihn mit Ihren eigenen Fingern fest, und ich werde ihn nur so
-in Ihren Händen lesen.“
-
-„Nein, gnädige Frau, ich werde ihn nicht zeigen, auch wenn Lise es
-erlaubte, würde ich ihn nicht zeigen. Ich werde morgen wiederkommen, und
-wenn Sie wollen, können wir dann vieles besprechen, jetzt aber – leben
-Sie wohl!“
-
-Und damit eilte Aljoscha die Treppe hinab auf die Straße.
-
-
- II.
- Ssmerdjäkoff mit der Gitarre
-
-Er hatte auch wirklich keine Zeit, noch länger da zu bleiben. Schon als
-er Lisa verließ, hatte ihn der Gedanke beschäftigt, wie und wo er seinen
-Bruder Dmitrij, der sich ersichtlich vor ihm verbarg, finden oder
-wenigstens ihm auflauern könnte. Es war nicht mehr früh; es war schon
-drei Uhr nachmittags. Er sehnte sich gar sehr nach dem Kloster und nach
-dem „großen“ Sterbenden, doch das Bedürfnis, seinen Bruder Dmitrij zu
-sprechen, überwog alles. Mit jeder Stunde wuchs in ihm die Überzeugung,
-daß sich eine unheimliche Katastrophe unaufhaltsam näherte, ja schon
-auszubrechen drohte. Was das für eine Katastrophe sein sollte, und was
-er seinem Bruder eigentlich sagen wollte, wußte er vielleicht selbst
-nicht einmal. „So mag denn meinetwegen mein Staretz in meiner
-Abwesenheit sterben, wenigstens werde ich mir dann nicht zeitlebens den
-Vorwurf machen müssen, daß ich nicht gerettet habe, wo ich hätte retten
-können, daß ich vorübergegangen bin, um schneller nach Haus zu kommen.
-Suche ich ihn aber auf, dann erfülle ich auch so sein großes Gebot.“
-
-Aljoschas Plan bestand darin, daß er seinen Bruder mit List fangen
-wollte – denn wo sollte er sich wohl nach ihm erkundigen, wo ihn suchen,
-wenn er sich vor ihm versteckte? Zu diesem Zweck schien ihm das
-schlauste zu sein, über jenen Zaun der Nachbarin zu klettern und den
-Bruder dort in der Laube, wo er am vorhergehenden Tage mit ihm gesessen
-hatte, zu erwarten oder zu überraschen. „Falls er nicht dort sein
-sollte,“ dachte Aljoscha, „werde ich ganz still, damit mich niemand
-bemerkt, und meinetwegen bis zum Abend da sitzen und ihn erwarten. Denn
-wenn er auch heute Gruschenka auflauern will, wie gestern, so ist es
-sehr leicht möglich, daß er wieder in die Laube kommt ...“ Übrigens
-dachte Aljoscha nicht allzuviel über die Einzelheiten des Planes nach,
-er beschloß nur, ihn auszuführen, und wenn er auch bis Mitternacht
-warten müßte ...
-
-Es gelang ihm alles sehr glücklich: Er kletterte fast auf derselben
-Stelle über den Zaun, wo er das vorige Mal, mit Mitjäs Hilfe,
-hinübergesprungen war, und kam unbemerkt in die Laube. Er wollte nicht
-gesehen werden, weder von Foma noch von der Hausbesitzerin oder deren
-Tochter, da sie alle seinen Bruder auf dessen Befehl vorzeitig
-benachrichtigen konnten, daß er ihn suchte und erwartete. In der Laube
-war kein Mensch. Aljoscha setzte sich auf denselben Platz nieder, auf
-dem er am Tage vorher gesessen hatte, und begann zu warten. Er
-betrachtete die Laube, und sie erschien ihm aus irgendeinem Grunde „viel
-älter und zerfallener als gestern“. Der Tag war übrigens ebenso klar.
-„Sieh, wieviel Sonne!“ hatte Dmitrij gesagt. Auf dem grünen Tisch
-zeichnete sich von dem Glase ein klebrig-glänzender Kreis ab: Dmitrij
-mußte wohl den Kognak ein wenig verschüttet haben. Leere und gar nicht
-zur Sache passende Gedanken schlichen ihm durch den Sinn, wie das ja
-gewöhnlich in der Zeit langweiligen Wartens zu geschehen pflegt, z. B.
-die Fragen: warum hatte er sich genau auf denselben Platz gesetzt, auf
-dem er gestern gesessen hatte? warum nicht auf einen anderen Platz? Und
-plötzlich wurde ihm unsäglich schwer zumute: das Herz tat ihm weh von
-der aufregenden Ungewißheit. Doch hatte er kaum eine Viertelstunde
-gesessen, als plötzlich, ganz in der Nähe, ein Gitarrenakkord erklang.
-Irgendwo im Gebüsch, vielleicht nur zwanzig Schritte von der Laube
-entfernt, bestimmt nicht weiter, mußte jemand sitzen oder sich soeben
-hingesetzt haben. In Aljoscha tauchte flüchtig die Erinnerung an eine
-Bank auf, die er gestern, als er den Bruder verlassen hatte, links von
-der Laube gesehen hatte: eine kleine, niedrige, grüne alte Gartenbank im
-Gebüsch am Zaun. Auf ihr schien sich nun jemand niedergelassen zu haben.
-Oder waren es sogar zwei? Wer konnte das sein? Da begann plötzlich eine
-Männerstimme in süßlichem Falsett zu den Gitarrenakkorden ein Couplet zu
-singen:
-
- „Wenn sie mich nicht li–iebte,
- Frag ich, was mir nütz–te
- Zarenkron und Mütze?
- Großer Gott beschütze
- Sie und mich,
- Sie und mich,
- Sie und mich.“
-
-Die Stimme brach ab. Es war ein Lakaientenor, und der ganze Vortrag des
-Couplets war dienstbotenhaft. Die andere Stimme, eine Frauenstimme,
-sagte plötzlich zärtlich und gleichsam schüchtern, aber mit
-übertriebener Geziertheit:
-
-„Warum sind Sie denn so lange nicht zu uns gekommen, Pawel Fedorowitsch,
-warum verachten Sie uns denn so?“
-
-„Das ist nicht gesagt,“ antwortete die Männerstimme, wenn auch höflich,
-so doch vor allem mit selbstbewußter und nachdrücklicher Würde.
-
-Ersichtlich hatte der Mann das Übergewicht, während das Frauenzimmer zu
-schäkern schien.
-
-„Der Mann – das scheint ja Ssmerdjäkoff zu sein,“ dachte Aljoscha,
-„wenigstens nach der Stimme zu urteilen; die Frauensperson aber ist wohl
-die Tochter dieser Hausbesitzerin, dieselbe, die in Moskau gedient hat,
-Kleider mit langen Schleppen trägt und sich von Marfa Ignatjewna Suppe
-holt ...“
-
-„Ach, ich liebe über alles schöne Gedichte, und besonders, wenn sie am
-Ende klappen,“ sagte wieder die Frauenstimme. „Warum fahren Sie denn
-nicht fort?“
-
-Da begann wieder die Männerstimme:
-
- „Meine stärkste Stütze
- In dieser Sündenpfütze
- Ist die Geliebte mein.
- Großer Gott beschütze
- Sie und mich,
- Sie und mich,
- Sie und mich.“
-
-„Das vorige Mal kam das noch besser heraus,“ meinte die Frauenstimme.
-„Sie sangen ‚ist das Liebchen mein‘. So klang es noch viel hübscher. Sie
-haben es wohl vergessen?“
-
-„Gedichte sind Unsinn,“ schnitt Ssmerdjäkoff den begeisterten Erguß kurz
-ab.
-
-„Ach, nein, ich liebe sie so sehr!“
-
-„Alles, was in Reimen ist, ist abgeklärter Unsinn. Bedenken Sie doch
-selbst: Wer in der Welt spricht denn alleweil in Reimen? Und wenn wir
-alle anfangen wollten, in Reimen zu sprechen, und wenn auch meinetwegen
-gar auf Befehl der Obrigkeit, wieviel Gescheites würden wir dann wohl
-alsomit sagen können? Nein, Marja Kondratjewna, Gedichte sind nichts
-Vernünftiges.“
-
-„Ach wie Sie klug sind in allem, wie Sie alles wirklich zu erklären
-wissen!“ sagte die Frauenstimme noch zärtlicher schmeichelnd.
-
-„Nicht nur das würde ich können und nicht nur das würde ich wissen,
-sondern ganz gewaltig viel mehr, wenn ich nicht selbiges Los von
-Kindesbeinen an hätte. Ich würde jeden im Duell mit einer Pistole sogar
-totschießen, der mir zu sagen wagte, daß ich kein edler Mensch sei, weil
-ich sozusagen ohne Vater von der, die man die ‚Stinkende‘ nannte,
-entstanden bin. Man hat mir das auch in Moskau alleweil unter die Nase
-gerieben, da es sich auch dorthin von hier selbentlich, dank Grigorij
-Wassiljewitsch, hinverbreitet hatte. Grigorij Wassiljewitsch aber wirft
-mir vor, daß ich für meine Geburt nicht alleweil demütig Gott danke; ‚du
-hast ihr‘, sagt er, ‚den ganzen Mutterleib aufgerissen‘. Meinetwegen
-Mutterleib, aber ich hätte mit Handkuß erlaubt, mich im Mutterleib zu
-töten, unter der Bedingung, daß ich dann gar nicht auf diese Welt
-geboren worden wäre. Auch auf dem Markt wird von selbigem gesprochen,
-und auch Ihre Mutter hat in ihrer Unvornehmheit angefangen mir zu
-erzählen, daß sie den Weichselzopf auf dem Kopf gehabt hätte und im
-ganzen nur zwei Arschin und _eine Kleinigkeit_ groß gewesen sei. Warum
-denn ‚und eine Kleinigkeit‘, wenn man doch ‚und etwas drüber‘ sagen
-kann, wie es alle Leute tun? Sie wollen es wohl mitleidig ausdrücken,
-aber das ist doch sozusagen nur bäuerische Weinerlichkeit, bäuerisches
-Gefühl und sonstig nichts. Kann denn ein russischer Bauer für einen
-gebildeten Menschen überhaupt Gefühle haben? Wegen seiner Unbildung kann
-er überhaupt nichts fühlen. Und von Kindesbeinen an ist es mir, wenn ich
-dies ‚und eine Kleinigkeit‘ höre, als müßt ich auf die Wände rennen. Ich
-hasse ganz Rußland, Marja Kondratjewna.“
-
-„Ach, sagen Sie so was nicht! Wenn Sie ein Junkerchen oder ein Husarchen
-wären, würden Sie das nicht sagen, sondern den Säbel herausziehen und
-ganz Rußland verteidigen.“
-
-„Ich will nicht nur kein Junker sein, ich will sogar, daß alle Soldaten
-abgeschafft werden.“
-
-„Und wenn der Feind kommt, wer wird uns dann verteidigen?“
-
-„Das ist auch gar nicht nötig. Im Jahre zwölf dieses selbigen
-Jahrhunderts gab es einen großen Heereszug nach Rußland von dem Kaiser
-Napoleon, dem französischen, dem Ersten, dem Vater des jetzigen, und es
-wäre mannigfach gut gewesen, wenn uns diese selben Franzosen damals
-besiegt und uns sich unterworfen hätten: Eine kluge Nation hätte dann
-eine äußerst dumme unterworfen und sich einverleibt. Dann würden hier
-jetzt ganz andere Gesetze und Ordnungen sein.“
-
-„Als ob dort bei ihnen alles so viel besser wäre, als bei uns! Ich würde
-gar manchen von unseren Stutzerchen nicht einmal gegen drei junge
-Engländer eintauschen,“ sagte schäkernd Marja Kondratjewna, die diese
-Worte wahrscheinlich mit den süßesten Blicken begleitete.
-
-„Das kommt drauf an, wie es wem gefällt.“
-
-„Und Sie sind doch selbst wie ein echter Ausländer, da seh’ Sie doch
-einer nur an, aber ein ganzer Ausländer, das sage ich Ihnen ohne
-Beschönigung!“
-
-„Wenn Sie was wissen wollen, so lassen Sie sich gesagt sein, daß in der
-Verderbnis die Ausländer wie die Inländer alle durch die Bank gleich
-sind. Alle sind sie dieselbigen, nur daß der dortige in Lackstiefeln
-geht, unser hiesiger aber in seiner Armut stinkt und darin nicht einmal
-was Schlechtes sieht. Das russische Volk muß man versohlen, wie neulich
-Fedor Pawlowitsch sehr richtig gesagt hat, wenn auch er mit all seinen
-Kindern ein verrückter Mensch ist und bleibt.“
-
-„Aber Sie haben doch selbst gesagt, daß Sie den Iwan Fedorowitsch so
-achten?“
-
-„Er aber hat von mir geäußert, daß ich ein stinkender Lakai sei. Er
-denkt von mir, daß ich ein Revolutionär werden könnte; da irrt er sich
-aber bloß gewaltig. Hätte ich so eine gewisse Summe in meiner Tasche, so
-wäre ich schon längst nicht mehr hier. Dmitrij Fedorowitsch ist
-schlechter als jeder Lakai durch sein Betragen wie auch durch seinen
-Verstandesrang und seine Bettelarmut, und nichts versteht er zu machen,
-und doch wird er obendrein noch von allen geachtet. Ich bin meinetwegen
-nur ein Suppendreher, aber wenn’s gut geht, kann ich in Moskau auf der
-Petrowka ein Café-Restaurant eröffnen. Denn ich mache alles, wie man
-sagt: speziell. Von ihnen aber versteht in ganz Moskau keiner, außer den
-Ausländern, etwas speziell zu machen. Dmitrij Fedorowitsch ist ein
-lumpiger Bummler, wenn er aber den höchsten Grafensohn fordert, so wird
-sich der mit ihm schlagen – wodurch ist er denn alsomit besser als ich?
-Wohl weil er beispielsohne dümmer ist als ich. Allein wieviel Geld hat
-er durchgebracht, ohne daß er etwas dafür bekommen hätte!“
-
-„Ach, ein Duell muß wohl furchtbar schön sein, denke ich,“ sagte
-plötzlich Marja Kondratjewna.
-
-„Was soll denn dabei schön sein?“
-
-„Ach, es ist doch so schrecklich und tapfer, besonders wenn junge
-Offizierchen mit Pistolen in den Händen der eine auf den anderen wegen
-irgendeiner schießen. Das ist doch einfach ein Bild! Ach, wenn man doch
-uns Mädchen zusehen lassen würde, ich würde so schrecklich gern
-zusehen!“
-
-„Gut, wenn man noch dem anderen was aufbrennt, aber wenn man selbst was
-gerade in die Schnute kriegt, so ist es dann ein dummes Gefühl. Sie,
-Marja Kondratjewna, würden natürlich fortlaufen.“
-
-„Was, Sie würden fortlaufen?“
-
-Doch Ssmerdjäkoff geruhte nicht zu antworten. Nach minutenlangem
-Schweigen wurde wieder auf der Gitarre ein Akkord gegriffen, und die
-Falsettstimme sang ein anderes Couplet:
-
- „Wozu soll ich mich denn mühen,
- Es wird doch nie genügen ...
- Ich will mein Leben le–e–eben
- Und mich zum Herrn erhe–e–ben,
- Und habe ich erst Kronen,
- In Residenzen wohnen;
- Werde mich niemals grämen,
- Mir nichts zu Herzen nehmen ...“
-
-Hier ereignete sich aber etwas Unerwartetes: Aljoscha nieste plötzlich.
-Auf der Bank wurde es im Augenblick still. Aljoscha erhob sich und ging
-zu ihnen. Es war tatsächlich Ssmerdjäkoff, der sich in Gala geworfen,
-pomadisiert, parfümiert und frisiert hatte – viel fehlte nicht, daß er
-sich auch Locken eingelegt – und dessen Stiefel wieder spiegelblank
-geputzt waren. Die Gitarre lag neben ihm auf der Bank. Das Frauenzimmer
-war Marja Kondratjewna, die Tochter der Hausbesitzerin; sie hatte ein
-hellblaues Kleid mit einer zwei Ellen langen Schleppe an; es war ein
-noch junges Mädchen; sie wäre eigentlich ganz nett gewesen, nur hatte
-sie ein gar zu rundes Gesicht und gar zu viel Sommersprossen.
-
-„Wird mein Bruder Dmitrij Fedorowitsch bald zurückkehren?“ fragte
-Aljoscha möglichst ruhig.
-
-Ssmerdjäkoff erhob sich langsam von der Bank, und Marja Kondratjewna
-folgte seinem Beispiel.
-
-„Woher soll denn ich alleweil wissen, wann Dmitrij Fedorowitsch kommen?
-Ich will nicht sagen, wenn ich Dmitrij Fedorowitschs Wächter wäre,“
-antwortete Ssmerdjäkoff leise, gemessen und ungeheuer nachlässig.
-
-„Ich habe nur so gefragt, wissen Sie es nicht vielleicht ganz zufällig?“
-erklärte Aljoscha.
-
-„Von ihrem Verbleiben weiß ich nichts, dieweil ich davon auch nichts
-wissen will.“
-
-„Aber mein Bruder hat mir gesagt, daß gerade Sie ihn von allem
-unterrichteten, was im Hause geschieht, und ihm auch versprochen hätten,
-ihn zu benachrichtigen, wenn Agrafena Alexandrowna käme.“
-
-Ssmerdjäkoff erhob langsam mit unerschütterlicher Ruhe seinen Blick und
-sah Aljoscha an.
-
-„Wie aber habt Ihr geruht hierherzugelangen, da doch selbige
-Gartenpforte schon seit einer Stunde mit der Fallklinke verschlossen
-ist?“ fragte er mit aufmerksamem Blick auf Aljoscha.
-
-„Ich bin aus der Quergasse über den Zaun gekommen und direkt in die
-Laube gegangen. Sie werden mich, hoffe ich, entschuldigen,“ sagte er zu
-Marja Kondratjewna gewandt, „ich wollte meinen Bruder so schnell als
-möglich treffen.“
-
-„Ach, was haben wir Ihnen zu entschuldigen,“ sagte Marja Kondratjewna
-sofort in süßlich singendem Ton, da Aljoschas höfliche Entschuldigung
-sie nicht wenig schmeichelte, „und geht doch auch Herr Dmitrij
-Fedorowitsch auf diese Manier in die Laube, wir wissen es zuweilen gar
-nicht, er aber sitzt schon dort.“
-
-„Ich wollte ihn hier erwarten, da ich ihn unbedingt sprechen muß –
-können Sie mir nicht sagen, wo er heute ist? Glauben Sie mir, daß ich
-ihn in einer sehr wichtigen Angelegenheit suche.“
-
-„Das pflegt er uns nicht zu sagen, wo er ist,“ sagte Marja Kondratjewna
-eilfertig.
-
-„Obwohl ich nur aus Bekanntschaft hierher komme,“ begann wieder
-Ssmerdjäkoff, „so haben Dmitrij Fedorowitsch mich doch auch hier
-alleweil unmenschlich bedrängt mit ihren immerwährenden Fragen nach dem
-Herrn: Was und wie ist es mit ihm, wer kommt hin, und wer geht fort, und
-ob ich nicht noch was anderes zu sagen habe. Zweimal haben sie mir sogar
-mit dem Tode gedroht.“
-
-„Wie das, mit dem Tode?“ fragte Aljoscha erstaunt.
-
-„Was macht denn ihnen das aus bei ihrem Charakter, den Ihr gestern
-selbst zu beobachten geruhtet. ‚Wenn du Agrafena Alexandrowna hinein
-läßt‘, sagen sie, ‚und sie hier übernachtet, – so bist du der erste, der
-das mit dem Leben bezahlt‘. Ich habe so große Angst vor ihnen, daß ich
-sie, wenn ich nicht so große Angst vor ihnen hätte, schon der Polizei
-angezeigt haben würde. Kann doch kaum Gott wissen, was sie noch alles
-mit einem machen werden.“
-
-„Vor kurzem hat er ihm noch gesagt: ‚Im Mörser werde ich dich
-zerstampfen‘,“ fügte Marja Kondratjewna eifrig hinzu.
-
-„Nun, wenn er ‚im Mörser‘ gesagt hat, so sind das doch nur Worte ...“
-meinte Aljoscha. „Wenn ich ihn jetzt bloß treffen könnte, so würde ich
-ihm auch darüber etwas sagen können ...“
-
-„Ich kann Euch nur eines mitteilen,“ sagte plötzlich Ssmerdjäkoff, als
-ob er sich inzwischen anders bedacht hätte. „Ich bin hier nur von wegen
-meiner langen Nachbarbekanntschaft, und warum sollte ich denn nicht
-herkommen? Andererseits haben Iwan Fedorowitsch mich heute schon in
-aller Herrgottsfrühe in ihre Wohnung in die Seestraße geschickt, ohne
-Brief, damit, daß Dmitrij Fedorowitsch aufs Wort hin unbedingt in dieses
-hiesige Gasthaus am Großen Platz kommen sollen, um mit ihnen zusammen zu
-speisen. Ich ging alsomit, doch Dmitrij Fedorowitsch waren nicht zu
-Hause, es war aber schon acht Uhr. ‚Er war hier, ist aber ganz
-ausgegangen‘, – mit genau den selbigen Worten antworteten mir die
-Hausleute. Es war wie eine Verschwörung von beiden Seiten. Jetzt sitzen
-sie vielleicht in selbiger Minute in dem Gasthaus mit Iwan Fedorowitsch,
-da auch der junge Herr nicht nach Haus speisen gekommen sind, und der
-Herr allein vor einer Stunde gespeist haben und jetzt schlafen. Aber ich
-bitte doch nachdrücklichst, ihnen von mir und von selbigem, was ich
-gesagt habe, anderweitig keinerlei Mitteilung zu machen, dieweil sie für
-nichts und wieder nichts mich totschlagen können.“
-
-„Wie, Iwan hat Dmitrij ins Gasthaus bestellt?“ fragte Aljoscha hastig,
-als hätte er nicht recht verstanden.
-
-„Wie gesagt.“
-
-„In das Gasthaus ‚Zur Hauptstadt‘ am Großen Platz?“
-
-„Jawohl, in selbiges.“
-
-„Das ist sehr gut möglich!“ sagte Aljoscha erregt. „Danke, Ssmerdjäkoff,
-diese Mitteilung ist sehr wichtig für mich, ich werde sofort hingehen.“
-
-„Aber ich bitte, nichts von mir zu sagen,“ bat Ssmerdjäkoff noch einmal.
-
-„Nein, nein, ich werde tun, als ob ich zufällig hinkäme, beunruhigen Sie
-sich nicht.“
-
-„Aber wohin gehen Sie, ich werde Ihnen die Gartenpforte aufmachen,“ rief
-ihm Marja Kondratjewna nach.
-
-„Nein, von hier ist es näher, ich springe wieder über den Zaun.“
-
-Diese Nachricht hatte Aljoscha geradezu erschüttert. Er eilte hin. Da es
-aber nicht anging, daß er in der Mönchskutte eintrat, so beschloß er,
-sich an der Tür nach ihnen zu erkundigen und sie herausrufen zu lassen.
-Doch siehe, kaum näherte er sich dem Gasthaus, als plötzlich ein Fenster
-aufgestoßen wurde und sein Bruder Iwan ihn heranrief:
-
-„Aljoscha, kannst du nicht zu mir hereinkommen, oder geht es nicht? Du
-würdest mir einen großen Gefallen erweisen.“
-
-„Natürlich kann ich, nur weiß ich nicht, ob es in meiner Kutte angeht
-...“
-
-„Das hat nichts zu sagen, ich habe hier ein ganzes Zimmer für mich, komm
-herein, ich gehe dir entgegen ...“
-
-Nach einer Minute saß Aljoscha seinem Bruder gegenüber. Iwan war allein
-und speiste zu Mittag.
-
-
- III.
- Die beiden Brüder
-
-Es war übrigens doch kein einzelnes Zimmer, das Iwan für sich
-eingenommen hatte. Es war nur eine mit Schirmen abgeteilte Ecke am
-Fenster des ersten Zimmers, an dessen Seitenwand sich das Büfett befand.
-Nur konnten die vorübergehenden Gäste die am Fenster Sitzenden nicht
-sehen. Wohl aber sah man von dort aus die Kellner am Büfett
-vorüberhuschen. Von Gästen saß in diesem Zimmer in einer entfernteren
-Ecke vor seinem Teeglase nur ein alter Herr, ein gewesener Offizier.
-Dafür herrschte in allen anderen Räumen der gewöhnliche Gasthauslärm,
-die Rufe nach den Kellnern, das Aufkorken der Bierflaschen, das Kicksen
-der Billardbälle und das Geklimper einer Spieluhr. Aljoscha wußte, daß
-Iwan sonst nie in dieses Lokal ging und für Gasthäuser überhaupt nichts
-übrig hatte. „Also ist er jetzt nur deswegen hier, um Dmitrij zu
-treffen,“ dachte Aljoscha. Aber Dmitrij war nicht zu sehen.
-
-„Soll ich dir eine Fischsuppe bestellen oder was sonst, du kannst doch
-nicht von Tee allein leben,“ fragte Iwan heiter, der sich ersichtlich
-sehr darüber freute, daß er Aljoscha hereingelockt hatte. Er hatte schon
-gespeist und trank nur noch Tee.
-
-„Bestell mal beides, Fischsuppe und Tee, ich habe nämlich gehörigen
-Hunger,“ sagte Aljoscha erfreut.
-
-„Und nachher Kirschenmus? Das kannst du hier haben. Weißt du noch, wie
-du als kleiner Junge bei Polenoffs auf Kirschenmus geschliffen warst?“
-
-„Dessen erinnerst du dich noch? Gut, bestelle also auch Kirschenmus, ich
-mag es auch jetzt noch.“
-
-Iwan klingelte nach dem Kellner und bestellte Fischsuppe, Tee und die
-eingemachten Kirschen.
-
-„Ich erinnere mich unserer ganzen Kindheit, Aljoscha, ich erinnere mich
-deiner bis zum elften Jahre, ich war damals vierzehn, fünfzehn Jahre
-alt. Fünfzehn und elf, das ist ein so großer Unterschied, daß selbst
-Brüder in diesen Jahren fast nie Kameraden sind. Ich weiß nicht einmal,
-ob ich dich liebte: In Moskau habe ich an dich in den ersten Jahren
-überhaupt nicht gedacht. Und dann später, als auch du nach Moskau kamst,
-haben wir uns, glaube ich, wohl nur ein einziges Mal irgendwo getroffen.
-Nun lebe ich hier schon seit mehr als drei Monaten, und noch haben wir
-kein Wort miteinander gewechselt. Morgen werde ich fortfahren, und so
-dachte ich denn, als ich vorhin allein hier am Fenster saß: Wo könnte
-ich ihn wohl treffen, um mich von ihm zu verabschieden? – und da gingst
-du gerade vorüber.“
-
-„Wolltest du mich wirklich so gerne sehen?“
-
-„Ja, Aljoscha, sehr, ich wollte dich einmal kennen lernen und dich auch
-mit mir bekannt machen. Und mich dann von dir verabschieden. Meiner
-Meinung nach ist es am besten, sich vor der Trennung kennen zu lernen.
-Ich habe gesehen, wie du mich in diesen ganzen drei Monaten beobachtet
-hast. Lag doch in deinen Augen eine immerwährende Erwartung, das aber
-ist es, was ich nicht ertragen kann, und darum näherte ich mich dir
-nicht. Dann aber lernte ich dich achten: Fest steht das Menschlein! Ja,
-ja. Und merk dir, Aljoscha: Ich lache jetzt zwar, aber ich rede deswegen
-nicht minder ernst. – Du stehst doch fest, nicht? Ich liebe Menschen,
-die fest stehen, einerlei worauf sie stehen, und wenn sie auch so kleine
-Knaben sind wie du. Dein erwartungsvoller Blick wurde mir mit der Zeit
-durchaus nicht zuwider; im Gegenteil, ich gewann ihn schließlich lieb,
-deinen erwartenden Blick. Ich glaube, du liebst mich, Aljoscha?“
-
-„Ja, ich liebe dich, Iwan. Dmitrij sagt von dir: Iwan ist – ein Grab!
-Ich aber sage von dir: Iwan ist ein Rätsel. Du bist auch jetzt noch ein
-Rätsel für mich, trotzdem habe ich schon einiges an dir begriffen, und
-zwar seit heute morgen!“
-
-„Und das wäre?“ fragte Iwan lachend.
-
-„Wirst du dich nicht ärgern?“ fragte Aljoscha gleichfalls lachend.
-
-„Nun?“
-
-„Einfach, daß du ganz genau so ein junger Junge bist wie alle anderen
-dreiundzwanzigjährigen Jungen, ein ebenso junger, jugendlicher, frischer
-und prächtiger Junge, ein ... ein ... nun, ein milchbärtiger kleiner
-Knabe! Was, hab ich dich jetzt sehr gekränkt?“
-
-„Im Gegenteil, du hast mich durch die Richtigkeit deiner Bemerkung sogar
-frappiert!“ sagte sofort heiter und offenherzig Iwan. „Wirst du mir
-glauben, daß ich heute, seitdem ich sie verlassen habe – nach
-dem Gespräch bei ihr – die ganze Zeit nur an diese meine
-dreiundzwanzigjährige ‚Milchbärtigkeit‘, wie du sagst, gedacht habe! Und
-nun beginnst du gerade damit, als ob du’s erraten hättest. Ich saß hier
-ganz allein am Fenster, und weißt du, was ich mir sagte? Nehmen wir an,
-ich hörte auf, an das Leben zu glauben, an den Menschen, den ich
-liebgewonnen habe, an die Ordnung der Dinge, nehmen wir an, ich
-überzeugte mich sogar, daß alles ein gesetzloses, verfluchtes und
-vielleicht vom Teufel beherrschtes Chaos ist, und daß mich alle
-Schrecken der menschlichen Verzweiflung überfallen, – so würde ich doch
-leben wollen, leben! Und da meine Lippen einmal diesen Becher berührt
-haben, so – das weiß ich! – werde ich mich nicht früher von ihm
-losreißen, als bis ich ihn ganz, bis auf die Neige geleert habe!
-Übrigens, wenn mein dreißigstes Jahr kommt, werde ich den Becher
-bestimmt von mir werfen, selbst wenn ich ihn nicht bis auf die Neige
-geleert haben sollte, und fortgehen ... ich weiß nicht wohin. Doch bis
-zu meinem dreißigsten Jahre, das weiß ich unerschütterlich, wird meine
-Jugend alles besiegen, – jede Enttäuschung, jede Verzweiflung, jeden
-Widerwillen vor dem Leben. Ich habe mich oftmals gefragt: Gibt es wohl
-in der Welt eine Verzweiflung, die diesen rasenden, wütenden und
-vielleicht unanständigen Lebensdurst in mir besiegen könnte? – und ich
-bin zu der Überzeugung gekommen, daß es wahrscheinlich keine solche
-Verzweiflung gibt, das heißt wiederum nur bis zu meinem dreißigsten
-Jahre, dann werde ich selbst nicht mehr wollen ... so scheint es mir
-wenigstens. Dieser Lebensdurst, dieses Lechzen nach Leben wird von
-vielen schwindsüchtigen, hungrigen Moralisten und besonders von holden
-Dichtern niedrig genannt. Er ist allerdings ein echt Karamasoffscher
-Zug, das ist wahr, und auch in dir steckt dieser Lebensdurst, aber warum
-soll er denn gemein sein? Es steckt noch so ungeheuer viel
-Zentripetalkraft in unserem Planeten. Leben will man, Aljoscha, und ich
-lebe, wenn auch wider die Logik. Mag ich auch an die Ordnung der Dinge
-nicht glauben, so sind sie mir doch teuer, die klebrigen hellen
-Blättchen, die sich im Frühling an feuchten Ästen lösen, teuer ist mir
-der hohe blaue Himmel, teuer gar mancher Mensch, den man gar manches
-Mal, wirst du’s mir glauben, ohne zu wissen, warum, liebhat. Teuer ist
-mir manch eine Menschentat, an die zu glauben man vielleicht schon
-längst aufgehört hat, die aber das Herz in alter Erinnerung immer noch
-hoch und heilig hält ... Da kommt deine Fischsuppe. Nun, laß sie dir gut
-schmecken, sie wird hier vorzüglich zubereitet ... Ich will nach Europa
-fahren, Aljoscha, ich werde von hier aus geradenwegs hinfahren. Ich weiß
-es ja, daß ich nur auf einen Friedhof fahre, doch auf den teuersten,
-allerteuersten Friedhof, das weiß ich auch! Teure Tote liegen dort
-begraben, jeder Stein über ihnen redet von einem so heißen vergangenen
-Leben, von so leidenschaftlichem Glauben an die vollbrachten eigenen
-Taten, an die eigene Wahrheit, an den eigenen Kampf und die eigene
-Erkenntnis, daß ich, ich weiß es im voraus, zur Erde niederfallen, diese
-Steine küssen und über ihnen weinen werde – wenn auch mit der vollen
-Überzeugung im Herzen, daß das alles schon längst ein Friedhof ist, und
-in keinem Fall mehr als das. Und nicht aus Verzweiflung werde ich
-weinen, sondern einfach aus dem einen Grunde, weil mir meine Tränen
-Glück sein werden. Ich werde mich an der eigenen Empfindung berauschen.
-Die kleinen, klebrigen Frühlingsblätter, den hohen blauen Himmel liebe
-ich! Hier handelt es sich nicht um Verstand, nicht um Logik, hier liebt
-man mit dem ganzen Innern, mit dem ganzen Eingeweide, mit dem ganzen
-Leibe, seine ersten jungen Kräfte liebt man! ... Aljoschka, begreifst du
-etwas von meinem Gerede, oder ist dir alles unverständlich?“ fragte Iwan
-plötzlich auflachend.
-
-„O, ich verstehe nur zu gut: Mit dem Innersten, mit dem ganzen
-Eingeweide will man lieben, – das hast du wundervoll gesagt, und es
-freut mich furchtbar, daß du so leben willst,“ sagte Aljoscha freudig.
-„Ich glaube, alle müssen in der Welt zuerst das Leben lieben lernen.“
-
-„Und das Leben mehr lieben als den Sinn des Lebens?“
-
-„Unbedingt. _Vor_ der Logik muß man das Leben lieb gewinnen, wie du
-sagst, unbedingt muß es _vor_ der Logik geschehen, nur dann werde ich
-auch den Sinn des Lebens begreifen. Das habe ich schon lange geahnt. Die
-Hälfte deiner Arbeit ist bereits getan, und die eine Hälfte deines
-Lebens ist erworben, Iwan: Du liebst das Leben. Jetzt mußt du dich um
-deine zweite Hälfte bemühen, und du bist gerettet.“
-
-„Du bist schon beim Retten, aber ich gehe ja vielleicht überhaupt nicht
-unter! Und worin besteht sie denn – diese zweite Hälfte?“
-
-„Darin, daß du deine Toten auferweckst, die – vielleicht niemals
-gestorben sind. Reich mir bitte den Tee. Oh, es freut mich so, Iwan, daß
-wir miteinander reden.“
-
-„Aber Aljoscha, du bist ja, wie ich sehe, geradezu begeistert. Nun ich
-liebe ganz außerordentlich solche _professions de foi_, wie die
-unsrigen, gerade von solchen ... Novizen. Ein fester Mensch bist du,
-Alexei. Ist es wahr, daß du das Kloster verlassen willst?“
-
-„Ja, es ist wahr. Mein Staretz schickt mich in die Welt.“
-
-„Dann werden wir uns wohl noch sehen in dieser Welt, vor jenem
-dreißigsten Jahr, wenn ich beginnen werde, mich von meinem Becher
-loszureißen. Der Vater will sich von seinem Becher nicht vor dem
-siebzigsten Jahre losreißen, träumt womöglich von achtzig Jahren, hat es
-mir sogar selbst ganz offen gesagt, und zwar im Ernst, obgleich er doch
-ein ... Narr ist. Fußt auf seiner Wollust und steht auf ihr, als ob sie
-ein Stein wäre ... allerdings gibt es ja nach dem dreißigsten Jahre
-schwerlich etwas anderes, worauf man sich stellen könnte ... Aber bis
-zum siebzigsten Jahre ist es gemein, bis zum dreißigsten Jahre geht es
-noch: Man kann wenigstens einen ‚Schimmer von Adel‘ bewahren, wenn auch
-durch Selbstbetrug. Hast du heute nicht Dmitrij gesehen?“
-
-„Nein, ihn nicht, aber ich habe Ssmerdjäkoff gesehen und gesprochen.“
-Und Aljoscha erzählte eilig und ausführlich sein Gespräch mit
-Ssmerdjäkoff. Iwans Gesicht wurde allmählich immer finsterer beim
-Zuhören, und er ließ sich vieles wiederholen.
-
-„Nur bat er mich, nicht Dmitrij zu sagen, daß er es mir mitgeteilt hat,“
-fügte Aljoscha hinzu. Iwan zog die Brauen zusammen und verfiel in
-Nachdenken.
-
-„Runzelst du wegen Ssmerdjäkoff die Stirn?“ fragte Aljoscha.
-
-„Ja, seinetwegen. Doch zum Teufel mit ihm, aber Dmitrij wollte ich
-tatsächlich sehen, nur ist es jetzt nicht mehr nötig ...“ brummte Iwan
-unwillig.
-
-„Wirst du denn wirklich so bald verreisen?“
-
-„Ja.“
-
-„Aber sag doch, – Dmitrij und der Vater? Womit wird das enden?“ fragte
-Aljoscha erregt, doch nur halblaut.
-
-„Du fängst schon wieder davon an! Was geht das mich an? Bin ich denn
-etwa der Wächter meines Bruders?“ stieß Iwan kurz und gereizt hervor.
-Doch plötzlich lächelte er bitter. „Die Antwort Kains auf Gottes Frage
-nach dem erschlagenen Bruders, wie? Das denkst du wohl jetzt, nicht?
-Ach, hol’s der Teufel, ich kann doch wahrhaftig nicht als ihr Wächter
-hier bleiben! Ich habe hier beendet, was ich zu tun hatte, und fahre.
-Oder glaubst du vielleicht gar, daß ich auf Dmitrij eifersüchtig bin,
-weil es mir in diesen ganzen drei Monaten nicht gelungen ist, ihm seine
-schöne Katerina Iwanowna abspenstig zu machen? Ach ... Äh, zum Teufel,
-ich habe meine Gründe gehabt, hier zu bleiben. Nun habe ich hier alles
-beendet, und so fahre ich auch unverzüglich. Was ich beendet habe, das
-weißt du, du warst ja Augenzeuge.“
-
-„Du meinst – vorhin mit Katerina Iwanowna?“
-
-„Ja, mit ihr; ich machte mich einfach los. Und was ist denn dabei? Was
-geht mich Dmitrij an? Dmitrij hat nichts damit zu tun! Ich hatte ganz
-Persönliches mit Katerina Iwanowna zu erledigen. Du weißt doch selbst,
-daß Dmitrij sich so aufgeführt hat, als ob er sich mit mir verabredet
-hätte. Ich habe ihn doch um nichts gebeten, er aber hat sie mir
-freiwillig und feierlich ‚übergeben‘ und hat mir noch seinen Segen
-geschenkt. Das klingt ja wirklich fast lachhaft. Nein, Aljoscha, nein,
-wenn du wüßtest, wie leicht ich mich jetzt fühle! Ich saß hier und
-speiste, und, wirst du’s mir glauben, wollte mir schon Champagner
-bestellen, um die erste Stunde meiner Freiheit zu feiern. Pfui Teufel,
-fast ein halbes Jahr lang, – und mit einem Schlage hat man sich von
-allem befreit! Nein, hätte ich gestern auch nur ahnen können, daß man
-nur zu wollen braucht, und daß es einen nichts kostet, zu beenden!“
-
-„Sprichst du von deiner Liebe, Iwan?“
-
-„Von meiner Liebe ... wenn du willst, ja. Ich hatte mich in ein junges,
-stolzes Pensionsfräulein verliebt. Ich quälte mich mit ihr und sie
-quälte mich. Hatte mich da hinein verbissen ... und plötzlich bin ich
-von allem befreit. Vorhin bei Chochlakoffs sprach ich erregt, als ich
-aber hinaustrat, da lachte ich auf – und du kannst mir glauben, daß ich
-fröhlich lachte. Nein, wirklich!“
-
-„Du sprichst auch jetzt so heiter,“ bemerkte Aljoscha, der sich
-aufmerksam in das Gesicht des Bruders hineinsah.
-
-„Woher sollte ich auch wissen, daß ich sie überhaupt nicht liebte!
-Ha–ha–ha! Und da hat es sich nun erwiesen! Aber wie sie mir doch
-gefallen hat! Wie sie mir sogar heute gefiel, vorhin, als ich die
-Predigt hielt! Und weißt du, auch jetzt gefällt sie mir maßlos, – und
-doch fällt es mir so leicht, sie zu verlassen. Du glaubst wohl, ich
-wolle renommieren?“
-
-„Nein. Nur war das vielleicht keine Liebe.“
-
-„Aljoschka,“ sagte Iwan lachend, „laß dich nicht auf Erörterungen über
-Liebe ein! Für dich schickt sich das nicht. Vorhin – ja, vorhin, da
-gingst du durch, Brüderchen, o jeh! Übrigens habe ich vergessen, dich
-dafür abzuküssen ... Wie sie mich aber gequält hat! Ach, habe wahrlich
-neben einer gesessen, die sich vergewaltigte. Sie wußte doch, daß ich
-sie liebte! Und auch sie liebte mich, aber nicht Dmitrij,“ behauptete
-Iwan lachend. „Ihre Liebe zu Dmitrij hat sie sich nur eingebildet.
-Alles, was ich ihr vorhin sagte, ist lautere Wahrheit. Nur besteht jetzt
-die Hauptsache darin, daß sie vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahre
-brauchen wird, um zu erraten, daß sie Dmitrij überhaupt nie geliebt hat,
-sondern nur mich liebt, mich, den sie foltert. Ja, wer kann es wissen,
-vielleicht wird sie’s auch niemals erraten, trotz der heutigen Lehre
-nicht. Nun, um so besser, daß ich aufgestanden und fortgegangen bin.
-Übrigens, was macht sie jetzt? Was ging dort vor, als ich fortgegangen
-war?“
-
-Aljoscha erzählte ihm von dem hysterischen Anfall und was ihm Frau
-Chochlakoff gesagt hatte: daß sie bewußtlos sei, Fieber habe und
-phantasiere.
-
-„Ist das aber auch wahr, was die Chochlakoff sagt?“
-
-„Es scheint, ja.“
-
-„Man muß sich erkundigen. An hysterischen Anfällen ist übrigens noch
-niemals jemand gestorben. Und mag sie sie doch haben, Gott hat dem Weibe
-liebend die Hysterie geschickt. Ich werde nie mehr hingehen. Wozu sich
-wieder aufdrängen!“
-
-„Aber du sagtest ihr doch, daß sie dich nie geliebt hätte?“
-
-„Das habe ich absichtlich gesagt. Aljoschka, weißt du, ich werde
-Champagner bestellen, trinken wir auf meine Freiheit. Nein, wenn du
-wüßtest, wie froh ich bin!“
-
-„Nein, Iwan, trinken wir lieber nicht,“ sagte Aljoscha, „und zudem bin
-ich doch etwas traurig gestimmt.“
-
-„Ja, du bist bereits seit langer Zeit traurig gestimmt, das sehe ich
-schon längst.“
-
-„Und du wirst also bestimmt morgen früh fortfahren?“
-
-„Morgen früh? Ich habe nicht gesagt, daß ich in der Früh fahren werde
-... Doch übrigens, vielleicht auch in der Früh. – Wirst du’s mir
-glauben, daß ich nur deswegen hier gespeist habe, um nicht mit dem Alten
-zusammen zu speisen, dermaßen zuwider ist er mir geworden. Allein
-seinetwegen wäre ich schon längst fortgefahren. Warum beunruhigt es dich
-übrigens so, daß ich verreise? Wir haben jedenfalls bis zu meiner
-Abfahrt noch Gott weiß wieviel Zeit. Eine ganze Ewigkeit Zeit, die ganze
-Unsterblichkeit.“
-
-„Aber, wenn du morgen fortfährst, wo ist dann die Ewigkeit?“
-
-„Was geht das uns beide an!?“ fragte Iwan lachend. „Haben wir doch noch
-Zeit, auszusprechen, was wir uns zu sagen haben, und weswegen wir hier
-zusammengekommen sind! Warum siehst du mich so erstaunt an? Antworte
-mir: Zu welch einem Zweck sind wir hier zusammengekommen? Um von der
-Liebe zu Katerina Iwanowna zu sprechen, oder von dem Alten und Dmitrij?
-Oder vom Auslande? Von der verhängnisvollen Lage Rußlands? Vom Empereur
-Napoléon? Nun, deswegen etwa?“
-
-„Nein, nicht deswegen.“
-
-„Also begreifst du es selbst, weswegen. Den anderen mag so etwas
-gleichgültig sein, uns aber, uns ‚Milchbärten‘, ist es nicht einerlei,
-wovon wir reden. Wir müssen vor allen anderen Dingen, die aus der
-Ewigkeit in die Ewigkeit reichenden Probleme lösen, das ist unsere
-Sorge. Ganz Jung-Rußland tut doch heutzutage nichts anderes, als über
-die ewigen Fragen philosophieren. Gerade heutzutage, gerade jetzt, wo
-alle Alten sich plötzlich an die praktischen Fragen gemacht haben. Warum
-hast du mich in diesen drei Monaten so erwartungsvoll angesehen? Um mich
-zu befragen: ‚Woran glaubst du, oder glaubst du überhaupt nicht‘, – das
-war es doch, was Ihre Blicke fragten, Alexei Fedorowitsch, oder war es
-das mit nichten?“
-
-„Nun ja, meinetwegen war es das,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Du machst
-dich doch nicht lustig über mich, Bruder?“
-
-„Ich mich lustig machen? Ich werde doch mein kleines Brüderchen, das
-mich drei Monate lang so erwartungsvoll angeblickt hat, nicht betrüben
-wollen. Aljoscha, sieh mich einmal ganz offen an: Sieh, ich bin doch
-genau solch ein kleiner Knabe wie du, nur mit dem einen Unterschiede,
-daß ich kein Novize bin. Wie pflegen denn unsere russischen Knaben bis
-jetzt zu handeln? Die meisten, meine ich. Nun, hier haben wir zum
-Beispiel das nach Speisedüften riechende Lokal, und da kommen sie denn
-zusammen und setzen sich in eine Ecke. Haben sich bis dahin zeitlebens
-nicht gekannt, und wenn sie das Gasthaus verlassen, werden sie sich
-wieder vierzig Jahre lang nicht kennen. Wovon werden sie nun sprechen,
-wenn sie diesen einen Augenblick in der Gasthausecke erhascht haben?
-Selbstverständlich von den Weltfragen: Gibt es einen Gott? gibt es
-Unsterblichkeit? Diejenigen aber von ihnen, welche an Gott nicht
-glauben, nun, die sprechen über Sozialismus und Anarchismus, über die
-Umgestaltung der ganzen Menschheit durch einen neuen Staat, so daß es
-schließlich auf den reinen Teufel hinauskommt, – das sind doch alles
-dieselben Fragen, nur vom anderen Ende. Und welch eine unglaubliche
-Menge der originellsten russischen Jungen tut heutzutage nichts anderes,
-als über diese ewigen Fragen reden! Habe ich nicht recht?“
-
-„Ja, für die echten Russen sind die Fragen, ob es einen Gott und ob es
-Unsterblichkeit gibt oder, wie du soeben sagtest, die Fragen vom anderen
-Ende, natürlich die wichtigsten Fragen, die allem anderen vorangehen, –
-so muß es auch sein,“ sagte Aljoscha, der seinen Bruder immer noch mit
-demselben stillen, forschenden Lächeln betrachtete.
-
-„Sieh, Aljoscha, ein russischer Mensch zu sein, ist zuweilen gar nicht
-klug, doch etwas Dümmeres als das, womit sich jetzt die russischen
-Knaben beschäftigen, kann man sich nicht einmal vorstellen. Nur _einen_
-russischen Knaben, den Aljoscha, den liebe ich trotzdem über alles.“
-
-„Wie nett du das eingefädelt hast,“ sagte Aljoscha auflachend.
-
-„Nun, sag also, womit wir beginnen sollen? Es soll geschehen, wie du
-befiehlst. – Mit Gott? – Ob Gott existiert, nicht?“
-
-„Womit du willst, damit beginne, meinetwegen auch ‚vom anderen Ende‘. Du
-erklärtest doch gestern beim Vater, daß es Gott nicht gäbe,“ sagte
-Aljoscha mit plötzlich forschendem Blick in die Augen des Bruders.
-
-„Gestern bei Tisch neckte ich dich absichtlich damit – um den Alten war
-es mir nicht zu tun – und ich sah es wohl, wie deine Augen aufblitzten.
-Doch jetzt bin ich gar nicht abgeneigt, nochmals mit dir auf dieses
-Thema einzugehen. Ich meine das vollkommen im Ernst. Ich möchte gern,
-daß wir uns nähertreten, Aljoscha, denn ich habe keinen Freund. Ich will
-es einmal versuchen. Nun, stelle es dir mal vor, vielleicht erkenne auch
-ich Gott an,“ sagte Iwan lachend. „Das hattest du wohl nicht erwartet,
-was?“
-
-„Ja, natürlich, wenn du nur auch jetzt nicht scherzest!“
-
-„Scherze? Das fragst du, weil man gestern beim Staretz sagte, daß ich
-scherze. Sieh, mein Liebling, im siebzehnten Jahrhundert lebte ein
-großer Sünder, und der hat von Gott gesagt: _S’il n’existait pas, il
-faudrait l’inventer._ Und tatsächlich hat sich der Mensch Gott
-ausgedacht. Doch nicht das ist sonderbar, nicht das wäre wunderbar, daß
-Gott tatsächlich existiert, wohl aber ist wunderbar, daß solch ein
-Gedanke – der Gedanke von der Unentbehrlichkeit Gottes – in den Kopf
-eines so wilden und bösartigen Tieres, wie es der Mensch ist, hat kommen
-können: dermaßen heilig, dermaßen rührend, dermaßen weise ist er, und
-dermaßen große Ehre macht er dem Menschen. Was nun mich dabei
-anbetrifft, so habe ich schon vor langer Zeit beschlossen, nicht mehr
-darüber nachzudenken, ob der Mensch Gott oder Gott den Menschen
-geschaffen hat. Auch werde ich, versteht sich, nicht etwa anfangen, alle
-zeitgenössischen Axiome der russischen Knaben durchzunehmen – Axiome,
-die alle ohne Ausnahme aus europäischen Hypothesen entstanden sind; denn
-was dort Hypothese ist, das ist bei unseren russischen Knaben sofort
-Axiom, und nicht nur bei den Knaben, sondern auch bei deren Professoren,
-denn auch die russischen Professoren sind jetzt sehr häufig selbst
-nichts anderes als solche kleinen russischen Knaben. Darum übergehe ich
-alle Hypothesen. Worin besteht aber nun unsere Aufgabe? Nun, versteht
-sich, darin, daß ich dir so schnell wie möglich mein ganzes Wesen
-erkläre, das heißt, was ich für ein Mensch bin, woran ich glaube, worauf
-ich hoffe! Nicht wahr, das ist es doch? Nun, und darum erkläre ich denn
-auch, daß ich Gott einfach und einwandlos akzeptiere. Einstweilen aber
-gilt es noch eines zu vermerken: Wenn Gott ist, und wenn er tatsächlich
-die Erde geschaffen hat, so hat er sie, wie wir genau wissen, nach der
-Geometrie des Euklid geschaffen, den menschlichen Verstand nur mit dem
-Vermögen begabt, bloß die drei Ausdehnungen des Raumes zu begreifen.
-Währenddessen aber hat es Mathematiker und Philosophen gegeben, und es
-gibt ihrer auch heutzutage noch welche, und es sind das sogar die
-Besten, die leider bezweifeln, daß das Weltall – oder sagen wir noch
-größer, – daß alles Sein nur nach Euklids Geometrie erschaffen sei, ja,
-sie erdreisten sich sogar, zu denken, daß zwei parallele Linien, die
-doch nach Euklid nie und nimmer und unter keiner Bedingung auf Erden
-zusammenlaufen können, vielleicht doch irgendwo in der Unendlichkeit
-zusammenlaufen. Weißt du, Liebling, ich sage mir nun, wenn ich selbst
-das nicht begreifen kann, wie soll ich dann noch etwas von Gott
-begreifen können, das ist doch dann viel zu hoch für mich. Bescheiden
-bekenne ich, daß ich nicht die geringsten Fähigkeiten zur Lösung solcher
-Probleme besitze; ich habe nur einen euklidischen, einen irdischen
-Verstand, und wie soll man daher über etwas urteilen, was nicht von
-dieser Welt ist? Und auch dir, mein Freund, rate ich, nie darüber
-nachzudenken, vor allem nicht über Gott: Ob es ihn gibt oder nicht gibt?
-Das sind Fragen, an die unser Verstand überhaupt nicht heranreicht, da
-sein Begriffsvermögen nur für das Erfassen der drei Ausdehnungen
-geschaffen ist. Und so akzeptiere ich denn gern nicht nur Gott allein,
-sondern ich akzeptiere auch seine Allwissenheit und sein Ziel, – das uns
-vollkommen unbekannt ist – und glaube an das Gesetz und den Sinn des
-Lebens, glaube auch an die ewige Harmonie, in der wir, wie es heißt,
-alle aufgehen werden, glaube an das Wort, zu dem das Weltall strebt, und
-das selbst bei Gott war und selbst Gott ist, nun, und so weiter, und so
-weiter bis ins Unendliche. Hat man sich doch in der Beziehung wahrlich
-nicht wenig Worte ausgedacht. Aber es scheint ja, daß auch ich bereits
-auf einem guten Wege bin – nicht? Nun, so laß dir denn kurz gesagt sein,
-daß ich im Endresultate diese Gotteswelt – _nicht_ akzeptiere, und wenn
-ich auch weiß, daß sie existiert, so gebe ich doch nicht zu, daß sie
-existiert. Nicht Gott akzeptiere ich nicht, verstehe mich recht, sondern
-die von ihm geschaffene Welt akzeptiere ich nicht, und kann ich nicht
-akzeptieren. Ich werde mich deutlicher ausdrücken: Ich bin meinetwegen
-überzeugt, daß das Leid vernarben und sich glätten wird, daß die ganze
-beleidigende Komik der menschlichen Widersprüche wie ein armseliges
-Trugbild verschwinden wird, wie eine garstige Erfindung eines
-schwächlichen, nur atomgroßen euklidischen Menschenverstandes, und daß
-schließlich im Weltfinale, im Moment der ewigen Harmonie etwas dermaßen
-Kostbares geschehen und erscheinen wird, daß es für alle Herzen
-ausreicht, zur Stillung allen Unwillens, zur Sühne aller von Menschen
-begangenen Greuel, zur Sühne alles durch sie vergossenen Blutes, daß es
-ausreichen wird zur Möglichkeit nicht nur der Vergebung, sondern auch
-der Rechtfertigung alles dessen, was mit den Menschen geschehen ist, –
-schön, schön, mag das alles erscheinen und sein, ich aber akzeptiere das
-nicht und will es auch nicht akzeptieren! Mögen sich sogar die
-Parallellinien treffen, und mag ich das auch selbst sehen, sehen und
-sagen, daß sie sich getroffen haben, so werde ich es doch trotzdem nicht
-annehmen. Sieh, das ist mein Wesen, Aljoscha, das ist meine These. Ich
-habe absichtlich unser Gespräch so begonnen, wie man es dümmer nicht gut
-hätte beginnen können, aber ich habe es mit meiner Beichte geendet, denn
-nur sie allein wolltest du doch hören. Nicht von Gott wolltest du etwas
-erfahren, sondern hören wolltest du, wovon dein Bruder, den du doch
-liebhast, geistig lebt. Und so habe ich es dir denn gesagt.“
-
-Iwan schloß seine lange Predigt plötzlich mit einem ganz unerwarteten
-und ganz eigentümlichen Gefühl.
-
-„Warum hast du so begonnen, ‚wie man es dümmer nicht gut hätte beginnen
-können‘?“ fragte Aljoscha, der, in Gedanken verloren, seinen Bruder
-betrachtete.
-
-„Ja, so, erstens um des Russizismus’ willen: Die russischen Gespräche
-über diese Themata werden doch alle so geführt, wie es dümmer nicht gut
-denkbar wäre. Und zweitens, weil man um so näher zur Sache kommt, je
-dümmer man tut. Je dümmer, um so klarer. Dummheit ist kurz und gut und
-einfach, Klugheit aber macht Finten und versteckt sich. Klugheit, das
-heißt, der Verstand, ist ein Schuft. Die Dummheit dagegen ist
-offenherzig und ehrlich. So habe ich dir meine Verzweiflung gezeigt, und
-je dümmer die Darstellung war, um so vorteilhafter für mich.“
-
-„Wirst du mir erklären, weswegen du die Welt ‚nicht akzeptierst‘?“
-fragte Aljoscha.
-
-„Versteht sich, es ist ja kein Geheimnis, und dahin führt doch unser
-Gespräch. Du, mein lieb Brüderlein, ich will dich doch nicht etwa
-verführen oder von deinem festen Stand wegrücken – ich wollte mich
-vielleicht nur selbst durch dich heilen ...“ Und Iwan lächelte so
-sonderbar, ganz wie ein kleiner, frommer Knabe. Niemals noch hatte
-Aljoscha an ihm solch ein Lächeln gesehen.
-
-
- IV.
- „Empörung“
-
-„Ich muß dir ein Geständnis machen,“ begann Iwan: „Ich habe nie
-begreifen können, wie man seine Nächsten lieben kann. Gerade die
-Nächsten kann man, meiner Meinung nach, unmöglich lieben; lieben kann
-man höchstens noch die Fernen. Ich habe einmal irgendwo von ‚Iwan dem
-Barmherzigen‘, einem Heiligen, gelesen, daß er, als einmal ein hungriger
-und durchfrorener Mann des Weges kam und ihn bat, sich bei ihm erwärmen
-zu dürfen – daß er sich da zusammen mit ihm auf das Lager gelegt habe,
-um ihn in der Umarmung zu erwärmen und ihm in seinen von einer
-scheußlichen Krankheit faulenden und übelriechenden Mund zu hauchen. Ich
-bin überzeugt, daß er es aus Selbstvergewaltigung getan hat, aus sich
-selbst vergewaltigender Lüge, aus pflichtschuldiger Liebe, aus sich
-selbst auferlegter Buße. Um einen Menschen lieben zu können, muß er sich
-verborgen halten, denn kaum zeigt er sein Gesicht – so ist die Liebe
-auch schon verschwunden.“
-
-„Darüber hat Staretz Sossima mehr als einmal gesprochen,“ bemerkte
-Aljoscha, „auch er sagte, daß das Gesicht eines Menschen nicht selten
-diejenigen, welche im Lieben noch unerfahren sind, zu lieben hindere.
-Aber es gibt trotzdem viel Liebe in der Menschheit, und sogar fast
-Christi Liebe ähnliche. Das weiß ich, Iwan ...“
-
-„Nun, ich aber weiß das vorläufig noch nicht und kann es daher auch
-nicht begreifen, und mit mir kann es eine unzählige Menge Menschen
-gleichfalls nicht begreifen. Die Frage besteht nur darin, ob das von den
-schlechten Eigenschaften der Menschen herrührt? oder ob es nur einfach
-daher kommt, daß die Natur des Menschen so geschaffen ist? Meiner
-Meinung nach ist Christi Liebe zu den Menschen in ihrer Art ein auf
-Erden unmögliches Wunder. Nun, er war ein Gott. Wir aber sind keine
-Götter. Nehmen wir zum Beispiel an, ich kann tief leiden, aber ein
-anderer kann nie erfahren, bis zu welch einem Grade ich leide, denn er
-ist eben ein anderer und nicht ich, und außerdem läßt sich der Mensch
-nur selten herbei, einen anderen als Leidenden anzuerkennen – ganz als
-ob es sich dabei um einen Rang handelte. Warum nun tut er es nur nicht,
-was meinst du wohl? Nun, weil ich vielleicht schlecht rieche, weil ich
-ein dummes Gesicht habe, oder weil ich ihm einmal auf den Fuß getreten
-bin. Und zudem ist zwischen Leiden und Leiden ein Unterschied:
-Gewöhnliches Leiden, das mich erniedrigt, Hunger zum Beispiel, das wird
-mein Wohltäter noch gelten lassen, doch ein etwas höheres Leiden, zum
-Beispiel für eine Idee, wird er nur in äußerst seltenen Fällen
-zugestehen, denn er wird bei meinem Anblick wahrscheinlich sofort
-finden, daß mein Gesicht durchaus nicht demjenigen gleicht, welches er
-sich in der Phantasie von einem Menschen, der für diese oder jene Idee
-leidet, gemacht hat. Und so entzieht er mir denn unverzüglich alle seine
-Wohltaten, tut das aber nicht etwa, weil er ein böses Herz hat. Bettler,
-namentlich ‚edle‘ Bettler, sollten sich eigentlich nie zeigen und lieber
-durch die Zeitungen Almosen bitten. Abstrakt kann man noch den Nächsten
-lieben und zuweilen sogar aus der Ferne, in der Nähe aber fast nie. Wenn
-alles wie auf der Bühne sich abspielen würde, wie im Ballett, wo die
-Bettler in seidenen Lumpen und zerrissenen Spitzen graziös tanzend um
-Almosen bitten, nun, dann kann man noch an ihnen Gefallen finden. An
-ihnen Gefallen finden, immerhin, aber nicht sie lieben. – Doch genug
-davon. Ich wollte dir nur meinen Standpunkt erklären ... Ich wollte mit
-dir von den Leiden der ganzen Menschheit sprechen, doch es ist besser,
-wir begnügen uns mit den Leiden der Kinder allein. Das wird den Umfang
-meiner Beweisführung ungefähr um das Zehnfache verringern. Es ist schon
-besser, nur von den Kindern zu reden. Für mich ist das natürlich
-unvorteilhafter. Aber, erstens, Kinder kann man auch in der Nähe lieben,
-sogar schmutzige, sogar häßliche ... Übrigens finde ich, daß kleine
-Kinder nie häßlich sind. Und zweitens werde ich schon allein deswegen
-nicht über die Großen reden, weil es sich bei ihnen, abgesehen davon,
-daß sie abstoßend und der Liebe unwürdig sind, um Vergeltung handelt:
-Sie haben den Apfel gegessen und Gut und Böse erkannt und sind ‚wie
-Gott‘ geworden. Und auch jetzt noch fahren sie fort, ihn zu essen. Die
-Kleinen aber haben noch nichts gegessen und sind vorläufig noch ganz
-schuldlos. Liebst du kleine Kinder, Aljoscha? Ich weiß, daß du sie
-liebst, und du wirst verstehen, warum ich jetzt nur von ihnen sprechen
-will. Wenn auch sie auf Erden unglaublich leiden, so geschieht das
-natürlich wegen ihrer Väter; sie werden für ihre Väter, die den Apfel
-vom Baume der Erkenntnis gegessen haben, bestraft. Aber das ist doch
-eine Erklärung aus einer anderen Welt, denn hier auf Erden ist sie dem
-Menschenherzen unbegreiflich! Ein Unschuldiger kann doch nicht für einen
-Schuldigen leiden, und dazu noch solche Unschuldige! Wundere dich über
-mich, Aljoscha, auch ich liebe kleine Kinder unsäglich. Überhaupt kannst
-du dir merken, daß grausame, leidenschaftliche, sinnliche, kurz –
-karamasoffsche Naturen gerade Kinder mitunter ungeheuer lieben können.
-Kinder unterscheiden sich, solang sie Kinder sind, also ungefähr bis zum
-siebenten Jahr, ganz unglaublich von erwachsenen Menschen, ganz als ob
-sie andere Wesen wären, eine ganz andere Natur hätten. Ich kannte einen
-Mörder im Gefängnis: Er hatte in seinem Leben ganze Familien in den
-Häusern geschlachtet, in die er nachts eingebrochen war, um zu stehlen,
-und da hatte er natürlich auch Kinder nicht verschont. Als er aber im
-Gefängnis saß, liebte er sie dermaßen, daß diese Liebe allen geradezu
-wunderlich schien. Immer stand er am Fenster seiner Zelle und blickte
-auf die kleinen Kinder, die im Gefängnishof spielten. Einen kleinen
-Knaben hatte er einmal an sein Fenster gelockt und schließlich hatten
-sich die beiden rührend angefreundet ... Weißt du noch nicht, wozu ich
-das alles sage, Aljoscha? Der Kopf tut mir weh, und ich bin, ich weiß
-nicht warum, traurig.“
-
-„Du siehst auch so sonderbar aus und redest so wunderlich,“ bemerkte
-Aljoscha, „als ob du geistesabwesend wärst.“
-
-„Bei der Gelegenheit fällt mir ein, was mir vor kurzem ein Bulgare in
-Moskau erzählte,“ fuhr Iwan Fedorowitsch fort, als hätte er die
-Bemerkung des Bruders gar nicht gehört. „Er schilderte, wie die Türken
-und Tscherkessen dort allerorten hausen, da sie einen allgemeinen
-Aufstand der Slawen befürchten, – das heißt, wie sie brandschatzen,
-morden, Frauen und kleine Mädchen vergewaltigen, wie sie die Gefangenen
-mit den Ohren an die Zäune nageln, damit sie sie bis zum nächsten
-Morgen, an dem sie gehängt werden sollen, nicht zu bewachen brauchen,
-und so weiter, – alles kann man kaum erzählen. Man spricht zuweilen von
-der ‚tierischen‘ Grausamkeit des Menschen, doch ist das höchst ungerecht
-und für die Tiere wirklich beleidigend: Ein Tier kann niemals so grausam
-sein wie der Mensch, so ausgesucht, so künstlerisch grausam. Ein Tiger
-zerreißt und frißt bloß, und das ist schließlich alles, was er versteht.
-Es würde ihm niemals einfallen, die Ohren seiner Opfer anzunageln und
-diese eine Nacht lang so angenagelt stehen zu lassen, oder sich eine
-gleich große Folter, die er mit seinen Mitteln ausführen könnte, zu
-ersinnen. Diese Türken haben übrigens mit besonderer Wollust Kinder
-gequält, haben sie mit Dolchen aus dem Mutterleibe herausgeschnitten,
-haben Säuglinge in Gegenwart der Mütter in die Luft geworfen und mit den
-Bajonetten aufgefangen. Daß es vor den Augen der Mütter geschah, war ja
-das Hauptvergnügen. Ein kleines Bild hat auf mich am meisten Eindruck
-gemacht. Stell dir vor: Ein Säugling auf den Armen seiner zitternden
-Mutter, um sie herum die eingedrungenen Türken. Sie haben sich ein
-lustiges Späßchen ausgedacht: Sie liebkosen das Kleine, lachen, um es zu
-erheitern, was ihnen auch gelingt: der Säugling lacht mit. Da hält ein
-Türke seine Pistole vor das Köpfchen des Kleinen. Der Knabe lacht
-fröhlich, streckt die Ärmchen dem blanken Ding entgegen, um es zu
-erfassen, und plötzlich drückt der Künstler den Hahn ab, ihm gerade ins
-Gesicht, und zerschmettert ihm das Köpfchen ... Raffiniert, nicht wahr?
-Übrigens sagt man, die Türken liebten Süßigkeiten sehr.“
-
-„Bruder, was soll das, warum redest du davon?“ fragte Aljoscha.
-
-„Ich meine, wenn der Teufel nicht existiert und ihn folglich der Mensch
-erdacht hat, so hat er ihn nach seinem Bilde geschaffen.“
-
-„In dem Falle also ebensogut wie Gott.“
-
-„Es ist bewundernswert, wie du die Worte zu verdrehen verstehst, wie
-Polonius im _Hamlet_ sagt,“ bemerkte Iwan lachend. „Du hast mich beim
-Wort gefangen; meinetwegen, es freut mich. Dann muß ja der Gott auch
-danach sein, wenn ihn der Mensch sich zum Bilde, zum Bilde des Menschen
-geschaffen hat! Du fragst mich, was das soll? Sieh mal, ich bin ein
-Liebhaber und Sammler gewisser Tatsachen und, glaub mir, ich hebe aus
-Zeitungen, Büchern, Broschüren oder einerlei woraus eine gewisse Art von
-Geschichten auf. Ich habe schon eine ganze Sammlung von solchen
-Blättern. Die Türken sind natürlich auch aufgehoben. Doch das sind
-immerhin Ausländer, aber ich habe auch heimatliche Geschichten, die
-sogar noch besser sind als die türkischen. Weißt du, bei uns gibt es
-viel Prügel, viel Ruten- und Peitschenhiebe, und das ist national. Bei
-uns sind angenagelte Ohren undenkbar, wir sind doch immerhin Europäer,
-aber Ruten und Peitschen sind etwas, das zu uns gehört und uns nicht
-genommen werden kann. Im Auslande, scheint es, schlägt man jetzt
-überhaupt nicht mehr. Haben sich nun die Sitten dort dermaßen geläutert,
-oder haben sich die Gesetze dort so ausgearbeitet, daß der Mensch den
-Menschen, wie es scheint, nicht mehr prügeln darf, ich weiß es nicht.
-Doch dafür haben sie sich mit etwas anderem entschädigt, etwas
-gleichfalls rein Nationalem, das bei uns, sollte man meinen, unmöglich
-wäre, obgleich es übrigens auch hier schon Wurzel schlägt, besonders
-seit der Zeit, da die religiöse Bewegung in unserer höheren Gesellschaft
-begonnen hat. Ich habe eine prächtige kleine Broschüre, eine Übersetzung
-aus dem Französischen. Es ist eine Art Bericht darüber, wie in Genf vor
-nicht langer Zeit, vor etwa fünf Jahren, ein Räuber und Mörder, namens
-Richard, ein, glaube ich, dreiundzwanzigjähriger Bursche, der sich kurz
-vor dem Tode zum Christentum bekehrt hatte, hingerichtet wurde. Dieser
-Richard war als uneheliches Kind schon mit sechs Jahren von den Eltern
-irgendwelchen Schweizer Hirten geschenkt worden, und die hatten ihn
-erzogen, um ihn dann später zur Arbeit zu gebrauchen. Er wuchs auf wie
-ein wildes kleines Tier, die Hirten ließen ihn nichts lernen, schickten
-ihn schon mit sieben Jahren, um die Herde zu hüten, hinaus in die
-Feuchtigkeit und Kälte, fast ohne Kleider und ohne Nahrung. Und
-natürlich sah niemand von den Hirten etwas Schlechtes darin, oder dachte
-jemand darüber nach, oder bereute man etwas, im Gegenteil, alle hielten
-sie sich für vollkommen berechtigt, ihn so zu behandeln, denn Richard
-war ihnen wie ein Gegenstand geschenkt worden, und sie fanden es nicht
-einmal für nötig, ihn zu ernähren. Richard hat selbst ausgesagt, daß er
-in jenen Jahren, wie der verlorene Sohn in der biblischen Geschichte,
-gern von den Trebern gegessen hätte, die die Schweine fraßen, doch man
-gab ihm nicht einmal die zu essen und schlug ihn, wenn er sich etwas
-davon stahl. Und so verbrachte er seine Kindheit und Jugend, bis er groß
-wurde und stehlen ging. Dieser Wilde begann in Genf als Tagelöhner Geld
-zu verdienen, vertrank natürlich alles, lebte wie ein Ungeheuer und
-erschlug und beraubte schließlich irgendeinen alten Mann. Er wurde
-ergriffen, gerichtet und zum Tode verurteilt. Dort ist man ja nicht
-sentimental. Doch siehe, im Gefängnis umringten ihn alsbald Pastoren und
-alle Anhänger christlicher Brüderschaften, wohltätige Damen usw. usw.
-Ihm wird im Gefängnis das Beten und Schreiben beigebracht, ihm wird das
-Evangelium erklärt, ihm wird ins Gewissen geredet, er wird überzeugt,
-bedrängt, gepreßt, gedrückt und geknetet, bis er schließlich selbst sein
-Verbrechen feierlich eingesteht. Er ist bekehrt, er schreibt an die
-Richter, daß er ein Auswurf des Menschengeschlechts sei, und daß der
-Herr ihn endlich erleuchtet und gesegnet habe. Ganz Genf gerät in
-Wallung, das ganze wohltätige, hochehrsame Genf regt sich auf! Alles,
-was sich zu den Höheren und Wohlerzogenen zählt, stürzt hin ins
-Gefängnis zu Richard. Er wird geküßt und umarmt: ‚Du bist unser Bruder,‘
-heißt es, ‚siehe, der Herr hat dich erleuchtet, die Gnade des Herrn ruht
-auf dir!‘ Richard aber weint nur vor Rührung. ‚Ja, ja, die Gnade des
-Herrn ruht auf mir! Früher in meiner Kindheit und Jugend freute ich mich
-nur auf Schweinefraß, jetzt aber hat mich der Herr erleuchtet, und ich
-sterbe im Herrn!‘ – ‚Ja, ja, Richard, stirb im Herrn, du hast Blut
-vergossen und mußt dafür im Herrn sterben. Wenn du auch nicht die Schuld
-daran trägst, daß du den Herrn früher überhaupt nicht kanntest, damals,
-als du die Schweine um das Futter beneidetest, und als man dich dafür
-schlug, daß du es von den Schweinen stahlst – was sehr unrecht von dir
-war, denn stehlen ist verboten –, aber du hast Blut vergossen und mußt
-dafür sterben.‘ Und siehe, der letzte Tag bricht an. Der schwach
-gewordene Richard ist in Tränen aufgelöst und wiederholt nur
-ununterbrochen: ‚Das ist mein schönster Tag, ich gehe heut ein zum
-Herrn!‘ – ‚Ja,‘ singen sofort die Pastoren, Richter und die wohltätigen
-Damen, ‚ja, das ist dein glücklichster Tag, denn du gehst ein zum
-Herrn!‘ Und alles zieht hin zum Schafott, zu Fuß und in Equipagen, als
-Geleit des Schinderkarrens, in dem Richard zum Schafott gefahren wird.
-Schließlich kommt man an. ‚Stirb, Bruder,‘ schreit man ihm von allen
-Seiten zu, ‚gehe hin in Frieden, stirb im Herrn, denn Sein Segen ruht
-auf dir!‘ Und siehe, der von Bruderküssen bedeckte Bruder Richard wird
-auf das Schafott geschleppt, sein Kopf wird auf die Guillotine gelegt
-und hübsch brüderlich abgekappt – dafür, daß sich der Segen Gottes über
-ihn ergossen hatte. Nun, das ist charakteristisch! Diese Broschüre ist
-ins Russische von irgendwelchen Aufklärungsbeflissenen aus der höheren
-Gesellschaft übersetzt und zur Bildung und Unterweisung des russischen
-Volkes mit Tageszeitungen und anderen Blättern und Monatsheften
-unentgeltlich versandt worden. Was diese Geschichte von Richard so
-bemerkenswert macht, ist das Nationale. Bei uns ginge es nicht gut an,
-den Kopf des Bruders bloß deswegen zu fällen, weil er erst jetzt unser
-Bruder geworden ist, und weil der Segen Gottes sich über ihn ergossen
-hat. Doch dafür haben wir etwas anderes, das jenem kaum nachsteht. Bei
-uns gibt es die historische, unmittelbarste und einfachste Strafe durch
-Hiebe. In der Tat, das Peitschen scheint vielen von uns ein Vergnügen zu
-sein. Nekrassoff erzählt in einem seiner Gedichte, wie ein Bauer sein
-Pferd mit der Peitsche auf die Augen schlägt, ‚auf die frommen Augen‘.
-Nun, wer hat das nicht gesehen, das ist doch echt russisch. Er
-beschreibt, wie das schwache Tier, dessen überladene Fuhre im grundlosen
-Wege stecken geblieben ist, anzieht und anzieht und doch nicht weiter
-kann. Der Bauer peitscht es, peitscht es, ohne zu wissen, was er tut.
-Unbarmherzig, trunken vom Prügeln, peitscht er immer weiter: ‚Und wenn
-du auch krepierst, aber zieh, zieh’s heraus!‘ Das Pferd zieht und zieht,
-und da fängt er an, das arme schutzlose Tier auf die weinenden, die
-‚frommen Augen‘ zu schlagen. Außer sich zog das Tier und zog die Fuhre
-heraus, zitternd, ohne zu atmen, irgendwie seitwärts und fast springend,
-ganz unnatürlich und schimpflich, – Nekrassoff hat es geradezu grausam
-geschildert. Und das ist doch schließlich nur ein Pferd, und Pferde hat
-Gott zum Prügeln gegeben. So wenigstens haben es uns die Tataren
-erklärt, und zum Andenken haben sie uns dann die Knute geschenkt. Aber
-man kann doch auch Menschen peitschen. Und da prügelt nun ein
-intelligenter gebildeter Herr mit dem Einverständnis seiner Madame sein
-eigenes Töchterchen, ein Kind von sieben Jahren, prügelt es mit Ruten, –
-ich habe mir alles ausführlich notiert: Der liebe Papa freut sich, daß
-die Ruten spitze Enden haben: ‚Werden schärfer ziehen,‘ sagt er, und so
-beginnt er denn, sein Töchterchen zu prügeln. Ich weiß, es gibt viele
-Leute, die beim Prügeln mit jedem Schlage immer mehr in Eifer geraten,
-denen das Schlagen schließlich zum Genuß, zur Wollust wird. Sie schlagen
-eine Minute lang, schlagen fünf Minuten, zehn Minuten lang, je länger
-desto stärker, desto wütender, desto schmerzhafter. Das Kind schreit,
-bis es nicht mehr schreien kann, es keucht nur noch: ‚Papa, Papa!‘ Und
-diese Geschichte war nun durch irgendeinen teuflisch unanständigen
-Zufall vor Gericht gekommen. Es wird ein Verteidiger angenommen. Unser
-Volk hat nicht umsonst den Advokaten ein ‚gemietetes Gewissen‘ benannt.
-Der Verteidiger schreit zur Rechtfertigung seines Klienten: ‚Herrgott,
-was ist das doch für eine gewöhnliche, in jeder Familie täglich
-vorkommende Geschichte: Der Vater hat seine Tochter bestraft! Und so
-etwas bringt man heutzutage, zur Schmach unserer Zeit, vors Gericht!‘
-Die Geschworenen ziehen sich zurück und beschließen die Freisprechung
-des Angeklagten. Das Publikum gröhlt vor Freude darüber, daß man einen
-Peiniger freigesprochen hat. – Ach, schade, daß ich nicht zugegen war,
-ich hätte sofort vorgeschlagen, zu Ehren dieses Vaters ein Stipendium
-auf seinen Namen zu stiften! ... Ja, diese kleinen Bilder sind ganz
-vorzüglich. Doch von Kindern habe ich noch bessere Geschichten, habe
-sehr viel solcher Geschichten von kleinen Märtyrern, Aljoscha. Zum
-Beispiel: Ein kleines fünfjähriges Mädchen wird seinen Eltern plötzlich
-verhaßt. Es sind ‚ehrenwerte, gebildete und wohlerzogene Leute vom
-Beamtenstande‘. Sieh, ich behaupte nochmals positiv, daß sie eine
-besondere Eigenschaft vieler Menschen ist, diese Vorliebe für das
-Foltern kleiner Kinder: gerade daß es Kinder sind, ist für sie die
-Hauptsache. Zu allen anderen Subjekten der Menschheit verhalten sie sich
-wohlwollend und freundlich, wie alle gebildeten und humanen Europäer,
-doch Kinder zu quälen lieben sie ganz ungemein, und aus diesem Grunde
-lieben sie auch die Kinder. Hier ist es wohl gerade die Schutzlosigkeit
-dieser kleinen Geschöpfe, die sie fasziniert, diese engelgleiche
-Zutraulichkeit des Kindes, das nicht fortlaufen kann und niemanden hat,
-an den es sich klammern könnte, – das ist es gerade, was das böse Blut
-des Peinigers erhitzt. Versteht sich, in jedem Menschen verbirgt sich
-das Tier, – im Zorn, in der wollüstigen Erregung durch die Schreie des
-gefolterten Opfers, in der sinnlosen Wut, in der Reizbarkeit der durch
-eigene Verderbnis zugezogenen Krankheiten, wie Podagra, Leberleiden und
-so weiter. Diesem armen fünfjährigen Mädchen wurden von seinen
-‚gebildeten‘ Eltern die verschiedensten Foltern zugedacht. Die Kleine
-wurde geschlagen, geprügelt, mit den Füßen gestoßen, – kurz, ohne selbst
-zu wissen weswegen, bedeckten diese Eltern den Körper ihres Kindes mit
-blauen Flecken. Zuletzt gelangten sie noch zu einer höheren Art von
-Folter: Sie schlossen das arme kleine Ding für die ganze Nacht in den
-kalten Abtritt ein, weil, wie sie sagten, die Kleine in der Nacht nicht
-gebeten habe, sie aufs Töpfchen zu setzen – als ob ein fünfjähriges
-kleines Wesen in seinem festen Kinderschlaf davon erwachen könnte! Und
-dafür haben sie ihm das Gesicht mit Kot beschmiert und es gezwungen,
-diesen Kot zu essen, ja, dazu hat die Mutter, versteh mich recht, die
-Mutter ihr Kind gezwungen! Und diese Mutter hat schlafen können, während
-ihr Kindchen an dem kalten, gemeinen Ort war und weinte! Verstehst du
-das, Aljoscha, wenn das kleine Wesen, das noch nicht begreifen kann, was
-mit ihm geschieht, dort im Örtchen in Dunkelheit und Kälte hockt und
-sich mit seinem kleinen, kleinen Fäustchen an seine schluchzende, magere
-kleine Kinderbrust schlägt und mit unschuldigen, frommen Tränen zu
-seinem ‚lieben Gottchen‘ betet, damit er es beschütze, – verstehst du
-das, Aljoscha, du mein Freund und Bruder und demütiger Gottesdiener, der
-du bist – begreifst du, wozu diese Sinnlosigkeit nötig und geschaffen
-ist? Ohne sie, sagt man, könnte der Mensch auf der Welt nicht leben,
-denn ohne sie würde er nie Gut und Böse erkannt haben. Aber wozu dieses
-Teufels Gut und Böse erkennen, wenn das so viel kostet? Ist doch dann
-die ganze Erkenntniswelt nicht diese Kindertränen zum ‚lieben Gottchen‘
-wert. Ich rede nicht von den Leiden der Großen. Die haben den Apfel vom
-Baume der Erkenntnis gegessen und – zum Teufel mit ihnen, aber die
-Kinder, die Kinder! Quäle ich dich, Aljoschka? Du bist ja ganz
-geistesabwesend, wie es scheint. Ich werde aufhören, wenn du willst.“
-
-„Tut nichts, ich will mich gleichfalls quälen,“ murmelte Aljoscha.
-
-„Nur eines noch, nur noch ein einziges Bild! Es ist gar zu
-charakteristisch, und ich habe es erst vor ganz kurzer Zeit gelesen in
-einer der beiden großen Sammlungen, im ‚Archiv‘ oder im ‚Altertum‘
-glaube ich, ich weiß es nicht mehr genau, – ich muß nachschlagen, habe
-vergessen, wo es war. Es datiert aus der Zeit der strengsten
-Leibeigenschaft, noch zu Anfang des Jahrhunderts. Ach, Heil unserem
-Zar-Befreier! – Es lebte damals zu Anfang des Jahrhunderts ein General,
-ein General mit guten Verbindungen, ein steinreicher Gutsbesitzer, doch
-einer von jenen Leuten – die allerdings auch damals bereits selten
-geworden waren –, die, wenn sie sich aus dem Dienst zurückzogen, fast
-überzeugt waren, sich das Recht über Leben und Tod ihrer Leibeigenen
-verdient zu haben. Solche gab es damals. Also dieser General lebt auf
-seinem Gute mit etwa zweitausend leibeigenen Seelen, lebt natürlich
-pompös, trätiert seine ärmeren Gutsnachbarn wie seine Freischlucker und
-Hofnarren. Seine Meute besteht aus Hunderten von Hunden, und die Zahl
-der Rüdenknechte ist nicht viel geringer als hundert, alle sind sie
-uniformiert und beritten. Und siehe, eines Tages verletzt ein kleiner,
-kaum achtjähriger Junge beim Spielen den Fuß des Lieblingsjagdhundes
-seiner Exzellenz. ‚Warum lahmt denn plötzlich mein Lieblingshund?‘
-erkundigt sich der General. Es wird ihm berichtet, daß, nun, so und so,
-dieser Knabe den Hund mit einem Stein am Fuß getroffen habe. ‚Ah, also
-der ist es,‘ sagt der General mit einem entsprechenden Blick auf den
-Knaben. ‚Nehmt ihn.‘ Man nahm ihn, nahm ihn von der Mutter fort und
-steckte ihn in die Arrestkammer. Am nächsten Morgen ritt der General mit
-allem Drum und Dran zur Jagd, alle Gäste um ihn herum, Rüdenwärter und
-Piköre, Jägermeister, alle beritten und in Livree, und die Hunde
-gekoppelt. Das ganze Hofgesinde war versammelt, und vorn vor allen
-anderen steht die Mutter des schuldigen Knaben. Da wird der Knabe aus
-der Arrestkammer gebracht. Es ist ein trüber, kalter, nebliger
-Herbsttag, wie geschaffen zur Jagd. Der General befiehlt, den Knaben zu
-entkleiden; der Kleine wird bis auf die Haut entkleidet, er zittert, ist
-fast ganz bewußtlos vor Angst, wagt kaum zu atmen ... ‚Hetzt ihn!‘
-kommandiert plötzlich der General, und ‚lauf, lauf!‘ schreien dem
-Kleinen die Piköre zu, – der Knabe läuft ... ‚Packt ihn!‘ brüllt der
-General und hetzt auf den kleinen laufenden Knaben seine ganze wilde
-Hundeschar. Vor den Augen der Mutter hetzte er das Kind zu Tode, und die
-Hunde zerrissen es in Stücke! ... Der General wurde, glaub ich, unter
-Kuratel gestellt ... Nun, was hätte man wohl anders mit ihm tun sollen?
-Erschießen? Zur Befriedigung des sittlichen Gefühls erschießen? Sag
-doch, Aljoschka!“
-
-„Ja, erschießen!“ sagte Aljoscha leise, mit einem blassen, gleichsam
-verzerrten Lächeln, den Blick zum Blick des Bruders erhebend.
-
-„Bravo!“ rief Iwan triumphierend, als ob ihn die Antwort geradezu
-entzückt hätte, „wenn schon du es sagst, dann muß es auch so richtig
-sein! ... Ach, du Asket! Da sieh doch einer, was für ein kleiner Teufel
-in deinem Herzen sitzt, Aljoscha Karamasoff!“
-
-„Ich habe eine Dummheit gesagt, aber ...“
-
-„Das ist es ja, daß darauf ein ‚aber‘ folgt!“ fiel ihm Iwan lebhaft ins
-Wort. „Weißt du auch, du kleiner Knabe, daß die Dummheiten auf Erden nur
-allzu nötig sind? Auf Unsinn beruht die Welt, und ohne ihn würde auf ihr
-vielleicht überhaupt nichts geschehen. Ich weiß, was ich weiß!“
-
-„Was weißt du?“
-
-„Ich begreife nichts,“ fuhr Iwan wie im Fieber fort, – es war, als ob er
-irre redete – „und ich will jetzt auch nichts begreifen. Ich will bei
-der Tatsache bleiben. Ich habe schon längst beschlossen, _nicht_
-begreifen zu wollen. Sobald ich etwas begreifen will, entstelle ich
-sofort die Tatsachen, jetzt aber will ich bei der Tatsache bleiben.“
-
-„Warum quälst du mich so?“ stieß Aljoscha plötzlich klagend hervor, –
-„wirst du es mir denn nicht endlich sagen?“
-
-„Natürlich werde ich es dir sagen; deswegen habe ich doch alles das
-erzählt, um es dir sagen zu können. Teuer bist du mir, Alexei, ich gönne
-dich niemandem, ich kämpfe um dich, ich trete dich nicht deinem Sossima
-ab!“
-
-Iwan schwieg eine Zeitlang, und sein Gesicht ward über die Maßen
-traurig.
-
-„Höre mich an: Ich habe nur die kleinen Kinder genommen, damit es
-augenscheinlicher sei. Von den übrigen Tränen der Menschen, mit denen
-die Erde von ihrer Kruste bis zum Mittelpunkt der Achse durchtränkt ist,
-will ich weiter kein Wort reden, ich habe das Thema absichtlich
-beschränkt. Ich bin, sagen wir, eine Wanze und gestehe mit meiner ganzen
-Erniedrigung ein, daß ich nicht begreifen kann, wozu alles so
-eingerichtet ist. Die Menschen tragen, wie sich erweist, selbst an allem
-die Schuld: Ihnen ward das Paradies gegeben, sie aber wollten Freiheit
-und raubten das Feuer vom Himmel, obgleich sie wußten, daß sie dadurch
-unglücklich würden. Also ist kein Grund vorhanden, sie zu bemitleiden.
-O, nach meinem armseligen, irdischen, euklidischen Verstande weiß ich
-nur das eine, daß es Leiden gibt, Schuldige aber nicht, daß sich bei
-allem eines aus dem anderen gerade und einfach ergibt, daß alles fließt
-und sich aufwägt, – aber das ist nur eine euklidische Ente, das weiß ich
-doch, und ich kann doch nicht einwilligen, danach zu leben! Was habe ich
-davon, daß keine Schuldigen vorhanden sind, und daß sich alles gerade
-und einfach eines aus dem anderen ergibt, und daß ich das weiß! Ich
-brauche Vergeltung oder ich vernichte mich!! Und die Vergeltung nicht
-irgendwo und irgendwann in der Unendlichkeit, sondern noch hier auf
-Erden, so daß ich sie selbst sehen kann. Ich habe geglaubt, also will
-ich auch mit eigenen Augen sehen, und wenn ich zu der Stunde schon tot
-bin, so soll man mich auferstehen lassen – denn es wäre doch, wenn alles
-ohne mich geschehen sollte, gar zu kränkend für mich. Will ich doch
-nicht dazu gelitten haben, um mit meinen Verbrechen und meinen Leiden
-für irgendeinen Anderen die zukünftige Harmonie zu düngen. Ich will mit
-meinen Augen sehen, wie das Reh arglos neben dem Löwen ruht, und wie der
-Ermordete aufsteht und seinen Mörder umarmt. Ich will dabei sein, wenn
-alle plötzlich erfahren, warum und wozu alles so gewesen ist. Auf diesem
-Wunsch beruhen alle Religionen der Erde. Ich aber glaube. Doch da sind
-nun die kleinen Kinder, was soll ich mit ihnen anfangen? Das ist eine
-Frage, die ich nicht zu beantworten vermag. Zum hundertstenmal sage ich
-dir: Solcher Fragen gibt es in Unmenge, doch ich habe nur die Kinder
-allein genommen, denn hierbei ist das, was ich zu sagen habe,
-unwiderlegbar klar. Höre mich: Wenn alle leiden müssen, um damit die
-ewige Harmonie zu erkaufen, so sag mir doch bitte, was das mit den
-kleinen Kindern zu tun hat? Es bleibt unbegreiflich, warum auch sie
-leiden müssen, und warum auch sie durch Leiden die Harmonie erkaufen
-sollen. Warum sind auch sie zu Material gemacht, um für irgend jemanden
-die zukünftige Harmonie zu düngen? Die Solidarität der Menschen in der
-Sünde begreife ich sehr wohl, ich begreife auch die Solidarität in der
-Vergeltung – aber doch nicht mit kleinen Kindern Solidarität in der
-Sünde! Und wenn die Wahrheit wirklich darin besteht, daß sie mit ihren
-Vätern in allen Verbrechen derselben solidarisch sind, so ist diese
-Wahrheit, versteht sich, nicht von dieser Welt und ist für mich
-unbegreiflich. Manch ein Spaßvogel wird wohl sagen, daß es schließlich
-auf dasselbe hinauskäme: das Kind werde groß und hätte dann selbst
-übergenug Zeit zum Sündigen. Aber dieser kleine Knabe wurde doch schon
-im achten Lebensjahre von Hunden zerrissen ... O, Aljoscha, ich will
-nicht lästern! Ich begreife doch, wie groß die Erschütterung des
-Weltalls sein wird, wenn alles im Himmel, auf der Erde und unter der
-Erde in einen einzigen Lobgesang zusammenfließt, wenn alles, was lebt,
-und was gelebt hat, ausruft: ‚Gerecht bist du, o Herr, denn offenbar
-sind jetzt deine Wege!‘ Wenn selbst die Mutter den Peiniger, der ihren
-Sohn von Hunden hat zerreißen lassen, umarmt und alle drei mit Tränen
-singen: ‚Gerecht bist du, o Herr,‘ – dann, ja dann ist die Krone alles
-Wissens und Erkennens erworben, dann wird alles seine Erklärung finden.
-Hier aber ist nun für mich der Haken, denn gerade das ist es, was ich
-nicht annehmen kann. Und daher beeile ich mich, solange ich noch auf
-Erden bin, meine Maßregeln zu ergreifen. Denn sieh, Aljoscha, es ist
-doch möglich, daß ich, wenn ich diesen Augenblick noch erlebe oder von
-den Toten auferweckt werde, um das alles zu sehen, – daß auch ich dann
-beim Anblick der Mutter, die den Peiniger ihres Sohnes umarmt, mit allen
-anderen zusammen ausrufe: ‚Gerecht bist du, o Herr!‘ Ich aber will das
-nicht ausrufen. Und darum beeile ich mich, solange es noch Zeit ist,
-Maßregeln zu ergreifen, und darum danke ich von vornherein für jede
-höhere Harmonie. Ist sie doch keine einzige Träne jenes gequälten
-kleinen Kindes wert, das sich mit der kleinen Faust an die kleine Brust
-geschlagen und zu seinem ‚lieben Gottchen‘ gebetet hat. Sie ist es nicht
-wert, denn diese Kindertränen sind unausgelöscht geblieben. Sie aber
-müssen ausgelöscht werden, oder sonst gibt es keine Harmonie. Aber
-womit, womit kannst du sie auslöschen? Ist das überhaupt möglich? Was
-tut es schließlich, daß sie gerächt werden? Was tue ich mit der Rache,
-wozu nützen mir die Höllenqualen der Peiniger, was kann die Hölle
-hierbei wieder gutmachen, wenn das Kind schon zu Tode gequält ist? Und
-wo bleibt dann die Harmonie, wenn es noch eine Hölle gibt? Ich will
-verzeihen und umarmen und will nicht, daß noch gelitten wird. Und wenn
-die Leiden der Kinder zur Ergänzung jener Summe von Leid, die zum Kauf
-der Wahrheit erforderlich ist, hinzugerechnet werden müssen, so behaupte
-ich im voraus, daß die Wahrheit diesen Preis nicht wert ist. Ich will
-nicht, daß die Mutter den Peiniger ihres Sohnes umarmt! Wie darf sie es
-wagen, ihm zu vergeben? Wenn sie will, kann sie für sich vergeben – mag
-sie ihm ihr unermeßliches Mutterleid und alle ihre Schmerzen verzeihen:
-doch die Leiden ihres von Hunden zerrissenen Kindes darf sie nicht
-verzeihen, dazu hat sie kein Recht, und wenn auch ihr Kind selbst dem
-Peiniger vergibt! Wenn das aber so ist, wenn man nicht verzeihen darf,
-wo ist dann die Harmonie? Gibt es in der ganzen Welt ein Wesen, das
-verzeihen könnte, das das Recht hätte, zu verzeihen? Ich will keine
-Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Lieber bleibe ich bei
-ungerächten Leiden. Lieber bleibe ich bei meinem ungerächten Leiden und
-in meinem heiligen unstillbaren Zorn, _selbst wenn ich nicht im Recht
-wäre_. Ist doch diese Harmonie gar zu teuer eingeschätzt! Wenigstens
-erlaubt es mein Beutel nicht, so viel für den – Eintritt zu zahlen.
-Darum aber beeile ich mich, mein Eintrittsbillett zurückzustellen. Und
-wenn ich ein Mann von Ehre bin, so ist es meine Pflicht, dies sobald als
-möglich zu tun. So tue ich es denn auch. Nicht Gott ist es, den ich
-ablehne, Aljoscha, ich schicke ihm nur die Eintrittskarte ergebenst
-zurück.“
-
-„Das ist Empörung,“ sagte Aljoscha leise mit gesenktem Blick.
-
-„Empörung? Dieses Wort wünschte ich nicht von dir zu hören,“ sagte Iwan
-empfindsam mit tiefem Blick auf den Bruder. „Kann man denn in der
-Empörung leben? Ich aber will leben. Sage mir offen, ich rufe dich an,
-antworte: Nehmen wir an, du selbst solltest das Gebäude des
-Menschenschicksals errichten mit dem Ziel, zum Schluß alle Menschen zu
-beglücken, ihnen endlich Ruhe und Frieden zu geben, doch zu dem Zweck
-stünde dir unvermeidlich bevor, und wär’s auch nur ein einziges kleines
-Wesen zu Tode zu quälen, sagen wir, dasselbe kleine Kind, das sich mit
-der kleinen Faust an die kleine Brust schlug – auf dessen ungerächten
-Tränen solltest du dieses Gebäude errichten, – würdest du es übernehmen,
-unter dieser Bedingung der Baumeister des großen Gebäudes zu sein? Sage
-es mir und lüge nicht!“
-
-„Nein, ich würde es nicht übernehmen,“ sagte Aljoscha leise.
-
-„Und kannst du glauben, daß die Menschen, für die du baust, einwilligen
-werden, ihr Glück auf Grund des ungerecht vergossenen Blutes jenes zu
-Tode gehetzten Knaben zu empfangen? und daß sie dann ewig glücklich sein
-können?“
-
-„Nein, das kann ich nicht glauben ... Ach, Iwan,“ sagte Aljoscha
-plötzlich mit aufleuchtenden Augen, „du fragtest vorhin: Gibt es in der
-ganzen großen Welt ein Wesen, das verzeihen könnte, das das Recht hätte,
-zu verzeihen? Aber dieses Wesen gibt es, und es kann alles vergeben,
-allen und _für alles_, denn es selbst hat sein unschuldiges Blut für
-alle und alles hingegeben. Du hast ihn vergessen, auf ihm aber wird sich
-das Gebäude errichten und ihm wird man zurufen: ‚Gerecht bist du, o
-Herr, denn deine Wege sind jetzt offenbar.‘“
-
-„Ach, das ist es ja, der ‚Einzige Sündenlose‘ und ‚Sein Blut‘! Nein, ich
-habe ihn nicht vergessen, im Gegenteil, ich wunderte mich die ganze
-Zeit, warum du ihn noch nicht vorführtest, denn gewöhnlich ist Er das
-erste, was deinesgleichen in allen derartigen Diskussionen nennen ...
-Weißt du, Aljoscha, – du brauchst nicht zu lachen, die Sache ist ernst
-–: Ich habe einmal, so etwa vor einem Jahr, ein Poem verfaßt. Wenn du
-noch zehn Minuten mit mir verlieren wolltest, so könnte ich es dir
-vielleicht erzählen.“
-
-„Wie, du hast ein Gedicht geschrieben?“
-
-„O nein, ist mir nicht eingefallen,“ antwortete Iwan lachend. „Ich habe
-in meinem ganzen Leben bestimmt nicht einmal zwei Verse
-zusammengebracht. Dieses ‚Poem‘ habe ich mir ganz einfach ausgedacht,
-und, ohne es niederzuschreiben, behalten. Oh, ich habe es mir mit
-Begeisterung ausgedacht! Du wirst also mein erster Leser sein oder sagen
-wir Zuhörer. Nein, wirklich, warum soll sich der Autor einen Zuhörer
-entgehen lassen, und wenn es nun noch gar der einzige in Frage kommende
-ist,“ meinte Iwan lächelnd. „Soll ich also erzählen oder nicht?“
-
-„Ich bin sehr gespannt,“ sagte Aljoscha.
-
-„Nun, mein Poem heißt; ‚Der Großinquisitor‘, – ein unsinniges Ding, aber
-ich will es dir nun einmal erzählen.“
-
-
- V.
- „Der Großinquisitor“
-
-„Natürlich geht es auch hier nicht ohne Vorrede ab, ich meine, ohne ein
-literarisches Vorwort, – hol’s der Kuckuck!“ begann Iwan lachend, „und
-schließlich, was bin ich denn für ein Dichter! ... Also – die Handlung
-spielt bei mir im sechzehnten Jahrhundert, damals aber – dir muß das
-übrigens schon aus der Schule bekannt sein –, damals war es allgemein
-gebräuchlich, die himmlischen Mächte in poetischen Darstellungen auf die
-Erde zu bringen. Von Dante will ich nicht weiter reden. In Frankreich
-waren es die Schreiber der Gerichtshöfe, die Passionsbrüderschaften und
-in den Klöstern die Mönche, die ganze Vorstellungen gaben, in denen auf
-der Szene die Madonna, Engel, Heilige, Christus und selbst Gott
-dargestellt wurden. Damals war das alles naiv gemeint. In Victor Hugos
-_Notre Dame de Paris_ wird unter Ludwig XI., zur Feier der Geburt des
-Dauphins, in Paris, im Saale des Hotel de Ville, unentgeltlich dem Volke
-eine erbauliche Vorstellung gegeben, unter dem Titel: ‚_Le bon jugement
-de la très sainte et gracieuse Vierge Marie_‘, in der sie persönlich
-erscheint und ihr _bon jugement_ verkündet. Auch bei uns in Moskau
-wurden früher, vor Peter, eben solche dramatische Aufführungen
-veranstaltet, vornehmlich nach Stoffen aus dem Alten Testament. Und so
-gab es denn auch damals, als diese dramatischen Aufführungen so beliebt
-waren, überall solche Geschichten, sogenannte ‚Poeme‘ und ‚Gedichte‘, in
-denen je nach Bedarf Heilige, Engel und womöglich alle himmlischen
-Mächte mitwirkten. In unseren Klöstern wurden diese Werke vielfach
-übersetzt und abgeschrieben, oder man verfaßte ganz neue – und weißt du
-auch, wann bereits? Zur Zeit des Tatarenjochs![17] Es gibt zum Beispiel
-ein Klosterpoem – natürlich aus dem Griechischen: ‚Der Gang der Mutter
-Gottes durch die Hölle‘, von einer Kühnheit der Phantasie, die der
-danteschen wirklich nicht nachsteht. Die Mutter Gottes steigt hinab in
-die Hölle, und der Erzengel Michael führt sie ‚durch die Qualen‘. Sie
-sieht jeden Sünder in seiner Pein. Unter anderem gibt es dort auch eine
-äußerst bemerkenswerte Kategorie von Sündern in einem brennenden See:
-diejenigen, welche in diesem See bereits so weit versunken sind, daß sie
-nicht mehr herausschwimmen können, von denen heißt es, daß ‚Gott sie
-bereits vergäße‘ – es ist ein Ausdruck von ungewöhnlicher Tiefe und
-Kraft. Und siehe, die erschütterte Mutter Gottes fällt weinend vor dem
-Throne des Höchsten nieder und bittet ihn um Vergebung für alle, die sie
-dort in der Hölle gesehen hat, für alle ohne Ausnahme. Ihr Gespräch mit
-Gott ist ungemein interessant. Sie fleht; sie hört nicht auf zu flehen;
-und wie Gott auf die durchbohrten Hände und Füße ihres Sohnes weist und
-sie fragt: ‚Wie soll ich seinen Peinigern vergeben?‘ – da befiehlt sie
-allen Heiligen, allen Märtyrern, allen Engeln und Erzengeln mit ihr
-zusammen niederzuknien und um die Begnadigung aller ohne Ausnahme zu
-flehen. Es endet damit, daß sie von Gott die Einstellung der Qualen in
-jedem Jahr vom Karfreitag bis zum Pfingstsonntag erbittet, und da ertönt
-aus der Hölle der Dank und der Lobgesang der Sünder, die laut zu ihm
-rufen: ‚Gerecht bist du, o Herr, da du also gerichtet hast.‘ Von der Art
-wäre nun auch mein Poem gewesen, wenn ich es in jener Zeit verfaßt
-hätte. Bei mir erscheint auf der Szene Er. Allerdings spricht Er kein
-Wort, Er erscheint nur und geht vorüber. Fünfzehn Jahrhunderte sind seit
-Seinem ersten Erscheinen vergangen, seit der Zeit, da Er den Menschen
-versprach, wiederzukommen und sein Reich auf Erden zu errichten,
-fünfzehn Jahrhunderte seit der Zeit, da Er, wie sein Jünger uns
-berichtet, zu uns sagte, als Er noch unter ihnen wandelte: ‚Wahrlich,
-ich komme bald. Von jenem Tage aber und der Stunde weiß nicht einmal der
-Sohn, nur mein himmlischer Vater weiß es.‘ Doch die Menschheit erwartet
-Ihn in demselben Glauben und mit derselben Sehnsucht wie früher. Was
-sage ich! – in noch größerem Glauben erwartet sie Ihn, denn fünfzehn
-Jahrhunderte sind schon seit der Zeit vergangen, da der Himmel dem
-Menschen ein Unterpfand gab ...
-
- ‚Was das Herz dir saget, daran glaube:
- Der Himmel gibt kein Unterpfand den Menschen.‘
-
-Es ist wahr, es gab damals viele Wunder. Es gab Heilige, die wunderbare
-Heilungen vollbrachten, und zu manchen frommen Einsiedlern stieg die
-Himmelskönigin herab, wie wir aus vielen Lebensgeschichten wissen. Doch
-auch der Teufel schlief nicht: und siehe, in der Menschheit erhoben sich
-Zweifel an der Wahrheit dieser Wunder. Und da verbreitete sich im
-Norden, in Deutschland, eine furchtbare neue Ketzerei. Ein großer Stern,
-‚ähnlich einer Leuchte – das heißt also, der Kirche – fiel in die
-Quellen der Wasser, und siehe, das Wasser ward bitter‘. Die Sekten
-begannen gotteslästerlich die Wunder zu leugnen. Aber um so glühender
-glauben die Treugebliebenen. Die Tränen der Menschen steigen nach wie
-vor zu Ihm empor, man erwartet Ihn, man liebt Ihn, man hofft auf Ihn,
-wie früher ... Und siehe, so viele Jahrhunderte haben die Menschen in
-feurigem Glauben zu Ihm gebetet und Ihn angerufen: ‚Unser Herr und Gott,
-erscheine uns!‘ daß Er in Seinem unermeßlichen Mitleid zu den Flehenden
-herabsteigen will. War Er doch auch schon vordem herabgestiegen und zu
-gar manchen Gerechten, Märtyrern und heiligen Einsiedlern gegangen, wie
-wir es aus deren Lebensgeschichte wissen. Tjutscheff hat, vollkommen
-überzeugt, daß es so war, folgenden Vers geschrieben:
-
- ‚Unter der Last des dreiendigen Kreuzes,
- Inmitten der beiden verdammten Schächer,
- Ging Christ der König, wie ein Verbrecher,
- Der die Erde segnete.‘
-
-Was natürlich auch so war, das sage ich dir von mir aus. Und siehe, Er
-will in seiner Barmherzigkeit wenigstens auf einen Augenblick zum Volke
-hinabsteigen, zu dem sich quälenden, dem leidenden, schmutzig-sündigen,
-doch kindlich Ihn liebenden Volke. Die Handlung spielt bei mir in
-Spanien, in Sevilla, zur Zeit der schrecklichsten Inquisition, als zum
-Ruhme Gottes täglich Scheiterhaufen auf zum Himmel flammten, und endlos,
-bei flackerndem Fackelschein,
-
- ‚In mächtigen, grausigen Zügen
- Die Ketzer zogen zum Autodafé.‘
-
-Er kam natürlich nicht so zu den Menschen, wie Er nach Seiner Verheißung
-zu Ende der Zeiten in Seiner himmlischen Herrlichkeit erscheinen wird:
-plötzlich, wie ein Blitz von Morgenrot zu Abendrot. Nein, Er will nur
-auf einen Augenblick Seine Kinder wiedersehen, und zwar gerade dort, wo
-die Scheiterhaufen der Ketzer prasseln, wo Flammenzungen Menschenblut
-lecken. In Seiner unermeßlichen Barmherzigkeit wandelt Er noch einmal in
-derselben Menschengestalt, in der Er vor fünfzehn Jahrhunderten
-dreiunddreißig Jahre lang unter den Menschen erschienen war. Er
-erscheint auf den ‚heißen Plätzen‘ der südlichen Stadt, in der noch am
-Vorabend in Gegenwart des Königs, des ganzen Hofes, aller Granden,
-Kardinäle und der schönsten Hofdamen, in Gegenwart der zahlreichen
-Bevölkerung Sevillas, durch den greisen Kardinal, den Großinquisitor,
-auf einmal fast ein ganzes Hundert Ketzer _ad majorem gloriam Dei_
-verbrannt worden war. Unmerklich ist Er plötzlich erschienen, und siehe,
-– sonderbar – alle erkennen Ihn. Das könnte eine der besten Stellen des
-Poems sein, ich meine, warum Ihn alle erkennen. Eine unbezwingbare Macht
-zieht das Volk zu Ihm hin; es umringt Ihn und wächst mehr und mehr um
-Ihn an und folgt Ihm, wohin Er geht. Er aber wandelt stumm unter ihnen
-mit einem stillen Lächeln unermeßlichen Mitleids. Eine Sonne der Liebe
-brennt in Seinem Herzen. Strahlen der Erleuchtung und der Kraft fließen
-aus Seinen Augen, und jeden, über den sie sich ergießen, machen sie vor
-Gegenliebe erbeben. Er streckt ihnen Seine Hände entgegen, Er segnet
-sie, und von der Berührung Seiner Hände, ja auch nur von der Berührung
-Seines Gewandes geht heilende Kraft aus. Da ruft aus der Menge ein
-Greis, der von Geburt an blind ist, Ihn, der vorübergeht, laut an:
-‚Herr, heile mich, auf daß auch ich dich schaue.‘ Und siehe, es fällt
-wie Schuppen von seinen Augen, und der Blinde sieht Ihn. Das Volk weint
-und küßt die Erde, auf der Er gestanden hat. Kinder streuen vor Ihm
-Blumen; sie singen und rufen: ‚Hosianna!‘ ‚Das ist Er, Er selbst!‘ raunt
-sich das Volk immer lauter und lauter zu, ‚das muß Er sein, das kann
-kein anderer sein als Er!‘ – Da bleibt Er vor dem Portal der Kathedrale
-von Sevilla stehen. Man trägt gerade unter Weinen und Wehklagen einen
-weißen offenen Kindersarg in den Dom: in ihm liegt das tote
-siebenjährige Töchterchen eines vornehmen Bürgers, sein einziges Kind.
-Es liegt in weißen Blumen gebettet. ‚Er wird dein Kind erwecken‘, ruft
-man aus der Menge der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem
-Sarge ein Pater entgegen: er bleibt verwundert stehen und runzelt die
-Brauen. Da aber wirft sich die Mutter des toten Kindes klagend Ihm zu
-Füßen und sagt: ‚Bist du es, so erwecke mein Kind!‘ und flehend hebt sie
-ihre Hände zu Ihm empor. Die Prozession bleibt stehen, der kleine Sarg
-wird vor dem Portal der Kathedrale Ihm zu Füßen gelegt. Voll Mitleid
-blickt er auf das tote Kind, und seine Lippen murmeln leise: ‚__Talitha
-kumi__‘ – ‚stehe auf, Mädchen‘. Und das Mädchen erhebt sich im Sarge,
-setzt sich und blickt lächelnd mit weit offenen verwunderten Augen um
-sich. Ihre Hände pressen die weißen Rosen, mit denen sie im Sarge
-gelegen hat, an die Brust. Im Volke Bestürzung, Schreien, Schluchzen und
-– siehe da, da geht ... im selben Augenblick geht an der Kathedrale der
-greise Kardinal, der grausame Großinquisitor vorüber. Es ist ein fast
-neunzigjähriger Greis, hoch und aufrecht noch schreitet er, sein Gesicht
-ist vertrocknet und runzlig, die Augen sind eingefallen, sie liegen
-tief, doch noch glimmt in ihnen ein unheimliches Feuer, das unerwartete
-Funken sprühen kann. Nicht in seinen prächtigen Kardinalsgewändern geht
-er vorüber, in den leuchtenden Farben, in denen er gestern vor dem Volke
-erschienen war, als er die Feinde des römischen Glaubens den Flammen
-übergab. – Nein, in diesem Augenblick trägt er nur seine alte, grobe
-Mönchskutte. Ihm folgen in angemessener Entfernung seine dunklen
-Gehilfen und Sklaven und die ‚heilige‘ Wache. Nun bleibt er stehen vor
-dem Volk und beobachtet aus der Ferne. Er sieht alles, er sieht, wie der
-Sarg vor Seine Füße gestellt wird, er sieht, wie das Mädchen aufersteht,
-und sein Gesicht verfinstert sich. Er runzelt die grauen, buschigen
-Brauen, und sein Blick erglüht unheilverkündend. Er streckt seine Hand
-aus und befiehlt den Wachen, Ihn zu ergreifen. Und siehe, so groß ist
-seine Macht, und dermaßen unterwürfig und zitternd gehorsam ist ihm das
-Volk, daß es vor den Wachen wortlos zurückweicht und diese, inmitten der
-Grabesstille, Hand an Ihn legen und Ihn fortführen läßt. Und jäh beugt
-sich die ganze Menge, wie ein Mann, bis zur Erde vor dem greisen
-Großinquisitor. Der aber segnet schweigend das kniende Volk und geht
-stumm vorüber. Die Wache jedoch führt den Gefangenen in ein enges,
-dunkles, gewölbtes Verlies im alten Palaste des Heiligen Tribunals und
-schließt ihn dort ein. Der Tag vergeht, es wird Nacht: ‚dunkle, dumpfe,
-atemanhaltende, lautlose, sevillanische Nacht‘. Die Luft ist schwül von
-Lorbeer- und Orangenduft. Und da, inmitten der tiefen, lautlosen Nacht
-öffnet sich die eiserne Tür des Verlieses, und er, der Greis, der
-Großinquisitor tritt langsam mit der Leuchte in der Hand über die
-Schwelle. Er ist allein, hinter ihm schließt sich die Tür. Er steht und
-blickt lange schweigend in Sein Gesicht. Endlich tritt er unhörbar
-näher, stellt die Leuchte auf den Tisch und fragt Ihn:
-
-„‚Bist Du es? Du?‘ Und da er keine Antwort erhält, fügte er schnell
-hinzu: ‚Antworte nicht, schweige. Was könntest du auch sagen? Ich weiß
-nur zu gut, was Du sagen würdest. Aber Du hast nicht einmal das Recht,
-zu dem noch etwas hinzuzufügen, was von Dir schon früher gesagt worden
-ist. Warum also bist Du gekommen, uns zu stören? Denn du bist gekommen,
-uns zu stören! Das weißt Du selbst. Aber weißt Du auch, was morgen sein
-wird? Ich weiß nicht, wer Du bist und will es auch nicht wissen: Bist Du
-Er, oder bist Du nur Sein Ebenbild? Doch morgen noch werde ich Dich
-richten und Dich als den ärgsten aller Ketzer auf dem Scheiterhaufen
-verbrennen, und dasselbe Volk, das heute noch Deine Füße geküßt hat,
-wird morgen auf einen einzigen Wink meiner Hand zu Deinem Scheiterhaufen
-hinstürzen, um gierig die glühenden Kohlen zu schüren, – weißt Du das?
-Ja, vielleicht weißt Du es,‘ fügt er in Nachdenken versunken hinzu, ohne
-aber auch nur auf eine Sekunde den durchdringenden Blick von seinem
-Gefangenen abzuwenden.“
-
-„Ich verstehe nicht ganz, Iwan, – was soll das?“ fragte lächelnd
-Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. „Ist das einfach
-uferlose Phantasie, oder ist es irgendein Irrtum des Alten, ein
-unmögliches _qui pro quo_?“
-
-„Nimm meinetwegen das letztere an,“ sagte Iwan lachend, „wenn dich unser
-zeitgenössischer Realismus bereits dermaßen verwöhnt hat, daß du nichts
-Phantastisches mehr ertragen kannst. Wenn du willst, also _qui pro quo_,
-mag es meinetwegen so sein. Es ist ja wahr,“ sagte er, sichtlich
-erheitert, „der Alte ist doch ein neunzigjähriger Greis und hat
-vielleicht schon längst über seinen Ideen den Verstand verloren. Der
-Gefangene aber hat ihn wohl durch sein Aussehen betroffen gemacht, wie?
-Oder schließlich konnte es ja auch einfach Fieberwahn sein, die
-Halluzination eines neunzigjährigen Greises kurz vor dem Tode – oder
-auch nur eine Nachwirkung der Erregung vom vergangenen Tage. Aber kann
-es denn uns beiden nicht ganz gleich sein, ob es _qui pro quo_ oder
-uferlose Phantasie ist? Hier handelt es sich doch nur darum, daß der
-Alte sich endlich aussprechen muß! Er muß doch wenigstens einmal das
-laut aussprechen, worüber er runde neunzig Jahre geschwiegen hat.“
-
-„Und der Gefangene schweigt gleichfalls? Sieht ihn an und sagt kein
-Wort?“
-
-„Kein einziges Wort, und so muß es sogar unbedingt sein,“ sagte Iwan
-wieder lachend. „Der Alte sagt Ihm doch selbst, daß er nicht einmal das
-Recht habe, etwas zu dem hinzuzufügen, was er schon früher gesagt hat.
-Wenn du willst, so liegt gerade darin der Grundzug des römischen
-Katholizismus. Wenigstens fasse ich ihn so auf. Mit anderen Worten: ‚Du
-hast alles dem Papst übergeben, und folglich liegt jetzt alles beim
-Papst, Du aber komme überhaupt nicht wieder, störe uns wenigstens nicht
-mehr!‘ In diesem Sinne reden sie ja nicht nur, sondern schreiben sie
-sogar, wenigstens die Jesuiten. Ich habe es selbst in den Schriften
-ihres Gottesgelahrten gelesen. ‚Hast Du das Recht, uns auch nur eines
-der Geheimnisse jener Welt, aus der Du gekommen bist, aufzudecken?‘
-fragt Ihn mein Greis, und er gibt Ihm statt Seiner die Antwort auf die
-eigene Frage: ‚Nein, dieses Recht hast Du nicht, denn das hieße Neues zu
-dem, was Du schon früher gesagt hast, hinzufügen, und den Menschen die
-Freiheit nehmen, für die Du so eingestanden bist, als Du noch auf Erden
-warst. Alles, was Du Neues verkünden könntest, würde ein Eingriff in die
-Glaubensfreiheit der Menschen sein, denn es würde als Wunder erscheinen,
-und die Freiheit ihres Glaubens war Dir damals vor anderthalb
-Jahrtausenden das Teuerste. Warst Du es nicht, der damals so oft sagte:
-„Ich will euch frei machen“? Jetzt hast Du sie gesehen, diese freien
-Menschen!‘ fügt der Greis plötzlich mit nachdenklichem, spöttischem
-Lächeln hinzu ... ‚Ja, dies zu erreichen, war schwer, es hat uns viel
-gekostet,‘ fährt er dann fort, ohne seinen strengen Blick von Ihm
-abzuwenden, ‚doch wir haben es schließlich vollendet, in Deinem Namen.
-Anderthalb Jahrtausende haben wir uns mit dieser Freiheit gequält, doch
-jetzt ist das überwunden und gut überwunden. Du glaubst nicht, daß es
-gut überwunden ist? Du blickst mich milde und sanftmütig an und würdigst
-mich nicht einmal Deines Unwillens? So höre denn, daß gerade jetzt diese
-Menschen mehr denn je überzeugt sind, vollkommen frei zu sein. Sie haben
-uns eigenhändig ihre Freiheit gebracht und sie gehorsam und unterwürfig
-uns zu Füßen gelegt. Doch das ist unser Werk. Oder war es das, was auch
-Du wolltest, war es diese Freiheit? ...‘“
-
-„Ich verstehe wieder nicht,“ unterbrach ihn Aljoscha, „ist das von ihm
-ironisch gesagt, will er sich über Ihn lustig machen?“
-
-„Fällt ihm nicht ein. Er rechnet es sich und den Seinen vollkommen im
-Ernst zum Verdienst an, daß sie – endlich einmal! – die Freiheit besiegt
-haben, und daß sie dies nur zu dem einen Zweck getan hatten, um die
-Menschen glücklich zu machen. ‚Denn erst jetzt‘ – er meint natürlich die
-Inquisition – ‚ist es zum erstenmal möglich, auch an das Glück der
-Menschen zu denken. Der Mensch war als Empörer geschaffen; können aber
-Empörer glücklich sein? Du wurdest gewarnt,‘ sagt der Greis zu Ihm, ‚Du
-littest nicht Mangel an Warnungen und Fingerzeigen, doch Du achtetest
-der Warnungen nicht, und Du verschmähtest den einzigen Weg, auf dem man
-die Menschen hätte glücklich machen können, Du verwarfst ihn. Doch zum
-Glück gingst Du fort und übergabst die Arbeit uns. Du verhießest, Du
-bestätigtest es durch Dein Wort, Du gabst uns das Recht, zu binden und
-zu lösen, und kannst es Dir selbstverständlich nicht einfallen lassen,
-dieses Recht uns jetzt wieder abzunehmen. Warum also bist Du gekommen,
-uns zu stören?‘“
-
-„Was bedeutet das: ‚Du littest nicht Mangel an Warnungen und
-Fingerzeigen‘?“ fragte Aljoscha.
-
-„Dieser Punkt ist der wichtigste, über den mußt Du den Alten sich
-aussprechen lassen,“ sagte Iwan. „Und der Alte fuhr fort zu Ihm:
-
-„‚Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der Selbstvernichtung und
-des Nichtseins, der große Geist sprach zu Dir in der Wüste. Und wie die
-Schriften uns überliefern, hat er Dich _versucht_. War das so? Und wäre
-es möglich, etwas Wahreres zu sagen als das, was er Dir in seinen drei
-Fragen vorlegte, und was Du verwarfst, und was in den Schriften
-„Versuchungen“ genannt wird? Doch ich sage Dir, wenn jemals auf Erden
-ein wirkliches, ein nie wieder dagewesenes, wahrlich gewittermäßiges
-Wunder sich begeben hat, so war es dasjenige an jenem Tage, am Tage
-dieser drei Versuchungen! Gerade in der Erscheinung dieser drei Fragen
-bestand das Wunder. Wenn es möglich wäre, sich vorzustellen, nur zur
-Probe und zum Beispiel, daß diese drei Fragen des furchtbaren Geistes
-aus den Büchern spurlos verschwänden, und daß man sie also von neuem
-erdenken und formen müßte, um sie wieder in die Schriften einzutragen,
-und zu dem Zweck alle Weisen der Erde, Herrscher, Priester, Gelehrte,
-Philosophen, Dichter versammelte und zu ihnen sagte: Löst die Aufgabe,
-erdenkt und formt drei Fragen, doch solche, die nicht nur der Größe
-dieses Ereignisses gleichkommen, sondern die noch außerdem in drei
-Worten, nur in drei menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte
-der Welt und der Menschheit ausdrücken – was meinst Du wohl, könnte die
-ganze Weisheit der Erde zusammengenommen und vereint etwas ersinnen, das
-an Kraft, Macht und Tiefe jenen drei Fragen, die Dir der mächtige und
-kluge Geist in der Wüste tatsächlich vorgelegt hat, auch nur annähernd
-ähnlich wäre? Schon allein an diesen Fragen, an dem Wunder ihrer
-sichtbaren Gestaltung, begreift der Mensch, daß er es nicht mit einem
-menschlichen fließenden Verstande zu tun hat, sondern mit einem ewigen
-und absoluten Geist. Denn wahrlich, in diesen drei Fragen ist die ganze
-weitere Menschengeschichte gleichsam in ein einziges Ganzes
-zusammengefaßt und vorhergesagt, und sind kundgetan drei Dinge, in denen
-alle unlösbaren historischen Widersprüche der menschlichen Natur
-zusammentreffen. Damals konnte man das noch nicht wissen, denn das
-Zukünftige war unbekannt. Jetzt aber, da anderthalb Jahrtausende
-vergangen sind, sehen wir, daß in diesen drei Fragen alles dermaßen
-richtig erraten und vorausgesagt ist, daß sich nichts weder zu ihnen
-hinzufügen noch von ihnen abstreichen läßt.‘
-
-„‚Entscheide selbst, wer damals recht hatte: Du oder jener, der Dich
-damals befragte? Erinnere Dich der ersten Frage. Ihr Sinn, wenn auch
-nicht ihr Wortlaut war folgender: „Du willst in die Welt gehen und gehst
-mit leeren Händen, mit irgendeiner Freiheitsverheißung, die sie in ihrer
-Einfalt und angeborenen Stumpfheit nicht einmal begreifen können, vor
-der sie sich fürchten, und die sie schreckt, – denn für den Menschen und
-die menschliche Gemeinschaft hat es niemals und nirgends etwas
-Unerträglicheres gegeben als die Freiheit! Siehst Du dort jene Steine in
-dieser nackten, verdorrten Wüste? Verwandle sie in Brote, und die
-Menschheit wird Dir wie eine Herde nachlaufen, wie eine edelmütige und
-gehorsame Herde, wenn sie auch ewig zittern wird vor Furcht, Du könntest
-Deine Hand zurückziehen, und Deine Brote hätten dann ein Ende.“ Du aber
-wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben, und Du verschmähtest
-den Vorschlag, denn was ist das für eine Freiheit, dachtest Du, wenn der
-Gehorsam mit Broten erkauft wird? Und Deine Antwort war: „Der Mensch
-lebt nicht von Brot allein ...“ Aber weißt Du auch, daß im Namen dieses
-Erdenbrotes der Erdgeist sich gegen Dich erheben, mit Dir kämpfen und
-Dich besiegen wird, und alle ihm folgen und ausrufen werden: „Wer
-gleicht ihm wohl? er gab uns das Feuer vom Himmel!“ Weißt Du auch, daß,
-wenn Jahre, Jahrhunderte vergangen sind, die Menschheit durch den Mund
-ihrer Weisheit und Wissenschaft verkünden wird, daß es Verbrechen
-überhaupt nicht gibt, und folglich auch keine Sünde, dafür aber
-Hungrige. „Sättige sie zuerst, dann kannst Du von ihnen Tugenden
-verlangen!“ werden sie auf ihre Fahne schreiben, die sie gegen Dich
-erheben, und durch die Dein Tempel stürzen wird. An der Stelle Deines
-Tempels wird sich ein neues Gebäude erheben, wird der furchtbare
-babylonische Turm gebaut werden, und obgleich auch der, ganz wie der
-frühere, nicht vollendet werden wird, so hättest Du doch diesen neuen
-Turm vermeiden und die Leiden der Menschen um tausend Jahre abkürzen
-können, – denn zu wem sonst, wenn nicht zu uns, sollen sie kommen,
-nachdem sie sich tausend Jahre lang mit ihrem Turme abgequält haben! Sie
-werden uns dann wieder unter der Erde hervorsuchen, uns, die in den
-Katakomben sich Verbergenden – denn man wird uns wieder verfolgen und
-martern –, sie werden uns finden und uns anflehen: „Sättigt uns, denn
-die, so uns das Feuer des Himmels versprachen, haben es uns nicht
-gegeben.“ Und dann werden wir ihren Turm auch vollenden, denn vollenden
-wird derjenige, der den Hunger stillt, den Hunger aber stillen werden
-nur wir, in Deinem Namen, und wir werden lügen, daß es in Deinem Namen
-geschehe. Oh, niemals, niemals werden sie aus eigener Kraft ihren Hunger
-stillen können! Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie
-frei bleiben, und so wird es denn damit enden, daß sie ihre Freiheit uns
-zu Füßen legen und sagen werden; „Knechtet uns, aber macht uns satt.“
-Sie werden schließlich begreifen, daß Freiheit zusammen mit genügend
-Brot nicht für jeden erreichbar ist, denn niemals, niemals werden sie
-verstehen, untereinander zu teilen! Desgleichen werden sie sich
-überzeugen, daß sie auch niemals werden frei sein können, denn sie sind
-kraftlos, lasterhaft, niedrig, und sind Empörer! Du versprachst ihnen
-himmlisches Brot, ich aber frage Dich nochmals: Kann sich dieses Brot in
-den Augen des schwachen, ewig verderbten und ewig undankbaren
-Menschengeschlechts mit irdischem Brote messen? Und wenn Dir um des
-himmlischen Brotes willen Tausende und Zehntausende nachfolgen, was soll
-dann mit den Millionen und Milliarden von Wesen geschehen, die nicht die
-Kraft haben, das Erdenbrot um des Himmelsbrotes willen zu verachten?
-Oder sind dir nur die Zehntausende der Großen und Starken teuer, die
-übrigen Millionen aber, die unzählig sind wie der Sand am Meer, die
-Schwachen, doch Dich Liebenden, sollen die dann nur zum Material für die
-Großen und Starken dienen? Nein, uns sind auch die Schwachen teuer. Sie
-sind lasterhaft und sind Empörer, aber zum Schluß werden sie gehorsam
-werden. Sie werden sich über uns wundern und uns für Götter halten, weil
-wir, die wir uns an ihre Spitze stellen, eingewilligt haben, die
-Freiheit zu ertragen, diese Freiheit, die ihnen solche Furcht einflößt,
-und weil wir einwilligen, über sie zu herrschen, – ja so furchtbar wird
-es ihnen zum Schluß werden, frei zu sein! Wir aber werden sagen, wir
-gehorchten _Dir_ und herrschten nur in _Deinem_ Namen. Wir werden sie
-wieder betrügen, denn Dich werden wir nicht mehr zu uns einlassen. Und
-in diesem Betruge wird unser Leiden bestehen, denn wir werden lügen
-müssen. Das war es, was diese erste Frage der Wüste bedeutete, und was
-Du im Namen der Freiheit, die Du über alles stelltest, verschmähtest.
-Währenddessen aber lag in der Frage das große Geheimnis dieser Welt.
-Hättest Du die „Brote“ angenommen, so hättest Du die Menschen von ihrer
-ewigen Seelenangst erlöst, denn du hättest diese eine Frage, die
-wichtigste jedes einzelnen Menschen wie der ganzen Menschheit, die so
-sehnsüchtig nach Antwort verlangt, beantwortet, – die Frage: „was sollen
-wir anbeten?“ Es gibt keine unaufhörlichere und quälendere Sorge für den
-Menschen, als, wenn er frei bleibt, etwas zu finden, vor dem er sich
-beugen kann. Doch sucht der Mensch sich nur vor so etwas zu beugen, das
-bereits keinem Zweifel an seine Anbetungswürdigkeit unterworfen ist, auf
-daß alle Menschen sofort gleichfalls bereit seien, dasselbe gemeinsam
-anzubeten. Denn die Sorge dieser kläglichen Geschöpfe besteht nicht nur
-darin, etwas zu finden, was dieser oder jener anbeten kann, sondern
-unbedingt so etwas, das alle sofort gleichfalls anbeten wollen,
-unbedingt _alle zusammen_! Gerade dieses Bedürfnis der _gemeinsamen_
-Anbetung ist seit Anfang der Zeiten die größte Qual des Menschen
-gewesen, ob wir ihn als einzelnes Wesen oder als ganze Rasse nehmen. Um
-der gemeinsamen Anbetung willen haben sich die Menschen gegenseitig in
-grausamen Kämpfen zerfleischt. Sie schufen Götter und riefen einander
-zu: „Verlaßt eure Götter und kommt, um die unsrigen anzubeten, oder Tod
-und Verderben euch und euren Göttern!“ Und also wird es sein bis zum
-Ende der Welt, selbst dann, wenn aus der Welt die Götter verschwinden:
-gleichviel, dann wird man sich vor Götzen niederwerfen. Du kanntest
-dieses Geheimnis der menschlichen Natur, Du konntest es unmöglich nicht
-kennen, doch Du verschmähtest das einzige Positive, das Dir
-vorgeschlagen wurde, um alle zu zwingen, sich widerspruchslos vor Dir zu
-beugen: das irdische Brot, und Du verschmähtest es um der Freiheit und
-des himmlischen Brotes willen. So siehe doch, was Du weiter getan hast.
-Und wieder alles im Namen der Freiheit! Ich sage Dir, der Mensch kennt
-keine quälendere Sorge als die, einen zu finden, dem er möglichst
-schnell jenes Geschenk der Freiheit, mit dem er als unglückliches
-Geschöpf geboren wird, übergeben kann. Doch die Freiheit der Menschen
-erobert nur der, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brote wurde Dir eine
-unbestreitbare Macht angeboten: gibst Du Brot, so wird sich der Mensch
-vor Dir beugen, denn es gibt nichts Positiveres als Brot; wenn aber zu
-gleicher Zeit irgendein anderer hinter Deinem Rücken sein Gewissen
-erobert – oh, dann wird er selbst Dein Brot verlassen und jenem folgen,
-der sein Gewissen umstrickt. Darin hattest Du recht. Denn das Geheimnis
-des menschlichen Seins liegt nicht in dem bloßen Leben, sondern im Zweck
-des Lebens. Ohne eine feste Vorstellung zu haben, wozu er leben soll,
-wird der Mensch nie einwilligen, zu leben, und er wird sich eher
-vernichten, als daß er auf Erden leben bliebe – selbst dann, wenn auch
-um ihn herum Brote in Fülle wären. Das ist nun einmal so. Aber was ergab
-sich aus Deiner Weigerung? Anstatt die Freiheit der Menschen unter Deine
-Herrschaft zu beugen, hast Du sie ihnen noch vergrößert! Oder hattest Du
-vergessen, daß Ruhe und selbst der Tod dem Menschen lieber sind als
-freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Es gibt nichts
-Verführerisches für den Menschen als die Freiheit seines Gewissens, doch
-gibt es auch nichts Quälenderes für ihn. Und siehe, anstatt fester
-Grundlagen zur Beruhigung des menschlichen Gewissens, ein für allemal –
-wähltest Du alles, was es Ungewöhnliches, Rätselhaftes und Unbestimmtes
-gibt, nahmst Du alles, was über die Kräfte der Menschen ging und
-handeltest daher, als ob Du sie überhaupt nicht geliebt hättest. Wer
-aber war es, der das tat? Der, der gekommen war, Sein Leben für sie
-hinzugeben! Anstatt Dir die menschliche Freiheit zu unterwerfen, hast Du
-sie noch vergrößert, hast Du sie vervielfacht und hast mit ihren Qualen
-das Seelenreich des Menschen auf ewig belastet. Dich gelüstete nach
-freier Liebe des Menschen, auf daß er Dir frei folge, bezaubert und
-gebannt durch Dich. Statt nach dem festen alten Gesetz, sollte der
-Mensch hinfort mit freiem Herzen selbst entscheiden, was Gut und was
-Böse ist, wobei er nur Dein Vorbild als einzige Richtschnur vor sich
-hatte. Aber hast Du wirklich nicht daran gedacht, daß er schließlich
-doch auch Dein Vorbild und Deine Wahrheit verwerfen und sie bestreiten
-wird, wenn man ihn mit einer so furchtbaren Last, wie der Freiheit der
-Wahl, bedrückt? Die Menschen werden ausrufen, daß die Wahrheit nicht in
-Dir sei, denn es war unmöglich, sie in größerer Verwirrung und Qual
-zurückzulassen, als Du es getan hast, da Du ihnen soviel Sorgen und
-unlösbare Aufgaben hinterließest. Auf diese Weise hast Du selbst den
-Grund zum Sturze Deiner Herrschaft gelegt, und so beschuldige denn auch
-niemanden außer Dir. Was aber wurde Dir angeboten? Es gibt drei Mächte,
-es sind die einzigen drei Mächte auf Erden, die das Gewissen dieser
-kraftlosen Empörer zu ihrem Glück auf ewig besiegen und bannen können, –
-das sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du verwarfst das
-eine, wie das andere und auch das dritte, und zeigtest dies deutlich im
-Beispiel. Als der furchtbare und wissende Geist Dich auf die Zinne des
-Tempels führte und zu Dir sprach: „Wenn Du wissen willst, ob Du Gottes
-Sohn bist, so stürze Dich hinab, denn es ist gesagt von Ihm, daß Engel
-Ihn auffangen und tragen würden, damit Er seinen Fuß an keinen Stein
-stoße: Du wirst dann erfahren, ob Du Gottes Sohn bist, und wirst dann
-beweisen, wie groß Dein Glaube an Deinen Vater ist“. Du aber wiesest die
-Versuchung von Dir, Du unterlagst ihr nicht und stürztest Dich nicht
-hinab. Oh, natürlich, Du handeltest stolz und mächtig wie ein Gott, aber
-sind denn die Menschen, sind denn diese schwachen Geschöpfe mit den
-Empörerinstinkten, – sind denn das Götter? Oh, Du wußtest gar wohl, daß
-Du, wenn Du nur einen Schritt getan hättest, nur eine Bewegung, um Dich
-hinabzustürzen, Du sofort Gott versucht und Deinen ganzen Glauben an ihn
-verloren hättest und an der Erde zerschellt wärest, an derselben Erde,
-die zu retten Du gekommen warst, und der kluge Geist, der Dich
-versuchte, hätte seine Freude daran gehabt. Ich aber frage Dich
-nochmals: Gibt es denn viele solcher wie Du? Und hast Du wirklich nur
-einen Augenblick glauben können, daß auch die Menschen einer ähnlichen
-Versuchung widerstehen würden? Ist denn die Natur des Menschen so
-geschaffen, daß er das Wunder zurückweisen und selbst in so furchtbaren
-Lebensaugenblicken, in den Augenblicken seiner fundamentalen,
-schrecklichsten und quälendsten Seelenfragen, mit der freien
-Entscheidung seines Herzens auskommen könnte? Oh, Du wußtest, daß Deine
-Tat in den Schriften aufbewahrt werden würde, und daß sie die letzte
-Tiefe der Zeiten und die letzten Grenzen der Erde erreichen wird, und Du
-hofftest, daß der Mensch, wenn er Dir folgt, mit Gott bleiben und des
-Wunders nicht bedürfen werde. Doch Du wußtest nicht, daß der Mensch,
-sobald er das Wunder verwirft, sofort auch Gott verwirft, denn der
-Mensch sucht nicht so sehr Gott, als er Wunder sucht. Und da der Mensch
-nicht die Kraft hat, ohne Wunder auszukommen, so wird er sich neue
-Wunder schaffen, bereits selbst ausgedachte Wunder, und wird das Wunder
-der Zauberer, die Hexerei alter Weiber anbeten, wenn er auch hundertmal
-Empörer, Ketzer und ein Gottloser ist. Du stiegst nicht herab vom
-Kreuze, als man Dir mit Spott und Hohn zurief: „Steige herab vom Kreuze,
-und wir werden glauben, daß Du Gottes Sohn bist“. Du aber stiegst nicht
-herab, weil Du wiederum den Menschen nicht durch ein Wunder zum Sklaven
-machen wolltest, weil Dich nach freier und nicht nach durch Wunder
-erzwungener Liebe verlangte. Dich dürstete nach freier Liebe, nicht nach
-knechtischem Entzücken vor der Macht, die ihm ein für allemal Furcht
-eingeflößt hat. Aber auch hierin hast Du die Menschen gar zu hoch
-eingeschätzt, denn Sklaven sind sie, das sage ich Dir, wenn sie auch als
-Empörer geschaffen sind. Blicke um Dich und urteile selbst: Da sind nun
-anderthalb Jahrtausende vergangen, gehe hin und sieh sie Dir an: Wen
-hast Du bis zu Dir emporgehoben? Ich schwöre Dir, der Mensch ist
-schwächer und niedriger geschaffen, als Du von ihm geglaubt hast. Wie
-soll er denn dasselbe erfüllen, was Du erfüllt hast? kann er das
-überhaupt? Da Du ihn so hoch einschätztest, handeltest Du, als ob Du
-kein Mitleid mehr mit ihm gehabt hättest, denn Du verlangtest gar zu
-viel von ihm, – und wer war es, der das tat? Derselbe, der ihn mehr als
-sich selbst liebte! Hättest Du ihn weniger geachtet, so hättest Du auch
-weniger von ihm verlangt, das aber wäre der Liebe näher gekommen, denn
-seine Bürde wäre leichter gewesen. Er ist schwach und gemein. Was will
-es besagen, daß er sich jetzt allerorten gegen unsere Macht empört und
-auf seine Empörung stolz ist? Das ist der Stolz eines Kindes, eines
-unreifen Schulknaben. Das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse
-empört und den Lehrer hinausgejagt haben. Aber auch der Triumph der
-Schulkinder wird ein Ende haben, und er wird ihnen teuer zu stehen
-kommen. Sie werden die Tempel einäschern und die Erde mit Blut
-überschwemmen. Und die dummen Kinder werden schließlich ahnen, daß sie
-doch nur kraftlose Empörer sind, die ihre eigene Empörung nicht ertragen
-können. Sie werden sich unter dummen Tränen gestehen, daß derjenige,
-welcher sie als Empörer geschaffen hat, zweifellos sich über sie hat
-lustig machen wollen. Sie werden sich das in Verzweiflung sagen, und
-ihre Worte werden eine Gotteslästerung sein, die sie noch unglücklicher
-machen wird, denn die menschliche Natur erträgt keine Gotteslästerung,
-und zu guter Letzt straft sie sich selbst dafür. Also ist nichts als
-Unruhe, Verwirrung und Unglück den Menschen zuteil geworden, nachdem Du
-soviel für ihre Freiheit gelitten hast! Dein großer Prophet sagt in der
-Allegorie seiner Vision, er hätte alle gesehen, die in der ersten
-Auferstehung auferstehen würden, und es seien je zwölftausend aus jedem
-Stamm gewesen. Doch wenn es ihrer nur so wenige waren, so waren auch sie
-gewissermaßen nicht Menschen, sondern Heilige, sondern Götter. Sie haben
-Dein Kreuz erduldet, sie haben jahrzehntelang hungrige, nackte Wüste
-ertragen, sich nur von Heuschrecken und Wurzeln genährt, – und, versteht
-sich, Du kannst nun stolz auf diese Kinder der Freiheit, der Freiheit in
-der Liebe und der Freiheit im großen Opfer um Deines Namens willen,
-hinweisen. Vergiß aber nicht, daß ihrer im ganzen nur wenige Tausende
-waren, und noch dazu – Götter! Wo aber sind die übrigen? Worin besteht
-die Schuld der übrigen schwachen Menschen, daß sie nicht dasselbe haben
-ertragen können, was die Starken ertragen haben? Worin liegt die Schuld
-der schwachen Seele, daß es über ihre Kräfte geht, so furchtbare
-Geschenke anzunehmen? Kamst Du denn wirklich nur zu den Auserwählten und
-für die Auserwählten? Wenn das wahr ist, so ist es ein Geheimnis, das
-nicht wir durchschauen können. Wenn es aber ein Geheimnis ist, so waren
-auch wir im Recht, das Geheimnis zu verkünden und sie zu lehren, daß
-nicht die freie Entscheidung ihrer Herzen und nicht die Liebe wichtig
-ist, sondern eben das Geheimnis, dem sie blind gehorchen müssen, und sei
-es auch gegen ihr Gewissen. Und so haben wir getan. Wir haben Deine Tat
-verbessert und sie auf dem _Wunder_, dem _Geheimnis_ und der _Autorität_
-aufgebaut. Und die Menschen freuten sich, daß sie wieder wie eine Herde
-geführt wurden, und daß von ihren Herzen endlich das ihnen so furchtbare
-Geschenk, das ihnen soviel Qual gebracht hatte, genommen wurde. Waren
-wir im Recht, als wir so lehrten und handelten? Sprich! Haben wir denn
-nicht die Menschheit geliebt, da wir so bescheiden ihre Kraftlosigkeit
-erkannten, liebevoll die Bürde des Menschen erleichterten und seiner
-schwachen Natur sogar die Sünden erließen? Warum nun bist Du gekommen,
-uns zu stören? Und warum blickst Du mich so stumm und tief mit Deinen
-stillen Augen an? Sei zornig. Ich will Deine Liebe nicht, denn ich
-selbst liebe Dich nicht. Und was sollte ich wohl vor Dir verbergen? Oder
-weiß ich nicht, mit wem ich rede? Was ich Dir zu sagen habe, ist Dir
-schon bekannt, das lese ich in Deinen Augen. Und sollte ich etwa unser
-Geheimnis vor Dir verbergen? Vielleicht willst Du es gerade von meinen
-Lippen vernehmen? So höre denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit
-_ihm_, das ist unser Geheimnis! Schon lange sind wir nicht mit Dir,
-sondern mit _ihm_, schon seit acht Jahrhunderten. Es sind nun acht
-Jahrhunderte her, da wir von _ihm_ das nahmen, was Du unwillig von Dir
-wiesest, jene letzte Gabe, die er Dir anbot, als er Dir alle Erdenreiche
-zeigte: Wir nahmen von ihm Rom und das Schwert der Cäsaren, und wir
-erklärten, daß nur wir allein die Herren dieser Welt seien, die einzigen
-Herrscher der Erde, wenn wir auch unser Werk bis jetzt noch nicht
-vollendet haben. Doch wessen Schuld ist das? Oh, unser Werk ist bis
-jetzt nur im Anfangsstadium, immerhin ist es schon begonnen worden.
-Lange noch wird man auf die Vollendung des Werkes warten müssen, und
-viel wird die Erde inzwischen leiden, doch wir werden unser Ziel
-erreichen und werden Cäsaren sein, und dann werden wir an das universale
-Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du auch damals schon das
-Schwert der Cäsaren nehmen können. Warum verwarfst Du diese letzte Gabe?
-Hättest Du diesen dritten Ratschlag des mächtigen Geistes angenommen, so
-hättest Du alles geschaffen, was der Mensch auf Erden sucht: hättest ihm
-gegeben, vor wem er sich beugen, wem er sein Gewissen einhändigen kann,
-und auf welche Weise sich endlich alle Menschen zu einem einzigen,
-einstimmigen Ameisenhaufen vereinigen könnten. Denn das Bedürfnis nach
-der universalen Vereinigung ist die dritte und letzte Qual der Menschen.
-In der Gesamtheit hat die Menschheit immer danach gestrebt, sich
-unbedingt welteinheitlich einzurichten. Viel große Völker mit großer
-Geschichte hat es gegeben, doch je höher diese Völker standen, um so
-unglücklicher waren sie, denn um so stärker erkannten oder empfanden sie
-die Notwendigkeit der allweltlichen Vereinigung der Menschen. Große
-Eroberer, die Timur und die Dschingis-Chan, zogen wie Wetterwolken mit
-Wirbelsturm über die Erde, in dem Bestreben, die Welt zu erobern, und
-auch sie drückten, wenn auch unbewußt, dasselbe mächtige Bedürfnis der
-Menschheit nach der allgemeinen und weltumfassenden Vereinigung aus.
-Hättest Du das Schwert und den Purpur des Herrschers genommen, so
-hättest Du die Weltherrschaft begründet und der Welt den Frieden
-gegeben. Denn wahrlich, wer sollte wohl sonst über die Menschen
-herrschen, wenn nicht diejenigen, in deren Händen ihr Gewissen und ihre
-Brote sind? Und so nahmen wir das Schwert der Cäsaren, da wir es aber
-nahmen, verwarfen wir natürlich Dich und folgten _ihm_. Oh, es werden
-noch Jahrhunderte des Unfugs ihres freien Verstandes, ihrer Wissenschaft
-und der Menschenfresserei vergehen – denn wenn sie ihren babylonischen
-Turm ohne uns beginnen, werden sie mit der Menschenfresserei enden. Dann
-aber wird das Tier zu uns herankriechen, und es wird uns die Füße
-lecken, und sie mit den blutigen Tränen seiner Augen netzen. Und wir
-werden uns auf das Tier setzen und den Kelch erheben, und auf ihm wird
-geschrieben stehen: „Geheimnis!“ Doch dann erst, dann erst wird für die
-Menschen die Herrschaft der Ruhe und des Glücks beginnen. Du bist stolz
-auf Deine Auserwählten, doch Du hast eben nur Auserwählte, wir aber
-werden Allen Ruhe geben. Und das ist noch nicht alles, o nein: wie viele
-von diesen Auserwählten, von den Starken, die Auserwählte hätten werden
-können, ermüdeten schließlich in der Erwartung Deiner, und brachten und
-bringen die Kraft ihres Geistes und die Glut ihres Herzens auf ein
-anderes Ackerfeld und endigen damit, daß sie gegen Dich, gerade gegen
-Dich ihre _freie_ Fahne erheben. Doch Du selbst hast diese Fahne
-erhoben. Bei uns jedoch werden Alle glücklich sein, und sie werden sich
-weder empören noch sich gegenseitig vernichten, wie sie es in Deiner
-Freiheit allerorten tun. Oh, wir werden sie überzeugen, daß sie bloß
-dann frei sein werden, wenn sie sich von ihrer Freiheit zu unseren
-Gunsten lossagen und sich uns unterwerfen. Nun sage: Werden wir recht
-haben, oder wird das gelogen sein? Nein, sie werden sich selbst
-überzeugen, daß wir recht haben, denn sie werden sich erinnern, bis zu
-welchem Entsetzen in Sklaverei und Verwirrung sie Deine Freiheit
-gebracht hat. Die Freiheit, der freie Geist und die Wissenschaft werden
-sie in so dunkle Klüfte und Abgründe führen und vor solche Wunder und
-undurchdringliche Geheimnisse stellen, daß die einen von ihnen, die
-Ununterwürfigen doch Wilden, sich selbst vernichten werden, die
-Ununterwürfigen doch Schwachen dagegen sich gegenseitig vernichten, und
-die übrigen, die Dritten, die Kraftlosen und Unglücklichen zu uns
-herankriechen und zu unseren Füßen aufstöhnen werden: „Ja, ihr hattet
-recht, ihr allein besaßt Sein Geheimnis, und wir kehren zu euch zurück
-... rettet uns vor uns selbst“. Wenn sie von uns Brote erhalten, werden
-sie natürlich erkennen, daß wir nur ihre Brote, die von ihren eigenen
-Händen geschaffenen Brote von ihnen nehmen, um sie wiederum unter ihnen
-zu verteilen, also ihnen ohne jedes Wunder Brot geben. Sie werden sehen,
-daß wir nicht Steine zu Broten machen – doch wahrlich, mehr noch als
-über das Brot werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren
-Händen erhalten! Denn nur zu gut werden sie sich erinnern, daß früher,
-ohne uns, sich selbst die Brote, die sie schufen, in ihren Händen bloß
-in Steine verwandelten, daß aber, als sie zu uns zurückkehrten, selbst
-die Steine in ihren Händen zu Broten wurden. Nur zu gut, nur zu gut
-werden sie zu schätzen wissen, was es heißt, sich ein für allemal zu
-unterwerfen! Solange die Menschen das nicht begreifen, werden sie
-unglücklich sein. Wer hat am meisten zu diesem Unverständnis
-beigetragen? Sprich! Wer hat die Herde zerstückt und sie auf unbekannten
-Wegen versprengt? Doch die Herde wird sich wieder zusammenfinden und
-sich von neuem unterwerfen, und dann für immer, für immer. Dann werden
-wir ihnen ein stilles, bescheidenes Glück geben, das Glück kraftarmer
-Kreaturen, als die sie geschaffen sind. Oh, wir werden sie schließlich
-überzeugen, daß sie gar kein Recht haben, stolz zu sein. Du hast sie
-emporgehoben und damit gelehrt, stolz zu sein. Wir aber werden ihnen
-beweisen, daß sie kraftarm, daß sie nur armselige Kinder sind, doch daß
-das Kinderglück süßer als jedes andere ist. Sie werden schüchtern werden
-und werden zu uns aufblicken und sich in Angst an uns schmiegen wie die
-Küken an die Bruthenne. Sie werden uns entsetzt anstaunen und werden
-stolz darauf sein, daß wir so mächtig und so klug sind, und daß wir eine
-so wilde, tausendmillionenköpfige Herde beruhigt haben. Entkräftigt
-werden sie vor unserem Zorne zittern, ihr Geist wird kleinmütig, ihre
-Augen werden tränenreich werden wie die Augen der Kinder und Weiber,
-doch ebenso leicht wie zu Tränen, werden sie auf unseren Wink zu
-Frohsinn und Heiterkeit, zu heller Lustigkeit und glücklichen
-Kinderliedern übergehen. Ja, wir werden sie zwingen zu arbeiten, doch in
-den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen das Leben wie ein Spiel
-gestalten, mit Gesängen, Chören und unschuldigen Tänzen. Oh, wir werden
-ihnen sogar die Sünden vergeben – sie sind doch schwach und kraftlos –
-und sie werden uns wie Kinder dafür lieben, daß wir ihnen zu sündigen
-erlauben. Wir werden ihnen sagen, daß jede Sünde ausgekauft werden kann,
-wenn sie nur mit unserer Erlaubnis begangen worden ist; die Erlaubnis
-aber zum Sündigen geben wir ihnen nur darum, weil wir sie lieben, und
-die Strafe für diese Sünden nehmen wir meinetwegen auf uns. Wir werden
-sie auch in der Tat auf uns nehmen, sie aber werden uns dafür vergöttern
-wie ihre Wohltäter, die vor Gott ihre Sünden tragen. Und sie werden vor
-uns keinerlei Geheimnisse haben. Wir werden ihnen erlauben oder
-verbieten mit ihren Frauen und Geliebten zu leben, Kinder zu haben oder
-nicht zu haben – immer je nach ihrem Gehorsam –, und sie werden sich uns
-freudig und fröhlich unterwerfen. Selbst die quälendsten Geheimnisse
-ihres Gewissens, – alles, alles werden sie zu uns tragen, und wir werden
-ihnen verzeihen, und sie werden mit Freuden unserer Entscheidung
-glauben, denn sie wird sie von der großen Sorge und den furchtbaren
-gegenwärtigen Qualen einer persönlichen und freien Entscheidung erlösen.
-Und alle werden glücklich sein, alle Millionen Wesen, außer den
-Hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die wir das
-Geheimnis hüten, nur wir werden unglücklich sein. Es wird Tausende von
-Millionen glücklicher Kinder geben und nur hunderttausend Märtyrer, die
-den Fluch der Erkenntnis von Gut und Böse auf sich genommen haben. Still
-werden sie sterben, still werden sie verlöschen in Deinem Namen und
-hinter dem Grabe nur den Tod finden. Doch wir werden das Geheimnis
-bewahren und werden die Menschen zu ihrem Glück durch himmlische und
-ewige Belohnung anlocken. Denn selbst wenn es dort, in jener Welt, ein
-Etwas geben sollte, so wird es doch, versteht sich, nicht für solche wie
-sie sein. Man redet und prophezeit, daß Du kommen und von neuem siegen
-werdest, daß Du mit Deinen Auserwählten, Deinen Stolzen und Mächtigen
-kommen wirst. Wir aber werden dann sagen, daß sie nur sich selbst, wir
-aber alle gerettet haben. Man sagt, daß die Buhlerin, die auf dem Tiere
-sitzt und in ihren Händen das _Geheimnis_ hält, beschimpft werden wird,
-daß die Kraftarmen sich wieder empören, den Purpur der großen Buhlerin
-zerreißen und ihren „scheußlichen“ Leib entblößen werden. Dann aber
-werde ich mich erheben und, zu Dir gewandt, auf die Tausende von
-Millionen glücklicher Kinder, die die Sünde nicht gekannt haben,
-hinweisen. Und wir, die ihre Sünden auf uns genommen haben, um sie
-glücklich zu machen, wir werden dann vor Dich hintreten und Dir sagen:
-„Verurteile uns, wenn Du es kannst und wagst“. Wisse, daß ich keine
-Furcht vor Dir habe. Wisse, daß auch ich in der Wüste war, daß auch ich
-mich einst von Heuschrecken und Wurzeln nährte, daß auch ich die
-Freiheit, mit der Du die Menschen gesegnet hattest, segnete, und auch
-ich mich vorbereitete, zur Zahl Deiner Auserwählten zu gehören, zur Zahl
-der Mächtigen und Starken, mit dem lechzenden Wunsch, „die Zahl zu
-ergänzen“. Doch ich erwachte und wollte nicht mehr dem Wahnsinn dienen.
-Ich kehrte zurück und gesellte mich zur Schar derer, die _Deine Tat
-verbessern_. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zurück zu den
-Demütigen, zum Glücke derselben. Was ich Dir sage, wird also geschehen,
-es wird alles in Erfüllung gehen, und unser Reich wird erstehen. Und ich
-sage Dir nochmals: Morgen noch wirst Du diese gehorsame Herde sehen, die
-auf meinen ersten Wink zu Deinem Scheiterhaufen stürzen wird, um das
-Feuer zu schüren. Denn auf den Scheiterhaufen bringe ich Dich dafür, daß
-Du gekommen bist, uns zu stören. Und wahrlich, wenn es einen gegeben hat
-oder gibt, der am meisten den Scheiterhaufen verdient hat, so bist Du
-es, Du! Morgen noch werde ich Dich verbrennen. _Dixi_‘!“
-
-Iwan hielt inne. Seine Worte hatten ihn mit sich fortgerissen, und er
-war fast in Begeisterung geraten. Als er aber geendet hatte, lächelte er
-plötzlich wieder.
-
-Aljoscha hatte ihm schweigend zugehört, doch zum Schluß hin, offenbar
-nicht wenig erregt, mehrmals den Bruder unterbrechen wollen, sich aber
-jedesmal bezwungen. Als nun Iwan plötzlich verstummte, fiel er sofort
-ein, – heftig und hastig, wie ein Mensch, der sich lange hat
-zurückhalten müssen:
-
-„Aber ... das ist doch absurd!“ stieß er hervor, und errötete. „Dein
-Poem ist ein Lob Jesu, aber keine Schmähung ... wie du es gewollt hast.
-Und wer wird dir das von der Freiheit glauben? Muß man sie denn _so, so_
-auffassen? Ist denn das die Auffassung der Rechtgläubigkeit? ... Das ist
-Rom, und nicht einmal ganz Rom, das ist nicht wahr, – das sind die
-Schlechtesten des Katholizismus, das sind Inquisitoren, Jesuiten! ...
-Und solch einen phantastischen Menschen, wie es dein Inquisitor ist,
-gibt es überhaupt nicht. Was sind das für Sünden der Menschen, die sie
-auf sich nehmen? Was sind das für Träger des Geheimnisses, die da
-irgendeinen Fluch zum Glücke der Menschen auf sich genommen haben? Wer
-hat jemals so etwas gesehen? Wir kennen die Jesuiten, wir wissen, was
-dahintersteckt ... Aber sind sie denn das, als was du sie schilderst? –
-Nicht die Spur! – Sie sind einfach die römische Armee für das
-zukünftige, allesvereinende Weltreich mit dem Imperator, dem römischen
-Kirchenoberhaupt an der Spitze ... das ist ihr Ideal, aber ohne alle
-Geheimnisse und erhabenes Leid ... Der allergewöhnlichste Wunsch nach
-Macht, nach schmutzigen Erdengütern, Knechtung ... in der Art eines
-zukünftigen Leibeigenschaftsrechtes, damit sie sozusagen Gutsbesitzer
-werden können. Das ist alles, was sie wollen. Sie glauben vielleicht
-überhaupt nicht an Gott. Dein leidender Inquisitor ist nichts als
-Phantasie ...“
-
-„Aber wart, wart doch,“ sagte Iwan lachend, „sieh mal, wie du dich
-ereiferst! Phantasie, sagst du, schön! Natürlich ist’s Phantasie.
-Einstweilen aber erlaube: Glaubst du wirklich, daß diese ganze
-katholische Bewegung der letzten Jahrhunderte – Mittelalter und so
-weiter – tatsächlich nichts anderes gewesen ist als das Verlangen nach
-Macht, nur um der schmutzigen Erdengüter willen? Hat dich das nicht
-vielleicht Pater Paissij gelehrt?“
-
-„O nein, nein, im Gegenteil, Pater Paissij sprach einmal sogar ein wenig
-in deinem Sinne ... übrigens es war doch nicht dasselbe,
-selbstverständlich nicht ganz dasselbe,“ verbesserte sich Aljoscha.
-
-„Das ist immerhin eine kostbare Nachricht, trotz deines
-‚selbstverständlich nicht ganz dasselbe‘. Ich frage dich ausdrücklich,
-warum du annimmst, daß Jesuiten und Inquisitoren sich nur zum Erwerb
-niedriger materieller Güter verbündet haben. Warum glaubst du, daß es
-unter ihnen keinen einzigen Gequälten gibt, der von großem Leid und von
-der Liebe zur Menschheit gepeinigt wird? Sieh: nimm an, daß sich unter
-allen diesen, die lediglich materielle, schmutzige Güter wollen, nur ein
-Einziger fände, nur ein Einziger wie mein greiser Inquisitor, der in der
-Wüste von Gewürm und Wurzeln gelebt hat, gegen sich gewütet hat und vor
-Verzweiflung außer sich geraten ist, im Kampf gegen sein Fleisch, um
-frei zu werden und vollkommen zu sein, der aber sein ganzes Leben die
-Menschheit geliebt hat, und der plötzlich erkennt und sich überzeugt,
-daß es keine große sittliche Glückseligkeit sein kann, die
-Vollkommenheit des Willens zu erreichen und zu gleicher Zeit einsehen zu
-müssen, daß die Millionen der übrigen Gottesgeschöpfe bloß zum Spott
-Geschaffene bleiben, daß sie niemals die Kraft haben werden, sich mit
-ihrer Freiheit zurechtzufinden, daß aus den armseligen Empörern niemals
-Riesen zur Vollendung des Turmes hervorgehen werden, daß nicht für
-solche Gänse der große Idealist von seiner Harmonie geträumt hat. Da er
-aber alles das begriffen hatte, kehrte er zurück und schloß sich den ...
-klugen Leuten an. Glaubst du wirklich, daß das niemals hat geschehen
-können?“
-
-„Wem schloß er sich an, welchen klugen Leuten?“ griff Aljoscha sofort
-heftig, fast zornig das Wort auf. „Kein einziger von ihnen besitzt da so
-eine besondere Klugheit und überhaupt nichts von heiligen Geheimnissen
-... Es sei denn höchstens ihre Gottlosigkeit, die wäre noch allenfalls
-ihr ganzes Geheimnis. Dein Inquisitor glaubt nicht an Gott, sieh, das
-ist sein ganzes Geheimnis!“
-
-„Nun ja! Endlich hast du es erraten. Es ist allerdings so; sein ganzes
-Geheimnis liegt tatsächlich nur darin. Aber ist denn das keine Qual,
-sagen wir, für einen Menschen wie er, der sein ganzes Leben daran
-gesetzt hatte, durch die Wüste ein Auserwählter zu werden, und der sich
-von seiner Liebe zur Menschheit doch nicht heilen konnte? An seinem
-Lebensabend überzeugt er sich, daß nur die Ratschläge des großen
-furchtbaren Geistes das Leben der kraftarmen Empörer, dieser
-unvollkommenen, zum Spott geschaffenen Probewesen wenigstens
-einigermaßen erträglich machen könnten. Und siehe, nachdem er sich davon
-überzeugt hat, sieht er ein, daß man nach der Weisung dieses klugen
-Geistes, des furchtbaren Geistes der Zerstörung und des Todes vorgehen
-muß – daß man Lüge und Betrug annehmen und die Menschen bereits
-wissentlich in Tod und Verderben treiben muß, wobei es aber heißt, sie
-auf dem ganzen Wege betrügen, damit diese armseligen Blinden nicht
-merken, wohin sie geführt werden, und sich wenigstens auf dem Wege für
-glücklich halten. Und vergiß nicht, daß der Betrug im Namen desjenigen
-geschieht, an dessen Idealgestalt der Greis sein Leben lang so
-leidenschaftlich geglaubt hat! Meinst du, daß das kein Unglück sei? Und
-wenn es auch nur einen einzigen solchen gäbe, an der Spitze dieses
-ganzen Heeres, ‚das nur um des Besitzes schmutziger Güter willen nach
-Macht verlangt‘, – genügte dann wirklich nicht ein einziger solcher zur
-... Tragödie? Oh, ich sage dir, es genügte, daß ein einziger solcher an
-der Spitze stände, auf daß die Idee, die Rom mit allen seinen Herren und
-Jesuiten solange leitet, die höhere Idee Roms, endlich zum Ausdruck
-käme. Ich sage dir ganz offen: Ich bin fest überzeugt, daß das der
-einzige Mensch wäre, der unter denen, die an der Spitze der Bewegung
-stehen, nie ermüden würde. Wer weiß, vielleicht hat es unter den
-römischen Kirchenoberhäuptern auch solche gegeben. Und wer weiß,
-vielleicht lebt dieser verfluchte Greis, der so starrsinnig und
-eigenartig die Menschheit liebt, auch jetzt in einer ganzen Schar vieler
-ebensolcher einzelner Greise – lebt durchaus nicht zufällig, sondern aus
-Übereinstimmung, in einem geheimen Bunde, der schon vor langer Zeit zur
-Wahrung des Geheimnisses, zu seiner Beschützung vor den unglücklichen
-und kraftarmen Menschen zu dem Zweck gegründet ist, diese Menschen
-glücklich zu machen. Das gibt es unbedingt. Es muß so sein. Wenn ich
-mich nicht täusche, haben auch die Freimaurer etwas von der Art dieses
-Geheimnisses in ihrer Grundidee, und ich glaube sogar, daß sie nur
-deswegen von den Katholiken so gehaßt werden, weil diese in ihnen
-Konkurrenten sehen: die Teilung der Einheit ihrer katholischen Idee
-wittern – während es doch eine einzige Herde unter einem einzigen Hirten
-werden soll ... Übrigens habe ich, wenn ich meinen Gedanken verteidige,
-den Anschein eines Autors, der deine Kritik nicht ertragen kann. Genug
-davon.“
-
-„Du bist wahrscheinlich selbst Freimaurer!“ stieß plötzlich Aljoscha
-hervor. „Du glaubst nicht an Gott,“ fügte er darauf traurig und bedrückt
-hinzu. Zugleich schien ihm, daß der Bruder ihn etwas spöttisch
-betrachtete.
-
-„Aber womit endigt denn deine Tragödie?“ fragte er, den Blick zu Boden
-gesenkt. „Oder ist sie schon aus?“
-
-„Den Schluß hatte ich mir eigentlich so gedacht: Nachdem der Inquisitor
-verstummt ist, wartet er noch eine Zeitlang auf das, was der Gefangene
-ihm antworten wird. Sein Schweigen lastet schwer auf ihm. Er hatte
-gesehen, wie der Gefangene ihn anhörte, und wie tief und still Er ihm in
-die Augen blickte, offenbar ohne etwas entgegnen zu wollen. Der Greis
-aber will, daß Er ihm etwas sage, und wäre es auch etwas Bitteres,
-Furchtbares. Doch siehe, Er nähert sich schweigend dem Greise und küßt
-ihn leise auf seine blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist Seine
-ganze Antwort, die Antwort, die den Alten zusammenfahren macht. Und
-siehe, da zuckt etwas an den Mundwinkeln des großen, greisen
-Inquisitors: er geht zur Tür des gewölbten Verlieses, öffnet sie und
-sagt zu Ihm: ‚Geh und komme nie wieder ... komme überhaupt nicht mehr
-... niemals, niemals!‘ Und er läßt Ihn hinaus auf die ‚dunklen,
-schweigenden Plätze der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.“
-
-„Und der Alte?“
-
-„Der Kuß brennt in seinem Herzen, doch er bleibt bei seiner früheren
-Idee.“
-
-„Und auch du mit ihm, auch du?“
-
-Iwan lachte auf.
-
-„Aber das ist doch Unsinn, Aljoscha, das ist doch nur das sinnlose Poem
-eines einfältigen Studenten, der nie in seinem Leben auch nur zwei Verse
-hat schreiben können. Warum bist du denn so traurig? Oder glaubst du
-vielleicht gar, daß ich etwa gleich zu ihnen fahren will, zu den
-Jesuiten, um mich der Schar anzuschließen, die Sein Werk verbessert? O
-Gott! – was geht das mich an? Ich habe dir doch gesagt: Nur bis zum
-dreißigsten Jahre, und dann – den Becher fortgeschleudert!“
-
-„Und die krausen, klebrigen Frühlingsblätter, und die teuren Gräber, und
-der hohe, blaue Himmel, und die Geliebte? Wie willst du denn leben,
-womit wirst du sie denn lieben?“ fragte Aljoscha traurig. „Ist denn das
-möglich, mit solch einer Hölle in der Brust und in den Gedanken, – ist
-denn das möglich? Nein, du fährst gerade hin, um dich ihnen
-anzuschließen ... wenn aber nicht, so wirst du dich selbst töten, denn
-du wirst es nicht länger aushalten!“
-
-„Es gibt eine Kraft, die alles aushält!“ sagte Iwan halblaut mit kaltem
-Lächeln.
-
-„Was ist das für eine Kraft?“
-
-„Die Karamasoffsche ... die Kraft der Karamasoffschen Gemeinheit.“
-
-„Heißt das – in Ausschweifung untergehen, die Seele in Sittenverderbnis
-erwürgen, ja? heißt es das?“
-
-„Meinetwegen auch das ... aber nur bis zum dreißigsten Jahre werde ich
-es ... vielleicht noch ... vermeiden, dann aber ...“
-
-„Wie das vermeiden? Auf welche Weise vermeiden? Wodurch willst du dem
-entgehen? Mit deinen Anschauungen ist das unmöglich.“
-
-„Wiederum auf Karamasoffsche Weise.“
-
-„Ah! – ‚alles ist erlaubt‘? Nicht? Das ist’s doch – alles ist erlaubt?“
-
-Iwans Gesicht verfinsterte sich, und er wurde plötzlich seltsam bleich.
-
-„Du hast es also richtig nicht vergessen – das gestern gefallene Wort,
-das Miussoff so kränkte ... und das Dmitrij so naiv und auffallend
-wiederholte?“ fragte er mit einem verzogenen Lächeln. „Ja, meinetwegen:
-‚alles ist erlaubt‘ – wenn das Wort einmal gesagt ist. Ich nehme es
-nicht zurück. Mitjäs Redaktion war übrigens gar nicht so übel.“
-
-Aljoscha blickte ihn schweigend an.
-
-„Aljoscha, ich glaubte, wenn ich fortfahre, auf der ganzen Welt
-wenigstens dich zu haben,“ sagte Iwan plötzlich mit ganz unerwartetem,
-tiefem Gefühl, „aber jetzt sehe ich, daß auch in deinem Herzen kein
-Platz für mich ist, mein lieber Mönch du! Von der Formel: ‚alles ist
-erlaubt‘ sage ich mich nicht los, nun, und deswegen sagst du dich von
-mir los, ist es nicht so, ja?“
-
-Aljoscha stand auf, trat zu ihm und küßte ihn stumm und leise auf den
-Mund.
-
-„Das ist literarischer Diebstahl!“ rief nach dem Kuß Iwan, der plötzlich
-ganz begeistert zu sein schien. „Das hast du aus meinem Poem gestohlen!
-Aber ... habe Dank. – Komm, gehen wir, Aljoscha, es ist Zeit für mich
-wie für dich.“
-
-Sie gingen hinaus, doch unten an der Treppe blieben sie stehen.
-
-„Hör, Aljoscha,“ sagte Iwan mit fester Stimme, „ich werde die klebrigen
-Frühlingsblätter nur in der Erinnerung an dich lieben. Es genügt mir,
-daß du hier irgendwo bist, und daß ich das Leben noch leben will. Genügt
-dir das? Wenn du willst, kannst du das für eine Liebeserklärung nehmen.
-Jetzt aber – geh du nach rechts und ich nach links. Es ist genug
-geredet, hörst du? Das heißt, ich meine, falls ich morgen nicht abreisen
-sollte – ich werde aber wahrscheinlich bestimmt fahren – und wir uns
-noch irgendwie treffen sollten, so bitte ich, mit mir über alle diese
-Themata kein Wort mehr zu reden. Ich bitte dich ausdrücklich darum. Und
-auch über Dmitrij, darum bitte ich dich besonders, rede kein Wort mehr,
-sprich mir nie mehr von ihm,“ fügte er plötzlich gereizt hinzu. „Ich
-denke, wir haben uns darüber nichts mehr zu sagen, nicht wahr? Und jetzt
-werde ich dir auch meinerseits ein Versprechen dafür geben: Wenn ich um
-das dreißigste Jahr herum den ‚Becher fortschleudern‘ will, so werde ich
-kommen und dich, wo du auch sein solltest, doch noch einmal aufsuchen,
-um noch einmal mit dir zu reden ... und wär’s auch aus Amerika, das
-wisse. Ich werde mit bestimmter Absicht kommen. Es wird auch sehr
-unterhaltsam sein, dich dann wiederzusehen, wie du sein wirst. Das
-Versprechen ist doch genügend feierlich? Wir nehmen vielleicht wirklich
-auf sieben oder auf zehn Jahre Abschied voneinander. Nun, geh jetzt zu
-deinem Pater Seraphicus, er liegt ja im Sterben. Stirbt er in deiner
-Abwesenheit, so wirst du dich womöglich noch über mich ärgern, daß ich
-dich solange aufgehalten habe. Also auf Wiedersehen. Weißt du, küsse
-mich noch einmal. So. Und nun geh ...“
-
-Iwan wandte sich brüsk um und ging seinen Weg, ohne sich noch nach dem
-Bruder umzukehren.
-
-„So ging auch Dmitrij gestern abend von mir fort,“ dachte Aljoscha, „nur
-geschah es doch in einer ganz anderen Weise ...“ Diese sonderbare kleine
-Beobachtung schoß wie ein Pfeil durch Aljoschas traurigen Sinn und
-verlor sich in einem sorgenvollen, die Gedanken lähmenden Gefühl. Er
-wartete noch ein wenig und blickte dem Bruder nach. Da fiel ihm
-plötzlich auf, daß sein Bruder Iwan gleichsam schaukelnd, schwankend
-ging, und daß seine rechte Schulter, von hinten gesehen, scheinbar
-niedriger als die linke war. Das hatte Aljoscha sonst nie bemerkt. Doch
-plötzlich drehte auch er sich um und eilte fast laufend zum Kloster. Es
-dämmerte bereits stark, und Aljoscha fühlte, wie sich mit der wachsenden
-Dunkelheit Angst in seinem Herzen erhob. Es war etwas Neues in ihm, das
-wuchs und wuchs, doch er hätte nicht sagen können, was es war. Es hatte
-sich wieder ein Wind erhoben, und in den Kronen der uralten Kiefern
-rauschte es schaurig, als er durch den Wald zur Einsiedelei schritt.
-
-„‚Pater Seraphicus‘ – diesen Namen hat er von irgendwo hergenommen,
-woher aber?“ dachte Aljoscha flüchtig. „Iwan, armer Iwan! Und wann werde
-ich dich jetzt wiedersehen? ... Da ist die Einsiedelei, Herrgott! Ja,
-ja, er, Pater Seraphicus wird mich retten ... vor ihm! ... wird mich auf
-ewig erlösen!“
-
-In seinem späteren Leben erinnerte er sich noch oft dieses Abends, und
-jedesmal fragte er sich verwundert, wie er nach seiner Trennung von Iwan
-so vollständig Dmitrij hatte vergessen können, obgleich er ihn doch am
-Vormittag, nur wenige Stunden vorher, unbedingt aufzusuchen beschlossen
-hatte, selbst wenn er dann nicht mehr zur Nacht ins Kloster
-zurückgekommen wäre.
-
-
- VI.
- Ein vorläufig noch sehr unklares Gespräch
-
-Iwan Fedorowitsch ging, als er sich von Aljoscha getrennt hatte, nach
-Hause zu Fedor Pawlowitsch. Aber sonderbar – ihn überfiel plötzlich eine
-qualvolle Seelenangst, die mit jedem Schritt, mit dem er sich dem
-Vaterhause näherte, wuchs und wuchs und immer unerträglicher wurde. Doch
-nicht die Seelenangst an sich war sonderbar, sondern das, daß Iwan
-Fedorowitsch sich auf keine Weise zu erklären vermochte, was die
-eigentliche Ursache derselben sein konnte. Es war auch früher nicht
-selten vorgekommen, daß ihn solche Stimmungen plötzlich überfallen
-hatten, und so wäre es weiter nicht auffallend gewesen, daß diese – ich
-möchte sagen – Schwermut in einem Augenblick wiederkam, als er gerade
-mit allem, was ihm hier teuer war, gebrochen hatte und als er sich
-anschickte, kurz zur Seite abzubiegen und einen neuen, ihm ganz
-unbekannten Weg zu betreten und wieder allein ins Leben zu gehen – ein
-einsamer suchender Wanderer mit großen Hoffnungen, doch ohne zu wissen,
-auf was er hoffte, der viel, gar zu viel vom Leben erwartete, doch der
-selbst nicht bestimmen konnte, worin seine großen Hoffnungen und seine
-zehrenden Wünsche bestanden. Und doch quälte ihn in diesem Augenblick,
-obwohl die Angst des Neuen und Unbewußten auf seiner Seele lag, etwas
-ganz anderes. „Oder sollte es nicht wieder der Ekel vor dem Vaterhause
-sein?“ dachte Iwan! „Das wäre möglich, das könnte es sein. Wenn ich auch
-heute zum letztenmal über diese verhaßte Schwelle trete, so ist es doch
-deswegen nicht weniger ... Aber nein, auch das ist es nicht. Oder sollte
-es vielleicht der Abschied von Aljoscha sein, und das Gespräch mit ihm?“
-Das konnte es allerdings sein, ein Gefühl wie: „So viele Jahre habe ich
-geschwiegen, mit keinem Menschen zu sprechen geruht, und nun plötzlich
-habe ich so viel dummes Zeug geschwatzt.“ Es konnte jugendlicher
-Unwille, jugendliche Unerfahrenheit und jugendlicher Ehrgeiz sein, Ärger
-darüber, daß er nicht verstanden hatte, sich auszudrücken, dazu in einem
-Augenblick, da Aljoscha ihm zuhörte, Aljoscha, auf den sein Herz
-zweifellos große Hoffnungen setzte. Gewiß war es teilweise auch das, was
-ihn bedrückte, dieses Gefühl mußte sogar unbedingt in ihm nagen, aber
-auch das war noch nicht alles, auch das nicht. „Eine Schwermut bis zur
-Übelkeit,“ sagte er sich, „bin aber unfähig, mir zu erklären, was ich
-will. Das einzige wäre – nicht mehr zu denken!“
-
-Doch trotz des Versuches, „nicht zu denken“, verließ ihn die Angst
-nicht. Das Ärgerlichste an ihr war, daß sie ganz zufällig, völlig
-äußerlich zu sein schien. Das fühlte er qualvoll. Ein Wesen oder ein
-Gegenstand oder so etwas Unerklärliches stand irgendwo in seiner Nähe
-oder lebte hier irgendwo: wie zuweilen etwas vor dem Auge flimmert und
-man sich lange, sei es bei der Arbeit oder während eines hitzigen
-Gespräches, dessen nicht bewußt wird, obgleich es einen unbewußt die
-ganze Zeit ärgert, reizt und sogar quält, bis man sich schließlich
-besinnt und den Gegenstand beseitigt, zuweilen irgendein leeres, dummes
-Ding, ein Tuch, das auf dem Fußboden liegt, oder ein Buch, das nicht in
-den Schrank gestellt ist, oder etwas Ähnliches. So, in der schlechtesten
-und gereiztesten Stimmung näherte sich Iwan Fedorowitsch dem Vaterhause,
-als er plötzlich, etwa fünfzehn Schritt von der Hofpforte, aufblickend,
-erriet, was ihn so gequält und erregt hatte.
-
-Auf der Bank am Hoftor saß, um sich an der kühlen Abendluft zu
-erfrischen, der Diener Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch begriff in
-derselben Sekunde, als er ihn erblickte, daß dieser Diener Ssmerdjäkoff
-in seiner Seele gesessen hatte, und daß gerade diesen Menschen seine
-Seele nicht ertragen konnte. Schon vorhin, bei der Erzählung Aljoschas
-von seiner Begegnung mit Ssmerdjäkoff im Nachbargarten, hatte etwas
-Finsteres und Widerwärtiges sich ihm ins Herz gebohrt und sofort seine
-Wut entfacht. Während des folgenden Gespräches hatte er dann
-Ssmerdjäkoff auf eine Weile vergessen. Trotzdem war der Gedanke an
-diesen Diener in seiner Seele geblieben, und kaum hatte er sich von
-Aljoscha getrennt und den Weg zum Vaterhause eingeschlagen, da war auch
-die vergessene Empfindung wieder über ihn gekommen. „Kann mich denn
-dieser elende Kerl wirklich dermaßen beunruhigen!“ dachte er und heiß
-überströmte ihm die Wut.
-
-Doch diese Wut hatte noch einen besonderen Grund. Ihm war dieser Mensch
-in der letzten Zeit tatsächlich verhaßt geworden, besonders in den
-letzten Tagen. Es war ihm sogar aufgefallen, wie sich sein Haß auf
-diesen Diener immer noch vergrößert hatte. Vielleicht vergrößerte sich
-dieser Haß gerade deswegen so überwältigend, weil er zu Anfang sich ganz
-anders zu ihm verhalten hatte. Damals, d. h. kurz nachdem er bei uns
-angekommen war, hatte Iwan Fedorowitsch sich plötzlich ganz besonders
-für diesen Ssmerdjäkoff interessiert und ihn sogar sehr originell
-gefunden. Er hatte ihn selbst daran gewöhnt, mit ihm zuweilen ein
-Gespräch anzuknüpfen, sich aber stets über seine gewisse Einfalt, oder
-vielleicht nicht so sehr Einfalt als innere Unruhe gewundert, ohne dabei
-zu begreifen, was „diesen Weltbeschauer“ so unaufhörlich und unablässig
-beunruhigen konnte. Sie sprachen über Philosophisches, sprachen über
-alles Mögliche – unter anderem auch darüber, wie es am ersten Tage hatte
-Tag sein können, da die Sonne, der Mond und die Sterne doch erst am
-vierten Tage geschaffen worden waren, kurz, wie man das alles zu
-verstehen hätte. Aber Iwan Fedorowitsch überzeugte sich gar bald, daß es
-Ssmerdjäkoff dabei gar nicht um Sonne, Mond und Sterne zu tun war, daß
-Sonne, Mond und Sterne, wenn sie auch einen relativ interessanten
-Gesprächsstoff abgaben, für Ssmerdjäkoff vielmehr nebensächliche Dinge
-waren, und daß er mit diesen Gesprächen etwas ganz anderes bezwecken
-wollte. Wie dem aber nun auch sein mochte, jedenfalls begann sich
-allmählich bei jeder Gelegenheit eine grenzenlose Eigenliebe in
-Ssmerdjäkoffs Worten zu äußern. Obendrein war dies eine Eigenliebe, die
-sich gekränkt und erniedrigt glaubte. Das mißfiel Iwan Fedorowitsch
-sehr. Und damit hatte dann sein Haß angefangen. Späterhin waren die
-Familienszenen dazwischen gekommen, die ganze Geschichte mit Gruschenka
-und die Zänkereien zwischen Dmitrij und dem Vater. Sie hatten auch
-darüber gesprochen, doch obwohl Ssmerdjäkoff über diese Angelegenheiten
-stets sehr erregt sprach, war es doch unmöglich, festzustellen, was er
-dabei eigentlich selbst wünschte oder zu wem er hielt. Ja, über die
-Unlogik und den Widerspruch mancher seiner Wünsche, die er zuweilen ganz
-wie aus Versehen aussprach, und die alle gleich unklar waren, mußte man
-sich geradezu wundern. Ssmerdjäkoff stellte seine Fragen immer halbwegs
-und indirekt, dachte sie sich augenscheinlich schon früher aus, wozu er
-das aber tat, – das erklärte er nicht. Gewöhnlich verstummte er mitten
-in seinem interessiertesten Gespräch, oder er ging plötzlich auf ein
-ganz anderes Thema über. Doch vor allem anderen, was Iwan Fedorowitsch
-ärgerte und in ihm schließlich einen so großen Widerwillen hervorrief,
-war es eine gewisse widerliche und besondere Familiarität, die sich der
-Diener ihm gegenüber, je länger desto unverschämter, herausnahm. Oh,
-versteht sich, nicht daß er sich erlaubt hätte, unhöflich zu sein! Im
-Gegenteil, er war immer ungewöhnlich ehrerbietig, aber es hatte sich mit
-der Zeit so gemacht, daß Ssmerdjäkoff, Gott weiß warum, sich für
-solidarisch mit Iwan Fedorowitsch zu halten begann, in einem Tone
-redete, als ob zwischen ihnen beiden etwas Verabredetes wäre, etwas
-Geheimes, das irgend einmal von beiden angedeutet, wenn auch nicht
-ausgesprochen worden wäre, das aber nur ihnen allein bekannt war, von
-den anderen um sie herumkriechenden Sterblichen dagegen überhaupt nicht
-begriffen werden konnte. Doch wurde sich Iwan Fedorowitsch noch lange
-nicht klar über den wahren Grund seines wachsenden Widerwillens, und
-erst in der letzten Zeit erriet er endlich, um was es sich dabei
-handelte.
-
-Mit einer ekelhaften Empfindung wollte er jetzt stumm und ohne
-Ssmerdjäkoff anzublicken an ihm vorüber durch die Fußpforte eintreten,
-als sich Ssmerdjäkoff plötzlich langsam von der Bank erhob, – und schon
-allein an dieser Bewegung erriet Iwan Fedorowitsch sofort, daß jener ein
-besonderes Gespräch mit ihm wünschte. Iwan blickte ihn an und blieb
-stehen, und eben das, daß er so plötzlich stehen geblieben und nicht
-vorübergegangen war, wie er noch vor einer Sekunde beabsichtigt hatte,
-machte ihn erzittern vor Wut. Zornig und angeekelt blickte er in
-Ssmerdjäkoffs blutarmes Gesicht, das der Physiognomie eines
-verschnittenen Sektierers nicht unähnlich war, trotz der kunstvoll mit
-dem Kamm bearbeiteten Haare und des kleinen aufgedrehten Lockenbüschels.
-Sein linkes, etwas zugekniffenes kleines Auge zwinkerte und lächelte,
-ganz als ob es sagen wollte: „Warum willst du vorübergehn? Du wirst ja
-doch nicht vorübergehn, du siehst doch selbst ein, daß wir beide, wir
-zwei Klugen, etwas zu besprechen haben.“ Iwan Fedorowitsch erzitterte.
-
-„Fort, Hund, was habe ich mit dir zu schaffen, Rüpel!“ schwebte es Iwan
-auf den Lippen, doch zu seiner größten Verwunderung sprach er etwas ganz
-anderes aus:
-
-„Schläft der Vater noch, oder ist er schon aufgestanden?“ fragte er mit
-leiser und fast freundlicher Stimme, und ebenso unerwartet für sich
-selbst, setzte er sich plötzlich auf die Bank. Auf einen Augenblick
-überkam ihn geradezu Angst, und dieser plötzlichen Angst erinnerte er
-sich noch später. Ssmerdjäkoff stand vor ihm, die Hände auf dem Rücken,
-und blickte ihn voll Selbstvertrauen fast streng an.
-
-„Geruhen noch zu schlafen,“ antwortete er langsam, ohne sich im
-geringsten zu beeilen, und mit dieser Langsamkeit schien er gleichsam
-ausdrücken zu wollen: „Hast selbst angefangen zu sprechen, nicht ich.“ –
-„Nur wundere ich mich alleweil über Euch, Herr,“ fügte er nach kurzem
-Schweigen hinzu, schlug geradezu geziert die Augen nieder, setzte den
-rechten Fuß vor und spielte mit der Spitze des spiegelblank geputzten
-Stiefels.
-
-„So, und warum wunderst du dich denn über mich?“ stieß Iwan Fedorowitsch
-schroff und rauh hervor, obgleich er sich aus allen Kräften bezwang,
-denn er hatte plötzlich mit Ekel begriffen, daß er die größte Neugier
-für das, was der Diener sagen werde, empfand und auf keinen Fall
-fortgehen werde, ohne sie befriedigt zu haben.
-
-„Warum fahrt Ihr, Herr, nicht nach Tschermaschnjä?“ fragte Ssmerdjäkoff,
-der plötzlich wieder aufsah und familiär lächelte. – Sein linkes, etwas
-zugekniffenes Auge aber schien zu sagen: „Und worüber ich lächle, mußt
-du selbst begreifen, wenn du ein kluger Mensch bist.“
-
-„Warum soll ich denn nach Tschermaschnjä fahren?“ fragte Iwan
-Fedorowitsch verwundert.
-
-Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile.
-
-„Sogar der Herr Fedor Pawlowitsch haben Euch so drum gebeten,“ sagte er
-schließlich langsam und als ob er selbst seine gegebene Antwort nicht
-schätzte, – also ungefähr: „Mache es mit einem nebensächlichen Grunde
-ab, nur um etwas zu sagen“ –.
-
-„Äh, Teufel, sprich deutlicher, was willst du?“ schrie ihn Iwan
-Fedorowitsch zornig an, von der Sanftmut zur Grobheit übergehend.
-
-Ssmerdjäkoff setzte den rechten Fuß neben den linken, richtete sich
-etwas strammer auf, fuhr aber fort, ihn mit derselben Ruhe und mit
-demselben Lächeln anzublicken.
-
-„Wesentliches habe ich nichts zu sagen ... ich meinte nur so beiläufig
-...“
-
-Wieder trat Schweigen ein. Sie schwiegen etwa eine Minute lang. Iwan
-Fedorowitsch wußte, daß er sofort geärgert aufstehen und fortgehen
-müßte, Ssmerdjäkoff aber stand vor ihm, als ob er wartete und dachte:
-„Ich will jetzt nur sehen, ob du dich ärgerst oder nicht.“ Wenigstens
-schien es Iwan Fedorowitsch so. Er machte eine Bewegung, um aufzustehen.
-Darauf hatte aber Ssmerdjäkoff nur gelauert.
-
-„Ganz schrecklich ist meine Lage, Herr, ich weiß gar nicht, wie ich mir
-helfen soll,“ sagte er sofort, doch sprach er bereits fest und deutlich,
-und beim letzten Worte seufzte er auf. Iwan Fedorowitsch blieb sitzen.
-
-„Beide sind sie ganz kindisch geworden, ganz wie die allerkleinsten
-Kinder,“ fuhr Ssmerdjäkoff fort. „Ich rede von dem alten Herrn und
-Dmitrij Fedorowitsch. Der alte Herr werden jetzt aufstehen, und von
-selbigem Augenblick an geht dann das Fragen los: ‚Ist sie noch nicht
-gekommen? Warum ist sie nicht gekommen?‘ – Und das geht dann so weiter
-bis Mitternacht und noch weiter. Und wenn Agrafena Alexandrowna[18]
-nicht gekommen sind, sintemal sie wohl wahrscheinlich überhaupt niemals
-zu kommen gedenken, so werden der Herr morgen früh wieder anfangen:
-‚Warum ist sie nicht gekommen? Weshalb ist sie nicht gekommen? Wann wird
-sie kommen?‘ – Ganz als ob das meine Schuld ist, sozusagen. Und
-hinwiederum andererseits kommen, sobald es dunkler wird, oder auch schon
-früher, Dmitrij Fedorowitsch mit der Flinte in die Nachbarschaft: ‚Paß
-auf, Kanaille,‘ sagen sie, ‚wenn du sie durchläßt und mich nicht
-benachrichtigst, falls sie gekommen ist, so bist du der erste, den ich
-totschieße‘. Und ist die Nacht vergangen, so fangen auch Dmitrij
-Fedorowitsch, ganz wie der alte Herr, mich qualvoll zu quälen an: ‚Warum
-ist sie nicht gekommen, wird sie sich bald sehen lassen‘? – Ganz als ob
-es hinwiederum auch vor ihnen meine Schuld wäre, daß ihre Dame nicht
-gekommen ist. Und derartig ärgern sie sich alleweil, und mit jeder
-Stunde, und mit jedem Tage wird ihre Wut immer noch gewaltiger, so daß
-ich mitunter schon daran denke, mir vor lauter Angst das Leben zu
-nehmen. Ich, Herr, ich kann mich nicht auf solche Menschen verlassen.“
-
-„Warum hast du dich darauf eingelassen? Warum hast du Dmitrij
-Fedorowitsch alles hinterbracht?“ fragte Iwan Fedorowitsch gereizt.
-
-„Aber wie sollte ich denn nicht? Und ich hab mich auch gar nicht
-hineingemischt, wenn ich die volle Wahrheit sagen soll. Ich habe vom
-ersten Anfang an alleweil geschwiegen, dieweil ich nicht wagte, zu
-antworten, Dmitrij Fedorowitsch aber haben mich ungefragt gezwungen, ihr
-Diener zu sein, und jetzt kennen sie für mich nur ein Wort: ‚Schlage
-dich platt, Kanaille, mausetot, wenn du sie hineinläßt!‘ Ich bin sicher,
-Herr, daß ich morgen einen langen Anfall haben werde.“
-
-„Was für einen langen Anfall?“
-
-„So einen langen Anfall, einen ungewöhnlich langen. Mehrere Stunden oder
-einen ganzen Tag und noch einen anderen Tag womöglich. Einmal hatte ich
-ihn drei Tage lang, dieweil ich damals vom Wäscheboden gefallen war. Es
-hört auf – fängt aber wieder an. Ich konnte an all diesen drei Tagen
-nicht zu klarer Besinnung kommen. Fedor Pawlowitsch schickten nach
-Herzenstube, dem hiesigen Arzt, der legte mir Eis auf die Schläfen und
-gebrauchte noch ein anderes dummes Mittel ... Ich hätte davon sterben
-können.“
-
-„Soviel ich weiß, kann man bei dieser Krankheit nicht voraussagen, daß
-man dann und dann einen Anfall bekommen wird. Wie kannst du also sagen,
-daß du morgen einen haben wirst?“ erkundigte sich mit ganz besonderer
-und gereizter Neugier Iwan Fedorowitsch.
-
-„Das stimmt genau, daß man es nicht vorauswissen kann.“
-
-„Und zudem hattest du ihn damals nur darum, weil du vom Boden gefallen
-warst.“
-
-„Auf den Boden gehe ich jeden Tag, ich kann alsomit auch morgen von der
-Bodentreppe herabfallen. Oder wenn nicht von dort, dann kann ich ja auch
-in den Keller hinabfallen, dieweil ich auch in den Keller täglich von
-wegen der Wirtschaft gehen muß.“
-
-Iwan Fedorowitsch blickte ihn lange scharf an.
-
-„Du faselst, wie ich sehe, und ich verstehe dich wohl nicht recht,“
-sagte er halblaut, doch drohend, „willst du dich morgen etwa verstellen
-und drei Tage lang einen Anfall vorspielen? Wie?“
-
-Ssmerdjäkoff, der zu Boden sah und wieder mit der Stiefelspitze des
-rechten Fußes spielte, stellte sich nun auf den rechten Fuß und schob
-statt seiner den linken Fuß vor, erhob den Kopf und sagte lächelnd:
-
-„Selbst wenn ich dieses Stückchen machen könnte, also mich verstellen,
-dieweil es für einen geübten Menschen gar nicht schwer ist, so bin ich
-doch vollauf berechtigt, selbiges Mittel zur Rettung meines Lebens vom
-Tode zu gebrauchen, dieweil wenn ich krank bin und Agrafena Alexandrowna
-zum alten Herrn kommen, Dmitrij Fedorowitsch dann doch nicht von einem
-kranken Menschen fragen können: ‚Warum hast du es mir nicht gesagt?‘ Sie
-werden sich von selbst schämen, dann noch einen kranken Menschen das zu
-fragen.“
-
-„Äh, Teufel!“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch mit wutentstelltem
-Gesicht an. „Was zitterst du immer um dein Leben! Du weißt doch, daß
-diese Drohungen Dmitrij Fedorowitschs nichts zu bedeuten haben, nur
-leere Worte sind! Dich wird er nicht totschlagen, da sei du unbesorgt!
-Totschlagen wird er, aber nicht dich!“
-
-„Wie eine Fliege, und zwar mich vor allen anderen. Aber mehr als das
-fürchte ich noch das Weitere: daß man mich dann sozusagen für ihren
-Helfershelfer hält, wenn sie was ganz Verrücktes mit ihrem Vater getan
-haben.“
-
-„Warum soll man denn dich für seinen Helfershelfer halten?“
-
-„Dieweil ich ihnen selbige Zeichen als großes Geheimnis mitgeteilt
-habe.“
-
-„Was für Zeichen? Wem mitgeteilt? Zum Teufel, so sprich deutlicher!“
-
-„Ich muß wirklich gestehen, daß ich hier ein Geheimnis habe mit dem
-alten Herrn,“ sagte Ssmerdjäkoff langsam in pedantischer Ruhe. „Wie Ihr
-selbst zu wissen geruht – wenn Ihr nur geruht, es zu wissen – hat sich
-der Herr seit einigen Tagen zur Gewohnheit gemacht, zur Nacht oder sogar
-schon am Abend von innewendig die Türen alleweil zuzuschließen. Ihr
-geruhtet, Euch in letzter Zeit immer früh nach oben zurückzuziehen, und
-gestern geruhtet Ihr, überhaupt nicht auszugehen, und alsomit könnt Ihr
-auch wohlmöglich überhaupt nicht wissen, wie akkurat und besorgt der
-alte Herr sich jetzt zur Nacht einschließen. Und selbst wenn Grigorij
-Wassiljewitsch kommt, so machen sie nur höchstens dann noch auf, wenn
-sie ihn vorher gut an der Stimme erkannt haben. Aber Grigorij
-Wassiljewitsch kommt nicht, denn ich bediene sie jetzt ganz allein in
-ihren Zimmern, – so haben sie es selbst bestimmt seit dem Momente, da
-sie diesen Einfall mit Agrafena Alexandrowna haben, zur Nacht aber
-entferne auch ich mich aus dem großen Hause, dieweil selbiges ihre eigne
-Anordnung ist, und dann muß ich bis Mitternacht aufpassen, herumgehn auf
-dem Hof und warten, ob sie kommen, dieweil der Herr sie schon seit
-mehreren Tagen wie wahnsinnig erwarten. Denken aber tun sie dabei so:
-‚Sie,‘ sagt der Herr, ‚fürchtet ihn‘, – also den Dmitrij Fedorowitsch,
-den sie immer Mitjka nennen, ‚und darum wird sie etwas später durch die
-Hinterstraßen zu mir kommen; du aber‘, sagen sie zu mir, ‚mußt sie bis
-Mitternacht und noch drüber hinaus erwarten. Und wenn sie kommt, so komm
-schnell zur Gartentür gelaufen und klopf an die Tür oder an das Fenster
-vom Garten aus, die ersten zwei Male etwas leiser, sieh so: Eins-zwei,
-und dann gleich darauf dreimal etwas schneller: Tuck-tuck-tuck. Dann‘,
-sagen sie, ‚werde ich sofort wissen, daß sie gekommen ist, und dir leise
-die Tür aufmachen.‘ Und dann haben sie mir noch ein anderes Zeichen für
-den Fall mitgeteilt, wenn etwas Besonderes geschehen sollte, zuerst
-zweimal schnell: Tuck-tuck, und dann, nach einer kleinen Weile, noch
-einmal viel stärker: _Tuck_. Dann, sagen sie, würden sie sofort
-begreifen, daß etwas Besonderes geschehen ist, und daß ich sie sprechen
-muß, und werden mir gleichfalls aufmachen. Und ich werde dann eintreten
-und melden. Das alles für den Fall, daß Agrafena Alexandrowna nicht
-selbst kommen können und irgendeine Nachricht schicken. Und dann können
-auch Dmitrij Fedorowitsch kommen, also muß ich auch dann
-benachrichtigen, daß sie in der Nähe sind. Der alte Herr fürchten sich
-gewaltig vor Dmitrij Fedorowitsch, so daß ich selbst dann, wenn Agrafena
-Alexandrowna gekommen sind und sie sich mit ihr eingeschlossen haben,
-Dmitrij Fedorowitsch aber mittlerweile irgendwo in der Nähe auftauchen,
-daß ich auch dann sofort melden muß, nach selbigem zweiten Zeichen, also
-dreimal geklopft. So bedeutet denn das erste Zeichen, fünfmal geklopft:
-‚Sie ist gekommen‘, und das zweite Zeichen, dreimal geklopft – ‚dringend
-nötig‘. So haben sie selber es mir mannigfach vorgemacht und angezeigt
-und buchstäblich so erklärt. Und da nun in der ganzen Welt nur ich und
-sie von diesen Zeichen wissen, so werden sie ohne jede Bedenklichkeit
-und ohne zu fragen oder anzurufen, aufmachen, denn auch laut zu rufen
-haben sie gewaltige Angst. Und selbige Zeichen sind nun auch dem jungen
-Herrn Dmitrij Fedorowitsch bekannt geworden.“
-
-„Wieso, wodurch bekannt geworden? Hast du sie ihm mitgeteilt? Wie
-konntest du es wagen!“
-
-„Nur von wegen meiner gewaltigen Angst. Und wie hätte ich denn
-hinwiederum wagen können, ihnen selbiges zu verheimlichen? Dmitrij
-Fedorowitsch drohen mir jeden lieben Tag: ‚Du betrügst mich‘, sagen sie,
-‚du verheimlichst etwas! Ich werde dich zu Brei schlagen, werde dir
-beide Beine ausreißen!‘ Und da machte ich ihnen denn Mitteilung von
-selbigen geheimen Zeichen, damit sie wenigstens meine treue Ergebenheit
-sehen und sich alsomit vergewissern, daß ich sie nicht betrüge und alles
-gehorsamst vermelde.“
-
-„Wenn du glaubst, daß er die Kenntnis dieser Zeichen benutzen will, um
-hineinzukommen, so mußt du doppelt acht geben, hörst du, und ihn auf
-keinen Fall hereinlassen!“
-
-„Wenn ich aber selber einen Anfall habe, wie soll ich sie dann nicht
-hereinlassen, selbst wenn ich mich erdreisten könnte, sie nicht
-hereinzulassen, da ich doch weiß, wie verzweifelt sie sind?“
-
-„Zum Teufel, warum bist du so überzeugt, daß du einen Anfall bekommen
-wirst? Machst du dich etwa über mich lustig?“
-
-„Wie sollte ich wohl wagen, über Euch zu lachen, und ist denn einem nach
-Lachen zumut, wenn man solche Angst hat? Ich fühle es voraus, daß ich
-einen Anfall bekommen werde, habe solch ein Vorgefühl, von bloßer Angst
-werde ich ihn bekommen.“
-
-„Äh, Teufel! Wenn du krank bist, wird Grigorij wachen. Bereite ihn
-darauf vor, der wird dich schon gut ersetzen.“
-
-„Von den Zeichen darf ich Grigorij Wassiljewitsch ohne ausdrücklichen
-Befehl des Herrn unter keinen Umständen etwas sagen. Und was Ihr sagt:
-von mich ersetzen, so hat er sich akkurat heute erkältet, und Marfa
-Ignatjewna will ihn alsomit morgen gewaltig kurieren. Sie haben es
-vorhin beide besprochen. Und dieses Kurieren ist sehr knifflich: Marfa
-Ignatjewna hat solch einen Salzbranntweinaufguß mit Kräutern, deren
-sämtliche Wirkungen sie kennt, und mit dieser Geschichte wird Grigorij
-Wassiljewitsch dreimal im Jahr kuriert, wenn er nämlich kreuzlahm wird.
-Dann nehmen sie ein grobes Handtuch, tunken es in diesen Kräuteraufguß,
-und dann reibt Marfa Ignatjewna eine halbe Stunde lang Grigorijs Rücken,
-so daß selbiger ganz rot wird und anschwillt. Und darauf gibt sie ihm
-den Rest mit einem gewissen Gebet zu trinken, aber nicht alles, etwas
-behält sie noch für sich zurück, das sie dann selber austrinkt. Und
-alsomit legen sich beide schlafen und schlafen lange und gewaltig fest.
-Und am nächsten Morgen ist Grigorij Wassiljewitsch immer gesund, Marfa
-Ignatjewna aber hat immer nachher Kopfschmerzen. Alsomit wird Grigorij
-Wassiljewitsch morgen, wenn Marfa Ignatjewna ihr Vorhaben ausführt,
-nichts hören, und so kann denn auch von einem Dmitrij Fedorowitsch nicht
-Einlassen gar keine Rede sein. Schlafen wird er.“
-
-„Welch ein Blödsinn!“ schrie ihn Iwan Fedorowitsch zornig an. „Das
-trifft ja alles wie absichtlich zusammen: Du bewußtlos nach dem
-epileptischen Anfall und Grigorij und Marfa in festem Schlaf! – Oder
-steckst du vielleicht dahinter, daß sich alles so vorzüglich trifft?“,
-stieß er plötzlich kurz hervor und zog drohend die Brauen zusammen.
-
-„Wie soll ich dahinter stecken ... und wozu sollte ich das zu tun
-versuchen, wenn doch hier alles nur von Dmitrij Fedorowitsch abhängt und
-von ihren Absichten ... Wollen sie was anstiften, so wird es alsomit
-auch geschehen, wenn hinwiederum nicht, so werde doch ich nicht
-absichtlich sie herrufen, um sie zu ihrem Erzeuger hineinzuschicken.“
-
-„Aber warum soll er denn zum Vater kommen, und dazu noch heimlich, wenn
-Agrafena Alexandrowna, wie du selbst sagst, überhaupt nicht kommen
-wird?“ fuhr Iwan Fedorowitsch, bleich vor Wut, fort. „Du sagst doch
-selbst, daß sie nicht zu ihm kommen will, und auch ich war die ganze
-Zeit über, die ich hier verbracht habe, überzeugt, daß der Alte nur
-phantasiert, und daß dieses Geschöpf nie zu ihm kommen wird. Warum nun
-soll sich Dmitrij mittels dieser Zeichen zum Alten hineinschleichen
-wollen? Sprich! Ich will deine Gedanken wissen!“
-
-„Ihr geruht doch selber zu wissen, warum sie kommen werden, wozu hier
-meine Gedanken? Können sie doch schon aus Wut allein kommen oder auch
-aus Argwohn, beispielsweise, wenn ich krank bin. Dann wissen sie, daß
-ich nicht aufpassen kann, und werden vielleicht wie gestern in die
-Zimmer laufen, um sich alsomit zu vergewissern, ob ihre Dame nicht
-irgendwie von ihnen unbemerkt gekommen ist. Auch wissen sie ganz genau,
-daß der Herr ein großes Kuvert bereit liegen haben, und daß da drin
-dreitausend Rubel sind, und daß der Herr das Kuvert mit drei großen
-Siegeln verlackt und mit einem Bändchen kreuzweise umbunden und
-eigenhändig draufgeschrieben haben: ‚Meinem Engel Gruschenka, wenn sie
-zu mir kommen will‘, und daß sie darauf nach drei Tagen noch hinzugefügt
-haben ‚und Küchelchen‘. Das aber ist es nun, was gefährlich werden
-kann.“
-
-„Blödsinn!“ stieß Iwan Fedorowitsch wutbebend hervor. „Dmitrij wird
-nicht Geld rauben gehn und dabei noch den Vater erschlagen. Er hätte ihn
-vielleicht gestern ihretwegen aus besinnungsloser Eifersucht erschlagen
-können, aber Geld stehlen – das tut ein Dmitrij Fedorowitsch nicht!“
-
-„Sie brauchen aber jetzt Geld, brauchen es ganz gewaltig! Ihr wißt ja
-nicht einmal, wie nötig sie es haben,“ erklärte ungewöhnlich ruhig und
-auffallend deutlich Ssmerdjäkoff. „Und selbige Dreitausend halten sie
-noch dazu für ihr Geld, und so haben sie selber mir sogar mannigfach
-erklärt; ‚Diese Dreitausend ist er mir so gut wie schuldig‘, haben sie
-zu mir gesagt. Und zu alledem bedenkt doch selbst, Herr, daß Agrafena
-Alexandrowna, wenn sie nur wollen, den Herrn zwingen werden, sie zu
-heiraten, den alten Herrn Fedor Pawlowitsch, das ist doch so wie es ist,
-muß man sagen, die reinste abgekochte Wahrheit, wenn sie nur selber
-wollen, und es kann doch sein, daß sie wirklich wollen werden. Ich sag
-doch nur so selbentlich, daß sie nicht kommen werden, sie aber wollen
-vielleicht noch viel mehr als Dreitausend, sie wollen vielleicht
-geradeswegs Gnädige werden. Ich selber weiß, daß der Kaufmann
-Ssamssonoff ihr in aller Aufrichtigkeit gesagt hat, das wäre sogar
-äußerst wenig dumm, und daß sie darauf gelacht haben. Und sie sind
-gleichfalls eine Dame, die äußerst wenig dumm sind. Einen Habenichts,
-wie es doch Dmitrij Fedorowitsch sind, kann ihr nicht passen zu
-heiraten. Wenn man alsomit jetzt bedenkt, Herr, daß dann weder für
-Dmitrij Fedorowitsch, noch selbst für Euch, Herr, mitsamt Euerm
-Brüderchen Alexei Fedorowitsch so gut wie nichts nach dem Tode des
-Vaters verbleiben wird, kein einziger runder Rubel, dieweil Agrafena
-Alexandrowna sie nur deswegen heiraten werden, um alles für sich
-verschreiben zu lassen, alles, was es nur an Kapitalien gibt, so bedenkt
-doch selbst, wie es ist. Stirbt aber der alte Herr jetzt, da doch noch
-nichts davon geschehen ist, so kriegt jeder von Ihnen sofort blank und
-bar, wie man sagt, mindestens seine Vierzigtausend sicher, sogar Dmitrij
-Fedorowitsch, der ihnen jetzt so gewaltig verhaßt ist, da sie ein
-Testament noch nicht gemacht haben ... Und das alles weiß Dmitrij
-Fedorowitsch wie dreimal drei.“
-
-Es war, als ob sich in Iwan Fedorowitschs Gesicht etwas verzerrte. Er
-zitterte am ganzen Körper. Und plötzlich stieg ihm dunkelrot das Blut
-ins Gesicht.
-
-„Warum also rätst du mir daraufhin, nach Tschermaschnjä zu fahren?“
-unterbrach er Ssmerdjäkoff. „Was wolltest du damit sagen? Du siehst
-doch, was geschehen wird, wenn ich fahre!“
-
-Iwan Fedorowitsch atmete schwer.
-
-„Das ist vollkommen richtig,“ sagte wohlüberlegt, leise und
-überzeugungsvoll Ssmerdjäkoff, der nicht aufhörte, Iwan Fedorowitsch
-aufmerksam und unverwandt zu beobachten.
-
-„Wieso vollkommen richtig?“ fragte, nur mit Mühe sich bezwingend, Iwan
-Fedorowitsch, und seine Augen blickten drohend.
-
-„Ich meinte selbiges nur, weil ich Mitleid hatte mit Euch, Herr. An
-Eurer Stelle würde ich das alles hier liegen lassen, wie es ist, und
-fortgehen ... das ist doch besser, als bei solch einer Geschichte dabei
-sitzen ...“ antwortete Ssmerdjäkoff, indem er scheinbar mit der größten
-Offenheit in die unheimlich drohenden Augen Iwan Fedorowitschs blickte.
-
-Beide schwiegen eine Weile.
-
-„Du bist, glaube ich, ein riesengroßer Idiot und außerdem, versteht
-sich, der gemeinste Schurke!“ sagte Iwan Fedorowitsch langsam und erhob
-sich von der Bank.
-
-Er wollte darauf durch das Fußpförtchen auf den Hof gehen, doch
-plötzlich blieb er stehen und wandte sich um zu Ssmerdjäkoff. Es geschah
-etwas Sonderbares: Plötzlich, wie im Krampf, hatte Iwan Fedorowitsch die
-Zähne zusammengepreßt und die Fäuste geballt und – noch einen
-Augenblick, und er hätte sich auf Ssmerdjäkoff gestürzt. Der aber, der
-es sofort bemerkt hatte, fuhr zusammen und bog erschrocken den
-Oberkörper zurück. Doch der Augenblick verging glücklich für
-Ssmerdjäkoff, und Iwan Fedorowitsch wandte sich schweigend, als ob er
-plötzlich in Zweifeln befangen wäre, zur Pforte.
-
-„Ich werde morgen nach Moskau fahren, wenn es dich interessiert, –
-morgen in der Früh, – das ist alles!“ sagte er plötzlich boshaft, laut
-und langsam, und als er es gesagt hatte, fragte er sich verwundert, was
-ihn veranlaßt haben mochte, Ssmerdjäkoff das zu sagen, und auch später
-noch stellte er sich oftmals diese Frage.
-
-„Das ist auch das allerbeste,“ griff Ssmerdjäkoff sofort auf, ganz, als
-hätte er nur darauf gewartet, „und wäre es nur, daß man Euch in Moskau
-mit dem Telegraphen beunruhigen und zurückrufen könnte, in irgend so
-einem besonderen Fall.“
-
-Iwan Fedorowitsch blieb wieder stehen und wandte sich von neuem brüsk zu
-Ssmerdjäkoff zurück. Doch mit dem schien etwas Sonderbares geschehen zu
-sein: seine ganze Familiarität und Nachlässigkeit waren mit einemmal
-verschwunden; sein ganzes Gesicht drückte ungewöhnliche Aufmerksamkeit
-und Erwartung aus – doch war es diesmal zaghafte, furchtsame,
-knechtische Erwartung. „Wirst du nicht noch etwas sagen, nicht noch
-etwas hinzufügen?“ fragte förmlich sein unverwandter, sich an Iwan
-Fedorowitsch gleichsam festsaugender Blick.
-
-„Und aus Tschermaschnjä würde man mich etwa nicht zurückrufen ... in
-irgend so einem besonderen Fall?“ schrie ihn plötzlich Iwan Fedorowitsch
-an, ohne selbst zu wissen, warum er so die Stimme erhob.
-
-„Auch aus Tschermaschnjä würde man ... beunruhigen ...“ murmelte
-Ssmerdjäkoff fast flüsternd, und als hätte er sich ganz verloren, doch
-fuhr er dabei unverwandt fort, aufmerksam, ungeheuer aufmerksam Iwan
-Fedorowitsch gerade in die Augen zu blicken.
-
-„Nur ist Moskau weiter und Tschermaschnjä näher, so tut es dir wohl um
-das verfahrene Geld leid, nicht? wenn du mir nach Tschermaschnjä zu
-fahren zuredest, oder tue ich dir etwa leid, weil ich dann einen so
-großen Umweg mache?“
-
-„Genau so ...“ murmelte Ssmerdjäkoff, widerlich lächelnd, mit fast
-tonloser Stimme – und wieder war er angespannt bereit, sofort
-rechtzeitig zurückzuspringen.
-
-Doch zu Ssmerdjäkoffs höchster Verwunderung ging Iwan Fedorowitsch
-auflachend zur Pforte und trat, immer noch lachend, durch sie ein. Wer
-aber sein Gesicht gesehen hätte, der würde sich bestimmt gesagt haben,
-daß er nicht etwa lachte, weil ihm froh zumut war. Und auch ihm selbst
-wäre es unmöglich gewesen, zu erklären, was damals, in jener Minute mit
-ihm geschehen war. Bewegte er sich und ging er doch, als ob sich seine
-Glieder krampften.
-
-
- VII.
- „Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden ein Vergnügen“
-
-Und wie er ging, so sprach er auch. Als er in den Saal trat und dort den
-Vater erblickte, rief er ihm sofort, heftig mit der Hand abwinkend, zu:
-
-„Ich gehe zu mir nach oben, komme nicht zu Ihnen, auf Wiedersehen!“ Und
-damit ging er vorüber, bemüht, den Vater nicht anzusehen. Möglich, daß
-der Alte ihm in diesem Augenblick gar zu widerlich war. Doch diese
-zeremonielose Kundgebung des feindlichen Gefühls verblüffte selbst Fedor
-Pawlowitsch. Der Alte schien ihm tatsächlich etwas sagen zu wollen und
-ihm zu diesem Zweck in den Saal entgegengekommen zu sein. Als er jedoch
-diesen unliebenswürdigen Gruß hörte, blieb er schweigend stehen und
-blickte nur spöttisch dem Sohne so lange nach, bis der auf der Treppe
-zum oberen Stock verschwunden war.
-
-„Was fehlt ihm?“ fragte er hastig den gleich nach Iwan Fedorowitsch
-eingetretenen Ssmerdjäkoff.
-
-„Scheinen sich über was zu ärgern, wer kann aus ihnen klug werden?“
-brummte der ausweichend.
-
-„Na, dann zum Teufel mit ihm! Mag er sich doch ärgern, wenn es ihm
-Vergnügen macht. Gib den Tee her und mach dann, daß du fortkommst, fix.
-Was gibt es Neues?“
-
-Und es begannen dieselben Fragen, über die sich Ssmerdjäkoff soeben bei
-Iwan Fedorowitsch beklagt hatte, d. h. Fragen, die sich alle auf den
-erwarteten Besuch bezogen. Nach einer halben Stunde wurde das Haus
-sorgfältig verschlossen, und der verrückte Alte spazierte allein durch
-die Zimmer, – in zitternder Erwartung, daß sofort, im Augenblick, die
-fünf verabredeten Schläge ertönen würden. Von Zeit zu Zeit blickte er
-durch die Fenster hinaus, doch sah er dort nichts außer der Nacht.
-
-Es war schon sehr spät, aber Iwan Fedorowitsch schlief noch immer nicht.
-Die Gedanken ließen ihm keine Ruhe. Spät erst legte er sich in dieser
-Nacht zu Bett, erst nach zwei Uhr morgens. Doch will ich nicht
-unternehmen, den ganzen Gang seiner Gedanken wiederzugeben, es ist auch
-noch nicht an der Zeit, in diese Seele einzudringen. Und selbst wenn ich
-jetzt versuchen wollte, seinen Zustand zu schildern, so fiele es mir
-doch sehr schwer, da es nicht Gedanken waren, die ihn quälten, es war
-vielmehr etwas Unbestimmbares und vor allen Dingen etwas ihn maßlos
-Erregendes, was ihn peinigte. Es war ihm, als hätte er jeden Halt
-verloren. Auch quälten ihn verschiedene sonderbare und ganz unerwartete
-Wünsche, z. B.: kurz nach Mitternacht wandelte ihn plötzlich
-unwiderstehlich die Lust an, in das Nebengebäude auf den Hof zu gehen
-und Ssmerdjäkoff durchzuprügeln. Doch hätte man ihn gefragt, warum er
-das wollte, so wäre er bestimmt nicht imstande gewesen, auch nur einen
-einzigen Grund genau anzugeben, außer vielleicht den einen, daß dieser
-Diener ihm so verhaßt geworden war wie der größte Beleidiger, den man
-sich in der Welt denken könnte. Und andererseits wurde seine Seele in
-dieser Nacht nicht nur einmal von einer ganz unerklärlichen und
-erniedrigenden Zaghaftigkeit ergriffen, die ihn immer wieder ganz
-plötzlich überfiel, und von der er – das fühlte er – geradezu auch alle
-körperliche Kraft verlor. Sein Kopf tat ihm weh, und vor seinen Augen
-flimmerte es. Etwas Verhaßtes lag beklemmend auf seiner Seele, ganz als
-hätte er sich vorgenommen, sich an jemandem zu rächen. Er begann sogar,
-Aljoscha zu hassen, wenn er an sein Gespräch mit ihm dachte, und er
-haßte in manchen Minuten qualvoll auch sich selbst. An Katerina Iwanowna
-vergaß er beinahe zu denken, worüber er sich nicht wenig wunderte, um so
-mehr, als er am Morgen, wie er sich noch sehr gut erinnerte – da er so
-stolz bei Chochlakoffs gesagt hatte, daß er am nächsten Tage auf immer
-verreisen werde – sich selbst im geheimsten Innern gesagt hatte: „Das
-ist ja Unsinn, du wirst ja doch nicht fahren, und es wird dir durchaus
-nicht so leicht sein, dich von allem hier loszureißen, wie du jetzt
-prahlend sagst.“ Wenn Iwan Fedorowitsch später an diese Nacht
-zurückdachte, so war für ihn die unangenehmste Erinnerung, daß er sich
-plötzlich vom Diwan erhoben und leise, als hätte er furchtbare Angst,
-daß man ihn hören könnte, die Tür zur Treppe geöffnet hatte, um
-hinunterzulauschen, wie dort unten in den großen Räumen Fedor
-Pawlowitsch umherging. Lange hatte er so gestanden und gehorcht, ganze
-fünf Minuten lang, in einer sonderbaren Erwartung mit zurückgehaltenem
-Atem und klopfendem Herzen, doch warum er das tat, warum er horchen
-ging, – das wußte er in dem Augenblick selbst nicht. Diese seine
-Handlung nannte er später „abscheulich“, und in der verborgensten Tiefe
-seines Herzens hielt er sie für die niedrigste Tat seines Lebens. Gegen
-den Vater empfand er aber in diesen Minuten nicht den geringsten Haß,
-nur interessierte es ihn aus einem unbekannten Grunde über die Maßen,
-wie der Alte dort unten umherging, und was er wohl denken und tun
-möchte. Er stellte sich vor, wie der Vater in die dunklen Fenster
-blickte und plötzlich mitten im Zimmer stehen blieb und wartete,
-wartete, – ob nicht jemand klopfte. Zweimal ging Iwan Fedorowitsch zu
-diesem Zweck zur Treppe. Als aber alles still wurde, und Fedor
-Pawlowitsch sich hingelegt hatte, ungefähr um zwei Uhr morgens, da
-kleidete auch Iwan Fedorowitsch sich aus, um zu Bett zu gehen – mit dem
-Wunsch, bald einzuschlafen, da er sich nach allen Qualen unerträglich
-müde fühlte. Und so war es auch. Er schlief ganz plötzlich fest ein,
-schlief die ganze Nacht traumlos und erwachte früh am Morgen, ungefähr
-um sieben Uhr, als es schon hell war.
-
-Als er die Augen aufschlug, fühlte er zu seiner Verwunderung einen ganz
-ungewöhnlichen Zustrom von Energie. Er erhob sich schnell, kleidete sich
-an, zog darauf seinen Koffer hervor und begann, ohne Zeit zu vertrödeln,
-selbst seine Sachen zu packen. Die Wäsche war gerade am Tage zuvor von
-der Wäscherin gebracht worden, und Iwan Fedorowitsch lächelte sogar bei
-dem Gedanken, wie alles sich traf und nichts seine plötzliche Abreise
-aufhielt. Plötzlich konnte man die Abreise sehr wohl nennen, denn wenn
-er auch Katerina Iwanowna, Aljoscha und später Ssmerdjäkoff gesagt
-hatte, daß er am nächsten Tage fortfahren werde, so hatte er doch am
-Abend – dessen erinnerte er sich genau – beim Schlafengehen kein
-einziges Mal an die Abreise gedacht, und noch viel weniger, daß er am
-Morgen, ohne sich zu bedenken, als erstes eigenhändig seinen Koffer
-packen werde. Endlich war alles fertig, sowohl der Koffer, wie die
-Reisetasche. Es war schon neun Uhr, als Marfa Ignatjewna wie gewöhnlich
-kam, um zu fragen, wo der junge Herr den Tee trinken würde, bei sich
-oben oder unten im Saal. Iwan Fedorowitsch ging diesmal nach unten; er
-sah geradezu heiter aus, wenn auch an ihm, in seinen Worten und
-Bewegungen, etwas Nervöses, eine gewisse Hast auffiel. Er begrüßte
-freundlich den Vater, erkundigte sich sogar nach dessen Befinden, und
-plötzlich, ohne die ganze Antwort des Vaters abzuwarten, teilte er mit,
-daß er in einer Stunde nach Moskau abfahren werde – und zwar auf immer –
-und daher bäte, die Pferde anspannen zu lassen. Der Alte vernahm diese
-unerwartete Mitteilung ohne das geringste Zeichen von Verwunderung,
-vergaß sogar höchst unhöflicherweise die Abfahrt des Sohnes zu bedauern
-– statt dessen belebte er sich gleich darauf ungemein, da ihm im
-Zusammenhang damit eine dringende eigene Angelegenheit eingefallen war.
-
-„Ach du! Sieh mal einer an, wie du bist! Hast gestern kein Wort davon
-gesagt ... nun, einerlei, aber weißt du was, mein Liebster, tu mir den
-Gefallen, Wanjä, und fahr noch vorher nach Tschermaschnjä! Du brauchst
-doch von der Station, von Wolowje, nur nach links abzubiegen, im ganzen
-lumpige zwölf Werst, und du bist da!“
-
-„Unmöglich, das kann ich nicht: Bis zur Eisenbahn sind achtzig Werst,
-und der Zug nach Moskau verläßt die Station um Punkt sieben abends –
-komme also knapp hin.“
-
-„Nun, dann kommst du morgen oder übermorgen hin, ’s ist doch wahrhaftig
-egal! Heute aber fahr nach Tschermaschnjä! Ist es denn viel, um was ich
-dich bitte, und du beruhigst deinen Vater! Wenn ich hier nicht gebunden
-wäre, würde ich schon längst hingerutscht sein, denn die Sache drängt,
-sag ich dir, und ist wirklich nicht so ohne, ich aber habe jetzt hier
-... mit einem Wort, die Zeit erlaubt es nicht ... Sieh, ich habe dort
-meinen Wald in zwei Distrikten, in Begitschewo und in Djätschkinoje.
-Maßloffs, Vater und Sohn, Kaufleute, bieten mir für das Abholzen nur
-achttausend Rubel; im vorigen Jahr aber bot ein Aufkäufer zwölftausend,
-es war aber kein Hiesiger, das ist der Haken! Denn die Hiesigen haben
-keine Abnahme, und die beiden Maßloffs wuchern mit Hunderttausenden! Was
-sie anbieten, das muß man auch nehmen, denn von den Hiesigen wagt
-niemand, sie zu überbieten und ihnen was vor der Nase wegzufangen. Nun
-aber erhielt ich am vorigen Donnerstag von dem Popen Iljinskij einen
-Brief, in dem er mir mitteilte, daß Gorstkin hingekommen sei, – das ist
-gleichfalls ein Aufkäufer, ich kenne ihn, nur ist das Wertvolle an der
-Sache das, daß er kein Hiesiger ist, sondern aus Pogreboje, das heißt
-also so viel, daß er die Maßloffs, Vater und Sohn, alle beide nicht
-fürchtet, da er, wie gesagt, kein Hiesiger ist. Elftausend hat er
-gesagt, würde er für das Abholzen geben, begreifst du jetzt? Hier aber
-wird er, wie der Pope schrieb, nur eine Woche bleiben. Wenn du nun
-hinfahren würdest, könntest du mit ihm die ganze Angelegenheit abmachen
-...“
-
-„Schreiben Sie doch dem Popen, der kann es ja gleichfalls abmachen.“
-
-„Aber der versteht doch so etwas nicht, das ist es ja! Dieser
-Gottesknecht hat ja keine Augen! Sonst ist er ein goldener Mensch, würde
-ihm ohne zu zögern sofort Zwanzigtauseud ohne Quittung zum Aufbewahren
-einhändigen, aber zu sehen versteht er nicht, wirklich als ob er gar
-kein Mensch wäre! Jede lahme Krähe macht ihm ein X für ein U vor. Dabei
-ist er ein gelehrter Mensch! Dieser Gorstkin aber ist dem Ansehen nach
-ein Bauer, geht in blauem Wams herum, nur ist er dem Charakter nach ein
-vollendeter Schuft, das ist ja unser gemeinsamer Jammer! Der Kerl lügt,
-das ist das Verflixte! Mitunter lügt er dir Dinge vor, daß du dich nur
-wundern kannst, warum er es tut. Vor drei Jahren log er mir vor, daß
-seine Frau gestorben sei und er schon eine andere geheiratet habe, und
-dabei war davon keine Silbe wahr, denk dir nur! Seine Frau lebte damals
-unverändert weiter, lebt auch heutigen Tages noch und prügelt ihn alle
-drei Tage einmal. So handelt es sich denn jetzt darum, zu erfahren, ob
-er wirklich die Wahrheit sagt, daß er kaufen und Elftausend geben will.“
-
-„So werde auch ich nichts ausrichten können, ich habe auch keine Augen.“
-
-„Halt, mein Sohn, wart, du wirst schon dazu taugen, ich werde dir alle
-Zeichen sagen, von Gorstkin, denn, weißt Du, ich habe schon lange mit
-ihm zu tun. Sieh: Man muß bei ihm immer auf den Bart sehn. Er hat so’n
-kleines, gerupftes, rotblondes Bärtchen. Wenn nun dieses Bärtchen
-zittert, er sich aber beim Sprechen ärgert – dann ist’s gut, dann redet
-er die Wahrheit, will ein Geschäft machen. Streichelt er aber das
-Bärtchen mit der linken Hand und lächelt er dabei, – nun, dann will er
-begaunern, dann macht er Finten. In die Augen sieh ihm niemals, aus
-denen wird kein Teufel klug, dunkel ist das Wasser, wie gesagt, ein
-Erzspitzbube, – sieh nur auf den Bart. Er nennt sich Gorstkin, heißt
-aber gar nicht Gorstkin, sondern Ljägawyj,[19] aber rede ihn nicht so
-an, sonst fühlt er sich sofort beleidigt. Wenn du also mit ihm
-gesprochen hast und siehst, daß er es ernst meint, so schreibe mir
-sofort. Schreibe nur: ‚Der Kerl lügt nicht‘. Das genügt. Nur mußt du auf
-elftausend bestehen, wenn es aber nicht anders geht, so kannst du noch
-ein Tausend ablassen, mehr aber unter keiner Bedingung. Denk nur: Acht
-und elf – das ist ein Unterschied von dreitausend. Diese Dreitausend
-habe ich so gut wie gefunden, denn so bald läuft einem kein neuer Käufer
-in die Finger, Geld aber habe ich grad bis zum Halsabschneiden nötig.
-Wenn du mir dann schreibst, daß die Sache ernst ist, so werde ich von
-hier schnell hinfahren, hier irgendwie die Zeit noch dazu
-herausquetschen. Was aber hat es für einen Zweck, überhaupt hinzufahren,
-wenn sich schließlich alles nur als Hirngespinst des Popen erweisen
-kann? Nun, fährst du?“
-
-„Ich habe wirklich keine Zeit, ersparen Sie es mir ...“
-
-„Ach du, aber so tu mir doch den Gefallen, werde es dir nicht vergessen!
-Herzlos seid ihr alle samt und sonders, das ist das Ganze, was
-dahintersteckt! Was macht es dir denn aus, ob du einen oder zwei Tage
-früher ankommst? Wohin fährst du denn jetzt? – nach Venedig? Nun, in
-diesen zwei Tagen wird dein Venedig nicht versinken. Ich würde sonst
-Aljoscha schicken, aber was versteht denn Aljoschka von solchen Dingen?
-Ich bitte einzig und allein dich darum, weil ich weiß, daß du ein kluger
-Mensch bist. Das sehe ich doch, wie soll ich denn das nicht sehen? Zwar
-handelst du nicht mit Wald, aber du hast ein gutes Auge. Hier heißt es
-ja bloß sehen; meint es der Kerl ernst oder faselt er wieder mal? Ich
-sage dir, sieh auf den Bart: Zittert das Bärtchen, so ist’s gut, dann
-meint er’s ernst.“
-
-„Sie wollen also _à tout prix_, daß ich dahin, in dieses verfluchte Nest
-fahre, nach Tschermaschnjä?“ fragte Iwan Fedorowitsch zornig und
-lächelte boshaft.
-
-Fedor Pawlowitsch bemerkte die Bosheit nicht oder wollte sie nicht
-bemerken, beachtete aber sofort das Lächeln.
-
-„Du fährst also, wirst hinfahren? Wart, dann schreib ich schnell noch ’n
-paar Zeilen, die du mitnehmen kannst.“
-
-„Ich weiß nicht, ob ich hinfahren werde, ich weiß es noch nicht; werde
-mich unterwegs entscheiden.“
-
-„Ach was, unterwegs, entscheide dich jetzt! Nun, mein Täubchen,
-entscheide dich, du fährst doch? Wenn du mit ihm gesprochen hast, so
-schreibe mir nur zwei Zeilen und gib den Zettel dem Popen ab, er wird
-ihn mir sofort rüberschicken. Und dann fahr wohin du willst, schieb
-meinetwegen ab nach Venezien. Zurück zur Station kann dich der Pope mit
-seinen Pferden fahren ...“
-
-Der Alte war entzückt; im Augenblick hatte er das Zettelchen bekritzelt,
-dann bestellte er die Pferde, bestellte auch einen Imbiß, Kognak. Wenn
-der Alte sich über irgend etwas freute, so wurde er sofort sehr
-gesprächig und mitteilsam, diesmal aber schien er sich zu bezwingen.
-Dmitrij Fedorowitsch zum Beispiel erwähnte er mit keinem Wort. Die
-bevorstehende Trennung selbst, vom zweiten Sohn, rührte ihn nicht im
-geringsten. Er schien sogar nicht einmal recht zu wissen, wovon er
-sprechen sollte, was Iwan Fedorowitsch sehr wohl bemerkte. „Muß ihm doch
-genügend lästig geworden sein,“ dachte er bei sich.
-
-Erst als der Alte den Sohn auf die Treppe hinausbegleitete, wurde er
-etwas rührselig und bekundete sogar die Absicht, ihn zu küssen. Doch
-Iwan Fedorowitsch streckte ihm schnell die Hand zum Abschied entgegen,
-sichtlich bemüht, etwaige Liebesergüsse zu vermeiden, was der Alte denn
-auch sofort begriff, und weshalb er den Kuß unterließ.
-
-„Nun, fahr mit Gott, mit Gott!“ rief er ihm von der Treppe zu. „Wirst
-doch noch einmal im Leben wieder herkommen, nicht? Na, komm nur, werde
-mich freuen. Nun, Gott mit dir!“
-
-Iwan Fedorowitsch stieg in den Wagen.
-
-„Nun, leb wohl, Iwan, schimpf nicht zu sehr über mich!“ rief ihm der
-Vater noch zum letztenmal nach.
-
-Die Dienerschaft hatte sich zum Abschied gleichfalls eingefunden:
-Ssmerdjäkoff, Marfa und Grigorij. Iwan Fedorowitsch schenkte jedem von
-ihnen zehn Rubel. Als er sich schon in den Wagen gesetzt hatte, trat
-noch Ssmerdjäkoff an den Schlag, um den Fußteppich zu ordnen.
-
-„Siehst du ... ich fahre nach Tschermaschnjä ...“ kam es plötzlich ganz
-von selbst über Iwan Fedorowitschs Lippen, für ihn jedenfalls ebenso
-unerwartet, wie am Tage vorher bei der Hofpforte die Mitteilung, daß er
-nach Moskau fahren werde – doch diesmal stieß er es mit einem sonderbar
-nervösen Lachen hervor. Dieses Lachens und dieser Worte erinnerte er
-sich später noch oft.
-
-„Alsomit haben denn die Leute recht, wenn sie sagen, mit klugen Menschen
-sei auch das Reden ein Vergnügen,“ antwortete Ssmerdjäkoff mit fester
-Stimme, und sein Blick schien Iwan Fedorowitsch durchdringen zu wollen.
-
-Die Pferde zogen an, und der Wagen rollte davon. Die Seele Iwan
-Fedorowitschs war traurig, doch gierig blickte er ins Land, auf die
-Felder und Hügel und Bäume, und auf einen Zug wilder Gänse, die hoch,
-hoch über ihm am klaren Himmel nach Süden zogen. Und plötzlich wurde ihm
-so wohl zumut. Er versuchte, mit dem Kutscher ein Gespräch zu beginnen,
-und wartete schon neugierig, was der antworten werde, doch nach einer
-Minute wurde er sich bewußt, daß die ganze Antwort ihm entgangen war –
-daß er dem Kutscher überhaupt nicht zugehört hatte. Er verstummte, und
-auch so war es schön: die Luft war so rein und klar und frisch, der
-Himmel so hoch und hell. Er sah vor sich die Gestalten Aljoschas und
-Katerina Iwanownas, aber er lächelte still, winkte ihnen leise ab, und
-die Schemen verschwanden.
-
-„Auch ihre Zeit wird kommen,“ dachte er.
-
-Die erste Station erreichten sie ziemlich bald, wechselten dort die
-Pferde und fuhren dann weiter nach Wolowje.
-
-„Warum ist es ein Vergnügen, mit einem klugen Menschen zu reden, was hat
-er damit sagen wollen?“ fuhr es ihm plötzlich durch den Kopf, und der
-Atem blieb ihm stehen. „Und warum sagte ich ihm, daß ich nach
-Tschermaschnjä fahre?“
-
-Nach einiger Zeit kamen sie in Wolowje an. Iwan Fedorowitsch stieg aus,
-und alsbald umringten ihn die Fuhrleute. Er befahl Postpferde
-anzuspannen und vereinbarte dann auch sofort den Preis für die zwölf
-Werst bis nach Tschermaschnjä. Er ging ins Stationsgebäude, drehte sich
-dort einmal um, warf auch einen Blick auf die Stationshalterin, und
-plötzlich ging er wieder zurück zur Vorfahrt.
-
-„Nicht nötig nach Tschermaschnjä! Ich fahre nicht hin. Werde ich aber
-nicht zu spät zur Eisenbahn kommen? Der Zug geht um sieben ab.“
-
-„Wird noch grade gehn. Befehlen der Herr anzuspannen?“
-
-„Ja, sofort. Wird nicht jemand von euch morgen in die Stadt fahren?“
-
-„Wie denn nicht? Mitrij wird bestimmt hinkommen.“
-
-„Kannst du mir nicht einen Dienst erweisen, Mitrij? Geh’ zu meinem
-Vater, zu Fedor Pawlowitsch Karamasoff, und sage ihm, daß ich nicht nach
-Tschermaschnjä gefahren bin. Kannst du das tun?“
-
-„Warum denn nicht? Kenne den Herrn Fedor Pawlowitsch schon lange.“
-
-„Hier hast du ein Trinkgeld, denn er könnte dir vielleicht keines
-geben,“ sagte Iwan Fedorowitsch gut gelaunt und lachte.
-
-„Das ist schon wahr, er würde wohl nichts geben,“ sagte Mitrij
-gleichfalls lachend. „Danke, Herr, werde gehen, werde bestimmt hingehen
-...“
-
-Um sieben Uhr abends stieg Iwan Fedorowitsch in den Zug ein, der ihn
-nach Moskau brachte.
-
-„Fort mit allem Gewesenen, Strich drunter, jetzt ist es abgeschlossen,
-das frühere Leben und die frühere Welt, in der ich gelebt habe, und daß
-kein Ruf, kein Echo mehr aus ihr zu mir herüberklinge! Hinein in die
-neue Welt, in das neue Leben und ohne jemals zurückzuschauen!“
-
-Doch an Stelle des frohen Jubels erhob sich in seinem Herzen so großes
-Weh, wie er es in seinem Leben noch nie empfunden hatte. Die ganze Nacht
-konnte er nicht schlafen: Gedanken jagten Gedanken; der Waggon flog
-ratternd dahin, und erst beim Morgengrauen, kurz vor der Einfahrt in
-Moskau, war es ihm, als ob er plötzlich erwachte.
-
-„Ich bin ein Schuft!“ murmelte er vor sich hin.
-
-Fedor Pawlowitsch dagegen blieb sehr zufrieden zurück, als das Söhnchen
-abgefahren war. Ganze zwei Stunden lang fühlte er sich beinahe glücklich
-und kippte von Zeit zu Zeit einen Kognak. Doch plötzlich geschah etwas
-sehr Ärgerliches und für alle Hausbewohner Unangenehmes, was Fedor
-Pawlowitsch sofort in große Unruhe versetzte: Ssmerdjäkoff war nämlich
-aus irgendeinem Grunde in den Keller gegangen und von der Treppe
-hinuntergefallen. Es war noch ein Glück, daß Marfa Ignatjewna sich
-gerade auf dem Hof befand und es rechtzeitig hörte. Den Fall hatte sie
-zwar nicht gesehen, dafür aber hatte sie den Schrei gehört, den Schrei
-eines Epileptikers, der im Anfall hinstürzt. Ob ihn nun der Anfall beim
-Hinabsteigen getroffen hatte und er dann bewußtlos die Treppe
-hinuntergestürzt war, oder ob der Anfall durch den Sturz und die
-Erschütterung verursacht worden war, – das ließ sich natürlich nicht
-feststellen, doch fand man ihn schon auf dem Boden des Kellers in
-Krämpfen liegen, Schaum vor dem Munde. Man glaubte zuerst, er müsse sich
-wenigstens ein Glied, einen Arm oder ein Bein gebrochen oder beschädigt
-haben, doch siehe: „Gott hatte ihn beschützt,“ wie Marfa Ignatjewna
-sagte; er hatte sich nicht den geringsten Schaden zugefügt, nur war es
-schwer, ihn aus dem Keller in Gottes freie Natur hinaufzuschaffen. Man
-bat aber die Nachbarn um Hilfe und brachte ihn dann, so gut es ging,
-nach oben. Fedor Pawlowitsch wohnte persönlich dieser ganzen
-umständlichen Prozedur bei und half sogar eigenhändig; jedenfalls war er
-nicht wenig erschrocken und sehr besorgt. Der Kranke kam nicht sobald
-zur Besinnung. Die Anfälle hörten wohl zeitweilig auf, doch kamen sie
-immer wieder, und so meinten schließlich alle, daß der Anfall ebenso
-lange andauern werde wie im vorigen Jahre, als er vom Hausboden
-herabgefallen war. Man erinnerte sich, daß er damals Eisumschläge auf
-die Stirn und den Scheitel bekommen hatte, und beschloß daher, jetzt
-dasselbe Mittel anzuwenden. Eis fand sich noch im Keller, und Marfa
-Ignatjewna machte ihm die Umschläge. Fedor Pawlowitsch aber schickte zu
-Herzenstube, der auch sofort kam. Nachdem er den Kranken sorgfältig
-untersucht hatte (er war der sorgfältigste und aufmerksamste Arzt
-im ganzen Gouvernement), erklärte er, daß der Anfall ein
-„außerordentlicher“ sei und „Gefahr drohen könne“, daß er, Herzenstube,
-vorläufig noch nicht alles begreife, daß er aber morgen früh, falls
-diese Mittel nicht helfen sollten, sich entschließen werde, andere
-anzuwenden. Der Kranke wurde in sein Zimmer gebracht und zu Bett gelegt.
-Grigorijs und Marfas Schlafstube war nur durch eine dünne Wand von
-Ssmerdjäkoffs Zimmer getrennt, so daß Marfa Ignatjewna sofort hören
-konnte, wenn es dem Kranken vielleicht schlecht gehen sollte. Der arme
-Fedor Pawlowitsch aber hatte an diesem Tage ein Unglück nach dem anderen
-zu ertragen: das Essen hatte Marfa Ignatjewna zubereitet, und so fand
-Fedor Pawlowitsch, daß die Suppe im Vergleich zu Ssmerdjäkoffs
-Meisterwerken „das reine Spülwasser“ sei, und das Huhn erwies sich als
-dermaßen vertrocknet, daß für ihn ganz ausgeschlossen war, es
-durchzukauen. Marfa Ignatjewna aber entgegnete auf die bitteren, wenn
-auch gerechten Vorwürfe des Herrn, daß das Huhn sowieso sehr alt gewesen
-sei und sie das Kochen nicht bei Professoren gelernt habe. Und am Abend
-kam dann noch ein neues Unglück hinzu: Fedor Pawlowitsch wurde gemeldet,
-daß Grigorij, der sich vor zwei Tagen erkältet hätte, völlig kreuzlahm
-zu Bett liege. Fedor Pawlowitsch trank daher seinen Abendtee möglichst
-früh und schloß sich dann allein im Hause ein. Er war durch die
-fieberhafte Erwartung ungewöhnlich erregt. Er war nämlich überzeugt, daß
-Gruschenka an diesem Abend ganz bestimmt kommen werde, da ihm
-Ssmerdjäkoff schon am Morgen gesagt hatte, sie hätte versprochen,
-„unfehlbar heute zu kommen“. Das Herz des unruhigen Alten schlug
-erwartungsvoll; er ging erregt in seinen großen einsamen Räumen umher
-und blieb immer wieder lauschend und aufhorchend mit klopfendem Herzen
-stehen. Er mußte auf der Hut sein; konnte doch Dmitrij Fedorowitsch
-irgendwo in der Nähe ihr auflauern, und so hieß es, wenn sie ans Fenster
-klopfte (Ssmerdjäkoff hatte ihm schon vor drei Tagen versichert, daß er
-ihr ausführlich gesagt hätte, wo und wie sie klopfen sollte), so hieß es
-dann sofort, die Tür öffnen und sie keine Sekunde lang warten lassen,
-damit sie nur um Gotteswillen nicht vor irgend etwas Angst bekäme und
-fortliefe. Besorgt und unruhig wartete Fedor Pawlowitsch. Noch nie hatte
-sein Herz in so süßer Hoffnung geschwelgt: es war doch so gut wie sicher
-und bestimmt, daß sie diesmal kommen werde! ...
-
-
-
-
- Sechstes Buch. Ein russischer Mönch
-
-
- I.
- Der Staretz Sossima und seine Gäste
-
-Als Aljoscha mit Schmerz und Aufregung im Herzen die Zelle des Staretz
-betrat, blieb er im ersten Augenblick vor Verwunderung stehen: statt
-einen sterbenden Kranken vorzufinden, der vielleicht schon besinnungslos
-war (wie er die ganze Zeit gefürchtet hatte), erblickte er ihn plötzlich
-im Lehnstuhl sitzend, wenn auch anscheinend etwas erschöpft und schwach,
-so doch jedenfalls mit frohem Antlitz, und umgeben von Gästen, mit denen
-er eine ruhig heitere Unterhaltung führte. Übrigens war er erst eine
-viertel Stunde vor Aljoschas Ankunft aufgestanden. Die Gäste hatten sich
-schon früher in der Zelle versammelt und auf sein Erwachen gewartet,
-denn Pater Paissij hatte ihnen gesagt, daß der Lehrer sich gewiß noch
-erheben werde, um sich noch einmal mit allen, die seinem Herzen teuer
-waren, auszusprechen, wie er dies selbst am Morgen gewünscht und
-versprochen hatte. An dieses Versprechen, wie überhaupt an jedes Wort
-des sterbenden Staretz glaubte Pater Paissij unerschütterlich, so daß er
-sogar dann, wenn er ihn schon bewußtlos und sterbend gesehen und
-gleichwohl sein Versprechen, noch einmal aufzustehen, gehabt hätte, ja
-daß er dem Tode selbst nicht geglaubt, sondern immer noch erwartet haben
-würde, der Sterbende werde sich erheben und sein Versprechen halten. Am
-Morgen aber hatte ihm der Staretz vor dem Einschlafen gesagt: „Ich werde
-nicht früher sterben, als bis ich noch einmal vorher, ihr Geliebten
-meines Herzens, eure lieben Gesichter geschaut und vor euch meine Seele
-ausgeschüttet habe.“ Die vier Mönche, die sich zu dieser letzten
-Unterhaltung beim Staretz eingefunden hatten, waren seine Freunde, die
-innig an ihm hingen: die beiden Priestermönche Pater Jossiff und Pater
-Paissij und der Priestermönch Pater Michail. Es war das der _Vorsteher_
-der Einsiedelei, eigentlich noch kein alter Mann, auch war er nicht
-gerade sehr gelehrt, dafür aber ein fester Charakter mit schlichtem,
-unerschütterlichem Glauben und von strengem Äußeren; sein Herz war von
-tiefster Güte durchdrungen, die er jedoch äußerlich fast wie aus einem
-gewissen Schamgefühl heraus zu verbergen suchte. Der vierte Gast war ein
-kleines, altes, einfaches Mönchlein aus niedrigstem Bauernstande, Bruder
-Anfim, der kaum lesen und schreiben konnte, still und schweigsam war,
-selten mit jemandem sprach, der Demütigste aller Demütigen. Er hatte das
-Aussehen eines Menschen, der durch etwas Großes und Schreckliches, für
-seinen Geist Unfaßliches auf ewig erschreckt worden ist. Diesen
-gleichsam vor Furcht bebenden Menschen liebte der Staretz Sossima sehr
-und behandelte ihn stets mit außergewöhnlicher Hochachtung. Trotzdem
-hatte Pater Anfim vielleicht in seinem ganzen Leben mit niemandem
-weniger geredet als mit dem Staretz, obgleich er viele Jahre mit ihm
-allein als Pilger durch das heilige Rußland gewandert war. Das aber war
-schon vor langer Zeit gewesen, ungefähr vor vierzig Jahren, als der
-Staretz Sossima erst seine Laufbahn als Mönch in einem armen, fast ganz
-unbekannten Kostromaschen Kloster begonnen hatte. Bald darauf begleitete
-ihn Pater Anfim auf seinen Wanderungen zum Sammeln von Opfergaben für
-ihr armes Klosters. Sie alle, der Staretz wie seine Gäste, hatten sich
-im zweiten Zimmer der Zelle versammelt, in dem auch das Bett stand.
-Dieses Zimmer war, wie ich schon einmal erwähnte, sehr klein, so daß
-alle vier (außer dem Novizen Porfirij, der die ganze Zeit über stand) um
-den Lehnstuhl des Staretz auf den Stühlen, die aus dem ersten Zimmer
-herbeigebracht waren, kaum Platz fanden. Draußen dunkelte es bereits,
-und das Zimmer wurde nur durch die Lämpchen und Wachslichte vor den
-Heiligenbildern erleuchtet. Als der Staretz Aljoscha erblickte, der beim
-Eintreten an der Tür stehen geblieben war, lächelte er freudig und
-streckte ihm die Hand entgegen.
-
-„Sei gegrüßt, mein Stiller, sei gegrüßt, mein Lieber, da bist ja auch
-du! Ich wußte doch, daß du kommen würdest.“
-
-Aljoscha trat auf ihn zu, verbeugte sich vor ihm bis zur Erde und brach
-in Tränen aus. Sein Herz wollte zerspringen; seine Seele erbebte, und am
-liebsten hätte er laut aufgeschluchzt.
-
-„Was tust du? warte noch mit dem Weinen,“ sagte der Staretz lächelnd und
-legte ihm die rechte Hand auf den Scheitel, „siehe, ich sitze und
-plaudere hier, vielleicht werde ich noch zwanzig Jahre leben, wie es mir
-gestern die Gute, Liebe aus Wyschegorje, mit dem Töchterchen Lisaweta
-auf dem Arme, gewünscht hat. Herr, segne sie und ihr Töchterchen
-Lisaweta!“ (er bekreuzte sich). „Porfirij, hast du die Gabe dorthin
-gebracht, wie ich es dir befahl?“ Ihm waren die sechzig Kopeken
-eingefallen, die ihm seine opferfreudige Verehrerin mit der Bitte
-übergeben hatte, sie „einer, die ärmer ist als ich“, zu spenden. Solche
-Spenden, die man sich freiwillig auferlegt, müssen durchaus durch eigene
-Arbeit erworben werden, um ein Bußopfer zu sein. Der Staretz hatte
-Porfirij damit noch am selben Abend zu einer armen Bürgersfrau
-geschickt, einer Witwe mit Kindern, die durch einen Brand alles verloren
-hatte. Porfirij meldete sofort, daß er die Sache besorgt und das Geld,
-wie er beauftragt war, „von einer unbekannten Wohltäterin“ überbracht
-habe.
-
-„Steh auf, mein Lieber,“ wandte sich der Staretz wieder zu Aljoscha,
-„laß mich dich ansehen. Warst du bei den Deinen und sahst du deinen
-Bruder?“
-
-Aljoscha schien es sonderbar, daß er so bestimmt nur nach einem von
-seinen Brüdern fragte – aber nach welchem? Folglich hatte er ihn gestern
-wie auch heute nur um dieses Bruders willen fortgeschickt.
-
-„Den einen der Brüder habe ich gesehen,“ antwortete Aljoscha.
-
-„Ich meine den von gestern, den älteren, vor dem ich niederfiel.“
-
-„Den habe ich gestern gesehen, heute aber konnte ich ihn nicht finden,“
-sagte Aljoscha.
-
-„Suche ihn eiligst auf, morgen gehe wieder hin, beeile dich, laß alles
-andere bleiben und beeile dich. Vielleicht gelingt es dir noch, etwas
-Schrecklichem vorzubeugen. Denn wisse: ich bin gestern wegen des großen
-Leidens, das ihn in Zukunft erwartet, vor ihm niedergefallen.“
-
-Er verstummte plötzlich und versank in Gedanken. Sonderbar waren seine
-Worte. Der Pater Jossiff, der Zeuge des gestrigen Kniefalls gewesen war,
-und der Pater Paissij tauschten einen Blick aus. Aljoscha aber konnte
-nicht an sich halten:
-
-„Mein Vater und mein Lehrer,“ stieß er in ungewöhnlicher Aufregung
-hervor, „unklar sind mir Eure Worte ... Welch ein Leiden erwartet ihn?“
-
-„Frage nicht. Mir schien gestern etwas Schreckliches ... In seinem Blick
-konnte man sein ganzes Schicksal lesen. Nur ein Blick war es, und in
-diesem Augenblick erschrak ich in meinem Herzen über das, was dieser
-Mensch sich selbst bereitet. Ein- oder zweimal in meinem Leben habe ich
-diesen Gesichtsausdruck gesehen ... einen Gesichtsausdruck, der das
-ganze Schicksal dieser Menschen kennzeichnete, und wehe! das sie auch
-ereilte. Ich habe dich zu ihm geschickt, Alexei, denn ich dachte, daß
-das Bruderantlitz ihn retten könnte. Doch alles kommt vom Herrn, auch
-alle unsere Geschicke. ‚Wenn das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht
-stirbt, so bleibt es allein; stirbt es aber, so bringt es viele
-Früchte.‘ Denke daran, mein Sohn. Dich aber, Alexei, habe ich oft in
-Gedanken um deines Blickes willen gesegnet, damit du es weißt,“ sagte
-der Staretz, und ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen. „Oft
-denke ich von dir: Du wirst wie ein Einsiedler aus diesen Mauern
-hinausgehen in die Welt. Viele Gegner wirst du haben, aber selbst deine
-Feinde werden dich lieben. Viel Leid wird dir das Leben bringen, doch
-nur durch Leid wirst du glücklich sein, und nur um des Leidens willen
-wirst du das Leben segnen, und du wirst auch andere zwingen, es zu
-segnen – was das wichtigste ist. Siehe, das bist du. Meine Väter und
-Lehrer,“ wandte er sich gerührt lächelnd an seine Freunde – „bis zu
-dieser Stunde habe ich niemandem gesagt, auch ihm selbst nicht, warum
-der Anblick dieses Jünglings mir so lieb war. Jetzt werde ich es sagen:
-Sein Antlitz war mir eine Erinnerung und eine Prophezeiung. In der
-Morgenröte meiner Tage, als ich noch ein ganz kleines Kind war, hatte
-ich einen älteren Bruder; es war ein Jüngling, der mit siebzehn Jahren
-starb. Später, als ich mein Leben begann, überzeugte ich mich immer
-mehr, daß dieser Bruder in meinem Schicksal gleichsam ein Hinweis zu
-etwas Höherem gewesen war, denn wäre er in meinem Leben nicht gewesen,
-so wäre ich vielleicht nie auf den Gedanken gekommen, die Mönchskutte zu
-wählen und diesen Weg zu betreten, der mir jetzt so teuer ist. Diese
-Erscheinung kreuzte in meiner Kindheit meinen Weg, und siehe, am Ende
-meiner Tage tritt sie wie wiedererstanden aufs neue mir entgegen.
-Wunderbar ist es, meine Väter und Lehrer, daß Alexei, auch wenn er dem
-Antlitze nach ihm weniger ähnlich wäre, geistig ihm doch so gleicht, daß
-ich ihn oft für jenen Jüngling, für meinen Bruder gehalten habe, der am
-Ende meiner Tage mir geheimnisvoll erschienen ist, zur Erinnerung und
-zur Erleuchtung. Ich habe mich selbst oft über diesen meinen Gedanken
-gewundert. Merke es dir, Porfirij,“ wandte er sich an den bedienenden
-Novizen. „Oft sah ich auf deinem Gesicht Unmut darüber, daß ich Alexei
-mehr liebte als dich. Jetzt weißt du, warum das geschah, doch liebe ich
-auch dich. Wisse, ich war oft betrübt, daß du darüber grolltest. Euch
-aber, liebe Gäste, will ich von diesem Jüngling, meinem Bruder erzählen,
-denn seine Erscheinung war in meinem Leben die teuerste, die
-prophetischste und die ergreifendste. Mein Herz ist von Rührung
-ergriffen, und mir ist, als durchlebte ich in dieser Minute nochmals
-mein ganzes Leben ...“
-
- * * * * *
-
-Hier muß ich bemerken, daß dieses Gespräch des Staretz mit seinen
-Gästen, am letzten Tage seines Lebens, später von seinen Anhängern
-aufgeschrieben und aufbewahrt worden ist. Alexei Fedorowitsch Karamasoff
-schrieb es einige Tage nach dem Tode des Staretz aus dem Gedächtnis
-nieder. Ob er nun bloß das letzte Gespräch von damals aufgeschrieben
-oder einiges aus den früheren Erzählungen seines Lehrers noch
-hinzugefügt hat, das kann ich nicht feststellen. In der Niederschrift
-zieht sich das Gespräch des Staretz ununterbrochen hin, als ob er sein
-Leben den Freunden in der Form einer Erzählung wiedergegeben hätte,
-während es sich doch in Wirklichkeit ohne Zweifel anders verhalten hat.
-Die Unterhaltung an diesem Abend war eine allgemeine gewesen; denn wenn
-auch die Gäste ihren Meister nur wenig unterbrachen, so mischten sie
-sich doch zuweilen in das Gespräch ein, teilten auch ihre Meinungen und
-Erlebnisse mit, abgesehen davon, daß der Staretz ununterbrochen seine
-Erzählung gar nicht hätte zu Ende führen können, da er viel zu erschöpft
-war, die Stimme ihm versagte und er sich von Zeit zu Zeit aufs Bett
-legen mußte, um sich zu erholen, während die Gäste ihren Platz nicht
-verließen. Ein- oder zweimal wurde die Unterhaltung durch Lesen des
-Evangeliums unterbrochen. Pater Paissij las vor. Bemerkenswert ist auch
-noch, daß niemand von ihnen ahnte, wie nahe sein Ende war – daß er noch
-in dieser Nacht sterben werde. Er hatte an diesem letzten Abend seines
-Lebens nach einem tiefen Nachmittagsschlaf neue Kräfte geschöpft, die
-ihn während des langen Gespräches mit seinen Freunden aufrecht
-erhielten. Doch waren es, wie sich erwies, seine letzten Kräfte gewesen
-... Aber davon später. Jetzt will ich nur mitteilen, daß ich mich hier
-bei der Erzählung des Staretz auf die Niederschrift Alexei Fedorowitsch
-Karamasoffs beschränke, ohne auf alle Einzelheiten der Unterhaltung mit
-seinen Gästen einzugehen. So ist sie übersichtlicher und nicht so
-ermüdend, obgleich, ich wiederhole es, Aljoscha sie nicht wörtlich
-wiedergegeben hat.
-
-
- II.
- Aufzeichnungen aus dem Leben des in Gott verschiedenen
- Priestereinsiedlermönches, des Staretz Sossima, zusammengestellt
- nach dessen eigenen Worten von Alexei Fedorowitsch Karamasoff.
- Biographische Aufzeichnungen
-
-
- a) Vom jungen Bruder des Staretz Sossima
-
-Inniggeliebte Väter und Lehrer. Ich wurde hoch im Norden, in einem
-entfernten Gouvernement, geboren, in der Stadt W. Mein Vater war
-Edelmann, doch weder von hohem Adel, noch von hohem Rang. Er starb, als
-ich zwei Jahre alt war, und ich erinnere mich seiner nicht. Er
-hinterließ meiner Mutter ein nicht sehr großes Wohnhaus und ein Kapital,
-das für sie und ihre Kinder zum Leben ausreichte. Sie hatte nur uns
-beide: mich, Sinowij, und meinen älteren Bruder Markell. Er war acht
-Jahre älter als ich, war reizbar und heftig, doch nichtsdestoweniger gut
-und zartfühlend, verschlossen, besonders zu Hause, sowohl gegen mich,
-gegen meine Mutter und gegen die Dienstboten. Im Gymnasium war er ein
-guter Schüler, aber mit seinen Mitschülern verstand er sich nicht,
-obgleich er mit ihnen auch nicht gerade in Feindschaft lebte, wie die
-Mutter behauptete. Ein halbes Jahr vor seinem Tode, als er schon
-siebzehn Jahre alt war, ging er häufig zu einem einsamen Menschen, der,
-aus Moskau als politischer Verbrecher verbannt, in unserer Stadt lebte.
-Dieser Verbannte war kein geringer Gelehrter und ein berühmter Philosoph
-der Universität. Warum er Markell liebte und ihn bei sich empfing, weiß
-ich nicht. Jedenfalls verbrachte Markell bei ihm alle Abende. Den ganzen
-Winter hindurch besuchte er ihn, bis man schließlich den Verbannten auf
-dessen Bitte an die Petersburger Universität berief, denn er hatte gute
-Protektion. Die großen Fasten begannen, aber Markell weigerte sich, zu
-fasten, und er machte sich über das Fasten nur lustig: „Das ist doch
-nichts als Unsinn, denn es gibt ja gar keinen Gott,“ sagte er. Meine
-Mutter und die Dienstboten waren darüber entsetzt, und auch ich war es;
-wenn ich auch erst neun Jahre alt war, so erschrak ich doch sehr, als
-ich diese Worte hörte. Unsere vier Dienstboten waren als Leibeigene und
-alle auf den Namen eines uns bekannten Gutsbesitzers gekauft.[20] Ich
-erinnere mich noch, wie Mütterchen eine von diesen vier, die Köchin
-Afimja, ein hinkendes, ältliches Weib, für sechzig Rubel verkaufte und
-an ihrer Stelle eine Freie annahm. In der sechsten Woche der Fasten
-wurde mein Bruder krank. Er war schon immer kränklich gewesen, hatte
-eine schwache Brust, war zart gebaut und neigte zur Schwindsucht; klein
-von Wuchs war er gerade nicht, aber schmal und schwächlich; sein Gesicht
-dagegen war wohlgebildet. Wahrscheinlich hatte er sich erkältet. Der
-Doktor kam und flüsterte bald darauf meinem Mütterchen zu, daß es die
-Schwindsucht sei und er den Frühling wohl nicht überleben werde. Die
-Mutter weinte, bat aber schüchtern den Bruder – um ihn nicht zu
-erschrecken –, er möge durch Fasten und Kirchenbesuch sich zum Abendmahl
-vorbereiten, denn damals konnte er noch ausgehen. Als er das hörte,
-wurde er zornig und lästerte das Gotteshaus, indessen dachte er doch
-nach: Er erriet sofort, daß er gefährlich krank war, und daß die Mutter
-ihn nur darum bat, zum Abendmahl zu gehen, weil er noch bei Kräften war.
-Übrigens wußte er selbst schon lange, daß er krank war, schon ein Jahr
-vorher hatte er einmal bei Tisch mir und der Mutter kaltblütig gesagt:
-„Ich bin unter euch gar nicht wie ein Bewohner dieser Erde, vielleicht
-werde ich schon im nächsten Jahre nicht mehr leben,“ ganz als ob er
-seinen Tod prophezeit hätte. Es vergingen zwei, drei Tage, und die
-Passionswoche begann. Und siehe, der Bruder ging vom Dienstagmorgen an
-zur Beichte. „Ich tue es nur deinetwegen, Mütterchen, nur um dich zu
-erfreuen und zu beruhigen,“ sagte er zu ihr. Die Mutter weinte vor
-Freude und vor Leid: „Nah muß sein Ende sein, wenn sich in ihm eine
-solche Umwandlung vollzogen hat,“ sagte sie. Aber nicht lange mehr
-konnte er in die Kirche gehen, so daß die Beichte und das Abendmahl im
-Hause vollzogen werden mußten. Es kamen heitere und klare Tage, voll
-Licht und Duft; es waren späte Ostern. In den Nächten schlief er
-schlecht und hustete – ich erinnere mich dessen noch –, am Morgen aber
-kleidete er sich immer an und setzte sich in einen weichen Lehnstuhl. So
-sehe ich ihn noch jetzt vor mir: still sitzt er da und lächelt, zwar ist
-er krank, aber sein Blick ist strahlend. Seelisch hatte er sich ganz
-verändert – eine wunderbare Veränderung hatte sich in ihm vollzogen!
-Seine alte Kinderfrau trat einmal zu ihm ins Zimmer und sagte: „Erlaube,
-mein Täubchen, daß ich auch bei dir das Lämpchen vor dem Heiligenbilde
-anzünde.“ Früher erlaubte er es nicht und hatte das Lämpchen sogar
-ausgelöscht. „Zünde an, meine Liebe, zünde es an. Ein Ungeheuer war ich,
-als ich es dir verbot. Du zündest das Lämpchen an und betest zu Gott,
-und ich freue mich über dich und bete gleichfalls. Folglich beten wir
-beide zu einem Gott.“ Sonderbar schienen uns diese Worte; die Mutter
-ging in ihr Zimmer und weinte immerfort, nur wenn sie zu ihm kam,
-wischte sie sich die Augen ab und machte ein frohes Gesicht.
-„Mütterchen, weine nicht, mein Liebes,“ sagte er gar manches Mal, „ich
-lebe ja noch lange mit euch, kann mich noch mit euch freuen, sieh, welch
-eine Freude ist doch das Leben!“ – „Ach, mein Lieber, was ist denn das
-für eine Freude für dich, wenn du die ganze Nacht im Fieber liegst und
-hustest, daß dir die Brust zerspringt.“ – „Mama,“ antwortete er ihr,
-„weine nicht, das Leben ist ein Paradies, und alle sind wir im
-Paradiese, wir wollen es nur nicht erkennen; wenn wir es aber erkennen
-könnten, so würden wir morgen im Paradiese sein.“ Und alle wunderten
-sich über seine Worte, so sonderbar und bestimmt sprach er sie aus; und
-sie weinten alle vor Rührung. Auch Bekannte kamen zu uns. „Meine
-Lieben,“ sagte er zu ihnen, „meine Teuren, wodurch habe ich verdient,
-daß Sie mich lieben, warum lieben Sie mich denn, und warum habe ich das
-früher nicht gewußt und geschätzt?“ Den Dienstboten sagte er, wenn sie
-zu ihm kamen: „Meine Lieben, meine Guten, warum bedient ihr mich, bin
-ich es denn wert, daß man mich bedient? Wenn Gott sich meiner erbarmte
-und mich leben ließe, so würde ich selbst euch dienen, denn ein jeder
-soll dem anderen dienen.“ Als Mütterchen dies hörte, schüttelte sie den
-Kopf und sagte: „Das kommt von deiner Krankheit, daß du so sprichst!“ –
-„Mama, du meine Freude, gewiß muß es Diener und Herren geben, möge ich
-aber auch einmal der Diener meiner Diener sein und ihnen dienen, wie sie
-mir. Ja, und ich sage dir, Mütterchen, jeder von uns ist in allem vor
-allen schuldig, und ich bin es mehr als alle anderen.“ Die Mutter
-lächelte darüber, weinte und lächelte: „Nun, weshalb solltest du denn
-von allen am meisten schuldig sein? Da gibt es Mörder und Räuber, worin
-kannst du denn so gesündigt haben, daß du dich mehr als alle anderen
-beschuldigst?“ – „Mütterchen, du mein leibliches Mütterchen, mein
-eigenes Herzblut (liebe, ganz ungewohnte Worte sagte er damals), meine
-Liebe, meine Freudige, ich sage dir, in Wahrheit ist ein jeder in allem
-und vor allen schuldig. Ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll,
-aber ich fühle es, fühle es bis zur Qual. Wie haben wir nur so leben und
-uns kränken können und es nicht gewußt?“ So erhob er sich jeden Morgen
-immer freudiger und immer mehr von Liebe überwältigt und verklärt. Wenn
-der Doktor kam, Doktor Eisenschmidt, ein Deutscher, scherzte er mit ihm:
-„Nun, Doktor, werde ich noch einen Tag auf der Welt erleben?“ – „Nicht
-nur einen Tag, noch viele Tage werden Sie leben,“ antwortete ihm manches
-Mal der Doktor, „und Monate und Jahre werden Sie noch leben.“ – „Wozu
-denn noch Monate und Jahre!“ rief er aus. „Wozu da die Tage zählen. Dem
-Menschen genügt ja ein einziger Tag, um das ganze Glück zu erfahren.
-Meine Lieben, warum streiten wir uns, warum tun wir wichtig voreinander,
-warum vergeben wir nicht einander? – Gehen wir lieber gradeswegs in den
-Garten, lustwandeln wir und freuen wir uns, lieben wir einander und
-lobpreisen wir unser Leben! ...“ „Ihr Sohn ist nicht von dieser Welt,“
-sagte der Doktor zur Mutter, wenn die ihn zur Tür begleitete, „durch die
-Krankheit verfällt er in Phantasien.“ Die Fenster seines Zimmers gingen
-auf den Garten hinaus; der Garten war schattig, voll alter Bäume, und an
-den Bäumen sproßten Frühlingsknospen, und die ersten Vögel zwitscherten
-und sangen vor seinem Fenster. Er freute sich über sie, und plötzlich
-begann er auch, sie um Verzeihung zu bitten: „Gottes Vöglein, selige
-Vöglein, vergebt auch ihr, daß ich auch euch gegenüber gesündigt habe.“
-Das nun konnte niemand mehr von uns verstehen; er aber weinte vor
-Freude: „Ja,“ sagte er, „so groß war der Ruhm Gottes um mich her: Vögel,
-Bäume, Wiesen und Himmel, nur ich allein lebte in Sünde und schändete
-alles, weil ich die Schönheit der Welt und den Ruhm des Herrn nicht
-beachtete.“ „Zu viel Sünden nimmst du auf dich,“ sagte oft weinend die
-Mutter. „Mütterchen, meine Freude,“ sagte er ihr darauf, „ich weine ja
-nicht vor Kummer; vor Freude weine ich. Ich selbst will vor ihnen
-schuldig sein. Alles das kann ich dir nicht erklären, denn ich weiß
-nicht, wie ich sie lieben soll. Möge ich doch schuldig sein vor allen,
-dafür aber wird man mir vergeben, siehe, und das ist ein Paradies. Bin
-ich denn jetzt nicht im Paradiese?“
-
-Und was gäbe es nicht noch alles zu berichten von ihm! und auszulegen!
-Ich erinnere mich noch, daß ich einmal ganz allein bei ihm war. Es war
-zur Abendstunde, die Sonne beleuchtete mit letzten schrägen Strahlen das
-ganze Zimmer. Als er mich erblickte, winkte er mich zu sich heran. Und
-ich ging zu ihm; er aber faßte mich mit beiden Händen an den Schultern,
-sah mir mit rührender Liebe ins Gesicht, sagte nichts, sah mich nur
-minutenlang an: „Nun,“ sagte er dann, „gehe jetzt, spiele und lebe für
-mich!“ Ich ging damals hinaus, um zu spielen, aber im späteren Leben
-dachte ich oft mit Tränen daran, wie er mir befohlen hatte, für ihn zu
-leben. Viele solcher wunderbaren und schönen Worte, die uns damals
-unverständlich blieben, hat er noch gesprochen. Er starb in der dritten
-Woche nach Ostern bei voller Besinnung, obgleich er schon aufgehört
-hatte, zu sprechen, doch bis zum letzten Augenblick veränderte er sich
-nicht: freudig strahlten seine Augen, mit seinen Blicken suchte er uns,
-lachte er uns zu, und rief er uns. In der Stadt sprach man viel über
-seinen Tod. Das alles erschütterte mich damals nicht allzu tief,
-obgleich ich sehr weinte, als man ihn beerdigte. Ich war ja jung, ein
-Kind war ich noch, aber in meinem Herzen blieb die Erinnerung daran
-zurück. Es mußte erst die Zeit kommen, da sie auferstehen und Antwort
-geben sollte. Und so geschah es denn auch.
-
-
- b) Von der Heiligen Schrift im Leben des Staretz Sossima
-
-So waren wir denn allein, meine Mutter und ich. Bald kamen gute Bekannte
-mit ihrem Rat zu uns: „Ihnen ist nur ein Sohn verblieben,“ sagten sie zu
-meiner Mutter, „arm sind Sie nicht, Sie haben ein gewisses Vermögen,
-warum sollten Sie nicht Ihren Sohn nach Petersburg schicken, damit er,
-da er aus guter Familie ist, dort seine Karriere mache?“ Und sie
-beredeten meine Mutter, mich nach Petersburg in die Kadettenschule zu
-bringen, damit ich später in die Kaiserliche Garde eintreten könnte.
-Meine Mutter konnte sich zuerst nicht recht dazu entschließen: wie
-sollte sie sich von dem letzten und einzigen Sohne trennen? Indessen
-entschloß sie sich endlich doch dazu, wenn auch unter vielen Tränen,
-aber sie glaubte dadurch mein Glück zu fördern. Sie brachte mich nach
-Petersburg, und ich wurde in die Kadettenschule aufgenommen. Ich sollte
-meine Mutter nicht mehr wiedersehen, denn nach drei Jahren starb sie;
-die ganzen drei Jahre hat sie nur um ihre beiden Söhne getrauert. Aus
-meinem Elternhaus habe ich die allerteuersten Erinnerungen, denn keine
-Erinnerung ist dem Menschen so teuer, als die der ersten Kindheit in
-seinem Elternhause, und das ist fast immer so, wenn in der Familie nur
-etwas Liebe und Einigkeit herrscht. Ja, selbst aus der schrecklichsten
-Familie kann man die teuersten Erinnerungen bewahren, wenn nur die Seele
-selbst fähig ist, das Wertvolle zu finden. Zu den Erinnerungen aus
-meinem Vaterhause gehören auch die Erinnerungen an die biblischen
-Geschichten, die ich, obwohl ich noch ein kleines Kind war, sehr zu
-hören liebte. Ich besaß damals eine Biblische Geschichte mit schönen
-Bildern und mit dem Titel: „Hundertundvier biblische Geschichten aus dem
-Alten und Neuen Testament“. Und aus diesem Buch lernte ich das Lesen.
-Und noch jetzt steht sie hier auf meinem Bücherbrett, und ich bewahre
-sie als teures Andenken auf. Aber noch bevor ich das Lesen erlernt
-hatte, noch vor meinem achten Jahre, hatte ich ein geistiges Erlebnis.
-Meine Mutter brachte mich allein (ich weiß nicht, wo mein Bruder damals
-war) am Montag der Karwoche zum Abendmahl in die Kirche. Der Tag war
-hell, und ich erinnere mich noch jetzt, als ob ich es vor mir sähe, wie
-der Weihrauch aus dem Räucherfaß leise aufstieg, von oben aber aus den
-schmalen Fenstern der Kuppel über uns das Licht Gottes sich ergoß, und
-wie der emporsteigende Weihrauch sich mit den Sonnenstrahlen vermischte.
-Eine heilige Empfindung durchschauerte mich, und zum erstenmal nahm ich
-bewußt das Wort Gottes in mich auf. Ein Knabe mit einem großen Buche
-trat in die Mitte der Kirche vor, so groß war das Buch, daß er es, wie
-mir schien, nur mit Mühe tragen konnte. Er legte es aufs Pult nieder,
-schlug es auf und fing zu lesen an, und plötzlich begriff ich etwas
-davon, und ich begriff zum erstenmal in meinem Leben, daß in der Kirche
-gelesen wurde. „Es war ein Mann im Lande Uz, der war sehr
-gottesfürchtig, und er besaß großen Reichtum, viele Kamele und Schafe,
-und seine Kinder lebten in Freuden, und er liebte sie sehr und betete zu
-Gott für sie, auf daß sie nicht sündigten in ihrem Frohsinn. Da trat
-eines Tages zusammen mit den Engeln auch der Böse vor den Thron des
-Herrn, und er sagte zum Herrn, er habe alles Land durchzogen, über und
-unter der Erde. Und Gott der Herr fragte ihn: Hast du auch meinen Knecht
-Hiob gesehen? Und Gott rühmte sich vor dem Satanas seines großen treuen
-Dieners. Da lachte der Böse über die Worte Gottes und sprach: „Übergib
-ihn mir, und du wirst sehen, daß dein treuer Knecht murren und deinen
-Namen verfluchen wird.“ Und da übergab Gott seinen Gerechten, seinen
-geliebten treuen Diener dem Teufel, und der Teufel ging hin und
-vernichtete seine Kinder, seine Herden und seinen ganzen Reichtum, wie
-mit einem Donnerschlag Gottes. Da zerriß Hiob seine Kleider und warf
-sich hin zur Erde und rief: „Nackt bin ich hervorgegangen aus meiner
-Mutter Leibe, nackt fahre ich wieder dahin, der Herr hat es gegeben, der
-Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt von nun an bis in
-alle Ewigkeit!“
-
-Meine Väter und Lehrer, verzeiht mir meine Tränen, denn meine ganze
-Kindheit steht wieder auf in mir, und ich atme wieder, wie ich damals
-mit meiner kleinen Kinderbrust atmete, und ich fühle wie damals
-Erstaunen, Rührung und Freude. Und die Kamele beschäftigten meine
-Phantasie, und der Satan, der so zu Gott sprach, und Gott, der seinen
-Knecht dem Unglück überlieferte, und der Knecht, der da ausrief: „Nackt
-hast Du mich geschaffen, nackt sterbe ich, Dein Name, o Herr, sei
-gelobt!“ und darauf der leise und süße Kirchengesang: „Erhöre mein
-Gebet,“ und der aufsteigende Thymianrauch aus dem Weihrauchfasse des
-Priesters, und dann das Gebet auf den Knien. Seit der Zeit – und noch
-gestern las ich sie – kann ich diese heilige Erzählung nicht ohne Tränen
-lesen. Wieviel Großes, Geheimnisvolles und Unbegreifliches liegt darin!
-Später hörte ich stolze Worte von Spöttern und Lästerern darüber: „Wie
-konnte Gott seinen Lieblingsknecht dem Teufel ausliefern, ihm seine
-Kinder nehmen, ihn mit Krankheit und Wunden schlagen, so daß er mit
-Scherben den Eiter aus seinen Wunden und Beulen herausbringen mußte, und
-warum und wozu? Um sich etwa vor dem Satan rühmen zu können: „Sieh, was
-er um meinetwillen leiden kann!“ Aber das Große in ihm bleibt uns ein
-Geheimnis, das vergängliche Irdische und die ewige Wahrheit kreuzen sich
-hier. Die ewige Gerechtigkeit steht über dem irdischen Recht. Hier ist
-es der Schöpfer, der in den ersten Tagen seiner Schöpfung nach jedem
-Tagewerk sagt: „Es ist gut, was ich geschaffen habe“ der Schöpfer, der
-Hiob sieht, und dieses sein Geschöpf lobt. Und Hiob, Gott lobend, dient
-nicht nur ihm, sondern er dient auch der ganzen Schöpfung Gottes, von
-Geschlecht zu Geschlecht, von Jahrhundert zu Jahrhundert, denn das war
-doch seine Bestimmung. Mein Gott, was für ein Buch das ist, und welche
-Weisheit es enthält! Welche Wunder enthält die Heilige Schrift, und
-welche Kraft ist in ihr den Menschen gegeben! Welche Auslegung der Welt
-und des Menschen und der menschlichen Charaktere, und alles ist gezeigt
-und erwiesen bis in die Ewigkeit aller Zeiten. Und welch gelöste und
-offenbarte Geheimnisse: und Gott richtet Hiob wieder auf, schenkte ihm
-wieder Reichtum, und es vergehen viele Jahre, und er hat wieder neue
-Kinder, andere Kinder, die er liebt. Mein Gott: „Wie konnte er,“ sollte
-man meinen, „diese neuen lieben und die anderen, die ersten, vergessen?
-Wie konnte er, wenn er an sie dachte, vollkommen glücklich sein mit den
-neuen, wie lieb er diese auch haben mochte?“ Und doch ist es möglich,
-ist es möglich: der alte Kummer – das große Geheimnis des Menschenlebens
-– verwandelt sich allmählich in eine stille, freudige Rührung; an Stelle
-des jungen, kochenden Blutes tritt die Ruhe demütigen klaren Alters. Ich
-preise den täglichen Aufgang der Sonne, und mein Herz jubelt ihm wie
-früher zu, und doch liebe ich jetzt mehr ihren Untergang, ihre langen
-schrägen Strahlen mit ihren stillen, versöhnenden, rührenden
-Erinnerungen, mit den lieben Bildern aus meinem ganzen langen und
-gesegneten Leben – und über alledem schwebt die friedenspendende,
-allvergebende Gerechtigkeit Gottes! Mein Leben geht zu Ende, ich weiß
-und fühle es, doch fühle ich auch mit jedem sich neigenden Tage, wie
-mein Leben dieser Erde mit einem neuen, unendlichen, unbekannten, aber
-schon neu heraufkommenden Leben zusammenfließt, dessen Vorgefühl meine
-zitternde, bebende Seele mit Entzücken erfüllt. Mein Geist leuchtet, und
-mein Herz weint vor Freude ... Meine Freunde und Lehrer, hörte ich nicht
-des öfteren und jetzt in der letzten Zeit mehr denn früher, wie bei uns
-die Priester des Herrn, und besonders die vom Lande, sich überall mit
-Tränen über ihren geringen Unterhalt und ihre geringe Stellung beklagen;
-gerade heraus sagen sie (ich habe es selbst gelesen), daß sie nicht mehr
-imstande wären, dem Volke die Schrift auszulegen, denn ihr Unterhalt
-wäre so gering, und wenn die Lutheraner oder andere Ketzer ihnen die
-Herde abtrünnig machten, so möchten sie es nur tun, sie hätten keine
-Kraft mehr, sie aufzuhalten. „Herr!“ denke ich, „möge Gott ihnen doch
-ein besseres Gehalt geben“ (denn gerecht sind ihre Klagen), aber in
-Wahrheit sage ich: Wenn jemand daran schuld ist, so sind zur Hälfte wir
-es selbst! Denn möge er recht haben, daß er dazu keine Zeit mehr finden
-kann, da er arbeiten muß und ihn Notdurft peinigt – doch nicht die ganze
-Zeit braucht er zu arbeiten, eine Stunde in der Woche wird er Zeit
-finden, um an Gott zu denken. Und doch nicht das ganze runde Jahr über
-hat er zu arbeiten! Möge er einmal in der Woche bei sich die Kinder zur
-Abendstunde versammeln – und wenn das die Eltern hören, so kommen auch
-die Eltern mit. Auch keine besonderen Gebäude hat man dazu nötig, nein,
-einfach in deine Stube nimm sie; fürchte dich nicht, sie werden deine
-Stube nicht verunreinigen, nur auf eine Stunde versammeln sie sich ja in
-ihr. Schlage die Heilige Schrift auf und lies sie ihnen vor, ohne hohe
-Worte und ohne Hochmut und Überhebung, bescheiden und von Herzen
-kommend, und freue dich, daß du liest und sie dich hören und verstehen,
-weil du selbst die Worte lieb hast. Unterbrich dich nur selten, nur um
-dem einfachen Volk ein Wort, das ihm unverständlich ist, zu erklären;
-beunruhige dich nicht, sie werden alles verstehen, alles versteht das
-rechtgläubige Herz! Lies ihnen von Abraham und Sarah, von Isaak und
-Rebekka; davon, wie Jakob zu Laban ging und im Traume Gott sah und mit
-ihm kämpfte. Das wird auf den einfachen, gottesfürchtigen Mann einen
-tiefen Eindruck machen. Lies ihnen vor, und besonders den Kindern, wie
-die Brüder ihren leiblichen Bruder, den lieben Knaben Joseph, den
-späteren großen Seher und Propheten, in die Sklaverei verkauften, dem
-Vater aber sagten sie, daß die Tiere seinen Sohn zerrissen hätten, und
-zeigten ihm seine mit Blut befleckte Kleidung. Lies ihnen vor, wie
-darauf die Brüder nach Ägypten fuhren, um Brot einzukaufen, und Joseph,
-der große Schatzmeister, von ihnen nicht erkannt, sie quälte,
-beschuldigte und den Bruder Benjamin als Pfand zurückbehielt: „Ich liebe
-euch, und liebend quäle ich euch.“ Denn sein ganzes Leben hatte er
-ununterbrochen daran gedacht, wie sie ihn dort in der heißen Wüste beim
-Brunnen den Händlern verkauft hatten, wie er die Hände gerungen, geweint
-und die Brüder gebeten hatte, ihn doch nicht als Sklaven in ein fremdes
-Land zu verkaufen. Und siehe da, wie er sie nach so vielen Jahren
-wiedersieht, liebt er sie von neuem grenzenlos, und er quält sie in
-seiner Liebe. Wie er schließlich die Qualen seines Herzens nicht mehr
-ertragen kann, hinausgeht, sich auf sein Lager wirft und in Tränen
-ausbricht; nachdem er aber sein Gesicht gekühlt hat, tritt er strahlend
-und reich gekleidet wieder zu ihnen und ruft ihnen zu: „Brüder, ich bin
-Joseph, euer Bruder!“ Und lies weiter, wie der greise Jakob sich freute,
-als er erfuhr, daß sein lieber Knabe noch lebe und in Ägypten sei, wie
-er sogar sein Vaterland verließ und auf fremder Erde starb und bei
-seinem Tode das große Wort aussprach, das während seines ganzen Lebens
-in seinem Herzen geruht hatte: daß aus seinem Stamme, aus dem Stamme
-Juda, der Erlöser und der Friedensfürst der Welt kommen werde! Meine
-Väter und Lehrer, verzeiht mir und ärgert euch nicht, daß ich darüber
-wie ein Kind rede, was ihr schon lange wißt, und was ihr selbst
-hundertmal vollkommener zu lehren wüßtet. Nur aus Begeisterung rede ich
-dieses, und vergebt mir meine Tränen, denn ich liebe dieses Buch! So
-möge auch er, der Priester des Herrn, weinen, und er wird sehen, wie die
-Herzen der Zuhörer ihm darauf antworten werden. Es genügt ein winziges
-Samenkorn, das er in die Seele des einfachen Mannes legt, und es wird
-nicht sterben, sondern in seiner Seele durch das ganze Leben hindurch
-fortwirken; es wird wie ein heller Punkt, wie eine große Erinnerung
-inmitten der Finsternis und des Abschaumes seiner Sünden stehen bleiben.
-Und es ist nicht nötig, nicht nötig, alles zu erläutern und zu erklären;
-je einfacher ihr es sagt, desto besser versteht er es. Oder glaubt ihr,
-daß der einfache Mann etwa nichts davon verstehen könne? Versucht es
-doch, lest ihm die rührende und ergreifende Geschichte von der schönen
-Esther oder die wunderbare Erzählung vom Propheten Jonas im Bauche des
-Walfisches vor. Vergeßt auch nicht die Gleichnisse des Herrn,
-vorzugsweise nach dem Evangelium Lucas (so habe ich es gemacht) und dann
-aus der Apostelgeschichte die Bekehrung Sauls (gerade das, durchaus
-das). Und schließlich aus den heiligen Legenden, wenn auch nur die
-Lebensgeschichte Alexeis des Gottesknechtes und der Ägyptischen Mutter
-Maria, die groß ist unter den Großen, die freudige große Dulderin,
-Gottseherin und Kreuzesträgerin – und ihr werdet sein Herz mit diesen
-einfachen Erzählungen durchdringen. Nur auf eine Stunde in der Woche,
-trotz des geringen Gehaltes, nur auf eine kleine Stunde ruft sie zu
-euch. Und jeder, der so tut, wird selbst erfahren, daß unser Volk gut
-und dankbar ist und ihm hundertfältig danken wird; der Sorgfalt und der
-gütigen Worte des Priesters wird es gedenken und aus Dankbarkeit wird es
-ihm freiwillig auf seinem Acker Hilfe leisten, und auch im Hause wird es
-ihm helfen und wird ihm mehr Achtung zollen als früher – und siehe, da
-wäre ihm denn auch schon sein Gehalt erhöht. Die Sache ist so schlicht
-und einfach, daß man sich manchmal geradezu scheut, sie auszusprechen,
-denn die Leute lachen darüber, und dennoch ist sie so wahr! Wer an Gott
-nicht glaubt, glaubt auch nicht an ein Gottesvolk. Wer aber an ein
-Gottesvolk glaubt, der wird auch sein Allerheiligstes erschauen, auch
-wenn er bis dahin nicht daran geglaubt hat. Nur das Volk und seine
-aufsteigende geistige Kraft kann die Atheisten, die sich von der
-heimatlichen Erde losgelöst haben, wieder zu ihr zurückführen. Und was
-ist das Wort Christi ohne Beispiel? Ohne Gottes Wort geht das Volk
-unter, denn seine Seele dürstet nach dem Wort und nach der Empfängnis
-alles Schönen. In meiner Jugend, es ist schon lange her, vor vierzig
-Jahren, durchwanderte ich mit dem Pater Anfim ganz Rußland, um fürs
-Kloster Almosen zu sammeln, und wir nächtigten mit Fischern zusammen am
-Ufer eines großen schiffbaren Flusses. Zu uns setzte sich ein
-wohlgestalteter Jüngling, dem Aussehen nach ein Bauer von achtzehn
-Jahren; er hatte sich beeilt, an Ort und Stelle zu sein, um am nächsten
-Morgen die Kaufmannsbarke stromhin an der Leine zu schleppen. Ich sah,
-daß er mit guten, klaren Augen in die Welt schaute. Die Nacht war hell,
-ruhig und warm, eine Julinacht; vom breiten Strome erhob sich der Nebel
-und erfrischte uns; von Zeit zu Zeit plätscherte ein Fisch, die Vögel
-waren verstummt, alles war ruhig und erhaben, als betete die Natur zu
-Gott. Nur wir beide, dieser Jüngling und ich, schliefen nicht, sondern
-sprachen von der Schönheit und dem großen Geheimnis dieser Gotteswelt.
-Jedes Hälmchen, jeder Käfer, die Ameise und die goldene Biene, alle
-kennen sie zum Verwundern ihren Weg, ohne Vernunft zu besitzen, und
-zeugen von dem Geheimnis Gottes, indem sie es ununterbrochen selbst
-erfüllen. Auch das Herz des lieben Jünglings war entzündet. Er vertraute
-mir an, daß er den Wald liebe und die Vögel des Waldes. Er war
-Vogelfänger, kannte ihren Ruf und verstand es selbst, sie anzulocken.
-„Besseres als den Wald kenne ich nicht,“ sagte er, „ja, und alles ist
-gut.“ – „Wahrlich,“ antwortete ich ihm, „alles ist gut und vollkommen,
-denn alles ist Wahrheit. Siehe, sage ich zu ihm, das Pferd, dieses große
-Tier, das dem Menschen am nächsten steht, oder den Stier, der ihn
-ernährt und für ihn arbeitet, wie er ernst und nachdenklich aussieht!
-Betrachte seine Augen: welche Demut, welche Anhänglichkeit an den
-Menschen, der ihn oft unbarmherzig schlägt, welch eine Gutmütigkeit,
-welch eine Zutraulichkeit und welche Schönheit liegt in diesem Blick des
-Tieres! Rührend ist es zu wissen, daß sie keine Sünde begehen, denn
-alles ist vollkommen, und alles außer den Menschen ist sündlos, und
-Christus ist mit ihnen eher als mit uns.“ „Ja, haben sie denn auch
-Christus?“ fragte der Jüngling. – „Wie könnte es anders sein,“ sagte ich
-zu ihm, „denn für alle ist das Wort, die ganze Schöpfung und jegliches
-Geschöpf. Jedes Blättchen strebt zum Wort, preist Gott und weint zu
-Christo, sich selbst unbewußt, allein schon durch das Geheimnis seines
-sündenlosen Daseins. Siehe,“ sagte ich zu ihm, „im Walde haust der
-schreckliche Bär, der grausam und wild und doch ganz schuldlos ist.“ Und
-ich erzählte ihm, wie einmal ein Bär zu einem großen Heiligen kam, der
-im Walde in einer kleinen Zelle sein Leben fristete, und der große
-Heilige ging furchtlos zu ihm hinaus und gab ihm ein Stück Brot: „Gehe
-hin, Christus sei mit dir,“ sagte er zu ihm, und das grimme Tier war
-sanft und gehorsam und tat ihm nichts zuleide. Es rührte den Jüngling,
-daß er ihm nichts zuleide getan hatte, und daß auch Christus mit ihm
-wäre. „Ach, wie ist das schön, und wie ist doch alles Göttliche gut und
-wunderbar!“ Er saß da und dachte tief und glücklich nach. Ich sah, daß
-er es begriffen hatte. Er schlief neben mir ein; leicht und sündlos war
-sein Schlaf. Herr, segne die Jugend! Und ich betete daselbst für ihn,
-bevor ich einschlief. Herr, sende Frieden und Licht deinen Menschen.
-
-
- c) Erinnerungen des Staretz Sossima aus den Knaben- und Jugendjahren
- seines weltlichen Lebens. Das Duell.
-
-In der Kadettenanstalt zu Petersburg blieb ich fast acht Jahre, und in
-der neuen Umgebung traten viele meiner Kindheitseindrücke zurück, doch
-habe ich sie selbst dort nie ganz vergessen. Zum Ersatz dafür nahm ich
-so viel neue Angewohnheiten und sogar Anschauungen in mich auf, daß ich
-mich alsbald in ein wildes, grausames und albernes Wesen verwandelt
-hatte. Die Formen der Höflichkeit und des weltlichen Umgangs eignete ich
-mir zusammen mit der französischen Sprache an, die Soldaten aber, die
-uns in der Anstalt bedienten, wurden von meinen Kameraden nicht höher
-als das Vieh geachtet, und auch von mir nicht. Ich mißachtete sie
-vielleicht sogar am meisten von allen anderen Kameraden, denn ich war
-der Empfänglichste von ihnen. Als wir als Offiziere die Anstalt
-verließen, waren wir bereit, für die sogenannte Ehre unseres Regiments
-unser Blut zu vergießen; die wahre Ehre aber kannte niemand von uns, und
-wenn sie uns jemand erklärt hätte, so würden wir sie verlacht haben. Man
-prahlte mit Liederlichkeit, Trunkenheit und Wildheit. Ich kann nicht
-sagen, daß alle diese jungen Leute schlecht gewesen wären, nein, sie
-waren gut, aber sie führten sich nur schlecht auf, und von ihnen allen
-führte ich mich am schlechtesten auf. Die Hauptsache war, daß ich Geld
-hatte, und so lebte ich denn nur fürs Vergnügen, stürmte mit vollen
-Segeln ins Leben hinein, ohne meine jugendlichen Begierden zu zügeln.
-Aber eines ist wunderbar: ich las damals mit vielem Vergnügen Bücher,
-nur die Bibel habe ich nie aufgeschlagen, doch trennte ich mich niemals
-von ihr, ich führte sie überall mit mir: wahrlich, ich bewahrte dieses
-Buch auf, ohne zu wissen für welchen Tag, für welche Stunde, welchen
-Monat oder welches Jahr. So war ich schon seit vier Jahren Leutnant, als
-ich in der Stadt K. ankam, wohin unser Regiment verlegt worden war. Die
-Gesellschaft dieser Stadt war sehr lustig, gastfrei und reich. Man
-empfing mich überall äußerst liebenswürdig, denn ich war sehr lebhaft,
-und man hielt mich obendrein für reich, was in dieser Welt nicht wenig
-zu bedeuten hat. Da ereignete sich aber etwas, was den Anfang zu allem
-übrigen bildete. Ich verliebte mich in ein junges und schönes Mädchen,
-die Tochter geachteter Eltern; sie war klug und hatte einen edlen
-Charakter. Es war eine angesehene Familie, die Vermögen hatte und nicht
-geringen Einfluß besaß; ich wurde freundlich und zuvorkommend in ihrem
-Hause aufgenommen. Auch schien mir, daß das junge Mädchen mir
-wohlgeneigt war – und mein Herz flammte auf. Später kam ich zu der
-Überzeugung, daß ich sie gar nicht so sehr geliebt hatte, sondern nur
-ihren hohen Verstand und ihren Charakter verehrte, wie es auch nicht
-anders sein konnte. Meine Eigenliebe verhinderte aber, daß ich damals um
-ihre Hand anhielt; ich konnte mich nur schwer von meinem liederlichen
-und freien Junggesellenleben in so jungen Jahren trennen, besonders da
-ich zum Überfluß selbst Geld besaß. Indessen machte ich ihr aber
-Andeutungen. Auf jeden Fall schob ich einen entscheidenden Schritt noch
-hinaus. Da erhielt ich eine Abkommandierung auf zwei Monate in einen
-anderen Kreis. Als ich wieder zurückkehrte, erfuhr ich, daß das junge
-Mädchen sich mit einem reichen Gutsherrn aus der Nachbarschaft
-verheiratet hatte, einem jungen, wenn auch mir an Jahren überlegenen
-Mann, der obendrein zu reichen Familien in Petersburg Verbindungen
-hatte, was mir fehlte, und dazu ein sehr liebenswürdiger und gebildeter
-Mann war, während ich fast gar keine Bildung besaß. Ich war so betroffen
-von dieser unerwarteten Tatsache, daß ich fast meine Sinne verlor. Die
-Hauptsache bestand aber darin, daß, wie ich erfuhr, der junge
-Gutsbesitzer schon lange mit ihr verlobt gewesen war – ich selbst war
-ihm mehrere Male in ihrem Hause begegnet. So blind war ich also von
-meinen Vorzügen überzeugt gewesen, daß ich nichts von alledem bemerkt
-hatte! Das war es, was mich jetzt vor allem beleidigte. Wie, alle hatten
-es gewußt, nur ich allein hatte nichts davon gewußt? Eine schreckliche
-Wut packte mich. Ich errötete vor Scham, wenn ich daran dachte, wie oft
-es meinerseits fast zu einem Liebesgeständnis gekommen war, und da sie
-mich weder unterbrochen, noch gewarnt hatte, so hatte sie sich also,
-dachte ich bei mir, nur über mich lustig gemacht. Später freilich
-gestand ich mir ein, als ich mir alles klar ins Gedächtnis
-zurückgerufen, daß sie keineswegs über mich gelacht hatte, sondern stets
-bemüht gewesen war, solche Gespräche scherzend abzubrechen und auf
-anderes überzugehen. Doch damals hatte ich nicht die nötige Ruhe, um mir
-das einzugestehen: alles brannte in mir vor Rachedurst. Mit Verwunderung
-denke ich noch jetzt daran zurück. Diese Rachsucht und mein Zorn waren
-für mich selbst bis zum äußersten schwer zu ertragen, weil ich, als ein
-lebhafter und leichter Charakter, niemals lange auf irgend jemanden böse
-sein konnte. Damals aber nährte ich sie künstlich und stachelte sie in
-mir auf, bis ich schließlich widerlich und albern wurde. Ich wartete nun
-darauf, und es gelang mir auch, meinen „Gegner“ einmal in einer
-zahlreichen Gesellschaft, bei einem ganz nebensächlichen Anlasse, zu
-beleidigen. Ich verlachte eine seiner Meinungsäußerungen über eine
-damals wichtige Begebenheit, und wie viele behaupteten, soll es mir
-tatsächlich gelungen sein, ihn gewandt und geistreich zu verspotten. Ich
-zwang ihn zu einer Erklärung, und dabei verhielt ich mich so grob zu
-ihm, daß er meine Herausforderung sofort annahm, ungeachtet des großen
-Abstandes zwischen mir und ihm, da ich jünger und viel niedriger im
-Range war als er. Hernach erfuhr ich denn, daß er aus Eifersucht auf
-mich meine Herausforderung zum Duell sofort angenommen hatte. Er war
-auch früher schon, als er noch verlobt war, auf mich eifersüchtig
-gewesen, und so dachte er: „Wenn sie erfährt, daß ich eine Beleidigung
-von ihm ertragen habe, ohne ihn zum Duell herauszufordern, so wird sie
-mich verachten und ihre Liebe zu mir wird erkalten.“ Einen Sekundanten
-hatte ich bald zur Stelle, einen Kameraden, einen Leutnant unseres
-Regiments. Obgleich damals Duelle streng bestraft wurden, so waren sie
-doch bei dem Militär geradezu Mode, – bis zu solch einem Wahnsinn können
-sich manchmal Vorurteile festsetzen. Es war Ende Juni, unser Rendezvous
-war auf den nächsten Tag um sieben Uhr morgens außerhalb des Städtchens
-festgesetzt worden. Da ereignete sich in Wahrheit etwas Verhängnisvolles
-mit mir. Am Abend, als ich angetrunken und wütend nach Hause
-zurückkehrte, ärgerte ich mich über meinen Burschen Afanassij und schlug
-ihm mit ganzer Kraft zweimal ins Gesicht, so daß er blutete. Er diente
-schon lange bei mir, und es war auch schon früher vorgekommen, daß ich
-ihn geschlagen hatte, aber niemals noch hatte ich es mit einer so
-tierischen Roheit getan. Und glaubt es mir, meine Lieben, vierzig Jahre
-sind seitdem vergangen, aber noch jetzt denke ich mit Qual und Scham
-daran zurück. Ich legte mich schlafen und schlief drei Stunden. Als ich
-aufwachte, fing es gerade an zu tagen. Ich erhob mich sofort, denn ich
-wollte nicht mehr schlafen, ging ans Fenster, öffnete es – und lehnte
-mich zum Garten hinaus. Die Sonne ging gerade auf, es war warm und
-wundervoll, die Vögel zwitscherten. Warum, dachte ich, empfinde ich in
-meiner Seele etwas Schmutziges und Niedriges? Etwa deshalb, weil ich im
-Begriff war, Blut zu vergießen? Nein, denke ich, das ist es nicht.
-Vielleicht, weil ich den Tod fürchte und fürchte erschossen zu werden?
-Nein, das ist es auch nicht, das ist es erst recht nicht ... Und
-plötzlich wußte ich, um was es sich handelte: ich hatte gestern abend
-Afanassij geschlagen! Plötzlich sehe ich alles vor mir, als ob die Szene
-sich von neuem wiederholte: er steht vor mir, und ich schlage ihn mit
-voller Kraft ins Gesicht, er aber hält seine Hände an den Hosennähten,
-den Kopf gerade, die Augen, wie in der Front, geradeaus gerichtet. Bei
-jedem Schlage fährt er zusammen, und doch wagt er nicht, zum Schutze
-seine Hände zu erheben – und ich lasse mich so gehen und schlage einen
-anderen Menschen. Wie mit spitzen Nadeln stach es in mein Herz. Mir
-schwindelte. Die Sonne aber leuchtete so hell, die Blättchen blitzten
-feucht vom Tau, und die Vögel, die Vögel lobten Gott ... Ich bedeckte
-mein Gesicht mit beiden Händen, warf mich aufs Bett und schluchzte laut
-auf. Da erinnerte ich mich denn der Worte meines Bruders Markell, die er
-vor seinem Tode zu den Dienstboten gesagt hatte: „Ihr, meine Lieben,
-Teuren, warum dient ihr mir, und warum liebt ihr mich? Bin ich dessen
-wert, daß ihr mir dient?“ „Ja, bin ich denn dessen wert?“ ging es mir
-durch den Kopf. In der Tat, wodurch bin ich wert, daß ein anderer
-Mensch, so einer, wie ich es bin, das Ebenbild Gottes – daß er mir
-dient? Und zum erstenmal in meinem Leben ging mir diese Frage durch den
-Sinn ...
-
-„Mütterchen, mein eigenes liebes Herzblut, in Wahrheit ist jeder vor
-allen schuldig, nur wissen es die Menschen nicht, wenn sie es aber
-wüßten, so würde sofort das Paradies auf Erden sein.“ „Herrgott, wie
-sollte das nicht wahr sein,“ denke ich und weine, „wahrlich, ich bin von
-allen Menschen auf der Welt der Schuldigste und Schlechteste!“ Und vor
-mir tauchte die ganze Wahrheit auf mit ihrem ganzen Licht. Was war ich
-im Begriff zu tun? Einen guten, klugen, edlen Menschen zu töten, der mir
-gegenüber keine Schuld hatte, und seine Frau auf ewig ihres Glückes zu
-berauben und sie zu quälen und gleichfalls zu vernichten! So lag ich auf
-dem Bett, das Gesicht in die Kissen gepreßt, und ich gewahrte nicht, wie
-die Zeit verging. Plötzlich tritt mein Kamerad, der Leutnant, der mein
-Sekundant sein sollte, mit dem Pistolenkasten unterm Arm, bei mir ein:
-„Gut,“ sagte er, „daß du schon angekleidet bist, es ist Zeit zum
-Aufbruch.“ Ich fuhr auf und konnte mich gar nicht fassen. Wir traten
-hinaus, um in den Wagen einzusteigen. „Warte hier einen Augenblick,“
-sagte ich zu ihm, „ich laufe nur auf einen Moment hinein, habe mein
-Portemonnaie vergessen.“ Und ich lief in die Wohnung zurück, geradeswegs
-in die Kammer Afanassijs: „Afanassij,“ sage ich, „ich habe dich gestern
-zweimal ins Gesicht geschlagen, verzeihe es mir.“ Er fuhr zusammen, als
-hätte ich ihn erschreckt, er sieht mich erstaunt an – und ich sah, daß
-das zu wenig war, und plötzlich fiel ich, so wie ich war, in Uniform und
-Epauletten, vor ihm hin und mit der Stirn berührte ich die Erde: „Vergib
-mir!“ sagte ich. Da erstarrte er einfach: „Euer Wohlgeboren, Väterchen,
-Herr, was tun Sie ... bin ich es denn wert!“ und er brach in Tränen aus;
-gerade wie ich es getan hatte, bedeckte nun auch er mit beiden Händen
-sein Gesicht, wandte sich ab zum Fenster, und sein Körper wurde vom
-Weinen erschüttert. Ich lief hinaus zu meinem Kameraden, stieg in den
-Wagen und schrie dem Kutscher zu: „Fort!“ „Ich habe einen Sieger
-gesehen,“ rief ich meinem Kameraden zu „siehst du, hier steht er vor
-dir.“ Ein solches Entzücken hatte mich gepackt, ich lachte während der
-ganzen Fahrt und sprach und sprach, ich weiß nicht mehr, was ich sprach.
-Er sieht mich an: „Nun, Bruder,“ sagte er zu mir, „du bist ein ganzer
-Kerl, wirst der Uniform Ehre machen.“ So kamen wir am Orte an. Die
-anderen waren schon dort und erwarteten uns. Man stellte uns auf zwölf
-Schritt Distanz. Er hatte den ersten Schuß. Ich stand vor ihm, fröhlich,
-gerade mit dem Gesicht zu ihm, unbeweglich, Auge in Auge, sah ihn
-liebevoll an, und ich wußte, was ich tat. Er schoß ab, die Kugel
-schrammte ein wenig meine Wange und streifte mein Ohr. „Gott sei Dank,“
-rief ich, „Sie haben keinen Menschen getötet!“ erhob meine Pistole,
-kehrte mich zurück und warf sie mit einem Bogen in den Wald: „Dahin,“
-rief ich – „gehörst du!“ Darauf wandte ich mich an meinen Gegner:
-„Geehrter Herr,“ sagte ich, „verzeihen Sie mir dummen, jungen Menschen,
-daß ich Sie absichtlich beleidigt habe, und Sie durch mich jetzt
-gezwungen waren, auf mich zu schießen. Ich bin zehnmal schlechter als
-Sie und vielleicht sogar noch mehr. Berichten Sie das, bitte, der Dame,
-die Sie vor allen anderen Menschen auf der Welt am meisten achten.“ Kaum
-hatte ich das gesagt – so schrien sie alle drei. „Aber ich bitte Sie,“
-sagte mein Gegner sehr geärgert, „wenn Sie nicht schießen wollen, wozu
-haben Sie uns denn hierher bemüht?“ – „Gestern war ich noch dumm, heute
-aber bin ich schon klüger,“ antwortete ich ihm lächelnd. „Was Sie von
-gestern sagen, glaube ich Ihnen, was Sie aber von heute sagen, so weiß
-ich noch nicht, ob ich Ihrer Meinung beistimmen kann.“ – „Bravo,“ rief
-ich aus und klatschte in die Hände, „auch darin bin ich mit Ihnen
-einverstanden, habe es verdient!“ – „Werden Sie schießen, mein Herr,
-oder nicht?“ – „Ich werde nicht schießen,“ antwortete ich, „aber wenn
-Sie wollen, so schießen Sie noch einmal, nur besser wäre es für Sie,
-nicht zu schießen.“ Die Sekundanten riefen, besonders der meinige: „Wie
-können Sie das Regiment so beschimpfen, daß Sie vor dem Schuß stehend um
-Verzeihung bitten? Wenn ich das gewußt hätte!“ Da stand ich nun vor
-ihnen; ich lachte aber nicht mehr: „Meine Herren,“ sagte ich, „ist es
-denn wirklich so erstaunlich in unserer Zeit, einen Menschen zu treffen,
-der seine Dummheit bereut und öffentlich seine Schuld eingesteht?“ –
-„Aber doch nicht vor dem Schuß!“ schrie wieder mein Sekundant. – „Das
-ist es ja,“ antwortete ich ihm, „das ist ja freilich sehr wunderlich,
-ich hätte gleich meine Entschuldigung machen sollen, als wir
-hierherkamen, noch vor Ihrem Schuß, und Sie nicht zu einer so großen und
-todbringenden Sünde zwingen sollen, aber wir haben uns in der Welt so
-sinnlos eingerichtet, daß mir anders zu handeln unmöglich war, ich mußte
-erst Ihren Schuß auf zwölf Schritt Distanz aushalten, um Ihnen allen
-meine Meinung darüber sagen zu können. Hätte ich es aber vor dem Schuß,
-als wir hier zusammentrafen, gesagt, so hätten Sie einfach geurteilt:
-Dieser Feigling, die Pistole hat ihm Angst gemacht! Meine Herren,“ rief
-ich plötzlich von ganzem Herzen aus, „sehen Sie um sich, auf diese
-Götterwelt: Der Himmel ist klar und die Luft ist rein, wie zart ist das
-Gras, wie schön und sündlos ist die Natur, nur wir, nur wir allein sind
-gottlos und dumm und verstehen nicht, daß das Leben ein Paradies ist –
-wenn wir es nur verstehen wollten, so würde die Erde in ihrer ganzen
-Schönheit zum Paradiese, und wir würden einander umarmen und vor Freude
-weinen ...“ Ich wollte noch weiter fortfahren, konnte aber nicht, der
-Atem ging mir aus, so selig, so jugendlich war mir zumute, das Herz
-voller Glück, wie ich es in meinem ganzen Leben nicht empfunden hatte.
-„Alles das ist sehr vernünftig und ehrenwert,“ sagte mein Gegner „und
-jedenfalls sind Sie ein origineller Mensch ...“ „Lachen Sie nur, später
-werden auch Sie mich loben,“ rief ich ihm lachend zu. – „Ich bin bereit,
-Sie schon jetzt zu loben, erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Hand reiche,
-denn es scheint, daß Sie wirklich ein aufrichtiger Mensch sind.“ –
-„Nein,“ sagte ich, „jetzt ist das nicht nötig, später, wenn ich besser
-sein und Ihre Achtung verdient haben werde, dann reichen Sie mir Ihre
-Hand.“ Wir kehrten nach Haus zurück; mein Sekundant schimpfte mich
-während der ganzen Fahrt tüchtig aus, ich aber – küßte ihn. Sofort
-erfuhren es alle meine Kameraden und versammelten sich noch am selben
-Tage, um über mich Gericht zu halten: „Er hat das Regiment beschimpft,
-er soll seinen Abschied einreichen!“ Einige verteidigten mich und
-meinten: „Den Schuß hat er doch abgewartet.“ – „Ja, aber die anderen
-Schüsse hat er eben gefürchtet und daher um Verzeihung gebeten.“ –
-„Aber, wenn er die Schüsse gefürchtet hätte,“ erwiderten die
-Verteidiger, „so hätte er erst aus seiner Pistole geschossen und dann um
-Verzeihung gebeten, er aber warf sie geladen in den Wald! Nein, dem
-liegt etwas anderes zugrunde, etwas Originelleres.“ Ich hörte ihnen zu;
-mir war so heiter zumut, wenn ich sie so anschaute: „Meine lieben
-Freunde und Kameraden, sorgen Sie sich nicht um meinen Abschied; ich
-habe ihn schon eingereicht, heute morgen, und sobald ich ihn erhalte,
-gehe ich sofort ins Kloster – darum habe ich es getan.“ Als ich das kaum
-ausgesprochen hatte, lachten alle bis auf den Letzten laut auf: „Ja,
-wenn du uns das nur gleich mitgeteilt hättest, so wäre uns ja alles klar
-geworden, einen Mönch kann man doch nicht verurteilen!“ Sie lachten und
-hörten gar nicht auf damit, aber nicht spöttisch, sondern freundlich und
-heiter lachten sie. Und alle liebten sie mich plötzlich, sogar meine
-heftigsten Ankläger, und den ganzen Monat, solange ich meinen Abschied
-noch nicht erhalten hatte, trugen sie mich fast auf den Händen: „Ach, du
-Mönch,“ sagten sie. Und jeder hatte für mich ein freundliches Wort. Sie
-beredeten mich und bedauerten mich sogar: „Was machst du aus dir?“ –
-„Nein,“ sagten sie, „er ist tapfer, er hat den Schuß nicht gefürchtet
-und auch selbst hätte er geschossen, ihm hatte aber die Nacht vorher
-geträumt, daß er Mönch werden sollte, und daher ist alles gekommen.“
-Dasselbe geschah mit mir auch in der Gesellschaft. Früher hatte man mich
-nicht sonderlich beachtet, obgleich man mich überall freundlich
-empfangen hatte, jetzt aber kannten mich alle und luden mich täglich zu
-sich ein: sie lachten dabei über mich, aber sie liebten mich. Ich muß
-noch bemerken, daß, obwohl allgemein in der Gesellschaft und öffentlich
-über das Duell gesprochen wurde, die Obrigkeit die Sache geflissentlich
-übersah; da mein Gegner ein naher Verwandter unseres Generals war, und
-da die Sache so günstig und ohne alles Blutvergießen verlaufen war, ganz
-wie ein Scherz, und da ich zudem meinen Abschied eingereicht hatte, so
-faßte man denn auch wirklich die ganze Sache nur als Scherz auf. Ich
-sprach daher ganz offen über die Sache, ungeachtet ihres Gelächters,
-denn ich wußte, ihr Lachen war nicht böse, sondern gut gemeint. Dieses
-Gespräch war an den Abenden besonders beliebt; in der Damengesellschaft
-hörte man mir gerne zu, und die Damen forderten auch ihre Männer auf,
-mir zuzuhören. „Wie ist denn das möglich, daß ich allen gegenüber
-schuldig bin?“ fragte mich ein jeder und lachte mir ins Gesicht, „wie
-soll ich denn zum Beispiel Ihnen gegenüber schuldig sein?“ – „Ja, wie
-sollten Sie das wohl wissen,“ antwortete ich ihnen, „da die ganze Welt
-schon seit langem einen anderen Weg eingeschlagen hat, und die Lüge als
-Wahrheit anerkannt ist, und daher auch ein jeder vom anderen solche Lüge
-verlangt. Einmal im Leben habe ich aufrichtig gehandelt, und da
-erscheine ich nun Ihnen allen als Geistesschwacher: obgleich Sie lieb zu
-mir sind, so lachen Sie doch alle über mich.“ – „Wie sollte man Sie, so
-wie Sie sind, nicht lieben?“ sagte laut die Hausfrau und lächelte mir
-zu. Es war bei ihr eine zahlreiche Gesellschaft versammelt. Und
-plötzlich sehe ich, löst sich aus der Gesellschaft eine Dame und tritt
-auf mich zu. Es war dieselbe junge Dame, um derentwillen es zum Duell
-gekommen war, und die ich mir noch vor kurzer Zeit als Braut zugedacht
-hatte. Ich hatte es nicht bemerkt, daß auch sie sich im Salon befand.
-Sie kam auf mich zu und reichte mir die Hand: „Erlauben Sie, bitte,
-Ihnen zu sagen, daß ich nicht über Sie lache, im Gegenteil, mit Tränen
-in den Augen danke ich Ihnen, und ich drücke Ihnen meine Hochachtung
-aus, die ich für Sie wegen Ihrer Tat empfinde.“ Da kam auch ihr Mann auf
-mich zu, reichte mir die Hand, und die ganze Gesellschaft umringte mich
-und drückte mir somit ihr Mitgefühl aus. Es fehlte nicht viel, so hätten
-sie mich alle umarmt. Mir war sehr froh zumute. Damals fiel mir aber
-besonders ein Herr auf, ein älterer Herr, der auch zu mir herangetreten
-war, den ich wohl dem Namen nach kannte, doch mit dem ich noch nie ein
-Wort gewechselt hatte.
-
-
- d) Der geheimnisvolle Gast
-
-Schon seit langer Zeit nahm er in unserer Stadt eine angesehene Stellung
-ein; er wurde von allen geachtet, war reich und als wohltätig bekannt.
-Er hatte ein ansehnliches Kapital dem Krankenhause wie dem Waisenhause
-übergeben und tat im geheimen viel Gutes, was erst später, nach seinem
-Tode, bekannt wurde. Er zählte ungefähr fünfzig Jahre, hatte ein
-strenges Aussehen und war sehr wortkarg; mit seiner jungen Frau, von der
-er drei unmündige Kinder hatte, war er seit zehn Jahren verheiratet.
-
-Am Abend darauf saß ich bei mir zu Hause, als plötzlich meine Tür sich
-öffnete und dieser Herr bei mir eintrat. Ich muß hierbei bemerken, daß
-ich nicht mehr in meiner früheren Wohnung lebte; als ich den Abschied
-eingereicht hatte, nahm ich mir eine Wohnung mit Bedienung bei einer
-alten Dame, einer Beamtenwitwe. Der Umzug in diese Wohnung war nur darum
-geschehen, weil ich Afanassij noch am selben Tage, gleich nach dem
-Duell, in die Kompagnie zurückschickte, denn ich schämte mich nach dem
-Vorgefallenen, ihm in die Augen zu sehen, – so sehr ist ein weltlich
-erzogener Mensch verbildet, daß er sich sogar einer gerechten Tat
-schämen kann.
-
-„Ich habe Ihnen schon einigemal und in verschiedenen Häusern mit großem
-Anteil zugehört,“ sprach der bei mir eintretende Herr, „so daß ich
-wünschte, endlich mit Ihnen persönlich bekannt zu werden, um mich noch
-eingehender mit Ihnen zu unterhalten. Können Sie mir diesen großen
-Gefallen erweisen?“ – „Mit dem größten Vergnügen, und ich rechne es mir
-zu einer ganz besonderen Ehre an,“ antwortete ich ihm darauf, selbst
-aber erschrak ich, solch einen Eindruck hatte das auf mich gemacht. Denn
-wie gern man mich auch angehört und wie sehr man mir allgemeine
-Anteilnahme gezeigt hatte, so war doch noch niemand mit solchem Ernst
-und aus innerer Überzeugung an mich herangetreten. Dieser aber kam sogar
-zu mir in die Wohnung. Er setzte sich. „Ich erkenne eine große
-Charakterstärke in Ihnen,“ fuhr er fort, „denn Sie haben sich nicht
-gefürchtet, der Wahrheit zu dienen, und das noch in einer Sache, in der
-Sie riskierten, die Verachtung aller auf sich zu ziehen.“ – „Ihr Lob
-scheint mir etwas zu groß,“ sagte ich zu ihm. – „Nein, durchaus nicht,“
-antwortete er mir, „glauben Sie, solch eine Handlung zu begehen, ist
-viel schwerer, als Sie denken. Damit haben Sie mich in Erstaunen
-gesetzt, und darum bin ich zu Ihnen gekommen. Beschreiben Sie mir,
-bitte, wenn meine Neugier Sie nicht verletzt, was Sie in diesem Moment
-empfanden, als Sie sich entschlossen, bei dem Duell um Entschuldigung zu
-bitten, wenn Sie sich dessen noch erinnern können. Halten Sie meine
-Frage nicht für leichtfertig, denn wenn ich Ihnen solch eine Frage
-stelle, so habe ich dabei einen geheimen Zweck, den ich in der Folge
-Ihnen mitteilen werde, wenn es Gott gefallen sollte, uns einander noch
-näher zu führen.“
-
-Die ganze Zeit, während der er sprach, sah ich ihm gerade in die Augen,
-und plötzlich fühlte ich zu ihm ein unbegrenztes Vertrauen, und
-gleichfalls empfand ich auch meinerseits eine ganz ungewöhnliche
-Neugier, denn ich fühlte, daß er in seiner Seele ein ungewöhnliches
-Geheimnis barg.
-
-„Sie fragen mich, was ich in jener Minute empfand, als ich meinen Gegner
-um Verzeihung bat? Ich werde Ihnen besser alles das von Anfang an
-erzählen, was ich einem anderen nicht erzählen würde.“ Und ich erzählte
-ihm, was sich mit mir und Afanassij zugetragen, und wie ich mich vor ihm
-zur Erde niedergeworfen hatte. „Aus alledem können Sie ersehen,“ schloß
-ich meine Erzählung, „daß es mir schon während des Duells leichter
-zumute war, da ich ja meinen Weg bereits betreten hatte: jawohl, deshalb
-war auch alles Weitere gar nicht mehr schwer, sondern leicht und
-freudvoll für mich.“
-
-Er hatte mich angehört und sah mich freundlich an: „Das alles,“ sagte
-er, „interessiert mich außerordentlich, und ich werde noch öfter zu
-Ihnen kommen.“ Seit der Zeit kam er denn auch jeden Abend zu mir, und
-wir hätten uns gewiß sehr befreundet, wenn er mir nur von sich etwas
-erzählt hätte. Er erzählte aber von sich kein Wort, sondern fragte immer
-nur mich aus. Ungeachtet dessen hatte ich ihn sehr lieb gewonnen; ich
-schilderte ihm alle meine Empfindungen und dachte bei mir: Was gehen
-mich schließlich seine Geheimnisse an, ich sehe ja ohnedem, daß er ein
-rechtschaffener Mensch ist. Dazu ist er ein so ernster Mensch, viel
-älter als ich, und doch kommt er zu mir, einem Jüngling, ohne sich an
-meinem Alter zu stoßen. Und viel Nützliches lernte ich aus den
-Gesprächen mit ihm, denn er war ein sehr intelligenter Mensch. „Daß das
-Leben ein Paradies ist,“ sagte er einmal zu mir, „darüber habe ich schon
-lange nachgedacht,“ und plötzlich fügte er hinzu: „Das ist es ja, woran
-ich eigentlich immer denke.“ Darauf sah er mich an und lächelte: „Ich
-bin mehr als Sie davon überzeugt,“ sagte er, „Sie werden später
-erfahren, warum.“ Als ich das hörte, dachte ich bei mir: Sicher will er
-mir was anvertrauen. „Das Paradies ist in jedem von uns verborgen, auch
-in mir verbirgt es sich jetzt und wenn ich will, wird es morgen in
-Wirklichkeit in mir erstehen und dann für mein ganzes Leben andauern.“
-Ich betrachtete ihn: gerührt und geheimnisvoll sah er mich an, als ob er
-eine Antwort von mir erwartete. „Was das anbelangt,“ fuhr er fort, „daß
-jeder Mensch vor allen und in allem schuldig ist, abgesehen von seinen
-eigenen Sünden, so haben Sie darüber ganz richtig geurteilt, und es ist
-zu verwundern, wie Sie diesen Gedanken in seinem ganzen Umfange erfaßt
-haben. Wahrlich, es ist so: daß, sobald nur die Menschen diesen Gedanken
-begriffen haben werden, das Himmelreich nicht nur in der Vorstellung,
-sondern in Wirklichkeit beginnen wird.“ – „Aber wann,“ rief ich voll
-Leid aus, „wann wird das geschehen und wird das überhaupt je geschehen
-können? Wird das nicht immer nur ein Traum bleiben?“ – „Sehen Sie, da
-haben Sie schon keinen Glauben daran, Sie prophezeien es nur, aber
-selbst glauben Sie nicht daran. Ich sage Ihnen, daß dieser Traum, wie
-Sie es nennen, in Erfüllung gehen wird, glauben Sie es mir. Aber es wird
-noch nicht so bald geschehen, denn jeder Vorgang vollzieht sich nach
-seinem Gesetz. Dieser Vorgang ist ein seelischer, ein psychologischer.
-Um die Welt zu etwas Neuem umzugestalten, ist erforderlich, daß auch die
-Menschen sich umgestalten und einen anderen Weg betreten. Keine
-Brüderschaft kann früher sein, als bis tatsächlich ein jeder dem anderen
-ein Bruder geworden ist. Durch keine Wissenschaft und durch keine
-äußeren Hilfsmittel werden die Menschen lernen, ihre Rechte und ihre
-Güter zu verteilen, ohne sich gegenseitig zu kränken. Immer wird Alles
-für Jeden zu wenig sein, immer werden sie murren, sich gegenseitig
-beneiden und zu vertilgen suchen. Sie fragen, wann das andere sein wird?
-Es _wird_ sein, aber zuerst muß die Periode der menschlichen Absonderung
-und Isolierung überwunden werden.“ – „Welcher Isolierung?“ fragte ich
-ihn. – „Derselben, die jetzt überall herrscht, besonders in unserem
-Jahrhundert. Noch ist nicht alles dazu reif, noch ist die Zeit nicht
-gekommen. Jeder strebt jetzt danach, seine Person abzusondern, ein jeder
-möchte in sich selbst die Fülle des Lebens erfahren, indessen ergibt
-sich aus all seinen Anstrengungen nicht die Fülle des Lebens, sondern
-vollständiger Selbstmord, statt Selbstbestimmung eben: vollständige
-Isolierung. Alle sondern sich in unserem Jahrhundert zu Einzelexistenzen
-ab; jeder isoliert sich in seiner Höhle, jeder entfernt sich vom
-anderen, verbirgt sich und verbirgt, was er hat, und es endet damit, daß
-er die Menschen abstößt und die Menschen ihn abstoßen. Er scharrt sich
-ein Kapital zusammen und denkt: „Wie stark bin ich jetzt, jetzt bin ich
-gesichert,“ und der Unsinnige weiß nicht einmal, daß er, je mehr er
-ansammelt, desto mehr in eine selbstmörderische Ohnmacht verfällt. Denn
-er hat sich daran gewöhnt, nur auf sich selbst zu hoffen, und er hat
-sich als Isolierter vom Ganzen abgetrennt, er hat seine Seele gelehrt,
-nicht an die Hilfe der Menschen zu glauben, weder an die der Menschen,
-noch an die der Menschheit, und er zittert nur davor, daß er sein Geld
-und die durch dasselbe erworbenen Rechte verlieren könnte. Der
-Menschengeist will allgemein heutzutage nicht einsehen, daß die wahre
-Sicherheit des Individuums nicht in seiner persönlichen isolierten Kraft
-besteht, sondern im Zusammenhang mit der Gesamtheit der Menschen. Aber
-gewiß wird es so sein, und die Stunde wird kommen, wo diese furchtbare
-Isolierung aufhören wird, und man wird plötzlich begreifen, wie
-unnatürlich es gewesen ist, sich voneinander abzusondern. Und der Geist
-der Zeit wird ein anderer sein, und man wird an ihm erkennen, wie lange
-man in der Finsternis gelebt hat, ohne das Licht zu erblicken. Dann wird
-auch das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen ... Bis zu der
-Zeit aber muß dieses Zeichen behütet werden, und wenn es auch nicht
-anders geht, so muß doch von Zeit zu Zeit wenigstens ein Mensch durch
-sein Beispiel die Seele aus dieser Isolierung befreien und ihr den Weg
-zur allgemeinen Bruderliebe zeigen, und wenn er auch damit sich dem
-aussetzt, daß er als Geistesschwacher verschrien wird – wenn nur der
-große Gedanke nicht stirbt!“
-
-In solchen begeisterten und flammenden Gesprächen verbrachten wir unsere
-Abende miteinander. Ich vernachlässigte sogar die Gesellschaft und
-erschien nur mehr selten in ihr, zumal es auch aufhörte, Mode zu sein,
-sich mit mir zu beschäftigen. Ich sage das nicht, um damit die
-Gesellschaft zu verurteilen, denn man fuhr fort, mich zu lieben und
-gegen mich freundlich zu sein, doch muß man nicht vergessen, wie sehr
-die Mode die Gesellschaft beherrscht. An meinem geheimnisvollen Gast
-aber hing ich schließlich mit Begeisterung, denn abgesehen von den
-Genüssen, die mir die Unterhaltung mit ihm bereitete, fühlte ich, daß er
-sich mit irgendeinem Gedanken trug und sich vielleicht zu irgendeiner
-großen Tat vorbereitete – vielleicht gefiel es ihm, daß ich äußerlich
-für sein Geheimnis keine Neugier bekundete, weder direkt noch indirekt
-ihn danach fragte. Aber es schien mir, daß ihn selbst immer mehr und
-mehr der Wunsch quälte, mir etwas anzuvertrauen. Es war schon ein ganzer
-Monat vergangen, seitdem er mich besuchte: „Wissen Sie auch,“ fragte er
-mich da, „daß man viel über uns in der Stadt spricht und sich darüber
-wundert, daß ich Sie so oft besuche? Aber mögen sie, bald wird sich doch
-alles offenbaren.“ Zuweilen überfiel ihn plötzlich eine außerordentliche
-Aufregung, und dann stand er jedesmal auf und ging fort. Zuweilen
-wiederum sah er mich lange und durchdringend an, und ich dachte schon:
-„Jetzt wird er gleich etwas sagen –“ und plötzlich ging er dann auf
-etwas ganz Gleichgültiges und Alltägliches über. Oft beklagte er sich
-auch über Kopfschmerzen. Und einmal, ganz unerwartet kam es: als er
-lange begeistert über etwas gesprochen hatte, erbleichte er plötzlich,
-sein Gesicht verzerrte sich, und er starrte mich an.
-
-„Was haben Sie,“ fragte ich erschrocken, „ist Ihnen schlecht?“ Er hatte
-sich kurz vorher wieder über Kopfweh beklagt.
-
-„Ich ... wissen Sie ... ich ... habe einen Menschen ermordet.“
-
-Er sprach es aus und lächelte, selbst aber war er weiß wie Kreide. Warum
-lächelt er? fuhr es mir durchs Herz, ohne das Gehörte noch ganz
-begriffen zu haben. Und ich fühlte, wie auch ich erbleichte.
-
-„Was sagen Sie da?“ rief ich ihm zu.
-
-„Sehen Sie,“ antwortete er mir mit einem schwachen Lächeln, „wie schwer
-mir wurde, das erste Wort zu sagen. Jetzt habe ich es getan und damit
-den Weg betreten. Und nun möge es kommen!“
-
-Lange wollte ich ihm nicht glauben, und nicht mit einem Male konnte ich
-ihm alles glauben. Erst als er drei Tage nacheinander bei mir gewesen
-war und mir alle Einzelheiten mitgeteilt hatte, glaubte ich es. Ich
-hielt ihn für wahnsinnig, aber schließlich mußte ich mich doch von der
-Tat überzeugen lassen, wenn auch mit großer Verwunderung und großem
-Schmerz. Er hatte vor vierzehn Jahren ein furchtbares Verbrechen
-begangen an einer jungen und schönen Frau, der Witwe eines
-Gutsbesitzers, die in unserer Stadt ein eigenes Haus besaß, in das sie
-gelegentlich einkehrte. Er fühlte zu ihr eine große unbezwingliche
-Liebe, gestand ihr diese Liebe und wollte sie bereden, ihn zu heiraten.
-Aber ihr Herz gehörte schon einem anderen, einem hohen und angesehenen
-Offizier, der damals im Felde stand, und dessen baldige Ankunft sie
-erwartete. Sie schlug daher seinen Antrag ab und bat ihn, sie nicht mehr
-zu besuchen. Da war er, der alle Zimmer ihres Hauses gut kannte, in der
-Nacht vom Garten aus und über das Dach, mit unerhörter Kaltblütigkeit
-und alles aufs Spiel setzend, zu ihr eingedrungen. Ein so
-außergewöhnliches Unternehmen, mit der größten Kaltblütigkeit
-ausgeführt, gelingt ja fast immer. Durch das Dachfenster war er auf den
-Boden des Hauses gelangt und über eine kleine Bodentreppe zu ihr in die
-Wohnzimmer gedrungen: er hatte einmal bemerkt, daß die Tür dieser
-kleinen Treppe durch die Nachlässigkeit der Dienstboten unverschlossen
-geblieben war. Er hoffte auf diesen Zufall, und siehe da, es war so. Er
-schlich sich durch die Wohnzimmer bis in ihr Schlafgemach, wo das
-Lämpchen vor dem Heiligenbilde brannte. Und als ob es beabsichtigt
-gewesen wäre, waren beide Stubenmädchen ohne Erlaubnis zu einem
-Namensfeste in der Nachbarschaft fortgeschlichen. Die übrige
-Dienerschaft schlief in der Gesindestube und in der Küche, die sich in
-der unteren Etage befand. Beim Anblick der Schlafenden entbrannte in ihm
-die Leidenschaft, und zu gleicher Zeit wurde sein Herz von einer
-rachsüchtigen und eifersüchtigen Wut ergriffen, und wie ein
-Besinnungsloser und Trunkener stürzte er sich auf sie und bohrte ihr das
-Messer mitten ins Herz, so daß sie nicht einmal aufschreien konnte.
-Darauf richtete er es mit der teuflischsten und verbrecherischsten
-Berechnung so ein, daß der Verdacht auf die Dienerschaft fallen mußte.
-Es widerte ihn nicht an, ihren Geldbeutel zu nehmen, ihre Kommode mit
-den Schlüsseln, die er unter ihrem Kopfkissen fand, aufzuschließen und
-ihr nur diejenigen Sachen zu entnehmen, die auch ein dummer Diener
-genommen hätte, das heißt, die Wertpapiere ließ er liegen und nahm nur
-das bare Geld, nahm einige schwer goldene Sachen, die anderen aber, die
-zehnmal wertvolleren doch kleineren Schmuckgegenstände nahm er nicht.
-Darauf nahm er sich noch etwas zum Andenken, aber davon später. Nachdem
-das geschehen war, hatte er das Haus auf demselben Wege verlassen. Weder
-am folgenden Tage, als sich die Nachricht vom Morde verbreitete, noch
-jemals später, war es jemandem in den Sinn gekommen, den wirklichen
-Mörder zu verdächtigen! Auch von seiner Liebe zu ihr wußte niemand, denn
-er war immer verschlossen und wortkarg gewesen, und einen Freund, dem er
-die Tat hätte mitteilen können, besaß er nicht. Man zählte ihn einfach
-zu den Bekannten und nicht einmal zu den nahen Vertrauten der
-Ermordeten, denn er hatte sie in den letzten Wochen gar nicht besucht.
-Man verdächtigte vielmehr sofort ihren leibeigenen Diener Pjotr, und
-alle Umstände schienen diesen Verdacht zu bestätigen. Der Diener hatte
-gewußt, und die Verstorbene hatte es ihm nicht verheimlicht, daß sie
-auch ihn unter der Anzahl Rekruten, die sie von ihren Leibeigenen zu
-stellen hatte, in den Militärdienst zu schicken beabsichtigte. Zudem war
-er unverheiratet und ein schlechter Charakter. Man hatte gehört, wie er
-aus Wut und angetrunken in einer Kneipe gedroht hatte, sie zu
-erschlagen. Zwei Tage vor ihrem Tode war er entlaufen und hatte sich in
-der Stadt herumgetrieben. Am anderen Tage nach dem Morde fand man ihn
-auf der Landstraße vor der Stadt steif betrunken liegen, mit dem Messer
-in der Tasche, und dazu war noch seine rechte Handfläche mit Blut
-befleckt. Er versicherte, daß er Nasenbluten gehabt hätte, aber man
-glaubte es ihm nicht. Die Mägde gestanden ihre Schuld ein, daß sie auf
-dem Feste gewesen wären, und daß die Treppentür bis zu ihrer Rückkehr
-unverschlossen geblieben sei. Und eine Menge ähnlicher Anzeichen ergaben
-sich noch, so daß man daraufhin den unschuldigen Diener hinter Schloß
-und Riegel brachte. Doch siehe, schon nach einer Woche erkrankte er an
-einem Nervenfieber und starb besinnungslos im Krankenhause. Und damit
-endete die Sache. Man ergab sich dem Willen Gottes, und alle, das
-Gericht wie die Obrigkeit, waren fest überzeugt, daß den Mord niemand
-anders als der verstorbene Diener vollführt hätte – der aber war dem
-Gericht Gottes überliefert worden!
-
-Der geheimnisvolle Gast, der damals schon mein Freund geworden war,
-sagte mir, daß er zu Anfang gar keine Gewissensbisse empfunden hätte.
-Wohl litt er sehr, aber nur, weil er das geliebte Weib ermordet hatte,
-weil sie jetzt nicht mehr lebte, weil er, indem er sie getötet, auch
-seine Liebe getötet hatte, während die Leidenschaft in seinem Blut noch
-fortbrannte. An das unschuldig vergossene Blut, an den Mord habe er
-damals gar nicht gedacht. Der Gedanke, daß sein Opfer die Gattin eines
-anderen hätte werden können, schien ihm so unmöglich, und daher war er
-vor seinem Gewissen vollständig überzeugt, daß er anders gar nicht hätte
-handeln können. Am Anfang quälte ihn ein wenig die Gefangennahme des
-Dieners, aber dessen Krankheit und Tod beruhigten ihn wieder. Glaubte er
-doch, daß dieser Tod nicht etwa durch den Schreck oder die Angst erfolgt
-war, sondern infolge einer Erkältung, die er sich an den Tagen, als er
-betrunken die ganze Nacht über auf feuchter Erde gelegen, zugezogen
-hatte. Die gestohlenen Sachen und das Geld beunruhigten ihn gleichfalls
-nicht, denn den Diebstahl hatte er ja nur zur Ablenkung des Verdachts
-vollführt. Die gestohlene Summe war unbedeutend, und bald darauf
-gab er diese Summe und noch viel mehr zur Errichtung einer
-Wohltätigkeitsanstalt in unserer Stadt. Das hatte er alles nur getan, um
-sein Gewissen über den Diebstahl zu beruhigen – und bemerkenswert ist,
-daß dies tatsächlich ihn auf lange Zeit beruhigte: wenigstens beteuerte
-er es mir. Er selbst stürzte sich damals in eine große geschäftliche
-Tätigkeit, übernahm schwierige und mühevolle Aufträge, die ihn zwei
-Jahre lang ganz in Anspruch nahmen, und da er einen starken Charakter
-hatte, so vergaß er das Vorgefallene ganz; wenn es ihm aber einfiel, so
-bemühte er sich einfach, nicht daran zu denken. Er tat viel für die
-Armen, und für unsere Stadt. Auch in den Residenzen, Moskau und
-Petersburg, zeichnete er sich durch seine Wohltätigkeit aus und wurde
-daher zum Vorstand von Wohltätigkeitsvereinen gewählt. Aber schließlich
-erlag er doch den vielen Qualen, die fast über seine Kräfte gingen. Da
-gefiel ihm ein reizendes und kluges Mädchen, und er heiratete sie bald
-darauf in der Hoffnung, daß das Eheleben ihn seine Qual vergessen machen
-werde, und daß auf diesem neuen Wege, in eifriger Pflichterfüllung gegen
-seine Frau und seine Kinder, seine alten Erinnerungen verblassen würden.
-Aber gerade das Gegenteil seiner Erwartungen traf ein. Schon im ersten
-Monat seiner Ehe quälte ihn ununterbrochen der Gedanke: „Meine Frau
-liebt mich – wenn sie es aber wüßte!“ – Als sie sich zum erstenmal guter
-Hoffnung fühlte und es ihm mitteilte, da wurde alles in ihm aufgewühlt:
-„Einem Kinde habe ich das Leben gegeben, und einem anderen Menschen habe
-ich es genommen.“ Es kamen die Kinder: „Wie wage ich es, sie zu lieben,
-sie zu erziehen und sie zu belehren, wie kann ich ihnen von Tugend
-reden: ich, der ich doch Blut vergossen habe.“ Die Kinder wuchsen
-prächtig heran, er wollte sie liebkosen, aber – „ich konnte nicht in
-ihre hellen unschuldigen Augen sehen, ich war dessen nicht würdig.“ So
-quälte ihn grausam und bitter das Blut des unschuldig erschlagenen
-Opfers, das vernichtete, junge Leben. Ihr Blut schrie nach Rache.
-Schreckliche Träume verfolgten ihn. Aber sein starkes Herz ertrug
-standhaft die Qualen. „Ich sühne vielleicht meine Schuld durch meine
-geheimen Qualen.“ Aber auch diese Hoffnung war vergebens: je länger,
-desto qualvoller wurden seine Leiden. In der Gesellschaft wurde er wegen
-seines wohltätigen Wirkens hoch geehrt, obgleich ihn alle wegen seines
-strengen und düsteren Charakters fürchteten. Je mehr sie ihn jedoch
-achteten, desto unerträglicher wurde es ihm. Er gestand mir, daß er sich
-habe töten wollen. Doch gleichzeitig tauchte in ihm eine Idee auf, eine
-Idee, die er zuerst für unmöglich und wahnsinnig hielt, die sich aber
-zuletzt so in seinem Herzen festsetzte, daß er sich von ihr nicht mehr
-losreißen konnte. Er gedachte plötzlich hinauszugehen und vor allem Volk
-zu erklären, daß er einen Menschen ermordet habe. Drei Jahre lang trug
-er sich mit dieser Idee, in den verschiedensten Arten tauchte sie in ihm
-auf. Schließlich wurde es bei ihm zur festen Überzeugung, daß seine
-Seele erst dann, wenn er sein Verbrechen eingestanden haben würde,
-Heilung und auf immer Ruhe finden werde. Trotz dieser Überzeugung aber
-empfand er in seiner Seele einen Schrecken bei der Frage, wie das
-Geständnis auszuführen sei? Da ereignete sich zufällig meine
-Duellgeschichte. „Dank Ihrem Beispiel,“ sagte er, „habe ich mich jetzt
-dazu entschlossen.“
-
-Ich blickte ihn an.
-
-„Ist es möglich?“ sagte ich fast erschrocken und schlug die Hände
-zusammen, „dieser geringe Vorfall hätte Sie zu solch einem Entschluß
-gebracht?“
-
-„Meinen Entschluß trage ich bereits seit drei Jahren mit mir herum,“
-antwortete er mir. „Ihre Tat hat ihm den letzten Anstoß gegeben.
-Angesichts Ihres Beispiels habe ich mir schon bittere Vorwürfe gemacht,
-ich habe Sie beneidet,“ sagte er zu mir, und seine Stimme klang hart.
-
-„Man wird Ihnen nicht glauben,“ bemerkte ich, „vierzehn Jahre sind
-seitdem vergangen.“
-
-„Ich habe Beweise, schlagende Beweise. Ich werde sie vorweisen.“
-
-Ich brach in Tränen aus und küßte ihn.
-
-„Über eines entscheiden Sie nur, über eines!“ rief er (ganz als ob jetzt
-alles nur von mir abhing): „Meine Frau, meine Kinder! Meine Frau stirbt
-vielleicht vor Kummer, und die Kinder, wenn sie auch den Adel und das
-Vermögen nicht verlieren, so bleiben sie doch auf ewig die Kinder eines
-gestempelten Sträflings. Und das Andenken, welch ein Andenken
-hinterlasse ich in ihren Herzen?“
-
-Ich schwieg.
-
-„Und sich von ihnen trennen, sie auf immer verlassen? Auf immer, auf
-immer!“
-
-Ich saß da und wußte keine Antwort. Ich murmelte nur ein Gebet vor mich
-hin.
-
-„Was sagen Sie?“ Er sah mich fragend an.
-
-„Gehen Sie,“ antwortete ich, „und sagen Sie es den Leuten. Alles
-vergeht, nur die Wahrheit allein bleibt bestehen. Ihre Kinder werden
-heranwachsen und begreifen, wieviel Hochherzigkeit in Ihrem großen
-Entschlusse gelegen hat.“
-
-Er verließ mich damals, scheinbar ganz entschlossen. Aber länger als
-zwei Wochen kam er dann wieder jeden Abend zu mir, und immer noch konnte
-er sich nicht dazu entschließen. Das ermüdete mein Herz. Eines Abends
-aber kam er und sagte:
-
-„Ich weiß –, daß für mich sofort das Paradies anbrechen wird, sobald ich
-es gestanden habe. Vierzehn Jahre habe ich in der Hölle gelebt. Ich will
-das enden. Ich will das Leiden jetzt freiwillig auf mich nehmen und
-anfangen zu leben. Mit der Unwahrheit kommt man wohl bis ans Ende der
-Welt, eine Rückkehr gibt es aber nicht mehr. Jetzt wage ich weder meinen
-Nächsten, noch selbst meine Kinder zu lieben. Mein Gott, vielleicht
-werden die Kinder einmal begreifen, was mich dieses Leid gekostet hat,
-und mich nicht verurteilen! Gott ist nicht in der Macht, sondern in der
-Wahrheit.“
-
-„Alle werden Ihre Tat begreifen,“ sagte ich zu ihm, „wenn nicht sofort,
-so doch später, denn Sie haben dann der Wahrheit gedient, der höheren
-Wahrheit, nicht der irdischen ...“
-
-Und wieder ging er fort, als ob er sich darüber beruhigt hätte, und doch
-kam er am nächsten Tage bleich und erbittert wieder und sagte spöttisch:
-
-„Jedesmal, wenn ich zu Ihnen komme, sehen Sie mich fragend an: ‚Also
-wieder nicht?‘ Warten Sie, verachten Sie mich nicht zu sehr. Nicht so
-leicht ist es, wie es Ihnen scheint. Ich werde es vielleicht überhaupt
-nicht tun. Sie werden mich doch nicht anzeigen, wie?“
-
-Ich aber, oh, nicht, daß ich gewagt hätte, ihn fragend anzusehen, – ich
-wagte überhaupt nicht, ihn anzusehen! Ich war bis zur Erschöpfung
-gequält, und meine Seele war voller Tränen. Die Nächte verbrachte ich
-schlaflos.
-
-„Ich komme soeben,“ fuhr er fort, „von meiner Frau. Begreifen Sie das,
-was einem eine Frau ist? Als ich fortging, riefen die Kinder mir nach:
-‚Adieu, Papa, komme bald wieder, wir wollen dann zusammen unsere
-Kinderbücher lesen.‘ Nein, das verstehen Sie nicht! Fremdes Leid macht
-nicht gescheit.“
-
-Seine Augen blitzten, seine Lippen zitterten. Plötzlich schlug er mit
-der Faust auf den Tisch, daß alle Sachen darauf klirrten, – diese
-Heftigkeit sah ich an ihm zum erstenmal.
-
-„Ja, ist es denn nötig?“ schrie er auf, „ist es denn nötig? Niemand ist
-doch meinetwegen verurteilt worden, niemand meinetwegen in die
-Zwangsarbeit verschickt worden! Der Diener starb an einer Krankheit. Für
-das vergossene Blut aber bin ich durch meine eigenen Marter und Qualen
-übergenug gestraft worden. Und man wird es mir ja überhaupt nicht
-glauben, trotz aller Beweise! Ist es denn nötig, daß ich es tue, ist es
-denn nötig? Für das vergossene Blut bin ich bereit, mich mein ganzes
-Leben lang zu quälen, wenn ich nur meine Frau und meine Kinder nicht
-vernichte. Ist es denn gerecht, sie zu zerschmettern? Irren wir uns da
-nicht? Wo ist denn da die Wahrheit? Und werden die Menschen diese
-Wahrheit verstehen und anerkennen, sie schätzen und ehren?“
-
-„Großer Gott!“ dachte ich bei mir, „an die Achtung der Menschen denkt er
-in solch einer Minute!“ So leid tat er mir damals, daß ich wohl sein Los
-hätte teilen mögen, um es ihm zu erleichtern. Ich sah, daß er wie rasend
-war, und ich erschrak, als ich nicht nur mit dem Verstande allein
-begriff, sondern auch mit ganzer Seele fühlte, was solch ein Entschluß
-kostet.
-
-„Entscheiden Sie über mein Geschick!“ sagte er plötzlich zu mir.
-
-„Gehen Sie hin und gestehen Sie,“ flüsterte ich ihm zu. Meine Stimme
-versagte mir fast, doch flüsterte ich es ihm mit Bestimmtheit zu. Ich
-nahm vom Tisch das Evangelium in russischer Übersetzung und zeigte ihm
-Johannes, Kapitel XII, Vers 24: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn
-das Weizenkorn in die Erde fällt und nicht stirbt, so bleibt es allein,
-stirbt es aber, so bringt es viele Früchte.“ Diesen Vers hatte ich kurz
-vor seinem Eintritt gelesen.
-
-Er las ihn: „Das ist wahr,“ sagte er, aber er lächelte bitter. „Ja,“
-sagte er, nachdem er lange geschwiegen hatte, „es ist unheimlich, was
-man in diesem Buche findet. Es ist aber leicht, diese Sprüche anderen
-vorzulesen. Und wer hat das geschrieben, doch nicht etwa Menschen?“
-
-„Der Heilige Geist,“ sagte ich.
-
-„Sie haben gut reden,“ sagte er und lächelte haßerfüllt. Ich nahm wieder
-das Buch, schlug es an einer anderen Stelle auf und zeigte ihm Ebräer,
-Kapitel X, Vers 31. Er las:
-
-„Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.“
-
-Er las es und schleuderte das Buch von sich. Er zitterte am ganzen
-Körper.
-
-„Ein schrecklicher Vers,“ sagte er. „Wahrlich, Sie haben ihn gut
-ausgesucht!“ Er erhob sich vom Stuhl: „Nun,“ sagte er, „leben Sie wohl,
-vielleicht werde ich nicht mehr zu Ihnen kommen – im Paradiese werden
-wir uns wiedersehen. Schon vierzehn Jahre sind es also, daß ich in die
-Hände des lebendigen Gottes gefallen bin, das kann ich wahrlich von
-diesen vierzehn Jahren sagen! Morgen werde ich diese Hände bitten, daß
-sie mich freigeben.“
-
-Ich wollte ihn umarmen und küssen, aber ich wagte es nicht, so verzerrt
-war sein Gesicht; es wurde mir schwer, ihn anzusehen. Er ging hinaus.
-„Mein Gott,“ dachte ich, „wohin geht dieser Mensch!“ Ich warf mich auf
-die Knie hin vor das Muttergottesbild und betete. Es verging wohl eine
-halbe Stunde, als ich mich endlich mit Tränen in den Augen vom Gebet
-erhob; es war schon spät abends, gegen Mitternacht. Plötzlich sah ich,
-wie die Tür sich wieder öffnete und er eintrat. Ich war erstaunt.
-
-„Wo sind Sie gewesen?“ fragte ich ihn.
-
-„Ich,“ sagte er, „... ich habe, glaube ich, etwas vergessen ... mein
-Taschentuch, glaube ich. Nun, und wenn ich auch nichts vergessen habe,
-erlauben Sie mir, mich zu setzen ...“
-
-Er setzte sich. Ich stand vor ihm. „Setzen Sie sich gleichfalls.“ Ich
-setzte mich. So saßen wir etwa drei Minuten, er sah mich starr fixierend
-an, und plötzlich lächelte er, stand auf, umarmte mich und küßte mich.
-
-„Behalte es im Gedächtnis,“ sagte er, „wie ich zum zweitenmal zu dir
-gekommen bin. Hörst du, behalte es!“
-
-Zum erstenmal nannte er mich du. Er ging fort. „Morgen,“ dachte ich.
-
-Und so war es auch. Ich aber wußte an jenem Abend nicht, daß er den Tag
-darauf seinen Geburtstag feierte. In der letzten Zeit war ich gar nicht
-ausgegangen und hatte es von niemandem erfahren können. An diesem Tage
-pflegte sich die ganze Stadt bei ihm zu versammeln. Auch dieses Mal gab
-es eine große Gesellschaft. Und siehe, nach dem großen Festessen,
-stellte er sich in die Mitte des Zimmers, in den Händen hält er ein
-Papier – die formelle Anzeige an die Obrigkeit. Da aber alle hohen
-Gerichtspersonen bei ihm versammelt waren, so las er den Bericht den
-Anwesenden laut vor, – die ganze Beschreibung seines Verbrechens bis in
-alle Einzelheiten! „Als einen Auswurf des Menschengeschlechts scheide
-ich mich selbst aus der Mitte der Menschen, Gott hat mich heimgesucht,“
-– damit schloß er seine Anschuldigung. – „Ich will dafür leiden.“ Darauf
-breitete er die gestohlenen Gegenstände auf dem Tisch aus, die Beweise
-seines Verbrechens, die er vierzehn Jahre lang bei sich aufbewahrt
-hatte. Die Goldsachen der Erschlagenen, mit denen er den Verdacht von
-sich abgelenkt hatte, das Medaillon und das Kreuz, die er ihr vom Halse
-genommen – im Medaillon das Bild ihres Verlobten; ferner ihr Notizbuch
-und zwei Briefe: der Brief ihres Verlobten an sie, mit der Nachricht
-seiner baldigen Rückkehr, und ein Brief von ihr, den sie angefangen,
-aber nicht beendigt hatte, und der auf dem Schreibtisch liegen geblieben
-war, um am nächsten Tage abgesandt zu werden. Beide Briefe hatte er an
-sich genommen – weshalb? Und weshalb hatte er sie vierzehn Jahre lang
-aufbewahrt, statt sie als Beweisstücke zu vernichten? Und was geschah
-darauf? Alle gerieten in Verwunderung und in Schrecken, und niemand
-wollte es glauben, obgleich sie ihm alle mit großer Aufmerksamkeit und
-Neugier zugehört hatten, wenn auch mehr wie einem Kranken. Nach einigen
-Tagen wurde denn auch von allen behauptet, daß der unglückliche Mensch
-seinen Verstand verloren habe. Die Obrigkeit und das Gericht mußten die
-Sache, ob sie wollten oder nicht, aufnehmen, aber auch sie zögerten:
-denn obwohl die vorgewiesenen Sachen und die Briefe zu denken gaben, kam
-man doch zu dem Schluß, daß, wenn die Dokumente sich auch als richtig
-erweisen sollten, man ihn schließlich nicht nur auf Grund dieser
-Dokumente verurteilen konnte. Denn die Sachen hätte er ebensogut als ihr
-Bekannter und Vertrauensmann von ihr erhalten können. Übrigens hörte ich
-später, daß die Sachen von vielen Bekannten und Verwandten der
-Ermordeten erkannt worden wären. Aber wieder war es auch dieses Mal der
-Sache nicht bestimmt, zu einem Abschluß zu kommen. – Fünf Tage nachher
-erfuhren wir alle, daß er erkrankt war, und man meinte allgemein, es sei
-ein Herzleiden; auch wurde bekannt, daß seine Frau alle Doktoren
-zusammenberufen hatte, damit sie ihn auf seinen Geisteszustand hin
-untersuchten. Deren Urteil aber lautete – Geistesstörung. Ich sagte
-niemandem etwas von dem, was ich wußte, obgleich man mich über ihn
-ausfragen wollte; als ich ihn aber zu besuchen wünschte, da überhäufte
-man mich mit Vorwürfen, besonders seine Gemahlin tat es: „Sie sind es,
-der ihn so erschüttert hat, wenn er auch schon früher immer finster war,
-so ist doch allen seine ungewöhnliche Erregung, sein sonderbares
-Benehmen in jüngster Zeit aufgefallen. Sie haben ihn ins Verderben
-gestürzt, haben ihn beeinflußt, er hat den ganzen Monat nur bei Ihnen
-gesessen.“ Und nicht nur seine Frau, nein, alle in der Stadt stürzten
-sich auf mich und beschuldigten mich. „Das alles haben Sie getan.“ Ich
-schwieg, und in meinem Herzen freute ich mich; ich erkannte die Gnade
-Gottes gegen ihn, der sich aus eigener Kraft aufgerichtet hatte. An eine
-Geistesstörung glaubte ich selbstverständlich nicht. Schließlich ließ
-man mich zu ihm: er hatte darauf bestanden – um sich von mir zu
-verabschieden. Ich trat zu ihm ins Zimmer und bemerkte sofort, daß nicht
-nur seine Tage, sondern seine Stunden gezählt waren. Er war schwach,
-gelb, und seine Hände zitterten; er atmete schwer, doch sein Blick war
-freudig und gerührt.
-
-„Es ist vollbracht! lange schon habe ich mich danach gesehnt mit dir zu
-sprechen, warum kamst du nicht?“
-
-Ich sagte ihm nicht, daß man mich nicht vorgelassen hatte.
-
-„Gott erbarmt sich meiner und ruft mich zu sich. Ich weiß, daß ich
-sterbe, aber Freude und Friede fühle ich jetzt nach so viel Jahren zum
-erstenmal in meinem Herzen. Sofort erschloß sich in meiner Seele das
-Paradies, sobald ich’s nur ausgeführt hatte! Jetzt wage ich wieder,
-meine Kinder zu lieben und zu liebkosen. Man glaubt mir nicht, weder
-meine Frau noch meine Richter. Meine Kinder werden mir niemals glauben.
-Darin sehe ich Gottes Gnade zu meinen Kindern. Ich sterbe und mein Name
-bleibt für sie unbefleckt. Und ich fühle schon im voraus den ewigen
-Gott, und mein Herz freut sich wie im Paradiese ... Ich habe meine
-Schuldigkeit getan ...“
-
-Er konnte nicht weiter sprechen, er atmete schwer, heiß drückte er mir
-die Hand, und mit glänzenden Augen sah er mich an. Doch lange konnten
-wir nicht zusammen bleiben; seine Frau kam immer wieder ins Zimmer, um
-nach uns zu sehen. Doch konnte er mir noch zuflüstern:
-
-„Erinnerst du dich, wie ich das letztemal zu dir kam, um Mitternacht?
-Ich befahl dir, das zu behalten. Weißt du, warum ich wieder bei dir
-eintrat? Ich wollte dich erschlagen!“
-
-Ich schrak zusammen.
-
-„Ich kam – damals – von dir. In der Dunkelheit wanderte ich durch die
-Straßen und kämpfte mit mir. Und plötzlich haßte ich dich so sehr, daß
-mein Herz es kaum ertragen konnte. ‚Jetzt,‘ dachte ich, ‚ist er der
-einzige, der es weiß und mein Richter ist, und jetzt kann ich gar nicht
-mehr meiner Strafe entgehen.‘ Nicht, daß ich fürchtete, du würdest mich
-verraten, daran habe ich mit keinem Gedanken gedacht, aber ich sagte
-mir: ‚Wie werde ich ihm noch in die Augen sehen können, wenn ich es
-nicht morgen tue?‘ Und wenn du auch am Ende der Welt wärest, es wäre mir
-einerlei, so lebtest du doch, und der Gedanke, daß du lebst und alles
-weißt und mich verurteilst, dieser Gedanke wäre mir unerträglich
-gewesen. Ich haßte dich, als wärest du der Grund zu allem, und als
-wärest du an allem schuld. Ich kehrte damals zu dir zurück, denn ich
-wußte, auf deinem Tisch lag dein Dolch. Ich setzte mich und bat dich,
-dich gleichfalls zu setzen, und ich überlegte es mir noch eine Minute
-lang. Wenn ich dich aber getötet hätte, so wäre ich dieses Mordes wegen
-zugrunde gegangen, selbst wenn ich von meinem früheren Verbrechen nichts
-gesagt hätte. Doch daran dachte ich nicht und wollte ich auch in dieser
-Minute nicht denken. Ich haßte dich und wollte mich für alles an dir
-rächen. Aber Gott besiegte den Teufel in meinem Herzen. Wisse aber, daß
-du dem Tode nie näher gewesen bist.“
-
-Nach einer Woche starb er. Seinem Sarge folgte die ganze Stadt. Der
-Oberpriester hielt eine gefühlvolle Rede. Nach seinem Tode aber wandte
-sich die ganze Stadt gegen mich, man trieb es sogar so weit, daß man
-mich nicht mehr empfing. Einige wiederum, und zuerst waren es eben nur
-einige, später aber wurden es mehr und mehr, fingen an, seinen Aussagen
-zu glauben; sie kamen zu mir und fragten mich mit großer Neugier und
-Freude: der Mensch freut sich doch so über den Fall des Gerechten und
-dessen Schande. Ich aber schwieg und verließ bald darauf die Stadt. Nach
-fünf Monaten fand mich Gott für würdig, den einzigen festen und
-wunderbaren Weg zu betreten, und ich segnete den Fingerzeig, der mich
-auf diesen Weg gewiesen hatte. Doch seiner gedenke ich fortwährend, und
-ich schließe ihn bis auf den heutigen Tag in meine Gebete ein.
-
-
- III.
- Aus den Gesprächen und Predigten des Staretz Sossima
-
-
- e) Einiges über den russischen Mönch und seine Bedeutung
-
-Meine Väter und Lehrer, was ist ein Mönch? In unseren Tagen wird das
-Wort in der aufgeklärten Welt von einigen mit Spott, von anderen sogar
-als Schimpfwort gebraucht. Und leider, es ist nur zu wahr, es gibt unter
-den Mönchen viele Müßiggänger, Tagediebe, Wollüstlinge und gewöhnliche
-Landstreicher. Auf diese weisen die gebildeten weltlichen Leute hin:
-„Ihr seid Faulenzer und unnütze Glieder der Gesellschaft,“ sagen sie,
-„ihr lebt von fremder Arbeit und seid schamlose Bettler!“ Indessen gibt
-es doch so viele unter den Mönchen, die fromm und demütig sind, die die
-Einsamkeit suchen, und die nach Stille und Gebet verlangt. Auf diese
-weist man nicht hin, sondern übergeht sie mit Schweigen. Wie sehr aber
-werden sie sich wundern, wenn ich sage, daß von den Gebeten dieser
-Demütigen und nach Einsamkeit und Stille sich Sehnenden die Rettung
-Rußlands ausgehen wird. Denn in Wahrheit werden sie sich in der Stille
-vorbereitet haben „auf den Tag und die Stunde, auf den Monat und auf das
-Jahr“. Das Vorbild Christi bewahren sie herrlich und unverfälscht in
-seiner göttlichen Reinheit und Wahrheit dort in ihrer Einsamkeit auf, so
-wie es uns von unseren alten Kirchenvätern, Aposteln und Märtyrern
-überliefert worden ist, und wenn es nötig werden wird, so werden sie es
-der weltlichen, zusammenstürzenden Wahrheit entgegenstellen. Das ist ein
-großer Gedanke. Im Osten wird dieses Licht aufgehen.
-
-So denke ich über den Mönch, und sollte das wirklich falsch, sollte das
-wirklich anmaßend sein? Seht auf die Weltlichen und auf alle, die sich
-über das Gottesvolk erheben, ist in ihnen nicht die Wahrheit Gottes
-verloren gegangen? Sie haben die Wissenschaft und in der Wissenschaft
-nur das, was den Sinnen unterworfen ist. Die geistige Welt, die höhere
-erhabenere Hälfte des menschlichen Wesens, wird vollständig geleugnet
-und wird mit einer gewissen Genugtuung und sogar mit Haß ganz und gar
-abgeschafft. Besonders in letzterer Zeit hat die Welt die Freiheit
-proklamiert, aber was sehen wir in ihrer Freiheit? Nichts als Sklaverei
-und Selbstmord! Denn die Welt sagt: „Hast du Bedürfnisse, so befriedige
-sie, denn du hast dieselben Rechte wie die Reichen und Vornehmen.
-Fürchte dich nicht, sie zu befriedigen, sondern vermehre und steigere
-sie noch.“ Das ist die gegenwärtige Lehre der Welt. Darin sieht man
-jetzt die Freiheit. Und was ergibt sich aus diesem Recht auf die
-Vergrößerung der Bedürfnisse? Bei den Reichen die Isolierung und der
-geistige und seelische Selbstmord. Bei den Armen dagegen – Haß und
-Totschlag, denn die Ansprüche wurden ihnen allerdings gegeben, doch die
-Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse wurden ihnen nicht angewiesen.
-Man versichert, daß die Welt sich immer mehr vereinheitlichen und zu
-einer brüderlichen Gemeinschaft ausbilden werde dadurch, daß die
-Entfernung jetzt abgekürzt ist und der Gedanke durch die Luft vermittelt
-wird. Oh, glaubt nicht an diese Einheit der Menschen! Wenn man die
-Freiheit als Unbeschränktheit und schnelle Befriedigung seiner Wünsche
-auffaßt, so verdirbt man seine Natur, denn man ruft in sich eine Menge
-sinnloser und dummer Wünsche und Gewohnheiten hervor, und die
-alleralbernsten Einfälle. Man lebt nur, um sich gegenseitig zu beneiden,
-zur Befriedigung der Wollust und des Hochmuts. Diners, Ausfahrten,
-Equipagen, Auszeichnungen, Sklaven, Diener, Untergebene zu haben, wird
-zu einem so unumgänglichen Bedürfnis, daß man sogar sein Leben, seine
-Ehre, seine Menschenliebe opfert, nur um dieses Bedürfnis zu
-befriedigen, und man nimmt sich womöglich das Leben, wenn man das nicht
-mehr tun kann. Auch bei denjenigen, die nicht reich sind, sieht man
-dasselbe. Die Armen aber betäuben ihre unbefriedigten Wünsche und ihren
-Neid mit Branntwein. Es wird aber noch dahin kommen, daß diese sich,
-statt an Branntwein, an Blut betrinken werden. Jetzt frage ich euch: Ist
-denn solch ein Mensch frei? Ich kannte einen „Kämpfer für die Idee“, der
-mir selbst erzählte, daß er, als man ihm im Gefängnis den Tabak entzog,
-dermaßen durch diese Entbehrung gequält worden sei, daß er, wenn er
-gekonnt hätte, hingegangen wäre, um seine Idee „für Tabak“ zu verkaufen.
-Solch einer also „geht für die Menschheit kämpfen“. Wie weit geht er
-damit, und wozu ist er fähig? Vielleicht noch zu einer raschen Tat, denn
-Ausdauer wird er nie haben. Und ist das nicht merkwürdig, wie sie, statt
-in Freiheit zu kommen, in Sklaverei verfallen, und statt der Bruderliebe
-und der Einigung der Menschheit zu dienen, geraten sie im Gegenteil nur,
-wie in meiner Jugend mein geheimnisvoller Gast dies schon behauptete, in
-Vereinsamung und Isolierung. Daher stirbt in der Welt das Bewußtsein,
-daß man im Dienste der Menschheit steht, vollständig aus. Der
-Vorstellung von Brüderlichkeit und innerer Zusammengehörigkeit der
-Menschen begegnet man in Wahrheit nur mit Spott, denn wie sollen sie von
-ihren Gewohnheiten lassen? Wohin will so ein Unfreier mit all seinen
-unzähligen Bedürfnissen, die er sich selbst ausgedacht hat? Nur in die
-Isolierung führt es ihn! Und was hat er mit dem Ganzen zu schaffen?
-Erreicht haben sie damit nichts anderes, als daß sie an Besitz wohl
-reicher, an Freude aber ärmer geworden sind.
-
-Etwas anderes ist es mit der Laufbahn des Mönches. Über den Gehorsam,
-über Fasten und Gebet lacht man, während gerade in ihnen der Weg zur
-wirklichen und wahrhaften Freiheit zu finden ist. Ich vernichte in mir
-die überflüssigen und unnötigen Bedürfnisse, meinen selbstherrlichen und
-stolzen Willen geißle ich und bezwinge ich durch Gehorsam, und erreiche
-mit Gottes Hilfe die Freiheit des Geistes und mit ihr die
-Geistesfreudigkeit! Wer von ihnen wird fähiger sein, einer großen Idee
-zu dienen – der isolierte Reiche oder der von jeglicher Tyrannei seiner
-Gewohnheiten und seines Besitzes Befreite? Dem Mönche macht man seine
-Vereinsamung zum Vorwurf: „Du rettest dich in das Kloster, vergißt aber
-dabei, brüderlich deinem Mitmenschen zu dienen.“ Sehen wir doch zu, wer
-mehr Bruderliebe betätigt. Die Isolierung ist nicht bei uns, sondern bei
-ihnen, nur sehen sie das nicht ein. Von uns aber sind (und das schon von
-alters her) diejenigen gekommen, die für das Volk gewirkt haben, warum
-sollte es auch jetzt nicht solche unter uns geben? Unsere demütigen
-Faster und großen Schweiger werden sich erheben und große Taten
-vollführen. Vom Volke wird Rußlands Rettung kommen. Das russische
-Kloster war von jeher mit dem Volke. Wenn das Volk abgesondert lebt, so
-leben auch wir in der Absonderung. Das Volk glaubt auf unsere Weise, und
-eine ungläubige Kraft, sei sie noch so aufrichtigen Herzens und genialen
-Geistes, kann bei uns in Rußland nichts erreichen. Behaltet das. Das
-Volk, wenn es dem Atheisten begegnet, wird ihn bewältigen und wird sich
-als einiges rechtgläubiges Rußland gegen ihn aufrichten. Bewahrt das
-Volk und bewahrt sein Herz, in der Stille erzieht es. Das wäre die
-Aufgabe unseres Mönches, denn sein Volk ist das Gottträger-Volk.
-
-
- f) Einiges über Herren und Diener: Kann es zwischen Herr und Diener
- eine geistige Bruderschaft geben?
-
-Mein Gott, wer kann sagen, daß es im Volke keine Sünde gäbe! Die Flamme
-der Vernichtung und des Verderbens vergrößert sich sichtbar und
-stündlich. Auch ins Volk dringt die Isolierung: Wucherer und
-Freischlucker treten auf, der Händler und Kaufmann will immer mehr
-geehrt sein, bemüht sich, den Gebildeten zu spielen, ohne Bildung zu
-besitzen, und vernachlässigt darum mit Absicht die alten Volksbräuche
-und schämt sich des Glaubens seiner Väter. Er fährt zu Fürsten zum
-Besuch und ist dabei doch nichts anderes als ein verdorbener Bauer. Das
-Volk hat sich der Trunksucht ergeben: es ist durch sie wie angefault und
-kann sich nicht mehr davon losreißen. Wieviel Grausamkeit sehen wir
-oftmals im Verhalten des Mannes zu seiner Familie, seiner Frau und sogar
-den Kindern gegenüber: alles das kommt von der Trunksucht. In den
-Fabriken habe ich neunjährige Kinder gesehen, schwächlich, abgezehrt,
-gekrümmt und schon verdorben. Stickige Räume, das Getöse der Maschinen
-und den ganzen Gottestag über Arbeit, häßliche, unanständige Reden und
-Branntwein, Branntwein! Ist es denn das, was die Seele eines so kleinen
-Kindes bedarf? Es hat Sonne nötig und Spiele und in allem ein gutes
-Beispiel und Liebe, wenn auch nur ein Tröpfchen Liebe zu ihm. Auf daß es
-geschehe, Mönche, auf daß die Quälerei der Kinder aufhöre, erhebt euch
-schneller und predigt dagegen. Gott wird Rußland retten, denn wenn das
-Volk auch verdorben ist und sich von der Schande und Sünde nicht
-losmachen kann, so weiß der Einfache doch, daß Gott seine Sünde
-verflucht, und daß er schlecht handelt, wenn er sündigt. So daß unser
-Volk trotz allem unerschütterlich an die Wahrheit glaubt, Gott anbetet
-und über seine Sünden weint. Nicht so aber ist es bei den Höheren. Die
-wollen sich nach der Wissenschaft und nach ihrem eigenen Verstande, doch
-vor allem ohne Christus, hier auf Erden einrichten und behaupten daher,
-es gäbe kein Verbrechen, es gäbe keine Sünde. Und in ihrer Art haben sie
-auch recht: wenn es keinen Gott gibt, wie kann es dann ein Verbrechen
-geben? In Europa erhebt sich schon das Volk gegen die Reichen, und ihre
-Rädelsführer predigen die Gewalt und das Blutvergießen und behaupten,
-daß ihr Zorn ein gerechter sei. Doch verflucht sei ihr Zorn, denn er ist
-grausam, d. h. ohne Barmherzigkeit. Rußland aber wird Gott der Herr
-erretten, wie er es schon oft errettet hat. Aus dem Volk wird die
-Rettung kommen, aus seinem Glauben und seiner Demut. Meine Väter und
-Lehrer, bewahret den Glauben des Volkes, denn er ist kein leerer Traum:
-mein ganzes Leben lang bin ich von seiner Größe, von seiner herrlichen
-und aufrichtigen Würde ergriffen gewesen. Ich habe es selbst gesehen und
-habe gestaunt, ich kann es bezeugen trotz der Finsternis und des
-ärmlichen und unansehnlichen Aussehens unseres Volkes. Es ist nicht
-kriechend trotz seiner zwei Jahrhunderte langen Sklaverei, die es unter
-den Tataren durchgemacht hat. Frei ist sein Äußeres und sein Betragen,
-frei ist es, ohne einen dabei zu beleidigen. Und nie ist unser Volk
-rachsüchtig und nie neidisch. „Du bist bedeutend, bist reich, bist klug
-und talentvoll – möge Gott dich segnen. Ich achte dich, doch wisse, daß
-auch ich ein Mensch bin. Darin, daß ich dich neidlos achte, darin
-besteht meine eigene Menschenwürde vor dir.“ In Wahrheit ist es so, denn
-wenn sie sich auch nicht so auszudrücken verstehen, so handeln sie doch
-danach, ich selbst habe es gesehen, ich selbst habe es erfahren, und
-glaubet mir: je ärmer und niedriger unser russischer Mann ist, um so
-eher ist in ihm diese herrliche Wahrhaftigkeit zu finden. Die Reichen
-von ihnen, die Wucherer und Schmarotzer, sind auch schon verdorben, und
-vieles, vieles ist von unserer Unachtsamkeit und Nachlässigkeit
-gekommen. Aber Gott wird seine Kinder erretten, denn groß ist Rußland in
-seiner Demut. Ich träume von unserer Zukunft, und schon sehe ich sie
-emporsteigen. Und es wird so sein, daß unser verderbtester Reicher sich
-seines Reichtums vor dem Armen schämen wird, und der Arme wird seine
-Demut verstehen und wird ihm mit Freuden den Vorrang lassen, der ihm
-zukommt, und seine edle Scham mit Wohlwollen vergelten. Glaubet mir, so
-wird es enden; darauf geht es hinaus. Die Gleichheit besteht in der
-menschlichen, geistigen Würde, und das wird man nur bei uns verstehen.
-Wenn es Brüder gibt, dann wird es auch eine Brüderschaft geben, früher
-aber werden sie nie miteinander teilen. Das Vorbild Christi bewahren
-wir, und es wird wieder wie ein kostbares Juwel der ganzen Welt leuchten
-... Und also geschehe es!
-
-Meine Väter und Lehrer, ich erlebte einmal etwas sehr Rührendes. Auf
-meiner Wanderschaft traf ich in der Gouvernementsstadt K. meinen
-früheren Burschen Afanassij, den ich seit der Zeit, ungefähr seit acht
-Jahren, als wir auseinander gegangen waren, nicht wieder gesehen hatte.
-Er sah mich zufällig in einem Kaufhause, erkannte mich und stürzte auf
-mich zu. Mein Gott, wie lief er herbei, und wie freute er sich:
-„Väterchen, Herr sind Sie denn das wirklich? Täuschen mich nicht meine
-Augen?“ Er führte mich zu sich. Er hatte schon den Dienst verlassen, war
-verheiratet und hatte zwei Kinderchen. Er lebte mit seiner Frau von
-einem kleinen Kramladen, den sie im Kaufhause besaßen. Das Zimmerchen,
-in das er mich führte, war ärmlich, aber sauber und hell. Er nötigte
-mich, Platz zu nehmen, stellte den Ssamowar auf, schickte nach seiner
-Frau, ganz als ob es für ihn ein Feiertag wäre, daß ich zu ihm gekommen
-war. Er führte mir seine Kinder zu: „Segne sie, Väterchen,“ bat er. –
-„Kommt es mir einfachem demütigem Menschen denn zu, andere zu segnen,“
-antwortete ich ihm, „ich werde zu Gott für sie beten. Auch für dich,
-Afanassij Pawlowitsch, bete ich; seit jenem Tage bete ich täglich für
-dich zu Gott, denn durch dich ist alles so gekommen, wie es jetzt ist.“
-Und ich erklärte ihm das, so gut ich konnte. Wie war dem Menschen wohl
-zumute: er konnte immer noch nicht fassen, daß ich, der ich jetzt vor
-ihm in solch einer Gestalt und Kleidung stand, sein früherer Herr und
-sein junger Leutnant war. – Er fing sogar zu weinen an. „Warum weinst
-du,“ fragte ich ihn, „du unvergeßlicher Mensch, freuen sollte sich deine
-Seele über mich, mein Lieber, denn freudig und hell ist mein Weg.“ Viel
-sprach er nicht, aber er seufzte und schüttelte wehmütig den Kopf. „Wo
-ist denn Ihr Reichtum geblieben?“ Ich antwortete ihm: „Habe ihn dem
-Kloster gegeben, wir leben dort alle in Gemeinschaft.“ Nach dem Tee
-verabschiedete ich mich von ihnen, und plötzlich brachte er mir fünfzig
-Kopeken fürs Kloster, und was sehe ich, andere fünfzig Kopeken steckte
-er mir noch heimlich in die Hand und beeilte sich dabei zu sagen: „Das
-ist für Sie, den sonderbaren Wanderer, es kommt Ihnen vielleicht
-zustatten, Väterchen.“ Ich nahm das Geld, verbeugte mich vor ihm und vor
-seiner Frau und ging erfreut davon. Auf dem Wege dachte ich noch: „Jetzt
-werden wir beide, er bei sich und ich unterwegs, seufzen und lächeln, in
-der Freude des Herzens den Kopf wiegen, daran denkend, wie Gott uns
-zusammengeführt hat.“ Seit der Zeit habe ich ihn nicht wieder gesehen.
-Ich war sein Herr, er war mein Diener gewesen, nun aber, nachdem wir uns
-fromm und in Liebe geküßt hatten, hatte sich in uns die große
-Menschenvereinigung vollzogen. Ich habe viel darüber nachgedacht und
-jetzt frage ich mich: Ist es denn wirklich so undenkbar, daß diese große
-Einigung voll Herzenseinfalt sich einmal überall in unserem Rußland
-vollziehen könnte? Ich glaube daran, daß sie sich vollziehen wird, und
-daß die Zeit schon vor der Tür steht.
-
-Über die Diener füge ich aber noch folgendes hinzu: Früher in meiner
-Jugend ärgerte ich mich viel über sie: die Köchin hatte zu heiß
-angerichtet oder der Bursche die Kleider nicht genügend rein gebürstet.
-Aber plötzlich leuchtete der Gedanke meines lieben Bruders in mir auf,
-den ich in meiner Kindheit oftmals von ihm aussprechen gehört hatte:
-„Bin ich wert, daß ein anderer mich bedient, und habe ich das Recht, ihn
-wegen seiner Armut und Unwissenheit schlecht zu behandeln?“ Ich war
-erstaunt damals, wie die allereinfachsten und klarsten Gedanken uns so
-spät in den Sinn kommen. Ohne Diener kann die Welt nicht auskommen, aber
-du sollst so handeln, daß dein Diener freier im Geiste ist, als er wäre,
-wenn er nicht dein Diener sein würde. Und warum soll ich nicht meinem
-Diener ein Diener sein, und zwar so, daß er fühlt, daß ich es ohne
-jeglichen Stolz oder Hochmut meinerseits bin – und ohne in ihm Mißtrauen
-zu erwecken? Warum soll ich zu meinem Diener nicht sein wie zu einem
-Verwandten, und warum soll ich ihn nicht ganz in meine Familie aufnehmen
-und mich dessen freuen? Das ist auch jetzt schon ausführbar und würde
-zur Grundlage der großen zukünftigen Einigung der Menschen dienen, in
-der der Mensch sich keine Diener suchen und nicht mehr wünschen wird,
-seinesgleichen sich dienstbar zu machen, wie er jetzt tut, sondern im
-Gegenteil, aus allen Kräften wünschen wird, allen ein Diener nach dem
-Evangelium zu werden. Und ist das wirklich nur ein Traum, daß der Mensch
-schließlich seine Freude in Fortschritten der Erleuchtung und
-Mildtätigkeit finden wird und nicht an den grausamen Freuden der
-Üppigkeit, Unzucht, Hoffart, Prahlerei und in der Überhebung des einen
-über den anderen? Ich glaube fest daran, daß diese Zeit nicht mehr fern
-ist. Man wird wohl lachend fragen: wann wird denn diese Zeit kommen, und
-wird sie dann auch diesem Traume ähnlich sein? Ich aber denke, daß wir
-mit dem Vorbild Christi diese große Tat vollführen werden. Wieviel Ideen
-gibt es doch auf der Erde und in der Geschichte der Menschheit, die noch
-vor zehn Jahren undenkbar waren, und die doch plötzlich auftauchten, als
-für sie die geheimnisvolle Stunde geschlagen hatte, und die sich dann
-über die ganze Erde verbreiteten. So wird es auch bei uns sein, unser
-Volk wird die Welt erleuchten, und die ganze Welt wird sagen: „Der
-Stein, den die Baumeister verwarfen, ist zum Eckstein geworden.“ Und die
-Spötter sollte man fragen: Wenn das bei uns nur Träume sein sollen, wie
-werdet ihr dann euer Gebäude nur mit eurem Verstande und ohne Christus
-aufbauen? An ihre Versicherung, daß auch sie auf ihrem Wege schließlich
-zur Einigung der Menschheit gelangen werden, glauben in Wahrheit nur die
-Einfältigsten unter ihnen, und über diese Einfältigkeit kann man sich
-wirklich nur wundern, denn wahrlich ihre phantastischen Träume bauen
-sich auf keiner einzigen Tatsache auf. Sie denken alles ohne Christum
-gerecht aufzubauen, aber sie werden damit enden, daß sie die Welt mit
-Blut überschwemmen, denn Blut schreit nach Blut, und das Schwert wird
-nur durch das Schwert vergehen. Und wenn die Verheißung Christi nicht
-wäre, so würden sie sich auf Erden gegenseitig bis auf die zwei letzten
-Menschen vertilgen. Auch diese letzten Zwei würden nicht verstehen, sich
-in ihrem Stolze zu bändigen, so daß der Letzte den Vorletzten vernichten
-würde und zuletzt sich selbst. So würde es geschehen, wenn die Welt
-nicht durch die Verheißung Christi um der Frommen und Demütigen willen
-erhalten bliebe. Damals nach dem Duell, sprach ich, noch in der
-Offiziersuniform, in der Gesellschaft einmal über diese Frage, und ich
-erinnere mich, alle waren sie erstaunt über mich: „Was, sollen wir
-unsere Dienstboten auf das Sofa setzen und ihnen den Tee reichen?“ Ich
-gab ihnen aber zur Antwort: „Warum denn nicht, und wenn es auch nur ein
-einziges Mal geschieht?“ Sie lachten darüber. Ihre Frage war
-leichtsinnig, und meine Antwort war unklar, aber ich denke, etwas Wahres
-war doch in ihr enthalten.
-
-
- g) Vom Gebet, von der Liebe und von der Berührung mit anderen Welten
-
-Jüngling, vergiß nicht das Gebet. Jedesmal, wenn dein Gebet aufrichtig
-ist, taucht eine neue Empfindung in dir auf und mit ihr ein neuer
-Gedanke, den du früher nicht gekannt hast; er wird dich von neuem
-stärken, und du wirst begreifen, daß Gebet Erziehung ist. Vergiß auch
-nicht, jeden Tag und so oft du nur kannst, also zu beten: „Herr, erbarme
-dich aller, die vor dich hintreten.“ Denn in jeder Stunde und in jedem
-Augenblick verlassen Tausende von Menschen ihr Leben auf dieser Erde,
-und ihre Seelen treten vor Gott – und viele von ihnen scheiden einsam
-von dieser Erde, von niemand gekannt, in Kummer und Trauer, daß sich
-niemand um sie bekümmert, ja, nicht einmal gewußt hat, ob sie gelebt
-haben oder nicht. Und siehe, vom anderen Ende der Welt erhebt sich dein
-Gebet zu dem Herrn und bittet um die Seelenruhe des Verlassenen,
-obgleich du ihn nicht kanntest und er nicht dich. Wie wird es aber
-seiner Seele sein, wenn er in dem Augenblick, da er in Furcht vor Gott
-steht, fühlt, daß auch für ihn jemand betet, und daß auf der Erde ein
-menschliches Wesen lebt, das auch ihn lieb hat? Ja, und auch Gott wird
-milde auf euch beide schauen, denn hast selbst du mit ihm Mitleid, um
-wieviel mehr wird er Mitleid haben, der so unendlich viel mildtätiger
-und mitleidiger ist als du? Und er wird ihm vielleicht um deinetwillen
-vergeben. Brüder, vor der Sünde der Menschen schreckt nicht zurück,
-liebet den Menschen auch in seiner Sünde, denn das ist das Ebenbild der
-göttlichen Liebe und das Höchste der Liebe. Liebet die ganze Schöpfung
-Gottes, das ganze All, wie jedes Sandkörnchen. Jedes Blättchen, jeden
-Strahl Gottes liebet. Liebet die Tiere, liebet jegliches Gewächs und
-jegliches Ding. Wenn du jedes Ding lieben wirst, so wird sich dir das
-Geheimnis Gottes in den Dingen offenbaren. Ist dir dies offenbar
-geworden, so wirst du jeden Tag immer mehr und mehr die Wahrheit
-erkennen. Und schließlich wirst du die ganze Welt mit allumfassender
-Liebe umspannen. Liebet die Tiere, denn Gott hat ihnen den Urgrund des
-Denkens und harmlose Freudigkeit verliehen. Stört sie nicht, quält sie
-nicht, nehmet ihnen nicht die Freude, handelt dem Gedanken Gottes nicht
-zuwider. Der Mensch überhebe sich nicht den Tieren gegenüber, sie sind
-sündlos, du aber, Mensch, mit deiner Größe, du versetzest mit deinem
-Erscheinen die Erde in Fäulnis und läßt Spuren der Verwesung hinter dir,
-und leider tut das fast jeder von uns! Besonders liebet aber die Kinder,
-denn sie sind sündlos wie Engel. Sie leben zu unserer Freude, zur
-Reinigung unserer Herzen als Hinweis und Beispiel für uns. Wehe dem, der
-ein Kind kränkt. Mich lehrte der Pater Anfim die Kinder lieben; er ist
-gut und schweigsam. Auf unserer Wanderschaft kaufte er ihnen für die
-wenigen Kopeken, die man ihm schenkte, Pfefferkuchen und Zuckerwerk; er
-konnte an ihnen nicht vorübergehen, ohne daß sein Herz erbebte. So ist
-der Mensch. Vor gar manchem Gedanken bleibt man im Zweifel befangen
-stehen, besonders wenn man die Sünden der Menschen sieht, und man fragt
-sich: „Soll man es mit Gewalt anfassen oder mit demütiger Liebe?“
-Entscheide dich immer für „demütige Liebe.“ Wenn du dich ein für allemal
-dazu entschlossen hast, so wirst du die ganze Welt bezwingen. Die
-„demütige Liebe“ ist eine furchtbare Kraft; sie ist die allergrößte
-Kraft, und ihresgleichen gibt es nicht. Jeden Tag, jede Stunde und jede
-Minute gib acht auf dich, damit dein Antlitz rein sei. Wenn du böse mit
-einem schlechten Wort und haßerfüllter Seele an einem Kinde vorbeigehst,
-das du vielleicht nicht einmal beachtet hast, und es sieht dein
-häßliches und verzerrtes Antlitz – siehe, so prägt es sich in sein
-schutzloses Herzchen ein. Du weißt es nicht einmal und hast doch
-Schlechtes in sein Herz gesät, und der schlechte Same wird aufgehen, und
-das alles nur, weil du in der Gegenwart des Kindes nicht auf dich acht
-gegeben hast, und weil du keine umsichtige und tatkräftige Liebe in
-deinem Herzen hegtest. Brüder, die Liebe ist eine große Lehrerin, man
-muß verstehen, sie zu erwerben; das aber ist sehr schwer – man muß sie
-teuer erkaufen durch lange andauernde Arbeit, denn nicht zufällig und
-auf einen Augenblick muß man lieben, sondern fortwährend und ewig.
-Zufällig kann jeder lieben, sogar der Bösewicht kann zufällig lieben.
-Mein Bruder bat die Vöglein um Verzeihung. Das scheint einem sinnlos,
-und doch tat er recht, denn alles ist wie ein Ozean, alles fließt und
-berührt sich. An einem Ende der Welt verursachst du eine Bewegung, und
-am anderen Ende der Welt hallt sie wider. Mag es sinnlos sein, die
-Vöglein um Verzeihung zu bitten, doch den Vögeln, den Kindern, ja, allen
-Tieren wäre es leichter in deiner Nähe, wenn du selbst besser und
-begeisterter wärest, und wenn auch nur um ein wenig mehr als sonst.
-Alles ist wie ein Ozean, sage ich euch. Wärest du besser, so würdest du
-auch zu den Vöglein beten, in Begeisterung und Verzückung, gequält von
-deiner allumfassenden Liebe, und du würdest bitten, daß sie dir deine
-Sünde verzeihen. Halte fest deine Begeisterung, wie sinnlos sie den
-Menschen auch scheine.
-
-Meine Freunde, bittet Gott um Fröhlichkeit, seid fröhlich wie die
-Kinder, wie die Vögel des Himmels. Und die Sünde der Menschen soll euch
-nicht bekümmern in eurer Tätigkeit, und fürchtet euch nicht, daß sie
-euch an der Vollendung eurer Tat hindern könnte, saget nicht: „Stark ist
-die Sünde, stark ist die Ehrlosigkeit, stark ist die schlechte Umgebung,
-wir stehen allein und sind machtlos, die schlechten Einflüsse werden uns
-verderben und uns an der Vollendung unseres guten Werkes hindern.“ Laßt
-solch eine Verzagtheit fern von euch sein, meine Kinder! Dafür gibt es
-nur eine Rettung. Mache dich selbst für die Sünden der Menschen
-verantwortlich. Ja, mein Freund, es ist in Wahrheit so, wenn du dich nur
-aufrichtig für alle und alles verantwortlich machst, so wirst du auch
-einsehen, daß es in der Tat so ist, daß du allen gegenüber für alle
-schuldig bist. Wenn du aber deine Faulheit und deine Ohnmacht den
-Menschen zur Last legst, so wirst du in satanischen Hochmut verfallen
-und wider Gott murren. Vom satanischen Hochmut denke ich folgendes: Es
-ist schwer, ihn hier auf Erden immer zu erkennen, darum können wir ihm
-so leicht verfallen, selbst wenn wir meinen, groß und gut zu handeln.
-Ja, viele der stärksten Regungen und Gefühle unserer Natur können wir,
-solange wir auf Erden sind, nicht durchschauen und erkennen, aber lasse
-dich nicht verführen zu denken, daß das zu deiner Rechtfertigung dienen
-könnte, denn der ewige Richter fragt dich nicht nach dem, was du nicht
-erreichen, sondern nach dem, was du erreichen konntest. Du wirst dich
-noch selbst davon überzeugen, wenn du das berücksichtigst, und du wirst
-alles richtig erkennen und mit niemandem mehr hadern. Wahrlich wir irren
-auf der Erde herum, und wenn wir das Vorbild Christi nicht hätten, so
-würden wir uns gänzlich verirren und schließlich umkommen wie das
-Menschengeschlecht vor der Sintflut. Vieles auf der Erde ist uns
-verborgen, dafür ist uns aber das geheimnisvolle Bewußtsein der
-lebendigen Bande mit einer anderen Welt verliehen, mit einer höheren und
-erhabeneren Welt, denn unsere Gedanken und Gefühle hier auf Erden
-wurzeln in anderen Welten. Darum behaupten auch die Philosophen, daß man
-das Wesen der Dinge hier auf Erden nicht erkennen könne. Gott nahm die
-Samen, die er auf unsere Erde säte, aus anderen Welten, und es erwuchs
-ihm sein Garten, und alles ist aufgegangen, was aufgehen konnte, und
-alles, was wahrhaft lebendig ist, ist nur durch das Bewußtsein der
-Berührung mit den anderen geheimnisvollen Welten lebendig; wenn sich
-dieses Gefühl abschwächt, oder wenn es abstirbt, so stirbt auch das
-Lebendige in dir. Dann wirst du auch dem Leben gegenüber gleichgültig
-und kannst es sogar hassen. Also denke ich.
-
-
- h) Kann man Richter über seinesgleichen sein? Vom Glauben bis ans
- Ende
-
-Vergiß vor allem nicht, daß du niemandes Richter sein kannst. Es kann
-niemand auf Erden eher ein Richter eines Verbrechers sein, als bis er
-eingesehen hat, daß er genau solch ein Verbrecher ist wie dieser, der
-vor ihm steht, und daß er am Verbrechen des vor ihm Stehenden mehr als
-Alle schuld ist. Wenn er das erkannt hat, dann erst kann er Richter
-sein. Wie unsinnig das auch scheinen mag, so ist es doch die einzige
-Wahrheit. Denn wäre ich selbst gerecht, so stünde vielleicht vor mir
-kein Verbrecher. Vermagst du aber das Verbrechen des vor dir stehenden
-und des von deinem Herzen verurteilten Verbrechers auf dich zu nehmen,
-so tue es, ohne zu zögern, und leide für ihn; ihn selbst aber entlasse
-ohne jegliche Vorwürfe. Und wenn das Gesetz dich selbst zum Richter über
-ihn bestimmt, so sollst du in diesem Sinne wirken, denn er wird
-fortgehen und sich viel bitterer noch verurteilen, als das Gericht es
-vermocht hätte. Geht er aber deiner Güte unempfindlich fort und lacht er
-über dich, so ärgere dich nicht darüber, denn das bedeutet nur, daß
-seine Zeit noch nicht gekommen ist. Und sollte sie auch nie für ihn
-kommen, so ist es gleichgültig. Wenn nicht er, so wird ein anderer
-erkennen und erleiden und wird sich selbst verurteilen und beschuldigen,
-und so wird dem Recht Genüge getan werden. Glaube daran, glaube
-unverbrüchlich daran, denn gerade hierin liegt die ganze Zuversicht und
-der ganze Glaube der Heiligen.
-
-Wirke unermüdlich. Wenn du in der Nacht aus dem Schlafe erwachst und dir
-sagen mußt: „Ich habe nicht getan, was ich hätte tun sollen,“ so erhebe
-dich sofort und tue es. Wenn dich böse und gefühllose Menschen umgeben
-und über dich lachen und dich nicht hören wollen, so falle vor ihnen
-nieder und bitte sie um Vergebung, denn du bist in Wahrheit selbst
-schuld daran, daß sie dich nicht anhören wollen. Wenn du aber mit den
-Verbitterten nicht mehr reden kannst, so diene ihnen schweigend und in
-Demut, ohne je deine Hoffnung zu verlieren. Wenn aber alle dich
-verlassen und mit Gewalt dich von sich stoßen und dich von allem
-ausschließen, so falle zur Erde nieder und küsse die Erde, netze sie mit
-deinen Tränen, und die Erde wird aus deinen Tränen Frucht bringen,
-obgleich dich niemand gesehen noch gehört hat in deiner Einsamkeit.
-Glaube bis ans Ende, und wenn es auch sein sollte, daß alle sich vom
-Glauben abwendeten und nur du allein treu bliebest, so bringe auch dann
-deine Opfer und lobe Gott. Und wenn sich dann noch einer wie du zu dir
-gesellt – siehe, dann ist bei euch die ganze Welt, die Welt der
-lebendigen Liebe: umarmt euch beide in Begeisterung und lobet Gott,
-denn, wäre es auch nur in euch beiden, so hat sich doch die Wahrheit
-Gottes bewährt.
-
-Wenn du selbst sündigst und zu Tode betrübt bist wegen deiner Sünden,
-oder wenn du plötzlich in Sünde verfällst, so freue dich über den
-anderen, über den Gerechten, freue dich, daß, während du sündigtest, er
-gerecht blieb.
-
-Wenn die Bosheit der Menschen dich bis zum Unmut und unerträglichen
-Kummer aufreizt, so daß in dir der Wunsch sich erhebt, Rache an den
-Bösewichtern zu nehmen, so fürchte dich am meisten vor diesem Gefühl,
-gehe sofort und suche dir Qualen, als wenn du allein an der Bosheit der
-Menschen schuldig wärest. Nimm die Qualen auf dich und erleide sie, und
-dein Herz wird sich beruhigen, und du wirst verstehen, daß du selbst
-schuld hast, denn du hättest als einziger Reiner den Bösewichtern
-leuchten können, und du hast nicht geleuchtet. Wenn du aber hättest
-leuchten können, so hättest du mit deinem Licht anderen den Weg
-erleuchtet, und derjenige, der die böse Tat vollführt hat, hätte sie in
-deinem Lichte unterlassen. Und selbst, wenn du ihnen geleuchtet hättest,
-und wenn du siehst, daß du die Menschen mit deinem Licht nicht retten
-kannst, so verzweifle nicht an der Kraft des himmlischen Lichtes; glaube
-daran, daß es sie, wenn nicht jetzt, so doch später retten wird. Wenn
-aber auch sie nicht gerettet werden, so werden es ihre Kinder, denn dein
-Licht stirbt nicht, wenn auch du schon gestorben bist. Der Gerechte geht
-dahin, doch sein Licht bleibt. Sie bekehren sich ja immer erst nach dem
-Tode des Bekehrers. Das Menschengeschlecht erkennt seine Propheten nicht
-an und läßt sie umkommen, aber seine Märtyrer liebt es und diejenigen,
-die seinetwegen gepeinigt wurden. Du arbeitest für das Ganze, du
-schaffst für das Kommende. Lohn suche du nie, denn ohnehin ist dein Lohn
-hier auf Erden groß: diese Freudigkeit im Geiste erlangt nur der
-Gerechte. Fürchte nicht den Vornehmen und nicht den Mächtigen, und sei
-immer ein Weiser und Begeisterter.
-
-Halte Maß und halte die Frist ein und lerne erkennen. Wenn du allein
-bleibst, so bete. Liebe die Erde und bedecke sie mit deinen Küssen.
-Küsse die Erde unermüdlich, liebe unersättlich, liebe alle und liebe
-alles, suche die Begeisterung und die Ekstase der Liebe. Benetze die
-Erde mit deinen Tränen der Freude und liebe diese deine Tränen. Und
-halte diese deine Begeisterung hoch, denn sie ist ein großes Geschenk
-Gottes, das nicht vielen verliehen wird, sondern nur den Auserwählten.
-
-
- i) Von der Hölle und vom höllischen Feuer.
- Eine mystische Betrachtung
-
-Meine Väter und Lehrer, was ist die Hölle? Ich denke, sie ist der
-Schmerz darüber, daß man nicht mehr zu lieben vermag. Nur einmal wird im
-unendlichen Sein, außerhalb von Zeit und Raum, einem geistigen Wesen mit
-seinem Erscheinen auf der Erde die Fähigkeit verliehen, sich zu sagen:
-„Ich bin, und ich liebe.“ Einmal, nur einmal war ihm der Augenblick
-tätiger, lebendiger Liebe und dazu ein Leben hier auf Erden gegeben
-worden, und mit ihm Zeit und Gelegenheit. Dieses glückliche Wesen aber
-wies diese unschätzbare Gabe von sich, schätzte sie nicht, liebte nicht,
-spottete der Liebe und blieb gefühllos. Nachdem dieses Wesen gefühllos
-von der Erde geschieden war, schaute es Abrahams Schoß und redete mit
-Abraham, wie uns das Gleichnis vom Reichen und von Lazarus lehrt, und
-schaute das Paradies und konnte zum Herrn eingehen. Da fing es den
-Abgeschiedenen zu quälen an, daß er zum Herrn kommt, ohne geliebt zu
-haben, und mit denen zusammen treffen muß, die er zu lieben verschmäht
-hatte. Denn nun sah er klar und sagte zu sich selbst: „Jetzt habe ich
-die Erkenntnis, aber wie es mich auch dürstet zu lieben, ich kann meine
-Liebe jetzt doch nicht mehr betätigen, kann ihr kein Opfer mehr bringen,
-denn mein Erdenleben ist nun zu Ende, und Abraham wird nicht kommen, um
-auch nur mit einem Tropfen lebendigen Wassers (das wäre die Verleihung
-des früheren tätigen Erdenlebens) die Flamme meines Liebesdurstes zu
-kühlen, in der ich jetzt brenne, nachdem ich auf Erden zu lieben
-verschmäht hatte. Zeit und Leben gibt es jetzt nicht mehr. Froh wäre
-ich, mein Leben für andere hinzugeben, aber auch das kann ich ja nicht
-mehr, denn vorüber ist dieses Leben, das ich der Liebe hätte zum Opfer
-bringen können, und jetzt liegt ein Abgrund zwischen jenem Leben und
-diesem Sein.“ Man spricht vom Höllenfeuer im materiellen Sinne; ich will
-dieses Mysterium nicht erforschen und fürchte mich davor, aber wenn es
-wirklich eine materielle Flamme geben sollte, so könnte man sich in
-Wahrheit darüber freuen, denn ich denke daß eine physische Qual doch auf
-einen Augenblick die viel schrecklichere geistige Qual vergessen macht.
-Und die Menschen von dieser seelischen Qual zu erlösen, das ist
-unmöglich, denn es ist keine äußere, sondern eine innere Qual. Und wenn
-es möglich wäre, sie ihnen zu nehmen, so, denke ich, würden sie nur noch
-bitterer leiden. Denn wenn die Gerechten aus dem Paradiese beim Anblick
-ihrer Qualen ihnen auch verzeihen und sie in ihrer unendlichen Liebe zu
-sich nehmen würden, so würden sie damit ihre Qualen nur vergrößern und
-die Flamme ihres Durstes nach tätiger Liebe, die ihnen nicht mehr
-möglich ist, nur noch anfachen. In der Schüchternheit meines Herzens
-denke ich indessen, daß gerade das Bewußtsein dieser Unmöglichkeit ihnen
-schließlich zur Erleichterung dienen müßte, denn indem sie die Liebe der
-Gerechten, ohne sie erwidern zu können, annehmen müssen, werden sie in
-ihrer Demut und Ergebung ein Abbild der tätigen Liebe, die sie auf der
-Erde verschmäht haben, oder eine ihr ähnliche Betätigung finden ... Ich
-bedaure es, meine Brüder und Freunde, daß ich mich darüber nicht klarer
-auszudrücken vermag, aber wehe denen, die auf Erden sich selbst
-vernichteten, wehe den Selbstmördern! Ich denke, unglücklicher als diese
-kann keiner mehr werden. Uns wird verboten, für sie zu beten, und die
-Kirche wendet sich öffentlich von ihnen ab. Ich aber denke im Geheimen
-meiner Seele, daß man auch für sie beten kann. Um der Liebe willen wird
-Christus nicht zürnen. Für diese habe ich innerlich mein ganzes Leben
-lang gebetet, das vertraue ich euch an, meine Väter und Lehrer, und noch
-jetzt bete ich für sie jeden Tag.
-
-Oh, in der Hölle gibt es auch solche, die stolz und grausam gelebt
-haben, trotz ihrer Erkenntnis der ganzen Wahrheit; sie sind furchtbar,
-die sich ganz und gar und auf immer dem Satan ergeben haben, und seinem
-stolzen Geiste. Für diese ist die Hölle etwas Freiwilliges und
-Unersättliches; sie sind aus eigenem freien Willen Märtyrer, und sie
-verfluchen sich selbst, indem sie Gott und das Leben verfluchen. Sie
-nähren sich von ihrem böswilligen Hochmut, wie ein Verhungernder in der
-Wüste sein Blut aus dem eigenen Körper aussaugt. Sie sind unersättlich
-bis in alle Ewigkeit. Sie weisen die Vergebung Gottes zurück und fluchen
-Gott, der sie ruft. Den lebendigen Gott können sie nicht ohne Haß
-erkennen, und sie verlangen, daß man das Leben Gottes vernichte, daß
-Gott sich selbst und seine ganze Schöpfung vernichte. Und sie werden
-ewig im Feuer ihres Zornes schmachten und nach Tod und Nichtsein
-verlangen. Doch nie wird der Tod ihnen Erlösung bringen.
-
-Hier endigt die Handschrift Alexei Fedorowitsch Karamasoffs. Ich
-wiederhole, daß sie nicht vollständig, sondern nur bruchstückartig ist.
-Die lebensgeschichtlichen Nachrichten umfassen nur die erste Jugend des
-Staretz. Seine Bekenntnisse und Meinungen sind wohl zu einem Ganzen
-zusammengestellt, doch sind sie zu ganz verschiedenen Zeiten und bei
-verschiedenen Anlässen ausgesprochen worden. Alles, was der Staretz in
-seinen letzten Stunden geredet hat, ist nicht Wort für Wort
-wiedergegeben. Man erhält nur einen Begriff von Geist und Art seiner
-Unterhaltung, der sich aus dem Zusammenhange mit seinen früheren
-Gesprächen, die in der Handschrift Alexei Fedorowitschs angegeben sind,
-ganz von selbst ergibt. Der Tod des Staretz kam in der Tat ganz
-unerwartet. Wenn auch alle, die an jenem Abend versammelt waren, wußten,
-daß sein Tod nahe war, so hatten sie doch keineswegs erwartet, daß er so
-plötzlich eintreten werde. Im Gegenteil, seine Freunde waren, wie ich
-schon vorhin bemerkte, überzeugt, da sie ihn in dieser Nacht so munter
-und gesprächig sahen, daß sein Gesundheitszustand sich gebessert habe,
-und wäre es auf kurze Zeit. Wie sie später mit Verwunderung berichteten,
-hatten sie noch fünf Minuten vorher sein nahes Ende nicht geahnt. Doch
-plötzlich fühlte er, sagten sie, einen starken Schmerz in der Brust: er
-erbleichte und preßte seine Hand aufs Herz. Alle erhoben sich von ihren
-Plätzen und drängten sich zu ihm heran; er aber, obgleich er litt, sah
-sie noch alle mit einem Lächeln an, ließ sich vom Sessel auf den
-Fußboden gleiten und kniete nieder; darauf beugte er sein Haupt bis auf
-die Erde, breitete die Arme aus, und als hätte er in freudiger
-Begeisterung die Erde geküßt und dazu gebetet, wie er selbst gelehrt
-hatte, so ging sein Geist ruhig und freudig in die Ewigkeit ein. Die
-Nachricht von seinem Tode verbreitete sich sofort in der Einsiedelei und
-gelangte auch ins Kloster. Diejenigen, die ihm am nächsten gestanden,
-und diejenigen, denen es ihrem Range nach zukam, kleideten die Leiche
-nach altem Brauch. Die ganze Brüderschaft versammelte sich darauf in der
-Hauptkirche. Und schon vor Tagesanbruch hatte sich das Gerücht vom Tode
-des Staretz auch in der Stadt verbreitet. Schon am Morgen sprach die
-ganze Stadt vom Ereignis, und eine Menge Menschen strömte hin zum
-Kloster. Aber davon will ich im nächsten Buche erzählen, jetzt jedoch
-möchte ich nur im voraus erwähnen, daß noch nicht ein Tag vergangen war,
-als sich etwas ganz Unerwartetes ereignete, etwas, das im Kloster wie in
-der Stadt einen so sonderbaren Eindruck hinterließ, daß man selbst jetzt
-noch, nach so vielen Jahren, in unserem Städtchen eine außerordentlich
-lebhafte Erinnerung an diesen für viele so aufregenden Tag bewahrt.
-
-
-
-
- Siebentes Buch. Aljoscha
-
-
- I.
- Der Verwesungsgeruch
-
-Die Leiche des entschlafenen Staretz Sossima wurde zur Bestattung in der
-vorgeschriebenen Weise hergerichtet. Die verstorbenen Mönche und
-Einsiedler werden bekanntlich nicht gewaschen, denn es heißt im großen
-Ritualbuch: „Wenn jemand von den Mönchen zum Herrn eingeht, so reibe der
-dazu auserwählte Mönch den Körper des Entschlafenen mit warmem Wasser
-ab, wobei er mit dem Schwamme (mit einem griechischen Schwamme) auf die
-Stirn, auf die Brust, auf die Hände, Füße und Knie des Verstorbenen das
-Zeichen des Kreuzes mache, und das sei alles.“ Beim Staretz Sossima
-verrichtete diesen letzten Liebesdienst Pater Paissij eigenhändig. Nach
-der Abreibung zog er ihm das Mönchsgewand an und legte ihm den
-Priestermantel um, wozu er diesen, wie es die Vorschrift verlangt, etwas
-einschnitt, um damit die Leiche kreuzweise umwickeln zu können. Über den
-Kopf der Leiche zog er die Kapuze mit dem achtarmigen Kreuz. Doch wurde
-die Kapuze offen gelassen und das Gesicht mit schwarzem Flor bedeckt. In
-die Hände des Entschlafenen legte man ein Bild des Heilands. So wurde er
-gegen Morgen in seinen Sarg gebettet, der schon lange für ihn bereit
-gestanden hatte. Den Sarg beabsichtigte man aber den ganzen Tag in der
-Zelle stehen zu lassen, in demselben ersten größeren Zimmer, in dem der
-Verstorbene seine Gäste empfangen hatte. Da der Staretz ein höheres
-Gelübde als die anderen Priestermönche abgelegt hatte, so mußten diese
-wie auch die Priesterdiakonen an seinem Sarge nicht die Psalmen, sondern
-die Evangelien lesen. Gleich nach der Seelenmesse begann Pater Jossiff
-mit dem Lesen, da Pater Paissij den ganzen Tag und die ganze Nacht lesen
-wollte. Vorläufig jedoch war er sowohl, wie der Vorsteher der
-Einsiedelei, zu beschäftigt und mit anderem in Anspruch genommen. Es tat
-sich nämlich, je länger desto mehr, unter den Klosterbrüdern und auch
-unter den Weltlichen, die aus der Stadt in Scharen herbeiströmten, eine
-außergewöhnliche, ja sogar unerhört „ungebührliche“ Aufregung und
-ungeduldige Erwartung kund. Der Vorsteher und Pater Paissij taten alles,
-um die erregten Gemüter zu beruhigen. Als es Tag wurde, kamen aus der
-Stadt sogar Kranke, die noch andere Kranke herbeischleppten, besonders
-ihre kranken Kinder, als hätten sie dazu gerade diesen Tod abgewartet.
-Augenscheinlich hofften sie auf eine Heilkraft, die, wie sie glaubten,
-nicht ausbleiben und sich vielleicht unverzüglich nach dem Verscheiden
-des Staretz an seinem Sarge kundtun werde. Da sah man denn wieder
-einmal, wie sich alle bei uns daran gewöhnt hatten, den entschlafenen
-Staretz schon bei Lebzeiten für einen unzweifelhaft großen Heiligen zu
-halten. Und es waren das durchaus nicht nur Leute aus dem einfachen
-Volke, die mit ihren Kranken ankamen. Diese ungeheure Erwartung der
-Gläubigen äußerte sich fast wie eine Forderung, und zwar so unverhohlen,
-daß sie für Pater Paissij geradezu etwas Anstößiges hatte. Wohl hatte er
-Ähnliches vorausgefühlt. Aber dieser Andrang übertraf denn doch seine
-Erwartungen. Den aufgeregten Mönchen, denen er begegnete, sagte er daher
-mit ernstem Tadel: „Die Erwartung eines höheren Ereignisses so
-unverhohlen zu zeigen, ist eine Leichtfertigkeit, die höchstens bei
-einem Weltlichen verzeihlich wäre, sich für uns aber nicht geziemt.“
-Doch man hörte wenig auf ihn, was er selbst sehr gut merkte und sich
-auch mit Unruhe im Herzen eingestand. Auch mußte er sich sagen, und es
-wäre nicht recht, dies hier zu verheimlichen, daß er bei sich in der
-Tiefe seines Herzens fast dasselbe erwartete, obschon er in der allzu
-aufdringlichen Erwartung der anderen nichts als Leichtsinn sah. Einige
-von den Gesichtern, die er in der Zelle erblickte, waren ihm ganz
-besonders unangenehm; sie erweckten in ihm ein gewisses Vorgefühl und
-peinliche Bedenken. So bemerkte er in der Zelle des Entschlafenen unter
-den sich herbeidrängenden Klosterbrüdern geradezu mit einem seelischen
-Widerwillen (worüber er sich selbst Vorwürfe machte) die Anwesenheit
-Rakitins und des Mönches aus dem fernen Obdorskschen Kloster, der sich
-immer noch bei ihnen aufhielt; alle beide schienen sie dem Pater
-irgendwie verdächtig, obgleich sie nicht die einzigen waren, die man
-hätte verdächtigen können. Der Obdorsksche Mönch fiel unter den übrigen
-Aufgeregten durch seine ganz besondere Geschäftigkeit auf: man konnte
-ihn überall antreffen, und überall hatte er etwas zu fragen und zu
-horchen, überall flüsterte er etwas mit geheimnisvoller Miene. Der
-Ausdruck seines Gesichtes war ungeduldig, und er schien sehr ungehalten
-darüber zu sein, daß das Erwartete noch immer nicht eintraf. Was aber
-Rakitin anbelangt, so war er im besonderen Auftrage Frau Chochlakoffs so
-früh in der Einsiedelei erschienen. Diese gute, doch leider
-charakterschwache Dame, die in die Einsiedelei nicht zugelassen werden
-konnte, war, als sie kaum erwacht und die Nachricht vom Tode des Staretz
-vernommen hatte, von einer so unbezwingbaren Neugier ergriffen worden,
-daß sie sofort Rakitin beauftragt hatte, an ihrer Stelle alles zu
-beobachten und sie „brieflich sofort und in jeder halben Stunde von
-allem zu unterrichten“. Sie hielt Rakitin für einen sehr
-gottesfürchtigen und gläubigen jungen Mann – so gut verstand er es, mit
-den Menschen umzugehen und sich jedem nach Wunsch anzupassen, wenn er
-darin nur den kleinsten Vorteil für sich erblickte.
-
-Der Tag war klar und hell, und von den anwesenden Pilgern versammelten
-sich viele an den Gräbern der Einsiedelei, die am zahlreichsten in der
-Nähe der Kirche lagen, aber auch sonst in der ganzen Einsiedelei
-verstreut waren. Pater Paissij erinnerte sich plötzlich, als er durch
-die Einsiedelei schritt, Aljoschas, und es fiel ihm auf, daß er ihn
-schon lange, fast seit der Nacht, nicht mehr gesehen hatte. Kaum aber
-hatte er an ihn gedacht, als er ihn auch schon in der entferntesten Ecke
-der Einsiedelei, am Zaun, bemerkte, sitzend, auf dem Grabstein eines in
-hohem Alter verstorbenen Mönches, der seiner Taten wegen weit bekannt
-war. Er saß mit dem Rücken zur Einsiedelei, das Gesicht dem Zaune
-zugekehrt, als wolle er sich hinter dem Denkmal verbergen. Als Pater
-Paissij sich ihm näherte, bemerkte er, daß Aljoscha sein Gesicht mit
-beiden Händen bedeckt hielt und bitterlich weinte. Er zitterte vor
-Schluchzen am ganzen Körper. Pater Paissij blieb eine Weile bei ihm
-stehen.
-
-„Genug, mein lieber Sohn, laß gut sein, mein Freund,“ sagte er
-schließlich mitleidig zu ihm. „Warum tust du das? Freue dich und weine
-nicht! Oder weißt du denn nicht, daß von allen Tagen dieser sein größter
-Tag ist? Wo ist er denn jetzt, in diesem Augenblick? Vergegenwärtige es
-dir nur!“
-
-Aljoscha erhob sein Gesicht, das, wie bei einem kleinen Kinde, von den
-Tränen ganz geschwollen war; doch ohne ein Wort hervorzubringen, wandte
-er sich wieder um und bedeckte es von neuem mit seinen Händen.
-
-„Nun, meinetwegen,“ sagte Pater Paissij nachdenklich, „meinetwegen,
-weine denn, Christus hat dir diese Tränen geschickt. Diese Tränen der
-Rührung dienen nur zur Erhöhung deiner Seele und zur Erheiterung deines
-lieben Herzens,“ fügte er noch bei sich hinzu, als er Aljoscha verließ
-und liebevoll an ihn dachte. Übrigens beeilte er sich, von ihm
-fortzukommen, denn er fühlte, daß er sonst gleichfalls zu weinen
-anfangen werde. Inzwischen verging die Zeit; die Feierlichkeiten und
-Seelenmessen nahmen ordnungsgemäß ihren Fortgang. Pater Paissij traf
-wieder Pater Jossiff am Sarge des Verstorbenen an und löste ihn jetzt im
-Evangelienlesen ab. Es war aber noch nicht drei Uhr nachmittags
-geworden, als sich etwas ereignete, was ich schon am Ende des vorigen
-Buches erwähnt habe, etwas uns allen so Unerwartetes und das außerdem
-noch so entgegengesetzt der allgemeinen Zuversicht war, daß, ich
-wiederhole es, die ausführlichsten und albernsten Legenden von diesem
-Ereignisse sich bis auf den heutigen Tag in bewundernswert frischer
-Erinnerung, sowohl in unserer Stadt, als in der ganzen Umgegend,
-erhalten haben. Ich füge hier noch einmal von mir persönlich hinzu, daß
-es mir widerwärtig ist, dieses albernen, ärgerlichen und im Grunde
-genommen leeren und selbstverständlichen Ereignisses Erwähnung zu tun,
-und ich würde es bestimmt unterlassen, wenn es nicht auf die Seele und
-das Herz des späteren Haupthelden meiner Erzählung, Aljoscha, in
-gewisser Weise einen so außerordentlichen Einfluß gehabt hätte. Dies
-Ereignis führte gleichsam zu einem Bruch in seiner Seele, zu einem
-Wendepunkt in seinem Leben, und es festigte seinen Geist, indem es ihn
-zum erstenmal auf ein bewußtes Ziel hinwies.
-
-Als man noch vor Tagesanbruch die zur Bestattung bereitete Leiche des
-Staretz in den Sarg legte und ihn in das erste Zimmer, in dem er früher
-empfangen hatte, brachte, da wurde unter den Anwesenden die Frage laut,
-ob es nötig wäre, das Fenster des Zimmers zu öffnen? Diese Frage, die
-irgend jemand nur beiläufig gestellt hatte, wurde nicht weiter beachtet
-und blieb ohne Antwort. Wenn man sie auch allgemein gehört hatte, so war
-sie höchstens von einigen der Anwesenden als Abgeschmacktheit bemerkt
-worden, da allen die Voraussetzung, die Leiche dieses Entschlafenen
-könne verwesen und ihr daher Verwesungsgeruch entströmen, eine Annahme
-zu sein schien, die nur Bedauern, wenn nicht Spott verdiene. So blieb
-die Frage unbeantwortet, da sie doch nur tadelnswerter Kleingläubigkeit
-entsprungen sein konnte. Man erwartete durchaus das Gegenteil. Und
-siehe, bald nach dem Mittag begann etwas, was von den Ein- und
-Ausgehenden zuerst nur schweigend und für sich im stillen bemerkt wurde,
-da jeder sich fürchtete, dem anderen seinen aufsteigenden Gedanken
-mitzuteilen – etwas, das sich aber um drei Uhr nachmittags schon so
-deutlich und unzweifelhaft bemerkbar machte, daß die Nachricht davon
-sich im Augenblick durch die ganze Einsiedelei und unter allen Pilgern
-und Gästen verbreitete und sogleich auch ins Kloster drang und die
-Verwunderung aller Mönche hervorrief. In kurzer Zeit erreichte sie auch
-die Stadt, wo sie alle, Gläubige wie Ungläubige, in höchste Aufregung
-versetzte. Die Ungläubigen freute es, und was die Gläubigen anbelangt,
-so fanden sich viele unter ihnen, die sich noch mehr darüber freuten als
-die Ungläubigen, denn: „die Menschen lieben den Fall des Gerechten und
-seine Schmach,“ wie der verstorbene Staretz mehr als einmal in seinen
-Unterweisungen gesagt hatte. Die Sache war kurz folgende: In der kleinen
-Zelle, in der der Tote aufgebahrt lag, begann sich mit der Zeit immer
-mehr Verwesungsgeruch bemerkbar zu machen, zuerst natürlich nur sehr
-wenig, doch um drei Uhr nachmittags war ein Zweifel nicht mehr möglich,
-und dabei nahm der Geruch immer noch zu. Ein solches Ärgernis, wie es
-sich jetzt auf so grobe Weise kundtat, war schon lange nicht mehr
-vorgekommen, ja aus der ganzen Vergangenheit unseres Klosters konnte man
-sich keines ähnlichen Falles erinnern. Die Folgen dieses Ereignisses
-waren fast unglaublich. Später, nach vielen Jahren, konnten sich einige
-unserer vernünftigeren Mönche, wenn sie sich dieses Tages bis in alle
-Einzelheiten erinnerten, nicht genug darüber wundern, wie dieses
-Ärgernis in solchem Maße hatte um sich greifen können. Denn auch früher
-schon war es vorgekommen, daß den Leichen mancher Mönche, die einen
-reinen und gerechten Lebenswandel geführt hatten und als gottesfürchtige
-Startzen gestorben waren, trotzdem Verwesungsgeruch entströmt war, ohne
-daß dadurch Ärger oder die geringste Aufregung hervorgerufen worden
-wäre. Freilich hatte es in unserem Kloster auch einige gegeben, die in
-hohem Alter verstorben waren, und von deren Leichen nach der
-Überlieferung kein Verwesungsgeruch ausgegangen sei. Diese
-Überlieferungen machten einen geradezu mysteriösen Eindruck auf die
-Brüderschaft, und die Mönche bewahrten sie im Gedächtnis wie etwas
-Herrliches und Wunderbares, wie die Verheißung eines noch größeren
-Ruhmes, der in Zukunft aus den Gräbern dieser „Heiligen“ aufsteigen
-werde, „wenn nach dem Willen Gottes die Zeit dazu kommt“. Besonders
-lebendig war das Andenken an den Staretz Hiob, der erst mit
-hundertundfünf Jahren gestorben und ein berühmter Glaubenseiferer, ein
-großer Faster und Schweiger gewesen war. Er war schon zu Anfang dieses
-Jahrhunderts gestorben, und sein Grab wurde mit besonderer und
-außerordentlicher Hochachtung allen zum erstenmal ins Kloster gekommenen
-Pilgern gezeigt, und geheimnisvoll wurde an ihm mancher großen Hoffnung
-Erwähnung getan. Es war dies dasselbe Grab, auf dem Pater Paissij
-Aljoscha sitzend angetroffen hatte. Wie an diesen an Altersschwäche
-verstorbenen Startzen, war auch die Erinnerung an einen vor nicht
-allzulanger Zeit verstorbenen Startzen, den großen Staretz Warssonofij,
-noch lebendig, denselben, von dem der Staretz Sossima die Startzenwürde
-übernommen hatte, und der noch bei Lebzeiten von allen das Kloster
-besuchenden Pilgern für schwachsinnig gehalten worden war. Von diesen
-beiden erhielt sich die Überlieferung, daß sie in ihren Särgen wie
-Lebende gelegen hätten, daß sie ganz unverwest begraben worden wären,
-und daß ihr Antlitz im Sarge geradezu geleuchtet habe. Manche wollten
-sich sogar noch auf das bestimmteste erinnern, daß ihren Leichnamen
-Wohlgeruch entströmt sei. Aber ungeachtet aller dieser Erinnerungen, ist
-doch schwer, zu erklären, warum beim Sarge des Staretz Sossima eine so
-alberne und boshafte Erregung sich kundtat. Was meine persönliche
-Meinung anbelangt, so meine ich, daß hierbei die verschiedensten Gründe
-und Ursachen zusammentrafen: wie zum Beispiel die eingewurzelte
-Feindschaft gegen das Startzentum, als eine schädliche Neuerung, wie sie
-im Kloster und in den Köpfen und Herzen vieler Mönche gehegt wurde. Dann
-freilich war es hauptsächlich der Neid auf die Heiligkeit des
-Entschlafenen, an die schon zu dessen Lebzeiten so fest geglaubt wurde,
-daß es geradezu verboten schien, dagegen zu sprechen. Denn obgleich der
-selige Staretz – nicht so sehr durch Wunder, als gerade durch Liebe – so
-viele an sich gezogen und um sich eine ganze Welt von Liebe geschaffen
-hatte, so hatte er sich nichtsdestoweniger, oder sogar gerade dadurch um
-so mehr Neider und infolgedessen auch erbitterte Feinde, offene und
-geheime, und nicht nur unter den Mönchen, sondern auch unter den
-Weltlichen geschaffen. Niemandem hatte er etwas Böses getan. Aber siehe
-da, es hieß doch: „Warum wird er für heilig gehalten?“ Schon allein
-diese eine Frage schuf, da sie immer von neuem wiederholt wurde, einen
-ganzen Abgrund von unersättlicher Bosheit. Darum glaube ich, daß viele,
-als sie von der Verwesung seines Körpers hörten und von der
-Schnelligkeit, mit der sie eintrat – es war noch nicht ein Tag nach
-seinem Verscheiden vergangen – sich unbändig freuten. Unter denen aber,
-die dem Staretz ergeben waren und ihn bis dahin geachtet hatten, gab es
-auch solche, die sich durch dieses Ereignis fast persönlich gekränkt und
-beleidigt fühlten. Die Begebenheiten trugen sich folgendermaßen zu.
-
-Kaum hatte sich der Verwesungsgeruch bemerkbar gemacht, so konnte man
-schon am Mienenspiel der Mönche, die in die Zelle des Entschlafenen
-eintraten, erkennen, warum sie kamen. Sie traten ein, blieben eine Weile
-stehen, und beeilten sich dann, so schnell als möglich den anderen, der
-draußen wartenden Menge, die Nachricht zu bestätigen. Die einen von den
-Wartenden wiegten kummervoll das Haupt, andere aber konnten ihre
-Genugtuung nicht mehr verbergen, und die Schadenfreude sprach
-triumphierend aus ihren boshaften Blicken. Und niemand rügte sie,
-niemand wollte ein gutes Wort für den Toten einlegen, was doch sonderbar
-war, denn dem entschlafenen Staretz war immerhin über die Hälfte der
-Klosterbrüderschaft ergeben gewesen. Die Vorsehung aber schien selbst zu
-wollen, daß die Minderheit die Oberhand behielt. In kurzer Zeit
-erschienen in der Zelle auch weltliche Spione, die Gebildeten, die
-Klostergäste. Das einfache Volk ging nicht hinein, wenn es auch an der
-Pforte der Einsiedelei in ganzen Scharen gedrängt stand. Wahr ist, daß
-nach drei Uhr nachmittags, als die ärgerliche Nachricht sich schon
-verbreitet hatte, der Besuch der weltlichen Gäste sehr zunahm. Viele von
-den Weltlichen, die an diesem Tage vielleicht gar nicht erschienen wären
-und sogar überhaupt nicht die Absicht gehabt hatten, ins Kloster zu
-fahren, waren jetzt aus Neugier gekommen; unter ihnen befanden sich auch
-einige Persönlichkeiten von höherem Range. Übrigens wurde äußerlich der
-Anstand noch nicht verletzt, und Pater Paissij fuhr fort, mit strengem
-Gesicht und lauter Stimme fest und vernehmlich die Evangelien zu lesen,
-obgleich er schon lange die Unruhe um sich bemerkt hatte. Und
-schließlich drangen die Stimmen auch bis zu seinen Ohren, zuerst nur
-leise, doch allmählich immer vernehmlicher und kühner: „Da sieht man,
-daß das Urteil Gottes anders ist als das Urteil der Menschen!“ hörte er
-plötzlich neben sich sagen; ein Weltlicher, ein städtischer Beamter,
-hatte diese Worte ausgesprochen, ein schon älterer Mann, der sehr
-gottesfürchtig war und nun laut das wiederholte, was die Mönche sich
-untereinander schon seit Stunden zugeflüstert hatten. Das Schlimme aber
-war, daß sich in diesen Worten allmählich fast ein Triumph kundtat. Bald
-darauf wurde die mühsam bewahrte Haltung durchbrochen, und es schien
-sogar, daß alle sich geradezu berechtigt fühlten, sie zu durchbrechen.
-„Wie kommt das nur,“ sagten einige von den Mönchen, anfänglich noch
-bedauernd, „sein Körper war doch nicht fleischig und fett, er war doch
-so hager, nur Haut und Knochen, wo kann da der Geruch herkommen?“ –
-„Also kann das nur ein Fingerzeig Gottes sein ...“ fügten eilig andere
-hinzu, und ihre Meinung wurde sofort widerspruchslos angenommen. Man
-wies besonders darauf hin, daß der Leichengeruch bei einem gewöhnlichen
-und sündigen Sterblichen sich erst viel später hätte einstellen müssen,
-wenigstens nicht mit einer dermaßen auffallenden Schnelligkeit, im
-äußersten Falle nach vierundzwanzig Stunden. „Dieser ist aber der Natur
-zuvorgekommen, folglich kann es nichts anderes sein als ein Fingerzeig
-Gottes. Ja, ja, ein Hinweis Gottes ist es!“ Diese Auslegung machte einen
-großen Eindruck. Der bescheidene Pater Jossiff, der Liebling des
-Verstorbenen, wandte sich an etliche der Rädelsführer mit der
-Behauptung, daß es nicht überall so wäre, und daß es in der
-Rechtgläubigkeit ein solches Dogma gar nicht gäbe, wonach die Leichen
-der Gerechten nicht verwesen dürften, und daß das nur ein Vorurteil sei,
-da man an den allerrechtgläubigsten Orten, auf dem Athos zum Beispiel,
-an dem Verwesungsgeruch der Gerechten gar keinen Anstoß nähme und das
-Nichtverwesen der Leichen durchaus nicht das Hauptmerkmal der
-Verherrlichung der Geretteten sei, sondern die Farbe ihrer Knochen,
-nachdem die Leichen schon viele Jahre in der Erde gelegen hätten. „Wenn
-dann die Knochen gelb wie Wachs sind, so ist das das Zeichen, daß Gott
-den Entschlafenen verherrlicht hat; wenn sie aber nicht gelb sind,
-sondern schwarz, so bedeutet es, daß Gott ihn solchen Ruhmes nicht für
-würdig gefunden. So ist es auf dem Athos, an diesem großen Ort, wo die
-Rechtgläubigkeit sich von alters her unerschütterlich in der
-leuchtendsten Reinheit erhalten hat,“ schloß Pater Jossiff. Doch die
-Rede des frommen Paters machte gar keinen Eindruck; sie rief sogar
-spöttischen Widerspruch hervor: „Das ist alles nur Gelehrsamkeit und
-Neuerung, das lohnt sich gar nicht anzuhören,“ behaupteten die Mönche
-unter sich. „Bei uns ist alles nach dem Alten; als ob es heutzutage noch
-nicht genug Neuerungen gäbe! Soll man denn alles nachahmen?“ fügten
-andere hinzu. „Wir haben nicht weniger Heilige gehabt als sie. Die
-sitzen dort und haben unter dem Türkenjoch alles vergessen. Bei denen
-ist die Rechtgläubigkeit schon längst getrübt, sie haben nicht einmal
-mehr Glocken,“ meinten die Spötter. Pater Jossiff entfernte sich
-betrübt, um so mehr, als er selbst auch nur halb an seine Worte glaubte.
-Mit Schrecken aber bemerkte er, daß eine immer mächtigere Bewegung um
-sich griff und sogar der Ungehorsam sein Haupt erhob. Wie Pater Jossiff
-verstummten allmählich auch alle anderen vernünftigen Stimmen. Und
-siehe, bald waren alle, die den verstorbenen Staretz geliebt hatten und
-in frommem Gehorsam der Forderung des Startzentums gefolgt waren, maßlos
-erschrocken, und wenn sie sich begegneten, wagten sie kaum, einander
-anzublicken. Dagegen erhoben die Feinde des Startzentums stolz ihre
-Häupter: „Vom verstorbenen Staretz Warssonofij ist nicht nur kein
-Verwesungsgeruch ausgegangen, ihm ist sogar Wohlgeruch entströmt,“
-sagten sie schadenfroh und fast triumphierend, „denn er hat nicht nur
-dem Startzentum gedient, sondern war selbst ein Gerechter.“ Die Folge
-davon war, daß sie den jüngst Verstorbenen zu verurteilen und zu
-beschuldigen anfingen: „Er hat nicht richtig gelehrt; er lehrte, daß das
-Leben eine große Freude und nicht eine Demütigung in Tränen sei,“ sagten
-einige von den Unintelligenteren. „Er glaubte nach der neuen Mode, und
-materielles Feuer in der Hölle erkannte er nicht an,“ fügten andere noch
-Unverständigere hinzu. „Im Fasten war er nicht streng, er erlaubte sich
-Süßigkeiten, den Tee trank er gerne mit Kirschenmus, die Damen schickten
-ihm alles zu. Darf denn ein Einsiedler Tee trinken?“ hörte man einige
-neidische Stimmen ausrufen. „Stolz aufgebläht saß er da,“ bemerkten
-immer erbitterter die Schadenfrohen, „für einen Heiligen hielt er sich,
-man warf sich vor ihm auf die Knie, und er nahm das als etwas
-Selbstverständliches hin.“ „Das Sakrament der Beichte hat er
-mißbraucht,“ tuschelten in boshaftem Geflüster die heftigsten Gegner des
-Startzentums, und das waren die ältesten und in ihrem Gottesdienst
-strengsten Mönche, aufrichtige Faster und große Schweiger, die zu
-Lebzeiten des Staretz geschwiegen hatten, jetzt aber plötzlich ihren
-Mund auftaten, was ganz besonders gefährlich war, da ihre Worte einen
-starken Einfluß auf die jüngeren, in ihren Anschauungen noch nicht
-gefestigten Mönche hatten. Sehr eifrig horchte der Obdorsksche Gast, der
-Mönch vom heiligen Silvester, auf alles, was man sprach, indem er tief
-aufseufzte und den Kopf hin und her wiegte: „Pater Ferapont hat gestern
-gerecht geurteilt, wie ich sehe,“ dachte er bei sich. Und siehe, da
-erschien Pater Ferapont plötzlich in eigener Person, um eine noch
-größere Verwirrung zu verursachen.
-
-Wie ich schon früher erwähnt habe, verließ er nur selten seine kleine
-hölzerne Zelle im Bienengarten, ja er erschien sogar oft lange Zeit
-nicht einmal in der Kirche zum Gottesdienst, was man jedoch ihm, als
-einem Schwachsinnigen, nicht weiter nachtrug. Und schließlich wäre das
-auch nicht gut angegangen. Denn einem so großen Faster und Schweiger
-gegenüber, der Tag und Nacht betete (und oft auf den Knien liegend
-einschlief), wäre es geradezu kleinlich gewesen, die Einhaltung der
-Regeln, die für die übrigen vorgeschrieben waren, zu verlangen, wenn er
-sie nicht selbst einhalten wollte. „Er ist heiliger als wir alle und
-vollführt Schwereres, als die Regel verlangt,“ sagten dann die Mönche,
-„und wenn er nicht in die Kirche geht, so bedeutet das, daß er selbst
-besser weiß, wann er dahin zu gehen hat, er hat seine eigene Regel.“ Um
-die Möglichkeit solcher Unwillensäußerungen von seiten der Mönche zu
-vermeiden, hatte man Pater Ferapont denn auch ganz in Ruhe gelassen. Der
-Staretz Sossima liebte, wie allen bekannt war, den Pater Ferapont nicht
-sehr. Nun war die Nachricht, „daß das Urteil Gottes nicht dasselbe sei
-wie das der Menschen“, und daß dieses sogar „der Natur zuvorgekommen“
-wäre, auch bis zu Pater Feraponts Zelle gedrungen. Es ist anzunehmen,
-daß der erste, der ihm diese Nachricht überbracht hatte, der Obdorsksche
-Mönch gewesen war, der ihn noch gestern besucht und tief erschüttert
-verlassen hatte. Ich muß auch noch erwähnen, daß Pater Paissij, der laut
-und vernehmlich am Sarge die Evangelien las, und daher nichts hören und
-sehen konnte von dem, was außerhalb der Zelle vor sich ging, in seinem
-Herzen doch das Hauptsächlichste richtig ahnte, da er seine Umgebung
-durch und durch kannte. Er war keineswegs aus der Fassung gebracht,
-sondern erwartete alles, was noch kommen werde, vollkommen furchtlos,
-wenn er auch dabei keinen Augenblick aufhörte, gespannt die Entwicklung
-der Aufregung zu verfolgen. Plötzlich vernahm er vom Vorzimmer her einen
-außergewöhnlichen Lärm, ungebührlich, anstößig in dieser ernsten Stunde.
-Die Zellentür wurde geräuschvoll aufgestoßen, und auf der Schwelle
-erschien – Pater Ferapont. Hinter ihm her drängten sich unten an der
-Treppe, wie man aus der Zelle deutlich sehen konnte, viele ihn
-begleitende Mönche, unter denen sich auch Weltliche befanden. Sie traten
-indessen nicht ein und wagten auch nicht, auf die Treppe zu steigen; sie
-erwarteten nur, was Pater Ferapont sagen und tun werde. Ungeachtet ihrer
-Vermessenheit, fühlten sie doch mit einem gewissen Schrecken, daß dieser
-große Schweiger nicht umsonst gekommen war. Als Pater Ferapont auf der
-Schwelle erschien, erhob er seine beiden Hände: und da lugten hinter
-seinem rechten Arm die scharfen und neugierigen Äuglein des Obdorskschen
-Gastes hervor, der allein aus überwältigender Neugier Pater Ferapont auf
-die Treppe gefolgt war. Die anderen waren schon beim Geräusch der
-wuchtig geöffneten Tür zurückgeschreckt und drängten sich nun, von
-plötzlicher Angst ergriffen, noch mehr zurück. Pater Ferapont hielt die
-Hände empor, und plötzlich brüllte er laut:
-
-„Austreibend werde ich dich austreiben!“ und sofort begann er, sich nach
-allen vier Seiten wendend, zu den Wänden und vier Ecken des Zimmers das
-Kreuzeszeichen zu machen. Diese Handlung Pater Feraponts verstanden
-alle, die ihn begleiteten, denn sie wußten, daß er immer so tat, wohin
-er auch kam, und daß er sich auch nicht früher hinsetzte, noch ein Wort
-sagte, bevor er die unreine Macht ausgetrieben hatte.
-
-„Weiche Satan, weiche hinaus!“ wiederholte er bei jedem Kreuzeszeichen.
-„Austreibend, treibe ich dich hinaus!“ brüllte er von neuem. Er war in
-seiner groben Mönchskutte und mit einem Strick umgürtet. Aus dem
-sackleinenen Hemde blickte seine mit grauen Haaren bewachsene Brust
-hervor. Er war barfüßig. Sobald er seine Hände erhob, rasselten und
-klirrten die schrecklichen Ketten, die er unter der Kutte trug. Pater
-Paissij unterbrach das Lesen, trat auf ihn zu und stellte sich in
-Erwartung vor ihn hin.
-
-„Warum bist du gekommen, ehrenwerter Pater? Warum verletzest du den
-Anstand? Warum bringst du die fromme Herde in Verwirrung?“ fragte er und
-blickte ihn streng an.
-
-„Wessentwillen ich gekommen bin? Wen fragst du? Wie glaubst du?“ schrie
-Pater Ferapont, der sich wie ein Einfältiger gebärdete. „Um hier eure
-Gäste, die unflätigen Teufel, auszutreiben. Ich sehe, daß sich hier ohne
-mich viele angesammelt haben. Mit einem Birkenquast will ich sie
-ausfegen!“
-
-„Unreines willst du austreiben, selbst aber dienst du vielleicht dem
-Unreinen,“ sagte unerschrocken Pater Paissij. „Und wer kann von sich
-sagen, daß er ‚heilig‘ sei, etwa du, Vater?“
-
-„Aas bin ich, aber kein Heiliger! In den Lehnstuhl setze ich mich nicht,
-und ich lasse mir nicht Verbeugungen machen wie einem Götzen!“ donnerte
-Pater Ferapont. „Heutzutage richten die Menschen den heiligen Glauben
-zugrunde. Der Verstorbene, euer Heiliger dort“ – dabei wandte er sich
-zur Menge und wies auf den Sarg – „hat die Teufel nicht anerkannt. Nur
-Abführmittel gab er gegen die Teufel. Die aber haben sich bei euch
-vermehrt, wie die Spinnen in den Ecken. Er selbst stinkt jetzt. Darin
-sehen wir einen großen Fingerzeig Gottes!“
-
-Es war in der Tat einmal zu Lebzeiten des Staretz Sossima vorgekommen,
-daß einem Mönche die unreine Macht zuerst im Traume und später auch im
-Wachen erschienen war. Als er das voll Entsetzen dem Staretz mitgeteilt
-hatte, da war ihm von diesem ununterbrochenes Gebet und verstärktes
-Fasten angeraten worden. Als aber auch das nicht helfen wollte, da hatte
-der Staretz gesagt, er solle das Fasten und Beten nicht aufgeben, doch
-außerdem noch eine gewisse Arznei zu sich nehmen. Das hatte bei sehr
-vielen Ärgernis erregt, und sie hatten untereinander viel darüber
-gesprochen und die Köpfe geschüttelt, am meisten von ihnen aber war
-Pater Ferapont, dem einige der Tadler eiligst die in diesem besonderen
-Falle „außergewöhnliche“ Anordnung des Staretz mitgeteilt hatten,
-ungehalten gewesen.
-
-„Weiche von hier, Vater!“ sagte befehlend Pater Paissij. „Nicht Menschen
-können darüber urteilen, nur Gott kann es tun. Vielleicht ist das ein
-Hinweis, den weder du, noch ich, noch sonst jemand zu begreifen imstande
-ist. Gehe fort von hier und bringe die Herde nicht in Verwirrung!“
-wiederholte er mit fester Stimme.
-
-„Das Fasten hat er nicht eingehalten, das dem Range eines Einsiedlers
-zukommt, deshalb ist uns dieser ‚Hinweis‘ geworden. Das ist klar und es
-zu verheimlichen ist Sünde!“ Der aus Rand und Band geratene Fanatiker
-konnte sich noch immer nicht beruhigen. „Mit Konfekt hat er sich
-verführen lassen, die Damen haben es ihm in ihren Taschen mitgebracht,
-süßen Tee hat er geschlürft, seinen Bauch hat er vergöttert, hat ihn mit
-Süßigkeiten angefüllt, wie seinen Geist mit anmaßenden Gedanken ...
-Darum hat er den Schimpf erlitten ...“
-
-„Leichtfertig sind deine Worte, Vater!“ sagte mit erhobener Stimme Pater
-Paissij. „Ich bewundere dein Fasten und deinen Glaubenskampf, doch
-leichtfertig sind deine Worte, wie ein Jüngling redest du, der in der
-Welt noch unselbständig ist und von jungem Verstande. Gehe fort von
-hier, Vater, ich befehle es dir!“ rief drohend zum Schluß Pater Paissij.
-
-„Ich gehe schon!“ murmelte Pater Ferapont einigermaßen verwirrt, doch
-seine Wut verließ ihn nicht. „Gelehrte seid ihr! Mit eurem hohen
-Verstande erhebt ihr euch über meine Nichtigkeit. Ich kam hierher mit
-geringen Kenntnissen, doch jetzt habe ich alles vergessen, was ich
-gewußt habe, Gott selbst hat mich Geringen vor eurer Gelehrtheit
-beschützt ...“
-
-Pater Paissij stand festentschlossen dicht vor ihm. Pater Ferapont
-schwieg, und plötzlich wurde er traurig, stützte die eine Wange in die
-Hand, betrachtete den Sarg des entschlafenen Staretz und sagte in
-singendem Tone:
-
-„Über ihm wird man morgen ‚Helfer und Beschützer‘ singen, den schönsten
-Kanon, über mir aber, wenn ich krepiere, nur ‚Welche Lebenswonne‘, das
-kleine Verslein!“ sagte er wehmütig und mit Tränen in den Augen.
-„Hoffärtig und aufgeblasen sind sie, das ist hier ein leerer Ort!“
-schrie er plötzlich wieder wie wahnsinnig und winkte mit der Hand ab,
-kehrte sich um und schritt schnell die Stufen der Treppe hinab. Die
-unten wartende Menge wich zurück; einige folgten ihm, andere zögerten
-noch, denn die Tür der Zelle stand offen. Pater Paissij war Pater
-Ferapont auf die Treppe gefolgt und sah ihm nach. Der besessene Greis
-konnte sich noch immer nicht beruhigen: Kaum war er zwanzig Schritte
-gegangen, als er sich plötzlich zur Seite, zur untergehenden Sonne
-wandte, beide Hände erhob und, als ob man ihn niedergemäht hätte, mit
-großem Geschrei zur Erde niederfiel:
-
-„Mein Gott hat gesiegt! Christus hat gesiegt über die untergehende
-Sonne!“ schrie er wie rasend, erhob die Hände zur Sonne, fiel mit dem
-Gesicht auf die Erde und weinte mit lauter Stimme wie ein kleines Kind.
-Er bebte am ganzen Körper und breitete seine Hände über die Erde aus.
-
-Alles stürzte zu ihm, Ausrufe wurden laut, lautes Weinen ihm zur Antwort
-... Ekstase ergriff alle.
-
-„Seht, wer der Heilige ist! Seht, wer der Gerechte ist!“ ließen sich
-jetzt bereits ohne jegliche Scheu Stimmen vernehmen. „Seht, wer Staretz
-sein sollte!“ fügten noch andere erbost hinzu.
-
-„Er will kein Staretz sein ... er selbst erkennt sie nicht an ... wird
-dieser verfluchten Neuerung nicht dienen ... ihre Dummheiten wird er
-nicht nachahmen,“ riefen wieder andere Stimmen, und wie weit das noch
-gegangen wäre, ist schwer zu sagen, wenn nicht gerade in diesem
-Augenblick die große Glocke angefangen hätte, zum Gottesdienst zu
-läuten. Da begannen alle sich zu bekreuzen. Auch Pater Ferapont erhob
-sich, bekreuzte sich und ging dann, ohne sich umzusehen und immer noch
-vor sich hinmurmelnd, in seine Zelle. Ihm folgten einige Mönche, doch
-waren es nur wenige; die Mehrzahl ging auseinander oder eilte zum
-Gottesdienst. Pater Paissij übergab den Lesedienst an Pater Jossiff und
-ging hinunter. Das ekstatische Geschrei des Fanatikers konnte ihn nicht
-wankend machen, aber sein Herz war betrübt, und er grämte sich um irgend
-etwas, – dessen ward er sich selbst bewußt. Er blieb plötzlich
-stehen und fragte sich: „Woher diese Trauer bis zur völligen
-Niedergeschlagenheit?“ und mit Erstaunen erkannte er, daß diese
-plötzliche Trauer von einem ganz kleinen und besonderen Zufall
-herrührte. Er hatte in der Menge, die sich am Eingang der Zelle drängte,
-unter den übrigen Erregten, auch Aljoscha bemerkt, und er erinnerte
-sich, daß er sofort bei seinem Anblick einen Stich im Herzen gefühlt
-hatte. „Ja ist denn dieser Jüngling wirklich meinem Herzen so wert,“
-fragte er sich ganz verwundert. In demselben Augenblick ging Aljoscha an
-ihm vorüber, als eilte er irgendwohin, doch ging er nicht in der
-Richtung zur Kirche. Ihre Blicke begegneten sich. Aljoscha aber wandte
-schnell seine Augen ab und blickte zu Boden. An seiner Miene erkannte
-Pater Paissij sofort, daß für den Jüngling der Augenblick einer großen
-Umwandlung gekommen war.
-
-„Hast auch du dich hinreißen lassen?“ rief Pater Paissij aus, „ist es
-möglich, daß auch du zu den Kleingläubigen gehörst?“ fügte er traurig
-hinzu.
-
-Aljoscha blieb stehen, sah unsicher und unbestimmt Pater Paissij an,
-wandte aber schnell seine Augen von ihm ab und senkte den Blick wieder
-zu Boden. Er stand halb abgewandt, ohne sich zum Fragenden umzuwenden.
-Pater Paissij beobachtete ihn aufmerksam.
-
-„Wohin eilst du?“ fragte er ihn wieder. „Es wird zur Messe geläutet.“
-
-Aljoscha gab keine Antwort.
-
-„Oder willst du das Kloster verlassen, ohne um Erlaubnis und ohne um den
-Segen zu bitten?“
-
-Aljoscha lächelte plötzlich verzerrt und warf einen sonderbaren, sehr
-sonderbaren Blick dem fragenden Pater zu, dem er von seinem verstorbenen
-Lenker, dem früheren Beherrscher seiner Seele und seines Geistes, von
-seinem inniggeliebten Staretz, anvertraut worden war. Und ohne Antwort,
-wie vorhin, winkte er nur mit der Hand ab, als ob er sich um eine
-Ehrerbietung nicht mehr kümmern wollte, und verließ mit schnellen
-Schritten die Einsiedelei durch das Eingangstor.
-
-„Wirst noch zurückkehren!“ murmelte leise Pater Paissij vor sich hin und
-blickte ihm in kummervoller Verwunderung nach.
-
-
- II.
- Solch ein Augenblick
-
-Pater Paissij irrte sich nicht, wenn er annahm, daß sein „lieber Junge“
-wiederkehren werde, und vielleicht hatte er, wenn auch nicht ganz, so
-doch scharfsinnig genug Aljoschas Seelenstimmung erraten. Ich muß aber
-gestehen, daß es mir nichtsdestoweniger schwer wird, die Ursache dieser
-sonderbaren augenblicklichen Seelenstimmung des jungen und von mir so
-inniggeliebten Helden meines Romanes zu erklären. Auf die traurige Frage
-Pater Paissijs: „Solltest auch du zu den Kleingläubigen gehören?“ kann
-ich jedoch mit Bestimmtheit für Aljoscha antworten: Nein, er gehörte
-nicht zu den Kleingläubigen. Nein, hier war sicher das Gegenteil der
-Fall: seine ganze Verwirrung kam daher, daß er nur zu sehr glaubte. Eine
-große Verwirrung war es aber, und alles, was sich ereignete, war so
-quälend für ihn, daß er sogar nach langer Zeit diesen kummervollen Tag
-für einen der schwersten und verhängnisvollsten Tage seines Lebens
-hielt. Wenn man aber fragen wollte: „Sollte wirklich sein ganzer Kummer
-und seine Seelenunruhe davon herrühren, daß der Leichnam seines Staretz,
-statt sofort unmittelbare Heilkraft zu offenbaren, im Gegenteil, so früh
-in Verwesung übergegangen war,“ so antworte ich ohne zu zögern: Ja, so
-ist es in der Tat gewesen. Nur möchte ich den Leser bitten, nicht gleich
-über den reinen Sinn meines Jünglings zu lachen. Ich habe nicht die
-Absicht, seinen einfältigen Glauben durch sein jugendliches Alter zu
-entschuldigen oder zu rechtfertigen. Ich tue gerade das Entgegengesetzte
-und versichere hiermit, daß ich für ihn aufrichtige Hochachtung
-empfinde. Zweifellos wäre mancher andere Jüngling, der schon verstanden
-hätte, mit Vorsicht solche Herzenseindrücke zu empfangen, der verstanden
-hätte, nicht heiß, sondern nur lau zu lieben – wenn auch mit richtigem,
-so doch für sein Alter gar zu reiflich überlegendem und daher billigem
-Verstande –, solch ein Jüngling, sage ich, wäre dem entgangen, was mit
-meinem Jüngling geschah. Nur ist, meiner Meinung nach, in manchen Fällen
-denn doch achtbarer, sich so hinreißen zu lassen (denn wenn es auch
-unvernünftig ist, so geschieht es doch nur aus übergroßer Liebe), als
-sich überhaupt nicht hinreißen zu lassen. Und das besonders noch im
-Jünglingsalter! ... Denn hoffnungslos und billig ist der Geist eines
-beständig überlegenden Jünglings, – das ist meine Meinung. „Aber,“ rufen
-da vielleicht die vernünftigen Leute aus, „es kann doch nicht ein jeder
-Jüngling an solche Vorurteile glauben, und Ihr Jüngling kann doch kein
-Vorbild für andere sein.“ Darauf kann ich nur erwidern: Ja, mein
-Jüngling gehörte nicht zu den Kleingläubigen, er glaubte heilig und
-unerschütterlich, und dennoch werde ich nicht für ihn um Entschuldigung
-bitten.
-
-Sehen Sie: wenn ich auch vorhin sagte (vielleicht etwas zu voreilig),
-daß ich jene Stimmung meines Jünglings weder erklären, noch
-entschuldigen oder rechtfertigen werde, so sehe ich jetzt doch ein, daß
-einige Erläuterungen zum Verständnis meiner weiteren Erzählung unbedingt
-erforderlich sind. Hier handelte es sich nicht um Wunder. Nicht um eine
-Erwartung von Wundern, die in ihrer Ungeduld leichtfertig gewesen wäre,
-handelte es sich dabei. Auch nicht für den Triumph seiner Überzeugung
-verlangte Aljoscha Wunder (das war erst recht nicht der Fall) oder etwa
-für den Sieg einer vorgefaßten Idee über eine andere, – o nein, auch das
-war es nicht. Nein, über allem anderen und an erster Stelle stand für
-ihn die Person, nur die Person seines geliebten Staretz, die Person des
-Gerechten, die er mit solcher Vergötterung liebte und ehrte. Das war es
-gerade, daß die ganze Liebe, die sein junges und reines Herz zu „Jedem
-und Allem“ während des ganzen vergangenen Jahres gehegt, sich fast nur
-auf diesen einen Menschen bezogen hatte, auf seinen entschlafenen und
-über alles geliebten Staretz. Dieses Wesen hatte so lange als
-unbestreitbares Ideal vor ihm gestanden, daß alle seine jungen Kräfte
-und alle seine Bestrebungen sich ausschließlich nur diesem Ideal
-zuwandten und er in manchen Minuten sogar „Alles und Jedes“ vergaß.
-Später erinnerte er sich noch, daß er an diesem schweren Tage selbst
-seinen Bruder Dmitrij, um den er sich noch am Abend vorher so gesorgt,
-ganz vergessen hatte; und so vergaß er auch, dem Vater Iljuschas die
-zweihundert Rubel zu überbringen, wie er es noch am Abend vorher
-begeistert beschlossen hatte. Und nicht um Wunder war es ihm zu tun,
-sondern nur um „die höhere Gerechtigkeit“, die seinem Glauben nach
-verletzt worden war. Ja, das war es, was so grausam sein Herz verwundet
-hatte. Und was war denn dabei so wunderlich, daß diese „Gerechtigkeit“
-in ihm, wie die Dinge nun einmal lagen, zur Erwartung eines Wunders
-wurde, das unverzüglich von dem irdischen Staube seines vergötterten
-Staretz ausgehen werde? Das erwarteten doch alle im Kloster, selbst die,
-vor deren großem Verstande Aljoscha sich beugte, wie zum Beispiel Pater
-Paissij. Und so war es denn auch mit Aljoscha: ohne weiter durch
-irgendwelche Zweifel beunruhigt zu werden, nahmen seine Erwartungen
-dieselbe Form an, die die Erwartungen aller anderen hatten. Und lange
-schon hatte sich diese Erwartung in seinem Herzen zur vollen Überzeugung
-entwickelt, – lebte er doch schon ein ganzes Jahr lang im Kloster, in
-der unmittelbaren Nähe des Staretz. Gerechtigkeit, Gerechtigkeit
-erwartete er und nicht Wunder! Und siehe da – der, welcher nach seiner
-Zuversicht von allen auf der Welt am meisten erhöht werden sollte,
-derselbe erntete jetzt, statt ihm gebührender Ehre, nur Schmach und
-Spott! Warum? Wer hatte gerichtet? Wer konnte so richten? – Das waren
-die Fragen, die sein unerfahrenes und naives Herz quälten. Er konnte es
-nicht, ohne gekränkt zu sein, und nicht ohne Erbitterung ertragen, daß
-der Gerechteste aller Gerechten der lächerlichen und boshaften
-Verspottung durch eine so leichtfertige und weit unter ihm stehende
-Menge preisgegeben war. Nun, und mögen sich auch keine Wunder ereignen,
-möge das Erwartete sich auch nicht gleich verwirklichen – aber warum
-diese Unehre, dieser Schimpf, warum diese sofortige Verwesung, „die der
-Natur sogar zuvorgekommen ist,“ wie die boshaften Mönche sagten? Warum
-dieser „Fingerzeig Gottes“, auf den sie zusammen mit Pater Ferapont im
-Triumph hinwiesen, und warum glaubten sie, daß sie das Recht hätten, so
-zu urteilen? Wo blieb denn die Vorsehung und ihr Fingerzeig? Warum hält
-sie sich „im notwendigsten Augenblick“ verborgen, geradezu als wenn sie
-sich selbst den blinden und tauben und unbarmherzigen Naturgesetzen
-unterordnen wollte, dachte Aljoscha.
-
-Das war es, warum sein Herz blutete, und wie ich schon sagte, handelte
-es sich für ihn zuerst um den über alles geliebten Menschen, um die
-Person des Staretz, die jetzt beschimpft und entehrt worden war! Mag
-dieser Kummer meines Jünglings leichtfertig und unverständig gewesen
-sein, doch wiederhole ich zum drittenmal: Ich bin froh, daß er in solch
-einer Minute nicht zu verständig war, denn der Verstand kommt schon mit
-der Zeit bei jedem nicht gar zu dummen Menschen; doch wenn in einer so
-außergewöhnlichen Minute im Herzen eines Jünglings sich keine Liebe
-erweist, wann soll sie dann kommen? Bei der Gelegenheit will ich noch
-eine sonderbare Erscheinung nicht verschweigen, die an diesem für
-Aljoscha verhängnisvollen und verwirrenden Tage in seinem Kopfe
-auftauchte. Dieses neue, sich kundgebende _Etwas_ bestand in einigen
-quälenden Eindrücken, die in der Erinnerung an sein gestriges Gespräch
-mit Iwan in ihm auftauchten. Und das noch gerade jetzt! Oh, nicht daß
-sie die Grundlagen seines Glaubens in seiner Seele wanken gemacht
-hätten! Er liebte seinen Gott und glaubte unerschütterlich an ihn, wenn
-er sich auch jetzt gegen seinen Urteilsspruch aufgelehnt hatte. Doch
-immerhin war in seiner Seele eine trübe und quälende Erinnerung an das
-Gespräch mit seinem Bruder zurückgeblieben, und plötzlich stieg sie
-wieder in seiner Seele auf und nahm ihn allmählich mehr und mehr
-gefangen.
-
-Als es zu dämmern begann, bemerkte Rakitin, der durch das Wäldchen der
-Einsiedelei auf das Kloster zuging, Aljoscha unter einem Baum liegend:
-er lag mit dem Gesicht zur Erde, unbeweglich und wie schlafend. Rakitin
-trat zu ihm und rief ihn an.
-
-„Du hier, Alexei? Ja, ist es denn mit dir ...“ rief er verwundert aus,
-doch stockte er mitten im Satz.
-
-Er wollte sagen: „Ist es denn mit dir schon so weit gekommen?“
-
-Aljoscha sah ihn nicht an, doch an einer kurzen Bewegung erriet Rakitin
-sofort, daß er ihn gehört und verstanden hatte.
-
-„Was ist denn mit dir passiert?“ fuhr er verwundert fort zu fragen.
-
-Aber seine Verwunderung machte auf seinem Gesichte bald einem Lächeln
-Platz, das immer spöttischer wurde.
-
-„So hör doch, ich suche dich bereits seit zwei Stunden. Du warst dort
-plötzlich verduftet. Aber was tust du denn hier? Was machst du für
-heilige Dummheiten? Sieh mich doch wenigstens an ...“
-
-Aljoscha erhob seinen Kopf, setzte sich auf und lehnte sich mit dem
-Rücken an den Baumstamm. Er weinte nicht, doch sein Gesicht drückte
-Leiden aus, und seinen Augen sah man die Erregung an, in der er sich
-befand. Er sah übrigens nicht zu Rakitin auf, sondern blickte zur Seite.
-
-„Hör mal, dein Gesicht hat sich ja ganz verändert. Von deiner berühmten
-früheren Engelskeuschheit ist nichts mehr zu sehen. Hast dich wohl über
-irgend jemanden geärgert, nicht? Hat man dich etwa gekränkt?“
-
-„Laß mich!“ sagte Aljoscha plötzlich, vermied es aber, ihn anzusehen und
-winkte nur müde mit der Hand ab.
-
-„Oho, also so sind wir! Man fängt also schon wie die übrigen Sterblichen
-an, anzuschnauzen. Und das soll ein Ebenbild der Engel sein! Nun,
-Aljoschka, du hast mich aber in Erstaunen gesetzt, das laß dir gesagt
-sein! Ich spreche jetzt aufrichtig. Schon lange wundere ich mich hier
-über nichts mehr. Übrigens habe ich dich doch immer für einen gebildeten
-Menschen gehalten ...“
-
-Endlich sah ihn Aljoscha an, tat es aber so zerstreut, als ob er ihn gar
-nicht verstanden hätte.
-
-„Bist du denn wirklich darum so, weil dein Alter stinkt? Glaubtest du
-denn im Ernst, daß er alte Wunder wieder auffrischen werde?“ fragte
-Rakitin, in immer größere Verwunderung geratend.
-
-„Ich glaubte, glaube, will glauben und werde glauben und was willst du
-noch?“ fragte Aljoscha, gereizt auffahrend.
-
-„Aber ganz und gar nichts, mein Täubchen. Pfui, Teufel, an diesen Rummel
-glaubt ja selbst ein dreizehnjähriger Schuljunge nicht mehr. Übrigens,
-Teufel ... Du hast dich also über deinen Gott geärgert, hast dich jetzt
-empört? – Um eine Rangerhöhung seid ihr gekommen, habt keinen Orden zu
-den Feiertagen gekriegt! Ach, ihr!“
-
-Aljoscha sah Rakitin lange mit halbzugekniffenen Augen an, und plötzlich
-blitzte etwas in seinen Augen auf ... es war aber nicht Wut über
-Rakitin.
-
-„Ich empöre mich nicht gegen meinen Gott, nur ‚will ich seine Welt nicht
-annehmen‘,“ sagte Aljoscha mit einem verzerrten Lächeln.
-
-„Wie willst du denn diese Welt nicht annehmen?“ Rakitin dachte ein wenig
-über das Gesagte nach. „Was ist nun das wieder für ein Gallimatthias?“
-
-Aljoscha schwieg.
-
-„Na, genug von den Dummheiten, jetzt zur Sache: Hast du heute gegessen
-oder nicht?“
-
-„Ich weiß nicht ... ich glaube.“
-
-„Du mußt dich unbedingt stärken, nach deinem Gesicht zu urteilen. Wenn
-man dich ansieht, packt einen ja das wahre Mitleid. Du hast ja auch in
-der Nacht nicht geschlafen; wie ich hörte, habt ihr da eine Sitzung
-gehabt. Und darauf dieses ganze Drunter und Drüber und Gequack noch dazu
-... Du wirst wohl höchstens ein Stückchen Hostie gekaut haben. Ich habe
-bei mir in der Tasche ein Stück Wurst, habe sie mir in der Stadt, auf
-dem Wege hierher, auf alle Fälle eingesteckt, aber du wirst wohl keine
-Wurst ...“
-
-„Gib sie her.“
-
-„Ah! Also so bist du! Also schon ganz Aufruhr, Barrikaden! Nun, Bruder,
-es gibt Sachen, die doch nicht so ganz zu verachten sind. Gehen wir zu
-mir ... Ich möchte mir selbst ein Schnäpschen hinter die Binde gießen,
-bin todmüde. Für Schnaps würdest du dich natürlich nicht entschließen
-... oder würdest du nicht schließlich auch ein Gläschen trinken?“
-
-„Gib auch Schnaps.“
-
-„Sieh mal an! Das ist ja wunderbar, Bruder!“ Rakitin betrachtete ihn
-neugierig. „Nun, so oder so, Schnaps und Wurst, das ist eine herrliche
-Sache, das muß man nicht versäumen. Komm, gehen wir!“
-
-Aljoscha erhob sich schweigend von der Erde und folgte Rakitin.
-
-„Wenn das dein Bruder Wanitschka sehen würde, der würde sich wundern!
-Übrigens, dein Brüderchen Iwan Fedorowitsch ist heute morgen nach Moskau
-gefahren, weißt du das?“
-
-„Ich weiß es,“ sagte Aljoscha teilnahmslos. Und plötzlich tauchte vor
-seinem Geiste die Gestalt seines Bruders Dmitrij auf, aber es war nur
-ein Auftauchen, und obgleich er sich dabei einer sehr eiligen Sache,
-einer Sache, die keine Minute länger aufgeschoben werden durfte,
-irgendeiner Schuld, einer furchtbaren Verpflichtung erinnerte, so machte
-diese Erinnerung doch auf ihn durchaus keinen Eindruck, sie reichte
-nicht bis in sein Herz und verflog im selben Augenblick wieder aus
-seinem Gedächtnis. Später aber erinnerte sich Aljoscha deutlich dieses
-Augenblicks.
-
-„Dein Brüderchen Wanitschka hat sich über mich einmal geäußert, ich sei
-‚ein untalentierter liberaler Sack‘. Auch du hast einmal nicht an dich
-halten können und hast mir zu verstehen gegeben, daß ich ‚unehrlich‘ sei
-... Schön! Ich werde aber jetzt einmal auch eure Begabung und
-Ehrenhaftigkeit auf die Probe stellen.“ (Den Schluß murmelte Rakitin
-leise vor sich hin.)
-
-„Pfui Teufel, hör mal!“ sagte er wieder laut „gehen wir um das Kloster
-herum und auf dem Fußpfad gerade zur Stadt ... Hm! Ich muß übrigens zur
-Chochlakowa gehen. Stelle dir vor: Ich schrieb ihr alles, was sich bei
-uns ereignet hatte, und sie antwortet mir mit einem Briefchen – diese
-Dame liebt über alles, Briefchen zu schreiben –, daß sie von einem so
-ehrenwerten Greise, wie der Staretz Sossima, nie _eine solche Handlung_
-erwartet hätte! Sie hat tatsächlich ‚eine solche Handlung‘ geschrieben.
-Sie ist also gleichfalls empört über ihn. Ach, ihr alle! Halt!“ rief er
-wieder und blieb plötzlich stehen, packte Aljoscha an der Schulter und
-hielt ihn auf: „Weißt du, Aljoscha,“ er sah ihm fragend in die Augen,
-ganz unter dem Eindruck eines plötzlich in ihm auftauchenden Gedankens,
-und obgleich er äußerlich lächelte, so fürchtete er sich doch, seinen
-unerwarteten und neuen Gedanken laut auszusprechen, – so wenig wagte er,
-an die für ihn wunderbare und unerwartete Stimmung Aljoschas zu glauben,
-in der er ihn jetzt sah. „Aljoschka,“ sagte er endlich schüchtern und
-vorsichtig. „Aljoschka, weißt du, wohin wir jetzt am besten gehen?“
-
-„Mir ist es gleich ... wohin du willst.“
-
-„Gehen wir zu Gruschenka, was? Kommst du?“ fragte Rakitin, fast zitternd
-in erregter Erwartung.
-
-„Gehen wir zu Gruschenka,“ antwortete sofort und ruhig Aljoscha.
-
-Dieses ruhige und schnelle Einverständnis kam so unerwartet für Rakitin,
-daß er fast zurückschrak.
-
-„Nun ja, warum auch nicht!“ meinte er verdutzt, griff aber plötzlich
-Aljoscha unter den Arm und zog ihn schnell mit sich fort, in großer
-Angst, daß dieser seinen Entschluß ändern könnte. Sie gingen schweigend
-zur Stadt. Rakitin fürchtete sich sogar, zu sprechen.
-
-„Froh wird sie sein, riesig froh ...“ murmelte er, doch verstummte er
-wieder.
-
-Doch nicht nur, um Gruschenka eine Freude zu bereiten, führte er
-Aljoscha zu ihr. Er war ein „gediegener“ Mensch, – ohne ein für ihn
-vorteilhaftes Ziel unternahm er nichts. Hierbei verfolgte er nun einen
-doppelten Zweck: erstens, sich zu rächen, – das heißt „die Schande des
-Gerechten“ und „den Fall“ Aljoschas „vom Heiligen zum Sünder“ zu
-erleben, worüber er sich schon im voraus freute. Und zweitens verfolgte
-er ein für sich sehr vorteilhaftes, materielles Ziel, wovon später noch
-die Rede sein wird.
-
-„Also, solch ein Augenblick ist das,“ dachte er bei sich boshaft
-frohlockend, „wollen wir ihn am Schopf fassen, diesen Augenblick, denn
-er wird uns sehr gelegen kommen.“
-
-
- III.
- Das Zwiebelchen
-
-Gruschenka wohnte in der belebtesten Gegend der Stadt, in der Nähe der
-Kathedrale. Sie hatte bei einer Frau Morosoff, einer Kaufmannswitwe, auf
-dem Hof ein kleineres hölzernes Nebenhaus gemietet. Das Haus, in dem
-Frau Morosoff selbst wohnte, war ein großes zweistöckiges Steingebäude
-und sah von außen eigentlich recht unschön aus. In ihm lebten, außer der
-alten Besitzerin, noch deren zwei Nichten, die gleichfalls schon alte,
-ledige Damen waren. Frau Morosoff hatte es nicht nötig, ihr Haus auf dem
-Hofe zu vermieten, aber alle wußten, daß sie Gruschenka nur darum als
-Mieterin aufgenommen hatte, um ihrem Verwandten, dem Kaufmann
-Ssamssonoff – dem offiziellen Protektor Gruschenkas – einen Gefallen zu
-erweisen. Man sagte damals, daß der eifersüchtige Alte seine „Favoritin“
-nur aus dem einen Grunde bei der Morosowa untergebracht hätte, weil er
-vor allem auf die scharfen Augen der Alten, die auf die Aufführung der
-neuen Mieterin achtgeben sollten, gerechnet habe. Alsbald aber sah er
-ein, daß die scharfen Augen ganz überflüssig waren, und auch die
-Morosowa gab schließlich auf, Gruschenka mit einer Aufsicht zu
-belästigen. Ja, es waren schon vier Jahre seit der Zeit vergangen, als
-der Alte das schüchterne, bescheidene, bleiche und magere
-achtzehnjährige Mädchen, das immer nachdenklich und traurig war, aus der
-Gouvernementshauptstadt in dieses Haus gebracht hatte. Die
-Lebensgeschichte des jungen Mädchens kannte man übrigens in unserer
-Stadt nur wenig und ganz ungenau; in der letzten Zeit, und selbst dann,
-als sich viele für diese „Schönheit“, zu der sich Agrafena Alexandrowna
-in den vier Jahren entwickelt hatte, zu interessieren begannen, konnte
-man noch immer nichts Genaues über sie erfahren. Es verbreitete sich nur
-das Gerücht, daß das siebzehnjährige Mädchen, wie es hieß, von
-irgendeinem Offizier verführt und sofort verlassen worden sei. Der
-Offizier wäre fortgefahren und hätte darauf irgendwo eine andere
-geheiratet. Kurz, Gruschenka war in Armut und Schande zurückgeblieben.
-Auch sprach man darüber, daß Gruschenka vom Alten zwar aus armen
-Verhältnissen gezogen wäre, trotzdem aber aus einer achtbaren Familie
-stamme. Ihr Vater sei ein Diakon oder etwas in der Art gewesen. In
-diesen vier Jahren war aus der empfindsamen, beleidigten und mageren
-kleinen Waise eine stolze, prächtige russische Schönheit geworden, eine
-Frau mit kühnem und entschlossenem, vielleicht frechem, doch jedenfalls
-stolzem Charakter, ein Weib, das in Geldsachen sehr bewandert, dabei
-geizig und vorsichtig war, und das verstanden hatte, rechtmäßig oder
-unrechtmäßig – wie viele von ihr behaupteten –, ein kleines Kapital für
-sich zusammenzuscharren. In einem aber stimmten alle überein: daß es
-sehr schwierig war, sich Gruschenka zu nähern, und daß sich außer ihrem
-Protektor, dem Alten, in diesen vier Jahren niemand rühmen konnte, ihre
-Geneigtheit errungen zu haben. Das war Tatsache, denn diese Geneigtheit
-zu erwerben, danach strebten nicht wenig Liebhaber, besonders in den
-zwei letzten Jahren. Doch alle Versuche schlugen fehl, und einige von
-den Unternehmungslustigen waren gezwungen, sich lächerlich und
-schimpflich zurückzuziehen, infolge des unbesieglichen und hohnvollen
-Widerstandes der charakterfesten jungen Person. Man wußte auch, daß
-diese junge Person, besonders im letzten Jahr, sich auf das eingelassen
-hatte, was man allgemein „Geschäfte“ nennt, und darin außerordentliche
-Fähigkeiten bewies, so daß zu guter Letzt viele sie eine wahre Jüdin
-nannten. Nicht nur, daß sie etwa Geld auf Prozente verliehen hätte, man
-erzählte sich sogar, daß sie zum Beispiel in Gemeinschaft mit Fedor
-Pawlowitsch Karamasoff seit einiger Zeit Wechsel zu Spottpreisen
-aufkaufte, zu zehn für hundert, und dann beim Verkauf einen Rubel auf
-zehn Kopeken verdiente. Der kranke Ssamssonoff, der im letzten Jahr des
-Gebrauches seiner geschwollenen Beine gänzlich beraubt war – Witwer und
-Tyrann seiner erwachsenen Söhne –, und der sicher einige hunderttausend
-Rubel besaß, ein unerbittlicher und geiziger Mensch, verfiel vollständig
-dem Einfluß seiner Schutzbefohlenen, die er anfangs „auf Fastenöl“, das
-heißt ganz knapp, hatte halten wollen, wie die Spötter meinten. Doch
-Gruschenka hatte verstanden, sich seiner Bevormundung zu entziehen,
-indem sie dem Alten unbedingtes Vertrauen auf ihre Treue einflößte.
-Dieser Alte (jetzt ist er schon lange tot) war ein großer Geschäftsmann
-und gleichfalls ein bemerkenswerter Charakter. Er war geizig und
-hartherzig wie ein Kieselstein, und obgleich Gruschenka auf ihn einen
-großen Einfluß ausübte, so daß er ohne sie kaum noch leben konnte (was
-besonders in den zwei letzten Jahren der Fall war), so ließ er ihr doch
-nicht ein größeres Kapital zuschreiben, und selbst wenn sie ihm gedroht
-hätte, ihn zu verlassen, so wäre er unerbittlich geblieben. Dafür hatte
-er ihr aber ein kleines Kapital angewiesen, über dessen geringe Höhe man
-später sehr erstaunt war. „Du bist ein Weib, das nicht auf den Kopf
-gefallen ist,“ soll er zu ihr gesagt haben, nachdem er ihr an
-achttausend Rubel geschenkt hatte, „verdiene selbst damit, doch wisse,
-daß du außer deinem jährlichen Unterhalt bis zu meinem Tode nichts mehr
-bekommst, auch in meinem Testament werde ich dir nichts vermachen.“ So
-hielt er denn sein Wort. Als er starb, hinterließ er alles seinen
-Söhnen, die er sein ganzes Leben lang mit Weib und Kind auf einer Stufe
-mit den Dienstboten bei sich gehalten hatte; Gruschenka war nicht einmal
-im Testament erwähnt. Alles das wurde erst in der Folge bekannt. Mit
-Ratschlägen dagegen, wie Gruschenka mit ihrem Kapital zu verfahren habe,
-kargte er nicht, und er half ihr sogar bei den „Geschäften“. Als Fedor
-Pawlowitsch Karamasoff, der anfangs nur aus Gründen eines gelegentlichen
-„Geschäfts“ mit Gruschenka zusammengetroffen war, sich sterblich in sie
-verliebte und ihretwegen fast kindisch wurde, da lachte der alte
-Ssamssonoff, der sich schon in den letzten Lebensstadien befand,
-herzlich darüber. Bemerkenswert ist noch, daß Gruschenka zu ihrem Alten
-während der ganzen Dauer ihres Verhältnisses vollkommen und von ganzem
-Herzen aufrichtig war, und zwar war sie das auf der ganzen Welt nur ihm
-gegenüber. Als aber in der letzten Zeit auch Dimitrij Fedorowitsch mit
-seiner Liebe auftauchte, da lachte der Alte nicht mehr. Im Gegenteil, er
-riet Gruschenka ernst und streng: „Wenn du einen von beiden wählst, so
-wähle den Alten, aber nur mit der Bedingung, daß der alte Schuft dich
-unfehlbar heiratet und dir im voraus einiges Kapital verschreibt. Doch
-mit dem Leutnant lasse dich nicht ein, daraus wird nichts.“ Das war der
-Rat, den der alte Wollüstling Gruschenka gegeben hatte. Er fühlte schon
-damals seinen nahen Tod voraus, und ein paar Monate nach diesem Gespräch
-starb er denn auch. Ich will hier noch bemerken, daß bei uns in der
-Stadt damals viele von der ungeheuerlichen Nebenbuhlerschaft der
-Karamasoffs, Vater und Sohn, wußten, deren Gegenstand Gruschenka war,
-aber ihre wirkliche Beziehung zu beiden, zum Vater wie zum Sohne,
-verstand wohl kaum jemand. Sogar die beiden Dienstmädchen Gruschenkas
-sagten später (nach der Katastrophe, von der weiterhin die Rede sein
-wird) vor Gericht aus, daß Agrafena Alexandrowna Dimitrij Fedorowitsch
-nur aus Furcht empfangen habe, weil er ihr gedroht hätte, sie zu töten.
-Sie hielt zwei Dienstmädchen: eine alte, kranke und harthörige Köchin,
-die bereits bei ihren Eltern gedient hatte, und deren Enkelin, ein
-munteres Mädchen von zwanzig Jahren, das ihr Stubenmädchen war.
-Gruschenka lebte sehr sparsam, und auch ihre Wohnung war durchaus nicht
-reich ausgestattet. Sie bewohnte nur drei Zimmer, die von der
-Hausbesitzerin mit alten Möbeln, Fasson der zwanziger Jahre,
-eingerichtet waren.
-
-Als Rakitin und Aljoscha bei ihr eintraten, war es draußen schon fast
-dunkel, doch war trotzdem in den Zimmern noch nicht Licht gemacht.
-Gruschenka lag in ihrem Empfangszimmer auf einem großen, plumpen Diwan,
-der mit bereits abgenutztem und hier und da durchlöchertem Leder
-überzogen war. Unter ihrem Kopf hatte sie zwei weiße Daunenkissen, die
-sie von ihrem Bett genommen haben mochte. Sie lag auf dem Rücken und
-hatte beide Hände unter den Kopf geschoben. Gekleidet war sie, als wenn
-sie Besuch erwartet hätte: sie trug ein schwarzes Seidenkleid, im Haar
-hatte sie einen duftigen Spitzentuff, der ihr vorzüglich stand, und um
-die Schultern hatte sie sich einen kostbaren Spitzenschal geschlungen,
-der vorne mit einer schweren Goldbrosche zugesteckt war. Mit bleichem
-Gesicht und heißen Lippen lag sie da und schien ungeduldig jemanden zu
-erwarten; ihre rechte Fußspitze klopfte nervös an die Seitenlehne des
-Diwans. Rakitins und Aljoschas Eintritt rief im Hause eine kleine
-Aufregung hervor: Sie hörten schon im Vorzimmer, wie Gruschenka schnell
-vom Diwan aufsprang und erschrocken laut fragte: „Wer ist da?“ Das
-Stubenmädchen empfing die Gäste und rief sofort ihrer Herrin zu:
-
-„Nichts, nichts! Das ist nicht er, das sind andere!“
-
-„Was ist mit ihr?“ murmelte Rakitin und führte Aljoscha an der Hand ins
-Gastzimmer.
-
-Gruschenka stand immer noch ganz erschrocken am Diwan. Eine schwere
-Flechte ihres dunkelblonden Haares löste sich und fiel auf ihre rechte
-Schulter herab, aber sie beachtete es nicht und steckte sie auch nicht
-eher auf, bevor sie sich vergewissert hatte, wer die Gäste waren.
-
-„Ach, das bist du, Rakitka? Wie du mich erschreckt hast. Aber mit wem
-kommst du denn da? Wer ist das? Herrgott, sieh, wen du da mitgebracht
-hast!“ rief sie aus, als sie Aljoscha bemerkte.
-
-„Befiehl mal, daß man Licht macht!“ sagte Rakitin in dem nachlässigen
-Tone eines intimen Bekannten, der sich das Recht herausnehmen kann, im
-Hause Anordnungen zu treffen.
-
-„Licht ... natürlich, Licht ... Fenjä, bring ihm ein Licht ... Nun, du
-hast also Zeit gefunden, ihn herzubringen!“ rief sie wieder aus und
-nickte Aljoscha zu. Darauf wandte sie sich zum Spiegel und brachte
-schnell mit beiden Händen ihre Haarflechte in Ordnung.
-
-Sie schien aber unzufrieden zu sein.
-
-„Paßt es dir etwa nicht?“ fragte Rakitin sofort beleidigt.
-
-„Du hast mich erschreckt, Rakitka, das ist’s!“ Gruschenka wandte sich
-sofort mit einem Lächeln zu Aljoscha. „Fürchte dich nicht, Aljoscha,
-mein Täubchen, ich freue mich furchtbar über dich, mein unerwarteter
-Gast. Aber du, Rakitka, du hast mich erschreckt: Ich dachte nämlich,
-Mitjä bräche wieder ein. Ich habe ihn nämlich vorhin betrogen, ich habe
-ihm das Ehrenwort abgenommen, daß er mir glauben werde, und habe ihn
-dann doch belogen. Ich sagte ihm, daß ich zu Kusjma Kusjmitsch, zu
-meinem Alten, gehe, um den ganzen Abend bis in die Nacht hinein mit ihm
-Geld zu zählen. Ich gehe jede Woche einmal auf einen ganzen Abend zu
-ihm, um mit ihm seine Rechnungen zu ordnen. Wir schließen uns dann ein:
-er klappert auf dem Rechenbrett, und ich sitze und trage in die Bücher
-ein; er hat nur zu mir allein Zutrauen. Mitjä glaubte mir, daß ich dort
-bleiben werde, ich aber habe mich hier zu Hause eingeschlossen, sitze
-nun und warte auf eine gewisse Nachricht. Wie hat euch die Fenjä nur
-hereingelassen! Fenjä, Fenjä! Lauf schnell zur Hofpforte und sieh nach,
-ob nicht Dmitrij Fedorowitsch in der Nähe ist. Vielleicht hat er sich
-irgendwo versteckt und lauert mir auf. Wie den Tod fürchte ich ihn!“
-
-„Niemand ist dort, Agrafena Alexandrowna, ich habe mir schon die Augen
-aus dem Kopf gesehen, ich laufe doch alle Augenblick hinaus, um ein
-wenig zu lauern. Ich habe selbst solche Angst!“
-
-„Sind die Fensterläden geschlossen, Fenjä? Man muß auch die Vorhänge
-herunterlassen, so!“ Sie ließ selbst die schweren Vorhänge herab. „Sonst
-kommt er noch auf das Licht hin sofort herbeigelaufen. Ja, Aljoscha,
-heute fürchte ich deinen Bruder sogar sehr.“
-
-Gruschenka sprach lauter als sonst, und wenn sie auch unruhig zu sein
-schien, so war sie doch wie in einem Freudenrausche.
-
-„Warum fürchtest du denn gerade heute Mitjenka?“ erkundigte sich
-Rakitin. „Du bist doch, scheint es, sonst nicht ängstlich von Natur. Er
-tanzt ja sowieso nach deiner Pfeife.“
-
-„Ich sage dir doch, ich erwarte eine Nachricht, eine goldene, kleine
-Nachricht, so daß Mitjenka jetzt hier ganz überflüssig ist. Außerdem hat
-er es mir ja gar nicht geglaubt, daß ich bei Kusjma Kusjmitsch bleiben
-werde. Das fühle ich. Wahrscheinlich sitzt er jetzt bei Fedor
-Pawlowitsch an der Hinterstraße im Nachbargarten, um mir aufzulauern.
-Nun, wenn er sich dort festgesetzt hat, um so besser, dann wird er nicht
-hierher kommen. Mitjä hat mich ja selbst hinbegleitet zu Kusjma
-Kusjmitsch; ich sagte ihm, daß ich bis Mitternacht bei ihm bleiben
-werde, und daß er durchaus um Mitternacht kommen solle, um mich
-abzuholen. Er ging fort, ich saß ungefähr zehn Minuten beim Alten, dann
-kehrte ich schnell wieder zurück. Ach, wie ich lief, und wie ich mich
-fürchtete, ihm zu begegnen!“
-
-„Und jetzt hast du dich aufgeputzt! Sieh mal an, was hast du denn da für
-ein feines Ding im Haar?“
-
-„Wie du neugierig bist, Rakitka! Ich sage dir ja, ich erwarte so eine
-gewisse kleine Nachricht. Kommt diese kleine Nachricht, so springe ich
-auf und fliege davon, daß ihr mich hier kaum gesehen haben werdet.
-Siehst du, darum habe ich mich aufgeputzt, um dann gleich bereit zu
-sein.“
-
-„Und wohin willst du dann fliegen?“
-
-„Wenn du viel weißt, wirst du schnell alt.“
-
-„Na, sieh mal an! Du bist ja ganz aus dem Häuschen vor Freude ... Habe
-dich noch niemals so gesehen. Hast dich ja angekleidet wie zum Ball,“
-sagte Rakitin, sie kritisch betrachtend.
-
-„Als ob du was von Bällen verständest.“
-
-„Und du etwa?“
-
-„Ich habe mir doch einmal einen Ball angesehen, vor drei Jahren, als
-Kusjma Kusjmitsch seinen Sohn verheiratete. Ich saß auf der Empore und
-sah zu. Ach, Rakitka, aber soll ich mich etwa mit Dir unterhalten, wenn
-solch ein Prinz hier steht! Sieh, das ist ein Gast! Aljoscha, mein
-Täubchen, wenn ich dich ansehe, so kann ich’s nicht glauben ...
-Herrgott, wie bist denn du hergekommen! Offen gestanden, ich hätte es
-nicht erwartet, nicht geahnt, und früher niemals daran geglaubt, daß du
-kommen könntest. Wenn es nicht in solch einer Minute wäre, so wäre ich
-außer mir vor Freude! Setze dich hier auf den Diwan, hierher, so, du
-mein zarter, goldener Neumond! Ich kann es noch gar nicht fassen ... Ach
-du, Rakitka, wenn du ihn doch gestern oder vorgestern gebracht hättest!
-... Aber ich freue mich auch heute. Vielleicht ist es auch besser jetzt,
-in solch einer Minute ...“
-
-Sie setzte sich mutwillig neben Aljoscha auf den Diwan und sah ihn in
-freudigem Entzücken an. Und sie freute sich tatsächlich, sie log nicht,
-wenn sie es sagte. Ihre Augen blitzten und ihre Lippen lachten, aber
-gutherzig und fröhlich lachten sie. Aljoscha hätte ihr solch eine
-fröhliche Gutmütigkeit gar nicht zugetraut ... Bis zum gestrigen Tage
-hatte er sie nur wenig gesehen und sich von ihr die abschreckendste
-Vorstellung gemacht. Auch gestern war er ganz unter dem Eindruck ihres
-boshaften und heimtückischen Betragens bei Katerina Iwanowna gewesen,
-und daher war er jetzt ganz erstaunt, in ihr plötzlich ein vollkommen
-anderes und für ihn unerwartetes Wesen zu finden. Und wie sehr er auch
-von seinem eigenen Kummer niedergedrückt war, so blieben seine Augen
-doch aufmerksam auf sie gerichtet. Auch ihre Manieren hatten sich seit
-gestern, wie es schien, sehr gebessert: Sie hatte nicht mehr die
-Süßlichkeit in der Aussprache, diese gezierten und gemachten Bewegungen
-... Alles war einfach und herzlich an ihr, ihre Bewegungen rasch,
-ungezwungen, vertrauenerweckend, nur war sie ersichtlich sehr aufgeregt.
-
-„Herrgott, was heute für Sachen passieren, nein wirklich!“ plapperte sie
-wieder weiter. „Und warum nur freue ich mich so über dich, Aljoscha, ich
-weiß es selbst nicht. Wenn du mich fragtest, so würde ich es nicht zu
-sagen wissen.“
-
-„Was, _du_ solltest es nicht wissen, warum du dich freust!“ Rakitin
-lächelte. „Warum hast du mich denn unaufhörlich gebeten, ihn
-herzubringen? Mußt doch einen Grund gehabt haben, denke ich.“
-
-„Früher hatte ich einen Grund, jetzt aber ist das vorüber, jetzt ist ein
-Anderes – – ... Ich werde euch sofort etwas vorsetzen. Ich bin wieder zu
-mir gekommen, Rakitka. Setz dich, Rakitka, warum stehst du? Oder sitzest
-du schon? Ach, Rakituschka versteht schon für sich zu sorgen! Siehst du,
-Aljoscha, jetzt sitzt er uns dort gegenüber und ist beleidigt, weil ich
-dich zuerst gebeten habe, Platz zu nehmen. Ach, empfindlich ist mir der
-Rakitka, unglaublich empfindlich!“ Gruschenka lachte. „Sei nicht böse,
-Rakitka, heute bin ich gut. Warum sitzest du so traurig da, Aljoschka,
-fürchtest du mich etwa?“ Mit fröhlichem Lachen sah sie ihm in die Augen.
-
-„Er hat großen Kummer. Es hat keine Rangerhöhung gegeben,“ brummte
-Rakitin.
-
-„Was für eine Rangerhöhung?“
-
-„Sein Staretz stinkt.“
-
-„Wie, wer stinkt? Was du für einen Unsinn schwatzest! Du willst wohl
-wieder irgendeine Gemeinheit damit sagen. Schweig, Dummkopf. Aljoscha,
-laß mich auf deinen Knien sitzen, sieh so!“ Im Augenblick sprang sie auf
-und setzte sich ihm lachend auf die Knie, und wie ein Kätzchen umfaßte
-sie mit dem rechten Arm zärtlich seinen Hals. „Ich werde dich wieder
-froh machen, du mein gottesfürchtiger Knabe! Erlaubst du mir wirklich,
-auf deinen Knien zu sitzen, bist du nicht böse? Sag nur, und ich werde
-sofort abspringen.“
-
-Aljoscha schwieg. Er saß und wagte nicht sich zu rühren; er hörte wohl
-ihre Worte: „Sag nur, und ich werde abspringen,“ aber er antwortete ihr
-nicht, er war förmlich erstarrt. Doch ging in ihm nicht etwa das vor
-sich, was man wohl hätte erwarten können, oder was Rakitin, der ihn von
-seinem Platze aus gierig beobachtete, annahm. Der große Kummer in seiner
-Seele verschlang alle übrigen Gefühle, die jetzt in seinem Herzen hätten
-auftauchen können, und wenn er in diesem Augenblick fähig gewesen wäre,
-sich über seine Gefühle Rechenschaft abzulegen, so hätte er sich
-gestehen müssen, daß er gegenwärtig gegen jegliche Verführung oder
-Verlockung gepanzert war. Nichtsdestoweniger wunderte er sich doch
-unwillkürlich über eine neue und sonderbare Empfindung, die mit einem
-Male in seinem Herzen auftauchte: Dieses Weib, dieses „schreckliche“
-Weib, flößte ihm nicht im geringsten jene Furcht ein, die ihn früher
-beim Gedanken an eine Frau überfallen hatte – wenn jemals einer in
-seiner Seele aufgetaucht war –, im Gegenteil, diese Frau, die er am
-meisten von allen gefürchtet hatte, und die jetzt auf seinen Knien saß
-und ihn umarmt hielt, erweckte in ihm ein ganz anderes, unerwartetes und
-besonderes Gefühl, das Gefühl einer ungewöhnlichen, noch nie so
-empfundenen herzensreinen Anteilnahme, und alles das ohne jegliche
-Furcht, ohne den geringsten früheren Schrecken. Das war es, was ihn
-hauptsächlich in Erstaunen setzte.
-
-„Genug jetzt mit dem Unsinnschwatzen,“ rief Rakitin dazwischen, „laß mal
-lieber Champagner reichen, das ist jetzt deine Pflicht und Schuldigkeit,
-wie du selbst am besten weißt!“
-
-„Du hast recht, ich bin dir jetzt welchen schuldig. Ich habe ihm doch
-Champagner für den Fall versprochen, daß er dich zu mir brächte. Na, mal
-los, holen wir den Champagner, ich werde mittrinken! Fenjä, Fenjä, bring
-den Champagner, die Flasche, die Mitjä hier gelassen hat, schnell! Wenn
-ich auch geizig bin, die Flasche gebe ich doch, aber nicht deinetwegen,
-Rakitka, du bist bloß ein Giftpilz, er aber ist ein Prinz! Und wenn auch
-meine Seele jetzt nicht dazu aufgelegt ist, einerlei, ich trinke mit
-euch, auch ich möchte einmal ausgelassen sein!“
-
-„Was ist denn das für ein Augenblick, und was für eine ‚Nachricht‘
-erwartest du denn, wenn man fragen darf, oder ist das ein Geheimnis?“
-Rakitin brachte das Gespräch wieder darauf zurück und gab sich dabei aus
-allen Kräften den Anschein, als bemerke er die Nasenstüber nicht, die
-ihm Gruschenka verabfolgte.
-
-„Ach, warum soll das ein Geheimnis sein, du weißt es doch schon,“ sagte
-Gruschenka unwillig und drehte ihren Kopf zu Rakitin zurück, wobei sie
-sich ein wenig von Aljoscha abwandte, doch blieb sie auf seinen Knien
-sitzen und hielt seinen Hals immer noch umschlungen: „Mein Offizier ist
-da, mein Offizier kommt!“
-
-„Ich weiß, daß er kommt, aber ist er denn schon hier?“
-
-„In Mokroje ist er; von dort aus wird er mir einen reitenden Boten
-schicken. Er hat mir geschrieben, vorhin erhielt ich den Brief. Ich
-sitze jetzt hier und erwarte den Boten.“
-
-„Also das ist’s! Warum aber in Mokroje?“
-
-„Das zu erzählen wäre zu weitläufig, und außerdem genügt das für dich.“
-
-„Und ... und, der Mitjenka, der ... o weh! Weiß er das, oder weiß er es
-nicht?“
-
-„Ob er’s weiß? Nichts weiß er! Wenn er es wüßte, so würde er mich
-totschlagen. Aber jetzt fürchte ich nichts mehr, nichts, auch sein
-Messer nicht. Schweig, Rakitka, erinnere mich nicht mehr an Dmitrij
-Fedorowitsch: Er hat mir das Herz müd gequält. Und ich möchte an all das
-nicht mehr denken. Hier, an Aljoschetschka will ich denken,
-Aljoschetschka will ich ansehen ... Ja, lache nur über mich, mein
-Täubchen, freue dich über meine Dummheit, über meine Freude lache nur!
-Er lächelt, er lächelt! Wie freundlich er mich ansieht! Weißt du,
-Aljoscha, ich dachte immer, daß du wegen vorgestern ... wegen des
-Fräuleins ... mir böse bist. Ich war ein Scheusal, ich weiß ... Aber es
-ist doch gut so, wie es gekommen ist. Und schlecht war es, und gut war
-es,“ sagte Gruschenka nachdenklich lächelnd, und ein harter Zug erschien
-plötzlich trotz des Lächelns auf ihrem Gesicht. „Mitjä sagte mir, daß
-sie geschrien habe: ‚Peitschen sollte man sie!‘ Ich hatte sie gar zu
-sehr beleidigt. Sie rief mich zu sich, wollte mich besiegen, mit ihrer
-Schokolade verführen ... Nein, es ist doch gut so, wie es gekommen ist,“
-sagte sie nochmals und lächelte wieder. „Aber ich fürchte immer noch,
-daß du böse ...“
-
-„Ja, das ist wahr,“ wandte sich Rakitin in ernster Verwunderung an
-Aljoscha. „Sie fürchtet dich, Aljoscha, dich Küchel!“
-
-„Für dich ist er ein Küchel, Rakitka, weil du kein Gewissen hast! Ich
-aber liebe ihn mit meiner ganzen Seele! Glaubst du mir, Aljoscha, daß
-ich dich mit meiner ganzen Seele liebe?“
-
-„Ach, du schamloses Geschöpf! Sie macht dir eine Liebeserklärung,
-Aljoscha.“
-
-„Und wenn es so wäre, was ist denn dabei, daß ich ihn liebe?“
-
-„Und dein Offizier? Und die goldene Nachricht aus Mokroje?“
-
-„Das ist etwas für sich, und das hier ist auch etwas für sich.“
-
-„Sieh mal, das ist wieder einmal echte Weiberlogik!“
-
-„Ärgere mich nicht, Rakitka,“ fiel Gruschenka ihm heftig ins Wort, „das
-ist etwas ganz anderes. Aljoscha liebe ich auf eine andere Art. Es ist
-wahr, Aljoscha, früher dachte ich auch mit einem häßlichen Gedanken an
-dich. Ich bin ja ein niedriges Geschöpf, ein wildes Geschöpf bin ich,
-aber zuweilen habe ich doch auf dich wie auf mein Gewissen gesehen.
-Immer habe ich gedacht: Wie muß so einer, wie du, mich schlechtes
-Geschöpf verachten! Noch vorgestern dachte ich es, als ich von dem
-Fräulein nach Hause kam. Ich habe schon so lange an dich gedacht,
-Aljoscha, und Mitjä weiß es, ich habe ihm alles gesagt. Mitjä versteht
-das sehr gut. Glaub mir, Aljoscha, ein anderes Mal, wenn ich dich
-ansehe, so schäme ich mich, so vergehe ich vor Scham ... Und seit wann
-ich an dich zu denken angefangen habe, weiß ich nicht einmal, ich
-erinnere mich dessen nicht mehr ...“
-
-Fenjä trat ein und stellte einen Untersetzer mit drei gefüllten
-Champagnergläsern und einer aufgekorkten Champagnerflasche auf den
-Tisch.
-
-„Der Champagner ist da!“ meldete Rakitin. „Hör mal, du bist ja heute so
-erregt, daß du, wenn du ein Glas getrunken hast, womöglich noch zu
-tanzen anfangen wirst.“
-
-„Pfui, Schweinerei,“ rief er aus, als er den Champagner näher
-betrachtete; „Die Alte hat die Flasche in der Küche aufgekorkt und den
-Pfropfen nicht wieder aufgesetzt ... außerdem ist er warm. Nun,
-meinetwegen, ich trinke ihn auch so.“
-
-Er schenkte sich ein, stürzte ein Glas hinunter und goß sich ein zweites
-ein.
-
-„Champagner bekommt man nicht alle Tage,“ sagte er und leckte sich die
-Lippen –, „nun, Aljoscha, nimm ein Glas und zeige, was du kannst. Worauf
-sollen wir trinken? Auf das Paradies? Nimm ein Glas, Gruscha, trink auch
-du aufs Paradies!“
-
-„Warum willst du denn aufs Paradies trinken?“
-
-Sie nahm ein Glas, auch Aljoscha nahm das seinige, trank aber keinen
-Schluck und stellte es wieder zurück.
-
-„Nein, es ist besser, ich trinke nicht,“ sagte er leise lächelnd.
-
-„So hast du nur geprahlt!“ rief sofort Rakitin höhnisch lachend.
-
-„Wenn er nicht trinkt, so will auch ich nicht trinken,“ sagte
-Gruschenka, „und ich will auch gar nicht ... Trink du allein, Rakitka,
-die ganze Flasche schenke ich dir. Wenn Aljoscha trinkt, dann werde auch
-ich trinken, sonst aber nicht.“
-
-„Sind das aber Kälberzärtlichkeiten!“ schimpfte Rakitin voll Hohn.
-„Dabei sitzest du noch auf seinen Knien! Er hat wenigstens einen Kummer,
-was aber hast du? Er revoltiert gegen seinen Gott, er wollte sogar schon
-Wurst essen ...“
-
-„Wieso?“
-
-„Sein Staretz ist doch heute gestorben, Staretz Sossima, der Heilige!“
-
-„Der Staretz Sossima ist gestorben?“ fragte Gruschenka betroffen,
-„Herrgott, und ich wußte es nicht!“ Sie bekreuzte sich andächtig. „Gott,
-und was tue ich ... ich ... ich sitze auf seinen Knien!“ fuhr sie
-plötzlich erschrocken auf. Sofort sprang sie von seinen Knien herab und
-setzte sich auf den Diwan.
-
-Aljoscha sah sie lange und erstaunt an: In seinem Gesicht schien etwas
-aufzuleuchten.
-
-„Rakitin,“ sagte er plötzlich mit lauter und fester Stimme, „spotte
-nicht, daß ich mich gegen meinen Gott empöre. Ich möchte gegen dich
-keinen Groll hegen, darum sei auch du besser. Ich habe einen Schatz
-verloren, wie du nie einen besessen hast, und du kannst darum auch nicht
-über mich urteilen. Sieh lieber einmal her auf sie: Hast du bemerkt, wie
-sie mich geschont hat? Ich kam hierher und dachte, eine böse Seele zu
-finden –, und es zog mich hierher, weil ich selbst schlecht und böse
-war. Statt dessen habe ich eine aufrichtige Schwester ... eine liebende
-Seele gefunden ... Sie hat mich gleich geschont ... Agrafena
-Alexandrowna, ich spreche von dir. Du hast meine Seele wieder
-aufgerichtet.“
-
-Aljoschas Lippen bebten, und sein Atem stockte. Er hielt inne.
-
-„Das wäre ja beinahe, als ob sie dich gerettet hätte!“ Rakitin lachte
-boshaft auf. „Dabei wollte sie dich doch verschlingen, weißt du denn das
-nicht?“
-
-„Schweig, Rakitka!“ Gruschenka sprang plötzlich auf, „schweigt alle
-beide! Jetzt werde ich alles sagen: Du, Aljoscha, schweige, denn bei
-deinen Worten packt mich die Scham, weil ich schlecht und nicht gut bin
-–, siehst du, so ist’s! Und du, Rakitka, schweig, denn du lügst ja doch
-nur. Ich hatte einmal, das ist wahr, den schlechten Gedanken, ihn zu
-verschlingen, wie du sagst, aber jetzt lügst du, jetzt ist das nicht
-mehr der Fall ... Und daß ich jetzt von dir kein Wort mehr höre,
-Rakitka!“
-
-Gruschenka sagte es in außergewöhnlicher Erregung.
-
-„Ihr seid beide nicht recht gescheit!“ schimpfte Rakitin, der bald sie,
-bald Aljoscha verwundert ansah. „Ihr habt ja vollständig den Verstand
-verloren! Ich bin, wie’s scheint, hier in ein Irrenhaus geraten. Es wird
-nicht mehr lange dauern, und ihr werdet zu weinen anfangen!“
-
-„Ja, ich werde weinen, werde weinen!“ sagte Gruschenka. „Er hat mich
-seine Schwester genannt, und das werde ich ihm nie vergessen! Aber sieh,
-Rakitka, wenn ich auch schlecht bin, so habe ich doch vielleicht ein
-Zwiebelchen gegeben!“
-
-„Was für ein Zwiebelchen? – Pfui Teufel, sie sind ja faktisch
-übergeschnappt!“
-
-Rakitin wunderte sich über ihre verzückte Begeisterung und fühlte sich
-gekränkt, obgleich er sich hätte sagen müssen, daß sich bei beiden
-alles, was ihre Seelen erschütterte, in dieser Minute zusammenfand, wie
-das nicht oft im Leben geschieht. Doch Rakitin, der sonst sehr
-feinfühlig in allem war, was ihn selbst betraf, war sehr roh im
-Verständnis der Empfindungen und Gefühle seiner Nächsten, teilweise wohl
-aus jugendlicher Unerfahrenheit, teilweise aber auch aus großem
-Egoismus.
-
-„Siehst du, Aljoschetschka,“ sagte Gruschenka nervös auflachend, und sie
-wandte sich wieder zu ihm, „ich prahle vor Rakitka, daß ich ein
-Zwiebelchen gegeben hätte, vor dir aber werde ich nicht damit prahlen,
-dir werde ich es aus einem anderen Grunde erzählen. Es ist nur eine
-Legende, aber eine schöne, ich habe sie bereits als Kind gehört, von
-meiner Matrjona, die noch jetzt bei mir als Köchin dient. Also: Es lebte
-einmal ein altes Weib, das war sehr, sehr böse und starb. Diese Alte
-hatte in ihrem Leben keine einzige gute Tat vollbracht. Da kamen denn
-die Teufel, ergriffen sie und warfen sie in den Feuersee. Ihr
-Schutzengel aber stand da und dachte: Kann ich mich denn keiner einzigen
-guten Tat von ihr erinnern, um sie Gott mitzuteilen? Da fiel ihm etwas
-ein, und er sagte zu Gott: ‚Sie hat einmal,‘ sagte er, ‚aus ihrem
-Gemüsegärtchen ein Zwiebelchen herausgerissen, und es einer Bettlerin
-gegeben.‘ Und Gott antwortete ihm: ‚Nimm,‘ sagte er, ‚dieses selbe
-Zwiebelchen, und halte es ihr hin in den See, so daß sie die Wurzeln zu
-ergreifen vermag, und wenn du sie aus dem See herausziehen kannst, so
-möge sie ins Paradies eingehen, wenn aber das Pflänzchen abreißt, so
-soll sie bleiben, wo sie ist.‘ Der Engel lief zum Weibe und hielt ihr
-das Zwiebelchen hin: ‚Nun,‘ sagte er zu ihr, ‚faß an, wir wollen sehen,
-ob ich dich herausziehen kann.‘ Und er begann vorsichtig zu ziehen – und
-zog sie beinahe schon ganz heraus; da bemerkten es aber die anderen
-Sünder im See, und wie sie das sahen, klammerten sie sich alle an sie,
-damit man auch sie mit ihr zusammen herauszöge. Aber das Weib war böse,
-sehr böse und stieß sie mit ihren Füßen zurück und schrie: ‚Nur mich
-allein soll man herausziehen und nicht euch, es ist mein Zwiebelchen und
-nicht eures.‘ Wie sie aber das ausgesprochen hatte, riß das kleine
-Pflänzchen entzwei. Und das Weib fiel in den Feuersee zurück und brennt
-dort noch bis auf den heutigen Tag. Der Engel aber weinte und ging
-davon. So lautet die Legende, Aljoscha, und ich habe sie Wort für Wort
-auswendig behalten, weil ich selbst dieses sehr, sehr böse Weib bin. Vor
-Rakitka prahlte ich, daß ich das Zwiebelchen gegeben hätte, aber dir
-sage ich etwas anderes: Ich habe _in meinem ganzen Leben_ nur ein
-Zwiebelchen gegeben, und das ist die einzige gute Tat, die ich
-vollbracht habe. Lobe mich nicht, Aljoscha, halte mich nicht für gut,
-ich bin schlecht und sehr, sehr böse, und wenn du mich lobst, muß ich
-mich schämen. Ach, jetzt bereue ich schon alles! Weißt du, Aljoscha, ich
-habe dermaßen gewünscht, dich zu mir heranzulocken, daß ich Rakitka
-keine Ruhe gelassen habe, daß ich ihm fünfundzwanzig Rubel versprochen
-habe, wenn er dich zu mir brächte. Warte, Rakitka, schweig!“ Sie ging
-mit raschen Schritten zum Tisch, zog ein Schiebfach heraus, suchte nach
-ihrer Börse und entnahm ihr dann einen Fünfundzwanzigrubelschein.
-
-„Was fällt dir ein! Bist wohl ganz verrückt geworden!“ Rakitin war nicht
-wenig verdutzt.
-
-„Nimm nur, Rakitka, das ist meine Schuld, wirst es doch nicht
-abschlagen, hast ja selbst so viel verlangt!“ Und sie warf ihm den
-Schein zu.
-
-„Warum denn schließlich abschlagen,“ brummte Rakitin, tapfer bemüht,
-seine Verlegenheit zu verbergen. „Das kommt mir sogar sehr gelegen. Die
-Dummköpfe sind ja doch nur zur Ausnutzung für die Klugen da.“
-
-„Aber jetzt schweige, Rakitka, jetzt werde ich etwas erzählen, was nicht
-für deine Ohren bestimmt ist. Setze dich dorthin in den Winkel und
-schweige; du liebst uns nicht, das weiß ich, so schweige denn.“
-
-„Wofür sollte ich euch denn lieben?“ schimpfte Rakitin, ohne seine Wut
-zu verbergen. Den Fünfundzwanzigrubelschein steckte er in die Tasche,
-schämte sich aber doch sehr vor Aljoscha. Er hatte darauf gerechnet,
-diesen Lohn nachher zu erhalten, so daß Aljoscha gar nichts davon
-erfahren hätte. Darum nämlich war er so wütend. Bis dahin hatte er noch
-für ratsam gefunden, Gruschenka nicht zu sehr zu widersprechen,
-ungeachtet aller Zurechtweisungen, die sie ihm erteilte, und die nur zu
-deutlich verrieten, daß sie über ihn eine gewisse Macht hatte. Jetzt
-aber tat er sich keinen Zwang mehr an.
-
-„Wenn man liebt, so muß man eine Veranlassung dazu haben, was aber habt
-ihr beide denn für mich getan?“
-
-„Man muß auch für nichts und wieder nichts lieben können, so wie
-Aljoscha liebt.“
-
-„Wieso liebt er dich denn, und was hat er dir denn getan, daß du damit
-so prahlst?“
-
-Gruschenka stand mitten im Zimmer und sprach erregt; in ihrer Stimme
-klang schon eine hysterische Note.
-
-„Schweig, Rakitka, du verstehst nichts von uns! und wage es nicht, mich
-_Du_ zu nennen, ich erlaube es dir nicht, – seit wann hast du dir diese
-Frechheit überhaupt herausgenommen? Sitz in der Ecke und schweige, du
-bist mein Lakai! Aber dir, Aljoscha, werde ich jetzt über mich die
-lautere Wahrheit sagen, damit du weißt, was für ein niedriges Geschöpf
-ich bin! Nicht Rakitka, sondern dir werde ich es sagen. Ich wollte dich
-verderben, Aljoscha, das ist die ganze Wahrheit; so sehr wollte ich es,
-daß ich Rakitka mit Geld bestach, damit er dich herbrächte. Und weißt
-du, warum ich das so sehr wollte? Du, Aljoscha, wußtest nichts davon, du
-wandtest dich von mir ab oder senktest die Augen, wenn du an mir
-vorübergingst, ich aber schaute dir nach und fing an, alle über dich
-auszufragen. Dein Gesicht aber behielt ich in meinem Herzen: ‚Er
-verachtet mich, er will mich nicht einmal ansehen,‘ dachte ich. Und es
-überkam mich zuletzt ein Gefühl, über das ich mich selbst wunderte.
-Warum fürchtete ich so einen kleinen Knaben? Ach was, ich werde ihn
-einfach – verschlingen und ihn dann nachher auslachen. Ich wurde zuletzt
-ganz wütend. Glaubst du, niemand hier wagt zu sagen, daß man Agrafena
-Alexandrowna mit schlechten Absichten kommen darf; ich habe dort meinen
-Alten, an ihn bin ich auf ewig gebunden und verkauft; der Satan hat uns
-getraut, aber sonst – niemand! Als ich dich aber sah, entschloß ich mich
-– dich zu verschlingen. Und so verschlinge ich dich denn und werde dich
-hinterher auslachen. Siehst du, was für ein wildes Tier ich bin, ich,
-die du deine Schwester genannt hast! Siehst du, und jetzt ist mein
-Verführer gekommen, der mich entehrt hat; ich sitze jetzt hier und
-erwarte von ihm eine Nachricht. Weißt du aber auch, was jener für mich
-bedeutet? Fünf Jahre sind jetzt vergangen, vor fünf Jahren brachte mich
-Kusjma her, – und so lebte ich denn hier und versteckte mich vor allen
-Leuten, damit sie mich nicht sahen und nichts von mir hörten; ein
-mageres, dummes Kleines war ich! Da saß ich nun und weinte, und schlief
-die Nächte nicht und dachte: Wo mag er jetzt sein, mein Verführer? Er
-lacht jetzt vielleicht mit der anderen über mich! Wenn ich ihn doch nur
-einmal sehen, ihm begegnen könnte! Dann würde ich es ihm aber
-heimzahlen, ja, dann würde ich es ihm bezahlen! In der Nacht, in der
-Dunkelheit schluchzte ich in meine Kissen hinein und dachte unablässig
-daran, zerriß mein Herz und tränkte es mit verzweifelter Wut: ‚Ich werde
-es ihm bezahlen, ich werde es ihm schon bezahlen!‘ So war es, so schrie
-ich in die Nacht hinein. Ja, wenn ich mir das plötzlich vorstellte, daß
-ich ihm nichts würde antun können, und daß er jetzt vielleicht über mich
-lacht oder aber überhaupt nicht mehr an mich denkt und mich ganz
-vergessen hat, so warf ich mich aus dem Bett auf den Fußboden und
-schüttelte mich und wälzte mich vor ohnmächtiger Wut und vor
-ohnmächtigen Tränen! Am nächsten Morgen stehe ich auf wie ein wütendes
-Tier; ich wäre froh gewesen, die ganze Welt verschlingen zu können.
-Darauf, was denkst du wohl, habe ich angefangen mir ein Kapital zusammen
-zu scharren, ich wurde unbarmherzig und gleichgültig gegen alles, mein
-Körper nahm zu und wurde schön – glaubst du aber, daß ich auch an
-Vernunft zunahm? Haha! Niemand auf der ganzen Welt weiß oder sieht was
-von mir! Und wenn die nächtliche Dunkelheit wieder anbricht, so liege
-ich, wie dasselbe kleine, dumme Mädchen vor fünf Jahren, auf meinem Bett
-und knirsche mit meinen Zähnen und weine die ganze Nacht: ‚Ich werde ihn
-schon, ich werde ihn schon ...!‘ denke ich dann wieder. Hast du jetzt
-alles gehört? Nun, wirst du mich aber jetzt verstehen, wenn ich dir
-sage, daß mir, als ich vor einem Monat plötzlich von ihm einen Brief
-erhielt, mit der Nachricht, daß er kommt, daß er Witwer ist und mich
-wiedersehen möchte –, daß mir da der Atem stehen blieb! Herrgott, denke
-ich da plötzlich: also er kommt und pfeift mir zu, ruft mich, und ich
-krieche wieder zu ihm wie ein geschlagenes Hündchen, das sich schuldig
-fühlt! So denke ich bei mir und traue mir selbst nicht: ‚Bin ich
-niedrig, oder bin ich nicht so niedrig, werde ich zu ihm laufen, oder
-werde ich nicht zu ihm laufen?‘ Und es packte mich eine Wut auf mich
-selbst, die mich den ganzen Monat nicht verließ, schlimmer noch als vor
-fünf Jahren. Siehst du jetzt, Aljoscha, was ich für eine Wütende,
-Rasende bin?! Die ganze Wahrheit habe ich dir soeben gesagt. Mit Mitjä
-habe ich mich amüsiert, um nicht an jenen zu denken. Schweig, Rakitka,
-du hast nicht über mich zu urteilen, dir habe ich es nicht erzählt. Ich
-lag jetzt hier, bevor ihr kamt, wartete und dachte – und beschloß mein
-Schicksal, und niemals werdet ihr erfahren, was in meinem Herzen
-vorging. Nein, Aljoscha, sage deinem Fräulein, daß sie mir wegen
-vorgestern nicht böse sein soll! ... Niemand auf der ganzen Welt weiß,
-was in mir jetzt vorgeht, und wer soll es denn auch wissen! ...
-Vielleicht nehme ich ein Messer mit, wer kann es wissen ...“
-
-Als Gruschenka das ausgesprochen hatte, konnte sie nicht mehr an sich
-halten: sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich auf den
-Diwan in die Kissen und weinte wie ein kleines Kind. Aljoscha erhob sich
-von seinem Platz und ging zu Rakitin.
-
-„Mischa,“ sagte er, „sei nicht böse. Du bist von ihr beleidigt worden,
-sei aber nicht böse. Hast du gehört, was sie gesagt hat? Man kann von
-der Seele des Menschen nicht zu viel verlangen, man muß barmherziger
-sein.“
-
-Aljoscha kamen diese Worte ganz von selbst über die Lippen. Er mußte
-seinem Herzen Luft machen, und darum wandte er sich an Rakitin. Wenn
-Rakitin auch nicht dagewesen wäre, so hätte er sie trotzdem ausgerufen.
-Rakitin sah ihn aber spöttisch an, und Aljoscha verstummte.
-
-„Du bist heute mit deinem Staretz geladen, und jetzt schießest du ihn
-auf mich ab, du Gottesknecht Aljoschetschka!“ sagte Rakitin mit
-haßerfülltem Lächeln.
-
-„Spotte nicht, Rakitin, lache nicht so und sprich nicht vom
-Verstorbenen: Er war höher als alle auf der Welt!“ rief Aljoscha mit
-unsicherer Stimme. „Ich habe nicht als Richter zu dir gesprochen,
-sondern als der erste, der gerichtet werden muß. Was bin ich vor ihr?
-Ich kam hierher, um ins Verderben zu gehen, und sagte mir: ‚Meinetwegen,
-meinetwegen, mir soll’s recht sein!‘ so kleinmütig war ich. Sie aber hat
-nach fünf Jahren Qual, nur weil irgend jemand kam und ihr ein
-aufrichtiges Wort sagte – alles verziehen, alles vergessen, und weint!
-Ihr Beleidiger ist zurückgekehrt und ruft sie, und sie verzeiht ihm
-alles, eilt freudig zu ihm und wird das Messer nicht mitnehmen, nein,
-wird es nicht mitnehmen! Ich bin nicht so. Ich weiß nicht, ob du auch so
-bist, Mischa, aber ich bin nicht so. Ich habe soeben eine Lehre von ihr
-erhalten ... Sie ist in ihrer Liebe größer als wir ... Hast du auch
-früher schon dasselbe von ihr gehört, was sie soeben gesagt hat? Nein,
-du hast es nicht gehört; wenn du es gehört hättest, so hättest du schon
-längst alles verstanden ... auch die andere Beleidigte würde ihr
-vergeben. Und sie wird ihr vergeben, sobald sie es nur erfährt ... und
-sie wird es erfahren ... Diese Seele ist noch nicht zur Ruhe gekommen
-... man muß sie schonen ... in ihrer Seele könnte ein Schatz ...“
-
-Aljoscha verstummte, atemlos. Rakitin sah ihn trotz seiner Wut
-verwundert an. Niemals hätte er von dem stillen Aljoscha eine solche
-Rede erwartet.
-
-„Du entpuppst dich ja als großer Advokat! Hast dich wohl in sie
-verliebt, wie? Agrafena Alexandrowna, unser Faster hat sich direktement
-in dich verliebt, du hast ihn besiegt!“ schrie er mit frechem Lachen.
-
-Gruschenka erhob ihren Kopf aus den Kissen und sah Aljoscha mit einem
-gerührten Lächeln an, das ihr tränengeschwollenes Gesicht erhellte.
-
-„Laß ihn, Aljoscha, mein Cherub, siehst du, wie er ist, du hast dich an
-den Rechten gewandt. Ich, Michail Ossipowitsch,“ sagte sie zu Rakitin,
-„wollte dich um Verzeihung bitten, weil ich dich gekränkt habe, aber
-jetzt will ich es nicht mehr tun. Aljoscha, komm zu mir, setz dich neben
-mich,“ rief sie ihn mit glücklichem Lächeln zu sich. „Sieh, so, setze
-dich her, sage du mir“ (sie ergriff seine Hand und sah ihm lächelnd ins
-Gesicht). „Sage du mir: Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Meinen
-Beleidiger, meine ich, liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Ich lag
-hier, bevor ihr kamt, allein in der Dunkelheit und fragte mein Herz:
-Liebe ich ihn, oder liebe ich ihn nicht? Entscheide du, Aljoscha, jetzt
-ist es Zeit, wie du bestimmst, so wird es geschehen. Soll ich ihm
-vergeben, oder soll ich ihm nicht vergeben?“
-
-„Du hast ihm doch schon vergeben,“ sagte Aljoscha lächelnd.
-
-„Ja, sofort habe ich ihm vergeben,“ entgegnete Gruschenka nachdenklich.
-„Was für ein niedriges Herz! Ich trinke auf mein niedriges Herz!“ Sie
-ergriff ein Glas, leerte es bis auf den Grund, hob es in die Höh und
-warf es mit Wucht zu Boden. Die Scherben klirrten. Ihr Lächeln war
-grausam in diesem Augenblick.
-
-„Vielleicht habe ich ihm aber doch noch nicht vergeben!“ sagte sie
-drohend wie zu sich selbst, und ihr Blick haftete am Boden. „Vielleicht
-hat mein Herz erst angefangen zu verzeihen. Ich kämpfe ja noch mit
-meinem Herzen. Ich, siehst du, Aljoscha, ich habe die Tränen meiner
-fünfjährigen Qual liebgewonnen ... Vielleicht liebe ich nur mein Leid,
-meine Kränkung, und liebe _ihn_ überhaupt nicht!“
-
-„Na, ich möchte jetzt nicht in seiner Haut stecken!“ meinte Rakitin.
-
-„Und wirst auch nie in seiner Haut stecken, Rakitka, nie! Du wirst mir
-die Stiefel putzen, Rakitka, dazu kann ich dich gebrauchen, aber solch
-eine wie ich wirst du niemals zu sehen bekommen ... Ja, und vielleicht
-auch er nicht ...“
-
-„Er? Warum hast du dich denn so aufgeputzt?“ neckte schadenfroh Rakitin.
-
-„Wirf mir nicht den Putz vor, Rakitka, du kennst mein Herz noch nicht!
-Wenn ich will, so zerreiße ich ihn, sofort zerreiße ich ihn, in dieser
-Minute!“ rief sie laut. „Du weißt noch nicht, wozu diese Toilette dienen
-soll, Rakitka! Vielleicht nur, um zu ihm zu gehen und ihm zu sagen:
-‚Hast du mich schon so gesehen oder noch nicht?‘ Er hat mich doch als
-siebzehnjähriges, mageres und abgezehrtes Ding verlassen. Da werde ich
-mich zu ihm setzen, ihn berücken und anfachen: ‚Hast du gesehen, wie ich
-jetzt bin,‘ werde ich ihm sagen, ‚nun, und dabei bleibt es, mein werter
-Herr, kannst dir die Lippen lecken, mehr gibt es nicht!‘ siehst du, wozu
-diese Toilette noch dienen kann, Rakitka,“ schloß Gruschenka mit bösem
-Lachen. „Ich bin ein wütendes, ein schlechtes Geschöpf, Aljoscha. Wenn
-ich will, so zerreiße ich meinen Putz in Fetzen, verstümmle ich meine
-Schönheit, verbrenne mir das Gesicht und zerschneide es mit dem Messer
-und gehe betteln. Wenn ich will, so gehe ich jetzt nirgendwohin und zu
-niemandem und schicke morgen Kusjma alles zurück, was er mir geschenkt
-hat, all sein Geld, und gehe hin, um mein ganzes Leben lang Tagelöhnerin
-zu sein! ... Du denkst wohl, daß ich es nicht tun würde, Rakitka, nicht
-wagen würde, das zu tun? Ich werde es tun, werde es tun, sofort werde
-ich es tun, reizt mich nur nicht ... ihn aber werde ich fortjagen, dem
-will ich ... der soll mich nicht zu sehen bekommen!“
-
-Die letzten Worte rief sie außer sich. Wieder konnte sie sich nicht
-beherrschen. Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, warf sich in
-die Kissen und schüttelte sich vor Schluchzen. Rakitin erhob sich von
-seinem Platz:
-
-„Es ist Zeit,“ sagte er, „es ist schon spät, man wird uns nicht mehr ins
-Kloster einlassen.“
-
-Gruschenka sprang sofort auf.
-
-„Ist es möglich, daß du schon fortgehn willst, Aljoscha!“ fragte sie in
-trauriger Bestürzung: „Was hast du jetzt aus mir gemacht? Du hast alles
-in mir wachgerufen, hast mein Herz zerrissen und nun – wieder diese
-Nacht, in der ich allein bleiben muß!“
-
-„Er kann doch nicht bei dir nächtigen? Doch wenn du es willst –
-meinetwegen! Ich werde dann allein fortgehen,“ witzelte Rakitin wieder
-in seiner häßlichen Weise.
-
-„Schweig, du böse Seele,“ schrie Gruschenka wütend, „niemals hast du mir
-solche Worte gesagt, wie Aljoscha sie heute zu mir gesprochen hat!“
-
-„Was hat er dir denn gesagt?“ erkundigte sich Rakitin gereizt.
-
-„Ich weiß nicht mehr was, ich kann dir nicht sagen, was er mir gesagt
-hat, aber mein Herz hat es gefühlt, er hat mir mein Herz um- und
-umgekehrt ... Er hat mit mir als erster und einziger Mitleid gehabt,
-siehst du, das ist es! Warum bist du, mein Schutzengel, nicht früher zu
-mir gekommen!“ Sie fiel wie außer sich vor ihm auf die Knie nieder. „Ich
-habe mein ganzes Leben lang solch einen wie dich erwartet, gerade daß so
-einer wie du kommen und mir alles verzeihen werde! Und ich habe
-geglaubt, daß irgend jemand auch mich lieben wird, mich Schlechte, und
-nicht nur um den Preis meiner Schande ...“
-
-„Was habe ich dir denn Gutes getan?“ fragte Aljoscha gerührt lächelnd,
-beugte sich zu ihr nieder und erfaßte ihre beiden Hände: „Nur ein
-Zwiebelchen habe ich dir gegeben, nur ein kleines Zwiebelchen, und nur
-das, nur, nur das! ...“
-
-Und als er das gesagt hatte, rollten ihm selbst die Tränen über die
-Wangen. In diesem Augenblick hörte man im Flur ein Geräusch: jemand trat
-ins Vorzimmer ein; Gruschenka sprang auf vor Schreck. Fenjä stürzte mit
-Lärm und Geschrei ins Zimmer.
-
-„Herrin, Täubchen, der Bote ist angekommen!“ rief sie freudig. „Ein
-Wagen aus Mokroje ist gekommen, Timofeij mit einer Troika, sofort werden
-die Pferde gewechselt ... Ein Brief, ein Brief, hier ist der Brief!“
-
-Sie hielt den Brief in der Hand und schwenkte ihn die ganze Zeit in der
-Luft. Gruschenka riß ihr den Brief aus der Hand und trat zum Licht. Es
-war nur ein Zettelchen, einige Zeilen; in einem Augenblick hatte sie es
-gelesen.
-
-„Er ruft mich!“ sagte sie erbleichend, und ihr Gesicht verzerrte sich zu
-einem schmerzlichen Lächeln, „er pfeift! Nun, kriech heran, Hündchen!“
-
-Doch nur einen Augenblick stand sie unentschlossen da; plötzlich stieg
-ihr das Blut in die Wangen, und ihre Augen flackerten auf.
-
-„Ich gehe!“ rief sie plötzlich aus. „Meine fünf Jahre! Lebt wohl! Leb
-wohl, Aljoscha, mein Schicksal ist entschieden ... Fort mit euch, fort,
-alle, damit ich euch nicht mehr sehe! ... Gruschenka beginnt ihren Flug
-ins neue Leben ... Auch du, Rakitka, gedenke meiner im guten. Vielleicht
-gehe ich in den Tod! Ich bin ja wie betrunken!“
-
-Sie verließ sie plötzlich und lief in ihr Schlafzimmer.
-
-„Nun, jetzt hat sie keine Zeit mehr für uns,“ brummte Rakitin. „Gehen
-wir, sonst beginnt womöglich wieder dieses Weibergeschrei. Diese
-hysterischen Tränen sind mir schon zum Ekel geworden ...“
-
-Aljoscha ließ sich mechanisch hinausführen. Auf dem Hof stand ein Wagen:
-man spannte die Pferde aus, machte sich geschäftig am Wagen zu tun, eine
-Laterne wurde hin und her getragen. Durch das offene Hoftor wurden
-gerade die neuen drei Pferde gebracht. Kaum aber waren Aljoscha und
-Rakitin auf die Treppe hinausgetreten, als sich Gruschenkas
-Schlafzimmerfenster öffnete, und sie mit heller Stimme Aljoscha
-nachrief:
-
-„Aljoschetschka, grüße deinen Bruder Mitjenka, und bitte ihn, daß er
-meiner nicht im bösen gedenke. Thu’s mit diesen Worten: ‚Ein Schuft hat
-Gruschenka bekommen, und nicht du hast sie bekommen, der Edelste von
-allen!‘ Ja, und füge auch noch hinzu, daß ihn Gruschenka ein Stündchen
-lang geliebt hat, im ganzen vielleicht ein Stündchen lang geliebt – und
-daß er sich dieses Stündchen sein ganzes Leben lang erinnern soll, so
-habe Gruschenka gesagt ... sein ganzes Leben lang! ...“
-
-Ihre Stimme ging in Schluchzen über. Das Fenster wurde zugeschlagen.
-
-„Hm, hm!“ brummte Rakitin und lachte dann laut auf. – „Deinem Bruder
-Mitjenka hat sie den Todesstoß versetzt, und jetzt befiehlt sie ihm noch
-dazu, sein ganzes Leben lang daran zu denken! Ist das aber eine Bestie!“
-
-Aljoscha antwortete nichts darauf. Es war, als ob er es gar nicht gehört
-hätte. Er ging schnell neben Rakitin her, wie wenn er Eile hatte. Er war
-in tiefes Nachdenken versunken und ging ganz mechanisch. Rakitin fühlte
-plötzlich einen fast körperlichen Schmerz in seinem Innern, als wenn an
-ihm eine frische Wunde berührt worden wäre. Er hatte etwas ganz anderes
-vorhin erwartet, als er Aljoscha zu Gruschenka führte; und nun hatte
-sich dieses so ganz Unerwartete ereignet. Nein, nicht das hatte er
-gewünscht!
-
-„Ihr Offizier ist ein Pole,“ sagte er schließlich, da er nicht mehr an
-sich halten konnte, „und jetzt ist er nicht einmal mehr Offizier,
-sondern bloß ein Zollbeamter, hat in Sibirien gedient, irgendwo dort an
-der chinesischen Grenze. Ein jämmerliches, kränkliches Kerlchen scheint
-es zu sein. Hat seine Stelle verloren, sagt man ... Er hat gehört, daß
-Gruschenka ein Kapital haben soll, nun, und da ist er denn
-zurückgekehrt. Das ist das ganze Wunder.“
-
-Aljoscha schien wieder nicht zuzuhören. Rakitin fuhr fort:
-
-„Nun, was, hast du eine Sünderin bekehrt?“ fragte er boshaft lachend.
-„Eine Verirrte auf den Weg der Wahrheit geführt? Die sieben Teufel
-ausgetrieben etwa? Da haben sich ja eure erwarteten Wunder erfüllt!“
-
-„Hör auf, Rakitin,“ unterbrach ihn Aljoscha gequält.
-
-„Jetzt verachtest du mich wohl wegen der fünfundzwanzig Rubel? Habe
-sozusagen den Freund verkauft ... Du bist aber doch nicht Christus, und
-ich nicht Judas ...“
-
-„Ach, Rakitin, ich versichere dir, ich hatte das schon ganz vergessen,“
-sagte Aljoscha, „du hast mich jetzt selbst daran erinnert ...“
-
-Da aber wurde Rakitin grob vor Wut.
-
-„Hol euch alle und einen jeden der Teufel!“ brüllte er. „Zum Teufel,
-warum habe ich mich mit dir abgegeben! Möchte dich von Stund an nicht
-mehr kennen! Geh allein ins Kloster, dorthin gehörst du!“
-
-Und er kehrte sich auf dem Hacken um und bog in eine andere Straße ein.
-Aljoscha blieb in der Dunkelheit allein stehen. Er trat aus der Stadt
-hinaus und ging übers Feld auf das Kloster zu.
-
-
- IV.
- Die Hochzeit zu Kana in Galiläa
-
-Nach der Klosterregel war es sehr spät, als Aljoscha bei der Einsiedelei
-anlangte; der Pförtner ließ ihn auf einem besonderen Wege ein. Es hatte
-schon neun Uhr geschlagen, die Stunde der Ruhe und Erholung nach einem
-für alle so aufregenden Tage. Schüchtern öffnete Aljoscha die Tür und
-trat in die Zelle des Staretz, wo jetzt sein Sarg stand. Außer Pater
-Paissij, der einsam am Sarge die Evangelien las, und dem jungen Novizen
-Porfirij, der, müde von der gestrigen nächtlichen Unterhaltung und von
-den heutigen Aufregungen, im anderen Zimmer auf dem Fußboden in festem,
-jugendlichem Schlafe lag, war niemand in der Zelle. Pater Paissij hatte
-wohl gehört, daß Aljoscha eingetreten war, doch blickte er nicht einmal
-auf. Aljoscha ging von der Tür rechts in die Ecke, kniete nieder und
-fing an zu beten. Seine Seele war übervoll, aber es waren nur trübe,
-unklare Empfindungen in ihm, von denen keine sich klärte, sondern die
-eine verdrängte die andere, wie in stillem, gleichmäßigem Kreislauf. Im
-Herzen aber war ihm süß und sonderbar zumute, und er wunderte sich nicht
-einmal darüber. Wieder sah er vor sich den Sarg, und in ihm seinen
-teuren Toten. Doch in seiner Seele fühlte er nicht mehr wie am Morgen
-das quälende, nagende Leid. Gleich beim Eintritt fiel er vor dem Sarge
-wie vor einem Heiligtum in die Knie, doch Freude, Freude war in seinem
-Herzen und in seinen Gedanken. Das eine Fenster der Zelle stand offen,
-und es war eine frische, kalte Luft im Zimmer. „So muß denn der Geruch
-noch stärker geworden sein, wenn man das Fenster geöffnet hat,“ dachte
-Aljoscha. Doch dieser Gedanke an den Verwesungsgeruch, der ihm noch vor
-kurzem so schrecklich und entehrend erschienen war, erweckte in ihm
-keine Trauer mehr und keinen Unwillen. Er begann, leise zu beten, bald
-aber fühlte er selbst, daß er nur mechanisch betete. Bruchstücke von
-Gedanken tauchten in seiner Seele auf, erglühten wie Sternchen und
-verlöschten wieder und machten anderen Platz. Doch in seiner Seele erhob
-sich etwas Ganzes, Festes, Tröstendes, und er wurde sich dessen immer
-mehr bewußt. Von Zeit zu Zeit fing er von neuem leidenschaftlich ein
-Gebet an, denn er wollte danken und lieben ... Doch kaum hatte er das
-Gebet begonnen, so gingen seine Gedanken auch schon auf etwas anderes
-über, er verfiel in Nachdenken, vergaß das Gebet und auch das, was es
-unterbrochen hatte. Er fing an zuzuhören, was Pater Paissij las, aber
-den Ermüdeten überkam allmählich der Schlaf.
-
-„Und am dritten Tage war eine Hochzeit zu Kana in Galiläa,“ las Pater
-Paissij, „und die Mutter Jesu war da. Jesus aber und seine Jünger waren
-auch auf die Hochzeit geladen ...“
-
-„Hochzeit? Was ist das ... eine Hochzeit ...,“ ging es wie ferner
-Glockenklang durch Aljoschas Gedanken. „... Auch sie ist voll Glück auf
-ein Fest gefahren ... Nein, sie nahm nicht das Messer, nein, sie nahm es
-nicht ... Das war nur ein verzweifeltes Wort ..., solche Worte muß man
-durchaus verzeihen, durchaus. Sie erleichtern die Seele ... Ohne sie
-wäre es den Menschen zu schwer, ihr Leid zu tragen ... Rakitin bog in
-eine Nebenstraße ein. Er wird noch jetzt an die Kränkungen denken ... er
-wird immer in eine Nebenstraße gehen ... Aber der Weg ... der Weg ist
-doch groß, gerade und hell, kristallrein, und die Sonne am Ende des
-Weges ... Wie? ... Was liest er?“
-
-„... Und da es an Wein gebricht, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie
-haben keinen Wein ...“ hörte Aljoscha ihn lesen.
-
-„Ach ja, ich habe da etwas überhört, und wollte es doch nicht, ich liebe
-diese Stelle so. Die Hochzeit zu Kana, das erste Wunder ... Ach, dieses
-Wunder, dieses herrliche Wunder! Nicht das Leid, nein, die Freude der
-Menschen suchte Jesus auf, als er sein erstes Wunder vollbrachte, zur
-Freude verhalf er ihnen. ‚Wer die Menschen liebt, der liebt auch ihre
-Freude,‘ – das wiederholte der Verstorbene immer, diesen Ausspruch habe
-ich am häufigsten von ihm gehört ... Ohne Freude kann man nicht leben,
-sagt Mitjä ... ja, Mitjä ... Alles, was aufrichtig und schön ist, das
-ist voll von Allverzeihung und Vergebung: das hat auch wieder Er gesagt
-...“
-
-„... Jesus spricht zu ihr: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine
-Stunde ist noch nicht gekommen. Seine Mutter spricht aber zu den
-Dienern: Was er euch sagt, das tut ...“
-
-„Das tut ... Freude, Freude für die armen Menschen ...
-Selbstverständlich waren sie arm, wenn es ihnen sogar zur Hochzeit an
-Wein gebrach ... Die Historiker schreiben ja, daß am See Genezareth und
-an allen jenen Orten die ärmste Bevölkerung gelebt habe, die man sich
-nur denken kann ... Und noch ein anderes großes Herz eines anderen
-großen Wesens, das Herz seiner Mutter wußte, daß er nicht nur wegen
-seiner großen Tat gekommen war, sondern daß seinem Herzen auch die
-einfältige von Herzen kommende Freude irgendwelcher kleinen, geringen,
-aber treuherzigen Leute, die ihn freundlich zu ihrer Hochzeit geladen
-hatten, zugänglich sei. ‚Meine Stunde ist noch nicht gekommen,‘ sagt er
-mit stillem Lächeln (sicherlich hat er still gelächelt) ... Ja, er ist
-doch nicht darum auf die Welt gekommen, um auf den Hochzeiten Armer den
-Wein zu vermehren. Aber er ist doch zu ihrer Hochzeit gegangen und hat
-es auf ihre Bitte hin getan ... Ach so, er liest wieder ...“
-
-„... Und Jesus spricht zu ihnen: Füllet die Krüge mit Wasser. Und sie
-füllten sie bis zum Rande.
-
-Und er spricht zu ihnen: Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister.
-Und sie brachten es.
-
-Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und
-wußte nicht, von wannen er kam (die Diener aber wußten es, die das
-Wasser geschöpft hatten), ruft der Speisemeister den Bräutigam.
-
-Und spricht zu ihm: Jedermann gibt zum ersten guten Wein, und wenn sie
-trunken sind, alsdann den schlechteren; du aber hast den guten Wein bis
-zuletzt behalten ...“ las Pater Paissij.
-
-„Aber was ist das, was ist das? Warum erweitert sich das Zimmer? ...
-Ach, ja, es ist doch Hochzeit, Hochzeit ... ja ... Sieh, da sind die
-Gäste, dort sitzt ja das junge Paar und zu beiden Seiten die fröhlichen
-Gäste ... Wo ist der Speisemeister? Wer aber ist das? Wer? Wieder wird
-das Zimmer größer ... Wer erhebt sich dort am großen Tisch? Wie ... Auch
-er ist hier? Aber er ist doch im Sarge ... Aber er ist es, er ist hier,
-... er steht auf, er hat mich gesehen, er kommt hierher ... Herrgott!
-...“
-
-Ja, zu ihm, zu ihm kam er, der hagere kleine Alte, mit den feinen
-Runzeln im Gesicht, freudig und verklärt lächelnd. Der Sarg ist nicht
-mehr da, und er ist im selben Gewande, in dem er noch gestern unter
-ihnen gesessen hatte, als die Gäste zu ihm gekommen waren. Das Antlitz
-ist freudig, die Augen glänzen.
-
-„Wie ist denn das möglich? – er ist also auch auf dem Feste, ist auch
-zur Hochzeit zu Kana in Galiläa geladen? ...“
-
-„Ja, mein lieber Sohn, auch ich bin eingeladen und berufen,“ ertönte
-hinter ihm eine leise Stimme. „Warum hast du dich hierher zurückgezogen,
-so daß man dich nicht sehen kann ... komme auch du zu uns.“
-
-Das ist seine Stimme, die Stimme des Staretz Sossima ... Ja, und wie
-soll es sie denn nicht sein, da er es ist, der da ruft? Der Staretz
-reichte Aljoscha die Hand, und der erhob sich von den Knien.
-
-„Freuen wir uns,“ fuhr der kleine hagere Greis fort, „trinken wir neuen
-Wein, den Wein neuer, großer Freude, siehst du, wieviel Gäste hier sind?
-Sieh, hier ist der Bräutigam und hier die Braut, und hier ist der
-hochweise Speisemeister, der den neuen Wein kostete. Warum wunderst du
-dich über mich? Ich habe ein Zwiebelchen gegeben und sieh, jetzt bin ich
-hier. Und viele hier haben nur ein Zwiebelchen gegeben, nur ein kleines,
-einziges ... Und wie steht es mit dir, du mein stiller, bescheidener
-Jüngling? Hast du heute verstanden, das Zwiebelchen einer armen
-Hungernden zu geben? Beginne, mein Lieber, beginne dein Werk, mein
-Bescheidener! ... Siehst du unsere Sonne, siehst du Ihn?“
-
-„Ich fürchte mich ... ich wage nicht, hinzusehen ...“ flüsterte
-Aljoscha.
-
-„Fürchte Ihn nicht. Schrecklich ist Er uns in Seiner Größe, furchtbar in
-Seiner Höhe, aber unendlich barmherzig ist Er zu uns in Seiner Liebe,
-und Er freut sich mit uns, Er hat Wasser in Wein verwandelt, damit die
-Freude der Gäste nicht aufhöre. Neue Gäste erwartet Er, und
-ununterbrochen ruft Er neue herbei, und so geht es bis in die Ewigkeit.
-Neuen Wein trägt man auch uns auf, siehst du, wie man die Gefäße trägt
-...“
-
-Es war Aljoscha, als brenne etwas in seinem Herzen und erfülle es mit
-unsäglichem Schmerz. Tränen der Begeisterung lösten sich aus seiner
-Seele ... Er breitete seine Arme aus, schrie auf und erwachte ...
-
-Wieder der Sarg, das geöffnete Fenster und das leise, würdige,
-gleichmäßige Lesen der Evangelien. Aljoscha hörte nicht mehr, was
-gelesen wurde. Sonderbar, er war auf den Knien eingeschlafen, und auf
-den Füßen stehend erwachte er, und plötzlich, als wenn es ihn von der
-Stelle gerissen hätte, trat er mit drei festen, schnellen Schritten an
-den Sarg heran. Er berührte sogar die Schulter Pater Paissijs, doch
-merkte er es nicht einmal. Der erhob seinen Blick vom Buch und richtete
-ihn auf Aljoscha, senkte ihn aber sofort wieder, denn er begriff, daß
-mit dem Jüngling etwas Sonderbares vorging. Aljoscha sah wohl eine halbe
-Minute lang auf den Sarg, auf den bedeckten, unbeweglich im Sarge
-ausgestreckten Leichnam, mit dem Heiligenbild auf der Brust und der
-Kapuze mit dem achtarmigen Kreuze auf dem Haupte. Soeben hatte er seine
-Stimme gehört, und sie tönte noch fort in seinen Ohren. Er horchte noch
-hin, er erwartete noch einen Laut ... Doch plötzlich wandte Aljoscha
-sich um und verließ die Zelle.
-
-Er blieb nicht auf der Treppe stehen, sondern eilte hinunter auf den
-Rasen. Seine von Jubel erfüllte Seele dürstete nach Freiheit, nach Raum
-und Weite. Über ihm wölbte sich weit, breit und unabsehbar die
-Himmelskuppel, übersät mit stillen, flimmernden Sternen. Vom Zenit bis
-zum Horizont zog sich noch, undeutlich schimmernd, der neblige Streifen
-der Milchstraße. Eine kühle und bis zur Unbeweglichkeit stille Nacht
-umfing die Erde. Die weißen Türme und goldenen Kuppeln der Kathedrale
-hoben sich mattleuchtend vom saphirblauen Nachthimmel ab; die schönen
-Herbstblumen im Garten der Einsiedelei schliefen noch dem Morgen
-entgegen. Es war, als wenn die irdische Stille mit der Stille des
-Himmels zusammenflösse und das Geheimnis der Erde sich mit dem der
-Gestirne berühre ... Aljoscha stand und schaute empor ... und plötzlich,
-als hätte ihn ein wuchtiger Schlag getroffen, warf er sich zur Erde
-nieder.
-
-Er wußte nicht, warum er sie umfing. Er wollte auch nicht darüber
-nachdenken, warum es ihn so unwiderstehlich verlangte, sie zu küssen:
-und er küßte sie weinend, schluchzend, und tränkte sie mit seinen
-Tränen, und wie außer sich schwur er, wie verzückt, sie zu lieben, zu
-lieben bis in alle Ewigkeit! „Tränke die Erde mit deinen Freudentränen
-und liebe diese deine Tränen,“ hallte es in seiner Seele wider. Warum
-weinte er? Oh, er weinte in seiner Begeisterung sogar über die Sterne,
-die aus dem unendlichen Raume zu ihm herniederblickten, und „er schämte
-sich seiner Verzückung nicht.“ Ihm war, als träfen von all diesen
-zahllosen Welten Gottes unsichtbare Fäden in ihm zusammen, und seine
-ganze Seele erbebte „in der Berührung mit anderen Welten“. Er wollte
-allen alles vergeben und um Verzeihung bitten, oh! nicht für sich,
-sondern für alle, für alles und jedes! „Für mich werden andere bitten,“
-erklang es in seiner Seele. Und mit jedem Augenblick fühlte er immer
-deutlicher, wurde es ihm immer mehr bewußt, daß etwas Festes und
-Unerschütterliches, wie dieses Himmelsgewölbe, in seine Seele einzog, –
-wie eine Idee sich seines Verstandes bemächtigte, und zwar für sein
-ganzes Leben und bis in alle Ewigkeit. Als schwacher Jüngling war er
-noch zur Erde niedergefallen, als ein fürs ganze Leben gewappneter
-Kämpfer erhob er sich wieder – das fühlte er, und dessen wurde er sich
-plötzlich bewußt in diesem Augenblick seiner großen Begeisterung.
-
-Sein ganzes Leben lang, niemals, niemals konnte Aljoscha diesen
-Augenblick vergessen ... „Jemand hat in dieser Stunde meine Seele
-heimgesucht,“ sagte er in festem Glauben an seine Worte ...
-
-Nach drei Tagen verließ er das Kloster, gehorsam den Worten seines
-verstorbenen Staretz, der ihm befohlen hatte, „in der Welt zu leben“.
-
-
-
-
- Achtes Buch. Mitjä
-
-
- I.
- Kusjma Ssamssonoff
-
-Dmitrij Fedorowitsch, dem Gruschenka „vor ihrem Flug ins neue Leben“ als
-letzten Gruß zu überbringen befohlen hatte, daß er „ewig dieses
-Stündchens ihrer Liebe“ gedenken solle, war zur selben Zeit, ohne von
-ihrem Vorhaben etwas zu ahnen, gleichfalls in großer Unruhe und Sorge.
-In den zwei letzten Tagen hatte er sich in einem unbeschreiblichen
-Zustande befunden, so daß es tatsächlich zu der „Gehirnentzündung“ hätte
-kommen können, an die er in manchen Augenblicken schon fest glaubte. Am
-Tage vorher hatte Aljoscha ihn vergeblich gesucht, und auch Iwan hatte
-ihn vergeblich im Gasthaus erwartet. Mitjäs Hauswirte verheimlichten auf
-seinen Befehl alles, was sich auf ihn bezog. Er aber trieb sich in
-diesen zwei Tagen überall herum. Er „kämpfte mit seinem Schicksal, um
-sich zu retten“, wie er sich später ausdrückte. Er verließ in einer
-dringenden Angelegenheit sogar die Stadt, obgleich es ihm schrecklich
-war, Gruschenka auch nur eine Stunde außer Aufsicht lassen zu müssen.
-Ich will nur die notwendigsten Tatsachen aus der Geschichte dieser Tage
-angeben; es waren dies die beiden letzten Tage vor jener furchtbaren
-Katastrophe, die so entscheidend in sein Leben eingreifen sollte.
-
-Wenn es auch wahr ist, daß Gruschenka ihn ein Stündchen lang aufrichtig
-geliebt hatte, so hatte sie ihn doch zu gleicher Zeit wahrhaft grausam
-und schonungslos gequält; die größte Qual bestand aber für ihn darin,
-daß er ihre Absichten nicht erraten konnte. Sie im Guten oder mit Gewalt
-zu etwas zu bewegen, war gleichfalls unmöglich: sie hätte sich ihm auf
-diese Weise niemals ergeben, und sich, vielleicht auf immer erzürnt,
-ganz von ihm abgewandt, – das begriff er damals nur zu gut. Dabei fühlte
-er ganz richtig, daß sie sich selbst in einem Kampf, in einer seltsamen
-Unentschlossenheit befand, daß sie sich zu etwas entschließen wollte und
-doch nicht konnte – und darum ahnte er ganz mit Recht, und sein Herz
-stand ihm still bei diesem Gedanken, daß Gruschenka in manchen
-Augenblicken ihn und seine Leidenschaft geradezu hassen mußte. So war es
-denn auch. Warum jedoch Gruschenka trauerte, das konnte er nicht
-verstehen. Er glaubte, es handele sich für sie nur um die Frage, für wen
-sie sich entschließen sollte: für ihn, Mitjä, oder für Fedor
-Pawlowitsch. Hier muß noch auf eine auffallende Tatsache hingewiesen
-werden: Mitjä war fest überzeugt, daß Fedor Pawlowitsch durchaus
-Gruschenka eine rechtmäßige Ehe antragen werde (wenn er es nicht schon
-getan hatte), und glaubte keine Minute daran, daß der alte Wollüstling
-im Ernst nur mit dreitausend Rubeln davonzukommen hoffte. Darum konnte
-ihm aber auch zuzeiten scheinen, daß alle Qual Gruschenkas und ihre
-ganze Unentschlossenheit nur davon herrühre, daß sie nicht wußte, wen
-von beiden sie wählen sollte, und wer von ihnen für sie vorteilhafter
-sei. Sonderbar war nur, daß er die bevorstehende Rückkehr „des
-Offiziers“, jenes in Gruschenkas Leben so bedeutungsvollen Menschen, den
-sie mit solcher Aufregung und Furcht erwartete, überhaupt nicht
-beachtete und in diesen Tagen nicht einmal an ihn dachte. Auch
-Gruschenka hatte in den letzten Tagen ganz darüber geschwiegen. Indessen
-wußte er davon: Gruschenka selbst hatte ihm vor einem Monat von diesem
-Brief erzählt, und zum Teil war ihm sogar der Inhalt des Schreibens
-bekannt. Damals hatte Gruschenka in einem Augenblick gereizter Bosheit
-Mitjä diesen Brief gezeigt. Doch zu ihrer Verwunderung hatte diese
-Nachricht schon damals auf ihn fast überhaupt keinen Eindruck gemacht.
-Warum sie es nicht tat, ist sehr schwer zu erklären: vielleicht einfach
-darum nicht, weil Mitjä, der durch den schrecklichen Kampf mit seinem
-leiblichen Vater um dieses Weib niedergedrückt war, sich nichts
-Gefährlicheres und Schrecklicheres, als was er bereits vor Augen hatte,
-mehr vorstellen konnte. An einen Bräutigam, der plötzlich nach
-fünfjähriger Abwesenheit wieder auftauchte, konnte er einfach nicht
-glauben, und besonders daran nicht, daß der Betreffende nun bald
-tatsächlich erscheinen sollte. Außerdem war im ersten Brief dieses
-„Offiziers“, den Gruschenka Mitjä gezeigt hatte, die Ankunft desselben
-nur ganz unbestimmt angedeutet gewesen. Der Brief war sehr unklar, sehr
-hochtrabend verfaßt, und hatte eigentlich nichts anderes enthalten, als
-verschnörkelte Redewendungen. Ich muß dazu bemerken, daß Gruschenka die
-letzten Zeilen des Briefes, in denen etwas Bestimmteres über seine
-Wiederkehr gesagt war, verheimlicht hatte. Außerdem erinnerte sich Mitjä
-noch später, daß auf Gruschenkas Gesicht sich unwillkürlich stolze
-Verachtung ob dieser Nachricht aus Sibirien ausgedrückt hatte –
-wenigstens glaubte er so etwas damals bemerkt zu haben. Auch hatte ihm
-Gruschenka von ihren näheren Beziehungen zu diesem neuen Nebenbuhler
-nichts mitgeteilt. Auf diese Weise vergaß er denn den Offizier
-allmählich vollständig. Er dachte nur daran, daß es, wie die Sache sich
-auch wenden sollte, doch unvermeidlich, und zwar sehr bald, zu einem
-entscheidenden Zusammenstoß zwischen Fedor Pawlowitsch und ihm kommen
-werde, und da von diesem Zusammenstoß zweifellos Gruschenkas
-Entscheidung abhing, so ersehnte er ihn ebenso ungeduldig, wie er ihn
-fürchtete. So erwartete er denn in unerträglicher Qual jeden Augenblick
-den Entschluß Gruschenkas, und glaubte immer noch, daß er ganz plötzlich
-und in höherer Eingebung erfolgen werde. – Vielleicht würde sie ihm
-plötzlich sagen: „Nimm mich, ich gehöre dir auf ewig,“ und alles hätte
-dann ein Ende. Er würde sie dann nehmen und sofort ans andere Ende der
-Welt bringen. Oh, so weit, so weit als möglich würde er sie fortbringen,
-wenn auch nicht ans Ende der Welt, so doch mindestens ans andere Ende
-Rußlands. Er würde sich dort unverzüglich mit ihr trauen lassen und sich
-ungekannt und ungenannt ansiedeln, so daß niemand etwas von ihnen wußte,
-weder hier, noch dort, noch sonstwo. Dann, oh, dann, beginnt sofort ein
-neues Leben! Von diesem anderen, erneuten und unbedingt „tugendhaften“
-Leben („durchaus, durchaus tugendhaft!“) träumte er ununterbrochen und
-wie in Verzückung. Er sehnte sich nach solcher Auferstehung und nach
-jenem neuen Leben. In diesem „unreinen Pfuhl“, in den er durch seinen
-eigenen Willen geraten war, ekelte es ihn dermaßen, daß er, wie sehr
-viele in solchen Fällen, mit der Veränderung des Wohnortes alles zu
-verändern glaubte. Nur nicht diese Menschen, nur nicht diese
-Verhältnisse, nur fort von diesem verfluchten Ort und – alles wird
-wiedergeboren werden, alles wird von neuem beginnen! Daran glaubte er
-unerschütterlich, und das war es, wonach er sich sehnte.
-
-Aber dies alles war nur im Falle einer glücklichen Lösung des ganzen
-Gruschenka-Problems möglich. Es konnte aber auch eine andere, eine
-schreckliche Lösung bevorstehen. Wie, wenn sie ihm plötzlich sagte: „Geh
-fort, ich habe mich soeben für Fedor Pawlowitsch entschieden, ich werde
-ihn heiraten, dich habe ich nicht nötig.“ Was dann? ... Mitjä wußte
-übrigens nicht, was dann sein werde, bis zur letzten Stunde wußte er es
-nicht, das muß zu seiner Verteidigung gesagt sein. Irgendwelche
-bestimmte Absichten hatte er nicht, an ein Verbrechen dachte er auch
-nicht. Er ließ sie nur nicht aus den Augen; er spionierte und quälte
-sich, oder aber – er bereitete sich auf den glücklichen Ausgang vor.
-Jeden anderen Gedanken verscheuchte er ganz. Und nun kam für ihn noch
-eine neue Qual hinzu: es erhob sich eine neue, nebensächlichere, doch
-gleichfalls verhängnisvolle Sorge.
-
-Wenn sie ihm nämlich sagte: „Ich bin dein, bringe mich fort von hier,“
-wie sollte er sie dann fortbringen? Wo hatte er die Mittel dazu, das
-Geld? Gerade in diesen Tagen waren seine Einkünfte, die aus den
-Abzahlungen Fedor Pawlowitschs bestanden, und die er ununterbrochen im
-Laufe so vieler Jahre erhalten hatte, völlig versiegt. Allerdings hatte
-ja Gruschenka Geld, aber Mitjä war in dieser Hinsicht mehr als stolz.
-Mit seinen eigenen Mitteln wollte er sie fortführen und das neue Leben
-beginnen, nicht mit ihren. Er vermochte sich nicht einmal vorzustellen,
-daß er von ihr Geld annehmen könnte, und litt bei dem Gedanken die
-schrecklichsten Qualen. Über diesen wunden Punkt werde ich mich weiter
-nicht verbreiten und ihn auch nicht weiter untersuchen; ich will nur
-gesagt haben, welcher Art seine Seelenverfassung in diesen Tagen war.
-Vielleicht kam sie, ohne daß er sich dessen bewußt wurde, von den Qualen
-seiner geheimen Gewissensbisse um das entwendete Geld Katerina Iwanownas
-her. In den Augen der einen bin ich schon ein Schuft, soll ich es auch
-noch in den Augen der anderen werden? dachte er damals, wie er selbst
-später gestand. „Ja, wenn Gruschenka das erfährt, so wird sie nichts von
-einem solchen Schufte wissen wollen. Woher aber nun die Mittel nehmen,
-wie sich dieses verhängnisvolle Geld verschaffen? Nichts wird
-zustandekommen, alles werde ich verlieren, und einzig und allein darum,
-weil ich kein Geld habe! Oh, Schmach!“
-
-Ich muß hier vorgreifen: Das war es ja, daß er vielleicht wußte, wo
-dieses Geld zu haben war, vielleicht sogar wußte, wo es lag!
-Ausführlicheres darüber werde ich dieses Mal noch nicht sagen, das wird
-sich später von selbst ergeben. Doch worin sein Hauptunglück bestand,
-darüber will ich, wenn er sich auch der Ursache desselben nicht ganz
-bewußt war, wenigstens meine Meinung äußern. Um diese irgendwo liegenden
-Mittel nehmen zu können, um _das Recht zu haben_, sie zu nehmen, war es
-unbedingt nötig, die Dreitausend Katerina Iwanowna zurückzuerstatten, –
-„sonst bin ich ein Taschendieb, ein Schuft, und mein neues Leben will
-ich nicht als Schuft beginnen.“ Das waren Mitjäs Gefühle, und darum
-beschloß er auch, wenn es sein müßte, die ganze Welt umzudrehen, doch
-diese Dreitausend Katerina Iwanowna unter allen Umständen zurückzugeben,
-was es auch koste. Den endgültigen Entschluß faßte er erst in den
-letzten Stunden, nämlich nach seinem letzten Gespräch mit Aljoscha, am
-Abend auf dem Wege zum Kloster, nachdem Gruschenka Katerina Iwanowna
-beleidigt hatte. Mitjä hatte nach der Erzählung Aljoschas sofort
-eingesehen, daß er wirklich als „Schuft“ gehandelt hatte, und befohlen,
-Katerina Iwanowna zu sagen, daß er die Bezeichnung annehme, „wenn das
-sie trösten könne“. Als er in dieser Nacht vom Bruder fortgegangen war,
-hatte er sich in seiner Verzweiflung gesagt, daß es für ihn besser wäre,
-„jemanden zu erschlagen, zu berauben, doch unbedingt die Schuld an Katjä
-zu tilgen“. „Mag ich lieber vor dem Toten und Geplünderten als Mörder
-und Dieb dastehen, und vor allen Menschen, – lieber will ich nach
-Sibirien geschickt werden, als daß ich Katjä das Recht gebe, von mir zu
-sagen, daß ich sie betrogen, ihr Geld gestohlen, und daß ich mit ihrem
-Geld Gruschenka entführt und ein neues Leben begonnen habe! Das kann ich
-nicht ertragen!“ So dachte Mitjä wutknirschend und glaubte, wie erwähnt,
-nicht ohne Grund, daß es zu jener „Gehirnentzündung“ kommen werde.
-Einstweilen aber kämpfte er noch ...
-
-Sonderbar: schien es doch, daß ihm bei einem solchen Entschluß außer
-Verzweiflung nichts anderes übrigblieb; denn wo sollte er plötzlich
-dieses Geld hernehmen, ein Hungerleider wie er? Trotzdem aber glaubte
-und hoffte er bis zum Schluß, hoffte er die ganze Zeit über, daß er
-diese Dreitausend erhalten werde, daß sie, wenn nichts anders, ihm vom
-Himmel in den Schoß fallen würden. So aber ergeht es allen, die, wie
-Dmitrij Fedorowitsch, in ihrem Leben nur Geld verausgabt und ein durch
-Erbschaft und ohne Mühe erhaltenes Geld verschwendet haben, davon aber,
-wie man Geld verdient, sich überhaupt keine Vorstellung machen können.
-
-Nachdem er Aljoscha damals verlassen hatte, waren ihm die
-phantastischsten Gedanken wie ein Sturmwind durch den Kopf gezogen. So
-kam es denn, daß er mit dem allerunglaublichsten Unternehmen anfing. Ja,
-es kommt vor, daß solchen Leuten in solcher Lage die phantastischsten
-Unternehmungen gerade die möglichsten scheinen. Er entschloß sich
-plötzlich, zum Kaufmann Ssamssonoff, dem Protektor Gruschenkas, zu
-gehen, und ihm einen Plan vorzulegen, um sich auf diese Weise sofort das
-nötige Geld zu verschaffen. Den kommerziellen Wert seines Projektes
-bezweifelte er nicht im mindesten. Was ihn peinlich beschäftigte, war
-viel mehr die eine Frage: wie der alte Ssamssonoff diesen Schritt
-aufnehmen werde, wenn er ihn nicht ausschließlich von der kommerziellen
-Seite betrachten sollte. Mitjä kannte diesen Kaufmann nur dem Ansehen
-nach: bekannt mit ihm war er nicht, noch nie hatte er mit ihm
-gesprochen. In Mitjä jedoch hatte sich schon lange die Überzeugung
-festgesetzt, daß dieser alte Wollüstling, dessen Stunden bereits gezählt
-waren, nichts dagegen haben würde, wenn Gruschenka einen „zuverlässigen
-Menschen“ heiraten wollte, ja, daß er sogar selbst wünschen werde, ihr
-dazu zu verhelfen, besonders wenn sich eine so gute Gelegenheit bot.
-Nach dem Hörensagen oder aus einigen Worten Gruschenkas entnahm er wohl,
-daß der Alte für Gruschenka Fedor Pawlowitsch vorgezogen hätte.
-Vielleicht werden viele Leser meiner Erzählung diese Hoffnung Mitjäs auf
-eine solche Hilfe und die Absicht, die Braut gewissermaßen aus den
-Händen ihres früheren Beschützers zu empfangen, sehr wenig feinfühlig
-von Dmitrij Fedorowitsch finden. Ich kann dazu nur eines bemerken: daß
-die Vergangenheit Gruschenkas von ihm als etwas ganz Abgetanes angesehen
-wurde. Er sah auf diese Vergangenheit mit unendlichem Mitleid, und in
-der Glut seiner Leidenschaft glaubte er, daß von dem Augenblick an, wenn
-Gruschenka ihm sagen werde, daß sie ihn liebe und mit ihm gehen wolle,
-sofort eine andere Gruschenka und er zusammen mit ihr gleichfalls ein
-anderer Dmitrij Fedorowitsch sein würde, ohne alle Laster und nur noch
-mit Tugenden begabt; beide würden sie einander alles vergeben und ihr
-Leben ganz von neuem beginnen. Was aber Kusjma Ssamssonoff anbelangt, so
-zählte er ihn zu den „verhängnisvollen“ Menschen in Gruschenkas früherem
-verunglückten Leben, den sie indessen nie geliebt hatte, und der – und
-dies war die Hauptsache – auch schon „Vergangenheit“ war, so daß er für
-ihn überhaupt nicht mehr da zu sein schien. Und außerdem konnte ihn
-Mitjä jetzt auch gar nicht mehr für einen Mann halten: wußte doch
-jedermann in der Stadt, daß die Beziehungen dieser „Ruine“ zu Gruschenka
-nur noch väterlicher Art und durchaus nicht mehr die von früher waren,
-und zwar schon lange nicht mehr, fast schon seit einem Jahr. Jedenfalls
-war von seiten Mitjäs viel Herzenseinfalt dabei, denn bei all seinen
-Lastern war er doch ein gutmütiger Mensch. Infolge dieser Herzenseinfalt
-war er denn auch unter anderem fest überzeugt, daß der alte Kusjma,
-jetzt, da er sich vorbereitete, in die andere Welt abzugehen,
-aufrichtige Reue wegen seiner Vergangenheit mit Gruschenka empfände, und
-daß Gruschenka nun keinen besseren Gönner, noch zuverlässigeren Freund
-haben könnte als gerade diesen harmlos gewordenen Alten.
-
-Am Tage nach seinem Gespräch mit Aljoscha auf dem Felde (nach welchem
-Mitjä die ganze Nacht nicht hatte schlafen können), erschien er um zehn
-Uhr morgens im Hause Ssamssonoffs und ließ sich bei ihm anmelden. Es war
-ein altes, düsteres, sehr großes, zweistöckiges Haus mit einem Anbau und
-Nebengebäuden auf dem Hof. In der unteren Etage lebten die beiden
-verheirateten Söhne Ssamssonoffs mit ihren Familien, eine alte Schwester
-von ihm und eine unverheiratete Tochter. Im Anbau des Hauses waren zwei
-seiner Kommis untergebracht, von denen einer wiederum Vater einer
-zahlreichen Familie war. Alle diese Familien lebten eingeengt und
-eingezwängt in ihren kleinen Wohnungen, doch den ganzen oberen Stock
-seines Hauses bewohnte der Alte allein und erlaubte nicht einmal, daß
-seine Tochter bei ihm wohnte, die ihn pflegte, und zu bestimmten Stunden
-und auf die immerwährenden Rufe jedesmal zu ihm von unten nach oben
-laufen mußte, ungeachtet ihrer schwachen Brust. Dieser obere Stock
-bestand aus einer Menge großer Paradezimmer, die auf alte, kaufmännische
-Art ausgestattet waren: mit langen, langweiligen Reihen plumper
-angestrichener Sessel und Stühle aus rotem Holz an den Wänden, mit
-kristallenen Kronleuchtern in Überzügen, mit alten, trüben Spiegeln
-zwischen den Fenstern. Alle diese Zimmer waren unbewohnt, denn der
-kranke Alte hatte sich in ein einziges kleines Zimmer zurückgezogen, in
-ein abgelegenes, kleines Schlafzimmer, wo ihm eine alte Magd, die ihre
-Haare mit einem Tuch umwickelt trug, und ein Bursche, der auf der Truhe
-im Vorzimmer schlief, aufwarteten. Wegen seiner geschwollenen Füße
-konnte der Alte überhaupt nicht mehr allein gehen und erhob sich daher
-sehr selten aus seinem Ledersessel; die Alte, die ihm aufstehen half,
-führte ihn dann ein- oder zweimal durch das Zimmer. Er war streng und
-wortkarg; selbst mit der Alten sprach er kaum. Als man ihm den
-„Hauptmann“, wie der Alte Dmitrij Fedorowitsch zu nennen pflegte,
-meldete, befahl er, ihn abzuweisen. Aber Mitjä bestand darauf und bat,
-ihn noch einmal anzumelden. Kusjma Kusjmitsch erkundigte sich
-ausführlich beim Burschen nach dem Besuch: „Wie sieht er aus? Ist er
-nicht betrunken? Ist er vielleicht aufgebracht?“ und erhielt zur
-Antwort, daß er „nüchtern“ sei, aber auf keinen Fall fortgehen wolle.
-Der Alte befahl, ihn noch einmal abzuweisen. Da schrieb Mitjä, der das
-alles vorausgesehen und sich für den Fall mit Bleistift und Papier
-versorgt hatte, auf eine Karte: „In einer sehr dringlichen
-Angelegenheit, die Agrafena Alexandrowna betrifft,“ und schickte sie dem
-Alten. Nach einigem Nachdenken befahl der Alte dem Burschen, den Gast in
-den Saal zu führen; die Alte aber schickte er zum jüngeren Sohn nach
-unten, mit der Weisung, der möge sofort sich zu ihm nach oben begeben.
-Dieser jüngere Sohn, ein Mann von fast sieben Fuß Länge und von
-außergewöhnlicher Kraft, mit glattrasiertem Gesicht und in deutscher
-Kleidung (Ssamssonoff selbst trug einen russischen Leibrock und einen
-langen Bart), erschien sofort und ohne ein Wort zu reden. Alle zitterten
-sie vor dem Vater. Der Vater hatte den jungen Mann nicht etwa aus Furcht
-vor dem „Hauptmann“ rufen lassen, denn er war nichts weniger als
-furchtsam, sondern vielmehr, um auf jeden Fall einen Zeugen zugegen zu
-haben. In Begleitung des Sohnes und des Burschen, die ihn unter den
-Armen gestützt hielten, erschien der Alte endlich im Saal. Man sollte
-meinen, daß auch er eine genügend starke Neugier empfinden mußte. Der
-Saal, in dem Mitjä wartete, war ein sehr großes, dunkles, die Seele des
-Menschen bedrückendes Gemach, mit zwei übereinanderliegenden
-Fensterreihen und mit einer Galerie; die Wände waren marmorartig bemalt,
-und an der Decke hingen drei große Kristall-Kronleuchter in Überzügen.
-Mitjä saß auf einem kleinen Stuhl neben der Tür und wartete in nervöser
-Ungeduld. Als der Alte in der gegenüberliegenden großen Tür erschien,
-sprang Mitjä sofort vom Stuhl auf und ging ihm mit seinen festen
-Offiziersschritten entgegen. Er war gut gekleidet: in zugeknöpftem
-Gehrock, einen schwarzen, englischen Hut in der Hand und in schwarzen
-Handschuhen, fast genau so, wie er am Tage vorher beim Staretz zur
-Familienversammlung erschienen war. Der Alte erwartete ihn stehend,
-würdig und streng, und Mitjä fühlte sofort, daß jener ihn, solange er
-auf ihn zuging, musternd betrachtete. Das Gesicht Kusjma Kusjmitschs war
-in der letzten Zeit ganz aufgeschwollen und setzte Mitjä etwas in
-Erstaunen: seine untere und ohnehin schon dicke Lippe glich jetzt
-geradezu einem hängenden, dicken Fleischlappen. Würdig und schweigend
-verneigte er sich vor dem Gast und wies ihm einen Sessel neben dem Diwan
-an; er selbst aber ließ sich – von seinem Sohne gestützt und schwer
-ächzend – Mitjä gegenüber auf dem Diwan nieder. Mitjä empfand, als er
-die Anstrengung des Alten sah, in seinem Herzen sofort etwas wie
-zartfühlende Reue wegen seiner Belästigung eines so würdigen, kranken
-Greises.
-
-„Womit kann ich Ihnen gefällig sein, mein Herr,“ fragte endlich der
-Alte, nachdem er sich gesetzt hatte, langsam, deutlich, streng, doch in
-höflichem Tone.
-
-Mitjä fuhr zusammen und wollte schon vom Stuhl aufspringen, besann sich
-aber und blieb sitzen. Darauf fing er sofort mit lauter Stimme, sich
-überstürzend, mit unruhigen Gesten und in großer Aufregung zu reden an.
-Es war, wie wenn ein Mensch an der letzten Grenze angelangt ist,
-unmittelbar vor dem Untergang steht und noch einen letzten Ausweg sucht,
-– gelingt es ihm nicht, ihn zu finden, so springt er sofort ins Wasser.
-Alles das begriff der alte Ssamssonoff sofort, doch sein Gesicht blieb
-unveränderlich und kalt wie das eines Götzenbildes. Mitjä wußte nicht
-recht, wie er ihn anreden sollte.
-
-„Der sehr geehrte Kusjma Kusjmitsch,“ begann er endlich, „wird wohl
-schon oft genug von meinen Streitigkeiten mit meinem Vater, Fedor
-Pawlowitsch Karamasoff, gehört haben, der mich des Erbes meiner
-leiblichen Mutter beraubt hat ... da ja die ganze Stadt davon spricht
-... denn hier reden doch alle von Dingen, die sie nichts angehen ...
-Außerdem hätten Sie von Gruschenka ... pardon: von Agrafena Alexandrowna
-... der von mir hochgeehrten und hochgeachteten Agrafena Alexandrowna
-...“ So begann Mitjä und verwirrte sich schon bei den ersten Worten.
-Doch ich will hier nicht seine ganze Rede wortwörtlich wiederholen,
-sondern nur den Inhalt derselben. Zunächst ging’s folgendermaßen weiter:
-Mitjä hätte sich schon vor drei Monaten „absichtlich“ mit einem
-Advokaten aus der Gouvernementsstadt beraten, „mit dem berühmten
-Advokaten Pawel Pawlowitsch Korneplodoff. Sie werden diesen Namen
-wahrscheinlich schon gehört haben? Ein kluger Kopf, ein fast
-staatsmännischer Verstand ... er kennt Sie ... er hat Ihrer im besten
-Sinne erwähnt ...“ Mitjä verlor schon wieder den Faden. Aber das hielt
-ihn nicht im geringsten auf, er überhastete sich und strebte immer
-weiter. Dieser Korneplodoff hätte nun, nachdem er die Dokumente, die
-Mitjä ihm stellen konnte, zur Durchsicht verlangt (von den Dokumenten
-sprach Mitjä sehr unklar, und er beeilte sich offenbar, über diesen
-Punkt hinwegzukommen), ihm gesagt, daß man in betreff des Gutes
-Tschermaschnjä, das Mitjä mütterlicherseits zukam, tatsächlich einen
-Prozeß gegen den alten Lüstling beginnen könne ... „denn es sind doch
-nicht alle Türen verschlossen! Wer soll es denn sonst wissen, wenn nicht
-die Juristen, wo man durchschlüpfen kann!“ Mit einem Wort, man könne
-noch auf eine Abzahlung von sechstausend, sogar siebentausend Rubel von
-seiten Fedor Pawlowitschs hoffen. Denn Tschermaschnjä sei immerhin nicht
-weniger als fünfundzwanzigtausend wert, „das heißt achtundzwanzig – was
-sage ich –, dreißig, dreißigtausend, Kusjma Kusjmitsch, und denken Sie
-sich doch, ich hab nur siebzehntausend von ihm ausgezahlt erhalten! ...
-Ich habe die Sache damals nur deswegen liegen lassen, weil ich nichts
-mit dem Gericht zu tun haben wollte, doch als ich herkam, fiel ich
-geradezu aus den Wolken: Er bereitete eine Gegenklage vor!“ (Hier
-verwirrte sich Mitjä von neuem und übersprang daher auch diesen Punkt.)
-„Mit einem Wort, wollen Sie vielleicht, sehr geehrter Kusjma Kusjmitsch,
-alle meine Ansprüche auf dieses Gut übernehmen, und mir dafür nur
-dreitausend Rubel geben ... Sie können dabei in keinem Falle etwas
-verlieren, dessen versichere ich Sie bei meiner Ehre, sondern Sie können
-statt dreitausend, sechs- bis siebentausend gewinnen ... Die Hauptsache
-ist aber, daß man die Sache so schnell als möglich erledigt, wenn
-möglich sogar heute schon ... Ich werde Ihnen beim Notar, oder wie da
-... Mit einem Wort, ich bin zu allem bereit, ich werde Ihnen alle
-Dokumente einhändigen, die Sie nur wollen, alles unterschreiben ... und
-wir würden dieses Papier sofort aufsetzen, und wenn es nur möglich, ja
-wenn es nur irgend möglich ist, sogleich heute alles erledigen ... Sie
-würden mir die Dreitausend geben ... Denn welcher Kapitalist hier in der
-Stadt könnte sich mit Ihnen messen? ... und Sie würden mich retten vor
-... mit einem Wort, Sie würden meinen Kopf retten, um einer hochherzigen
-... Ich hege die edelsten Gefühle zu einer gewissen Dame, die Sie nur zu
-gut kennen, und die Sie väterlich beschützen. Es sind hier, wenn Sie
-wollen, drei mit den Köpfen zusammengestoßen, denn das Schicksal – das
-ist etwas Grausames! Der Realismus, Kusjma Kusjmitsch, der Realismus! Da
-man Sie aber schon seit langem ausschließen muß, so bleiben nur noch
-zwei Köpfe ... pardon, ich drücke mich vielleicht nicht ganz geschickt
-aus ... ich bin kein Literat. Das heißt, der eine Kopf, das bin ich, und
-der andere – das ist das Ungeheuer! Und so wählen Sie denn. Alles liegt
-jetzt in Ihren Händen ... drei Schicksale und zwei Lose ... Verzeihen
-Sie, ich habe mich versprochen ... doch Sie verstehen schon ... ich sehe
-es an Ihren ehrwürdigen Augen, daß Sie verstanden haben ... Wenn Sie
-aber nicht verstehen wollen, so ist es heute noch aus mit mir!“
-
-Mitjä hielt plötzlich in seiner sinnlosen Rede inne und erwartete eine
-Antwort auf seinen dummen Vorschlag. Bei der letzten Phrase hatte er
-plötzlich gefühlt, daß nun alles verloren war – und hauptsächlich, daß
-er einen schrecklichen Unsinn zusammengesprochen hatte. „Sonderbar, als
-ich herkam, schien mir alles so klar und gut, und jetzt ist alles
-Unsinn!“ ging es ihm plötzlich durch seinen hoffnungslosen Kopf. Die
-ganze Zeit, während er sprach, saß der Alte unbeweglich da und
-beobachtete ihn mit einem eisigen Ausdruck. Nachdem er ihn eine Weile
-auf seine Antwort hatte warten lassen, sagte er endlich im kühlsten und
-teilnahmlosesten Tone:
-
-„Entschuldigen Sie, aber mit solchen Sachen befassen wir uns nicht.“
-
-Mitjä fühlte, daß seine Füße schwach wurden.
-
-„Was soll ich jetzt tun, Kusjma Kusjmitsch?“ murmelte er erblassend.
-„Was glauben Sie, jetzt bin ich doch verloren?“
-
-„Entschuldigen Sie ...“
-
-Mitjä stand noch immer da und starrte vor sich hin, und plötzlich
-bemerkte er, daß im Gesicht des Alten etwas zuckte. Er schrak zusammen.
-
-„Sehen Sie, mein Herr, solche Sachen – passen mir nicht,“ sagte langsam
-der Alte, „mit dem Gericht und mit den Advokaten, das ist das reine
-Unglück! Doch wenn Sie wollen, ich kenne einen Menschen, an den Sie sich
-damit wenden könnten ...“
-
-„Mein Gott, wer ist das? ... Sie retten mich, Kusjma Kusjmitsch!“
-stotterte Mitjä.
-
-„Er ist kein Hiesiger, und auch jetzt befindet er sich nicht hier. Er
-ist Bauer, handelt mit Wald und heißt Ljägawyj. Mit Fedor Pawlowitsch
-verhandelt er schon ein Jahr lang wegen des Waldes von Tschermaschnjä;
-sie können mit dem Preis nicht übereinkommen, wie Sie vielleicht gehört
-haben. Jetzt ist er wieder hergekommen und hält sich beim Popen
-Iljinskij auf, zwölf Werst von der Station Wolowje entfernt, im Dorfe
-Iljinskoje. Er hat auch an mich in dieser Angelegenheit geschrieben, das
-heißt, er hat mich wegen des Waldes um Rat gefragt. Fedor Pawlowitsch
-wollte selbst hinfahren. Wenn Sie jetzt Fedor Pawlowitsch zuvorkommen
-und dem Ljägawyj dasselbe vorschlagen, was Sie mir vorgeschlagen haben,
-so könnte er ...“
-
-„Ein genialer Gedanke!“ unterbrach ihn Mitjä begeistert. „Gerade ihm,
-gerade ihm muß man das in die Hand geben! Er will den Wald kaufen, man
-verlangt einen hohen Preis von ihm, und da, da gibt man ihm ein Dokument
-mit dem Anrecht auf den ganzen Besitz in die Hände, hahaha!“ Und Mitjä
-lachte plötzlich sein trockenes, kurzes Lachen, und zwar so unerwartet,
-daß Ssamssonoff mit dem Kopf zurückzuckte.
-
-„Wie soll ich Ihnen dafür danken, Kusjma Kusjmitsch!“ stieß Mitjä
-aufgeregt hervor.
-
-„Ich bitte, nicht der Mühe wert,“ erwiderte Ssamssonoff mit einem
-Kopfneigen.
-
-„Sie wissen gar nicht, Sie haben mich gerettet, mein Vorgefühl hat mich
-zu Ihnen geführt ... Also, auf zu diesem Popen! Ich eile, ich fliege
-sofort ... Ich habe auf Ihre Krankheit keine Rücksicht genommen ... Aber
-ich werde es Ihnen nie vergessen! Ein russischer Mensch sagt Ihnen das,
-Kusjma Kusjmitsch, ein russischer Mensch!“
-
-„Sehr wohl.“
-
-Mitjä wollte bereits die Hand des Alten ergreifen, um sie zu schütteln,
-doch etwas Böses blitzte in dessen Augen auf. Mitjä ließ seine Hand
-sinken, machte sich aber seines Argwohns wegen sofort Vorwürfe. „Er ist
-ermüdet ...“ ging es ihm durch den Sinn.
-
-„Für sie! Für sie! Kusjma Kusjmitsch! Sie verstehen mich doch, alles ist
-ja für sie!“ rief er plötzlich laut durch den ganzen Saal, verbeugte
-sich, drehte sich auf dem Hacken hastig um und ging mit denselben
-raschen, gleichmäßigen Schritten, ohne sich umzukehren, dem Ausgang zu.
-Er zitterte vor Begeisterung. „Alles war schon verloren, da hat mich
-mein Schutzengel gerettet! ... Und wenn schon selbst solch ein
-Geschäftsmann wie dieser Alte –, welch ein edler Greis, welch eine
-Haltung! – mir diesen Ausweg zeigt, so ... so ist doch wenigstens schon
-der Weg gefunden! Ich werde sofort hinfahren. Vor der Nacht bin ich dann
-wieder zurück, und die Sache ist erledigt. Der Alte hat sich doch nicht
-über mich lustig machen wollen?“ So dachte Mitjä bei sich, als er in
-seine Wohnung eilte. Es konnte ihm auch gar nicht anders scheinen:
-entweder, es war ein sachlicher Rat (von solch einem Geschäftsmann!) mit
-Sachkenntnis gegeben, oder – oder aber der Alte hatte sich wirklich über
-ihn lustig gemacht! Leider war der zweite Gedanke der richtige. Später,
-lange nachher, als die ganze Katastrophe schon geschehen war, gestand
-der alte Ssamssonoff selbst lachend, daß er sich über den „Hauptmann“
-tatsächlich lustig gemacht hatte. Er war ein böswilliger, kalter und
-höhnischer Mensch, und dazu war er noch voller krankhafter Abneigungen.
-Die begeisterte Stimmung des „Hauptmanns“, die dumme Überzeugung dieses
-„Verschwenders und Verschleuderers“, daß er, Ssamssonoff, auf so einen
-„wilden Plan“ hereinfallen könnte, die Eifersucht wegen Gruschenka, um
-derentwillen dieser „Herumtreiber“ zu ihm gekommen war, um für
-irgendeinen wilden Blödsinn Geld zu erhalten – ich weiß nicht, was in
-dem Alten in jenem Augenblick aufstieg, als Mitjä vor ihm stand und
-fühlte, daß seine Füße schwach wurden, und er sinnlos ausrief, daß er
-verloren sei: aber in dieser Minute sah der Greis mit unendlicher Wut
-auf ihn und nahm sich vor, ihn zum besten zu haben. Als Mitjä
-hinausgegangen war, befahl Kusjma Kusjmitsch, bleich vor Zorn, seinem
-Sohn, dafür zu sorgen, daß von diesem Herumtreiber hinfort selbst nicht
-der Schatten mehr vor seine Augen komme, nicht einmal auf den Hof solle
-man ihn lassen, geschweige denn ...
-
-Er beendete seine Drohung nicht, doch der Sohn, der ihn oft im Zorn
-gesehen hatte, erzitterte vor Furcht, denn so war der Vater noch nie
-gewesen. Noch eine ganze Stunde nachher bebte der Alte vor Wut, und zum
-Abend hin erkrankte er und schickte nach dem Arzt.
-
-
- II.
- Ljägawyj
-
-So mußte sich Mitjä denn aufmachen, doch Geld, um die Pferde
-zu bezahlen, besaß er nicht: im ganzen hatte er noch zwei
-Zwanzigkopekenstücke, das war aber auch alles, was ihm von seinem
-früheren Wohlstande verblieben war. Aber bei ihm zu Haus lag noch eine
-alte silberne Uhr, die schon längst zu gehen aufgehört hatte. Er nahm
-sie und brachte sie zu einem Uhrmacher, einem Juden, der seinen kleinen
-Laden am Markt hatte. Der gab für sie sechs Rubel. „So viel? Das hatte
-ich gar nicht erwartet!“ rief Mitjä entzückt aus (er war die ganze Zeit
-über noch begeistert), steckte sich die sechs Rubel ein und eilte nach
-Haus. Zu Hause borgte er von seinen Hauswirten noch drei Rubel dazu; sie
-gaben sie ihm mit Vergnügen, ungeachtet dessen, daß es ihr letztes Geld
-war – so sehr liebten sie ihn. Mitjä erzählte ihnen sofort in seiner
-Begeisterung, daß sein Schicksal sich jetzt entscheiden werde, erzählte
-ihnen in großer Eile fast seinen ganzen „Plan“, den er soeben noch
-Ssamssonoff vorgelegt hatte, darauf den Rat Ssamssonoffs, alle seine
-Hoffnungen usw. usw. Die Hauswirte waren auch schon früher in viele
-seiner Geheimnisse eingeweiht worden und betrachteten ihn als einen zu
-ihnen Gehörigen, und durchaus nicht als stolzen Herrn Leutnant. Nachdem
-er auf diese Weise also neun Rubel zusammengebracht hatte, schickte er
-nach Postpferden, um zur Station Wolowje zu fahren. Auf diese Weise
-konnte später die Tatsache festgestellt werden, daß Mitjä „_am Tage vor
-dem Ereignisse_ keinen Kopeken besessen hatte, und daß er, um sich das
-Geld, das er zur Fahrt nötig hatte, zu verschaffen, seine Uhr verkauft
-und drei Rubel von den Hauswirten geborgt hatte, und das alles vor
-Zeugen.“
-
-Ich hebe diese Tatsache schon jetzt hervor, später wird sich erklären,
-warum ich es tue.
-
-Wenn nun Mitjä auch während der ganzen Fahrt bis zur Station Wolowje,
-vor Freude darüber, daß jetzt endlich sich alles lösen und „alle diese
-Gemeinheiten“ ein Ende nehmen würden, förmlich berauscht war, so
-zitterte er trotz alledem vor Angst bei dem schrecklichen Gedanken: „Was
-wird Gruschenka während meiner Abwesenheit tun? Wenn sie sich nun gerade
-heute entschließt, zum Vater zu gehen?“ Darum hatte er ihr auch nicht
-gesagt, daß er fortfahren werde und den Hauswirten strengstens verboten,
-zu verraten, wohin er sich begeben hatte, falls jemand kommen sollte, um
-nach ihm zu fragen. „Ich muß unbedingt, unbedingt noch heute abend
-zurückkehren,“ sagte er sich immer wieder, „und diesen Ljägawyj müßte
-man eigentlich mitschleppen, damit man alle Formalitäten sofort
-erledigen kann ...“ So träumte Mitjä mit bangem Herzen, doch leider
-sollten sich diese Träume nicht nach seinem „Plane“ verwirklichen.
-Erstens: er verspätete sich, da er von der Station Wolowje einen
-Nebenweg eingeschlagen hatte. Der Nebenweg war aber nicht zwölf, sondern
-achtzehn Werst lang. Zweitens traf er den Iljinskijschen Popen nicht zu
-Haus, da jener auf ein benachbartes Gut gefahren war. Als Mitjä ihm mit
-seinen müdegejagten Pferden auf das Gut nachfuhr und ihn endlich fand,
-wurde es schon Nacht. Das „Väterchen“, dem Äußeren nach ein bescheidener
-und liebenswürdiger Mensch, erklärte sofort bereitwillig, daß dieser
-Ljägawyj sich wohl zuerst bei ihm aufgehalten habe, doch jetzt sich in
-Ssuchoj Possjolok, wo er Wald kaufe, beim Buschwächter befinde, und dort
-in dessen Hütte übernachten werde. Auf die inständigen Bitten Mitjäs,
-ihn sofort zu diesem Ljägawyj zu bringen und ihn dadurch zu „retten“,
-weigerte sich das Väterchen zuerst, schließlich aber willigte es doch
-ein, ihn nach Ssuchoj Possjolok zu führen, da es augenscheinlich selbst
-eine große Neugierde empfand. Zum Unglück riet er aber Mitjä, mit ihm zu
-Fuß dahin zu gehen, da es nur etwas mehr als eine Werst entfernt sei.
-Mitjä, versteht sich, willigte sofort ein und ging mit seinen langen
-Schritten drauflos, so daß das arme Väterchen fast hinter ihm herlaufen
-mußte. Es war das noch kein alter, doch ein sehr vorsichtiger Mensch.
-Mitjä sprach sofort wieder begeistert mit ihm über seine Pläne,
-verlangte voll Unruhe seinen Rat in betreff Ljägawyjs und sprach
-überhaupt den ganzen Weg. Das Väterchen hörte ihm aufmerksam zu, riet
-ihm aber wenig. Auf die Fragen Mitjäs antwortete es ausweichend: „Ich
-weiß es nicht, ich, ich weiß es nicht, wie soll ich das wissen“ usw. Als
-Mitjä von seinen Streitigkeiten mit Fedor Pawlowitsch wegen seiner
-Erbschaft erzählte, erschrak das Väterchen sogar, da es in irgendwelchen
-Dingen von Fedor Pawlowitsch abhängig war. Mit Verwunderung fragte der
-Pope übrigens Mitjä, warum er diesen Holzhändler Gorstkin „Ljägawyj“
-nannte, und er erklärte Mitjä ausführlich, daß jener, wenn er auch
-Ljägawyj hieße, sich doch nicht Ljägawyj nenne; mit diesem Namen kränke
-man ihn bis aufs Blut, und Mitjä solle ihn nur ja Gorstkin anreden, denn
-sonst würde aus der Sache nichts werden, und „er würde Sie überhaupt
-nicht anhören“, schloß das Väterchen. Mitjä war darüber sehr verwundert
-und erklärte ihm, daß Ssamssonoff selbst jenen Holzhändler so genannt
-habe! Als der Priester das hörte, brach er das Gespräch sofort ab,
-obgleich es besser gewesen wäre, wenn er Mitjä seinen Verdacht
-mitgeteilt hätte: daß Ssamssonoff, wenn er ihn zu diesem Bauer, als zu
-„Ljägawyj“ geschickt hat, sich über ihn nur habe lustig machen wollen,
-und daß dabei etwas nicht ganz in Ordnung sein müsse. Doch Mitjä hatte
-keine Zeit, jetzt „an solche Kleinigkeiten“ zu denken. Er beeilte sich,
-schritt weit aus, und erst, als er in Ssuchoj Possjolok angelangt war,
-erriet er, daß sie nicht eine Werst, wohl aber drei Werst gegangen
-waren; das ärgerte ihn ein wenig, aber er schwieg darüber. Sie traten in
-die Hütte. Der Buschwächter, ein Bekannter des Väterchens, wohnte in der
-einen Hälfte der Hütte, in der anderen, in der „guten Stube“, rechts vom
-Flur, hatte sich Gorstkin einquartiert. Sie traten in die gute Stube,
-und es wurde für sie sofort ein Talglicht angezündet. Die Stube war
-stark geheizt. Auf einem Tannenholztisch stand ein verlöschter Ssamowar,
-ein Teebrett mit Tassen, eine geleerte Flasche Rum, ein fast geleerter
-Liter Branntwein und Reste von Weizenbrot. Der Angereiste selbst lag
-ausgestreckt auf einer Holzbank, hatte seinen zusammengerollten Überrock
-statt eines Kissens unter den Kopf geschoben und schnarchte laut. Mitjä
-war einen Augenblick unentschlossen. „Man muß ihn wecken! Meine
-Angelegenheit ist zu wichtig, und ich habe es so eilig, ich muß heute
-noch zurückfahren,“ sagte Mitjä in seiner Erregung; das Väterchen und
-der Wächter standen dabei, schweigend, und keiner äußerte seine Meinung.
-Mitjä ging zum Schlafenden und versuchte ihn zu wecken, rüttelte ihn
-kräftig, aber der Schlafende wachte nicht auf. „Er ist betrunken!“ rief
-Mitjä erschrocken aus, „was soll ich jetzt tun, mein Gott, was soll ich
-jetzt tun!“ Und plötzlich begann er in seiner Ungeduld den Schlafenden
-an den Händen und Füßen zu zerren, seinen Kopf zu schütteln, ihn
-aufzuheben und auf die Bank zu setzen, doch seine ganze lange Liebesmüh
-war umsonst: der Betrunkene brummte und grunzte nur und fing schließlich
-an kräftig, wenn auch undeutlich zu schimpfen.
-
-„Nein, besser, Sie schieben es noch auf,“ sagte endlich das Väterchen,
-„er ist augenblicklich nicht imstande ...“
-
-„Er hat den ganzen Tag getrunken,“ berichtete nun auch der Buschwächter.
-
-„Mein Gott!“ rief Mitjä ganz verzweifelt, „wenn Sie nur wüßten, wie sehr
-die Sache drängt, in welch einer Verzweiflung ich mich jetzt befinde!“
-
-„Aber es wäre auch für Sie besser, bis zum Morgen zu warten,“ meinte
-wieder das Väterchen.
-
-„Bis zum Morgen? Erbarmen Sie sich, das ist unmöglich!“ Und in seiner
-Verzweiflung wollte er sich wieder auf den Betrunkenen stürzen, um ihn
-zu wecken, doch ließ er sofort davon ab, da er die Nutzlosigkeit dieser
-Anstrengung einsah. Der Pope schwieg, der verschlafene Wächter stand mit
-düsterer Miene da.
-
-„Herrgott, welche furchtbaren Tragödien die Wirklichkeit doch mit den
-Menschen aufführt!“ rief Mitjä verzweifelt aus. Schweiß trat ihm auf die
-Stirn. Er stand schweigend da. Das Väterchen benutzte den Augenblick, um
-ihm noch einmal vernünftig zuzureden: daß, wenn es ihm auch gelänge, den
-Schlafenden aufzuwecken, dieser in seiner Betrunkenheit doch nicht zu
-solch einem Gespräch fähig sein werde, „und da Ihre Sache von so großer
-Wichtigkeit ist, so wäre es besser, sie bis zum Morgen aufzuschieben
-...“ Mitjä breitete nur die Arme aus und schickte sich wohl oder übel
-drein.
-
-„Väterchen, ich werde mit dem Licht hierbleiben und werde einen
-Augenblick zu erhaschen versuchen. Wenn er aufwacht, werde ich sofort
-beginnen ... Das Licht werde ich dir bezahlen,“ sagte er zum Wächter
-gewandt, „für das Nachtlogis gleichfalls, wirst noch an Dmitrij
-Karamasoff denken. Was wird aber nun aus Ihnen, Väterchen, ich weiß
-nicht, wo Sie bleiben sollen, wo Sie sich hinlegen könnten ...“
-
-„Nein, ich gehe zu mir nach Haus. Ich werde auf seiner Stute
-zurückreiten,“ sagte das Väterchen, auf den Wächter weisend. „Leben Sie
-wohl, ich wünsche Ihnen guten Erfolg.“
-
-Und so geschah es denn auch. Der Pope ritt auf der kleinen Stute davon,
-froh darüber, daß er sich endlich von der Sache losgemacht hatte. Doch
-schüttelte er noch lange nachdenklich sein Haupt und dachte unruhig
-darüber nach, ob es nicht besser wäre, morgen frühzeitig seinen Gönner
-Fedor Pawlowitsch von diesem bemerkenswerten Fall zu benachrichtigen,
-„denn ist die Stunde, in der er es erfährt, ungünstig, so kann er noch
-wütend werden und seine Güte zu mir einschränken.“ Der Waldwächter
-kratzte sich hinterm Ohr und ging schweigend in seine Kammer. Mitjä
-setzte sich auf die Bank, um, wie er gesagt hatte, den Augenblick zu
-erhaschen! Schwermut breitete sich wie Nebel über seine Seele; es war
-eine tiefe, lähmende Schwermut! Und doch gaben ihm die Sorgen keine Ruh.
-Er saß da und grübelte und konnte sich trotzdem nicht klar und schlüssig
-werden. Das Licht brannte nieder; ein Heimchen zirpte hin und wieder,
-und in dem geheizten Zimmer wurde es unerträglich beklemmend. Plötzlich
-sah er einen Garten vor sich, einen Gang hinter dem Garten, im Hause des
-Vaters öffnete sich geheimnisvoll eine Tür, und durch die Tür schlüpfte
-Gruschenka ... Er sprang auf.
-
-„Die Tragödie!“ sagte er zähneknirschend, mechanisch ging er zum
-Schlafenden und betrachtete ihn. Es war ein hagerer, noch nicht alter
-Bauer mit länglichem Gesicht, rötlichen Locken und einem langen, dünnen
-roten Bart, in einem Kattunhemd und in schwarzer Weste, aus deren Tasche
-die silberne Kette einer silbernen Uhr heraushing. Mitjä betrachtete
-diesen Menschen mit unbeschreiblichem Haß, und es war ihm aus
-irgendeinem Grunde besonders widerwärtig, daß er Locken hatte.
-Hauptsächlich aber war für ihn beleidigend, daß er, Mitjä, jetzt hier
-bei ihm stehend warten mußte, mit dieser unaufschiebbaren Angelegenheit,
-dabei noch so viel opferte, so viel wagte und so gequält war, während
-dieser Faulpelz, „von dem jetzt mein ganzes Schicksal abhängt,
-schnarcht, als ob nichts wäre, als befände er sich auf einem anderen
-Planeten. Oh, Ironie des Schicksals!“ rief Mitjä verzweifelt aus, verlor
-plötzlich ganz den Kopf und stürzte sich wieder auf den Menschen, um ihn
-zu wecken. In einer Art Raserei riß er ihn herum, stieß ihn, schlug ihn,
-doch als er nach fünf Minuten nichts erreichte, kehrte er in kraftloser
-Verzweiflung wieder auf seine Bank zurück und setzte sich wieder hin.
-
-„Dumm, dumm ist es!“ murmelte er. „Und ... wie ist das alles ehrlos!“
-fügte er plötzlich noch aus irgendeinem Grunde hinzu. Ihm tat der Kopf
-entsetzlich weh: „Sollte ich es nicht ganz aufgeben? Fortfahren?“ dachte
-er einen Augenblick. „Nein, ich bleibe lieber bis zum Morgen. Jetzt
-bleibe ich erst recht! Wozu bin ich denn hergekommen? Ja, und wie soll
-ich denn jetzt von hier fortkommen? Oh, ich Esel!“
-
-Der Kopfschmerz wurde aber immer stärker. Unbeweglich saß er da, und
-unversehens war er sitzend eingeschlafen. Wahrscheinlich hatte er zwei
-bis drei Stunden geschlafen. Als er erwachte, glaubte er, sein Kopf
-müsse zerspringen, er hätte schreien mögen vor Schmerz. In seinen
-Schläfen hämmerte das Blut, und in den Ohren summte es. Zuerst konnte er
-noch lange nicht zu sich kommen: nicht begreifen, was mit ihm eigentlich
-geschehen war. Endlich begriff er, daß im überheizten Zimmer ein
-schrecklicher Dunst war, und daß er vielleicht hätte sterben können. Der
-betrunkene Bauer aber lag und schnarchte wie zuvor; das Licht war
-heruntergebrannt und drohte zu erlöschen. Mitjä stürzte wankend hinaus
-in den Flur und in die Stube des Wächters. Der erwachte sofort, doch als
-er hörte, daß in der anderen Stube Dunst sei, machte er sich zwar sofort
-auf, um hinzugehen, nahm aber diese Tatsache mit sonderbarem Gleichmut
-auf, was Mitjä äußerst erstaunte und beleidigte.
-
-„Aber er ist vielleicht gestorben, gestorben, und was dann ... was
-dann?“ schrie ihn Mitjä außer sich an.
-
-Man öffnete die Tür, das Fenster, das Ofenrohr. Mitjä schleppte einen
-Eimer voll Wasser aus dem Flur und befeuchtete sich den Kopf, und als er
-darauf ein Handtuch gefunden hatte, steckte er es ins Wasser und legte
-es dem Ljägawyj auf die Stirn. Der Wächter verhielt sich gleichgültig zu
-allem, was geschah. Als er das Fenster geöffnet hatte, sagte er
-mürrisch: „So, ist schon gut,“ und ging wieder fort. Er überließ Mitjä
-eine Blechlaterne. Mitjä mühte sich noch eine halbe Stunde um den
-Betrunkenen, machte ihm Kompressen um den Kopf und beabsichtigte im
-Ernst, die ganze Nacht über nicht mehr zu schlafen, doch gequält und
-ermüdet setzte er sich wieder auf eine Minute hin, um etwas aufzuatmen,
-und im selben Augenblick fielen ihm auch schon die Augen zu: ganz
-unbewußt streckte er sich auf der Bank aus und – schlief wie ein Toter.
-
-Er erwachte sehr spät. Es war schon etwa neun Uhr morgens. Die Sonne
-schien hell durch die beiden Fensterchen in die Stube. Der lockige Bauer
-von gestern saß bereits angekleidet auf der Bank. Vor ihm stand ein
-kochender Ssamowar und ein neuer Liter Branntwein. Der gestrige, alte
-Liter war schon geleert und der neue Liter bis zur Hälfte ausgetrunken.
-Mitjä sprang auf und bemerkte sofort, daß der verfluchte Bauer wieder
-betrunken war, schwer betrunken. Er sah ihn eine Minute lang starr an.
-Der Bauer betrachtete ihn gleichfalls schweigend mit einem schlauen
-Blick und beleidigender Ruhe, wenn nicht gar mit verächtlichem Hochmut.
-So schien es wenigstens Mitjä. Er stürzte auf ihn zu.
-
-„Erlauben Sie, sehen Sie ... ich ... Sie werden wohl schon von dem
-Buschwächter in der Stube drinnen gehört haben: ich bin der Leutnant
-Dmitrij Karamasoff, der Sohn des alten Karamasoff, von dem Sie hier Wald
-kaufen wollen.“
-
-„Das lügst du,“ sagte bestimmt und ruhig der Bauer.
-
-„Wieso lüge ich? Sie kennen doch Fedor Pawlowitsch?“
-
-„Gar keinen Fedor Pawlowitsch kenne ich,“ sagte der Bauer mit
-schwerlallender Zunge.
-
-„Aber den Wald, den Wald wollen Sie doch von ihm kaufen! Wachen Sie doch
-auf, besinnen Sie sich doch! Das Väterchen, Pawel Iljinskij, hat mich
-hergebracht ... Sie haben an Ssamssonoff geschrieben, und er hat mich zu
-Ihnen geschickt ...“
-
-Mitjä holte tief Atem.
-
-„Du lügst!“ wiederholte Ljägawyj langsam, deutlich und mit steifer
-Zunge. Mitjä fühlte, daß ihm die Füße kalt wurden.
-
-„Erbarmen Sie sich, das ist doch kein Spaß! Sie haben vielleicht einen
-Rausch ... Sie wissen vielleicht nicht was Sie sagen ... sonst ... sonst
-verstehe ich nichts!“
-
-„Du bist ein Färber!“
-
-„Erbarmen Sie sich, ich bin doch Karamasoff, Dmitrij Karamasoff, ich
-habe Ihnen einen Vorschlag zu machen ... einen vorteilhaften Vorschlag
-... sehr vorteilhaft ... und gerade in betreff des Waldes ...“
-
-Der Bauer strich sich wichtig den Bart.
-
-„Nein, du hast die Lieferung übernommen, und bist als Schuft daraus
-hervorgegangen. Ein Schuft bist du!“
-
-„Ich versichere Ihnen, daß Sie sich irren!“ Mitjä rang fast die Hände
-vor Verzweiflung. Der Bauer strich sich immer noch den Bart, und
-plötzlich kniff er listig die Augen zusammen.
-
-„Nein, weißt du, was du mir zeigen kannst? Zeige mir solch ein Gesetz,
-nach dem es erlaubt ist, Gemeinheiten zu machen, hörst du! Ein Schuft
-bist du, verstehst du, was ich dir sage?“
-
-Mitjä wandte sich finster von ihm ab, und plötzlich war es ihm, als wenn
-ihn „etwas vor die Stirn schlug,“ wie er sich selbst später ausdrückte.
-„Plötzlich kam eine Erleuchtung über mich, ein Licht ging mir auf, und
-ich verstand alles.“ Er stand und konnte nicht begreifen, wie er als
-einsichtiger Mensch sich mit solch einer Dummheit hatte befassen, wie er
-sich die ganze Zeit mit diesem Ljägawyj hatte abgeben können. „Und ich
-habe ihm noch den Kopf gekühlt!“ ... „Betrunken ist der elende Kerl,
-betrunken bis zum Delirium, und er wird noch eine ganze Woche trinken –
-wie lange soll ich da warten? Wie aber, wenn Ssamssonoff mich
-absichtlich hergeschickt hat? Wie, wenn sie ... Oh, mein Gott, was habe
-ich getan! ...“
-
-Der Bauer saß da, betrachtete ihn und schmunzelte. Unter anderen
-Umständen hätte Mitjä diesen Dummkopf aus Wut vielleicht erschlagen; in
-diesem Augenblick fühlte er sich aber so schwach wie ein Kind. Still
-ging er zur Bank, nahm seinen Mantel, zog ihn schweigend an und ging zur
-Stube hinaus. Den Buschwächter fand er in der anderen Stube nicht vor,
-es war niemand da. Er nahm aus seiner Tasche Kleingeld, an fünfzig
-Kopeken, und legte es auf den Tisch – für das Nachtlager, für das Licht
-und „die Störung“. Als er aus der Hütte hinaustrat, sah er, daß
-ringsherum nur Wald war und sonst nichts. Er ging aufs Geratewohl
-weiter, ohne darüber nachzudenken, ob man nach rechts oder nach links
-von der Hütte abbiegen mußte; gestern abend hatte er in der Eile nicht
-auf den Weg geachtet. Er fühlte gegen niemanden Haß in seiner Seele,
-nicht einmal Ssamssonoff konnte er hassen. Er schritt auf dem schmalen
-Waldwege gedankenlos und wie verloren einher, „mit einer verlorenen
-Idee“ und kümmerte sich überhaupt nicht darum, wohin er ging. Ihn hätte
-ein Kind überwältigen können, dermaßen müde war er plötzlich, sowohl
-körperlich wie seelisch. Indessen fand er sich doch irgendwie aus dem
-Walde heraus – plötzlich lagen vor ihm unabsehbare Strecken abgeernteter
-kahler Felder. „Welch eine Verzweiflung, welch ein Tod ringsum!“ sagte
-er vor sich hin und schritt weiter, immer weiter ...
-
-Da kam ein Fuhrmann mit einem alten kleinen Kaufmann auf diesem
-Nebenwege dahergefahren. Mitjä erkundigte sich bei ihnen nach dem Weg,
-und da hörte er denn, daß die beiden auch nach Wolowje fuhren. Sie kamen
-mit dem Preis überein, und Mitjä wurde als Reisegefährte mitgenommen.
-Nach drei Stunden kamen sie an. Auf der Wolowjeschen Station bestellte
-Mitjä sofort Postpferde zur Rückkehr in die Stadt, und da erst fühlte er
-einen unerträglichen Hunger. Während die Pferde angespannt wurden,
-bereitete man ihm einen Eierkuchen. Er verzehrte ihn sofort, aß ein
-großes Stück Brot, es fand sich auch noch Wurst dazu, die er gleichfalls
-aufaß: dazu trank er drei Schnäpse. Als er sich so gestärkt hatte, wurde
-er wieder munter, und auch in seiner Seele wurde es heller. Er jagte in
-die Stadt zurück und feuerte den Postknecht zu noch größerer
-Schnelligkeit an. Und plötzlich kam ihm eine gute Idee, die sich alsbald
-zu einem neuen „unwandelbaren“ Plan entwickelte, nämlich, wie er sich
-noch vor dem Abend dieses verfluchte Geld verschaffen könnte. „Und sich
-vorzustellen, nur vorzustellen, daß wegen dieser lumpigen dreitausend
-Rubel ein Mensch zugrunde gehen soll!“ rief er mit Verachtung aus.
-„Heute noch muß es sich entscheiden!“ Und wenn ihn nicht fortwährend der
-Gedanke an Gruschenka und daran, was alles inzwischen geschehen sein
-konnte, gequält hätte, so wäre er vielleicht wieder ganz heiter
-geworden. Doch der Gedanke an sie bohrte sich wie ein scharfes Messer in
-seine Seele. Endlich langte er wieder in der Stadt an, und sofort eilte
-er zu Gruschenka.
-
-
- III.
- Die Goldgruben
-
-Es war dies jener Besuch Mitjäs bei ihr, von dem sie Rakitin und
-Aljoscha am Abend desselben Tages mit Schrecken erzählt hatte. Sie
-erwartete damals schon seit einiger Zeit den berittenen Boten aus
-Mokroje und war daher sehr froh, daß Mitjä weder gestern noch heute zu
-ihr gekommen war, und vielleicht vor ihrer Abfahrt überhaupt nicht
-wiederkommen würde. Und nun plötzlich überraschte er sie. Das Weitere
-ist uns bekannt. Um ihn los zu werden, überredete sie ihn, sie zu Kusjma
-Ssamssonoff zu begleiten, zu dem sie, wie sie sagte, unbedingt gehen
-mußte, um „Geld zu zählen“, und als Mitjä sie dann begleitet hatte, nahm
-sie ihm das Wort ab, sie um Mitternacht wieder abzuholen, um sie nach
-Haus zu bringen. Mitjä war mit dieser Abmachung sehr zufrieden: „Sie
-wird bei Kusjma sitzen, und folglich nicht zum Vater gehen ... wenn sie
-nur die Wahrheit sagt,“ fügte er sofort hinzu. Doch schien ihm dieses
-Mal, daß sie nicht log. Seine Eifersucht war von der Art, daß er während
-der Trennung von dem geliebten Weibe sich Gott weiß was für Schrecken
-ausdachte: was alles mit ihr geschieht und wie sie ihm „untreu“ ist.
-Doch kaum ist er dann – erschüttert, zerschmettert, und fest überzeugt,
-daß alles verloren sei, daß sie ihn schon verraten habe – wieder bei ihr
-angelangt: so sind nach dem ersten Blick in ihr Gesicht, in das
-lachende, fröhliche und zärtliche Gesicht der Geliebten, wieder alle
-Qualen vergessen, er schöpft wieder Hoffnung, verliert sofort jeglichen
-Verdacht, schämt sich seiner Eifersucht und schilt sich ihretwegen.
-Nachdem er Gruschenka zu Ssamssonoff begleitet hatte, ging er zu sich
-nach Haus. Oh, er hatte heute noch soviel zu erledigen! Aber seinem
-Herzen war doch ein wenig leichter. „Nur muß ich noch sehen, daß ich von
-Ssmerdjäkoff sofort erfahre, ob sie nicht gestern abend beim Alten
-gewesen ist, bei Fedor Pawlowitsch ... unbedingt!“ ging es ihm durch den
-Kopf. So gelang ihm also noch nicht einmal, bis zu seiner Wohnung zu
-gehen, als die Eifersucht in seinem unruhigen Herzen schon wieder
-aufloderte.
-
-Eifersucht! „Othello ist nicht eifersüchtig, er ist vertrauensselig,“
-hat Puschkin gesagt, und schon allein diese eine Bemerkung zeigt die
-ungewöhnliche Tiefe unseres großen Dichters. Othellos Seele ist nur
-zermalmt, und seine ganze Weltanschauung hat sich getrübt, denn er hat
-„sein Ideal verloren“. Aber Othello wird sich nicht verstecken, wird
-nicht spionieren, nicht auflauern: er ist vertrauensselig! Im Gegenteil,
-man mußte ihn darauf bringen, ihn geradezu darauf stoßen, ihn mit aller
-Gewalt dazu anfachen, damit er auf einen Verrat verfiel. Anders ist es
-mit dem Eifersüchtigen. Man kann sich die ganze Schmach und die
-sittliche Erniedrigung gar nicht ausdenken, zu der ein Eifersüchtiger
-fähig ist, und in die er ohne jegliche Gewissensbisse verfallen wird.
-Oh, nicht, daß es etwa nur gemeine und schlechte Seelen wären! Im
-Gegenteil, mit reiner Liebe und großer Selbstaufopferung im Herzen, kann
-der Eifersüchtige sich zu gleicher Zeit unter Tischen verstecken, die
-gemeinsten Leute bestechen und sich mit den letzten Gemeinheiten eines
-Spionentums befreunden. Othello hätte sich niemals mit einem Verrat
-aussöhnen können – er hätte verziehen, nie aber sich ausgesöhnt –
-obgleich seine Seele unschuldig und gut wie die Seele eines Kindes war.
-Anders der wahre Eifersüchtige. Es ist schwer, sich vorzustellen, wonach
-er sich wieder aussöhnen, und was er alles verzeihen kann! Der
-Eifersüchtige verzeiht von allem am ehesten, und das wissen auch die
-Frauen. Der Eifersüchtige ist fähig (versteht sich, nach einer
-furchtbaren Szene), alles zu verzeihen, sogar einen fast erwiesenen
-Verrat, sogar Umarmungen und Küsse, die er selbst gesehen hat, wenn er
-nur zu gleicher Zeit hoffen kann, daß es „zum letztenmal“ gewesen ist,
-und daß sein Gegner von Stund an verschwinden, ans andere Ende der Welt
-fortfahren wird, oder daß er selbst sie irgendwohin entführen kann, an
-einen Ort, wo es seinem furchtbaren Gegner unmöglich ist, sie zu
-erreichen. Versteht sich, die Aussöhnung dauert nur eine Stunde, denn
-wenn der Gegner auch wirklich auf immer verschwindet, so wird er doch
-morgen einen anderen, einen neuen Gegner finden, und er wird aufs neue
-eifersüchtig sein. Und was liegt ihm so an dieser Liebe, und was ist
-diese Liebe wert, die so gehütet und belauscht, die so bewacht werden
-muß? Das ist eine Frage, die ein Eifersüchtiger überhaupt nicht
-versteht, und doch gibt es unter ihnen Männer, die wirklich hochherzig
-sind. Bemerkenswert ist darum, daß dieselben hochherzigen Menschen in
-irgendeinem Kämmerlein lauschend und spähend stehen können; obgleich sie
-nur zu gut mit ihrem „hohen Herzen“ die ganze Schmach begreifen, in die
-sie sich freiwillig selbst begeben haben, so werden sie doch in dieser
-Minute, wenigstens während sie da im Kämmerlein stehen, gar keine
-Gewissensbisse empfinden. Bei Mitjä, wenn er Gruschenka sah, verlor sich
-die Eifersucht ganz, und für den Augenblick war er voll Vertrauen und
-Anständigkeit und verachtete sich selbst wegen seiner schlechten
-Gefühle. Aber das bedeutete nur, daß in seiner Liebe zu dieser Frau
-etwas Höheres lag und nicht nur eine Leidenschaft für jene
-„Körperbiegung“, wie er es selbst geglaubt und wovon er noch mit
-Aljoscha gesprochen hatte. Sobald aber Gruschenka verschwunden war,
-begann Mitjä wieder, sie aller Niedrigkeiten des Verrats zu
-verdächtigen. Und dabei fühlte er dann nicht die geringsten
-Gewissensbisse.
-
-So loderte denn auch jetzt die Eifersucht wieder in ihm auf. Vor allen
-Dingen mußte er sich beeilen und sich für jeden Fall etwas Geld
-verschaffen. Die gestrigen neun Rubel waren für die Fahrt aufgegangen,
-und ganz ohne Geld, das wußte er, konnte man ja keinen einzigen Schritt
-tun. So hatte er denn auch unterwegs, zusammen mit seinem neuen Plane,
-überlegt, von wo er sich dieses Geld verschaffen konnte. Er besaß noch
-zwei gute Duellpistolen mit Patronen, und wenn er sie bis jetzt noch
-nicht versetzt hatte, so hatte er dies nur darum nicht getan, weil er
-sie von allen seinen Sachen am meisten liebte. Im Gasthaus „Zur
-Hauptstadt“ hatte er flüchtig einen jungen Beamten kennen gelernt, von
-dem er wußte, daß er ein unverheirateter, wohlhabender Mensch war, der
-bis zur Leidenschaft Gewehre, Pistolen, Revolver, Degen kaufte, sie an
-den Wänden seines Zimmers aufhing, um sie dann seinen Bekannten zu
-zeigen und damit zu prahlen, daß er Meister im Erklären der
-verschiedenen Systeme sei, wie man sie laden, wie man sie abfeuern müsse
-usw. Mitjä dachte denn auch nicht lange darüber nach und begab sich
-sofort zu ihm, um seine Pistolen für zehn Rubel zu versetzen. Der Beamte
-bat Mitjä hocherfreut, sie ihm ganz zu verkaufen, doch Mitjä willigte
-nicht ein. Dieser gab ihm die zehn Rubel und erklärte ihm, daß er keine
-Prozente dafür nehmen werde. Sie schieden als Freunde. Mitjä beeilte
-sich, zu Fedor Pawlowitsch oder vielmehr in die Laube am Gartenzaun zu
-gelangen, um so schnell als möglich mit Ssmerdjäkoff zu sprechen.
-
-Auf diese Weise konnte man später wieder die Tatsache feststellen, daß
-Mitjä drei oder vier Stunden „vor dem Ereignisse“ (von dem später die
-Rede sein wird), keine Kopeke Geld besaß, und daß er für zehn Rubel
-einen Lieblingsgegenstand versetzte, nach drei Stunden aber – Tausende
-in den Händen hatte ... Doch ich greife vor.
-
-Bei Marja Kondratjewna (der Nachbarin Fedor Pawlowitschs) erwartete ihn
-eine Nachricht, die ihn sehr erregte: er erfuhr, daß Ssmerdjäkoff krank
-war. Er hörte die Geschichte vom Sturz in den Keller an, von der Ankunft
-des Doktors, von den Bemühungen Fedor Pawlowitschs um den Kranken, und
-mit großem Interesse vernahm er von der Abfahrt Iwan Fedorowitschs nach
-Moskau. „Wahrscheinlich passierte er die Station Wolowje früher als
-ich,“ dachte Dmitrij Fedorowitsch, aber die Krankheit Ssmerdjäkoffs
-beunruhigte ihn doch sehr. „Wie wird es denn jetzt sein, wer wird jetzt
-für mich aufpassen, wer wird es mir melden?“ fragte er sich. Gierig
-begann er die Frauen auszufragen, ob sie gestern abend nichts bemerkt
-hätten. Diese verstanden sehr gut, um was es sich für ihn handelte, und
-beruhigten ihn vollkommen: „Niemand war da,“ sagten sie, „nur Iwan
-Fedorowitsch nächtigten im Hause, alles war in der größten Ordnung.“
-Mitjä überlegte. Selbstverständlich mußte er auch heute aufpassen, aber
-wo? – Hier oder beim Ssamssonoffschen Hause? Er beschloß, dies hier wie
-dort zu tun, je nach den Umständen, zunächst aber, zunächst ... Die
-Sache war nämlich die, daß es jetzt „diesen Plan“ auszuführen galt, den
-„neuen und richtigen“ Plan, den er sich auf der Fahrt ausgedacht hatte,
-und der sich nun nicht mehr aufschieben ließ. Mitjä entschloß sich, eine
-Stunde für ihn zu opfern ... „In einer Stunde werde ich alles erfahren,
-alles erledigt haben, und dann begebe ich mich sofort zu Ssamssonoffs,
-erfahre dort beim Hofknecht, ob Gruschenka da ist, komme dann sofort
-wieder hierher und bleibe bis elf Uhr hier, darauf hole ich sie von
-Ssamssonoff ab und bringe sie nach Haus.“
-
-Er begab sich in seine Wohnung, wusch sich, kämmte sich und bürstete
-seine Kleider, kleidete sich an und ging darauf zu Frau Chochlakoff. Ja,
-leider – das war sein ganzer Plan. Er hatte beschlossen, diese Dame um
-dreitausend Rubel anzugehen. Und wieder war in ihm ein ungewöhnliches
-Vertrauen aufgetaucht, daß sie ihm seine Bitte nicht abschlagen werde.
-Vielleicht wird man sich darüber wundern, warum er, wenn er zu ihr solch
-ein Zutrauen hatte, dann nicht schon früher zu jemand aus seiner
-Bekanntschaft gegangen war, statt zu Ssamssonoff, der zu einer so ganz
-anderen, ihm fremden Gesellschaftsschicht gehörte, daß er nicht einmal
-gewußt hatte, wie er ihn anreden sollte. Die Sache verhielt sich aber
-so, daß er im letzten Monat die Bekanntschaft mit Frau Chochlakoff ganz
-vernachlässigt hatte und auch früher nur wenig mit ihr bekannt gewesen
-war; zudem wußte er, daß sie ihn nicht mochte, daß sie ihn haßte, lange
-schon, und zwar nur darum, weil er der Verlobte Katerina Iwanownas war,
-während sie plötzlich dringend wünschte, daß Katerina Iwanowna nicht
-ihn, sondern „den lieben ritterlichen Iwan Fedorowitsch mit dem
-exquisiten Auftreten“ heirate. Die Manieren Mitjäs dagegen gefielen ihr
-nicht. Auch hatte Mitjä über sie gelacht und einmal sogar von ihr
-geäußert, daß diese Dame „ebenso lebhaft wie ungebildet“ sei. Und siehe
-da, nun war ihm auf dem Wege der Gedanke gekommen: „Wenn sie so dagegen
-ist, daß ich Katerina Iwanowna heirate, – er wußte, daß diese ihre
-Abneigung fast hysterisch war – warum sollte sie mir da nicht die
-dreitausend Rubel geben, damit ich mit dem Gelde auf immer von hier
-fortgehe und auf diese Weise Katjä verlasse? Wenn solche verwöhnten
-Damen, wie die Chochlakoff einmal ihre Kapricen bekommen, so geben sie
-sich ja doch nicht eher zufrieden, als bis sie ihren Willen durchgesetzt
-haben. Zudem ist sie ja so reich,“ dachte Mitjä. Was nun den „Plan“
-anbelangt, so war er derselbe, das heißt, er sah die Abtretung seiner
-Rechte auf Tschermaschnjä vor, nur diesmal nicht als kaufmännisches
-Geschäft, wie gestern bei Ssamssonoff. Auch wollte er diese Dame nicht
-wie Ssamssonoff mit der Möglichkeit, drei oder vier Tausend dabei zu
-gewinnen, anlocken, sondern es sollte nur eine anständige Sicherstellung
-für seine Schuld sein. Bei diesem Gedanken geriet Mitjä wieder in
-Begeisterung, – aber so geschah es ja immer mit ihm, bei allen seinen
-Unternehmungen und plötzlichen Entschlüssen. Jedem neuen Gedanken ergab
-er sich bis zur Leidenschaft. Nichtsdestoweniger fühlte er plötzlich,
-als er die Treppe zum Hause der Frau Chochlakoff hinaufstieg, ein
-Frösteln im Rücken. In dieser Sekunde wurde ihm bewußt und geradezu
-mathematisch klar, daß es seine letzte Hoffnung war, und daß ihm dann,
-wenn auch dieser Versuch nicht gelang, in der ganzen Welt nichts mehr
-verblieb, „als jemandem den Hals umzudrehen, um ihm nur die dreitausend
-Rubel zu rauben – und weiter nichts“ ... es war halbacht Uhr, als er die
-Türklingel zog.
-
-Am Anfang schien ihm das Glück hold zu sein. Kaum hatte er sich anmelden
-lassen, als er auch schon mit außergewöhnlicher Bereitwilligkeit sofort
-empfangen wurde. „Ganz als hätte sie mich erwartet,“ dachte Mitjä bei
-sich, und kaum war er in den Salon eingetreten, als ihm die Dame des
-Hauses auch schon eilig entgegentrat und ihm geradeheraus erklärte, daß
-sie ihn tatsächlich erwartet habe ...
-
-„Ich habe Sie erwartet, oh, wie ich Sie erwartet habe! Und ich hätte
-doch gar nicht annehmen können, daß Sie zu mir kommen würden, sagen Sie
-sich doch selbst, Dmitrij Fedorowitsch, wundern Sie sich über meinen
-Instinkt, ich erwartete Sie schon den ganzen Morgen, und ich war
-überzeugt, daß Sie heute kommen würden.“
-
-„Das ist allerdings sonderbar, gnädige Frau,“ bemerkte Mitjä erstaunt
-und setzte sich etwas schwerfällig, „doch ... ich komme in einer sehr
-wichtigen Angelegenheit ... die wichtigste aller wichtigsten ... das
-heißt, gnädige Frau, wichtig ist sie nur für mich, und ich ...“
-
-„Ich weiß es, Dmitrij Fedorowitsch, daß die Sache wichtig ist, oh, das
-sind bei mir nicht irgendwelche Vorgefühle oder Ansprüche auf Wunder –
-haben Sie schon vom Staretz Sossima gehört? – hier, hier handelt es sich
-um Mathematik. Sie mußten kommen, nach alledem, was sich mit Katerina
-Iwanowna zugetragen hat. Sie konnten nicht anders, Sie mußten zu mir
-kommen! Das war doch Mathematik!“
-
-„Das ist der Realismus des Lebens, gnädige Frau, das ist es! Aber
-erlauben Sie – indessen, ich wollte ...“
-
-„Ganz recht, der Realismus des Lebens, Dmitrij Fedorowitsch. Auch ich
-bin jetzt nur noch für den Realismus, denn was Wunder betrifft, so bin
-ich gründlich geheilt. Haben Sie schon gehört, daß der Staretz Sossima
-gestorben ist?“
-
-„Nein, gnädige Frau, ich höre es zum erstenmal,“ sagte Mitjä ein wenig
-erstaunt. Vor seinem Geist tauchte die Gestalt Aljoschas auf.
-
-„Heute in der Nacht ist er gestorben, und stellen Sie sich vor ...“
-
-„Gnädige Frau,“ unterbrach sie Mitjä, „ich kann mir nur vorstellen, daß
-ich mich in der verzweifeltsten Lage befinde, und wenn Sie mir nicht
-helfen, so stürzt alles zusammen, und ich selbst bin verloren. Verzeihen
-Sie mir, bitte, den trivialen Ausdruck, ich bin aber wie im Fieber ...“
-
-„Ich weiß, ich weiß, daß Sie wie im Fieber sind, ich weiß alles, Sie
-können ja auch gar nicht in einem anderen Seelenzustande sein, und was
-Sie mir darüber auch noch zu sagen hätten, ich weiß alles im voraus. Ich
-habe mir schon längst Ihr Schicksal vorgestellt, Dmitrij Fedorowitsch,
-ich verfolge es und versuche, es zu begreifen ... Oh, glauben Sie mir,
-ich bin ein erfahrener Seelenarzt, Dmitrij Fedorowitsch ...“
-
-„Gnädige Frau, wenn Sie ein erfahrener Arzt sind, so bin ich ein
-erfahrener Kranker,“ – Mitjä mußte sich schon anstrengen, um
-liebenswürdig zu bleiben – „und ich fühle es voraus, wenn Sie sich sogar
-bemühen, mein Schicksal zu verfolgen, so werden Sie mich auch vor meinem
-Untergang bewahren, und darum erlauben Sie mir endlich, Ihnen meinen
-Plan vorzulegen, mit dem ich gewagt habe, bei Ihnen zu erscheinen ...
-Ihnen zu sagen, was ich von Ihnen erwarte ... Ich bin gekommen, gnädige
-Frau ...“
-
-„Lassen Sie das, das ist nebensächlich. Und was meine Hilfe anbelangt,
-so sind Sie nicht der erste, dem ich zu etwas verholfen habe, Dmitrij
-Fedorowitsch. Sie haben vielleicht von meiner Cousine Beljmjossoff
-gehört? Ihr Mann war so gut wie verloren; es stürzte bei ihm alles
-zusammen, wie Sie sich soeben ausdrückten, Dmitrij Fedorowitsch, und was
-glauben Sie, ich riet ihm, ein Gestüt anzulegen, und jetzt geht es ihm
-großartig. Verstehen Sie etwas von Pferdezucht, Dmitrij Fedorowitsch?“
-
-„Nicht das geringste, gnädige Frau, ach Gott, nicht das geringste!“ rief
-Mitjä in nervöser Ungeduld und wollte sich schon erheben. „Ich bitte Sie
-nur, meine Gnädigste, mich anzuhören, gestatten Sie mir nur, daß ich
-zwei Minuten spreche, damit ich Ihnen zuerst mein ganzes Projekt
-vorlegen kann, um dessentwillen ich gekommen bin. Außerdem ist meine
-Zeit kostbar, ich habe Eile! ...“ sagte Mitjä hastig, denn er fühlte,
-daß sie sofort wieder zu sprechen anfangen würde. „Ich bin aus
-Verzweiflung ... in der letzten Minute der Verzweiflung ... gekommen, um
-Sie um Geld zu bitten ... um von Ihnen dreitausend Rubel zu borgen,
-unter der Garantie, unter der sichersten Garantie, gnädige Frau ...
-Erlauben Sie, daß ich Ihnen ...“
-
-„Das tun Sie alles später, später!“ Frau Chochlakoff winkte mit der Hand
-ab – „Sie können mir ja nichts Neues sagen, ich weiß alles schon im
-voraus, wie ich Ihnen bereits gesagt habe. Sie bitten um eine Summe, Sie
-haben dreitausend Rubel nötig, aber ich werde Ihnen mehr geben,
-unendlich mehr, ich werde Sie retten, Dmitrij Fedorowitsch, aber sie
-müssen mich vorher anhören!“
-
-Mitjä sprang auf. „Gnädige Frau, sollten Sie wirklich so gütig sein!“
-rief er ganz begeistert und ergriffen aus. „Herrgott, Sie haben mich
-gerettet. Sie retten einen Menschen, gnädige Frau, vor dem Selbstmorde,
-vor der Pistole ... Meine ewige Dankbarkeit ...“
-
-„Ich gebe Ihnen unendlich, unendlich mehr als dreitausend!“ beteuerte
-Frau Chochlakoff mit strahlendem Lächeln, sehr erfreut über Mitjäs
-Begeisterung.
-
-„Unendlich? So viel ist ja nicht einmal nötig. Nötig sind nur die
-verhängnisvollen Dreitausend, ich bin aber meinerseits bereit, als
-Garantie für diese Summe ... mit einem Wort, zu garantieren, abgesehen
-von einer unermeßlichen Dankbarkeit ... Ich will Ihnen den Plan vor ...“
-
-„Genug, Dmitrij Fedorowitsch, gesagt, getan,“ schnitt ihm Frau
-Chochlakoff mit dem erhabenen Triumph einer Wohltäterin das Wort ab.
-„Ich habe Ihnen versprochen, Sie zu retten, und ich werde es auch tun.
-Ich rette Sie wie meinen Schwager Beljmjossoff. Was meinen Sie zu
-Goldgruben, Dmitrij Fedorowitsch?“
-
-„Zu Goldgruben, gnädige Frau? Ich habe niemals daran gedacht ... ich
-weiß nicht ...“
-
-„Dafür aber habe ich für Sie daran gedacht! Ich habe hin und her
-gedacht. Einen ganzen Monat habe ich mit diesem Gedanken an Sie gedacht.
-Ich habe Sie mir hundertmal daraufhin angesehen und mir gesagt: Das ist
-ein energischer Mensch, der müßte in die Goldgruben. Ich habe sogar
-ihren Gang studiert und mich überzeugt, daß Sie viele Goldadern finden
-werden.“
-
-„Aus meinem Gang schließen Sie das, gnädige Frau?“ Mitjä lächelte.
-
-„Warum denn nicht, selbstverständlich aus Ihrem Gang. Leugnen Sie etwa,
-daß man den Charakter eines Menschen nach seinem Gang beurteilen kann?
-Die Naturwissenschaft bestätigt es gleichfalls. Oh, ich bin jetzt ganz
-und gar Realistin, Dmitrij Fedorowitsch. Ich bin seit dem heutigen Tage,
-nach dieser ganzen Geschichte im Kloster, die mich so aufgeregt hat,
-vollkommene Realistin und möchte mich am liebsten in eine praktische
-Tätigkeit stürzen. Ich bin geheilt ... _J’en ai assez._ ‚Genug!‘ wie
-Turgenjeff sagt.“
-
-„Aber, gnädige Frau, diese Dreitausend, mit denen Sie mich so großmütig
-...“
-
-„Die werden Ihnen nicht entgehen, Dmitrij Fedorowitsch,“ unterbrach ihn
-sofort wieder Frau Chochlakoff, „diese Dreitausend haben Sie so gut wie
-in der Tasche, und nicht dreitausend, sondern drei Millionen, Dmitrij
-Fedorowitsch, in der allerkürzesten Zeit! Ich werde Ihnen alles sagen.
-Sie werden Goldgruben finden und Millionen verdienen, dann werden Sie
-zurückkehren und hier eine Tätigkeit beginnen und werden hier auch uns
-zugute kommen. Muß man denn immer alles den Juden überlassen? Sie werden
-große Gebäude aufführen und die verschiedensten Unternehmungen machen.
-Sie werden den Armen helfen, und die werden Sie segnen. Jetzt leben wir
-im Jahrhundert der Eisenbahnen, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden berühmt
-und dem Finanzministerium unentbehrlich werden, da es uns jetzt doch so
-an Geld gebricht. Das Fallen des Kreditrubels raubt mir den Schlaf,
-Dmitrij Fedorowitsch, von der Seite kennt man mich noch gar nicht.“
-
-„Gnädige Frau, oh, meine Gnädigste!“ unterbrach sie Dmitrij Fedorowitsch
-wieder mit einem beunruhigenden Vorgefühl, „ich werde Ihrem Rat gewiß
-Folge leisten, Ihrem gewiß sehr klugen Rat, gnädige Frau ... ich werde
-mich vielleicht hinbegeben, vielleicht ... in Ihre Goldgruben ... und
-werde in den nächsten Tagen noch einmal zu Ihnen kommen, um darüber zu
-reden ... aber die Dreitausend, die sie mir so großmütig ... Oh, Sie
-würden mich erlösen, und wenn es möglich wäre, vielleicht heute schon
-... Das heißt, sehen Sie, ich habe jetzt keinen Augenblick Zeit zu
-verlieren, keine Stunde ...“
-
-„Genug davon, Dmitrij Fedorowitsch, hören Sie mich!“ unterbrach ihn Frau
-Chochlakoff hartnäckig. „Zuerst eine Frage: Werden Sie zu den Goldgruben
-fahren oder nicht? Sie müssen sich jetzt definitiv entscheiden,
-antworten Sie mathematisch!“
-
-„Ich fahre, gnädige Frau, ich fahre schon ... Ich fahre, wohin Sie
-wollen, gnädige Frau ... jetzt aber ...“
-
-„Warten Sie!“ rief Frau Chochlakoff wieder dazwischen, sprang auf und
-eilte zu ihrem prächtigen Schreibtisch mit seinen unzähligen kleinen
-Schubfächern und riß ein Fach nach dem anderen auf, indem sie sich beim
-Suchen sehr beeilte.
-
-„Dreitausend!“ dachte Mitjä, und es wurde ihm fast schwach zumut, „und
-das sofort, ohne jegliche Papiere, ohne jede Garantie. Oh, das ist
-anständig gehandelt! Eine großartige Frau, wenn sie nur nicht so
-gesprächig wäre.“
-
-„Hier!“ rief freudig erregt Frau Chochlakoff, die zu Mitjä zurückkehrte,
-„hier, das war es, was ich suchte!“
-
-Es war ein kleines silbernes Heiligenbild an einer Schnur, eines von
-denen, die man zusammen mit dem Kreuz trägt.
-
-„Das ist aus Kiew, Dmitrij Fedorowitsch,“ fuhr sie andächtig fort, „aus
-den Reliquien der Heiligen Warwara. Erlauben Sie mir, es Ihnen selbst um
-den Hals zu hängen und Sie damit für Ihr neues Leben und zu Ihren neuen
-Unternehmungen zu segnen.“
-
-Und sie legte ihm tatsächlich das Heiligenbild um den Hals. In großer
-Verwirrung beugte sich Mitjä vor und half ihr dabei, so gut es ging, und
-schob es dann mit vieler Mühe durch den Stehkragen auf die Brust.
-
-„So, jetzt können Sie fahren!“ rief Frau Chochlakoff aus und setzte sich
-feierlich wieder auf ihren Platz.
-
-„Gnädige Frau, ich bin so gerührt ... und ich weiß gar nicht, wie ich
-danken soll ... für solche Gefühle, aber ... wenn Sie wüßten, wie teuer
-mir jetzt die Zeit ist! Die Summe, die Sie in Ihrer Großmut mir ... Oh,
-gnädige Frau, wenn sie schon einmal so gut sind, so rührend großmütig zu
-mir,“ rief Mitjä plötzlich begeistert aus, „so erlauben Sie mir, Ihnen
-alles zu sagen ... was Sie übrigens schon lange wissen ... Ich liebe ein
-Wesen ... Ich bin Katjä untreu geworden ... Katerina Iwanowna wollte ich
-sagen ... Oh, ich habe unmenschlich und ehrlos an ihr gehandelt, doch
-habe ich mich in die andere verliebt ... in ein Wesen, das Sie,
-Gnädigste, das Sie vielleicht verachten ... da Sie von ihr vielleicht
-alles wissen, von der ich aber nicht mehr lassen kann, und darum muß ich
-jetzt die dreitausend ...“
-
-„Lassen Sie das alles, Dmitrij Fedorowitsch!“ unterbrach ihn Frau
-Chochlakoff in entschiedenstem Tone, „lassen Sie das, und besonders die
-Frauen. Ihr Ziel – sind die Goldgruben, und Frauen dahin mitzunehmen,
-lohnt sich nicht. Später, wenn Sie zurückkehren, reich und berühmt, so
-finden Sie sicher eine Herzensfreundin in der höchsten Gesellschaft. Das
-wird dann schon ein Mädchen aus der neuen Generation sein, mit
-Kenntnissen und ohne Vorurteile. Bis zu der Zeit wird die Frauenfrage,
-von der jetzt alles spricht, schon gelöst sein, und eine neue Frau wird
-auferstehen ...“
-
-„Gnädige Frau, das ist es ja nicht – nicht das ...“ Dmitrij Fedorowitsch
-legte fast schon flehend beide Hände zusammen.
-
-„Gerade das, Dmitrij Fedorowitsch, gerade das, das haben Sie nötig,
-danach streben Sie, ohne es selbst zu wissen. Gegen die Frauenfrage habe
-ich nichts einzuwenden, ich bin sogar ganz dabei, Dmitrij Fedorowitsch.
-Die weibliche Ausbildung und die politische Rolle der Frauen in der
-Zukunft – sehen Sie, das ist mein Ideal. Ich selbst habe eine Tochter,
-und von der Seite kennt man mich noch wenig. Ich habe in der
-Angelegenheit dem Schriftsteller Schtschedrin geschrieben. Dieser
-Schriftsteller hat mich über die Bedeutung der Frau so aufgeklärt, daß
-ich ihm im vorigen Jahre einen anonymen Brief geschrieben habe, nur zwei
-Zeilen: ‚Ich umarme und küsse Sie, mein Schriftsteller, im Namen der
-zeitgenössischen Frau. Fahren Sie fort, so zu wirken.‘ Ich unterschrieb:
-‚eine Mutter‘. Ich wollte zuerst ‚eine zeitgenössische Mutter‘
-unterschreiben, doch dann entschloß ich mich, einfach ‚eine Mutter‘ zu
-schreiben; es lag mehr sittliche Schönheit darin. Und das Wort
-‚zeitgenössisch‘ hätte ihn an die Revue ‚der Zeitgenosse‘ erinnern
-können – das aber ist für ihn in Anbetracht der heutigen Zensur eine
-unangenehme Erinnerung ... Ach, mein Gott, was haben Sie?“
-
-„Gnädige Frau,“ rief Mitjä endlich und rang die Hände in stummer
-Verzweiflung, „Sie werden mich noch zum Weinen bringen, gnädige Frau,
-wenn Sie das, was Sie so großmütig versprochen haben, noch aufschieben
-...“
-
-„Weinen Sie nur, Dmitrij Fedorowitsch, weinen Sie nur! Das sind schöne
-Gefühle ... Ihnen steht ein so schwerer Weg bevor! Die Tränen werden
-Ihnen Erleichterung bringen, später, wenn Sie zurückkehren, werden Sie
-sich freuen. Sie müssen direkt aus Sibirien zu mir kommen, um sich mit
-mir zusammen zu freuen ...“
-
-„Doch erlauben Sie auch mir,“ brüllte Mitjä auf ... „zum letzten Male
-flehe ich Sie an, sagen Sie mir, bitte, kann ich heute die versprochene
-Summe erhalten? Wenn nicht, wann kann ich dann kommen, um sie zu
-empfangen?“
-
-„Welch eine Summe, Dmitrij Fedorowitsch?“
-
-„Die versprochenen Dreitausend ... die Sie so großmütig waren ...“
-
-„Dreitausend? Sie meinen – Rubel! O nein, ich habe keine dreitausend bei
-mir,“ erwiderte Frau Chochlakoff in ruhiger Verwunderung. Mitjä
-erstarrte ...
-
-„Wie haben Sie denn ... soeben ... äußerten Sie ... Sie sagten sogar,
-daß sie schon so gut wie in meiner Tasche wären ...“
-
-„O nein, Sie haben mich nicht recht verstanden, Dmitrij Fedorowitsch.
-Wenn das so ist, so haben Sie mich gar nicht verstanden. Ich sprach doch
-von den Goldgruben ... Es ist wahr, ich versprach Ihnen mehr, unendlich
-mehr als dreitausend, ich verstehe jetzt alles, aber ich meinte doch nur
-die Goldgruben.“
-
-„Und das Geld? Die Dreitausend?“ rief Dmitrij Fedorowitsch ganz von
-Sinnen aus.
-
-„Oh, wenn Sie darunter Geld verstanden haben, ich habe es nicht. Ich
-habe jetzt gar kein Geld, Dmitrij Fedorowitsch, ich streite soeben mit
-meinem Verwalter um Geld, und in diesen Tagen habe ich selbst von
-Miussoff fünfhundert Rubel geliehen. Nein, nein, Geld habe ich nicht bei
-mir. Und wissen Sie, Dmitrij Fedorowitsch, wenn ich es auch hätte, so
-würde ich es Ihnen doch nicht geben. Erstens borge ich nie Geld. Geld
-borgen, heißt sich Feinde machen. Und Ihnen hätte ich es unter keinen
-Umständen gegeben, aus Liebe zu Ihnen, um Sie zu retten, hätte ich Ihnen
-keines gegeben, denn Sie haben nur das eine nötig: die Goldgruben, die
-Goldgruben, die Goldgruben ...“
-
-„Oh, daß doch der Teufel!“ brüllte Mitjä auf und schlug vor Wut aus
-aller Kraft mit der Faust auf den Tisch.
-
-„Ach, ach mein Gott!“ schrie Frau Chochlakoff ängstlich auf und flog in
-die fernste Ecke des Empfangssalons.
-
-Mitjä spuckte nur einmal wütend aus und eilte mit großen Schritten aus
-dem Zimmer, aus dem Hause, hinaus auf die Straße, in die Finsternis. Er
-ging wie ein Irrsinniger und schlug sich mit der Hand fortwährend auf
-die Brust, – auf dieselbe Stelle, auf die er sich vor zwei Tagen, als er
-spät abends in der Dunkelheit zu Aljoscha nochmals zurückgegangen war,
-bei seinen letzten Worten immer wieder geschlagen hatte. Was dieses
-Schlagen auf die Brust und gerade auf _diese Stelle_ bedeutete, und was
-er damit sagen wollte, war vorläufig noch ein Geheimnis, das keine
-Menschenseele kannte, und das er damals nicht einmal Aljoscha verraten
-hatte. In diesem Geheimnis lag für ihn mehr als Schande: das war sein
-Untergang und sein Selbstmord – so hatte er es beschlossen –, wenn er
-nicht irgendwoher diese dreitausend Rubel erhielt, um sie Katerina
-Iwanowna abzugeben, und damit von seiner Brust, „von dieser Stelle auf
-der Brust“, die Schmach, die er auf ihr trug und die sein Gewissen bis
-zum Wahnsinn quälte, abwerfen konnte. (Es wird dem Leser späterhin
-erklärt werden, was das zu bedeuten hatte.) Jetzt aber, nachdem seine
-letzte Hoffnung untergegangen war, wankte dieser körperlich so starke
-Mann wie ein Wahnsinniger durch die Dunkelheit. Und noch war er nicht
-weit gegangen, als er plötzlich in Tränen ausbrach und wie ein kleines
-Kind schluchzte. Er ging weiter und wischte sich, ohne zu wissen, was er
-tat, mit der Hand die Tränen ab. So kam er auf den großen Platz, und
-plötzlich fühlte er, daß er mit dem ganzen Körper an etwas angeprallt
-war. Das schrille Geschrei eines alten Weibes, das er fast umgeworfen
-hatte, brachte ihn wieder zur Besinnung.
-
-„Jesus Marie, kannst einen noch so totschlagen! Wo hast du deine Augen,
-Strolch!“
-
-„Wie, sind Sie es?“ fragte Mitjä, der in ihr trotz der Dunkelheit die
-alte Dienstmagd Kusjma Ssamssonoffs zu erkennen glaubte.
-
-„Und wer sind Sie denn, Väterchen?“ fragte die Alte sofort mit ganz
-veränderter Stimme. „Ich kann in dieser Dunkelheit nicht die Hand vor
-den Augen sehn.“
-
-„Sie leben doch bei Kusjma Kusjmitsch, nicht wahr, Sie dienen doch bei
-ihm?“
-
-„Jawohl, Väterchen, wollte soeben nur mal zu Prochorytsch bißchen
-hinübergehen ... Aber dich, Väterchen, kann ich ganz und gar nicht
-wiedererkennen.“
-
-„Sagt mir doch, Mütterchen, ist Agrafena Alexandrowna augenblicklich
-noch bei ihm?“ fragte Mitjä bebend vor Erwartung. „Ich hatte sie zu ihm
-hin begleitet.“
-
-„Jawohl, Väterchen, sie kam heute wieder mal zu ihm, saß ein Weilchen
-und ging dann wieder fort.“
-
-„Wie? Sie ist fortgegangen?“ schrie Mitjä. „Wann ging sie fort?“
-
-„Als sie gekommen war, sie saß nur ein Minutchen bei uns, erzählte dem
-alten Herrn ein Märchen, erheiterte ihn und ging dann wieder fort; hatte
-es sehr eilig.“
-
-„Du lügst, verfluchtes Weib!“ brüllte Mitjä.
-
-„Jesus Marie!“ stotterte die Alte erschrocken, doch von Mitjä war schon
-jede Spur verschwunden. Er lief bereits so schnell er nur konnte zu
-Gruschenka. (Das war kaum eine Viertelstunde nach ihrer Abfahrt.) Fenjä
-saß mit ihrer Großmutter, der Köchin Matrjona, in der Küche, als
-plötzlich der „Herr Hauptmann“ hereinstürzte. Als sie ihn erblickte,
-schrie sie auf vor Schreck.
-
-„Du schreist also?“ brüllte Mitjä das entsetzte Mädchen an. „Wo ist
-sie?“ Doch noch bevor Fenjä eine Antwort finden konnte, stürzte er ihr
-plötzlich zu Füßen.
-
-„Fenjä, um Christi unseres Herrn willen, sage, wo ist sie?“
-
-„Väterchen, Erbarmung, ich weiß nichts, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch,
-ich weiß gar nichts, schlagen Sie mich tot, ich weiß nichts ... Sie sind
-doch selbst zusammen mit ihr fortgegangen ...“
-
-„Sie ist zurückgekommen! ...“
-
-„Täubchen, ist nicht zurückgekommen, ich schwöre dir bei Gott, ist nicht
-zurückgekommen!“
-
-„Du lügst,“ schrie Mitjä sie an, „schon aus deiner Angst kann ich
-schließen, wo sie ist! ...“
-
-Er stürzte hinaus. Die erschrockene Fenjä war froh, daß sie so billig
-davongekommen war, begriff aber sehr gut, daß sie das nur seiner Eile zu
-danken hatte. Aber noch im Fortstürzen setzte er Fenjä und die alte
-Matrjona durch eine gar zu unbegreifliche Tat in Erstaunen. Auf dem
-Küchentisch stand nämlich ein Mörser mit einer messingnen kleinen, etwa
-nur zwanzig Zentimeter langen Mörserkeule. Mitjä, der mit der einen Hand
-schon die Tür geöffnet hatte, ergriff nun plötzlich diese Mörserkeule,
-steckte sie sich in die Seitentasche – und fort war er.
-
-„Großer Gott, er will jemanden totschlagen!“ rief Fenjä erschrocken aus
-und schlug die Hände zusammen.
-
-
- IV.
- In der Dunkelheit
-
-Wohin eilte er?
-
-„Wo kann sie denn sein, wenn nicht beim Vater? Von Ssamssonoff ist sie
-geradeswegs zu ihm gegangen, das ist doch klar! Die ganze Intrige, der
-ganze Betrug liegt doch auf der Hand ...“
-
-Das waren die Gedanken, die wie ein Wirbelsturm durch seinen Kopf
-stoben. Doch nicht in den Nachbargarten zu Marja Kondratjewna wollte er
-laufen, nein: „Dorthin ist es überflüssig, ganz überflüssig ... nicht
-das geringste Geräusch ... sonst könnten sie es sofort sagen ... Marja
-Kondratjewna gehört natürlich auch zur Verschwörung. Ssmerdjäkoff
-gleichfalls ... alle sind sie bestochen ... gekauft ...“ Und im
-Augenblick veränderte er seinen Plan; er machte einen großen Umweg durch
-eine Nebengasse, lief durch die Dmitrowskistraße, dann über die kleine
-Brücke und gelangte in eine einsame Querstraße, die an keinem einzigen
-Hause, sondern nur an Gärten vorüberführte. Auf der einen Seite zog sich
-der Flechtzaun eines Gemüsegartens hin und auf der anderen der hohe
-starke Bretterzaun, der den ganzen Karamasoffschen Besitz einschloß.
-Hier suchte er sich zum Überklettern eine bequemere Stelle aus, und zwar
-war dies wahrscheinlich dieselbe, wo nach der Überlieferung, die ihm
-bekannt war, auch die Lisaweta Ssmerdjäschtschaja übergeklettert war.
-„Wenn selbst die hinübergekommen ist,“ flog es ihm plötzlich – Gott weiß
-warum – durch den Sinn, „wie soll es mir dann nicht gleichfalls
-gelingen?“ Er trat einen Schritt zurück und machte dann einen Satz in
-die Höhe – es gelang, er bekam mit der Hand den oberen Rand des Zaunes
-zu fassen, zog sich mit einem energischen Ruck hinauf und setzte sich
-oben rittlings auf den Zaun. Nicht weit vom Zaun stand das Badehäuschen,
-doch sah er von seinem Platze aus auch die erhellten Fenster des
-Herrenhauses. „Richtig! Das Schlafzimmer des Alten ist erleuchtet, sie
-ist dort!“ Er sprang sofort in den Garten hinab. Obgleich er wußte, daß
-Grigorij krank war und vielleicht auch Ssmerdjäkoff, und daß ihn
-folglich so leicht niemand hören konnte, so nahm er sich doch
-unwillkürlich in acht, blieb nach dem Sprung regungslos stehen und
-lauschte lange. Doch überall war totes Schweigen; es herrschte die
-atemlose Ruhe einer völlig windstillen Nacht; kein Blatt, kein Lüftchen
-regte sich.
-
-„... Und es flüstert nur die Stille ...“
-
-Dieser Vers fiel ihm plötzlich ein, doch ebenso schnell vergaß er ihn
-auch wieder. „Wenn nur niemand gehört hat, wie ich herabgesprungen bin?
-Es scheint aber doch nicht.“ Nachdem er so eine Weile gestanden hatte,
-ging er vorsichtig weiter, immer auf dem Rasen, da auf den Wegen der
-Kies geknirscht hätte. Er ging hinter Bäumen und Gebüsch vorsichtig
-weiter, setzte immer nur leise einen Fuß vor und horchte auf jeden
-seiner Schritte. So kam er nach ungefähr fünf Minuten zum erleuchteten
-Fenster. Er erinnerte sich, daß dort unter den Fenstern einige hohe,
-dichte Holunder- und Schneeballensträucher standen. Die Ausgangstür, die
-an der linken Seite der Gartenfassade des Hauses lag, war sorgfältig
-verschlossen und verriegelt, wovon er sich beim Vorübergehen absichtlich
-und genau überzeugte. Endlich erreichte er die Sträucher vor den
-Fenstern und versteckte sich vorsichtig hinter ihnen. Er wagte kaum zu
-atmen. „Jetzt muß man etwas warten,“ dachte er, „vielleicht hat doch
-jemand meine Schritte gehört ... damit er sich dann beruhigt ... nur muß
-ich mich in acht nehmen, daß ich nicht huste oder niese ...“
-
-Er wartete etwa zwei Minuten lang, aber sein Herz schlug so heftig, daß
-er nach Atem rang. „Nein, das Herzklopfen wird nicht vorübergehen,“
-dachte er, „ich kann nicht länger warten.“ Er stand hinter einem Strauch
-im Dunkeln, doch die andere Seite des Strauches war hell beleuchtet
-durch den Lichtschein, der aus dem Fenster in den Garten fiel.
-„Schneeballen, Mehlbeeren, wie rot sie sind!“ flüsterte er, ohne zu
-wissen, warum, leise vor sich hin. Vorsichtig, mit schleichenden,
-unhörbaren Schritten näherte er sich dem Fenster und hob sich auf die
-Fußspitzen. Das ganze kleine Schlafzimmer Fedor Pawlowitschs lag vor ihm
-wie auf der Handfläche. Es war kein großes Zimmer und obendrein in der
-ganzen Breite durch einen vielteiligen roten „chinesischen“ Bettschirm –
-so nannte ihn Fedor Pawlowitsch – in zwei Hälften geteilt. „Der
-Chinesische,“ zuckte es durch Mitjäs Gedanken, „und hinter dem
-Bettschirm ist Gruschenka.“ Er betrachtete Fedor Pawlowitsch. Der hatte
-einen neuen seidenen Schlafrock an – so hatte ihn Mitjä noch nie gesehen
-– und um den Leib war er mit einer seidenen Schnur, an der seidene
-Quasten hingen, gegürtet. Unter dem Kragen des Schlafrocks sah man die
-feinste Wäsche von teurem holländischem Linnen, und vorne auf der Brust
-war das Hemd mit goldenen Knöpfen geschlossen. Kopf und Stirn waren mit
-demselben rotseidenen Tuch, in dem ihn am Morgen auch Aljoscha gesehen
-hatte, umbunden. „Hat sich in Gala geworfen,“ dachte Mitjä. Fedor
-Pawlowitsch stand in der Nähe des Fensters, augenscheinlich in Gedanken
-versunken. Plötzlich hob er den Kopf, horchte ein wenig und trat, da er
-nichts Verdächtiges gehört hatte, an den Tisch, goß sich ein halbes
-Gläschen Kognak ein und kippte es. Darauf seufzte er tief, so daß sich
-die ganze Brust hob, stand wieder eine kleine Weile nachdenklich auf
-demselben Fleck, ging dann gleichsam zerstreut zum Pfeilerspiegel, schob
-mit der rechten Hand ein wenig die rote Binde von der Stirn hinauf und
-begann seine blauen Flecke und Beulen zu betrachten, die noch nicht
-vergangen waren. „Er ist allein,“ dachte Mitjä, „nach allem zu urteilen
-muß er allein sein.“ Fedor Pawlowitsch wandte sich vom Spiegel ab, und
-plötzlich trat er zum Fenster; er blickte hinaus in den dunklen Garten.
-Mitjä war sofort zurückgesprungen.
-
-„Sie schläft bei ihm vielleicht schon – hinter dem chinesischen Schirm?“
-Dieser Gedanke fuhr ihm wie ein Blitz durchs Herz. Da wandte sich Fedor
-Pawlowitsch zurück und ging fort vom Fenster. „Nein, er hat durch das
-Fenster nach ihr ausgeschaut, sie ist also nicht bei ihm! Warum sollte
-er denn sonst ans Fenster treten und hinaussehen? ... Nein, die Ungeduld
-verzehrt ihn ... und nur darum ist er ans Fenster getreten.“ Mitjä
-schlich sich wieder zum Fenster und sah wieder hinein. Der Alte saß
-schon am Tisch und war, wie es schien, sehr niedergeschlagen. Endlich
-legte er beide Arme auf den Tisch und stützte den Kopf in die rechte
-Hand, während die linke auf dem Tisch liegen blieb. Mitjä beobachtete
-ihn gierig.
-
-„Er ist allein, ganz allein,“ sagte er sich wieder. „Wenn sie bei ihm
-wäre, würde er ein anderes Gesicht machen.“ Doch sonderbar: in seinem
-Herzen erhob sich darob, daß sie nicht beim Alten war, ein ganz
-unsinniger Ärger. „Nicht deswegen, weil sie nicht hier ist,“ sagte er
-sich sofort als Antwort auf dieses Gefühl, kaum daß es ihm zum
-Bewußtsein gekommen war, „sondern weil ich doch auf keine Weise genau
-erfahren kann, ob sie hier ist oder nicht.“ Später erinnerte sich Mitjä,
-daß seine Gedanken in diesen Minuten ungewöhnlich klar und deutlich
-gewesen waren, daß er sich alles bis auf das letzte Tüpfelchen genau
-überlegt hatte. Aber der Druck, der sich infolge der Ungewißheit, ob sie
-nun da sei oder nicht, und infolge seiner Unentschlossenheit auf seine
-Seele legte, vergrößerte sich von Sekunde zu Sekunde und wurde
-unerträglich. Und plötzlich entschloß er sich: er streckte die Hand aus
-und klopfte leise an den Fensterrahmen. Er klopfte das „Zeichen“, das
-zwischen dem Alten und Ssmerdjäkoff verabredet war: zuerst zweimal etwas
-leiser und dann dreimal schneller tuck-tuck-tuck – das Zeichen, das
-„Gruschenka ist gekommen“ bedeuten sollte. Der Alte fuhr zusammen, hob
-den Kopf, sprang auf und stürzte zum Fenster. Mitjä hatte sich schon aus
-dem Lichtschein in die Dunkelheit zurückgezogen. Fedor Pawlowitsch
-öffnete geschwind das Fenster und steckte den Kopf heraus.
-
-„Gruschenka, bist Du es? Wo bist Du denn?“ fragte er mit gerader
-bebender Stimme in freudig-ängstlichem Flüstertone. „Sag doch, wo Du
-bist, mein Herzblatt, mein Engelchen, wo bist Du denn?“ Vor Erregung
-klappte seine Stimme über.
-
-„Er ist allein!“ sagte sich Mitjä – jetzt erst war er wirklich
-überzeugt.
-
-„Wo bist Du nur?“ fragte wieder der Alte und steckte den Kopf noch
-weiter zum Fenster hinaus, so daß auch die Schultern mit aus dem Fenster
-ragten, und blickte sich nach allen Seiten, nach links und rechts um.
-„So komm doch her, mein Engelchen, ich habe auch ein Geschenkchen für
-dich bereit, komm nur, ich werde es dir zeigen!“
-
-„Aha, damit meint er das Paket mit den Dreitausend,“ dachte Mitjä.
-
-„Aber wo bist Du nur? ... Oder ist sie bei der Tür? Warte, ich werde
-sofort aufmachen ...“
-
-Und der Alte kroch fast aus dem Fenster, um durch die Dunkelheit besser
-nach rechts zur Tür sehen zu können. Noch eine Sekunde – und er wäre
-unbedingt zur Tür gelaufen, um sie für Gruschenka aufzumachen, ohne ihre
-Antwort abzuwarten. Mitjä betrachtete ihn von der Seite und rührte sich
-nicht. Das ganze ihm so verhaßte Profil des Alten, das herabhängende
-Doppelkinn, die Hakennase, die fleischigen, in süßer Erwartung
-lächelnden Lippen, alles das war von links aus dem Zimmer grell durch
-die Lampe beleuchtet. Eine unbändige, sinnlose Wut raste plötzlich in
-Mitjäs Herzen auf: „Da ist er, mein Nebenbuhler, mein Peiniger, der
-Quälgeist meines Lebens!“ Wie eine heiße Welle überkam ihn plötzlich
-diese sinnlose Wut, von der er vor vier Tagen in der Laube,
-wahrscheinlich in einem Augenblick der Vorahnung, zu Aljoscha gesprochen
-hatte, als Antwort auf dessen Fragen: „Wie kannst du nur sagen, daß du
-den Vater erschlagen wirst?“
-
-„Ich weiß es ja nicht, ich weiß es nicht,“ hatte er damals gesagt,
-„vielleicht werde ich ihn auch nicht erschlagen, vielleicht aber doch.
-Ich fürchte, daß mir _sein Gesicht in dem Augenblick gar zu widerlich
-sein wird_. Ich hasse sein Doppelkinn, seine Nase, seine Augen, seinen
-schamlosen Spott. Mich überkommt dann ein unerträglicher persönlicher
-Ekel. Das ist es, was ich fürchte, denn in dem Augenblick werde ich mich
-nicht beherrschen können.“
-
-Und der persönliche Ekel wurde von Sekunde zu Sekunde unerträglicher,
-als er so stand und das Profil des Alten betrachtete. Er war seiner
-Sinne nicht mehr mächtig, und plötzlich riß er die messingne Mörserkeule
-aus der Tasche hervor ...
-
- * * * * *
-
-„Gott jedoch beschützte mich,“ sagte Mitjä später. Kurz vorher war der
-Kranke Grigorij Wassiljewitsch erwacht. Am Abend war an ihm das bewußte
-Heilmittel, von dem Ssmerdjäkoff Iwan Fedorowitsch erzählt hatte,
-angewandt worden, d. h. Marfa Ignatjewna hatte ihm mit jenem starken
-geheimnisvollen Kräuteraufguß eine halbe Stunde lang den Rücken gerieben
-und ihm dann mit einem bestimmten Gebet das Übriggebliebene zu trinken
-gegeben, worauf er eingeschlafen war. Marfa Ignatjewna aber hatte dann
-noch den Rest ausgetrunken und war, da sie sonst nie Spirituosen trank,
-von diesem einen Schluck Branntwein wie eine Tote eingeschlafen. Nun
-aber war Grigorij ganz unerwarteterweise wieder aufgewacht. Er besann
-sich zuerst ein wenig und setzte sich im Bett auf, fühlte aber sofort
-einen heftigen Schmerz im Kreuz. Darauf dachte er wieder etwas nach,
-stand aber dann auf und kleidete sich schnell an. Vielleicht fühlte er
-Gewissensbisse, weil er geschlafen hatte, während doch das Haus „in
-einer so gefährlichen Zeit“ unbewacht war. Denn Ssmerdjäkoff lag, vom
-Anfall völlig entkräftet, regungslos im Nebenzimmer. Marfa Ignatjewna
-rührte sich gleichfalls nicht. „Ist schwach geworden,“ dachte Grigorij
-und ging ächzend hinaus auf die Treppe. Eigentlich wollte er nur „ein
-wenig sehn“, da er nicht imstande war, zu gehen, die Schmerzen im Kreuz
-und im rechten Bein wurden gar zu heftig. Da aber fiel ihm ein, daß er
-das Pförtchen, das vom Hof in den Garten führte, nicht verschlossen
-hatte. Grigorij war der genaueste und pünktlichste Mensch, der nur
-einmal eingeführte Ordnung und langjährige Gewohnheit kannte. Hinkend
-und schmerzgekrümmt stieg er die Treppe hinab und ging zur Gartenpforte.
-Richtig, sie war weit offen. Er trat in den Garten ein: vielleicht hatte
-er irgendeinen Verdacht geschöpft oder einen Laut gehört ... als er aber
-nach links blickte, sah er den Lichtschein aus dem Zimmer des Herrn und
-das offene, leere Fenster, – es blickte niemand mehr hinaus.
-
-„Warum ist es offen? Jetzt ist nicht mehr Sommer,“ dachte Grigorij. Und
-plötzlich, gerade im selben Augenblick, huschte etwas Sonderbares im
-Garten vorbei. Ungefähr vierzig Schritt vor ihm schien in der Dunkelheit
-ein Mensch vorüberzulaufen, wie ein Schatten huschte er durch den
-Garten.
-
-„Herrgott!“ stammelte Grigorij, und dann stürzte er besinnungslos, alle
-Kreuzschmerzen vergessend, dem gespenstischen Schatten nach. Er nahm
-aber einen kürzeren Weg zum Zaun, der Garten war ihm offenbar bekannter
-als dem Flüchtling, der zuerst die Richtung nach dem Badehäuschen
-einschlug, dann um das Häuschen herumlief und zum Zaun stürzte ...
-Grigorij verfolgte ihn, ohne ihn aus dem Auge zu lassen, und lief, was
-er laufen konnte. Er erreichte den Zaun in dem Augenblick, als der
-Flüchtling schon hinüberkletterte. Außer sich schrie Grigorij auf,
-stürzte zum Zaun und klammerte sich mit beiden Händen an den Fuß des auf
-dem Zaune Sitzenden.
-
-Da! Seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen! Er erkannte ihn, das war er,
-„der Unmensch, der Vatermörder!“
-
-„Vatermörder!“ schrie der Alte, und der Schrei hallte durch die lautlose
-Nacht über die ganze Umgegend hin. Doch das war auch alles, was er noch
-schreien konnte: plötzlich stürzte er, schwer getroffen, zusammen. Mitjä
-sprang wieder in den Garten hinab und beugte sich über den am Boden
-Liegenden. Die messingne Mörserkeule, die er noch in der Hand hatte,
-warf er mechanisch zur Seite in das Gras. Sie fiel etwa zwei Schritt von
-Grigorij hin, doch nicht ins Gras, sondern auf den Weg, gerade auf die
-sichtbarste Stelle. Er untersuchte hastig den Liegenden. Der Kopf des
-Alten war ganz von Blut überströmt. Mitjä befühlte den Kopf von allen
-Seiten. Er erinnerte sich später deutlich, daß er sich in dieser Minute
-unbedingt hatte „vollkommen überzeugen“ wollen, was mit dem Alten
-geschehen war: ob er ihm den Schädel eingeschlagen oder ihn durch den
-Schlag auf den Scheitel nur betäubt hatte. Aber das Blut strömte,
-strömte unaufhörlich und benetzte wie ein warmer Strom Mitjäs bebende
-Finger. Er erinnerte sich später auch noch, daß ihm eingefallen war,
-sein reines Taschentuch, das er vor dem Gang zu Frau Chochlakoff zu sich
-gesteckt hatte, aus der Rocktasche hervorzuziehen, um damit
-sinnloserweise das Blut von der Stirn und dem Gesicht des Alten
-abzuwischen. Aber auch das Taschentuch war im Augenblick von Blut
-durchtränkt.
-
-„Gott, warum habe ich das getan?“ sagte sich Mitjä, wie aus einem Traum
-erwachend. „Wenn ich ihm schon den Schädel eingeschlagen habe, wie soll
-ich mich dann überzeugen ... Ach, ist denn jetzt nicht alles einerlei!“
-fügte er plötzlich hoffnungslos hinzu, „– habe ich ihn erschlagen, dann
-habe ich ihn erschlagen ... Bist mir in den Weg gekommen, Alter, so
-liege denn!“ sagte er laut vor sich hin, und plötzlich stürzte er wieder
-zum Zaun, sprang hinab in die Nebenstraße und lief fort. Das
-blutdurchtränkte Taschentuch hielt er noch zusammengeballt in der
-rechten Faust, und so steckte er es beim Laufen in die hintere
-Rocktasche. Er lief, so schnell er konnte, und einige wenige Fußgänger
-erinnerten sich später, in dieser Nacht einen wie wahnsinnig laufenden
-Menschen gesehen zu haben. Er stürzte zum Hause der Morosowa, wo
-Gruschenka wohnte.
-
-Fenjä war inzwischen, oder vielmehr gleich nach seinem Fortgange, zum
-Oberhofknecht Nasar Iwanowitsch gelaufen und hatte ihn zitternd
-angefleht, den „Hauptmann um Christi willen weder heute noch morgen
-hereinzulassen“. Nasar Iwanowitsch hatte sie ruhig angehört und
-versprochen, ihre Bitte zu erfüllen, doch war er bald drauf zur Herrin
-gerufen worden, und so hatte er seinen Neffen, einen Burschen von etwa
-zwanzig Jahren, der erst vor kurzem vom Lande eingetroffen war, auf dem
-Hof zurückgelassen, hatte aber vergessen, ihm etwas von Fenjäs Bitte in
-betreff Karamasoffs zu sagen. Als Mitjä das Hoftor erreicht hatte,
-klopfte er heftig. Der Bursche erkannte ihn sofort: Mitjä hatte ihm
-schon des öfteren ein gutes Trinkgeld gegeben. Er riß sofort die Tür auf
-und beeilte sich, lächelnd zu melden, daß Agrafena Alexandrowna nicht zu
-Haus sei.
-
-„Wo ist sie denn, Prochor?“ fragte Mitjä und blieb stehen.
-
-„Sie ist doch vorhin fortgefahren, so vor zwei guten Stunden, nach
-Mokroje, mit Timofei, dem Kutscher, der Herr kennen ihn wohl.“
-
-„Fortgefahren? Warum?“ schrie Mitjä.
-
-„Das kann ich nicht wissen, zu einem Offizier, heißt es, der hat sie
-rufen lassen und auch die Pferde von dort nachgeschickt ...“
-
-Mitjä ließ ihn stehen und lief wie ein Halbwahnsinniger zu Fenjä.
-
-
- V.
- Der plötzliche Entschluß
-
-Sie saß mit ihrer Großmutter in der Küche, beide wollten sie gerade
-schlafen gehen. Im Vertrauen auf Nasar Iwanowitsch hatten sie die
-Küchentür wieder nicht verriegelt.
-
-Da stürzte Mitjä hinein, warf sich auf Fenjä und packte sie an der
-Kehle.
-
-„Sage sofort, wo sie ist, mit wem ist sie in Mokroje!“ brüllte er außer
-sich.
-
-Beide Weiber schrien auf.
-
-„Ach, ich werde alles sagen, ach, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, werde
-gleich alles sagen, nichts verheimlichen,“ stammelte schnell, doch mit
-steifer Zunge, die tödlich erschrockene Fenjä, „sie ist nach Mokroje zum
-Offizier gefahren.“
-
-„Zu was für einem Offizier?“ brüllte Mitjä.
-
-„Zu ihrem früheren Offizier, zu demselben, zu ihrem früheren, den sie
-vor fünf Jahren gehabt hat, der sie verlassen hat und fortgefahren ist,“
-stotterte, immer noch sich überstürzend, Fenjä so schnell, wie sie nur
-konnte.
-
-Dmitrij Fedorowitschs Hände, mit denen er ihren Hals zusammengepreßt
-hatte, sanken herab. Er stand schweigend vor ihr, bleich wie ein Toter,
-doch an seinen Augen sah man, daß er alles mit einem Male begriffen
-hatte, alles, alles bis aufs Letzte hatte er begriffen und alles
-Unausgesprochene erraten. Doch war es der armen Fenjä natürlich nicht um
-diese Beobachtungen zu tun – ob er alles begriffen hatte oder nicht. Wie
-sie bei seinem Eintritt auf der Truhe gesessen hatte, so blieb sie auch
-jetzt sitzen; sie zitterte am ganzen Körper – hielt nur die Hände wie
-zum Schutz vor sich erhoben, und schien in dieser Stellung erstarrt zu
-sein. Der Blick ihrer angsterweiterten Pupillen war regungslos auf sein
-Gesicht geheftet. Seine beiden Hände waren rot von Blut, und auf der
-Stirn und der rechten Wange war sein Gesicht gleichfalls mit Blut
-besudelt; er hatte sich wahrscheinlich beim Laufen mit den blutigen
-Händen den Schweiß von der Stirn gewischt. Fenjä war einer Ohnmacht
-nahe. Die alte Matrjona, die zuerst mit einem Schrei aufgesprungen war,
-starrte ihn gleichfalls wie eine Irrsinnige an. Dmitrij Fedorowitsch
-stand ungefähr eine Minute lang, und dann setzte er sich, ohne recht zu
-wissen, warum, neben Fenjä auf einen Stuhl nieder.
-
-Er saß und sah vor sich hin: er schien nicht zu denken, sondern
-gleichsam nur erschrocken, durch den Schreck gelähmt zu sein. Es war ihm
-alles so klar wie der Tag: dieser Offizier – er wußte von ihm, hatte von
-ihm gehört, wußte ja alles ganz genau, Gruschenka hatte ihm selbst alles
-erzählt. Er wußte auch, daß dieser Offizier ihr vor einem Monat einen
-Brief geschrieben hatte. Also einen Monat, einen ganzen Monat hatte sich
-alles im geheimen hinter seinem Rücken abgespielt, einen ganzen Monat,
-bis zur Ankunft dieses neuen Menschen – er aber hatte nicht einmal an
-ihn gedacht! Wie war das nur gekommen, wie war das möglich gewesen, daß
-er nicht mehr an ihn gedacht hatte? Wie war es doch nur gekommen, daß er
-damals diesen Offizier so ganz vergessen hatte? – gleich nachdem sie es
-ihm erzählt hatte? Das war die Frage, die wie ein Ungeheuer vor ihm
-stand. Und er schaute es an, dieses Ungeheuer, und der Schreck rief in
-ihm ein Gefühl wie Kälte hervor.
-
-Und plötzlich begann er zu sprechen. Er wandte sich zu Fenjä und sprach
-leise und sanft: wie ein ruhiger und lieber Knabe sprach er zu ihr, ganz
-als hätte er völlig vergessen, wie sehr er sie erschreckt, beleidigt und
-gepeinigt hatte. Er fragte sie mit erstaunlicher, in seiner Verfassung
-unglaublicher Logik, und Fenjä, die zwar immer noch scheu auf seine
-blutigen Hände schielte, antwortete mit gleichfalls erstaunlicher
-Bereitwilligkeit auf jede Frage, die er an sie stellte, als wenn sie
-sich beeilen wollte, ihm die ganze „wahrhaftige Wahrheit“ zu sagen.
-Allmählich fing sie geradezu mit einer gewissen Freudigkeit an, ihm auch
-Ungefragtes zu erzählen, doch tat sie es nicht etwa, um ihn zu quälen,
-sondern als wollte sie sich beeilen, ihm von Herzen dienstlich zu sein.
-Sie erzählte ihm alles, was am Tage geschehen war, erzählte ausführlich
-von Aljoschas und Rakitins Besuch, wie sie, Fenjä, Wache gestanden
-hatte, wie ihre Herrin abgefahren war, und vorher noch Aljoscha durch
-das Fenster einen Gruß an ihn, Mitjenka, bestellt hatte, daß er nicht
-vergessen solle, „daß sie ihn ein Stündchen lang geliebt habe“. Als
-Mitjä von diesem Gruß hörte, lächelte er, und auf seinen bleichen Wangen
-erschien eine helle Röte. Da fragte ihn Fenjä, deren ganze Angst wieder
-vergangen war:
-
-„Aber was haben Sie denn für Hände, Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, sie
-sind ja ganz blutig!“
-
-„Ja,“ sagte Mitjä mechanisch, blickte zerstreut auf seine Hände und
-vergaß sie sofort wieder, und mit ihnen auch Fenjäs Frage. Er versank
-wieder in Schweigen. Er war nun schon seit etwa zwanzig Minuten in der
-Küche. Sein erster Schreck war vergangen, doch wurde er ersichtlich von
-einem verzweifelten Entschluß beherrscht. Er erhob sich vom Stuhl und
-lächelte nachdenklich.
-
-„Herr, was ist denn mit Ihnen geschehen?“ fragte Fenjä, die wieder auf
-seine Hände wies, – sie sagte es so mitleidig, als wäre sie jetzt im
-Leid der einzige ihm nahestehende Mensch.
-
-Mitjä warf nochmals einen Blick auf seine Hände.
-
-„Das ist Blut, Fenjä,“ sagte er und blickte sie mit einem sonderbaren
-Ausdruck an, „das ist Menschenblut. Gott, warum ist es nur vergossen
-worden! Aber ... Fenjä ... hier gibt es einen Zaun“ (er blickte sie an,
-als wollte er ihr ein Rätsel aufgeben), „ein hoher Zaun, der dem Ansehen
-nach schrecklich aussieht, aber ... morgen, wenn der Tag erwacht, ‚wenn
-die Sonne sich goldrot erhebt‘, dann ... dann wird Mitjä Karamasoff über
-diesen hohen Zaun springen ... Du weißt nicht, Fenjä, welchen Zaun ich
-meine, nun, tut nichts ... einerlei, wirst es morgen erfahren und dann
-alles begreifen ... jetzt aber leb wohl! Ich will nicht stören, werde
-mich fortschaffen, werde verstehen, mich rechtzeitig fortzuschaffen ...
-Ach, lebe, lebe, du meine Freude! Hast mich ein Stündchen geliebt, so
-vergiß denn auch fernerhin nicht Dmitrij Karamasoff, Mitjenka ... Sie
-nannte mich doch immer Mitjenka, weißt du noch, Fenjä?“
-
-Mit diesen Worten verließ er plötzlich die Küche. Doch dieses Fortgehen
-erschreckte Fenjä noch mehr, als es sein unerwartetes Wiedererscheinen
-getan hatte, trotz der zusammengepreßten Kehle. –
-
-Genau zehn Minuten danach trat Dmitrij Fedorowitsch bei jenem jungen
-Beamten, Pjotr Iljitsch Perchotin, bei dem er seine Pistolen versetzt
-hatte, ein. Es war schon halb neun Uhr und Pjotr Iljitsch, der zu Hause
-seinen Tee getrunken hatte, war gerade im Begriff, nach sorgfältiger
-Toilette in das Gasthaus „Zur Hauptstadt“ zu gehen, um dort Billard zu
-spielen. Mitjä war noch zur rechten Zeit gekommen, um ihn anzutreffen.
-Als der ihn aber erblickte und die Blutflecken auf dem Gesicht bemerkte,
-fragte er ihn erschrocken:
-
-„Nanu, was ist denn mit Ihnen passiert?“
-
-„Ich bin wegen meiner Pistolen gekommen und habe Ihnen das Geld
-gebracht. Ich danke Ihnen. Nur bitte schnell, Pjotr Iljitsch, ich habe
-es sehr eilig.“
-
-Pjotr Iljitsch jedoch kam aus dem Erstaunen nicht heraus, er wunderte
-sich immer mehr; in Mitjäs rechter Hand bemerkte er einen Packen
-Geldscheine, und das Auffallende dabei war, daß er dieses Geld so in der
-Hand hielt und so damit eintrat, wie sonst niemand Geld zu halten und
-einzutreten pflegt. Er hatte alle Scheine in der rechten Hand und hielt
-die Hand gerade vor sich, als wenn er sie jedem zeigen wollte. Der
-Knabe, den Perchotin als Bedienten bei sich hatte, sagte später aus, daß
-Mitjä auch ins Vorzimmer so mit dem Gelde eingetreten sei,
-wahrscheinlich also auch auf der Straße die Hand ebenso gehalten hatte.
-Es waren alles Hundertrubelscheine, lauter regenbogenfarbene, und er
-hielt sie mit blutbeschmutzten Fingern. Späterhin, bei dem Verhör, das
-man anstellte, antwortete Perchotin auf die Frage, wieviel Scheine es
-gewesen wären, daß er dies nicht genau sagen könne: vielleicht
-zweitausend Rubel, vielleicht aber auch dreitausend, denn das Paket sei
-recht groß gewesen, „ziemlich fest“, doch wolle er nicht darauf
-bestehen, da ein Irrtum in solchen Dingen sehr leicht möglich sei,
-besonders wenn man nicht häufig so viel Geldscheine, so als Paket in der
-Hand gehalten, gesehen hat. Was ihm aber an Dmitrij Fedorowitschs
-Verfassung aufgefallen war, das drückte er später folgendermaßen aus:
-„Er war damals, wie mir schien, nicht recht bei Sinnen, doch nicht etwa
-betrunken, sondern – wie soll ich sagen? – er war gleichsam in Ekstase,
-war sehr zerstreut, zu gleicher Zeit aber sehr – ich möchte sagen:
-konzentriert, wie wenn er beständig an ein und dasselbe gedacht hätte,
-wie wenn er etwas vergeblich zu erfassen gesucht hätte und es ihm dabei
-doch unmöglich gewesen wäre, sich zu etwas zu entschließen. Er beeilte
-sich sehr, antwortete schroff und sonderbar; in manchen Augenblicken
-jedoch schien er keineswegs traurig oder bedrückt, sondern sogar heiter
-zu sein.“ –
-
-„Aber was ist denn mit Ihnen passiert, was haben Sie nur?“ fragte
-Perchotin nochmals, indem er den Gast immer noch scheu betrachtete.
-„Haben Sie sich verwundet, sind Sie gefallen? Sehen Sie doch hier, wie
-Sie aussehen!“
-
-Er ergriff ihn am Ellenbogen und zog ihn vor den Spiegel. Als Mitjä sein
-mit Blut besudeltes Gesicht erblickte, fuhr er zusammen und runzelte
-zornig die Stirn.
-
-„Ach zum Teufel! Das fehlte gerade noch,“ stieß er brummend hervor,
-legte schnell das Geld aus der rechten Hand in die linke und griff mit
-der rechten hastig nach dem Taschentuch in der hinteren Rocktasche. Aber
-das Tuch war ganz blutdurchtränkt: kein einziger weißer Fleck war zu
-sehen, und es war nicht nur trocken geworden, sondern war buchstäblich
-hart getrocknet und wollte sich daher nicht auseinanderfalten lassen.
-Mitjä schleuderte es wütend fort.
-
-„Hol’s der Teufel! Haben Sie nicht irgendeinen Lappen hier ... zum
-Abwischen?“
-
-„So haben Sie sich nicht verletzt? Aber wo haben Sie sich denn so mit
-Blut besudelt? Wollen Sie sich nicht lieber waschen, ach,
-selbstverständlich, kommen Sie, hier ist der Waschtisch.“
-
-„Waschen? Ja, das ist gut ... nur wohin soll ich denn das tun?“ Und er
-hielt in einer ganz sonderbaren Hilflosigkeit Perchotin die Geldscheine
-hin und blickte ihn dabei so fragend an, als müßte jener bestimmen,
-wohin er sein Geld legen sollte.
-
-„Das Geld? Stecken Sie es doch in die Tasche, oder legen Sie es hier auf
-den Tisch; es wird schon nicht verloren gehn.“
-
-„In die Tasche? Ja, in die Tasche. Das ist gut. ... Nein, sehen Sie mal,
-das ist doch alles Unsinn!“ sagte er plötzlich laut, gleichsam aus der
-Zerstreutheit erwachend. „Sehen Sie: wir wollen zuerst diese Sache
-erledigen, ich meine die Pistolen, Sie geben sie mir zurück, und hier
-ist Ihr Geld ... denn ich habe sie sehr nötig ... und Zeit – Zeit habe
-ich keinen Augenblick. –“ Damit nahm er den obersten Hundertrubelschein
-und hielt ihn Perchotin hin.
-
-„So viel werde ich nicht herauszugeben haben,“ bemerkte der, „haben Sie
-nicht kleineres Geld?“
-
-„Nein,“ sagte Mitjä, der wieder das Geldpaket betrachtete, aber er
-schien es selbst nicht genau zu wissen, und so blätterte er mit den
-Fingern die ersten zwei, drei Scheine zurück. „Nein, es sind nur
-solche,“ sagte er und blickte Perchotin wieder fragend an.
-
-„Wie sind Sie denn plötzlich so reich geworden?“ fragte jener. „Warten
-Sie, ich werde den Jungen zu Plotnikoffs schicken, die schließen ihr
-Geschäft immer etwas später, – dort wird man es noch auswechseln. He,
-Mischa!“ rief er in das Vorzimmer.
-
-„Zu Plotnikoff! Das ist großartig!“ rief Mitjä begeistert, als hätte ihn
-mit einem Male ein großer Gedanke erleuchtet. „Mischa,“ wandte er sich
-zum eingetretenen Jungen, „lauf zu Plotnikoff und sage, daß Dmitrij
-Karamasoff sofort hinkommen wird ... Doch hör, hör, daß sie Champagner,
-sagen wir drei Dutzend Flaschen einpacken, wie damals, als ich nach
-Mokroje fuhr ... Ich nahm damals vier Dutzend mit“ (damit wandte er sich
-plötzlich zu Perchotin), „sie wissen schon, hab keine Bange, Mischa,
-aber hör: daß sie den Käse nicht vergessen, die Straßburger Pasteten,
-geräucherte Forellen, Schinken und Kaviar, kurz und gut, alles, was sie
-da haben, so ungefähr für hundert, hundertzwanzig Rubel wie damals ...
-Aber hör noch: daß sie auch die Süßigkeiten nicht vergessen, Birnen,
-Wassermelonen, etwa zwei oder drei oder vier, halt, nein, von
-Wassermelonen genügt eine, dafür aber viel Schokolade, Karamellen,
-Ziehbonbon – kurz, alles, was ich auch damals nach Mokroje mitnahm, mit
-dem Champagner zusammen für dreihundert Rubel ... Nun, und auch jetzt
-soll es genau so viel sein. Aber vergiß nichts, Mischa, wenn du nur
-Mischa ... Er heißt doch Mischa, nicht wahr?“ unterbrach er sich, zu
-Perchotin gewandt.
-
-„Warten Sie doch,“ unterbrach ihn Perchotin, der ihn unmutig angehört
-und beobachtet hatte, „bestellen Sie das lieber selbst, wenn Sie
-hinkommen, der Junge wird doch nur alles verwechseln.“
-
-„Verwechseln, ja, das sehe ich, er wird alles verwechseln. Ach, Mischa,
-ich wollte dich fast abküssen für den kleinen Dienst ... Wenn du es
-nicht verwechselst, gebe ich dir zehn Rubel, spring aber schnell hinüber
-... Champagner ist die Hauptsache, daß sie den Champagner einpacken und
-Kognak und Portwein und Rheinwein, kurz, alles wie es damals war ... Sie
-wissen schon, wie es damals war!“
-
-„Aber so hören Sie doch auf!“ unterbrach ihn Perchotin ungeduldig.
-„Lassen Sie doch den Jungen endlich hinlaufen, er kann dort das Geld
-wechseln und sagen, daß sie noch nicht schließen sollen, und Sie gehen
-dann selbst hin und bestellen persönlich alles, was Sie wollen ... Geben
-Sie Ihren Hundertrubelschein, marsch, Mischa, lauf, daß deine Beine
-fliegen!“
-
-Perchotin wollte, wie es schien, den Jungen absichtlich schnell aus dem
-Zimmer haben, denn dieser stand mit offenem Munde vor dem Gast und
-starrte mit weit aufgerissenen Augen auf dessen blutbefleckte Stirn und
-die blutigen bebenden Hände mit dem Geldpaket und begriff vor Angst und
-Erstaunen wahrscheinlich kaum die Hälfte von dem, was Mitjä ihm sagte.
-
-„So, jetzt kommen Sie und waschen Sie sich,“ befahl Perchotin kurz.
-„Legen Sie das Geld auf den Tisch, oder stecken Sie es in die Tasche ...
-So, nun kommen Sie. Aber ziehen Sie sich doch den Rock aus.“ Und er half
-ihm, sich seines Rockes zu entledigen, doch plötzlich schrie er auf.
-
-„Was, Donner! Ihr Rock ist ja gleichfalls blutig!“
-
-„Das ... das kommt nicht vom Rock ... Nur ein wenig hier am Ärmel ...
-und das hier ist, wo das Taschentuch gelegen hat. Es ist aus der Tasche
-durchgesickert. Ich habe mich bei Fenjä auf das Taschentuch gesetzt, und
-da ist denn das Blut durchgesickert,“ erklärte Mitjä sofort mit geradezu
-rührender Vertrauensseligkeit.
-
-Perchotin hörte mit finsterer Stirn zu.
-
-„Das sind ja schöne Geschichten! ... Sie haben wohl eine Prügelei
-gehabt?“ brummte er.
-
-Darauf begann das Waschen. Perchotin hielt die Kanne und goß das Wasser
-über. Mitjä beeilte sich und seifte daher die Hände nur wenig ein.
-(Seine Hände zitterten, wie Perchotin sich später erinnerte.) Da befahl
-ihm Perchotin sofort, die Hände besser einzuseifen und stärker zu
-reiben. Er war Mitjä bereits überlegen und wurde es mit jeder Minute
-mehr. Bei der Gelegenheit will ich noch bemerken, daß der junge Mann von
-Charakter nichts weniger als schüchtern war.
-
-„Da, unter den Nägeln haben Sie das Blut noch nicht genügend abgerieben;
-so, jetzt waschen Sie sich das Gesicht, hier, höher, noch höher: bei der
-Schläfe, beim Ohr ... Und Sie wollen in diesem Hemde fahren? Wohin
-fahren Sie denn? Sehen Sie doch, die ganze Manschette des rechten Ärmels
-ist mit Blut – ...“
-
-„Ja, mit Blut,“ bemerkte Mitjä, der die Hand hob, um den
-Hemdärmelaufschlag zu betrachten.
-
-„So wechseln Sie die Wäsche.“
-
-„Keine Zeit. Ich, sehen Sie, ich werde ...“ fuhr Mitjä, der sich schon
-Gesicht und Hände getrocknet hatte und sich wieder den Rock anzog, mit
-derselben Zutraulichkeit fort, „ich werde hier den Hemdärmelrand einfach
-so umbiegen, man wird es unter dem Rock gar nicht sehen ... So, sehen
-Sie, nicht wahr?“
-
-„Jetzt sagen Sie, wo Sie sich so zugerichtet haben? Haben Sie sich mit
-jemandem geprügelt? Im Gasthaus vielleicht? Etwa wieder mit dem
-Hauptmann, wie damals? Sie haben ihn wohl wieder am Bart gezogen?“
-fragte Perchotin vorwurfsvoll. „Oder wen haben Sie sonst noch geprügelt
-... oder am Ende gar totgeschlagen?“
-
-„Unsinn!“ sagte Mitjä.
-
-„Wieso Unsinn?“
-
-„Ach, das ist doch ganz überflüssig,“ sagte Mitjä plötzlich lächelnd.
-„Ich habe soeben eine Alte auf dem großen Platze erdrückt.“
-
-„Erdrückt? Eine Alte?“
-
-„Einen Alten!“ schrie Mitjä lachend, mit offenem Blick in Perchotins
-Gesicht, und zwar so laut, als wenn jener taub gewesen wäre.
-
-„Teufel noch eins, eine Alte, einen Alten ... Haben Sie jemanden
-totgeschlagen?“
-
-„Wir haben uns wieder versöhnt. Wir prallten zusammen – und versöhnten
-uns ... an einem anderen Ort. Wir gingen als Freunde auseinander. Ein
-dummer Alter ... aber er hat mir verziehen ... jetzt hat er mir bestimmt
-schon verziehen ... Wäre er aufgestanden, so hätte er mir nicht
-verziehen,“ fügte Mitjä plötzlich, mit den Augen zwinkernd, hinzu. „Nur,
-wissen Sie, zum Teufel mit ihm, hören Sie, Pjotr Iljitsch, zum Teufel
-mit ihm, das ist jetzt ganz überflüssig! Jetzt in dieser Stunde will ich
-nicht!“ Mitjä brach in bestimmtem Tone kurz ab.
-
-„Ich wollte Sie nur fragen, was für ein Vergnügen es Ihnen macht, mit
-fremden Menschen anzubinden ... wie Sie auch damals wegen solcher
-Lappalien mit diesem Hauptmann anbändelten ... zuerst eine Prügelei und
-dann ein Gelage – das ist Ihr ganzer Charakter! Drei Dutzend Flaschen
-Champagner! – Was fangen Sie denn damit an?“
-
-„Bravo! Geben Sie jetzt die Pistolen. Bei Gott, ich habe keine Zeit. Ich
-würde gern mit dir etwas sprechen, mein Täubchen, wie Fenjä sagt, aber
-ich habe keine Zeit. Und es ist auch nicht nötig, es ist zu spät zum
-Sprechen. Ah! wo ist denn das Geld, wo habe ich es hingelegt?“ fragte er
-erstaunt und begann die Hände in die Tasche zu stecken.
-
-„Auf den Tisch haben Sie es doch selbst gelegt ... dort, da liegt es ja.
-Hatten Sie es vergessen? Sie gehen ja mit Ihrem Gelde wahrlich so um,
-als wäre es Kehricht oder Wasser. Hier sind Ihre Pistolen. Sonderbar, um
-sechs versetzten Sie sie für zehn Rubel, und jetzt scheinen Sie ja
-Tausende in den Fingern zu haben. Wieviel sind es denn, zwei oder drei?“
-
-„Drei, natürlich,“ sagte Mitjä lachend und steckte das Geld in die
-Hosentasche.
-
-„Aber so werden Sie es doch verlieren. Haben Sie etwa Goldgruben
-geerbt?“
-
-„Goldgruben? Goldgruben! Hahaha!“ Mitjä lachte, lachte unbändig.
-„Perchotin, sagen Sie, Liebster, wollen Sie nicht in den Goldgruben nach
-Gold graben? Dann wird Ihnen eine hiesige Dame sofort Dreitausend
-vorschießen, damit Sie nur hinfahren. Mir hat sie sie vorgeschossen,
-dermaßen liebt sie die Goldgruben! Kennen Sie Frau Chochlakoff?“
-
-„Ich bin ihr nicht vorgestellt, aber ich habe sie gesehen und auch von
-ihr gehört. So hat sie Ihnen diese Dreitausend gegeben? Ist’s möglich?“
-Perchotin blickte ihn ungläubig an.
-
-„Wissen Sie, wenn morgen die Sonne goldrot emporsteigt, wenn der ewig
-junge Phöbus, Gott preisend und lobsingend, im Sonnenwagen am Himmel
-emporjagt, – so gehen Sie zu ihr, zu Frau Chochlakoff, und fragen Sie
-sie, ob sie mir die Dreitausend vorgeschossen hat oder nicht? Erkundigen
-Sie sich mal!“
-
-„Ich kenne Ihre Beziehungen nicht ... wenn Sie so sagen, dann wird sie
-sie Ihnen wohl gegeben haben ... Und Sie gehen jetzt, nachdem Sie das
-Geld erhalten haben, anstatt nach Sibirien Gold graben, für alle drei
-... Ja, wohin wollen Sie denn jetzt eigentlich fahren?“
-
-„Nach Mokroje.“
-
-„Nach Mokroje? Aber es ist doch Nacht!“
-
-„Es war einmal ein Mann, der war in allem Meister, doch sieh, da ward er
-dumm und saß dann fest im Kleister,“ sagte plötzlich Mitjä.
-
-„Wieso im Kleister? Mit Dreitausend in der Hand sitzt man nicht im
-Kleister.“
-
-„Ich rede nicht von den Tausenden. Hol sie der Teufel, die Tausende! Ich
-rede von des Weibes Herz:
-
- ‚Weibersinn ist leicht und flatterhaft,
- Kennt keine Treu und ist nicht tugendhaft.‘
-
-Ich bin mit Ulysses vollkommen einverstanden; das hat er gesagt.“
-
-„Ich verstehe Sie nicht.“
-
-„Betrunken, wie?“
-
-„Nein, nicht betrunken, aber schlimmer als das.“
-
-„Mein Geist ist trunken, Pjotr Iljitsch, geistig bin ich trunken, aber
-genug, genug davon!“
-
-„Was tun Sie, Sie laden die Pistole?“
-
-„Ja, ich lade die Pistole.“
-
-Mitjä, der den Pistolenkasten geöffnet und das Pulverhorn genommen
-hatte, schüttete bereits vorsichtig die Ladung hinein und schlug sie
-dann sorgfältig fest zu. Darauf nahm er die Kugel, doch bevor er sie
-hineinschob, hielt er sie zwischen zwei Fingern zum Licht, um sie zu
-betrachten.
-
-„Warum betrachten Sie die Kugel?“ fragte sofort Perchotin, der ihn
-unruhig und besorgt beobachtete.
-
-„Nur so. Ein plötzlicher Einfall. Wenn du dir vorgenommen hättest, diese
-Kugel dir in den Kopf zu jagen, würdest du sie dann, wenn du die Pistole
-ladest, betrachten, oder würdest du sie so einfach hineinstoßen?“
-
-„Warum sollte ich sie denn betrachten?“
-
-„Wenn sie in dein eigenes Hirn eindringen soll, so ist es doch
-interessant, zu sehen, wie sie eigentlich aussieht ... Aber übrigens,
-was rede ich für einen Unsinn, das war nur so ein dummer Gedanke. So,
-fertig.“ Er hatte die Kugel mit Werg festgestampft. „Pjotr Iljitsch,
-lieber Pjotr Iljitsch, das war ja nur Unsinn, wenn du wüßtest, was für
-ein Unsinn! Gib mir mal jetzt ein Stückchen Papier.“
-
-„Da ist Papier.“
-
-„Nein, glattes, reines, auf dem man schreiben kann. Ja, solches.“ Und
-Mitjä ergriff eine Feder, die auf dem Tisch lag und schrieb schnell zwei
-Zeilen auf das Papier, das er dann zweimal zusammenfaltete und in die
-Westentasche steckte. Die Pistolen legte er zurück in den Kasten,
-verschloß ihn mit dem kleinen Schlüssel, und nahm ihn dann vom Tisch. Er
-blieb vor Perchotin stehen, blickte ihn lange an und lächelte
-gedankenverloren.
-
-„Gehen wir jetzt,“ sagte er.
-
-„Wohin wollen Sie? Nein, hören Sie, das geht nicht ... Sie wollen sich
-diese Kugel wahrscheinlich in Ihren Kopf jagen ...“ sagte Perchotin
-unmutig.
-
-„Die Kugel war doch Unsinn! Ich will leben! Ich liebe das Leben! Das laß
-dir gesagt sein. Den goldlockigen Phöbus liebe ich, und ich liebe sein
-heißes Licht ... Pjotr Iljitsch, lieber Mensch, verstehst du, den Weg
-freizugeben?“
-
-„Wie das, den Weg freizugeben?“
-
-„Ich meine, aus dem Wege zu treten. Dem geliebten und gehaßten Wesen den
-Weg freizugeben? Und daß auch das Gehaßte lieb werde, – so muß man den
-Weg freizugeben verstehen! Und ihnen sagen: Gott mit euch, geht, geht
-vorüber, ich aber ...“
-
-„Sie aber?“
-
-„Genug, gehen wir.“
-
-„Weiß Gott, ich muß jemanden rufen, damit man Sie nicht dorthin läßt.“
-Perchotin blickte ihn scharf an. „Warum wollen Sie denn jetzt nach
-Mokroje?“
-
-„Dort ist ein Weib, hörst du, ein Weib! So. Das mag dir als Erklärung
-genügen. Genug. Gehen wir!“
-
-„Hören Sie, Karamasoff, Sie sind ein wilder Mensch, aber Sie haben mir
-immer, ich weiß nicht warum, gefallen ... ich beunruhige mich
-Ihretwegen.“
-
-„Ich danke dir, Bruder. Ich bin wild, sagtest du? Ja, die Wilden, die
-Wilden! Ich habe es ja immer gesagt: die Wilden! Ah, das ist Mischa, ich
-hatte ihn schon ganz vergessen.“
-
-Mischa war atemlos mit dem ausgewechselten Gelde eingetreten und
-meldete, daß bei Plotnikoff alle Kommis und Jungen bereits Flaschen,
-Fisch und Tee „zusammenschleppten“ und alles sofort fertig sein werde.
-Mitjä nahm einen Zehnrubelschein und reichte ihn Perchotin und einen
-anderen Zehnrubelschein wollte er dem Jungen geben.
-
-„Nicht! Das verbiete ich Ihnen!“ Perchotin hielt ihn sofort auf. „In
-meinem Hause dürfen Sie das nicht ohne meine Erlaubnis tun, und es wäre
-auch nur eine schlechte Erziehung für den Jungen ... wenn ich es
-erlauben wollte. Stecken Sie Ihr Geld ein, nicht dorthin, stecken Sie es
-in diese Tasche, werden es sonst verlieren. Morgen werden Sie es
-vielleicht nötig haben, und dann müßten Sie wieder Ihre Pistolen
-versetzen. Warum wollen Sie es denn in die Seitentasche stecken? So
-werden Sie es doch nur verlieren!“
-
-„Hör, lieber Mensch, fahren wir zusammen nach Mokroje?“
-
-„Wozu soll ich dorthin fahren?“
-
-„Hör, ich werde sofort eine Flasche bestellen, trinken wir auf das
-Leben! Ich will auf das Leben trinken, aber mit dir zusammen will ich
-trinken. Ich habe doch noch nie mit dir getrunken, nicht wahr?“
-
-„Meinetwegen, das kann man im Gasthaus besorgen, gehen wir hin, es war
-gerade meine Absicht, zu einer Partie Billard hinzugehen.“
-
-„Nein, dazu haben wir keine Zeit, aber wir können bei Plotnikoff
-trinken, im Hinterzimmer. Willst du, ich werde dir ein Rätsel zum Raten
-aufgeben?“
-
-„Nun, gib’s nur auf.“
-
-Mitjä zog aus der Westentasche den soeben geschriebenen Zettel hervor,
-faltete ihn auseinander und zeigte ihn ihm. Mit deutlicher und großer
-Handschrift stand darauf geschrieben:
-
-„Ich strafe mich für mein durchlebtes Leben und bestrafe damit mein
-Leben.“
-
-„Nein, weiß Gott, ich muß jemanden rufen, ich werde sofort ...,“
-murmelte Perchotin vor sich hin, als er den Zettel gelesen hatte.
-
-„Wirst keine Zeit mehr dazu haben, mein Täubchen, gehen wir und trinken
-wir. Nun, rechtsum kehrt, vorwärts – marsch!“
-
-Die Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff lag an derselben Straße, nur
-ein paar Häuser weit von Perchotins Wohnung, gerade an der Straßenecke.
-Es war die größte Delikatessenhandlung in unserer Stadt. Die Inhaber
-waren reiche Kaufleute, und das Geschäft ging nicht so übel. Es war dort
-alles zu haben, was auch in der Großstadt jedes größere
-Kolonialwarengeschäft hat: Weine von den Brüdern Jelissejeff, Früchte,
-Zigarren, chinesischer Tee, Zucker, Kaffee usw. Es waren immer drei
-Kommis und zwei Laufburschen beschäftigt. Obwohl unser Bezirk verarmt,
-der Handel zurückgegangen war und die Gutsbesitzer fortzogen, so blühte
-doch dieses Kolonialwarengeschäft nach wie vor und vergrößerte sich noch
-mit jedem Jahr, denn die Zahl der Käufer dieser Gegenstände verringerte
-sich nicht, sondern wuchs eher. Dmitrij Fedorowitsch wurde ungeduldig
-erwartet. Man erinnerte sich noch gar zu gut, wie er vor vier Wochen
-ebenso plötzlich Weine, Delikatessen und Süßigkeiten bestellt hatte,
-Ware für mehrere hundert Rubel bar (auf Kredit hätte man ihm natürlich
-nichts gegeben), und ebensogut wußte man, daß er auch damals ebenso wie
-jetzt einen ganzen Packen Hundertrubelscheine in der Hand gehalten
-hatte, wußte, wie er mit dem Gelde umgegangen war, wie großartig er
-alles bestellt hatte, ohne je nach einem Preise zu fragen, ohne
-nachzudenken oder nachdenken zu wollen, wieviel Ware er nahm. Sprach
-doch die ganze Stadt nachher, daß er damals, als er mit Gruschenka nach
-Mokroje gefahren war, in einer Nacht und an dem folgenden Tage
-dreitausend Rubel ausgegeben hatte und ohne einen roten Heller
-zurückgekommen war. Ein ganzes Zigeunerlager, das sich damals bei uns
-niedergelassen hatte, war von ihm hinbestellt worden, und dieses schlaue
-Volk, hieß es, hätte ihm in der Trunkenheit unzähliges Geld abgezapft
-und seine teuren Weine wie Flußwasser (nur mit anderen Folgen)
-getrunken. Man erzählte sich lachend, wie er in Mokroje schmutzige
-Bauernkerle mit Champagner und die Dorfmädel und Weiber mit teurem
-Konfekt und Straßburger Pasteten traktiert hatte. Desgleichen lachte
-man, besonders im Gasthaus „Zur Hauptstadt“, über Mitjäs aufrichtiges
-Eingeständnis (natürlich lachte man ihm nicht ins Gesicht, denn das wäre
-etwas zu gefährlich gewesen), daß er von Gruschenka für diese ganze
-„Eskapade“ nichts als die Erlaubnis erhalten hatte, „einen Kuß auf ihr
-Füßchen drücken zu dürfen und weiter nichts“.
-
-Als Mitjä und Perchotin sich dem Laden näherten, sahen sie, daß vor der
-Tür eine Troika hielt; der Wagen war mit einem Teppich bedeckt und die
-Pferde mit Glocken und Schellen geschmückt. Andrei, der Kutscher, ging
-auf und ab und wartete auf Mitjä. Im Laden hatte man eine Kiste bereits
-„erledigt“ und wartete nur noch auf Mitjäs Erscheinen, um sie zu
-vernageln und auf den Wagen zu heben. Perchotin wunderte sich.
-
-„Aber wo hast du so schnell die Troika hergenommen?“ fragte er erstaunt.
-
-„Als ich zu dir ging, traf ich ihn unterwegs, ich meine den Andrei, und
-da befahl ich ihm, sofort anzuspannen und hier vorzufahren. Wozu Zeit
-verlieren? Das vorige Mal fuhr ich mit Timofei, aber diesmal ist mir
-Timofei mit meiner Zauberin vorausgefahren. He, Andrei, werden wir sehr
-viel später ankommen?“
-
-„Höchstens ein Stündchen, Herr, werden sie früher ankommen als wir, und
-selbst nicht mal das!“ versicherte Andrei eilfertig. „Ich habe Timofei
-abfahren sehen, ich weiß, wie der fahren wird. Die fahren nicht wie wir,
-Herr, wie sollen die denn so wie wir fahren! Mehr als eine Stunde kommen
-sie sicherlich nicht früher an!“ beteuerte Andrei eifrig. Es war ein
-noch nicht alter, rothaariger und hagerer Mann im Leibrock. Seinen
-Mantel trug er auf dem linken Arm.
-
-„Fünfzig Rubel Trinkgeld, wenn wir nur eine Stunde später hinkommen.“
-
-„Für eine Stunde bin ich sicher! Ach, Herr, die werden nicht mal ’ne
-halbe Stunde früher ankommen, von ’ner ganzen schon ganz zu schweigen!“
-
-Mitjä war zwar sehr beschäftigt mit dem Anordnen, doch gab er seine
-Befehle auffallend zerstreut, er sprach sie fast nie zu Ende. Perchotin
-fand es geboten, sich in die Sache einzumischen.
-
-„Für vierhundert Rubel, nicht weniger als für vierhundert, damit es ganz
-genau so viel ist, wie damals,“ kommandierte Mitjä. „Vier Dutzend
-Flaschen Champagner, keinen Tropfen weniger!“
-
-„Wozu soviel, wer wird das austrinken? Halt!“ rief Perchotin. „Was ist
-das für eine Kiste? Was ist hier eingepackt? Diese Kiste soll für
-vierhundert Rubel Weine und Delikatessen enthalten?“
-
-Ihm wurde aber sofort von den dienstbeflissenen Kommis in höflichster
-Redeweise auseinandergesetzt, daß in dieser ersten Kiste nur ein halbes
-Dutzend Flaschen Champagner und „alle möglichen notwendigen Konserven
-und sofort nötige Delikatessen“ eingepackt seien, sowie Schokolade,
-Früchte, Kaviar, Lachs usw., daß aber der „große Bedarf“ sofort
-eingepackt und noch in dieser Stunde mit einer anderen Troika
-abgeschickt werden würde, so wie es auch das vorige Mal geschehen sei,
-und daß also die Sachen für den „großen Bedarf“ höchstens eine Stunde
-später als der Herr in Mokroje ankommen würden.
-
-„Nur nicht später als nach einer Stunde, und möglichst viel Schokolade
-und Makronen, die werden von den Mädels am liebsten gegessen,“ setzte
-Mitjä noch eifrig hinzu.
-
-„Nun gut, also noch Makronen. Aber was fängst du mit vier Dutzend
-Flaschen Champagner an? Eines genügt vollkommen!“ sagte Perchotin
-geärgert.
-
-Er erkundigte sich nach den Preisen, verlangte die Rechnung und wollte
-sich nicht beruhigen. Kurz, er rettete im ganzen etwa hundert Rubel. Es
-endete damit, daß alles in allem nur für dreihundert Rubel Ware
-eingepackt werden sollte.
-
-„Ach, zum Teufel!“ Perchotin bedachte sich eines anderen. „Was geht das
-mich an! Tu mit deinem Gelde, was du willst, wenn du es so mühelos
-bekommen hast!“
-
-„Komm her, mein lieber Nationalökonom, komm her, ärgere dich nicht.“
-Damit zog ihn Mitjä in das Hinterzimmer. „Man wird uns sofort eine
-Flasche herbringen. Ach was, fahren wir zusammen hin, du bist ein lieber
-Mensch, ich liebe solche wie du.“
-
-Mitjä setzte sich auf einen geflochtenen Stuhl vor einen kleinen Tisch,
-der mit einem äußerst befleckten Tischtuch bedeckt war. Perchotin ließ
-sich ihm gegenüber auf irgendeiner anderen Sitzgelegenheit nieder. Im
-selben Augenblick wurde auch schon der Champagner gebracht. Es wurde
-noch gefragt, ob die Herren nicht Austern wünschten, „prima Qualität,
-letzte Sendung ...“
-
-„Ach, zum Teufel mit den Austern, ich will sie nicht, nicht nötig,“
-stieß Perchotin geradezu wütend hervor.
-
-„Ja, wir haben keine Zeit zum Austernschlürfen,“ meinte Mitjä, „und ich
-habe auch keinen Appetit auf Austern. Weißt du, Freund,“ sagte er
-plötzlich gefühlvoll, „ich habe niemals diese ganze Unordnung geliebt.“
-
-„Wer liebt denn überhaupt so etwas! Vier Dutzend, das ist doch wirklich
-... für Bauernkerle!“
-
-„Ich rede nicht davon. Ich meinte die höhere Ordnung. Es ist keine
-Ordnung in mir, keine höhere Ordnung ... Aber ... das ist jetzt vorüber,
-wozu noch darüber trauern. Das kommt jetzt zu spät, hol’s der Teufel,
-wenn er will! Mein ganzes Leben war Unordnung, jetzt muß man einmal
-Ordnung schaffen. Hm, du glaubst wohl, daß ich Witze reißen will?“
-
-„Du phantasierst im Fieber, aber machst keine Witze.
-
- ‚Heil dem Höchsten in der Welt,
- Heil dem Höchsten auch in mir!‘
-
-– Diese Worte haben sich einmal, irgend einmal aus meiner Seele
-gerungen, nicht als Gedicht, nein, es waren Tränen ... Ich habe sie
-selbst gedichtet ... natürlich nicht damals, als ich den Hauptmann am
-Bärtchen zog ...“
-
-„Wie kommst du auf ihn?“
-
-„Wie ich auf ihn zu sprechen komme? Unsinn! Alles nähert sich dem Ende,
-alles gleicht sich aus, ein Strich – und das Fazit.“
-
-„Nein, weiß Gott, mir kommen deine Pistolen nicht aus dem Sinn.“
-
-„Auch die Pistolen sind Unsinn! Trink und phantasiere nicht. Ich liebe
-das Leben, habe es gar zu lieb, so lieb, daß es fast schon niedrig ist.
-Doch genug davon! Auf das Leben, Täubchen, auf das Leben laß uns
-trinken, ich schlage einen Toast auf das Leben vor! Warum bin ich nur so
-zufrieden mit mir? Ich bin ein niedriger Mensch, aber ich bin zufrieden
-mit mir. Und doch – es quält mich, daß ich niedrig und trotzdem mit mir
-zufrieden bin. Ich segne die Schöpfung, ich bin bereit, Gott zu segnen
-und seine Schöpfung, aber ... man muß ein scheußliches Insekt
-vernichten, damit es nicht mehr umherkriecht, nicht anderen das Leben
-verdirbt ... Trinken wir auf das Leben, Bruder! Was gibt es Schöneres
-als das Leben? Nichts, nichts! Auf das wogende Leben und auf eine
-Königin aller Königinnen!“
-
-„Schön, trinken wir auf das Leben, und meinetwegen auch auf deine
-Königin.“
-
-Sie tranken jeder ein Glas. Mitjä war trotz seiner Begeisterung und
-Ekstase gewissermaßen traurig – als wenn eine Sorge hinter ihm stünde
-und er sie nicht loswerden könnte.
-
-„Mischa ... das ist doch dein Mischa, der soeben eintrat? Mischa,
-Täubchen, Mischa, komm her, trink dieses Glas auf Phöbus, den
-goldlockigen Jüngling, der morgen ...“
-
-„Warum gibst du ihm Champagner!“ rief Perchotin gereizt und versuchte
-ihn aufzuhalten.
-
-„Nun, erlaub doch, laß doch, warum willst du es nicht? – laß, ich will.“
-
-„Ach nun!“
-
-Mischa trank das Glas aus, machte einen schönen Bückling und lief fort.
-
-„So wird er es länger behalten,“ meinte Mitjä. „Ein Weib liebe ich, ein
-Weib! Was ist das Weib? Die Königin der Erde! Traurig ist mir zumut,
-Pjotr Iljitsch. Weißt du noch, wie Hamlet sagt: ‚Mir ist so schwer ums
-Herz, so schwer, Horatio ... Ach, armer Yorik!‘ Dieser Yorik bin
-vielleicht ich. Ja, jetzt bin ich Yorik, und ein Schädel später.“
-
-Perchotin hörte zu und schwieg; da verstummte auch Mitjä.
-
-„Was ist das da für ein Hündchen?“ fragte er plötzlich zerstreut einen
-Kommis, als er in der Ecke ein kleines Bologneserhündchen mit schwarzen
-Augen bemerkt hatte.
-
-„Das gehört Warwara Alexejewna, unserer Gnädigen,“ entgegnete der Kommis
-höflich, „sie hat es vorhin hergebracht und hier vergessen, da wird man
-es ihr zurückbringen müssen.“
-
-„Ich habe einmal ein ähnliches gesehen ... im Regiment ...“ sagte Mitjä
-gedankenverloren, „nur hatte es sich die Hinterpfötchen gebrochen ...
-Pjotr Iljitsch, ich wollte dich noch fragen, gut, daß es mir einfällt:
-Hast du je in deinem Leben gestohlen – oder nie?“
-
-„Was soll das?“
-
-„Nein, ich frage dich nur so. Ich meine, aus der Tasche eines anderen
-Menschen etwas Fremdes? Ich rede nicht von der Staatskasse, die wird
-natürlich von allen gerupft und auch von dir, versteht sich ...“
-
-„Geh zum Teufel.“
-
-„Ich meine aber Fremdes: gleich aus der Tasche, aus dem Portemonnaie?“
-
-„Von meiner Mutter habe ich einmal einen Zwanziger gestohlen, ich war
-ein neunjähriger Knabe. Ich nahm ihn leise vom Tisch und verbarg ihn in
-der Faust.“
-
-„Nun, und?“
-
-„Nun, nichts weiter. Drei Tage verwahrte ich ihn, dann schämte ich mich,
-gestand es und gab ihn zurück.“
-
-„Nun, und dann?“
-
-„Das ist doch klar: ich wurde gedroschen. Aber wozu fragst du, hast du
-etwa selbst gestohlen?“
-
-„Hab’ gestohlen,“ sagte Mitjä mit einem verschmitzten Lächeln.
-
-„Was hast du gestohlen?“
-
-„Von meiner Mutter einen Zwanziger, ich war ein neunjähriger Knabe, nach
-drei Tagen gab ich ihn zurück.“
-
-Als er das gesagt hatte, erhob er sich plötzlich.
-
-„Herr, wollen wir uns nicht beeilen?“ ertönte von der Tür Andreis
-Stimme.
-
-„Ist alles bereit? Gehen wir!“ Mitjä fuhr unmutig auf. „Noch das letzte
-Wort und ... Dem Andrei einen Schnaps auf den Weg! Und auch ein Glas
-Kognak für ihn außer dem Schnaps! Dieser Kasten (mit Pistolen) kommt
-unter den Sitz. Leb wohl, Pjotr Iljitsch, denk nicht schlecht von mir!“
-
-„Aber du kommst doch morgen zurück?“
-
-„Unbedingt.“
-
-„Werden der Herr vielleicht jetzt die kleine Nota begleichen?“ fragte
-freundlich ein flink herbeigesprungener Kommis.
-
-„Ach, ja, natürlich! Versteht sich!“
-
-Und wieder zog er alle Scheine aus der Tasche heraus, nahm die obersten
-drei regenbogenfarbenen und warf sie auf den Ladentisch. Dann eilte er
-hinaus. Ihm folgte unter Bücklingen und mit guten Wünschen auf die Reise
-das ganze Personal. Andrei räusperte sich und sprang auf seinen Platz.
-Doch kaum wollte Dmitrij einsteigen, als plötzlich Fenjä auftauchte. Sie
-kam atemlos herangelaufen, schlug die Hände flehend zusammen und stürzte
-mit einem Schrei vor Mitjä auf die Knie nieder.
-
-„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, Täubchen, bringen Sie sie nicht um! Und
-ich, ich habe Ihnen alles erzählt in der Angst! ... Und auch ihn bringen
-Sie nicht um, das ist doch der Frühere, ihr Liebster! Er wird jetzt
-Agrafena Alexandrowna heiraten, er ist doch nur deswegen aus Sibirien
-zurückgekehrt ... Täubchen Dmitrij Fedorowitsch, richten Sie nicht
-fremdes Leben zugrunde!“
-
-„Aha, das also ist es! Nun, da kann er ja was Schönes anrichten!“
-brummte Perchotin vor sich hin. „Jetzt begreife ich ... jetzt hat alles
-seine Erklärung ... Dmitrij Fedorowitsch, gib mir mal sofort die
-Pistolen her, wenn du ein Mensch sein willst,“ rief er ihm laut zu,
-„hörst du!“
-
-„Die Pistolen? Wart, mein Täubchen, ich werde sie unterwegs in den
-Graben werfen,“ sagte Mitjä. „Fenjä, stehe auf, liege nicht so vor mir
-auf den Knien. Niemanden wird Mitjä, dieser dumme Mensch, zugrunde
-richten, hinfort niemanden mehr. Und noch eines, Fenjä,“ rief er ihr,
-bereits einsteigend, zu, „ich habe dich vorhin gekränkt und habe dir weh
-getan, verzeih es mir und vergib dem Bösewicht ... willst du es aber
-nicht vergeben, nun dann meinetwegen auch nicht! Jetzt ist doch schon
-alles einerlei! Fahr zu, Andrei, geschwind!“
-
-Andrei zog die Leine an und knallte mit der Peitsche: Glocken und
-Schellen ertönten.
-
-„Leb wohl, Pjotr Iljitsch! Dir die letzte Träne! ...“
-
-„Er ist nicht betrunken und schwatzt doch wie im Delirium!“ dachte
-Perchotin bei sich, als die Troika wie der Wind um die Ecke gebogen und
-verschwunden war. Er hatte sich vorgenommen, so lange zu warten, bis man
-die zweite Troika mit den übrigen Vorräten abgeschickt hätte, denn er
-sagte sich, daß man bei der Gelegenheit wahrscheinlich tüchtig betrügen
-wollte; doch plötzlich drehte er sich ärgerlich um und begab sich zu
-seiner Billardpartie.
-
-„Ein Esel, wenn auch sonst ein netter Junge ...“ brummte er unterwegs
-vor sich hin. „Von einem gewissen Offizier, diesem Vormaligen der
-Gruschenka, habe ich gehört. Nun, wenn er jetzt zurückgekehrt ist ...
-Ach, die verfluchten Pistolen! Zum Teufel, was geht das schließlich mich
-an, ich bin doch nicht seine Kindermagd! Mag er doch! Aber es wird ja
-nichts geschehen. Hunde, die bellen, beißen nicht. Solche Leute trinken
-und prügeln sich, prügeln sich und versöhnen sich. Sind denn das
-Tatmenschen? Doch was war das mit dem ‚ich werde den Weg freigeben,
-strafe mich für mein Leben‘? Ach was, Geschwätz. Er hat doch wahrlich
-nicht wenig ähnliches Zeug geredet, wenn er betrunken war. Jetzt aber
-war er wirklich nicht betrunken. ‚Mein Geist ist trunken‘ – schönen Stil
-lieben die Schufte. Ach, was geht das mich an, bin doch nicht seine
-Kindermagd. Und das Prügeln stets erstes Lebenselement! Sein ganzes
-Gesicht war mit Blut besudelt. Und das ganze Taschentuch ... Pfui
-Teufel, jetzt liegt es bei mir auf dem Fußboden ... Schweinerei!“
-
-In der schlechtesten Gemütsverfassung erreichte er endlich das Gasthaus
-„Zur Hauptstadt“ und begann sofort die Partie. Das Spiel zerstreute ihn.
-Man begann darauf eine zweite Partie, und plötzlich ließ er im Gespräch
-mit seinem Partner die Bemerkung fallen, daß Dmitrij Karamasoff wieder
-Geld in Fülle besitze, etwa dreitausend Rubel, daß er es selbst gesehen
-habe, und daß Mitjä wieder nach Mokroje zu einem Gelage mit Gruschenka
-gefahren sei. Diese Nachricht wurde mit erstaunlicher Aufmerksamkeit
-aufgenommen. Und alle sprachen sonderbarerweise vollkommen ernst
-darüber, keineswegs scherzend oder gleichgültig. Sie unterbrachen sogar
-das Spiel.
-
-„Dreitausend? Woher hat er die denn plötzlich bekommen?“
-
-Man begann ihn auszufragen. Daß Frau Chochlakoff ihm das Geld gegeben
-habe, wurde stark bezweifelt.
-
-„Oder hat er vielleicht den Alten beraubt?“
-
-„Weiß der Teufel, dreitausend! Da muß irgend etwas nicht in Ordnung
-sein.“
-
-„Hat er sich denn nicht immer gerühmt, daß er den Vater erschlagen
-werde, das haben wir doch alle gehört! Und gerade von dreitausend Rubeln
-sprach er das letztemal ...“
-
-Perchotin hörte zu, und seine Antworten wurden immer trockener und
-knapper. Vom Blut, das Mitjä an den Händen und auf dem Gesicht gehabt
-hatte, sagte er nichts, obgleich er auf dem Wege zum Gasthaus eigentlich
-beabsichtigt hatte, auch davon zu erzählen. Man begann die dritte
-Partie, und das Gespräch über Mitjä verstummte allmählich. Nachdem aber
-Perchotin die dritte Partie beendet hatte, wollte er nicht weiter
-spielen; er legte das Queue hin und ging fort, ohne zu Abend zu essen.
-Als er auf den Platz hinaustrat, blieb er, in Zweifel befangen und
-verwundert über sich selbst, stehen. Er hatte beschlossen, sofort zu
-Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen, um dort zu erfahren, ob nicht
-etwas Besonderes geschehen war.
-
-„Ach was,“ dachte er, „ich soll dort wegen irgendeiner Dummheit, denn
-mehr wird ja doch nicht dahinter stecken, fremde Menschen aus dem
-Schlafe wecken und womöglich noch einen Skandal hervorrufen. Teufel! was
-geht das mich an!“
-
-In hundsgemeiner Stimmung begab er sich geradeswegs nach Hause, doch
-plötzlich fiel ihm Fenjä ein. „Ich Esel, warum erkundigte ich mich nicht
-bei ihr, dann würde ich jetzt alles wissen.“ Und das eigensinnige
-Verlangen, mit ihr zu sprechen, wurde so stark in ihm, daß er auf halbem
-Wege kurz entschlossen kehrtmachte und sich zum Hause der Morosowa, wo
-Gruschenka wohnte, begab. Beim Hoftor angelangt, klopfte er, und der
-Laut, der in der nächtlichen Stille erschallte, weckte ihn wieder auf:
-er ernüchterte und ärgerte ihn zugleich. Zudem rührte sich nichts: alles
-schien im Hause zu schlafen. „Und auch hier wird es schließlich nur auf
-einen Skandal hinauskommen!“ dachte er fast mit einem Schmerz in der
-Brust. Doch anstatt fortzugehen, begann er von neuem zu klopfen, und
-zwar klopfte er vor Wut aus aller Kraft. Der Lärm schallte durch die
-ganze Straße. „Ich werde sie doch noch wachrütteln, zum Trotz!“ brummte
-er, und mit jedem Schlag wuchs sein Ärger, und mit jedem Schlage klopfte
-er lauter, immer lauter.
-
-
- VI.
- „Ich fahre!“
-
-Inzwischen raste die Troika auf der Landstraße dahin. Bis nach Mokroje
-waren es etwas mehr als zwanzig Werst, doch Andrei jagte dermaßen, daß
-er in einer Stunde anzukommen hoffen konnte. Die scharfe Fahrt schien
-Mitjä zu beleben. Die Nacht war still und fast kalt; am klaren Himmel
-flimmerten lautlos die großen, hellen Sterne. Es war dieselbe Nacht und
-vielleicht auch dieselbe Stunde, in der Aljoscha zur Erde niederfiel und
-„in Verzückung schwor, die Erde bis in alle Ewigkeit zu lieben“. Doch in
-Mitjäs Seele war Unruhe, dunkle Unruhe. Und wenn auch viele Gefühle in
-seiner Seele miteinander rangen, so strebte doch sein ganzes Wesen nur
-zu ihr, zu ihr, seiner Königin, zu der ihn die rasenden Tiere brachten,
-– um sie noch einmal, zum letztenmal, zu sehen! Ich will hier nur noch
-eines sagen, wenn man es mir auch vielleicht nicht glauben wird: Dieses
-eifersüchtige Herz empfand für den neuen Nebenbuhler, für diesen
-plötzlich aus der Erde aufgetauchten sogenannten „früheren Offizier“,
-nicht den geringsten Haß. Jeder andere Nebenbuhler, wäre ein solcher
-neben ihm aufgetaucht, hätte ihn vor Eifersucht rasend gemacht, und
-vielleicht hätte er dann wieder seine Hände mit Blut besudelt, – doch
-für diesen, für diesen „ihren Ersten“ empfand er nicht einmal ein
-feindseliges Gefühl. Allerdings hatte er ihn noch nicht gesehen, aber:
-„Hier ist es ihr Recht und auch seines; hier ist es ihre erste Liebe,
-die sie in den ganzen fünf Jahren nicht vergessen hat, hier kann niemand
-mehr etwas streitig machen. Fünf Jahre lang hat sie ihn geliebt, und ich
-– warum habe ich mich zwischen sie zu drängen versucht? Was hatte ich
-dabei zu tun? Tritt zur Seite, Mitjä, und gib den Weg frei! Und was will
-ich jetzt noch? Jetzt ist ja auch ohne den Offizier alles aus! Selbst
-wenn er gar nicht wieder aufgetaucht wäre – es ist ein für allemal alles
-zu Ende ...“
-
-Ungefähr in diesen Worten würde er seine Empfindungen ausgedrückt haben,
-wenn er nur imstande gewesen wäre, zu denken. Denken aber war ihm
-unmöglich. Sein ganzer Entschluß war eigentlich ohne jeden Gedanken
-entstanden, in einer Sekunde war er aufgetaucht, sofort gefühlt und
-wortlos, gedankenlos mit allen Folgen von ihm als selbstverständlich
-aufgenommen worden. Das war in der Küche bei Fenjä schon bei deren
-ersten gestammelten Worten geschehen. Und doch war trotz des gefaßten
-Entschlusses Unruhe in seiner Seele; selbst die Entschlossenheit brachte
-keine Ruhe. Gar zu vieles stand hinter ihm und quälte ihn. Und eben dies
-kam ihm zuweilen so sonderbar vor. Er hatte doch schon eigenhändig
-seinen Urteilsspruch geschrieben: „Ich strafe mich für mein durchlebtes
-Leben,“ und der Zettel war doch hier in seiner Westentasche, und die
-Pistole war doch schon geladen, und er hatte ja schon beschlossen, wie
-er morgen den ersten lichten Strahl des „goldlockigen Phöbus“ begrüßen
-werde – und doch konnte er das Gewesene, das hinter ihm stand und ihn
-quälte, nicht abschütteln, das fühlte er bis zum körperlichen Schmerz,
-und der Gedanke daran hatte sich wie Verzweiflung an seine Seele
-festgesogen. Es kam ein Augenblick, in dem er die Pistole herausreißen
-und aus dem Wagen springen wollte, um alles sofort zu beenden, ohne auf
-den goldlockigen Phöbus zu warten. Aber auch dieser Augenblick verging
-wie ein Funken. Und die Troika jagte, „die Entfernung verschlingend“,
-und in dem Maße, wie er sich ihr näherte, verscheuchte der Gedanke an
-sie mehr und mehr alle anderen, ihn zerrenden Schreckgespenster. Oh, er
-wollte sie nur einmal noch sehen, nur noch einmal, und wenn auch nur von
-ferne, flüchtig! „Sie ist jetzt mit ihm zusammen, nun, so werde ich denn
-sehen, wie sie jetzt mit ihm zusammen ist, mit ihrem früheren Liebsten,
-das ist ja alles, was ich will.“ Und noch niemals hatte sich in ihm so
-viel Liebe zu diesem Weibe, das so verhängnisvoll für ihn geworden war,
-in seinem Herzen erhoben, so viel neue, noch nie empfundene Gefühle,
-Gefühle, die für ihn selbst ganz unerwartet kamen, Gefühle, die wie
-Gebete fromm und bis zur Weichheit zärtlich waren. „Ich werde den Weg
-freigeben und vergehen! Und ich vergehe auf Erden!“ sagte er sich in
-einem Anfall hysterischer Ekstase.
-
-Fast eine Stunde lang jagten sie schon. Mitjä schwieg, und Andrei, der
-sonst recht gesprächig war, hatte auch noch kein Wort gesprochen, ganz,
-als hätte er sich gefürchtet zu sprechen, und trieb nur seine „Renner“
-an, seine braune, hagere, wilde Troika. Da schrie ihm plötzlich Mitjä
-entsetzt zu:
-
-„Andrei! ... Aber wenn sie schon schlafen?“
-
-Dieser Gedanke war ihm ganz plötzlich gekommen, denn vorher hatte er an
-diese Möglichkeit überhaupt nicht gedacht.
-
-„Ja, es ist wohl anzunehmen, daß sie sich schon hingelegt haben.“
-
-Mitjä runzelte finster die Stirn, ein krankhaftes Gefühl erfaßte ihn.
-„Nein, wirklich, was dann, wenn er ankommt ... mit diesen Gefühlen ...
-und sie schlafen bereits ... und auch sie schläft vielleicht gleichfalls
-... im selben Hause ...?“ Ein böser Gedanke stieg in seinem Herzen auf.
-
-„Schneller, Andrei, jage!“ schrie er außer sich.
-
-„Aber es kann auch sein, daß sie sich noch nicht hingelegt haben,“
-meinte Andrei nach einem Weilchen Nachdenken. „Timofei sagte, daß sich
-ihrer dort viele versammelt haben ...“
-
-„Auf der Poststation?“
-
-„Nein, nicht dort; bei Plastunoffs, im Einkehrhaus, also sozusagen in
-der Herberge, das wäre so eine freie Station für die Reisenden, ohne
-Post.“
-
-„Ich weiß, ich weiß. Aber was sagst du da von vielen, die sich dort
-versammelt hätten? Wie viele? Wer das?“ Mitjä war durch die unerwartete
-Nachricht außergewöhnlich erregt.
-
-„Timofei erzählte so. Alles Herren: aus der Stadt zwei, was für welche,
-weiß ich nicht, aber sie sollen aus der Stadt sein und dann noch zwei
-andere, angereiste, wie er sagte, und wer kann wissen, vielleicht noch
-jemand, ich hab ihn nicht viel ausgefragt. Sie haben angefangen Karten
-zu spielen, sagte er.“
-
-„Karten?“
-
-„So ist denn wohl möglich, daß sie noch nicht schlafen, wenn sie Karten
-zu dreschen angefangen haben. Was wird es denn jetzt viel an der Zeit
-sein, gut, wenn es elf ist.“
-
-„Schneller, Andrei, so jage doch!“ schrie ihm Mitjä abermals zu.
-
-„Nur möchte ich gern fragen, Herr,“ begann nach kurzem Schweigen Andrei,
-„weiß nur bloß nicht, wie ich das machen soll, damit der Herr sich nicht
-ärgert.“
-
-„Was?“
-
-„Vorhin fiel Fedossja Markowna vor dem Herrn auf die Knie und bat, ihre
-Herrin und noch jemand nicht umzubringen ... So denk ich denn, ich
-bringe ihn jetzt wohl hin ... Verzeiht, Herr, ich fragte nur so aus
-Gewissensangst, vielleicht habe ich was Dummes gesagt.“
-
-Mitjä faßte ihn plötzlich hinterrücks an den Schultern.
-
-„Du bist doch ein Kutscher? Ein Kutscher, nicht wahr?“ fragte er erregt.
-
-„Nun ja, wie man’s nimmt, eigentlich ein Fuhrmann ...“
-
-„Weißt du nicht, daß man ausbiegen und anderen den Weg freigeben muß?
-Oder glaubst du, daß man drauflosfahren muß, wenn auch die anderen dabei
-in den Graben stürzen oder unter deine Räder kommen? Nein, Andrei,
-überfahre niemanden! Man darf nicht Menschen überfahren, man darf den
-Menschen nicht das Leben zerstören. Wenn du aber ein Leben zerstört
-hast, so strafe dich selbst ... wenn du es verdorben hast, wenn du nur
-jemandem das Leben verdorben hast – so richte dich und verschwinde!“
-
-Diese Worte sprudelten wie im Krampf aus ihm hervor. Andrei wunderte
-sich über den Herrn, setzte aber doch das Gespräch fort.
-
-„Da hat der Herr ein wahres Wort gesagt: Das darf man nicht, einen
-Menschen überfahren, auch quälen nicht, und wenn’s auch nur ein Vieh
-ist, denn auch ein Vieh ist als Vieh von Gott geschaffen, selbst so ein
-Pferd. Mancher aber jagt wie blind drauflos, und wenn’s dann halten
-heißt, dann ist’s zu spät, er jagt dir schnurstracks ...“
-
-„In die Hölle?“ fiel Mitjä ein und lachte darauf sein unerwartetes,
-eigenartig kurzes Lachen. „Andrei, du goldene Seele, sag!“ Mitjä faßte
-ihn wieder hinterrücks an den Schultern, „sag, wird Dmitrij Karamasoff
-schnurstracks in die Hölle kommen oder nicht, was meinst du?“
-
-„Das kann ich nicht wissen, Täubchen, das wird von Euch abhängen, denn
-Ihr seid doch bei uns, wie ... Seht, Herr, als Gottes Sohn ans Kreuz
-geschlagen war und starb, da ging er vom Kreuz schnurstracks in die
-Hölle und befreite alle Sünder, die sich dort quälten. Und da ächzte die
-Hölle, weil, wie sie glaubte, hinfort niemand mehr hinkommen werde, also
-keine Sünder mehr. Und da sagte der Herr zur Hölle: ‚Ächze nicht, Hölle,
-denn es werden hinfort viele Reiche und Herrscher und Richter und
-Mächtige und Würdenträger zu dir kommen, und du wirst hinfort wiederum
-genau so gefüllt sein, wie du es von Ewigkeit warst, bis daß ich
-wiederkomme.‘ Und das ist wahr, das hat der Herr genau so gesagt ...“
-
-„Eine Volkslegende, prachtvoll! Zieh dem Linken eins über, Andrei!“
-
-„Das ist schon so, Herr, für wen die Hölle bestimmt ist,“ – Andrei zog
-dem Linken eins über – „der kommt hinein, und was für welche
-hineinkommen, das hat der Herr damals der Hölle vorausgesagt. Aber Ihr
-seid doch für mich wie ein klein Kindchen ... so kommt Ihr mir immer vor
-... Und wenn der Herr auch jähzornig ist, das ist wohl wahr, so wird
-doch Gott Euch für Euer gutes Herz vergeben.“
-
-„Und du, vergibst du mir, Andrei?“
-
-„Was habe ich Euch denn zu vergeben, Herr, Ihr habt mir doch nichts
-Schlechtes getan.“
-
-„Nein, für alle, für alle du allein, jetzt gleich, sofort, hier im
-Wagen, auf der Fahrt, vergibst du mir für alle? Sprich, du Volksseele!“
-
-„Ach Herr! Es wird einem ganz bange, Euch zu fahren. Eure Worte sind
-heute ganz wunderlich ...“
-
-Mitjä hörte nicht, was Andrei brummte. Er betete wie wahnsinnig und
-flüsterte angstvoll vor sich hin.
-
-„Vater unser, nimm mich in meiner ganzen Gottlosigkeit, aber richte mich
-nicht! Ruf mich nicht vor deinen Richterstuhl, laß mich ohne Gericht
-vorübergehn ... Richte mich nicht, denn ich habe mich selbst gerichtet.
-Richte mich nicht, denn ich liebe Dich, Herr! Niedrig bin ich, aber ich
-liebe Dich; schickst Du mich in die Hölle, so werde ich Dich auch dort
-lieben, werde auch von dort zu Dir emporschreien, daß ich Dich ewig,
-ewig liebe ... Doch laß auch mich zu Ende lieben ... jetzt hier zu Ende
-lieben, nur noch fünf Stunden bis zum ersten warmen Strahl Deines Lichts
-... Denn ich liebe die Königin meiner Seele! Ich liebe sie, und ich kann
-nicht anders als sie lieben. Du siehst mich doch ganz, Du kennst mich
-ganz, Du weißt doch, wie ich bin! Richte mich nicht, ich habe mich schon
-gerichtet; ich werde vor ihr niederstürzen und sagen: Es war recht von
-dir, daß du an mir vorübergingst ... Lebe wohl und vergiß dein Opfer,
-beunruhige dich niemals meinetwegen!“
-
-„Mokroje!“ rief Andrei und wies mit der Peitsche nach vorn.
-
-Im bleichen Dunkel der Sternennacht hoben sich vor ihnen schwarze,
-kleine Häusermassen aus der Erde empor; stellenweise lagen sie dichter,
-stellenweise verstreuter. Das Dorf Mokroje zählte etwa zweitausend
-Einwohner. Zu dieser Stunde lag es schon in tiefem Schlaf, nur hier und
-da blitzten noch ein paar bescheidene Lichter durch die Nacht.
-
-„Jage, jage, Andrei, _ich_ komme angefahren!“ rief Mitjä wie im Fieber.
-
-„Sie schlafen noch nicht!“ sagte Andrei, und wies mit der Peitsche auf
-das Plastunoffsche Haus, das gleich bei der Einfahrt ins Dorf lag, und
-dessen sechs Fenster, die auf die Straße sahen, hell erleuchtet waren.
-
-„Sie schlafen nicht!“ griff Mitjä jubelnd auf. „Jage, Andrei,
-galoppiere, fahre donnernd vor! Damit sie hören, wer angefahren kommt!
-Ich! Ich komme angefahren!“ rief Mitjä atemlos, außer sich.
-
-Andrei setzte seine dampfende, abgejagte Troika in Galopp und jagte
-tatsächlich donnernd zur Vorfahrt. Mitjä sprang vom Wagen. Der Hauswirt
-war schon im Begriff gewesen, schlafen zu gehen, doch hatte er plötzlich
-von ferne das Wagenrollen vernommen und war daher neugierig auf die
-Treppe hinausgetreten, um zu sehen, wer zu so später Stunde so wild
-daher jagte.
-
-„Trifon Borissytsch, bist du es?“ fragte Mitjä.
-
-Trifon Borissytsch beugte sich vor, blickte angestrengt durch das Dunkel
-und eilte dann geschwind in unterwürfigem Entzücken die Treppe hinab,
-dem Gaste entgegen.
-
-„Väterchen, Dmitrij Fedorowitsch! Seid Ihr es wirklich, den wir sehen?“
-
-Dieser Trifon Borissytsch war ein starkgebauter und gesunder Mann,
-mittelgroß, mit einem etwas dicken Gesicht, das gewöhnlich eine strenge
-und wichtige Miene annahm, besonders im Verkehr mit den Mokrojaner
-Bauern, doch dafür die Fähigkeit besaß, den Ausdruck ganz unverhofft
-schnell in das Gegenteil zu verwandeln, sobald Trifon Borissytsch einen
-Verdienst witterte. Gekleidet war er stets auf russische Bauernart: er
-trug ein russisches Hemd mit seitlichem Schluß und ein ärmelloses Wams.
-Er besaß bereits ein bedeutendes Kapital, doch hatte er noch viel höhere
-Ziele im Sinn. Ungefähr die Hälfte der Mokrojaner Bauern schuldete ihm.
-Er aber ließ von ihnen auf Grund ihrer Schulden, von denen sie sich nie
-befreien konnten, sein Land, das er von Gutsbesitzern pachtete oder auch
-kaufte, unentgeltlich bearbeiten. Er war Witwer und hatte vier
-erwachsene Töchter; die eine von ihnen war schon Witwe, lebte daher mit
-ihren zwei kleinen Kindern, seinen Enkeln, bei ihm, und arbeitete für
-ihn wie eine Tagelöhnerin. Die zweite Tochter hatte einen kleinen
-Beamten, irgendeinen aufgedienten Schreiber geheiratet, und in einem der
-Zimmer des Absteigequartiers hing unter den Familienbildern auch die
-Miniaturphotographie dieses Beamten in Uniform und mit Achselklappen.
-Die beiden jüngeren Töchter zogen sich zu Kirchenfesten, oder wenn sie
-zu Besuch gingen, hellblaue oder hellgrüne Kleider an, die nach
-französischer Mode genäht waren: Kleider mit langen Schleppen und
-gerafften Taillen und Röcken. Doch das hinderte nicht, daß sie am
-nächsten Morgen wie auch an Werktagen beim ersten Hahnenschrei
-aufstanden, mit Birkenbesen die Zimmer ausfegten, das Waschwasser
-hinaustrugen und die Betten machten. Trifon Borissytsch aber liebte es
-noch trotz der bereits erworbenen Tausende von leutseligen Gästen ein
-Überflüssiges zu nehmen, und da er von Dmitrij Fedorowitsch vor kaum
-einem Monat zwei-, wenn nicht ganze dreihundert Rubel verdient hatte, so
-begrüßte er ihn natürlich hocherfreut, – glaubte er doch schon in der
-Art, wie der Gast angefahren kam, eine Gewähr für guten Verdienst zu
-sehen.
-
-„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, können wir Euch wieder beherbergen?“
-
-„Halt, Trifon Borissytsch,“ begann Mitjä, „zuerst die Hauptsache: Wo ist
-sie?“
-
-„Agrafena Alexandrowna?“ Der Wirt verstand ihn sofort und blickte ihm
-scharf ins Gesicht. „Ja, auch sie ist hier ... sitzt mit ...“
-
-„Mit wem, mit wem?“
-
-„Es sind Durchreisende ... Der eine ist Beamter, wahrscheinlich ein
-Pole, nach der Sprache zu urteilen, und er hat auch die Pferde nach ihr
-geschickt. Und der andere, der mit ihm ist, ist sein Freund oder sein
-Reisebegleiter, wer kann das wissen; sind in Zivil ...“
-
-„Nun, und leben sie flott, auf großem Fuß – reiche Leute?“
-
-„Ach wo! ganz kleine Leute, Dmitrij Fedorowitsch.“
-
-„Kleine? Und die anderen?“
-
-„Die sind aus der Stadt, nur zwei Herren ... Sie sind aus Tschernaja
-zurückgekommen und vorläufig hiergeblieben. Der eine, der junge, muß
-wohl ein Verwandter von Herrn Miussoff sein, nur habe ich seinen Namen
-vergessen ... und den anderen werdet Ihr wohl auch kennen: der
-Gutsbesitzer Maximoff, er sagt, er sei ins Kloster gefahren, jetzt aber
-fährt er mit diesem Verwandten von Herrn Miussoff ...“
-
-„Und das ist die ganze Gesellschaft?“
-
-„Die ganze.“
-
-„Halt, Trifon Borissytsch, sage jetzt das Wichtigste: Was macht sie, wie
-ist sie?“
-
-„Ja, sie ist vorhin angekommen und sitzt jetzt mit ihnen.“
-
-„Ist sie fröhlich? Lacht sie?“
-
-„Nein, sie scheint nicht gerade sehr fröhlich zu sein ... Sitzt sogar
-ganz gelangweilt, wie es scheint. Hat dem jungen Herrn das Haar gekämmt
-...“
-
-„Dem Polen, dem Offizier?“
-
-„Nein, das ist doch kein junger Herr und doch auch gar kein Offizier;
-nein, dem jungen Herrn, dem Verwandten von Herrn Miussoff ... nur habe
-ich vergessen, wie er heißt ...“
-
-„Kalganoff?“
-
-„Richtig! Herr Kalganoff!“
-
-„Gut, ich werde schon selbst sehen. Spielen sie Karten?“
-
-„Haben gespielt und dann aufgehört, haben schon Tee getrunken, und der
-Beamte hat Liköre verlangt.“
-
-„Halt, Trifon Borissytsch, ich werde schon alles selbst sehen, aber
-jetzt zurück zur Hauptsache: sind keine Zigeuner hier?“
-
-„Von Zigeunern ist jetzt nichts zu hören, Dmitrij Fedorowitsch, die
-Obrigkeit hat sie vertrieben, aber es gibt hier ein paar Juden, die
-spielen auf Zimbeln und Geigen, nicht weit von hier, in
-Roshdestwenskoje, man könnte sofort nachschicken, wenn’s beliebt. Sie
-würden sofort kommen.“
-
-„Nachschicken, unbedingt nachschicken!“ rief Mitjä belebt. „Und auch die
-Mädchen zum Chor, wie damals, die Marja unbedingt, auch Stepanida,
-Arina. Zweihundert Rubel für den Chor!“
-
-„Ach, für solches Geld kann ich dir, Väterchen, das ganze Dorf
-auftreiben, wenn sie auch jetzt schon alle schnarchen. Aber sind sie
-denn das wert, Väterchen Dmitrij Fedorowitsch, diese Bauern und
-Dorfmädels? Für so ein gemeines Pack so viel Geld hinzuschleudern! Unser
-Bauer und teure Zigarren rauchen, Gott, was versteht er denn davon! Du
-aber, Väterchen, hast ihnen von der besten Sorte gegeben! Er stinkt ja
-nur, der Räuber! Und die Mädels, das sind doch alles Lausefratzen! Ich
-werde für dich, Väterchen, meine eigenen Töchter unentgeltlich
-aufwecken, von so viel Geld gar nicht zu reden, sie sind nur gerade
-schlafen gegangen, aber ich werde sie schon mit einem Rippenstoß
-wachkriegen und singen machen! Ach, Väterchen, hast die Bauernkerle mit
-Champagner traktiert – wo soll das hin!“
-
-Trifon Borissytschs Bedauern war etwas überflüssig: er hatte damals
-eigenhändig sechs Flaschen Champagner im Keller versteckt und unter dem
-Tisch einen Hundertrubelschein aufgehoben und in der Faust behalten.
-
-„Trifon Borissytsch, ich habe hier doch etwas mehr als tausend Rubel
-durchgebracht, weißt du noch?“
-
-„Väterchen, natürlich! haben vielleicht ganze Dreitausend hier in
-Mokroje gelassen!“
-
-„Nun, so wisse denn, daß ich auch jetzt dasselbe tun werde, siehst du?“
-
-Und damit zog er wieder das ganze Paket Geldscheine aus der Hosentasche
-und hielt sie dem Wirt unter die Nase.
-
-„Jetzt höre mich und mach die Ohren auf: nach einer Stunde kommt der
-Wein an, die Delikatessen, Pasteten, Süßigkeiten – alles sofort nach
-oben. Diese Kiste, die hier im Wagen ist, gleichfalls sofort nach oben,
-aufbrechen und den Champagner sofort in Eis hereinbringen ... Aber vor
-allem den Chor, die Mädels, die Marja unbedingt ...“
-
-Er wandte sich zum Wagen zurück und zog unter dem Sitz den
-Pistolenkasten hervor.
-
-„Hier, Andrei, die Abrechnung! Hier, fünfzehn Rubel für die Fahrt und
-hier fünfzig Rubel Trinkgeld ... für deine Bereitwilligkeit, für deine
-Liebe ... Gedenke des Herrn Karamasoff!“
-
-„Habe Angst, Herr!“ sagte Andrei schwankend, „für fünf Rubel Trinkgeld
-besten Dank, aber mehr nehm’ ich nicht, Trifon Borissytsch ist Zeuge.
-Verzeiht, Herr, mein dummes Wort ...“
-
-„Was fürchtest du?“ Mitjä maß ihn mit dem Blick. „Nun, hol dich der
-Teufel, wenn’s so ...“ und er warf ihm die fünf Rubel zu. „Jetzt, Trifon
-Borissytsch, führ mich so leise hinein, daß ich sie vorher alle sehen
-kann, ohne dabei von ihnen gesehen zu werden. Wo sind sie denn, im
-blauen Zimmer?“
-
-Trifon Borissytsch warf einen etwas furchtsamen Blick auf Mitjä, tat
-aber sofort gehorsam, wie ihm geheißen war: vorsichtig führte er ihn in
-den Flur, ging dann allein in das große erste Zimmer, das neben dem
-blauen Zimmer, in dem die Gäste saßen, lag, und brachte das Licht
-hinaus. Darauf führte er Mitjä leise hinein und brachte ihn in die
-dunkelste Ecke, von wo aus er ungehindert die Gäste, ohne selbst gesehen
-zu werden, betrachten konnte. Doch Mitjä stand dort nicht lange und
-konnte auch fast überhaupt nichts sehen: er erblickte sie – sein Herz
-begann zu klopfen, und vor seinen Augen flimmerte es. Sie saß an einer
-Seite des Tisches in einem Lehnstuhl, und neben ihr, auf dem Sofa, saß
-der nette, noch ganz junge Kalganoff; sie hatte seine Hand erfaßt und
-lachte, wie es schien. Kalganoff aber, der sie gar nicht ansah, sprach
-laut und fast ärgerlich zu Maximoff, der Gruschenka am Tisch gegenüber
-saß. Maximoff wiederum lachte herzlich. Auf dem Sofa saß außerdem noch
-_er_ und neben ihm, auf einem Stuhl, mehr an der Wand, ein anderer
-Unbekannter. Jener auf dem Sofa saß in auffallend ungenierter Pose und
-rauchte eine Pfeife; es schien Mitjä, daß es ein untersetztes Männchen
-von nicht hohem Wuchse war, der ein breites Gesicht hatte und sich über
-irgend etwas ärgerte – mehr konnten seine flimmernden Augen nicht
-unterscheiden. Sein Freund jedoch, der andere Unbekannte, schien von
-ungewöhnlich hohem Wuchs zu sein. Das war alles, was er sah. Er rang
-nach Atem. Er hatte noch keine ganze Minute gestanden, als er seinen
-Pistolenkasten auf die Kommode stellte und sich zu der Gesellschaft ins
-blaue Zimmer begab – eiskalt am ganzen Körper und fast besinnungslos.
-
-„Ach!“ rief Gruschenka erschrocken aus; sie war die erste, die ihn
-bemerkte.
-
-
- VII.
- Der Erste und Unbestrittene
-
-Mitjä trat mit seinen großen, strammen Offiziersschritten sofort bis
-dicht an den Tisch heran.
-
-„Meine Herren,“ begann er laut, doch hielt er beinahe bei jedem Worte
-inne, „ich ... ich – oh nichts! Fürchten Sie nichts!“ rief er, sich
-plötzlich zu Gruschenka wendend, die sich im Lehnstuhl ängstlich zu
-Kalganoff bog, dessen Hand sie krampfhaft umklammerte. „Ich ... ich bin
-gleichfalls ... auf der Durchreise. Ich bleibe nur bis zum Morgen. Meine
-Herren, gestatten Sie einem vorüberfahrenden Reisenden ... mit Ihnen die
-Zeit bis zum ... Morgen zu verbringen? Nur bis zum Morgen, zum
-letztenmal in diesem Zimmer mit Ihnen zusammen?“
-
-Die letzten Worte sprach er zum wohlbeleibten Männlein mit der Pfeife
-gewandt. Dieser setzte würdig seine Pfeife ab und sagte streng:
-
-„Pane,[21] wir sein hier privatim. Hier befienden sich aber noch merrere
-ander Ziemer ...“
-
-„Ach, das sind Sie, Dmitrij Fedorowitsch, das ist ja herrlich!“ rief
-plötzlich Kalganoff dazwischen. „So setzen Sie sich doch her zu uns,
-guten Tag!“
-
-„Guten Abend, teurer Mensch ... Sie sind unschätzbar! Ich habe Sie immer
-gern gehabt ...“ erwiderte Mitjä freudig und streckte ihm sofort die
-Hand entgegen.
-
-„Au, wie stark Sie drücken! Sie haben mir beinahe alle Finger
-zerbrochen,“ sagte Kalganoff lachend.
-
-„So drückt er einem immer die Hand,“ griff fröhlich, doch noch mit etwas
-schüchternem Lächeln Gruschenka auf. Sie hatte sich, wie es schien,
-inzwischen überzeugt, daß Mitjä nicht Händel suchte, und blickte ihn mit
-großer Teilnahme, wenn auch immer noch mit einer gewissen Unruhe,
-aufmerksam an. Es fiel ihr etwas Neues an ihm auf, das sie noch nie
-bemerkt hatte, und das sie jetzt gerader ängstigte – hätte sie doch auch
-nie von ihm erwartet; daß er in einem solchen Augenblick so hereintreten
-und so sprechen werde.
-
-„Guten Abend,“ sagte bescheiden und süßlich von links her der
-Gutsbesitzer Maximoff. Mitjä wandte sich sofort eilig zu ihm.
-
-„Ach, ich hatte ganz vergessen, daß auch Sie hier sind, verzeihen Sie!“
-Er schüttelte ihm die Hand. „Es freut mich sehr, daß Sie gleichfalls
-hier sind. – Meine Herren, ich ...“ (Er wandte sich von neuem zu dem Pan
-mit der Pfeife, da er ihn für die Hauptperson hielt) „Ich bin hergeeilt
-... Ich wollte den letzten Tag und die letzte Stunde hier in diesem
-Zimmer verbringen, in diesem Zimmer ... wo ich schon einmal meine Göttin
-angebetet habe! Verzeihung, Pane!“ rief er erregt, als wüßte er selbst
-kaum, was er sagte. „Ich bin hergeeilt und habe mir geschworen ... oh,
-fürchten Sie nichts, es ist meine letzte Nacht! Trinken wir, Pane, zum
-Friedensschluß! Der Wein wird sofort gebracht ... Hier, damit bin ich
-gekommen.“ – Er zog plötzlich sein ganzes Geld hervor. – „Erlauben Sie,
-Pane! Ich will Musik, Fröhlichkeit, Lachen haben, alles wie früher ...
-Aber der Wurm, der unnütze Wurm wird über die Erde kriechen und
-verschwinden und vergehen! Meines Freudentages will ich in meiner
-letzten Nacht gedenken! ...“
-
-Er glaubte zu ersticken. Ach, vieles, vieles wollte er sagen, doch es
-kamen fast nur abgerissene, sonderbare Ausrufe aus ihm heraus. Der Pan
-blickte unbeweglich ihn, seinen Packen Kassenscheine, Gruschenka, und
-nochmals ihn an und war ersichtlich vor den Kopf gestoßen.
-
-„Wenn erlaubt meine Kruléwa ...“ begann er, doch Gruschenka unterbrach
-ihn sofort.
-
-„Was ist das: Kruléwa! Soll das etwa Königin bedeuten? Wie lächerlich
-sich doch diese Leute mit ihrem Sprechen machen! Setz dich, Mitjä, wovon
-redest du, was wolltest du sagen? Bitte, schrecke mich nicht. Du wirst
-mich doch nicht ängstigen? Wenn du es nicht tust, werde ich mich sehr
-darüber freuen, daß du gekommen bist ...“
-
-„Ich, ich schrecken?“ rief Mitjä plötzlich laut, seine Hände erhebend.
-„– Oh, geht vorüber, geht, ich trete aus dem Wege, ich werde nicht
-dazwischen treten! ...“ Und plötzlich fiel er, ganz unerwartet für alle,
-und am unerwartetsten natürlich für sich selbst, auf einen Stuhl nieder
-und brach in Schluchzen aus ... Er kehrte sich ab zur anderen Wand und
-umklammerte mit den Armen die Stuhllehne so fest, als wenn er sie
-krampfhaft an sein Herz pressen wollte.
-
-„Da haben wir’s, da haben wir’s, wie du wirklich bist!“ sagte Gruschenka
-vorwurfsvoll. „Ganz so kam er auch einmal zu mir: fängt plötzlich an zu
-sprechen, ich aber verstehe nichts. Und einmal begann er ebenso zu
-schluchzen, und jetzt hier zum zweitenmal – solch eine Schande! Warum
-weinst du denn? _Das fehlte noch, deswegen zu weinen! Es ist doch
-wahrlich kein Grund dazu vorhanden!_“ fügte sie plötzlich rätselhaft
-hinzu, mit einer gewissen Gereiztheit jedes Wort betonend.
-
-„Ich ... ich weine nicht ... Nun, freuen wir uns!“ Im Augenblick hatte
-er sich auf dem Stuhl umgedreht und lachte auch schon: es war aber nicht
-sein gewöhnliches kurzes Lachen, sondern ein ganz eigentümlich
-unhörbares, langes, krampfhaftes und erschütterndes Lachenwollen.
-
-„Nun, nun, schsch! – lach nicht so ... Aber sei fröhlich, nun, sei doch
-fröhlich!“ beredete ihn Gruschenka. „Ich bin sehr froh darüber, daß du
-gekommen bist, Mitjä, hörst du, daß ich mich sehr darüber freue? Ich
-will, daß er hier bei uns bleibt,“ sagte sie befehlerisch scheinbar zu
-allen, doch galten ihre Worte eigentlich nur dem Pan auf dem Sofa. „Ich
-will es, ich will es! Wenn er fortgeht, so gehe auch ich fort, ganz
-einfach!“ fügte sie mit plötzlich glühendem Blick hinzu.
-
-„Was wollen meine Kruléwa, is Gesetz,“ sagte der Pan und küßte ihr
-galant die Hand. „Ich biete die Pan zu sein von unser Kompagnie!“ sagte
-er liebenswürdig zu Mitjä. Mitjä sprang sofort wieder auf, offenbar mit
-der Absicht, nochmals eine Rede zu halten, aber es kam etwas anderes
-über seine Lippen.
-
-„Trinken wir, Pane!“ stieß er nur kurz hervor. Alle brachen darüber in
-Lachen aus.
-
-„Gott! Und ich glaubte schon, daß er wieder reden will!“ rief Gruschenka
-nervös aus. „Hörst du, Mitjä, daß du nicht mehr so aufspringst! ... Daß
-du Champagner mitgebracht hast, ist großartig. Ich werde mittrinken,
-Liköre kann ich nicht ausstehen. Das beste aber ist doch, daß du selbst
-gekommen bist, es war hier sterbenslangweilig ... Oder bist du gekommen,
-um hier wieder, wie damals, durchzugehen? Aber so steck doch das Geld
-ein! Wo hast du so viel Geld hergenommen?“
-
-Mitjä schob die Geldscheine, die er immer noch in der Faust gehalten
-hatte, und die von allen, besonders von den Polen, bemerkt worden waren,
-hastig und verwirrt in die Tasche. Er errötete. Da brachte der Wirt den
-Champagner herein. Mitjä ergriff die Flasche, war aber so zerstreut, daß
-er nicht wußte, was er mit ihr anfangen sollte. Kalganoff nahm sie ihm
-lachend ab und schenkte an seiner Stelle ein.
-
-„Noch, noch eine Flasche!“ rief Mitjä dem Wirt zu, ergriff sein Glas und
-stürzte es hinab, ohne vorher mit dem Pan, den er doch zum Friedenstrunk
-aufgefordert hatte, anzustoßen, oder auf die anderen zu warten. Sein
-ganzes Gesicht veränderte sich im Augenblick. Der feierliche, fast
-tragische Ausdruck, mit dem er eingetreten war, veränderte sich in einen
-geradezu kindlichen. Es war, als hätte sich der ganze Mensch besänftigt
-und ergeben. Schüchtern und freudig blickte er alle an, fast könnte man
-sagen, mit dem dankbaren Ausdruck eines schuldigen Hundes, den man
-wieder gestreichelt und ins Zimmer gelassen hat. Er schien alles
-vergessen zu haben und betrachtete alle Anwesenden geradezu verzückt mit
-einem kindlichen Lächeln, das zuweilen von einem kurzen nervösen Lachen
-unterbrochen wurde. Gruschenka konnte er nicht anders als lachend
-ansehen, und er setzte sich mit seinem Stuhl ganz nah zu ihr. Allmählich
-hatte er sich auch die beiden Polen genauer angesehen, doch ohne sich
-dabei etwas zu denken. Der Pan auf dem Sofa frappierte ihn durch seine
-sonderbare Haltung, den polnischen Akzent und, vor allen Dingen, – durch
-die Pfeife. „Nun, was ist denn dabei, es ist doch sehr gut so, daß er
-die Pfeife raucht,“ meinte Mitjä schließlich bei sich. Das etwas
-aufgedunsene Gesicht des vielleicht schon vierzigjährigen Polen mit der
-auffallend kleinen Nase, unter der das spärliche, gefärbte kohlschwarze
-Schnurrbärtchen zu zwei Nadelspitzen zusammengedreht war, rief in Mitjä
-gleichfalls nicht das geringste Bedenken hervor. Selbst die jämmerliche
-Perücke des Pans, die in Sibirien angefertigt war, an den Schläfen mit
-auffallend albern nach vorn gekämmtem Haar, erregte weiter keinen
-Verdacht in ihm. „Es muß wohl so sein, wenn man eine Perücke trägt,“
-überlegte er in seliger Stimmung. Der andere Pan, der an der Wand saß
-und jünger war als der auf dem Sofa, blickte frech und herausfordernd
-die ganze Gesellschaft an und hörte mit stummer Verachtung der
-Unterhaltung zu: doch auch dieser junge Mann fiel Mitjä nur durch seine
-Länge auf, die sich allerdings sehr grotesk neben der Kürze des älteren
-Pans ausnahm. „Wenn der sich erhebt, kann er sich ja den Schädel an der
-Decke einschlagen,“ zuckte es Mitjä flüchtig durch den Sinn. Ebenso
-flüchtig dachte er auch daran, daß der lange Pan, der wahrscheinlich der
-Freund und Gehilfe des kleinen Pan auf dem Sofa war, gewissermaßen sein
-Leibwächter zu sein schien, und daß der Kleine natürlich über den Langen
-das Kommando führte. Aber auch das schien Mitjä wunderschön, und er
-hatte nichts dagegen einzuwenden. In dem „gestreichelten Hunde“ war jede
-Rivalität erstorben. Von Gruschenkas rätselhaften Worten hatte er noch
-nichts begriffen, ebensowenig wie er sich nach der Ursache ihrer ganzen
-Veränderung gefragt hatte. Er sagte sich nur mit langsam, doch, wie er
-glaubte, laut klopfendem Herzen, daß sie ihm „verziehen“ und ihn zu
-sich, ganz dicht an ihren Stuhl, herangewinkt hatte. Er glaubte zu
-vergehen vor Glück und wollte aufjauchzen, als er sah, wie sie das Glas
-hob und einen kleinen Schluck Champagner schlürfte. Das allgemeine
-Schweigen fiel ihm ganz plötzlich auf, und er blickte gleichsam
-erwartungsvoll alle Anwesenden an: „Aber warum sitzen wir denn so stumm,
-warum wird nichts gesprochen?“ schien sein lächelnder Blick zu fragen.
-
-„Er hat die ganze Zeit gefaselt, und wir haben hier alle gelacht,“ sagte
-da Kalganoff, auf Maximoff weisend, als hatte er Mitjäs Blick
-verstanden.
-
-Mitjä wandte seinen Blick sofort Kalganoff zu und dann sogleich zur
-Seite zum Gutsbesitzer Maximoff.
-
-„Gefaselt?“ fragte er mit seinem kurzen, gehackten Lachen, als wäre er
-über irgend etwas sehr erfreut. „Ha – ha!“
-
-„Ja. Stellen Sie sich vor, er behauptet, daß in den zwanziger Jahren
-unsere ganze Kavallerie Polinnen geheiratet habe. Das ist doch der
-unglaublichste Unsinn, habe ich nicht recht?“
-
-„Polinnen?“ fragte Mitjä, der bereits in ausgesprochener Begeisterung
-war.
-
-Kalganoff begriff sehr gut Mitjäs Beziehungen zu Gruschenka, erriet auch
-ihr Verhältnis zum Pan, aber das Ganze interessierte ihn nicht
-sonderlich, vielleicht sogar überhaupt nicht; ihn interessierte am
-meisten Maximoff. Er war ganz zufällig mit ihm hergekommen und den
-beiden Polen hier im Gasthaus zum erstenmal begegnet. Gruschenka jedoch
-kannte er schon von früher: er war sogar einmal mit einem seiner Freunde
-bei ihr gewesen. Damals hatte er ihr nicht gefallen. Hier aber war sie
-sehr nett zu ihm: vor Mitjäs Ankunft hatte sie ihm sogar den Kopf
-gestreichelt, doch hatte er sich dazu sehr gleichgültig verhalten. Er
-war ein noch ganz junger Mann von kaum zwanzig Jahren, stets nach der
-Mode gekleidet, hatte ein nettes, zartes Gesicht und prächtiges,
-dunkelblondes, dichtes Haar. In diesem Gesichtchen lagen wundervolle,
-hellblaue Augen, mit einem klugen, zuweilen sogar über seine Jahre
-hinaus tiefen Ausdruck, obgleich der junge Mann manches Mal ganz wie ein
-Kind blicken und reden konnte, was ihn aber, ungeachtet dessen, daß er
-es selbst sehr wohl wußte, nicht im geringsten genierte. Überhaupt war
-er sehr eigenartig, sogar eigensinnig, wenn auch immer freundlich.
-Zuweilen lag in seinem Gesichtsausdruck etwas Starres und Hartnäckiges:
-er blickte einen an, hörte einem zu, schien aber dabei ganz mit seinen
-eigenen Gedanken beschäftigt zu sein. Bald wurde er gleichgültig und
-träge, bald wiederum regte er sich wegen einer scheinbar ganz
-bedeutungslosen Sache mehr als nötig auf.
-
-„Denken Sie sich, ich führe diesen Menschen schon vier Tage lang mit mir
-herum,“ fuhr er fort, die Worte gleichsam aus Trägheit in die Länge
-ziehend, doch tat er es nicht mit einer unangenehmen Geziertheit,
-sondern ganz natürlich, „... seit jenem Tage, als wir im Kloster waren –
-Sie wissen doch noch –, und Ihr Bruder ihn aus dem Wagen hinausstieß und
-er zurückflog. Damals interessierte er mich gerade durch diesen Umstand,
-und ich nahm ihn aufs Gut mit, aber er lügt die ganze Zeit, so daß man
-sich wirklich für ihn schämen muß. Ich bringe ihn jetzt zurück ...“
-
-„Pan habben Pani polska[22] garr niecht gesenn, err sackt was garr
-niecht kann sein,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Maximoff. Er
-sprach das Russische ganz gut, wenigstens viel besser, als er sich
-anstellte, sprach aber die russischen Worte, wenn er sie überhaupt
-gebrauchte, stets mit möglichst hartem polnischen Akzent aus.
-
-„Aber ... ich – ich war doch selbst mit einer polnischen Pani
-verheiratet!“ verteidigte sich Maximoff stotternd.
-
-„Aber haben Sie denn etwa in der Kavallerie gedient? Sie sagten es doch
-von unserer Kavallerie! Sind Sie denn je Kavallerist gewesen?“ mischte
-sich sofort Kalganoff ein.
-
-„Ha – ha, natürlich, ist er denn ein Kavallerist?“ fragte lachend Mitjä,
-der gierig zuhörte und seinen fragenden Blick sofort jedem zuwandte, der
-zu sprechen begann, als hätte er Gott weiß was von jedem zu hören
-erwartet.
-
-„Nein, sehen Sie mal,“ sagte Maximoff, sich zu ihm wendend, „ich – ich
-rede nicht davon, daß diese kleinen Panénki ... niedlich sind ... wenn
-sie mit unseren Ulanen Masurka tanzen ... und wenn sie abgetanzt hat, so
-springt sie ihm sofort auf die Knie, wie ein Kätzchen ... ein weißes ...
-und der – der Pan-oijez und die Pani-matka sehen’s und erlauben’s ...
-jawohl, und erlauben’s ... und der Ulan geht morgen ansprechen ...
-jawohl ... und hält um ihre Hand an, hi – hi!“ Und Maximoff kicherte.
-
-„Pan laidak!“ brummte plötzlich der lange Pan auf dem Stuhl, und schlug
-das eine lange Bein über das andere lange. Mitjä fiel der riesige
-Schmierstiefel mit der dicken und schmutzigen Sohle besonders auf.
-Überhaupt waren beide Pane recht schmierig gekleidet.
-
-„Warum soll er denn ein Strolch sein? Warum schimpft er?“ fragte
-Gruschenka sofort ärgerlich.
-
-„Pani Agrippina, Pan hat in Pollen nur gesenn Bauermätchen, niecht
-vornemme Pani,“ bemerkte der Pan mit der Pfeife zu Gruschenka.
-
-„Das ist sicker!“ meinte der lange Pan verächtlich.
-
-„Das fehlt noch! So lassen Sie ihn doch sprechen! Warum stören Sie die
-Menschen beim Reden? Mit Ihnen ist es wenigstens nicht langweilig,“
-sagte Gruschenka bissig.
-
-„Ick större niecht, Pani,“ bemerkte bedeutsam der Pan auf dem Sofa mit
-einem langen Blick auf Gruschenka, verstummte wichtig und begann dann
-wieder an seiner Pfeife zu saugen.
-
-„Aber nein, nein, der Pan hat ja ganz recht bemerkt, daß er keine
-Polinnen kennt!“ fiel wieder erregt Kalganoff ein, als hätte es sich um
-weiß Gott was für eine wichtige Sache gehandelt. „Er ist ja überhaupt
-nicht in Polen gewesen, wie kann er dann über Polen sprechen? Sie haben
-doch nicht in Polen geheiratet, nicht wahr?“
-
-„N – nein, im-im Smolenskschen Gouvernement. Nur hatte der Ulan sie
-schon früher von dort mi-mi-mitgebracht, meine Frau, meine zukünftige,
-mitsamt der Pani-matka und der Tante und noch einer Verwandten mit einem
-erwachsenen Sohn, da-da-das aber war wirklich aus Polen, aus-aus Polen
-... und er trat sie mir ab. Das war ein Leutnant, ein-ein sehr hübscher
-junger Mann. Zuerst hatte er sie selbst heiraten wollen, aber dann
-heiratete er sie doch nicht, denn es hatte sich inzwischen erwiesen, daß
-sie lahm war ...“
-
-„Dann haben Sie eine Lahme geheiratet?“ fragte Kalganoff lachend.
-
-„Eine Lahme. Das-das hatten sie mir beide verheimlicht und mich so ein
-bißchen betrogen. Ich-ich dachte, daß sie nur hüpfte ... sie hüpfte
-immer und ich dachte, daß sie vor lauter Freude ...“
-
-„Vor Freude darüber, daß Sie sie heiraten wollten?“ schrie fast vor
-Lachen Kalganoff mit seiner hellen Kinderstimme.
-
-„Jawohl, vor Freude. Doch da kam es heraus, daß sie es aus einem-einem
-ganz anderen Grunde tat. Später, als wir getraut waren, gestand sie mir
-alles gleich nach der Trauung, am-am selben Abend, und bat sehr
-gefühlvoll um Verzeihung; über eine Pfütze, sagte sie, sei sie in jungen
-Jahren gesprungen und habe sich dabei das Füßchen beschädigt, hi – hi!“
-
-Kalganoff lachte sein jubelndes Kinderlachen und sank vor Lachen ganz
-zurück an die Lehne des Sofas. Da lachte auch Gruschenka, durch sein
-Lachen angesteckt. Mitjä schien den Gipfel des Glücks erreicht zu haben.
-
-„Wissen Sie, wissen Sie, jetzt hat er einmal die Wahrheit gesagt!“ rief
-Kalganoff Mitjä zu. „Und wissen Sie, er ist zweimal verheiratet gewesen,
-– das war seine erste Frau, seine zweite Frau aber hat ihn verlassen und
-lebt auch jetzt noch, wissen Sie das schon?“
-
-„Ist’s möglich?“ fragte Mitjä erstaunt und wandte sich hastig zu
-Maximoff. Auf seinem Gesicht drückte sich maßlose Verwunderung aus.
-
-„Jawohl, sie verließ mich, ich-ich habe diese Unannehmlichkeit gehabt,“
-bestätigte Maximoff bescheiden. „Mit einem Mßjö. Aber die Hauptsache:
-sie hatte sich vorher mein ganzes Gütchen auf ihren Namen verschreiben
-lassen. Du, sagte sie, bist ein gebildeter Mensch, du wirst auch so dein
-Brot finden. Und damit saß ich denn. Mir sagte einmal ein ehrenwerter
-Erzbischof: ‚Deine erste Frau war lahm, deine zweite war aber gar zu
-leichtfüßig,‘ hihi!“
-
-„Hören Sie doch, hören Sie doch!“ fuhr Kalganoff auf, „wenn er auch lügt
-– und er lügt viel –, so lügt er doch nur, um andere zu erheitern: das
-ist doch nicht niedrig, nicht wahr? Wissen Sie, ich liebe ihn zuweilen.
-Er ist ein niedriger Mensch, aber er ist so natürlich, nicht? Was meinen
-Sie? Andere sind niedrig aus Berechnung, um daraus irgendeinen Nutzen zu
-ziehen, er aber tut es ganz aufrichtig, von Herzen, von Natur. Denken
-Sie sich, so behauptet er zum Beispiel – wir haben uns gestern die ganze
-Zeit unterwegs darüber gestritten –, er behauptet, Gogol hätte in seinen
-‚Toten Seelen‘ über ihn geschrieben. Wissen Sie noch, dort kommt auch
-ein Gutsbesitzer Maximoff vor, den Nosdreff durchgeprügelt hat, weswegen
-dieser dann vor Gericht kommt: ‚Wegen persönlicher Beleidigung des
-Gutsbesitzers Maximoff in betrunkenem Zustande,‘ – nun, Sie wissen doch!
-Und was glauben Sie wohl, denken Sie sich, er behauptet nun, daß er das
-gewesen sei, daß man _ihn_ durchgedroschen habe! Nun, sagen Sie doch
-selbst, ist denn das überhaupt möglich? Tschitschikoff[23] fuhr
-spätestens in den zwanziger Jahren, zu Anfang der zwanziger Jahre umher,
-so daß die Jahre überhaupt nicht stimmen können. Wie konnte man ihn also
-damals durchpeitschen! Das ist doch ganz ausgeschlossen, ganz unmöglich!
-Nicht?“
-
-Es war schwer zu sagen, warum sich Kalganoff so aufregte, jedenfalls tat
-er es aufrichtig. Mitjä teilte sein Interesse von ganzem Herzen.
-
-„Nun, wenn man ihn aber gleichfalls durchgeprügelt hat!“ rief er
-lachend.
-
-„Nicht gerade, daß ich-ich durchgeprügelt worden wäre, sondern nur so
-...“ versuchte Maximoff einzuwenden.
-
-„Wieso nur so? Da heißt es doch entweder oder?“
-
-„Ktura godsina, Pane?“ (Wieviel Uhr ist es?) fragte mit gelangweilter
-Miene der Pan mit der Pfeife den Pan auf dem Stuhl.
-
-Der zuckte mit den Achseln; sie besaßen beide keine Uhr.
-
-„Was soll das wieder heißen?“ fuhr Gruschenka sofort auf. „Lassen Sie
-doch wenigstens andere reden! Wenn Sie sich langweilen, so sollen sich
-die anderen wahrscheinlich mitlangweilen!“ Sie schien absichtlich Streit
-mit ihnen zu suchen.
-
-Es war das erstemal, daß dies Mitjä flüchtig auffiel. Doch nun
-antwortete der Pan mit sichtlicher Gereiztheit:
-
-„Pani, iech habbe niechts gesackt dagegen, keine Wort.“
-
-„Ach, schon gut, du aber erzähl weiter,“ rief Gruschenka Maximoff zu.
-„Warum seid ihr denn alle verstummt?“
-
-„Hier-hierbei ist nichts zu erzählen, denn es-es sind doch nur
-Dummheiten,“ griff eilfertig Maximoff auf, – sichtlich sehr zu erzählen
-bereit, doch anstandshalber etwas geziert – „und Gogol hat doch alles
-nur allegorisch gemeint, und so sind auch alle Familiennamen
-allegorisch. Nosdreff hieß doch gar nicht Nosdreff, sondern Nossoff, und
-Kuwschinnikoff ist ganz unkenntlich, denn er hieß Schkwornjeff. Nur
-Fenardi hieß tatsächlich Fenardi, bloß war er kein Italiener, sondern
-ein Russe, Petroff hieß er, und Mamsell Fenardi war sehr nett, die
-Beinchen in Trikot, reizende Beinchen, und das Röckchen war so kurz und
-ganz mit Pailetten benäht, und sie drehte sich auf der Fußspitze, nur
-dauerte das nicht vier Stunden, sondern nur vier Minuten ... und sie
-bestrickte alle ...“
-
-„Aber weswegen gab es denn die Prügel, warum wurdest du denn
-durchgeprügelt?“ schrie ihn lachend Kalganoff an.
-
-„Wegen Piron,“ antwortete Maximoff.
-
-„Wegen Piron? Wer ist denn das?“ fragte Mitjä in seliger Stimmung.
-
-„Das ist ein bekannter französischer Schriftsteller, Piron. Wir zechten
-alle, es – es war eine große Gesellschaft, wir tranken Wein. Zur
-Jahrmarktszeit. Sie hatten mich dazu eingeladen, und ich begann zuerst
-mit Epigrammen: ‚Bist du es, Boileau? Welch lächerlich Gewand!‘ Boileau
-aber antwortet, er begebe sich auf einen Maskenball, das heißt, er geht
-in eine Badstube, hi – hi, und da bezogen sie es auf sich. Ich aber
-sagte schnell ein anderes, das allen Gebildeten gut bekannt ist, ein
-etwas scharfes:
-
- ‚Ein Faun bin ich und Du bist Sappho,
- Die Dichterin, die hehre,
- Doch fandst Du leider noch immer nicht,
- Den geraden Weg zum Meere.‘
-
-Doch sie ärgerten sich darüber noch mehr und fingen an, mich deswegen
-auf höchst unanständige Weise zu schimpfen, ich aber wollte es wieder
-gutmachen und erzählte zu meinem Pech, um meine Aktien zu verbessern,
-eine sehr gebildete Anekdote von Piron, wie man ihn in die _Académie
-Française_ nicht hat aufnehmen wollen, und wie er daraufhin für seinen
-Grabstein ein Epitaphium geschrieben hat:
-
- ‚_Ci-gît Piron qui ne fut rien_
- _Pas même un académicien._‘
-
-Und da nahmen sie mich denn und prügelten mich durch.“
-
-„Aber wofür denn, weswegen?“
-
-„Wegen meiner Bildung. Als ob es wenig Gründe gäbe, warum die Menschen
-einen durchprügeln können,“ schloß Maximoff bescheiden und lehrhaft
-zugleich.
-
-„Ach, genug davon, wie dumm das ist, ich will nichts mehr davon hören.
-Ich dachte, es wäre was Lustiges,“ sagte plötzlich Gruschenka
-mißgestimmt. Mitjä erschrak und hörte sofort auf zu lachen. Der lange
-Pan erhob sich vom Stuhl und begann, die Hände auf dem Rücken, mit der
-hochmütigen Miene eines Menschen, der sich in solcher Gesellschaft
-langweilt, durch das Zimmer zu spazieren, aus einer Ecke in die andere.
-
-„Der stampft aber!“ bemerkte Gruschenka mit einem verächtlichen Blick
-auf den Langen.
-
-Mitjä wurde unruhig, und zudem bemerkte er noch, daß der Pan auf dem
-Sofa gerade ihn gereizt anblickte.
-
-„Pane,“ rief Mitjä ihm zu, „trinken wir, Pane! Und auch der andere Pan
-soll trinken: Trinken wir, Panowe!“
-
-Er stellte schnell drei Gläser zusammen und schenkte ein.
-
-„Auf Polens Wohl, Panowe, ich trinke aufs Wohl Ihres Polen, meine
-Herren, auf das Polenland!“ rief Mitjä laut.
-
-„Bardso mi to milo, Pane“ (das ist mir sehr angenehm, mein Herr) „wirr
-trinken mit Sie,“ sagte würdevoll und doch wohlgeneigt der Pan auf dem
-Sofa und nahm sein Glas.
-
-„Und auch der andere Pan, wie heißt der Kerl? – Heda, helleuchtender
-Edelmann, nimm dein Glas!“ rief Mitjä sich umdrehend.
-
-„Pan Wrublewskij,“ sagte der Pan auf dem Sofa.
-
-Der Pan Wrublewskij trat, auf seinen langen Beinen schaukelnd, an den
-Tisch und nahm stehend das Glas.
-
-„Auf Polen, Panowe, Hurra!“ rief Mitjä mit erhobenem Glase.
-
-Alle drei tranken sie die Gläser aus. Mitjä ergriff die Flasche und
-füllte von neuem die drei Gläser.
-
-„Jetzt auf Rußlands Wohl, Panowe, und trinken wir Brüderschaft!“
-
-„Schenk auch uns ein,“ sagte Gruschenka, „auf Rußlands Wohl will auch
-ich trinken.“
-
-„Ich gleichfalls,“ sagte Kalganoff.
-
-„Und auch ich-ich würde gern ... auf Rußland, unser Russéjuschka, unser
-Mütterchen,“ sagte Maximoff kichernd.
-
-„Alle, alle!“ rief Mitjä begeistert. „Heda, Wirt, noch Flaschen her!“
-
-Es wurden von den sechs mitgenommenen noch drei hereingebracht. Mitjä
-schenkte sofort ein.
-
-„Auf Rußlands Wohl, Hurra!“ rief er stolz.
-
-Alle tranken, außer den beiden Polen, und Gruschenka leerte ihr Glas auf
-einen Zug. Von den Polen jedoch berührte keiner das Glas.
-
-„Was soll denn das bedeuten, Panowe?“ schrie Mitjä. „Also so seid ihr?“
-
-Da nahm Pan Wrublewskij sein Glas und sagte mit lautschallender Stimme:
-
-„Auf Rußland in den Grenzen von siebzehnhundert und zweiundsipzick!“
-
-„Oto bardso penkne!“ (So ist es gut!) rief sofort der andere Pan, und
-beide leerten sie ihre Gläser bis auf den letzten Tropfen.
-
-„Dummes Pack!“ kam es plötzlich überzeugt aus Mitjä heraus.
-
-„Pa – ne!!“ schrien sofort drohend die beiden Polen, wie Hähne auf Mitjä
-losfahrend. Besonders brauste Pan Wrublewskij auf.
-
-„Kann man denn niecht libben seine Land?“ schrie er drohend.
-
-„Schweigt! Keinen Streit! Daß ihr mir hier keinen Streit beginnt,
-verstanden!“ rief Gruschenka gebieterisch dazwischen, und sie stampfte
-mit dem Fuß auf.
-
-Ihr Gesicht hatte sich gerötet, ihre Augen glühten. Das kam von dem
-soeben getrunkenen Glase. Mitjä erschrak maßlos.
-
-„Panowe, Verzeihung! Es war meine Schuld, ich werde nicht mehr ...
-Wrublewskij, Pan Wrublewskij, ich werde nicht mehr ...“
-
-„Aber so schweig doch du wenigstens, und setz dich endlich!“ fuhr ihn
-Gruschenka geärgert und heftig an.
-
-Alle setzten sich, alle verstummten, alle blickten einander an.
-
-„Meine Herren, ich trage die Schuld an allem!“ begann Mitjä, der von
-Gruschenkas Worten nichts verstanden hatte, von neuem. „Warum nur sitzen
-wir so? Was könnten wir beginnen ... damit es wieder lustig wird, wieder
-lustig?“
-
-„Ja, es ist wahr: es ist nichts weniger als lustig,“ meinte Kalganoff
-träge mit brummig vorgeschobenen Lippen.
-
-„Wie wäre es, wenn-wenn wir ein Spielchen machten wie vorhin? ...“
-fragte Maximoff kichernd.
-
-„Karten? Famos!“ griff Mitjä sofort auf. „Wenn nur die Panowe ...“
-
-„Pusno, Pane!“ sagte gleichsam widerstrebend der Pan auf dem Sofa.
-
-„Ja, eetwas pusno,“ meinte auch Pan Wrublewskij.
-
-„Pusno? Was heißt das nun wieder?“ fragte Gruschenka.
-
-„Das heißen spät, Pani, später Stunde,“ erläuterte der Pan auf dem Sofa.
-
-„Ach! immer ist Ihnen alles zu spät, immer ist Ihnen nichts recht!“
-Gruschenka war wütend. „Selbst sitzen Sie da, wie die verkörperte
-Langeweile, und da sollen sich wohl die anderen Ihnen zur Gesellschaft
-gleichfalls langweilen! Bevor du kamst, Mitjä, saßen sie dort ebenso
-langweilig und stumpfsinnig und ärgerten sich über mich ...“
-
-„Meine Göttin!“ unterbrach sie der Pan auf dem Sofa, „was Göttin sackt,
-soll sein. Iech sehen serr gutt Ihr Ärger und so iech bien traurig.
-Pane, iech bien fertig,“ sagte er darauf bereitwillig zu Mitjä.
-
-„Schön, fang an, Pane,“ rief Mitjä, der aus seiner Tasche das Geld
-herauszog und zwei Hundertrubelscheine vor sich auf den Tisch legte.
-
-„Ich möchte viel an dich verspielen, Pan. Nimm die Karten, leg die Bank
-auf. Du hältst die Bank!“
-
-„Karten müssen sein von Wirt, Pane,“ sagte nachdrücklich und ernst der
-kleine Pan.
-
-„Das sein iemer beste Manier,“ meinte auch Pan Wrublewskij.
-
-„Vom Wirt? Ah so, ich verstehe, gut, meinetwegen auch vom Wirt. – Ein
-Spiel Karten, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä dem Wirt zu.
-
-Trifon Borissytsch brachte ein neues Spiel, das noch nicht entsiegelt
-war, und meldete Mitjä, daß die Mädchen sich schon versammelt hätten,
-die Juden mit den Zimbeln gleichfalls bald kommen würden, der Wagen aber
-aus der Stadt mit den übrigen Sachen noch nicht zu sehen sei. Mitjä
-sprang sofort auf und eilte ins andere Zimmer, um dort Anordnungen zu
-treffen. Es waren aber erst drei Mädchen gekommen, und auch die Marja
-war noch nicht erschienen. Überhaupt wußte er nicht, warum er eigentlich
-aufgestanden und hinausgelaufen war: er befahl nur, die Süßigkeiten aus
-der Kiste hervorzuholen und sie unter die Mädchen zu verteilen.
-
-„Und Andrei Branntwein, eine ganze Flasche Branntwein dem Andrei,“
-befahl er eilig, „ich habe ihn gekränkt.“
-
-Da berührte ihn jemand an der Schulter: es war Maximoff, der ihm
-nachgelaufen war.
-
-„Geben Sie mir fünf Rubel,“ bat er flüsternd, „ich würde gern auch
-ein-ein Spielchen machen, hihi!“
-
-„Famos, vorzüglich! Nehmen Sie zehn, hier!“
-
-Mitjä zog wieder alle Scheine aus der Tasche und suchte zehn Rubel
-hervor.
-
-„Und wenn du das verlierst, so komm wieder, komm wieder ...“
-
-„Gut, ich danke,“ flüsterte Maximoff freudig und lief zurück in den
-Saal.
-
-Auch Mitjä kehrte sofort zurück und entschuldigte sich, daß er auf sich
-hatte warten lassen. Die Polen hatten sich schon zurechtgesetzt und
-entsiegelten das neue Spiel. Sie blickten bereits viel freundlicher
-drein, fast konnte man sagen, wohlwollend. Der Pan auf dem Sofa hatte
-eine neue Pfeife angeraucht und schickte sich an, die Karten zu mischen.
-Auf seinem Gesichte drückte sich sogar eine gewisse Feierlichkeit aus.
-
-„Auf die Plätze, Panowe!“ kommandierte Pan Wrublewskij.
-
-„Nein, ich werde nicht mehr spielen,“ erklärte Kalganoff, „ich habe
-schon vorhin fünfzig Rubel an sie verspielt.“
-
-„Der Pan war unglicklich, der Pan kann sein widder glicklich,“ bemerkte,
-halb zu ihm gewandt, der Pan auf dem Sofa.
-
-„Wie hoch spielen wir? _à discrétion?_“ fragte Mitjä eifrig.
-
-„Serr woll, Pane, vielleicht hundert, zweihundert, wieviel Pan will
-setzen.“
-
-„Eine Million!“ rief Mitjä auflachend.
-
-„Pan Hauptmann haben gehert von Pan Podwyssotzkij?“
-
-„Von welchem Podwyssotzkij?“
-
-„In Warschawa wird gehalten Bank _à discrétion_ von wer will. Kommt
-herein Pan Podwyssotzkij, sieht er tausend Gulden und sackt: ‚_va
-banque_‘. Banquier sackt zu ihm: ‚Pane Podwyssotzkij, setzen du Gold
-oder setzen du auf Gónor (Ehre)?‘ – ‚Auf Gónor, Pane,‘ sackt
-Podwyssotzkij. – ‚Serr gutt so, Pane.‘ – Der Banquier mischen taille,
-Podwyssotzkij nimmt tausend Gulden. – ‚Wart, Pane,‘ sackt der Banquier,
-nimmt Kasten heraus und gipt ein Millionn, ‚nimm, Pane, das ist dein
-Recknung!‘ Bank war Millionn. – ‚Das ick nickt wußte,‘ sackt
-Podwyssotzkij. – ‚Pane Podwyssotzkij,‘ sackt Banquier, ‚du hast setzen
-auf Gónor, und wir setzen auf Gónor!‘ – Podwyssotzkij nahm Millionn.“
-
-„Das ist nicht wahr,“ sagte Kalganoff.
-
-„Pane Kalganoff, in addeligger Kompani wird nickt so gesprochen.“
-
-„Das glaube ich, daß ein polnischer Spieler dir so eine Million hergeben
-wird!“ rief Mitjä, aber er besann sich sofort: „Verzeih, Pane, bin
-schuldig, bin schuldig, ja, er gibt sie heraus, selbstverständlich gibt
-er sie heraus, eine Million, na Gónor, auf polnische Ehre! Sieh, wie gut
-ich po polski spreche, ha – ha! Hier, ich setze zehn Rubel auf den
-Buben.“
-
-„Und ich setze ein Rubelchen aufs Dämchen, auf das nette kleine
-Coeur-Dämchen, auf die kleine Panénotschka, hihi!“ kicherte Maximoff,
-schob seine Karte vor, beugte sich dann plötzlich stark nach vorn und
-bekreuzte sich heimlich und schnell unter dem Tisch. Mitjä gewann. Auch
-das „Rubelchen“ gewann.
-
-„Eine Ecke umgebogen!“ rief Mitjä.
-
-„Und ich wieder ein Rubelchen, ein Simplum nach dem anderen, ganz
-bisselchen,“ murmelte Maximoff, selig über das gewonnene „Rubelchen“.
-
-„Geschlagen!“ rief Mitjä. „Verdoppele auf die Sieben!“
-
-Er verlor wieder.
-
-„Hören Sie auf,“ sagte plötzlich Kalganoff.
-
-„Verdoppele, verdoppele!“ rief Mitjä, doch alles, was er verdoppelnd
-setzte, verlor er. Die „Rubelchen“ dagegen gewannen.
-
-„Verdoppele!“ rief Mitjä jähzornig.
-
-„Habben zweihundert Rubel verspielt, Pane. Wollen Sie noch zweihundert
-setzen?“ erkundigte sich der Pan auf dem Sofa.
-
-„Wie, schon zweihundert verspielt? Dann also noch zweihundert! Die
-ganzen zweihundert als Doublé!“ Und Mitjä zog sein Geld aus der Tasche
-und warf zwei Hundertrubelscheine auf die Dame, als plötzlich Kalganoff
-sie mit der Hand bedeckte.
-
-„Genug!“ rief er mit seiner hellen Stimme.
-
-„Was fällt Ihnen ein?“ Mitjä blickte ihn fragend an.
-
-„Genug, ich will es nicht! Sie werden nicht mehr spielen.“
-
-„Warum nicht?“
-
-„Darum nicht. Spucken Sie aus und gehen Sie fort. Ich lasse es nicht
-zu!“
-
-Mitjä blickte ihn verwundert an.
-
-„Laß es bleiben, Mitjä, er hat vielleicht ganz recht, und du hast doch
-schon genug verloren,“ sagte Gruschenka, und ein sonderbarer Ton klang
-in ihrer Stimme.
-
-Beide Polen erhoben sich sofort mit tiefgekränkter Miene.
-
-„Scherzest du, Pane?“ fragte der kleine Pan, mit strengem Blick
-Kalganoff messend.
-
-„Wie, Sie waggen so was macken?“ schrie auch Wrublewskij Kalganoff an.
-
-„Ruhe! Un – ter – stehen Sie sich nicht, zu schreien!“ rief Gruschenka
-zornig. „Ach ihr krähenden Truthähne!“
-
-Mitjä blickte alle der Reihe nach an: es war etwas im Gesichte
-Gruschenkas, das ihn betroffen machte ... Und plötzlich zuckte ihm wie
-ein Blitz etwas ganz Neues durch den Kopf, – ein ganz absonderlicher,
-neuer Gedanke.
-
-„Pan Agrippina!“ begann der Kleine, rot vor Zorn, doch plötzlich trat
-Mitjä an ihn heran und schlug ihm mit der Hand auf die Schulter.
-
-„Hochwohlgeborener, auf zwei Worte.“
-
-„Was Sie wollen, Pane?“
-
-„Dorthin, in jenes Zimmer, in das andere Gemach, will dir zwei Worte
-sagen, wirst mit ihnen zufrieden sein.“
-
-Der kleine Pan wunderte sich und blickte etwas ängstlich zu Mitjä auf.
-Übrigens war er sofort einverstanden damit, nur stellte er die eine
-Bedingung, daß auch Pan Wrublewskij mit ihm käme.
-
-„Ah, der Leibwächter, nicht wahr? Meinetwegen, auch er ist dabei nötig.
-Sogar unbedingt!“ rief Mitjä. „und jetzt vorwärts, Panowe!“
-
-„Wohin, wohin wollt ihr?“ fragte Gruschenka erregt.
-
-„Wir sind im Augenblick wieder hier,“ antwortete Mitjä.
-
-Eine gewisse Kühnheit, ein ganz unerwarteter verwegener Mut leuchtete
-plötzlich aus seinem Gesicht. Nein, das war nicht mehr derselbe, der vor
-einer Stunde eingetreten war. Er führte die Polen in das Zimmer rechts,
-nicht in das große, in dem sich die Mädchen zum Chor versammelten und
-der Tisch in aller Eile gedeckt wurde, sondern in das Schlafzimmer, in
-dem Koffer, Truhen und zwei Betten mit je einem Berg von Kopfkissen in
-Kattunbezügen standen. Hier brannte in der hinteren Ecke auf einem
-kleinen ungestrichenen Tisch ein einziges Licht. Der kleine Pan und
-Mitjä setzten sich an diesem Tisch einander gegenüber, und der lange Pan
-Wrublewskij setzte sich neben sie, die Hände auf dem Rücken. Beide Polen
-blickten streng, doch mit nicht zu verbergender Neugier drein.
-
-„Mit was ich kann dinnen dem Pan?“ stotterte der Kleine.
-
-„Mit folgendem, Pane, ich werde nicht viel sprechen: Hier hast du Geld“
-– er zog seine Hundertrubelscheine heraus – „willst du dreitausend
-Rubel, so nimm sie und fahre, wohin du willst.“
-
-Der Pan blickte ihn forschend mit weit offenen Augen an, als wäre sein
-Blick an Mitjäs Gesicht angewachsen.
-
-„Dreitausend, Pane?“
-
-„Dreitausend, Panowe, drei! Hör mich, Pane, ich sehe, daß du ein
-vernünftiger Mensch bist. Nimm die Dreitausend und pack dich zum Teufel
-und vergiß auch nicht, Wrublewskij mitzunehmen, hörst du? Aber sofort,
-noch in dieser Minute, und zwar auf ewig, hörst du, Pane, auf ewig.
-Durch diese Tür dort gehst du hinaus. Was hast du – einen Mantel, einen
-Pelz? Ich werde ihn herbringen. Sofort wird dir eine Troika angespannt
-und dann – do widsenja, Panowe, auf Nimmerwiedersehen. Nun?“
-
-Mitjä zweifelte nicht an der Zusage. Im Gesicht des Pans zuckte es, als
-wenn er einen großen Entschluß gefaßt hätte.
-
-„Und das Geld, Pane?“
-
-„Mit dem Gelde machen wir es so: fünfhundert Rubel sofort bar für die
-Fahrt und als Handgeld und die zweitausendfünfhundert morgen in der
-Stadt – bei meiner Ehre, ich hole sie, wenn nicht anders, unter der Erde
-hervor!“ rief Mitjä.
-
-Die Polen tauschten einen Blick. Der Gesichtsausdruck des Kleinen
-veränderte sich zum schlimmeren.
-
-„Siebenhundert, siebenhundert, nicht fünfhundert, sofort blank und bar!“
-bot Mitjä an, da er die Veränderung bemerkt hatte und etwas Ungünstiges
-ahnte. „Was hast du, Pane? Glaubst du nicht? Ich kann dir doch nicht
-sofort alle Dreitausend geben. Sonst gebe ich sie, und du kehrst
-womöglich morgen schon zu ihr zurück ... Und ich habe augenblicklich
-auch gar nicht so viel bei mir, sie liegen bei mir zu Haus in der
-Stadt,“ stotterte Mitjä angstvoll, ohne sich dessen klar bewußt zu sein,
-was er tat, da ihm der Mut mit jedem Worte immer mehr gesunken war. „Bei
-Gott, sie liegen dort, wohl aufgehoben, in einem Kuvert ...“
-
-In einer Sekunde veränderte sich das Gesicht des kleinen Pans: ein
-Ausdruck unbeschreiblicher persönlicher Würde lag plötzlich darauf.
-
-„Wohlen Sie niecht nooch eetwas?“ fragte er ironisch. „Pfä! Wirklich
-pfä!“ Und er spuckte zur Seite.
-
-Seinem Beispiel folgte sofort Pan Wrublewskij; er spuckte gleichfalls
-aus.
-
-„Du spuckst doch nur darum, Pane,“ sagte Mitjä wie ein Verzweifelter,
-der einsieht, daß alles verloren ist, „nur darum, weil du von ihr noch
-mehr zu bekommen hoffst! Schnapphähne seid ihr beide, das sage ich
-euch!“
-
-„Ich bien beleidickt bies auf letzte Grad!“ rief, rot wie ein Krebs, der
-kleine Pan und ging schnell wie in heftigem Unwillen, und als wolle er
-nichts mehr hören, hinaus aus dem Zimmer. Ihm folgte, schaukelnd auf den
-langen Beinen, in hohen Schmierstiefeln Pan Wrublewskij. Nach ihnen
-verließ, verwirrt und verdutzt, auch Mitjä das Zimmer. Er fürchtete
-Gruschenka, denn er sagte sich, daß der Kleine wahrscheinlich sofort
-alles erzählen werde. Und so war es auch. Der Pan trat in den Saal und
-majestätisch auf Gruschenka zu, vor der er sich theatralisch aufstellte.
-
-„Pani Agrippina, ich bien bis auf letzte Grad beleidickt!“ begann er,
-doch Gruschenka schien plötzlich beim ersten polnischen Wort aus der
-Haut zu fahren.
-
-„Russisch, sprich russisch, daß du mir kein einziges polnisches Wort
-mehr zu sagen wagst!“ schrie sie ihn an. „Du hast doch früher russisch
-gesprochen, wie kannst du denn das in fünf Jahren verlernt haben!“
-
-Sie wurde bleich vor Zorn.
-
-„Pani Agrippina ...“
-
-„Ich heiße Agrafena, Gruschenka! Sprich russisch, oder ich will kein
-Wort von dir hören!“
-
-Der Pan keuchte und schwitzte vor Gónor und fuhr radebrechend und
-aufgeblasen in russischer Sprache fort:
-
-„Pani Agrafena, iech gekomen bien zu vergessen Altes und es zu
-verzeihen, zu vergessen, was is gewesen von früher ...“
-
-„Was zu vergessen? Was zu verzeihen? Mir zu verzeihen bist du
-hergekommen?“ unterbrach ihn Gruschenka aufspringend.
-
-„Wie gesagt, Pani, ich bien niecht kleinmütig, ich bien großmütig. Abber
-ich warr in Erstaunen, zu sehen deine Liebhabber. Pan Mitjä hat mir
-gegebben in ander Ziehmer Dreitausend, daß ich soll gehen weg, ich abber
-habb gespuckt in Pan sein Physiognomie!“
-
-„Was? Er hat dir für mich Geld gegeben?“ schrie Gruschenka krankhaft
-auf. „Ist das wahr, Mitjä? Wie hast du es gewagt? Bin ich denn
-käuflich?“
-
-„Pane,“ schrie Mitjä den Kleinen an, „sie ist rein und ist mir heilig,
-und niemals bin ich ihr Liebhaber gewesen! Das hast du gelogen ...“
-
-„Unterstehe dich nicht, mich vor ihm zu verteidigen!“ rief Gruschenka
-außer sich. „Nicht aus Tugend bin ich ehrlich gewesen, und nicht etwa,
-weil ich Kusjma Ssamssonoff fürchtete, nein, um vor ihm stolz sein zu
-können, um das Recht zu haben, ihn Schuft zu nennen, wenn ich ihn
-wiedersehe! Ist es möglich, daß er von dir nicht das Geld angenommen
-hat?“
-
-„Er nahm es ja, nahm es doch!“ rief Mitjä auflachend. „Nur wollte er
-sofort alle Dreitausend haben, und ich bot ihm nur Siebenhundert als
-Handgeld an.“
-
-„Aha, natürlich: er hat gehört, daß ich jetzt Geld habe, und so ist er
-denn zur Trauung gekommen!“
-
-„Pani Agrippina,“ schrie der Pan, „ich bien Ritter, bien Edelmann, kein
-Laidack! Ich bien gekomen um dich heiraten, sehe abber neue Pani, niecht
-alte von früher, sondern eine, was is eigensinig und schamlos!“
-
-„So pack dich fort, dahin, woher du gekommen bist! Ich werde sofort
-befehlen, daß man dich hinauswirft und dann fliegst du!“ keuchte
-Gruschenka besinnungslos. „Ach, dumm, dumm war ich, fünf Jahre mich
-deswegen zu quälen! Ach, nicht seinetwegen, nicht seinetwegen, nur aus
-Wut auf mich, habe ich mich gemartert! Und das ist ja gar nicht er! Sah
-er denn so aus? Das ist ja sein Vater, oder weiß Gott wer! Wo hast du
-denn diese Perücke bestellt? Jener war ein Falke, du aber bist wie ein
-alter Enterich ... jener lachte und sang mir Lieder vor ... Und ich,
-ich! – fünf Jahre lang habe ich geweint, ich dummes, niedriges, ehrloses
-Geschöpf, oh! ...“
-
-Sie sank auf ihren Lehnstuhl zurück und vergrub das Gesicht in den
-Händen.
-
-Da ertönte plötzlich im Nebenzimmer links der Chorgesang der endlich
-versammelten Dorfmädchen – es war ein lustiges Tanzlied.
-
-„Das ist aber ein Sodom!“ brüllte plötzlich Pan Wrublewskij ziemlich
-akzentfrei. „Wirt, schmeiß die Unverschämten hinaus!“
-
-„Was hast du hier zu schreien? Willst du wohl das Maul halten!“ wandte
-sich der Wirt mit ganz unerklärlicher Unhöflichkeit an Wrublewskij.
-
-„Rindvieh!“ brüllte der ihn an.
-
-„Rindvieh? Darf ich fragen, mit was für Karten du gespielt hast? Ich gab
-dir mein neues Spiel, du aber hast es versteckt! Mit falschen Karten
-spielst du! Und für falsche Karten kann ich dich jederzeit nach Sibirien
-transportieren lassen, weißt du das auch, denn das ist ebensogut wie
-falsches Papiergeld ...“
-
-Und zum Sofa tretend, schob er die Hand zwischen die Lehne und das
-Polster und zog von dort ein neues Spiel Karten hervor.
-
-„Das sind meine Karten, sehen Sie, meine Herrschaften, ganz neu, noch
-unentsiegelt!“ Er erhob die Hand, so daß alle das Kartenpaket sehen
-konnten. „Ich hab doch von der Tür aus gesehen, wie er meine Karten
-dorthin stopfte und seine Karten dafür herausnahm. Ein Spitzbube bist
-du, aber kein Pan!“
-
-„Und ich habe gesehen, wie der andere Pan zweimal eine falsche Karte
-aufschlug!“ rief Kalganoff dazwischen.
-
-„Diese Schande, so eine Schmach!“ stieß Gruschenka, vor Scham errötend,
-hervor. „Gott, so einer!“
-
-„Und ich ahnte es!“ rief Mitjä.
-
-Doch kaum hatte er es ausgerufen, als Pan Wrublewskij wütend und
-verwirrt sich zu Gruschenka wandte, und mit der Faust drohend, sie
-anschrie:
-
-„Dirne!“
-
-Noch aber war sein Schimpfwort nicht verhallt, als Mitjä ihn schon mit
-beiden Armen ergriffen und aufgehoben hatte und ihn im Augenblick
-hinaustrug, in dasselbe Zimmer, in dem sie vorher gesprochen hatten.
-
-„Ich habe ihn auf den Fußboden hingelegt!“ rief er, sofort wieder
-eintretend, von der Tür aus, noch atemlos von der Aufregung. „Die
-Kanaille läßt es sich noch einfallen, zu schlagen ... aber keine Bange,
-der kommt von dort nicht wieder! ...“ Er schloß den einen Türflügel und
-rief, den anderen Türflügel noch weit offen haltend, dem kleinen Pan zu:
-
-„Hochwohlgeborener, ist es nicht gefällig, gleichfalls hier einzutreten?
-Pschepróscham! Wirr bitten untertänickst!“
-
-„Väterchen Dmitrij Fedorowitsch,“ rief klagend Trifon Borissytsch, „so
-nehmt ihnen doch Euer Geld ab, was Ihr verloren habt! Das ist doch
-ebensogut wie von Euch gestohlen!“
-
-„Nein, ich will ihnen meine fünfzig Rubel nicht wieder abnehmen,“ sagte
-Kalganoff.
-
-„Und auch ich will meine Zweihundert nicht wiedernehmen,“ rief Mitjä,
-„werde es auf keinen Fall tun, mag er sie zum Trost behalten.“
-
-„Ja, ja, so ist es recht, Mitjä, ein feiner Kerl bist du!“ rief
-Gruschenka sofort, – ein merklich schadenfroher Ton klang in ihrem
-Beifallsruf.
-
-Der kleine Pan begab sich, puterrot vor Wut, doch ohne ein Atom von
-seiner Würde zu verlieren, bereits zur Tür, als er plötzlich stehen
-blieb und sich zu Gruschenka zurückwandte:
-
-„Pani,“ sagte er, „wenn du wohlen komen miet miech, kom, wen niecht –
-lebb woll!“
-
-Und wichtig, fauchend vor Wut und Aufgeblasenheit, trat er durch die
-Tür. Das war ein Mann von Charakter. Trotz allem, was geschehen war,
-hatte er doch noch nicht die Hoffnung verloren, daß sie mit ihm gehen
-werde, – so hoch schätzte er sich selbst. Mitjä aber schlug krachend die
-Tür hinter ihm zu.
-
-„Schließen Sie sie ein,“ sagte Kalganoff.
-
-Doch da kreischte schon das Schloß: Die Pane hatten sich von innen
-eingeschlossen.
-
-„Herrlich!“ rief boshaft und unbarmherzig Gruschenka. „Herrlich! Dorthin
-gehören sie!“
-
-
- VIII.
- Rausch
-
-Es begann eine Orgie, ein Fest über die ganze Erde hinweg! Gruschenka
-war die erste, die nach Wein rief: „Trinken will ich, betrunken will ich
-sein, oh, ganz betrunken, so wie damals, weißt du noch, Mitjä, weißt du,
-als wir uns hier anfreundeten!“ Mitjä selbst war wie im Fieber, und er
-„ahnte sein Glück“. Übrigens wurde er von Gruschenka immer wieder
-fortgeschickt: „Geh, sei lustig, sag ihnen, daß sie tanzen sollen, damit
-sich alle freuen, auch Hund und Katze, wie im Volkslied, alles, alles,
-wie damals, wie damals!“
-
-Und Mitjä stürzte fort, um alles so anzuordnen, wie sie wollte. Der Chor
-hatte sich im Nebenzimmer versammelt, denn das blaue Zimmer, in dem man
-saß, war zu klein dazu, da es durch einen Kattunvorhang in zwei Hälften
-geteilt war. In der zweiten Hälfte stand ein riesengroßes Bett mit
-weichen Daunenkissen und einem ganzen Berg von Kopfkissen in
-Kattunbezügen. Solche Betten gab es in jedem der vier Gastzimmer.
-Gruschenka setzte sich an die Tür, wohin Mitjä ihren Lehnstuhl für sie
-gebracht hatte: so hatte sie auch „damals“ gesessen und dem Tanz
-zugesehen. Von den Mädchen waren wieder dieselben gekommen; keine
-einzige fehlte. Die jüdischen Musikanten waren mit Geigen, Zithern und
-Zimbeln gleichfalls angelangt, und schließlich kam auch die erwartete
-Fuhre mit den übrigen Vorräten und Weinen an. Mitjä war sehr in Anspruch
-genommen. Im vorderen Zimmer hatten sich noch andere Zuschauer
-versammelt, Weiber und Männer, die sich, als die Mädchen zum Chorgesang
-aufgetrieben worden waren, gleichfalls erhoben hatten, da sie sich
-wieder einmal eine ähnlich märchenhafte Bewirtung, wie sie ihnen vor
-einem Monat zuteil geworden war, versprachen. Mitjä begrüßte und umarmte
-die Bekannten, erinnerte sich der Gesichter, entkorkte Flaschen und
-schenkte allen ein, die sich ihm näherten. Der Champagner schmeckte
-eigentlich nur den Mädchen gut, die Männer zogen ihm Rum und Kognak vor,
-und besonders heißen Punsch. Auf Mitjäs Befehl wurde für alle Mädchen
-Schokolade gekocht; drei Ssamoware kochten die ganze Nacht Wasser für
-Tee und Punsch, damit alle sich bewirten konnten. Mit einem Wort, es
-begann etwas ungeheuer Sinnloses, doch Mitjä schien gerade in seinem
-Elemente zu sein, und je sinnloser alles wurde, desto mehr belebte sich
-sein ganzes Wesen. Hätte ihn jemand von den Bauern um Geld gebeten, so
-würde er sofort seine ganze Barschaft hervorgezogen und nach links und
-rechts, ohne zu bedenken, die Geldscheine hingegeben haben. Das war denn
-auch wahrscheinlich der Grund, warum Trifon Borissytsch, der, wie es
-schien, bereits jeden Gedanken an Schlaf in dieser Nacht aufgegeben
-hatte, Mitjä auf keinen Augenblick verließ, sich immer in seiner Nähe zu
-schaffen machte, und so auf seine Art Mitjäs Interessen bewachte. Er
-hatte nur ein einziges Glas Punsch getrunken, war also noch vollständig
-nüchtern, und so trat er denn, wenn er es für nötig fand, an Mitjä heran
-und beredete ihn, hielt ihn auf, ließ es nicht zu, daß er den Bauern
-„wie damals“ Zigarren und Rheinwein gab, und – um Gottes willen! – erst
-recht kein Geld, und war sehr ungehalten darüber, daß diese Dorfmädchen
-Liköre tranken und teure Süßigkeiten aßen. „Das ist doch nichts als die
-reine Verlaustheit, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte er unwillig. „Ich werde
-jeder von ihnen Fußtritte geben, und befehlen, sich das noch zur Ehre
-anzurechnen, – derart ist das Pack!“ Mitjä erinnerte ihn noch einmal an
-Andrei und befahl, ihm Punsch zu geben. „Ich habe ihn vorhin gekränkt,“
-wiederholte er mit weicher und gerührter Stimme. Kalganoff wollte zuerst
-von Wein nichts wissen, und auch der Gesang gefiel ihm anfangs nicht,
-doch als er noch zwei Glas Champagner getrunken hatte, wurde auch er
-ungewöhnlich munter und guter Laune, schritt im Zimmer auf und ab,
-lachte, lobte alles und jedes, die Lieder sowohl wie die jüdische
-Musikkapelle. Maximoff, der selig und betrunken war, verließ ihn nicht
-auf einen Schritt. Gruschenka, die gleichfalls schon einen kleinen
-Rausch hatte, machte Mitjä auf Kalganoff aufmerksam: „Wie reizend er
-ist, was für ein prächtiger Junge!“ Und Mitjä trat sofort entzückt zu
-Kalganoff und küßte sein junges Knabengesicht und küßte darauf auch noch
-seinen treuen Begleiter Maximoff. Oh, er ahnte vieles: zwar hatte sie
-ihm noch nichts gesagt, was zu Hoffnungen berechtigte, und
-augenscheinlich bezwang sie sich sogar absichtlich, um ihm noch nichts
-zu sagen; nur hin und wieder fing er ihren spähenden und heißen Blick
-auf. Schließlich erfaßte sie plötzlich fest seine Hand und zog ihn zu
-sich nieder. Das war, als sie im Lehnstuhl an der Tür saß.
-
-„Wie konntest du nur so eintreten, als du vorhin ankamst, sag? Wie
-konntest du so eintreten! ... Ich erschrak so maßlos. Wie konntest du
-mich ihm nur abtreten? Sag, wolltest du das wirklich?“
-
-„Ich wollte deinem Glück nicht im Wege sein,“ sagte Mitjä selig. Sie
-wußte es auch, ohne daß er es ihr sagte.
-
-„Nun geh ... sei lustig.“ Damit schickte sie ihn wieder fort. „So sei
-doch nicht traurig, ich werde dich wieder rufen.“
-
-Und er ging abermals fort, sie aber hörte von neuem dem Gesang zu, doch
-ihr Blick folgte ihm unverwandt, wo er auch war oder ging, und nach
-einer Viertelstunde rief sie ihn wieder zu sich, und wieder eilte er
-selig zu ihr hin.
-
-„So, setz dich jetzt her zu mir, erzähl mir, wie du gestern erfahren
-hast, daß ich hierhergefahren war. Von wem erfuhrst du es ganz zuerst?“
-
-Und Mitjä erzählte alles, erzählte zusammenhanglos, zerstreut, erregt
-und sehr eigentümlich, verstummte mehrmals ganz plötzlich und zog
-finster die Brauen zusammen.
-
-„Was hast du, warum runzelst du die Stirn?“ fragte sie.
-
-„Nichts ... ich habe dort einen Kranken zurückgelassen. Wenn er wieder
-gesund wird, wenn ich wüßte, daß er gesund wird, oh, zehn Jahre meines
-Lebens würde ich dafür geben!“
-
-„Nun, Gott mit ihm, wenn er krank ist. Und du wolltest dich wirklich
-morgen erschießen, du dummer Junge, und warum nur? Weißt du, gerade
-solche Unbesonnene, wie du, liebe ich,“ flüsterte sie mit etwas schwerer
-Zunge. „So würdest du für mich alles tun? Sag? Und wolltest du dich,
-kleiner Dummkopf, tatsächlich deswegen erschießen? Nein, weißt du, wart
-damit noch ein wenig, morgen werde ich dir vielleicht etwas Schönes
-sagen ... nicht heute, nein, morgen. Du aber würdest es wohl gern schon
-heute hören? Nein, heute will ich nicht ... Nun geh, geh jetzt, freue
-dich.“
-
-Einmal aber rief sie ihn ganz erschrocken und besorgt zu sich.
-
-„Was hast du? Ich sehe es, daß dich etwas bedrückt. Nein, leugne nicht,
-ich sehe es, ich kenne dich,“ sagte sie und blickte ihn aufmerksam mit
-unbeweglich offenen Augen an. „Du küßt dort wohl die Bauern ab und
-lachst, aber ich sehe trotzdem dieses Etwas. Nein, amüsiere dich lieber,
-denn ich freue mich, und so sollst du dich gleichfalls freuen ... Einen
-von denen, die hier sind, habe ich lieb, rat mal, wer das ist? ... Ach,
-sieh doch: mein Herzensjunge ist eingeschlafen, er hat wohl zu viel
-getrunken, der Kleine.“
-
-Sie meinte Kalganoff. Der war auf dem Sofa mittlerweile eingenickt. Doch
-war er nicht vom Weine allein eingeschlafen, sondern er war traurig
-geworden, oder, wie er sich ausdrückte: es war ihm „langweilig“
-geworden. Die Lieder der Dorfmädchen hatten ihn zum Schluß stark
-herabgestimmt, da sie, in Zusammenwirkung mit den genossenen Getränken,
-in ein für ihn gar zu Zügelloses und Unzüchtiges ausarteten. Und nicht
-minder die Tänze: zwei von den Mädels hatten sich als Bären verkleidet,
-und Stepanida, ein anderes Mädel, ging mit einem Stock voran und spielte
-den Bärenführer, der die beiden „zeigte“. „Munterer, Maria,“ rief sie,
-„oder sonst kriegst du Prügel, hier, mit diesem Stock!“ Schließlich
-purzelten die Bären irgendwie in ganz besonders unanständiger Weise zu
-Boden, was lautes Gelächter des versammelten, dichtgedrängten Publikums
-von Männern und Weibern hervorrief. – „Nun, nun, laßt sie doch, laßt sie
-doch sich amüsieren,“ hatte Gruschenka mit seligem Gesichtsausdruck
-gesagt, „haben sie auch einmal eine Gelegenheit, sich zu freuen, warum
-sollen sie es denn nicht tun? Nein, laßt sie, laßt sie, laßt sie sich
-ihres Lebens freuen.“ Kalganoff aber hatte dreingeschaut, als hätte er
-sich mit irgend etwas beschmutzt. „Nichts als eine Schweinerei, diese
-ganzen Volksgeschichten,“ hatte er gemeint und sich zum Sofa
-zurückgezogen. „Das sollen ihre Frühlingsspiele sein, wenn sie die Sonne
-die ganze Nacht über hüten!“ Besonders mißfallen hatte ihm ein Liedchen
-mit einer munteren Tanzweise, das davon erzählte, wie der Herr ausfährt
-und die Mädchen „probiert“:
-
- Der Herr fuhr aus, die Mädchen zu erproben,
- Ob sie lieben oder nicht?
-
-Doch den Mädchen scheint es, daß man den Herrn nicht lieben könne, es
-hieß:
-
- Der Herr, der wird mich schlagen,
- Und ich kann mich dann plagen.
-
-Darauf fährt der Zigeuner aus, doch auch ihn konnte man nicht lieben,
-denn:
-
- Ach, der liebt nicht mich,
- Der liebt ja nur das Stehlen,
- Und ich kann mich dann grämen.
-
-Und so fuhren viele vorüber, selbst ein Soldat; doch der wurde mit
-Verachtung zurückgewiesen:
-
- Der wird nur den Ranzen tragen
- und ich ...
-
-Hier folgte ein gar zu derber Vers, der aber vollkommen offenherzig
-vorgesungen wurde und beim angeheiterten Publikum geradezu Furore
-machte. Schließlich endete es mit dem Kaufmann:
-
- Da fuhr denn auch der Kaufmann aus
- Die Mädchen zu probieren,
- Ob sie lieben oder nicht?
-
-Und da zeigte es sich, daß man ihn sogar sehr liebte, denn:
-
- Der Kaufmann wird hübsch Handel treiben,
- Und ich kann dann die Herrin bleiben.
-
-Kalganoff war darob ganz böse geworden:
-
-„Das ist ja ein vollkommen modernes Lied,“ hatte er laut und unwillig
-gesagt, „wer dichtet ihnen denn solche Lieder? Es fehlte noch, daß die
-Eisenbahnaktionäre und die Juden herumziehen, die Mädchen zu probieren:
-die würden alle besiegen.“ Und fast gekränkt hatte er gesagt, daß er
-sich langweile, und hatte sich auf das Sofa gesetzt, wo er dann
-eingeschlafen war. Sein reizendes Gesicht war etwas bleich geworden, und
-der Kopf war an das Kissen der Sofalehne zurückgesunken.
-
-„Sieh doch, wie reizend er ist,“ sagte Gruschenka, als sie Mitjä zu ihm
-geführt hatte. „Ich habe ihm vorhin das Köpfchen gestreichelt. Wie
-Flachs ist sein Haar, und so dicht ...“
-
-Sie beugte sich gerührt über ihn und küßte ihn auf die Stirn. Kalganoff
-schlug sofort die Augen auf und blickte sie an, erhob sich und fragte
-mit der besorgtesten Miene: „Wo ist Maximoff?“
-
-„Hör doch, was seine erste Sorge ist!“ sagte Gruschenka lachend. „So
-sitz doch ein Weilchen mit mir. Mitjä, such ihm seinen Maximoff auf.“
-
-Da zeigte sich, daß Maximoff jetzt die Mädchen auf keinen Augenblick
-mehr verließ, nur hin und wieder lief er zum Tisch, um ein Gläschen
-Likör zu trinken, und Schokolade hatte er schon tassenweise getrunken.
-Sein Gesicht war rot, die Nase blaurot, und die Augen waren feucht
-geworden und blickten süßlich-selig drein. Er kam sofort herbeigelaufen
-und meldete, daß er sogleich nach einem „besonderen Motivchen“ die
-Sabotière tanzen werde.
-
-„Man hat mich doch, als ich-ich noch klein war, in diesen französischen
-Tänzchen unterrichtet ...“
-
-„Nun geh, geh mit ihm, Mitjä, ich werde von hier aus zusehen, wie er
-dort tanzt.“
-
-„Nein, auch ich, auch ich will ihn tanzen sehen,“ rief Kalganoff, womit
-er in der allernaivsten Weise Gruschenkas Einladung, neben ihr zu
-sitzen, verschmähte. Und so begaben sich denn alle hin, um zuzusehen.
-Maximoff führte tatsächlich seinen Tanz aus, doch außer Mitjä konnte er
-niemanden so recht entzücken. Der ganze Tanz bestand in Hopsern, wobei
-die Füße zur Seite geworfen wurden, so daß die Stiefelsohlen nach oben
-kamen, und bei jedem Sprung schlug Maximoff mit der flachen Hand auf die
-Sohle. Kalganoff gefiel der Tanz gar nicht, Mitjä aber umarmte den
-Tänzer vor Entzücken.
-
-„Bravo, großartig! Nun, bist du müde, was? Willst du etwas? Ein Bonbon,
-wie? Oder willst du eine Zigarette?“
-
-„Ein Zigarettchen, bitte.“
-
-„Willst du nicht auch trinken?“
-
-„Ich habe hier Likörchen ... Aber haben Sie nicht noch etwas
-Schokoladenkonfekt?“
-
-„Auf dem Tisch ist doch eine ganze Fuhre, nimm was du willst, du
-Taubenseele!“
-
-„Nein, ich will – will eines mit Vanille ... etwas Besonderes für alte
-Menschen ... hi – hi!“
-
-„Nein, mein Freund, so etwas Besonderes gibt es nicht.“
-
-„Hören Sie!“ sagte plötzlich der Alte, ganz zu Mitjäs Ohr gebeugt, „dies
-eine Mädel, die Marjuschka, hi – hi! Könnt ich nicht, wenn’s-wenn’s
-möglich wäre, ihre Bekanntschaft machen, dank Ihrer Güte ...“
-
-„Oho, sieh mal einer, was dir in den Sinn gekommen ist! Nein, Freund, du
-faselst ...“
-
-„Ich-ich tue doch niemandem was Schlechtes,“ flüsterte Maximoff
-wehmütig.
-
-„Nun gut, gut. Aber Freund, das geht nicht, hier wird nur gesungen und
-getanzt ... übrigens – hol’s der Teufel! Wart ... Trink vorläufig, iß,
-zerstreue dich. Brauchst du Geld?“
-
-„Später vielleicht ein bißchen,“ meinte Maximoff schmunzelnd.
-
-„Gut, gut ...“
-
-Mitjä brannte der Kopf. Er ging hinaus in den Flur und trat auf die
-obere kleine Galerie, die auch auf dem Hof einen Teil des ganzen
-Gebäudes umgab. Die frische Luft belebte ihn. Er stand in der Dunkelheit
-an die Wand gelehnt, in einer Ecke, und plötzlich faßte er sich mit
-beiden Händen an den Kopf. Seine zerstreuten Gedanken sammelten sich
-schnell, seine Empfindungen vereinigten sich zu einer einzigen
-Vorstellung, und alles wurde ihm klar. Eine furchtbare, grausige
-Erleuchtung war’s! „Wenn ich mich schon erschieße, wann soll es denn
-geschehen, wenn nicht jetzt?“ zuckte es ihm durch den Kopf. „Einfach den
-Pistolenkasten herbringen und hier, gerade hier in dieser schmutzigen,
-dunklen Ecke mit allem ein Ende machen.“ Eine ganze Minute lang war er
-unentschlossen. Vorhin, als er hergejagt war, hatte hinter ihm die
-Schande gestanden, begangener Diebstahl und dieses Blut, oh, dieses
-Blut! ... Doch da war ihm leichter zumut gewesen, oh, viel leichter!
-Damals hatte er doch mit allem abgeschlossen; er hatte sie verloren,
-hatte sie abgetreten, sie war für ihn verschwunden, untergegangen, – oh,
-da war es leichter gewesen, das Todesurteil an sich zu vollziehen.
-Wenigstens war es ihm unbedingt notwendig, ganz unvermeidlich
-erschienen, denn wozu dann noch leben, hatte er sich gefragt? Jetzt
-aber! War es denn jetzt dasselbe wie damals? Jetzt war doch schon ein
-Schrecknis, ein Gespenst beseitigt: der „Erste“, ihr Alleinberechtigter,
-dieser fatale Mensch war verschwunden. Das große Schreckgespenst war so
-klein geworden, so lächerlich: man hatte es im Nebenzimmer hinter Schloß
-und Riegel einfach eingesperrt. Und niemals wird es mehr ängstigen! Sie
-schämt sich seiner, und in ihren Augen hat er klar gelesen, wen sie
-jetzt liebt. Ach, jetzt nur leben, leben! Und da – gerade jetzt nicht
-leben können! Oh, verflucht! „Gott, erwecke den Toten am Zaun! Gott,
-mein Gott, laß diesen furchtbaren Kelch an mir vorübergehen! Hast Du
-doch Wunder getan, und an ebenso großen Sündern wie ich! Aber wie, wenn
-der Alte lebt? Oh, dann werde ich die Schande der anderen Schmach
-vernichten, ich werde das gestohlene Geld zurückerstatten, alles
-zurückgeben, aus der Erde hervorkratzen ... Es wird keine Spur mehr von
-der Schande übrigbleiben, außer in meinem Herzen, und dort wird sie bis
-in alle Ewigkeit brennen! Aber nein, nein, das sind ja unmögliche,
-kleinmütige Träume! Oh, Fluch!“
-
-Und doch war es ihm, als fühlte er einen hellen Hoffnungsstrahl durch
-das Dunkel leuchten. Er riß sich plötzlich los von der Ecke und stürzte
-in die Zimmer zu ihr, wieder zu ihr, seiner Königin! „Ist denn eine
-Stunde, eine Minute ihrer Liebe nicht das ganze Leben wert, wenn auch in
-Qualen der Schmach und Schande?“ Diese wilde Frage machte sein Herz
-klopfen. „Zu ihr, zu ihr allein, sie sehen, sie hören und an nichts
-denken, alles andere vergessen, und wenn auch nur diese eine Nacht –
-eine Stunde, einen Augenblick lang!“ Kurz vor der Tür zum Flur, noch auf
-der Galerie, stieß er mit dem Wirt Trifon Borissytsch zusammen. Der kam
-ihm finster und besorgt vor und schien ihn zu suchen.
-
-„Was ist – Borissytsch, suchst du mich?“
-
-„Nein, nicht Euch,“ sagte der Wirt etwas erschrocken, wie es Mitjä
-schien. „Warum sollte ich Euch suchen? Aber ... wo wart Ihr denn?“
-
-„Warum bist du plötzlich so mißgestimmt? Ärgerst du dich etwa? Wart,
-bald kannst du schlafen gehn ... Wie spät ist es denn eigentlich schon?“
-
-„Es wird drei sein, vielleicht aber auch schon vier.“
-
-„Dann machen wir ein Ende damit, dann ist es genug!“
-
-„Aber ich bitte, es hat doch nichts zu sagen. Solange es Euch beliebt,
-Herr ...“
-
-„Was hat der Kerl?“ fuhr es Mitjä durch den Sinn, und er trat eilig in
-das Zimmer, in dem die Mädchen tanzten. Doch Gruschenka war nicht da. Im
-blauen Zimmer war sie gleichfalls nicht zu sehen; nur Kalganoff allein
-schlummerte auf dem Sofa. Mitjä blickte hinter den Vorhang – dort war
-sie. In der Ecke saß sie auf einer Truhe, hatte sich mit den Armen und
-dem Kopf auf das daneben stehende Bett gestützt und weinte, war dabei
-aus allen Kräften bemüht, ihr Schluchzen zu ersticken, damit es niemand
-höre. Als sie Mitjä bemerkte, streckte sie ihm die Hand entgegen, und
-als er zu ihr stürzte, preßte sie seine Finger wie im Krampf.
-
-„Mitjä, Mitjä, ich habe ihn doch geliebt!“ raunte sie ihm qualvoll zu,
-„so geliebt, diese ganzen fünf Jahre, die ganze, ganze Zeit. Sag, habe
-ich _ihn_ oder habe ich nur meinen Haß geliebt? Nein, _ihn_! Ach, _ihn_!
-Ich lüge doch, wenn ich sage, daß ich meinen Haß und nicht ihn geliebt
-habe! Mitjä, ich war ja damals erst siebzehn Jahre alt, und er war
-damals so freundlich zu mir, so lustig und sang mir Lieder vor ... Oder
-sollte es mir, dem dummen Kinde, damals nur so geschienen haben? ...
-Jetzt aber, o Gott! – das ist ja gar nicht er, gar nicht derselbe! Und
-auch das Gesicht ist ein ganz anderes, ich erkannte ihn zuerst nicht
-einmal. Als ich mit Timofei herfuhr, dachte ich die ganze Zeit, die
-ganze Zeit: ‚Wie werde ich ihm entgegentreten, was werde ich ihm sagen,
-wie werden wir uns in die Augen blicken können? ...‘ Meine Seele wollte
-vergehen. Und da komme ich hier an und er – ach, als hätte er mir
-Spülicht übergegossen! Redet wie ein Schulmeister, alles so pedantisch,
-wichtig, aufgeblasen, empfängt mich so unnahbar, daß ich ganz verdutzt
-war. Ich wußte kein Wort zu sagen. Anfangs glaubte ich, daß er sich vor
-diesem anderen, seinem langen Polen, schämt. Ich saß, betrachtete sie
-beide und dachte: Warum verstehe ich denn plötzlich nicht mehr mit ihm
-zu sprechen? Weißt du, das hat seine Frau aus ihm gemacht, dieselbe,
-wegen der er mich damals verließ, und die er dann heiratete ... Sie, sie
-hat ihn dort so umgemodelt. Mitjä, diese Schande, diese Schande ertrage
-ich nicht! Mitjä, wenn du wüßtest, wie ich mich schäme, Mitjä, für mein
-ganzes Leben! Verflucht seien diese ganzen fünf Jahre, verflucht!“ Und
-sie brach wieder in Tränen aus und schluchzte, doch Mitjäs Hand ließ sie
-nicht mehr los, sie hielt sie krampfhaft fest.
-
-„Mitjä, Liebling, wart, geh nicht fort, ich habe dir etwas zu sagen,“
-raunte sie ihm plötzlich, das Gesicht zu ihm erhebend, zu. „Höre, sage
-du mir, wen ich liebe? Ich habe hier von allen nur einen lieb. Wer mag
-nun das wohl sein? Sieh, das sollst du mir sagen.“ Auf ihrem von den
-Tränen geschwollenen Gesicht erschien ein Lächeln, und ihre Augen
-glänzten im Halbdunkel. „Es kam vorhin ein Falke her, und als ich ihn
-erblickte, da rief mir das Herz zu: ‚Wie dumm du bist, sieh, den dort,
-den allein liebst du!‘ – so flüsterte mir im Augenblick das Herz zu. Du
-tratest ein, und alles erleuchtetest du, – du! ‚Aber was fürchtet er?‘
-fragte ich mich. Denn du fürchtetest dich doch, nicht wahr, du konntest
-ja kaum sprechen. ‚Er kann doch nicht diesen ... diesen fürchten,‘
-dachte ich, – kannst du dich denn überhaupt vor jemandem fürchten?
-‚Nein, _mich_ fürchtet er, _mich_, nur mich allein!‘ dachte ich. So hat
-dir also Fenjä erzählt, wie ich Aljoscha durch das Fenster zugerufen
-habe, daß ich Mitjenka im ganzen ein Stündchen geliebt hätte und nun
-fortführe, um einen anderen zu ... lieben? Mitjä, ach Mitjä, wie konnte
-ich dummes Geschöpf glauben, daß ich nach dir noch einen anderen lieben
-könnte! Verzeihst du mir, Mitjä? Verzeihst du mir oder nicht? Liebst du
-mich? Liebst du mich?“
-
-Sie sprang auf und faßte ihn mit beiden Händen an den Schultern. Mitjä
-blickte ihr stumm vor Entzücken in die leuchtenden Augen, in das
-Gesicht, auf ihre lächelnden Lippen, und plötzlich riß er sie in seine
-Arme, preßte sie wie mit Klammern an sich und küßte sie, küßte sie.
-
-„Und verzeihst du mir, daß ich dich gequält habe? Ich habe euch alle
-doch nur aus Haß, wegen meiner Liebe zu ihm, so gequält. Ich habe doch
-den Alten absichtlich, aus Bosheit um den Verstand gebracht ... Weißt du
-noch, wie du einmal bei mir trankst und darauf das Glas zerschlugst? Das
-habe ich nicht vergessen, und so habe ich heute gleichfalls mein Glas
-zerschlagen. Ich trank auf mein ‚niedriges Herz‘! Mitjä, mein lichter
-Falke, warum küßt du mich nicht? Hast mich nur einmal geküßt und bist
-dann erstarrt, hörst du ... Wozu mich anhören! Küß mich, küß mich
-stärker, so, so. Liebt man, dann soll man auch lieben! Ich werde jetzt
-deine Sklavin sein, mein ganzes Leben lang deine Sklavin! Süß ist es,
-Sklavin zu sein! ... Küß mich! Schlage mich, quäle mich, tu mir etwas an
-... Ach, wirklich, du solltest mich foltern ... Nein! nicht! ... wart,
-später, so will ich nicht ...“ – Und sie stieß ihn plötzlich zurück.
-„Geh fort, Mitjä, ich werde jetzt Wein trinken, ich will mich antrinken,
-ich will betrunken tanzen, ich will, ich will!“
-
-Sie riß sich von ihm los und lief fort. Mitjä folgte ihr wie im Traum.
-„Meinetwegen, meinetwegen ... was jetzt auch geschehen mag, – für eine
-Minute gebe ich die ganze Welt hin,“ fuhr es ihm wirr durch den Kopf.
-Gruschenka leerte auf einen Zug noch ein ganzes Glas Champagner. Sie
-setzte sich in den Lehnstuhl, auf ihren alten Platz und lächelte selig!
-Ihre Wangen glühten, die Lippen schienen zu brennen, über ihre Augen
-legte sich ein matter Schimmer, und der Blick blinkte verführerisch.
-Selbst Kalganoff schien ihn zu spüren, und er trat an sie heran.
-
-„Hast du es gefühlt, mein Herzensjunge, wie ich dich vorhin küßte, als
-du schliefst?“ fragte sie ihn mit etwas schwerer Zunge. „Betrunken bin
-ich jetzt, siehst du ... Und du nicht? Aber warum trinkt Mitjä nicht?
-Warum trinkst du nicht, Mitjä? Sieh, ich habe schon getrunken, du aber
-trinkst nicht ...“
-
-„Ich bin ja schon betrunken! Auch so schon trunken ... trunken von dir,
-jetzt aber will ich es auch noch vom Weine werden.“
-
-Er stürzte noch ein Glas hinab und – es schien ihm selbst sonderbar –
-erst von diesem Glase wurde er betrunken, ganz plötzlich, bis dahin war
-er immer noch nüchtern gewesen. Das fühlte er jetzt deutlich, da er
-wirklich betrunken wurde. Von diesem Augenblicke an begann alles sich
-vor ihm wie im Rausch zu drehen. Er ging, lachte, sprach mit allen und
-tat es doch, wie ohne zu wissen, was er tat. Nur ein einziges,
-unbewegliches, brennendes Gefühl trug er fortwährend mit sich herum,
-„ganz wie eine glühende Kohle“, sagte er später. Er trat zu ihr, setzte
-sich neben sie hin, blickte sie an, hörte ihr zu ... Sie aber wurde
-ungemein gesprächig: rief alle zu sich heran, winkte plötzlich auch ein
-Chormädchen zu sich, und wenn die dann zu ihr kam, küßte sie sie oder
-machte mit der Hand das Zeichen des Kreuzes über sie. Vielleicht fehlte
-nur noch etwas, und sie wäre in Tränen ausgebrochen. Am meisten
-belustigte sie Maximoff. Der kam immer wieder zu ihr gelaufen, um ihr
-die Hand „und jedes Fingerchen“, wie er sagte, zu küssen, und zum
-Schlusse tanzte er noch zu einem alten Liede, das er selbst sang, einen
-Volkstanz. Mit besonderer Liebe trug er vor:
-
- „Schweinchen macht chruchru, chruchru,
- Kälbchen macht mumu, mumu,
- Entlein macht quaqua, quaqua,
- Gänschen macht gaga, gaga.
- Doch Spätzchen ging auf frischem Heu spazieren,
- Konnte nur zipzirrip, zipzirrip tirillieren,
- Zipzirrip, zipzirrip tirillieren!“
-
-„Gib ihm etwas, Mitjä,“ sagte Gruschenka, „schenk ihm etwas, er ist doch
-arm. Ach ihr Armen, Erniedrigten! ... Weißt du, Mitjä, ich werde ins
-Kloster gehen. Nein, im Ernst, einmal werde ich ins Kloster gehen.
-Aljoscha hat mir heute Worte fürs ganze Leben gesagt ... Ja ... Heute
-aber wollen wir noch tanzen. Morgen ins Kloster, heute aber noch
-getanzt. Ich will ausgelassen sein, ihr Guten. Nun, und was ist denn
-dabei? Gott wird es verzeihen. Wenn ich Gott wäre, würde ich allen
-Menschen vergeben. ‚Ihr meine lieben, kleinen Sünder,‘ würde ich sagen,
-‚von heute ab vergebe ich euch allen.‘ Und ich werde um Verzeihung
-bitten. ‚Vergebt, ihr guten Leute, einem dummen Weibe.‘ Ja, genau so.
-‚Ein Tier bin ich, ja, das bin ich.‘ Beten will ich. Ich habe im ganzen
-nur ein Zwiebelchen gegeben. Ja, ein Scheusal wie ich will beten. Mitjä,
-laß sie tanzen, störe sie nicht. Alle Menschen auf der Welt sind gut,
-alle bis auf den letzten. Es ist schön, in der Welt zu leben. Wenn wir
-auch schlecht sind, es ist doch schön auf der Welt. Schlecht und gut
-sind wir, schlecht und gut ... Nein, sagt mir, ich frage euch, kommt
-alle her, ich frage euch, sagt mir alle folgendes: Warum bin ich so gut?
-Ich bin doch gut – bin sehr gut ... Nun, darum also: Warum bin ich so
-gut?“
-
-So stammelte Gruschenka, indem sie immer berauschter wurde, und zu guter
-Letzt erklärte sie, selbst tanzen zu wollen. Sie erhob sich aus dem
-Lehnstuhl und wankte.
-
-„Mitjä, laß mich nicht mehr trinken,“ sagte sie, „ich werde bitten, gib
-du mir aber nichts mehr, hörst du. Wein gibt keine Ruhe. Und alles dreht
-sich, auch der Ofen, alles dreht, dreht sich. Tanzen will ich. Sie
-sollen alle herkommen, zusehen, wie ich tanze ... wie schön und gut ich
-tanze ... wie?“
-
-Und sie machte bereits Ernst mit ihrer Absicht: zog ihr kleines, weißes
-Batisttüchlein hervor, nahm es mit zwei Fingern der rechten Hand am
-Zipfelchen, um es beim Tanz zu schwenken. Es sollte der Nationaltanz
-werden! Mitjä eilte ins vordere Zimmer, die Mädchen verstummten und
-bereiteten sich vor, auf den ersten Wink den Chorgesang zum Nationaltanz
-anzustimmen. Als Maximoff hörte, daß Gruschenka selbst tanzen wollte,
-ward er ganz Begeisterung und begann sofort – so gut es bei seinem Alter
-ging – den Kasatschock ihr entgegen zu tanzen, wozu er etwas atemlos
-sang:
-
- Kleine Hexe, schlanke Beinchen,
- Weiche Hüften, Ringelschweinchen!
-
-Doch Gruschenka winkte ihm mit dem Tüchelchen ab und schickte ihn
-zurück.
-
-„Sch – sch! Mitjä, warum kommen sie denn nicht? Alle sollen herkommen
-... zusehen. Ruf auch jene beiden, die Eingeschlossenen ... Warum hast
-du sie eingeschlossen? Sag ihnen, daß ich tanze, ich will, daß auch sie
-zusehen, wie ich tanze ...“
-
-Mitjä ging etwas schwankend zur verschlossenen Tür und begann mit den
-Fäusten bei den Panen anzuklopfen.
-
-„He, ihr ... Podwyssotzkijs! Kommt heraus, sie will tanzen, läßt euch
-rufen.“
-
-„Laidack!“ schrie zur Antwort einer von den Panen.
-
-„Und du bist ein Oberlaidack! Ein ganz gemeiner, kleinlicher Schuft bist
-du, verstanden!“
-
-„Wenn Sie doch endlich aufhören wollten, sich über Polen lustig zu
-machen!“ bemerkte ungehalten Kalganoff, der jetzt gleichfalls zu viel
-getrunken hatte.
-
-„Schweig, Knabe! Wenn ich ‚Schuft‘ zu ihm sage, so heißt das noch nicht,
-daß ich es zu ganz Polen sage. Ein Schuft macht vorläufig noch nicht
-ganz Polen aus. Schweig, ein netter Junge bist du. Da – nimm ein
-Bonbon.“
-
-„Ach, wie sie sind! Gar nicht wie Menschen. Warum wollen sie sich denn
-nicht versöhnen?“ sagte Gruschenka und trat vor zum Tanz.
-
-Der Chor fiel schmetternd ein: „Auf grünen Fluren in kühlem Schatten
-...“ Gruschenka warf den Kopf in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich
-halb, sie lächelte, schwenkte schon das Taschentuch und plötzlich –
-wankte sie und blickte sich verwundert im Kreise um.
-
-„Bin schwach ...“ sagte sie stammelnd mit einer geradezu müde gequälten
-Stimme, „verzeiht, bin zu schwach ... ich kann nicht ... es war meine
-Schuld ...“
-
-Sie verbeugte sich vor dem Chor und machte dann nach allen vier Seiten
-hin eine Verbeugung.
-
-„Meine Schuld ... Verzeiht ...“
-
-„Hat sich bißchen angetrunken, die Herrin, bißchen angetrunken die
-schöne Herrin,“ ertönten unter den Zuschauern einige Stimmen.
-
-„Haben sich etwas angeheitert,“ erklärte kichernd Maximoff den Mädchen.
-
-„Mitjä, bring mich fort ... nimm mich, Mitjä,“ sagte Gruschenka
-erschöpft.
-
-Mitjä, der schon neben ihr stand, hob sie im Augenblick hoch auf die
-Arme und eilte mit seiner Last zurück hinter den Vorhang. „Nun, jetzt
-werde ich lieber fortgehen,“ dachte Kalganoff und verließ das blaue
-Zimmer. Vorsichtig schloß er hinter sich beide Türflügel. Doch das Fest
-im Saal wurde tobend fortgesetzt, viel ausgelassener als vorher. Mitjä
-legte Gruschenka auf das große Bett und küßte sie, als hätte er sich im
-Kuß an ihren Lippen festgesogen.
-
-„Rühr mich nicht an ...“ bat sie ihn stammelnd, mit flehender Stimme.
-„Rühr mich nicht an, bevor ich nicht dein bin ... Ich habe gesagt, daß
-ich dein bin, aber du rühr mich nicht an ... schone mich, bitte ...
-Nicht neben jenen, nicht in ihrer Gegenwart. Er ist hier. Widerlich ist
-es hier ...“
-
-„Ich gehorche! ... Mit keinem Gedanken ... Ich bete dich an ...“
-murmelte Mitjä. „Ja, widerlich ist’s hier, oh, verflucht!“
-
-Und ohne sie aus den Armen zu lassen, kniete er neben dem Bett nieder.
-
-„Ich weiß, du bist wohl ein Tier, aber du bist doch edel,“ sagte
-Gruschenka mit schwerer Zunge. „Es muß ehrenhaft sein ... von nun an
-wird es ehrenhaft sein ... und auch wir müssen ehrenhaft sein, auch wir
-wollen gut sein, keine Tiere, sondern gut ... Bring mich fort, bring
-mich weit fort, hörst du ... Ich will nicht hier ... nein, weit fort,
-weit ...“
-
-„Oh, ja, ja, unbedingt!“ Und er preßte sie in seinen Armen. „Ich bringe
-dich fort, fortfliehen werden wir ... Oh, mein ganzes Leben gebe ich
-sofort dafür hin – wenn ich nur um dieses Blut wüßte! ...“
-
-„Was für ein Blut?“ fragte Gruschenka verwundert.
-
-„Nichts, nichts!“ stieß Mitjä knirschend hervor. „Gruscha, du willst,
-daß hinfort alles ehrenhaft sei, ich aber – bin – ein – Dieb. Ich habe
-von Katjä Geld gestohlen.“
-
-„Von Katjä? Von dem Fräulein? Nein, du hast nicht gestohlen. Gib ihr,
-nimm von mir ... Was brauchst du? Jetzt ist alles, was mein ist – dein.
-Was ist uns Geld?? Wir würden es ohnehin durchbringen ... Wir sind die
-rechten, die es halten könnten. Wir beide aber wollen lieber gehen und
-die Erde pflügen. Mit diesen meinen Händen will ich die Erde
-aufscharren. Arbeiten muß man, sich mühen muß man, hörst du? Aljoscha
-hat es gesagt. Ich werde dir nicht Geliebte sein, ich werde dir treu
-sein, werde deine Sklavin sein, werde für dich arbeiten. Wir werden zum
-Fräulein gehen und sie bitten, daß sie uns verzeiht, und dann werden wir
-fortfahren. Und du bring ihr das Geld zurück, mich aber liebe ... Sie
-jedoch, hörst du, sie sollst du nicht lieben. Jetzt darfst du sie nicht
-mehr lieben. Wenn du sie noch liebst, werde ich sie erwürgen ... Werde
-ihr beide Augen mit einer Nadel ausstechen ...“
-
-„Dich liebe ich, dich allein! Ich werde dich auch in Sibirien lieben,
-ewig ...“
-
-„Warum in Sibirien? Aber warum schließlich auch nicht, meinetwegen auch
-nach Sibirien, wenn du willst, mir soll’s recht sein ... einerlei ...
-wir werden arbeiten ... in Sibirien ist Schnee ... Ich liebe es, im
-Schlitten über Schneefelder zu fahren ... das Pferd muß eine Glocke am
-Krummholz haben ... Hörst du, eine Glocke klingt ... Wo klingt nur die
-Glocke? Es fährt jemand ... da hat sie auch schon aufgehört.“
-
-Erschöpft schloß sie die Augen und schien einzuschlafen. Es hatte in der
-Tat irgendwo in der Ferne eine Glocke geklungen, und dann – hatte sie
-plötzlich aufgehört zu klingen. Mitjä senkte seinen Kopf auf ihre Brust.
-Er merkte nicht, wie die Glocke zu klingen aufgehört hatte, hatte es
-auch nicht gemerkt, wie plötzlich der Chorgesang verstummt war und an
-Stelle des Geräusches und trunkenen Lärmes im ganzen Hause Totenstille
-eintrat. Gruschenka schlug die Augen auf.
-
-„Was ist das? Habe ich geschlafen? Ja ... Glockenklang ... Ich schlief
-und mir träumte: es war, als wenn ich über Schneefelder fuhr ... die
-Glocke klang, und ich schlummerte mit offenen Augen. Es war, als führe
-ich mit meinem Geliebten, mit dir. Und weit, weit fuhren wir. Ich
-umarmte und küßte dich, schmiegte mich an dich, ich glaube, mich fror,
-und der Schnee schimmerte ... Weißt du, wenn in der Nacht der Schnee
-schimmert und der Mond scheint, und es war, als ob ich nicht auf der
-Erde wäre ... Da erwachte ich, und du warst bei mir, Geliebter, wie
-wundervoll ...“
-
-„Bei dir,“ murmelte Mitjä und küßte ihr Kleid, ihre Brust, ihre Hände.
-
-Und plötzlich schien ihm etwas so sonderbar: es schien ihm, als ob sie
-gerade vor sich hinblicke, doch nicht auf ihn, nicht in sein Gesicht,
-sondern über seinen Kopf hinweg, aufmerksam, unbeweglich und ganz
-eigentümlich starr. Und plötzlich drückte sich in ihrem Gesichte
-Verwunderung aus, fast Schreck.
-
-„Mitjä,“ flüsterte sie plötzlich, „wer blickt von dort auf uns her?“
-
-Mitjä wandte sich um und sah, daß tatsächlich jemand durch den Vorhang
-sie gleichsam zu beobachten schien. Ja, es schien nicht nur einer zu
-sein. Er sprang auf und trat auf den Beobachter zu.
-
-„Hierher, darf ich bitten, hierher zu uns,“ sagte nicht laut, doch
-bestimmt und fest eine unbekannte Stimme zu ihm.
-
-Mitjä trat hinter dem Vorhang hervor und blieb unbeweglich stehen. Das
-ganze Zimmer war voll von Menschen, doch nicht von denen, die noch vor
-kurzem dagewesen waren, sondern von ganz anderen, neuangekommenen. Ein
-plötzlicher Frostschauer lief ihm über den Rücken, und er fuhr zusammen.
-Alle diese Menschen erkannte er auf den ersten Blick. Dieser große,
-wohlbeleibte Herr im grauen Uniformpaletot mit der Kokarde an der runden
-Karakulmütze, das war der Kreisrichter, der Chef der Landpolizei,
-Michail Makarytsch Makaroff. Und dieser „schwindsüchtige“,
-saubergekleidete Stutzer, „immer in so blankgeputzten Stiefeln“ – das
-war der Stellvertreter des Staatsanwalts. „Er besitzt eine Uhr im Wert
-von vierhundert Rubeln, er hat sie mir gezeigt,“ dachte Mitjä. Und
-dieser jugendliche Kleine mit der Brille ... Mitjä hatte nur seinen
-Namen vergessen, aber er kannte auch ihn, er hatte ihn gesehen: das war
-der Untersuchungsrichter des Gerichtshofes, der erst vor kurzer Zeit bei
-uns eingetroffen war. Und dieser dort – war der Polizeimeister, Mawrikij
-Mawrikitsch, den kannte er ja ganz genau, – ein alter Bekannter. Aber
-diese dort mit den Blechschildern, was wollen denn die? Und dann noch
-zwei Unbekannte, Bauernkerle wahrscheinlich ... Und dort an der Tür
-Kalganoff und Trifon Borissytsch ...
-
-„Meine Herren ... Was soll das, meine Herren?“ fing Mitjä an, doch
-plötzlich – rief er außer sich, als wäre er nicht mehr er selbst
-gewesen, laut, mit der ganzen Stimme:
-
-„Ich be – grei – fe!“
-
-Der jugendliche Kleine mit der Brille drängte sich plötzlich etwas vor
-und, zu Mitjä tretend, begann er, wenn auch ein wenig würdevoll, so doch
-gewissermaßen ziemlich eilig:
-
-„Wir haben an Sie ... Kurz, ich bitte Sie hierher, hierher zum Sofa ...
-Gewisse Umstände machen es unbedingt notwendig, daß wir Sie um gewisse
-Erklärungen bitten.“
-
-„Der Alte!“ schrie Mitjä außer sich auf. „Der Alte und sein Blut! ...
-Ich begreife!“
-
-Und wie von einem Keulenschlage getroffen, sank er, oder richtiger
-gesagt fiel er auf einen Stuhl, der neben ihm stand.
-
-„Du begreifst? Du hast es begriffen! Du Vatermörder und Ungeheuer, das
-Blut deines erschlagenen alten Vaters schreit hinter dir her!“ brüllte
-plötzlich, auf Mitjä zutretend, der alte Polizeichef ihn an.
-
-Er war außer sich, war dunkelrot vor Zorn und zitterte am ganzen Körper.
-
-„Aber das ist unmöglich, so geht das nicht!“ rief der kleine junge Mann.
-„Michail Makarytsch, Michail Makarytsch! So geht das nicht, das geht
-wirklich nicht so! ... Ich bitte Sie, mich allein sprechen zu lassen.
-Ich hätte nie von Ihnen erwartet, daß Sie so ...“
-
-„Aber das ist ja nicht möglich, meine Herren, das ist ja Wahnsinn!“
-schrie wieder der Alte. „Sehen Sie ihn an: in der Nacht, betrunken, mit
-einem liederlichen Mädchen, in dem Blute seines Vaters ... Wahnsinn,
-Wahnsinn!“
-
-„Ich bitte Sie nochmals ernstlich, lieber Michail Makarytsch, dieses Mal
-Ihre Gefühle zu beherrschen,“ flüsterte dem Alten schnell der
-stutzerhafte Stellvertreter des Staatsanwalts zu, „anderenfalls wäre ich
-gezwungen, Maßregeln zu ergreifen.“
-
-Aber der kleine Untersuchungsrichter unterbrach ihn; er wandte sich zu
-Mitjä und sagte mit fester Stimme, laut und wichtig:
-
-„Herr Leutnant Karamasoff, ich muß Ihnen mitteilen, daß Sie angeklagt
-sind, Ihren Vater Fedor Pawlowitsch Karamasoff in dieser Nacht ermordet
-zu haben ...“
-
-Er fügte noch etwas hinzu, auch der Stellvertreter des Staatsanwalts
-wandte noch etwas ein, doch Mitjä, der wohl ihre Worte hörte, begriff
-sie nicht mehr. Sein wilder Blick ging verständnislos von einem der
-Anwesenden zum anderen.
-
-
-
-
- Neuntes Buch. Die Voruntersuchung
-
-
- I.
- Der Anfang der Laufbahn des Beamten Perchotin
-
-Pjotr Iljitsch Perchotin, den wir vor dem Hause der Kaufmannswitwe
-Morosoff verlassen hatten, klopfte unentwegt und mit jedem Schlage
-stärker an das fest verschlossene Hoftor, bis er schließlich den
-Hofknecht aus dem Bett geklopft hatte. Als Fenjä, die sich vor Erregung
-und „Gedanken“ noch nicht entschlossen hatte, zu Bett zu gehen, ein so
-unbändiges Klopfen am Hoftor hörte, verlor sie vor Schreck fast die
-Besinnung. Sie war sofort überzeugt, daß der Ruhestörer kein anderer
-sein konnte als Dmitrij Fedorowitsch (obgleich sie selbst gesehen hatte,
-wie er mit Andrei fortgefahren war), denn sie sagte sich, daß so
-„gebieterisch“ nur er allein klopfen könne. So stürzte sie denn
-unverzüglich zum Hofknecht, der sich bereits zum Hoftor begab, und bat
-ihn himmelhoch, nicht zu öffnen und niemanden hereinzulassen. Der Alte
-wurde nachdenklich, erkundigte sich aber doch nach dem Namen des
-Klopfenden, und als er hörte, wer es war, und daß man Fedossja Markowna
-(Fenjä) in einer sehr wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte,
-entschloß er sich, das Fußpförtchen aufzuschließen. Als Perchotin mit
-dem Hofknecht, den Fenjä mit seiner Erlaubnis gebeten hatte, „von wegen
-des Bedenklichen“ mitzukommen, in die Küche eingetreten war, begann er
-unverzüglich sie auszufragen, und so erfuhr er denn alsbald das
-Wichtigste, nämlich: daß Dmitrij Fedorowitsch, als er fortgestürzt war,
-um Gruschenka zu suchen, die Mörserkeule ergriffen und in die Tasche
-gesteckt hatte, dann aber ohne dieselbe, doch mit blutigen Händen
-zurückgekehrt war. „Und das Blut triefte noch von ihm, triefte noch,
-triefte nur so von ihm!“ beteuerte Fenjä, die sich in der Aufregung
-dieses grauenhafte Bild wahrscheinlich ganz unwillkürlich schuf. Daß
-Mitjäs Hände mit Blut besudelt waren, hatte auch Perchotin gesehen,
-hatte ja selbst geholfen, sie reinzuwaschen, aber nicht darum handelte
-es sich jetzt, ob sie schnell oder langsam trocken geworden waren,
-sondern darum, wohin er, Dmitrij Fedorowitsch, mit der Mörserkeule
-gelaufen war, d. h., woraus man mit Bestimmtheit schließen konnte, daß
-es gerade zu seinem Vater gewesen sein mußte? Danach erkundigte sich
-Perchotin ausführlich, und obwohl er, genau genommen, nichts Bestimmtes
-erfuhr, so trug er doch die Überzeugung davon, daß Dmitrij Fedorowitsch
-einzig und allein zum Vater gelaufen sein konnte, und daß dort folglich
-„etwas“ geschehen sein mußte. „Als er aber zurückkam,“ unterbrach Fenjä
-erregt seinen Gedankengang, „und ich ihm alles gestanden hatte, da
-versuchte ich, ihn etwas auszufragen. ‚Täubchen Dmitrij Fedorowitsch,‘
-sagte ich, ‚warum sind denn Ihre beiden Hände so blutig?‘ – Da
-antwortete er mir, daß es Menschenblut sei, und daß er einen Menschen
-erschlagen habe ...“ Sie sagte, er habe ihr ohne weiteres alles
-gestanden und habe ersichtlich bereut, doch plötzlich sei er wieder wie
-ein Irrsinniger hinausgelaufen. „Da setzte ich mich und fing an
-nachzudenken,“ fuhr Fenjä fort, „und ich fragte mich, wohin er wohl so
-gelaufen sein mag? Da sagte ich mir, er wird nach Mokroje fahren und
-dort Agrafena Alexandrowna totschlagen. So lief ich denn hinaus, um ihn
-vielleicht noch in seiner Wohnung anzutreffen und himmelhoch zu bitten,
-daß er sie nicht totschlägt, und da traf ich ihn unterwegs bei
-Plotnikoffs und sah, daß er gerade nach Mokroje abfahren wollte, seine
-Hände aber schon reingewaschen waren.“ (Die reinen Hände hatte Fenjä
-sofort bemerkt.) Die alte Köchin Matrjona bestätigte, so weit sie
-konnte, die Aussagen ihrer Enkelin. Perchotin stellte noch einige Fragen
-und verließ dann in noch größerer Erregung das Haus der Morosowa, als er
-das Gasthaus verlassen hatte.
-
-Man sollte meinen, daß es für ihn das Nächstliegende gewesen wäre, zu
-Fedor Pawlowitsch Karamasoff zu gehen und sich dort zu erkundigen, ob
-nicht etwas Besonderes geschehen war, und dann erst, wenn sich sein
-Verdacht bestätigt hatte, zum Polizeichef zu gehen, wie er es sich fest
-vorgenommen. Aber das war so eine Sache. – Die Nacht war dunkel, das
-Hoftor des Karamasoffschen Hauses groß und schwer, das Klopfen nicht
-hörbar, und er hätte lange klopfen müssen – mit Fedor Pawlowitsch aber
-war er nur ganz oberflächlich bekannt. Und da würde er denn das ganze
-Haus aufwecken: man machte ihm auf, und es zeigte sich, daß nichts
-geschehen war, – und der spottlustige Fedor Pawlowitsch erzählt morgen
-in der ganzen Stadt die Geschichte, wie Pjotr Iljitsch Perchotin, der
-ihm völlig unbekannt ist, um Mitternacht zu ihm gelaufen kommt und wie
-ein Verrückter am Hoftor klopft, um zu erfahren, ob ihn nicht jemand
-totgeschlagen habe. Das aber wäre ein Skandal, und so etwas fürchtete
-Perchotin am meisten. Nichtsdestoweniger war die Unruhe, die ihn mit
-sich fortriß, so stark, daß er sich – allerdings fluchend, mit dem Fuß
-aufstampfend und mit einem Schimpfwort an die eigene Adresse –
-unverzüglich auf den Weg machte, doch diesmal nicht zu Fedor
-Pawlowitsch, sondern zu Frau Chochlakoff. Er beschloß, sie ohne alle
-Umschweife zu fragen, ob sie heute zu der und der Stunde Dmitrij
-Karamasoff dreitausend Rubel gegeben habe, und wenn sie dies verneinte,
-sofort zum Polizeichef zu gehen; falls sie es aber bejahte, alles bis
-auf den nächsten Tag aufzuschieben und zu sich nach Haus zurückzukehren.
-Nun sollte man mit Recht meinen, daß der Entschluß des jungen Mannes, in
-der Nacht, fast um elf Uhr, in das Haus einer ihm ganz unbekannten Dame
-zu gehen und sie womöglich aus dem Schlaf zu wecken, um an sie eine in
-ihrer Art gewiß etwas verfängliche Frage zu stellen, vielleicht noch
-vielmehr Aussichten bot, einen Skandal hervorzurufen, als wenn er zu
-Fedor Pawlowitsch gegangen wäre. Aber das geschieht bekanntlich –
-besonders in solchen oder ähnlichen Fallen – nicht selten mit den
-Entschlüssen der korrektesten und phlegmatischsten Leute. Übrigens war
-Perchotin in dieser Nacht nichts weniger als phlegmatisch. Sein ganzes
-Leben lang erinnerte er sich später, wie seine unbezwingbare Unruhe
-schließlich so groß geworden war, daß sie ihm Qual verursacht und ihn
-eigentlich gegen seinen Willen immer weiter getrieben hatte. Es versteht
-sich daher von selbst, daß er sich auf dem ganzen Wege zu ihr über seine
-Handlung ärgerte, aber: „Ich setze es durch, was es auch koste, ich
-setze es doch durch,“ wiederholte er mindestens zehnmal zähneknirschend
-vor sich hin. Und richtig – er führte auch durch, was er sich
-vorgenommen hatte.
-
-Es schlug gerade elf, als er sich dem Hause Frau Chochlakoffs näherte.
-In den Hof wurde er ziemlich bald eingelassen, doch auf die Frage, ob
-die gnädige Frau schon schlafe oder noch auf sei, konnte der Hofknecht
-nichts Bestimmtes sagen, außer daß sie sich um diese Zeit gewöhnlich
-schon zurückzuziehen pflege. „Aber der Herr kann es doch versuchen; will
-man empfangen, so empfängt man, will man nicht, dann nicht. Nur muß der
-Herr sich oben anmelden.“ Perchotin stieg die Paradetreppe hinauf, doch
-hatte er hier einen schweren Stand. Der Diener weigerte sich, ihn
-anzumelden, rief aber schließlich wenigstens die Zofe heraus. Perchotin
-bat höflich, aber in sehr bestimmtem Tone, ihn bei der gnädigen Frau
-anzumelden, und unbedingt noch hinzuzufügen, daß er in einer äußerst
-wichtigen Angelegenheit die gnädige Frau unverzüglich sprechen müsse,
-sich anderenfalls nie erdreistet hätte usw. Die Kammerzofe ging. Er
-blieb im Vorzimmer zurück und wartete. Frau Chochlakoff schlief
-allerdings noch nicht, hatte sich aber schon in ihr Schlafgemach
-zurückgezogen. Sie war seit dem Besuch Mitjäs sehr angegriffen und
-fühlte schon im voraus, daß sie in dieser Nacht der Migräne, die in
-solchen Fällen stets einzutreten pflegte, nicht entgehen werde. Sie
-hörte verwundert den Bericht ihrer Zofe an, befahl aber doch gereizt,
-den Herrn abzuweisen, wenn auch der unerwartete Besuch eines „hiesigen
-Beamten“, wie die Zofe sagte, „zu dieser Stunde!“ nicht wenig ihre
-Neugier reizte. Doch Perchotin war diesmal hartnäckig wie ein Maulesel
-(mit dieser Bezeichnung bedachte er sich selbst während des Wartens).
-Als er die Absage vernommen hatte, bat er sehr bestimmt und
-nachdrücklich, ihn nochmals anzumelden, und zwar gerade mit den Worten:
-daß es eine „äußerst wichtige Angelegenheit sei, und die gnädige Frau es
-vielleicht später bedauern werde, wenn sie ihn jetzt nicht empfinge.“
-„Es war mir damals geradezu, als wenn ich einen Berg unaufhaltsam
-hinabglitt,“ sagte er später bei der Wiedergabe jener Erlebnisse und der
-Schilderung seiner Empfindungen in jenen Stunden. Die Zofe betrachtete
-ihn nicht wenig erstaunt, ging aber doch, um ihn noch einmal anzumelden.
-Frau Chochlakoff war sehr betroffen durch das sonderbare Auftreten des
-nächtlichen Besuchers. Sie dachte nach und erkundigte sich, wie denn
-„dieser Mensch“ aussähe, und erfuhr, daß er „sehr anständig gekleidet,
-jung und sehr höflich“ sei. Ich muß hier noch bemerken, daß Perchotin
-als junger Mann tatsächlich gut aussah und das auch selbst von sich
-wußte. Frau Chochlakoff entschloß sich endlich, den Herrn zu empfangen.
-Sie war bereits in ihrem Hausrock und in Pantöffelchen, und so nahm sie
-noch einen Schal um. Perchotin wurde in den Empfangssalon gebeten, in
-dem sie vor kurzem auch Mitjä empfangen hatte. Er trat ein. Gleich
-darauf erschien auch die Hausfrau. Sie blickte ihn streng und mit etwas
-erstaunt fragendem Blick an. Ohne ihn aufzufordern, Platz zu nehmen,
-fragte sie:
-
-„Sie wünschen?“
-
-„Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich es gewagt habe, Sie zu so später
-Stunde zu belästigen. Es handelt sich um unseren gemeinsamen Bekannten
-Dmitrij Fedorowitsch Karamasoff,“ begann Perchotin, doch kaum hatte er
-diesen Namen ausgesprochen, als im Gesichte der Dame eine ungewöhnliche
-Veränderung vor sich ging und sie ihn heftig unterbrach:
-
-„Wie lange, wie lange wird man mich noch mit diesem furchtbaren Menschen
-peinigen!“ rief sie empört. „Wie wagen Sie es, mein Herr, eine Ihnen
-ganz unbekannte Dame in ihrem Hause zu dieser Stunde zu beunruhigen ...
-bei ihr zu erscheinen, um von einem Menschen zu sprechen, der sie hier,
-in diesem selben Empfangssalon vor drei Stunden beinahe erschlagen
-wollte, wenigstens hier mit den Füßen gestampft hat und schließlich in
-einer Art und Weise hinausgelaufen ist, wie sonst niemand ein
-anständiges Haus verläßt. Wissen Sie auch, mein Herr, daß ich mich über
-Sie bei Ihren Vorgesetzten beklagen werde ... Ich bitte Sie, mich sofort
-zu verlassen ... Ich ... ich bin Mutter, ich werde sofort ... ich ...
-ich ...“
-
-„Erschlagen!? So wollte er auch Sie erschlagen?“
-
-„Ja, hat er denn sonst jemanden schon umgebracht?“ erkundigte sich Frau
-Chochlakoff ungestüm.
-
-„Haben Sie die Güte, mich anzuhören, gnädige Frau, nur eine halbe Minute
-lang, und ich werde Ihnen in zwei Worten alles erklären,“ sagte
-Perchotin entschlossen. „Heute um fünf Uhr nachmittags borgte Herr
-Karamasoff, als Kamerad, zehn Rubel von mir, und ich weiß daher
-bestimmt, daß er kein Geld besaß. Und heute um neun Uhr abends kam er
-wieder zu mir und hielt ein Geldpaket in der Hand: es waren lauter
-Hundertrubelscheine, im ganzen ungefähr zwei-, wenn nicht dreitausend
-Rubel. Seine Hände jedoch und das Gesicht waren mit Blut befleckt, und
-er sprach und blickte einen an, als hätte er den Verstand verloren. Auf
-meine Frage, woher er so viel Geld bekommen habe, antwortete er, daß er
-es kurz vorher von Ihnen erhalten habe, daß Sie ihm dreitausend Rubel
-vorgestreckt hätten, damit er nach Sibirien in die Goldgruben fahre ...“
-
-Eine nervöse, krankhafte Erregung drückte sich im Gesichte Frau
-Chochlakoffs aus.
-
-„Mein Gott! Er hat seinen alten Vater erschlagen!“ rief sie erschrocken,
-die Hände zusammenschlagend. „Ich habe ihm nichts gegeben, nichts,
-nichts! Oh, laufen Sie, eilen Sie! ... Sprechen Sie kein Wort mehr!
-Retten Sie den alten Herrn, laufen Sie zu seinem Vater, oh, laufen Sie!
-...“
-
-„Erlauben Sie, gnädige Frau, so haben Sie ihm also kein Geld gegeben?
-Wissen Sie genau, daß Sie ihm nichts gegeben haben?“
-
-„Nichts, nichts habe ich ihm gegeben! Ich habe es ihm abgeschlagen, denn
-er versteht ja mit Geld gar nicht umzugehen. Er verließ mich
-wutschnaubend, und hier im Salon stampfte er sogar mit den Füßen. Er
-wollte sich auf mich stürzen, aber ich rettete mich noch rechtzeitig,
-indem ich dorthin in die Ecke lief ... Und ich werde Ihnen noch sagen,
-wie einem Menschen, dem ich nichts mehr verheimlichen will, daß er mich
-sogar beinahe angespien hat, können Sie sich so etwas vorstellen? Aber
-warum stehen wir denn? Ach, setzen Sie sich, bitte. Verzeihen Sie, ich
-... Oder laufen Sie lieber, laufen Sie, Sie müssen eilen, um den
-unglücklichen alten Herrn vor diesem schrecklichen Tode zu bewahren!“
-
-„Wenn er ihn aber schon erschlagen hat?“
-
-„Ach, mein Gott, das ist ja wahr! Aber was sollen wir denn jetzt tun?
-Was meinen Sie, was wir tun müssen?“
-
-Inzwischen hatten sie beide Platz genommen. Perchotin setzte ihr in
-kurzen Worten, doch ziemlich deutlich den ganzen Tatbestand auseinander,
-oder wenigstens das, was er miterlebt hatte, erzählte ihr auch noch von
-seinem Gespräch mit Fenjä, und daß Mitjä die Mörserkeule mitgenommen
-hatte. Alle diese Einzelheiten regten die nervöse Dame in einer Weise
-auf, wie es stärker nicht gut möglich gewesen wäre. Sie zitterte und
-hielt die Hände an die Schläfen ...
-
-„Stellen Sie sich vor, ich habe das vorausgefühlt! Ich besitze diese
-Fähigkeit – alles, was ich mir vorstelle, geht in Erfüllung. Und
-wieviel, wievielmal habe ich diesen schrecklichen Menschen angesehen und
-jedesmal dabei gedacht: Dieser Mensch wird mich erschlagen. Und so ist
-es jetzt auch gekommen ... Das heißt, wenn er jetzt auch nicht mich
-erschlagen hat, sondern seinen Vater, so ist das doch bestimmt nur
-deswegen geschehen, weil Gottes sichtbarer Finger ihn von mir abgelenkt
-hat. Und außerdem wird er sich geschämt haben, das zu tun, denn ich habe
-ihm mit diesen Händen ein kleines Heiligenbild umgehängt, hier, auf
-dieser Stelle, ein kleines Medaillon mit Reliquien von der heiligen
-Warwara ... Mein Gott, wie nah ich dem Tode in diesem Augenblick war,
-ohne es zu ahnen! Ich trat ganz dicht an ihn heran, und er neigte den
-Kopf, damit ich es ihm bequemer um den Hals legen konnte! Wissen Sie,
-Pjotr Iljitsch ... verzeihen Sie, ich glaube, Sie sagten, daß Sie so
-hießen – wissen Sie, ich glaube nicht an Wunder, aber dieses
-Heiligenbild und diese auf der Hand liegende wunderbare Rettung – das
-erschüttert mich dermaßen, daß ich wieder an alles mögliche zu glauben
-anfange. Haben Sie vom Staretz Sossima gehört? ... Ach, ich weiß nicht,
-wovon ich wieder rede ... Aber stellen Sie sich vor, dann hat er mich
-trotz dieses Heiligenbildes am Halse beinahe angespien ... Natürlich ist
-das kein Totschlag, aber immerhin ... und jetzt ist er ins Dorf
-gefahren! Aber wohin sollen wir jetzt, was sollen wir tun, was meinen
-Sie?“
-
-Perchotin erhob sich und erklärte, daß er geradeswegs zum Polizeichef
-gehen und ihm alles erzählen werde, der könne dann tun, was er für gut
-befinde.
-
-„Ach, das ist ein prächtiger, ein ganz prächtiger Mensch, ich kenne
-Michail Makarowitsch persönlich. Ja, gehen Sie unbedingt zu ihm. Wie
-findig Sie sind, wie gut Sie sich das ausgedacht haben. Wissen Sie, ich
-wäre an Ihrer Stelle bestimmt nicht darauf verfallen!“
-
-„Aber ich bitte Sie, es ist doch ganz natürlich ... Ich bin selbst ein
-guter Bekannter Michail Makarowitschs,“ bemerkte Perchotin, der immer
-noch stand, und nicht wußte, wie er sich von der liebenswürdigen Dame
-schneller verabschieden sollte.
-
-„Und wissen Sie, wissen Sie,“ unterbrach sie ihn, „Sie müssen mich
-unbedingt benachrichtigen von allem, was Sie dort sehen und erfahren ...
-und was schließlich an den Tag kommt ... und wie man ihn verurteilt, und
-wohin man ihn verschickt ... Sagen Sie, bei uns gibt es doch keine
-Todesstrafe? Aber kommen Sie, unbedingt, um mich von dem Ergebnis Ihres
-Gesprächs zu benachrichtigen, wenn auch um drei Uhr nachts, wenn nicht
-anders, auch um vier, oder gar um halb fünf ... Befehlen Sie, mich
-aufzuwecken, unbedingt, was es auch koste ... O mein Gott, ich werde ja
-überhaupt nicht einschlafen können. Oder sollte ich nicht selbst mit
-Ihnen fahren? ...“
-
-„N – nein, gnädige Frau, doch wenn Sie vielleicht so freundlich wären,
-ein paar Zeilen zu schreiben, auf alle Fälle, daß Sie Herrn Karamasoff
-kein Geld gegeben haben, so wäre das vielleicht nicht überflüssig ...
-ich meine, auf alle Fälle ...“
-
-„Unbedingt!“ Frau Chochlakoff eilte zu ihrem Schreibtisch. „Sie
-erschüttern mich einfach durch Ihre Umsicht in solchen Dingen,
-_vraiment_! ... Sie sind ein hiesiger Beamter? Das freut mich, daß Sie
-hier angestellt sind ...“
-
-Und noch während sie das sprach, schrieb sie mit ihrer großen
-Handschrift auf einen Bogen Postpapier diese Zeilen:
-
- „Nie in meinem Leben habe ich dem unglücklichen Dmitrij Fedorowitsch
- Karamasoff (ich sage unglücklich, denn das ist er jetzt) dreitausend
- Rubel geliehen, weder heute, noch sonst wann, niemals! Das beschwöre
- ich bei allem, was es Heiliges auf unserer Welt gibt.
-
- Katerina Chochlakowa.“
-
-„Hier! Da haben Sie es!“ Und sie überreichte es Perchotin. „Aber jetzt
-gehen Sie, retten Sie. Das ist eine große Tat von Ihnen.“
-
-Und sie machte dreimal das Zeichen des Kreuzes über ihm. Darauf
-begleitete sie ihn noch bis zum Vorzimmer.
-
-„Ich bin Ihnen so dankbar! Sie werden es mir nicht glauben, wie dankbar
-ich Ihnen dafür bin, daß Sie ganz zuerst zu mir gekommen sind. Wie kommt
-es, daß wir uns früher noch nicht begegnet sind? Es wird mich sehr
-freuen, Sie auch fernerhin in meinem Hause zu empfangen. Wie angenehm es
-ist, daß Sie als Beamter gerade hier Ihre Anstellung haben ... und so
-geschickt sind Sie in solchen Dingen ... Seien Sie überzeugt, daß ich
-alles, was in meiner Macht steht, für Sie tun werde ... Eine so tüchtige
-Kraft muß man zu schätzen wissen, und man wird es auch, man wird es
-auch, seien Sie überzeugt! Oh, ich protegiere immer die Jugend, ich habe
-ein Faible für Jugend! Unsere Jugend ist doch das Fundament unseres
-ganzen, jetzt so schwer niedergedrückten Vaterlandes, sie ist doch die
-ganze Hoffnung unseres Rußland ... Oh, gehen Sie, gehen Sie ...“
-
-Perchotin eilte bereits fort, sonst hätte sie ihn vielleicht noch nicht
-so bald entlassen. Übrigens hatte sie auf ihn einen ganz sympathischen
-Eindruck gemacht, sogar einen so sympathischen, daß dieser Eindruck
-teilweise selbst seinen Ärger über diese fremde Angelegenheit, in die er
-sich dummerweise hineingezogen sah, milderte. Der Geschmack der Menschen
-ist bekanntlich sehr verschieden. So dachte denn auch Perchotin,
-angenehm berührt, daß Frau Chochlakoff „keineswegs so bejahrt“ sein
-könne: „Im Gegenteil, ich hätte sie für ihre Tochter gehalten.“
-
-Und was wiederum Frau Chochlakoff betrifft, so war sie geradezu
-bezaubert durch den jungen Mann. „Wieviel Verständnis für alles Ernste,
-wieviel Korrektheit, und das in einem so jungen Mann unserer Zeit, und
-noch dazu bei solchen Manieren und solchem Äußern! Da wird nun geredet
-von den heutigen jungen Leuten, sie verständen nichts! Da habt ihr ein
-Beispiel“ usw. So kam es, daß sie das „schreckliche“ Ereignis selbst
-ganz vergaß. Erst als sie zu Bett ging, fiel ihr wieder ein, wie nah sie
-dem Tode gewesen war! „Entsetzlich, entsetzlich, wenn man daran denkt!“
-flüsterte sie. Das hinderte aber nicht, daß sie alsbald in festen süßen
-Schlaf sank. Ich hätte mich übrigens nie entschlossen, hier von so
-nebensächlichen Einzelheiten zu erzählen, wenn die soeben geschilderte
-Begegnung Perchotins mit der jugendlichen Witwe nicht das Sprungbrett zu
-der ganzen Laufbahn dieses umsichtigen und korrekten jungen Beamten
-geworden wäre. Noch jetzt erinnert man sich seiner kopfschüttelnd und
-bewunderungsvoll in unserem Städtchen, und auch ich werde vielleicht
-noch einiges über ihn zu sagen haben, bevor ich meine lange Erzählung
-von den Brüdern Karamasoff abschließe.
-
-
- II.
- Der Alarm
-
-Unser Kreispolizeichef Michail Makarowitsch Makaroff, ein
-verabschiedeter Oberstleutnant, war Witwer und ein guter Mensch. Er war
-vor kaum drei Jahren in unser Städtchen versetzt worden, doch hatte er
-bereits fertig gebracht, sich die allgemeine Sympathie zu erwerben, und
-zwar vor allen Dingen dadurch, daß er verstand, die Gesellschaft zu
-vereinigen. Er hatte immer Gäste im Hause, und es schien, daß er ohne
-sie überhaupt nicht leben konnte. Irgend jemand mußte unbedingt mit ihm
-speisen, wenn es auch nur ein einziger Gast war – ohne Gäste setzte man
-sich bei ihm nie zu Tisch. Er gab natürlich auch große Diners aus sehr
-verschiedenen, häufig etwas wunderlichen Anlässen. Wurden auch keine
-ausgesuchten Delikatessen geboten, so war doch die Tafel immer reich
-besetzt, und die Fischpasteten und alle Nationalpirogen großartig
-gebacken, und die Weine bestachen, wenn nicht durch die Qualität, so
-doch durch die Quantität. Das Billardzimmer war sogar sehr anständig
-ausgestattet, d. h. an den Wänden hingen in schwarzen Rahmen Bilder von
-englischen Rennpferden, was bekanntlich die obligatorische
-Billardzimmerdekoration in der Wohnung jedes unverheirateten Herrn ist.
-Jeden Abend wurde Karten gespielt, wenn auch nur an einem einzigen
-Tisch. Sehr oft jedoch versammelte sich bei ihm die ganze höhere
-Gesellschaft unserer Stadt mit Müttern und Töchtern zu Tanzabenden.
-Michail Makarowitsch war, wie gesagt, Witwer. Gleichwohl lebte er als
-„Familienvater“ in seinem Hause, da er seine verwitwete Tochter mit
-deren beiden Töchtern, also seinen Enkelinnen, zu sich genommen hatte.
-Diese Enkelinnen waren erwachsene junge Damen, die ihre Erziehung schon
-überstanden hatten. Sie waren beide von angenehmem Äußeren, waren beide
-heiter und unterhaltend, und so zogen sie – obwohl alle wußten, daß sie
-keine „Partien“ waren, da sie nichts mitbekommen sollten – doch unsere
-männliche Jugend der besseren Gesellschaft in das Haus ihres Großpapas.
-
-Was nun Michail Makarowitschs Beruf anbetraf, so war es in der Beziehung
-nicht sonderlich gut mit seinen Kenntnissen bestellt, doch erfüllte er
-schließlich seine Pflicht nicht schlechter als viele andere. Wenn man
-aufrichtig sein soll, so war er als Mensch ziemlich ungebildet und als
-Beamter um die Erwerbung einer klaren Vorstellung von den Grenzen seiner
-administrativen Macht wenig besorgt. Gewisse Reformen der gegenwärtigen
-Regierung konnte er immer noch nicht recht begreifen, oder er begriff
-sie unter auffallenden Irrtümern. Doch geschah das weniger aus
-Unbegabtheit als infolge einer recht ausgeprägten Sorglosigkeit, und da
-er sich versicherte, nie die Zeit zu haben, hinter die Dinge zu kommen.
-„Ich bin, meine Herren, mit Leib und Seele Soldat, und daher ist mir
-alles Zivile etwas gegen den Strich,“ äußerte er über sein Beamtentum.
-Selbst von den Prinzipien der letzten großen Reform, der Aufhebung der
-Leibeigenschaft, hatte er sich noch immer keine feste und genaue
-Vorstellung zu machen vermocht; doch vergrößerte er von Jahr zu Jahr,
-und zwar unwillkürlich, und durch praktische Erfahrungen, sein
-diesbezügliches Wissen, da er nämlich selbst Gutsbesitzer war. Perchotin
-wußte, daß er bei ihm bestimmt wenigstens einen Gast antreffen werde –
-nur wußte er natürlich nicht, wen. Währenddessen saßen bei Michail
-Makarowitsch der Staatsanwalt und unser Kreisarzt Warwinskij, ein junger
-Mann, der erst vor kurzem aus Petersburg zu uns gekommen war, und der
-seine Studien an der Petersburger Universität glänzend beendet hatte.
-Der Staatsanwalt jedoch, oder vielmehr der Stellvertreter des
-Staatsanwalts, der aber bei uns allgemein nur der Staatsanwalt genannt
-wurde, Hippolyt Kirillowitsch, war ein bemerkenswerter Mann, noch nicht
-alt, etwa fünfunddreißig, neigte leider stark zur Schwindsucht, und war
-sehr mager, wofür dann seine kinderlose Gattin um so korpulenter war. Es
-hieß, daß er sehr eigensüchtig und ehrgeizig sei, doch war er, bei einem
-tüchtigen Verstande, in der Seele ein guter Mensch. Ich glaube, das
-ganze Unglück seines Charakters bestand darin, daß er von sich eine
-etwas höhere Meinung hatte, als seine Begabung erlaubte. Das war wohl
-auch der Grund, warum er immer irgendwie unruhig zu sein schien. Und
-dazu hatte er noch einige höhere und sogar künstlerische Ansprüche, zum
-Beispiel ein guter Psychologe zu sein, die menschliche Seele ganz
-besonders gut zu kennen und die Gabe zu besitzen, den Verbrecher und
-sein Verbrechen richtig zu erkennen und zu beurteilen. In bezug auf
-diese Fähigkeiten war er reizbar und leicht beleidigt, hielt sich sofort
-für im Dienst umgangen oder gar zurückgesetzt, und war immer überzeugt,
-daß man ihn in den „höheren Sphären“ nicht zu schätzen wisse, und daß er
-daselbst viele Feinde habe. In trüben Stunden versicherte er sogar, daß
-er zur Advokatur übertreten werde. Da kam plötzlich der Kriminalprozeß
-der Karamasoffs wegen des Vatermordes und rüttelte Hippolyt
-Kirillowitsch auf. „Das ist ein Prozeß, der in ganz Rußland bekannt
-werden wird,“ sagte er. Doch ich greife vor.
-
-Im Nebenzimmer saß bei den jungen Damen auch unser junger
-Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der erst vor zwei
-Monaten aus Petersburg zu uns gekommen war. Später wunderte man sich
-nicht wenig darüber, daß alle diese Amtspersonen sich „gerade am Abend
-des Verbrechens im Hause der exekutiven Macht“ versammelt hatten.
-Indessen hatte sich das in ganz natürlicher Weise so getroffen: Die Frau
-Hippolyt Kirillowitschs, also des Staatsanwalts, litt schon den zweiten
-Tag an Zahnschmerzen, und so mußte der Herr Staatsanwalt doch
-irgendwohin vor ihrem Gestöhn flüchten. Der Kreisarzt jedoch konnte
-allein schon seinem Wesen nach den Abend nicht anders verbringen als am
-Kartentisch. Und Nikolai Parfenowitsch Neljudoff hatte es sich schon vor
-drei Tagen vorgenommen, an diesem Abend zu Michail Makarowitsch zu
-gehen, und zwar ganz zufällig, um hinterlistig die älteste Enkelin, Olga
-Michailowna, zu erschrecken, ihr nämlich plötzlich zu sagen, daß er um
-ihr „Geheimnis“ wisse: daß heute ihr Geburtstag sei, und daß sie dies
-absichtlich verheimlicht habe, um nicht wieder die ganze Gesellschaft zu
-einem Ball einladen zu müssen. Es war zu erwarten, daß man den Abend
-lustig verbringen werde, da Scherze über ihr Alter, über das
-„Geheimnis“, das er jetzt allen erzählen konnte, ihre vermutliche Angst
-deswegen usw. usw. genügend Stoff zum Lachen abgeben konnten. Der
-liebenswürdige junge Mann war in solchen Dingen ein großer Schlingel,
-wie ihn unsere Damen lachend nannten, und was ihm sehr zu gefallen
-schien. Übrigens war er gut erzogen, aus, guter Familie, hatte ein gutes
-Auftreten und gute Manieren, und wenn er auch ein Lebemann war, so blieb
-er doch ein innerlich unschuldiger und immer wohlerzogener, anständiger
-junger Mann. Was sein Äußeres anbelangt, so war er ziemlich klein von
-Wuchs und von schwächlichem, zartem Körperbau. An seinen schmalen und
-bleichen Fingern glänzten stets ein paar große teure Ringe. Wenn er
-seine Amtspflicht erfüllte, kam immer eine gewisse selbstbewußte Würde
-über ihn, als hielte er seine Bedeutung und seine Pflicht für etwas
-Heiliges. Besonders gut verstand er es, bei Verhören von Mördern und
-anderen Verbrechern aus dem Volke, dieselben durch seine Fragen zu
-verblüffen, und in ihnen, wenn auch nicht gerade Hochachtung für sich,
-so doch etwas wie bewunderndes Erstaunen zu erwecken.
-
-Als Perchotin beim Kreispolizeichef eintrat, blieb er ganz verdutzt
-stehen: er sah sofort, daß man schon alles wissen mußte. Man hatte die
-Karten im Stich gelassen, alle standen und berieten sich, und auch
-Nikolai Parfenowitsch war von den Damen herbeigeeilt und sah ungemein
-kampfbereit und entschlossen aus. Perchotin wurde mit der überraschenden
-Mitteilung empfangen, daß der alte Fedor Pawlowitsch Karamasoff am
-selben Abend in seinem Hause erschlagen worden war, erschlagen und
-beraubt. Erfahren hatte man es vor ein paar Minuten auf folgende Weise:
-
-Marfa Ignatjewna, die Frau des am Zaun von Mitjä verletzten Grigorij,
-schlief nach der eingenommenen Medizin ungewöhnlich fest in ihrem Bett
-und hätte wahrscheinlich bis zum Morgen so geschlafen – plötzlich aber
-wachte sie auf: der epileptische Schrei Ssmerdjäkoffs, der bewußtlos im
-Nebenzimmer gelegen hatte, war ihr durch Mark und Bein gefahren. Dieser
-Schrei, mit dem gewöhnlich die epileptischen Anfälle begannen, machte
-auf Marfa Ignatjewna stets einen so schrecklichen Eindruck, daß sie
-davon fast krank wurde. Sie hatte sich noch immer nicht an ihn gewöhnt,
-obgleich sie ihn doch oft genug gehört hatte. Halb besinnungslos sprang
-sie auf und stürzte in das Nebenzimmer zu Ssmerdjäkoff. Doch dort war es
-stockdunkel, und sie hörte nur, wie der Kranke unheimlich schnarchte und
-um sich schlug. Da schrie auch Marfa Ignatjewna auf, und rief ihren
-Mann, doch plötzlich fiel ihr ein, daß Grigorij, als sie aufgesprungen
-war, nicht neben ihr gelegen hatte. Sie lief zurück zum Bett und
-betastete es, doch das Bett war leer. „So ist er fortgegangen, – wohin?“
-Sie lief hinaus auf die Treppe und rief einmal ängstlich seinen Namen.
-Sie erhielt natürlich keine Antwort, aber es schien ihr, als hörte sie
-durch die windstille Nacht irgendwoher, gleichsam fern aus dem Garten,
-Gestöhn zu sich dringen. Sie horchte auf: da kam es wieder durch die
-Nacht, und sie hörte deutlich, daß es aus dem Garten kam. „Heilige
-Marie, das ist ja ganz wie damals die Lisaweta im Badehäuschen!“ dachte
-sie erschrocken. Ängstlich stieg sie die Stufen hinab, und da erst
-gewahrte sie, daß das Gartenpförtchen offen war. „Sicher ist er dort,
-mein Lieber,“ dachte sie, und ging zum Pförtchen. Doch dort vernahm sie
-plötzlich ganz deutlich, daß Grigorij sie rief: „Marfa, Marfa!“ mit
-schwacher, angstvoller Stimme, die wie ein Gestöhn klang. „Großer Gott,
-beschütz uns vor Unheil,“ flüsterte sie zitternd und eilte dann hin,
-woher der Ruf kam, und fand ihren Grigorij. Nur fand sie ihn nicht am
-Zaun, wo er niedergefallen war, sondern ungefähr zwanzig Schritt vom
-Zaun entfernt. Später stellte sich heraus, daß er, zu sich gekommen, zu
-kriechen begonnen hatte, und so aus eigener Kraft, natürlich mit
-Unterbrechungen und unter erneuter Besinnungslosigkeit, sich so weit
-geschleppt hatte. Marfa Ignatjewna bemerkte sofort, daß sein Gesicht
-blutüberströmt war, und sie begann laut zu schreien. Grigorij konnte nur
-leise und zusammenhanglos stammeln: „Erschlagen ... hat den Vater
-erschlagen ... was schreist du, dummes Weib ... lauf, ruf ...“ Doch
-Marfa Ignatjewna schrie unentwegt, so laut sie konnte. Da bemerkte sie
-aber, daß beim Herrn das Fenster offen und das Zimmer hell erleuchtet
-war, und sie lief, Fedor Pawlowitsch laut zu Hilfe rufend, hin zum
-Fenster. Als sie aber rufend in das Zimmer sah, erblickte sie etwas
-Grauenvolles: der Herr lag lang ausgestreckt auf dem Fußboden,
-regungslos. Sein heller Schlafrock und das weiße Hemd auf der Brust
-waren von Blut überströmt. Das Licht auf dem Tisch beleuchtete grell die
-roten Blutlachen und das starre Totengesicht der Leiche Fedor
-Pawlowitschs. Im größten Entsetzen taumelte Marfa Ignatjewna vom Fenster
-zurück und stürzte, so schnell sie konnte, aus dem Garten, riß den
-Riegel der Pforte auf und lief in die Nebengasse zur Nachbarin, zu Marja
-Kondratjewna. Dort klopfte sie wie wahnsinnig an die Fensterläden, bis
-sie schließlich beide Frauen, die natürlich schon fest schliefen,
-aufweckte und diese erschrocken ans Fenster gelaufen kamen. Marfa
-Ignatjewna erzählte, so gut sie konnte, d. h. schreiend und heulend, das
-Hauptsächliche und rief sie zu Hilfe. Es traf sich, daß auch Foma gerade
-bei ihnen übernachtete. Er wurde im Augenblick aus dem Bett gezogen, und
-so liefen denn alle drei zurück an den Ort des Verbrechens. Unterwegs
-erinnerte sich Marja Kondratjewna, am Abend, ungefähr um neun Uhr, einen
-lauten, durchdringenden Schrei gehört zu haben, und wie es ihr
-geschienen hatte, war er aus dem Karamasoffschen Garten gekommen. Das
-war derselbe Schrei gewesen, den Grigorij am Zaun ausgestoßen hatte,
-bevor er von Dmitrij Fedorowitschs Schlage zu Boden gestürzt war – sein
-Schrei: „Vatermörder!“
-
-„Ich hörte nur einen Schrei, es muß ein Mensch geschrien haben, und dann
-war wieder alles still,“ erzählte Marja Kondratjewna, während sie
-hinliefen. Im Garten hoben sie alle drei Grigorij auf und trugen ihn mit
-vereinten Kräften in die Leutewohnung. Sie machten sofort Licht, und da
-sahen sie, daß Ssmerdjäkoff noch immer um sich schlug: von den Augen im
-Krampf war nur das Weiße zu sehen, und Schaum stand ihm vor dem Munde.
-Grigorijs Kopf wurde mit Wasser und Essig gewaschen. Er kam alsbald zu
-sich, und seine erste Frage war: „Lebt der Herr noch, oder ist er tot?“
-Da liefen denn die beiden Frauen und Foma zum Herrenhause, und erst
-jetzt bemerkten sie, daß nicht nur das Fenster, sondern auch die Tür,
-die aus dem Hause in den Garten führte, weit offen war, während der Herr
-sich doch schon seit einer Woche an jedem Abend fest und sorgfältig
-einzuschließen pflegte und sogar Grigorij strengstens verboten hatte,
-was auch geschehen sollte, an die Tür oder das Fenster zu klopfen. Als
-sie nun diese offene Tür sahen, wollte niemand zum Herrn hineingehen,
-„damit man nicht am Ende noch uns für die Mörder hält.“ Als sie darauf
-noch unentschlossen zu Grigorij zurückkehrten, befahl der sofort,
-unverzüglich zum Polizeichef zu laufen. So machte sich denn Marja
-Kondratjewna auf und lief zu Michail Makarowitsch, bei dem sie alle in
-nicht geringe Aufregung versetzte. Perchotin erschien vielleicht nur
-fünf Minuten später, so daß seine Aussagen nicht mehr vage Vermutungen
-waren, sondern durch das Beweismaterial, das er vorbrachte, nur noch den
-allgemeinen Verdacht, wer der Mörder sein konnte, verstärkten. Perchotin
-selbst hatte sich bis zum letzten Augenblick noch immer geweigert, daran
-zu glauben.
-
-Man beschloß, energisch zu handeln. Der Gehilfe des Polizeimeisters
-wurde sofort beauftragt, vier Zeugen für die Haussuchung und zur
-Hilfeleistung aufzutreiben, und dann begab man sich zum Karamasoffschen
-Hause, wo man nach allen vorschriftsmäßigen Regeln, die ich hier nicht
-weiter erörtern will, den Tatbestand aufnahm. Der Kreisarzt, der als
-junger Praktikant noch für Ausnahmefälle interessiert war, hatte
-natürlich sofort gebeten, die Herren begleiten zu dürfen. Ich will hier
-nur noch kurz bemerken, daß sie Fedor Pawlowitsch tot vorfanden, mit
-eingeschlagenem Schädel. Womit aber war der Schädel eingeschlagen
-worden? Am wahrscheinlichsten wohl mit derselben Waffe, mit der der
-Mörder später auch Grigorij zu Boden gestreckt hatte. Man verhörte
-Grigorij, dem inzwischen die nötige ärztliche Hilfe zuteil geworden war,
-und erfuhr von ihm, in ziemlich zusammenhängender Rede, obwohl er nur
-leise und mit Unterbrechungen sprechen konnte, was er gesehen hatte.
-Daran begab man sich mit einer Laterne zum Zaun, begann dort zu suchen
-und fand sogleich die Mörserkeule, die auf dem Gartenwege, auf der
-sichtbarsten Stelle lag. Im Zimmer Fedor Pawlowitschs war keinerlei
-verdächtige Unordnung zu bemerken, doch hinter dem „chinesischen“ Schirm
-fand man vor dem Bett ein großes Kuvert von dickem Papier in
-Kanzleiformat, mit der Aufschrift: „Ein kleines Geschenk für meinen
-Engel Gruschenka, wenn sie zu mir kommen will,“ und darunter war
-gleichfalls von Fedor Pawlowitsch, wahrscheinlich etwas später, noch
-hinzugefügt, „und Küchelchen“. Auf der anderen Seite des Kuverts waren
-drei große Siegel von rotem Siegellack, doch das Kuvert war bereits
-aufgerissen und leer: das Geld war herausgenommen. Auch fand man dort
-noch auf dem Fußboden ein rosarotes Bändchen, mit dem das Kuvert
-kreuzweis umbunden gewesen war. Von den Aussagen Perchotins machte auf
-den Staatsanwalt und den Untersuchungsrichter besonders die eine
-Mitteilung großen Eindruck: daß Dmitrij Fedorowitsch sich bestimmt am
-Morgen erschießen werde, daß er es beschlossen, in seiner Gegenwart die
-Pistole geladen, den Zettel geschrieben und in die Tasche gesteckt habe
-usw., und daß Mitjä auf Perchotins Drohung, es jemandem anzuzeigen,
-lächelnd geantwortet hatte: „Kommst zu spät, mein Lieber.“ Daraus ging
-hervor, daß man sich so schnell als möglich nach Mokroje aufmachen
-mußte, um den Verbrecher, noch bevor er seine Absicht verwirklichen
-konnte, zu verhaften. „Das ist doch klar, das liegt doch auf der Hand!“
-wiederholte der Staatsanwalt, der die ganze Zeit über sehr lebhaft war.
-„Das ist so echt ihre Art, ich meine, die Art der Verbrecher seines
-Schlages: morgen erschieße ich mich, vorher aber geh ich noch einmal
-durch.“ Die Schilderung, wie Mitjä bei Plotnikoff Wein und Eßwaren
-bestellt und mitgenommen hatte, brachte den Staatsanwalt nur noch mehr
-auf. „Erinnern Sie sich noch, meine Herren, jenes jungen Burschen, der
-den Kaufmann Oljssufjeff erschlagen hatte und für die geraubten
-tausendfünfhundert Rubel sich frisieren ließ und sich gleichfalls, ohne
-das Geld ordentlich zu verstecken, unverzüglich zu den Frauenzimmern
-begab.“ Einstweilen aber ging es nicht an, sich sofort nach Mokroje
-aufzumachen, da die Voruntersuchung im Hause Fedor Pawlowitschs, die
-Verhöre und Formalitäten noch nicht beendet waren. Das nahm noch viel
-Zeit in Anspruch, und so schickte man vorläufig Mawrikij Mawrikjewitsch
-Schmerzoff, der am Tage vorher in die Stadt gekommen war, um sein
-Monatsgehalt in Empfang zu nehmen, nach Mokroje voraus. Er wurde
-beauftragt, wenn er dort angekommen sei, den „Mörder“ ganz unauffällig,
-„damit er nicht den geringsten Verdacht schöpfe“, zu bewachen, bis die
-anderen nachgekommen wären, und inzwischen auch den Dorfschulzen, den
-Bauernamtmann und Zeugen aufzutreiben. Das tat denn auch Mawrikij
-Mawrikjewitsch. Er blieb inkognito und weihte nur Trifon Borissytsch,
-bei dem er schon oft abgestiegen war, und der ihn gut kannte, zum Teil
-in sein Geheimnis ein. Das war kurz vorher geschehen, als Mitjä dem Wirt
-in der Dunkelheit auf der kleinen Galerie begegnet war und in dessen
-Reden wie im ganzen Verhalten zu ihm eine Veränderung wahrgenommen
-hatte. So wußte weder Mitjä noch sonst jemand von den Gästen, daß er
-bewacht wurde. Der Pistolenkasten war von Trifon Borissytsch bereits an
-einem verschwiegenen Orte wohlweislich versteckt worden. Erst um fünf
-Uhr morgens, also noch vor Tagesanbruch, kam die Obrigkeit, der
-Kreispolizeichef, der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter in zwei
-Wagen, jeder mit einer Troika bespannt, in Mokroje an. Der Doktor war in
-der Stadt zurückgeblieben, da er am Morgen die Obduktion der Leiche des
-Erschlagenen vornehmen wollte und ihn außerdem der Zustand des kranken
-Dieners Ssmerdjäkoff außerordentlich interessierte.
-
-„So heftigen und so lange andauernden Anfällen der Epilepsie, die sich
-im Verlaufe von ganzen achtundvierzig Stunden ununterbrochen
-wiederholen, begegnet man nur äußerst selten, das ist ein Fall, der der
-Wissenschaft gehört,“ hatte er, ganz Interesse, seinen abfahrenden
-Partnern gesagt, und die hatten ihn lachend beglückwünscht. Bei der
-Gelegenheit hatten sich auch noch der Staatsanwalt sowie der
-Untersuchungsrichter gemerkt, daß der Doktor in überzeugtem Tone noch
-hinzugefügt hatte, Ssmerdjäkoff werde den Morgen nicht mehr erleben.
-
-Nach dieser langen, doch unvermeidlichen Erklärung kehre ich wieder zu
-dem Zeitpunkt meiner Erzählung zurück, wo ich sie im vorhergehenden
-Buche unterbrochen habe.
-
-
- III.
- Der Gang der Seele durch die Hölle.
- Das erste Purgatorium
-
-So saß Mitjä und sah mit wildem Blick die Anwesenden die rings um ihn
-standen, an, ohne zu verstehen, was man zu ihm sprach. Plötzlich stand
-er auf, hob die Arme empor und rief laut:
-
-„Ich bin unschuldig! An diesem Blute trage ich keine Schuld! An dem
-Blute meines Vaters bin ich unschuldig ... Ich wollte ihn erschlagen,
-aber ich habe es nicht getan! Ich bin unschuldig!“
-
-Doch kaum hatte er das ausgesprochen, als Gruschenka den Vorhang zur
-Seite riß und sich nach zwei Schritten wie gebrochen dem Polizeichef zu
-Füßen warf.
-
-„Ich bin es, ich! Ich Sündige, ich trage die Schuld!“ rief sie mit einer
-Stimme, einer Verzweiflung, die die Seele zerriß. Ihr Gesicht war von
-Tränen überströmt, und in verzweifelter Selbstanklage erhob sie flehend
-die Hände. „Meinetwegen hat er gemordet! Ich habe ihn so weit gebracht,
-ich bin es, die ihn so gemartert hat! Und auch den armen Alten habe ich
-gequält und so weit gebracht! Ich bin die Schuldige, die Hauptschuld
-trage ich allein, ich bin die erste Schuldige!“
-
-„Ja, du bist die Schuldige! Du bist die Hauptverbrecherin! Du
-schamloses, verderbtes Weib, du bist die Hauptschuldige!“ schrie, mit
-der Faust drohend, der Polizeichef sie an.
-
-Doch er wurde sofort und fast mit Gewalt besänftigt. Der Staatsanwalt
-umfaßte ihn sogar mit beiden Armen.
-
-„Das geht denn doch nicht, Michail Makarowitsch ... auf diese Weise
-stören Sie nur die Untersuchung ... und schaden der Sache ...“ redete er
-ihm zu.
-
-„Maßregeln ergreifen, Maßregeln ergreifen, unbedingt Maßregeln!“ brauste
-auch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff nervös auf, „anders ist es ganz
-unmöglich, entschieden ganz unmöglich! ...“
-
-„Richtet uns zusammen!“ fuhr Gruschenka außer sich fort, immer noch auf
-den Knien liegend, „richtet uns zusammen hin, ich gehe mit ihm selbst in
-den Tod!“
-
-„Gruscha, du! mein Leben du, mein Blut, mein Heiligstes!“ Mitjä stürzte
-zu ihr nieder und preßte sie in der Umarmung wild und verzweifelt an
-sich. „Glauben Sie ihr nicht,“ rief er, „an nichts ist sie schuldig, an
-keinem Blute und an nichts, nichts, nicht die geringste Schuld kann sie
-treffen!“
-
-Er erinnerte sich später noch dunkel, daß ihn mehrere Männer mit Gewalt
-von ihr fortrissen, daß sie plötzlich hinausgebracht wurde, und daß er
-schließlich, schon am Tisch auf einem Stuhl sitzend, wieder zur
-Besinnung gekommen war. Neben und hinter ihm standen die Leute mit den
-Blechschildern auf der Brust. An der anderen Seite des Tisches, ihm
-gegenüber auf dem Sofa, saß Neljudoff, der Untersuchungsrichter, und
-redete ihm immer wieder zu, aus dem Glase, das vor ihm stand, etwas
-Wasser zu trinken. „Das wird Sie erfrischen und beruhigen, fürchten Sie
-sich nicht, beunruhigen Sie sich nicht,“ fügte er immer wieder äußerst
-höflich hinzu. Später erinnerte sich Mitjä noch, daß die großen Ringe
-des Sprechers ihn plötzlich lebhaft interessiert hatten, der eine Ring
-mit einem Amethyst und der andere mit einem hellgelben, klaren Stein von
-wundervollem Feuer. Und lange noch nachher erinnerte er sich verwundert,
-wie diese Ringe seinen Blick unwiderstehlich während dieses ganzen
-schrecklichen Verhörs immer wieder angezogen, und wie er sich aus
-irgendeinem Grunde weder von ihnen hatte losreißen, noch sie, als für
-seine Lage doch völlig gleichgültige Gegenstände, hatte vergessen
-können. Links, seitlich von Mitjä, saß auf dem Platz, wo zu Anfang des
-Abends Maximoff gesessen hatte, der Staatsanwalt, und rechts von ihm –,
-auf dem Platz, den Gruschenka eingenommen hatte, saß ein rotwangiger
-junger Mann in einem abgetragenen Rock, der einer Jägerjoppe glich. Vor
-ihm befand sich bereits ein Tintenfaß und Papier. Das war der
-Schriftführer des Untersuchungsrichters, den dieser aus der Stadt
-mitgenommen hatte. Der Polizeichef stand aber jetzt am Fenster, am
-anderen Ende des Zimmers neben Kalganoff, der sich dort auf einen Stuhl
-niedergelassen hatte.
-
-„Trinken Sie doch Wasser!“ wiederholte sanft, vielleicht schon zum
-zehntenmal der Untersuchungsrichter.
-
-„Ich habe getrunken, meine Herren ... aber ... nun, was, meine Herren,
-erdrücken Sie mich, richten Sie mich hin, entscheiden Sie über mein
-Geschick!“ rief Mitjä der ihn mit unheimlich starrem Blick aus weit
-offenen Augen ansah.
-
-„Also, Sie behaupten positiv, am Tode Ihres Vaters Fedor Pawlowitsch
-Karamasoff unschuldig zu sein?“ fragte freundlich, doch nachdrücklich
-der Untersuchungsrichter.
-
-„Ja, ich bin unschuldig! Schuld bin ich an einem anderen Blute, am Blute
-eines anderen alten Mannes, doch nicht am Blute meines Vaters. Und ich
-bereue es! Ich habe den Alten erschlagen, erschlagen und niedergestreckt
-... Doch schwer ist es, dieses Blutes wegen für ein anderes Blut
-einstehen zu müssen, für ein furchtbares Blut, an dem ich unschuldig bin
-... Es ist eine furchtbare Anklage, meine Herren ... als hätte man mich
-mit einem Keulenschlag auf den Kopf getroffen! Aber wer hat denn den
-Vater erschlagen, wer hat ihn erschlagen? Wer anders hat ihn denn
-erschlagen können, wenn ich es nicht war? Da muß ein Wunder geschehen
-sein, etwas Ungereimtes, etwas Unmögliches, Undenkbares! ...“
-
-„Ja, das ist es nun, wer anders hätte ihn erschlagen können? ...“ begann
-der Untersuchungsrichter, doch der Staatsanwalt (wir wollen ihn der
-Kürze wegen so nennen, obgleich er nur der Stellvertreter des
-Staatsanwalts war) wechselte mit ihm einen Blick und sagte dann zu Mitjä
-gewandt:
-
-„Sie beunruhigen sich diesmal ganz unnötigerweise wegen des Dieners
-Grigorij Wassiljewitsch. Ich kann Ihnen mitteilen, daß er lebt; er ist
-bald darauf wieder zu sich gekommen und wird trotz der schweren
-Verletzung, die, nach seiner und jetzt auch nach Ihrer Aussage, _Sie_
-ihm zugefügt haben, wahrscheinlich am Leben bleiben, oder vielmehr
-bestimmt, wenigstens nach der Aussage des Arztes.“
-
-„Er lebt? So ist er nicht erschlagen?“ schrie Mitjä wie wahnsinnig auf
-und hob die Hände empor. Sein ganzes Gesicht strahlte. „Mein Herr und
-mein Gott, ich danke Dir für das Wunder, das Du für mich, den Sünder und
-Missetäter hast geschehen lassen, daß Du mein Gebet erhört hast! ... Ja,
-ja, auf mein Gebet hin ist es geschehen – ich habe doch die ganze Nacht
-gebetet!“
-
-Und er bekreuzte sich dreimal. Er war ganz atemlos vor Freude.
-
-„Nun und von diesem Grigorij haben wir die so wichtigen Aussagen gegen
-Sie erhalten, daß ...“ wollte der Staatsanwalt fortfahren, doch Mitjä
-sprang plötzlich vom Stuhl auf und unterbrach ihn:
-
-„Auf einen Augenblick, meine Herren, um Gottes willen, nur auf eine
-Minute; ich will nur schnell zu ihr laufen ...“
-
-„Erlauben Sie! Das ist unmöglich! In diesem Augenblick ist das ganz
-ausgeschlossen!“ rief mit einer Stimme, die vor Erregung ganz schrill
-klang, der Untersuchungsrichter, der sofort gleichfalls aufgesprungen
-war. Mitjä wurde von den Männern mit den Blechschildern auf der Brust
-ergriffen, doch setzte er sich bereits von selbst wieder auf seinen
-Stuhl.
-
-„Wie schade! Ich wollte ja nur auf einen Augenblick zu ihr ... um ihr zu
-sagen, daß es abgewaschen ist, daß es verschwunden ist, dieses Blut, das
-die ganze Nacht mein Herz gequält hat, daß ich jetzt nicht mehr ein
-Mörder bin, wie ich glaubte! Meine Herren, sie ist doch jetzt meine
-Braut!“ sagte er plötzlich begeistert, ganz verzückt und jubelnd,
-während seine seligen Blicke von dem einen zum anderen gingen. „Oh, ich
-danke Ihnen, meine Herren! Wenn Sie wüßten, was diese Mitteilung für
-mich ist! Sie haben mich von den Toten auferweckt! ... Dieser Greis –
-der hat mich doch auf den Armen getragen, mich als dreijähriges Kind im
-Waschtroge gebadet, als mich alle vergessen hatten, er war wie ein
-leiblicher Vater zu mir! ...“
-
-„Also, Sie ...“ wollte wieder der Untersuchungsrichter beginnen.
-
-„Gestatten Sie, meine Herren, nur noch eine Minute!“ unterbrach Mitjä
-von neuem; er stützte die Ellenbogen auf den Tisch und bedeckte das
-Gesicht mit den Händen. „Nur einen Augenblick, um mich etwas zu sammeln,
-nur einmal aufzuatmen, meine Herren. So etwas erschüttert einen
-unglaublich, der Mensch ist doch kein – Trommelfell, meine Herren!“
-
-„Würden Sie nicht etwas Wasser trinken ...“ forderte wieder der
-Untersuchungsrichter ein wenig zerstreut auf.
-
-Da ließ aber Mitjä auch schon die Hände sinken, und lachend lehnte er
-sich zurück. Sein Blick war wieder munter, und der ganze Mensch schien
-sich in dieser einen Minute verändert zu haben. Auch sein ganzer Ton und
-seine ganze Haltung waren verändert: er saß wieder als Gleichgestellter
-unter ihnen, wie er vielleicht gestern, als noch nichts geschehen war,
-mit diesen seinen früheren Bekannten irgendwo in der Gesellschaft
-zusammengesessen hätte. Übrigens muß ich hier noch bemerken, daß er zu
-Anfang seines Aufenthaltes bei uns im Hause des Polizeichefs sehr
-herzlich empfangen worden war; doch später, besonders im letzten Monat,
-hatte Mitjä seine Besuche in diesem Hause fast ganz eingestellt; und so
-hatte denn Michail Makarowitsch bei Begegnungen, z. B. auf der Straße,
-stets eine wichtige Miene gemacht und seinen Gruß eigentlich nur aus
-Höflichkeit erwidert, was von Mitjä sehr wohl bemerkt worden war. Mit
-dem Staatsanwalt war er nur ganz oberflächlich bekannt, doch der
-Gemahlin desselben – es war eine nervöse und phantastische Dame –, hatte
-er zuweilen seine Aufwartung gemacht, wenn es auch immer nur höchst
-ehrerbietige und rein gesellschaftliche kurze Visiten gewesen waren.
-Eigentlich hatte er selbst nicht recht gewußt, warum er zu ihr ging,
-doch hatte sie ihn jedesmal sehr freundlich empfangen und für ihn ein
-Interesse gezeigt, das sich bis zur letzten Zeit nicht verringert hatte.
-Mit dem jungen Untersuchungsrichter Nikolai Parfenowitsch Neljudoff
-hatte er aus Mangel an einer Gelegenheit noch nicht Freundschaft
-geschlossen, doch war er auch mit ihm zusammengekommen und hatte sogar
-zweimal mit ihm gesprochen – beide Male über das weibliche Geschlecht.
-
-„Sie, Nikolai Parfenowitsch, sind ja, wie ich sehe, ein famoser
-Untersuchungsrichter,“ begann Mitjä lachend, „aber ich werde Ihnen jetzt
-selbst bei der Sache behilflich sein. Oh, meine Herren, jetzt bin ich ja
-erlöst, – Grigorij lebt! ... Und tragen Sie es mir nicht nach, daß ich
-mich so ohne Umstände und gerade heraus an Sie wende. Zudem bin ich noch
-ein wenig betrunken, das gestehe ich ganz offen ein. Ich glaube, ich
-hatte die Ehre, Nikolai Parfenowitsch ... die Ehre und das Vergnügen,
-bei meinem Verwandten Miussoff Ihre Bekanntschaft zu machen ... Das
-heißt, meine Herren, ich erhebe ja keinen Anspruch auf völlige
-Gleichstellung mit Ihnen ... Ich begreife doch, als was ich in diesem
-Augenblick vor Ihnen sitze. Auf mir ruht ... wenn Grigorij gegen mich
-ausgesagt hat ... so ruht, – nun, versteht sich, es lastet auf mir ein
-schrecklicher Verdacht! Entsetzlich, entsetzlich! – ich verstehe das
-doch vollkommen! Aber zur Sache, meine Herren, ich bin bereit, und wir
-werden das alles im Augenblick erledigen, denn, nicht wahr, wenn ich
-weiß und Ihnen sage, daß ich unschuldig bin, so kann doch alles sofort
-erledigt werden! Nicht wahr, meine Herren?“
-
-Mitjä sprach rasch und viel, er sprach unruhig, doch von ganzem Herzen
-aufrichtig – als hielte er seine Zuhörer für seine besten Freunde.
-
-„Also: wir können somit niederschreiben, daß Sie die gegen Sie
-erhobene Anklage radikal zurückweisen?“ fragte Neljudoff, der
-Untersuchungsrichter, eindringlich, und diktierte darauf, zum Schreiber
-gewandt, halblaut, was dieser zu notieren hatte.
-
-„Niederschreiben? Sie wollen das niederschreiben? Nun, so schreiben Sie
-nieder, soviel Sie wollen ... ich habe nichts dagegen, Sie haben mein
-volles Einverständnis. Meine Herren ... Nur, sagen Sie ... Halt, nein,
-warten Sie, schreiben Sie so: Ihn trifft die Schuld an ... nun, an
-Gewalttätigkeiten, schweren Verletzungen, die er dem armen Alten
-zugefügt hat, darin bekennt er sich schuldig. Nun und dann noch für
-mich, in meinem Inneren, in der Tiefe des Herzens bin ich schuldig, –
-aber das ist nicht mehr nötig, aufzuschreiben“ (er wandte sich an den
-Schreiber), „das sind bereits meine privaten Angelegenheiten, das geht
-Sie, meine Herren, nichts mehr an, diese tiefsten Herzensgeheimnisse,
-das heißt ... ‚Was aber die Ermordung des alten Vaters betrifft‘ –
-schreiben Sie – ‚so ist er – _unschuldig_!‘ Das ist Wahnsinn, das ist
-vollkommener Wahnsinn! ... Ich werde es Ihnen beweisen, und Sie werden
-sich sofort überzeugen. Sie werden noch lachen, meine Herren, Sie werden
-noch über Ihren Verdacht lachen! ...“
-
-„Beruhigen Sie sich, Dmitrij Fedorowitsch,“ – damit erinnerte ihn der
-Untersuchungsrichter an seine Aufführung und wollte offenbar durch die
-eigene Ruhe die Erregung des anderen besänftigen. „Bevor wir das Verhör
-fortsetzen, würde ich, vorausgesetzt, daß Sie einwilligen zu antworten,
-gerne nochmals von Ihnen die Bestätigung der Tatsache vernehmen wollen,
-daß Sie den verstorbenen Fedor Pawlowitsch, wie es scheint, nicht
-geliebt und mit ihm fortgesetzt Streit gehabt haben ... Wenigstens haben
-Sie hier vor ungefähr einer Viertelstunde, wenn ich mich nicht täusche,
-selbst etwas Derartiges geäußert: daß Sie sogar die Absicht gehabt
-hätten, ihn zu erschlagen. ‚Ich habe ihn nicht erschlagen, aber ich
-wollte ihn erschlagen!‘ riefen Sie aus, soviel ich mich dessen
-erinnere.“
-
-„Ich soll das ausgerufen haben? Nun ja, das kann sehr wohl sein! Meine
-Herren, allerdings, zum Unglück wollte ich ihn erschlagen, sogar
-mehreremal habe ich es gewollt ... zum Unglück, leider!“
-
-„Also, Sie wollten es. Würden Sie nicht auch bereit sein, uns zu
-erklären, welches die Ursachen Ihres Hasses auf Ihren Vater waren?“
-
-„Was ist da zu erklären, meine Herren!“ sagte Mitjä mit finsterem
-Gesicht, zuckte mit der einen Schulter und senkte den Blick zu Boden.
-„Ich habe doch meine Gefühle wahrlich nicht verborgen, die ganze Stadt
-spricht ja davon, – alle Menschen im Gasthause haben es gehört. Noch vor
-ein paar Tagen habe ich es im Kloster, in der Zelle des Staretz Sossima
-erklärt ... Und am Abend desselben Tages habe ich den Vater noch
-verprügelt und beinahe totgeprügelt, und dann noch geschworen,
-wiederzukommen und ihn ganz zu erschlagen, und alles in Gegenwart von
-Zeugen ... Oh, Zeugen gibt es zu Tausenden! Habe ich doch den ganzen
-Monat zu allen davon gesprochen, alle sind Zeugen! ... Die Tatsache
-liegt ja auf der Hand, die Tatsache spricht, schreit, aber – die
-Gefühle, meine Herren, die Gefühle, um die es sich dabei handelt, die
-sind etwas anderes. Sehen Sie, meine Herren“ (Mitjäs Gesicht
-verfinsterte sich), „ich glaube, daß Sie nicht berechtigt sind, mich
-nach meinen Gefühlen zu fragen. Für Sie bin ich natürlich überführt, ich
-begreife das sehr gut, aber das – das geht nur mich etwas an, das ist
-meine Sache, meine innere, intime Angelegenheit, jedoch ... da ich auch
-früher schon meine Gefühle nicht verheimlicht habe ... im Gasthause zum
-Beispiel, und allen und jedem davon gesprochen habe, so ... so werde ich
-auch jetzt kein Geheimnis daraus machen ... Sehen Sie, meine Herren, ich
-begreife sehr gut, daß in diesem Falle schwere Beweise gegen mich
-vorliegen: ich habe allen gesagt, daß ich ihn totschlagen werde, und
-plötzlich ist er erschlagen: wer soll es nun getan haben, wenn nicht
-ich? Ha – ha! Ich entschuldige Sie, meine Herren, ich entschuldige Sie
-vollkommen. Bin ich doch selbst ganz betroffen, denn wer kann ihn
-schließlich in diesem Falle erschlagen haben, wenn nicht ich? So verhält
-es sich doch, nicht wahr? Wenn ich es nicht getan habe, wer dann, wer
-dann? Meine Herren,“ rief er plötzlich unruhig, „ich will es wissen, ich
-verlange von Ihnen, daß Sie mir sagen, meine Herren: Wo ist er
-erschlagen worden? Wie erschlagen, womit und wie? Sagen Sie es mir!“
-
-Sein fragender Blick ging zwischen dem Staatsanwalt und dem
-Untersuchungsrichter hin und her.
-
-„Wir fanden ihn auf dem Fußboden seines Schlafzimmers ausgestreckt auf
-dem Rücken liegen. Die Schädeldecke war eingeschlagen,“ sagte der
-Staatsanwalt.
-
-„Grauenvoll!“ Mitjä fuhr plötzlich zusammen und bedeckte das Gesicht,
-den Arm auf den Tisch stützend, mit der rechten Hand.
-
-„Wir fahren also fort im Verhör,“ begann wieder der
-Untersuchungsrichter. „Also: Was war die Ursache Ihres Hasses auf Fedor
-Pawlowitsch? Ich glaube, Sie haben öffentlich gesagt, daß es Eifersucht
-gewesen sei?“
-
-„Nun ja, Eifersucht, und nicht nur Eifersucht allein.“
-
-„Und Streit wegen Geld?“
-
-„Nun ja, auch wegen Geld.“
-
-„Und, wenn ich mich nicht täusche, handelte es sich dabei um dreitausend
-Rubel, die angeblich als ihr Erbteil Ihnen nicht ausgezahlt worden
-seien?“
-
-„Was für Dreitausend! Mehr, viel mehr!“ rief Mitjä auffahrend, „mehr als
-sechs, mehr als zehn vielleicht. Ich habe es allen gesagt, überall
-erzählt! Aber ich hatte schon beschlossen, nun, meinetwegen, mich mit
-Dreitausend zufrieden zu geben. Diese Dreitausend hatte ich dermaßen
-nötig, dermaßen ... so daß ich diese dreitausend Rubel, die er, das
-wußte ich, unter seinem Kopfkissen für Gruschenka bereit hielt, einfach
-als mein Geld betrachtete, das er von mir gestohlen hatte. Ja, meine
-Herren, ich hielt es für mein Eigentum, für mein gestohlenes Eigentum
-...“
-
-Der Staatsanwalt tauschte mit dem Untersuchungsrichter einen bedeutsamen
-Blick aus, und es gelang ihm noch, diesem einen kleinen Wink zu geben.
-
-„Auf diesen Punkt werden wir noch später zurückkommen,“ bemerkte sofort
-der Untersuchungsrichter, „vorläufig erlauben Sie nur, gerade das zu
-notieren: daß Sie das Geld in jenem Kuvert gleichsam als Ihr Eigentum
-angesehen haben.“
-
-„Schreiben Sie es nur auf, meine Herren, ich begreife ja sehr gut, daß
-das wiederum ein Verdachtsmoment gegen mich ist. Aber ich fürchte keine
-Verdachtsmomente und rede selbst wider mich. Hören Sie, ich selbst!
-Sehen Sie, meine Herren, Sie halten mich, scheint es, für einen ganz
-anderen Menschen, als ich bin,“ fügte er finster und traurig hinzu. „Mit
-Ihnen spricht ein Edelmann, ein Mensch, der wirklich edel ist, das ist
-das Wichtigste – das bitte ich nicht zu vergessen –, ein Mensch, der
-eine Unmenge von Schändlichkeiten begangen hat, dessen Gesinnung aber
-immer edel gewesen und geblieben ist. Ich meine, wenn man mich als
-Menschen nimmt ... im tiefsten Inneren, nun, mit einem Wort ... Nein,
-ich verstehe mich nicht auszudrücken ... gerade das hat mich mein ganzes
-Leben lang gequält, daß ich mich nach dem Edlen gesehnt habe, sozusagen
-ein Märtyrer des Edlen gewesen bin, ein Mensch, der das Edle mit der
-Laterne gesucht hat, mit der Laterne des Diogenes, und doch habe ich
-mein ganzes Leben lang nur Schändlichkeiten begangen, wie wir es ja alle
-tun, meine Herren ... das heißt, nein, wie ich allein, meine Herren,
-nicht wie wir alle, sondern wie ich allein, ich versprach mich, wie ich
-allein, ich allein, meine Herren! ... Mein Kopf tut mir weh,“ sagte er
-gequält, und seine Brauen zogen sich wie im Schmerz zusammen. „Sehen
-Sie, meine Herren, mir gefiel sein Äußeres nicht, das Ehrlose an ihm,
-seine Prahlereien, und daß er alles Heilige unter die Füße trat, sein
-verhöhnender Spott und seine Gottlosigkeit, – scheußlich, scheußlich!
-Aber jetzt, da er tot ist, denke ich anders.“
-
-„Inwiefern anders?“
-
-„Nicht anders, aber es tut mir leid, daß ich ihn so gehaßt habe.“
-
-„Sie wollen wohl sagen, daß Sie Reue empfinden?“
-
-„Nein, nicht gerade Reue, schreiben Sie das nicht auf. Ich bin selbst
-nicht gut, meine Herren, ja, ich bin auch nicht gerade sehr schön, und
-darum hatte ich gar kein Recht, ihn widerlich zu finden, das ist es! Das
-können Sie meinetwegen aufschreiben.“
-
-Nachdem Mitjä das gesagt hatte, wurde er plötzlich auffallend traurig.
-Er war schon seit einiger Zeit immer finsterer geworden. Und da, gerade
-in diesem Augenblick, kam wieder etwas Unerwartetes dazwischen. Man
-hatte nämlich Gruschenka zwar aus dem Zimmer entfernt, doch nicht sehr
-weit fortgebracht: nur in das dritte Zimmer von dem blauen Zimmer, in
-dem das Verhör stattfand. Es war das ein kleiner einfenstriger Raum, der
-gleich neben dem großen Zimmer lag, in dem der Chor gesungen und die
-Mädchen getanzt hatten. Dort saß sie inzwischen, und nur Maximoff war
-bei ihr. Dieser war über die Maßen betroffen und hatte unglaubliche
-Angst, weswegen er sich denn auch an sie geradezu angeklammert hatte,
-als wäre sie seine einzige Rettung. Vor ihrer Tür stand nur ein Bauer
-mit einem runden Blechschild auf der Brust. Gruschenka weinte, doch
-plötzlich, als ihr Leid übergroß wurde, sprang sie auf und stürzte mit
-dem lauten Schrei: „Wehe mir, wehe mir!“ hinaus aus dem Zimmer zu ihrem
-Mitjä. Das geschah so unerwartet, daß niemand die Geistesgegenwart
-hatte, sie sofort aufzuhalten. Als Mitjä ihren Schrei hörte, erzitterte
-er zuerst, dann sprang er wie außer sich auf und stürzte ihr entgegen.
-Doch man ließ sie wieder nicht zusammen kommen, sie konnten sich nur
-einen Augenblick sehen. Drei oder vier Männer hielten ihn mit aller
-Gewalt zurück: er riß seine Arme los, stieß, schlug, aber vergeblich.
-Auch sie war ergriffen worden, und er sah nur noch, wie sie mit einem
-Schrei die Arme ihm entgegenstreckte, als sie hinausgebracht wurde.
-Nachdem dieser Zwischenfall vorüber war, fand er sich, als er
-zur Besinnung kam, wieder auf seinem Platz gegenüber dem
-Untersuchungsrichter und heftig auffahrend schrie er ihn an:
-
-„Was hat sie Ihnen getan? Warum quälen Sie sie? Sie ist unschuldig, ganz
-unschuldig! ...“
-
-Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter beruhigten ihn. So verging
-einige Zeit, etwa zehn Minuten. Da trat Michail Makarowitsch (der
-Polizeichef) wieder ein und sagte laut und sichtlich erregt zum
-Staatsanwalt:
-
-„Sie ist entfernt, sie ist jetzt nach unten gebracht, – gestatten Sie
-mir, meine Herren, nur ein Wort zu diesem Unglücklichen zu sagen? In
-Ihrer Gegenwart, meine Herren, in Ihrer Gegenwart!“
-
-„Bitte,“ entgegnete der Untersuchungsrichter, „in diesem Falle haben wir
-nichts dagegen einzuwenden.“
-
-„Dmitrij Fedorowitsch, höre, mein Sohn,“ begann Michail Makarowitsch zu
-Mitjä gewandt, und sein Gesicht drückte aufrichtiges, fast väterliches
-Mitleid mit dem Unglücklichen aus. „Ich habe deine Agrafena Alexandrowna
-nach unten begleitet und sie dort den Wirtstöchtern übergeben, und
-außerdem ist noch dieses alte Männchen, der Maximoff, beständig bei ihr,
-und ich habe ihr zugeredet, hörst du? habe ihr zugeredet und sie
-beruhigt, ihr erklärt, daß du dich jetzt rechtfertigen mußt, daß sie
-dich darum nicht stören soll, da sie dich sonst aufregen würde und du
-dich verwirren und falsch gegen dich aussagen könntest, verstehst du?
-Na, mit einem Wort, ich habe ihr zugeredet, und sie hat es begriffen.
-Sie ist ein kluges Weib, sie ist gut, sie wollte sogar mir altem Manne
-die Hand küssen, und sie hat für dich gebeten. Sie selbst hat mich zu
-dir geschickt, um dir sagen zu lassen, daß du ihretwegen ruhig sein
-sollst, aber es ist auch nötig, nötig, daß ich jetzt zu ihr gehe und ihr
-sage, daß du ruhig bist und dich ihretwegen nicht mehr aufregst. Versteh
-mich recht und beruhige dich hübsch. Ich fühle, daß ich ihr gegenüber
-schuldig bin, ich habe mich vorhin fortreißen lassen, sie hat ein echt
-christliches Herz, jawohl, meine Herren, das ist eine fromme Seele, die
-keine Schuld kennt. Also, was soll ich ihr nun sagen, Dmitrij
-Fedorowitsch, wirst du ruhig sein oder nicht?“
-
-Der alte gute Mann sprach viel überflüssiges Zeug, doch Gruschenkas
-Leid, das aufrichtige Menschenleid hatte sein gutes Herz dermaßen
-ergriffen, daß ihm Tränen in den Augen standen. Mitjä sprang ungestüm
-auf.
-
-„Verzeihen Sie, meine Herren, erlauben Sie, oh, erlauben Sie!“ rief er.
-„Michail Makarowitsch, Sie prächtiger, herzensguter Mensch, ich danke
-Ihnen für alles, was Sie für sie getan haben! Ich werde, ich werde ruhig
-sein, werde fröhlich sein, überbringen Sie ihr das in Ihrer Herzensgüte!
-Sagen Sie ihr, daß ich ganz heiter bin, daß ich sogar lachen werde, da
-ich jetzt weiß, daß sie in Ihnen einen so guten Schutzgeist hat, Michail
-Makarowitsch. Ich werde sofort alles erledigen, und sobald ich hier frei
-bin, komme ich unverzüglich zu ihr, sie wird schon sehen, sie soll nur
-noch etwas warten! Meine Herren,“ wandte er sich plötzlich an den
-Untersuchungsrichter und den Staatsanwalt, „jetzt werde ich Ihnen meine
-ganze Seele ausschütten, ich werde alles aufdecken, und wir erledigen
-dann im Augenblick die ganze Geschichte. Zum Schluß werden wir noch
-lachen, nicht wahr, das werden wir doch? Aber, meine Herren, dieses Weib
-– das ist die Königin meiner Seele! Oh, erlauben Sie mir, das zu sagen,
-wenigstens das muß ich Ihnen offenbaren ... Ich sehe doch, daß ich es
-mit Ehrenmännern zu tun habe. Sie ist mein Licht, sie ist mein
-Heiligtum, und wenn Sie nur wüßten! Haben Sie ihren Schrei gehört? ‚Mit
-dir auch in den Tod!‘ – Und was habe ich ihr gegeben, ich Bettler, ich,
-der ich nichts habe, nichts bin, wofür schenkt sie mir diese Liebe, bin
-ich denn solcher Liebe wert, bin ich plumpe, schändliche Kreatur mit dem
-abscheulichen Gesichte solcher Liebe wert, daß sie zusammen mit mir
-sogar zur Zwangsarbeit verschickt werden will? Um für mich zu bitten,
-warf sie sich auf die Knie, sie, die Stolze, die unschuldig, ganz und
-gar unschuldig ist! Wie soll ich sie nun nicht vergöttern, wie soll ich
-nicht aufschreien, nicht ihr entgegenstürzen, wie vorhin? Oh, meine
-Herren, verzeihen Sie! Doch jetzt, jetzt bin ich beruhigt.“
-
-Er fiel auf den Stuhl zurück, und das Gesicht mit den Händen bedeckend,
-schluchzte er plötzlich wie im Krampf auf. Doch das waren glückliche
-Tränen. Er faßte sich aber sofort. Der alte Polizeichef war sehr
-zufrieden, und auch die Juristen schienen es zu sein: sie fühlten, daß
-das Verhör jetzt eine andere Wendung nehmen werde. Mitjä wurde geradezu
-fröhlich.
-
-„Nun, meine Herren, jetzt gehöre ich Ihnen, ich stehe ganz zu Ihrer
-Verfügung. Und ... wenn nur nicht alle diese nebensächlichen
-Kleinigkeiten wären, so würden wir sofort ins reine kommen. Dieser
-verdammte Kleinkram! – Ich gehöre Ihnen, meine Herren, aber, das schwöre
-ich Ihnen, die Hauptsache ist beiderseitiges Zutrauen, – Ihrerseits zu
-mir und meinerseits zu Ihnen, – anders kommen wir nie zu Ende. Ich sage
-es in Ihrem Interesse. Doch jetzt zur Sache, meine Herren, zur Sache!
-Die Hauptbedingung: wühlen Sie sich nicht so in meine Seele hinein,
-quälen Sie sie nicht mit Nebensächlichem, sondern fragen Sie nur, was
-zur Sache gehört, fragen Sie nach den Tatsachen, und ich werde Sie
-sofort zufrieden stellen. Mit den unbedeutenden Details aber zum
-Teufel!“
-
-Das Verhör begann von neuem.
-
-
- IV.
- Zweites Purgatorium
-
-„Sie glauben nicht, Dmitrij Fedorowitsch, wie sehr Sie uns durch
-Ihre Bereitwilligkeit ermutigen ...“ begann Neljudoff, der
-Untersuchungsrichter, mit belebtem Gesicht und augenscheinlich angenehm
-berührt, was man am Blick seiner großen, hellgrauen, etwas
-hervorstehenden Augen sah, die übrigens sehr kurzsichtig waren, und von
-denen er soeben die Brille abgenommen hatte. „Sie haben da eine
-vollkommen richtige Bemerkung gemacht in betreff des beiderseitigen
-Vertrauens, ohne das es bei Verhören von ähnlicher Wichtigkeit nun
-einmal nicht geht, das heißt in Fällen, wenn der Verdächtigte
-tatsächlich sich zu rechtfertigen hofft, wenigstens es versuchen will
-und wahrscheinlich auch kann. Seien Sie überzeugt, daß wir alles tun
-werden, was an uns liegt. Sie haben auch bereits Gelegenheit gehabt, zu
-sehen, wie wir die Sache führen ... Sie stimmen mir doch bei, Hippolyt
-Kirillowitsch?“ wandte er sich plötzlich an den Staatsanwalt.
-
-„Oh, selbstverständlich,“ bestätigte der sofort, doch war der Ton seiner
-Worte etwas trocken im Vergleich zur liebenswürdigen Rede des
-Untersuchungsrichters.
-
-Hier muß ich noch eine Bemerkung hinzufügen: Neljudoff, der, wie bereits
-erwähnt, erst vor kurzem bei uns angekommen war, hatte gleich, schon
-seit dem ersten Anfang seiner Tätigkeit in unserer Stadt, für unseren
-Hippolyt Kirillowitsch eine außerordentliche Hochachtung empfunden und
-war ihm von Herzen zugetan. Er war vielleicht der einzige Mensch, der
-einwandlos an die ungewöhnlichen psychologischen und rednerischen
-Begabungen unseres „zurückgesetzten“ Hippolyt Kirillowitsch glaubte, wie
-er auch überzeugt war, daß man ihn bei der Beförderung übersehen hatte.
-Er hatte von ihm schon in Petersburg gehört. Dafür war denn wiederum
-Neljudoff der einzige Mensch in der ganzen Welt, den unser „beleidigter“
-Staatsanwalt aufrichtig liebgewann. Auf dem Wege nach Mokroje hatten sie
-sich schon über gewisse Punkte besprochen, und so begriff denn
-Neljudoffs spitzfindiger Verstand sofort die Bedeutung jeden Winkes,
-jeder Bewegung im Gesichte seines älteren Amtsgenossen: es genügte ihm
-ein halbes Wort, ein Blick, ein Augenzwinkern.
-
-„Meine Herren,“ fuhr Mitjä geschäftig auf, „überlassen Sie es ruhig mir,
-alles zu erklären, ich werde alles sachgemäß darstellen, nur bitte ich
-Sie, mich nicht mit dem Kleinzeug zu unterbrechen.“
-
-„Das ist natürlich das Beste. Ich danke Ihnen. Doch bevor wir dazu
-übergehen, bitte ich Sie, vorher nur noch eine Tatsache konstatieren zu
-dürfen, da sie für uns von großer Wichtigkeit ist, nämlich in betreff
-jener zehn Rubel, die Sie gestern abend, ungefähr um fünf Uhr, von Ihrem
-Freunde Pjotr Iljitsch Perchotin geborgt haben, wofür Sie ihm Ihre
-Pistolen als Pfand gaben.“
-
-„Ja, ich hatte sie versetzt, meine Herren, für zehn Rubel versetzt, was
-ist denn dabei? Und das ist alles. Als ich von der Fahrt in die Stadt
-zurückgekehrt war, ging ich sofort zu ihm hin und versetzte sie.“
-
-„Ah, Sie waren also ausgefahren? Sie hatten die Stadt verlassen?“
-
-„Ja, ich war ausgefahren, über vierzig Werst war ich gefahren. Wie, und
-Sie wußten das noch nicht, meine Herren?“
-
-Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter blickten sich flüchtig an.
-
-„Überhaupt ... wie wäre es, wenn Sie Ihre Erzählung mit der
-systematischen Wiedergabe alles dessen, was Sie gestern seit dem Morgen
-getan haben, beginnen würden? Erlauben Sie, daß ich Sie zum Beispiel
-frage: warum verließen Sie die Stadt, wann sind Sie fortgefahren und
-wann zurückgekehrt ... und alle diese Tatsachen ...“
-
-„Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt?“ fragte Mitjä laut
-auflachend. „Ja, genau genommen, muß man nicht mit dem gestrigen,
-sondern mit dem vorgestrigen Tage beginnen, vom frühen Morgen an, dann
-erst werden Sie verstehen können, wie und warum ich ging und fuhr. Ich
-ging, meine Herren, vorgestern am Vormittag zum hiesigen Großkaufmann
-Ssamssonoff, um von ihm unter der besten Sicherstellung dreitausend
-Rubel zu borgen – ich hatte mich plötzlich zu diesem Äußersten
-entschlossen, meine Herren ...“
-
-„Gestatten Sie, daß ich Sie auf einen Augenblick unterbreche,“ hielt ihn
-höflich der Staatsanwalt auf, „wozu hatten Sie plötzlich diese Summe
-nötig, und warum gerade so viel, gerade dreitausend Rubel?“
-
-„Ach, meine Herren, es wäre wirklich besser, es ginge ohne
-Nebensächlichkeiten! Wie, wann und warum, und warum genau so viel und
-nicht so viel, und dieses ganze Drum und Dran ... man könnte es nicht
-einmal in drei Bänden erzählen, es wäre noch ein Epilog erforderlich!“
-
-Mitjä sagte dies mit der gutmütigen, doch ungeduldigen Familiarität
-eines Menschen, der die ganze Wahrheit sagen will und die besten
-Absichten hegt.
-
-„Meine Herren,“ rief er sofort, gleichsam sich besinnend, „verzeihen Sie
-mir die Unhöflichkeit. Ich bitte Sie nochmals, mir zu glauben, daß ich
-die vollste Ehrerbietung empfinde und sehr gut die gegenwärtige
-Situation verstehe. Glauben Sie nicht, daß ich betrunken bin. Ich bin
-bereits ganz nüchtern geworden. Und schließlich, was wäre denn auch
-dabei, das würde ja weiter nicht stören, denn bei mir ist es doch:
-
- Ist er nüchtern, so ist er klug, d. h. dumm,
- Ist er trunken, so ist er dumm, d. h. klug.
-
-Ha – ha! Übrigens, ich sehe, meine Herren, daß mir vorläufig noch nicht
-zusteht, zu scherzen, – vorläufig, das heißt, bis wir ins reine gekommen
-sind. Erlauben Sie, daß ich die nötige Würde bewahre. Ich begreife doch,
-was für ein Unterschied augenblicklich zwischen uns besteht: ich sitze
-ja vor Ihnen als Verbrecher, bin also alles andere, nur nicht auf
-gleicher Gesellschaftsstufe mit Ihnen, und Ihre Pflicht ist, mich jetzt
-zu verhören und zu beobachten. Sie werden mir doch für die Verletzung
-Grigorijs nicht wie einem braven Jungen noch obendrein das Köpfchen
-streicheln. Es ist ja wahr! Man kann doch nicht alten Männern ungestraft
-den Schädel einschlagen. Sie werden mich seinetwegen, nun, sagen wir auf
-ein halbes Jahr, nun, auf ein Jahr ins Zuchthaus einsperren, ich weiß
-nicht, wie man da bei Ihnen verurteilt wird, – aber doch ohne Verlust
-meiner Rechte, nicht wahr, Herr Staatsanwalt? Also wie gesagt, meine
-Herren, ich begreife vollkommen den Unterschied ... Aber Sie müssen mir
-auch zugeben, daß Sie mit solchen Fragen selbst Gott den Herrn aus dem
-Konzept bringen könnten: wo bist du gegangen, wie bist du gegangen, wann
-bist du gegangen, warum bist du gegangen, und so weiter? Ich kann doch
-dabei nur konfus werden, und Sie fassen dann alles, was ich sage,
-buchstäblich als Wahrheit auf und nehmen es natürlich sofort zu
-Protokoll – was kommt dabei schließlich heraus? Nichts kommt dabei
-heraus! ... Ach, nun, hol’s der Teufel, habe ich einmal angefangen zu
-schwatzen, so muß ich mich auch aussprechen, und Sie, meine Herren,
-verzeihen Sie mir bitte, als Menschen höherer Bildung und Ehrenmänner,
-die Sie sind. Ich will mit der Bitte schließen: versuchen Sie doch,
-meine Herren, diese abgedroschenen Verhörsvorschriften in diesem Falle
-einmal zu vergessen. Da heißt es denn, zuerst mußt du etwas ganz
-Unwichtiges fragen: wie er aufgestanden ist, was er gegessen hat, wie er
-gespuckt, und wohin er gespuckt hat, ‚und nachdem auf diese Weise die
-Aufmerksamkeit des Verbrechers eingeschläfert ist‘, – ihn plötzlich mit
-der wichtigsten Frage verblüffen: ‚Wie hast du erschlagen, wie
-bestohlen?‘ Haha! Das ist doch der ganze Bürogeist, der da drinsteckt,
-das sind doch Ihre Regeln und Formeln, dahinter versteckt sich ja Ihre
-ganze Schlauheit! Aber mit solchen Kniffen können Sie höchstens Bauern
-fangen, – nicht mich. Ich kenne doch die Sache, ich bin doch selbst
-Offizier gewesen und weiß daher, wie es in den Büros hergeht. Hahaha!
-Ärgern Sie sich nicht, meine Herren, Sie verzeihen mir doch den Ausfall
-gegen die Pedanten in Ihrem Fach?“ rief er lachend und blickte sie mit
-einer fast wundernehmenden Gutmütigkeit an. „Das hat doch Mitjä
-Karamasoff gesagt, folglich kann man es verzeihen, denn einem klugen
-Menschen kann man es nicht verzeihen, dem Mitjä aber selbstverständlich!
-Haha!“
-
-Neljudoff hörte zu und lachte gleichfalls. Der Staatsanwalt lachte zwar
-nicht, beobachtete jedoch Mitjä mit scharfem Blick ungeheuer aufmerksam,
-als wollte er sich kein einziges Wort, nicht die geringste Bewegung oder
-Veränderung seines Gesichtes entgehen lassen.
-
-„So haben wir ja auch mit Ihnen zuerst angefangen,“ meinte Neljudoff
-immer noch lachend, „wir haben an Sie keine einzige Frage von der Art
-gestellt, wie: Wann sind Sie aufgestanden, was haben Sie gegessen, und
-so weiter, sondern wir sind gleich auf das Wesentlichste übergegangen.“
-
-„Ich weiß, ich weiß! Ich habe es wohl verstanden und verstehe es auch zu
-schätzen, und noch mehr schätze ich es, daß Sie so gütig zu mir sind,
-was Ihrer Gesinnung nur Ehre macht. Wir drei sind hier zusammengekommen,
-drei Ehrenmänner, und so mag denn auch alles auf dem gegenseitigen
-Zutrauen gebildeter Menschen beruhen, dreier Menschen derselben
-Gesellschaftsklasse, die durch ihren Adel und ihre Ehre verbunden sind.
-Jedenfalls erlauben Sie mir, Sie in dieser Stunde meines Lebens für
-meine besten Freunde zu halten, gerade in dieser Stunde, da meine Ehre
-so erniedrigt wird. Das verletzt Sie doch nicht, meine Herren, nicht
-wahr?“
-
-„Im Gegenteil, Dmitrij Fedorowitsch, Sie haben das alles so vortrefflich
-ausgedrückt,“ stimmte ihm der Untersuchungsrichter ernst, doch
-wohlwollend bei.
-
-„Und die Nebensachen, alle diese spitzfindigen Fußangeln zum Teufel,“
-rief Mitjä ganz Feuer und Flamme, „sonst kommt doch nur Unsinn heraus,
-nicht wahr? ...“
-
-„Ich billige vollkommen Ihren vernünftigen Vorschlag,“ unterbrach ihn
-plötzlich der Staatsanwalt zu ihm gewandt, „indessen kann ich nicht von
-meiner Frage ablassen. Es ist für uns von gar zu großer Wichtigkeit zu
-wissen, wozu Sie diese Summe brauchten, warum gerade dreitausend Rubel?“
-
-„Wozu ich sie brauchte? Nun, für dieses und jenes ... nun, sagen wir, um
-eine Schuld zu bezahlen.“
-
-„An wen zu bezahlen?“
-
-„Das zu sagen, weigere ich mich, meine Herren! Sehen Sie, ich tue es
-nicht etwa darum, weil ich es nicht sagen kann, oder es nicht wage und
-mich fürchte, denn das ist doch nur eine Kleinigkeit, die zu erwähnen
-sich nicht lohnt, sondern ich sage es deshalb nicht, weil es sich hier
-um mein Prinzip handelt: das ist mein Privatleben, und ich erlaube
-niemandem, sich in dasselbe einzumischen. Das ist mein Prinzip. Ihre
-Frage hat mit der Sache nichts zu tun, und alles, was nicht zur Sache
-gehört, ist meine Privatangelegenheit. Eine Schuld wollte ich abzahlen,
-eine Ehrenschuld, doch an wen – das sage ich nicht!“
-
-„Gestatten Sie, daß wir dies niederschreiben,“ sagte der Staatsanwalt.
-
-„Bitte. Schreiben Sie es geradeso: daß ich es nicht sage, _nicht_ sage.
-Schreiben Sie, daß ich es sogar für ehrlos halte, das zu sagen. Weiß
-Gott, Sie haben aber viel Zeit zum Schreiben!“
-
-„Gestatten Sie noch, mein Herr, Sie daran zu erinnern, falls Sie es
-nicht wissen sollten,“ sagte sofort mit besonderem und sehr strengem
-Nachdruck der Staatsanwalt, „daß Sie das volle Recht haben, auf die
-Fragen, die wir Ihnen vorlegen, die Antwort zu verweigern, und wir
-wiederum kein Recht haben, die Antworten Ihnen irgendwie abzunötigen,
-wenn Sie aus diesem oder jenem Grunde nicht antworten wollen. Das hängt
-ganz von Ihrer persönlichen Erwägung ab. Doch fällt uns hierbei die
-Aufgabe zu, Sie in solchem Fall auf den Schaden aufmerksam zu machen,
-den Sie sich selbst dadurch zufügen, wenn Sie sich weigern, die eine
-oder andere Aussage zu machen.“
-
-„Meine Herren, ich ... ärgere mich ja nicht ... ich ...“ stotterte Mitjä
-etwas verwirrt durch den Nachdruck der Bemerkung des Staatsanwalts. „Nun
-ja, dieser selbe Ssamssonoff, zu dem ich damals ging ...“
-
-Ich werde natürlich nicht die ganze Erzählung dessen, was dem Leser
-bereits bekannt ist, wiederholen. Dmitrij Fedorowitsch wollte alles ganz
-ausführlich erzählen und doch in seiner Ungeduld möglichst schnell alles
-abmachen. Aber je mehr er aussagte, um so mehr wurde auch
-aufgeschrieben, und so mußte er immer wieder unterbrochen werden. Das
-mißfiel ihm sehr, und er ärgerte sich, wenn auch vorläufig noch in
-gutmütiger Weise. Allerdings rief er zuweilen: „Meine Herren, das würde
-selbst einen Gott aus der Haut bringen“ oder: „Meine Herren, wissen Sie
-auch, daß Sie mich ganz unnütz aufreizen?“ Doch verlor er dabei noch
-nicht seine freundschaftliche gutmütige Stimmung. So erzählte er denn,
-wie Ssamssonoff ihn vor zwei Tagen „zum Narren gehabt“ hatte (das hatte
-er inzwischen vollkommen erraten). Die Mitteilung vom Verkauf der Uhr
-für sechs Rubel, um sich Geld zur Fahrt zu verschaffen, erweckte sofort
-das größte Interesse der Juristen, die davon noch nichts gewußt hatten,
-und zu Mitjäs maßlosem Ärger fanden sie es für nötig, die Tatsache
-ausführlich aufzuschreiben, als wiederholte Bestätigung dessen, daß er
-schon am Abend des vorhergehenden Tages keine Kopeke mehr besessen
-hatte. Mitjäs Gesicht wurde allmählich immer düsterer. Er erzählte noch
-von der Fahrt zum Ljägawyj und von der Nacht, die er in der
-dunsterfüllten Stube verbracht hatte, und kam dann auf seine Rückkehr in
-die Stadt zu sprechen. Hier begann er, ohne darum gebeten zu sein,
-ausführlich seine Eifersuchtsqualen wegen Gruschenka zu schildern. Man
-hörte ihm schweigend und aufmerksam zu und merkte sich besonders das
-eine: daß er schon seit längerer Zeit einen Beobachtungsposten in der
-Hinterstraße hatte, von wo aus er Gruschenka auflauerte, und daß
-Ssmerdjäkoff ihm Nachrichten überbrachte. Letzteres wurde ausführlich
-niedergeschrieben und gut behalten. Von seiner Eifersucht sprach Mitjä
-erregt und viel, und wenn er sich auch dessen schämte, daß er seine
-intimsten Gefühle so preisgab, so „schmachvoll“ an die Öffentlichkeit
-preisgab, so zwang er sich doch immer wieder zur Überwindung seiner
-Scham, um die ganze Wahrheit zu sagen. Die teilnahmlose Strenge der
-Blicke des Untersuchungsrichters und besonders des Staatsanwalts, die
-während der ganzen Zeit seiner Erzählung auf ihn gerichtet waren,
-verwirrten ihn schließlich ziemlich stark. „Dieser Milchbart, mit dem
-ich noch vor ein paar Tagen Dummheiten über die Weiber geschwatzt habe,
-und dieser schwindsüchtige Staatsanwalt sind es wahrlich nicht wert, daß
-ich so mein Innerstes aufdecke,“ ging es ihm durch den Sinn. „Oh, die
-Schande! Doch – ‚Trage dein Leid, mein Herz, ergib dich und schweige‘
-–.“ Mit diesem Dichterausspruch überwand er seinen traurigen Gedanken
-und nahm sich von neuem zusammen, um fortzufahren. Als er zur Erzählung
-seines Besuches bei Frau Chochlakoff kam, ärgerte er sich noch
-nachträglich über sie und wollte schon eine kleine lustige Anekdote über
-diese Dame erzählen, die er vor kurzem gehört hatte, doch der
-Untersuchungsrichter bat ihn höflich, zu „Wesentlicherem“ überzugehen.
-Endlich, als er seine Verzweiflung schilderte, wie er aus dem
-Chochlakoffschen Hause hinausgelaufen war und einen Augenblick sogar
-daran gedacht hatte, wenn nicht anders, irgend jemanden zu erdrosseln,
-um sich diese Dreitausend zu verschaffen, wurde er wieder unterbrochen,
-um auch das, daß er jemanden hatte „erdrosseln“ wollen, niederschreiben
-zu lassen. Mitjä ließ es wortlos geschehen. Schließlich gelangte er bei
-dem Augenblick an, wo er plötzlich erfahren hatte, daß er von Gruschenka
-betrogen worden war, und daß sie Ssamssonoff, bald nach seiner Trennung
-von ihr vor der Haustür, wieder verlassen hatte, während er im Glauben
-gewesen war, daß sie bis Mitternacht beim Alten bleiben werde. „Wenn ich
-in dem Augenblick diese Fenjä nicht erschlug, so geschah das nur deshalb
-nicht, weil ich keine Zeit dazu hatte,“ entfuhr es ihm plötzlich an
-dieser Stelle. – Und auch das wurde sorgfältig niedergeschrieben. Mitjä
-wartete mit düsterem Gesicht und wollte darauf zur Erzählung übergehen,
-wie er zum Vater in den Garten gelaufen war, – als ihn plötzlich der
-Untersuchungsrichter unterbrach und aus seinem großen Portefeuille, das
-neben ihm auf dem Sofa lag, und das er jetzt aufschlug, eine messingne
-Mörserkeule hervorzog.
-
-„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte er Mitjä.
-
-„Ach, ja!“ sagte er, finster lächelnd, „selbstverständlich! Geben Sie
-her, zeigen Sie mir ... Äh, Teufel, nicht nötig!“
-
-„Sie haben vergessen, seiner Erwähnung zu tun,“ bemerkte der
-Untersuchungsrichter.
-
-„Ach, Teufel! Ich hätte es wahrlich nicht verheimlicht, da seien Sie
-unbesorgt, ohne dieses Ding wäre es ja doch nicht gegangen, was meinen
-Sie? – Ich hatte es im Augenblick nur ganz vergessen.“
-
-„Würden Sie die Güte haben, sachlich zu erklären, wie und wo Sie sich
-mit dieser Mörserkeule bewaffnet haben.“
-
-„Zu Befehl, ich werde die Güte haben, meine Herren.“
-
-Und Mitjä erzählte, wie er sie bei Fenjä in der Küche ergriffen hatte
-und dann hinausgelaufen war.
-
-„Was beabsichtigten Sie damit zu tun, welches Ziel hatten Sie im Auge,
-als Sie sich mit dieser Waffe versahen?“
-
-„Welches Ziel? Überhaupt kein Ziel! Ich nahm sie und lief hinaus.“
-
-„Aber warum nahmen Sie sie denn, wenn Sie kein Ziel im Auge hatten?“
-
-In Mitjä brauste der Unwille auf. Starr blickte er dem „Milchbart“ in
-die Augen und lächelte finster und boshaft. Der wahre Grund seiner Wut
-war aber eigentlich der, daß er sich immer mehr dessen schämte, so
-ausführlich und mit solchen Herzensergüssen „diesen Leuten“ von seiner
-Eifersucht erzählt zu haben.
-
-„Äh, ich spucke darauf!“ entfuhr es ihm plötzlich.
-
-„Sie meinten? ...“
-
-„Nun, um mich der Hunde zu erwehren ... in der Dunkelheit ... für alle
-Fälle.“
-
-„Haben Sie auch früher, wenn Sie in der Nacht hinausgingen, eine Waffe
-mitgenommen, wenn Sie die Dunkelheit so fürchten?“
-
-„Ach, zum Teufel, pfui! Meine Herren, mit Ihnen kann man wirklich nicht
-reden!“ rief Mitjä über die Maßen gereizt und vor Wut hochrot im
-Gesicht. Plötzlich wandte er sich zum Schreiber und schrie ihm mit einer
-Stimme, die die Wut nur zu deutlich verriet, zu:
-
-„Schreibe sofort ... sofort ... daß ich die Mörserkeule ergriffen habe,
-‚um hinzulaufen und meinen Vater zu erschlagen, Fedor Pawlowitsch ...
-durch einen Schlag auf den Schädel!‘ Nun, sind Sie jetzt zufrieden,
-meine Herren? Hat jetzt Ihre liebe Seele Ruh?“ fragte er mit
-herausforderndem Blick auf den Untersuchungsrichter und den
-Staatsanwalt.
-
-„Wir begreifen sehr gut, daß Sie diese Worte soeben in der Gereiztheit
-und im Ärger über uns und unsere Fragen gesprochen haben, – über die
-Fragen, die wir an Sie stellen, und die Sie für Fußangeln oder
-lächerliche Hintergedanken halten, die aber in Wirklichkeit von großer
-Wichtigkeit sind und nur zur Sache führen,“ gab der Staatsanwalt trocken
-zur Antwort.
-
-„Aber erbarmen Sie sich, meine Herren! Ja, ich habe eine Mörserkeule
-ergriffen ... Nun, wozu nimmt man zuweilen, wenn man erregt ist,
-irgendeinen Gegenstand in die Hand? Ich weiß nicht, wozu. Ich nahm das
-Ding und lief hinaus. Und das ist alles. Das ist doch wirklich ... Meine
-Herren, _passons_, oder ich schwöre Ihnen, ich sage kein Wort mehr!“
-
-Er setzte den Ellenbogen auf die Tischkante und stützte den Kopf in die
-Hand. So saß er, halb abgewandt von ihnen und bemühte sich, zur Wand
-blickend, das in ihm aufsteigende schlechte Gefühl niederzuringen. Er
-wollte am liebsten sofort aufstehen und erklären, daß er kein Wort mehr
-sagen werde, „bringen Sie mich meinetwegen aufs Schafott!“
-
-„Meine Herren,“ sagte er plötzlich, nur mit Mühe sich bezwingend, „sehen
-Sie, ich höre Sie fragen, und es kommt mir dabei vor, wie ... Wissen
-Sie, ich habe zuweilen einen Traum, sehr oft sogar ... einen ganz
-besonderen Traum ... Mir träumt, daß mich jemand verfolgt, irgend
-jemand, vor dem ich mich entsetzlich fürchte, er verfolgt mich in der
-Dunkelheit, in der Nacht, sucht mich, und ich verstecke mich vor ihm
-hinter der Tür oder hinter einem Schrank, verstecke mich in ganz
-erniedrigender Weise, und die Hauptsache ist, er weiß ganz genau, wo ich
-mich vor ihm verstecke, aber er tut absichtlich, als wüßte er nicht, wo
-ich bin, er verstellt sich, um mich länger zu quälen, um sich an meiner
-Angst zu weiden ... Und so machen auch Sie es jetzt! Genau so!“
-
-„Also solche Träume haben Sie?“ erkundigte sich der Staatsanwalt.
-
-„Ja, solche Träume ... Aber wollen Sie das vielleicht nicht auch
-niederschreiben?“ fragte Mitjä mit boshaft verzogenem Lächeln.
-
-„Nein, das wollen wir nicht niederschreiben, aber immerhin haben Sie
-doch interessante Träume.“
-
-„Jetzt aber ist es kein Traum mehr! Das ist der Realismus, meine Herren,
-der Realismus des Lebens! Ich bin der Wolf, Sie sind die Jäger, nun, so
-hetzen Sie mich denn!“
-
-„Sie haben ganz grundlos diesen Vergleich gemacht ...“ wollte der
-Untersuchungsrichter mit außerordentlich sanfter Stimme beginnen, doch
-Mitjä unterbrach ihn.
-
-„Nein, nicht grundlos, meine Herren, nicht grundlos!“ Er brauste wieder
-auf, doch hatte er durch den Ausbruch des plötzlichen Zornes sein Herz
-erleichtert, und so wurde er jetzt mit jedem Wort wieder ruhiger und
-gutmütiger. „Sie können einem Verbrecher oder Verurteilten, den Sie mit
-Ihren Fragen foltern, meinetwegen nicht glauben, aber an dem
-edelmütigsten Menschen, meine Herren, an dem edelsten Aufschwung der
-Seele – das sage ich dreist! – nein! an dem dürfen Sie nicht zweifeln
-... dazu haben Sie kein Recht ... aber –
-
- ‚Trage dein Leid, mein Herz,
- Ergib dich und schweige!‘
-
-Nun, was, – soll ich fortfahren?“ brach er finster ab.
-
-„Bitte, haben Sie die Güte,“ antwortete der Untersuchungsrichter.
-
-
- V.
- Das dritte Purgatorium
-
-Mitjä sprach zwar in rauhem Tone und mürrisch, doch bemühte er sich
-augenscheinlich, nicht das geringste zu vergessen, vielmehr alles bis
-ins kleinste wiederzugeben. Er erzählte, wie er über den Zaun in den
-Garten des Vaters hinabgesprungen war, wie er sich zum Fenster
-geschlichen, und was er dort gesehen hatte. Klar, bestimmt, als wolle er
-jedes Wort prägen, sprach er von seinen Gefühlen, die ihn in jenen
-Augenblicken im Garten erregt hatten, als er so krampfhaft erfahren
-wollte, ob Gruschenka beim Vater war oder nicht. Doch sonderbar, sowohl
-der Staatsanwalt wie der Untersuchungsrichter hörten ihm diesmal mit
-einer auffallenden Zurückhaltung zu, blickten ihn trocken an und
-stellten viel weniger Fragen. „Scheinen sich geärgert zu haben und
-gekränkt zu sein,“ dachte Mitjä, „ach nun, hol sie der Teufel!“ Als er
-erzählte, wie er sich entschlossen hatte, dem Vater das _Zeichen_ zu
-geben, daß Gruschenka gekommen sei, um sich zu vergewissern, ob er
-allein war, und wie der Alte das Fenster geöffnet hatte, da beachtete
-keiner von den Juristen das Wort „Zeichen“, als ob sie überhaupt nicht
-verstanden hätten, welche Bedeutung dieses Wort hatte, so daß es selbst
-Mitjä auffiel. Als er dann schließlich zu dem Augenblick kam, wie er
-beim Anblick des beleuchteten Profils seines Vaters den Haß in sich
-auflodern gefühlt und die Mörserkeule aus der Tasche gerissen hatte, da
-hielt er plötzlich wie absichtlich inne. Er saß und blickte zur Wand und
-wußte, daß die anderen mit ihren Blicken gleichsam wie gebannt an ihm
-hingen.
-
-„Nun, und?“ fragte der Untersuchungsrichter, „Sie rissen die Waffe
-heraus und ... was geschah darauf?“
-
-„Was darauf geschah? Und darauf erschlug ich ihn – zielte genau auf den
-Scheitel und schlug ihm den Schädel ein ... So muß es doch gewesen sein,
-nach Ihrer Meinung, nicht wahr?“
-
-Sein ganzer Zorn, der sich bereits besänftigt hatte, erhob sich im
-Augenblick wieder mit überwältigender Macht.
-
-„Ja, nach unserer Meinung,“ bestätigte der Untersuchungsrichter, „nun,
-und nach Ihrer?“
-
-Mitjä senkte den Blick und schwieg lange.
-
-„Nach meiner Meinung, meine Herren, meiner Meinung nach war es so,“
-sagte er leise. „Waren es jemandes Tränen, war es ein Gebet meiner
-Mutter zu Gott, oder umschwebte mich ein lichter Geist in jenem
-Augenblick – ich weiß es nicht, aber der Teufel war niedergerungen. Ich
-stürzte fort vom Fenster und lief zum Zaun ... Mein Vater erschrak, denn
-da erst bemerkte er mich: er schrie auf und sprang zurück vom Fenster, –
-das weiß ich noch ganz genau. Ich aber lief durch den Garten zum Zaun
-... und dort war es, wo Grigorij mich einholte und mich am Bein ergriff,
-als ich schon auf dem Zaun saß ...“
-
-Mitjä erhob endlich den Blick zu seinen Zuhörern. Es schien, daß diese
-ihn mit der ruhigsten Aufmerksamkeit betrachteten. Da war es Mitjä, als
-krampfte sich seine Seele vor Unwillen zusammen.
-
-„Aber Sie, meine Herren, Sie machen sich ja jetzt nur lustig über mich!“
-unterbrach er sich.
-
-„Wie kommen Sie darauf?“ fragte der Untersuchungsrichter.
-
-„Weil Sie mir kein Wort davon glauben, darum! Ich begreife doch, daß das
-der Hauptpunkt ist, zu dem ich gekommen bin: mein Vater liegt jetzt dort
-mit eingeschlagenem Schädel, und ich, – nachdem ich so tragisch
-geschildert habe, wie ich ihn erschlagen wollte und schon die
-Mörserkeule herausriß, – ich laufe plötzlich fort vom Fenster ... Das
-ist doch eine Dichtung! In Versen sogar! Da kann man jedes Wort dem
-braven Jungen glauben! Haha! Spötter sind Sie, meine Herren!“
-
-Und er drehte sich mit dem ganzen Körper auf dem Stuhl herum, so daß der
-Stuhl in den Fugen krachte.
-
-„Aber haben Sie vielleicht bemerkt,“ fragte plötzlich der Staatsanwalt,
-als ob er Mitjäs Aufregung weiter gar nicht beachtete, „haben Sie es
-nicht zufällig bemerkt, als Sie vom Fenster zum Zaun liefen: war die
-Tür, die am anderen Ende der Gartenfassade des Hauses liegt, offen oder
-geschlossen?“
-
-„Nein, sie war nicht offen.“
-
-„Nicht?“
-
-„Sie war sogar verschlossen, und wer konnte sie denn öffnen? Warten Sie,
-– die Tür!“ rief er plötzlich, gleichsam sich besinnend und fast
-zusammenzuckend, „– haben Sie die Tür denn etwa offen vorgefunden?“
-
-„Ja, offen.“
-
-„Aber wer hat sie denn öffnen können, wenn Sie es nicht selbst getan
-haben?“ fragte Mitjä höchst verwundert.
-
-„Die Tür stand weit offen, und der Mörder Ihres Vaters ist zweifellos
-durch diese Tür eingedrungen, und nachdem er ihn ermordet hatte, wieder
-durch dieselbe Tür hinausgegangen,“ sagte langsam und deutlich der
-Staatsanwalt, indem er jede Silbe gleichsam einzeln aussprach. „Das ist
-uns vollkommen klar. Der Mord ist ganz augenscheinlich im Zimmer verübt
-worden, und _nicht durch das Fenster_, was vollkommen deutlich aus der
-Lokalinspektion hervorgeht, aus der Lage des Körpers und aus allem. Über
-diesen Punkt kann kein Zweifel bestehen.“
-
-Mitjä war unglaublich betroffen.
-
-„Aber das ist doch unmöglich, meine Herren!“ rief er ganz aus der
-Fassung gebracht, „ich ... ich bin nicht hineingegangen ... ich,
-bestimmt, ich versichere Sie, die Tür war die ganze Zeit, während der
-ich im Garten war, und als ich aus dem Garten hinauslief, verschlossen.
-Ich stand nur unter dem Fenster, und das war alles, alles ... Ich
-erinnere mich dessen haarscharf bis zum letzten Augenblick. Und selbst
-wenn ich mich nicht genau erinnern würde, so weiß ich doch genau, daß
-das unmöglich ist, denn die _Zeichen_ waren doch nur mir, Ssmerdjäkoff
-und ihm, dem Toten, bekannt, und ohne diese Zeichen hätte er niemandem
-auf der Welt die Tür aufgemacht.“
-
-„Zeichen? Was sind denn das für Zeichen?“ fragte sogleich mit gieriger,
-fast krampfhafter Neugier der Staatsanwalt. Er hatte plötzlich seine
-ganze gemessene Zurückhaltung verloren.
-
-Er fragte, als wenn er sich vorsichtig heranschleichen wollte. Er
-witterte eine wichtige Tatsache, die ihm noch unbekannt war, und sofort
-empfand er auch die größte Angst, Mitjä könnte sie ihm vielleicht nicht
-ganz aufdecken wollen.
-
-„Ah – ah, und Sie wußten das nicht einmal?“ fragte Mitjä und blinzelte
-ihm mit mokantem Lächeln spöttisch boshaft zu. „Wenn ich das nun nicht
-sage? Von wem soll man das dann erfahren? Von diesen Zeichen wußten doch
-nur der Verstorbene, ich und Ssmerdjäkoff, das sind alle, die was davon
-wußten, – und noch der Himmel wußte es, aber der wird es Ihnen doch
-nicht sagen. Und doch – wie interessant ist dieses Pünktchen! Weiß der
-Teufel, was man noch alles darauf gründen könnte, ha – ha! Beruhigen Sie
-sich, meine Herren, ich werde es Ihnen sagen. Sie denken sich da sonst
-wieder Dummheiten zusammen. Überhaupt, Sie wissen gar nicht, mit wem Sie
-zu tun haben! Sie, meine Herren, haben es mit einem Angeklagten zu tun,
-der freiwillig gegen sich selbst aussagt, der zu seinem eigenen Nachteil
-aussagt! Ja, das ist so, denn ich bin ein Mensch von Ehre, Sie aber –
-sind es nicht!“
-
-Der Staatsanwalt schluckte wortlos alle Pillen hinunter, er zitterte nur
-vor Ungeduld, diese neue Tatsache zu erfahren. Mitjä erzählte
-umständlich von den Zeichen und setzte alles genau auseinander, was
-damit irgendwie in Verbindung stand. Er sagte, daß Fedor Pawlowitsch sie
-sich für Ssmerdjäkoff ausgedacht hatte, er erklärte ihnen, was das erste
-Zeichen bedeuten sollte, klopfte sogar die Zeichen auf dem Tisch vor,
-und auf die Frage des Untersuchungsrichters, ob denn auch er, Mitjä, an
-das Fenster des Vaters das Zeichen „Gruschenka ist gekommen“, geklopft
-habe, antwortete er mit fester Stimme, daß er geradeso geklopft habe, so
-nämlich: tuck-tuck ... tuck-tuck-tuck, – was bedeutete: „Gruschenka ist
-gekommen“.
-
-„So, jetzt denken Sie sich was Schönes zusammen!“ brach Mitjä kurz ab
-und wandte sich wieder mit unverhohlener Verachtung von ihnen ab.
-
-„Und um diese Zeichen wußten nur Ihr verstorbener Vater, Sie und der
-Diener Ssmerdjäkoff? Und sonst niemand?“ erkundigte sich noch einmal der
-Untersuchungsrichter.
-
-„Ja, der Diener Ssmerdjäkoff und dann noch der Himmel. Schreiben Sie
-auch den Himmel auf; das wird nicht überflüssig sein; und auch Ihnen
-wird Gott noch zustatten kommen.“
-
-Natürlich begann wieder das Schreiben, doch als man damit fertig war,
-fragte der Staatsanwalt unvermittelt, als ob ihm ganz plötzlich ein
-neuer Gedanke gekommen wäre:
-
-„Aber wenn um diese Zeichen auch Ssmerdjäkoff gewußt hat und Sie auf das
-bestimmteste jede Schuld am Tode Ihres Vaters von sich weisen, so fragt
-sich doch, ob nicht er durch das verabredete Zeichen Ihren Vater
-veranlaßt hat, ihm die Tür aufzumachen und dann also ... ob nicht
-Ssmerdjäkoff den Mord verübt hat?“
-
-Mitjä blickte mit unsäglich spöttischem, doch zu gleicher Zeit auch
-sprühend haßerfülltem Blick dem Staatsanwalt in die Augen. Lange und
-wortlos sah er ihn so an, bis schließlich der Staatsanwalt zu blinzeln
-begann.
-
-„Da haben Sie wieder den Fuchs gefangen!“ sagte Mitjä, endlich das
-Schweigen brechend, „und dem schlauen Tier den Schwanz eingeklemmt,
-haha! Ich durchschaue Sie vortrefflich, Herr Staatsanwalt. Sie glaubten
-wohl, daß ich sofort aufspringen und mich an das klammern werde, was Sie
-mir vorgesagt haben, daß ich sofort losschreien werde: ‚Ah, richtig,
-Ssmerdjäkoff, das ist der Mörder!‘ Gestehen Sie nur, daß Sie gerade
-etwas in der Art erwartet haben, gestehen Sie es, dann werde ich
-fortfahren.“
-
-Doch der Staatsanwalt gestand nichts. Er schwieg und wartete.
-
-„Sie haben sich verrechnet, ich werde nicht Ssmerdjäkoff beschuldigen!“
-sagte Mitjä.
-
-„Und Sie verdächtigen ihn nicht einmal?“
-
-„Verdächtigen Sie ihn denn?“
-
-„Auch dieser Verdacht ist geäußert worden.“
-
-Mitjä blickte stumpf zu Boden.
-
-„Meine Herren, Scherz beiseite,“ sagte er düster. „Hören Sie mich: Ganz
-zuerst, ja bereits in dem Augenblick, als ich von dort“ – er wies auf
-die Portiere – „hervorgestürzt war und Sie alle hier erblickte, zuckte
-mir schon dieser Gedanke durch den Kopf: ‚Ssmerdjäkoff!‘ dachte ich
-sofort. Darauf saß ich hier am Tisch und schrie, daß ich unschuldig bin
-an diesem Blut, und bei mir denke ich die ganze Zeit: ‚Ssmerdjäkoff,
-bestimmt Ssmerdjäkoff!‘ Und meine Seele konnte diesen Ssmerdjäkoff nicht
-loswerden. Und schließlich jetzt ... dachte ich plötzlich gleichfalls
-‚Ssmerdjäkoff‘, aber nur einen Augenblick, gleich darauf dachte ich:
-‚Nein, nicht Ssmerdjäkoff!‘ Das ist keine Tat für ihn, meine Herren!“
-
-„Haben Sie auch keinen Verdacht an einen anderen Menschen?“ fragte
-vorsichtig der Untersuchungsrichter.
-
-„Ich weiß nicht, wer oder was ... ob die Hand des Himmels oder des
-Teufels ihn erschlagen hat, aber ... jedenfalls nicht Ssmerdjäkoff!“
-sagte Mitjä bestimmt.
-
-„Aber warum behaupten Sie denn so überzeugt und so nachdrücklich, daß er
-es nicht sei?“
-
-„Nach meiner Überzeugung, nach dem Eindruck, den er auf mich gemacht
-hat. Weil Ssmerdjäkoff einer der niedrigsten Menschen und ein
-furchtbarer Feigling ist. Oh, der ist nicht nur ein Feigling, der ist
-die Quintessenz aller Feigheiten in der Welt zusammengenommen, die jetzt
-in Menschengestalt auf zwei Beinen geht. Er ist von einem Huhn geboren
-... Wenn er mit mir sprach, so zitterte er vor Angst, ich könnte ihn
-erschlagen, während ich ihn doch mit keinem Finger anrührte, nicht
-einmal die Hand erhob. Er fiel vor mir auf die Knie nieder und weinte, –
-er hat mir sogar einmal diese selben Stiefel geküßt, buchstäblich geküßt
-und mich angefleht, ihn ‚nicht zu ängstigen‘. Hören Sie, ‚nicht zu
-ängstigen‘ – was ist das für ein Wort? Ich habe ihn sogar beschenkt. Das
-ist ein kränkliches Huhn, das außerdem noch die Fallsucht hat, ein
-Mensch mit einem schwachen Verstande, einer, den jeder achtjährige Knabe
-verprügeln kann. Ist denn das überhaupt ein Mensch? Nein, Ssmerdjäkoff
-kann es nicht gewesen sein, meine Herren. Und auch aus Geld macht er
-sich nichts, er wollte nicht einmal was für seine Dienste von mir
-annehmen ... Und warum hätte er ihn denn erschlagen sollen? Er ist doch
-vielleicht sein Sohn, sein unehelicher Sohn, wissen Sie das auch?“
-
-„Wir haben von diesem Gerücht gehört. Aber auch Sie haben doch gesagt,
-daß Sie Ihren Vater erschlagen wollten.“
-
-„Ah, Sie werfen einen Stein in meinen Garten, wie man zu sagen pflegt,
-damit ich es nicht vergesse! Ein schmachvoller, gemeiner Stein ist es,
-meine Herren! Ich aber fürchte mich nicht! Meine Herren, ich verstehe
-nicht, wie Sie, Sie mir das ins Gesicht sagen können! Das ist niedrig
-von Ihnen, niedrig, weil ich selbst Ihnen gesagt habe, daß ich ihn nicht
-nur erschlagen wollte, sondern sogar erschlagen konnte, und ich habe
-noch freiwillig gestanden, daß ich ihn beinahe auch wirklich erschlagen
-hätte! Aber ich habe ihn doch nicht erschlagen! Davor hat mich doch mein
-Schutzengel bewahrt! – das ist es, was Sie noch nicht bedacht haben ...
-Und darum ist es niedrig, niedrig von Ihnen! Hören Sie, Herr
-Staatsanwalt: _Ich habe ihn nicht erschlagen!_“
-
-Er atmete schwer. Noch war er während des ganzen Verhörs kein einziges
-Mal so erregt gewesen.
-
-„Aber was hat er Ihnen denn gesagt, der Ssmerdjäkoff?“ fragte er
-plötzlich auffahrend, nach einem kurzen Schweigen. „Darf ich Sie danach
-fragen?“
-
-„Durchaus. Sie können uns alles fragen, was den Tatbestand betrifft,“
-antwortete der Staatsanwalt mit kalter und strenger Miene, „und wir
-sind, ich wiederhole es, sogar verpflichtet, auf jede Ihrer Fragen
-einzugehen. Wir fanden den Diener Ssmerdjäkoff, nach dem Sie sich
-erkundigen, bewußtlos vor, in einem sehr starken Epilepsieanfall, der
-sich vielleicht zum zehntenmal wiederholte. Der Arzt, der mit uns
-gekommen war und den Kranken untersuchte, sagte uns, daß er
-wahrscheinlich nicht mehr bis zum Morgen leben wird.“
-
-„Nun, dann hat der Teufel den Vater erschlagen!“ entfuhr es Mitjä
-plötzlich, als hätte er sich sogar bis zu diesem letzten Augenblick noch
-immer zweifelnd gefragt: „Ist es Ssmerdjäkoff oder nicht Ssmerdjäkoff?“
-
-„Darauf werden wir noch später zurückkommen,“ entschied der
-Untersuchungsrichter, „würden Sie jetzt nicht Ihre Aussagen fortsetzen
-wollen.“
-
-Mitjä bat, sich einen Augenblick erholen zu dürfen. Das wurde ihm
-höflich erlaubt. Nachdem er eine Weile still vor sich hingesonnen hatte,
-fuhr er fort. Es wurde ihm aber augenscheinlich schwer. Er war
-abgequält, beleidigt und moralisch erschüttert. Zudem begann der
-Staatsanwalt – jetzt bereits ganz absichtlich – ihn durch immerwährende
-„dumme“ Fragen nach den „geringfügigsten Nebensachen“ zu reizen. Kaum
-hatte Mitjä erzählt, wie er, auf dem Zaune sitzend, Grigorij mit der
-Mörserkeule auf den Kopf geschlagen hatte, da er von diesem am linken
-Bein festgehalten worden war, als ihn der Staatsanwalt auch schon
-unterbrach und ihn bat, genauer zu beschreiben, wie er auf dem Zaun
-gesessen hatte. Mitjä wunderte sich darüber.
-
-„Herrgott, ich saß oben auf dem Zaun, rittlings, wie man eben auf einem
-Zaune sitzt: das eine Bein hier, das andere dort ...“
-
-„Und die Mörserkeule?“
-
-„Die Mörserkeule hatte ich in der Hand.“
-
-„Nicht in der Tasche? Erinnern Sie sich dessen so genau? Holten Sie weit
-aus zum Schlage?“
-
-„Wahrscheinlich, aber warum fragen Sie das?“
-
-„Würden Sie vielleicht die Güte haben, sich so auf den Stuhl zu setzen,
-wie Sie damals auf dem Zaun saßen, und uns das anschaulich vorzumachen,
-wie Sie ausholten, nach welcher Seite hin, und wie Sie geschlagen
-haben?“
-
-„Wollen Sie sich etwa über mich lustig machen?“ fragte Mitjä, und er maß
-den Staatsanwalt mit stolzem Blick von oben bis unten. Doch der zuckte
-mit keiner Wimper.
-
-Mitjä wandte sich brüsk um, setzte sich rittlings auf den Stuhl und
-holte mit der Hand wie zum Schlage aus.
-
-„So habe ich geschlagen! So! Was wollen Sie jetzt noch?“
-
-„Ich danke Ihnen. Würden Sie sich jetzt vielleicht die Mühe nehmen, uns
-genau zu erklären: Warum Sie eigentlich nochmals hinabsprangen, zu
-welchem Zweck, welch eine Absicht hatten Sie, als Sie es taten?“
-
-„Nun, Teufel ... ich sprang einfach zum verletzten Alten hinab ... Ich
-weiß nicht, wozu!“
-
-„Während Sie so erregt waren? – und auf der Flucht?“
-
-„Ja, ich war erregt und auf der Flucht.“
-
-„Wollten Sie ihm helfen?“
-
-„Was helfen! ... Ja, vielleicht auch helfen, ich weiß es nicht mehr.“
-
-„Ohne zu wissen, was Sie taten? Das heißt, Sie waren wohl etwas ...
-gewissermaßen besinnungslos?“
-
-„Oh, nein, durchaus nicht, ich erinnere mich des Vorganges ganz genau,
-bis aufs letzte. Ich sprang in den Garten zurück, um zu sehen, was ich
-angerichtet hatte, und ich wischte ihm das Blut mit meinem Taschentuch
-ab.“
-
-„Wir haben Ihr Taschentuch gesehen. Sie hofften den Verletzten ins Leben
-zurückzurufen?“
-
-„Ich weiß nicht, ob ich es noch hoffte. Ich wollte mich einfach nur
-überzeugen, ob er noch lebte oder nicht.“
-
-„Aha, Sie wollten sich also überzeugen. Nun, und überzeugten Sie sich?“
-
-„Ich bin kein Arzt, ich konnte nicht feststellen, ob er tot war oder
-noch lebte. Ich lief fort im Glauben, daß ich ihn erschlagen hätte – und
-da ist er nun wieder zu sich gekommen!?“
-
-„Vorzüglich, ich danke Ihnen,“ schloß der Staatsanwalt. „Das war alles,
-was ich wissen wollte. Bitte, fahren Sie fort.“
-
-Armer Mitjä! Es war ihm gar nicht in den Sinn gekommen, zu sagen –
-obgleich er sich dessen sehr wohl erinnerte –, daß er aus Mitleid
-hinabgesprungen war, daß er sogar beim Anblick des vermeintlich
-Erschlagenen traurig vor sich hingemurmelt hatte: „Bist mir in den Weg
-gekommen, armer Alter, nun, so liege denn.“ Daher schloß der
-Staatsanwalt aus seinen Aussagen, daß Mitjä „in jenem Augenblick und
-trotz seiner Aufregung“ nur zu dem einen Zweck hinabgesprungen war, um
-sich zu überzeugen, ob der _einzige_ Zeuge seines Verbrechens lebte oder
-tot war. Wie groß mußte folglich die Entschlossenheit, Kaltblütigkeit
-und Überlegungskraft dieses Menschen selbst in „solch einem Augenblick“
-gewesen sein usw. usw. Der Staatsanwalt war sehr zufrieden. Er hatte
-einen nervösen Menschen „durch Kleinigkeiten so weit gereizt, daß der
-sich doch noch versprochen hatte“.
-
-Mitjä fuhr gepeinigt zu erzählen fort. Er wurde aber alsbald wieder
-unterbrochen; diesmal vom Untersuchungsrichter.
-
-„Wie konnten Sie zur Magd Fedossja Markowna in die Küche gehen, da Sie
-doch blutbefleckte Hände hatten?“
-
-„Aber ich wußte es doch gar nicht, ich hatte es ja gar nicht bemerkt,
-daß ich blutig war!“ sagte Mitjä.
-
-„Diese Aussage ist sehr glaubwürdig, das kommt sehr oft in solchen
-Fällen vor,“ sagte der Staatsanwalt mit einem Blick auf den
-Untersuchungsrichter.
-
-„Tatsächlich, ich hatte es überhaupt nicht bemerkt, da haben Sie ganz
-recht, Herr Staatsanwalt,“ bestätigte Mitjä nochmals.
-
-Darauf folgte die Erzählung von seinem plötzlichen Entschluß, sich zu
-„beseitigen“ und „die Glücklichen ungestört an sich vorübergehen zu
-lassen“. Doch konnte er nicht mehr, wie kurz vorher, von der „Königin
-seiner Seele“ erzählen und sein Herz aufdecken. Es wäre ihm zu peinvoll,
-zu qualvoll und zuwider gewesen, davon vor diesen kalten Menschen zu
-reden, die sich „wie Wanzen an mir festgesogen haben“. Und darum
-antwortete er auf die wiederholte Frage nur kurz und schroff:
-
-„Nun, ich beschloß einfach, mich zu erschießen. Wozu sollte ich noch
-leben? – Diese Frage stellte sich ganz von selbst. Ihr ... Derjenige,
-dem ihre erste Liebe gehört hatte, ihr Beleidiger war mit seiner Liebe
-zurückgekehrt, um nach fünf Jahren das Vergangene wieder gutzumachen und
-um sie zu heiraten. Nun und da begriff ich, daß für mich alles verloren
-war ... Und hinter mir lag dieses Blut, das Blut Grigorijs ... Wozu da
-noch leben? Nun, und so ging ich denn zu Perchotin, um die versetzten
-Pistolen auszulösen, um sie zu laden und mir bei Sonnenaufgang eine
-Kugel vor den Kopf zu schießen ...“
-
-„Und in der Nacht noch ein tolles Gelage?“
-
-„Ja, ein tolles Gelage. Ach zum Teufel, kommen Sie schneller zu einem
-Schluß, meine Herren. Erschießen wollte ich mich unbedingt ... hier,
-nicht weit, ungefähr um fünf Uhr morgens, und in meiner Tasche lag schon
-der Zettel bereit ... den hatte ich bei Perchotin geschrieben, als die
-Pistole geladen war. Hier ist das Ding, lesen Sie. Nicht Ihnen erzähle
-ich das!“ fügte er plötzlich verächtlich hinzu. Er hatte das Papier aus
-der Westentasche hervorgezogen und auf den Tisch geworfen. Die Juristen
-lasen interessiert, was er am Abend vorher geschrieben hatte. Der Zettel
-wurde, wie es sich gehört, ins Protokoll aufgenommen.
-
-„Und die Hände zu waschen fiel Ihnen noch immer nicht ein, selbst als
-Sie bei Herrn Perchotin eintraten? So fürchteten Sie also keinen
-Verdacht?“
-
-„Was für einen Verdacht? Verdacht – oder nicht, das war mir ganz egal
-... ich hatte doch schon beschlossen, nach Mokroje zu fahren und mich
-hier bei Sonnenaufgang zu erschießen, und niemand hätte vorher was
-erfahren oder mich daran hindern können. Denn wenn nicht dieser Zufall
-mit dem Vater dazwischen gekommen wäre, so hätten Sie doch nicht so bald
-von dem Vorgefallenen erfahren, und wären dann natürlich auch nicht
-hergekommen. Oh, das hat der Teufel getan, der Teufel hat den Vater
-erschlagen, durch den Teufel haben auch Sie es so schnell erfahren! Wie
-sind Sie nur so schnell hergekommen? Das ist doch wahrlich kaum
-glaublich!“
-
-„Herr Perchotin hat uns mitgeteilt, daß Sie, als Sie bei ihm eingetreten
-sind, in der Hand ... in der blutigen Hand Ihr Geld gehalten haben ...
-ein ganzes Paket Hundertrubelscheine – und das hat der Knabe, der bei
-ihm aufwartet, gleichfalls gesehen.“
-
-„Ja, so war es, ich erinnere mich dessen.“
-
-„Jetzt gilt es, hier noch eine kleine Frage zu erledigen. Können Sie uns
-vielleicht mitteilen,“ begann äußerst milde der Untersuchungsrichter,
-„wo Sie plötzlich soviel Geld hergenommen hatten, da doch aus dem
-Tatbestand und aus der Zeitberechnung klar hervorgeht, daß Sie von
-Fedossja Markowna direkt zu Herrn Perchotin gegangen sind, sich also
-nicht vorher in Ihre Wohnung begeben haben?“
-
-Der Staatsanwalt runzelte ein wenig die Stirn über die so auf die Spitze
-getriebene Frage, aber er unterbrach Neljudoff nicht.
-
-„Nein, ich bin allerdings nicht nach Haus gegangen,“ antwortete Mitjä
-offenbar sehr ruhig, doch hielt er den Blick zu Boden gesenkt.
-
-„In diesem Fall erlauben Sie wohl,“ fuhr Neljudoff gleichsam
-näherschleichend fort, „meine Frage zu wiederholen: Woher nahmen Sie
-plötzlich eine so große Summe, wenn Sie, nach Ihrer eigenen Aussage,
-noch um fünf Uhr ...“
-
-„Wenn ich um fünf Uhr noch kein Geld hatte und für zehn Rubel die
-Pistolen bei Perchotin versetzte, dann Frau Chochlakoff um dreitausend
-Rubel anborgen wollte und von der nichts bekam, und so weiter die ganze
-Litanei,“ unterbrach Mitjä gereizt. „Ja, sehen Sie mal, meine Herren, um
-fünf Uhr keine zehn Rubel, und da plötzlich Tausende in den Fingern, –
-verdächtig, wie? Wissen Sie, meine Herren, Sie zittern ja jetzt alle
-beide vor Angst, ‚er könnte am Ende nicht sagen, wo er das Geld
-hergenommen hat, und was dann?‘ Ja, so ist es auch, meine Herren: Ich
-sage es nicht, Sie haben es erraten, Sie werden es nicht erfahren,“
-sagte Mitjä entschlossen und bestimmt.
-
-Die Juristen schwiegen beide eine Weile.
-
-„Sie sehen doch ein, Herr Karamasoff, daß das zu erfahren für uns von
-großer Wichtigkeit ist,“ sagte schließlich ruhig und bescheiden der
-Untersuchungsrichter.
-
-„Ich sehe dies vollkommen ein, aber ich sage es trotzdem nicht.“
-
-Da mischte sich auch der Staatsanwalt hinein und erinnerte wieder daran,
-daß der Angeklagte zwar nicht zu antworten brauchte, wenn er das für
-sich für vorteilhafter hielt usw., doch hinsichtlich des Schadens, den
-sich der Angeklagte durch das Verschweigen seiner Geldquelle zufüge, und
-besonders noch, da es sich dabei um eine Frage von solcher Wichtigkeit
-handelte, so ...
-
-„Und so weiter, meine Herren, und so weiter. Genug, ich habe den Sermon
-schon gehört!“ unterbrach Mitjä wieder ungeduldig. „Ich begreife selbst
-sehr gut, von welcher Wichtigkeit diese Frage ist, daß es der Hauptpunkt
-ist, aber ich sage es trotzdem nicht!“
-
-„Uns kann es ja schließlich gleichgültig sein, das ist nicht unsere
-Sache, sondern Ihre, und Sie schaden sich dadurch nur,“ bemerkte der
-Untersuchungsrichter etwas gereizt.
-
-„Scherz beiseite, meine Herren, sehen Sie: –“ Mitjä erhob den Blick und
-sah sie beide fest an. „Ich hab es schon gleich zu Anfang vorausgefühlt,
-daß wir gerade in diesem Punkt mit den Köpfen aneinanderprallen würden.
-Als ich meine Aussagen begann, lag alles andere noch neblig in weiter
-Ferne, alles wogte noch verschwommen durcheinander, und ich war sogar so
-naiv, daß ich mit dem Vorschlag, ‚uns gegenseitig volles Vertrauen zu
-schenken‘ begann. Jetzt sehe ich ein, daß von Vertrauen hier überhaupt
-nicht die Rede sein kann, denn wir mußten doch einmal auf diesen
-verfluchten Punkt stoßen. Nun, und jetzt sind wir auch glücklich da
-angelangt! Es geht nicht, und das genügt. Übrigens, ich mache Ihnen
-keine Vorwürfe, Sie können mir nicht aufs Wort glauben, das begreife ich
-doch!“
-
-Er verstummte. Sein Gesicht war düster.
-
-„Aber könnten Sie nicht, ohne im geringsten Ihren Entschluß, das
-Hauptsächlichste zu verschweigen, aufzugeben, könnten Sie uns nicht
-trotzdem wenigstens einen kleinen Wink geben oder andeuten, welcher Art
-die Gründe sind, die Sie zu einer so gefährlichen, für Sie gefährlichen
-Verheimlichung eines so wichtigen Punktes bewegen?“
-
-Ein trauriges und gleichsam nachdenkliches Lächeln erschien auf Mitjäs
-Lippen.
-
-„Ich bin sogar viel gütiger, als Sie von mir glauben, meine Herren. Ich
-werde Ihnen sagen, warum ich es nicht tun kann, und werde Ihnen auch den
-gewünschten Wink geben, obgleich Sie das eigentlich gar nicht wert sind.
-Hören Sie, meine Herren, ich verschweige es darum, weil darin eine
-Schmach für mich liegt. Jawohl, in der Antwort auf die Frage: Woher ich
-dieses Geld genommen habe, liegt für mich eine Schmach, mit der man
-selbst die Ermordung und Beraubung meines Vaters nicht vergleichen
-könnte – wenn ich ihn erschlagen und beraubt hätte. Das ist der Grund,
-warum ich es nicht sagen kann. Wegen der Schande kann ich es nicht. Wie,
-meine Herren, Sie wollen auch das niederschreiben?“
-
-„Ja, das muß aufgeschrieben werden,“ sagte der Untersuchungsrichter.
-
-„Das sollten Sie lieber nicht tun, meine Herren, das von der ‚Schmach‘.
-Das habe ich Ihnen doch nur aus Anständigkeit gesagt, ich hätte es nicht
-zu sagen gebraucht, ich habe es Ihnen sozusagen geschenkt. Und Sie
-wollen das gleich schwarz auf weiß niederschreiben! – Ach nun, schreiben
-Sie, schreiben Sie, was Sie wollen,“ brach er verächtlich und gereizt
-ab, „– ich fürchte Sie nicht und ... bleibe stolz vor Ihnen!“
-
-„Und würden Sie nicht auch sagen, welcher Art diese Schmach wäre?“
-fragte wieder freundlich der Untersuchungsrichter.
-
-Der Staatsanwalt runzelte geärgert die Stirn.
-
-„Nein, _c’est fini_, geben Sie sich weiter keine Mühe. Und wozu sich
-besudeln? Hab mich schon sowieso an Ihnen besudelt. Sie sind es nicht
-wert, weder Sie noch sonst jemand ... Genug davon, meine Herren, ich
-sage nichts mehr.“
-
-Es war gar zu bestimmt gesagt. Der Untersuchungsrichter gab es auf,
-weiter in ihn zu dringen, doch da sah er am Blick des Staatsanwalts, daß
-dieser die Hoffnung noch nicht verloren hatte.
-
-„Aber können Sie nicht wenigstens das eine angeben: Wie groß war die
-Summe, die Sie in der Hand hielten, als Sie bei Herrn Perchotin
-eintraten, wieviel Rubel waren es?“
-
-„Nein, das will ich nicht angeben.“
-
-„Herrn Perchotin haben Sie, glaube ich, gesagt, daß es dreitausend
-gewesen seien, die Sie angeblich von Frau Chochlakoff erhalten hätten.“
-
-„Es ist möglich, daß ich ihm das gesagt habe. Aber genug, meine Herren,
-ich sage nicht, wieviel es waren.“
-
-„Dann haben Sie wohl die Güte, zu erzählen, wie Sie hierher nach Mokroje
-gefahren sind, und alles, was Sie nach der Ankunft hier getan haben.“
-
-„Ach Gott, fragen Sie das doch hier die Leute. Aber, übrigens, ich kann
-es ja meinetwegen auch selbst erzählen.“
-
-Er erzählte trocken, flüchtig. Von seiner Liebe sprach er kein Wort.
-Dafür aber erzählte er, wie er den Entschluß, sich zu erschießen,
-aufgegeben hatte, „infolge der veränderten Lage der Dinge“. Er erzählte,
-ohne zu begründen, ohne auf die Einzelheiten einzugehen. Und auch die
-Juristen unterbrachen ihn nicht mehr; es waren das für sie
-augenscheinlich Nebensachen, die sie weniger interessierten.
-
-„Das werden wir noch alles nachprüfen, da wir darauf beim Verhör der
-Zeugen zurückkommen müssen; dasselbe wird selbstverständlich in Ihrer
-Gegenwart stattfinden,“ sagte der Untersuchungsrichter und schloß damit
-das Verhör. „Jetzt aber werden Sie vielleicht so freundlich sein, alles
-hierher auf den Tisch zu legen, was Sie bei sich haben, und vor allem
-das ganze Geld, welches sich augenblicklich in Ihrem Besitze befindet.“
-
-„Das Geld, meine Herren? Bitte, ich verstehe, daß das notwendig ist. Es
-wundert mich, daß Sie nicht schon früher Ihre Neugier zu befriedigen
-versucht haben. Allerdings, ich saß ja unter Ihren Augen, wäre ja auch
-nicht fortgegangen. Nun, hier ist es, mein ganzes Geld, zählen Sie mal
-nach, nehmen Sie. So, – das ist alles, glaube ich.“
-
-Er durchsuchte seine sämtlichen Taschen und zog alles hervor, was er an
-Geldstücken fand, selbst das Kleingeld. In seiner Westentasche fand er
-noch zwei Zwanziger. Man zählte das Geld, und es zeigte sich, daß es nur
-achthundertsechsunddreißig Rubel und vierzig Kopeken waren.
-
-„Und das ist alles?“ fragte der Untersuchungsrichter.
-
-„Alles.“
-
-„Sie sagten soeben, als Sie Ihre Aussagen machten, daß Sie in der
-Kolonialwarenhandlung von Plotnikoff dreihundert Rubel bezahlt haben.
-Herrn Perchotin haben Sie zehn Rubel gegeben, für die Fahrt zwanzig,
-hier haben Sie zweihundert verspielt, dann ...“
-
-Der Untersuchungsrichter rechnete alles zusammen, was Mitjä noch
-außerdem bezahlt hatte, und Mitjä half ihm dabei bereitwillig. Jeder
-Kopeke erinnerte man sich, und alles wurde aufgeschrieben. Darauf
-rechnete der Untersuchungsrichter oberflächlich die Zahlen zusammen.
-
-„Folglich müssen Sie mit diesen achthundert anfänglich ungefähr
-tausendfünfhundert Rubel gehabt haben?“
-
-„Folglich,“ sagte Mitjä trocken.
-
-„Wie kommt es aber, daß alle behaupten, Sie hätten viel mehr gehabt?“
-
-„Mögen sie es doch behaupten.“
-
-„Und Sie selbst haben es doch gleichfalls behauptet.“
-
-„Ja, auch ich habe es behauptet.“
-
-„Das werden wir noch kontrollieren ... beim Verhör der anderen Personen.
-Ihres Geldes wegen beunruhigen Sie sich nicht, es wird, wie es sich
-gehört, aufbewahrt werden und nach Beendigung des ganzen ... zu Ihrer
-Verfügung stehen, wenn es sich erweist, oder vielmehr, wenn bewiesen
-wird, daß Sie auf dasselbe unstreitiges Anrecht besitzen. Nun, und jetzt
-...“
-
-Der Untersuchungsrichter erhob sich und erklärte Mitjä mit fester
-Stimme, daß er gezwungen und verpflichtet sei, eine genaue Untersuchung
-und Besichtigung „sowohl Ihrer Kleider als auch alles übrigen“
-vorzunehmen ...
-
-„Bitte, meine Herren, ich kann alle Taschen umkehren, wenn Sie wollen.“
-
-Und er machte sich allen Ernstes daran, seine Taschen umzukehren.
-
-„Nein, Sie werden sich entkleiden müssen.“
-
-„Was? Entkleiden? Pfui Teufel! Untersuchen Sie doch so! Geht es denn
-nicht auch so?“
-
-„Das ist unmöglich, Dmitrij Fedorowitsch. Sie werden Ihre Kleider
-ablegen müssen.“
-
-„Wie Sie wollen,“ brummte Mitjä, der sich schließlich mit finsterer
-Miene fügte, „nur bitte nicht hier, sondern wenigstens hinter dem
-Vorhange. Wer wird denn die Besichtigung vollziehen?“
-
-„Natürlich hinter dem Vorhange,“ sagte der Untersuchungsrichter und
-nickte zum Zeichen des Einverständnisses noch mit dem Kopf. Sein junges
-Gesicht drückte eine ganz besondere Wichtigkeit aus.
-
-
- VI.
- Der Staatsanwalt
-
-Es begann etwas, was Mitjä nie erwartet hätte, und was ihn nicht wenig
-in Erstaunen setzte. Nie im Leben hätte er gedacht, selbst im letzten
-Augenblick nicht, daß jemand so mit ihm umgehen könnte, mit Dmitrij
-Karamasoff! Vor allem lag darin etwas Erniedrigendes für ihn: etwas so
-„Anmaßendes und Nichtachtendes“ seiner Person. Es wäre weiter nicht
-schlimm gewesen, hätte er den Rock ausziehen müssen; man ersuchte ihn
-aber, sich noch weiter zu entkleiden. Und eigentlich ersuchte man ihn
-nicht einmal darum, sondern man befahl es ihm geradezu – was er nur zu
-gut fühlte. Aus Stolz und Verachtung unterwarf er sich wortlos. Außer
-dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt traten hinter den Vorhang,
-um der Durchsuchung beizuwohnen, auch noch einige Bauern, „natürlich zur
-Sicherheit,“ dachte Mitjä, „vielleicht aber auch zu einem anderen
-Zweck“.
-
-„Was, soll ich etwa auch noch das Hemd ausziehen?“ fragte er scharf;
-doch der Untersuchungsrichter antwortete ihm nicht; er war mit dem
-Staatsanwalt in die Besichtigung des Rockes, der Beinkleider, der Weste
-und der Mütze vertieft, und man sah es ihnen an, daß die Untersuchung
-sie beide ungemein interessierte. „Die genieren sich wahrlich nicht ein
-bißchen,“ dachte Mitjä, „nicht einmal die nötige Höflichkeit beobachten
-sie.“
-
-„Ich frage Sie zum zweitenmal: Soll ich das Hemd ausziehen oder nicht?“
-fragte er noch schärfer und gereizter.
-
-„Beunruhigen Sie sich nicht, wir werden es Ihnen sagen,“ antwortete der
-Untersuchungsrichter in etwas obrigkeitlichem Ton. Wenigstens schien
-dies Mitjä so.
-
-Mittlerweile fand zwischen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt
-eine eifrige halblaute Beratung statt. Auf dem linken Rockschoß hatten
-sie große Blutflecken entdeckt, die bereits ganz trocken und hart waren.
-Desgleichen fanden sie auch auf den Beinkleidern Blutflecke. Der
-Untersuchungsrichter befühlte eigenhändig in Gegenwart der Bauernzeugen
-den Rockkragen, die Aufschläge und alle Nähte der Kleidungsstücke, –
-offenbar suchte er nach etwas, und das konnte natürlich nur Geld sein.
-Doch das Kränkendste für Mitjä war, daß sie ihren Verdacht nicht einmal
-verbargen, den Verdacht, er hätte das Geld in seine Kleider einnähen
-können. „Sie gehen ja wirklich mit mir um, als hätten sie es mit einem
-Diebe und nicht mit einem Offizier zu tun,“ dachte er ingrimmig. Und
-ihre Gedanken teilten sie sich untereinander geradezu verblüffend offen
-und ungeniert mit. So lenkte zum Beispiel der Schriftführer, der
-gleichfalls hinter den Vorhang gekommen war, eifrig zuhörte und
-untersuchen half, die Aufmerksamkeit des Untersuchungsrichters auf die
-Mütze, die danach nicht minder sorgfältig befühlt wurde. „Wissen Sie
-noch, wie damals der Schreiber Gridjenka hereinfiel?“ fragte der
-Schriftführer. „Er fuhr im Sommer hin, um das Gehalt für die
-Kanzleibeamten in Empfang zu nehmen, und als er zurückkam, sagte er, er
-hätte das ganze Geld in betrunkenem Zustande unterwegs verloren, – und
-wo fand man es? Im Mützenrand: Die Hundertrubelscheine waren zu Spiralen
-zusammengerollt und gerade hier eingenäht.“ Beide Juristen erinnerten
-sich noch sehr gut des Falles Gridjenka, und so wurde denn beschlossen,
-Mitjäs Mütze und Kleider zur genaueren Untersuchung zurückzubehalten.
-
-„Erlauben Sie!“ rief plötzlich Neljudoff, der Untersuchungsrichter, als
-er den dunklen Rand an Mitjäs rechter Manschette bemerkte. „Erlauben
-Sie, ist das, ist das etwa Blut?“
-
-„Ja, Blut,“ sagte Mitjä kurz.
-
-„Das heißt, was für ein Blut ist es? ... und warum ist der
-Manschettenrand so umgebogen?“
-
-Mitjä erzählte, wie die Manschette blutig geworden war, als er Grigorij
-das Blut vom Gesicht abgewischt hatte, und wie er darauf beim
-Händewaschen bei Perchotin auf den Gedanken gekommen war, den blutigen
-Rand einfach umzubiegen, so gut es ging.
-
-„Dann müssen wir auch Ihr Hemd nehmen, das ist sehr wichtig ... Es
-gehört zu den Beweisstücken.“
-
-Mitjä errötete und wurde wild.
-
-„Soll ich denn nackend bleiben?“ schrie er.
-
-„Beunruhigen Sie sich nicht ... wir werden dem schon irgendwie
-abzuhelfen wissen, jetzt aber ziehen Sie bitte auch die Socken aus.“
-
-„Sagen Sie das im Ernst?“ fragte Mitjä mit blitzenden Augen.
-
-„Uns ist es nicht um Scherz zu tun!“ wies ihn der Untersuchungsrichter
-streng zurück.
-
-„Nun, wenn es so sein muß ... werde ich ...“ brummte Mitjä, setzte sich
-aufs Bett und schickte sich an, seine Socken auszuziehen. Es war für ihn
-unerträglich: alle waren angekleidet, nur er allein war ausgekleidet
-und, sonderbar – entkleidet kam er sich vor ihnen fast schuldig vor, und
-vor allen Dingen fühlte er sich selbst mit einemmal viel niedriger als
-sie und gab in seinem Bewußtsein zu, daß sie nun das volle Recht hatten,
-ihn zu verachten. „Wenn alle entkleidet sind, so schämt man sich weiter
-nicht, ist man aber ganz allein entkleidet und wird man dann noch von
-allen besehen, so ist es – eine Schmach!“ ging es ihm immer wieder durch
-den Sinn. „Das ist ja ganz wie im Traum,“ dachte er, „nur im Traum habe
-ich zuweilen solche Schmach empfunden.“ Doch die Socken auszuziehen, war
-ihm eine ganz besondere Qual, denn sie waren nicht ganz rein, und auch
-die Unterbeinkleider waren es nicht, und jetzt konnten das alle sehen.
-Doch vor allen Dingen liebte er seine Füße nicht; er hatte die beiden
-großen Zehen aus irgendeinem Grunde sein ganzes Leben lang für
-mißgestaltet gehalten, besonders den einen häßlichen, platten und
-irgendwie dumm nach unten gebogenen Nagel der großen Zehe am rechten
-Fuß. Jetzt würden das alle sehen! Vor unerträglicher Scham wurde er noch
-gröber, und zwar absichtlich. Er riß sich selbst das Hemd vom Leibe.
-
-„Wollen Sie nicht noch wo nachsuchen, wenn Sie sich nicht schämen?“
-
-„Nein, vorläufig ist dies nicht nötig.“
-
-„Wie, und ich soll hier so nackend bleiben?“ schrie er sie wild an.
-
-„Ja, das ist vorläufig nicht zu ändern ... Setzen Sie sich solange,
-bitte, hierher. Sie können sich in die Bettdecke einhüllen, wenn Sie
-wollen, ich ... ich werde das jetzt fortbringen.“
-
-Alle Sachen wurden den Zeugen gezeigt, man schrieb darauf das Ergebnis
-der Besichtigung auf, und schließlich ging der Untersuchungsrichter
-fort, und die Kleidungsstücke wurden ihm nachgetragen. Ihm folgte bald
-nachher auch der Staatsanwalt. So blieben mit Mitjä nur die Bauern
-zurück, die schweigsam ringsum standen und ihn nicht aus dem Auge
-ließen. Mitjä hüllte sich in die Decke, ihn fror. Seine nackten Füße
-baumelten über den Bettrand, und es wollte ihm in keiner Weise gelingen,
-die Decke so umzunehmen, daß sie auch die Füße bedeckte. Der
-Untersuchungsrichter blieb auffallend lange fort, „folternd lange“. „Der
-Kerl behandelt mich ja wie ein Hundejunges,“ dachte Mitjä knirschend.
-„Dieser Lump von Staatsanwalt ist gleichfalls hinausgegangen; bestimmt
-aus Verachtung: es wird ihm ekelhaft geworden sein, einen Nackten
-anzusehen.“ Mitjä war immer noch im Glauben, daß seine Kleider
-inzwischen besichtigt wurden und man sie ihm bald zurückbringen werde.
-Wie groß war daher sein Unwille, als Neljudoff plötzlich mit ganz
-anderen Kleidern, die ein Bauer ihm nachtrug, zurückkam.
-
-„Da haben Sie jetzt auch die Kleider,“ sagte er gutgelaunt und
-augenscheinlich sehr zufrieden mit dem Ergebnis seines Ganges. „Herr
-Kalganoff opfert in diesem interessanten Fall sowohl einen Anzug wie
-auch ein reines Hemd für Sie. Zum Glück hatte er das alles im Koffer bei
-sich. Ihre Unterkleider und die Socken können Sie behalten.“
-
-Mitjä geriet außer sich, als er das hörte.
-
-„Ich will keine fremden Kleider!“ schrie er wütend, „geben Sie mir meine
-eigenen!“
-
-„Das ist unmöglich.“
-
-„Geben Sie mir meine! – zum Teufel mit Kalganoff und seinen Kleidern,
-und er selbst voran!“
-
-Man mußte ihm lange zureden. Schließlich beruhigte er sich ein wenig.
-Man erklärte ihm, daß seine Kleider, da sie mit Blut befleckt waren, als
-Beweisstücke zurückbehalten werden mußten, daß man also nicht einmal das
-Recht hätte, ihm seine Kleider wiederzugeben – „im Hinblick auf den
-möglichen Ausgang der Sache“, was Mitjä denn auch zu guter Letzt
-halbwegs einsah. Er verstummte finster und überwand sich allmählich so
-weit, daß er sich ankleidete. Er bemerkte nur beim Anziehn der Kleider,
-daß sie teurer waren als seine alten Kleider, und er sagte, daß er sich
-nicht wolle „gnädig beschenken lassen“. Außerdem seien sie „beleidigend
-eng“. „Soll ich etwa eine Vogelscheuche in ihnen spielen ... zu Ihrem
-Ergötzen?“
-
-Ihm wurde wieder zugeredet, daß es durchaus nicht so schlimm sei, daß er
-auch hierin wieder übertreibe, daß Herr Kalganoff zwar von Wuchs ein
-wenig größer sei, aber, wie gesagt, eben nur ein wenig, und daß
-höchstens die Beinkleider vielleicht etwas zu lang wären. Der Rock aber
-war in den Schultern tatsächlich zu eng.
-
-„Teufel, man kann ihn ja kaum zuknöpfen,“ brummte Mitjä wütend. „Haben
-Sie die Güte, und lassen Sie Herrn Kalganoff unverzüglich sagen, daß
-nicht ich ihn um seine Kleider gebeten habe ... daß ich gegen meinen
-Willen zur Vogelscheuche aufgeputzt werde.“
-
-„Herr Kalganoff begreift das sehr gut und bedauert ... das heißt, nicht
-seine Kleider bedauert er, sondern diesen ganzen Vorfall,“ sagte
-Neljudoff, nachlässig die Worte brummend.
-
-„Er kann sich selbst bedauern! – Nun, wohin jetzt? Oder soll ich immer
-noch hier sitzen?“
-
-Man bat ihn, wieder „in jenes Zimmer“ zu kommen. Mitjä trat finster vor
-Ärger hinter dem Vorhange hervor und bemühte sich, niemanden anzusehen.
-In den fremden Kleidern fühlte er sich wie beschimpft, sogar vor diesen
-Bauern, vor dem Dorfschulzen und diesem Trifon Borissytsch, dessen
-Gesicht flüchtig an der Tür auftauchte und verschwand. „Der wollte mich
-wohl in den neuen Kleidern sehen,“ dachte Mitjä. Er setzte sich auf
-seinen früheren Platz. Es kam ihm alles wie ein Albdruck, wie etwas ganz
-Ungereimtes vor, und er glaubte einen Augenblick, den Verstand verloren
-zu haben.
-
-„Nun, was kommt jetzt? – Rutenhiebe sind ja das einzige, was gerade noch
-fehlte ...,“ sagte er, innerlich wutknirschend, zum Staatsanwalt.
-
-An den Untersuchungsrichter wollte er sich überhaupt nicht mehr wenden,
-und er tat absichtlich, als hielte er es unter seiner Würde, mit ihm
-noch zu sprechen. „Der Kerl hat meine Socken betrachtet, als wäre er
-blind, und der Schuft hat noch absichtlich befohlen, die Socken
-umzukehren, um allen zu zeigen, was für unsaubere Wäsche ich habe.“
-
-„Jetzt werden wir wohl zum Verhör der Zeugen übergehen müssen,“ sagte
-der Untersuchungsrichter, gleichsam als Antwort auf Mitjäs Frage.
-
-„Ja,“ sagte der Staatsanwalt nachdenklich, als ob er gleichfalls sich
-noch einiges überlegte.
-
-„Wir haben alles getan, Dmitrij Fedorowitsch, was wir für Sie tun
-konnten,“ fuhr der Untersuchungsrichter fort, „nachdem wir aber bei
-Ihnen auf eine so bestimmte Weigerung gestoßen sind, die Herkunft der
-bei Ihnen befindlichen Summe zu erklären, so sehen wir uns in diesem
-Augenblick ...“
-
-„Was ist das für ein Stein?“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä, wie aus
-tiefen Gedanken auffahrend, und er wies auf einen der großen Ringe, die
-die rechte Hand Neljudoffs schmückten.
-
-„Stein?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter.
-
-„Ja, dieser dort ... der Ring am Mittelfinger, mit den Adern, was ist
-das für ein Stein?“ fragte Mitjä ganz absonderlich gereizt und
-eigensinnig wie ein kleines Kind.
-
-„Das ist ein Rauchtopas,“ sagte Neljudoff lächelnd, „wenn Sie ihn
-besehen wollen, so werde ich ihn abnehmen ...“
-
-„Nein, nein, nehmen Sie ihn nicht ab!“ schrie ihn Mitjä, der sich
-plötzlich besonnen hatte und über sich selbst in Wut geriet, wild an.
-„Nehmen Sie ihn nicht ab, es ist nicht nötig ... Teufel ... Meine
-Herren, Sie haben meine Seele besudelt! Glauben Sie wirklich, ich würde
-es vor Ihnen verheimlichen, wenn ich tatsächlich meinen Vater erschlagen
-hätte? Glauben Sie, ich würde dann lügen, Winkelzüge machen und mich
-verstecken? Nein, nie würde das Dmitrij Karamasoff tun, das würde er nie
-ertragen, und wenn ich schuldig wäre, so, das schwöre ich Ihnen, würde
-ich nicht bis zu Ihrer Ankunft und dem Sonnenaufgang gewartet haben, wie
-ich es mir vorgenommen hatte, sondern hätte mich schon früher
-vernichtet, ohne die Morgenröte zu erwarten! Das fühle ich. Oh, nicht in
-zwanzig Jahren Leben habe ich so viel gelernt, wie ich in dieser einen
-verfluchten Nacht gelernt habe! ... Und wäre ich denn so, so in dieser
-Nacht gewesen, in diesem Augenblick jetzt hier auf dieser Stelle vor
-Ihnen, – würde ich so sprechen, so mich bewegen, so Sie und die Welt
-ansehen, wenn ich ein Vatermörder wäre ... während sogar der aus
-Versehen begangene Todschlag Grigorijs mir diese ganze Nacht keine Ruhe
-gegeben hat, – nicht etwa aus Angst, oh! nicht weil ich eine Strafe
-gefürchtet hätte! Aber die Schmach! Und Sie verlangen, daß ich solchen
-Spöttern wie Sie, die nichts sehen und nichts glauben, solchen blinden
-Maulwürfen und Zynikern, auch noch diese neue Schändlichkeit, die ich
-begangen habe, aufdecken und erzählen soll, daß ich noch diese neue
-Schande aufdecken soll, selbst wenn mich das sofort von Ihrer
-Anschuldigung befreien könnte? ... Lieber als Zwangsarbeiter nach
-Sibirien! Wer die Tür zu meinem Vater geöffnet hat und durch diese Tür
-eingetreten ist, der hat ihn auch erschlagen, der hat ihn auch
-bestohlen! Wer das gewesen ist – ich weiß es nicht, und es quält mich,
-daß ich es nicht weiß, ich weiß nur eines: _Dmitrij Karamasoff ist es
-nicht gewesen_, das sage ich Ihnen! – Und das ist alles, was ich Ihnen
-sagen kann, doch genug, genug, lassen Sie mich jetzt in Ruhe ...
-Verschicken Sie mich, köpfen Sie mich, aber nur reizen Sie mich nicht
-mehr. Ich habe mein letztes Wort gesprochen. Rufen Sie Ihre Häscher.“
-
-Mitjä hatte gesprochen, als wäre er fest entschlossen, nichts mehr zu
-sagen. Der Staatsanwalt hatte ihn die ganze Zeit scharf beobachtet, und
-kaum war Mitjä verstummt, da sagte er mit der kältesten und ruhigsten
-Miene, als handelte es sich um die gleichgültigsten Dinge:
-
-„Gerade in bezug auf diese offene Tür, an die Sie soeben erinnerten,
-können wir Ihnen sehr zur rechten Zeit, nämlich gerade jetzt, eine
-Aussage des alten Grigorij Wassiljewitsch mitteilen, die für uns wie für
-Sie von großer Bedeutung ist. Der alte Diener, den Sie verletzt haben,
-hat uns auf unsere Fragen hin mitgeteilt, und zwar auf das bestimmteste,
-daß bereits in dem Augenblick, als er auf das Geräusch hin, das er, auf
-der Treppe stehend, im Garten zu vernehmen geglaubt hatte, zum Pförtchen
-gegangen und durch dieses offenstehende Pförtchen in den Garten
-eingetreten war – daß ihm bereits damals, noch bevor er Sie in der
-Dunkelheit laufen gesehen hatte, auf den ersten Blick nach links das
-hellerleuchtete offene Fenster und _zu gleicher Zeit_ die viel näher zu
-ihm liegende _offene_ Tür aufgefallen sei, dieselbe Tür, von der Sie
-behaupten, daß sie während der ganzen Zeit Ihres Aufenthaltes im Garten
-geschlossen gewesen sei. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß
-Grigorij Wassiljewitsch auf das bestimmteste überzeugt ist, Sie seien
-aus dieser Tür herausgelaufen, obgleich er Sie natürlich nicht
-herauslaufen gesehen hat, da Sie erst in einiger Entfernung, inmitten
-des Gartens zum Zaun laufend, vor ihm aufgetaucht sind ...“
-
-Mitjä war schon in der Mitte der Rede aufgesprungen.
-
-„Unsinn!“ brüllte er plötzlich außer sich auf. „Das ist ein schändlicher
-Betrug! Er konnte keine offene Tür sehen, denn sie war damals
-geschlossen ... Er lügt!“
-
-„Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß er diese Aussage
-nur infolge seiner festen Überzeugung gemacht hat. Er schwankt nicht, er
-besteht darauf. Wir haben ihm die Frage mehrmals aufs schärfste
-gestellt.“
-
-„Ja, auch ich habe ihn mehreremal ausdrücklich danach gefragt,“
-bestätigte eifrig der Untersuchungsrichter.
-
-„Das ist nicht wahr, das ist aber doch nicht wahr! Das ist entweder eine
-Verleumdung oder die Halluzination eines Verrückten,“ schrie Mitjä, „es
-hat ihm einfach so geschienen, im Fieber von der Wunde, nach dem
-Blutverlust, als er erwachte ... und so phantasiert er noch jetzt.“
-
-„Schön, aber er hat ja die offene Tür nicht nach der Verletzung am Zaun,
-als er später zu sich kam, sondern vorher, als er in den Garten trat,
-gesehen.“
-
-„Aber das kann nicht sein, das ist unmöglich! Das sagt er aus Haß gegen
-mich, er will mich verleumden ... Er hat das nicht sehen können ... Ich
-bin nicht durch die Tür gegangen ...“ beteuerte Mitjä atemlos.
-
-Da wandte sich der Staatsanwalt zum Untersuchungsrichter und sagte ihm
-bedeutsam:
-
-„Zeigen Sie es.“
-
-„Ist Ihnen dieser Gegenstand bekannt?“ fragte jener, indem er ein großes
-Kuvert von dickem Papier in Kanzleiformat auf den Tisch legte. Auf der
-anderen Seite desselben waren noch drei rote Siegel zu sehen. Das Kuvert
-aber war leer und an einer Seite aufgerissen.
-
-Mitjä starrte es mit weit aufgerissenen Augen an.
-
-„Das ... das wird wohl das Kuvert vom Vater sein,“ murmelte er, „–
-dasselbe, in dem diese Dreitausend lagen ... und wenn die Aufschrift,
-erlauben Sie: ‚und Küchelchen‘ ... da! – Dreitausend!“ schrie er auf,
-„Dreitausend, sehen Sie hier?“
-
-„Natürlich sehen wir es, aber das Geld haben wir nicht mehr im Kuvert
-gefunden, es war leer und lag auf dem Fußboden, gleich vor dem Bett
-hinter dem Schirm.“
-
-Einige Sekunden lang stand Mitjä wie vom Schlage gerührt.
-
-„Meine Herren, das ist Ssmerdjäkoff!“ schrie er plötzlich laut. „Der hat
-ihn erschlagen, der hat ihn auch bestohlen! Nur er allein wußte es, wo
-das Kuvert beim Vater versteckt war ... Er ist es gewesen, das ist jetzt
-klar!“
-
-„Aber auch Sie wußten doch um das Kuvert, und daß es unter dem
-Kopfkissen lag.“
-
-„Niemals habe ich das gewußt! Ich habe es doch niemals gesehen, erst
-jetzt sehe ich es zum erstenmal. Ich hatte nur durch Ssmerdjäkoff davon
-gehört ... Er allein wußte, wo der Vater das Kuvert versteckt hatte, ich
-aber habe es überhaupt nicht gewußt ...“ rief Mitjä atemlos.
-
-„Aber Sie haben es uns doch selbst vorhin gesagt, daß das Kuvert bei
-Ihrem verstorbenen Vater unter dem Kopfkissen gelegen habe. Sie sagten
-gerade unter dem Kopfkissen, folglich haben Sie doch gewußt, wo es
-gelegen hat.“
-
-„So haben wir es auch niedergeschrieben!“ bestätigte der
-Untersuchungsrichter.
-
-„Unsinn! Blödsinn! Ich habe durchaus nicht gewußt, daß es unter dem
-Kopfkissen lag. Ja, vielleicht hat es dort überhaupt nicht gelegen ...
-Ich habe es ganz aufs Geratewohl gesagt, daß es unter dem Kissen gewesen
-sei ... Aber was sagt Ssmerdjäkoff? Haben Sie ihn gefragt, wo es gelegen
-hat? Was sagt Ssmerdjäkoff? Das ist das Wichtigste ... Ich habe es mir
-einfach auf den Hals gelogen ... Ich habe es gelogen, ganz unüberlegt
-habe ich es gesagt, daß es unter dem Kissen gelegen habe, und Sie
-glauben jetzt ... Gott, Sie wissen doch, wie sich einem plötzlich etwas
-von der Zunge reißt, ohne zu wollen, spricht man es aus, ganz von selbst
-sagt es sich! Gewußt aber hat es nur Ssmerdjäkoff, nur Ssmerdjäkoff
-allein und sonst niemand! ... Er hat auch mir gesagt, wo es lag! Aber
-das ist er, er! Er hat es getan, ganz zweifellos hat er es getan; das
-ist mir jetzt so klar wie das Sonnenlicht!“ rief außer sich Mitjä, der
-verzweifelnd überzeugen wollte und zusammenhanglos sich wiederholte und
-überstürzte. „So begreifen Sie doch, und verhaften Sie ihn, nur
-schneller, schneller ... Er hat ihn erschlagen, als ich fortgelaufen war
-und Grigorij bewußtlos am Boden lag, das ist doch jetzt klar ... Er hat
-das Zeichen gegeben, und der Vater hat ihm die Tür aufgemacht ... Denn
-nur er allein kannte die Zeichen, wie mein Vater glaubte, und ohne
-Zeichen hätte mein Vater nie, nie die Tür aufgemacht ...“
-
-„Sie vergessen aber wieder den einen Umstand,“ bemerkte mit derselben
-ruhigen Zurückhaltung, doch diesmal bereits wie mit dem Anflug eines
-Triumphgefühls der Staatsanwalt, „daß es überflüssig war, die Zeichen zu
-geben, wenn die Tür schon offen stand, als Sie noch im Garten waren ...“
-
-„Die Tür, die Tür ...“ murmelte Mitjä und starrte wortlos den
-Staatsanwalt an; kraftlos sank er wieder auf den Stuhl.
-
-Alle schwiegen.
-
-„Ja, die Tür! ... Das ist ein Phantom! Gott ist gegen mich! Gott der
-Herr ist gegen mich!“ rief Mitjä aus, mit sinnlos gewordenem Blick vor
-sich hinstarrend.
-
-„Nun sehen Sie,“ begann wichtig der Staatsanwalt, „Sie sehen doch jetzt
-selbst ein, Dmitrij Fedorowitsch: einerseits haben wir diese Aussage
-über die offene Tür, aus der Sie herausgelaufen sein müssen, – eine
-Aussage, die sowohl uns wie Sie stutzig macht; und anderseits – Ihr
-unbegreifliches, hartnäckiges und fast verzweifeltes Schweigen in
-betreff der Herkunft des Geldes, das sich plötzlich in Ihren Händen
-befindet, während Sie noch vor drei Stunden nach Ihrer eigenen Aussage
-Ihre Pistolen versetzt haben, um wenigstens zehn Rubel zu bekommen! Nun
-urteilen Sie im Hinblick auf diese Tatsache selbst: An was sollen wir
-glauben, und an was uns halten? Und werfen Sie uns nicht vor, daß wir
-‚kalte Zyniker und Spötter‘ seien, die nicht imstande sind, den edlen
-Ausbrüchen Ihres Herzens zu glauben ... Versuchen Sie, sich in unsere
-Lage zu versetzen und die Dinge von unserem Standpunkte aus zu
-betrachten ...“
-
-Mitjä befand sich in unbeschreiblicher Erregung, er war ganz bleich
-geworden.
-
-„Gut!“ rief er plötzlich, „ich werde Ihnen mein Geheimnis aufdecken, ich
-werde Ihnen sagen, woher ich das Geld genommen habe! ... Ich werde meine
-Schmach aufdecken, um nachher weder Sie noch mich anklagen zu müssen.“
-
-„Glauben Sie mir, Dmitrij Fedorowitsch,“ fiel sofort mit fast freudig
-gerührter Stimme Neljudoff ein, „daß jedes aufrichtige und volle
-Bekenntnis Ihrerseits, das Sie jetzt beim ersten Verhör ablegen,
-späterhin einen großen Einfluß auf Ihr Los und seine Wendung zum Guten
-haben kann und sogar ...“
-
-Doch der Staatsanwalt stieß ihn unbemerkt unter dem Tisch an, und so
-konnte der andere noch rechtzeitig verstummen. Mitjä hatte übrigens gar
-nicht gehört, was jener sprach.
-
-
- VII.
- Mitjäs großes Geheimnis
-
-„Meine Herren,“ begann er immer noch in derselben Aufregung, „dieses
-Geld ... ich will alles eingestehen ... dieses Geld gehörte mir.“
-
-Beim Staatsanwalt und Untersuchungsrichter wurden sogar die Gesichter
-länger: nicht das hatten sie erwartet.
-
-„Wieso gehörte es Ihnen,“ stotterte Neljudoff, „da Sie doch noch um fünf
-Uhr desselben Tages nach Ihrer eigenen Aussage ...“
-
-„Ach, zum Teufel mit fünf Uhr desselben Tages und eigene Aussage, nicht
-darum handelt es sich jetzt! Dieses Geld gehörte _mir, mir_, das heißt,
-es war von mir gestohlen ... das heißt also, es war nicht mein Geld,
-sondern gestohlenes, von mir gestohlenes Geld, und zwar waren es
-tausendfünfhundert Rubel, die ich die ganze Zeit bei mir hatte ...“
-
-„Aber von wo hatten Sie das Geld denn hergenommen?“
-
-„Vom Halse, meine Herren, hatte ich es hergenommen, hier von diesem
-Halse ... in ein Stück Zeug eingenäht, hing es an meinem Halse, schon
-lange, einen Monat lang, ja, so lange habe ich es in Schmach und Schande
-mit mir herumgetragen.“
-
-„Aber von wem haben Sie es denn ... sich angeeignet?“
-
-„Sie wollten wohl sagen: gestohlen? Sprechen Sie nur das Wort deutlich
-aus. Denn für mich ist es ebensogut, als hätte ich es gestohlen. Wenn
-Sie aber wollen, so habe ich es mir – angeeignet. Meiner Meinung nach
-habe ich es gestohlen. Und gestern abend, da stahl ich es denn auch in
-der Tat.“
-
-„Gestern abend? Aber Sie sagten doch soeben, Sie hätten das Geld schon
-vor einem Monat ... erhalten!“
-
-„Ja, aber nicht vom Vater, nicht von meinem Vater, beunruhigen Sie sich
-nicht, nicht von meinem Vater habe ich es gestohlen, sondern von ihr.
-Lassen Sie mich alles ruhig erzählen. Unterbrechen Sie mich nicht. Das
-ist doch schwer ... Sehen Sie: ungefähr vor einem Monat rief, mich
-Katerina Iwanowna Werchoffzewa zu sich, meine gewesene Braut ... Kennen
-Sie sie?“
-
-„Wie sollten wir nicht, natürlich.“
-
-„Ich weiß, daß Sie sie kennen. Sie hat die edelste Seele, die edelste
-aller edlen, doch haßt sie mich schon lange, lange ... und ich habe es
-verdient, oh, und wie noch, wie verdient!“
-
-„Katerina Iwanowna?“ fragte verwundert der Untersuchungsrichter.
-
-Auch der Staatsanwalt starrte ihn verwundert an.
-
-„Oh, sprechen Sie ihren Namen nicht unnütz aus! Ich bin ein Schuft, daß
-ich sie nenne. Ja, ich habe wohl gesehen, wie sehr sie mich haßt ...
-schon lange, schon seit jenem ersten Tage, seit jener ersten Begegnung
-dort in meiner Wohnung ... Doch genug, genug davon, Sie sind nicht
-würdig, davon auch nur etwas zu wissen, und das ist auch gar nicht nötig
-... Zur Sache gehört nur, daß sie mich vor ungefähr einem Monat zu sich
-rief, mir dreitausend Rubel einhändigte, damit ich sie ihrer Schwester
-und noch einer Verwandten nach Moskau schickte – als ob sie es nicht
-selbst tun konnte! ... und ich ... das war gerade in jener
-Schicksalsstunde meines Lebens, als ich ... nun, mit einem Wort, als ich
-mich gerade in eine andere verliebt hatte, in _sie_, in _sie_, die jetzt
-dort unten sitzt, Gruschenka ... Ich brachte sie damals hierher, nach
-Mokroje, und brachte hier in zwei Tagen die Hälfte dieser verfluchten
-Dreitausend durch, das heißt also tausendfünfhundert Rubel, und die
-andere Hälfte behielt ich zurück. Nun, und diese anderen
-Tausendfünfhundert, die ich zurückbehalten hatte, trug ich an meinem
-Halse, als Amulett ... Gestern abend aber habe ich das Geld vom Halse
-abgerissen und habe es durchgebracht. Der Rest von achthundert Rubeln,
-den Sie, Nikolai Parfenowitsch, jetzt an sich genommen haben, ist alles,
-was von den Tausendfünfhundert noch übriggeblieben ist.“
-
-„Erlauben Sie, wie denn das? Sie haben doch damals hier vor einem Monat
-Dreitausend und nicht Tausendfünfhundert durchgebracht! Das wissen doch
-alle!“
-
-„So, wer weiß es denn? Wer hat das Geld gezählt? Wem habe ich es zu
-zählen gegeben?“
-
-„Aber hören Sie mal, Sie haben doch selbst allen gesagt, daß Sie runde
-Dreitausend durchgebracht haben.“
-
-„Das ist wahr, daß ich es allen gesagt habe, ich habe es sogar der
-ganzen Stadt gesagt, und die ganze Stadt hat es nachgesprochen, und alle
-glaubten es, und auch hier in Mokroje glaubt man, daß es Dreitausend
-gewesen sind. Nur habe ich trotzdem nicht mehr als anderthalb Tausend
-hier verpraßt und die anderen anderthalb Tausend in das Zeugstück
-eingenäht. Sehen Sie, meine Herren, wie es war, woher ich dieses Geld
-...“
-
-„Das ... das ist ganz wunderbar ...“ stotterte Neljudoff.
-
-„Gestatten Sie zu fragen,“ sagte schließlich der Staatsanwalt, „haben
-Sie wenigstens irgend jemandem von diesem Umstande früher Mitteilung
-gemacht ... das heißt, daß Sie die anderen anderthalb Tausend damals vor
-einem Monat zurückbehalten hatten?“
-
-„Nein, ich habe niemandem etwas davon gesagt.“
-
-„Das ist sonderbar. Und Sie wissen genau, daß Sie es wirklich keinem
-einzigen Menschen gesagt haben?“
-
-„Keinem einzigen Menschen. Niemandem, niemandem.“
-
-„Aber warum denn dieses Schweigen darüber? Was veranlaßte Sie, das so
-geheimzuhalten? Ich werde mich deutlicher aussprechen: Sie haben uns
-also Ihr Geheimnis aufgedeckt, das nach Ihren Worten so schmachvoll sein
-soll, obgleich im Grunde – natürlich nur relativ gesprochen – diese
-Handlung, das heißt, die Aneignung fremden Geldes, und dazu noch
-selbstverständlich nur eine zeitweilige Aneignung, obgleich diese
-Handlung – wenigstens meines Erachtens – nur eine äußerst leichtsinnige
-Handlung ist und längst nicht so schmachvoll – wenn man außerdem noch
-Ihren Charakter in Betracht zieht ... Oder nennen wir sie sogar im
-höchsten Grade tadelnswert und so weiter, – so ist es deswegen noch
-nicht eine weiß Gott wie schmachvolle Tat ... Sehen Sie, ich meine das
-so: Daß diese dreitausend Rubel Fräulein Werchoffzeff gehörten, das
-hatten in diesem Monat schon viele ohne Ihr Eingeständnis erraten, und
-auch ich habe schon früher von diesem Gerücht gehört ... Michail
-Makarowitsch hat es gleichfalls gehört. Kurz, dieses Gerücht war in der
-letzten Zeit ein bereits allbekannter Stadtklatsch. Und zudem sollen
-auch Sie, wenn ich mich nicht täusche, einem Herrn eingestanden haben,
-daß Sie dieses Geld von Fräulein Werchoffzeff erhalten hätten ... Darum
-nun wundert es mich, daß Sie bis jetzt, das heißt bis zum gegenwärtigen
-Augenblick, aus dieser – nach Ihren Worten – zurückgelegten Summe von
-tausendfünfhundert Rubeln ein so großes Geheimnis gemacht haben, und daß
-Sie die Aufdeckung dieses Geheimnisses vorhin für eine so große Schmach
-hielten ... Es ist unwahrscheinlich, daß das Eingeständnis _dieses_
-Geheimnisses Ihnen so viel Qual bereitet hätte ... Sie sagten doch noch
-vor einer Minute, daß Sie eher als Zwangsarbeiter nach Sibirien gehen
-als das Geheimnis aufdecken würden ...“
-
-Der Staatsanwalt verstummte. Er war in Hitze geraten und hatte seinen
-Ärger, wenn nicht seine Wut zu verbergen vergessen. Es hatte sich zuviel
-davon in ihm angesammelt, und so hatte er denn auch nicht mehr an schöne
-Redewendungen gedacht, sondern fast verwirrt gesprochen.
-
-„Nicht in den Anderthalbtausend lag die Schmach, sondern darin, daß ich
-diese Anderthalbtausend von jenen Dreitausend abgeteilt hatte,“ sagte
-Mitjä mit fester Überzeugung.
-
-„Aber wie denn,“ fragte der Staatsanwalt gereizt auflachend, „was ist
-denn dabei so schmachvoll, wenn Sie von bereits tadelnswert oder, wenn
-Sie wollen, meinetwegen auch schmachvoll angeeigneten Dreitausend die
-Hälfte nach Ihrem Ermessen abgeteilt haben? Viel wichtiger ist doch, daß
-Sie sich diese Dreitausend angeeignet haben, als das, was Sie mit ihnen
-nachher getan haben. Übrigens, warum haben Sie denn diese Hälfte
-abgeteilt? Wozu, zu welchem Zweck haben Sie das getan – können Sie es
-uns sagen?“
-
-„Oh, meine Herren, in dem Zweck liegt ja doch die ganze Schmach!“ rief
-Mitjä. „Aus Berechnung habe ich die Anderthalbtausend abgeteilt, und
-diese Berechnung ist ja die ganze Gemeinheit ... Und diese Gemeinheit
-habe ich einen ganzen Monat mit mir herumgetragen!“
-
-„Das begreife ich nicht.“
-
-„Dann wundere ich mich über Sie. Aber es ist wahr, ich werde mich
-deutlicher erklären müssen; es ist vielleicht wirklich nicht ganz klar.
-Hören Sie und passen Sie auf: Ich eigne mir dreitausend Rubel an, die
-mir, die meiner Ehre anvertraut waren, und ich bringe das ganze Geld in
-einer Nacht durch und komme am nächsten Morgen zu ihr und sage: ‚Katjä,
-ich bin schuldig, ich habe deine Dreitausend durchgebracht.‘ Nun, was,
-ist das schön? Nein, das ist nicht schön, – es ist unehrlich und
-schlecht, ich bin ein Tier oder ein Mensch, der sich sowenig bezwingen
-kann, daß er tierisch wird, nicht wahr? Aber ich bin doch deswegen noch
-kein Dieb? Doch kein bewußter Dieb, doch kein Dieb, der aus Berechnung
-stiehlt, das müssen Sie mir doch zugeben! Ich habe das Geld
-durchgebracht, aber ich habe es nicht gestohlen! Jetzt nehmen wir den
-zweiten noch vorteilhafteren Fall. Geben Sie gut acht auf mich, ich
-könnte womöglich wieder aus dem Konzept kommen. – Der Kopf geht mir
-irgendwie ganz absonderlich rund. – Also der zweite Fall: ich verprasse
-hier nur Anderthalbtausend, also die Hälfte. Am folgenden Tage gehe ich
-zu ihr und bringe ihr die zweite Hälfte zurück: ‚Katjä, nimm diese
-Hälfte von mir, dem Scheusal und leichtsinnigen Schufte, wieder zurück
-und schicke sie selbst nach Moskau, denn die eine Hälfte habe ich in
-dieser Nacht durchgebracht, also würde ich wahrscheinlich auch mit der
-zweiten Hälfte dasselbe tun; nimm es, um mich davor zu bewahren.‘ Nun,
-was wäre ich in diesem Falle? Natürlich alles mögliche, ein Tier und ein
-leichtsinniger Mensch, aber immerhin doch kein Dieb, kein
-ausgesprochener Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich bestimmt
-nicht den Rest zurückgebracht, sondern auch ihn mir angeeignet haben. So
-müßte sie sich doch sagen, daß ich, wenn ich den Rest so bald
-zurückgebracht habe, dann auch das andere Geld, das durchgebrachte,
-zurückbringen würde, daß ich mein Leben lang nur darauf bedacht sein
-würde, dafür arbeiten würde – jedenfalls aber das Geld mir verschaffen
-und ihr abgeben würde. So bin ich dann wohl ein Schuft, aber kein Dieb,
-kein Dieb, sagen Sie, was Sie wollen, aber kein Dieb!“
-
-„Nun ja, zugegeben, daß das ein gewisser Unterschied ist,“ sagte mit
-kaltem Lächeln der Staatsanwalt, „so ist doch sonderbar, daß Sie darin
-einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied sehen.“
-
-„Ja, ich sehe darin einen dermaßen verhängnisvollen Unterschied! Ein
-Schuft kann jeder sein, und das ist auch, genau genommen, ein jeder. Ein
-Dieb aber kann nicht jeder sein, sondern nur ein Erzschuft. Ach, nun,
-ich verstehe nicht, mich da, wie es sich gehört, mit allen Feinheiten
-auszudrücken ... Ich meine, ein Dieb ist gemeiner als ein Schuft, ja,
-das ist meine Überzeugung. So hören Sie denn: Ich trage das Geld einen
-ganzen Monat mit mir herum, morgen aber kann ich mich entschließen, es
-abzugeben, und dann bin ich kein Schuft mehr ... und da kann ich mich
-nun nicht dazu entschließen, obwohl ich mir jeden Tag sage: ‚Entschließe
-dich, entschließe dich, Schuft‘, und so kann ich mich einen ganzen Monat
-lang nicht entschließen! Ist das nun schön, ist das, Ihrer Meinung nach,
-nun etwa schön?“
-
-„Nun ja, das ist allerdings nicht gerade schön, das begreife ich sehr
-wohl, aber darüber streite ich auch nicht,“ sagte der Staatsanwalt,
-diesmal wieder zurückhaltend. „Und überhaupt wollen wir jede Erörterung
-über diese Feinheiten und Unterschiede vorläufig beiseite lassen, und,
-wenn es Ihnen gefällig ist, zum Sachlichen übergehen. Das aber wäre,
-wenn Sie uns jetzt erklären wollten, was Sie noch nicht getan haben,
-obgleich von uns die Frage schon gestellt worden ist: Warum teilten Sie
-zuerst das Geld, das heißt, warum wollten Sie die eine Hälfte der ganzen
-Summe aufbewahren, wenn Sie die andere hier verzettelten? Wozu, speziell
-zu welchem Zweck gedachten Sie diese anderen Anderthalbtausend zu
-verwenden? Ich bestehe ganz besonders auf dieser Frage, Dmitrij
-Fedorowitsch.“
-
-„Ach, ja, in der Tat!“ rief Mitjä und schlug sich vor die Stirn.
-„Verzeihen Sie, ich erschwere Ihnen nur das Verständnis und vergesse
-ganz das Hauptsächliche zu erklären, sonst hätten Sie ja auch sofort
-begriffen, denn in diesem Zweck, in diesem Zweck liegt ja gerade die
-Schmach! Sehen Sie, hier kam immer der Alte dazwischen, der Verstorbene,
-und belästigte immer Agrafena Alexandrowna, und ich war eifersüchtig, da
-ich glaubte, daß sie zwischen mir und ihm schwankte. Und so dachte ich
-denn jeden Tag: Was aber dann, wenn sie sich plötzlich entscheidet, wenn
-sie müde wird, mich zu quälen und mir plötzlich sagt: ‚Dich liebe ich
-und nicht ihn, bring mich sofort ans Ende der Welt,‘ und ich habe dann
-nur zwei Zwanziger in der Tasche, was soll ich dann tun, womit sie
-fortbringen? – Dann wäre ich doch verloren gewesen! Ich kannte sie doch
-damals noch nicht und verstand sie auch nicht, ich glaubte, daß sie nur
-Geld haben wollte, und daß sie mir meine Armut nicht verzeihen würde.
-Und da zähle ich denn tückisch die Hälfte von den Dreitausend ab und
-nähe sie kaltblütig mit der Nadel ein, nähe sie mit Berechnung ein, nähe
-sie bei völliger Nüchternheit ein, und erst darauf, nachdem ich sie
-eingenäht habe, fahre ich hinaus, um nun die andere Hälfte zu
-verprassen! Das, meine Herren, das ist eine Gemeinheit! Haben Sie es
-jetzt begriffen?“
-
-Der Staatsanwalt lachte schallend auf und der Untersuchungsrichter
-gleichfalls.
-
-„Meiner Meinung nach ist das sogar sehr vernünftig und sittlich, daß Sie
-sich gemäßigt und nicht alles durchgebracht haben,“ meinte immer noch
-lachend der Untersuchungsrichter, „denn was ist denn schließlich dabei?“
-
-„Das ist dabei, daß ich gestohlen habe, begreifen Sie das doch endlich!
-O Gott, Sie entsetzen mich durch Ihren Mangel an Verständnis! Die ganze
-Zeit, während der ich diese Tausendfünfhundert auf meiner Brust
-eingenäht trug, sagte ich mir an jedem Tage und in jeder Stunde: ‚Du
-bist ein Dieb, du bist ein Dieb!‘ Deswegen wütete ich doch den ganzen
-Monat, deswegen suchte ich doch Händel im Gasthaus, deswegen verprügelte
-ich doch meinen Vater, weil ich mich als Dieb fühlte! Selbst dem
-Aljoscha, meinem jüngsten Bruder, konnte ich mich nicht entschließen,
-von diesen Tausendfünfhundert etwas zu sagen: dermaßen fühlte ich, daß
-ich ein Schuft und ein Taschendieb war! Aber wissen Sie, meine Herren,
-daß ich trotzdem die ganze Zeit, während der ich das Geld auf meiner
-Brust trug, an jedem Tage und in jeder Stunde mir noch sagen konnte:
-‚Nein, Dmitrij Karamasoff, du bist vielleicht doch kein Dieb.‘ Und warum
-nicht? – ‚Weil du morgen hingehen und Katjä die Tausendfünfhundert
-zurückgeben kannst!‘ Und erst gestern entschloß ich mich, dieses
-eingenähte Geld von meinem Halse zu reißen, als ich von Fenjä zu
-Perchotin ging, bis dahin hatte ich es nicht fertig gebracht. In
-demselben Augenblick erst, in dem ich das tat, wurde ich endgültig ein
-unbestreitbarer Dieb, fürs ganze Leben ein Dieb und ein ehrloser Mensch.
-Warum? Weil ich zusammen mit diesem Zeuge, in dem das Geld eingenäht
-war, auch meinen Vorsatz zerriß, zu Katjä zu gehen und ihr zu sagen:
-‚Ich bin ein leichtsinniger Schuft, aber kein Dieb!‘ Begreifen Sie es
-jetzt, begreifen Sie es?“
-
-„Warum entschlossen Sie sich denn gerade gestern abend dazu?“ fragte der
-Untersuchungsrichter.
-
-„Warum? Lächerlich, das noch zu fragen! – Weil ich mich zum Tode
-verurteilt hatte, weil ich beschlossen hatte, mich um fünf Uhr morgens
-hier in Mokroje bei Sonnenaufgang zu erschießen. ‚Es ist doch einerlei,‘
-dachte ich, ‚ob ich als Schuft oder als Ehrenmann sterbe!‘ Aber nein,
-das ist doch nicht einerlei, wie sich erwiesen hat! Werden Sie mir
-glauben, meine Herren, nicht das quälte mich heute nacht am meisten, daß
-ich den alten Diener erschlagen hatte und mir Sibirien drohte – und noch
-dazu wann? in demselben Augenblick, nachdem sie mir gesagt hatte, daß
-sie mich liebe, nachdem sich der Himmel wieder über mir aufgetan! Oh,
-das quälte wohl auch, aber doch nicht so ... doch nicht so, wie dieses
-verfluchte Bewußtsein, daß ich von meinem Halse _doch_ dieses verfluchte
-Geld abgerissen und verschleudert hatte, daß ich – endgültig ein Dieb
-war! Oh, meine Herren, ich sage es Ihnen nochmals mit meinem Herzblut:
-Viel habe ich in dieser Nacht erkannt! Ich erkannte, daß als Schuft
-nicht nur zu leben unmöglich ist, sondern daß man als Schuft nicht
-einmal sterben kann ... Nein, meine Herren, sterben muß man ehrenhaft!
-...“
-
-Mitjä war sehr bleich. Er sah erschöpft und gemartert aus, obschon er
-aufs äußerste erregt war.
-
-„Ich fange an, Sie zu begreifen, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte langsam,
-mit weicher, fast mitleidiger Stimme der Staatsanwalt. „Aber alles das,
-verzeihen Sie, sind meiner Meinung nach nur Nerven ... sind Ihre
-angegriffenen Nerven und weiter nichts. Warum sind Sie denn, um sich von
-diesen Qualen zu befreien, und anstatt sich einen ganzen Monat damit
-weiterzuquälen, mit den tausendfünfhundert Rubeln nicht zu jener Dame
-gegangen, die sie Ihnen zuerst eingehändigt hatte? um ihr das Geld
-zurückzugeben und dann, nachdem Sie sich mit ihr ausgesprochen hätten,
-ihr alles zu erklären? und um schließlich, angesichts Ihrer damaligen
-Lage, die Sie uns doch so verzweifelt geschildert haben, ein anderes
-Arrangement zu versuchen, eines, das sich einem ganz von selbst
-aufdrängt ... nämlich – nach dem edelmütigen Bekenntnis aller Ihrer
-Fehler ... kurz, warum hätten Sie nicht die Summe, die Sie für Ihre
-Ausgaben nötig hatten, von ihr erbitten sollen? – eine Summe, die sie
-angesichts Ihrer Verzweiflung in ihrer großen Herzensgüte Ihnen bestimmt
-nicht verweigert haben würde, besonders wenn Sie dafür ein Dokument
-ausgestellt hätten oder sagen wir, selbst wenn Sie jene Rechte auf Ihr
-Eigentum, die Sie dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff
-angeboten haben, auf sie übertragen hätten? Sie halten doch diese Rechte
-noch bis auf den heutigen Tag für so viel wert?“
-
-Mitjä schoß das Blut ins Gesicht.
-
-„Ist das möglich, daß Sie mich wirklich für einen solchen Schuft halten?
-Sie haben das doch nicht im Ernst gesagt, das kann doch nicht sein!“
-rief er empört aus, und er blickte dem Staatsanwalt in die Augen, als
-könnte er nicht an das glauben, was er von ihm gehört hatte.
-
-„Ich versichere Sie, daß ich es im Ernst gesagt habe ... Warum glauben
-Sie, daß es nicht im Ernst gemeint sein könnte?“ fragte der Staatsanwalt
-seinerseits verwundert.
-
-„Oh, wie gemein das gewesen wäre! Meine Herren, wissen Sie auch, wie Sie
-mich quälen! Aber, es sei drum, ich werde Ihnen alles sagen, ich werde
-Ihnen meine ganze Gemeinheit eingestehen ... ich tue es, um gerade Sie
-dadurch zu beschämen, und Sie werden sich selbst wundern, bis zu welch
-einer Niedrigkeit die menschlichen Gefühle in Ihren Kombinationen sinken
-können. So hören Sie denn, daß auch ich daran gedacht habe, an genau
-dasselbe, was Sie soeben aussprachen, Herr Staatsanwalt! Ja, meine
-Herren, auch ich habe diesen Gedanken gehabt in diesem letzten Monat, so
-daß ich mich fast schon entschloß, zu Katjä zu gehen, ja, dermaßen
-gemein war ich! Doch zu ihr zu gehen, ihr meine Untreue einzugestehen
-und auf Grund dieses Verrates, zur Ausführung dieses Verrates, für die
-bevorstehenden Ausgaben dieses Verrates, von ihr, ihr selbst, von Katjä,
-das Geld zu bitten – zu bitten, hören Sie, zu bitten! – und dann sie
-sofort zu verlassen und mit der anderen fortzufahren, mit ihrer
-Gegnerin, die sie haßt, und durch die sie beleidigt worden ist, und wie
-noch beleidigt, – Sie sind verrückt geworden, Herr Staatsanwalt!“
-
-„Verrückt oder nicht verrückt, aber, es ist wahr, ich bedachte im
-Augenblick nicht ... daß hierbei die weibliche Eifersucht in Frage kam
-... wenn wirklich von Eifersucht die Rede sein konnte, wie Sie behaupten
-... das heißt, es konnte sich hierbei allerdings um etwas Derartiges
-handeln,“ meinte der Staatsanwalt lächelnd.
-
-„Das aber wäre doch eine solche Gemeinheit gewesen!“ – Mitjä schlug fast
-rasend vor Zorn mit der Faust krachend auf den Tisch – „das hätte denn
-doch dermaßen gestunken, daß, daß ... ich weiß nicht, wie ich das nennen
-soll! Und wissen Sie auch, daß sie imstande gewesen wäre, mir dieses
-Geld tatsächlich zu geben, sie hätte es getan, hätte es sogar bestimmt
-getan, aus Rache hätte sie es gegeben, zur Stillung ihres Rachedurstes,
-aus Verachtung zu mir hätte sie es gegeben. Denn auch sie ist eine
-infernale Seele, ein Weib, das mächtigen Zornes fähig ist! Ich aber
-würde das Geld angenommen haben, oh, ich würde es genommen haben, und
-dann würde ich mein ganzes Leben lang ... o Gott! Verzeihen Sie, meine
-Herren, ich schreie ja nur deswegen so, weil ich diesen Gedanken noch
-vor kurzem tatsächlich gehabt habe, vor drei Tagen noch, als ich mich
-mit dem Ljägawyj herumplagte, und dann noch gestern, ja, noch gestern,
-den ganzen Tag gestern, ich weiß noch ganz genau, die ganze Zeit gestern
-bis zu jenem Vorfall ...“
-
-„Bis zu welchem Vorfall?“ griff der Untersuchungsrichter sofort auf,
-doch Mitjä überhörte die Frage.
-
-„Ich habe Ihnen ein furchtbares Bekenntnis abgelegt,“ sagte er finster.
-„So schätzen Sie es doch, meine Herren. Nein, das wäre zu wenig, zu
-wenig, zu wenig ist es, das nur zu schätzen, – heilig halten sollen Sie
-es! ... Wenn Sie es aber nicht tun, wenn auch das an Ihren Seelen
-vorübergeht, ohne sie zu berühren, dann ... dann achten Sie mich ja
-überhaupt nicht, meine Herren, das sage ich Ihnen, und ich ... ich werde
-vergehen vor Schande, daß ich es solchen Menschen bekannt habe, wie Sie
-sind! Oh, ich werde mich erschießen! Ja, ich sehe ja schon, daß Sie mir
-nicht glauben, ich sehe es, ich sehe es! Wie, auch das wollen Sie
-niederschreiben?“ rief er plötzlich angstvoll.
-
-„Ja, das, was Sie soeben geäußert haben,“ sagte der
-Untersuchungsrichter, der ihn verwundert betrachtete, „daß Sie bis zum
-letzten Augenblick noch daran gedacht haben, zu Fräulein Werchoffzeff zu
-gehen, um sie um diese Summe zu bitten ... Glauben Sie mir, das ist eine
-Aussage von großer Wichtigkeit für uns, Dmitrij Fedorowitsch, über
-diesen ganzen Vorfall ... und besonders für Sie, besonders für Sie.“
-
-„Haben Sie Erbarmen, meine Herren!“ rief Mitjä, der in der Verzweiflung
-die Hände erhob, „schreiben Sie doch wenigstens das nicht auf, so
-schämen Sie sich doch wenigstens diesmal! Ich habe mein Herz vor Ihnen
-in zwei Hälften gerissen, und Sie benutzen das, um mit ihren Fingern an
-der Rißstelle in beiden Hälften herumzubohren ... O Gott!“
-
-In der Verzweiflung senkte er seinen Kopf und verbarg sein Gesicht in
-den Händen.
-
-„Regen Sie sich nicht so auf, Dmitrij Fedorowitsch,“ sagte der
-Staatsanwalt, „es wird Ihnen alles, was niedergeschrieben ist,
-vorgelesen werden, und das, womit Sie nicht einverstanden sind, können
-Sie dann nach ihrem Wunsch ändern. Jetzt aber will ich noch einmal meine
-Frage wiederholen, zum drittenmal: Haben Sie denn wirklich niemandem,
-keiner einzigen lebenden Seele etwas von diesem eingenähten Gelde
-gesagt? Ich muß Ihnen gestehen, daß es kaum möglich ist, sich das
-vorzustellen.“
-
-„Niemandem, niemandem! Ich habe es Ihnen doch schon gesagt! Wenn Sie mir
-nicht glauben, so haben Sie ja nichts begriffen! Dann – lassen Sie mich
-aber auch in Ruhe.“
-
-„Wie Sie wünschen. Aber dieser Punkt muß sich noch aufklären, und wir
-haben ja schließlich auch noch viel Zeit vor uns, um ihn aufzuklären.
-Nur bedenken Sie selbst: Wir haben vielleicht zehn, zwanzig, dreißig
-Zeugen, die aussagen, daß Sie, Sie selbst gesagt und sogar ausgeschrien
-haben, Sie hätten Dreitausend und nicht anderthalb Tausend
-verschleudert, und auch gestern, als Sie plötzlich im Besitze des vielen
-Geldes waren, haben Sie gleichfalls gesagt, daß Sie wiederum dreitausend
-Rubel mitgebracht hätten ...“
-
-„Ach, nicht zehn, sondern hundert, Hunderte von Zeugen haben Sie,
-zweihundert, dreihundert Menschen haben das gehört, tausend Menschen!“
-rief Mitjä.
-
-„Nun sehen Sie, alle, alle sagen dasselbe. Und dieses Wort ‚_alle_‘ hat
-doch etwas zu bedeuten.“
-
-„Nichts hat es zu bedeuten, denn ich habe nur so geschwatzt, und mir
-haben es die anderen einfach nachgeschwatzt.“
-
-„Aber wozu hatten Sie denn nötig, so zu schwatzen, wie Sie sagen?“
-
-„Das mag der Teufel wissen, wozu. Um zu prahlen, vielleicht ... so ...
-‚Seht, wieviel Geld ich verschwendet habe‘ ... Vielleicht auch, um
-dieses eingenähte Geld zu vergessen ... ja, ja, gerade das war es,
-deshalb! ... Teufel ... zum wievielten Male fragen Sie mich das? Nun,
-ich habe Unsinn geschwatzt und damit abgemacht, hatte einmal gesagt
-dreitausend, und dann wollte ich nicht mehr was anderes sagen. Weshalb
-schwatzt denn der Mensch zuweilen Unsinn?“
-
-„Das ist sehr schwer zu entscheiden, Dmitrij Fedorowitsch, weshalb der
-Mensch zuweilen Unsinn schwatzt,“ sagte der Staatsanwalt eindringlich.
-„Aber sagen Sie, war dieses Amulett, wie Sie es nennen, das Sie am Halse
-trugen, groß?“
-
-„Nein, nicht groß.“
-
-„Wie groß etwa?“
-
-„Wenn Sie einen Hundertrubelschein einmal zusammenfalten, so haben Sie
-die Größe.“
-
-„Wäre es nicht besser, Sie zeigten mir dieses zerrissene Zeug? Sie
-müssen es doch noch irgendwo bei sich haben.“
-
-„Äh, Teufel ... welche Dummheiten ... ich weiß nicht, wo es ist.“
-
-„Aber erlauben Sie, einstweilen: Wo und wann haben Sie es denn von Ihrem
-Halse abgenommen? Sie sind doch, wie Sie selbst aussagen, nicht nach
-Hause gegangen?“
-
-„Als ich von Fenjä fortging, auf dem Wege zu Perchotin, unterwegs riß
-ich es ab und nahm das Geld heraus.“
-
-„In der Dunkelheit?“
-
-„Wozu braucht man denn dabei ein Licht? Ich habe das mit dem Finger in
-einem Augenblick getan.“
-
-„Ohne Schere, auf der Straße?“
-
-„Auf dem Großen Platz, glaube ich; wozu eine Schere? Es war ein altes
-Stück Zeug, das sofort durchriß.“
-
-„Und wohin legten Sie es dann?“
-
-„Dort, wo ich es durchriß, warf ich es auch fort.“
-
-„Auf welcher Stelle?“
-
-„Auf dem Großen Platz, habe ich Ihnen doch schon gesagt, Herrgott, auf
-dem Großen Platz! Der Teufel weiß, wo es gerade war. Was haben Sie nur
-davon?“
-
-„Das ist sehr wichtig, Dmitrij Fedorowitsch: es handelt sich um
-Sachbeweise zu Ihren Gunsten, wie können Sie das nur nicht einsehen? Wer
-hat Ihnen denn vor einem Monat geholfen, die Sache einzunähen?“
-
-„Niemand hat mir geholfen, ich habe selbst genäht.“
-
-„Verstehen Sie denn zu nähen?“
-
-„Jeder Soldat muß zu nähen verstehen – was ist denn dabei zu verstehen!“
-
-„Wo haben Sie denn das Material hergenommen, ich meine das Zeug, in das
-Sie es eingenäht haben?“
-
-„Sie wollen sich wohl lustig machen?“
-
-„Durchaus nicht, wir sind zu nichts weniger als zum Lachen aufgelegt,
-Dmitrij Fedorowitsch.“
-
-„Ich weiß nicht mehr, wo ich den Lappen hernahm, irgendwoher habe ich
-ihn jedenfalls genommen.“
-
-„Wie sonderbar, daß Sie sich gerade dessen nicht entsinnen.“
-
-„Aber bei Gott, ich weiß es nicht mehr, es ist möglich, daß ich irgend
-etwas von der Wäsche zerrissen habe.“
-
-„Das ist sehr interessant: dann könnte man in Ihrer Wohnung dieses
-Wäschestück finden, von dem Sie das Stück abgerissen haben. Was war es
-denn für ein Zeug, Leinwand oder Baumwolle?“
-
-„Der Teufel weiß, was es war. Warten Sie ... Ich, ich glaube ... ich
-habe es von nichts abgerissen. Es war Kattun ... Ich hatte es, glaube
-ich, in die Haube meiner Hauswirtin eingenäht.“
-
-„In die Hau–be der Hauswirtin?“
-
-„Ja, ich hatte mir diese Haube eingesackt.“
-
-„Wie das – eingesackt?“
-
-„Sehen Sie, ich habe tatsächlich, jetzt fällt es mir wieder ein, einmal
-irgendwie diese Haube genommen, um irgend was abzuwischen, vielleicht
-war es nur irgendein Staub, den ich abwischen wollte. Ich nahm das Ding
-eben an mich, denn es war doch ein Ding, das zu nichts taugte, und dann
-trieb sich der Fetzen dort bei mir herum, und da waren nun plötzlich
-diese Tausendfünfhundert, und ich wußte nicht, in was ich sie einnähen
-sollte ... Nun glaube ich, daß ich gerade diesen Lappen dazu nahm. Ein
-altes weißes Leinenstück, oder wie diese Zeuge da heißen, eines, das
-schon tausendmal gewaschen war.“
-
-„Und Sie erinnern sich dessen ganz genau, Sie wissen es bestimmt?“
-
-„Ich weiß nicht, wie bestimmt. Ich glaube, daß es dieselbe Haube war.
-Ach, nun, zum Teufel damit.“
-
-„In dem Falle könnte sich Ihre Hauswirtin vielleicht erinnern, daß ihr
-diese Sache damals abhanden gekommen ist?“
-
-„Ach wo, sie hat es überhaupt nicht bemerkt. Ein alter Fetzen, sage ich
-Ihnen doch, ein ganz altes Ding, das keine halbe Kopeke wert war.“
-
-„Und woher nahmen Sie die Nadel und den Faden?“
-
-„Ich breche ab, ich will nicht mehr. Genug darüber!“ sagte Mitjä, dem
-die Geduld riß.
-
-„Und gleichfalls sonderbar ist, daß Sie sich so gar nicht mehr erinnern
-können, auf welcher Stelle des Großen Platzes Sie dieses Futteral
-fortgeworfen haben.“
-
-„So lassen Sie doch heute den ganzen Platz fegen, vielleicht finden Sie
-es dann,“ sagte Mitjä, kurz auflachend. „Genug, meine Herren, genug,“
-sagte er mit müdgequälter Stimme. „Ich sehe es doch klar: Sie glauben
-mir nicht! Nichts glauben Sie mir, nicht für eine Kopeke. Aber es ist
-das meine Schuld und nicht Ihre, ich hätte nicht so dumm von Vertrauen
-reden sollen. Warum, warum habe ich mich mit der Aufdeckung meines
-Geheimnisses beschmutzt! Und Sie, meine Herren, Sie lachen doch nur
-darüber, das sehe ich ja an Ihren Augen. Sie sind es, Staatsanwalt, der
-mich dazu gebracht hat! Singen Sie sich jetzt einen Siegeshymnus, wenn
-Sie es können ... Oh, seid verflucht, ihr Folterknechte!“
-
-Sein Kopf sank herab, und er bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Der
-Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter schwiegen beide. Nach einer
-Minute erhob er wieder den Kopf und blickte sie wie sinnlos an. Sein
-Gesicht drückte jetzt unabwendbare, unfaßbare, erdrückende Verzweiflung
-aus, und es war, als wäre er gleichsam in sich selbst verstummt, während
-er auf dem Stuhle saß und sich nicht mehr fühlte. Indessen mußte die
-Sache beendet werden: man mußte unverzüglich zum Verhör der Zeugen
-übergehen. Es war bereits acht Uhr morgens. Die Lichter hatte man schon
-längst ausgelöscht. Michail Makarowitsch und Kalganoff, die während der
-ganzen Zeit des Verhörs ein- und ausgegangen waren, verließen diesmal
-wieder das Zimmer. Der Staatsanwalt und der Untersuchungsrichter sahen
-gleichfalls sehr abgespannt aus. Der Morgen war trübe; es regnete wie
-aus Eimern, und der ganze Himmel war gleichmäßig grau. Mitjä blickte
-gedankenlos zu den Fenstern.
-
-„Darf ich einmal zum Fenster hinaussehen?“ fragte er plötzlich den
-Untersuchungsrichter.
-
-„Oh, gewiß, soviel Sie wollen,“ antwortete jener.
-
-Mitjä erhob sich und trat ans Fenster. Der Regen peitschte gegen die
-kleinen grünlichen Fensterscheiben. Gerade vor dem Hause lag die
-schmutzige Fahrstraße, in deren Radspuren sich schmutziges, braungraues
-Regenwasser angesammelt hatte, und dort weiterhin im Regennebel sah man
-die dunklen, armen, unansehnlichen Bauernhütten, die, wie es schien,
-durch den Regen noch dunkler und noch trauriger und ärmer geworden
-waren. Mitjä erinnerte sich des „goldlockigen Phöbus“, und wie er sich
-bei seinem ersten Morgenstrahl hatte erschießen wollen. „Nun was, an
-einem solchen Morgen wäre es ja schließlich noch besser gewesen,“ dachte
-er mit einem bitteren Lächeln. Und plötzlich, mit einem wuchtigen
-Fausthieb von oben nach unten durch die Luft, wandte er sich vom Fenster
-zu den „Folterknechten“ zurück:
-
-„Meine Herren!“ rief er, „ich sehe ja, daß ich verloren bin. Aber sie?
-Sagen Sie mir, meine Herren, ich flehe Sie an, sagen Sie mir, was mit
-ihr geschehen wird? Es ist doch nicht möglich, daß auch sie meinetwegen
-ins Unglück gestürzt wird? Sie ist doch unschuldig, sie war doch gestern
-nicht bei voller Besinnung, als sie schrie, daß sie an allem die Schuld
-trage. An nichts, an nichts trägt sie eine Schuld! Es hat mich diese
-ganze Nacht gequält, als ich hier vor Ihnen saß ... Geht es nicht an,
-können Sie mir nicht sagen, was Sie jetzt mit ihr tun werden?“
-
-„In der Beziehung können Sie vollkommen ruhig sein, Dmitrij
-Fedorowitsch,“ sagte sofort mit sichtlicher Eilfertigkeit der
-Staatsanwalt, „wir haben bis jetzt keinerlei Ursache, die Dame, von der
-Sie reden, auch nur im geringsten sonderlich zu beunruhigen. Im weiteren
-Verlaufe der Sache wird sich, hoffe ich, gleichfalls erweisen ... Im
-Gegenteil, wir werden in der Beziehung alles tun, was in unserer Macht
-steht. Sie können vollkommen ruhig sein.“
-
-„Ich danke Ihnen, meine Herren, ich wußte es, wußte, daß Sie ehrenhafte
-und gerechte Menschen sind, abgesehen von allem ... Sie haben mir eine
-Last vom Herzen genommen ... Nun, was werden wir denn jetzt machen? Ich
-bin bereit.“
-
-„Ja, man wird sich beeilen müssen. Wir müssen sofort zum Verhör der
-Zeugen übergehen. Das muß natürlich in Ihrer Gegenwart geschehen, und
-darum ...“
-
-„Sollte man nicht vorher etwas genießen, eine Tasse Tee zum Beispiel?“
-unterbrach ihn Neljudoff, „wir dürften sie uns doch wohl verdient
-haben?“
-
-Man beschloß, falls unten der Tee bereit wäre – was man sicher annehmen
-konnte, da Michail Makarowitsch hinausgegangen war – vorläufig nur ein
-Glas zu trinken und im Verhör fortzufahren, „unbedingt fortzufahren“,
-das „Frühstück“ jedoch noch hinauszuschieben, bis zu einer freieren
-Stunde. Der Tee war fertig und wurde ihnen im Augenblick gebracht. Mitjä
-dankte zuerst für den Tee, den ihm der Untersuchungsrichter freundlich
-anbot, dann aber bat er selbst darum und trank das Glas gierig aus. Er
-sah seltsam übermüdet aus. Was konnte ihm, hätte man meinen sollen,
-diesem Recken mit seiner bekannten Körperkraft, ein Trinkgelage und eine
-durchschwärmte Nacht, selbst eine wie diese, unter den stärksten
-seelischen Erschütterungen, ausmachen? Er selbst aber fühlte, daß er
-sich kaum auf dem Stuhle halten konnte, und daß von Zeit zu Zeit sich
-alle Gegenstände vor seinen Augen drehten. „Es fehlt nur noch ein wenig,
-und ich fange an zu phantasieren,“ dachte er bei sich.
-
-
- VIII.
- Die Aussagen der Zeugen.
- „Das Kindichen“
-
-Es begann nun das Verhör der Zeugen. Ich werde jedoch meine Erzählung
-nicht mehr mit derselben Ausführlichkeit fortsetzen, wie ich bisher
-getan habe. So werde ich denn auch übergehen, wie Neljudoff, der
-Untersuchungsrichter, einem jeden vortretenden Zeugen zuerst
-einschärfte, daß er nach Wahrheit und Gewissen auszusagen habe und
-späterhin seine Aussage unter dem Eide werde bekräftigen müssen. Wie man
-schließlich von jedem Zeugen verlangte, daß er das Protokoll seiner
-Aussagen unterschrieb usw., usw. Ich will hier nur noch bemerken, daß
-der Hauptpunkt, auf den die ganze Aufmerksamkeit der Zeugen gelenkt
-wurde, immer diese Frage nach der Höhe der Geldsumme war: waren es
-zuerst dreitausend oder anderthalbtausend Rubel gewesen, die Dmitrij
-Fedorowitsch hier in Mokroje vor einem Monat ausgegeben hatte, und ob es
-abermals drei oder nur anderthalb Tausend gewesen waren, mit denen er
-jetzt gekommen war. Es zeigte sich leider, daß alle Aussagen gegen Mitjä
-waren, alle ohne Ausnahme, ja einige von den Zeugen brachten noch neue
-Tatsachen vor, die Mitjäs Aussage fast verblüffend widerlegten. Als
-erster wurde Trifon Borissytsch verhört. Er trat ohne die geringste
-Scheu an den Tisch, mit einer Miene, die strengen und ernsten Unwillen
-gegen den Angeklagten ausdrückte, was ihm zweifellos den Anschein eines
-wahrheitsliebenden, sich selbst achtenden Mannes verlieh. Er sprach
-wenig, zurückhaltend, wartete die Fragen ab, antwortete genau und
-wohlbedacht. In der bestimmtesten Weise und ohne zu zweifeln sagte er
-aus, daß Mitjä vor einem Monat unmöglich weniger als dreitausend Rubel
-verausgabt haben könne, „was hier gleichfalls alle Bauern bezeugen
-können“, da sie es außerdem noch mit eigenen Ohren von „Mitrij
-Fedorowitsch“ mehrmals gehört hätten. „Wieviel Geld hat er nicht den
-Zigeunern hingeworfen,“ sagte Trifon Borissytsch unwillig. „Die haben ja
-allein an die tausend gefressen, da sei einer unbesorgt!“
-
-„Ich habe ihnen vielleicht nicht einmal fünfhundert gegeben,“ bemerkte
-Mitjä finster, „nur habe ich es damals nicht gezählt, da ich betrunken
-war, schade darum ...“
-
-Mitjä saß, seitdem man die Zeugen verhörte, an der einen Seite des
-Tisches, mit dem Rücken zum Vorhang. Er hörte finster zu und sah traurig
-und müde aus, als wollte er sagen: „Ach, sagt aus, was ihr wollt, mir
-ist jetzt alles gleich!“
-
-„Mehr als tausend haben diese Kanaillen geschluckt, Mitrij
-Fedorowitsch,“ behauptete Trifon Borissytsch überzeugt. „Ihr warft doch
-blindlings, und das Lumpenpack hatte man bloß aufzupflücken. Das ist
-doch kein Menschenvolk, das sind doch nur Spitzbuben und Pferdediebe;
-jetzt sind sie von hier fortgejagt, sonst würden sie vielleicht selber
-aussagen, wieviel sie von Euch bekommen haben. Und ich habe doch selber
-dazumal das Geld in Euren Händen gesehen, – gezählt hab ich es ja nicht,
-das stimmt, Ihr habt es mir ja nicht zu zählen gegeben, – aber so nach
-dem Augenmaß kann ich wohl sagen, daß es ein dicker Batzen war, viel
-mehr als tausendfünfhundert ... was, tausendfünfhundert! Auch wir haben
-Geld gesehen und wissen, was Geld ist, können daher auch beurteilen ...“
-
-In bezug auf die gestrige Summe sagte Trifon Borissytsch sofort aus, daß
-Dmitrij Fedorowitsch „ihm selber“, gleich nachdem er aus dem Wagen
-gestiegen war, gesagt habe, daß er Dreitausend mitgebracht.
-
-„Wirklich, Trifon Borissytsch?“ sagte Mitjä, „habe ich wirklich so rund
-herausgesagt, daß ich Dreitausend mitgebracht hätte?“
-
-„Jawohl habt Ihr das gesagt, Mitrij Fedorowitsch. In Andreis Gegenwart
-habt Ihr es sogar gesagt. Andrei ist auch jetzt noch hier, ist noch
-nicht fortgefahren, laßt ihn doch reinrufen. Und dort in der großen
-Stube rieft Ihr, als Ihr dem Chor soviel gabt, daß Ihr jetzt auch noch
-das sechste Tausend hierlassen wolltet, – mit den übrigen, das heißt
-zusammengerechnet, muß das wohl so zu verstehen sein. Stepan und Ssemjon
-haben’s mit eigenen Ohren gehört und auch Herr Pjotr Fomitsch Kalganoff,
-der dazumal akkurat neben Euch stand, wird es vielleicht behalten haben
-...“
-
-Die Aussage von dem sechsten Tausend machte einen ganz besonderen
-Eindruck auf die Juristen. Die neue Redaktion gefiel: drei und drei
-macht zusammen sechs, das bedeutet also, daß es damals dreitausend waren
-und auch jetzt dreitausend, da wären denn die ganzen sechstausend, – das
-ist doch klar.
-
-Man befragte unverzüglich alle, die Trifon Borissytsch als Ohrenzeugen
-angegeben hatte, den Stepan und den Ssemjon und Andrei, und dann auch
-Pjotr Fomitsch Kalganoff. Die beiden Bauern und der Kutscher Andrei
-bestätigten die Aussage Trifon Borissytschs, ohne zu schwanken. Außerdem
-wurde noch nach den Äußerungen Andreis sorgfältig alles
-niedergeschrieben, was der von seinem Gespräch mit Mitjä zu erzählen
-wußte: „Wohin also werde ich, Dmitrij Fedorowitsch, kommen; in den
-Himmel oder in die Hölle, und wird man mir dort in jener Welt verzeihen
-oder nicht?“ Der „Psychologe“ Hippolyt Kirillowitsch hörte das mit einem
-feinen Lächeln an und empfahl zum Schluß auch diese Aussage – darüber,
-wohin Dmitrij Fedorowitsch kommen werde – zu dem Tatsachenmaterial
-hinzuzufügen.
-
-Kalganoff, den man hatte rufen lassen, trat mit einem mürrischen und
-eigensinnigen Ausdruck ein und sprach mit dem Staatsanwalt und dem
-Untersuchungsrichter in einer Weise, als sähe er sie zum erstenmal im
-Leben, während er doch mit ihnen täglich bei Bekannten zusammengetroffen
-war. Er begann damit, daß er „nichts davon wisse und auch nichts wissen
-wolle“. Doch das von dem sechsten Tausend hatte auch er gehört, und er
-bestätigte, daß er in dem Augenblick neben Mitjä gestanden. Auf die
-Frage, wieviel Geld Mitjä in der Hand gehabt hätte, sagte er mürrisch:
-„Ich weiß nicht wieviel.“ Daß die Polen beim Kartenspiel betrogen
-hatten, bestätigte er gleichfalls. Auch erklärte er auf die wiederholten
-Fragen, daß nach der Einsperrung der beiden Polen Mitjä in der Gunst
-Agrafena Alexandrownas gestiegen sei, und daß sie gesagt habe, sie liebe
-ihn. Über Agrafena Alexandrowna äußerte er sich nur zurückhaltend und
-sehr achtungsvoll, als wäre sie eine Dame der besten Gesellschaft; er
-erlaubte sich kein einziges Mal, sie einfach „Gruschenka“ zu nennen.
-Trotz des unverhohlenen Widerwillens, mit dem Kalganoff antwortete,
-befragte ihn der Staatsanwalt unbarmherzig lange, und so erfuhr er denn
-erst durch ihn die Details dessen, was sozusagen den „Roman“ Mitjäs in
-dieser Nacht ausmachte. Mitjä unterbrach Kalganoff kein einziges Mal.
-Endlich wurde der arme Jüngling entlassen, und er entfernte sich sofort
-mit unverhohlener Wut.
-
-Darauf wurden die Polen befragt. Sie waren in ihrem Zimmer zu Bett
-gegangen, doch hatte ihre Ruhe nicht lange gedauert, und geschlafen
-hatten sie eigentlich überhaupt nicht. Als die Autoritäten angekommen
-waren, hatten sie sich schnell wieder angekleidet und sorgfältig
-Toilette gemacht, da sie sich sagten, daß man sie gleichfalls bestimmt
-vernehmen werde. Sie traten würdevoll ein, doch sah man ihnen nur zu
-deutlich an, daß ihr Herz nicht auf der Höhe war. Der „Kommandierende“,
-d. h. der kleine Pan, war, wie sich herausstellte, ein verabschiedeter
-Beamter der zwölften Rangklasse, der in Sibirien als Viehdoktor gedient
-hatte und Mussjälowitsch hieß. Pan Wrublewskij jedoch stellte sich vor
-als „freipraktizierender Dentist“, was wir sonst gewöhnlich „Zahnarzt“
-nennen. Beide wandten sich mit ihren Antworten immer an Michail
-Makarowitsch, obgleich der sie nichts fragte und weiterhin am Fenster
-stand, den sie aber wegen seiner Uniform als Polizeichef für die
-Hauptperson hielten und nach jedem Wort „Pane Obrist“ nannten. Erst nach
-mehreren Fragen und den wiederholten Hinweisen Michail Makarowitschs
-errieten sie endlich, daß sie sich mit ihren Antworten nur an Neljudoff,
-den Untersuchungsrichter zu wenden hatten. Bei der Gelegenheit zeigte
-sich, daß sie sogar sehr richtig Russisch sprechen konnten, abgesehen
-von der Aussprache einzelner Worte. Pan Mussjälowitsch begann auch von
-seinen Beziehungen zu Gruschenka, den früheren wie den gegenwärtigen,
-stolz und glühend zu erzählen, so daß Mitjä sofort außer sich geriet und
-schrie, so einem „Schuft“ erlaube er nicht, in seiner Gegenwart so zu
-sprechen! Worauf Pan Mussjälowitsch die Herrn Richter sofort auf das
-Wort „Schuft“ aufmerksam machte und sie bat, diese Beleidigung ins
-Protokoll aufzunehmen. Mitjä brauste auf vor Wut.
-
-„Ja, ein Schuft, ein Schuft ist er! Schreiben Sie es nur auf und
-schreiben Sie noch hinzu, daß ich trotzdem sage, daß er ein Schuft ist!“
-schrie er zornig.
-
-Neljudoff ließ es wohl ins Protokoll eintragen, bewies aber bei diesem
-unangenehmen Zwischenfall die lobenswerteste Sachlichkeit und ein gutes
-Verständnis für die Leitung des Verhörs: nach einer strengen, kurzen
-Ermahnung Mitjäs brach er selbst sofort alle weiteren Fragen, die mehr
-die romanhafte Seite der Sache betrafen, ab und ging zum „Wesentlichen“
-über. „Wesentlich“ war besonders eine Aussage der Pane, die bei den
-Juristen ein ungewöhnliches Interesse erweckte: die Mitteilung nämlich,
-daß Mitjä dem Pan Mussjälowitsch in jenem kleinen Zimmer dreitausend
-Rubel Abstandsgeld angeboten hatte mit dem Vorschlag: „siebenhundert
-sofort bar und die anderen zweitausenddreihundert morgen früh in der
-Stadt“, wobei er sein Ehrenwort gegeben hatte, daß das Geld morgen zur
-Stelle sein werde, da er es im Augenblick nicht bei sich hätte, das Geld
-aber in der Stadt liege. Mitjä bemerkte zuerst in der Hitze, daß er es
-nicht so gesagt habe: er werde ihnen das Geld morgen bestimmt in der
-Stadt geben. Doch auch Pan Wrublewskij bestätigte die Aussage des
-kleinen Pans. Da gestand Mitjä denn nach kurzem Nachdenken mürrisch ein,
-daß es wahrscheinlich so gewesen sein werde, wie die Polen sagten, daß
-er in jenem Augenblick erregt gewesen sei und vielleicht auch so gesagt
-habe. Der Staatsanwalt klammerte sich gleichsam an diese Aussage: jetzt
-war es für ihn klar (und so legte man es in der Folge auch aus), daß die
-Hälfte oder ein Teil der Dreitausend, die Mitjä so plötzlich in die
-Hände bekommen hatte, von ihm irgendwo in der Stadt versteckt sein
-mußte, vielleicht auch hier in Mokroje, wodurch jener allerdings
-bedenkliche Punkt seine Erklärung fand, daß man bei ihm nur achthundert
-Rubel vorgefunden hatte, – ein Umstand, der bis jetzt, wenn auch nur ein
-einziger und ziemlich belangloser, aber immerhin doch ein gewisser
-Beweis zu Mitjäs Gunsten gewesen war. Und nun stürzte auch dieser
-einzige Beweis zu seinen Gunsten ein. Auf die Frage des Staatsanwalts:
-wo er denn diese zweitausenddreihundert Rubel hergenommen hätte, um sie
-dem Pan zu geben, wenn er doch selbst behauptete, daß er im ganzen nur
-noch tausendfünfhundert besessen habe, und auf was hin er das sogar mit
-seinem Ehrenwort habe bekräftigen können, antwortete Mitjä ruhig und
-fest, daß er dem „Polacken“ morgen nicht Geld, sondern die formelle
-Übertragung seiner Rechte auf das Gut Tschermaschnjä habe anbieten
-wollen, wie er sie auch dem Kaufmann Ssamssonoff und Frau Chochlakoff
-angeboten hätte. Der Staatsanwalt freilich lächelte über diese „Naivität
-der Ausflucht“.
-
-„Und Sie glauben, er wäre darauf eingegangen, diese ‚Rechte‘ an Stelle
-der baren zweitausenddreihundert Rubel anzunehmen?“
-
-„Selbstverständlich wäre er darauf eingegangen,“ sagte Mitjä auffahrend.
-„Ich bitte Sie, hierbei sind doch nicht nur zwei, sondern vier, sechs,
-sogar zehntausend herauszuschlagen! Er hätte sofort seine kleinen
-Winkeladvokaten beauftragt, Polacken und Juden, und hätte nicht nur
-dreitausend, sondern ganz Tschermaschnjä herausgeschlagen!“
-
-Die Aussagen Pan Mussjälowitschs wurden natürlich gleichfalls
-ausführlichst niedergeschrieben. Damit sahen sich die Polen entlassen.
-Daß sie beim Kartenspiel betrogen hatten, wurde fast gar nicht erwähnt.
-Neljudoff war ihnen gar zu dankbar und wollte sie daher nicht weiter mit
-Fragen belästigen, um so weniger, als das alles nur ein dummer Streit in
-der Trunkenheit gewesen sein konnte. Als ob es wenig Dummheiten in
-dieser Nacht gegeben hätte! ... So behielten denn die Polen die
-zweihundertfünfzig Rubel in der Tasche.
-
-Darauf wurde nach dem alten Maximoff geschickt. Er erschien sehr
-zaghaft, näherte sich mit kleinen Schritten und sah dabei gehörig
-zerzaust und recht niedergeschlagen aus. Die ganze Zeit hatte er unten
-bei Gruschenka mäuschenstill gesessen und eine Miene gemacht, „als ob
-sofort Tränlein aus seinen Äuglein tröpfeln würden,“ wie später Michail
-Makarowitsch sagte, „und dann hätte er sie natürlich hübsch artig mit
-seinem blaukarierten Schnupftuch abgewischt“. Jedenfalls hatte
-Gruschenka ihn noch getröstet. Das alte Kerlchen bekannte sofort dem
-Untersuchungsrichter, daß er schuldig sei, da er von Dmitrij
-Fedorowitsch „zehn Rubel genommen habe, um-um-um ... ich bin doch ein
-ganz armer Mensch!“ und daß er bereit sei, sie ihm zurückzugeben ... Auf
-die direkte Frage Neljudoffs, „ob er nicht wisse, wieviel Geld Dmitrij
-Fedorowitsch in der Hand gehabt hatte, als er von ihm die zehn Rubel
-erhielt,“ antwortete Maximoff mit voller Überzeugung: „Zwanzigtausend.“
-
-„Haben Sie früher einmal zwanzigtausend Rubel, in einer Hand gehalten,
-gesehen?“ fragte der Untersuchungsrichter lächelnd.
-
-„Wie-wie denn nicht! Ich habe es genau gesehen, nur-nur waren es nicht
-zwanzigtausend, sondern sie-sie-sieben, als nämlich meine Frau mein
-Gütchen verpfändete. Sie ließ mich aber das Geld nur von weitem sehen.
-Es war ein-ein dickes Päckchen, alles Regenbogen. Und auch Dmitrij
-Fedorowitsch hatte nur Hundertrubelscheine ...“
-
-Er wurde bald entlassen. Schließlich kam die Reihe auch an Gruschenka.
-Die Juristen fürchteten offenbar den Eindruck, den ihr Erscheinen auf
-Dmitrij Fedorowitsch machen konnte, und Neljudoff murmelte sogar ein
-paar Worte zu Mitjä, um ihn vorzubereiten und ein wenig zu ermahnen,
-worauf Mitjä nur stumm den Kopf senkte, womit er zu verstehen gab, daß
-er „keine Szene machen werde“. Michail Makarowitsch führte sie in höchst
-eigener Person ins Zimmer. Sie trat mit strengem, fast finsterem
-Gesichtsausdruck ein, äußerlich schien sie ganz ruhig zu sein. Sie
-setzte sich leise auf den ihr angewiesenen Stuhl gegenüber Nikolai
-Parfenowitsch Neljudoff, dem Untersuchungsrichter. Sie war sehr bleich,
-und wie es schien, fand sie es kalt, denn sie hüllte sich fröstelnd in
-ihren prachtvollen schwarzen Schal ein. Es waren die ersten
-Fieberschauer einer Erkältung – der Anfang der Grippe, an der sie nach
-dieser Nacht lange Zeit schwer krank zu Bett lag. Ihr strenges Aussehen,
-ihr gerader und ernster Blick und das ruhige Auftreten machten auf alle
-einen vorzüglichen Eindruck. Nikolai Parfenowitsch Neljudoff war
-eigentlich sofort „ganz hin“. Er gestand später selbst, wenn er irgendwo
-von der Begebenheit erzählte, daß er erst da zum erstenmal gesehen habe,
-„wie schön dieses Weib“ sei, denn vorher hätte er sie wohl flüchtig
-gesehen, aber doch immer nur für „etwas von der Art einer
-Kreisstadthetäre gehalten“. „Sie hat Manieren, wie eine Dame der besten
-Gesellschaft,“ beteuerte er einmal in der Begeisterung und zufällig
-gerade in einer Damengesellschaft. Man hörte ihn mit dem größten
-Unwillen an und nannte ihn dafür hinfort einen „verdorbenen Schlingel“,
-womit er sehr zufrieden war. Als Gruschenka ins Zimmer trat, streifte
-sie Mitjä nur einmal ganz flüchtig mit dem Blick, und diese Ruhe
-beruhigte dann auch ihn, der ihr zuerst erregt entgegengesehen hatte.
-Nach den ersten notwendigen Fragen und Vorbemerkungen stellte Nikolai
-Parfenowitsch, zwar etwas stotternd und betreten, aber doch mit voller
-Beibehaltung der größten Höflichkeit und Ernsthaftigkeit, folgende
-Frage: In welchen Beziehungen sie zu dem Leutnant a. D. Dmitrij
-Fedorowitsch Karamasoff gestanden habe, worauf sie still und fest
-antwortete:
-
-„Er war mein Bekannter, als Bekannten habe ich ihn im letzten Monat
-empfangen.“
-
-Auf die weiteren, interessiert gestellten Fragen erklärte sie mit voller
-Aufrichtigkeit, daß er ihr wohl in manchen „Stunden“ gefallen, sie ihn
-aber nicht geliebt, sondern nur „aus dummer Bosheit“ zum besten gehabt
-habe, ganz wie sie es auch mit jenem „Alten“ getan hätte. Sie sagte, sie
-habe gesehen, wie Mitjä auf Fedor Pawlowitsch und auf alle Welt
-eifersüchtig gewesen sei, doch das hätte sie nur amüsiert. Zu Fedor
-Pawlowitsch zu gehen, daran habe sie überhaupt nicht gedacht, da sie
-sich über ihn nur lustig gemacht habe. „In diesem ganzen Monat war es
-mir nicht um sie zu tun; ich erwartete einen anderen Menschen, der
-ankommen sollte, um seine Schuld an mir wieder gutzumachen ... Nur
-glaube ich,“ schloß sie plötzlich, „daß dieses Sie weiter nicht zu
-interessieren braucht, und ich Ihnen darüber nichts zu sagen habe, denn
-das dürfte doch nur meine persönliche Angelegenheit sein.“
-
-Nikolai Parfenowitsch gehorchte sofort; er ließ sofort alle
-„romantischen“ Punkte beiseite und ging unverzüglich zum „Ernsten“ über,
-das heißt also zu jener Frage der dreitausend Rubel. Gruschenka
-bestätigte, daß von Mitjä vor einem Monat in Mokroje tatsächlich
-dreitausend Rubel verschleudert worden seien, und wenn sie selbst auch
-das Geld nicht gezählt habe, so hätte sie doch von Dmitrij Fedorowitsch
-gehört, daß es so viel gewesen sei.
-
-„Hat er es Ihnen unter vier Augen gesagt oder in Gegenwart anderer, oder
-haben Sie nur gehört, wie er es anderen gesagt hat?“ erkundigte sich
-sofort der Staatsanwalt.
-
-Gruschenka erklärte darauf, daß er es sowohl in Gegenwart anderer, als
-auch zu anderen gesagt, daß sie es aber auch unter vier Augen von ihm
-gehört habe.
-
-„Haben Sie es einmal von ihm unter vier Augen gehört oder mehrmals?“
-erkundigte sich wieder der Staatsanwalt, und er erfuhr, daß sie es
-mehrmals gehört hatte.
-
-Hippolyt Kirillytsch war mit dieser Aussage sehr zufrieden. Aus dem
-weiteren Verhör ergab sich ferner noch, daß Gruschenka gleichfalls
-gewußt hatte, woher dieses Geld stammte, – daß es Dmitrij Fedorowitsch
-von Katerina Iwanowna gegeben worden war.
-
-„Aber haben Sie nicht wenigstens einmal gehört, daß hier vor einem Monat
-nicht dreitausend, sondern weniger verschleudert worden sei, und daß
-Dmitrij Fedorowitsch von den Dreitausend die ganze Hälfte für sich
-aufbewahrt habe?“
-
-„Nein, davon habe ich niemals etwas gehört,“ sagte Gruschenka.
-
-Weiterhin erfuhren die Juristen von ihr noch, daß Mitjä ihr im ganzen
-letzten Monat häufig gesagt hatte, daß er kein Geld habe. „Er hoffte
-aber immer, von seinem Vater welches zu erhalten,“ schloß Gruschenka.
-
-„Aber hat er nicht einmal in Ihrer Gegenwart gesagt ... oder vielleicht
-flüchtig irgendwie angedeutet,“ fiel sofort Neljudoff ein, „daß er
-eventuell seinen Vater erschlagen wolle?“
-
-„Ach, leider hat er es gesagt!“ sagte Gruschenka aufseufzend.
-
-„Einmal oder des öfteren?“
-
-„Des öfteren hat er es gesagt, doch immer nur dann, wenn er aufgebracht
-oder zornig war.“
-
-„Und haben Sie geglaubt, daß er es ausführen werde?“
-
-„Nein, niemals habe ich das geglaubt!“ antwortete sie mit fester Stimme.
-„Ich habe immer auf seine edle Gesinnung gehofft.“
-
-„Meine Herren, erlauben Sie mir,“ rief plötzlich Mitjä dazwischen,
-„erlauben Sie, daß ich in Ihrer Gegenwart nur ein Wort zu Agrafena
-Alexandrowna sage?“
-
-„Sprechen Sie,“ – Neljudoff erlaubte es ihm.
-
-„Agrafena Alexandrowna,“ sagte, sich vom Stuhl erhebend, Mitjä, „glaube
-Gott und mir: An dem Blute meines gestern erschlagenen Vaters bin ich
-_nicht_ schuldig, ich bin unschuldig daran!“
-
-Und nachdem er das gesagt hatte, setzte er sich wieder auf den Stuhl.
-Gruschenka erhob sich, wandte sich zur Ecke, in der das Heiligenbild
-hing, und bekreuzte sich andächtig.
-
-„Gelobt seist Du, mein Herr und Gott!“ sagte sie mit ganzer Inbrunst und
-tief erschütterter Stimme. Und ohne sich zu setzen, wandte sie sich
-darauf zu Neljudoff und fügte noch laut hinzu: „Was er soeben gesagt
-hat, daran glauben Sie! Ich kenne ihn: Unwahres schwatzen kann er, wenn
-es sich um einen Scherz oder seinen Eigensinn handelt, doch wenn es sich
-um eine Gewissenssache handelt, so wird er nie lügen. Dann wird er stets
-die Wahrheit sagen, und daran glauben Sie!“
-
-„Hab Dank dafür, Agrafena Alexandrowna, du hast mich wieder
-aufgerichtet,“ sagte Mitjä mit unsicherer Stimme.
-
-Auf die Frage nach dem gestrigen Gelde sagte sie, daß sie nicht wüßte,
-wieviel es gewesen sei, dafür aber gehört habe, wie er zu anderen gesagt
-hatte, daß er wieder mit Dreitausend angekommen sei. Und was die
-Herkunft des Geldes betrifft, so habe er ihr allein unter vier Augen
-gesagt, daß er es von Katerina Iwanowna „gestohlen“ hätte, und sie habe
-ihm darauf geantwortet, daß es nicht „gestohlen“ sei, und daß er ihr
-morgen das Geld zurückgeben müsse. Auf die wiederholte Frage des
-Staatsanwalts, von welchem Gelde er gesagt hätte, daß es „gestohlen“ sei
-– von dem gestrigen oder den anderen Dreitausend vor einem Monat –
-erklärte sie, daß er es von jenem anderen vor einem Monat gesagt, daß
-wenigstens sie ihn so verstanden habe.
-
-Endlich wurde auch Gruschenka entlassen, wobei ihr Nikolai Parfenowitsch
-Neljudoff noch dienstbeflissen mitteilte, daß sie, falls sie es
-wünschte, ungehindert jeden Augenblick in die Stadt zurückkehren könne,
-und daß er, falls er seinerseits irgendwie gefällig sein könnte, zum
-Beispiel hinsichtlich der Pferde, oder, zum Beispiel, falls sie einen
-Begleiter wünschte, ... seinerseits, wie gesagt, mit dem größten
-Vergnügen ...
-
-„Ich danke Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit,“ unterbrach ihn Gruschenka,
-mit einer leichten Verneigung des Kopfes, „ich werde mit dem kleinen
-alten Herrn, dem Gutsbesitzer, zurückkehren, ich werde ihn in die Stadt
-bringen, doch vorläufig möchte ich, wenn Sie es gestatten, hier
-abwarten, was mit Dmitrij Fedorowitsch geschehen wird.“
-
-Sie verließ das Zimmer. Mitjä war ruhig und schien wieder Mut und Kraft
-geschöpft zu haben, – doch schien das nur eine kurze Zeit so. Es überkam
-ihn immer wieder eine ganz sonderbare körperliche Schwäche, und je
-länger die Verhandlung dauerte, desto häufiger und stärker fiel ihn
-diese Schwäche an. Seine Augen fielen ihm fast zu vor Müdigkeit. Endlich
-war auch das Zeugenverhör beendet. Dann schritt man zur endgültigen
-Redaktion des Protokolls. Mitjä erhob sich und ging von seinem Stuhl in
-die Ecke zum Vorhang, wo er sich auf eine große, mit einem Teppich
-bedeckte Truhe hinlegte und sofort einschlief. Da hatte er einen
-sonderbaren Traum, der eigentlich gar nicht zu seiner Stimmung paßte. Es
-war ihm, als fahre er irgendwo in der Steppe, dort, wo früher vor langer
-Zeit sein Regiment gestanden hatte: und er fährt in einem offenen Wagen,
-in dem vor ihm noch der Kutscher sitzt, ein Bauer, und es schneit und
-regnet. Nur scheint es kalt zu sein, etwa Anfang November, und der
-Schnee fällt in dichten nassen Flocken und taut sofort auf, sobald er
-die Erde berührt. Und der Bauer knallt mit der Peitsche, und die beiden
-Pferde greifen tüchtig aus. Der Bauer hat einen langen Bart, er ist aber
-noch nicht alt, ungefähr fünfzig Jahre, und er hat einen grauen
-Bauernkittel an. Und da sieht er in der Ferne ein Dorf, die Hütten sind
-schwarz, ganz schwarz, und die Hälfte der Hütten ist abgebrannt, und es
-starren von ihnen nur noch die verkohlten Dachsparren durch den grauen
-Tag. Und vor der Einfahrt ins Dorf haben sich an der Landstraße die
-Bauernweiber aufgestellt, viele Weiber, eine ganze Reihe, und alle haben
-sie so magere und abgezehrte, ganz absonderlich braune Gesichter.
-Besonders die eine am Rande, eine skelettartige, hohe Gestalt: sie
-scheint vierzig Jahre alt zu sein, vielleicht ist sie auch nur zwanzig,
-ihr Gesicht ist lang, mager, und auf dem Arme trägt sie ein weinendes
-Kindchen, ihre Brüste aber müssen ganz ausgetrocknet sein, keinen
-Tropfen Milch mehr enthalten. Und das Kindchen weint und weint, und es
-streckt die Ärmchen aus, nackte magere Ärmchen mit kleinen Fäustchen,
-die vor Kälte ganz blau sind.
-
-„Warum weinen sie? Worüber weinen sie?“ fragt Mitjä, indem er in seinem
-Wagen an ihnen vorüberfliegt.
-
-„Das ist das Kindichen,“ antwortet ihm der Bauer, mit dem er fährt, „das
-Kindichen weint.“
-
-Und Mitjä ist ganz verdutzt darüber, daß er es so auf seine Art sagt:
-„das Kindichen“, und nicht das Kindchen. Und es gefällt ihm, daß der
-Bauer Kindichen gesagt hat: es ist, als ob mehr Mitleid darin läge.
-
-„Aber warum weint es?“ fragte Mitjä ungeduldig weiter, als wenn er zu
-dumm wäre, um es zu begreifen. „Warum sind seine Ärmchen bloß, warum
-wird es nicht eingewickelt?“
-
-„Das Kindichen hat’s kalt, die Kleiderchen sind dünn und feucht, und da
-wärmen sie das Körperchen nicht mehr.“
-
-„Aber warum ist das so? Warum?“ fragt immer drängender der dumme Mitjä.
-
-„Weil sie doch arm sind, abgebrannt, Brot haben sie kein Stückchen mehr;
-sie bitten für den abgebrannten Ort.“
-
-„Nein, nein,“ ruft Mitjä, als verstehe er noch immer nicht, „aber so sag
-mir doch: Warum stehen so die abgebrannten Mütter, warum sind sie arm,
-warum ist das Kindichen arm, warum ist die Steppe so nackt, warum
-umarmen sie sich nicht, warum küssen sie sich nicht, warum singen sie
-nicht fröhliche Lieder, warum sind sie so schwarz geworden von dem
-schwarzen Elend, warum wird das Kindichen nicht genährt?“
-
-Und er fühlt, daß er sinnlos und unvernünftig fragt, aber er hatte
-unbedingt geradeso fragen wollen, und er glaubt, daß er auch geradeso
-habe fragen müssen. Und er fühlt noch, daß sich in seinem Herzen eine
-noch nie empfundene Rührung erhebt, daß er weinen möchte, daß er für
-alle etwas tun will, auf daß das Kindichen nicht mehr weine, auf daß
-auch die schwarze verhärmte Mutter des Kindichens nicht mehr weine, auf
-daß von diesem Augenblicke an niemand mehr eine Träne vergieße, und daß
-er sofort, unverzüglich so etwas tun will, ohne Aufschub oder Verzug,
-ohne Rücksicht oder Bedenken, mit der ganzen Karamasoffschen zügellosen
-Leidenschaft.
-
-„Und ich bin bei dir, jetzt verlasse ich dich nie mehr, das ganze Leben
-lang gehe ich mit dir,“ ertönen neben ihm Gruschenkas liebeatmende,
-inbrünstige Worte.
-
-Und da entbrennt sein ganzes Herz und strebt zu etwas Lichtem, Lichtem,
-und leben will er, leben, auf einem Wege will er gehen, gehen zu dem
-neuen ihm winkenden Lichte, nur schneller, schneller, jetzt gleich,
-sofort!
-
-„Was? Wohin?“ ruft er aus, schlägt die Augen auf und setzt sich auf
-seine Truhe, als ob er aus einer Ohnmacht erwache, und lächelt verklärt.
-
-Vor ihm stand, etwas zu ihm herabgebeugt, Nikolai Parfenowitsch
-Neljudoff und forderte ihn auf, das Protokoll anzuhören und dann zu
-unterzeichnen.
-
-Mitjä erriet, daß er vielleicht eine Stunde geschlafen hatte oder noch
-länger, aber er hörte nicht, was Neljudoff zu ihm sprach. Es machte ihn
-plötzlich stutzig, daß auf der Truhe ein Kopfkissen lag und er auf ihm
-geschlafen hatte; vorhin aber, als er todmüde hier eingeschlafen war, da
-hatte er kein Kissen gesehen.
-
-„Wer hat mir dieses Kissen unter den Kopf geschoben? Wer ist dieser gute
-Mensch gewesen?“ rief er mit einem begeisterten, dankbaren Gefühl und
-einer gleichsam vor Tränen bebenden Stimme, als hätte man ihm weiß Gott
-was für eine große Wohltat erwiesen.
-
-Er hat es nie erfahren, wer dieser gute Mensch gewesen war. Vielleicht
-hatte es einer von den Ortsbewohnern oder der kleine Schreiber Nikolai
-Parfenowitschs aus Mitleid getan. Mitjä aber fühlte, wie seine ganze
-Seele vor Tränen gleichsam erbebte. Er trat zum Tisch und sagte, daß er
-alles unterzeichnest werde, was sie von ihm verlangten.
-
-„Ich habe einen guten Traum gehabt, meine Herren,“ sagte er, und seine
-Worte klangen so sonderbar, und er sprach sie mit einem ganz neuen,
-freudeverklärten Gesicht.
-
-
- IX.
- Wie Mitjä fortgeführt wurde
-
-Als das Protokoll unterzeichnet war, wandte sich Nikolai Parfenowitsch
-mit feierlicher Miene an den Angeklagten und verlas die „Verfügung“, –
-daß in dem und dem Jahre, an dem und dem Tage, an dem und dem Ort der
-Untersuchungsrichter des und des Kreisgerichtshofs nach dem Verhör des
-und des (d. h. Mitjäs), der angeklagt war, das und das verübt zu haben
-(alle Anklagen waren peinlich genau aufgezählt), und in Anbetracht
-dessen, daß der Angeklagte, der sich der Verbrechen, die ihm zur Last
-gelegt werden, nicht für schuldig bekenne, anderseits nichts zu seiner
-Rechtfertigung vorzubringen habe, während die Zeugen (die und die) und
-die Umstände (die und die) ihn vollständig überführen, er, der
-Untersuchungsrichter usw. auf Grund der und der Paragraphen des
-Strafgesetzbuches usw. verfüge: um dem und dem (Mitjä) die Möglichkeit
-zu nehmen, sich der Untersuchung und dem Gericht zu entziehen, ihn in
-das und das Gefängnis einzuschließen, wovon dem Angeklagten Mitteilung
-zu machen, die Kopie dieser Verfügung dem Vertreter des Staatsanwalts
-einzuhändigen sei usw. usw. Kurz, es wurde Mitjä mitgeteilt, daß er von
-diesem Augenblicke an ein Gefangener war, und daß man ihn unverzüglich
-in die Stadt führen werde, um ihn dort im Gefängnis unterzubringen.
-Mitjä der alles aufmerksam angehört hatte, zuckte nur mit den Schultern.
-
-„Nun was, meine Herren, ich kann Ihnen keinen Vorwurf machen, ich bin
-bereit ... Ich sehe es ja ein, daß Ihnen weiter nichts zu tun übrig
-bleibt.“
-
-Nikolai Parfenowitsch erklärte ihm darauf in möglichst sanfter Weise,
-daß ihn Mawrikij Mawrikjewitsch, der Polizeioffizier unseres Städtchens,
-der kurz vorher in Mokroje angekommen war, sofort in die Stadt bringen
-werde ...
-
-„Einen Augenblick,“ unterbrach ihn plötzlich Mitjä und sich an alle
-Anwesenden wendend, sagte er mit überströmendem Gefühl: „Meine Herren,
-alle sind wir grausam, alle sind wir Unmenschen, alle Menschen machen
-wir weinen, alle Menschen, Mütter und Kinder, doch von allen – mag das
-jetzt so entschieden sein – von allen bin ich der allerniedrigste
-Unmensch. Mag das jetzt einmal gesagt sein! An jedem Tage meines Lebens
-habe ich mich vor die Brust geschlagen und mir vorgenommen, mich zu
-bessern, und doch habe ich jeden Tag wieder dieselben Scheußlichkeiten
-begangen. Jetzt begreife ich, daß für solche Menschen, wie mich, ein
-Schlag nötig ist, ein Schicksalsschlag, damit sie wie mit einer
-Wurfschlinge gefangen und von einer äußeren Kraft bezwungen werden.
-Niemals, niemals hätte ich mich aus eigener Kraft erhoben! Nun aber hat
-der Donner gegrollt und der Blitz hat mich getroffen. Ich nehme die Qual
-der Anklage und meiner öffentlichen Schmach auf mich, ich will leiden,
-und ich will mich durch das Leid läutern! Und das wird mir jetzt
-vielleicht auch gelingen – was meinen Sie, meine Herren, wird es mir
-gelingen? Doch nun hören Sie es noch einmal, ich sage es Ihnen zum
-letzten Male: Am Blut meines Vaters bin ich unschuldig! Ich nehme die
-Strafe nicht deshalb auf mich, weil ich ihn etwa erschlagen habe,
-sondern dafür, daß ich ihn hab erschlagen wollen und vielleicht auch
-tatsächlich erschlagen hätte ... Doch immerhin, ich will mit Ihnen
-kämpfen, um mein Leben kämpfen, und das kündige ich Ihnen jetzt im
-voraus an. Ich werde mit Ihnen bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, und
-dann wird Gott entscheiden! Leben Sie wohl, meine Herren, und tragen Sie
-es mir nicht nach, daß ich Sie während des Verhörs angeschrien habe, oh,
-es war mir ja noch alles so unklar ... Nach einer Minute bin ich
-Arrestant, doch jetzt streckt Ihnen Dmitrij Karamasoff zum letztenmal
-noch als freier Mensch seine Hand entgegen, zum letzten
-Abschiedshändedruck. Ich will mich von Ihnen verabschieden, von den
-Menschen will ich Abschied nehmen ...“
-
-Seine Stimme wurde unsicher, und er streckte in der Tat seine Hand aus,
-doch Nikolai Parfenowitsch Neljudoff, der von allen am nächsten bei ihm
-stand, zog plötzlich, als ob er zusammengezuckt wäre, seine Hände zurück
-und kreuzte sie auf dem Rücken. Mitjä hatte es sofort bemerkt, und fuhr
-zusammen. Seine hingehaltene Hand ließ er im Augenblick herabsinken.
-
-„Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen,“ stotterte Neljudoff
-etwas verwirrt, „wir werden sie in der Stadt fortsetzen, und ich bin
-natürlich meinerseits gern bereit, Ihnen jeden Erfolg zu wünschen ... zu
-Ihrer Rechtfertigung ... Und was Sie als Persönlichkeit betrifft,
-Dmitrij Fedorowitsch, so bin ich immer geneigt gewesen, Sie für einen
-sozusagen mehr unglücklichen als schuldigen Menschen zu halten ... Wir
-sind hier alle bereit, wenn ich wagen darf, im Namen aller zu reden, wir
-alle sind bereit, Sie für einen im Grunde edlen Menschen zu halten, der
-sich nur leider von einigen Leidenschaften in etwas gar zu starker Weise
-beherrschen läßt ...“
-
-Die zarte kleine Gestalt Nikolai Parfenowitschs drückte zum Schluß der
-Rede die ganze Höhe seiner Würde als Untersuchungsrichter aus. Mitjä
-zuckte plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß dieser „dumme Junge“
-ihn gleich unter den Arm fassen werde, um ihn scherzend in eine Ecke zu
-führen und dort ihr Gespräch über die „Mädels“, das sie vor ein paar
-Tagen gehabt hatten, wieder aufzunehmen. Doch – fliegen denn nicht
-selbst einem Verbrecher, der zum Tode geführt wird, nicht zur Sache
-gehörende und vielleicht gar alberne Gedanken durch den Kopf?
-
-„Meine Herren, ich weiß, Sie sind gut, – kann ich _sie_ noch einmal
-sehen, mich zum letztenmal von ihr verabschieden?“ fragte Mitjä.
-
-„Oh, natürlich ... nur ... in Anbetracht ... mit einem Wort: Es geht
-nicht, daß ... unter vier Augen geht es nicht, aber in Gegenwart ...“
-
-„Schön, meinetwegen in Ihrer Gegenwart!“
-
-Gruschenka wurde hinaufgebeten, doch es kam nur zu einer ganz kurzen,
-wortkargen Abschiedsszene, die Nikolai Parfenowitsch eigentlich wenig
-befriedigte. Gruschenka verneigte sich tief vor Mitjä.
-
-„Ich habe dir gesagt, daß ich dein bin und ewig dein bleiben werde. Mit
-dir gehe ich bis in die Ewigkeit, wohin man dich auch verschicken
-sollte. Leb wohl, du, der du dich unschuldig zugrunde gerichtet hast!“
-
-Ihre Lippen bebten, Tränen blitzten an ihren Wimpern und rollten
-plötzlich herab.
-
-„Gruscha, vergib mir meine Liebe, vergib mir, daß ich durch meine Liebe
-auch dich ins Unglück stürze.“
-
-Mitjä wollte noch etwas sagen, doch jäh brach er ab und ging hinaus. Er
-wurde im Augenblick von Männern umringt, die ihn nicht aus den Augen
-ließen. Unten vor der Treppe, wo er noch gestern mit Andreis Troika
-dröhnend vorgefahren war, standen zwei Wagen bereit. Mawrikij
-Mawrikjewitsch, ein stämmiger, kleiner Mann mit einem aufgedunsenen
-Gesicht, schien durch etwas sehr gereizt zu sein, wahrscheinlich durch
-irgendeinen Zwischenfall oder eine unvorhergesehene Unordnung;
-jedenfalls schrie er wütend, und man sah ihm an, daß er sich ärgerte. So
-forderte er denn auch Mitjä etwas gar zu barsch auf, in den Wagen
-einzusteigen. „Früher, als ich ihm im Gasthause ‚zur Hauptstadt‘ Wein
-und alles mögliche vorsetzte, hatte der Mensch ein ganz anderes
-Gesicht,“ dachte Mitjä, als er einstieg. Auch Trifon Borissytsch stieg
-die Treppe hinab. An der Hofpforte drängten sich Leute: Bauern, Weiber,
-Fuhrknechte, Kutscher, und alle starrten sie Mitjä an.
-
-„Lebt wohl, Ihr Gottesmenschen!“ rief ihnen Mitjä vom Wagen zu.
-
-„Vergib auch du uns, Väterchen,“ hörte man zwei, drei Stimmen den Gruß
-erwidern.
-
-„Nun, auch du leb wohl, Trifon Borissytsch!“
-
-Doch Trifon Borissytsch wandte sich nicht einmal nach ihm um, vielleicht
-weil er gar zu beschäftigt war. Er schrie gleichfalls und gab
-verschiedene Befehle, denn der zweite Wagen, in dem zwei Gerichtsdiener
-Mawrikij Mawrikjewitsch und Mitjä begleiten sollten, war noch nicht ganz
-zur Abfahrt bereit. Der Fuhrknecht, der sie fahren sollte, zog vorläufig
-noch langsam seinen Kittel an und redete wortreich darüber, daß nicht
-er, sondern Akim an der Reihe sei, zu fahren. Akim aber war nicht zur
-Stelle; da lief man denn, um den Akim zu suchen; der Bauer bestand aber
-auf dem Seinen und bat, daß man warten solle.
-
-„Ach, Mawrikij Mawrikjewitsch, dieses Bauernpack ist doch bei uns ganz
-ohne jedes Schamgefühl!“ rief Trifon Borissytsch kummervoll. Und zu dem
-Fuhrknecht: „Dir hat Akim noch vorgestern einen Fünfundzwanziger
-gegeben, und du hast ihn versoffen, jetzt aber reißt du wieder das Maul
-bis an die Ohren. Ich wundere mich nur tagaus, tagein über Ihre Güte,
-Mawrikij Mawrikjewitsch, hat doch dieses Lumpenpack so was nicht mal von
-weitem verdient. Ich weiß, was ich sage!“
-
-„Aber wozu brauchen wir denn noch eine zweite Troika?“ mischte sich da
-Mitjä in die Angelegenheit ein. „Fahren wir nur ruhig in einer, Mawrikij
-Mawrikjewitsch, ich werde ja nicht rebellieren, nicht von dir
-fortlaufen, wozu also die Bedeckung?“
-
-„Bitte, gefälligst zu begreifen, mein Herr, daß Sie nicht so zu mir zu
-reden haben, falls Sie es noch nicht wissen sollten. Ich verbitte mir
-Ihr Du und desgleichen Ihre Ratschläge, die Sie für bessere
-Gelegenheiten aufsparen können ...“ schrie plötzlich, wild aus sich
-herausfahrend, Mawrikij Mawrikjewitsch Mitjä an, – als hätte er sich
-über die Gelegenheit gefreut, seine Galle an ihm auslassen zu können.
-
-Mitjä schwieg. Das Blut war ihm heiß ins Gesicht gestiegen. Nach einem
-Augenblick fror ihn plötzlich sehr. Der Regen hatte aufgehört, doch der
-trübe Himmel war ganz von Wolken bedeckt, und ein scharfer Wind blies
-ihm gerade ins Gesicht. „Sollte das etwa ein Fieberschauer sein?“ dachte
-Mitjä, der sich in den Schultern schüttelte. Endlich stieg auch Mawrikij
-Mawrikjewitsch ein, setzte sich gewichtig und breit hin, wobei er – als
-bemerke er es überhaupt nicht – Mitjä gehörig an die andere Seitenlehne
-preßte. Freilich war er nicht bei guter Laune, und der ihm zuteil
-gewordene Auftrag behagte ihm sehr wenig.
-
-„Leb wohl, Trifon Borissytsch!“ rief Mitjä nochmals zurück, und er
-fühlte selbst, daß er es nicht aus Gutmütigkeit, sondern aus Bosheit,
-gegen seinen Willen gerufen hatte.
-
-Doch Trifon Borissytsch stand stolz auf seiner Treppe, hielt die Hände
-auf dem Rücken und sah Mitjä ohne mit der Wimper zu zucken an; er
-blickte streng und geärgert und antwortete auf Mitjäs Gruß kein Wort.
-
-„Leben Sie wohl, Dmitrij Fedorowitsch, leben Sie wohl!“ ertönte
-plötzlich die Stimme Kalganoffs, der ganz unerwartet von irgendwoher
-aufgetaucht war.
-
-Er eilte zum Wagen und streckte Mitjä die Hand entgegen. Er war ohne
-Mütze herausgelaufen. Mitjä gelang es noch, seine Hand zu erfassen und
-einmal zu drücken.
-
-„Leb wohl, du lieber Mensch, werde dich und deine Großmut nie
-vergessen!“ rief er ihm heiß zu.
-
-Da zogen aber die Pferde an, und ihre Hände wurden auseinander gerissen.
-Die Glocken tönten ... – so wurde Mitjä fortgeführt.
-
-Kalganoff aber lief in den Flur, setzte sich dort in eine dunkle Ecke,
-vergrub das Gesicht in den Händen und weinte bitterlich. Lange saß er so
-und weinte, – er weinte, als wäre er noch ein kleiner Knabe und nicht
-ein zwanzigjähriger junger Mann. Oh, er war fast ganz von Mitjäs Schuld
-überzeugt! „Was sind denn das für Menschen, wie können denn, danach zu
-urteilen, die Menschen überhaupt sein!“ rief er innerlich in bitterer
-Schwermut, wenn nicht gar Verzweiflung. Er verlor allen Lebensmut: „Ich
-will überhaupt nicht mehr leben,“ sagte er grollend, und „ist denn das
-Leben das wert, ist es das wert?“ rief der betrübte Jüngling immer
-wieder aus.
-
-
-
-
- Zehntes Buch. Die Knaben
-
-
- I.
- Koljä Krassotkin
-
-Anfang November. Die Kälte war bei uns schon auf elf Grad gestiegen, und
-dazu kam noch Glatteis. Auf die gefrorene Erde war nachts etwas
-trockener Schnee gefallen, und nun fegte ihn ein kalter, scharfer Wind
-durch die langweiligen Straßen des Städtchens und besonders über den
-Marktplatz in unermüdlichen Stößen vor sich her. Der Morgen ist bewölkt,
-doch der Schneefall hat schon aufgehört.
-
-Nicht weit vom Marktplatz, in der Nähe der Plotnikoffschen
-Kolonialwarenhandlung, steht das kleine, von außen wie von innen sehr
-saubere Haus der Witwe des verstorbenen Beamten Krassotkin. Der
-Gouvernementssekretär Krassotkin war schon vor langer Zeit gestorben,
-vor etwa vierzehn Jahren; seine Witwe aber, ein etwa dreißigjähriges und
-noch immer sehr nettes appetitliches Frauchen, lebte in ihrem schmucken
-Häuschen „vom eigenen Kapital“. Sie lebte sittsam und bescheiden und
-hatte einen zärtlichen, sanften, im allgemeinen recht heiteren
-Charakter. Sie war bereits mit achtzehn Jahren Witwe geworden, nachdem
-sie mit ihrem Mann nur ein Jahr lang zusammengelebt und ihm kurz vor
-seinem Tode einen Sohn geboren hatte. Seit der Zeit, seit dem Tode ihres
-Mannes, widmete sie sich ganz der Erziehung dieses ihres einzigen
-Söhnchens Koljä, und wenn sie ihn auch alle diese vierzehn Jahre
-geradezu abgöttisch liebte, so machte sie mit ihm, versteht sich, weit
-mehr Leiden durch, als er ihr Freuden bereitete, da sie jeden Tag für
-ihn zitterte und fast verging vor Angst, er könnte sich erkalten,
-erkranken, sich beim Spielen Schaden tun, auf einen Stuhl klettern und
-herunterfallen usw. usw. Als aber Koljä die Vorschule und späterhin
-unser Progymnasium zu besuchen begann, da fing sie an, alle
-Wissenschaften zu studieren, um ihm beim Lernen helfen und mit ihm die
-Aufgaben durchnehmen zu können. Sie suchte mit seinen Lehrern und deren
-Frauen bekannt zu werden, lud sie zum Kaffee ein, sie verwöhnte und
-hätschelte sogar seine Schulkameraden, damit sie ihren Koljä nicht
-anrührten, nicht verspotteten, oder gar – Gott behüte! – verprügelten.
-Sie brachte es so weit, daß die Knaben schließlich über ihn lachten und
-ihn als „das Muttersöhnchen“ neckten. Koljä aber verstand es, sich zu
-verteidigen. Er war ein mutiger Junge und „furchtbar stark“, wie das
-Gerücht zu melden wußte, das sich bald in der Klasse verbreitete, war
-gewandt, charakterfest, kühn und unternehmungslustig. Er lernte gut, und
-es hieß sogar unter den Kameraden, daß er in der Arithmetik und
-allgemeinen Geschichte selbst dem Lehrer, Herrn Dardaneloff, ein Bein
-stellen könne. Wenn nun der Junge auch etwas „von oben herab“ war und
-das Nasenspitzchen oft gehörig emporreckte, so war er doch ein guter
-Kamerad, der sich nie überhob. Die Achtung der Mitschüler nahm er
-übrigens als etwas Selbstverständliches hin. Die Hauptsache war, daß er
-Maß hielt, daß er sich bei Gelegenheit selbst zurückzuhalten verstand,
-und daß er in seinem Verhalten zu den Lehrern niemals die letzte, sehr
-bemerkbare Grenze überschritt, über die hinaus die Streiche nicht mehr
-verziehen werden können, da sie dann bereits zu „Unordnung, Rebellion
-und Verletzung der Vorschriften“ führen. Und doch war er nichts weniger
-als abgeneigt, bei jeder sich bietenden Gelegenheit wie der
-ausgelassenste Schulbub ausgelassen zu sein, oder vielmehr nicht so sehr
-ausgelassen zu sein, als etwas Besonderes anzustiften, einen ganz
-besonders tollen Streich zu spielen, „Extrafurore“ zu machen, sich einen
-„Schick“ zu geben, kurz, sich irgendwie auffallend auszuzeichnen. Vor
-allem war er sehr ehrgeizig. Sogar seine Mama verstand er in ein
-untergeordnetes Verhältnis zu sich zu bringen, ja, er beherrschte sie
-fast despotisch. Sie hatte sich ihm widerspruchslos untergeordnet, oh,
-schon lange war er der Herr im Hause! Nur den einen Gedanken konnte sie
-nicht ertragen: daß ihr Junge sie „wenig liebe“. Es schien ihr immer,
-daß ihr Koljä „nichts für sie fühle“, und so kam es denn vor, daß sie,
-in Tränen aufgelöst, ihm wegen seiner Kälte zu ihr Vorwürfe machte. So
-etwas liebte der Junge äußerst wenig, und je mehr Herzensergüsse man von
-ihm verlangte, um so zurückhaltender wurde er. Das geschah aber von ihm
-nicht absichtlich, wie es schien, sondern ganz unwillkürlich, – so war
-nun einmal sein Charakter. Doch die Mutter täuschte sich: er liebte
-seine Mama sogar sehr, nur liebte er keine „Kälberzärtlichkeiten“, wie
-er sich in seinem Schülerjargon ausdrückte. Sein Vater hatte viele
-Bücher hinterlassen, die von der Mutter in einem großen Schrank
-aufbewahrt wurden. Koljä machte sich bald daran, diese Bücher zu lesen.
-Die Mama beunruhigte das weiter nicht; sie wunderte sich vorläufig nur
-über ihren Jungen, wie der so ganze Stunden lang am Bücherschrank stehen
-und lesen konnte. Daher hatte denn Koljä in kurzer Zeit schon manches
-gelesen, was er in so jungen Jahren gar nicht zu wissen gebraucht hätte.
-
-In der letzten Zeit aber hatte er ein paar Streiche gespielt, die die
-Mama ernstlich beunruhigten. Es waren das nicht irgendwelche sittlich
-bedenkliche, bösartige Stückchen, sondern wahrhaft tollkühne,
-halsbrecherische Wagnisse gewesen. Die Mama hatte nämlich Ende Juli, in
-der Ferienzeit, mit ihrem Jungen eine Verwandte besucht, deren Mann auf
-der nächsten Eisenbahnstation, siebzig Werst von unserem Städtchen,
-angestellt war. (Es war das dieselbe Eisenbahnstation, von der einen
-Monat darauf Iwan Fedorowitsch Karamasoff nach Moskau reiste.) Das
-erste, was Koljä bei seinen Verwandten tat, war, daß er sich genau die
-Lokomotiven besah, sich mit der Maschine gut bekannt machte, alle Räder
-untersuchte usw., denn er sagte sich, daß er mit diesen Kenntnissen
-seinen Mitschülern imponieren werde. Es fanden sich noch ein paar andere
-Knaben dazu, mit denen er sich anfreundete; die einen von ihnen wohnten
-daselbst auf der Station, die anderen in der Nachbarschaft, – im ganzen
-hatten sich sechs oder sieben Jungen im Alter zwischen zwölf und
-fünfzehn Jahren zusammengetan, darunter zwei Gymnasiasten aus unserer
-Stadt. Diese Jungen spielten und tollten zusammen, und siehe da, am
-vierten oder fünften Tage des Besuchs – Frau Krassotkin und Koljä waren
-nur auf etwa eine Woche hingefahren – kam es unter ihnen zu einer ganz
-unglaublichen Wette um zwei Rubel: und zwar handelte es sich um
-folgendes:
-
-Koljä, der Jüngste unter ihnen, und daher von den anderen etwas
-herablassend Behandelte, hatte aus knabenhaftem Ehrgeiz oder aus
-unverzeihlicher Tollkühnheit vorgeschlagen, nachts, wenn der Elfuhrzug
-käme, so lange zwischen den Schienen zu liegen, bis der Eilzug über ihn
-hinweggegangen wäre. Allerdings waren verschiedene Versuche gemacht
-worden, die ergeben hatten, daß man sehr wohl so zwischen den Schienen
-liegen und sich an den Boden drücken konnte, ohne vom Zug berührt zu
-werden, der dann in der größten Geschwindigkeit über einen hinwegsausen
-werde. Trotzdem jedoch – besten Dank für das Liegen! Koljä aber
-behauptete steif und fest, daß er sich hinlegen und liegen bleiben
-werde. Er wurde zuerst ausgelacht, ein Prahlhänschen, ein Aufschneider
-genannt, und durch diese Neckereien nur noch mehr zu seinem Vorhaben
-gereizt. Das Entscheidendste dabei war, daß diese Fünfzehnjährigen schon
-gar zu wichtig vor ihm taten und ihn zuerst als „Kleinen“ überhaupt
-nicht in ihre „Clique“ hatten aufnehmen wollen, was ihm denn doch zu
-sehr „an die Ehre“ ging. Und so ward beschlossen, am Abend aufzubrechen
-und ungefähr auf eine Werst längs dem Eisenbahndamm weiterzugehen, um
-dann bis elf den Zug, der dort von der Station aus bereits in Gang
-gekommen sein würde, zu erwarten. Der Abend kam, man versammelte sich
-und machte sich auf den Weg. Die Nacht brach an: es war eine mondlose,
-nicht nur dunkle, sondern fast pechschwarze Nacht. Kurz vor elf legte
-Koljä sich zwischen den Schienen hin. Die übrigen fünf, die die Wette
-eingegangen waren, warteten zuerst mit beklommenem Herzen, zuletzt aber
-in Angst und Reue unten am Bahndamm im Gebüsch. Endlich, – ein Pfiff und
-fernes Rollen zeigten an, daß der Schnellzug die Station verließ. Da
-tauchten auch schon in der Nacht zwei feurige Augen auf und fauchend
-raste das Ungetüm heran. „Lauf Koljä! Lauf fort!“ schrien fünf
-angsterstickte Stimmen aus dem Gebüsch. Es war aber schon zu spät: der
-Zug war schon da und sauste vorüber. Die Jungen stürzten den Damm hinauf
-zu Koljä: er lag regungslos zwischen den Schienen. Man rüttelte ihn,
-rief ihn an, und versuchte ihn schließlich aufzuheben. Da stand er
-plötzlich von selbst auf und ging schweigend den Bahndamm hinab. Unten
-angelangt, erklärte er, daß er absichtlich unbeweglich liegen geblieben
-sei, um ihnen Angst zu machen. Doch war das nicht ganz wahrheitsgetreu:
-er hatte tatsächlich die Besinnung verloren, wie er später, nach langer
-Zeit, seiner Mama gestand. So hatte er sich denn den Ruhm, ein
-„Tollkühner“ zu sein, für alle Zeiten erworben. Er kehrte nur sehr
-bleich zur Station zurück und erkrankte am Tage darauf an einem leichten
-Nervenfieber, doch war er bald wieder ungemein lebhaft, lustig und
-zufrieden. Der Streich wurde nicht gleich bekannt; erst als er wieder
-zurückgekehrt war und wieder in die Schule ging, verbreitete sich die
-tolle Geschichte, dank den beiden Gymnasiasten, die dabei gewesen waren,
-unter den Schülern unseres Progymnasiums, bis sie schließlich auch der
-Schulobrigkeit zu Ohren kam. Da aber stürzte Koljäs Mama hin zu den
-Direktoren, um für ihren Sohn Verzeihung zu erflehen, und erreichte denn
-auch, daß der sehr geachtete und einflußreiche Lehrer Dardaneloff für
-ihren Jungen eintrat und ihn verteidigte, und daß man die Sache zu guter
-Letzt auf sich beruhen ließ, als wäre überhaupt nichts geschehen. Dieser
-Dardaneloff, ein unverheirateter und noch nicht alter Mann, war nämlich
-schon seit etlichen Jahren glühend in Frau Krassotkin verliebt und hatte
-ihr auch schon einmal, vor etwa einem Jahr, in der ehrerbietigsten Weise
-und halb vergehend vor Angst und Verlegenheit einen Heiratsantrag
-gemacht; sie aber hatte ihn ohne weiteres abgewiesen, da sie eine
-Wiederverheiratung als einen Verrat an ihrem Sohne empfunden hätte.
-Trotzdem hatte Dardaneloff vielleicht doch das Recht, nach gewissen
-Anzeichen zu schließen, daß er der hübschen Dame nicht unsympathisch
-war. Der tolle Streich Koljäs schien nun das Eis gebrochen zu haben, und
-ihm war für seine freundliche Verwendung eine leise Andeutung, daß er
-hoffen könne, zuteil geworden, freilich nur eine sehr entfernte. Da aber
-Dardaneloff, was Rücksichtnahme und Zartgefühl betraf, ein wahres
-Phänomen war, so genügte das vollkommen, um ihn unendlich glücklich zu
-machen. Den Knaben liebte er sehr, nur hielt er es für erniedrigend,
-sich bei ihm einzuschmeicheln, daher verhielt er sich zu ihm in der
-Klasse stets streng und anspruchsvoll. Und auch Koljä „hielt ihn sich in
-respektvoller Entfernung“. Er bereitete sich zu den Stunden
-ausgezeichnet vor, behauptete sich in der Klasse als zweiter Schüler,
-war im Umgang mit ihm etwas trocken, und die ganze Klasse glaubte, daß
-er in der allgemeinen Geschichte Dardaneloff sogar schlagen könne. Und
-tatsächlich hatte Koljä ihm einmal die Frage gestellt: Wer hat Troja
-gegründet? – worauf der Lehrer nur „im allgemeinen“ geantwortet hatte,
-von den Bewegungen der verschiedenen Völker, von ihren Wanderungen und
-Niederlassungen und Übersiedlungen, von der Tiefe der Zeiten, von den
-Mythen und Dichtungen gesprochen: doch auf die Frage, wer, d. h. welche
-Personen Troja gegründet hatten, darauf konnte er nicht antworten, und
-im übrigen fand er die Frage müßig. Die Knaben waren überzeugt, daß
-Dardaneloff einfach nicht wußte, wer Troja gegründet hatte. Koljä aber
-hatte im Ssmaragdoff, der sich gleichfalls im Bücherschrank des Vaters
-fand, alles Nähere über die Gründung Trojas nachgelesen. Schließlich
-interessierte es alle Knaben, wer nun der eigentliche Gründer Trojas
-war, Koljä Krassotkin aber deckte sein Geheimnis nicht auf, und so genoß
-er denn allein den Ruhm des Wissens.
-
-Da kam nun dieser Eisenbahnstreich dazwischen, und Koljäs Verhalten zur
-Mutter erfuhr eine Veränderung. Als Anna Fedorowna (so hieß Frau
-Krassotkin) von der „Heldentat“ ihres Sohnes erfuhr, fiel sie beinahe in
-Ohnmacht vor Angst, obgleich doch keinerlei Gefahr mehr vorhanden war.
-Sie bekam die heftigsten nervösen Anfälle, die mit Unterbrechungen
-mehrere Tage lang andauerten, so daß Koljä ernstlich erschrak und ihr
-sein heiliges Ehrenwort gab, nie mehr ähnliche Tollkühnheiten zu
-begehen. Er schwur es ihr auf den Knien vor dem Heiligenbilde, schwur es
-beim Andenken seines Vaters, wie es seine Mama verlangte, wobei der
-„männliche, erwachsene“ Koljä wie ein sechsjähriger Knabe vor lauter
-„Gefühl“ weinte, und Mutter und Sohn sich in den Armen lagen und bis zum
-Abend schluchzten. Am nächsten Morgen war Koljä ebenso „gefühllos“, wie
-früher, nur wurde er von da an schweigsamer, bescheidener, strenger und
-nachdenklicher. Das hinderte freilich nicht, daß er nach anderthalb
-Monaten wieder einen Streich spielte, durch den sein Name sogar unserem
-Friedensrichter bekannt wurde. Doch davon später. Die Mutter fuhr fort
-zu zittern und sich zu quälen, und Dardaneloff schöpfte, im Verhältnis
-wie ihre Angst wuchs, immer mehr Hoffnung.
-
-Ich muß noch bemerken, daß Koljä in dieser Hinsicht seinen Lehrer sehr
-gut verstand und sogar ganz durchschaute und ihn, versteht sich, wegen
-dieser seiner „Gefühlsduseleien“ tief verachtete. Früher hatte er einmal
-die Unzartheit gehabt, diese Verachtung seiner Mama zu verstehen zu
-geben, und er hatte außerdem noch angedeutet, daß er sehr wohl wisse,
-welche Absichten Dardaneloff hege. Aber nach jenen schrecklichen
-nervösen Anfällen der Mutter änderte er sich auch in dieser Beziehung.
-Er erlaubte sich hinfort keine einzige Anspielung mehr und äußerte sich
-über Dardaneloff der Mutter gegenüber stets sehr achtungsvoll, was die
-feinfühlige Anna Fedorowna sofort mit grenzenloser Dankbarkeit in ihrem
-Herzen empfand, – dafür aber selbst bei der leisesten Erwähnung
-Dardaneloffs, etwa im Gespräch mit einem unbefangenen Gast, wenn Koljä
-dabei war, wie eine Rose erglühte. Koljä dagegen schaute dann mit
-krauser Stirn zum Fenster hinaus, oder er betrachtete umständlich und
-äußerst interessiert seine Stiefelspitzen, oder er rief barsch seinen
-„Pereswonn“ heran, ein langhaariges, zottiges und häßliches Hundevieh,
-das er vor einem Monat irgendwo „aufgegabelt“ und nach Haus „bugsiert“
-hatte, nun im Hause wie ein großes Geheimnis hütete und keinem einzigen
-seiner Kameraden zeigte. Er tyrannisierte den armen Köter ganz
-entsetzlich, drillte ihn unermüdlich, bis er ihm alle möglichen Künste
-„eingefuchst“ hatte, und brachte es schließlich so weit, daß der arme
-Hund jedesmal heulte, wenn er in die Schule ging, und wenn er wieder
-zurückkehrte, vor Freude „rappeldoll“ wurde, winselte, sich auf den
-Rücken warf, alle Stückchen vormachte und wie besessen an ihm
-hinaufsprang – und das alles nicht auf Befehl, sondern aus bloßem
-Überschwang seiner Begeisterung und seines dankbaren Hundeherzens.
-
-Ich habe übrigens zu erwähnen vergessen, daß Koljä Krassotkin derselbe
-Knabe war, der von Iljuscha, dem Sohn des verabschiedeten Hauptmanns
-Ssnegireff, in der Schule mit dem Federmesser in den Oberschenkel
-gestochen worden war, als die Schüler jenen, seines Vaters wegen,
-„Bastwisch“ geneckt hatten.
-
-
- II.
- Die Gören
-
-Also an jenem frostigen Novembersonntagmorgen, an dem der scharfe
-Winterwind den trockenen Schnee durch die Straßen fegte, saß Koljä
-Krassotkin ganz allein zu Hause. Es hatte schon elf geschlagen, und er
-mußte in einer „äußerst wichtigen und positiv unaufschiebbaren
-Angelegenheit ausgehen“ – und da sah er sich nun gezwungen, als einziger
-Beschützer zu Hause zu sitzen, denn es hatte sich so gemacht, daß alle
-älteren Bewohner des Hauses wegen eines sehr sonderbaren und gewiß
-höchst seltenen Vorfalles fortgegangen waren. Im Hause der Frau
-Krassotkin wohnte nämlich in der zweiten, kleinen Wohnung, die nur aus
-zwei Wohnzimmern bestand und von der Wohnung Frau Krassotkins durch
-einen Korridor getrennt war, die Frau eines Doktors mit ihren zwei
-kleinen Kindern zur Miete. Diese Doktorsfrau war mit Anna Fedorowna in
-gleichem Alter und hatte sich herzlich mit ihr angefreundet; der Doktor
-aber war schon vor etwa einem Jahr verreist, zuerst nach Orenburg und
-dann nach Taschkent, und hatte nun seit einem halben Jahre nichts mehr
-von sich hören lassen, so daß seine Frau sich blind geweint hätte, wenn
-nicht die Freundschaft mit Anna Fedorowna ihr Trost und Stütze gewesen
-wäre. Nun, und da mußte es denn zur Krönung aller Schicksalsschläge noch
-geschehen, daß Katerina, die einzige Magd der „Doktorin“, in der letzten
-Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag ihrer Herrin zu deren Verblüffung
-mitteilte, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach am nächsten Morgen
-niederkommen werde. Wie es möglich gewesen war, daß niemand früher etwas
-davon gemerkt hatte, blieb allen ein Rätsel. Die erschrockene, arme Frau
-überlegte sich die schwierige Sache und beschloß darauf, ihre Magd,
-solange es noch Zeit war, zur Hebamme in eine für solche Fälle
-eingerichtete Anstalt zu bringen. Da sie mit ihrer Magd sehr zufrieden
-war und diese um keinen Preis verlieren wollte, so führte sie ihren
-Vorsatz auch unverzüglich aus und blieb außerdem noch vorläufig bei ihr.
-Darauf, am Sonntagmorgen, wurde auch Frau Krassotkin um ihre gütige
-Fürsprache und Protektion gebeten, da sie in diesem Falle bei gewissen
-Personen irgend etwas erbitten konnte. So kam es denn, daß beide Damen
-nicht zu Hause waren, und da auch Frau Krassotkins Magd, Agafja, auf den
-Markt gegangen war, mußte Koljä zeitweilig als Beschützer und Wächter
-der kleinen „Knirpse“ zu Hause bleiben. Diese „Knirpse“ waren die beiden
-Gören der Frau Doktor, ein Knabe und ein Mädel. Das Haus zu bewachen,
-fürchtete sich Koljä nicht, und zudem war ja noch Pereswonn bei ihm, der
-aber auf Befehl seines Herrn im Vorzimmer unter der Bank „tot“ liegen
-mußte, und der gerade deswegen jedesmal, wenn Koljä auf der „Runde durch
-die Zimmer“ an ihm vorüberkam, mit bittendem Blick ihn ansah und zweimal
-mit der Rute kräftig auf den Fußboden schlug. Leider aber hörte er noch
-immer nicht den rufenden Pfiff des Herrn. Koljä warf nur einen drohenden
-Blick auf den armen Köter, und sofort stellte sich dieser gehorsam
-wieder „tot“. Dafür aber waren es die beiden Gören, die sogenannten
-„Knirpse“, die ihn beunruhigten. Auf den Vorfall mit Katerina blickte er
-selbstverständlich mit der tiefsten Verachtung herab, die verwaisten
-„Knirpse“ dagegen liebte er sehr. Er hatte ihnen ein Kinderbuch zur
-Zerstreuung gebracht, denn Nastjä, das ältere, achtjährige Mädchen,
-konnte schon lesen, und der jüngere „Knirps“, der siebenjährige Kostjä,
-hörte „furchtbar gern“ zu, wenn Nastjä ihm vorlas. Koljä Krassotkin
-hätte sie nun allerdings noch viel unterhaltsamer zerstreuen können, zum
-Beispiel mit Pferdchen- oder Soldaten- oder Versteckspielen. Das war
-früher auch schon mehr als einmal geschehen, so daß sich das Gerücht,
-Krassotkin spiele zu Hause mit den Kindern der Mieterin Pferdchen, und
-ahme im Springen, Galoppieren und Kopfneigen kunstvoll die Allüren des
-Deichselpferdes der Troika nach, sogar in der Schule verbreitet hatte.
-Krassotkin aber war gelungen, sich voll Stolz zu verteidigen, indem er
-den Mitschülern seinen Standpunkt klarlegte: mit Altersgenossen, d. h.
-also mit Dreizehnjährigen, wäre es seiner Meinung nach allerdings eine
-Schmach, „in unserem Jahrhundert“ noch Pferdchen zu spielen, er aber tue
-es nur für die „kleinen Knirpse“, da er sie sehr gern habe, und im
-übrigen habe niemand das Recht, von ihm über seine Gefühle Rechenschaft
-zu fordern. Dafür wurde er denn auch von den beiden Kleinen geradezu
-vergöttert. Diesmal aber war ihm nicht nach Spielchen zu Sinn. Er war
-mit einer äußerst wichtigen persönlichen Angelegenheit beschäftigt: ihm
-stand, wie es schien, etwas fast Geheimnisvolles bevor. Inzwischen aber
-verging die Zeit, und Agafja, mit der die Gören sehr gut allein hätten
-bleiben können, wollte immer noch nicht vom Markt zurückkehren. Er war
-schon mehrmals über den Flur gegangen und hatte die Tür zur Wohnung der
-Frau Doktor geöffnet und besorgt die Kleinen betrachtet, die auf seinen
-Befehl artig vor dem Kinderbuch saßen und ihm jedesmal, wenn er die Tür
-aufmachte, mit ganzem Mund entgegen lächelten, in der Erwartung, daß er
-diesmal ganz sicherlich eintreten und Ihnen etwas Schönes und Lustiges
-vormachen werde. Koljä aber war sichtlich mit anderem beschäftigt und
-kam nicht herein. Da schlug es elf, und er beschloß endgültig, auf diese
-„verdammte Agafja“ nicht mehr länger als zehn Minuten zu warten, wenn
-sie aber selbst dann noch nicht gekommen wäre, einfach fortzugehen, –
-versteht sich, wenn ihm die „Knirpse“ vorher das Wort gegeben hatten,
-daß sie ohne ihn nicht Angst bekommen, nicht unartig sein und nicht
-weinen würden. Mit diesen Gedanken zog er seinen kleinen wattierten
-Wintermantel mit dem Kottikkragen an, hing sein Büchertäschchen über die
-Schulter und ging, trotz der wiederholten Bitten seiner Mama, „bei
-dieser Kälte nicht ohne Galoschen auszugehen,“ in bloßen Stiefeln und
-nur mit einem verächtlichen Blick auf seine Galoschen, zur Tür hinaus.
-Als Pereswonn ihn nach dem Mantel greifen sah, fing er sofort an,
-stärker mit der Rute auf den Boden zu schlagen, reckte nervös den Hals
-immer wieder wie suchend ihm entgegen und machte bereits quiekende
-Versuche zu einem klagenden Geheul. Koljä aber beschloß, als er diese
-Erregung seines Köters bemerkte, den gegebenen Befehl noch nicht
-aufzuheben, „da man ihn an Disziplin gewöhnen muß“, und erst als er die
-Flurtür öffnete, pfiff er. Pereswonn fuhr auf wie toll und sprang
-geradezu außer sich vor Freude zu seinem jungen Tyrannen. Koljä schritt
-über den Flur und öffnete die Tür zu den Knirpsen. Die saßen wie früher
-am Tischchen, lasen aber nicht mehr, sondern stritten sich. Diese beiden
-Kinder stritten häufig miteinander über verschiedene ungelöste
-Lebensprobleme, nur war es immer Nastjä, das ältere Mädchen, die den
-Sieg davon trug; dafür ging denn Kostjä jedesmal, wenn er mit ihr nicht
-übereinstimmen konnte, zu Koljä Krassotkin, um an ihn als an die letzte
-Instanz zu appellieren, und wie der dann entschied, so blieb es auch, da
-er für beide Teile absolute Autorität war. Diesmal schien ihm der Streit
-der „Knirpse“ etwas interessanter, und so blieb er an der Tür noch ein
-Weilchen stehen, um der Debatte zuzuhören. Die Kinder hatten natürlich
-sofort bemerkt, daß er wieder eingetreten war, und so setzten sie ihren
-Streit noch lebhafter fort.
-
-„Niemals, niemals werde ich glauben, daß die Ammen die kleinen Kinder im
-Gemüsegarten zwischen den Kohlbeeten finden,“ beteuerte Nastjä, ganz
-Feuer und Flamme. „Jetzt ist doch schon Winter, und Kohlbeete gibt es
-überhaupt nicht mehr, wo soll nun die Amme das Töchterchen für Katerina
-hernehmen?“
-
-„Da haben wir’s!“ dachte Koljä bei sich.
-
-„Oder sieh, es kann doch auch so sein: die Ammen finden sie irgendwo,
-bringen sie aber nur denen, die verheiratet sind.“
-
-Klein Kostjä blickte das Schwesterchen aufmerksam an, hörte tiefsinnig
-zu und überlegte.
-
-„Wie dumm du bist, Nastjä,“ sagte er schließlich überzeugt, ohne sich
-aber dabei aufzuregen, „was kann denn Katerina für ein Kind haben, wenn
-sie keinen Mann hat?“
-
-Nastjä fuhr sofort auf:
-
-„Ach, du verstehst mich nicht,“ sagte sie gereizt, „vielleicht hat sie
-einen Mann gehabt, nur sitzt er jetzt im Gefängnis, und da hat sie nun
-ein Kind bekommen.“
-
-„Ja, aber hat sie denn einen Mann im Gefängnis?“ erkundigte sich wichtig
-der positive Kostjä.
-
-„Oder nein,“ unterbrach ihn Nastjä ungestüm, indem sie ihre erste
-Hypothese völlig vergaß, „einen Mann hat sie nicht, da hast du recht,
-sie will aber gern einen Mann haben, und da hat sie angefangen zu
-denken, wie sie einen Mann bekommen würde, und hat immer daran gedacht,
-so lange daran gedacht, bis sie nun nicht einen Mann, dafür aber ein
-Kindchen bekommen hat.“
-
-„Nun, das ist was anderes,“ meinte Kostjä bekehrt, „du hast das aber
-früher nicht gesagt, wie sollte ich es da wissen!“
-
-„Hört mal, ihr Gören,“ unterbrach Koljä Krassotkin eintretend die
-Unterhaltung, „ihr seid ja, wie ich sehe, gefährliches Gewächs.“
-
-„Und auch Pereswonn ist mit Ihnen gekommen?“ erkundigte sich selig
-lächelnd klein Kostjä und bemühte sich, mit seinen kleinen Fingern wie
-Erwachsene zu schnippen, um auf diese Weise Pereswonn heranzulocken.
-
-„Also hört mal, ich habe ein ernstes Wort mit euch zu reden,“ hub
-Krassotkin gewichtig an. „Ihr könntet mir nämlich einen großen Gefallen
-erweisen. Agafja hat sich natürlich ein Bein gebrochen, das steht fest,
-sonst wüßte ich wirklich nicht, warum sie sich dermaßen verspätet. Ich
-aber muß in einer äußerst wichtigen Angelegenheit ausgehen, ich kann die
-Sache unmöglich noch weiter hinausschieben. Werdet ihr mich nun gehen
-lassen oder nicht?“
-
-Die Kinder blickten sich gegenseitig besorgt an, ihre lächelnden
-Gesichter verwandelten sich in unruhig fragende. Übrigens begriffen sie
-noch nicht ganz, was man von ihnen verlangte.
-
-„Werdet ihr nicht unartig sein in meiner Abwesenheit? Nicht auf den
-Schrank klettern und euch die Beine brechen? Nicht Angst bekommen und
-losweinen, wenn ihr allein seid?“
-
-In den Gesichtern der Kinder drückte sich tiefes Herzeleid aus.
-
-„Ich könnte euch dafür ein nettes Dingelchen zeigen, eine kleine
-messingne Kanone, aus der man mit wirklichem Pulver schießen kann.“
-
-Die Gesichter der Kinder erhellten sich augenblicklich.
-
-„Zei – eigen Sie uns bitte das Kanonchen,“ bat selig klein Kostjä.
-
-Koljä Krassotkin fuhr mit der Hand in seine Büchertasche, entnahm ihr
-eine kleine bronzefarbene Kanone und stellte sie auf den Tisch.
-
-„Das glaub ich, zei – ei – eigen Sie! Seht, sie rollt auf Rädern“ – er
-rollte die Kanone über den Tisch – „und auch schießen kann man aus ihr.
-Mit Schrot laden und schießen.“
-
-„U – und schießt sie auch tot?“
-
-„Alle schießt sie tot, nur muß man vorher zielen.“
-
-Und Krassotkin erklärte ihnen, wohin man das Pulver schütten, wohin man
-das Schrotkorn stecken mußte; er zeigte ihnen ein kleines Loch, das
-sogenannte Zündloch, wo man das Pulver anzündete, und erzählte darauf,
-daß die Lafette nach dem Schuß zurückweiche. Die Kinder hörten mit
-runden Augen und fabelhaftem Interesse zu. Am meisten frappierte sie,
-wie es wohl kam, daß die Lafette nach dem Schuß zurückrollte.
-
-„Aber haben Sie auch Pulver?“ erkundigte sich Nastjä.
-
-„Versteht sich.“
-
-„Oh, dann zeigen Sie uns, bitte, auch das Pulver,“ bat Nastjä gedehnt
-mit einschmeichelndem Kinderlächeln.
-
-Koljä Krassotkin fuhr wieder mit der Hand in die Büchertasche und
-entnahm ihr eine kleine Flasche, in der tatsächlich etwas „wirkliches“
-Schießpulver war. In einer kleinen Papierdüte hatte er noch ein paar
-Schrotkörner. Er schüttete sich sogar etwas von dem Schießpulver auf die
-Handfläche.
-
-„Seht, nur darf hier kein Feuer in der Nähe sein, sonst entzündet es
-sich und sprengt uns alle in die Luft,“ warnte Koljä und erreichte damit
-einen noch größeren Effekt.
-
-Die Kinder betrachteten das Pulver geradezu mit andächtiger Furcht, die
-das Vergnügen natürlich noch erhöhte. Klein Kostjä interessierte sich
-besonders für das Schrot.
-
-„Schrot aber brennt nicht?“ erkundigte er sich.
-
-„Nein, Schrot brennt nicht.“
-
-„Schenken Sie mir etwas Schrot,“ bat er mit zärtlich-schüchterner
-Stimme.
-
-„Meinetwegen, Schrot kannst du ein wenig bekommen, da nimm, nur zeige es
-deiner Mama nicht früher, als bis ich wieder zurückgekommen bin, sonst
-denkt sie, daß es Pulver sei und fällt in Ohnmacht vor Schreck oder gibt
-euch Ruten.“
-
-„Mama schlägt uns niemals mit Ruten,“ bemerkte sofort Nastjä.
-
-„Ich weiß, ich sagte es auch nur so. Eure Mama aber sollt ihr niemals
-betrügen, nur dieses eine Mal ... wie gesagt, nur bis ich wiederkomme.
-Also, kann ich nun fortgehen? Werdet ihr nicht ohne mich Angst bekommen?
-Werdet ihr nicht weinen, wenn ich euch allein lasse?“
-
-„Doch, wir wer – den wo – o – ohl wei – nen,“ kam es langsam und klagend
-aus klein Kostjä heraus, dessen Gesicht bereits Anstalten machte, sich
-zum Weinen zu verziehen.
-
-„Ja, wir werden bestimmt weinen, bestimmt!“ beteuerte auch Nastjä etwas
-ängstlich.
-
-„Ach, Kinder, Kinder, wie gefährlich sind doch eure Jahre! ... Nun,
-nichts zu machen, ihr Küchel, man wird, weiß Gott wie lange, bei euch
-sitzen müssen. Zeit aber, Zeit habe ich keinen Augenblick zu verlieren!“
-
-„A – ber werden Sie auch Pereswonn wie tot liegen lassen?“ fragte klein
-Kostjä halb bittend, halb neugierig.
-
-„Ja, was ist zu machen, man wird Pereswonn vorführen müssen. _Ici_,
-Pereswonn!“
-
-Und Koljä begann zu befehlen und ließ den Hund alle Stückchen vormachen,
-die er konnte. Pereswonn war ein zottiger, mittelgroßer Hofköter, dessen
-Fell in ganz absonderlichen graulila Farben schimmerte. Er war einäugig,
-das rechte Auge fehlte ihm, und das linke Ohr war eingeschnitten, so daß
-es zwei Spitzen hatte. Er winselte und sprang herum, ging auf den
-Hinterfüßen, saß, warf sich auf den Rücken, alle vier Pfoten in die Luft
-und lag in dieser Stellung regungslos, „wie tot“. Gerade während dieser
-letzten Kunstleistung öffnete sich die Tür, und Agafja, Frau Krassotkins
-Küchenmagd, trat mit dem überladenen Marktkorb am Arm ins Zimmer. Es war
-das ein vierzigjähriges, pockennarbiges Frauenzimmer. Sie blieb auf der
-Schwelle stehen und betrachtete den Hund. Koljä unterbrach übrigens
-seine Vorstellung nicht eher, wie sehnsüchtig er Agafja auch erwartet
-hatte, als bis Pereswonn die festgesetzte Zeit auf dem Rücken gelegen
-hatte: dann erst pfiff er ihm. Der Hund sprang sofort wie außer sich auf
-und bellte und wußte sich nicht zu lassen vor Freude darüber, daß er
-seine Pflicht erfüllt hatte.
-
-„Sieh mal einer an, was das für’n Hund is!“ meinte Agafja wohlwollend.
-
-„Warum aber bist denn du Vertreterin des Weiblichen so spät
-zurückgekommen?“ fragte Koljä streng.
-
-„Vertreterin des Weiblichen, – da hör doch einer man bloß! So’n kleiner
-Pilz, so’n Naseweis!“
-
-„Naseweis?“
-
-„Was denn sonst? Was geht’s denn deine Nase an, ob ich zu spät oder zu
-früh komme? Wenn ich zu spät komme, dann komme ich nun eben zu spät,
-dann heißt dies, daß es so richtig ist, daß ich zu spät komme, dann habe
-ich eben zu spät kommen müssen,“ brummte Agafja, die sich am Ofen zu tun
-machte, doch war sie weder böse noch unzufrieden, sondern im Gegenteil,
-sogar sehr zufrieden, als hätte es sie gefreut, mit dem kleinen
-Herrensohn mal ein bissel knurren zu können.
-
-„Hör mal, leichtsinniges Frauenzimmer,“ begann Krassotkin, sich von
-seinem Platz erhebend, „kannst du mir schwören bei allem, was es
-Heiliges hier in dieser Welt gibt und außerdem womöglich bei noch etwas,
-daß du während meiner Abwesenheit die beiden Gören nicht aus dem Auge
-lassen wirst? Ich muß ausgehen.“
-
-„Warum soll ich dir denn schwören?“ fragte Agafja gutgelaunt. „Ich werd
-schon sowieso auf die Knirpse aufpassen.“
-
-„Nein, du mußt es mir bei deiner Seelen Seligkeit schwören. Sonst gehe
-ich nicht fort.“
-
-„Dann nicht. Was geht’s mich an? Sitz zu Hause, wenn du willst. Draußen
-ist es auch schon kalt.“
-
-„Hört mal, ihr Knirpse,“ wandte sich Koljä an die Kleinen, „Agafja wird
-bei euch bleiben, bis ich zurückkehre, oder bis eure Mama wiederkommt,
-denn auch für sie wäre es Zeit. Außerdem wird Agafja euch etwas zu essen
-geben. Das wirst du doch, Agafja?“
-
-„Schon möglich.“
-
-„Dann also auf Wiedersehen, ihr beide, ich verlasse euch mit ruhigem
-Herzen. Du aber, Alte,“ sagte er halblaut und mit männlichem Ernst, als
-er an Agafja vorüberging, „du wirst ihnen, hoffe ich, nicht wieder eure
-üblichen Weiberdummheiten über die Katerina vorlügen, mußt doch ihr
-junges Alter berücksichtigen. – _Ici_, Pereswonn!“
-
-„Nu, Gott mit dir,“ brummte Agafja, diesmal aber etwas ärgerlich. „Da
-sieh einer an, so’n Wicht! Müßte selber noch was überkriegen für solche
-Worte.“
-
-
- III.
- Die Schüler
-
-Koljä hörte sie nicht mehr. Endlich also konnte er gehen, Gott sei Dank!
-Als er hinaustrat, warf er einen spähenden Blick ringsum, zuckte einmal
-vor Kälte mit den Schultern, dachte: „Hm, scharfer Frost!“ und schritt
-die Straße entlang bis zur nächsten Querstraße, in die er rechts einbog,
-um auf den Marktplatz zu gelangen. Als er am letzten Hause vor dem Platz
-angelangt war, blieb er an der Hofpforte stehen, zog eine kleine Pfeife
-aus der Tasche und pfiff aus Leibeskräften, als wolle er ein
-verabredetes Zeichen geben. Er brauchte nicht lange zu warten: im
-Augenblick öffnete sich das Hinterpförtchen, und ein rotwangiger, etwa
-elfjähriger Junge schlüpfte geschwind auf die Straße. Er war gleichfalls
-in ein warmes, sauberes, elegantes Mäntelchen gekleidet. Das war der
-kleine Ssmuroff, ein Schüler der Vorbereitungsklasse, während Koljä
-Krassotkin schon in der Sexta saß, der Sohn eines wohlhabenden Beamten,
-dem die Eltern allem Anscheine nach verboten hatten, mit dem
-„tollkühnen“ Krassotkin zu verkehren. Diesmal war er denn auch offenbar
-heimlich davongeschlichen. Dieser Knabe war derselbe, der, wie der Leser
-sich vielleicht noch erinnern wird, zusammen mit anderen Schülern vor
-etwa zwei Monaten mit Steinen nach Iljuscha geworfen und darauf Alexei
-Karamasoff noch einiges über den ausgestoßenen Jungen jenseits des
-Grabens erzählt hatte.
-
-„Ich habe dich jetzt genau eine Stunde lang erwartet, Krassotkin,“ sagte
-mit strenger Miene der kleine Ssmuroff, während sie beide dem
-Marktplatze zuschritten.
-
-„Ich habe mich verspätet,“ antwortete Krassotkin würdevoll. „Es gibt
-Umstände. Wird man dich nicht durchbläuen, wenn man erfährt, daß du mit
-mir gehst?“
-
-„Ach, so hör doch auf, als ob ich noch durchgebläut würde! Kommt auch
-Pereswonn mit?“
-
-„Ja, auch Pereswonn.“
-
-„Und du wirst ihn auch dorthin mitnehmen?“
-
-„Ja, auch dorthin.“
-
-„Ach, wenn’s doch Shutschka wäre!“
-
-„Das ist unmöglich. Shutschka gibt es nicht mehr. Shutschka ist in der
-Finsternis des Unbekannten verschwunden.“
-
-„Ach, aber ginge es nicht so ...“ – der kleine Ssmuroff blieb unter dem
-Eindruck des Gedankens mitten auf der Straße stehen – „Iljuscha sagt
-doch, daß Shutschka auch so zottig und grau gewesen sei, – könnte man da
-nicht sagen, daß Pereswonn jener selbe Shutschka sei, vielleicht wird er
-es auch glauben?“
-
-„Mein Junge, scheue die Lüge, das wäre Punkt eins; selbst dann, wenn es
-sich um einen guten Zweck handelt, Punkt zwei. Vor allem aber will ich
-hoffen, daß du dort nichts von meinem Besuch hast verlauten lassen.“
-
-„Gott behüte, ich verstehe doch, um was es sich dabei handelt. Aber auch
-mit Pereswonn kann man ihn nicht trösten,“ meinte Ssmuroff seufzend.
-„Weißt du, sein Vater, der Hauptmann, der sogenannte Bastwisch, sagte
-uns, daß er ihm heute ein junges Hündchen bringen werde, einen echten
-kleinen Bullenbeißer mit einem schwarzen Schnäuzchen. Er hofft Iljuscha
-damit zu trösten, nur weiß ich nicht, ob es ihm gelingen wird.“
-
-„Wie steht es denn mit ihm, mit Iljuscha, meine ich?“
-
-„Ach, schlecht, sehr schlecht! Ich glaube, er hat die Schwindsucht. Er
-ist sonst vollkommen bei Besinnung, aber er atmet so schwer, so
-beängstigend. Vor ein paar Tagen bat er, man solle ihn im Zimmer etwas
-gehen lassen; man zog ihm seine Stiefelchen an, und er ging, fiel aber
-schon nach den ersten Schritten hin. ‚Ach,‘ sagte er, ‚ich habe dir doch
-gesagt, Papa, das ist nur von den schlechten Stiefeln gekommen, in ihnen
-war es auch früher unbequem zu gehen.‘ Er glaubte, er sei wegen der
-Stiefel gefallen, aber es war doch nur aus Schwäche. Er wird keine Woche
-mehr leben. Doktor Herzenstube kommt häufig hin. Jetzt sind sie wieder
-reich, haben viel Geld.“
-
-„Diese Banditen!“
-
-„Wer das?“
-
-„Diese Ärzte und das ganze medizinische Pack, im allgemeinen gesprochen
-... und im einzelnen, versteht sich, noch mehr. Ich verneine die
-Medizin. Eine total unnütze Einrichtung. Übrigens werde ich das alles
-noch eingehender untersuchen. Aber was sind denn das für
-Sentimentalitäten, die ihr da eingeführt habt? Die ganze Klasse scheint
-sich ja täglich bei ihm zu versammeln?“
-
-„Gar nicht! Es gehen bloß zehn von uns täglich hin, jeden Tag.“
-
-„Mich wundert schließlich nur die Rolle, die Alexei Karamasoff dabei
-spielt: sein Bruder wird morgen oder übermorgen wegen Vatermordes
-verurteilt werden, er aber hat noch Zeit zu Sentimentalitäten mit
-kleinen Jungen.“
-
-„Gar nicht, da ist nichts von Sentimentalitäten. Du gehst doch jetzt
-selbst hin, um dich mit Iljuscha zu versöhnen.“
-
-„Versöhnen! Lächerlicher Ausdruck. Übrigens gestatte ich niemandem,
-meine Handlungen zu analysieren.“
-
-„Wie sich aber Iljuscha über deinen Besuch freuen wird! Er ahnt nicht,
-daß du kommst. Warum wolltest du denn solange nicht zu ihm mitkommen?“
-fragte Ssmuroff, der von ganzem Herzen dem kranken Iljuscha nachfühlte.
-
-„Lieber Junge, das ist meine und nicht deine Sache. Ich gehe, weil das
-mein eigener freier Wille ist, euch aber hat alle ohne Ausnahme Alexei
-Karamasoff hingeschleppt, das ist doch wohl ein Unterschied. Und
-überhaupt, woraus schließt du, daß ich hingehe, um mich mit ihm
-auszusöhnen? Was ist das für ein dummer Ausdruck.“
-
-„Aber uns hat ja gar nicht Karamasoff hingebracht, gar nicht er! Wir
-fingen ganz von selbst an, hinzugehen, zuerst allerdings noch zusammen
-mit Karamasoff. Und es ist auch nichts vorgekommen, gar keine
-Dummheiten. Zuerst ging nur einer, dann ein zweiter, dritter und so
-weiter. Der Vater war furchtbar froh darüber, daß wir kamen. Weißt du,
-er wird bestimmt den Verstand verlieren, wenn Iljuscha stirbt. Er weiß
-ja schon, daß Iljuscha sterben wird. Iljuscha hat nach dir gefragt, aber
-er hat weiter nichts hinzugefügt. Er fragt nur und verstummt dann
-gleich. Aber sein Vater wird den Verstand verlieren oder sich erhängen.
-Er hat sich ja auch früher schon wie ein Verrückter aufgeführt. Weißt
-du, er ist ein edler Mensch, das war damals nur ein Irrtum. An allem
-trägt nur dieser Vatermörder die Schuld, weil er ihn damals verprügelt
-hat – daraus ist jetzt alles entstanden.“
-
-„Immerhin ist Karamasoff ein Rätsel für mich. Ich hätte schon lange
-seine Bekanntschaft machen können, aber ich liebe in gewissen Fällen,
-stolz zu sein. Zudem habe ich mir schon eine gewisse Ansicht über ihn
-gebildet, die es jetzt nur noch zu untersuchen und zu vervollständigen
-gilt.“
-
-Koljä verstummte bedeutsam, und Ssmuroff schwieg gleichfalls. Ssmuroff
-blickte natürlich nur andächtig zum Älteren empor und wagte nicht
-einmal, daran zu denken, sich mit ihm gleichzustellen. Er war maßlos
-interessiert durch die Bemerkung Koljäs, er gehe aus „eigenem freien
-Willen“ hin, da sich hinter diesem Ausspruch sicherlich die Lösung jenes
-Rätsels verbarg, warum er nicht schon früher zu Iljuscha mitgekommen
-war, und warum er sich gerade heute dazu entschlossen hatte. Sie gingen
-über den Marktplatz, auf dem diesmal viele Fuhren standen und viel
-angetriebenes Geflügel gackerte und schrie. Die Marktweiber saßen wie
-gewöhnlich unter ihren Zeltdächern und verkauften ihre Ware, Weißbrot,
-Pfefferkuchen, Garn usw. Derartige sonntägliche Märkte werden bei uns
-höchst naiverweise Jahrmärkte genannt, und solcher Jahrmärkte gibt es
-bei uns gar viele im Jahr. Pereswonn lief in der besten Gemütsverfassung
-vor ihnen her, schwenkte unermüdlich bald nach rechts, bald nach links
-ab, um irgendwo irgend etwas zu beschnuppern. Traf er mit anderen Hunden
-zusammen, so blieb er mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit stehen, um
-sich mit ihnen nach allen Hunderegeln zu beriechen.
-
-„Ich liebe es, die realen Vorgänge zu beobachten,“ sagte plötzlich
-Koljä. „Hast du schon beobachtet, wie die Hunde sich beschnuppern, wenn
-sie zusammentreffen? Das muß bei ihnen so ein Naturgesetz sein.“
-
-„Ja, das ist wahr, wirklich lächerlich.“
-
-„Das heißt, durchaus nicht lächerlich, das war eine falsche Bemerkung
-von dir. In der Natur gibt es nichts Lächerliches, obwohl manches dem
-Menschen mit seinen Vorurteilen auch lächerlich erscheinen mag. Wenn
-Hunde denken und kritisieren könnten, so würden sie in den sozialen
-Beziehungen der Menschen, ihrer Herren, ebensoviel, wenn nicht noch
-mehr, für sie Lächerliches finden, – sogar sehr viel mehr. Ich
-wiederhole das nur darum, weil ich fest überzeugt bin, daß es bei uns
-tatsächlich noch viel mehr Dummheiten gibt. Das ist, nebenbei bemerkt,
-ein Ausspruch von Rakitin, ein sehr bemerkenswerter sogar. Ich bin
-Sozialist, Ssmuroff.“
-
-„Was ist das?“ fragte Ssmuroff naiv.
-
-„Das ist, wenn alle gleich sind, alle sind dann einer Meinung, es gibt
-keine Ehen, und die Religion und alle Gesetze sind dann so, wie es jedem
-beliebt, nun und so weiter alles übrige. Du bist noch nicht reif dazu,
-für dich ist das noch zu früh ... Aber es ist heut doch gehörig kalt.“
-
-„Ja. Zwölf Grad. Papa sah vorhin nach dem Thermometer.“
-
-„Hast du nicht bemerkt, Ssmuroff, daß es mitten im Winter, selbst wenn
-es fünfzehn oder achtzehn Grad sind, gar nicht so kalt ist, wie zum
-Beispiel jetzt, zu Anfang des Winters bei zwölf, wenn die Kälte ganz
-plötzlich einsetzt und noch wenig Schnee gefallen ist? Das bedeutet, daß
-die Menschen sich noch nicht an die Kälte gewöhnt haben. Bei den
-Menschen kommt alles auf Gewohnheit an. Selbst in den staatlichen und
-politischen Beziehungen. Gewohnheit ist bei ihnen die erste und größte
-Triebfeder. Sieh doch, was das für ein komischer Kauz ist!“
-
-Koljä wies auf einen langen Bauer im Pelz, der neben seiner Fuhre stand
-und vor Kälte die behandschuhten Hände zusammenschlug. Sein langer
-blonder Bart, der sein sympathisches Gesicht umrahmte, war vom Frost
-ganz bereift.
-
-„Dieser Bauer hat einen ganz bereiften Bart!“ sagte Koljä laut, als er
-an ihm vorüberging.
-
-„Viele haben heute einen bereiften Bart,“ sagte ruhig und wohlbedacht
-der Bauer.
-
-„So reiz ihn doch nicht,“ bat Ssmuroff leise Krassotkin.
-
-„Macht nichts, er wird sich nicht ärgern, er ist ein braver Mann. – Leb
-wohl, Matwei.“
-
-„Leb wohl.“
-
-„Heißt du denn Matwei?“
-
-„Jawohl. Wußtest du es nicht?“
-
-„Nein, ich sagte es aufs Geratewohl.“
-
-„Nun sieh mal! Bist wohl noch Schulbub?“
-
-„Natürlich.“
-
-„Nun was, wirst du auch gedroschen?“
-
-„Nicht gerade, daß – aber es kommt vor.“
-
-„Aber dann auch feste?“
-
-„Ohne dem geht’s nicht.“
-
-„Ja ja!“ Der Bauer seufzte von ganzem Herzen auf.
-
-„Leb wohl, Matwei.“
-
-„Leb wohl, bist ’n guter Bursch, jawohl.“
-
-Die beiden Jungen gingen weiter.
-
-„Das war ein guter Kerl,“ sagte Koljä zu Ssmuroff. „Ich rede gern mit
-dem einfachen Volke. Es freut mich immer, wenn ich ihm Gerechtigkeit
-widerfahren lassen kann.“
-
-„Warum aber hast du ihm vorgelogen, daß wir in der Schule gedroschen
-würden?“ fragte Ssmuroff.
-
-„Man mußte ihn doch beruhigen!“
-
-„Wieso?“
-
-„Sieh mal, Ssmuroff, ich mag es nicht, nochmals gefragt zu werden, wenn
-man mich nicht nach dem ersten Wort verstanden hat. Manches läßt sich
-überhaupt nicht erklären. Er glaubt, daß jeder Schüler gedroschen wird,
-und seiner Meinung nach muß das auch so sein: Was ist denn das für ein
-Schüler, der nicht seine Portion Wichse kriegt? denkt er bei sich. Und
-nun soll ich ihm plötzlich sagen, daß es bei uns nie Prügel gibt! Damit
-würde ich ihn doch tief betrüben. Übrigens kannst du das noch nicht
-verstehen. Wer mit dem Volk reden will, der muß vorher das Reden
-erlernen.“
-
-„Nur mach diesmal, bitte, keine Geschichten, sonst kommt wieder so ein
-Skandal heraus, wie damals mit der Gans.“
-
-„Hast du denn etwa Angst?“
-
-„Lach nicht, Koljä, bei Gott, ich habe Angst. Mein Vater würde furchtbar
-böse werden. Man hat mir streng verboten, mit dir zu verkehren.“
-
-„Beunruhige dich nicht, diesmal wird nichts geschehen. Guten Morgen,
-Natascha,“ rief er einer der Marktweiber unter einem Schutzdach zu.
-
-„Was bin ich für eine Natascha, Marja heiß ich,“ rief die Händlerin, ein
-noch junges Weib, mit hoher Fistelstimme fast schreiend zur Antwort.
-
-„Das ist gut, daß du Marja heißt, leb wohl!“
-
-„Ach, du Galgenstrick, bist noch keine Elle lang, nicht mal auf der Erde
-zu bemerken und bist doch schon wie die anderen!“
-
-„Habe keine Zeit, keine Zeit für dich, nächsten Sonntag kannst du es mir
-erzählen,“ rief Koljä, heftig mit der Hand abwinkend, als hätte sie mit
-ihm angebändelt und nicht er mit ihr.
-
-„Was soll ich dir denn nächsten Sonntag erzählen? Hast selber angefangen
-und nicht ich, du Frechling,“ schrie Marja aufgebracht, „eine tüchtige
-Tracht Prügel hast du verdient, wir kennen dich dummen Jungen schon von
-früher!“
-
-Unter den benachbarten Händlerinnen erhob sich ein Lachen, als plötzlich
-aus dem Bogengang der nächsten Handlung ein aufgebrachter Bursche, dem
-Aussehen nach ein Kleinkrämer, hervorstürzte und Koljä wütend mit der
-Faust drohte. Es war das kein städtischer Händler, sondern einer von den
-„Jahrmarktsleuten“, ein noch junger Mann in einem langschößigen blauen
-Bauernkittel und einer Mütze mit ledernem Schirm auf dem Kopf. Sein
-Gesicht war lang, blaß und pockennarbig. Er befand sich in geradezu
-unsinniger Erregung und konnte zuerst kaum ein Wort hervorbringen, er
-drohte immer nur mit der Faust.
-
-„Ich kenne dich!“ rief er endlich, „ich kenne dich!“
-
-Koljä sah ihn scharf an. Er konnte sich nicht recht entsinnen, was er
-diesem Menschen angetan, oder wo er ihn getroffen hatte. Das war aber
-schließlich nicht wunderlich, da er ja so unzählige Händel auf der
-Straße gehabt hatte.
-
-„Du kennst mich?“ fragte er ihn ironisch.
-
-„Ich kenne dich, ich kenne dich!“ wiederholte immer wieder der dumme
-Bursche.
-
-„Nun, um so besser für dich. Ich habe keine Zeit, leb wohl!“
-
-„Was, du wirst noch frech?“ schrie der andere auffahrend. „Du wirst
-obendrein noch frech? Ich kenne dich! So ein freches Luder, wie du eins
-bist, gibt’s ja kein zweites!“
-
-„Das, Freund, ist jetzt nicht deine Sache, ob ich frech bin oder nicht,“
-sagte Koljä von oben herab, blieb stehen und blickte ihn wieder scharf
-an.
-
-„Wieso denn nicht meine Sache?“
-
-„Sehr einfach: weil sie es nicht ist.“
-
-„So – o? Wessen denn sonst, wenn nicht meine? Wen soll es denn sonst was
-angehen?“
-
-„Das, mein Freund, geht jetzt nur Trifon Nikititsch an, aber nicht
-dich.“
-
-„Was für einen Trifon Nikititsch?“ fragte in dummer Verwunderung, doch
-immer noch sehr aufgebracht, der Bursche und starrte Koljä
-verständnislos an. Koljä maß ihn mit dem Blick.
-
-„Bist du zur Himmelfahrt gegangen?“ fragte er ihn plötzlich streng.
-
-„Zu was für einer Himmelfahrt? Warum, wieso? Nein, ich bin nicht
-gegangen,“ antwortete noch verdutzter der Bursche.
-
-„Kennst du Ssabanejeff?“ fuhr Koljä noch strenger fort zu fragen.
-
-„Was für einen Ssabanejeff? Nein, ich kenne ihn nicht.“
-
-„Nun, dann hol dich der Teufel, wenn du selbst ihn nicht kennst!“ brach
-Koljä plötzlich ab und ging, plötzlich nach rechts abschwenkend, seines
-Weges, als hätte er es verachtet, mit einem solchen Tölpel noch weiter
-zu reden, der nicht einmal Ssabanejeff kannte.
-
-„Warte, he, du! Bleib doch stehen! Welch einen Ssabanejeff meinst du?“
-rief ihm, halb sich besinnend, der Bursche in noch größerer Erregung
-nach. „Was sagte er eigentlich?“ fragte er plötzlich die Marktweiber,
-indem er sie dumm anglotzte.
-
-Die Weiber lachten.
-
-„Ein kluger Schlingel,“ meinte eine von ihnen.
-
-„Was für einen Ssabanejeff? Wen meinte er damit?“ fragte immer noch
-erregt und völlig vor den Kopf gestoßen der Bursche.
-
-„Ach, das wird wohl der Ssabanejeff sein, der bei Kusjmitscheffs einmal
-diente, ja, den wird er damit gemeint haben!“ sagte schließlich eines
-der Weiber.
-
-Der Bursche blickte sie groß an.
-
-„Bei Kusj–mi–tscheffs?“ fragte ein anderes Marktweib, „aber der hieß
-doch nie und nimmer Trifon? Der hieß doch Kusjma, der Bengel aber sagte
-doch Trifon Nikititsch, da hast du’s nun, wie soll denn das derselbigte
-sein?“
-
-„Ach was, das ist weder Trifon noch Ssabanejeff, das ist Tschishoff,“
-mischte sich ein drittes Weib ein, das bis dahin geschwiegen und ernst
-zugehört hatte. „Der hieß man aber Alexei Iwanowitsch. Tschishoff mit
-Familiennamen und sonstig Alexei Iwanowitsch.“
-
-„Jawohl ich weiß es selber auch ganz genau, das kann doch niemand nicht
-anders sein als Tschishoff,“ bestätigte eifrig ein viertes Weib.
-
-Der betölpelte Bursche blickte verständnislos bald die eine, bald die
-andere an.
-
-„Warum aber hat er denn gefragt, ihr guten Leute, sagt mir doch
-wenigstens, warum er mich das gefragt hat!“ rief er schließlich halb
-verzweifelt aus. „‚Kennst du Ssabanejeff?‘ Der Teufel kann nun wissen,
-was das für’n Ssabanejeff ist!“
-
-„So nimm doch Vernunft an, Mensch, und hör, was man dir sagt: Nicht
-Ssabanejeff meint er, sondern Tschishoff, Alexei Iwanowitsch Tschishoff,
-hast’s nu verstanden?“ schrie ihm eifrig eines der Weiber zu.
-
-„Was Teufel für’n Tschishoff? Nu, sag doch, mach doch das Maul uff, wenn
-du’s weißt! Nu, was für einer?“
-
-„Na, wen denn sonstig, wenn nicht den langen mit der roten Nase, der im
-Sommer hier auf dem Markt saß?“
-
-„Aber, was Teufel geht mich denn dieser Tschishoff an, sagt mir doch
-wenigstens das, ihr guten Leute, was?“
-
-„Ja, das weiß ich doch auch nicht, ich meine ja man bloß.“
-
-„Wer kann denn wissen, was er dich angeht,“ meinte eine andere, „das
-mußt du selber wissen, wenn du darüber so’n Geschrei erhebst. Der Bub
-hat’s doch dir gesagt, nicht uns, du dummer Mensch. Oder kennst du ihn
-denn wirklich selber nicht?“
-
-„Wen?“
-
-„Nun, den Tschishoff doch, den selbigten, sollte ich meinen!“
-
-„Ach, der Teufel hole den Tschishoff und dich noch dazu! Durchbläuen
-werde ich ihn, den Hund! Er hat sich über mich was lustig gemacht!“
-
-„Was, den Tschishoff willst du durchbläuen? Da sieh dich man vor, daß du
-nicht selber ’ne Tracht abkriegst! Dumm bist du genug dazu.“
-
-„Nicht den Tschishoff, doch nicht den Tschishoff, du giftiges Weibsbild,
-– den Frechling, diesen Bengel, werde ich durchbläuen! Der soll nur
-sehen, der kommt mir jetzt gerade recht! Also zum besten will er mich
-haben, nasführen will er mich, wart nur, ich werd dir Mores lehren!“
-
-Die Weiber lachten. Koljä schritt schon längst mit siegesbewußter Miene
-davon. Ssmuroff ging neben ihm und blickte sich noch ein paarmal nach
-der schreienden Gruppe um. Er war gleichfalls lustig gestimmt, trotz
-seiner Furcht, Koljä könnte wieder eine „Geschichte“ machen und diesmal
-auch ihn „hereinbringen“.
-
-„Nach was für einem Ssabanejeff fragtest du ihn?“ erkundigte er sich bei
-Koljä, obgleich er die Antwort schon ahnte.
-
-„Wie soll ich’s denn wissen, nach welch einem? Jetzt haben sie was,
-worüber sie bis zum Abend schreien können. Ich versetze den Dummköpfen
-in allen Gesellschaftsschichten gern einen geistigen Nasenstüber. Da
-steht der Kerl immer noch wie ein Ochs am Berge. Merk dir eines, man
-sagt: ‚Es gibt nichts Dümmeres als einen dummen Franzosen,‘ aber weißt
-du, auch die russische Physiognomie kann sich sehen lassen. Nun, sag
-doch selbst, ist es diesem Bauern dort nicht aufs Gesicht geschrieben,
-daß er dumm ist, da, diesen Bauern da, meine ich, wie?“.
-
-„Laß ihn, Koljä, gehen wir vorüber.“
-
-„Um nichts in der Welt werde ich so vorübergehen, ich bin jetzt gerade
-gut dazu aufgelegt. Heda! Guten Tag, Bauer!“
-
-Es war ein kräftiger, älterer Bauer, der langsam an ihnen vorüberging.
-Er hatte ein rundes, einfaches Gesicht und einen leicht ergrauten Bart.
-Auf den Gruß hin erhob er den gesenkten Kopf und blickte den forschen
-Schulbuben an. Wahrscheinlich hatte er schon etwas getrunken.
-
-„Nun, guten Tag, wenn du nicht scherzest,“ gab der Bauer langsam zur
-Antwort.
-
-„Und wenn ich scherze?“ fragte Koljä lachend.
-
-„Wenn du aber scherzest, dann nur zu, Gott mit dir. Das tut nichts, das
-kann man. Scherzen kann man immer.“
-
-„Verzeih, Freund, ich habe in der Tat gescherzt.“
-
-„Nun, macht nichts, Gott wird dir verzeihen.“
-
-„Aber verzeihst auch du mir?“
-
-„Von ganzem Herzen, Kleinerchen. Geh mal nur vorwärts.“
-
-„Ei sieh mal, wie du bist! Du bist ja, weiß Gott, ein kluger Mann.“
-
-„Klüger als du gewiß,“ antwortete der Bauer mit derselben würdigen Ruhe.
-
-„Wirklich?“ Koljä war etwas verdutzt.
-
-„Verlaß dich drauf.“
-
-„Übrigens kannst du recht haben.“
-
-„Das will ich meinen.“
-
-„Leb wohl, Bauer.“
-
-„Leb wohl.“
-
-„Die Bauern sind sehr verschieden,“ sagte Koljä zu Ssmuroff, als sie
-weitergingen, nach einigem Schweigen. „Woher wußte ich nur, daß ich auf
-einen Klugen stoßen würde? Ich bin immer bereit, im Volke Klugheit
-anzuerkennen.“
-
-Da schlug es fern von der Turmuhr der Kathedrale halb zwölf. Die Knaben
-beeilten sich und gingen sehr schnell und fast ohne zu sprechen. Bis zur
-Wohnung des Hauptmanns Ssnegireff war es noch ziemlich weit. Als sie
-etwa noch zwanzig Schritt vom Hause entfernt waren, blieb Koljä
-plötzlich stehen und gab Ssmuroff den Befehl, vorauszugehen und
-Karamasoff zu ihm herauszuschicken.
-
-„Man muß sich zuerst ein wenig beschnuppern,“ fügte er nur kurz hinzu.
-
-„Aber warum denn das?“ Ssmuroff wollte ihn noch überreden, sofort
-mitzugehen. „Komm doch so, man wird sich furchtbar freuen. Was hat denn
-das für einen Witz, hier in der Kälte Bekanntschaft zu machen?“
-
-„Es genügt, wenn ich weiß, wozu es nötig ist, daß ich ihn herausrufen
-lasse,“ schnitt Koljä geradezu despotisch jede weitere Einwendung ab
-(ein Verfahren, das er besonders gern im Verkehr mit den „Kleinen“
-anzuwenden pflegte), und Ssmuroff lief sofort eilig ins Haus, um dem
-Befehl nachzukommen.
-
-
- IV.
- Shutschka
-
-Koljä lehnte sich mit wichtiger Miene an den Zaun und erwartete
-Aljoschas Erscheinen. Eigentlich hatte er sich schon lange auf diesen
-Augenblick vorbereitet, denn im Grunde wollte er mehr als gern seine
-Bekanntschaft machen. Viel hatte er von ihm gehört, besonders durch die
-kleineren Schüler, doch hatte er sich absichtlich immer
-überlegen-gleichmütig gestellt, wenn man von ihm sprach, hatte sogar
-Aljoschas Tun „kritisiert“, was jedoch nicht hinderte, daß er aufmerksam
-zuhörte, wenn man von ihm sprach. Ja, er wollte ungeheuer gern Alexei
-Karamasoff kennen lernen, denn in allem, was er über ihn gehört hatte,
-war etwas ungemein Sympathisches und Anziehendes gewesen. So war denn
-auch dieser Augenblick am Zaun ein sehr wichtiger: vor allen Dingen
-durfte man sich nicht blamieren, man mußte sich eben vollkommen
-selbständig zeigen, denn: „Sonst könnte er merken, daß ich
-dreizehnjährig bin, und mich für einen ebensolchen Knaben halten wie
-jene Kleinen. Was hat er nur an ihnen? Sollte ich ihn das nicht
-vielleicht fragen, wenn er kommt? Das Gemeine ist nur, daß ich noch so
-klein von Wuchs bin. Tusikoff zum Beispiel, ist doch jünger als ich und
-trotzdem um einen halben Kopf länger. Nur mein Gesicht ist nicht so
-dumm. Ich bin nicht gerade schön zu nennen, ich weiß, ich habe ein
-scheußliches Gesicht, aber dafür ist es klug. Auch darf ich nicht gar zu
-freundlich sein, ich muß mich sogar unbedingt zurückhaltender zeigen,
-denn wenn man ihn gleich mit offenen Armen empfängt, kann er ja denken
-... Pfui, das wäre aber gemein, wenn er dächte, daß ich –! ...“
-
-So regte Koljä sich unnütz auf, während er wartete und sich aus allen
-Kräften bemühte, eine möglichst ungezwungene Haltung anzunehmen. Am
-meisten quälte ihn, daß er so klein von Wuchs war, ja, gar nicht so sehr
-das „scheußliche“ Gesicht, wie gerade der kleine Wuchs quälte ihn. Zu
-Hause hatte er schon im vorigen Jahre mit der Bleifeder ein Zeichen an
-der Wand gemacht, das seine Größe an dem und dem Tage angab, und seit
-der Zeit ging er alle zwei Monate einmal an diese Wand, um zu messen,
-wieviel er inzwischen gewachsen war. Doch leider wuchs er sehr langsam,
-was ihn bisweilen fast zur Verzweiflung brachte. Was nun sein Gesicht
-anbelangt, so war es durchaus nicht „scheußlich“, sondern sogar recht
-nett: ein weißes, etwas blasses Knabengesicht mit Sommersprossen auf dem
-Näschen. Seine grauen, nicht großen, doch lebhaften Augen blickten
-dreist in die Welt, und oftmals wurden sie dunkel von tiefem Gefühl. Die
-Kinnbacken waren etwas breit, die Lippen klein und ziemlich schmal,
-dafür aber sehr rot; die Nase war gleichfalls klein, und die Spitze
-guckte impertinent in die Luft: „Eine ausgesprochene Stumpfnase, das
-reinste Exemplar von dieser Sorte!“ sagte sich Koljä, wenn er vor dem
-Spiegel stand und ihm jedesmal tief verstimmt wieder den Rücken kehrte.
-„Und ist denn das Gesicht auch wirklich klug?“ fragte er sich mitunter,
-wenn er selbst daran zu zweifeln begann. Übrigens muß man nun nicht
-denken, daß die Sorge um seinen Wuchs und die Nase seine ganze Seele
-erfüllte. Nein, das war durchaus nicht der Fall. Wie schwer auch die
-Minuten vor dem Spiegel zuweilen waren, er vergaß sie doch schnell und
-auf lange Zeit, indem er sich mit Leib und Seele den „Ideen und dem
-wirklichen Leben“ hingab, wie er selbst seine Tätigkeit bezeichnete.
-
-Aljoscha erschien sehr bald und trat schnell auf Koljä zu. Dieser hatte
-sofort bemerkt, daß Aljoscha auffallend freudig aussah. „Sollte er sich
-wirklich über mich so freuen?“ dachte Koljä, angenehm berührt. Bei der
-Gelegenheit mag noch erwähnt werden, daß Aljoscha sich in der
-Zwischenzeit sehr verändert hatte. Er hatte die Kutte ausgezogen und
-trug einen kurzen, tadellos gearbeiteten Rock, einen runden, weichen
-Filzhut und kurzgeschorenes Haar. Das alles stand ihm vortrefflich. Er
-sah geradezu schön aus. Sein anziehendes Gesicht hatte einen heiteren
-Ausdruck, doch war diese Heiterkeit von einer ganz eigenartigen Stille
-und Ruhe. Zu Koljäs Verwunderung kam Aljoscha so, wie er im Zimmer
-gesessen hatte, zu ihm heraus, trotz der scharfen Kälte ohne Überzieher.
-Augenscheinlich hatte er sich sehr beeilt.
-
-Aljoscha streckte ihm sofort die Hand entgegen.
-
-„Da sind Sie ja endlich! Wie wir Sie erwartet haben!“
-
-„Ich hatte meine Gründe, die Sie sofort erfahren werden. Jedenfalls
-freut es mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich habe eigentlich schon
-lange auf die Gelegenheit gewartet ... ich habe viel von Ihnen gehört
-...“ sagte Koljä etwas außer Atem.
-
-„Wir wären ja auch so zusammengekommen; auch ich habe viel von Ihnen
-gehört; hierher aber sind Sie leider etwas zu spät gekommen.“
-
-„Ja, sagen Sie doch, wie steht es hier?“
-
-„Iljuscha geht es sehr schlecht, er wird nicht mehr lange leben.“
-
-„Was? Wie ist das möglich? Aber da müssen Sie doch zugeben, Karamasoff,
-daß die Medizin nichts als Quacksalberei ist!“ rief Koljä aufrichtig
-empört.
-
-„Iljuscha hat oft, sehr oft nach Ihnen gefragt, sogar in der Nacht, wenn
-er phantasierte, hat er Ihren Namen genannt. Daraus sieht man, wie lieb
-Sie ihm gewesen sind ... früher ... vor jenem Messerstich Außerdem gibt
-es noch andere Gründe, die ... Sagen Sie, ist das Ihr Hund?“
-
-„Ja. Mein Pereswonn.“
-
-„Und nicht Shutschka?“ Aljoscha blickte traurig und enttäuscht Koljä in
-die Augen. „So ist denn Shutschka wirklich ganz und gar verschwunden?“
-
-„Ich weiß, daß Sie alle gern Shutschka wiederfinden wollten, ich habe es
-gehört,“ sagte Koljä mit rätselhaftem Lächeln. „Hören Sie, Karamasoff,
-ich werde Ihnen die ganze Sachlage erklären, ich bin ja hauptsächlich
-nur darum gekommen, und deswegen habe ich Sie auch herausrufen lassen,
-um Ihnen vorher die ganze Episode zu erzählen, ich meine, bevor wir
-hineingehen,“ begann Koljä lebhaft. „Sehen Sie, Karamasoff, im Frühling
-trat Iljuscha in die Vorbereitungsklasse ein. Nun, man weiß doch, wie
-die ist: Kleine, dumme Jungen, Iljuscha wurde sofort von allen geneckt.
-Ich beobachtete, da ich doch zwei Klassen höher sitze, alles nur aus der
-Ferne. Ich sah, es ist ein kleiner, schwächlicher Junge, aber er duckt
-sich nicht, er prügelt sich mit jedem, der ihn neckt, er ist stolz, die
-Augen blitzen nur so. Solche Jungen gefallen mir. Sie aber neckten ihn
-noch mehr. Hauptsächlich taten sie es darum, weil er damals ganz alte
-Kleider trug. Seine Höschen kletterten an den Beinchen hinauf und die
-Stiefelspitzen waren entzwei und glichen zwei hungrigen Mäulchen. Darum
-neckten sie ihn und machten sich über ihn lustig. Nein, das liebe ich
-nicht. Ich griff sofort ein und gab ihnen gehörig Extrapfeffer. Ich
-verhaue sie doch, sie aber vergöttern mich trotzdem, wissen Sie das
-schon, Karamasoff?“ – prahlte Koljä halb unbewußt. „Und überhaupt habe
-ich Kinder ganz gern. Mir sitzen außerdem noch zu Hause zwei Nestlinge
-auf dem Halse, heute haben sie mich sogar unverzeihlich lange
-aufgehalten. So hörten die Jungen denn auf, Iljuscha zu necken oder zu
-verprügeln, da ich ihn unter meine Protektion genommen hatte. Ich sah
-sofort, daß er stolz war, sehr stolz, das sage ich Ihnen, aber
-schließlich unterwarf er sich mir ganz, geradezu sklavisch. Er erfüllte
-jeden Befehl, den ich gab, gehorchte mir wie einem Gott, und war bald
-auf dem besten Wege, mich zu imitieren. In den Pausen zwischen den
-Stunden kam er jedesmal sofort zu mir, und wir spazierten dann zusammen.
-Sonntags kam er gleichfalls zu mir. Bei uns im Gymnasium lacht man
-darüber, wenn ein Älterer mit einem von den Kleinen geht und sich dazu
-noch so kameradschaftlich zu ihm verhält. Aber das ist ja nur ein
-Vorurteil. Es ist nun einmal mein Einfall, ich will es so, und damit
-basta, nicht wahr? Ich belehre ihn also, trage viel zu seiner
-Entwicklung bei, – und warum, sagen Sie doch selbst, warum soll ich das
-nicht tun, wenn er mir gefällt? Da haben wir doch zum Beispiel Sie,
-Karamasoff; Sie haben sich ja gleichfalls mit diesen Kindern
-angefreundet, das bedeutet doch, daß Sie auf die junge Generation
-einwirken wollen, daß Sie sie entwickeln wollen, kurz, daß Sie nützlich
-sein wollen, nicht wahr? Und ich muß gestehen, dieser Ihr Charakterzug,
-von dem ich viel gehört habe, hat mich am meisten interessiert. Übrigens
-zur Sache: Ich bemerkte also bald, daß in dem Jungen sich eine gewisse
-Empfindsamkeit, eine gewisse Sentimentalität entwickelte, ich aber,
-wissen Sie, bin ein ausgesprochener Feind aller Kälberzärtlichkeiten,
-und zwar schon von Geburt an. Und zudem sind das doch Widersprüche: er
-ist stolz, mir aber sklavisch ergeben, – sklavisch ergeben, und
-plötzlich blitzen die Äuglein auf, und er will nicht einmal mehr
-übereinstimmen mit mir, streitet, kriecht womöglich an der Wand hinauf!
-Ich habe mitunter Ideen verfochten, er aber fängt plötzlich an mir zu
-widersprechen, nur sind es, wie ich alsbald einsehe, nicht die Ideen,
-die er angreift, sondern er empört sich gegen mich persönlich, weil ich
-seine Zärtlichkeit mit Kaltblütigkeit erwidere. Nun, und um ihn jetzt zu
-erziehen, werde ich, je zärtlicher er zu mir wird, desto kälter zu ihm.
-Ich tat es absichtlich. Meiner Überzeugung nach mußte ich es gerade so
-machen. Mein Ziel war, seinen Charakter zu bilden, auszugleichen, einen
-Menschen aus ihm zu machen ... nun, und so weiter ... Sie verstehen mich
-natürlich auch ohne Worte. Plötzlich bemerke ich, er ist
-niedergeschlagen, den einen Tag, den zweiten, dritten – und diesmal
-nicht wegen der Zärtlichkeiten oder Nichtzärtlichkeiten, sondern aus
-einem anderen, gewichtigeren, höheren Grunde. Was ist denn das für eine
-Tragödie, denke ich. Ich dringe in ihn, bis ich schließlich die ganze
-Sache erfahre. Er war auf irgendeine Weise mit dem Diener Ihres
-verstorbenen Vaters, der damals noch lebte, mit dem Ssmerdjäkoff,
-zusammengekommen, und dieser hatte ihm, dem dummen kleinen Jungen, etwas
-ganz Blödsinniges gezeigt, das heißt vielmehr etwas wahrhaft tierisch
-Rohes – nämlich aus Brot, aus weichem, teigartigem Brot, eine Kugel zu
-kneten, eine Stecknadel hineinzustecken und diesen Brotball dann einem
-Hofhunde vorzuwerfen – einem von jenen verhungerten, die die Bissen
-gierig hinunterschlucken –, und dann zuzusehen, was der Hund macht. Und
-so hatten sie denn beide so eine Kugel fabriziert und diesem selben
-zottigen Hunde vorgeworfen, dem Shutschka, der dort auf dem Hof, wo er
-war, überhaupt nichts zu fressen bekam, und nur die ganze Nacht in den
-Wind hinausheulte. – Lieben Sie dieses dumme Gebell, Karamasoff? Ich
-kann es nicht ausstehen! – Nun, der verhungerte Hund hatte natürlich
-sofort zugeschnappt und hinuntergeschluckt, und dann hat er gleich zu
-heulen und zu winseln angefangen, ja, er hat sich immer winselnd im
-Kreise herumgedreht und dann plötzlich ist er winselnd und aufheulend
-fortgelaufen und – verschwunden. So hat es mir Iljuscha selbst erzählt.
-Er gestand es mir und weinte dabei, umklammerte mich und weinte
-herzbrechend. ‚Er lief und winselte, lief und winselte,‘ wiederholte er
-immer wieder, dermaßen hatte ihn dieses Bild gepackt. Das waren also
-Gewissensbisse bei ihm. Ich nahm es ernst. Ich wollte ihm hauptsächlich
-wegen des früheren Verhaltens eine Lektion erteilen, und so habe ich
-denn, ich muß gestehen, etwas Komödie gespielt, mich absichtlich
-verstellt, als wäre ich in einer Weise empört darüber, wie ich es in
-Wirklichkeit vielleicht gar nicht war. ‚Du hast eine niedrige,
-schändliche Tat begangen,‘ sage ich zu ihm, ‚du bist ein Schurke. Ich
-werde natürlich nicht ausposaunen, was du getan hast, aber vorläufig
-breche ich jeden Verkehr mit dir ab. Ich werde mir die Sache noch
-überlegen und dich dann durch Ssmuroff wissen lassen – durch denselben
-Knaben, mit dem ich heute gekommen bin, der Sie soeben herausgerufen
-hat, er ist mir immer ergeben gewesen –, ob ich hinfort noch mit dir
-Umgang pflegen kann, oder ob ich dich als einen erklärten Schuft
-überhaupt nicht mehr kennen will.‘ Das ging ihm schrecklich nahe. Offen
-gestanden, ich fühlte schon damals, daß ich vielleicht doch zu streng
-war, aber was sollte ich tun – das war nun einmal mein Prinzip. Darauf,
-am nächsten Tage, schicke ich Ssmuroff zu ihm und lasse sagen, daß ich
-‚nicht mehr mit ihm sprechen werde‘ – das sagt man so bei uns, wenn zwei
-Kameraden ihre Freundschaft brechen. Das Geheimnis bestand aber darin,
-daß ich ihn nur ein paar Tage lang in Acht und Bann halten und ihm dann
-wieder die Hand reichen wollte, wenn ich seine Reue sehen würde. Das war
-meine feste Absicht. Aber was glauben Sie wohl, nachdem er Ssmuroff
-angehört hat, schreit er ihm mit blitzenden Augen zu: ‚Sage Krassotkin,
-daß ich von jetzt ab allen Hunden solche Brotkugeln mit Stecknadeln
-vorwerfen werde, allen, allen!‘ – Aha, dachte ich, das Kerlchen
-rebelliert, ein freier Geist scheint sich eingeschlichen zu haben, nun,
-den muß man ausräuchern. Und ich begann ihm meine tiefe Verachtung zu
-zeigen; wenn wir einander begegneten, wandte ich mich von ihm ab, oder
-ich lächelte ironisch. Da aber kam plötzlich diese Geschichte mit dem
-Vater dazwischen, Sie wissen doch, mit dem Bastwisch. Jetzt sehen Sie,
-wie er schon vorbereitet war – zu dieser ganzen Katastrophe mit dem
-Vater. Als aber die Knaben sahen, daß ich ihn verlassen hatte, da ging
-es wieder los mit dem Necken: ‚Bastwisch, Bastwisch!‘ Und da begannen
-denn zwischen ihnen wieder die Schlachten mit Kieselsteinen. Das tut mir
-jetzt schrecklich leid, denn ich glaube, damals haben sie ihn einmal
-furchtbar verprügelt. Eines Tages aber warf er sich auf dem Hof gegen
-die ganze Bande, als wir Älteren gerade nach der letzten Stunde die
-Schule verließen, und ich blieb etwa zehn Schritt von ihm stehen und sah
-ihm zu. Auf Ehrenwort, ich erinnere mich nicht mehr, ob ich damals
-gelächelt habe oder nicht; ich weiß nur noch, daß er mir in dem
-Augenblick maßlos, nein wirklich, maßlos leid tat. Noch einen Augenblick
-– und ich hätte mich dazwischen geworfen, um ihn zu verteidigen. Da aber
-erblickte er mich plötzlich; ich weiß nicht, was er in meinem Blick
-gesehen hat, – er riß sein Federmesser heraus, stürzte sich auf mich und
-stach mich in den Schenkel, hier, gerade hier am rechten Bein. Ich
-rührte mich nicht, ich muß gestehen, ich bin zuweilen recht tapfer,
-Karamasoff. Ich blickte ihn nur verächtlich an, als wollte ich mit dem
-Blick sagen: ‚Willst du mich vielleicht noch einmal stechen, zum Dank
-für meine Freundschaft, so stehe ich zu Diensten.‘ Er aber stach nicht
-zum zweitenmal, er hielt es nicht aus, er erschrak selbst, warf das
-Messer fort, weinte laut auf und lief davon. Ich petzte natürlich nicht
-und befahl auch den anderen, zu schweigen, damit es die Lehrer nicht
-erführen, und selbst meiner Mutter sagte ich es erst, als alles schon
-zugeheilt war. Und die Narbe war ja auch ganz unbedeutend, nur so eine
-etwas tiefere Schramme. Darauf höre ich, daß er am selben Tage noch eine
-Schlacht geliefert und Sie in den Finger gebissen hat, – aber Sie
-begreifen doch, in welch einer Verfassung er sich damals befand! Nun,
-jetzt ist es nicht mehr gutzumachen. Ich war damals sehr dumm: als er
-darauf erkrankte, ging ich nicht hin, um ihm alles zu verzeihen, ich
-meine, um mich wieder in aller Freundschaft mit ihm zu versöhnen. Das
-ist nun die ganze Geschichte ... nur glaube ich, daß ich es dumm gemacht
-habe ...“
-
-„Ach, wie schade,“ unterbrach ihn Aljoscha erregt, „daß ich nicht früher
-von diesen Ihren Beziehungen zu ihm erfahren habe, sonst wäre ich schon
-längst zu Ihnen gekommen und hätte Sie gebeten, mit mir zusammen
-Iljuscha zu besuchen. Glauben Sie mir, er hat im Fieber fast nur von
-Ihnen phantasiert. Ich ahnte nicht, wie teuer Sie ihm sein müssen. Und
-haben Sie denn Shutschka wirklich nicht gesucht und nicht gefunden? Sein
-Vater und die Knaben haben in der ganzen Stadt nachgefragt. Wissen Sie,
-er hat dreimal während der Krankheit, in Tränen aufgelöst, gesagt: ‚Ich
-bin nur davon krank, Papa, daß ich Shutschka damals umgebracht habe,
-dafür bestraft mich jetzt Gott.‘ Von diesem Gedanken kann man ihn nicht
-abbringen! Wenn man ihm aber jetzt diesen Hund wiederbringen und ihm
-zeigen könnte, daß er nicht gestorben ist und lebt, so würde er
-vielleicht vor Freude noch gesund werden. Wir haben alle auf Sie
-gehofft.“
-
-„Aber warum denn gerade auf mich? Warum sollte denn gerade ich Shutschka
-finden?“ fragte Koljä mit auffallender Wißbegier. „Warum hofften Sie
-nicht auf einen anderen?“
-
-„Ja, es hieß, daß Sie den Hund krampfhaft suchten, und wenn Sie ihn
-gefunden hätten, zu Iljuscha bringen würden. Ssmuroff ließ einmal etwas
-in der Art verlauten. Wir bemühen uns vor allem, ihn zu überzeugen, daß
-der Hund lebt, daß wir ihn irgendwo gesehen hätten. Die Knaben brachten
-ihm ein lebendiges Häschen mit, er sah es aber nur einmal an, lächelte
-kaum und bat, es wieder aufs Feld zu bringen und freizulassen. Dies
-taten wir denn auch. Und soeben kehrte sein Vater zurück und brachte ihm
-einen ganz kleinen Bullenbeißer mit, er hatte ihn sich irgendwoher
-verschafft. Er hoffte, ihn damit zu trösten, aber es kam, glaube ich,
-umgekehrt heraus, denn Iljuscha wurde nur noch trauriger ...“
-
-„Aber sagen Sie mir noch eines, Karamasoff: dieser Vater, was ist der
-eigentlich? Ich kenne ihn, aber was ist er im Grunde ... Ihrer Meinung
-nach – ein Narr, ein Bajazzo?“
-
-„O nein. Es gibt Menschen, die das Leben in Tiefe empfinden, zu gleicher
-Zeit aber wie von der Welt unter die Füße getreten sind. Das
-Possentreiben ist bei ihnen wie eine boshafte Ironie denen gegenüber,
-welchen sie infolge ihrer eingefleischten Schüchternheit nicht die
-Wahrheit ins Gesicht zu sagen sich erdreisten können. Glauben Sie mir,
-Krassotkin, solches Narrenspielen ist zuweilen sehr tragisch. Für ihn
-gibt es jetzt außer Iljuscha nichts mehr auf der Welt. Iljuscha ist für
-ihn die ganze Welt. Wenn Iljuscha nun stirbt, wird er entweder
-geisteskrank werden oder sich das Leben nehmen. Davon bin ich so gut wie
-überzeugt, nachdem ich ihn jetzt wieder gesehen habe.“
-
-„Ich verstehe Sie, Karamasoff, ich sehe, Sie kennen den Menschen gut,“
-sagte Koljä ernst.
-
-„Als ich aber vorhin den Hund bei Ihnen sah, dachte ich, daß es
-Shutschka sei, den Sie mitgebracht haben, und freute mich für Iljuscha.“
-
-„Warten Sie, Karamasoff, vielleicht werden wir Shutschka noch finden ...
-Das hier ist mein Pereswonn. Ich werde ihn später ins Zimmer
-hineinlassen und mit ihm Iljuscha vielleicht mehr zerstreuen, als mit
-einem echten Bullenbeißer. Warten Sie, Karamasoff, Sie werden sofort
-etwas erfahren ... Ach, mein Gott, da halte ich Sie, ohne mir dabei
-etwas zu denken, hier im Freien solange auf!“ unterbrach sich Koljä
-plötzlich ganz erschrocken. „Sie stehen im leichten Rock bei dieser
-Kälte, und ich denke nicht einmal daran! Sehen Sie, sehen Sie, was für
-ein Egoist ich bin! Oh, wir sind alle riesige Egoisten, Karamasoff!“
-
-„Beruhigen Sie sich, es ist allerdings kalt, aber ich erkälte mich nicht
-so leicht. Doch gehen wir jetzt. Bei der Gelegenheit: Wie heißen Sie?
-Ich weiß: Koljä, aber wie weiter?“
-
-„Nikolai, Nikolai Iwanow Krassotkin, oder, wie man im Bureaustil sagt:
-Sohn des Iwan Krassotkin,“ sagte Koljä und lachte – weiß Gott, worüber.
-Doch plötzlich fügte er hinzu:
-
-„Ich hasse natürlich meinen Namen Nikolai.“
-
-„Warum denn das?“
-
-„Er ist so trivial, so beamtenmäßig ...“
-
-„Und Sie sind dreizehn Jahre alt?“ fragte Aljoscha.
-
-„Das heißt, vierzehn, in zwei Wochen vierzehn, also sehr bald. Ich muß
-Ihnen im voraus meine größte Schwäche eingestehen, Karamasoff, dies mag
-das erste Bekenntnis nach der Bekanntschaft mit Ihnen sein. Ich will es
-nur Ihnen sagen, damit Sie sofort mein ganzes Wesen durchschauen können.
-Also: Ich hasse es, wenn man mich nach meinem Alter fragt, es ist sogar
-noch mehr als nur Haß, was ich dabei empfinde ... Und dann ... man
-verleumdet mich ... Da heißt es zum Beispiel, ich hätte mit den Schülern
-der Vorbereitungsklasse Räuber gespielt. Daß ich mit ihnen gespielt
-habe, ist allerdings Tatsache, daß ich es aber zu meinem Vergnügen getan
-hätte, ist eine entschiedene Verleumdung. Ich habe Grund anzunehmen, daß
-dieses Gerücht auch bis zu Ihnen gedrungen ist, aber ich versichere
-Ihnen: ich habe nicht zu meinem Vergnügen gespielt, sondern um den
-Kleinen ein Vergnügen zu bereiten, denn ohne mich verstanden sie sich
-nichts auszudenken. Und nun verbreiten die Klatschbasen solchen Unsinn
-über mich! Unsere holde Stadt sollte eigentlich ‚Klatschstadt‘ heißen,
-das sage ich Ihnen!“
-
-„Und wenn Sie auch zu Ihrem eigenen Vergnügen gespielt hätten, was wäre
-denn dabei?“
-
-„Aber, ich bitte Sie, zum eigenen Vergnügen! ... Sie werden z. B. doch
-nicht anfangen mit kleinen Kindern Pferdchen zu spielen?“
-
-„Sehen Sie doch die Sache von einem anderen Standpunkte aus an,“ sagte
-Aljoscha lächelnd: „Ins Theater zum Beispiel fahren Erwachsene, im
-Theater aber werden doch auch nur die Erlebnisse von Helden dargestellt,
-zuweilen gleichfalls mit Räubern und Krieg. Ist das nun nicht ganz
-dasselbe, frage ich Sie, nur in einer etwas anderen Art? Wenn aber
-Jungen in der Erholungspause Krieg spielen oder Räuber, wie Sie sagten,
-– das ist doch nichts anderes als entstehende Kunst, oder das in der
-jungen Seele entstehende Bedürfnis nach Kunst. Und gar manchesmal werden
-diese Spiele viel besser komponiert als die Vorstellungen im Theater.
-Der Unterschied besteht bloß darin, daß man ins Theater fährt, um dort
-Schauspieler zu sehen, hier aber die Jungen selbst Schauspieler sind.
-Aber das ist ja doch nur natürlich.“
-
-„Ist das wirklich Ihre Ansicht? Ist das Ihre Überzeugung?“ Koljä sah ihn
-groß und aufmerksam an. „Wissen Sie, Karamasoff, Sie haben einen
-außerordentlich interessanten Gedanken ausgesprochen. Wenn ich nach Haus
-komme, werde ich meinen Hirnkasten wegen dieser Frage etwas in Bewegung
-setzen. Ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, ich habe es eigentlich nicht
-anders erwartet, als daß man von Ihnen noch manches lernen könnte. Ja,
-ich bin gekommen, um von Ihnen zu lernen, Karamasoff,“ sagte Koljä zum
-Schluß mit männlich fester, doch nichtsdestoweniger begeisterter Stimme.
-
-„Und ich werde von Ihnen lernen,“ sagte Aljoscha lächelnd, indem er ihm
-die Hand drückte.
-
-Koljä war sehr zufrieden mit Aljoscha. Am angenehmsten berührte ihn, daß
-jener sich ihm gegenüber ganz wie zu einem gleichstehenden Kameraden
-verhielt, „wie zu dem erwachsensten Menschen“.
-
-„Ich werde Ihnen dort in der Stube gleich ein famoses Kunststück zeigen,
-Karamasoff, das wird gleichfalls eine Theatervorstellung werden,“ sagte
-er mit etwas nervösem Lachen. „Zu dem Zweck bin ich ja eigentlich nur
-gekommen.“
-
-„Gehen wir zuerst nach links zu den Hausleuten. Dort legen alle ihre
-Mäntel ab. Im Zimmer ist es eng und heiß.“
-
-„Oh, das ist nicht nötig, ich bin doch nur auf einen Augenblick
-gekommen, ich werde so im Überzieher eintreten. Pereswonn muß hier im
-Flur bleiben und wie tot liegen. _Ici_, Pereswonn, _couche-toi_ und
-stirb! – Sehen Sie, er stellt sich tot. Ich werde jetzt vorläufig allein
-eintreten und zuerst die Umgebung inspizieren, und dann im richtigen
-Moment pfeife ich: ‚_ici_, Pereswonn!‘ und Sie werden sehen, er wird
-sofort wie tollgeworden hereinsausen. Nur darf Ssmuroff nicht vergessen,
-rechtzeitig die Tür aufzumachen. Doch ich werde schon sehen, daß alles
-richtig klappt, lassen Sie mich nur machen ...“
-
-
- V.
- An Iljuschas Bettchen
-
-In dem uns bekannten Zimmer, das der Hauptmann Ssnegireff mit seiner
-Familie bewohnte, war die Luft in diesem Augenblick ebenso drückend, wie
-das Zimmer selbst durch die zahlreichen kleinen Gäste eng wurde. Es
-saßen wieder einmal mehrere Knaben bei Iljuscha. Wenn sie auch alle, wie
-Ssmuroff, bereit waren, zu leugnen, daß Aljoscha Karamasoff sie zu
-Iljuscha geführt und alles zu ihrer Anfreundung getan hatte, so war dies
-doch einmal so. Seine ganze Kunst bestand in diesem Falle nur darin, daß
-er sie ihm alle einzeln und ohne jegliche „Kälberzärtlichkeiten“
-zuführte, als geschehe es ganz unabsichtlich, womöglich halb aus
-Versehen. Das war für Iljuscha eine große Freude gewesen. Als er die
-fast zärtliche Freundschaft dieser seiner früheren Feinde sah, war er
-tief gerührt. Nur Koljä Krassotkin fehlte noch, und das lag wie eine
-drückende Last auf seinem Herzen. Wenn es in seinen bitteren
-Erinnerungen etwas ganz besonders Bitteres gab, so war das gerade dieser
-Vorfall mit Koljä, seinem früheren einzigen Freunde und Verteidiger, auf
-den er sich damals mit dem Messer gestürzt hatte. Das sagte sich auch
-der kleine, gescheite Ssmuroff, der als erster zu Iljuscha gekommen war.
-Koljä Krassotkin hatte aber auf Ssmuroffs entfernte Andeutung, daß
-Aljoscha „in einer gewissen Angelegenheit“ vielleicht zu ihm kommen
-werde, sofort kurz jeden weiteren Annäherungsversuch abgeschnitten,
-indem er Ssmuroff barsch auftrug, „Karamasoff“ zu sagen, daß er selbst
-wisse, was er zu tun habe, daß er niemanden um Rat bitte und im übrigen,
-wenn er zu dem Kranken ginge, das dann tun würde, wenn es ihm angemessen
-scheine – er habe dabei seine „persönliche Berechnung“. Das war vor etwa
-zwei Wochen gewesen. Daraufhin hatte Aljoscha es unterlassen, seine
-anfängliche Absicht auszuführen und zu Krassotkin zu gehen. Dafür aber
-war der kleine Ssmuroff zweimal von ihm zu Koljä geschickt worden. Aber
-Koljä hatte beide Male in der gereiztesten und schroffsten Weise
-abgesagt: „Sage Karamasoff, daß ich dann, wenn er zu mir kommt,
-überhaupt nicht zu Iljuscha gehen werde, und im übrigen bitte ich, mich
-nicht ewig mit dieser Sache zu belästigen.“ Selbst Ssmuroff hatte noch
-am Sonnabend nicht gewußt, daß es Koljäs Absicht war, an diesem Sonntag
-Iljuscha zu besuchen. Erst am Abend hatte Koljä ihm beim Abschied
-gesagt, er solle ihn am nächsten Morgen auf dem Hof erwarten, er würde
-mit ihm zusammen zu Ssnegireffs gehen, hatte aber streng verboten,
-irgend jemand von seinem Kommen zu benachrichtigen. Ssmuroff gehorchte.
-Der Gedanke jedoch, daß er auch den verlorenen Hund mitbringen werde,
-war Ssmuroff auf Grund einiger von Koljä flüchtig hingeworfener Worte
-gekommen. Er hatte nämlich gesagt: „Esel sind sie, wenn sie den Hund
-nicht finden können, vorausgesetzt, daß er noch lebt.“ Als aber Ssmuroff
-nach einiger Zeit schüchtern eine Anspielung darauf gemacht hatte, da
-war Krassotkin „höllisch wütend“ geworden. „Ich bin doch nicht so dumm,
-daß ich in der ganzen Stadt einen fremden Hund suche, wenn ich meinen
-Pereswonn habe! Und wie kann man nur so was Dummes denken, daß ein Hund,
-der eine Stecknadel hinuntergeschluckt hat, am Leben bleibe! Das sind ja
-nur Sentimentalitäten und weiter nichts!“
-
-Inzwischen verging die Zeit. Iljuscha hatte sein Bettchen in der Ecke
-unter den Heiligenbildern seit ganzen zwei Wochen nicht mehr verlassen.
-In die Schule war er seit jenem Tage, an dem er Aljoscha in den Finger
-gebissen hatte, nicht mehr gegangen. Am selben Tage war er auch
-erkrankt, doch konnte er im ersten Monat noch allein aufstehen und etwas
-im Zimmer oder auch im Flur umhergehen. Schließlich aber wurde er so
-schwach, daß er sich ohne Hilfe seines Vaters kaum noch bewegen konnte.
-Der Vater zitterte für ihn, hörte sogar ganz auf zu trinken und wurde
-geradezu tiefsinnig vor Angst bei dem Gedanken, sein Junge könnte
-sterben. Wenn er ihn bei einem kurzen Gang durch die Stube unter den
-Armen gestützt und dann wieder ins Bettchen gelegt hatte, lief er
-nachher jedesmal hinaus auf den Flur, in die dunkelste Ecke, preßte dort
-die Stirn an die Wand und weinte ganz eigentümlich: kaum hörbar, da es
-ja Iljuscha nicht zu Ohren kommen durfte – doch konnte man glauben, aus
-diesem eintönigen Weinen seine ganze ohnmächtige Verzweiflung
-herauszuhören.
-
-Wenn er dann ins Zimmer zurückkehrte, fing er gewöhnlich an, seinen
-lieben Jungen mit irgend etwas zu zerstreuen. Er erzählte ihm Märchen
-oder lustige Geschichten, oder er kopierte lächerliche Typen, die er
-gesehen hatte, oder er imitierte selbst Tiere, indem er ihre Laute
-nachzuahmen versuchte. Iljuscha jedoch litt darunter, wenn sein Vater
-sich in dieser Weise verstellte und Narrenpossen trieb. Er bemühte sich
-krampfhaft, nicht zu zeigen, daß es ihm unangenehm war, aber er sagte
-sich mit brennendem Weh im Herzen, daß sein Vater in der Gesellschaft
-erniedrigt war, und immer wieder kehrten seine Gedanken zu jenem
-„furchtbaren Tage“ zurück. Auch Ninotschka, Iljuschas gelähmte,
-bescheidene, stille Schwester, liebte es nicht, wenn der Vater sich in
-dieser Weise erniedrigte (Warwara Nikolajewna war schon längst wieder
-nach Petersburg gefahren, um dort den Vorlesungen zu folgen), dafür aber
-fand das geistesschwache Mamachen wahre Freude daran und lachte von
-ganzem Herzen, wenn ihr Mann sich wie ein Bajazzo gebärdete. Nur damit
-konnte man sie zerstreuen und trösten, sonst weinte sie fortwährend und
-beklagte sich launisch, daß alle sie vergäßen, daß niemand sie achte,
-daß alle sie beleidigten usw. usw. In den letzten Tagen aber hatte auch
-sie sich verändert. Sie sah häufiger in die Ecke zu Iljuscha hinüber und
-schien nachdenklicher zu sein. Sie wurde viel schweigsamer und ruhiger,
-und wenn sie weinte, so weinte sie still vor sich hin, damit es die
-anderen nicht hörten. Der Hauptmann bemerkte verwundert diese
-Veränderung; sie betrübte und erschreckte ihn zu gleicher Zeit. Die
-Besuche der Knaben paßten ihr zuerst gar nicht und ärgerten sie nur,
-allmählich aber gefielen ihr die fröhlichen Geschichten und das laute
-Geplapper der Kinder immer mehr, und bald freute sie sich dermaßen über
-jeden Besuch, daß sie womöglich geweint hätte, wenn die Knaben nicht
-mehr gekommen wären. Wenn sie etwas erzählten oder Spielchen spielten,
-so lachte sie vor Freude und schlug in die Hände. Zuweilen rief sie
-sogar einige von ihnen zu sich und küßte sie. Besonders liebte sie den
-kleinen Ssmuroff. Was nun den Hauptmann betrifft, so hatte der Besuch
-der Kinder, die in sein Haus kamen, um Iljuscha zu zerstreuen und zu
-erheitern, seine Seele gleich mit freudigem Entzücken erfüllt und sogar
-mit einer Hoffnung, Iljuscha werde nun aufhören, sich zu grämen, und
-vielleicht sogar schneller davon gesund werden. Oh, er zweifelte keinen
-Augenblick daran – trotz seiner ganzen Angst um Iljuscha –, daß sein
-Junge plötzlich wieder gesund werden würde. Er empfing die kleinen Gäste
-fast andächtig, tat für sie alles, was er konnte, bediente sie sogar und
-war bereit, sie auf seinem Rücken reiten zu lassen, was er dann auch
-ausführte; dieses Spiel gefiel aber Iljuscha nicht, und so wurde es
-sofort aufgegeben. Er kaufte für sie Konfekt, Pfefferkuchen, Nüsse,
-arrangierte ganze Teekränzchen für die Kleinen und strich ihnen selig
-Butterbrote. Geld hatte er während dieser ganzen Zeit übergenug. Jene
-zweihundert Rubel von Katerina Iwanowna hatte er genau so angenommen,
-wie es von Aljoscha vorausgesagt worden war. Später war Katerina
-Iwanowna, nachdem sie von Iljuschas Krankheit und ihren Verhältnissen
-Näheres gehört hatte, selbst zu ihnen gekommen, war mit der ganzen
-Familie bekannt geworden und hatte sogar das schwachsinnige Mamachen
-bezaubert. Seit der Zeit versiegten ihre Unterstützungen nicht mehr, und
-der Hauptmann, der in der Angst um Iljuscha seine früheren „Ehrbegriffe“
-ganz vergaß, nahm das Geld gehorsam an. Doktor Herzenstube kam auf
-Katerina Iwanownas Ersuchen jeden zweiten Tag zu ihnen, um den Kleinen
-zu untersuchen, doch kam bei seinen Besuchen wenig Gescheites heraus,
-obgleich er ihn mit Arzeneien geradezu vollstopfte. Dafür wurde von
-ihnen an diesem Sonntagvormittag ein anderer Arzt erwartet, und zwar ein
-berühmter Professor aus Moskau. Katerina Iwanowna hatte ihn für viel
-Geld aus Moskau verschrieben, – doch nicht speziell für Iljuschetschka,
-sondern zu einem anderen Zweck, von dem weiterhin die Rede sein wird.
-Als er dann angekommen war, hatte sie ihn gebeten, auch Iljuscha zu
-besuchen, wovon der Hauptmann schon vorzeitig benachrichtigt worden war.
-Daß Koljä Krassotkin kommen werde, wußte er dagegen nicht und vermutete
-es nicht einmal, obwohl er ihn schon lange sehnsüchtig herbeiwünschte,
-denn er sah nur zu gut, wie sehr es Iljuscha quälte, daß gerade Koljä
-noch immer nicht kam. Als nun Koljä die Tür aufmachte und eintrat,
-standen der Hauptmann und alle Knaben dichtgedrängt an Iljuschas
-Bettchen und betrachteten interessiert den kleinen Bullenbeißer, den der
-Vater kurz vorher gebracht hatte, und der erst Sonnabend Abend auf die
-Welt gekommen, doch nichtsdestoweniger schon vor einer Woche gekauft
-worden war. Das sollte ein Ersatz sein für Shutschka, den von Iljuscha
-umgebrachten Hund. Iljuscha hatte schon vor drei Tagen gehört, daß er
-einen kleinen Hund bekommen werde, und zwar keinen gewöhnlichen, sondern
-einen echten Bullenbeißer (was natürlich sehr wichtig war). Nun lag er
-da und tat aus Zartgefühl, als freue er sich über das Geschenk, doch
-alle, der Vater wie die Knaben, sahen wohl, daß dieses neue Hündchen die
-Erinnerung an Shutschka vielleicht noch stärker in seinem Herzen
-hervorrief. Das kleine Hundejunge lag neben ihm auf dem Bettchen und
-krabbelte mit seinen dicken Beinchen; Iljuscha lächelte müde und
-streichelte ihn mit seiner kleinen, bleichen, abgezehrten Hand. Das
-kleine Tierchen gefiel ihm sogar sehr, aber ... es war doch immer noch
-nicht Shutschka! Ja wenn man Shutschka und das Kleine zusammen gehabt
-hätte, dann wäre das Glück vollständig gewesen!
-
-„Krassotkin!“ rief da einer von den Knaben, der Koljä zuerst bemerkt
-hatte. Alle erschraken anfänglich, die Knaben traten auseinander und
-blieben zu beiden Seiten des Bettchens stehen, so daß Iljuscha plötzlich
-Koljä erblickte. Der Hauptmann stürzte ihm sofort dienstbeflissen
-entgegen.
-
-„Bitte ... gefälligst ... unser werter Gast!“ brachte er etwas stotternd
-hervor. „Iljuschetschka, Herr Krassotkin ist zu dir zum Besuch
-gekommen.“
-
-Doch Krassotkin, der ihm nur eilig die Hand reichte, bewies sofort seine
-gute Erziehung: er wandte sich von der Tür gleich zu der Frau des
-Hauses, zu der gelähmten Gattin des Hauptmanns, die in ihrem großen
-Lehnstuhl saß und im Augenblick äußerst ungehalten darüber war, daß die
-Knaben so dicht Iljuschas Bett umstanden und sie somit den Hund nicht
-sehen konnte. Er verbeugte sich ungemein höflich vor ihr, machte einen
-tadellosen Kratzfuß, wandte sich darauf zu Ninotschka und grüßte auch
-sie, als Dame, in derselben Weise. Diese Höflichkeit machte auf die
-kranke Frau einen sehr angenehmen Eindruck.
-
-„Da sieht man doch gleich, daß es ein gut erzogener junger Mann ist,“
-sagte sie mit einem Kopfneigen, indem sie die Hände auseinanderführte,
-„denn sonst, unsere übrigen Gäste, die kommen ja einer auf dem anderen
-angeritten.“
-
-„Wieso, Mamachen, wieso denn einer auf dem anderen, wie meinst du das?“
-fragte zwar freundlich, aber doch etwas ängstlich und betreten der
-Hauptmann seine Frau.
-
-„So, sie kommen eben hereingeritten. Draußen im Flur setzt sich der eine
-dem anderen auf die Schultern und kommt dann so in eine wohlerzogene
-Familie hereingeritten, kreuzbeinig auf dem anderen. Was ist denn das
-für ein Gast?“
-
-„Aber wer denn das, Mamachen, wer ist denn so hereingekommen?“
-
-„Dieser dort ist auf jenem hereingekommen und der andere auf jenem ...“
-
-Doch Koljä stand schon an Iljuschas Bettchen. Der Kranke erbleichte. Er
-richtete sich in seinem Bettchen auf und sah Koljä unbeweglich ins
-Gesicht. Der hatte seinen früheren, kleinen Freund schon seit zwei
-Monaten nicht mehr gesehen und blieb daher bei seinem Anblick ganz
-betroffen stehen: er hatte sich nicht denken können, daß er ein so
-mageres und gelbes Gesichtchen, so brennende, übernatürlich große Augen,
-so abgemagerte Händchen sehen werde. Mit trauriger Verwunderung bemerkte
-er, daß Iljuscha tief und schnell atmete, und daß seine Lippen trocken
-waren. Er trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und fragte ganz
-verwirrt:
-
-„Nun, mein Freund ... wie geht es dir?“ Aber seine Stimme brach ihm
-plötzlich ab, es fehlte ihm an Ungezwungenheit, in seinem Gesicht zuckte
-etwas, seine Lippen bebten. Iljuscha lächelte ihm schmerzlich zu, konnte
-aber kein Wort hervorbringen. Da hob Koljä plötzlich seine Hand und
-strich Iljuscha über das Haar.
-
-„Tut nichts!“ flüsterte er ihm leise zu, teils um ihn zu trösten, teils
-... er wußte selbst nicht, warum er es sagte. Einen Augenblick schwiegen
-sie wieder.
-
-„Wie, du hast einen jungen Hund?“ fragte Koljä plötzlich im
-gleichgültigsten Ton.
-
-„Ja – a – a ...“ antwortete Iljuscha, mit tonloser leiser Stimme, als
-wäre er außer Atem.
-
-„Eine schwarze Nase hat er, das bedeutet, daß er zu den bösen, den
-Kettenhunden gehört,“ sagte ernst und gewichtig Koljä, als ob es sich
-nur um den Hund und die schwarze Nase handelte. In Wirklichkeit aber
-bekämpfte er immer noch sein Gefühl, um nicht wie ein „Kleiner“ in
-Tränen auszubrechen; er konnte sich noch immer nicht beherrschen. „Wenn
-der groß wird, muß er an die Kette kommen, das weiß ich.“
-
-„Er wird riesig groß werden!“ rief einer von den Knaben aus.
-
-„Sicher!“
-
-„Ein Bullenbeißer, der wird so groß wie ein Kalb,“ ertönten mehrere
-Stimmen durcheinander.
-
-„Wie ein Kalb, wie ein echtes Kalb!“ fuhr plötzlich der Hauptmann
-dazwischen, „ich habe absichtlich einen so bösen ausgesucht, den
-allerbösesten, auch seine Eltern sind groß und böse, ungefähr so hoch
-vom Fußboden ... Setzen Sie sich hierher aufs Bett zu Iljuscha, oder
-wenn nicht dorthin, dann hier auf die Truhe. Wir bitten ergebenst, unser
-werter Gast ... langersehnter Gast ... Waren Sie mit Alexei Fedorowitsch
-zusammen?“
-
-Krassotkin setzte sich aufs Bettchen zu Iljuschas Füßen. Er hatte sich
-unterwegs zurecht gelegt, womit er das Gespräch beginnen sollte, doch
-hatte er jetzt ganz den Faden verloren.
-
-„Nein ... ich bin mit Pereswonn ... Ich habe jetzt einen Hund,
-Pereswonn. Ein slawischer Name. Er wartet dort ... wenn ich pfeife,
-stürzt er sofort herein. Ich habe nämlich auch einen Hund,“ – er wandte
-sich hastig zu Iljuscha – „erinnerst du dich noch Shutschkas, Freund?“
-platzte er plötzlich mit der Frage heraus, die dem Kranken wie Feuer
-durch Mark und Bein fuhr.
-
-Iljuschas Gesichtchen verzog sich. Gequält sah er Koljä in die Augen.
-Aljoscha, der an der Tür stand, runzelte die Stirn und wollte Koljä
-abwinken, daß er nicht von Shutschka sprechen solle, aber der bemerkte
-es nicht oder wollte es nicht bemerken.
-
-„Wo ist ... Shutschka?“ fragte Iljuscha mit versagender Stimme.
-
-„Nun, Bruder, dein Shutschka ist perdu! Der ist nicht mehr zu finden.“
-
-Iljuscha schwieg, doch sah er noch einmal Koljä lange und unverwandt an.
-Aljoscha erhaschte einen Blick von Koljä und winkte ihm aus allen
-Kräften ab, der wandte sich aber wieder zurück und gab sich den
-Anschein, als hätte er nichts bemerkt.
-
-„Fortgelaufen ist er und umgekommen. Wie sollte er auch nicht nach einem
-solchen Frühstück umkommen,“ sagte Koljä schneidend und unbarmherzig,
-indessen schien ihm aber doch die Stimme nicht recht zu gehorchen.
-„Dafür habe ich Pereswonn ... Ein altslawischer Name ... Ich habe ihn
-mitgebracht, ich werde ihn dir zeigen ...“
-
-„Ist nicht nötig!“ unterbrach ihn plötzlich Iljuschetschka.
-
-„Nein, nein, du mußt ihn durchaus sehen ... Er wird dich zerstreuen. Ich
-habe ihn absichtlich hergebracht ... er ist ebenso langhaarig wie jener
-... Erlauben Sie, gnädige Frau, meinen Hund hereinzurufen?“ wandte er
-sich plötzlich an Frau Ssnegireff in großer Aufregung.
-
-„Nicht, nicht!“ rief Iljuscha mit trauriger Stimme aus. Vorwurfsvoll
-blickten seine Augen.
-
-„Würden Sie vielleicht ...“ der Hauptmann stürzte von der Kiste, auf der
-er an der Wand gesessen hatte, vor. „Sie würden vielleicht ... zu einer
-anderen Zeit ...“ stotterte er, aber Koljä, der auf dem Seinen bestand,
-ließ sich nicht mehr aufhalten und rief Ssmuroff zu: „Ssmuroff, öffne
-die Tür!“ und wie der sie geöffnet hatte, pfiff er einmal kurz dem
-Hunde, und Pereswonn stürzte ins Zimmer.
-
-„Hopp, Pereswonn, mach den Diener, den Diener!“ schrie Koljä, erhob sich
-und zog den Hund, der auf den Hinterbeinen aufrecht stand, an Iljuschas
-Bett heran. Da ereignete sich aber etwas ganz Unerwartetes: Iljuscha
-zuckte zusammen und beugte sich mit dem ganzen Körper vor, beugte sich
-über Pereswonn und sah ihn wie erstarrt an:
-
-„Das ist ja ... Shutschka!“ rief er plötzlich mit vor Freude und Leid
-zitterndem Stimmchen aus.
-
-„Und was glaubtest du denn?“ rief Krassotkin mit lauter Stimme, beugte
-sich zum Hunde nieder, ergriff ihn und hob ihn zu Iljuscha aufs Bett.
-
-„Sieh, Freund, sieh, dieses Auge fehlt, und hier das linke Ohr ist
-eingerissen, genau die Merkmale, die du mir angegeben hast. Nach diesen
-Merkmalen habe ich ihn denn auch gefunden. Gleich damals, so schnell wie
-möglich. Er gehörte ja niemandem, er war ja herrenlos!“ erklärte er,
-sich an den Hauptmann, an seine Frau, an Aljoscha wendend, und dann fuhr
-er wieder zu Iljuscha fort, – „er war bei Fedotoffs auf dem Hinterhof,
-er hoffte wohl da was abzukriegen, die fütterten ihn aber nicht, ein
-Landstreicher ist er ja, einer aus dem Dorf ... So habe ich ihn
-aufgefunden ... Siehst du, Freund, er hat damals dein Stück nicht
-hinuntergeschluckt. Denn wenn er es verschluckt hätte, dann wäre er ja
-doch sicher krepiert, sicherlich! Er muß es folglich zur rechten Zeit
-noch ausgespien haben, denn er lebt ja noch. Du hast es nur nicht
-bemerkt, wie er es ausspie. Ausgespien hat er es, die Stecknadel wird
-aber seine Zunge gestochen haben, darum hat er denn auch so gewinselt.
-Und du dachtest, daß er es ganz hinuntergeschluckt hätte. Er wird ja
-schon furchtbar gewinselt haben, das glaube ich, denn bei Hunden ist die
-Haut im Maule sehr zart ... zarter als beim Menschen, viel zarter!“
-bestand Koljä eifrig darauf, mit heißem und vor Begeisterung strahlendem
-Gesicht.
-
-Iljuscha konnte kein Wort hervorbringen. Er starrte mit seinen großen
-und erschrocken aufgerissenen Augen, mit offenem Munde und bleich wie
-ein Handtuch Koljä an. Wenn der harmlose Krassotkin nur gewußt hätte,
-wie gefährlich eine solche Aufregung auf die Gesundheit des kranken
-Knaben wirken mußte, so hätte er sich niemals zu einem solchen Stückchen
-entschlossen, wie er es jetzt aufführte. Doch von allen Anwesenden im
-Zimmer verstand dies nur Aljoscha. Der Hauptmann dagegen verwandelte
-sich ganz und gar in einen kleinen Knaben.
-
-„Shutschka! Also das ist Shutschka?“ rief er mit seliger Stimme.
-„Iljuschetschka, das ist ja Shutschka, dein Shutschka! Mamachen, das ist
-ja Shutschka!“ Er fing beinahe an zu weinen.
-
-„Und ich habe das nicht erraten können!“ rief Ssmuroff bekümmert. „Das
-ist wieder ganz Krassotkin! Ich sagte ja, daß er ihn finden wird, und da
-hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“
-
-„Da hat er ihn nun auch wirklich gefunden!“ wiederholte ein anderer
-freudig.
-
-„Feiner Kerl, Krassotkin!“ rief ein Dritter.
-
-„Feiner Kerl, feiner Kerl!“ riefen die Jungen jetzt alle und wollten
-schon applaudieren.
-
-„Wartet, wartet!“ versuchte Krassotkin sie zu überschreien, „ich werde
-euch erzählen, wie es geschah! Die Sache war nämlich so und nicht
-anders! Ich habe ihn aufgesucht, zu mir gebracht, versteckt und einfach
-eingeschlossen und ihn bis auf den letzten Tag niemand gezeigt. Nur
-Ssmuroff allein sah ihn vor zwei Wochen, aber ich versicherte ihm, daß
-es Pereswonn sei, und so hat er ihn nicht erkannt. In der Zwischenzeit
-brachte ich ihm aber alle diese Stückchen bei; seht nur, seht nur, was
-er alles kann! Ich habe ihn das alles gelehrt, um ihn dir, Freund, so
-gut abgerichtet zu bringen. Sieh nur, Freund, wie dein Shutschka jetzt
-ist! Habt ihr hier nicht ein Stückchen Fleisch, er wird euch gleich ein
-Stückchen vormachen, daß ihr vor Lachen umfallt. – Fleisch, ein
-Stückchen, ist hier wirklich keines zu haben?“
-
-Der Hauptmann stürzte durch den Flur in die Stube der Wirtsleute, wo man
-das Essen kochte. Koljä aber beeilte sich, um nicht seine teure Zeit zu
-verlieren, Pereswonn den Befehl zu geben: „Stirb!“ Der drehte sich
-plötzlich auf den Rücken um, streckte alle Viere in die Luft und lag
-unbeweglich. Die Jungen lachten, Iljuscha sah mit seinem traurigen
-Lächeln auf den Hund, doch am meisten von allen gefiel es dem
-„Mamachen“, daß Pereswonn gestorben war. Sie lachte von Herzen darüber
-und rief dem Hunde schmeichelnd zu:
-
-„Pereswonn, Pereswonn!“
-
-„Er wird sich nicht erheben, er wird sich nicht erheben!“ rief Koljä
-überzeugt und stolz, „wenn auch die ganze Welt ihn rufen würde. Ich aber
-brauche ihn nur einmal zu rufen, und sofort wird er aufspringen! _Ici_,
-Pereswonn!“
-
-Der Hund sprang auf, sprang an ihm empor und heulte vor Freude. Der
-Hauptmann kam mit einem gekochten Stück Rindfleisch herbeigestürzt.
-
-„Ist es nicht zu heiß?“ fragte geschäftig und vorsorglich Koljä, der das
-Stück an sich nahm. „Nein, es ist nicht heiß, Hunde lieben ja sonst
-nichts Heißes. Sehen Sie alle ... Iljuschetschka, sieh, so sieh doch,
-Freund, warum siehst du nicht? Ich habe ihn ihm gebracht, und nun will
-er nicht sehen!“
-
-Das neue Kunststück bestand darin, daß dem unbeweglich dastehenden Hunde
-das Stück Fleisch gerade auf die Nase gelegt wurde. Das arme Tier mußte
-mit dem Stück Fleisch auf der Nase unbeweglich dastehen, wie sein Herr
-ihm befohlen hatte. Doch Pereswonn hatte nur eine kleine Minute lang
-auszuhalten.
-
-„Pill!“ rief Koljä, und das Stück flog im Nu von der Schnauze ins Maul.
-
-Das Publikum drückte natürlich begeistert seine Verwunderung darüber
-aus.
-
-„Und sind Sie wirklich, sind Sie wirklich nur darum die ganze Zeit nicht
-gekommen, weil Sie den Hund dressieren wollten?“ rief Aljoscha
-vorwurfsvoll aus.
-
-„Gerade darum!“ gestand Koljä gutmütig ein. „Ich wollte ihn in seinem
-Glanze zeigen.“
-
-„Pereswonn! Pereswonn!“ rief Iljuscha dem Hunde schmeichelnd zu und
-schnippte mit seinen abgemagerten Fingerchen, wie man es zu tun pflegt,
-wenn man einen Hund zu sich heranlocken will.
-
-„Was rufst du ihn! Er soll sofort zu dir ins Bett springen. _Ici_,
-Pereswonn!“ Koljä schlug mit der flachen Hand aufs Bett.
-
-Und Pereswonn flog wie ein Pfeil aufs Bett zu Iljuscha. Dieser umarmte
-seinen Kopf mit beiden Armen, und Pereswonn leckte ihm sofort die Wange.
-Iljuschetschka preßte ihn an sich und versteckte sein Gesicht vor den
-anderen im langhaarigen Fell des Hundes.
-
-„Mein Gott, mein Gott!“ murmelte der Hauptmann.
-
-Koljä setzte sich wieder auf das Bett zu Iljuscha.
-
-„Iljuscha, ich kann dir noch etwas zeigen. Ich habe dir die kleine
-Kanone gebracht. Erinnerst du dich noch, wie ich dir von dieser kleinen
-Kanone erzählte, und du ausriefst: ‚Ach, wenn ich sie doch auch sehen
-könnte!‘ Nun, jetzt habe ich sie dir gebracht.“
-
-Koljä zog aus seiner Büchertasche die kleine Kanone hervor, die er auch
-schon den Knirpsen gezeigt hatte. Er beeilte sich sehr dabei, weil er
-selbst so glücklich war: Zu einer anderen Zeit würde er gewartet haben,
-bis der effektvolle Eindruck, den soeben Pereswonn gemacht hatte, etwas
-nachgelassen hätte, jetzt aber beeilte er sich, denn: „Wenn sie das so
-glücklich macht, so gebe ich ihnen noch mehr Glück!“ dachte er, selbst
-ganz trunken vor Seligkeit.
-
-„Dieses Ding habe ich schon lange beim Beamten Morosoff gesehen, und
-jetzt habe ich es ihm abgenommen, – für dich, Freund, für dich! Das Ding
-stand bei ihm so da, ohne daß er sich etwas aus ihm machte. Er hatte es
-vom Bruder bekommen. Ich habe es gegen ein Buch aus Papas Schrank: ‚Der
-Verwandte Mohammeds oder die heilende Dummheit‘, eingetauscht. Hundert
-Jahre alt ist das Buch, in Moskau ist es erschienen, als es noch keine
-Zensur gab. Morosoff ist aber ein Liebhaber solcher Sachen. Er dankte
-mir noch ...“
-
-Koljä hielt die kleine Kanone hoch, damit alle sie sehen konnten.
-Iljuscha richtete sich im Bett auf und betrachtete, den rechten Arm um
-den Hals Pereswonns geschlungen, ganz entzückt das Spielzeug. Doch der
-Effekt erreichte den höchsten Grad, als Koljä erklärte, daß er auch
-Pulver bei sich habe, und daß man sofort aus ihr schießen könne, wenn
-nur die Damen nichts dagegen hätten. „Mamachen“ verlangte natürlich, man
-möge ihr das Spielzeug näher zu betrachten geben, was sofort erfüllt
-wurde. Die kleine Kanone auf den blanken Rädern gefiel ihr ungeheuer,
-und sie rollte sie auf ihren Knien hin und her. Auf die Frage, ob sie zu
-schießen erlaube, gab sie sofort ihre Einwilligung, ohne übrigens zu
-begreifen, um was es sich handelte. Koljä zeigte das Pulver und das
-Schrot. Der Hauptmann übernahm, als früherer Offizier, das Laden und
-schüttete nur eine ganz kleine Portion Pulver in die Kanone; das Schrot
-bat er für ein anderes Mal aufzubewahren. Die Kanone wurde auf den
-Fußboden gestellt und auf eine leere Wand gerichtet, darauf stopfte man
-ins Zündloch drei kleine Pulverkörner und zündete sie mit einem
-Streichhölzchen an. Es erfolgte ein glänzender Schuß. „Mamachen“ zuckte
-zusammen, lachte aber sogleich auf vor Freude. Die Knaben hatten mit
-stummem Entzücken zugeschaut, doch am seligsten von allen war der
-Hauptmann: Das mußte doch seinem Iljuscha Freude bereiten! Koljä nahm
-die Kanone und schenkte sie unverzüglich Iljuscha, zusammen mit dem
-Pulver und Schrot.
-
-„Das ist für dich, für dich!“ wiederholte er in seiner Glückseligkeit.
-
-„Ach, schenken Sie sie mir! Nein, schenken Sie die kleine Kanone lieber
-mir!“ bat Mamachen plötzlich wie ein kleines Kind.
-
-Ihr Gesicht drückte ängstliche Unruhe aus, in der Furcht, daß man sie
-ihr nicht schenken würde. Koljä war ganz verwirrt. Der Hauptmann wurde
-unruhig.
-
-„Mamachen, Mamachen,“ rief er zu ihr laufend, „die Kanone gehört dir,
-dir, aber wir lassen sie nur bei Iljuscha, denn man hat sie ihm
-geschenkt, doch sonst wird sie dir gehören. Iljuscha wird sie dir zum
-Spielen geben, sie wird euch beiden zusammen gehören, beiden ...“
-
-„Nein, ich will nicht zusammen, nein, mir soll sie gehören und nicht
-Iljuscha!“ bestand Mamachen auf ihrem Willen und wollte schon zu weinen
-anfangen.
-
-„Mama, nimm sie für dich, nimm sie, Mama!“ rief plötzlich Iljuscha.
-„Krassotkin, kann ich sie meiner Mama schenken?“ wandte er sich mit
-bittender Miene zu Krassotkin, da er fürchtete, daß jener beleidigt sein
-würde, wenn er dessen Geschenk anderen gab.
-
-„Gewiß kannst du das!“ willigte Krassotkin sofort ein, nahm die Kanone
-aus Iljuschas Hand und überreichte sie selbst mit der höflichsten
-Verbeugung dem Mamachen.
-
-Die weinte fast vor Rührung.
-
-„Iljuschetschka, mein Liebling, da sieht man, wer sein Mamachen liebt!“
-sagte sie gerührt, und sie begann sofort wieder die Kanone auf ihren
-Knien hin- und herzurollen.
-
-„Mamachen, erlaube, daß ich dir die Hand küsse!“ Ihr Gemahl lief wieder
-zu ihr hin und führte sofort seine Absicht aus.
-
-„Und wer noch ein lieber junger Mann ist, das ist dieser gute Junge da!“
-sagte Mamachen, auf Krassotkin weisend.
-
-„Pulver werde ich dir soviel wie du nur willst bringen, Iljuscha. Wir
-machen jetzt selbst Pulver. Borowikoff weiß die Mischung: Vierundzwanzig
-Teile Salpeter, zehn Teile Schwefel und sechs Teile Birkenkohle, alles
-zusammen gemischt und gestoßen, Wasser hinzugefügt, ein weicher Teig
-daraus gemacht, zwischen Leder gerieben – und dann hat man das Pulver!“
-
-„Mir hat Ssmuroff von eurem Pulver schon erzählt, aber Papa sagt, es sei
-kein wirkliches Pulver,“ antwortete Iljuscha.
-
-„Wie denn, nicht wirkliches?“ Koljä errötete. „Es brennt doch. Ich weiß
-übrigens nicht ...“
-
-„Nein, ich meinte nur so,“ wandte der Hauptmann ganz schuldbewußt ein.
-„Es ist wahr, ich habe gesagt, daß das echte Pulver nicht so zubereitet
-wird, doch das will nichts sagen, man kann auch so ...“
-
-„Ich weiß es nicht, Sie müssen es besser wissen. Wir haben es in einem
-steinernen Pomadentopf angebrannt, es brannte vorzüglich, es brannte
-ganz ab, nur ein wenig Ruß blieb nach. Es war ja nur eine weiche Masse,
-wenn man die aber durchs Fell reibt ... Übrigens, Sie wissen es besser,
-ich weiß es nicht ... Aber den Bulkin hat sein Vater des Pulvers wegen
-durchgedroschen, hast du das schon gehört?“ wandte er sich wieder an
-Iljuscha.
-
-„Ja, ich habe davon gehört,“ antwortete Iljuscha. Er hatte mit
-unendlichem Interesse und mit Entzücken Koljä zugehört.
-
-„Wir hatten eine ganze Flasche Pulver zubereitet, und er hielt sie unter
-seinem Bett versteckt. Der Vater hatte es aber bemerkt. ‚Damit kannst du
-uns ja alle in die Luft sprengen,‘ hat er gesagt und ihn sofort
-durchgeprügelt. Und er soll sogar die Absicht gehabt haben, sich beim
-Gymnasialdirektor über mich zu beschweren ... Jetzt darf sein Sohn nicht
-mehr mit mir verkehren, jetzt darf niemand mehr mit mir verkehren. Auch
-Ssmuroff darf es nicht, bei allen bin ich verschrien, – man sagt, ich
-sei ein ‚Tollkühner‘.“ Koljä lächelte geringschätzig. „Das kommt alles
-von der Eisenbahnaffäre.“
-
-„Ach ja, auch wir haben von Ihrem Stückchen gehört!“ fiel sofort der
-Hauptmann ein. „Wie haben Sie nur dort unten gelegen? Hatten Sie denn
-wirklich gar keine Angst, unter dem Eisenbahnzuge zu liegen? War es denn
-nicht furchtbar?“
-
-Der Hauptmann versuchte, sich bei Koljä einzuschmeicheln.
-
-„Nicht besonders,“ erwiderte Koljä nachlässig. „Meinen Ruhm hat mir nur
-diese verfluchte Geschichte mit der Gans verdorben,“ sagte er zu
-Iljuscha gewandt. Doch wie sehr er sich auch anstrengte, sich
-gleichmütig zu stellen, so konnte er sich doch nicht beherrschen und
-fiel immer wieder aus dem Ton.
-
-„Ach ja, von der Gans habe ich auch gehört!“ rief Iljuscha lachend und
-über das ganze Gesicht strahlend. „Man hat mir davon erzählt, aber wie
-war es denn, ich habe nicht recht verstanden: bist du wirklich vom
-Richter verurteilt worden?“
-
-„Es war eine nichtssagende Lappalie, ein dummer Scherz, aus dem man
-wieder einmal einen Elefanten gemacht hat,“ begann Koljä aufgeräumt.
-„Ich ging nämlich einmal hier über den Marktplatz, als gerade Gänse
-angetrieben wurden. Ich bleibe also stehen und betrachte sie. Da bemerke
-ich, daß neben mir ein Bursche steht, Wischnjäkoff – er ist jetzt
-Laufbursche bei Plotnikoffs – ja, daß er neben mir steht und mich
-ansieht. Und plötzlich fragt er mich: ‚Warum siehst du denn so auf die
-Gänse?‘ Ich blickte ihn an: eine dumme runde Fratze, der Kerl ist etwa
-zwanzig Jahre alt. Ich, wissen Sie, lehne das Volk nie ab. Ich habe es
-gern, mit dem Volke ... Jedenfalls sind wir zurückgeblieben im Vergleich
-zum Volke – das ist ein Axiom. Sie belieben zu lächeln, Karamasoff?“
-
-„Gott bewahre! Ich bin ganz Ohr!“ antwortete Aljoscha mit der
-offenherzigsten Miene, und der argwöhnische Koljä beruhigte sich.
-
-„Meine Theorie, Karamasoff, ist klar, und einfach,“ fuhr er wieder
-aufgeräumt fort. „Ich glaube an das Volk und bin immer bereit, ihm
-Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne es dabei im geringsten zu
-beschönigen, das ist _sine qua_ ... Ja, richtig, ich erzählte ja von der
-Gans. Ich wende mich also an diesen Dummkopf und antworte ihm: ‚Ich
-denke darüber nach, was die Gans sich jetzt wohl denken mag.‘ Er sieht
-mich völlig blödsinnig an. ‚Was kann sich denn eine Gans denken?‘ fragt
-er. – ‚Nun, sieh mal,‘ sage ich, ‚dort steht eine Fuhre mit Hafer. Aus
-dem einen Sack fallen die Haferkörner heraus, und die Gans streckt den
-Hals genau vor dem Rade, ganz unten, nach den Körnern aus – siehst du
-sie?‘ – ‚Jawohl,‘ sagt er. – ‚Nun also,‘ sage ich, ‚wenn man nun den
-Wagen ein ganz klein wenig vorrückte – wird dann das Rad der Gans den
-Hals abschneiden oder nicht?‘ – ‚Selbstverständlich wird es ihn
-abschneiden,‘ sagt er und grinst übers ganze Maul, zerschmilzt einfach
-vor Wonne. – ‚Nun, dann los, Junge!‘ sage ich. – ‚Los!‘ sagt er. Wir
-brauchen uns nicht viel anzustrengen; er stellte sich ganz unauffällig
-an den Pferdekopf, ich zur Seite, um die Gans richtig hinzusteuern. Der
-Bauer aber gähnte und sprach mit einem anderen, so daß ich schließlich
-nichts zu dirigieren hatte: Die Gans streckte ganz von selbst den Hals
-wieder nach den Haferkörnern aus, genau vor dem Rade. Ich zwinkerte dem
-Burschen zu, er zog unmerklich ein wenig den Zaum und – kr – rack, fährt
-das Rad der Gans über den Hals. Natürlich mitten durch. Und da mußte es
-der Zufall gerade so fügen, daß im selben Augenblick alle auf uns sahen.
-Da war denn das Geschrei groß: ‚Das hat er absichtlich so gemacht!‘ –
-‚Nein, ich habe es nicht absichtlich getan!‘ sagt der Bursch. Nun,
-versteht sich: ‚Zum Friedensrichter!‘ schreien sie. Auch ich wurde
-gepackt. – ‚Auch du warst dabei,‘ heißt es, ‚du bist der Anstifter, dich
-kennt ja schon der ganze Markt!‘ Mich kennt nämlich tatsächlich der
-ganze Markt,“ fügte Koljä selbstgefällig hinzu. „So pilgerten wir denn,
-alle Mann hoch, zum Friedensrichter. Auch der Leichnam unseres Opfers,
-die Gans, wurde mitgeschleppt. Meinem Burschen aber fiel mittlerweile
-das Herz in die Hosen. Er weint – weint wie ein altes Weib. Wir kamen
-also richtig beim Friedensrichter an. Der Viehhändler schreit: ‚Auf
-diese Weise kann man sie – d. h. die Gänse – ja alle um einen Kopf
-kürzer machen!‘ Nun, versteht sich, zuerst das Zeugenverhör. Der
-Friedensrichter erledigte die Sache sofort: Für die Gans dem Viehhändler
-einen Rubel zu zahlen, die Gans aber mag der Bursche behalten. Und daß
-man hinfort sich solche Scherze nicht mehr erlaube! Der Bursche aber
-weint immer noch wie ein altes Weib und jammert: ‚Das war nicht ich, ich
-bin ganz unschuldig, _er_ hat mich dazu verleitet!‘ und will die ganze
-Schuld auf mich abwälzen. Ich antwortete mit voller Kaltblütigkeit, daß
-ich ihn zu nichts verleitet habe, daß ich nur den Grundgedanken gegeben
-und es bloß so als Plan ausgeheckt habe. Der Friedensrichter Nefedoff
-lächelte und ärgerte sich natürlich sofort darüber, daß er gelächelt
-hatte. ‚Ich werde Sie,‘ sagt er zu mir, ‚sofort bei Ihrem Schuldirektor
-anzeigen, damit es Sie weiterhin nicht mehr gelüstet, ähnliche Pläne zu
-machen, statt hinter den Schulbüchern zu sitzen.‘ Das hat er nun nicht
-getan, aber die Geschichte hat sich doch allmählich verbreitet und ist
-dann auf diese Weise unserer Schulobrigkeit zu Ohren gekommen – man hat
-dort bekanntlich sehr lange Ohren! Am meisten hat sich unser ‚Klassiker‘
-Kolbassnikoff darüber empört, aber Dardaneloff ist wiederum für mich
-eingetreten. Dafür ist nun Kolbassnikoff wütend wie ein grüner Esel. Du,
-Iljuscha, du weißt doch schon, daß er sich verheiratet hat? Er hat von
-Michailoffs tausend Rubel Mitgift bekommen, die Braut aber hat einen
-Rüssel, sage ich dir, na, prima Qualität und in höchster Potenz. Die
-Quintaner haben denn auch sofort ein Epigramm verfaßt:
-
- Es ging die Nachricht von Mund zu Mund:
- ‚Kolbassnikoff hat sich verlobt!‘
- Ganz Quinta ward aber sprachlos zur Stund ...
-
-und so weiter, – furchtbar komisch! Ich werde es dir einmal bringen.
-Gegen Dardaneloff aber habe ich nichts: Es ist ein Mensch mit
-Kenntnissen, mit reellen Kenntnissen. Solche Leute achte ich ... Das hat
-natürlich nichts damit zu tun, daß er mich verteidigt hat ...“
-
-„Aber du hast ihm doch mit der Frage, wer Troja gegründet habe, ein Bein
-gestellt!“ bemerkte plötzlich Ssmuroff, der in diesem Augenblick auf
-seinen „Freund Krassotkin“ ungemein stolz war. Die Gänsegeschichte hatte
-ihm gar zu sehr gefallen.
-
-„Wirklich? So ist es also wahr?“ griff sofort der Hauptmann dieses Thema
-auf. „Mit der Frage, wer Troja gegründet hat? Auch ich habe schon davon
-gehört, wie Sie ihm damit ein Bein gestellt haben. Iljuscha hat es mir
-damals erzählt ...“
-
-„Er weiß alles, Papa, er weiß am meisten von uns allen!“ fiel nun auch
-Iljuscha stolz und freudig ein, „er tut nur so, als ob er so einer wäre,
-aber er ist doch bei uns in allen Fächern der erste ...“
-
-Iljuscha blickte Koljä in grenzenlosem Glück selig lächelnd an.
-
-„Ach, das von Troja ist doch nur Unsinn, nur ein Scherz. Ich halte diese
-Frage selbst für müßig,“ meinte Koljä mit stolzer Bescheidenheit.
-
-Es war ihm inzwischen gelungen, in den richtigen Ton hineinzukommen,
-doch war er trotzdem etwas unruhig: Er fühlte, daß er sehr aufgeregt war
-und von der Gans z. B. schon gar zu lebhaft erzählt hatte. Aljoscha aber
-hatte während der ganzen Erzählung geschwiegen und war unerschütterlich
-ernst. Das nagte nun dem selbstgefälligen Knaben am Herzen. „Oder sollte
-er vielleicht deswegen schweigen,“ fragte er sich, „weil er mich
-verachtet und bei sich denkt, daß ich von ihm gelobt werden will? In dem
-Falle, wenn er es wagt, so etwas zu denken, werde ich ...“
-
-„Ja, ich halte diese Frage für unbedingt müßig,“ sagte er nochmals und
-brach stolz ab.
-
-„Ich weiß aber, wer Troja gegründet hat,“ sagte plötzlich ganz
-unerwartet ein kleiner Knabe, der bis dahin noch kein Wort gesprochen
-hatte, überhaupt schweigsam und ersichtlich schüchtern war. Er sah sehr
-nett aus und schien etwa elf Jahre alt zu sein. Er hieß Kartascheff.
-
-Koljä blickte sich verwundert und wichtig nach dem Kleinen, der bei der
-Tür saß, um. Die Sache war nämlich die, daß die Frage, wer nun
-eigentlich Troja gegründet hatte, für alle Schüler zu einem
-interessanten Problem geworden war. Um die Namen der Gründer zu
-erfahren, mußte man im Ssmaragdoff nachlesen. Den aber besaß außer Koljä
-niemand. Nun hatte der kleine Kartascheff, während Koljä mit anderem
-beschäftigt gewesen war, flugs den Ssmaragdoff, der zwischen seinen
-Schulbüchern gelegen hatte, aufgeschlagen und zufällig gerade die Stelle
-gefunden, die von der Gründung Trojas handelte. Das war schon vor
-verhältnismäßig ziemlich langer Zeit geschehen, aber er hatte sich immer
-gescheut und geschämt, den anderen Jungen zu sagen, daß er es
-gleichfalls wußte, und teilweise fürchtete er sich auch, da daraus
-leicht etwas entstehen oder Koljä ihn in Verlegenheit bringen konnte.
-Nun aber hatte er plötzlich nicht an sich halten können und doch gesagt,
-was er schon lange hatte sagen wollen.
-
-„Na, wer denn?“ fragte Koljä von oben herab, da er dem Kleinen am
-Gesicht ansah, daß jener es in der Tat wußte, und er bereitete sich
-natürlich sofort auf die Folgen vor. In die allgemeine Stimmung war
-plötzlich ein Mißton gekommen.
-
-„Troja gründeten Teukros, Dardanos, Illys und Tros,“ sagte der Junge
-laut, langsam und deutlich, und kaum hatte er es ausgesprochen, als er
-auch schon errötete – und zwar so errötete, daß er einem leidtat, wenn
-man ihn ansah. Die Augen aller Knaben waren unverwandt auf ihn
-gerichtet, etwa eine Minute lang, und dann plötzlich wandten sich aller
-Blicke von ihm auf Koljä. Der blickte immer noch mit verächtlicher
-Kaltblütigkeit auf den Kleinen.
-
-„Das heißt, wie haben sie denn gegründet?“ geruhte er endlich zu fragen.
-„Und was heißt das überhaupt, eine Stadt oder ein Reich gründen? Sind
-sie etwa hingekommen und haben sie dann jeder einen Ziegelstein
-hingelegt, wie?“
-
-Man lachte. Der schuldbewußte Kleine wurde noch röter, purpurrot. Er
-schwieg und war dem Weinen nahe. Koljä aber erbarmte sich seiner nicht
-so schnell.
-
-„Um über solche historische Ereignisse, wie die Gründung einer Nation,
-reden zu können, muß man sich zuerst darüber klar werden, was das
-eigentlich heißt,“ sagte er streng zur Belehrung. „Übrigens messe ich
-diesen Altweibergeschichten keinerlei Bedeutung bei, und überhaupt achte
-ich die Allgemeine Geschichte nicht sonderlich,“ fügte er nachlässig
-hinzu, diesmal wieder zu allen gewandt.
-
-„Wie, die Allgemeine Geschichte?“ erkundigte sich der Hauptmann fast
-entsetzt.
-
-„Ja, die sogenannte Allgemeine Geschichte – das ist doch nur die
-Erlernung einer ganzen Reihe von menschlichen Dummheiten und weiter
-nichts. Achtung habe ich nur vor der Mathematik und den
-Naturwissenschaften,“ sagte Koljä majestätisch, indem er flüchtig zu
-Aljoscha hinüberblickte: es war ja nur dessen Meinung, die er hier
-fürchtete.
-
-Aljoscha jedoch schwieg die ganze Zeit über und war nach wie vor
-vollkommen ernst. Hätte er etwas dagegen gesagt, so wäre es dabei
-geblieben, er aber schwieg, und dies konnte sehr wohl aus Verachtung
-geschehen. Der Gedanke an diese Möglichkeit machte Koljä geradezu wild.
-
-„Und dann überhaupt – die klassischen Sprachen, zum Beispiel. Das ist
-doch absolut nichts anderes als Blödsinn ... Sie scheinen wieder nicht
-mit mir übereinzustimmen, Karamasoff?“
-
-„Nein,“ sagte Aljoscha mit zurückhaltendem Lächeln.
-
-„Die klassischen Sprachen sind, wenn Sie meine ganze Meinung darüber
-wissen wollen, eine polizeiliche Maßregel, und das ist der einzige
-Zweck, zu dem sie eingeführt sind!“ Koljä geriet allmählich wieder in
-Hitze. „Sie sind eingeführt, weil sie langweilig sind und die
-Fähigkeiten abstumpfen. Es war langweilig, wie sollte man es nun noch
-langweiliger machen? Es war sinnlos, wie sollte man es nun noch
-sinnloser machen? Und da dachte man sich denn die klassischen Sprachen
-aus. Das ist meine Meinung über die klassischen Sprachen, und ich hoffe,
-daß ich sie nie ändern werde,“ schloß Koljä schroff.
-
-Auf seinen Wangen zeichneten sich zwei rote Flecke ab.
-
-„Das ist wahr,“ sagte plötzlich der kleine Ssmuroff, der aufmerksam
-zugehört hatte, mit heller und überzeugter Kinderstimme.
-
-„Und selbst ist er der Erste im Lateinischen!“ rief plötzlich ein
-anderer Knabe laut.
-
-„Ja, Papa, er sagt das so, aber selbst ist er im Lateinischen der Erste
-in der Klasse,“ sagte gleich darauf auch Iljuschetschka.
-
-„Was ist denn dabei?“ Koljä fand es für nötig, sich zu rechtfertigen,
-obgleich ihm das Lob nicht unangenehm war. „Ich lerne Latein, weil man
-es muß, weil ich meiner Mutter versprochen habe, das Gymnasium zu
-absolvieren. Und meiner Meinung nach muß man das, was man einmal tut,
-dann auch gründlich tun. Im Herzen aber verachte ich tief den
-Klassizismus und diese ganze Gemeinheit ... Sind Sie nicht mit mir
-einverstanden, Karamasoff?“
-
-„Aber warum soll das denn eine ‚Gemeinheit‘ sein?“ fragte Aljoscha und
-lächelte wieder.
-
-„Aber ich bitte Sie! Sämtliche Klassiker sind doch in alle Sprachen
-übersetzt, folglich brauchen wir ja nicht zur Erlernung der Klassiker
-Latein – sondern ... wegen der polizeilichen Maßregel, die darin liegt,
-d. h. zur Gewöhnung an das ‚du mußt, wenn du auch nicht weißt, warum und
-wozu‘. Und dann vor allem zur Abstumpfung der Fähigkeiten. Wie gesagt.
-Und das soll nun keine Gemeinheit sein?“
-
-„Wer hat Ihnen denn das alles eingeredet?“ fragte Aljoscha verwundert.
-
-„Erstens kann ich sehr wohl selbst darüber urteilen, ohne daß ich mir
-etwas einreden lasse, und zweitens, wissen Sie, hat dasselbe, was ich
-Ihnen soeben von den übersetzten Klassikern sagte, auch der Lehrer
-Kolbassnikoff in der Quinta gesagt ...“
-
-„Der fremde Professor ist angekommen!“ sagte plötzlich Ninotschka, die
-die ganze Zeit geschwiegen hatte.
-
-An der Hofpforte hielt Frau Chochlakoffs Equipage. Der Hauptmann, der
-den berühmten Arzt schon seit dem Morgen erwartet hatte, stürzte Hals
-über Kopf hinaus. Das Mamachen richtete sich auf und nahm eine
-feierliche Miene an. Aljoscha trat an Iljuschas Bettchen und versuchte
-die Kissen ein wenig zu ordnen. Die Knaben verabschiedeten sich eilig,
-einige von ihnen versprachen noch, am Abend wiederzukommen. Koljä rief
-seinen Pereswonn, und der sprang mit einem Satz vom Bett herab.
-
-„Ich gehe noch nicht fort, ich bleibe noch hier!“ flüsterte Koljä eilig
-Iljuscha zu. „Ich werde im Flur warten und dann wiederkommen, wenn der
-Professor fortgefahren ist, mit Pereswonn wiederkommen.“
-
-Da trat aber der Professor bereits herein – eine imposante Erscheinung
-im Bärenpelz mit langem, dunklem Backenbart und glänzendem rasiertem
-Kinn. Nachdem er über die Schwelle getreten war, blieb er zuerst ganz
-verdutzt stehen: Wahrscheinlich glaubte er, sich in der Tür versehen zu
-haben.
-
-„Was soll denn das bedeuten? Wo bin ich denn hier hineingeraten?“
-brummte er in den Bart. Er stand verständnislos an der Tür, ohne den
-Pelz abzuwerfen oder seine Seebärmütze, deren Schirm gleichfalls mit
-Seebärfell überzogen war, abzunehmen. Die vielen Menschen, die
-Ärmlichkeit der Stube, die in der Ecke auf einer Schnur hängende Wäsche
-verstimmten und befremdeten ihn sichtlich. Der Hauptmann bog sich vor
-ihm das Rückgrat krumm.
-
-„Sie sind hier, hier bei uns,“ stotterte er untertänig, „hier, jawohl,
-bei uns, zu denen Sie ...“
-
-„Ssnegireff?“ fragte der Professor laut und wichtig. „Herr Ssnegireff –
-sind Sie das?“
-
-„Ja, ich!“
-
-„Ah!“
-
-Der Professor blickte sich noch einmal angeekelt im Zimmer um und warf
-dann seinen Pelz ab. An seinem Halse blitzte ein bedeutender Orden, der
-allen sofort in die Augen stach. Der Hauptmann fing den Pelz auf, und
-der Professor nahm die Mütze ab.
-
-„Wo ist denn hier der Patient?“ fragte er laut und wichtig.
-
-
- VI.
- Frühe Entwicklung
-
-„Was meinen Sie, was wird ihm der Professor sagen?“ fragte Koljä hastig.
-„Aber was für eine widerliche Fratze der Kerl hat, finden Sie nicht
-auch? Ich kann die Medizin mit allem Drum und Dran nicht ausstehen!“
-
-„Iljuscha wird sterben. Das ist, glaube ich, so gut wie sicher,“
-antwortete Aljoscha niedergeschlagen.
-
-„Die Kanaillen! Diese Mediziner taugen alle nichts! Aber es freut mich
-ungemein, Karamasoff, daß ich Sie kennen gelernt habe. Ich wollte schon
-lange Ihre Bekanntschaft machen. Schade nur, daß wir uns unter so
-traurigen Umständen getroffen haben ...“
-
-Koljä wollte gern etwas noch Wärmeres, Herzlicheres sagen, aber er war
-wie unter einem Druck. Aljoscha bemerkte dies wohl, lächelte und drückte
-ihm die Hand.
-
-„Ich habe schon längst gelernt, in Ihnen ein seltenes Wesen zu
-verehren,“ sagte Koljä verwirrt und erregt. „Ich weiß, Sie sind ein
-Mystiker und haben im Kloster gelebt. Ich weiß, daß Sie ein Mystiker
-sind, aber ... das hält mich weiter nicht ab ... Ich denke, die
-Berührung mit der Wirklichkeit wird Sie schon heilen ... Mit Naturen,
-wie die Ihrige, ist es ja immer so.“
-
-„Wen nennen Sie einen Mystiker? Wovon heilen?“ fragte Aljoscha ein wenig
-verwundert.
-
-„Nun so, ich meine Gott und das übrige.“
-
-„Wie, glauben Sie denn etwa nicht an Gott?“
-
-„Im Gegenteil, ich habe nichts gegen ihn. Gott ist natürlich nur eine
-Hypothese ... aber ... ich gebe ja vollkommen zu, daß er nötig ist ...
-zur Ordnung ... zur Erhaltung der Weltordnung und so weiter ... – wenn
-es Gott nicht gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,“ fügte Koljä noch
-hinzu, während ihm das Blut schon in die Wangen stieg.
-
-Ihn hatte plötzlich der Gedanke durchzuckt, Aljoscha könnte jetzt
-denken, daß er seine Kenntnisse zeigen und sich als „Erwachsener“
-aufspielen wolle. „Das will ich aber durchaus nicht!“ dachte Koljä
-ungehalten. Und plötzlich ärgerte er sich sehr.
-
-„Ich muß gestehen, ich liebe es gar nicht, mich auf diese verwickelten
-Diskussionen einzulassen,“ meinte er kurz abbrechend, „man kann doch
-auch ohne an Gott zu glauben die Menschheit lieben, was meinen Sie?
-Voltaire hat doch auch nicht an Gott geglaubt und doch die Menschheit
-geliebt!“ („Schon wieder, schon wieder komme ich mit meinen
-Kenntnissen!“ dachte er bei sich.)
-
-„Voltaire dürfte wohl an Gott geglaubt haben, nur, wenn ich nicht irre,
-zu wenig, und die Menschheit hat er, glaube ich, gleichfalls nur wenig
-geliebt,“ sagte Aljoscha leise und zurückhaltend, doch ganz natürlich,
-wie wenn er mit einem gleichaltrigen oder womöglich sogar älteren
-Menschen spräche.
-
-Koljä fiel sofort diese Ungewißheit Aljoschas in seiner Meinung über
-Voltaire auf: und daß er gewissermaßen ihm, dem kleinen Koljä überließ,
-über diese Frage zu entscheiden.
-
-„Aber haben Sie denn Voltaire gelesen?“ fragte Aljoscha.
-
-„N–nein, nicht gerade, daß ich ihn ganz gelesen hätte ... Ich habe nur
-‚Candide‘ gelesen, in einer russischen Übertragung ... in einer ganz
-alten, eigenartigen, furchtbar komischen Übersetzung ...“ („Schon
-wieder, schon wieder!“)
-
-„Und haben Sie ihn auch verstanden?“
-
-„O ja, alles ... das heißt ... warum glauben Sie, daß ich ihn nicht
-verstanden hätte? Es kommen dort natürlich viele schmutzige Gemeinheiten
-vor ... Ich verstehe doch, daß es ein philosophischer Roman ist, und
-Voltaire ihn geschrieben hat, um eine Idee durchzuführen ...“ Koljä
-verwirrte sich immer mehr. „Ich bin nämlich Sozialist, Karamasoff, ein
-unverbesserlicher Sozialdemokrat,“ sagte er plötzlich, ohne den
-geringsten Anlaß zu dieser Bemerkung.
-
-„Sozialdemokrat?“ Aljoscha lachte auf. „Wann haben Sie denn dazu schon
-Zeit gefunden? Sie sind doch erst dreizehn Jahre alt, glaube ich?“
-
-Koljä fühlte sich tief verletzt.
-
-„Erstens: nicht dreizehn, sondern vierzehn, in zwei Wochen vierzehn,“
-sagte er kalt, während ihm das Blut wieder in die Wangen schoß. „Und
-zweitens: Ich verstehe wirklich nicht, was mein Alter damit zu tun hat.
-Es handelt sich doch nur darum, welches meine Ansichten sind und nicht,
-wie alt ich bin. Nicht wahr?“
-
-„Wenn Sie älter wären, würden Sie einsehen, von welch einer Bedeutung
-das Alter bei Überzeugungen ist. Mir schien es wirklich so, als wenn es
-nicht Ihre eigenen Worte wären, die Sie sprachen,“ antwortete Aljoscha
-ruhig und bescheiden, doch Koljä unterbrach ihn ungestüm.
-
-„Ich bitte Sie! Sie verlangen Gehorsam und Mystizismus! Aber Sie müssen
-doch zugeben, daß der christliche Glaube nur den Reichen und Vornehmen
-dazu gedient hat, die niedrigeren Klassen in der Knechtschaft zu
-erhalten! Nicht wahr?“
-
-„Ach ich weiß schon, wo Sie das gelesen haben, das hat Ihnen ja jemand
-eingeredet!“ rief Aljoscha aus.
-
-„Ich bitte Sie, warum muß ich es denn unbedingt gelesen haben? Und so
-etwas hat mir so gut wie niemand eingeredet. Ich kann doch auch selbst
-... Wenn Sie wollen, bin ich sogar durchaus nicht gegen Christus. Er war
-eine durch und durch humane Persönlichkeit, und wenn er heute, in
-unserer Zeit, lebte, so würde er sich sofort den Revolutionären
-anschließen und vielleicht eine große Rolle spielen ... Das steht fest!“
-
-„Wo haben Sie nun das wieder aufgeschnappt? Mit welch einem Dummkopf
-sind Sie denn zusammengekommen?“ fragte Aljoscha verwundert.
-
-„Ich bitte Sie! Die Wahrheit kann man nicht verbergen. Ich komme
-allerdings wegen einer bestimmten Angelegenheit des öfteren mit Herrn
-Rakitin zusammen, aber ... Das hat ja auch schon unser alter Belinskij,
-wie man erzählt, gesagt ...“
-
-„Belinskij? Dessen erinnere ich mich nicht. Wenigstens hat er das nicht
-geschrieben.“
-
-„Wenn er es nicht geschrieben hat, so hat er es ausgesprochen, sagt man.
-Das habe ich gehört ... von einem ... übrigens, zum Teufel ...“
-
-„Haben Sie Belinskij gelesen?“
-
-„Sehen Sie ... nein ... nicht ganz, aber ... die Stelle in seiner Kritik
-über Puschkins ‚Jewgenij Onégin‘, wo er auf Tatjana zu sprechen kommt:
-warum sie nicht mit Onégin ging, habe ich gelesen.“
-
-„Wie das, ‚warum sie nicht mit Onégin ging‘? Ja, können Sie denn das
-schon ... verstehen?“
-
-„Ich bitte Sie! Sie scheinen mich ja für den kleinen Ssmuroff zu
-halten?“ fragte Koljä gereizt, mit spöttischem Lächeln. „Übrigens
-glauben Sie, bitte, nicht, daß ich schon ganz und gar Revolutionär bin.
-Ich bin sehr oft nicht einverstanden mit Herrn Rakitin. Wenn ich von
-Tatjana rede, so bin ich noch längst nicht für die Emanzipation der
-Frauen. Ich bin ganz der Meinung, daß das Weib ein untergeordnetes Wesen
-ist und gehorchen muß. _Les femmes tricotent_, wie Napoleon gesagt hat,“
-fuhr Koljä kurz auflachend fort, „und in diesem einen Punkte teile ich
-vollkommen die Überzeugung dieses pseudogroßen Mannes. Zum Beispiel
-finde ich auch, daß es niedrig ist, das Vaterland zu verlassen und nach
-Amerika zu flüchten, finde es sogar mehr als niedrig – sogar dumm. Warum
-nach Amerika, wenn man auch bei uns der Menschheit viel Nutzen bringen
-kann? Und gerade jetzt! Ein ganzer Berg fruchtbringender Tätigkeit! In
-dem Sinne habe ich denn auch geantwortet.“
-
-„Wie – geantwortet? Wem? Hat Sie denn jemand schon nach Amerika
-aufgefordert?“
-
-„Ich muß gestehen, daß man mich dazu bereden wollte, aber ich schlug es
-ab. Das ist natürlich nur unter uns gesagt, Karamasoff, hören Sie,
-keinem Menschen ein Wort davon, – ich sage es nur Ihnen. Ich habe
-durchaus keine Lust, der Dritten Abteilung[24] in die Finger zu kommen
-und an der Kettenbrücke Lektion zu hören.
-
- ‚Das vergißt man nicht so leicht,
- Das Haus an jener Hängebrücke!‘
-
-Sie kennen doch das Gedicht? Famos doch, nicht wahr? Worüber lachen Sie?
-Glauben Sie vielleicht, daß ich Ihnen alles nur vorgelogen habe?“ („Was
-aber dann, wenn er erfährt, daß ich in Papas Bücherschrank nur ein
-einziges Heft der ‚Sturmglocke‘ gefunden, und mehr als das überhaupt
-nicht darin gelesen habe?“ fuhr es ihm flüchtig durch den Sinn, und sein
-Herz zuckte zusammen.)
-
-„Wieso? Ich lache gar nicht, und ich denke durchaus nicht, daß Sie mir
-etwas vorgelogen haben. Das ist es ja, daß ich es nicht so ansehe, denn
-alles, was Sie sagen, ist ja leider nicht gelogen! Aber nun sagen Sie,
-haben Sie denn Puschkin gelesen, den ‚Jewgenij Onégin ...‘ Sie sprachen
-doch von Tatjana?“
-
-„Nein, ich habe ihn noch nicht gelesen, aber ich will es bald tun. Ich
-bin ganz vorurteilslos, Karamasoff. Ich will die Meinung jeder Partei
-hören. Warum fragten Sie?“
-
-„Nur so.“
-
-„Sagen Sie mal, Karamasoff, Sie verachten mich jetzt wohl sehr?“ fragte
-Koljä ganz plötzlich und reckte sich stramm vor Aljoscha empor, als
-wolle er sich in Positur stellen. „Haben Sie die Güte, mir ganz ohne
-Umschweife darauf zu antworten.“
-
-„Ich soll Sie verachten?“ Aljoscha blickte ihn erstaunt an. „Aber
-weswegen denn? Es tut mir nur leid, daß eine so prächtige Natur, wie die
-Ihrige, die noch nicht einmal recht zu leben begonnen hat, schon von
-diesem ganzen rohen Unsinn verdorben worden ist.“
-
-„Wegen meiner Natur brauchen Sie sich weiter keine Sorgen zu machen,“
-unterbrach ihn Koljä nicht ohne Selbstgefälligkeit, „aber ich bin sehr
-argwöhnisch, das ist Tatsache. Geradezu dumm argwöhnisch. Roh und unfein
-argwöhnisch. Sie lächelten vorhin, und da schien es mir sogleich, daß
-Sie ...“
-
-„Ach, ich lächelte doch über etwas ganz anderes. Ich werde Ihnen sagen,
-worüber ich lächelte: ich las vor kurzem die Äußerung eines Ausländers,
-eines Deutschen, der in Rußland gelebt hat, über unsere gegenwärtige
-lernende Jugend: ‚Zeigen Sie,‘ schreibt er, ‚einem russischen Schüler
-die Himmelskarte mit allen Sternen darauf, von der er bis dahin keine
-Ahnung gehabt hat, und er wird Ihnen morgen diese Karte korrigiert
-zurückgeben.‘ Überhaupt keine Kenntnisse und grenzenloser Eigendünkel,
-das wollte der Deutsche damit vom russischen Schüler sagen.“
-
-„Aber das ist ja vorzüglich! das ist ja buchstäblich so!“ Koljä lachte
-fröhlich auf. „Das ist ja _superbissimo_! Bravo, Deutscher! Aber dem
-Tschúchna[25] ist dabei doch die gute Seite der Sache entgangen, was
-meinen Sie? Eigendünkel – schön, meinetwegen, das kommt von der Jugend,
-das vergeht, wenn es nötig ist, dafür aber haben sie den unabhängigen
-Geist von Kindesbeinen an, dafür haben sie die Kühnheit der Gedanken und
-Überzeugungen, an Stelle ihrer spießerhaften, knechtischen Andacht vor
-den Autoritäten ... Aber der Deutsche hat das doch gut gesagt! Bravo,
-Deutscher! Aber trotzdem muß man den Deutschen den Hals umdrehen. Gut,
-mögen sie da in ihren Wissenschaften so stark sein, wie sie wollen, aber
-man muß sie doch unterkriegen ...“
-
-„Warum?“ fragte Aljoscha mit feinem Lächeln.
-
-„Nun, ich hab’s nur so gesagt, vielleicht auch nicht. Ich bin zuweilen
-ein furchtbares Kind, und wenn ich mich über etwas freue, so kann ich
-mich nicht mehr beherrschen und schwatze womöglich den größten Unsinn
-zusammen. Aber hören Sie, wir reden hier beide Dummheiten, während der
-Doktor dort ... warum sitzt der Kerl so lange bei Iljuscha? Vielleicht
-untersucht er noch das ‚Mamachen‘ und die Ninotschka? Wissen Sie, diese
-Ninotschka hat mir sehr gefallen. Sie raunte mir plötzlich zu, als ich
-beim Hinausgehen an ihr vorüber kam: ‚Warum sind Sie nicht früher
-gekommen?‘ Und mit so einer Stimme, wissen Sie, mit so tiefem Vorwurf!
-Ich glaube, sie ist ein furchtbar gutes, armes Geschöpf.“
-
-„Ja, ja! Wenn Sie öfter kommen, werden Sie sehen, was das für ein Wesen
-ist. Es wird Ihnen sehr gut tun, wenn Sie solche Menschen kennen lernen.
-Das müssen Sie, um noch vieles andere schätzen zu können, ... das werden
-Sie im Verkehr mit diesem Mädchen lernen,“ sagte Aljoscha warm. „Das
-wird Sie besser als alles andere erziehen.“
-
-„Oh, wie ich es bedauere und wie ich mich dafür strafen möchte, daß ich
-nicht früher gekommen bin!“ sagte Koljä erregt.
-
-„Ja, das ist sehr schade. Sie haben jetzt gesehen, was das für eine
-Freude für den armen Knaben war, und wie hat er sich gequält, während er
-Sie vergeblich erwartete!“
-
-„Sprechen Sie nicht mehr davon! Sie zerreißen mir das Herz! Aber es
-geschieht mir jetzt ganz recht: aus Eigenliebe bin ich nicht früher
-gekommen, ja aus dummer Eigenliebe und gemeiner Selbstsucht, von der ich
-mich in meinem ganzen Leben nicht werde befreien können, obgleich ich
-mich seit einer Ewigkeit darum mühe. Das sehe ich jetzt deutlich. Ich
-bin in vielem ein Schuft, Karamasoff.“
-
-„Nein, Sie sind eine prächtige Natur, wenn Sie auch schon früh verdorben
-worden sind. Ich verstehe nur zu gut, warum Sie einen so großen Einfluß
-auf Iljuscha haben konnten. Er ist ein krankhaft empfängliches Kind.“
-
-„Und das sagen Sie mir?“ fragte Koljä ganz verdutzt. „Und ich, stellen
-Sie sich vor, ich dachte heute schon mehr als einmal, daß Sie mich
-verachten! Wenn Sie nur wüßten, wie teuer mir Ihre Meinung ist!“
-
-„Sind Sie denn wirklich so argwöhnisch? So jung! Wie sonderbar: als ich
-Sie dort im Zimmer beobachtete, während Sie erzählten, kam mir derselbe
-Gedanke – ich meine: daß Sie sehr argwöhnisch sein müssen.“
-
-„Also haben Sie das schon gedacht? Was Sie für eine Beobachtungsgabe
-haben, weiß Gott! Ich könnte wetten, daß es in dem Augenblick war, als
-ich von der Gans erzählte. Gerade da schien es mir, daß Sie mich tief
-deswegen verachteten, weil ich mich anscheinend beeilte, mich als
-tapferen Burschen aufzuspielen. Und ich haßte Sie sogar deswegen. Und
-später, das war vorhin hier im Flur, als ich sagte: ‚Wenn es Gott nicht
-gäbe, so müßte man ihn sich ausdenken,‘ schien es mir wieder, daß Sie
-mich verachteten, weil ich mich schon gar zu sehr beeilte, meine Bildung
-hervorzukehren, – und um so mehr noch, als ich diese Phrase in einem
-Buch gelesen habe. Aber ich schwöre Ihnen, ich beeilte mich damit nicht
-aus Ruhmsucht, sondern so, ich weiß nicht warum, aus Freude vielleicht,
-ja, bei Gott, es war, als wenn es aus Freude geschah ... obgleich es
-doch ein tiefbeschämender Zug ist, wenn ein Mensch vor lauter Freude
-anderen auf den Hals kriecht. Das weiß ich selbst sehr gut. Dafür aber
-bin ich jetzt überzeugt, daß Sie mich nicht verachten, daß diese
-Befürchtung nur eine Marotte von mir war. Oh, Karamasoff, ich bin tief
-unglücklich! Ich stelle mir zuweilen – weiß Gott was alles vor: daß alle
-über mich lachen, die ganze Welt, und dann bin ich ... dann bin ich
-bereit, die ganze Ordnung der Dinge zu vernichten.“
-
-„Und quälen dabei Ihre Nächsten,“ warf Aljoscha lächelnd ein.
-
-„Und quäle meine Nächsten, ganz recht, besonders meine Mutter.
-Karamasoff, sagen Sie, bin ich jetzt sehr lächerlich?“
-
-„Aber so denken Sie doch nicht immer daran, denken Sie überhaupt nicht
-daran! Und was heißt das ‚lächerlich‘? Als ob der Mensch selten
-lächerlich ist oder scheint! Heutzutage fürchten sich fast alle begabten
-Menschen am meisten vor der Lächerlichkeit, und sie quälen sich deswegen
-und sind unglücklich. Mich wundert nur, daß Sie dasselbe schon in so
-jungen Jahren empfinden ... obgleich ... ich es auch schon an anderen
-Ihresgleichen bemerkt habe. Jetzt leiden ja schon viele, die fast noch
-Kinder sind, unter derselben Angst. Das ist beinahe wie ein Wahnsinn. In
-diese Eigenliebe hat sich der Teufel verkörpert und ist dergestalt in
-die ganze Generation hineingekrochen, niemand anderes als der Teufel,“
-fügte Aljoscha nochmals hinzu, ohne aber dabei im geringsten zu lächeln,
-wie es Koljä, der ihn groß ansah, eigentlich erwartete. „Sie, Koljä,
-sind wie alle,“ fügte er noch hinzu, „das heißt, wie sehr viele, nur
-soll man nicht so sein, wie alle sind, das ist es!“
-
-„Selbst wenn alle so sind?“
-
-„Ja, selbst wenn alle so sind. Es ist schon viel, wenn Sie allein nicht
-so sind. Im Grunde sind Sie ja auch gar nicht so einer, wie alle: haben
-Sie sich doch soeben nicht geschämt, etwas Schlechtes und sogar
-Lächerliches von sich einzugestehen. Wer aber tut das heutzutage?
-Niemand. Man sieht ja nicht einmal mehr eine Notwendigkeit in der
-Selbstverurteilung. Werden Sie nicht so einer wie alle; und wenn Sie
-auch nur als einziger anders bleiben, so seien Sie trotzdem nicht so.“
-
-„Großartig! Ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Sie sind fähig,
-einen zu trösten! Sie wissen ja gar nicht, wie es mich zu Ihnen gedrängt
-hat, Karamasoff, wie lange ich schon eine Begegnung mit Ihnen
-herbeigewünscht habe! Ist es wirklich wahr, daß auch Sie an mich gedacht
-haben? Vorhin sagten Sie es.“
-
-„Ja, ich hatte von Ihnen gehört und habe daher auch über Sie nachgedacht
-... und wenn Sie auch jetzt teilweise aus Eigenliebe fragen, so tut das
-nichts.“
-
-„Wissen Sie, Karamasoff, unsere Auseinandersetzungen gleichen ja beinahe
-einer Liebeserklärung,“ sagte Koljä, mit etwas leiserer, gleichsam
-geschwächter und verschämter Stimme. „Ist das nicht lächerlich, was
-meinen Sie?“
-
-„Durchaus nicht lächerlich, und wenn es auch lächerlich wäre, so tut es
-nichts, denn es ist gut,“ sagte Aljoscha mit hellem Lächeln.
-
-„Aber wissen Sie auch, Karamasoff, Sie müssen zugeben, daß auch Sie sich
-jetzt ein wenig vor mir schämen ... Das sehe ich an Ihren Augen.“ Und
-Koljä lachte leise: es lag viel Schelmerei und fast eigenartiges Glück
-in diesem Lachen.
-
-„Warum soll ich mich denn schämen?“
-
-„Warum erröten Sie denn jetzt plötzlich, wenn man fragen darf?“
-
-„Ja, daran sind Sie schuld, daß ich errötete!“ sagte Aljoscha lachend
-und wurde wirklich über und über rot. „Nun ja, ein wenig schäme ich
-mich, Gott weiß, weswegen, ich weiß es nicht ...“ stotterte er, sogar
-ein wenig verwirrt.
-
-„Oh, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie gerade jetzt liebe und schätze
-und gerade deshalb, weil Sie sich ‚weiß Gott warum‘ vor mir schämen!
-Weil auch Sie ganz so sind wie ich!“ rief Koljä in heller Begeisterung.
-
-Seine Wangen glühten und seine Augen glänzten.
-
-„Hören Sie, Koljä, Sie werden im Leben ein sehr unglücklicher Mensch
-sein,“ sagte plötzlich Aljoscha aus einem unbekannten Grunde.
-
-„Ich weiß, ich weiß,“ bestätigte Koljä sofort. „Wie Sie doch alles
-voraus wissen!“
-
-„Aber im ganzen werden Sie doch das Leben preisen.“
-
-„Das ist’s ja! Hurra! Sie sind ja ein Prophet! Oh, wir werden uns noch
-nähertreten, Karamasoff. Wissen Sie, am meisten entzückt mich an Ihnen,
-daß Sie mit mir ganz wie mit einem Altersgenossen verkehren, wie mit
-einem Gleichstehenden. Das aber sind wir nicht, nein, das sind wir
-nicht: Sie stehen viel höher! Aber wir werden uns schon gut anfreunden.
-Wissen Sie, ich habe mir während des ganzen letzten Monats gesagt:
-‚Entweder werden wir sofort Freunde auf ewig werden, oder wir werden
-gleich nach der ersten Begegnung als Feinde bis zum Grabe
-auseinandergehen!‘“
-
-„Und als Sie sich das sagten, liebten Sie mich natürlich schon!“
-Aljoscha lachte fröhlich auf.
-
-„Ja, da liebte ich Sie schon, liebte Sie furchtbar, liebte Sie und
-dachte nur an Sie! Aber wie können Sie alles so voraus wissen? ... Ah!
-da kommt der fremde Professor, Gott, was wird er sagen? Sehen Sie doch,
-was er für ein Gesicht macht!“
-
-
- VII.
- Iljuscha
-
-Der fremde Professor trat aus der Stube, eingehüllt in seinen Pelz und
-die Mütze auf dem Kopf. Er sah geärgert und angeekelt aus, als wenn er
-sich hier an irgend etwas beschmutzt hätte. Er warf einen flüchtigen
-Blick über den Flur und sah darauf Aljoscha und Koljä streng an.
-Aljoscha trat auf die Treppe hinaus und winkte den Kutscher heran. Die
-Equipage fuhr sofort an der Hofpforte vor. Der Hauptmann folgte dem
-Professor eilig mit gekrümmtem Rücken, und murmelte, wie es schien,
-Entschuldigungen. Sein Gesichtsausdruck glich dem eines zum Tode
-Verurteilten, und aus seinem starren Blick sprach nichts als Schreck und
-völlige Verständnislosigkeit.
-
-„Exzellenz ... Exzellenz ... ich kann es nicht glauben ...“ stotterte er
-und konnte nicht weitersprechen. In seiner hilflosen Verzweiflung
-breitete er wie unsicher die Arme aus, und wie flehend hing jetzt sein
-starrer Blick an dem Arzt, als wenn dieser den Urteilsspruch über seinen
-armen Jungen noch hätte abändern können.
-
-„Ja, wie – ge – sagt. Ich – bin – kein – Gott,“ antwortete in
-nachlässigem, doch gewohnheitsmäßig scharf accentierendem Tone der
-Professor.
-
-„Herr Professor ... Exzellenz ... und wird er bald ... bald? ...“
-
-„Ma – chen Sie sich auf al – les – ge – faßt.“ Der Professor betonte
-jede Silbe. Er senkte den Blick und machte Miene, hinauszugehen.
-
-„Exzellenz, um Christi willen!“ rief der Hauptmann erschrocken und hielt
-ihn noch einmal zurück. „Exzellenz! ... also nichts, nichts, gar nichts
-kann ihn mehr retten?“
-
-„Das hängt – nicht – von – mir – ab,“ erwiderte ungeduldig der Arzt, „in
-– dessen, hm,“ sagte er plötzlich und blieb stehen; „wenn ... Sie, zum
-Beispiel, Ih – ren Pa – tien – ten ... _so–fort und ohne zu säumen_ (die
-Worte ‚sofort und ohne zu säumen‘ stieß der Professor nicht nur streng,
-sondern geradezu wütend heraus, so daß der Hauptmann zusammen fuhr) nach
-Sy – rakus schicken könn – ten, so ... würde infolge der wohl – tuenden,
-kli – ma – ti – schen Ver – än – derung ... so könn – te es viel –
-leicht gesche – hen ...“
-
-„Nach Syrakus!“ stieß der Hauptmann hervor, als könne er ihn nicht
-begreifen.
-
-„Syrakus liegt in Sizilien,“ sagte plötzlich Koljä wie zur Erläuterung.
-
-Der Professor sah ihn an.
-
-„Nach Sizilien! Um Gottes willen, Euer Exzellenz,“ sagte ganz verloren
-der Hauptmann, „Sie haben doch gesehen!“ Er wies mit beiden Händen auf
-die Umgebung. „Und Mamachen, und die Familie?“
-
-„N – nein, die Fami – lie nicht nach Sizilien, Ihre Familie muß in den
-Kau – kasus, a – ber erst im Frühjahr ... Ihre Tochter muß in den
-Kaukasus, Ihre Gemahlin aber ... nachdem sie auch im Kau – kasus eine
-Kur für ihren Rheumatismus durchgemacht hat ... müßte dann _so–fort_
-nach Paris in die Irrenanstalt des Psychiaters Le – pelle – tier
-geschickt werden, ich könnte ihr ein Schrei – ben mit – geben, und da
-... könnte sie ... vielleicht ... Bes – serung ...“
-
-„Herr Professor, aber Herr Professor! Sie sehen doch!“ der Hauptmann
-wies wieder in seiner Verzweiflung mit beiden Händen auf die nackten
-Holzwände des Flurs hin.
-
-„Das ist – nicht – mehr – meine Sache,“ sagte lächelnd der Arzt, „ich ha
-– be Ihnen nur sa – gen kön – nen, was die Wis – sen – schaft auf Ihre
-Fra – ge nach den letzten Hilfs – mitteln sagen kann, das üb – rige aber
-... kann ich zu meinem Bedau – ern ...“
-
-„Haben Sie keine Angst, Herr Mediziner, mein Hund wird sie nicht
-beißen,“ fiel ihm Koljä, da er den etwas unruhigen Blick des Professors
-auf Pereswonn, der auf der Türschwelle stand, bemerkt hatte, mit lauter
-Stimme ins Wort. Eine böse Note klang in der Stimme Koljäs. Er sagte mit
-Absicht „Mediziner“ statt Doktor oder Professor – wie er später selbst
-eingestand, „um ihn zu beleidigen“.
-
-„Was – soll – das?“ fragte der Arzt, den Kopf erhebend, und sah Koljä
-erstaunt an. „Wer – ist das?“ wandte er sich plötzlich an Aljoscha, als
-ob der ihm Rechenschaft geben müsse.
-
-„Das ist der Besitzer des Pereswonn, Herr Mediziner, beunruhigen Sie
-sich nicht wegen meiner Wenigkeit,“ schikanierte Koljä.
-
-„Swonn?“ wiederholte der Arzt, ohne zu verstehen, was dieser Name
-bedeutete.
-
-„Er scheint nicht zu wissen, wo er sich befindet. Leben Sie wohl, Herr
-Mediziner, wir werden uns in Syrakus vielleicht wiedersehen.“
-
-„Wer ist dieser ...? Wer, was?“ der Arzt brauste auf vor Wut.
-
-„Das ist ein hiesiger Schüler, Herr Professor, ein Wildfang, beachten
-Sie ihn nicht,“ sagte Aljoscha verstimmt. „Koljä schweigen Sie!“ rief er
-Krassotkin zu. „Beachten Sie ihn nicht, Herr Professor,“ wiederholte er
-noch ungehaltener.
-
-„Man muß ihm Ruten geben, Ruten, Ruten!“ schrie der Arzt Krassotkin an
-und stampfte vor Wut mit dem Fuß auf.
-
-„Wissen Sie, Herr Mediziner, mein Pereswonn kann auch beißen!“ rief
-Koljä mit drohender Stimme, bleich und mit blitzenden Augen. „_Ici_,
-Pereswonn!“
-
-„Koljä, wenn Sie jetzt noch ein Wort sagen, so werde ich mit Ihnen auf
-ewig brechen!“ sagte Aljoscha streng.
-
-„Herr Mediziner, es gibt nur ein Wesen auf der ganzen Welt, das Nikolai
-Krassotkin befehlen kann, und das ist dieser junge Mensch da (Koljä wies
-auf Aljoscha): ihm gehorche ich. Leben Sie wohl!“
-
-Koljä stürzte fort, öffnete die Stubentür und trat schnell ein.
-Pereswonn lief ihm sofort nach. Der Arzt stand noch lange ganz wie
-versteinert da und starrte Aljoscha an. Darauf spuckte er aus und ging
-zum Wagen, indem er laut wiederholte: „Dieser, dieser, dieser ... ich
-weiß nicht, was das für einer ist!“ Der Hauptmann lief ihm nach, um ihm
-in den Wagen zu helfen. Aljoscha trat ins Zimmer. Koljä stand schon an
-Iljuschas Bettchen. Iljuscha hielt ihn an der Hand und rief nach seinem
-Vater. Bald kehrte auch der Hauptmann zurück.
-
-„Papa, Papa, komm her ... wir ...“ stammelte Iljuscha in ungewöhnlicher
-Erregung, doch außerstande, weiterzusprechen, umarmte er sie beide
-zusammen mit seinen mageren Ärmchen und preßte sie fest an sich, so
-stark, wie er es mit seiner kleinen Kraft nur konnte.
-
-Der Hauptmann erbebte am ganzen Körper vor unterdrücktem Schluchzen, und
-Koljä zitterten die Lippen und das Kinn.
-
-„Papa, Papa! Wie tust du mir leid, Papa!“ stöhnte Iljuscha.
-
-„Iljuschetschka ... Täubchen ... der Professor sagte ... du wirst gesund
-... wir werden glücklich sein ... der Professor ...“ brachte der
-Hauptmann mühsam hervor.
-
-„Ach, Papa! Ich weiß ja, was der fremde Professor von mir gesagt hat ...
-Ich habe es doch gemerkt!“ rief Iljuscha aus und preßte sie wieder beide
-aus aller Kraft an sich, wobei er sein Gesicht an der Schulter des
-Vaters verbarg.
-
-„Papa, weine nicht ... wenn ich sterben werde, nimm dann einen anderen
-guten Jungen zu dir, einen anderen ... wähle von ihnen allen den besten
-aus, nenne ihn Iljuscha und liebe ihn statt meiner ...“
-
-„Schweig, mein Sohn, wirst gesund werden!“ unterbrach ihn beleidigt und
-geradezu barsch Krassotkin.
-
-„Aber mich, Papa, mich vergiß nicht,“ fuhr Iljuscha fort, „komm zu
-meinem Grabe ... Weißt du, Papa, beerdige mich bitte dort beim großen
-Stein, zu dem wir beide immer zusammen gegangen sind, und besuche mich
-dann mit Krassotkin, am Abend ... Und Pereswonn ... Ach, wie werde ich
-euch erwarten ... Papa, Papa!“
-
-Seine Stimme versagte, alle drei schwiegen sie. Ninotschka weinte leise
-in ihrem Lehnstuhl, und plötzlich fing auch Mamachen zu weinen an, als
-sie die anderen weinen sah.
-
-„Iljuschetschka, Iljuschetschka!“ rief sie klagend. Krassotkin befreite
-sich aus der Umarmung Iljuschas:
-
-„Leb wohl, mein Sohn, meine Mutter erwartet mich zum Mittagessen,“ sagte
-er hastig. „Wie schade, daß ich sie nicht benachrichtigt habe! Sie wird
-sich sehr beunruhigen ... Doch nach dem Essen komme ich sofort wieder zu
-dir, auf viele Stunden, bleibe dann den ganzen Abend bei dir, und werde
-dir viel erzählen, sehr viel. Pereswonn werde ich natürlich mitbringen,
-jetzt aber nehme ich ihn mit nach Haus, denn ohne mich würde er zu
-heulen anfangen und würde dich stören. Also dann – auf Wiedersehen!“
-
-Er lief hinaus auf den Flur, um sich dort auszuweinen. In diesem
-Zustande fand ihn Aljoscha, als er hinaustrat.
-
-„Koljä, Sie müssen durchaus Wort halten und kommen, denn sonst wird er
-schrecklich traurig sein,“ beredete ihn Aljoscha.
-
-„Durchaus! Oh, wie ich mich verfluche, daß ich nicht schon früher
-gekommen bin!“ sagte weinend Koljä, der sich jetzt nicht mehr schämte zu
-weinen.
-
-In dem Augenblick kam der Hauptmann aus dem Zimmer gestürzt und schloß
-sofort hinter sich die Tür. Der Ausdruck seines Gesichtes war wie der
-eines Wahnsinnigen, seine Lippen bebten. Er stand wie geistesabwesend
-vor den beiden jungen Leuten und schüttelte seine Arme hoch in die Luft:
-
-„Ich will keinen guten Jungen! Ich will keinen anderen Jungen!“ kam es
-in wildem Geflüster aus ihm heraus, und er knirschte mit den Zähnen,
-„wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so möge ich ...“
-
-Er konnte nicht zu Ende sprechen. Seine Stimme stockte ihm. Kraftlos
-sank er vor der Holzbank in die Knie. Er preßte seinen Kopf zwischen
-seinen beiden Fäusten und schluchzte und winselte fast wie ein Hund,
-wobei er sich aber aus aller Kraft zusammenzunehmen versuchte, damit man
-sein Winseln in der Stube nicht höre. Koljä lief auf die Straße hinaus.
-
-„Leben Sie wohl, Karamasoff! Sie kommen doch bestimmt?“ rief er Aljoscha
-schneidend und wütend zu.
-
-„Am Abend komme ich bestimmt.“
-
-„Was sagte er da von Jerusalem? ... Was sollte das bedeuten?“
-
-„Das war aus der Bibel: ‚Wenn ich dein vergäße, Jerusalem‘, das heißt,
-wenn ich vergessen sollte, was für mich das Teuerste ist, so möge mich
-...“
-
-„Ich verstehe, genug! Kommen Sie bestimmt! _Ici_, Pereswonn!“ rief er
-barsch dem Hunde zu und eilte mit großen Schritten nach Haus.
-
-
-
-
- Elftes Buch. Iwan Fedorowitsch
-
-
- I.
- Bei Gruschenka
-
-Aljoscha ging in der Richtung nach der Kathedrale. Dort am Platz lag das
-Haus der Kaufmannswitwe Morosoff. Gruschenka hatte nämlich am Morgen
-Fenjä mit der dringenden Bitte zu ihm geschickt, heute noch bei ihr
-vorzusprechen. Aljoscha hatte von Fenjä auf seine Fragen hin außerdem
-erfahren, daß ihre Herrin seit gestern in ganz besonderer Aufregung sei.
-In diesen zwei Monaten nach der Verhaftung Mitjäs war Aljoscha oft in
-das Haus der Morosowa gegangen, sowohl aus eigenem Antriebe, als auch
-mit Aufträgen von Mitjä. Am dritten Tage nach jenen Vorgängen in Mokroje
-war Gruschenka erkrankt, und darauf hatte sie beinahe fünf Wochen lang
-das Bett gehütet, und von diesen fünf Wochen war sie eine Woche lang
-besinnungslos gewesen. Sie hatte sich inzwischen stark verändert: ihr
-Gesicht war abgemagert und hatte in der Farbe noch immer einen etwas
-gelblichen Ton, obgleich sie schon seit vierzehn Tagen wieder ausgehen
-durfte. Aljoscha aber schien es, daß ihr Gesicht dadurch noch
-anziehender wurde. Er liebte es, wenn er bei ihr eintrat, ihrem ersten
-Blick zu begegnen. Es war, als drückte sich in ihrem Blick jetzt eine
-gewisse Festigkeit und seelische Tiefe aus. Er verriet eine geistige
-Umwandlung und eine gewisse ergebene, doch zugleich gütige und feste
-Entschlossenheit. Auf der Stirn zwischen den Brauen zeichnete sich eine
-kleine senkrechte Falte ab, die ihrem lieben Antlitz den Ausdruck in
-sich gesammelter Nachdenklichkeit verlieh, wenn diese Nachdenklichkeit
-auch zuweilen auf den ersten Blick etwas Schroffes, Strenges haben
-konnte. Von der früheren Flatterhaftigkeit war auch nicht eine Spur
-übriggeblieben. Auch wunderte sich Aljoscha darüber, daß trotz des
-ganzen Unglücks, das sie getroffen hatte – sie, die Braut eines Mannes,
-der fast im selben Augenblick verhaftet worden war, in dem sie sich
-einander verlobt hatten –, daß sie trotz allem, was sie bereits
-durchgemacht und was ihr noch bevorstand, nicht ihre jugendliche
-Heiterkeit verlor. In ihren früher so stolzen Augen lag jetzt eine
-gewisse Stille, obwohl ... obwohl in diesen Augen zuweilen ein gewisses
-böses Feuer aufflammen konnte, wenn eine frühere Sorge sie wieder einmal
-heimsuchte – eine Sorge, die in ihrem Herzen nicht erstorben, sondern
-sich noch mächtig vergrößert hatte. Der Gegenstand dieser Sorge war
-immer ein und derselbe: Katerina Iwanowna. Von ihr hatte Gruschenka
-während der Krankheit fast ununterbrochen phantasiert. Aljoscha begriff
-sehr wohl, daß sie Mitjäs wegen unglaublich eifersüchtig auf dessen
-frühere Braut war, – selbst jetzt noch, obwohl Katerina Iwanowna ihn
-kein einziges Mal während seiner Gefangenschaft besucht hatte, was ihr
-zu jeder Zeit freigestanden hätte. Alles das machte Aljoscha seine
-Aufgabe, sie zu trösten, nur noch schwieriger: denn nur ihm allein
-vertraute sie alles an, und ihn allein fragte sie beständig um Rat, er
-aber wußte oftmals wirklich nicht, was er ihr sagen sollte.
-
-Besorgt trat er bei ihr ein. Sie war vor einer halben Stunde von Mitjä
-aus dem Gefängnis zurückgekehrt, und allein schon aus der schnellen
-Bewegung, wie sie von ihrem Lehnstuhl am Tisch aufsprang und ihm
-entgegeneilte, konnte er ersehen, wie ungeduldig sie ihn erwartet haben
-mußte. Auf dem Tisch lagen Spielkarten, die zu „Schafskopf“ ausgegeben
-waren. Auf dem Lederdiwan an der anderen Seite des Tisches war ein Bett
-aufgemacht, auf dem in Schlafrock und Nachtmütze, sichtlich krank und
-geschwächt, doch trotzdem freundlich lächelnd, halb liegend – Herr
-Maximoff saß. Dieses heimatlose, alte Kerlchen war damals, vor zwei
-Monaten, zusammen mit Gruschenka aus Mokroje zurückgekehrt, und seit der
-Zeit war er auch bei ihr geblieben. Als sie durch Regen und Schmutz
-endlich bei ihr angekommen waren, hatte er sich durchnäßt und
-eingeschüchtert auf diesen Diwan gesetzt und sie schweigend mit
-schüchtern bittendem Lächeln angesehen. Gruschenka, die von Leid und von
-dem Fieber der beginnenden Krankheit völlig zerschlagen war, hatte ihn
-in der ersten halben Stunde vor lauter Anordnungen und Sorgen ganz
-vergessen. Plötzlich hatte sie sich dann seiner wieder erinnert, sich zu
-ihm gewandt und ihn einmal durchdringend angesehen: da hatte er in
-seiner Verwirrung nichts anderes zu tun gewußt, als ganz verloren und
-mitleiderregend zu lächeln. Gruschenka hatte Fenjä gerufen und für ihn
-etwas zu essen bestellt. An jenem ganzen Tage war er ohne sich zu
-rühren, mäuschenstill, auf demselben Platz sitzen geblieben, so daß
-Fenjä, als es dunkel geworden war, ihre Herrin gefragt hatte:
-
-„Wird er denn auch zur Nacht hier bleiben?“
-
-„Ja, mach ihm auf dem Lederdiwan ein Bett auf,“ hatte Gruschenka gesagt.
-
-Später erfuhr sie von ihm auf ihr Befragen, daß er „gerade jetzt“ nicht
-wußte, wo er eigentlich bleiben sollte. „Herr Kalganoff, mein-mein
-Wohltäter, hat mir direkt gesagt, daß er mich nicht mehr empfangen
-könne, und er-er hat mir fünf Rubel geschenkt.“
-
-„Nun, Gott mit dir, dann bleibe hier,“ entschied Gruschenka in ihrem
-Kummer und lächelte ihm mitleidig zu. Dem Alten schnitt dieses Lächeln
-wie ein Messer ins Herz, und seine Lippen erzitterten wie von
-verhaltenen Tränen. Und so blieb der obdachlose Freischlucker bei
-Gruschenka. Selbst während ihrer Krankheit verließ er sie nicht. Fenjä
-und ihre Großmutter, die Gruschenkas Köchin war, schickten ihn nicht
-fort, sondern gaben ihm täglich gut zu essen und machten ihm abends das
-Bett auf dem Diwan auf. Späterhin gewöhnte sich Gruschenka an ihn, und
-wenn sie von Mitjä zurückkehrte (den sie sofort täglich besuchte, sobald
-sie sich nur, nach der Krankheit, hinauswagen durfte), setzte sie sich
-immer zu Maximoff an den Tisch und begann dann, um den Kummer zu
-verscheuchen, mit „Maximuschka“ über alle möglichen dummen Dinge zu
-scherzen, nur um nicht an ihr Leid denken zu müssen. Bei der Gelegenheit
-stellte es sich heraus, daß „Maximuschka“ auch kleine Geschichten zu
-erzählen verstand, und so wurde er ihr zu guter Letzt ganz
-unentbehrlich. Empfing sie doch außer Aljoscha, der nicht einmal an
-jedem Tage kommen konnte, keinen Menschen. Ihr „Kaufmann“ lag zu der
-Zeit schwerkrank danieder, er „ging hinüber“, wie man in der Stadt
-sagte, und er starb auch bald darauf, – eine Woche nach der
-Gerichtssitzung, die über Mitjäs Schicksal entschied. Eines Tages, drei
-Wochen vor seinem Tode, ließ er in der Vorahnung seines nahen Endes
-seine Söhne mit ihren Frauen und Kindern zu sich rufen und befahl ihnen,
-bei ihm zu bleiben. Was aber Gruschenka betraf, so verbot er den
-Dienstboten aufs strengste, sie noch zu ihm zu lassen, falls sie aber
-käme, sollte man ihr sagen: „Er läßt sagen, Sie mögen lange in Freuden
-leben und ihn ganz vergessen.“ Indessen schickte Gruschenka fast täglich
-zu ihm, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen.
-
-„Endlich!“ rief sie freudig, als sie Aljoscha erblickte, warf die Karten
-sofort hin und begrüßte ihn freundschaftlich. „Maximuschka hat mir die
-ganze Zeit Angst gemacht, er behauptete, du würdest nicht kommen. Ach
-Gott, wenn du wüßtest, wie nötig du mir bist. Setz dich hierher an den
-Tisch. Nun, was soll ich bestellen? Kaffee?“
-
-„Ja, meinetwegen,“ sagte Aljoscha und rückte mit dem Stuhl an den Tisch,
-„ich habe guten Appetit.“
-
-„Das freut mich; Fenjä, Fenjä, schnell Kaffee!“ rief Gruschenka. „Er
-kocht schon lange und wartet nur auf dich. Fenjä, bring auch die kleinen
-Pasteten, aber die ganz heißen! Nein, Aljoscha, ich muß dir doch noch
-erzählen, was ich heute wegen dieser Pastetchen für ein Donnerwetter
-über mich habe ergehen lassen müssen. Ich brachte ihm nämlich eine ganze
-Portion davon ins Gefängnis, er aber, was glaubst du wohl, er stieß sie
-mir zurück und aß sie nicht. Eines davon schleuderte er sogar auf den
-Fußboden und zerstampfte es mit dem Fuß zu Brei. Darauf sagte ich ihm:
-‚Ich werde sie beim Wächter lassen; wenn du sie dann nicht bis zum Abend
-aufgegessen hast, so bedeutet das, daß du von deiner Bosheit satt
-geworden bist!‘ und damit ging ich. Wir haben uns doch schon wieder
-gezankt. Sobald ich nur hinkomme, zanken wir uns.“
-
-Das alles sprudelte aus Gruschenka in einem Augenblick hervor. Maximoff
-wurde sofort ängstlich, lächelte und schlug die Augen nieder.
-
-„Worüber habt ihr euch denn diesmal gezankt?“ fragte Aljoscha.
-
-„Ja, weißt du, das hätte ich mir nie gedacht, daß wir uns deswegen
-zanken könnten! Denk dir nur, er war auf den ‚Früheren‘ eifersüchtig! –
-‚Warum unterstützest du ihn?‘ fragte er mich, ‚du hast also jetzt
-angefangen ihn zu unterstützen!‘ Immer muß er eifersüchtig sein, nein
-wirklich, ohne Eifersucht geht es schon gar nicht! Ob er schläft oder
-ißt – eifersüchtig ist er immer. Selbst auf Kusjma wurde er in der
-vorigen Woche eifersüchtig.“
-
-„Aber er wußte doch schon lange von dem ‚Früheren‘?“
-
-„Na selbstverständlich wußte er davon! Vom ersten Tage an hat er es
-gewußt! heute aber fällt es ihm plötzlich ein, darüber zu schimpfen. Man
-schämt sich nur zu wiederholen, was er sagt, es ist gar zu blöd! So ein
-Dummkopf! Als ich fortging, kam gerade Rakitka zu ihm. Vielleicht ist es
-Rakitka, der ihn aufhetzt, wie? Was meinst du?“ fügte sie wie zerstreut
-hinzu.
-
-„Er liebt dich, das ist es, liebt dich sehr. Und dazu ist er jetzt sehr
-gereizt!“
-
-„Wie sollte er denn nicht gereizt sein, wenn sich morgen alles
-entscheidet! Ich ging heute gerade in der Absicht hin, um ihm wegen
-morgen ein Wort von mir aus zu sagen, denn glaub mir, Aljoscha, ich kann
-noch gar nicht daran denken, was morgen sein wird! Du sagst, er sei
-gereizt, und ich soll etwa nicht gereizt sein? Und er kommt jetzt mit
-dem Polacken! So ein Dummkopf! Es fehlte nur, daß er noch auf
-Maximuschka eifersüchtig wird.“
-
-„Meine Frau hat sich meinetwegen auch immer mit Eifersucht geplagt,“
-bemerkte vorsichtig Maximoff seinerseits.
-
-„Ach du!“ – Gruschenka lachte unwillkürlich. „Auf wen war sie denn
-deinetwegen eifersüchtig?“
-
-„Auf die Stubenmädchen.“
-
-„Ach, schweig, Maximuschka, ich bin heute nicht zum Lachen aufgelegt,
-mich kann heute eher die Wut packen. Auf die Pastetchen spitz dich
-lieber nicht, ich erlaube dir jetzt nicht davon zu essen, sie würden dir
-schlecht bekommen. Und auch Likör bekommst du nicht. Da muß man nun auch
-noch diesen pflegen! Wirklich, ganz als ob mein Haus eine Armenanstalt
-wäre,“ sagte sie lachend.
-
-„Ich-ich weiß, daß ich Ihre Wohltaten gar nicht verdient habe, daß ich
-sie gar nicht wert bin,“ sagte Maximoff mit traurigem Stimmchen.
-„Sie-Sie sollten lieber Ihre Wohltaten anderen zuteil werden lassen, die
-es mehr verdient haben, die nötiger sind als ich.“
-
-„Ach, Maximuschka, jeder ist nötig, und woran soll man denn erkennen,
-wer nötiger ist? ... Wenn es doch diesen Polacken überhaupt nicht geben
-würde! Jetzt ist es auch ihm eingefallen, krank zu werden. Ich war auch
-bei ihm, Aljoscha. Jetzt werde ich ihm zum Trotz Pastetchen schicken,
-ich hätte ihm nichts geschickt, da mir aber Mitjä so ungerechte Vorwürfe
-gemacht hat, so schicke ich sie ihm jetzt erst recht, zum Trotz! ...
-Ach, da kommt Fenjä mit einem Brief! Natürlich! Wußt ich’s doch! Wieder
-von den Polacken, wieder betteln sie um Geld!“
-
-Es war tatsächlich ein Brief von Pan Mussjälowitsch, ein sehr langes und
-verschnörkeltes Schreiben, in dem er bat, ihm drei Rubel zu leihen. Dem
-Briefe war noch ein anderer Zettel beigelegt: es war ein Revers mit der
-Bescheinigung des Empfanges und der Verpflichtung, das Geld in drei
-Monaten wiederzugeben – von beiden Panen unterschrieben. Solcher Briefe
-mit Reversen hatte Gruschenka von ihrem „Früheren“ inzwischen eine Menge
-erhalten. Das hatte gleich nach ihrer Krankheit begonnen, vor etwa zwei
-Wochen. Sie wußte, daß beide während ihrer Krankheit gekommen waren, um
-sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Der erste Brief, den sie von ihm
-erhalten hatte, war sehr lang gewesen: auf einem Bogen Postpapier
-größten Formats geschrieben, mit einem riesengroßen Familiensiegel, im
-Sinn ungemein dunkel gehalten, in ungeheuer hochtrabendem Stil, so daß
-Gruschenka sich kaum bis zur Mitte des Briefes durchgearbeitet und ihn
-dann fortgeworfen hatte, ohne von diesem ganzen kunstvollen Wortbau
-etwas verstanden zu haben. Auch war es ihr doch damals nicht um die
-Polen zu tun gewesen. Nach diesem ersten Brief war am anderen Tage ein
-zweiter Brief gefolgt, mit der Bitte Pan Mussjälowitschs, ihm auf eine
-ganz kurze Frist zweitausend Rubel zu leihen. Gruschenka hatte auch auf
-diesen Brief nichts geantwortet. Darauf war eine ganze Reihe von Briefen
-gefolgt, täglich je einer, alle gleich würdig und gedrechselt, nur daß
-in ihnen die erbetene Summe, die stufenweise herabsank, schließlich bei
-hundert anlangte, dann bei fünfundzwanzig, fünfzehn, zehn Rubel, und
-eines Tages erhielt Gruschenka einen Brief, in dem sie um einen einzigen
-Rubel gebeten wurde – wiederum unter Zusendung eines Reverses, den beide
-unterschrieben hatten. Da hatten sie ihr leid getan, und sie hatte sich
-plötzlich in der Dämmerung entschlossen, selbst zu ihnen zu gehen.
-
-Sie hatte beide Polen in der größten Misere vorgefunden, ohne Essen,
-ohne Holz, ohne Zigaretten und bei der Hauswirtin tief verschuldet. Die
-zweihundertfünfzig Rubel, die sie in Mokroje gewonnen hatten, waren sehr
-bald (und unbekannt wofür) draufgegangen. Indessen wurde sie zu ihrer
-nicht geringen Verwunderung von beiden Panen fabelhaft aufgeblasen und
-selbstbewußt empfangen, mit der größten Beobachtung der Etikette und mit
-hochtrabenden Reden. Gruschenka hatte ihnen daraufhin nur ins Gesicht
-gelacht und ihrem „Früheren“ zehn Rubel gegeben. Und gleich darauf war
-sie zu Mitjä gegangen, dem sie den ganzen Vorfall lachend erzählt hatte,
-und dieser hatte gleichfalls darüber gelacht. Doch seit dem Tage ließen
-die stolzen Pane ihr keine Ruhe: täglich bombardierten sie sie mit
-Briefen, die alle immer dieselbe verschnörkelte Bitte um Geld
-enthielten, und sie schickte ihnen jedesmal ein paar Rubel. Und nun
-plötzlich war es Mitjä eingefallen, deswegen eifersüchtig zu werden.
-
-„Ich war so dumm, auf dem Wege zu Mitjä auf einen Augenblick zu ihm zu
-gehen, denn er ist doch jetzt gleichfalls erkrankt, mein früherer Pan,“
-begann Gruschenka wieder eilig und geschäftig, „und ich erzählte es
-Mitjä lachend, um ihn zu zerstreuen: ‚Denk nur,‘ sagte ich, ‚mein Pole
-wollte mir wieder auf der Gitarre vorspielen und die alten Lieder
-singen, wahrscheinlich in der Hoffnung, das würde mich rühren und mich
-bestimmen, ihn zu heiraten.‘ Und da springt Mitjä plötzlich wie rasend
-auf, und das Schimpfen geht los ... Jetzt schicke ich aber zum Trotz den
-Polen die Pastetchen! Fenjä, wen haben Sie da geschickt, wieder das
-kleine Mädchen? Hier, gib ihr diese drei Rubel, und dann kannst du noch
-so zehn Pastetchen in Papier einschlagen und mitschicken. Du aber,
-Aljoscha, mußt unbedingt Mitjä erzählen, daß ich ihnen Pastetchen
-geschickt habe.“
-
-„Das werde ich bestimmt nicht tun,“ sagte Aljoscha lächelnd.
-
-„Ach, du glaubst, daß er sich quält? Das hat er doch absichtlich getan,
-nur um mich glauben zu machen, er sei eifersüchtig, ihm selbst aber ist
-es doch ganz gleichgültig,“ sagte Gruschenka bitter.
-
-„Wieso absichtlich getan?“ fragte Aljoscha.
-
-„Das kannst du wohl wieder, trotz deines Verstandes – nicht verstehen,
-Aljoschenka. Sieh, nicht das kränkt mich, daß er meinetwegen, da ich nun
-einmal so eine bin, eifersüchtig ist. Es würde mich viel mehr kränken,
-wenn er nicht eifersüchtig wäre. Ja, so bin ich. Nicht die Eifersucht
-kränkt mich, ich bin ja auch ein hartherziger Mensch, und ich bin selbst
-eifersüchtig. Mich kränkt nur, daß er mich überhaupt nicht liebt und
-jetzt _absichtlich_ den Eifersüchtigen spielt, das ist es! Bin ich denn
-etwa blind! Da fängt er jetzt plötzlich an, mir von jener, der Katjä zu
-erzählen: dieses soll sie sein und wiederum jenes und dann noch was,
-‚und sie hat sogar einen berühmten Arzt aus Moskau hergerufen, um mich
-zu retten, hat auch den besten, den berühmtesten Advokaten verschrieben‘
-... Daraus ersehe ich doch, daß er jetzt nur sie allein liebt, wenn er
-sie so unverschämt in meiner Gegenwart lobt. Er weiß ja selbst ganz
-genau, daß er sich mir gegenüber vergangen hat, und da will er nun die
-ganze Schuld auf mich abwälzen. Dann heißt es: ‚Du hast zuerst mit dem
-Polacken angefangen, folglich kann ich jetzt auch mit Katjka anfangen.‘
-Ich kenne doch die Männer! Jetzt will er auf mich allein die ganze
-Schuld wälzen. Absichtlich hat er diese Eifersuchtsszene gespielt.
-Absichtlich hat er es getan, das sage ich dir, nur werde ich ...“
-
-Gruschenka sprach nicht aus, was sie würde ... Sie beugte den Kopf auf
-den Arm, der auf dem Tisch lag, und weinte wie im Krampf.
-
-„Dmitrij liebt Katerina Iwanowna nicht,“ sagte Aljoscha überzeugt.
-
-„Nun, ob er sie liebt oder nicht liebt, das werde ich bald selbst
-erfahren,“ sagte Gruschenka, in deren Stimme diesmal eine drohende Note
-klang. Sie erhob wieder den Kopf, und ihr Gesicht war fast entstellt. Es
-tat Aljoscha weh, zu sehen, wie ihr sanftes, ruhig-heiteres Gesicht
-finster und böse geworden war.
-
-„Sprechen wir nicht mehr von diesen Dummheiten!“ brach sie plötzlich ab.
-„Habe ich dich doch nicht deswegen herbitten lassen. Aljoscha, Täubchen,
-sag doch, was wird morgen sein, morgen? Das ist ja das einzige, was mich
-quält! Nur mich allein quält das doch. Wenn ich euch alle ansehe, so muß
-ich mir immer sagen, daß niemand außer mir daran denkt, daß es niemanden
-von euch allen etwas angeht. Sag, denkst du wenigstens daran? Morgen
-wird doch sein Urteil gesprochen! Erzähl mir, Aljoscha, wie geht es
-eigentlich zu in einer Gerichtssitzung? Wie wird man denn richten? Es
-ist doch der Diener, der erschlagen hat, der Diener Ssmerdjäkoff! Mein
-Gott! Man wird ihn doch nicht statt des Dieners verurteilen? Und wird
-denn niemand für ihn eintreten? Und den Diener haben sie wahrscheinlich
-überhaupt noch nicht vernommen, was?“
-
-„Man hat ihn sehr scharf verhört,“ sagte Aljoscha nachdenklich, „aber
-sie scheinen alle übereingekommen zu sein, daß nicht er ihn erschlagen
-habe. Ssmerdjäkoff ist noch immer krank. Er ist es seit jenem Tage, seit
-dem epileptischen Anfall ... Er ist tatsächlich krank,“ fügte Aljoscha
-nochmals hinzu.
-
-„Gott, geh doch du wenigstens zu diesem Advokaten, Aljoscha, und erzähl
-ihm alles unter vier Augen. Es heißt doch, er sei für dreitausend Rubel
-aus Petersburg hergekommen.“
-
-„Ja, wir drei haben es zusammen getan, Iwan, Katerina Iwanowna und ich;
-den Doktor aber hat sie allein für zweitausend aus Moskau verschrieben.
-Der Advokat Fetjukowitsch hätte wahrscheinlich mehr verlangt, da aber
-dieser Prozeß in ganz Rußland bekannt geworden ist, da alle
-Tageszeitungen und Zeitschriften davon sprechen, so hat er um des Ruhmes
-willen eingewilligt, herzukommen, denn es ist ein gar zu berühmter Fall
-geworden. Ich habe ihn gestern gesprochen.“
-
-„Nun, und? Hast du ihm alles gesagt?“ fragte sofort Gruschenka erregt.
-
-„Er hörte mich an und sagte nichts. Das heißt, er sagte nur, er habe
-sich bereits eine bestimmte Meinung gebildet. Er versprach aber, meine
-Aussagen zu berücksichtigen.“
-
-„Wie das berücksichtigen? Ach, das sind ja doch nur Phrasen! Phrasen von
-bezahlten Spitzbuben! Sie werden ihn mir nur noch ins Verderben stürzen!
-Aber der Doktor, wozu hat sie denn den Doktor verschrieben?“
-
-„Als Experten. Sie wollen beweisen, daß Dmitrij verrückt sei und im
-Wahnsinn, also besinnungslos erschlagen habe.“ Aljoscha lächelte still
-vor sich hin. „Nur ist Dmitrij damit nicht einverstanden, er wird es um
-keinen Preis zugeben.“
-
-„Ach, aber das ist doch wahr, wenn er ihn wirklich erschlagen hat!“ rief
-Gruschenka lebhaft. „Er war ja damals gar nicht bei vollem Verstande, er
-war ja wirklich wahnsinnig, und ich, ich Scheusal, ich allein war an
-allem schuld! Nur ist es gar nicht wahr, daß er erschlagen hat, er hat
-ihn doch gar nicht erschlagen! Und alle beschuldigen sie ihn, alle
-sagen, er sei es gewesen. Sogar Fenjä hat so ausgesagt, daß schließlich
-herauskommt, er habe es getan. Und die Aussagen der Kommis von
-Plotnikoffs, und jener Beamte. Und dann haben noch alle im Gasthause
-gehört, wie er gedroht hat! Alle, alle sind gegen ihn, und so schwatzen
-sie jetzt und schnattern wie die Gänse.“
-
-„Ja, die ungünstigen Aussagen haben sich unglaublich vermehrt,“ bemerkte
-Aljoscha finster.
-
-„Und Grigorij noch dazu, Grigorij Wassiljitsch! Der behauptet ja nach
-wie vor, daß die Tür offen gewesen sei, behauptet es steif und fest und
-ohne sich beirren zu lassen! Ich bin selbst einmal zu ihm gegangen, um
-mit ihm zu sprechen. Er schimpft einen womöglich noch obendrein aus!“
-
-„Ja, Grigorijs Aussage ist vielleicht die verhängnisvollste für
-Dmitrij,“ meinte Aljoscha.
-
-„Und was das betrifft, daß Mitjä verrückt sei, so ist er ja jetzt
-wirklich etwas von der Art,“ sagte plötzlich Gruschenka mit einer ganz
-besonders besorgten und geheimnisvollen Miene. „Weißt du, Aljoschenka,
-ich wollte eigentlich schon lange mit dir darüber reden: ich gehe jeden
-Tag zu ihm und muß mich immer mehr über ihn wundern. Sag du mir, was du
-über ihn denkst: was meinst du, worüber redet er jetzt immer? Zuweilen
-fängt er an zu sprechen und spricht, spricht – ich weiß nicht wovon, ich
-denke schon, nun, das wird was sehr Kluges sein, das ist zu hoch für
-mich, denke ich, bin wahrscheinlich zu dumm dazu. Nur spricht er jetzt
-immer von einem ‚Kindichen‘, das heißt, von irgendeinem kleinen Kinde,
-das er immer ‚Kindichen‘ nennt ... ‚Warum,‘ fragte er, ‚warum ist das
-Kindichen arm? Für das Kindichen muß ich jetzt nach Sibirien gehn, ich
-habe nicht erschlagen, aber ich muß nach Sibirien gehen!‘ Was das
-bedeuten soll, was das für ein ‚Kindichen‘ ist, – davon habe ich keine
-Ahnung! Mir rollten nur die Tränen über die Wangen, als er sprach, denn
-er sagte das so eigenartig, er wollte wohl selbst weinen. Als er aber
-sah, daß ich weinte, da küßte er mich plötzlich und bekreuzte mich mit
-der rechten Hand. Was hat das zu bedeuten, Aljoscha, sag du mir, was ist
-das für ein ‚Kindichen‘?“
-
-„Rakitin hat sich jetzt angewöhnt, ihn zu besuchen,“ meinte Aljoscha
-lächelnd, „übrigens ... das kann nicht von Rakitin herrühren. Ich war
-gestern nicht bei Dmitrij, heute aber werde ich hingehen.“
-
-„Nein, das ist nicht Rakitka, das ist sein Bruder Iwan Fedorowitsch, der
-ihn verwirrt, seitdem er zu ihm geht, das ist es, was ...“ Gruschenka
-stockte plötzlich.
-
-Aljoscha sah sie ganz verdutzt an.
-
-„Wie, Iwan geht zu ihm? Ist er denn jemals bei ihm gewesen? Mitjä hat
-mir doch selbst gesagt, daß Iwan noch kein einziges Mal bei ihm gewesen
-sei.“
-
-„Ach ... nun, das war wieder echt von mir! Ich habe mich versprochen!“
-Gruschenka war etwas betreten, und sie errötete. „Wart, Aljoscha,
-schweig, mag es denn auch so sein, habe ich mich einmal verraten, so
-will ich lieber die ganze Wahrheit sagen: Iwan Fedorowitsch ist bis
-jetzt nur zweimal bei Mitjä gewesen, das erstemal gleich nach seiner
-Rückkunft aus Moskau – er kam doch damals sofort wieder zurück, ich war
-noch nicht einmal gesund geworden. Und das zweitemal ist er vor einer
-Woche bei ihm gewesen. Mitjä aber hat er befohlen, dir nichts davon zu
-sagen, und überhaupt niemandem: es sollte ein Geheimnis bleiben.“
-
-Aljoscha saß in Gedanken versunken und schien über etwas zu grübeln. Die
-Nachricht hatte ihn offenbar nicht wenig stutzig gemacht.
-
-„Iwan hat mit mir kein einziges Mal über Mitjä gesprochen,“ sagte er
-langsam, „und überhaupt hat er in diesen zwei Monaten wenig mit mir
-gesprochen, und wenn ich zu ihm gegangen bin, ist er über mein Kommen
-stets ungehalten gewesen, so daß ich ihn jetzt seit drei Wochen nicht
-mehr gesprochen habe,“ sagte er gleichsam vor sich hin. „Ja ... Wenn er
-vor einer Woche bei Mitjä gewesen ist, so – allerdings ... in dieser
-Woche ist auch mir eine gewisse Veränderung an Mitjä aufgefallen ...“
-
-„Nicht wahr? Nicht wahr?“ griff Gruschenka sofort eifrig auf. „Sie haben
-ein Geheimnis, sicher ein Geheimnis! Mitjä hat mir selbst gesagt, daß
-sie ein Geheimnis haben, und weißt du, ein solches Geheimnis, daß Mitjä
-sich darüber nicht mehr beruhigen kann! Früher war er doch noch so
-heiter, er ist es ja auch jetzt, nur, weißt du, wenn er so den Kopf
-schüttelt und auf und ab schreitet und sich so mit der rechten Hand in
-die Haare fährt und die Haare an der rechten Schläfe zupft, dann weiß
-ich doch, daß er etwas auf der Seele hat, das ihn beunruhigt ... ich
-kenne ihn doch! ... Sonst war er immer heiter – auch heute war er es!“
-
-„Du sagtest doch, er sei gereizt gewesen?“
-
-„Ja, gewiß, das war er, aber er war dann auch wieder heiter. Er ist
-eigentlich immer gereizt, plötzlich aber wird er auf eine Minute ganz
-heiter, und dann ist er plötzlich wieder gereizt. Und weißt du,
-Aljoscha, ich muß mich immer nur über ihn wundern: denk doch nur, was
-ihm bevorsteht, er aber kann zuweilen über die geringsten Dummheiten
-lachen, ganz als ob er ein kleines Kind wäre.“
-
-„Und ist es wirklich wahr, daß er dir verboten hat, mir etwas von Iwans
-Besuch zu sagen? Hat er sich wirklich so ausgedrückt: ‚sage ihm nichts
-davon‘?“
-
-„Ja, genau so: sage ihm nichts davon. Dich fürchtet er ja am meisten,
-Mitjä meine ich. Denn hier handelt es sich um ein Geheimnis, das hat er
-mir selbst gesagt ... Aljoscha, Täubchen, geh hin und versuch du
-herauszubekommen, was es ist? – was sie da für ein Geheimnis haben – und
-komm dann her und sag es mir!“ wandte sich Gruschenka plötzlich flehend
-an Aljoscha. „Erlöse mich von der Ungewißheit, sage mir alles, damit ich
-wenigstens weiß, was mich erwartet! Du weißt nicht, wie das ist, sein
-verfluchtes Schicksal zu ahnen, und doch nichts zu wissen! Geh,
-Aljoscha, nur deswegen habe ich dich herbitten lassen!“
-
-„Du glaubst, daß es sich dabei um dich handelt? Dann hätte er doch dir
-nichts von dem Geheimnis gesagt.“
-
-„Ich weiß nicht, um was es sich dabei handelt. Vielleicht will er es mir
-sagen, wagt es aber nicht. Er will mich nur vorbereiten. Ein Geheimnis,
-sagt er, sei es; was für ein Geheimnis aber, das hat er mir nicht
-gesagt.“
-
-„Aber du, was vermutest du denn?“
-
-„Was soll ich vermuten! Mein Ende ist gekommen, das ist es, was ich
-vermute. Das haben sie alle drei mir bereitet, denn hier steckt doch
-Katjka dahinter. Von ihr geht alles aus. ‚Katjä ist dieses und Katjä ist
-jenes,‘ sagt er, das bedeutet also, daß ich nicht dieses und jenes bin.
-Das sagt er absichtlich, das schickt er voraus – will mich vorbereiten.
-Verlassen will er mich, sieh, das ist sein ganzes Geheimnis! Das haben
-sie sich alle drei ausgedacht – Mitjka, Katjka und Iwan Fedorowitsch.
-Aljoscha, ich wollte dich schon lange fragen ... vor einer Woche teilte
-er mir auf einmal mit, daß Iwan Fedorowitsch in Katerina Iwanowna
-verliebt sein soll, und darum so oft zu ihr hingehe. Hat er mir die
-Wahrheit gesagt, oder hat er gelogen? Sage es mir auf dein Gewissen,
-schone mich nicht!“
-
-„Ich werde dir die Wahrheit sagen. Iwan ist nicht in Katerina Iwanowna
-verliebt, so denke ich wenigstens.“
-
-„Das habe auch ich mir damals gleich gedacht! Er belügt mich einfach wie
-ein Schamloser, das sehe ich jetzt vollkommen ein! Und darum spielt er
-auch jetzt den Eifersüchtigen, um dann später alles auf mich abwälzen zu
-können. Er ist doch ein dummer Junge, er versteht ja nichts zu
-verheimlichen, er ist doch so aufrichtig ... Aber ich werde ihn, ich
-werde ihn! ‚Du glaubst,‘ sagt er mir, ‚daß ich ihn erschlagen habe‘ –
-das sagt er mir, mir, das wirft er mir vor! Nun, Gott mit ihm! Aber
-diese Katjka wird noch etwas von mir zu hören bekommen vor Gericht! Ich
-werde ihr dort ein paar Worte sagen ... Oh, dort werde ich alles sagen!“
-
-Und wieder weinte sie verzweifelt.
-
-„Höre, Gruschenka, in einem kann ich dich aufs bestimmteste beruhigen,“
-sagte Aljoscha und erhob sich. „Erstens, daß er dich liebt, dich mehr
-als alles auf der Welt liebt, und zwar dich ganz allein, das kannst du
-mir glauben. Ich weiß es. Ich weiß es ganz gewiß. Und zweitens erkläre
-ich dir, daß ich, was das Geheimnis betrifft, ihn nicht ausforschen
-will. Wenn er es mir heute selbst mitteilt, so werde ich ihm offen
-sagen, daß ich dir versprochen habe, dich davon zu unterrichten. Und
-dann werde ich heute noch zu dir kommen, um dir alles zu sagen. Nur ...
-glaube ich ... daß hier Katerina Iwanowna nicht im Spiele ist, ich
-glaube vielmehr, daß das Geheimnis etwas ganz anderes betrifft. Davon
-bin ich fest überzeugt. Und es sieht auch gar nicht danach aus, als ob
-es sich dabei um Katerina Iwanowna handeln könnte. Wenigstens scheint es
-mir nicht so. Jetzt aber leb wohl. Auf Wiedersehen.“
-
-Er drückte ihr fest die Hand. Gruschenka weinte immer noch. Aljoscha
-sah, daß sie seinen Beruhigungen wenig Glauben schenkte, aber auch das
-war ihr schon eine Erleichterung, daß sie sich einmal hatte aussprechen
-können. Es tat ihm weh, sie so verlassen zu müssen, doch hatte er keine
-Zeit, noch länger bei ihr zu bleiben. Es stand ihm vieles bevor, was er
-noch vor dem Abend auszurichten hatte.
-
-
- II.
- Das kranke Füßchen
-
-Ganz zuerst mußte er zu Chochlakoffs gehen. Er beeilte sich, schneller
-hinzukommen, um sich nicht bei Mitjä zu verspäten. Frau Chochlakoff war
-schon seit drei Wochen krank; der eine Fuß war ihr, weiß Gott wodurch,
-ein wenig geschwollen. Sie lag zwar nicht zu Bett, verbrachte aber doch
-die Zeit in ihrem Boudoir halbliegend auf der Chaiselongue, stets in ein
-reizendes, doch nichtsdestoweniger wohlanständiges Deshabillé gehüllt.
-Aljoscha hatte bemerkt, daß sie trotz ihrer Krankheit gerade jetzt
-angefangen hatte, ganz besonders Toilette zu machen: es waren ihm die
-vielen duftigen Spitzen, Plissees und Volants an ihren Toiletten
-aufgefallen, und er glaubte mit harmlosem Lächeln, die Ursache dieser
-Veränderung erraten zu haben, doch verscheuchte er sofort alle ähnlichen
-Gedanken als müßig, – verscheuchte sie, nicht ohne Unwillen über sich
-selbst. In den letzten zwei Monaten hatte sie nämlich, unter den übrigen
-Bekannten ihres Hauses, auch der junge Perchotin besucht. Aljoscha war
-seit vier Tagen nicht mehr bei Chochlakoffs gewesen, und als er jetzt
-eintrat, wollte er geradeswegs zu Lise gehen, denn er war nur ihretwegen
-gekommen. Sie hatte die Zofe schon am vorhergehenden Tage zu ihm
-geschickt, mit der dringenden Bitte, so bald als möglich zu ihr zu
-kommen, da sie ihn in einer „sehr wichtigen Angelegenheit“ sprechen
-müsse, – was aus gewissen Gründen Aljoscha nicht wenig interessierte.
-Doch während nun die Zofe zu Lisa ging, um ihn anzumelden, erschien
-mittlerweile der Diener mit der Bitte Frau Chochlakoffs – die inzwischen
-erfahren hatte, daß er gekommen war –, „nur auf einen Augenblick“ bei
-ihr vorzusprechen. Aljoscha überlegte, was er tun sollte, und sagte
-sich, daß es besser sei, zuerst die Bitte der Mama zu erfüllen, da sie
-sonst immer wieder zu Lise schicken werde. Frau Chochlakoff ruhte in
-einem ganz besonders schönen Gewande auf der Couchette in ihrem Boudoir
-und schien erregt zu sein.
-
-„Jahrhunderte, ganze Jahrhunderte habe ich Sie nicht mehr gesehen! Eine
-ganze Woche ist es her, schämen Sie sich! ach! nein, richtig, – Sie
-waren ja vor vier Tagen, am Mittwoch, noch hier. Sie wollen jetzt wieder
-zu Lise! Ich bin überzeugt, daß Sie auf den Fußspitzen zu ihr schleichen
-wollten, damit ich es nicht hörte. Ach, lieber, lieber Alexei
-Fedorowitsch, wenn Sie wüßten, wie sie mich jetzt beunruhigt! Doch davon
-später. Zwar ist das die Hauptsache, doch trotzdem lassen Sie uns später
-darüber sprechen. Lieber Alexei Fedorowitsch, ich vertraue Ihnen meine
-Lise ganz und gar an. Nach dem Tode des Staretz Sossima – gib seiner
-Seele, Herr, Frieden und Ruh! (sie bekreuzte sich) – nach seinem Tode
-kommen Sie mir immer wie ein Einsiedler vor, so allerliebst Ihnen auch
-dieser neue Anzug steht. Wo haben Sie nur hier einen so vorzüglichen
-Schneider gefunden? Doch nein, nein, das ist nicht die Hauptsache, davon
-später. Verzeihen Sie, daß ich Sie zuweilen Aljoscha nenne, ich bin doch
-eine alte Frau,“ sagte sie mit kokettem Lächeln, „und daher ist mir
-vieles erlaubt, aber auch davon sprechen wir später. Ach, die
-Hauptsache, wenn ich nur nicht immer die Hauptsache vergäße! Bitte
-erinnern Sie mich daran, sobald ich mich wieder verliere, sagen Sie
-einfach: ‚Und die Hauptsache?‘ Ach, wie soll ich wissen, was jetzt die
-Hauptsache ist! Seit dem Augenblick, da Lise ihr Gelöbnis zurücknahm –
-ihr kindisches Gelöbnis, Alexei Fedorowitsch, Sie zu heiraten –, haben
-Sie natürlich eingesehen, daß alles nur die kindische Phantasie eines
-kranken Mädchens war, das zu lange im Fahrstuhl gesessen hat, – Gott sei
-Dank, daß sie jetzt wieder gehen kann! Dieser neue Doktor, den Katjä aus
-Moskau verschrieben hat – für Ihren unglücklichen Bruder, der morgen ...
-Ach, sagen Sie doch, was wird morgen sein? Ich sterbe schon beim bloßen
-Gedanken daran! Hauptsächlich aber vor Interesse ... Ach nein, ich
-wollte doch sagen, dieser Doktor war gestern bei uns, um Lise zu
-untersuchen ... Aber das war es ja gar nicht, was ich erzählen wollte.
-Sehen Sie, ich bin jetzt ganz aus dem Konzept gekommen. Ich beeile mich
-immer so entsetzlich. Warum ich es aber tue, das weiß ich wirklich
-nicht. Ich höre schon völlig auf, zu wissen ... Für mich hat sich jetzt
-alles zu einem einzigen Knäuel zusammengewickelt. Ich fürchte schon, daß
-Sie die Geduld verlieren und plötzlich hinauslaufen werden, und dann
-habe ich Sie zum letztenmal gesehen. Ach, mein Gott! Da sitzen wir und
-reden, und ich habe ganz vergessen ... Kaffee, Julija, Glafira, Kaffee!“
-
-Aljoscha beeilte sich, für Kaffee zu danken. Er sagte, daß er soeben
-getrunken habe.
-
-„Bei wem?“
-
-„Bei Agrafena Alexandrowna.“
-
-„Bei ... bei dieser Person? Ach, sie allein hat ja alle zugrunde
-gerichtet, doch übrigens, ich weiß nicht, jetzt sagt man, sie sei heilig
-geworden, nur finde ich, daß sie es dann etwas spät geworden ist. Besser
-wäre gewesen, sie wäre es früher geworden, als es not tat, denn jetzt,
-was für einen Nutzen kann das jetzt noch bringen? Schweigen Sie,
-schweigen Sie, Alexei Fedorowitsch, ich will Ihnen nur so viel sagen,
-daß ich wahrscheinlich nichts sagen werde. Dieser schreckliche Prozeß
-... Ich werde unbedingt hinfahren, ich bereite mich schon vor, man wird
-mich im Lehnstuhl hineintragen. Ich kann die ganze Zeit sitzen, – Sie
-wissen doch, daß ich als Zeugin vorgeladen bin? Wie soll ich nur reden?
-Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Man muß doch einen Eid
-ablegen, nicht wahr?“
-
-„Ja, aber ich glaube nicht, daß Sie so werden erscheinen können.“
-
-„Ich kann doch sitzen! Ach, Sie bringen mich wieder aus dem Konzept.
-Dieser Prozeß, dieser entsetzliche Prozeß, und dann gehen alle nach
-Sibirien, andere heiraten wiederum, und alles vergeht so schnell, so
-schnell, und alles verändert sich, und schließlich ist nichts, alle sind
-Greise und blicken ins Grab. Nun, meinetwegen, mögen sie doch, ich bin
-müde. Diese Katjä – _cette charmante personne_, sie hat alle meine
-Hoffnungen vernichtet! Jetzt wird sie einem Ihrer Brüder nach Sibirien
-folgen, und Ihr anderer Bruder wird dann wieder ihr folgen und in der
-nächsten Stadt wohnen, und alle werden sie sich gegenseitig quälen. Das
-bringt mich um meinen letzten Verstand. Und vor allen Dingen dieses
-Gerede! In allen Petersburger und Moskauer Zeitungen ist darüber
-millionenmal gesprochen worden. Ach ja, denken Sie sich, auch von mir
-ist dabei die Rede, es heißt, ich sei die, ‚_liebe_ Freundin‘ Ihres
-Bruders gewesen! – ich will kein häßliches Wort aussprechen, nur denken
-Sie sich so etwas, können Sie sich das vorstellen!“
-
-„Das ist unmöglich! Wo hat man das geschrieben?“
-
-„Ich werde es Ihnen sofort schwarz auf weiß zeigen. Gestern erhielt ich
-es – gestern las ich es selbst zum erstenmal. Sehen Sie hier, in der
-Petersburger Zeitung ‚Gerüchte‘. Dieses Blatt wird erst seit einem Jahr
-herausgegeben – da abonnierte ich auf dasselbe, denn ich liebe sehr
-Gerüchte, und das habe ich jetzt davon: Da, sehen Sie, was das für
-‚Gerüchte‘ sind! Hier, sehen Sie hier, lesen Sie das.“
-
-Sie reichte Aljoscha ein Zeitungsblatt, das unter ihrem Kissen gelegen
-hatte, und zeigte ihm die Stelle.
-
-Sie war nicht nur verstört, sie schien plötzlich ganz gebrochen zu sein.
-Vielleicht hatte sich infolge dieser Zeitungsgeschichte tatsächlich
-alles in ihrem Kopf zu einem Knäuel zusammengeballt. Die Zeitungsente
-war allerdings unmißverständlich – und nicht weniger verfänglich. Sie
-mußte die arme Dame sehr empfindlich kränken, doch zum Glück war Frau
-Chochlakoff an diesem Tage nicht fähig, nur an eine Sache zu denken, und
-so konnte sie bereits nach einer Minute die Zeitung mit allen
-Klatschereien vergessen und sich mit anderem beschäftigen. Aljoscha
-wußte, daß man in ganz Rußland über den berühmten Karamasoffschen Prozeß
-sprach, und er hatte in diesen zwei Monaten unter anderen richtigen
-Nachrichten auch ganz unglaubliche Lügengeschichten gelesen, sowohl über
-die Karamasoffs im allgemeinen, wie auch speziell über sich. Z. B. hatte
-es an einer Stelle geheißen, daß er, Aljoscha, aus Angst, nach dem
-Verbrechen des Bruders Einsiedler geworden sei und sich als Trappist von
-der Welt abgeschlossen habe; in einem anderen Blatt war diese Nachricht
-in Abrede gestellt und geschrieben worden, er habe zusammen mit seinem
-Staretz Sossima die Klosterkasse aufgebrochen und bestohlen und sei dann
-entflohen. Die jetzt erwähnte Nachricht in den „Gerüchten“ war wie
-gewöhnlich betitelt: „_Aus Skotoprigonjewsk_[26] (so heißt nämlich unser
-Städtchen – leider! Ich habe seinen Namen lange genug verheimlicht).
-_Zum Prozeß Karamasoff._“ Es war nur eine kürzere Nachricht, und über
-Frau Chochlakoff war direkt nichts gesagt – überhaupt waren keine Namen
-genannt. Es wurde mitgeteilt, daß der Vatermörder, den man jetzt unter
-allgemeinem Aufsehen zu richten sich anschicke, Hauptmann a. D. dieses
-und dieses Linienregiments, in seinem faulen Leben nichts anderes getan
-habe – abgesehen davon, daß er schon von Natur ein Verbrecher sei und
-für die Leibeigenschaft eintrete –, als daß er seine Zeit mit Liebeleien
-verbracht. Besonders aber hätte er „Damen, die sich in der Einsamkeit
-langweilten“, gefesselt. Nun hätte sich eine von ihnen, „eine von den
-sich langweilenden Witwen“, die sich jünger machte, obgleich sie bereits
-Mutter einer erwachsenen Tochter war, dermaßen in ihn verliebt, daß sie
-ihm noch zwei Stunden vor dem Verbrechen dreitausend Rubel angeboten
-hätte, allerdings unter der Bedingung, daß er mit ihr nach Sibirien
-entfliehe, um dort in den Goldgruben Geld zu suchen. Der Bösewicht aber,
-so hieß es weiter, habe vorgezogen, seinen Vater zu erschlagen und ihn
-um genau dreitausend Rubel zu berauben, in der Hoffnung, ungestraft zu
-entkommen und nicht mit den „vierzigjährigen Reizen“ seiner
-gelangweilten Witwe nach Sibirien ziehen zu müssen. Diese in
-scherzhaftem Ton gehaltene Korrespondenz schloß, wie es sich gehört, mit
-Äußerungen edlen Unwillens über die Unsittlichkeit des Vatermordes und
-der Leibeigenschaft. Nachdem Aljoscha alles interessiert gelesen hatte,
-faltete er das Blatt zusammen und gab es Frau Chochlakoff zurück.
-
-„Das bin doch ich!“ rief sie sofort ganz verzweifelt aus. „Ich, ich habe
-ihm doch kaum eine Stunde vor dem Morde gesagt, er solle in die
-Goldgruben fahren, – und jetzt schreiben sie plötzlich ‚vierzigjährige
-Reize‘! Habe ich es denn deswegen getan? Das ist absichtlich so
-geschrieben! Möge ihm der ewige Richter die vierzigjährigen Reize ebenso
-verzeihen, wie ich ihm verzeihe, aber abgesehen davon – das ist doch ...
-Wissen Sie auch, wer das geschrieben hat? Das ist ja Ihr Freund
-Rakitin!“
-
-„Das wäre möglich,“ sagte Aljoscha, „zwar habe ich nichts davon gehört
-...“
-
-„Er ist es bestimmt, ich weiß es genau, er, er ganz allein! Ich habe ihm
-doch die Tür gewiesen ... Sie kennen doch schon die ganze Geschichte?“
-
-„Ich weiß, daß Sie ihn gebeten haben, hinfort Ihr Haus nicht mehr zu
-betreten, weswegen aber – das habe ich ... wenigstens von Ihnen, noch
-nicht gehört ...“
-
-„Aha, dann haben Sie es also von ihm gehört? Nun was, ist er sehr empört
-über mich?“
-
-„Ja, aber über wen zieht er denn nicht her? Doch warum Sie ihm
-eigentlich verboten haben, Sie zu besuchen, das habe ich auch von ihm
-nicht erfahren können. Überhaupt sehe ich ihn jetzt nur sehr selten. Ich
-stehe mich nicht besonders mit ihm.“
-
-„Nun, dann werde ich Ihnen alles sagen und beichten, es ist ja nichts
-mehr daran zu ändern ... Ich trage nämlich selbst ein wenig Schuld an
-der ganzen Sache. Aber nur ein wenig, ganz, ganz wenig, so daß davon
-vielleicht überhaupt nicht die Rede sein kann. Sehen Sie, mein Liebling“
-(auf Frau Chochlakoffs Lippen erschien plötzlich ein liebes,
-schelmisches und doch recht rätselhaftes Lächeln), „sehen Sie, ich
-vermute ... Sie verzeihen mir doch, Aljoscha, ich rede jetzt mit Ihnen
-wie eine Mutter ... ach nein, nein, im Gegenteil, wie mit meinem Vater
-... denn Mutter paßt hierbei ganz und gar nicht ... Also sagen wir, ich
-rede zu Ihnen, als wenn Sie der Staretz Sossima wären, und ich ihm
-beichtete, ja, das wäre der beste Vergleich: Ich habe Sie doch vorhin
-schon einen Einsiedler genannt. Nun, also dieser arme Junge, Ihr Freund
-Rakitin – Gott, ich kann mich wirklich kaum über ihn ärgern! Ich ärgere
-mich, ja, gewiß, aber im Grunde doch nicht sehr! Kurz, dieser
-leichtsinnige junge Mann läßt es sich plötzlich – denken Sie sich nur! –
-läßt es sich plötzlich, glaube ich, einfallen, sich in mich zu
-verlieben. Erst später, viel später bemerkte ich es, zuerst aber, also
-ungefähr vor einem Monat, begann er mich häufiger zu besuchen, er kam
-sogar fast täglich, er hatte mir auch früher schon seine Aufwartung
-gemacht. Ich vermutete zuerst natürlich noch nichts ... und dann kam es
-plötzlich wie eine Erleuchtung über mich, und ich fing an einiges zu
-bemerken – zu meiner größten Verwunderung, wie Sie sich denken können.
-Wie Sie wissen, empfange ich seit einiger Zeit Herrn Perchotin, Pjotr
-Iljitsch, Sie haben ihn doch so oft hier angetroffen. Nicht wahr, er ist
-doch ein ernster, würdiger Mann, trotz seiner jungen Jahre? Er kommt
-ungefähr in drei Tagen nur einmal – und doch könnte er weit öfter
-kommen. Und immer ist er elegant gekleidet. Ich liebe überhaupt sehr
-unsere Jugend, Aljoscha, besonders, wenn es talentvolle, wohlerzogene
-Menschen sind, wie zum Beispiel Sie. Er aber hat, glauben Sie mir, einen
-fast staatsmännischen Verstand! Und wie wundervoll er spricht. Ich werde
-unbedingt meinen ganzen Einfluß verwenden, um ihm die Stellung zu
-verschaffen, die seinen Fähigkeiten zukommt. Das ist doch ein
-zukünftiger Diplomat! An jenem entsetzlichen Tage hat er mich so gut wie
-vom Tode errettet, als er in der Nacht herkam! Nun, Ihr Freund Rakitin
-aber kommt immer in so greulichen Stiefeln und schiebt sie dann noch
-obendrein so weit auf dem Teppich vor ... mit einem Wort, er begann
-schon einige Andeutungen zu machen, und einmal drückte er mir beim
-Abschied ganz unglaublich fest die Hand. Kaum aber hatte er mir so
-schmerzhaft die Hand gepreßt, als mein Fuß krank wurde. Rakitin hatte
-auch früher schon Pjotr Iljitsch bei mir angetroffen, und glauben Sie
-mir, immer gingen sie wie die Kampfhähne aufeinander los, immer
-versuchte Rakitin, ihn irgendwie anzugreifen. Ich betrachtete sie dann
-nur stillschweigend und dachte mir mein Teil. Und da, eines schönen
-Tages saß ich allein, das heißt ich lag damals hier auf der Couchette,
-und plötzlich wird mir Michail Iwanowitsch Rakitin gemeldet. Er kommt,
-und stellen Sie sich so etwas vor – er überreicht mir ein Gedicht, das
-er auf meinen kranken Fuß gemacht hat, er hat das ‚kranke Füßchen‘ in
-Versen besungen! Warten Sie, wie war es doch:
-
- ‚Ach, wie ist doch dieses Füßchen,
- Das jetzt krank sein soll, entzückend ...‘
-
-oder so ähnlich, ich kann alles eher, als Verse behalten. Ich habe das
-Gedicht hier irgendwo, ich werde es Ihnen später zeigen. Und wissen Sie,
-es war darin nicht nur vom Füßchen die Rede, sondern es handelte sich um
-eine belehrende Idee, nur habe ich vergessen, um welch eine eigentlich.
-Nun, ich lobte natürlich das Gedicht, und er war offenbar sehr
-geschmeichelt. Da aber erscheint plötzlich Pjotr Iljitsch, und Michail
-Iwanowitsch wird finster wie die Nacht. Ich bemerkte sofort, daß er ihm
-sehr ungelegen kam, da er wahrscheinlich nach dem Gedicht noch anderes
-hatte sagen wollen. Und da nahm ich denn das Gedicht und zeigte es Pjotr
-Iljitsch, ohne zu sagen, wer es verfaßt hatte. Ich bin aber überzeugt,
-überzeugt sage ich Ihnen, daß er sofort erriet, wer der Dichter war,
-obgleich er auch jetzt noch immer sagt, er hätte es nicht erraten, –
-aber das tut er ja absichtlich. Nun, Pjotr Iljitsch lachte sofort hell
-auf und dann begann er zu kritisieren: ganz erbärmliche Verschen wären
-das, sagte er, die kann höchstens ein Seminarist verbrochen haben, und,
-wissen Sie, er sagte es mit so einer Sicherheit – und so überlegen
-urteilte er! Da aber geriet Ihr Freund, anstatt gleichfalls zu lachen,
-geradezu außer sich. Gott, ich glaubte schon, sie würden handgemein
-werden. ‚Ich habe dieses Gedicht verfaßt,‘ sagte er plötzlich. ‚Ich habe
-es nur zum Scherz geschrieben,‘ sagt er, ‚denn im allgemeinen halte ich
-es für eine Unwürdigkeit, Gedichte zu schreiben ... Nur ist mein Gedicht
-gut. Ihrem Puschkin will man für seine Gedichte über die Frauenfüßchen
-ein Denkmal errichten, mein Gedicht drückt aber noch eine besondere Idee
-aus. Im übrigen,‘ sagt er, ‚sind Sie ja schließlich doch nur ein
-Anhänger der konservativen Partei, der gegen die Aufhebung der
-Leibeigenschaft ist. Sie,‘ sagte er, ‚wissen überhaupt nichts von
-Humanität, von den zeitgenössischen Gefühlen fühlen Sie überhaupt
-nichts, die menschliche Entwicklung hat Sie überhaupt noch nicht
-berührt, Sie sind nur ein höherer Beamter, der Schmiergelder nimmt!‘ Da
-aber unterbrach ich ihn, das war zuviel! Pjotr Iljitsch aber blieb ganz
-ruhig und kühl: er blickte ihn nur spöttisch an, hörte ihm gleichmütig
-zu und machte dann seine Entschuldigung. ‚Ich wußte nicht, daß Sie der
-Verfasser sind,‘ sagte er. ‚Wenn ich es gewußt hätte, so hätte ich das
-Gedicht gelobt und nicht getadelt ... Die Dichter,‘ sagte er, ‚sind
-heutzutage alle sehr empfindlich ...‘ Kurz, eine Menge ähnlicher
-spöttischer Bemerkungen unter dem Anschein der höflichsten
-Entschuldigungen. Er hat mir später selbst erklärt, daß es Spötteleien
-waren, zuerst glaubte ich, er meinte es wirklich ernst damit. Ich lag
-hier, wie ich auch jetzt hier liege, und dachte so bei mir: was soll ich
-tun, soll ich nun Michail Iwanowitsch die Tür weisen dafür, daß er in
-meinem Hause so meine Gäste zu beleidigen wagt? Und, glauben Sie mir,
-ich lag, ich bedeckte die Augen mit der Hand und dachte bei mir: Soll
-ich es tun oder soll ich es nicht tun? Und ich konnte mich nicht
-entscheiden, und ich quälte mich, und das Herz klopfte: Soll ich oder
-soll ich nicht? Die eine Stimme sagte ja, die andere nein. Kaum aber
-hatte die Stimme nein gesagt – da tat ich es. Und gleich darauf fiel ich
-in Ohnmacht. Nun, da gab es dann natürlich eine große Aufregung. Darauf
-erhob ich mich und sagte Michail Iwanowitsch, es täte mir leid, ihm
-sagen zu müssen, daß ich ihn nicht mehr in meinem Hause empfangen könne.
-Und das war alles. Ach, Alexei Fedorowitsch, ich weiß ja selbst, daß es
-nicht gut von mir war, daß es eine erlogene Handlung von mir war, ich
-ärgerte mich ja gar nicht über ihn, aber es hatte mir plötzlich
-geschienen – daß es so plötzlich kam, war ja das ganze Verhängnis – es
-hatte mir geschienen, daß es sich sehr schön machen würde, wenn ich es
-sagte ... Nur glauben Sie mir, diese Szene war wirklich aufrichtig von
-mir, ich weinte sogar, und später habe ich noch tagelang darüber geweint
-... Nur weiß ich nicht mehr, wie ich eines schönen Tages nach dem Essen
-plötzlich den ganzen Vorfall vergaß. Und da stellte er denn seine
-Besuche ein, seit zwei Wochen habe ich ihn nicht mehr gesehen, und so
-habe ich mich schon gefragt: Sollte er denn wirklich überhaupt nicht
-mehr kommen? Das war noch gestern. Und da erhalte ich plötzlich abends
-die ‚Gerüchte‘. Ich las sie und schlug die Hände zusammen! Wer soll denn
-das geschrieben haben, wenn nicht er? Er ist von mir nach Haus gegangen,
-hat sich hingesetzt und geschrieben, abgeschickt, und nun haben wir es
-hier gedruckt! Das war ja doch vor zwei Wochen! Ach, Aljoscha, es ist
-schrecklich, was ich rede! Und immer gar nicht davon, wovon ich
-eigentlich reden will! Es spricht sich ganz von selbst.“
-
-„Ich habe heute leider sehr wenig Zeit, ich muß mich beeilen, um noch
-rechtzeitig zu meinem Bruder ins Gefängnis zu kommen,“ stotterte
-Aljoscha und machte gleichzeitig den Versuch, sich von der lebhaften
-Dame zu verabschieden, doch wurde er sofort von ihr unterbrochen.
-
-„Da ist es ja! Gott sei Dank, Sie haben mich daran erinnert! Hören Sie,
-was ist das, ein Affekt?“
-
-„Was für ein Affekt?“ fragte Aljoscha verwundert.
-
-„Ein gerichtlicher Affekt. Das ist so ein Affekt, ich verstehe es selbst
-nicht zu erklären, aber jedenfalls wird einem dann alles verziehen. Was
-Sie auch verbrochen hätten – Ihnen wird sofort alles verziehen.“
-
-„Ich verstehe nicht recht, was Sie meinen.“
-
-„Hören Sie, hören Sie: Diese Katjä ... Ach, sie ist ein so liebes,
-liebes Geschöpf, nur kann ich auf keine Weise herausbekommen, in wen sie
-nun eigentlich verliebt ist! Vor kurzem saß sie noch bei mir, ich konnte
-aber nichts erraten. Um so weniger, als sie jetzt selbst anfängt mit mir
-so oberflächlich zu reden, sie interessiert sich jetzt scheinbar nur
-noch für meine Gesundheit und sonst für nichts, und so hat sie jetzt
-auch diesen Ton angenommen. Ich habe mir schon gesagt: Nun, Gott mit
-ihr, mag sie doch ... Ach ja, richtig, also der Affekt: Dieser Doktor
-ist jetzt angekommen ... Wissen Sie, daß er schon angekommen ist? Ach,
-nun, wie sollten Sie es denn nicht wissen, der die Verrückten
-durchschaut, Sie haben ihn doch selbst hergerufen, das heißt, nein,
-nicht Sie, sondern Katjä. Immer Katjä! Nun, das ist einfach so: Es sitzt
-ein ganz gesunder Mensch, der nicht ein bißchen verrückt ist, und
-plötzlich hat er einen Affekt. Er weiß sehr wohl, was er tut, er ist
-vollkommen bei Sinnen, doch trotzdem ist er im Affekt. Nun, so ist denn
-auch Ihr Bruder bestimmt im Affekt gewesen. Das hat man jetzt, vor
-kurzem, als die neuen Gerichte eingeführt wurden, sofort entdeckt. Das
-ist wiederum eine Wohltat der neuen Gerichte. Dieser Doktor war auch bei
-mir, um von mir zu erfahren, wie Ihr Bruder damals, kurz vor dem Morde,
-an jenem Abend, sich bei mir aufgeführt habe? Wie soll er denn nicht im
-Affekt gewesen sein? Er kommt herein und schreit: Geben Sie mir Geld,
-dreitausend Rubel, sofort, – und dann läuft er hinaus und erschlägt den
-Vater. Ich will nicht, sagt er womöglich noch, ich will nicht
-erschlagen, doch da ist es schon gegen seinen Willen geschehen. Deswegen
-wird man ihn jetzt auch freisprechen, weil er im Affekt, sozusagen gegen
-seinen Willen, erschlagen hat.“
-
-„Aber er hat ja gar nicht den Vater erschlagen,“ unterbrach sie Aljoscha
-etwas scharf. Unruhe und Ungeduld erfaßten ihn immer mehr.
-
-„Ich weiß, ich weiß, Grigorij hat Ihren Vater erschlagen ...“
-
-„Was, Grigorij? Wieso?“ rief Aljoscha aufs äußerste erregt.
-
-„Selbstverständlich, wer denn sonst? Nachdem ihn Ihr Bruder mit dem
-Keulenschlage zu Boden gestreckt hatte, lag er bewußtlos am Zaun, dann
-aber stand er auf, sah, daß die Tür offen war, ging hin und erschlug
-Ihren Vater.“
-
-„Aber warum, warum?“
-
-„Ganz einfach, weil er einen Affekt hatte. Nach dem Schlage erwachte er,
-bekam einen Affekt, ging hin und erschlug. Und was das betrifft, daß er
-diese Tat leugnet, so ist es doch sehr leicht möglich, daß er sich ihrer
-gar nicht mehr erinnert. Nur sehen Sie: Es wäre viel besser, wenn
-Dmitrij Fedorowitsch es getan hätte. Und er hat es ja auch getan, ganz
-abgesehen davon, daß ich sage, Grigorij hätte es getan. Aber es ist ja
-bestimmt Dmitrij Fedorowitsch gewesen, und das ist auch viel, viel
-besser! Ach, nicht deswegen besser, weil der Sohn dann den Vater
-erschlagen hat, das meine ich nicht, Kinder müssen, im Gegenteil, ihre
-Eltern immer achten, – nur wäre es trotzdem besser, wenn er es getan
-hätte. Dann haben Sie doch gar keinen Grund mehr, zu weinen, da er doch,
-ohne zu wissen, was er tat, den Vater erschlagen hat, oder richtiger, er
-wußte alles, was er tat, wußte aber nur nicht, was mit ihm selbst
-geschah. Nein, möge man ihn lieber auf Grund des Affektes freisprechen.
-Das wäre so human, und zudem würde man endlich einmal die Wohltat des
-neuen Gerichtes einsehen. Denken Sie nur, ich wußte bis jetzt noch
-nichts davon, als ich aber gestern davon erfuhr, traf es mich dermaßen,
-daß ich sofort zu Ihnen schicken wollte, um Sie herzubitten. Und dann,
-wenn er freigesprochen ist, werde ich ihn unverzüglich zu mir zum Diner
-einladen – ihn und alle meine Bekannten. Dann können wir auf das Wohl
-der neuen Gerichte trinken. Ich glaube nicht, daß er gefährlich sein
-wird, und zudem kann ich ja so viel Gäste einladen, daß man ihn im
-äußersten Fall bändigen könnte. Und dann könnte er in einer kleinen
-Stadt Friedensrichter werden oder so etwas Ähnliches, denn wer selbst
-vor Gericht gewesen ist, der kann am besten andere richten. Sagen Sie
-doch, bitte, wer ist denn jetzt in unserer Zeit nicht im Affekt? Wir
-sind es doch alle, ohne Ausnahme: Sie, ich, alle, alle, und wieviel
-andere Beispiele! Da sitzt zum Beispiel ein Mensch, singt eine Romanze,
-plötzlich gefällt ihm irgend etwas nicht, er nimmt eine Pistole und
-erschießt den ersten besten, und darauf wird er freigesprochen, und alle
-verzeihen ihm. Ich habe das vor kurzem gelesen. Und denken Sie, alle
-Doktoren geben ihm recht. Die Doktoren sprechen jetzt einen jeden frei,
-einen jeden. Aber ich bitte Sie, selbst Lise ist bei mir im Affekt, noch
-gestern habe ich ihretwegen geweint, vorgestern gleichfalls. Erst heute
-erriet ich, daß es bei ihr einfach ein Affekt ist. Ach, Lise machte mir
-soviel Sorgen! Ich glaube, sie ist ganz von Sinnen. Warum hat sie Sie
-hergerufen? Sie hat es doch getan, oder sind Sie von selbst zu ihr
-gekommen?“
-
-„Ja, sie hat mich gerufen, und ich werde jetzt zu ihr gehen,“ sagte
-Aljoscha, der sich entschlossen erhob.
-
-„Ach, lieber, lieber Alexei Fedorowitsch, das ist ja vielleicht gerade
-die Hauptsache!“ rief sofort Frau Chochlakoff mit Tränen in den Augen.
-„Gott ist mein Zeuge, daß ich Ihnen Lise von ganzem Herzen anvertraue,
-und es hat ja auch schließlich weiter nichts zu sagen, daß sie Sie
-heimlich hinter meinem Rücken zu sich ruft. Aber Iwan Fedorowitsch,
-Ihrem Bruder, – verzeihen Sie, daß ich es so offen sage –, nein, dem
-kann ich meine Tochter nicht so leichten Herzens anvertrauen, wenn ich
-ihn auch nach wie vor für den ritterlichsten jungen Mann halte. Und
-denken Sie sich nur, jetzt ist er plötzlich bei Lise gewesen, und ich
-habe nichts davon gewußt!“
-
-„Wie? Was? Wann?“ fragte Aljoscha äußerst erstaunt. Er setzte sich nicht
-wieder hin, sondern hörte stehend zu.
-
-„Ich werde Ihnen sofort alles erzählen, habe ich Sie doch vielleicht nur
-deswegen herrufen lassen, denn ich weiß wirklich nicht mehr, warum ich
-es eigentlich tat. Also hören Sie: Iwan Fedorowitsch ist nach seiner
-Rückkehr aus Moskau im ganzen nur zweimal bei mir gewesen, daß erstemal,
-um als Bekannter seine Visite zu machen, und das zweitemal, das war vor
-nicht langer Zeit, da hatte er erfahren, daß Katjä bei mir war, und so
-trat er denn auf einen Augenblick ein. Ich habe natürlich keine
-Ansprüche darauf, daß er mich oft besuche, da ich ja weiß, wieviel
-Scherereien er auch ohnedem schon hat, _vous comprenez – toute cette
-affaire et la mort terrible de votre papa_. Und da erfahre ich nun
-plötzlich, daß er wieder hier gewesen sei, nur nicht etwa bei mir,
-sondern bei Lise! Das war vor ungefähr sechs Tagen. Er war gekommen,
-hatte fünf Minuten bei ihr gesessen und war dann wieder gegangen. Ich
-aber erfuhr das erst nach ganzen drei Tagen durch Glafira, so daß es
-mich sofort stutzig machte. Ich rief Lise unverzüglich zu mir, sie aber
-lachte nur: er glaubte, sagte sie, daß Sie schliefen, und sprach bei mir
-vor, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen. So war es natürlich auch
-gewesen. Nur Lise, Lise, o Gott, was sie mir für Sorgen macht! Stellen
-Sie sich vor, plötzlich hat sie in einer Nacht – das war vor ungefähr
-vier Tagen, gleich nachdem, als Sie das letztemal hier waren und
-fortgingen – plötzlich hat sie in der Nacht einen Anfall! Warum habe ich
-nie solche Anfälle? Darauf hat sie noch am zweiten und dann noch am
-dritten Tage Anfälle, und dann – gestern war’s – plötzlich dieser
-Affekt! Mit einemmal schreit sie: ‚Ich hasse Iwan Fedorowitsch, ich
-verlange von Ihnen, daß Sie ihn überhaupt nicht mehr empfangen, daß Sie
-ihm verbieten, uns zu besuchen!‘ Ich war einfach starr. Und so
-plötzlich! Ich sagte ihr nur: Warum sollte ich denn einen so prächtigen
-jungen Mann nicht empfangen, der außerdem von so fabelhafter Intelligenz
-ist und nun noch so viel Unglück zu ertragen hat, denn alle diese
-Geschichten – die sind doch Unglück, aber kein Glück, nicht wahr? Und
-denken Sie sich, Sie lacht mir daraufhin ganz unverhohlen ins Gesicht
-und lacht dazu noch so, wissen Sie, so kränkend! Nun, ich sagte mir, du
-kannst froh sein, daß du sie wenigstens erheitert hast, jetzt werden die
-Anfälle vergehen, um so mehr, als ich selbst bereits beabsichtigte, Iwan
-Fedorowitsch wegen seiner sonderbaren Visiten bei meiner Tochter, ohne
-meine Erlaubnis, zur Rede zu stellen. Heute morgen erwacht Lise, ärgert
-sich wegen irgendeiner Kleinigkeit über Julija und schlägt sie mit der
-Hand ins Gesicht. Denken Sie sich – sie gibt ihr eine Ohrfeige! Das ist
-doch monströs! Aber hören Sie weiter. Plötzlich, nach einer Stunde,
-umarmt sie Julija, fällt vor ihr nieder und küßt ihr die Füße! Mir aber
-läßt sie sagen, daß sie überhaupt nicht mehr zu mir kommen werde, daß
-sie hinfort nie mehr zu mir kommen wolle. Und als ich mich selbst, so
-gut ich konnte, zu ihr hinbegab, da stürzte sie mir entgegen und
-bedeckte mich mit Küssen, und küssend drängte sie mich immer weiter
-zurück, so daß ich schließlich durch die Tür wieder hinaus mußte, aber
-sie sagte dabei kein Wort, und so war ich denn nicht klüger als zuvor.
-Jetzt habe ich, lieber Alexei Fedorowitsch, meine ganze Hoffnung auf Sie
-gesetzt. Das Glück meines ganzen Lebens ist in Ihren Händen. Ich bitte
-Sie ganz offen, zu Lise zu gehen. Versuchen Sie, etwas von ihr zu
-erfahren, so wie nur Sie allein das verstehen, und dann kommen Sie her
-und sagen Sie es mir, mir, der Mutter, denn Sie begreifen doch, daß ich
-sonst sterbe, einfach sterben muß, wenn sich das noch fortsetzt. Oder
-ich werde aus dem Hause laufen. Ich kann das nicht mehr ertragen. Ich
-habe gewiß Geduld, aber ich kann sie doch auch einmal verlieren, und
-dann ... was wird dann sein? Entsetzlich! Ach, mein Gott, endlich, Pjotr
-Iljitsch!“ rief plötzlich strahlend Frau Chochlakoff, als sie Perchotin,
-der sofort nach dem Diener eintrat, erblickte. „Wie Sie sich aber
-verspätet haben! Nun, setzen Sie sich, bitte, sagen Sie, erlösen Sie
-mich, nun, wie steht es mit diesem Advokaten? Wohin, wohin gehen Sie,
-Alexei Fedorowitsch?“
-
-„Ich will zu Lise ...“
-
-„Ach ja! richtig! Aber vergessen Sie nicht, vergessen Sie nicht, um was
-ich Sie gebeten habe! Hier handelt es sich doch um mein ganzes Leben!“
-
-„Ich werde es nicht vergessen, wenn es nur angeht ... ich habe mich
-schon so verspätet,“ stotterte Aljoscha, der eiligst verschwinden
-wollte.
-
-„Nein, bestimmt, bestimmt! Nicht ‚wenn es angeht‘, sonst sterbe ich!“
-rief ihm Frau Chochlakoff nach, doch Aljoscha schloß bereits die Tür.
-
-
- III.
- Das Teufelchen
-
-Als er bei Lisa eintrat, fand er sie halb liegend in dem Rollstuhl, in
-dem man sie früher, als sie noch nicht wieder gehen konnte, gefahren
-hatte. Sie rührte sich nicht, um ihm entgegenzutreten, aber ihr
-durchdringender, gleichsam scharf und spitz gewordener Blick schien ihn
-durchbohren zu wollen. Ihre Augen glänzten wie im Fieber, und ihr
-Gesicht war bleich. Aljoscha wunderte sich darüber, daß sie sich in drei
-Tagen dermaßen verändert hatte, sie schien geradezu abgemagert zu sein.
-Sie reichte ihm nicht die Hand. Da trat er zu ihr und berührte selbst
-ihre schmalen langen Fingerchen, die regungslos auf ihrem Kleide lagen,
-und setzte sich dann schweigend ihr gegenüber.
-
-„Ich weiß, daß Sie keine Zeit haben, Sie wollen ins Gefängnis zu Ihrem
-Bruder gehen,“ sagte Lisa scharf, „Mama aber hat Sie zwei Stunden lang
-aufgehalten und Ihnen von mir und Julija erzählt.“
-
-„Woher wissen Sie das?“ fragte Aljoscha.
-
-„Ich habe gehorcht. Warum sehen Sie mich so an? Ich will horchen, und
-ich horche, und es ist nichts Schlechtes dabei. Ich will mich durchaus
-nicht entschuldigen.“
-
-„Sie scheinen durch etwas mißgestimmt zu sein.“
-
-„Im Gegenteil, ich bin sehr froh. Ich habe soeben noch zum
-dreißigstenmal darüber nachgedacht, wie gut es ist, daß ich Ihnen
-abgesagt habe und nicht Ihre Frau werde. Sie taugen nicht zum Ehemann.
-Sie würden, wenn ich Sie heiratete, alles tun, was ich Ihnen sage. Wenn
-ich Ihnen dann einen Zettel gebe, um ihn dem zu überbringen, in den ich
-mich nach Ihnen verliebt habe, so würden Sie bestimmt hingehen und ihm
-den Zettel abgeben und mir womöglich noch die Antwort überbringen. Sie
-werden vierzig Jahre alt werden und immer noch so meine Liebesbriefe
-überbringen.“
-
-Sie lachte plötzlich auf.
-
-„In Ihnen ist heute etwas Boshaftes und zugleich doch auch
-Aufrichtiges,“ sagte Aljoscha, und lächelte ihr zu.
-
-„Das Aufrichtige ist, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme. Und nicht nur
-das, ich _will_ mich nicht einmal vor Ihnen schämen, gerade vor Ihnen
-nicht. Aljoscha, sagen Sie, warum achte ich Sie nicht? Ich liebe Sie
-sehr, aber ich kann Sie nicht achten. Wenn ich Sie achtete, so würde ich
-doch nicht so ohne Scham mit Ihnen reden, das ist doch so?“
-
-„Ja, das wäre so.“
-
-„Aber glauben Sie auch, daß ich mich nicht vor Ihnen schäme?“
-
-„Nein, das glaube ich nicht.“
-
-Lisa lachte wieder nervös auf. Sie sprach schnell und sich überhastend.
-
-„Ich habe Ihrem Bruder Dmitrij Fedorowitsch Konfekt ins Gefängnis
-geschickt. Aljoscha, wissen Sie auch, wie reizend Sie sind? Ich werde
-Sie schrecklich lieben, und zwar deswegen, weil Sie mir so schnell
-erlaubt haben, Sie nicht zu lieben.“
-
-„Warum haben Sie mich heute zu sich gerufen, Lise?“
-
-„Ich wollte Ihnen nur einen meiner Wünsche mitteilen, den ich jetzt
-beständig habe. Ich will, daß mich jemand foltere, mich heiratete und
-dann folterte, betröge, mich verließe und fortginge. Ich will nicht
-glücklich sein!“
-
-„Sie haben die Unordnung lieb gewonnen?“
-
-„Ach ja, ich will vor allem Unordnung! Ich will immer unser Haus
-anzünden. Ich stelle mir alles ganz genau vor: wie ich so heranschleiche
-und heimlich anzünde, unbedingt heimlich, das ist sogar die Hauptsache.
-Und alle kommen und löschen, das Haus aber brennt. Und ich weiß es, doch
-ich schweige. Ach, Dummheiten! Und wie langweilig es ist!“
-
-Sie machte eine Handbewegung, als wenn es sie anekelte.
-
-„Sie leben im Überfluß,“ sagte Aljoscha leise.
-
-„Ist denn in Armut zu leben, etwa besser?“
-
-„Ja.“
-
-„Das hat Ihnen Ihr verstorbener Staretz in den Kopf gesetzt. Es ist aber
-nicht wahr. Nun gut, dann bin ich reich, und alle anderen sind arm; ich
-werde Schokolade und Marzipan essen und Sahne trinken, den anderen aber
-nichts davon geben. Ach, sprechen Sie nicht, sagen Sie nichts“ (sie
-winkte ihm heftig mit der Hand ab, obgleich Aljoscha nicht einmal den
-Mund aufgetan hatte), „Sie haben mir das alles schon früher gesagt, ich
-kann es ja schon auswendig. Langweilig ist es. Wenn ich arm wäre, so
-würde ich jemanden totschlagen, – aber auch wenn ich reich bin, werde
-ich jemanden totschlagen – wozu so stillsitzen! Wissen Sie, ich will
-Korn schneiden, Roggen will ich schneiden. Ich werde Sie heiraten, und
-Sie werden Bauer werden, ein richtiger, echter Landbauer; dann kaufen
-wir uns ein kleines Pferdchen, wollen Sie? Kennen Sie Petruscha
-Kalganoff?“
-
-„Ja.“
-
-„Er geht die ganze Zeit umher und träumt. Er sagt, warum soll man in der
-Wirklichkeit leben, besser ist träumen. Vorträumen kann man sich das
-Schönste, leben aber ist langweilig. Er wird bald heiraten, er hat auch
-mir seine Liebe gestanden. Verstehen Sie, Kreisel zu treiben?“
-
-„Ja, ich glaube.“
-
-„Sehen Sie, er ist ganz wie ein Kreisel: man stellt ihn hin, wickelt das
-Peitschenende ums Füßchen, zieht dann die Geschichte los, und er dreht
-sich, dreht sich, und man peitscht, peitscht, peitscht, damit er sich
-immer weiter drehe. Ich werde ihn heiraten und ihn das ganze Leben lang
-so treiben wie Kinder ihren Kreisel. Geniert es Sie nicht, bei mir zu
-sitzen?“
-
-„Nein.“
-
-„Es ärgert Sie schrecklich, daß ich nicht von Heiligem mit Ihnen
-spreche. Ich will nicht heilig sein. Sagen Sie, was geschieht mit einem
-in jener anderen Welt, was wird dort für die ärgste Sünde mit uns getan?
-Das müssen Sie doch ganz genau wissen.“
-
-„Gott richtet,“ sagte Aljoscha, der sie aufmerksam beobachtete.
-
-„Das ist gut, so will ich es auch haben. Ich würde hinkommen, und sie
-alle würden mich dort verurteilen, und ich würde ihnen dann ins Gesicht
-lachen. Ich will schrecklich gern etwas anzünden, Aljoscha, am liebsten
-unser Haus, – Sie glauben es mir nicht?“
-
-„Warum nicht? Es gibt sogar kleine Kinder, die noch nicht einmal zwölf
-Jahre alt sind und doch denselben Wunsch haben. Und schließlich zünden
-sie auch tatsächlich etwas an. Es ist eine Art Krankheit.“
-
-„Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, mögen das Kinder tun, davon
-rede ich nicht.“
-
-„Sie halten das Böse für gut. Das ist nur eine vorübergehende Krise, an
-der vielleicht Ihre frühere Krankheit schuld ist.“
-
-„Aha, Sie verachten mich also! Nein, ich will einfach nichts Gutes tun,
-ich will nur Böses tun, und von Krankheit ist hier keine Spur.“
-
-„Warum wollen Sie denn Böses tun?“
-
-„Einfach damit nichts mehr übrigbleibt. Ach, wie schön das wäre, wenn
-nichts mehr übrig bliebe! Wissen Sie, Aljoscha, ich nehme mir zuweilen
-vor, schrecklich viel Böses zu tun und alles, was es nur Schlechtes
-gibt, und ich werde es lange, lange ganz heimlich tun, und dann
-plötzlich werden es alle erfahren. Alle werden sie mich umringen und mit
-den Fingern auf mich weisen, ich aber werde sie alle ansehen. Das ist
-sehr angenehm. Warum ist das so angenehm, Aljoscha?“
-
-„So. Das Bedürfnis etwas Gutes zu vernichten oder auch, wie Sie sagen,
-etwas anzuzünden. Das kommt gleichfalls vor.“
-
-„Aber ich habe es doch nicht nur gesagt, ich werde es doch auch tun.“
-
-„Das will ich glauben.“
-
-„Ach, wie ich Sie dafür liebe, daß Sie gesagt haben: Das will ich
-glauben. Und Sie lügen ja dabei nicht einmal! Vielleicht aber glauben
-Sie, daß ich es Ihnen absichtlich nur so sage, um Sie zu necken?“
-
-„Nein, das glaube ich nicht ... übrigens ist vielleicht auch dieses
-Bedürfnis mit im Spiel.“
-
-„Ein wenig, ja. Ich werde Sie nie belügen,“ sagte sie plötzlich, und in
-ihren Augen begann ein arges, kleines Feuer zu glühen.
-
-Was Aljoscha am meisten stutzig machte, das war ihr Ernst: nicht einmal
-ein Schatten von Spott oder Scherz war auf ihrem Gesicht zu sehen, was
-früher selbst in den „ernstesten“ Minuten nie der Fall gewesen war.
-
-„Es gibt Augenblicke, in denen die Menschen das Verbrechen geradezu
-lieben,“ sagte Aljoscha, in Gedanken versunken.
-
-„Ja, ja! Sie haben meinen Gedanken ausgedrückt, ich wollte das selbst
-sagen. Alle lieben es, und immer lieben sie es, immer, nicht nur in
-‚Augenblicken‘. Wissen Sie, es ist, als ob sich alle einmal verabredet
-hätten, in diesen Dingen immer zu lügen, und seit der Zeit lügen sie
-auch wirklich alle. Alle sagen, sie haßten das Schlechte, im geheimen
-aber lieben sie es doch alle, alle!“
-
-„Lesen Sie immer noch schlechte Bücher?“
-
-„Ja, ich lese sie immer noch. Mama liest sie und steckt sie unters
-Kissen, und ich stibitze sie dann und schleppe sie zu mir.“
-
-„Schämen Sie sich denn nicht, sich so zu verderben?“
-
-„Ich will mich verderben. Hier gibt es einen kleinen Knaben, der
-zwischen den Schienen gelegen hat, während der Zug über ihn hinwegfuhr.
-Der Glückliche! Wissen Sie, Ihren Bruder wird man deswegen verurteilen,
-weil er den Vater erschlagen hat, bei sich aber finden das alle sehr
-gut, und es gefällt ihnen sehr.“
-
-„Es gefällt ihnen, daß er den Vater erschlagen hat?“
-
-„Ja, das gefällt ihnen, allen, allen! Alle sagen, daß das schrecklich
-sei, im geheimen aber gefällt es ihnen furchtbar. Ich bin die erste, der
-es gefällt.“
-
-„In Ihren Worten liegt etwas Wahres,“ sagte Aljoscha halblaut vor sich
-hin.
-
-„Ach, was Sie für Gedanken haben!“ rief Lisa ganz begeistert. „Aber Sie
-sind doch Mönch! Sie glauben mir nicht, wie ich Sie dafür achte, daß Sie
-niemals lügen. Ach, ich werde Ihnen einen lächerlichen Traum erzählen,
-den ich gehabt habe: mir träumt zuweilen von Teufeln; es ist, als wäre
-es Nacht, ich sitze allein in meinem Zimmer, auf dem Tisch brennt ein
-Licht. Und plötzlich sind überall Teufel, in allen Ecken und unter dem
-Tisch, unter den Stühlen, und sie machen sogar die Tür auf, und dort
-hinter der Tür ist ihrer eine ganze Schar, und sie wollen alle
-hereinkommen und mich ergreifen. Und schon kommen sie näher, schon
-fassen sie mich an – da aber bekreuze ich mich schnell, und sie weichen
-alle zurück, sie fürchten sich, nur gehen sie doch nicht ganz fort, sie
-bleiben hinter der Tür, in den Ecken, sie warten. Und plötzlich
-überkommt mich die Lust, laut über Gott zu spotten, und so fange ich
-denn an Gott zu verspotten, und da kommen sie denn wieder in hellen
-Haufen auf mich zu, sie freuen sich so darüber, und da fassen sie mich
-auch schon wieder an – ich aber bekreuze mich schnell, und da huschen
-sie denn wieder alle flugs zurück. Ach, so lustig ist das, der Atem
-bleibt einem stehen!“
-
-„Auch ich habe zuweilen denselben Traum,“ sagte plötzlich Aljoscha.
-
-„Ist’s möglich?“ fragte Lisa erstaunt. „Hören Sie, Aljoscha, lachen Sie
-nicht, das ist sehr ernst: können denn zwei verschiedene Menschen ein
-und denselben Traum haben?“
-
-„Warum denn nicht?“
-
-„Aljoscha, ich sage Ihnen, das ist furchtbar wichtig!“ Lisa war ganz
-unverhältnismäßig erregt und betroffen. „Nicht der Traum ist wichtig,
-sondern das, daß zwei verschiedene Menschen ein und denselben Traum
-gehabt haben. Sie sagen mir doch nie die Unwahrheit, bitte, lügen Sie
-auch jetzt nicht: Ist das wirklich wahr? Sie machen sich doch nicht über
-mich lustig?“
-
-„Es ist vollkommen wahr, was ich Ihnen gesagt habe.“
-
-Lisa war ganz betroffen und verstummte auf eine Weile.
-
-„Aljoscha, kommen Sie öfter zu mir!“ sagte sie plötzlich geradezu
-flehend.
-
-„Ich werde immer, mein ganzes Leben lang werde ich zu Ihnen kommen,“
-antwortete Aljoscha, und seine Stimme hatte, als er sein Versprechen
-gab, einen festen, ernsten Klang.
-
-„Ich kann doch nur Ihnen allein alles sagen,“ fuhr Lisa fort. „Nur mir
-und Ihnen sage ich alles. Von anderen Menschen nur Ihnen allein in der
-ganzen Welt. Und Ihnen sage ich es noch lieber als mir. Und ich schäme
-mich gar nicht vor Ihnen, nicht ein bißchen. Aljoscha, warum schäme ich
-mich nicht vor Ihnen? Aljoscha, ist es wahr, daß die Juden zu Ostern
-kleine Christenkinder stehlen und dann schlachten?“
-
-„Das weiß ich nicht.“
-
-„Ich habe hier ein Buch, darin habe ich von einer Gerichtsverhandlung
-gelesen: ein Jude hatte einem vierjährigen Knaben alle Fingerchen
-abgeschnitten, von beiden Händchen, und dann hatte er ihn gekreuzigt,
-einfach mit Nägeln an die Wand geschlagen. Vor Gericht aber hat er
-gesagt, der Knabe sei _bald_ gestorben, ungefähr nach vier Stunden. Das
-ist doch sehr ‚bald‘ – nicht wahr? Er sagt noch, der Kleine habe
-gestöhnt, die ganze Zeit gestöhnt – er aber hat vor ihm gesessen und
-sich daran ergötzt. Das muß sehr schön gewesen sein.“
-
-„Schön?“
-
-„Ja, schön. Ich stelle mir zuweilen vor, daß ich den Kleinen so
-gekreuzigt hätte. Er hängt an der Wand, ich aber setze mich vor ihn hin
-und esse Ananaskompott. Ich esse sehr gern Ananaskompott. Sie auch?“
-
-Aljoscha blickte sie schweigend an. Ihr bleiches Gesicht verzerrte sich
-plötzlich, und ihre Augen erglühten.
-
-„Wissen Sie, als ich das von jenem Juden gelesen hatte, habe ich die
-ganze Nacht geweint und gezittert. Ich stellte mir vor, wie der Knabe
-schreit und stöhnt – vierjährige Kinder begreifen doch schon – ich aber
-kann den Gedanken an das Kompott nicht loswerden. Am Morgen stand ich
-auf und schickte einem gewissen Menschen einen Brief mit der Bitte,
-_unbedingt_ zu mir zu kommen. Er kam, und ich erzählte ihm plötzlich von
-diesem Knaben und dem Ananaskompott, erzählte ihm _alles, alles_, und
-ich sagte ihm auch, das es ‚schön‘ sei. Da lachte er und sagte, es sei
-tatsächlich schön. Darauf erhob er sich und ging fort. Er hatte hier im
-ganzen nur fünf Minuten gesessen. Verachtete er mich, ja? Sagen Sie,
-sagen Sie doch, Aljoscha, verachtete er mich, oder verachtete er mich
-nicht?“ Sie saß steif aufgerichtet in ihrem Lehnstuhl, und ihre Augen
-glühten.
-
-„Sagen Sie mir,“ fragte Aljoscha erregt, „haben Sie ihn selbst gerufen,
-diesen Menschen?“
-
-„Ja, ich selbst.“
-
-„Sie haben ihm einen Brief geschrieben?“
-
-„Ja, einen Brief.“
-
-„Nur um ihn das zu fragen, das von dem Kinde?“
-
-„Nein, durchaus nicht deshalb, durchaus nicht. Als er aber eintrat,
-fragte ich ihn sofort, wie er das fände. Er antwortete, lachte,
-verbeugte sich und ging.“
-
-„Dieser Mensch hat sich ehrenhaft Ihnen gegenüber benommen,“ sagte
-Aljoscha halblaut.
-
-„Aber er hat mich verachtet? Sich über mich lustig gemacht?“
-
-„Nein, denn er glaubt vielleicht selbst an das Ananaskompott. Er ist
-jetzt gleichfalls sehr krank, Lise.“
-
-„Ja, er glaubt daran!“ Lisas Augen blitzten auf.
-
-„Er verachtet niemanden,“ fuhr Aljoscha fort. „Nur glaubt er auch
-niemandem. Wem er aber nicht glaubt, den, versteht sich, den verachtet
-er auch.“
-
-„Dann also auch mich? auch mich?“
-
-„Auch Sie.“
-
-„Das ist gut,“ sagte Lisa gleichsam knirschend. „Als er lachte und
-hinausging, da empfand ich zum erstenmal, daß es schön ist, verachtet zu
-werden. Und auch der Knabe mit den abgeschnittenen Fingern ist schön,
-und auch verachtet zu sein, ist schön ...“
-
-Sie blickte Aljoscha starr in die Augen und lachte, lachte boshaft – wie
-in auflodernder Bosheit.
-
-„Wissen Sie, Aljoscha, wissen Sie, ich wünschte ... Aljoscha, retten Sie
-mich!“ Sie sprang plötzlich auf von ihrem Rollstuhl, stürzte zu ihm und
-umklammerte ihn krampfhaft. „Retten Sie mich!“ entrang es sich ihr
-flehend und fast wie ein Gestöhn. „Kann ich denn auch nur einem einzigen
-Menschen in der Welt alles so sagen, wie ich es Ihnen gesagt habe? Ich
-habe doch die Wahrheit, die ganze, ganze Wahrheit gesagt! Ich werde mir
-das Leben nehmen, mich widert alles an! Ich will nicht leben, es ist
-alles ekelhaft! Alles, alles ist mir ekelhaft! Aljoscha, warum lieben
-Sie mich denn gar nicht, warum, warum lieben Sie mich nicht!“ schloß sie
-ganz verzweifelt.
-
-„Doch, ich liebe dich!“ verteidigte sich Aljoscha erregt, und in seinen
-Worten klang ein heißer Ton.
-
-„Werden Sie aber auch über mich weinen, werden Sie?“
-
-„Bestimmt!“
-
-„Ich danke Ihnen! Ich habe ja nur Ihre Tränen nötig. Die anderen alle,
-mögen die mich meinetwegen mit den Füßen zerstampfen, alle, alle, ohne
-auch nur _einen einzigen Menschen_ auszunehmen, jawohl, alle _ohne
-Ausnahme_! Denn ich liebe niemanden. Hören Sie, _nie–man–den_! Im
-Gegenteil, ich hasse alle! Gehen Sie, Aljoscha, Sie müssen sich beeilen,
-zum Bruder zu kommen!“ Sie hatte sich plötzlich von ihm losgerissen.
-
-„Aber wie werden Sie denn so zurückbleiben?“ fragte Aljoscha ganz
-erschrocken.
-
-„Gehen Sie zu Ihrem Bruder, das Gefängnis wird geschlossen, gehen Sie,
-hier ist Ihr Hut! Küssen Sie Mitjä, gehen Sie, aber so gehen Sie doch
-endlich!“
-
-Und sie schob Aljoscha beinahe mit Gewalt zur Tür hinaus. Der sah noch
-unentschlossen und besorgt aus, als er plötzlich fühlte, wie sie ihm ein
-kleines, hartes Briefchen in die Hand drückte. Unwillkürlich erhob er
-ein wenig die Hand und warf einen Blick auf das versiegelte Kuvert – er
-las: „Herrn Iwan Fedorowitsch Karamasoff.“ Aljoscha zuckte zusammen und
-warf einen Blick auf Lisa. Ihr Gesicht sah fast drohend aus.
-
-„Übergeben Sie es, übergeben Sie es unbedingt!“ befahl sie außer sich,
-am ganzen Körper zitternd. „Tun Sie es sofort, unverzüglich! Oder ich
-nehme Gift! Nur deswegen habe ich Sie zu mir gerufen!“
-
-Und heftig schlug sie die Tür zu ... nur eine kleine Spalte blieb.
-Aljoscha steckte den Brief in die Tasche und ging geradeswegs zur
-Treppe, ohne vorher noch bei Frau Chochlakoff einzutreten und sich von
-ihr zu verabschieden. Er hatte sie ganz vergessen. Kaum aber hatte sich
-Aljoscha entfernt, als Lise sofort die Tür aufriß, ihren Finger an den
-Türrahmen legte, die Tür wieder zuschlug und sie mit aller Gewalt gegen
-ihren eingeklemmten Finger preßte. Ungefähr nach zehn Sekunden
-vergrößerte sich die Spalte, sie zog die Hand zurück und ging langsam
-und leise zu ihrem Lehnstuhl, setzte sich steif aufgerichtet hin und
-betrachtete aufmerksam ihr blaurotes, blutunterlaufenes Fingerspitzchen
-und das dunkle Blut, das sie unter dem Nagel hervorgepreßt hatte. Ihre
-Lippen zitterten, und sie sagte leise, doch schnell vor sich hin:
-
-„Gemein, gemein, gemein, gemein bin ich!“
-
-
- IV.
- Die Hymne und das Geheimnis
-
-Es war schon sehr spät, als Aljoscha am Gefängnistor schellte. Es begann
-schon stark zu dunkeln – sind doch die Novembertage nicht lang. Aljoscha
-wußte aber, daß man ihn ungehindert zu Mitjä durchlassen werde.
-Vorsichtsmaßregeln werden in unserem Städtchen nicht anders als überall
-in der Welt beobachtet. Anfangs natürlich, als die Voruntersuchung noch
-nicht abgeschlossen war, da gab es noch verschiedene Schwierigkeiten zu
-überwinden, wenn man zu Mitjä gelangen wollte, doch mit der Zeit wurden
-diese Formalitäten, wenigstens für die Verwandten, bedeutend
-abgeschwächt, und schließlich wurden mit einigen von den Besuchern
-regelrechte Ausnahmen gemacht. Ja, zuweilen fanden die Zusammenkünfte in
-dem dazu bestimmten Zimmer so gut wie unter vier Augen statt. Übrigens
-wurden diese Ausnahmen doch nur mit wenigen gemacht: nur mit Gruschenka,
-Aljoscha und Rakitin. Gruschenka hatte das dem besonderen Wohlwollen
-unseres alten Polizeichefs Michail Makarowitsch zu danken. Dem Alten
-lagen immer noch die bösen Worte, mit denen er sie in Mokroje
-angeschrien hatte, auf der Seele. Später, als er den ganzen Sachverhalt
-erfahren hatte, änderte er seine Meinung über sie. Und sonderbar:
-obgleich er von Mitjäs Schuld fest überzeugt war, beurteilte er ihn,
-seitdem der „Verbrecher“ hinter Schloß und Riegel saß, doch viel
-nachsichtiger, empfand schließlich sogar fast Mitleid mit ihm. „Es war
-vielleicht ein herzensguter Mensch,“ meinte er, „hat sich aber durch
-Trunk und Ausschweifung selbst zugrunde gerichtet, ja, ja, wie’n oller
-Schwede bei Poltawa, jetzt ist nichts mehr zu machen!“ Was aber Aljoscha
-betrifft, so hatte ihn Michail Makarowitsch, der ihn schon lange kannte,
-aufrichtig ins Herz geschlossen, und Rakitin, der Mitjä in der Folge
-immer häufiger besuchte, war wiederum ein guter Bekannter von seinen
-Enkelinnen, die er oft besuchte; außerdem gab er im Hause des
-Gefängnisinspektors Privatstunden. Aljoscha war gleichfalls gut mit dem
-alten Inspektor bekannt, da jener gern mit ihm über „Allwissenheit im
-allgemeinen“ sprach. Iwan Fedorowitsch aber, oh, der! – vor dem hatte
-der Inspektor nicht nur unermeßlichen Respekt, vor dem fürchtete er sich
-geradezu, besonders was seine „philosophischen Urteile“ betraf, obwohl
-er selbst ein großer Philosoph war – versteht sich: „so weit der
-Verstand dazu ausreicht“. Für Aljoscha aber empfand er eine
-unbezwingliche Sympathie. Im letzten Jahre hatte sich der Alte an die
-apokryphen Evangelien gemacht und war dann Sonntags immer ins Kloster
-gegangen, um seinem jungen Freunde seine Eindrücke und Gedanken
-mitzuteilen. Zuweilen hatte er mit ihm und den Priestermönchen
-stundenlang disputiert. So hätte denn Aljoscha, wenn ihm vom Wächter der
-Eintritt verwehrt worden wäre, nur zum Inspektor zu gehen gebraucht, um
-trotz der späten Stunde noch seinen Bruder sehen zu können. Zudem hatten
-sich alle im Gefängnis, bis zum letzten Wächter, an ihn gewöhnt, und ein
-jeder von ihnen sah ihn gern. Die Wache hatte natürlich nichts dagegen,
-wenn er nur die Erlaubnis vom Vorgesetzten hatte. Mitjä kam, wenn er
-gerufen wurde, stets aus seiner Zelle in den unteren Stock, in den Raum,
-der für den Besuch bestimmt war. Als Aljoscha eintreten wollte, stieß er
-fast mit Rakitin zusammen, der Mitjä gerade verließ. Beide sprachen sie
-laut. Mitjä, der ihn zur Tür begleitete, lachte herzlich über irgend
-etwas, Rakitin aber schien etwas vor sich hin zu brummen. Es war
-Aljoscha besonders in der letzten Zeit aufgefallen, daß Rakitin ihn
-nicht gerne sah, jedenfalls vermied, mit ihm zu sprechen, und kaum
-seinen Gruß erwiderte. Als Rakitin jetzt plötzlich Aljoscha erblickte,
-runzelte er mit ganz besonders geschäftiger Miene die Stirn, blickte wie
-suchend zur Seite und tat, als ob er ganz mit dem Zuknöpfen seines
-großen Paletots, den ein warmer Pelzkragen zierte, beschäftigt wäre.
-Darauf machte er sich daran, seinen Schirm zu suchen.
-
-„Wenn ich nur nichts von meinen Sachen vergesse,“ brummte er vor sich
-hin – einzig um etwas zu sagen.
-
-„Gib nur acht, daß du von fremden Sachen nichts vergißt,“ witzelte Mitjä
-und lachte über seine Bemerkung.
-
-Rakitin war sofort beleidigt.
-
-„Das empfiehl lieber deinen Karamasoffs, deinen
-Leibeigenschaftspartisanen, aber nicht Rakitin!“ rief er aufbrausend vor
-Wut.
-
-„Was fehlt dir? Ich habe doch nur gescherzt ... Pfui Teufel! So sind sie
-ja alle,“ sagte er darauf zu Aljoscha, indem er mit dem Kopf noch zur
-Seite auf Rakitin wies, der sich schnell entfernte; „er hat die ganze
-Zeit hier gesessen, gelacht und ist fröhlich gewesen, und dann plötzlich
-das reine _Noli me tangere_! Dir hat er nicht einmal mit dem Kopf
-zugenickt. Habt ihr euch beide denn ganz überworfen? Warum kommst du
-heute so spät? Ich habe dich vom Morgen an nicht etwa nur erwartet, ich
-habe mich geradezu nach dir gesehnt, wie, wie, ich weiß nicht wie! Nun,
-macht nichts. Wir können es ja jetzt nachholen.“
-
-„Warum besucht er dich jetzt so oft? Hast du dich mit ihm etwa
-angefreundet?“ fragte Aljoscha, indem er gleichfalls mit dem Kopf auf
-die Tür wies, durch die Rakitin hinausgegangen war.
-
-„Ich mich mit diesem Michail angefreundet? Nein, mein Lieber ... Dieses
-Schwein! Er hält mich für einen ... Schuft. Scherz verstehen diese Leute
-gleichfalls nicht – das ist das Charakteristischste. Niemals wird diese
-Sorte Menschen Scherz verstehen. Trocken sind ihre Seelen, trocken und
-flach und platt, ganz wie mir damals die Gefängniswände erschienen, als
-ich hergefahren wurde und zum erstenmal diese Mauern sah. Aber er ist
-nicht dumm, durchaus nicht dumm. Nun, Alexei, mein Kopf ist jetzt
-verloren!“
-
-Er setzte sich auf die Bank und zog Aljoscha neben sich nieder.
-
-„Ja, morgen wird das Urteil gesprochen. Aber hast du denn wirklich so
-alle Hoffnung verloren, Mitjä?“ fragte Aljoscha schüchtern und
-mitleidig.
-
-„Wieso, wie meinst du das?“ Mitjä blickte ihn seltsam unbestimmt an. „Ah
-so, du sprichst vom Gericht! Na, zum Teufel damit! Wir haben beide bis
-jetzt nur über Dummheiten gesprochen, immer nur von diesem Gericht, über
-das Wichtigste aber habe ich geschwiegen, wenn ich mit dir zusammen war.
-Ja, morgen wird man über mich zu Gericht sitzen, nur habe ich nicht in
-der Beziehung gesagt, daß mein Kopf verloren sei. Nicht mein Kopf ist
-verloren, sondern das, was im Kopf war, das ist verloren. Warum siehst
-du mich so kritisch an?“
-
-„Wovon redest du, Mitjä?“
-
-„Ideen, Ideen, das ist es! Ethik! Was ist das eigentlich für ein
-Gewächs, die Ethik?“
-
-„Ethik?“ fragte Aljoscha verwundert.
-
-„Ja, das ist wohl irgendeine Wissenschaft, aber was für eine ist es nun
-eigentlich?“
-
-„Ja, es gibt eine solche Wissenschaft ... nur ... ich muß gestehen, ich
-kann es dir nicht so ganz erklären, was für eine das ist.“
-
-„Rakitin weiß es. Der Schuft weiß ziemlich viel ... ach nun, hol ihn der
-Teufel! Mönch wird er jedenfalls nicht werden. Er spitzt sich auf
-Petersburg. Dort, sagt er, will er Kritiken schreiben, und zwar mit
-einer edlen Tendenz. Nun was, meinen Segen hat er, wird vielleicht noch
-nützlich sein und sich eine Karriere bauen. Oh, was das Karrieremachen
-betrifft, darin sind diese Leute Meister! Zum Teufel mit der Ethik. Ich
-aber bin verloren, Alexei, _ich_! – begreifst du das, du Kind Gottes!
-Ich liebe dich am meisten von allen in der Welt. Wenn ich dich sehe,
-weitet sich mein Herz, begreifst du das? Was hat es dort für einen Karl
-Bernard gegeben?“
-
-„Karl Bernard?“ fragte Aljoscha wiederum verwundert.
-
-„Nein, nicht Karl, wart, wie hieß doch das Vieh? – Ach, richtig,
-_Claude_ Bernard. Was ist nun das jetzt wieder? Chemie etwa, nicht?“
-
-„Das ist wahrscheinlich ein Gelehrter,“ meinte Aljoscha, „nur muß ich
-wieder gestehen, daß ich dir auch von ihm nicht viel sagen kann. Ich
-habe nur den Namen gehört, ich weiß, daß es ein Gelehrter ist, was für
-einer aber, das weiß ich nicht.“
-
-„Na, dann hol ihn der Teufel, auch ich weiß es nicht,“ schimpfte Mitjä.
-„Höchstwahrscheinlich ist’s irgendein Gauner und weiter nichts – wie sie
-es ja alle sind. Rakitin wird sich schon durchfressen. Rakitin wird
-selbst durch Spalten, durch die kein Floh durch kann, auch noch
-durchkriechen. Das ist gleichfalls so ein Bernard. Ach, diese Bernards!
-Weiß Gott, die vermehren sich wahrlich wie Kaninchen!“
-
-„Aber was hast du heute?“ fragte Aljoscha ernst.
-
-„Er will über mich, das heißt über meinen Prozeß, einen Artikel
-schreiben und damit in die Literatur eintreten, deswegen kommt er her, –
-hat es mir selbst erklärt. Das soll so eine Chose mit ’ner besonderen
-Tendenz werden, ungefähr: ‚Er konnte unmöglich nicht morden, die
-Verhältnisse seiner Umgebung zwangen ihn dazu,‘ oder so was Gutes. Und
-das geht so endlos weiter, er hat es mir selbst erklärt. Mit einem
-leisen Hauch von Sozialismus, sagt er, wird es sein. Ach, hol ihn der
-Teufel samt seinem ganzen leisen Hauch, mir soll’s egal sein. Iwan kann
-sich nicht seiner Wohlgeneigtheit erfreuen. Rakitin haßt ihn. Für dich
-hat er gleichfalls nichts Gutes übrig. Nun, ich jage ihn aber nicht
-fort, er ist trotz alledem ein gescheiter Kerl. Überhebt sich bloß
-unglaublich. Ich sagte ihm vorhin, als du eintratest: ‚Die Karamasoffs
-sind nicht Schufte, sondern Philosophen, denn alle echten Russen sind
-Philosophen, du aber bist, wieviel du da auch gelernt haben magst, doch
-kein Philosoph, sondern ein ganz gemeiner Knecht.‘ Er lachte, so
-gehässig, weißt du. Da sagte ich ihm: _de Geschmackibus non est
-disputandum_. Ist der Witz nicht gut? Na, wenigstens habe auch ich jetzt
-mal was Klassisches gesagt.“ Mitjä lachte.
-
-„Aber sag doch, wodurch bist du denn verloren? Du sagtest es doch
-vorhin?“ unterbrach ihn Aljoscha.
-
-„Wodurch verloren? Hm! Im Grunde ... wenn man so das Ganze nimmt – um
-Gott tut es mir leid. Sieh, dadurch bin ich verloren.“
-
-„Wie das, warum tut es dir denn leid um ihn?“
-
-„Nun, wart, stell dir vor: Es gibt dort in den Nerven im Kopf, das heißt
-dort im Gehirn, solche Nerven ... ach, nun, der Teufel hole sie! – es
-gibt da solche, solche Schwänzchen, nämlich an den Nerven solche
-Schwänzchen, nun, und sobald sie dort nur anfangen zu zappeln oder zu
-zippeln ... das heißt, sieh: Ich sehe zum Beispiel mit meinen Augen auf
-irgend etwas, sieh so, geradeaus, und sie fangen plötzlich an zu
-zittern, nämlich diese Schwänzchen meine ich ... wie sie aber erzittern,
-da erscheint denn auch der Gegenstand, das Bild, oder was es da ist,
-aber es erscheint nicht sofort, da vergeht noch zuerst ein Augenblick
-Zeit, so eine Sekunde, und dann, heißt es, tritt so ein Moment ein, das
-heißt, kein Moment, – der Teufel hole die Momente! – sondern ein Bild
-oder ein Gegenstand oder eine Handlung, – ach, nun, hol sie allesamt der
-Teufel! – also deswegen sehe ich und denke ich dann später ... weil so
-ein Schwänzchen da ist, und weil es zippelt, und durchaus nicht darum,
-weil ich eine Seele habe, und weil ich da so ein Ebenbild Gottes bin,
-das sind alles nur Dummheiten. Das hat mir dieser Michail noch gestern
-ganz genau erklärt, und weißt du, es war mir, als hätte er mir Feuer
-übergegossen. Großartig, bei Gott, ist diese Wissenschaft! Ein neuer
-Mensch entsteht, das begreife auch ich, Bruder ... Aber trotzdem tut es
-mir doch leid um Gott!“
-
-„Tut nichts, auch das ist gut,“ sagte Aljoscha.
-
-„Daß es mir um Gott leid tut? Die Chemie rückt ran, Brüderchen, ja, ja,
-die Chemie! Nichts zu machen, Ew. Hochehrwürden, Sie müssen zur Seite
-treten, die Chemie kommt! Von Gott aber will Rakitin nichts wissen, oh!
-den kann er nicht verdauen! Gott ist bei diesen Leuten der wundeste
-Punkt! Aber sie suchen es zu verbergen. Sie lügen. Verstellen sich. Ich
-fragte ihn: ‚Nun was, wirst du das gleichfalls in deine Kritiken
-hineinbringen?‘ – ‚Tja, soweit man’s durchläßt, deutlich wird man sich
-doch wohl nicht fassen können,‘ sagt er. Lacht. ‚Aber wie ist’s denn
-jetzt?‘ fragte ich ihn, ‚was ist denn der Mensch noch nach alledem? Ohne
-Gott und ohne Leben nach dem Tode? Das heißt dann doch, daß alles
-erlaubt ist, dann kann man ja alles machen?‘ – ‚Und du wußtest das noch
-nicht?‘ sagt er. Lacht. ‚Ein kluger Mensch,‘ sagt er, ‚kann alles tun,
-ein kluger Mensch kann auch Krebse fangen, ohne geklemmt zu werden. Nun,
-du aber hast erschlagen und bist hereingefallen, und jetzt kannst du im
-Gefängnis lebendig verfaulen!‘ Das sagt er mir, versteh, ins Gesicht!
-Ein geborenes Schwein! Solches Pack habe ich früher hinausgeworfen ...
-jetzt hört man ihnen zu. Er spricht aber auch Gescheites. Auch schreibt
-er nicht schlecht. Riesig klug sogar. Vor einer Woche las er mir hier
-einen Artikel vor, ich habe daraus drei Zeilen abgeschrieben, wart, ich
-habe sie, hier, hier sind sie.“
-
-Mitjä zog eilig aus seiner Westentasche ein kleines Papier hervor und
-las:
-
-„Um dieses Problem zu lösen und seinen abstrakten Sinn richtig zu
-erfassen, ist die erste Bedingung, daß man seine Persönlichkeit der
-ganzen Wirklichkeit quer entgegensetzt.“
-
-„Begreifst du was davon?“
-
-„Nein,“ sagte Aljoscha. Er beobachtete interessiert seinen Bruder und
-hörte ihm aufmerksam zu.
-
-„Ich auch nicht. Dunkel ist es und unklar, dafür aber klug. ‚Alle
-schreiben jetzt so,‘ sagt er, ‚das Milieu hat sich bereits
-herausgebildet ...‘ Das ist es ja, sie fürchten, daß die Kollegen den
-Stil nicht klug genug finden könnten. Auch Gedichte schreibt das Schwein
-... Denk doch nur, er hat Frau Chochlakoffs Füßchen besungen, hahaha!“
-
-„Ich weiß, ich habe davon gehört,“ sagte Aljoscha.
-
-„Ja? Und auch das Gedicht?“
-
-„Nein, das Gedicht selbst habe ich nicht gehört.“
-
-„Ich habe es hier, wart, ich werde es dir vorlesen. Du weißt noch nicht
-alles, ich habe es dir nicht erzählt, das ist ja eine ganze Geschichte.
-Der Spitzbube! Denk dir, vor drei Wochen war’s, da läßt er sich
-plötzlich einfallen, mich zu foppen: ‚Da bist du nun wegen lumpiger
-Dreitausend _perdu_,‘ sagt er, ‚ich aber werde mir Hundertfünfzigtausend
-verschaffen, werde hier eine kleine Witwe heiraten und mir dann in
-Petersburg ein Haus kaufen, ein großes von Stein.‘ Und er erzählt mir,
-daß er der Chochlakowa den Hof macht, die aber, sagt er, die von
-Kindheit an keinen Verstand gehabt hat, hätte ihn mit vierzig Jahren
-vollends verloren. ‚Sie ist fabelhaft sentimental,‘ sagt er, ‚das wird
-mir aber zustatten kommen. Werde sie heiraten, nach Petersburg mitnehmen
-und dort eine Zeitung herausgeben.‘ Und dabei wässert ihm der Mund in so
-gemeiner Lüsternheit, – doch nicht nach der Chochlakowa, sondern nach
-den Hundertfünfzigtausend. Und täglich kam er her und beteuerte, es
-ginge famos; sie ergibt sich, sagt er, strahlt vor Freude. Und da wird
-er plötzlich vor die Tür gesetzt! Perchotin hat ihn aus dem Sattel
-gehoben! Das hat er großartig gemacht! Ich würde diese kleine Witwe am
-liebsten zehnmal kräftig dafür abküssen, daß sie ihn vor die Tür gesetzt
-hat! Er war gerade kurz vorher bei mir gewesen, um mir dieses Gedicht
-vorzulesen. ‚Zum erstenmal besudle ich meine Hände,‘ sagte er, ‚schreibe
-Gedichte – um sie zu bezaubern, das heißt also, zu einem nützlichen
-Zweck. Habe ich erst der Gans das Kapital abgenommen, so kann ich später
-damit großen sozialen Nutzen bringen.‘ Dieses Pack hat doch für jede
-Gemeinheit eine ‚soziale‘ Rechtfertigung! ‚Und doch habe ich,‘ sagt er,
-‚besser als dein Puschkin gedichtet, denn ich habe es fertig gebracht,
-in einem närrischen Gedicht ein soziales Malheur auszudrücken.‘ Was er
-da von Puschkin sagt, das verstehe ich schließlich. Es ist ja wahr. Ein
-begabter Mensch, der dabei nur Weiberfüßchen besungen hat! Wie aber
-Rakitin auf sein Gedicht stolz war! Eine Eigenliebe haben die Kerls! So
-etwas Dünkelhaftes findet man nicht leicht. ‚Zur Heilung des kranken
-Füßchens meines Objekts‘ – das hat er sich als Überschrift ausgedacht!
-Nichts zu sagen, ein kühner Mann! Hör jetzt:
-
- Es war einmal ein kleiner Fuß,
- Der eines Tags erkrankte;
- Die Ärzte kamen tagtäglich ins Haus,
- Doch der Fuß es ihnen nicht dankte,
- – Denn er wurde nicht gesund.
-
- Doch wie dem nun auch sein mag,
- Ich will deswegen nicht trauern.
- Mir tut es nur leid ums Köpfchen,
- Den Fuß mag Puschkin bedauern,
- – Denn er wurde nicht gesund.
-
- Das Köpfchen fing grad an zu verstehen,
- Da kam das Füßchen und störte.
- Ach! mag es doch wieder gehen,
- Damit das Köpfchen mich hörte!
- – Denn es wäre sonst gar zu dumm ...
-
-Ein Schwein ist der Kerl, ein geborenes Schwein, aber er hat sich dabei
-doch ganz flott ausgedrückt. Und er hat sogar den Kummer über das
-schwache Köpfchen hineingeflochten, und seine ganze ‚soziale‘ Sehnsucht,
-nach Petersburg zu kommen, liegt in diesem ‚Ach!‘ Wie er aber wütend
-war, Herrgott! daß sie ihn vor die Tür gesetzt hatte! Er knirschte
-selbst hier noch vor Wut!“
-
-„Er hat sich auch schon gerächt,“ sagte Aljoscha. „Er hat einen Bericht
-an die ‚Gerüchte‘ geschickt, in dem er über sie herzieht.“
-
-Und Aljoscha erzählte ihm kurz von der Nachricht aus dem Petersburger
-Blatt.
-
-„Das kann allerdings nur Rakitin getan haben!“ sagte Mitjä finster,
-nachdem er unruhig zugehört hatte, und er biß nervös die Unterlippe.
-„Das ist wieder echt Rakitin! Diese Korrespondenzen ... ich weiß ...
-wieviel Schändlichkeiten geschrieben worden sind ... über Gruscha zum
-Beispiel ... Und auch über sie, über Katjä ... Hm!“
-
-Er erhob sich und schritt besorgt im Zimmer auf und ab.
-
-„Mitjä, ich kann heute nicht lange bei dir bleiben,“ sagte Aljoscha nach
-kurzem Schweigen. „Morgen ist ein unheimlich großer Tag für dich: Gottes
-Gericht wird sich über dir vollziehen ... und du sprichst heute, anstatt
-Ernstes zu reden, weiß Gott, wovon ... Das, das wundert mich ...“
-
-„Nein, wundere dich nicht,“ unterbrach ihn Mitjä erregt. „Was soll ich
-denn immer wieder von diesem stinkenden Hunde reden? Haben wir denn noch
-immer nicht genug über den Mörder gesprochen? Ich will nichts mehr von
-ihm hören, von dieser Ausgeburt der Idiotin. Gott wird ihn totschlagen,
-das wirst du sehen, schweig!“
-
-Anfangs trat er dicht an Aljoscha heran, und plötzlich küßte er ihn.
-Seine Augen brannten.
-
-„Rakitin würde das nicht verstehen,“ fuhr er fort, als ob ihn
-Begeisterung erfaßt hätte, „du aber, du wirst alles verstehen. Deswegen
-habe ich mich auch nach dir gesehnt. Sieh, ich wollte dir schon lange
-hier zwischen diesen nackten Wänden vieles sagen, aber ich habe bis
-jetzt doch das Wichtigste verschwiegen: Es war mir immer, wenn ich davon
-anfangen wollte, als wäre die Zeit dazu noch nicht gekommen. So habe ich
-unbewußt bis zur letzten Stunde gewartet, um vor dir meine Seele
-aufzutun. Aljoscha, ich habe in diesen zwei letzten Monaten einen neuen
-Menschen in mir entdeckt, ein neuer Mensch ist in mir auferstanden!
-Dieser Mensch war immer in mir verborgen, doch es wäre mir nie zum
-Bewußtsein gekommen, daß ich ihn in mir trug, wenn Gott nicht dieses
-Gewitter geschickt hätte. Unheimlich ist das Leben! Aber was liegt
-daran, daß ich zwanzig Jahre lang dort in sibirischen Erzgruben mit dem
-Hammer klopfen werde, – das schreckt mich jetzt nicht mehr. Ich fürchte
-etwas ganz anderes, und das ist meine einzige große Angst: ich fürchte
-und bange, daß mich der in mir auferstandene Mensch nur ja nicht wieder
-verläßt! Man kann auch dort in den Erzgruben unter der Erde neben sich
-in genau solch einem Zwangsarbeiter und Mörder ein menschliches Herz
-finden, und man kann ihm dort näher treten, denn auch dort kann man
-leben, lieben und leiden. In diesem Zwangsarbeiter kann man doch das
-erfrorene Herz wieder beleben, jahrelang kann man ihn pflegen, und
-einmal wird man die Seele aus der dunklen Höhle zum Licht emporziehen,
-und dann wird er bereits ein veredelter Mensch sein, ein Mensch mit der
-Anschauung eines Märtyrers. Ja, so kann man Engel auferstehen machen und
-Helden wieder beleben! Und ihrer gibt es doch so viele dort unter der
-Erde, Hunderte, und wir alle haben schuld an ihnen! Warum träumte mir
-damals vom ‚Kindichen‘, warum gerade in jener Stunde? ‚Warum ist das
-Kindichen arm?‘ Das war in jenem Augenblick eine Prophezeiung! Für das
-‚Kindichen‘ gehe ich hin. Denn alle sind für alle schuldig. Überall gibt
-es solche ‚Kindichen‘, denn es gibt ja kleine und große Kinder. Alle
-sind solch ein ‚Kindichen‘. Und so gehe ich denn für alle, denn irgend
-jemand muß doch für alle gehen! Ich habe meinen Vater nicht erschlagen,
-aber ich muß hingehen. Ich nehme es auf mich! Das alles ist mir erst
-hier aufgegangen ... hier zwischen den nackten Wänden. Ihrer aber gibt
-es doch viele, zu Hunderten sind sie dort unter der Erde, und alle haben
-sie eine Haue in der Hand. O ja, ich weiß, wir werden in Ketten sein,
-und wir werden keinen freien Willen haben, doch dann, in unserem großen
-Leid, werden wir von neuem zur Freude auferstehen, zur Freude, ohne die
-es dem Menschen unmöglich ist, zu leben, ebensowenig wie Gott ohne sie
-sein kann, denn Gott gibt die Freude, das ist sein großes Privilegium
-... Gott, mein Gott, erweiche den Menschen im Gebet! Wie werde ich denn
-dort unter der Erde ohne Gott leben? Rakitin lügt: Wenn man Gott von der
-Erde vertreibt, so werden wir ihn dort unter der Erde willkommen heißen!
-Für einen unterirdischen Zwangsarbeiter ist es unmöglich, ohne Gott
-auszukommen, unmöglicher als für einen Nichtzwangsarbeiter. Und dann
-werden wir, wir unterirdischen Sträflinge dort in den Schachten
-Sibiriens, aus dem Eingeweide der Erde eine tragische Hymne unserem
-Gotte singen, unter der Erde hervor unserem Gotte, bei dem die Freude
-ist! Ach, es lebe Gott, und es lebe deine Freude! – Ich liebe dich,
-Gott!“
-
-Die Worte stürzten Mitjä fast atemlos über die Lippen. Er war bleich,
-seine Lippen zuckten, und aus seinen Augen rollten Tränen herab.
-
-„Nein, das Leben ist groß, groß ist das Leben und voll und mächtig ist
-es! Leben ist auch unter der Erde!“ begann er wieder in seiner
-Begeisterung. „Du kannst dir nicht einmal denken, Alexei, wie ich jetzt
-leben will, wie, wie ich lechze nach Leben und Erkennen, welch ein
-Verlangen danach sich gerade hier zwischen diesen nackten Wänden in mir
-erhoben hat! Rakitin begreift das nicht, er will nur ein Haus bauen und
-dann Wohnungen vermieten. Ich aber habe dich erwartet, um dir zu sagen
-... Und was ist denn das Leiden? Ich fürchte es nicht, und wenn es auch
-unermeßlich sein sollte. Jetzt fürchte ich es nicht, früher fürchtete
-ich es. Weißt du, ich, ich werde morgen vielleicht gar nicht antworten
-vor Gericht ... Ich glaube, ich habe jetzt so viel von dieser Kraft in
-mir, daß ich alles besiegen werde, alles werde ich überwinden, alles
-Leid, nur um mir immer wieder sagen zu können: Ich bin! Unter tausend
-Qualen – ich bin! Wenn ich mich auch auf der Folterbank krümme – aber
-ich bin! Und wenn ich auch angeschmiedet bin, so lebe ich doch, so sehe
-ich doch die Sonne, oder wenn ich sie auch nicht sehe, so weiß ich doch,
-daß sie ist! Wissen aber, daß die Sonne ist, – das ist schon ein ganzes
-Leben. Aljoscha, du mein Cherub, mich quälen verschiedene Philosophien,
-der Teufel hole sie! Bruder Iwan ...“
-
-„Was? was wolltest du sagen von Iwan?“ fragte Aljoscha hastig, doch
-Mitjä überhörte die Frage ganz.
-
-„Sieh, früher wußte ich nichts von allen diesen Zweifeln, aber es war
-doch schon alles in mir. Vielleicht war das der einzige Grund, weil
-diese unbewußten Ideen in mir tobten, warum ich trank und mich
-herumschlug und ins Leben stürmte. Um sie in mir zum Schweigen zu
-bringen, um sie zu beruhigen, zu ersticken, darum tobte ich. Iwan ist
-nicht wie Rakitin, er trägt eine große Idee. Iwan ist eine Sphinx und
-schweigt, er schweigt immer und zu allem. Mich aber quält Gott. Nur Gott
-quält mich. Was aber dann, wenn Er nicht ist? Was dann, wenn Rakitin
-recht hat, daß das nur eine künstliche Idee in der Menschheit ist? Dann,
-wenn Er nicht ist, dann ist der Mensch der Herr der Erde. Großartig! Wie
-aber wird er denn tugendhaft sein ohne Gott? Das ist die Frage! Über
-diese Frage komme ich nicht hinweg. Denn wen wird er dann noch lieben,
-dieser Mensch ohne Gott? Wem wird er dann noch dankbar sein, wem wird er
-dann noch eine Hymne singen? Rakitin lacht darüber. Er sagt, man könne
-die Menschheit auch ohne Gott lieben. Nun, dieser Rotzbub kann
-schließlich vieles behaupten. Nein, das verstehe ich nicht. Rakitin hat
-leicht, zu leben. ‚Du,‘ sagte er mir heute, ‚bemühe dich lieber um die
-Vermehrung der bürgerlichen Rechte der Menschen oder meinetwegen auch
-nur darum, daß der Preis des Rindfleisches nicht steige; damit wirst du
-der Menschheit einfacher und unmittelbarer eine Liebe erweisen als mit
-Philosophien.‘ Da wurde ich wütend. ‚Du aber,‘ sagte ich ihm, ‚wirst
-ohne Gott selbst noch den Preis des Rindfleisches erhöhen, wenn das nur
-in deiner Macht steht, wirst womöglich einen Rubel auf jede Kopeke
-aufschlagen.‘ Er ärgerte sich. Denn was ist Tugend? Beantworte du mir
-diese Frage, Alexei. Ich habe _eine_ Tugend, und der Chinese hat eine
-andere – folglich: ein relatives Ding. Oder nicht? Oder nicht relativ?
-Hm, eine hinterlistige Frage! Lach nicht, wenn ich dir sage, daß ich
-ihretwegen zwei Nächte nicht geschlafen habe. Ich wundere mich jetzt nur
-noch über eines: Wie die Menschen so leben können und niemals darüber
-nachdenken. Wie beschäftigt sie alle sind! Iwan hat keinen Gott. Er hat
-eine Idee. Das ist zu hoch für mich. Aber er schweigt. Ich glaube, er
-ist Freimaurer. Ich habe ihn gefragt – er schweigt. Ich wollte aus
-seinem Brunnen einen Schluck Wasser trinken – er schweigt. Nur ein
-einziges Mal sagte er ein Wort.“
-
-„Was sagte er?“ fragte Aljoscha gierig.
-
-„Ich sagte ihm: Dann ist also alles erlaubt, wenn es so ist? Er runzelte
-die Stirn. ‚Fedor Pawlowitsch, unser Vater,‘ sagte er, ‚war zwar ein
-Schwein, aber er dachte doch vollkommen richtig.‘ Sieh, was er zu sagen
-fertig brachte. Und das war alles, was er darauf zu erwidern geruhte.
-Mehr habe ich nicht von ihm gehört. Das ist denn doch sauberer als
-Rakitin.“
-
-„Ja,“ bestätigte Aljoscha bitter. „Wann war er bei dir?“
-
-„Davon später, jetzt noch von etwas anderem. Über Iwan habe ich dir bis
-jetzt fast nichts gesagt. Ich habe es immer bis zur letzten Stunde
-hinausgeschoben. Wenn hier diese Sache ein Ende hat und mein Urteil
-gesprochen ist, dann werde ich dir etwas erzählen, alles werde ich dir
-dann erzählen. Hier gibt es so einen besonderen Punkt ... Und du wirst
-mein Richter sein in dieser Frage. Jetzt aber beginn lieber gar nicht
-davon, jetzt sei still ... Da sprichst du nun von morgen, vom Gericht,
-aber wirst du’s mir glauben, ich weiß nichts von alledem.“
-
-„Hast du mit dem Advokaten gesprochen?“
-
-„Ach was, Advokat! Ich habe ihm von allem gesprochen. Ein geriebener
-Schurke ist er, ein großstädtischer. Auch so ein Claude Bernard! Nur
-glaubt er mir nicht für eine halbe zerbrochene Kopeke. Er glaubt, daß
-ich erschlagen habe, denk dir nur, – ich weiß schon, was er glaubt, da
-sei du unbesorgt. ‚Warum sind Sie denn,‘ fragte ich ihn, ‚gekommen, mich
-zu verteidigen, wenn Sie mich für schuldig halten?‘ Nun, zum Henker mit
-der Bande. Auch einen Doktor hat man verschrieben, will mich für
-verrückt erklären. Das erlaube ich nicht! Katerina Iwanowna will ‚ihre
-Pflicht und Schuldigkeit‘ bis zum Schluß erfüllen. Bißchen gewaltsam!“
-(Mitjä lächelte bitter.) „Die Katze! Ein grausames Herz! Sie weiß, daß
-ich damals in Mokroje von ihr gesagt habe, sie sei ein Weib, das
-‚gewaltigen Zornes fähig ist‘! Das hat man ihr wiedererzählt. Ja, die
-Aussagen gegen mich haben sich vermehrt wie Sand am Meer! Grigorij
-besteht auf der offenen Tür. Grigorij ist ein ehrlicher Mensch, aber er
-ist ein Dummkopf. Viele Menschen sind nur darum ehrlich, weil sie dumm
-sind. Das ist ein Ausspruch von Rakitin. Grigorij ist mein Feind. Von
-manch einem kann man sagen, daß es vorteilhafter ist, ihn zum Feinde als
-zum Freunde zu haben. Das ist in bezug auf Katerina Iwanowna gesagt. Ich
-fürchte, oh! nichts fürchte ich so, als daß sie morgen von jener
-Verbeugung bis zur Erde nach den Viertausendfünfhundert erzählen wird!
-Bis zum Schluß wird sie mir heimzahlen, bis auf den letzten Tropfen! Ich
-will aber ihr Opfer nicht! Beschämen werden sie mich vor Gericht! Sie
-wollen, daß ich vor Scham vergehe! Wie werde ich es aushalten? Geh zu
-ihr, Aljoscha, bitt sie, daß sie es nicht vor Gericht sage, nur dieses
-eine nicht! Oder geht das nicht? Ach, Teufel, einerlei, ich werde es
-eben aushalten! Sie tut mir nicht leid. Sie will es ja selbst. Nicht
-umsonst leidet der Dieb Qualen. Ich, Alexei, ich werde meine Rede
-halten.“ (Er lächelte wieder bitter vor sich hin.) „Nur ... nur Gruscha,
-Gruscha, o Gott! Warum hat sie denn diese Qual jetzt auf sich genommen?“
-rief er plötzlich mit Tränen in den Augen. „Gruscha tötet mich, der
-Gedanke an sie tötet mich, tötet mich! Sie war heute bei mir ...“
-
-„Sie hat es mir erzählt. Du hast Sie heute sehr gekränkt.“
-
-„Ich weiß. Hol mich der Teufel dafür, daß ich so einen Charakter habe.
-Ich wurde eifersüchtig. Als sie fortging, bereute ich es und küßte sie.
-Um Verzeihung bat ich nicht.“
-
-„Warum hast du das nicht getan?“ fragte Aljoscha vorwurfsvoll.
-
-Mitjä lachte plötzlich fast heiter auf.
-
-„Gott behüte dich davor, du lieber Junge, daß du jemals wegen einer
-Schuld das geliebte Weib um Verzeihung bittest! Besonders gilt das vom
-geliebten Weibe, gerade vom geliebten Weibe, wie groß deine Schuld auch
-vor ihr sein mag! Denn das Weib – das ist, Bruder, – weiß der Teufel,
-was das ist, aber ich kenne sie doch gründlich, das weiß Gott! Versuche
-einmal, deine Schuld einzugestehen, soundso, es war schlecht von mir,
-verzeih, vergib – dann hagelt es Vorwürfe! Unter keiner Bedingung wird
-sie einfach und sofort verzeihen, sie wird dich zum Lappen erniedrigen,
-wird dir alles vorzählen, selbst das, was gar nicht gewesen ist, alles
-wird sie wieder herauskratzen, nichts wird sie vergessen, wird noch
-vieles von sich hinzufügen, und dann erst wird sie verzeihen. Und das
-ist noch die beste, die beste von allen! Das letzte wird sie dir noch
-abschaben und dann alles über dein armes Haupt schütten – so eine, sage
-ich dir, so eine Lust am Menschenschinden steckt in ihnen, in allen ohne
-Ausnahme, in diesen Engeln, ohne die zu leben uns unmöglich ist! Sieh,
-mein Täubchen, ich sage es dir aufrichtig und überzeugt: Jeder
-anständige Mann muß sich unter dem Pantoffel eines Weibes befinden. Das
-ist meine Überzeugung; das heißt, nicht Überzeugung, aber so mein
-Gefühl. Der Mann muß großmütig sein, das aber besudelt keinen. Selbst
-einen Helden erniedrigt das nicht, selbst einen Cäsar nicht! Nun, aber
-um Verzeihung bitte du trotzdem niemals und um keinen Preis. Behalte
-diese Lehre: die gibt dir dein Bruder Mitjä, der sich wegen der Weiber
-zugrunde gerichtet hat. Nein, ich werde ihr lieber, ohne um Verzeihung
-zu bitten, etwas recht Liebes tun. Ich bete sie an! Alexei, wenn sie vor
-mir steht, überkommt es mich immer wie Andacht! Nur sieht sie das nicht.
-Nein, es ist immer noch zu wenig Liebe für sie. Und wie sie mich quält!
-Mit ihrer Liebe quält sie mich. Früher! Früher quälten mich nur ihre
-Launen, das Infernale an ihr, jetzt aber habe ich ihre ganze Seele in
-meine Seele aufgenommen und bin durch sie zum Menschen geworden! Wird
-man uns auch trauen? Sonst sterbe ich vor Eifersucht. Jeden Tag sehe ich
-denn auch ein neues Gespenst ... Was hat sie dir über mich gesagt?“
-
-Aljoscha erzählte alles, was Gruschenka ihm gesagt hatte. Mitjä hörte
-aufmerksam zu, fragte vieles zweimal und war schließlich zufrieden.
-
-„So ärgert sie sich denn nicht darüber, daß ich eifersüchtig war?“
-fragte er freudig. „Ein echtes Weib! – ‚Ich habe selbst ein grausames
-Herz.‘ Ach, wie ich diese Menschen liebe, die solche Herzen haben! Aber
-ich dulde nicht, daß man auf mich eifersüchtig ist, das erlaube ich
-nicht! Werden uns streiten. Aber lieben – lieben werde ich sie
-unendlich! Wird man uns auch trauen? Werden denn Zwangsarbeiter auch
-getraut? Das ist die Frage. Ohne sie aber kann ich nicht leben ...“
-
-Mitjä schritt finster auf und ab. Es war schon fast ganz dunkel im
-Zimmer. Er wurde plötzlich eigentümlich unruhig und besorgt.
-
-„Also ein Geheimnis, sagt sie, ein Geheimnis hätten wir? Also alle drei
-sollen wir uns gegen sie verschworen haben, und ‚Katjka‘ soll
-dahinterstecken? Nein, Freund Gruschenka, das ist es nicht. Hierin hast
-du dich getäuscht, hast es so echt auf Frauenart getan! Aljoscha,
-Liebling ... ich werde dir unser Geheimnis sagen ... einerlei, was draus
-wird!“
-
-Er blieb stehen, blickte sich nach allen Seiten um und trat dann schnell
-dicht an Aljoscha, der nicht weit von ihm stand, heran und flüsterte ihm
-mit geheimnisvoller Miene ganz leise zu, obgleich sie niemand hören
-konnte: Der alte Wächter schlief in der Ecke auf der Bank, und bis zu
-den wachestehenden Soldaten konnte kein Laut dringen.
-
-„Ich werde dir unser ganzes Geheimnis aufdecken!“ flüsterte Mitjä eilig.
-„Ich wollte es zuerst später tun, wenn das Urteil schon gesprochen ist,
-denn wie könnte ich mich ohne deine Zustimmung zu etwas entschließen? Du
-bist mir alles. Wenn ich auch sage, daß Iwan höher steht als wir, so
-bist doch du mein Schutzgeist. Was du sagst, wird geschehen, das werde
-ich tun. Vielleicht aber bist gerade du der höhere Mensch und nicht
-Iwan. Sieh, hier handelt es sich um eine Gewissenssache, eine höhere
-Gewissenssache, – ein Beschluß von solcher Wichtigkeit, daß ich selbst
-nie damit zurechtkommen werde, und so habe ich es denn hinausgeschoben,
-bis du entscheidest. Und außerdem ist es jetzt noch zu früh, man muß
-zuerst das Urteil abwarten. Werde ich verurteilt, gut, dann entscheide
-du. Jetzt aber entscheide noch nicht; ich werde dir sogleich alles
-sagen, du wirst alles erfahren, aber du entscheide jetzt noch nicht.
-Höre und schweige. Ich werde dir nicht alles ausführlich erklären, – ich
-werde dir nur die Idee im großen ganzen aufdecken, ohne Details, – du
-aber schweige. Keine Frage, keine Bewegung! Bist du damit einverstanden?
-Aber deine Augen, Herrgott, wohin mit denen? Ich fürchte, daß deine
-Augen das Urteil sprechen werden, selbst wenn du schweigst. Ich habe
-Angst! Aljoscha, hör jetzt: Iwan schlägt mir vor, zu _entfliehen_. Die
-Einzelheiten zum Teufel, die sage ich jetzt nicht, – alles ist
-vorgesehen, es kann ganz ohne Hindernisse gemacht werden. Schweig,
-entscheide noch nicht! Nach Amerika mit Gruscha! Ich kann doch ohne sie
-nicht mehr leben! Nun, versteh, wenn man sie nun dort, in Sibirien,
-nicht zu mir läßt? Werden denn Zwangsarbeiter getraut? Iwan sagt: Nein.
-Aber was werde ich denn dort ohne Gruschenka allein unter der Erde mit
-dem Hammer machen? Ich werde mir doch den Schädel mit diesem Hammer
-einschlagen! Nun aber andererseits – das Gewissen? Dann bin ich doch vor
-dem Leiden geflohen! Mir ward ein Fingerzeig Gottes – ich folgte ihm
-nicht; mir ward ein Weg der Läuterung gezeigt – ich machte linksum
-kehrt. Iwan sagt, daß man in Amerika ‚bei guten Vorsätzen‘ mehr Nutzen
-bringen könne als unter der Erde. Aber wo wird dann noch unsere
-unterirdische Hymne zu Gott emporgesungen werden? Was ist denn Amerika,
-– das ist doch wieder eitle Sorge um Erwerb. Und es gibt auch viel
-Schurken, denke ich, in Amerika. Und ich bin dann vor der Kreuzigung –
-fortgelaufen! Ich sage das dir, Alexei, weil doch nur du allein das
-verstehen kannst, außer dir aber niemand. Für die anderen sind das
-Dummheiten, krankhafte Hirngespinste, alles das, was ich dir von der
-unterirdischen Hymne gesagt habe. Man wird sagen, ich sei verrückt
-geworden oder sei ein Esel. Aber ich bin nicht verrückt, ich bin weder
-das eine noch das andere. Oh, auch Iwan begreift die Hymne, oh, er
-begreift das alles vorzüglich, nur antwortet er mir darauf nicht, er
-schweigt. Er glaubt nicht an die Hymne. Sprich nicht, sprich nicht, ich
-sehe doch, was deine Augen sagen. Du hast ja schon entschieden!
-Entscheide nicht, hab Erbarmen mit mir, ich kann nicht, ich kann nicht
-ohne Gruscha leben – wart bis das Urteil gesprochen ist!“
-
-Mitjä sprach flehend, sprach wie ein Wahnsinniger. Er hielt Aljoscha mit
-beiden Händen an den Schultern gepackt, hielt ihn wie mit Klammern fest,
-und sein gleichsam entzündeter Blick hing flehend, bittend an den Augen
-des Bruders.
-
-„Werden denn Zwangsarbeiter getraut?“ wiederholte er zum drittenmal
-angstvoll seine Frage.
-
-Aljoschas Herz klopfte stark, und er hörte ihm in ungewöhnlicher
-Spannung zu.
-
-„Sag mir nur eines: Besteht Iwan sehr darauf?“ fragte er stockend. „Und
-wer hat sich das zuerst ausgedacht?“
-
-„Er, er hat es sich ausgedacht, er besteht darauf! Zuerst kam er
-überhaupt nicht zu mir, und da plötzlich kam er, vor einer Woche
-ungefähr, und begann gleich damit. Er besteht unglaublich hartnäckig
-darauf. Er bittet nicht, sondern befiehlt. Er zweifelt nicht an meiner
-Folgsamkeit, ungeachtet dessen, daß ich ihm, so wie jetzt dir, mein
-ganzes Herz aufgedeckt und auch von der ‚Hymne‘ gesprochen habe. Er hat
-mir alles genau erklärt, wie er es machen wird, er hat sich peinlich
-orientiert, aber davon später. Geradezu krankhaft will er es. Die
-Hauptsache ist dabei natürlich das Geld: zehntausend, sagt er, gibt er
-für die Flucht, und zwanzigtausend für Amerika; für zehntausend, sagt
-er, wird uns die Flucht ohne jede Schwierigkeit gelingen.“
-
-„Und er hat befohlen, daß mir nichts davon gesagt werde?“ fragte
-Aljoscha nochmals.
-
-„Keinem Menschen ein Wort, vor allem aber dir nicht, dir unter keiner
-Bedingung! Er fürchtet wahrscheinlich, daß du wie das Gewissen vor mir
-stehen würdest. Sag es ihm nicht wieder, daß ich es dir mitgeteilt habe!
-Sag es ihm bitte nicht!“
-
-„Du hast recht,“ sagte Aljoscha, „man muß das Urteil des Gerichts
-abwarten und dann entscheiden. Nach dem Gericht wirst du es selbst tun;
-dann wirst du einen neuen Menschen in dir finden, der für dich
-entscheiden wird.“
-
-„Einen neuen Menschen oder einen Bernard, und der wird dann _à la_
-Bernard entscheiden. Denn ich selbst bin, wie es scheint, ein
-verächtlicher Bernard!“ sagte Mitjä mit bitterem Lächeln.
-
-„Aber Mitjä, hast du denn gar keine Hoffnung mehr, dich morgen
-rechtfertigen zu können? Wie ist das nur möglich?“
-
-Mitjä zuckte mit den Achseln und schüttelte verneinend den Kopf.
-
-„Aljoscha, mein Liebling, es ist Zeit, daß du gehst!“ sagte er plötzlich
-eilig, als wollte er ihn schneller forthaben. „Der Aufseher hat schon
-auf dem Hof gerufen, er wird gleich herkommen. Es ist spät. Wir wollen
-doch die Ordnung nicht stören. Umarme mich rasch, küsse mich, segne
-mich, Liebling, segne mich, damit ich das Kreuz morgen tragen kann ...“
-
-Sie umarmten sich und küßten einander.
-
-„Iwan aber,“ sagte Mitjä plötzlich, „schlägt mir wohl vor, mir zur
-Flucht zu verhelfen, selbst aber glaubt er, daß ich den Vater erschlagen
-habe!“
-
-Ein gequältes, spöttisches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
-
-„Hast du ihn gefragt, ob er es glaubt?“ fragte Aljoscha.
-
-„Nein, ich habe ihn nicht danach gefragt. Ich wollte ihn fragen, aber
-ich konnte es nicht, die Kraft reichte dazu nicht aus. Doch das bleibt
-sich ja gleich, ich sehe es ja an den Augen. Nun, leb wohl!“
-
-Noch einmal küßten sie sich eilig, und Aljoscha verließ bereits das
-Zimmer, als ihn Mitjä plötzlich wieder zurückrief.
-
-„Stell dich vor mich hin, sieh mich an.“
-
-Und er erfaßte ihn wieder mit beiden Händen an den Schultern. Sein
-Gesicht wurde unheimlich bleich, so daß es selbst in der matten
-Dunkelheit entsetzlich anzusehen war. Die Lippen verzerrten sich, und
-der Blick bohrte sich starr in Aljoschas Augen.
-
-„Aljoscha, sage du mir die volle Wahrheit, sage wie Gott dem Herrn:
-Glaubst du, daß ich der Mörder bin oder glaubst du es nicht? Du, du, ob
-du es glaubst oder nicht glaubst? Die Wahrheit sage! – Lüge nicht!“
-schrie er plötzlich laut in seiner Verzweiflung auf.
-
-Aljoscha war es, als wankte er auf den Füßen unter dem Druck der Hände
-des Bruders, und über sein Herz, das fühlte er, glitt etwas Scharfes,
-Spitzes ...
-
-„Was ... was tust du, laß gut sein, genug ...“ stammelte er wie
-geistesabwesend.
-
-„Die Wahrheit, die Wahrheit! Lüge nicht!“
-
-„Keine Sekunde lang ... habe ich geglaubt, daß du der Mörder wärest!“
-stieß Aljoscha mit schwankender Stimme fast atemlos hervor, und er erhob
-die rechte Hand, als wolle er Gott zum Zeugen für seine Worte aufrufen.
-
-Wie Seligkeit breitete es sich über Mitjäs bleiches Gesicht.
-
-„Ich danke dir ...“ sagte er langsam, als wenn er nach einer Ohnmacht
-aufatmete. „Du hast mich von den Toten auferweckt ... Wirst du es mir
-glauben: – bis zu diesem Augenblick habe ich mich gefürchtet, dich zu
-fragen, dich, dich! – denk nur, Liebling, dich! ... Nun, geh jetzt, geh!
-Gestärkt hast du mich für morgen, Gott segne dich dafür! Nun, geh ...
-und liebe Iwan!“ rang es sich noch als letztes Wort aus Mitjä heraus.
-
-Als Aljoscha ihn verließ, stürzten ihm die Tränen aus den Augen. Ein
-solches Mißtrauen bei Mitjä, solcher Argwohn, so wenig Zutrauen selbst
-zu ihm, Aljoscha, – alles das deckte plötzlich vor seinen Augen einen so
-bodenlosen Abgrund von aussichtsloser Verzweiflung und unfaßbarem Leid
-in der Seele seines unglücklichen Bruders auf, wie er ihn nie geahnt,
-nie für möglich gehalten hatte. Tiefes, unendliches Mitleid ergriff ihn
-und quälte ihn so, daß er schon nach einem Augenblick davon müde gequält
-war. Sein Herz glaubte er zerrissen, es tat ihm unsäglich weh. „Liebe
-Iwan!“ klang es ihm wieder in den Ohren. Ja, ja, er ging ja schon zu
-Iwan. Schon seit dem Morgen wollte er zu Iwan gehen. Der quälte ihn
-nicht weniger als Mitjä, jetzt aber, nach allem, was ihm Mitjä gesagt
-hatte, jetzt quälte er ihn mehr denn je.
-
-
- V.
- „Nicht du, nicht du!“
-
-Auf dem Wege zu Iwan kam er an dem Hause vorüber, in dem Katerina
-Iwanowna wohnte. Die Fenster waren erleuchtet. Aljoscha blieb stehen,
-dachte eine Weile nach, und beschloß, einzutreten. Er hatte Katerina
-Iwanowna seit einer ganzen Woche nicht mehr gesehen. Jetzt sagte er
-sich, daß er Iwan wahrscheinlich bei ihr antreffen werde, um so mehr,
-als es doch der Vorabend eines so entscheidenden Tages war. Als er unten
-geschellt hatte und in den Treppenraum trat, der durch eine chinesische,
-laternenartige Ampel nur matt erhellt wurde, bemerkte er, daß von oben
-ein Herr herabstieg. Als er sich ihm näherte, erkannte er in ihm seinen
-Bruder Iwan. So verließ denn jener bereits Katerina Iwanowna.
-
-„Ach, du bist es nur,“ sagte Iwan Fedorowitsch trocken. „Nun, leb wohl.
-Du gehst zu ihr?“
-
-„Ja.“
-
-„Das würde ich dir nicht raten. Sie ist ‚erregt‘, und du würdest sie
-noch mehr erregen.“
-
-„Nein, nein!“ rief plötzlich eine Stimme über ihnen. Katerina Iwanowna
-hatte im Augenblick die Tür aufgerissen. „Alexei Fedorowitsch, kommen
-Sie von ihm?“
-
-„Ja, ich war bei ihm.“
-
-„Hat er Sie zu mir geschickt, um mir etwas sagen zu lassen? Treten Sie
-bitte ein, Aljoscha, und auch Sie, Iwan Fedorowitsch, kommen Sie
-unbedingt zurück, unbedingt! Hö – ren – Sie!“
-
-In Katjäs Stimme hatte etwas so Befehlendes geklungen, daß Iwan
-Fedorowitsch nach sekundenlangem Zögern sich doch entschloß, wieder
-hinaufzugehen, zusammen mit Aljoscha.
-
-„Sie hat gehorcht!“ brummte er angehalten leise vor sich hin, Aljoscha
-aber hörte es doch.
-
-„Sie gestatten, daß ich im Mantel bleibe,“ sagte er, als er in den Salon
-eintrat. „Ich bin nur auf eine Minute zurückgekommen, ich werde mich
-nicht setzen.“
-
-„Setzen Sie sich, Alexei Fedorowitsch,“ forderte Katerina Iwanowna auf,
-obgleich sie selbst gleichfalls stehen blieb. Sie hatte sich in der
-Zwischenzeit wenig verändert, nur ihre dunklen Augen glühten und
-schienen zu drohen. Aljoscha erinnerte sich später, daß sie an jenem
-Abend außerordentlich schön gewesen sein mußte.
-
-„Was läßt er mir sagen?“
-
-„Nur das eine,“ sagte Aljoscha und blickte ihr offen ins Gesicht: „daß
-er Sie bittet, sich zu schonen und morgen vor Gericht nichts von ...“
-(er stockte ein wenig) „... von dem zu sagen ... was früher zwischen
-Ihnen vorgefallen ist ... in der Zeit Ihrer ersten Bekanntschaft ... in
-jener Zeit ...“
-
-„Ah so, Sie meinen die Verbeugung ... damals ... für das Geld!“ griff
-sie sofort auf und lachte stolz. „Wie, fürchtet er für sich oder für
-mich – hm? Er hat also gesagt, ich solle ‚schonen‘ – aber wen denn
-schonen? Ihn oder mich? Sagen Sie es doch, Alexei Fedorowitsch.“
-
-Aljoscha blickte sie forschend an, bemüht, sie zu verstehen.
-
-„Sowohl sich selbst wie auch ihn,“ sagte er leise.
-
-„So so!“ bemerkte sie eigentümlich boshaft, und plötzlich errötete sie
-heiß.
-
-„Sie kennen mich noch nicht, Alexei Fedorowitsch,“ sagte sie drohend, „–
-aber auch ich kenne mich noch nicht ganz. Vielleicht werden Sie mich
-morgen nach dem Zeugenverhör mit den Füßen zerstampfen wollen.“
-
-„Sie werden auf Treu und Gewissen aussagen,“ erwiderte Aljoscha, „und
-außer der Ehrlichkeit ist nichts nötig.“
-
-„Ein Weib ist häufig unehrlich,“ sagte sie mit zusammengebissenen
-Zähnen. „Noch vor einer Stunde glaubte ich, daß es mir schrecklich wäre,
-dieses Ungeheuer zu berühren ... als wäre er ein Scheusal ... und doch,
-doch ist er noch ein Mensch für mich! Ja hat er denn überhaupt
-erschlagen? Hat denn er es getan?“ rief sie plötzlich, fast außer sich
-geratend, indem sie sich hastig zu Iwan Fedorowitsch wandte.
-
-Aljoscha begriff sofort, daß sie dieselbe Frage vielleicht noch vor zwei
-Minuten an Iwan gestellt hatte, und nicht zum erstens, sondern zum
-hundertstenmal, und daß sein Bruder deswegen fortgegangen war.
-
-„Ich war bei Ssmerdjäkoff ...,“ fuhr sie fort, Iwan starr ins Gesicht
-blickend. „_Du_ bist es, _du_, der mich davon überzeugt hat, daß Mitjä
-der Mörder sei! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“
-
-Iwan lächelte. Es war aber, als hätte er seine ganze Kraft dazu nötig,
-um dieses Lächeln zustande zu bringen. Aljoscha war bei dem unerwarteten
-_Du_ zusammengezuckt. Solche Beziehungen zwischen den beiden hatte er
-nicht ahnen können.
-
-„Ich denke, jetzt dürfte es genügen,“ sagte Iwan kurz. „Ich gehe. Morgen
-werde ich wiederkommen.“ Und damit verließ er sofort das Zimmer und ging
-hinaus.
-
-Katerina Iwanowna ergriff krampfhaft Aljoschas Hände. Es lag etwas
-Befehlendes in ihren Worten, in ihren Bewegungen.
-
-„Gehen Sie ihm nach! Holen Sie ihn ein! Verlassen Sie ihn keinen
-Augenblick,“ flüsterte sie ihm fieberhaft erregt zu. „Er ist wahnsinnig!
-Wie, – Sie wissen es noch nicht, daß er wahnsinnig ist? Er hat Fieber,
-Nervenfieber! Mir hat es der Doktor gesagt, gehen Sie, laufen Sie ihm
-nach ...“
-
-Aljoscha verließ sie sofort und eilte seinem Bruder nach. Iwan
-Fedorowitsch war kaum fünfzig Schritt gegangen. Er blieb plötzlich
-stehen und wandte sich heftig zurück, als er sah, daß Aljoscha ihm
-nachlief.
-
-„Was willst du?“ stieß er rauh hervor. „Sie hat dir befohlen, mir
-nachzulaufen, weil ich verrückt sei. Ich kenne das auswendig,“ fügte er
-gereizt hinzu.
-
-„Darin täuscht sie sich natürlich, aber in einem hat sie recht: Du bist
-wirklich krank,“ sagte Aljoscha. „Ich habe soeben dein Gesicht bei ihr
-gesehen: Du siehst sehr krank aus, Iwan, und du bist es auch.“
-
-Iwan ging weiter, ohne stehen zu bleiben. Aljoscha folgte ihm.
-
-„Weißt du vielleicht, Alexei Fedorowitsch, wie das ist, wenn man
-verrückt wird?“ fragte nach einer Weile Iwan mit einer ganz anderen,
-leisen, gar nicht mehr gereizten Stimme, aus der plötzlich die
-treuherzigste Neugier hervorklang.
-
-„Nein, das weiß ich nicht; ich nehme an, daß es sehr verschiedene Arten
-von Wahnsinn gibt.“
-
-„Kann man aber auch an sich selbst beobachten, wie man verrückt wird?“
-
-„Ich glaube, daß man sich selbst in dem Falle nicht mehr gut beobachten
-kann.“ Aljoscha wunderte sich.
-
-Iwan schwieg eine Weile.
-
-„Wenn du mit mir sprechen willst, so habe die Güte und ändere das
-Thema,“ sagte er plötzlich.
-
-„Hier, um es nicht zu vergessen, ich habe diesen Brief für dich,“ sagte
-Aljoscha schüchtern, indem er den Brief Lisas aus der Tasche zog und ihn
-dem Bruder reichte. Sie näherten sich gerade einer Laterne. Iwan
-erkannte sofort die Handschrift.
-
-„Ah, das ist von jenem Teufelchen!“ sagte er boshaft auflachend, und
-plötzlich, ohne das Kuvert aufzubrechen, zerriß er den ganzen Brief und
-warf die Stücke in den Wind. Die kleinen Papierstücke flatterten umher.
-
-„Noch keine sechzehn Jahre, glaube ich, und schon bietet sie sich an!“
-sagte er verächtlich und schritt weiter.
-
-„Wieso bietet sie sich an, wie meinst du das?“ fragte Aljoscha erstaunt.
-
-„Man weiß doch, wie verderbte Frauen sich anbieten.“
-
-„Was fällt dir ein, Iwan, was redest du? Das ist doch ein Kind, du
-beleidigst ein Kind!“ verteidigte sie Aljoscha eifrig und traurig
-zugleich. „Sie ist krank, sogar sehr krank, sie ist vielleicht
-gleichfalls dem Wahnsinn nahe ... Ich konnte unmöglich dir den Brief
-nicht geben ... Ich, ich wollte von dir noch etwas Näheres hören ... um
-sie retten zu können.“
-
-„Du wirst nichts von mir hören. Wenn sie noch ein Kind ist, so bin ich
-nicht ihre Amme. Schweig, Aljoscha. Sprich nicht mehr davon. An die
-denke ich überhaupt nicht.“
-
-Sie schwiegen wieder.
-
-„Jetzt wird sie die ganze Nacht zur Gottesmutter beten, damit diese sie
-erleuchte, wie sie morgen vor Gericht aussagen soll,“ sagte Iwan wieder
-ganz plötzlich und boshaft.
-
-„Du ... du sprichst von Katerina Iwanowna?“
-
-„Ja. Soll sie als Mitjenkas Retterin oder Verderberin erscheinen! Auf
-daß ihre Seele erleuchtet werde, – darum wird sie beten. Sie weiß selbst
-noch nicht, was sie tun soll; sie scheint noch nicht Zeit genug gehabt
-zu haben, um sich vorzubereiten. Auch sie hält mich für ihre Kinderfrau
-und will, daß ich ihr eiapopeia singe.“
-
-„Katerina Iwanowna liebt dich, Bruder,“ sagte Aljoscha, den ein
-trauriges Gefühl ergriffen hatte.
-
-„Möglich. Nur begehre ich sie nicht.“
-
-„Sie leidet. Warum sagst du ihr dann ... zuweilen ... solche Worte, daß
-sie hoffen kann?“ Ein schüchterner Vorwurf lag in Aljoschas Stimme. „Ich
-weiß doch, daß du ihr Hoffnung gemacht hast ... verzeih, daß ich so
-spreche,“ fügte er ängstlich hinzu.
-
-„Ich kann hierbei nicht so handeln, wie ich müßte: Kann nicht brechen
-und ihr offen alles sagen!“ sprach Iwan gereizt. „Ich muß abwarten, bis
-das Urteil über den Mörder gesprochen ist. Wenn ich jetzt mit ihr
-bräche, so würde sie aus Rache morgen vor Gericht dieses ... Scheusal
-seinem Schicksal überantworten, denn sie haßt ihn, und sie weiß es, daß
-sie ihn haßt. Hier ist doch alles Lüge, Lüge auf Lüge aufgebaut! Jetzt
-aber, das heißt, solange ich nicht mit ihr gebrochen habe, hofft sie
-immer noch und wird daher jenes Ungeheuer nicht verderben, da sie weiß,
-wie ich ihn herausziehen will. Wenn doch endlich dieses verdammte Urteil
-gesprochen wäre!“
-
-Die Worte „Mörder“ und „Ungeheuer“ machten einen schmerzlichen Eindruck
-auf Aljoscha.
-
-„Aber was hat denn Mitjä von ihr zu fürchten?“ fragte er, bemüht, zu
-verstehen, was Iwan meinte. „Was kann sie denn so besonders
-Verhängnisvolles aussagen, woraufhin er verurteilt werden könnte?“
-
-„Das weißt du noch nicht. Sie hat ein Dokument in Händen, Mitjä hat es
-selbst geschrieben, das mathematisch klar beweist, daß er Fedor
-Pawlowitsch, unseren Vater, erschlagen hat.“
-
-„Das ist unmöglich!“ rief Aljoscha aus.
-
-„Wieso unmöglich? Ich habe es selbst gelesen.“
-
-„Ein solches Dokument kann es unmöglich geben!“ wiederholte Aljoscha
-erregt im Eifer. „So etwas kann es nicht geben, denn nicht er ist der
-Mörder. Nicht er hat den Vater erschlagen, nicht er!“
-
-Iwan Fedorowitsch blieb plötzlich stehen.
-
-„Wer ist dann, deiner Meinung nach, der Mörder?“ fragte er kalt, und es
-klang ein hochmütiger Ton in seiner Frage.
-
-„Du weißt es selbst, wer,“ antwortete Aljoscha leise und ruhig in seiner
-Überzeugung.
-
-„Wer? Meinst du etwa die Fabel von dem irrsinnigen Idioten, dem
-Epileptiker? Meinst du Ssmerdjäkoff?“
-
-Aljoscha fühlte, wie er plötzlich am ganzen Körper zitterte.
-
-„Du weißt es selbst, wer,“ kam es kraftlos aus ihm heraus. Er konnte
-kaum atmen.
-
-„Aber wer denn, wer?“ schrie ihn Iwan wild auffahrend an. Seine ganze
-Zurückhaltung war plötzlich verschwunden.
-
-„Ich weiß nur das eine,“ sagte Aljoscha immer noch im selben kraftlosen,
-gleichsam betäubten Flüsterton: „– _nicht du_ hast den Vater
-erschlagen.“
-
-„‚Nicht du!‘ Was heißt das, nicht du?“ Iwan stand wie erstarrt vor
-seinem Bruder.
-
-„Nicht du hast den Vater erschlagen, _nicht du, nicht du_!“ wiederholte
-Aljoscha fest.
-
-Sie schwiegen. Lange dauerte das Schweigen.
-
-„Ich weiß es doch selbst, daß nicht ich es getan habe, redest du im
-Fieber?“ sprach schließlich Iwan, und er lächelte ein bleiches,
-verzerrtes Lächeln.
-
-Er hatte sich mit den Blicken gleichsam festgesogen an den Bruder. Sie
-standen sich beide wieder bei einer Straßenlaterne gegenüber.
-
-„Nein, Iwan, du hast dir selbst mehrmals gesagt, daß du der Mörder
-seiest.“
-
-„Wann habe ich es gesagt? ... Ich war in Moskau ... Wann habe ich es
-gesagt?“ stotterte Iwan mit abirrendem Blick.
-
-„Du hast es dir mehr als einmal gesagt, wenn du in diesen schrecklichen
-zwei Monaten allein warst,“ fuhr Aljoscha wieder leise und deutlich
-fort. Er sprach aber schon, als wenn er nicht mehr bei voller Besinnung
-wäre, als wenn es nicht sein Wille wäre, der ihn sprechen ließ, sondern,
-als gehorche er einem fremden Befehle, vielleicht fast gegen seinen
-Willen. „Du hast dich beschuldigt und hast dir gesagt, daß der Mörder
-kein anderer sein könne als du. Aber nicht du hast ihn erschlagen, da
-irrst du dich, nicht du bist der Mörder, hörst du mich, _nicht du_! Mich
-hat Gott gesandt, dir das zu sagen.“
-
-Beide schwiegen sie. Lange dauerte dieses Schweigen. Sie standen und
-blickten sich noch immer in die Augen. Beide waren sie bleich. Plötzlich
-überlief Iwan ein Zittern, und er packte Aljoscha krampfhaft an der
-Schulter.
-
-„Du bist bei mir gewesen!“ stieß er in wutknirschendem Geflüster hervor.
-„Du bist bei mir gewesen, nachts, als er zu mir kam ... Gestehe es ...
-Hast du ihn gesehen, hast du ihn gesehen?“
-
-„Von wem redest du ... von Mitjä?“ fragte Aljoscha verwundert.
-
-„Ach, nicht von ihm rede ich, zum Teufel mit diesem Scheusal!“ keuchte
-Iwan außer sich. „Weißt du denn, daß er zu mir kommt? Wie hast du das
-erfahren, sprich!“
-
-„Welcher ‚er‘? Ich weiß nicht, von wem du sprichst,“ stotterte Aljoscha
-erschrocken.
-
-„Das ist nicht wahr, du weißt es ... wie hättest du sonst ... es kann
-nicht sein, daß du es nicht weißt ...“
-
-Da war es, als ob er plötzlich an sich hielt. Er stand und schien
-nachzudenken. Ein eigentümliches, vielleicht etwas spöttisches Lächeln
-bog seine Lippen.
-
-„Bruder,“ sagte endlich Aljoscha und seine Stimme bebte, „ich habe es
-dir nur darum gesagt, weil du meinen Worten glauben wirst, das weiß ich.
-Ich habe es dir fürs ganze Leben gesagt, dieses ‚_nicht du_‘! Hörst du,
-fürs ganze Leben. Und mir hat Gott auf die Seele gelegt, dir diese Worte
-zu sagen, selbst wenn du mich auch von nun an dein ganzes Leben lang
-hassen solltest ...“
-
-Doch Iwan Fedorowitsch schien sich bereits wieder ganz in der Gewalt zu
-haben.
-
-„Alexei Fedorowitsch,“ sagte er mit einem kalten Lächeln, und zum
-erstenmal sagte er zu seinem Bruder „Sie“, „mir ist nichts so zuwider
-wie Propheten und Epileptiker, besonders aber wie Abgesandte Gottes, und
-das wissen Sie ja auch selbst sehr gut. Von diesem Augenblicke an breche
-ich mit Ihnen, und zwar, denke ich, für immer. Ich bitte Sie, mich hier
-an diesem Kreuzweg unverzüglich zu verlassen. Übrigens ist das auch der
-Weg, der zu Ihrer Wohnung führt. Besonders hüten Sie sich, heute noch
-einmal zu mir zu kommen. Ich denke, wir haben uns verstanden?“
-
-Er wandte sich von ihm ab und ging festen Schrittes weiter, ohne sich
-noch einmal umzusehen.
-
-„Bruder,“ rief ihm Aljoscha nach, „wenn sich heute etwas mit dir
-ereignet, so denke an mich und meine Worte! ...“
-
-Iwan Fedorowitsch antwortete nicht. Aljoscha blieb noch an der
-Straßenecke bei der Laterne stehen und sah seinem Bruder nach, bis
-dessen Gestalt sich in der Dunkelheit verloren hatte. Darauf kehrte auch
-er um und bog in die Querstraße ein, um in seine Wohnung zu gehen. Iwan
-Fedorowitsch und Aljoscha wohnten jeder für sich, in verschiedenen
-Häusern: keiner von ihnen hatte in dem vereinsamten Hause Fedor
-Pawlowitsch wohnen wollen. Aljoscha hatte sich ein möbliertes Zimmer in
-einer ärmeren Familie gemietet; Iwan Fedorowitsch dagegen, der ziemlich
-weit von ihm wohnte, hatte eine geräumige und komfortable Wohnung
-gemietet, im Flügel eines schönen Hauses, das einer wohlhabenden
-Beamtenwitwe gehörte. Doch in diesem ganzen Flügel bediente ihn nur eine
-fast taube, alte, von Gicht verzogene Dienstmagd, die schon um sechs Uhr
-abends zu Bett ging und um sechs Uhr morgens aufstand. Iwan Fedorowitsch
-wurde in diesen zwei Monaten fast wie ein Sonderling bescheiden in
-seinen Ansprüchen. Er blieb am liebsten ganz allein in seinen Zimmern.
-Ja, in dem einen Zimmer, in das er sich gewöhnlich zurückzog, räumte er
-sogar eigenhändig auf, und die übrigen Räume seiner Wohnung betrat er
-nur äußerst selten. Als er jetzt bei der Haustür angelangt war und schon
-den Griff der Klingel erfaßt hatte, ließ er die Hand plötzlich wieder
-sinken. Er fühlte, daß er immer noch am ganzen Körper bebte. Plötzlich
-stampfte er wütend mit dem Fuß auf, wandte sich um und ging eilig wieder
-fort. Er begab sich an das entgegengesetzte Ende der Stadt, das etwa
-zwei Werst von seiner Wohnung entfernt war, zu einem kleinen, vor Alter
-schief gewordenen Häuschen, dessen Balken von außen nicht einmal mit
-Brettern bekleidet waren. Dort wohnte Marja Kondratjewna – die frühere
-Nachbarin Fedor Pawlowitschs, die von Marfa Ignatjewna immer Suppe
-geholt, und der Ssmerdjäkoff auf der Gitarre vorgespielt hatte. Ihr
-früheres Haus hatte die Mutter inzwischen verkauft, und jetzt lebten die
-beiden Frauen in dieser kleinen Hütte am Rande der Stadt. Bei ihnen
-wohnte seit einiger Zeit auch Ssmerdjäkoff, der seit dem Tode Fedor
-Pawlowitschs sehr krank war. Zu ihm ging Iwan Fedorowitsch. Ihm war
-plötzlich ein Gedanke gekommen, den er nicht mehr loswerden konnte.
-
-
- VI.
- Erstes Wiedersehen mit Ssmerdjäkoff
-
-Es war jetzt das drittemal, daß Iwan Fedorowitsch nach seiner Rückkehr
-aus Moskau zu Ssmerdjäkoff ging, um mit ihm zu sprechen. Das erstemal
-hatte er ihn am Tage seiner Ankunft gesprochen, und dann hatte er ihn,
-ungefähr zwei Wochen darauf, noch einmal besucht. Doch nach dieser
-zweiten Zusammenkunft hatte er seine Besuche bei Ssmerdjäkoff
-eingestellt, und so war denn jetzt bereits mehr als ein Monat vergangen,
-daß er ihn nicht mehr gesehen hatte. Iwan Fedorowitsch war damals erst
-am fünften Tage nach dem Tode des Vaters aus Moskau hier eingetroffen,
-so daß dieser inzwischen schon beerdigt worden war: die Beerdigung hatte
-schon am Tage vor seiner Ankunft stattgefunden. Der Grund dieser
-Verspätung Iwan Fedorowitschs lag darin, daß Aljoscha, der nicht wußte,
-wohin er telegraphieren sollte, zu Katerina Iwanowna geeilt war, um von
-ihr seine Adresse zu erfahren. Katerina Iwanowna aber hatte sie
-gleichfalls nicht gewußt, dafür aber sofort an ihre Stiefschwester nach
-Moskau die Nachricht telegraphiert, in der Hoffnung, daß Iwan
-Fedorowitsch bald nach seiner Ankunft zu ihrer Tante gehen werde. Iwan
-war jedoch erst am vierten Tage zu ihnen gegangen und war dann natürlich
-nach Empfang des Telegramms sofort zurückgefahren. Hier traf er zuerst
-mit Aljoscha zusammen, doch war er, nachdem er mit ihm über das
-Geschehnis gesprochen hatte, sehr verwundert gewesen, daß jener den
-Bruder nicht einmal verdächtigen wollte, sondern ohne weiteres auf
-Ssmerdjäkoff als auf den Mörder des Vaters hinwies – was den
-Überzeugungen aller übrigen gerade widersprach. Und als er darauf den
-Polizeichef und den Staatsanwalt gesprochen und die näheren Umstände der
-Verhaftung und alle anklagenden Aussagen erfahren hatte, da hatte er
-sich noch mehr über Aljoschas Behauptung gewundert und sich schließlich
-diese hartnäckige, „blinde“ Parteinahme mit dem aufs höchste
-gesteigerten brüderlichen Mitleid und seiner großen Liebe erklärt. Iwan
-wußte, wie sehr Aljoscha Mitjä liebte. Bei der Gelegenheit will ich noch
-ein paar Worte über die Empfindungen sagen, die Iwan für seinen Bruder
-Dmitrij Fedorowitsch hegte: er liebte ihn entschieden nicht, und wenn er
-auch zuweilen viel, viel Mitleid mit ihm haben konnte, so war doch
-dieses Mitleid mit großer Verachtung untermischt, einer Verachtung, die
-sich zuweilen bis zum Ekel steigern konnte. Mitjä war ihm physisch
-unangenehm, und die Liebe Katerina Iwanownas zu Mitjä rief in Iwan nur
-Unwillen hervor.
-
-Am selben Tage nach seiner Rückkehr hatte er auch Mitjä im Gefängnis
-besucht, und dieses Wiedersehen hatte in ihm die Überzeugung von Mitjäs
-Schuld nicht etwa geschwächt, sondern ihn noch mehr von ihr überzeugt.
-Er hatte den Bruder in geradezu krankhafter Erregung angetroffen. Mitjä
-war ungewöhnlich gesprächig, doch sehr zerstreut und unstet gewesen,
-hatte sehr schroff gesprochen, immer wieder Ssmerdjäkoff beschuldigt und
-sich nach jedem Satz verwirrt. Am meisten hatte er von jenen dreitausend
-Rubeln gesprochen, die der Vater von ihm „gestohlen“ hätte.
-
-„Dieses Geld im Kuvert gehörte mir, mir,“ behauptete Mitjä, „so wäre
-ich, selbst wenn ich es genommen hätte, im Recht.“
-
-Alle Beweise, die gegen ihn sprachen, bestritt er so gut wie gar nicht,
-und wenn er eine Tatsache zu seinen Gunsten erklären wollte, so sprach
-er wiederum auffallend zerstreut und unlogisch. Überhaupt machte er
-stets den Eindruck, als wolle er sich nicht einmal rechtfertigen, weder
-vor Iwan, noch vor sonst jemandem: er ärgerte sich nur, verachtete stolz
-die Anklagen, fluchte und brauste auf. Über die Aussage Grigorijs in
-betreff der offenen Tür lachte er nur verächtlich und beteuerte, der
-Teufel habe sie aufgemacht, konnte aber keinen einzigen klaren Beweis
-diesem Zeugnisse des Dieners entgegenstellen. Ja, während dieses ersten
-Wiedersehens hatte er sogar Iwan Fedorowitsch beleidigt: er sagte ihm
-plötzlich in schneidend scharfem Tone, daß es denen nicht zustände, ihn
-zu verdächtigen, die selbst behaupteten, „alles sei erlaubt“. Kurz, er
-war sehr unfreundlich zu ihm gewesen. – Gleich nach diesem Wiedersehen
-war Iwan Fedorowitsch dann auch zu Ssmerdjäkoff gegangen.
-
-Schon auf der Rückfahrt hatte er die ganze Zeit im Waggon an
-Ssmerdjäkoff und sein letztes Gespräch mit ihm am Abend vor seiner
-Abreise gedacht. Vieles hatte ihn beunruhigt, vieles war ihm verdächtig
-erschienen. Als er aber darauf vom Untersuchungsrichter verhört worden
-war, hatte er vorläufig nichts von diesem Gespräch gesagt. Er hatte das
-noch hinausgeschoben, um unter Umständen nach der Unterredung mit
-Ssmerdjäkoff darauf zu sprechen zu kommen. Ssmerdjäkoff befand sich
-damals im Stadtkrankenhause. Doktor Herzenstube und auch der Kreisarzt
-Warwinskij, den Iwan Fedorowitsch im Krankenhause antraf, antworteten
-ihm auf seine wiederholten Fragen auf das bestimmteste, daß die Echtheit
-der Ssmerdjäkoffschen Epilepsieanfälle nicht dem geringsten Zweifel
-unterliege, und sie wunderten sich nur über die sonderbare Frage: „hat
-er nicht am Tage der Katastrophe den Anfall simuliert?“ Sie gaben ihm zu
-verstehen, daß dieser Anfall sogar ein ganz außergewöhnlicher gewesen
-sei, mehrere Tage lang angedauert und sich immer noch wiederholt habe,
-so daß sogar das Leben des Patienten entschieden in Gefahr gewesen sei,
-und daß man erst jetzt, nach den ergriffenen Maßregeln, sagen könne, daß
-der Kranke am Leben bleiben werde, – „obgleich sehr möglich ist,“ fügte
-Doktor Herzenstube noch bedächtig hinzu, „daß seine Vernunft teilweise
-zerrüttet bleibt, wenn auch nicht fürs ganze Leben, so doch ziemlich
-lange.“ Aber auf die ungeduldige Frage Iwan Fedorowitschs: „Dann ist er
-also augenblicklich verrückt?“ wurde ihm die Antwort zuteil, daß man so
-etwas im vollen Sinne des Wortes nicht sagen könne, daß sich aber
-bereits gewisse Anormalitäten konstatieren ließen. Iwan Fedorowitsch
-beschloß, sich selbst davon zu überzeugen, was das für Anormalitäten
-wären. Im Krankenhause wurde er ohne weiteres zugelassen. Ssmerdjäkoff
-befand sich in einem Zimmer für nur zwei Personen und lag da auf einem
-harten Krankenhausbett. Daselbst befand sich noch ein anderes Bett, das
-ein städtischer Kleinbürger einnahm, ein gelähmter, alter Mann, der von
-der Wassersucht ganz geschwollen war und keine zwei Tage mehr leben
-konnte – die Unterredung konnte er nicht stören. Ssmerdjäkoff lächelte
-zweideutig, als er Iwan Fedorowitsch erblickte, in der ersten Sekunde
-schien er sogar etwas erschrocken zu sein. Wenigstens schien es Iwan
-Fedorowitsch so. Doch das war vielleicht nur eine Sekunde lang der Fall,
-während der ganzen übrigen Zeit überraschte ihn Ssmerdjäkoff geradezu
-durch seine Ruhe. Schon beim ersten Blick auf ihn überzeugte sich Iwan
-Fedorowitsch, daß er tatsächlich krank war: man sah es ihm an, daß er
-schwach war; er sprach langsam und schien gleichsam nur mit Mühe die
-Zunge zu bewegen; er war sehr abgemagert und im Gesicht ganz gelb.
-Während der Unterredung, die etwa zwanzig Minuten dauerte, klagte er
-über Kopfschmerz und Gliederreißen. Sein trockenes, an Kastraten
-erinnerndes Gesicht schien ganz klein geworden zu sein; die früher
-peinlich gebürsteten Schläfenhaare waren struppig und borstig, und statt
-des kunstvoll aufgedrehten Haarbüschels über dem Scheitel, starrte nur
-ein einziges mageres Strähnlein empor. Aber sein zugekniffenes linkes
-Auge, das beständig zu zwinkern schien, als wolle es einen Wink geben,
-verriet sofort den früheren Ssmerdjäkoff. „Mit einem klugen Menschen ist
-auch das Reden ein Genuß,“ fiel es Iwan Fedorowitsch beim Anblick dieses
-linken Auges ein. Er setzte sich am Fußende des Lagers auf eine kleine
-Holzbank. Ssmerdjäkoff bewegte seinen Körper mit leidender Miene auf dem
-Bett, begann aber nicht als erster zu sprechen: er schwieg, und auch
-sonst blickte er drein, als errege der Besuch nicht sehr seine Neugier.
-
-„Kannst du mit mir sprechen?“ fragte Iwan Fedorowitsch, „ich werde dich
-nicht gar zu sehr ermüden.“
-
-„Das kann ich sehr wohl,“ sagte Ssmerdjäkoff gleichsam kauend und mit
-müder Stimme. „Geruhtet Ihr schon vor langer Zeit anzukommen?“ fügte er
-nach einer Weile gnädig hinzu, als wolle er dem verlegen gewordenen
-Besucher helfen, über das Peinliche hinwegzukommen.
-
-„Nein, erst heute ... um den Brei, den ihr hier eingerührt habt,
-auszulöffeln.“
-
-Ssmerdjäkoff seufzte.
-
-„Warum seufzt du, du wußtest es doch?“ fuhr ihn Iwan Fedorowitsch zornig
-an.
-
-Ssmerdjäkoff schwieg hartnäckig.
-
-„Wie hätte man’s denn nicht wissen sollen? Das war doch im voraus klar
-zu sehen. Wie aber konnte man ahnen, daß es auf selbige Manier kommen
-würde!“
-
-„Was kommen würde? Du, mach keine Finten, das sage ich dir! Du hast es
-doch vorausgesagt, daß du beim Hinabsteigen in den Keller einen Anfall
-bekommen würdest? Gerade ‚in den Keller‘ hast du gesagt.“
-
-„Habt Ihr das im Verhör schon ausgesagt?“ fragte Ssmerdjäkoff ruhig mit
-scheinbar nur halbem Interesse.
-
-Iwan Fedorowitsch ärgerte sich plötzlich und geriet in Wut.
-
-„Nein, noch habe ich nichts davon gesagt, aber ich werde es bestimmt
-tun. Du wirst mir, mein Lieber, noch vieles sofort erklären müssen, und
-wisse, daß ich nicht mit mir zu spielen erlaube!“
-
-„Von wegen wessen sollte ich denn selbiges tun wollen, wenn ich doch
-meine ganze Hoffnung nur auf Euch, wie auf Gott den Herrn selber,
-gesetzt habe!“ sagte Ssmerdjäkoff gleichmäßig ruhig, indem er nur auf
-einen Augenblick die Äuglein schloß.
-
-„Erstens,“ begann Iwan Fedorowitsch und rückte ihm näher, „ich weiß, daß
-man bei der Fallsucht nicht voraussagen kann, daß man dann und dann
-einen Anfall haben wird. Ich habe mich erkundigt, mach also keine Faxen.
-Tag und Stunde kann man nie voraussagen. Wie nun konntest du mir damals
-Tag, Stunde und auch noch das mit dem Keller voraussagen? Wie konntest
-du im voraus wissen, daß du im Anfall gerade in diesen Keller
-hinabstürzen würdest, – wenn du später den Anfall nicht absichtlich
-vorgespielt haben willst?“
-
-„In selbigen Keller hatte ich sowieso mannigfach zu gehen, sogar
-mehrmals am Tage,“ sagte Ssmerdjäkoff, indem er die Worte langsam in die
-Länge zog. „Akkurat so bin ich auch vor einem Jahr vom Hausboden
-herabgeflogen. Und was das Vorhersagen angeht, so ist es ganz richtig,
-daß man nicht Tag und Stunde voraussagen kann, aber ein Vorgefühl kann
-man doch alleweil voraushaben.“
-
-„Du aber hast ja sogar die Stunde richtig vorausgesagt!“
-
-„Was meine selbige Krankheit anbetrifft, so wär’s doch am besten, Ihr
-erkundigt Euch, Herr, bei den hiesigen Doktoren, ob es ein echter Anfall
-war oder ein unechter, dieweil ich Euch über selbige Frage nichts mehr
-zu sagen habe.“
-
-„Aber der Keller? Wie hast du denn den Keller vorausgewußt?“
-
-„Was Ihr doch alleweil an diesem Keller habt! Wie ich damals so in den
-Keller hinabstieg, war ich in Angst und Zweifel befangen. Wie sollte ich
-auch selbiges nicht sein, sintemal ich doch Eurer beraubt war und auf
-niemandes in der ganzen Welt weder Schutz noch Schirm mehr bauen konnte.
-Und wie ich so in selbigen Keller hinabsteige, denke ich akkurat: ‚Jetzt
-wird er gleich kommen – selbigen Anfall meine ich, – was: Werde ich
-hinunterfallen oder nicht?‘ Und grad von selbiger Angst packte mich im
-Moment jene unvermeidliche Zange an den Hals, welche die Ärzte Spasmus
-nennen ... und so flog ich denn kopfüber. Das alles und desgleichen auch
-das ganze Gespräch am Vorabend mit Euch am Hoftor, wie ich Euch meine
-Angst mannigfach erklärte, und auch selbiges vom Keller, – das alles
-habe ich dem Herrn Doktor Herzenstube und dem Untersuchungsrichter
-Nikolai Parfenowitsch Neljudoff ganz genau erklärt, und das ist alles
-aufgeschrieben worden. Und was der hiesige Doktor ist, Herr Warwinskij,
-so hat er es den Herren erklärt, daß der Anfall auch genau so gekommen
-sein muß – also mit von meinem selbigen Gedanken: ‚werde ich nun
-hinabfallen oder nicht?‘ Und da hatte mich denn der Anfall erfaßt. So
-hat man es auch aufgeschrieben, daß es akkurat so hat geschehen müssen,
-alsomit dieweil ich so gedacht habe und von selbiger großen Angst.“
-
-Nachdem Ssmerdjäkoff langsam seine Rede zu Ende gezogen hatte, holte er,
-scheinbar unter der Erschöpfung schwer leidend, tief Atem.
-
-„So hast du das schon dem Untersuchungsrichter gesagt?“ fragte Iwan
-Fedorowitsch etwas verdutzt. Er hatte ihn gerade damit schrecken wollen,
-daß er von ihrem Gespräch am Vorabend Mitteilung machen werde, und nun
-erfuhr er plötzlich, daß jener schon selbst alles mitgeteilt hatte.
-
-„Was habe ich denn zu fürchten? Mögen sie doch die ganze wahrhaftige
-Wahrheit aufschreiben,“ sagte Ssmerdjäkoff fest und ruhig.
-
-„Und auch unser Gespräch am Hoftor hast du Wort für Wort wiedergegeben?“
-
-„N–nein, n–nicht gerade Wort für Wort.“
-
-„Und daß du einen Anfall vorzuspielen verstehst, wie du dich damals
-dessen vor mir rühmtest, gleichfalls nicht?“
-
-„Nein, das habe ich alsomit gleichfalls nicht gesagt.“
-
-„Jetzt sage du mir, warum du damals wolltest, daß ich nach
-Tschermaschnjä führe?“
-
-„Dieweil ich fürchtete, daß Ihr nach Moskau fahren würdet, nach
-Tschermaschnjä aber war es doch alleweil näher.“
-
-„Du lügst, du selbst hast mich noch gebeten, fortzufahren: ‚Fahrt doch,‘
-sagtest du, ‚fahrt doch von der Sünde fort‘!“
-
-„Dies habe ich damals einzig und allein von wegen meiner Freundschaft
-und herzlichen Ergebenheit gesagt, dieweil ich doch selbiges Unglück im
-Hause ahnte, alsomit geschah es denn aus Mitleid mit Euch. Nur hatte ich
-alleweil mit mir selber noch mehr Mitleid. Und so sagte ich denn: Fahrt
-fort von der Sünde – damit Ihr hinwiederum auf selbige Manier begreift,
-daß es im Hause sonst was geben wird und Ihr hierbliebet, um den Vater
-zu beschützen.“
-
-„So hättest du es doch deutlich sagen sollen, Schafskopf!“ brauste Iwan
-Fedorowitsch plötzlich auf.
-
-„Wie wäre es denn deutlicher noch möglich gewesen? Nur die Angst allein
-sprach in mir, und dann hättet Ihr auch darüber ungehalten sein können.
-Ich konnte wohl, wie sich von selbst versteht, befürchten, daß Dmitrij
-Fedorowitsch einen Skandal machen werde, um sich selbiges Geld, wenn
-nicht anders, so per Gewalt zu verschaffen, da sie doch jene Dreitausend
-für gerade so gut wie ihr eigenes Kapital hielten, aber wer konnte denn
-wissen, daß es mit solchem Mord und Totschlag endigen würde? Ich dachte
-alleweil, sie würden selbiges Geld, das beim Herrn unter der Matratze in
-einem versiegelten Kuvert lag, nur wegnehmen, sie aber haben nun noch
-obendrein erschlagen. Wo solltet denn auch Ihr das vorauswissen können,
-Herr?“
-
-„Du sagst also, daß ich es nicht vorauswissen konnte,“ – Iwan
-Fedorowitsch überlegte, er strengte sich an, hinter den Sinn der Worte
-Ssmerdjäkoffs zu kommen – „wie hätte ich es dann aus deinen
-widersprechenden Andeutungen erraten sollen, und mich auf Grund
-derselben entschließen können, hierzubleiben? Was faselst du da?“
-
-„Ihr hättet selbiges schon allein daraus erraten können, daß ich Euch
-riet, nach Tschermaschnjä, anstatt nach Moskau zu fahren.“
-
-„Wieso hätte ich es daraus erraten können?“
-
-„Ihr hättet es Euch sehr wohl schon allein aus selbigem Grunde sagen
-können, daß ich, wenn ich Euch von Moskau auf Tschermaschnjä ablenken
-wollte, es alsomit bedeutete, daß ich Eure Gegenwart hier möglichst in
-der Nähe wissen wollte, sintemal Moskau weit ist, Dmitrij Fedorowitsch
-dahingegen, wenn sie Euch immerhin in der Nähe wissen, nicht so sehr
-ermutigt sein würden. Und auch mich hättet Ihr im Fall von irgend etwas
-schneller verteidigen können, dieweil es von Tschermaschnjä näher ist.
-In selbigem Gedanken habe ich Euch dann auch auf Grigorij
-Wassiljewitschs Krankheit aufmerksam gemacht und desgleichen auch auf
-meine mannigfachen Befürchtungen von wegen der Fallsucht. Und dieweil
-ich Euch auch von selbigen Zeichen erzählte, mittels welcher man zum
-alten Herrn eindringen konnte, da sie daraufhin ohne weiteres aufgemacht
-hätten, und daß selbige Zeichen auch Dmitrij Fedorowitsch durch mich
-bekannt geworden waren, glaubte ich, daß Ihr dann selber alsomit erraten
-würdet, daß Dmitrij Fedorowitsch was anstellen könnten, und Ihr dann
-nicht etwa nur nach Tschermaschnjä, sondern überhaupt nicht verreisen
-würdet.“
-
-„Der Kerl spricht ja auffallend logisch, wenn er auch seine Worte nur so
-kaut,“ dachte Iwan Fedorowitsch bei sich. „Von was für einer Zerrüttung
-der Vernunft spricht denn Herzenstube?“
-
-Und Iwan Fedorowitsch brauste auf: „Überlisten willst du mich, Teufel
-du!“ Er ärgerte sich maßlos.
-
-„Und ich muß hinwiederum gestehen, ich dachte, daß Ihr alles erraten
-hättet,“ erwiderte Ssmerdjäkoff mit der offenherzigsten Miene.
-
-„Wenn ich es erraten hätte, dann wäre ich doch hiergeblieben!“ rief Iwan
-Fedorowitsch wieder heftig auffahrend.
-
-„Nun ja, ich aber dachte, daß Ihr, dieweil Ihr alles erraten hättet, so
-schnell als möglich von der Sünde fortreistet, einzig um alsomit nur
-irgendwohin von ihr wegzukommen und sich in der Angst zu retten.“
-
-„Du glaubtest, daß alle so feige sind wie du?“
-
-„Verzeiht, ich glaubte, daß auch Ihr so seid, wie auch ich bin.“
-
-„Natürlich, ich hätte es erraten sollen,“ sagte Iwan erregt, „und ich
-erriet ja schließlich auch, daß von dir irgend etwas Verfluchtes zu
-erwarten war ... Nur lügst du, wieder lügst du!“ rief er aufgebracht –
-ihm war etwas eingefallen – „weißt du noch, wie du an den Wagen
-herantratst und sagtest: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das Reden
-ein Genuß.‘ Also freutest du dich darüber, daß ich fortfuhr, denn sonst
-hättest du doch nicht meinen Entschluß gelobt!“
-
-Ssmerdjäkoff seufzte und seufzte dann noch einmal. In sein Gesicht
-schien plötzlich etwas Farbe gekommen zu sein.
-
-„Wenn ich froh war,“ sagte er mit etwas knappem Atem, „so war ich
-selbiges nur deswegen, weil Ihr eingewilligt hattet, wenigstens nicht
-nach Moskau, sondern nur nach Tschermaschnjä zu fahren; das war aber
-doch immerhin näher. Nur habe ich Euch selbige Worte nicht wie ein Lob
-gesagt, sondern vorwürfig. Das habt Ihr nur, wie’s scheint, nicht
-begriffen.“
-
-„Wieso ‚vorwürfig‘ – was willst du damit sagen?“
-
-„Daß Ihr, wiewohl Ihr alles vorausfühltet, dennoch Euren leiblichen
-Vater verlassen und uns allesamt nicht beschützen wolltet, dieweil man
-mich doch von wegen selbiger Dreitausend immer hineinziehen konnte,
-sozusagen, daß ich sie gestohlen hätte.“
-
-„Der Teufel hole dich!“ fluchte wieder Iwan. „Halt! Hast du auch das von
-diesen Zeichen dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt
-mitgeteilt?“
-
-„Alles, wie es war, habe ich mitgeteilt.“
-
-Iwan Fedorowitsch wunderte sich wieder über ihn.
-
-„Wenn ich mir damals irgendwelche Gedanken machte, so geschah das einzig
-in bezug auf dich. Daß Dmitrij Fedorowitsch jemanden erschlagen könnte,
-das wußte ich, daß er aber stehlen würde – das habe ich keinen
-Augenblick geglaubt ... Dich aber hielt ich zu jeder Gemeinheit fähig.
-Du sagtest mir doch selbst, daß du einen epileptischen Anfall
-vortäuschen könntest – wozu sagtest du mir das?“
-
-„Nur von wegen meiner Treuherzigkeit. Und ich habe noch nie in meinem
-Leben einen Anfall mit Absicht gemacht oder, wie Ihr sagt, vorgetäuscht;
-ich sagte selbiges nur so selbentlich, ich wollte dummerweise damit
-großtun. Ich hatte Euch damals gar zu lieb gewonnen, und so sprach ich
-denn mit Euch in ganzer Aufrichtigkeit.“
-
-„Mein Bruder aber beschuldigt gerade dich sowohl des Mordes, wie des
-Diebstahls.“
-
-„Was bleibt ihnen denn sonst übrig?“ Ssmerdjäkoff lächelte bitter. „Aber
-wer wird ihnen denn glauben nach allen Beweisen? Grigorij Wassiljewitsch
-hat doch mit eigenen Augen gesehen, daß die Tür offen war, was ist da
-jetzt noch zu wollen! Aber was, Gott mit ihnen! Sie zittern doch für die
-eigene Haut ...“
-
-Er verstummte und lag eine Weile ganz still. Plötzlich fügte er, als
-hätte er sich ein wenig bedacht, noch hinzu:
-
-„Wenn man’s so nimmt, ist ja noch eines dabei zu bedenken: Dmitrij
-Fedorowitsch wollen alleweil die Schuld auf mich abwälzen, – das habe
-ich auch schon mannigfach gehört; aber wenn Ihr schon bloß das eine
-selbst bedenkt, selbiges, daß ich ein Meister sei im Vorspielen eines
-solchen Anfalles, so sagt doch selbst, ob ich Euch dies gesagt hätte,
-wenn ich in Wahrheit so eine Absicht in betreff Eures Vaters gehabt
-hätte? Wenn man schon einmal so eine Absicht hat, wer wird dann noch so
-dumm sein und selber so etwas aussprechen, womit man ihn doch später mit
-Leichtigkeit hineinlegen kann – und das dann noch dem leiblichen Sohne,
-erbarmt Euch! Ist denn das wahrscheinlich? Das ist doch, nach jeder
-Wahrscheinlichkeit, nie und nimmer möglich. Dieses Gespräch hört jetzt
-keine lebende Seele, außer der Vorsehung, aber wenn Ihr selbiges dem
-Staatsanwalt oder dem Untersuchungsrichter mitteilen wolltet, so könntet
-Ihr mich auf diese Manier gewaltig verteidigen: Denn was ist denn das
-für ein Räuber und Mörder, der noch kurz vorher so gutmütig offenherzig
-ist? Das wird man, denke ich, wohl ohne mannigfache Schwierigkeiten
-begreifen.“
-
-„Hör mal,“ unterbrach Iwan Fedorowitsch, nicht wenig verdutzt durch die
-letzten klaren Worte Ssmerdjäkoffs, und indem er sich erhob, „ich
-verdächtige dich durchaus nicht, ich finde es sogar lächerlich, dich zu
-beschuldigen ... im Gegenteil, ich danke dir, daß du mich beruhigt hast.
-Ich gehe jetzt, aber ich werde wiederkommen. Also auf Wiedersehen und
-werde bald gesund. Brauchst du vielleicht irgend etwas?“
-
-„Danke ergebenst. Marfa Ignatjewna vergißt mich nicht und besorgt mir
-alles, wenn ich wessen bedarf, wie sie immer in ihrer Güte tut. Und gute
-Menschen besuchen mich alleweil.“
-
-„Dann auf Wiedersehen. Ich werde übrigens davon, daß du die Anfälle
-simulieren kannst, nichts sagen ... und auch dir rate ich, darüber zu
-schweigen,“ fügte Iwan Fedorowitsch plötzlich aus irgendeinem Grunde
-noch hinzu.
-
-„Das verstehe ich sehr gut. Und wenn Ihr das nicht sagen wollt, so werde
-auch ich unser ganzes Gespräch dazumal am Hoftor nicht vermelden ...“
-
-Iwan Fedorowitsch verließ bei diesen Worten bereits das Zimmer, und erst
-nachdem er schon ein Stück durch den Korridor gegangen war, wurde er
-sich plötzlich bewußt, daß sich in diesen letzten Worten Ssmerdjäkoffs
-wieder jener beleidigende Sinn einer uneingestandenen Mitwisserschaft
-verbarg. Schon wollte er umkehren, aber da verflog der Gedanke auch
-schon; er murmelte nur „Dummheiten!“ vor sich hin und verließ mit
-schnellen Schritten das Krankenhaus. Die Hauptsache war, daß er sich
-tatsächlich beruhigt fühlte, und zwar beruhigte ihn ausschließlich der
-eine Umstand, daß er sich überzeugt hatte, nicht Ssmerdjäkoff, sondern
-sein Bruder Mitjä sei der Schuldige, obgleich man meinen sollte, daß
-diese Überzeugung das Gegenteil bewirkt haben müßte. Warum das aber mit
-ihm so war, das wollte er im Augenblick nicht weiter untersuchen, er
-empfand sogar Ekel bei dem Gedanken, wieder in seinem Inneren wühlen und
-über seine Gefühle nachgrübeln zu müssen. Es war ihm, als wolle er
-irgend etwas schneller vergessen. In den darauf folgenden Tagen
-überzeugte er sich endgültig von der Schuld des Bruders, nachdem er sich
-von allen erdrückenden Beweisen und Zeugenaussagen eingehender hatte
-unterrichten lassen. Es lagen allerdings Aussagen vor, die geradezu
-niederschmetternd waren, so zum Beispiel die von Fenjä und deren
-Großmutter. Von den Aussagen Perchotins, der Plotnikoffschen Kommis, der
-Zeugen aus Mokroje gar nicht zu reden. Das Erdrückendste waren die
-kleinen unumstößlichen Tatsachen. Die Mitteilung von den geheimen
-Zeichen traf die Juristen fast im selben Maße, wie Grigorijs Aussage in
-betreff der offenen Tür. Marfa Ignatjewna behauptete auf Iwan
-Fedorowitschs Frage, daß Ssmerdjäkoff die ganze Nacht hinter der dünnen
-Bretterwand in ihrem Zimmer, ungefähr nur drei Schritt von ihrem Bett
-entfernt, gelegen hätte, und daß sie, wenn sie auch sonst fest
-geschlafen habe, doch mehrmals durch sein fortwährendes Gestöhn
-aufgewacht sei: „Die ganze Zeit hat er gestöhnt, die ganze Zeit,“ schloß
-sie überzeugt. Als Iwan Fedorowitsch Doktor Herzenstube seine
-Beobachtung mitteilte, nämlich, daß Ssmerdjäkoff ihm durchaus nicht
-irgendwie schwachsinnig erscheine, sondern nur körperlich angegriffen,
-rief er bei dem alten Deutschen nur ein feines Lächeln hervor. „Aber
-wissen Sie auch, womit er sich jetzt ganz besonders beschäftigt?“ fragte
-er Iwan Fedorowitsch lächelnd, „französische Vokabeln lernt er
-auswendig! Unter seinem Kopfkissen liegt ein Heft, in dem französische
-Worte mit russischen Buchstaben geschrieben sind, he – he – he!“ So gab
-denn Iwan Fedorowitsch schließlich alle seine Zweifel auf. An seinen
-Bruder Dmitrij konnte er nicht mehr ohne Ekel denken. Nur eines blieb
-immerhin sonderbar, daß Aljoscha trotz allem fortfuhr, so hartnäckig
-darauf zu bestehen, daß nicht Mitjä erschlagen habe, sondern „aller
-Wahrscheinlichkeit nach“ – Ssmerdjäkoff. Iwan fühlte, daß Aljoschas
-Meinung ihm immer sehr wertvoll war, und daß er sie hoch einschätzte –
-darum wunderte er sich jetzt noch mehr über ihn. Sonderbar war
-gleichfalls, daß Aljoscha nie mit ihm über Mitjä ein Gespräch
-angeknüpft, sondern immer nur auf seine Fragen geantwortet hatte. Das
-war ihm sogar sehr aufgefallen. Übrigens wurde er in jener Zeit noch
-durch etwas anderes von diesen Dingen abgelenkt. Als er aus Moskau
-zurückgekehrt war, hatte er sich gleich vom ersten Tage an mit allen
-Fibern seiner brennenden, sinnlosen Leidenschaft für Katerina Iwanowna
-ergeben. Es ist hier nicht der Ort, von dieser neuen Leidenschaft Iwan
-Fedorowitschs, die sich durch sein ganzes späteres Leben zog, zu
-erzählen. Das alles könnte zum Vorwurf einer neuen Erzählung, eines
-zweiten Romans dienen, den ich – ich weiß noch nicht recht – auch
-vielleicht einmal schreiben werde. Doch kann ich auch jetzt nicht ganz
-darüber schweigen. Vor allen Dingen muß ich bemerken, daß er, als er
-nachts mit Aljoscha von Katerina Iwanowna nach Haus ging und diesem
-sagte: „Ich begehre sie aber nicht,“ ganz einfach die nackte Unwahrheit
-sagte. Er liebte sie sinnlos, doch ist auch wahr, daß er sie zuweilen
-dermaßen haßte, daß er sie sogar hätte töten können. Es kreuzten sich
-hierbei viele Gefühle. Katerina Iwanowna klammerte sich jetzt nach all
-den überstandenen Erschütterungen, die ihr Mitjäs Verhaftung, der
-Verdacht, der auf ihm lag usw. verursacht hatten, an Iwan Fedorowitsch,
-wie an ihren einzigen Retter. Sie war gekränkt, erniedrigt, aufs
-äußerste beleidigt in ihren Gefühlen. Und da kehrte nun derjenige
-zurück, der sie früher so geliebt hatte, – oh, das wußte sie nur zu gut,
-– der Mensch, dessen Herz und Verstand sie immer hoch über sich selbst
-gestellt hatte. Aber ihre strenge Gesinnung ließ nicht zu, daß sie sich
-ganz als Opfer hingab, ungeachtet der ganzen Karamasoffschen Zügel- und
-Grenzenlosigkeit der Wünsche des Geliebten und des ganzen berauschenden
-Zaubers, den er auf sie ausübte. Zu gleicher Zeit aber quälte sie sich
-beständig mit der Reue darüber, daß sie Mitjä „verraten“ hatte, und in
-den erregten Augenblicken, wenn sie mit Iwan heftig stritt (und das kam
-häufig vor), sagte sie ihm rücksichtslos, was sie quälte. Das nun war
-es, was Iwan an jenem Abend im Gespräch mit Aljoscha „Lüge auf Lüge“
-genannt hatte. Hierbei war allerdings vieles nur Lüge, und zwar war es
-dies, was Iwan Fedorowitsch am meisten reizte und aufbrachte ... doch
-davon später. Kurz, er vergaß auf diese Weise Ssmerdjäkoff für eine
-Zeitlang fast ganz. Doch siehe, es waren kaum zwei Wochen nach seinem
-ersten Besuch bei Ssmerdjäkoff vergangen, als ihn wieder alle diese
-sonderbaren Gedanken zu quälen begannen. Es genügt wohl, wenn ich sage,
-daß sich ihm immer wieder die Frage aufdrängte, die er nicht abschütteln
-konnte: warum er sich damals – in jener letzten Nacht vor seiner Abreise
-nach Moskau – leise wie ein Dieb zur Treppe geschlichen und gehorcht
-hatte, was der Vater dort unten treiben mochte? Das war es, was er sich
-immer wieder fragte. Und warum hatte er sich später immer nur mit Ekel
-vor sich selbst dieses Augenblicks erinnert, warum war ihm unterwegs am
-Morgen so schwer ums Herz gewesen, und warum hatte er, als er bei der
-Einfahrt in Moskau im Morgengrauen wie aus einem Traum erwacht war, sich
-gesagt: „Ein Schuft bin ich!“ Und jetzt hatte er sich auf dem Wege zu
-ihr eingestanden, daß er über diesen quälenden Gedanken selbst Katerina
-Iwanowna womöglich noch vergessen könnte, so unablässig quälten sie ihn!
-Und gerade, als er sich das gesagt hatte, war ihm Aljoscha auf der
-Straße begegnet. Er hatte ihn sofort angerufen und die sonderbare Frage
-an ihn gestellt:
-
-„Erinnerst du dich noch dessen, wie ich damals, als Dmitrij nach Tisch
-plötzlich hereingestürzt war und den Vater verprügelt hatte, – wie ich
-dir auf dem Hofe sagte, daß ich das ‚Recht zu wünschen‘ für mich
-behielte, ... sag, dachtest du damals, daß ich den Tod des Vaters
-wünschte?“
-
-„Ich dachte es,“ hatte Aljoscha leise geantwortet.
-
-„So war es übrigens auch, es war dabei nichts zu erraten. Aber dachtest
-du damals nicht auch, daß ich besonders wünschte, ‚daß das eine
-Geschmeiß das andere Geschmeiß verschlinge‘, das heißt, daß gerade
-Dmitrij den Vater erschlage, und zwar je schneller, desto besser ... und
-daß ich sogar nicht einmal abgeneigt wäre, es selbst zu begünstigen?“
-
-Aljoscha war ein wenig erbleicht und hatte stumm in die Augen des
-Bruders geblickt.
-
-„So sag doch!“ hatte Iwan ungeduldig ausgerufen. „Ich will um alles in
-der Welt wissen, was du damals dachtest. Ich will die Wahrheit, die
-Wahrheit!“
-
-Er hatte schwer geatmet und schon im voraus mit einer gewissen
-Feindseligkeit Aljoscha angeblickt.
-
-„Vergib mir, ich habe auch das damals gedacht,“ hatte Aljoscha kaum
-hörbar gemurmelt und war darauf verstummt, ohne auch nur einen einzigen
-„mildernden Umstand“ hinzuzufügen.
-
-„Danke!“ hatte Iwan kurz hingeworfen und war, indem er Aljoscha stehen
-ließ, schnellen Schrittes weitergegangen.
-
-Seit jenem Augenblick hatte es Aljoscha geschienen, daß Iwan ihn nicht
-mehr liebte und sich absichtlich von ihm entfernte, so daß er selbst
-alsbald aufhörte, zu ihm zu gehen. Gleich nach jener Begegnung aber war
-Iwan Fedorowitsch plötzlich kurz entschlossen vom Wege abgebogen und
-hatte sich geradeswegs wiederum zu Ssmerdjäkoff begeben.
-
-
- VII.
- Der zweite Besuch bei Ssmerdjäkoff
-
-Ssmerdjäkoff hatte inzwischen das Krankenhaus schon verlassen. Iwan
-Fedorowitsch wußte, wo er wohnte: in jenem kleinen, aus rohen Balken
-gezimmerten, schief gewordenen, alten Häuschen, das nur aus zwei
-kleinen, durch einen Flur getrennten Zimmern bestand. In dem einen
-Zimmer hatte sich Marja Kondratjewna mit ihrer Mutter eingerichtet, und
-im anderen wohnte jetzt Ssmerdjäkoff ganz allein. Unter welchen
-Bedingungen er dort lebte, ob er ihnen etwas dafür zahlte, oder ob er
-ihnen nichts zahlte, das mag Gott wissen. Später vermutete man, daß er
-sich in der Eigenschaft als Marja Kondratjewnas Bräutigam bei ihnen
-niedergelassen hatte und vorläufig unentgeltlich dort wohnte. Die Mutter
-wie die Tochter verehrten ihn grenzenlos und hielten ihn, wenigstens im
-Vergleich zu sich selbst, für ein höheres Wesen.
-
-Iwan Fedorowitsch klopfte an die Tür. Als ihm aufgemacht wurde, sah er
-sich zuerst in einem kleinen, schmalen Flur, aus dem er auf Marja
-Kondratjewnas Weisung geradezu in die „gute Stube“ eintrat, die von
-Ssmerdjäkoff eingenommen wurde. In dieser „guten Stube“ befand sich ein
-großer Kachelofen, der stark geheizt war. Die Wände schmückten
-himmelblaue Tapeten, allerdings ganz zerrissene, und hinter ihnen und in
-den Rissen krabbelte eine erschreckende Menge großer wie kleiner
-Schaben, so daß man im Zimmer ein unaufhörliches, eintöniges,
-schließlich einschläferndes Rascheln hörte. Eingerichtet war das Zimmer
-selbst für eine Bauernstube ganz erbärmlich: zwei Bänke an den Wänden,
-zwei Stühle neben dem Tisch. Der Tisch aber war, wenn auch aus einfachen
-Brettern gezimmert, so doch mit einer rosagemusterten Tischdecke
-bedeckt. Vor jedem der zwei kleinen Fenster stand je ein Blumentopf mit
-Geranien. In der Ecke hing ein Schrein mit Heiligenbildern. Auf dem
-Tisch standen ein kleiner, messingner, stark mit Beulen bedeckter
-Ssamowar und ein Teebrett mit zwei Tassen. Ssmerdjäkoff hatte schon
-seinen Tee getrunken, und der Ssamowar war erloschen ... Er selbst saß
-auf der einen Bank am Tisch, saß über ein Heft gebeugt und malte mit der
-Feder irgendwelche Buchstaben. Ein kleines Tintenfaß stand vor ihm auf
-dem Tisch, desgleichen ein einfacher Metalleuchter, in dem eine
-Stearinkerze stak. Iwan Fedorowitsch sagte sich sofort nach dem ersten
-Blick auf Ssmerdjäkoff, daß jener sich vollkommen erholt hatte. Sein
-Gesicht war frischer, voller, die Locke über der Stirn war sorgfältig
-aufgedreht, und die Schläfenhaare waren glatt angekämmt. Er saß in einem
-bunten wattierten Schlafrock, der aber schon recht alt zu sein schien
-und ziemlich zerrissen war. Auf der Nase hatte er eine Brille, die Iwan
-Fedorowitsch früher nie bei ihm gesehen hatte. Dieser eine nichtssagende
-Umstand verdoppelte geradezu Iwan Fedorowitschs Gereiztheit. „Solch ein
-Tier, und da sitzt es nun noch mit einer Brille auf der Nase!“ dachte er
-wütend. Ssmerdjäkoff erhob langsam seinen Kopf und blickte aufmerksam
-durch die Brille den Eintretenden an; darauf nahm er die Brille ab und
-erhob sich von der Bank, tat es aber nichts weniger als ehrerbietig, tat
-es sogar mit einer gewissen Faulheit, als wenn er nur die
-unumgänglichste Höflichkeit beobachten wollte, ohne die es nun einmal
-leider nicht geht. Iwan Fedorowitsch erkannte dies sofort. Vor allem
-fiel ihm Ssmerdjäkoffs Blick auf, der entschieden feindlich, jedenfalls
-nichts weniger als willkommenheißend und sogar hochmütig war. Er schien
-förmlich auszusprechen: „Warum schleppst du dich denn wieder her, wir
-haben doch dazumal alles erledigt, was willst du denn jetzt noch?“
-
-Iwan Fedorowitsch konnte sich kaum beherrschen.
-
-„Heiß ist es hier bei dir,“ sagte er, noch an der Tür stehend, und riß
-den Mantel auf.
-
-„Nehmt ihn ab,“ erlaubte gnädig Ssmerdjäkoff.
-
-Iwan Fedorowitsch zog den Mantel aus und warf ihn auf die andere Bank,
-ergriff mit etwas zitternden Händen einen Stuhl, schob ihn mit einem
-Ruck an den Tisch und setzte sich. Ssmerdjäkoff war es gelungen, sich
-bereits _früher_ als Iwan wieder zu setzen.
-
-„Vor allen Dingen – sind wir allein?“ fragte Iwan Fedorowitsch streng
-und heftig. „Kann man uns nicht im anderen Zimmer hören?“
-
-„Niemand wird was hören. Habt ja selber gesehen, daß ein Flur zwischen
-ist.“
-
-„Hör mal, mein Lieber: was war es, was du damals faseltest, als ich dich
-im Krankenhause verließ? Was kautest du da von –: wenn ich nicht
-aussagen würde, daß du ein Meister im Vortäuschen von epileptischen
-Anfällen wärst, so würdest auch du dem Untersuchungsrichter unser ganzes
-Gespräch, das wir am Vorabend beim Hoftor hatten, gar nicht mitteilen?
-Was meintest du mit diesem ‚unser _ganzes_ Gespräch‘? Drohtest du mir
-etwa? Was hast du damit sagen wollen? Daß ich mich mit dir verbündet
-hätte oder verabredet, und dich etwa jetzt fürchten könnte?“
-
-Iwan Fedorowitsch sprach es fast jähzornig; er gab dabei mit Absicht
-deutlich zu verstehen, daß er jeden Winkelzug verachtete sowie jedes
-vorsichtige Heranschleichen, vielmehr mit offenen Karten spielen wollte.
-In Ssmerdjäkoffs Augen blitzte es boshaft auf, und das linke kleine
-Äuglein zwinkerte wieder, als wollte es prompt zur Antwort geben: „Also
-offene Karten willst du? – schön, soll geschehen, so offen wie du nur
-willst.“
-
-„Was ich dazumal mit selbigem meinte und aussprach, war, daß Ihr sehr
-wohl diesen Mord voraussaht und dennoch abreistet, alsomit Euren
-leiblichen Vater wohlweislich opfertet und Euch selber fortbegabt, damit
-die Menschen nicht was Schlechtes von Euren Gefühlen dächten, vielleicht
-aber auch noch von manchem übrigen. – Selbiges war es, was ich dazumal
-der Obrigkeit nicht zu sagen Euch versprach.“
-
-Ssmerdjäkoff sprach es zwar langsam und hatte sich augenscheinlich ganz
-in der Gewalt, doch in seiner Stimme lag jetzt bereits etwas Festes und
-Sicheres, Boshaftes und frech Herausforderndes. Geradezu unverschämt
-fixierte er Iwan Fedorowitsch, so daß es diesem einen Moment vor den
-Augen flimmerte.
-
-„Wie? Was? Bist du verrückt geworden oder noch bei Sinnen?“
-
-„Vollkommen alleweil bei Sinnen.“
-
-„Aber wie sollte ich denn das wissen, daß er ermordet werden würde?“
-schrie plötzlich Iwan Fedorowitsch ihn an, indem er heftig mit der Faust
-auf den Tisch schlug. „Und was heißt das: ‚vielleicht aber auch noch von
-manchem übrigen‘? – sprich, Schurke!“
-
-Ssmerdjäkoff schwieg und fuhr fort, immer mit demselben frechen Blick
-Iwan Fedorowitsch zu fixieren.
-
-„Sprich, du stinkender Hund, von was für ‚manchem übrigen‘?“ schrie
-dieser laut.
-
-„Mit selbigem manchem übrigen meinte ich soeben, daß Ihr dazumal selber
-sehr den Tod Eures Vaters wünschtet.“
-
-Iwan Fedorowitsch sprang auf und schlug ihn aus aller Kraft auf die
-Schulter, so daß Ssmerdjäkoff an die Wand zurückprallte. In einem
-Augenblick war sein ganzes Gesicht von Tränen überströmt, und er sagte
-nur: „Schämt Euch, Herr, einen schwachen Menschen so zu schlagen!“
-worauf er seine Augen mit seinem baumwollenen, blaukarierten, gänzlich
-vollgeschnaubten Schnupftuch bedeckte und sich in stilles Weinen
-versenkte. Das dauerte eine gute Weile an.
-
-„Genug jetzt! Hör auf!“ befahl schließlich Iwan Fedorowitsch barsch und
-setzte sich wieder auf den Stuhl. „Bring mich nicht um meine letzte
-Geduld.“
-
-Ssmerdjäkoff nahm endlich seinen vollgeschnaubten Lappen von den Augen.
-Jeder Zug seines runzlichen Gesichts drückte die soeben erlittene
-Kränkung aus.
-
-„So hast du Schurke damals geglaubt, daß ich zusammen mit Dmitrij
-Fedorowitsch meinen Vater erschlagen wollte?“
-
-„Eure Gedanken konnte ich dazumal nicht wissen,“ sagte Ssmerdjäkoff
-gekränkt, „und somit hielt ich Euch auf, als Ihr durch das Fußpförtchen
-eintreten wolltet, um Euch über selbigen Punkt zu erforschen.“
-
-„Was zu erforschen? Wie?“
-
-„Um doch diesen selbigen Umstand zu erforschen: wollt Ihr nun, oder
-wollt Ihr nicht, daß Euer Vater bald erschlagen würde.“
-
-Was Iwan Fedorowitsch am meisten empörte, war dieser hartnäckig
-beibehaltene freche Ton, den Ssmerdjäkoff auf einmal angenommen hatte
-und nicht mehr verändern zu wollen schien.
-
-„Du bist es, der ihn erschlagen hat!“ rief Iwan plötzlich auffahrend.
-
-Ssmerdjäkoff lächelte verächtlich.
-
-„Daß nicht ich es getan habe, das wißt Ihr doch selber ganz genau. Und
-ich glaubte, daß mit einem klugen Menschen sich gar nicht mehr darüber
-noch zu reden lohnt.“
-
-„Aber warum, sag, warum war damals in dir ein solcher Verdacht auf mich
-aufgetaucht?“
-
-„Wie ich Euch schon mannigfach gesagt habe, einzig von wegen meiner
-Angst. War ich doch dazumal in so einer Verfassung, daß ich in der Angst
-alle beargwöhnte. Aus selbigem Grunde beschloß ich dann, desgleichen
-auch Euch zu erforschen, dieweil wenn auch Ihr dasselbige wie Euer
-Bruder Dmitrij wünscht, dachte ich, so weiß ich, daß ich alsomit
-verloren bin, daß die Sache so gut wie geschehen ist, und ich mit eins
-wie eine Fliege untergehe.“
-
-„Hör mal, vor zwei Wochen sprachst du anders.“
-
-„Ich habe aber vor zwei Wochen im Hospital ganz genau dasselbe gemeint.
-Bloß glaubte ich alleweil, daß Ihr auch ohne überflüssige Wörter
-verstehen würdet und ein offenes Gespräch selber nicht wünschtet, wie
-eben ein sehr kluger Mensch.“
-
-„Sieh mal einer an! Aber antworte, antworte, ich bestehe darauf!
-Wodurch, sage, wodurch habe ich damals in deiner gemeinen Seele einen so
-niedrigen Verdacht erwecken können?“
-
-„Totschlagen – so hättet Ihr das selber auf keine Manier getan, und Ihr
-hättet es auch nicht gewollt. Aber wollen, daß ihn ein anderer
-totschlage – so wolltet Ihr dies sogar sehr.“
-
-„Und wie ruhig, wie ruhig er es noch sagt! Aber warum hätte ich denn das
-wünschen sollen, zu welch einer Teufelei hätte ich das nötig gehabt?“
-
-„Wie denn so, zu was nötig? Aber die Erbschaft?“ griff Ssmerdjäkoff
-geradezu giftig auf, und seinen Augen sah man die Rachelust an. „Dann
-hättet Ihr doch, wie jeder Eurer Brüder, etwa vierzigtausend Rubel auf
-einen Ruck bekommen, vielleicht noch viel mehr; hätte aber Fedor
-Pawlowitsch selbige Dame geheiratet, so hättet Ihr mitsamt Euren Brüdern
-nicht einen einzigen Rubel gesehen, dieweil Agrafena Alexandrowna die
-ganzen Kapitalien sofort nach der Trauung auf ihren Namen hätte
-verschreiben lassen, sintemal sie äußerst wenig dumm sind. Und war es
-denn dazumal weit von der Trauung? Nur ein Härchen: selbige Dame hätten
-bloß gebraucht, so mit dem kleinen Fingerchen vor Fedor Pawlowitsch zu
-machen, und sie wären ihr noch im selbigen Moment mit heraushängender
-Zunge in die Kirche nachgelaufen.“
-
-Iwan Fedorowitsch wurde es zur Folterqual, sich zu beherrschen.
-
-„Gut,“ sagte er endlich, „wie du siehst, bin ich nicht aufgesprungen,
-habe ich dich nicht geprügelt, nicht dich totgeschlagen. Sprich weiter:
-Also deiner Meinung nach hatte ich meinen Bruder Dmitrij dazu bestimmt,
-auf ihn also hätte ich gerechnet?“
-
-„Wie solltet Ihr denn nicht auf Dmitrij Fedorowitsch rechnen? Dieweil
-wenn sie den Vater erschlagen, gehen sie aller Adelsrechte verlustig,
-aller Titel und alles Besitzes und werden nach Sibirien verschickt.
-Alsomit wäre dann auch ihr Teil nach dem Tode des Vaters Euch und Eurem
-Brüderchen Alexei Fedorowitsch zugefallen, also grad zur Hälfte, alsomit
-hättet Ihr dann nicht nur vierzig-, sondern gleich sechzigtausend Rubel
-geerbt. Wie solltet Ihr nun da nicht alleweil auf Euren Bruder Dmitrij
-Fedorowitsch rechnen!“
-
-„Nun, weiß Gott, ich erdulde viel von dir! Höre, du verächtliches
-Subjekt: selbst wenn ich damals auf irgend jemanden gerechnet hätte, so
-wäre das allenfalls auf dich gewesen, nicht aber auf Dmitrij, und ich
-schwöre dir, ich ahnte sogar eine Niedertracht von dir ... damals ...
-ich erinnere mich noch vorzüglich meines Eindrucks!“
-
-„Selbiges habe auch ich eine Sekunde lang gedacht, nämlich daß Ihr auf
-mich rechnetet,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttischem Lächeln, „so daß Ihr
-durch selbiges dazumal noch mehr Unrecht tatet, denn wenn Ihr solch
-einen Argwohn auf mich hattet und zu gleicher Zeit doch verreistet, so
-war es doch alsomit geradezu, als wolltet Ihr mir sagen: Du kannst den
-Vater erschlagen, ich fahre fort, um dich nicht daran zu verhindern.“
-
-„Hund! Das hast du nur so aufgefaßt!“
-
-„Und das kam alles nur durch dieses Tschermaschnjä. Erbarmt Euch! Immer
-wieder bat Euch Euer Vater, nach Tschermaschnjä zu fahren, Ihr aber
-weigertet Euch, das Haus auf die paar Tage zu verlassen und selbige
-Bitte zu erfüllen. Und plötzlich, einzig auf mein dummes Wort hin, seid
-Ihr einverstanden, hinzufahren! Und was hattet Ihr nur dazumal für einen
-Grund, darauf einzugehen, nach Tschermaschnjä zu fahren? Wenn Ihr also
-nicht nach Moskau, sondern ganz grundlos nur auf mein eines Wort hin
-nach Tschermaschnjä fuhrt, so hieß das doch, daß Ihr etwas von mir
-erwartetet.“
-
-„Nein, ich schwöre es, nein!“ schrie Iwan wutknirschend.
-
-„Wie denn nicht? Sonst wär’s doch ganz und gar nicht angegangen, daß
-Ihr, als Sohn Eures Vaters, mich nicht auf der Stelle auf selbige
-hiesige Polizeiwacht gebracht oder mich durchgepeitscht hättet ... oder
-wenigstens ohne mir ein paar Maulschellen zu langen. Ihr aber gingt
-noch, ganz umgekehrt, ohne auch nur eine Spur von Wut, sofort hin und
-tatet nach meinem dummen Wort, akkurat, was ich gesagt hatte, und fuhrt
-auch richtig fort, was doch ganz ungereimt war, wenn Ihr selbigen
-Verdacht auf mich hattet, und es alsomit Eure Pflicht war, hierzubleiben
-und das Leben Eures Vaters hinfort zu beschützen ... Wie sollte ich nun
-da nicht selbiges denken?“
-
-Iwan saß mit finsterer Stirn da, die Fäuste wie im Krampf auf die Knie
-gestützt.
-
-„Ja, schade, daß ich dir keine Ohrfeigen gab!“ Er lächelte bitter. „Dich
-auf die Polizei zu bringen, ging leider nicht an: es hätte mir niemand
-geglaubt, und ich hätte doch nichts beweisen können. Was aber die
-Ohrfeigen betrifft ... ach, schade, daß ich damals nicht darauf
-verfallen bin! Wenn sie auch verboten sind, so hätte ich doch mit
-Vergnügen deine Fratze zu Brei geschlagen.“
-
-Ssmerdjäkoff betrachtete ihn fast mit Hochgenuß.
-
-„Im sonstigen gewöhnlichen Leben,“ hub er plötzlich in demselben
-selbstzufrieden-doktrinären Tone an, in dem er schon einmal, am Tisch
-Fedor Pawlowitschs stehend, mit Grigorij Wassiljewitsch über den Glauben
-gestritten und ihn zum besten gehabt hatte, „im sonstigen gewöhnlichen
-Leben sind Maulschellen heutigentags ganz und gar durchs Gesetz
-verboten, und so hat alle Welt aufgehört, zu schlagen, was aber die
-Ausnahmefälle des Lebens angeht, so kann man alleweil sagen, daß man
-nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt, und selbst wenn man die
-französische Republik nimmt, überall ganz genau so fortfährt, alleweil
-zu schinden, wie zu Adams und Evas Zeiten, und selbiges wird auch nie
-auf Erden aufhören, Ihr aber habt dazumal selbst nicht einmal in so
-einem Ausnahmefall zu schlagen gewagt.“
-
-„Wozu lernst du denn jetzt französische Vokabeln?“ fragte Iwan, indem er
-mit einem Kopfnicken auf das Heft wies.
-
-„Warum sollte ich sie denn nicht lernen, um auf selbige Manier meine
-Bildung zu erhöhen, wenn ich denke, daß auch ich in jenen glücklichen
-Ländern Europas vielleicht mal sein werde?“
-
-„Höre jetzt, Teufel, was ich dir sage!“ wandte sich plötzlich Iwan
-Fedorowitsch mit drohendem Blick und zitternd vor Wut an ihn. „Ich
-fürchte deine Anschuldigungen nicht! Sage ihnen was du willst über mich.
-Und wenn ich dich nicht hier auf der Stelle totgeschlagen habe, so
-geschah das einzig darum, weil ich dich für den Mörder halte und dich
-noch vor die Schranken bringen will. Ich werde dich schon entlarven!“
-
-„Meiner Meinung nach aber tut Ihr besser, wenn Ihr schweigt. Sintemal,
-was könnt Ihr denn gegen mich in meiner Unschuld aussagen, und wer wird
-Euch was glauben? Und wenn Ihr anfangt, werdet Ihr nur das erreichen,
-daß auch ich dann alles sage; denn wie sollte ich mich nicht selber
-verteidigen?“
-
-„Du glaubst wohl, daß ich dich jetzt fürchte?“
-
-„Mögen auch die Richter meinen selbigen Worten, die ich Euch hier soeben
-gesagt habe, nicht glauben, so wird man ihnen doch um so mehr im
-Publikum glauben, und da werdet Ihr Euch schämen müssen.“
-
-„Das soll wohl wieder heißen: ‚Mit einem klugen Menschen ist auch das
-Reden ein Genuß?‘ – wie?“ fragte Iwan Fedorowitsch, innerlich
-wutknirschend.
-
-„Da habt Ihr den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Ihr werdet doch
-alsomit als kluger Mensch nicht Dummheiten machen.“
-
-Iwan Fedorowitsch erhob sich. Er fühlte, wie er am ganzen Körper vor
-verhaltener Wut zitterte. Er zog seinen Mantel an und verließ, ohne
-Ssmerdjäkoff noch ein Wort zu sagen, ohne auch nur noch einen Blick auf
-ihn zu werfen, eilig die Stube. Die kühle Abendluft erfrischte ihn. Es
-war heller Mondschein. Gedanken und Gefühle wogten in ihm, und doch
-hatte er die Empfindung, als hielten sie ihn wie unter einem Alb
-gefangen. „Soll ich unverzüglich hingehen und Ssmerdjäkoff anzeigen? Was
-aber soll ich denn sagen? Er bleibt trotz allem unschuldig. Er wird dann
-nur noch mich beschuldigen. Ja, in der Tat, warum wollte ich denn damals
-nach Tschermaschnjä fahren? Warum, warum nur?“ fragte sich Iwan
-Fedorowitsch. „Ja, natürlich, ich erwartete etwas, und er hat recht ...“
-Und wieder erinnerte er sich zum tausendstenmal, wie er in der letzten
-Nacht im Vaterhause zur Treppe geschlichen war und gelauscht hatte; doch
-diese Erinnerung bereitete ihm jetzt solche Folterpein, daß er stehen
-blieb, als wäre er von einem Speer durchbohrt worden. „Ja, ich erwartete
-es damals, das ist wahr! Ich wollte, ja, ja, ich wünschte, daß dieser
-Mord geschehe! Wie, habe ich wirklich diesen Mord gewollt? – habe ich
-ihn gewollt? Ssmerdjäkoff muß totgeschlagen werden! ... Wenn ich jetzt
-nicht wage, Ssmerdjäkoff zu erschlagen, so lohnt sich ja überhaupt nicht
-mehr, weiter zu leben! ...“
-
-Iwan Fedorowitsch ging darauf, ohne bei sich zu Hause vorzusprechen,
-geradeswegs zu Katerina Iwanowna und erschreckte sie maßlos: Er war wie
-trunken, war wie ein Irrsinniger. Er erzählte ihr sein ganzes Gespräch
-mit Ssmerdjäkoff, er bemühte sich, kein Wort zu vergessen. Er konnte
-sich nicht beruhigen, wie sehr sie ihm auch zuredete; er ging im Zimmer
-umher und sprach so sonderbar, oft ganz zusammenhanglos und in
-abgerissenen, nicht zu Ende gesprochenen Sätzen. Endlich setzte er sich,
-stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub den Kopf in den Händen.
-Und plötzlich murmelte er einen sonderbaren Aphorismus:
-
-„Wenn nicht Dmitrij erschlagen hat, sondern Ssmerdjäkoff, so bin ich
-natürlich mit diesem solidarisch, denn ich habe ihn zur Ausführung
-seiner Absicht angeregt ... ich habe die Ausführung begünstigt ... Habe
-ich ihn dazu angeregt? – ich weiß es noch nicht. Wenn aber er erschlagen
-hat und nicht Dmitrij, so bin natürlich auch ich ein Mörder.“
-
-Als Katerina Iwanowna das gehört hatte, erhob sie sich schweigend von
-ihrem Platz, ging zu ihrem Schreibtisch, öffnete eine auf ihm stehende
-Schatulle und entnahm ihr einen Zettel, den sie vor Iwan Fedorowitsch
-auf den Tisch legte. (Dieser Zettel war jenes Dokument, von dem Iwan
-Aljoscha als von einem „mathematischen Beweise“ dessen, daß Dmitrij den
-Vater erschlagen habe, gesprochen hatte.) Es war das ein Brief, den
-Mitjä in der Trunkenheit geschrieben – am selben Abend, nachdem er am
-Kreuzwege vor dem Kloster mit Aljoscha zusammengetroffen war. Kurz
-vorher war es bei Katerina Iwanowna in Aljoschas Gegenwart zu jener
-Szene gekommen, in der Gruschenka sie so unverzeihlich beleidigt hatte.
-Mitjä war nach der Trennung von Aljoscha zu Gruschenka geeilt; ob er sie
-gesehen hatte, weiß ich nicht. Jedenfalls aber war er sehr spät im
-Gasthaus „Zur Hauptstadt“ erschienen, wo er sich dann gehörig
-angetrunken hatte. Darauf hatte er Feder und Papier verlangt und diesen
-für ihn verhängnisvollen Brief geschrieben. Es war ein schwärmerischer,
-wortreicher und zusammenhangloser Gefühlserguß, gerade so ein echtes
-Werk der Trunkenheit. Der Brief erinnerte etwa an die Rede eines
-Betrunkenen, der, nach Hause gekommen, seiner Frau oder sonst einem
-Hausgenossen eifrig erzählt, wie man ihn soeben beleidigt habe, was für
-ein Schuft sein Beleidiger sei, was er selbst dagegen für ein prächtiger
-Mensch sei, und wie er jenem Schufte heimzahlen werde – alles das
-unglaublich wortreich und mit Eifer vorgetragen, mit Faustschlägen auf
-den Tisch und unter trunkenen Tränen. Das Papier, auf dem Mitjä
-geschrieben hatte, war ein schmutziges Stück gewöhnlichen Schreibpapiers
-schlechter Qualität, auf dessen Rückseite eine Rechnung stand. Der
-trunkenen Beredsamkeit hatte das Schreibfeld augenscheinlich nicht
-genügt, denn Mitjä hatte nicht nur alle Ränder und Ecken beschrieben,
-sondern die letzten Zeilen sogar noch quer über das bereits Geschriebene
-gesetzt. Der Brief lautete wie folgt:
-
- „Verhängnisvolle Katjä! Morgen werde ich mir das Geld verschaffen
- und Dir Deine Dreitausend zurückerstatten. Dann leb wohl, – Du
- großen Zornes fähiges Weib! Doch leb wohl dann auch meine Liebe!
- Machen wir ein Ende damit! Morgen werde ich von allen Menschen mir
- das Geld zu verschaffen suchen, bekomme ich es aber nicht von den
- Menschen, so – das schwöre ich Dir! – werde ich zum Vater gehn und
- ihm den Schädel einschlagen und es von ihm unter dem Kissen
- hervorholen, wenn nur Iwan abreisen würde. Ich werde nach Sibirien
- zu den Zwangsarbeitern gehen, aber die Dreitausend werde ich Dir
- zurückgeben. Du aber leb wohl. Ich verneige mich vor Dir bis zur
- Erde, denn vor Dir stehe ich als Schuft da. Vergib mir, Katjä. Nein,
- vergib mir lieber nicht: dann wird sowohl mir als auch Dir leichter
- sein! Lieber Zwangsarbeit als Deine Liebe, denn ich liebe eine
- andere. Du aber hast sie heute nur zu gut erkannt, wie solltest Du
- da noch vergeben können!? Ich werde ihn totschlagen, der mich
- bestohlen hat! Ich gehe fort von Euch allen, gehe weit fort in den
- Osten, um von niemandem mehr etwas zu wissen. Auch von _ihr_ nicht,
- denn nicht Du allein bist eine Märtyrerin, auch sie ist eine. Leb
- wohl!
-
- P. S. Ich schreibe einen Fluch, und doch bete ich dich an! Das fühle
- ich in meiner Brust. Eine einzige Saite ist noch geblieben, und die
- klingt fort. Besser ist, man reißt das Herz entzwei. Ich werde mich
- töten, zuerst aber diesen Hund. Ich werde ihm die Drei entreißen,
- und sie Dir hinwerfen. Wenn ich auch als Schuft vor Dir stehe, so
- bin ich doch kein Dieb! Erwarte die Dreitausend. Bei dem Hunde unter
- dem Kissen. Ein rosa Bändchen. Nicht ich bin ein Dieb, sondern ich
- werde den Dieb, der mich bestohlen hat, erschlagen. Katjä, sieh
- nicht verachtungsvoll auf mich herab: Dmitrij ist kein Dieb, er wird
- nur einen Menschen erschlagen! Er hat den Vater getötet und sich
- selbst zugrunde gerichtet, um aufrecht stehen zu können und Deine
- stolze Verachtung nicht ertragen zu müssen. Und Dich nicht lieben zu
- müssen.
-
- PP. S. Deine Füße küsse ich, leb wohl!
-
- PP. SS. Katjä, bete zu Gott, daß mir die Menschen Geld geben mögen!
- Dann werde ich meine Hände nicht mit Blut besudeln! Gibt man es mir
- aber nicht – so lade ich eine Blutschuld auf mich! Töte Du mich!
-
- Dein Sklave und Dein Feind
- D. Karamasoff.“
-
-Als Iwan dieses „Dokument“ gelesen hatte, erhob er sich taumelnd: Er war
-überzeugt. So war denn der Bruder der Mörder und nicht Ssmerdjäkoff.
-Nicht Ssmerdjäkoff – das bedeutete, nicht er, Iwan. Dieser Brief erhielt
-in seinen Augen fast unbewußt sofort die Bedeutung eines klaren,
-unanfechtbaren Beweises. Jetzt gab es für ihn keinen Zweifel mehr an
-Mitjäs Schuld. Bei der Gelegenheit mag noch gesagt sein, daß Iwan
-niemals der Verdacht gekommen war, Mitjä hätte mit Ssmerdjäkoff zusammen
-den Mord begangen, ganz abgesehen davon, daß die Tatsachen eine solche
-Annahme nicht zuließen.
-
-Iwan war vollkommen beruhigt. Am nächsten Morgen dachte er nur noch mit
-Verachtung an Ssmerdjäkoff und dessen höhnische Worte. Nach ein paar
-Tagen wunderte er sich sogar darüber, wie ihn die Beschuldigungen dieser
-Dienerseele so qualvoll hatten kränken können. Er beschloß, ihn zu
-verachten und zu vergessen. So verging ein Monat. Iwan Fedorowitsch zog
-weiter bei niemandem Erkundigungen über ihn ein, nur hörte er einmal
-davon sprechen, daß Ssmerdjäkoff sehr krank und nicht bei vollem
-Verstande sei. „Der wird mit Irrsinn enden,“ hatte sich einmal unser
-junger Arzt Warwinskij über ihn geäußert, und Iwan Fedorowitsch hatte
-sich diesen Ausspruch gut gemerkt. In der letzten Woche dieses Monats
-aber fing er selbst an, sich gesundheitlich sehr schlecht zu fühlen. Er
-hatte sich auch schon von dem Doktor, den Katerina Iwanowna aus Moskau
-verschrieben hatte, und der ein paar Tage vor der Gerichtssitzung
-angekommen war, untersuchen lassen. Und gerade in dieser Zeit hatten
-sich seine Beziehungen zu Katerina Iwanowna aufs äußerste zugespitzt.
-Sie waren wie zwei erbitterte Feinde, die sich nur ineinander verliebt
-hatten. Katerina Iwanownas Rückfälle in ihre frühere Liebe zu Mitjä, die
-zwar gewöhnlich nur kurz, doch dafür um so stärker waren, konnten Iwan
-geradezu rasend machen. Doch eines war dabei sonderbar: Bis zu jener
-bereits wiedergegebenen Szene bei Katerina Iwanowna, nachdem Aljoscha,
-von Mitjä kommend, mit ihm zusammen eingetreten war, hatte er, Iwan, sie
-noch kein einziges Mal während des ganzen Monats einen Zweifel an Mitjäs
-Schuld aussprechen hören, trotz aller ihrer „Rückfälle“ zu Mitjä, die
-ihm so maßlos verhaßt waren. Bemerkenswert ist ferner noch, daß Iwan,
-obwohl er fühlte, wie er Mitjä mit jedem Tage immer noch mehr haßte, zu
-gleicher Zeit sich doch klar bewußt war, daß er ihn nicht wegen dieser
-Rückfälle Katjäs haßte, sondern _einzig und allein deshalb, weil er den
-Vater erschlagen hatte_! Das fühlte er, und das wußte er.
-Nichtsdestoweniger war er ungefähr zehn Tage vor der Gerichtssitzung zu
-Mitjä gegangen und hatte ihm den Vorschlag gemacht, zu fliehen, – er
-hatte ihm seinen ganzen Plan auseinandergesetzt. Augenscheinlich hatte
-er diesen Plan schon lange ausgearbeitet. Hierbei gab es außer dem
-Hauptgrund, der ihn dazu bewogen hatte, noch eine andere Ursache, aus
-der er dies tat: Es war das die noch immer nicht vernarbte Streifwunde
-in seinem Herzen, die von dem einen kleinen Wort Ssmerdjäkoffs
-zurückgeblieben war: daß es ihm, Iwan, zustatten käme, wenn man den
-Bruder verurteilte, da er dann statt Vierzig-, Sechzigtausend erben
-werde. Deshalb hatte er beschlossen, ganze dreißigtausend Rubel allein
-von seiner Erbschaft zu geben, um dem Bruder die Flucht zu ermöglichen.
-Als er aber damals von ihm aus dem Gefängnis zurückgekehrt war, hatte
-ihn eine traurige, düstere Erregung überfallen: Er hatte plötzlich
-gefühlt, und er war sich des Gefühls immer bewußter geworden, daß er die
-Flucht nicht nur deswegen wünschte, um für sie die Dreißigtausend zu
-opfern, damit die Streifwunde in seinem Herzen vernarben konnte, sondern
-noch aus einem anderen, halb unbewußten Grunde. „Ist es vielleicht
-nicht, weil in der Seele auch ich ein ebensolcher Mörder bin?“ hatte er
-sich damals gefragt. Etwas Fernes, doch Brennendes vergiftete seine
-Seele. Vor allem hatte in diesem ganzen Monat sein Stolz gelitten, doch
-davon später ...
-
-... Als Iwan Fedorowitsch nach seinem Gespräch mit Aljoscha an seiner
-Haustür angelangt war und, schon im Begriff, die Klingel zu ziehen,
-plötzlich sich entschlossen hatte, nochmals – zum drittenmal – zu
-Ssmerdjäkoff zu gehen, da hatte er unter dem Einfluß eines jäh ihn
-überkommenden, bebenden Unwillens gehandelt. Es war ihm plötzlich
-eingefallen, wie Katerina Iwanowna soeben noch in Aljoschas Gegenwart
-ausgerufen hatte: „_Du_ bist es, _du_, der mich überzeugt hat, daß er
-der Mörder ist! Nur dir allein habe ich es geglaubt!“ Als ihm diese
-Worte wieder einfielen, ergriff es ihn wie ein Kältegefühl, das ihn
-erstarren machte, und es war ihm, als würden seine Glieder steif: Nie im
-Leben hatte er ihr so etwas gesagt oder gar sie davon zu überzeugen
-gesucht, daß Mitjä der Mörder sei, er hatte doch noch in ihrer Gegenwart
-sich selbst verdächtigt, damals, als er von Ssmerdjäkoff gekommen war.
-Im Gegenteil, _sie_ hatte ihn daraufhin von der Schuld des Bruders
-überzeugt: Hatte sie ihm doch das „Dokument“ gezeigt, das Mitjäs Schuld
-bewies! Und nun plötzlich sagt sie: „Ich bin selbst bei Ssmerdjäkoff
-gewesen!“ Wann ist sie bei ihm gewesen? Iwan wußte nichts davon. Also
-war sie dann doch nicht so überzeugt von Mitjäs Schuld! Und was hatte
-Ssmerdjäkoff ihr sagen können? Unbändiger Zorn erhob sich in seinem
-Herzen. Er begriff nicht, wie er ihr vor einer halben Stunde diese Worte
-hatte durchlassen können. Er hatte schon den Griff des Glockenzuges
-erfaßt, doch plötzlich wandte er sich zurück und begab sich zu
-Ssmerdjäkoff. „Vielleicht werde ich ihn heute noch erschlagen,“ dachte
-er bei sich.
-
-
- VIII.
- Der dritte und letzte Besuch bei Ssmerdjäkoff
-
-Er hatte noch nicht die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ein scharfer,
-trockener Wind sich erhob, wie er auch schon am Morgen und Vormittag
-geweht hatte, und feinen, dichten, trockenen Schnee mit sich brachte.
-Der Schnee fiel zur Erde, ohne auf ihr haften zu bleiben, der Wind
-wirbelte ihn wieder auf, und bald begann ein wildes Schneetreiben. In
-jenem entlegenen Stadtviertel, wo Ssmerdjäkoff wohnte, gab es fast gar
-keine Straßenlaternen. Iwan Fedorowitsch schritt, indem er unwillkürlich
-und wie in einem Triebe den Weg verfolgte, durch die Dunkelheit, ohne
-das Schneegestöber zu bemerken. Der Kopf tat ihm weh, und qualvoll
-klopfte das Blut ihm in den Schläfen. In seinen Handflächen zuckte es
-zuweilen wie im Krampf. Das war alles, was er fühlte. Kurz vor dem
-Häuschen Marja Kondratjewnas erblickte er nicht weit vor sich ein
-kleines betrunkenes Bäuerlein, in kurzem, altem Wams, das brummend und
-schimpfend im Zickzack einherwankte. Dann hörte es plötzlich mit dem
-Schimpfen auf und begann mit heiserer, trunkener Stimme zu singen:
-
- „Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter[27]
- Will nicht warten hier auf ihn ...“
-
-Nach der zweiten Strophe brach er aber ab und fing wieder jemanden zu
-schimpfen an, um darauf von neuem dasselbe Lied anzustimmen und wieder
-nach der zweiten Strophe abzubrechen. Noch bevor Iwan Fedorowitsch recht
-an ihn dachte, empfand er bereits einen wilden Haß auf ihn. Erst nach
-einer Weile kam er gleichsam zu sich, und sofort ergriff ihn
-unbezwingbare Lust, das Bäuerlein einfach mit der Faust
-niederzuschlagen. Dieses Bedürfnis nach einem wuchtigen Faustschlage
-ergriff ihn übermächtig. Gerade in diesem Augenblick war er ganz nahe an
-ihn herangekommen, und da stieß plötzlich das wankende Bäuerlein wuchtig
-mit der Schulter an Iwan Fedorowitsch. In rasender Wut stieß Iwan ihn
-zurück. Das Bäuerlein taumelte und fiel wie ein Klotz auf die
-hartgefrorene Erde; er stöhnte nur noch einmal: „Oh – oh, oh!“ und
-verstummte. Iwan trat an ihn heran. Jener lag auf dem Rücken und rührte
-sich nicht, schien jedenfalls besinnungslos zu sein. „Der wird
-erfrieren,“ dachte Iwan und ging seines Weges – zu Ssmerdjäkoff.
-
-Im Flur flüsterte ihm Marja Kondratjewna zu, daß Pawel Fedorowitsch
-(Ssmerdjäkoff) sehr krank sei, daß er nicht nur zu Bett liege, sondern
-geradezu wie nicht bei vollem Verstande zu sein scheine und sogar den
-Tee habe er fortzuräumen befohlen, da er keine Lust habe zu trinken.
-
-„Was, tobt er denn etwa?“ fragte Iwan Fedorowitsch grob.
-
-„Ach wo! Ganz mäuschenstill ist er, nur sprechen Sie bitte nicht lange
-mit ihm,“ bat Marja Kondratjewna.
-
-Iwan Fedorowitsch öffnete die Tür und trat in die Stube.
-
-Geheizt war sie ebenso stark, wie das vorige Mal, aber es war in ihr
-sonst einiges verändert worden. Die eine Bank war hinausgeschafft, und
-an ihrer Stelle stand ein großer alter Lederdiwan, auf dem ein Bett mit
-ziemlich reinen weißen Kissen aufgeschlagen war. Auf diesem Bett saß
-Ssmerdjäkoff im selben alten Schlafrock. Der Tisch war vor den Diwan
-gerückt, so daß es jetzt im Zimmer sehr eng war. Auf dem Tisch lag ein
-dickes Buch in gelbem Umschlag, doch Ssmerdjäkoff las nicht in ihm, er
-saß auf dem Bett und tat, wie es schien, nichts. Mit langem, stummem
-Blick empfing er Iwan Fedorowitsch, ohne sich anscheinend auch nur im
-geringsten über dessen Erscheinen zu wundern. Er hatte sich sehr
-verändert, das Gesicht war mager und gelb geworden. Die Augen waren
-geradezu eingefallen, und die unteren Lider hatten bräunlich-bläuliche
-Schatten.
-
-„Du scheinst ja tatsächlich krank zu sein?“ sagte Iwan Fedorowitsch, als
-er eingetreten war, und blieb stehen. „Ich werde dich nicht lange
-belästigen, ich bleibe im Mantel. Nur – wo kann man sich denn hier
-setzen?“
-
-Er trat an das andere Ende des Tisches, schob einen Stuhl heran und
-setzte sich.
-
-„Warum siehst du mich so an, warum schweigst du? ... Ich bin nur mit
-einer einzigen Frage gekommen und, ich schwöre es, ich werde nicht eher
-fortgehen, als bis du mir geantwortet hast. Ist Fräulein Werchoffzeff
-bei dir gewesen?“
-
-Ssmerdjäkoff schwieg lange, betrachtete ihn nur still die ganze Zeit,
-doch plötzlich winkte er mit der Hand ab und wandte das Gesicht fort zur
-Seite.
-
-„Was hast du?“ fragte Iwan hart.
-
-„Nichts.“
-
-„Was heißt das?“
-
-„Nun ja, sie ist hier gewesen, was geht das Euch an? Laßt mich in Ruh.“
-
-„Nein, ich werde dich nicht in Ruh lassen! Du sagst es mir sofort, wann
-sie hier war!“
-
-„Ich hab sogar vergessen, an sie auch nur zu denken,“ sagte Ssmerdjäkoff
-mit einem verächtlichen Lächeln. Und plötzlich wandte er wieder das
-Gesicht zu Iwan Fedorowitsch und blickte ihn mit einem so haßerfüllten
-Blicke an, als wäre er vor lauter Haß bereits irrsinnig geworden. Es war
-derselbe Blick, mit dem er ihn auch während seines zweiten Besuches vor
-einem Monat sekundenlang angesehen hatte.
-
-„Wie seht Ihr denn selber aus, warum seid Ihr denn so abgemagert?“
-fragte er boshaft.
-
-„Was geht dich meine Gesundheit an, antworte darauf, wonach du gefragt
-wirst!“
-
-„Aber warum sind denn Eure Augen so gelb geworden, das Weiße vom
-Augapfel ist ja ganz gelb. Quält Ihr Euch denn so gewaltig?“
-
-Er lächelte verächtlich und brach dann in lautes Lachen aus.
-
-„Hör, ich habe dir gesagt, daß ich nicht ohne Antwort fortgehen werde!“
-rief Iwan maßlos gereizt.
-
-„Was drängt Ihr Euch mir auf? Was quält Ihr mich eigentlich?“ fragte
-Ssmerdjäkoff mit leidendem Ton in der Stimme.
-
-„Ach, Teufel, was gehst du mich an! Beantworte meine Frage, und ich gehe
-sofort.“
-
-„Ich hab Euch nichts zu antworten.“ Ssmerdjäkoff senkte den Blick zu
-Boden.
-
-„Sei versichert, daß ich dich zwingen werde, zu antworten,“ sagte Iwan.
-
-„Was kommt Ihr mir alleweil auf den Hals!?“ fragte Ssmerdjäkoff und
-blickte ihn wieder an, doch lag nicht nur Verachtung, sondern geradezu
-Ekel vor ihm in seinem Blick. „Wohl weil morgen die Gerichtssitzung ist?
-Aber man wird Euch doch wegen selbiges nichts tun, dessen könnt Ihr
-versichert sein! Geht nach Haus und legt Euch ruhig schlafen. Ihr
-braucht ja nichts zu fürchten.“
-
-„Ich verstehe dich nicht ... warum sollte ich mich vor morgen fürchten?“
-fragte Iwan verwundert, und plötzlich überkam ihm tatsächlich eine
-sonderbare Angst, die ihn wieder wie ein Kältegefühl erfaßte.
-Ssmerdjäkoff maß ihn mit dem Blick.
-
-„Ihr ver – steht mich nicht?“ fragte er gedehnt und vorwurfsvoll. „Was
-doch ein kluger Mensch davon haben kann, so eine Komödie aus sich selber
-zu machen!“
-
-Iwan blickte ihn stumm an. Schon allein dieser ganz unerwartet
-hochmütige Ton, den dieser, sein früherer Lakei, jetzt plötzlich ihm
-gegenüber anzuschlagen wagte! ... In solchem Tone hatte er selbst das
-vorige Mal noch nicht zu sprechen gewagt.
-
-„Ich sage Euch doch, Ihr habt nichts zu fürchten. Ich werde nichts gegen
-Euch aussagen, und es liegt auch gar keine Verdächtigung vor ... Da sieh
-doch einer, wie seine Hände zittern. Von wegen was gehn Euch denn die
-Finger so? Geht nach Haus, _nicht Ihr habt ihn erschlagen_.“
-
-Iwan fuhr zusammen, ihm fielen Aljoschas Worte ein.
-
-„Ich weiß, daß nicht ich ...“ stotterte er.
-
-„Ihr – wißt – es?“ griff sofort Ssmerdjäkoff gedehnt auf.
-
-Iwan sprang auf und erfaßte ihn an der Schulter.
-
-„Sag alles, ekelhafte Amphibie du! Sprich alles aus! Gestehe!“
-
-Ssmerdjäkoff war nicht im mindesten erschrocken. Er blickte nur in
-sinnlosem Haß Iwan in die Augen; sein Blick schien sich geradezu in ihn
-hineinzubohren.
-
-„Dann also habt doch Ihr ihn erschlagen, wenn’s so ist,“ flüsterte er
-ihm plötzlich wie in überwältigendem Haß leise zu.
-
-Iwan sank auf den Stuhl zurück, als hätte er sich besonnen. Ein böses
-Lächeln erschien auf seinen Lippen.
-
-„Du redest immer noch von dem vorigen Mal? Auch das vorige Mal sprachst
-du schon ...“
-
-„Auch das vorige Mal begrifft Ihr alles, als Ihr vor mir standet, und
-Ihr begreift ja auch jetzt alles.“
-
-„Ich begreife nur, daß du verrückt bist.“
-
-„Er wird es wahrhaftig nicht überdrüssig! Wir sitzen doch Auge in Auge,
-wozu da, sollte man meinen, einander Sand in die Augen streuen wollen
-und Komödie spielen? Oder wollt Ihr noch immer alles auf mich allein
-abwälzen, und das noch mir ins Gesicht? _Ihr_ habt ihn erschlagen, _Ihr_
-seid der Hauptmörder, ich aber bin nur Euer Handlanger gewesen, Euer
-getreuer Diener, und nur auf Euren Wunsch habe ich die Sache
-ausgeführt.“
-
-„Ausgeführt? Ja, hast du ihn denn erschlagen?“
-
-Kälte überlief Iwan. Es war ihm, als ob in seinem Hirn etwas erschüttert
-wurde, und er erzitterte am ganzen Körper wie von einem Frostschauer. Da
-erst blickte ihn auch Ssmerdjäkoff verwundert an: Wahrscheinlich machte
-ihn schließlich doch die Echtheit des Schreckens, den er an Iwan
-bemerkte, stutzig.
-
-„Ja, habt Ihr denn wahrhaftig nichts davon gewußt?“ stotterte er
-ungläubig, indem er ihn mit verzogenem Lächeln anblickte.
-
-Iwan sah ihn immer noch unverwandt an, es war, als ob ihm die Stimme
-abhanden gekommen wäre.
-
- „Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter,
- Will nicht warten hier auf ihn ...“
-
-klang es plötzlich in seinen Ohren.
-
-„Weißt du was: Ich fürchte, daß du ein Traum bist, daß du als Gespenst
-hier vor mir sitzt,“ stammelte er.
-
-„Hier ist keinerlei Gespenst, außer uns beiden, und dann ist hier noch
-ein gewisser Dritter. Zweifelsohne ist er jetzt hier, selbiger Dritte,
-zwischen uns beiden ist er.“
-
-„Wer er? Wer ist hier noch? Welch ein Dritter?“ fragte Iwan Fedorowitsch
-erschrocken, indem er sich hastig umsah und mit den Augen jemanden in
-allen Ecken zu suchen begann.
-
-„Dieser Dritte – das ist Gott, selbige Vorsehung meine ich, hier ist sie
-jetzt neben uns; nur sucht sie nicht, Ihr werdet sie nicht finden.“
-
-„Das hast du gelogen, daß _du_ ihn erschlagen hättest!“ rief Iwan
-plötzlich wie rasend aus. „Du bist entweder irrsinnig, oder du willst
-mich nur reizen und dich über mich lustig machen, wie das vorige Mal!“
-
-Ssmerdjäkoff beobachtete ihn immer noch ohne die geringste Furcht,
-beobachtete ihn und verfolgte jede Bewegung, jeden Gesichtsausdruck
-geradezu gierig. Er konnte noch immer nicht von seiner Ungläubigkeit
-lassen, er glaubte immer noch, daß Iwan „alles wisse“ und sich nur
-verstelle, um „alles auf ihn allein abzuwälzen“ und ohne sich auch nur
-zu schämen, ihm das noch ins Gesicht zu sagen.
-
-„Wartet mal,“ sagte er schließlich mit schwacher Stimme. Er zog langsam
-seinen linken Fuß unter dem Tisch hervor und machte sich daran, die Hose
-aufzukrempeln. Der Fuß stak in einem Pantoffel und einem langen weißen
-Strumpf. Ohne sich zu beeilen, band er die Hosenbänder los und schob
-dann seine Finger tief in den Strumpf hinein. Iwan Fedorowitsch sah ihn
-an – und plötzlich fuhr er wie in konvulsivischem Schreck zusammen.
-
-„Er ist irrsinnig!“ stieß er keuchend hervor, und aufspringend prallte
-er zurück an die Wand, an die er sich wie in sinnlosem Entsetzen
-kerzengerade andrückte, mit starrem Blick auf Ssmerdjäkoff. Dieser
-jedoch ließ sich keineswegs verwirren, er fuhr ruhig fort, im Strumpfe
-zu suchen, als bemühe er sich immer noch, mit den Fingern etwas in ihm
-zu erfassen und herauszuziehen. Endlich hatte er es gefaßt, und nun
-begann er zu ziehen. Iwan Fedorowitsch sah, daß es irgendwelche Papiere
-sein mußten oder ein ganzes Paket Papiere. Ssmerdjäkoff zog es hervor
-und legte es auf den Tisch.
-
-„Hier,“ sagte er, und seine Stimme klang geradezu sanft.
-
-„Was?“ fragte Iwan zitternd.
-
-„Wollt Ihr nicht selber nachsehen,“ sagte ebenso sanft Ssmerdjäkoff.
-
-Iwan trat an den Tisch, ergriff bereits das Paket, um es aufzuwickeln,
-doch plötzlich zog er seine Finger zurück, als hätte er etwas
-Scheußliches, Furchtbares und Ekelhaftes berührt.
-
-„Die Finger zittern Euch ja immer noch wie im Krampf,“ bemerkte
-Ssmerdjäkoff und wickelte dann selbst, ohne sich zu beeilen, das
-Papier auf. Im Umschlag lagen drei Pakete regenbogenfarbener
-Hundertrubelscheine.
-
-„Hier sind alle, die ganzen Dreitausend, Ihr braucht nicht nachzuzählen.
-Nehmt es,“ forderte er Iwan auf, mit einem Kopfnicken auf das Geld
-weisend. Iwan ließ sich auf den Stuhl sinken. Er war kreidebleich.
-
-„Du hast mich erschreckt ... mit diesem Strumpf ...“ sagte er mit ganz
-eigenartigem Lächeln.
-
-„Habt Ihr es denn bis jetzt wirklich, wahrhaftig nicht gewußt?“ fragte
-ihn Ssmerdjäkoff noch einmal.
-
-„Nein, ich habe es nicht gewußt. Ich habe immer gedacht, Dmitrij sei es.
-Bruder! Bruder! Ach!“ Er umklammerte plötzlich seinen Kopf mit beiden
-Händen. „Hör, sage: Hast du ihn allein erschlagen? Ohne den Bruder oder
-zusammen mit ihm?“
-
-„Im ganzen nur mit _Euch_ zusammen; mit Euch zusammen habe ich ihn
-erschlagen. Dmitrij Fedorowitsch aber sind ganz und gar unschuldig.“
-
-„Gut, gut ... Von mir später. Warum zittere ich nur so? ... Ich kann
-kaum die Worte aussprechen ...“
-
-„Damals wart Ihr alleweil so kühn: ‚alles‘, sozusagen, ‚ist erlaubt‘,
-jetzt aber sieh doch einer, wie erschrocken Ihr seid!“ stotterte
-Ssmerdjäkoff verwundert. „Wollt Ihr nicht Limonade trinken, ich werde
-sogleich bestellen. Selbige kann sehr erfrischen. Nur müßte man vorher
-dies hier zudecken.“
-
-Und er wies wieder mit einem Kopfnicken auf das Geld. Er bewegte sich
-bereits, um aufzustehen, Marja Kondratjewna zu rufen und bei ihr die
-Limonade zu bestellen, doch suchte er noch nach etwas, womit er das Geld
-hätte zudecken können. Da er aber nichts fand, und das Taschentuch, das
-er zu dem Zweck hervorzog, wieder ganz vollgeschnaubt war, so nahm er
-vom Tisch jenes dicke gelbe Buch, das auf ihm lag, und bedeckte damit
-das Geld. Mechanisch las Iwan Fedorowitsch den Titel: „Die Predigten
-unseres von Gott erleuchteten Paters Issaak Ssirin“.
-
-„Ich will keine Limonade! Von mir später. Setz dich und sage, wie hast
-du das gemacht? Sage alles ...“
-
-„Es wäre besser, wenn Ihr den Mantel ablegtet, sonst werdet Ihr ja ganz
-in Schweiß geraten.“
-
-Iwan Fedorowitsch riß seinen Mantel ab, als wäre es ihm erst jetzt
-eingefallen, daß er ihn noch anhatte, und warf ihn, ohne sich vom Stuhl
-zu erheben, auf die Bank.
-
-„Also sprich jetzt bitte, sage alles!“
-
-Er schien ganz ruhig geworden zu sein. Er wartete mit der vollen
-Überzeugung, daß Ssmerdjäkoff jetzt _alles_ sagen werde.
-
-„Ihr meint, wie selbiges geschehen ist?“ fragte Ssmerdjäkoff
-aufseufzend. „Auf die allernatürlichste Manier wurde es gemacht, auf
-selbige Eure Worte hin ...“
-
-„Von meinen Worten später,“ unterbrach ihn wieder Iwan, doch sprach er
-die Worte bereits mit fester Stimme klar und deutlich aus, als wäre er
-wieder ganz Herr seiner selbst. „Erzähle nur ausführlich, wie du es
-gemacht hast. Alles nach der Reihenfolge. Vergiß nichts. Die
-Einzelheiten sind die Hauptsache, vor allem vergiß nicht die
-Einzelheiten. Also bitte.“
-
-„Ihr fuhrt fort, und selbigen Tages fiel ich in den Keller ...“
-
-„War es ein Anfall, oder stelltest du dich nur so an?“
-
-„Versteht sich doch von selbst, daß ich mich dazumal nur so anstellte.
-In allem habe ich mich nur so angestellt. Ich ging selbige Treppe ruhig
-hinab, bis ganz nach unten und legte mich dann hin, und als ich lag, da
-erst stieß ich selbiges Geheul aus. Und dann schlug ich um mich, bis man
-mich hinaustrug.“
-
-„Erlaub! Und auch später, am Tage nach dem Morde und die ganze Zeit im
-Krankenhause hast du dich verstellt?“
-
-„Nicht die Spur! Gleich am anderen Morgen, alsomit noch vor dem
-Krankenhause, bekam ich einen echten Anfall, und der war so stark, wie
-ich einen seit Jahren nicht mehr gehabt habe. Zwei Tage lang war ich
-ganz und gar bewußtlos.“
-
-„Gut, gut. Fahre fort, erzähl weiter.“
-
-„Man legte mich auf selbiges Bett hinter der Bretterwand. Das hatte ich
-schon im voraus gewußt, daß man mich wiederum dorthin bringen werde,
-denn Marfa Ignatjewna hat mich jedesmal, wenn ich krank war, dort hinter
-selbige Bretterwand bringen lassen, um mich bei sich ganz in der Nähe zu
-haben. Sie ist alleweil sehr gut zu mir gewesen, von meiner Geburt an.
-In der Nacht stöhnte ich, aber nur leise. Ich erwartete Dmitrij
-Fedorowitsch.“
-
-„Wieso erwartetest du ihn? Wußtest du, daß er zu dir kommen werde?“
-
-„Warum denn zu mir? Ich erwartete, daß sie ins Haus kommen würden, denn
-es gab für mich überhaupt keinen Zweifel mehr daran, daß sie in selbiger
-Nacht kommen würden, dieweil sie mich krank wußten und keinerlei
-Nachrichten hatten. Also mußten sie zweifelsohne selber über den Zaun
-klettern, um etwas, was es auch sei, anzurichten.“
-
-„Wenn er aber nicht gekommen wäre?“
-
-„Dann wäre auch nichts gewesen. Ohne sie hätte ich mich auch zu nichts
-entschlossen.“
-
-„Gut, gut ... sprich deutlicher, beeile dich nicht, aber die Hauptsache
-– laß nichts aus!“
-
-„Ich erwartete, daß sie Fedor Pawlowitsch totschlügen ... das stand für
-mich alleweil fest ... sintemal ich sie schon so zubereitet hatte ... in
-den letzten Tagen ... Und die Hauptsache – selbige Zeichen waren ihnen
-bekannt geworden. Sie mußten alsomit bei ihrem Mißtrauen und Jähzorn,
-die sich doch in jenen Tagen noch gewaltig aufgehäuft hatten, mittels
-selbiger Zeichen ganz zweifelsohne in das Haus eindringen. Das war doch
-klar. Und so erwartete ich sie ...“
-
-„Erlaub!“ unterbrach Iwan wieder. „Wenn er ihn aber nun erschlagen
-hätte, so hätte er doch das Geld genommen und wäre damit fortgegangen:
-das hättest du dir doch sagen müssen? Was wäre dann noch für dich
-übriggeblieben? Ich verstehe dich nicht.“
-
-„Aber sie hätten doch selbiges Geld nie gefunden. Das hatte doch nur ich
-ihnen so gesagt, daß das Geld unter dem Kissen sei. Das war ja gar nicht
-wahr. Zuerst, seht mal, hatte es in der Schatulle gelegen, dann aber
-hatte ich Fedor Pawlowitsch gesagt, da sie doch nur mir ganz allein von
-der ganzen Menschheit vertrauten, daß es besser wäre, das Geld in die
-Ecke hinter die Heiligenbilder zu tun, denn dort würde es niemand
-suchen, besonders nicht, wenn einer Eile hat. Und so lag denn selbiges
-Paket bei ihnen dort in der Ecke hinter den Heiligenbildern. Es unter
-dem Kissen aufzubewahren, wäre aber doch ganz lächerlich gewesen. In der
-Schatulle ist es doch wenigstens verschlossen. Hier aber glauben jetzt
-alle, daß es unter dem Kissen gelegen hat. Man kann sich über die
-Dummheit der Menschen alleweil nur wundern. Also wenn nun Dmitrij
-Fedorowitsch selbigen Totschlag begangen hätten, so hätten sie doch
-nichts gefunden und wären entweder eilig fortgelaufen, da doch jedes
-Geräusch schrecken kann, oder sie wären arretiert worden. Alsomit hätte
-ich dann immer noch, am nächsten Tage oder noch in selbiger Nacht, zu
-den Heiligenbildern hinaufklettern und selbiges Geld nehmen und
-fortbringen können, und alles wäre auf Dmitrij Fedorowitsch gefallen.
-Darauf konnte ich immer hoffen.“
-
-„Aber wenn er ihn nicht totgeschlagen, sondern nur durchgeprügelt
-hätte?“
-
-„Wenn sie ihn nicht totgeschlagen hätten, so hätte ich das Geld
-selbstverständlich nicht zu nehmen gewagt, und alles wäre umsonst
-gewesen. Aber ich hatte hinwiederum auch solche Berechnung, daß, wenn
-sie ihn nur bis zur Bewußtlosigkeit schlagen, ich dann in der
-Zwischenzeit doch das Geld fortnehme und nachher Fedor Pawlowitsch
-einfach sage, daß Dmitrij Fedorowitsch und sonstig niemand das Geld
-genommen haben.“
-
-„Wart ... du hast mich ganz verwirrt. So hat ihn also doch Dmitrij
-Fedorowitsch erschlagen, und du hast dann nur das Geld genommen?“
-
-„Nein, nicht Dmitrij Fedorowitsch hat ihn erschlagen. Was! – ich könnte
-Euch ja auch jetzt noch sagen, daß Dmitrij Fedorowitsch der Mörder sei
-... aber ich will jetzt nicht vor Euch lügen, denn ... denn wenn Ihr
-auch wirklich und wahrhaftig, wie ich selber sehe, bis jetzt noch nichts
-verstanden und Euch nicht vor mir verstellt habt, um die offenbare
-eigene Schuld auf mich zu wälzen, ganz unverschämt mir ins Gesicht, so
-seid Ihr doch ganz allein an allem schuld, denn Ihr wußtet von selbigem
-Morde und hattet mich ihn auszuführen beauftragt, selber aber verreistet
-Ihr, wiewohl Ihr alles wußtet. Darum will ich denn heute abend Euch ins
-Gesicht beweisen, daß hier der Hauptmörder nur Ihr allein seid, ich aber
-am allerwenigsten der Mörder bin, wenn auch ich es bin, der erschlagen
-hat. Der wahre aber und einzige rechtmäßige Mörder, das _seid Ihr_!“
-
-„Warum, warum soll _ich_ der Mörder sein? O Gott!“ rief Iwan, der wieder
-vergaß, daß er alles auf ihn Bezügliche bis zum Schluß der Unterhaltung
-hatte hinausschieben wollen, ganz verzweifelt aus: „Du meinst das immer
-noch wegen der Fahrt nach Tschermaschnjä? Halt, sage zuerst, wozu du
-mein Einverständnis brauchtest, wenn du die Fahrt nach Tschermaschnjä
-als Einverständnis angesehen hast? Wie wirst du das jetzt erklären?“
-
-„Wenn ich erst einmal Eures Einverständnisses sicher war, so hätte ich
-gewußt, ob Ihr wegen selbiger Dreitausend auch kein Geschrei erheben
-würdet, wenn Ihr zurückkehrt – falls die Obrigkeit aus irgendeinem
-Grunde mich statt Dmitrij Fedorowitsch verdächtigen oder auch nur für
-ihren Helfershelfer halten sollte –, daß Ihr mich dann vor den anderen
-sogar noch verteidigen würdet ... Und wenn Euch dann das rechtmäßige
-Erbe zugefallen wäre, so hättet Ihr mich alsomit während des ganzen
-folgenden Lebens belohnen können, sintemal Ihr doch nur durch mich das
-Erbteil zu erhalten geruht hättet, denn wenn der Herr Agrafena
-Alexandrowna geheiratet hätten, so hättet Ihr doch nichts als eine lange
-Nase zu sehen bekommen.“
-
-„Ah! So hattest du also die Absicht, mich auch fernerhin zu quälen, das
-ganze Leben lang!“ sagte Iwan, innerlich knirschend vor Wut. „Was aber
-dann, wenn ich nicht fortgefahren wäre und dich angezeigt hätte?“
-
-„Was hättet Ihr denn dazumal anzeigen können? Daß ich Euch zugeredet
-hätte, nach Tschermaschnjä zu fahren? Das ist doch nur dummes Gerede!
-Und dann – Ihr wärt doch nach selbigem Gespräch entweder gefahren oder
-geblieben. Wärt Ihr geblieben, so wäre auch nichts geschehen, dieweil
-ich dann gewußt hätte, daß Ihr selbiges nicht wollt, und alsomit hätte
-ich auch nichts getan. Wenn Ihr aber verreistet, so vergewissertet Ihr
-mich auf selbige Weise dessen, daß Ihr vor Gericht nichts gegen mich
-auszusagen wagen würdet und mir selbige Dreitausend schenkt. Und Ihr
-hättet mir ja auch später nichts anhaben können, sintemal ich dann vor
-Gericht alles gesagt hätte. Das heißt, nicht, daß ich der Dieb oder der
-Mörder bin – das hätte ich nie gesagt –, sondern nur, daß Ihr selber mir
-zum Mord und Diebstahl zugeredet hättet, ich aber bloß nicht
-eingewilligt hätte. Seht Ihr jetzt, wozu ich dazumal Euer Einverständnis
-brauchte! Damit Ihr keine Möglichkeit habt, mich mit etwas in die Enge
-zu treiben, sintemal Ihr doch keinen einzigen Beweis vorführen könnt,
-ich hingegen wieder die Möglichkeit bekäme, Euch alleweil festlegen zu
-können: ich brauchte somit nur aufzudecken, wie sehr Ihr den Tod des
-Vaters gewünscht habt, und da habt Ihr mein Wort: im Publikum hätten mir
-alle geglaubt, Ihr aber hättet Euch dann Euer Leben lang schämen
-müssen.“
-
-„So habe ich denn, sagst du, so habe ich denn seinen Tod _gewünscht_?“
-fragte Iwan wiederum erbleichend.
-
-„Zweifelsohne habt Ihr es, und mit Eurem Einverständnis habt Ihr mir
-selbige Tat stillschweigend erlaubt.“
-
-Ssmerdjäkoff blickte ihn fest an. Er war sehr schwach und sprach leise
-und erschöpft, doch in seinem Inneren mußte etwas verborgen sein, das
-ihn antrieb und in ihm fortbrannte. Offenbar hatte er eine bestimmte
-Absicht – das fühlte Iwan.
-
-„Fahre fort,“ sagte er, „erzähl weiter von jener Nacht.“
-
-„Was ist denn da noch weiter zu erzählen? ... Und da liege ich denn so
-und höre plötzlich, wie wenn der Herr einen Schrei ausgestoßen hätte.
-Grigorij Wassiljewitsch war aber schon kurz vorher aufgestanden und
-hinausgegangen, und da höre ich, wie Grigorij auf einmal schreit, und
-dann ist wieder alles still, dunkel. Und so liege ich denn, warte, das
-Herz klopft, kann es nicht mehr aushalten. Da stand ich denn schließlich
-auf und ging, – sehe, rechts ist bei ihnen das Fenster nach dem Garten
-weit auf, ich gehe noch ein paar Schritt weiter nach links, um zu
-horchen, ob sie noch dort im Zimmer lebendig sind oder schon tot, und da
-höre ich, wie der Herr sich hin und her bewegen und stöhnen, also noch
-lebendig sind. Ach, denke ich! trat ans Fenster und rief den Herrn an:
-Ich bin es, sozusagen. Sie aber fahren auf: ‚Er war hier, er war hier,
-jetzt ist er fortgelaufen!‘ Also Dmitrij Fedorowitsch waren dagewesen.
-‚Er hat Grigorij erschlagen!‘ – ‚Wo?‘ frage ich flüsternd. – ‚Dort, bei
-der Zaunecke!‘ zeigen sie und flüstern selber gleichfalls. – ‚Wartet,‘
-sage ich. So ging ich denn zu selbiger Ecke und stieß denn auch dort
-beim Zaun auf den liegenden Grigorij Wassiljewitsch, der ganz
-blutüberströmt und bewußtlos war. So mußte es denn wahr sein, dachte ich
-sogleich bei mir, daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren, und in
-selbigem Moment beschloß ich auch, alles zu beenden, sintemal Grigorij
-Wassiljewitsch, wenn er auch noch lebte, doch bewußtlos war und
-vorläufig nichts sehen noch hören konnte. Nur eine Gefahr war dabei, daß
-nämlich Marfa Ignatjewna inzwischen aufwachen könnte. Das fühlte ich
-wohl in diesem Moment, nur hatte mich selbige Gier schon so erfaßt, daß
-mir sogar der Atem wegblieb. Ich ging wieder zum Fenster des Herrn und
-sagte: ‚Sie sind hier, Agrafena Alexandrowna sind gekommen, sie lassen
-bitten, hereinkommen zu können.‘ Wie sie da am ganzen Körper
-zusammenfuhren, rein wie ein Kind! ‚Wo hier? Wo?‘ fragen sie, stöhnen
-nur noch vor Aufregung, selbst aber glauben sie noch nicht. – ‚Dort
-steht sie,‘ sage ich, ‚macht nur die Tür auf!‘ – Da sehen sie mich an,
-mir gerade ins Gesicht, ich stand draußen am Fensters, mein Gesicht war
-beleuchtet; und sie glauben und glauben auch wieder nicht, zu öffnen
-aber fürchten sie sich. ‚Jetzt fürchtet er sogar schon mich,‘ denke ich
-bei mir. Und – wie lächerlich: da fällt mir plötzlich ein, selbige
-Zeichen, die ‚Gruschenka ist gekommen‘ bedeuten, an den Fensterrahmen zu
-klopfen, _vor ihren Augen_ selbiges zu klopfen. Den Worten schienen sie
-nicht recht zu glauben, sobald ich aber selbige Zeichen geklopft hatte,
-da glaubten sie sofort und liefen eilig hin, um die Tür aufzumachen. Und
-sie machten auch auf. Ich wollte schon eintreten, sie aber stehen noch
-vor, wollen mit dem Körper mir den Eingang versperren, wollen mich nicht
-ganz hereinlassen. – ‚Wo ist sie? Wo ist sie?‘ fragen sie, blicken mich
-an und zittern. Nun, denke ich, wenn er schon mich fürchtet – so ist es
-schon schlimm genug. Und da wurden mir auch die Füße ganz schwach von
-selbiger Angst, daß sie mich vielleicht nicht zu sich hereinlassen oder
-um Hilfe rufen würden, oder Marfa Ignatjewna herbeigelaufen kommt, oder
-sonstig was geschieht, ich weiß schon nicht mehr, ich stand wohl selber
-ganz bleich vor ihnen. Da flüstere ich ihnen denn ganz leise zu: ‚Aber
-dort selbentlich, dort unterm Fenster, wie, habt Ihr denn,‘ frage ich,
-‚sie nicht gesehen?‘ – ‚Aber so bring sie doch her, bring du sie doch
-her!‘ sagen sie. – ‚Aber sie fürchten sich doch gewaltig,‘ sage ich,
-‚sie haben vom Geschrei Angst bekommen, sie haben sich hinterm Gebüsch
-versteckt, geht, ruft sie,‘ sage ich, ‚selber aus dem Fenster.‘ Da
-liefen sie denn zurück, traten ans Fenster, stellten das Licht aufs
-Fensterbrett: – ‚Gruschenka,‘ rufen sie, ‚Gruschenka, bist du hier?‘
-Selber rufen sie es, zum Fenster aber sich hinausbeugen, wollen sie
-nicht, keinen Schritt wollen sie von mir fortgehen, alles von wegen
-selbiger Angst, dieweil sie sich vor mir ganz gewaltig fürchteten, und
-darum wagten sie nicht, von mir fortzugehen. – ‚Aber seht doch, da sind
-ja Agrafena Alexandrowna,‘ sage ich, gehe zum Fenster und beuge mich
-selber ganz hinaus, ‚da sind sie ja, dort hinterm Holunderbusch, sie
-lachen Euch noch zu, seht Ihr denn wahrhaftig nicht?‘ Da glaubten sie
-mir mit einemmal, erzitterten am ganzen Leibe – waren doch schon gar zu
-gewaltig in sie verliebt. Und sie kamen ans Fenster und beugten sich
-selber weit hinaus. Da ergriff ich denn selbigen Briefbeschwerer, Ihr
-erinnert Euch seiner wohl noch, das ist doch ein Ding von drei Pfund,
-holte aus und hieb ihnen von hinten gerade auf den Scheitel mit der
-Ecke. Sie schrien nicht mal auf. Nur sanken sie plötzlich zusammen, ich
-aber hieb zum zweiten- und drittenmal. Beim drittenmal fühlte ich, daß
-ich durchgeschlagen hatte. Und da fielen sie plötzlich hin auf den
-Rücken, das Gesicht nach oben, ganz von Blut überströmt. Ich betrachtete
-mich darauf selber: ich war nicht mit Blut bespritzt. Ich wischte den
-Briefbeschwerer ab, legte ihn wieder hin, stieg auf einen Stuhl und nahm
-selbiges Geld, das hinter den Heiligenbildern lag, nahm das Geld aus dem
-Umschlag heraus, den Umschlag aber warf ich vor das Bett auf den
-Fußboden und daneben auch selbiges rosa Bändchen. Darauf ging ich in den
-Garten, aber mir zitterten noch immer alle Glieder. Ich ging geradeswegs
-zu selbigem Apfelbaum, in dessen Stamm die Höhlung ist, – Ihr kennt doch
-selbige Höhlung, ich aber hatte sie mir schon lange gemerkt; in ihr lag
-auch ein Lappen und Papier, die hatte ich auch schon lange vorbereitet.
-Ich wickelte selbige Summe in das Papier und dann in das Zeug und
-stopfte das Paket dann tief hinein. Dort hat es über zwei Wochen
-gelegen, erst nach dem Krankenhause nahm ich es heraus, selbige Summe
-meine ich. Nun, und darauf ging ich denn zurück und legte mich wieder in
-mein Bett und denke so in meiner Angst: ‚Wenn nun Grigorij
-Wassiljewitsch ganz totgeschlagen ist, so kann es verflucht gefährlich
-werden, ist er aber nicht ganz totgeschlagen und kommt er wiederum zu
-sich, so kommt alles wunderschön heraus, sintemal er dann bezeugen wird,
-daß Dmitrij Fedorowitsch gekommen waren und alsomit sowohl erschlagen
-als auch das Geld geraubt haben.‘ Und da fing ich denn an vor lauter
-Zweifel und Ungeduld zu stöhnen, um Marfa Ignatjewna aufzuwecken. Nun,
-und endlich wachte sie denn auch auf und kam zu mir gelaufen, wie sie
-aber sah, daß Grigorij Wassiljewitsch nicht da war, lief sie hinaus.
-Darauf hörte ich denn, wie sie einmal laut aufschrie im Garten. Nun, und
-dann ging es die ganze Nacht so weiter, ich aber war da schon ganz und
-gar beruhigt.“
-
-Ssmerdjäkoff hielt inne. Iwan hatte ihm die ganze Zeit wie im toten
-Schweigen zugehört, ohne sich zu bewegen, ohne auch nur einmal das Auge
-von ihm abzuwenden. Ssmerdjäkoff dagegen hatte, während er sprach, nur
-von Zeit zu Zeit flüchtig zu ihm hingesehen, sonst aber immer zur Seite
-geblickt. Als er seine Erzählung beendet hatte, war er augenscheinlich
-selbst sehr erregt. Er atmete schwer. Auf seinem Gesicht trat Schweiß
-hervor. Doch war es unmöglich zu erraten, ob er nun Reue oder überhaupt
-etwas empfand.
-
-„Wart,“ sagte Iwan, der noch ein wenig zu überlegen schien, „– aber die
-Tür? Wenn er die Tür erst für dich aufgemacht hat, wie hat dann Grigorij
-sie schon vor dir offen gesehen? Grigorij war doch vor dir in den Garten
-gegangen?“
-
-Bemerkenswert ist, daß Iwan dieses mit der ruhigsten Stimme fragte,
-sogar in einem ganz anderen, auffallend friedlichen Tone, so daß, wenn
-in dem Augenblick jemand die Tür geöffnet und von der Schwelle sie
-gesehen hätte, dieser unbedingt geglaubt haben würde, daß sie beide
-vollkommen ruhig und friedlich über irgendeinen gewöhnlichen, wenn auch
-vielleicht interessanten Gegenstand miteinander sprächen.
-
-„Was Grigorij Wassiljewitsch da sagt, er hätte diese Tür offen gesehen,
-so hat ihm das nur so geschienen,“ sagte Ssmerdjäkoff mit spöttisch
-verzogenem Lächeln. „Das ist ja doch, ich sage Euch, kein Mensch,
-sondern sozusagen eine Abart von einem störrischen Wallach. Ohne so
-etwas gesehen zu haben, es ist ihm ja nur so vorgekommen, besteht er
-darauf, und den wird kein Mensch mehr davon abbringen. Das ist nun schon
-so ein ganz besonderes Glück für uns beide, daß er sich so darauf
-versessen hat, denn auf selbige Aussage hin wird man Dmitrij
-Fedorowitsch zu guter Letzt doch ganz sicherlich verurteilen.“
-
-„Höre,“ unterbrach ihn Iwan Fedorowitsch zerstreut, wie wenn sich seine
-Gedanken wieder verwirrt hätten und er sich bemühte, irgend etwas zu
-erfassen. „Höre ... ich wollte dich noch so vieles fragen, ich habe aber
-vergessen ... Ich vergesse immer und verwirre mich ... Ja! Sag mir
-wenigstens das eine: warum machtest du das Geldpaket noch im Zimmer auf,
-und warum ließest du das Kuvert dort liegen? Warum brachtest du es nicht
-so fort wie es war ...? Als du davon erzähltest, schien es mir, daß du
-diese Handlung für selbstverständlich und sehr richtig hieltest ...
-warum aber – das verstehe ich nicht ...“
-
-„Selbiges habe ich aus einem, wie man sagt, ganz speziellen Grunde
-getan. Denn ein Mensch, der alles weiß und kennt, wie beispielsweise
-ich, der selbiges Geld schon früher gesehen hat, der vielleicht noch
-selber geholfen hat, das Bändchen umzubinden, und mit eigenen Augen
-zugesehen hat, wie das Kuvert versiegelt und mit der Aufschrift bedacht
-wurde, aus welchem Grunde wird dann dieser Mensch, wenn, sagen wir, er
-erschlagen hat, das Paket noch aufbrechen und bei seiner Eile das Geld
-nachzählen, wo er doch schon sowieso ganz genau weiß, was drin ist?
-Nein, wenn der Räuber beispielsweise einer wie ich gewesen wäre, so
-hätte er das Paket in die Tasche geschoben, ohne selbiges noch weiter zu
-untersuchen, und wäre damit verduftet. Hinwiederum hätten Dmitrij
-Fedorowitsch ganz anders gehandelt: sie wußten von selbigem Geldpaket
-nur das, was ich ihnen gesagt hatte, selber aber hatten sie es nie
-gesehen; alsomit hätten sie, wenn sie es, wie man meint, unter dem
-Kissen gefunden hätten, gleich hier an Ort und Stelle aufreißen und sich
-vom Inhalt überzeugen müssen, ob denn in ihm auch wahrhaftig selbige
-Summe drin ist. Das Kuvert aber hätten sie dort liegen lassen, ohne in
-der Eile nachzudenken und sich zu sagen, daß selbiges Stück Papier gegen
-sie als Beweis dienen kann, dieweil sie doch nicht zu stehlen gewöhnt
-sind, denn sie haben doch in ihrem Leben sicherlich noch nie etwas
-gestohlen, da sie doch ein geborener Edelmann sind. Wenn sie sich aber
-in diesem Fall auch entschlossen hätten, das Geld zu stehlen, so wäre
-selbiges für sie, also ihrer Meinung nach, doch nicht wie ein Diebstahl
-gewesen, sondern sozusagen: ‚Bin gegangen, um mein gestohlenes Eigentum
-zurückzunehmen,‘ wie sie das ja auch früher in der ganzen Stadt gesagt
-haben, daß sie gehen und von Fedor Pawlowitsch ihr Eigentum nehmen
-würden. Selbigen Gedanken habe ich auch bei meinem Verhör dem
-Staatsanwalt nicht gerade klar und deutlich gesagt, aber ich habe ihn
-mit anderen Bemerkungen, und als ob ich selber nichts davon begriffe, so
-geschoben und so gelenkt, daß er schließlich wie von selbst darauf
-kommen mußte und alsomit nicht ich es ihnen gesagt hätte, so daß der
-Herr Staatsanwalt sich vor lauter Freude bloß die Oberlippe geleckt hat
-...“
-
-„Und das alles, das alles hast du in dieser kurzen Zeit überlegen
-können?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz entsetzt vor Verwunderung. Wieder
-sah er Ssmerdjäkoff erschrocken an.
-
-„Erbarmt Euch! Kann man denn so etwas in den paar Sekunden überlegen! Es
-war doch alles schon voraus überlegt.“
-
-„Nun ... dann hat dir also der Teufel selber geholfen!“ rief Iwan
-Fedorowitsch aus. „Nein, du bist nicht dumm, du bist viel klüger, als
-ich dachte ...“
-
-Er erhob sich vom Stuhl, offenbar in der Absicht, zur Beruhigung seiner
-Nerven ein paarmal im Zimmer auf und ab zu gehen. Er fühlte, daß er die
-beklemmende Stimmung nicht mehr ertragen konnte. Da jedoch der Tisch den
-Weg versperrte und er sich zwischen dem Tisch und der Wand fast hätte
-durchquetschen müssen, so sah er sich nur einmal wie zerstreut um und
-setzte sich dann wieder hin. Vielleicht war diese Hemmung, daß er nicht
-hatte gehen können, der Grund, warum er plötzlich dermaßen gereizt
-auffuhr, als wäre die Wut übermächtig in ihm geworden.
-
-„Höre, du unseliger, du niedriger Mensch! Begreifst du denn wirklich
-nicht, daß ich, wenn ich dich nicht totschlage, es nur deswegen nicht
-tue, weil ich dich zu morgen, zur Gerichtssitzung aufbewahre! Gott
-sieht,“ rief Iwan aus und erhob die rechte Hand, „daß vielleicht auch
-ich schuldig bin, vielleicht habe ich tatsächlich den geheimen Wunsch
-gehabt, daß ... der Vater sterben möge, aber ich schwöre dir, so
-schuldig, wie du glaubst, bin ich nicht, und vielleicht habe ich dich
-überhaupt nicht dazu angespornt. Nein, nein, ich weiß, ich habe es nicht
-getan! Aber gleichviel, ich werde mich morgen selbst anzeigen, morgen
-vor Gericht, ich habe es schon beschlossen! Ich werde alles sagen,
-alles! Wir werden beide vor die Richter treten! Und was du auch gegen
-mich vor ihnen aussagen solltest, was du auch gegen mich bezeugst – ich
-nehme alles auf mich, denn ich fürchte dich nicht! Ich werde selbst
-alles bestätigen! Aber auch du wirst vor dem Gericht alles gestehen
-müssen! Du mußt, du mußt es, wir werden zusammen gehen! So wird es
-sein!“
-
-Iwan sprach es feierlich und energisch, und schon allein an seinem
-glänzenden Blick sah man, daß es so sein werde.
-
-„Krank seid Ihr, das sehe ich, ganz krank. Eure Augen schimmern ja ganz
-gelb,“ sagte Ssmerdjäkoff, doch sprach er es ohne jeden Spott, sogar
-eher mitleidig.
-
-„Zusammen werden wir gehen!“ wiederholte Iwan, „willst du aber nicht
-mitkommen, einerlei, so werde ich allein alles bekennen.“
-
-Ssmerdjäkoff schwieg eine Weile, als dächte er nach.
-
-„Nichts wird von alledem geschehen, und Ihr werdet auch nicht hingehen,“
-sagte er schließlich in einer Weise, als ob sein Ausspruch jeden Einwand
-ausschließe.
-
-„Du verstehst mich nicht recht!“ sagte Iwan Fedorowitsch vorwurfsvoll.
-
-„Ihr werdet Euch gar zu sehr schämen, alles von Euch einzugestehn. Und
-noch mehr als Ihr Euch schämen werdet, wird es unnütz sein, dieweil doch
-ich sagen werde, daß ich Euch nichts von alledem oder auch nur etwas
-Derartiges gesagt hätte, und daß Ihr entweder irgendeine Krankheit
-hättet – wonach es ja auch ganz aussieht – oder aber daß Euch das
-Brüderchen so leid täte, daß Ihr Euch für dasselbe opfern wolltet und
-daher das alles gegen mich ausgedacht hättet, sintemal Ihr mich alleweil
-nur für so viel wie eine Mücke gehalten habt, und nicht für einen
-Menschen. Und wer wird Euch denn glauben, und habt Ihr denn auch nur
-einen einzigen Beweis?“
-
-„Hör mal, dieses Geld hast du mir doch jetzt gezeigt, um mich zu
-überzeugen.“
-
-Ssmerdjäkoff nahm das Buch der „Predigten unseres Issaak Ssirin“, das
-das Geld bedeckte, und schob es beiseite.
-
-„Dieses Geld nehmt an Euch und bringt es fort,“ sagte Ssmerdjäkoff, tief
-Atem schöpfend.
-
-„Selbstverständlich werde ich es fortbringen! Aber warum gibst du es
-denn jetzt mir, wenn du dieses Geldes wegen erschlagen hast?“ Iwan
-blickte ihn verwundert und fragend an.
-
-„Jetzt brauch ich es überhaupt nicht mehr,“ sagte Ssmerdjäkoff mit
-unsicherer Stimme und winkte müde mit der Hand ab. „Ich hatte früher
-einmal so einen Gedanken ... daß ich mit selbiger Summe ein anderes
-Leben anfangen könnte, in Moskau, oder noch besser, im Auslande ... das
-war einmal so eine Idee. Hauptsächlich aber darum, weil doch ‚alles
-erlaubt ist‘. Das habt Ihr mich dazumal ganz richtig gelehrt, und gut
-habt Ihr es mir erklärt: denn wenn es keinen ewigen Gott gibt, so gibt
-es überhaupt keine Tugend, und dann braucht man sie ja auch gar nicht.
-Das habt Ihr vollkommen richtig bemerkt. Das habe auch ich eingesehen.“
-
-„Mit eigenem Verstande?“ fragte Iwan mit verzogenem Lächeln.
-
-„Dank Eurer Führung.“
-
-„Und jetzt hast du also angefangen an Gott zu glauben, wenn du das Geld
-zurückgibst?“
-
-„Nein, das habe ich nicht angefangen,“ murmelte Ssmerdjäkoff.
-
-„So, – warum gibst du es dann zurück?“
-
-„Ach was ... genug davon ... das hat nichts damit zu tun ...“
-Ssmerdjäkoff winkte wieder mit der Hand ab. „Ihr sagtet doch dazumal
-selber alleweil, daß alles erlaubt sei, warum seid Ihr dann jetzig so
-aufgeregt, Ihr selber, meine ich? Ihr wollt ja sogar hingehen und gegen
-Euch selber aussagen ... Nur wird davon nichts geschehen! Ihr werdet
-nichts gegen Euch aussagen!“ wiederholte Ssmerdjäkoff überzeugt und mit
-fester Stimme.
-
-„Du wirst es sehen!“ sagte Iwan.
-
-„Das kann ja gar nicht geschehen. Klug seid Ihr sehr, Geld liebt Ihr
-auch, das weiß ich. Achtung und Ehre liebt Ihr gleichfalls, denn Ihr
-seid sehr stolz. Weiberschönheit liebt Ihr über alle Maßen, am meisten
-aber doch, reich zu leben und vor niemandem den Hut ziehen zu müssen –
-das liebt Ihr sogar am allermeisten. Ihr werdet doch nicht dumm sein und
-Euer Leben auf alle Zeiten verpfuschen – solche Schande vor Gericht auf
-Euch nehmen! Ihr seid am allermeisten wie Fedor Pawlowitsch, von allen
-seinen Kindern seid Ihr ihm am ähnlichsten, ganz seine Seele habt Ihr.“
-
-„Du bist nicht dumm,“ sagte Iwan gewissermaßen verwundert; plötzlich
-schoß ihm das Blut glühend ins Gesicht. „Ich glaubte zuerst, du seiest
-dumm ... du hast doch jetzt im Ernst gesprochen?“ fragte er, mit einem
-ganz anderen Blick als bisher Ssmerdjäkoff betrachtend.
-
-„Nur aus Eurem selbigen Stolz habt Ihr geglaubt, daß ich dumm sei. Nehmt
-das Geld.“
-
-Iwan nahm die drei Geldpakete und schob sie in die Tasche, ohne sie in
-etwas einzuwickeln.
-
-„Morgen werde ich es vorweisen, wenn wir vor Gericht sind.“
-
-„Es wird Euch dort doch niemand glauben. Als ob Ihr jetzt nicht selber
-Geld genug hättet, da habt Ihr eben aus dem eigenen Beutel selbige
-Dreitausend mitgenommen, und weiter nichts.“
-
-Iwan stand auf.
-
-„Ich sage es dir nochmals, daß, wenn ich dich nicht totgeschlagen habe,
-es nur geschehen ist, weil ich dich zu morgen noch nötig habe. Behalte
-das, vergiß es nicht!“
-
-„Nun was, erschlagt mich doch. Erschlagt mich jetzt gleich,“ sagte
-Ssmerdjäkoff plötzlich in ganz eigentümlicher Weise, und der Blick, mit
-dem er Iwan anblickte, war so sonderbar. „Ihr wagt ja nicht einmal das
-zu tun,“ fügte er mit bitterem Lächeln hinzu. „Nichts werdet Ihr mehr
-wagen, Ihr, die Ihr früher so mutig und verwegen waret.“
-
-„Auf morgen!“ Iwan schritt zur Tür.
-
-„Wartet ... zeigt es mir noch einmal.“
-
-Iwan zog das Geld aus der Tasche und zeigte es ihm. Ssmerdjäkoff blickte
-es an – mehr denn zehn Sekunden lang.
-
-„Nun, geht,“ sagte er, mit der Hand abwinkend. „Iwan Fedorowitsch!“ rief
-er plötzlich, ihn noch einmal aufhaltend.
-
-„Was willst du?“ Iwan wandte sich, bereits im Fortgehen begriffen, noch
-einmal zu ihm zurück.
-
-„Lebt wohl!“
-
-„Auf morgen!“ rief wieder Iwan und verließ das Haus.
-
-Das Schneetreiben hatte noch immer nicht nachgelassen. Das erste Stück
-vom Hause ging er mit festen, sicheren Schritten, doch plötzlich war
-ihm, als finge er zu wanken an. „Das muß etwas Physisches sein,“ meinte
-er bei sich lächelnd. Es war ihm, als wenn jetzt geradezu eine große
-Freude seine Seele ergriffen hätte. Er fühlte eine grenzenlose
-Festigkeit in sich: die Zweifel und Ahnungen, die ihn in den letzten
-langen Wochen so gefoltert hatten, waren überwunden. „Der Entschluß ist
-gefaßt, und ich werde ihn nicht mehr ändern,“ dachte Iwan und fühlte
-sich glücklich bei diesem Gedanken. In dem Augenblick stolperte er über
-irgend etwas und wäre beinahe gefallen. Er blieb stehen und gewahrte
-schließlich in der matten Dunkelheit vor seinen Füßen das von ihm
-niedergeworfene betrunkene Bäuerlein. Es lag auf derselben Stelle, wo es
-nach dem ihm versetzten Stoß hingefallen war. Regungslos und bewußtlos
-lag es da. Der Schnee hatte ihm schon fast das ganze Gesicht verweht.
-Iwan beugte sich plötzlich zu dem Liegenden nieder, erfaßte ihn und
-wollte ihn sich auf den Rücken laden. Da erblickte er weiter rechts
-Licht in einem Häuschen. Er ging hin, klopfte an den Fensterladen und
-bat den Kleinbürger, den Besitzer des Häuschens, der ihm die Tür
-aufmachte, ihm zu helfen, das Bäuerlein bis zur nächsten Wachtstube zu
-bringen, wofür er ihm drei Rubel versprach. Der Kleinbürger kleidete
-sich an und trat heraus. Ich werde nicht weiter ausführlich erzählen,
-wie es Iwan Fedorowitsch gelang, sein Ziel zu erreichen, den Bauer in
-der Wachtstube noch mit der Bedingung unterzubringen, daß sofort ein
-Arzt zur Untersuchung herbeigerufen werde, wozu er wieder, ohne zu
-zählen, Geld für die Ausgaben und „die Mühe“ gab. Ich will nur sagen,
-daß die Sache eine ganze Stunde in Anspruch nahm. Iwan Fedorowitsch war
-aber sehr zufrieden. Seine Gedanken schweiften unermüdlich umher und
-arbeiteten in ihm. „Wenn mein Entschluß für morgen nicht so fest gefaßt
-wäre,“ dachte er bei sich, und der Gedanke machte ihn fast glücklich,
-„würde ich mich nicht eine ganze Stunde lang mit diesem betrunkenen
-Bauern abgegeben haben; ich wäre vorübergegangen und hätte darauf
-gespuckt, daß er erfrieren könnte ... Wie gut ich mich aber beobachten
-kann,“ dachte er gleich darauf mit noch größerer Zufriedenheit. „Und die
-glaubten ja schon, daß ich wahnsinnig werden würde!“ Als er bei seiner
-Wohnung anlangte, blieb er plötzlich vor der unerwarteten Frage, ob er
-nicht sofort, unverzüglich zum Staatsanwalt gehen solle, um ihn sogleich
-von allem zu benachrichtigen, auf der Straße stehen. Er entschied
-jedoch, sich zum Hause wendend: „Morgen – alles zugleich!“ Doch
-sonderbar: seine ganze freudige Stimmung und die gewisse erhebende
-Selbstzufriedenheit hatten ihn wie mit einem Schlage verlassen. Als er
-dann in sein Zimmer trat, war ihm, als wenn etwas Eisiges plötzlich sein
-Herz berührt hätte, wie eine Erinnerung, oder richtiger, wie ein
-Erinnertwerden an etwas Qualvolles und Ekelhaftes, das sich gerade in
-diesem Zimmer befand, und zwar gerade jetzt, soeben, aber auch schon
-früher dagewesen wäre. Er ließ sich erschöpft auf den Diwan nieder. Die
-alte Dienstmagd brachte ihm den Ssamowar, er goß sich ein Glas Tee ein,
-rührte es aber nicht an. Die Alte schickte er fort. Er stützte den Arm
-auf die Seitenlehne des Diwans – ihn schwindelte. Er fühlte sich krank
-und völlig kraftlos. Er wollte bereits in der Diwanecke einschlummern,
-doch trieb ihn eine innere Unruhe wieder auf; er erhob sich und ging im
-Zimmer auf und ab, um den Schlaf zu verscheuchen. Mitunter schien es
-ihm, daß er phantasiere. Doch nicht seine Krankheit beschäftigte ihn. Er
-setzte sich wieder hin; und da begann er zuweilen um sich zu blicken,
-nicht ununterbrochen, sondern nur hin und wieder, doch je länger desto
-schärfer, als ob er etwas zu erspähen suchte. Das tat er immer wieder.
-Schließlich heftete sich sein spähender Blick aufmerksam auf einen
-bestimmten Punkt. Ein kurzes Lächeln erschien auf seinen Lippen, und das
-Blut stieg ihm vor Zorn ins Gesicht bis hinauf über die Stirn. Lange saß
-er so auf seinem Platz, fest mit beiden Händen den Kopf stützend, doch
-seine Augen spähten immer noch nach jenem einen Punkt, dorthin nach dem
-Diwan, der an der gegenüberliegenden Wand stand. Augenscheinlich mußte
-dort etwas sein, das ihn reizte, irgendein Gegenstand vielleicht, der
-ihn beunruhigte und quälte und doch anzog ...
-
-
- IX.
- Der Teufel. Iwan Fedorowitschs Alb
-
-Ich bin kein Arzt, und doch muß ich wenigstens einiges zur Erklärung
-über die Natur der Krankheit Iwan Fedorowitschs sagen. Er befand sich an
-diesem Abend kurz vor dem Ausbruch eines Nervenfiebers, das sich schon
-lange in seinem zerrütteten Nervensystem vorbereitet hatte, und dem er
-nur infolge seiner hartnäckigen Widerstandskraft bis dahin noch nicht
-erlegen war. Obwohl ich fast nichts von Medizin verstehe, wage ich doch
-meine Vermutung auszusprechen, daß er vielleicht in der Tat durch
-übermäßige Willensanspannung den Ausbruch der Krankheit hinausgeschoben
-hatte, wahrscheinlich sogar in der Hoffnung, sie durch seinen bloßen
-Willen ganz zu überwinden. Er wußte, daß er nicht gesund war, doch
-empfand er einen heftigen Widerwillen bei dem Gedanken, in dieser Zeit
-krank zu werden, gerade in den bevorstehenden schicksalsschweren Stunden
-seines Lebens, da es hieß, Zeugnis abzulegen, kühn und entschlossen sein
-Wort zu sagen und „sich vor sich selbst zu rechtfertigen“. Übrigens war
-er auch schon einmal bei dem berühmten Moskauer Arzt gewesen, den
-Katerina Iwanowna gerufen hatte. Derselbe hatte ihn aufmerksam angehört
-und untersucht und darauf gesagt, daß er vielleicht sogar etwas wie –
-eine Gehirnzerrüttung habe, und war schließlich durchaus nicht erstaunt
-gewesen über ein gewisses Geständnis, das Iwan Fedorowitsch ihm, seinen
-Widerwillen und Ekel niederringend, zu guter Letzt gemacht hatte.
-
-„Halluzinationen sind bei Ihrem Zustande sehr leicht möglich,“ hatte der
-Doktor gemeint, „obgleich man sie noch kontrollieren müßte ... Im
-übrigen müssen Sie unbedingt sofort, ohne einen Augenblick zu verlieren,
-mit einer ernsten Kur beginnen, denn sonst könnte es sehr schlimm
-werden.“ Iwan Fedorowitsch hatte aber den vernünftigen Rat nicht
-befolgt, hatte sich nicht hingelegt, und auch sonst nichts für seine
-Gesundheit getan. „Noch kann ich gehen, folglich reichen noch die
-Kräfte, falle ich hin – dann mag mich pflegen, wer Lust hat,“ dachte er.
-
-So saß er denn jetzt in seinem Zimmer, wußte beinahe selbst, daß er im
-Fieber phantasierte, und blickte, wie ich schon vorhin sagte,
-angestrengt zur anderen Wand, als fixiere er dort einen Gegenstand auf
-dem Diwan. Dort saß plötzlich jemand! Wie und wann er hereingekommen
-war, das mag Gott wissen, denn als Iwan Fedorowitsch nach der Rückkehr
-von Ssmerdjäkoff das Zimmer betreten hatte, war niemand in demselben
-gewesen. Es war das irgendein Herr, oder richtiger, ein russischer
-Gentleman von der bekannten Sorte, jedenfalls kein sehr junger Mann
-mehr, einer „_qui frisait la cinquantaine_“, wie die Franzosen sagen,
-mit dunklem, ziemlich langem, dichtem, nur stellenweise leicht ergrautem
-Haar und keilförmig geschnittenem, gleichfalls etwas grau untermischtem
-Bart. Gekleidet war er in einen kurzen, augenscheinlich vom besten
-Schneider gearbeiteten, aber jetzt schon ziemlich abgetragenen braunen
-Rock, in ein Kleidungsstück, das ungefähr vor drei Jahren gearbeitet
-sein mochte und somit bereits ganz aus der Mode gekommen war, so daß
-diese Art Röcke von tonangebenden Herren seit etwa zwei Jahren nicht
-mehr getragen wurden. Die Wäsche, die lange Krawatte in der Art einer
-Schärpe, kurz, alles war so, wie es eben elegant gekleidete Gentlemen
-trugen, doch war die Wäsche, wenn man sie etwas näher betrachtete, schon
-ein wenig schmutzig und die breite Krawatte recht abgenutzt. Die
-karierten Hosen saßen tadellos, waren aber wiederum zu hell und
-irgendwie zu eng, jedenfalls trug man schon lange viel weitere, und
-ebenso war auch der weiße, weiche Filzhut, den der Gast denn doch etwas
-gar zu unsaisonmäßig mitgeschleppt hatte, nicht mehr zeitgemäß. Mit
-einem Wort, das Äußere hatte den Anschein von Wohlanständigkeit bei
-äußerst knappem Taschengelde. Man konnte glauben, daß der Gentleman
-jener Klasse von arbeitsscheuen Gutsherren angehörte, die zur Zeit der
-Leibeigenschaft ein faules Leben geführt hatten. Offenbar hatte er etwas
-mehr von der Welt gesehen und sich in guter Gesellschaft bewegt, hatte
-früher einmal Verbindungen gehabt und hielt sie vielleicht auch jetzt
-noch aufrecht, war aber allmählich durch seine Verarmung nach den
-flotten Jugendjahren und schließlich nach der Aufhebung der
-Leibeigenschaft zu einer Art von Schmarotzer „guten Tones“
-herabgesunken, der sich als ewiger Gast bei alten Bekannten herumtreibt,
-die ihn dann seines verträglichen Charakters wegen freundlich bei sich
-leben lassen. Außerdem war er immerhin ein, nun ja, ein anständiger
-Mensch, den man sogar in der besten Gesellschaft an seinen Tisch setzen
-konnte, wenn auch, versteht sich, auf einen bescheidenen Platz. Solche
-Schmarotzer oder Gentlemen mit erträglichem Charakter, die zu erzählen
-verstehen und zu einer Partie Karten sich gut verwenden lassen (dagegen
-eine ausgesprochene Abneigung für jede Art von Aufträgen, mit denen man
-sie belästigen will, empfinden), sind gewöhnlich alleinstehende
-Menschen, Junggesellen oder Witwer, die mitunter sogar Kinder haben,
-doch werden diese Kinder dann immer irgendwo fern von ihnen erzogen,
-gewöhnlich bei irgendwelchen Tanten, deren aber der Gentleman in höherer
-Gesellschaft fast nie Erwähnung tut, gleichsam als schäme er sich dieser
-Verwandtschaft. Seiner Kinder entwöhnt er sich mit der Zeit fast ganz,
-wenn er auch noch hin und wieder, etwa zu seinem Namenstage und zu
-Weihnachten, Gratulationsbriefe von ihnen erhält und zuweilen sie sogar
-beantwortet. Die Physiognomie dieses unerwarteten Gastes war nicht
-gerade gutmütig, aber wiederum harmonisch und jedenfalls – je nach den
-Umständen – zu jedem liebenswürdigen Ausdruck bereit. Eine Uhr hatte er
-nicht bei sich, dafür aber trug er eine Schildpattlorgnette an einem
-schwarzen Bande. Den Mittelfinger der rechten Hand schmückte ein
-massiver goldener Ring mit einem billigen Opal. Iwan Fedorowitsch
-schwieg aus Wut und nahm sich vor, überhaupt nicht zu sprechen. Der Gast
-wartete und saß genau so, wie ein Krippenreiter sitzen würde, der soeben
-aus dem oberen Stock, in dem man ihm ein Zimmer zugewiesen hat, zum Tee
-hinabgestiegen ist, um dem Hausherrn bei Tisch Gesellschaft zu leisten,
-vorläufig aber noch rücksichtsvoll schweigt – da der Hausherr
-beschäftigt ist oder über irgend etwas mit gerunzelter Stirn nachdenkt,
-– jedoch zu gleicher Zeit zu jedem liebenswürdigen Gespräche bereit ist,
-sobald nur der Hausherr damit beginnen will. Plötzlich aber drückte sich
-in seinem Gesicht eine gewisse Besorgnis aus.
-
-„Hör mal,“ sagte er hastig zu Iwan Fedorowitsch, „entschuldige, wenn ich
-störe, aber ich will dich ja nur daran erinnern: Du gingst doch zu
-Ssmerdjäkoff, um ihn über Katerina Iwanowna auszufragen, und nun bist du
-doch fortgegangen, ohne das Gewünschte erfahren zu haben, du hast es
-wohl vergessen ...“
-
-„Ach, ja, richtig!“ entschlüpfte es Iwan, und die Sorge verfinsterte
-sein Gesicht. „Ja, ich vergaß es ... Übrigens ist das jetzt
-gleichgültig, ich habe doch alles auf morgen hinausgeschoben,“ murmelte
-er vor sich hin. „Du aber laß dir gesagt sein,“ wandte er sich plötzlich
-gereizt auffahrend an den Gast, „– ich hätte mich dessen soeben ganz von
-selbst erinnern müssen, denn gerade das bedrückte mir das Herz! Warum
-mischst du dich so vorwitzig ein? So könnte ich dir ja glauben, daß du
-mich darauf gebracht hast, und nicht, daß ich selbst darauf verfallen
-bin!“
-
-„So glaub’s doch nicht, wenn du’s nicht willst,“ schlug der Gentleman,
-leise auflachend, freundlich vor. „Was ist denn das für ein Glaube, den
-man erzwingt? Zudem helfen doch in Glaubensdingen Beweise überhaupt
-nicht, besonders keine materiellen. Thomas glaubte nicht darum, weil er
-den auferstandenen Christus sah, sondern weil er schon früher zu glauben
-gewünscht hatte. Da haben wir jetzt zum Beispiel die Spiritisten ... ich
-habe sie sehr gern ... denk nur, sie sind überzeugt, daß sie dem Glauben
-nützen, weil die Teufel ihnen aus jener Welt ihre Hörner zeigen. ‚Das
-ist doch schon ein materieller Beweis dafür, daß es jene Welt gibt,‘
-heißt es. Jene Welt und materielle Beweise – oje, oje! Und schließlich,
-selbst wenn der Teufel bewiesen ist, so ist doch noch längst nicht
-gesagt, daß damit auch Gott bewiesen ist! Ich will in die idealistische
-Gesellschaft eintreten, werde dort bei ihnen Opposition machen, das
-heißt sozusagen: ‚Bin Realist, aber kein Materialist‘, he–he!“
-
-„Höre,“ sagte Iwan Fedorowitsch und erhob sich plötzlich von seinem
-Platz. „... Ich bin jetzt ganz wie ... es scheint mir, daß ich
-phantasiere ... selbstverständlich tue ich es ... im Fieber ... du
-kannst dort reden was du willst, mir ist alles gleich! Du wirst mich
-heute nicht mehr so in Wut bringen, wie das vorige Mal. Nur schäme ich
-mich irgendeiner ... Ich will im Zimmer umhergehen ... Zuweilen sehe ich
-dich nicht, und dann höre ich auch nicht einmal deine Stimme, ganz wie
-das vorige Mal, aber ich errate immer irgendwie, was du da brummst, denn
-_du bist ich, ich, ich selbst rede und nicht du_! Nur weiß ich nicht, ob
-ich das vorige Mal schlief, oder ob ich dich im Wachen sah? Ach was, ich
-werde das Handtuch mit kaltem Wasser anfeuchten und mir auf die Stirn
-legen, vielleicht vergehst du dann ...“
-
-Iwan Fedorowitsch ging in die Ecke, nahm ein Handtuch, tat, wie er
-gesagt hatte, und begann dann mit dem nassen Handtuch um den Kopf im
-Zimmer auf und ab zu schreiten.
-
-„Es gefällt mir, daß wir uns so ohne weiteres auf Du und Du stellen,“
-begann wieder der Gast.
-
-„Dummkopf!“ Iwan lachte. „Soll ich etwa anfangen zu dir ‚Sie‘ zu sagen?
-Ich bin jetzt bei guter Laune, nur in der Schläfe fühle ich noch einen
-Schmerz ... und im Oberkopf ... Aber philosophiere bitte nicht, wie das
-vorige Mal. Wenn du dich von hier nicht fortpacken kannst, so schwatz
-wenigstens etwas Amüsanteres. Kram doch deine Klatschgeschichten heraus,
-du bist doch ein Schmarotzer, da wärst du ja beim Klatschen in deinem
-Element. Daß man so einen Albdruck nicht loswerden kann, das ist doch
-wirklich ...! Aber ich fürchte dich nicht, ich werde dich überwinden!
-Man wird mich _nicht_ in die Irrenanstalt bringen!“
-
-„_C’est charmant_: ‚Schmarotzer‘. Ja, ich bin gerade in meiner Art, was
-ich bin. Was bin ich denn sonst auf der Erde, wenn nicht ein
-Schmarotzer? Übrigens – bei der Gelegenheit: Ich höre dich und, offen
-gestanden, ich wundere mich ein wenig: Bei Gott, es scheint, daß du
-allmählich anfängst, mich für ein Etwas, für etwas in der Tat
-Vorhandenes zu halten, und nicht nur für deine bloße Phantasie, wie du
-das vorige Mal hartnäckig behauptetest ...“
-
-„Keinen Augenblick akzeptiere ich dich als reale Wahrheit,“ schrie Iwan
-zornig und wild. „Lüge bist du, meine Krankheit bist du, du bist nichts
-als ein Fiebergespinst! Nur weiß ich nicht, womit ich dich vernichten
-könnte ... Ich sehe schon, man wird sich eine Zeitlang quälen müssen. Du
-bist meine Halluzination. Du bist die Verkörperung meines Ich, übrigens
-nur _eines Teiles_ meines Ich ... meiner Gedanken und Gefühle, aber nur
-der niedrigsten und dümmsten. Von diesem Gesichtspunkte aus könntest du
-mich sogar interessieren, wenn ich nur Zeit hätte, mich mit dir
-abzugeben ...“
-
-„Erlaube, erlaube, ich werde dich sofort überführen: Vorhin, bei der
-Straßenlaterne, als du plötzlich Aljoscha anfuhrst und schriest: ‚Das
-hast du _durch ihn_ erfahren! Woher weißt du, daß _er_ zu mir kommt?‘
-Damit meintest du doch mich. Folglich glaubtest du doch eine kleine
-Sekunde lang, glaubtest du also doch, daß ich wirklich bin,“ sagte der
-Gentleman mit weichem Lachen.
-
-„Ja, das war eine Schwäche der Natur ... Ich weiß nicht, schlief ich das
-vorige Mal, oder ging ich umher? Vielleicht sah ich dich damals nur im
-Traum und gar nicht in Wirklichkeit ...“
-
-„Aber warum warst du denn vorhin so unfreundlich zu ihm, zu Aljoscha,
-meine ich? Er ist doch ein lieber Junge; ich bin vor ihm noch wegen des
-Staretz Sossima schuldig.“
-
-„Schweig! Kein Wort von Aljoscha! Wie wagst du es überhaupt, du Lakai!“
-Iwan Fedorowitsch lachte wieder.
-
-„Du schimpfst und lachst dabei, – das ist ein gutes Zeichen. Übrigens
-bist du heute viel liebenswürdiger zu mir als das vorige Mal, aber ich
-begreife ja auch, woher das kommt: Dieser große Entschluß ...“
-
-„Schweig von dem Entschluß!“ schrie ihn Iwan zornig an.
-
-„Ich verstehe, verstehe schon. _C’est noble, c’est charmant._ Du gehst
-morgen hin, um deinen Bruder zu verteidigen, und opferst dich selbst ...
-_C’est chevaleresque_ ...“
-
-„Schweig! – oder ich gebe dir einen Fußtritt!“
-
-„Zum Teil wird mich das freuen, denn mein Zweck wäre dann erreicht:
-Gibst du mir einen Fußtritt, so glaubst du folglich an meine Realität,
-denn einem Fiebergespinst verabreicht man doch keine Fußtritte. Aber
-weißt du, Scherz beiseite: Mir kann’s ja schließlich egal sein, schimpf
-nur zu, wenn du Lust hast, aber es ist doch immer besser, etwas
-höflicher zu sein, wäre es auch nur mir gegenüber. Denn sonst:
-‚Dummkopf‘ und ‚Lakai‘ – nun, sag doch selbst, was sind denn das für
-Worte?“
-
-„Indem ich dich schimpfe – schimpfe ich mich selbst!“ sagte Iwan und
-lachte wieder kurz auf. „Du bist ich, ich selbst, bloß mit einer anderen
-Fratze. Du sprichst genau das, was ich schon bei mir denke ... und bist
-überhaupt nicht imstande, mir etwas Neues zu sagen!“
-
-„Wenn meine Worte mit deinen Gedanken übereinstimmen, so gereicht mir
-das natürlich nur zur Ehre,“ antwortete der Gentleman zuvorkommend und
-doch mit persönlicher Würde.
-
-„Bloß nimmst du immer nur meine schlechten Gedanken, und vor allem – die
-dummen. Dumm und gemein bist du. Furchtbar dumm bist du. Nein, ich kann
-dich nicht ertragen! Was soll ich tun, was soll ich tun?“ murmelte Iwan
-wutknirschend.
-
-„Mein Freund, ich will immerhin Gentleman sein und auch als
-solcher genommen werden,“ begann der Gast in einem Anfall echt
-schmarotzerhaften, schon im voraus nachgebenden und gutmütigen
-Ehrgeizes. „Ich bin arm, aber ... das heißt, ich will nicht sagen, daß
-ich gerade sehr ehrenhaft sei, aber ... es ist doch in der Gesellschaft
-gewöhnlich als Axiom angenommen, daß ich ein gefallener Engel sei. Aber,
-bei Gott, ich kann mir noch immer nicht recht vorstellen, auf welche
-Weise ich einmal ein Engel hätte sein können. Wenn ich es aber wirklich
-einmal gewesen sein sollte, so muß das jedenfalls schon so lange her
-sein, daß es, denke ich, keine Sünde sein kann, wenn ich es vergessen
-habe. Jetzt ist es mir nur um den Ruf eines anständigen Menschen zu tun,
-und ich lebe, wie es gerade kommt, indem ich mich bemühe, angenehm zu
-sein. Ich liebe die Menschen aufrichtig – oh, man hat mich in vielen
-Dingen unglaublich verleumdet! Hier, hienieden, wenn ich zeitweilig
-wieder einmal zu euch übersiedle, fließt mein Leben dahin, als ob es nun
-auch was Wirkliches wäre, und das ist es gerade, was mir am meisten
-gefällt. Denn ich selbst leide doch auch, ganz so wie du, unter dem
-Phantastischen, und darum liebe ich euren irdischen Realismus. Hier bei
-euch ist alles bezeichnet, alles ist festgesetzt, hier gibt es Formeln,
-hier gibt es Geometrie, bei uns aber sind immer nur irgendwelche
-unbestimmte Gleichungen! Hier gehe ich umher und sinne. Ich liebe das
-Sinnen. Und zudem werde ich hier auf Erden abergläubisch, – bitte lach
-nicht: Gerade das gefällt mir, daß ich abergläubisch werde. Ich nehme
-hier alle eure Angewohnheiten an: es macht mir Spaß, in die öffentliche
-Badstube zu gehen – kannst du dir das vorstellen? – und ich liebe es,
-mit Kaufleuten und Popen Schwitzbäder zu nehmen. Meine einzige
-Schwärmerei ist, mich zu verkörpern – aber endgültig und unwiderruflich
-– in irgendeine dicke, sieben Pud schwere Kaufmannsfrau und an alles zu
-glauben, woran sie glaubt. Mein Ideal ist – in die Kirche zu gehen und
-dort von ganzem und reinem Herzen einem Heiligen ein Licht stellen zu
-können. Bei Gott, so ist es. Dann hätten meine Leiden ein Ende. Ach,
-richtig, und dann habe ich noch an etwas Gefallen gefunden, das ist:
-mich hier bei euch zu kurieren. Im Frühling herrschten die Pocken, da
-ging ich denn ins Findelhaus und ließ mich gegen die Pocken impfen, –
-nein, wenn du wüßtest, wie zufrieden ich an jenem Tage war! Ich spendete
-sogar zehn Rubel für unsere malträtierten slawischen Brüder! ... Aber du
-hörst mir ja gar nicht zu. Weißt du, du bist heute gar nicht wie sonst.“
-Der Gentleman verstummte für eine Weile. „Ich weiß, du bist gestern zu
-jenem Doktor gegangen ... nun, wie steht es mit deiner Gesundheit? Was
-hat dir der Doktor denn gesagt?“
-
-„Schafskopf!“ schnitt Iwan kurz ab.
-
-„Dafür bist du doch so klug. Willst du wieder schimpfen? Ich habe ja
-nicht gerade aus Teilnahme gefragt, sondern nur so. Meinetwegen,
-brauchst ja weiter nicht zu antworten. Jetzt kommt wieder die schöne
-Jahreszeit, in der das Rheuma zu zwicken anfängt ...“
-
-„Schafskopf,“ sagte Iwan nochmals.
-
-„Das ist wohl alles, scheint es, was du zu sagen weißt. Ich aber holte
-mir im vorigen Jahr so einen Rheumatismus, daß ich noch jetzt an ihn
-zurückdenken muß.“
-
-„Kann denn der Teufel auch Rheumatismus haben?“
-
-„Warum denn nicht, wenn ich mich zuweilen verkörpere. Verkörpere ich
-mich, so muß ich auch alle Folgen auf mich nehmen. _Satanas sum et nihil
-humani a me alienum puto._“
-
-„Wie, was? _Satanas sum et nihil humani_ ... das ist nicht dumm für
-einen Teufel!“
-
-„Freut mich, daß ich es dir endlich recht gemacht habe.“
-
-„Aber das hast du ja gar nicht von mir genommen!“ – Iwan blieb ganz
-betroffen stehen. – „Das ist mir niemals in den Kopf gekommen, das habe
-ich nie gehört oder gedacht ... Das ist sonderbar ...“
-
-„_C’est du nouveau, n’est-ce pas?_ Diesmal will ich ehrlich sein und es
-dir erklären. Also höre: Im Traum, und besonders, wenn man Albdrücken
-hat, nun, sagen wir, sei es infolge eines verdorbenen Magens oder sonst
-aus einem Grunde, sieht der Mensch zuweilen dermaßen künstlerische
-Träume, so komplizierte und reale Wirklichkeit, solche Ereignisse oder
-sogar eine ganze Welt von Ereignissen, die mit dermaßen feinen Intrigen
-und unerwarteten Details verknüpft sind, angefangen von unseren höchsten
-Erscheinungen bis zum letzten Hemdknopf, daß, ich schwöre dir, selbst
-Ljeff Tolstoj es nicht fertigbrächte, sich so etwas auszudenken. Und
-dabei sind es durchaus nicht nur Schriftsteller, die solche Träume
-sehen, zuweilen sind es sogar die simpelsten Leute, Beamte, Popen ... In
-dieser Beziehung gilt es, noch manches Rätsel zu lösen. Ein Minister
-gestand mir sogar schlankweg, daß alle seine besten Ideen ihm während
-des Schlafes kämen. Nun, und so ist es denn auch jetzt. Wenn ich auch
-nur deine Halluzination bin, so rede ich doch, wie es auch unterm
-Albdruck vorkommt, mitunter ganz originelles Zeug. Ich sage sogar Dinge,
-die dir bis jetzt noch nicht in den Kopf gekommen sind, somit sind es
-denn nicht deine Gedanken, die ich ausspreche, während ich doch nur dein
-Alb bin und weiter nichts.“
-
-„Du lügst. Dein Ziel ist gerade, mich zu überzeugen, daß du etwas
-Selbständiges bist und nicht mein Alb, und da bestätigst du nun selbst,
-daß du ein Traum bist!“
-
-„Mein Freund, heute habe ich eine besondere Methode gewählt, ich werde
-sie dir später erklären. Wart, wo blieb ich denn eigentlich stehen,
-wovon sprach ich doch? Ach so! Also ich hatte mich damals erkältet, nur
-war das nicht bei euch, sondern noch dort ...“
-
-„Wo dort? Sag, wirst du noch lange bei mir bleiben, kannst du nicht
-fortgehen?“ rief Iwan verzweifelt aus.
-
-Er gab das Gehen auf, setzte sich wieder auf den gegenüberstehenden
-Diwan, stützte die Arme auf den Tisch und preßte die Fäuste an die
-Schläfen. Das nasse Handtuch hatte er sich schon vom Kopf gerissen und
-gereizt fortgeschleudert: es hatte natürlich nicht geholfen.
-
-„Deine Nerven sind zerrüttet,“ bemerkte der Gentleman in
-unterhaltend-nonchalanter, doch vollkommen freundschaftlicher Weise, „du
-ärgerst dich sogar deswegen über mich, weil ich mich habe erkälten
-können. Indessen geschah es auf die natürlichste Weise. Ich eilte damals
-gerade zu einer diplomatischen Soiree bei einer höheren Petersburger
-Dame, die Frau Minister werden wollte. Nun, versteht sich: Frack, weiße
-Binde, Handschuhe, und dabei befand ich mich noch Gott weiß wo. Kurz, um
-auf die Erde zu gelangen, stand mir noch bevor, den Raum zu durchfliegen
-... das ist natürlich nur ein Augenblick, aber ... braucht doch selbst
-ein Lichtstrahl von der Sonne bis zur Erde ganze acht Minuten, und da
-nun, stell dir vor, im Frack und in ausgeschnittener Weste! Allerdings
-können Geister nicht erfrieren, aber da ich mich nun schon einmal
-verkörpert hatte, so ... Mit einem Wort, man ist zuweilen leichtsinnig,
-und ich schoß ab. Aber dort im Weltenraum, in diesem Äther oder Wasser,
-wenn du willst, – ‚und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser
-über der Feste‘ und so weiter – dort herrscht doch solch eine Kälte ...
-das heißt, was sag ich, Kälte! – das kann man doch überhaupt nicht mehr
-Kälte nennen – stell dir vor: hundertfünfzig Grad unter Null! Du kennst
-doch den bekannten Scherz der Dorfmädel: Bei dreißig Grad Kälte fordern
-sie einen Neuling auf, mit der Zunge über ein Beil zu fahren, die friert
-natürlich sofort an, und der Tölpel reißt sich die ganze Haut von der
-Zunge ab. Aber das ist doch bloß bei dreißig Grad, und nun denk dir
-hundertundfünfzig! Da brauchte man ja nur einen Finger ans Beil zu
-legen, und, ich denke, er wäre – wie nie gewesen ... wenn ein Beil nur
-dorthin gelangen könnte ...“
-
-„Kann denn ein Beil dorthin gelangen?“ fragte Iwan Fedorowitsch ganz
-gedankenlos in der Zerstreutheit.
-
-Er spannte seine ganze Kraft an, um seinen Fiebertraum nicht für
-Wirklichkeit zu halten und nicht endgültig in Wahnsinn zu verfallen.
-
-„Ein Beil?“ fragte der Gast verwundert.
-
-„Nun ja, was würde dort mit einem Beil geschehen?“ bestand Iwan
-Fedorowitsch eigensinnig und gereizt auf seiner Frage.
-
-„Was mit einem Beil im Weltenraum geschehen würde? _Quelle idée!_ Wenn
-es irgendwohin weiter fortgeriete, so, denke ich, würde es alsbald
-anfangen, etwa in der Gestalt eines Trabanten um die Erde zu kreisen,
-ohne selbst zu wissen, warum. Die Astronomen würden den Auf- und
-Untergang des Beiles genau feststellen und alles Weitere berechnen. Man
-würde es in den Kalender eintragen, und das wäre schließlich alles.“
-
-„Du bist dumm, ganz furchtbar dumm!“ sagte Iwan widerwillig. „Sei doch
-wenigstens etwas klüger, wenn du faselst, sonst werde ich nicht mehr
-zuhören. Du willst mich durch Realismus besiegen, willst mich
-überzeugen, daß du bist. Ich aber will nicht glauben, daß du bist! Und
-ich werde es auch nicht!“
-
-„Aber ich fasele doch gar nicht, das ist doch alles wahr. Leider pflegt
-die Wahrheit immer etwas wenig geistreich zu sein. Du erwartest, wie ich
-sehe, entschieden etwas Großes und vielleicht sogar Wundervolles von
-mir. Das ist sehr schade, denn ich gebe doch nur das, was ich kann ...“
-
-„Philosophiere nicht, Esel!“
-
-„Wo ist denn da Philosophie, wenn meine ganze rechte Seite wie gelähmt
-war und ich nur noch krächzend ach und weh stöhnen konnte! War natürlich
-bei der ganzen Medizin: die Krankheit festzustellen, verstehen sie
-vorzüglich, den ganzen Prozeß erzählen sie dir wie an den Fingern her,
-schön, aber kurieren – das gibt’s nicht. Da stieß ich bei der
-Gelegenheit auch auf so einen von den begeisterten Studenten. Der sagte
-mir: ‚Wenn Sie auch sterben werden, so werden Sie dafür doch ganz genau
-wissen, an welcher Krankheit Sie, im Grunde genommen, gestorben sind!‘
-Und dann noch Ihre neue Angewohnheit, zu Spezialisten zu schicken: ‚Wir
-stellen nur die Diagnose,‘ heißt es, ‚aber fahren Sie doch zu dem und
-dem Spezialisten, der wird Sie dann schon kurieren.‘ Der frühere Doktor,
-der alle Krankheiten kurierte, ist heutzutage ganz und gar verschwunden,
-aber ganz, sag ich dir, jetzt gibt’s nur noch Spezialisten, die
-fortwährend in den Zeitungen annoncieren. Nehmen wir an: Deine Nase ist
-krank. Schön, man schickt dich nach Paris; dort, heißt es, ist ein
-europäischer Spezialist, der nur Nasen kuriert. Du kommst nach Paris, er
-untersucht deine Nase: ‚Ich kann Ihnen,‘ sagt er, ‚nur das rechte
-Nasenloch kurieren, denn die linken Nasenlöcher kuriere ich nicht, das
-ist nicht meine Spezialität, aber fahren Sie doch, wenn ich mit Ihnen
-fertig bin, nach Wien, dort wird Ihnen ein besonderer Spezialist das
-linke Nasenloch kurieren.‘ Was tun? Ich griff zu den Volksmitteln. Ein
-alter deutscher Doktor riet mir, mich in der Badstube oben auf der
-Schwitzbank mit Honig und Salz abzureiben. Ich ging natürlich, allein
-schon, um ein überflüssiges Mal in die Badstube zu kommen, oder
-richtiger, einzig und allein darum, schmierte mich vom Nacken bis zum
-Hacken kräftig ein, aber von Nutzen – keine Spur. In meiner Verzweiflung
-schrieb ich an den Grafen Mattei nach Mailand, der schickte mir ein Buch
-und Tropfen, – Gott mit ihm. Und stell dir vor: Hoffs Malzextrakt half
-schließlich! Ich kaufte ihn ganz zufällig, halb aus Versehen, trank
-anderthalb Glas, und weg war alles, wie mit der Hand, ich hätte sofort
-tanzen können. Ich beschloß sogleich, ihm meinen Dank durch die Zeitung
-zu übermitteln. Jawohl: das Gefühl der Dankbarkeit war in mir zu Wort
-gekommen. Und nun, was glaubst du wohl, daraus entstand wiederum eine
-neue Geschichte: In keiner einzigen Redaktion wollte man meine
-‚Danksagung‘ annehmen! ‚Es würde sich doch zu rückständig ausnehmen,‘
-hieß es, ‚niemand wird daran glauben, _le diable n’existe point_. Lassen
-Sie es doch anonym drucken.‘ Nun, dachte ich, was ist denn das für ein
-Dank, wenn er anonym gesagt wird? Ich scherzte noch mit dem
-Büropersonal: ‚Nur an Gott glauben,‘ sagte ich, ‚ist in unserem
-Jahrhundert zu rückständig, ich aber bin doch der Teufel, an mich kann
-man doch –!‘ ‚Sehr wohl,‘ sagten sie, ‚wer glaubt denn nicht an den
-Teufel, aber es geht trotzdem nicht, es könnte der Richtung schaden.
-Oder, es sei denn, daß wir es als Scherz brächten?‘ Nun, als Scherz,
-dachte ich, wird es nicht geistreich sein. So ist es denn nicht gedruckt
-worden. Und wirst du’s mir glauben, das liegt mir noch immer auf dem
-Herzen. Selbst meine besten Gefühle, wie zum Beispiel die Dankbarkeit,
-sind mir formell verboten, und zwar einzig und allein wegen meiner
-sozialen Stellung.“
-
-„Fängst du schon wieder mit deiner Philosophie an?“ Iwan knirschte
-innerlich vor Haß.
-
-„Gott bewahre mich davor! Aber es geht doch nicht, man muß sich doch
-zuweilen auch ein bißchen beklagen dürfen. Ich bin arg verleumdet
-worden. Da sagst du mir nun in jedem Augenblick, ich sei dumm. Daran
-erkennt man sofort, daß du noch ein junger Mann bist. Mein Freund, es
-kommt nicht immer nur auf den Verstand an. Ich habe von Natur ein gutes
-Herz und heiteres Gemüt, – ‚ich habe ja doch auch schon etliche
-Vaudevilles ...‘[28] Du scheinst mich ja entschieden für einen
-altgewordenen Chlestakoff[29] zu halten, indessen ist mein Schicksal ein
-viel ernsteres. Durch irgendeine zeitweilige Bestimmung, die mir
-eigentlich bis jetzt noch nicht recht in den Schädel will, bin ich dazu
-bestimmt, zu ‚verneinen‘, während ich doch aufrichtig gut und zur
-Verneinung total unbegabt bin. ‚Nein, geh mal und verneine,‘ heißt es
-da, ‚ohne Verneinung gibt’s keine Kritik. Was aber wäre denn das für
-eine Zeitung, in der es keine kritische Abteilung gäbe? Ohne Kritik gäbe
-es nichts als „Hosianna“. Fürs Leben aber ist „Hosianna“ allein zu
-wenig, dieses „Hosianna“ muß vorher unbedingt durch den Schmelzofen der
-Zweifel gegangen sein,‘ nun, und so weiter in dem Tone. Übrigens mische
-ich mich in diese ganze Sache nicht hinein, denn, schließlich, was
-geht’s mich an: nicht ich habe geschaffen, folglich trage auch nicht ich
-die Verantwortung. Na ja, da hat man denn also den Sündenbock
-ausgesucht, ihn gezwungen, in der ‚kritischen Abteilung‘ zu schreiben,
-und so gab’s dann Leben. Wir begreifen diese Komödie: Ich, zum Beispiel,
-verlange für mich einfach und geradezu Vernichtung. ‚Nein, du sollst
-leben,‘ heißt es da, ‚denn ohne dich würde es nichts geben. Wenn alles
-auf der Welt vernünftig wäre, so würde nichts geschehen. Ohne dich würde
-sich nichts ereignen, es ist aber nötig, daß es Ereignisse gibt.‘ Und so
-verbeiße ich denn meinen Ärger und diene, damit es Ereignisse gibt, und
-schaffe auf Befehl Unvernünftiges. Die Menschen aber –, die nehmen, und
-dazu noch bei ihrem unstreitigen Verstande, diese ganze Komödie für
-etwas Ernsthaftes! Darin besteht denn auch ihre Tragödie. Nun, und sie
-leiden natürlich, aber ... immerhin leben sie doch dafür, leben sie
-realiter, und nicht nur in der Phantasie! Denn gerade das Leiden – das
-ist ja das Leben. Was würde es ohne Leiden für Freuden geben, wo bliebe
-da die Befriedigung? Alles würde sich in ein endloses Gebet verwandeln.
-Zwar wäre das heilig, dafür aber auf die Dauer doch recht langweilig,
-denke ich. Nun, und ich? Ich leide, aber ich lebe doch nicht. Ich bin
-das _X_ in einer unbestimmten Gleichung. Ich bin irgendein Phantom des
-Lebens, das alle Enden und Anfänge verloren, und schließlich sogar
-selbst vergessen hat, wie es sich nennen soll. Du lachst ... nein, du
-lachst nicht, du ärgerst dich schon wieder. Du ärgerst dich fortwährend,
-du verlangst immer nur Kluges, ich aber kann dir nur sagen, daß ich
-dieses ganze Weltenraumleben, alle Titel und Ehren hergeben würde, nur
-um mich in die Seele einer sieben Pud schweren Kaufmannsfrau verkörpern
-und Gott Lichte stellen zu können.“
-
-„Also auch du glaubst nicht mehr an Gott?“ fragte Iwan mit gehässigem
-Lachen.
-
-„Das heißt, wie soll ich dir sagen, wenn du nur im Ernst ...“
-
-„Gibt es einen Gott oder gibt es keinen?“ schrie Iwan plötzlich wie in
-tierischer Wut auf.
-
-„Ah, so fragst du im Ernst? Mein Lieber, bei Gott, ich weiß es nicht.
-Sieh, da habe ich ein großes Wort ausgesprochen.“
-
-„Du weißt es nicht und siehst doch Gott? Nein, du bist nicht ein Ding
-für dich, du bist – _ich_, du bist _ich_ und sonst nichts! Schmutz bist
-du, nichts als meine Phantasie bist du!“
-
-„Das heißt, wenn du willst, bin ich mit dir ganz derselben ...
-Philosophie, – das wäre der richtige Ausdruck, und auch im übrigen das
-Richtige und Gerechte. _Je pense donc je suis_, das weiß ich bestimmt,
-und was das übrige um mich herum betrifft, alle diese Welten, Gott, und
-sogar der Teufel selbst, – das alles ist für mich nicht bewiesen: ob es
-an und für sich, sozusagen selbständig besteht, oder einzig und allein
-meine Emanation ist, die folgerichtige Entwicklung meines _Ich_, das
-zeitweilig und individuell existiert ... mit einem Wort: ich breche
-lieber kurz ab, denn es scheint, daß du sogleich aufspringen und mich
-prügeln willst.“
-
-„Könntest du nicht lieber irgendeine Anekdote erzählen!“ fragte Iwan
-krankhaft gequält.
-
-„Das kann ich sehr wohl. Ich habe gerade eine Anekdote, die gut zu
-unserem Thema paßt, oder vielmehr keine Anekdote, sondern so eine
-Legende. Da wirfst du mir nun Unglauben vor: ‚siehst und glaubst doch
-nicht.‘ Aber, mein Freund, ich bin ja doch nicht allein so, dort bei uns
-sind jetzt alle ganz konfus geworden, und das nur infolge eurer
-Wissenschaft. Solange es noch Atome gab, fünf Sinne, vier Elemente, nun,
-da hielt sich alles noch irgendwie im Leim. Atome gab es ja auch in der
-Alten Welt. Als man aber bei uns erfuhr, daß ihr dort bei euch das
-‚chemische Molekül‘ und das ‚Protoplasma‘ entdeckt habt, und weiß der
-Teufel, was sonst noch, – da fühlte man sich bei uns sozusagen wie
-begossen und wurde kleinlaut. Der denkbar größte Blödsinn hub an. Vor
-allem – Aberglauben, Klatsch! Klatsch gibt es ja bei uns ebensoviel wie
-bei euch, sogar noch ein wenig mehr – und dann zum Schluß die Anzeigen!
-Bei uns gibt es doch auch so eine Abteilung zur Kenntnisnahme gewisser
-‚Nachrichten‘. Nun also, diese verrückte Legende, noch aus dem
-Mittelalter – aus unserem, nicht aus eurem –, und denk nur, selbst bei
-uns glaubt niemand an sie, außer den sieben Pud schweren
-Kaufmannsfrauen, das heißt wiederum unsere Kaufmannsfrauen, nicht eure.
-Alles, was bei euch ist, ist auch bei uns – das will ich dir mal aus
-purer Freundschaft aufdecken, obgleich es eines unserer Geheimnisse und
-euch mitzuteilen verboten ist. Also diese Legende handelt vom Paradiese.
-Es war einmal, heißt es, hier bei euch auf der Erde so ein Denker und
-Philosoph, der ‚alles verneinte, Gesetze, Gewissen, Glaube‘, vor allen
-Dingen aber – das zukünftige Leben. Er starb, glaubte _directement_ in
-Finsternis, Tod und Nichtsein zu geraten, aber siehst du wohl, da steht
-vor ihm – das zukünftige Leben. Er wunderte sich und ward ungehalten.
-‚Das widerspricht meinen Überzeugungen,‘ sagte er. Nun, und dafür wurde
-ihm dann der Prozeß gemacht, und er wurde verurteilt ... das heißt, sieh
-mal, du mußt mich entschuldigen, ich gebe doch nur das wieder, was ich
-gehört habe, und es ist ja nur eine Legende ... Also man verurteilte ihn
-zu folgendem: in der Finsternis eine Quadrillion Kilometer zu
-durchwandern (bei uns rechnet man doch jetzt nach Kilometern), und erst
-wenn er diese Quadrillion Kilometer hinter sich hat, soll ihm das
-Paradiesestor geöffnet und alles verziehen werden ...“
-
-„Aber was habt ihr in jener Welt sonst noch für Qualen, außer dieser
-Quadrillion?“ unterbrach ihn Iwan, plötzlich ganz eigentümlich belebt.
-
-„Was für Qualen? Ach, frage lieber nicht danach! Früher gab es noch dies
-und das, jetzt dagegen hat man sich fast nur auf die abstrakten, auf die
-geistigen Qualen verlegt, so – ‚Gewissensbisse‘ und ähnlicher Blödsinn.
-Das ist gleichfalls von euch eingeführt, infolge der ‚Milderung‘ eurer
-Sitten. Und wer hat dabei gewonnen? Gewonnen haben nur die
-‚Gewissenlosen‘, denn was können ihnen Gewissensbisse anhaben, wenn sie
-überhaupt kein Gewissen besitzen? Dafür müssen jetzt die anständigen
-Leute darunter leiden, die noch etwas Gewissen und Ehre im Leibe haben
-... Das sind so die Reformen auf unvorbereitetem Boden, und die dazu
-noch nach anderen Einrichtungen kopiert werden, – nichts als Schaden
-kommt dabei heraus! Da ist doch das frühere Feuerlein eine ganz andere
-Sache ... Nun also, dieser zur Quadrillion Verurteilte stand, sah und
-legte sich dann quer auf den Weg hin: ‚Ich will nicht gehn, aus Prinzip
-werde ich nicht gehn!‘ Nimm die Seele eines russischen Atheisten und
-mische sie mit der Seele des Propheten Jonas, der drei Tage und drei
-Nächte lang im Bauche des Walfischs schmollte, – da hast du den
-Charakter dieses Denkers, der sich quer über den Weg legte.“
-
-„Auf was legte er sich denn dort hin?“
-
-„Nun, es wird doch wahrscheinlich etwas dagewesen sein, auf was man sich
-hinlegen konnte. Du lachst doch nicht?“
-
-„Bravo!“ rief Iwan, immer noch in derselben angespannten Belebung. Er
-hörte mit auffallendem Interesse zu. „Nun, was? und liegt er auch jetzt
-noch?“
-
-„Das ist’s ja, daß er nicht mehr liegt. Er lag fast tausend Jahre lang,
-da stand er plötzlich auf und ging.“
-
-„So ein Esel!“ rief Iwan unwillkürlich aus und lachte nervös auf –
-schien aber dabei immer noch alle Sinne wie im Krampfe anzuspannen, um
-sich über ein gewisses Etwas klar zu werden oder zu kombinieren. „Kommt
-denn das nicht auf eins hinaus, ob man ewig liegt oder eine Quadrillion
-Kilometer geht? Das wäre doch ein Marsch von einer Billion Jahren?“
-
-„Sogar noch viel mehr! Schade, ich habe keinen Bleistift und kein Papier
-bei mir, sonst könnte man es sofort berechnen. Aber er ist ja schon
-längst angekommen, und hier erst beginnt die Anekdote.“
-
-„Wie das – angekommen? Wo hat er denn die Billion Jahre hergenommen?“
-
-„Du denkst nun wieder an unsere jetzige Erde! Aber diese Erde hat sich
-doch vielleicht selbst schon billionenmal wiederholt. Nun, sie hat sich
-eben ausgelebt, ist vereist, ist gesprungen, auseinandergeplatzt, in
-kleine Stücke zersprengt, hat sich in ihre Grundelemente zerlegt, dann
-ward wieder ‚eine Feste zwischen den Wassern‘, und so weiter, dann
-wieder ein Komet, wieder eine Sonne, aus der Sonne wieder eine Erde, –
-aber diese Entwicklung hat sich doch vielleicht schon unzählige Mal
-wiederholt, und immer genau in ein und derselben Form, alles bis aufs
-Tüpfelchen genau so wie es war. Eine Langweile, sag ich dir, die
-geradezu kränkend unanständig ist ...“
-
-„Schön, schön, aber was geschah dann, als er ankam?“
-
-„Tja, kaum hatte sich ihm das Paradies erschlossen, kaum war er
-eingetreten, – versteh: noch war er keine zwei Sekunden im Paradiese
-gewesen ... nach der Uhr berechnet, nach der Uhr (obgleich seine Uhr,
-meiner Meinung nach, in seiner Tasche sich inzwischen schon in ihre
-Grundelemente hätte auflösen müssen) – also, wie gesagt, er war noch
-keine zwei Sekunden im Paradiese gewesen, als er schon ausrief, daß man
-für diese zwei Sekunden nicht nur eine Quadrillion, sondern
-quadrillionmal eine Quadrillion Kilometer gehen könne, auch wenn man
-diese womöglich noch in die quadrillionste Potenz erhöbe! Mit einem
-Wort, er sang sein ‚Hosianna‘, verstand aber darin nicht maßzuhalten, so
-daß dort einige von etwas edlerer Gesinnungsart ihm in der ersten Zeit
-nicht einmal die Hand reichen wollten. Der war ihnen denn doch gar zu
-eifrig zu den Konservativen übergegangen. Eine russische Natur. Wie
-gesagt: eine Legende. Als was gekauft, als das verkauft. Das also wäre
-noch so ein Beispiel von den bei uns verbreiteten Begriffen über diese
-Dinge.“
-
-„Jetzt habe ich dich gefangen!“ rief Iwan plötzlich mit geradezu
-kindlicher Freude aus, als hätte er sich endlich einer bestimmten Sache
-erinnert. „Diese Anekdote von den Quadrillion Jahren, – die habe ich mir
-selbst ausgedacht! Ich war damals siebzehn Jahre alt, ich war noch im
-Gymnasium ... ich hatte damals diese Anekdote verfaßt und erzählte sie
-darauf einem Mitschüler, Korowkin hieß er, das war in Moskau ... Diese
-Anekdote ist so charakteristisch, daß ein anderer Autor ganz
-ausgeschlossen ist! Ich hatte sie nur fast vergessen ... aber jetzt habe
-ich mich ihrer unbewußt wieder erinnert, – sie ist mir ganz von selbst
-wieder eingefallen, ich selbst habe mich ihrer erinnert, und nicht du
-hast sie mir erzählt! Wie man sich eben zuweilen einer Sache unbewußt
-erinnert, wie einem plötzlich tausend Dinge einfallen, selbst wenn man
-zum Schafott geführt wird ... sie ist mir im Traum wieder eingefallen.
-Und dieser Traum bist du! Ja, nichts als ein Traum bist du, du
-existierst überhaupt nicht!“
-
-Der Gentleman lachte:
-
-„Gerade die Heftigkeit, mit der du mich ablehnst, sagt mir, daß du
-trotzdem an mich glaubst.“
-
-„Nicht im geringsten! Kein Hundertstel glaube ich!“
-
-„Aber ein Tausendstel doch. Die homöopathischen Bruchteile sind ja
-vielleicht gerade die stärksten. Gestehe nur, daß du, nun, sagen wir,
-ein Zehntausendstel doch glaubst ...“
-
-„Keinen Augenblick!“ fuhr Iwan jähzornig auf. „Übrigens ... wünschte
-ich, an dich zu glauben!“ fügte er plötzlich sonderbar hinzu.
-
-„Aha – a! Das ist mir mal ein Eingeständnis! Aber ich bin gutmütig, ich
-werde dir auch hierbei helfen. Also höre: Ich habe dich gefangen, nicht
-du mich! Ich habe dir absichtlich deine eigene Anekdote erzählt, die du
-so gut wie vergessen hattest, damit du jeglichen Glauben an mich
-verlörest.“
-
-„Du lügst! Der Zweck deines Erscheinens ist, mich zu überzeugen ... daß
-du bist.“
-
-„Stimmt. Aber das Schwanken, das Zweifeln, die Unruhe, der Kampf des
-Glaubens mit dem Unglauben, – das ist doch für einen gewissenhaften
-Menschen, wie du zum Beispiel, mitunter eine solche Qual, daß er sich
-lieber erhängt. Gerade weil ich weiß, daß du ein Körnchen Glauben an
-mich hast, tröpfelte ich dir jetzt eine gehörige Portion Unglauben ein,
-indem ich dir diese Anekdote erzählte. Ich lenke dich jetzt zwischen
-Glauben und Unglauben abwechselnd hin und her, und verfolge dabei
-natürlich meinen besonderen Zweck. Wie gesagt: eine neue Methode. Denn
-sobald du endgültig jeden Glauben an mich verloren haben wirst, wirst du
-sofort anfangen mir ins Gesicht zu versichern, daß ich kein Traum sei,
-sondern wirklich existiere. Ich kenne dich doch. Und dann werde ich eben
-mein Ziel erreichen. Mein Ziel aber ist ein edles. Ich werde nur ein
-winziges Körnchen Glauben in dich werfen, und daraus wird eine Eiche
-erwachsen, – und noch dazu solch eine Eiche, daß du, mit diesem Baume in
-der Brust, dich noch zu den Einsiedlern und den makellosen Jungfrauen
-wirst gesellen wollen, denn im geheimen willst du das, sogar sehr. Wirst
-noch Heuschrecken essen und dich in die Wüste schleppen!“
-
-„Ah! So mühst du Folterknecht dich um mein Seelenheil?“
-
-„Man muß doch wenigstens irgend einmal auch ein gutes Werk tun. Aber
-ärgern tust du dich – hü! Das tust du wahrlich, wie ich sehe.“
-
-„Narr! ... Doch sag’: hast du schon einmal auch solche versucht, die nur
-von Heuschrecken leben, siebzehn Jahre lang in der Wüste beten, mit Moos
-bewachsen?“
-
-„Mein Täubchen, das ist ja das einzige, was ich bis jetzt getan habe!
-Die ganze Erde und alle Welten vergißt du, sag ich dir, wenn du dich
-einmal an einen solchen geheftet hast! Ein solcher Brillant ist denn
-doch gar zu kostbar. Eine einzige solche Seele ist mitunter ein ganzes
-Sternbild wert! – wir haben doch unsere eigene Arithmetik. So ein Sieg
-ist dann auch etwas teuer! Stehen doch einige von ihnen in ihrer
-Entwicklung, bei Gott, nicht unter dir, wenn du mir das auch nicht
-glauben wirst. Solche Abgründe von Glauben und Unglauben können sie in
-ein und demselben Augenblick erfassen, daß, Hand aufs Herz, man zuweilen
-meint, es fehlte nur noch ein Härchen, und der Mensch fliegt hinab –
-‚kopfüber mit den Beinen in die Höh‘, wie der Schauspieler Gorbunoff
-sagt.“
-
-„Nun, und? Bist mit langer Nase abgezogen?“
-
-„_Mon ami_,“ bemerkte der Gast belehrend, „mit einer langen Nase
-abzuziehen, ist mitunter immerhin besser, als ganz ohne Nase, wie noch
-vor kurzem ein kranker Marquis, den wahrscheinlich ein Spezialist
-behandelt hatte, in der Beichte seinem Geistesvater, einem Jesuiten,
-gestand. Ich war zugegen – ganz allerliebst, sag ich dir! ‚Pater,‘ ruft
-er, ‚gebt mir meine Nase wieder!‘ und schlägt sich vor die Brust. –
-‚Mein Sohn,‘ antwortet der alte Fuchs salbungsvoll, ‚alles geschieht
-nach den unerforschlichen Ratschlüssen der Vorsehung, und großes Leid
-zieht zuweilen einen großen, wenn auch uns Menschen zuerst unsichtbaren
-Vorteil nach sich. Wenn ein strenges Geschick Sie Ihrer Nase beraubt
-hat, so ergibt sich daraus für Sie wenigstens der Vorteil, daß Ihnen
-hinfort niemand mehr wird sagen können, Sie seien mit einer langen Nase
-abgezogen.‘ – ‚Heiliger Pater, das ist kein Trost!‘ ruft der
-verzweifelte Marquis, ‚ich würde im Gegenteil überglücklich sein, mein
-ganzes Leben lang jeden Tag mit einer langen Nase abzuziehen, wenn sie
-nur an der richtigen Stelle säße.‘ – ‚Mein Sohn,‘ sagt der Pater
-seufzend, ‚man darf nicht alle Erdengüter zugleich verlangen, das wäre
-schon Murren wider die Vorsehung, die Sie selbst hierbei nicht vergessen
-hat: denn wenn Sie so zum Herrn emporschreien, wie Sie es soeben getan
-haben, daß Sie mit Freuden bereit wären, Ihr ganzes Leben lang mit
-langer Nase abzuziehen, so hat die Vorsehung mittelbar auch diesen Ihren
-Wunsch schon im voraus erfüllt: denn indem Sie Ihre Nase verloren, zogen
-Sie doch gewissermaßen mit einer langen Nase ab ...‘“
-
-„Pfui, wie dumm!“
-
-„Mein Freund, ich wollte dich ja nur erheitern. Aber ich schwöre dir,
-das ist die echteste Jesuitenkasuistik, und du kannst mir glauben, daß
-ich Wort für Wort wiederhole, was ich gehört habe. Gerade dieser Fall
-machte mir viel zu schaffen. Der unglückliche junge Mann kehrte nach
-Haus zurück und erschoß sich in derselben Nacht; ich wich natürlich
-nicht von seiner Seite und blieb bis zum letzten Augenblick bei ihm ...
-Überhaupt bieten mir diese Beichtkästlein der Jesuiten die liebste
-Zerstreuung in traurigen Lebensstunden. Da will ich dir doch noch einen
-Fall erzählen, ganz kürzlich erlebte ich ihn. Zum greisen Pater kommt so
-eine kleine, schmucke Blondine, eine Normannin, von etwa zwanzig Jahren.
-Ein Stück Natur, sag ich dir, die Formen wie gedrechselt, eine Schönheit
-– daß ihm der Mund wässert! Sie beugt sich nieder und flüstert dem Pater
-durch die kleine Öffnung ihre Sünde zu. ‚Was sagen Sie, meine Tochter,
-sind Sie schon wieder gefallen?‘ ruft der Pater entsetzt. ‚Oh, Sankta
-Maria, was höre ich: schon mit einem anderen! Aber wie lange wird sich
-das noch fortsetzen, und schämen Sie sich denn nicht!‘ ‚_Ah, mon père_,‘
-antwortet die Sünderin, in Reuetränen aufgelöst: ‚_Ça lui fait tant de
-plaisir et à moi si peu de peine!_‘ Nun, kannst du dir solch eine
-Antwort vorstellen! Da trat selbst ich zurück: das war der Schrei der
-Natur selbst, das ist ja, wenn du willst, sogar besser als die
-leibhaftige Unschuld! Ich erließ ihr denn auch sofort die Sünde und
-wandte mich schon zum Gehen, war aber sogleich gezwungen, wieder
-zurückzukehren. Wie ich höre, flüstert ihr der Pater etwas zu: er
-bestellt sie für den Abend zum Rendezvous! Dabei war er ein Greis, ein
-Kieselstein – und war doch in einem Augenblick gefallen! Die Natur, die
-Wahrheit der Natur nahm wieder mal das ihrige! Was, biegst du schon
-wieder die Nase fort, ärgerst du dich schon wieder? Ich weiß wirklich
-nicht, womit ich es dir zu Dank machen könnte ...“
-
-„Verlaß mich, du klopfst in meinem Hirn wie ein Albdruck, der nicht
-loszuwerden ist,“ stöhnte Iwan schmerzgepeinigt – in der Ohnmacht gegen
-seine Vision. „Du langweilst mich, du bist unerträglich und qualvoll!
-Viel würde ich dafür geben, wenn ich dich hinauswerfen könnte!“
-
-„Ich rate dir nochmals, mäßige deine Ansprüche, verlange von mir nicht
-‚alles Große und Schöne‘, und du wirst sehen, wie freundschaftlich wir
-uns beide einleben werden,“ sagte der Gentleman eindringlich. „Du
-ärgerst dich ja im Grunde nur deswegen über mich, weil ich dir nicht
-irgendwie in rotem Lichte, ‚donnernd und blitzend‘ und mit versengten
-Schwingen erschienen bin, sondern mich in so bescheidener Gestalt
-vorgestellt habe. Du bist gekränkt, erstens in deinen ästhetischen
-Gefühlen und zweitens in deinem Stolze: Wie, denkst du, wie wagt zu
-einem so großen Manne ein so lumpiger Teufel zu kommen? Nein, in dir
-steckt doch noch diese romantische Ader, die schon Belinskij so
-verspottet hat. Was ist da zu machen, junger Mann! Als ich mich vorhin
-zu dir aufmachte, da dachte ich schon einen Augenblick daran, mich zum
-Scherz als verabschiedeten Wirklichen Staatsrat vorzustellen, der im
-Kaukasus gedient hat, mit dem persischen Orden des Löwen und der Sonne
-auf dem Frack. Aber, offen gestanden, mir fehlte der Mut dazu, denn du
-hättest mich doch zweifellos schon allein dafür durchgeprügelt, daß ich
-gewagt habe, mir nur den besagten Stern des Löwen und der Sonne
-anzustecken und nicht mindestens den Polarstern oder den Sirius. Und
-immer wieder wirfst du mir vor, daß ich dumm sei. Aber, mein Gott, ich
-erhebe ja gar keinen Anspruch darauf, mich mit dir, was den Verstand
-betrifft, irgendwie gleichstellen zu wollen. Als Mephistopheles dem
-Faust erschien, da sagte er von sich, daß er das Böse wolle, doch stets
-nur das Gute schaffe. Nun, das mag meinetwegen sein wie es will, ich
-dagegen bin ganz das Gegenteil. Ich bin vielleicht der einzige Mensch in
-der ganzen Natur, der die Wahrheit liebt und aufrichtig das Gute
-wünscht. Ich war zugegen, als das am Kreuz gestorbene Wort in den Himmel
-einging und mit sich die Seele des ihm zur Rechten verschiedenen
-Schächers emportrug. Ich hörte das Freudejauchzen der Cherubim, die
-‚Hosianna‘ sangen, und den Donnerschrei des Entzückens der Seraphim, von
-dem der Himmel und das ganze Gebäude der Welten erbebten. Und sieh, ich
-schwöre dir bei allem, was heilig ist, ich wollte schon in den Chor
-einstimmen, wollte mit allen Engeln aufjauchzen: ‚Hosianna!‘ Schon
-drängte es aus der Brust, schon wollte es sich von der Zunge losreißen
-... ich bin doch, wie du weißt, sehr sensibel und künstlerisch
-empfänglich. Aber die gesunde Vernunft – oh, das ist die unheilvollste
-Eigenschaft meiner Natur – hielt mich auch hier in den pflichtschuldigen
-Grenzen zurück, und ich versäumte den Augenblick! Denn was, dachte ich
-im selben Augenblicke, was würde die Folge meines ‚Hosianna‘ sein? Es
-würde sofort alles in der Welt erlöschen, und kein einziges Ereignis
-würde sich mehr dort zutragen. Und so war ich denn einzig und allein aus
-Pflichtbewußtsein in meinem Dienst und infolge meiner sozialen Stellung
-gezwungen, das Gute in mir zu ersticken und bei den Schweinereien zu
-bleiben. Die Ehre des Guten nimmt jemand restlos für sich in Anspruch,
-mir aber ist ausschließlich das Gemeine zugewiesen. Aber ich beneide ihn
-nicht wegen der Ehre, auf Kosten anderer zu leben, ich bin nicht
-ehrgeizig. Warum aber bin nur ich allein von allen Lebewesen der Welt
-den Flüchen aller anständigen Leute geweiht und sogar ihren Fußtritten,
-denn, wenn ich mich verkörpere, muß ich mitunter auch diese Folgen auf
-mich nehmen. Ich weiß ja, daß es hierbei ein Geheimnis gibt, aber dieses
-Geheimnis will man mir um keinen Preis aufdecken, denn es wäre möglich,
-daß ich dann, wenn ich erraten hätte, um was es sich handelt, mein
-‚Hosianna‘ gröhlen würde: und darauf verschwände sofort das notwendige
-Minus, und in der ganzen Welt höbe ‚Vernünftigkeit‘ an, und damit,
-versteht sich, hätte alles ein Ende, sogar die Zeitungen und sonstigen
-Blätter, denn wer würde dann noch auf welche abonnieren. Ich weiß ja,
-daß ich mich zu guter Letzt aussöhnen, einmal auch meine Quadrillion
-abgehen und dann das Geheimnis erfahren werde. Bis dahin aber – schmolle
-ich, verbeiße meinen Ärger und erfülle meine Bestimmung, das ist:
-Tausende zu verderben, auf daß sich einer rette. Zum Beispiel, wieviel
-Seelen hieß es da verderben, wieviel ehrenhafte Reputationen
-verunglimpfen, nur um den einzigen gerechten Hiob zu ergattern, mit dem
-man mich damals vor Olims Zeiten noch so hundsgemein beschummelt hat!
-Nein, solange das Geheimnis noch nicht aufgedeckt ist, gibt es für mich
-zwei Wahrheiten: eine, die dort bei ihnen und mir noch völlig unbekannt
-ist, und dann die andere, meine Wahrheit. Und noch weiß man nicht,
-welche von beiden reiner sein wird ... Bist du eingeschlafen?“
-
-„Warum nicht gar!“ stöhnte Iwan haßerfüllt. „Alles, was es nur Dummes in
-meiner Natur gibt, was ich schon längst überlebt, in meinem Verstande
-durch- und durchgekaut und wie verwestes Aas fortgeworfen habe, – das
-trägst du mir wieder vor, als wäre es etwas ganz Neues!“
-
-„Also wieder war’s nicht recht! Und ich glaubte sogar, dich schon allein
-mit der literarischen Fassung zu gewinnen: Dieses ‚Hosianna‘ im Himmel
-zum Beispiel, das nahm sich bei mir doch wirklich gar nicht so übel aus?
-Und dann zum Schluß dieser sarkastische Ton _à la_ Heine, wie, du
-findest das nicht?“
-
-„Nein, ein solcher Lakai bin ich nie gewesen! Wie hat meine Seele einen
-solchen Lakai, wie du, hervorzubringen vermocht!“
-
-„Mein Freund, ich kenne einen prächtigen, ganz reizenden russischen
-Junker: einen jungen Denker und großen Liebhaber der Literatur und
-Kunst, den Autor eines vielversprechenden Poems, das ‚Der
-Großinquisitor‘ betitelt ist ... Nur um ihn allein war’s mir zu tun!“
-
-„Ich verbiete dir, auch nur ein Wort vom Großinquisitor zu sagen!“
-unterbrach ihn Iwan zornig, heiß errötend vor Scham.
-
-„Nun, aber wie steht’s denn mit der ‚geologischen Umwälzung‘? Erinnerst
-du dich noch? Das ist mir mal ein Dingelchen, das muß ich sagen!“
-
-„Schweig! – oder ich schlage dich tot!“
-
-„Wen, mich willst du totschlagen? Nein, erlaub schon, daß ich mich
-ausspreche. Deswegen bin ich ja überhaupt gekommen, um mir dieses
-Vergnügen zu bereiten. Oh, ich liebe über alles die lodernden
-Gedankenillusionen meiner stolzen, jungen, vor Lebensdurst bebenden
-Freunde! ‚Dort gibt es neue Menschen,‘ dachtest du noch im vorigen
-Frühling, als du dich hierher aufmachtest, ‚sie beabsichtigen alles zu
-zerstören und wieder bei der Menschenfresserei zu beginnen. Die Toren,
-warum haben sie _mich_ nicht gefragt! Wozu da so mühevoll zerstören! Das
-ist ja völlig überflüssig! Man brauchte doch nur einfach die Gottidee in
-der Menschheit zu vernichten, und alles würde nach Wunsch gehen! Das ist
-es, das allein ist es, womit man beginnen muß. Diese Blinden aber, die
-verstehen ja überhaupt nichts. Hat die Menschheit sich erst einmal ganz
-und gar, das heißt, ausnahmslos von Gott losgesagt (und ich glaube
-daran, daß diese Periode, als Parallele zu den geologischen Perioden,
-eintreten wird), so wird die frühere Weltanschauung, und vor allem die
-ganze frühere Sittlichkeit – ohne jede Menschenfresserei ganz von selbst
-fallen und dem Neuen Platz machen. Die Menschen werden sich zusammentun,
-um alles aus dem Leben zu ziehen, was daraus nur zu ziehen ist, doch
-unbedingt einzig und allein zum Zweck des Glückes und der Freude bloß
-hier in dieser Welt. Der Geist des Menschen wird sich in göttlichem,
-titanischem Stolz erheben, und dann wird der Menschgott erstehen. Indem
-er allstündlich und dann bereits grenzenlos die Natur durch seinen
-Willen und durch die Wissenschaft besiegt, wird er auf diese Weise
-allstündlich eine so hohe Befriedigung empfinden, daß sie ihm alle
-früheren Hoffnungen auf die himmlischen Befriedigungen ersetzen wird.
-Ein jeder wird wissen, daß er ganz und gar, daß er restlos sterblich
-ist, daß es keine Auferstehung gibt, und er wird den Tod stolz und ruhig
-wie ein Gott hinnehmen. Schon allein aus Stolz wird er einsehen, daß er
-nicht darüber zu murren hat, daß das Leben nur einen Augenblick währt,
-und er wird seinen Bruder lieben ohne die Bedingung der Gegenliebe. Die
-Liebe wird nur während des Lebensaugenblicks andauern, dafür aber wird
-das Bewußtsein ihrer Kürze ihr Feuer um ebensoviel verstärken, als es
-früher in der Hoffnung auf die endlose Liebe im Jenseits verdünnt wurde‘
-... nun und so weiter in der Art. Ganz allerliebst!“
-
-Iwan saß, hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und blickte zu
-Boden, doch allmählich fing er an, am ganzen Körper zu zittern. Die
-Stimme fuhr fort.
-
-„Die Frage besteht jetzt also nur darin, dachte mein junger Denker: ob
-es möglich ist, daß eine solche Periode jemals anbricht, oder ob das
-ausgeschlossen ist. Wenn sie anbricht, so ist alles gelöst, und die
-Menschheit wird sich endgültig einrichten. Da dies aber, im Hinblick auf
-die in der Menschheit eingewurzelte Dummheit, vielleicht noch, nun ja,
-ganze tausend Jahre zum Durchdringen erfordern wird, so ist einem jeden,
-der schon jetzt die Wahrheit erkennt, im Grunde gestattet, sich völlig
-nach eigenem Gutdünken einzurichten, also nach neuen Grundsätzen. In
-diesem Sinne ist ihm ‚alles erlaubt‘. Und damit noch nicht genug: Selbst
-wenn diese Periode niemals anbrechen sollte, so ist doch, da es ja Gott
-und Unsterblichkeit sowieso nicht gibt, diesem neuen Menschen vollkommen
-erlaubt, Menschgott zu werden, wenn auch nur er allein in der ganzen
-Welt es wird. Und der kann sich dann in diesem neuen Range, versteht
-sich, mit leichtem Herzen über jede sittliche Schranke des früheren
-Knechtmenschen hinwegsetzen, wenn es nötig sein sollte. Für einen Gott
-gibt es kein Gesetz! Wohin Gott sich stellt – dort ist der Platz schon
-Gottes. Wohin ich mich stellen werde, dort wird sofort der erste Platz
-sein ... ‚Alles ist erlaubt‘ und damit – Punktum! Das alles ist ja sehr
-nett; nur fragt es sich, sollte man meinen, wozu er, wenn er nun einmal
-gaunern will, – wozu er da noch die Sanktion der Wahrheit haben will? –
-Aber so ist ja unser zeitgenössischer Russe: Ohne Sanktion kann er sich
-nicht einmal zu Schurkereien entschließen, dermaßen hat er die Wahrheit
-liebgewonnen ...“
-
-Der Gast ließ sich offenbar immer mehr durch seine Schönrednerei
-fortreißen, jedenfalls erhob er die Stimme immer lauter und begann
-sogar, spöttisch zum Hausherrn hinüberzublicken; er konnte aber seine
-Rede nicht zu Ende sprechen: Iwan ergriff plötzlich wutbebend das Glas
-vom Tisch und schleuderte es auf den Redner.
-
-„_Ah, mais c’est bête enfin!_“ rief jener aus, indem er vom Diwan
-aufsprang und mit den Fingern die Teespritzer von seinem Rock abknipste.
-„Da ist ihm Luthers Tintenfaß eingefallen! Selbst hält er mich für einen
-Traum und wirft dabei mit Teegläsern nach mir! Das ist ja Weiberart!
-Also hab ich richtig vermutet, daß du dich nur so anstelltest, als
-hieltest du dir die Ohren zu, in Wirklichkeit aber zuhörtest ...“
-
-Ein starkes und beharrliches Klopfen an den Fensterrahmen wurde
-plötzlich von draußen her hörbar. Iwan Fedorowitsch sprang vom Diwan
-auf.
-
-„Hörst du, mach lieber auf,“ rief der Gast aus, „das ist dein Bruder,
-Aljoscha, mit der allerunerwartetsten und wichtigsten Nachricht, dafür
-bürge ich dir!“
-
-„Schweig, Betrüger, ich wußte früher als du, daß es Aljoscha ist, ich
-habe ihn vorausgefühlt und ... selbstverständlich kommt er nicht umsonst
-... ich weiß, daß er mit einer ‚Nachricht‘ kommt!“ rief Iwan wie außer
-sich, wie rasend.
-
-„So mach doch auf, mach auf! Draußen tobt der Schneesturm, er aber ist
-doch dein Bruder. _Monsieur, sait-il aussi le temps qu’il fait? C’est à
-ne pas mettre un chien dehors_ ...“
-
-Das Klopfen dauerte fort. Iwan wollte schon zum Fenster stürzen, doch
-plötzlich war ihm, als wären seine Füße und Arme gefesselt. Er strengte
-sich aus allen Kräften an, wie um seine Fesseln zu zerreißen, aber
-vergeblich. Das Klopfen an den Fensterrahmen wurde immer stärker und
-lauter. Endlich: plötzlich zerrissen die Fesseln, und Iwan Fedorowitsch
-sprang auf vom Diwan. Er blickte sich wild im Zimmer um. Die beiden
-Lichter waren fast schon ganz heruntergebrannt, das Glas, mit dem er
-soeben nach seinem Gast geworfen hatte, stand vor ihm auf dem Tisch, und
-auf dem Diwan an der gegenüberliegenden Wand saß – niemand. Das Klopfen
-an den Fensterrahmen dauerte zwar noch fort, aber es war doch lange
-nicht so laut, wie es ihm kurz vorher im Traume geschienen hatte. Im
-Gegenteil, es wurde sogar sehr vorsichtig geklopft.
-
-„Das war kein Traum! Nein, ich schwöre es, das war kein Traum, das war,
-das war doch Wirklichkeit!“ rief Iwan Fedorowitsch aus. Darauf schritt
-er zum Fenster und öffnete es.
-
-„Aljoscha, ich habe dir doch verboten, zu mir zu kommen!“ rief er
-wutbebend dem Bruder zu. „Sage in zwei Worten: was willst du? In zwei
-Worten, verstanden?“
-
-„Vor einer Stunde hat Ssmerdjäkoff sich erhängt,“ antwortete Aljoscha
-von draußen.
-
-„Geh zur Treppe, ich werde dir sofort aufmachen,“ sagte Iwan und ging
-zur Eingangstür, um Aljoscha hereinzulassen.
-
-
- X.
- „Das hat Er gesagt!“
-
-Als Aljoscha eingetreten war, teilte er Iwan Fedorowitsch mit, daß vor
-etwas mehr als einer Stunde Marja Kondratjewna atemlos bei ihm
-erschienen sei, mit der Nachricht, daß Ssmerdjäkoff sich das Leben
-genommen habe. „Ich ging hinein, um den Ssamowar abzuräumen, er aber
-hängt an der Wand am Nagel.“ Auf Aljoschas Frage, ob sie es schon der
-Polizei gemeldet habe, habe sie geantwortet: „Nein, noch nicht,
-niemandem, ich lief sofort los, ganz zuerst hierher zu Ihnen, zu Ihnen
-ganz zuerst, und ich lief so schnell ich konnte.“ Sie sei wie halb
-wahnsinnig gewesen, erzählte Aljoscha, und habe gezittert wie ein
-Espenblatt. Als Aljoscha mit ihr zusammen hingeeilt war, in die Hütte am
-Rande der Stadt, da hatte Ssmerdjäkoff immer noch an der Wand gehangen.
-Auf dem Tisch habe ein Zettel gelegen, auf den er geschrieben hatte:
-„Ich vertilge mich aus eigenem Wunsch und Willen, um niemanden zu
-beschuldigen.“ Aljoscha hatte den Zettel genau so auf dem Tische
-zurückgelassen, wie er ihn gefunden hatte, und war dann geradeswegs zum
-Polizeichef gegangen, um ihn vom Vorgefallenen in Kenntnis zu setzen, –
-„und von ihm kam ich sofort zu dir,“ schloß Aljoscha, der aufmerksam
-Iwan ins Gesicht blickte. Und die ganze Zeit, während der er erzählt
-hatte, hatte er keinen Blick von ihm abgewandt, als hätte ihn etwas,
-vielleicht ein gewisser Ausdruck im Gesicht des Bruders, betroffen
-gemacht.
-
-„Bruder,“ rief Aljoscha plötzlich ganz erschrocken, „du bist bestimmt
-schwer krank! Du stehst da und siehst aus, als wenn du überhaupt nicht
-verstündest, was ich spreche.“
-
-„Das ist gut, daß du gekommen bist,“ sagte Iwan, wie in Gedanken
-versunken, und als hätte er Aljoschas Ausruf gar nicht gehört. „Aber ich
-wußte ja, daß er sich erhängt hat.“
-
-„Durch wen?“
-
-„Ich weiß nicht, durch wen. Aber ich wußte es. Wußte ich es? Ja, er
-hatte es mir gesagt. Vor kurzem noch sagte er es mir ...“
-
-Iwan stand mitten im Zimmers, und sein Blick haftete am Boden: er sprach
-immer noch wie in Gedanken versunken.
-
-„Welcher er?“ fragte Aljoscha und sah sich unwillkürlich um.
-
-„Er ist entwischt.“
-
-Iwan erhob den Kopf und lächelte still.
-
-„Du hast ihn erschreckt, du Taube du. Du bist ein ‚reiner Cherub‘.
-Dmitrij nennt dich einen Cherub. Cherub ... Der Donnerschrei des
-Entzückens der Seraphim! Was ist ein Seraph? Vielleicht ein ganzes
-Sternbild. Vielleicht ist dieses ganze Sternbild aber auch nichts weiter
-als irgendein chemisches Molekül ... Gibt es ein Sternbild des Löwen und
-der Sonne, weißt du – das vielleicht?“
-
-„Bruder, setz dich!“ sagte Aljoscha angstvoll. „Um Gottes willen, setz
-dich auf den Diwan. Du redest irre, leg dich hierher aufs Kissen, sieh
-so. Willst du nicht, daß ich dir ein feuchtes Handtuch um den Kopf lege?
-Vielleicht würde es dir davon besser werden?“
-
-„Gib es her, es muß hier auf dem Stuhl liegen, ich warf es vorhin fort.“
-
-„Hier ist es nicht. Aber beunruhige dich nicht, ich weiß schon, wo es
-hängt, da ist es,“ sagte Aljoscha, der in der anderen Ecke des Zimmers
-auf dem Toilettentisch ein reines, noch zusammengefaltetes, noch nicht
-benutztes Handtuch fand.
-
-Iwan sah das Handtuch sonderbar an; seine Besinnung schien im Augenblick
-zurückzukehren.
-
-„Wart!“ Er erhob sich. „Ich habe doch vorhin, vor etwa einer Stunde,
-dieses selbe Handtuch von dort, von demselben Platz genommen, mit Wasser
-angefeuchtet und mir um den Kopf gelegt, und dann habe ich es hierher
-auf den Stuhl geworfen ... wie kann es jetzt trocken sein? Ein anderes
-war nicht da.“
-
-„Du hast dieses Handtuch um den Kopf gelegt?“ fragte Aljoscha.
-
-„Ja, ich ging im Zimmer auf und ab, vor einer Stunde ... Warum sind die
-Lichte so herabgebrannt? Wie spät ist es?“
-
-„Bald wird es zwölf sein.“
-
-„Nein, nein, nein!“ schrie plötzlich Iwan auf, „das war kein Traum! Er
-war da, er saß dort, dort auf jenem Diwan! Als du ans Fenster klopftest,
-warf ich ihm das Glas an den Kopf ... dieses hier ... Wart mal, ich habe
-auch früher schon geschlafen und ... aber dieser Traum ist kein Traum!
-Auch früher kam es vor ... Weißt du, Aljoscha, ich habe jetzt Träume ...
-aber sie sind keine Träume, sondern ich sehe sie mit meinen Augen, sie
-sind Wirklichkeit: ich gehe, spreche und sehe ... dabei aber schlafe
-ich. Aber er saß hier, er war hier, hier auf diesem Diwan ... Er ist
-unglaublich dumm, Aljoscha, unglaublich dumm!“ Iwan lachte plötzlich auf
-und begann wieder auf und ab zu schreiten.
-
-„Von wem redest du, Bruder? Wer ist so dumm?“ fragte Aljoscha bange.
-
-„Der Teufel! Er hat sich jetzt angewöhnt, mich zu besuchen. Zweimal ist
-er schon bei mir gewesen, genau genommen sogar dreimal. Er will mich
-damit necken, weil ich mich, wie er glaubt, darüber ärgere, daß er nur
-ein einfacher Teufel ist und nicht der Satan, mit versengten Schwingen,
-von Donner und Blitz umgeben. Aber er ist nicht Satanas, das lügt er. Er
-ist ein Usurpator. Er ist einfach ein Teufel, ein lumpiger, kleiner
-Teufel. Er geht sogar in die Badestube. Kleid ihn aus, und du wirst
-sicherlich einen langen Schwanz an ihm finden, einen glatten, langen,
-wie an einer dänischen Dogge, eine Arschin lang, schwarzbraun ...
-Aljoscha, du bist wohl durchfroren, du warst draußen im Schneesturm,
-willst du Tee? Wie? Ist er schon kalt? Willst du, ich werde sofort den
-Ssamowar anmachen lassen. _C’est à ne pas mettre un chien dehors_ ...“
-
-Aljoscha trat eilig zum Waschtisch, tauchte das Handtuch ins Wasser,
-beredete Iwan, sich wieder zu setzen und legte ihm darauf das Handtuch
-um den Kopf. Er selbst setzte sich neben ihn.
-
-„Was sagtest du mir vorhin von Lisa?“ begann Iwan wieder. (Er wurde sehr
-gesprächig.) „Mir gefällt Lisa. Ich sagte dir etwas Gemeines über sie.
-Das war aber gelogen, sie gefällt mir ... Ich fürchte für Katjä, für die
-fürchte ich morgen am meisten. Wegen der Zukunft. Sie wird mich morgen
-aufgeben und mit den Füßen zertreten. Sie glaubt, daß ich aus Eifersucht
-Mitjä ins Verderben bringen werde, also ihretwegen! Ja, das glaubt sie!
-Nun, darum erst recht nicht! Morgen kommt das Kreuz, aber nicht der
-Galgen. Nein, ich werde mich nicht erhängen. Weißt du auch, Aljoscha,
-daß ich mir niemals das Leben werde nehmen können! Etwa aus Niedrigkeit
-nicht? Ich bin kein Feigling. Aus Lebensdurst! Vor Durst, vor Sehnsucht
-nach dem Leben, wirklich zu leben!! Woher nur wußte ich, daß
-Ssmerdjäkoff sich erhängt hat? Ja richtig, er hat es mir gesagt ...“
-
-„Und du bist fest überzeugt, daß hier jemand gesessen hat?“ fragte
-Aljoscha.
-
-„Dort auf jenem Diwan, in der Ecke. Du hättest ihn sofort verscheucht.
-Und du hast es ja auch getan: als du erschienst, verschwand er. Ich
-liebe dein Gesicht, Aljoscha. Wußtest du, daß ich dein Gesicht liebe? Er
-aber – das bin ich, glaub mir, Aljoscha, ich selbst. Alles Niedrige,
-alles Gemeine und Verächtliche meines Ich! Ja, ich bin ein ‚Romantiker‘,
-er hat mich beobachtet ... Trotzdem ist es eine Verleumdung. Er ist
-unglaublich dumm, aber gerade damit nimmt er einen. Er ist schlau,
-tierisch schlau, er wußte, womit er mich rasend machen konnte. Er neckte
-mich die ganze Zeit damit, daß ich an ihn, wie er behauptet, glaube, und
-damit zwang er mich, ihm zuzuhören. Wie einen kleinen Jungen hat er mich
-betrogen. Übrigens hat er mir auch viel Wahres über mich gesagt. Ich
-selbst hätte mir das alles nie eingestanden. Weißt du, Aljoscha, weißt
-du,“ fügte Iwan plötzlich ernst und dabei auffallend vertraulich hinzu,
-„ich wünschte, daß _er_ wirklich er wäre und nicht ich!“
-
-„Er hat dich müdgequält,“ sagte Aljoscha, der den Bruder voll Mitleid
-ansah.
-
-„Geneckt hat er mich! Und weißt du, geschickt hat er es getan,
-unglaublich geschickt. ‚Das Gewissen! Was ist das Gewissen? Ich mache es
-selbst. Warum aber quäle ich mich dann? Aus Gewohnheit. Aus universaler
-menschlicher Gewohnheit, die den Menschen seit mehr als siebentausend
-Jahren im Blute sitzt. So laßt uns doch endlich uns davon entwöhnen und
-seien wir Götter.‘ – Das hat _er_ gesagt, das hat _er_ gesagt!“
-
-„Und nicht du? Nicht du?“ rief Aljoscha unwillkürlich aus und blickte
-dem Bruder hell in die Augen. „Nun, dann laß ihn, vergiß ihn, versuch,
-ihn ganz zu vergessen! Mag er alles mit sich fortnehmen, was du jetzt
-verfluchst, mag er dann nie mehr wiederkommen!“
-
-„Ja, aber er ist boshaft. Verspottet hat er mich, Aljoscha. Frechheiten
-hat er sich mir gegenüber erlaubt!“ sagte Iwan, gleichsam zuckend unter
-dem Schmerz der Kränkung. „Doch er hat mich verleumdet, in vielem hat er
-mich verleumdet. Mir ins Gesicht log er über mich, – über mich, mir ins
-Gesicht! ‚Oh, du gehst jetzt hin und wirst eine Heldentat der Tugend
-vollführen, du wirst erklären, daß du den Vater erschlagen hast, daß der
-Lakai auf dein Geheiß den Vater erschlagen habe‘ ...“
-
-„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, „besinne dich: nicht du hast ihn
-erschlagen. Das ist nicht wahr, was du sagst!“
-
-„Das sagt er, er, und er weiß das. ‚Du gehst hin und wirst eine
-Heldentat der Tugend ausführen, glaubst aber dabei gar nicht an die
-Tugend – das ist es, was dich erbost und quält, deswegen bist du auch so
-rachsüchtig.‘ – Das hat _er_ mir über mich gesagt, er aber weiß, was er
-sagt ...“
-
-„Das sagst du, aber nicht er!“ rief Aljoscha bekümmert dazwischen. „Und
-du sprichst im Fieber, im Wahnsinn, du quälst dich!“
-
-„Nein, er weiß, was er sagt. Aus Stolz sagt er, aus Stolz wirst du
-hingehen, du wirst dich hinstellen und sagen: ‚_Ich_ bin es, der ihn
-erschlagen hat! Warum windet ihr euch vor Entsetzen? Ihr lügt! Ich
-verachte eure Meinung, verachte euer Grauen!‘ – Das sagt er von mir, und
-plötzlich fügt er hinzu: ‚Aber weißt du, im geheimen willst du, daß sie
-dich dafür loben: ein Verbrecher ist er, ein Mörder, aber was für
-hochherzige Gefühle er hat, er wollte seinen Bruder retten, und da ging
-er hin und bekannte sich als den Schuldigen!‘ Doch dies, Aljoscha, dies
-ist eine so gemeine Lüge, sag ich dir!“ schrie Iwan plötzlich aus sich
-heraus, und seine Augen glühten drohend. „Ich will nicht, daß diese
-Leibeigenen mich loben! Das hat er gelogen, Aljoscha, das hat er
-gelogen, das schwöre ich dir! Dafür warf ich ihm dieses Glas in die
-Fratze, und es zerschlug an seinem Gebiß ...“
-
-„Wanjä, beruhige dich, höre auf!“ flehte Aljoscha angstvoll.
-
-„Nein, er versteht es, einen zu foltern, grausam ist er!“ fuhr Iwan
-fort, ohne auf Aljoscha zu hören. „Ich habe es immer geahnt, warum er
-kommt. ‚Nun gut,‘ sagt er, ‚du gehst aus Stolz, aber es war doch immer
-noch die Hoffnung vorhanden, daß Ssmerdjäkoff überführt und als
-Zwangsarbeiter verschickt und Mitjä freigesprochen wird, und daß man
-dich nur _moralisch_ verurteilt – (hörst du, Aljoscha, bei diesem Worte
-lachte er!) – die anderen aber werden dich trotzdem loben. Nun aber ist
-Ssmerdjäkoff gestorben, hat sich erhängt, wer wird jetzt noch von den
-Richtern dir allein aufs Wort hin glauben? Aber du gehst doch, du gehst
-ja hin, du wirst ja sowieso hingehen, du hast doch beschlossen
-hinzugehen. Aber sag doch, warum und wozu gehst du denn nach alledem
-eigentlich noch hin?‘ Furchtbar ist das, Aljoscha, solche Fragen kann
-ich nicht ertragen, Aljoscha! Wer wagt es, mir solche Fragen
-vorzulegen?“
-
-„Bruder,“ unterbrach ihn Aljoscha, fast vergehend vor Angst, doch immer
-noch in der Hoffnung, Iwan zur Vernunft zu bringen, „wie konnte er dir
-denn von Ssmerdjäkoffs Selbstmord Mitteilung machen, wenn noch niemand
-etwas davon wußte? Und es war ja doch noch viel zu wenig Zeit vergangen,
-als daß es jemand schon hätte wissen können ...“
-
-„Er hat aber davon gesprochen, er sagte es mir,“ behauptete Iwan kurz,
-ohne auch nur einen Zweifel aufkommen zu lassen. „Wenn du willst, hat er
-überhaupt nur davon gesprochen. ‚Ich will nicht sagen, wenn du an die
-Tugend glaubtest,‘ sagte er, ‚wenn du dir sagtest: so mag man mir nicht
-glauben, ich gehe aus Überzeugung, aus Prinzip. Aber du bist doch ein
-Schwein, wie Fedor Pawlowitsch, was ist dir Tugend? Wozu also schleppst
-du dich hin, wenn dein Opfer zu nichts nütze ist? Ganz einfach, weil du
-selbst nicht weißt: warum und wozu! Oh, viel würdest du darum geben,
-wenn du wüßtest, wozu du gehst! Und du glaubst, du habest dich schon
-entschlossen? Du hast dich also noch nicht entschlossen? Ich sage dir:
-Du wirst die ganze Nacht sitzen und dich fragen: soll ich oder soll ich
-nicht? Aber du wirst trotzdem gehen, und du weißt, daß du gehen wirst,
-weißt selbst, daß – zu was du dich auch entschließen solltest – die
-Entscheidung nicht mehr von dir abhängt. Du wirst gehen, weil du nicht
-wagen wirst, nicht zu gehen. Warum du es nicht wagen wirst – das errate
-nun selbst, da hast du jetzt ein Rätsel!‘ Er stand auf und ging. Du
-kamst, er aber ging fort. Aljoscha, er nannte mich einen Feigling! _Le
-mot de l’énigme_ –: daß ich ein Feigling bin! ‚Denn wahrlich, anders
-sind jene Adler geartet, die sich über die Erde erheben und
-emporschwingen können!‘ Das fügte er noch hinzu, das hat er noch
-hinzugefügt! Und Ssmerdjäkoff hat dasselbe gesagt! ... Man muß ihn
-totschlagen! Katjä verachtet mich, das sehe ich schon seit einem ganzen
-Monat, und auch Lisa wird anfangen, mich zu verachten! ‚Du gehst, damit
-man dich lobe,‘ – das ist eine tierische Lüge! Und du verachtest mich
-gleichfalls, Aljoscha. Jetzt hasse ich dich wieder! Und den Auswurf
-hasse ich, den Auswurf, den Auswurf, das Ungeheuer!! Ich will das
-Scheusal nicht retten, mag es dort in Sibirien unter der Erde verfaulen!
-Er singt die Hymne! Oh, morgen werde ich hingehn, werde mich vor sie
-stellen und ihnen allen in die Augen speien!“
-
-Außer sich sprang er auf, schleuderte das Handtuch fort und begann von
-neuem auf und ab zu gehen. Aljoscha fielen seine Worte ein, die er kurz
-vorher gesagt hatte: „Als ob ich im Wachen schliefe ... Ich gehe,
-spreche und sehe, dabei aber schlafe ich.“ Genau so geschah es auch
-jetzt: er ging, sah und sprach, als wenn er im Wachen schlief. Aljoscha
-verließ ihn nicht. Ihm kam wohl der Gedanke, zum Arzt zu laufen und
-diesen herzubringen, aber er wagte nicht, den Bruder allein zu lassen.
-Iwan schien allmählich die Besinnung zu verlieren. Er sprach
-ununterbrochen weiter, doch seine Rede war schon ganz zusammenhanglos.
-Zuletzt konnte er die Worte nur mit Mühe und nur noch undeutlich
-aussprechen, und plötzlich wankte er stark. Doch Aljoscha gelang es, ihn
-noch zur rechten Zeit zu stützen. Iwan ließ sich zum Bett führen,
-Aljoscha entkleidete ihn, so gut es ging, und deckte ihn zu. Darauf saß
-er noch etwa zwei Stunden lang am Bett und wachte. Der Kranke schlief
-fest, regungslos, und atmete leise und gleichmäßig. Da nahm Aljoscha ein
-Kissen und legte sich in den Kleidern auf den Diwan hin. Vor dem
-Einschlafen betete er noch für Mitjä und für Iwan. Jetzt wurde ihm auch
-Iwans Krankheit klar: „Die Qualen eines stolzen Entschlusses, ein tiefes
-Gewissen!“ Der Gott, an den er nicht glaubte, und seine Wahrheit hatten
-das Herz bewältigt, das sich noch immer nicht hatte ergeben wollen.
-„Ja,“ ging es Aljoscha durch den Sinn, als sein Kopf schon auf dem
-Kissen lag, „da Ssmerdjäkoff jetzt tot ist, wird niemand mehr dieser
-Aussage Iwans glauben; aber er wird hingehen und so aussagen!“ Aljoscha
-lächelte still: „Gott wird siegen!“ dachte er. „Entweder wird er im
-Licht der Wahrheit auferstehen oder ... im Haß untergehen, und sich
-dabei an sich selbst und an allen dafür rächen, daß er dem gedient hat,
-woran er nicht glaubt,“ fügte Aljoscha bitter und schmerzlich hinzu und
-betete nochmals für Iwan.
-
-
-
-
- Zwölftes Buch. Der Justizirrtum
-
-
- I.
- Der verhängnisvolle Tag
-
-Am Tage nach den von mir wiedergegebenen Ereignissen wurde um zehn Uhr
-morgens die Sitzung unseres Bezirksgerichts eröffnet, und die
-Gerichtsverhandlung gegen Dmitrij Karamasoff nahm ihren Anfang.
-
-Ich muß nun vorausschicken, daß es weit über meine Kräfte geht, alles,
-was sich vor Gericht ereignet hat, ausführlich oder auch nur in der
-richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Ich glaube, daß, wenn alles erzählt
-und wie es sich gehört erläutert werden sollte, ein ganzes Buch, und
-zwar ein umfangreiches, geschrieben werden müßte. Möge man es mir daher
-nicht verübeln, wenn ich nur das wiedergebe, was auf mich persönlich
-einen Eindruck gemacht hat, und wessen ich mich besonders erinnere.
-Vielleicht habe ich Nebensächliches für Hauptsächliches gehalten und die
-wesentlichsten Punkte ganz übersehen ... Übrigens, wie ich sehe, täte
-ich besser, mich nicht weiter zu entschuldigen, sondern einfach mit der
-Erzählung zu beginnen. Ich werde so erzählen, wie ich es verstehe, und
-die Leser werden zum Schluß selbst einsehen, daß ich mein möglichstes
-getan habe.
-
-Doch will ich noch vorausschicken, bevor wir den Gerichtssaal betreten,
-was mich an diesem Tage ganz besonders in Erstaunen gesetzt hat, und
-eigentlich nicht nur mich allein, sondern, wie sich später gezeigt hat,
-alle. Jeder wußte, daß sehr viele sich für diesen Prozeß interessierten,
-daß alle mit Ungeduld gefragt und erwartet hatten, wann er endlich zur
-Verhandlung kommen werde, daß man seit zwei Monaten in unserer
-Gesellschaft viel über ihn gesprochen, die verschiedensten Vermutungen
-geäußert, sich über ihn aufgeregt und ganz Unglaubliches
-zusammenphantasiert hatte. Auch wußten alle, daß die Sache in ganz
-Rußland bekannt und berühmt geworden war. Dennoch hatte man nicht
-erwartet, daß sie so aufregend und in so hohem Maße erschütternd hätte
-werden können. Zu dieser Gerichtsverhandlung waren nicht nur aus Städten
-unseres Gouvernements, sondern auch aus anderen Städten Rußlands und
-schließlich aus Moskau und aus Petersburg viele angekommen, am meisten
-natürlich Juristen, aber es waren auch einige hohe Persönlichkeiten und
-sogar Damen unter ihnen. Alle Billette waren vergriffen. Für die
-höchststehenden, vornehmen und angesehenen Besucher unter diesen waren
-besondere Plätze, gleich hinter dem Tisch, an dem die Richter saßen,
-eingerichtet worden; dort sah man nun eine ganze Reihe Lehnstühle, in
-denen würdige Personen der Sitzung beiwohnten, was bei uns früher nie
-zugelassen worden war. Damen waren auffallend zahlreich zugegen, sowohl
-Damen aus unserer Stadt, als fremde, – ich glaube, sie machten nicht
-viel weniger als die Hälfte des gesamten Publikums aus. Allein der von
-allen Seiten zugereisten Juristen gab es so viele, daß man nicht wußte,
-wo man sie unterbringen sollte, da die Billette schon vor langer Zeit
-erbeten, geradezu erfleht und restlos verteilt worden waren. Ich habe
-selbst gesehen, wie man am Ende des Saales, hinter der Estrade, in aller
-Eile eine besondere Einfriedigung herrichtete, in die dann alle diese
-fremden Juristen hineingelassen wurden: und die hielten sich noch für
-glücklich, daß sie wenigstens stehend zuhören konnten – denn die Stühle
-waren, um Platz zu gewinnen, alle hinausgebracht worden. So stand denn
-diese dichtgedrängte Schar buchstäblich Schulter an Schulter während der
-ganzen Gerichtsverhandlung. Einige von den Damen, hauptsächlich von den
-angereisten, erschienen auf dem Chor des Saales in eleganten Toiletten,
-doch die Mehrzahl von ihnen hatte über dem Interesse für die Sache
-selbst den Putz vergessen. In ihren Gesichtern las man fieberhafte,
-fast krankhaft gesteigerte Neugier. Hier muß ich noch einer
-charakteristischen Besonderheit dieser im Saal versammelten Gesellschaft
-Erwähnung tun: sie bestand darin, daß – wie sich auch später durch
-vielfache Beobachtungen bestätigt hat – fast alle Damen, oder wenigstens
-die übergroße Mehrzahl von ihnen, für Mitjä und seine Freisprechung
-Partei nahm. Vielleicht geschah das hauptsächlich darum, weil sich von
-ihm die Vorstellung er sei ein Eroberer aller Weiberherzen, weit
-verbreitet hatte. Man wußte, daß zwei Frauen, zwei Gegnerinnen,
-erscheinen würden. Für die eine von ihnen, Katerina Iwanowna,
-interessierte man sich allgemein und ganz besonders. Man erzählte sich
-ungeheuer viel Außergewöhnliches über sie, hauptsächlich kursierten über
-ihre leidenschaftliche Liebe zu Mitjä, trotz seines Verbrechens,
-wahrhaft wundernehmende Geschichten, und nicht weniger sprach man von
-ihrem Stolz (sie hatte in unserer Stadt so gut wie niemandem Visite
-gemacht) und ihren „aristokratischen Verbindungen“. Man behauptete
-sogar, sie beabsichtige, die Regierung um die Erlaubnis zu bitten, den
-Verbrecher nach Sibirien begleiten zu dürfen, um sich mit ihm dort
-irgendwo in den Erzgruben unter der Erde trauen zu lassen. Mit nicht
-geringer Spannung wurde das Erscheinen Gruschenkas vor Gericht erwartet;
-war sie doch die „Rivalin“ Katerina Iwanownas. Mit geradezu hysterischer
-Neugier sah man der Begegnung der beiden entgegen – des stolzen
-aristokratischen Mädchens und der „Hetäre“. Übrigens war Gruschenka
-unseren Damen bekannter als Katerina Iwanowna. Man hatte sie, die
-„Vernichterin Fedor Pawlowitschs und seines unglücklichen Sohnes“, auch
-früher schon gesehen, und alle ohne Ausnahme wunderten sich darüber, wie
-Vater und Sohn sich in eine solche „ganz gewöhnliche, eigentlich
-überhaupt nicht hübsche russische Kleinbürgerin“ dermaßen hatten
-verlieben können. Kurz, es war nicht wenig gesprochen worden. Ich weiß
-sogar genau, daß es in unserer Stadt Mitjäs wegen zu mehreren ernsten
-Zwistigkeiten zwischen Eheleuten gekommen war: viele Damen hatten sich
-wegen der Verschiedenheit ihrer Auffassung dieser ganzen Angelegenheit
-mit ihren Männern aufs tragischste überworfen, und daher ist es ja
-schließlich nur zu begreiflich, daß die Männer dieser Damen – und es
-waren ihrer nicht wenige –, als sie nun im Gerichtssaal erschienen,
-gegen den Angeklagten nicht nur voreingenommen waren, sondern ihn in
-ihrer Erbitterung sogar aufrichtig haßten. Überhaupt kann man sagen,
-daß, im Gegensatz zum weiblichen Elemente, das ganze männliche gegen
-Mitjä gestimmt war. Man sah ernste, mürrisch-finstere Gesichter, viele
-waren sogar unverhohlen wütend, und das war noch obendrein die Mehrzahl.
-Allerdings kommt hinzu, daß Mitjä während seines Aufenthaltes bei uns
-viele Herren persönlich gekränkt oder geärgert oder womöglich
-eifersüchtig gemacht hatte. Natürlich waren einige von den Anwesenden
-sogar lustig gestimmt, und die standen denn auch dem Schicksal Mitjäs im
-Grunde völlig teilnahmlos gegenüber; dafür aber hatten sie für den „Fall
-an sich“ um so mehr Interesse. Alle waren lebhaft auf seinen Ausgang
-gespannt, die Mehrzahl der Männer wünschte entschieden die Bestrafung
-des Verbrechers, abgesehen vielleicht von den Juristen, denen es nicht
-um die sittliche Seite der Sache zu tun war, sondern nur um die
-sozusagen zeitgenössisch-juridische. Diese Herren regte denn auch am
-meisten die Ankunft des berühmten Fetjukowitsch auf. Sein Talent war
-weit und breit bekannt, und es geschah diesmal nicht zum erstenmal, daß
-er in die Provinz kam, um in einer so aufsehenerregenden
-Kriminalverhandlung die Verteidigung zu übernehmen. Nach seiner
-Verteidigung waren solche Prozesse immer in ganz Rußland berühmt
-geworden und lange in der Erinnerung geblieben. Auch über unseren
-Staatsanwalt Hippolyt Kirillowitsch und den Vorsitzenden des
-Gerichtshofes war viel gesprochen worden. Man erzählte sich, daß
-Hippolyt Kirillowitsch vor diesem „Zweikampf“ mit Fetjukowitsch zittere,
-daß sie noch von Petersburg her alte Feinde seien, bereits seit dem
-Anfang ihrer Laufbahn, daß unser eigenliebiger Hippolyt Kirillowitsch,
-der sich beständig für zurückgesetzt und durch irgend jemanden schon
-seit seiner Petersburger Zeit für beleidigt halte, da man sein Talent
-nicht in gebührender Weise anzuerkennen wisse, sich sogar mit dem
-Gedanken getragen habe, seiner etwas welk gewordenen Karriere durch den
-„Fall Karamasoff“ wieder neues Leben einzuflößen, daß ihn aber
-Fetjukowitschs Erscheinen erschreckt und entmutigt habe. Doch muß ich
-hierzu bemerken, daß diese Beurteilung seines Charakters nicht ganz
-zutreffend war. Unser Staatsanwalt gehörte nicht zu den Charakteren, die
-der Mut vor der Gefahr verläßt, sondern im Gegenteil, er gehörte zu
-denen, deren Eigenliebe nach Maß der Zunahme der Gefahr sich vergrößert,
-und denen dann womöglich noch Schwingen wachsen. Überhaupt muß ich hier
-bemerken, daß Hippolyt Kirillowitsch ein auffallend hitziger und
-krankhaft empfindlicher Mensch war. In gar manche Sache hatte er seine
-ganze Seele hineingelegt und sie geführt, als wenn von ihrer
-Entscheidung sein ganzes Schicksal und all sein Hab und Gut abhinge.
-Unter den Juristen wurde darüber ein wenig gelächelt, denn unser
-Staatsanwalt hatte gerade durch diese seine Eigenschaft einen gewissen
-Ruf erlangt, wenn auch gerade keinen sehr großen, so doch jedenfalls
-einen weit größeren, als man es im Hinblick auf seine bescheidene
-Stellung an unserem Gerichtshof hätte voraussetzen können. Am meisten
-spöttelte man wohl über seine Leidenschaft für die Psychologie. Meiner
-Ansicht nach haben sich alle geirrt: unser Staatsanwalt war, als Mensch
-und Charakter, wie mir wenigstens scheint, viel ernster, als viele von
-ihm glaubten. Dieser kränkliche Mensch hatte nun einmal nicht
-verstanden, sich eine Stellung zu schaffen; wahrscheinlich hatte er es
-gleich zu Anfang seiner Laufbahn versäumt, und dabei war es denn auch
-während des ganzen weiteren Lebens geblieben.
-
-Was den Vorsitzenden betrifft, so läßt sich über ihn nicht viel mehr
-sagen, als daß er ein gebildeter, humaner Mensch war, der seine Sache
-und selbst die neuesten Ideen kannte. Zwar war er ziemlich ehrgeizig,
-doch bekümmerte er sich nicht sonderlich um seine Karriere. Das
-Hauptziel seines Lebens bestand darin, in jeder Beziehung wenigstens
-einer von den ersten zu sein. Außerdem erfreute er sich guter
-Verbindungen und besaß Vermögen. Den „Fall Karamasoff“ faßte er, wie
-sich später zeigte, recht temperamentvoll auf, doch tat er es eigentlich
-mehr im allgemeinen Sinne: ihn beschäftigte die Tatsache als solche,
-ihre Klassifikation, die Auffassung derselben als Produkt unserer
-sozialen Grundlagen, als Charakteristik des russischen Elements usw.
-usw. Zum persönlichen Charakter der Sache, zur Tragödie, die in ihr lag,
-wie auch zu den beteiligten Personen, angefangen vom Angeklagten,
-verhielt er sich ziemlich gleichgültig und rein sachlich, wie es
-vielleicht auch das einzig Richtige für ihn war – von seinem Standpunkte
-aus.
-
-Der große Saal war schon lange vor dem Erscheinen des Gerichtshofes
-gepreßt voll. Dieser Gerichtssaal ist in unserer Stadt der schönste und
-beste: er ist sehr groß, hat eine hohe Decke und gute Akustik. Rechts
-von den Plätzen der Herren des Gerichtshofes, die erhöht standen, waren
-ein Tisch und zwei Reihen Sessel für die Geschworenen; links der Platz
-des Angeklagten und seines Verteidigers. Ungefähr in der Mitte des
-Saales stand ein Tisch, auf dem die „Sachbeweise“ lagen: der
-blutbefleckte weißseidene Schlafrock Fedor Pawlowitschs, die
-verhängnisvolle Mörserkeule, mit der, wie man mit Bestimmtheit annahm,
-der Mord vollführt worden war, Mitjäs Hemd mit der blutbefleckten
-Manschette, sein Rock, der auf der Rückseite über der Tasche (in die
-Mitjä damals sein blutdurchtränktes Taschentuch gesteckt hatte) große
-Blutflecke aufwies, ferner dieses Taschentuch, das vom Blut inzwischen
-ganz hart und gelb geworden war, die Pistole, die Mitjä bei Perchotin
-geladen hatte, und die von Trifon Borissytsch in Mokroje heimlich
-versteckt worden war, das Kuvert, in dem die für Gruschenka
-bereitgehaltenen Dreitausend gelegen hatten, und das dünne rosa
-Bändchen, mit dem es umbunden gewesen war, und noch verschiedene andere
-Gegenstände, deren ich mich nicht mehr erinnere. Und dann erst, in
-einiger Entfernung von diesem Tisch, begannen die Plätze fürs Publikum;
-doch noch vor diesen, also noch vor der Ballustrade, standen ein paar
-Lehnstühle für diejenigen Zeugen, die nach ihrem Verhör noch im Saale
-bleiben sollten. Um zehn Uhr erschien der Gerichtshof, der aus dem
-Vorsitzenden, einem Beisitzer und einem Friedensrichter bestand.
-Selbstverständlich erschien sofort auch der Staatsanwalt. Der
-Vorsitzende war ein wohlbeleibter, stämmiger Mann, dabei nicht einmal
-mittelgroß, mit einem Hämorrhoidalgesichte, etwa fünfzig Jahre alt, mit
-dunklem, erst leicht ergrautem Haar, das er ganz kurzgeschoren trug, und
-mit einem roten Ordensbande (welch ein Orden daran hing, habe ich
-vergessen). Der Staatsanwalt erschien mir – und nicht nur mir allein,
-sondern allen – auffallend bleich, sein Gesicht war fast grün. Er schien
-ganz plötzlich abgemagert zu sein, vielleicht in einer einzigen Nacht,
-denn noch vor drei Tagen war ich ihm begegnet, und da hatte er wie
-gewöhnlich ausgesehen. Der Vorsitzende begann mit der Frage an den
-Gerichtsvollstrecker: „Sind alle Geschworenen erschienen? ...“ Aber ich
-sehe schon, daß ich in dieser Weise nicht fortfahren kann, schon allein
-deswegen nicht, weil ich vieles nicht deutlich gehört habe (manches
-Schleierhafte habe ich versäumt, mir klarzumachen, vieles habe ich
-vergessen oder mir nicht genau gemerkt), doch hauptsächlich darum nicht,
-weil man sonst, wenn man alles genau wiedergeben wollte, wie ich schon
-vorhin gesagt habe, so viel darüber zu schreiben hätte, wie es mir weder
-Zeit noch Raum erlauben. Ich weiß von den ersten Vorgängen nur noch, daß
-von den Geschworenen einer- und andererseits, d. h. durch den
-Verteidiger und den Staatsanwalt, nur wenige ausgeschieden wurden. Der
-zwölf Geschworenen selbst erinnere ich mich noch sehr gut: es waren das
-vier von unseren Beamten, zwei Kaufleute und sechs Bauern und
-Kleinbürger aus unserer Stadt. In unserer Gesellschaft hatten viele,
-besonders Damen, schon lange vor der Gerichtssitzung nicht ohne einige
-Verwunderung gefragt: „Ist es möglich, daß man eine psychologisch so
-feine und komplizierte Sache irgendwelchen Beamten und gar Bauern zur
-folgenschweren Entscheidung übergibt, und was werden denn diese Leute
-davon verstehen?“ Es ist ja wahr, alle diese vier Beamten, die zu den
-zwölf Geschworenen gehörten, waren schließlich kleine Leute von
-niedrigem Range, Männer mit grauem Haar – nur einer von ihnen schien
-etwas jünger zu sein –, die in unserer Gesellschaft wenig bekannt waren,
-von geringem Gehalt ihr Leben fristeten, wahrscheinlich alte Frauen
-hatten, die man niemandem zeigen kann, und dazu eine ganze Horde
-vielleicht sogar barfüßiger Kinder, – Männer, für die es viel war, wenn
-sie sich in ihren Mußestunden mit einer Partie Karten zerstreuen
-konnten, und die – das versteht sich natürlich von selbst – noch nie ein
-Buch gelesen hatten. Die beiden Kaufleute sahen allerdings sehr ehrbar
-und gesetzt aus, doch waren sie eigentümlich schweigsam und unbeweglich;
-der eine von ihnen hatte ein glattrasiertes Gesicht und trug deutsche
-Kleidung, der andere hatte einen grauen Bart, und auf seiner Brust hing
-an einem roten Bande irgendeine Medaille. Von den Kleinbürgern und
-Bauern lohnt sich natürlich überhaupt nicht zu reden. Unsere
-Skotoprigonjewskschen Bauern sind nicht anders als alle Bauern, sie
-mähen sogar. Zwei von ihnen waren gleichfalls in deutscher Kleidung
-erschienen und sahen vielleicht gerade darum unsauberer und
-unansehnlicher aus als die anderen vier in schlichten russischen Röcken.
-So war es denn schließlich begreiflich, wenn viele sich bei ihrem
-Anblick fragten – wie auch ich es tat –: „Was können denn die von einer
-solchen Sache verstehen!“ Doch dessen ungeachtet, mußte man zugeben, daß
-ihre Gesichter einen ganz sonderbar tiefen und fast drohenden Eindruck
-machten. Sie sahen streng und finster aus.
-
-Endlich kündigte der Vorsitzende laut den Gegenstand der Verhandlung an:
-den Prozeß wegen Ermordung des verabschiedeten Titularrats Fedor
-Pawlowitsch Karamasoff. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie er sich
-damals ausdrückte. Dem Gerichtsvollstrecker wurde befohlen, den
-Angeklagten hereinzuführen. Mitjä erschien. Alles verstummte im Saal,
-man hätte eine Fliege summen gehört. Ich weiß nicht wie er auf die
-anderen wirkte, auf mich aber machte er einen äußerst unangenehmen
-Eindruck. Schuld war daran vor allem, daß er als ausgesprochener Stutzer
-erschien, in einem nagelneuen Anzuge. Später habe ich erfahren, daß er
-sich in Moskau bei seinem früheren Schneider, der noch sein Maß von den
-früheren Anzügen besaß, die Kleider gerade zu diesem Tage bestellt
-hatte. Er trug schwarze Glacéhandschuhe und die eleganteste Wäsche. Er
-trat mit seinen langen Offiziersschritten ein, mit geradeaus
-gerichtetem, bis zur Starrheit geradeaus gerichtetem Blick: so ging er
-durch den Gang zwischen den Menschen hindurch und setzte sich mit der
-furchtlosesten Miene auf seinen Platz. Gleich nach ihm erschien auch
-sein Verteidiger, der berühmte Fetjukowitsch, und es war, als wenn ein
-unterdrücktes Getöse durch den ganzen Saal rauschte. Er war ein langer,
-hagerer Mann, mit langen dünnen Beinen, ungewöhnlich langen, bleichen,
-dünnen Fingern, rasiertem Gesicht, bescheiden glattgekämmtem, ziemlich
-kurzem Haar, und mit dünnen, hin und wieder sich halb wie zum Spott,
-halb wie zum Lächeln krümmenden Lippen. Dem Aussehen nach mochte er etwa
-vierzig Jahre alt sein. Sein Gesicht wäre vielleicht sogar angenehm
-gewesen, wenn seine Augen, die an sich nicht groß und nicht
-ausdrucksvoll waren, nicht so ungewöhnlich nahe, so nahe, wie es nur
-selten vorkommt, nebeneinandergestanden hätten, so daß sie nur der dünne
-schmale Knochen seiner länglichen dünnen Nase voneinander trennte. Mit
-einem Wort, diese Physiognomie hatte etwas so ausgesprochen
-Vogelartiges, daß sie einen geradezu frappierte. Er war in Frack und
-weißer Krawatte. Ich erinnere mich noch der ersten, vom Vorsitzenden an
-Mitjä gestellten Fragen nach seinem Namen, Stand usw. Mitjä antwortete
-schroff, doch mit ganz unerwartet lauter Stimme, so daß der Vorsitzende
-zuerst mit dem Kopf zurückzuckte und ihn einen Augenblick groß ansah.
-Darauf wurden die Namen derjenigen Personen verlesen, die zur
-Gerichtsverhandlung vorgeladen worden waren, der Zeugen und Experten.
-Die Liste war lang; vier von den Zeugen waren nicht erschienen:
-Miussoff, der schon in Paris weilte, doch seine Aussagen bereits in der
-Voruntersuchung gemacht hatte; Frau Chochlakoff und Maximoff waren
-krankheitshalber nicht erschienen, und Ssmerdjäkoff wegen plötzlichen
-Todes, wovon eine polizeiliche Bescheinigung vorgewiesen wurde. Diese
-Nachricht vom Tode Ssmerdjäkoffs rief eine starke Bewegung und erregtes
-Geflüster hervor. Die Mehrzahl des Publikums wußte noch nichts von
-seinem Selbstmorde. Was aber am meisten auffiel, das war – ein
-unerwarteter Ausfall Mitjäs: kaum war die Mitteilung über Ssmerdjäkoff
-verlesen worden, als er plötzlich von seinem Platze aus über den ganzen
-Saal hin laut ausrief:
-
-„Dem Hunde gebührt ein hündischer Tod!“
-
-Ich erinnere mich noch deutlich, wie sein Verteidiger zu ihm stürzte,
-und wie der Vorsitzende sich zu ihm wandte, mit der Drohung, zu strengen
-Maßregeln zu greifen, wenn sich ein ähnlicher Ausfall noch einmal
-wiederholen sollte. Abgerissen und mit ungeduldigem Kopfnicken sagte
-Mitjä mehrmals halblaut zu seinem Verteidiger:
-
-„Schon gut, schon gut, ich werde nicht mehr! Es ist mir nur so
-entschlüpft! Ich werde nicht mehr! Schön, schön!“ sah aber dabei
-keineswegs aus, als bereue er es.
-
-Dieser kurze Zwischenfall diente natürlich nicht dazu, um die Meinung
-der Geschworenen und des Publikums von ihm zu verbessern. Der Charakter
-tat sich schon kund. Unter diesem Eindruck wurde vom Sekretär des
-Gerichtshofes der Anklageakt verlesen.
-
-Er war ziemlich kurz, doch nichtsdestoweniger klar und ausführlich. Es
-waren nur die Hauptgründe angeführt, warum der und der des Verbrechens
-angeklagt, warum er dem Gericht unterstellt worden sei usw. Ich muß
-gestehen, daß diese Verlesung der Anklage einen starken Eindruck auf
-mich machte. Der Sekretär hatte eine volle, tragende Stimme und las
-vorzüglich. Diese ganze Tragödie erschien jetzt von neuem vor allen
-versammelten Menschen in scharfen Umrissen, knapp zusammengefaßt und in
-verhängnisvollem, unerbittlichem Lichte. Gleich nach der Verlesung
-wandte sich der Vorsitzende zu Mitjä und fragte ihn mit lauter und
-eindringlicher Stimme:
-
-„Angeklagter, bekennen Sie sich schuldig?“
-
-Mitjä erhob sich plötzlich von seinem Platz:
-
-„Ich bekenne mich schuldig der Trunksucht, der Ausschweifung,“ rief er
-wieder mit einer unerwartet lauten Stimme, die diesmal fast zornig
-klang, „der Faulheit und Schwelgerei. Gerade in dem Augenblick hatte ich
-mir vorgenommen, auf ewig ein ehrenhafter Mensch zu werden, als der
-Schicksalsschlag mich traf! Doch am Tode des alten Karamasoff, am Tode
-meines Feindes und Vaters – bin ich unschuldig! Und auch an seiner
-Beraubung – nein! Daran trage ich keine Schuld! Nochmals nein! – und ich
-_kann_ daran auch keine Schuld tragen. Dmitrij Karamasoff kann wohl ein
-Schuft sein, aber nie und nimmer ein Dieb!“
-
-Nachdem er das hinausgeschrien hatte, setzte er sich wieder auf seinen
-Platz, sichtbar am ganzen Körper zitternd. Der Vorsitzende wandte sich
-von neuem mit der kurzen, doch ernsten Ermahnung an ihn, nur auf die
-Fragen zu antworten und sich nicht zu leidenschaftlichen Ausrufen, die
-nicht zur Sache gehörten, hinreißen zu lassen. Dann befahl er, mit der
-gerichtlichen Verhandlung zu beginnen. Hierauf wurden sämtliche Zeugen
-zur Vereidigung hereingeführt. Da sah ich sie denn alle. Übrigens: die
-beiden Brüder des Angeklagten wurden unvereidigt zur Zeugnisablegung
-zugelassen. Nach der Ermahnung des Geistlichen und des Vorsitzenden
-wurden den Zeugen die Plätze angewiesen, nach Möglichkeit nicht dicht
-nebeneinander. Und darauf begann man, sie einzeln aufzurufen.
-
-
- II.
- Die gefährlichen Zeugen
-
-Ich weiß nicht, ob die Zeugen des Staatsanwalts und die des Verteidigers
-vom Vorsitzenden in zwei Gruppen eingeteilt worden waren und in einer
-gewissen, vorher bestimmten Reihenfolge aufgerufen wurden. Doch muß es
-wohl so gewesen sein, denn die ersten Zeugen, die man verhörte, waren
-die des Staatsanwalts. Ich wiederhole nochmals, daß ich nicht
-beabsichtige, das ganze Verhör Wort für Wort wiederzugeben. Zudem würde
-eine solche Beschreibung ganz unnötig sein, da in der Anklage- wie in
-der Verteidigungsrede des Staatsanwalts und des Verteidigers das ganze
-Ergebnis aller abgegebenen Zeugnisse gleichsam in einen Punkt unter
-greller und charakteristischer Beleuchtung zusammengefaßt wurden. Diese
-beiden bemerkenswerten Reden habe ich wenigstens zum Teil vollständig
-aufgeschrieben, um sie dann an gegebener Stelle anführen zu können,
-sowie auch eine ganz außergewöhnliche und unerwartete Episode der
-Verhandlung, die sich kurz vor den Plaidoyers abspielte und auf den
-grausamen und verhängnisvollen Urteilsspruch einen großen Einfluß hatte.
-Ich bemerke nur noch, daß es schon von den ersten Augenblicken der
-Gerichtsverhandlung an allen auffiel, wie groß im vorliegenden Prozeß
-die Wucht der Anklagen war, im Vergleich zu den Entlastungsbeweisen,
-über die der Verteidiger verfügte. Das begriffen alle, als das Verhör in
-diesem unheimlichen Saale begann, als die Tatsachen sich zu gruppieren
-anfingen, und allmählich der ganze Schrecken dieser blutigen Tat so
-deutlich vor unser Auge trat. Vielleicht wurde es schon nach den ersten
-Augenblicken allen klar, daß die Sache ja ganz unbestreitbar war, und
-überhaupt keine Zweifel mehr aufkommen ließ, daß im Grunde genommen
-irgendwelche Plaidoyers gar nicht mehr nötig waren, daß sie nur der Form
-wegen gehalten werden mußten, der Angeklagte jedoch „schuldig,
-unwiderruflich schuldig“ sei. Ich glaube sogar, daß alle Damen, die
-ausnahmslos die Freisprechung dieses interessanten Verbrechers
-wünschten, zu gleicher Zeit von seiner Schuld vollkommen überzeugt
-waren. Ja, wie mir schien, würden sie sich sogar beleidigt gefühlt
-haben, wenn man an seiner Schuld gezweifelt hätte, denn der Effekt
-seiner Freisprechung hätte dann nicht so groß sein können. Daß man ihn
-aber freisprechen werde, davon waren sie sonderbarerweise bis zum
-letzten Augenblick fest überzeugt. „Schuldig ist er, das ist wahr, man
-wird ihn aber aus Humanität freisprechen, auf Grund der neuen Ideen und
-neuen Gefühle, die jetzt überall aufgekommen sind“ usw. usw. Darum waren
-sie auch mit solcher Unruhe in der Erwartung dieser Freisprechung
-herbeigeeilt. Die Männer wiederum interessierte am meisten der Kampf des
-Staatsanwalts mit dem berühmten Fetjukowitsch. Alle fragten sich
-verwundert: „Was wird denn selbst ein solches Talent wie Fetjukowitsch,
-aus einer so verlorenen Sache, aus einem so ausgeblasenen Ei, noch
-machen können?“ Und man verfolgte mit angestrengter Aufmerksamkeit jeden
-seiner Schachzüge. Doch Fetjukowitsch blieb allen bis zum Schluß – bis
-zu seiner Rede – ein Rätsel. Erfahrenere Leute errieten denn auch, daß
-er etwas aufzustellen beabsichtigte, daß er nach einem System vorging
-und ein Ziel vor sich hatte, doch was für eines das war – das konnten
-auch sie nicht sagen. Vor allem fielen seine Sicherheit und sein
-Selbstvertrauen auf. Außerdem bemerkte man mit Genugtuung, daß er, trotz
-seines kurzen Aufenthaltes in unserer Stadt – er war erst vor drei Tagen
-angekommen – sich mit der Sache doch schon gründlich bekannt gemacht und
-sie bis in alle Einzelheiten studiert hatte. Mit wahrer Wonne erzählte
-man sich später, wie er alle Zeugen des Staatsanwalts „hineingelegt“
-hatte, um sie nach Möglichkeit zu kompromittieren, und wie er ihren
-hohen Sittlichkeitsansprüchen Fallen gestellt, um auf diese Weise auch
-den Wert ihrer Aussagen zu untergraben. Übrigens behaupteten viele, daß
-er damit sozusagen nur gespielt habe, um juristisch zu glänzen, und
-damit keiner der Advokatenkniffe unbenutzt bliebe; war man doch
-überzeugt, daß alle diese Kniffe ihm trotzdem keinen großen und
-ausschlaggebenden Nutzen bringen konnten, und daß er selbst das wohl am
-besten wußte. „Gewiß hat er irgend etwas im Hinterhalte bereit,
-irgendeine Waffe, die er dann plötzlich im richtigen Augenblick
-hervorziehen wird. Anfänglich aber spielt er noch und treibt nur
-Mutwillen, da er ja seiner Sache sowieso sicher ist.“ Zum Beispiel, als
-man den früheren „Kammerdiener“ Fedor Pawlowitschs, Grigorij
-Wassiljewitsch, verhörte, und dieser die allerwichtigste Aussage in
-betreff der offenen Tür machte, da begann der Verteidiger, als an ihn
-die Reihe kam, den Zeugen zu verhören, dem Alten mit Fragen gehörig auf
-den Leib zu rücken. Ich muß dazu bemerken, daß Grigorij Wassiljewitsch,
-der sich weder durch das Gericht, noch durch die Anwesenheit des
-zahlreichen ihm zuhörenden Publikums einschüchtern ließ, mit ruhiger,
-fast überlegener Miene dastand. Seine Aussagen machte er mit einer
-Sicherheit, als hätte er mit Marfa Ignatjewna geplaudert, allenfalls nur
-ein wenig ehrerbietiger. Ihn aus dem Konzept zu bringen, war unmöglich.
-Zuerst fragte ihn der Staatsanwalt über alle Einzelheiten der Familie
-Karamasoff aus, wobei das Familienbild deutlich und grell hervortrat.
-Man hörte und sah, daß der Zeuge aufrichtig, treuherzig und unparteiisch
-war. Bei aller Ehrerbietung, die er für seinen ermordeten Herrn
-bewahrte, erklärte er doch, daß der Herr Mitjä gegenüber nicht recht
-gehandelt und für die Erziehung der Kinder nicht pflichtmäßig gesorgt
-habe. „Den kleinen Jungen hätten, wenn ich nicht dagewesen wäre, die
-Läuse gefressen,“ fügte er noch hinzu, als er seine Erzählung über
-Mitjäs Kinderjahre beendet hatte. „Auch hat der Vater den Sohn am Erbe
-seiner leiblichen Mutter geschädigt.“ Auf die Frage des Staatsanwalts,
-worauf er seine Aussage – daß der Vater seinen Sohn übervorteilt oder
-„geschädigt“ habe – begründe, konnte Grigorij Wassiljewitsch zur
-Verwunderung aller gar keine Belege angeben, doch bestand er
-nichtsdestoweniger fest darauf, daß die Abrechnung mit dem Sohne eine
-„unrichtige“ gewesen sei und der Vater diesem noch einige Tausend hätte
-auszahlen müssen. Ich bemerke hier zur Sache, daß diese Frage, – ob
-Fedor Pawlowitsch Mitjä wirklich nicht alles ausgezahlt hatte – vom
-Staatsanwalt mit besonderer Beharrlichkeit auch an alle anderen Zeugen,
-die er nur danach fragen konnte, gestellt wurde, Aljoscha und Iwan
-Fedorowitsch nicht ausgenommen. Doch von keinem dieser Zeugen konnte er
-eine genaue Aussage erhalten; alle bejahten sie die Tatsache, aber
-keiner von ihnen konnte irgendeinen Beweis vorbringen. Die Schilderung
-der Szene nach Tisch, als Dmitrij Fedorowitsch den Vater geschlagen und
-ihm gedroht hatte, wiederzukommen und ihn dann einfach totzuschlagen,
-machte einen niederschmetternden Eindruck auf das Publikum im Saal, um
-so mehr, als der alte Diener sie ruhig und ohne überflüssige Worte in
-seiner eigenartigen Sprache erzählte, so daß ihre Wiedergabe geradezu
-schön und packend war. Über die Kränkung, die er durch Mitjä, der ihn
-doch zu Boden geschlagen, erfahren hatte, bemerkte er nur, daß er sie
-ihm längst verziehen habe. Über den verstorbenen Ssmerdjäkoff sagte er
-nur aus, indem er sich bekreuzte, daß der arme zwar einige Fähigkeiten
-besessen habe, dafür aber dumm, von der Krankheit „geknechtet“ und dazu
-noch gottlos gewesen sei, und daß diese Gottlosigkeit ihn sowohl Fedor
-Pawlowitsch als sein Sohn Iwan Fedorowitsch gelehrt hätten. Doch auf der
-Ehrlichkeit Ssmerdjäkoffs bestand er fast mit Heftigkeit und erzählte
-sofort, wie Ssmerdjäkoff seinerzeit das verlorene Geld des Herrn
-gefunden und es sich nicht eingesteckt, sondern unverzüglich dem Herrn
-übergeben hatte, und wie der Herr ihm dafür „zehn Rubel“ geschenkt und
-seit der Zeit ihn in allem zu seinem Vertrauten gemacht habe. Doch blieb
-er auf seiner Aussage in betreff der offenen Tür der Gartenfassade mit
-seiner ganzen Hartnäckigkeit bestehen. Übrigens fragte man ihn so viel,
-daß ich mich nicht aller Aussagen erinnern kann. Endlich kam die Reihe
-an den Verteidiger, und der fragte ihn zuerst über das Geldpaket aus, in
-dem sich die „gewissen“ dreitausend Rubel für eine „bestimmte Person“
-befunden haben sollten. „Haben Sie dieses Paket gesehen, Sie, der Sie
-als langjähriger Diener Ihrem Herrn so nahe standen?“ Grigorij
-antwortete, daß er es nicht gesehen und von diesem Gelde nichts gehört
-habe, „bis zu der Zeit, wo jetzt alle davon zu sprechen angefangen
-haben“. Diese Frage nach dem Geldpaket stellte Fetjukowitsch an alle, an
-die er sie als Zeugen nur stellen konnte, und zwar mit eben solcher
-Hartnäckigkeit, wie der Staatsanwalt seine Frage nach der
-Erbschaftsangelegenheit wiederholte, doch von allen erhielt er nur die
-eine Antwort, daß niemand das Paket gesehen, jedoch ein jeder seit zwei
-Monaten viel von ihm gehört habe. Die Hartnäckigkeit des Verteidigers in
-dieser Frage hatten alle gleich von Anfang an bemerkt.
-
-„Gestatten Sie, daß ich mich jetzt an Sie mit der Frage wende,“ sagte
-plötzlich und ganz unerwartet Fetjukowitsch, „woraus dieser Balsam
-bestand, oder der sogenannte Kräuteraufguß, mit dem Sie an jenem Abend,
-vor dem Schlafengehen, Ihr schmerzendes Kreuz eingerieben haben, in der
-Hoffnung, sich damit zu kurieren?“
-
-Grigorij sah stumpfsinnig den Fragenden an und brummte nach einigem
-Schweigen:
-
-„Salbei war drin.“
-
-„Nur Salbei? Erinnern Sie sich nicht noch irgendeiner Zutat?“
-
-„Wegerich war auch drin.“
-
-„Und auch Pfeffer vielleicht?“ fragte interessiert Fetjukowitsch.
-
-„Auch Pfeffer war dabei.“
-
-„Und so weiter. Und alles das in Branntwein?“
-
-„In Spiritus.“
-
-Im Saale hörte man unterdrücktes Lachen.
-
-„Nun, was will man mehr, also sogar in Spiritus! Und nachdem man Ihren
-Rücken damit eingerieben hatte, tranken Sie den Rest der Flasche mit
-einem gewissen heilbringenden Gebet, das nur Ihrer Frau bekannt ist,
-aus, nicht wahr?“
-
-„Ich habe es ausgetrunken.“
-
-„Wieviel haben Sie denn ungefähr ausgetrunken? Ungefähr wieviel? Ein
-Schnapsgläschen voll oder gar zwei?“
-
-„Ein Wasserglas voll wird es gewesen sein.“
-
-„Sogar ein Wasserglas voll? Vielleicht waren es auch anderthalb
-Gläschen?“
-
-Grigorij schwieg. Er schien etwas begriffen zu haben.
-
-„Anderthalb Glas reinen Spiritus, – das ist gar nicht so übel, was
-meinen Sie? Da kann man ja selbst die Tore des Paradieses offen sehen,
-geschweige denn eine Tür, die in den Garten führt!“
-
-Grigorij schwieg immer noch. Wieder hörte man unterdrücktes Lachen im
-Saal. Der Vorsitzende schien etwas unruhig zu werden.
-
-„Sind Sie sicher,“ drang Fetjukowitsch immer mehr in ihn ein, „daß Sie
-in dieser Minute, als Sie die Tür zum Garten offen sahen, wach waren?
-Oder schliefen Sie vielleicht?“
-
-„Ich stand auf den Beinen.“
-
-„Das ist noch kein Beweis dafür, daß Sie nicht geschlafen haben.“
-(Leises Gelächter im Saal.) „Hätten Sie zum Beispiel in dieser Minute
-sagen können, wenn jemand Sie gefragt hätte, nun, zum Beispiel, in
-welchem Jahr wir leben?“
-
-„Das weiß ich nicht.“
-
-„Im wievielten Jahre nach Christi Geburt leben wir denn jetzt, wissen
-Sie das wirklich nicht?“
-
-Grigorij stand da mit verdutztem Ausdruck im Gesicht und sah seinen
-Quälgeist starr an. Sonderbar, er schien wirklich nicht zu wissen, in
-welchem Jahr er lebte.
-
-„Vielleicht wissen Sie aber, wieviel Finger Sie an den Händen haben?“
-
-„Ich bin hier kein freier Mensch,“ sagte Grigorij plötzlich laut und
-deutlich – „wenn die Obrigkeit beliebt, sich über mich lustig zu machen,
-so muß ich es dulden.“
-
-Fetjukowitsch war etwas verdutzt, und der Vorsitzende mischte sich
-sofort ein und erinnerte den Verteidiger mit ein paar ernsten
-Bemerkungen daran, daß er sachlichere Fragen zu stellen habe.
-Fetjukowitsch hörte ihm aufmerksam zu, verbeugte sich dann würdevoll und
-erklärte, mit seinen Fragen zu Ende zu sein. Indessen blieb im Publikum
-wie auch bei den Geschworenen doch ein kleiner Zweifel an den Aussagen
-eines Menschen bestehen, bei dem die Möglichkeit nicht ausgeschlossen zu
-sein schien, daß er in einem gewissen Zustande während einer Kur die
-Paradiesestore offen sah, und der außerdem nicht zu sagen wußte, in
-welchem Jahre nach Christi Geburt er lebte; so hatte der Verteidiger
-immerhin sein Ziel erreicht. Doch bevor Grigorij entlassen wurde,
-ereignete sich noch eine kleine Episode. Der Vorsitzende wandte sich an
-den Angeklagten mit der Frage, ob er nicht zu den gegebenen Aussagen
-etwas zu bemerken habe?
-
-„Ausgenommen die Behauptung von der Tür, hat er in allem die Wahrheit
-gesprochen,“ sagte Mitjä mit lauter Stimme. „Ich danke ihm, daß er mir
-die Läuse ausgekämmt hat, und daß er mir die Schläge verziehen hat,
-dafür danke ich ihm gleichfalls. Der Alte ist sein Leben lang ehrlich
-und dem Vater treu ergeben gewesen ... wie siebenhundert Pudel.“
-
-„Angeklagter, wählen Sie Ihre Worte besser,“ sagte, zu ihm gewandt,
-streng der Vorsitzende.
-
-„Ich bin kein Pudel,“ brummte Grigorij.
-
-„Nun, dann bin ich der Pudel, ich!“ rief Mitjä sofort. „Wenn das
-beleidigend ist, so nehme ich es auf mich und bitte ihn um Verzeihung:
-ich war ein Tier und bin grausam zu ihm gewesen! Auch zu dem Äsop bin
-ich grausam gewesen!“
-
-„Zu welchem Äsop?“ fragte wieder streng der Vorsitzende.
-
-„Nun, dann Narr ... zu dem Vater, zu Fedor Pawlowitsch ...“
-
-Der Vorsitzende schärfte Mitjä nochmals und bedeutend strenger ein, daß
-er in der Wahl seiner Ausdrücke vorsichtiger sein müsse.
-
-„Sie schaden sich dadurch selbst in der Meinung Ihrer Richter.“
-
-Ebenso geschickt verfuhr der Verteidiger beim Verhör des Zeugen Rakitin.
-Ich bemerke, daß Rakitin einer der wichtigsten Zeugen war, auf die der
-Staatsanwalt besonders rechnete. Es erwies sich, daß er alles wußte,
-bewunderungswürdig viel wußte, überall war er gewesen, alles hatte er
-gesehen, mit allen gesprochen. Die Lebensgeschichte Fedor Pawlowitschs
-und aller Karamasoffs kannte er genau. Und dann: von dem Paket mit den
-dreitausend Rubeln hatte er schon von Mitjä selbst gehört. Darauf wußte
-er ausführlich von den Ausschreitungen Mitjäs im Gasthaus „Zur
-Hauptstadt“ zu berichten, alle ihn kompromittierenden Worte und Gesten
-gab er wieder, wie z. B. die Geschichte mit dem „Bastwisch“, dem
-Hauptmann Ssnegireff. Doch über den wichtigsten Punkt, ob Fedor
-Pawlowitsch bei der Abrechnung über das Gut Mitjä noch etwas schuldig
-geblieben war – konnte auch er nichts aussagen, er beschränkte sich nur
-auf allgemeine Bemerkungen verächtlichen Charakters: „Wie kann man
-wissen, wer von diesen unsinnigen Karamasoffs, die sich nicht einmal
-selbst verstehen und begreifen können, dem anderen was schuldig
-geblieben ist?“ Die ganze Tragödie des vorliegenden Verbrechens stellte
-er dar als Produkt veralteter Sitten des Leibeigenschaftsregimes und des
-in Unordnung untergehenden Rußland, das schwer unter dem Mangel
-geeigneter Einrichtungen zu leiden habe. Kurz, er konnte einmal seine
-Meinungen aussprechen, und das war für ihn die Hauptsache. Bei diesem
-Prozeß zeichnete Rakitin sich zum erstenmal gewissermaßen aus. Auch
-wußte der Staatsanwalt, daß Rakitin einen Artikel für eine Zeitung über
-das Ereignis verfaßte, und zitierte in seiner Rede, wie wir später sehen
-werden, sogar einige Gedanken aus diesem Artikel – folglich mußte er ihn
-schon früher gelesen haben. Das Bild, das Rakitin von den Karamasoffs
-entworfen hatte, war sehr düster und unterstützte verhängnisvoll die
-Anklage. Überhaupt beeinflußte die Auslegung Rakitins das Publikum durch
-die Unabhängigkeit seiner Gedanken und die Tüchtigkeit seiner Gesinnung.
-Man hörte sogar zwei-, dreimal kurzen Applaus, besonders, als er von der
-Leibeigenschaft und dem unter der Unordnung leidenden Rußland sprach.
-Aber Rakitin machte als junger Mann doch einen kleinen Fehler, der vom
-Verteidiger denn auch sofort ausgenutzt wurde. Als er auf gewisse Fragen
-in betreff Gruschenkas antwortete, da erlaubte er sich, wahrscheinlich
-hingerissen von seinem Erfolge, dessen er sich freilich nur zu bewußt
-war, sowie von der Höhe der Standpunkte, zu denen er sich aufgeschwungen
-hatte, – da erlaubte er sich über Agrafena Alexandrowna etwas
-verächtliche Ausdrücke, wie z. B. „die Geliebte des Kaufmanns
-Ssamssonoff“. Viel hätte er später darum gegeben, um dieses Wörtchen
-rückgängig zu machen, denn an ihm wurde er sofort von Fetjukowitsch
-gepackt. Das konnte natürlich nur geschehen, weil Rakitin nicht für
-möglich gehalten hatte, daß Fetjukowitsch sich in dieser kurzen Frist
-mit der Sache so bis in die intimsten Einzelheiten hatte bekannt machen
-können.
-
-„Gestatten Sie, daß ich mich erkundige,“ begann der Verteidiger mit dem
-liebenswürdigsten und höflichsten Lächeln, als die Reihe an ihn kam, –
-„Sie sind wohl derselbe Herr Rakitin, der die Broschüre, die von der
-Eparchialobrigkeit veröffentlicht worden ist, ‚Das Leben des in Gott
-entschlafenen Staretz Sossima‘ geschrieben hat, eine Broschüre voll
-tiefer und religiöser Ideen, mit einer vorzüglichen und ehrerbietigen
-Widmung an Se. Eminenz, die ich vor kurzem noch mit so großem Vergnügen
-gelesen habe?“
-
-„Ich hatte sie nicht für den Druck bestimmt ... man hat sie später
-veröffentlicht,“ brummte Rakitin verdutzt und fast als schäme er sich.
-
-„Oh, das ist vorzüglich! Ein Denker wie Sie kann und muß sogar zu jedem
-öffentlichen Ereignisse in solcher Weise Stellung nehmen, in so
-ergiebiger Weise, wie Sie es getan haben. Ihre Broschüre ist auf
-Veranlassung Sr. Eminenz erschienen und hat großen Nutzen gebracht ...
-Doch ich wollte Sie hauptsächlich fragen – Sie sagten soeben, daß Sie
-mit Fräulein Sswetloff so gut bekannt wären ...“
-
-Bei dieser Gelegenheit hörte ich zum erstenmal Gruschenkas
-Familiennamen.
-
-„Ich kann nicht für alle meine Bekanntschaften verantworten ... Ich bin
-ein junger Mann ... und wer kann denn für jeden einstehen, den er kennen
-lernt!“
-
-Rakitin errötete plötzlich.
-
-„Ich verstehe, oh, ich verstehe nur zu gut!“ rief Fetjukowitsch aus, als
-wäre er ganz konfus geworden, und als wolle er sich entschuldigen. „Sie
-konnten ja wie jeder andere in Versuchung kommen, sich für eine junge
-und schöne Frau, die bei sich die Blüte der hiesigen Jugend empfängt, zu
-interessieren. Doch ... ich wollte mich nur erkundigen, ob Ihnen – wie
-z. B. mir – bekannt ist, daß die Sswetloff, als sie vor zwei Monaten
-außerordentlich die Bekanntschaft des jüngsten Karamasoff, Alexei
-Fedorowitsch, zu machen wünschte, Ihnen fünfundzwanzig Rubel versprochen
-hat, falls Sie ihn in seiner Mönchskutte zu ihr führen würden? Das ist
-bekanntlich am Abend jenes Tages geschehen, der mit der tragischen
-Katastrophe, die der gegenwärtigen Verhandlung zugrunde liegt, endete.
-Sie haben Alexei Karamasoff zu der Sswetloff hingeführt und – damals die
-fünfundzwanzig Rubel Belohnung von ihr empfangen. Ich möchte nun von
-Ihnen hören, ob es sich tatsächlich so verhält?“
-
-„Das war nur ein Scherz ... Ich sehe nicht ein, wie dieser Scherz Sie
-interessieren kann ... Ich habe sie nur im Scherz genommen ... um sie
-ihr später wiederzugeben ...“
-
-„Also, Sie haben sie doch genommen. Und Sie haben sie bis jetzt auch
-noch nicht wiedergegeben ... oder sollten Sie sie ihr schon
-zurückerstattet haben?“
-
-„Das sind doch Lappalien“ ... murmelte Rakitin, „auf solche Fragen kann
-ich entschieden nicht antworten ... Selbstverständlich werde ich sie ihr
-zurückerstatten ...“
-
-Der Vorsitzende wollte wieder eingreifen, doch der Verteidiger erklärte
-sofort, daß er weiter keine Fragen an Herrn Rakitin zu stellen habe.
-Rakitin verschwand etwas begossen von der Bildfläche. Jedenfalls war der
-vorteilhafte Eindruck, den seine „liberale, aufgeklärte“ Rede samt
-seinen „hohen Standpunkten“ gemacht hatte, etwas abgeschwächt worden,
-und Fetjukowitsch, der ihn mit seinen Blicken begleitete, schien dem
-Publikum sagen zu wollen: „Seht, das sind eure ehrenwerten und
-hochanständigen Ankläger!“ Ich erinnere mich noch, daß auch dieser
-Vorfall nicht ohne eine kleine Episode von seiten Mitjäs verlief: wütend
-über den Ton, in dem Rakitin sich über Gruschenka geäußert hatte, rief
-er plötzlich von seinem Platz aus: „Bernard!“ Als der Vorsitzende nach
-dem Verhör Rakitins sich an den Angeklagten wandte: ob er seinerseits
-etwas zu bemerken hätte, sagte Mitjä so laut, daß es schallte:
-
-„Er hat mich noch im Gefängnis angepumpt! Ein verächtlicher Bernard und
-Streber ist er, der an Gott überhaupt nicht glaubt und Se. Eminenz
-einfach betrogen hat!“
-
-‚Mitjä‘ wurde wegen seiner unerlaubten Ausdrücke natürlich wieder ein
-Verweis zuteil, doch damit war Rakitin denn auch endgültig abgetan. Auch
-mit den anderen Zeugen, mit dem Hauptmann Ssnegireff z. B., hatte der
-Staatsanwalt kein Glück, dieses Mal aber aus einem ganz anderen Grunde.
-Er erschien in ganz unordentlicher und schmutziger Kleidung, in
-schmutzigen Stiefeln, und trotz aller Vorsicht und Umsicht der
-„Experten“ war er völlig betrunken. Auf die Fragen nach den
-Beleidigungen, die ihm von Mitjä zugefügt worden waren, antwortete er so
-gut wie nichts.
-
-„Gott mit ihm. Iljuschetschka hat mich gebeten, nichts zu sagen. Gott
-wird es mir dort bezahlen ...“
-
-„Wer hat Sie gebeten, nichts zu sagen? Von wem sprechen Sie?“
-
-„Von Iljuschetschka, von meinem Söhnchen: ‚Papachen, Papachen, wie hat
-er dich erniedrigt!‘ Das sagte er mir damals am großen Stein. Jetzt wird
-er sterben ...“
-
-Der Hauptmann schluchzte plötzlich auf und stürzte dem Vorsitzenden zu
-Füßen. Man führte ihn so schnell wie möglich hinaus. Das Publikum
-lachte. Der vom Staatsanwalt gewünschte Eindruck kam also nicht
-zustande.
-
-Der Verteidiger fuhr in seiner Taktik fort und setzte uns immer mehr
-durch seine Kenntnis der kleinsten Einzelheiten in Erstaunen. So z. B.
-machten die Aussagen Trifon Borissowitschs einen großen Eindruck und
-waren für Mitjä natürlich außerordentlich ungünstig. Er zählte fast an
-den Fingern her, daß Mitjä bei seiner ersten Fahrt nach Mokroje, einen
-Monat vor der Katastrophe, nicht weniger als dreitausend Rubel
-verausgabt hätte, „oder nur eine Kleinigkeit weniger“. „Wieviel hat er
-nicht allein den Zigeunern hingeschmissen! Und unseren, _unseren_
-Bauernkerlen hat er nicht etwa halbe Rubel auf die Straße geworfen,
-sondern nicht weniger als zu Fünfundzwanzig-Rubelscheinen geschenkt,
-weniger gab’s nicht. Und um wieviel sie ihn damals einfach bestohlen
-haben! Wer aber stiehlt, der läßt seine Hand nicht da, wen soll man
-jetzt beschuldigen, wenn der Herr es noch dazu freiwillig hingeworfen
-hat! Denn bei uns sind die Bauern doch nur Räuber und Schurken, ihre
-Seele hütet doch niemand. Und den Mädels, unseren Dorfmädels, wieviel
-ist an die gegangen! Seit der Zeit sind sie alle bei uns reich geworden,
-während sie früher in Armut lebten!“ Kurz, er zählte jede Einzelheit auf
-und vergaß nichts auf die Rechnung zu setzen. Auf diese Weise wurde die
-Annahme, daß Mitjä nur Tausendfünfhundert verausgabt und die andere
-Hälfte zurückbehalten habe, einfach unglaubwürdig gemacht. „Ich habe sie
-selbst gesehen, in seinen Händen habe ich sie gesehen, wie eine Kopeke,
-so deutlich mit meinen eigenen Augen, wie sollte unsereiner denn das
-nicht beurteilen können!“ rief Trifon Borissowitsch beinahe entrüstet
-aus, da er mit aller Gewalt der „Obrigkeit“ gefällig sein wollte. Als
-aber nun das Fragen auf den Verteidiger überging, machte der überhaupt
-nicht den Versuch, diese Aussagen umzustoßen, sondern ging auf etwas
-ganz anderes über, nämlich darauf, daß der Kutscher Timofei und der
-Bauer Akim in Mokroje nach der ersten Prasserei, vor drei Monaten,
-hundert Rubel im Flur auf dem Fußboden gefunden hatten, die Mitjä im
-trunkenen Zustande verloren haben mußte. Sie hatten den Kassenschein
-Trifon Borissowitsch übergeben, und der hatte jedem von ihnen einen
-Rubel geschenkt. „Nun,“ fragte Fetjukowitsch, „haben Sie diese hundert
-Rubel Herrn Karamasoff zurückerstattet oder nicht?“ Trifon Borissowitsch
-redete hin und her, doch nach der Befragung der beiden Bauern bestätigte
-er schließlich, daß er die gefundenen hundert Rubel in Empfang genommen,
-fügte aber nun hinzu, daß er damals Dmitrij Fedorowitsch alles heilig
-zurückgegeben habe, und beteuerte bei seiner Ehre, daß der Herr sehr
-betrunken gewesen sei und sich daher wohl kaum dessen erinnern könne. Da
-er aber bis zur Aussage der Zeugen die hundert Rubel verleugnet hatte,
-so unterlag seine Versicherung, sie dem betrunkenen Mitjä zurückgegeben
-zu haben, doch noch einigem Zweifel. Auf diese Weise mußte wieder einer
-der gefährlichsten Zeugen, die der Staatsanwalt aufgestellt hatte, in
-seinem Ruf beeinträchtigt, abtreten. Dasselbe ereignete sich auch mit
-den Polen. Sie traten stolz und majestätisch auf, sagten laut, daß sie,
-erstens, beide der „Krone dienten“, und daß „Pan Mitjä“ ihnen
-Dreitausend angeboten habe, um ihre Ehre zu kaufen, und daß sie selbst
-gesehen hätten, daß er viel Geld in den Händen gehabt. Pan
-Mussjälowitsch mischte viel polnische Worte in seine Phrasen ein, und
-als er bemerkte, daß ihn das in den Augen des Vorsitzenden gewissermaßen
-hob, so wurde er noch aufgeblasener und drückte sich schließlich nur
-noch auf Polnisch aus. Doch Fetjukowitsch fing auch sie in seinen
-Netzen. Wie sehr auch der nochmals herbeigerufene Trifon Borissowitsch
-Winkelzüge machte, so mußte er doch bekennen, daß das Spiel Karten vom
-Pan Wrublewskij vertauscht worden war, und daß Pan Mussjälowitsch Karten
-überschlagen hatte. Das bestätigte zudem Kalganoff, an den jetzt die
-Reihe kam, und beide Pane mußten mit Schimpf und Schande und unter
-allgemeinem Gelächter des Publikums abziehen.
-
-Ebenso erging es fast allen gefährlichen Zeugen. Jeden von ihnen
-verstand Fetjukowitsch moralisch zu vernichten und mit einer langen Nase
-zu entlassen. Die Juristen waren entzückt, aber sie begriffen doch
-nicht, was damit endgültig Großes erreicht werden konnte, denn, ich
-wiederhole es, alle fühlten die Unwiderlegbarkeit der Schuld, die immer
-tragischer und dunkler hervortrat. Doch aus der Ruhe und Sicherheit des
-„großen Magus“ ersahen sie, daß er seiner Sache sicher war, und sie
-warteten: denn nicht umsonst wird ein „solcher Mann“ aus Petersburg
-herkommen – das ist nicht so einer, der mit einer „langen Nase“
-zurückkehrt!
-
-
- III.
- Die ärztliche Expertise und die Geschichte von dem einen Pfund
- Nüsse
-
-Auch die ärztliche Expertise lautete wenig günstig für den Angeklagten.
-Doch Fetjukowitsch schien auf dieselbe auch nicht sehr gerechnet zu
-haben, wie sich in der Folge zeigte. Ursprünglich war sie nur deshalb
-vorgenommen worden, weil Katerina Iwanowna darauf bestanden und zu dem
-Zweck einen berühmten Arzt aus Moskau verschrieben hatte. Jedenfalls
-konnte sie für die Verteidigung nicht ungünstig sein. Im übrigen wirkte
-sie bei der Meinungsverschiedenheit der Ärzte sogar etwas erheiternd.
-Als Experten erschienen: Der berühmte Doktor aus Moskau, unser Doktor
-Herzenstube und schließlich noch unser junger Arzt Warwinskij. Die
-beiden letzteren waren – auf Ersuchen des Staatsanwalts – auch als
-Zeugen erschienen. Der erste, der in der Eigenschaft eines Experten
-vernommen wurde, war Doktor Herzenstube. Das war ein ergrauter und
-kahlköpfiger alter Herr von siebzig Jahren, ein Mann von starkem
-Körperbau und mittlerem Wuchs. Bei uns in der Stadt wurde er von allen
-sehr geachtet und geschätzt. Er war ein gewissenhafter Arzt, ein
-ehrenwerter, prächtiger Mensch, irgendein Herrnhuter oder „Mährischer
-Bruder“, ich weiß es nicht mehr ganz genau. Er lebte schon seit langer
-Zeit bei uns und hielt sich außerordentlich würdig. Er war gut und
-menschenfreundlich, behandelte arme Kranke und die Bauern unentgeltlich,
-ging selbst in ihre Hütten und Hundelöcher und hinterließ ihnen noch
-Geld für die Medizin. Doch bei alledem war er eigensinnig wie ein
-Maulesel. Ihn von einer Idee abzubringen, die er sich einmal in den Kopf
-gesetzt hatte, war unmöglich. Indessen war jetzt allen in der Stadt
-bekannt geworden, daß der angereiste Doktor während seines zwei- bis
-dreitägigen Aufenthalts sich einige recht beleidigende Bemerkungen in
-betreff der Begabung Doktor Herzenstubes erlaubt hatte. Das war nämlich
-so gekommen: viele in der Stadt hatten sich über die seltene Gelegenheit
-gefreut und waren, ohne auf das Geld zu achten (der berühmte Arzt nahm
-nicht weniger als fünfundzwanzig Rubel für die Visite), zu ihm gegangen,
-um sich untersuchen zu lassen. Diese Kranken waren aber vorher von
-Herzenstube behandelt worden, und der berühmte Arzt hatte nun dessen
-Kenntnisse außerordentlich absprechend kritisiert. Zu guter Letzt hatte
-er jeden Kranken, der bei ihm erschienen war, gefragt: „Wer hat denn an
-Ihnen hier herumgepfuscht, etwa wieder Herzenstube? He – he!“ – was
-Doktor Herzenstube natürlich alsbald erfahren hatte. Und so erschienen
-alle drei Ärzte, einer nach dem anderen, zum Verhör. Doktor Herzenstube
-erklärte natürlich geradeaus, daß man die geistige Abnormität des
-Angeklagten sofort aus allem ersehen könne. Nachdem er seine Erwägungen
-auseinandergesetzt hatte, die ich hier übergehe, fügte er hinzu, daß man
-diese Abnormität nicht nur in den früheren Handlungen des Angeklagten
-feststellen könne, sondern sogar jetzt, in dieser Minute, und als man
-ihn bat, zu erklären, woraus er das in gegebenem Augenblick ersehe, da
-wies der alte Doktor in seiner Gutmütigkeit ganz offen darauf hin, daß
-der Angeklagte beim Eintritt in den Saal ein ganz ungewöhnliches und den
-Umständen gar nicht angemessenes Aussehen gehabt habe. „Er schritt wie
-ein Soldat, die Augen waren starr geradeaus gerichtet, während es doch
-natürlicher gewesen wäre, daß er nach links geblickt hätte, wo im
-Publikum so viel Damen sitzen, denn er ist doch ein großer Liebhaber des
-schönen Geschlechts und hätte daher daran denken müssen, was die Damen
-jetzt sagen würden,“ schloß der Alte seine Rede in seiner eigenartigen
-Ausdrucksweise. Ich muß hinzufügen, daß er Russisch viel und gern
-sprach, obgleich bei ihm jede Phrase auf deutsche Art geformt schien,
-was ihn indessen nicht im geringsten genierte, denn er hatte die kleine
-Schwäche, seine russische Sprache für mustergültig zu halten, „für
-besser sogar, als die der Russen selbst“, und mit besonderer Vorliebe
-zitierte er russische Sprichwörter, wobei er jedesmal hinzufügte, daß
-die russischen Sprichwörter die besten und zutreffendsten der ganzen
-Welt seien. Ich bemerke noch, daß er im Gespräch aus Zerstreutheit oft
-die allergebräuchlichsten Ausdrücke vergessen konnte, die er vorzüglich
-wußte, doch die ihm plötzlich nicht in den Sinn kamen. Dasselbe
-passierte ihm übrigens auch, wenn er Deutsch sprach, und er griff dann
-immer mit der Hand in die Luft, gerade vor seinem Gesicht, als wolle er
-das verlorene Wörtchen erhaschen, und dann konnte ihn keiner dazu
-bringen, in seiner Rede eher fortzufahren, als bis er das ihm entfallene
-Wort gefunden hatte. Seine Bemerkung, daß der Angeklagte in normalem
-Zustande auf die Damen hätte blicken müssen, rief im Publikum ein
-lustiges Geflüster hervor. Alle unsere Damen hatten den Alten sehr gern,
-denn sie wußten, daß er, der fromm und keusch war, nur deswegen nicht
-geheiratet hatte, weil er zu hoch und ideal von den Frauen dachte, und
-sie für entschieden höhere Wesen hielt. Darum erschien diese unerwartete
-Bemerkung allen sehr sonderbar.
-
-Der berühmte Moskauer Arzt erklärte seinerseits schneidend und bestimmt,
-daß er den geistigen Zustand des Angeklagten für unnormal halte – „sogar
-im höchsten Grade“. Er sprach viel und klug über den „Affekt“ und die
-„Manie“ und wies darauf hin, daß, nach allen Angaben zu schließen, der
-Angeklagte sich schon einige Tage vor der Katastrophe zweifellos im
-Affekt befunden habe, und wenn er die Tat vollführt haben sollte, so sei
-das, wenn auch nicht unbewußt, so doch unfreiwillig geschehen, da er
-keine Kraft mehr gehabt habe, gegen seine sittlich krankhaften
-Neigungen, die ihn beherrschten, anzukämpfen. Doch außer dem Affekt
-konstatierte der Doktor auch Manie, die seiner Meinung nach darauf
-hinwies, daß er schon auf dem Wege zu vollkommenem Wahnsinn gewesen sei.
-Ich gebe die Aussagen des Doktors mit meinen Worten wieder; er drückte
-sich in seiner fachmännischen Sprache sehr gelehrt aus. „Alle seine
-Handlungen stehen im Widerspruch zur Logik und dem gesunden
-Menschenverstande,“ fuhr er fort. „Ich will schon von alledem nichts
-sagen, was ich nicht gesehen habe, das heißt, vom Verbrechen selbst und
-von dieser ganzen Katastrophe, doch vor drei Tagen fiel mir im Gespräch
-mit ihm sein sonderbarer, unbeweglicher Blick auf, sein unerwartetes
-Lachen, wenn es gar nicht am Platz war, seine ewige unverständliche
-Gereiztheit, seltsame Worte, wie: ‚Bernard‘, ‚Ethik‘ und andere, die gar
-nicht angebracht waren.“ Vor allem aber sah der Doktor darin eine Manie,
-daß der Angeklagte ganz besonders gereizt sei, „wenn man von den
-dreitausend Rubeln spricht, um die er sich betrogen glaubt, während er
-von allen seinen anderen Fehlschlägen und erlittenen Kränkungen ganz
-harmlos sprechen kann“. Endlich sei er, nach den eingezogenen
-Erkundigungen, auch früher schon jedesmal, wenn man von diesen
-Dreitausend gesprochen hatte, außer sich geraten, „während man doch
-weiß, daß er uneigennützig und kein Egoist ist“. „Was aber die Ansicht
-meines gelehrten Kollegen betrifft,“ fügte der Doktor noch ironisch
-hinzu, nachdem er seine Rede beendet hatte, „daß der Angeklagte, als er
-in den Saal trat, durchaus zu den Damen und nicht gerade vor sich hin
-hätte blicken müssen, so sage ich nur, daß, abgesehen von der
-Scherzhaftigkeit dieser Ansicht, diese außerdem noch absolut falsch ist:
-denn, obgleich ich darin vollkommen mit ihm übereinstimme, daß der
-Angeklagte, als er hier in diesen Saal eintrat, in dem über sein
-Geschick entschieden wird, nicht starr vor sich hinsehen sollte, was
-durchaus ein Zeichen seines unnormalen seelischen Zustandes im gegebenen
-Augenblick ist, so behaupte ich doch zu gleicher Zeit, daß er nicht nach
-links zu den Damen, sondern nach rechts hätte sehen sollen, zu seinem
-Verteidiger, auf dessen Hilfe er jetzt seine ganze Hoffnung setzt, und
-von dessen Verteidigung sein ganzes Geschick abhängt.“ Diese seine
-Meinung sprach der Doktor sehr bestimmt und nachdrücklich aus. Doch
-wirkten die Behauptungen beider gelehrten Experten durch ihren
-Widerspruch ein wenig komisch, besonders noch nach der unerwarteten
-Folgerung des Arztes Warwinskij, der als Dritter befragt wurde. Seiner
-Meinung nach befand sich der Angeklagte jetzt wie früher in ganz
-normalem Zustande, und wenn er auch vor seiner Verhaftung
-außerordentlich nervös und erregt gewesen sein mochte, es könne das doch
-auf die alleraugenscheinlichsten Ursachen zurückgeführt werden, wie z.
-B. Eifersucht, Zorn, die fortwährende Betrunkenheit usw. Doch dieser
-nervöse Zustand brauchte absolut keinen besonderen „Affekt“ in sich zu
-schließen, von dem soeben die Rede gewesen war. Und was das anbelangt,
-ob der Angeklagte nach links oder nach rechts hätte sehen sollen, als er
-in den Saal trat, so mußte der Angeklagte, nach seiner „bescheidenen
-Meinung“, geradeaus sehen, wie er es auch getan, denn geradeaus vor ihm
-saßen ja der Vorsitzende und die Gerichtspersonen, von denen jetzt sein
-ganzes Geschick abhing, so daß er, „indem er geradeaus sah, damit
-bewiesen hat, wie normal der Zustand seines Geistes im gegebenen
-Augenblick ist“, schloß mit einigem Feuer der junge Arzt seine
-„bescheidene“ Aussage.
-
-„Bravo, Doktor!“ rief Mitjä von seinem Platz aus, „genau so war es!“
-
-Mitjä wurde natürlich wieder zum Schweigen gebracht, aber die Meinung
-des jungen Arztes hatte die ausschlaggebende Wirkung auf das Gericht und
-auch auf das Publikum, denn, wie sich nachher zeigte, waren alle mit ihm
-einverstanden. Übrigens sagte Doktor Herzenstube, der auch als Zeuge
-vernommen wurde, ganz unerwartet und ganz plötzlich noch etwas zugunsten
-Mitjäs aus. Als alter Einwohner unserer Stadt, der schon lange die
-Familie Karamasoff kannte, machte er sehr interessante Aussagen zur
-Entlastung Mitjäs und darauf fügte er, als wäre ihm plötzlich wieder
-etwas eingefallen, hinzu:
-
-„Indessen konnte dem armen jungen Manne ein besseres Geschick zuteil
-werden, denn er hatte ein gutes Herz als Kind, wie auch noch später, ich
-weiß es genau. Ein russisches Sprichwort lautet: ‚Wenn jemand Verstand
-hat, so ist es gut, wenn aber ein kluger Mensch zu ihm zum Besuch kommt,
-so ist es noch besser, denn dann werden es zwei kluge Menschen sein und
-nicht nur einer ...‘“
-
-„‚Ein Verstand ist gut, aber zwei sind besser,‘“ unterbrach ihn
-ungeduldig der Staatsanwalt, der die Gewohnheit des guten Alten kannte,
-langsam, gedehnt und umständlich zu reden, ohne sich darüber aufzuregen,
-daß er andere warten ließ, der, im Gegenteil, selbst sehr von seinem
-schwerfälligen, fröhlich-selbstzufriedenen Humor eingenommen war. Der
-gute Alte sprach gern viel und gut.
-
-„Oh, ja, ja, das habe ich ja auch gesagt,“ griff der Alte beharrlich
-auf, „ein Verstand ist gut, aber zwei sind besser, dasselbe Sprichwort
-habe ich ja auch gesagt. Doch zu ihm ist niemand mit einem Verstande
-gekommen, und den seinen hat er selbst herausgelassen ... Wie sagt man
-das? Dieses Wort – wohin er seinen Verstand ... ich habe es vergessen,“
-stotterte er und griff wieder vor seinem Gesicht mit der Hand danach,
-„ach, ja, spazieren.“
-
-„Spazieren?“
-
-„Nun, ja, spazieren, das habe ich ja auch gesagt. Sein Verstand ist ihm
-spazieren gegangen und dabei in ein so tiefes Loch gefallen, daß er sich
-vollständig verloren hat. Doch nichtsdestoweniger war er ein guter und
-gefühlvoller Junge, oh, ich erinnere mich seiner sehr wohl, wie er noch
-ganz klein war, von seinem Vater auf den Hinterhof hinausgeworfen, und
-wie er da ohne Stiefelchen umherlief, und wie die kleinen Höschen an
-einem Knopf hingen ...“
-
-Eine gefühlvolle und innige Note klang in der Stimme des guten Alten.
-Fetjukowitsch horchte auf, als hoffe er, sich an etwas anklammern zu
-können.
-
-„Ja, ja, ich selbst war damals noch ein junger Mensch ... Ich ... nun
-ja, ich war damals fünfundvierzig Jahre alt, ich war vor kurzem hier
-angekommen, und mir tat der Junge leid, und ich fragte mich: Sollte ich
-ihm nicht ein Pfund ... Nun, ja, ein Pfund ... Ich habe vergessen, wie
-man das sagt ... Pfund von dem, was die Kinder sehr lieben, wie sagt man
-das, – ach nun, wie ist doch das Wort ...“ (er griff wieder mit der Hand
-danach) „sie wachsen an Bäumen, man sammelt sie und schenkt sie allen
-Kindern ...“
-
-„Äpfel?“
-
-„O nein, nein, nein! Ein Pfund, ein Pfund ... Äpfel kauft man nicht
-pfundweise ... nein, sie sind alle klein, und man bekommt viele auf ein
-Pfund, man legt sie in den Mund und – krach! ...“
-
-„Nüsse?“
-
-„Nun, ja, Nüsse, das habe ich ja auch gesagt,“ bekräftigte der Doktor
-gelassen, als hätte er das Wort nie im Leben gesucht, „und ich brachte
-ihm ein Pfund Nüsse, denn dem Jungen hatte noch niemals jemand ein Pfund
-Nüsse gebracht, und ich hob meinen Finger auf und sagte ihm auf Deutsch:
-‚Junge! Gott der Vater,‘ er lachte und sagte: ‚Gott der Vater.‘ – ‚Gott
-der Sohn.‘ Er lachte noch mehr und stammelte: ‚Gott der Sohn.‘ – ‚Gott
-der Heilige Geist.‘ Er lachte wieder und wiederholte, so gut er konnte:
-‚Gott der Hei-Heilige Geist.‘ Ich ging fort, und nach drei Tagen, wie
-ich an ihm vorübergehe, ruft er mir zu: ‚Onkel! Gott der Vater, Gott der
-Sohn ...‘ – doch Gott den Heiligen Geist hatte er vergessen, ich sagte
-es ihm wieder vor, und er sprach es brav nach, und er tat mir wieder
-sehr leid. Dann brachte man ihn fort, und ich sah ihn nicht mehr. Und
-siehe, es vergingen dreiundzwanzig Jahre. Eines Morgens sitze ich in
-meinem Kabinett, schon mit weißem Haar, und plötzlich tritt ein
-blühender, junger Mann bei mir ein, den ich niemals wiedererkannt hätte,
-doch er hob den Finger und sagte lachend auf Deutsch: ‚Gott der Vater,
-Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist! Ich bin soeben angekommen und
-habe Sie aufgesucht, um Ihnen für das Pfund Nüsse zu danken, denn Sie
-allein haben mir ein Pfund Nüsse geschenkt.‘ Ich dachte dann an meine
-eigene glückliche Jugend im Elternhause und an diesen armen, kleinen
-Jungen ohne Stiefelchen auf dem Hof, und mein Herz drehte sich in mir
-um, und ich sagte zu ihm: ‚Du guter junger Mann, du hast dieses Pfund
-Nüsse nicht vergessen, das ich dir in deiner Kindheit geschenkt habe.‘
-Und ich umarmte und segnete ihn. Und ich weinte. Er lachte, doch weinte
-er eigentlich gleichfalls, denn der Russe lacht manchmal dann, wenn er
-weinen will. Er weinte, ich habe es gesehen. Jetzt aber, wie traurig!
-...“
-
-„Und auch jetzt weine ich, Deutscher, auch jetzt weine ich, du
-gottesfürchtiger Mann!“ rief ihm plötzlich Mitjä von seinem Platze aus
-zu.
-
-Auch diese Anekdote machte auf das Publikum einen freundlichen Eindruck.
-Doch das Hauptereignis zugunsten Mitjäs waren die Aussagen Katerina
-Iwanownas, die ich sofort wiedergeben werde. Und überhaupt, als die
-Reihe an die Entlastungszeugen kam, das heißt, an die vom Verteidiger
-gestellten Zeugen, da schien das Glück Mitjä zu lächeln, und was ganz
-besonders bemerkenswert war: – dies kam selbst dem Verteidiger ganz
-unerwartet. Doch vor Katerina Iwanowna wurde noch Aljoscha verhört, der
-sich plötzlich einer Tatsache erinnerte, die wirklich ein wichtiges
-Zeugnis gegen den Hauptpunkt der Beschuldigung sein konnte.
-
-
- IV.
- Das Glück lächelt Mitjä
-
-Es geschah das sogar für Aljoscha ganz unerwartet. Er wurde unvereidigt
-vernommen, und ich erinnere mich, daß man sich allerseits, von den
-ersten Worten des Verhörs an, außerordentlich zartfühlend und
-sympathisch zu ihm verhielt. Da sah man deutlich, welch eines guten
-Rufes er sich erfreute! Aljoscha drückte sich bescheiden und
-zurückhaltend aus, doch aus allen seinen Aussagen brach sein heißes
-Mitgefühl hervor und seine ganze Liebe, die er für den unglücklichen
-Bruder empfand. In Beantwortung einer ihm vorgelegten Frage zeichnete er
-den Charakter seines Bruders als den eines vielleicht unbändigen und von
-Leidenschaften beherrschten Menschen, der andererseits wiederum edel,
-stolz und hochherzig sei, und der zu jedem Opfer bereit wäre, wenn man
-es von ihm verlangen würde. Er gab übrigens zu, daß der Bruder in den
-letzten Tagen aus Leidenschaft zu Gruschenka und als Gegner des Vaters
-in einer unerträglichen Lage gewesen war. Doch mit Unwillen wies er die
-Annahme zurück, der Bruder hätte am Vater einen Raubmord verübt,
-obgleich er zugeben mußte, daß diese Dreitausend bei Mitjä zu einer
-fixen Idee geworden waren, daß er sie durch Betrug des Vaters von seinem
-Erbe entwendet glaubte: während Mitjä sonst nicht im mindesten
-eigennützig war, so habe er von diesen Dreitausend doch nicht reden
-können, ohne dabei in Wut zu geraten. Über die Gegnerschaft zweier
-„Personen“, wie sich der Staatsanwalt ausdrückte – damit meinte er
-Gruschenka und Katjä –, antwortete er ausweichend, und auf einige Fragen
-verweigerte er jede Antwort.
-
-„Hat Ihr Bruder Ihnen gesagt, daß er seinen Vater zu erschlagen
-beabsichtige?“ fragte der Staatsanwalt. „Sie brauchen darauf nicht zu
-antworten, wenn Sie es für nötig befinden,“ fügte er hinzu.
-
-„Direkt hat er es mir nicht gesagt,“ antwortete Aljoscha.
-
-„Wie dann? Etwa indirekt?“
-
-„Er sprach einmal von seinem persönlichen Haß gegen den Vater, und daß
-er fürchte ... in einem Augenblick ... daß er in einem Augenblick
-äußersten Widerwillens ... ihn vielleicht sogar erschlagen könnte.“
-
-„Und als Sie das hörten, glaubten Sie ihm?“
-
-„Ich fürchte mich zu sagen, daß ich ihm glaubte. Ich war aber immer fest
-überzeugt, daß ein höheres Gefühl ihn in der verhängnisvollen Minute
-davor bewahren werde, wie es ja auch in der Tat geschehen ist, denn
-_nicht er_ hat meinen Vater erschlagen,“ schloß Aljoscha mit fester,
-durch den ganzen Saal laut schallender Stimme.
-
-Der Staatsanwalt fuhr zusammen wie ein Streitroß, das ein
-Trompetensignal hört.
-
-„Seien Sie überzeugt, daß ich an die vollkommene Aufrichtigkeit Ihrer
-Überzeugung glaube, ohne dieselbe zu der Liebe, die Sie für Ihren
-unglücklichen Bruder empfinden, in Beziehung zu bringen. Die eigenartige
-Anschauung, die Sie von dieser ganzen Tragödie, die sich in Ihrer
-Familie abgespielt hat, haben, ist uns schon aus dem ersten Verhör
-bekannt. Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß sie im höchsten Grade
-persönlich ist und allen übrigen Zeugenaussagen widerspricht. Darum
-halte ich es auch für nötig, Sie mit allem Nachdruck zu fragen, was Ihre
-Gedanken darauf gebracht hat, und wodurch Sie eigentlich von der
-Unschuld Ihres Bruders überzeugt worden sind, und warum Sie an die
-Schuld der anderen Person glauben, auf die Sie schon früher hingewiesen
-haben?“
-
-„Beim ersten Verhör habe ich nur auf die Fragen geantwortet,“ sagte
-Aljoscha ruhig und leise, „ich habe nicht ohne weiteres Anklage gegen
-Ssmerdjäkoff erhoben.“
-
-„Aber Sie haben doch auf ihn hingewiesen.“
-
-„Ich habe dies auf Grund der Aussage meines Bruders Dmitrij getan. Man
-erzählte mir noch vor meinem Verhör, was sich bei der Verhaftung meines
-Bruders zugetragen hatte, und daß er auf Ssmerdjäkoff gewiesen hätte.
-Ich glaube unerschütterlich daran, daß mein Bruder unschuldig ist. Und
-wenn nicht er den Vater erschlagen hat, so hat ...“
-
-„So hat es Ssmerdjäkoff getan? ... Warum aber gerade Ssmerdjäkoff? Und
-warum sind Sie denn so von der Unschuld Ihres Bruders überzeugt?“
-
-„Ich kann nicht anders, als meinem Bruder glauben. Ich weiß, daß er mich
-nicht belügen wird. Ich habe es an seinem Gesicht gesehen, daß er mich
-nicht belügt.“
-
-„Nur am Gesicht? Ist das Ihr einziger Beweis?“
-
-„Mehr Beweise habe ich nicht.“
-
-„Und bei der Beschuldigung Ssmerdjäkoffs haben Sie auch nicht den
-geringsten Beweis, außer den Worten Ihres Bruders und seinem
-Gesichtsausdruck?“
-
-„Nein, ich habe keinen anderen Beweis.“
-
-Damit brach der Staatsanwalt seine Fragen an ihn ab. Die Aussagen
-Aljoschas waren für das Publikum eine große Enttäuschung. Über
-Ssmerdjäkoff hatte man bei uns schon vor der Gerichtssitzung viel
-gesprochen, der eine hatte dieses gehört, der andere jenes. Und von
-Aljoscha hatte man gesagt, daß er irgendwelche außergewöhnliche Beweise
-in der Hand habe, zugunsten des Bruders und für die Schuld des Dieners,
-und siehe da, – nichts, gar keine Beweise hatte er, außer der sittlichen
-Überzeugung, die doch schließlich so verständlich war, bei dem
-leiblichen Bruder des Angeklagten.
-
-Darauf kam Fetjukowitsch an die Reihe. Auf die Frage: wann der
-Angeklagte ihm, Aljoscha, von seinem Haß gegen den Vater gesprochen und
-davon, daß er ihn töten könnte, und ob er das kurz vor der Katastrophe
-getan, etwa beim letzten Zusammentreffen usw. ... zuckte Aljoscha
-plötzlich zusammen, als ob er sich im Augenblick einer Sache erinnert
-hätte.
-
-„Ich erinnere mich jetzt eines Umstandes, den ich ganz vergessen hatte
-... damals war er mir unklar, jetzt aber ...“
-
-Und Aljoscha erzählte, hingerissen von dem Gedanken, der ihm so
-plötzlich gekommen war, wie Mitjä beim letzten Zusammentreffen, am
-Abend, auf dem Wege zum Kloster, dort bei der einsamen Weide, sich auf
-die Brust geschlagen, „hoch oben auf die Brust“, und dabei einigemal
-wiederholt hatte, daß er noch die Möglichkeit habe, seine Ehre wieder
-herzustellen, daß er die Mittel dazu hier auf seiner Brust hätte, „sieh
-hier, hier auf meiner Brust“ ... „Ich glaubte damals,“ fuhr Aljoscha
-fort, „daß er, indem er auf seine Brust schlug, von seinem Herzen
-sprach, davon, daß er aus seinem Herzen die Kräfte schöpfen werde, die
-große Schande, die er nicht einmal mir zu sagen wagte, von sich
-abzuwälzen. Ich muß gestehen, ich dachte damals, er spräche vom Vater,
-und daß er vor der Schande zurückschrecke, zum Vater zu gehen und ihm
-irgend etwas anzutun, während er, als er damals auf seine Brust schlug,
-wahrscheinlich auf irgend etwas hinweisen wollte. Ich erinnere mich
-jetzt, daß mir damals der Gedanke durch den Kopf fuhr, daß das Herz ja
-doch gar nicht auf der rechten Seite und doch viel niedriger liege; er
-aber schlug sich ganz hoch auf die Brust, fast unter dem Halse und wies
-immer auf diese eine Stelle hin. Mein Gedanke erschien mir dumm, doch
-er hat damals wahrscheinlich gerade auf das Geld, auf die
-tausendfünfhundert Rubel an seinem Halse hingewiesen! ...“
-
-„So war es!“ rief plötzlich Mitjä, vom Platze aufspringend, dazwischen.
-„So war es, Aljoscha, genau so, ich schlug damals mit der Faust auf die
-Brust, auf das Geldsäckchen!“
-
-Fetjukowitsch stürzte sofort eilig zu ihm hin, bat ihn, sich zu
-beruhigen, und dann klammerte er sich unverzüglich mit seinen Fragen an
-Aljoscha. Aljoscha war selbst aufs äußerste erregt und sprach lebhaft
-seine Überzeugung aus, daß die „Schande“ aller Wahrscheinlichkeit nach
-darin bestanden habe, daß er diese tausendfünfhundert Rubel bei sich
-trug, statt sie Katerina Iwanowna, als die Hälfte seiner Schuld,
-zurückzugeben, daß er sich doch nicht entschließen konnte, es zu tun und
-das Geld zur Entführung Gruschenkas benutzen werde, wenn diese
-einwilligte ...
-
-„So muß es gewesen sein, genau so,“ rief Aljoscha in großer Erregung
-aus. „Mein Bruder sagte mir damals, die Hälfte, die Hälfte der Schande –
-er rief mehreremal aus: ‚Die Hälfte!‘ – Die hätte er sofort von sich
-abwälzen können, doch wußte er im voraus, daß er nicht die Kraft haben
-werde, es zu tun!“
-
-„Und Sie wissen genau, Sie erinnern sich ganz deutlich dessen, daß er
-sich gerade an der Stelle auf die Brust geschlagen hat?“ fragte ihn
-Fetjukowitsch gespannt.
-
-„Klar und deutlich, denn ich dachte bei mir in dem Augenblick: warum
-schlägt er sich so hoch auf die Brust, das Herz liegt doch viel
-niedriger. Und gleich darauf erschien ich mir so dumm, weil ich an so
-etwas in diesem Augenblick denken konnte ... ich erinnere mich dessen
-ganz genau ... so dumm ... Daher ist mir soeben auch alles wieder
-eingefallen. Aber wie habe ich das nur vergessen können! Er wies ja nur
-deswegen auf diese Stelle hin, weil er damit sagen wollte, daß er die
-Möglichkeit hatte, tausendfünfhundert Rubel, die Hälfte der Schuld,
-zurückzugeben! Bei der Verhaftung in Mokroje aber hat er ausgerufen –
-ich weiß es, man hat es mir erzählt –, daß er es für die schmachvollste
-Tat seines ganzen Lebens halte, daß er diese Hälfte (gerade die Hälfte)
-der Schuld Katerina Iwanowna nicht abgegeben hat, um in ihren Augen kein
-Dieb zu sein, daß er sich nicht hat entschließen können, sie
-zurückzugeben, und lieber in ihren Augen ein Dieb geblieben ist! Ach,
-wie hat er sich gequält, wie hat er sich dieser Schuld wegen gequält!“
-rief Aljoscha traurig aus.
-
-Natürlich mischte sich der Staatsanwalt sofort in die Sache ein. Er bat
-Aljoscha, noch einmal zu beschreiben, wie sich das alles zugetragen
-hatte, und bestand auf der Frage: ob der Angeklagte, als er sich auf die
-Brust schlug, damit auf irgend etwas habe hinweisen wollen, oder ob er
-sich einfach mit der Faust auf die Brust geschlagen habe?
-
-„Nicht nur mit der Faust!“ rief Aljoscha erregt aus, „sondern mit den
-Fingern hat er auf diese Stelle hingewiesen, ganz hoch ... Wie habe ich
-das nur bis zu diesem Augenblick so ganz vergessen können!“
-
-Der Vorsitzende wandte sich an Mitjä mit der Frage, was er in betreff
-dieser Aussage zu bemerken wünsche. Mitjä bestätigte, daß alles sich so
-verhalten habe, daß er auf die Tausendfünfhundert hingewiesen, die er
-auf seiner Brust getragen, und daß es die größte Schande für ihn gewesen
-sei, „eine Schande, von der ich mich nicht lossagen kann, die
-schmählichste Handlung meines ganzen Lebens: es lag in meiner Macht, das
-Geld zurückzugeben, und ich habe es doch nicht getan! Ich wollte lieber
-in ihren Augen ein Dieb sein. Die größte Schmach bestand aber darin, daß
-ich wußte, was geschehen würde: daß ich das Geld nicht zurückgeben
-werde! Du hast recht, Aljoscha! Ich danke dir, Aljoscha!“
-
-Damit war das Verhör Aljoschas beendet. Wichtig und bezeichnend war
-gerade der Umstand, daß sich ein Anhalt gefunden hatte, oder wenigstens
-ein ganz geringer Beweis, oder auch nur ein Schatten von einem Beweise,
-der immerhin andeutete, daß es das Säckchen mit den Tausendfünfhundert
-tatsächlich gegeben haben konnte und der Angeklagte bei der
-Voruntersuchung in Mokroje nicht gelogen hatte, daß die anderthalb
-Tausend „_ihm gehörten_“. Aljoscha freute sich sehr; sein Gesicht war
-vor Freude ganz gerötet, und als er sich auf den ihm zugewiesenen Platz
-setzte, wiederholte er noch für sich: „Wie habe ich es nur vergessen
-können, wie habe ich’s nur vergessen können! Und wie ist es mir nur
-plötzlich wieder eingefallen!“
-
-Darauf begann das Verhör Katerina Iwanownas. Kaum war sie erschienen,
-als im Saal etwas Ungewöhnliches vor sich ging. Die Damen griffen zu
-ihren Lorgnons und Operngläsern, die Herren bewegten sich, einige
-erhoben sich sogar von ihren Plätzen, um besser sehen zu können. Alle
-behaupteten später, daß Mitjä plötzlich „bleich wie ein Tuch“ geworden
-sei, als sie eingetreten war. Sie war ganz in Schwarz gekleidet,
-bescheiden und fast schüchtern näherte sie sich dem ihr zugewiesenen
-Platz. Ihrem Gesicht konnte man die Aufregung nicht ansehen, aber in
-ihrem dunklen, umflorten Blick drückte sich Entschlossenheit aus. Später
-behaupteten viele, sie sei in diesem Augenblick außerordentlich schön
-gewesen. Sie sprach leise, aber deutlich, so daß man sie im ganzen Saale
-hören konnte. Sie drückte sich vollkommen ruhig aus, wenigstens gab sie
-sich den Anschein der größten Ruhe. Der Vorsitzende stellte seine Fragen
-sehr vorsichtig und außerordentlich ehrerbietig an sie, als fürchte er
-„gewisse Saiten“ zu berühren, als ehre er ihr großes Unglück. Doch
-Katerina Iwanowna erklärte selbst auf die ihr gestellten Fragen schon
-nach den ersten Worten, daß sie die Braut des Angeklagten gewesen sei
-„bis zu der Zeit, als er mich verließ“, fügte sie leise hinzu. Als man
-sie nach den Dreitausend fragte, die sie Mitjä übergeben hatte, damit er
-das Geld durch die Post an ihre Verwandten befördere, antwortete sie
-entschlossen: „Ich habe ihm das Geld nicht gegeben, damit er es gleich
-auf die Post bringe: ich wußte damals, daß er Geld brauchte ... gerade
-zu der Zeit ... Ich gab ihm diese Dreitausend unter der Bedingung, daß
-er sie _im Laufe des Monats_ abschicke ... Er hat sich ganz
-unnötigerweise wegen dieser Schuld so gequält ...“
-
-Ich werde hier nicht alle Fragen und Antworten genau wiedergeben,
-sondern nur den wesentlichen Sinn ihrer Aussagen.
-
-„Ich war fest überzeugt, daß er die Dreitausend sofort ersetzen werde,
-so wie er das Geld von seinem Vater erhielt,“ fuhr sie fort, als Antwort
-auf die Fragen. „Ich bin von seiner Uneigennützigkeit, wie von seiner
-Ehrenhaftigkeit ... von seiner großen Ehrenhaftigkeit ... in Geldsachen,
-stets überzeugt gewesen. Er hoffte, vom Vater noch dreitausend Rubel zu
-erhalten, er hat mir oft davon gesprochen. Ich wußte, daß er mit seinem
-Vater entzweit war, und ich war und bin auch noch jetzt der festen
-Überzeugung, daß er vom Vater übervorteilt worden ist. Ich erinnere mich
-nicht, je eine Drohung gegen den Vater von ihm vernommen zu haben. In
-meiner Gegenwart hat er wenigstens nie etwas Ähnliches geäußert. Wenn er
-damals zu mir gekommen wäre, so hätte ich ihn sofort wegen der
-Dreitausend beruhigt, die er mir schuldete, doch er kam nicht mehr zu
-mir ... und ich selbst ... war in einer solchen Lage, daß ich ihn nicht
-zu mir rufen konnte ... Und ich hatte auch gar kein Recht, die
-Rückerstattung dieser Schuld zu beanspruchen,“ fügte sie plötzlich
-hinzu, und in ihrer Stimme lag eine gereizte Entschlossenheit. „Er
-selbst hat mir einmal eine viel größere Gefälligkeit in einer Geldsache
-erwiesen, und ich hatte damals den Betrag, der viel größer als
-Dreitausend war, angenommen, ohne zu wissen, ob ich jemals imstande sein
-werde, ihm meine Schuld abzuzahlen ...“
-
-Im Ton ihrer Stimme lag etwas Herausforderndes.
-
-„Das war wohl nicht jetzt, sondern schon zu Anfang Ihrer Bekanntschaft?“
-griff Fetjukowitsch vorsichtig auf, da er sofort etwas für Mitjä
-Günstiges vermutete.
-
-Hier muß ich bemerken, daß er, obgleich er zum Teil auch von Katerina
-Iwanowna aus Petersburg berufen worden war, doch nichts von diesem ihrem
-Erlebnis und den ihr von Mitjä in jener Garnisonstadt geliehenen
-fünftausend Rubel wußte, und ebensowenig etwas vom „Fußfall“. Sie hatte
-ihm nichts davon gesagt. Und ich glaube, man kann fast mit Sicherheit
-annehmen, daß sie selbst bis zur letzten Minute nicht gewußt hat, ob sie
-von dieser „Begegnung“ vor Gericht erzählen würde oder nicht, und daß
-sie es dann nur auf eine plötzliche Eingebung hin doch tat.
-
-Nein, niemals werde ich diese Augenblicke meines Lebens vergessen
-können. Sie erzählte, sie erzählte _alles_, diese ganze Episode, wie
-auch Mitjä sie Aljoscha anvertraut hatte, auch von der „Verbeugung bis
-zur Erde“! Und auch davon, was sie dazu veranlaßt hatte, auch von ihrem
-Vater sprach sie, von ihrem Erscheinen bei Mitjä, doch mit keinem Wort
-und mit keiner Bemerkung wies sie darauf hin, daß Mitjä ihrer Schwester
-gesagt hatte: „Schicken Sie Katerina Iwanowna zu mir, ich werde ihr dann
-das Geld geben.“ Großmütig verschwieg sie das, und sie schämte sich
-nicht, es so darzustellen, als sei sie selbst aus eigenem Antriebe ...
-zu diesem jungen Offizier gelaufen ... in der Hoffnung, daß ... daß sie
-das Geld von ihm erhalten würde. Das war geradezu erschütternd. Mir
-wurde kalt und heiß, als ich es hörte, und der ganze Saal lag in
-Totenstille, jedes Wort wurde aufgefangen. Das war etwas Beispielloses.
-Von einem so selbstbewußten, alles verachtenden, stolzen Mädchen, wie
-sie es war, hätte man kaum eine solche Aufrichtigkeit, ein solches Opfer
-und eine solche Selbstvernichtung erwarten können. Und weshalb und für
-wen? Um ihren Verräter und Beleidiger zu retten, um irgend etwas, wenn
-auch nur etwas zu seiner Rettung beizutragen, um zu seinen Gunsten
-wenigstens einen guten Eindruck hervorzubringen! Und in der Tat: das
-Bild des Offiziers, der seine letzten fünftausend Rubel hingibt, –
-alles, was ihm für sein ganzes Leben noch geblieben ist – und sich
-ehrerbietig vor dem unschuldigen jungen Mädchen verneigt, erschien sehr
-sympathisch und verführerisch vor aller Augen. Doch ... mein Herz zog
-sich schmerzhaft zusammen! Ich fühlte, was daraus entstehen würde (und
-was ja auch daraus entstanden ist) – welch ein Klatsch! Welche
-Verleumdungen! Mit boshaftem Lächeln sprach man alsbald in der ganzen
-Stadt, daß die Erzählung vielleicht nicht ganz wahrheitsgetreu gewesen
-sei, besonders an der Stelle nicht, wo der Offizier angeblich das junge
-Mädchen „mit einer tiefen ehrerbietigen Verbeugung“ entläßt. Man machte
-Anspielungen darauf, daß da wohl etwas „ausgelassen“ worden war. „Und
-selbst, wenn dabei auch nichts ausgelassen, wenn es auch in Wahrheit
-alles so gewesen ist,“ sagten unsere geachtetsten Damen, „so bleibt es
-immer noch zweifelhaft, ob es für das junge Mädchen wohlanständig war,
-so zu handeln, selbst wenn es dadurch den Vater rettete.“ Hatte nun
-Katerina Iwanowna bei ihrem Verstande, ihrem Scharfblick, wirklich nicht
-vorausgesehen und gefühlt, daß man so sprechen würde? Natürlich hatte
-sie das vorausgewußt, und doch hatte sie sich entschlossen, alles zu
-sagen! Versteht sich, diese schmutzigen Zweifel an der Wahrheit der
-Erzählung kamen erst später auf. Im ersten Augenblick waren alle
-erschüttert. Die Herren des Gerichtshofes hörten Katerina Iwanowna mit
-einem fast andächtigen, fast verschämten Schweigen zu. Der Staatsanwalt
-erlaubte sich keine einzige weitere Frage über dieses Thema.
-Fetjukowitsch verneigte sich tief vor ihr. Oh, er triumphierte beinahe.
-Viel war gewonnen: ein Mensch, der in edler Aufwallung seine letzten
-fünftausend Rubel hingibt, und ein Mensch, der seinen Vater in der Nacht
-erschlägt, um von ihm dreitausend Rubel zu stehlen – waren einigermaßen
-unvereinbar in einer Person. Wenigstens konnte er jetzt den Raub
-leugnen. Die „Sache“ stand jetzt in einem ganz neuen Lichte. Etwas wie
-Sympathie für Mitjä hatte sich verbreitet. Mitjä selbst aber – so
-erzählte man sich später –, habe sich ein- oder zweimal von seinem
-Platze erhoben, war dann wieder auf die Bank zurückgefallen und hatte
-mit beiden Händen sein Gesicht bedeckt. Als sie geendet hatte, das weiß
-ich noch, da rief er plötzlich, ihr beide Hände entgegenstreckend, mit
-schluchzender Stimme aus:
-
-„Katjä, warum hast du mich zugrunde gerichtet!“
-
-Und er schluchzte laut auf, beherrschte sich aber sofort wieder und rief
-mit fester Stimme:
-
-„Jetzt bin ich verurteilt!“
-
-Darauf blieb er wie erstarrt sitzen, kreuzte die Arme über der Brust und
-biß die Zähne zusammen. Katerina Iwanowna blieb im Saal und setzte sich
-auf einen Stuhl, den man ihr anwies. Sie war bleich und saß mit
-niedergeschlagenen Augen da. Diejenigen, die in ihrer Nähe gesessen
-hatten, erzählten später, sie habe lange noch wie im Fieber gezittert.
-Nach ihr erschien Gruschenka zum Verhör.
-
-Ich nähere mich jetzt der Katastrophe, die sich ganz plötzlich entlud
-und durch die Mitjäs Sache verloren, sein Leben eigentlich erst zugrunde
-gerichtet wurde. Denn ich bin überzeugt, und alle Juristen haben es
-nachher gleichfalls ausgesprochen, daß man, wenn dieser Zwischenfall
-sich nicht ereignet hätte, wenigstens mildernde Umstände zugunsten des
-Angeklagten angenommen hätte. Doch davon später. Jetzt noch zwei Worte
-über Gruschenka.
-
-Auch sie erschien ganz in Schwarz gekleidet; um die Schultern trug sie
-ihren wundervollen schwarzen Schal. In ihrer leichten, unhörbaren, etwas
-wiegenden Gangart, wie sie sonst nur volleren Frauen eigen ist, näherte
-sie sich der Ballustrade. Sie sah weder nach links noch nach rechts,
-sondern blickte unverwandt auf den Vorsitzenden. Meiner Meinung nach war
-sie sehr schön in diesem Augenblick und durchaus nicht zu bleich, wie
-die Damen später behaupteten. Man sagte auch, sie hätte ein böses
-Gesicht gemacht. Ich denke nur, daß sie sehr gereizt war und als sehr
-schwer empfand, allen diesen verächtlich-neugierigen Blicken unseres
-skandalgierigen Publikums ausgesetzt zu sein. Sie hatte einen stolzen
-Charakter, der keine Verachtung ertragen konnte, einen von denen, die,
-wenn sie Verachtung argwöhnen, sofort in Zorn aufflammen und eine
-Gegenwehr suchen. Natürlich war dabei viel Schüchternheit und innere
-Scham wegen dieser Schüchternheit, so daß es schließlich kein Wunder
-war, wenn ihre Aussagen ungleich, bald zornig, verächtlich und zuweilen
-gezwungen grob waren, bald wieder von Herzen kommende Worte, aufrichtige
-Selbstverurteilung und Selbstbeschuldigung durchklangen. Manchmal sprach
-sie so, als wenn sie sich in einen Abgrund stürzen wollte: „Einerlei,
-was dabei herauskommt, aber ich sage es doch ...“ In bezug auf ihre
-Bekanntschaft mit Fedor Pawlowitsch bemerkte sie nur kurz abweisend:
-„Das sind alles Dummheiten, bin ich denn schuld daran, daß er sich mir
-aufdrängte?“ Nach einer Minute aber fügte sie hinzu: „Ich bin an allem
-schuld, ich lachte über den einen und den anderen, über den Alten, wie
-auch über – diesen ... und ich habe sie beide bis dahin gebracht.
-Meinetwegen ist alles geschehen!“ Als man auf Ssamssonoff zu sprechen
-kam, sagte sie barsch und herausfordernd: „Das geht niemanden etwas an!
-Er war mein Wohltäter, er hat mich aufgenommen, als meine Verwandten
-mich aus dem Hause jagten.“ Der Vorsitzende machte sie sehr höflich
-darauf aufmerksam, daß sie nur auf die Fragen zu antworten habe, ohne
-sich in unnützen Ausführlichkeiten zu ergehen. Gruschenka errötete, und
-ihre Augen blitzten auf.
-
-Das Geldpaket hatte sie nicht gesehen, sondern nur durch den „Mörder“
-gehört, daß Fedor Pawlowitsch ein Paket mit dreitausend Rubeln bei sich
-liegen habe. „Aber das sind ja alles nur Dummheiten, ich habe darüber
-nur gelacht und wäre nie zu ihm gegangen.“
-
-„Wen meinten Sie soeben mit dem ‚Mörder‘?“ erkundigte sich sofort der
-Staatsanwalt.
-
-„Ich meinte den Diener, den Ssmerdjäkoff meinte ich, der seinen Herrn
-erschlagen und gestern sich selbst erhängt hat.“
-
-Natürlich fragte man sie sofort, welche Gründe sie zu einer so
-entschiedenen Anschuldigung besitze, doch konnte auch sie keinen
-einzigen stichhaltigen Grund anführen.
-
-„Das hat Dmitrij Fedorowitsch mir selbst gesagt, und ihm können Sie
-glauben. Seine Braut hat ihn zugrunde gerichtet, so ist es, an allem ist
-nur sie allein schuld,“ sagte Gruschenka zitternd vor Eifersucht und mit
-gereizter Stimme.
-
-Man erkundigte sich sofort, auf wen sie denn jetzt wieder anspielte.
-
-„Auf das Fräulein dort, auf diese Katerina Iwanowna, auf wen denn sonst!
-Sie hat mich damals zu sich eingeladen, hat mich mit Schokolade
-traktiert, um sich bei mir einzuschmeicheln. Kein Schamgefühl hat sie,
-das ist es ...“
-
-Da aber wies sie der Vorsitzende streng zurück, mit der Bitte, sich in
-ihren Ausdrücken zu mäßigen. Ihr eifersüchtiges Herz brannte aber schon
-gar zu heiß, sie würde es selbst dann gesagt haben, wenn dieser Ausfall
-sie mit Tod und Verderben bedroht hätte.
-
-„Bei der Verhaftung des Angeklagten in Mokroje,“ begann sofort der
-Staatsanwalt, „haben Sie, als Sie ins Zimmer stürzten, ausgerufen: ‚Ich
-bin an allem schuld, ich gehe mit ihm zusammen in den Tod!‘ Folglich
-waren Sie in diesem Augenblick überzeugt, daß er den Vater ermordet
-hatte?“
-
-„Ich erinnere mich meiner Empfindungen, die ich damals hatte, nicht mehr
-genau,“ antwortete Gruschenka. „Alle schrien damals, er habe den Vater
-erschlagen, und ich begriff sofort, daß ich daran schuld war, daß er ihn
-nur meinetwegen erschlagen haben konnte. Als er mir aber darauf sagte,
-daß er unschuldig sei, da glaubte ich ihm sofort, glaube es auch jetzt
-noch und werde es immer glauben: dieser Mensch ist nicht fähig, zu
-lügen.“
-
-Fetjukowitsch fragte sie, wie ich mich erinnere, unter anderem auch über
-Rakitin und die fünfundzwanzig Rubel aus, die sie ihm versprochen hatte,
-wenn er Alexei Fedorowitsch Karamasoff zu ihr brächte.
-
-„Was ist denn dabei Wunderbares, daß er das Geld nahm!“ sagte Gruschenka
-verächtlich lächelnd, „er ist doch immer zu mir gekommen, um mich
-anzubetteln, manchmal habe ich ihm an dreißig Rubel im Monat gegeben,
-und eigentlich war es nur Verschwendung, denn für Essen und Trinken
-hatte er selbst Geld genug.“
-
-„Aus welchem Grunde waren Sie denn so freigebig zu Herrn Rakitin?“ griff
-Fetjukowitsch auf, ungeachtet dessen, daß der Vorsitzende wieder eine
-unruhige Bewegung machte.
-
-„Er ist doch mein Vetter. Seine Mutter und meine Mutter waren leibliche
-Schwestern. Er hat mich nur immer gebeten, ich solle es niemandem hier
-sagen, er schämt sich ja meiner so sehr!“
-
-Dieses neue Faktum kam allen ganz unerwartet, niemand hatte etwas davon
-gewußt, weder im Kloster, noch in der Stadt, sogar Mitjä nicht
-ausgenommen. Man erzählte sich später, daß Rakitin auf seinem Stuhle vor
-Scham feuerrot geworden sei. Gruschenka hatte noch vor ihrem Eintritt in
-den Saal erfahren, daß Rakitin gegen Mitjä ausgesagt hatte, und war
-deshalb wütend auf ihn. Die ganze Rede des Herrn Rakitin, seine ganze
-edle Gesinnung, alle seine Bemerkungen über die Leibeigenschaft, über
-die staatliche Unordnung Rußlands – alles war jetzt vernichtet!
-Fetjukowitsch war sehr zufrieden. Überhaupt fragte man Gruschenka nicht
-allzulange, und sie konnte ja auch nichts Neues mehr mitteilen. Im
-Publikum hinterließ sie einen sehr unangenehmen Eindruck. Hunderte
-verächtlicher Blicke waren auf sie gerichtet, als sie sich nach
-beendetem Verhör ziemlich weit von Katerina Iwanowna auf ihren Stuhl
-niederließ. Mitjä hatte die ganze Zeit, während der sie verhört worden
-war, geschwiegen und zu Boden gestarrt, als wäre er versteinert.
-
-Da erschien als Zeuge Iwan Fedorowitsch.
-
-
- V.
- Die Katastrophe
-
-Er war schon vor Aljoscha aufgerufen worden, doch der
-Gerichtsvollstrecker hatte dem Vorsitzenden gemeldet, daß der Zeuge
-infolge plötzlichen Unwohlseins nicht sofort erscheinen könne, sobald er
-sich aber besser fühle, bereit sein werde, seine Aussagen zu machen. Das
-war übrigens von niemandem gehört worden, erst später wurde es erzählt.
-Sein Erscheinen wurde im ersten Augenblick fast gar nicht bemerkt: Die
-Hauptzeugen, besonders die beiden Gegnerinnen, waren schon verhört
-worden, die Neugier war vorläufig befriedigt. Im Publikum verspürte man
-sogar eine leichte Ermüdung. Nur einige Zeugen sollten noch vernommen
-werden, die aller Wahrscheinlichkeit nach nichts Besonderes mehr
-aussagen konnten, da doch alles schon ausgesagt worden war. Die Zeit
-aber rückte vor. Iwan Fedorowitsch näherte sich ganz absonderlich
-langsam, ohne jemanden anzusehen, den Kopf gesenkt, als dächte er
-stirnrunzelnd über etwas nach. Er war tadellos gekleidet, doch sein
-Gesicht machte, wenigstens auf mich, einen krankhaften Eindruck: es war
-etwas gleichsam Überirdisches in diesem Gesicht, etwas, das dem Gesichte
-eines sterbenden Menschen ähnlich sah. Seine Augen waren trübe. Da blieb
-er stehen, erhob seinen Blick und ließ ihn langsam über den ganzen Saal
-gleiten. Ich sah, wie Aljoscha plötzlich von seinem Stuhl aufsprang und
-angstvoll ein „Ach!“ hervorstieß. Ich erinnere mich dessen noch ganz
-genau. Doch nur wenige bemerkten es.
-
-Der Vorsitzende erinnerte ihn zuerst daran, daß er ein unvereidigter
-Zeuge sei, daß er nach Belieben aussagen oder schweigen könne, doch
-dafür jedes Wort auf Treu und Gewissen sagen müsse usw. usw. Iwan
-Fedorowitsch hörte ihm zu und sah ihn mit seinem trüben Blick schweigend
-an. Plötzlich aber begann sein Gesicht sich allmählich zu verändern, auf
-seinen Lippen erschien ein Lächeln, und als der Vorsitzende vor
-Verwunderung zu sprechen aufhörte, da lachte er auch schon laut auf.
-
-„Nun, und was noch?“ fragte er mit lauter Stimme.
-
-Im Saale wurde es totenstill, man schien gleichsam etwas ... etwas
-vorauszufühlen!
-
-Der Vorsitzende wurde unruhig.
-
-„Sie ... fühlen sich vielleicht noch nicht ganz wohl?“ fragte er
-unsicher und suchte mit den Augen den Gerichtsvollstrecker.
-
-„Beunruhigen Sie sich nicht, Ew. Exzellenz, ich fühle mich ganz wohl und
-kann Ihnen etwas sehr Interessantes mitteilen,“ antwortete ihm Iwan
-Fedorowitsch plötzlich völlig ruhig und ehrerbietig.
-
-„Sie haben also eine besondere Mitteilung zu machen?“ fragte der
-Vorsitzende immer noch etwas mißtrauisch.
-
-Iwan Fedorowitsch sah wieder zu Boden, zögerte einige Sekunden lang,
-erhob aber dann seinen Kopf und sagte gleichsam etwas stockend:
-
-„Nein ... ich habe nichts ... Ich habe nichts Besonderes.“
-
-Darauf wurden ihm Fragen vorgelegt. Er antwortete ersichtlich ungern,
-gezwungen, kurz, sogar mit offenbarem Widerwillen, der sich bei ihm mit
-jedem Wort noch zu steigern schien – obgleich er übrigens noch ganz
-verständig antwortete. Auf viele Fragen erklärte er, von den Dingen
-nicht unterrichtet zu sein. Auch von den Abrechnungen des Vaters mit
-Dmitrij Fedorowitsch wußte er nichts. „Ich habe mich nicht damit
-beschäftigt,“ sagte er kurz. Drohungen des Angeklagten gegen den Vater
-hatte er gehört. Vom Geldpaket hatte er durch Ssmerdjäkoff erfahren ...
-
-„Alles ein und dasselbe,“ unterbrach er sich plötzlich, ersichtlich ganz
-erschöpft, „ich habe dem Gericht nichts Besonderes mitzuteilen.“
-
-„Ich sehe, daß Sie sich nicht wohl fühlen und begreife Ihre Gefühle
-...,“ bemerkte der Vorsitzende, und er wollte sich schon an die Parteien
-wenden, an den Staatsanwalt und den Verteidiger, mit der Aufforderung,
-wenn sie es für nötig hielten, an ihn Fragen zu stellen usw. ... als
-plötzlich Iwan Fedorowitsch mit erschöpfter Stimme sich an ihn wandte:
-
-„Ew. Exzellenz, entlassen Sie mich, bitte, ich fühle mich sehr krank.“
-
-Und mit diesen Worten, ohne die Erlaubnis abzuwarten, wandte er sich
-plötzlich um und wollte schon aus dem Saal gehen. Kaum aber hatte er
-einige Schritte gemacht, da blieb er stehen, als hätte er sich plötzlich
-bedacht, lächelte still und kehrte auf denselben Platz zurück, wo er
-soeben noch gestanden hatte.
-
-„Ich bin, Ew. Exzellenz, wie jenes Bauernmädchen ... das da singt ...
-Sie kennen es ... wie war es doch: ‚Will ich – so s-pring ich, will ich
-nicht – so s-pring ich nicht!‘ Man lockt sie mit dem Sarafan oder mit
-dem blauen Brautrock, damit sie hineinspringe und man sie binde und zur
-Trauung führe, sie aber sagt: ‚Will ich – so s-pring ich, will ich nicht
-– so s-pring ich nicht ...‘ Das ist so ein Brauch bei einem unserer
-Volksstämme ...“
-
-„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte der Vorsitzende streng.
-
-„Sehen Sie hier ...“ Iwan Fedorowitsch zog plötzlich ein Geldpaket
-hervor, „da ist das Geld ... dasselbe, das in dem Kuvert dort gelegen
-hat“ (er wies auf den Tisch mit den Sachbeweisen), „und um dessentwillen
-man den Vater erschlagen hat. Wohin soll ich es tun? Herr
-Gerichtsvollstrecker, übergeben Sie es.“
-
-Der Gerichtsvollstrecker nahm das Paket in Empfang und übergab es dem
-Vorsitzenden.
-
-„Auf welche Weise sind Sie in den Besitz dieses Geldes gelangt ... wenn
-das wirklich dasselbe Geld ist?“ fragte ihn der Vorsitzende verwundert.
-
-„Ich habe es von Ssmerdjäkoff, vom Mörder, erhalten, gestern ... Ich bin
-bei ihm gewesen, kurz bevor er sich erhängt hat. _Er_ hat den Vater
-erschlagen und nicht mein Bruder. Er hat ihn erschlagen, ich aber habe
-ihn zu töten gelehrt ... Wer wünscht denn nicht den Tod des Vaters? ...“
-
-„Sind Sie bei Verstande oder nicht?“ entfuhr es unwillkürlich dem
-Vorsitzenden.
-
-„Das ist es ja, daß ich bei Verstande bin ... bei gemeinem Verstande,
-genau so, wie auch Sie und wie alle diese ... Visagen!“ sagte Iwan,
-indem er sich plötzlich an das ganze Publikum wandte. „Man hat den Vater
-erschlagen, und plötzlich tun sie alle, als hätte es sie erschreckt!“
-rief er knirschend vor Wut und in jähzorniger Verachtung aus. „Der
-Freund verstellt sich vor dem Freunde! Die Lügner!! Alle wünschen den
-Tod des Vaters. Das eine Geschmeiß verschlingt das andere Geschmeiß ...
-Gäbe es keinen Vatermord – so würden Sie sich alle ärgern und sofort
-wütend auseinandergehen ... Schauspieler! ‚Brot und Schauspiele!‘
-Übrigens, auch ich bin gut! Haben Sie hier Wasser, geben Sie mir zu
-trinken, um Christi willen!“ Er faßte sich plötzlich an den Kopf.
-
-Der Gerichtsvollstrecker näherte sich ihm sofort. Aljoscha sprang auf
-und rief angstvoll: „Er ist krank, glauben Sie ihm nicht, er ist
-wahnsinnig!“ Katerina Iwanowna erhob sich von ihrem Stuhle und sah starr
-vor Schreck Iwan Fedorowitsch an. Auch Mitjä war aufgesprungen, sah ihn
-mit wildem, bangem Lächeln an und hörte ihm gierig zu.
-
-„Beruhigen Sie sich, ich bin nicht wahnsinnig, ich bin nur der Mörder!“
-begann Iwan wiederum. „Von einem Mörder kann man keine schönen Reden
-verlangen“ ... fügte er plötzlich sinnlos hinzu und lächelte verzerrt.
-
-Der Staatsanwalt beugte sich ersichtlich aufgeregt zum Vorsitzenden. Die
-Glieder des Gerichtshofes flüsterten erregt und besorgt untereinander.
-Fetjukowitsch spitzte die Ohren. Der ganze Saal erstarb in fieberhafter
-Spannung. Der Vorsitzende schien sich plötzlich zu besinnen.
-
-„Zeuge, Ihre Worte sind unverständlich, und hier an diesem Ort
-unmöglich. Beruhigen Sie sich, wenn Sie können, und erzählen Sie dann
-... wenn Sie wirklich etwas zu erzählen haben. Womit können Sie dieses
-Eingeständnis bezeugen ... wenn Sie nur nicht phantasieren?“
-
-„Das ist es ja, daß ich keine Zeugen habe. Der Hund Ssmerdjäkoff wird
-aus dem Jenseits keine Beweise schicken ... im Paket. Sie wollen immer
-nur Pakete haben, und das eine sollte doch genügen. Nein, ich habe keine
-Zeugen ... Außer dem einen vielleicht ...“ fügte er – mit einem
-nachdenklichen Lächeln hinzu.
-
-„Wer ist Ihr Zeuge?“
-
-„Mit einem Schwanz, Ew. Exzellenz, das aber würde hier formwidrig sein!
-_Le diable n’existe point!_ Schenken Sie ihm keine Aufmerksamkeit, er
-ist ja nur ein ganz elender kleiner Teufel,“ fügte Iwan gleichsam
-zutraulich hinzu und hörte plötzlich auf zu lachen. „Sicherlich hat er
-sich hier irgendwo versteckt, sehen Sie dort unter dem Tisch mit den
-Sachbeweisen! Wo sollte er denn sonst sitzen, wenn nicht dort? Sehen
-Sie, hören Sie mich an: Ich sagte ihm: ich will nicht schweigen, er aber
-redet von der geologischen Umwälzung ... Dummheiten! Nun, befreien Sie
-doch das Ungeheuer! ... Er hat eine Hymne gesungen, und das tut er, weil
-es ihm leicht ist! ... Was geht es mich an, ob die betrunkene Kanaille
-grölt ‚Ach, mein Wanjka fuhr nach Piter,‘ ich aber würde für zwei
-Sekunden Freude eine Quadrillion Quadrillionen geben! Sie kennen mich ja
-nicht! Oh, wie ist das alles dumm bei Ihnen! So nehmen Sie mich doch
-jetzt statt seiner! Zu irgend etwas bin ich doch hergekommen ... Warum,
-warum ist alles, was ist, so dumm, so dumm? ...“
-
-Und er begann wieder langsam und wie tiefsinnig sich im Saal umzusehen.
-Doch jetzt war alles schon in heller Aufregung. Aljoscha sprang von
-seinem Platz auf und wollte zu ihm stürzen, doch da hatte der
-Gerichtsvollstrecker Iwan Fedorowitsch bereits am Arme gefaßt.
-
-„Was soll denn das bedeuten?“ schrie ihn dieser an und blickte dem
-Gerichtsvollstrecker starr ins Gesicht, – und plötzlich packte er ihn
-jähzornig an den Schultern und schleuderte ihn zu Boden.
-
-Doch da eilte schon die Polizeiwache herbei und ergriff ihn. Er aber
-stieß plötzlich einen rasenden Schrei aus. Und die ganze Zeit, während
-der man ihn bändigte und forttrug, schrie er laut unzusammenhängende
-Worte.
-
-Es erhob sich ein allgemeiner Tumult. Ich erinnere mich nicht mehr genau
-aller weiteren Vorgänge, ich war selbst zu aufgeregt, um alles zu
-verfolgen. Ich weiß nur, daß, als alle sich einigermaßen beruhigt und
-begriffen hatten, um was es sich handelte, der Gerichtsvollstrecker
-einen Verweis erhielt, obgleich er dem Gerichtshof aufs bestimmteste
-versicherte, der Zeuge sei die ganze Zeit über gesund gewesen; der
-Doktor habe ihn untersucht, als ihm vor einer Stunde etwas schlecht
-geworden war, vor seinem Eintritt in den Saal habe er aber ganz
-vernünftig und zusammenhängend gesprochen, so daß etwas Derartiges
-vorauszusehen unmöglich gewesen wäre; und er fügte noch hinzu, daß der
-Zeuge selbst sogar darauf bestanden habe, die Aussage zu machen. Doch
-kaum fing man an, sich zu beruhigen und zu besinnen, als sich schon eine
-neue Szene abspielte: Katerina Iwanowna bekam einen hysterischen Anfall.
-Sie weinte und schluchzte laut, wollte aber nicht fortgehen: sie bat und
-flehte, man solle sie nicht hinausbringen, und plötzlich rief sie dem
-Vorsitzenden zu:
-
-„Ich muß Ihnen noch etwas mitteilen, sofort ... sofort! ... Hier ist das
-Papier, der Brief ... nehmen sie ihn, lesen sie ihn, schneller,
-schneller! Das ist der Brief dieses Ungeheuers, dort, dieses, dieses!“
-und sie wies auf Mitjä. „Er hat den Vater erschlagen, Sie werden es
-sofort sehen, er schreibt mir, wie er den Vater erschlagen würde! Der
-andere aber ist krank, schwer krank und im Delirium! Ich habe es schon
-vor drei Tagen bemerkt, daß er wahnsinnig ist!“
-
-So schrie sie außer sich. Der Gerichtsvollstrecker nahm ihr das Papier
-ab, das er dann dem Vorsitzenden überreichte, sie aber fiel auf ihren
-Stuhl zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Sie schluchzte
-konvulsivisch und zitterte am ganzen Körper, bemühte sich aber aus aller
-Kraft, jeden Laut zu unterdrücken, wahrscheinlich aus Furcht, daß man
-sie sonst aus dem Saale bringen würde. Das Papier, das sie übergeben
-hatte, war derselbe Brief, den Mitjä im Gasthaus „Zur Hauptstadt“
-geschrieben, und den Iwan Fedorowitsch den „mathematischen“ Beweis der
-Schuld Mitjäs genannt hatte. Und wehe, dieser Brief wurde denn auch als
-mathematisch klarer Beweis anerkannt! Wenn dieser Brief nicht gewesen
-wäre, so wäre Mitjä nicht zugrunde gerichtet worden, oder wenigstens
-wäre das nicht in so furchtbarer Weise geschehen! Ich wiederhole, es war
-schwer, alle Einzelheiten zu verfolgen. Auch jetzt noch erscheint mir
-das alles wie ein Chaos. Wahrscheinlich hat der Vorsitzende das neue
-Dokument darauf dem Gericht übergeben, dem Staatsanwalt, dem Verteidiger
-und den Geschworenen. Ich erinnere mich nur noch, wie man die Zeugin zu
-befragen anfing. Auf die Frage, ob sie sich beruhigt habe, die der
-Vorsitzende sehr höflich und geradezu mitfühlend an sie stellte, rief
-Katerina Iwanowna eifrig aus:
-
-„Ich bin bereit, ich bin bereit! Ich bin durchaus imstande, Ihnen zu
-antworten,“ fügte sie hinzu, augenscheinlich in großer Angst, daß man
-sie aus irgendeinem Grunde nicht anhören werde.
-
-Man bat sie, alles ausführlich zu erklären, was das für ein Brief sei,
-und unter welchen Umständen sie ihn erhalten habe.
-
-„Ich habe ihn kurz vor seinem Verbrechen erhalten, geschrieben hat er
-ihn zwei Tage vorher, im Gasthaus ... Sehen Sie die Rückseite, er ist
-auf eine Rechnung geschrieben!“ rief sie atemlos. „Er haßte mich in dem
-Augenblick, weil er selbst eine gemeine Handlung begangen hatte, und
-diesem verworfenen Geschöpf nachlief ... und vor allem, weil er mir
-diese Dreitausend schuldete ... Oh, diese Dreitausend kränkten ihn, weil
-er sich ihretwegen so erniedrigt hatte! Mit diesen Dreitausend verhielt
-es sich so – ich bitte Sie, ich flehe Sie an, mich anzuhören! Vier
-Wochen vor der Ermordung seines Vaters kam er eines Morgens zu mir. Ich
-wußte, daß er Geld nötig hatte, und wußte auch, wozu – gerade, gerade
-dazu, um dieses Geschöpf verführen und mit ihr entfliehen zu können. Ich
-wußte damals, daß er mir untreu geworden war und mich verlassen wollte,
-und ich, ich selbst, gab ihm das Geld dazu, gab es ihm unter dem
-Vorwande, es meiner Schwester nach Moskau zu schicken, – und als ich es
-ihm übergab, sah ich ihm ins Gesicht und sagte ihm, er möge es absenden,
-wann er, wann er es wolle, ‚wenn auch erst nach einem Monat‘. Wie,
-sollte er wirklich nicht verstanden haben, daß ich ihm gerade ins
-Gesicht sagte: ‚Du hast Geld nötig, um mit jenem Geschöpf an mir zum
-Verräter zu werden, so nimm hier das Geld dazu, ich gebe es dir selbst,
-nimm es, wenn du so ehrlos bist, daß du es nehmen kannst!‘ Ich wollte
-ihn prüfen! Und was glauben Sie? Er nahm es, er nahm das Geld und ging
-davon! Und noch in derselben Nacht hatte er es mit diesem Geschöpf
-verschleudert, dort, in einer Nacht ... Doch er fühlte es, fühlte es nur
-zu gut, daß ich alles wußte, ich versichere Sie, er fühlte auch, daß ich
-ihn mit dem Gelde nur hatte prüfen wollen: wird er so ehrlos sein, daß
-er es von mir annimmt, oder nicht? Ich hatte ihm in die Augen gesehen,
-und er hatte mir in die Augen gesehen und alles verstanden, alles
-verstanden, und er behielt es doch, behielt es doch, das Geld, und ging
-zu ihr!“
-
-„Du hast recht, Katjä!“ rief plötzlich Mitjä laut. „Ich sah dir in die
-Augen und begriff, daß du mich ehrlos machen wolltest, und nahm trotzdem
-dein Geld! Verachten Sie den Schurken, meine Herren, verachten Sie ihn
-alle, ich habe es verdient!“
-
-„Angeklagter,“ schrie der Vorsitzende wütend, „noch ein Wort – und ich
-gebe den Befehl, Sie hinauszuführen!“
-
-„Dieses Geld quälte ihn aber,“ fuhr Katjä krampfhaft sich beeilend fort,
-„er wollte es mir wiedergeben, er wollte es, das ist wahr, aber er
-brauchte das Geld für dieses Geschöpf. Und da hat er denn seinen Vater
-erschlagen, das Geld aber hat er mir doch nicht wiedergegeben, sondern
-ist zu ihr in jenes Dorf gefahren, wo man ihn ergriffen hat. Dort hat er
-auch dieses Geld verpraßt, das er vom ermordeten Vater gestohlen hatte.
-Und am Tage vor der Ermordung des Vaters hat er mir diesen Brief
-geschrieben, er hat ihn in der Betrunkenheit geschrieben, das habe ich
-sofort begriffen, hat ihn aus Wut geschrieben, denn er wußte, er wußte
-zu genau, daß ich diesen Brief niemandem zeigen würde, selbst wenn er
-den Mord ausführen sollte. Denn sonst hätte er ihn doch nicht
-geschrieben! Er wußte doch, daß ich mich niemals an ihm rächen, noch ihn
-zugrunde richten würde. Aber lesen Sie ihn, lesen Sie ihn aufmerksam,
-bitte, so aufmerksam wie möglich, und Sie werden sehen, daß er im Brief
-alles schon im voraus beschrieben hat: Wie er den Vater erschlagen wird,
-und wo das Geld bei ihm liegt. Sehen Sie, bitte, lassen Sie nichts aus,
-dort steht eine Phrase: ‚Ich werde ihn erschlagen, wenn nur Iwan
-abreisen würde.‘ Folglich hat er schon im voraus alles bedacht, wie er
-ihn umbringen könnte!“ Katerina Iwanowna wies schadenfroh und gehässig
-auf diesen einen Satz hin. Oh, man sah es, daß sie sich in alle
-Einzelheiten dieses verhängnisvollen Briefes hineingelesen und jedes
-Wort in ihm studiert hatte. „Wenn er nicht betrunken gewesen wäre, so
-hätte er ihn nicht geschrieben, doch lesen Sie nur, alles hat er in ihm
-schon im voraus angegeben, alles, ganz genau, wie er es später auch
-wirklich ausgeführt hat, das ist das ganze Programm!“
-
-So brachte sie, außer sich, alle ihre Anklagen vor, und jetzt verachtete
-sie bereits alle Folgen, die sich daraus ergeben mußten, obgleich sie
-dieselben schon einen ganzen Monat vorausgesehen hatte. Denn schon lange
-hatte sie, bebend vor Rachegefühlen, darüber nachgedacht, ob sie diesen
-Brief nicht vor Gericht laut vorlesen sollte? Nun stürzte sie sich ohne
-Bedenken „kopfüber hinab“. Der Brief wurde dann laut vorgelesen, vom
-Sekretär, glaube ich, und machte einen erschütternden Eindruck. Man
-wandte sich an Mitjä mit der Frage, ob er diesen Brief anerkenne.
-
-„Es ist mein Brief, mein Brief!“ rief Mitjä aus. „Wenn ich nicht
-betrunken gewesen wäre, so hätte ich ihn nicht geschrieben! ... Aus
-vielen Gründen haben wir uns gegenseitig gehaßt, Katjä, aber ich schwöre
-es, ich schwöre es, ich habe dich auch hassend geliebt, du aber hast
-mich – niemals geliebt!“
-
-Er fiel auf seinen Platz zurück und ballte die Hände in der
-Verzweiflung. Der Staatsanwalt und der Verteidiger begannen ein
-Kreuzverhör, hauptsächlich über die eine Frage, was sie dazu bewogen
-hatte, dieses Dokument zu verschweigen und zuerst in einem ganz anderen
-Sinne und Ton auszusagen.
-
-„Ja, ja, ich habe alles gelogen, ich habe gegen meine Ehre und mein
-Gewissen gelogen, aber ich wollte ihn retten, gerade darum wollte ich
-das, weil er mich haßt und verachtet!“ rief Katjä wie eine Wahnsinnige
-aus. „Oh, er hat mich tief verachtet, er hat mich immer verachtet, und,
-wissen Sie, wissen Sie, – er hat mich von dem Augenblick an verachtet,
-als ich ihm damals für das Geld zu Füßen fiel. Das habe ich wohl bemerkt
-... Ich habe es damals sofort gefühlt, doch wollte ich es immer nicht
-glauben. Wie oft habe ich in seinen Augen gelesen: ‚Immerhin bist du
-damals selbst zu mir gekommen.‘ Oh, er hat es nie verstanden, nie hat er
-verstanden, warum ich damals zu ihm gelaufen war, er ist nur fähig, mich
-einer Niedrigkeit zu verdächtigen! Er beurteilt alle nach sich, er
-denkt, daß alle so niedrig sind wie er,“ knirschte Katjä jähzornig und
-schon ganz außer sich. „Heiraten aber wollte er mich nur darum, weil ich
-die Erbschaft machte, nur darum, darum! Ich habe es immer gewußt, daß er
-es nur darum wollte! Oh, dieses Tier! Er war überzeugt, daß ich dieser
-Schande wegen ewig vor ihm zittern würde, und daß er mich darum ewig
-verachten und über mich herrschen könnte – das war es, warum er mich
-heiraten wollte! So ist es, so ist es! Ich versuchte, ihn mit meiner
-Liebe zu besiegen, mit einer endlosen, grenzenlosen Liebe, sogar seinen
-Verrat an mir wollte ich ertragen, doch er verstand das alles nicht,
-nichts verstand er davon. Ja, kann er denn überhaupt etwas verstehen!
-Das ist doch ein Ungeheuer, ein Auswurf der Menschheit! Diesen Brief
-brachte man mir am folgenden Tage erst gegen Abend, und noch am Morgen,
-am Morgen desselben Tages wollte ich ihm alles verzeihen, alles, sogar
-seinen Treubruch!“
-
-Der Vorsitzende und der Staatsanwalt beruhigten sie natürlich. Ich bin
-überzeugt, es war ihnen selbst unangenehm, ihre Aufregung so auszunutzen
-und diesen Bekenntnissen zuzuhören. Ich weiß noch, wie sie zu ihr
-sagten: „Wir verstehen Sie, glauben Sie uns, wir fühlen Ihnen nach, wie
-schwer es Ihnen sein muß,“ usw. usw., aber nichtsdestoweniger wurden
-noch weitere Aussagen diesem hysterischen und wahnsinnigen Weibe
-entlockt. Sie erzählte zuletzt mit außerordentlicher Klarheit – die sich
-in solchen überspannten Augenblicken zuweilen, wenn auch nur
-vorübergehend plötzlich einstellt –, daß Iwan Fedorowitsch in diesen
-zwei Monaten darüber fast seinen Verstand verloren habe, wie er „dieses
-Ungeheuers, diesen Mörder“, seinen Bruder, retten könnte.
-
-„Er quälte sich maßlos,“ rief sie aus, „er wollte dessen Schuld
-vermindern, indem er mir eingestand, er selbst hätte seinen Vater nicht
-geliebt und vielleicht sogar seinen Tod gewünscht. Oh, er hat ein
-tiefes, abgrundtiefes Gewissen! Und wie hat er sich mit diesem Gewissen
-gequält! Er hat mir alles aufgedeckt, alles! Täglich kam er zu mir und
-sprach mit mir darüber, wie mit seinem einzigen Freunde. Ich habe die
-Ehre, sein einziger Freund zu sein!“ rief sie plötzlich aus, und ihre
-Augen blitzten, als hätte sie jemanden herausgefordert. „Er ist zweimal
-bei Ssmerdjäkoff gewesen. Eines Tages aber kam er zu mir und sagte: wenn
-nicht der Bruder, sondern Ssmerdjäkoff den Vater erschlagen hat (denn
-man hatte doch die Fabel verbreitet, Ssmerdjäkoff sei der Mörder), so
-bin auch ich vielleicht schuld daran, denn Ssmerdjäkoff wußte, daß ich
-den Vater nicht liebte, und kann sich daher eingebildet haben, auch ich
-wünschte den Tod des Vaters. Da nahm ich diesen Brief und zeigte ihn
-ihm, und er überzeugte sich, daß sein Bruder den Vater erschlagen hatte,
-und das schien ihn ganz niederzuschmettern. Er konnte es nicht ertragen,
-daß sein leiblicher Bruder – ein Vatermörder sein sollte! Noch vor einer
-Woche bemerkte ich, daß er von allen diesen Qualen krank geworden war.
-In den letzten Tagen, wenn er bei mir war, redete er irre. Ich sah es,
-wie der Wahnsinn sich bei ihm vorbereitete. Er ging umher und
-phantasierte, das hat man ihm sogar auf der Straße angesehen. Der
-angereiste Doktor hat ihn vor drei Tagen auf meine Bitte hin untersucht
-und mir darauf gesagt, daß er einem gefährlichen Nervenfieber
-entgegengehe, und das alles durch ihn, durch dieses Ungeheuer! Gestern
-aber hat er erfahren, daß Ssmerdjäkoff gestorben ist – und das hat ihn
-so erschüttert, daß er wahnsinnig geworden ist ... und alles wegen
-dieses Ungeheuers, alles, nur um dieses Ungeheuer zu retten!“
-
-Oh, versteht sich, so sprechen und alles so bekennen, das kann man nur
-einmal im Leben – vor dem Tode vielleicht, oder wenn man das Schafott
-schon bestiegen hat. Doch auch Katjä befand sich in diesen Minuten in
-einer ähnlichen Stimmung. Das war allerdings dieselbe Katjä, die damals
-zu dem jungen Wüstling gegangen war, um ihren Vater zu retten, dieselbe
-Katjä, die soeben noch vor dem ganzen Publikum stolz und keusch ihre
-Mädchenehre zum Opfer gebracht und von der edelmütigen Handlung Mitjäs
-erzählt hatte, einzig und allein, um das Schicksal, das ihn erwartete,
-auch nur um ein geringes zu erleichtern. Und ebenso brachte sie sich
-auch jetzt selbst zum Opfer, diesmal aber für einen anderen, und
-vielleicht wurde sie sich erst in diesem Augenblick zum erstenmal dessen
-bewußt, wie teuer ihr dieser andere war! Sie opferte sich aus Angst um
-ihn, weil sie sich plötzlich einbildete, er hätte sich zugrunde
-gerichtet, mit der Aussage, daß er der Mörder sei und nicht der Bruder,
-– sie opferte sich, um ihn zu retten, seinen Namen, seinen Ruf! Indessen
-war ein verhängnisvoller Zweifel aufgetaucht: hatte sie nun das über
-Mitjä Ausgesagte erlogen – alles das über ihre früheren Beziehungen zu
-ihm? Nein, nein, sie hatte ihn nicht etwa absichtlich verleumdet, als
-sie ausrief, Mitjä verachte sie – wegen ihrer Verbeugung bis zur Erde!
-Sie glaubte selbst daran, sie war fest davon überzeugt, vielleicht schon
-von dem Augenblick ihrer Verbeugung an, daß der treuherzige Mitjä, der
-sie anbetete, im Inneren über sie lache und sie verachte. Und nur aus
-Stolz hatte sie sich damals mit ihm verlobt, in hysterischer und
-plötzlich auflodernder Liebe, die jedoch mehr einem Hasse glich, als
-einer Liebe. Oh, vielleicht hätte sich diese krampfhafte Liebe in eine
-wirkliche, große Liebe verwandelt: Katjä hatte ja nichts so sehr als das
-gewünscht! Doch jetzt hatte Mitjä sie bis in ihre tiefste Seele durch
-seinen Treubruch beleidigt, ihre Seele aber verstand nicht, zu
-verzeihen. Der Augenblick der Rache kam für sie so unerwartet, und
-alles, was sich solange schon und so schmerzhaft in dem beleidigten
-Mädchen angesammelt hatte, brach jetzt mit einemmal und ganz unerwartet
-aus ihr hervor. Sie gab Mitjä preis, aber zugleich gab sie auch sich
-selbst preis! Und versteht sich, kaum war ihr gelungen, endlich sich
-auszusprechen, als die Spannung auch schon nachließ, und die Scham sie
-überwältigte. Wieder bekam sie einen Anfall: sie fiel schluchzend und
-aufschreiend hin. Man trug sie hinaus. In demselben Augenblick aber, als
-man sie hinaustrug, stürzte Gruschenka mit einem Aufschrei zu Mitjä, so
-unerwartet und so schnell, daß sie niemand mehr zurückhalten konnte.
-
-„Mitjä!“ schrie sie, „Mitjä, sieh, jetzt hat dich deine Schlange
-zugrunde gerichtet! Jetzt hat sie euch allen ihr wahres Gesicht
-gezeigt!“ schrie sie zitternd vor Wut dem Gerichtshof zu.
-
-Auf einen Wink des Vorsitzenden ergriff man sie, um sie aus dem Saal
-hinauszuführen. Doch sie wollte sich nicht ergeben, sie schlug um sich
-und wollte zu Mitjä stürzen. Und Mitjä sprang mit einem Schrei auf und
-wollte gleichfalls zu ihr hin. Sie wurden beide überwältigt.
-
-Ich denke, unsere Zuschauer, besonders die Damen, müssen befriedigt
-gewesen sein: das Schauspiel war reichhaltig und aufregend genug.
-Darauf, erinnere ich mich, trat der Moskauer Doktor ein. Ich glaube, der
-Vorsitzende hatte schon früher den Gerichtsvollstrecker zu ihm
-hinausgeschickt, damit Iwan Fedorowitsch Hilfe geleistet werde. Der
-Doktor meldete dem Gericht, daß Iwan Karamasoff an einem Nervenfieber
-gefährlich erkrankt sei und man ihn unverzüglich fortschaffen müsse. Auf
-die Fragen des Staatsanwalts und des Verteidigers sagte er aus, daß der
-Patient vor drei Tagen selbst zu ihm gekommen sei, und daß er ihm damals
-den nahe bevorstehenden Ausbruch eines Nervenfiebers vorausgesagt habe,
-doch habe der Patient nichts für sich tun wollen. „Er war schon damals
-nicht mehr ganz bei gesunder Vernunft und gestand mir selbst, daß er
-Halluzinationen habe, verschiedenen Personen, die schon gestorben seien,
-auf der Straße begegne, und daß zu ihm jeden Abend der Satan zu Gaste
-komme,“ schloß der Doktor. Nach diesem Bericht entfernte sich der
-berühmte Arzt. Der Brief, den Katerina Iwanowna vorgezeigt hatte, kam zu
-den übrigen Sachbeweisen. Nach einer kurzen Beratung beschloß der
-Gerichtshof, die gerichtliche Verhandlung fortzuführen, die beiden
-unerwarteten Aussagen Katerina Iwanownas und Iwan Fedorowitschs aber zu
-Protokoll zu nehmen.
-
-Ich werde den weiteren Verlauf der Gerichtsverhandlungen nicht
-ausführlich beschreiben, denn die Aussagen der übrigen Zeugen waren nur
-Wiederholungen oder Bestätigungen der vorangegangenen, abgesehen von
-einzelnen Merkwürdigkeiten. Doch, ich wiederhole es, alles Wichtige ist
-in der Rede des Staatsanwalts, die ich jetzt sofort wiedergeben werde,
-übersichtlich zusammengefaßt. Alle waren durch die letzte Katastrophe
-erregt und wie elektrisiert und warteten mit brennender Ungeduld auf die
-Lösung, auf die Auseinandersetzung der Parteien und auf das Urteil.
-Fetjukowitsch war durch die Aussagen Katerina Iwanownas ersichtlich sehr
-erschüttert. Um so mehr triumphierte der Staatsanwalt. Als die
-Gerichtsverhandlung beendet war, wurde eine Unterbrechung der Sitzung
-angesagt, dieselbe dauerte fast eine Stunde. Schließlich eröffnete der
-Vorsitzende die Plaidoyers. Es war, glaube ich, gerade acht Uhr abends,
-als unser Staatsanwalt, Hippolyt Kirillowitsch, seine Anklagerede
-begann.
-
-
- VI.
- Die Rede des Staatsanwalts. Die Charakteristik
-
-Als Hippolyt Kirillowitsch seine Rede begann, zitterte er am ganzen
-Körper. Kalter, krankhafter Schweiß trat auf seiner Stirn und an den
-Schläfen hervor, und er fühlte, wie ihn Frostschauer und Hitze
-abwechselnd überkamen. So erzählte er später selbst. Er hielt diese Rede
-für sein _Chef-dœuvre_, für das _Chef-d’œuvre_ seines ganzen Lebens.
-Neun Monate darauf starb er an der galoppierenden Schwindsucht. So hatte
-er denn so unrecht nicht, wenn er diese Rede mit dem letzten
-Schwanengesang verglich, denn er fühlte schon damals sein Ende voraus.
-In diese Rede legte er sein ganzes Herz hinein und alles, was er an
-Verstand und Geist besaß. Zugleich bewies er damit ganz
-unerwarteterweise, daß er nicht nur alle Gefühle eines guten
-Staatsbürgers in sich getragen, sondern sich auch mit unseren
-„verdammten“ Fragen – wenigstens insoweit sie an unseren armen Hippolyt
-Kirillowitsch im Leben und in der Praxis herangetreten waren –
-beschäftigt hatte. Doch den größten Eindruck machten seine Worte
-dadurch, daß sie aufrichtig waren: er selbst war von der Schuld des
-Angeklagten überzeugt. Nicht auf Befehl, nicht weil ihn seine Stellung
-dazu zwang, klagte er ihn an. Nein, als er zur „Sühne“ aufrief, sah man
-ihm an, daß ihn der Wunsch, „die Gesellschaft zu retten“, erbeben
-machte. Selbst unser Damenpublikum, das doch schließlich Hippolyt
-Kirillowitsch feindlich gesinnt war, gab zu, einen außerordentlichen
-Eindruck davongetragen zu haben. Er begann mit einer schrillen,
-fortwährend gleichsam abreißenden Stimme, doch bald erstarkte sie und
-klang dann über den ganzen Saal hin, und so blieb sie bis zum Schluß der
-Rede. Als er aber seine Rede beendet hatte, war er einer Ohnmacht nahe.
-
-„Meine Herren Geschworenen,“ begann der Ankläger, „die Kunde von der
-Tat, über die hier Gericht gehalten werden soll, ist wie Donnerschall
-durch ganz Rußland gezogen. Aber worüber, fragt es sich, ist man denn so
-erstaunt, weswegen braucht man sich denn so besonders zu entsetzen? Und
-noch dazu wir, gerade wir? Wir sind doch so gewöhnt an alles! Aber
-gerade darin liegt ja unser Entsetzen, daß solche dunkle Taten für uns
-fast aufgehört haben, furchtbar zu sein! Das ist der Grund, warum man
-sich entsetzen muß: daß wir uns an solche Taten schon gewöhnt haben –
-und nicht wegen eines einzelnen Verbrechens des einen oder anderen
-Individuums! Wo liegen nun die Gründe, die Ursachen unserer
-Gleichgültigkeit, unseres lauwarmen Verhaltens zu solchen Taten, zu
-solchen Kennzeichen der Zeit, die uns eine wahrlich nicht beneidenswerte
-Zukunft ankünden? Liegen sie etwa in unserem Zynismus oder in der
-frühzeitigen Erschöpfung des Geistes und der Vorstellungskraft unserer
-noch so jungen, doch dafür so frühzeitig gebrechlich gewordenen
-Gesellschaft? Oder liegen sie in unseren schwer erschütterten sittlichen
-Grundlagen, oder schließlich darin, daß es diese sittlichen Grundlagen
-vielleicht überhaupt nicht gibt? Ich will darüber nicht entscheiden,
-doch nichtsdestoweniger sind diese Fragen qualvoll, und jeder Bürger muß
-nicht nur, sondern ist sogar verpflichtet, unter ihnen zu leiden. Unsere
-Presse ist ja allerdings noch etwas zaghaft, aber sie hat doch schon der
-Gesellschaft gewisse Dienste geleistet, denn niemals hätten wir ohne sie
-eine einigermaßen zutreffende Kenntnis erlangt von jenen Schrecken des
-zügellosen Willens und der sittlichen Gesunkenheit, die sie
-ununterbrochen in ihren Spalten Allen kundtut, – nicht nur den Wenigen,
-die die Säle des neuen öffentlichen, uns von der gegenwärtigen Regierung
-geschenkten Gerichts besuchen. Und was lesen wir jetzt fast täglich? Oh,
-von Dingen, vor denen selbst diese uns jetzt vorliegende Tat erbleicht
-und fast zu etwas ganz Gewöhnlichem wird. Doch das Wichtigste dabei ist,
-daß die Mehrzahl unserer russischen, unserer nationalen Kriminalsachen
-gerade von etwas ganz Allgemeinem Zeugnis ablegt, von einem gewissen
-allgemeinen Übel, das mit uns verwachsen ist, und von dem uns zu heilen
-sehr schwer ist, da es eben als allgemeines Übel auftritt. Da haben wir
-einen jungen glänzenden Offizier aus der höheren Gesellschaft, der kaum
-erst sein Leben und seine Laufbahn begonnen hat. Und dieser Aristokrat
-geht hin und ermordet heimlich, gemein, ohne die geringsten
-Gewissensskrupel, einen kleinen Beamten, der teilweise sein Wohltäter
-gewesen war, ermordet auch dessen Dienstmagd, um sein Schulddokument und
-mit diesem zusammen noch das übrige bißchen Geld des kleinen Beamten zu
-rauben! ‚Das Sümmchen ist doch immerhin nicht zu verachten, es wird mir
-schon bei meinen Lebemannvergnügungen zustatten kommen oder bei meiner
-ferneren Laufbahn.‘ Und nachdem er sie beide erdrosselt hat, schiebt er
-jeder Leiche noch ein Kissen unter den Kopf und macht sich dann davon.
-Da haben wir einen jungen Helden, der mit Ehrenzeichen für Tapferkeit
-behangen ist und räuberisch auf der Landstraße die Mutter seines
-Anführers und Wohltäters ermordet. Indem er seine Helfershelfer zur
-Mitwirkung überredet, gesteht er noch selbst, daß diese Frau ihn wie
-einen leiblichen Sohn liebe und daher, wenn sie mit ihm reist, allen
-seinen Ratschlägen folgen und keine Vorsichtsmaßregeln ergreifen werde.
-Mag das ein Ungeheuer sein – ich wage jetzt, in unserer Zeit, nicht mehr
-zu sagen, daß jener ein vereinzelt dastehendes Ungeheuer sei. Ein
-anderer wird vielleicht nicht ermorden, denkt und fühlt aber ganz so wie
-jener, ist in seiner Seele ebenso verbrecherisch wie jener. In der
-Stille, wenn er mit seinem Gewissen allein ist, fragt vielleicht auch er
-sich: ‚Ja, was ist denn nun die Ehre, und ist Blut nicht nur ein
-Vorurteil?‘ Vielleicht wird man von mir sagen, ich sei ein kranker, ein
-hysterischer Mensch, ich verleumde und übertreibe maßlos, ich
-phantasiere. Mag sein, schön ... Gott, ich wäre der erste, der sich
-darüber freute, wie gern würde ich das alles sein wollen! Oh, glauben
-Sie mir meinetwegen nicht, halten Sie mich für einen Kranken, aber
-behalten Sie nur meine Worte: selbst wenn nur ein Zehntel, nur ein
-Zwanzigstel meiner Worte wahr ist, – so ist es schon furchtbar! Sehen
-Sie doch nur, meine Damen und Herren, sehen Sie doch nur, wie die
-heranwachsende Jugend sich bei uns erschießt – und das geschieht ohne
-die geringste Hamletfrage nach dem, was _dort_ sein wird, ohne das
-geringste Anzeichen eines Vorhandenseins solcher Fragen, als wäre dieses
-Kapitel über unseren Geist und über alles, was uns nach dem Grabe
-erwartet, schon längst aus ihrer Natur getilgt, als wäre es schon längst
-begraben und mit Sand zugeschüttet. Und nehmen Sie jetzt unsere
-Sittenverderbnis, unsere Wollüstlinge. Fedor Pawlowitsch, das
-unglückliche Opfer des vorliegenden Prozesses, ist ja im Vergleich mit
-manchen von ihnen fast ein unschuldiges Kindlein, wir aber kannten ihn
-doch alle, er – ‚lebte doch unter uns‘! ... Ja, mit der Psychologie des
-russischen Verbrechens werden sich einmal vielleicht die
-hervorragendsten Geister beschäftigen, sowohl unsere als die
-europäischen, denn wahrlich, das Thema ist es wert. Doch diese Studien
-werden erst später einmal gemacht werden, dereinst, wenn die Muße dazu
-vorhanden und diese ganze tragische Abgeschmacktheit des gegenwärtigen
-Augenblicks in einen entfernteren Hintergrund zurückgetreten ist, so daß
-man sie klarer und leidenschaftsloser wird betrachten können, als z. B.
-Leute, wie ich, dies zu tun vermögen. Jetzt jedoch sind wir entweder
-entsetzt oder wir tun, als wenn wir entsetzt wären, im Grunde aber
-kosten wir mit Hochgenuß das Schauspiel, wie eben Liebhaber starker,
-exzentrischer Empfindungen, die in unseren zynisch-faulen Müßiggang
-etwas Bewegung bringen, oder schließlich, wir scheuchen die Gespenster
-wie kleine Kinder mit den Händen von uns fort und pressen den Kopf ins
-Kissen, bis die furchtbare Erscheinung vergeht, um sie darauf sofort in
-Heiterkeit und Spielen zu vergessen. Aber irgend einmal müssen doch auch
-wir unser Leben nüchtern und denkend beginnen, auch wir müssen einmal
-einen Blick auf uns, als auf eine Gesellschaft, werfen, auch wir müssen
-doch wenigstens etwas über unser gesellschaftliches Leben nachdenken,
-wir müssen uns doch etwas unter ihm denken oder auch nur mit dem
-Nachdenken beginnen. Unser großer Schriftsteller[30] der vergangenen
-Epoche ruft zum Schluß seines größten Werkes aus, wo er ganz Rußland mit
-einer Troika, die zu einem unbekannten Ziele jagt, vergleicht: ‚Ach
-Troika, wilde Troika, wer hat dich erdacht!‘ – und in stolzer
-Begeisterung fügt er noch hinzu, daß vor der jagenden Troika alle Völker
-ehrerbietig ausweichen werden. Schön, mag das so sein, mögen sie
-ausweichen, ehrerbietig oder nicht, doch meinem sündigen Blick will
-scheinen, daß der geniale Künstler diesen Schluß entweder in einem
-Anfall kindlich unschuldiger Schönträumerei geschrieben hat oder einfach
-aus Furcht vor der Zensur. Denn wenn man in seine Troika nur seine
-Helden einspannen wollte, seine Ssobakewitschs, Nosdreffs und
-Tschitschikoffs, so würde man mit diesen Trabern nicht weit kommen, wen
-immer man auch als Lenker in den Schlitten setzen wollte! Und das sind
-noch Traber von damals, die noch lange nicht an unsere jetzigen
-heranreichen. Jetzt ist man gewandter ...“
-
-Hier wurde die Rede Hippolyt Kirillowitschs durch Applaus unterbrochen.
-Der Liberalismus in der Auslegung der Troika hatte gefallen. Zwar wurde
-nur hier und da vereinzelt ein paarmal in die Hände geklatscht, so daß
-selbst der Vorsitzende es nicht für nötig fand, sich mit der Drohung,
-den Saal räumen zu lassen, an das Publikum zu wenden, und sich nur mit
-einem strengen Blick auf die Ruhestörer begnügte. Doch für Hippolyt
-Kirillowitsch war es eine Ermunterung: bis jetzt hatte man ihm noch
-niemals applaudiert! So viele Jahre hatte man ihn nicht hören wollen,
-und da war plötzlich die Möglichkeit gegeben, zu ganz Rußland zu
-sprechen!
-
-„In der Tat,“ fuhr er fort, „was ist nun diese Familie der Karamasoffs,
-die plötzlich eine so traurige Berühmtheit erlangt hat, sogar bis in die
-fernsten Gegenden Rußlands? Vielleicht übertreibe ich, aber es will mir
-scheinen, daß in dem Bilde dieser kleinen Familie einige allgemeine
-Grundelemente unserer gegenwärtigen intelligenten Gesellschaft gleichsam
-flüchtig festgehalten sind, – oh, nicht alle Elemente, und selbst die
-flüchtig darin auftauchenden erscheinen nur in mikroskopischer Gestalt,
-‚wie die Sonne in einem kleinen Tropfen Wassers‘, aber es spiegelt sich
-doch etwas darin wieder, es spricht sich doch etwas darin aus. Nehmen
-wir zuerst diesen unglücklichen, zügellosen und verderbten Alten, diesen
-‚Familienvater‘, der ein so trauriges Ende gefunden hat. Von Geburt ist
-er ein Edelmann; seine Laufbahn beginnt er als mittelloser junger Mann,
-der bei gastfreundlichen Bekannten sein Leben fristet. Darauf erwischt
-er durch die plötzliche, unerwartete Heirat ein kleines Kapital, nämlich
-die Mitgift seiner Frau, und entpuppt sich als geriebener Geschäftsmann,
-ist aber dabei ein schmeichlerischer Hausnarr mit einem Keim geistiger
-Begabungen, die übrigens nicht schwach waren. Vor allem aber wird er ein
-Wucherer. Mit den Jahren, d. h. mit dem Anwachsen des Kapitals,
-wird er mutiger und stolzer. Die Unterwürfigkeit und das
-Sicheinschmeichelnwollen verschwinden, es bleibt nur ein spöttischer,
-boshafter Zyniker und Wollüstling in ihm übrig. Die geistige Seite ist
-ganz und gar getilgt, die Lebensgier aber ist ungeheuerlich geworden.
-Das ganze Leben reduziert sich für ihn darauf, daß er in ihm nichts
-anderes mehr sieht und sucht als Lüstlingsgenüsse. Und sie lehrt er auch
-seinen Kindern. Von irgendwelchen geistigen Vaterpflichten sehen wir
-nichts. Er lacht über sie, läßt seine kleinen Kinder auf dem Hinterhof
-erziehen und ist froh, wenn man kommt und sie ihm fortnimmt. Er vergißt
-sie vollständig. Alle sittlichen oder vielmehr unsittlichen Grundsätze
-des Alten laufen darauf hinaus: _après moi le déluge_. Er ist der Typ
-alles dessen, was dem Begriffe, den wir von einem Staatsbürger haben,
-entgegengesetzt ist, die ausgesprochenste Ausscheidung, die krasseste
-und sogar feindlichste Absonderung von der Gesellschaft: ‚Mag
-meinetwegen die ganze Welt in Flammen aufgehen, wenn nur ich es gut
-habe.‘ Und er hat es gut, er ist vollkommen zufrieden, er will noch mit
-Vergnügen so weiterleben, zwanzig Jahre, dreißig Jahre! Er betrügt
-seinen leiblichen Sohn um dessen Geld, um das Erbteil seiner Mutter, und
-mit diesem Gelde, das er dem Sohne nicht auszahlt, will er ihm, seinem
-leiblichen Sohne, die Geliebte abspenstig machen! Nein, ich will die
-Verteidigung des Angeklagten nicht dem hochtalentvollen Herrn
-Verteidiger abtreten. Auch ich werde die Wahrheit sagen, auch ich
-begreife, wie groß der Zorn gewesen sein muß, den der Vater im Herzen
-seines Sohnes aufgehäuft hat. Doch genug, genug von diesem Vater, er hat
-seine Strafe erhalten. Vergessen wir nur nicht, daß das ein Vater war,
-und zwar einer von den zeitgenössischen Vätern. Oder betrüge ich
-vielleicht die Gesellschaft, wenn ich sage, daß er einer von – sogar
-vielen zeitgenössischen Vätern war? Leider nicht! Viele von den
-zeitgenössischen Vätern drücken sich nur nicht so zynisch aus, wie jener
-tat, denn sie sind wohlerzogener, gebildeter, im geheimsten Innern aber
-huldigen sie fast alle – ‚derselben Philosophie‘. Doch schön, mag ich
-ein Pessimist sein, meinetwegen. Wir sind doch schon übereingekommen,
-daß Sie mir dies verzeihen werden. Wir können also im voraus abmachen:
-Sie werden mir nicht glauben, und ich werde reden ... Doch abgesehen
-davon, erlauben Sie mir, daß ich mich ausspreche, vielleicht werden Sie
-einige meiner Worte behalten. Da haben wir nun die Kinder dieses Alten,
-dieses Familienvaters: der eine ist vor uns auf der Anklagebank, von ihm
-wird später die Rede sein; der anderen will ich nur flüchtig Erwähnung
-tun. Von diesen anderen ist der ältere einer der zeitgenössischen jungen
-Männer mit glänzender Bildung und einem recht starken Verstande, der
-aber an nichts mehr glaubt, der schon vieles, gar zu vieles über Bord
-geworfen und aus dem Leben ausgestrichen hat, ganz genau so, wie es auch
-sein Vater getan. Wir alle haben ihn gehört, unsere Gesellschaft hat ihn
-freundlich aufgenommen. Seine Meinungen hat er nicht verheimlicht, im
-Gegenteil, sogar ganz im Gegenteil, weswegen ich denn auch jetzt wage,
-ein wenig aufrichtig über ihn zu sprechen – doch natürlich nicht über
-ihn als Privatperson, sondern nur über ihn als Familienglied der
-Karamasoffs. Gestern endete hier, an der Peripherie der Stadt, durch
-Selbstmord ein kränklicher Idiot, der gewesene Diener und vielleicht der
-illegitime Sohn Fedor Pawlowitschs: Ssmerdjäkoff. Er hat mir in der
-Voruntersuchung unter hysterischen Tränen erzählt, wie dieser junge
-Karamasoff, Iwan Fedorowitsch, ihn durch seine geistige Haltlosigkeit
-entsetzt habe: ‚Alles ist ihrer Meinung nach erlaubt,‘ sagte der Arme
-zitternd, ‚alles, was es in der Welt nur gibt, und nichts darf hinfort
-mehr verboten sein, – das haben sie mir die ganze Zeit über gesagt und
-gelehrt.‘ Es scheint, daß der Idiot über dieser These endgültig den
-Verstand verloren hat, obgleich natürlich auch seine Fallsucht und diese
-ganz schreckliche Katastrophe, die über das Haus hereingebrochen ist,
-das Ihrige zu seiner Geisteszerrüttung beigetragen haben werden.
-Trotzdem hat dieser Idiot eine äußerst, äußerst interessante Bemerkung
-gemacht, die auch einem klügeren Beobachter, als er sein konnte, Ehre
-gemacht hätte, und eigentlich habe ich nur wegen dieser Bemerkung seiner
-erwähnt. ‚Wenn es einen von den Söhnen gibt,‘ sagte er mir wortwörtlich,
-‚der am meisten Fedor Pawlowitsch dem Charakter nach gleicht, so sind
-gerade Sie es, Iwan Fedorowitsch.‘ Mit dieser Bemerkung breche ich die
-begonnene Charakteristik ab, da ich eine Fortsetzung derselben nach dem
-Gesagten für unzart halten würde. Oh, ich will keine weiteren Schlüsse
-ziehen und seinem jungen Leben nur Unheil verkünden, wie ein
-pessimistischer Unglücksrabe. Wir alle haben heute hier in diesem Saal
-gesehen, daß noch eine unmittelbare Kraft der Wahrheit in seinem jungen
-Herzen lebt, daß das Gefühl der Familienbande noch nicht durch Unglauben
-erstickt ist, oder durch sittlichen Zynismus, den er mehr durch
-Erbschaft erlangt haben mag als durch die eigene Gedankenverirrung. Und
-nun der andere Sohn. Oh, das ist noch ein Jüngling, ein gottesfürchtiger
-und demütiger, der, im Gegensatz zur finsteren, zerstörenden
-Weltanschauung seines Bruders, sucht, sozusagen in den ‚Grundlagen des
-Volkes‘ Fuß zu fassen, oder in dem, was bei uns mit diesem wohlweisen
-Ausdruck in gewissen theoretischen Winkeln unserer denkenden Intelligenz
-so genannt wird. Er, ja sehen Sie mal, er hat sich ans Kloster gehangen:
-viel fehlte nicht, und er hätte sich scheren lassen, wäre Mönch
-geworden. In ihm hat sich, wie mir scheinen will, gleichsam unbewußt
-schon früh jene zaghafte Verzweiflung ausgedrückt, in der sich
-heutzutage so viele in unserer Gesellschaft – da sie sich vor deren
-Zynismus und Verderbnis fürchten und dieses ganze Übel der europäischen
-Aufklärung zuschreiben – an den ‚Heimatboden‘, wie sie sagen,
-anschmiegen. Das heißt also, daß sie sich in die mütterlichen Arme des
-Heimatbodens flüchten. Sie sind wie Kinder, die von Gespenstern
-geschreckt werden, und die es dann an der verdorrten Brust der
-geschwächten Mutter schließlich nur noch danach verlangt, ruhig
-einschlafen zu können und womöglich das ganze Leben zu verschlafen, nur
-um nicht mehr die sie schreckenden Erscheinungen sehen zu müssen.
-Meinerseits wünsche ich dem guten, begabten Jüngling das Beste, wünsche
-ihm vor allem, daß seine jugendliche Seelenschönheit und sein Streben zu
-dem sogenannten Volksboden sich fernerhin nicht, wie es so oft
-geschieht, von der sittlichen Seite her in einen finsteren Mystizismus
-und von der staatsbürgerlichen in einen stumpfen Chauvinismus verwandle,
-– zwei Eigenschaften, die die Nation vielleicht mit noch größerem Unheil
-bedrohen, als es selbst die frühe Zersetzung durch eine falsch
-verstandene und umsonst erworbene europäische Aufklärung ist, an der
-sein älterer Bruder leidet.“
-
-Für den Chauvinismus und Mystizismus wurde wieder ein paarmal in die
-Hände geklatscht. Hippolyt Kirillowitsch hatte sich natürlich hinreißen
-lassen. Im Grunde hatte das alles wenig mit der Sache zu tun, ganz
-abgesehen davon, daß es ziemlich unklar war. Doch der arme
-schwindsüchtige und verbitterte Mensch wollte sich gar zu gern
-wenigstens einmal im Leben aussprechen. Später meinte man bei uns, daß
-er sich bei der Charakterisierung Iwan Fedorowitschs von einem sogar
-unfeinen Gefühl habe leiten lassen, da jener ihn zwei- oder dreimal in
-der Gesellschaft gelegentlich eines Disputs festgelegt hatte, und
-Hippolyt Kirillowitsch in Erinnerung dessen die Gelegenheit benutzt
-habe, um sich dafür zu rächen. Ich weiß nicht, ob man recht hatte, wenn
-man das annahm. Jedenfalls war dies erst die Einleitung der Rede.
-Späterhin sprach er sachlicher.
-
-„Und nun ist da der dritte Sohn dieses zeitgenössischen Familienvaters,“
-fuhr Hippolyt Kirillowitsch fort, „er sitzt vor uns auf der Anklagebank.
-Vor uns liegen seine Taten, sein Leben und sein Charakter: die Zeit kam
-und alles rollte sich auf, alles wurde offenbar. Im Gegensatz zum
-‚Europäismus‘ und dem ‚Volklichen‘ seiner Brüder, stellt er gleichsam
-das unmittelbare Rußland dar, – oh, nicht das ganze, nicht das ganze,
-und Gott bewahre uns davor, daß es das ganze sei! Und doch – hier ist
-es, unser Rußland, hier fühlt und hört man unser Mütterchen. Oh, wir
-sind ja so unmittelbar, wir sind zugleich gut und böse, in
-wundernehmender Mischung, wir sind Verehrer Schillers und der
-Aufklärung, und zu gleicher Zeit toben wir in Gasthäusern umher und
-reißen unseren trunkenen Zechkumpanen die Bärte aus. Oh, wir pflegen
-auch sonst gut und edel zu sein, nicht nur dann allein, wenn wir es
-selbst gut haben. Im Gegenteil, wir lassen uns sogar leidenschaftlich –
-gerade leidenschaftlich – für die edelsten Ideale begeistern, doch nur
-unter der Bedingung, daß sie sich ohne unser Dazutun erreichen lassen,
-daß sie von selbst vor uns auf den Tisch fallen, meinetwegen gleich vom
-Himmel herab, und die Hauptsache: daß es umsonst, umsonst geschehe, daß
-wir nichts dafür zu zahlen brauchen. Zu zahlen lieben wir ganz und gar
-nicht, dafür aber lieben wir sehr, zu bekommen, – in jeder Beziehung.
-Oh, gebt, gebt uns alle möglichen Lebensgüter – unbedingt alle
-möglichen, unter dem tun wir es nicht – und vor allem, setzt unserem
-Temperament nichts in den Weg, in keiner Beziehung, dann werden wir
-beweisen, daß auch wir gut und edel sein können! Wir sind nicht
-habsüchtig, o nein, aber einstweilen, gebt uns nur Geld, mehr, mehr, so
-viel wie möglich Geld, und ihr werdet sehen, wie großmütig, mit welch
-einer Verachtung für das verächtliche Metall, wir es in einer einzigen
-Nacht, während eines zügellosen Gelages, um uns werfen werden. Gibt man
-uns aber kein Geld, so werden wir zeigen, wie wir es uns zu verschaffen
-wissen, wenn wir dies nur wollen! Doch davon wird noch später die Rede
-sein; ich will die Reihenfolge nicht unterbrechen. Ganz zuerst sehen wir
-einen armen, verlassenen Knaben ‚auf dem Hinterhof ohne Stiefelchen‘,
-wie sich vorhin unser verehrter Mitbürger, leider ausländischer
-Herkunft, ausdrückte. Ich sage nochmals, – ich trete niemandem die
-Verteidigung des Angeklagten ab! Ich bin der Ankläger, ich will auch der
-Verteidiger sein. Ja, auch wir sind Menschen, auch wir verstehen
-nachzuempfinden, wie tief und schmerzlich sich ihm die ersten
-Kindheitseindrücke im Vaterhause einprägen mußten, und wir verstehen nur
-zu gut, wie diese dann auf seinen Charakter eingewirkt haben. Doch da
-sehen wir den Knaben schon als Jüngling, als jungen Mann, als Offizier.
-Für wilde Streiche und für die Herausforderung zum Duell wird er in eine
-der fernen Grenzstädte unseres gesegneten Rußlands geschickt. Dort dient
-er, dort lebt er wüst drauflos, und, versteht sich, – ein großes Schiff
-braucht ein großes Fahrwasser. Wir brauchen Mittel, zuerst und vor allem
-Mittel, und da kommt es denn nach langem Hin und Her zwischen ihm und
-dem Vater zur Abmachung, daß ihm die letzten sechstausend Rubel von der
-Erbschaft ausgezahlt werden sollen, dann aber auch nichts mehr. Er
-erhält das Geld. Beachten Sie wohl: er stellt ein Dokument aus, und es
-liegt außerdem noch ein Brief von ihm vor, in dem er sich von dem Rest
-fast lossagt und mit diesen Sechstausend die Streitigkeiten mit dem
-Vater wegen der Erbschaft abbricht. Darauf kommt es zu jener Begegnung
-zwischen ihm und dem jungen Mädchen, dessen edlen Charakter wir alle
-kennen. Oh, ich unterfange mich nicht, die Einzelheiten zu wiederholen,
-wir haben sie ja soeben gehört: hierbei handelt es sich um Ehre, um
-Selbstaufopferung, und ich übergehe das weitere. Die Gestalt des jungen
-Mannes, der zwar leichtsinnig und verderbt ist, der sich aber trotzdem
-vor dem wahren Edelmut, vor der höheren Idee beugt, trat außerordentlich
-sympathisch vor unser geistiges Auge. Doch gleich darauf wurde uns in
-diesem selben Saale ganz unerwartet die andere Seite gezeigt. Wiederum
-wage ich nicht, mich auf Vermutungen oder Untersuchungen einzulassen,
-warum das geschah. Dieselbe Dame, die ihn uns zuerst so sympathisch
-geschildert hatte, sagt uns unter Tränen lange unterdrückten Unwillens,
-daß er, gerade er der erste war, der sie wegen ihrer unvorsichtigen,
-immerhin edelmütigen, immerhin großmütigen Handlung verachtete. Bei ihm,
-bei dem Verlobten dieses Mädchens, erscheint früher als bei allen
-anderen jenes spöttische Lächeln, daß sie nur von ihm allein nicht
-ertragen konnte. Und als sie schon wußte, daß er ihr untreu geworden
-war, im Herzen ihr schon die Treue gebrochen hatte, als sie schon wußte,
-daß sie alles von ihm werde hinnehmen müssen, selbst seinen Treubruch –
-bietet sie ihm absichtlich dreitausend Rubel an und gibt ihm dabei
-deutlich, nur zu deutlich zu verstehen, daß sie ihm das Geld zur
-Ausführung des Treubruchs anbietet! ‚Wirst du es annehmen, wirst du so
-zynisch sein?‘ fragt sie stumm mit ihrem kritischen, prüfenden Blick. Er
-sieht sie an, begreift ihren Gedanken vollkommen – er hat doch selbst
-hier vor allen Anwesenden gestanden, daß er alles begriffen habe – und
-eignet sich einwandlos diese Dreitausend an und verpraßt sie in zwei
-Tagen mit seiner neuen Geliebten! Woran soll man jetzt glauben? Der
-ersten Legende – dem Ausbruch hohen Edelmuts, der ihn die letzten
-Mittel, die ihm noch zum Leben übrig geblieben sind, fortgeben und vor
-der Tugend sich verbeugen läßt, oder der so widerlichen Kehrseite der
-Medaille? Gewöhnlich pflegt es im Leben so zu sein, daß man bei zwei
-Gegensätzen die Wahrheit in der Mitte suchen muß. Im vorliegenden Fall
-ist es aber nicht so. Am wahrscheinlichsten ist, daß er das erstemal
-aufrichtig edelmütig und das zweitemal aufrichtig niedrig gehandelt hat.
-Warum? Weil wir eben weite Naturen sind, Karamasoffsche Naturen – darauf
-gehe ich ja hinaus – Naturen, sage ich, die fähig sind, alle möglichen
-Widersprüche in sich zu vereinigen und zu gleicher Zeit beide Abgründe
-zu erfassen, den Abgrund über uns, den Abgrund der höchsten Ideale, und
-den Abgrund unter uns, den Abgrund der schändlichsten Gesunkenheit.
-Erinnern Sie sich, meine Herren, des glänzenden Gedankens, den vorhin
-ein junger Beobachter aussprach, Herr Rakitin, der tief und eingreifend
-das Wesen der ganzen Familie der Karamasoffs erfaßt hat: ‚Für diese
-zügellosen, haltlosen Naturen ist die Empfindung der Niedrigkeit ihrer
-Gesunkenheit ein ebenso großes Bedürfnis, wie die Empfindung des höheren
-Edelmuts‘. – Und das ist wahr: gerade dieser widernatürlichen Mischung
-bedürfen sie jederzeit, zu jeder Stunde. Zwei Abgründe, zwei Abgründe in
-ein und demselben Augenblick, meine Damen und Herren, ohne diese
-Gleichzeitigkeit sind wir unglücklich und unbefriedigt, ist unser Leben
-nicht ausgefüllt. Wir sind weite Naturen, weit wie unser Mütterchen
-Rußland, wir umfangen alles, wir leben uns mit allem ein! ... Übrigens,
-meine Herren Geschworenen, wir sind jetzt auf diese Dreitausend zu
-sprechen gekommen und so will ich bei der Gelegenheit etwas vorgreifen.
-Können Sie glauben, meine Herren Geschworenen, daß er bei seinem
-Charakter, damals, als er das Geld erhalten hatte, und dazu noch in
-dieser Weise, für diese Schande, diese Schmach, diese tiefste
-Erniedrigung, – können Sie glauben, daß er am selben Tage fähig gewesen
-sei, wie er sagt, die Hälfte des Geldes in ein Zeug einzunähen und
-darauf die Charakterfestigkeit zu haben, dieses Geld einen ganzen Monat
-lang am Halse zu tragen, trotz aller Versuchungen und trotz seiner
-fatalen Geldverlegenheit? Weder bei wüsten Gelagen im Gasthause, noch
-selbst in den Stunden, als er die Stadt verlassen mußte, um sich von
-Gott weiß was für Subjekten dieses notwendige Geld zu verschaffen, – um
-die Geliebte endlich vor den Versuchungen seines Rivalen, seines alten
-Vaters, in Sicherheit zu bringen – selbst in diesen Augenblicken will er
-nicht gewagt haben, das eingenähte Geld anzurühren! Meine Herren, ist
-das glaubwürdig – bei diesem Charakter? Meiner Meinung nach hätte er
-schon allein aus dem einen Grunde, um die Geliebte vor den Versuchungen
-des Alten zu beschützen, sein eingenähtes Geld herausnehmen und selbst
-in der Stadt bleiben müssen, um sie unausgesetzt bewachen zu können, und
-um dann, wenn sie ihm zusagt: ‚Ich bin dein‘, unverzüglich mit ihr
-irgendwohin fortziehen zu können, fort aus diesen verhängnisvollen
-Verhältnissen. Doch nein, er rührt seinen Talisman nicht an. Und aus
-welchem Grunde will er dies nicht getan haben? Der erste Grund war, daß
-er, wenn sie ihm gesagt hätte: ‚Ich bin dein, bring mich fort, wohin du
-willst‘, daß er dann kein Geld zum Fortbringen gehabt hätte. Doch dieser
-erste Grund trat, nach den Worten des Angeklagten, weit zurück vor dem
-zweiten. ‚Solange,‘ sagt er, ‚so lange ich dieses Geld noch an meinem
-Halse trage – bin ich ein Schuft, aber kein Dieb, denn ich kann dann
-jederzeit zu meiner von mir beleidigten Braut gehen, kann die Hälfte der
-betrügerisch von ihr angeeigneten Summe zurückgeben und immer noch
-sagen: ‚Sieh, ich habe die Hälfte der Dreitausend durchgebracht und
-damit bewiesen, daß ich ein schwacher und unsittlicher Mensch bin, und,
-wenn du willst, sogar ein Schuft‘ (ich bediene mich der Worte des
-Angeklagten selbst), ‚aber wenn ich auch ein Schuft bin, so bin ich doch
-noch kein Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, so würde ich dieses
-übriggebliebene Geld, die Hälfte des Ganzen, nicht zurückgebracht,
-sondern mir gleichfalls, wie die erste Hälfte, angeeignet haben.‘
-Wahrlich – eine sonderbare Erklärung der Tatsache! Dieser Wildeste aller
-Wilden, dieser Leidenschaftsmensch, der so schwach ist, daß er der
-Versuchung, die dreitausend Rubel zu nehmen, trotz der ganzen für ihn
-darin enthaltenen Schmach nicht hat widerstehen können, – dieser selbe
-Mensch findet plötzlich so viel stoische Festigkeit in sich, daß er
-dieses notwendige Geld einen ganzen Monat unangetastet mit sich
-herumträgt! Stimmt das mit dem geschilderten Charakter auch nur ein
-wenig überein? Nein, und ich erlaube mir darzustellen, wie der wirkliche
-Dmitrij Karamasoff in solchem Falle gehandelt haben würde, selbst wenn
-er sich wirklich zum Einnähen der Hälfte entschlossen hätte. Schon bei
-der ersten Versuchung – sagen wir, um der Liebgewonnenen, mit der er
-bereits die erste Hälfte verpraßt hat, irgendeine Freude zu bereiten –
-also schon bei der ersten Versuchung hätte er zunächst, nehmen wir an,
-nur hundert Rubel von dem eingenähten Gelde abgeteilt, denn: ‚Wozu muß
-ich genau die Hälfte zurückbringen, warum genau tausendfünfhundert?
-Tausendvierhundert werden doch ganz dasselbe tun, denn, nicht wahr, dann
-kann ich doch immer noch sagen: Ich bin vielleicht ein Schuft, aber ich
-bin kein Dieb, da ich doch immerhin tausendvierhundert Rubel
-zurückgebracht habe, ein Dieb dagegen alles behalten und nichts
-zurückbringen würde!‘ Darauf wird er nach einiger Zeit wieder das
-Säckchen auftrennen und einen zweiten Hundertrubelschein herausnehmen,
-darauf einen dritten, darauf einen vierten und so weiter, bis er
-spätestens zu Ende des Monats den vorletzten Schein dem Säckchen
-entnommen hat, denn, nicht wahr, selbst wenn ich nur noch hundert Rubel
-zurückbringe, kommt es doch immer noch auf dasselbe hinaus: ‚Ein
-Schuft bin ich, aber ich bin kein Dieb, denn wenn ich auch
-zweitausendneunhundert Rubel durchgebracht habe, so bringe ich doch
-wenigstens das letzte Hundert zurück, ein Dieb aber würde das nicht
-tun.‘ Und schließlich, wenn er auch dieses vorletzte Hundert
-durchgebracht hätte, würde er das letzte betrachtet und sich gesagt
-haben: ‚Weiß Gott, es lohnt sich ja wahrlich nicht, diesen lumpigen
-Hundertrubelschein noch zurückzubringen! Ach was! – gehen wir auch damit
-noch mal durch!‘ So würde der wirkliche Dmitrij Karamasoff gehandelt
-haben, derjenige, den wir kennen! Die Fabel jedoch von dem Säckchen mit
-dem eingenähten Gelde – steht in solchem Widerspruch zu der
-Wirklichkeit, wie man ihn größer sich nicht gut denken könnte. Alles
-könnte man sich schließlich noch vorstellen, das aber nicht. Doch davon
-wird noch später die Rede sein.“
-
-Darauf führte Hippolyt Kirillowitsch der Reihe nach alles an, was der
-gerichtlichen Untersuchung über die Vermögensstreitigkeiten zwischen
-Vater und Sohn bekannt geworden war, und nachdem er nochmals darauf
-hingewiesen hatte, daß man aus den vorhandenen Daten unmöglich ersehen
-könne, wer in dieser Angelegenheit den anderen übervorteilt habe, kam
-Hippolyt Kirillowitsch, bei Erwähnung der bei Mitjä zur „fixen Idee“
-gewordenen Dreitausend, auch auf die medizinische Expertise zu sprechen.
-
-
- VII.
- Der Überblick
-
-„Die Expertise der Ärzte hat sich bemüht, uns zu beweisen, daß der
-Angeklagte nicht bei vollem Verstande und von einer fixen Idee besessen
-gewesen sei. Ich behaupte aber, daß er durchaus bei vollem Verstande
-war, und gerade das halte ich für das Schlimme in diesem Falle, denn
-wäre er nicht bei vollem Verstande gewesen, so würde er vielleicht viel
-klüger gehandelt haben. Was jedoch die Aussage betrifft, daß er von
-einer fixen Idee besessen gewesen sei, so würde ich mich damit in einem
-Punkte einverstanden erklären, nämlich in dem, auf den auch die
-Expertise hinweist, – in der Auffassung, die der Angeklagte von diesen
-Dreitausend hatte, die der Vater ihm noch schulden sollte.
-Nichtsdestoweniger kann man vielleicht einen unvergleichlich
-näherliegenden Gesichtspunkt finden, als es der ist, den Angeklagten als
-zum Irrsinn neigend sich vorzustellen, wenn man sich die andauernde
-Aufgebrachtheit des Angeklagten dieses Geldes wegen erklären will.
-Meinerseits stimme ich vollkommen überein mit der Meinung des jungen
-Arztes, der sich dahin äußerte, daß der Angeklagte sich voller und
-normaler Verstandeskraft erfreue und immer erfreut habe, im übrigen aber
-nur gereizt und erbittert gewesen sei. Und das ist das Wichtigste: Nicht
-die Dreitausend, nicht diese Summe an sich war der Gegenstand, der Grund
-der heftigen und andauernden Erbitterung des Angeklagten gegen seinen
-Vater, hier gab es noch eine andere, eine besondere Ursache, die seinen
-Zorn erregte. Das war – die Eifersucht!“
-
-Nun begann Hippolyt Kirillowitsch äußerst weitläufig und umständlich das
-Bild der ganzen verhängnisvollen Leidenschaft des Angeklagten für
-Gruschenka aufzurollen. Er begann mit jenem Tage, an dem Mitjä sich zu
-dieser „jungen Person“ begeben hatte, um sie „durchzuprügeln“ – „ich
-drücke mich mit den Worten des Angeklagten aus,“ fügte er zur Erklärung
-hinzu –, „doch statt sie durchzuprügeln, ließ er sich zu ihren Füßen
-nieder – das ist der Anfang dieser Liebe. In derselben Zeit hat auch der
-Alte, der Vater des Angeklagten, auf dieselbe Person sein Auge geworfen.
-Das ist nun freilich ein etwas sonderbares Zusammentreffen, denn beide
-Herzen entbrennen zu gleicher Zeit, während beide diese Person auch
-früher schon gesehen und gekannt hatten, plötzlich aber entbrennen sie
-in der unbändigsten, wie gesagt, _Karamasoffschen_ Leidenschaft. Und
-andererseits haben wir ihre eigene Aussage: ‚Ich machte mich über beide
-lustig.‘ Ja, sie wollte sich sowohl über den einen als über den anderen
-lustig machen: Früher hatte sie so etwas nicht gewollt, plötzlich aber
-fällt ihr diese Idee ein, – und es endet damit, daß beide besiegt ihr zu
-Füßen fallen. Der Alte, der das Geld wie seinen Gott verehrte, setzt
-sofort dreitausend Rubel aus, um sie zu verleiten, ihn in seinem Hause
-zu besuchen, ist aber bald so weit, daß er sich glücklich schätzen
-würde, ihr seinen Namen und seinen ganzen Wohlstand zu Füßen zu legen,
-wenn sie nur einwilligte, seine rechtmäßige Frau zu werden. Dafür haben
-wir die sichersten Beweise. Was nun den Angeklagten betrifft, so liegt
-ja seine Tragödie auf der Hand. Ja, so wirkte das ‚Spiel‘ der jungen
-Person. Dem unglücklichen jungen Mann wurde von seiner Zauberin nicht
-einmal Hoffnung gemacht, denn Hoffnung, wirkliche Hoffnung ward ihm erst
-im letzten, allerletzten Augenblick zuteil, als er, vor seiner
-Peinigerin auf den Knien liegend, seine schon von dem Blute des Vaters
-und Rivalen befleckten Hände zu ihr emporstreckte: genau in dieser
-Stellung wurde er verhaftet. ‚Mich, mich, schickt mich zusammen mit ihm
-zu den Zwangsarbeitern, ich habe ihn so weit gebracht, mich trifft von
-allen die größte Schuld!‘ rief diese Frau in aufrichtiger Reue und
-Verzweiflung aus, als er verhaftet wurde. Der talentvolle junge Mann,
-der unseren Prozeß beschrieben hat – derselbe Herr Rakitin, von dem ich
-heute schon einmal gesprochen habe –, schildert in wenigen knappen und
-charakteristischen Worten den Charakter dieser tragischen Heldin
-folgendermaßen: ‚Früh erlebte Enttäuschungen, der frühzeitige Betrug und
-Fall, der Treubruch des Verführers und Verlobten, der sie verließ, dann
-die Armut, die Ausstoßung aus ihrer ehrenwerten Familie, und schließlich
-die Protektion eines reichen Alten, den sie übrigens auch jetzt noch für
-ihren Wohltäter hält. Das junge Herz, das ursprünglich viel Gutes in
-sich barg, lernte gar zu bald Zorn und Verachtung kennen. So bildete
-sich auch ihr Charakter danach aus: sie fing an zu berechnen, ein
-Kapital zusammenzusparen, sie wurde spöttisch und rachsüchtig der
-Gesellschaft gegenüber.‘ Nach dieser Charakteristik wird es begreiflich,
-daß sie sich über den einen wie über den anderen nur in boshaftem Spiel
-lustig machte und sie zum besten hatte. Also in diesem Monat
-hoffnungsloser Liebe, sittlichen Sinkens, des Verrats an seiner Braut,
-der Aneignung fremden Geldes, das seiner Ehre anvertraut war, – in
-diesem Monat wird der Angeklagte außerdem noch aufs Äußerste gebracht,
-bis zur Raserei, bis zu völligem ‚Außer-sich-sein‘ durch die ewige
-Eifersucht! Und den Anlaß zu dieser Eifersucht gibt wer? – Der eigene
-Vater! Und das Wichtigste: Dieser selbe Vater lockt den Gegenstand der
-Liebe seines Sohnes mit denselben dreitausend Rubeln an, die der Sohn
-für sein Erbteil hält, das Erbe seiner Mutter, das der Alte ihm von
-Rechts wegen noch auszuzahlen hätte. Ja, ich gebe zu, daß so etwas
-schwer zu ertragen sein muß! Da konnte sich bei ihm allerdings eine
-‚fixe Idee‘ bilden. Doch nicht um dieses Geld handelte es sich, sondern
-darum, daß an diesem Gelde mit so ekelhaftem Zynismus sein Glück
-zerschellen mußte!“
-
-Hierauf ging Hippolyt Kirillowitsch, an der Hand von Tatsachen, auf die
-Schilderung über, wie in dem Angeklagten der Gedanke an den Vatermord
-entstanden und allmählich gereift war.
-
-„Zuerst schreien wir nur in den Gasthäusern, daß wir den Vater
-erschlagen würden, – und das tun wir den ganzen Monat. Oh, wir lieben
-es, unter Menschen zu leben und diesen Menschen unverzüglich alles,
-selbst unsere teuflischsten Gedanken, mitzuteilen, wir teilen eben gern
-mit anderen, und wir verlangen – aus unbekannten Gründen –, daß diese
-Menschen uns auf der Stelle ihre vollste Sympathie entgegenbringen, auf
-unsere Sorgen und Aufregungen sofort eingehen, uns in allem beistimmen,
-und unserem Temperament nichts entgegensetzen.“ (Es folgte die Erzählung
-der Szene mit dem Hauptmann Ssnegireff.) „Fast alle, die den Angeklagten
-im letzten Monat gesehen und gehört haben, sagen, sie hätten schließlich
-gefühlt, daß es in diesem Falle nicht nur beim Schreien und Drohen
-bleiben würde, und daß bei einem solchen Temperament und einer solchen
-Wut das Wort sich sehr leicht in Tat umsetzen könnte.“ Hierauf sprach
-Hippolyt Kirillowitsch von der Familienversammlung im Kloster, dem
-Gespräch Mitjäs mit Aljoscha im Nachbargarten und von der schmachvollen
-Szene im Vaterhause, als der Angeklagte den bei Tisch sitzenden Vater
-geradezu überfallen hatte. „Es fällt mir natürlich nicht ein, zu
-behaupten,“ fuhr Hippolyt Kirillowitsch fort, „daß der Angeklagte vor
-dieser Szene schon wohlüberlegt beschlossen habe, den Vater einfach
-durch dessen Ermordung beiseite zu schaffen. Ich sage nur, daß dieser
-Gedanke dem Angeklagten nichtsdestoweniger schon mehr als einmal
-gekommen war, und er ihn bewußt überdacht hatte – zur Bestätigung dessen
-haben wir Tatsachen, Zeugen und das eigene Eingeständnis des
-Angeklagten. Ich muß gestehen, meine Herren Geschworenen,“ schaltete
-Hippolyt Kirillowitsch hier ein, „daß ich noch bis heute nicht sicher
-war, ob man den Angeklagten beschuldigen könne, das sich ihm, ich möchte
-sagen, von selbst aufdrängende Verbrechen vorher bewußt überlegt und
-vorgenommen zu haben. Ich war nur fest überzeugt, daß seine Gedanken
-sich mehr als einmal mit dieser bevorstehenden, unvermeidlichen
-Katastrophe, die er doch kommen sah, beschäftigt hatten, daß er den Mord
-vielleicht auch nur in Betracht gezogen, nur als Möglichkeit, ohne dabei
-den Tag und das Nähere der Ausführung zu bestimmen oder sich zu
-überlegen. Ja, der Meinung war ich, – aber nur bis heute, bis von
-Fräulein Werchoffzeff dieses neue Dokument dem Gericht unterbreitet
-wurde. Meine Herren Geschworenen, Sie haben ja selbst ihren Ausruf
-gehört: ‚Das ist der Plan, das ist das Programm der Ausführung des
-Mordes!‘ – mit diesen Worten bezeichnete sie den ‚trunkenen‘ Brief des
-unglücklichen Angeklagten. In der Tat, dieser Brief beweist, daß die Tat
-nach einem ‚Programm‘ und vor allem mit _Vorbedacht_ geschehen ist. Er
-ist zwei Tage vor dem Verbrechen geschrieben worden, – und so haben wir
-jetzt den unantastbaren Beweis dafür, daß der Angeklagte achtundvierzig
-Stunden vor der Ausführung seines ungeheuerlichen Vorsatzes schwört, daß
-er, wenn er am nächsten Tage das Geld sich nicht anderswoher verschaffen
-könne, den Vater erschlagen werde, um von ihm das Geld zu nehmen, das
-unter dem Kissen in einem Kuvert liegt, ‚wenn nur Iwan abreisen würde.‘
-Hören Sie es wohl: ‚Wenn nur Iwan abreisen würde!‘ Folglich ist schon
-alles überlegt, sind alle Umstände erwogen, und – alles ist dann so
-geschehen, wie er geschrieben hat! Da ist doch jeder Zweifel an der
-Vorbedachtheit ausgeschlossen, das Verbrechen ist mit der Absicht, das
-Geld zu rauben, begangen worden, das ist doch schwarz auf weiß
-geschrieben und unterschrieben! Der Angeklagte leugnet es nicht, daß er
-den Brief geschrieben hat. Man wird vielleicht sagen: Er hat ihn
-sicherlich in betrunkenem Zustande geschrieben. Aber das will ja nichts
-sagen, das macht den Brief sogar noch um so wichtiger: Er hat im
-trunkenen Zustande geschrieben, was er in nüchternem sich vorgenommen
-hat; wäre es nicht im nüchternen Zustande vorgefaßt worden, so hätte er
-es auch in der Betrunkenheit nicht geschrieben. Man wird vielleicht auch
-noch einwenden: Warum aber hat er dann seine Absicht nicht verheimlicht,
-warum hat er sie überall ausgeschrien? Wer sich zu so etwas mit
-_Vorbedacht_ entschließt, der schweigt darüber und verbirgt die Absicht.
-Das ist wahr, aber er schrie ja nur dann, als er noch keine Pläne und
-_bestimmten_ Absichten hatte, und nur der Wunsch vorhanden war und die
-Absicht erst heranreifte. Später spricht er schon weniger davon. An
-jenem Abend, an dem dieser Brief geschrieben wurde, nachdem er sich im
-Gasthaus ‚Zur Hauptstadt‘ angetrunken hatte, ist er ganz gegen seine
-Gewohnheit schweigsam gewesen, hat nicht Billard gespielt, hat allein
-und sichtlich zurückgezogen gesessen, fast mit niemandem gesprochen und
-nur einen hiesigen Kommis von seinem Platze vertrieben, doch hat er das
-fast unbewußt getan, wahrscheinlich nur aus Gewohnheit an Händeln, ohne
-die er, wenn er ins Gasthaus eintrat, nun einmal nicht auskommen konnte.
-In der Tat, erst an jenem Abend hat er vielleicht den Entschluß gefaßt,
-und so mag er sich denn wahrscheinlich unter anderem auch gesagt haben,
-daß er schon gar zu offenherzig in der ganzen Stadt ausgesprochen, gar
-zu unvorsichtig über seinen Vater Verfängliches geäußert habe, daß seine
-eigenen Worte sehr wohl den Täter vermuten ließen, wenn er jetzt die
-Absicht wirklich ausführte. Aber was tun? Die Worte waren gesprochen:
-Diese Tatsache konnte man nicht mehr ungeschehen machen. Und dann – hat
-schon früher der krumme Weg herausgeführt, so wird er es auch jetzt tun!
-Wir verließen uns auf unseren guten Stern, meine Herren! Ich muß noch
-zugeben, daß er viel getan hat, um diese Lösung zu vermeiden, daß er
-sich sehr angestrengt hat, sich das Geld auf eine andere Weise zu
-verschaffen. ‚Morgen werde ich jeden Menschen um dreitausend Rubel
-angehen,‘ schreibt er in seiner eigenartigen Sprache, ‚geben aber die
-Menschen sie mir nicht, so fließt Blut.‘ In der Betrunkenheit ist es
-geschrieben, in nüchternem Zustande ist es dann so, wie es geschrieben
-war, ausgeführt worden.“
-
-Hier begann Hippolyt Kirillowitsch die ausführliche Schilderung aller
-vergeblichen Versuche Mitjäs, sich das Geld zu verschaffen, um das
-Verbrechen umgehen zu können. Er schilderte seinen Gang zu Ssamssonoff,
-die Fahrt zu Ljägawyj – alles nach dem Protokoll. „Müde, verspottet,
-hungrig kehrte er wieder zurück,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „nachdem
-er auch noch seine Uhr verkauft hat (während er dabei tausendfünfhundert
-Rubel bei sich gehabt haben will!), gequält von der Eifersucht wegen des
-in der Stadt zurückgebliebenen geliebten Weibes, dabei noch mit der
-Angst im Herzen, daß sie in seiner Abwesenheit vielleicht zu Fedor
-Pawlowitsch gehen könnte oder vielleicht schon gegangen ist, – in diesem
-Zustande kommt er in die Stadt zurück. Doch Gott sei Dank! Sie ist nicht
-bei Fedor Pawlowitsch gewesen. Er begleitet sie zum Kaufmann
-Ssamssonoff. (Auffallend ist, daß er auf Ssamssonoff nicht eifersüchtig
-ist, was in diesem Falle eine äußerst charakteristische psychologische
-Eigentümlichkeit zu sein scheint.) Darauf eilt er auf den
-Beobachtungsposten an der ‚Hinterstraße‘. Dort erfährt er, daß
-Ssmerdjäkoff einen epileptischen Anfall gehabt hat, und daß auch
-Grigorij krank ist. Das Feld ist also frei und die ‚Zeichen‘ kennt er –
-welche Versuchung! Nichtsdestoweniger sträubt er sich noch gegen das
-Verbrechen: er begibt sich zu einer hochgeachteten Dame, die sich
-augenblicklich vorübergehend hier aufhält, zu Frau Chochlakoff. Diese
-Dame, die ihn schon seit längerer Zeit beobachtet und bemitleidet hat,
-gibt ihm einen äußerst vernünftigen Rat: dieses ganze wüste Leben, diese
-monströse Liebe und das Herumtreiben in den Gasthäusern aufzugeben und
-nach Sibirien in die Goldgruben zu fahren: ‚Dort ist das Arbeitsfeld für
-Ihre tobenden Kräfte, die Sie hier so unnütz vergeuden, dorthin gehören
-Sie mit Ihrem romantischen, abenteuerlustigen Charakter!‘ sagt sie ihm.“
-Nachdem Hippolyt Kirillowitsch dann noch den Ausgang des Gespräches mit
-Frau Chochlakoff wiedergegeben hatte, und auch auf jenen Augenblick zu
-sprechen gekommen war, wie der Angeklagte auf dem Großen Platz erfahren,
-daß Agrafena Alexandrowna nur eine kurze Zeit bei Herrn Ssamssonoff
-geblieben sei, beschrieb er, wie der Unglückliche, bei seinen gereizten
-Nerven und seiner Eifersucht, nach dieser Nachricht – die ihm den Betrug
-der Geliebten so gut wie bestätigte – außer sich geraten sein mußte.
-Ferner lenkte er noch die Aufmerksamkeit auf einen verhängnisvollen
-Zufall: „Hätte die Stubenmagd Fenjä ihm gesagt, daß ihre Herrin in
-Mokroje bei dem ‚Früheren‘ und ‚Alleinberechtigten‘ war – so wäre das
-Unglück nicht geschehen. Sie aber wußte im Schreck und in der Angst
-nichts anderes zu sagen, als nur zu schwören und ihn einer Sache zu
-versichern, die er besser wußte, so daß für ihn die Lüge, und folglich
-auch der Betrug, vollständig bestätigt schienen. Und wenn er diese
-Stubenmagd dafür nicht auf der Stelle erschlagen hat, so hat sie das nur
-dem Umstande zu danken, daß er sofort besinnungslos Hals über Kopf
-fortstürzte – der Geliebten nach! Jetzt ist hier aber noch eine sehr
-auffallende Tatsache zu beachten: Wie außer sich er auch war, er verfiel
-dabei doch noch darauf, die messingne Mörserkeule mitzunehmen. Warum
-nahm er gerade die Mörserkeule, warum suchte er nicht irgendeinen
-anderen Gegenstand, warum nicht eine Waffe? Ich glaube, wenn wir uns
-einen ganzen Monat mit einer gewissen Absicht getragen, und uns alle
-Eventualitäten vorgestellt, alles erwogen und uns auf alles vorbereitet
-haben, so ist es sehr erklärlich, warum wir uns selbst in dieser
-Erregung zu helfen wissen und eine Mörserkeule sofort als Waffe
-erkennen, denn daß man auch mit so etwas einen Menschen erschlagen kann,
-das haben wir ja schon einen ganzen Monat bedacht. Darum hat er denn
-auch sofort den Wert dieser Mörserkeule im Augenblick, ohne
-nachzudenken, trotz seiner Erregung, sehr zu schätzen gewußt. So kann
-ich denn wohl sagen, daß der Angeklagte die Mörserkeule nicht unbewußt,
-nicht ohne eine gewisse Absicht ergriffen hat. Und da ist er nun im
-väterlichen Garten ... Zeugen sind nicht zu befürchten, tiefe Nacht,
-Finsternis – und Eifersucht! Der Argwohn, daß sie hier ist, bei ihm, bei
-seinem Rivalen, in seinen Armen, und in diesem Augenblick mit ihm
-zusammen über ihn selbst womöglich noch lacht – raubt ihm den Atem. Und
-nicht nur der Argwohn – wo kann jetzt noch von Argwohn die Rede sein!
-Der Betrug liegt doch auf der Hand, jeder Zweifel ist doch
-ausgeschlossen: Sie ist bei ihm, dort in jenem Zimmer, aus dessen
-Fenster der Lichtschein in den Garten fällt, sie liegt dort – bei ihm –
-hinter dem Bettschirm. Und da schleicht sich der Unglückliche zum
-Fenster, blickt ehrerbietig durch die Scheiben hinein und schickt sich
-sittsam drein, weil nun einmal nichts mehr daran zu ändern ist, geht
-vielmehr vernünftig fort, um sich vom Unheil zu entfernen, und damit
-nicht gar etwas Gefährliches und Unsittliches geschehe! – Davon will man
-uns überzeugen, uns, die wir doch den Charakter des Angeklagten kennen,
-die wir doch begreifen, in welch einer Gemütsverfassung er sich befand,
-und vor allen Dingen, nachdem wir wissen, daß ihm Zeichen bekannt waren,
-mittels welcher er ohne weiteres die Tür sich aufmachen lassen und ins
-Haus eintreten konnte!“ Hier, bei Gelegenheit der Zeichen, verließ
-Hippolyt Kirillowitsch vorübergehend die Anklage und kam auf
-Ssmerdjäkoff zu sprechen, um die Verdächtigung Ssmerdjäkoffs ein für
-allemal auszuschalten. Er sprach sehr sachlich darüber, und man begriff
-sofort, daß er trotz seiner ganzen Verachtung, die er dieser Vermutung
-gegenüber zur Schau trug, dieselbe doch für wichtig genug hielt.
-
-
- VIII.
- Über Ssmerdjäkoff
-
-„Zuerst will ich fragen: wie ist dieser Verdacht überhaupt aufgekommen?“
-begann Hippolyt Kirillowitsch. „Der erste, der gesagt hat, Ssmerdjäkoff
-sei der Mörder, war kein anderer als der Angeklagte selbst, der die
-Verdächtigung im Augenblick seiner Verhaftung hinausgeschrien hat,
-einstweilen aber, bis zur gegenwärtigen Stunde, noch keinen einzigen
-Beweis für sie oder auch nur eine mehr oder weniger wahrscheinliche
-Begründung seines Verdachtes hat angeben können. Außerdem wird dieser
-Verdacht nur noch von drei anderen Personen geteilt: von den beiden
-Brüdern des Angeklagten und von Agrafena Alexandrowna Sswetlowa. Und von
-diesen drei hat Iwan Fedorowitsch Karamasoff seinen diesbezüglichen
-Verdacht erst heute in augenscheinlich krankhaftem Zustande geäußert und
-zweifellos in einem Augenblick geistiger Anormalität, wahrscheinlich in
-hohem Fieber. Nun wissen wir aber aufs bestimmteste, daß er während
-dieser letzten zwei Monate durchaus der entgegengesetzten Ansicht
-gewesen ist, und das hat er schon allein dadurch bewiesen, daß er uns in
-dieser Beziehung nicht einmal zu widersprechen versuchte. Doch darauf
-werden wir noch besonders zu sprechen kommen. Der jüngste Bruder des
-Angeklagten hat uns vorhin selbst gesagt, daß er keinerlei Beweise zur
-Bekräftigung seiner Beschuldigung Ssmerdjäkoffs habe, sondern lediglich
-nach den Worten des Angeklagten, ‚und dem Ausdruck seines Gesichts‘ zu
-dieser Ansicht gekommen sei. Ja, diese erdrückende Aussage ist sogar
-zweimal von seinem Bruder gemacht worden. Und die Aussage der Verlobten
-des Angeklagten ist vielleicht noch erdrückender: ‚Was der Angeklagte
-Ihnen sagt, daran glauben Sie, das ist kein Mensch, der lügen kann!‘ Und
-das sind alle vorhandenen Aussagen gegen Ssmerdjäkoff, die zudem noch
-von drei Personen gemacht werden, die nur zu sehr für das Schicksal des
-Angeklagten besorgt sind. Trotzdem aber ist die Verdächtigung
-Ssmerdjäkoffs sehr verbreitet, und sie ist es sogar jetzt noch. Wie ist
-es möglich, daran zu glauben? Wie stellt man sie sich vor?“
-
-Hippolyt Kirillowitsch hielt es für nötig, zuerst den Charakter
-Ssmerdjäkoffs, „der sich wahrscheinlich in einem Anfall krankhafter
-Angst oder in völligem Irrsinn das Leben genommen hat,“ leicht zu
-skizzieren. Er schilderte ihn als schwachsinnigen Menschen, der sich
-nach höherer Bildung sehnte, und den philosophische Ideen, die für
-seinen Verstand zu hoch waren, gänzlich verwirrt hätten – „desgleichen
-auch gewisse zeitgenössische Auffassungen von Schuld und Pflicht, die
-ihm überflüssigerweise beigebracht worden waren – praktisch durch das
-Leben seines verstorbenen Herrn und vielleicht sogar Vaters, an dem von
-Schuld- und Pflichtgefühlen nichts zu sehen war, und theoretisch durch
-verschiedene eigenartige philosophische Gespräche mit dem ältesten Sohn
-aus der zweiten Ehe seines Herrn, mit Iwan Fedorowitsch, dem diese Art
-Zerstreuung offenbar Vergnügen bereitet hatte – vielleicht auch um die
-Langeweile zu vertreiben, oder aber aus dem Bedürfnis heraus, andere zu
-verspotten, und dem daher diese Art Philosophieunterricht die gewünschte
-Befriedigung geboten zu haben schien. Ssmerdjäkoff hat mir ausführlich
-seinen Seelenzustand in den letzten Tagen vor der Katastrophe
-geschildert,“ bemerkte Hippolyt Kirillowitsch beiläufig, „wir besitzen
-überdies noch die Aussagen des Angeklagten selbst, seines Bruders und
-sogar des Dieners Grigorij, also dreier Menschen, die ihn sehr gut
-gekannt haben. Hinzu kommt, daß Ssmerdjäkoff, der mit der Fallsucht
-belastet war, ‚furchtsam wie ein Huhn‘ gewesen sein soll. ‚Er fiel vor
-mir nieder und küßte meine Stiefel,‘ sagte uns der Angeklagte beim
-ersten Verhör, als er noch nicht vermutete, daß eine solche Aussage für
-ihn selbst nachteilig sein würde, – ‚das ist ein krankes Huhn, das die
-Fallsucht hat,‘ lautete sein zweiter Ausspruch über den Diener, in
-seiner charakteristischen Sprache ausgedrückt. Und diesen Menschen
-erwählt nun der Angeklagte – wie er selbst ausgesagt hat – zu seinem
-Vertrauten und schüchtert ihn dermaßen ein, daß jener zu guter Letzt
-einwilligte, für ihn zu spionieren und ihm alles zu hinterbringen. In
-dieser Eigenschaft eines Hausspions verrät er seinen Herrn und teilt dem
-Angeklagten sowohl von dem Vorhandensein des Geldpakets, wie von den
-verabredeten Zeichen alles Nähere mit. Warum hätte er das auch nicht tun
-sollen! ‚Sie wollten mich erschlagen, das sah ich dazumal ganz genau,
-und sie hätten mich auch erschlagen,‘ sagte er beim Verhör, und er
-zitterte sogar vor uns am ganzen Körper, obgleich doch sein Quälgeist
-schon verhaftet war und ihm folglich nichts mehr antun konnte. ‚Sie
-verdächtigen mich alleweil, daß ich was verheimlichte, und so bin ich
-denn von wegen meiner gewaltigen Angst vor ihnen immer von selbst zu
-ihnen geeilt, um ihnen jedes Geheimnis aufzudecken und sie alsomit von
-meiner Unschuld zu überzeugen, damit sie mich noch lebendig zur Buße
-entließen.‘ Das sind seine eigenen Worte, ich habe sie aufgeschrieben
-und behalten. ‚Und wenn sie mich anschrien, wie selbiges oft vorkam, so
-fiel ich hinwiederum zitternd auf die Knie vor ihnen.‘ Da nun
-Ssmerdjäkoff von Natur ein selten ehrlicher Mensch war, und daher seines
-Herrn volles Vertrauen genoß, so kann man annehmen, daß der unglückliche
-Mensch sich nicht wenig wegen seines Verrats an seinem Herrn, den er als
-seinen Wohltäter liebte, gequält hat. Epileptiker, die schwer unter
-ihrer Krankheit zu leiden haben, sollen, nach dem Ausspruch der
-bedeutendsten Psychiater, immer geneigt sein zu fortwährender und
-natürlich krankhafter Selbstanklage. Sie quälen sich wegen ihrer
-‚Schuld‘ in irgend etwas und vor irgend jemandem, sie quälen sich mit
-Gewissensbissen, häufig ohne jede Veranlassung, sie übertreiben alles
-und denken sich sogar ganze Verbrechen aus, die sie begangen hätten. Und
-solch ein Geschöpf wird nun in der Tat schuldig, wird es aus lauter
-Angst nach allen Einschüchterungen, und hintergeht seinen Herrn.
-Außerdem ahnte Ssmerdjäkoff, daß aus den Szenen, die sich vor seinen
-Augen abspielten, nichts Gutes hervorgehen werde. Als der zweite Sohn
-Fedor Pawlowitschs, Iwan Fedorowitsch, kurz vor der Katastrophe nach
-Moskau abreiste, hat Ssmerdjäkoff ihn flehentlich gebeten, nicht zu
-verreisen, hat aber in seiner Ängstlichkeit nicht gewagt, ihm alle seine
-Befürchtungen klar und kategorisch mitzuteilen. Er hat sich mit
-Anspielungen begnügt, doch diese Anspielungen sind nicht verstanden
-worden. Ich muß hierzu noch bemerken, daß er in Iwan Fedorowitsch
-gewissermaßen seinen Verteidiger erblickte, gleichsam eine Garantie
-dafür, daß, solange derselbe im Hause blieb, kein Unglück geschehen
-würde. Erinnern Sie sich nur des einen Ausspruchs im ‚trunkenen‘ Brief
-Dmitrij Karamasoffs: ‚ich werde ihn totschlagen, wenn nur Iwan abreisen
-würde.‘ Folglich hat die Anwesenheit Iwan Fedorowitschs allen gleichsam
-eine Garantie für die Ruhe und Ordnung im Hause geschienen. Da aber
-fährt dieser fort nach Moskau, und Ssmerdjäkoff fällt – noch war keine
-Stunde seit seiner Abfahrt vergangen – in einem epileptischen Anfall in
-den Keller. Das aber ist durchaus erklärlich. Hier muß noch erwähnt
-werden, daß Ssmerdjäkoff, besonders in den letzten Tagen vor der
-Katastrophe, in denen er durch Furcht und Verzweiflung sowieso schon
-niedergedrückt gewesen ist, die Möglichkeit eines baldigen Anfalls sehr
-stark empfunden hat, da ein solcher sich meistens in Augenblicken
-seelischer Anspannung oder Erschütterung einzustellen pflegt. Tag und
-Stunde dieser Anfälle kann man natürlich nicht im voraus wissen, dafür
-aber kann jeder Epileptiker sehr wohl fühlen, ob er zu einem Anfall
-disponiert ist. Das wird auch von den Ärzten bestätigt. Und nun, kaum
-hat Iwan Fedorowitsch das Vaterhaus und die Stadt verlassen, als
-Ssmerdjäkoff, unter dem Eindruck seiner ‚Verwaistheit‘ und
-Schutzlosigkeit in einer häuslichen Angelegenheit in den Keller geht,
-und während er die Treppe hinabsteigt, bei sich denkt: ‚Werde ich nun
-einen Anfall bekommen, oder werde ich nicht, was aber dann, wenn ich ihn
-jetzt gleich bekomme?‘ Und gerade infolge dieser Stimmung, dieses
-Zweifels und dieser angstvollen Frage, packt ihn denn auch der
-Kehlkrampf, der dem Anfall stets vorangeht, und im selben Augenblick
-fliegt er besinnungslos die Treppe hinab und fällt auf den Boden des
-Kellers hin. Und nun will man gerade in diesem natürlichen
-Zusammentreffen eine Verdachtsmöglichkeit sehen, einen Hinweis darauf,
-daß er sich _absichtlich_ krank gestellt habe! Nehmen wir an, er hat es
-absichtlich getan, so erhebt sich doch sofort die Frage: warum und wozu
-denn eigentlich? Aus welcher Berechnung, zu welchem Zweck? Von der
-medizinischen Wissenschaft will ich weiter nicht reden. Die
-Wissenschaft, kann man sagen, _lügt_, die Wissenschaft täuscht sich, und
-andere, die Ärzte haben es nicht verstanden, Echtheit von Verstellung zu
-unterscheiden, – schön, schön, aber antworten Sie mir einstweilen auf
-die eine Frage: wozu hätte er sich verstellen sollen? Etwa um – nachdem
-er den Mord geplant hat – durch einen Anfall schon vorher die allgemeine
-Aufmerksamkeit im Hause auf sich zu lenken? Sehen Sie, meine Herren
-Geschworenen, im Hause Fedor Pawlowitschs waren in der Mordnacht im
-ganzen nur fünf Menschen: erstens, Fedor Pawlowitsch – aber er hat sich
-doch nicht selbst erschlagen, das ist ja nur zu offenbar; zweitens, sein
-Diener Grigorij, aber der ist ja selbst beinahe totgeschlagen worden;
-drittens, die Frau Grigorijs, die Dienerin Marfa Ignatjewna, – sie sich
-als Mörderin ihres Herrn vorzustellen, wäre geradezu eine Schande. So
-bleiben folglich nur noch zwei übrig, die in Frage kämen: der Angeklagte
-und Ssmerdjäkoff. Da aber der Angeklagte versichert, nicht er habe
-erschlagen, so muß es folglich Ssmerdjäkoff getan haben, eine andere
-Lösung der Frage gibt es nicht, denn ein anderer Mörder läßt sich nicht
-auftreiben: wie man auch suchen wollte, es ist kein anderer da, auf den
-auch nur der leiseste Verdacht fallen könnte. Daraus, daraus also ist
-diese ‚schlaue‘ und erdrückende Beschuldigung des unglücklichen Idioten,
-der gestern seinem Leben ein Ende gemacht hat, entstanden, daraus also,
-beachten Sie das wohl, meine Herren Geschworenen, nur daraus! Nur aus
-dem einen, dem einzigen Grunde, weil man keinen anderen finden kann!
-Gäbe es nur einen Schatten von einem Verdacht auf irgendeinen anderen,
-einen sechsten, so würde – davon bin ich überzeugt – selbst der
-Angeklagte sich geschämt haben, einen Verdacht gegen Ssmerdjäkoff auch
-nur auszusprechen, denn Ssmerdjäkoff dieses Mordes zu beschuldigen, ist
-einfach absurd!
-
-„Meine Herren Geschworenen, lassen wir einmal die Psychologie beiseite,
-lassen wir auch die medizinische Wissenschaft und selbst die Logik
-beiseite, wenden wir uns nur den Tatsachen zu, einzig und allein den
-Tatsachen, und sehen wir jetzt einmal, was uns diese Tatsachen sagen.
-Also: Ssmerdjäkoff ist der Mörder, und es fragt sich nur, wie er den
-Mord begangen hat. Allein oder zusammen mit dem Angeklagten? Untersuchen
-wir zunächst den ersten Fall, daß Ssmerdjäkoff allein den Mord
-ausgeführt hat. Wenn er ihn erschlug, so tat er das doch
-selbstverständlich aus einem bestimmten Grunde, zu einem besonderen
-Zweck, um einen gewissen Vorteil zu erreichen. Da nun aber bei ihm kein
-Schatten von ähnlichen Motiven, wie sie der Angeklagte hatte,
-mitsprechen konnte, als da sind, Eifersucht, Haß usw. usw., hätte
-Ssmerdjäkoff zweifellos nur des Geldes wegen erschlagen können, um sich
-diese dreitausend Rubel anzueignen, von denen er wußte, daß der Herr sie
-ins Kuvert und das Kuvert unter das Kissen gelegt hatte, da er in dem
-betreffenden Augenblick zugegen gewesen war. Und nun, nachdem er den
-Mordplan entworfen hat, teilt er unaufgefordert einem anderen Menschen –
-der zudem noch im höchsten Grade bei der ganzen Sache interessiert ist,
-nämlich dem Angeklagten – alles Nähere über das Geld und die Zeichen
-mit: wo das Geld liegt, was auf dem Geldpaket geschrieben steht, womit
-es zugebunden ist, und teilt ihm vor allen Dingen, vor allen Dingen die
-‚Zeichen‘ mit, mittels deren man ins Haus zum Herrn eindringen kann. Wie
-nun, tat er es speziell, um sich anzugeben? Oder um sich einen
-Konkurrenten zu schaffen, den es vielleicht gleichfalls gelüsten könnte,
-hinzugehen und das Geld _sich_ anzueignen? Aber, wird man einwenden, er
-hat es ihm doch nur aus Furcht mitgeteilt. Wie denn das? Ein Mensch, der
-sich nicht gescheut hat, eine so tierische Tat auszudenken und später
-auch auszuführen, – teilt solche Nachrichten mit, die in der ganzen Welt
-nur ihm allein bekannt sind, und die, wenn _er_ sie nicht verrät, kein
-einziger Mensch in der ganzen Welt je erraten würde? Nein, wie feig der
-Mensch auch gewesen sein mag, wenn er selbst einen Mord geplant hätte,
-so hätte er doch niemals etwas auch nur entfernt Verdächtiges gesagt, am
-wenigsten natürlich etwas von den Zeichen und dem Geldpaket, oder gar,
-daß er wüßte, wo es liegt! Das hieße doch, sich im voraus ausliefern. Er
-hätte sich vielleicht absichtlich etwas anderes ausgedacht, hätte etwas
-anderes vorgelogen, wenn von ihm nun einmal durchaus Nachrichten
-verlangt wurden – das aber hätte er unter allen Umständen verschwiegen.
-Im Gegenteil – ich wiederhole es – wenn er wenigstens von dem Gelde
-geschwiegen, dann aber gemordet und das Geld sich angeeignet hätte, so
-hätte natürlich niemand ihn beschuldigen können, wenigstens nicht des
-Raubmordes, da außer ihm doch niemand das Geld gesehen hatte und niemand
-außer ihm auch nur wußte, daß es in dieser Weise bereitgehalten wurde.
-Und selbst wenn man ihn beschuldigt hätte, so wäre er doch immerhin
-nicht des Raubmordes angeklagt worden, man hätte selbstverständlich
-geglaubt, er habe es aus irgendeinem anderen, unbekannten Beweggrunde
-getan. Da nun aber niemand an ihm vorher etwas von solchen eventuellen
-Beweggründen bemerkt hat, dafür aber alle wußten, daß sein Herr ihn
-liebte und ihm volles Vertrauen schenkte, so wäre der Verdacht auf jeden
-anderen eher als auf ihn gefallen, ganz zuerst aber auf denjenigen, bei
-dem man diese Beweggründe sogar sehr voraussetzen konnte, der sogar
-selbst überall geschrien hat, daß er diese Motive habe, der sie nicht
-verheimlicht, sondern allen und jedem aufgedeckt hat. Mit einem Wort,
-man hätte den Sohn des Erschlagenen verdächtigt, Dmitrij Fedorowitsch.
-Ssmerdjäkoff wäre der Mörder und Dieb gewesen, den Sohn aber hätte man
-angeklagt, – ich denke, das wäre für den Mörder Ssmerdjäkoff denn doch
-ganz vorteilhaft gewesen? Nun, und diesem Sohne Dmitrij Fedorowitsch
-teilt Ssmerdjäkoff, indem er den Mord plant, alles Nähere über das Geld
-und die Zeichen mit, – wie logisch, wie klar das ist!!
-
-Es kommt der Tag, an dem Ssmerdjäkoff seinen Plan ausführen will, und er
-bekommt einen epileptischen Anfall, d. h. er spielt einen Anfall vor.
-Warum, wozu tut er das? Nun, versteht sich, erstens, damit der Diener
-Grigorij, der eine Kur vorzunehmen gedenkt, sein Vorhaben aufschiebe und
-das Haus bewache. Zweitens natürlich zu dem Zweck, damit der Herr, der
-dann wüßte, daß er nicht bewacht wurde, und aus Angst, der gefürchtete
-Sohn könnte kommen, sein Mißtrauen und seine Vorsicht verdoppele. Und
-schließlich – und das ist natürlich der Hauptgrund – damit man ihn,
-Ssmerdjäkoff, unverzüglich aus seiner Stube neben der Küche, wo er sonst
-ganz allein schlief, und wohin ein besonderer Eingang führte, in die
-andere Hälfte, ganz ans andere Ende des Hauses bringe, in Grigorijs und
-Marfas Zimmer, um dort bei ihnen hinter dem Verschlage hingelegt zu
-werden, drei Schritt von ihrem Bett, wie das immer geschehen ist, wenn
-er einen Anfall hatte, sowohl auf Fedor Pawlowitschs Anordnung wie auf
-Marfa Ignatjewnas Wunsch. Und dann höchstwahrscheinlich deswegen, damit
-er dort hinter dem Bretterverschlage in möglichst natürlicher Weise den
-Kranken spielen, stöhnen, d. h. also sie die ganze Nacht immer wieder
-aufwecken könne – wie es nach Grigorijs und Marfas Aussagen auch
-geschehen ist. Und alles das, alles das nur zu dem einen Zweck: um
-bequemer plötzlich aufstehen und dann den Herrn erschlagen zu können!
-
-Aber, wird man vielleicht einwenden, er hat sich gerade deswegen krank
-gestellt, damit man ihn, den Kranken, nicht verdächtige, dem Angeklagten
-aber hat er alles Nähere über das Geld und die Zeichen gesagt, um diesen
-zu verlocken, hinzugehen und totzuschlagen, um dann, sehen Sie mal, wenn
-jener schon totgeschlagen hat – und mit dem Gelde fortgegangen ist –
-höchstwahrscheinlich nach einigem Spektakel und Gepolter, das womöglich
-noch Zeugen herbeirufen könnte – um dann aufzustehen, hinzugehen und –
-ja was nun noch zu machen? Ganz einfach, um eben noch einmal den Herrn
-totzuschlagen und das schon fortgetragene Geld nochmals fortzutragen.
-Meine Herren, Sie lachen? Ich muß gestehen, daß ich mich schäme, solche
-Voraussetzungen machen zu müssen, indessen ist es gerade das, was der
-Angeklagte behauptet: ‚Nach mir, als ich aus dem Hause schon
-hinausgegangen war, Grigorij niedergeschlagen und viel Lärm gemacht
-hatte, ist er hingegangen und hat den Mord wie den Raub ausgeführt.‘
-Hierauf läßt sich natürlich vieles erwidern. Schon allein die eine
-Frage, auf die ich weiter nicht eingehen will, wie Ssmerdjäkoff
-gleichsam an den Fingern hätte voraus berechnen und somit vorauswissen
-können, daß der gereizte und zum Äußersten gebrachte Sohn einzig und
-allein zu dem Zweck in den Garten kommen würde, um ehrfürchtig durch das
-Fenster ins Zimmer zu blicken, und (obgleich er die Zeichen in der Hand
-hat!) sehr sittsam sich wieder zurückzuziehen, und um ihm, dem Diener
-Ssmerdjäkoff, seine Beute zu überlassen! Meine Herren Geschworenen, ich
-stelle jetzt nachdrücklich die Frage: Wann war der Augenblick, in dem
-Ssmerdjäkoff das Verbrechen beging? Geben Sie mir diesen Augenblick an,
-denn ohne diese Angabe kann man ihn nicht beschuldigen.
-
-Vielleicht aber war der Anfall echt? Der Kranke wachte plötzlich auf,
-hörte einen Schrei, ging hinaus – nun, und was weiter? Er sah sich um
-und sagte sich: Ach was, ich werde mal hingehen und den Herrn
-erschlagen! Woher aber konnte er wissen, was inzwischen geschehen war,
-er hatte doch bis dahin bewußtlos im Bett gelegen? Ich glaube, meine
-Herren, daß es auch für Phantasien eine Grenze gibt.
-
-‚Ja, aber,‘ werden scharfsinnige Leute sagen, ‚wenn nun beide im
-Einverständnis waren, wenn beide den Mord gemeinsam begangen und das
-Geld geteilt haben, nun, was dann?‘
-
-Ja, das ist allerdings eine wichtige Frage, und – die Hauptsache! – wir
-haben sofort schwerwiegende Verdachtsgründe, die darauf hinzuweisen
-scheinen. Der eine erschlägt und nimmt alle Mühen auf sich, der andere
-aber, der Helfershelfer, liegt auf der Seite und spielt einen
-epileptischen Anfall vor – um vorher in allen Argwohn zu erwecken,
-Argwohn im Herrn und Argwohn in Grigorij. Es wäre ungemein interessant
-zu erfahren, aus welchen Gründen beide Spießgesellen sich einen so
-verrückten Plan ausgedacht hätten. Doch vielleicht war es durchaus keine
-aktive Mitwirkung von seiten Ssmerdjäkoffs, sondern sozusagen nur eine
-passive, duldende: vielleicht hatte der eingeschüchterte Ssmerdjäkoff
-nur eingewilligt, nichts zu tun, um den Mord zu verhindern. Und so hat
-er denn, in der Voraussicht, daß man ihn schon allein deswegen bestrafen
-würde, daß er nicht angegeben, nicht geschrien, sich dem Morde nicht
-widersetzt hat, von Dmitrij Karamasoff im voraus die Erlaubnis
-ausgebeten, während dieser ganzen Zeit anscheinend in einem
-epileptischen Anfall liegen zu dürfen –: ‚Du morde dann soviel du
-willst, ich bleibe aus dem Spiel.‘ In diesem Falle hätte aber Dmitrij
-Karamasoff sich doch sagen müssen, daß ein solcher Anfall Ssmerdjäkoffs
-im Hause eine gewisse Unruhe, Unsicherheit und folglich größere Vorsicht
-veranlassen werde, und so wäre er denn selbstverständlich auf eine
-derartige Abmachung nicht eingegangen. Doch nehmen wir selbst an, daß er
-darauf eingegangen ist. Dann aber käme es doch wieder darauf hinaus, daß
-Dmitrij Karamasoff der Mörder, der direkte Mörder und Anstifter ist,
-Ssmerdjäkoff dagegen nur ein passiver Teilnehmer und selbst nicht einmal
-das, sondern nur ein Hehler, der den Mord aus Angst und wider Willen
-zugelassen hat. Diesen Unterschied hätte doch das Gericht ohne weiteres
-eingesehen. Was aber sehen wir? Kaum ist der Angeklagte verhaftet, so
-wälzt er schon die _ganze_ Schuld auf Ssmerdjäkoff, auf ihn _allein_.
-Nicht der Teilhaberschaft mit sich beschuldigt er ihn, sondern ihn
-allein beschuldigt er: ‚Er hat es allein getan, er hat gemordet und
-geraubt, seiner Hände Tat ist es!‘ Was sind das nun für Spießgesellen,
-von denen der eine sofort den anderen hineinlegen will? So etwas ist
-doch noch nie dagewesen! Und dabei nicht zu vergessen, was für ein
-Risiko das für Karamasoff gewesen wäre: er ist der Hauptmörder, jener
-aber nicht, jener ist nur der Hehler, der während der Tat hinter dem
-Bretterverschlage krank im Bett gelegen hat. Und nun will der Mörder
-alles auf den Hehler abwälzen! Da müßte er sich doch sagen, daß der
-andere sich ärgern und schon allein um der Selbsterhaltung willen gar
-bald die ganze Wahrheit aufdecken könnte. ‚Wir haben es zusammen getan,
-nur habe nicht ich erschlagen, sondern er, ich habe nur aus Angst den
-Mord zugelassen.‘ Ssmerdjäkoff hätte sich dann doch sagen müssen, daß
-das Gericht den Unterschied zwischen dieser und jener Schuld sehr wohl
-einsehen und folglich auch einen Unterschied in der Strafe machen werde;
-daß man ihn zwar gleichfalls verurteilen werde, aber immerhin zu einer
-unvergleichlich geringeren Strafe als den Hauptmörder, der alles auf ihn
-allein abwälzen will. In diesem Falle hätte also Ssmerdjäkoff
-unwillkürlich seine geringere Schuld eingestanden und folglich auch den
-Haupttäter angegeben. Das aber ist nicht geschehen. Ssmerdjäkoff hat
-nicht die leiseste Andeutung gemacht, die auf eine derartige Abmachung
-schließen ließe, ungeachtet dessen, daß der Mörder immer wieder
-hartnäckig ihn allein beschuldigt und auf ihn als den einzigen Mörder
-hingewiesen hat. Ja, Ssmerdjäkoff hat beim Verhör selbst angegeben, daß
-er, Ssmerdjäkoff, _er selbst_ dem Angeklagten von dem Gelde und den
-Zeichen Mitteilung gemacht hat, und jener ohne ihn nichts von alledem
-erfahren hätte. Wäre er nun wirklich sein Helfershelfer und schuldig
-gewesen, hätte er dann gleichfalls so offen gesagt, daß er so etwas dem
-Angeklagten mitgeteilt hat? Im Gegenteil, er hätte vieles zu
-verschweigen und die Tatsachen zu entstellen gesucht. Er aber hat nichts
-entstellt, nichts verheimlicht. So kann nur ein Unschuldiger handeln,
-der nicht zu fürchten braucht, daß man ihn der Teilhaberschaft
-beschuldigen könnte. Nun hat er sich gestern, wohl in einem Augenblick
-krankhafter Melancholie, wahrscheinlich infolge seiner starken Anfälle
-und dieser ganzen Katastrophe – nun hat er sich gestern Nacht erhängt.
-Das einzige, was er hinterlassen hat, ist ein Zettel mit den kurzen
-Worten in seinem eigenartigen Stil: ‚Ich vertilge mich aus eigenem
-Wunsch und Willen, um alsomit niemanden zu beschuldigen.‘ Nun, was hätte
-es ihm in dem Augenblick ausgemacht, noch hinzuzufügen: der Mörder bin
-ich und nicht Karamasoff? Er aber hat das nicht hinzugefügt. Ist nun
-glaubwürdig, daß sein Gewissen, das zu dem einen ausgereicht hat, zu dem
-anderen nicht ausreichte?
-
-Und weiter: plötzlich wird hierher in diesen Saal Geld gebracht, eine
-Summe von genau dreitausend Rubel. ‚Das sind dieselben Dreitausend, die
-in jenem Kuvert, das dort auf dem Tische bei den Sachbeweisen liegt, von
-Fedor Pawlowitsch geraubt worden sind, ich habe sie gestern von
-Ssmerdjäkoff erhalten.‘ Sie, meine Herren Geschworenen, Sie erinnern
-sich wohl noch des betrübenden Bildes von vorhin. Ich werde die
-Einzelheiten hier nicht wieder auffrischen, ich erlaube mir nur ein paar
-Einwendungen gegen seine Behauptung zu machen, nur ein paar unbedeutende
-– denn diese würden, eben weil sie unbedeutend sind, nicht einem jeden
-einfallen, und außerdem vergessen sie sich leicht. Nehmen wir zunächst
-einmal an: Ssmerdjäkoff hat gestern, von Gewissensbissen gequält, das
-Geld herausgegeben und sich darauf erhängt. (Denn ohne Gewissensbisse
-hätte er das Geld nicht herausgegeben.) Selbstverständlich hat er erst
-gestern Abend Iwan Karamasoff zum erstenmal seine Schuld eingestanden,
-wie dieser ja auch vorhin selbst erklärte. Warum hätte er anderenfalls
-bis jetzt darüber geschwiegen? Also Ssmerdjäkoff hat eingestanden –
-warum aber hat er denn auf dem hinterlassenen Zettel uns nicht die ganze
-Wahrheit enthüllt, da er doch wußte, daß am nächsten Tage der unschuldig
-Angeklagte vielleicht verurteilt werden würde? Dieses Geld allein ist
-doch noch kein Beweis. Mir und noch zwei anderen Personen hier in diesem
-Saal ist zum Beispiel ganz zufällig vor einer Woche eine gewisse
-Tatsache bekannt geworden, nämlich, daß Iwan Fedorowitsch Karamasoff
-zwei fünfprozentige Bankbillette, jedes von fünftausend Rubel, zusammen
-folglich zehntausend Rubel, in die Gouvernementsstadt geschickt hat, um
-sie dort einwechseln zu lassen. Ich führe das nur an, um damit zu sagen,
-daß ein jeder sich Geld zu einem bestimmten Tage verschaffen kann, und
-daß man, wenn man genau dreitausend Rubel herbringt, damit noch nicht
-ausschlaggebend beweist, daß dieses Geld dasselbe Geld ist, das einmal
-in dem und dem Kasten oder Kuvert gelegen hat. Und dann, wie denn das –
-Iwan Karamasoff bleibt, nachdem er eine so wichtige Nachricht von dem
-wirklichen Mörder erhalten hat, ruhig zu Haus? Warum hat er es in dem
-Falle nicht unverzüglich mitgeteilt? Warum hat er alles bis auf den
-nächsten Tag hinausgeschoben? Ich glaube mich berechtigt, meine
-Vermutung über diese Frage auszusprechen: schon vor einer Woche hat er
-ihm Nahestehenden und auch dem Doktor gestanden, daß er Visionen sehe,
-daß er Gestorbenen zu begegnen glaube – kurz, am Vorabend des Ausbruchs
-der Krankheit, wahrscheinlich des Wahnsinns, erfährt er plötzlich den
-Tod Ssmerdjäkoffs, und er denkt sich sofort folgendes: ‚Der Mann ist
-jetzt tot, da kann man die Schuld auf ihn schieben, und auf diese Weise
-werde ich den Bruder retten. Geld aber habe ich selbst genug: ich werde
-davon Dreitausend nehmen und sagen, daß Ssmerdjäkoff sie mir vor dem
-Tode übergeben habe.‘ Sie werden sagen, es sei unehrenhaft, auch nur
-gegen einen Toten falsch auszusagen, es sei unehrenhaft, zu lügen, und
-wenn es auch zur Rettung des Bruders geschehe und sei folglich von Iwan
-Fedorowitsch nicht anzunehmen. Schön. Wie aber, wenn er unbewußt gelogen
-hat, wenn er selbst glaubt, daß es so gewesen ist, gerade nachdem er
-durch die Nachricht von dem Tode jenes Dieners in seinem Verstande
-endgültig gestört worden war? Sie haben ja die Szene vorhin gesehen, Sie
-haben gesehen, in welchem Zustande dieser Mensch sich befand. Wohl stand
-er aufrecht da und sprach, wo aber war sein Verstand? Und gleich nach
-dieser Aussage des irre Redenden folgte die Vorweisung des Dokuments,
-des Briefes, den der Angeklagte an Fräulein Werchoffzeff zwei Tage vor
-dem Morde geschrieben hat, mit einem so ausführlichen Programm des
-Verbrechens. Wozu suchen wir nun noch nach einem anderen Programm und
-anderen Verfassern? Die Tat ist ja Wort für Wort nach _diesem_ Programm
-geschehen, und zwar hat sie kein anderer ausgeführt als einzig und
-allein der Verfasser desselben. Ja, meine Herren Geschworenen, ‚es ist
-geschehen, wie es dort geschrieben steht!‘ Nein, er ist nicht
-ehrerbietig und ängstlich von dem Fenster fortgelaufen, und dazu noch in
-der festen Überzeugung, daß die Geliebte dort bei ihm ist! Nein, das
-widerspricht jeder Wahrscheinlichkeit, das ist absurd. Er ist
-eingedrungen und hat der Sache ein Ende gemacht. Wahrscheinlich hat er
-in der Gereiztheit erschlagen, in auflodernder Wut, sobald er den
-Gegenstand seines Hasses, seinen Nebenbuhler erblickte. Und nachdem er
-ihn erschlagen hatte, was vielleicht mit einem einzigen Hieb seiner
-Hand, seiner mit der Mörserkeule bewaffneten Hand geschehen sein kann,
-und nachdem er sich dann nach einer genauen Untersuchung überzeugt
-hatte, daß sie nicht im Hause war, hat er natürlich nicht vergessen, die
-Hand unter das Kissen zu schieben und das Geld hervorzuziehen, dessen
-Umschlag jetzt hier unter den Sachbeweisstücken auf dem Tisch liegt. Ich
-sage das nur, um Sie auf einen, meiner Ansicht nach äußerst
-charakteristischen Umstand aufmerksam zu machen. Wäre der Täter ein
-geübter Mörder gewesen oder einer, der nur um des Geldes willen
-erschlagen hätte, – würde der dann das Kuvert so auf dem Fußboden liegen
-gelassen haben, so unbesonnen, so auffallend ein paar Schritt von der
-Leiche, wo es später gefunden wurde? Wenn nun Ssmerdjäkoff der Mörder um
-des Geldes willen gewesen wäre, – so hätte er doch das ganze Paket
-mitgenommen und fortgebracht und sich nicht zuerst noch die Mühe
-gegeben, das Paket neben der Leiche seines Opfers zu entsiegeln, da er
-ja genau wußte, daß gerade in diesem Kuvert das Geld war – hatte doch
-Fedor Pawlowitsch in seiner Gegenwart das Geld hineingeschoben und das
-Kuvert versiegelt. Hätte er aber das Paket mit dem Kuvert fortgebracht,
-so würde doch jetzt niemand sagen können, ob ein Raub stattgefunden habe
-oder nicht? Ich frage Sie, meine Herren Geschworenen, hätte Ssmerdjäkoff
-das Kuvert auf dem Fußboden liegen gelassen? Nein, so konnte nur ein
-Mörder handeln, der übermäßig aufgeregt war und daher nicht mehr
-überlegte, ein Mörder, der kein Dieb war, der bis dahin noch niemals
-gestohlen hatte, und der auch dieses Geld nicht wie ein Dieb ‚stiehlt‘,
-sondern wie einer, der _sein Eigentum, das von ihm gestohlen worden ist,
-dem Diebe wieder abnimmt_, – denn das war die Auffassung, die Dmitrij
-Karamasoff von diesen Dreitausend hatte, und die bei ihm zur ‚fixen
-Idee‘ geworden war. Und nun, nachdem er das Paket gefunden hat, das er
-früher nie gesehen, reißt er sofort den Umschlag auf, um sich zu
-vergewissern, sich zu überzeugen, ob auch wirklich das Geld darin ist,
-und dann läuft er, mit dem Gelde in der Tasche, aus dem Hause, ohne auch
-nur daran zu denken, daß er das Kuvert dort liegen gelassen hat, das
-verhängnisvollste Beweisstück gegen sich. Und das nur deshalb, weil
-Karamasoff – und nicht Ssmerdjäkoff – nicht mehr nachdenken, nicht mehr
-überlegen konnte! Wie sollte er das auch? Er läuft fort, er hört den
-Schrei des ihm nachlaufenden Dieners, der Diener erfaßt ihn, hält ihn
-fest und – fällt nieder, getroffen von der messingnen Mörserkeule. Der
-Angeklagte springt vom Zaun ‚aus Mitleid‘ zu ihm herab. Stellen Sie sich
-das vor, meine Herren, er versichert uns plötzlich, daß er damals aus
-Mitleid herabgesprungen sei, um nachzusehen, ob er ihm nicht helfen
-könne. Nun frage ich Sie, war der Augenblick etwa danach beschaffen, daß
-ein solches Mitleid wahrscheinlich ist? Nein, er sprang nur zu dem einen
-Zweck herab: um sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seines
-Verbrechens tot ist oder noch lebt. Jedes andere Gefühl, jeder andere
-Beweggrund wäre unnatürlich! Und beachten Sie es wohl: er müht sich
-ernstlich um Grigorij, er wischt ihm das Blut ab, und nachdem er sich
-von dessen Leblosigkeit überzeugt zu haben glaubt, läuft er, ganz mit
-Blut besudelt, wie sinnlos wieder in das Haus des geliebten Weibes. Wie,
-hat er denn nicht daran gedacht, daß er blutig war und man ihn sofort
-verhaften könnte? Aber der Angeklagte versichert uns selbst, daß er das
-Blut überhaupt nicht bemerkt oder wenigstens nicht weiter beachtet habe.
-Und das ist sehr glaubwürdig, das ist sogar sehr möglich, denn so pflegt
-es ja meistens in solchen Augenblicken mit Verbrechern zu sein. In dem
-einen – höllische Berechnung, im anderen – überhaupt keine
-Überlegungskraft. Er aber dachte in jenem Augenblick nur an eines: wo
-war _sie_? Das mußte er so schnell wie möglich erfahren, und so läuft er
-denn wieder in ihre Wohnung und erfährt dort die unerwartetste,
-niederschmetternde Nachricht: sie ist nach Mokroje zu ihrem ‚Früheren,
-Alleinberechtigten‘ gefahren!“
-
-
- IX.
- Der Schluß der Rede des Staatsanwalts. Der Gipfel der
- Psychologie. Die jagende Troika
-
-Hippolyt Kirillowitsch hatte augenscheinlich eine bestimmte aufbauende
-Methode der Auslegung gewählt, wie das ja schließlich alle nervösen
-Redner zu tun pflegen, die absichtlich einen streng abgezirkelten Rahmen
-suchen, um sich nicht zu früh hinreißen zu lassen. Hippolyt
-Kirillowitsch kam also nun auf den „Früheren und Alleinberechtigten“ zu
-sprechen, was er sehr ausführlich tat, und bei welcher Gelegenheit er
-noch einige in ihrer Art recht interessante Gedanken aussprach. „Dmitrij
-Karamasoff,“ fuhr der Staatsanwalt fort, „der auf jeden bis zur Raserei
-eifersüchtig gewesen war, ergibt sich vor dem ‚Früheren und
-Alleinberechtigten‘ widerspruchslos und fast in einem Augenblick seinem
-Schicksal. Das ist um so sonderbarer, als er früher dieser neuen Gefahr,
-die ihm in der Gestalt des unerwarteten Rivalen drohte, fast überhaupt
-keine Beachtung geschenkt hat. Er hatte immer geglaubt, daß es bis dahin
-noch weit sei, so weit ... Karamasoff aber lebt nur im Augenblick, in
-der Gegenwart. Wahrscheinlich hielt er ihn sogar für eine Fiktion.
-Nachdem er aber mit seinem kranken Herzen in einem Nu begriffen hatte,
-daß die Geliebte vielleicht gerade deswegen diesen neuen Rivalen
-verheimlicht, deswegen auch ihn noch vor ein paar Stunden betrogen hat,
-weil dieser neuaufgetauchte Gegner nichts weniger als Phantasie und
-Fiktion, sondern für sie alles war, alles, ihre ganze Lebenshoffnung –
-nachdem er das im Augenblick begriffen hatte, ergab er sich. Meine
-Herren Geschworenen, dieses in der Seele des Angeklagten plötzlich
-hervortretende Gefühl kann ich nicht mit Stillschweigen übergehen ...
-Man sollte meinen, daß er unter keinen Umständen dazu fähig gewesen
-wäre: doch da machte es sich plötzlich geltend in dem unabweisbaren
-Bedürfnis nach Wahrheit, in der Achtung vor der Frau, in der Anerkennung
-der Rechte ihres Herzens. Und das wann? – Im Augenblick, da er um
-ihretwillen seine Hände mit dem Blute seines Vaters befleckt hatte! Wahr
-ist ja auch wieder, daß das vergossene Blut in diesem Augenblick schon
-nach Rache schrie, denn er, der seine Seele und sein ganzes Erdenleben
-in jenem Augenblick bereits ins Unglück gestürzt hatte, er mußte sich
-doch in jenem Augenblick unwillkürlich fragen, was er _jetzt_ war, was
-er _jetzt_ noch für sie bedeuten konnte – für sie, die er mehr als seine
-Seele liebt –, im Vergleich zu jenem Früheren, der reuevoll zu diesem
-Weibe, das von ihm einmal zugrunde gerichtet worden war, mit neuer
-Liebe, ehrenhaften Anträgen und dem Gelöbnis, ein neues und nun
-glückliches Leben zu beginnen, zurückgekehrt war. Er aber, der
-Unglückliche, was konnte er ihr _jetzt_ geben, was ihr noch anbieten?
-Karamasoff begriff alles in einem Augenblick, er begriff, daß sein
-Verbrechen ihm alle Wege versperrt hatte, und daß er jetzt ein so gut
-wie zum Tode verurteilter Verbrecher war, nicht aber ein Mensch, der
-noch ein Leben vor sich hat! Dieser Gedanke hat ihn sofort
-niedergedrückt und vernichtet. Und so bleibt er denn sofort auf einem
-verzweifelten Plane stehen, der ihm bei seinem Karamasoffschen Charakter
-nicht anders denn als einziger und fataler Ausweg aus seiner
-schrecklichen Lage erscheinen kann. Dieser Ausweg ist: der Selbstmord.
-Er läuft nach seinen Pistolen, die er beim Beamten Perchotin versetzt
-hat, und zu gleicher Zeit reißt er unterwegs, beim Laufen, sein ganzes
-Geld, um dessentwillen er seine Hände in Blut getaucht hat, aus der
-Tasche heraus. Oh, Geld braucht er jetzt mehr als alles andere:
-Karamasoff stirbt, Karamasoff erschießt sich, und das soll man behalten!
-Nicht umsonst sind wir eine poetische Natur, nicht umsonst haben wir
-unser Leben verlebt, als wäre es ein Licht, das man von beiden Enden
-zugleich brennen lassen kann. ‚Zu ihr, zu ihr – und dort, oh! dort werde
-ich ein Fest geben, ein Fest über die ganze Erde hin, wie es noch keines
-gegeben hat, damit man es behalte und sich noch lange davon erzähle.
-Mitten im wilden Geschrei, bei irrsinnigen Zigeunerliedern und -tänzen
-will ich auf ihr Wohl den Becher erheben, will ich das Wohl des
-vergötterten Weibes ausbringen, einen Glückwunsch zu ihrem neuen Glück,
-und dann – dann falle ich vor ihr nieder und zerschmettere mir vor ihren
-Füßen den Schädel und richte mich hin für mein Leben! Dann wird sie
-zuweilen an Mitjä Karamasoff denken, dann wird sie sehen, wie Mitjä sie
-geliebt hat, oh! und leid wird es ihr um Mitjä tun!‘ Darin liegt viel
-Dramatik, viel romantische Begeisterung, viel wilde Karamasoffsche
-Zügellosigkeit und viel Karamasoffscher Gefühlstaumel – und dann noch
-_etwas anderes_, meine Herren Geschworenen, noch etwas, das in der Seele
-schreit, das unermüdlich im Gehirne klopft und sein Herz tödlich
-vergiftet. Dieses _etwas_ – das ist das Gewissen, meine Herren
-Geschworenen, das ist das Gericht des Gewissens, das ist des Gewissens
-unablässiges Nagen! Doch die Pistole wird alles aussöhnen, die Pistole
-ist der einzige Ausweg, einen anderen gibt es nicht! Dort aber ... Ich
-weiß nicht, ob Karamasoff in jenem Augenblick auch daran gedacht hat,
-‚was dort sein wird‘, und ob Karamasoff überhaupt wie Hamlet darüber
-nachdenken kann? Nein, meine Herren Geschworenen, dort gibt es Hamlets,
-bei uns aber vorläufig noch Karamasoffs!“
-
-Hierauf rollte Hippolyt Kirillowitsch bis in alle Einzelheiten das Bild
-der von Mitjä getroffenen Anstalten auf, die Szene bei Perchotin, dann
-bei Plotnikoffs in der Kolonialwarenhandlung und später mit Andrei.
-Hippolyt Kirillowitsch führte eine Menge Worte, Aussprüche, Gesten an,
-die alle von Zeugen bestätigt worden waren – und das Bild wirkte
-unglaublich auf die Überzeugung der Hörer. Am meisten wirkte die
-Geschlossenheit der Tatsachen. Die Schuld dieses fast besinnungslos
-hastenden, sich überhaupt nicht mehr in acht nehmenden Menschen trat so
-deutlich hervor, daß jeder Zweifel vollkommen ausgeschlossen schien.
-„Wozu sollte er sich auch noch in acht nehmen,“ fragte Hippolyt
-Kirillowitsch, „zwei- oder dreimal hat er ja seine Schuld beinahe schon
-ganz eingestanden, hat sie jedenfalls angedeutet, nur ohne dabei die
-Sätze zu Ende zu sprechen.“ (Hier folgten die Aussagen der Zeugen.) „Und
-dem Andrei, der ihn nach Mokroje fuhr, hat er unterwegs sogar zugerufen:
-‚Weißt du auch, daß du einen Mörder fährst!‘ Ganz aussprechen konnte er
-sich aber doch nicht: zuerst mußte man noch nach Mokroje kommen, und
-dort erst konnte das Poem beendet werden. Was aber erwartet dort den
-Unglücklichen? Fast von dem ersten Augenblicke an sieht er und begreift
-er schließlich vollkommen, daß sein ‚unbestrittener‘ Nebenbuhler
-durchaus nicht mehr so fest im Sattel sitzt, und daß man von ihm einen
-Glückwunsch zu dem neuen Glück überhaupt nicht wünscht. Aber Sie kennen
-ja die Tatsachen aus der gerichtlichen Untersuchung. Der Triumph
-Karamasoffs über seinen Rivalen wird immer augenscheinlicher, wird
-unzweifelhaft, und da – oh, da erhebt sich in seiner Seele eine ganz
-neue Qual, und zwar die allerschrecklichste von allen, die seine Seele
-je durchlebt hat und jemals durchleben wird! Man kann in diesem Falle
-wahrlich sagen, meine Herren Geschworenen,“ rief Hippolyt Kirillowitsch
-aus, „daß die beschimpfte Natur und das verbrecherische Herz –
-vollständigere Rache geübt haben, als jedes andere irdische Gericht sie
-üben könnte! Und nicht nur das: das Gericht und die irdische Strafe
-erleichtern sogar die Strafe der Natur, sie sind für die Seele des
-Verbrechers eine Linderung, sie sind ihr unentbehrlich: sie sind die
-einzige Rettung vor der Verzweiflung. Ich kann mir das Entsetzen und die
-seelischen Leiden Karamasoffs nicht einmal vorstellen, die er durchlebt
-hat, als er sehen und begreifen mußte, daß sie ihn liebt, daß sie
-seinetwegen ihren ‚Früheren und Alleinberechtigten‘ zurückweist, daß sie
-ihn, ihn, ‚Mitjä‘, zu sich ruft, und mit ihm ein erneutes Leben beginnen
-will, daß sie ihm das ganze Erdenglück zeigt – und zwar wann? In einem
-Augenblick, da für ihn schon alles beendet und nichts mehr möglich ist!
-Bei der Gelegenheit will ich hier eine für uns sehr wichtige Bemerkung
-zur Erklärung des wahren Wesens der damaligen Lage des Angeklagten
-machen. Dieses Weib, diese Geliebte war bis zu diesem letzten
-Augenblick, bis zu diesem Augenblick der Verhaftung ein für ihn
-unerreichbares Glück gewesen, ein leidenschaftlich gewünschtes und
-ersehntes, doch unerreichbares Wesen. Aber warum, warum erschießt er
-sich nicht sofort, warum schiebt er die Ausführung seiner Absicht
-hinaus, warum vergißt er sogar, wo seine Pistole liegt? Weil ihn sein
-leidenschaftlicher Liebesdurst und die Hoffnung, ihn schon dort, dort
-schon stillen zu können, noch zurückhalten. Im Lärm des Festes sieht er
-nur seine Geliebte, die gleichfalls mit ihm trinkt, die ihm schöner und
-verführerischer denn je erscheint, – er geht keinen Schritt von ihr
-fort, er kann sich nicht sattsehen an ihr, er vergeht vor ihr. Dieser
-leidenschaftliche Durst konnte für eine Weile nicht nur die Angst vor
-der Verhaftung, sondern selbst die Gewissensbisse verscheuchen! Nur für
-eine Weile, oh, nur für einen Augenblick! Ich stelle mir den damaligen
-Seelenzustand des Verbrechers in der zweifellos sklavischen Unterordnung
-unter drei Elemente vor. Erstens: sein trunkener Zustand, das Toben und
-der Lärm, das Gestampfe des Tanzes, der Gesang der Lieder, und sie, sie,
-die vom Weine gerötet ist, die gleichfalls singt und tanzt, die trunken
-ist und ihm zulächelt! Zweitens: der entfernte ermutigende Gedanke
-daran, daß die Schicksalsentscheidung noch weit, weit vor ihm liegt,
-oder wenigstens nicht gerade ganz nahe ist – höchstens am anderen Tage,
-erst am nächsten Morgen könnte man kommen und ihn festnehmen. Folglich
-bleiben einem immer noch ein paar Stunden bis dahin, das aber ist viel,
-unglaublich viel! In ein paar Stunden kann man sich vieles ausdenken.
-Ich nehme an, daß es ihm ebenso erging, wie es einem Verbrecher ergeht,
-der zum Schafott oder zum Galgen geführt wird: noch hat er eine lange,
-lange Straße zu durchfahren, und das noch dazu im Schritt, an den
-Tausenden des gaffenden Volkes vorüber, darauf wird man in eine andere
-Straße einbiegen, und erst am Ende dieser anderen Straße liegt der
-furchtbare Platz! Ich glaube, dem auf dem Schinderkarren sitzenden
-Verurteilten muß zu Anfang seiner Fahrt zum Richtplatz unbedingt
-scheinen, daß noch ein unendlich langes Leben vor ihm liegt. Aber siehe
-da, die Häuser gehen zurück, der Karren zieht an ihnen vorüber – aber
-das hat noch nichts zu sagen, oh, bis zur Wegbiegung ist es ja noch so
-weit, er blickt immer noch ganz munter nach rechts und nach links und
-auf das teilnahmslos neugierige Volk, das mit den Blicken starr an ihm
-hängt, und es scheint ihm immer noch, daß er ebenso ein Mensch ist wie
-diese anderen. Da aber kommt schon die Biegung in die andere Straße, oh!
-das hat noch nichts, nichts zu sagen, es liegt noch eine ganze Straße
-vor einem. Und wieviel Häuser auch schon zurückbleiben mögen, er wird
-immer noch denken: ‚Es sind ja immer noch viele Häuser vor mir.‘ Und so
-geht es weiter bis zum Schluß, bis zum Platz. So ist es auch mit
-Karamasoff gewesen, denke ich. ‚Noch hat man dort zu nichts Zeit gehabt,
-und Mokroje ist immerhin nicht so nah, noch wird man sich etwas
-ausdenken können, oh, noch habe ich Zeit genug, um mir einen
-Verteidigungsplan auszudenken, um zu überlegen, wie ich mich da
-herausziehen soll, jetzt aber, jetzt – oh, wie wunderschön sie jetzt
-ist!‘ Dunkel und unheimlich ist es in seiner Seele, aber es gelingt ihm
-doch noch, die Hälfte von seinem Gelde irgendwo zu verstecken – anders
-kann ich mir nicht erklären, wo die übrigen Tausendfünfhundert von den
-Dreitausend, die er vom Vater unter dem Kissen genommen hat, geblieben
-sind. Er ist ja nicht zum erstenmal in Mokroje, er hat dort einmal schon
-zwei Tage lang gepraßt. Das alte große hölzerne Haus ist ihm gut
-bekannt, er kennt alle Galerien, alle Scheunen und Schuppen. Ich bin
-nämlich überzeugt, daß die eine Hälfte des Geldes damals irgendwo
-untergebracht worden ist, und zwar gerade in diesem Hause, kurz vor der
-Verhaftung, und wahrscheinlich in einer Spalte, in einer Ritze, unter
-irgendeinem verfaulten Balken, in einer Ecke vielleicht oder gar unter
-dem Dach. Wozu, fragen Sie? Wie, wozu? Die Katastrophe kann jeden
-Augenblick hereinbrechen, sofort! Wir haben es uns zwar noch nicht
-überlegt, wie wir ihr entgegentreten sollen, und wir haben ja auch noch
-keine Zeit dazu, und es klopft in unserem Hirn, und zu ihr, zu _ihr_
-zieht es uns! Nun, das Geld aber – Geld kann man in jeder Lage brauchen.
-Ein Mensch mit Geld ist überall ein Mensch. Vielleicht scheint Ihnen
-eine solche Überlegungskraft in einem solchen Augenblick unnatürlich?
-Aber er selbst beteuert doch, daß er vor einem Monat in einem ebenso
-aufregenden und schicksalsschweren Augenblick von Dreitausend die Hälfte
-abgezählt und in ein Stück Zeug eingenäht habe, und wenn das auch nicht
-wahr ist, was wir sogleich beweisen werden, so ist diese Idee doch
-Karamasoff bekannt, und folglich hat er sie irgend einmal schon erwogen.
-Und als er später dem Untersuchungsrichter versicherte, daß er vor einem
-Monat anderthalb Tausend in das Säckchen (das niemals existiert hat),
-eingenäht habe, da hatte er sich diese Geschichte vom Säckchen
-vielleicht erst im selben Augenblick ausgedacht, und vielleicht gerade
-darum, weil ihm zwei Stunden vorher bei der Abteilung der Hälfte des
-Geldes derselbe Gedanke gekommen war, er aber infolge einer glücklichen
-Eingebung dann doch vorgezogen hatte, das Geld dort irgendwo im Hause zu
-verstecken, wenigstens bis zum Morgen, als es bei sich zu behalten. Zwei
-Abgründe, meine Herren Geschworenen! Sie erinnern sich doch noch, daß
-Karamasoff beide Abgründe zu erfassen vermag, und beide zu gleicher
-Zeit! Wir haben in jenem Hause überall nach dem Gelde gesucht, aber wir
-haben nichts gefunden. Vielleicht ist das Geld auch jetzt noch dort,
-vielleicht ist es schon am Tage nach der Verhaftung verschwunden und
-befindet sich noch jetzt irgendwie im Besitze des Angeklagten.
-Jedenfalls ist er neben ihr verhaftet worden, vor ihr kniend: sie lag
-auf dem Bett, er hatte zu ihr seine Hände emporgestreckt und hatte in
-jenem Augenblick dermaßen alles andere vergessen, daß er nicht einmal
-die Ankunft der Obrigkeit und ihren Eintritt ins Zimmer hörte. Er hatte
-noch nichts zur Antwort vorbereitet. Er wurde sozusagen in seinem
-eigenen Bewußtsein völlig überrascht.
-
-„Und da steht er nun vor seinen Richtern, die über sein Leben zu
-entscheiden haben. Meine Herren Geschworenen, es gibt Augenblicke, in
-denen uns bei unserer Pflicht fast Grauen packt vor Mitleid mit dem
-Menschen. Furchtbar ist es uns vor dem Menschen und furchtbar für ihn!
-Das sind die Augenblicke, in denen einen jenes tierische Entsetzen
-ansieht – wenn der Verbrecher schon begreift, daß alles für ihn verloren
-ist, doch trotzdem noch kämpft, trotzdem noch mit seinem Richter bis zur
-letzten Verzweiflung ringen will. Das sind die Augenblicke, in denen
-sich alle Instinkte der Selbsterhaltung plötzlich in ihm erheben, und er
-in seiner Lebensangst uns mit durchbohrendem, flehend-bittendem und
-leidendem Blick ansieht, wenn er unseren Blick zu erhaschen versucht,
-wenn er uns, unser Gesicht, unsere Gedanken erforschen, erraten will,
-wenn er wartet, von welcher Seite wir ihn wohl anfassen werden, und er
-in seinem erschütterten Gehirn tausend Pläne gebiert, – und doch scheut
-er sich, zu sprechen, aus Furcht, sich zu ... versprechen! Diese
-erniedrigendsten Augenblicke für die Seele des Menschen, dieser Gang der
-Seele durch alle Höllenqualen, dieser Gang durch die Purgatorien, dieser
-tierische Trieb der Selbstrettung – sind furchtbar anzusehen! Sie
-erschüttern zuweilen selbst den Richter und rufen in ihm tiefes Mitleid
-hervor. Dieses ganze Entsetzen haben wir damals gesehen. Ganz zuerst war
-er wie betäubt, und im Schreck entschlüpften ihm ein paar Worte, die ihn
-stark kompromittieren: ‚Blut! Ich hab’s verdient!‘ waren seine ersten
-Worte. Doch er bezwang sich schnell. Was er sagen, was er antworten
-sollte – alles das wußte er noch nicht, er hatte noch nichts vorbereitet
-– außer der einen ganz allgemeinen Ableugnung: ‚Am Tode meines Vaters
-bin ich unschuldig!‘ Das ist vorläufig sein Zaun, dort aber, hinter dem
-Zaun, werden wir vielleicht noch etwas arrangieren können: irgendeine
-Barrikade vielleicht! Er beeilt sich, indem er unseren Fragen
-zuvorkommen will, seinen ersten kompromittierenden Ausrufen einen
-anderen Sinn unterzuschieben. Er sagt, daß er sich nur an dem Tode
-Grigorijs schuldig erkläre. ‚An diesem Blute trage ich die Schuld, wer
-aber hat den Vater erschlagen, meine Herren, wer hat ihn erschlagen? Wer
-hat das denn tun können, _wenn nicht ich_?‘ Hören Sie, danach fragt er
-_uns_, _uns_, die mit eben dieser Frage zu ihm gekommen sind! Beachten
-Sie es, meine Herren, dieses kleine vorauseilende Wort: ‚wenn nicht
-ich‘, diese tierische Schlauheit in der Naivität, diese Karamasoffsche
-Ungeduld! Nicht ich habe erschlagen, so etwas darf niemand auch nur zu
-denken wagen. ‚Ich wollte ihn erschlagen, meine Herren, ich wollte ihn
-erschlagen‘, gesteht er schnell ein – oh, er beeilt sich, beeilt sich
-ungeheuer – ‚aber trotzdem bin ich unschuldig, nicht ich habe ihn
-erschlagen!‘ Er gibt uns also zu, daß er habe erschlagen wollen: Jetzt
-seht ihr sozusagen selbst, wie aufrichtig ich bin, nun, dafür aber
-glaubt mir jetzt schneller das andere, daß nicht ich erschlagen habe.
-Oh, in solchen Fällen kann der Verbrecher zuweilen unglaublich
-leichtsinnig und leichtgläubig sein. Und nun plötzlich wird an ihn, ganz
-wie zufällig, treuherzig die Frage gestellt: ‚Aber sollte dann nicht
-vielleicht Ssmerdjäkoff der Mörder sein?‘ Und es geschah, was wir
-erwartet hatten: Es ärgerte ihn maßlos, daß man ihm zuvorkam und so
-plötzlich damit überraschte, während er noch nicht Zeit gehabt hatte,
-sich vorzubereiten, den Augenblick zu wählen und zu benutzen, wann es am
-glaubwürdigsten und für ihn folglich am vorteilhaftesten sein werde, mit
-Ssmerdjäkoff herauszurücken. Seiner Natur gemäß warf er sich sofort aufs
-äußerste Gegenteil, und er fing an, uns aus allen Kräften davon zu
-überzeugen, daß Ssmerdjäkoff nicht habe erschlagen können, daß er zu so
-etwas überhaupt nicht fähig sei. Glauben Sie aber seiner scheinbaren
-Überzeugung nicht, sie ist nur seine Schlauheit: Er gibt die Idee,
-Ssmerdjäkoff auszuspielen, noch längst nicht auf. Im Gegenteil, er wird
-ihn schon ausspielen – denn wen sollte er sonst beschuldigen? – Nur wird
-er es in einem anderen Augenblick tun, da jetzt die Sache vorläufig
-verspielt ist. Vielleicht wird er ihn erst am nächsten Tage anbringen,
-oder vielleicht auch erst nach einer Anzahl Tage, in einem günstigen
-Augenblick, in dem er uns dann selbst plötzlich zuschreien kann: ‚Sie
-wissen doch noch, ich selbst habe ja mehr als Sie die Täterschaft
-Ssmerdjäkoffs abgeleugnet und ihn verteidigt, jetzt aber habe auch ich
-mich überzeugt, daß er den Mord verübt hat, nur er allein, und wie
-sollte er es denn nicht getan haben!‘ Vorläufig aber ergeht er sich in
-finsterer und gereizter Verneinung, die Unduldsamkeit und der Zorn
-flüstern ihm die ungeschickteste und unwahrscheinlichste Schilderung
-ein, wie er in das Fenster des Vaters hineingeblickt habe und
-ehrerbietig wieder fortgegangen sei. Das Wichtigste ist, daß er die
-ganze Sachlage noch nicht kennt, daß er noch nicht weiß, was der wieder
-zu sich gekommene Grigorij ausgesagt hat. Wir gehen zur Besichtigung und
-Durchsuchung über. Die Durchsuchung erzürnt, aber ermutigt ihn auch
-wieder: Das ganze Geld hat man doch nicht gefunden, sondern nur
-tausendfünfhundert Rubel. Und selbstverständlich kommt ihm erst in
-diesem Augenblick zornigen Schweigens zum erstenmal im Leben die Idee
-von dem _früher_ eingenähten Gelde. Zweifellos fühlt er selbst die ganze
-Unwahrscheinlichkeit seiner Erfindung und quält sich, quält sich
-entsetzlich, indem er nachdenkt, wie er sie wahrscheinlicher machen
-könnte, ob sich die Sache nicht so erklären ließe, daß ein ganz
-glaubhafter Roman daraus entstehe. In solchen Fällen ist aber die erste
-Bedingung, daß man den Verbrecher überrumpelt, daß man ihn ganz
-unverhofft fängt, damit er seine vielversprechenden geheimen Pläne in
-der ganzen, sie bloßstellenden Offenherzigkeit darlegt, damit ihre
-Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten noch auffallender hervortreten.
-Zum Sprechen kann man den Verbrecher nur durch eines zwingen: Durch die
-plötzliche und anscheinend unbeabsichtigte Mitteilung irgendeiner neuen
-Tatsache, irgendeines besonderen Umstandes, dessen Bedeutung erdrückend
-ist, den er aber bis dahin noch gar nicht geahnt und auch überhaupt
-nicht vorausgesetzt hat. Eine solche Tatsache hatten wir schon in
-Bereitschaft, schon lange in Bereitschaft: Das war die Aussage des
-Dieners Grigorij in betreff der offenen Tür, durch die der Angeklagte
-aus dem Hause hinausgelaufen ist. Diese Tür hatte er ganz vergessen, und
-daß Grigorij sie gesehen haben könnte, daran hatte er nicht einmal
-gedacht. Der Effekt war denn auch danach: Er sprang plötzlich auf und
-schrie: ‚Ssmerdjäkoff ist es, Ssmerdjäkoff hat es getan!‘ und sofort
-kommt er mit seinem geheimen Entwurf heraus, und er gibt ihn in der
-aller unwahrscheinlichsten Form zum besten, denn Ssmerdjäkoff hätte den
-Alten doch nur dann erschlagen können, nachdem der Angeklagte Grigorij
-niedergeschlagen hatte und fortgelaufen war. Als wir ihm aber nun
-mitteilten, daß Grigorij die offene Tür zuvor gesehen, und beim
-Hinaustreten aus seinem Schlafzimmer Ssmerdjäkoff hinter dem
-Bretterverschlage stöhnen gehört habe – da war Karamasoff wie
-zerschmettert. Mein Kollege, unser ehrenwerter, scharfsinniger Nikolai
-Parfenowitsch, hat mir später eingestanden, daß er ihn in jenem
-Augenblick bis zu Tränen bemitleidet habe. Und in diesem Augenblick nun
-entschließt er sich, um die Sache wieder gutzumachen: erzählt uns von
-dem berühmten Säckchen, in das er das Geld eingenäht, und das er am
-Halse auf der Brust getragen haben will –: ‚So mag es denn sein, so
-hören Sie denn auch das!‘ Meine Herren Geschworenen, ich habe Ihnen
-schon gesagt, warum ich diese Erfindung von dem vor einem Monat
-eingenähten Gelde nicht nur für eine Anekdote, sondern für die
-allerunwahrscheinlichste Dichtung, die man sich im gegebenen Fall nur
-denken kann, halte. Ja, selbst wenn man einen Wettbewerb veranstalten
-wollte, in diesem Fall etwas noch Unwahrscheinlicheres sich auszudenken,
-so würde man gewiß nichts finden, was jene Erklärung in der Beziehung
-noch übertrumpfte. In einem solchen Falle kann man den triumphierenden
-Romantiker vor allem mittels der Details schlagen, mittels jener selben
-Einzelheiten, an denen die Wirklichkeit stets so reich ist, die aber von
-diesen unglücklichen und unfreiwilligen Dichtern, eben als völlig
-bedeutungslose und unnötige Kleinigkeiten, überhaupt nicht beachtet
-werden. Oh, in einem solchen Augenblick ist es ihnen nicht um die
-kleinen Einzelheiten zu tun! Ihr Verstand schafft ein grandioses Ganzes,
-– und da wagt man es, ihnen mit solchem Kleinzeug zu kommen! Aber gerade
-das ist ja die Falle, mit der man sie fängt. Man stellt dem Angeklagten
-kurz folgende Frage: ‚Nun, aber wo haben Sie denn das Material zum
-Säckchen hergenommen, wer hat denn den Sack genäht?‘ – ‚Ich habe ihn
-selbst genäht.‘ – ‚Und von wo haben Sie das Zeug dazu hergenommen?‘
-Dadurch fühlt sich der Angeklagte bereits gekränkt, er glaubt, daß man
-sich mit diesem Zeuge über ihn lustig machen wolle, und zwar glaubt er
-das im Ernst, im Ernst, sage ich Ihnen! Aber so sind sie ja alle! – ‚Ich
-habe von einem meiner Hemden ein Stück abgerissen.‘ – ‚Vortrefflich.
-Dann werden wir morgen unter Ihrer Wäsche ein Hemd finden, von dem ein
-Stück abgerissen ist.‘ Und bedenken Sie doch nur, meine Herren
-Geschworenen, wenn wir nun dieses Hemd gefunden hätten (und wie hätte es
-sich denn inzwischen verlieren können, wir hätten es doch sicherlich in
-einem Koffer oder in der Kommode gefunden, wenn ein solches Hemd mit
-einer abgerissenen Ecke nur jemals auch tatsächlich existiert hätte) –
-das aber wäre ein Faktum, ein greifbares Faktum zugunsten des
-Angeklagten gewesen, ein, wenn auch schwacher Beweis für die Wahrheit
-seiner Aussage! Er aber scheint darauf überhaupt nicht zu verfallen. –
-‚Ich erinnere mich nicht mehr, vielleicht riß ich das Zeug auch nicht
-vom Hemde ab ... ich glaube, ich nähte das Geld in die Haube der
-Hauswirtin ein.‘ – ‚In was für eine Haube?‘ – ‚Ich hatte sie einmal von
-ihr fortgeschleppt, sie trieb sich da irgendwo umher, ein alter
-Kattunlappen.‘ – ‚Und Sie erinnern sich dessen genau?‘ – ‚Nein, genau
-erinnere ich mich dessen nicht ...‘ Und dabei ärgert er sich über alle
-Maßen. Indessen, fragt man sich, wie kann er denn das so schnell
-vergessen haben? Gerade diese kleinen Nebensächlichkeiten prägen sich
-dem Menschen von allen Eindrücken, die er in gleich schrecklichen
-Lebensstunden empfängt, am schärfsten ein, und gerade ihrer erinnert er
-sich später am deutlichsten. Der Verbrecher, der zum Richtplatz geführt
-wird, der vergißt zuweilen alles, ein irgendwo flüchtig bemerktes grünes
-Dach aber, oder eine Dohle auf einem Kreuze – die behält er. Als der
-Angeklagte dieses Zeugsäckchen für das Geld zusammennähte, da wollte er
-doch nicht von den übrigen Hausbewohnern überrascht werden. Er verbarg
-sich vor ihnen. So müßte er sich auch noch erinnern, wie er, mit der
-Nadel in der Hand, voll Erniedrigung die Angst empfunden hat, es könne
-jemand zu ihm hereinkommen, und wie er beim ersten Geräusch
-aufgesprungen ist, um sich hinter dem Vorhang zu verstecken ... Doch
-wozu rede ich so ausführlich von diesen Nebensachen, dem sogenannten
-Kleinkram?“ unterbrach sich plötzlich Hippolyt Kirillowitsch. „Ich tue
-es ja nur darum, weil der Angeklagte nach wie vor aufs hartnäckigste auf
-dieser abgeschmackten Erfindung besteht, selbst heute noch! Während
-dieser ganzen zwei Monate hat der Angeklagte nichts mehr zu erklären
-vermocht, seit jener Schicksalsnacht hat er zu seinen früheren
-phantastischen Aussagen, die er in derselben Nacht gemacht hat, nichts
-mehr hinzugefügt. ‚Alles das sind, sozusagen, nur kleinliche
-Nebensachen, glauben Sie mir lieber auf mein Ehrenwort!‘ Oh, wie gern
-würden wir glauben, wie würden wir uns freuen, wenn wir daran glauben
-könnten, und wäre es auch nur auf das Ehrenwort hin! Sind wir denn etwa
-Schakale, die nach Menschenblut dürsten? Geben Sie uns, beweisen Sie uns
-nur eine Tatsache zugunsten des Angeklagten, und wir werden uns darüber
-freuen, – nur selbstverständlich eine greifbare, reale, nicht nur eine
-Folgerung nach dem Gesichtsausdruck des Angeklagten, die noch dazu
-dessen leiblicher Bruder macht, oder so eine Behauptung, daß er, als er
-sich mit der Hand auf die Brust schlug, damit unbedingt auf das
-Geldsäckchen habe weisen wollen, und das noch dazu in der Dunkelheit.
-Wir werden uns von Herzen darüber freuen, ich werde der erste sein, der
-die Anklage zurückzieht, ich werde mich beeilen, meine Anklage
-zurückzuziehen. Jetzt jedoch fordert die Gerechtigkeit, daß sie
-befriedigt werde, und ich bestehe darauf, daß es geschehe, denn wir
-können kein Wort von dem Gesagten zurücknehmen.“ Hippolyt Kirillowitsch
-ging darauf zum Schluß über. Er war wie im Fieber, er schrie nach Sühne
-für das vergossene Blut, für das Blut des Vaters, den der Sohn
-erschlagen hatte, um ihn „in der niedrigsten Weise zu berauben“. Er wies
-unerbittlich auf das tragische und verhängnisvolle Zusammentreffen der
-Tatsachen hin. „Und was Sie auch von dem Verteidiger des Angeklagten,
-dessen Talent weit bekannt ist, hören mögen“ (Hippolyt Kirillowitsch
-konnte sich diese Bemerkung doch nicht verbeißen), „ja, wie beredte und
-rührende Worte hier auch ertönen mögen, die es auf Ihre Sentimentalität
-abgesehen haben, so vergessen Sie doch nicht, daß Sie sich in diesem
-Augenblick im Heiligtum unserer Gerechtigkeit befinden. Vergessen Sie
-nicht, daß Sie die Verteidiger unserer Wahrheit sind, die Verteidiger
-unseres heiligen Rußland, die Verteidiger seiner Grundfesten, seiner
-Familie und alles Heiligen in ihm! Ja, in diesem Augenblick vertreten
-Sie ganz Rußland, und Ihr Urteil wird nicht nur hier in diesem Saale
-erschallen, nein, über ganz Rußland hin wird es erklingen, und ganz
-Rußland wird Ihre Worte vernehmen, wie die Worte seiner Verteidiger und
-Richter, und es wird durch Ihren Urteilsspruch entweder ermutigt oder
-niedergebeugt werden. Peinigen Sie unser Rußland nicht, meine Herren
-Geschworenen, enttäuschen Sie nicht seine Erwartungen! Die Troika
-unseres Schicksals jagt dahin – vielleicht kopfüber ins Verderben. Schon
-lange streckt man in ganz Rußland die Hände empor, der rasenden Troika
-entgegen, und man ruft alle auf, um die besessene, irrsinnige,
-schonungslose Jagd aufzuhalten. Und wenn die anderen Völker bisher noch
-vor dem blindlings daherjagenden Dreigespann zur Seite getreten sind, so
-haben sie das vielleicht durchaus nicht aus Ehrerbietung getan, wie es
-der große Dichter wünschte, sondern einfach aus Entsetzen – das sollte
-man sich merken. Aus Entsetzen, vielleicht aber auch aus Ekel vor ihr.
-Und es ist noch gut, daß sie sich abwenden, was aber dann, wenn sie
-aufhören, beiseite zu treten, sich vielmehr plötzlich wie eine feste
-Mauer vor der jagenden Erscheinung erheben, um selbst der wahnsinnigen,
-wilden Jagd unserer Zügellosigkeit Einhalt zu tun, um sich selbst, die
-ganze Aufklärung und die ganze Zivilisation zu retten! Ja, solche
-erregte Stimmen aus Europa haben auch wir schon vernommen. Schon
-beginnen sie zu ertönen. Verlocken Sie sie nicht zur Tat, fordern Sie
-sie nicht heraus, indem Sie den Mord des Vaters durch den leiblichen
-Sohn gutheißen!“ ...
-
-Zwar hatte Hippolyt Kirillowitsch sich schon zuvor nicht wenig hinreißen
-lassen. Nun schloß er in dieser Weise mit dem höchsten Pathos – und, in
-der Tat, der Eindruck, den seine Rede hinterließ, war wirklich
-außerordentlich. Er selbst aber ging, kaum daß er sie beendet hatte,
-eiligst hinaus und, wie gesagt, im anderen Zimmer soll er beinahe in
-Ohnmacht gefallen sein. Das Publikum klatschte nicht Beifall, aber die
-ernsten Leute waren befriedigt. Nur die Damen waren es weniger, doch
-hatte schließlich auch ihnen seine Beredtsamkeit gefallen, um so mehr,
-als sie an dem Endergebnis noch immer nicht zweifelten und von
-Fetjukowitsch alles erwarteten: „Zum Schluß wird er das Wort ergreifen
-und dann selbstverständlich alle besiegen!“
-
-Zunächst wandten sich alle Blicke zu Mitjä, und man beobachtete ihn
-neugierig. Während der ganzen Rede des Staatsanwalts hatte er stumm
-dagesessen, die Arme gekreuzt, die Zähne zusammengebissen, den Blick zu
-Boden gesenkt. Nur ein paarmal hatte er den Kopf ein wenig erhoben und
-aufgehorcht. Besonders als von Gruschenka die Rede gewesen war. Als der
-Staatsanwalt Rakitins Ausspruch über sie zitiert hatte, war auf Mitjäs
-Lippen ein verächtliches Lächeln erschienen, und er hatte ziemlich
-hörbar gesagt: „_Ce Bernard!_“ Als aber Hippolyt Kirillowitsch darauf zu
-sprechen gekommen war, wie er ihn in Mokroje ausgefragt und gequält
-hatte, da hatte Mitjä plötzlich den Kopf erhoben und mit höchster
-Aufmerksamkeit zugehört. An einer Stelle der Rede hatte es fast
-geschienen, daß er sofort aufspringen und etwas dazwischenschreien
-würde, doch hatte er sich bezwungen und nur einmal verächtlich mit der
-Achsel gezuckt. Über diesen Schlußteil der Anklagerede, besonders über
-die Leistung des Staatsanwalts beim ersten Verhör in Mokroje, wurde
-später viel in unserer Gesellschaft gesprochen und bei der Gelegenheit
-auch über Hippolyt Kirillowitsch gelacht: „Der gute Mann konnte doch
-seine Fähigkeiten nicht mit Stillschweigen übergehen,“ hieß es da,
-„sonst wird man ja so leicht unterschätzt!“
-
-Die Sitzung wurde unterbrochen, aber nur auf eine sehr kurze Zeit, auf
-fünfzehn, höchstens zwanzig Minuten. Im Publikum unterhielt man sich
-währenddessen, und es wurden verschiedene Meinungen geäußert. Einige von
-ihnen habe ich behalten.
-
-„Hm, eine ernste Rede,“ bemerkte mit krauser Stirn ein Herr in einer
-Gruppe neben mir.
-
-„An Psychologie hat er ein gehöriges Quantum verpufft,“ meinte eine
-andere Stimme.
-
-„Ja, aber es ist doch alles wahr, was er gesagt hat, unantastbare
-Wahrheit!“
-
-„Ja, darin ist er Meister.“
-
-„Er hat das Fazit gezogen.“
-
-„Auch für uns, auch für uns hat er das Fazit gezogen!“ ließ sich eine
-dritte Stimme vernehmen. „Erinnern Sie sich noch, wie er zu Anfang der
-Rede sagte, daß alle so seien wie Fedor Pawlowitsch!“
-
-„Und zum Schluß sagte er es noch einmal. Nur braucht es deshalb noch
-nicht wahr zu sein.“
-
-„Und stellenweise war er auch etwas unklar.“
-
-„Bißchen hitzig.“
-
-„Aber es war doch ungerecht, wenn man’s genau nimmt, das war es schon.“
-
-„Na, wissen Sie, das kann man schließlich doch nicht so sagen, er hat’s
-immerhin geschickt gemacht. Lange genug hat der Mann gewartet, jetzt hat
-er endlich mal die Gelegenheit gehabt, sich auszusprechen, hehe!“
-
-„Wer weiß, was der Verteidiger sagen wird.“
-
-In einer anderen Gruppe:
-
-„Aber den Petersburger konnte er doch nicht ungeschoren lassen, nur war
-die Bemerkung ganz überflüssig: ‚Die es auf Ihre Sentimentalität
-abgesehen haben,‘ wissen Sie noch, kurz vor dem Schluß?“
-
-„Ja, das war etwas ungeschickt.“
-
-„Hatte es zu eilig.“
-
-„Ein nervöser Mensch.“
-
-„Ja ja, wir haben gut lachen, wie aber muß dem Angeklagten zumute sein?“
-
-„Das ist schon wahr, wie mag es in Mitjenka aussehen!“
-
-„Was meinen Sie, was wird der Verteidiger sagen?“
-
-In einer dritten Gruppe:
-
-„Was ist das da für eine Dame, diese mit dem Lorgnon, die dicke, die an
-der Ecke sitzt?“
-
-„Das ist eine Generalin, eine geschiedene Frau, ich kenne sie.“
-
-„Na ja, da geht’s natürlich nicht mehr ohne Lorgnon.“
-
-„Altes Gerümpel.“
-
-„Das finde ich nicht, scheint sogar ganz pikant zu sein.“
-
-„Neben ihr, zwei Plätze weiter, sitzt eine Blondine, die ist besser.“
-
-„Aber das haben sie doch geschickt gemacht, wie sie ihn in Mokroje
-geklappt haben, nicht?“
-
-„Ja, das läßt sich nicht leugnen. Darum hat er es auch hier wieder
-erzählt. Und wievielmal hat er es dabei schon bei seinen Bekannten zum
-besten gegeben!“
-
-„Und auch jetzt mußte es wieder herhalten. Nichts als Eigenliebe!“
-
-„Ein gekränkter Mensch, hehe!“
-
-„Und der sich dazu noch sehr leicht gekränkt fühlt. Viel Rhetorik, lange
-Phrasen.“
-
-„Und dann will er uns schrecken, das nicht zu vergessen, will uns Angst
-machen. Zum Beispiel, was er da von der Troika sagte, Sie wissen doch
-noch? ‚Dort gibt es Hamlets, bei uns aber gibt es vorläufig noch
-Karamasoffs!‘ An sich war es ja ganz treffend.“
-
-„Das hat er aus Berechnung gesagt, für die Liberalen natürlich. Der Kerl
-fürchtet sich!“
-
-„Und auch den Advokaten fürchtet er.“
-
-„Ja, weiß Gott, was Fetjukowitsch sagen wird!“
-
-„Nun, was er auch sagen sollte, unsere Bauernköppe wird er doch nicht
-unter den Tisch reden.“
-
-„Sie glauben?“
-
-In einer vierten Gruppe:
-
-„Was er da von der Troika sagte, war gut. – Du weißt doch noch, als er
-von den Völkern sprach, daß sie nicht warten würden.“
-
-„Wieso?“
-
-„Nun, im englischen Parlament ist schon in der vorigen Woche wegen der
-Nihilisten ein Mitglied aufgestanden und hat die Minister gefragt, ob es
-nicht Zeit wäre, in die Vorgänge der barbarischen Nation einzugreifen
-und ihr Bildung beizubringen – das heißt also: uns. Darauf hat Hippolyt
-angespielt, ich weiß es genau, daß er das gemeint hat. Noch in der
-vorigen Woche sprach er davon.“
-
-„Hoho! Noch hat der Fuchs den Braten nicht!“
-
-„Welchen Braten? Wieso noch nicht?“
-
-„Was dann, wenn wir ihnen Kronstadt vor der Nase abschließen und ihnen
-kein Korn geben – wo wollen sie es dann hernehmen?“
-
-„Aber aus Amerika! Jetzt nehmen sie alles aus Amerika!“
-
-„Red keinen Unsinn!“
-
-Da ertönte die Glocke, und alles stürzte zu den Plätzen. Fetjukowitsch
-bestieg die Tribüne.
-
-
- X.
- Die Rede des Verteidigers. Ein Stock hat zwei Enden
-
-Alles war verstummt, als die ersten Worte des berühmten Redners
-erklangen. Alle Blicke hingen wie gebannt an ihm. Er begann ganz ohne
-Umschweife, einfach und überzeugt, ohne die geringste Anmaßung, ohne den
-geringsten Ansatz zu Schönrederei, zu überschwenglichen Tönen oder
-gefühlvollen Worten. Er sprach wie ein Mensch, der im engen Kreise
-mitfühlender Freunde das Wort ergriffen hat. Sein Organ war wundervoll,
-tragend und angenehm, und es schien, daß in dieser Stimme sogar etwas
-Aufrichtiges und Treuherziges durchklang. Doch schon nach den ersten
-Sätzen fühlten alle, daß der Redner sich ganz plötzlich auch zu wahrem
-Pathos emporschwingen und „mit ungeahnter Kraft die Herzen treffen
-konnte“. Er sprach vielleicht weniger regelrecht als Hippolyt
-Kirillowitsch, vielleicht sogar grammatikalisch nicht ganz korrekt,
-dafür aber auch nicht in so langen Sätzen und eigentlich sogar
-treffender. Nur eines mißfiel anfänglich den Damen: er krümmte immer so
-absonderlich seinen Rücken, namentlich zu Anfang seiner Rede; nicht, als
-hätte er sich verbeugt, sondern als wenn er zu seinen Zuhörern
-hinstrebte, wobei er immer nur die obere Hälfte seines langen Rückens
-nach vorn bog, ganz als wäre in der Mitte dieses langen, schmalen
-Rückens ein Gelenk angebracht gewesen, so daß das Rückgrat sich fast
-unter einem rechten Winkel biegen konnte. Zu Anfang seiner Rede sprach
-er wie gehackt, die Sätze ohne inneren Zusammenhang, scheinbar plan- und
-systemlos, indem er die Tatsachen, wie sie ihm in den Sinn kamen,
-aufgriff – aber zu guter Letzt entstand doch ein abgerundetes Ganzes.
-Seine Rede könnte man in zwei Hälften einteilen: die erste Hälfte war
-die Kritik, die Widerlegung der Anklage – nicht ohne boshafte und
-sarkastische Bemerkungen –, in der zweiten Hälfte dagegen änderte er
-plötzlich seinen Ton und sogar sein ganzes Verfahren: da erhob er sich
-zu jenem Pathos, von dem ich schon sprach, so daß der Saal, der darauf
-nur gewartet zu haben schien, wie vor Begeisterung erbebte. – Er trat
-sogleich an die Sache heran und begann damit, daß das Feld seiner
-Tätigkeit eigentlich in Petersburg sei; doch geschehe es deshalb nicht
-zum ersten Male, daß er dem Ruf in eine andere Stadt folge, um einen
-Angeklagten zu verteidigen; er tue dies jedoch immer nur dann, wenn er
-entweder von der Unschuld des Betreffenden überzeugt sei oder dieselbe
-im voraus als mindestens sehr wahrscheinlich annehmen zu dürfen glaube.
-„Dasselbe war auch diesmal der Fall. Schon aus den ersten
-Zeitungsnachrichten las ich etwas heraus, das mir sehr zugunsten des
-Angeklagten auffiel. Mit einem Wort, mich interessierte zuerst und vor
-allen Dingen eine bestimmte juristische Tatsache, die sich in der
-Gerichtspraxis allerdings häufig wiederholt, doch noch niemals, wie mir
-scheint, mit so charakteristischen Besonderheiten zutage getreten ist,
-wie gerade im vorliegenden Fall. Diese Tatsache müßte ich eigentlich
-erst zu Ende meiner Rede hinstellen, wenn ich alles Gesagte
-zusammenfasse, doch werde ich den betreffenden Gedanken schon zu Anfang
-meiner Rede aussprechen, denn es ist nun einmal meine Schwäche, den
-Gegenstand mit geradem Griff anzufassen, ohne ihn zuerst mit Winkelzügen
-zu umkreisen, ohne Effekte vorzubereiten und etwa die großen Eindrücke
-für den Schluß aufzusparen. Das ist vielleicht unklug von mir, doch
-dafür ist es offenherzig. Dieser mein Hauptgedanke nun, diese meine
-Formel geht dahin: Es gibt eine erdrückende Menge von Beweisen, die alle
-gegen den Angeklagten zeugen, und zu gleicher Zeit gibt es keinen
-einzigen Beweis, der der Kritik wirklich standhält, sobald man ihn
-einzeln, an und für sich, betrachtet. Als ich die Nachrichten und
-Gerüchte über diesen Mord in den Zeitungen weiter verfolgte, fand ich
-mich immer mehr in meiner Ansicht bestärkt – und da erhielt ich denn
-plötzlich von den Verwandten des Angeklagten die Aufforderung, seine
-Verteidigung zu übernehmen. Ich reiste natürlich sofort hierher und
-überzeugte mich hier endgültig von der Richtigkeit meiner Annahme. Ja,
-und so habe ich denn, um diese gefahrvolle Verkettung von Tatsachen zu
-zerstören und die Unbewiesenheit und das Phantastische jeder einzelnen
-anklagenden Tatsache klarzulegen, in diesem Prozeß die Verteidigung
-übernommen.“
-
-Mit dieser Erklärung begann der Verteidiger und fuhr dann fort, wie
-folgt:
-
-„Meine Herren Geschworenen, ich bin als Fremder hierhergekommen. Ich
-habe alle Eindrücke unvoreingenommen empfangen. Der Angeklagte, ein
-wilder, zügelloser Charakter, hatte mich vorher nicht beleidigt, wie er
-vielleicht Hunderte hier in der Stadt beleidigt hat, weswegen denn viele
-im voraus gegen ihn gestimmt sein mögen. Gewiß sehe auch ich ein, daß
-das sittliche Gefühl der hiesigen Gesellschaft sich mit Recht empört
-hat: Der Angeklagte ist kein ruhig lebender, kein sich mäßigender
-Mensch. Dessen ungeachtet hat ihn die hiesige Gesellschaft bereitwillig
-empfangen, und selbst im Hause des verehrten Anklägers hat er
-freundliche Aufnahme gefunden.“ (Bei diesen Worten ertönte leises
-Lachen, allerdings nur von ein paar Personen, die es außerdem noch
-schnell unterdrückten – doch hatten es alle gehört: man wußte in der
-ganzen Stadt, daß Hippolyt Kirillowitsch Mitjä nur gegen seinen Willen
-in seinem Hause empfangen hatte, und zwar nur aus dem einen Grunde, weil
-jener seiner Frau interessant erschienen war; seine Frau war eine höchst
-tugendhafte, wohltätige und achtbare Dame; nur war sie im Grunde ihres
-Wesens phantastisch, war das, was man originell nennt; und in gewissen
-Fällen, vornehmlich in Kleinigkeiten, widersetzte sie sich gern ihrem
-Gemahl; übrigens war Mitjä nur sehr selten bei ihnen gewesen.)
-„Nichtsdestoweniger wage ich anzunehmen,“ fuhr der Verteidiger fort,
-„daß selbst bei einem so unabhängigen Geiste und gerecht urteilenden
-Charakter, wie sie mein verehrter Widersacher besitzt, sich ein gewisses
-nicht zutreffendes Vorurteil gegen meinen unglücklichen Klienten
-herausgebildet hat. Und das ist ja auch nur zu natürlich. Der
-Unglückliche hat gar zu sehr verdient, daß man gegen ihn ein ungünstiges
-Vorurteil faßte. Das beleidigte sittliche und mehr noch, das ästhetische
-Gefühl pflegt mitunter unerbittlich zu sein. Gewiß haben wir in der
-ausgezeichneten Anklagerede eine strenge Analyse des Charakters und der
-Taten des Angeklagten vernommen; es lag darin ein streng kritisches
-Verhalten zur Sache, und vor allem wurden psychologische Tiefen vor uns
-aufgetan, um uns das Wesen der Sache zu erklären, in die einzudringen
-bei dem geringsten absichtlich und böswillig vorurteilsvollen Verhalten
-zur Person des Angeklagten für den Ankläger unmöglich gewesen wäre! Aber
-es gibt Dinge, die in ähnlichen Fällen sogar schlimmer, sogar
-verderblicher sind, als selbst eine absichtlich vorgefaßte Gehässigkeit
-im Verhalten zur Sache. Das geschieht, wenn uns zum Beispiel ein
-gewisses, sagen wir künstlerisches Spiel verlockt, oder das Bedürfnis
-nach künstlerischem Schaffen, sozusagen das Bedürfnis, einen Fall zu
-einem ganzen Roman auszuspinnen, besonders wenn Gott uns noch mit
-reichen psychologischen Gaben ausgestattet hat. Schon in Petersburg, als
-ich mich anschickte, hierher zu fahren, machte man mich darauf
-aufmerksam – was ich freilich schon wußte –, daß ich hier als
-Widersacher einen tiefen und feinen Psychologen antreffen werde, der
-sich schon des längeren durch seine Fähigkeiten einen besonderen Ruf in
-unserer noch jungen juristischen Welt erworben hat. Nur ist die
-Psychologie, meine Herren, zwar ein tiefes Ding, doch gleicht sie nicht
-wenig – einem Stocke mit zwei Enden.“ (Leises Gelächter im Publikum.)
-„Sie werden mir gewiß meinen trivialen Vergleich verzeihen. Ich rechne
-mich selbst nicht zu den Meistern der Redekunst. Allein ich will ein
-Beispiel anführen – das erste beste, das mir aus der Anklagerede
-einfällt: Der Angeklagte klettert nachts, auf der Flucht aus dem Garten,
-über den Zaun und streckt mit einem Schlage – er hatte eine kleine
-Mörserkeule in der Hand – den alten Diener, der ihn am Bein festhält, zu
-Boden. Darauf springt er sofort in den Garten zurück und müht sich
-während ganzer fünf Minuten um den Verletzten, weil er feststellen will,
-ob er ihn erschlagen hat, oder ob der Alte noch lebt. Nun will der
-Ankläger um keinen Preis an die Wahrheit der Aussage des Angeklagten
-glauben, daß er aus _Mitleid_ zum alten Grigorij herabgesprungen sei.
-‚Nein,‘ meint er, ‚in solch einem Augenblick kann man nicht so
-zartfühlend sein, das ist ganz ausgeschlossen, das wäre gar zu
-unnatürlich; er ist nur zu dem einen Zweck wieder hinabgesprungen, um
-sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seiner Tat tot oder lebendig
-ist – folglich haben wir hier den besten Beweis dafür, daß er das
-Verbrechen verübt hat, da er aus keinem einzigen anderen Grunde, Drange
-oder Gefühle in den Garten zurückspringen konnte.‘ Das ist Psychologie.
-Doch nehmen wir jetzt dieselbe Psychologie, und wenden wir sie
-gleichfalls an, nur mit dem Unterschiede, daß wir sie am anderen Ende
-anfassen, und wie wir sehen werden, ergibt sich dann sofort etwas nicht
-weniger Wahrscheinliches. Der Mörder springt aus Vorsicht hinab, um sich
-zu überzeugen, ob der Zeuge tot oder lebendig ist, indessen hat er
-soeben erst im Zimmer seines von ihm erschlagenen Vaters, wie der Herr
-Ankläger selbst bezeugt, einen anderen ungeheuer wichtigen Zeugen
-hinterlassen, nämlich das zerrissene Kuvert, auf dem geschrieben steht,
-daß es einmal dreitausend Rubel enthalten hat. ‚Hätte er dieses Kuvert
-mitgenommen, so würde jetzt niemand in der ganzen Welt wissen, daß
-dieses Geldpaket vorhanden gewesen ist – und folglich auch niemand, daß
-ein _Raubmord_ stattgefunden hat.‘ Ich zitiere den Ausspruch des
-Anklägers. Also ganz hat seine Überlegungskraft nicht ausgereicht, wie
-wir sehen: der Mensch hat den Kopf verloren, hat Angst bekommen und ist
-fortgelaufen, und hat sogar ein solches Beweisstück gegen sich auf dem
-Fußboden hinterlassen! Nachdem er aber zwei Minuten später noch einen
-zweiten Menschen erschlagen hat, stellt sich bei ihm sofort wie auf
-Wunsch die herzloseste und berechnendste Überlegungskraft und Vorsicht
-ein. Doch gut, gesetzt, daß es so gewesen ist, – gerade darin soll ja
-die größte Feinheit der Psychologie bestehen, daß man unter solchen
-Umständen blutdürstig und scharfsichtig wie ein kaukasischer Adler ist,
-im nächsten Augenblick dagegen blind und schüchtern wie ein gewöhnlicher
-Maulwurf. Aber wenn ich nun schon einmal so blutdürstig und grausam
-berechnend bin, daß ich nach dem Totschlage nur zu dem Zweck
-hinabspringe, um nachzusehen, ob der Zeuge meines Verbrechens tot oder
-lebendig ist, so fragt sich doch, denke ich, wozu ich mich mit diesem
-neuen, meinem zweiten Opfer ganze fünf Minuten lang abmühen sollte,
-wobei ich nur riskiere, mir noch andere Zeugen auf den Hals zu ziehen?
-Wozu sollte ich dann mit meinem Taschentuch dem Alten das Blut vom
-Gesichte abwischen, wenn nicht ausdrücklich zu dem einen Zweck, daß
-dieses Taschentuch später ein schweres Beweisstück gegen mich werden
-kann? Nein, wenn ich schon einmal so berechnend und grausam bin, sollte
-es dann nicht besser sein, den niedergeworfenen Diener mit derselben
-Mörserkeule noch einmal und noch einmal auf den Kopf zu schlagen, ihn
-endgültig zu erschlagen, um auf diese Weise, indem ich den einzigen
-Zeugen töte, das Herz von jeder Sorge zu befreien? Und schließlich, ich
-springe hinab, um zu sehen, ob der gefährliche Zeuge lebendig oder tot
-ist, und hinterlasse bei der Gelegenheit sofort einen anderen Zeugen,
-nämlich diese selbe Mörserkeule, die ich in Gegenwart zweier Frauen
-ergriffen habe, die alle beide jederzeit diesen Gegenstand
-wiedererkennen und aussagen können, daß _ich_ ihn aus ihrer Küche
-mitgenommen habe und folglich wohl auch der Mörder sein werde. Und nicht
-etwa, daß ich sie dort im Garten vergessen oder in der Zerstreutheit aus
-der Hand habe fallen lassen! Nein, ich habe meine Waffe ausdrücklich
-fortgeworfen, denn man hat sie etwa fünfzehn Schritt von der Stelle, wo
-Grigorij hingefallen war, aufgefunden. Jetzt fragt sich doch, weshalb
-hat der Angeklagte das getan? Und dafür gibt es nur eine Erklärung: nur
-deshalb, weil es ihm bitter leid tat, einen Menschen erschlagen zu
-haben, einen alten Diener. Jawohl: deshalb, und nur deshalb hat er im
-Ärger mit einer Verwünschung die Mörserkeule fortgeschleudert, da sie
-eben die Waffe war, mit der er den Menschen getötet hatte. Anders kann
-es überhaupt nicht gewesen sein. Warum hätte er sie sonst mit solcher
-Wut so weit fortschleudern sollen, und nicht etwa ins Gebüsch, sondern
-zur Rasenfläche hin, wo sie dann noch auf die sichtbarste Stelle,
-nämlich auf den Kiesweg, gefallen ist! Wenn er aber Schmerz und Leid
-darüber empfinden konnte, daß er einen Menschen erschlagen hatte, nun,
-so empfand er diesen Schmerz und dieses Leid eben nur deshalb, weil er
-den Vater nicht erschlagen hatte. Hätte er vorher schon den Vater
-erschlagen, so wäre er nicht aus Mitleid zu dem anderen Verletzten
-hinabgesprungen – dann hätte er bereits ganz andere Gefühle gehabt, dann
-wäre es ihm nicht mehr um andere zu tun gewesen und um Mitleid mit
-ihnen, sondern um ihn selbst, und darum, daß er sich rettete. Und so ist
-es auch gewesen. Anderenfalls hätte er, wie gesagt, Grigorijs Schädel
-endgültig eingeschlagen und hätte sich nicht ganze fünf Minuten um ihn
-gemüht. Mitleid und das Verlangen, ihm zu helfen, konnten nur darum in
-seinem Herzen zu Wort kommen, weil sein Gewissen noch rein war. Das ist
-auch Psychologie. Aber wir kommen mit ihr zu einem etwas anderen
-Ergebnis. Ich habe absichtlich, meine Herren Geschworenen, die
-Psychologie zu Hilfe genommen, um an diesem Beispiel anschaulich zu
-beweisen, daß man mit ihr jeden beliebigen Schluß ziehen kann. Es kommt
-dabei nur darauf an, in wessen Händen sie sich befindet. Ja, die
-Psychologie kann selbst die ernstesten Männer verleiten, Romane zu
-dichten, mag es auch ganz unfreiwillig geschehen. Ich betone: ich rede
-nur von der überflüssigen Psychologie, meine Herren Geschworenen, von
-dem gewissen Mißbrauch, der mit ihr zuweilen getrieben wird.“
-
-Hier hörte man wieder von ein paar Seiten leises beifälliges Lachen, das
-natürlich an die Adresse des Staatsanwalts ging. Ich werde nicht die
-ganze Rede des Verteidigers wiedergeben, sondern nur einige Stellen, die
-von den Hauptpunkten handelten.
-
-
- XI.
- Kein Geld. Keine Beraubung
-
-Es gab in der Rede des Verteidigers einen Punkt, der alle in Erstaunen
-setzte, nämlich – die vollständige Ableugnung der Tatsache, daß die
-verhängnisvollen Dreitausend überhaupt existiert hätten, und die
-Schlußfolgerung daraus, daß mithin die Möglichkeit einer Beraubung
-überhaupt ausgeschlossen sei.
-
-„Meine Herren Geschworenen,“ hub der Verteidiger wieder an, „im
-vorliegenden Fall setzt jeden unvoreingenommenen Menschen sofort eine
-charakteristische Besonderheit in Erstaunen, nämlich: daß der Angeklagte
-eines Raubmordes beschuldigt wird, wir aber zu gleicher Zeit vor der
-vollständigen Unmöglichkeit stehen, beweisen zu können, was nun
-eigentlich geraubt worden ist. Geld, sagt man, sei geraubt, dreitausend
-Rubel – aber haben diese denn je in Wirklichkeit existiert? Das weiß
-niemand. Überlegen Sie sich: erstens, woher wissen wir, daß es
-dreitausend waren, und wer hat sie gesehen? Sie wirklich gesehen und
-darauf hingewiesen, daß sie in einem Kuvert mit einer Aufschrift lagen,
-hat nur der Diener Ssmerdjäkoff. Und nur er allein hat schon vor der
-Katastrophe dem Angeklagten, sowie dessen Bruder Iwan Fedorowitsch,
-davon Mitteilung gemacht. Auch Fräulein Sswetlowa war davon
-unterrichtet. Indessen haben diese drei Personen das Geld nicht gesehen,
-gesehen hat es wiederum nur Ssmerdjäkoff – und da stellt sich doch von
-selbst die Frage: wenn es wahr ist, daß diese Dreitausend existiert
-haben und Ssmerdjäkoff sie gesehen hat, wann hat er sie dann zum
-letztenmal gesehen? Wie, wenn der alte Herr sie von dort – sie sollen ja
-unter dem Kopfkissen gelegen haben – fortgenommen und sie wieder in die
-Schatulle zurückgelegt hat, ohne es ihm zu sagen? Beachten Sie wohl,
-nach den Worten Ssmerdjäkoffs lag das Geld im Bett, sogar unter dem
-Federbett; der Angeklagte hätte es also unter dem Federbett hervorziehen
-müssen. Indessen war das Bett ganz unberührt, was ausdrücklich im
-Protokoll bemerkt worden ist. Wie konnte es nun wohl möglich sein, daß
-der Angeklagte das Bett gar nicht durchwühlt und dazu noch mit seinen
-blutigen Händen die frische, feine Bettwäsche, die eigens zu diesem
-Abend aufgedeckt worden war, nicht beschmutzt haben soll? Darauf sagt
-man uns: aber das Kuvert lag doch auf dem Fußboden! Gerade von diesem
-Kuvert lohnt es sich, etwas mehr zu reden. Vorhin bin ich nicht wenig
-erstaunt gewesen: als der verehrte Ankläger von diesem Kuvert sprach,
-erklärte er plötzlich selbst – beachten Sie dies wohl, meine Herren –
-erklärte er selbst in seiner Rede an der Stelle, wo er darauf hinwies,
-daß es eine Abgeschmacktheit sei, Ssmerdjäkoff des Mordes auch nur zu
-verdächtigen: ‚Wenn dieses Kuvert nicht dagewesen, nicht als Beweisstück
-liegen geblieben wäre, wenn der Mörder es mitgenommen hätte, so hätte
-niemand in der ganzen Welt je erfahren, daß ein solches Geldpaket
-existiert hat, und daß das Geld von dem Angeklagten gestohlen worden
-ist.‘ Also nur dieses zerrissene Stück Papier mit der Aufschrift hat
-nach dem Bekenntnis des Anklägers selbst die Beschuldigung des
-Angeklagten, einen Raubmord verübt zu haben, veranlaßt, ‚denn sonst
-hätte niemand gewußt, daß ein Diebstahl stattgefunden, und daß dieses
-Geld wirklich existiert hat.‘ Genügt es denn wirklich, dieses Stück
-Papier auf dem Fußboden, ist das denn wirklich ein Beweis, daß in ihm
-Geld gelegen, und daß dieses Geld wiederum gestohlen worden ist? ‚Aber
-Ssmerdjäkoff hat doch in diesem Kuvert das Geld gesehen,‘ wird uns
-gesagt. Wann aber, _wann_ hat er es zum letztenmal gesehen, das ist es,
-was ich frage? Ich habe mit Ssmerdjäkoff darüber gesprochen, und er hat
-mir gesagt, daß er es zwei Tage vor der Katastrophe noch gesehen habe.
-Warum aber kann ich zum Beispiel nicht annehmen, daß dem alten Fedor
-Pawlowitsch eingefallen ist, als er ganz allein in seinem Hause
-eingeschlossen war, in ungeduldiger, erregter Erwartung seiner Geliebten
-– daß ihm da plötzlich eingefallen ist, vielleicht auch um sich die Zeit
-zu vertreiben, das Paket zu öffnen und das Geld herauszunehmen? ‚Ach,
-zum Teufel mit dem albernen Kuvert und seiner Aufschrift,‘ hat er
-vielleicht bei sich gesagt, ‚so wird sie mir ja überhaupt nicht glauben,
-daß wirklich Geld darin ist, wenn ich ihr aber dreißig Regenbogen in der
-Hand zeige, das wird stärker ziehen, da wird ihr der Mund wässern.‘ –
-Und er zerreißt die Schnur, nimmt das Geld heraus und wirft das Kuvert,
-wie es dem Hausherrn und Besitzer des Geldpakets niemand verbieten kann,
-einfach auf den Fußboden, unbekümmert um jedes Beweisstück. Meine Herren
-Geschworenen, was ist wohl möglicher als eine solche Auslegung des
-Tatbestandes? Warum sollte das unmöglich sein? Wenn sich also nur irgend
-etwas Ähnliches annehmen läßt, so fällt die Beschuldigung des Diebstahls
-ganz von selbst weg: wenn kein Geld existiert hat, so hat auch kein Raub
-stattgefunden. Wenn das Kuvert auf dem Fußboden ein Beweis dafür sein
-soll, daß das Geld sich in ihm befunden hat, warum kann ich dann nicht
-das Gegenteil behaupten, nämlich, daß das Kuvert deshalb auf dem
-Fußboden lag, weil sich in ihm kein Geld mehr befand, weil dasselbe vom
-Besitzer schon früher herausgenommen worden war? ‚Ja, wo aber war in dem
-Falle das Geld geblieben, wenn Fedor Pawlowitsch es aus dem Paket
-genommen haben soll – bei der Haussuchung hat man keines gefunden!‘
-Zunächst hat man in seiner Schatulle einen Teil des Geldes gefunden, und
-dann hätte er ja schon am Morgen oder am Tage vorher über dasselbe
-verfügen, es auswechseln, fortschicken oder überhaupt verausgaben können
-und schließlich durchaus nicht für nötig befunden haben, seine Gedanken,
-Pläne und Handlungen Ssmerdjäkoff sofort mitzuteilen. Wenn aber schon
-eine Möglichkeit zu einer solchen Annahme vorhanden ist – wie kann man
-dann noch so hartnäckig und bestimmt den Angeklagten beschuldigen, daß
-der Mord von ihm um des Raubes willen ausgeführt worden sei, und daß die
-Beraubung wirklich stattgefunden habe? Auf diese Weise betreten wir
-tatsächlich das Gebiet des Romanes. Wenn man behauptet, daß die und die
-Sache geraubt worden ist, so muß man auch unfehlbar beweisen können, daß
-diese Sache wirklich existiert hat. Hier aber hat sie nicht einmal
-jemand gesehen. Unlängst ist in Petersburg ein junger Mensch von
-achtzehn Jahren, ein halber Knabe, ein kleiner Hausierer, mitten am
-hellen Tage mit einem Beil bewaffnet in eine Wechselbude eingedrungen
-und hat mit unglaublicher, in solchen Fällen allerdings typischer
-Dreistigkeit den Besitzer der Wechselbude erschlagen und
-tausendfünfhundert Rubel, die in der Kasse lagen, in seine Tasche
-gesteckt. Innerhalb fünf Stunden war er schon verhaftet. Außer fünfzehn
-Rubel, die er inzwischen verausgabt hatte, erhielt man die ganzen
-Tausendfünfhundert wieder. Außerdem gab ein Kommis, der erst nach dem
-Totschlag in die Wechselbude zurückgekehrt war, der Polizei nicht nur
-die gestohlene Summe an, sondern noch dazu, aus welchem Gelde, d. h. aus
-wieviel Regenbogen, wieviel blauen und roten Kreditbilletts, wieviel
-Goldgeld und so weiter sie bestanden hatte, und richtig fand man bei dem
-verhafteten Mörder genau das angegebene Geld wieder. Hinzu kam das volle
-und aufrichtige Geständnis des Mörders, daß er getötet und dieses Geld
-aus der Kasse herausgenommen habe. Sehen Sie, meine Herren Geschworenen,
-das nenne ich Beweise! Denn hierbei sehe ich das Geld, halte es
-gleichsam selbst in der Hand und kann ganz einfach nicht behaupten, daß
-es kein Geld gegeben habe. Verhält es sich in diesem Falle ebenso? Dabei
-handelt es sich hier um Leben und Tod, um das Schicksal eines Menschen.
-‚Wie,‘ sagt man, ‚er hat doch die ganze Nacht gepraßt, hat mit vollen
-Händen Geld ausgestreut, er gesteht ja selbst, daß er tausendfünfhundert
-Rubel gehabt habe – woher kann er sie genommen haben?‘ Aber gerade
-dadurch, daß nur anderthalbtausend festgestellt werden konnten, die
-andere Hälfte der Summe aber unauffindbar, unnachweisbar blieb, wird
-doch bewiesen, daß dieses Geld sich niemals in dem Kuvert befunden haben
-kann. Nach der Berechnung der Zeit, und zwar nach der genauesten, hat es
-sich in der Voruntersuchung gezeigt, und es ist sogar bewiesen worden,
-daß der Angeklagte von den Mägden gleich zum Beamten Perchotin gelaufen
-ist, sich also nicht vorher noch in seine Wohnung begeben hat, ja, daß
-er nirgendwohin gegangen und die ganze Zeit mit Menschen zusammengewesen
-ist, folglich also auch nicht von den Dreitausend die Hälfte irgendwo in
-der Stadt versteckt haben kann. Das ist auch der Grund, warum der
-Ankläger auf der Annahme bestand, daß das Geld irgendwo im Dorfe Mokroje
-in einem Winkel der Herberge versteckt sei. Warum nicht gar in den
-Kellern des Udolfschen Schlosses, meine Herren! Ist diese Voraussetzung
-etwa nicht phantastisch, nicht romantisch? Und, beachten Sie wohl,
-sobald nur diese eine Annahme, daß sie in Mokroje versteckt sein können,
-unmöglich wird, so – fliegt die ganze Beschuldigung der Beraubung in die
-Luft, denn wo können diese anderthalb Tausend sonst geblieben sein?
-Durch welches Wunder können sie verschwunden sein, wenn es unantastbar
-feststeht, daß der Angeklagte nirgendwohin gegangen ist? Und mit solchen
-Märchen sind wir bereit, ein Menschenleben zu vernichten! Nun sagt man:
-‚Immerhin kann er nicht beweisen, woher er die anderthalb Tausend, die
-er in der Hand gehabt, genommen hat; außerdem haben alle gewußt, daß er
-vor dieser Nacht kein Geld besessen hat.‘ Ich frage dagegen: wer hat das
-gewußt? Der Angeklagte hat doch klar und bestimmt ausgesagt, woher er
-das Geld genommen hat, und wenn Sie wollen, meine Herren Geschworenen,
-wenn Sie wollen – so kann es nichts Wahrscheinlicheres geben als diese
-Aussage, und außerdem nichts, was mit dem Charakter und der Seele des
-Angeklagten besser übereinstimmte. Der Anklage gefällt aber ihr eigener
-Roman gar zu sehr: ein willensschwacher Mensch, er entschließt sich,
-dreitausend Rubel, die ihm so beschämend von der Braut angeboten werden,
-anzunehmen, und natürlich ist ausgeschlossen, daß er die Hälfte davon in
-ein Säckchen eingenäht hat, im Gegenteil, selbst wenn er sie eingenäht
-hätte, so hätte er doch alle zwei Tage etwas davon herausgenommen und
-auch die ganze andere Hälfte auf diese Weise in einem Monat verlebt!
-Erinnern Sie sich bitte, diese Behauptung wurde in einem Tone
-aufgestellt, der jeden Widerspruch ausschloß. Wie aber, wenn sich das
-gar nicht so zugetragen hat, wie aber, wenn man in diesem Roman aus
-Dmitrij Karamasoff eine ganz andere Person gemacht hat? Darauf wird man
-vielleicht antworten: ‚Es sind doch Zeugen vorhanden, die gesehen haben,
-daß er im Dorfe Mokroje die ganzen Dreitausend, die er von Fräulein
-Werchoffzeff genommen, verschleudert hat, noch einen Monat vor der
-Katastrophe, auf einmal, wie eine einzige Kopeke, folglich kann er also
-nichts zurückbehalten haben.‘ Aber wer sind denn diese Zeugen? Was man
-diesen Zeugen aufs Wort alles glauben kann, haben wir ja schon beim
-Verhör gesehen! Außerdem scheint ein Stück Brot in der fremden Hand
-immer größer als in der eigenen. Schließlich hat keiner von den Zeugen
-das Geld gezählt, sondern nur nach dem Augenmaß geurteilt. Hat doch der
-Zeuge Maximoff ausgesagt, daß in den Händen des Angeklagten sich
-zwanzigtausend Rubel befunden hätten. Sehen Sie, meine Herren
-Geschworenen, wie die Psychologie ihre zwei Enden hat, und gestatten Sie
-mir daher gütigst, sie auch beim anderen Ende anzufassen: es ist zum
-mindesten interessant zu konstatieren, was dabei herauskommt.
-
-Also ... Einen Monat vor der Katastrophe wurden dem Angeklagten von
-Fräulein Werchoffzeff zur Absendung durch die Post dreitausend Rubel
-anvertraut. Es fragt sich aber, ob ihm dieselben wirklich in so
-schmachvoller und erniedrigender Weise übergeben worden sind, wie das
-vorhin dargestellt wurde? Bei der ersten Aussage des Fräulein
-Werchoffzeff über diesen Gegenstand schien es durchaus nicht so,
-durchaus nicht so; in der zweiten Aussage hörten wir nur den Aufschrei
-der Rache und Wut und eines lange unterdrückten Hasses. Doch allein
-schon, daß die Zeugin das erstemal unrichtig ausgesagt hat, gibt uns die
-Berechtigung anzunehmen, daß die zweite Aussage gleichfalls unrichtig
-ist. Der Ankläger ‚will nicht, wagt es nicht‘ – das sind seine eigenen
-Worte – an diesen Roman zu rühren. Schön! Auch ich will nicht daran
-rühren, aber ich erlaube mir zu bemerken, daß, wenn die reine und
-sittlich hochstehende Persönlichkeit, die das sehr geehrte Fräulein
-Werchoffzeff unstreitig ist – wenn eine solche Persönlichkeit, sage ich,
-sich erlaubt, plötzlich vor Gericht ihre erste Aussage zu widerrufen,
-und zwar mit der Absicht, den Angeklagten zu vernichten, so ist doch
-klar, daß diese Aussage nicht kaltblütig und leidenschaftslos gemacht
-worden ist. Wird man uns nun wirklich das Recht nehmen, daraus zu
-folgern, daß eine rachedürstige Frau vieles übertreiben kann? Daß sie
-gerade die Schande und den Schimpf vergrößert hat, die mit dem
-Geldangebot verbunden gewesen ist? Im Gegenteil, ich bin überzeugt, das
-Geld war so angeboten worden, daß er es annehmen konnte, besonders da
-unser Angeklagter ein leichtsinniger Mensch ist. Er rechnete dabei
-natürlich auf das Geld, das er noch von seinem Vater zu erhalten hatte,
-auf die Dreitausend, die jener ihm schuldete. Das war leichtsinnig,
-gewiß, aber gerade infolge dieses Leichtsinns war er fest überzeugt, daß
-der Vater die Dreitausend ihm geben werde und müsse, daß er, wenn er sie
-erhalten habe, das von Fräulein Werchoffzeff ihm anvertraute Geld immer
-noch ersetzen und nach Moskau abschicken könne. Aber der Ankläger will
-es unter keiner Bedingung zulassen, daß er am selben Tage noch vom
-erhaltenen Geld die Hälfte habe in ein Säckchen einnähen können: ‚Ein
-solcher Charakter kann so etwas nicht tun.‘ Und doch hat er selbst
-ausgerufen, daß Karamasoff eine breit angelegte Natur sei, hat selbst
-ausgerufen, daß Karamasoff sich in zwei entgegengesetzte Abgründe zu
-gleicher Zeit versenken könne! Karamasoff ist ja doch eine Natur mit
-zwei Seiten, mit zwei Abgründen, so daß er selbst bei der
-grenzenlosesten Schwelgerei innehalten kann, weil ihn plötzlich die
-andere Seite, der andere Abgrund lockt. Die andere Seite aber war die
-Liebe – diese neue, wie Pulver aufgeflammte Liebe! Zu dieser Liebe
-jedoch hatte er Geld nötig, oh! viel mehr, als er nötig gehabt hätte, um
-mit seiner Geliebten ein Fest zu feiern! Denn sagte sie ihm: ‚Ich bin
-dein, ich will nicht zu Fedor Pawlowitsch,‘ so hätte er sie genommen und
-fortgebracht – dazu aber hatte er Geld nötig! Das war wichtiger, als
-sich amüsieren! Und Karamasoff soll das nicht verstanden haben? Gerade
-diese Sorge machte ihn ja fast krank! Was ist nun verständlicher, als
-daß er die Hälfte des Geldes auf alle Fälle oder vielmehr für diesen
-einen Fall aufbewahrte? Inzwischen aber vergeht die Zeit, und Fedor
-Pawlowitsch gibt ihm die Dreitausend nicht heraus, im Gegenteil, der
-Angeklagte erfährt sogar, daß gerade mit diesem Gelde seine Geliebte
-angelockt werden soll. ‚Wenn Fedor Pawlowitsch das Geld nicht auszahlt,‘
-denkt er, ‚so werde ich vor Katerina Iwanowna als Dieb dastehen.‘ Und da
-kommt ihm denn der Gedanke, diese Anderthalbtausend, die er auf der
-Brust trägt, Fräulein Werchoffzeff abzugeben und ihr zu sagen: ‚Ich bin
-ein Schuft, aber kein Dieb!‘ Folglich hatte er einen doppelten Grund,
-dieses Geld wie seinen Augapfel aufzubewahren, und nicht etwa jeden Tag
-das Säckchen aufzutrennen und einen Hundertrubelschein nach dem anderen
-herauszunehmen und zu verschleudern. Warum sprechen Sie dem Angeklagten
-das Gefühl der Ehre ab? Nein, Ehrgefühl hat er, wenn auch oft kein
-richtiges, nehmen wir sogar an, ein etwas absonderliches, aber er hat
-trotzdem eines bis zur Leidenschaft – das hat er bewiesen! Und, siehe
-da, die Sache wird kompliziert, die Qualen der Eifersucht erreichen den
-höchsten Grad, und diese beiden Fragen werden immer quälender und
-quälender in dem erhitzten Gehirn des Angeklagten: ‚Gebe ich es Katerina
-Iwanowna zurück, womit bringe ich dann Gruschenka fort?‘ Wenn er diesen
-ganzen Monat so wütete, trank und sich aus dem einen Gasthaus ins andere
-schleppte, so tat er dies doch nur, weil er sonst nicht die Kraft gehabt
-hätte, diese Qualen zu ertragen. Diese Fragen spitzten sich bei ihm mit
-der Zeit dermaßen zu, daß sie ihn schließlich fast zur Verzweiflung
-brachten. Er schickte, glaube ich, seinen jüngsten Bruder zum Vater, um
-jenen noch zum letztenmal um die Dreitausend zu bitten, doch konnte er
-die Antwort nicht abwarten, er geriet außer sich, stürzte selbst hin und
-verprügelte den Alten in Gegenwart von Zeugen. Nach diesem Vorfall,
-versteht sich, kann er nicht mehr darauf rechnen, daß der Vater sie ihm
-geben werde. Am Abend desselben Tages schlägt er sich auf die Brust, auf
-die Stelle, wo das Geldsäckchen sich befindet, und schwört dem Bruder,
-daß er noch eine Möglichkeit habe, nicht zum Schurken zu werden, doch
-fühle er schon voraus, daß er ein Schuft bleiben werde, daß er die
-Möglichkeit, sich zu rehabilitieren, nicht benutzen werde, weil seine
-Charakterstärke nicht dazu ausreicht. Warum aber, warum glaubt der
-Ankläger nicht der Aussage Alexei Karamasoffs, die so rein, so
-aufrichtig, so ehrlich und unbeabsichtigt gemacht worden ist? Warum will
-er mich glauben machen, daß das Geld in irgendeinem Kellerwinkel des
-Udolfschen Schlosses sich befinde? Am selben Abend, nach dem Gespräch
-mit dem Bruder, schreibt der Angeklagte den verhängnisvollen Brief, und
-dieser Brief ist das hauptsächlichste, soll das großartigste Beweisstück
-dafür sein, daß der Angeklagte einen Raubmord verübt habe. ‚Ich werde
-alle Leute bitten, und wenn sie mir das Geld nicht geben, so erschlage
-ich den Vater und nehme unter dem Federbett das Paket mit dem rosa
-Bande, wenn nur Iwan fortführe‘ – oder so ungefähr –: das sei das
-regelrechte Programm eines Raubmörders, und wie sollte es das denn nicht
-sein? ‚Es hat sich alles so zugetragen, wie im Briefe geschrieben
-steht!‘ ruft der Ankläger aus. Zunächst ist der Brief in der Trunkenheit
-geschrieben worden, und in großer Gereiztheit; zweitens, das Geldpaket
-erwähnt er nur auf die Mitteilungen Ssmerdjäkoffs hin; er selbst hat es
-nicht gesehen; und drittens, ist der Brief geschrieben worden, nur
-_geschrieben_, ob der Mord sich aber auch so zugetragen hat – womit will
-man das beweisen? Hat der Angeklagte das Geld unter dem Kissen gefunden,
-hat er es an sich genommen, hat es dieses Geld überhaupt gegeben? Ja,
-und lief denn der Angeklagte wegen des Geldes zu dem Hause seines
-Vaters, denken Sie doch daran, vergessen Sie doch dieses eine nicht! Er
-ist doch Hals über Kopf hingelaufen, aber nicht, um zu rauben, sondern
-um zu erfahren, wo sie ist, dieses Weib, das ihn zugrunde gerichtet hat!
-Also ist er nicht nach dem Programme, nicht nach dem Wortlaute seines
-Briefes hingelaufen, nicht um zu rauben, aus Berechnung zu rauben,
-sondern plötzlich, unvorhergesehen, in eifersüchtigem Zorn ist er
-hingelaufen! ‚Ja,‘ sagt man, ‚er ist doch hingelaufen, hat totgeschlagen
-und wird auch das Geld genommen haben.‘ Aber, frage ich, hat er denn
-überhaupt erschlagen? Die Beschuldigung, daß er den Vater beraubt habe,
-weise ich mit Unwillen zurück: Man kann niemanden des Raubes
-beschuldigen, wenn man nicht ganz genau auf das Geraubte hinweisen kann,
-das ist ein Axiom! Hat er aber auch wirklich getötet, ohne zu rauben
-getötet? Ist das nachweisbar? Oder ist auch das eine Dichtung?“
-
-
- XII.
- Und kein Mord
-
-„Meine Herren Geschworenen, es handelt sich um ein Menschenleben, da
-müssen wir vorsichtiger sein. Wie wir gehört haben, hat der Ankläger
-selbst zugegeben, daß er bis auf den heutigen Tag, bis zur heutigen
-Gerichtsverhandlung, nicht gewagt habe, den Angeklagten eines
-vollständig bewußten und beabsichtigten Mordes zu beschuldigen, bis
-vorhin dieser verhängnisvolle ‚trunkene‘ Brief dem Gericht übergeben
-wurde! ‚Es ist geschehen, wie es dort geschrieben steht,‘ sagt die
-Anklage. Ich aber wiederhole noch einmal: Er ist zu ihr gelaufen, nur um
-zu erfahren, wo sie ist. Das ist doch eine unwiderlegbare Tatsache.
-Hätte er sie zu Hause gefunden, so wäre er bei ihr geblieben und hätte
-das im Brief Angedrohte nicht gehalten. Er ist ganz plötzlich und
-unvorbedachterweise hingelaufen und seines ‚trunkenen‘ Briefes hat er
-sich in dem Augenblick überhaupt nicht mehr erinnert. ‚Er ergriff aber
-die Mörserkeule,‘ wird die Anklage hier einwenden. Erinnern Sie sich
-doch nur, meine Herren, was für eine Psychologie einzig und allein aus
-dieser einen Mörserkeule entwickelt worden ist, warum er diese
-Mörserkeule als Waffe angesehen, als Waffe ergriffen haben soll usw.
-usw. Hierbei ging mir nun der allergewöhnlichste Gedanke durch den Kopf:
-Wie, wenn diese Mörserkeule nicht auf dem Küchentisch gelegen hätte, von
-wo der Angeklagte sie ergriffen hat, sondern wenn sie im Schrank gewesen
-wäre, – so wäre sie doch dem Angeklagten nicht in die Augen gefallen,
-und er wäre mit leeren Händen, ohne Waffe, davongelaufen und hätte dann
-überhaupt niemanden erschlagen können. Wie kann denn die Mörserkeule als
-Beweis dafür genügen, daß er sich vorsätzlich bewaffnet und vorsätzlich
-ermordet habe? Er hat in den Gasthäusern herumgeschrien, er werde den
-Vater erschlagen; zwei Tage vorher aber, als er diesen trunkenen Brief
-geschrieben, ist er ruhig gewesen und hat im Gasthause nur einen Kommis
-um seinen Platz gebracht, ‚denn ohne Streit konnte Karamasoff doch nicht
-auskommen‘. Darauf jedoch antworte ich, daß, wenn er sich schon einen
-Mord ausgedacht, wenn er sogar schon den ganzen Mordplan entworfen
-hätte, so würde er sich nicht mehr mit dem Kommis gestritten haben, ja,
-vielleicht wäre er dann überhaupt nicht in das Gasthaus gegangen, denn
-ein Mensch, der sich mit solchen Dingen beschäftigt, sucht Stille,
-Heimlichkeit, der möchte unsichtbar sein, damit man nichts von ihm sieht
-noch hört, ihn womöglich ganz und gar vergißt, und zwar nicht etwa aus
-Berechnung, sondern aus Instinkt. Meine Herren Geschworenen, die
-Psychologie hat zwei Enden, und auch wir können Psychologie treiben. Was
-alle diese trunkenen Schreie im Laufe des ganzen Monats anbelangt, nun,
-so schreien Betrunkene und Kinder immer viel, besonders wenn sie sich
-miteinander streiten oder zanken: ‚Ich werde dich erschlagen!‘ sagen sie
-schon beim kleinsten Ärger, aber gerade sie tun es hinterher nicht. Und
-selbst dieser verhängnisvolle Brief, – ist er denn nicht auch der Schrei
-eines Gereizten, der das Gasthaus in betrunkenem Zustande verläßt? Ist
-das nicht gleichfalls wie: ‚Ich werde euch alle totschlagen, alle ohne
-Ausnahme!‘ Warum sollte dem nicht so sein? Warum soll dieser
-verhängnisvolle Brief, warum soll er, im Gegenteil, nicht geradezu –
-lächerlich sein? Darum, weil man den Vater erschlagen vorgefunden hat,
-weil ein Zeuge den Angeklagten im Garten, bewaffnet und fortlaufend,
-gesehen hat und selbst von ihm niedergestreckt worden ist. Darum hat
-sich alles nach dem schwarz auf weiß Geschriebenen buchstäblich erfüllt,
-und darum ist der Brief nicht bloß lächerlich, sondern verhängnisvoll!
-Gott sei Dank, jetzt sind wir beim I-punkte angelangt: ‚Er ist im Garten
-gewesen, folglich ist er der Mörder.‘ Mit diesen beiden Sätzen: ‚er ist
-im Garten gewesen‘ – ‚folglich ist er der Mörder‘, scheint mir alles
-erschöpft zu sein, die ganze Anklage. Aber wie nun, wenn er ihn nicht
-erschlagen hat, obgleich er dagewesen ist? Oh, ich gebe ja zu, daß die
-Verkettung der Tatsachen, das Zusammentreffen aller verdächtigen
-Aussagen von einer gewissen Bedeutsamkeit sein kann. Betrachten Sie
-jedoch die Tatsachen einzeln, ohne sich von ihrer Verkettung
-beeinflussen zu lassen: warum, zum Beispiel, will die Anklage die
-Aussage des Angeklagten, daß er vom Fenster des Vaters fortgelaufen sei,
-unter keiner Bedingung auch nur als wahrscheinlich zulassen? Denken Sie
-an die Sarkasmen, die der Ankläger hier in bezug auf die Ehrerbietung
-und die ‚frommen‘ Gefühle gemacht hat, die sich plötzlich des Mörders
-bemächtigt haben sollen. Wie aber, wenn in der Tat sich etwas Ähnliches
-zugetragen hat: und wenn ihn auch keine Ehrerbietung veranlaßt hat,
-fortzugehen, so kann es doch ein gewisses heiliges Gefühl gewesen sein
-...? ‚Meine Mutter muß in diesem Augenblick für mich gebetet haben,‘
-sagt der Angeklagte, und behauptet, daß er fortgelaufen sei, sobald er
-sich überzeugt habe, daß die Sswetlowa nicht beim Vater war. ‚Er konnte
-sich aber doch nicht durch das Fenster überzeugen,‘ entgegnet uns die
-Anklage. Warum konnte er denn das nicht? Das Fenster wurde doch auf das
-vom Angeklagten gegebene Zeichen geöffnet. Bei der Gelegenheit kann
-Fedor Pawlowitsch ein Wort entschlüpft sein, ein Ausruf hat vielleicht
-genügt – und das hat den Angeklagten vielleicht sofort davon überzeugt,
-daß die Sswetlowa nicht bei ihm war. Warum muß man durchaus
-voraussetzen, daß eine Sache so gewesen sei, wie wir sie uns vorstellen,
-oder richtiger, wie wir sie uns unbedingt vorstellen wollen? In der
-Wirklichkeit können tausend Dinge vorübergehend auftauchen, die selbst
-der feinsten Beobachtung eines Romanschriftstellers entgehen würden.
-‚Ja, aber Grigorij hat die Tür offen gesehen, folglich muß der
-Angeklagte im Hause gewesen sein, und – folglich hat er ihn erschlagen.‘
-Von dieser Tür, meine Herren Geschworenen ... Sehen Sie, diese
-offenstehende Tür hat nur eine Person gesehen, die sich indessen zu der
-Zeit selbst in einem Zustande befunden hat, der ... nun – möge auch die
-Tür offen gestanden haben, möge der Angeklagte sie geöffnet und aus dem
-Gefühl der Selbsterhaltung gelogen haben, ‚was ja so verständlich in
-seiner Lage wäre,‘ möge er, gut, möge er ins Haus eingedrungen sein –
-warum muß er ihn dann auch erschlagen haben? Er kann durch die Zimmer
-gelaufen sein, den Vater sogar gestoßen, geschlagen haben, doch deswegen
-kann er noch immer, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Sswetlowa
-nicht bei ihm war, ohne zu erschlagen, wieder fortgelaufen sein, froh
-darüber, daß sie nicht da war und er den Vater nicht zu erschlagen
-brauchte. Darum ist er vielleicht einige Minuten später vom Zaun zum
-alten Grigorij, den er im Jähzorn beschädigt hatte, hinabgesprungen –
-eben weil er imstande war, ein reines Gefühl, ein Gefühl des Mitleids
-und des Bedauerns zu empfinden. Er, der soeben der Versuchung, den Vater
-zu erschlagen, entgangen war, und der nun in seinem reinen Herzen Freude
-darüber empfand, daß er den Vater nicht getötet hatte! Schön bis zum
-Entsetzen beschreibt uns der Ankläger den schrecklichen Zustand des
-Angeklagten im Dorfe Mokroje, als die Liebe sich ihm plötzlich zuwandte
-und ihn zu neuem Leben aufrief, und als es ihm nun zu lieben unmöglich
-war, weil vor seinem Bewußtsein die blutige Leiche des Vaters lag und
-diese Leiche auch schon das Gericht hinter ihm herschickte. Nun hat aber
-der Ankläger die Möglichkeit einer solchen Liebesleidenschaft in diesem
-Augenblick immerhin zugelassen und sie nach seiner Psychologie
-folgendermaßen erklärt: ‚Ein trunkener Zustand war es, noch muß der
-Verbrecher durch zwei Straßen fahren, bis zum Richtplatze ist noch weit‘
-usw. usw. Haben Sie da vielleicht nicht eine andere Person geschaffen,
-Herr Ankläger? Das möchte ich Sie denn doch fragen. Sollte der
-Angeklagte wirklich so roh und herzlos sein, daß er in diesem Augenblick
-an Liebe und Winkelzüge vor Gericht denken konnte, wenn auf seinem
-Gewissen das Blut seines Vaters lag? Nein, nein und abermals nein!
-Anderenfalls hätte er, sobald er sich gesagt, daß sie ihn liebte, ‚ihn
-zu sich heranzog, ihm ein neues Glück verhieß,‘ – oh, ich schwöre es,
-dann hätte er ein zweifaches, dreifaches Bedürfnis empfunden, sich zu
-töten, und er hätte sich auch getötet, wenn, wie gesagt, die Leiche des
-_Vaters_ vor seinem Bewußtsein gelegen hätte! O nein, dann hätte er
-nicht vergessen, wo seine Pistolen lagen! Ich kenne den Angeklagten: die
-rohe Herzlosigkeit, die ihm vom Ankläger zugesprochen wird, stimmt nicht
-mit seinem Charakter überein. Er hätte sich getötet, das ist sicher; er
-hat sich aber nicht getötet, weil ‚die Mutter für ihn gebetet hatte‘ und
-sein Herz unschuldig am Blute seines Vaters war. Er quälte sich in
-dieser Nacht in Mokroje nur um den verwundeten Grigorij und betete zu
-Gott, daß der Alte wieder zu sich kommen möge, daß der Schlag nicht
-tödlich sein möge! Warum soll man nicht diese Auslegung der Ereignisse
-als wahr annehmen? Welch einen sicheren Beweis haben wir dafür, daß der
-Angeklagte uns belügt? Aber da ist ja die Leiche des Vaters, und man
-wird uns sofort wieder auf sie hinweisen. Gut, er ist hinausgelaufen,
-ohne ihn zu erschlagen, wer aber hat dann den Alten erschlagen?
-
-Ich wiederhole es, die ganze Logik der Anklage besteht nur in dieser
-Frage: wer hat erschlagen, wenn nicht er? Man sagt, daß man niemanden an
-seine Stelle setzen könne. Meine Herren Geschworenen, verhält es sich
-wirklich so? Kann man denn wirklich niemand statt seiner beschuldigen?
-Wir haben gehört, wie der Ankläger alle Personen, die sich in dieser
-Nacht im Hause befunden haben, an den Fingern aufgezählt hat. Im ganzen
-waren es fünf Menschen. Ich gebe vollkommen zu, daß drei von ihnen
-außerhalb jedes Verdachtes stehen: der Erschlagene selbst, der alte
-Grigorij und seine Frau. Es bleiben also nur noch der Angeklagte und
-Ssmerdjäkoff übrig. Und siehe da, der Ankläger behauptet mit Pathos, daß
-der Angeklagte nur deshalb auf Ssmerdjäkoff hinweise, weil er doch auf
-niemand anderen mehr hinweisen könne, daß aber, wenn noch irgendeine
-sechste Person oder nur ein Schatten von einer sechsten Person da wäre,
-der Angeklagte sofort aufgeben würde, Ssmerdjäkoff zu beschuldigen, daß
-er sich sogar schämen würde, einen so lächerlichen Verdacht
-auszusprechen, und gegen den Sechsten aussagen würde. Meine Herren
-Geschworenen, warum kann ich nicht genau das Entgegengesetzte behaupten?
-Es stehen zwei Menschen vor uns: der Angeklagte und Ssmerdjäkoff, –
-warum kann ich nicht sagen, daß Sie meinen Klienten nur darum
-beschuldigen, weil Sie niemand anders zu beschuldigen haben? Und nur
-darum haben Sie niemanden zu beschuldigen, weil Sie voreingenommen
-Ssmerdjäkoff von jedem Verdacht ausgeschlossen haben. Ja, es ist wahr,
-auf Ssmerdjäkoff weisen nur der Angeklagte, seine beiden Brüder und die
-Sswetlowa hin, sonst niemand. Aber es ist doch noch ein Etwas vorhanden,
-das auf ihn hinweist! Das ist eine gewisse, wenn auch unklare Gärung,
-eine Stimmung, eine Frage, die wie ein Verdacht durch die Gesellschaft
-geht: ein Gerücht verbreitet sich ... es ist da eine allgemeine
-Erwartung. Schließlich sind da auch noch einige sehr bemerkenswerte
-Tatsachen, die zeugen könnten, wenn sie auch ein wenig unbestimmt sind,
-was ich zugeben muß: erstens ist da dieser epileptische Anfall gerade am
-Tage der Katastrophe, ein Anfall, den der Ankläger so sehr zu
-verteidigen sich bemüht hat. Dann ist da dieser plötzliche Selbstmord
-Ssmerdjäkoffs am Vorabend der Gerichtsverhandlung. Und ebenso unerwartet
-kommt nun, heute vor Gericht, die Aussage des einen Bruders des
-Angeklagten, der bis dahin an die Schuld des Bruders geglaubt hatte, und
-der nun plötzlich das Geld bringt und Ssmerdjäkoff als den Mörder
-angibt. Oh, ich bin vollkommen überzeugt, genau so wie der Gerichtshof
-und die Staatsanwaltschaft, daß Iwan Karamasoff an einem Nervenfieber
-erkrankt ist, daß seine Aussage in der Tat nur ein verzweifelter, im
-Fieber ersonnener Versuch, seinen Bruder zu retten, sein kann, und er
-bloß die Schuld auf den Erhängten abwälzen wollte. Immerhin ist abermals
-der Name Ssmerdjäkoff genannt worden, und abermals scheint man etwas
-Rätselhaftes gehört zu haben. Da ist irgend etwas noch nicht zu Ende
-gesprochen, meine Herren Geschworenen! Da fehlt noch ein Schluß, und das
-letzte Wort wird vielleicht noch einmal gesagt werden! Doch lassen wir
-das jetzt beiseite. Es ist eine Sache, die uns noch bevorsteht. Der
-Gerichtshof hat nichtsdestoweniger beschlossen, die Verhandlung
-fortzuführen. Und so will ich denn vorläufig etwas zu der Charakteristik
-des verstorbenen Ssmerdjäkoff bemerken, die der Ankläger mit solchem
-Geschick vor uns entrollt hat. Obgleich ich das Talent meines
-Widersachers aufrichtig bewundert habe, kann ich nicht mit den
-Grundzügen dieser seiner Charakteristik übereinstimmen. Ich bin bei
-Ssmerdjäkoff gewesen, ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen, und
-ich muß gestehen, er hat auf mich einen ganz anderen Eindruck gemacht.
-Gesundheitlich war er schwach, das ist wahr, aber was seinen Charakter
-und sein Herz anbelangt – oh, da war er nicht schwach, nein, in diesen
-beiden Dingen war der Mensch durchaus nicht so schwach, wie der Ankläger
-von ihm glaubt! Auch habe ich durchaus keine Schüchternheit an ihm
-wahrgenommen, jene Schüchternheit, die der Ankläger für so
-charakteristisch an ihm hält. Treuherzigkeit habe ich an ihm erst recht
-nicht bemerkt, im Gegenteil, ich fand ihn schrecklich mißtrauisch, was
-er nur durch Naivität zu verbergen suchte. Seinen Verstand fand ich
-geradezu hoch entwickelt, während die Anklage ihn im Gegenteil als einen
-Schwachsinnigen hinstellte. Auf mich hat er einen ganz bestimmten
-Eindruck gemacht: ich bin mit der Überzeugung fortgegangen, daß er ein
-durchaus schlechter, maßlos ehrgeiziger, rachsüchtiger, ein boshafter
-und neidischer Mensch ist. Ich habe einige Erkundigungen über ihn
-eingezogen, und ich habe folgendes erfahren: Er hat seine Herkunft
-gehaßt, hat sich ihrer geschämt und hat vor Wut geknirscht bei dem
-Gedanken, daß er von der ‚Stinkenden‘ abstammte. Gegen den Diener
-Grigorij und dessen Frau, seine beiden Wohltäter von Kindheit an, hat er
-sich unehrerbietig betragen. Rußland hat er verflucht und verspottet. Er
-hat davon geträumt, nach Frankreich zu fahren und einen Franzosen aus
-sich zu machen. Er hat oft davon gesprochen, daß ihm dazu die Mittel
-fehlten. Mir scheint, daß er niemanden geliebt hat, außer sich selbst.
-Jedenfalls hat er sich bis zur Krankhaftigkeit hochgeschätzt. Bildung
-hat er nur in guten Kleidern, reinen Plätthemden und gewichsten Stiefeln
-gesehen. Er hat sich – und dafür gibt es Beweise – für den unehelichen
-Sohn Fedor Pawlowitschs gehalten und hat seine Stellung im Vergleich zu
-den ehelichen Kindern seines Herrn gehaßt: ‚Ihnen gehört alles, mir aber
-nichts, sie haben alle Rechte, sind die Erben, ich aber bin nur der
-Koch.‘ Er hat mir mitgeteilt, daß er mit Fedor Pawlowitsch zusammen das
-Geld ins Kuvert getan habe. Die Bestimmung dieser Summe – mit
-dreitausend Rubeln hätte er seine Karriere machen können – war ihm
-natürlich gleichfalls verhaßt. Dazu hat er noch die dreitausend Rubel in
-hellen regenbogenfarbenen Kreditbilletten gesehen – danach habe ich ihn
-ausdrücklich gefragt. Oh, zeigen Sie niemals einem neidischen und
-eigensüchtigen Menschen viel Geld auf einmal! Er aber hat damals zum
-erstenmal eine so große Summe in der Hand gehalten. Der Eindruck dieses
-regenbogenfarbenen Pakets konnte sich in seiner Einbildungskraft
-widerspiegeln, bis zur höchsten Erregung, wenn auch zunächst ohne
-Folgen. Der verehrte Ankläger hat mit außergewöhnlicher Feinheit alle
-pro und contra Annahmen der Möglichkeit, Ssmerdjäkoff des Mordes zu
-beschuldigen, vor uns skizziert und uns noch besonders gefragt: Wozu
-sollte er einen Epilepsieanfall simuliert haben? Aber er braucht ihn ja
-gar nicht simuliert zu haben, der Anfall konnte doch auch ganz von
-selbst und natürlich gekommen sein. Doch ebenso natürlich kann der
-Anfall dann auch wieder vorübergegangen und kann der Kranke aufgewacht
-sein. Nehmen wir an, er hat sich nicht sofort erholt, aber er ist
-vielleicht zu sich gekommen und aufgewacht, wie das bei den
-Fallsüchtigen häufig vorkommt. Die Anklage fragt: In welchem Augenblick
-hat denn Ssmerdjäkoff den Mord verübt? Diesen Augenblick festzustellen,
-ist außerordentlich leicht. Er ist aus tiefem Schlaf erwacht – denn er
-schlief doch nur: nach einem Anfalle verfällt der Epileptiker immer in
-einen tiefen Schlaf – genau in dem Augenblick, als der alte Grigorij den
-fortlaufenden Angeklagten auf dem Zaune am Fuß packte und über den
-ganzen Garten hin: ‚Vatermörder!‘ schrie. Dieser ungewöhnliche Schrei
-durch die Stille und Dunkelheit kann Ssmerdjäkoff sehr wohl aufgeweckt
-haben, da sein Schlaf zu der Zeit durchaus nicht mehr so fest zu sein
-brauchte: er hätte schon eine Stunde vorher erwachen können. Daraufhin
-kann er sehr wohl aus dem Bett aufgestanden und unbewußt, ohne jegliche
-Absicht, hinausgegangen sein, um zu sehen, was dieser Schrei auf sich
-hatte. In seinem Kopf ist noch krankhafter Dunst, das Bewußtsein
-schlummert noch, – da ist er aber schon im Garten: Er tritt an die
-erleuchteten Fenster heran und erfährt von seinem Herrn, der natürlich
-über sein Erscheinen sehr erfreut ist, die schreckliche Nachricht. Er
-überlegt sofort. Von dem erschrockenen Herrn erfährt er alle
-Einzelheiten. Und plötzlich durchzuckt sein zerstörtes und krankes
-Gehirn ein Gedanke, – ein schrecklicher, aber verführerischer und
-unabweisbarer Gedanke: den Herrn zu ermorden, die Dreitausend zu nehmen
-und später alles auf den jungen Herrn zu wälzen! Wen würde man
-verdächtigen, wenn nicht den jungen Herrn, denn er war dagewesen, das
-konnte man beweisen?! Eine schreckliche Gier nach Geld, nach der Beute,
-konnte ihn, zusammen mit der Vorstellung von der Straflosigkeit, gepackt
-haben. Oh, diese plötzlichen und unabweisbaren Ausbrüche stellen sich so
-oft bei einer sich darbietenden Gelegenheit ein – hauptsächlich bei
-Mördern, die sich noch vor einer Minute nicht bewußt waren, daß sie
-töten würden! Und nun: Ssmerdjäkoff konnte zum Herrn hineingehen und
-seinen Plan ausführen, aber womit, mit welcher Waffe? Mit dem ersten
-besten Stein, den er im Garten ergriffen hatte. Aber wozu, zu welchem
-Zweck? Nun, mit dreitausend Rubeln kann man doch Karriere machen! Bitte,
-ich widerspreche mir durchaus nicht: Das Geld kann ja doch existiert
-haben. Und Ssmerdjäkoff wußte sogar ganz allein, wo es zu finden war, wo
-es beim Herrn lag. – Aber der Umschlag des Geldes, das zerrissene Kuvert
-‚auf dem Fußboden‘? Der Ankläger machte, als er vom Paket sprach, eine
-außerordentlich feine Bemerkung darüber, daß nur ein ungewohnter Dieb,
-wie z. B. Karamasoff, das Kuvert auf dem Fußboden hätte liegen lassen
-können, Ssmerdjäkoff dagegen niemals ein Beweisstück seines Verbrechens
-liegen gelassen haben würde. Meine Herren Geschworenen, als ich das
-hörte, fühlte ich plötzlich, daß er mir etwas bereits Bekanntes sagte.
-Stellen Sie sich vor: Genau dieselbe Bemerkung, diesen Hinweis darauf,
-daß nur Karamasoff mit dem Paket so hätte verfahren können, habe ich
-genau vor zwei Tagen von Ssmerdjäkoff selbst gehört, und er hat mich
-damit sogar in Erstaunen gesetzt: Mir fiel nämlich sofort auf, daß er
-sich naiv stellte, um mir diesen Gedanken aufzubinden. Ich sollte selbst
-zu diesem Schluß kommen. Jawohl, er hat sich ordentlich bemüht, mir
-diesen Gedanken einzugeben. Und jetzt frage ich: Hat er nicht auch dem
-verehrten Ankläger diesen Gedanken in derselben Weise eingeflüstert? Man
-wird sagen: Aber die Alte, die Frau Grigorijs? Sie hat doch gehört, wie
-der Kranke neben ihr die ganze Nacht gestöhnt hat. Es ist möglich, daß
-sie es gehört hat, aber die Einbildungskraft ist oft sehr stark. Ich
-kannte eine Dame, die sich bitter beklagte, daß die ganze Nacht ein Hund
-auf dem Hofe sie durch fortwährendes Bellen gestört und sie daher fast
-überhaupt nicht geschlafen habe. Dabei hatte das arme Tier, wie sich
-später herausstellte, im ganzen nur zwei oder dreimal gebellt. Aber das
-ist ja ganz natürlich! Der Mensch schläft, und plötzlich hört er ein
-Stöhnen, er erwacht und ärgert sich, daß man ihn gestört hat, schläft
-aber augenblicklich wieder ein. Nach zwei Stunden hört er wieder ein
-Stöhnen, wieder wacht er auf, und wieder schläft er ein; schließlich
-wieder ein Stöhnen, und zwar wiederum nach zwei Stunden, im ganzen also
-nur dreimal in der Nacht. Am Morgen steht er auf und beklagt sich, daß
-er in der Nacht ununterbrochen gestört worden sei. So muß es ihm auch
-durchaus erscheinen! die Zwischenräume von zwei Stunden hat er
-verschlafen und erinnert sich ihrer nicht, erinnert sich nur der Minuten
-des Erwachens, und da scheint es ihm denn, er sei die ganze Nacht
-gestört worden. Aber warum, warum, ruft die Anklage aus, warum hat
-Ssmerdjäkoff in seinem Schreiben vor dem Tode nicht alles eingestanden?
-‚Zu dem einen reichte das Gewissen,‘ haben wir doch noch vor kurzem
-gehört, ‚zum anderen aber nicht.‘ Aber erlauben Sie: Gewissen – das ist
-doch schon Reue, und Reue konnte bei diesem Selbstmörder vielleicht
-überhaupt nicht vorhanden gewesen sein, sondern nur Verzweiflung.
-Verzweiflung aber und Reue sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die
-Verzweiflung kann boshaft und unstillbar sein, und der Selbstmörder kann
-in dem Augenblick, als er Hand an sich legte, diejenigen sogar doppelt
-gehaßt haben, die er sein ganzes Leben lang beneidet hat. Meine Herren
-Geschworenen, vermeiden Sie es, einen Justizirrtum zu begehen! Warum
-soll das unwahrscheinlich sein, was ich Ihnen soeben vorgelegt und
-geschildert habe? Finden Sie einen Fehler in meiner Auslegung, finden
-Sie, daß sie unmöglich, absurd ist? Wenn nur ein Schatten von
-Möglichkeit, nur ein Schatten von Wahrheit in meiner Annahme ist – so
-enthalten Sie sich einer Verurteilung! Und kann denn hier nur von einem
-Schatten die Rede sein? Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich
-glaube an meine Auslegung, die ich Ihnen soeben auseinandergesetzt habe,
-an meine Erklärung des Mordes! Doch hauptsächlich, hauptsächlich regt es
-mich auf, und der Gedanke erbittert mich geradezu, daß aus der ganzen
-Menge von Tatsachen, die die Anklage gegen den Angeklagten auftürmt,
-nicht eine einzige Tatsache bewiesen und daher unwiderruflich ist, und
-daß der Unglückliche nur durch die Verkettung der Tatsachen zugrunde
-gehen soll. Ja, diese Verkettung der Tatsachen ist schrecklich! Dieses
-Blut, dieses von den Fingern herabfließende Blut, die blutdurchtränkte
-Wäsche, die schwarze Nacht, durch die der Schrei ‚Vatermörder!‘ gellt,
-und der mit verwundetem Schädel am Boden Liegende, darauf diese Unmenge
-von Hinweisen, Gesten, Ausrufen des Angeklagten – oh, alles das kann
-stark beeinflussen! Kann das aber auch Ihre Überzeugung beeinflussen,
-kann das auch Ihre Überzeugung bestechen, meine Herren Geschworenen?
-Denken Sie daran, daß Ihnen die unumschränkte Macht zu binden und zu
-lösen gegeben ist. Doch je größer die Gewalt ist, um so schwerer ist
-ihre Anwendung. Nicht ein Jota werde ich von dem aufgeben, was ich
-soeben gesagt habe. Doch möge es sein, nehmen wir an, daß ich auf einen
-Augenblick mit der Anklage übereinstimme: Daß mein unglücklicher Klient
-seine Hände mit dem Blute des Vaters befleckt hat. Das ist nur eine
-Annahme, meine Herren. Ich wiederhole es, daß ich auch nicht einen
-Augenblick an seiner Unschuld zweifle. Aber nehmen wir einmal an, daß
-der Angeklagte des Vatermordes schuldig ist. So hören Sie bitte meine
-Rede bis zu Ende, selbst wenn ich sogar diese Annahme zulasse. Mir liegt
-etwas auf dem Herzen, was ich aussprechen möchte, denn ich fühle auch in
-Ihren Herzen und Gedanken diesen großen Kampf ... Verzeihen Sie mir
-dieses Wort, meine Herren Geschworenen, von Ihren Herzen und Gedanken.
-Doch ich möchte bis zum Ende wahr und aufrichtig bleiben. Meine Herren,
-seien wir es einmal alle – seien wir wahr und aufrichtig!“
-
-An dieser Stelle wurde der Verteidiger durch ziemlich starken Applaus
-unterbrochen. In der Tat, seine letzten Worte hatte er in einem so
-ehrlich klingenden Tone gesprochen. Alle fühlten, daß er wirklich etwas
-zu sagen hatte, und daß das, was er jetzt sagen würde, vielleicht das
-allerwichtigste war. Als aber der Vorsitzende den Applaus hörte,
-klingelte er sofort und drohte mit erhobener Stimme an, daß er den Saal
-„räumen“ lassen werde, falls Ähnliches noch einmal vorkommen sollte.
-Alles wurde still, und Fetjukowitsch begann von neuem – diesmal mit
-einer geradezu beseelten Stimme, die jetzt ganz anders klang als vorhin.
-
-
- XIII.
- Der Übertreter des Gebots
-
-„Nicht nur die Verkettung der Tatsachen vernichtet meinen Klienten,“ hub
-er an, „nein, meine Herren Geschworenen, im Grunde ist es nur eine
-einzige Unleugbarkeit, die ihm den Hals bricht: das ist – der Leichnam
-des alten Vaters! Wäre es ein gewöhnlicher Mord, so würden Sie bei der
-Richtigkeit, Unbewiesenheit und Phantastik der sogenannten
-Anklage_beweise_ – wenn man jeden von ihnen einzeln und nicht in der
-Gesamtheit betrachtet –, so würden Sie, sage ich, die Anklage
-zurückweisen, oder Sie würden sich mindestens bedenken, das Leben eines
-Menschen nur auf Grund des Vorurteils, das er leider gar zu sehr
-verdient hat, zugrunde zu richten! Hier aber handelt es sich nicht um
-einen gewöhnlichen Mord, sondern um einen Vatermord! Das imponiert! Und
-zwar in einem solchen Maße, daß selbst die Nichtigkeit und
-Unbewiesenheit der anklagenden Tatsachen selbst dem Vorurteilslosesten
-nicht mehr so nichtig und nicht mehr so unbewiesen erscheinen. Wie nun
-einen solchen Angeklagten rechtfertigen? Wie, wenn er den Mord verübt
-hat und ungestraft entkommt? – Das ist es, was ein jeder sich in seinem
-Herzen unwillkürlich, instinktiv fragt. Ja, es ist ein schreckliches
-Ding, das Blut des Vaters zu vergießen, das Blut desjenigen, der mich
-gezeugt, geliebt, sein Leben für mich nicht geschont hat, der von meinen
-ersten Kinderjahren an für mich bei jeder Kinderkrankheit gezittert,
-sein ganzes Leben lang nur für mein Glück gearbeitet und gelitten, nur
-von meinen Freuden und Erfolgen gelebt hat! Ja, einen solchen Vater zu
-erschlagen – das wäre nicht auszudenken! Meine Herren Geschworenen, was
-ist ein Vater, ein wirklicher Vater, was ist das für ein Wort, was für
-eine unheimlich große Idee liegt in diesem großen Worte? Wir haben
-soeben darauf hingewiesen, was ein wahrer Vater ist, und was er sein
-soll. In dem vorliegenden Falle jedoch, der uns jetzt alle so
-beschäftigt, und der uns quält und bis ins Herz getroffen hat, in diesem
-vorliegenden Falle entspricht der Vater, der verstorbene Fedor
-Pawlowitsch Karamasoff, nicht im geringsten, nicht im allermindesten
-jenem Begriff von einem Vater, den wir im Herzen tragen. Das ist das
-Unglück. Ja, in der Tat, gar mancher Vater ist das Unglück seiner
-Kinder. Betrachten wir dieses Unglück jetzt etwas aus der Nähe, – und
-wir dürfen doch, meine Herren Geschworenen, im Hinblick auf die
-Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung, vor nichts zurückschrecken.
-Gerade jetzt dürfen wir weniger denn je mit den Händen gewisse Ideen
-zurückscheuchen, wie Kinder oder ängstliche Frauen, um den treffenden
-Vergleich des verehrten Anklägers zu gebrauchen. Nun hat mein
-hochgeachteter Gegner – der schon mein Gegner war, noch bevor ich mein
-erstes Wort gesprochen hatte – hat mein Gegner mehr als einmal
-ausgerufen: ‚Nein, ich will die Verteidigung des Angeklagten keinem
-anderen überlassen –, ich bin der Ankläger, ich will auch der
-Verteidiger sein!‘ Das hat er, wie gesagt, ein paarmal ausgerufen,
-indessen hat er aber zu erwähnen vergessen, daß der Angeklagte, wenn er
-ganze dreiundzwanzig Jahre lang eine solche Dankbarkeit für ein einziges
-Pfund Nüsse im Herzen bewahrt hat, das ihm der einzige Mensch geschenkt
-hat, der während seines Aufenthaltes als Kind im Elternhause freundlich
-zu ihm gewesen ist, daß ein solcher Mensch in diesen dreiundzwanzig
-Jahren auch nicht hat vergessen können, wie er auf dem Hinterhofe
-barfüßig umhergelaufen ist, mit bloßen Beinchen und in ‚Höschen an einem
-Knopf‘, wie dies uns der menschenfreundliche Doktor Herzenstube
-geschildert hat. Meine Herren Geschworenen, wozu sollen wir noch näher
-dieses Unglück untersuchen und wiederholen, was doch alle schon wissen!
-Was hat mein Klient hier vorgefunden, als er nach Haus, zum Vater kam?
-Und warum, warum nur stellt man meinen Klienten als gefühllosen
-Egoisten, als Ungeheuer dar? Er ist gewiß zügellos, wild und wüst, und
-dafür verurteilen wir ihn auch jetzt. Wer aber ist schuld an seinem
-unglücklichen Leben, wen trifft die Schuld, daß er bei guten Anlagen
-eine so schlechte Erziehung erhalten hat, dieser kleine verlassene Junge
-mit dem prächtigen liebebedürftigen Herzen? Hat ihm denn auch nur ein
-einziger Mensch Vernunft beigebracht, hat ihm denn überhaupt jemand auch
-nur ein wenig Liebe in seiner freudlosen Kindheit gezeigt? Mein Klient
-ist nur unter Gottes Obhut aufgewachsen, also mit anderen Worten: wie
-ein wildes Tier. Vielleicht hat er sich danach gesehnt, seinen Vater
-nach so langer Zeit wiederzusehen, er hat vielleicht schon tausendmal,
-wenn er sich seiner Kindheit wie eines Traumes entsann, die widerlichen
-Erinnerungen verscheucht und sich mit ganzer Seele danach gesehnt,
-seinen Vater rechtfertigen und umarmen zu können! Und nun, was findet er
-hier? Mit zynischem Spott, mit Mißtrauen und Betrügereien wegen des
-strittigen Geldes wird er empfangen. Die Gespräche und die
-Lebensphilosophie, die er täglich ‚beim Kognak‘ mit anhören muß,
-verursachen ihm fast Übelkeit. Und alsbald sieht er, wie dieser Vater
-mit seinem, des Sohnes Gelde, ihm, dem Sohne, die Geliebte abspenstig
-machen will. Das ist mehr als ekelhaft und grausam, meine Herren
-Geschworenen. Und dieser selbe alte Vater beklagt sich nun bei allen
-über die Unehrerbietigkeit des Sohnes, sucht ihn in der ganzen
-Gesellschaft anzuschwärzen, mit Schmutz zu bewerfen, ihm zu schaden, wo
-er nur kann, er verleumdet ihn überall, und schließlich kauft er seine
-Wechsel auf, um ihn, seinen leiblichen Sohn, ins Gefängnis zu bringen!
-Meine Herren Geschworenen, diese Seelen, diese dem Anscheine nach
-wilden, heftigen, zügellosen Menschen, wie mein Klient, sind
-meistenteils sehr zärtlich, nur zeigen sie es nicht. Lachen Sie bitte
-nicht, lachen Sie nicht über meine Worte! Der verehrte Ankläger hat
-meinen Klienten vorhin in unbarmherziger Weise zu verspotten gesucht,
-indem er in ganz besonderer Art andeutete, daß Dmitrij Karamasoff
-Schiller liebe: alles ‚Schöne und Hehre‘. Ich hätte mich an seiner
-Stelle darüber nicht lustig gemacht, wenn ich der Ankläger gewesen wäre.
-Denn diese Herzen, – oh, erlauben Sie mir, daß ich diese Herzen
-verteidige, die so selten verstanden und so oft ungerecht beurteilt
-werden! Diese Herzen sehnen sich so oft nach Zärtlichkeit, Schönheit und
-Gerechtigkeit, sie tun es gleichsam aus Widerspruch zu sich selbst, zu
-ihrem wüsten Leben, ihrer Wildheit. Sie sehnen sich vielleicht unbewußt
-danach, aber sie sehnen sich mit ihrer ganzen Leidenschaft. Äußerlich
-leidenschaftlich und hart, sind sie fähig, bis zur Qual etwas
-liebzugewinnen, ein Weib zum Beispiel, und das lieben sie dann mit einer
-geistigen, einer höheren Liebe. Ich bitte Sie wiederum, nicht über mich
-zu lachen. Ich wiederhole: das pflegt gerade bei diesen Naturen am
-häufigsten vorzukommen. Nur können sie ihre Leidenschaft, die zuweilen
-gewiß sehr roh ist, nicht verbergen, und das ist es dann, was allen
-sofort an ihnen auffällt. Jawohl: das wird sofort bemerkt. Den inneren
-Menschen aber sieht niemand. Doch ihre Leidenschaften werden schnell
-gestillt, und dieser anscheinend rohe und grausame Mensch sucht in der
-Nähe eines edlen und schönen Wesens nur Erneuerung, sucht die
-Möglichkeit, sich zu bessern, gut zu werden, ehrlich und edel, oder
-‚schön und erhaben‘, wie sehr dieses Wort auch verspottet werden mag.
-Ich habe gesagt, daß ich nicht wage, über den Roman meines Klienten mit
-Fräulein Werchoffzeff zu sprechen. Ich denke aber, daß mir doch ein
-halbes Wort über ihn gestattet sein wird. Wir alle haben vorhin gehört –
-nicht die Aussage, sondern nur das wahnsinnige Geschrei eines Weibes,
-das sich rächen will. Doch nicht ihr, oh, wahrlich nicht, ihr steht es
-zu, ihm einen Treubruch vorzuwerfen, denn sie, sie selbst hat ihm die
-Treue zuerst gebrochen. Hätte sie nur einen Augenblick Zeit gehabt,
-nachzudenken, so würde sie bestimmt nicht eine solche Aussage gemacht
-haben. Meine Herren Geschworenen, glauben Sie ihr nicht, nein, mein
-Klient ist kein ‚Auswurf des Menschengeschlechts‘, kein ‚Ungeheuer‘, wie
-sie ihn vorhin genannt hat! Der gekreuzigte Menschenfreund hat gesagt:
-‚Ich bin der gute Hirt, ein guter Hirt gibt seine Seele hin für seine
-Schafe, auf daß kein einziges untergehe ...‘ Richten auch wir keine
-Menschenseele zugrunde! Ich habe soeben gefragt, was das Wort ‚Vater‘
-bedeutet, und ich habe gesagt, daß es ein großes Wort, eine uns teure
-Benennung sei. Doch, meine Herren Geschworenen, mit einem Worte muß man
-ehrlich umgehen, und ich verlange, daß man jedem Dinge seinen richtigen
-Namen gibt, nicht aber, daß man Worte, die uns teuer sind, mißbraucht.
-Und darum sage ich dreist: Ein Vater, wie der erschlagene alte
-Karamasoff, kann nicht Vater genannt werden, er ist dieses Namens nicht
-wert! Die Liebe zum Vater ist, wenn sie vom Vater nicht gerechtfertigt
-wird, eine Albernheit, eine Unmöglichkeit. Liebe kann man nicht aus
-Nichts schaffen, nur Gott allein vermag aus Nichts etwas zu schaffen.
-‚Väter, betrübet nicht eure Kinder‘, schreibt der Apostel aus der Fülle
-seines liebeglühenden Herzens heraus. Nicht wegen meines Klienten führe
-ich hier diese heiligen Worte an, um aller Väter willen rufe ich sie uns
-wieder ins Gedächtnis. Wer hat mir die Macht und das Recht gegeben, den
-Vätern Liebe zu lehren? Niemand. Aber als Mensch und als Staatsbürger
-rufe ich die Väter auf – _vivos voco_! Wir weilen nicht lange hier auf
-Erden, wir tun viel üble Taten, wir reden viel üble Worte. Darum aber
-sollten wir alle den geeigneten Augenblick unseres Zusammenseins
-benutzen, um einander ein gutes Wort zu sagen. So tue denn auch ich:
-solange ich an diesem Platze stehe, will ich meinen Augenblick benutzen.
-Nicht umsonst ist uns diese Tribüne durch höchsten Willen geschenkt
-worden – von ihr aus hört uns ganz Rußland. Nicht nur zu den hier
-versammelten Vätern rede ich, sondern allen Vätern rufe ich zu: ‚Väter,
-betrübet nicht eure Kinder!‘ Ja, erfüllen wir zuerst selbst das Gebot
-Christi – dann erst können wir auch von unseren Kindern die Erfüllung
-der Gebote verlangen! Andernfalls sind wir nicht die Väter, sondern die
-Feinde unserer Kinder, und auch sie sind dann nicht unsere Kinder,
-sondern unsere Feinde, und wir selbst machen sie zu unseren Feinden!
-‚Mit welchem Maße du messest, wird dir wiedergemessen werden‘ – das sage
-nicht ich, das droht uns das Evangelium an: Mit dem Maße sollst du
-wiedermessen, mit dem dir gemessen wird. Wie soll man nun die Kinder
-anklagen, wenn sie uns mit demselben Maße wiedermessen, mit dem wir
-messen? In Finnland kam vor kurzem ein Mädchen, eine Dienstmagd, in den
-Verdacht, im geheimen ein Kind geboren zu haben. Man fing an, sie zu
-beobachten, und schließlich fand man auf dem Hausboden, ganz unter dem
-Dache, in einer Ecke unter Ziegelsteinen ihren Koffer, von dem niemand
-etwas gewußt hatte. Und in diesem Koffer fand man die kleine Leiche
-ihres neugeborenen Kindes. Im selben Koffer fand man außerdem noch die
-Skelette zweier schon früher von ihr geborener und, wie sie selbst
-eingestanden hat, von ihr im Augenblick der Geburt umgebrachter Kinder.
-Meine Herren Geschworenen, ist das nun eine Mutter ihrer Kinder? Wohl
-hat sie sie geboren, aber ist sie ihnen denn eine Mutter gewesen? Wer
-von uns wird wagen, sie mit dem heiligen Mutternamen zu nennen? Seien
-wir mutig, meine Herren Geschworenen, seien wir sogar kühn, denn wir
-sind verpflichtet, es zu sein, besonders in diesem Augenblick, und uns
-nicht vor gewissen Worten und Ideen zu fürchten, wie die Moskauer
-Kaufmannsfrauen, die vor ‚Metall‘ und ‚Schwefeläther‘ Angst haben.[31]
-Nein, beweisen wir, daß auch wir in den letzten zehn Jahren der
-Entwicklung fortgeschritten sind, und sagen wir gerade heraus: Der
-Erzeuger ist noch nicht Vater, Vater ist, wer nicht nur erzeugt, sondern
-den Namen Vater auch verdient hat. Oh, gewiß, es gibt auch noch eine
-andere Deutung, eine andere Auffassung und Auslegung des Wortes Vater,
-die verlangt, daß mein Vater auch dann, wenn er ein Ungeheuer ist, wenn
-er zum Verbrecher an seinem Kinde geworden ist, immer noch mein Vater
-bleibe, und zwar nur darum, weil er mich erzeugt hat. Doch diese
-Bedeutung ist sozusagen schon eine mystische, die ich nicht mit dem
-Verstande begreifen, sondern nur mit dem Glauben annehmen kann, oder
-richtiger gesagt, auf Treu und Glauben, wie es uns mit vielem anderen
-ergeht, das wir nicht begreifen können, und an das zu glauben uns
-lediglich die Religion gebietet. Aber ein solcher Fall mag dann
-außerhalb des Bereiches des wirklichen Lebens bleiben. Im Bereiche des
-wirklichen Lebens dagegen, das nicht nur seine besonderen Rechte hat,
-sondern selbst auch große Pflichten auferlegt, – in diesem Bereiche
-müssen wir, und sind wir sogar verpflichtet, wenn wir menschlich und
-Christen sein wollen, nur diejenigen Überzeugungen durchzuführen, die
-von der Vernunft und der Erfahrung gutgeheißen, die durch den
-Schmelzofen der Analyse hindurchgegangen sind. Mit einem Wort, wir haben
-vernünftig zu handeln und nicht unvernünftig, wie etwa im Traum und in
-der Phantasie, damit wir den Menschen keinen Schaden zufügen, damit wir
-keinen Menschen unnütz quälen und zugrunde richten. Dann, dann erst wird
-es eine wirklich christliche Tat sein, nicht nur eine mystische, sondern
-eine vernünftige und eine bereits wahrhaft menschenfreundliche Tat ...“
-
-Bei diesen Worten erhob sich an vielen Stellen des Saales starker
-Applaus, aber Fetjukowitsch begann sogleich mit den Armen zu fuchteln,
-als flehe er darum, ihn nicht zu unterbrechen und ihn ausreden zu
-lassen. Im Augenblick wurde es still. Der Redner fuhr fort:
-
-„Glauben Sie denn, meine Herren Geschworenen, daß solche Fragen unsere
-Kinder unberührt lassen können, wenn sie, sagen wir, schon Jünglinge
-sind, oder, sagen wir, wenn sie schon angefangen haben nachzudenken?
-Nein, das können sie nicht, und wir können auch keine unmögliche
-Schonung von ihnen verlangen. Der Anblick eines unwürdigen Vaters,
-besonders im Vergleich mit anderen, würdigen Vätern seiner
-Altersgenossen, veranlaßt den Jüngling unwillkürlich zum Nachdenken und
-gibt ihm unwillkürlich qualvolle Fragen ein. Auf diese Fragen aber wird
-ihm immer nur die eine Bürokratenantwort zuteil: ‚Er hat dich erzeugt,
-du bist Blut von seinem Blut, folglich mußt du ihn lieben.‘ Wie soll da
-der Jüngling nicht ernster darüber nachdenken und sich nicht
-unwillkürlich fragen: ‚Ja, hat er mich denn geliebt, als er mich
-zeugte?‘ und er wundert sich selbst immer mehr darüber. ‚Hat er mich
-denn um meinetwillen erzeugt? Er kannte mich doch gar nicht, er hat ja
-nicht einmal gewußt, welch eines Geschlechtes ich sein würde, er hat
-vielleicht überhaupt nicht an mich gedacht, in jenem Augenblick der
-Leidenschaft, die vielleicht nur vom Weine herrührte, und in dem er mir
-vielleicht bloß die Neigung zum Trunke vererbte. Das sind seine ganzen
-Wohltaten an mir ... Warum nun soll ich ihn jetzt mein ganzes Leben lang
-dafür lieben, daß er mich zwar erzeugt, dann aber, seit dem ersten Tage
-meines Lebens mich überhaupt nicht geliebt hat?‘ Diese Fragen werden
-Ihnen vielleicht roh und grausam erscheinen, doch fordern Sie von einem
-so jungen Geiste nicht Unmögliches, verlangen Sie nicht, daß er sich
-mäßige und in allem ebenso denke wie seine Lehrer. ‚Jage die Natur zur
-Tür hinaus, sie fliegt durchs Fenster wieder herein.‘ Und vor allen
-Dingen, ja, vor allen Dingen fürchten wir uns nicht vor ‚Metall‘ und
-‚Schwefeläther‘ und entscheiden wir über die Frage so, wie es Vernunft
-und Nächstenliebe verlangen, und nicht so, wie mystische Begriffe
-vorschreiben. Wie aber soll man darüber entscheiden? Sehr einfach: Mag
-der Sohn vor seinen Vater hintreten und ihn nicht leichtfertig, sondern
-ernst und bedacht fragen: ‚Vater, sage du mir: Warum soll ich dich
-lieben? Vater, beweise mir, daß ich dich lieben muß.‘ Und wenn dieser
-Vater dann imstande und fähig ist, ihm zu antworten und zu beweisen, so
-wird es eine gute Familie sein, die nicht nur auf mystischem Vorurteil
-allein beruht, sondern auf vernünftigen, selbstbewußten und streng
-humanen Grundlagen. Im entgegengesetzten Falle, wenn der Vater es ihm
-nicht beweisen kann – so ist die Familie aufgelöst, so ist ihr Ende
-gekommen: Er hört auf, Vater zu sein, und der Sohn erlangt die Freiheit
-und das Recht, seinen Vater hinfort für einen ihm Fremden und sogar für
-seinen Feind zu halten. Meine Herren Geschworenen, unsere Tribüne sollte
-die Schule der Wahrheit und der gesunden Auffassung sein!“
-
-Hier wurde der Redner durch unbändigen, beinahe rasenden Applaus
-unterbrochen. Selbstverständlich, es applaudierte nicht der ganze Saal,
-aber immerhin reichlich die Hälfte des ganzen Publikums. Es waren die
-Väter und Mütter, die Beifall klatschten. Von oben, wo die Damen saßen,
-hörte man Beifallsrufe, winkte man mit den Taschentüchern. Der
-Vorsitzende griff nach seiner Glocke und begann aus allen Kräften zu
-läuten. Das Benehmen des Publikums hatte ihn offenbar sehr empört.
-Trotzdem wagte er nicht, den Saal räumen zu lassen, wie er noch kurz
-vorher gedroht hatte: Selbst die ehrwürdigen, hohen Standespersonen, die
-hinter dem Gerichtshofe auf besonderen Lehnstühlen saßen, die alten
-Herren mit den Sternen auf den Röcken, selbst die applaudierten und
-gaben dem Redner ihren Beifall zu erkennen. So begnügte sich denn der
-Vorsitzende, als der Lärm sich gelegt hatte, mit der strengen
-Wiederholung derselben Androhung, den Saal „räumen“ zu lassen, und der
-triumphierende Fetjukowitsch ergriff von neuem das Wort.
-
-„Meine Herren Geschworenen, Sie erinnern sich dieser furchtbaren Nacht,
-von der heute schon so viel gesprochen worden ist, in der der Sohn über
-den Zaun geklettert war, der des Vaters Besitztum einschloß, und wie
-dieser Sohn dann schließlich vor seinen Vater trat und Auge in Auge
-seinem Erzeuger, seinem Feinde und Beleidiger gegenüberstand. Ich
-behaupte, und ich bestehe mit ganzem Nachdruck darauf, daß er nicht um
-des Geldes willen in den Garten gelaufen war. Die Beschuldigung, er habe
-einen Raubmord verübt, ist vollkommen unsinnig, ist eine Ungereimtheit,
-wie ich vorhin schon auseinandergesetzt habe. Und auch nicht, um ihn zu
-erschlagen, ist er bei seinem Vater eingedrungen. Wenn er schon früher
-diese Absicht gehabt hätte, so würde er sich doch wenigstens mit einer
-Waffe versehen haben, denn diese kleine Mörserkeule hat er ja doch nur
-unwillkürlich ergriffen, ohne selbst zu wissen warum und wozu. Nehmen
-wir jetzt an, daß er das Zeichen an die Tür geklopft hat und ins Haus
-eingedrungen ist – ich habe ja schon gesagt, daß ich keinen Augenblick
-an diese Fabel glaube, – aber nehmen wir jetzt einmal an, daß es so
-gewesen sei! Meine Herren Geschworenen, ich schwöre Ihnen bei allem, was
-heilig ist: Wäre der Tote nicht sein Vater gewesen, sondern ein Fremder,
-der ihn gekränkt und beleidigt hat, so wäre er, nachdem er alle Zimmer
-durchsucht und sich überzeugt hätte, daß das geliebte Weib sich nicht im
-Hause befand, so wäre er, das sage ich, unverzüglich wieder
-hinausgelaufen, ohne dem Rivalen etwas anzutun, er hätte ihn vielleicht
-hart und grob angefahren, doch das wäre dann auch alles gewesen, denn er
-hätte weiter keine Zeit für ihn gehabt – er mußte doch erfahren, wo sie
-sich befand! Aber der Vater, der Vater – oh, alles hat nur der Anblick
-des Vaters getan, seines von Kindheit an verhaßten Feindes, seines
-Beleidigers, der jetzt – sein ungeheuerlicher Rivale war! Da hat ihn
-denn der Haß unwillkürlich überwältigt, da war keine Zeit mehr zum
-Überlegen; alles erhob sich in einem Augenblick! Das war ein Affekt des
-Wahnsinns oder völliger Sinnlosigkeit, gleichzeitig aber auch ein Affekt
-der Natur, die für ihre ewigen Gesetze unaufhaltbar und unbewußt Rache
-nimmt, wie dies die Natur ständig tut. Aber der Mörder hat auch da nicht
-ermordet – das behaupte ich, das rufe ich dreist aus –, nein, er hat nur
-in angeekeltem Unwillen mit der Hand einmal ausgeholt, ohne erschlagen
-zu wollen, ohne zu wissen, daß er erschlagen würde. Hätte er nicht diese
-verhängnisvolle Mörserkeule in der Hand gehabt, so hätte er den Vater
-vielleicht nur verprügelt, aber nicht erschlagen. Als er fortlief, wußte
-er nicht, ob der von ihm niedergestreckte alte Mann wirklich tot war.
-Ein solcher Todschlag ist kein Mord. Und ein solcher Todschlag ist erst
-recht kein Vatermord. Nein, den Todschlag eines solchen Vaters kann man
-nicht Vatermord nennen. Ein solcher Todschlag könnte nur aus Vorurteil
-Vatermord genannt werden! Und hat nun dieser Todschlag wirklich
-stattgefunden, ist er denn auch wirklich von dem Angeklagten ausgeführt
-worden? Das frage ich Sie immer und immer wieder! Das frage ich alle aus
-der Tiefe meiner Seele unermüdlich, immer wieder! Meine Herren
-Geschworenen, da werden wir ihn nun verurteilen, und er wird sich dann
-sagen: ‚Diese Menschen haben nichts für mich getan, nichts für meine
-Erziehung, meine Bildung, um mich besser zu machen, um mich zum Menschen
-zu machen. Sie haben mich nicht gespeist und getränkt, im Kerker haben
-sie den Nackten nicht besucht, und diese selben Menschen haben mich
-jetzt noch zur Zwangsarbeit verurteilt. Jetzt ist meine Schuld getilgt,
-jetzt haben wir abgerechnet, ich habe bezahlt, jetzt bin ich weder ihnen
-noch sonst jemandem etwas schuldig. Sie sind böse – nun, so werde auch
-ich böse sein. Sie sind grausam – so werde auch ich grausam sein.‘ Sehen
-Sie, das wird er sich sagen. Und ich schwöre Ihnen, meine Herren
-Geschworenen: mit Ihrer Schuldigsprechung werden Sie seine Schuld nur
-erleichtern, denn damit werden Sie seinem Gewissen das Schuldbewußtsein
-nehmen. Er wird das von ihm vergossene Blut verfluchen, aber nicht
-bereuen. Und zu gleicher Zeit vernichten Sie den Menschen in ihm, Sie
-nehmen ihm die Möglichkeit, noch ein Mensch zu werden, denn er würde
-dann sein Leben lang böse und blind bleiben. Oder wollen Sie ihn lieber
-schwer, grausam, mit der allerhärtesten Strafe bestrafen, die man sich
-nur denken kann, um dafür seine Seele aufzurichten und auf ewig zu
-retten? Wenn Sie das wollen, so erdrücken Sie ihn durch Ihre
-Barmherzigkeit! Sie werden sehen, Sie werden es hören, wie er
-zusammenzucken, und wie seine Seele erschrecken wird: ‚Mir diese Güte,
-mir soviel Liebe! – habe ich denn das verdient?‘ – wird das erste sein,
-was er ausruft. Oh, ich kenne, ich kenne dieses Herz, dieses stürmische,
-doch edelmütige Herz, meine Herren Geschworenen. Es wird sich vor Ihrer
-Tat niederbeugen, es sehnt sich nach einem großen Liebesbeweise, es wird
-entflammen und auferstehen, um dann nie wieder hinabzusinken. Es gibt
-Seelen, die in ihrer Begrenztheit die ganze Welt beschuldigen. Doch
-erdrücken Sie diese Seele mit Ihrer Barmherzigkeit, erweisen Sie ihr nur
-einmal im Leben Liebe, und sie wird ihre Tat verfluchen, denn es liegen
-viel, viel gute Keime in ihr. Seine Seele wird sich weiten und wird
-einsehen, wie barmherzig Gott ist, wie schön und gerecht die Menschen
-sind. Die Reue und die unermeßliche Schuld, die er von nun an abzutragen
-haben wird, werden ihn zuerst entsetzen und niederdrücken. Er wird nicht
-sagen: ‚Wir haben abgerechnet.‘ Er wird sagen: ‚Ich bin vor allen
-Menschen schuldig und bin der Unwürdigste unter ihnen.‘ Mit Tränen der
-Reue und brennender, quälender Rührung wird er ausrufen: ‚Die Menschen
-sind besser als ich, denn sie haben mich nicht verderben, sondern retten
-wollen.‘ Wie leicht ist es für Sie, diese Barmherzigkeit zu üben, denn
-bei dem Mangel jeder, auch nur einigermaßen glaubwürdiger Schuldbeweise,
-wird es Ihnen denn doch zu schwer werden, ihn schuldig zu sprechen. ‚Es
-ist besser, zehn Schuldige unbestraft zu entlassen, als einen
-Unschuldigen zu bestrafen‘ – hören Sie sie, meine Herren Geschworenen,
-hören Sie sie, diese erhabene Stimme aus dem vorigen Jahrhundert unserer
-ruhmreichen Geschichte? Wie, kommt es denn mir zu, mir geringem
-Menschen, Sie daran zu erinnern, daß das russische Gericht nicht nur dem
-Schuldigen eine Sühne auferlegen, sondern daß es den verlorenen Menschen
-retten will! Mag bei den anderen Völkern nach dem Buchstaben des
-Strafgesetzes gerichtet werden, wir aber richten nach dem Geist und der
-Bedeutung des Gesetzes, wir wollen die Rettung und die Wiedergeburt der
-Gefallenen! Und wenn es so ist, wenn Rußland und sein Gericht wirklich
-so ist, dann – vorwärts, Rußland! Und lassen wir uns nicht schrecken,
-oh, ängstigen Sie uns nicht mit rasenden Troiken, vor denen alle Völker
-voll Abscheu zur Seite treten! Nicht die irrsinnig jagende Troika,
-sondern der erhabene russische Triumphwagen wird ruhig und majestätisch
-ans Ziel gelangen. In Ihren Händen liegt das Schicksal meines Klienten,
-in Ihren Händen liegt auch das Schicksal unserer russischen Wahrheit und
-Gerechtigkeit. Sie werden sie retten, Sie werden sie verteidigen, Sie
-werden beweisen, daß wir Männer haben, die sie aufrechterhalten, und daß
-sie in guten Händen ruht!“
-
-
- XIV.
- Das Urteil der Bauern
-
-So schloß Fetjukowitsch, und der Ausbruch der Begeisterung im
-Zuhörerraum war dieses Mal unaufhaltsam wie ein Sturm. Niemand hätte ihm
-Einhalt tun können. Die Damen weinten, auch viele Männer waren dem
-Weinen nahe, und selbst zwei von den hohen Standespersonen vergossen
-Tränen. Der Vorsitzende ergab sich denn auch in die Lage und legte nur
-zögernd die Hand an die Glocke: „Einen solchen Enthusiasmus
-unterdrücken, das wäre ja ebenso gewesen, wie ein Heiligtum
-unterdrücken!“ sollen unsere Damen später gesagt haben. Auch der Redner
-war sichtlich und aufrichtig gerührt. Aber siehe da, in einem solchen
-Augenblick erhob sich plötzlich unser Hippolyt Kirillowitsch noch
-einmal, um zu entgegnen. Geärgert und höchst ungehalten blickte man ihn
-an. „Wie? Was soll das? Er wagt noch zu entgegnen?“ fragten sich die
-Damen empört. Doch selbst wenn alle Damen der Welt, und an ihrer Spitze
-sogar die Frau Hippolyt Kirillowitschs, sich dagegen empört hätten – es
-wäre unmöglich gewesen, ihn in diesem Augenblick noch aufzuhalten. Er
-war bleich und zitterte am ganzen Körper vor Aufregung. Die ersten
-Worte, die er sprach, waren völlig unverständlich: Er war atemlos,
-sprach alles undeutlich aus, schien sogar den Faden zu verlieren. Doch
-das legte sich bald. Ich will aus dieser zweiten Rede des Staatsanwalts
-nur einige Sätze anführen.
-
-„... Uns wird der Vorwurf gemacht, daß wir Romane erdichten. Was aber
-tut denn der Verteidiger, wenn man seine Rede nicht einen Roman nennen
-soll, einen doppelten sogar? Es fehlte ja nur noch, daß er ihn in Versen
-vorgetragen hätte. Fedor Pawlowitsch zerreißt, während er die Geliebte
-erwartet, das Kuvert und wirft es auf den Fußboden. Es wird sogar
-gesagt, was er bei dieser unbegreiflichen Prozedur geredet habe. Ist das
-keine Dichtung? Und wo ist der Beweis dafür, daß er das Geld
-herausgenommen hat? Wer hat es gehört, daß er dabei gesprochen hat? Der
-schwachsinnige Idiot Ssmerdjäkoff wird uns als irgendein Byronscher Held
-geschildert, der sich an der Gesellschaft für seine illegitime Geburt
-rächt – oder ist das kein Poem im Byronschen Geschmack? Und der Sohn,
-der beim Vater eingedrungen ist, ihn erschlägt, und auch wieder nicht
-erschlägt, der ist ja mehr als ein Romanheld, ist selbst ein lebendiges
-Poem, ist eine Sphinx, die Rätsel aufgibt, welche sie freilich selbst
-niemals lösen wird. Wenn er erschlagen hat, so hat er erschlagen. Wer
-aber kann verstehen, daß er erschlagen hat und dabei doch nicht
-erschlagen haben soll? Dann wird uns verkündet, daß unsere Tribüne die
-Tribüne der Wahrheit und gesunden Auffassung sei, und siehe da, von
-dieser Tribüne der ‚gesunden Auffassung‘ erschallt mit der
-Unantastbarkeit eines Axioms die Behauptung, daß den Vatermord wirklich
-Vatermord nennen, nichts als Vorurteil sei! Aber, wenn das Verbot, den
-Vater zu ermorden, nur ein Vorurteil ist, und wenn jedes Kind seinen
-Vater fragen soll: ‚Vater, warum soll ich dich lieben?‘ – was wird dann
-aus uns werden, wo bleiben dann die Grundfesten der Gesellschaft und der
-Familie? Der Vatermord, sehen Sie mal, ist dasselbe, was in der
-Vorstellung der Moskauer Kaufmannsfrau Metall und Schwefeläther ist. Die
-teuersten, heiligsten Gebote in der Bestimmung und der zukünftigen
-Bedeutung des russischen Gerichts werden uns leichtfertig entstellt
-vorgemalt, nur um den einen Zweck zu erreichen: um die Rechtfertigung
-dessen durchzusetzen, was wir nicht rechtfertigen dürfen. Oh, erdrücken
-Sie ihn mit Ihrer Barmherzigkeit, ruft der Verteidiger aus, – für den
-Verbrecher ist das wahrhaftig alles, was er braucht! Dann können wir ja
-morgen sehen, wie niedergedrückt er sein wird! Und ist der Verteidiger
-nicht noch zu bescheiden, wenn er nur die Freisprechung des Angeklagten
-verlangt? Warum verlangt er nicht gleich, daß man ein Stipendium auf den
-Namen des Vatermörders stifte, zur Verewigung seiner Heldentat, ein
-Stipendium, das der Nachwelt und der jungen Generation zugute kommen
-könnte? Da wäre doch das Evangelium und die ganze Religion verbessert.
-Das ist, heißt es, alles nur Mystizismus, nur wir allein haben das
-wirkliche Christentum, das bereits durch die Analyse der Vernunft und
-gesunden Auffassung revidiert worden ist. Und siehe, man richtet vor uns
-einen Pseudochristus auf! _Mit welchem Maß ihr messet, wird euch
-wiedergemessen werden_, ruft der Verteidiger aus, und im selben
-Augenblick verkündet er, daß Christus gelehrt habe, mit demselben Maße
-wiederzumessen, mit dem uns gemessen wird, – und das alles von der
-Tribüne der Wahrheit und der gesunden Auffassung! Wir haben erst am
-Abend vor unserer Rede einen Blick in die Bibel geworfen, und zwar
-einzig und allein zu dem Zweck, um mit der Kenntnis eines immerhin ganz
-originellen Werkes zu glänzen, eines Werkes, das man schließlich auch
-zur Erreichung eines gewissen Eindruckes gebrauchen kann, je nach
-Bedarf, versteht sich, immer nach Bedarf! Das Gebot Christi aber ist
-nicht, mit demselben Maße zu messen, sondern sich davor zu hüten, so zu
-messen, denn also tut die böse Welt. Wir aber sollen verzeihen und auch
-noch die rechte Backe hinhalten, nicht aber mit demselben Maße
-wiedermessen, mit dem unsere Feinde messen. Ja, das hat uns unser Gott
-gelehrt, nicht aber, daß das Verbot für die Kinder, ihre Väter zu
-erschlagen, ein Vorurteil sei. Wenigstens werden wir uns nicht
-unterfangen, von der Tribüne der Wahrheit und gesunden Auffassung herab
-das Evangelium unseres Gottes zu verbessern, den der Verteidiger bloß
-den ‚gekreuzigten Menschenfreund‘ zu nennen geruht, das genügt ja auch
-vollkommen, seiner Meinung nach, im Gegensatz zum ganzen rechtgläubigen
-Rußland, das zu Ihm emporruft: ‚Denn wahrlich bist du unser Gott‘ ...“
-
-Hier aber griff der Vorsitzende ein und unterbrach unseren erregten
-Hippolyt Kirillowitsch, indem er ihn bat, nicht zu übertreiben, die
-pflichtschuldigen Grenzen einzuhalten usw. usw., was die Vorsitzenden in
-solchen Fällen gewöhnlich sagen. Auch der Saal war unruhig geworden. Das
-Publikum war in Bewegung. Man hörte sogar schon einige Ausrufe des
-Unwillens. Fetjukowitsch entgegnete nicht einmal. Er bestieg nur die
-Tribüne, um mit gekränkter Stimme – die Hand aufs Herz gepreßt – ein
-paar würdevolle Worte zu diesem selben Publikum zu sagen. Bei der
-Gelegenheit tat er nur einmal noch leicht und spöttisch der „Romane“ und
-der „Psychologie“ Erwähnung und brachte dann noch geschickt das Zitat
-an: ‚Jupiter, du ärgerst dich, folglich hast du Unrecht‘ – womit er
-natürlich beifälliges Lachen im Publikum hervorrief, denn unser Hippolyt
-Kirillowitsch glich niemandem weniger, als einem Jupiter. Auf die
-Anschuldigung, er habe der jungen Generation gestattet, die Väter zu
-erschlagen, bemerkte Fetjukowitsch nur höchst überlegen, daß er auf so
-etwas überhaupt nicht entgegnen wolle. Und über den „Pseudochrist“ sowie
-über den Vorwurf, daß er Christus nicht Gott, sondern nur den
-„gekreuzigten Menschenfreund“ genannt habe, „was der Rechtgläubigkeit
-widersprechen soll und niemals von der Tribüne der Wahrheit und der
-gesunden Auffassung herab gesagt werden könne“, ließ Fetjukowitsch nur
-eine kurze Bemerkung fallen, in der er auf die „Insinuation“ hinwies. Im
-übrigen bemerkte er noch, daß er, als er zu uns gereist sei, wenigstens
-darauf gerechnet habe, die hiesige Tribüne werde gegen Beschuldigungen
-geschützt sein, die seiner Person gefährlich werden könnten, als
-Staatsbürger und treuer Untertan, der er sei ... Doch bei diesen Worten
-wurde auch er vom Vorsitzenden unterbrochen, und so schloß er denn seine
-Rede mit einer Verbeugung, unter allgemeinem, beifälligem Gemurmel des
-Saales. Hippolyt Kirillowitsch dagegen war, nach der Meinung unserer
-Damen, „endgültig aufs Haupt geschlagen“.
-
-Darauf wurde dem Angeklagten selbst das Wort erteilt. Mitjä erhob sich,
-sprach aber nur wenig. Er war maßlos erschöpft, sowohl körperlich wie
-seelisch. Der Anschein des Selbstbewußtseins und der persönlichen Kraft,
-den er beim Eintritt in den Saal gehabt hatte, war jetzt fast ganz
-verschwunden. Es war, als hätte er an diesem Tage irgend etwas für sein
-ganzes Leben durchlebt, etwas, das ihn ein sehr Wichtiges gelehrt, und
-das er jetzt begriffen hatte, während ihm dieses Begreifen früher
-unmöglich gewesen war. Seine Stimme war matt, er sprach lange nicht mehr
-so laut wie vorhin. Aus seinen Worten aber klang etwas Neues heraus,
-etwas Ergebenes, Besiegtes, das sich niedergebeugt und unterworfen
-hatte.
-
-„Was soll ich sagen, meine Herren Geschworenen! Ich stehe vor meinem
-Gericht, ich fühle Gottes Hand über mir. Das Ende des zügellosen
-Menschen ist gekommen! Aber ich sage Ihnen, wie wenn ich meinem Gotte
-beichtete: Am Blute meines Vaters bin ich unschuldig, – nein, daran habe
-ich keine Schuld! Zum letztenmal wiederhole ich: Nicht ich habe ihn
-erschlagen! Ich bin zügellos und wild gewesen, aber ich habe das Gute
-geliebt. In jedem Augenblick habe ich mir vorgenommen, mich zu bessern,
-und doch habe ich gleich einem wilden Tiere dahingelebt. Ich danke dem
-Staatsanwalt, er hat mir vieles über mich gesagt, was ich selbst nicht
-gewußt habe, aber es ist nicht wahr, daß ich den Vater erschlagen habe,
-darin täuscht sich der Staatsanwalt. Ich danke auch dem Verteidiger, ich
-habe geweint, als ich ihm zuhörte, aber es ist nicht wahr, daß ich den
-Vater erschlagen habe, auch die bloße Annahme ist unwahr in sich und
-überflüssig. Den Ärzten aber glauben Sie nicht, ich bin bei vollem
-Verstande, nur meine Seele leidet schwer. Wenn Sie mich verschonen, wenn
-Sie mich freisprechen – werde ich für Sie beten. Ich werde ein besserer
-Mensch werden, darauf gebe ich mein Wort, ich gebe es Ihnen, wie meinem
-Gott. Wenn Sie mich aber verurteilen – so zerbreche ich selbst den Degen
-über meinem Haupte, und nachdem ich es getan, werde ich die zerbrochenen
-Stücke küssen! Aber verschont mich, ihr Menschen, beraubt mich nicht
-meines Gottes, ich kenne mich: Ich werde wider Ihn murren! Zu schwer ist
-es für meine Seele, meine Herren ... laßt den Kelch an mir
-vorübergehen!“
-
-Seine Stimme versagte, kaum konnte er noch die letzten Worte
-hervorstoßen. Fast fiel er auf seinen Platz zurück. Der Gerichtshof
-schritt darauf zur Aufstellung der Fragen und fragte beide Parteien nach
-ihren Anträgen. Ich übergehe die Einzelheiten. Endlich erhoben sich die
-Geschworenen, um sich zur Beratung zurückzuziehen. Der Vorsitzende war
-sehr ermüdet und sagte ihnen daher nur ein schwaches Geleitwort: „Seien
-Sie unparteiisch, lassen Sie sich nicht von den schönen Worten der
-Verteidigung beeinflussen, wägen Sie gerecht, vergessen Sie nicht, daß
-eine große Verantwortung auf Ihnen ruht“ usw. usw. Die Geschworenen
-entfernten sich, und die Sitzung war unterbrochen. Man konnte aufstehen,
-umhergehen, die verschiedenen Eindrücke austauschen, am Büfett sich
-etwas stärken. Es war schon sehr spät, schon nach Mitternacht, kurz vor
-eins, doch niemand fuhr nach Haus. Man war so aufgeregt, daß man an
-Schlaf nicht einmal denken wollte. Alle erwarteten bangen Herzens das
-Urteil, obgleich es ihnen gar nicht bange um den Richterspruch war. Die
-Damen wurden höchstens von ihrer mehr hysterischen Ungeduld gepeinigt,
-ihre Herzen aber waren ziemlich ruhig: „Oh, unfehlbar wird er
-freigesprochen werden!“ meinte man überzeugt, und man bereitete sich
-schon auf den Augenblick der großen Begeisterung vor. Ich muß gestehen,
-daß auch unter dem männlichen Publikum des Saales sehr viele von der
-Freisprechung fest überzeugt waren. Die einen freuten sich, die anderen
-wiederum machten mürrische Gesichter, und die dritten ließen sogar ganz
-niedergeschlagen die Nase hängen: Nein, die wünschten wahrlich keine
-Freisprechung! Selbst Fetjukowitsch soll von seinem Erfolge fest
-überzeugt gewesen sein. Er war umringt, man beglückwünschte ihn und
-streute ihm Weihrauch.
-
-„Es gibt,“ soll er gesagt haben – wie man später erzählte, „es gibt
-gewisse unsichtbare Fäden, die den Verteidiger mit den Geschworenen
-verbinden. Sie knüpfen sich, und man fühlt sie schon während der Rede.
-Ich habe sie auch diesmal gefühlt. Die Sache ist unser, seien Sie
-unbesorgt.“
-
-„Na, meine Herren, was meinen Sie, was unsere Bäuerlein jetzt sagen
-werden?“ fragte ein dicker, pockennarbiger Herr, ein Gutsbesitzer,
-dessen Güter in der Nähe der Stadt lagen, indem er sich zu einer Gruppe
-Herren gesellte, die eifrig disputierten.
-
-„Aber es sind ja nicht nur Bauern allein. Vier von ihnen sind doch
-Beamte.“
-
-„Jawohl, nichts weniger als Beamte,“ sagte hinzutretend ein Mitglied des
-Landtags.
-
-„Kennen Sie den Nasarjeff, den Prochor Iwanowitsch, jenen Kaufmann mit
-der Medaille, den einen von den Geschworenen?“
-
-„Was ist denn mit ihm?“
-
-„Ein kapitaler Kopf!“
-
-„Aber er schweigt ja immer.“
-
-„Das tut er, aber das ist ja um so besser. Der braucht sich nicht von
-diesem Petersburger belehren zu lassen, der könnte selbst ganz
-Petersburg belehren, – zwölf Stück Kinder, bedenken Sie nur das allein!“
-
-„Aber ich bitt’ Sie, ist denn das überhaupt möglich, daß sie ihn nicht
-freisprechen?“ rief in einer anderen Gruppe einer von unseren jungen
-Beamten aus.
-
-„Sicherlich wird er freigesprochen werden,“ ließ sich da eine andere
-überzeugte Stimme vernehmen.
-
-„Eine Schande, eine Schmach wäre es, wenn sie ihn nicht freisprächen!“
-fuhr der junge Beamte sich ereifernd fort. „Mag er ihn doch erschlagen
-haben, aber zwischen Vater und Vater ist immerhin ein Unterschied! Und
-dann, er ist doch so erregt und so aufgebracht gewesen ... Er hat ja
-vielleicht tatsächlich mit der Mörserkeule nur einmal so geschwenkt, und
-der Alte hat dann ganz von selbst den Geist aufgegeben. Dumm war nur,
-daß sie da noch den Diener an den Haaren herbeizogen. Das ist doch eine
-lächerliche Verdächtigung. Ich hätte an der Stelle des Verteidigers
-einfach gesagt: Er hat erschlagen, ist aber unschuldig, und damit hol
-euch der Teufel!“
-
-„Das hat er ja auch getan, nur hat er das ‚hol euch der Teufel‘ nicht
-laut hinzugefügt.“
-
-„Nein, Michael Ssemjonytsch, beinahe hat er es hinzugefügt ...“ griff
-eine dritte hohe Stimme auf.
-
-„Aber, hören Sie doch, meine Herren, man hat doch vorige Ostern die
-Schauspielerin freigesprochen, die der Ehefrau ihres Geliebten die Kehle
-durchgeschnitten hatte!“
-
-„Sie hatte nicht ganz durchgeschnitten.“
-
-„Das bleibt sich gleich, sie hatte schon angefangen zu schneiden!“
-
-„Und was er da von den Kindern sagte? Großartig!“
-
-„Großartig!“
-
-„Ja, nichts zu sagen, das hat er gut gemacht.“
-
-„Und dann das von der Mystik, von der Mystik, was? – das war doch!“
-
-„Ach, lassen Sie doch die Mystik Mystik sein,“ unterbrach ihn ein
-anderer, „versuchen Sie mal lieber, sich in die Lage unseres Hippolyt zu
-versetzen, stellen Sie sich bloß mal das Leben vor, das ihn von heute ab
-erwartet! Morgen wird ihm ja seine Frau wegen Mitjenka die Augen
-auskratzen.“
-
-„Ist sie hier?“
-
-„Was hier! Wäre sie hier, so würde sie sie ihm schon ausgekratzt haben!
-Nein, mein Lieber, die sitzt zu Hause und hat glücklich Zahnweh. He – he
-– he!“
-
-„Ha – ha – ha!“
-
-In einer anderen Gruppe:
-
-„Der Mitjenka wird ja, wie’s scheint, wahrhaftig freigesprochen werden.“
-
-„Und die Folge davon wird sein, daß er morgen unsere ganze ‚Hauptstadt‘
-auf den Kopf stellt und dann wieder mal zehn Tage lang durchgeht.“
-
-„Tja, weiß der Teufel noch eins!“ meinte der andere kopfschüttelnd.
-
-„Ja, Teufel hin und Teufel her, ohne Teufel geht’s nicht mehr, – ‚wo
-soll er denn sein, wenn er nicht hier ist?‘“
-
-„Meine Herren, nun gut, sagen wir: Redekunst! Aber man kann doch
-faktisch nicht den Vätern die Köpfe einschlagen! Wie weit käme man denn
-damit?“
-
-„Der Triumphwagen, der Triumphwagen, wissen Sie noch?“
-
-„Ja, der machte aus ’nem Schlitten sofort ’nen Triumphwagen.“
-
-„Und morgen aus einem Triumphwagen einen Schlitten – ‚je nach Bedarf,
-immer nach Bedarf‘.“
-
-„Ja, heutzutage machen alles nur noch die Gewandten. Meine Herren, gibt
-es überhaupt noch Wahrheit und Recht in Rußland, oder gibt es sie nicht
-mehr?“
-
-Da ertönte die Glocke. Die Geschworenen hatten sich genau eine Stunde
-beraten, nicht mehr und nicht weniger. Tiefes Schweigen trat ein, kaum,
-daß das Publikum sich gesetzt hatte. Ich sehe die Szene noch vor mir,
-wie die Geschworenen wieder eintraten – nacheinander. Endlich! Die
-einzelnen Fragen übergehe ich, und ich habe sie auch vergessen. Sie
-wurden punktweise vorgelegt. Ich erinnere mich nur noch der Antwort auf
-die erste und wichtigste Frage des Vorsitzenden: „Hat er vorsätzlich um
-des Raubes willen erschlagen?“ (oder so ungefähr, den genauen Wortlaut
-habe ich vergessen). Der ganze Saal schien wie erstorben zu sein. Da
-trat der Obmann der Geschworenen, der übrigens der jüngste von ihnen
-war, vor und sagte, laut und deutlich, bei der Totenstille des ganzen
-Saales:
-
-„Ja. Er ist schuldig!“
-
-Und darauf Punkt für Punkt dieselbe Antwort: Schuldig, schuldig,
-schuldig, und zwar ohne die geringste Milderung! Das hatte niemand
-erwartet! Selbst die Strengsten waren überzeugt gewesen, daß man doch
-wenigstens mildernde Umstände in Betracht ziehen werde. Die Totenstille
-des Saales dauerte immer noch an, buchstäblich, als wären alle erstarrt
-gewesen – sowohl diejenigen, welche die Verurteilung, wie diejenigen,
-welche die Freisprechung gewünscht hatten. Doch das war nur in den
-ersten Minuten. Dann erhob sich plötzlich ein furchtbares Chaos. Unter
-dem männlichen Publikum schienen viele sehr zufrieden zu sein. Einige
-rieben sich sogar die Hände, ohne ihre Freude zu verbergen. Die
-Unzufriedenen dagegen waren niedergedrückt, sie flüsterten
-untereinander, zuckten mit den Achseln, und schienen immer noch nicht
-recht zur Besinnung kommen zu können. Aber, o Gott, was geschah mit
-unseren Damen! Ich glaubte schon, es würde eine Revolution geben. Zuerst
-trauten sie ihren Ohren nicht. Dann aber hörte man von allen Seiten
-empörte Ausrufe: „Was soll das bedeuten? Was soll denn das heißen?“ Sie
-sprangen von ihren Plätzen auf. Wahrscheinlich glaubten sie, daß man
-alles sofort noch umändern und anders machen könne. Und in diesem
-Augenblick erhob sich plötzlich Mitjä und schrie noch einmal laut über
-den ganzen Saal hin, mit einer Stimme, die das Herz erzittern machte,
-und indem er die Hände vor sich ausstreckte:
-
-„Ich schwöre es bei Gott und seinem furchtbaren Gerichte, am Blute
-meines Vaters bin ich unschuldig! Katjä, ich verzeihe dir! Brüder,
-Freunde, habt Mitleid mit der anderen! ...“
-
-Er sprach nicht zu Ende: Er schluchzte mit lauter Stimme auf, mit einer
-Stimme, die an ihm ganz neu, ganz unerwartet, die weiß Gott woher
-gekommen war, mit einer Stimme, bei der einen das Grauen faßte. Und da
-hörten wir plötzlich von oben, aus der entferntesten Ecke des Chores,
-einen gellenden Schrei: Gruschenka hatte ihn ausgestoßen. Sie hatte
-schon früher die Leute angefleht, sie dorthin nach oben zu lassen, schon
-vor den Plaidoyers. Mitjä wurde hinausgeführt. Die Verlesung des Urteils
-wurde auf den nächsten Vormittag vertagt. Der ganze Saal erhob sich in
-erregter Hast. Ich entfernte mich und hörte den Menschen nicht mehr zu.
-Ich habe nur ein paar Ausrufe behalten, die ich auf der Treppe, beim
-Hinauseilen, auffing.
-
-„Der kann jetzt seine zwanzig Jahre angeschmiedet Bergwerke riechen!“
-
-„Mindestens.“
-
-„Ja, unsere Bäuerlein haben ihren Mann gestanden.“
-
-„Und haben unseren Mitjenka begraben!“
-
-
-
-
- Epilog
-
-
- I.
- Pläne zu Mitjäs Rettung
-
-Am fünften Tage nach dem über Mitjä gehaltenen Gericht kam Aljoscha
-schon früh morgens, schon um neun Uhr, zu Katerina Iwanowna, um mit ihr
-zum letztenmal über eine für sie beide sehr wichtige Angelegenheit zu
-sprechen, und außerdem noch mit einem Auftrage an sie. Sie empfing ihn
-in demselben Salon, in dem sie mit Gruschenka damals Schokolade
-getrunken hatte; im anstoßenden Zimmer lag Iwan Fedorowitsch noch immer
-bewußtlos und in Fieberphantasien. Katerina Iwanowna hatte sofort nach
-jener Szene vor Gericht angeordnet, den erkrankten Iwan Fedorowitsch,
-der das Bewußtsein verloren hatte, in ihre Wohnung zu bringen. Sie hatte
-sich von vornherein über jedes spätere und unvermeidliche Gerede der
-Gesellschaft und deren strenge Verurteilung hinweggesetzt. Die eine von
-ihren beiden Tanten, die bei ihr wohnten, war denn auch unverzüglich
-nach Moskau zurückgereist, die andere dagegen war bei ihr geblieben.
-Doch selbst, wenn beide Tanten fortgefahren wären, hätte Katerina
-Iwanowna ihren Entschluß nicht aufgegeben, sie hätte trotzdem den
-Kranken gepflegt und Tag und Nacht an seinem Lager gesessen. Behandelt
-wurde er von Warwinskij und Herzenstube; der Moskauer Doktor war schon
-zurückgereist, hatte sich aber geweigert, seine Ansicht über den
-möglichen Ausgang der Krankheit zu äußern. Die beiden anderen Ärzte
-sprachen Katerina Iwanowna und Aljoscha zwar immer Mut zu, aber man sah
-es ihnen an, daß sie selbst noch keine feste Hoffnung hatten. Aljoscha
-kam zweimal täglich zum kranken Bruder. Dieses Mal aber war er in einer
-besonderen, sehr dringenden Angelegenheit gekommen. Er fühlte schon, daß
-es ihm äußerst schwer werden würde, davon zu sprechen, und doch mußte er
-sich beeilen; er verband mit diesem Besuch noch etwas anderes –
-Unaufschiebbares. Und nun sprachen sie schon seit einer Viertelstunde
-von nebensächlichen Dingen. Katerina Iwanowna war bleich, sehr
-übermüdet, zu gleicher Zeit aber von krankhafter Lebhaftigkeit: sie
-ahnte, warum Aljoscha zu ihr gekommen war.
-
-„Wegen seiner Einwilligung machen Sie sich keine Sorgen,“ sagte sie in
-sehr bestimmtem Tone. „Ob so oder so, er wird schon zu der Einsicht
-kommen, daß er entfliehen muß. Er muß entfliehen! Dieser Unglückliche,
-dieser Held, der sich für Ehre und Gewissen geopfert hat, – ich meine
-nicht Dmitrij Fedorowitsch, sondern den, der dort hinter der Tür liegt“
-(Katjäs Augen flammten), „der hat mir schon vorher, schon vor ... jenem
-Tage, den ganzen Fluchtplan mitgeteilt. Sie wissen doch, daß er bereits
-Verbindungen angeknüpft hatte? ... Ich habe Ihnen schon einiges gesagt
-... Sehen Sie, es wird das aller Wahrscheinlichkeit nach auf der dritten
-Etappe geschehen, wenn die Abteilung der Verschickten über den Ural nach
-Sibirien geht. Oh, bis dahin ist es noch weit. Iwan Fedorowitsch ist ja
-schon einmal zum Kommandanten der dritten Etappe gefahren. Nur weiß man
-jetzt noch nicht, wer der Führer der Transportabteilung sein wird, und
-das kann man leider nie im voraus erfahren. Morgen, ja, vielleicht
-morgen werde ich Ihnen den ganzen Plan ausführlich erklären. Iwan
-Fedorowitsch hat ihn mir am Abend vor der Gerichtssitzung für den Fall
-hinterlassen, daß dort irgend etwas ... Das war an jenem Abend, als wir
-uns gestritten hatten und Sie zu mir kamen: Sie trafen ihn auf der
-Treppe, und als ich Sie kommen hörte, zwang ich ihn zurückzukehren –
-erinnern Sie sich noch? Wissen Sie, worüber wir uns damals gestritten
-hatten?“
-
-„Nein, ich weiß es nicht,“ sagte Aljoscha.
-
-„Natürlich hat er es Ihnen damals nicht gesagt, das konnte ich mir
-denken. Es war gerade wegen dieses Fluchtplanes. Er hatte mir schon vor
-drei Tagen, am Donnerstag, das Wichtigste mitgeteilt – und gleich damals
-war es zwischen uns zum Streit gekommen, und so hatten wir uns während
-dieser ganzen drei Tage gestritten. Es geschah das nur deshalb, weil ich
-damals, an jenem Donnerstag, als er mir sagte, daß Dmitrij Fedorowitsch,
-falls er verurteilt werden sollte, ins Ausland entfliehen würde, aber
-nicht allein, sondern zusammen mit jenem Geschöpf, weil ich mich da
-plötzlich so aufregte – ärgerte, – ich werde ihnen nicht sagen, warum
-... Ich weiß selbst nicht, warum, ... oder vielmehr – natürlich weiß ich
-es: dieses Geschöpfes wegen ärgerte ich mich damals, und zwar gerade
-deswegen, weil sie gleichfalls, und noch zusammen mit Dmitrij
-Fedorowitsch ins Ausland fahren sollte!“ Katerina Iwanownas Lippen
-bebten vor Zorn. „Als aber Iwan Fedorowitsch merkte, daß ich mich dieses
-Geschöpfes wegen ärgerte, glaubte er sofort, daß es Eifersucht sei, und
-daß ich folglich immer noch Dmitrij liebe. So kam es denn damals zum
-ersten Streit. Ich wollte keine Erklärungen geben, und um Verzeihung
-bitten konnte ich nicht. Es war mir zu schwer, daß Iwan mich der
-früheren Liebe zu diesem ... verdächtigen konnte ... Und das noch,
-nachdem ich selbst ihm gestanden und längst gesagt hatte, daß ich nicht
-Dmitrij liebe, sondern ihn, ihn ganz allein! Nur aus Wut über dieses
-Geschöpf habe ich mich damals geärgert! Nach drei Tagen, das war an
-jenem Abend, als Sie zu mir kamen, brachte er mir ein versiegeltes
-Kuvert, das ich sofort entsiegeln sollte, sobald ihm etwas zustieße. Oh,
-er hat seine Krankheit schon lange vorausgefühlt! Er teilte mir mit, daß
-im Kuvert der ganze Fluchtplan ausführlich, bis in alle Details, mit
-allen Eventualitäten enthalten sei, und daß, im Falle er sterben oder
-ernstlich erkranken sollte, ich dann allein Mitjä retten müsse. Zugleich
-übergab er mir das Geld, an zehntausend Rubel, – dasselbe, von dem der
-Staatsanwalt gesagt haben soll, er wisse, daß Iwan Fedorowitsch Geld
-habe wechseln lassen. Ich war sprachlos vor Verwunderung, daß Iwan
-Fedorowitsch, der meinetwegen doch immer noch eifersüchtig war und nach
-wie vor fest glaubte, ich liebe Mitjä, – daß er trotzdem nicht den
-Gedanken aufgegeben hatte, den Bruder zu retten, und mir, gerade mir
-dessen Rettung anvertraute! Oh, das war ein Opfer! Nein, eine solche
-Selbstopferung werden Sie nie ganz verstehen, Alexei Fedorowitsch! Ich
-wäre ihm zu Füßen gefallen, um ihn anzubeten, wenn mir nicht plötzlich
-der Gedanke gekommen wäre, er könne das für Freude halten, Freude
-darüber, daß Mitjä gerettet werden sollte – oh, bestimmt hätte er das
-geglaubt! Da war ich denn schon allein über die bloße Möglichkeit eines
-so schändlichen Gedankens so empört, daß ich wieder in Wut geriet, und
-statt ihm die Füße zu küssen, ihm eine neue Szene machte! Wenn Sie
-wüßten, wie unglücklich ich bin! Das ist mein Charakter – mein
-schrecklicher, unseliger Charakter! Oh, Sie werden sehen: Ich werde es
-noch soweit bringen, ja, ja, ich werde es bestimmt soweit bringen, daß
-auch er mich um einer anderen willen, mit der sich leichter leben läßt,
-ebenso verlassen wird, wie Dmitrij ... Das aber, nein, das werde ich
-nicht ertragen, dann werde ich mir das Leben nehmen! ... Als Sie damals
-mit ihm eintraten, wissen Sie noch, als Sie zu mir kamen und ich ihn
-zwang, noch einmal zurückzukommen, – da, als er mit Ihnen eintrat, da
-ergriff mich ein solcher Zorn wegen seines haßerfüllten, verächtlichen
-Blickes, mit dem er mich ansah, daß ich – Sie wissen doch noch – Ihnen
-plötzlich zurief, _er, er allein_ habe mich davon überzeugt, daß sein
-Bruder Dmitrij der Mörder sei! Ich log es absichtlich, um ihn bis ins
-Herz zu kränken, denn er hat mir nie, niemals gesagt, sein Bruder sei –
-der Mörder. Im Gegenteil, ich selbst habe ihn davon zu überzeugen
-gesucht! Oh, an allem, an allem ist nur mein Charakter schuld! Ich, ich
-allein habe diese Szene vor Gericht veranlaßt! Wie ich mich verfluche!
-Er wollte mir beweisen, daß er edel sei, und wenn ich auch seinen Bruder
-liebe, diesen doch nicht aus Rache und Eifersucht verderben werde. Da
-kam er denn hin, – erinnern Sie sich noch, wie er sich den Richtern
-näherte? ... Oh, ich bin die Ursache des ganzen Unglücks, ich allein bin
-an allem schuld!“
-
-Noch niemals hatte Katjä Aljoscha solche Eingeständnisse gemacht. Er
-fühlte, daß ihre Qualen in diesem Augenblick so überwältigend geworden
-waren, daß selbst ihr stolzes Herz unter Schmerzen seinen Stolz brach
-und sich, vom Leid besiegt, vor ihm in den Staub warf. Aljoscha kannte
-sehr wohl noch die andere, die letzte Ursache ihrer Qualen, wie sehr sie
-dieselbe auch in diesen fünf Tagen nach der Verurteilung Mitjäs vor ihm
-zu verbergen gesucht hatte. Aber es wäre ihm gar zu schmerzlich gewesen,
-wenn sie sich entschlossen hätte, sich soweit zu erniedrigen, sich so zu
-geißeln und selbst von ihrer größten Qual zu sprechen. Sie litt
-unerträglich unter dem Bewußtsein, Mitjä vor Gericht „überantwortet“ zu
-haben, und Aljoscha fühlte, daß das Gewissen sie dazu trieb, ihre Schuld
-gerade ihm, Aljoscha, einzugestehen, womöglich unter Tränen und Schreien
-und in Krämpfen, in denen sie sich das Haar gerauft und mit dem Kopf auf
-den Boden geschlagen hätte. Er fürchtete aber diese neue Erschütterung
-und wollte daher um so mehr die Märtyrerin schonen – um so schwerer
-freilich empfand er den Auftrag, mit dem man ihn zu ihr geschickt hatte.
-Doch brachte er das Gespräch wieder auf Mitjä.
-
-„Nein, nein, seinetwegen brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen!“
-unterbrach ihn Katjä hartnäckig und schroff. „Das dauert bei ihm nur
-eine Minute an, ich kenne ihn, ich kenne dieses Herz nur zu gut. Seien
-Sie überzeugt, daß er einwilligen wird, zu entfliehen. Die Hauptsache
-ist ja, daß er sich nicht sofort zu entschließen braucht. Bis dahin hat
-es noch Zeit. Iwan Fedorowitsch wird inzwischen wieder gesund werden und
-selbst alles in die Hand nehmen, so daß ich damit nichts mehr zu
-schaffen haben werde. Also beunruhigen Sie sich nicht, er wird schon
-einwilligen. Er ist ja doch auch jetzt schon einverstanden – kann er
-denn dieses Geschöpf verlassen? Sie aber wird nicht zu ihm in die
-Erzgruben zugelassen werden – wie sollte er da nicht entfliehen wollen!
-Hauptsächlich fürchtet er Sie. Er fürchtet, daß Sie vom moralischen
-Standpunkt aus seine Flucht nicht billigen werden, aber ich denke, die
-müssen Sie ihm schon großmütig _erlauben_, wenn Ihre Sanktion dazu nun
-einmal so unumgänglich notwendig ist,“ fügte Katjä fast gehässig hinzu.
-
-Sie verstummte und lächelte.
-
-„Jetzt redet er da,“ begann sie wieder, „von irgendeiner Hymne, von
-einem Kreuz, das er tragen muß, von einer Schuld ... Ich weiß, Iwan
-Fedorowitsch hat mir damals viel davon erzählt ... Ach, wenn Sie wüßten,
-wie er das erzählt hat!“ rief Katjä plötzlich mit überwallendem Gefühl
-aus. „Wenn Sie nur wüßten, wie er jenen Unglücklichen in dem Augenblick
-geliebt hat, als er mir von ihm erzählte, und wie er ihn im selben
-Augenblick vielleicht haßte! Ich aber, oh, ich hatte für seine Worte und
-seine Qual nur ein stolzes Lächeln übrig! Oh, du gemeines Geschöpf!
-Dieses gemeine Geschöpf bin ich, mich meine ich damit! Ich bin die
-tiefste Ursache seiner Krankheit! Jener aber, der Verurteilte – ist denn
-der etwa bereit zum Leiden?“ unterbrach sich Katjä plötzlich gereizt.
-„Und kann denn der überhaupt leiden? Solche Menschen, wie er, leiden
-niemals!“
-
-Gefühle wie Haß, Ekel und Verachtung klangen aus ihren Worten hervor.
-Und doch war sie es gewesen, die ihn „überantwortet“ hatte, das mußte
-sie sich immer wieder sagen.
-
-„Vielleicht kommt dies daher,“ dachte Aljoscha bei sich, „weil sie sich
-vor ihm schuldig fühlt und ihn deshalb in manchen Augenblicken sogar
-haßt.“ Er hätte gewünscht, daß es nur in manchen „Augenblicken“ gewesen
-wäre. In ihren letzten Worten hatte eine Herausforderung gelegen, das
-fühlte er, aber er nahm sie nicht auf.
-
-„Ich habe Sie heute zu mir gebeten, nur um Ihnen das Versprechen
-abzunehmen, daß Sie ihn zur Flucht bereden werden. Oder ist es Ihrer
-Meinung nach tatsächlich unehrenhaft, zu entfliehen, nicht heldenmütig,
-oder sonst so was ... unchristlich etwa?“ fragte Katjä noch
-herausfordernder.
-
-„Nein, n–nichts ... Ich werde ihm alles sagen ...“ murmelte Aljoscha vor
-sich hin. Plötzlich aber blickte er entschlossen auf und sah ihr in die
-Augen. „Er läßt Sie bitten, heute zu ihm zu kommen!“ kam er ganz
-unerwartet mit seinem Auftrage heraus.
-
-Katjä zuckte zusammen und fuhr unwillkürlich zurück.
-
-„Mich ... ist denn das möglich?“ stammelte sie erbleichend.
-
-„Es ist wohl möglich, und es muß sogar bestimmt geschehen!“ begann
-Aljoscha eifrig, da er unbedingt darauf bestehen wollte. „Es ist sehr
-nötig. Gerade jetzt! Ich würde nicht davon angefangen haben, schon
-allein, um Sie nicht vorzeitig zu quälen, wenn es eben nicht so
-unbedingt notwendig wäre. Er ist krank, er ist wie ein Wahnsinniger, er
-will immer nur Sie sehen. Er bittet Sie nicht, hinzukommen und sich mit
-ihm auszusöhnen, sondern nur – nur, er will Sie eben noch einmal sehen!
-Sie können auf der Türschwelle stehen bleiben – sagt er. Seit jenem Tage
-hat sich vieles in ihm gewandelt. Jetzt begreift er, wie unermeßlich
-groß seine Schuld Ihnen gegenüber ist. Nicht um Ihre Vergebung bittet er
-Sie, – ‚Mir kann man nicht vergeben‘, sagt er selbst, er bittet Sie ganz
-einfach, sich nur einmal auf seiner Schwelle zu zeigen ...“
-
-„Sie haben mich so plötzlich ...“ stammelte Katjä „– ich habe alle diese
-Tage geahnt, daß Sie damit kommen würden ... Ich habe gewußt, daß er
-mich rufen würde! ... Aber – es ist unmöglich!“
-
-„Und wenn es auch unmöglich ist, so tun Sie es doch! Bedenken Sie nur
-das eine, daß er zum erstenmal begreift, wie sehr er Sie gekränkt hat,
-zum erstenmal im Leben begreift er es! Niemals vorher hat er es so im
-ganzen Umfange begriffen und so tief gefühlt. Er sagt: ‚Wenn sie sich
-weigert zu kommen, so werde ich mein ganzes Leben lang unglücklich
-sein.‘ Hören Sie: Ein Zwangsarbeiter, der zwanzig Jahre lang keine Sonne
-sehen wird, will noch glücklich sein! Haben Sie denn gar kein Mitleid?
-Bedenken Sie doch nur: Sie werden einen unschuldig Verurteilten
-besuchen,“ sagte Aljoscha stolz, „seine Hände sind rein, an ihnen klebt
-kein Blut! Um seines unermeßlichen zukünftigen Leidens willen besuchen
-Sie ihn jetzt! Kommen Sie, bringen Sie Licht in diese Finsternis ...
-Zeigen Sie sich nur einmal auf der Schwelle, das ist ja alles ... Das
-müssen Sie doch, das _müssen_ Sie tun!“ schloß Aljoscha, unerbittlich
-die Worte „das müssen Sie“ betonend.
-
-„Ich muß ... aber ich ... kann nicht! ...“ rang es sich wie ein Gestöhn
-aus Katjäs Seele hervor. „Er wird mich ansehen ... Ich kann nicht!“
-
-„Ihre Blicke müssen sich noch einmal treffen. Wie werden Sie denn Ihr
-Leben weiterleben können, wenn Sie sich jetzt nicht entschließen?“
-
-„Lieber das ganze Leben lang Qual!“
-
-„Nein, Sie _müssen_ kommen, Sie _müssen_ es tun!“ sagte Aljoscha wieder
-unerbittlich.
-
-„Aber warum denn heute, warum jetzt ... Ich kann den Kranken nicht
-allein lassen ...“
-
-„Auf einen Augenblick können Sie es sehr wohl. Zu diesem Ausgang
-brauchen Sie doch nur wenige Minuten. Wenn Sie nicht kommen, wird er
-noch vor Anbruch der Nacht gleichfalls an einem Nervenfieber erkranken.
-Ich will Sie doch nicht belügen. Oh, so haben Sie doch Erbarmen!“
-
-„Haben Sie vielmehr mit mir Erbarmen!“ sagte Katjä bitter, und Tränen
-rollten über ihre Wangen herab.
-
-„Also Sie werden kommen!“ sagte Aljoscha überzeugt, als er ihre Tränen
-sah. „Ich werde vorausgehen und ihm sagen, daß Sie sogleich kommen
-werden ...“
-
-„Nein, um Gottes willen, sagen Sie ihm nur das nicht!“ unterbrach ihn
-Katjä erschrocken. „Ich werde kommen, aber sagen Sie es ihm nicht
-vorher, denn ... Ich werde kommen, aber ich weiß noch nicht, vielleicht
-werde ich ... auch gar nicht ... eintreten ... Ich weiß noch nicht ...“
-
-Die Stimme versagte ihr. Sie atmete schwer. Aljoscha erhob sich, um
-fortzugehen.
-
-„Aber wenn ich dort ... jemanden treffe?“ fragte sie plötzlich leise,
-indem sie wiederum erbleichte.
-
-„Darum ist es unbedingt nötig, daß Sie sofort kommen, damit Sie dort
-niemanden antreffen. Es wird niemand bei ihm sein, Sie können es mir
-glauben. Wir werden Sie also erwarten,“ sagte er mit fester Stimme und
-verließ das Zimmer.
-
-
- II.
- Auf einen Augenblick ward die Lüge Wahrheit
-
-Er beeilte sich, ins Hospital zu kommen, in dem Mitjä jetzt lag. Am
-zweiten Tage nach seiner Verurteilung hatte Mitjä so hohes Fieber gehabt
-– es war natürlich ein nervöses Fieber –, daß er aus dem Gefängnis ins
-Stadthospital, in die Abteilung der Arrestanten, verbracht worden war,
-doch hatte der junge Doktor Warwinskij auf Aljoschas und vieler anderer
-(Frau Chochlakoffs, Lisas usw.) Bitte den Kranken nicht bei den
-Gefangenen, sondern in einem abgesonderten Raume untergebracht, und zwar
-in derselben kleinen Kammer, in der auch Ssmerdjäkoff gelegen hatte.
-Außerdem stand ja am Ende des Korridors ein wachhabender Soldat, und
-auch das Fenster war dort vergittert; so wagte denn Warwinskij
-schließlich nicht viel mit seiner nicht ganz gesetzlichen Nachsicht. Der
-junge Mann hatte ein gutes, mitfühlendes Herz. Er konnte es
-nachempfinden, wie schwer es einem Menschen, wie Mitjä, sein mußte, so
-plötzlich unter Mörder und Räuber versetzt zu werden. Er verstand, daß
-man sich an diese Gesellschaft wenigstens erst gewöhnen mußte. Der
-Besuch von Verwandten und Bekannten war sowohl vom Arzt, als vom
-Inspektor und sogar von unserem Polizeichef erlaubt worden – unter der
-Hand, versteht sich. Doch hatten Mitjä in diesen Tagen nur Aljoscha und
-Gruschenka besucht. Zweimal hatte auch Rakitin unbedingt zu ihm gewollt,
-doch Mitjä hatte Warwinskij dringend gebeten, ihn nicht zu ihm zu
-lassen.
-
-Als Aljoscha eintrat, saß Mitjä in den Hospitalkleidern auf seiner
-feldbettartigen Schlafstelle. Er schien noch Fieber zu haben. Um den
-Kopf und auf der Stirn hatte er ein Handtuch, das mit Wasser und Essig
-angefeuchtet war. Mit einem unbestimmten Blick sah er Aljoscha an, als
-dieser eintrat, doch flimmerte es in seinem Blick zuerst wie ein
-vorübergehender Schreck.
-
-Mitjä war seit seiner Verurteilung auffallend nachdenklich geworden.
-Zuweilen schwieg er halbe Stunden lang, während er dem Anscheine nach
-mit Mühe etwas überdachte und darüber den Anwesenden ganz vergaß.
-Verließ ihn aber die Nachdenklichkeit, und fing er zu sprechen an, was
-gewöhnlich ganz unerwartet geschah, so sprach er unbedingt nicht davon,
-wovon er eigentlich sprechen wollte. Zuweilen sah er den Bruder mit
-flehendem Blick an, und Aljoscha fühlte dann mit jeder Fiber, wie schwer
-er litt. Wenn Gruschenka bei ihm war, schien es ihm leichter zu sein,
-als wenn Aljoscha allein bei ihm saß. Und wenn er auch mit ihr kaum
-etwas sprach, so verklärte sich doch sein ganzes Gesicht vor Freude,
-sobald sie nur eintrat. Aljoscha setzte sich schweigend neben ihn auf
-das Lager. Mitjä hatte ihn voll Unruhe erwartet. Nun wagte er nicht, ihn
-etwas zu fragen. Es schien ihm undenkbar, daß Katjä einwilligen könnte,
-zu ihm zu kommen, und doch fühlte er gleichzeitig, daß, wenn sie nicht
-käme, er diesen Zustand nicht lange ertragen würde. Aljoscha begriff
-seine Gefühle.
-
-Plötzlich fuhr Mitjä auf und begann geschäftig:
-
-„Trifon Borissytsch soll sein ganzes Haus auseinanderkratzen, sagt man,
-er soll alle Dachsparren untersuchen, alle Bretter abreißen, die ganze
-‚Galerie‘ soll er abgetragen haben. Er sucht immer noch den Schatz,
-diese tausendfünfhundert Rubel, von denen der Staatsanwalt behauptet,
-ich hätte sie dort versteckt. Kaum daß er zurückgekehrt ist, soll er
-sofort angefangen haben zu suchen. Na, ich wünsche ihm viel Vergnügen,
-dem Spitzbuben! Das hat mir hier der Wärter gestern erzählt; er ist von
-dort.“
-
-„Höre, Mitjä,“ sagte Aljoscha, „sie wird kommen, nur weiß ich nicht,
-wann. Vielleicht kommt sie heute, vielleicht erst in den nächsten Tagen,
-das weiß ich nicht, aber kommen wird sie bestimmt, das weiß ich genau.“
-
-Mitjä fuhr zusammen, wollte schon etwas sagen – sagte dann aber doch
-nichts. Diese Nachricht war erschütternd für ihn. Man sah ihm an, daß er
-noch mehr von dem Gespräch Aljoschas mit Katjä erfahren wollte, daß er
-sich aber nicht zu fragen getraute, sich vor einer Antwort vielmehr bis
-zur Pein fürchtete: Etwas Hartherziges oder Verächtliches von Katjä zu
-erfahren – wäre für ihn in diesem Augenblick zu grausam gewesen.
-
-„Und höre, was sie unter anderem noch gesagt hat: Ich solle dein
-Gewissen wegen der Flucht unbedingt beruhigen. Und wenn auch Iwan bis
-dahin nicht gesund werden sollte, so wird sie allein die ganze Sache in
-die Hand nehmen.“
-
-„Das hast du mir schon gesagt,“ bemerkte Mitjä in Gedanken versunken.
-
-„Und du hast es schon Gruscha mitgeteilt,“ bemerkte Aljoscha.
-
-„Ja,“ gestand Mitjä. „Heute wird sie nicht am Morgen kommen,“ sagte er,
-indem er schüchtern den Bruder anblickte. „Sie wird mich erst am Abend
-besuchen. Als ich ihr gestern nur andeutend sagte, daß Katjä die Sache
-machen werde, verstummte sie, ihre Lippen verzogen sich. Sie murmelte
-nur: ‚Mag sie!‘ Sie begriff, daß es wichtig ist. Ich wagte nicht weiter
-zu fragen. Doch begreift sie jetzt bereits, denke ich, daß jene nicht
-mich liebt, sondern Iwan.“
-
-„Meinst du?“ entfuhr es Aljoscha unwillkürlich.
-
-„Du hast recht, vielleicht auch nicht. Nur wird sie heute vormittag
-nicht kommen, ich habe ihr einen Auftrag gegeben ... Weißt du, Iwan wird
-uns alle überragen. Er muß leben, nicht wir. Er wird gesund werden.“
-
-„Stell dir vor, Katjä zittert natürlich für ihn, und doch zweifelt sie
-kaum, daß er gesund werden wird,“ sagte Aljoscha.
-
-„Dann ist sie also überzeugt, daß er sterben wird. Nur aus Angst glaubt
-sie, daß er gesund werden wird.“
-
-„Iwan ist kein Schwächling, er ist von starker Konstitution. Ich hoffe
-gleichfalls sehr, daß er gesund wird,“ bemerkte Aljoscha sichtlich
-erregt.
-
-„Ja, er wird gesund werden. Sie aber ist überzeugt, daß er sterben wird.
-Großen Kummer hat sie ...“
-
-Schweigen trat ein. Irgend etwas sehr Wichtiges schien Mitjä zu quälen.
-
-„Aljoscha, ich liebe Gruscha wahnsinnig,“ sagte er plötzlich mit
-bebender, tränenerfüllter Stimme.
-
-„_Dort_ wird man sie aber nicht zu dir lassen ...“ Aljoscha griff sofort
-das Thema auf.
-
-„Und was ich dir noch sagen wollte, Alexei,“ fuhr Mitjä mit einer ganz
-eigentümlich klangvollen Stimme fort, „wenn man mich unterwegs oder
-_dort_ schlagen will – das werde ich nicht dulden, nein, ich werde sie
-erschlagen, und dann wird man mich erschießen. Und das soll ich zwanzig
-Jahre lang ertragen! Hier fängt man schon an, du zu mir zu sagen. Alle
-Wärter sagen zu mir du. Ich habe heute die ganze Nacht wach im Bett
-gelegen und über mich Gericht gehalten: Nein, ich bin nicht bereit! Ich
-kann es nicht auf mich nehmen, meine Kräfte reichen nicht aus! Ich
-wollte dort eine Hymne singen, und da kann ich nun nicht einmal das Du
-der Wärter verwinden! Für Gruscha würde ich alles ertragen, alles ...
-übrigens ausgenommen Schläge ... Aber man wird sie ja dort nicht zu mir
-lassen ...“
-
-Aljoscha lächelte still.
-
-„Hör’ mich, Bruder, ein für allemal,“ sagte er, „ich will dir einmal
-alle meine Gedanken über deine Flucht sagen. Du weißt, daß ich dir
-nichts vorlügen werde. Also höre: Du bist nicht bereit für Sibirien, und
-dieses Kreuz ist auch nicht für dich geschaffen. Und ich werde dir noch
-etwas sagen: Solch einer wie du, der nicht bereit ist, soll auch lieber
-gar nicht ein solches Märtyrerkreuz auf sich nehmen. Wenn du den Vater
-erschlagen hättest, so würde es mir leid tun, daß du dein Kreuz nicht
-tragen willst. Aber du bist unschuldig, und so wäre ein solches Kreuz
-gar zu viel für dich. Du wolltest durch die Qual den neuen Menschen in
-dir auferstehen machen; ich aber glaube, wenn du nur fortwährend, dein
-ganzes Leben lang, wohin du auch entfliehen, oder wo du hernach leben
-solltest – wenn du dein ganzes Leben lang an diesen anderen Menschen in
-dir denkst: so wird auch das für dich genügen. Wenn du diese letzten und
-äußersten Qualen nicht auf dich nimmst, so wird dies nur dazu dienen,
-daß du das Bewußtsein einer noch größeren Schuld mit dir nimmst, und
-dieses Schuldbewußtsein, das nie ganz endet und dich stets geleitet,
-wird dir fernerhin zu deiner Wiedergeburt verhelfen, und vielleicht noch
-eher, als wenn du wirklich nach Sibirien gingest. Denn dort würdest du
-das Leben nicht ertragen und würdest nur wider Gott murren und
-vielleicht zu guter Letzt doch noch sagen: ‚Ich habe abgerechnet‘. Der
-Advokat hat darin ganz recht gehabt. Nicht alle können so große Bürden
-tragen. Für viele sind sie ganz unerträglich. Da habe ich dir nun meine
-Gedanken gesagt. Vielleicht ist es wichtig für dich, zu wissen, wie ich
-darüber denke. Wenn für deine Flucht andere die Verantwortung tragen
-müßten, Offiziere, Soldaten, so würde ich dir ‚nicht erlauben‘, zu
-entfliehen,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Aber man sagt und versichert
-sogar – der Etappenkommandant hat es Iwan ausdrücklich gesagt – daß,
-wenn man die Sache zu machen verstehe, auf niemanden besondere
-Verantwortung falle: man könne sich mit Leichtigkeit losmachen. Zwar ist
-das Bestechen auch in diesem Falle nicht in der Ordnung. Doch will ich
-darüber nicht richten oder auch nur urteilen – schon deshalb nicht, weil
-ich selbst, wenn Iwan und Katjä mich beauftragten, alles Nötige für
-deine Flucht zu tun, ohne weiteres die Bestechung auf mich nehmen würde.
-Das muß ich dir der Wahrheit gemäß gestehen. Wie gesagt, schon deshalb
-kann ich hier kein Richter sein, was du auch tun mögest. Ich will dir
-nur sagen, damit du dies ein für allemal weißt, daß ich dich nie
-verurteilen werde. Und sag doch selbst, wie könnte ich in diesem Falle
-wohl dein Richter sein? So, jetzt habe ich, glaub ich, alles gesagt.“
-
-„Dafür aber verurteile ich mich selbst!“ sagte Mitjä erregt. „Ich werde
-natürlich entfliehen, unbedingt, das war auch ohne dich schon eine
-beschlossene Sache. Wie kann denn Mitjä Karamasoff nicht entfliehen?
-Trotzdem verurteile ich mich selbst dafür, und ich werde dort ewig zu
-Gott beten, er möge mir meine Sünden vergeben! So sprechen sonst wohl
-Jesuiten, nicht wahr? ... Sieh mal an, wie weit wir beide gekommen sind,
-was?“
-
-„Ja, so reden Jesuiten,“ sagte Aljoscha lächelnd.
-
-„Darum liebe ich dich auch so, Alexei, weil du immer die ganze Wahrheit
-sagst und nichts verheimlichst!“ rief Mitjä froh aus. „Sieh mal, jetzt
-habe ich meinen Aljoschka auf dem Jesuitenwege ertappt! Abküssen müßte
-man dich dafür, aber kräftig, weißt du das, Junge? Nun, so höre denn
-auch das übrige. Ich will dir auch die andere Hälfte meiner Seele
-aufdecken. Höre jetzt, was ich mir ausgedacht habe, und worüber ich mir
-klar geworden bin: Wenn ich nun entfliehe, mit Geld und einem Paß
-versehen, und, sagen wir, meinetwegen sogar nach Amerika, so ermutigt
-und beruhigt mich doch nur der Gedanke, daß ich nicht in die Freude,
-nicht in das Glück entfliehe, sondern in Wahrheit zu einer anderen
-Zwangsarbeit, in eine andere Verbannung, die vielleicht nicht leichter
-sein wird als die in Sibirien! Nein, nicht leichter, Alexei, das kannst
-du mir glauben, sie wird mir wahrlich nicht leichter sein! Der Teufel
-hole dieses Amerika, ich hasse es schon jetzt. Ich weiß, Gruscha wird
-dort bei mir sein, aber sieh sie doch nur einmal an: ist sie denn etwa
-eine Amerikanerin? Russin ist sie, bis zur letzten Nervenspitze Russin!
-Sie wird sich nach der Mutter, nach ihrer Heimaterde zurücksehnen, und
-ich werde in jeder Stunde, in jeder Minute zusehen müssen, wie sie sich
-meinetwegen sehnt und grämt, wie sie für mich das Kreuz trägt! Wodurch
-hat sie das verdient? Was hat sie verbrochen? Und wie werde denn ich
-dort, im amerikanischen Leben, diese leibeigene Knechtschaft ertragen,
-wenn die Menschen auch tausendmal besser sind als ich? Ich hasse dieses
-Amerika schon jetzt! Und wenn sie auch alle bis auf den letzten weiß
-Gott was für spitzfindige Maschinisten sind, oder sonst was – der Teufel
-hole sie samt und sonders, meine Leute sind es nicht, sie haben doch
-eine andere Seele! Ich liebe Rußland, Alexei, den russischen Gott liebe
-ich, wenn ich auch selbst ein Schuft bin! Dort werde ich ja umkommen!“
-rief er aus, und seine Augen blitzten, während seine Stimme von
-verhaltenen Tränen bebte.
-
-„Nun, jetzt höre, Alexei, wie ich bei mir beschlossen habe!“ begann er
-wieder, indem er seine Erregung niederrang. „Sobald wir beide dort
-angekommen sind, Gruscha und ich, fangen wir sofort an zu pflügen, zu
-arbeiten, mit wilden Bären, in der Einsamkeit, irgendwo abseits. Man
-wird doch auch bei ihnen einen Ort finden können, denke ich, der etwas
-weiter abliegt! Dort soll es ja auch noch Rothäute geben, sagt man, dort
-irgendwo bei ihnen ganz am Rande des Horizonts. Nun also, und zu denen
-werden wir dann hinziehen, zu den letzten Mohikanern. Und da machen wir
-uns denn sofort an die Grammatik, Gruscha und ich. Arbeit und Grammatik,
-und das so, sagen wir, drei Jahre lang. Und nach diesen drei Jahren
-werden wir besser Englisch sprechen als die echtesten eingeborenen
-Amerikaner. Und sobald wir die Sprache intus haben – dann ade Amerika!
-Wir kommen unverzüglich wieder her, nach Rußland, und zwar als
-amerikanische Bürger. Aber hab keine Angst, hierher in diese Stadt
-kommen wir natürlich nicht. Wir werden uns irgendwo weit, weit von hier
-verbergen, hoch oben im Norden oder vielleicht auch im Süden. Bis dahin
-werde ich mich schon genügend verändert haben, sie gleichfalls. Dort in
-Amerika kann mir ein Doktor noch irgend so eine Warze künstlich
-anbringen – wozu sind sie denn Mechaniker? Und kann er’s nicht, so
-steche ich mir ein Auge aus, lasse mir den Bart meterlang wachsen, einen
-grauen, versteht sich – vor Heimweh nach Rußland werde ich ja bald
-ergrauen. Sicherlich wird man mich dann nicht wiedererkennen, was meinst
-du? Wenn man mich aber erkennen und von neuem verschicken sollte, dann
-meinetwegen, dann will es das Schicksal so! Hier jedoch werden wir genau
-so wie in Amerika irgendwo in der Einöde Ackerbau treiben, und ich werde
-bis zum Schluß den Vollblutamerikaner spielen. Dafür werden wir dann im
-Vaterlande sterben können! Sieh, das ist mein Plan, und der ist
-unwandelbar. Billigst du ihn?“
-
-„Ja, ich billige ihn,“ sagte Aljoscha, da er ihm nicht widersprechen
-wollte.
-
-Mitjä schwieg eine Weile, dann sagte er plötzlich:
-
-„Aber wie geschickt sie das bei der Verhandlung gedreht haben! Weiß der
-Teufel!“
-
-„Und wenn sie es auch nicht entstellt hätten, du wärst doch verurteilt
-worden,“ sagte Aljoscha mit einem Seufzer.
-
-„Ja, das hiesige Publikum war meiner – na, sagen wir, gar zu überdrüssig
-geworden. Nun, Gott mit ihnen! Aber es ist doch schwer!“ Mitjä stöhnte
-gequält.
-
-Sie schwiegen wieder eine Weile.
-
-„Aljoscha, töte mich sofort!“ rief er plötzlich leidenschaftlich aus.
-„Wird sie bald kommen oder überhaupt nicht – sprich! Was hat sie gesagt?
-Wie hat sie es gesagt?“
-
-„Sie hat gesagt, daß sie kommen werde, nur weiß ich nicht, ob es gerade
-heute sein wird. Auch ihr fällt es doch schwer!“ Aljoscha blickte
-besorgt den Bruder an.
-
-„Das weiß ich, das weiß ich, wie soll es ihr denn nicht schwer fallen!
-Ich verliere darüber den Verstand. Gruschenka sieht mich immer so an ...
-Sie begreift ... Gott, Herr, gib du mir Frieden! Nach wem verlange ich?
-Ach, nach Katjä verlangt mich! Weiß ich, nach wem mich eigentlich
-verlangt? Karamasoffsche Zügellosigkeit – nichts anderes! Nein, ich bin
-unfähig zum Leiden! Ein Schuft bin ich, und damit ist alles gesagt!“
-
-„Da ist sie!“ rief Aljoscha aus.
-
-In diesem Augenblick war Katjä auf der Türschwelle erschienen. Sie stand
-und rührte sich nicht, während ihr Blick wie verloren auf Mitjä lag. Der
-sprang sofort auf: man konnte ihm seinen Schreck ansehen – er wurde ganz
-bleich. Sofort aber erzitterte ein schüchternes, bittendes Lächeln auf
-seinen Lippen, und plötzlich konnte er nicht anders – er streckte ihr
-seine beiden Hände entgegen. Als sie das sah, stürzte sie ungestüm auf
-ihn zu. Sie ergriff seine Hände und setzte ihn fast mit Gewalt aufs
-Bett, indem sie sich selbst neben ihm niederließ; sie hielt immer noch
-seine Hände fest und drückte sie wie im Krampf. Zwei-, dreimal wollten
-sie beide etwas sagen, doch hielten sie wieder inne, und ihre Blicke
-hingen aneinander, schweigend, verzehrend, während auf ihren Lippen ein
-sonderbares Lächeln lag.
-
-„Hast du mir verziehen, oder kannst du’s nicht?“ brachte Mitjä
-schließlich stockend hervor. Darauf wandte er sich zu Aljoscha und rief
-ihm mit freudeentstelltem Gesicht zu:
-
-„Hörst du, was ich sie frage, hörst du!“
-
-„Darum habe ich dich ja so geliebt, weil du von Herzen edelmütig bist!“
-entfuhr es Katjä fast unfreiwillig. „Aber du bedarfst ja gar nicht
-meiner Verzeihung und ich auch nicht der deinigen. Ob du verzeihst oder
-nicht – du wirst doch mein Leben lang als offene Wunde in meinem Herzen
-zurückbleiben, und ich ebenso in deinem – und so muß es auch sein ...“
-
-Sie hielt inne, um Atem zu schöpfen.
-
-„Wozu bin ich hergekommen?“ begann sie von neuem, sich überstürzend, als
-hätte sie die Besinnung verloren. „Um deine Füße zu umfassen, deine
-Hände zu drücken, sieh so, bis zum Schmerz, wie ich sie dir in Moskau
-gedrückt habe, weißt du noch? – um dir wieder zu sagen, daß du mein Gott
-bist, meine Freude, um dir zu sagen, daß ich dich unsinnig liebe!“ kam
-es halblaut wie unter Qualen über ihre bebenden Lippen. Und plötzlich
-beugte sie sich vor und küßte gierig seine Hand. Tränen stürzten aus
-ihren Augen.
-
-Aljoscha stand ganz verwirrt da und sagte kein Wort. Alles hätte er eher
-erwartet, als das, was er jetzt sah.
-
-„Die Liebe ist vergangen, Mitjä!“ fuhr Katjä fort, „aber teuer bis zum
-Schmerz ist mir das, was vergangen ist. Das sage ich dir jetzt, damit du
-es weißt und ewig behältst. Jetzt aber, in diesem Augenblick, mag es nur
-einmal sein, wie’s hätte sein können,“ sagte sie mit einem traurigen
-Lächeln, indem sie ihm zugleich fast freudig in die Augen blickte. „Du
-liebst jetzt eine andere, und auch ich liebe einen anderen, und doch
-werde ich dich ewig lieben, und du ebenso mich – wußtest du das schon?
-Hörst du, liebe mich, liebe mich dein ganzes Leben lang!“ sagte sie
-laut, und in ihrer Stimme lag ein drohendes Zittern.
-
-„Ich werde dich lieben und ... weißt du, Katjä,“ – Mitjä holte nach
-jedem Wort tief Atem – „weißt du, vor fünf Tagen, an jenem Abend, da
-_liebte_ ich dich ... Als du hinfielst und man dich forttrug, da
-_liebte_ ich dich ... Mein ganzes Leben lang werde ich dich lieben! Ja,
-so wird es sein, so wird es ewig sein ...“
-
-In der Weise sprachen sie miteinander: sinnlos, wie im Rausch –
-vielleicht sagten sie sich sogar Unwahres, aber in diesem Augenblick war
-alles wahr für sie, und sie glaubten selbst unverbrüchlich an ihre
-Worte.
-
-„Katjä,“ rief plötzlich Mitjä, „glaubst du, daß ich ihn erschlagen habe?
-Ich weiß, daß du jetzt nicht daran glaubst, aber damals ... als du
-aussagtest ... Glaubtest du, sag, glaubtest du es damals wirklich?“
-
-„Auch damals glaubte ich es nicht! Niemals habe ich es geglaubt! Ich
-haßte dich nur, und da redete ich es mir ein, gerade für diesen einen
-Augenblick ... Als ich die Aussage machte, redete ich es mir ein, und da
-glaubte ich denn ... Aber kaum daß ich meine Aussage beendet hatte,
-hörte ich sofort auf, zu glauben ... Das sollst du wissen! ... Ich
-vergaß, daß ich gekommen war, um mich zu demütigen!“ fügte sie plötzlich
-mit einem ganz anderen Ausdruck hinzu, der nichts mehr mit dem soeben
-gemachten Liebesgeständnis gemein hatte.
-
-„Schwer hast du es, Weib!“ entfuhr es Mitjä fast unbewußt in seinem
-Mitleid.
-
-„Laß mich,“ murmelte sie, „ich werde wiederkommen, jetzt ist es zu
-schwer! ...“
-
-Sie erhob sich von ihrem Platze – da aber stieß sie einen Schrei aus und
-wankte zurück: – ins Zimmer trat ganz unvermutet mit ihrem leisen Gang
-Gruschenka. Niemand hatte sie erwartet. Katjä wandte sich sofort eilig
-zur Tür – als sie aber an Gruschenka vorübergehen wollte, blieb sie jäh
-stehen, erbleichte unheimlich und sagte leise, kaum hörbar, mit
-angehaltenem Atem:
-
-„Vergeben Sie mir!“
-
-Die andere blickte sie eine Zeitlang unbeweglich an und antwortete erst
-nach einer Weile mit haßerfüllter, mit einer wie von Haß gleichsam
-durchgifteten Stimme:
-
-„Schlecht sind wir beide! Beide sind wir schlecht! Wie könnten wir
-vergeben, du sowohl wie ich? Rette ihn, und ich werde mein Leben lang
-für dich beten.“
-
-„Wie, und vergeben willst du ihr nicht?“ rief Mitjä Gruschenka in
-bitterem Vorwurf fast außer sich zu.
-
-„Sei ruhig, ich werde ihn dir retten!“ flüsterte ihr Katjä halblaut zu
-und eilte aus dem Zimmer.
-
-„Und du konntest ihr nicht vergeben, nachdem sie selbst zu dir gesagt
-hatte: ‚vergib‘?“ rief Mitjä vorwurfsvoll aus.
-
-„Mitjä, wage es nicht, ihr Vorwürfe zu machen! Dazu hast du kein Recht!“
-rief Aljoscha heftig seinem Bruder zu.
-
-„Ihre stolzen Lippen haben es gesagt, nicht ihr Herz,“ sagte Gruschenka
-wie mit einem Ekel. „Rettet sie dich, so werde ich ihr alles verzeihen
-...“
-
-Sie verstummte, als hätte sie in ihrer Seele etwas niederzuringen.
-
-Sie konnte noch nicht recht zur Besinnung kommen. Wie sich später
-herausstellte, war sie ganz zufällig eingetreten; sie hatte nicht
-geahnt, daß sie hier irgendeinen fremden Menschen antreffen werde.
-
-„Aljoscha, lauf ihr sofort nach!“ wandte sich Mitjä ungestüm an den
-Bruder. „Sag’ ihr ... ich weiß nicht was ... nur laß sie nicht so
-fortgehen!“
-
-„Ich werde noch vor dem Abend zu dir kommen!“ rief Aljoscha ihm schnell
-zu und lief dann Katjä nach.
-
-Er holte sie erst auf der Straße ein, als sie den Hospitalgarten bereits
-verließ. Sie ging sehr schnell, lief fast, beeilte sich sichtlich. Kaum
-aber hatte Aljoscha sie eingeholt, als sie sich sofort zu ihm wandte und
-hastig hervorstieß:
-
-„Nein, vor der kann ich mich nicht demütigen! Ich habe sie um Verzeihung
-gebeten, weil ich mich bis zum äußersten demütigen wollte. Sie hat mir
-nicht verziehen ... Und ich – liebe sie dafür!“ fügte Katjä mit
-entstellter Stimme hinzu, und ihre Augen blitzten in wildem Haß.
-
-„Mein Bruder glaubte, daß sie heute erst am Abend kommen würde, er hat
-sie durchaus nicht erwartet,“ brachte Aljoscha verwirrt hervor, „er war
-sogar überzeugt, daß sie nicht kommen würde ...“
-
-„Zweifellos war er überzeugt davon. Aber lassen wir das,“ sagte sie kurz
-abbrechend. „Hören Sie mich an: Ich kann jetzt nicht mit Ihnen dorthin
-zur Beerdigung gehen. Ich habe Blumen für den kleinen Sarg hingeschickt.
-Geld haben sie noch, glaube ich. Sobald sie welches brauchen, werde ich
-wieder schicken. Sagen Sie ihnen, daß ich sie in Zukunft nie vergessen
-werde, sie können auf meine Hilfe rechnen. Jetzt aber verlassen Sie
-mich, verlassen Sie mich, ich bitte Sie darum. Sie werden sich
-verspäten, es wird schon zur Messe geläutet ... Verlassen Sie mich, ich
-bitte Sie darum!“
-
-
- III.
- Iljuschas Beerdigung. Die Rede am großen Stein
-
-Er verspätete sich in der Tat. Man hatte schon lange auf ihn gewartet
-und sich fast schon entschlossen, den kleinen, mit Blumen bedeckten Sarg
-ohne ihn in die Kirche zu tragen. Es war der Sarg Iljuschetschkas, des
-armen kleinen Knaben. Er war am zweiten Tage nach der Verurteilung
-Mitjäs gestorben. Schon an der Hofpforte wurde Aljoscha von den Knaben,
-Iljuschas Kameraden, empfangen. Sie hatten ihn mit Ungeduld erwartet,
-und sie freuten sich, daß er jetzt endlich kam. Es hatten sich ihrer
-zwölf versammelt, und alle waren sie mit ihren Ränzlein und
-Büchertaschen auf der Schulter gekommen. „Papa wird weinen, verlaßt
-nicht Papa!“ hatte ihnen Iljuschetschka sterbend gesagt, und die Knaben
-erfüllten gern seine Bitte. Ihr Anführer war natürlich Koljä Krassotkin.
-
-„Wie es mich freut, daß Sie gekommen sind, Karamasoff!“ rief er aus und
-streckte Aljoscha die Hand entgegen. „Hier ist es einfach furchtbar!
-Wirklich, es wird einem schwer, das mit anzusehen. Ssnegireff ist nicht
-betrunken, wir wissen es ganz genau, daß er heute nichts getrunken hat,
-aber trotzdem ist er wie betrunken ... Ich kann schon etwas aushalten,
-aber das ist doch zu entsetzlich! Karamasoff – wenn ich Sie nicht
-aufhalte – erlauben Sie mir noch eine Frage, bevor Sie hineingehen?“
-
-„Was ist es denn, Koljä?“ fragte Aljoscha und blieb stehen.
-
-„Ist Ihr Bruder schuldig, oder ist er unschuldig? Hat er den Vater
-erschlagen, oder hat es der Diener getan? Was Sie sagen, daran werde ich
-glauben. Ich habe vier Nächte wegen dieser Frage nicht schlafen können.“
-
-„Der Diener hat ihn erschlagen, mein Bruder aber ist unschuldig,“
-antwortete Aljoscha.
-
-„Und ich habe das auch gesagt!“ rief plötzlich der kleine Ssmuroff
-dazwischen.
-
-„So muß er denn als unschuldiges Opfer zugrunde gehen?“ fragte Koljä
-erregt. „Aber wenn er auch zugrunde geht, so ist er doch glücklich! Ich
-könnte ihn beneiden!“
-
-„Was sagen Sie, wie können Sie so etwas aussprechen, und warum reden Sie
-so?“ fragte Aljoscha verwundert.
-
-„Oh, wenn doch auch ich mich einmal für die Wahrheit opfern könnte,“
-sagte Koljä enthusiastisch.
-
-„Aber doch nicht in einer solchen Sache, doch nicht so schandbeladen,
-doch nicht so grauenvoll!“ rief Aljoscha aus.
-
-„Freilich ... ich möchte für die ganze Menschheit sterben können. Was
-jedoch die Schande anbelangt, so ist mir alles gleich: Mögen unsere
-Namen vergehen! Ich verehre Ihren Bruder!“
-
-„Und ich auch!“ rief plötzlich und ganz unerwartet aus der Bande
-derselbe Knabe, der einmal erklärt hatte, er wisse, wer Troja erbaut
-habe, und auch diesmal wurde er, genau so wie damals, bis über die Ohren
-rot. Aljoscha trat ins Zimmer. In einem hellblauen, mit weißen Rüschen
-geschmückten Sarge lag, die Hände gefaltet und die Augen geschlossen,
-Iljuscha. Die Züge seines abgemagerten Gesichtchens hatten sich gar
-nicht verändert und, sonderbar – die Leiche verbreitete fast gar keinen
-Verwesungsgeruch. Der Ausdruck seines Gesichtchens war ernst und
-nachdenklich. Besonders schön waren die Hände, die auf der Brust
-gekreuzt lagen. Wie aus Marmor gemeißelt sahen sie aus. Unter die Hände
-hatte man Blumen gelegt, und der ganze Sarg war von innen und von außen
-mit Blumen geschmückt, die Lisa Chochlakoff schon am frühen Morgen
-geschickt hatte. Auch von Katerina Iwanowna waren Blumen geschickt
-worden, und als Aljoscha die Tür aufmachte, da bedeckte der Hauptmann
-mit zitternden Händen gerade von neuem seinen geliebten Jungen mit
-Blumen. Er beachtete kaum den Eintretenden, er schien überhaupt
-niemanden beachten zu wollen; nicht einmal sein „Mamachen“, seine
-schwachsinnige weinende Frau, die immer wieder versuchte, sich auf ihren
-kranken Füßen aufzurichten, um ihren toten Knaben besser sehen zu
-können. Ninotschka wurde von den Knaben mit ihrem Stuhl aufgehoben und
-näher an den Sarg gerückt. Dort saß sie dann, preßte ihren Kopf an den
-Sarg und weinte still. Das Gesicht Ssnegireffs war sehr belebt, zu
-gleicher Zeit aber wie zerstreut und wie verbittert. In seinen Gesten
-und Worten war etwas geradezu Halbverrücktes. „Väterchen, liebes
-Väterchen!“ murmelte er immer wieder, auf Iljuscha starrend. Als
-Iljuscha noch lebte, hatte er die Gewohnheit gehabt, wenn er zu ihm
-liebkosend sprach, „Väterchen, liebes Väterchen!“ zu sagen.
-
-„Papachen, gib auch mir Blumen, nimm aus seinen Händchen dort diese
-weiße und gib sie mir!“ bat schluchzend das schwachsinnige „Mamachen“.
-Gefiel ihr nun die kleine weiße Rose so sehr, die in Iljuschas Händen
-lag, oder wollte sie die Rose aus seinem Sarge zum Andenken aufbewahren,
-jedenfalls fuhr sie mit den Händen hin und her und streckte sie immer
-wieder wie suchend nach der Blume aus.
-
-„Niemandem gebe ich etwas, nichts gebe ich!“ rief hartherzig Ssnegireff.
-„Das sind seine Blumen, aber nicht deine. Alles gehört ihm, du bekommst
-nichts.“
-
-„Papa, geben Sie Mama die Blume!“ bat Ninotschka, indem sie plötzlich
-ihr tränenüberströmtes Gesicht erhob.
-
-„Nichts gebe ich ihr, nichts! Sie hat ihn gar nicht geliebt. Sie hat ihm
-damals die kleine Kanone fortgenommen, und er hat sie ihr geschenkt,“
-sagte mit schluchzender Stimme der Hauptmann, den die Erinnerung, wie
-Iljuschetschka seiner Mama die Kanone abgetreten hatte, überwältigte.
-Die arme Irrsinnige weinte leise und bedeckte mit beiden Händen ihr
-Gesicht. Als die Knaben schließlich einsahen, daß der Vater den Sarg
-nicht forttragen lassen werde, während es doch schon die höchste Zeit
-war, aufzubrechen, drängten sie sich in dichtem Haufen an den Sarg heran
-und schickten sich an, ihn aufzuheben.
-
-„Ich will ihn nicht auf dem Friedhof beerdigt haben!“ fuhr Ssnegireff
-sofort heftig auf, „beim Stein will ich ihn beerdigen, bei unserem
-großen Stein! So hat es Iljuscha gewollt! Ich lasse ihn nicht
-forttragen!“
-
-Er hatte auch schon früher, die ganzen drei Tage, davon gesprochen, daß
-er ihn beim „großen Stein“ beerdigen wolle: doch Aljoscha, Krassotkin,
-die Hauswirtin, deren Schwester und alle Knaben waren dagegen gewesen.
-
-„Sieh einer, was er sich ausgedacht hat, ihn beim Stein wie einen Heiden
-zu beerdigen, ganz als wäre er ein Selbstmörder!“ sagte streng die alte
-Wirtin. „Die Friedhoferde ist geweiht. Dort wird man für ihn beten. Aus
-der Kirche hört man den Gesang, und der Diakon liest so laut und
-verständlich, daß jedes Wort bis zu seinem Grabe zu hören sein wird,
-ganz als ob er es an seinem Grabe lesen würde.“
-
-Der Hauptmann winkte schließlich mit der Hand ab. Das hieß soviel wie:
-„Bringt ihn wohin ihr wollt!“ Die Kinder hoben den Sarg auf. Als sie an
-der Mutter vorüberkamen, senkten sie ihn ein wenig, damit sie von
-Iljuscha Abschied nehmen könne. Als sie aber das liebe Gesichtchen, auf
-das sie in diesen drei Tagen immer nur von weitem hinübergeblickt hatte,
-jetzt so nah vor sich erblickte, erzitterte sie am ganzen Körper und
-begann über dem Sarge hysterisch mit ihrem grauen Kopfe hin und her zu
-zucken.
-
-„Mama, bekreuze ihn, segne ihn, küsse ihn!“ rief ihr Ninotschka weinend
-zu. Die Mama aber zuckte nur immer mit ihrem Kopf, sprachlos wie ein
-Automat, während ihr Gesicht von heißem Kummer verzerrt wurde, und
-plötzlich fing sie an, sich mit der Faust vor die Brust zu schlagen. Man
-trug den Sarg weiter. Ninotschka drückte zum letztenmal ihre Lippen auf
-die Lippen ihres verstorbenen Bruders, als man ihn an ihr vorübertrug.
-Aljoscha wandte sich, als er aus dem Hause trat, an die Hauswirtin mit
-der Bitte, nach den Zurückgebliebenen zu sehen – die aber ließ ihn kaum
-aussprechen: „Wir wissen schon, werden bei ihnen bleiben, sind doch auch
-Christen!“ sagte die Alte und weinte dazu.
-
-Bis zur Kirche war es nicht weit, im ganzen vielleicht dreihundert
-Schritt, nicht mehr. Der Tag war klar und still, es fror nur wenig. Die
-Meßglocke wurde noch geläutet. Zerstreut und geschäftig lief Ssnegireff
-in seinem alten, kurzen Sommermäntelchen hinter dem Sarge her, mit
-entblößtem Kopf, den alten Schlapphut in der Hand. Er war von einer
-gedankenlosen Geschäftigkeit: Plötzlich streckte er die Hand aus, um den
-Sarg am Kopfende zu stützen, und störte dadurch nur die Tragenden, dann
-lief er wieder an die Seite und versuchte dort behilflich zu sein; fiel
-eine Blume auf den Schnee, so stürzte er sich auf sie, um sie
-aufzuheben, ganz als ob von dem Verlust dieser Blume weiß Gott was
-abhing.
-
-„Aber die Brotrinde, die Brotrinde haben wir vergessen!“ rief er
-plötzlich außer sich vor Schreck. Die Knaben erinnerten ihn daran, daß
-er die Brotrinde in seine Tasche gesteckt hatte. Er riß sie sofort aus
-der Tasche hervor, und nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß sie da
-war, beruhigte er sich.
-
-„Iljuschetschka hat befohlen, Iljuschetschka,“ erklärte er sofort
-Aljoscha, „er lag wach in der Nacht, ich saß bei ihm, und plötzlich
-sagte er zu mir: ‚Papachen, wenn man mein Grab zugeschüttet hat, so wirf
-Brotkrümchen darauf, damit die kleinen Sperlinge herbeifliegen, ich
-werde dann hören, wie sie herbeigeflogen kommen, und werde froh sein,
-daß ich nicht ganz allein liege.‘“
-
-„Das ist gut,“ sagte Aljoscha, „man muß des öfteren Brotkrümel
-hinstreuen.“
-
-„Jeden Tag, jeden Tag!“ stotterte der Hauptmann wie neu belebt.
-
-Endlich kam man in der Kirche an, und der Sarg wurde inmitten der
-Vierung hingestellt. Die Knaben blieben um ihn herum stehen, und so
-standen sie, tief ernst, während des ganzen Gottesdienstes. Es war eine
-alte ärmliche Kirche. Die Heiligenbilder waren ohne Silberschmuck. Aber
-ich glaube, in solchen Kirchen kann man besser beten. Nach der Messe
-schien Ssnegireff sich etwas zu beruhigen, obgleich ihn auch jetzt noch
-von Zeit zu Zeit wieder eine unbewußte, gedankenlose Geschäftigkeit
-erfaßte: Bald trat er an den Sarg, um das Leichentuch oder das Stirnband
-in Ordnung zu bringen, bald wieder, wenn ein Licht herunterfiel, lief er
-hin, um es aufzustellen, und machte sich schrecklich lange damit zu
-schaffen. Plötzlich beruhigte er sich wieder und stand unbeweglich mit
-stumpfsinnig-besorgtem und verständnislosem Gesichtsausdruck da. Als die
-Apostelgeschichte verlesen wurde, flüsterte er plötzlich Aljoscha ins
-Ohr, daß sie „nicht so“ verlesen werden müßte, sprach indessen seine
-Gedanken darüber nicht aus. Nach dem Cherubliede schickte er sich an,
-mitzusingen, brach aber sogleich wieder ab und warf sich auf die Knie,
-beugte seine Stirn auf den steinernen Fußboden der Kirche und verharrte
-eine geraume Zeit in dieser Stellung. Endlich schritt man zum Totenamt,
-und die Lichter wurden verteilt. Wieder schien der unsinnige Alte
-geschäftig werden zu wollen, doch der erschütternde Grabgesang machte
-einen unheimlichen Eindruck auf seine Seele. Er schien plötzlich in sich
-zusammenzusinken: Er schluchzte auf, zuerst nur stoßweise mit
-unterdrückter Stimme, schließlich aber weinte er laut. Als man sich von
-dem Toten zu verabschieden begann und sich anschickte, den Sarg zu
-schließen, umfing er ihn mit beiden Armen, als wolle er Iljuschetschka
-vor etwas beschützen, und immer wieder küßte er seinen toten Knaben auf
-den Mund. Man beredete ihn, und es gelang ihnen fast schon, den Vater
-vom Sarge loszureißen, als er plötzlich seinen Arm ausstreckte und von
-dem Sarge noch einige Blumen raffte. Darauf stierte er sie an, und eine
-neue Idee schien ihn zu ergreifen, so daß er auf einen Augenblick alles
-andere vergaß. Er verfiel immer mehr in Nachdenken und hatte dann auch
-nichts weiter dagegen einzuwenden, als der Sarg aufgehoben wurde, um zum
-Grabe getragen zu werden. Es war ein teures Grab, ganz nahe bei der
-Kirche gelegen: Katerina Iwanowna hatte es bezahlt. Nach der üblichen
-Zeremonie senkten die Totengräber den Sarg in die Gruft hinab.
-Ssnegireff beugte sich mit seinen Blumen in den Händen über dem offenen
-Grabe so weit vor, daß sich die Knaben erschrocken an seinen Mantel
-hängten und ihn zurückzogen. Er aber schien nicht mehr zu verstehen, was
-vor sich ging. Als man das Grab zuschüttete, wies er geschäftig auf die
-hinabstürzende Erde, und begann sogar zu reden, doch war unmöglich zu
-verstehen, was er sagte, und er verstummte dann auch bald von selbst.
-Man erinnerte ihn daran, nunmehr die Brotkrumen auszustreuen, und er
-begann denn auch sofort und in großer Aufregung ganze Stücke auf das
-Grab zu werfen. „Vögelchen, fliegt herbei, hier, Sperlinge fliegt
-herbei!“ murmelte er geschäftig. Einer der Knaben machte die Bemerkung,
-daß die Blumen, die er in den Händen hielt, ihm nur hinderlich seien,
-und daß er sie ihm zu halten geben solle. Er aber gab sie nicht,
-erschrak nur heftig, denn er glaubte und fürchtete, jemand wolle sie ihm
-fortnehmen. Nachdem er sich das Grab angesehen und man ihm noch gesagt
-hatte, daß er jetzt alles getan, kehrte er sich ganz unerwartet und
-beruhigt um und beeilte sich, nach Haus zu kommen. Seine Schritte wurden
-bald so eilig, daß er fast schon lief. Die Knaben und Aljoscha folgten
-ihm. „Für Mamachen die Blumen, für Mamachen die Blumen! Man hat Mamachen
-gekränkt,“ murmelte er vor sich hin. Einer der Knaben rief ihm zu, er
-möge doch seinen Hut aufsetzen, es sei doch kalt. Sowie er das aber
-hörte, warf er den Hut zornig auf den Schnee und sagte immer wieder vor
-sich hin: „Ich will keinen Hut, ich will keinen Hut!“ Der kleine
-Ssmuroff hob ihn auf und trug ihn hinter ihm her. Alle Knaben weinten,
-am heftigsten von allen Koljä und der Knabe, der Troja entdeckt hatte,
-und wenn auch Ssmuroff mit dem Hut des Hauptmanns in der Hand
-herzbrechend schluchzte, so fand er doch Zeit, ein Ziegelstückchen, das
-sich rot vom Schnee abhob, aufzuheben und nach einem schnell
-vorüberziehenden Flug Spatzen zu werfen ... Natürlich traf er nicht, und
-so lief er weinend weiter. Ssnegireff jedoch blieb plötzlich mitten auf
-dem Wege stehen, stand einen Augenblick, als wäre er über etwas sehr
-betroffen, kehrte dann um und lief zur Kirche zurück, zum Grabe. Die
-Knaben holten ihn aber bald ein und klammerten sich von allen Seiten an
-ihn. Kraftlos und wie verwundet fiel er in den Schnee, schlug um sich,
-schluchzte und schrie: „Väterchen, Iljuschetschka, liebes Väterchen!“
-Aljoscha und Koljä hoben ihn auf und sprachen auf ihn ein, indem sie ihn
-zu beruhigen suchten.
-
-„Herr Hauptmann, genug der Verzweiflung, ein tapferer Mensch ist
-verpflichtet, alles männlich zu ertragen,“ meinte Koljä etwas unwirsch.
-
-„Sie werden die Blumen zerdrücken,“ sagte Aljoscha, „und Mamachen wartet
-auf sie, sie sitzt dort und weint, weil Sie ihr Iljuschetschkas Blumen
-nicht gegeben haben. Dort steht auch noch sein Bett ...“
-
-„Ja, ja, zu Mamachen!“ Ssnegireff besann sich sofort, „man wird das
-Bettchen fortbringen, fortbringen!“ fügte er ganz erschrocken hinzu, als
-ob man wirklich schon das Bettchen fortgebracht haben könnte. Und er
-sprang auf und lief wieder weiter, nach Hause.
-
-Es war nicht mehr weit bis dahin, und so liefen sie alle mit. Ssnegireff
-riß eilig die Tür auf und stürzte zu seiner Frau, zu der er kurz vorher
-noch so hartherzig gewesen war:
-
-„Liebes Mamachen, Iljuschetschka schickt dir die Blumen, kranke Füße
-hast du doch!“ rief er ihr schon von der Tür aus zu und schenkte ihr die
-vom Frost zerstörten und verwelkten Blumen.
-
-In demselben Augenblick erblickte er aber in der Ecke vor
-Iljuschetschkas Bettchen dessen Stiefel, beide nebeneinander, wie sie
-soeben von der Hauswirtin beim Aufräumen aufgestellt worden waren; es
-waren alte, rötlich gewordene, ganz abgetragene und geflickte
-Stiefelchen. Als er sie bemerkte, erhob er die Hände, stürzte auf sie
-zu, fiel vor ihnen auf die Knie nieder, ergriff einen Stiefel und preßte
-ihn an seine Lippen und küßte, küßte ihn gierig:
-
-„Väterchen Iljuschetschka, liebes Väterchen, wo sind deine Füßchen, wo?“
-
-„Wohin hast du ihn gebracht? Wohin hast du ihn gebracht?“ heulte nun
-auch die Irrsinnige mit herzzerreißender Stimme.
-
-Da brach auch Ninotschka in Tränen aus. Koljä lief aus dem Zimmer, ihm
-folgten die anderen Knaben. Auch Aljoscha ging hinaus und folgte ihnen.
-
-„Mögen sie sich ausweinen,“ sagte er zu Koljä, „da kann man nicht mehr
-trösten. Warten wir ein wenig und gehen wir dann wieder hinein.“
-
-„Ja, man kann nicht mehr ... es ist schrecklich!“ bestätigte Koljä.
-„Wissen Sie, Karamasoff,“ er senkte ein wenig seine Stimme, damit ihn
-niemand höre, „mir ist sehr traurig zumute, wenn ich wüßte, daß man ihn
-auferwecken könnte, dann würde ich alles auf der Welt hingeben!“
-
-„Ach, auch ich würde es!“ sagte Aljoscha.
-
-„Was meinen Sie, Karamasoff, sollen wir nicht heute abend wieder
-herkommen? Sonst wird er sich ja betrinken.“
-
-„Sehr möglich, daß er sich betrinken wird. Aber wir wollen beide allein
-kommen, um mit ihnen, mit der Mutter und Ninotschka, zusammen ein
-Stündchen zu sitzen, denn wenn wir wieder alle auf einmal kämen, so
-würden sie nur an die Beerdigung erinnert werden,“ sagte Aljoscha.
-
-„Bei ihnen deckt jetzt die Wirtin den Tisch, wahrscheinlich zum
-Totenmahl, der Pope wird wohl bald kommen ... Sollen wir gleich wieder
-zurückgehen, Karamasoff, oder nicht?“
-
-„Durchaus,“ antwortete Aljoscha.
-
-„Wie das sonderbar ist, Karamasoff, ein solcher Kummer und dann
-plötzlich Pfannkuchen, wie unnatürlich und wie sonderbar das in unserer
-Religion ist.“
-
-„Sie werden auch Lachs essen,“ bemerkte plötzlich der Knabe, der Troja
-entdeckt hatte.
-
-„Ich bitte Sie im Ernst, Kartascheff, sich nicht immer mit Ihren dummen
-Reden einzumischen, besonders wenn man gar nicht mit Ihnen spricht und
-überhaupt nicht wissen will, ob Sie auf der Welt sind oder nicht,“ fiel
-ihm Koljä gereizt ins Wort.
-
-Der Knabe errötete wieder bis über die Ohren, doch zu antworten wagte er
-nicht. Inzwischen hatten sie alle still den Fußweg eingeschlagen, und
-plötzlich rief Ssmuroff aus:
-
-„Das ist der große Stein, unter dem Iljuscha beerdigt sein wollte!“
-
-Alle blieben sie schweigend am großen Steine stehen. In Aljoscha tauchte
-die Erinnerung daran auf, wie Ssnegireff ihm von Iljuschetschka erzählt
-hatte: Wie dieser den Vater weinend umarmt und dabei ausgerufen:
-„Papachen, Papachen, wie hat er dich erniedrigt!“ Es war ihm, als wenn
-in seiner Seele etwas erzitterte. Mit ernster und würdiger Miene ließ er
-seinen Blick über alle diese lieben, hellen Gesichter der Schuljungen
-und Kameraden Iljuschetschkas gleiten, und plötzlich wandte er sich an
-sie:
-
-„Meine Freunde, ich wollte euch hier, gerade an diesem Steine, ein Wort
-sagen.“
-
-Die Knaben umringten ihn und sahen ihn mit erwartenden Blicken groß an.
-
-„Meine Freunde, wir werden uns bald trennen. Ich werde nur noch eine
-kurze Zeit bei meinen beiden Brüdern bleiben, von denen der eine
-verschickt wird und der andere todkrank ist. Ich werde bald diese Stadt
-verlassen, und vielleicht auf sehr lange. So werden wir denn
-auseinandergehen, meine Freunde. Darum laßt uns hier am Steine, den
-Iljuscha so lieb hatte, das Versprechen ablegen – erstens Iljuscha, und
-zweitens uns gegenseitig nie zu vergessen. Was auch mit uns im Leben
-geschehen möge, und wenn wir uns auch zwanzig Jahre lang nicht sehen
-sollten, so wollen wir doch nicht vergessen, wie wir den armen Knaben
-beerdigt haben, auf den wir früher mit Steinen warfen, – erinnert ihr
-euch noch, bei der Brücke damals? – und wie wir ihn darauf alle so lieb
-gewannen. Er war ein lieber, guter und tapferer Junge. Er hielt die Ehre
-des Vaters hoch und litt unter der Kränkung, die dem Vater zugefügt
-worden war, und lehnte sich gegen sie auf. Und so wollen wir ihn, meine
-Freunde, unser ganzes Leben lang nicht vergessen. Und sollten wir uns
-auch mit den wichtigsten Dingen beschäftigen, sollten wir auch zu den
-höchsten Ehren gelangen oder in das größte Unglück geraten, –
-gleichviel, wir wollen nie vergessen, wie uns hier alle das eine Gefühl
-verband, das uns in der Liebe zu diesem armen Jungen besser gemacht hat,
-als wir es vielleicht von Natur sind. Meine Lieblinge ihr, meine
-Täubchen – erlaubt mir, daß ich euch so nenne, denn ihr alle scheint mir
-diesen hübschen schillernden Tierchen mit den munteren Äuglein so
-ähnlich zu sein, wenn ich eure guten, lieben Gesichtchen sehe – meine
-lieben Kinder, vielleicht werdet ihr nicht begreifen, was ich euch sage,
-denn ich rede oft sehr unverständlich, ihr werdet euch aber des Gesagten
-vielleicht doch einmal erinnern und meinen Worten dann beistimmen. Denn
-wißt, es gibt nichts, das höher, stärker, gesünder und nützlicher für
-das Leben wäre als eine gute Erinnerung aus der Kindheit, aus dem
-Elternhause. Man wird euch vieles über eure Erziehung sagen, aber eine
-schöne und heilige Erinnerung, die man noch aus der Kindheit sich
-aufbewahrt, kann oft die allerbeste Erziehung sein. Wenn der Mensch
-viele solcher Erinnerungen aus seiner Jugend hat, so ist er fürs ganze
-Leben gerettet. Und wenn auch nur eine einzige gute Erinnerung in seinem
-Herzen verbleibt, so kann auch diese einmal zu seiner Rettung dienen.
-Vielleicht werden wir später im Leben schlecht, vielleicht werden wir
-nicht die Kraft haben, eine schlechte Handlung zu vermeiden, wir werden
-vielleicht sogar über die Tränen der Menschen lachen, über Menschen, die
-dasselbe sagen, was Koljä vorhin ausrief: ‚Ich möchte für alle Menschen
-leiden‘, – ja, auch über solche Menschen werden wir vielleicht in
-unserer Bosheit lachen. Aber wenn wir auch noch so schlecht werden
-sollten, wovor Gott uns bewahren möge, so werden wir, wenn wir uns
-dessen erinnern, wie wir Iljuscha beerdigt, wie wir ihn in den letzten
-Tagen geliebt und wie wir soeben freundschaftlich an diesem Steine
-gesprochen haben – so wird doch selbst der Schlechteste und
-Spottlustigste von uns, wenn er zu einem solchen werden sollte, immerhin
-nicht innerlich darüber zu lachen wagen, daß er in diesem Augenblick gut
-und brav gewesen ist. Und nicht nur das: vielleicht wird diese
-Erinnerung allein ihn zurückhalten, Böses zu tun, und er wird sich
-besinnen und sagen: ‚Ja, ich war damals gut, tapfer und ehrlich.‘ Möge
-er bei sich lächeln, das tut nichts, der Mensch lacht oft über Gutes und
-Edles, aber er tut es ja nur aus Leichtsinn. Und ich versichere euch,
-meine Freunde, in dem Augenblick, in dem er lacht, wird er sich doch
-innerlich sagen: ‚Nein, es ist schlecht, daß ich gelacht habe, denn
-darüber darf man nicht lachen!‘“
-
-„Genau so wird es sein Karamasoff, ich verstehe Sie, Karamasoff!“ rief
-ihm Koljä mit blitzenden Augen zu.
-
-Die Knaben waren furchtbar aufgeregt und wollten alle etwas sagen, doch
-hielten sie sich noch zurück und starrten nur mit aufmerksamen
-Gesichtern zu dem Redner empor.
-
-„Das sage ich nur in der Furcht, daß wir schlecht werden könnten,“ fuhr
-Aljoscha fort, „aber warum sollten wir denn schlecht werden, meine
-Freunde? Vor allem wollen wir doch gut sein, alsdann ehrlich und dann –
-niemals einander vergessen. Das wiederhole ich immer wieder. Ich gebe
-euch mein Wort, meine Freunde, daß ich niemals auch nur einen von euch
-vergessen werde: Kein einziges Gesicht, das ich jetzt vor mir sehe,
-werde ich je vergessen, und wenn auch Jahre und Jahre darüber vergehen.
-Soeben sagte Koljä zu Kartascheff, er wolle nichts davon wissen, ob er
-auf der Welt ist oder nicht. Ja, kann ich denn vergessen, daß
-Kartascheff auf der Welt ist, und daß er jetzt errötet, wie damals, als
-er Troja entdeckte und mich mit seinen lieben, guten, fröhlichen Augen
-ansieht? Meine Freunde, meine lieben Freunde, seien wir alle großmütig
-und tapfer wie Iljuschetschka, klug, tapfer und großmütig wie Koljä, und
-bescheiden, klug und lieb wie Kartascheff! Doch – warum rede ich nur von
-diesen beiden? Alle, meine Freunde, alle seid ihr mir lieb, alle
-schließe ich in mein Herz ein, und ich bitte auch euch, mich in euer
-Herz einzuschließen! Wer aber verbindet uns alle in diesem Gefühl, an
-das wir von jetzt ab unser ganzes Leben lang denken werden, wer, wenn
-nicht Iljuschetschka, der gute, der liebe Junge! Niemals werden wir ihn
-vergessen, eine gute Erinnerung werden wir an ihn in unseren Herzen
-bewahren, von jetzt an bis in alle Ewigkeit.“
-
-„Ja, ja, bis in alle Ewigkeit,“ riefen die Knaben mit hellen Stimmen und
-begeisterten Gesichtern ihm zu.
-
-„Wir wollen sein Gesicht nicht vergessen, seine Kleider, seine alten
-zerrissenen Stiefelchen, sein Grab und seinen unglücklichen Vater, und
-daß er allein gegen die ganze Klasse für diesen Vater eingetreten ist!“
-
-„Wir werden ihn nicht vergessen!“ riefen wieder die Knaben, „er war
-tapfer, und er war so gut!“
-
-„Ach, wie habe ich ihn geliebt!“ rief Koljä aus.
-
-„Ach, Kinder, meine lieben Freunde, fürchtet das Leben nicht! Wie schön
-ist das Leben, wenn man etwas Gutes und Gerechtes tut!“
-
-„Ja, ja!“ riefen die Knaben, ganz Feuer und Flamme.
-
-„Karamasoff, wir lieben Sie!“ sagte eine Stimme, die, wie es schien,
-nicht mehr an sich halten konnte; wahrscheinlich war es der kleine
-Kartascheff.
-
-„Wir lieben Sie, alle lieben wir Sie!“ riefen nun auch die anderen aus.
-Bei vielen blitzten Tränlein in den Augen.
-
-„Hurra Karamasoff!“ schrie plötzlich Koljä. „Ist es wirklich wahr, was
-die Religion sagt, daß wir von den Toten auferstehen und uns alle
-wiedersehen werden, alle, auch Iljuschetschka?“
-
-„Wir werden auferstehen, wir werden uns wiedersehen, und freudig werden
-wir uns gegenseitig alles erzählen, was wir erlebt haben,“ antwortete
-halb lächelnd, halb begeistert Aljoscha.
-
-„Ach, wie wird das schön sein!“ entfuhr es Koljä ganz unwillkürlich.
-
-„Jetzt aber machen wir Schluß mit dem Reden und gehen wir zu seinem
-Totenmahl. Laßt euch nicht dadurch verwirren, daß wir Pfannkuchen essen
-werden. Das ist ein uralter und geheiligter Brauch unserer Väter, und
-auch er hat sein Gutes,“ sagte Aljoscha lächelnd. „Und nun kommt! Seht,
-jetzt gehen wir alle Hand in Hand!“
-
-„Und so laßt uns ewig gehen, das ganze Leben bis zum Grabe Hand in Hand!
-Hurra Karamasoff!“ rief noch einmal begeistert Koljä aus, und noch
-einmal stimmten alle Knaben in seinen Ruf ein.
-
-
-
-
- Fußnoten
-
-
-[1] Abkürzung von Dmitrij. E. K. R.
-
-[2] „Klikúscha“, eigentlich die Ruferin, dem Volksglauben nach eine von
-unreinen Geistern Besessene – in Wirklichkeit ist diese Krankheit nur
-ein nervöses Frauenleiden. E. K. R.
-
-[3] Abkürzung von Alexei. E. K. R.
-
-[4] Etwa „Ältester“, siehe Kap. V. E. K. R.
-
-[5] Dem Volksglauben nach nicht von Menschen gemalte Heiligenbilder. E.
-K. R.
-
-[6] 1666, hervorgerufen durch die vom Patriarchen Nikon durchgesetzte
-Verbesserung der heiligen Bücher, deren Überlieferung fehlerhaft war. E.
-K. R.
-
-[7] Kreispolizeichef. E. K. R.
-
-[8] Säuerliches Getränk aus Schwarzbrot (oder aus gesäuertem
-Schwarzbrotteig) mit Malz. E. K. R.
-
-[9] Teure Kolonialwarenhandlung in Petersburg. E. K. R.
-
-[10] Liqueur aus nordischen kleinen Ackerbeeren. E. K. R.
-
-[11] Abkürzung von Iwan. E. K. R.
-
-[12] Eine uralte, weitverbreitete Sekte, deren Anhänger äußerlich den
-Ritus der griechischen Kirche streng beobachten, in ihren Versammlungen
-aber Kirche, Sakramente und Geistlichkeit verwerfen, und lehren, daß
-jeder durch gottgefällige Werke selbst Christus werden könne. E. K. R.
-
-[13] „Die Stinkende“. E. K. R.
-
-[14] Das zeigt an, daß P. Ferapont von niederem Stande war, denn gegen
-Norden und Osten von Moskau klingt das O im Volksmunde wie das O im
-Deutschen, in der maßgebenden Aussprache von Moskau jedoch ist es, wenn
-unbetont, sehr kurz und geht in den A-Laut über. E. K. R.
-
-[15] Ungefähr: „Herr S-anhänger“. E. K. R.
-
-[16] Abkürzung vom Wort ssudarj (Herr), dient als Anhängsel zum Ausdruck
-von Untergebenheit, meistens nur von Männern niedrigeren Standes
-gebraucht oder hin und wieder, wenn man sich „volklich“ ausdrücken will,
-auch von gebildeten. E. K. R.
-
-[17] 1224–1480. E. K. R.
-
-[18] Gruschenka. E. K. R.
-
-[19] Spürhund. E. K. R.
-
-[20] Es war verboten, Leibeigene ohne Land zu kaufen. E. K. R.
-
-[21] Polnisch: „mein Herr“. E. K. R.
-
-[22] Herrin, Frau der besseren Stände. E. K. R.
-
-[23] Der Held in Gogols „Toten Seelen“, fährt umher und kauft von
-Gutsbesitzern „verstorbene Leibeigene“, deren Papiere noch nicht
-eingezogen sind – da das nur einmal alle fünf Jahre geschah –, um die
-für geringes Geld erstandenen toten Seelen in Petersburg für teures Geld
-als lebende Seelen zu verkaufen. E. K. R.
-
-[24] Das Polizeibüro am Moika-Kanal in St. Petersburg. E. K. R.
-
-[25] Verächtliche Benennung der Finnen und der Bevölkerung der
-Ostseeprovinzen, mit denen Koljä in diesem Fall die Deutschen zu
-identifizieren scheint. E. K. R.
-
-[26] Ungefähr: Viehhofstadt. E. K. R.
-
-[27] St. Petersburg (im Volksmunde). E. K. R.
-
-[28] Mit diesen Worten gibt Chlestakoff der Frau und Tochter des
-Bürgermeisters zu verstehen, daß er ein Dichter sei, spricht aber den
-Satz nicht zu Ende, als wolle er mit seinem Können nicht großtun. E. K.
-R.
-
-[29] Figur aus Gogols Lustspiel „Der Revisor“: ein junger Petersburger
-Geck, der auf der Durchreise in einer kleinen Stadt für den erwarteten
-Revisor gehalten wird, und diese Rolle zuerst halb wider Willen, später
-ganz auf der Höhe mit gutem Erfolg (er borgt von allen größere Summen)
-spielt, bis er sich dann aus dem Staube macht und – der richtige Revisor
-eintrifft. E. K. R.
-
-[30] Gogol, 1809–1852. Sein letztes und größtes Werk „Die toten Seelen“.
-E. K. R.
-
-[31] In einem Drama A. N. Ostrowskijs flößen diese Worte einer
-ungebildeten, bigotten Kaufmannsfrau, da sie nicht weiß, was sie
-bedeuten und sie sich das Unheimlichste unter ihnen denkt, heillosen
-Schrecken ein, was natürlich Anlaß zu weiteren Konflikten gibt. E. K. R.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Die „Sämtlichen Werke“ erschienen in der hier verwendeten ursprünglichen
-Fassung der Übersetzung von E. K. Rahsin in mehreren Auflagen und
-Ausgaben 1906–1922 im Piper-Verlag. Dieses Buch wurde transkribiert
-nach:
-
- F. M. Dostojewski: Sämtliche Werke.
- Erste Abteilung: Neunter Band
- Erste Abteilung: Zehnter Band
- Die Brüder Karamasoff
- R. Piper & Co. Verlag, München, 1914.
- Vierte Auflage
-
-Für diese ebook-Ausgabe wurden der neunte und der zehnte Band vereinigt.
-Band 10 beginnt mit „Achtes Buch: Mitjä“.
-
-Die Anordnung der Titelinformationen wurde innerhalb der „Sämtlichen
-Werke“ vereinheitlicht und entspricht nicht der Anordnung in den
-ursprünglichen Ausgaben. Alle editionsspezifischen Angaben wie Jahr,
-Copyright, Auflage usw. sind aber erhalten und wurden gesammelt direkt
-nach der Titelseite eingefügt.
-
-Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.
-
-Zu den Anführungszeichen: Gespräche wurden in doppelte Anführungszeichen
-(„“) eingeschlossen. Die Wiedergabe von Äußerungen anderer innerhalb von
-Gesprächen wurde in einfache Anführungszeichen (‚‘) eingeschlossen.
-
-Besonderheiten der Transliteration russischer Begriffe und Namen: Der
-Buchstabe „ä“ (oder auch „jä“) steht für den kyrillischen Buchstaben
-„ja“. Die Schreibweise häufig vorkommender russischer Namen wurde
-vereinheitlicht (nicht verwendete Varianten in Klammern):
-
- Alexei (Alexis)
- Aljoscha (Aljoschi)
- Dmitri (Dimitrij)
- Fedorowitsch (Fjodorowitsch)
- Katjka (Katka)
- Klikuscha (Klikúscha)
- Marja Kondratjewna (Maria Kondratjewna)
- Porfirij (Porphirij)
- Ssmerdjäschtschaja (Ssmerdjätschaja)
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme anderer Auflagen oder des
-russischen Originaltextes, sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 67]:
- ... Heiligen, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz, ...
- ... Heiliger, Märtyrer, Erzbischöfe usw., kurz, ...
-
- [S. 147]:
- ... „Ich weiß es nicht, Mischa, was er zu bedeuten hat.“ ...
- ... „Ich weiß es nicht, Mischa, was sie zu bedeuten hat.“ ...
-
- [S. 289]:
- ... hat er sich doch nicht gefürchtet; warum habe Ich denn ...
- ... hat er sich doch nicht gefürchtet; warum habe ich denn ...
-
- [S. 298]:
- ... hatte; sie wurde feuerrot und sprang auf. Ohne sich ...
- ... hätte; sie wurde feuerrot und sprang auf. Ohne sich ...
-
- [S. 323]:
- ... das für eine schädliche und leichtsinnige Neuerung ...
- ... das er für eine schädliche und leichtsinnige Neuerung ...
-
- [S. 342]:
- ... „Du lügst! Und jetzt ist überhaupt nicht nötig ...
- ... „Du lügst! Und jetzt ist es überhaupt nicht nötig ...
-
- [S. 360]:
- ... „Ich selbst werde sie im Rollstuhl schieben; übrigens ...
- ... „Ich selbst werde Sie im Rollstuhl schieben; übrigens ...
-
- [S. 543]:
- ... man nicht dann sozusagen für ihren Helfershelfer ...
- ... man mich dann sozusagen für ihren Helfershelfer ...
-
- [S. 567]:
- ... er der Kranken sorgfältig untersucht hatte (er ...
- ... er den Kranken sorgfältig untersucht hatte (er ...
-
- [S. 609]:
- ... an: „Das alles,“ sagt er, „interessiert mich
- außerordentlich, ...
- ... an: „Das alles,“ sagte er, „interessiert mich
- außerordentlich, ...
-
- [S. 609]:
- ... einem Jüngling, ohne sich an mein Alter zu stoßen. ...
- ... einem Jüngling, ohne sich an meinem Alter zu stoßen. ...
-
- [S. 640]:
- ... frage ich mich: Ist es denn wirklich so undankbar, ...
- ... frage ich mich: Ist es denn wirklich so undenkbar, ...
-
- [S. 700]:
- ... werde abspringen,“ aber er antwortet ihr nicht, er ...
- ... werde abspringen,“ aber er antwortete ihr nicht, er ...
-
- [S. 833]:
- ... „Jage, jage, Andrei, Ich komme angefahren!“ rief ...
- ... „Jage, jage, Andrei, ich komme angefahren!“ rief ...
-
- [S. 849]:
- ... das andere lag. Mitjä fiel der riesige Schmierstiefel ...
- ... das andere lange. Mitjä fiel der riesige Schmierstiefel ...
-
- [S. 1084]:
- ... Und so hatte sie denn beide so eine Kugel fabriziert und ...
- ... Und so hatten sie denn beide so eine Kugel fabriziert und ...
-
- [S. 1431]:
- ... dies zusammen noch das übrige bißchen Geld des kleinen ...
- ... diesem zusammen noch das übrige bißchen Geld des kleinen ...
-
- [S. 1438]:
- ... Charakter nach gleicht, so sind gerade sie es, Iwan ...
- ... Charakter nach gleicht, so sind gerade Sie es, Iwan ...
-
- [S. 1502]:
- ... wollen Sie es dann hernehmen?“ ...
- ... wollen sie es dann hernehmen?“ ...
-
- [S. 1549]:
- ... Vater hinfort für einen sich Fremden und sogar für ...
- ... Vater hinfort für einen ihm Fremden und sogar für ...
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SÄMTLICHE WERKE 9-10: DIE
-BRÜDER KARAMASOFF ***
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the
-United States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for an eBook, except by following
-the terms of the trademark license, including paying royalties for use
-of the Project Gutenberg trademark. If you do not charge anything for
-copies of this eBook, complying with the trademark license is very
-easy. You may use this eBook for nearly any purpose such as creation
-of derivative works, reports, performances and research. Project
-Gutenberg eBooks may be modified and printed and given away--you may
-do practically ANYTHING in the United States with eBooks not protected
-by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the trademark
-license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country other than the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you will have to check the laws of the country where
- you are located before using this eBook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm website
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that:
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, the manager of
-the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the Foundation as set
-forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's business office is located at 809 North 1500 West,
-Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up
-to date contact information can be found at the Foundation's website
-and official page at www.gutenberg.org/contact
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without
-widespread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our website which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This website includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.